
        
                              Deutscher Idealismus
                      Briefe zur Beförderung der Humanität
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                            Johann Gottfried Herder
                      Briefe zur Beförderung der Humanität
                                  Erste Sammlung
                                        
                                     (1793)
                                       1.
    Mit Freude und Zustimmung, m. Fr., ist Ihr Vorschlag zu einem Briefwechsel
über die Fort- oder Rückschritte der Humanität in älteren und neueren, am
meisten aber in denen uns nächsten Zeiten von unsern sämtlichen Freunden
aufgenommen und bewillkommet worden. »Ich bin ein Mensch,« sagte D., »und
nichts, was die Menschheit betrifft, ist mir fremde. Mit jedem Jahr des Lebens
fällt uns ein beträchtlicher Teil des Flitterstaats nieder, mit dem uns von
Kindheit auf so wie in Handlungen, so auch in Wissenschaften, in Zeitvertreib
und Künsten die Phantasie schmückte. Unglücklich ist, wer lauter falsche Federn
und falsche Edelsteine an sich trug; glücklich und dreimal glücklich, wem nur
die Wahrheit Schmuck ist und der Quell einer teilnehmenden Empfindung im Herzen
quillet. Er fühlt sich erquickt, wenn andre, bloss Menschen von aussen, rings um
ihn winseln und darben; im allgemeinen Gut, im Fortgange der Menschheit findet
er sich gestärkt, seine Brust breiter, sein Dasein grösser und freier.«
    »Sein Dasein grösser und freier,« fiel L. ein, »denn indem er sich über den
schleichenden, alltäglichen Gang der Dinge erhoben fühlet, atmet er ein reineres
Element; er vergisst den niedrigen Kummer, der ihm da und dort das Herz drückte,
wenn er den Strom der Zeit stockend und sich in einem stehenden Sumpf gesenkt
glaubte. Der Strom der Zeit steht nie still; jetzt rieselt er sanft, jetzt
rauscht er gewaltig; allentalben aber wehet auf ihm Odem des Lebens.«
    »In die Gedanken- oder Handlungssphäre andrer grösserer Menschen gesetzt,«
sagte B., »nehmen wir teil an ihrem Geist: wir denken mit ihnen, auch wenn wir
mit ihnen nicht wirken konnten, und freuen uns ihres Daseins. Je reiner die
Gedanken der Menschen sind, desto mehr stimmen sie zusammen; die wahre
unsichtbare Kirche durch alle Zeiten, durch alle Länder ist nur eine.«
    »Und in diese wollen wir rein eintreten, meine Freunde,« fügte A. hinzu,
»mit ungeteiltem Herzen, mit reinen Händen. Kein Parteigeist soll unser Auge
benebeln, keine Schmeichelei unser Angesicht schänden. Unter uns ist, wie jener
Apostel sagte, kein Jude noch Grieche, kein Knecht noch Freier, kein Mann noch
Weib; wir sind eins und einer. Indem wir an uns und nicht an die Welt schreiben,
gehen wir aller eitlen Rücksichten müssig; warum sollten wir heucheln? Das lohnte
der Mühe nicht, die Feder einzutunken; wir dürften sodann nur lesen.«
    »Lesen!« sagte das ganze Chor und ging in ein Detail über das, was jener
hier, dieser dort gelesen hatte; alle waren darüber einig, dass es der Seele eine
Arznei sei, wenn sie vom zerteilten, vielfachen Lesen in sich zurückgezogen
werde und wie durch ein Gelübde, oder vor einem heiligen Gericht, über das, was
sie gehört, gelesen, gesehen hat, sich selbst redliche Rechenschaft gebe.
    »Diese Rechenschaft wollen wir uns einander geben,« fügte ich hinzu; und so
ward ein Bund der Humanität geschlossen, vielleicht wahrer, wenigstens
unanmassender und stiller, als je einer geschlossen ward. Fangen Sie nun an, mein
Freund; unsre Freunde sind, wie Sie wissen, hie und da zerstreuet; alle sind
bereit, sie warten auf Ihren Anklang.1
                                       2.
    Endlich ist mir die Lebensbeschreibung eines meiner Lieblinge in unserm
Jahrhundert, Benjamin Franklins, von ihm selbst für seinen Freund geschrieben,
zu Händen gekommen; aber bedauern Sie's, nur in der französischen Übersetzung,
und nur ein kleines Stück derselben, die früheren Lebensjahre des Mannes, ehe er
völlig in seine politische Laufbahn trat.2 Sollte die Politik der Engländer
vermögend sein, das Übrige und Ganze in der Ursprache zu unterdrücken, so
bedauern Sie mit mir den sinkenden Geist der Nation und lassen indessen dies
Buch ja unter uns zirkulieren.
    Sie wissen, was ich von Franklin immer gehalten, wie hoch ich seinen
gesunden Verstand, seinen hellen und schönen Geist, seine sokratische Metode,
vorzüglich aber den Sinn der Humanität in ihm geschätzt habe, der seine
kleinsten Aufsätze bezeichnet. Auf wie wenige und klare Begriffe weiss er die
verworrensten Materien zurückzuführen! Und wie sehr hält er sich allentalben an
die einfachen, ewigen Gesetze der Natur, an die unfehlbarsten praktischen
Regeln, aus Bedürfnis und Interesse der Menschheit! Oft denkt man, wenn man ihn
lieset: Wusste ich das nicht auch? aber so klar sah ich's nicht, und weit
gefehlt, dass es bei mir schlichte Maxime des Lebens wurde. Zudem sind seine
Einkleidungen so leicht und natürlich, sein Witz und Scherz so gefällig und
fein, sein Gemüt so unbefangen und fröhlich, dass ich ihn den edelsten
Volksschriftsteller unseres Jahrhunderts nennen möchte, wenn ich ihn durch
diesen missbrauchten Namen nicht zu entehren glaubte. Unter uns wird er dadurch
nicht entehrt! Wollte Gott, wir hätten in ganz Europa ein Volk, das ihn läse,
das seine Grundsätze anerkennte und zu seinem eignen Besten darnach handelte und
lebte; wo wären wir sodann!
    Franklins Grundsätze gehen allentalben darauf, gesunde Vernunft,
Überlegung, Rechnung, allgemeine Billigkeit und wechselseitige Ordnung ins
kleinste und grösseste Geschäft der Menschen einzuführen, den Geist der
Unduldsamkeit, Härte, Trägheit von ihnen zu verbannen, sie aufmerksam auf ihren
Beruf, sie in einer milde fortgehenden, unangestrengten Art geschäftig, fleissig,
vorsichtig und tätig zu machen, indem er zeigt, dass jede dieser Übungen sich
selbst belohnet, jede Vernachlässigung derselben im Grossen und Kleinen sich
selbst strafe. Er nimmt sich der Armen an, nicht anders aber als dass er ihnen
Wege des Fleisses mit überwiegender Vernunft eröffnet. Mehrmals hat er es
erwiesen, wie hell und bestimmt er in die Zukunft sah, wie entwirrt die
verworrensten Geschäfte der Leidenschaft in einfachen Resultaten vor seinem Auge
lagen. Einen solchen Mann von sich selbst sprechen, am Rande des Lebens ihn
seinem Sohn erzählen zu hören, wer er sei und wie er, was er ist, geworden - wen
das nicht reizend belehrte! -
    Hören Sie nun den guten Alten, und Sie finden in seiner Lebensbeschreibung
durchaus ein Gegenbild zu Rousseaus »Konfessionen«. Wie diesen die Phantasie
fast immer irreführte, so verlässt jenen nie sein guter Verstand, sein
unermüdlicher Fleiss, seine Gefälligkeit, seine erfindende Tätigkeit, ich möchte
sagen, seine Vielverschlagenheit und ruhige Beherzteit. Begleiten Sie ihn in
diesem Betracht aus der Bude des Lichtziehers in die Werkstätte des
Messerschmiedes, in die Buchdruckerei, von Boston nach Neu-York, nach
Philadelphia, London u. f. und bemerken, wie er allentalben zu Hause ist, sich
zu finden weiss, Freunde gewinnt, überall ins grössere Allgemeine blickt und in
jedem Verhältnis einen fortstrebenden Geist zeigt. Die Galerie seiner Bekannten
und Mitgenossen, die er dabei aufstellt, wie dieser hier verdirbt, dort jener
zugrunde geht, und wie er dies oft voraussiehet und zu seinem Besten gebrauchet,
ist äusserst lehrreich. Für junge Leute kenne ich fast kein neueres Buch, das
ihnen so ganz eine Schule des Fleisses, der Klugheit und Sittsamkeit sein könnte,
als dieses. Und wie ruhig ist's gedacht! wie angenehm-scherzhaft erzählt der
liebenswürdige Alte! Glücklich, wer auf sein Leben zurücksehen kann, wie
Franklin, dessen Bestrebungen das Glück so herrlich gekrönt hat. Nicht der
Erfinder der Teorie elektrischer Materie und der Harmonika ist mein Held
(obwohl auch in diesen ruhmwürdigen Erfindungen ein und derselbe Geist wirkte),
der zu allem Nützlichen und Wahren aufgelegte und auf die bequemste Weise
werktätige Geist, er, der Menschheit Lehrer, einer grossen Menschengesellschaft
Ordner, sei unser Vorbild! Auch ausser denen ihm freilich äusserst vorteilhaften
Zeit- und Landesumständen mag er uns dieses sein; denn Franklins Geist fände
sich überall zurecht, auch da, wo wir leben.
    Zu diesem Zweck werden Sie in seinem Leben besonders bemerken, wie er sich,
trotz seiner Armut und mechanischen Berufsart, selbst literarische Bildung gab,
seinen Stil formte und jedes Mittel, auch die Buchdruckerei, dazu anwandte; wie
er in dieser die popularsten Wege, Zeitungen, Kalender, einzelne Blätter, die
gemeinsten und beliebtesten Einkleidungen auffand, um Ideen unter das Volk zu
bringen und sich durch die Stimme der Nation zu belehren; wie endlich von frühen
Jahren an er nicht sowohl gelehrte als belehrende Gesellschaften liebte, deren
Mitglieder sich miteinander übten. Auch dieserhalb wünschte ich jedem gutartigen
Jünglinge diese Jugendjahre Franklins in die Hände. Der Unbegüterte, der sich
selbst nicht verlässt, wird finden, dass er von Gott durch dessen grosses und
vielfaches Organ, die Menschheit, nie verlassen werde; er wird auf das
zurückgeführt, was der edle Jüngling Persius für den Zweck aller menschlichen
Weisheit erkannte:
 Quid sumus et quidnam victuri gignimur; ordo
 Quis datus aut metae quam mollis flexus et unde;
 Quis modus argento; quid fas optare; quid asper
 Utile nummus habet; patriae carisque propinquis
 Quantum elargiri deceat; quem the Deus esse
 Jussit et humana qua parte locatus es in re,
 Disce -
    Nächstens sende ich Ihnen Franklins Plan zu einer seiner früheren
Gesellschaften; lassen Sie unsre Freunde daraus oder dabei bemerken, was für uns
dienet: denn das Philadelphia, für welches diese Gesellschaft gestiftet ist,
kann überall liegen.
                                       3.
  Fragen zu Errichtung einer Gesellschaft der Humanität von Benjamin Franklin
    »Haben Sie heut morgen die Fragen durchgelesen, um zu erwägen, was Sie der
Gesellschaft über eine derselben zu sagen haben möchten, nämlich
    1. Ist Ihnen irgend etwas in dem Schriftsteller, welchen Sie zuletzt
gelesen, aufgestossen, das merkwürdig oder zur Mitteilung an die Gesellschaft
schicklich ist, besonders in der Geschichte, Moral, Poesie, Naturkunde,
Reisebeschreibungen, mechanischen Künsten oder andern Teilen der Wissenschaften?
«
    (Mich dünkt, die Frage ist für uns geschrieben. Wie einst die Pytagoreer,
so sollte jeder Rechtschaffene am Abend sich selbst fragen, was er, vielleicht
unter vielem Nichtswürdigen, heut wirklich Nützliches gelesen und bemerkt habe.
Jeder gebildete Mensch wird sich auf diesem Wege in kurzem nach einem andern
sehnen, dem er sein Merkwürdiges mitteile und der ihm das Seinige mitteile; denn
das einsame Lesen ermattet: man will sprechen, man will sich ausreden. Kommen
nun verschiedne Menschen mit verschiednen Wissenschaften, Charakteren,
Denkarten, Gesichtspunkten, Liebhabereien und Fähigkeiten zusammen, so erwecken,
so vervielfachen sich unzählbare Menschengedanken. Jeder trägt aus seinem
Schatze vom Wucher seines Tages etwas bei, und in jedem andern wird es
vielleicht auf eine neue Art lebendig. Geselligkeit ist der Grund der Humanität,
und eine Gesellung menschlicher Seelen, ein wechselseitiger Darleih erworbener
Gedanken und Verstandeskräfte vermehrt die Masse menschlicher Erkenntnisse und
Fertigkeiten unendlich. Nicht jeder kann alles lesen; die Frucht aber von dem,
was der andre bemerkte, ist oft mehr wert als das Gelesene selbst.)
    »2. Haben Sie etwa neuerlich eine Geschichte gehört, deren Erzählung der
Gesellschaft angenehm sein könnte?«
    (So gemein diese Frage scheinet, so ein fruchtbares Samenkorn kann sie in
der Hand verständiger Menschen werden. Aus Geschichte wird unsre Erfahrung; aus
Erfahrung bildet sich der lebendigste Teil unsrer praktischen Vernunft. Wer
nicht zu hören versteht, verstehet auch nicht zu bemerken; und aus dem Erzählen
zeigt sich, ob jemand zu hören gewusst habe. Franklins beste Einkleidungen gingen
aus solchen verständig angehörten lebendigen Tatsachen hervor; von ihnen
empfingen sie ihre gefällige Gestalt, ihre leichte Wendung. In Zeiten, da man
viel hörte, viel erzählte und wenig las, schrieb man am besten; so ist's noch in
allen Materien, die aus lebendiger Ansicht menschlicher Dinge entspringen müssen
und dahin wirken. Schrift und Rede ist bei uns oft zu weit voneinander getrennt;
daher sind Bücher oft Leichname oder Mumien, nicht lebendig-beseelte Körper.
Griechen und Römer, auch unter Galliern und Briten die erlesenste Schriftsteller
waren sprechende oder gar handelnde Personen; der Geist der Rede und Handlung
atmet also auch in ihren Schriften. Überhaupt äussert sich in den
entscheidendsten Fällen der wahre Geist der Humanität mehr sprechend und
handelnd als schreibend. Wohl dem Menschen, der in lobwürdiger und angenehmer
lebendiger Geschichte lebet!)
    »3. Hat irgendeine Bürger nach Ihrem Bewusstsein neulich in seinen
Verrichtungen Fehler begangen? und was war nach Ihrer erhaltenen Nachricht die
Ursache davon?«
    »4. Haben Sie neulich vernommen, dass irgendeinem Bürger etwas besonders
geglückt sei? und durch welche Mittel? Haben Sie z.B. gehört, auf was Weise ein
jetzt reicher Mann hier oder sonst irgendwo zu seinem Vermögen kam?«
    (Fragen, die in einem aufstrebenden jungen Handelsstaat von der nützlichsten
Wirkung sein konnten und in keinem Staate unnütz sein werden, in dem Industrie,
Erfindung, Unternehmung noch nicht gar ausgetilgt sind. Ein auf den Mitbürger
neidisches* Auge schadet sich selbst am meisten; wo findet dies aber mehrere
Nahrung als in despotischen Verfassungen, wo von Schmeichelei, Gunst, Betrug und
Willkür so vieles abhängt? In Verfassungen von freier Konkurrenz der Verstandes-
und Gemütskräfte sowie der Kunst und des Fleisses ist das Auge der Mitkämpfer und
Mitwerber gewiss nicht träger, aber verständiger aufeinander gerichtet. Man
gewöhnet sich, Glück und Unglück, Reichtum und Armut, Verdienst und Trägheit
natürlich anzusehen, forschet den Mitteln nach, wodurch jener sich hob, dieser
sank; so lernt man von beiden. Schon der alte Hesiodus unterschied zwo Gattungen
der Eifersucht, die böse und die gute; diese beschreibt er als nützlich, jene
als niederträchtig und schädlich. Je mehr sich die Einrichtung menschlicher
Dinge bessert, um so mehr muss auch der falschen Eifersucht Zaum und Zügel
angelegt werden, indem nämlich die freie und edle Eifersucht emporkommt. Wer
sollte sich nicht einen Zustand denken können, in welchem alle Handlungen und
Vorteile der Menschen natürlich betrachtet, mitin auch also geschätzt und
erworben werden? Da tritt sodann das Gute und Böse gleich ans Licht; jeder darf
frei darüber sprechen und daran lernen. Wie weit wir aber noch von diesem Ziele
sind, mag nur der Markt der Wissenschaft zeigen. Wie selten urteilt ein
Beurteiler fremder Werke nach der strengen Frage: »Welche Fehler hat mein
Mitbürger begangen? und was ist die Ursache davon? Hat dieser, redlich
betrachtet, seine Sache weitergebracht? wodurch ist's ihm gelungen? und was
stehet andern Mitbürgern noch zurück?« Und doch ist diese Frage die einzig
billige, nützliche und gerechte; sonst urteilen nur Sklaven oder Despoten. Von
uns sei dieser Geist des kleinen Neides oder des übermütigen Stolzes gleich
fern, aber die edle Eifersucht auf alles Gute, Nützliche und Schöne, dessen die
menschliche Natur fähig ist, sei unsre Göttin!)
    »5. Ist Ihnen irgendein Mitbürger bekannt, der neulich eine würdige Handlung
getan hat, welche Preis und Nachahmung verdienet? oder der einen Fehler
begangen, welcher uns zur Warnung und zu dessen Vermeidung dienlich sein kann?«
    »6.Welche unglückliche Wirkungen haben Sie neulich an der Unmässigkeit,
Unvorsichtigkeit, an der Hitze oder irgendeinem Laster oder Torheit
wahrgenommen? Welche glückliche Wirkungen hingegen haben Sie von der
Nüchternheit, Klugheit, Mässigkeit oder irgendeiner andern Tugend erfahren?«
    (So fragt ein Lehrer der Humanität, so frage jeder Vater und Hausvater die
Seinen. Wie weit wären wir gelangt, wenn über alle Fehler und Tugenden der
Menschen, in Beziehung auf ihre Folgen, nur so klar und unbewunden gesprochen
werden könnte, als wir bei uns gedenken. Was die falsche Bescheidenheit oder gar
eine demütige Heuchelei hier verschweigt, das entdeckt und übertreibt dort eine
kecke Lästerzunge desto ärger. So wird endlich der Sinn der Menschheit verrückt
und das moralische Auge geblendet. Alles scheint uns natürlich, nur die Natur
des Menschen nicht, deren Weisheit und Torheit mit ihren klaren Folgen uns
unanschaubare Dinge, unaussprechliche Rätsel bleiben sollen. Und doch, welche
Natur von aussen und innen läge uns näher als die Natur des Menschen?)
    »7. Sind Sie oder jemand Ihrer Bekannten neulich krank oder verwundet
gewesen? Welche Mittel wurden gebraucht, und welches waren die Wirkungen?«
    (So hoch die Arzneikunst gestiegen ist, so hat jeder geschicktere Arzt
anerkannt, dass sie zum Wohl des Menschengeschlechts noch viel höher steigen
könne und steigen werde. Daher die fast schon unzählbaren Bemerkungen einzelner
Ärzte; daher die Bemühungen grossmütiger Menschen, erprobte Mittel aus der
Dunkelheit ans Licht zu ziehen; daher endlich die Bemühungen ganzer
Gesellschaften, aus andern Weltteilen, wäre es auch von Wilden, dergleichen
Heil- und Hülfsmittel zu gewinnen und in Europa zu verbreiten. Ist das Wort
Humanität kein leerer Name, so muss sich die leidende Menschheit dessen am
meisten zu erfreuen haben.)
    »8. Fällt Ihnen etwas ein, wodurch die Versammlung dem Menschengeschlecht,
Ihrem Vaterlande, Ihren Freunden oder sich selbst nützlich sein könnte?«
    »9. Ist irgendein verdienter Ausländer seit der letzten Zusammenkunft in der
Stadt angekommen? und was haben Sie von seinem Charakter oder Verdiensten
vernommen oder selbst bemerkt? Glauben Sie, dass es im Vermögen der Gesellschaft
stehe, ihm gefällig zu sein oder ihn, wie er es verdient, aufzumuntern?«
    »10. Kennen Sie irgendeinen jungen verdienten Anfänger, der sich neulich
etabliert hat und welchen die Gesellschaft auf irgendeine Weise aufzumuntern
vermögend wäre?«
    »11. Haben Sie einen Mangel in den Gesetzen Ihres Vaterlandes neulich
bemerkt, um deswillen es ratsam wäre, die gesetzgebende Macht um Verbesserung
anzusprechen? Oder ist Ihnen ein wohltätiges Gesetz bekannt, was noch mangelt?«
    »12. Haben Sie neulich einen Eingriff in die rechtmässigen Rechte des Volks
bemerkt?«
    »13. Hat irgend jemand neulich Ihren guten Namen angegriffen, und was kann
die Gesellschaft tun, um ihn sicherzustellen?«
    »14. Ist irgendein Mann, dessen Freundschaft Sie suchen und welche die
Gesellschaft oder ein Glied derselben Ihnen zu verschaffen vermögend ist?«
    »15. Haben Sie neulich den Charakter eines Mitgliedes angreifen hören, und
auf welche Weise haben Sie ihn geschützt? Hat Sie irgend jemand beeinträchtigt,
von welchem die Gesellschaft vermögend ist, Ihnen Genugtuung zu verschaffen?«
    »16. Auf was Weise kann die Gesellschaft oder ein Mitglied derselben Ihnen
in irgendeiner Ihrer ehrsamen Absichten beförderlich sein?«
    »17. Haben Sie irgendein wichtiges Geschäft unter der Hand, bei welchem Sie
glauben, dass der Rat der Gesellschaft Ihnen dienlich sein könnte?«
    »18. Welche Gefälligkeiten sind Ihnen neulich von einem nicht anwesenden
Mann erzeigt worden?«
    »19. Ist irgendeine Schwierigkeit in Angelegenheiten vorhanden, welche sich
auf Meinungen, auf Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit beziehen und die Sie gern
auseinandergesetzt haben möchten?«
    »20. Finden Sie irgend etwas in den jetzigen Gebräuchen oder
Verfahrungsarten der Gesellschaft fehlerhaft, welches verbessert werden könnte?«
    (Ohne alle Anmerkung sprechen diese Fragen zum Herzen wie zum Verstande.
Manche geheime Gesellschaft, die zur Besserung der Menschheit wirken wollte, mag
auch dahingegangen sein; diese kann vor den Augen der Welt allentalben als ein
Bund der Edlen und Guten fortdauern, denn sie ist auf die Tugend selbst
gegründet.)
    Folgendes waren die Fragen, die jeder, der in der Gesellschaft aufgenommen
werden wollte, die Hand auf seine Brust gelegt, beantworten musste:
    »1. Haben Sie irgendeine besondre Abneigung gegen eins der hiesigen
Mitglieder?«
    »2. Erklären Sie aufrichtig, dass Sie das Menschengeschlecht, ohne Rücksicht
von welcher Hantierung oder Religion jemand sei, überhaupt lieben?«
    »3. Glauben Sie, dass jemand an Körper, Namen oder Gut, bloss spekulativer
Meinungen oder der äusserlichen Art des Gottesdienstes wegen, gekränkt werden
müsse?«
    »4. Lieben Sie die Wahrheit um der Wahrheit willen und wollen sich
bestreben, sie unparteiisch zu suchen und, wenn sie sie gefunden, auch andern
mitzuteilen?«
    Die Hand aufs Herz, meine Brüder! Ja, Amen.
                                       4.
    Glauben Sie nicht, m. Fr., dass Sie der einzige Liebhaber Franklins in unsrer
kleinen Zahl sind. Alle Brüder reichen Ihnen die Hand auf seine Fragen, und von
F. werden Sie nächstens ein Kästchen von amerikanischem Holz empfangen, in dem
Sie eine Sammlung kleiner und grösserer Aufsätze Franklins finden, unter welchen
Ihnen wahrscheinlich manches neu sein wird. Freund F. hat sie mit vieler
Sorgfalt zusammengesucht und glaubt daran einen moralisch-politischen Schatz zu
haben.3
    Ist es nicht sonderbar, dass in alten und neuen Zeiten die höchste und
fruchtbarste Weisheit immer aus dem Volk entsprungen, immer mit Naturkenntnis,
wenigstens mit Liebe zur Natur und Ansicht der Dinge verbunden, immer von
ruhiger Unbefangenheit des Geistes, von heiterm Scherz begleitet gewesen und am
liebsten unter der Rose gewohnt hat? Doch warum nenn ich dies sonderbar, da es
Natur der Sache selbst ist. Nur wer die Menschen kennet, kann für sie sorgen;
nur wer durch das Bedürfnis geweckt, durch Not gereizt, in mancherlei
Verhältnissen umhergetrieben, die süsse Frucht der Mühe schmeckte, kann diese auf
die bequemste Art andern zu kosten geben. Er hat sich die schwere Wahrheit
leicht gemacht; so macht er sie auch andern angenehm und fasslich.
    Dass Franklins Leben ganz und im Original erscheinen werde, will ich nicht
zweiflen. Dem bessern Teil der englischen Nation ist es bekannt genug, dass er
kein Aufrührer gewesen, dass er zum Frieden und zur Aussöhnung die
einsichtvollesten Vorschläge getan habe, die, wie Weissagungen eines Propheten,
die Zeit genugsam bestärkt hat. Äusserst schwor ging er an den Gedanken, dass
England und Amerika sich trennen sollten; er fand es diesem Lande selbst nicht
vorteilhaft und hielt auch das für gefährlich, dass es zur Freiheit so bald
gelangte. Da nun die Zeit hierüber mit einer gebietenden Stimme bereits
entschieden und England auf andre Weise schadlos gehalten hat, so glaube ich,
dass nur wenige Augen sich schliessen dürfen, und Franklins Lebensgeschichte wird
uns gegönnet sein und bleiben. Lesen Sie in beikommendem Nekrolog4 die wenigen
Fragmente seines politischen Lebens, und Sie werden den schönen Friedensstern,
der in Franklin leuchtete, bis auf den Augenblick, da er in der westlichen Welt
untergeht, segnen. Die letzte Rede, mit der er den Beitritt der widersinnigen
Provinzen zur Konstitution bewirkte, so ganz in seinem Geist und Charakter, ist
der scheidende Strahl dieses Sternes.
    Aber ach, indem ich Ihnen den Nekrolog zusende, wie trübe sinkt mein Blick!
Kein Stern mehr; ich wandle auf einem Kirchhofe und schaue traurig zur Erde
nieder, insonderheit unter den deutschen Gebeinen. Die Pyramide hinten auf dem
Umschlage dünkt mich Cestius' Pyramide zu Rom, neben welcher der
Ausländer-Protestanten, meistens der Deutschen, Körper ruhn, verscharret hier in
der Fremde. Welch eine niederschlagende Erinnerung gibt uns das Leben der
meisten!5 Arm geboren, fleissig, redlich, einesteils talent-, andernteils
verdienstreich, kamen sie nicht weiter, als dass sie ihr Leben entweder mühsam
durchlebten oder in der Hälfte desselben fast unbemerkt niedergingen und
starben. Loudon glänzt als ein Gestirn in diesem Totentale; aber lesen Sie, wie
es auch ihm gegangen, wie schwer es ihm gemacht worden, und wie er zuletzt sein
Grabmal von Trümmern einer unerstürmten Pforte sich selbst als ein castrum
doloris aufgerichtet. Aus dem Wirtenberger Hahn, diesem wahrhaftig newtonischen
Kopfe, aus Schäffer, Ferber, Reiz, Meyer und so manchen andern, was wäre in
England geworden? (Was aus Herschel nicht geworden wäre, wenn er in der
hannoverschen Hofkapelle diente!) Und wie ging's dem verdienten Crollius in
Zweibrück, dem guten Meggenhofen in Bayern! wie verschwand Crugot, dieser sanft-
und helleuchtende Stern, so bald unter Wolken! Auf welche Irrwege ward Basedow
geführt, und wie traurig schreitet der arme Ephraim Kuh seine Laufbahn danieder!
- Diese liegen nun neben Joseph II., neben Elliot, Howard, Franklin, Kreittmayr
hier begraben. Sie schlafen freilich nebeneinander allesamt in Frieden; aber der
Name auf ihren Leichsteinen gibt mehr zu denken, als selbst in Grays »Elegie auf
dem Landkirchhofe« ausgedrückt sein möchte. Dem Toten, meine Freunde, gebühret
eine Träne; so manchem deutschen Toten gebührt mehr als ein Seufzer.
                                       5.
    Der Trübsinn, der Sie bei dem Nekrolog angewandelt hat, ist nicht ganz ohne
Grund; lassen Sie uns diesen aber näher beleuchten. Sollte die Grabstätte
selbst, die hier errichtet worden, daran nicht etwa mit schuld sein?
    Der Name »Totenregister« ist schon ein trauriger Name. Lass Tote ihre Toten
begraben; wir wollen die Gestorbnen als Lebende betrachten, uns ihres Lebens,
ihres auch nach dem Hingange noch fortwirkenden Lebens freuen und eben deshalb
ihr bleibendes Verdienst dankbar für die Nachwelt aufzeichnen. Hiermit
verwandelt sich auf einmal das Nekrologium in ein Atanasium, in ein Mnemeion;
sie sind nicht gestorben, unsre Wohltäter und Freunde; denn ihre Seelen ihre
Verdienste ums Menschengeschlecht, ihr Andenken lebet.
    Damit veränderte sich auch der Entwurf dieses Buches, und gewiss zu seinem
Vorteil, wenn anders der Entwurf auszuführen wäre.
    1. Nur deren Leben gehörte in diese Sammlung, die zum Besten der Menschheit
wirklich beigetragen haben; und es wäre Hauptblick des Erzählers, wie sie dies
taten, wie sie die wurden, die sie waren, womit sie zu kämpfen, was sie zu
überwinden hatten, wie weit sie's brachten und was sie andern zu tun nachliessen,
endlich, wie sie ihr Geschäft, das Werk ihres Lebens, selbst ansahen. Eine treue
Erzählung hievon, wo möglich aus dem Munde oder den Schriften der Entschlafnen
oder von denen, die sie nahe gekannt und bemerkt haben, wäre wie eine Stimme aus
dem Grabe, wie ein Testament des Verstorbnen über sein eigenstes Eigentum, über
seinen edelsten Nachlass.
    2. Hieraus folgte, dass bei Männern der Wissenschaft man sich notwendig auf
den Wert und die Wirkung ihrer Schriften, bei tätigen Geschäftsmännern auf den
Beruf einlassen müsste, in welchem sie der Menschheit dienten. Bei Crugot z.B.
sind seine »Predigten vom Verfasser des Christen in der Einsamkeit« nicht
genannt, mit denen er doch, zumal im zweiten Teil, seinen Zeitgenossen so weit
vorschritt. Crugots wenige Schriften verdienen zu bleiben, solange die deutsche
Sprache bleibt; und es war mir ein angenehmer Umstand, hier zu finden, dass
Carmer den »Christen in der Einsamkeit« zum Druck gefördert habe. Wie nun?
sollte der helldenkende, liebenswürdige Mann, dessen Moral so ganz die reine
Humanität Christi atmet, ohne hinterlassene, des Drucks würdige Schriften
gestorben sein? Und sollte Carmer, sollten die zwei Prinzen und die Prinzessin,
die, wie die Biographie sagt, ihren verdienstvollen Lehrer in ihm ehrten und
liebten, sollten die Freunde, die ihn näher kannten, dies Geschenk für Welt und
Nachwelt verloren sein lassen? Ich hoffe nicht; denn nebst Sack und Spalding war
Crugot nicht nur in jenen Gegenden, sondern für Deutschland überhaupt einer der
ersten Verbreiter des guten Geschmacks und einer hellen Philosophie im Kreise
seines Berufes. Er muss nicht tot sein, sondern er lebe!
    3. Da schwerlich etwas Langweiligeres als ein unbestimmtes Leichenlob sein
kann, so sind eben die zartesten Saiten des menschlichen Herzens auch hier, wie
mich dünkt, aufs leiseste zu berühren. Familien-, Freundes-, Privatsituationen,
wenn sie nicht auf einem hellen Detail beruhen, ertragen in allgemeinen
Ausdrücken selten ein langes Lob; man überschlägt's oder ermüdet. Überhaupt ist
das, was der Lehrer der Menschen vom Innern der Moralität sprach, auch in
Absicht auf die Darstellung derselben wahr: »Was fürs Auge des Allsehenden
allein gehöret und vor ihm getan ward, will nicht vor dem Auge der Menschen
prangen, gesetzt, dass es auch der wahreste Freund des Verstorbnen vorzeigte.«
Anders ist's mit bestimmten Tatsachen; die sprechen durch sich selbst, sie
ermahnen, lehren, trösten.
    4. Eingänge zu Lebensbeschreibungen durch einen Allgemeinsatz sind höchst
misslich. Welcher Allgemeinsatz erschöpft ein menschliches Leben? Welcher
verführt nicht öfter, als er zurechtweiset? In den lateinischen memoriis sind
solche Gemeinplätze hergebracht; hier, wünscht man, wachse die Bemerkung an
ihrer natürlichen Stelle im Fortgange der Erzählung hervor, oder sie versiegle
zuletzt den Eindruck des Ganzen. Über manches dieser Leben hätte viel Starkes
können gesagt werden, bald mit einem strengen Blick, bald mit einem
herzdurchdringenden Seufzer.
    5. Denn freilich, m. Fr., ist's wahr: Deutschland weinet um manche seiner
Kinder; es ruft: Sie sind nicht mehr, sie gingen gekränkt, beistand- und
trostlos unter. Hier also auf dem Grabe des Verstorbnen, als auf einer heiligen
Freistätte, müssen Wahrheit und Menschlichkeit, diese sanft und rührend, jene
unparteiisch und strenge, ihre Stimmen erheben und sprechen: »Dieser Mann ward
unterdrückt, jener gemissbraucht, dieser verlockt und gestohlen. Ohne Recht und
Urteil schmachtete er viele Jahre im Felsenkerker; das Auge seines Fürsten
weidete sich an ihm; seine späte Entlassung ward Gnade, und nie bekam er die
Ursache seines Gefängnisses zu wissen, bis an den Tag seines Todes.«7 Wahre
Begegnisse dieser Art müssten von Munde zu Munde, von Tagebuch zu Tagebuch
fortgepflanzt werden; denn wenn Lebendige schweigen, so mögen aus ihren Gräbern
die Toten aufstehn und zeugen.
    Auf diese Weise geführt, was wäre lehrreicher und nützlicher als ein solches
Register der Toten? Es ist kein Bösewicht auf der Erde, den nicht, wenn sein
schuldloser oder gar edler Gegner mit hingestreckten Armen daliegt und die
Totenglocke über ihm ertönet, das, wodurch er ihm im Leben wehe tat, jetzt im
Herzen steche und nage. Die Schlangen der Rache, des Neides und Undanks
entschlafen am Grabe des Toten und wenden sich gegen den lebenden Verbrecher.
Hier also sitze, wie dort auf Ajax Grabe, Tugend und Menschenwürde und wäge und
richte.
    Ich weiss wohl, wie schwer dies alles auszuführen sei, zumal in Deutschland.
Eben aber, dass Mösers patriotische Phantasie »Aufmunterung und Vorschlag zu
einer westfälischen Biographie« hier in einem weiteren Umfange erfüllet werden
könnte, dass, wenn sonst nirgend, wenigstens auf einem Gottesacker die verdienten
Männer mehrerer und aller deutschen Provinzen sich zusammenfänden und endlich
doch in der Erde sich als Landesleute, als Brüder, als Mitarbeiter an einem Werk
des Menschenberufs erkennten; das allein schon sollte jeden Gutgesinnten
aufmuntern, aus seiner Gegend, wie er weiss und kann, zur Vervollkommung des
Ganzen mit beizutragen.
    6. Vor allen Dingen aber wünschte ich eigne Biographien erlesner
merkwürdiger Menschen. Wie weit stehen wir Deutsche hierin andern Nationen,
Franzosen, Engländern, Italienern, nach! Wir lebten, dachten, müheten uns; aber
wir konnten nicht schreiben. Die rauhe oder ermattete Hand, die das Schwert, den
Zepter, das Handwerk- und Kunstwerkzeug, wohl auch die breite Kanzleifeder
führte, verachtete meistens die Reissfeder mühsamer Selbstschilderung; mit der
alten Chronikenzeit ging auch das häusliche und Familiengefühl, für die Seinen
und mit ihnen fortzuleben, grossenteils zu Grabe. Was also von merkwürdigen alten
Selbstbeschreibungen gerettet, was von neuen hie und da entdeckt werden kann,
sollte gerettet und genützt werden, bis (ich weiss gewiss, dass die Zeit kommt)
merkwürdige Geschäfte auch freiere Gesinnungen und diese den Geist einer edlen
Publizität erwecken werden, bei dem alle Stände im Lichte wandeln. »Praecipuum
munus annalium, ne virtutes sileantur; utque pravis dictis factisque ex
posteritate et infamia metus sit.«
                                  Der Patriot
 Von allen Helden, die der Welt
 Als ewige Gestirne glänzen,
 Durch alle Gegenden bis an der Erde Grenzen,
 O Patriot, bist du mein Held.
 Der du, von Menschen oft verkannt,
 Dich ganz dem Vaterlande schenkest,
 Nur seine Leiden fühlst, nur seine Grösse denkest,
 Und lebst und stirbst fürs Vaterland.
 Umsonst sucht von der Tugend Bahn
 Der Eigennutz dich zu verdrängen,
 Und führet wider dich, mit Jauchzen und Gesängen,
 Die lockende Verführung an;
 Und ihr Gefolg, die güldne Pracht,
 Den stolzen Reichtum, mit der Ehre,
 Die Pfauenflügel schwingt, und einem Freudenheere,
 Das um die süsse Wollust lacht.
 Siegprangender als Cäsar war,
 Schlägt sich durch diesen furchtbarn Haufen
 Die grosse Seele durch, mit Gold nicht zu erkaufen,
 Nicht zu erschüttern durch Gefahr.
 Denn wie ein Fels, der unbewegt,
 Wann Wogen sich auf Wogen türmen,
 Im Ozeane steht und ruhig in den Stürmen
 Den ganzen Zorn des Himmels trägt:
 So stehest du mit festem Mut
 Und trotzest, ohne Freund, verlassen,
 Dem Grimm der Mächtigen, der Bösen, die dich hassen,
 Und ihrer ungerechten Wut.
 Das Vaterland beglückt zu sehn,
 Ist dir die göttlichste der Freuden,
 Ist dir Ambrosia, selbst in dem härtsten Leiden,
 Wann Bürger dich undankbar schmähn.
 Bis dich der Himmel wieder ruft,
 Die lichte Wohnung wahrer Helden,
 Und wer du warest, einst des Volkes Tränen melden,
 Verströmt um deine stille Gruft.
 Unrühmlich, unbeweint im Tod,
 Vermodern in vergessenen Höhlen
 Die Bürger schlimmer Art, in deren kleinen Seelen
 Nur niedrer Eigennutz gebot.
 Die Schändlichen! Das Vaterland,
 Das ihnen, was sie hatten, Leben,
 Ruh, Ehr und Überfluss und sichre Lust gegeben,
 Bat hülflos mit erhobner Hand;
 Sie aber wichen scheu zurück,
 Und nützten den erzürnten Himmel
 Zu hässlichem Gewinn, und dachten im Getümmel
 Nur sich und ihres Hauses Glück.
 Ihr Haus entflieht der Rache nicht,
 Die endlich den Verbrecher findet:
 Was mit verruchter Hand ein Bösewicht gegründet,
 Zerstört ein andrer Bösewicht.
 Des Bürgers Glück blüht mit dem Staat,
 Und Staaten blühn durch Patrioten.
 Aten besiegten Stolz und Eigennutz und Rotten,
 Noch eh es Philipps Ehrsucht tat.
 Und so fiel Rom, die Königin
 Der Könige von allen Zonen,
 Von ihrem Tron gestürzt; und ihre güldnen Kronen
 Nahm ein erkaufter Barbar hin.
 Oft wann in schauervoller Nacht
Ihr Schutzgeist ihren Schutt umflieget,
Stillschweigend übersieht, wie Rom im Staube lieget,
In Trümmern seiner alten Pracht;
Und dann die grossen Taten denkt,
Die sein geliebtes Volk vollbrachte,
So lang fürs Vaterland der Bürger Liebe wachte,
Von niedrer Absicht unbeschränkt;
Als alles fremden Goldes Feind,
Ein Curius und Scipione
Und die Fabricier und männliche Catone
Noch lebten, mit dem Staat vereint;
Dann klagt er laut: »Sie sind nicht mehr!«
Des Kolosseums öde Mauern
Beginnen, rund umher antwortend, mit zu trauern,
Tiefbrausend wie ein stürmisch Meer.
»Sie sind nicht mehr, und Rom starb nach!
Erhoben durch die Patrioten,
Fiel mein geliebtes Rom, als allen Bürgerrotten
Ein patriotisch Herz gebrach.«
Dass dieser Fall der grossen Stadt
Die sicher-stolzen Völker lehre,
Der grösste Staat sei schwach, der ungezählte Heere,
 Doch keine Patrioten hat.
                                                                              Uz
                                       6.
    Ein Atanasium, ein Mnemeion Deutschlands! Wahrlich, unser Vaterland ist zu
beklagen, dass es keine allgemeine Stimme, keinen Ort der Versammlung hat, wo man
sich sämtlich höret. Alles ist in ihm zerteilt, und so manches schützet diese
Zerteilung: Religionen, Sekten, Dialekte, Provinzen, Regierungen, Gebräuche und
Rechte. Nur auf dem Gottesacker kann uns etwa eine Stelle gemeinsamer Überlegung
und Anerkennung gestattet werden.
    Aber warum nur hier? Arbeiten nicht in allen, vom höchsten bis zu den
niedrigsten Ständen, sichtbare und unsichtbare Kräfte, diese gemeinsame
Überlegung und Anerkennung zu erleichtern, zu bewirken? Ein Teil Deutschlands
hatte sich vor dem andern mit unleugbaren Vorschriften ein grosses Voraus
gegeben; der andre Teil eifert ihm nach, und wir können bald an der Stelle sein,
ein Ebenmass zu finden. Jeder biedre Mensch muss sich bestreben, dieses zu
fördern, und glücklicherweise scheinen mir diejenigen, die die biedersten
Deutschen sein sollen, die Fürsten, auf denselben Weg zu treten. Gewiss, der
Unterschied der Religionen macht es nicht, denn in allen Religionen Deutschlands
gibt es aufgeklärte, gute Menschen. Der Unterschied von Dialekten, von Bier- und
Weinländern macht es auch nicht, was uns voneinander hält und sondert; ein
leidiges Staatsinteresse, eine Anmassung mehreren Geistes, mehrerer Kultur auf
der einen, auf der andern Seite mehreren Gewichts, mehreren Reichtums u. f. war
es, was uns entzweiet; und dem, dünkt mich, muss und wird die allmächtige Zeit
obsiegen.
    Denn sagen Sie, was hindert uns Deutsche, uns allesamt als Mitarbeiter an
einem Bau der Humanität anzuerkennen, zu ehren und einander zu helfen? Haben wir
nicht alle eine Sprache, ein gemeinschaftliches Interesse, eine Vernunft, ein
und dasselbe menschliche Herz? Der Philosophie und Kritik hat man nirgend den
Weg versperren können; sie arbeitet sich überall durch; sie wird in allen guten
Köpfen rege. Ihre Regeln sind allentalben dieselbe; ihr Zweck allentalben nur
einer. Auch der Wetteifer verschiedner Provinzen gegeneinander kann nicht
anders, als diesen Zweck befördern.
    Ruhm und Dank verdienet also ein jeder, der die Gemeinschaft der Länder
Deutschlands durch Schriften, Gewerbe und Anstalten zu befördern sucht; er
erleichtert die Zusammenwirkung und Anerkennung mehrerer und der verschiedensten
Kräfte; er bindet die Provinzen Deutschlands durch geistige und also die
stärksten Bande.
    Dass uns eine Hauptstadt fehle, tut zu unsrer Sache gewiss nichts. Der
Ausbildung des Geschmacks mag ihr Mangel eine Hindernis sein; und auch der
Geschmack kann durch sie ebensowohl verderbt und gefesselt werden, als sie ihm
anfangs Politur und Flügel verleihen mochte. Einsichten aber, ruhige
Überlegungen, tätige Versuche, Empfindungen und Äusserungen dessen, was örtlich
und allentalben zu unserm Frieden dienet, sie verschmähen die Mauern einer
Hauptstadt und suchen das freie Land; ihre Werkstätte ist das gesamte
Deutschland. Je mehrere und leichtere Boten allentalben her, allentalben hin
gelangen, desto mehr wird die Mitteilung der Gedanken befördert, und kein Fürst,
kein König wird diese zu hemmen suchen, der die unendlichen Vorteile der
Geistesindustrie, der Geisteskultur, der gegenseitigen Mitteilung von
Erfindungen, Gedanken, Vorschlägen, selbst von begangenen Fehlern und Schwächen
einsieht. Jedes dieser Stücke kommt der Menschennatur, mitin auch der
Gesellschaft, zugut; der Fehler wird entdeckt, der Irrtum wird gebessert,
Gedanke weckt Gedanken, Empfindungen und Entschlüsse regen und treiben. Denn das
ist eben die grosse und gute Einrichtung der menschlichen Natur, dass in ihr, wenn
ich so sagen darf, alles im Keim da ist und nur auf seine Entwickelung wartet.
Entschliesset sich die Blüte nicht heute, so wird sie sich morgen zeigen. Auch
alle möglichen Antipatien sind in der menschlichen Natur da; jedem Gift ist
nicht nur sein Gegengift gewachsen, sondern die ewige Tendenz der waltenden
lebendigen Kraft geht dahin, aus dem schädlichsten Gift die kräftigste Arznei zu
bereiten. Ach, die Extreme liegen in unsrer engebeschränkten Natur so nahe, so
dicht beieinander, dass es oft nur auf einen geschickten Fingerdruck ankommt, aus
dem Einfalls- den Absprungswinkel zu machen, da unabänderlichen Gesetzen nach
beide in ihrem Verhältnis einander gleich sind. Gedanken zu hemmen, dies
Kunststück hat noch keine irdische Politik erfunden; ihr selbst wäre es auch
sehr unzuträglich. Aber Gedanken zu sammlen, zu ordnen, zu lenken, zu
gebrauchen, dies ist ihr, für alle Zeiten hinaus, unabsehlicher grosser Vorteil.
    Doch die Seite des Verstandes ist's nicht allein, in Absicht welcher ich
Deutschland einen gemeinsamen Zusammenhang wünschte; vielmehr ist's die Seite
des Charakters, der Entschlüsse, der Unternehmung. Wir wissen alle, dass die
Deutschen von jeher mehr getan, als von sich reden gemacht haben; das tun sie
auch noch. In jeder Provinz Deutschlands leben Männer, die ohne französische
Eitelkeit, ohne englischen Glanz, gehorsam, oft leidend, Dinge tun, deren
Anblick jedermann schönen und grossen Mut einspräche, wenn sie bekannt wären.
Denen vollends wünsche ich keinen Hof, keine Hauptstadt; einen Altar der
Biedertreue wünsche ich ihnen, an dem sie sich mit Geist und Herzen versammeln.
Er kann nur im Geist existieren, d. i. in Schriften; und, o dass ausgezeichnet
vor allen eine solche Schrift da wäre! An ihr würden sich Seelen entflammen und
Herzen stärken. Der deutsche Namen, den jetzt viele Nationen gering zu halten
sich anmassen, würde vielleicht als der erste Name Europas erscheinen, ohne
Geräusch, ohne Anmassung, nur in sich selbst stark, fest und gross.
                                       7.
    Wir sind darüber einig, dass, wenn ein grosser Name auf Europa mächtig gewirkt
hat, es Friedrich gewesen. Als er starb, schien sein hoher Genius die Erde
verlassen zu haben; Freunde und Feinde seines Ruhms standen gerührt; es war, als
ob er auch in seiner irdischen Hülle hätte unsterblich sein mögen.
    Sie denken leicht, wie begierig ich auf seine nachgelassenen Schriften8 war:
hier, sagte ich, lebt und spricht noch sein Geist nach dem Ableben seines alten
vielgeübten Körpers. Briefe, Gespräche, ja Worte von ihm, die, solang er König
war, als Ehre gesucht, als Schätze umhergetragen wurden, sind jetzt ein gemeines
Gut. Man kann sie unerschrocken prüfen, im Zusammenhange seines langen Lebens
beherzigen; man darf ihnen widersprechen und sie mit seinen Taten vergleichen.
    Zuerst also griff ich nicht nach Werken, die er absichtlich für die Welt
geschrieben hatte, sondern nach seinem Briefwechsel, und unter diesem auf den
längsten und interessantsten, mit Voltaire. Er erstreckt sich von 1736 bis 1777,
also über vierzig Jahre, und zeigt die Seele des grossen Königes in den
verschiedensten Situationen seines Lebens. Ich will einige Züge und Stellen
auszeichnen.
    Ein Prinz von 23 Jahren, der Erbe eines königlichen Trones, sucht in weiter
Entfernung den Mann auf, den er für den ersten Schriftsteller seiner Zeit hält,
in dem er, wie er selbst sagt, »nicht nur Schätze des Geistes, Stücke mit so
viel Geschmack, Delikatesse und Kunst gearbeitet, dass ihre Schönheiten bei jedem
neuen Lesen neu scheinen, sondern auch jene Philosophie« findet, die unser
königliche Jüngling insonderheit wertält. Er übersendet ihm seinen »Wolff,«
erbittet sich dagegen seine Schriften, seinen Unterricht in Briefen und wird ein
Schüler des Philosophen, nicht aus Eitelkeit, sondern ernst und bescheiden.
»Autoren,« sagt er, »sind die Gesetzgeber des menschlichen Geschlechts; ihre
Schriften verbreiten sich in alle Teile der Welt; sie manifestieren Ideen, die
andre sich einprägen. Ist in ihnen Stärke des Gedankens mit Feuer des Ausdrucks
vereinigt, so bezaubern sie und rühren. Bald atmet eine Menge Menschen die Liebe
zum menschlichen Geschlecht, die sie ihr durch einen glücklichen Impuls
einhauchten. Sie bilden gute Bürger, treue Freunde, Untertanen, die Aufruhr und
Tyrannei in gleichem Grade verabscheun, voll Eifer, nur fürs allgemeine Beste.
Ihnen, den Schriftstellern, ist man die Tugenden schuldig, die die Sicherheit
und den Reiz des Lebens ausmachen; was ist man ihnen nicht schuldig?«
    So sah Friedrich die Wissenschaften an, und dies blieb sein Bekenntnis. Die
Talente, die hiezu dienten, schätzte er an Voltaire, in seiner Jugend fast über
die Masse, in seinem höheren Alter mässiger; doch blieb ihm stets die hohe Achtung
für einige grosse Stücke seines Lehrers, die er von andern sehr unterschied und
ihm darüber offen seine Meinung sagte. Unter Waffen und im höchsten Alter hielt
er die Wissenschaften nicht nur für sein schönstes Vergnügen, sondern auch dem
Staat und der menschlichen Gesellschaft unentbehrlich; ohne sie, meinte er,
würden und blieben Fürsten, Stände und Völker Barbaren; Wissenschaften allein
haben die Welt erleuchtet und einige auserwählte Seelen des Menschengeschlechts
veredelt.
 Blüht, ihr freundlichen Künste,
 Blüht! Die goldenen Fluten
 Des Paktolus benetzen
 Euch in Zukunft die Wurzeln
 Eures heiligen Hains.
 Euch gebühret zu herrschen
 Über schwächere Geister,
 Und vor euren Altären
 Alle Söhne des Irrtums
 Feiernd opfern zu sehn.
 In der Mitternacht hör ich
 Oft den himmlischen Wohllaut
 Eures Wettgesangs, höre
 Polyhymniens Saiten
 Und Uraniens Lied.
 Und zerfliesse vor Wonne:
 Denn ihr singet die Taten
 Der unsterblichen Götter,
 Unterrichtet die Weisen
 Und Regenten der Welt.
 Angenehme Gefühle
 Und mein Genius reissen
 Allgewaltig mich zu euch,
 Ketten ewig an euren
 Siegeswagen mich an.9
    Fast immer tönet diese Stimme um mein Ohr, wenn ich Friedrichs Schriften
lese. Man wandelt in ihnen wie auf klassischem Boden; ein Gefühl für die Würde,
den Wert, die Schönheit der Wissenschaften ist in seine kleinsten und grössesten
Aufsätze verbreitet.
    Insonderheit lebt sein Geist in einer gewissen Reihe erwählter grösserer
Seelen, die er, meistens aus dem Altertum, sich zu Lieblingsnamen seiner
Phantasie, zu Vorbildern, an denen er gern verweilet, ausersehen hatte. In
Handlungen des Krieges und des Friedens, in Geschäften der Regierung und in
Beziehungen der Menschheit kommen sie ihm oft wieder, als alte Lehrer und
Freunde; so wie es denn bekannt ist, dass er nur wenige Schriftsteller, diese
aber immer von neuem las und in seine Gedanken prägte. Nach gewissen Jahren
wollte ihm das Neue nicht mehr gnugtun; er fand eine Spitzfindigkeit oder einen
matematischen Kalkül in Schriften, wohin dieser nicht gehörte. Die alten grossen
Formen weniger Hauptgedanken lagen in ihm, von denen er sich ungern trennen
mochte. In Sachen des Vortrags sah er Voltaire als die letzte Stütze des
Geschmacks an, der unter Ludwig XIV. gewesen war und unter Ludwig XV. und XVI.
freilich nicht mehr sein konnte. Dagegen sieht er seine eignen Aufsätze in
Versen bloss als Reimereien zum Vergnügen, in Prose als Übungen zu Entwicklung
seiner Gedanken an und spricht von ihnen ohn alle Anmassung. Diese Bescheidenheit
ist, wie man offenbar sieht, kalte Überzeugung; er fühlt, was ihm fehle und
warum er nicht sein könne, was z.B. Voltaire war. Er will's auch nicht sein;
denn er fühlt seinen grössern Beruf, ob er gleich den andern, ein grosser
Schriftsteller zu sein, als angenehmer erkennet und in Augenblicken des
Entusiasmus fast zu beneiden scheinet. Bald aber setzt sein Geist sich ins
Gleichgewicht: »Gesunder Verstand,« meint er, »ein edler Trieb zur Ehre und
unausgesetzte Tätigkeit sei seine Gabe, die wolle und müsse er auf seiner Stelle
ausbilden, anwenden und gebrauchen.«
    Fast unglaublich ist's auch, wie weit er in diesen Punkten nicht etwa nur
Voltairen, sondern auch seinen sämtlichen korrespondierenden Freunden überlegen
ist. Wenige, aber grosse Grundsätze liegen als unerschütterliche Fundamente in
seiner Seele; wenige, aber feste Maximen sind seine treuen Gefährten, auf die er
zuletzt, und als König oft mit sehr leichter Mühe, alles zurückführt. Einige
derselben wollten ihm im Siebenjährigen Kriege zuweilen untreu werden; er nimmt
aber seine grosse Seele zusammen und verbeisst die verachtende Bitterkeit, mit der
er insonderheit die Regierungen der Welt, ihre Unterhändler und Werkzeuge, wohl
auch den grösseren Teil des menschlichen Geschlechts ansieht. Ganz scheint er
indessen von dieser zu langen und grossen Überstrengung sieh nie wieder erholt zu
haben; sein Geist kehrte, nach Endigung des Siebenjährigen Krieges, zu seinen
früheren Vergnügen zwar zurück, war heiter, fest und wirksam, aber er blieb
strenger und ernster. Mit Bewunderung habe ich (wenige Vorurteile ausgenommen)
die fast allgemeine Billigkeit, Mässigung und Entaltsamkeit des grossen Königes
in seinen Urteilen von Sachen, Begebenheiten und Personen mir ausgezeichnet. Es
war eine selbständige, grosse Seele.
    Und dass sein Herz den Empfindungen der Humanität, der Freundschaft, der
Bruder- und Schwesterliebe, dem Zuge zu allem Grossen und Guten, nicht
verschlossen gewesen, zeigen hundert Stellen seiner Schriften, tausend Momente
seines Lebens. In jüngern Jahren hatte er einen Brief über die Humanität
geschrieben, von dem er viel zu halten scheint, den ich aber in seinen Schriften
nicht finde; er sagt von ihm:
    »Es scheint, man stärke sich in einer Gesinnung, wenn man seinem Geist alle
Gründe vorhält, die sie unterstützen. Und dies bestimmte mich, über die
Humanität zu schreiben. Sie ist, nach meiner Meinung, die einzige Tugend und
soll insonderheit denen als Eigentum zugehören, die ihr Stand in der Welt
unterscheidet. Ein Landesherr, er sei gross oder klein, soll als ein Mensch
angesehen werden, dessen Beruf es ist, menschlichem Elende abzuhelfen, soviel er
kann; er ist ein Arzt, die mancherlei Unfälle seiner Untertanen zu heilen.
    Die Stimme der Unglücklichen, das Seufzen der Elenden soll zu ihm gelangen.
Sei es aus Mitleid mit ihnen oder aus einer Rückkehr des Gedankens auf ihn
selbst, so muss ihn die traurige Lage der Leidenden rühren, und wenn sein Herz
irgend Empfindung hat, werden sie Hülfe bei ihm finden.
    Ein Fürst ist gegen sein Volk, was das Herz dem Körper ist. Dies empfängt
das Blut aus allen Gliedern und stösst es mit Gewalt bis an ihre äussersten Enden
zurück. Der Fürst empfängt die Treue und den Gehorsam seiner Untertanen; er gibt
ihnen Überfluss, Glückseligkeit, Ruhe, und was irgend zum Wachstum und zum Wohl
der Gesellschaft tun kann, wieder.
    Dies sind Maximen, die im Herzen jedes Menschen von selbst entspringen
müssen; das Gefühl gibt sie, wenn man nur etwas nachdenkt; man hat keinen grossen
Kursus der Moral nötig, um sie zu lernen.
    Tyrannen betrachten die Sache anders. Sie sehen die Welt als für sie
geschaffen an; und um über gewisse gewöhnliche Unglücksfälle erhoben zu sein,
verhärten sie ihr Herz vor denselben. Wenn sie ihre Untertanen unterdrücken,
wenn sie hart, gewalttätig und grausam sind, so kommt dies daher, dass sie das
Böse nicht kennen, das sie verüben; sie haben es nie selbst gefühlt, darum gehen
sie so leicht darüber. Sie sind nicht im Fall des Mucius Scävola gewesen, der
vorm Porsenna die Hand ins Feuer steckte und dadurch die Wirkung des Feuers auf
seine Hand wohl kennenlernte.
    Mit einem Wort. Die ganze Haushaltung des menschlichen Geschlechts ist
eingerichtet, um Menschenliebe einzuflössen. Die Ähnlichkeit der Menschen
untereinander; die Gleichheit ihres Loses und das unentbehrliche Bedürfnis, das
einer vom andern hat; Unglücksfälle, die die Bande des Bedürfnisses noch stärker
anziehen; die natürliche Neigung, die man zu seinesgleichen hat; unsre
Selbsterhaltung, die uns Humanität predigt; die ganze Natur scheint sich zu
vereinigen, um uns eine Pflicht einzuprägen, die unser Glück macht und täglich
neue Annehmlichkeiten auf unser Leben verbreitet.«
    Wenn Friederich immer so gefühlt und getan hat, als er hier schreibt (und es
war gewiss sein Ernst, da er es schrieb; auch wurden ihm in den unhumansten
Situationen seines Lebens diese Gesinnungen nie ganz fremde), so wollen wir ihn
als einen Heiligen anrufen, dass er uns seinesgleichen humane Denker, väterliche
Regenten, Ärzte und Herzen des Volks erbitten helfe. Auch wollen wir wünschen,
dass alle Fürsten und Prinzen die meisten seiner Werke (sie sind ja französisch
geschrieben) lesen mögen, und zwar also, als ob sie den grossen König selbst
hörten.
                                       8.
    Wenn König Friederichs Lob auf die Humanität Ihnen gefällig gewesen, so
lassen Sie sich einige kürzere Gedanken und Maximen vortragen, die ich in diesen
angenehmen Briefen bezeichnet.
    
    »Traurige Folge der menschlichen Hinfälligkeit! der Mensen ist nicht alle
Tage sich selbst gleich. Oft zerstören sich ihre Entschlüsse ebenso schnell, als
sie sie fassten. Der Spanier sagt sehr vernünftig Dieser Mann ist brav gewesen.
Könnte man nicht ebensowohl sagen, dass grosse Männer es nicht immer, nicht
allezeit sind?«
    
    »Wenn ich etwas wünschte, so wäre es, gelehrte und gescheute Leute um mich
zu haben; ich glaube nicht, dass eine Sorge um sie sich nicht sehr belohnte.
Zuerst ist es eine Achtung, die man ihrem Verdienst schuldig ist, sodann ein
Bekenntnis des Bedürfnisses, das man hat, von ihnen Licht zu bekommen. Ich komme
kaum von Erstaunen zurück, wenn ich denke, dass eine kultivierte Nation, die, vom
Genie unterstützt, im Besitz des guten Geschmacks ist, den Schatz nicht kennet,
den sie in ihrem eignen Schosse trägt.«
    
    »Meine jetzige Musse lässt mir Zeit, mich zu beschäftigen, wie ich will. Sie
soll mir also nützlich und eine weise Musse werden, indem ich Philosophie und
Geschichte studiere und mich mit Poesie und Musik vergnüge. Ich lebe jetzt als
Mensch und ziehe dies Leben der majestätischen Gravität und dem tyrannischen
Zwange der Höfe unendlich vor. Überhaupt kann ich keine Lebensart, nach der Elle
abgemessen, ausstehn; nur die Freiheit hat für mich Reize.«
    
    »Wenn Personen von einem gewissen Range die Hälfte ihrer Laufbahn erreichen,
so urteilt man ihnen den Preis zu, den andre nur erhalten, wenn sie die ganze
Laufbahn zurückgelegt haben. Woher dieses? Entweder wir sind weniger fähig, das
recht zu machen, was wir tun sollen, oder es sind niedrige Schmeichler, die
unsre kleinsten Handlungen geltend machen und zum Himmel erheben. Der verstorbne
König von Polen rechnete grosse Summen ziemlich leicht; alle Welt pries seine
hohe Kenntnis der Matematik, von der er doch kein Wort verstand. Mehrere
Beispiele mag ich nicht anfahren. In unsern Tagen hat es durchaus keinen grossen
Fürsten gegeben, der wirklich unterrichtet war, als Peter den Ersten.« (Und auch
bei diesem macht Friedrich in der Folge mit Recht grosse Ausnahmen.)
    
    »Wie verschieden ist ein betrachtendes von einem handelnden Leben! Ein Mann,
der sich nur mit Denken beschäftigt, kann gut denken und sich übel ausdrücken;
ein handelnder Mann, wenn er sich auch mit aller ersinnlichen Grazie ausdrückte,
darf nie schwach handeln; wie man z.B. dem Könige von England, Jacob I.,
vorwarf, dass er nie etwas Schlechtes gesagt, nie etwas Lobwürdiges getan habe.
Es füget sich oft, dass die, die gegen Handlungen andrer am meisten deklamieren,
es schlechter als sie machen, wenn sie sich in den nämlichen Umständen befinden.
Dass es ja mir nicht also gehe! Denn leichter ist's freilich zu tadeln, als zu
tun; leichter, Lehren zu geben, als sie auszuüben. Und dann lassen Menschen sich
ja so leicht verführen, bald durch Anmassung, bald durch den Glanz ihres Standes
oder durch Hinterlist der Bösen, dass ihr Gewissen bestrickt wird, auch wenn sie
die reinsten und besten Absichten von der Welt hätten.«
    
    »Ich habe wenig Verdienst und Gelehrsamkeit, aber viel guten Willen und eine
unerschöpfliche Achtung und Freundschaft für Personen von entschiedenem Wert.
dabei bin ich alle der Beständigkeit fähig, die die wahre Freundschaft fodert.«
    
    »Könige ohne Freundschaft und ohne Erkenntlichkeit scheinen mir dem Könige
gleich zu sein, den Jupiter den Fröschen gab. Ich kenne die Undankbarkeit nur
insofern, als ich selbst durch sie gelitten habe, und kann, ohne Affektation
fremder, mir unnatürlicher Gesinnungen, behaupten, dass ich jeder Grösse entsagen
würde, wenn sie die Freundschaft ausschlösse.«
    
    »Ich verachte die Jesuiten zu sehr, als dass ich ihre Schriften lesen sollte;
ein schlechtes Herz verdunkelt bei mir die Fähigkeiten des Geistes. Überdem
leben wir nur so kurze Zeit und unser Gedächtnis ist so schwindend, dass nur das
Ausgesuchteste uns unterrichten sollte.«
    
    »Die deutschen Prinzen verachten gemeiniglich die Gelehrten. Die unmodische
Kleidung, der Bücherstaub, der diesen etwa anhangt, und das wenige Verhältnis,
das zwischen einem kenntnisreichen Kopf und dem leeren Hirn dieser Herren
stattfinden kann, macht, dass sie sich über ihr Äusseres aufhalten und den grossen
Mann ohne Hofkleid ganz und gar nicht gewahr werden.10 Der Höfling hält das
Urteil des Fürsten zu hoch, als dass er anders als er zu denken sich getrauen
sollte; sie affektieren also auch, die zu verachten, die tausendmal mehr als sie
selbst wert sind. O Zeiten! o Sitten! Ich, der ich mich überhaupt nicht für das
Zeitalter geschaffen fühle, in dem wir leben, mag dem Beispiele meiner Herren
Mitbrüder nicht nachfolgen; ich predige ihnen unaufhörlich, dass der Gipfel der
Unwissenheit Hochmut sei, und glaube, dass ein grosser Mann, der über mir ist,
auch meine Achtung verdiene.«
    
    »Das lebhafteste Vergnügen, das ein vernünftiger Mensch in der Welt haben
kann, ist, neue Wahrheiten zu entdecken; das nächste nach diesem ist, alter
Vorurteile loszuwerden.«
    
    »Die meisten Prinzen haben eine besondre Leidenschaft für die Stammbäume,
eine Art Eigenliebe, die bis auf die entferntsten Vorfahren hinaufsteigt, ja die
sie nicht nur für Vorfahren in gerader, sondern auch in jeder Seitenlinie
interessieret. Ihnen sagen, dass unter ihren Ahnen schlechte, mitin verächtliche
Menschen gewesen, hiesse ihnen ein Schimpf, den sie nie verzeihen; und wehe dem
profanen Autor, der in das Heiligtum ihrer Geschichte verwegen dränge und die
Schande ihres Hauses unter die Leute brächte! Wenn diese Delikatesse sich bloss
auf den guten Ruf ihrer Ahnen mütterlicher*seits erstreckte, so wäre er noch zu
entschuldigen, aber verlangen, dass fünfzig, sechzig Vorfahren, alle nach der
Reihe, die honettsten Menschen von der Welt gewesen sein, das heisst die Tugend
in eine Familie bannen und dem menschlichen Geschlecht unrecht tun. Eines Tages
hatte ich die Unbedachtsamkeit, in Gegenwart jemandes zu behaupten, dass ein Herr
von - so etwas getan habe, das einem Kavalier nicht gezieme; unglücklicherweise
war dieser Herr von - zweites Geschwisterkind mit dem, in dessen Gegenwart ich
dies sagte. Er formalisierte sich sehr darüber, und als ich ihn um die Ursache
fragte, musste ich erst durch einen langen Stammbaum passieren, um meine
Beleidigung zu erfahren. Da war nun kein andrer Rat, als dem Unwillen meines
Beleidigten alle meine Vorfahren preiszugeben, die etwa nicht verdient hätten,
es zu sein. Man tadelte mich; ich rechtfertigte mich aber damit, dass jeder Mann
von Ehre, jeder honette Mann meines* Stammes sei und dass ich sonst keinen dafür
erkennte.«
    
    »Gern würde ich unter einem gemässigten Klima leben, gern als Privatmann die
Freundschaft und Achtung würdiger Menschen verdienen und dem entsagen, wornach
die meisten lüsten und streben; aber ich fühle zu sehr, dass, wenn ich nicht
Prinz wäre, ich wenig sein würde. Euch reicht euer Verdienst zu, geachtet,
beneidet, bewundert zu werden; ich habe Ahnen, Wappen, Titel, Einkünfte nötig,
um die Augen der Menschen auf mich zu ziehen. Ein grosser Fürst fiel einmal in
die Hände seiner Feinde; er sah seine Hofleute um sich her weinen, verzweifeln 
Ach, sagte er, an euren Tränen merke ich, dass ich noch König bin! Wenige Worte,
aber voll grossen Sinnes!«
    
    »Brüssel und fast das ganze Deutschland ist seiner alten Barbarei noch nicht
los; die Künste werden in ihm wenig geachtet, also auch wenig kultivieret. Der
Adel dient unter den Truppen, oder mit sehr leichten Studien tritt er in
Collegia und spricht das Recht, dass es eine Lust ist. Edelleute mit Renten leben
auf dem Lande, oder vielmehr in den Wäldern, wo sie denn auch so wild werden als
die Tiere, die sie jagen. Der Adel unsres Landes gleicht zwar im ganzen dem
andern deutschen Adel; doch hat er mehr Lust, sich zu unterrichten, mehr
Lebhaftigkeit und, wenn ich sagen darf, mehr Genie als der grössere Teil der
Nation, insonderheit der westfälische, fränkische, schwäbische, österreichische
Adel. Dies gibt Hoffnung, dass die Künste einst auch hier, aus der untern Klasse
gezogen, gute Häuser und Paläste bewohnen werden. Berlin hat (wenn ich mich so
ausdrücken darf) Funken aller Künste in sich, man sieht das Genie von allen
Seiten hervorglimmen, und es bedürfte nur eines glücklichen Hauchs, um das Leben
den Wissenschaften wiederzugeben, die Aten und Rom einst berühmter machten als
ihre Eroberungen im Kriege. Ich freue mich, diese glücklichen Produktionen
meines Vaterlandes zu sehen: sie sind Rosen, die unter Dornen und Disteln
wachsen, Funken des Genies, die durch die Asche hervorblicken, mit denen sie
unglücklicherweise bedeckt sind.« (Geschrieben im Jahr 1739.)
    
    »Eben hatte ich einen Brief angefangen über die Missbräuche der Mode und der
Gewohnheit, als die Gewohnheit des Erstgeburtrechts mich auf den Tron rief und
mir meinen Brief wegzulegen befahl. Gern hätte ich ihn in eine Satire gegen
diese Gewohnheit umgeändert, wenn nicht Satire aus dem Munde der Fürsten
verbannt sein müsste.«
    
    »Gewöhnlicherweise macht man sich in der Welt von den grossen Revolutionen
der Reiche eine abergläubige Idee; wenn man in den Kulissen ist, sieht man, dass
die grössten Zauberszenen durch die gemeinsten Triebfedern, durch Taugenichte
hervorgebracht werden, die, wenn sie sich öffentlich, wie sie sind, zeigten, nur
den Unwillen des Publikum auf sich ziehen würden. Betrug, Hinterlist,
Doppelsinn, Treulosigkeit sind unglücklicherweise der herrschende Charakter der
meisten Menschen, die an der Spitze der Nationen stehen und ihnen Exempel sein
sollten. In solchen Fällen ist's demütigend, das menschliche Herz
kennenzulernen; tausendmal schon habe ich meine liebe Einsamkeit, meine Studien,
meine Freunde, meine ehemalige Unabhängigkeit zurückwünschend bedauret.« (1742.)
    
    »Meine Ode auf den Krieg entält meine wahren Gedanken. Man unterscheide den
Stand des Mannes von ihm selbst, man kann Krieg führen aus Gründen, ein
Staatsmann sein aus Pflicht und ein Philosoph aus Neigung. Fast nie sind die
Menschen an Plätzen, die sie sich selbst wählen würden, daher gibt's so viele
schlechte Schuster, schlechte Priester, schlechte Minister und Fürsten.« (1749.)
    »Hier ist eine Apologie der armen Könige, über die jedermann glossieret; und
doch beneidet jeder ihr vorgegebnes Glück hundertmal. Die Versifikation ist
unvollkommen; dies Studium erfordert einen Menschen ganz; mich ziehen tausend
Pflichten, tausend Beschäftigungen auseinander. Ich bin ein angeketteter
Galeerensklave auf dem Schiff des Staats oder ein Pilot, der weder sein Steuer
verlassen noch einschlafen darf, ohne Furcht, das Schicksal des unglücklichen
Palinurs zu haben. Die Musen fodern Stille und eine gänzliche Gleichheit der
Seele; keine von beiden ist mein Teil. Es gibt auch gewisse privilegierte
Seelen, die im Tumult der Höfe sowohl als im Gefängnis der Bastille oder auf dem
Strohsack der Reise dichten können; die meinige ist nicht von dieser Zahl. Es
ist eine Ananas, die nur im Treibhause fortkommt, an frischer Luft aber
verdirbt.« (1749.)
    
    - - Doch ich ermüde Sie mit Vorzeigung ausgerissener Blumen, die eigentlich
nur auf der Stelle, da sie stehen, in der Situation, die sie hervorbrachte, den
schönsten Reiz haben. Stünde mir die Versifikation eines Jacobi zu Gebot, und
ich hätte Ihnen die eingestreueten Verse in der leichten Manier des Originals
mitgeben können, freilich, da wäre es anders!
                                       9.
    Sie wollen also, dass ich meine Blumenlese auch in den reiferen, schwereren
Jahren des Königs fortsetze; Ihr Wille geschehe. Fast mit jedem Jahre wächst
meine stille Bewunderung des grossen Mannes, und in den Zeiten des Siebenjährigen
Krieges steigt sie fast zum hohen tragischen Mitleid. Eine Seele, die zum Genuss,
zur schönsten Wirksamkeit in Zeiten der Ruhe und des Friedens geschaffen war,
die in jugendlichen Jahren ihren ersten und zweiten Ausflug nach dem Kranz
kriegerischer Ehre gleichsam nur in der Begeisterung des Augenblicks, gelockt
oder aufgelodert von Staats gründen, von sogenannten Rechten und der damaligen
Lage Europas, rasch und glücklich getan hatte, muss jetzt diesen leicht
erworbenen Kranz schwer und teuer erkaufen. Alle Mächte Europas vereinigen sich,
den schwachgeglaubten, einzelnen Mann zu erdrücken, und seine unglaubliche
Tapferkeit, sein unerschütterter Mut fodert, statt ihre Rache zu besänftigen,
diese nur mehr auf. Er sieht die niedrigen Urheber und Werkzeuge seines fast
schon unvermeidlichen Unglücks; mehr als ein Ungewitter zieht er mit
künstlich-kühner Hand auf seine Feinde selbst hernieder; und doch sammeln sich
die Wolken immer furchtbarer über ihn zusammen. In diesen Augenblicken der
Gefahr, des Sieges, der grösseren Gefahr und des fast unvermeidlichen Untergangs
sind tief aus der Seele des Helden geschriebene Briefe Dinge, die wir bei keiner
andern Nation, weder bei alten noch neueren, finden. Aus Cato, Cäsars, Brutus,
Oto Seele haben wir nichts dergleichen; keiner von ihnen hat auch die Gefahren
bestanden, aus denen Friedrich sich, vielleicht in Jahrtausenden unerreichbar,
herauszog. Da wird's merkwürdig, was dieser starke, friedliche Mann jetzt über
Menschen, über das Schicksal der Welt dachte.
    Sogleich der erste vortreffliche Brief (9. Oktob. 1757), der sich mit den
Worten endigt:
 Pour moi, menacé du naufrage,
 Je dois, en affrontant l'orage,
 Penser, vivre et mourir en Roi
    und mehrmals übersetzt ist, entüllet die Denkart des Königes. In andern
sind fürchterliche Ausrufe mit gefasster Stärke: »Ich kann meinen Feinden sagen,
wie Demostenes den Ateniensern: Wohl dann! wenn Philippus tot ist, was wäre
es, ihr Atenienser? Ihr würdet euch bald einen andern Philippus machen. O
Östreicher, euer Hochmut, eure Sucht, alles zu beherrschen, würden euch bald
andre Feinde machen; der Freiheit Deutschlands und Europas wird es nie an
Verteidigern fehlen!«
    Indessen betrübt ihn der Tod seiner Schwester aufs zarteste, »für die er
sein Leben unter dieser Unglücksfällen gern würde hingegeben haben«.
    Er wird geschlagen und sagt wie Franz: »Alles ging verloren, nur nicht die
Ehre.«
    »Je älter man wird, je mehr überredet man sich, dass die heilige Majestät,
der Zufall, drei Vierteile dieser elenden Welt regieret und dass die, die sieh
die Weisesten zu sein einbilden, die grössten Narren der Gattung sind, die ohne
Federn auf zwei Füssen geht, zu der wir zu gehören die Ehre haben.«
    
    »In den grossen Bewegungen, denen ich entgegengehe, habe ich nicht Zeit, zu
wissen, ob jemand Pasquille gegen mich schreibt in Europa; das weiss ich und
dessen bin ich Zeuge, dass meine Feinde, mich zu erdrücken, alle Kräfte
aufbieten. Ich weiss nicht, ob es der Mühe lohnet.«
    
    »Es scheint, man vergisst in diesem Kriege, was Wohlstand: sei. Die
poliziertesten Nationen kriegen wie wilde Tiere. Ich schäme mich der Menschheit;
ich erröte über das Jahrhundert. Lasset uns die Wahrheit gestehen: Philosophie
und Künste verbreiten sich nur auf eine geringe Zahl Menschen. Die grosse Masse,
das Volk und der gemeine Adel bleiben das, wozu sie die Natur gemacht hat,
boshafte Tiere.«
    
    »Ihr habt der Sorbonne ein Grab gemacht; baut auch dem Parlament ein
Grabmal. Es radotiert so stark, dass es mit ihm bald aus sein muss.«
    
    »Ihr wünschet Frieden; wendet euch an die, die ihn der Welt geben können.
Das sind aber Leute, die ihren Kopf voll hochmütiger Projekte haben; sie wollen
eigenmächtige Schiedsrichter der Regenten sein, und das mögen Menschen, die wie
ich denken, nicht leiden. Ich liebe den Frieden, aber keinen andern als einen
guten, standhaften, ehrenvollen Frieden. Sokrates und Plato hätten wie ich
gedacht, wenn sie auf dem verwünschen Punkt gestanden hätten, den ich in dieser
Welt einnehme.
    Glaubt ihr, dass es ein Vergnügen sei, dies alberne Leben fortzuführen?
Menschen, die man nicht kennt, um sich sterben sehen und sie dem Tode selbst zu
überliefern, Tag für Tag seine Bekannte und Freunde zu verlieren, seinen Ruf dem
Eigensinn des Ungefährs unaufhörlich ausgesetzt zu sehen, das ganze Jahr durch
in Unruhe und scheuer Erwartung zuzubringen, ohne End und Mass sein Leben und
Glück; aufs Spiel zu setzen?
    Gewiss, ich kenne den Wert der Ruhe, die Annehmlichkeiten der Gesellschaft
und die Freuden des Lebens; auch ich wünsche glücklich zu sein, wie irgend
jemand. Sosehr ich aber diese Güter begehre, sowenig mag ich sie durch
Niederträchtigkeit und Ehrlosigkeit erkaufen. Die Philosophie lehrt uns, unsre
Pflicht tun, unserm Vaterlande selbst mit unserm Blut treu dienen, ihm unsre
Ruhe, ja unser ganzes Dasein aufopfern.«
    
    »Trotz aller Schulen der Philosophie wird der Mensch immerhin das
bösartigste Tier der Welt bleiben; Aberglaube, Eigennutz, Rache, Verrat,
Undankbarkeit werden bis ans Ende der Zeiten blutige, traurige Szenen
hervorbringen, weil Leidenschaften uns beherrschen, selten die Vernunft. Immer
wird's Kriege, Prozesse, Verwüstungen, Pest, Erdbeben, Banqueroute geben; um
solche Dinge drehen sich die Annalen der Welt. Für Unglücksfälle ist die Ägide
des Zeno gemacht; die Kränze aus dem Garten Epikurs sind für das Glück.«
    
    »Ich stehe auf dem Punkt, mich mit den Russen zu setzen; es bleiben mir also
nur die Königin von Ungarn, die Mandarinen des heil. Reichs und die
lappländischen Räuber fürs künftige Jahr übrig. Mein Herz hat mich diesen Gang
tun heissen, ein Gefühl der Menschlichkeit, das gern die Ströme Bluts versiegen
machen möchte, die beinah unsre ganze Sphäre überschwemmen, das gern den
Mördereien, Barbareien, Mordbrennereien und allen den Abscheulichkeiten ein Ende
machen möchte, die Menschen gegeneinander ausüben und durch die unglückliche
Gewohnheit, sich im Blute zu baden, Tag für Tag wilder werden. Dauret dieser
Krieg fort, so muss Europa in die Finsternis der Unwissenheit zurückfallen, und
unsre Zeitgenossen werden wilde Tiere. Es ist Zeit, diesen Scheusslichkeiten ein
Ende zu machen. Alle dies Unglück ist eine Folge der Ehrsucht Österreichs und
Frankreichs. Lass sie ihren ungeheuren Projekten Grenze setzen; lass, wenn die
Vernunft sie nicht weise machen kann, sie durch die Erschöpfung ihrer Finanzen,
durch den übeln Zustand ihrer Sachen weise werden! Erröten mögen sie, wenn sie
hören, dass der Himmel, der die Schwachen gegen den Anfall der Starken
unterstützt hat, den ersten auch Mässigung gnug verlieh, um von ihrem Glück
keinen Missbrauch zu machen und diesen den Frieden anzutragen. Das ist alles, was
ein armer, ermatteter, gereizter, gekratzter, gebissener, hinkender, geknickter
Löwe Euch sagen kann.« (1759.)
    
    »Schwert und Tod haben unter uns abscheulich gewütet, und, was das
Traurigste ist, wir sind noch nicht am Ende der Tragödie. Ihr könnt leicht
denken, was so grausame Stösse auf mich für Wirkung gehabt haben; ich hülle mich
in meinen Stoizismus, so gut ich es kann. Fleisch und Blut empören sich oft
gegen die tyrannische Herrschaft der Vernunft; sie müssen aber nachgeben. Wenn
ihr mich sehen solltet, würdet ihr mich kaum wiedererkennen: ich bin alt,
verfallen, greis, voll Runzeln, ich verliere Zähne und Lustigkeit. Wenn das
fortwährt, wird an mir nichts überbleiben als die Tollheit, Verse zu machen, und
eine unverletzbare Anhänglichkeit an meine Pflichten und an die wenigen
tugendhaften Menschen, die ich kenne. Meine Laufbahn ist schwer, voll Dornen und
Disteln. Ich habe allen Gram erprobt, der irgend die Menschheit kränken kann und
mir oft die schönen Verse wiederholet:
                   Beglückt, wer in der Weisen Tempel u. f.«
    »Ihr eifert gegen Jesuiten und Aberglauben. Es ist gut, gegen den Irrtum zu
streiten; glaubt aber nicht, dass die Welt sich je ändern werde. Der menschliche
Geist ist schwach, mehr als drei Vierteile der Menschen sind zu Sklaven des
ungereimtesten Fanatismus geboren. Die Furcht vor Hölle und Teufel benebelt
ihnen die Augen; sie verabscheuen den Weisen, der ihnen Licht schaffen will. Der
grosse Haufe unsres Geschlechts ist dumm und boshaft. Umsonst suche ich in ihm
das Bild der Gotteit, das ihm, wie die Teologen sagen, aufgeprägt worden.
Jeder Mensch hat ein wildes Tier in sich; wenige wissen es zu bändigen, die
meisten lassen ihm den Zügel, wenn die Furcht der Gesetze sie nicht zurückhält.
    Vielleicht findet ihr mich zu menschenfeindlich. Ich bin krank; ich leide;
und habe mit einem Halbdutzend *** und *** zu tun, die einen Sokrates und
Antonin selbst ausser Fassung bringen möchten. Ihr seid glücklich, dem Rat des
Candide zu folgen und euren Garten zu bauen; nicht jedermann in der Welt kann es
so gut haben. Der Ochs muss den Pflug ziehen wie die Nachtigall singen, der
Delphin schwimmen und ich Krieg führen.«
    
    »Je mehr ich dies Handwerk treibe, desto mehr überrede ich mich, dass das
Glück die grösseste Rolle dabei spiele. Ich glaube nicht, dass ich es lange
treiben werde; meine Gesundheit nimmt zusehends ab, und es kann leicht sein, dass
ich bald in das Land wandre, wo Gram und Schmerz, wo unsre Vergnügen und
Hoffnungen uns nicht mehr folgen, wo man sich in dem Zustande findet, in dem man
vor der Geburt war Vielleicht belustigt ihr euch bald mit meiner Grabschrift und
gebt Rechenschaft von mir, wie Babouc dem Engel Ituriel von Paris gab - -«
    Gnug. Muss man nicht unwillig werden, wenn man sieht, wie ein blühender Baum,
eine so grosse, schöne Seele, nicht vom Sturme des Schicksals, sondern von
giftigen Winden und Stürmen einer herrschsüchtigen Politik weniger schlechter
Menschen so gebeugt und zerknickt wird? Die feste Eiche daurete aus; der schöne
Palmbaum erhob sich; seine fröhliche, jugendliche Gestalt kam ihm aber nie ganz
wieder. Friedrich tat seinem Lande wohl, wie sein Geist im grossen ganzen es
erforderlich und nötig hielt; aber hart zu sein, hatte er wider Willen in einer
schweren Schule gelernet. Er sah die Gefahr seiner Länder, seiner Krone, die
Fortdauer seiner Macht; denn er hatte sie gegen ganz Europa behaupten müssen Wie
anders, als dass er fortan ernst und strenge an die Zukunft dachte und der von
ihm gegründeten Monarchie wenigstens das zum Schutz liess, was er ihr lassen
konnte, Gerechtigkeit, innere Ordnung, Kriegsheere und Geld. Man verzeihe ihm,
wenn er für diese Dinge auch auf harten Wegen sorgte. Die böse Politik, die
leider das Staatssystem Europas ausmacht, zwang ihn dazu, und freilich gingen
manche zartere Zweige der Humanität, die der an sich selbst fühlbare, fröhliche
Charakter Friederichs gewiss würde angebauet haben, dabei verloren. Hat überhaupt
die Menschheit in Europa einen grösseren Feind als diese Politik der Höfe in
jenem sogenannten grossen Staatensystem nebst allem, was dazu gehöret?11
                                      10.
                                 An den Kaiser
 Den Priester rufst du wieder zur Jüngerschaft
 Des grossen Stifters, machest zum Untertan
 Den jochbeladnen Landmann, machst den
 Juden zum Menschen. Wer hat geendet,
 Wie du* beginnest? Wenn von des Ackerbaus
 Schweiss nicht für ihn auch triefet des Bauern Stirn,
 Pflügt er nicht Eigentum dem Säugling,
 Seufzet er mit, wenn von Erntelasten
 Der Wagen seufzt: so bürdet Tyrannenrecht
 Dem Unterdrückten Landeserhaltung auf,
 Dienst, den die blut'ge Faust des Stärkern
 Grub in die Tafel. Und die zerschlägst du.
 Wen fasst des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht,
 Wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht!
 Und tut der's nicht, weil unsre Fürsten
 Sie in zu eiserne Fessel schmieden?
 Du lösest ihnen, Retter, die rostige
 Engangelegte Fessel vom wunden Arm;
 Sie fühlen's, glauben's kaum. So lange
 Hat's um die Elenden her geklirret.
 Wir weinten Unmut, dass uns der Römer Rom
 Zwar nicht beherrschte, aber doch peinigte;
 Und blutig ist die andre Träne,
 Dass uns der Römlinge Rom beherrschet,
 Dass Deutschlands Kaiser Bügel des Zelters hielt,
 Dass Deutschlands Kaiser nackt um die Teufelsburg
 Herging, erfror, wenn nicht Matildis -
 Aber du kommst kaum und siehst, so siegst du.
 Nun mag der dreikrontragende Obermönch
 Mit allen seinen purpurbemäntelten
 Mönchlein das Kanonsrecht, wie weit es
 Walte, beschielen: denn du wirst sehen!
    So bewillkommte Klopstock den Kaiser Joseph auf seinem Kaisertrone; mit
welcher sonderbaren Empfindung lasen wir die Ode, die ich vorher nicht gekannt
hatte, eben jetzt nach seinem vernommenen Tode. Es entspann sich darüber
zwischen meinem Freunde und mir eine Art elegischen Gesprächs, das ich Ihnen
hersetzen will, soweit ich mich dessen erinnere.
                 Gespräch nach dem Tode des Kaiser Josephs II.
    A. Ein sonderbares Ding ist der Tod eines Monarchen. Wir sahen ihn bei
Joseph vorher, wir wussten, dass der Kranke sich ihm nahte; und jetzt, da über ihm
die Totenglocken tönen, welch eine andre Empfindung! Ohne ihn gekannt und von
ihm eine Wohltat genossen zu haben, hätte ich weinen mögen, da ich die letzten
Umstände seines Lebens las. Vor neun Jahren, da er auf den Tron stieg, ward er
als ein Hülfsgott angebetet und von ihm das Grösseste, Rühmlichste, fast das
Unmögliche erwartet; jetzt trägt man ihn als ein Söhnopfer der Zeit zu Grabe.
Hat je ein Kaiser, hat je ein Sterblicher, möchte ich sagen, mehr gewollt, sich
mehr bemühet, mehr angestrebet, rastloser gewirket als er? Und welch ein
Schicksal, vorm Angesichte des Todes in den besten Lebensjahren die Erreichung
seiner Absichten nicht nur aufgeben, sondern die ganze Mühe und Arbeit seines
Lebens förmlich widerrufen, feierlich ausstreichen zu müssen, und so zu sterben!
Mir ist kein Beispiel in der Geschichte bekannt, dass es einem Monarchen so hart
gegangen wäre.
    B. Das war das Schicksal des Monarchen; setzen Sie noch das Verhängnis
hinzu, das ihn als Menschen traf. Das einzige, was er in seinem Hause mit
Zärtlichkeit liebt, der letzte Gegenstand seiner Familienhoffnung wird ihm
genommen - und damit der Schmerz so empfindlicher sei, eben nach dem Aufblick
der Freude, unerwartet genommen! Sein Liebling muss so dicht vor ihm das Opfer
des Grabes werden, dass seine Leiche die ihrige aus dem Kaiserhause gleichsam
wegdrängt und sein Leben sich nur solange zu fristen scheint, damit vor seinen
Augen noch dessen letzte Freude zerknickt werde! -»Begrabet sie,« sprach er,
»damit für meine Leiche Platz werde!« Ein einziges Schicksal!
    A. Der Unglückliche konnte zuletzt nicht sagen: »Ich kam, ich sah, ich
siegte!,« kaum: »Ich kam, ich sah, ich wollte!«
    B. Beruhigen Sie sich. Auch darin schon liegt viel, wie er sagen zu können:
»Ich sah und wollte!«
    Er hat viel, sehr viel, und weniges müssig gesehen. Allentalben, wo es in
andern Ländern besser war, oder ihm besser zu sein schien, sammlete er mit
rastloser Tätigkeit Gedanken, Entwürfe in seine Seele -
    A. Die der Tod ihm jetzt alle raubet! - Ja, ja! er hat vieles, fast zu
vieles gesehen. Nicht mir die Länder Europas, die er bereisete, nicht nur das
Innere seiner Länder, die er als Erbe und Mitregent früh und lange genug bis zum
kleinsten Detail kennenlernte, nicht dies nur! Er sah eben damit auch Gruben des
Schlammes, die ihn erbitterten, Pfützen und Moräste von Untreue, Schwelgerei,
Üppigkeit, Trägheit, Unordnung, die er mit Gewalt ausfüllen und zum gesunden
Garten machen wollte und in deren Abgrunde er erliegt. Der Unrat schlägt über
ihm zusammen, und vielleicht kommt die ganze alte Verfassung wieder.
    B. Das wollen wir nicht glauben. Er bekommt einen Nachfolger, der ein
geprüfter Haushälter, ein versuchter Regent ist, von dem Joseph selbst zum Teil
gelernt und geborgt hatte -
    A. Und doch wollte er, fast ohne Ausnahme, der letzten Absicht nach, lauter
Billiges, Nützliches, Gutes! Oft war, was er wollte, nur erste Pflicht der
Vernunft, der Humanität, der gesellschaftlichen Rechte; an etwas
Ausserordentliches und Überfeines war während seiner Regierung lange noch nicht
zu denken. Dennoch erregt er in allen Provinzen und Ländern, auch bei Ständen,
denen er am meisten helfen wollte, murrende Unzufriedenheit; er stirbt beim
Ausdruck eines allgemeinen Ungewitters, des Aufruhrs in seinem weiten Reiche -
    B. Wollen wir nicht, m. Fr., diesen Ort verlassen, wo die Totenglocken uns
übertäuben? Was hilft über einen Unglücksfall das blosse Staunen? Wir wollen
freie Luft suchen und uns darüber frei unterreden.
    (Wir gingen auf eine angenehme Höhe, auf der die zahlreichen Dörfer der
ringsum liegenden Ebene ein angenehmer Anblick waren. Die Totenglocken, die von
den Landkirchtürmen in der Entfernung tönten, machten eine sanftere Harmonie,
und unser Gespräch knüpfte sich bald von neuem an.)
    B. Woher glauben Sie denn, dass das ungewöhnliche Schicksal Josephs gekommen
sei? Alle Dinge in der Welt haben ihre Ursache.
    A. Wie mich dünkt, stand er dem grossen Friedrich zu nahe; und es war Natur
der Sache -
    B. Wieso zu nahe? Friedrich hat ihm doch nicht geschadet. Er hat ihm zu
einem grössern Schlesien, den Königreichen Galizien und Ludomirien geholfen; aus
dem Bayrischen Sukzessionskriege gegen Friedrich kam Joseph auch mit fast
unerwarteter Ehre. Überdem hat Friedrich von ihm meistens sehr günstig
geurteilt, und der alte König glaubte wohl nicht, dass Joseph ihm sobald
nachfolgen würde.
    A. So meine ich's nicht. Denken Sie sich die Lebensgeschichte des Kaisers.
Mit ihm als einem Säuglinge musste seine Mutter nach Ungarn flüchten und ihn als
einen Gegenstand des Mitleidens den Ständen zeigen; vor wem flüchtete sie? gegen
wen erbat sie sich Mitleid und Beistand? Was war also natürlicher, als dass der
Name Friedrichs dem Kinde und Jünglinge oft genannt werden musste; denn eben auch
die Jahre, in denen der Geist des Menschen aufwacht, fielen bei Joseph in die
Zeit des Siebenjährigen Krieges -
    B. Dem er dazu nicht beiwohnen durfte!
    A. Notwendig ward Friedrich ihm als Nachbar, als Feind seines Hauses, noch
mehr aber als der König und Kriegsmann, für den er damals mit einem ganz
einzelnen Glück und Ruhm galt -
    B. Und immer gelten wird! -
    A. Ein Gegenstand der dringendsten Nacheiferung.
    B. Und worin eiferte er ihm zuerst nach?
    A. In allem. Er wollte selbst regieren, wie Friederich.
    B. Das Selbstregieren ist ein erhabener Gedanke; wäre es aber vom
Alleinbefehlen nicht sehr unterschieden? Friedrich teilte die Geschäfte, die
auszuführen waren, mit grossem Bedacht nicht nur ein, sondern auch aus. Er
verrichtete, was für ihn gehörte, mit Leichtigkeit und überliess andern, was sie
tun sollten.
    A. Das tat Joseph auch. Haben Sie das Reglement nicht gelesen, das er bei
seiner zweiten Reise nach Italien den Chefs aller seiner Departements nachliess?
Er wollte nur befohlen haben, und sie sollten ausführen; sie sollten seine
Befehle selbst nach Ort und Stelle modifizieren.
    B. Das ist mehr, als ein Gesetzgeber sonst zu verstatten pflegt. Aber auf
die Geschäfte und die Geschäftigkeit des Monarchen selbst wieder zu kommen,
Friedrich sah nicht nur, sondern er übersah auch vieles, sobald er nur seinen
Hauptzweck erreichte.
    A. Ob dieses ein uneingeschränktes Lob wäre?
    B. Dafür gebe ich es auch nicht; genug, als ein einzelner Mensch erreichte
er damit seinen Endzweck. Er blickte in das Detail der Dinge nicht zu tief,
damit er sich nicht verwirrte.
    A. Die Ersparung würde Joseph mit der Zeit auch gelernt haben.
    B. Friedrich fing nicht zuviel, nicht alles* auf einmal an.
    A. Joseph tat's, weil für ihn so viel, ja alles* zu tun war. Vielleicht
ahndete er, dass er nicht lange leben würde; zudem verwickelte ihn eins ins
andre; er glaubte, nichts könne ganz gesehenen, wenn nicht alles* begonnen
würde. Hatte er darin so ganz unrecht?
    B. Nicht unrecht, aber es ging über Menschenkräfte. Überdem zerstreuete
Friedrich sich nicht, er reisete nicht -
    A. Dem Kaiser waren diese Zerstreuungen Belehrung; sie waren ihm das einzige
Vergnügen, seiner Gesundheit selbst unentbehrlich.
    B. Friedrich, der in jüngern Jahren zu reisen ausserordentliche Lust hatte,
entsagte, sobald er Regent war, allen Reisen in fremde Länder; er betrachtete
sich als Steuermann auf dem Schiff seiner Staaten. So angenehm er in
Gesellschaften hätte werden können, so begnügte er sich dennoch an einer
Gesellschaft weniger erlesenen Freunde und wählte sieh eine andre noch einsamere
Ergötzung, die er unausgesetzt, obwohl sehr regelmässig trieb, ja die ihm bald so
unentbehrlich ward als den Morgenländern das Opium -
    A. Sie meinen die Lektüre?
    B. Die Lektüre und Schriftstellerei, das Lesen und Schreiben; beide sind
voneinander auch vielleicht unzertrennlich. Durchs Schreiben lernt man lesen und
hören, durchs Hören lernt man schreiben und wird dazu getrieben, begeistert.
    A. Ob das aber einen Regenten nicht zu sehr zerstreuen möchte? Kaiser und
Autor!
    B. Autor muss ein Kaiser und jeder Regent unausbleiblich werden, indem er
Gesetze, Verordnungen bekanntmacht. Soll er also nur vor fremde Werke seinen
Namen schreiben, so schreibet er ihn meistens nur vor Werke, deren er sich
selbst schämet.
    A. Das war Josephs Fall nicht. Er schrieb selbst Gesetze.
    B. Und grossenteils vortreffliche. Glauben Sie aber, dass das ewige
Gesetzschreiben einem Regenten genug ist, zur geistigen Erheitrung, zur
Verjüngung seiner Seele? Friedrich las und schrieb bloss und allein zu Bildung
seines* Geistes, zur Erfrischung und Ordnung seiner Gedanken: dann vergass er
Politik und Staatssorgen. Er lebte unter den Alten, dachte mit ihnen, mit grossen
Männern einer edlern Zeit. Er stärkte sich damit in jener hohen Einfalt fester
Grundsätze und der Erfüllung seiner Pflichten; er ward selbst ein Alter -*
    A. Welches alles freilich dem immertätigen Joseph entgehen musste! -
    B. Ihn, scheint es, hatte die Muse, als er geboren ward, mit ihrem
himmlischen Auge nicht gesegnet. Jesuiten hatten ihn nicht gelehrt, was
Friedrich in der schweren Schule seiner Jugend durch eignen Aufschwung seines
Geistes sich selbst lehrte.
    A. Von Schriftstellern soll er überhaupt nicht gross gedacht haben.
    B. So wenig gross, dass er den ganzen Bücherhandel für einen Käsehandel ansah.
Ihm war also die Hauptquelle der innern höheren Freude und Ermunterung versagt,
aus welcher Friedrich schöpfte. Er wusste nur in unsrer Zeit zu leben; daher auch
sein Zeitalter unklassisch geblieben.
    A. Es hat indessen doch vortreffliche Schriftsteller in Wien, in Böhmen,
selbst in Ungarn unter ihm gegeben.
    B. Unter ihm, aber nicht durch ihn.
    A. Bei Friedrich mochte das derselbe Fall sein.
    B. Friedrich fand die Literatur seiner Länder auf einem Fuss, dass sie sich
selbst fortelfen konnte. Sie war sogar gegen die Barbarei seines Vorgängers
bestanden; mitin, sobald er nur die Freiheit zu denken nachliess und selbst
einen grossen, edlen Geschmack zeigte, so eiferte man nach, ja man flog voran.
    A. Auch Joseph verstattete die Freiheit zu denken.
    B. Vortrefflich! und noch edler, dass er sie nie zurückrief, wenn die
Freiheit gleich Frechheit ward und ihn selbst antastete. Möge dieser grosse Geist
sich auf seine Nachkommen fortbreiten! Damit aber erfüllte Joseph die Hoffnungen
lange nicht, die man fast unglaublich von ihm hatte -
    A. Überspannte Hoffnungen!
    B. Nicht überspannte, weil alles für ihn bereitstand und nur auf seinen Wink
wartete. Welch ein Zeitalter hätte Joseph erwecken können, für sich und für
andre! Bei dem unendlich vielen, was er sah, übersah er dieses.
    A. Der deutschen Sprache und Schaubühne indes hat er doch genutzet.
    B. Ich glaube es. Und wieviel andern hätte er mit der leichtesten Mühe
nutzen können, wenn ihm von Kindheit auf der Geschmack daran beigebracht wäre!
Unglücklich ist ein künftiger Regent, dem in seiner Jugend der Quell
verschlossen oder trübe gemacht wird, der ihm in seiner künftigen, ewig
zerstreuenden und ermüdenden Laufbahn doch allein die schönste Erquickung geben
kann und muss. Nur durch die Wissenschaften gewinnt ein Regent das Mass seiner
selbst, eine Sammlung seiner Gedanken, ein geistiges Organ, die Dinge anzusehen
und zu geniessen. Ohne Liebe zur Wissenschaft bleibt er ein sinnlicher Mensch,
dem bei aller seiner Tätigkeit von aussen in entscheidenden Fällen dennoch das
innere Auge, das innerste Herz zu fehlen scheinet.
    (Hier verbreitete sich unser Gespräch auf einzelne verdiente Männer in den
österreichischen Staaten, auf die reiche. Ernte, die in diesem weiten Felde für
die künftige Zeit zu erwarten stehet; endlich beschieden wir uns auf den
morgenden Tag zu dieser Stunde wieder auf diesen angenehmen Hügel. Und wir
setzten das Gespräch fort:)
    
    B. Mich dünkt, aus unserm gestrigen Gespräch erhellete, dass Joseph dem alten
Könige nicht in allem, nicht im Vornehmsten nachgeeifert habe; wissen Sie etwas
anderes, worin dieser ihm schädlich gewesen?
    A. In dem Kriegs-, in dem Eroberungsgeist, den er ihm wider Willen
einflösste.
    B. Friedrich ihm? Soviel ich weiss, war seit dem Siebenjährigen Kriege dem
grossen Könige die Lust zu kriegen ganz vergangen; er suchte und predigte
Frieden. Zur Teilung Polens tat nicht er den Vorschlag; und als er ihn annahm,
begnügte er sich mit dem kleinsten Teil des Erwerbes. Seinetwegen hätte Joseph
immer in Ruhe regieren und seine Staaten ordnen können; ja, als er nach Bayern
griff, setzte eben Friedrich sich seinem Ländererwerb bloss in der Absicht
entgegen, dass künftig ein so böser Zunder zu Kriegen, der Ländererwerb, in
Deutschland nicht mehr stattaben sollte. Mich dünkt, dieser Habgeist dorfte
Joseph nicht eben anderswo herkommen; leider war er ja die ererbte Politik des
Habsburgischen Hauses. Joseph dachte, wie bekannt ist, an die Länder, die
Östreich hatte aufopfern müssen, und vergass, wie es zu manchen Ländern gekommen
sei. Offenbar war auch, wenigstens im damaligen Moment, der Zeitgeist für
dergleichen Erwerbe nicht gestimmt. Mit seinen Ansprüchen auf Bayern und die
Schelde verlor der Kaiser das Zutrauen Europas; mit Anmassungen in Deutschland
verlor er das Zutrauen des Reichs, vielleicht mehr, als er's verdiente. Mit dem
traurigen Türkenkriege endlich -
    A. Denken Sie nicht an diesen Krieg. Feldherrn, Freunde, Gesundheit, Ruhe
und Leben opferte der zu freigebige Bundsgenoss einem Feldzuge auf, der ihm
vielleicht hätte fremde sein mögen
    B. Und fremde sein müssen, da die innere Einrichtung seines Reichs, sein
männlich grosses Werk, alle seine Kräfte foderte. Jetzt, indem er die Krim
durchwanderte, wohin nie ein römischer Kaiser gekommen war und nie einer zu
einem solchen Zweck hätte kommen mögen, fingen die Niederlande an zu glühen.
    A. Und im unglücklichen Türkenkriege loderten fast alle Provinzen in hellen
Flammen auf. Verwünscht sein überhaupt alle Eroberungskriege! Aus dem
zivilisierten Europa wenigstens sollten sie durch einen allgemeinen Fürstenbund
alle verbannt sein. König Friedrich mit seinem eroberten Schlesien, das er durch
seinen Siebenjährigen Krieg schwer gnug verteidigt hat, möge die Reihe der
Eroberer, als beinah unübertrefflich, schliessen!
    B. So werden auch in Friedenszeiten die deshalb gemachten drückenden
Anstalten aufhören. Glauben Sie, m. Fr., reine Bemühungen zum Besten der
Menschheit können in einem Staat schwerlich gedeihen, solange der
Eroberungsgeist die Fahne schwingt und die erste Staatslivrei träget. Wir sind
sodann und bleiben, was wir bereits zu Tacitus' Zeit waren, »auch im Frieden zum
Kriege gewaffnete Barbaren«.
    A. Das Lob des Kriegshelden gebe ich gern auf und beklage vielmehr, dass
Joseph diesen Dienst auch persönlich sich so sauer werden liess, als selten ein
gemeiner Soldat tun würde.
    B. Friedrich war nie Soldat; er war Feldherr.
    A. So wollen wir denn lieber von Josephs Feldzügen gegen den Aberglauben,
gegen die Intoleranz und Pfäfferei reden. Hier ist doch sein Verdienst
unstreitig.
    B. Unstreitig; ich hoffe, auch unsterblich.
    A. Es ward ihm auch sauer gnug. Die Hyder gewann immer neue Köpfe. Und doch
war im meisten seine Absicht ebenso unverkennbar als gerecht, nützlich,
unentbehrlich. Was war z.B. rechtmässiger, als dass er die Geistlichkeit seines
Landes fremder Gerichtsbarkeit, die Sünden seines Landes fremder Dispensation
entnahm?
    B. Oder billiger als die Freiheit, die er der Bücherzensur gab?
    A. Oder pflichtmässiger, als dass er die Klöster verminderte und den
Unterricht des Volks vermehrte?
    B. Oder rühmlicher, als dass er alle Religionsparteien vor Bedrückungen
schützte? Aber, m. Fr., wer hatte ihm bei diesem allen die Hände binden können?
    A. Sie kennen die Hyder nicht!
    B. Wenn der Kaiser es unverrückt gewollt, wenn er bei jedem Schritt, den er
tun wollte, die Folgen überdacht, die Auskunft gegen sie zum voraus bestimmt,
soviel möglich alle Ärgernisse vermieden, sodann aber auch ruhig den Bann oder
das Interdikt erwartet hätte.
    A. Dazu wäre es wohl nie gekommen; die innern Verdriesslichkeiten und
Unordnungen aber waren desto grösser.
    B. Lassen Sie es uns gestehen: an denen der Kaiser zum Teil selbst schuld
war. Durch Nachgeben, durch Ärgernisse, durch unvorgesehene Folgen u. f.
Überhaupt scheinet es, dass er bei der Religionsänderung auf keinen festen Grund
gebauet habe; alles blieb schwankend, und die harte Behandlung der Deisten in
Böhmen -
    A. Diese war eine Übereilung!
    B. Nein! es war eine Folge des Unwillens, dass sich diese Leute von ihm
selbst nicht bekehren lassen wollten. Ein andrer Regent hätte sich gefreuet, ein
Völkchen solcher Art zu finden; und wenn er's mit seinem Schutze beehrt hätte,
würde er hie und da vielleicht nicht unverwerfliche Funken erweckt haben. Jetzt
ward der Name, den jeder hochschätzen muss, er sei Christ, Jude, Türk, Heide, der
Name Deist vom toleranten Joseph gemisshandelt, das tut mir weh, für ihn selbst
und zum Besten der Menschheit.
    (Hier verbreitete sich das Gespräch abermals auf mehrere Anstalten des
Kaisers, auf die Beschaffenheit und die Verteidiger seines Kirchenrechts u.f.;
am folgenden Tage endlich kamen wir zu den Hauptmerkwürdigkeiten seiner
Regierung.)
    A. Dass Joseph sich des unterdrückten Landmanns annahm, wird also wohl sein
grössester Ruhm bleiben.
    B. Sein grössester, und wahrlich ein humaner Ruhm. Golden sind die
Grundsätze, die er in mehreren Befehlen äussert: »Ist es nicht Unsinn zu
glauben,« sagt er, »dass die Obrigkeiten das Land besessen, bevor noch Untertanen
waren, und dass sie das ihrige unter gewissen Bedingungen an die letztern
abgetreten haben? Müssten sie nicht auf der Stelle vor Hunger davonlaufen, wenn
niemand den Grund bearbeitete? Ebenso absurd wäre es, wenn sich ein Landesfürst
einbildete, das Land gehöre ihm und nicht er dem Lande zu; Millionen Menschen
sein für ihn und nicht er für sie gemacht, um ihnen zu dienen.«
    A. Ähnliche Stellen sind in allen seinen Befehlen. Er kannte den Quell des
Verderbens und nahm sich seiner bis auf den Grund an. Jede Saite des
menschlichen Elends hat er berühret.
    B. Dass Joseph dies tat, bleibt sein ewiger Ruhm, wenn er gleich nicht
allentalben durchdrang. Seine Verordnungen gegen die Leibeigenschaft, über
Majorate, Steuern u. f. entalten so viel Merkwürdiges, dass eine spätere Zeit
gewiss besser und sichrer verfolgen wird, was er hie und da übereilt angab.
Vielleicht trauete er gelesenen Teorien zu Sehr, tat grosse Schritte und lebte
nicht lange gnug, seine Schritte zu behaupten.
    A. Welchen Widerstand hat er auch hierin erfahren!
    B. Einen grösseren, als ihm selbst die Pfaffen in ihrem Kreise entgegensetzen
konnten. Der Widerstand wird immer wiederkommen, sobald ein Regent sich des
Landmanns annimmt, zumal in denen von slawischen Nationen bewohnten Ländern.
Hier gilt's aber, was Kaiser Siegmund sagte: »Wer über ein Ding nicht springen
kann, muss drunter wegkriechen.«
    A. Das dünkte Joseph nicht der königliche Weg.
    B. Drum ist er auch dem Sprunge erlegen. Alles, m. Fr., lässt sich in der
Welt nicht auf einmal, nicht mit Gewalt ausführen, dazu ohne Gehülfen, ohne
Werkzeuge, woran es dem Kaiser sehr fehlte.
    A. Das wundert mich indes, dass er auch das Volk nicht mehr gewann, gegen
welches er doch so popular war. Er Suchte das Beste desselben so entschieden! -
    B. Stiess aber dabei auch das Volk in manchem so vor die Stirn, beleidigte
unschuldige, ja angenehme Vorurteile desselben so sehr, dass der arme Haufe von
Pfaffen und andern sich gegen seinen eignen Wohltäter selbst ins Netz jagen
liess.
    A. Welche unschuldige Vorurteile des Volks hat er beleidigt?
    B. Aus vielen führe ich nur wenige in; zuerst das Vorurteil der Sprache. Hat
wohl ein Volk, zumal ein unkultiviertes Volk, etwas Lieberes als die Sprache
seiner Väter? In ihr wohnet sein ganzer Gedankenreichtum an Tradition,
Geschichte, Religion und Grundsätzen des Lebens, alle sein Herz und Seele. Einem
solchen Volk seine Sprache nehmen oder herabwürdigen heisst ihm sein einziges
unsterbliches Eigentum nehmen, das von Eltern auf Kinder fortgeht.
    A. Und doch kannte Joseph mehrere dieser Völker persönlich und sehr genau.
    B. Um so mehr ist's zu verwundern, dass er den Eingriff nicht wahrnahm, den
er sich damit in ihre beliebtesten Rechte erlaubte. »Wer mir meine Sprache
verdrängt (glaubt der Idiot nicht ungründlich), will mir auch meine Vernunft und
Lebensweise, die Ehre und Rechte meines Volks rauben.« Wahrlich, wie Gott alle
Sprachen der Welt duldet, so sollte auch ein Regent die verschiednen Sprachen
seiner Völker nicht nur dulden, sondern auch ehren.
    A. Er wollte aber eine schnellere Betreibung der Geschäfte, eine schnellere
Kultur bewirken.
    B. Die beste Kultur eines Volks ist nicht schnell; sie lässt sich durch eine
fremde Sprache nicht erzwingen. Am schönsten und, ich möchte sagen, einzig
gedeihet sie auf dem eignen Boden der Nation, in ihrer ererbten und sich
forterbenden Mundart. Mit der Sprache erbeutet man das Herz des Volks, und ist's
nicht ein grosser Gedanke, unter so vielen Völkern, Ungarn, Slawen, Wlachen u.f.,
Keime des Wohlseins auf die fernste Zukunft hin ganz in ihrer Denkart, auf die
ihnen eigenste und beliebteste Weise zu pflanzen?
    A. Was brauchte Joseph dazu für Hände! Ihm schien es ein grösserer Gedanke,
alle seine Staaten und Provinzen womöglich zu einem Kodex der Gesetze, zu einem
Erziehungssystem, zu einer Monarchie zu verschmelzen.
    B. Ein Lieblingsgedanke unsres Jahrhunderts! Ist er aber ausführbar? ist er
billig und nützlich? Brabanter und Böhmen, Siebenbürger und Lombarden, stehen
sie auf einer Stufe der Kultur? gehören sie also in ein Institut der Erziehung?
in einen Kodex der Gesetze und Strafen? Gott selbst hat sich eine solche
Zusammenschmelzung nicht erlaubt; daher er jedes Volk nach seiner Weise
unterrichtet.
    A. Leider war der ganze Normalzuschnitt der Kollegien und Schulen ein
exjesuitischer, armer Begriff! -*
    B. Der indessen ganze Völker aufbrachte. Über Armseligkeiten solcher Art
empörte sich die Universität Löwen, die Niederlande machten dem erregten Feuer
gerne Platz; so griff es weiter! -
    A. Und doch meinte es auch hierin Joseph gut mit den Völkern. Was er ihnen
gab, war freilich nicht das Beste, aber doch ein Besseres, als sie besassen. Er
war selbst nicht besser erzogen worden
    B. Und seine Gesetzbücher?
    A. Mit denen ging er freilich etwas schnell zu Werk.
    B. In einer notdringenden Sache musste die Bahn gebrochen werden. Was ich
dabei am meisten bedaure, ist, dass Joseph durch manche Gesetze seinen eignen
Absichten völlig entgegenzuarbeiten schien.
    A. Zum Beispiel?
    B. Zum Beispiel in seinem Kriminalkodex die Häufung der Verbrechen gegen den
Staat.
    A. Dagegen er ja aber die Verbrechen der beleidigten Majestät aufhob.
    B. Geringe Aufopferung gegen ein viel grösseres Unheil, dem Platz gemacht
wurde. Zum Verbrechen gegen den Staat kann alles, auch das kleinste Vergehen
gegen die Polizei gemacht werden. Denn was wäre nicht gegen den Staat, sobald
man statt der sichtbaren, doch nur leibhaften Majestät dies willkürliche,
unbestimmte Phantom auf den Tron erhöbe?
    A. Freilich, auch die mitleidswertesten Krankheiten der Natur können sodann
zu Rebellen gegen den Staat gemacht werden, z.B. der unglückliche Selbstmord.
Der Ärmste der Menschen hat sich dem Staat entzogen; mitin müssen alle
körperliche Beschimpfungen, die niedrigsten Schläge sein Los sein. Was die
gütige Natur selbst nicht verhindern konnte, will der Monarch im Namen des
Staates durch knechtische Beschimpfungen nicht verhindern, sondern rächen und
strafen.
    B. Schweigen Sie, Freund. Die Vernachlässigung, ja ich möchte sagen, die
Vernichtung des Gefühls für Ehre und Schande hat mich in Josephs Gesetzgebung
ganz irre gemacht. Vernichte das Gefühl der Ehre, den Namen der Familie und
Verwandten, die den Toten gebührende Achtung u.f.; womit willst du es ersetzen?
Die Natur selbst sträubt sich gegen solche Einrichtungen, die Joseph daher bald
selbst einschränken, einstellen musste oder auch bald unglücklicherweise nicht
einstellte. In wenigen Jahren hätte er auf Strassen und Gassen zwischen lauter
Verbrechern gegen den Staat wandeln müssen, ein fürs Volk, für den Regenten und
für alles, was Mensch oder Halbmensch ist, abscheulicher Anblick! -
    A. Ich weiss selbst nicht, wie Joseph bei seinem übrigens guten Herzen zu
diesem Mangel an Mitempfindung und Delikatesse kam.
    B. Ein Wort würde Ihnen dies erklären. Können Sie es leugnen, dass bei Joseph
der Schein der Selbsterrschaft das meiste, ja alles* verderbte?
    A. Kaum wage ich's zu leugnen. Er wollte das Beste, aber er wollte es als
Despot. Selbst in dem schönen, ich möchte sagen, väterlichen Aufsatze, den er an
die Chefs seiner Kollegien schrieb, von dem wir gesprochen haben, sind davon
Spuren.
    B. Und die willkürliche Verkürzung zugesicherter Gehalte? könnte manche
derselben auch die äusserste Not entschuldigen?
    A. Kaum.
    B. Und die Benutzung der Waisengelder für den Staat? Und die Art der
Klosteraufhebung und der Veräusserung geistlicher Güter? Und die Verwaltung der
Religionskassen? Und die Konduitenlisten? Und die Verfügungen auf dieselbe?
Warum liess er sich in Ungarn nicht krönen? warum entzog er den Ungarn ihre
Krone? Ich könnte noch lange so fragen.
    A. Und doch war er in seinem mühseligen Leben nichts weniger als ein
Sardanapal. Er diente dem Staat als Taglöhner, als unablässiger Werkmann.
    B. Wie gefährlich ist's, auf der oder jener Stelle, aus der oder jener
Fürstengattung zum Tron, zu Tronen geboren zu sein! Eine unglückliche Fee
bringt an der Wiege des Prinzen einen unauslöschlichen Querstrich in die Seele
des Kindes und gibt ihm die schreckliche Verwünschung mit, dass nach Verhältnis
der besten Bemühungen des unglücklichen Halbgotts der Querstrich für ihn selbst
und andre unzerstörlich wachse.
    A. Unglücklich!
    B. Wem unterlag also Joseph? Nicht der Schwachheit der menschlichen Natur,
sondern der geglaubten und von Kindheit auf genährten Allgewalt des
Selbstbeherrschers. Nicht das Schicksal, die Natur der Dinge, der Wille seiner
Untertanen hat ihn gebeuget.
    (Natürlicherweise ging das Gespräch hier auf eine Menge einzelner Umstände
seines Lebens und Todes über, die mein Freund wusste; es erhob sich endlich
wieder:)
    A. Seine Fehler hat Joseph schwer gebüsst -
    B. Und in sein Grab genommen; das Gute, das er gewollt und anfangsweise
bewirkt hat, wird, obwohl einesteils in zerfallenden Resten, bleiben und
dereinst glücklicher an den Tag treten; denn es ist dem grössten Teile nach ein
reines Gute zum Ertrage der Menschheit. Er hat es seinen Nachfolgern schwer
gemacht -
    A. Ich dächte, leicht gemacht: sie dürfen nur seiner Bahn folgen.
    B. Vorderhand schwer gemacht. Er hat an allen Säulen gerüttelt und den Staat
beweget. Wer künftighin eine Säule nur angreift, wird die Aufmerksamkeit aller
auf sich ziehen, und man wird ihn durch Liebkosungen und Schreckbilder von dem
Werk abzuziehen suchen, das Joseph begann und unmöglich endigen konnte. Er hat
die Bedürfnisse seiner Staaten tiefer gekannt als vielleicht kein Regent unsrer
Zeiten.
    A. Und emsiger besorgt als vielleicht kein Regent unsrer Zeiten.
    B. Oft ist der Wille grösser als die Tat, das Unternehmen edler als die
Ausführung. Ich weiss nicht, ob viele nach seinem Tode viel zu seinem Lobe
schreiben werden; aber was man dazu aus Ansicht der Dinge schreibt, wird die
billigere Nachwelt guteissen, seinen Schatten ehren und nicht mehr mit Bedauern,
sondern mit frohem Erstaunen einst sagen: »Auch er schon sah dies und wollte!«
    A. Kennen Sie seinen Brief, den er im Jahr 1784 an die Stadt Ofen schrieb,
als sie ihm eine Ehrensäule setzen wollte? Hier ist er:
    »Wenn die Vorurteile werden ausgewurzelt und wahre Vaterlandsliebe und
Begriffe für das allgemeine Beste werden beigebracht sein; wenn jedermann in
einem gleichen Masse das Seinige mit Freude zu den Bedürfnissen des Staats, zu
dessen Sicherheit und Aufnahme beitragen wird; wenn Aufklärung durch verbesserte
Studien, Vereinfachung in der Belehrung der Geistlichkeit und Verbindung der
wahren Religionsbegriffe mit den bürgerlichen Gesetzen; wenn eine bündigere
Justiz, Reichtum durch vermehrte Population und verbesserten Ackerbau; wenn
Erkenntnis des wahren Interesse des Herrn gegen seine Untertanen und dieser
gegen ihren Herrn; wenn Industrie, Manufakturen und deren Vertrieb, die
Zirkulation aller Produkte in der ganzen Monarchie unter sich werden eingeführt
sein, wie ich es sicher hoffe: alsdann verdiene ich eine Ehrensäule, nicht aber
jetzt.«
    B. Wenn dies alles geschehen ist, bedarf der grosse Wollende keiner
Ehrensäule mehr; sein Unternehmen, sein schwerer Anfang ist ihm allein schon ein
Koloss für die Nachwelt.
    
    So endete unser Gespräch; und die Glocken verhallten. Wünschen Sie nicht
auch mit mir ein Leben Josephs zur Lehre für die Nachwelt?
                                      11.
    Wie kommt es, m. Fr., dass unsre Poesie, verglichen mit der Poesie älterer
Zeiten, an öffentlichen Sachen so wenig teilnimmt? Die Poesie der Hebräer in den
heiligen Büchern ist ganz patriotisch; die Poesie der Griechen nach ihren
Hauptarten nahm in den besten Zeiten sehr vielen, die Poesie der Römer einen bei
weitem schon geringeren Anteil an öffentlichen Begebenheiten und Geschäften.
Seitdem endlich die Barden und Leiermänner ziehender Heere Trompetern und
Paukern ihre Stellen überliessen, seitdem -
    Doch sofern beantworte ich mir die Frage selbst, auf die ohnedem andre
bereits geantwortet haben. Wie kommt's aber, dass auch seitdem die Dichterei
gedruckte Kunst ist, ihr Anteil an der gemeinen Sache zu verschiedenen Zeiten so
ungleich gewesen und jetzt so gar gering zu sein scheinet? Mehrere tapfere
Gedichte auch aus unserm Vaterlande von Luter, Opitz, Logau und nach einem
grossen Sprunge der Zeiten von Kleist, Gleim, Uz, Klopstock, Stolberg, Bürger u.
a. sind uns in Herz und Seele geschrieben; ist diese Muse anjetzt entschlafen?
Oder hat sie, wie Baal, etwas anderes zu schaffen, dass sie vom Geiste der Zeit
nicht erweckt, das Geräusch um sich her nicht höret?
    Mich dünkt, so ist es; sie hat etwas anderes zu schaffen. Schlagen Sie
darüber die neueren Dichter nach. Und doch erwarten wir, wenn wir von einem
neuen Dichter hören, zuerst und vor allem ein Wort des Herzens zum Herzen, einen
Laut der allgemeinen Stimme, des Wunsches und Strebens der Nationen, den Hauch
und Nachklang des mächtigen Zeitgeistes.
    Der göttliche Mund der Muse ist in aller Welt gepriesen. Sie darf Dinge
sagen, die die Prose nicht zu sagen wagt, und flösset sie unvermerkt in Herz und
Seele. Gab sie der Fabel einst jenen lieblichen Ton, jene Süssigkeit, nach
welcher wir auch nach Jahrtausenden noch wie nach einer Erquickung lechzen; wie?
und sie sollte der auf uns dringenden Wahrheit wenigstens einen gefälligen.
Anzug, eine einladende Gestalt nicht zu geben vermögen?
    Oft beunruhigen mich in meiner Einsamkeit die Schatten jener alten mächtigen
Dichter und Weisen. Jesaias, Pindar, Alcäus, Äschylus stehen als gewaffnete
Männer vor mir und fragen: »Was würden wir in euren Zeiten gedacht, gesagt,
getan haben?« Luters edler Schatte schliesset sich an sie an, und wenn die
Erscheinung vorüber ist, finde ich um mich Öde.
    Gewiss, meine Freunde, wir wollen auf alles* merken, was uns der göttliche
Bote, die Zeit, darbeut. Keiner ihrer edlen Laute soll uns entschlüpfen.
    Glauben Sie nicht, dass ich damit die armselige Zunft jener Tyrannenbändiger
und Regentenwürger zurückwünsche, die vor einigen Jahren ihre Wut ausliess. Es
war Geschrei, darum ist's verhallet, ein Nachklang ohne Kraft und Wesen. Die
wahre Muse ist sittsam, »lene consilium, et dat et dato gaudet alma«; diesen
sanften Ratschluss empfing sie vom Himmel und haucht ihn dem Geiste der Zeit ein
-
 Finire quaerentem labores
 Aonio recreat antro.
    Hold und schön klingen mir hierüber die Töne der Alten, und ich wünschte,
dass wie einst dem Horaz so auch mir die Muse des Simonides, Alcäus, Stesichorus
noch ertönte.12 Aber sie liegt im Staube, und wir müssen uns nur an dem, was der
Vergessenheit entrann, den Geist erheben und das Herz stärken. Mit
unbeschreiblicher Freude habe ich in diesen Tagen jenes feine Echo der Griechen,
den Horaz, gelesen und wieder gelesen. Er lebte in einer kritischern Zeit, als
wir leben, war mit Glück und Person an August und Mäcen gefesselt; und wie edel,
wie stolz und unterrichtend ist seine Muse! Sie bricht die Blüte der Zeit und
schwebt auf den Fittichen ihres reinsten Luftauches.
                                      12.
    Mich dünkt, Ihre Fragen über den geringen Anteil, den die heutige Dichtkunst
an den Händeln der Zeit nimmt, haben Sie sich selbst beantworten können; denn
der Stoff dazu liegt völlig in Ihrem Briefe.
    Schaffen Sie uns den Zustand der Griechen wieder, und Alcäus, Pindar,
Ächylus sind mit ihnen auch da. In vielerlei Rücksicht aber würden wir diese
Zeiten nicht wünschen und uns dagegen an unserer dichterischen Unteilnehmung
begnügen. So wäre es auch in Ansehung der Zeiten Horaz' oder gar der Kreuzzieher
und Harfner. Opitz und Logau fühlten die Drangsale des Dreissigjährigen Krieges;
wider ihren Willen mussten sie an dem Elende, das er verbreitete, teilnehmen; der
Widerschein seiner Flammen glänzt in ihren Gedichten. Kleist, Uz und Gleim
trafen auf die Zeiten der preussisch-österreichischen Kriege; alle drei fanden
darin unverwelkliche Lorbeern, der erste aber auch bei vieler Not, die er als
Krieger mit bedrücktem Herzen sah, seinen blutigen Tod. Was diese Dichter uns
aus teurer Erfahrung sangen, warum müsste es uns, durch neue Erfahrung teuer
erkauft, wieder gesungen werden? Tönt uns Kleists Stimme nicht noch?13
Ihr, denen zwanglose Völker der Herrschaft Steuer vertrauten,
Führt ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Was wünscht ihr, Väter der Menschen, noch mehrere Kinder? Ist's wenig,
Viel Millionen beglücken? Erfordert's wenige Mühe?
O mehrt derjenigen Heil, die eure Fittiche suchen,
Deckt sie, gleich brütenden Adlern. Verwandelt die Schwerter in Sicheln,
Erhebt die Weisheit im Kittel und trocknet die Zähren der Tugend.
    Die rührende Stimme seines »Grab- und Geburtsliedes,« seine »Sehnsucht nach
Ruhe,« sein »Abschied« hinter »Cissides und Paches« tönt noch jedem Leser ins
Herz, nachdem der Dichter die Gesinnungen seiner Seele mit Leben und Blut
versiegelt. So ist's mit den patriotischen Oden Uz', Klopstocks; und der
preussische Kriegssänger ist ebensowohl Volks-, Friedens-, Staatssänger geworden,
hat bis auf die neuesten Zeiten fast an jeder grossen Angelegenheit Anteil
genommen, die seinem Gesichtskreise irgend nur nahe lag -14 Aber, m.F., nach
unsrer Lage der Dinge halte ich das zu nahe, zu starke Teilnehmen der Dichter an
politischen Angelegenheiten beinahe für schädlich. Zu bald nimmt der Dichter
einseitige Partei und tut der besten Sache (geschweige einer schwachen,
wankenden) mit dem besten Willen Schaden. Dadurch schwächt er die gute Wirkung
seiner Gedichte selbst; denn in kurzem ist die Situation der Zeit vorüber; man
sieht die Dinge anders an; man behandelt ihn als einen abgekommenen Barden.
Also bleibe die Poesie in ihrem reinen Äter, der Sphäre der Menschheit,
 Coetusque vulgares et udam
 Spernat humum fugiente penna.
    In diesem höheren, freieren Raume begegnen sich alle politische Meinungen
als Freundinnen und Schwestern; denn im Elysium wohnt keine Feindschaft.
    Sehr gut also, dass unsre Musenalmanache äusserst wenige politische Oden mit
sich führen. Bald würden zween gegeneinander im Streit liegen, und überhaupt
ist's doch nur Spiel, wenn Genien mit Waffen der grossen Götter spielen.
    Das aber glauben Sie, dass die Poesie als eine Stimme der Zeit unwandelbar
dem Geiste der Zeit folge; ja oft ist sie eine helle Weissagung zukünftiger
Zeiten. Lesen Sie in Stolbergs »Jamben,« 1784 gedruckt, (S. 66) den »Rat« und
mehrere Gedichte, lesen Sie mehrere, frühere und spätere Oden Klopstocks und
leugnen noch, dass auch auf deutschen Höhen oder in ihren Tälern ein
prophetischer Geist der Zeiten wehe. Schade nur, dass er nicht vernommen wird;
denn, um aller deutschen Redlichkeit willen, welcher Mann von Geschäften läse
ein Gedicht, um in ihm die Stimme der Zeit zu hören! -
    Wir, meine Freunde, wollen den Garten der Grazien und Musen in der Stille
bauen. Verständiger Homer, edler Pindar und ihr sanften Weisen, Pytagoras,
Sokrates, Plato, Aristoteles, Epikur, Zeno, Mark Antonin, Erasmus, Sarpi,
Grotius, Fénelon, St. Pierre, Penn, Franklin, sollt die heiligen Mitwohner
unsrer friedlichen Gärten werden. Das aufschiessende Korn bedarf mancherlei
Witterung; die Saat in der Erde will Ruhe und milden, erquickenden Regen.
                                      13.
    Milden erquickenden Regen wünschet die keimende Saat der Humanität in
Europa, keine Stürme. Die Musen wohnen friedlich auf ihren heiligen Bergen, und
wenn sie ins Schlachtfeld, wenn sie in die Ratskammern der Grossen treten,
entbieten sie Frieden. Eine edle, würdige Tat zu loben ist ihnen ein süsseres
Geschäft, als alle Flüche Alcäus' oder Archilochus' auf taube Unmenschen
herabzudonnern.
    Wenn es z.B. in unsern Zeiten einen Regenten gäbe, der an seinem Teil dem
barbarischen Menschenerkauf im andern Weltteil entsagte und damit andern Staaten
zu ihrem Erröten ein Beispiel gab; wenn er nach Jahrhunderten der erste wäre,
der die Sklaverei willkürlicher Fronen und andre erdrückende Lasten seinem Volk
entnahm und ein andres seiner Völker von ebenso drückenden Einschränkungen im
Handel befreiete; wenn dieser Regent ein hoffnungsvoller königlicher Jüngling
und Einrichtungen dieser Art nur das Vorspiel seiner Regierung wären: Heil dem
Dichter, der solche Taten ohne alle Schmeichelei würdig und schön darstellte!
Heil jedem Leser und Hörer, der diesem Sänger einer reinen Humanität mit reinem
Herzen zujauchzte! Dänemark ist das friedliche, glückliche Land, dem dieser
Stern aufgehet: sein Kronprinz ist der königliche Jüngling, der seine Laufbahn
also beginnet, und F. L. Stolberg der Dichter, der ihm hierüber würdig danket.
                        An den Kronprinzen von Dänemark
 Noch nie erscholl ein Name der Mächtigen
 Zu meiner Leier, Jüngling; ich weihte sie
 Den Freunden nur Und Gott, und süssem
 Häuslichen Glück, und der Liebe Tränen,
 Und Dir, Natur, im Hain und am Meergestad,
 Und Dir, o Freiheit! Freiheit, du Hochgefühl
 Der reinen Seelen! Deinen Becher
 Kränzt ich mit Blumen des kühnen Liedes.
 Und werd ihn kränzen, weil eine Nerve mir
 Noch zucket! werd ihn kosten mit zitternder
 Und blauer Lippe, wenn des Todes
 Hand mir ihn reichet in hehrer Stunde.
 Nun wind ich junge Blumen im Kranze dir,
 O Jüngling, weil du früh es nicht achtetest,
 Zu herrschen über Sklaven, weil du
 Forschetest, hörtest, beschlossest, tatest!
 Das Joch des Landmanns drückte Jahrhunderte;
 Du brachst es! Hör es, heiliger Schatte du
 Von meinem Vater, der das Beispiel
 Diesseit der Eider und dann am Sund gab.15
 Du brachst es, Jüngling! wandtest errötend dich
 Vom Dank des Landes, sahest auf dem Ozean
 Der Handlung Bande, die des Neides
 Hand und der Habsucht im Finstern knüpfte:
 Zerrissest leicht wie Spinnengewebe sie,
 Dass nicht die stolze Fichte des Normanns mehr
 Dem Bruderhafen huldigt, eh sie
 Schwellende Segel dem Ostwind öffne.16
 Nicht gleiche Gaben spendet des Vaters Hand
 Den Völkern. Eisen starret im Schachte dort,
 Hier wanken Ähren, unsres Tisches
 Freude gedeihet auf fernen Bergen.
 Zum freien Tausche ladet der Vater ein;
 Doch schmiedet, hart und klügelnd, der blinde Mensch
 Dem Tausche Zwang; der biedre Normann
 Kaufte sein Brot auf verengtem Markte.
 Nun reifen fremde Saaten für ihn, wenn früh-
Erwacht der Winter auf dem Gebürge sich
Ausstrecket und von starrer Schulter
Glanzende Flocken in Täler schüttelt.
Ich sah dich handeln, Jüngling, und freute mich,
Doch nur mit halber Freude. Lud Danien
Nicht häufend noch auf seine Schulter
Fluch des zertretnen, zerrissnen Volkes,
Uneingedenk der heiligen Lehren und
Für jene Ader fühllos, die Gottes Hand
Im Herzen spannte, dass sie klopfend
Unrecht und Recht und Erbarmen lehre?
Von Menschen kaufte Menschen der Mensch, und ward
Ein Teufel! - Wer vermag den getrübten Blick
Zu heften auf des armen Mohren
Elend und Schmach und gezuckte Geissel?
Aufs schwangre Weib, das jammernd die Hände ringt
Am krummen Ufer; - Tränenlos starret sie
Dem fernen Segel nach; noch schallt ihr
Dumpf in den Ohren das Hohngelächter
Des Treibers, noch der klirrenden Kette Klang,
Und ihres Mannes Klage, das Angstgeschrei
 Der jüngsten Tochter, die der Wütrich
 Ihr aus umschlingenden Armen losriss. -
 Du setzest Ziel dem Greuel, ein nahes Ziel!
 Errötend staun und ahme dem Beispiel nach
 Der Brite, will er wert der Freiheit
 Sein, die auf Weisheit und Recht sich gründet.
 Gott setze deinen Tagen ein fernes Ziel,
 O Jüngling! keins dem Segen, der dein einst harrt.
 Sei deinen Tausenden noch lange
 Bruder! Nur einer ist aller Vater.
                                                           F. L. Gr. z. Stolberg
    Wenn mehrere solcher Gesänge über Anlässe solcher Art uns zukommen, meine
Brüder, so wollen wir einander unsre Freude ja mitteilen; denn besangen Horaz
und Pindar je ein edleres Tema edler?
 
                                Zweite Sammlung
                                        
                                     (1793)
                                      14.
    Mehrmals finde ich in Ihren Briefen den Geist der Zeit genannt; wollen wir
uns einander nicht diesen Ausdruck aufklären?
    Ist er ein Genius, ein Dämon? oder ein Poltergeist, ein Wiederkommender aus
alten Gräbern? oder gar ein Luftauch der Mode, ein Schall der Äolsharfe? Man
hält ihn für eins und das andre.
    Woher kommt er? wohin will er? wo ist sein Regiment? wo seine Macht und
Gewalt? Muss er herrschen? muss er dienen? kann man ihn lenken?
    Hat man Schriften darüber? Wie lernt man ihn aus der Erfahrung kennen? Ist
er der Genius der Humanität selbst? oder dessen Freund, Vorbote, Diener?
                                      15.
    Warum sollte ich Ihnen auf Ihren lakonischen Brief nicht ebenso rätselhaft
antworten, als Sie gefragt haben?
    »Was ist der Geist der Zeiten?« Allerdings ein mächtiger Genius, ein
gewaltiger Dämon. Wenn Averroës glaubte, dass das ganze Menschengeschlecht nur
eine Seele habe, an welcher jedes Individuum auf seine Weise, bald tätig, bald
leidend teilnehme, so würde ich diese Dichtung eher auf den Geist der Zeit
anwenden. Wir stehen alle unter seinem Gebiet, bald tätig, bald leidend.
    »Ist er ein Schall der Äolsharfe? ein Luftauch der Mode?« Die flüchtige
Mode ist seine unechte Schwester; er ist ihr nicht gewogen, lernt aber auch von
ihr und hat mit ihr zuweilen lehrreichen Umgang. Desto entschiedner hasset er
seinen wahren Feind und Verleumder, den Geist des Aufruhrs, der Zwietracht, den
unreinen, abgeschmackten Pöbelsinn und Wahnsinn. Wo dieser sich hören lässt, in
welchen Gesellschaften und Kreisen er ihn auch nur vermutet, fliehet er vor ihm
und verachtet selbst die Lehre aus seinem Munde. Die Stimme des geläuterten
Zeitgeistes ist verständig, überredend, sanft, freundlich. Bald lässet er sich
wie ein Laut auf der Äolsharfe hören; bald tönt sie in vollen Chören. Der
geläuterte Geist der Zeiten (möchte ich mit jenem alten Buche sagen) ist
»heilig, einig, mannigfalt, scharf und behende, rein und klar, ernst und frei,
wohltätig, leutselig, fest, gewiss, sicher. Er vermag alles, sieht alles und
geht durch alle Geister, wie verständig, lauter und scharf sie sind«.
    »Woher kommt er?« Wie sein Name sagt, aus dem Schoss der Zeiten. Der
menschlichen Natur einwohnend, hatten ihn einst in unserm rauheren Klima die
Pfäfferei und der wilde Kriegsgeist lange unterdrückt gehalten; sie schlossen
ihn ein in Höhlen, Türme, Schlösser und Klöster. Er entkam; die Reformation
machte ihn frei; Künste und Wissenschaften am meisten aber die Buchdruckerei
gaben ihm Flügel. Seine ernste Mutter, die selbstdenkende Philosophie, hat ihn,
zumal an den Schriften der Alten, unterwiesen; sein ernster Vater, der mühsame
Versuch, hat ihn erzogen und durch die Vorbilder der würdigsten, grössten Männer
gereift und gestärket. Er ist kein Kind mehr, wiewohl er bei jeder neuen
Begebenheit ein Kind scheinet; alle Erfahrungen voriger Zeiten sind in seine
Seele gedrückt, sind auf seine Glieder verbreitet.
    »Wohin will er?« Wohin er kommen kann. Er hat aus den vorigen Zeiten
gesammlet, sammlet aus den jetzigen und dringt in die folgenden Zeiten. Seine
Macht ist gross, aber unsichtbar; der Verständige bemerkt und nutzt sie, dem
Unweisen wird sie, meistens zu spät, nur in erfolgten Wirkungen glaubhaft.
    »Muss der Geist der Zeit herrschen oder dienen?« Er muss beides an Stelle und
Ort. Der Weise gibt ihm nach, um zu rechter Zeit ihn zu lenken; wozu aber eine
sehr behutsame, sichre Hand gehöret. Indessen wird er offenbar gelenkt, nicht
von der Menge, sondern von wenigen, tiefer als andre blickenden, standhaften und
glücklichen Geistern. Oft leben und wirken diese in der grössesten Stille; aber
einer ihrer Gedanken, den der Geist der Zeiten auffasst, bringt ein ganzes Chaos
der Dinge zur Wohlgestalt und Ordnung. Glücklich sind die, denen die Vorsehung
solch einen erhabnen Platz gab, in welchem Stande sie auch leben; selten wird
dieser Platz durch Mühe erstrebt, selten durch lautes Geräusch angekündigt,
meistens nur in Folgen bemerkt; oft müssen die grossen Lenker auch viel wagen,
viel leiden.
    »Hat man Schriften über den Geist der Zeiten?« Das weiss ich nicht; am besten
lernt man ihn aus Geschichten, die im Geist ihrer Zeiten geschrieben sind, und
aus der Erfahrung kennen, wo eins das andre erläutert. Ohne nachdenkende
Erfahrung versteht man die Bücher nicht; diese wiederum machen uns auf den
lebendigen Geist der Zeiten aufmerksam. Das Rad rollet fort, ist immer dasselbe
und zeigt immer eine andre Seite.
    »Geist der Zeiten, ist er der Genius der Humanität selbst oder dessen
Freund, Vorbote, Diener?« Ich wollte, dass er das erste wäre, glaube es aber
nicht; das letzte hoffe ich nicht nur, sondern bin dessen fast gewiss. Dass er ein
Freund, ein Vorbote, ein Diener der Humanität werde, wollen auch wir an unserm
unmerklich kleinen Teile befördern.
                                      16.
    Schwerlich wird unser Freund mit der rätselhaften Auflösung seines Rätsels
befriediget sein; also darf ich in einem offenern, wenn auch etwas schwereren
Tone fortfahren.
    Was Geist ist, lässt sich nicht beschreiben, nicht zeichnen, nicht malen;
aber empfinden lässet es sich, es äussert sich durch Worte, Bewegungen, durch
Anstreben, Kraft und Wirkung. In der sinnlichen Welt unterscheiden wir Geist vom
Körper und eignen jenem alle das zu, was den Körper bis auf seine Elemente
beseelet, was Leben in sich hält und Leben erwecket, Kräfte an sich zieht und
Kräfte fortpflanzet. In den ältesten Sprachen also ist Geist der Ausdruck
unsichtbarer strebender Gewalt, dagegen Leib, Fleisch, Körper, Leichnam entweder
die Bezeichnung toter Trägheit oder einer organischen Wohnung, eines Werkzeuges,
das der einwohnende Geist als ein mächtiger Künstler gebrauchet.
    Die Zeit ist ein Gedankenbild nachfolgender, ineinander verketteter
Zustände; sie ist ein Mass der Dinge nach der Folge unsrer Gedanken; die Dinge
selbst sind ihr gemessener Inhalt.
    Geist der Zeiten hiesse also die Summe der Gedanken, Gesinnungen,
Anstrebungen, Triebe und lebendigen Kräfte, die in einem bestimmten Fortlauf der
Dinge mit gegebnen Ursachen und Wirkungen sich äussern. Die Elemente der
Begebenheiten sehen wir nie; wir bemerken bloss ihre Erscheinungen und ordnen uns
ihre Gestalten in einer wahrgenommenen Verbindung.
    Wollen wir also vom Geist unsrer Zeit reden, so müssen wir erst bestimmen,
was unsre Zeit sei, welchen Umfang wir ihr geben können und mögen. Auf unsrer
runden Erde existieren auf einmal alle Zeiten, alle Stunden des Tages und
Jahres, vielleicht auch alle Zustände des menschlichen Geschlechts; wenigstens
können wir voraussetzen, dass sie existiert haben und existieren werden. Alle
Modifikationen wechseln auf ihr, haben gewechselt und werden wechseln, nachdem
der Strom der Begebenheiten langsamer oder schneller die Wellen treibet.
    Wenn wir uns demnach auf Europa bezirken, so ist Europa auch nur ein
Gedankenbild, das wir uns etwa nach der Lage seiner Länder, nach ihrer
Ähnlichkeit, Gemeinschaft und Unterhandlung zusammenordnen. Denken wir uns das
einst oder jetzt katolische oder überhaupt das christliche Europa, so ist auch
in ihm nach Ländern und Situationen der Geist der Zeit sehr verschieden. Er
ändert sich sogar mit Klassen der Einwohner, geschweige mit ihren Bedürfnissen,
Neigungen und Einsichten. Ein einziger Umstand, eine vielleicht falsche oder
übertriebene Nachricht, kurz, ein Wink und Wahn stimmt oft die Denkart und
Meinung eines ganzen Volkes.
    Wenn also unser Freund vom Geist der Zeiten als einem verständigen,
scharfen, klaren Wesen sprach, so kann er damit nur die Grundsätze und Meinungen
der scharfsichtigsten, verständigsten Männer gemeint haben. Sie machten sich vom
Wahne des Pöbels los und lassen sich nicht nach jedem Winke lenken. So wenig
ihrer hie und da sein mögen, um so fester sind sie sich selbst, um so
standhafter hangen sie miteinander zusammen und bilden allerdings eine Kette im
Fortgange der Zeiten. Das Lesen der Alten und Neuern, Gespräche und eine
gemeinschaftliche Bemerkung dessen, was vorgegangen ist und täglich vorgeht,
binden sie fest und fester aneinander; sie machen wirklich eine unsichtbare
Kirche, auch wo sie nie voneinander gehört haben. Diesen Gemeingeist des
aufgeklärten oder sich aufklärenden Europa auszurotten ist unmöglich; wozu wäre
aber auch die unnütze Mühe? Je aufgeklärter er ist, gewiss desto weniger ist er
schädlich Wo er irrt, kann er nur durch Wahrheit, nicht durch Zwang gebessert
werden; denn Geist allein kann mit Geist kämpfen.
    Erlauben Sie mir zu Ende meines Briefes auch ein Rätsel. Irre ich nicht, so
sind drei Hauptbegebenheiten oder Epochen Europas, an denen dieser europäische
Weltgeist haftet. Eine ist längst vorüber, sie dauerte fünf- bis achtundert
Jahre und kommt hoffentlich nie wieder. Die zweite ist geschehen und geht in
ihren Wirkungen fort; ihr Wert ist anerkannt und muss, der Natur der Sache nach,
immer mehr anerkannt werden. Über der dritten brütet der Weltgeist, und wir
wollen ihm wünschen, dass er in sanfter Stille ein glückliches Ei ausbrüten möge.
Es ist aber ein gewaltig grosses Straussenei; der glühende Sand und die
allmächtige Sonne mögen es ihm ausbrüten helfen!
                                      17.
    Lassen Sie uns zusehen, ob ich Ihr Rätsel innehabe. Die erste Begebenheit,
an welcher der europäische Zeitgeist haftet, ist die Bepflanzung unsres
Weltteils nach den römischen Zeiten, die politische und religiöse Organisation
der Völker, die jetzt Europa bewohnen. Sie ist der Einschlag zum Gewebe; die
meisten zweifelhaften Fragen der folgenden Zeiten bezogen sich auf die
Einrichtung, die damals gemacht ward. Einen Teil dieser Fragen hat die zweite
grosse Begebenheit, die Wiederauflebung der Wissenschaften und die Reformation,
aufgelöset; vom eilften bis zum sechzehnten Jahrhunderte hat die Zeit über
vieles entweder schon entschieden und entscheidet noch, oder sie sammlet Kräfte
und Atem um künftig entscheiden zu können. Wahrscheinlich ist das die dritte
Begebenheit, von der Sie reden.
    Merken Sie sich aber, m. Fr., eins. Bei der Reformation war grösstenteils von
bloss geistigen Gütern, von Freiheit des Gewissens und Denkens, von
Glaubensartikeln und Religion die Rede; denn an den Gebrauch der Kirchengüter
wollen wir nicht, können auch nicht allemal mit billigendem Vergnügen denken.
Die fortgehende Kultur des Menschengeschlechts, die aus der Erweckung der
Wissenschaften entsprang, ist auch ein geistiges* Gut; man kann ihren Fortgang
hemmen, aber nicht vernichten.
    Eine andre Beschaffenheit scheinet es mir mit der Reformation zu haben, von
der jetzt die Rede sein soll; wie wäre es, wenn wir darüber den alten Reformator
selbst hörten?
                                Luters Gedanken
                           von der Regimentsänderung
    »Des weltlichen Regiments Werk und Ehre ist, dass es aus wilden Tieren
Menschen macht und Menschen erhält, dass es nicht wilde Tiere werden.
    Meinest du nicht, wenn die Vögel und Tiere reden könnten und das weltliche
Regiment unter den Menschen sehen sollten, sie würden sagen: O ihr Lieben, ihr
seid nicht Menschen, sondern Götter gegen uns. Wer will dies Regiment nun
erhalten, ohne wir Menschen, denen es Gott befohlen hat und die sein auch selbst
wahrlich bedörfen? Die wilden Tiere werden's nicht tun, Holz und Steine auch
nicht. Welche Menschen aber können's erhalten? Fürwahr nicht allein, die mit der
Faust herrschen wollen, wie jetzt viel sich lassen dünken; denn wo die Faust
allein soll regieren, da wird gewiss zuletzt ein Tierwesen draus, dass wer den
andern übermag, stosse ihn in den Sack, wie wir vor Augen wohl Exempel gnug
sehen, was Faust ohne Weisheit und Vernunft Gutes schafft. Darum sagt auch
Salomo: Weisheit müsse regieren und nicht die Gewalt. Weisheit ist besser denn
Harnisch oder Waffen. Weisheit ist besser denn Kraft, dass kurzum nicht
Faustrecht, sondern Kopfrecht regieren muss unter den Bösen sowohl als unter den
Guten.«
    An einem andern Ort sagt er: »Ehe das geschehen wird, dass Kaiser, Könige und
Fürsten mit dem ganzen Reich dazu täten, das Regiment zu bessern, wollen wir den
obersten Herrn aller Herren oben in den Wolken sehen kommen und mit ihm
davonfahren. Indes mag das Regiment, der böse Pelz, ein plumpes Regiment bleiben
und (das Personat ungemenget!) Gott befohlen lassen sein, welchen er will
hervorziehen und erheben. Änderung der Regiment und Rechte gehen ohn gross
Blutvergiessen nicht ab, wie alle Historien zeugen; und ehe man in Deutschland
eine neue Weise des Reichs anrichtete, so würde es dreimal verheeret.«
    »Wiewohl mich auch zuweilen dünkt, dass die Regiment und Juristen wohl auch
eines Luters bedürften; aber ich besorge, sie möchten einen Müntzer kriegen;
darum ich nicht hoffen kann noch will, dass sie einen Luter kriegen werden. Es
ist nicht zu raten, dass man es ändere, sondern flicke und pletze daran, wer
kann, weil wir leben, strafe den Missbrauch und lege Pflaster auf die Blattern.
Wird man die Blattern ausreissen mit Unbarmherzigkeit, so wird den Schmerzen und
Schaden niemand mehr fühlen, denn solche kluge Barbierer. Ändern und Bessern
sind zweierlei. Eines steht in der Menschen Händen und in Gottes Verhängen, das
andre in Gottes Händen und Gnaden.«
    Ferner sagt er: »Wenn das natürliche Recht und Vernunft in allen Köpfen
steckte, die Menschenköpfen gleich sind, so könnten die Narren, Kinder und
Weiber ebensowohl regieren und kriegen als David, Augustus, Hannibal und müssten
Phormionen so gut sein als Hannibals; ja alle Menschen müssten gleich sein und
keiner über den andern regieren. Welch ein Aufruhr und wüst Ding sollt hieraus
werden? Aber nun hat's Gott also geschaffen, dass die Menschen ungleich sind und
einer den andern regieren, einer dem andern gehorchen soll. Zween können
miteinander singen (d.i. Gott alle gleich loben), aber nicht miteinander reden
(d.i. regieren). Einer muss reden, der andre hören. Darum findet sich's auch
also, dass unter denen, die sich natürlicher Vernunft und Rechts vermessen und
rühmen, gar viel weidliche und grosse natürliche Narren sind; denn das edle
Kleinod, so natürlich Recht und Vernunft heisst, ist ein selten Ding unter
Menschenkindern.«
    »Aber das ist der Teufel und Plage in der Welt, dass wir in allen Dingen, an
leiblicher Stärke, Grösse, Schöne, Gütern, Gesicht, Farbe, untereinander ungleich
sind; und allein in der Weisheit und Glück alle wollen gleich sein, da wir doch
am allerungleichsten untereinander sind. Und was noch wohl ärger ist, ein
jeglicher will hierin über den andern sein und kann den schändlichen Narren und
Klüglingen niemand nichts rechts tun, wie Salomon spricht: Ein Narr dünkt sich
klüger sein denn sieben Weisen, die das Recht setzen.
    Also schreibt auch Plato, es sei zweierlei Recht, Naturrecht und
Gesetzrecht; ich will's das gesunde Recht und das kranke Recht nennen. Denn was
aus Kraft der Natur geschieht, das geht frisch hindurch, auch ohn alles Gesetz,
reisst auch wohl durch alle Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist und soll's
mit Gesetzen herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk, geschieht gleichwohl
nicht mehr denn in der kranken Natur steckt. Als wenn ich ein gemein Gesetz
stellete: man soll zwo Semmel essen und ein Nösel Wein trinken zur Mahlzeit.
Kommt ein Gesunder zu Tisch, der frisset wohl vier oder sechs Semmel und trinket
eine Kanne oder zwo und tut mehr denn das Gesetz gibt. Kommt ein Kranker dazu,
der isst eine halbe Semmel und trinkt drei Löffel voll und tut doch nicht mehr an
solchem Gesetz denn seine kranke Natur vermag oder muss sterben, wo er soll das
Gesetz halten. Hier ist's nun besser, ich lasse den Gesunden ohn alles Gesetz
essen und trinken, was und wieviel er will; dem Kranken gebe ich Mass und
Gesetze, wieviel er kann, dass er dem Gesunden nicht nachmüsse.
    Nun ist die Welt ein krank Ding und eben ein solcher Pelz, da Haut und Haar
nicht gut an ist. Die gesunden Helden sind selten, und Gott gibt sie teuer, und
muss doch regiert sein, wo Menschen nicht sollen wilde Tier werden. Darum
bleibt's in der Welt gemeiniglich eitel Flickwerk und Bettelei, und ist ein
rechter Spital, da es beide, Fürsten und Herrn, und allen Regierenden fehlet an
Weisheit und Mut, d. i. an Glück und Gottes Treiben, wie den Kranken an Kraft
und Stärke. Darum muss man hie flicken und pletzen, sich behelfen aus den
Buchstaben oder Büchern, mit der Helden Recht, mit Sprüchen und Exempeln, und
müssen also der stummen Meister (d. i. der Bücher) Schüler sein und bleiben Und
machen's doch nimmermehr so gut, als daselbst geschrieben stehet, sondern
kriechen hienach und halten uns dran als an den Bänken oder Stecken, folgen auch
daneben dem Rat der Besten, so mit uns leben, bis die Zeit kommt, dass Gott
wieder einen gesunden Helden oder Wundermann gibt, unter dessen Hand alles
besser geht oder ja so gut als in keinem Buch stehet, der das Recht entweder
ändert oder also meistert, dass es im Lande alles grünet und blühet, mit Friede,
Zucht, Schutz, Strafe, dass es ein gesund Regiment heissen mag, und dennoch
daneben bei seinem Leben aufs höchste gefürchtet, geehret, geliebt und nach
seinem Tode ewiglich gerühmet wird. Und wenn's ein Kranker oder Ungleicher
demselben wollt nachtun und gleich oder besser sein, den hat Gott gewiss zur
Plage der Welt geschickt, wie die Heiden auch schreiben: Der Helden Kinder sind
eitel Plagen.
    Denn was hilft grosse, hohe Weisheit und trefflich herzlich guter Mut oder
Meinung, wenn's nicht die Gedanken sind, die Gott treibt und Glück dazu gibt? Es
sind doch eitel Fehlgedanken und vergebliche Meinungen, ja auch wohl schädliche
und verderbliche. Darum ist's sehr wohlgeredt: Die Gelehrten, die Verkehrten.
Jt.: Ein weiser Mann tut keine kleine Torheit. Und zeigen alle Historien auch
der Heiden, dass die weisen und gutmeinenden Leute haben Land und Leute
verderbet. Welches alles gesagt ist von den Selbstweisen oder kranken
Regierenden, die Gott nicht getrieben, noch Glück dazu gegeben hat; und haben's
doch wollen sein. Also ist ihnen das Regiment zu hoch gewest, haben's nicht
können ertragen noch hinausführen, sind also drunter erdruckt und umkommen, als
Cicero, Demostenes, Brutus, die doch aus der Massen verständige und hochweise
Leute waren, dass sie mochten heissen Licht in natürlichem Recht und Vernunft, und
haben zuletzt das elende Klagelied singen müssen: Ich hätt es nicht gemeinet. Ja
Lieber! das gute Meinen macht viele Leute weinen. Summa, es ist eine hohe Gabe,
wo Gott einen Wundermann gibt, den er selbst regiert; derselbe mag ein König,
Fürst und Herr heissen mit Ehren, er sei selbst Herr oder Rat zu Hofe. Darum
spricht auch Salomo:  Zu laufen hilft nicht schnell sein; zum Streit hilft nicht
stark sein; zum Reichtum hilft nicht klug sein; angenehm sein, dazu hilft nicht
alles wohl können; sondern es liegt alles an der Zeit und am Glück. Was ist das
anders gesagt, denn soviel: Weisheit mag da sein, hohe Vernunft mag da sein,
schöne Gedanken und kluge Anschläge mögen da sein; aber es hilft nichts, wenn
sie Gott nicht gibt und treibt, sondern geht alles hinter sich.« Soweit Luter.
                                      18.
    Luter war ein patriotischer grosser Mann. Als Lehrer der deutschen Nation,
ja als Mitreformator des ganzen jetzt aufgeklärten Europa ist er längst
anerkannt; auch Völker, die seine Religionssätze nicht annehmen, geniessen seiner
Reformation Früchte. Er griff den geistlichen Despotismus, der alles freie,
gesunde Denken aufhebt oder untergräbt, als ein wahrer Herkules an und gab
ganzen Völkern, und zwar zuerst in den schwersten, den geistlichen Dingen, den
Gebrauch der Vernunft wieder. Die Macht seiner Sprache und seines biedern
Geistes vereinte sich mit Wissenschaften, die von und mit ihm auflebten,
vergesellschaftete sich mit den Bemühungen der besten Köpfe in allen Ständen,
die zum Teil sehr verschieden von ihm dachten; so bildete sich zuerst ein
populares literarisches Publikum in Deutschland und in den angrenzenden Ländern.
Jetzt las, was sonst nie gelesen hatte; es lernte lesen, was sonst nicht lesen
konnte. Schulen und Akademien wurden gestiftet, deutsche geistliche Lieder
gesungen und in deutscher Sprache häufiger als sonst gepredigt. Das Volk bekam
die Bibel, wenigstens den Katechismus, in die Hände; zahlreiche Sekten der
Wiedertäufer und andrer Irrlehrer entstanden, deren viele, jede auf ihre Weise,
zu gelehrter oder popularer Erörterung streitiger Materien, also auch zu Übung
des Verstandes, zu Politur der Sprachen und des Geschmacks beitrug. Wäre man
seinem Geist gefolgt und hätte in dieser Art freier Untersuchung auch
Gegenstände beherzigt, die zunächst nicht in seiner Mönchs- und Kirchensphäre
lagen, dass man nämlich auf sie die Grundsätze anwendete, nach denen er dachte
und handelte! - Doch was nützt es, vergangne Zeiten zu lehren oder zu tadeln?
Lasset uns seine Denkart, selbst seine deutlichen Winke und die von ihm ebenso
stark als naiv gesagten Wahrheiten für unsre Zeit nutzen und anwenden! Ich habe
mir aus seinen Schriften eine ziemliche Anzahl Sprüche und Lehren angemerkt, in
denen er (wie er sich selbst mehrmals nannte) sich wirklich als Ecclesiastes,
als Prediger und Lehrer der deutschen Nation darstellt Neulich führte ich an.
was er von der Regimentsveränderung dachte; lasset uns jetzt hören, was er vom
Pöbel und von den Tyrannen hält.
                                Luters Gedanken
                                        
                         vom Pöbel und von den Tyrannen
    »Die Heiden, weil sie nicht erkannt haben, dass weltliches Regiment Gottes
Ordnung sei (denn sie haben's für ein menschliches Glück und Tat gehalten), die
haben frisch darein gegriffen und nicht allein billig, sondern auch löblich
gehalten, unnütze, böse Obrigkeit abzusetzen, zu würgen und zu verjagen. Es ist
aber dahinten eine böse Folge oder Exempel, dass, wo es gebilligt wird, Tyrannen
zu morden oder zu verjagen, reisst es bald ein, und wird ein gemeiner Mutwille
daraus, dass man Tyrannen schilt, die nicht Tyrannen sind, und sie ermordet, wie
es dem Pöbel in Sinn kommt, als uns die römischen Historien wohl zeigen, da sie
manchen feinen Kaiser töteten allein darum, dass er ihnen nicht gefiel oder nicht
ihren Willen tät und liess sie Herren sein. Man darf dem Pöbel nicht viel
pfeifen, er tollet sonst gern; und ist billiger, demselben zehn Ellen abbrechen,
denn eine Hand breit, ja eines Fingers breit einräumen in solchem Fall; dem der
Pöbel hat und weiss keine Masse, und steckt in einem jeglichen mehr denn fünf
Tyrannen. Die Rache ist mein, sagt Gott, ich will vergelten! Ein böser Tyrann
ist leidlicher, dann ein böser Krieg; welches du musst billigen, wenn du deine
eigne Vernunft und Erfahrung fragst. Gott lässt einen Buben regieren um des Volks
Sünde willen. Gar fein können wir sehen, dass ein Bube regiert; aber das Will
niemand sehen, dass er um des Volks Sünde willen regieret. Lass dich nicht irren,
dass die Obrigkeit böse ist; es liegt ihr die Strafe und Unglück näher, denn du
begehren möchtest.«
    - »Obrigkeit ändern und Obrigkeit bessern sind zwei Dinge, so weit
voneinander als Himmel und Erde. Ändern mag leichtlich geschehen, bessern ist
misslich und gefährlich. Warum? Es stehet nicht in unserm Willen und Vermögen,
sondern allein in Gottes Willen und Hand. Der tolle Pöbel aber fragt nicht viel,
wie es besser werde, sondern dass es nur anders werde; wenn es denn ärger wird,
so will er abermals ein anderes haben. So kriegt er denn Hummeln für Fliegen und
zuletzt Hornisse für Hummeln. Und wie die Frösche vorzeiten auch nicht mochten
den Klotz zum Herren leiden kriegten sie den Storch dafür, der sie auf den Kopf
hackte und frass sie. Es ist ein verzweifelt, verflucht Ding um einen tollen
Pöbel, welchen niemand sowohl regieren kann als die Tyrannen; dieselbigen sind
der Knittel, dem Hunde an den Hals gebunden. Sollten sie bessererweise zu
regieren sein, Gott würde auch andre Ordnung über sie gesetzt haben denn das
Schwert und die Tyrannen. Das Schwert zeigt wohl an, was es für Kinder unter
sich habe, nämlich eitel verzweifelte Buben, wo sie es tun dörften.«
    - »Desgleichen will ich und kann auch nicht getröstet haben unsre Nephilim,
die Tyrannen, Wuchrer und Schelmen unter dem Adel, die sich lassen dünken, Gott
habe uns das Evangelium darum gegeben, dass sie mögen geizen, schinden und allen
Mutwillen treiben, ihre Fürsten pochen, Land und Leute drücken und alles in
allem sein wollen, das ihnen nicht befohlen, sondern verboten ist. Diese sind
es, so dazu helfen, dass Gottes Zorn den Türken zum Drescher über uns, über sie
selbst auch schicket, wo sie nicht Busse tun werden. Denn unmöglich ist's, dass
Deutschland sollte stehenbleiben, auch unträglich und unleidlich, wo solche
Tyrannei, Wucher, Geiz, Mutwille des Adels, Bürgers, Bauers und aller Stände so
sollten bleiben und zunehmen; es behielte zuletzt der arme Mann keine Rinde vom
Brot im Hause und möchte lieber oder ja so gern unter den Türken sitzen als
unter solchen Christen. Es stellen und zieren sich fast der mehrere Teil des
Adels so lästerlich und so schändlich, dass sie damit dem gemeinen Mann böses
Blut und argen Wahn machen, als sei der ganze Adel durch und durch kein Nutze.«
    - »Woher werden Tyrannen? Weil sie ihr Vertrauen auf ihre Macht setzen. Alle
Weltweisen haben geklagt über die Beschwerung, so im Regiment ist; und daher
pflegen auch die Tyrannen zu kommen, welche, wenn sie sehen, dass ihre Ratschläge
und ihr Tun, das alles sehr fein verordnet, keinen Fortgang oder Glück haben
oder dass ihnen andre Widerstand tun, so werden sie gar toll und unsinnig und
werden aus frommen Fürsten Tyrannen, die mit Gewalt und andrer Leute Schaden
(welche sie meinen, dass sie ihnen im Wege liegen) sich unterstehen
hindurchzubrechen und damit ihre Gewalt zu erhalten; denn es sind nicht tapfere
Helden, die sich selbst zwingen könnten, sondern hangen und folgen ihren
Begierden nach.«
    - »Also werden auch zur Zeit des Antichrists etliche sein, welche so genau
auf den Frommen Achtung geben werden, ob er etwas aus Unvorsichtigkeit rede oder
tue, das sie entweder mit Gewalt oder mit List können verdrehen oder
gewaltsamerweise auf so einen Verstand ziehen, der wider den heiligen Sitz der
Bestie sei, damit sie alsobald nach Gewohnheit unsrer Papisten schreien können:
Zum Feuer!, da doch derjenige, der es gesagt, entweder niemals daran gedacht
oder es doch niemals hat öffentlich vorbringen wollen. Ja wenn auch der Fromme
etwas mit aller möglichsten Vorsicht geredet hat und sich keiner Gefahr
befürchten können, so wird doch dieses der Gottlosen Amt sein, die besten Reden
zu verlästern und in den unschuldigen Silben Gift, wie die Spinne in den Rosen,
zu finden. Dieses tun sie ihrem Bedünken nach nicht aus unweiser Absicht
(sintemal sie dieses aus der Erfahrung als eine gewisse Sache haben, dass es um
ein tyrannisches Reich nicht gar zu sicher und glücklich stehe), wenn sie nur
diejenige zugrunde richten, die entweder als Schuldige können überwiesen oder
doch der fälschlichen Anklage können verdächtig gemacht werden, sondern man
müsse auch allen andern zum Exempel und Schrecken diejenigen plagen, die sich
nichts weniger befürchtet, als dass sie einmal in dergleichen Fallstricke und
Netze verfallen Sollten. Dass also niemand ist, der sich nicht für einem Tyrannen
zu fürchten habe, wenn er sich gleich auf sein gut Gewissen verlassen kann und
sich keines bösen Anschlags wider den Tyrannen bewusst ist.« Soweit abermals
Luter. Bewahre der Himmel uns vor solchen Zeiten! denn leider es ist nur ein
Ding, Pöbelsinn und Tyrannei, mit zwei Namen genannt, wie die rechte und linke
Seite.
                                      19.
    Treu und Glaube ist der Eckstein aller menschlichen Gesellschaft. Auf Treu
und Glaube sind Freundschaft, Ehe, Handel und Wandel, Regierung und alle andre
Verhältnisse zwischen Menschen und Menschen gegründet. Man untergrabe diesen
Grund: alles wankt und stürzt, alles fällt auseinander.
    Es gibt keine einseitigen Pflichten und einseitige Rechte. Pflichten und
Rechte gehören zusammen wie die obere und untere, wie die rechte und linke
Seite. Was hier konvex ist, ist dort konkav und bleibt dieselbe Sache, derselbe
Körper.
    Lasset Staaten, lasset Stände gegeneinander Treu und Glauben verlieren; wer
seinen Pflichten entsagt, verliert die Rechte, die der Pflicht anklebten; er
täuscht und wird getäuschet; er handelt einseitig, so wird man auch gegen ihn
handeln.
    Manche Vorzüge des Geistes und der Lebensweise hat man unsrer Nation
absprechen wollen; das Lob, das man ihr, das man ihren braven Männern, ihren
guten Regenten und Helden durch alle Zeiten zugestand, war die sogenannte
deutsche Biederkeit, Treu und Glaube. Ihre Worte galten mehr als gesiegelte
Briefe und Eidschwüre; der Herr bauete auf seine Untertanen, Untertanen auf
ihren Herren; wenigstens ist dieses der Schild, den die meisten alten Sprüche
und Apophtegmen der Deutschen vor sich tragen.
    Lasset uns hören, was zu seiner Zeit der alte Luter darüber saget:
                             Deutsche, Deutschland
    »Es ist zwar eine gemeine Klage in allen Ständen und Leben über falsche
verlogne Leute, wie man spricht: Es ist keine Treu noch Glauben mehr. Die alten
Römer haben solch Laster an den Griechen getadelt, wie auch Cicero sagt: Ich
gebe den Griechen, dass sie gelehrte, weise, kunstreiche, geschickte, beredte
Leute sind; aber Treu und Glauben achtet das Volk nicht. Wohlan, es hat auch
solch untreu falsch Volk jetzt lange her seine Strafe gelitten vom Türken, der
sie auch bar überbezahlet. Welschland hat es nachher auch gelernet, dass sie
dörfen zusagen und schwören, was man will, und darnach spotten, wenn sie es
halten sollen. Darum haben sie auch ihre Plage redlich und müssen beide,
Griechen und Walen, Exempel sein des andern Gebots Gottes, da er spricht: Er
solle nicht ungestraft bleiben, wer Gottes Namen missbraucht. Uns Deutsche hat
keine Tugend so hoch gerühmet und, wie ich glaube, bisher so hoch erhoben und
erhalten, als dass man uns für treue, wahrhaftige, beständige Leute gehalten hat,
die da haben Ja ja, Nein nein lassen sein, wie des viel Historien und Bücher
Zeugen sind. Wir Deutsche haben noch ein Fünklein (Gott wolle es erhalten und
aufblasen) von derselben alten Tugend, nämlich dass wir uns dennoch ein wenig
schämen und nicht gerne Lügner heissen, nicht dazu lachen, wie die Walen und
Griechen, oder einen Scherz daraus treiben. Und obwohl die welsche und
griechische Unart einreisset, so ist dennoch gleichwohl noch das übrige bei uns,
dass kein ernster, greulicher Scheltwort jemand reden oder hören kann, denn so er
einen Lügner schilt oder gescholten wird. Und mich dünkt (soll es dünken
heissen), dass kein schädlicher Laster auf Erden sei, denn Lügen und Untreu
beweisen, welches alle Gemeinschaft der Menschen zertrennet. Denn Lügen und
Untreue zertrennet erstlich die Herzen; wenn die Herzen getrennet sind, so gehen
die Hände auch voneinander; wenn die Hände voneinander sind, was kann man da tun
oder schaffen? Darum ist auch in Welschland solch schändlich Trennen, Zwietracht
und Unglück. Denn wo Treu und Glauben aufhöret, da muss das Regiment auch ein
Ende haben. Gott helf uns Deutschen!«
                                      20.
    Ist Ihnen eine Ode Klopstocks zu Gesicht gekommen, die während des letzten
nordamerikanischen Seekrieges erschien und auch schon damals in der Art, diesen
fürchterlichen Krieg zu führen, Spuren einer zunehmenden Humanität bemerkte? Sie
wird Ihnen angenehm sein, auch nur als ein poetischer Traum, als das Gemälde
einer Glück weissagenden Phantasie, gewiss aber noch mehr als eine
Prophetenstimme der Zukunft betrachtet:
                               Der jetzige Krieg
O Krieg, des schöneren Lorbeers wert,
Der unter dem schwellenden Segel, des Windes Fluge
Jetzo geführt wird, du Krieg der edleren Helden,
Dich singe die Leier, die keine Kriege sang.
Ein hoher Genius der Menschlichkeit
Begeistert dich!
Du bist die Morgenröte
Eines nahenden grossen Tags.
Europas Bildung erhebt sich mit Adlerschwunge,
Durch weise Zögrung des Blutvergusses, Durch weisere Meidung,
Durch göttliche Schonung
In Stunden, da, den Bruder tötend,
Der erhabene Mensch zum Ungeheuer werden muss:
Denn die Flotten schweben umher auf dem Ozean
Und suchen sich und finden sich nicht.
Und wenn sie verwehet oder verströmt sich endlich erblicken,
So kämpfen sie länger als je
Den vielentscheidenden Kampf
Um des Windes Beistand.
Und muss es denn zuletzt doch auch beginnen,
Das Treffen, so schlagen sie fern. Fürchterlich brüllet
Ihr Donner; aber er rollt
Seine Tod, in das Meer.
Kein Schiff wird erobert, und keins, zu belastet
Von der hineinrauschenden Woge, versinkt;
Keins flammt in die Höh und treibet,
Scheiter, umher über gesunknen Leichen.
Der Flotten und der Schiffe Gebieter
Schlagen so, ohne gegebenes Wort.
Was brauchen sie der Worte? Die tieferdenkenden
Männer, sie handeln, verstehn sich durch ihr Handeln.
Erdekönigin, Europa, dich hebt bis hinauf
Zu dem hohen Ziele deiner Bildung Adlerschwung,
Wenn unter deinen edleren Kriegern
Diese heilige Schonung Sitte wird.
O denn ist, was jetzo beginnt, der Morgenröten schönste:
Denn sie verkündiget
Einen seligen, nie noch von Menschen erlebten Tag,
Der Jahrhunderte strahlt Auf uns, die noch nicht wussten, der Krieg sei
Das zischendste, tiefste Brandmal der Menschheit.
 Mit welcher Hoheit Blick wird, wen die Heitre
 Des goldnen Tages labt, auf uns herabsehn!
 Bist du wahrer Zukunft Weissagerin,
 Leier, gewesen? Hat der Geist, der dich umschwebt,
 Göttermenschen, oder hat er
 Vernichtungsscheue Gottesleugner gesehn?
    Was Klopstock beim Seekriege bemerkt, liesse es sich prosaisch nicht auch
beim Landkriege, noch mehr aber beim Handel, bei jeder Art des Gewerbs und
Fleisses, selbst in der Art der Erhebung öffentlicher Gefälle und Lasten, bei
Behandlung stehender Heere zu Friedenszeiten (diesem entsetzlichen Druck der
Menschheit), bei Einrichtung öffentlicher Gebäude, insonderheit der Gefängnisse
und Krankenhäuser, bei Behandlung der Krankheiten und einer der ärgsten
Krankheiten unsres Weltteils, der Rechtshändel und rechtlichen Strafen, noch
klärer endlich in Behandlung der Wissenschaften, Einrichtungen der Polizei,
öffentlichen Religion, Erziehung und des ganzen häuslichen Lebens bemerken?
Durch Not gezwungen, wider unsern Willen müssen wir einmal, Gott gebe bald,
vernünftigere, billigere Menschen werden.
                                      21.
    Verzeihen Sie, meine Freunde, dass ich Ihrem hoffnungsvollen Glauben an den
Geist der Zeiten nur furchtsam und zweifelnd beitrete. Denn sobald man dem Wort
seine magische Gestalt nimmt, was bedeutet es mehr als die herrschenden
Meinungen, Sitten und Gewohnheiten unsres Zeitalters; und sollten diese eines so
hohen Lobes wert sein? Sollten sie so grosse und sichre Hoffnungen für die
Zukunft gewähren?
    Mir ist wohl bekannt, was für schönklingende Worte seit geraumer Zeit in
Schriften und Gesellschaften im Umlaufe sind; sehen Sie aber auf die Grundsätze
der Menschen, die in Handlungen zur täglichen Lebensweise übergehen, was finden
Sie da? Alle wahre, tätige Gesinnungen zum Besten des Ganzen sind ihrer Natur
nach mit Aufopferung verbunden; und wer opfert zu unsrer Zeit gern auf?
Versuchen Sie's einmal und bringen die kleinste Sache, die Mühe, Geld, Entsagung
von Privatvorteilen, am meisten von der Eitelkeit fodert, zustande, und Sie
werden gewahr, dass Sie ein saitenloses Klavier spielen. Die lautsten Patrioten
sind oft die engherzigsten Egoisten; die wärmsten Verteidiger des Guten sind
nicht selten die kältesten Seelen, Adler in Worten, in Handlungen Lasttiere der
Erde.
    Hoffen Sie viel, sehr viel von aufgeklärten, guten Fürsten; das Unmögliche
aber hoffen Sie nie. Auch sie sind Menschen, und nach ihrer gewöhnlichen
Erziehung ist's oft zu bewundern, dass sie es noch blieben. Sie tragen die
Fesseln ihres Standes; die engste Fessel ist ihre eigne von Kindheit auf
gewonnene Denkart. Selten gibt es einen Friederich, der sich über das Gewohnte
seiner Zeit früh und doch mit Weisheit hinaussetzt; selten! Zudem bedürfen sie
als Regenten gnugsame Kenntnis der Dinge, Überlegung mit andern, zur Ausführung
Werkzeuge. Wenn sie diese nun nicht finden, wenn diese sie hintergehen und
täuschen, wenn sie endlich aus Misstrauen zu diesen unschicklicherweise selbst
zur Sache greifen, so wird die Geschichte Josephs II. daraus, der mit den
reinsten, notwendigsten, besten Absichten von der Welt im Hafen selbst
scheiterte. Ach, es muss ein Gott vom Himmel kommen oder ausserordentlich gute und
grosse, das ist wahrhaftig göttliche Menschen senden, oder die Verbesserung der
Welt auf dem gewöhnlichen Wege der Zeit geht sehr langsam.
    Lassen Sie mich die herrschenden Gesinnungen andrer Stände und Innungen
nicht durchgehn. Jede Zunft hat ihren Zunftgeist; der fesselt, zumal in unsern
Zeiten, auch den besten Gemütern Herzen und Hände. Man fühlt die Wände des alten
Systems erschüttert und fürchtet den Fall des ganzen Gebäudes; um so
misstrauischer hält man sich also an jeden Balken, an jeden Span des Balkens und
glaubt, mit ihm schon gehe alles verloren. Das alte Schwert ist verrostet; desto
ängstlicher putzt man Griff und Scheide.
    Ans Volk wollen wir eher mit Bedauern und Grossmut als mit Stolz und
Zuversicht denken. Jahrhundertelang ist's unerzogen geblieben; dass es erzogen
werde, kann unser einziger Wunsch sein, nicht dass es herrsche, nicht dass es
gebiete und lehre. Die Besserung muss vom Haupt kommen, nicht von Füssen und
Händen; ich kenne nichts Abscheulicheres als eines wahnsinnigen Volks
Herrschaft.
    Lassen Sie sich auch die Stimmen unsrer Philosophen nicht bis zur Täuschung
bezaubern; die wärmsten sind nicht immer die hellesten Köpfe. Von ihren
Wünschen, vom Anschein der guten Sache eingenommen, vom tätigen Leben und von
der wahren Gestalt der Dinge entfernt, gefallen sie sich in Spekulationen oder,
als der zarteste, empfindlichste Teil des Publikums, trösten sie sich über das,
was nicht ist, mit Träumen, was sein sollte, also auch sein wird. Der kranke,
zarte, fast nur in der Einbildung lebende Rousseau hat er mit seinen stark
ausgedrückten, rege gefühlten Visionen mehr Nutzen oder mehr Schaden gebracht?
Ich wage es nicht zu entscheiden.
    Wie ich fürchte, strebt der Geist unsrer Zeiten vorzüglich zur Auflösung
hin. Dem einen Teil der Welt sollen alle Bande aufhören; alles soll leicht und
lustig werden, weil wir des Alten satt, träge und erschlafft sind. Der andre
Teil der Menschen, der sich im Besitz, leider auch oft mit Härte und Übermut,
fühlet, verachtet die Beschwerden der andern und scheint die Trommeten vor
Jericho zu erwarten. Ein nicht erfreulicher Zustand. Ich kenne keine schlimmere
Jahrszeit als die, in welcher alle Elemente gegeneinander zu sein scheinen, wenn
Kälte, Regen und Sturmwinde toben.
    Selten hat eine Verfassung, welche es auch sei, vom Grundgesetz ihrer
Entstehung sich so weit abbiegen können, dass sie ohne Sturz ihre Basis hätte
verlassen mögen. Die Staaten Europas sind auf ein System kriegerischer und
religiöser Eroberung gegründet; die Pfeiler dieses Systems wanken; die Zeit nagt
an ihnen; stürzen sie, so, fürchte ich, geht unter den Trümmern des Schlechteren
auch das Beste mit unter. Vergönnen Sie mir also, dass ich vom Geist unsrer
Zeiten hinwegsehe und mich noch etwas weiterhin an einige Gedanken des alten
Philosophen zu Sanssouci halte, der auch die Welt kannte.
                  Fortsetzung einiger Gedanken Friedrichs II.
    »Ich bin durch ein Land gereiset, wo die Natur gewiss nichts gespart hat, den
Boden fruchtbar, die Gegend lachend zu machen; aber es scheint, dass sie sich an
Bildung der Pflanzen, Hecken und Flüsse, die die Gegend verschönen, erschöpft
und nicht Kraft gnug gehabt habe, unser Geschlecht daselbst auch so vollkommen
zu machen. Ich habe fast ganz Westfalen auf unsrer Reise gesehen; und gewiss,
wenn Gott seinen göttlichen Hauch dem Menschen verlieh, so muss diese Nation
davon wenig bekommen haben, dass man fast fragen möchte, ob diese
Menschengestalten denkende Menschen sind oder nicht?« (1738)
    
    »Ihr habt recht, dass die, die am konsequentesten handeln sollten, d. i. die
Königreiche regieren und mit einem Wort über das Glück und Unglück der Völker
entscheiden, oft die sind, die sich am meisten dem Ungefähr überlassen. Das
macht, diese Könige, Fürsten, Minister sind Menschen wie andre; der ganze
Unterschied, den das Glück zwischen sie und Leute von geringerem Range gesetzt
hat, ist, dass sie wichtigere Geschäfte betreiben. Ein Strahl Wasser, der drei
Fuss, ein andrer, der hundert Fuss hoch steigt, sind beides Wasserstrahlen, nur
mit verschiedner Kraft emporgetrieben. Eine Königin von England, mit einem
weiblichen Hofe umgeben, wird in ihrer Regierung immer etwas Weibliches zeigen,
Phantasien und Launen.« (1738)
    »Nichts zeigt so sehr die Verschiedenheit unsrer von den alten Zeiten als
die Art, wie das Altertum grosse Männer behandelte und wie wir sie behandeln.
Grosse Gesinnungen, Erhabenheit der Seele, Festigkeit gelten jetzt für
chimärische Tugenden. Er will den Römer machen, sagt man, davon ist man
zurückgekommen, das ist ausser der Zeit. Desto schlimmer! Die Römer, die sich
dieser Tugenden anmassten, waren grosse Männer; warum sollten wir sie nicht
nachahmen in dem, was Lob verdienet?« (1738)
    
    »Unter Hunderten, die zu denken glauben, ist kaum einer, der selbst denkt.
Die andern haben nur zwei oder drei Ideen, die sich in ihrem Hirn umherdrehen,
ohne neue Formen zu erhalten; und auch dieser eine unter den Hunderten denkt
vielleicht, was ein andrer gedacht hat; sein Genie, seine Einbildungskraft ist
nicht schaffend. Ein schöpferischer Geist vervielfältiget Ideen, fasst zwischen
Gegenständen Beziehungen auf, die der unaufmerksame Mensch kaum bemerket. Stärke
des gesunden Verstandes* ist, nach meiner Meinung, der wesentliche Teil eines
Mannes von Genie. Mitteilen lässt sich dies kostbare und seltne Talent nicht; die
Natur scheint damit zu geizen; um es einmal zu verleihen, nimmt sie sich ein
Jahrhundert Frist.«
    
    »Der Vizegott der sieben Berge hat Avignon wiederbekommen; ein solcher Zug
von Freigebigkeit ist selten bei den Regenten. Ganganelli wird darüber in die
Faust lachen und bei sich selbst sagen: Auch die Pforten der Hölle sollen sie
nicht überwältigen! Und das geschieht im philosophischen, im achtzehnten
Jahrhundert! Wohlan nun, ihr Herren Philosophen, bestrebt euch, bestreitet den
Irrtum, häuft Gründe auf Gründe, um ihn in Staub zu legen; wie werdet ihr es
verhindern, dass nicht viele Schwache über wenige Starke den Sieg davontragen
sollten. Werfet die Vorurteile zur Tür hinaus, sie kommen zum Fenster hinein.
Ein Andächtler an der Spitze des Staats, ein Ehrsüchtiger, den sein Interesse
mit dem Interesse der Kirche bindet, wirft an einem Tage um, was zwanzig Jahre
eurer Arbeiten kaum vollführt haben.« (1771)
    
    »Ich wünsche euch zum neuen Minister des allerchristlichsten Königes Glück.
Man sagt, es sei ein Mann von Geist; wenn er es ist, wird er weder die
Imbezillität noch die Schwachheit haben, Avignon dem Papst zurückzugeben. Man
kann ein guter Katolik sein und doch dem Stattalter Gottes seine zeitlichen
Besitztümer nehmen, die ihn zu sehr von seinen geistlichen Pflichten zerstreuen
und ihn oft in Gefahr seiner Seligkeit setzen. Wie fruchtbar auch unser
Jahrhundert an Philosophen sein möge, die unerschrocken, wirksam und eifrig
Wahrheiten verbreiten, so muss man sich doch nicht verwundern, dass der Aberglaube
auch sein Werk forttreibet. Seine Wurzeln haben alles umschlungen; er ist ein
Kind der Furcht, der Schwachheit und der Unwissenheit; diese Dreieinigkeit
herrscht in gemeinen Seelen so allgewaltig als eine andre in den Schulen der
Teologen. Welche Widersprüche vereinigen sich nicht im Gemüt des Menschen! Lass
einen Schelm sich vornehmen, Menschen zu betrügen; er wird Glaubende finden. Der
Mensch ist zum Irren gemacht; Irrtum kommt von selbst in seinen Geist; einige
Wahrheiten entdeckt er nur durch unendliche Mühe.« (1771)
    
    »Die Welt wird von Gevattern und Gevatterinnen regiert; manchmal, wenn man
gnug Data hat, kann man die Zukunft erraten, oft betrügt man sich aber.«
    
    »Als ein echter Schüler der Enzyklopädisten predige ich den allgemeinen
Frieden, wie wenn ich ein Apostel des Abts St. Pierre wäre, und vielleicht werde
ich nicht mehr ausrichten als er. Ich sehe, dass es den Menschen leichter wird,
Böses als Gutes zu tun; ich sehe, dass eine unglückliche Verkettung der Umstände
uns wider unsern Willen dahinreisst und mit unsern Projekten spielt wie der
Sturmwind in dem fliegenden Sande. Indessen geht der ordentliche Gang der Dinge
fort.« (1773)
    »Ich habe den Artikel Krieg in den Enzyklopädischen Fragen gelesen. Wie? ein
Fürst, der seine Truppen in blaues Tuch kleidet und ihnen Hüte mit weissen
Schnüren gibt, der sie sich kehren lässt rechtsum und linksum, kann er sie
ehrenhalber einen Feldzug tun lassen, ohne den Ehrentitel eines Anführers von
Taugenichten zu verdienen, die nur aus Not gedungene Henker werden, um das
ehrbare Handwerk der Strassenräuber zu treiben? Die Philosophen müssen Missionare
auf Bekehrungen ausschicken, um unvermerkt die Staaten von den grossen Armeen zu
entladen, die sie in den Abgrund stürzen, dass nach und nach keiner übrig sei,
der sich schlage. Kein Landesherr, kein Volk wird sodann die unglückliche
Leidenschaft zu kriegen mehr haben, deren Folgen so verderblich sind; jedermann
wird eine Vernunft äussern, so vollkommen als eine geometrische Demonstration.
Ich bedaure sehr, dass mein Alter mich eines so schönen Anblicks beraubet, von
dem ich nicht einmal die Morgenröte erleben werde. Beklagen wird man mich und
meine Zeitgenossen, dass wir in einem Jahrhundert der Finsternis lebten, an
dessen Ende zuerst die Dämmerung der vervollkommeten Vernunft anbrach. Alles
hängt ja von der Zeit ab, in der ein Mensch auf die Welt tritt.« (1773)
    
    »Gegen das viertägige Fieber und gegen den Krieg deklamieren ist gleich
vergebliche Arbeit. Die Regierungen lassen die Philosophen schreien und gehen
ihren Weg; das Fieber nimmt davon auch keine Kunde. Es hat Kriege gegeben,
solange die Welt ist, und wird Kriege geben, wenn wir nicht mehr hier sind. Ein
Arzt muss das Fieber wegschaffen, nicht darüber satirisieren.«
    
    »Ludwig XV. ist nicht mehr. Es war ein guter Mann, der nur einen Fehler
hatte, dass er König War. Lasset seinen Schatten in Friede. Man darf empfindlich
sein über das Unrecht, das man leidet, man muss aber auch zu verzeihen wissen.
Die finstre, gallichte Leidenschaft der Rache ziemt nicht für Menschen, die so
kurz existieren. Wir müssen wechselseitig einander unsre Torheiten vergessen und
uns auf den Genuss des Glücks einschränken, das unsre Natur uns gönnet.«
    
    »Wenn Turenne und Louvois die Pfalz in die Asche legten, wenn der Marschall
von Belle-Isle im letzten Kriege den Vorschlag tat, ganz Hessen zu verwüsten, so
sind solche Ausschweifungen ein ewiger Vorwurf der französischen Nation, die, so
artig sie ist, sich zuweilen Grausamkeiten erlaubt hat, die nur für die ärgsten
Barbaren gehörten. Ludwig XV. indessen verwarf den Vorschlag des Marschall
Belle-Isle und zeigte sich hierin grösser als sein Vorfahr.«
    
    »Beim Leben der Könige ist schwerer über sie zu urteilen als nach ihrem
Tode; ein einziger Umstand verändert oft die Sache so, dass man billigen muss, was
man vorher verdammte. Ludwig XIV. ward bei seinen Lebzeiten getadelt, dass er den
Sukzessionskrieg unternahm; jetzt lässt man ihm Gerechtigkeit widerfahren, und
jeder Unparteiische gestehet ein, dass er niedrig gehandelt hätte, wenn er das
Testament des Königes von Spanien nicht hätte annehmen wollen. Jeder Mensch
macht Fehler, also auch die Fürsten; der wahre Weise, der Stoiker und der
vollkommene Fürst haben nicht existiert und werden nicht existieren. Fürsten wie
Karl der Kühne, Ludwig XI., Alexander VI., Ludwig Sforza sind die Geisseln ihrer
Völker und der Menschheit; solche Fürsten aber existieren jetzt nicht in unserm
Europa. Wir haben schwache Regenten, nicht aber Ungeheuer, wie im 14. und 15.
Jahrhundert. Schwäche ist ein unverbesserlicher Fehler; man muss sich deshalb an
die Natur, nicht an die Person halten. Ich gebe zu, sie tun aus Schwachheit
Böses; in Erbreichen ist's aber einmal ein notwendiges Übel, dass auch solche
Wesen an der Spitze der Nation stehen denn in keiner Familie folgen grosse Männer
in einer Reihe unverrückt aufeinander. Glaubt mir! menschliche Einrichtungen
werden nie zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit kommen; man muss sich mit
dem Beinahe gnügen und gegen unabänderliche Missbräuche nicht gewaltsam
deklamieren.«
    
    »Ich wünsche der französischen Nation Glück über die Wahl, die Ludwig XVI.
an Ministern gemacht hat. Die Völker, hat ein Alter gesagt, werden nicht
glücklich sein, als wenn Weise ihre Könige sein werden. Die französischen
Minister, wenn sie gleich nicht Könige sind, gelten doch für dieselben an
Ansehen und Gewalt. Euer König hat die besten Gesinnungen von der Welt, er will
das Gute; nichts ist für ihn mehr zu fürchten als die Pest der Höfe, die ihn mit
der Zeit umkehre und verderbe. Er ist jung; er kennt die Listen und Feinheiten
nicht, dadurch die Hofleute ihn in ihr Interesse zu ziehen, ihn für ihren Hass
oder ihre Ehrsucht einzunehmen suchen werden. Von Kindheit an ist er in der
Schule des Fanatismus und der Imbezillität gewesen; dies muss fürchten machen,
dass er sich nicht getraue, selbst zu untersuchen, was man ihn verehren gelehret
hat.«
    
    »Was ihr von unsern deutschen Bischöfen sagt, ist nur zu wahr; sie werden
fett von den Zehnten aus Zion. Aber im Heiligen Römischen Reich machen das
Herkommen, die Goldne Bulle und dergleichen alte Torheiten die eingeführten
Missbräuche ehrwürdig. Man sieht sie, zuckt die Schultern, und die Sachen gehen
ihren Gang fort. Den Fanatismus zu vermindern, muss man an die Bischöfe noch
nicht rühren; aber die Mönche, insonderheit die Bettelmönche, muss man
vermindern. Damit wird das Volk kühler und wird den Mächtigen überlassen, die
Bischöfe allgemach zum Besten des Staats zu disponieren. Dies ist der gangbare
Weg. Allmählich und ohn alles Geräusch das Gebäude der Unvernunft untergraben
heisst es selbst fallen machen. In der Lage, in welcher der Papst ist, muss er
Bullen und Breve geben, wie seine geliebten Söhne sie irgend verlangen; diese
Macht, auf den idealischen Kredit des Glaubens gebauet, mindert sich, wie sich
der Glaube mindert, und wenn an der Spitze der Nationen nur einige Minister
sind, die sich über die gemeinen Vorurteile erheben, so macht der Heil. Vater
banquerout. Schon sind seine Wechsel und Papiere zur Hälfte im Misskredit. Ohne
Zweifel wird die Nachwelt den Vorteil geniessen, frei denken zu können und keine
Auftritte mehr zu sehen, wie sie Toulouse und Amiens zeigten«
    
    »Ich kenne weder Turgot noch Malesherbes; wenn sie wahre Philosophen sind,
sind sie an ihren Platz. Weder Vorurteil noch Leidenschaft gilt in den
Geschäften; die einzige erlaubte Leidenschaft ist fürs gemeine Beste. So dachte
Mark Aurel, und so soll jeder Regent denken, der seine Pflicht erfüllen will.«
    
    »Die Regierung in Pennsylvanien, wie sie jetzt eingerichtet ist, gefällt
Euch; sie ist nur ein Jahrhundert alt; lasst sie noch fünf oder sechs
Jahrhunderte fortdauern, und ihr kennet sie nicht mehr. So wahr ist es, dass
Unbestand eines der beständigsten Gesetze der Welt sei. Lass Philosophen die
weiseste Regierung gründen, sie wird dasselbe Schicksal haben, und sind die
Philosophen vor Irrtum immer gesichert gewesen? Sie haben ihn selbst oft auf die
Bahn gebracht, wie des Aristoteles substantielle Formen, der Galimatias des
Plato, Descartes' Wirbel und Leibniz' Monaden zeigen. Was liesse sich nicht von
den Paradoxen sagen, mit denen Rousseau (wenn man ihn unter die Philosophen
rechnen kann) Europa beschenkt hat; und doch hat er manchen guten Vätern das
Hirn so weit verrückt, dass sie ihren Kindern die Erziehung seines Emils geben.
Aus allen diesen Beispielen folgt, dass, ohngeachtet der guten Absichten,
ohngeachtet aller angewandten Mühe, die Menschen in keiner Sache zur
Vollkommenheit gelangen werden.«
    
    »Ich wünsche euch zu eurer guten Meinung von der Menschheit Glück; ich, der
ich aus Pflicht meines Standes diese Gattung Geschöpfe auf zwei Beinen ohne
Federn sehr gut kenne, muss euch voraussagen, dass alle Philosophen der Welt das
menschliche Geschlecht von dem Aberglauben nicht frei machen werden, an dem es
hängt. Die Natur hat dieses Ingrediens in die Komposition der ganzen Gattung
gemischt; eine Furcht, eine Schwäche, eine Leichtgläubigkeit, eine Übereilung
des Urteils ziehet die Menschen durch einen natürlichen Hang in das System des
Wunderbaren; und es gibt nur wenig philosophische Seelen, die stark genug
gebauet sind, um die tiefen Wurzeln der Vorurteile, die die Erziehung in sie
schlug, zu zerstören, Diesen hat sein gesunder Verstand von einigen
Volksirrtümern losgemacht, er empörte sich gegen Ungereimteiten; jetzt kommt
der Tod ihm näher, und aus Furcht fällt er in den Aberglauben zurück; er stirbt
als Kapuziner. Bei jedem hängt seine Art zu denken von einer guten oder übeln
Verdauung ab. Es ist also nicht gnug, Menschen den Trug zu entnehmen; man müsste
ihnen auch eigne Stärke des Geistes einhauchen können, oder Empfindlichkeit und
der Schrecken des Todes werden auch über die stärksten, nach aller Metode
vorgetragenen Vernunftlehren triumphieren. Ihr glaubt, weil Quaker und
Socinianer eine einfachere Religion festgestellet haben, man diese noch mehr
simplifizieren und auf solchen Grund einen neuen Glauben aufführen könnte; ich
komme aber auf mein Voriges zurück und bin überzeugt, dass, wenn diese Herde
Neuglaubender angewachsen wäre, sie in kurzem einen neuen Aberglauben in die
Welt stellen würde, es sei denn, dass sie nur aus Seelen, frei von Furcht und
Schwachheit, bestünde. Und diese sind nicht die gemeinsten. Das glaube ich
indes, dass die Stimme der Vernunft, wenn sie sich gegen den Fanatismus immer
stärker erhebt, die zukünftige Generation duldsamer, als die jetzige ist, machen
kann; und auch das ist schon viel gewonnen.«
                                      22.
    Gern geben wir Ihnen den grössesten Teil Ihrer Zweifel, die Sie mit dem
Ansehen des grossen Königs unterstützt haben, zu; aber was folgt daraus? Sollen
wir, wenn wir auch Ursache hätten, an der höchsten Vollendung des edelsten Werks
zu zweifeln, dies Werk deswegen aufgeben und an der guten Sache verzweifeln? Das
wollte der grosse König nicht; er blieb seiner Pflicht getreu und liess die Hand
nicht vom Steuer, wenn er gleich wusste, dass er sein Schiff nicht ewig regieren
könnte. Zu dieser Tätigkeit munterte er seine Freunde auf, hielt seine
Untertanen an; sie war ihm die Seele des Lebens. Auch sah er wohl, dass die Zeit
fortrückte. »Es scheinet (sagt er im Jahr 1777), dass Europa jetzt im Zuge ist,
sich über alle Gegenstände, die auf das Wohl der Menschheit am meisten Einfluss
haben, aufzuklären, und man muss Euch das Zeugnis geben, dass Ihr mehr als einer
unsrer Zeitgenossen dazu beigetragen habt, es mit der Fackel der Philosophie zu
erleuchten.« Wenn er auf seinem Standpunkt, dazu im höchsten Alter, nicht in
jede brausende Hoffnung der »Enzyklopädie« einstimmen konnte, so war dies nicht
nur ihm verzeihlich, sondern sehr vernünftig. Der Menschheit zuviel und zuwenig
zutrauen wollen, beides ist schädlich.
    Dass es zu unsrer Zeit edle, gute, grosse, selbst aufopfernde Seelen gebe,
diesen Glauben wird mir niemand rauben; denn ich habe ihn durch Erfahrung
bewähret. Dass selbst diese Grossmut aber, wie alles andre, das Gewand der Zeit
tragen müsse, kann uns nicht unerwartet sein. Weil wir so gar viel bedürfen,
sind wir von gar viel Fesseln gebunden; dass diese drückenden Fesseln aber
wenigstens der Grossmut loser gemacht werden möchten, wer wünschet dies mehr als
die echte Humanität selbst? Fast kann sie ihres Wunsches auch nicht ungewiss
sein, da bei dem immer wachsenden unersättlichen Bedürfnis die Natur der Dinge
selbst einen neuen Anfang herbeizuführen scheinet. Wenn jeder einzelne fühlt, er
könne in seinem jetzigen Verhältnis der leidenden Menschheit nicht zu Hülfe
kommen, wie er sollte, so werden, so müssen sich diese Verhältnisse mit der Zeit
ändern. Die Natur selbst arbeitet daran, und keine menschliche Kraft kann es
hindern. Ist das Salz, das den Körper würzen soll, abgeschmackt, wozu ist es
nach dem Evangelium nütz, als dass man es hinauswerfe und lasse es die Leute
zertreten?
    Auch darüber wollen wir uns also nicht wundern, wenn gewisse alte Aste und
Zweige unserer Verfassung nicht mehr so viel Kultur erhalten als ehmals. Man
fühlt, dass sie dürre Aste sind, und wünscht junge Sprossen an ihre Stelle.
Lasset uns die beklagen, die als fruchtbare Zweige auf einem dürren Ast stehen;
lasset uns die tadeln, die den Ast verdorren liessen oder ihm seinen Saft
entzogen; die Achtung und Meinung der Zeit aber kann sich nur nach dem, was da
ist, nicht, was es ehemals war oder künftig sein wird, gestalten. Jedes der
Menschheit erwiesene Unrecht rächet aufs fürchterlichste sich selbst; und wehe,
wem der Glaube oder Nichtglaube hieran mit Spott und Verachtung in die Hand
kommt.
    Stände veralten; mitin verjüngen sich auch Stände Es ist ein und dasselbe
Gesetz der Natur, das diese Seite des Rades hinunter-, jene emporkehrt. Neuen
Most, sagt das Evangelium, fasse man in neue Schläuche, so werden sie beide
erhalten.
    Was hilft es, gegen die Vorurteile der Erziehung Klage erheben? Man bessere
die Erziehung, so fallen die Klagen weg. Philosophie aber kann dies nicht allein
tun; sie ist nur der linke Arm, Regierung ist der rechte Arm der Menschheit. Nur
mit beiden lässt sich das grosse Werk, und alsdann sehr leicht, vollführen.
    Was nützt es, über ungeschaffene oder halbgeschaffene Menschen zu klagen,
deren Ausbildung ja uns allein überlassen ward? Dem trägen Erdkloss hauche Odem
des Lebens ein; er wird sich munter bewegen und dir fröhlich danken.
    Ist's gnug, auch in der Regierung der Völker Übel zu bedauern, die wir
heilen, denen wir zuvorkommen können?
    Lasset Stände, lasset Menschen in allen Ämtern und Bedienungen human und
gerecht, gross, gut und billig denken; der Regent kann nicht anders, als mit und
gleich ihnen denken. Denn nur aus einzelnen Teilen besteht das Ganze; verbessern
sich die Teile und halten zusammen, das Ganze wird gut, ehe man's merket.
    Tadeln Sie mir also nicht meine Philosophen, auch bei ihren kränklichen
Klagen oder bei ihren überspannten Wünschen. Ist nicht der kränkliche Teil des
Körpers der Witterung am meisten empfindlich? Der Hygrometer muss zart, das
Quecksilber muss in einer gläsernen Röhre verschlossen sein, wenn sie ihr Amt tun
sollen. Andernteils muss, wer andre ermuntern, entflammen will, selbst warm und
munter sein. Der kältere Beobachter oder Geschäftsmann wird ihn schon
zurechtweisen.
    Welch ein Unglücksprophet sind Sie aber, dass Sie das barbarische Kriegs- und
Eroberungssystem für die unerschütterliche Grundfeste Europas halten? Das hat
der grosse König nicht gemeint, so manchen Einfall er sich zumal in jüngern
Jahren über den guten Abt St. Pierre erlaubte. Wäre diese traurige Behauptung
wahr, was könnte man anders sagen als: zum Wohl der Menschheit gehe das
unglückliche Europa unter! Hat es nicht lange gnug sich selbst und die Welt
beunruhigt? Triefen nicht alle Länder vom Blut derer, die es erschlug, vom
Schweiss derer, die es als Sklaven quälte? Auf den Tafeln der Natur stehet das
grosse Gesetz der Billigkeit und Wiedervergeltung geschrieben: »Man mache gut,
was man böse gemacht hat, oder büsse durch eigne Verbrechen.« Ich hoffe das
erste. Europa wird gutmachen, was es im Taumel der Leidenschaft, unter den
Hüllen des Aberglaubens und der Barbarei, unter dem Joch der Vorurteile und des
Despotismus böse gemacht hat, und die ganze Menschheit wird sich seiner kläreren
Vernunft, seiner gesetzteren Billigkeit, seines richtigern Kalküls freuen.
    Denken Sie sich eine Gattung Tiere, die nicht Bedürfnisses, sondern des
Vergnügens, der Kunst, der Raserei eines einzigen ihrer Art wegen sich selbst
aufriebe; was würden Sie vom Urheber der Natur sagen? Sich selbst zu regieren,
einander zur Glückseligkeit zu helfen, dazu ist das menschliche Geschlecht
gemacht, nicht, einander zu sieden, zu braten und künstlich zu morden.
    Der grosse Friederich nannte die Kriege »Fieberanfälle der Menschheit«. Dem
Fieber ruft man einen Arzt; auch dies Fieber wird seinen Arzt finden, der seine
Anfälle wenigstens lindre und mindre. Denn das Menschengeschlecht dauert fort;
was eine Zeit nicht tun konnte, kann die andre. Plus ultra, ist der Spruch der
Menschheit, plus ultra! Kein Herkules hat an ihre letzten Säulen gereicht;
niemand wird sie erreichen.
                                      23.
 Ist's Bragas Lied im Sternenklang,
 Ist's, Tochter Dvals17, dein Weihgesang,
 Was rings die alte Nacht verjüngt
 Und mich, ach! meinen Staub durchdringt? -
 - Kann dies die Stätte sein, wo wir
 Ins Tal des Schweigens flohn? -
 Wie reizend, wie bezaubernd lacht
 Die heitre Gegend, wie voll sanfter Pracht!
 In schönrer Majestät, in reiferm Strahle
 Glänzt diese Sonne. Milder fliesst vom Tale
 Mir fremder Blüten Frühlingsduft,
 Und Balsamgeister steigen durch die Luft. -
 - - Ha! nicht also in festlichem Gewand
 Grüsst ich dich einst, mein mütterliches Land.
 Unfreundlich, ungeschmückt und rauh und wüste
 In trübem Dunkel schauerte die Küste.
 Kein Himmel leuchtete mild durch den Hain,
 Kein Tag der Ähren lud zu Freuden ein.
 In Höhlen lauschte Graun und Meuterei,
 Und was am Ufer scholl, war Kriegsgeschrei. -
    In sanfter, äterischer Musik schallten diese Worte um mein Ohr, indes mein
schlummerndes Auge im Traum ein sehr erfreuliches Gesicht sah. An der Hand
eines ehrwürdigen Barden erschien ein altdeutscher Druide. Der Druide suchte
vergebens seinen längst zerstörten heiligen Hain, seine zertrümmerte
Opferstätte. Der Barde suchte die verlornen Fusstapfen seiner Helden; er sah neue
Gesetze, neue Anstalten für Ruhe, Ordnung, Recht und Wohlstand der Menschen;
Gärten und Fluren lachten um ihn her; neue Lieder erklangen, nicht blutige
Heldenlieder. Da ergriff er seine längst verstummte Harfe; er sang die Töne,
deren einzelne Laute ich eben aus der Erinnerung angeführt habe, und das Gesicht
zog vorüber.18
    
    Nur die zauberische Gegend blieb vor meinem Auge; ich wachte und träumte.
Was ich sah, war die jetzige Welt und die Zukunft; ich glaubte (so mischen wir
im Traum die Dinge untereinander!) mit physisch-moralischen Geist von der
unmittelbarsten Gegenwart der Dinge auf ihre Folgen zu schliessen, oder vielmehr
nicht zu schliessen, weil in der wachenden Erscheinung Gegenwart und Zukunft nur
eins war. Es war die Blume in voller Gestalt; es war der Baum mit allen seinen
Früchten. Ach, sprach ich zu mir selbst, Ephemeren, die wir glauben, mit uns
gehe Himmel und Erde unter! Blinde, die so selten gewahr werden, woran sie
selbst arbeiten und was sich vor ihnen entwickelt. Die Gegenwart ist schwanger
von der Zukunft; das Schicksal der Nachwelt ist in unsrer Hand wir haben den
Faden geerbt, wir weben ihn und spinnen ihn weiter.
    Wollen Sie, m. Freunde, etwas aus diesem meinem wachenden Traume wissen?
Hier sind einige Züge, von denen ich Ihnen künftig genaue Rechenschaft zu geben
hoffe19; denn, wie Sie wissen, Träume werden nur aus Erfahrungen, und das
Grundgewebe dieser Hoffnungen sind sehr überdachte Gedanken.
    Ich stellte mir den Zustand der künftigen Literatur aus dem Zusammenhange
der jetzigen und der vergangenen vor; ich sah die Morgenröte eines schönen
werdenden Tages. Was erfindsame, fleissige Geister unsrer Zeit und der Vorzeit
Nützliches versuchten, begannen, taten, sah ich von der Nachwelt gebraucht und
übertroffen. Sie berichtigte Erfindungen, auf Anlagen bauete sie; sie schuf sich
gleichsam neue Organe; die ganze Ansicht der Dinge war verändert.
    Unsre Bemühungen, die Alten in ihrem Geist zu lesen, waren nichts weniger
als verkannt; ich hörte den Namen einiger meiner Freunde mit Liebe und
Hochachtung nennen. Man war aber weiter gekommen; man dachte und schrieb wie die
Alten. Zeiten, denen ähnlich, in denen die edelsten Griechen und Römer
schrieben, waren erschienen; man schrieb, was man sah und tat, und schrieb
merkwürdige Dinge. Der Feldherr und Bürger, der Philosoph und Staatsmann
trennten sich nicht voneinander.
    Zeiten waren gekommen, in denen nicht Strafen allein, sondern auch
öffentliche Ehren und Belohnungen waren. Da lebten Künstler, da sangen Dichter.
Es war Griechenland und war es auch nicht; denn drittehalb Jahrtausende waren
nicht umsonst verflossen in dem immer aufeinanderbauenden Tempel der Zeiten.
Mein Herz erhob sich, da ich aus meinen Tagen einzelne Laute meiner Bekannten
und Freunde hörte.
    Ich sah ein Teater, wie ich's zu unsrer Zeit nicht gesehen hatte, dem
griechischen sehr ähnlich. Sogar der Chor erschien auf demselben wieder, als
Zeuge einer allgemeinen Teilnehmung an dem, was verhandelt ward, unserer Zeit
fremde.
    Ich bemerkte den Zustand der Philosophie; Männer, die mir teuer gewesen
waren, erblickte ich als Gesetzgeber und Einrichter der Nachwelt. Meine ganze
Seele war wie in den Tagen meiner Jugend.
    Gesetze endlich, Regierungen, der Zustand der Menschheit waren so, und so
leicht verändert, dass ich mich wunderte wie wir das alles gewusst, gekannt und
nicht angewandt haben konnten. Auch hier nannte man mir heilige, verehrte Namen
meiner und der Vorzeit, die ich geliebt hatte. Allentalben, auch im Tempel der
Religion, verehrte man eine Göttin, aber nicht mit Worten, sondern in Taten und
Seele, die Humanität. Indem auch ich sie anbeten wollte, riss mich ein neues
Traumgesicht fort.
    
    Durch Sturm und Wellen, über Felsen und Wüsten kam ich zum Sitze des alten
Menschenfreundes Prometeus. Er war nicht mehr an seinen Felsen geschmiedet;
kein Adler zehrete mehr an seiner nimmerverzehrten Leber. Gewalt und Stärke, die
ihn einst angeschmiedet hatten, dieneten ihm; die vom Stachel der Liebe
umhergetriebene Jo sass in menschlich-göttlicher Gestalt ruhig zu seiner Seite.
Der alte Ocean auf seinem geflügelten Ross und die Oceaniden auf ihrem Wagen,
alle menschenfreundlichen Nymphen und Pflegerinnen der Erde waren um ihn
versammelt, und er sprach:
    »Meine Vorsicht konnte mich nicht trügen, denn ich wusste, was ich den
Menschen gegeben hatte mit meinem Geschenk. Unsterblichkeit ist nicht für sie
auf Erden; aber mit dem Licht, das ich ihnen vom Olympus holte, hatten sie
alles. Träge Geschöpfe, dass sie so lang in der Dämmerung gingen; endlich haben
sie das Mittel gefunden, das in ihnen selbst lag, die Vernunft. Sie gibt das Mass
und die Waage, sich selbst zu regieren, Leidenschaften, auch die stärksten und
härtesten, zu überwinden und allein meiner Mutter Temis zu gehorchen. Lange
litt ich mit ihren Leiden; darum war ich an den Felsen geschmiedet, die Zeit und
ein edler Göttersohn, der Sohn meines ärgsten Feindes, haben mich befreit.« Das
Traumbild verschwand, und ich erwachte.
 Multa renascentur quae iam cecidere, cadentque
 Quae nunc sunt in honore -
 Alter erit tum Tiphys, et altera quae vehat Argo
 Delectos heroas: erunt etiam altera bella,
 Atque iterum ad Troiam magnus mittetur Achilles.
                                      24.
    Ich fürchte, Ihr armer Prometeus wird lange noch die Fesseln tragen, die
ihm Gewalt und Stärke anlegten. Um indessen nicht alte Zweifel zu wiederholen,
lege ich Ihnen nur noch eine, aber eine Hauptfrage vor:
    Wäre die ganze Idee einer fortgehenden oder fortschreitenden Vervollkommung
des Menschengeschlechts nicht ein blosser Traum? Prometeus wusste seinen armen
Kranken kein anderes Heilmittel zu geben als die täuschende, blinde Hoffnung.
    Welche andre Gattung der Geschöpfe lässt sich vervollkommen? Und für wen? für
sich oder für andre? Welchen Beruf also, welche Sicherheit darüber hätte der
einzige Mensch für sich?
    Und wo steht sein Ziel der Vollkommenheit? Die Linie dahin, ist sie eine
Asymptote? eine Ellipse? eine Zykloide? oder welch eine andre Kurve?
    Das menschliche Geschlecht besteht nur in einzelnen Menschen. Werden wir
vollkommner geboren als unsre Vorfahren? vollkommner erzogen? Und wenn dies auch
wäre, der einzelne Mensch wächst, kulminiert und geht rückwärts. Ein andrer
tritt an seine Stelle, wächst, kulminiert und geht rückwärts. Er nimmt, was er
etwa erworben hatte, ins Grab; der andre hat neue Mühe im Erwerben und ebenden
Ausgang.
    Was heisst Vervollkommung? Heisst's Vermehrung der Kräfte? Diese bleiben in
dem den Menschen von der Natur bestimmten Mass und Kreise. Der Mensch, sooft man
ihn auch einen Gott oder einen Engel nennete, kann nie ein Gott oder ein Engel
werden.
    Oder wäre Vervollkommung eine Vermehrung von Werkzeugen und Mitteln zum
Gebrauch menschlicher Kräfte? So kommt es immer doch darauf an, ob sie gut
gebraucht werden; denn in den Händen des Bösewichts sind vermehrte Mittel
vermehrte Übel.
    Also veränderte sich die Frage dahin: Wird das menschliche Geschlecht (nicht
kultivierter, sondern) moralisch besser? Besser in Neigungen? in Grundsätzen? in
Anwendung dieser Grundsätze zu Ordnung der Neigungen? zu Bezwingung der
Leidenschaften? zu mehrerer und schwererer Tugendübung? Getraueten Sie sich,
dieses zu behaupten?
    Und woher behaupteten Sie's? Aus der Natur der Sache? aus dem Wesen der
Menschheit? aus der Geschichte und Erfahrung?
    Ziehen Sie die Zusammenordnung der Menschen auf unserm Erdball klimatisch,
lokal, politisch, und wie Sie ferner wollen, in Erwägung; bemerken Sie den
Wechsel der Dinge in Reichen, in Staaten, in Familien, in Ständen; allentalben
werden Sie zwar Macht, Reichtum, Trieb, Leidenschaft blinde Neigung herrschend
finden, aber auch erleuchtete Vernunft, Weisheit, Güte? und zwar nach dem
Fortgange der Zeiten mit wachsendem Lichte?
    Chronologisch und genealogisch hängt freilich das Menschengeschlecht
zusammen oder rücket fort, aber auch dynamisch? rationell? moralisch?
    Und verlöre unser Geschlecht dabei, wenn es nicht fortrückte? Der einzelne
Mensch nicht; denn der lebt auf seiner Stelle und kommt nicht wieder. Das Ganze
auch nicht; dies lebt nur in einzelnen Teilen. Die wachsende Vollkommenheit des
Ganzen wäre ein Ideal, das keinem zugut kommt, das nur in einem alles
übersehenden Geist existieren könnte, etwa im Geist des Schöpfers, und was wäre
für diesen ein solches Spielwerk?
    Vergönnen Sie also, dass ich mit Lessing den ganzen Traum von wachsender
Vollkommenheit unseres Geschlechts für einen heilsamen Trug annehme. Der Mensch
muss nach etwas Höherem streben, damit er nicht unter sich sinke. Er muss vorwärts
getrieben werden, damit er nur von der Stelle komme und nicht in Trägheit
ermatte. Der Wahn einer Perfektibilität und der Trieb dazu scheinet ihm nur als
Verwahrungsmittel gegen die Untätigkeit und Verschlimmerung gegeben. Er geht wie
in der Mühle das blinde Pferd oder wie die kletternde Ziege.
- Oh man, proud man,
 drest in a little brief autority,
 most ignorant of what he is most assur'd,
 plays such fantastic tricks before high heav'n
 as make an angel weep.
                                                                        Shakesp.
                                      25.
    Alle Ihre Fragen über den Fortgang unsres Geschlechts, die eigentlich ein
Buch erforderten, beantwortet, wie mich dünkt, ein einziges Wort: Humanität,
Menschheit. Wäre die Frage, ob der Mensch mehr als Mensch, ein Über-, ein
Aussermensch werden könne und solle, so wäre jede Zeile zuviel die man deshalb
schriebe. Nun aber, da nur von den Gesetzen seiner Natur, vom unauslöschlichen
Charakter seiner Art und Gattung die Rede ist, so erlauben Sie, dass ich sogar
einige Paragraphen schreibe.
                       Über den Charakter der Menschheit
                                       1.
    Vollkommenheit einer Sache kann nichts sein, als dass das Ding sei, was es
sein soll und kann.
                                       2.
    Vollkommenheit eines einzelnen Menschen ist also, dass er im Kontinuum seiner
Existenz er selbst sei und werde dass er die Kräfte brauche, die die Natur ihm
als Stammgut gegeben hat, dass er damit für sich und andre wuchere.
                                       3.
    Erhaltung, Leben und Gesundheit ist der Grund dieser Kräfte; was diesen
Grund schwächet oder wegnimmt, was Menschen hinopfert oder verstümmelt, es habe
Namen, wie es wolle, ist unmenschlich.
                                       4.
    Mit dem Leben des Menschen fängt seine Erziehung an; denn Kräfte und Glieder
bringt er zwar auf die Welt, aber den Gebrauch dieser Kräfte und Glieder, ihre
Anwendung, ihre Entwicklung muss er lernen. Ein Zustand der Gesellschaft also,
der die Erziehung vernachlässigt oder auf falsche Wege lenkt oder diese falschen
Wege begünstigt oder endlich die Erziehung der Menschen schwer und unmöglich
macht, ist insofern ein unmenschlicher Zustand. Er beraubt sich selbst seiner
Glieder und des Besten, das an ihnen ist, des Gebrauchs ihrer Kräfte. Wozu
hatten sich Menschen vereinigt, als dass sie dadurch vollkommenere, bessere,
glücklichere Menschen würden?
                                       5.
    Unförmliche also oder schiefausgebildete Menschen zeigen mit ihrer traurigen
Existenz nichts weiter, als dass sie in einer unglücklichen Gesellschaft von
Kindheit auf lebten; denn Mensch zu werden, dazu bringt jeder Anlage gnug mit
sich.
                                       6.
    Sich allein kann kein Mensch leben, wenn er auch wollte. Die Fertigkeiten,
die er sich erwirbt, die Tugenden oder Laster, die er ausübt, kommen in einem
kleinern oder grösseren Kreise andern zu Leid oder zur Freude.
                                       7.
    Die gegenseitig wohltätigste Einwirkung eines Menschen auf den andern jedem
Individuum zu verschaffen und zu erleichtern, nur dies kann der Zweck aller
menschlicher Vereinigung sein. Was ihn stört, hindert oder aufhebt, ist
unmenschlich. Lebe der Mensch kurz oder lange, in diesem oder jenem Stande, er
soll seine Existenz geniessen und das Beste davon andern mitteilen; dazu soll ihm
die Gesellschaft, zu der er sich vereinigt hat, helfen.
                                       8.
    Gehet ein Mensch von hinnen, so nimmt er nichts als das Bewusstsein mit sich,
seiner Pflicht, Mensch zu sein, mehr oder minder ein Gnüge getan zu haben. Alles
andre bleibt hinter ihm, den Menschen. Der Gebrauch seiner Fähigkeiten, alle
Zinsen des Kapitals seiner Kräfte, die das ihm geliehene Stammgut oft hoch
übersteigen, fallen seinem Geschlecht anheim.
                                       9.
    An seine Stelle treten junge, rüstige Menschen, die mit diesen Gütern
fortandeln; sie treten ab, und es kommen andre an ihre Stelle. Menschen
sterben, aber die Menschheit perenniert unsterblich. Ihr Hauptgut, der Gebrauch
ihrer Kräfte, die Ausbildung ihrer Fähigkeiten, ist ein gemeines, bleibendes Gut
und muss natürlicherweise im fortgehenden Gebrauch fortwachsen.
                                      10.
    Durch Übung vermehren sich die Kräfte, nicht nur bei einzelnen, sondern
ungeheuer mehr bei vielen nach- und miteinander. Die Menschen schaffen sich
immer mehrere und bessere Werkzeuge; sie lernen sich selbst einander immer mehr
und besser als Werkzeuge gebrauchen. Die physische Gewalt der Menschheit nimmt
also zu: der Ball des Fortzutreibenden wird grösser; die Maschinen, die es
forttreiben sollen, werden ausgearbeiteter, künstlicher, geschickter, feiner.
                                      11.
    Denn die Natur des Menschen ist Kunst. Alles, wozu eine Anlage in seinem
Dasein ist, kann und muss mit der Zeit Kunst werden.
                                      12.
    Alle Gegenstände, die in seinem Reich liegen (und dies ist so gross als die
Erde), laden ihn dazu ein; sie können und werden von ihm, nicht ihrem Wesen
nach, sondern nur zu seinem Gebrauch erforscht, gekannt, angewandt werden.
Niemand ist, der ihm hierin Grenzen setzen könne, selbst der Tod nicht; denn das
Menschengeschlecht verjünget sich mit immer neuen Ansichten der Dinge, mit immer
jungen Kräften.
                                      13.
    Unendlich sind die Verbindungen, in welche die Gegenstände der Natur
gebracht werden können; der Geist der Erfindungen zum Gebrauch derselben ist
also unbeschränkt und fortschreitend. Eine Erfindung weckt die andre auf; eine
Tätigkeit erweckt die andre. Oft sind mit einer Entdeckung tausend andre und
zehntausend auf sie gegründete, neue Tätigkeiten gegeben.
                                      14.
    Nur stelle man sich die Linie dieses Fortganges* nicht gerade, noch
einförmig, sondern nach allen Richtungen, in allen möglichen Wendungen und
Winkeln vor. Weder die Asymptote noch die Ellipse und Zykloide mögen den Lauf
der Natur uns vormalen. Jetzt fallen die Menschen begierig über einen Gegenstand
her; jetzt verlassen sie ihn mitten im Werk, entweder seiner müde oder weil ein
andrer, neuerer Gegenstand sie zu sich hinreisst. Wenn dieser ihnen alt geworden
ist, werden sie zu jenem zurückkehren, oder dieser wird sie gar auf jenen
zurückleiten. Denn für den Menschen ist alles in der Natur verbunden, eben weil
der Mensch nur Mensch ist und allein mit seinen Organen die Natur sieht und
gebrauchet.
                                      15.
    Hieraus entspringt ein Wettkampf menschlicher Kräfte, der immer vermehrt
werden muss, je mehr die Sphäre des Erkenntnisses und der Übung zunimmt. Elemente
und Nationen kommen in Verbindung, die sich sonst nicht zu kennen schienen; je
härter sie in den Kampf geraten, desto mehr reiben sich ihre Seiten allmählich
gegeneinander ab, und es entstehen endlich gemeinschaftliche Produktionen
mehrerer Völker.
                                      16.
    Ein Konflikt aller Völker unsrer Erde ist gar wohl zu gedenken; der Grund
dazu ist sogar schon geleget.
                                      17.
    Dass zu diesen Operationen die Natur viel Zeit, mancherlei Umwandlungen
bedarf, ist nicht zu verwundern; ihr ist keine Zeit zu lang, keine Bewegung zu
verflochten. Alles, was geschehen kann und soll, mag nur in aller Zeit wie im
ganzen Raum der Dinge zustande gebracht werden; was heute nicht wird, weil es
nicht geschehen kann, erfolgt morgen.
                                      18.
    Der Mensch ist zwar das erste, aber nicht das einzige Geschöpf der Erde; er
beherrscht die Welt, ist aber nicht das Universum. Also stehen ihm oft die
Elemente der Natur entgegen, daher er mit ihnen kämpfet. Das Feuer zerstört
seine Werke; Überschwemmungen bedecken sein Land; Stürme zertrümmern seine
Schiffe, und Krankheiten morden sein Geschlecht. Alles dies ist ihm in den Weg
gelegt, damit er's überwinde.
                                      19.
    Er hat dazu die Waffen in sich. Seine Klugheit hat Tiere bezwungen und
gebraucht sie zu seiner Absicht; seine Vorsicht setzt dem Feuer Grenzen und
zwingt den Sturm, ihm zu dienen. Den Fluten setzt er Wälle entgegen und geht auf
ihren Wogen daher; den Krankheiten und dem verheerenden Tode selbst sucht und
weiss er zu steuren. Zu seinen besten Gütern ist der Mensch durch Unfälle
gelangt, und tausend Entdeckungen wären ihm verborgen geblieben, hätte sie die
Not nicht erfunden. Sie ist das Gewicht an der Uhr, das alle Räder derselben
treibet.
                                      20.
    Ein Gleiches ist's mit den Stürmen in unsrer Brust, den Leidenschaften der
Menschen. Die Natur hat die Charaktere unseres Geschlechts so verschieden
gemacht, als diese irgend nur sein konnten; denn alles Innere soll in der
Menschheit herausgekehrt, alle ihre Kräfte sollen entwickelt werden.
                                      21.
    Wie es unter den Tieren zerstörende und erhaltende Gattungen gibt, so unter
den Menschen. Nur unter jenen und diesen sind die zerstörenden Leidenschaften
die wenigern; sie können und müssen von den erhaltenden Neigungen unsrer Natur
eingeschränkt und bezwungen, zwar nicht ausgetilgt, aber unter eine Regel
gebracht werden.
                                      22.
    Diese Regel ist Vernunft, bei Handlungen Billigkeit und Güte. Eine
vernunftlose, blinde Macht ist zuletzt immer eine ohnmächtige Macht; entweder
zerstört sie sich selbst oder muss am Ende dem Verstande dienen.
                                      23.
    Desgleichen ist der wahre Verstand immer auch mit Billigkeit und Güte
verbunden; sie führet auf ihn, er führet auf sie. Verstand und Güte sind die
beiden Pole, um deren Achse sich die Kugel der Humanität beweget.
                                      24.
    Wo sie einander entgegengesetzt scheinen, da ist's mit einer oder dem andern
nicht richtig; eben diese Divergenz aber macht Fehler sichtbar und bringt den
Kalkül des Interesse unsres Geschlechts immer mehr zur Richtigkeit und
Bestimmteit. Jeder feinere Fehler gibt eine neue, höhere Regel der reinen
allumfassenden Güte und Wahrheit.
                                      25.
    Alle Laster und Fehler unsres Geschlechts müssen also dem Ganzen endlich zum
Besten gereichen. Alles Elend, das aus Vorurteilen, Trägheit und Unwissenheit
entspringt, kann den Menschen seine Sphäre nur mehr kennen lehren; alle
Ausschweifungen rechts und links stossen ihn am Ende auf seinen Mittelpunkt
zurück.
                                      26.
    Je unwilliger, hartnäckiger, träger das Menschengeschlecht ist, desto mehr
tut es sich selbst Schaden; diesen Schaden muss es tragen, büssen und entgelten;
desto später kommt's zum Ziele.
                                      27.
    Dies Ziel ausschliessend jenseit des Grabes setzen, ist dem
Menschengeschlecht nicht förderlich, sondern schädlich. Dort kann nur wachsen,
was hier gepflanzt ist, und einem Menschen sein hiesiges Dasein rauben, um ihn
mit einem andern ausser unsrer Welt zu belohnen, heisst, den Menschen um sein
Dasein betrügen.
                                      28.
    Ja, dem ganzen menschlichen Geschlecht, das also verführt wird, seinen
Endpunkt der Wirkung verrücken, heisst, ihm den Stachel seiner Wirksamkeit aus
der Hand drehn und es im Schwindel erhalten.
                                      29.
    Je reiner eine Religion war, desto mehr musste und wollte sie die Humanität
befördern. Dies ist der Prüfstein selbst der Mytologie der verschiednen
Religionen.
                                      30.
    Die Religion Christi, die er selbst hatte, lehrte und übte, war die
Humanität selbst. Nichts anders als sie; sie aber auch im weitsten Inbegriff, in
der reinsten Quelle, in der wirksamsten Anwendung. Christus kannte für sich
keinen edleren Namen, als dass er sich den Menschensohn, d. i. einen Menschen,
nannte.
                                      31.
    Je besser ein Staat ist, desto angelegentlicher und glücklicher wird in ihm
die Humanität gepfleget, je inhumaner, desto unglücklicher und ärger. Dies geht
durch alle Glieder und Verbindungen desselben von der Hütte an bis zum Trone.
                                      32.
    Der Politik ist der Mensch ein Mittel; der Moral ist er Zweck. Beide
Wissenschaften müssen eins werden, oder sie sind schädlich widereinander. Alle
dabei erscheinende Disparaten indes müssen die Menschen belehren, damit sie
wenigstens durch eigenen Schaden klug werden.
                                      33.
    Wie jeden aufmerksamen einzelnen Menschen das Gesetz der Natur zur Humanität
führet - seine rauhen Ecken werden ihm abgestossen, er muss sich überwinden,
andern nachgeben und seine Kräfte zum Besten andrer gebrauchen lernen -, so
wirken die verschiedenen Charaktere und Sinnesarten zum Wohl des grösseren
Ganzen. Jeder fühlt die Übel der Welt nach seiner eigenen Lage; er hat also die
Pflicht auf sich, sich ihrer von dieser Seite anzunehmen, dem Mangelhaften,
Schwachen, Gedruckten an dem Teil zu Hülfe zu kommen, da es ihm sein Verstand
und sein Herz gebietet. Gelingt's, so hat er dabei in ihm selbst die eigenste
Freude; gelingt's jetzt und ihm nicht, so wird's zu anderer Zeit einem andern
gelingen. Er aber hat getan, was er tun sollte und konnte.
                                      34.
    Ist der Staat das, was er sein soll, das Auge der allgemeinen Vernunft, das
Ohr und Herz der allgemeinen Billigkeit und Güte, so wird er jede dieser Stimmen
hören und die Tätigkeit der Menschen nach ihren verschiednen Neigungen,
Empfindbarkeiten, Schwächen und Bedürfnissen aufwecken und ermuntern.
                                      35.
    Es ist nur ein Bau, der fortgeführt werden soll, der simpelste, grösseste; er
erstrecket sich über alle Jahrhunderte und Nationen; wie physisch, so ist auch
moralisch und politisch die Menschheit im ewigen Fortgange und Streben.
                                      36.
    Die Perfektibilität ist also keine Täuschung; sie ist Mittel und Endzweck zu
Ausbildung alles dessen, was der Charakter unsres Geschlechts, Humanität,
verlanget und gewähret.
    Hebet eure Augen auf und sehet. Allentalben ist die Saat gesäet; hier
verweset und keimt, dort wächset sie und reift zu einer neuen Aussaat. Dort
liegt sie unter Schnee und Eise; getrost! das Eis schmilzt, der Schnee wärmt und
decket die Saat. Kein Übel, das der Menschheit begegnet, kann und soll ihr
anders als erspriesslich werden. Es läge ja selbst an ihr, wenn es ihr nicht
erspriesslich würde; denn auch Laster, Fehler und Schwachheiten der Menschen
stehen als Naturbegebenheiten unter Regeln, und sind oder sie können berechnet
werden. Das ist mein Credo. Speremus atque agamus.
                                      26.
    Neulich sprach jemand von einer Gesellschaft, von der er sonderbare Dinge
behauptete. Er sagte, »ihre wahre Taten sein so gross, so weit aussehend, das
ganze Jahrhunderte vergehen könnten, ehe man sagen dürfte: Das haben sie getan!
Gleichwohl hätten sie alles Gute getan, was noch in der Welt ist (Merke wohl,
sagte er, in der Welt!), und führen fort, an alle dem Guten zu arbeiten, was
noch in der Welt werden wird (Merke wohl, sagte er, in der Welt!). Und, setzte
er hinzu, die wahren Taten dieser Gesellschaft zielen dahin, um grösstenteils
alles, was man gemeiniglich gute Taten nennt, entbehrlich zu machen.«
    Wer war begieriger über dieses Rätsel als ich? Und hier ist ungefähr unser
Gespräch darüber.
              Gespräch über eine unsichtbar-sichtbare Gesellschaft
Er: Wofür hältst du die bürgerliche Gesellschaft der Menschen?
Ich: Für etwas sehr Gutes.
Er: Ohnstreitig. Aber hältst du sie für Zweck oder für Mittel? Glaubst du, dass
    die Menschen für die Staaten erschaffen worden oder dass die Staaten für die
    Menschen sind?
Ich: Jenes scheinen einige behaupten zu wollen, dieses aber mag wohl das Wahrere
    sein.
Er: So denke ich auch. Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese
    und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von
    Glückseligkeit desto besser und sichrer geniessen könne. Das Totale der
    einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats.
    Ausser dieser gibt es gar keine. Jede andre Glückseligkeit des Staats, bei
    welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden, ist Bemäntelung der
    Tyrannei. Anders nichts. -
Ich: Gut also! Das bürgerliche Leben des Menschen, alle Staatsverfassungen sind
    nichts als Mittel zur menschlichen Glückseligkeit. Was weiter?
Er: Nichts als Mittel, und Mittel menschlicher Erfindung, ob ich gleich nicht
    leugnen will, dass die Natur alles so eingerichtet, dass der Mensch sehr bald
    auf diese Erfindung geraten müssen. Nun sage mir, wenn die
    Staatsverfassungen Mittel, Mittel menschlicher Erfindungen sind, sollten sie
    allein von dem Schicksale menschlicher Mittel ausgenommen sein?
Ich: Was nennest du Schicksale menschlicher Mittel?
Er: Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln verbunden ist, dass sie
    nicht unfehlbar sind. Dass sie ihrer Absicht nicht allein nicht entsprechen,
    sondern auch wohl gerade das Gegenteil davon bewirken.
Ich: Ich glaube dich zu verstehen. Aber man weiss ja wohl, woher es kommt, wenn
    so viel einzelne Menschen durch die Staatsverfassung an ihrer Glückseligkeit
    nichts gewinnen. Der Staatsverfassungen sind viele; eine ist also besser als
    die andre; manche ist sehr fehlerhaft, mit ihrer Absicht offenbar streitend;
    und die beste soll vielleicht noch erfunden werden.
Er: Das ungerechnet! Setze die beste Staatsverfassung, die sich nur denken lässt,
    schon erfunden; setze, dass alle Menschen in der ganzen Welt diese beste
    Staatsverfassung angenommen haben: meinst du nicht, dass auch dann noch,
    selbst aus dieser besten Staatsverfassung, Dinge entspringen müssen, welche
    der menschlichen Glückseligkeit höchst nachteilig sind und wovon der Mensch
    in dem Stande der Natur schlechterdings nicht gewusst hätte?
Ich: Es würde dir schwer werden, eins von jenen nachteiligen Dingen zu nennen -
Er: Die auch aus der besten Staatsverfassung notwendig entspringen müssen? Oh,
    zehne für eines.
Ich: Nur eines* erst.
Er: Wir nehmen also die beste Staatsverfassung für erfunden an; wir nehmen an,
    dass alle Menschen in der Welt in dieser besten Staatsverfassung leben;
    würden deswegen alle Menschen in der Welt nur einen Staat ausmachen?
Ich: Wohl schwerlich. Ein so ungeheurer Staat würde keiner Verwaltung fähig
    sein. Er müsste sich also in mehrere kleine Staaten verteilen, die alle nach
    den nämlichen Gesetzen verwaltet würden.
Er: Und jeder dieser kleineren Staaten hätte sein eignes Interesse? Jedes Glied
    desselben hätte das Interesse seines Staats?
Ich: Wie anders?
Er: Diese verschiedenen Interesse würden öfters miteinander in Kollision kommen,
    so wie jetzt; und zwei Glieder aus zwei verschiedenen Staaten würden
    einander ebensowenig mit unbefangenem Gemüt begegnen können, als jetzt ein
    Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer begegnet.
Ich: Sehr wahrscheinlich.
Er: Das ist: wenn jetzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem
    Engländer begegnet, so begegnet nicht mehr ein blosser Mensch einem blossen
    Menschen, sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen, die
    ihrer verschiedenen Tendenz sich bewusst sind, welches sie gegeneinander
    kalt, zurückhaltend, misstrauisch macht, noch ehe sie für ihre einzelne
    Person das geringste miteinander zu schaffen und zu teilen haben.
Ich: Das ist leider wahr.
Er: Nun so ist es denn auch wahr, dass das Mittel, welches die Menschen
    vereiniget, um sie durch diese Vereinigung ihres Glücks zu versichern, die
    Menschen zugleich trennet. Tritt einen Schritt weiter. Viele von den
    kleinern Staaten würden ein ganz verschiedenes Klima, folglich ganz
    verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganz verschiedene
    Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich
    ganz verschiedene Religionen haben?
Ich: Das ist ein gewaltiger Schritt.
Er: Hätten sie das, so würden sie auch, sie möchten heissen, wie sie wollten,
    sich untereinander nicht anders verhalten, als sich unsre Christen und Juden
    und Türken von jeher untereinander verhalten haben. Nicht als blosse Menschen
    gegen blosse Menschen, sondern als solche Menschen gegen solche Menschen, die
    sich einen gewissen geistigen Vorzug gegeneinander streitig machen und
    darauf Rechte gründen, die dem natürlichen Menschen nimmermehr einfallen
    könnten.
Ich: Allenfalls dächte ich doch, so wie du angenommen hast, dass alle Staaten
    einerlei Verfassung hätten, dass sie auch wohl alle einerlei Religion haben
    könnten. Ja, ich begreife nicht, wie einerlei Staatsverfassung ohne einerlei
    Religion auch nur möglich ist.
Er: Ich ebensowenig. Auch nahm ich jenes nur an, um dir deine Ausflucht
    abzuschneiden. Eines ist zuverlässig ebenso unmöglich als das andre. Ein
    Staat, mehrere Staaten. Mehrere Staaten, mehrere Staatsverfassungen. Mehrere
    Staatsverfassungen, mehrere Religionen. - Nun sieh da das zweite Unheil,
    welches die bürgerliche Gesellschaft ganz ihrer Absicht entgegen verursacht.
    Sie kann die Menschen nicht vereinigen, ohne sie zu trennen, nicht trennen,
    ohne Klüfte zwischen ihnen zu befestigen, ohne Scheidemauern durch sie
    hinzuziehen. Lass mich noch das dritte hinzufügen. Nicht gnug, dass die
    bürgerliche Gesellschaft die Menschen in verschiedene Völker und Religionen
    teilt und trennet. Diese Trennung in wenige grosse Teile, deren jeder für
    sich ein Ganzes wäre, wäre doch immer noch besser als gar kein Ganzes. -
    Nein, die bürgerliche Gesellschaft setzt ihre Trennung auch in jedem dieser
    Teile gleichsam bis ins unendliche fort.
Ich: Wieso?
Er: Oder meinst du, dass ein Staat sich ohne Verschiedenheit von Ständen denken
    lässt? Er sei gut oder schlecht, der Vollkommenheit mehr oder weniger nahe,
    ohnmöglich können alle Glieder unter sich das nämliche Verhältnis haben. -
    Wenn sie auch alle an der Gesetzgebung Anteil hätten, so können sie doch
    nicht gleichen Anteil haben, wenigstens nicht gleich unmittelbaren Anteil.
    Es wird also vornehmere und geringere Glieder geben. - Wenn anfangs auch
    alle Besitzungen des Staats unter sie gleich verteilt worden, so kann diese
    gleiche Verteilung doch keine zwei Menschenalter bestehen. Es wird bald
    reichere und ärmere Glieder geben.
Ich: Das versteht sich.
Er: Nun überlege, wieviel Übel es in der Welt wohl gibt, die in dieser
    Verschiedenheit der Stände ihren Grund nicht hätten.
Ich: Wenn ich dir doch widersprechen könnte! Aber was willst du damit? Mir das
    bürgerliche Leben dadurch verleiden? Mich wünschen machen, dass den Menschen
    der Gedanke, sich in Staaten zu vereinigen, nie möge gekommen sein?
Er: Verkennest du mich so weit? Wenn die bürgerliche Gesellschaft auch nur das
    Gute hätte, dass allein in ihr die menschliche Vernunft angebauet werden
    kann, ich würde sie auch bei weit grössern Übeln noch segnen.
Ich: Wer des Feuers geniessen will, muss sich den Rauch gefallen lassen.
Er: Allerdings. Aber weil der Rauch bei dem Feuer unvermeidlich ist, durfte man
    darum keinen Rauchfang erfinden? Und der den Rauchfang erfand, war der darum
    ein Feind des Feuers? Sieh, dahin wollte ich.
Ich: Wohin? Ich verstehe dich nicht.
Er: Das Gleichnis war doch sehr passend. - Wenn die Menschen nicht anders in
    Staaten vereinigt werden konnten als durch jene Trennungen, werden sie darum
    gut, jene Trennungen?
Ich: Das wohl nicht.
Er: Werden sie darum heilig, jene Trennungen?
Ich: Wie heilig?
Er: Dass es verboten sein sollte, Hand an sie zu legen.
Ich: In Absicht...
Er: In Absicht, sie nicht grösser einreissen zu lassen, als die Notwendigkeit
    erfordert. In Absicht, ihre Folgen so unschädlich zu machen, als möglich.
Ich: Wie könnte das verboten sein?
Er: Aber geboten kann es doch auch nicht sein, durch bürgerliche Gesetze nicht
    geboten. Denn bürgerliche Gesetze erstrecken sich nie über die Grenzen ihres
    Staats. Und dieses würde nun gerade ausser den Grenzen aller und jeder
    Staaten liegen. - Folglich kann es nur ein opus super erogatum sein, und es
    wäre bloss zu wünschen, dass sich die Weisesten und Besten eines jeden Staats
    diesem operi super erogato freiwillig unterzögen.
Ich: Recht sehr zu wünschen.
Er: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staat Männer geben möchte, die über
    die Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüssten, wo
    Patriotismus Tugend zu sein aufhöret.
Ich: Recht sehr zu wünschen!
Er: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staat Männer geben möchte, die dem
    Vorurteil ihrer angebornen Religion nicht unterlägen, nicht glaubten, dass
    alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen.
Ich: Recht sehr zu wünschen!
Er: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staat Männer geben möchte, welche
    bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht
    ekelt, in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herablässt und der Geringe
    sich dreist erhebet.
Ich: Recht sehr zu wünschen!
Er: Und wenn er erfüllt wäre, dieser Wunsch? Nicht bloss hier und da, nicht bloss
    dann und wann. Wie wenn es dergleichen Männer jetzt überall gäbe? zu allen
    Zeiten nun ferner geben müsste?
Ich: Wollte Gott!
Er: Und diese Männer nicht in einer unwirksamen Zerstreuung lebten? nicht immer
    in einer unsichtbaren Kirche?
Ich: Schöner Traum!
Er: Dass ich es kurz mache. Und diese Männer die *** wären? (Hier nannte er mir
    den Namen der Gesellschaft, doch ohne mich im mindesten zu ihr einzuladen.
    Er, der aufrichtigste Mann, gestand selbst, dass die genannten Absichten zu
    ihrem Geschäft nur so mit gehörten, dass »dies Geschäft nichts Willkürliches,
    nichts Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges sei, darauf man durch eignes
    Nachdenken ebensowohl verfallen könne, als man durch andre darauf geführt
    wird, dass Worte, Zeichen und Gebräuche, dass die ganze Aufnahme in diese
    Gesellschaft nichts Notwendiges, nichts Wesentliches sei«; und durch diese
    Winke geleitet, war ich auf sicherm Wege Es begann zwischen uns ein zweites
    Gespräch, ohngefähr folgendermassen:)
Ich: Wenn es auch ausser deiner Gesellschaft eine andre, freiere Gesellschaft
    gäbe, die das grosse Geschäft, wovon wir sprachen, nicht als Nebensache,
    sondern als Hauptzweck, nicht verschlossen, sondern vor aller Welt, nicht in
    Gebräuchen und Sinnbildern, sondern in klaren Worten und Taten, nicht in
    zwei oder drei Nationen, sondern unter allen aufgeklärten Völkern der Erde
    triebe: nicht wahr, so entliessest du mir die Aufnahme in deine kleine
    Gesellschaft?
Er: Herzlich gern. Das Nitrum muss ja wohl in der Luft sein, ehe es sich als
    Salpeter an den Wänden einer dunkeln Kammer ansetzt.
Ich: Zumal wenn ich in dieser Gesellschaft, die zu allen Zeiten existiert hat
    und existieren wird, längst gelebt und in ihr mein Vaterland, meine innigste
    Freunde gefunden hätte?
Er: Desto besser.
Ich: Und in meiner Gesellschaft nichts von dem zu befürchten wäre, was ich in
    der deinigen immer noch besorgen muss: wo nicht Trug für Wahrheit, so
    wenigstens pädagogische Anleitung, Pedanterie des Herkommens, Aufhalt?
Er: Ganz nach meinem Sinn; aber nenne mir deine Gesellschaft.
Ich: Die Gesellschaft aller denkenden Menschen in allen Welt teilen.
Er: Gross genug ist sie, aber leider eine zerstreute, unsichtbare Kirche.
Ich: Sie ist gesammelt, sie ist sichtbar. Faust oder Guttenberg war, wie soll
    ich sagen, ihr Meister vom Stuhl oder vielmehr ihr erster dienender Bruder.
    Ich treffe in ihr alles an, was mich über jede Trennung der bürgerlichen
    Gesellschaft erhebt und mich zum Umgange nicht mit solchen und solchen
    Menschen, sondern mit Menschen überhaupt, nicht nur einführt, sondern auch
    bildet.
Er: Ich verstehe dich wohl. Seitdem die Buchdruckerei ihre Worte und Zeichen in
    alle Welt sendet, sollte es, meinst du, keine geheime Worte und Zeichen mehr
    geben. Indessen stiftet auch die Buchdruckerei nur eine idealische
    Gesellschaft.
Ich: Wie es in diesen Dingen sein muss. Über Grundsätze können sich nur Geister
    einander erklären; die Zusammenkunft der Körper ist sehr entbehrlich, wenn
    sie nicht zugleich auch meistens sehr zerstreuend und verführerisch wäre. Im
    Umgange mit Geistern, auf Fausts Mantel bleibt meine Seele frei; sie kann
    jedes Wort, jedes Bild prüfen.
Er: Und sie heben dich über alle Vorurteile der Staaten, der Religion, der
    Stände?
Ich: Völlig. Entweder denke ich bei meinen Gesellschaftern Homer, Plato,
    Xenophon, Tacitus, Mark Antonin, Baco, Fénelon gar nicht daran, zu welchem
    Staat oder Stande sie gehörten, welches Volkes und welcher Religion sie
    waren, oder wenn sie mich daran erinnern, geschiehet's gewiss mit weniger
    Störung, als es in deiner sichtbaren Gesellschaft je geschehen kann und mag.
Er: Gewiss.
Ich: Und kann darauf rechnen, dass sich in dieser Gesellschaft, an eben diesen
    Grundsätzen und Lehren alle edlen Geister der Welt mit mir vereinigen.
Er: Und du kannst selbst mit ihnen sprechen, dich ihnen vernehmlich und hörbar
    machen auf eben dem Wege.
Ich: Wenn ich's wie du könnte! Ich sprach mit deinem Geist, ehe ich deine Person
    sah; ich kannte dich, ohne von einer geheimen Gesellschaft zu sein, am Wort,
    am Griff, am Schlage. Deine und andrer Taten haben längst und sicherer bei
    mir bewirkt, was Gebräuche und Zeichen nur sehr unsicher und langsam
    bewirken könnten: sie haben mich über jedes Vorurteil von Staatsverfassung,
    angeborner Religion, Rang und Ständen längst erhoben.
Er: Welche Taten?
Ich: Poesie, Philosophie und Geschichte sind, wie mich dünkt, die drei Lichter,
    die hierüber Nationen, Sekten und Geschlechter erleuchten: ein heiliges
    Dreieck! Poesie erhebt den Menschen durch eine angenehme, sinnliche
    Gegenwart der Dinge über alle jene Trennungen und Einseitigkeiten.
    Philosophie gibt ihm feste, bleibende Grundsätze darüber, und wenn es ihm
    nötig ist, wird ihm die Geschichte nähere Maximen nicht versagen.
Er: Ob aber auch diese Grundsätze, diese Maximen und Anschauungen Taten wirkten?
    Gäbe nicht die Gesellschaft einen Antrieb mehr?
Ich: Ich nehme dir deine eignen Worte aus dem Munde. »Sage mir nichts von der
    Menge der Antriebe. Lieber einem einzigen Antriebe alle mögliche intensive
    Kraft gegeben! Die Menge solcher Antriebe ist wie die Menge der Räder in
    einer Maschine. Je mehr Räder, desto wandelbarer.«
Er: Und was wäre dein einziger Antrieb?
Ich: Humanität. Gäbe man diesem Begriff alle seine Stärke, zeigte man ihn im
    ganzen Umfange seiner Wirkungen und legte ihn als Pflicht, als
    unumgängliche, allgemeine, erste Pflicht sich und andern ans Herz, alle
    Vorurteile von Staatsinteresse, angeborner Religion und das törichtste
    Vorurteil unter allen, von Rang und Stande, würden -
Er: Verschwinden? Da irrest du dich sehr.
Ich: Nicht verschwinden, aber gedämpft, eingeschränkt, unschädlich gemacht
    werden, was deine genannte und vielleicht verdienstvolle Gesellschaft ja
    auch nur bewirken konnte, wenn sie es bewirken wollte. Weisst du es nicht
    besser als ich, dass alle dergleichen Siege über das Vorurteil von innen
    heraus, nicht von aussen hinein erfochten werden müssen? Die Denkart macht
    den Menschen, nicht die Gesellschaft; wo jene da ist, formt und stimmt sich
    diese von selbst. Setze zwei Menschen von gleichen Grundsätzen zusammen;
    ohne Griff und Zeichen verstehen sie sich und bauen in stillen Taten den
    grossen, edlen Bau der Humanität fort. Jeder, nachdem er kann, in seiner
    Lage, praktisch; er freuet sich aber auch am Werk andrer Hände, weil er
    überzeugt ist, dass dies unendliche, unabsehliche Gebäude nur von allen
    Händen vollführt werden kann, dass alle Zeiten, alle Beziehungen dazu
    erfordert werden, mitin ein jeder einen jeden nicht einmal kennen darf,
    kennen soll, geschweige, dass er ihn durch Eidschwüre, durch Gesetze und
    Symbole bände.
Er: Du bist auf dem rechten Wege; auf ihm gibt es freie Arbeit. Kein wahres
    Licht lässt sich verbergen, wenn man es auch verbergen wollte; und das
    reinste Licht sucht man nicht eben in den Grüften.
Ich: Alle solche Symbole mögen einst gut und notwendig gewesen sein; sie sind
    aber, wie mich dünkt, nicht mehr für unsre Zeiten. Für unsre Zeiten ist
    gerade das Gegenteil ihrer Metode nötig, reine, helle, offenbare Wahrheit.
Er: Ich wünsche dir Glück. Glaubst du aber nicht, dass man auch dem Wort
    Humanität einen Fleck anhängen werde?
Ich: Das wäre sehr inhuman. Wir sind nichts als Menschen; sei du der Erste
    unsrer Gesellschaft.20
                                Dritte Sammlung
                                        
                                     (1794)
                                      27.
    Sie fürchten, dass man dem Wort Humanität einen Fleck anhängen werde21;
könnten wir nicht das Wort ändern? Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechte,
Menschenpflichten, Menschenwürde, Menschenliebe?
     Menschen sind wir allesamt und tragen sofern die Menschheit an uns, oder
wir gehören zur Menschheit. Leider aber hat man in unserer Sprache dem Wort
Mensch und noch mehr dem barmherzigen Wort Menschlichkeit so oft eine
Nebenbedeutung von Niedrigkeit, Schwäche und falschem Mitleid angehängt, dass man
jenes nur mit einem Blick der Verachtung, dies mit einem Achselzucken zu
begleiten gewohnt ist. »Der Mensch!«22 sagen wir jammernd oder verachtend und
glauben einen guten Mann aufs lindeste mit dem Ausdruck zu entschuldigen, »es
habe ihn die Menschlichkeit übereilet«. Kein Vernünftiger billigt es, dass man
den Charakter des Geschlechts, zu dem wir gehören, so barbarisch hinabgesetzt
hat; man hat hiemit unweiser gehandelt, als wenn man den Namen seiner Stadt oder
Landsmannschaft zum Ekelnamen machte. Wir also wollen uns hüten, dass wir zu
Beförderung solcher Menschlichkeit keine Briefe schreiben.
    Der Name Menschenrechte kann ohne Menschenpflichten nicht genannt werden;
beide beziehen sich aufeinander, und für beide suchen wir ein Wort.
    So auch Menschenwürde und Menschenliebe. Das Menschengeschlecht, wie es
jetzt ist und wahrscheinlich lange noch sein wird, hat seinem grössesten Teil
nach keine Würde; man darf es eher bemitleiden als verehren. Es soll aber zum
Charakter seines Geschlechts, mitin auch zu dessen Wert und Würde gebildet
werden. Das schöne Wort Menschenliebe ist so trivial worden, dass man meistens
die Menschen liebt, um keinen unter den Menschen wirksam zu lieben. Alle diese
Worte entalten Teilbegriffe unseres Zwecks, den wir gern mit einem Ausdruck
bezeichnen möchten.
    Also wollen wir bei dem Wort Humanität bleiben, an welches unter Alten und
Neuern die besten Schriftsteller so würdige Begriffe geknüpft haben. Humanität
ist der Charakter unsres Geschlechts; er ist uns aber nur in Anlagen angeboren
und muss uns eigentlich angebildet werden. Wir bringen ihn nicht fertig auf die
Welt mit; auf der Welt aber soll er das Ziel unsres Bestrebens, die Summe unsrer
Übungen, unser Wert sein; denn eine Angelität im Menschen kennen wir nicht, und
wenn der Dämon, der uns regiert, kein humaner Dämon ist, werden wir Plagegeister
der Menschen. Das Göttliche in unserm Geschletcht ist also Bildung zur
Humanität; alle grossen und guten Menschen, Gesetzgeber, Erfinder, Philosophen,
Dichter, Künstler, jeder edle Mensch in seinem Stande, bei der Erziehung seiner
Kinder, bei der Beobachtung seiner Pflichten, durch Beispiel, Werk, Institut und
Lehre hat dazu mitgeholfen. Humanität ist der Schatz und die Ausbeute aller
menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unsres Geschlechtes. Die Bildung zu
ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken, höhere
und niedere Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück.
    Sollte das Wort Humanität also unsre Sprache verunzieren? Alle gebildete
Nationen haben es in ihre Mundart aufgenommen; und wenn unsre Briefe einem
Fremden in die Hand kämen, müssten sie ihm wenigstens unverfänglich scheinen;
denn Briefe zu Beförderung der Brutalität wird doch kein ehrliebender Mensch
wollen geschrieben haben.
                                      28.
    Gern nehme ich mit Ihnen das Wort Humanität in unsre Sprache, wenigstens im
Kreise unsrer Gesellschaft, auf; der Begriff, den es ausdrückt, noch mehr aber
dessen Geschichte scheint ihm das Bürgerrecht zu geben.
    Solange der Mensch, dies wunderbare Rätsel der Schöpfung, sich seinem
sichtbaren Zustande nach betrachtete und sich dabei mit dem, was in ihm lag, mit
seinen Anlagen und Willenskräften, oder gar mit äussern Gegenständen der
dauernden Natur verglich, so ward er auf das Gefühl der Hinfälligkeit, der
Schwäche und Krankheit zurückgestossen; daher in mehreren morgenländischen
Schriften dieser Begriffe dem Namen unsres Geschlechts ursprünglich beigesellet
ist. Der Mensch ist von Erde, eine zerbrechliche, von einem flüchtigen Odem
durchhauchte Leimhütte; sein Leben ist ein Schatte, sein Los ist Mühe auf Erden.
    Schon dieser Begriff führte zur Menschlichkeit, d. i. zum erbarmenden
Mitgefühl des Leidens seiner Nebenmenschen, zur Teilnahme an den
Unvollkommenheiten ihrer Natur, mit dem Bestreben, diesen zuvorzukommen oder
ihnen abzuhelfen. Die Morgenländer sind so reich an Sittensprüchen und
Einkleidungen, die dies Menschengefühl als Pflicht einschärfen oder als eine
unserm Geschlecht unentbehrliche Tugend empfehlen, dass es sehr ungerecht wäre,
ihnen Humanität abzusprechen, weil sie dies Wort nicht besassen.
    Die Griechen hatten für den Menschen einen edleren Namen: antrôpos, ein
Aufwärtsblickender, der sein Antlitz und Auge aufrecht empor trägt, oder, wie
Plato es noch künstlicher deutet, einer, der, indem er sieht, auch überzählt und
rechnet. Sie konnten indessen ebensowenig umhin, in diesem aufrechtblickenden,
vernunftartigen Geschlecht alle die Mängel zu bemerken, die zum bedauernden
Mitgefühl, also zur Humanität und zur Gesellung führen. In Homer und allen ihren
Dichtern kommen die zärtlichsten Klagen über das Los der Menschheit vor.
Erinnern Sie sich der Worte Apolls, wenn er die armen Sterblichen beschreibt:
»Wie sie, gleich den Blättern des Baums, jetzt grünen und frisch sind,
Von den Früchten der Erde sich nährend; dann aber in kurzem
Welken und fallen entseelet dahin -«
    Oder wenn Jupiter selbst die unsterblichen Rosse Achills bedauret, die um
ihren Gebieter trauren:
- Er sprach im Innern der Seele
»Arme, warum doch gaben wir euch dem Könige Peleus,
Einem Sterblichen, euch, die niemals altern und sterben?
War's, mit den unglückseligen Menschen euch leiden zu
sehen?
Denn elender ist nirgend ein Wesen, als es der Mensch ist;
Keines von allen, die über der Erde sich regen und
atmen.« -
    In demselben Ton singen ihre lyrische Dichter.
    Nächst der Selbsterhaltung ward es also die erste Pflicht der Menschheit,
den Schwächen unserer Nebengeschöpfe beizuspringen und sie gegen die Übel der
Natur oder die rohen Leidenschaften ihres eignen Geschlechts in Schutz zu
nehmen. Dahin ging die Sorge ihrer Gesetzgeber und Weisen, dass sie in Worten und
Gebräuchen den Menschen diese unentbehrlichen heiligen Pflichten gegen ihre
Mitmenschen anempfahlen und dadurch das älteste Menschen- und Völkerrecht
gründeten. Religion war's, vom Morde sich zu entalten, dem Schwachen
beizuspringen, dem Irrenden den rechten Weg zu zeigen, des Verwundeten zu
pflegen, den Toten zu begraben. In Religion wurden die Pflichten des Ehebundes,
der Eltern gegen die Kinder, der Kinder gegen die Eltern, des Einheimischen
gegen die Fremden eingehüllet und allmählich dies Erbarmen auch auf Feinde
verbreitet.23 Was Poesie und gesetzgebende Weisheit begonnen hatten, entwickelte
die Philosophie endlich; und wir haben es insonderheit der sokratischen Schule
zu danken, dass in Form so mannigfaltiger Lehrgebäude die Kenntnis der Natur des
Menschen, seiner wesentlichen Beziehungen und Pflichten das Studium der
erlesensten Geister ward. Was Sokrates bei den Griechen tat, brachten bei andern
Völkern andre zustande: Konfuzius z.B. ist der Sokrates der Sineser, Menu der
Indier worden; denn überhaupt sind die Gesetze der Menschenpflicht keinem Volk
der Erde unbekannt geblieben. In jeder Staatsverfassung aber hat sie nach Lage
und Zeit das sogenannte Bedürfnis des Staats teils befördert, teils aufgehalten
und verderbet.
    Unter den Römern also, denen das Wort Humanität eigentlich gehört, fand der
Begriff Anlass gnug, sich bestimmter auszubilden. Rom hatte harte Gesetze gegen
Knechte, Kinder, Fremde, Feinde; die obern Stände hatten Rechte gegen das Volk
u. f. Wer diese Rechte mit grössester Strenge verfolgte, konnte gerecht sein, er
war aber dabei nicht menschlich. Der Edle, der von diesen Rechten, wo sie
unbillig waren, von selbst nachliess, der gegen Kinder, Sklaven, Niedre, Fremde,
Feinde nicht als römischer Bürger oder Patrizier, sondern als Mensch handelte,
der war humanus, humanissimus, nicht etwa in Gesprächen nur und in der
Gesellschaft, sondern auch in Geschäften, in häuslichen Sitten, in der ganzen
Handlungsweise. Und da hiezu das Studium und die Liebe der griechischen
Weltweisheit viel tat, dass sie den rauhen, strengen Römer nachgebend, sanft,
gefällig, billigdenkend machte, konnte den bildenden Wissenschaften ein
schönerer Name gegeben werden, als dass man sie menschliche Wissenschaften
nannte? Gewiss war von ihnen die Philosophie nicht ausgeschlossen24; vielmehr war
sie dieser bildenden Wissenschaften Erzieherin und Gesellin, bald ihre Mutter,
bald ihre Tochter gewesen.
    Da bei den Römern also die Humanität zuerst als eine Bezähmerin harter
bürgerlicher Gesetze und Rechte, als die eigentliche Tochter der Philosophie und
bildenden Wissenschaften einen Namen gewonnen hat, der sich mit diesen nachher
weitervererbte, so lassen Sie uns ja Namen und Sache ehren. Auch in den
abergläubigsten, dunkelsten Zeiten erinnerte der Name humaniora an den ernsten
und schönen Zweck, den die Wissenschaften befördern sollten; diesen wollen wir,
da wir menschliche Wissenschaften doch nicht wohl sagen können, mit und ohne dem
Wort Humanität, nie vergessen, nie aufgeben. Wir bedürfen dessen ebensowohl als
die Römer.
    Denn blicken Sie jetzt weiterhin in die Geschichte; es kam eine Zeit, da das
Wort Mensch (homo) einen ganz andern Sinn bekam, es hiess ein Pflichtträger, ein
Untertan, ein Vasall, ein Diener.25 Wer dies nicht war, der genoss keines Rechts,
der war seines Lebens nicht sicher; und die, denen jene dienende Menschen
zugehörten, waren Übermenschen. Der Eid, den man ihnen ablegte, hiess
Menschenpflicht (homagium), und wer ein freier Mann sein wollte, musste durch den
Mann-Rechtsbrief beweisen, dass er kein homo, kein Mensch sei. Wundern Sie sich
nun, dass dem Wort Mensch in unsrer Sprache ein so niedriger Begriff anklebt?
Seiner Abstammung selbst heisst es ja nichts anders als ein verachteter Mann,
Mennisk, ein Männlein.26 Auch Leute, Leutlein wurden nur als Anhängsel des
Landes betrachtet, das sie bebauen mussten, auf welchem sie starben. Der Fürst,
der Edle war Herr und Eigentümer über Land und Leute, und seine Säckelträger,
Kanzlisten, Kapellane, Vasallen und Klienten waren homines, Menschen oder
Menschlein, mit mancherlei Nebenbestimmungen, die ihnen bloss das Verhältnis gab,
nach welchem sie ihm angehörten.27Lassen Sie uns ja zum Begriff der Humanität
bei Griechen und Römern übergehen, denn bei diesem barbarischen Menschenrecht
wird uns angst und bange.
                                      29.
    Das Hauptgut wollen wir ja nicht vergessen, das uns die tiefere Betrachtung
der Menschennatur für alle Zeiten erworben hat; es ist die Erkenntnis unsrer
Kräfte und Anlagen, unsres Berufes und unsrer Pflicht. Eben in dem, wodurch der
Mensch von Tieren sich unterscheidet, liegt sein Charakter, sein Adel, seine
Bestimmung; er kann sich davon sowenig als von der Menschheit selbst lossagen.
Dies ist das wahre studium humanitatis, in welchem uns Griechen und Römer
vortrefflich vorgegangen sind; Schande, wenn wir ihnen nachbleiben wollten!
    Der Mensch hat einen Willen, er ist des Gesetzes fähig; seine Vernunft ist
ihm Gesetz. Ein heiliges, unverbrüchliches Gesetz, dem er sich nie entziehen
darf, dem er sich nie entziehen soll. Er ist nicht etwa nur ein mechanisches
Glied der Naturkette, sondern der Geist, der die Natur beherrscht, ist teilweise
in ihm. Jener soll er folgen; die Dinge um ihn her, insonderheit seine eigne
Handlungen, soll er dellt allgemeinen Principium der Welt gemäss anordnen. Hierin
ist er keinem Zwange unterworfen, ja er ist keines Zwanges fähig. Er
kostituieret sich selbst; er konstituiert mit andern ihm Gleichgesinnten nach
heiligen, unverbrüchlichen Gesetzen eine Gesellschaft. Nach solchen ist er
Freund, Bürger, Ehemann, Vater, Mitbürger endlich der grossen Stadt Gottes auf
Erden, die nur ein Gesetz, ein Dämon, der Geist einer allgemeinen Vernunft und
Humanität beherrschet, ordnet, lenket.
    Doch warum spreche ich? und lasse nicht lieber den menschenfreundlichen
Kaiser sprechen, der in seinen Betrachtungen über sich selbst mehr als in seiner
Statue vor dem Kapitol als Gesetzgeber der Welt dem Menschengeschlecht
sanftmütig-gross gebietet.
                         Mark Antonin über sich selbst
    »Von Apollonius habe ich gelernt, frei zu sein und ohne Wankelmut
unbeweglich, auf nichts anders, auch mit dem kleinsten Seitenblick, hinzusehen
als auf die Vernunft, immer derselbe zu sein, unter den heftigsten Schmerzen,
beim Verlust eines Kindes, in langwierigen Krankheiten. Wie in einem lebendigen
Muster habe ich an ihm deutlich ersehen, wie derselbe Mann sehr strenge und doch
auch nachgebend sein könne. Ich habe von ihm gelernt, wie man von Freunden
sogenannte Gefälligkeiten annehmen könne, dass man ihnen weder verhaftet werde
noch solche gefühllos zurückweisen dürfe.«
    »Vom Sextus lernte ich Wohlwollen; ich empfing das Muster einer väterlichen
Hausverwaltung und den Sinn, nach der Natur zu leben. Ich lernte, ernst sein
ohne Steifheit, mich in Freunde schicken ohne Laune, Unwissende und vom Wahn
Geleitete dulden. An ihm sah ich, was Gefälligkeit gegen jedermann sei; denn
sein Umgang war angenehmer als alle Schmeichelei, und doch blieb er zu ebender
Zeit bei allen in Achtung.«
    »Von meinem Bruder Severus lernte ich Verwandte, Recht und Wahrheit lieben.
Durch ihn lernte ich einen Trasea, Helvidius, Cato, Dion und Brutus kennen; ich
empfing die Idee eines Staats, der nach gleichen Gesetzen und Rechten verwaltet
wird, einer Regierung, die der Freiheit ihrer Untertanen die höchste Achtung
erweiset. Von ihm lernte ich standhaft und ohne Scheu die Philosophie
hochschätzen, guttätig sein auf die beste, reichste Weise, jederzeit das Beste
hoffen und auf die Liebe der Freunde trauen, es ihnen gestehen, worin man mit
ihnen unzufrieden sei, was man wolle oder nicht wolle, sie nicht erraten lassen,
sondern es ihnen klar sagen.«
    »Haben wir den Verstand miteinander gemein, so ist uns auch die Vernunft
gemein, durch die wir vernünftig sind. Ist dieses, so ist uns auch die Vernunft
gemein, die vorschreibt, was wir zu tun und nicht zu tun haben. Ist dies, so
haben wir auch ein gemeinschaftliches Gesetz. Ist das, so sind wir Bürger und
nehmen an einem gemeinschaftlichen Staate teil. Dieser Staat ist die Welt; denn
was für einen andern Staat könnte jemand nennen, an dem das ganze
Menschengeschlecht teilnehme? Aus diesem gemeinschaftlichen Staat also haben wir
alle denselben Verstand, dieselbe Vernunft, dieselbe gesetzgebende Vernunft;
denn woher hätten wir sie sonst? Wie das Irdische an mir, das Feuchte, das
Luftige, das Feurige jedes aus der Quelle seines Elements kommt und dahin
gehöret, so muss auch der Verstand irgendwoher sein und dazu gehören.«
    »Was dir füglich ist, o Weltall, ist auch mir bequem Nichts kommt mir zu
frühe, nichts zu spät, was dir recht ist. Alles ist mir Frucht, o Natur, was
deine Horen mir bringen. Aus dir kommt alles, in dir ist alles, in dich kehrt
alles zurück. Wenn jener sagte: O du geliebte Kekrops-Stadt, sollte ich nicht
sagen: O du geliebte Gottes-Stadt!«
    »Der Geist des Weltalls ist ein Gemeinheit-Stifter. Das Schlechtere hat er
des Bessern wegen hervorgebracht, das Bessere harmonisch zueinander geordnet. Du
siehest, wie er unter-, wie er zusammenordnete, wie er jedem Dinge nach Würde
das Seinige zuteilte und die edelsten Wesen zum einstimmigen Wohlwollen, zum
Gleichsinn gegeneinander verknüpft hat.«
    »Stehest du des Morgens ungern auf, so ermuntre dich mit dem Gedanken: Ich
erwache zum Werk des Menschen! Sollte ich mit Unwillen dran gehen, das zu tun,
deshalb ich geboren, dazu ich in die Welt kommen bin? Die Ruhe ist aber
angenehm. Bist du zum Geniessen geboren? oder nicht vielmehr zum Tun, zum Wirken?
Siehest du nicht, wie Gewächse, Vögel, Ameisen, Spinnen, Bienen die Welt auf
ihrem Platze mitzieren? und du, ein Mensch, wolltest deinen Menschenberuf nicht
erfüllen? Du eilst nicht zu dem, was deine Natur von dir fodert? Du liebst dich
also nicht selbst, da du deine Natur und ihr Gesetz nicht liebest. Andre, die
ihre Kunst lieben, zehren sich in Ausübung derselben ab, sie vergessen Speise
und Trank; du aber schätzest deine Menschennatur geringer als der Drechsler die
Drehekunst, der Tänzer die Tanzkunst, der Geizige das Geld, der Ehrsüchtige ein
wenig Ehre. Scheinen dir Arbeiten zum gemeinsamen Wohlsein zu geringe, als dass
sie gleichen Fleisses bedürften?«
    »Siehe zu, dass du nicht verkaisert werdest; nimm die Tinktur nicht an. Denn
das geschieht leicht! Erhalte dich einfach gut, unverfälscht, ernstaft,
prachtlos, rechtliebend, gottverehrend, sanftmütig, liebend die Deinigen, tapfer
zu jedem wohlanständigen Werk. Kämpfe, dass du der bleibest, zu dem dich die
Philosophie machen wollte. Verehre die Götter, erhalte die Menschen. Kurz ist
das Leben, und es gibt nur eine Frucht des irdischen Lebens: ein heiliges Gemüt
und zum Wohl der Gesellschaft dienende Werke.«
    »Glaube nicht, dass, wenn dir etwas schwer dünkt, es dem Menschen unmöglich
sei, und was dem Menschen je möglich war, das halte auch dir möglich.«
    »Gegen unvernünftige Tiere, überhaupt auch bei allen vorkommenden
vernunftlosen Dingen und Geschäften betrage dich als einer, der Vernunft hat,
grossmütig und frei. Gegen Menschen aber, als gegen vernünftige Wesen, betrage
dich mit gemeinschaftlicher, geselliger Vernunft.«
    »Die Menschen sind um einander willen da. Belehre sie also, oder ertrage
sie.«
    »Fange endlich einmal an, ein Mensch zu sein; hüte dich aber ebensowohl, den
Menschen zu schmeicheln, als über sie zu zürnen. Beides ist wider die Pflicht
der Gesellschaft, beides ist schädlich.«
    »Welche Macht und Würde hat der Mensch! Nichts zu tun, als was die Gotteit
selbst billigen würde, und alles aufzunehmen, was ihm Gott anweiset.«
    »Mensch! Du warest in diesem grossen Staate Gottes ein Mitbürger; was kümmert
es dich, dass du es nur fünf Jahre lang warest? Was nach Gesetzen geschieht, tut
niemandem unrecht. Was ist denn schreckliches darin, dass dich nicht ein Tyrann
noch ein ungerechter Richter, sondern die Natur wegruft, die dich in diesen
Staat einführte? eben wie den Schauspieler, den der Prätor dung, der Prätor auch
von der Schaubühne entlässt. - Aber die fünf Akte des Stücks sind von mir noch
nicht geendet, sondern nur drei. Wohl! Im Leben sind drei Akte auch ein Stück.
Was ein Ganzes sein soll, bestimmet der, der einst Kompositeur, jetzt Auflöser
des Spiels ist. Du bist keins von beiden. Geh also zufrieden fort, auch er
entlässt dich zufrieden.«
    - So spricht Mark Antonin auf allen Blättern. Wir wollen nicht sagen:
»Heiliger, bitte für uns,« sondern: »Menschlicher Kaiser, sei uns ein Muster.«
                                      30.
Wer vermag der Würde von solchen Dingen, dem Geiste
Ihrer Erfindung gemäss, ein Lied zu dichten? Und wer hat
Kraft im Busen und Worte der Zunge, zu strömen ein Loblied
Jenem vortrefflichen Mann, der solche Schätze der Wahrheit,
Die sich sein Herz erworben, uns zum Geschenke gelassen?
Möcht es auch einer wagen, von sterblichem Blute geboren?
Wenn der Dinge Gewicht, die sein hoher Geist uns entdeckt hat,
Ihren vortrefflichen Wert wir bedenken, so war er ein Gott uns,
Ja ein Gott war's, ruhmvoller Memmius! welcher zuerst uns
Jenen erhabenen Weg des Lebens gezeiget, den jetzt wir
Weisheit nennen und der, durch ihre Hülfe, das Leben
Aus dem Dunkel der Nacht, aus wogenden Fluten gerettet
Und in den friedlichen Port, in klares Licht es gestellt hat.
Nimm die Erfindungen andrer, die man für göttlich erkannt hat;
Ceres pflanzte die Ähren; es lehrte die Sterblichen Bacchus
Den gekelterten Most aus der Rebe drücken, da dennoch
Ohne Gebrauch von diesen Dingen das Leben bestehn mag,
Wie man's an Völkern ersieht, die jetzt noch ihrer entbehren.
Ist die Brust dir nicht rein, so suchst du vergebens ein Glück dir,
Denkest umsonst an Lebensgenuss. Drum scheint er ein Gott uns,
Und mit mehrerem Recht als jene, von dem in die Herzen
Aller Völker so süsser Trost für das Leben geflossen.
Sollte dir aber dünken, es gingen des Herkules Taten
Diesen weit noch voran, so würdest du gröber dich irren;
Denn was hat des Nemeïschen Löwen gefürchteter Rachen
Schreckbares jetzt für uns? und der Zahn des arkadischen Keilers?
Was aus Kreta der Stier? was des lernäischen Sumpfes
Giftige Pest, die Hydra, mit zischenden Nattern umgürtet?
Was kann die Riesenbrust des dreifachen Geryon, was die
Rosse, die Flammen schnauben, die über Traziens Felder
Auf die bistonischen Fluren und auf die fruchtreichen Saaten,
Wo sich Ismarus hebt, Tod brachten und wildes Verderben?
Wodurch möchten der Stymphaliden gebogene Krallen
Uns noch fürchterlich werden? wodurch der hesperische Drache,
Der, um den Baum gewunden in ungeheuren Kreisen,
Tod aus den Augen blitzend, die goldenen Apfel bewachet?
Was möcht dieser uns schaden an seiner atlantischen Küste,
An dem unwirtbaren Ufer, wo keiner von uns den Fuss hin
Setzet, das der Barbar selbst zu betreten sich scheuet.
Also verhält es sich auch mit den übrigen Abenteuern.
Hätte sie keiner bestanden, wer möchte sie jetzt noch bestehen?
Niemand, wie ich glaube. Was sollten sie Schaden uns bringen?
Noch ist voll die Welt von Ungeheuern, es herrschet
Noch in den Tälern, den Wäldern, den tiefen Klüften der Berge
Raubbegierige Wut; allein, was geht sie uns an?
Aber welche Gefahr und welche tötende Zwietracht
Schleicht sich in eine Brust, die von Leidenschaften nicht rein ist!
Wie zerfleischen das Herz die ängstlichen, scharfen Begierden!
Wie zernaget die Sorge den Menschen! wie quälet die Furcht ihn!
Welche Verwüstungen richtet der Stolz nicht an und die Geilheit,
Und der Übermut, das Prassen, die niedrige Faulheit!
Alles dieses hat er, mit Waffen nicht, aber mit Worten,
Tief aus dem Herzen hinweggeräumet und selber gebändigt;
Und ihm gebührete nicht der Dank, der Göttern gebühret?
Ihm, dem Manne, der selbst mit Götterzunge von ihnen
Oft gesprochen und ganz der Dinge Natur uns entüllt hat.
Auf die Spuren von seinem Pfade tret ich -
    So pries ein römischer Dichter, Lukrez, einen seiner Lieblinge der Vorwelt,
und er hat mehrere derselben als Genien unsres Geschlechts, als Götter und
Sterne an den Himmel gesetzt, weil sie Lebensweisheit und Humanität unter den
Menschen gegründet oder befördert haben. Keiner seiner edeln Mitbürger ist ihm
hiebei in Wort und Tat nachgeblieben.
    Viele Oden des Horaz, noch mehr aber seine Sermonen und sogenannte Satiren
sind feine Bearbeitungen der Menschheit; sie haben alle, wenigstens mittelbar,
zum Zweck, einen Umriss in das rohe Gebilde des Lebens zu bringen, die Ideen und
Sitten jener Person, dieser Stände nach dem Richtmass des Wahren und Guten, des
Anständigen und Schönen zu ordnen. Persius, Juvenal, Lucan und andre wirken
dahin, jeder nach seiner Weise; vor allem aber bezeichnet Virgil, wo er kann,
seine Gesänge mit einem zarten Druck der Menschenliebe. Unmöglich ist's, dass ein
Mann oder Jüngling, dem das Innere dieser Heiligtümer aufgeschlossen wird, sein
Inneres nicht durchdrungen und zu einer Form gebildet fühlte, die ihm vielleicht
wenige neuere Schriften gewähren. Es ist, als ob jenen grossen Autoren die
Menschheit reiner vorstand oder als ob sie mehr Kraft gehabt hätten, auch unter
allen Unarten der Zeit, ihre wahre Gestalt lebhafter anzuerkennen, stärker und
reiner zu schildern, wozu denn, nebst vielem andern, auch ihre Sprache und der
Begriff beitrug, den sie sich von Poesie machten.
    Doch nicht bei Poesie allein blieb diese Bildung stehen; trotz alles Harten
und Drückenden zeigt sie sich auch in der römischen Geschichte. Man lese im
Cornelius des Atticus, in Sallust Catilinas, in Tacitus Agricolas Leben, vor
allen aber den letzten, den wegen seiner dunkeln Härte so berüchtigten Tacitus,
und man müsste ein entschiedner Barbar sein, wenn man in ihnen die tiefen Züge
echter Humanität nicht bemerkte. Tacitus beschreibt die greuelvollsten Zeiten,
die lasterhaftsten Charaktere; er deckt einen Abgrund von Sitten und einer
Regierungsform auf, vor dem man schaudert; zeige man in ihm aber ein einziges
Gemälde solcher Untaten und verderbten Seelen, das er nicht in das Licht
gestellt hätte, dahin es gehöret! Livia, Tiber, Sejan, Caligula, Claudius, und
wie die Unmenschen weiter heissen; gegenteils jede unterdrückte Sprosse des
Guten, die sich auf diesem abscheulichen Boden zeigte, alle sind von ihm, wenn
auch nur mit einem Wort, in einem Zuge, dem unparteiischen Mit- oder Gegengefühl
nahegebracht; sie stehen auf ewig in der Klasse menschlicher, halb-und
unmenschlicher Wesen, wo sie stehen sollten. Wer uns keine Umschreibung, sondern
eine Übersetzung dieses Geschichtschreibers ganz in seinen Umrissen, in seiner
Physiognomie gäbe, könnte nicht anders, als den Sinn der Menschheit auch für
unsre Zeit tausendfach erwecken und bilden.
    Lassen Sie uns also glauben, dass jung und alt in beiden Geschlechtern, wenn
es die Schriften der Alten in ihrem Geist lieset, nicht anders als zur Humanität
bearbeitet werden könne. Die barbarische Rinde des Herkommens, die uns von aussen
angesetzt ist, muss einigermassen gebrochen werden, wenn wir andre Menschen zu
einer andern äusserst verderbten Zeit männlicher denken, würdiger sprechen hören.
Wir werden aus unserm Todesschlafe geweckt und lernen in strengern Umrissen
kennen:
Quid sumus, aut quidnam victuri gignimur, ordo
 Quis datus, aut metae quam mollis flexus, et unde,
 Quis modus argento, quid fas optare, quid asper
 Utile nummus habet, patriae carisque propinquis
 Quantum elargiri deceat, quem the Deus esse
 Iussit et humana qua parte locatus es in re -
 Discite, o miseri, et causas cognoscite rerum.
                                      31.
    Die Griechen hatten das Wort Humanität nicht; seit aber Orpheus sie durch
den Klang seiner Leier aus Tieren zu Menschen gemacht hatte, war der Begriff
dieses Worts die Kunst ihrer Musen. Ich bin weit entfernt, die griechischen
Sitten und Verfassungen zu jeder Zeit und allentalben als Muster zu preisen;
das kann indessen nicht geleugnet werden, dass das
                       Emollit mores nec sinit esse feros
mittelbar oder unmittelbar der Endzweck gewesen, auf den ihre edelsten Dichter,
Gesetzgeber und Weise wirkten. Von Homer bis auf Plutarch und Longin ist ihren
besten Schriften bei einer grossen Bestimmteit der Begriffe eine so reizende
Kultur der Seele eingepräget, dass, wie sich an ihnen die Römer bildeten, Sie
auch uns kaum ungebildet lassen mögen.
    Einzelne Blätter, die mir über die Humanität einiger griechischen Dichter
und Philosophen in die Hände gekommen sind, sollen Ihnen zu einer andern Zeit
zukommen; jetzt bemerke ich nur, dass, wenn in spätern Zeiten bei irgendeinem
Schriftsteller, er sei Geschäftsmann, Arzt, Teolog oder Rechtslehrer, eine
feinere, ich möchte sagen, klassische Bildung sich äusserte, diese meistens auch
auf klassischem Boden, in der Schule der Griechen und Römer erworben, der
Sprössling ihres Geistes gewesen. Wie die griechische Kunst unübertroffen und in
Absicht der Reinheit ihrer Umrisse, des Grossen, Schönen und Edlen ihrer
Gestalten allen Zeiten das Muster geblieben, fast also ist's auch, weniges
ausgenommen, mit den Vorstellungsarten des menschlichen Geistes. Was wir kraus
sagen und verwickelt denken, gaben sie hell und rein an den Tag; ein kleiner
Satz, eine schlicht vorgetragene Erfahrung entält bei ihnen, wenn man's zu
finden weiss, oft mehr als unsre verworrenste Deduktionen; die Probleme, welche
die neuere Staatskunst verwickelt vorträgt, sind in der griechischen Geschichte
hell und klar auseinandergesetzt und durch die Erfahrung längst entschieden. Die
Kritik des Geschmacks endlich, ja die reinste Philosophie des Lebens, woher
stammen sie als von den Griechen? In den schönsten Seelen dieser Nation bildeten
sie sich; hie und da hat sich ihr Geist schwesterlichen Seelen mitgeteilet.
Solange uns also die Griechen nicht geraubt und da sie bisher dem Sturz der
Zeiten, der Vertilgung wilder Barbaren und Schwärmer entronnen sind, wird wahre
Humanität nie von der Erde vertilgt werden.
    Immer wird mir wohl, wenn ich auch in unsern Zeiten einen reinen Nachklang
der Weisheit griechischer und römischer Musen höre. Eine Ausgabe, eine
Übersetzung, eine wahre Erläuterung dieses oder jenes Dichters, Philosophen und
Geschichtschreibers halte ich für ein Bruchstück des grossen Gebäudes der Bildung
unsres Geschlechts für unsre und die zukünftigen Zeiten. Eine verständige
Stimme, die über unsre jetzige Weltlage aus alter Erfahrung spricht, ist mir
mehr, als ob ein Barde weissagte.
                                      32.
    Aus Ihren Briefen, meine Freunde, ziehe ich mir folgendes:
    1. Das weiche Mitgefühl mit den Schwächen unsres Geschlechts, das wir
gewöhnlicherweise Menschlichkeit nennen, macht die ganze Humanität nicht aus. Zu
rechter Zeit, am rechten Ort ziert es den Menschen allerdings, da Sympatie in
reinem Verstande, d. i. eine lebhafte, schnelle Versetzung in den Zustand des
Fehlenden, Irrenden, Leidenden, Gequälten, der zarteste Kitt der Vereinigung
ähnlicher Geschöpfe und unter Menschen das lindeste Band ihrer Verbindung ist.
Nichts stösst mehr zurück als gefühllose, stolze Härte. Ein Betragen, als ob man
höheren Stammes und ganz andrer oder gar eigner Art sei, erbittert jeden und
ziehet dem Übermenschen das unvermeidliche Übel zu, dass sein Herz ungebrochen,
leer und ungebildet bleibt, dass jedermann zuletzt ihn hasset oder verachtet.
    So notwendig indessen eine menschliche Lindigkeit und Milde gegen die Fehler
und Leiden unsrer Nebengeschöpfe bleibt, so muss sie doch, wenn sie zu weich und
ausschliessend wird, den Charakter erschlaffen und kann eben dadurch die härteste
Grausamkeit werden. Ohne Gerechtigkeit bestehet Billigkeit nicht; eine Nachsicht
ohne Einsicht der Schwächen und Fehler ist eine Verzärtelung, die eiternde
Wunden mit Rosen bedeckt und eben dadurch Schmerzen und Gefahr mehrt.
    2. Auch ist Humanität Ihnen nicht bloss jene leichte Geselligkeit, ein
sanftes Zuvorkommen im Umgange, so viel Reize dies auch dem täglichen Leben
gewähret. Vielmehr ist sie, subjektiv betrachtet,
    3. ein Gefühl der menschlichen Natur in ihrer Stärke und Schwäche, in
Mängeln und Vollkommenheiten, nicht ohne Tätigkeit, nicht ohne Einsicht. Was zum
Charakter unsres Geschlechts gehört, jede mögliche Ausbildung und Vervollkommung
desselben, dies ist das Objekt, das der humane Mann vor sich hat, wornach er
strebet, wozu er wirket. Da unser Geschlecht selbst aus sich machen muss, was aus
ihm werden kann und soll, so darf keiner, der zu ihm gehört, dabei müssig
bleiben. Er muss am Wohl und Weh des Ganzen teilnehmen und seinen Teil Vernunft,
sein Pensum Tätigkeit mit gutem Willen dem Genius seines Geschlechts opfern.
    4. Zum Besten der gesamten Menschheit kann niemand beitragen, der nicht aus
sich selbst macht, was aus ihm werden kann und soll; jeder also muss den Garten
der Humanität zuerst auf dem Beet, wo er als Baum grünet oder als Blume blühet,
pflegen und warten. Wir tragen alle ein Ideal in und mit uns, was wir sein
sollten und nicht sind; die Schlacken, die wir ablegen, die Form die wir
erlangen sollen, kennen wir alle. Und da, was wir werden sollen, wir nicht
anders als durch uns und andre, von ihnen erlangend, auf sie wirkend, werden
können, so wird notwendig unsre Humanität mit der Humanität andrer eins und
unser ganzes Leben eine Schule, ein Übungsplatz derselben. »Was wahrhaftig, was
ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich ist, was wohllautet, ist etwa eine
Tugend, ist etwa ein Lob, dessen befleissigt euch,« sagt selbst ein Apostel.
    5. Alle Einrichtungen der Menschen, alle Wissenschaften und Künste können,
wenn sie rechter Art sind, keinen andern Zweck haben, als uns zu humanisieren,
d. i. den Unmenschen oder Halbmenschen zum Menschen zu machen und unserm
Geschlecht zuerst in kleinen Teilen die Form zu geben, die die Vernunft billigt,
die Pflicht fodert, nach der unser Bedürfnis strebet. Dass die Wissenschaften,
die man humaniora nennt, zum leeren Zeitvertreib oder zu eitelm Putz ausgeartet
sind, ist ein Missbrauch, den schon ihr Name strafet. Ursprünglich war dies nicht
also. Vollends Künste und Wissenschaften, die den angebornen Stolz, die freche
Anmassung, das blinde Vorurteil, die Unvernunft und Unsittlichkeit stärken,
verschleiern, schmücken, beschönen, sollte man brutalisierende Künste und
Wissenschaften nennen, wert, von Sklaven getrieben zu werden, damit auf ihnen
die menschliche Tierheit ruhe.
    Es freuet mich, dass Sie den Dichter, der den unmenschlichen Achill besang,
aus der Reihe humanisierender Weisen nicht ausschliessen wollen; das Teater der
Alten und ihre Gesetzgebung wird davon gewiss auch nicht ausgeschlossen sein. Das
Gemüt läutert, hebet und stärkt sich durch die Betrachtung: »Wir sind Menschen.
Nichts mehr, aber auch nichts Minderes, als dieser Name saget.«
                                  Nachschrift
                Fragment eines Gespräches des Lords Shaftesbury
Teokles: Kann eine Freundschaft so heroisch sein als die gegen das menschliche
    Geschlecht? Halten Sie die Liebe gegen Freunde überhaupt und gegen unser
    Vaterland für nichts? Oder glauben Sie, dass die besondre Freundschaft ohne
    solche erweiterte Neigung und ohne das Gefühl der Verbindlichkeit gegen die
    Gesellschaft bestehen könne?
Philokles: Dass man Verbindlichkeiten gegen das menschliche Geschlecht habe, wird
    niemand leugnen, der auf den Namen eines Freundes Anspruch macht. Schwerlich
    würde ich dem nur den Namen Mensch zugestehen, der nie jemanden Freund
    genannt oder nie selbst Freund geheissen hat. Aber wer sich als ein wahrer
    Freund bewährt, der ist Mensch genug und wird es der Gesellschaft an sich
    nicht fehlen lassen. Für meine Person sehe ich so wenig Grosses und
    Liebenswürdiges an dem menschlichen Geschlecht und habe eine so
    gleichgültige Meinung von dem grossen Haufen der Gesellschaft, dass ich mir
    sehr wenig Vergnügen von der Liebe zu beiden versprechen kann.
T.: Rechnen Sie denn Güte und Dankbarkeit unter die Handlungen der Freundschaft
    und des Wohlwollens?
Ph.: Ohne Zweifel, sie sind ja die vornehmsten.
T.: Gesetzt also, der Verpflichtete entdeckte Fehler an seinem Wohltäter, würde
    dies jenen von seiner Dankbarkeit lossprechen?
Ph.: Nicht im geringsten.
T.: Oder macht es die Ausübung der Dankbarkeit weniger angenehm?
Ph.: Mich dünkt vielmehr das Gegenteil. Denn wenn mir's an allen andern Mitteln
    der Vergeltung fehlte, so würde ich mich freuen, wenigstens dadurch meine
    Dankbarkeit gegen meinen Wohltäter sicher zeigen zu können, dass ich seine
    Fehler als ein Freund ertrüge.
T.: Und was die Güte betrifft, sagen Sie mir, mein Freund, sollen wir denn bloss
    denen Gutes tun, die es verdienen? Etwa bloss einem guten Nachbar oder
    Verwandten, einem guten Vater, Kinde oder Bruder? Oder lehrt Natur, Vernunft
    und Menschlichkeit uns nicht vielmehr, einem Vater, bloss weil er Vater,
    einem Kinde, bloss weil es Kind ist, Gutes zu tun? Und so in jedem Verhältnis
    des menschlichen Lebens.
Ph.: Ich glaube, das letzte ist das richtigste.
T.: O Philokles! Bedenken Sie also, was Sie sagten, da Sie die Liebe gegen das
    menschliche Geschlecht der menschlichen Gebrechen wegen verwarfen und den
    grossen Haufen seines elenden Zustandes wegen verachteten. Sehen Sie nun, ob
    diese Gesinnung mit der Menschlichkeit bestehen kann, die Sie sonst so hoch
    schätzen und ausüben Wo kann Edelmut stattfinden, wenn nicht hier? Wo können
    wir je Freundschaft beweisen, wenn nicht an diesem Hauptgegenstande
    derselben? Gegen wen werden wir treu und dankbar sein, wenn nicht gegen das
    menschliche Geschlecht und gegen die Gesellschaft, welcher wir so stark
    verpflichtet sind? Welche Gebrechen oder Fehler können eine solche
    Unterlassung entschuldigen oder in einem dankbaren Herzen je das Vergnügen
    vermindern, welches aus liebevoller Erwiderung empfangener Wohltaten
    entspringt? Können Sie bloss aus guter Lebensart, aus einem natürlich-guten
    Temperament Vergnügen daran finden, Höflichkeit, Gefälligkeit,
    Dienstfertigkeit zu beweisen, Gegenstände des Mitleidens selbst aufsuchen
    und, wo es in Ihrer Macht steht, selbst Unbekannten dienen; kann es auch in
    fremden Ländern oder, wenn's Auswärtige betrifft, auch hier Sie entzücken,
    allen, die es bedürfen, auf die leutseligste, freundschaftlichste Art zu
    helfen, zu raten, beizustehen; und sollte Ihr Vaterland oder, was noch mehr
    ist, Ihr ganzes Geschlecht weniger Wohlwollen von Ihnen fodern können,
    weniger Achtung von Ihnen verdienen als einer von jenen Gegenständen, die
    Ihnen von ungefähr in den Wurf kommen? -*
Ph.: Ich befürchte, dass ich auf diese Art nie ein Freund oder Liebhaber werde.
    Eine Liebe gegen eine einzelne Person kann ich so ziemlich fassen; aber
    diese zusammengesetzte, allgemeine Art von Liebe (ich gestehe es, Teokles)
    ist mir zu hoch. Ich kann das Individuum, aber nicht die ganze Gattung, ich
    kann nichts lieben, wovon ich nicht irgendein sinnliches Bild habe.
T.: Wie, Philokles? Sie könnten nie anders lieben als auf diese Art? War
    Palämons Charakter Ihnen gleichgültig, da er Sie zu dem langen Briefwechsel
    vermochte, der Ihrer neuerlichen persönlichen Bekanntschaft voranging?
Ph.: Ich kann dies nicht leugnen, und jetzt, dünkt mich, verstehe ich Ihr
    Geheimnis und begreife, wie ich mich dazu vorbereiten muss. Denn eben wie ich
    damals, als ich Palämon zu lieben anfing, mich genötigt sah, mir eine Art
    von materiellem Gegenstande zu bilden und immer ein solches Bild im Kopf
    hatte, sooft ich an ihn dachte, ebenso muss ich's in diesem Falle zu machen
    suchen -
T.: Mich dünkt, Sie könnten immer soviel Gefälligkeit gegen das menschliche
    Geschlecht haben als gegen die alten Römer, in welche Sie, aller ihrer
    Fehler ungeachtet, doch immer verliebt gewesen sind, besonders unter der
    Vorstellung eines schönen Jünglings, der Genius des Volks genannt.
Ph.: Wäre mir's möglich, meiner Seele ein solches Bild einzudrücken, es möchte
    nun das menschliche Geschlecht oder die Natur bedeuten, so würde das
    vermutlich auf mich wirken und mich zum Liebhaber nach Ihrer Art machen Noch
    besser aber, wenn Sie es so veranstalten könnten, dass die Liebe zwischen uns
    wechselseitig würde, wenn Sie mich überreden könnten zu glauben, dieser
    Genius sei nicht gleichgültig gegen meine Liebe und fähig, sie zu erwidern -
T.: Gut! ich nehme die Bedingung an. Morgen, wenn die östliche Sonne, wie die
    Dichter sagen, mit ihren ersten Strahlen den Gipfel jenes Hügels vergoldet,
    dann wollen wir, wenn's Ihnen beliebt, mit Hülfe der Nymphen des Hains
    dieser unsrer Liebe nachspüren, erst den Genius des Orts anrufen und dann
    versuchen, ob wir nicht wenigstens eines schwachen, fernen Anblicks des
    höchsten Genius und der ersten Urschönheit gewürdigt werden. Sollte es Ihnen
    glücken, nur einmal diese zu sehen, so stehe ich dafür, alle jene widrige
    Züge und Hässlichkeiten sowohl der Natur als des menschlichen Geschlechts
    werden augenblicks verschwinden. Ihr Herz wird ganz mit der Liebe erfüllt
    werden, die ich Ihnen wünsche.
    Soweit dies Gespräch. Wie Teokles seinen Zweck bewirkt habe, mögen Sie in
der vortrefflichen Rhapsodie »Die Moralisten« beim edeln Shaftesbury selbst
lesen.28
                                      33.
    Mit Recht nennen Sie Shaftesbury einen edeln Schriftsteller; ob ihn gleich
hie und da sein Stand, ich möchte sagen seine Lordschaft, übereilte. Sein
zuweilen zwangvoller Stil, manche Spässe, die er sich über die Geistlichkeit
erlaubte, sein Einfall, »Witz und Humor zum Prüfstein aller, auch der ernstesten
Wahrheit zu machen,« haben Tadler und Widerleger gnug gefunden; über seinen
Kunstgeschmack wäre auch manches zu sagen. Die bessere philosophische Seele
aber, die in ihm wohnte, sein honestum und decorum in der Moral, hundert feine
Bemerkungen über Grundsätze, Sitten, Komposition und Lebensweise sind nach allem
Tadel unwiderlegt geblieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein unbefangener
honetter Mann diesen Schriftsteller ohne innige Achtung aus der Hand legen
sollte; und für Jünglinge wünschte ich in unsrer Sprache zum übersetzten
Shaftesbury eine Zugabe, »wie Shaftesbury zu lesen und was in ihm zu berichtigen
sein möchte«. Wie Leibniz, so hielten Diderot, Lessing, Mendelssohn von diesem
Virtuoso der Humanität viel; auf die besten Köpfe unsres Jahrhunderts, auf
Männer, die sich fürs Wahre, Schöne und Gute mit entschiedner Redlichkeit
bemühten, hat er auszeichnend gewirket.
    Und doch, m. F., dünkt mir sein System der Moral unzureichend, sofern es
sich bloss auf das decorum et honestum als auf ein Gefühl gründet. Es kommen
starke Stellen darüber, auch als Pflicht, als Gesetz betrachtet, in ihm vor; im
ganzen aber, scheint mir's, hat er, um seine Moral liebenswürdig zu machen, mit
der menschlichen Natur etwas zu sehr getändelt. Hier muss man hinter allem doch
endlich mit der stoischen Philosophie zum alten Wort Gottes* zurückgehen: »Du
sollt! Du sollt nicht!,« sofern uns dies nicht Konvenienz, Geschmack und
Vergnügen, sondern Pflicht und Vernunft vorhält.
    Neulich kam mir ein Lehrgedicht zu Handen, wo mir zuerst folgende Stelle in
die Augen fiel:
Sei liebreich mit Vernunft; nur weise Huld ist echt,
Gibt jedem, was sie soll, und kränket keines Recht.
Kein Schimmer äussrer Macht, kein Geld, das Sklaven rühret,
Hält den Gerechten ab, zu tun, was ihm gebühret.
Gleich feurig zu dem Schutz des Edlen als des Knechts,
Ist er der treue Freund des menschlichen Geschlechts.
Unfähig zu der Kunst, die den Vertrag verdrehet,
Hält er dem Fürsten Wort wie dem, der nackend geht;
Bei ihm ist, was du hast, so sicher als bei dir,
Das ihm geliehne Gut zieht er dem eignen für;
Im kleinsten Werk getreu, verschwiegen bis zur Bahre
Und zu des Freundes Dienst bereit bis zum Altare.
Hört, Bürger der Natur, den Inhalt aller Pflicht:
Lernt die Gerechtigkeit! vergesset Gottes nicht!
    Gereizt durch diese Stelle schlug ich weiter zurück und fand die Geschichte
der Humanität so vorgetragen:
 Vernunft, der Gotteit Strahl, der rohen Völkern schien,
 Hiess aus des Waldes Nacht sie in die Städte ziehn;
 Gab Ordnung und Gesetz, schuf Menschen aus Barbaren,
 Gebot den Wilden selbst, Verträge zu bewahren.
 Dies hob der Weisen Ruhm in Griechenland empor
 Und rief aus Skytien den Anacharsis vor.
 So war der Menschheit Recht der Leitstern alter Weisen;
 Doch keiner wagte sich, es andern anzupreisen - -
 Die Welt verdankt dir's nie, unsterblicher Sokrat!
 Dein Fuss betrat zuerst den ungebahnten Pfad.
 Der alte Philosoph, vertieft in Zahl und Sternen,
 Erhielt von dir die Kunst, sich selbst beschaun zu lernen.
 Es sah der Mensch das Licht, das längst in ihm gebrannt,
 Und das, vom Wahn umwölkt, nur Trägheit nicht erkannt.
 Da fühlte sich Aten und lernte Platons Lehren,
 Des Weisen von Stagir, des Epiktets verehren,
 Da tratest du auch auf, erhabner Epikur,
 Der Tugend echter Freund und Kenner der Natur. -
 Verehrungswürd'ges Rom! gross durch erfochtne Kronen,
 Noch grösser durch den Geist gepriesner Ciceronen,
 O Rom, Europa selbst, von deiner Herrschaft Joch
 Vorlängst entlediget, ehrt dein Gesetze noch
 Aus Quellen der Natur sind deines Rechtes Lehren
 Ursprünglich hergeführt; sie müssen ewig währen!
 Die Nacht der Barbarei verfinsterte dies Licht,
 Die Welt verwilderte und sah die Tugend nicht.
 Ein schwarzes Wundertier, der Ketzereifer, siegte,
Der Dummheit Tugend hiess und mit der Wahrheit kriegte,
Bis ihr verstärkter Glanz der Welt mehr Einsicht gab;
Da fielen der Vernunft die schweren Fesseln ab.
    Der Dichter nennt Baco, Grotius, Pufendorf u. a. mit verdientem Ruhm; er
geht die Pflichten durch gegen Seele und Leib, gegen Gott und andre. Über
Irrtum und Unwissenheit, Klugheit und Torheit, über die Verbindlichkeit zur
Wissenschaft und zu allgemeinen Begriffen, über Erfahrung, Vernunft, Geschichte,
Fabel, Selbsterkenntnis, als Mittel zu Besserung des Verstandes und Willens,
entält sein Gedicht schöne Stellen. Desgleichen über einzelne Pflichten, die
Mässigkeit, Sittsamkeit, Gnügsamkeit, Verbindlichkeit zur Arbeit, über Pflichten
in Glück und Unglück, über die Dankbarkeit gegen Gott, das Vertrauen auf die
Vorsehung, über gesellige Hülfe, Sanftmut, Grossmut, Wahrheitliebe, Freigebigkeit
u.f., wobei sowohl die entgegenstehenden Laster als die Grenzen der Tugend
bemerkt oder geschildert werden. Es sind Lehren in ihm, die der Jugend
Gedächtnissprüche werden sollten, indem sie die Grundfesten aller moralischen
Wahrheit entalten, z.B.:
 Es ward ein gleicher Trieb in aller Herz gelegt
 Und allen Sterblichen die Regel eingeprägt:
Du sollt das Gute tun, du sollt das Böse lassen;
In diesen Götterspruch lässt das Gesetz sich fassen,
Das die Natur uns schrieb. Er hält ein Recht in sich:
Beginne, denke, flieh, begehre, schweige, sprich.
Nicht Erz, das Rost verzehrt, nicht Blätter, die veralten,
Kein Stein hat dies Gesetz der Menschen aufbehalten!
Der Allmacht Tochter grub mit ewigheller Schrift
Es in die Seelen ein, die nie Verwesung trifft.
Ein ewiges Gebot, darin ich wandeln müsste,
Wenn, welches ferne sei! ich auch von Gott nichts wüsste! -
    Zu wünschen wäre es, dass der Verfasser sich durchaus auf diesem strengen
Pfade gehalten hätte. Da er aber das sogenannte System der Vollkommenheiten als
Grund der Moral annimmt, so wird sein Gebäude hie und da schwankend. Allerdings
vervollkommt uns die Ausübung der Pflicht; nicht aber müssen wir sie tun, um
über Gewinn an Vollkommenheiten zu markten. Das Gebot heisst: »Du sollt!« nicht:
»Du wirst!« welches bloss eine höfliche Bettelei wäre.
    Sie halten vielleicht dies schöne Lehrgedicht für ein Manuskript; leider
ist's seit seiner Bekanntmachung im Jahre 1758 für viele ein Manuskript
geblieben. Es heisst Lichtwers »Recht der Vernunft« und scheint unsrer poetischen
Welt so veraltet wie Hallers, Hagedorns, Kästners, Uz', Wittofs, ja überhaupt
die Lehrgedichte. Unser Publikum ist jung; es liebt Tändeleien der Jugend.
                                      34.
    Die Blätter über die Humanität Homers, die Sie zu sehen wünschen, nehme ich
aus einer unvollendeten grössern Schrift, die ihr Verfasser »Ionien« genannt hat,
deren weitern Inhalt ich aber hier nicht zu verraten habe.
                   Über die Humanität Homers in seiner Iliade
    Wir kommen allmählich wieder in die Zeiten zurück, da man von Homers Roheit
nicht gnug reden konnte. In Frankreich warf man ihm vormals nur Mangel an
Geschmack vor; in Deutschland scheint es ein Lieblingsgesichtspunkt zu werden,
in den Sitten seiner Helden, mitin wohl gar in Homer selbst, Mangel an Bildung,
an moralischem Geschmack zu finden und dies unsterbliche Gedicht endlich nur als
die »historische Tradition wilder Zeiten« zu behandeln, die, wie man sich
ausdrückt, Homers glühende Einbildungskraft aufnahm und feststellte. Soviel
Wahres dieser Gesichtspunkt in manchem Betracht zeigen mag, so zeigt er gewiss
nicht alles Wahre und sein Weniges gewiss nicht auf die nützlichste Weise Dazu
gehört keine Kunst, hie und da Übereinstimmung der Zeiten, die er besang, mit
Völkern, die auf einer, wie uns dünkt, niedrigern Stufe der Kultur leben, zu
finden, diese gefundene Ähnlichkeit zu übertreiben und dabei das Auge vor allem
sittlichen Gefühl, insonderheit aber vor der Kunst und Weisheit zuzuschliessen,
die Homer unstreitig auf die Komposition seines Gedichts gewandt hat.
    Bei jeder Kunstkomposition fragt man: Wozu hat sie der Künstler komponiert,
was war dabei seine Idee und wie setzte er die Teile seines Werks zusammen? Sind
Homers Rhapsodien die rohe Stimme eines griechischen Barden, der einem rohen
Volk Märchen aus roheren Zeiten vorsingt, um diese mit ihren Unförmlichkeiten ja
nicht untergehen zu lassen; warum wandte man Jahrtausende hindurch auf ihn so
viele Mühe? Waren die Griechen, die Römer und unter andern Nationen die feinsten
Denker, waren unter den Griechen Gesetzgeber, Künstler, Weise, Dichter nicht
abergläubig und blödsinnig, dass sie aus einer Tradition vergangener
Unmenschlichkeiten so viel Wesens machten und einen unreinen Schlamm in so viel
Bäche ableiteten? Das hiesse ja die Unmenschheit oder Halbmenschheit um so
gefährlicher festalten, weil sie mit Homers Farben geschmückt war.
    Fragt man bei jeder Geschichte, bei jedem Drama: »Wer spricht dies? wenn?
wozu spricht er's? in welchem Charakter handelt er? wozu stellte ihn der
Geschichtschreiber oder Dichter auf?« - wie? und bei der grössesten Komposition
der Welt wollte man nicht also fragen?
    Was besingt Homer? Nicht den Trojanischen Krieg, nicht eine Geschichte alter
Zeiten als solche, auch nicht Achilles Geschichte, sondern
Den Zorn, des Peleiden Achilles
Schädlichen Zorn, der tausend Jammer den Griechen gebracht hat
Und viel tapfere Seelen der Helden zum Orkus hinabstiess,
Ihre Leiber den Hunden und allem Gevögel zum Raube
Gab -
    Wahrlich, das heisst doch den Unmut Achills, er möge gerecht oder ungerecht
sein, nicht unbedingt preisen. Sogleich bezeichnet ihn der Dichter als eine
verderbliche Plage der Götter, die um so bedauernswürdiger war, weil sie bloss
aus einem unseligen Zwist entstand, den sein Held mit dem Könige Agamemnon hatte
-*
    Und wer ist schuld an diesem Zwiste? Homer eröffnet sein Gedicht mit einer
Erzählung, die keinen Leser oder Zuhörer im Zweifel lassen kann. Ein Vater, ein
Priester Apolls, ein schonenswürdiger, unantastbarer Greis kommt unter dem
Schutz seines Gottes, um seine geraubte Tochter zu bitten. Er spricht weder
Mitleid noch Erbarmen an; er will sie nur, und zwar überreichlich, loskaufen.
Seine kurze Bitte ist so geziemend, so artig; und welche harte, ungeziemende
Antwort gibt der König der Griechen dem flehenden Alten:
Alter! Dass ich dich nie bei den hohlen Schiffen erblicke!
Treff ich ferner dich an, es sei, du weilest noch jetzo,
Oder du kehrest ein andermal wieder, so möchte der Goldstab
Mit dem Kranze des Gotts dich nicht mehr schützen. Die Tochter
Geb ich nicht los, bis einst in unsrer Wohnung in Argos
Sie, von ihrem Geburtsland fern, bei Spindel und Webstuhl,
Und mein Lager bedienend, veraltet. Du aber entfliehe!
Reize mich nicht zum Zorn, wenn noch dein Leben dir lieb ist.
    Nicht den Vater, den Fremden, den Bittenden, den Greis beleidigt diese
Antwort allein; sie beleidigt den Gott in seinem Priester und ist wirklich die
Rede eines übermütigen Atriden.
    Nun steigt der Gott vom Olymp; die Pfeile fliegen, die Menschen sterben, die
Holzstösse flammen; Achill, den die Not des Heers jammert, ruft die Versammlung
zusammen, um die Ursache auszukunden, warum ein Gott auf sie alle jetzt also
ergrimmt sei. Kann Achill edler auf den Schauplatz gebracht werden als also? Der
Hirte der Völker war durch seinen Trotz ihr Verderben worden; sein königliches
Herz machte sich keinen Vorwurf, ob er vielleicht an ihrem Untergange schuld
sei, noch suchte er Mittel dagegen; den grossherzigen Achill allein kümmert die
Sache des Ganzen.
    Als solcher erscheint er sofort in seinen Reden, unbefangen, wie es die
Grossherzigkeit ist, und gerade. Da der weiseste Seher sich nicht erkühnt zu
sprechen, weil er sich vor dem Unwillen des Mächtigsten, dessen Gemütsart ihm
bekannt ist, fürchtet, nimmt ihn Achill für das gemeine Beste in Schutz; worauf
denn der Übermut des Königs zuerst auf den Seher, sogleich nach einer sehr
billigen Rede des Achilles auf diesen herfällt. Und da Achill nicht geschaffen
war, sich vor der Versammlung oder sonst schmähen, beleidigen, das Seine sich
rauben zu lassen, am wenigsten aber vom stolzen Dünkel eines übermütigen
Atriden, so entbrennet der Zwist, so folgt die Erbitterung, bei der (ich wage es
zu sagen) Achill auch im wildesten Feuer gerecht bleibt. Pallas erscheint ihm zu
rechter Zeit, ihn bei der blonden Haarlocke zu ergreifen, und als der
unbesonnene Fürst, auch nachdem er Zeit zu besserer Überlegung gehabt hatte,
sein unbefugtes Machtwort vollführet und ihm sein Eigentum, seine geliebte
Briseis raubet, beträgt sich Achill gegen die Herolde mit einer hohen Mässigung.
Ungern wie Briseis dahingeht, sehn wir sie hingehn und setzen uns mit dem
Gekränkten weinend ans Ufer. Da hören wir ihn der Mutter klagen und teilen mit
ihr den Jammer um einen so herrlichen Sohn, den bei einem kurzen Leben, ohne
seine Schuld, diese öffentliche Beleidigung, dieser Gram, dieser Unmut treffen
musste. Mit Freuden sehen wir den Vater der Götter den grossen Wink tun und den
Gekränkten in Schutz nehmen.
    Wenn nun, ganze Gesänge der Iliade hindurch, unschuldige, tapfre, edle
Männer, wenn liebe Söhne, junge Gatten, blühende Jünglinge fallen, wer ist an
ihrem Tode, wer an der Trauer, den Tränen, dem Verlust ihrer Eltern und Gatten
und Bräute schuld? Achilles nicht; er streitet bloss nicht mit und kann und darf,
als ein öffentlich und ungerecht Gekränkter, nicht mitstreiten. Unmutig sitzt er
in seinem Zelt, und seine Myrmidonen murren zuletzt um ihn her, dass er sie nicht
zum Streit führe. Der übermütige König allein ist's, der dadurch die Völker
stürzt, dass er nicht nur jenen Helden beleidigte, sondern sogleich auch, im Wahn
seines Ruhms, zu zeigen, dass er Achills nicht bedürfe, seine geliebten Völker
zur Schlachtbank hinführt.
    Unglaublich ist's, wenn man es nicht sähe, mit welcher moralischen Zarteit
Homer dies alles einleitet und beschreibet. Ebendieselbe Mutter des Beleidigten,
die den höchsten Gott anfleht, hatte dem Dichter Raum gemacht, einen falschen
Traum vom Himmel kommen zu lassen, der dem Könige einbilde, er könne jetzt, dem
Achill zum Trotz, Troja im Hui erobern.
    Dagegen erhebt sich nun freilich der alte Nestor
                                                       - Und sagte mit Weisheit:
 Hätte den Traum von allen Achäern ein andrer erzählet,
 Würden wir sagen: Du lügst! und ihn unwillig verschmähen,
 Aber ihn sah der König -
    Und sogleich steht der König von seinem Sitz auf, stützet sich auf seinen
über alles gepriesenen Zepter, hat sogar eine herrliche List erdacht, die
Anhänglichkeit der Griechen an ihn, an seinen Bruder Menelaus und dessen Weib
Helena zu prüfen, überzeugt, dass sie sich ihm nicht anders als zum Opfer geben
würden. Die königliche Persuasion missrät; der kluge Ulysses mit dem noch
unveralteten Zepter Agamemnons in der Faust kann sie kaum wieder zu ihren
verlassenen Sitzen bringen, wo denn Tersites aufsteht und er allein, auf die
unschicklichste Art, der Sache Achills erwähnet.
    So mancherlei über diesen hässlich-lächerlichen Tersit geschrieben worden,
so steht jedermann das vor Augen, dass den Edelsten der Schlechtste, den
Herrlichsten der Hässlichste allein und aufs niedrigste verteidigt. Jeder gönnet
diesem die Schläge des Ulysses; es ist aber grosse Weisheit des Homers, dass er
sie dem Tersites zukommen lässt, indes alle Fürsten des Heers, deren keiner
Agamemnons Betragen gegen Achill loben konnte, dazu schwiegen. Allen bekommt
dies Schweigen, die ganze Iliade hindurch, sehr unwohl, ihren Völkern aber noch
übler.
    Es wird in einem andern Kapitel davon die Rede sein, wie Homer, der
überhaupt keinen Groll gegen ein menschliches Geschöpf, geschweige gegen den
König seiner Griechen, heget, den Agamemnon allentalben nicht nur geschont,
sondern, wo er irgend konnte, königlich und festlich ausgeschmückt habe. Zum
Treffen lässt er ihn ziehen:
 Ganz an Augen und Haupt dem donnerbewaffneten Zeus gleich,
 Um den Gürtel dem Mars, an Brust und Schultern dem Meergott;
 Wie der führende Stier sich in der versammleten Herde
 Ausnimmt; unter den Rindern der Erst' und Grösste von Ansehn.
    Er lässet ihn den tapfersten Kriegern, einem Diomedes sogar, Verweise geben;
doch das alles tut nichts zur Sache. Nach vielen erlittenen Niederlagen muss der
alte Nestor mit dem Bekenntnis doch heraus:
- Ich denke noch heute, so wie ich schon vormals
Dachte, zur Zeit, o König, als du die junge Briseis
Aus des erzürnten Achilles Gezelten gewaltsam entführtest,
Nicht nach unserm Ermessen; ich riet es mit vielen und starken
Gründen dir ab; doch du, vom hohen Mute bemeistert,
Kränktest die Ehre des Helden, der selbst von Göttern geehrt war,
Und noch hast du bei dir den Siegslohn, den du ihm raubtest.
    Er schlägt zur Aussöhnung Geschenke und schmeichelnde Worte vor; Achilles
schlägt sie aus und muss sie ausschlagen; ja wäre Agamemnon selbst in sein Zelt
gekommen, er hätte einen bösen Weg daraus gefunden. Nun hatte dieser Raum seine
Wunder der Tapferkeit und Oberherrschaft zu erweisen, die aber alle dahinaus
gingen, dass nach Niederlagen von allen Seiten die Mauer der Griechen erstürmt
ward und Hektor, ans Schiff des Protesilaus greifend, ausrief: »Bringt Feuer!« -
Hier war das Ziel. Nicht Agamemnons Geschenke, noch eines schlauen Ulysses
Reden, Achilles eigner Entschluss, mit welchem sich seines Freundes Patroklus
Tränen verbanden, hemmte die äusserste Gefahr des Heeres. Jetzt gab Achill dem
Patroklus seine Waffen mit dem gemessenen Befehl, wie weit er gehen sollte. Als
Patroklus diesen überschritten hatte und den Feinden erlag, als Hektor, in die
Waffen Achills zu seinem eignen Verderben gekleidet, dastand und die Nachricht
vom Tode des Freundes, endlich auch seine kaum noch erbeutete Leiche ins Lager
kam, da war aller Groll dahin; im Himmel und auf der Erde war Friede. In neue
Waffen gekleidet, erscheint er in der Versammlung, und wie klein ist gegen ihn
Agamemnon, ob er sich gleich noch jetzt, zur Entschuldigung seines Fehlers, in
einem Märchen von der Ate dem Jupiter gleichstellt. Wie gross dagegen ist
Achilles und wie zart! zart in den Klagen um seinen Freund, in den Klagen an
seine Mutter, gross in der Versöhnung mit seinem Feinde, in der Anordnung des
Begräbnisses seines Freundes:
 Lasst Patroklus' Gebein, des Menötiaden, uns sammlen
 Mit sorgfältiger Wahl; es ist nicht schwer zu erkennen.
 Dieses legen wir bei in goldner Urne, bis ich auch
 Sinke zum Hause des Pluto - -
 Dann erhöhn wir den Hügel zum Grabmal; aber ich wünsch ihn
 Nicht von stolzer Grösse, nur mässig. Breiter und höher
 Möget ihr, Freund', ihn künftig erbaun, so viele von euch mich
 Überleben - -
    Gross endlich in den Kampfspielen, in der Überwindung sein selbst, da er den
Leichnam Hektors zurückgibt, in der Behandlung Priamus' dabei, gross von Anfange
des Gedichts bis zu Ende. Scherzend spricht er zu Priamus:
 Greis, wie schläfst du so unbekümmert, kein Übel befürchtend,
 Wenn dich allhier Agamemnon entdeckt und die andern Achäer! -
    Dies ist das letztemal, da Agamemnons in der »Ilias« gedacht wird; wie tief
steht er unter Achill, in dessen Zelte sein Feind ruhig schläft.
    Ich weiss wohl, dass man die gedrohete Misshandlung am Leichnam Hektors dem
Achilles hoch aufnimmt; aber preiset sie Homer? und verhindern sie die Götter
nicht selbst, denen Achilles sogleich wie ein Kind gehorchet? Und was hatte
Hektor mit Patroklus, Leiche im Sinn, über die ein so hitziger Kampf war?
    Man ist gewohnt, Achill und Hektor zum Nachteil des ersten zu vergleichen;
nach welchem Massstabe? Nicht nur waren es verschiedene Charaktere, und zu
Achills Charakter gehörte, was er war, untrennbar, sondern Hektor war auch ein
Trojaner. Dass in Troja, dem alten asiatischen Königssitze, ein grösserer
Reichtum, eine weichere Lebensart herrschte als in den meisten griechischen
Staaten sein konnte, zeigt sich in mehreren Stellen der Iliade; der Charakter
des ersten Trojaners musste diesem Zustande gemäss sein. Der Spiegel Homers, in
welchem sich alle Dinge der Welt gleich klar und rein darstellen, zeigt alle
Gestalten gleich menschlich und milde. Bei völligen Gegensätzen scheint eine
Vergleichung kaum möglich; und doch wirft Homer auf alle, wo irgend er kann, den
milden Strahl der Menschheit.
    Sein Gedicht endet, ehe Troja erobert wird, ehe wir also die Greueltaten der
Griechen in dieser eroberten Stadt gewahr werden. Selbst sein Held hatte das
gute Schicksal, die schreckliche Folge seiner Tapferkeit nicht zu erleben; er
fiel, wie wir aus andern wissen, im Tore von Troja. Und bei Homer, sobald Achill
mit seinen neuen Waffen dahergeht, geht er zum Tode. Dies weissagt ihm seine
Mutter, seine weinenden Rosse, der sterbende Hektor, und er selbst weiss es. Sein
Leben ist an Patroklus, Leben geknüpft; ein Hügel soll sie decken und eine
goldne Urne beider Asche am troischen Strande vereinen.
    Was überhaupt der Glaube an ein Schicksal, was die Taten der Götter, ihre
Hülfe und Feindschaft gegen Völker und Menschen in die Komposition Homers an
Ruhe, Milde und hoher Ergebenheit bringen, ist unsäglich. Man nehme diese
göttliche Farce, wie manche sie genannt haben (môron), aus seiner Iliade, und
das Ganze wird widrig oder platt, wie fast alle politische Geschichte. Und doch
ist alles Zuwirken der Götter bei ihm so menschlich, so natürlich! Nirgend ein
zerstörendes Wunder; allentalben nur der Gang des Menschengemüts, der
Menschenkräfte, sofern es ans Zufällige, ans Unvorhergesehene, ans Unendliche
reichet. Was zumal die Götter über die Sterblichen und über Achills Rosse
sprechen, die einem Sterblichen dienen, ist seelezerschneidend.
    Menschlicher Homer, wie liebe ich dich in allen deinen Formen und Gestalten!
Auch Paris, auch die Sünderin Helena hast du nicht verschmähet und beide in das
Schönste Licht gestellt, in welchem sie stehen konnten. Nicht vergessen sind
ihre Brüder Kastor und Pollux, ihr Menelaus samt Ulyss sind mit allen Würden
geschmückt, deren sie auf der Ebne vor Troja fähig waren. So Ajax, Diomed,
Idomeneus, Nestor; jeder erscheint an seinem Orte, zu seiner Zeit in der
Rennbahn des Ruhmes. Kurz oder lange leuchtet sein Schein; aber er geht nach
Verdienst auf und nieder.
    Drei Lehren drückst du schweigend vor allen uns ins Herz:
 1. »Discite justitiam, miseri, et non temnere divos,«
    welches ich hier so übersetzen möchte:
 »Lernt, ihr Fürsten, gerecht sein und treffliche Männer verehren.«
    Dies lehrt uns mit seinem Übermut der prächtige Agamemnon in der ganzen
Iliade. Er grenzt an alle Ausschweifungen, die Aristoteles, Etik kannte, an die
Habbegierde (Akolasie), den Neid, die Schamlosigkeit und Beifallgebung, die
Prahlsucht; doch grenzt er nur daran, denn der weise Homer hat ihn vor jedem
Zuge des Verächtlichen bewahret. Er ist und bleibt bei ihm ein unsträflicher
König. Achilles dagegen besitzt den Kern dessen, was die Griechen Tugend
nannten, Grossherzigkeit (megalopsychia)) und edlen Stolz, hohes Selbstgefühl und
die äusserste Wahrheitliebe. Er ist freigebig und auf eine anständige Art
prächtig, höflich in seinem Zelt und bis zur Scham bescheiden; dabei gebildeter
als alle Griechen; denn er war Chirons Zögling und ergötzte mitten im Unmut sein
schwerbeladnes Herz durch Töne. Der wärmste Freund seines Freundes, an Stärke,
Tapferkeit, Schönheit und Ruhmliebe über alle Griechen erhaben. Und an diesem
gottgeliebten Sohn einer Göttin und eines Helden zeigt uns Homer mênin.
    2. Die erschreckliche Plage des harten, obwohl gerechten Unmuts. Achill
konnte ihm nicht entweichen; denn der Vorfall, der ihn dazu reizte, drang auf
ihn, ohne dass er ihn suchte. Er kann, die ganze Iliade hindurch, als Achill
nicht anders handeln, als er handelt. Das Unangenehme aber dieses Unmuts für ihn
und für andre entwickelt der Sänger durch Worte aus des guten Phönix, ja aus
Achills eignem Munde und durch Erfolge in lauter lebendigen Situationen. Sogar
das herbeieilende letzte Schicksal des Edelzürnenden sehen wir in diese Reihe
der Dinge verflochten, in diesen ihm unvermeidlichen Unfall. Konnte ein zarterer
Punkt des menschlichen Herzens und Lebens zarter behandelt werden, als es der
Dichter getan hat? Gemeine Seelen wissen nichts vom edeln, göttlichen Unmut; wie
manchem grösseren Gemüt aber ist er die Klippe des Glücks, seiner Brauchbarkeit
fürs gemeine Wesen, des häuslichen und täglichen Wohlseins, ja endlich des
Lebens selbst worden! Mehr als ein Gekränkter hat die Klagen angestimmt, die
Achill am Ufer des Meers seiner Mutter zuseufzte; er konnte aber keinen andern
Trost hören, als jenem die Göttin selbst zu geben vermochte.
    3. Endlich, welch eine böse Sache ist der Krieg! Und wie misslich ist jede
Regierungsart unter den Menschen, so unumgänglich sie ist im Kriege und Frieden!
Beides hat uns Homer so vorzüglich und hell dargelegt, dass wir auch hier den
Meister sehen, der in die rohesten Dinge Weisheit und Menschlichkeit brachte.
                                      35.
 Sohn! Dir werden die siegende Stärke, nach ihrem Gefallen,
 Pallas und Juno verleihn; du aber bezähme des Herzens
 Stolzaufwallenden Mut; denn gütige Triebe sind edler.
    Diese Lehre lässt Homer den alten Peleus seinem Achilles auf den Zug vor
Troja mitgeben, und die ganze Iliade ist eigentlich ein Lob der Philophrosyne,
d.i. gefälliger, menschenfreundlicher Gesinnung; Unmut ist dem Homer eine Plage
des Lebens, selbst wenn es ein gerechter, göttlicher Unmut mênis wäre. Er frisst
am Herzen und naget ab die Blüte des Lebens; bei den menschlichsten Gesinnungen
wird der Gekränkte wider seinen Willen ein Unmensch. Die älteste griechische
Philosophie ging dahinaus, das Gemüt der Menschen vor jedem Äussersten zu
bewahren; die älteste Philosophie der Griechen aber war bei den Dichtern. Mit
Rechtschaffenheit, Ruhm und Gesundheit ein heiteres, frohes Leben führen zu
können, stelleten sie als den höchsten Wunsch der Sterblichen dar und warnten
vor jedem Übermasse, vor jeder zu hart angesessenen Neigung. Wie klar muss es in
der Seele Homers gewesen sein, da er, sein ganzes Gedicht hindurch, gleichsam
die Waage Jupiters in der Hand haltend, die Neigungen und Charaktere der
Menschen gegeneinander im Streit und in Folgen abwog! Der Schild Achilles zeigt
bei ihm, wie er sich die Welt dachte; unbefangen sah er ihre mancherlei,
einander oft nahe entgegengesetzten Szenen, fröhliche und traurige, ruhige und
stürmische Szenen, und schildert sie, wie dort Vulkan sie hammerte, glänzend und
unvergänglich. Wem Homers Muse den Nebel vom Auge nimmt, gewinnet über die Dinge
der Welt gewiss eine grosse, weise und am Ende fröhliche Aussicht.
    Wie Achill mit seiner Leier den Unmut sich zu zerstreuen suchte, so war es
das Amt der lyrischen Dichter, der Menschen Herz zur Mässigung in Glück und
Unglück zu stimmen und es zur Freude, Freundschaft und Heiterkeit zu ermuntern.
Leider sind die meisten derselben untergegangen; die übriggebliebenen Reste aber
zeigen diese Bestimmung. Pindar selbst, ob er gleich laute Siege besingt, hat so
manchen Spruch in seinen Gesängen, der zur Mässigung im Glück, zum behutsamen
Gebrauch des Lebens einladet, so manchen, der dem Unmute zuvorzukommen sucht
oder nach Erfahrungen desselben die Seele des Kämpfers edel erquicket.
    Das feine Echo der Griechen (wie einer unserer Freunde ihn nannte), Horaz,
tut ein Gleiches. Es wäre zu wünschen, dass er in seiner wohlgefälligen,
einschmeichelnden Art auch uns eigen werden könnte; vielleicht ist dies aber
unmöglich, denn die meisten seiner Oden sind zu künstlich eingelegte musivische
Arbeit.
    Mehrere derselben, wissen Sie, sind nach dem Lateinischen in Musik gesetzt;
ich wollte, dass auch aus den für uns nicht ganz brauchbaren Oden alle rein
menschliche Strophen, alle beruhigende, tröstende, aufheiternde Sprüche und
Empfindungen latein komponiert würden. Stellen aus Virgil desgleichen. Ich
erinnere mich aus Luter, dass ihm einige Worte der sterbenden Dido in der Musik
einen unvergessbaren Eindruck gemacht hatten; wem würden nicht jene ewigen
Sprüche der Alten, mit welchen sie im einfachsten, kräftigsten Ausdruck des
Menschengemüt stärken, einen nach- und widertönenden Eindruck geben? Durch Musik
ist unser Geschlecht humanisiert worden; durch Musik wird es noch humanisieret.
Was dem Unmutigen, dem Lichtlos-Verstockten die Rede nicht sagen darf, sagen ihm
vielleicht Worte auf Schwingen lieblicher Töne.
    Wenn dies von Gesängen der Alten gilt, sollte es nicht viel mehr von
Sprachen gelten, deren Genius uns vertraulicher und näher Laute des Trostes und
der Weisheit zulispelt? Kein Zweifel. In den Dichtern der Italiener, Spanier,
Gallier schlummern Töne, die, wenn sie durch Musik und Anwendung zur Weisheit
des Lebens würden, Völker und Stände menschlich machen müssten.
    Auch in unsern lyrischen Dichtern sind Strophen, die der Sokratischen Schule
würdig sind; warum leben sie so wenig im Ohr der Nation? warum schlafen sie mit
ihren Erfindern vergessen im Staube? Die Ursache ist leicht zu finden: Weil nur
ein so kleiner Teil unsrer Nation kultiviert ist und bei einem andern die
scheinbare Kultur zu einem falschen Schmuck fremder Üppigkeit geworden ist. Wir
wollen es uns nicht bergen, man spricht viel von Kultur und Aufklärung; man
affektiert und fürchtet sie sogar, vielleicht weil man an sich selbst weiss, dass
sie nicht tief geht, dass sie selten von rechter Art ist. Denn wirklich
gebildete Gemüter (in dem Verstande, wie Griechen und Römer dies Wort uns
zugebracht haben) können am Nutzen der echten Bildung nicht zweifeln.
    Doch wo gerate ich hin? Lassen Sie uns schnell zu unsrer Materie, zu dem
unverfänglichen Wunsch nach Kompositionen schöner Stellen aus lateinischen
Dichtern zurückkehren. Oft, gar oft, wenn ich geistliche Musiken über
lateinische Mönchsworte hörte, regte sich das Verlangen in mir, auch altrömische
Stellen mit solcher Musik begleitet zu hören; und als in Reichardts »Totenfeier
auf Friederich« nach Lucchesinis Worten altrömische Tugenden, eine nach der
andern, auf des Unsterblichen Grab auch in Tönen sich zudrängten, ward der
Wunsch aufs neue in mir lebendig. Strophen aus Horaz (z.B. B. 1, Ode 7, V.
21-32; B. 2, Ode 10, V. 13-24) oder ganze Stücke mit zweckmässiger Abwechselung
(wie vielleicht B. 1, Ode 9, 24, 26; B. 2, Ode 3, 11, 14, 16, 19, 20; B. 3, Ode
2, 9, 21; B. 4, Ode 7, Epode 7) würden der Musik notwendig den eigentümlichen
Schwung geben, der ihr bei unsern verbrauchten Silbenmassen zu finden oft schwer
wird. Der Hörer würde dadurch gewissermassen in die römische Welt oder wenigstens
in Zeiten seiner Jugend versetzt, in welchen er Horaz zuerst lieben lernte.
    Wie glücklich war Überhaupt dieser Dichter! Nicht nur im Leben, sondern auch
in der Reihe von Wirkungen, die ihm nach seinem Tode das Schicksal anwies. Die
lyrischen Dichter der Griechen sind untergegangen; er fast allein hat uns
mehrere Formen ihrer Gedanken, ihrer Empfindungen, ihres Ausdrucks, ihrer
Silbenmasse in seinen Nachbildungen gerettet; und was damit für ein Schatz
gerettet sei, hat die Zeitfolge erwiesen. Die pindarische Form, die Form der
griechischen Skolien und Chöre war und blieb den Sprachen Europas unanwendbar;
in der horazischen Form erhob sich die Ode, selbst zu einer Zeit, da die
Nationalsprachen der europäischen Völker ungebildet dalagen. In allen Ländern
schlossen sich die Geister des Gesanges dem Venusinischen Schwan an und drückten
zuerst in der geliehenen lateinischen Sprache Gesinnungen aus, die sie in ihrer
Landessprache noch nicht auszudrücken vermochten. Wie niedrig ist's, was Balde
u. a. deutsch sangen; wie edler, wo sie das von Horaz geheiligte Werkzeug der
Sprache anwenden konnten! Ohne ihn hätten wir keinen Sarbievius, dessen Oden,
von Götz u. a. wiederum in unsre Sprache übertragen, immer noch den
römisch-griechischen Geist atmen. Gehen Sie in diesem Gesichtspunkt die
Sammlungen durch, die Gruter u.a. von den lateinischen Dichtern der Italiener,
Gallier, Belgen, Deutschen, Dänen, Schotten, Engländer u.f. gegeben haben; unter
vielem Wortgeklingel werden Sie unstreitig wahre delicias finden. Jeder edlere
Dichter vergass gleichsam den Lauf der Dinge um ihn her; über die Vorurteile
seines Landes, seiner Sekte, seines Ordens hinausgesetzt, musste er gleichsam mit
dem römischen Dichter auch römisch denken. Was späterhin in unsrer Sprache eben
auch durch die horazische Form geweckt und in ihr vorgetragen sei, darf ich
Ihnen aus Klopstock, Götz, Uz, Ramler u. a. nicht anführen. Horaz ist Sänger der
Humanität gleichsam vorzugsweise, die Form seiner Gedanken ist das erwählte
Lieblingsmass der lyrischen Muse worden. O dass wir also schon Stellen wie solche:
Vitae summa brevis - Nil desperandum - Tu ne quaesieris - Felices ter et amplius
- Quod si Treicio - Linquenda tellus -*
    Aequam memento - Rebus angustis - Eheu fugaces- Tecum vivere amem, tecum
obeam libens - in lateinischer Sprache komponiert hörten!
    Hier eine von Sarbievs unschätzbaren Oden auch in der Form des Römers:
                                An die Weisheit
Die du, höchste Vernunft, weise die Schickung lenkst!
Wie zuweilen der Ernst deiner Verfügungen
Uns ergetzet, ergetzen
So die menschliche Spiele dich?
Mit freigebiger Hand streuest du Güter aus.
Und wir raffen sie auf, wenn sie gefallen sind,
Wie die Jugend die Nüsse
Mit kurzweiligem Zanke rafft.
Wer jetzt Kronen erhascht, bricht sie; wer Zepter kriegt,
Sieht sie wieder entführt, eh er sie tragen kann.
Welt! so schwankst du, zerrissen
Von den Händen der Mächtigen.
 Was das geizige Glück unter die Völker teilt,
 Ist ein Pünktchen. O lass, Weisheit, ich flehe dir!
 Mich, indes sie so zanken,
 Mit dir lachen und fröhlich sein.
                                      36.
    Ein zweites Fragment aus der Handschrift »Ionien« handelt von der Humanität
Homers in Ansehung des Krieges und der Kriegführenden seiner Iliade. Lassen Sie
es jetzt statt meines Briefes gelten.
    
    Selbst in dem Heldengedicht, das grösstenteils Taten der Krieger besingt,
dachte Homer über Krieg und Frieden menschlich. Nicht nur, dass er jenen so oft
den tränenreichen, männerfressenden, verderblichen, harten, bösen Krieg nennet,
er lässt keine Gelegenheit vorbei, ihn seiner Natur nach, mit allen begleitenden
Übeln, durch Tatsachen zu schildern.
    1. Die Iliade beginnt mit einem Greise, der um seine geraubte, liebe Tochter
vergebens flehet; und bald wird es nicht verschwiegen, dass die Griechen alle
benachbarte Küsten und Inseln geplündert, dass sie die neun Jahre her grossenteils
vom Raube gelebt haben. Schon faulet das Holz an ihren Schiffen, die Seile
vermodern:
 Ihre Weiber daheim und unerzogene Kinder
 Schmachten, sie wiederzusehn -
    Daher denn, als Agamemnon ihnen den Vorschlag tat, nach neun Jahren
vergeblicher Arbeit wieder die Schiffe zu besteigen und
 - zu fliehn zum werten Geburtsland,
    so hatte er kaum das Wort gesprochen, als die Versammlung es in freudigem
Ernst befolgte:
- Der Staub stieg unter den Füssen der Männer
Wallend empor, und einer ermahnte den andern zur Eile,
Dass sie die Schiff, erreichten und bald ins Wasser sie zögen.
    Nur durch vieles Zureden und durch den gebietenden Stab des Königs konnte
die kriegssatte Schar wieder in die Versammlung, durch neue dringende
Vorstellungen von Schande, Ruhm und Hoffnung wieder ins Feld gebracht werden.
    2. Denn es hatte sich zur Last des Krieges auch die Plage der Pest gefunden;
eben sie unterlässt Homer nicht im Anfange der Iliade schreckhaft zu zeichnen.
                                                          - Die Völker aus Argos
 Fielen bei Haufen dahin; die scharfen Pfeile des Gottes
 Flogen tötend umher im ganzen achäischen Kriegsheer,
 Dass man täglich die Leichen, getürmt in Haufen, verbrannte.
    Denn wem ist unbekannt, dass ansteckende Krankheiten das gewöhnliche Gefolge
aller Kriegsheere sind und elender metzeln als das Schwert des Feindes?
    3. Als die Göttin endlich im Busen der Griechen die Streitlust wieder
erweckt,
Dass sie nach unablässigem Kampf und Schlachten sich sehnen,
und ihnen der Krieg wiederum viel süsser dünkt, - als vormals
Ihnen die Rückfahrt schien zum werten Lande der Heimat,
    will der Dichter dem blutigen Gefechte noch durch eine billige Auskunft
zuvorkommen. Menelaus und Paris, deren Sache es eigentlich allein ist, um
derenwillen Menschen hingeopfert werden, sollen durch einen Zweikampf den Zwist
entscheiden.
 - Ihn hörten mit Freude die Griechen und Trojer,
 Hoffend, das Ende zu sehn des elendbringenden Krieges.
    4. Da dies Mittel aber nicht gelang und die Heere gegeneinander ziehen
müssen, von wem lässt sie der Dichter empören? Die Trojer von Mars, den sein
Vater, Jupiter, selbst späterhin also anredet:
Wisse, dich hass ich am meisten von allen Bewohnern des Himmels:
Denn du findest nur Lust an Zank und Kriegen und Schlachten.
Ähnlich bist du der Mutter am unerträglichen Starrsinn,
Der nie weichet und kaum von mir durch Worte gezähmt wird.
    Die Griechen regt Pallas auf, und mit beiden Aufregern sind
- Das Schrecken, die Furcht, die rastloswütende Zwietracht,
Schwester des menschenverderbenden Mars und seine Gehülfin,
 Die erst klein sich immer erhebt, bis endlich ihr Haupt sich
 Hoch in Wolken verbirgt, indem sie die Erde bewandelt;
 Diese durcheilte die Heer, und säte zu beider Verderben
 Streitgier unter sie aus und mehrte der Krieger Getümmel.
    Sind diese Namen hier allegorische Kunstwerke? Gespenster sind's, die Homer
eben deswegen schreckhaft einführet, weil durch Personen, die in bestimmten
Umrissen erscheinen, die Wirkung nicht hervorzubringen war, die er hervorbringen
wollte So scheint er zu andrer Zeit den Zorn, die Schadenfreude, das schrecklich
ergreifende Todesverhängnis zu personifizieren, zu gleichem Endzweck, unsere
Begriffe nämlich zu verwirren durch diese unumschriebene Wortlarven. Der Zorn
ist ihm wie ein Rauch, und die Zwietracht erhebt sich gleichergestalt zwischen
Himmel und Erde. - Von allen Künstlerideen weggesehen, wie wahr und wie
grässlich! Aus einem Nichts entspringet die Zwietracht und wird in kurzem
unermesslich. Nie umschrieben in ihrem Wesen, kommt sie vielleicht aus einer
Kammer hervor und durcheilt Staaten, durcheilt Heere, säet Verderben und
Streitgier umher, immer das Haupt in hohen, unabsehlichen Wolken verborgen.
Selten wissen die Menschen, weshalb sie streiten; je länger aber, desto
hartnäckiger hadern sie; denn von Schritt zu Schritt wächst die unersättliche
Eris.
5. Jetzo trafen sie nah auf einem Raume zusammen,
Schild und Lanzen begegneten sich und Kräfte der starken
Eisengepanzerten Männer. Sie stiessen die bäuchigen Schilde
Wechselnd gegeneinander, und ward ein schrecklich Getöse.
Laut ertönte zugleich das Jammern und Jauchzen der Krieger,
Schlagender und Erschlagner; es strömte von Blute die Erde.
    Da sich Homers Iliade einem grossen Teil nach mit diesem Gemetzel
beschäftigt, so wird das Menschengemüt des Dichters hier vorzüglich fühlbar.
Seine Tote lässt er nie als Tiere fallen; er bezeichnet, soviel er kann, in
einigen Versen als Menschenfreund ihr trauriges Schicksal. Dieser wird nie mehr
zu seinen geliebten Eltern, zu seinen Brüdern. seiner Gattin, seinen Kindern
wiederkehren; jener hat Reichtum, Wohlstand, eine glückliche Ruhe verlassen, die
er nie mehr geniessen wird. Einen andern zeichnet er als Künstler, als einen
geschickten, schönen, gottbegabten Mann; seine Kunst ist dahin, seine Schönheit
verwelket, der Götter Gaben werden mit der Asche begraben. Jenen hat falsche
Hoffnung, eine trügliche Weissagung ins Feld gelockt; der Tod ergreift ihn,
schwarze Nacht umhüllet sein Auge. Und ferner. Mehrere dieser Erinnerungen sind
so zart, dass sie Inschriften zu den Grabmälern der Erschlagenen sein könnten,
wenn arme Kriegserschlagene Grabmal und Urne erhielten.
    6. Merkwürdig ist hiebei, dass Homer dieses zärtliche Andenken am meisten den
Trojanern schenket. Er, ein Grieche, der den Ruhm griechischer Helden verewigen
wollte, war zugleich ein Asiat, ein Ionier, ein Mensch und, ich möchte sagen,
ein Bedaurer des trojanischen Schicksals. Weit entfernt von der barbarischen
Kleinmut, seine Feinde verunglimpfend zu belügen, zeichnet er ihr zarteres
Gemüt, die grössere Weichlichkeit ihres Klima, ihre Familienneigungen, ihre
Künste, ihr Wohlbehagen zu Friedenszeiten in Zügen, an denen sich offenbar das
Auge des Dichters selbst ergötzte. Die armen Trojaner sind ihm eine Herde
Schafe, die von Wölfen angefallen wird; unter ihnen sind viele fremde
Bundsgenossen, die am Schicksal der bedrängten Königsstadt nur aus nachbarlichem
Mitleid teilnehmen. Uns den inneren Wohlstand Trojas zu zeigen, unser Herz für
die Bedrängten mitfühlend zu machen, führt er seinen edlen Hektor im Anfange des
Treffens in die Stadt zurück. Er zeigt uns Priamus und seiner Söhne Wohnungen,
zeigt uns die Helena selbst in einer zwar erniedrigten, aber nicht unwürdigen
Gestalt, so die Ältesten der Stadt, so endlich Andromache und ihr Kind.
Rührender ist wohl kein Abschied geschildert worden, als den Hektor von ihnen
beiden nahm, und es ist eine Überkritik der Grammatiker, dass in der Andromache
Rede einige Verse zu allgemein und zuviel sein sollen. Bei dem Dichter spricht
sie im Namen aller trojanischen Frauen, für sie und ihre verwaiseten, gefangenen
Kinder. Auch hat sich Homer wohl gehütet, uns die Untaten selbst zu erzählen,
die dieser traurige Abschied nur vorahnet, ob sich gleich der Grund seiner
ganzen Odyssee, die unglückliche Rückfahrt der Griechen, grossenteils auf sie
bezog. Weder mit der Greueltat des Ajax vor dem Bilde der Pallas noch mit des
Priamus, der Polyxena und andrer unwürdigem Morde hat seine Muse sich befleckt;
die Künstler und tragischen Dichter nahmen ihre Vorstellung dieser Szenen aus
andern sogenannten zyklischen Dichtern. Hektors letzter Gang nach Troja ist bei
Homer in jedem Schritte gross und heilig. Der Edle will die zornige Göttin
versöhnen und seine geliebte Vaterstadt entsündigen; daher er auch den
Missetäter Paris ins Feld fodert, bis am Skäischen Tore endlich, an diesem
Unglücksorte, der traurige Abschied die Szene endet - -
    Homer war keiner von denen, die ihrem Lieblingshelden die ganze Welt
aufopfern. Seinen Achilles kleidet er in gottähnliche Grösse, Hektor dagegen in
alle Würde und Zierde des Verteidigers seiner Geburtsstadt. Beide Helden konnten
in dem menschenverderblichen Kriege nicht auf einmal glänzen; indes jener also
einige Tage ruhet, lässet er diesen sein Glück aufs höchste treiben, bis er
durch Anlegung der Waffen Achills die Nemesis reizet und dem Tode ein Opfer
dasteht. So übertrieb Patroklus seine Bestimmung und sank, nicht von Hektor,
sondern zuerst von Apollo selbst rückwärts getroffen, dass Achills Waffen von ihm
fielen. So sollte, hinter Homers Iliade, Achilles, da sein Ziel erreicht war,
auch sinken. Das Schicksal aller Dreien, der edelsten Männer, ist ineinander
verwebt und der Tod eines ein Verkündiger vom Tode des andern. Im Leben und Tode
ehrt Jupiter den Hektor. Da er vom Zorn der Juno ihn nicht erretten kann, opfert
er seinen eignen geliebten Sohn Sarpedon mit ihm zugleich auf, und seinen
Leichnam entzieht er der Rache Achills auf die edelste Weise.
    Und wie den Hektor, so hat Homer den alten Priamus und alle seine Kinder
geehret. Deiphobus ist vom Apoll begeistert wie keiner im griechischen Heere;
selbst Paris' Vorzüge werden bei allem Tadel, der ihm gebührt, nicht
verschwiegen.
    7. Warum untersagt Priamus bei dem Begräbnis der Erschlagenen seinem Heer
die weinende Trauerklage? Offenbar lag dies Verbot in der Situation der
Trojaner. Sie, eine Versammlung asiatischer, weicherer Völker, an die laut
weinende Trauerklage mehr noch als die Griechen gewöhnet, sie, die in der Nähe
ihrer Verwandten, Kinder und Weiber vor Trojas Mauern ihre nächsten Freunde und
Landsleute bestatten und in ihrem Tode ihr eignes Schicksal voraussahn, sie
hatten ein solches Verbot nötiger als die härteren Griechen, die der angreifende
Teil waren und fern von den Ihrigen nur ihre Mitstreiter begruben. Um Patroklus,
Leiche weinen die Griechen, insonderheit die Myrmidonen, am heftigsten Achilles;
auch Briseis weint und die übrigen Weiber, letztere aber
    
    Um Patroklus zum Schein, im Grund um eigenes Elend.
    
    8. Noch mehr zeigt die Menschlichkeit Homers sich in der Weisheit, mit der
er über das Schicksal des Krieges* dachte. Alles Kriegsunglück lässt er durch
Fehler entstehen, durch Fehler und Leidenschaften der Götter und Menschen. Das
alte Troja wird vom Jupiter dem Eigensinn eines unversöhnlichen Weibes
aufgeopfert, die eine Reihe ihrer Lieblingsstädte hingeben will, wenn Jupiter
hier nur ihren Willen erfüllet. Die keuscheste, stolzeste Göttin errötet nicht,
ihre Umarmung zum Netz des Betruges zu machen, aus tiefem Groll lieblos Liebe zu
heucheln, mit geborgtem Schmuck an offnem Tage aus der Gattin eine berückende
Buhlerin zu werden, nur damit einige Trojaner mehr bluten, indes ihr bestochener
Kämmerling, der Schlaf, dem schicksalwägenden Gott die Augen zuschliesst. Das
Äusserste der Rache eines Weibes! Gegen Troja stehen zwo Weiber, für Troja zwei
Männer; wer zweifelt, wenn es auf Hass ankommt, welche Partei zum Ziel gelangen
werde? Ging es in den hartnäckigsten Kriegen der Erde je anders?
    In der menschlichen Szene hangen, wie vorher gezeigt worden, der Griechen
Unfälle bei Homer lediglich vom Stolz und Wahn des Königes ab, dem keiner der
ratgebenden Fürsten sich zu widersetzen getraute. Ein falscher Traum ist seine
belehrende Gotteit; sonst erscheinet ihm keine (deren mehrere doch andern
erscheinen) während der ganzen Iliade. Dieser falsche Traum heisst Dünkel, dem
Agamemnon, schon seinem Namen nach ein Jupiter auf Erden, zum Verderben seines
Volkes gehorchet. Den ältesten Ratgeber besticht er damit, dass der Traum in
seiner Gestalt erschienen sei; andre Fürsten schweigen oder wetteifern töricht
mit Achilles Ruhme. So kommt durch einen, durch wenige das ganze Heer an den
Rand des Abgrundes. Zu spät wird gesprochen, zu spät geweinet; und unter diesem
allen ist und bleibt Agamemnon der sorgsamste Hirte der Völker. O Homer, sooft
ich von neuem deine Iliade lese, finde ich in ihr neue Züge der ordnenden
Weisheit, Klugheit und Menschenliebe, mit der du wilde Verhältnisse eines rohen
Zeitalters erzählest. Und keine Lehre, keine Warnung entfliesst deinen Lippen,
als ob sie die deinige wäre; jedes Laster, jede Torheit, jede Leidenschaft
selbst lehret und warnet.
                       Diderot über die Einfalt in Homer
    »Die Natur hat mir Geschmack an der Einfalt gegeben, und ich bemühe mich,
diesen Geschmack durch das Lesen der Alten vollkommner zu machen.
    O mein Freund, wie schön ist die Einfalt! Wie übel haben wir getan, uns
davon zu entfernen!
    Wollen Sie hören, was der Schmerz einem Vater eingibt, der jetzt seinen Sohn
verloren hat? Hören Sie den Priamus. Wollen Sie wissen, wie sich ein Vater
ausdrückt, der dem Mörder seines Sohns fussfällig flehet? Hören Sie eben den
Priamus zu den Füssen des Achilles.
    Was ist in diesen Reden? Kein Witz, aber so viel Wahrheit, dass man fast
glauben sollte, man würde ebensowohl als Homer darauf gefallen sein. Wir aber,
die wir die Schwierigkeit und das Verdienst, so einfältig zu sein, ein wenig
kennen, mögen diese Stellen nur lesen, mögen sie mit Bedacht lesen und hernach
alle unsre Schreibereien nehmen und ins Feuer werfen. Das Genie lässt sich
fühlen, aber nicht nachahmen.« -
    Was Diderot hier von Homers Einfalt sagt, möchte ich von seiner Humanität
sagen. Man lese seine Beschreibungen des Todes der Erschlagnen, man lese Hektors
Abschied von seinem Weibe und Kinde, man bemerke jeden Zug, mit dem der Dichter
des Achills erwähnet, insonderheit wenn er ihn selbst redend einführet, auch was
er hie und da über das Glück und Unglück des menschlichen Lebens, über Reichtum,
Ehre, Adel der Seele und des Geschlechts, über Gerechtigkeit, Tapferkeit,
Geduld, Weisheit, Mässigung, Sanftmut, Gastfreundschaft, Verschwiegenheit, Treue,
Wahrheit, über die Verehrung der Götter, die Ergebung in den Willen des
Schicksals und die ihnen entgegengesetzten Torheiten und Laster einstreuet:
welch eine Schule der Humanität ist in ihm!
                                      37.
    Lessings »Emilia Galotti« hat mich wieder einmal ins Teater gelockt; wie
zufrieden, ja gesättigt bin ich hinausgegangen! Ein Teaterstück muss gesehen,
nicht gelesen werden; denn wenn es ist, was es sein soll, so ist ja eben auf die
Vorstellung alles berechnet. Ich kann mir nicht einbilden, dass, wenn Stücke
dieser Art (aber auch keine andre als solche) wöchentlich nur einmal auf die
leidlich vollkommenste Weise gegeben würden und diese Stücke lauter Stände und
Situationen unsrer Welt, wie dieses, entielten, das Publikum ungebildet,
unerleuchtet bleiben könnte.
    Bei der zweiten Ausgabe des »Diderotschen Teaters« bezeugte Lessing diesem
Schriftsteller öffentlich seine Dankbarkeit als dem Manne, der an der Bildung
seines Geschmacks grossen Anteil habe. »Denn,« fährt er fort, »es mag mit diesem
auch beschaffen sein, wie es will, so bin ich mir doch zu wohl bewusst, dass er
ohne Diderots Muster und Lehren eine ganz andre Richtung würde bekommen haben.
Vielleicht eine eignere, aber doch schwerlich eine, mit der am Ende mein
Verstand zufriedener gewesen wäre.« Und setzt sodann weiter den Einfluss ins
Licht, den Diderots Stücke, insonderheit sein »Hausvater,« auf das deutsche
Teater gehabt habe.
    Sie wissen, wieviel Diderot darauf hielt, dass Stände aufs Teater gebracht
werden sollten, und was Lessing in seiner »Dramaturgie« dabei zu erinnern fand.
Natürlich können Stände ohne bestimmte Charaktere auf dem Teater keine Wirkung
tun; aber bilden sich die Charaktere der Menschen nicht in und nach Ständen? und
welcher Stand hätte auf den Charakter mehr Einfluss als der Stand eines Prinzen?
Hier hatte also Lessing ein weites Feld, das philosophische Allgemeine, dadurch
Aristoteles die Poesie von der nackten Geschichte unterscheidet, als Philosoph
und Dichter zu bearbeiten. Er zeigt den Charakter des Prinzen in seinem Stande,
den Stand in seinem Charakter, beide von mehreren Seiten, in mehreren
Situationen. Nicht nur bringt er den Prinzen in seiner gegenwärtigen
Gemütsstimmung mit den verschiedensten Personen, Männern und Weibern, mit
Künstler und Kanzler, Kammerherr und Kammerdiener, mit einer Geliebten, die er
jetzt nicht geliebt haben, und einer andern, die jetzt von ihm eben nicht
geliebt sein will, mit dem Vater, der Mutter, dem Bräutigam derselben, ja mit
sich selbst in Gespräch und Handlung; er unterlässt auch keine Gelegenheit, in
jeder dieser Situationen eigentlich nach dem Ringe zu rennen und, wenn mir der
Ausdruck erlaubt ist, das Prinzliche dabei zu charakterisieren. Niemand wird
unverschämt gnug sein, deshalb das Stück eine Satire auf die Prinzen zu nennen;
denn nur dieser Prinz, ein italienischer, junger, eben zu vermählender Prinz
ist's, der sich diese Spässe gibt und bei Marinelli andre zulässt. Auch ist sein
Stand, seine Würde, selbst sein persönlicher Charakter in allem zart gehalten
und mit wahrer Freundlichkeit geschonet. Am Ende des Stücks aber, wenn der Prinz
sein verächtliches Werkzeug selbst verachtend von sich weiset und dabei ausruft:
»Gott! Gott! Ist es zum Unglücke so mancher nicht genug, dass Fürsten Menschen
sind; müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?,« und die
unschuldige Braut dabei im Blut liegt, der Vater, ihr Mörder, sich eben vor
diesen Fürsten als vor seinen Richter stellt, Marinelli, der Unterhändler dieses
Gewerbes, sich noch bedenkt, den Dolch aufzuheben: wer ist, dem, wenn in solcher
Situation der Vorhang sinkt, nicht noch andre Gedanken ausser dem, den der Prinz
sagt, in die Seele strömen? Notwendig fragt man sich, wie wird das Gericht über
den alten Odoardo ablaufen? Wie lange wird Marinelli entfernt sein, d.i. wie
bald wird er, wenn sein Dienst abermals brauchbar ist, wiederkehren? u.f.
    Es ist vielleicht das höchste Verdienst der Poesie, insonderheit des Drama,
Stände und Charaktere aller Art (wenn mir das niedrige Gleichnis erlaubt ist) an
dem feinsten Spiess, aufs langsamste am Feuer eigner Torheiten, Neigungen und
Leidenschaften umzuwenden. In der Seele des Zuschauers werden diese Stände und
Charaktere dadurch gar oder, mit einem edleren Ausdruck, geründet. Man sieht,
was an der Figur Ernst oder Scherz, Wort oder Tat ist; man blickt auf den Grund
hinunter und greift das Beständige oder Unstattafte ihres Charakters, ihre
Versatilität und innere Ehrlichkeit gleichsam mit Händen.
    Die alte Tragödie ging darauf hinaus, durch Darstellung
unerwartet-schrecklicher Königsunfälle und Katastrophen die Urteile der Menschen
zu berichtigen, ihre Grundsätze zu sichern und das poco più und poco meno der
Leidenschaften, der Furcht und des Mitleids, dem Zuschauer auf echter Waage
vorzuwägen. Die neuere Tragödie, wenn sie gleich ihren Bogen nicht so scharf
spannen und ihre Keule so rasch schwingen kann als die alte, hat dennoch mit ihr
einerlei Endzweck Sie spricht zum innersten Gefühl, zur treuesten Ehrlichkeit
des Menschen; die Übeltat kann sie auch jenseit der Gesetze verfolgen, so wie
das Lustspiel die Torheit auch jenseit der Gesetze straft. Beide sind
Sprecherinnen vor dem erhabensten Richterstuhl unsres Geschlechts, vor der
Humanität selbst, und ventilieren, bescheinigen und gegenbescheinigen vor ihr
auf die schärfste, freieste Weise.
    Lessing kannte diesen Prozess über die innere Ehrlichkeit eines Charakters
aufs genaueste; sein Tellheim ist ein von allen Seiten geprüfter, militärischer
Charakter; alles, was um ihn steht, was ihm begegnet, sichtet ihn das ganze
Stück hindurch moralisch. Wen solche Komödien und Trauerspiele nicht bearbeiten
können, der möchte durch Worte schwerlich zu bearbeiten sein.
    Man rückt Lessingen vor, dass er die zarteste Weiblichkeit, das über allen
Ausdruck Reizende je ne sais quoi des schönen Geschlechts nicht gekannt und
solches ebensowohl in der Emilie als der Minna, der Recha als der Orsina
verfehlt habe. Sie sind, sagt man, bei ihm Kinder oder Männer, Helden oder
schwache Geschöpfe. - - Ich kann über diesen Punkt nicht entscheiden. Sollte es
aber keinen Unterschied geben, wie ein weiblicher Charakter im Roman und auf der
Bühne erscheinen darf? Das neuere Teater ist bei allen Völkern Europas,
vorzüglich Spaniern und Franzosen, aus romanhaften Erzählungen und Sitten
entstanden; sollte es diese nicht ablegen dürfen? ja sollte es sie endlich nicht
ablegen müssen, da diese fremde Schminke aus der wirklichen Welt teils schon
verbannet ist, teils in manchem offenbar ihrer Verbannung zueilet? Das Teater
der Alten kannte diese romantische Schminke nicht, und doch waren ihre Weiber
Weiber.
    Wie dem auch sei, in diesem Stück getraute ich mir den Charakter der Emilie,
Orsina, geschweige der Claudia völlig verteidigen zu können; ja es bedarf dieser
Verteidigung nicht, da sich hier alles in der Sphäre eines Prinzen, um seine
Person, um seine Liebe, Treue und Affektion drehet. Wer kennt die Übermacht
dieses Standes beim schönen Geschlechte nicht? und wer darf es der Emilie in
diesen Augenblicken einer solchen Situation verargen, wenn sie den Dolch ihres
Vaters einer künftigen Gefahr vorziehet? Das flatternde Vögelchen (verzeihen Sie
das naturhistorische Gleichnis) fürchtet nicht etwa nur den anziehenden Hauch
der nahen grossen glänzenden Schlange; es fühlet denselben schon, sieht ihren auf
sie gerichteten Blick - oder ohne Gleichnis, sie glaubt sich schon umschlungen
von tausend feinen Netzen liebenswürdiger Eigenschaften, weiss, wie der Prinz
ihre Empfindungen der Religion selbst vorm Altar störte, und wagt wie eine
Heilige den Sprung in die Flut. Wie verstandvoll hat Lessing das Herz der Emilie
mit Religion verwebet, um auch hier die Stärke und Schwäche einer solchen Stütze
zu zeigen! Wie überlegt lässt er den Prinzen sie am heiligen Ort aufsuchen, sie
in der Kapelle vor aller Welt anreden, und stellt die schwache Mutter, den
strengen, grollhaften Fürstenfeind Odoardo neben sie. Ihr Tod ist
lehrreich-schrecklich, ohne aber dass dadurch die Handlung des Vaters zum
absoluten Muster der Besonnenheit werde. Nichts weniger! Der Alte hat ebensowohl
als das erschrockene Mädchen in der betäubenden Hofluft den Kopf verloren, und
ebendiese Verwirrung, die Gefahr solcher Charaktere in solcher Nähe wollte der
Dichter schildern.
    So erlaube ich auch der Orsina (die notwendig mit Mässigung gespielt werden
muss) ihre Verhöhnung des Marinelli, selbst ihre höllische Phantasie im siebenten
Auftritte des vierten Akts. Wenn sie nicht den Mund öffnet, wer soll ihn öffnen?
Und sie darf's, die gewesene Gebieterin eines Prinzen, die in seiner Sphäre an
Willkür gewöhnt ist. Als eine Beleidigte, Verachtete muss sie anjetzt übertreiben
und bleibt in der grössesten Tollheit die redende Vernunft selbst, ein
Meisterwerk der Erfindung.
    So auch das Übereilen des Plans, das Hineintappen des Prinzen und vor allem
seine unbescholtene Rechtfertigkeit, alles* veranlasst, gebilligt und am Ende
doch, nachdem der Plan verunglückt, nichts befohlen, nichts getan zu haben. In
wenigen Tagen, fürchte ich, hat er sich selbst ganz rein gefunden, und in der
Beichte ward er gewiss absolvieret. Bei der Vermählung mit der Fürstin von Massa
war Marinelli zugegen, vertrat als Kammerherr vielleicht gar des Prinzen Stelle,
sie abzuholen. Appiani dagegen ist tot; Odoardo hat sich in seiner Emilie
siebenfach das Herz durchbohret, so dass es keines Bluturteiles weiter bedarf.
Schrecklich! -*
    Als ich voll dieses Eindrucks nach Hause kam, fiel Diderot mir in die Hand,
und zwar folgende Stelle:
    »Der Schauplatz ist der einzige Ort, wo sich die Tränen des Tugendhaften und
des Bösen vermischen. Hier lässt sich der Böse wider Ungerechtigkeiten
aufbringen, die er selbst begangen hätte; hier hat er bei Unglücksfällen
Mitleiden, die er selbst veranlasst hätte; hier ergrimmt er gegen Personen von
seinem eigenen Charakter. Aber der Eindruck ist geschehen, und er bleibt, auch
wider unsern Willen; der Böse geht also aus dem Schauplatze weit weniger
geneigt, Übels zu tun, als wenn ihm ein ernster und strenger Redner eine
Strafpredigt gehalten hätte.
    Der Dichter, der Romanschreiber, der Schauspieler dringen verstohlnerweise
ans Herz und treffen es um so gewisser und stärker, je weniger es den Streich
vermutet, je mehr Blösse es folglich gibt. Die Unglücksfälle, durch die man mich
rührt, sind erdichtet: was tut das? Sie rühren mich doch. Jede Zeile in dem
Ehrlichen Manne, der sich der Welt entzogen, im Dechant von Killerine, im
Cleveland erregt in mir ein zärtliches Teilnehmen an den Unglücksfällen der
Tugend und kostet mich Tränen. - Könnte es eine unseligere Kunst geben als die,
die mich zum Mitschuldigen des Lasterhaften machte? Aber wo ist auch eine
schätzbarere Kunst als die, die mich unvermerkt für das Schicksal des
rechtschaffenen Mannes einnimmt, die mich aus der ruhigen und süssen Fassung, in
der ich mich befand, reisst, um mich mit ihm umherzutreiben, mich in die Höhlen
zu versetzen, in die er flüchten muss, mich zum Mitgenossen der Unfälle zu
machen, durch die es dem Dichter beliebt, seine Beständigkeit auf die Probe zu
stellen.
    Wie sehr erspriesslich würde es für die Menschen sein, wenn sich alle Künste
der Nachahmung einen gemeinschaftlichen Gegenstand wählten und sich einmal mit
den Gesetzen dahin verbänden, uns die Tugend liebenswürdig und das Laster
verhasst zu machen! Des Philosophen Pflicht ist es, sie dazu einzuladen; er muss
sich an den Dichter, an den Maler, an den Tonkünstler wenden und ihnen auf das
nachdrücklichste zurufen: O ihr von höheren Fähigkeiten, warum hat euch der
Himmel begabt? - Wird er gehört, so werden gar bald die Mauern unsrer Paläste
nicht mehr von Gemälden der schändlichsten Wollust bedeckt sein; unsre Stimmen
werden nicht länger die Verkündigerinnen des Lasters sein, und Geschmack und
Tugend werden dabei gewinnen.
    Ich habe manchmal gedacht, dass man gar wohl die wichtigsten Stücke der Moral
auf dem Teater abhandeln könnte, ohne dadurch dem feurigen und reissenden
Fortgange der dramatischen Handlung zu schaden.
    Nicht Worte, sondern Eindrücke will ich auch aus dem Schauplatze mitnehmen.
Das vortrefflichste Gedicht ist dasjenige, dessen Wirkung am längsten in mir
dauert.
    O dramatische Dichter! Der wahre Beifall, nach dem ihr streben müsst, ist
nicht das Klatschen der Hände, das sich plötzlich nach einer schimmernden Zeile
hören lässt, sondern der tiefe Seufzer, der nach dem Zwange eines langen
Stillschweigens aus der Seele dringt und sie erleichtert. Ja, es gibt einen noch
heftigern Eindruck, den sich aber nur die vorstellen können, die für ihre Kunst
geboren sind und es vorauswissen, wie weit ihre Zauberei gehen kann, diesen
nämlich, das Volk in einen Stand der Unbehäglichkeit zu setzen, so dass
Ungewissheit, Bekümmernis, Verwirrung in allen Gemütern herrschen und eure
Zuschauer den Unglücklichen gleichen, die in einem Erdbeben die Mauern ihrer
Häuser wanken sehen und die Erde ihnen einen festen Tritt verweigern fühlen.« -
-
                                      38.
    Als Swift über »Gullivers Reisen« brütete, schrieb er an Pope: »Ich habe
ganze Nationen, ganze Professionen und Zünfte immer gehasset; meine Liebe geht
nur auf einzelne Personen. Zum Beispiel ich hasse die Zunft der Rechtsgelehrten,
aber ich liebe den Rat N., den Richter N. N. So habe ich's (von meiner eignen
Profession nichts zu sagen) mit den Ärzten, mit den Soldaten, den Engländern,
Schotten, Franzosen u.f. Vornehmlich aber hasse und verabscheue ich das
Geschöpf, der Mensch genannt, obschon ich den Johann, den Peter, Tomas u. f.
von Herzen liebe. An dieses System habe ich mich (unter uns gesagt) nun viele
Jahre her gehalten und werde mich immer daran halten. Ich habe Materialien zu
einer Abhandlung gesammlet, welche zeigen soll, dass man den Menschen unrecht
durch ein vernünftiges* Tier definiert und dass man bloss ein vernunftfähiges*
Tier setzen sollte. Auf dies starke und feste Fundament der Misantropie
(wiewohl nicht nach Timons Manier) gründet sich das ganze Gebäude meiner Reisen;
und ich werde nimmer ruhig sein, bis alle ehrliche Leute hierüber meiner Meinung
sind. Die Sache ist so klar, dass sie keinen Widerspruch leidet; ja, ich will
hundert gegen eins setzen, dass Sie und ich in dem Punkte übereinstimmen.«
    Diese Übereinstimmung war ein freundschaftlicher Wahn oder ein Kompliment,
das der von seiner Meinung durchdrungene Swift sich selbst machte. Pope schien
ihm recht zu geben, äusserte aber zugleich, dass er Maximen schreiben wollte, die
Rochefoucaults Grundsätzen insgesamt entgegengesetzt wären, wogegen Swift in
noch härteren Ausdrücken den »Rochefoucault« als seinen Liebling, in welchem er
seinen ganzen Charakter gefunden, heftig in Schutz nimmt.
    Bei Swift nämlich war diese Menschenfeindschaft nicht witzige Laune, sondern
ein bittrer Ernst, wie seine Schriften, wie sein Leben es zeigt. Er hatte einen
so tiefen Groll gegen die menschliche Gesellschaft gefasst, dass selbst seine
Meschenfreundschaft, seine strenge Sorge für die von der Natur und dem Staat
verwahrloseten Unglücklichen sich in dies rauhe Gewand kleidete; er schien ein
Zuchtmeister, auch wenn er ein wohlwollender Freund war.
    Es hiesse, Worte verschwenden, wenn man über das von Swift aufgestellte
Paradoxon in der Form disputieren wollte; jedermann sieht, was in ihm wahr oder
übertrieben sei.
    Eine andre oft aufgeworfene Frage, ob es besser sei, von den Menschen zu gut
oder zu schlimm zu denken, d. i. den Menschen zu schmeicheln oder sie mit
Schärfe zu behandeln, führt, wie mich dünkt, ihre Auflösung auch mit sich. Man
muss keins von beiden, und eben hierin bestehet die Philosophie und Kunst des
Lebens. Alle Übertreibungen sind ebenso unwahr als schädlich; meistens fallen
sie auch zusammen und lösen einander auf. Young z.B., der in seiner Schrift
»Über die Originalwerke« den armen Swift heftig und in der Gestalt des
Menschenfreundes selbst menschenfeindlich angriff, hat sich gegen das von ihm
verehrte Geschlecht ebenso versündigt, da er ihm in seinem jetzigen Zustande die
Würde des Seraphs anschmeicheln, als Swift, da er es zum Yahoo erniedrigen
wollte. Jener, um sein System zu verfolgen, ward gezwungen, den Lorenzo zu einem
Teufel zu machen, damit der erdichtete Engel in sein Licht träte; dieser musste
seine vernünftigen Pferde mit allen Vollkommenheiten schmücken, die er doch nur
im Menschengeschlecht kannte. Dem guten Rousseau ist es in seinen Übertreibungen
nicht anders gegangen; in der Phantasie ein Idealist fürs Gute, musste er in
einzelnen Urteilen und im Betragen des Lebens ein leidendes Kind werden.
    Zwischen zwei Äussersten gibt es keinen andern Weg der Vernunft und
Rechtschaffenheit als die Mittelstrasse Man sage soviel Gutes, man schreibe
soviel Böses vom Menschen, als man wolle; lediglich kommt's auf den Gebrauch an,
den man von beiderlei Urteilen macht, wie man sie durch tätige Güte und Weisheit
zusammen vereinet.
    Das edlere Schauspiel der Griechen hatte zum Zweck, zwischen beiden Extremen
eine weise und tugendhafte Mitte im Menschen zu befestigen; o hätten wir
Menanders und Philemons Schauspiele! Die übriggebliebenen wenigen Stellen und
Sprüche zeigen, dass in ihnen der Mensch von allen Seiten betrachtet und zur
Lehre aufgestellet worden, wie es denn auch Terenz, der halbierte Menander, klar
an den Tag leget:
                              Sprüche aus Philemon
Beschwerlich ist ein unverständiger
Zuhörer; vor dir sitzend, tadelt er
Aus Torheit nie sich selbst.
Viel leichter, eine Krankheit, als den Gram ertragen.
Der Seele Kummer wird durch Rede leicht.
Wer unter uns dort ausserhalb der Stadt
Der Menschen Gräber sieht, der sage sich:
Auch jeder dieser sprach einst zu sich selbst:
»Ich werde, wenn die Zeit kommt, schiffen, pflanzen,
Die Mauer brechen und besitzen.« Jetzt
Besitzen sie ein Grab.
Ihr Götter, welch ein wohlgeartet Tier
Ist eine Schnecke. Kommt auf ihrem Gange
Sie einem bösen Nachbar nah; sie hebt
Ihr Haus und wandert weiter. Darum wohnt
Sie sorgenlos, weil sie die Bösen immer flieht.
Er ist ein Knecht, hat aber Fleisch und Blut
Wie du; denn keiner ward durch die Geburt ein Knecht;
Unglücklich Schicksal macht zum Sklaven nur.
Ein böser Diener wird der Strafe nicht entgehn;
Du aber sei der Strafe Büttel nicht.
Dein Wort, o Freund, hat deine schöne Tat
Geschmäht; des Reichen Tat hat Bettlers Wort vernichtet.
Rühmst du die Gabe selbst, die du dem Freunde gabst,
So warst in Taten du ein Feldherr und im Wort
Ein Mörder.
Sprich nicht: »Das will ich geben.« Denn wer spricht,
Der gibt noch nicht und hindert andrer Gaben.
Mit rechter Unterscheidung gib und nimm.
 Das kleineste Geschenk, es wird das grösseste,
 Wenn du's wohlmeinend gibst.
 Den Armen hass ich, der dem Reichen schenkt;
 Er schilt das Glück, die Unersättliche!
 Sei einem Alten, der da fehlt, nicht hart;
 Ein alter Baum ist zu verpflanzen schwer.
 Im Alter kommt der Reichtum uns zugut,
 Er führt den Alten glücklich an der Hand.
 Was grämest du dich, Freund? Du weisst es ja,
 Dass, eben wenn das Glück den Menschen lacht,
 Zu jedem Unglück es die Pforte finde.
 Auch über keines Unglück freue dich;
 Denn alles mischt und kehrt das Schicksal um.
 Nie schilt das Glück. Du weisst, zu böser Zeit
 Gehn auch der Götter Sachen selbst nicht wohl.
 Gesundheit ist mein erster Wunsch; der zweite
 Glück im Geschäft; der dritte Freude; dann
 Noch einer: Keinem je verpflichtet sein!
 Erst sieht, bewundert, dann betrachtet man
 Und fällt in Hoffnung und zuletzt in Liebe.
 »Sag an, wie soll ich Gott gedenken mir?«
 Dass er, der alles sieht, unsichtbar sei.
 »Was machst du, Syra? Wie befindst du dich?«
 Kannst du noch also fragen einen Greis?
 Ein Greis ist nimmer wohl. Man sagt mit Recht,
 Und kann es sagen: »Auch der Tod ist gut.«
 »Was ist es denn? warum will er mich sehn?«
 Ist's, wie die Kranken, wenn der Schmerz sie quält
 Und sie den Arzt erblicken, besser sind?
 So der Betrübte: sieht er den Freund
 Nur neben sich, gleich lindert sich sein Gram.
 Auf Erden lebt kein Mensch, nicht einer lebt,
 Der Böses nicht erfuhr, wie? oder noch
 Erfahren wird. Nur wer, was ihm begegnet,
 Aufs leichtste nimmt, nur der ist weis und glücklich.
 Erkenne, was der Mensch ist, und du wirst
 Doch glücklich sein. Hier hörst du einen tot;
 Dort ist ein anderer geboren; diese
 Gebar nicht, jenem ging es übel; der
 Hat Husten, jener weint. Das alles bringt
 Die Menschheit mit sich; fliehe nur den Gram.
 Viel Unglück ist in vielen Häusern, das,
 Wenn man es gut erträgt, uns Gutes bringt.
 Der Menschen viele machen sich das Übel
 Noch grösser, als es ist. Dem starb ein Sohn;
 Dem eine Mutter; dem, beim Jupiter!
 Gar ein Verwandter. Nähm er's, wie es ist,
 So starb ein Mensch. Das ist an sich das Übel.
 Nun aber ruft er aus: »Das Leben ist für mich
 Kein Leben mehr! Er ist dahin! Ich werd ihn
 Nie wieder sehn!« Er sieht den Unglücksfall
 Allein in sich und häuft auf Übel Übel.
 Wer alles mit Vernunft betrachtet, wie
 Es an sich selbst und nicht für ihn nur sei,
 Empfängt das Glück und hält das Unglück fern.
 In Traurigkeit sein selbst noch Meister sein:
 Dies ist's, was mich erhält und was den Menschen macht.
 Wir armen Menschen! Unser Dasein ist
 Ein Leben ohne Leben. Meinungen
 Beherrschen uns, seit wir Gesetze fanden,
 Der Vor- und Nachwelt Meinungen. Wir suchen
 Dem Übel zu entgehn und finden uns
 Zum Übel Vorwand.
 Wer, was er sagen soll, nicht saget, der
 Ist immer lang und spräch er nur zwei Silben.
 Wer gut sagt, was er saget, ob er viel
 Und lang auch spräche, der spricht nie zu lang.
 Sieh den Homer. Er schrieb viel tausend Worte,
 Und wem schrieb er zuviel?
 Wenn, was wir haben, wir nicht brauchen und,
 Was wir nicht haben, suchen; ach, so raubt
 Das Glück uns jenes, dieses wir uns selbst.
 Gerecht ist nicht, der niemand unrecht tut;
 Der ist's, der unrecht tun kann und nicht will.
 Nicht der, der kleinen Raubes sich entält;
 Der ist's, der grossen Raub mit Mut verschmäht,
 Wenn er ihn haben und behalten kann.
 Nicht der ist's, der dies alles nur befolgt,
 Der ist's, der ungeschminkten, reinen Sinns
 Sein ein Gerechter und nicht scheinen will.
 So viele Künste es, o Laches, gab;
 Kein Lehrer, alle lehrte sie die Zeit.
 Nicht Körper nur; es wachsen mit der Zeit
 Auch Dinge!
    Endlich den Hauptspruch:
Antrôpos ôn, tout' isti kai memnês' aei.
 Du bist ein Mensch; das wiss und denke stets daran.
                                      39.
    Neben den Griechen ist schwer zu stehen, und doch haben auch wir Stücke, die
neben ihnen stehen können und dürfen.
                                 Menschentugend
 Die Ohren und die Herzen willig her,
 Ihr Menschen! Euer Gott hat mich gelehrt,
 Was Tugend sei; ich lehr es, Menschen, euch!
 Dem Nackenden von zweien Linnen eins
 Um seine Blösse selbst ihm schmiegen und
 Von zweien Broten eins dem Hungrigen
 Darreichen und aus seinem Quell dem Mann,
 Der frisches Wasser bittet, einen Trunk
 Selbst schöpfen, flöss' er noch so tief im Tal.
 Ihr, meine liebe Menschen, Tugend ist:
 Dem Hülfedürftigen zuvor mit Gold
 Und Weisheit kommen; seine Seele sehn
 Und seinen Kummer messen; und sich freun,
 Dass etwa Gold und etwa Weisheit ihn
 Der Freude wiederbringen; ihn auch nicht,
 Wer seines Kummers Überwinder war,
 Erfahren lassen.
Menschen, Tugend ist:
 Und wenn die Bösen alle gegen euch
 In ihrer Bosheit wüteten und sich
 Verschworen hätten alle gegen euch,
 Von Menschenliebe nicht zu Menschenhass
 Hinübergehen; immer, immer gut
 Den Bösen sein; dem undankbaren
 Mann Exempel werden edler Dankbarkeit.
 Ihr, meine lieben Menschen, Tugend ist:
 Dem Gotterschaffenen Erhalter sein,
 Lebendigen das Leben fristen, rohen Stoff
 Umwenden, so dass er durch euren Fleiss
 Einst Leben zu dem Leben bringen muss.
 Ihr, meine lieben Menschen, Tugend ist:
 Die Summe jedes Guten, welches Gott
 In seine Welt gelegt, an seinem Teil
 Vermehren, wenn und wo und wie sie nur
 Vermehret werden kann. Vermehrest du
 Die Summe dieses Guten, dann, o dann
 Sei König oder Bettler, du gefällst
 Dem Schöpfer alles Guten, deinem Gott.
 Du willst ihm nicht gefallen? wie? du willst
 Des Guten Summe nicht vermehren? willst
 Des Bösen, welches Gott in seiner Welt
 Zum Guten lenkt, Vermehrer sein? Sei es!
 Du wirst dich schämen einst und es bereun.
    So unser Gleim in seinem »Halladat oder Roten Buche,« dem wir jetzt lieber
einen andern Namen geben wollen; es entält Blätter zum echten Koran der
Menschengüte. Und dieser Lehrer spricht nicht nur, er tut auch also.
 
                                Vierte Sammlung
                                        
                                     (1794)
                                      40.
    Neulich lernt ich in der Gesellschaft unsrer Unsichtbar-Sichtbaren29 einen
besondern Mann kennen, der sich Realis de Vienna nannte. Er nahm es als
Deutscher mit allen Ausländern um den Preis der Wissenschaften und des
Verstandes auf und tadelte mehrere Schriftsteller Deutschlands, dass sie die Ehre
ihres Vaterlandes zu sehr verkannt, Fremde zu sehr gelobt, ihnen nachgeahmt,
geschmeichelt haben. - Doch Sie sollen seine Behauptungen selbst hören:
    »Deutschlands Vorzug bestehet in diesen vier Stücken, dass es nach der langen
Nacht der dicken Unwissenheit die ersten, die meisten, die höchsten Erfinder
gehabt und in 900 Jahren mehr Verstand erwiesen als die übrigen vier
Meistervölker zusammen in 4000 Jahren. Man kann mit Wahrheit sagen, Gott habe
die Welt durch zwei Völker klug machen wollen, vor Christi Geburt durch die
Griechen, nach Christo durch die Deutschen. Die griechische Weisheit kann man
das alte Vernunfttestament, die deutsche das neue nennen.«
    »Durch zwei Stücke wird vornehmlich ein Volk herrlich, durch Ehrliebe und
Verstand zusammen; Tapferkeit und alles andre, was dazu hilft, muss durch jene
zwei eingerichtet werden; aus ihnen kommt Reichtum und Macht, aus allen
miteinander endlich Ruhm, den alle Welt sucht. Die Deutschen sind aus Mangel der
Grossmütigkeit und Landesliebe, die übrigen Europäer (ausser den berühmten fünf
Hauptvölkern aus Mangel der Erfinder und grossen Weltweisen zurückgeblieben.«
    »Verachtung kommt aus Feigheit, Niedertracht oder Dummheit; jede allein kann
arm, ohnmächtig und verachtet machen Verstand aber allein oder Grossmütigkeit
allein machen nicht berühmt; sie müssen zusammen sein.«
    »Aus Wahn von der ausländischen Klugheit fliesst die deutsche
Niederträchtigkeit; oder ist sie schon in uns, so wird sie greulich vermehrt und
verhärtet. Hierauf folgt die unsinnige Äfferei, hieraus die
Verstandesverfinsterung, Jugend- und Zeitverlust, die Schwindelreisen, die
Geldverschleuderung und deutsche Armut, fremder Nationen Reichtum, ihre Macht,
Stolz, Trotz, ihre Verleumdungen und der Deutschen Verachtung, das Märchen von
der deutschen Dummheit, unsre Bettelei, dass wir der Ausländer Lohnsoldaten
heissen, stetiges Kriegen und Blutvergiessen, da wir auf unsre eigne Unkosten
gepeitschet werden, Verlust so vieler Länder und Städte, Verlust der deutschen
Vertraulichkeit, Aufrichtigkeit, Glückseligkeit, mit Vertauschung der
hochgeachteten fremden Sitten, Lüderlichkeit und Blindheit. Alles dies hängt
aneinander am Märchen von der ausländischen Klugheit und deutschen Einfalt.«
    »Dies Märchen scheuet man sich ins Licht zu setzen wegen der angeerbten
sklavischen Niedertracht, wegen Mangel der Wahrheitliebe, Seltenheit des
gesunden Urteils, endlich aus Mangel der Geschichtkenntnis. Man begnügt sich mit
Widersprechen, Wehklagen, Seufzen und Betteln: die Ausländer möchten uns doch
mit in ihre Gesellschaft nehmen, wir gehörten auch unter die fünf klugen
Jungfern u. f. Dies beweiset man, statt Erfinder anzuführen, mit Schulmeistern,
Pfarrern, Sprachkünstlern und geduldig schwitzendem Volk, welche Fleiss für
Verstand halten, mit Stopplern und Ausziehern, woraus eben die Ausländer unsre
Dummheit beweisen wollen. Wir haben nicht einmal das Herz, unsre Erfindungen
wider die Ausländer zu verteidigen; sobald sich derselben eine einer zuschreibt,
so ist's damit aus, sie ist verloren.«
    »Was geht mich ein hochbegabt Volk oder der tugendhafteste Mensch der Welt
an, wenn er mich schändet? Ich habe die Briefe von seiner Tugend, wenn er mich
verleumdet. Tugend muss man zwar auch am Feinde loben, wo es der Wahrheit Ehre
fodert; sonst aber muss man von seines Feindes Tugend stillschweigen, sonderlich
wo sein Lob uns Schaden bringt. Doch wird ein Tugendhafter hochbegabte Leute
nimmer schimpfen.«
    »Bescheidenheit wird nur gegen ehrliche Leute erfordert; Irrende muss man
unterrichten, nicht schimpfen mit harten Worten; Bosheit aber muss mit Beschämung
gestraft werden, Unterricht hat da keine Statt. Will man vorsetzliche Bosheit
ehrerbietig unterrichten, den Wolf bitten, die Schafe nicht zu fressen, so wird
Bosheit durch die Ehre gestärkt und andre zu gleicher Bosheit gereizt; bonis
nocet, malis qui parcit.«
    »Wie unzeitige Barmherzigkeit der ärgste Grimm ist, so stiftet unzeitige
Ehrerbietung weit mehr Unglück als unnötiger, allzu grosser Zorn. Der Päpstler
mörderischer Eifer hat mit Geisseln, Martern, Brennen die Welt nicht so verderbt
als die heimliche Herrschsucht der bescheidnen Höflichen, der heiligen Heuchler
tückische oder dumme Sanftmut. Wie die abgedroschne Predigt von der Freiheit
eine Eitelkeit ist, so ist's mit dem Senf der Bescheidenheit ein herber Betrug,
daran ein Aufrichtiger sich nicht kehret. Den Betrüger einen Betrüger zu nennen
gehört nicht nur zur Aufrichtigkeit, sondern auch mit zur Freiheit; es ist eine
notwendige Sache.«
    »Unsre Ehrenretter, wenn sie am eifrigsten sind, werfen den Franzosen die
lächerlichsten Kindereien vor, die gar nichts bedeuten. Also, wenn sie ihnen
heftig wehe tun und sie mit Vorhaltung grober Fehler recht demütigen wollen, so
zählen sie her, wie hie und da ein Franzos Wittenberg, Altdorf, Rostock nicht
gekannt und diese Städte für Personen gehalten. Nun ist zwar der Fehler grob
genug, immittelst weil solche Unwissenheit aus Stolz und Verachtung unser
herrührt, warum wollen wir damit ihre Dummheit beweisen? Ihre Sachen wieder
verachten, nicht bewundern, anbeten, geschweige für Millionen kaufen, ihnen
Urteil- und Sinnigkeitfehler, Erfindungsmangel und Dieberei vorhalten, war die
rechte Rache; diese kann demütigen. Wie werden wir sie damit demütigen, woraus
sie Ehre suchen, nämlich aus Verachtung der deutschen Sachen, woran wir selbst
schuld sind, weil wir unsre Sachen selbst verachten.«
    »Die Ausländer halten's für den ärgsten Spott, uns etwas nachzutun, das
hernach an ihnen unser hiesse, viel weniger werden sie es mit Prahlerei tun und
uns dabei herausstreichen. Nehmen sie etwas von uns an, so tun sie es
verstohlen, schämen sich der Annehmung und Nachahmung und leugnen, dass es unser
sei, mit Zorn und Gift. Und der Deutschen Ehre soll die Affenkunst der
Nachahmung sein und bleiben?«
    »Lernen ist eigentlich der Kinder Amt und Eigenschaft, daher Kinder der
Strafe unterworfen sind; sie müssen gehorchen. Erwachsnen Leuten ist's gar
unanständig, lernen sollen, was sie selbst können sollten; weit unanständiger
aber ist in einem ganzen Volk, einem andern Volk zu gehorchen. Nachahmen gehört
entweder zum Lernen oder zur Knechtschaft.«
    »Der Schüler ist allezeit unterm Lehrmeister, der Erfinder hat die Ehre vorm
Nachmacher; Erfindung macht Naturherrn, Nachahmung Naturknechte.«
    »Wenn ein ganz Haus mit allen Hausgenossen, alt und jung, sich gegen seinen
Nachbar so anstellte, der Mann ahmete dem Nachbar, die Frau der Nachbarin,
Töchter, Söhne, Knechte, Mägde ahmten den Töchtern Söhnen, Knechten, Mägden des
Nachbars nach, würde nicht die ganze Stadt sagen: Das Haus ist voll Narren, die
drin wohnen, sind alle unsinnig? Und trieben sie die Haserei nur aus
Unbedachtsamkeit, würden nicht alle Kinder auf der Gasse von diesen tollen
Klugen als Nichtswürdigen zu reden wissen? Was würde man aber sprechen, wenn
diese Nachahmer den ersten noch Geld dazu geben, dass sie derselben Narren sein
dürften? Von einem ganzen Lande nun ist es noch niedriger.« - -
    In dem Ton sprach Realis de Vienna weiter. Er zeigte, dass die Nachahmung,
zumal der Franzosen, den Deutschen schädlich und verderblich sei; durch sie
versaure und verroste der Verstand, man versuche nichts und verzage an eignen
Kräften. Mit Nachahmung sein die welsch-französischen Laster zu uns gekommen.
Wir hätten das Nachahmen nicht nötig; ja, man müsste den Deutschen auch in
nützlichen Dingen die Äfferei nicht zulassen, weil keine Grenze bestimmt werden
könne, was, wieviel, wieweit nachzuäffen sei. Der Deutsche sei beim Nachahmen
ungeschickt u. f. - Was dünkt Ihnen zu diesem Autor?
                                      41.
    Realis de Vienna ist keine erdichtete Person. Er lebte zu Anfange unsres
Jahrhunderts, da die Kultur der höheren Wissenschaften durch Leibniz auch in
Deutschland neuen Platz gewann; zugleich aber hatte sie damals mit dem
elendesten Pedantismus der Hof-und Schulhasen (wie Realis sie nennt) zu
streiten. An Höfen blühete eine französische Galanterie, von der wir uns kaum
noch einen Begriff machen können; einige Schulpedanten wollten den Hofgecken
nachahmen, so entstand die talandrische, die menantische, die weisische
Schreibart. Der verdienstreiche Christian Tomasius selbst konnte sich diesem
sinkenden Boden nicht entziehen und ward in manchem ein Hofphilosoph, allerdings
nicht im besten Geschmack. Die Literargeschichte, die damals auch im Gange war,
hinkte dem allgemeinen Geschmack nach, schmeichelte den Ausländern; der Schall
von Ludwig XIV. hatte die Welt erfüllet, und in den deutschen Glocken sausete er
in massiverem Ton um so länger nach.
    Da erkühnte sich nun dieser Realis de Vienna, den Hof-* und Schulfüchsen
deutscher Nation entgegenzusprechen, und schrieb eine »Prüfung des europäischen
Verstandes durch die weltweise Geschichte«. Er schrieb sie; ich zweifle, dass sie
je gedruckt worden. Das Manuskript muss sonderbare Schicksale gehabt haben; denn
in der vorliegenden Schrift »Nachricht von Realis, de Vienna Prüfung« werden
sonderbare Umstände lautbar. Die Handschrift (so sagt der Verfasser) sei 21
Jahre umhergegangen, seitdem sie Prof. Adam Rechenberg in Leipzig (Christian
Tomasens Schwager) dem Buchführer im Jahr 1693 entführet. Dieser habe sie unter
seinen Bekannten herumgeschickt, andre auch von dieser Sache zu schreiben
angereizt, endlich sie Reimannen übergeben, der den Kern seiner
Literaturgeschichte Deutschlandes ganz, aber äusserst kraftlos und unvollständig
aus diesem Werk genommen und nur die elenden kindischen Schalen dazu getan habe
u.f. Auch Kasimirs »Kanonik,« glaubt er, sei aus seiner sogenannten
»Vernunfterstattung« gezogen u.f.
    So anmassend dies alles klingt, um so mehr verdiente das Werk und die
Behauptung des Verfassers Aufmerksamkeit und Prüfung. Was er über Reimanns
Geschichte, über Tomasius' »Hofphilosophie,« über den Streit zwischen Leibniz
und Newton, über den Ursprung der Journale, die Sprachenmischerei, über die
Nachahmungssucht und Demut der Deutschen gesagt hat, ist jetzt unser aller
Urteil. Die Zeit hat darüber entschieden, und dieser unbekannte Gabriel Wagner30
(ein Magister der Philosophie aus Quedlinburg, der viele Universitäten besucht
hatte und in seinem Leben zu nichts kommen konnte) ist in mehreren Urteilen
seiner Zeit so mächtig vorgeschritten, dass man es bewundert, wie sehr die Stimme
der Wahrheit oft aufgehalten werden könne und wie langsam die Zeit schleiche.
Seine »Prüfung des europäischen Verstandes« (der Beschreibung nach ein
ausführliches Werk) muss seinem Inhalt nach um so merkwürdiger sein, da er nicht
etwa nur die Hof- und Schulfüchsereien verachtet, sondern auch den reellen
Wissenschaften, der Matematik, Philosophie, den höheren und nützlichen
Erfindungen der Völker seine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben scheinet. Wenn
also seine unterdrückte Handschrift sich irgendwo noch auffände (und ich zweifle
daran um so weniger, da sie durch viele Hände gegangen ist und wahrscheinlich
mehrere Abschriften veranlasst hat), so wäre, mit Auslassung alles dessen, was
für uns nicht mehr dienet, eine geläuterte Bekanntmachung derselben zu wünschen.
In der Nachricht, die vor mir liegt, wurde das Werk bei Frobösen in Greifswalde
liegend angezeigt und jedermann aufgefodert, es mit Verlag oder andrer Hülfe zu
befördern; die damaligen Lichter Deutschlands mochten dieser Beförderung nicht
hold sein, und so blieb es begraben. Mir wäre es kein unangenehmes Postpaket,
wenn mir eine Fee dies irgendwo gewiss totliegende Mskr. oder eine Nachricht
davon zuschickte.
    Denn ausser dieser »Prüfung des europäischen Verstandes« gedenkt der Verf.
noch einer andern Schrift: »Geheimstube oder Velledenblätter,« 1692 in vier
Büchern entworfen, deren Inhalt in manchem sonderbar genug ist.
    
    A. Die Vernunfterstattung (die Europäer von der Viehheit, Quackerei und
Aberglauben wieder zur Menschheit zu bringen und ihnen die fünf Sinne zu
erstatten). Statt der Kapitel zeichne ich bloss einige Grundsätze aus:
    1. Es gibt Gewissheit; der Mensch kann viel Wahrheit wissen.
    2. Alle Gewissheit und Klarheit kommt aus rein matematischem Grunde.
    3. Zur Wahrheitforschung braucht's keiner ersten allgemeinen Wahrheitsquelle
(keines principii primi).
    4. Wahrheit ist heilsamer als Erdichtungen. (Diese Aufgabe, sagt Wagner, mit
ihren Beifügungen ziehet ungewöhnliche neue Sätze nach sich und ist der Grund
fast einer neuen Weltweisheit, die den Descartes, Hobbes, Spinoza, Pufendorf,
Leibniz verbessert.)
    5. Aus Wahrheit folgt nimmer Unwahrheit, aus dieser nimmer Wahrheit.
    6. Alle Unwahrheit kann widerlegt werden, sie sei so subtil sie wolle.
    7. Der Wahrheit Tür, Ursprung und Boten sind die Sinne.
    8. Es ist nur eine Vernunft.
    9. Vernunft irrt nimmer. Klugheit und Wahrheitfindung entspringen beide aus
der Natur, Gütigkeit und Übung, nicht aus Lehrsätzen und Unterricht. Diese sind
ein äusserlich geringer Vorteil und Erleichterung dazu, geben aber weder Wahrheit
noch Verstand. Wenn man sie für unentbehrlich ausgibt, sind sie der
Schulfüchserei Merkmal.
    10. Der Mensch ist nicht vernünftig, doch nicht ohne Vernunft.
    11. Des Menschen Vorzug vorm Vieh ist allein die Vernunftdämmerung.
    12. Der Wille beherrscht den Menschen in allem, die Vernunftdämmerung in
nichts.
    13. Sinne verführen; Aufrichtigkeit und Vernunftdämmerung sind die innern
Mittel zur Wahrheit.
    14. Die Natur ist nicht verderbt, nicht Gottes Feindin. Sie ist Gottes Buch,
der Vernunftschein Gottes Licht; nach ihnen muss man alles erklären.
    15. Aberglaube ist kein Mittel zur Wahrheit.
    16. Naturkünste machen aufrichtig, Schulkünste stolz und grausam.
    17. Man soll alles, so viel möglich, nach der Natur erklären.
    18. Lust zu Natursachen ist ein Merkmal der Grossmütigkeit.
    19. Stolz und Dummheit sind aller Laster und alles Unglücks Ursach.
    20. Weisheit besteht nicht in Eigennutz; ihr Ziel ist eigentlich allein
Wahrheit. (Ob aber Aufrichtigkeit allein mit Wahrheit ohne Nutz zufrieden sein
soll und ob Wahrheit ohne allen Nutz sein könne, sei eine andre Frage.)
    21. Alle Weisheit beruhet auf vier Wissenschaften, alles andre, was zu
selbigen nicht gehört, gehört zur Schulfüchserei.
    22. Die deutschen Handkünste zeigen Verstand, die ausländischen Fleiss,
Geduld, Geiz und Stolz.
    23. Ein Unchrist ist kein Ungötter (Ateist).
    24. Viele Leute, insonderheit die Gelehrten, merken ihre eigne Bosheit
nicht, viel weniger ihre Dummheit.
    25. Einer sieht oft mehr als alle Schulen und das ganze Land.
    26. Lehre artet den Verstand; den Willen greift sie nicht an.
    27. Lehren ist nötig, auch beim stoischen Glauben.
    28. Der matematische Lehrweg ist nicht der beste; der werkkünstige Lehrweg
allein findet die Wahrheit.
    29. Sittenlehrige Absichten verderben die Naturkundigung.
    30. Die Reisen in barbarische Länder sind nützlicher als in die Hasenländer
zu den freundlichen Mördervölkern.
    
    II. Der Naturglaube.
    
    III. Der Schulen Papsttum.
    
    IV. Umbildung der Staatskunst nach folgenden Grundsätzen:
    1. Gegen Natur- und Staatskünste sind alle andre Künste Kinderpossen; die
Naturkundigung ist aller andern Künste Meer und Kaiserin.
    2. Äusserliches oder Hofsittenwerk ist Wahnwerk, ein frei willkürlich Werk;
was man für schön und hässlich setzt, ist schön und hässlich.
    3. Das Märchen von der Ausländer Klugheit und Deutschen Dummheit ist allein
aus der Deutschen Geduld und der Ausländer Prahlerei entstanden.
    4. Man kann fast sagen, dass weder Liebe, Geld noch Stolz so stark sei als
der Deutschen Geduld und Demut. Der Gemütsunadel löscht in uns die Menschheit,
die allgemeine Empfindnis, Selbstliebe und Selbsterhaltung ganz aus.
    5. Angenommene Grossmütigkeit würde das ganze Märchen in zehn Jahren
umkehren.
    6. Verstandesehre geht über alle Ehre, ist aller andern Ehre Grund, also
nicht in den Wind zu schlagen.
    7. Eines Volks Ehre hängt grossenteils an seiner Muttersprache; diese ist der
Landesehre Fuhrwerk. Über sie muss man schärfer halten, über ihre Reinigkeit mehr
eifern als über der zartesten Liebsten Ehre.
    8. Mit Landsleuten muss man's, als mit Verwandten seines Geschlechts, nicht
genau nehmen, gegen Ausländer alles hoch spannen u.f.
    Ein Wort noch von der Deutschen grandezza, vor welcher der Gegner unsres
Realis seine Landsleute warnen wollte. Realis sagt dagegen:
    »Die Deutschen, die guterzigen Zigeuner, die armen Affen, die ewigen
Schüler, von der grandezza wollen abhalten ist ärger, als die Schafe vom Grimm,
die Pferde vom Fleischfressen abmahnen. Mahne die Spanier von der grandezza, die
Italiener von der Herrschsucht, die Franzosen von der Prahlerei ab; mit den
Deutschen darfst du dich nicht bemühen. Der Mangel nötiger grandezza oder
Ehrliebe ist eben die vornehmste Ursach des übeln deutschen Namens.«
    »In Deutschland wohnt aller Verstand ausser Schulen; bei den Ausländern
zuweilen in Schulen. Bei diesen sind oft die Gelehrten die Klügsten; in
Deutschland ist's umgekehrt. Das Volk ist sinnreich, fast allein, obwohl nicht
allezeit; die Vornehmen sind schulfüchsisch, prangen mit statu quo und sind
selten klug.«
    Ich lege das Buch bei und bitte, dass Sie die Jahrzahl nicht unbemerkt
lassen. Es ist 1715 gedruckt, mich wundert, dass, da die Schriften, die es
ankündigt, zwanzig Jahre vorher geschrieben waren, Leibniz unsers sonderbaren
Autors nirgend erwähnet.
                                      42.
    Verzeihen Sie, dass ich Ihren Realis de Vienna nicht auf einen so tragischen
Fuss nehme, als er in den Bedrängnissen seines mühseligen Lebens den Ton
anstimmte. Sollten wir umsonst ein Jahrhundert später leben, in welchem sich
manches entwickelt hat, das er nicht wissen konnte?
    Man sagt gewissen Landsleuten nach, dass, ehe sie ihre Landsmannschaft
nennen, sie ein Entschuldigungskompliment vorbringen, dass sie die sein, die sie
sind. Unser Autor wird das für niederträchtig halten; wenn es indes gegen stolze
Nationalverwandte gesagt würde, so möchte hinter dieser Demut ein Spott liegen,
dem ich fast beiträte. Unter allen Stolzen halte ich den Nationalstolzen sowie
den Geburts- und Adelstolzen für den grössesten Narren.
    Was ist Nation? Ein grosser, ungejäteter Garte voll Kraut und Unkraut. Wer
wollte sich dieses Sammelplatzes von Torheiten und Fehlern sowie von
Vortrefflichkeiten und Tugenden ohne Unterscheidung annehmen und, wenn es eine
blosse Meinung von Seelenkräften oder Verdiensten gilt, für diese Dulcinea gegen
andre Nationen den Speer brechen? Lasset uns, soviel wir können, zur Ehre der
Nation beitragen; auch verteidigen sollen wir sie, wo man ihr unrecht tut (in
welchem Falle damals unser Verfasser war); sie aber ex professo preisen, das
halte ich für einen Selbstruhm ohne Wirkung.
    Wir Deutschen wollten uns mit den Griechen vergleichen? Und welches wäre der
genau bestimmte, der unverfälschbare Massstab? Und wer wäre der unparteiische
Richter?
    So auch mit andern Nationen. Die Natur hat ihre Gaben verschieden
ausgeteilt; auf unterschiedlichen Stämmen, nach Klima und Pflege, wachsen
verschiedne Früchte. Wer vergliche diese untereinander oder erkennete einem
Holzapfel vor der Traube den Preis zu?
    Vielmehr wollen wir uns wie der Sultan Soliman freuen, dass auf der bunten
Wiese des Erdbodens es so mancherlei Blumen und Völker gibt, dass diesseit und
jenseit der Alpen so verschiedene Blüten blühn, so mancherlei Früchte reifen!
Wir wollen uns freuen, dass die grosse Mutter der Dinge, die Zeit, jetzt diese,
jetzt andre Gaben aus ihrem Füllhorn wirft und allmählich die Menschheit von
allen Seiten bearbeitet.
    Denn es scheint sowohl geistige als physische Notwendigkeit zu sein, dass aus
der Menschennatur mit der immer veränderten Zeitfolge alles hervorgelockt werde,
was sich aus ihr hervorlocken lässt. Mitin müssen mit der Zeit Kontrarietäten
ans Licht kommen, die sich endlich doch auch in Harmonie auflösen.
    Offenbar ist's die Anlage der Natur, dass wie ein Mensch, so auch ein
Geschlecht, also auch ein Volk von und mit dem andern lerne, unaufhörlich lerne,
bis alle endlich die schwere Lektion gefasst haben: »Kein Volk sei ein von Gott
einzig auserwähltes Volk der Erde; die Wahrheit müsse von allen gesucht, der
Garte des gemeinen Bestens von allen gebannt werden. Am grossen Schleier der
Minerva sollen alle Völker, jedes auf seiner Stelle, ohne Beeinträchtigung, ohne
stolze Zwietracht wirken.«
    Den Deutschen ist's also keine Schande, dass sie von andern Nationen, alten
und neuen, lernen. Das alte Vernunfttestament, wie der Autor die Weisheit der
Griechen nennt, ist gewiss nicht verjährt, noch durch die Weisheit der Neuern
unkräftig gemacht worden.
    So darf sich auch kein Volk Europas vom andern abschliessen und töricht
sagen: »Bei mir allein, bei mir wohnt alle Weisheit.« Der menschliche Verstand
ist wie die grosse Weltseele, sie erfüllt alle Gefässe, die sie aufzunehmen
vermögen; belebend, ja selbst neuorganisierend, dringt sie aus allen in alle
Körper.
    Hätte Realis nötig gehabt, den Deutschen so oft unzeitige Geduld, ja
Niederträchtigkeit schuld zu geben, wenn die Grossmut, die er zu ihrem Vorzuge
machen will, ihr eigenster Charakter wäre? Kann jahrhundertelang ein Volk seinen
Charakter dergestalt verkennen, dass es beinah immer im entgegengesetzten
handelt? Lasset uns nicht sagen: »Hindernisse haben ihn unterdrückt.« Im weiten
Inbegriff der Zeit kennt ein Volk keine unübersteigliche Hindernisse; es muss zu
dem gelangen, was es sein soll.
    Käme das Mskr., wovon wir reden, in unsre Hand, so würde es dadurch am
meisten belehrend, was wir nach Ablauf eines Jahrhunderts in ihm ausstreichen
oder hinzusetzen müssten. Wir würden sehen, wohin sein Verfasser den Kranz für
Deutschland gesteckt und wiefern es währenddessen diesen oder einen bessern
erreicht habe.
    Das gefällt mir an unserm Autor, dass er, wenn auch mit Übertreibung, die
Schulwissenschaften von den Lebenswissenschaften, die Naturkünste von
Wortkünsten, den tüchtigen Verstand in Wirklichkeiten vom blossen Fassonieren der
Begriffe absondert. Wäre dieser Gesichtspunkt in seinem Werk scharf genommen und
festgehalten, so hätten wir in ihm Materialien zu einer Geschichte des
praktischen deutschen Verstandes, wie wir sie im ganzen verflossenen
Jahrhunderte nur hie und da teilweise erhalten haben.31
                                      43.
    Während Sie, m. Fr., um den Ruhm der Nationen wetteiferten, war ich in der
Versammlung der blühendsten Völker der Erde. Alle standen friedlich
nebeneinander, jedes Geschlecht, jede Art, jede Gattung in ihrem eignen Reiz und
Charakter. Keine neidete, verfolgte die andre; unter dem blauen Bogen des weiten
Himmels genossen alle das goldene Licht der Sonne, die Balsamkräfte der
erquickenden Luft, des Taues und Regens. Als ich mit süssem Staunen sie ansah,
sang eine Stimme:
 Flora, dich feiert mein Hymnus, du schönste, doch seltner als deine
Schwestern, des hohen Olymps Bewohnerinnen, gesungen!
Jauchzend gebar dich die Erde dem alten chaotischen Winter,
Dich, du Erstling und Stolz und Wonne der fühlenden Schöpfung.
Selig priesen sich einst in deiner Götterumarmung
Jupiter Pluvius selbst und Hyperions heilige Stärke.
Ihnen gebarst du Proserpinens Mutter und später Pomona,
Beide schön; doch schöner als beide die blühende Mutter.
    Und eine andre Stimme antwortete:
Flora, du kleidest die Erde mit hellem smaragdnem Gewande,
Schön durchwebet und bunt mit Farben des himmlischen Bogens.
Prächtig glänzt in der Nacht der Sterne funkelnder Gurt hin,
Welcher den blauen Talar des alten Cölus umwallet;
Aber noch reizender geht am offenen Tage die Tellus,
Von dir, Flora, geschürzt mit leichtem Blumengehänge.
    Und es war, als versammleten sich die Genien der verschiedenen Erdezonen.
Eine Stimme sprach:
Zahllos ist die Menge der blumentragenden Pflanzen.
Die am säugenden Busen der allernährenden Mutter
Mit der oberen Fläche der vielgebildeten Blätter
Trinken der Sonne Licht, den nächtlichen Tau mit der untern.
Von den beschneiten Gebürgen der nordischen langen Polarnacht
Bis zur erdumgürtenden Zone des heissen Äquators
Ist kein Raum so gering im weiten Gefilde der Schöpfung,
Keine der Alpen so steil und keine der Steppen so sandig,
Dass sie nicht nähre Geschlechter der Pflanzen, der Lage geeignet.
Pflanzen überweben das Bett der Quellen und Ströme;
Andre nähret der Rhein und andre der Orellana.
Selbst in den finstern Tiefen des erdumgürtenden Weltmeers,
Wo kein Orkan sie empört, wohin kein Blei je hinabsank,
Scherzen in weiten Fluren, umwallt von ragenden Hainen
Seltsam gebildeter Pflanzen, die Herden der Amphitrite.
    Eine Schwesterstimme nahm das Wort auf:
 Sterbliche haben gewähnt zu zählen die Kinder der Flora,
 Ihre Geschlechter zu ordnen und ihre Namen zu nennen;
 Zwar, wer hat sie besucht, der Ostwelt grünende Wüsten?
 Wer die Quellen des Ganges und siebenarmigen Nilus?
 Wer die geheimeren Fluren der Oceaniden des Aufgangs?
 Ihre Gestade beschiffeten Wuchrer; der forschende Weise
 Seltner. Und wer sah sie, die Kränze der Nereiden,
 Wenn sie die grünlichen Locken umwinden im Schosse des Weltmeers.
 Wer hat je die Flechten, wer hat die Moose gezählet,
 Deren Frühling beginnt, wenn Fröste den Herbst entblättern,
 Deren üppiger Wuchs die Scheitel äterischer Alpen
 Da, wo sie Flora verlässt, mit tausend Farben bekleidet?
    Hier unterbrach eine sichtbare Szene die Unsichtbaren Ein Jüngling trat aus
der Laube hervor und umwand das Haupt seines Lehrers mit einem Kranz von Blumen,
die alle ihm geweiht waren und in der Geschichte der Pflanzen seinen
unsterblichen Namen tragen. Er begleitete sie mit Worten der innigsten
Herzensverehrung in den erlesensten Bildern und zog sich bescheiden zurück.
    Und von neuem erwachten Gesänge von der Vermählung und der nach Jahrszeiten
geordneten Entwicklung der Blumen. Menschenfreundliche Genien sangen also:
Flora, wo deine Hand mit hymenäischem Bande
Nicht im Lenz vermählte der Tellus zahllose Kinder,
Trauret umher die Natur in nahrungentbehrender Öde.
Wein- und gesanglos schleicht Autumnus; es darbet Pomona;
Nichtiges Stroh entfaltet der Fackel des Sirius Ceres;
Traurig stehet der Hain, der chaonischen Eicheln entbehrend:
Denn es ergrauete schon im April die Hoffnung des Jahres.
Glücklich ist der Hirte, der durch gesicherte Habe,
Der, durch leitende Weisheit und Güte des Staates veredelt,
Lernte der Emsigkeit Wert und zukunftahnende Vorsicht.
Ihn ergreifen mit eisernem Arm des darbenden Jahres
Schrecken nimmer; es spendet ihm nicht, wie dem übrigen Zugvieh,
Schlechte, kärgliche Kost der unfreigebige Fronherr.
Ihn treibt nicht der Hunger aus tränenloser Despoten
Ländchen, aus Deutschland hin zu des fernen Astrakans Öden.
Siehe, der reiche Gewinn von tiefer geackerten eignen
Saaten und üppiger Wiesen sich stets erneuernder Kleewuchs
Blieb ihm von besseren Jahren. Er teilt den Überfluss willig
Mit dem hülflosen Volk angrenzender Sklavenländer;
Aber die Treue des Jahrs und der wiederkehrenden Monden
Milder Geschenk ersetzet ihm bald den vergessenen Misswachs.
    Eben, als ich noch wünschte, dass die Unsichtbaren diese Worte in aller
Fronherren Herz singen möchten, weckte mich ein sanfterer Laut. Er sang die
allmählich anbrechende Zeit des Blumenfrühlings:
 Sieh! im wärmeren Strahle der rückwärtskehrenden Sonne
 Freut sich die Blumengöttin bei ihrer Kinder Entwicklung,
Öffnet die Kelche der Blüten und schmückt die bräutliche Tellus.
Zwar es entfalten früher die Schattengewächse der Haine,
Eh sie das Laub bedunkelt mit seiner kühlen Umwölbung,
Ihre zärteren Blumen dem ersten Strahle des Lenzes.
Blaue Hepatika, dich und das herzerfreuende Veilchen,
Euch erziehn die Dryaden zu ihren frühesten Kränzen.
Sie durchweben ihr Blau mit dem Golde des Frühlings-Krokus
Und mit den Silbersternen der Anemone der Haine;
Früher blüht der Helleborus, früh die duftende Daphne,
Und der Aurikeln Geschlecht, verpflanzte Töchter der Alpen.
Aber die späteren Blumen verschliessen die duftenden Glocken
Noch dem nächtlichen Froste, dem Störer ihrer Befruchtung.
Wärmere Lüft' umatmen den üppiger schwellenden Frühling;
Wenn, von den Horen umtanzt, der Wagen des Sonnengottes
Steileren Pfades rollt an dem hohen Bogen des Äters,
Wenn in dem jungen Laube die Vögel sich alle begatten,
Wenn in den lauen Bächen sich paarend verfolgen die Fische,
Öffnen die Blumen sich auch der allbefruchtenden Liebe.
Bräutlich pranget im weiss- und rötlichen Kleide der Obstbaum,
Wärmende Sonnenblicke, sanft wechselnde Regenschauer
Überweben mit tieferem Grün, mit dichteren Blumen
Sonnichte Gipfel und duftende Wiesen, in welchen sich zahllos
Wankende Blumen mit Blumen, mit Gräsern Gräser vermählen.
Hymen herrschet im Hain; es neigen sich liebesehnend
Weibliche Blütenzweige zu männlich befruchtenden Ästen.
Siehe, der Tannenwald raucht! Es öffnet die feuchte Nymphäa
Über den Wellen den Schoss der zeugungfördernden Sonne.
Feuerfarbener Mohn und blütenbestäubter Weizen
Taumeln untereinander, verwebt mit blauen Cyanen;
Honigsuchende Bienen und laue Lüfte befördern
Ihren geheimeren Bund; doch keine der Arten verwirrt sich.
    Liebetrunken schlug die Nachtigall einzelne Töne in diese Beschreibung. Und
sie fuhr fort, als eine andre Stimme die Vermählung der Blumen von denen
Geschlechtern besang,
                                                    - bei denen dieselbe Korolle
 In dem ambrosischen Bette voll Honigs und stärkender Düfte
 Mit den befruchtenden Männern die weibliche Zeugungskraft einschloss,
    bis zu jenen getrennten Geschlechtern, wo oft
Kaum erreichbar ist der Liebesbund der Getrennten.
Also entfaltet umsonst die weibliche, unvermählte
Palme die Blütentrauben in schattenentbehrender Wüste.
Aber der Araber holte, der schmachtenden Braut sich erbarmend,
Oft aus fernen Hainen befruchtende Palmenblumen.
Öfter bringt ein behaartes Insekt und auf goldgefleckten
Federn ein Kolibri, gebadet im Blumenstaube,
 Die befruchtende Kraft des meilenentfernten Gatten.
    Ernster wurden jetzo die Töne; liebreichwarnend und tröstend sangen die
Genien von schädlichen und heilenden Kräutern:
Weise hast du, Natur, der Pflanzen Erzeugung geordnet,
Gütig und weise die Kräfte der erdeverschönernden Pflanzen.
Nicht der Schüler allein der rettenden Göttin Hygea
Kennt sie, die heilenden Kräfte der aromatischen Staude,
Fern am Ganges* geholt und vom Haupte der Cordilleras
(Oft verkannt an Ufern der vaterländischen Bäche);
Sichrer weiss der Wilde die schmerzenlindernde Wurzel
Und den geheimeren Stand der fieberheilenden Rinde.
Aber er kennet sie auch, die tötenden Gifte der Pflanzen,
Kennt der Euphorbien Kraft und der giftigen Mancinella,
Die den geflügelten Pfeil mit dem schnellsten Tode bewaffnet.
Friedlicher Hütten Bewohner! Die ländlichen Gärten umblühn auch
 Tötende Kräuter zuweilen, vermischt mit nährenden Pflanzen.
 Zwar es meidet das Vieh den Schierling, des Equisetum
 Und der Cicuta Berührung; es meidet die Wiesenranunkel,
 Durch den eignen Instinkt vorm herben Tode gesichert.
 Aber zu oft verkannte der harmlos spielende Knabe
 Falbes Stramonium, dich, und die Beere der Belladonna,
 Der frühblühenden Daphne, der rankenden Dulcamara.
 Tötet sorgsam, ihr Hirten, die Pflanzen; des blauen Napellus
 Stauden, tötet sie auch und der vielarmigen Wolfsmilch.
    Ebenso menschenfreundlich nannte die Stimme die bekanntesten heilenden
Kräuter:
 Heilend ist der Holunder an Früchten, Blüten und Rinde,
 Sanft auflösend der Mohn und die rosenfarbnen Altäen.
 Blaue Veronica, dich und die Kerze des hohen Verbaskum,
 Des Taraxacon Gold, der wuchernden Graswurzel Aufguss,
 Herber Zichorien Saft und des Löffelkrauts bittere Blätter,
 Eure lindernden Kräfte verkennt der weisere Arzt nicht,
 Sorgsam wählend; es sind des Bescheidneren Heilungsmittel,
 Einfach wie die Natur, und Deutschlands Himmel erzeugt sie.
    Der Inhalt dieser Gesänge dünkt mir so schön, dass ich Sie nicht zu ermüden
fürchte, wenn ich Sie noch einmal davon unterhalte. Auf Wiesen und Auen, in
Gärten und Feldern blühet der Menschen Gesundheit, Nahrung und Glück; da
erholet, da erquickt sich die Seele. Ihr Realis hat recht: »Lust zu Natursachen
ist ein Merkmal der Grossmütigkeit. Naturkünste machen aufrichtig, Schulkünste
stolz und grausam.«
                                      44.
    Von den heilenden Kräutern Deutschlands wandte sich der Genius des
Menschengeschlechts zu Pflanzen, die die Natur jeder Zone, ihr angemessen,
schenkte. Sie gab
- des Betels Gewächs den Völkern am Indus
Und die Rhabarber dem Tartar der kalten tungusischen Steppe,
Gab die Ginsengwurzel dem feuchten sinesischen Reisland,
Liess die Dolde der Squilla kanopischen Sümpfen entblühen
Und in Balsamtränen zerfliessen die Staude der Myrrha;
Schenkte dem armen Bewohner des reichen Potosi die Coca,
Ihm des Guajaks Gummi, den fieberheilenden Baum ihm
Und den sikulischen Hirten die Perlentropfen der Manna.
    Der Genius schien eine Biene zu werden, die um ihre süssesten Blumen
umherfliegt:
Aromatischen Balsam entatmen die Pflanzen der Hügel.
Duftende Kalaminta, der blaue Salbei und der Tymus
Und die Melisse sind Bienen auf sonnichten Bergen ein Labsal,
Wo sich der Rosmarin vermählt mit hohem Lavendel;
Jenen Blüten entwenden sie narbonensischen Honig
Und den fernher atmenden Nektar Hymettus' und Hyblas.
    Aus der Laube erscholl die Stimme:
 Aber wer kennt sie alle, die Kräfte der Heilsamen Pflanzen,
 Oft vergessene Kunde der sorgsam forschenden Vorzeit
 Oder nach Säklen Erfindung der Dioskoriden der Nachwelt?
    Und der Genius antwortete:
Wenn, von alten Systemen entfesselt, bescheidner der Forscher
Einst von Hirten auch lernt und ergrauenden Alpenbewohnern;
Auch den Bergmann verschmähet er nicht und des Gemsenjägers
Nicht stets fabelnde Kunst und angeerbtes Geheimnis;
Siehe! dann werden Contoure der Anmut mit Farbenverschwendung
Blumenfreunde nicht fesseln allein; der Genzianella
Tiefgesättigtes Blau, der Lobelia flammende Röte,
Noch der Purpur und Safran der strahlenden Poinciana,
Nicht der Aurikel Samt und die Strahlen der Ringelblume
(Wenn sie die goldenen Augen dem tauenden Morgenrot aufschleusst)
Fesseln allein nicht mehr der Flora sammlenden Günstling.
Tätige Weisheit umstrahlt des menschenfreundlichen Forschers
Wärmere Seele, zu nützen mit Mut dem Menschengeschlechte.
    Jetzt erhob sich Linneus Urberg der Schöpfung vor mir, auf welchem vom
Gipfel an bis zur niedrigsten Tiefe alle Gewächse blühen, deren Fruchtstaub
seitdem über die ganze Erde verweht ist:
Reich seid ihr an Pflanzen von mannigfaltigen Kräften,
Quellentrunkene Täler und sonnige Hügel der Alpen.
Neben dem Akonit entfalten die Genzianen,
Töchter desselben Hügels, die heilenden Safranglocken
Siehe! den Teneriff und den Flammengipfel des Ätna,
Kaukasus' Felsenhaupt, dich, höheren Chimborasso,
Decket ewiges Eis, seit euch die Fluten umstürmten.
Euer beschneiete Scheitel, dem hundert Quellen entstürzen,
Der das hohe Gewölbe des Himmels zu tragen uns scheinet,
Kleidet sich über den Wolken in reine äterische Bläue.
Floras Reich beginnet am Rande des ewigen Schneereichs;
Grönlands kurzen Sommern entblühn grönländische Pflanzen.
Malagas Reben umranken den Fuss der Gebirge; die Höhen
Decket der Saxifragen, der Diappensia Mooswuchs.
Kurz ist die Lebensdauer der weissen Pygmäengeschlechter,
Welche das Rentiermoos umkreucht und die Alpenbirke.
Tiefer vermählet der kleine Myrtill und des Rhododendron
Purpurdolde sich mit dem erdwärts kriechenden Krummholz;
 Ihre Schatten verbergen die Alpenmaus und das Schneehuhn.
 Tiefer erhebet der Taxus sein Haupt und der dunkle Wachholder,
 Früher als diese, die Birke, der Laryx, entblättert im Winter.
 Ihren Füssen entsteigt, gedeckt von ihrer Umschattung,
 Ein unzähliges Heer balsamischer Pflanzen der Alpen.
 Herden irren hier in schwelgendem Überflusse
 Um die genügsame Sommerhütte der Freigebornen.
 Phöbus' Strahl entbindet aus tausend würzigen Pflanzen
 Reinere Lebensluft und rosenfarbne Gesundheit.
 Kühlende Lüft' umwehn euch, Söhne heiliger Alpen,
 Würziger Pflanzen Duft umsäuselt euch in der Kühlung;
 Aber betäubender ist der Duft von Auranzien*hainen,
 Welchen der Wind ins Meer entführt von Portugals Küsten,
 Oder von Rosen*gebüschen des zweimal blühenden Pästum;
 Selbst bemoosten Felsen entsteigen dort Veilchengerüche. -
Lieblicher seid ihr noch, ihr Blüten heisserer Zonen,
Tausendfarbige Töchter der senkrecht stehenden Sonne,
Deren Hauch mit Balsam die schwüleren Lüfte beschwängert.
Dichter sangen nur Rosen, nur Gärten der Hesperiden;
Niemand feierte noch die tropischen Blüten des Aufgangs.
Wer sang dich, o Nyktantes*, die Zierde der Ganges* Gestade,
Wer, Gardenia, dich, die Königin der Gewächse,
Und, ambrosischer duftend als beide, den Ölbaum aus China?
Wer der Bromelia Gold? und die Früchte der Mangustana?
Staunend verweilt die Muse beim Stamm der keuschen Mimosa,
Reizbar wie die Tiere, des Pflanzenreiches die feinste.
Und wer sang von euch, ihr amboinischen Haine,
Welche der Golddurst mehr als des Weltmeers stürmende Brandung
Ringsumher verschleusst dem harmlosen Freunde der Flora.
Mitten in brennendem Sand erhebt sich euer Gewölbe,
Neben der höchsten Glut der Sonne die nächtlichste Kühlung.
Nicht der Muskatbaum nur und die aromatische Nelke,
Auch des Brotbaums Stamm und die Riesenhöhe des Kokos
Trotzen der Wut der Orkane -
Fei'rliches Dunkel umhüllt die romantischen Zauberhaine;
Keine Blumen entsprossen dem Schosse der nächtlichen Dämmrung;
Aber seidener Mooswuchs und buntgemarmelte Schwämme
Decken den Armadill und die vielgeringelte Schlange.
Statt der Nachtigall Lied erschallet der Papageien
Und der Affen Geschrei aus ferner Gipfel Umwölbung.
    Lauter konnte der Gesang nicht werden. Ich befand mich auf Amboina mitten im
Paradiese der Flora, im Dufte der Blumen, im Lustgeschrei der Affen und
Papageien. Da sang aus der Laube die mildere Stimme:
Lass mich, holde Natur, den Sohn der kälteren Zone,
Deiner Wunder mich immer erfreun im Reiche der Flora,
Zwiefach ihrer mich freun auf schönen pannonischen Fluren.
 Denn schön sind sie, die Ufer, an welchen sich Vindobona
 Spiegelt in dem Silber des mächtigen Kaiserstromes. -
    und eine andre Stimme:
Aber dann erheben sie sich zum reizenden Urbild,
Wenn, von der feinsten Empfindung und von des reinsten Geschmackes
Sicherer Hand geleitet, ein Lascy oder Cobenzel
Gärten wie Oberon schafft und Paradiese wie Milton -
Gruppen, wie hingezaubert von Grotten und Wasserfällen,
Überwölbende Schatten und duftende Labyrinte
Seltsam gebildeter Bäum' und Blüten wärmerer Zonen,
Scheinbare Disharmonie, die sich löst in den süssesten Wohllaut,
Wo in ihren höchsten Triumphen unsichtbar die Kunst wird.
    Stimmen besangen Kaunitz', Laudons Gärten; und eine holdere Stimme:
Edle Kinsky, du sammelst in Gärten, wie die der Armida,
 Jene Blüten umsonst, die der westlichen Atlantide
 Milderen Sonnen entblühn und jenen des rosigen Aufgangs.
 Siehe, von allen Blumen, die deinen Tritten entsteigen,
 Die dein schaffender Wink, genährt von Hyperions Strahlen
 Und den Tränen Aurorens, dem Schoss der Tellus entrufet,
 Ist doch keine so schön wie du.
    Eine andre Stimme nannte Gärten,
 Wo in Amerikas Büschen die deutsche Nachtigall flötet.
    Unerwartet brachte endlich die Stimme des Dichters mich zu mir selbst
wieder:
Aber auch ihr seid schön, ihr, meines nordischen Landes
Quellentrunkene Täler und grünende Blumengestade;
Flora liebt euch mehr als alle der kälteren Zone
Fluren; sie webet in euch sich ihre seltneren Kränze.
Reizend ist die Aussicht, gelagert in dunkler Umschattung
Überwölbender Buchen und Eichen aus Odins Zeiten,
Welche das Meer umstürmt, zu sehen im Wellengetümmel
Hundert züngelnde Flaggen und windgeschwängerte Segel;
Über den Wogen die Heldengestade des felsigen Schwedens,
Rauch von ihren Städten und Gipfel von ihren Gebirgen
In dem rötlichen Schimmer des sinkenden Sonnenwagens.
Sei mir gegrüsst, du mütterlich Land, im Feiergesange,
Wo mich die Blume des Feldes als Knaben mehr schon entzückte
Als Hyazintenprunk und eitle Tulpenästetik,
Blüten ohne Frucht, des batavischen Krämers Erfindung.
    So lösete sich der Zauber. Ich kenne den Dichter nicht; könnte ich aber eine
Gestalt an mich nehmen, so würde ich in Virgils oder Kleists freundlicher
Gestalt vor ihn treten und sagen: »Mann oder Jüngling, du bist wert, unser
Genosse zu sein, ja eine neue Stufe zu betreten, auf der die Wissenschaft der
Natur sich mit der Kunst des Gesanges verbindet. Denn dich umwehet der Geist der
Schöpfung; du weisst nicht nur Namen ihrer Kinder, sondern fühlest dich auch in
sie und hast ein Herz für die Freuden und Leiden der Menschheit. Die Sprache
stehet dir zu Gebot; die Wechselszenen der Natur werden dich immer mehr zu
wechselnden Tönen begeistern. Auf! und erweitre das Feld deines Hymnus. Die
Kränze, damit du deinen Lehrer schmücktest, erwarten auch dich:
 Sieh, es windet dir Flora, die Liebende dem Geliebtern,
 Duftende Diademe von Blüten aus jeglichem Weltteil.«
    So würde ich zu ihm reden, überzeugt, dass durch das Studium und durch den
Gesang der Natur der menschliche Geist erweitert, das menschliche Herz
unschuldiger, ruhiger, wohltätiger werde.
                                      45.
    Unbezweifelt ist's, dass durch das Studium und durch den Gesang der Natur das
menschliche Gemüt milder werde. Wer uns eine botanische Philosophie in einem
schönen Lehrgedicht gäbe, welchen Reichtum hätte er vor sich! Ihm stünde die
gesamte Mytologie, die äsopische Fabel, die Idyllen der Alten und von den
Neuern Reisebeschreibungen, Geschichte, Philosophie, endlich die
Naturwissenschaft selbst zur Seite.
    Was haben die Alten in ihren Georgicis gesucht, als unter mancherlei
Einkleidungen den Menschen menschlich zu machen und ihn allmählich zu
Beobachtung der Natur, zur Ordnung, zum Fleiss und Wohlsein zu erheben? Auch dem
Virgil in seinen Georgicis können wir diesen wenigstens mittelbaren Zweck nicht
absprechen. Er, der ausser dem Kriegsglück der Römer gewiss noch ein ander Glück
der Landbesitzer und Landbewohner kannte, wollte durch sein schönes, in vielen
Stellen so menschliches Gedicht eben auch dies* befördern.
    Die äsopische Fabel führet uns ganz aufs Land. Hier sprechen Bäume, Tiere,
Menschen; Naturwahrheit ist's, was sie sagen. Und wenn Lessing die Tiere wegen
ihrer Charakterbestandheit als eigentliche Fabelaktoren gerechtfertigt hat, wem
bliebe mehr Bestandheit als dem Baum, der Pflanze, der Blume, der ganzen
Naturordnung in ihrem unermesslich langsamen Fortschritt? Hier also ist, recht
gebraucht, Weisheit und Klugheit der Natur zu lernen; hier oder nirgend. Immer
werden uns die schönen Pflanzen- und Baumfabeln, insonderheit des Orients,
reizen, wo sie in ihrer stummen Sprache uns ewige süsse Naturwahrheit sagen.
    Die Mytologie ist eine belebte Welt. Nur mit Entzücken kann ich daran
denken, wieviel Geist, Sinn und Gemüt man in flüchtige Erscheinungen, in
wandelbare Gestalten der Natur gelegt hat, allen Menschen zur Ansicht und dem
menschlichern Menschen zur Bildung und Lehre. Wer irgendeine schöne Dichtung der
alten Mytologie und Naturlehre uns neu ins Gemüt zu rufen weiss, hat eine Blume
vom Kranz der Mutter der Götter gepflückt und in unsre Gärten verpflanzet.
    Das Idyll der Alten (ein unbestimmter Name) hat mit dem Verfolg der Zeiten
sich gleichsam willkürlich zu Land-, Schäfer-, Hirten-, Fischergedichten, kurz,
in Gesellschaften zurückgezogen, in denen ohne politische Kunst die unschuldige
Natur regieret. Manche von Bions, Moschus, Teokrits Gesängen gehören dahin, und
die neuere Poesie, wenn sie der politischen Welt und der wollüstigen Kreise satt
war, hat ihr Dasein dahin verleget. Virgil, dessen meiste Eklogen blosse
Nachbildungen sind, entbrach sich nicht, in seinem Tityrus, Pollio, Silen diese
reizende Dichtung als eine Einfassung höherer Vorstellungen zu gebrauchen.
    Daher, als in den mittleren Zeiten die Poesie wieder auflebte, erinnerte sie
sich bald ihres ehemaligen wahren Geburtslandes unter Pflanzen und Blumen. Die
provenzal- und romantischen Dichter liebten dergleichen Beschreibungen; bei
Spenser z.B. sind es noch immer anmutige Stanzen, die uns schöne Wüsteneien samt
ihren Gewächsen und Blumen schildern. Mit ausserordentlicher Liebe und einem
Überfluss der Phantasie sind Cowleis sechs Bücher von Pflanzen, Kräutern und
Bäumen geschrieben; ein neuerer Brite, der den Botanischen Garten.32 nach
Linneus' Geschlechtersystem, in ihm also vorzüglich die Liebe der Pflanzen
besang, scheint, nach Proben zu urteilen, auch viel Artiges gereimt zu haben.
Unter deutschen Dichtern hat von unserm alten Brockes Gessner mit Recht gesagt:
»Er hat die Natur in ihren mannigfaltigen Schönheiten bis auf das kleinste
Detail genau beobachtet; sein zartes Gefühl wurde durch die kleinsten Umstände
gerührt; ein Gräschen mit Tautropfen an der Sonne hat ihn begeistert; seine
Gemälde sind oft zu weitschweifig, oft zu erkünstelt; aber seine Gedichte sind
doch ein Magazin von Gemälden und Bildern, die gerade aus der Natur genommen
sind. Sie erinnern uns an Schönheiten, an Umstände, die wir oft selbst bemerkt
haben und jetzt wieder ganz lebhaft denken.« Hallers »Alpen,« Kleists, Gessners
Gedichte, Tomsons »Jahrszeiten« sprechen für sich selbst.
    
    Einer der Genannten hatte, als er sein Gedicht über Pflanzen und Bäume
schrieb, sich aufs Land zurückgezogen und setzte sich daselbst als einem
Lebenden folgende Grabschrift:
                           Grabschrift eines Lebenden
 Hier ruht, o Wandrer, unter niedern Dach
 Der Dichter Cowlei, selig entronnen schon
 Der, ach, wie leeren und wie eitlen
 Und so entbehrlichen Menschenmühe!
 In Armut glänzt er; aber unrühmlich nicht:
 An träger Musse will er kein Edler sein.
 Reichtümer, die der Pöbel liebt,
 Hasste er stets mit der kühnsten Feindschaft.
 Gib ihm, o Wandrer, gib dem Geschiedenen,
 Den hier ein kleiner Winkel der Erde birgt,
 Und ihm genüget, deinen Segen:
 »Leicht sei die Erde dir! Sorgentladner!«
 Und streu ihm Blumen, Rosen, die bald verblühn!
 (Ein Abgeschiedner freuet der Blumen sich!)
 Und mit dem duftendsten der Kränze
 Kröne die Asche des glühnden Dichters.
    Ein sanfterer Naturdichter würde lebend und sterbend sagen: »Et ego in
Arcadia!«
                                      46.
    In einer freundschaftlichen Versammlung hörte ich neulich eine Vorlesung
über Wahn und Wahnsinn der Menschen, deren Abschrift ich mir erbat und Ihnen
jetzt statt meines Briefes mitteile.
                      Über Wahn und Wahnsinn der Menschen
                                 Eine Vorlesung
    Ohne Zweifel haben Sie, m. H., bei der Zergliederung menschlicher Körper die
vielen, unendlich feinen Striche bemerkt, die im Gehirn dergestalt
durcheinanderlaufen, dass sie das Messer des Zergliederers nicht mehr verfolgen
kann. Ebenso fein und vielleicht noch feiner laufen in der menschlichen Seele
die Linien des Wahnes* und der Wahrheit durcheinander, dass man nach der
sorgfältigsten Prüfung kaum an sich selbst weiss, wo eins sich vom andern
scheide.
    Wenn alles das Wahn ist, was wir ohne deutliche Gründe auf guten Glauben
annehmen, so ist der grösseste Teil unsrer Erfahrungen, unsre frühgelernte
Kenntnisse, unsre früherworbne Gewohnheiten und Neigungen auf Wahn gegründet.
Sie beruhen entweder auf dem Zeugnis unsrer Sinne oder anderer Menschen, denen
wir glauben, die wir unvermerkt, uns selbst unbewusst nachahmen, endlich am
meisten auf unsrer eignen Bequemlichkeit und Disposition, lieber so als anders
zu handeln. So befestigt sich in uns allmählich eine Gedenk-, eine
Handlungsweise, deren Ursprung in einzelnen Fällen wir selten erforschen mögen.
Nur wenigen sehr hellen und reinen Seelen ist's gegeben, über die wichtigsten
Striche ihrer Denkart sich unparteiisch zu prüfen, Wahrheit und Irrtum,
Vorurteil und Gewissheit in ihnen strenge zu unterscheiden und sodann dem
unschuldigen oder gar notwendigen Wahn zwar sein Gebiet zu lassen, mitnichten
ihn aber zum Gesetzgeber jeder menschlichen Wahrheit, mitnichten ihn zum Richter
jeder fremden Denk- und Sinnesart zu erheben.
    Diese seltnen, vom Himmel privilegierten Seelen sind diejenigen, die man
allein tolerant nennen kann; sie schonen den Wahn des andern auch in Fällen, in
denen er ihrem eignen liebsten Wahn entgegenstehet. Sie sind die duldsamsten
Freunde, die lehrreichsten Gesellschafter; denn auch über die verwickeltsten
Aufgaben der Menschengeschichte lässt sich mit ihnen ohne Hass und Zorn
disputieren. Der gemeine Haufe der Menschen ist nur so lange Freund
gegeneinander, als sein Lieblingswahn gefördert oder wenigstens nicht beleidigt
wird.
    Und wie sonderbar, wie abenteuerlich dieser Lieblingswahn sein könne, lernt
man zuweilen mit der grössesten Verwunderung eben da einsehen, wo man dergleichen
bei sonst so richtigen Begriffen und Grundsätzen je kaum vermutet hätte. Der
Glaube an Gespenster und an andre Dinge dieser Art ist wohl der verzeihlichste
in solchem geheimen Wahnregister, da sich in ihm oft wunderlichere Artikel
finden. Gemeiniglich hält ihr Besitzer diese als sein eigenstes Eigentum teuer
und wert; unvermerkt entwischen sie ihm nur, wenn nicht etwa gewaltige
Leidenschaften, ausserordentliche Zeitumstände und Situationen sie mit Gewalt
erpressen und herausfodern. Dann streitet er aber auch für sie, eben weil sie
Schwächen seiner Natur, Gebilde seiner Phantasie sind, als für seine liebsten
Kinder. Wer um die wichtigste Wahrheit mit ihm ficht, wird nie so sehr sein
Gegner sein, als wer gegen eine Lieblingsmeinung, die wie ein Polypus in sein
Herz gewachsen ist, einige Befremdung äussert. Gehen Sie, m. H., in Ihren
Gedanken die Zahl derer durch, die Sie in Ansehung ihres Innern am nächsten
gekannt haben; Sie werden sich sonderbarer Wahngestalten erinnern.
    Das Gebiet des Wahnes erstreckt sich insonderheit auf Dinge, die den
Menschen zunächst angehen, auf seine Person und Gestalt, auf seinen Stand, seine
Nation, seinen Zweck und Charakter. Wie es z.B. Personen gibt, die im Innern ein
ganz anderes Bild von sich umhertragen, als die sie sind - sie erschrecken vor
ihrer äussern Gestalt im Spiegel als vor der Gestalt eines fremden Wesens -, so
gibt es deren noch weit mehrere, die in Ansehung ihres Innern ein fremdes Bild
mit sich tragen. Ein berühmter König unsres Jahrhunderts war in seiner Phantasie
immer nur Oberster eines Regiments, und war's mit Lust; alle königliche
Pflichten erfüllte er als eine fremde Person, als ein strenger Amtmann.
Unzählige Wunderlichkeiten flossen daher, die ohne dies Bild einer fremden, ihm
einwohnenden Wahngestalt unerklärlich blieben, durch sie aber sich alle
erklären. Was uns die Berichte der Ärzte von Krankheiten der Einbildungskraft
erzählen, da jener sich seine Füsse als Strohhalme, dieser sein Gesäss gläsern
dachte, ein dritter die Welt zu überschwemmen fürchtete, sobald er sein Wasser
liesse, alle diese Geschichten oder Märchen sagen im Grunde weniger als die
Erfahrungen manches Wahns, den man bei den vernünftigsten Menschen zuweilen
wahrnimmt. Einige Gattungen desselben pflanzen sich in Familien fort und mischen
sich als ein Erbteil von Vater und Mutter auf die sonderbarste Weise. Andre
haften an Ständen, Ämtern, Lebensarten, Zünften und bekommen den Ehrennamen
esprit de Corps, Gefühl seines Standes, Familienehre. Die feinsten aber hangen
von individuellen Umständen und Erfahrungen ab; sie sind Abdrücke von der
eigensten Beschaffenheit des Körpers und der Seele des Wähnenden samt den
Situationen, die vorzüglich auf ihn wirkten, kurz, befestigte Luftgebilde seiner
frühen Jugend. Daher sind sie teoretisch oder praktisch, selten aber eins ohne
das andre. Denn der Mensch ist nie so vergnügt, als wenn er nach Wahn handeln
kann, zumal nach einem von andern verdammten, von ihm selbst geformten
Lieblingswahne. Da lebt er recht in seinem Element und ist seiner Kunst Meister.
    Sie merken leicht, m. H., in welchen Ständen diese Wahnbilder am
sichtbarsten sein müssen, in solchen nämlich, die sich am freiesten äussern
dürfen. Wer vor andern Scheu haben, wer aus Beruf und Not auf dem gebahnten Wege
angenommener Meinungen oder richtiger Begriffe bleiben muss, der gibt sich Mühe,
sonderbare Eigenheiten seines Kopfs und Herzens zu unterdrücken, wenigstens
verschliesst er sie in der innersten Kammer und reitet auf seinem Steckenpferde
nicht eben an hellem lichten Tage, nicht auf dem Markte. Wer sich dagegen alles
erlaubt und dabei sein Personale äusserst hoch hält, der kann mit diesen
Originalpoesien seines Wesens oft nicht laut genug hervortreten; er erfindet
deren eine Reihe, mit der Zeit aus blosser Willkür, und glaubt sich gar dazu in
die Welt gepflanzt, andere damit zu vergnügen. Die sogenannten starken
Charaktere, grosse Geister, ex professo vornehme Leute u.f. liefern in ihrer
Geschichte davon wunderbare Beispiele. Die alten römischen Cäsars, eine Reihe
Regenten, Helden, Religionsstifter, Schwärmer, Dichter, Philosophen hatten
sonderbare Wahngestalten im Kopf, die sie gewöhnlich andern aufzwingen wollten
und damit oft zum Ziele kamen.
    Denn leider ist bekannt, dass es fast nichts Ansteckenderes in der Welt als
Wahn und Wahnsinn gebe. Die Wahrheit muss man durch Gründe mühsam erforschen; den
Wahn nimmt man durch Nachahmung, oft unvermerkt, aus Gefälligkeit, durch das
blosse Zusammensein mit dem Wähnenden, durch Teilnehmung an seinen übrigen guten
Gesinnungen, auf guten Glauben an. Wahn teilt sich mit, wie sich das Gähnen
mitteilt, wie Gesichtszüge und Stimmungen in uns übergehen, wie eine Saite der
andern harmonisch antwortet. Kommt nun noch die Bestrebsamkeit des Wähnenden
dazu, uns die Lieblingsmeinungen seiner Ichheit als Kleinode anzuvertrauen, und
er weiss sich dabei recht zu nehmen: wer wird einem Freunde zu Gefallen nicht
gern zuerst unschuldig mitwähnen, bald mächtig glauben und auf andre mit eben
der Bestrebsamkeit seinen Glauben fortpflanzen? Durch guten Glauben hängt das
Menschengeschlecht aneinander; durch ihn haben wir, wo nicht alles, so doch das
Nützlichste und Meiste gelernt; und ein Wähnender, sagt man, ist deshalb ja noch
kein Betrüger. Der Wahn, eben weil er Wahn ist, gefällt sich so gern in
Gesellschaft; in ihr erquicket er sich, da er für sich selbst ohne Grund und
Gewissheit wäre; zu diesem Zweck ist ihm auch die schlechteste Gesellschaft die
beste.
    Nationalwahn ist ein furchtbarer Name. Was in einer Nation einmal Wurzel
gefasst hat, was ein Volk anerkennet und hochhält, wie sollte das nicht Wahrheit
sein? wer würde daran nur zweifeln? Sprache, Gesetze, Erziehung, tägliche
Lebensweise - alle befestigen es, alle weisen darauf hin; wer nicht mitwähnet,
ist ein Idiot, ein Feind, ein Ketzer, ein Fremdling. Gereicht überdem, wie es
gewöhnlich ist, der Wahn zur Bequemlichkeit einiger, der geehrtesten, oder wohl
gar, dem Wahn nach, zum Nutzen aller Stände, haben ihn die Dichter besungen, die
Philosophen demonstriert, ist er vom Munde des Gerüchts als Ruhm der Nation
ausposaunt worden: wer wird ihm widersprechen wollen? wer nicht lieber aus
Höflichkeit mitwähnen? Selbst durch lose Zweifel des Gegenwahnes wird ein
angenommener Wahn nur befestigt. Die Charaktere verschiedener Völker, Sekten,
Stände und Menschen stossen gegeneinander; eben desto mehr setzt jeder sich auf
seinem Mittelpunkt fest. Der Wahn wird ein Nationalschild, ein Standeswappen,
eine Gewerksfahne.
    Schrecklich ist's, wie fest der Wahn an Worten haftet, so bald er ihnen
einmal mit Macht eingeprägt wird. Ein gelehrter Jurist hat bemerkt, was an dem
Wort Blut, Blutschande, Blutsfreunde, Blutgericht für eine Reihe schädlicher
Wahnbilder hange; mit dem Wort Erb, Eigentum, Besitztum u.f. ist's oft nicht
anders. Zu unsern Zeiten haben wir's erlebt, was die Wortschälle Rechte,
Menschheit, Freiheit, Gleichheit bei einem lebhaften Volk für einen Taumel
erregt, was in und ausser seinen Grenzen die Silben Aristokrat, Demokrat für Zank
und Verdacht, für Hass und Zwietracht angerichtet haben. Zu andern Zeiten war es
das Wort Religion, Vernunft, Offenbarung, seligmachender Glaube, Gewissen,
Covenant, the causes sake u.f. Unschuldige Farben, die Grünen und Blauen, die
Schwarzen und Weissen, Losungsworte, mit denen man keinen Begriff verband,
Zeichen, die gar nichts sagten, haben, sobald es Parteien galt, im Wahnsinn
Gemüter verwirrt, Freundschaften und Familien zerrissen, Menschen gemordet,
Länder verheeret. Die Geschichte ist voll solcher abbadonischer Namen, so dass
man ein Wörterbuch des Wahnes und Wahnsinnes der Menschen aus ihr ziehen und
dabei oft die schnellsten Abwechselungen, die gröbsten Gegensätze bemerken
würde.
    Wahn und Wahnsinn sind überhaupt nicht so weit voneinander, als man glaubt.
Solange der Wahn sich in einem Winkel der Seele aufhält und nur wenige Ideen
angreift, behält er diesen Namen; verbreitet er seine Herrschaft weiter und
macht sich durch lebhaftere Handlungen sichtbar, so nennt man ihn Wahnsinn. Wer
kann nun jederzeit das Mehr und Weniger bestimmen? zumal sowohl bei einzelnen
Menschen als bei ganzen Völkern nach Umständen und Perioden nichts als
Konvention die Waage in der Hand hat und Namen verteilt. Die grössesten
Veränderungen der Welt sind von Halbwahnsinnigen bewirkt worden, und zu mancher
rühmlichen Handlung, zu manchem scharf verfolgten Geschäfte des Lebens gehörte
wirklich eine Art bleibenden Wahnsinns.
    »Bewahre uns Gott,« werden Sie sagen, m. H., »vor solcher Ansicht der
menschlichen Dinge! Unsre Erde würde ja damit ein Irrenhaus und unsre Geschichte
ein Krankenregister.« Sollte sie in ganzen Perioden anders zu betrachten sein?
und ist es nicht nützlich, dass man sie also betrachtet?
    Denn nun wird man zuerst, wenn auch in dem Zeitraum, in dem wir leben, Namen
aufkommen, über welche Menschen einander hassen und morden, eben durch die
Geschichte voriger Zeiten aufmerksam gemacht, zu prüfen, was hinter den Namen
sei. Man wird sie weder gedankenlos nachbeten noch fürchtend so anstaunen, als
ob mit ihnen das Ende der Welt gekommen sei; am wenigsten wird man im blinden
Taumel mit einer der streitenden Parteien hassen, zürnen, verleumden, verfolgen.
Die Geschichte belehrt uns, dass dergleichen Zufälle des menschlichen Geistes
tausend- und tausendmale bereits, nur unter andern Namen und Zeitumständen, ihr
Spiel und Ende gehabt haben; mau wird also auf seiner Hut sein, unschädlichen
Wahn dulden, schädlichem Wahn ausweichen, mitnichten aber weder diesen noch
jenen erbittern und reizen. Denn eben durch dies Erbittern und Reizen (dies
zeigt die Geschichte) wird der Wahn Wahnsinn. Dadurch aber habe ich weder dem
Kranken noch mir geholfen, es sei denn, dass ich ihn wirklich toll machen wollte.
    Eben auch die Geschichte lehrt zweitens, dass weder Gewalt noch Überredung,
am wenigsten mit Überredung verschleierte Gewalt und mit Gewalt unterstützte
Überredung den Wahn der Menschen auszutilgen oder zurechtzubringen vermöge Durch
Waffen werden Irrtümer weder bestritten noch ausgerottet; der schlechteste Wahn
hingegen dünkt sich eine Märtyrerwahrheit, sobald er mit Blut gefärbt dastehet.
Eben durch dergleichen gewaltsame Schleichmittel sind Irrtümer, die sich selbst
bald überlebt hätten, Meinungen, von denen die Betrogenen in kurzem
zurückgekommen wären, schädlich verewiget worden Nie hat die reine Wahrheit mit
schlauer Politik etwas zu schaffen gehabt, sowenig die Politik es je zum Zweck
gehabt hat, reine Wahrheit zu befördern. Jede geht ihren Gang, und nur Kinder
lassen sich von politischen Wahrheitsphrasen dieser oder jener Partei oder, wie
die Griechen sagen, von der Suada mit der Geissel in der Hand täuschen.
    Drittens. Das einzige Mittel, wie man dem Wahn beikommen kann, ist, dass man
ihm nicht beizukommen scheine Man schütze sich vor ihm und lasse ihn seines
Weges wandern, oder man zerstreue ihn und bringe ihn ohne gewaltsame Überredung
unvermerkt auf andre Gedanken. Die Zeit allein kann ihn heilen. Man hat mehrere
Beispiele, dass mitleidige Krankenwärter von der Krankheit selbst angesteckt
wurden; nichts aber teilt sich leichter mit als Krankheiten der Seele. Wer
gesund ist, suche gesund zu bleiben; alle Ansteckungen werden nur dadurch
eingeschränkt, dass man sie isolieret.
    Viertens. Freie Untersuchung der Wahrheit von allen Seiten ist das einzige
Gegenmittel gegen Wahn und Irrtum, von welcher Art sie sein mögen. Lasset den
Wähnenden seinen Wahn, den anders Meinenden seine Meinung verteidigen, das ist
ihre Sache. Würden beide auch nicht gebessert, so entspringt für den
Unbefangenen aus jedem bestrittenem Irrtum gewiss ein neuer Grund, eine neue
Ansicht der Wahrheit. Dass man doch ja nicht glaube, Wahrheit könne je durch
bewaffneten Wahn gefangen oder gar ewig im Gefängnis festgehalten werden! Sie
ist ein Geist und teilt sich Geistern mit, fast ohne Körper. Oft darf ihr Ton an
einem Weltende geregt werden, und er erklingt in entlegenen Ländern; immer aber
läutert sich der Strom des menschlichen Erkenntnisses durch Gegensätze, durch
starke Kontraste. Hier reisst er ab, dort setzt er an, und zuletzt gilt ein lange
und viel geläuterter Wahn den Menschen für Wahrheit.
                                      47.
    Seneca sandte seinem Freunde Lucil fast in jedem seiner Briefe einen
Denkspruch zum Geschenk; was soll ich Ihnen für die mitgeteilte Vorlesung
senden? Soll ich Sie nach Ariost33 in jenes Mondtal führen, wo Astolf so viele
Resultate des menschlichen Wahnes und Wahnsinnes erblickte?
 Le lacrime e i sospiri degli amanti,
 L'inutil tempo, che si perde a gioco,
 E l'ozio lungo d'uomini ignoranti,
 Vani disegni, che non han mai loco;
 J vani desideri sono tanti
 Che la più parte ingombran di quel loco;
 Ciò che in somma quaggiù perdesti mai,
 Lassù salendo ritrovar potrai.
    Lieber bleiben wir auf der Erde und wollen, auch mitten unter gefärbten
Nebeln des Wahnes und Wahnsinns, die Burg der Wahrheit suchen.
    Nicht alles ist Wahn und Traum im Gebiet der Menschheit; es gibt für uns
insonderheit im Praktischen, im Moralischen eine gewisse, sichere Wahrheit. Ihre
Stimme spricht auch mitten im politischen Geräusch; sie spricht für jeden, der
sie hören will, in seinem innersten Herzen und straft jede Sirenenstimme
gefälliger Meinungen Lüge. Auch in den dunkelsten Zeiten schien ihr Licht in
reinere Seelen, auch in der grössesten Verwirrung der Weltändel war sie dem
Unbefangenen ein sicheres Richtmass.
    Können Sie sich z.B. verworrenere Zeiten als die Zeiten der Ligue und der
Religionsgärungen in Frankreich denken? Und siehe, nebst vielen andern hellen
und aufrichtigen Geistern erschien und schrieb in ihnen der Präsident de Tou
seine Geschichte. Wollen Sie bei dem langen Werk in einem kürzern Inbegriff
bemerken, wie hoch er sich über Wahn und Vorurteile seines Standes, seiner
Geburt, seines Landes, seiner Sekte, seiner Zeit hinwegschwang, so lesen Sie nur
die Stellen, die von der spanischen Inquisition weggestrichen wurden, die
Lästerschriften, die Scioppius und Machault gegen ihn schrieben, und seine linde
Antwort dagegen im Gedicht an die Nachwelt »Posteritati«.34 Er, der den grösseren
Sieg erkämpft hatte, vom Wahne frei zu sein, erhielt auch den viel leichteren,
den Verleumdungen, den Verfolgungen des Wahns sich klug zu entziehen oder
beherzt entgegenzutreten. Davon sind seine Briefe, davon die von ihm selbst über
sein Leben gegebene Rechenschaft Zeuge. Hören Sie die wahre Dedikation seiner
Geschichte, sein Gebet an die Wahrheit.
                                  Der Wahrheit
Des Himmels Tochter, freundliche Wahrheit, du,
Der Erde Schreckbild, strafende Wahrheit, du,
Wo bist du hingeflohn, o Göttin?
Du der Unschuldigen letzte Zuflucht!
Wohin ich wende meinen erspähnden Blick,
Wohin ich richte meinen verirrten Tritt,
Dich find ich nirgend. Blindes Dunkel,
Trügender Wahn hat die Welt umfangen.
Doch wenn du von uns, von dem unseligen
Verfolgerlande zürnend die Flügel schwangst
Und dich mein Zutritt nicht erreichet,
Hörest du mich in der Fern auch gütig.
Du, der Gemüter leuchtende Führerin,
O du, der Nebel holde Zerstreuerin,
Die, wann der Tritt uns fast ersinket,
Mächtigen, hebenden Arm uns reichet.
Dass nie, von banger, nichtiger Furcht betäubt,
Dass nie, von leerem blendenden Glanz verlockt,
Die Seele sich und den verliere,
Der auch in Irre der Menschen Weg lenkt.
Du, die nicht Scheu, nicht trügliche Hoffnung kennt,
Du, die nicht Hass erschüttert, noch eitle Gunst,
Die der Verleumdung Bubenpfeile
Frei von des Redlichen Brust zurückwirft;
Den Ruhmeswerten gibst du Unsterblichkeit,
Begrabnen Frevel ziehst du ans Licht hervor,
Und Recht und Unrecht bringt deine
Mächtige Stimm in das Ohr der Nachwelt,
Unwiderrufbar! Keine der webenden
Drei Schicksalsschwestern löst, was die andre spann;
Und was der Wahrheit heiliger Rechtspruch
Göttlich entschieden, das bleibt gerichtet.
Wer dich, o hohe Göttin, wer dich verehrt,
Der betet Gott an! Immer ein Herr sein selbst
Spricht er der Wahrheit Recht und übet
Jede der Pflichten für Menschen menschlich.
Nicht nach der Willkür stolzer Trimalcions
Wird er entscheiden, lüstend nach ihrem Mahl;
Wird nie ihr juckend Ohr mit süssem,
Menschenverderblichem Murmeln kitzeln.
Für Freunde leben, leben fürs Vaterland,
Den Frevel scheuen mehr als den bittern Tod,
O Wahrheit, dies ist seine Ehre,
Dies sein Beruf und sein innrer Lohn dies.
Herab vom Himmel senke dich, Königin,
Und mit dir komme strenge Gerechtigkeit
Und Scham und Treu der Erde wieder
Und die so lang uns entflohne Einfalt.
Wir warten deiner. Waffen und Nerv und Arm
Erwarten alle, Göttin, von dir allein! -
Der Zeiten letzte nahn; es altert
Blöde die Welt und erträumet Wahnsinn.
Schau her, wie hebt dort, Flammen und Schwertern selbst
Unüberwindbar, trotzend die Hyder sich;
Zehn Häupter fallen, und aus jedem
Blutenden steigen der Häupter tausend.
Des Wahnes Weltmeer wälzet der Meinungen
Auf Wellen Wellen; Religion erseufzt
Im Schiffbruch, und der Liebe Bande
Lösen sich auf, und der Boden sinket.
Herab vom Himmel senke dich, Königin,
Mit deiner Rechte stürzend des Untiers Brut,
Die süsses Gift den trägen Fürsten
Täuschend in goldener Schale reichet.
O du, im Schiffbruch helfende Retterin,
Dem tollen Aufruhr frevelnder Meinungen,
Der Lüsternheit und Frechheit steure,
Steure der heuchelnden Lüg, o Wahrheit.
                                      48.
    Gewiss, eine Fabel muss im Kreise der Gesellschaft erfunden werden. So erfand
Äsop die seinen; sie flogen ihm gleichsam, wie der Hauch lebendiger Gegenstände,
aus Veranlassungen zu; darum ist der Geist in ihnen auch jetzo noch lebendig. So
sind des La Fontaine, Gleims und aller guten Fabeldichter Erzählungen
entstanden; selbst wenn sie alte Erfindungen aufnahmen, verjüngten sie diese und
erzählten sie jetzt für ihre Gesellschaft. Wer sich hinsetzt und eine trockene
Lehre, einen dürren Sittenspruch in eine Schale nähet, dem ist die wahre
Fabelmuse nie erschienen.
    Als neulich in einer Gesellschaft von den unverstandenen Namen Aristokrat,
Demokrat u.f. gesprochen und disputiert war, trat wie ein freundlicher Genius
einer aus der Gesellschaft zur Königin des Festes, rührte ihre Schärpe an und
sagte diese
                                     Fabel
Lass dir ein Märchen erzählen an deinem heutigen Tage,
Das vielleicht, wenn der Sinn dir beliebt, Vergnügen dir bringt.
Seh ich nicht hier ein Band, von Gold und Seide gewirket,
Von der weicheren Hüfte herab zur Ferse dir fliessen?
Davon nahmen die Fäden das Wort und redeten also:
                                 Der Goldfaden
»Nein! ich kann es nicht dulden, mit diesen seidenen Fäden
Länger hier in Gemeinschaft zu leben. Sie sind so geringrer
Herkunft als ich. Ich stamme vom Zepter Jupiters selber.
Gold ist der Dreizack Neptuns, und golden die Krone des Pluto.«
                                Der Seidenfaden
»Mir gebühret die Ehre! Ich bin nicht gegrabenes Gold nur,
Aus der Fäule der Erd und rohen Felsen gescharret;
Ein lebendig Geschöpf ernährte zu feinerem Saft mich,
Zog mich aus seinem Busen und spann mit Kunst und Geschick mich.
Jetzo tragen die Könige mich und die Herren an Festen;
Weit gefälliger bin ich als dein beschwerlicher Reichtum.«
                                 Der Leinfaden
 »Was erzählt ihr euch hier und sprecht von euren Verdiensten?
 Bin nicht ich der Erde, des Wassers holdester Zögling?
 Mich erzeugte die tauende Nacht; der strahlende Himmel
 Siehet mit Wohlgefallen auf mich. Die goldenen Fäden
 Unterstütz ich allein, sonst würd ihr nichtiger Schimmer
 Bald verschwinden. Ich halt und trag empor sie zum Glanze
 Und verbarg mich bescheiden, verlange nicht selber zu schimmern.«
 Also sprachen die drei. Und was geschahe? Sie trennten
 Zürnend sich voneinander und rissen und wollten nicht weiter. -
 Nun lag ohne Zierde das Band und ohne Gestalt da;
 Das in stolzer Schöne vorhin die Hüfte gegürtet,
 Hatte nicht Form noch Wert; verachtet fiel es zur Erde.
    Kaum war das Märchen geendigt, als die, an welche es gerichtet war, aufstand
und mit Genehmigung aller die weisse Schärpe als ein Zeichen des Friedens im
Saale der Gesellschaft aufhing. Mit guter Wirkung: denn wenn im Taumel der Worte
nachher die genannten Friedensstörer jemanden nur auf die Lippe traten, sogleich
ward auf die Schärpe gewiesen. Die drei Fäden sprachen ihre stumme Lehre, und
der Ton der guten Gesellschaft stellte sich wieder her.
                                      49.
Der die Schickungen lenkt, lässt oft den frömmsten Wunsch,
Mancher Seligkeit goldnes Bild
Unvollendet und webt da Labyrinte hin,
Wo ein Sterblicher gehen will -
    Gilt dies vom Schicksal einzelner Menschen, wieviel mehr vom Schicksal der
Völker und Reiche!
    Eben habe ich die Geschichte des Herzogs von Bourgogne, Enkels Ludwigs XIV.,
Vaters Ludwigs XV., mit sonderbaren Empfindungen gelesen.35
    Sie wissen, dass dieser Prinz ein Zögling Fénelons war; die Unarten, die das
königliche Kind an sich hatte, als Fénelon zu ihm kam, werden auch in dieser
Geschichte nicht verschwiegen Lesen Sie nun, wie Fénelon sich dabei benahm und
was für einen vortrefflichen, nicht nur hoffnungs-, sondern wirklich
fruchtreichen Charakter er aus dem Prinzen gebildet, und ein süsses Erstaunen
wird Sie ergreifen Sie sehen hier den Prinzen ungeschmeichelt in seinem ganzen
Leben und Wesen, bei Hofe, im Felde, im Kabinett, zu Hause, gegen den König,
gegen seine Gemahlin, gegen Hofleute, Erzieher, Lehrer, Hausgenossen handeln.
Handeln, nicht nur sprechen oder denken. Und allentalben ist er sich gleich;
allentalben bleibt er die edle, standhafte, in grössester Stille wirkende Seele.
Es ist, als ob Fénelons Geist ihn nicht umschwebe, sondern erfüllt habe;
Fénelons Denkart ist in die seinige verwebet.
    Sage nun jemand, dass Erziehung, wenn sie rechter Art ist, nichts fruchte!
Der Mensch ist ja alles durch Erziehung, oder vielmehr er wird's, bis ans Ende
seines Lebens. Nur kommt es darauf an, wie er erzogen werde. Bildung der
Denkart, der Gesinnungen und Sitten ist die einzige Erziehung, die diesen Namen
verdient, nicht Unterricht, nicht Lehre. Und wohl dem Prinzen, dem ein Fénelon
zum Erzieher ward! Wohl jedem Erzieher, dem Fénelon zum Muster dienet!
    Sage jemand, dass bei Prinzen keine Erziehung möglich sei. Am Hofe Ludwigs
XIV., des eigensinnigsten Königs, mitten unter Schmeicheleien, Verderbnissen und
Verführungen der Zeit, an einem Kinde von auffahrendem, gebieterischen,
geburtsstolzen, launischen Charakter war sie möglich und erprobte sich in den
verworrensten Verhältnissen, in den schwersten Szenen.
    Sage jemand endlich, dass Prinzen keiner Dankbarkeit, keiner Freundschaft
fähig sind. Auch unter dem äussersten Hass Ludwigs XIV. gegen Fénelon blieb der
Herzog und Dauphin seinem Freunde treu bis ans Ende seines Lebens.
    Und dieser schonte ihn auf keine Weise. Sie finden einige Briefe Fénelons in
dieser Sammlung; die übrigen (unersetzlicher Verlust!) verbrannte Ludwig mit
eigner Hand nach seines Enkels Tode, vermutlich, weil er sich selbst bei seinem
Hass gegen diesen würdigen Mann so sehr im Unrecht fand und mit den Briefen sein
eignes Unrecht zu vertilgen glaubte. Denn nie versöhnte sich Ludwig mit Fénelon,
auch nicht auf den Brief, den dieser ihm sterbend schrieb. Der Monarch wollte
den Erzbischof nicht unrechtmässigerweise gehasst haben.
    Gut, dass der Monarch die Papiere des Prinzen mit jenen Briefen (deren keine
Zeile er schreiben konnte) nicht auch verbrannte. Sie sind in langen Stellen
hier gedruckt; Fénelons Geist atmet in jedem Grundsatz sowie in der ganzen, sehr
reinen und edeln Schreibart. Nur sieht man auch, dass ein Prinz diese Grundsätze
gedacht habe; sie sind, wenn ich so sagen darf, gedrückter, beschränkter, als
sie in Fénelons Seele blühten, aber ehrenvoll, schön, königlich, fürstlich.
    Ausziehen will ich nichts aus diesen Maximen. Dem Geist des Zeitalters und
der Denkart Fénelons gemäss ehren sie die Stände ungemein, machen die Religion
zur Basis der Reichsverfassung und sind dem Protestantismus nicht günstig.
Dagegen entalten sie von den unerlassbaren Pflichten aller Stände und des
Regenten selbst alle die Grundsätze, die wir in Fénelons vortrefflichen.
»Ratschlägen an einen König« finden. Wenn diese viel eigentlicher das livre d'or
sind, als was gewöhnlich den Namen führet, so kann man die Aufsätze des Dauphins
ohne Schmeichelei dem Buch des Mark Aurels an die Seite setzen, nicht als das
Werk eines Mannes, sondern als die Vorübung eines Jünglings, nicht als System,
sondern nach Zweck und Absicht.
    Und wie er schrieb, so handelte der königliche Jüngling. Sobald er, welches
ihm sehr schwer ward, das Zutrauen Ludwigs gewann, veranlassete er Berichte aus
allen Provinzen des Landes* nach Punkten, die er selbst aufgesetzt hatte, die
allentalben ins einzelne gingen und zeigten, dass der Kronerbe alle Bedrücknisse
des Reichs in allen Ständen klassenweise kannte. Als Feldherr hatte er im Kriege
sie kennengelernt, und er besass gerade den eisernen Fleiss, die unerschütterliche
Stetigkeit des Willens, diesen Übeln auf den Grund zu kommen und ihnen einmal,
wenigstens teilweise, abzuhelfen.
    Die Berichte liefen ein, zweiundvierzig Bände in Folio, und die Beschwerden,
die Mängel und Missbräuche überstiegen den Begriff des Redakteurs, des bekannten
Grafen Boulainvilliers, so weit, dass er sie sich dem Prinzen nicht vorzulegen
getraute. Dieser aber las doch, las dabei die eingeschickten einzelnen Klagen,
Beschwerden und Verbesserungsvorschläge mit dem grossen Grundsatz, »dass, wenn in
einem ganzen Bande chimärischer Spekulationen sich auch nur eine nützliche
Beobachtung fände, man die Zeit nicht bedauern müsse, die man aufs Lesen
verwandt hat«-Die Mittel, diesen Verderbnissen abzuhelfen, reiften in der
stillen Seele des Prinzen. - -
    Und nun? Trauren Sie, meine Freunde; die muntre Gemahlin des Prinzen, die er
zärtlich liebte, stirbt, von den Ärzten hingerichtet; innerhalb sechs Tagen
stirbt der Prinz ihr nach, im dreissigsten Jahr seines blühenden Lebens. Lesen
Sie die Geschichte seiner Krankheit, den Eigensinn Ludwigs dabei, das Ende des
Prinzen; unwissend Ihrer wird eine Träne in Ihr Auge treten, und was wird dabei
Ihr Wort sein? Fénelon sagte, als er die traurige Nachricht vernahm: »Meine
Bande sind gelöset; nichts hält mich mehr an der Erde« Ludwig dagegen sagte:
»Ich preise Gott für die Gnade, die er ihm geschenkt hat, so heilig zu sterben,
als er lebte.« »Der König ertrug,« so sagt ein Geschichtschreiber, »alles als
Christ, glaubte, dass Gott das Reich um der Sünden willen seines Königes strafe,
betete seinen Richter an, und keine Klage entfuhr ihm.« -
    Wir, die wir keine Könige sind, dürfen keine so erhabne Gleichgültigkeit
äussern. Wir können aufrichtig und herzlich bedauern, dass die Vorsehung dem
zugrunde gerichteten Reich einen so geprüften, so festen, so tätigen König auch
nur auf funfzehn oder zwanzig Jahre zu schenken nicht genehmigte. Hätte er in
diesen nur den hundertsten Teil seiner reifgewordenen Entschlüsse ausgeführt und
nur den tausendsten Teil der Übel, deren er sich erbarmte, gehoben, wie anders
wäre der Zustand und die Geschichte Frankreichs seit einem Jahrhunderte
geworden! - Nun aber kam nach wenigen jammervollen Jahren statt unsres Bourgogne
der Held aller Ausschweifungen, Orleans, und statt des staatsklugen Fénelons der
ruchloseste der Menschen, Du Bois, ans Ruder. Die ewige Unmündigkeit Ludwig des
Vielgeliebten folgte, und wie es seitdem in Frankreich beschaffen gewesen, ist
welt-und staatskundig. Die Memoirs von St. Simon, Du Clos, Richelieu, Du Terray
u.f. führen uns in einen so tiefen Abgrund von ungebundener Lüderlichkeit und
frevelhafter Unordnung, dass Jude, Christ, Heide und Türk über das Resultat
äusserst besorgt und zugleich sehr einig sein mussten. - -
    Was ist hierauf zu sagen? Gegen die Vorsehung zu murren wäre albern; denn
wenn wir sie auch zur eigentümlichen Schutzgöttin Frankreichs und der Bourbons
personifizierten, ja ihr dabei die Waage des Jupiters auf Ida selbst in die Hand
gäben: in die eine Schale legt sie die Greuel der alten festgewurzelten
Reichsverwaltung, einen ungeheuren Berg, in die andre Schale den jungen, von ihr
geliebten Kronerben. Was kann er zu diesem Gebirge tun? wird er nach wenigen
Jahren es vielleicht noch tun wollen? Er entschlafe also den Tod eines Heiligen,
eines von Gott Geliebten, und es gehe der Ordnung der Dinge nach, nach welcher
der fortgerollte Schneeball wächst, bis er schmilzt, die Greuel sich türmen, bis
sie das Gleichgewicht verlieren.
    Wir sind also auch des Glaubens vom grossen Ludwig, »qui souffrit tout en
chrétien, il crût, que Dieu punissoit le Royaume des faultes de son Roi; il
adora son juge, nulle plainte ne lui échappa,« erinnern uns dabei aber jenes
alten Judengottes, der mit unköniglichem Bedauern sprach: »Dich jammert des
Kürbis, und mich sollte nicht jammern u. f.« Lesen Sie die Worte selbst im
unruhigen emigrierten Propheten. Jonas 4, 10-12.
                            Über die Vergänglichkeit
                            Eine Ode von Sarbievius
 Menschlichem Elend wär es eine Lindrung,
 Sänken die Dinge wieder, wie sie stiegen,
 Langsam; doch oft begräbt ein schneller Umsturz Hohe Gebäude.
 Lange beglückt stand nichts. Der Städt' und Menschen
 Schickungen fliegen immer auf und nieder.
 Jahre bedarf ein Königreich, zu steigen, Stunden, zu fallen.
 Du, der du selbst des Todes Opfer sein wirst,
 Nenne darum nicht, weil die Zeit im stillen
 Menschen und Menschenwohnungen zerstöret, Grausam die Götter.
 Die dich zum Leben rufte, jene Stunde
 Rufte zum Tode dich. Der lebte lange,
 Wer an Verdienst und Tugend sich ein ewig Leben erworben.
                                      50.
    Die griechische Philomele ist noch nicht verstummt; auch hat sie ihren
Schmerz noch nicht vergessen. Sie klagt das Unrecht, das ihr von Menschen
geschah, und erweicht mit ihrem Gesange das Herz, sich von gleichem Unrecht zu
entalten.
 Flet Philomela nefas; neque adhuc de pectore caedis
 Effluxere notae, signataque sanguine pluma est.
    Als ihre Schwester, die Schwalbe, sie aus der Einsamkeit des Waldes in die
Gesellschaft, in die Häuser der Menschen schmeichelnd einlud:
 »Komm in das Feld, komm in die Wohnungen
 Der Menschen. Mit mir sollst du da vergnügt,
 Geliebt von ihnen wohnen, wo du nicht
 Den Tieren mehr, wo du dem Landmann singst.«
 »Ach,« sprach sie, »lass mich hier in meiner Einsamkeit;
 Der Menschen Umgang bringt mir nur das Unrecht,
 Den Schmerz zurück, den ich von ihnen litt.«
    Am liebsten nimmt diese alte Philomele an den stummen Klagen der Menschen
teil, die sich ihrer Einsamkeit nahen. Sie bemerkt die Mienen ihres
verschwiegenen Grams, den sie selbst einst ihrer Schwester nur in Stummen
Bildern entdecken konnte; seit ihr die Götter ihre Stimme wiedergaben, gebraucht
sie dieselbe also am liebsten zum Trost des sprachlosen Kummers der Menschheit.
    Einen ihrer Gesänge belauschte ich neulich zu einer Zeit, da Nachtigallen
sonst schweigen, und teile Ihnen solchen, wie ihn ein Freund aufschrieb, mit:
                                Philomele in T.
Hast du die Klagen gehört, die jüngst vom einsamen Aste
An den Ufern der Ilm Philomela tönte? Mir kamen
Einige Laute davon; vernimm von ihnen den Nachhall.
»Wie so blätterlos ist der Hain! wie leer das Gesträuche!
Keine Stimme ertönt als nur der Raben und Elstern
Heisres Geschrei. Es klettert und pfeift die diebische Meise
An den Orten, die sonst nur meine Lieder erfüllten.
Ach, wohin ist der Geist der Liebe geflohen? wo ist er,
Und wo soll ich ihn finden? Wer wird ihn wieder erwecken?
Wann wir umher im Kreise der schattigen Ulmen, der Pappeln
Sassen und uns erweckten zu zärtlichen Liedern: ein Ton sucht
Lockend den andern; es schlägt von der Brust des antwortenden Sängers
Lauter die Liebe zurück ans Herz des Rufenden; wechselnd
Streitet im brünstigen Zwist der Gesang. Es schallet vom Felsen,
Schallt aus dem Haine wider; es hebt der glänzende Bach sich
Liebeschwellend empor; von atmenden Blüten und Zweigen
Haucht balsamischer Duft umher durch die Lüfte, und leise
Regt sich die schweigende Nacht mit taubefeuchteten Schwingen.
Aber der Menschen holdes Geschlecht, wie seh ich sie traurig
Jene Gefilde durchwandeln! Wie fremd von Blick und von Ansehn!
Wohin wendt sich ihr trüberes Aug? Ach, hin zu den Szenen
Voll des Mordes und Bluts! O ruft die Sinnen zurücke!
Warum sie tauchen in Greul und Elend der Menschen? Wer wird euch
Künftig erwecken die Brust zu sanftern, holdern Gefühlen?
Wird dann das beste Glück des Lebens, die Freiheit, so teuer,
So mit Strömen des Blutes erkauft? Wer wird sie erkennen,
Wer die schmalere Grenze, wo Recht sich scheidet vom Unrecht?
Blicke des Argwohns begegnen dem Freund aus dem Auge des Freundes.
Jedes festere Band des Lebens knüpfet und löst sich
Nur durch Unwill und Wut. Ich sehe den stilleren Weisen
Einsam wandeln; sein Haupt deckt trüber Tiefsinn; es hänget
Zitternd über demselben das Schwert der Entscheidung; ihm tönen
Nicht mehr die Lieder ins Ohr der zarten Liebe, der Freundschaft,
Der erweckten Natur, des süssen, traulichen Umgangs.
Und o das blühende Mädchen! Ihr Hauch belebte die Wüste,
Wann die Wüste beleben sich könnte. Von ihrem Gesange
Übersteigen die Strahlen die meinigen. Wäre zur Blume
Sie des Haines geschaffen, kein Blümchen glich ihr an Reize,
Keines an himmlischem Glanz noch Duft. Sie senket ihr Auge
Nieder vom nackten Gipfel der hocherhabenen Ulme
Auf das verödete Land, und in sich ersterben die Strahlen.«
Also sang vom schwankenden Ast weissagend der Vogel,
Und der Nordwind verstummte; es nahten sich lindernde Weste.
Aber es schwebt, in der Höh mit ausgespreiteten Rudern
Und mit gierigem Aug ein Geier, dürstend nach Blute.
Dieser ersah den lieblichen Sänger und stürzt von der Höhe,
Fasst und drückt ihn gewaltig mit krummgespitzeter Klaue,
Reisst ihm die blutende Brust auf und hackte begierig sein Leben.
 Nicht ein leiser wimmernder Laut ward weiter gehöret,
 Es entfloh die Seele mit stiller Wehmut von dannen
 Ilicet (heu miseram!) tua Daulias exspiravit!
 Jane, gravi moestum tacta dolore jecur.
 Quid miseram dixi? Fatumne beatius ullum est,
 Talia cantantem quam potuisse mori?
                                      51.
    Wären Kränze der Belohnung in meiner Hand, so sollten mir ausser den
Einrichtungen, die das Bedürfnis fodert, besonders auch die Bemühungen wert
sein, die den gehässigen Wahn der Menschen unvermerkt zerstreuen und gesellige
Humanität befördern. Nichts ist dem Wohlsein der lebendigen Schöpfung so sehr
entgegen als das stocken ihrer Säfte; nichts bringt den Menschen tiefer hinab
als ein trauriger Stillstand seiner Gedanken, seiner Bestrebungen, Hoffnungen
und Wünsche.
    Also auch die Schriftsteller, die uns von der Stelle bringen, die das plus
ultra auf leichte und schwerere Weise ausüben, gesetzt, dass sie auch keine neuen
grossen Resultate erjagten, wären mir sehr gefällig. Ein Mensch, der sich um
Wahrheit bemühet, ist immer achtenswert, wer bei unschuldigen Bestrebungen nur
Zwecke hat, ist nie verächtlich, gesetzt, dass diese auch bei weitem nicht
Endzwecke wären. Denn was ist Endzweck in der Welt? wo liegt das Ende? Jedes
gute Bestreben aber hat seinen Zweck in sich.
    Mögen die Philosophen alter und neuer Zeiten keine einzige Wahrheit
ausgemacht haben (welches doch ohne Wortspiel nicht behauptet werden kann),
gnug, sie bestrebten sich um Wahrheit. Sie erweckten den menschlichen Verstand,
hielten ihn im Gange, führten ihn weiter; alles, was er auf diesem Gange
erfunden und geübt hat, haben wir also der Philosophie zu danken, wenn sie
gleich selbst nichts hätte erfinden können und mögen Der philosophische Geist
ist schätzbar; die ausgemachte Meister- und Zunftphilosophie bei weitem nicht so
sehr, ja sie ist dem Fortdringen oft schädlich.
    Insonderheit ist der philosophisch-moralische Geist, der die Sitten der
Menschen betrachtet, ihre Farben scheidet und, wenn ich so sagen darf, ihr
Inneres auswärts kehrt, eine wahre Gabe des Himmels, ein unserm Geschlecht
unentbehrliches Gut. Stimme man nicht das alte Lied an: »Menschen sind Menschen!
sie sind, was sie waren, und werden bleiben, was sie sind. Hat alle
Moralphilosophie sie gebessert?« Denn diesem faulen trübsinnigen Wahn stehet
mitnichten die Wahrheit zur Seite. Wenn wir auch nicht zum Ziel gelangten,
müssen wir deshalb nicht in die Rennbahn? Ja wenn das Ziel der Vollkommenheit
auch nicht zu erreichen wäre und, je näher wir ihm zu kommen scheinen, immer
weiter von uns rückte, haben wir deshalb nicht Schritte getan? haben wir uns
nicht beweget? Was wäre das Menschengeschlecht, wenn keine Vernunft, keine
Moralphilosophie von ihm geübt wäre?
    Vor andern scheinen mir die Moralisten wünschenswert, die uns mit uns selbst
in ernste Unterhandlung zu bringen vermögen und uns auf eine scherzende Weise
durchgreifende Wahrheit sagen. Ich lasse der Akademie und Stoa ihren heiligen
Wert; Plato und Mark Aurel nebst ihren Genossen werden dem Menschen, dem seine
Bildung ernst ist, immer und immer Schutzgeister, Führer, warnende Freunde
bleiben; wenn aber z.B. Horaz auf eine ernstaft-scherzende Weise sich selbst
zum Gegenstande der Moral macht, wenn er an sich und an seine Freunde im Ton der
Vertraulichkeit mit leichter Hand das schärfste Richtmass leget und die
Heuchelei, den Aberglauben, den Sittenstolz, den Wahn und Dünkel von uns lieber
fortlächelt als fortgeisselt, wenn er an sich und andern zeigt, dass man nicht im
Äter hoher Maximen schweben, sondern auf der Erde bleiben und täglich in
Kleinigkeiten auf seiner Hut sein müsse, um nicht mit der Zeit ein Unmensch zu
werden, wer kann dem Dichter da den Fleiss vergelten, den er, damit seine zarten
Sittengemälde der Nachwelt wert würden, auf sie als auf wirkliche Kunstwerke
gewandt hat? Diese Kunstwerke sind nicht nur lebendig, sondern auch belebend;
ihr moralischer Geist geht in uns über; wir lernen an ihnen nicht dichten,
sondern denken und handeln.
    Jedem, der sich mit Horaz für andre würdig beschäftigen konnte, möchte ich,
wenn Verdienst sich beneiden liesse, sein Verdienst beneiden. Auch unser deutsche
Übersetzer der Briefe und Satiren dieses Dichters, Wieland, hat, vorzüglich
durch den Kommentar derselben, jedem feineren Menschen eine belehrende Schule
der Urbanität eröffnet. Was Shaftesbury in seinen Schriften für den römischen
Dichter überhaupt ist, dessen moralische Kritik sich bei ihm allentalben
äussert, das ist unser Übersetzer im schwereren Einzelnen für Jünglinge sowohl
als für Männer.
    Nach der langen Nacht der Barbarei brach endlich auch unter den europäischen
Völkern für die feinere Moral eine Morgenröte an. Die Provenzalen und
Romandichter der mittleren Zeiten waren ihre Vorboten; Weiber und Männer aus
allen, auch den vornehmsten Ständen suchten die Philosophie des Lebens wieder in
die Welt einzuführen und streueten ihr wenigstens Blumen. Sie erschien endlich,
diese Philosophie, unter mehreren Nationen, und jeder Tritt soll uns heilig
sein, wo sie gewandelt. Sollte das böse Schicksal es wollen, dass ganze Länder
Europas (verhüte es der gute Genius der Menschheit!) wieder in die Barbarei
versänken, so wollen wir, die an den Grenzen des Abgrundes stehen, die Namen und
Schriften derer, die einst der Humanität dienten, um so heiliger bewahren. Sie
sind uns alsdann Reste einer versunkenen Welt, Reliquien zerstörter Heiligtümer.
    Du guter Montaigne, ihr Dichter und Schriftsteller voriger ruhiger oder
stürmischer Zeiten Frankreichs und ihr, die ihr guter Genius beizeiten
hinwegrief, Rousseau, Buffon, D'Alembert, Diderot, Mably, Du Clos: was ihr und
eure Genossen der Menschheit Gutes erwiesen, ist ein Gewinn für alle Völker.
    Die Briten haben durch das, was sie humour nennen, die Fehler des humours
selbst dargestellt und dadurch die Unregelmässigkeiten, das Ausschweifende und
Übertriebne in menschlichen Charakteren dem Gelächter preisgeben, dem
moralischen Urteil ins Licht setzen wollen. Da uns Deutschen dieser humour
(leider oder gottlob?) fehlet, indem unsre Toren meistens nur abgeschmackte
Toren sind, so ist's für uns, in diesen fremden Spiegel zu sehen, gewiss keine
unnütze Beschäftigung. Der Flügelmann exerziert vorspringend, damit der Soldat
im Gliede und der steife Rekrut exerzieren lerne.
    Äusserst deutsch wäre es aber, wenn wir diese Übertreibungen für Schönheit
nehmen und Shakespeares, Addisons, Swifts, Fieldings, Smollets, Sternes
humoristische Figuren als Vorbilder des moralisch-guten Geschmacks ansehen
wollten. Dichter und Übersetzer wären an diesem Stumpfsinn wenigstens sehr
unschuldig.
    Dank also auch jedem guten Übersetzer guter britischen Humoristen. Und wir
wissen alle, wem wir in Deutschland vorzüglich hiebei Dank zu sagen haben, dem
Übersetzer Yoricks, Sterne, Fieldings, Smolletts, Goldsmits, Cumberlands u.f.
Die Bodeschen Übersetzungen der »Empfindsamen Reisen,« des »Tristam Shandy,«
»Tomas Jones,« »Humphrei Klinkers,« des »Landpriesters von Wakefield,« des
»Westindiers« sind in aller Händen.
    Für unser nordisches, angestrengtes und bedrücktes Leben sind überhaupt alle
Schriften wohltätig, in denen unser Geist abgespannt, erweitert und milde
gemacht wird. Immerdar sich zu spornen, andre zu treiben und von ihnen sich
bedrängt zu fühlen ist der Zustand eines Tagelöhners, gesetzt, dass wir ihn auch
mit dem Titel eines Strebens nach höchster Vollkommenheit in unablässigem Eifer
ausschmücken wollten. Die menschliche Natur erliegt unter einer rastlosen
Anstrengung; während der Ruhe, während des Spiels zwangloser Übungen gewinnt sie
Munterkeit und Kräfte. Selten geht der unablässige Eifer anderswohin aus, als
auf Schwärmerei und Übertreibung, die durch nichts zurecht gebracht werden kann
als durch eine Darstellung dessen, was sie ist, durch eine leichte fröhliche
Nachahmung ihrer eignen Charaktere. Da lacht der Tor, falls er noch lachen kann,
über sich selbst, und im leichtesten Spiel findet man, wie Leibniz meint, die
ernsteste Wahrheit.
                          Nachschrift des Herausgebers
    Statt einer langen Anmerkung erlaube der Leser mir hier eine Stelle mitten
unter fremden Briefen.
    Der Mann, an den zu Ende des vorstehenden Briefes mit dem verdienten Lobe
gedacht war, war mein Freund, und er ist nicht mehr. Eben, da ich diesen Brief
zum Druck übersehe, wird seine Leiche begraben; aber ein Teil seines Geistes und
seine redliche Mühe wird, hoffe ich, in unsrer Sprache noch fortleben, so wie
sein Andenken im Herzen seiner Freunde.
    Bode war mehr als Übersetzer; er war ein selbstdenkender, ein im Urteil
geprüfter Mann, ein redlicher Freund, im Umgange ein geistiger, froher
Gesellschafter. Und doch war sein Charakter noch schätzbarer als sein Geist;
seine biedern Grundsätze waren mir immer noch werter als die sinnreichsten
Einfälle seines muntern Umganges. Er hatte viel erlebt, viel erfahren; in seinen
mannigfaltigen Verbindungen hatte er Menschen aus allen Ständen von Seiten
kennengelernt, von denen wenige andre sie kennenlernen, und wusste sie zu
schätzen und zu ordnen.
    Die Schwärmerei hassete er in jeder Maske und war ein Freund, so wie der
gemeinen Wohlfahrt, so auch des wahren Menschenverstandes Der betrügenden
Heuchelei entgegenzutreten, war ihm keine Mühe verdriesslich; gern opferte er
diesem Geschäfte Zeit, Kosten und Seelenkräfte auf, die er sonst abwechselnder,
vielleicht auch einträglicher hätte anwenden mögen. Viele seiner Freunde in
mehreren Provinzen Deutschlands kennen ihn von dieser Seite; und wer einer
standhaften Mühe in redlicher Absicht Gerechtigkeit widerfahren lässt, wird das
Verdienst eines Mannes ehren, der in seinem sehr verbreiteten Kreise vielem
Bösen widerstand und in seiner Art (nicht politisch!) ein Franklin war, der
durch die Mittel, die in seiner Hand lagen, der Menschheit nichts als Gutes
schaffen wollte und gewiss viel Gutes geschafft hat. Grossmut war der Grund seines
Charakters, den er in einzelnen Fällen mehrmals erwiesen; nach solchem nahm er
sich insonderheit der Verlassenen, junger Leute, vergessener Armen, der
Gekränkten, der Irrenden an und war, fast über seine Kräfte, ein stiller
Wohltäter der Menschheit.
    Auch seine Übersetzungen hatten diesen Zweck, und sein Fleiss dabei war
unermüdet. Er bewarb sich bei ihnen sowohl um die Eigentümlichkeit des Gedankens
als des Ausdrucks; mitin arbeitete er in beiden Sprachen. Er, Lessings Freund
und bei einer Schrift sein Mitübersetzer, wollte nie ein Sprachverderber, wohl
aber mit Urteil und Prüfung ein Erweiterer der Sprache werden. Die falschen
Nachahmungen in seiner Manier hassete er ebensowohl als die Nachäffungen der
Charaktere, die er dem deutschen Publikum verständlich machte; er übersah und
übersetzte sein Buch als ein Mann von gesundem Verstande.
    Ein schätzbares Geschenk, das er uns hätte geben können, wäre die
Beschreibung seines eignen Lebens gewesen. Schonend und bieder sagte er aber:
»Von meiner Seite würde es anmassend scheinen, andre würde es kompromittieren.
Ich will in Friede schlafen.«
    Und so schlafe er denn in Friede! Sein Ende kam, wie seine Freunde es
wünschten, ohne langwierige Krankheit; fast bis an seinen Tod hin war er
unverdrossen geschäftig. Viele Gute halten ihn wert. Unweit dem Künstler Cranach
liegt er begraben.
                                      52.
    Als ich in Ihren Briefen die Fragmente »Über die Humanität Homers in der
Iliade« las, fiel mir ein Schriftsteller ein, der vor Jahren nicht recht nach
meinem Sinne gewesen war, Tomas Gordon, »Über den Tacitus«.36 In der Jugend muss
man keine politische Betrachtungen, weder Gordon noch Tacitus, lesen; sie machen
uns eine zu ernste, zu saure Miene. Man sieht die Welt alsdann noch gern von
der fröhlichen Seite an und hasset den grübelnden Tadel.
    Über den Tacitus änderte sich mein Urteil, als ich ihn in reifern Jahren
las. Ich kam davon zurück, dass der ein Sauertopf sei, der üble Gerüchte und
politische Grübeleien zusammengemischt hätte (ein gemeines, aber äusserst
falsches Urteil); wie sehr wünschte ich, Ihnen auch den Areopagiten Gordon, frei
von seinen Schlacken (britischen Vergleichungen und Epanortosen), bloss als
einen lichten und leichten Versuch über die Humanität des Tacitus zusenden zu
können Nicht leicht hat ein Schriftsteller so viele Gemüter tiefer an sich
gezogen als dieser Römer; wer ihn studierte, ward mit Geist und Sinn der Seine.
Daher so viele Kommentatoren des Tacitus; je redlicher es jemand meinte, je mehr
er die politische Welt aus eigner Erfahrung kennengelernt hatte, desto mehr
liebte er den alten Geschichtschreiber und ward gar selbst sein Kommentator.
    Was Gordon über des Tacitus Charakter, über seine Denkart, seine
Beschreibungen, seine Grundsätze, seine Moral, endlich über seine Schreibart
behauptet, sagt eher zuwenig als zuviel, so manches auch die lateinischen
Stilisten, selbst der gute Lord Monboddo, dagegen einzuwenden haben möchten.37
Nach allen Vorübungen, die wir im Deutschen als Versuche seiner Übersetzung
gemacht haben, wünsche ich eine wahre Übersetzung desselben; mich dünkt, unsre
Sprache sei dazu vor allen andern fähig.
    Als Proben von der edlen Denkart des Tacitus führt Gordon schöne Stellen an,
z.B. wie Hermanns Gemahlin, durch Verrat gefangen, unter andern edeln Frauen vor
Germanicus geführt wird: »Segests Tochter, doch gleichgesinnter dem Gemahl als
dem Vater. Auch überwunden kannte sie keine Tränen, kein flehendes Wort; sie
hatte die Hände über ihren schwangern Leib zusammengeschlagen und sah auf ihn
nieder.« Wie Germanicus, dem Teutoburger Walde nahend, in welchem die Gebeine
des Varus und seiner Legionen noch unbegraben lagen, nun herzlich verlangt, dem
erschlagenen Heerführer und seinem Heer der Menschheit letzte Pflicht zu
leisten: »Da jammern alle, die mit waren, über Verwandte, Freunde, über
Kriegsunfälle, über der Menschen Schicksal. Sie kommen an den traurigen Ort, sie
sehen Varus' Lager, die Überbleibsel derer, die, zurückgedrängt, Rettung hatten
suchen wollen, endlich das Feld voll weisser Gebeine, wie sie geflohen und
gestanden, auseinandergesprengt und aneinandergedrängt gewesen waren; nebenan
lagen zerbrochene Spiesse und Pferdeglieder; an Baumstämmen waren angenagelte
Köpfe; nahan im Walde standen die barbarischen Altäre, auf welchen Tribunen und
Zenturionen geblutet hatten. Und die dieser Schlacht, die der Gefangenschaft
entkommen waren, erzählten: Hier fielen die Anführer der Legionen, dort wurden
die Adler erbeutet; hier bekam Varus seine erste Wunde, dort gab er sich mit
unglücklicher Rechte selbst den Tod. Auf dieser Höhe stand Hermann und sprach
den Seinigen Mut zu; hier die Galgen, woran er die Gefangenen knüpfen, dort, wo
er die Adler und Feldzeichen verhöhnen liess. Nach sechs Jahren also begrub eine
römische Armee ihre drei Legionen, und keiner kannte, wen er begrub, ob seinen
Verwandten, ob einen Fremden. Jeder ward als Blutsfreund, als Verbündeter
bestattet, mit desto grösserem Zorn gegen den Feind, aufgebracht und traurig.«
    So führt Gordon die schöne Stelle über Tiberius an: »Seine Untaten und
Laster wurden ihm selbst zur Marterstrafe; denn vergebens habe der weiseste Alte
nicht gesagt, dass, wenn man solcher Unmenschen Inneres aufschliessen könnte und
Striemen und Wunden der Seele auch sichtbar wären wie Wunden des Körpers, man
ihr Gemüt nicht anders als von Grausamkeit, Wollust und übeln Ratgebern
zerfleischt erblicken könnte.«
    Dergleichen Stellen führt Gordon mehrere an. Aber was sind sie ausser dem
Zusammenhange der Geschichte, die ihnen eigentlich Urkunde und Beleg ist? Die
letzte Stelle z.B. beziehet sich auf des Tiberius meisterhaften, kurzen Brief an
den römischen Rat: »Was ich Euch schreiben soll, meine Herren, oder wie ich
schreiben oder was ich Euch jetzt nicht schreiben soll; alle Teufel mögen mich
holen (die mich täglich und stündlich plagen), wenn ich das weiss!« Da konnte
Tacitus hinzusetzen: »Weder Glück noch Einsamkeit konnten den Tiberius schützen,
dass er die Qual seiner Brust und die Strafe, die er an sich selbst litt, nicht
selbst bekennte«
    Soll ich Ihnen von Gordon mehr erzählen? Nur seine Kapitel will ich
herschreiben: »Von Cäsars unrechtmässigem Besitz der Herrschaft und warum dessen
Name weniger als des Catilina Name gehässig ist? Von Octavius Augustus Ränken,
seinem rachsüchtigen Gemüt, seinem Meineide, Grausamkeiten und den
Begebenheiten, die zu seinem grossen Namen beitrugen. Von der Liebe des Volks und
Rates, die er sich zu erwerben suchte. Von der Ehre, mit welcher ihm die Dichter
geschmeichelt. Von dem falschen Glanz, den seine Nachfolger ihm verschafft
haben. Vom Kaiserregiment. Vom Majestätsgesetz. Von Anklagen und Angebern. Von
der allgemeinen Entehrung der Gemüter und von der Schmeichelei, die eine
unumschränkte Regierung begleiten. Vom Geist der Höfe. Über Armeen und
Eroberungen. Über die Kaiser, deren Geschichte Tacitus beschreibt, über ihre
Minister, ihre Unglücksfälle und die Ursachen ihres Sturzes. Über die Bestechung
der Minister Von Finanzen, Volk, Adel, dem Aberglauben der Regenten« u.f. -
    Ein ganzes Staatssystem, mit zahlreichen Beispielen und Sprüchen aus Tacitus
belegt, zwar nicht im scharfsinnigen Weltgeschmack des Machiavells, desto mehr
aber, und bis zum Übermasse, mit aller Wärme eines ehrlichen, das Beste wollenden
Mannes* gezeichnet. Diderot rechnete Gordon unter seine liebsten Schriftsteller;
schaden wenigstens wird er niemanden und muntert sehr zum eignen, verständigen
Lesen des Tacitus an. Hätte er damit nicht seinen Zweck erreichet?
    O dass wir den Tacitus ganz hätten! Warum müssen seine Jahrbücher gerade mit
dem Tode des edlen Trasea, seine Geschichtbücher eben vor Vespasian aufhören?
Seiner »Germania« wegen ist Deutschland ihm besondern Dank schuldig; und
vielleicht hat keine europäische Nation mehr Ursache als sie, in Tacitus' Manier
ihre Geschichte nach der vortrefflichen Grundlage, die er von Deutschland selbst
gemacht, fortzuschreiben. Schenkte uns indessen nur ein zweites Kloster Corvei
den ganzen Tacitus und in Absicht Deutschlandes seinen Gesellen, den Plinius,
wieder!
                                      53.
    Wie? wenn ich Ihnen für Ihren schottischen Gordon einen deutschen
Kommentator des Tacitus nennte, der jenem an der Seite zu stehen wohl wert, aber
desto unbekannter, desto ungeschätzter ist? Die blossen Grammatiker haben von
seinen Anmerkungen über diesen Römer sehr zurücksetzend gesprochen; sie sind
aber voll Kenntnis der Geschichte, voll Lebens- und Geschäftserfahrung, dabei
mit so deutscher Treue und Biederkeit, vor mehr als hundert Jahren geschrieben,
dass sie für uns endlich doch ein lehrreiches Buch werden könnten. Es sind die
sogenannten »Politischen Anmerkungen über Tacitus« vom Mömpelgardschen Geheimen
Rat Forstner.38
    Moser hat sich um diesen Mann verdient gemacht, dass er seine
Lebensgeschichte, so gut er sie haben konnte, in sein »Patriotisches Archiv«
aufnahm. Eine Reihe Briefe desselben kennen Sie aus einer andern nützlichen
Sammlung.39 Wie? wenn jemand, jedoch mit Auswahl und Zusammenstellung, Forstners
Gedanken über Tacitus übersetzte und Friedrich Carl Moser sie auch nur mit
wenigem kommentierte, so käme dieser Reichtum bescheidener, geprüfter Gedanken
doch einigermassen in Umlauf.
    Überhaupt, warum liegen die Betrachtungen verdienter deutscher Staatsmänner
voriger Zeiten bei uns so tief im Dunkel? Engländer, Franzosen und Italiener
haben die ihrigen schön aufgeputzt; wir stehen hierin fast hinter Polen und
Ungarn. Und doch ist das Geschäft- und Gedankenreich verdienter, sachkundiger
Männer einer Nation gleichsam der Stamm, ohne welchen sie kaum eine Nation,
geschweige ein durchdachter, durchempfundener Staatskörper genannt zu werden
verdienet. Die geographischen Grenzen allein machen das Ganze einer Nation nicht
aus; ein Reichstag der Fürsten, eine gemeinschaftliche Sprache der Völker
bewirken es auch nicht allein; ja, letztere ist in Deutschland den Provinzen
nach so verschieden (grosse Striche sprechen ganz und gar eine fremde Sprache,
ganze Klassen der Menschen nehmen an Gedanken gar keinen Teil), dass, wenn man
dies alles zusammenhält, man es den Magistern nicht übelnehmen kann, wenn sie
pro gradu noch bis jetzt über das ganze Tema disputieren, »welche
Regimentsverfassung Deutschland habe, oder ob die Deutschen eine Nation sein«.
Die spottenden Urteile der Ausländer hierüber, auch wenn sie unserm Fleiss,
unsrer Treue, unserm Biedersinn Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind bekannt.
Sollte es also nicht der geringste Dank sein, den man dem verstorbenen Diener
erweiset, dass man mit seinen Dienstleistungen auch die Gedanken, deren er sich
dabei erkühnte, der Nachwelt nicht entziehe? Wenigstens bilden sodann doch die
treuen Diener eine Kette, die Jahrhunderte durchreicht und an die sich neue
treue Diener anschliessen mögen. Das Jahrhundert der Reformation erlaubte sich
noch, auch über vaterländische Sachen laut zu denken; seitdem ward alles* Rang,
Form und Stand oder ging, sobald es ein eigner Gedanke schien, in die
Archivgräber.
    Daher dann, dass uns eine Geschichte Deutschlands so lange gefehlt hat und in
manchen Teilen noch lange fehlen wird. Daher, dass unser Sleidan keine Ausgabe
wie der französische Tuan erlebt hat und unsre Mevii, verstandreich wie sie
sind, den Montesquieus, Clarendons, Sarpis andrer Nationen an Ruhm, Glanz,
allgemeiner Bekanntschaft und Schätzung wohl nachstehen müssen. Daher, dass die
Mozambanos, die a Lapide unter besonderm Schutz, immer also halbparteiisch
schreiben, wohl gar in fremde Länder gehn oder Fremde sein mussten. Daher
endlich, dass die besten Schriften dieses Faches in Deutschland
vergleichungsweise wenig oder keine Wirkung tun; denn oft ist mit jeder dritten
Meile das politische Interesse der deutschen Provinzen geändert.
    Weit entfernt bin ich, hiemit eine Staatsklügelei nach Deutschland zu
wünschen, die gottlob unser Charakter nicht ist und die jedem Volk verderblich
gewesen. Räsonierte Geschichte aber, räsonierte Erfahrungen des Lebens aus allen
Ständen, in allen Verhältnissen und Ämtern muss jedermann wünschen Durch die
Vernunft lebt der Mensch, ob er gleich vom Brote lebet; die oft teuer erworbene
Summe von Gedanken und Erfahrungen unsres Lebens ist auch ein Besitz, und jedes
Glied des Staats gehört dem Ganzen nicht nur durch das, was es mechanisch tat,
sondern auch durch das, was es bei diesem mechanischen Tun dachte. Schweigen
verständige Leute, so redet der Tor; der spricht sodann desto unbesonnener und
lauter.
    Mich dünkt, in Deutschland war zu neueren Zeiten Moser der erste, der in
dieser Art freimütiger und bescheidner Biederkeit ein Beispiel gab. Stellet man
ihn mit ältern deutschen sogenannten Staatsmännern, Kulpis, Reinking, Veit
Seckendorf, zusammen, welch ein Unterschied! gewiss nicht zu seinem Nachteil.
Sein »Herr und Diener,« seine »Beherzigungen,« »Reliquien,« »Patriotische
Briefe,« sein »Schutt zur Wegebesserung,« und was für Einkleidungen er sonst
gewählet, sind einesteils mit einer so treffenden Wahrheit, andernteils mit
einer Herzlichkeit geschrieben, als ob der Verfasser einmal Luters Freund und
Amanuensis gewesen wäre. Züge der Beredsamkeit sind in ihm, deren sich mancher
britische Parlamentsredner nicht schämen dürfte; und alles hüllet sich endlich
in den Mantel der deutschen Bescheidenheit und Demut. Sein »Patriotisches
Archiv« entält treffliche Sachen, so wie durchaus keiner seiner Aufsätze von
Geist und Herz leer ist. Die meisten derselben, weil sie deutsche Dinge
betreffen, lesen sich, als ob sie heute geschrieben wären.
    Schon am Ende des vorigen Jahrhunderts entstanden periodische Schriften
mancherlei Inhalts; im jetzigen mehrten sich diese nicht nur im ganzen, sie
vervielfachten sich auch in einzelnen Provinzen bis zu wöchentlichen Blättern
und Beiträge, die in Deutschland ein sehr guter Same geworden sind. Mösers
»Patriotische Phantasien« sind aus Beiträgen zum osnabrückischen Wochenblatt
entstanden; und was andre Zeitschriften hier, dort und da in den germanischen
Wäldern für Nutzen gestiftet haben, ist weniger landkundig als wahr und
rühmlich. Lass es hie und da auch Missbräuche dieses Vehikuls gegeben haben und
geben: Missbrauch hebt die gute Sache nicht auf. Viele unsrer deutschen Journale
sind ein Fundbuch trefflicher Materialien, ja in Deutschland fast das einzige
Mittel, wodurch Provinzen und Stände einander kennenlernen. Mancher böse
Pflichtträger, der sich gleich jenem im Evangelium weder vor Gott noch Menschen
fürchtet, scheuet sich wenigstens vor der Schande eines Journals. -
    Ungleich höher und weit voran alle diesem stünde die Geschichte, wenn sie
jeder Provinz unsres Landes mit Geschmack, Verstand und Patriotismus bereits
einheimisch geworden wäre. Wollten wir uns von einigen derselben nach und nach
nicht ausführlicher unterhalten? Wenn irgendeine Wissenschaft, so ist ja die
Geschichte ein Studium der Humanität ein Werkzeug des echtesten
Vaterlandsgeistes.
 
                                Fünfte Sammlung
                                        
                                     (1795)
                                      54.
    Der Wunsch unsres Freundes40 fängt an, in Erfüllung zu gehen: »Bekenntnisse
merkwürdiger Männer von sich selbst« sind in zwei Bändchen erschienen, die zu
mehreren Hoffnung erwecken und Hoffnung geben.41 Petrarca, Augustin, Uriel
Acosta, Franz Junius, Comenius, Holberg, Leibniz sprechen hier allesamt in der
eignen Sprache ihres Herzens und Geistes. Von Petrarca sind seine drei Gespräche
über sich selbst, »Mein Geheimnis« genannt, ganz übersetzt, Augustins
»Bekenntnisse« im Auszuge. Acostas »Exemplar vitae humanae,« wie es Limborch,
Franz Junius' Lebensbeschreibung, wie sie Merula bekanntgemacht, Comenius'
Bekenntnis von sich aus seinem »Eins ist Not« (unum necessarium), Holberg,
Leibniz aus ihren Briefen. - Können verschiedene, allesamt merkwürdige Männer in
einem engeren Raum auftreten und von sich zeugen?
    Ihrem eignen Zeugnisse hat der Autor mit Erzählung ihrer Lebensumstände
fortgeholfen, wie, dünkt mich, notwendig und recht ist. Was weiss ein
Sterblicher, wer oder wozu er da sei? zu welchen Zwecken ihn die Vorsehung in
ihrem grossen Plan brauchen werde? Er schüttet sein Herz aus, in Freude oder
meistens in Leid, vor Gott, vor sich selbst oder vor Menschen; sein Auge blickt
nieder zur Erde. Denn seiner Schwächen, seiner mühsamen, oft eiteln
Bestrebungen, seines Kampfes mit sich und mit andern demütig bewusst, zählet er
sich kaum und kann und darf nicht rechnen, was seine Ziffer zum grossen Nenner
der Welt bedeute oder bedeute werde. Hier darf der Autor, der den Bekennenden
als Freund vorführt, zumal wenn er Jahrhunderte nach ihm lebet, wohl ein Wort
über ihn sprechen und auf der grossen Tafel der Weltbegebenheiten zeigen, wo er
stand, wo er künftig stehen möchte.
    Petrarca war eine der zartesten Seelen, die in menschlichen Körpern
erschienen. Nicht seiner Sprache allein hat er jene Formen süsser Sonette und
Kanzonen und mit diesen zugleich die erlesensten Gedanken der Provenzalen, ja
jenes Ideal einer Liebe eingedrückt, die sich mehr im Himmel als auf der Erde
fühlet, sondern für ganz Europa war er ein eifriger Erwecker der Alten; für
Italien, für Rom war er ein Patriot, desgleichen es unter den Petrarchisten
keinen mehr gab, und, was über alles geht, ein strenger Bearbeiter seines
Herzens und Geistes. Seine Briefe und andre lateinische Schriften sind eine
eigentliche Schule der Bildung sein selbst, voll männlicher Unterhaltung. Eine
Seele dieser Art, die allentalben Ruhe suchte und sie nirgend fand, in einsamen
Selbstgesprächen mit ihrem Schutzgeist sprechen zu hören mag freilich eitele
Leser ermüden; Beobachter menschlicher Sinnesarten aber werden ihr angenehm
lauschen, und zarte Gemüter, wie Petrarca selbst war, wird er tief in ihr
Inneres führen. Diese Bekenntnisse und die »Nachrichten zu dem Leben des
Petrarca«42 müssen jedem, der fürs stille Gemüt lieset, eine liebe Unterhaltung
sein.
    Augustin (der zweite Mann, den unser Autor in seinem Selbstbekenntnisse
darstellt) war ein Kirchenvater; er ist's auch in seinen »Konfessionen«. Um die
Seele eines Kirchenvaters kennenzulernen, von der manche, die auf diesen Namen
schmähen, fast keinen Begriff haben, muss man sie lesen. Die ganze Denkart, ja,
ich möchte sagen, der Witz, die Phantasie, selbst die täuschende Sophisterei
Augustins ist in ihnen. Unser Autor ist über ihn nur kurz gewesen, denn über
Augustin müsste man ein Buch schreiben.
    Welche Kämpfe hat der arme Acosta sich zugezogen! welche Verfolgungen der
redliche Junius standhaft ertragen! Auch bei Comenius sieht man seinen zwar
nicht tiefdringenden, aber vielumfassenden Geist, seinen allentalben aufs
Nutzbare, auf Reform der Wissenschaften und Schulen gestellten Sinn. Über ihn,
der für sein Zeitalter mehr als Basedow war und noch mehr hätte sein können,
wünschte ich, dass jemand ausführlicher spräche.
    Holbergs Leben ist äusserst merkwürdig und unterhaltend, wie es auch der Mann
selbst war. In seiner Zeit und Lage, nach einer solchen Jugend hat er ungemein
viel geleistet; er riss sich selbst über die Denkart seines Landes hervor und
ward, zwar in keiner Bemühung ein Stern erster Grösse, allentalben aber ein
freundlicher Stern mitten im dichten Nebel. Manche seiner Schriften sind noch
jetzt sehr lesbar, zumal sein »Klim« und seine »Briefe«. Unter den Alten waren
ihm Plutarch und Lucian, Terenz, Ovid, Juvenal, Petron und Plinius, unter den
Neuern nebst einigen Geschichtschreibern Grotius, Bayle, le Clerc, Molière die
liebsten; man sieht die Spuren davon in seinen Schriften, in denen sich nirgend
ein tiefer, allentalben aber ein heller, lebhafter, vernünftiger, moralischer
Geist zeigt.
    Leibniz endlich - hier konnte unser Autor, der die bekannten Lebensumstände
nicht wiederholen wollte, wenig sagen, denn die Geschichte seines Geistes hat
Leibniz uns nicht selbst geschrieben. Er lebt für uns in seinen Schriften, aus
welchen hier einige Umstände zusammengestellt sind. Hören Sie von ihm eine
Weissagung:
    »Ich finde, dass solche (leichtsinnige, irreligiöse) Meinungen, indem sie je
mehr und mehr unter Leuten von der grossen Welt, nach welchen sich die übrigen zu
richten pflegen, Liebhaber finden und sich in die Modebücher einschleichen,
alles zu der Generalrevolution, von welcher Europa bedrohet wird, zubereiten und
die Zerstörung alles dessen vollenden helfen, was von den edlen Grundsätzen der
Griechen und Römer, welche die Liebe des Vaterlandes, des gemeinen Wesens und
die Sorge für die Nachwelt ihrem eignen Glück, ja selbst dem Leben vorzogen, bis
jetzt noch übriggeblieben ist. Der Gemeingeist (public spirit) vermindert sich
ausserordentlich, kommt je mehr und mehr aus der Mode und wird noch mehr
abnehmen, wenn er aufhört, von einer guten Moral und der wahren Religion, wie
selbst die gesunde Vernunft sie uns lehrt, unterstützt zu werden. Sogar die
Bessern von der entgegengesetzten Seite nehmen kein andres Principium mehr als
die Ehre an. Bei ihnen aber heisst ein Mann von Ehre schon der, der nichts tut,
was sie für niederträchtig halten. Und wenn sogar einer aus Laune, oder um seine
Ehrsucht zu befriedigen. Ströme Blutes vergiessen und alles übereinander werfen
würde, so wäre ihnen das alles nichts, und selbst ein Herostrat würde ihnen ein
Held sein. Laut macht man sich über die Liebe des Vaterlandes* lustig; laut
macht man die lächerrlich, die für das allgemeine Beste sorgen; und zeigt jemand
in der reinsten Absicht die traurigen Aussichten, die sich uns für die Zukunft
eröffnen, so ist die Antwort: Lass diese für sich sorgen. - Leicht aber dürften
solche Leute zuerst das Unglück erfahren, welches sie bloss für andre aufbewahrt
glauben. Kommt man dieser epidemischen Krankheit, deren üble Wirkungen bereits
sichtbar zu werden anfangen, noch in Zeiten vor, so lassen sich ihre Folgen
vielleicht noch hemmen Nimmt sie aber überhand, so wird die Vorsicht die
Menschen gerade durch die Revolution, die daraus entstehen muss, heilen und, was
auch kommen mag, am Ende zum Wohl des Ganzen leiten, ob dies gleich ohne
Züchtigung derer, die durch ihre bösen Handlungen wider ihren Willen zur
Beförderung des Guten beitrugen, weder erreicht werden wird noch erreicht werden
kann.«
    Soweit Leibniz. Wünschen Sie nicht, dass unserm Autor viele, auch ungedruckte
Bekenntnisse merkwürdiger Männer zukommen mögen? Wenn in unserm Vaterlande der
moralische Gemeingeist, über dessen Abgang Leibniz klaget, noch nicht ganz
ausgestorben ist, so sollte dieser ihm solche in sein Sacrarium treuer
Bekenntnisse zuführen.
                                      55.
    Angenehm hat mich der Name Petrarca in Ihrem Briefe geweckt; er erinnerte
mich an die Zeiten, da ich, nicht etwa nur seine Sonette und Kanzonen, sondern
die Nachrichten aus seinem Leben43 und die merkwürdigsten seiner Schriften und
Briefe selbst las. Welch eine falsche Idee hat man gemeiniglich von Petrarca!
Wie falsch wäre auch die, wenn man sich aus diesen Selbstgesprächen etwa nur
eine bussfertige Seele oder einen mit sich selbst Unzufriedenen abzöge! Ganz ein
andrer Geist lebte in Petrarca.
    Zuerst trug er das grosse, unaustilgbare Gepräge der Liebe des Altertums in
seiner Seele; ein Gepräge, das mir allentalben ehrwürdig ist, wo ich's gewahr
werde, und das uns bei ihm, zu seiner Zeit, unter seinen Umständen, in der
Anwendung, die er davon machte, äusserst wohltut. Die Griechen kannte er wenig
und setzte sie den Römern nach; er ward mit ihrer Sprache zu spät bekannt, und
da er die Römer als seine Landsleute ansah, deren Glanz in Italien er
wiederzusehen wünschte, so gab ihnen dieses schon in seiner Seele einen Vorrang
vor allen Völkern der Erde. Nie haben ihre Redner, Dichter und Weisen einen
eifrigern Schüler gehabt als ihn, der nicht etwa nur in der Sprache ihnen
nachzubuhlen suchte, sondern ihren grossen Sinn, ihre hohe Gedankenweise zur
seinigen machte. Dies zeigen seine Schriften und Briefe, seine Sammlungen von
Beispielen der Vorwelt, die Grundsätze, an welche er sich hielt, mit welchen er
andre tröstete oder weckte, endlich seine lateinischen Gespräche, Gedichte und
andre Einkleidungen, in denen man bis zu seinen höchsten Jahren hinauf den
Schüler der Alten wahrnimmt. Hier klopft Petrarca jedem Jünglinge und Mann auf
die Schulter: »Liesest du die Alten also? wendest du sie also an?« Petrarcas
lateinischer Stil mag unrein sein; seine Denkart war es nicht. Ein Freund des
Vaterlandes, wie Tullius und Cato, weiss er die strengen Grundsätze eines Seneca
durch die gesellschaftliche Teilnehmung und Gefälligkeit des Horaz anmutig zu
mildern. Manche Briefe, in denen er seine Schwachheiten liebenswürdig bekennet
und entschuldigt, ja gleichsam mit seinem eignen Herzen spielet, sind ganz in
der Denkart Horaz, geschrieben, und eine sittliche Urbanität ist der Charakter
aller seiner Schriften.
    Dies Gefühl also, nach welchem er ganz unter den Alten lebte, webte den
Faden seiner Begebenheiten und ward, wie man sagt, der Schmied seines Glücks.
Auf eine niedrige Weise nach den Begriffen seiner Zeit ein Glück machen, konnte
und wollte er nicht; er schlug dazu alle Gelegenheiten aus, die er auch nicht zu
brauchen gewusst hätte; dagegen erwarb er sich eine Liebe und Anhänglichkeit, ein
Ansehen und einen Namen, über welchen man fröhlich erstaunet. Welche Briefe und
Anreden, die er an Kaiser, Könige, Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Fürsten
schrieb! und welche Art, in der sie aufgenommen wurden! Keine Veränderung der
päpstlichen und bürgerlichen Welt, die einigermassen sein Italien betraf, ging
vor, ohne dass er den lebhaftesten Anteil daran genommen hätte, eben weil sein
Vaterland so ganz in seinem Herzen wohnte. Vergleicht man in diesem Punkt, im
Punkt der Achtung nämlich, die man dem hellen Verstande, der reinen Wissenschaft
Petrarcas erwies, seine Zeiten mit den unsrigen, welche soll man barbarisch
nennen? Dort hatte man wenigstens eine Achtung für den Verständigen, der, obwohl
bloss ein Mann der Wissenschaft und kein Staatsdiener, bei öffentlichen Anlässen
anmunterte, riet, warnte, lehrte; jetzt würde dem Petrarca selbst schon der
poetische Lorbeerkranz auf seinem Schädel allentalben ein Stillschweigen
auflegen, wo er nicht zu loben vermöchte Und doch war es eben und einzig diese
Liebe und Achtung für Wissenschaften, die den Zeiten aufhalf, ohne welche wir
noch in der Barbarei lägen. Wer sieht nicht noch jetzt das Bild des Königes
Roberts von Neapel, der edlen Colonnas und so mancher andern seiner grossen
Freunde in Petrarcas Schriften mit Liebe und Bewunderung an? Wie in einem Traum
lieset man ihre freundschaftlichen Briefe und hört Petrarcas Zeugnisse von
ihnen, bis man durch Zeugnisse von andern, die nicht so dachten, eben auch in
denselben Briefen unangenehm aus dem Traume geweckt wird.
    Endlich ist das Ideal von Liebe, das Petrarca mit sich trug und in seinen
Gedichten mit unglaublicher Kunst und Sorgfalt ausbildete, gewiss die kleinfügige
Idee nicht, die man gewöhnlich sich an ihm denket. Laura möge in Person oder zum
leibhaften Petrarca gewesen sein, wer sie wolle; dem geistigen Petrarca war sie
eine Idee, an die er auf Erden und im Himmel, wie an das Bild einer Madonna,
allen Reichtum seiner Phantasie, seines Herzens, seiner Erfahrungen, endlich
auch alle Schönheiten der Provenzalen vor ihm, dergestalt verwandte, dass er sie
in seiner Sprache zum höchsten, ewigen Bilde aller sittlichen Weibesschönheit zu
machen strebte. Auf griechische Weise konnte dies nicht geschehen; eine nackte
Grazie oder eine Venus Urania konnte und wollte er nicht malen; er wählte also
die Züge, die in seinem Zeitgeist, in der provenzalischen Poesie, in den
Begriffen seiner Religion und ihren Darstellungen als Stoff eines reinen
weiblichen Ideals sittlicher Humanität zerstreuet dalagen, und bildete seine
Madonna daraus, die irdische und himmlische Laura. Diese zeigte er in Wirkung
auf sich, auf sein eigen Herz, und zwar in mancherlei Umständen, in Wirkung auf
seine Schwachheiten sowohl als auf die edlere Seite seines Gemüts; hiedurch
allein ward sie anziehend und belehrend. Denn eine Schönheit, die keine Liebe
erregt, eine Liebe, die nur Bewunderung ist und ohne Kampf mit sich, ohne Fehler
und Schwachheiten seufzet, sind ohne Reiz und Anwendung. Von allem
Sittlich-Schönen im weiblichen Charakter pflückte Petrarca die Blüte und wand
seiner irdischen Freundin, die er vielleicht nur hie und da in seiner Jugend
gesehen haben mag, die eines andern Mannes Weib und Mutter von Kindern war, die
diese Gedichte vielleicht nicht verstand, die wenigsten sah (denn die schönsten
sind nach ihrem Tode gedichtet), einen unsterblichen Kranz um ihre unschuldige
Schläfe. Wer den Geschmack der provenzalischen Poesie, wer die Beatrice des
Dante kennet, wird hieran nicht zweifeln und die Mühe bedauern, die der
Lebensbeschreiber Petrarcas, ein Abkömmling der angeblichen Laura, auf die
Anwendung jedes Zuges, der ihre Person betreffen soll, gewandt hat. Jeder
Liebhaber kann und soll seine Laura in Petrarcas Gedichten finden; er soll sein
Herz mit allen Schwachheiten auch darin finden und die Läuterung wahrnehmen, die
ein reiner weiblicher Charakter im Gemüt sowohl des Jünglinges als des Mannes
bewirken soll und kann. Hiezu steht Laura da; und ich wüsste nicht, ob es einen
schönern Zweck der Poesie der Liebe gebe, wenn einmal diese Gattung Poesie da
sein soll. Gegen die römischen Dichter des Amors, Horaz, Tibull, Properz, macht
Petrarca, der Idee seiner versi volgari nach, keinen kleineren Unterschied, als
den er der Sprache, den Nationen und Zeiten selbst nach machen musste. Von unsern
erotischen Dichtern steht er in gleichem Masse gesondert. Da es indessen doch
wohl niemanden zu verargen sein wird, wenn er in seine Liebe Gemüt bringt und
sie nicht bloss als ein Werk des Bedürfnisses und der Konvenienz betreibet, so
sehe ich auch Petrarcas Laura als ein Ideal an, das keinen Jüngling verführen,
das jedem edelgeschaffenen Jünglinge als ein Madonnenbild alter Zeiten in einer
so schönen Sprache wohltun wird. Die Empfindungen Petrarcas in Ansehung der
Freundschaft gegen Freunde waren diesem Ideal nicht entgegen, und Italien, Rom,
seine Sprache, die Menschheit waren seines Gemüts ewige Laura. Als ich in einer
schönen Morgenstunde den letzten Aufentalt seines irdischen Daseins
vorüberfuhr, umfing mich eine so süsse Erinnerung seines freundschaftlichen
Herzens und ganzen Lebens, dass ich nicht anders als die letzten Worte seines
letzten Briefes ausrufen konnte: »Valete, amici, valete, epistolae.« Er starb im
Jahr 1374; man weiss nicht recht, wie und wann; gnug, dass man den ruhigen Greis
an seinem Pulte sitzend tat fand. Valete amici.
                                      56.
    So angenehm mir Petrarca war, so weh tat mir Uriel Acosta in seinem letzten
Selbstbekenntnis. Der arme Jude, von Zweifeln über Seine Religion ergriffen, gab
alle Verhältnisse seiner edlen Geburt, seines Glückes und Standes auf, suchte
Ruhe hie und dort, fand an seinen nächsten Verwandten die ärgsten Feinde und
endigte damit, dass er, als ein Neuaufgenommener in der Synagoge seiner
Glaubensgenossen, schimpflich entblösst, mit Füssen getreten, gepeitscht,
verspeiet, es nicht länger ertragen zu dürfen glaubte und sich selbst den Tod
gab. Die Aufschrift seines Urlaubes aus dem Leben: »Exemplar humanae vitae,«
rührete mich von jeher; und o möchte ein jeder, der, von Menschen aus der Welt
gedrängt, zuletzt noch einige Worte für Menschen zu schreiben guten Willen und
Kraft hat, sein Exemplar des menschlichen Lebens dem Exemplar des Acosta
hinzufügen! Die Menschheit erhielte damit eine Anzahl sonderbarer Exemplare.
    Von Kindheit auf ist mir nichts abscheulicher gewesen als Verfolgungen oder
persönliche Beschimpfungen eines Menschen über seine Religion. Wen geht diese
als ihn selbst und Gott an? Ja, wer weiss nicht, was an dem Wort Religion, sobald
es innere Überzeugung und Gefühl betrifft, für tiefe Skrupel und Schwierigkeiten
haften? Dem ist dieses, einem andern das aufs innigste anstössig; zu diesem
Ausdruck kann er sich nicht gewöhnen, von jener früh erfassten Vorstellungsart
auf keine Weise sondern. An ihr hangen seine moralischen Begriffe, an ihr
vielleicht seine vornehmste Trieb feder, ja sein Ideal der Moralität selbst.
Dieser findet Zweifel, wo keiner sie findet; die schwarze, phantastische Fliege
verfolgt ihn, ohne dass ein andrer als er sie sieht. Wie grausam ist's also, wie
unvernünftig, nutzlos und unmenschlich, wenn sich ein Mensch, ein Gericht, eine
Synagoge das Verdammungs-, das Verfolgungsurteil über die Religion eines andern,
wäre er auch ein Neger und Indier, anmasst!
    
    Mit Schauder lieset man Acostas Erzählung, Klagen und Seufzer, die er im
tiefen Schmerz über die ihm, einem Rückkehrenden, in einem Gotteshause zugefügte
peinliche Beschimpfung ausstösst44 und die mit dem traurigen Gefühl der völligen
Verlassenheit und Ohnmacht enden: »Hier habt ihr die wahre Geschichte meines
Lebens, und welche Person ich auf dem eiteln Schauplatz dieser Welt, in meinem
unbeständigen und unglücklichen Leben gespielt habe. Richtet nun gerecht und
unparteiisch, ihr Söhne der Menschen; richtet frei und nach der Wahrheit, wie es
sich Männern geziemt. Findet ihr etwas, das euch zum Mitleiden hinreisst, so
erkennt und beweint das traurige Los der Menschheit, das auch euch zuteil
geworden ist.« -
    Dank der Menschheit sei allen denen, die so unerträgliche Lasten und
Fesseln, die jede unziemende Beschimpfung, jede kränkende Verfolgung, die
Menschen Menschen von göttlichen oder menschlichen Rechts wegen ungescheuet, ja
pflichtmässig und frohlockend antaten, in ihr wahres Licht stellten. Grotius,
John Locke, William Penn, Shaftesbury, Bayle, Leibniz, auch Spinoza, Voltaire
und mehrere nicht zu vergessen, was für Gesinnungen sie übrigens in andern
Dingen haben mochten, in diesem Punkt sind sie Friedensengel im Namen aller
derer geworden, die (um mich eines schauderhaften Bildes der Apokalypse zu
bedienen) als Erwürgte unter dem Altar um Rache rufen und in ihrem Blut weisse
Feierkleider begehren. Die Rache solcher Verfolgungen ist nie ausgeblieben und
bleibet nie aus; es wäre aber endlich Zeit, dass wir aus bessern Gründen als aus
der Furcht solcher Rache zum Gefühl der Wahrheit und Menschlichkeit gelangten.
Auch unsern deutschen Rechtslehrern, Tomasius, Polykarp Leiser, Hommel u. f.,
die über die mit Blut geschriebenen Carpzowschen Gesetze hie und da die Fackel
der Vernunft angezündet und mildere Grundsätze in Gang gebracht haben, werde
Dank. Sie taten, was sie tun konnten.
    Vor andern, dünkt mich, sind in Briefen Gesinnungen der Humanität wirksam
verbreitet worden, selbst wo sie das strenge Rechts-, Staats- und Kirchensystem
noch nicht aufnehmen durfte. In Briefen an Freunde schüttete mancher sein Herz
aus, wie er es in Schriften zu tun nicht wagte, und die Briefgestalt selbst ward
zur glücklichen Form, milde Gesinnungen über einzelne Vorfälle sowohl als über
Lehren und Personen Freunden oder dem Publikum verständlich zu machen und ans
Herz zu legen. Holbergs Briefe gehören auch in diese Zahl; in England und
Frankreich ist die Art eines humanisierten Vortrages durch Briefe sehr
ausgebildet worden und hat die nützlichsten Grundsätze verbreitet. In England
z.B. fanden Plinius' Briefe eine glückliche Aufnahme; die Ersten der Nation
buhlten ihnen nach. Selbst die erdichteten Briefe des Phalaris schätzte der
Ritter Temple übermässig hoch, so dass seit Addison ihre Wochenschriften, seit
Richardson ihre Romane vorzüglich die Gestalt der Briefe liebten. Die
französischen Briefeinkleidungen vom türkischen Spion an bis zu den persischen
und so viel andern Briefen sind jedermann bekannt; durch Einkleidungen solcher
Art gewann nicht nur die Sprache, sondern auch der denkende Geist Leichtigkeit
und Freiheit. Ohne eine Abhandlung oder Deduktion schreiben zu wollen, konnte
man Gedanken, Empfindungen äussern, seinen Verstand berichtigen, sein Urteil am
Urteile des andern schärfen und prüfen. In Deutschland hat aus mehrern Ursachen
diese Form meistens nur gelehrte Urteile, Trivialitäten oder Romane betreffen
können - -
    Ich wünschte eine Auswahl treffender Stellen aus den wahren Briefen
merkwürdiger und grosser Männer; dem Sammler der Selbstbekenntnisse, einem Mann
von reiner, fürs wahre Wohl der Menschheit gestimmten Denkart, möchte ich sie am
liebsten empfehlen. Von Staatsmännern, Kirchenvätern, Reformatoren, Sektierern,
von Gelehrten und Weisen aller Art ist eine so ungeheure Menge Briefe ans Licht
gefördert worden, dass eine Auswahl ihrer eigensten Meinungen und Urteile über
Begebenheiten, Schriften, fremde Meinungen und Handlungsarten die lehrreichste
Unterhaltung sein müsste Wer kann, wer mag jetzt das grosse Epistelfach berühmter
und nicht berühmter Männer mit gehörigem Fleisse durchstören? Und doch liegt so
manches Merkwürdige, Angenehme und Nützliche in ihm!
                                      57.
    Sie wünschten, dass jemand über den menschenfreundlichen Comenius
ausführlicher spräche. Der bescheidene Mann spricht von sich selbst (auch wo er
es tun sollte und konnte, in seiner Kirchengeschichte der Böhmischen Brüder)
sehr wenig; das einzige Notwendige lag ihm zu sehr am Herzen.
    Wenn ich einen Mann unsrer Nation (denn warum sollte man Böhmen und Mähren
nicht zu Deutschland rechnen?) mit dem guten St. Pierre vergleichen möchte, so
wäre es Comenius - und dies gewiss nicht zu seinem Nachteil. St. Pierre hat durch
seine Schriften, die, als sie erschienen, wenige lasen, mehrere ungelesen
verlachten, andre auf eine schale Art widerlegten, ja, deren offenbarste
Wahrheit ihm sogar Verdruss zuzog, in der Folge mehr Gutes gewirkt als manche
blendende Schriftsteller seines Zeitalters, die ihn aus der Akademie verwiesen
Seine Träume von einem ewigen Frieden, von einer besseren Verwaltung der
Staaten, von einer grösseren Nutzbarkeit des geistlichen Standes, von einer
gewissenhaftern Pflege der Menschheit, selbst seine politischen Weissagungen,
können nicht immer Träume eines honetten Mannes* bleiben, wie sie damals ein
duldender Minister nannte. Wenn St. Pierre wieder aufstünde und gewahr würde,
dass nicht bloss (wie d'Alembert meint) das Wort bienfaisance und gloriole von ihm
in der Sprache seiner Nation geblieben, sondern dass seine Grundsätze, seine
Wünsche, seine Hoffnungen gewissermassen der Geist aller Guten und Würdigen in
Europa worden sind: der kalte, trockene Mann würde dabei nicht gleichgültig
bleiben. Wahrscheinlich würde er gelassen sagen: »Die Zeit ist schneller
fortgeschritten, als ich es ihr zutraute.«
    Unser St. Pierre, Comenius, hat eine andere Gestalt. Er wurde zwar auch in
einem Labyrint von Weissagungen irregeführt (welches ihm zuletzt sehr leid
tat); diese hatten auch eine viel rohere Gestalt, als der politische Kalkül des
St. Pierre, seiner Erziehung und seinen Lebensumständen nach, haben konnte; in
ihrem Ziel aber treffen beide zusammen, und dieses ist das Wohl der Menschheit.
Ihm weihten beide, obwohl auf den verschiedensten Wegen, alle ihre Gedanken und
Bestrebungen; beiden schien alles das entbehrliche Üppigkeit oder hässliche
Unsitte, was nicht dahin führte. Beide haben eine schöne Klarheit des Geistes,
eine beneidenswürdige Ordnung und Einfalt der Gedanken; sie sind von allem
Leidenschaftlichen so fern und los; es verdriesset sie nicht, eine Sache oft,
meistens mit denselben Worten zu sagen, damit man sie fassen und ja nicht
vergessen möge, dass auch in diesen liebenswürdigen Fehlern sie einander ähnlich
erscheinen. Der letzte Zweck ihrer Bemühungen ist ganz derselbe.
    Comenius, wissen Sie, war der letzte Bischof der böhmischen Kirche. Er lebte
in den traurigen Zeiten des Dreissigjährigen Krieges, da mit ihm so viele, viele
Familien auf die härteste Weise vertrieben wurden, seit welcher Zeit dann diese
blühenden Gemeinen nie mehr zu einigem, geschweige zu ihrem alten Flor
gelangten. Wollen Sie Ihr Inneres sanft und schrecklich erschüttert fühlen, so
unterrichten Sie sich über den Zustand dieser Gemeinen von ihrer Entstehung an
und endigen mit dieser traurigen Verstossung. Keine Gemeine Deutschlands ist mir
bekannt, die mit so reinem Eifer für ihre Sprache, für Zucht und Ordnung bei
ihren Gebräuchen sowohl als in ihrem häuslichen Leben, ja für Unterweisung und
Aufklärung im Kreise ihres* Notwendigen und Nützlichen gesorgt, gestritten,
gelitten hätte als diese. Von ihr aus entsprang jener Funke, der in den
dunkelsten Zeiten des härtesten geistlichen Despotismus Italien, Frankreich,
England, die Niederlande, Deutschland wie ein Feuer durchlief und jene
vielnamigen Albigenser, Waldenser, Lollarden u.f. weckte. In ihr ward durch Huss
und andre der Grund zu einer Reformation gelegt, die für ihre Sprache und
Gegenden eine Nationalreform hätte werden können, wie keine es in Deutschland
ward; bis auf Comenius strebte dahin der Geist dieser slawischen Völker. In ihr
ist eine Wirksamkeit, eine Eintracht und Tapferkeit gezeigt worden, wie ausser
der Schweiz diesseit der Alpen nirgend anders; und es ist kaum zu zweifeln, dass,
wenn man sich vom zehnten, vierzehnten Jahrhundert an diese Tätigkeit nur
einigermassen unterstützt gedenket, Böhmen, Mähren, ja überhaupt die slawischen
Länder an der Ostseite Deutschlands ein Volk worden wären, das seinen Nachbarn
andern Nutzen gebracht hätte, als den es jetzt seinen Oberherren zu bringen
vermag. Die Unvernunft und Herrschsucht der Menschen wollte es anders. Eine
Ilias beweinenswürdiger Umstände tritt dem Geschichtforscher vor Augen, über die
der. Freund der Ordnung und des Fleisses seufzend errötet. Comenius betrug sich
bei allem mit der Würde eines apostolischen Lehrers.
    Der Flüchtling nahm seine Jugendbeschäftigung vor; er ward ein Lehrer der
Jugend, aber in einer grossen Aussicht. Seine Grundsätze: »Kinder müssten mit
Worten zugleich Sachen lernen; nicht das Gedächtnis allein, sondern auch der
Verstand und Wille, die Neigungen und Sitten der Menschen müssten von Kindheit
auf gebessert werden; und hiezu sei Klarheit, Ordnung der Begriffe, Herzlichkeit
des Umganges vor allem nötig,« diese Grundsätze sind so einleuchtend, dass jeder
sie in Worten vorgibt, ob er sie gleich eben nicht in Comenius, Geist und Sinne
befolget. Dieser griff zur Tat; er gab seine »Janua,« er gab einen »Orbis
pictus« heraus, die zu seiner Zeit eine unglaubliche Aufnahme fanden, in wenigen
Jahren in eilf Sprachen übersetzt wurden, seitdem unzählige Auflagen erlebt
haben und eigentlich noch nicht übertroffen sind: denn haben wir jetzt nach
andertalbhundert Jahren annoch ein Werk, das für unsre Zeit völlig das sei, was
jene unvollkommenen Werke für ihre Zeit waren? Im ganzen Nordeuropa erregte
Comenius Aufmerksamkeit auf die Erziehung; der Reichstag in Schweden, das
Parlament von England beachtete seine Vorschläge. Nach England ward er gerufen;
von Schweden aus sprach der grosse Kanzler Axel Oxenstirn mit ihm; er ward zu
Ausarbeitung derselben unterstützt; und obwohl, wie leicht zu erachten war, eine
Hauptreform der Erziehung in Comenius, Sinn aus zehn Ursachen nicht zustande
kommen konnte, zumal im damaligen Zeitalter hundert Unglücksfälle
dazwischenkamen, so hatte Comenius dabei seine Mühe doch nicht ganz verloren.
Seine Vorschläge (obgleich die meisten seiner Werke uns die Flamme geraubt hat)
sind ans Licht gestellt, ja sie liegen grösstenteils (so einfach sind sie) in
aller Menschen Sinne; nur erfordern sie Menschen von Comenius, Betriebsamkeit
und Herzenseinfalt zur Ausführung. Wenn er auflebte und unsre neue Erziehung
betrachtete, was würde der fromme Bischof zu mancher Marketenderei sagen?
    Sein Plan ging indes noch weiter. Er sah, dass keine Erziehungsreform ihren
Zweck erreichte, wenn nicht die Geschäfte verbessert würden, zu denen Menschen
erzogen werden; hier griff er das Übel in der Wurzel an. Er schrieb eine
»Panegersie,« einen allgemeinen Aufruf zu Verbesserung der menschlichen Dinge,
in welchem ihm St. Pierre an Ernst und (ich möchte sagen) an heiliger Einfalt
selbst nachstehen möchte. Er ladet aufs menschlichste dazu ein, meint, es sei ja
Unsinn, Glieder heilen zu wollen, ohne den ganzen kranken Leib zu heilen, ein
gemeinschaftliches Gut sei eine Gemeinfreude, gemeine Gefahr fodre auch
gemeinschaftliche Sorge, und schlägt Mittel zur Beratschlagung vor. Die
menschlichen Dinge, die er für verderbt hält, sein Wissenschaften, Religion und
Staatseinrichtung. Ihrer Natur nach bezeichneten sie den Charakter unsres
Geschlechts (Humanität), mitin die eigentliche Menschheit, indem Wissenschaft
den Verstand, Religion den Willen, die Regierung unsre Fähigkeit zu wirken
bestimmen und bessern sollte. Aller Menschen Bestreben gehe dahin; denn jeder
wolle wissen, herrschen und geniessen; edlere Seelen sei'n nach der edelsten
Macht, der wahren Wissenschaft und einer unzerstörlichen Glückseligkeit
begierig; sie zu befördern, opferten sie Kräfte, Mühe, ihr Leben selbst auf. In
uns liegen also ewige Wurzeln zu einem Baume der Wissenschaft, der Macht und des
Glücks; Philosophie solle uns Weisheit, politische Einrichtung den Frieden,
Religion innere Seligkeit geben; diese drei Dinge sei'n nur eins; sie könnten
nie voneinander, nie vom Menschen gesondert werden, ohne dass er ein Mensch zu
sein aufhöre. Sie ziemten ihm allerwege und allentalben. -
    Jetzt zeigt Comenius, wie und wodurch alle drei verderbt sein Der Verstand
werde von wenigen wenig gebraucht; der Wille unterliege den Begierden; man suche
Reichtum, Ehre, Lust, Eitelkeiten, Schatten der Dinge; man suche sich ausser,
nicht in sich selbst. Man wisse nicht, was man wollen, tun, wissen solle; man
teile sich in philosophische, politische Religionssekten; man streite, ohne
einander zu überzeugen, und doch sei es das einzige Zeichen, dass man selbst
weiss, wenn man andre überzeuget. Die Weisheit werde in Bücher gekerkert, nicht
in der Brust getragen; unsre Bücher sein also weise, nicht wir. Selten habe man
bei der Wissenschaft einen wahren Zweck; man lerne, um zu lernen, oder noch zu
törichtern Absichten. Das Band der Sprache sei zerrissen, und noch habe keine
einzige Sprache ihre Vollkommenheit erreicht. Die Gebrechen, deren er die
Religion zeihet, führt er nur kurz und mit Bedauern an, da sie zu offen am Tage
liegen. In der Politie meint er: nichts könne regieren als das Rechte, niemand
andre regieren, als der sich selbst zu regieren weiss. Menschenregierung sei die
Kunst der Künste, ihr Zweck sei Friede. Mitin zeugen alle Kriege und
Unordnungen der menschlichen Gesellschaft, dass diese Kunst noch nicht da sei;
weder zu regieren, noch regiert zu werden wüssten die Menschen - von welchen
Verderbnissen er sowohl die Ursachen als die Schändlichkeit und den Schaden klar
vorlegt. -
    Von jeher, fähret er fort, sei das Bestreben der Menschen dahin gegangen,
diesen Übeln abzuhelfen, und zeigt mit grossem Verstande, sowohl was man bisher
dazu getan und auf welchen Wegen man's angegriffen habe, als auch weshalb diese
Mittel unhinreichend oder unwirksam geblieben. Indessen sei der Mut nicht
aufzugeben, sondern zu verdoppeln. Manche Krankheiten tilge die Zeit; in der
verdorbenen Menschheit sei der Trieb zu ihrer Verbesserung unaustilgbar und auch
in den wildesten Abwegen wirksam. Nur müsse die Menschheit ihr wahres Gute, so
wie die Mittel dazu, ganz und rein kennenlernen; sie müsse von den Ketten böser
Gewohnheiten befreit werden und nicht eher nachlassen, bis sie in einer
Allgemeinheit zum Zweck gelange. Zu dieser Harmonie wirke selbst der Hass der
Sekten, ihre bittre Verfolgungen und Kriege gegeneinander in Wissenschaften,
Religion und Regierungsanstalten; alles zeige, dass eine grosse Veränderung der
Dinge im Werk sei. Ohne uns könne diese Veränderung keine Verbesserung werden;
wir müssten zu ihr, und zwar auf bisher unversuchten Wegen, auf dem Wege der
allgemeinen Einheit, Einfalt und einer freien Entschliessung (Spontaneität)
mitwirken. Der Zweck der Einheit und allgemeinen Verbindung liege in unserm
Geschlecht; nur durch Einfalt könne unser Verstand, Wille und Handlungsweise von
ihren Verderbnissen loskommen; dahin wiese die einträchtige Norm unsrer gemeinen
Begriffe, Fähigkeiten und Instinkte; mittelst dieser, und dieser allein, käme
man ohne alle Sophisterei zum reinen Gute der Wahrheit. Freiheit des Willens
endlich sei der Charakter des Göttlichen in uns; Gott zwinge nicht und wolle
nicht, dass Menschen gezwungen sondern gelehrt, geleitet, unterstützt werden.
Soweit wir vom Wege der Einigkeit, Einfalt und Sinnesfreiheit abgewichen sein,
so sei eine Rückkehr dahin möglich, sobald wir uns mir vornähmen, ohne
Ausschliessung alles, für alle, auf alle Art und Weise zu verbessern. In diesen
drei Worten liege das ganze Geheimnis (omnia, omnibus omnimode esse emendanda),
denn alle bisherige Vereitelung guter Bemühungen sei bloss daher gekommen, dass
man nicht alles, nicht für alle, nicht auf alle Weise habe verbessern wollen,
sondern zurückbehalten, geschont, geschmeichelt und dadurch das Böse oft ärger
gemacht habe. Das Studium zu partikularisieren sei die ewige Grundlage der
Verwirrung; jeder rate, sorge für sich, für alle niemand. Man schaue gewöhnlich
auch nicht ringsumher, sondern dieser auf dies, jener auf jenes; dafür sei er
entbrannt und vergesse, hindere, verachte alles andere. Am wenigsten habe man
den ganzen Apparat von Kräften und Mitteln angewandt, dessen die Menschheit
fähig ist, ja den sie wirklich im Besitz hat. Sehr ernstlich begegnet Comenius
den Einwürfen, dass eine allgemeine Verbesserung unmöglich sei und ein
Unternehmen der Art zur Zerstörung aller bisherigen Einrichtungen gereichen
würde. Möglich sei sie allerdings; das zeigte die Haushaltung der Natur, der
Begriff der Kunst, die Identität der Menschheit; auf dem Wege der Einfalt werde
man die Möglichkeit einer solchen Verbesserung wohl finden; denn sie liege
allentalben vor uns, und die Einfalt selbst sei das wirksamste Gegengift aller
Verwirrung. Auch den freien Willen der Menschen glaubt Comenius auf seiner Seite
zu haben, sobald man sie nur nicht täuschte, sondern in allem für alle rein
sorgte. Nichts als das Schlechte würde zerstört; nur das Überflüssige würde
hinweggetan; das Gute bliebe, mit unendlich vielem, neuen Guten vermehrt,
verstärkt, vereinigt. Hiezu ladet er nun in der einfältigsten Herzenssprache die
Menschen ein; der Bischof spricht zur gesamten Menschheit wie zu seiner Gemeine.
-
    Glauben Sie nicht, dass dergleichen utopische Träume, wie man sie zu nennen
pflegt, nutzlos sein: die Wahrheit, die in ihnen liegt, ist nie nutzlos. Dem
Comenius konnte man sagen, was der Kardinal Fleury dem St. Pierre sagte, da
dieser ihm sein Projekt des ewigen Friedens und des europäischen Reichstages
überreichte: »Ein wesentlicher Artikel ist darin vergessen, die Missionarien
nämlich, die das Herz der kontrahierenden Fürsten zu diesem Frieden und zu
diesem Reichstage disponieren«; allein, wie St. Pierre sich bei seinem Projekt
auf den grossen Missionar, die allgemeine Vernunft, und ihre Dienerin, die Zeit
oder allenfalls die Not, verliess, so wahrscheinlich auch Comenius. Er schrieb
eine Konsultation (ich weiss nicht, ob er sie umhergesandt habe), die sogar erst
dreissig Jahre nach seinem Tode gedruckt ward.45 Da sie wenige Bogen entält,
wünschte ich, dass sie übersetzt erschiene, wenn auch nur zum Zeichen, wie anders
man damals über die Verbesserung der Dinge schrieb, als man jetzt zu schreiben
gewohnt ist, Fromme Wünsche der Art fliegen nicht in den Mond; sie bleiben auf
der Erde und werden zu ihrer Zeit in Taten sichtbar. Es schweben nach Ariostos
schöner Dichtung immerdar einige Schwäne über dem Fluss der Vergessenheit; einige
würdige Namen erhaschen sie, ehe diese hineinsinken, und schwingen sich mit
ihnen zum Tempel des Andenkens empor. -
    Ich lege Ihnen einen Aufsatz bei, der mir namenlos zukam; teilen Sie ihn
unsern Freunden mit, Er ist nicht mit Comenischem Geist geschrieben; es lässt
sich aber manches darüber sagen.
              Haben wir noch das Publikum und Vaterland der Alten?
                                       I.
                     Haben wir noch das Publikum der Alten?
    Um eine vorgelegte Frage zu beantworten, muss man sie erst verstehen. Also:
    Was ist Publikum? Ein sehr unbestimmter Begriff, der, wenn man alle
Eigenheiten des einzelnen Gebrauchs und Missbrauchs seiner Benennung absondert,
ein allgemeines Urteil, wenigstens eine Mehrheit der Stimmen in dem Kreise, in
welchem man spricht, schreibet oder handelt, zu bezeichnen scheinet. Es gibt ein
reales* und ideales Publikum: jenes, das gegenwärtig um uns ist und uns seine
Stimme, wo nicht zukommen lässt, so doch zukommen lassen kann; das ideale
Publikum ist zuweilen so zerstreut, so verbreitet, dass kein Lüftchen uns, aus
der Entfernung oder aus der Nachwelt, den Laut seiner Gedanken zuführen mag. Bei
jeder Gattung des Publikums aber denket man sich ein verständiges, moralisches
Wesen, das an unsern Gedanken, an unserm Vortrage, an unsern Handlungen
teilnimmt, ihren Wert und Unwert zu schätzen vermag, das billiget oder
missbilliget, das wir also auch zu unterrichten, eines Bessern zu belehren, in
Ansehung seines Geschmacks zu bilden und fortzubilden uns unterfangen dürfen.
Wir muntern es auf, wir warnen; es ist uns Freund und Kind, aber auch Lehrer,
Zurechtweiser, Zeuge, Kläger und Richter. Belohnung hoffen wir von ihm nicht
anders als durch Beifall, in Empfindungen, Worten und Taten.
    Unter den Alten verstehet man in Ansehung der Kunst die Griechen, in
Ansehung der Literatur Griechen und Römer, in Ansehung alles dessen aber,
worüber das Publikum gefragt oder belehrt werden kann, jede Nation, die in
früheren Zeiten auf uns gewirkt hat, mit der wir uns hier oder dort in Ansehung
gefällter Urteile zu vergleichen, zu messen haben. Man sieht, dass in diesem
Gesichtspunkt sowohl die Hebräer als die sogenannten Barbaren des Mittelalters
von unsern Alten nicht ausgeschlossen sind; denn diese haben viele Meinungen
unsres Publikums und in manchem seinen ganzen Geschmack konstituieret.
    Wer sind nun die Wir, die sich mit diesen Alten vergleichen? Im ganzen
möchte man die jetzige Generation der Menschen darunter verstehen. Da diese doch
aber in einen Gesichtskreis oder gleichsam in einen grossen Saal beschränkt
werden muss, um Zuschauerin, Hörerin, Urteilerin, Richterin zu werden, so wird
dieser Kreis bald sehr weit, bald sehr enge genommen; ja vom weitesten Kreise,
den unsre Einbildung kaum fassen mag, wird oft behauptet, was nur dem engesten,
einem sehr auserlesenen Kreise gebühret. Aus Erfahrungen seiner Landes- und
Stadtwelt spricht man gemeiniglich für die Christenheit, für Europa, für Welt
und Nachwelt, an denen man sich immer eine mystische Person oder Versammlung,
eine aufgeklärte oder aufzuklärende Gemeinheit denket. Um allen aus dieser
Verwirrung entspringenden Missverständnissen zu entweichen, wird's also nötig
sein, jedesmal den Gesichtskreis zu bestimmen und in Absicht jeder Frage, die an
ein Publikum gelangt, Zeiten und Völker zu unterscheiden.
                           1. Vom Publikum der Ebräer
    Das ebräische Volk ward von seinem Ursprunge an als ein genetisches
Individuum, als ein Volk betrachtet. Der sterbende Stammvater sprach zu seinen
Söhnen für die ganze Reihe zukünftiger Zeiten; ja, ehe der Sohn des Stammes
geboren war, geschah schon dem ganzen zukünftigen Volk die Verheissung. Als es,
in vielen Tausenden um den Berg Sinai gelagert, dastand, sprach der Gesetzgeber
im Namen seines Gottes zu ihm als zu einer Person, die dieses Gottes Knecht und
gerettetes Kind sei; und da er vor seinem Lebensende dies Gesetz wiederholte,
liess er das Volk als einen Mann geloben. Er foderte von ihm Achtung und Liebe
des Gesetzes als von einem moralischen Wesen. So sprachen alle Propheten, denen
der Gesetzgeber ausdrücklich Raum zu dieser Stimme ans gesamte Volk als an ein
Eigentum Gottes* gelassen hatte. So klein der Kreis sein mochte, in dem mancher
Prophet sprach oder zu seiner Zeit schrieb, so gross wird er dieser seiner Idee
nach. Der Bote seines Gottes spricht zum Sohne Jakob, zum Knecht Israel für alle
Zeiten. Daher der hohe, weitschallende Ton des Patriotismus in den ebräischen
Psalmen und Propheten. Wo und in welcher Sprache sein Nachhall ertöne, er
ergreift das Herz; ein Publikum wird lebendig. Man findet sich in einer
Versammlung, in der einer für alle steht, alle für einen. Die Last der Gebote,
Segen und Fluch trägt das ganze Volk auf seinen Schultern. Danklieder tönen von
allen empor; auch über die kleinsten Begegnisse des Individuum werden sie
angenommen, weil dies Individuum zum ganzen Volk gehöret. So trägt in den
Bestrafungen der Propheten jeder Israelit die Schuld des andern; der Trost des
andern kommt auch ihm zustatten; gemeinschaftliche Wünsche, eine
gemeinschaftliche Aussicht erhebt das Herz des freudigen und des gedrängten
Volkes. Auch seitdem Israel unter alle Nationen zerstreut ward, ist dieser
Prophetenton eines Nationalpublikum nicht verhallet. Alle seine Gesänge und
Gebete sprechen noch zu Gott mit der Stimme eines verlornen Kindes, eines
gedemütigten Knechtes. Wenn ein Geist der Poesie, der Lehre, der Ermahnung in
diesem Volke wieder aufleben sollte, so kann er nicht anders als in solchem Ton
zum Volk singen und reden.
    Haben wir dies Publikum der Ebräer? Mich dünkt, jedes Volk habe es durch
seine Sprache. Diese ist ein göttliches Organ der Belehrung, Strafe und
Unterweisung für jeden, der für sie Sinn und Ohr hat. Das Band der Zunge und des
Ohrs knüpft ein Publikum; auf diesem Wege vernehmen wir Gedanken und Rat, wir
fassen Entschliessungen und teilen miteinander Belehrung, Leid und Freude. Wer in
derselben Sprache erzogen ward, wer sein Herz in sie schütten, seine Seele in
ihr ausdrücken lernte, der gehört zum Volk dieser Sprache. Ich vernehme noch
Otfrieds Stimme; die Kern- und Biedersprüche mancher alten Deutschen, die den
Charakter meines Volks in sich tragen, sprechen zu mir; Kaisersberg, Luter
predigt mir noch; und was auch von andern Nationen in meine Mundart meisterhaft
überging, ist die Stimme eines Publikums worden, zu dem auch ich gehöre. Meine
Stimme, so schwach sie sei, bewegt auch Wellen dieses äterischen Weltmeers. Von
den Millionen, die deutsch reden und lesen, werden auch mich einige verstehen
und hören, wären es nur soviel, als Persius sich anmasset, aut duo aut nemo; auch
diese zwei, lobend oder tadelnd, erregen ihre Wellen weiter. Im Publikum der
Sprache hat sogar der Niemand ein Ohr; er lernt von oder an mir und spricht
weiter Und dies Publikum breitet sich fort, solange die Sprache, selbst mit
Veränderungen, dauret, bis sie verständlich zu sein aufhöret. Kein Gesetz kann
diesen Fortgang verbieten, keine Macht ihn aufheben, bis die Sprache vertilgt
ist; und ehe diese vertilgt wird, dazu gehören allmächtige Kräfte der Zeiten.
    Nicht der Schriftsteller gehöret zu diesem Publikum allein, sondern auch der
mündliche Unterweiser, der Gesetzgeber, der Feldherr, der Redner und Ordner.
Mittelst der Sprache wird eine Nation erzogen und gebildet; mittelst der Sprache
wird sie ordnung-und ehrliebend, folgsam, gesittet, umgänglich, berühmt, fleissig
und mächtig. Wer die Sprache seiner Nation verachtet, entehrt ihr edelstes
Publikum; er wird ihres Geistes, ihres inneren und äusseren Ruhms, ihrer
Erfindungen, ihrer feineren Sittlichkeit und Betriebsamkeit gefährlichster
Mörder. Wer die Sprache eines Volks emporhebt und sie zum kräftigsten Ausdruck
jeder Empfindung, jedes klaren und edlen Gedankens ausarbeitet, der hilft das
weiteste und schönste Publikum ausbreiten oder in sich vereinigen und fester
gründen.
    Dass unser Deutschland durch seine Sprache sich dies Publikum in solchem
Umfange, mit solcher Festigkeit gegründet habe, wie es hätte geschehen mögen,
ist sehr zu zweifeln. Ganze Länder sind davon abgerissen; Provinzen und Kreise
verstehen einander kaum, nicht nur nicht in Reden, sondern oft selbst nicht in
Schriften. Was in manchen Gegenden für Witz gilt, wird in andern als niedriger
Scherz verachtet; das Ganze hat so wenig einen gemeinschaftlichen Schritt in der
Kultur gehalten, dass schwerlich eine Vorstellungsart zu finden wäre, die auf
alle Teile desselben als auf ein gemeinsames Publikum mit gleicher Macht wirkte.
Nicht aber nur Provinzen und Kreise, selbst Stände haben sich voneinander
gesondert, indem seit einem Jahrhunderte die sogenannten obern Stände eine
völlig fremde Sprache angenommen, eine fremde Erziehung und Lebensweise beliebt
haben. In dieser fremden Sprache sind seit einem Jahrhunderte unter den
genannten Ständen die Gesellschaftsgespräche geführt, Staatsunterhandlungen und
Liebeshändel getrieben, öffentliche und vertraute Briefe gewechselt worden, so
dass, wer einige Zeilen schreiben konnte, solche notwendig vormals italienisch,
nachher französisch schreiben musste. Mit wem man deutsch sprach, der war ein
Knecht, ein Diener. Dadurch also hat die deutsche Sprache nicht nur den
wichtigsten Teil ihres Publikums verloren, sondern die Stände selbst haben sich
dergestalt in ihrer Denkart entzweiet, dass ihnen gleichsam ein zutrauliches
gemeinschaftliches Organ ihrer innigsten Gefühle fehlet. Beide sind auf ihrem
getrennten Wege nicht so weit fortgeschritten, als sie in Wirkung und
Gegenwirkung aufeinander hätten kommen mögen, indem der eine Teil meistens an
Phrasen, an Worten ohne Gegenstand, leer von innerer Bildung, hangenbleiben
musste, dem andern hingegen bei aller Mühe des Fortstrebens ewig und immer eine
Mauer entgegengestellt war, an welcher leere Schälle zurückprallten. Ohne eine
gemeinschaftliche Landes- und Muttersprache, in der alle Stände als Sprossen
eines* Baumes erzogen werden, gibt es kein wahres Verständnis der Gemüter, keine
gemeinsame patriotische Bildung, keine innige Mit- und Zusammenempfindung, kein
vaterländisches Publikum mehr. Entweder bequemt man sich nach der fremden
Denkart des andern und buhlt ohne Dank und Kraft um dessen leere
Vorstellungsweise wie um einen nichtigen Schatten, oder man spricht und schreibt
nicht für ihn; er ist ein totes oder ein hinderndes oft feindlich wirkendes
Glied der Gemeine. Wenn die Stimme des Vaterlandes die Stimme Gottes ist, so
kann diese zu gemeinschaftlichen, allumfassenden und aufs tiefste greifenden
Zwecken nur in der Sprache des Vaterlandes* tönen; sie muss von Jugend auf, durch
alle Klassen der Nation, an Herz und Geist erklungen sein; so nur wird durch sie
ein Publikum, verständig und verstanden, hörend und hörbar. Jede fremde bleibt
eine entzweiende Samaritersprache.
                            2. Publikum der Griechen
    Dass dem also sei, wollen wir schöner an den Griechen lernen. Wahrscheinlich
war ihre Sprache anfangs so ungebildet als jede Volkssprache in rohen Zeiten; da
stieg Kalliope, da stiegen Götter vom Himmel hernieder. Merkur erfand die Lyra;
die Ziter begleitete Apollo mit herzerweckendem Gesange; mehreren Söhnen der
Muse folgte Baum und Fels, es horchten ihnen Ströme; kurz (ohne Fabel zu reden),
Poesie, mit Musik begleitet, erschuf und bildete sich ein griechisches Publikum
in einer feinern Sprache und einer feineren Gedankenweise. Die Fabelnamen
Orpheus, Linus, Musäus sind in Absicht der Wirkung, die sie hinterliessen, keine
Fabelnamen; die Form ihrer Götter- und Menschengestalten, die Melodie ihrer
Weisheitsprüche und Lehren, der rhytmische Gang ihrer Empfindungen und Bilder
ward dem Ohr, dem Gedächtnis der Hörenden eingepräget und ging von Munde zu
Munde, endlich auch in Schriften und Gebräuchen auf die spätere Nachwelt. Die
Gesänge, die Homer und andre Rhapsoden in kleineren Kreisen sangen, waren nicht
verhallet; sie kamen gesammlet nach Aten, sie erklangen am panatenäischen
Feste. Die Hymnen der Homeriden, Lieder und Chorgesänge der verschiedensten Art,
dichterische und musikalische Wettstreite zierten und kränzten jede
Volksversammlung, jedes öffentliche Spiel, jede feierliche Religions- und
Staatshandlung. So ward ein Publikum der Griechen für Poesie, bald auch für
Prose. Herodot las seine Geschichte dem versammleten Griechenlande, wie so viele
Dichter vor ihm ihre Gedichte grösseren oder kleineren Kreisen gesungen hatten;
denn selbst die Gastmahle der Griechen hatten eine Art fröhlicher Publizität und
waren nicht ohne Musen. Auf diesem Wege entstand das griechische Schauspiel, das
allen seinen Teilen nach ein Publikum voraussetzte und ein Publikum vergnügte.
Auf diesem Wege gelangte die griechische Kunst zu ihrer Höhe; die Muse, die dem
Künstler seine reinen, hohen Ideen eingab, hatte sich auch Gelegenheiten, Örter
und Plätze geheiligt, wo sie solche mit Würde zeigen und einem dazu gestimmten
Volk sichtbar machen konnte. Selbst in die Beratschlagungen und Zänkereien vor
Gericht ging Redekunst als ein Haupterfordernis über. Indem alles vorm Publikum
verhandelt wurde, so ward dies Publikum durch Rede gefesselt, durch Kunst der
Rede geführt und gelenket.
    Haben wir dies Publikum der Griechen? Nein, und in mehreren Stücken ist's
vielleicht gut, dass wir es nicht haben. Wo über Krieg und Frieden, über Leben
und Tod der Beklagten, über Verdienst und Belohnung die Kunst der Rede gebieten
darf, wie vielen Verleitungen ist und bleibt die Seele eines unerzogenen Volks
ausgesetzt, die mit ihrem ganzen Urteil im Ohre wohnet! Die Geschichte der
griechischen Republiken, insonderheit Atens, zeigt uns davon eine grosse Galerie
fürchterlich-schön gemalter Beispiele, bei deren Überblick mancher Nordländer
oft mit frohem Schauder sagen wird: »O der leichtsinnigen Griechen! Wohl uns!
diese Zeiten sind vorüber!« Ein Gleiches wird er vielleicht von den Religions-
und Staatsfeierlichkeiten, den öffentlichen Spielen, Tänzen, Übungen und
Wettkämpfen, vielleicht auch vom ganzen Teater in Aten sagen. Und allerdings
gehört alles dortin und in jene Zeiten.
    Aber warum hätten wir denn ein Teater, wenn wir kein Publikum fürs Teater
haben mögen? Warum hätten wir Kunst, wenn es nicht die griechische sein kann?
Warum unterfingen wir uns, Vergnügungen des Geschmacks zu haben, wenn es kein
Publikum des Geschmacks geben soll? Warum endlich spielen wir mit Musik,
Redekunst, Poesie und Sprache, wenn diese nicht zu Zwecken angewandt werden, zu
denen sie, allein und verbunden, eigentlich bestimmt und geschaffen sind? Ihrer
Natur nach erfordern sie ein Publikum; ohne solches sind sie tot und begraben.
    Ein Hymnus z.B. gehört seiner Natur nach für eine Versammlung. Der Dichter,
der diese nicht um sich erblickt, nimmt Himmel und Erde, Wälder und Felsen zu
seinen Zuhörern und Zeugen. Die Stimme eines lyrischen Dichters rufet ein
Publikum an und auf. Der Sänger, ja selbst der Geschichtschreiber grosser
Begebenheiten fodert einen Kreis von Männern, Weibern, Jünglingen und Kindern um
sich her, denen seine Begebenheiten in Ohr und Seele tönen. Sie öffnen ihm nicht
etwa nur eine Bühne, auf der er in ihrem Beifall seinen ganzen Ruhm ernte,
sondern ihre Gemüter selbst sind seine Arena, der Schauplatz, das Ziel, das Mass
seiner Wirkung. Die Szene, die der epische Dichter nicht also beschreibt, dass
sie den Augen des Zuhörers sichtbar wird, also dass auch in der Seele der
Handelnden mit gehaltenem Interesse alles vor seinen Augen vorgehet, ist keine
epische Szene; die Begebenheit, die der Geschichtschreiber im Zusammenhange
ihrer Folgen, womöglich auch ihrer Ursachen, nicht also gegenwärtig zu machen
weiss, dass dem Zuhörer sein eignes klares Urteil darüber reifet, ist eine
mangelhaft erzählte Geschichte. Der lyrische Dichter, der mit seiner Kunst in
der Seele des Hörenden nicht den Grad von Teilnehmung trifft, auf den seine
Kunst als auf den Punkt ihrer Vollkommenheit rechnet, hat auf ein Nichts
gearbeitet und verfehlt seine Wirkung Alle diese Produktionen also wollen ein
Publikum, aus welchem sie gleichsam hervor-, auf welches sie zurückgehen, aus
welchem sie die Regel ihrer Kunst nahmen.
    Wo sind nun in Deutschland die Odeen unsrer Geschichtschreiber, unsrer
lyrischen und epischen Dichter? Wo sind die Schulen, in denen man die edelsten
Gesänge den Jünglingen ans Herz legt und sie nebst den schönsten klassischen
Stellen der Alten nicht etwa bloss deklamiert, sondern in die Seelen schreibet?
Nur was selbst Gestalt hat, kann Gestalt geben; nur Flamme kann Flamme
verbreiten. Ein Atem aber kann auch aus Funken eine Flamme wecken und viele tote
Kohlen entzünden. An glühenden Funken hat es Deutschland nicht gefehlet; sie
sind aber nie zur Flamme angefacht worden. Der sogenannte Minnegesang war
Hofgeschmack; er ging vorüber. Die Zeiten der Reformation brachten flehende
Gefahr-, dankende Lobgesänge in den Mund vieler; sie gingen mit der Gefahr
vorüber. Der Dreissigjährige Krieg weckte Stimmen mancher Art für beide Parteien;
die Feldherrn der Ligue wurden ebensowohl als die Feldherrn und Retter der Union
gepriesen, und unter den letzten sind die Namen eines Ernst von Mansfeld,
Christian von Anhalt, Johann Ernst und Bernhards von Weimar, Gustav Adolfs,
Georgs von Baden der deutschen Muse nicht fremde geblieben. Leider aber ist
diese keine Tochter Mnemosynens, oder sie ist von ihr zwischen Schlaf und Wachen
erzeuget. Nach dem Westfälischen Frieden vergass man aller Gefahr und hat über
hundert Jahre, dann und wann unsanft aufgerüttelt, sanft geschlafen. Alle
weckende Stimmen, leise und lauter, sind vergebens gewesen; unsre Dichter waren
oder hiessen Versmacher, Reimschmiede; seit einem halben Jahrhundert las man
Voltaire und liess die deutsche Geschichte erröten und schweigen. Sie schweigt
noch und darf an eine Geschichte des deutschen Geschmacks, der deutschen Kultur,
der deutschen Festivitäten und Lustbarkeiten nicht ohne Beschämung denken.
    Auf dem Teater wird ein Publikum oder ein Teil desselben einem andern
Publikum zur Schau vorgestellt; offenbar war dies die Idee der Griechen, im
Trauerspiel mit dem Chor, im Lustspiel mit dem einzeln oder in Masse
personifizierten Volke. Teater und Zuschauer hingen also wie Bild und Abbild,
wie Seele und Körper zusammen; sie wirkten an- und gegeneinander; eins wurde
durch das andre gehoben und belebet. In Italien und Frankreich (England kenne
ich nicht) ist dies auf den besten Bühnen auch also; daher der Teatergeschmack
in diesen Ländern so lang umherirrte, bis er einen Punkt der Vereinigung mit
seinem Publikum fand und sich entweder durch musikalisches oder durch
dramatisches Spiel in eine Mitte des Gebens und Nehmens, des gegenseitigen
Genusses und Belehrens setzte. Ich zweifle, ob dies in Deutschland, wenige
Charaktere und Szenen ausgenommen, je der Fall gewesen. Dass man es wenigstens
auf die Vereinigung und gegenseitige Ausbildung des Geschmacks der Bühne und des
Publikums sehr spät und äusserst selten angeleget hat, ist aus der Geschichte des
deutschen Teaters klar. Ausser den alten Mysterien, Klosteragenden oder
Marionetten kam die Bühne als Hoffeierlichkeit nach Deutschland; das Volk ward
hinzugelassen, sich an diesen prächtig gekleideten Hof- und Staatsrevolutionen,
die hinter den Lichtern vorgingen, als Pöbel zu erbauen. An manchen Orten
Deutschlands hat die Bühne diese Hofteatergestalt und Verwaltung beibehalten
und stehet also ganz ausser dem Gebiete der Kunst, weil sie zum Hofetiquette
gehöret. In andern Provinzen ziehen Banden umher (wie man die Schauspieler mit
dem alten deutschen Heldennamen zuweilen noch jetzt nennet); sie gehen, wie es
die Deutschen von jeher gern taten, aus Bande in Bande und nehmen Dienste,
nachdem sie bezahlt und gedungen werden; wäre es nicht unvernünftig und grausam,
von ihnen ein Ideal der Kunst, ein korrespondierendes Publikum zu fordern?
Einzelne Dichter und Schauspieler haben sich, ich möchte sagen, über das
Mögliche hinaufgeschwungen; sie konnten aber keine neue Welt um und vor sich
schaffen; diese müssen aufführen, was jene geben, wie sie es mit andern
aufführen können und wie am Ende ihr Publikum gebietet. Da ich hier keine Kritik
des Teaters schreibe, so bemerke ich nur eins, dass bei uns, wie mich dünkt,
durchs Teater das Publikum gebildet werden müsse, nicht aber durchs Publikum
das Teater. Fürs Teater haben wir noch kein richtendes Publikum, eben weil die
teatralische Kunst im Sinne der Griechen die Kunst der Künste ist, von der
selbst nicht jeder Dichter, noch weniger jeder Liebhaber, am wenigsten endlich
der sich belustigende Pöbel Begriff hat. Schmeichelt man dessen Gaum und
belustiget sich an seinem Beifall, so ist man am Rande; man verdirbt und
verderbet. Welche Räume aber haben wir noch auszumessen, ehe nicht an ein
gebildetes Publikum, sondern nur an die Bildung dieses Publikum nach deutscher
Sitte und Lage zu gedenken ist! Und doch gibt es ausser einem mit Sinn und
Wohlgefallen belebten Schauspiel kein Schauspiel; es wird ein Haus voll Puppen,
oder wir sind in schlechter Gesellschaft.
    Soll eine Nation keine Einbildungskraft haben, so wolle man diese auch nicht
wecken; sie schlummere. Wecket man sie, so bilde man sie auch aus; man lasse nur
Stücke, die für sie sind, und diese auf eine Weise aufführen, dass man vom bösen
Geschmack des Publikums nicht abhange, sondern diesen Geschmack ausrotte oder
ihn zum Guten lenke. In Aten entstand das Teater zu Äschylus' Zeit aus dem
hohen Gefühl der Freiheit und des Sieges über den grossen König; dies Gefühl
stimmte die Seele zum Anblick andrer grossen Begebenheiten, die tragisch
vorgestellt wurden. In Frankreich und England ist das Teater (die
Modifikationen der Zeit abgerechnet) auf ähnliche Weise entstanden; denn wenn
man von grossen Begebenheiten seiner Zeit hört oder lieset, so will man diese
auch, durch Kunst bearbeitet und von ihr vorgestellt, sehen. Das Publikum der
Welt wird sodann von selbst ein Publikum des Teaters. Gleichergestalt fodert
die Komödie, die Charaktere und Sitten vorstellt, eine anschauende Kenntnis der
Nation, eine leichte Existenz, eine sich selbst bestimmende moralische Freiheit.
Der dürftige Knechtessinn ist eine mephitische Luft, in der jede Flamme erstickt
wird.
    
    Die Philosophie der Griechen hatte eigentlich kein Publikum wie die Künste;
ihrer Natur nach hatte sie dessen auch nicht nötig.
    Die ältesten Weisen der Griechen waren Gesetzgeber; und wohl dem Volk,
dessen Gesetzgeber Weise sind. Sokrates erschien in einer bedrängten Zeit: sein
Publikum waren Privatgesellschaften oder einzelne Personen; seine Metode war
auf die Entwickelung der Grundsätze des Wahren, Guten und Schönen in diesen
einzelnen Personen berechnet. Und dieses, dünkt mich, sei der Zweck der wahren
Philosophie: Selbstbildung. Der Lehrer kann und will dabei nur eine Hebamme
unsrer Gedanken, ein Mitelfer unsrer eignen, arbeitenden Kräfte werden.
Sokrates hatte seinen eignen Genius, der nachher nicht oft, aber doch hie und
da, z.B. in Montaigne, Addison, Franklin u.a., wieder erschienen ist und die
eigne Bearbeitung des menschlichen Geistes und Willens zum Zweck hatte. Von der
Stimme des Publikums hängt diese nicht ab; vielmehr wird sie oft durch solche
behindert, daher Sokrates mit den Sophisten, die das Publikum stimmten und
missstimmten, fast immer im Streit lag.
    Die Sokratische Philosophie gedieh zu mehreren Schulen; in diesen gab's
exoterische und esoterische Zuhörer - abermals ein Unterschied, den die Natur
der Sache billigt. Ein grosses, unausgesondertes Publikum, das Metaphysik spricht
und über Metaphysik entscheidet, ist ein Ungeheuer; und wenn man von einer
Nation sagen könnte, sie habe nie für etwas als für Metaphysik Entusiasmus
gezeiget, so sagte man dieser Nation nicht viel Gutes nach. Xenophon und Plato
behandeln die Philosophie sehr vernünftig; allentalben locken sie solche als
eine Blüte des menschlichen Geistes und menschlicher Geschäfte hervor. Der
Denker Aristoteles schrieb für kein anderes Publikum als für seine Schule, daher
die ganze Form seiner Schriften. Epikur und Zeno gingen mit veränderten
Grundsätzen auf gleichem Wege; jedem ihrer Schüler blieb es frei, die Metaphysik
ihrer Sekte an Stelle und Ort zu lassen, dagegen aber die wahre, die praktische
Philosophie für Leben und Publikum desto kräftiger anzuwenden. Dies ist der
wahre Sokratismus.
    Wenn eine philosophische Schule als solche aufs Publikum wirken wollte und
auch hie und da mächtig gewirkt hat, war's der Pytagoreismus; wir wissen aber,
wie es ihm erging. Und was damals in kleinen zubereiteten Kreisen nicht geschah,
wenn wird es erfolgen? Ein philosophisches Publikum ist ein höchstes Bild, zu
welchem man streben kann, das man aber ja nirgend ganz und realisiert zu
erblicken glaube. Wo also die Griechen standen, stehen wir in Ansehung des
Publikums mehr und minder mit der Philosophie noch jetzt; jeder, der es sein
kann und werden will, muss sich selbst zum Philosophen bilden. Der Lehrer hält
ihm die Wahrheit vor, damit er sich solche autonomisch zueigne; denn Weisheit
lässt sich sowenig als Tugend und Genie von andern lernen.
    Die Schulen der Philosophie indessen, bloss als Handleiterinnen betrachtet,
mit welcher erstaunlichen Macht können sie aufs Publikum wirken! Ein Lehrer der
Philosophie, wie er sein soll, hat ein Reich über menschliche Seelen, in welchem
er mächtiger als ein König gebietet. Er pflanzt Grundsätze, er gibt Ideen, er
stellt Ideale fest, die nachher auf tausend Gedanken und Handlungen seiner
Zuhörer, ja aller derer, auf welche sie wirken, erkannten und unerkannten
Einfluss haben. Unsägliche Wirkungen z.B. hat die stoische Philosophie, der
Epikureismus, Platonismus, Pytagoreismus in der Reihe der Dinge hervorgebracht
und wird sie hervorbringen, wenn auch unter neuen Namen, mit andern
Modifikationen und Formen. Solange es Vernunft und Willen im Menschen gibt,
solange wird es ein verborgenes, stilles Publikum für Philosophie geben; nur
erwarte man dieses nie sichtbar auf einem Markt oder in einer Schule.
    Fassen wir, was gesagt ist, zusammen (denn vom politischen Publikum der
Griechen wollen wir nicht reden), so ergibt sich, dass in Ansehung der Sprache,
der Kunst und des Geschmacks gegen die Griechen, wie wir sie jetzt nehmen, wir
eigentlich noch gar kein Publikum haben und gehabt haben. Mit Wohlgefallen haben
wir uns eine Kultur andichten lassen, von der ganze Stände und Provinzen
durchaus nichts wissen, und schlummern auf diesem erträumten Ruhme. Ich fürchte
und hoffe, dass uns die Zeit aus diesem Schlummer wecken werde. Unsere Nation
kennet sich schwerlich, bald ist es Religions-, bald politische Partei, bald die
unübersteigliche Grenze eines Standes und Ständchens, was die Stimme, ja sogar
nur den Gedanken an ein teilnehmendes Publikum, selbst in Sachen des Geschmacks
und der Bildung, geschweige des allgemeinen Interesse, teilt und aufhält.
Welche Werke der Wissenschaft, des Fleisses, der Verteidigung Deutschlands oder
irgendeines allgemeinen Nutzens sind zustande gekommen, zu denen der Beitritt
eines ansehnlichern und reicheren Publikums aus mehreren oder allen Provinzen
nötig war? Die reichern Stände sind dabei jederzeit am unteilnehmendsten
geblieben; und jene alten Einrichtungen, die eigentlich doch für Wissenschaften
und Kultur der Nation bestimmt sind, Domkapitel und Stifte, waren samt dem
ganzen Teile der Nation, der die französische Kultur liebte, für deutsche
Wissenschaften gewöhnlich ganz tot; daher wir denn, trotz alles Privatfleisses,
trotz mancher kühner Unternehmungen voll guten Zutrauens, das dafür büssen musste,
an Dingen dieser Art unsern Nachbarn, Briten und Franzosen, ja selbst Dänen und
Schweden, weit nachstehn. Die deutsche Literatur, eine rüstige Arbeiterin und
Dienerin des Wissens, erscheint in einem Bettlermantel von Makulatur; sie
richtete selten etwas mehr aus, als wohin - Privatfleiss, einzelnes Genie
reichet. Die unschätzbaren Sammlungen der Kunst, die in vorigen Jahrhunderten
ein vorübergegangner Hofgeschmack zusammengebracht hat, stehen oft unter harten
Gesetzen der Klausur als Heiligenbilder da, anschaubar, nicht immer brauchbar,
noch weniger weckend, am wenigsten begeisternd. Über den Wert unsrer besten
Produktionen haben sich die Stimmen unsres Publikums nach Jahren und
Jahrhunderten noch so wenig vereiniget, dass, wenn nicht Ausländer den Ton
angegeben und mit Gewalt festgesetzt hätten, selbst über Leibniz' Verdienst
Deutschland noch in der grössesten Unsicherheit wäre. Indessen geht der Weg der
stillen Bildung fort. Was uns nicht genommen werden konnte, ist deutsche
Sprache, deutscher Verstand und guter Wille; diese werden, wenn und sobald sie
es vermögen, einmal ein deutsches Publikum bilden. Die Vernunft geht auch ihres
Weges fort und ist in allen Zeiten und Erdräumen nur eine. Der Geschmack endlich
ist eine Nationalpflanze; wo sie nicht gepflegt wird oder des Bodens und Klima
wegen nicht anders als in schlechten Treibhäusern aufkommen kann, da geht sie
durch Unfreundlichkeit des Himmels unter. Have!
                             3. Publikum der Römer
    Von diesem werde ich nur wenig sagen dürfen. Was in ihm Kunst und Geschmack
war, stammte von den Griechen her, die meistens auch seine Mitelfer blieben.
Als Überwinderin sammlete Rom; sie erfand aber nichts Neues. Auch die Sprache
der Römer bildete sich nur durch die Griechen zu einer reinen und ewigen
Sprache.
    Das Publikum also, das für die klassische Denkart in Rom blühete, war ein
erbeutetes, künstliches Publikum; die Einrichtung der Stadt selbst war von einer
Art, dass vielleicht keine Reichsstadt sie sich auf dauernde Zeiten wünschen
möchte Weder das Volk noch der Senat verdienen, ausser der Rücksicht, dass sie
Herren der Welt werden wollten und waren, absolute Hochachtung; einen Populus
Romanus, der mit römischer Anmassung für seine Stimme Brot und zirzensische
Spiele begehret, wünschten wir uns auch nicht. Ebensowenig Klienten und
Kandidaten nach römischer Weise. Also das Forum und den Senat an seine Orte
gestellt, blieb denen Römern, die ein dauerndes Publikum suchten, nichts als was
auch wir haben, der Beifall und die Stimme der erlesensten edlen Römer. Diese
hörten ihren Vortrag oder kauften ihre Rolle; sie billigten und missbilligten,
wie es ihnen gutdünkte. Dass aber in den bessern Stellen ihrer Gedichte Lukrez
und Catull, Horaz und Virgil, Ovid, Tibull, Properz u. a. so klassisch
ausgearbeitet, vollendet und schön geschrieben, zeigt, dass sie sich feinere
Vorbilder, schärfere Leser und ein höheres Publikum dachten, als viele unsrer
Dichter und Schriftsteller zu denken gewohnt sind. Ihre eigne Bildung und die
Höhe, auf welcher Rom stand, trug dazu bei. Der Geschichtschreiber Roms schrieb
die Geschichte der Weltmonarchin; ihre Dichter sangen in der römischen Sprache;
in dieser stellten ihre Rechtsverständigen Urteile aus, als die Stimme ihrer
grossen Redner dahin war. - Mit dem allen können wir uns nicht gleichen. Wenn
aber unsre Sprache eine Schwester der griechischen ist, da die römische nur die
angenommene Tochter derselben war, so hätten wir, sobald wir uns zur römischen
Denkart erheben könnten, eine weitere Laufbahn vor uns als jene. Überwinder der
Welt wollen wir nicht werden; was aber in uns römischen oder (wenn dieser einst
grössere Name noch einen Wert hat) deutschen Charakter entält, warum sollten wir
das einer Sprache nicht geben können, die einst in viel roherem Zustande auch
eine Herrin der Welt war? Dichter und Geschichtschreiber, Rechtslehrer und
Gesetzgeber, warum wurdet ihr zu solcher Zeit nicht auch wie jene für ein
fortdauerndes Publikum Herren der Erde?
                          4. Publikum des Christentums
    Als der Urheber des Christentums seine Stimme erhob, verbreitete er mit
derselben ein Publikum über die Völker. Er kündigte ein ankommendes Reich an, zu
dem alle Nationen gehören und das nicht in äusserlichen Zerimonien, sondern in
Übungen des Geistes, in Vollkommenheiten des Gemüts, in Reinheit des Herzens, in
Beobachtung der strengsten Billigkeit und einer verzeihenden Liebe unter den
Menschen blühe. Dahin zielen seine Reden, dazu rüstete er andre aus, und das
Gebet, das er seine Schüler lehrte, ist darüber ein bittendes Bekenntnis. »Es
soll ein Reich zu uns kommen, in dem alles Ehrwürdige geehrt, jede heilige
Pflicht getan und der Wille Gottes auf Erden so willig und vollkommen vollbracht
werde, wie ihn die seligen Geister ausüben.« Seine Stimme, die Stimme seiner
Boten in Lehren und Schriften erklang; es entstand eine Gemeine, ein
christliches Publikum unter mehreren Nationen, das sich zu dieser Lehre, Pflicht
und Hoffnung bekannte.
    Haben wir noch dies Publikum? Allerdings; die kleinste christliche
Versammlung ist ein Symbol der einen allgemeinen Kirche, die unter hundert
Völkern der Erde lebet. Diese war und ist hie und da mit Missbräuchen bedeckt,
mit Missverständnissen umnebelt; der reine klare Sinn der Stiftung dieser
Geistesversammlung, ihr auf alle Zeiten und zum Gebäude der gesamten Menschheit
wirkender Zweck bleibt aber unverkennbar. Nicht in der Prachtgestalt eines
drückenden, stolzen Gesetzes, in der aufmunternden, sanften Gestalt einer
tröstenden Friedensbotschaft wirkt dies moralische Institut auch zu den
strengsten Pflichten. Wo zwei oder drei versammelt sind, lebt der Stifter dieser
Versammlung; im Inhalt seiner Lehre selbst liegt ihr Zweck, die Auferbauung
eines moralischen Gebäudes, bis zum Ende der Zeiten.
    Es ist traurig, wenn dieser Zweck, auf ein seiner Natur nach fortgehendes
ewiges Publikum zu wirken, hie und da verkannt wird, indem man entweder
Partikularmeinungen, sogar Spekulationen ins Christentum mischte, die dazu
durchaus nicht gehören, oder den toten Buchstaben totbuchstäblich behandelt.
Jedem Denkenden bleibe seine Privatmeinung über dies und jenes; jeder
spekulative Kopf schmücke sein Lehrgebäude mit seiner besten Spekulation aus;
nur die Christenheit, als Publikum betrachtet, bleibe damit verschonet. Die
Lehre und der Zweck des Stifters sei oder werde ein reiner Strom, der, was ihm
von National- und Partikularmeinungen wie ein trüber Bodensatz anhing, mehr und
mehr niederschlägt und absetzt. So taten es schon die ersten Boten des
Christentums mit ihren jüdischen Vorurteilen, je mehr sie in die Idee eines
christlichen Publikums, eines Evangeliums für alle Völker eintraten; und es kann
nicht fehlen, dass diese Läuterung des Christentums durch sanfte oder rauhe
Mittel nicht mit den Jahrhunderten fortgehen sollte. Es ist sehr lehrreich, die
Folge zu bemerken, mit der sich in der sogenannten Kirchengeschichte die harte
Hülse des Christentums gebildet, hie und da aufgelöset und jedesmal einen
reicheren Kern, einen feineren Samen der Fortpflanzung gewährt hat; so wird das
Werk, mit oder ohne Namen des Urhebers, fortgehen bis ans Ende der Zeiten.
Manche Formen sind zerbrochen, andre werden sich auflösen, nicht durch äussere
Gewalt, sondern durch den innern treibenden Keim selbst, den die Sonne ruft, dem
die ganze Natur ihre Stärke zuhauchet. Glücklich, wenn man in ein Publikum
tritt, an welches diese Stimme in reinem Klange tönet. Sie umfasst alle Stände,
dringt durch alle Gewölbe und trifft den wesentlichen Punkt der Menschheit. Über
augenblickliche, enge Verhältnisse, selbst über die Schranken der Fassungskraft
dieser einzelnen Versammlung hinweggerückt, ahnet man ein fortgehendes erlesenes
Publikum und atmet die Aura einer reinmoralischen Zukunft.
                           5. Publikum der Literatur
    Das Christentum hatte ein Band unter Völkern geknüpft, wie es durch die
Eroberungen Alexanders, der Römer und Hunnen nie geknüpft worden; seinem Zweck
nach ein friedenstiftendes* Band, so oft es auch zu Streit und Händeln
Gelegenheit gab oder gemissbraucht wurde. In den Händen der Vorsehung ward es
zugleich ein Band der Kultur, einer gemeinschaftlichen Kultur der Völker.
Wechselseitige Rechte und Pflichten kamen dadurch zwar nicht in bleibenden
Gebrauch, doch aber in ein anerkanntes Licht, in eine immer neu angefangene
Übung. Die Völker Europens wurden sich nicht nur bekannter, sondern auch durch
gegenseitige Bedürfnisse, bei gemeinsamen Zwecken und Bestrebungen einander
unentbehrlich; ihre Tendenz ward immer mehr und mehr auf einen Punkt gerichtet.
Erfindungen kamen hiezu, die bei diesen gemeinschaftlichen Bedürfnissen ein Volk
vom andern borgte, worin eins dem andern vorzueilen suchte; es entstand in ihrer
Vervollkommnung ein Wetteifer unter den Nationen. Nun konnten nicht so leicht
mehr Gedanken, Versuche, Entdeckungen, Übungen untergehen, wie in Zeiträumen der
einst voneinander getrennten Völker; das Samenkorn, das hier und jetzt keine
Wurzel fand, trug ein günstiger Zephyr auf einen mildern Boden, wo es vielleicht
unter neuem Namen gedeihete. Im Druck der Zeiten und des Klima schlossen sich
Zünfte zusammen, die mit gemeinsamer, oft etwas roher Hand dem Fleiss, der
Tätigkeit, allmählich auch der Erfindung und dem Geist der Menschen Schutz und
Dauer verschaften, die also, wiewohl sie durch Privatleidenschaften und
drückende Verhältnisse das Werk der Vorsehung oft zu hindern schienen, zuletzt
dasselbe doch fördern mussten Durch alles Reiben der Völker, der Gesellschaften,
Zünfte und Glieder untereinander erwuchs immer ein grösseres oder feineres
Publikum, das in Streit und Friede, in Liebe und Leid einander teilnahm. Auf
diesem Wege bekam die rohe Kunst, der vom Bedürfnis erpressete Fleiss der
Einwohner Europens nicht nur diesen ganzen Weltteil, sondern durch ihn auch alle
Weltteile zum gemeinschaftlichen Boden. Was für den Krieg und Handel, für die
Seefahrt und den Luxus erfunden und ausgeübt ward, verbreitete seine guten und
schädlichen Wirkungen auf alle Weltteile unsrer bewohnten Menschenerde; alle
Völker Europas greifen hiebei ineinander und halten unsern Erdball für das
Publikum, worauf sie zu wirken haben.
    Von frühen Zeiten her sind Schulen und Universitäten ein Mittel gewesen, für
Kenntnisse und Wissenschaften ein Publikum zu verbreiten; ja sie sind es noch.
Selbst die Scharfsinnigen in mehreren geistlichen Orden flüchteten sich hinter
ihre Schutzmauern und breiteten von da aus ihre Meinungen weit umher. Was man
nicht lehren durfte, darüber disputierte man nach akademischen Gesetzen und übte
die Denkkraft der Menschen. Wiclef und Luter Schützte die Universität, und auch
Huss hätte sie geschützt, wenn er sich nicht auf das treulose Wort eines Kaisers
verlassen hätte. Mehr noch aber als Schutz gab die Universität den Meinungen
ihrer Lehrer: auch Gewicht, Stärke, Ausbreitung. Tausende junger Leute aus
verschiedenen Ländern, in Jahren, da die Seele alles mit Liebe erfasst, da
Jünglinge den Lehrer nicht ohne Begeisterung ansehen, hörten ihre Stimme und
trugen ihr Wort jeder in sein Vaterland, zu seinem Geschäfte. Jahre nach Jahren
wechseln diese Zöglinge der Universitäten; als Scharen von Zugvögeln kommen sie,
rauben das Wort des Lehrers und fliegen damit in ihre Lande. Ein grosses
achtungswürdiges Publikum! das bildsamste, wirkungsreichste, dessen die
Menschheit in ihrem jetzigen Zustande fähig ist und welches noch lange, in immer
verbesserter Gestalt, dauern möge. Die Jahre des Jünglinges auf der Akademie
sind ihm zeitlebens die liebsten Jahre; was er da mit Lust zur Wissenschaft, im
ersten Feuer der Begeisterung, noch unbekannt mit Lasten und Hinderungen des
Lebens, oder mit jugendlichem Mut diese verachtend, als Beute des Wissens, als
Regel der Übung annahm, das bleibt ihm lang oder immer ein froh erworbener
Schatz, eine heilige Regel.
    Haben wir noch dies Publikum der Schulen und Universitäten? Wir haben's
noch, und es hat sich (was man auch sagen möge) nicht verschlimmert, sondern
verbessert. Seltner treten jetzt die rohen Heere erwachsener Streiter auf dieses
Feld des Wissens und Lernens; zartere Jünglinge sind es, in denen das Wort des
Lehrers auch zartere, deshalb aber nicht unkräftigere Wurzeln schlägt. Wenn sie
es nicht mit der Klinge behaupten, so hangen sie ihm desto gewissenhafter an;
der Lehrer sprach für sie selbst jugendlicher und weckte ihr eignes Nachdenken,
ihre mit ihm wirkende Kräfte. Einst lernte man und behauptete; er kultiviert und
bessert. Statt des ehemaligen Sekten- und Raufgeistes nehmen mehrere
Universitäten eine feinere Tendenz an, Gesellschaften der Wissenschaft,
pytagorische Schulen zu werden, in denen sich die erlesensten Jünglinge nicht
zum Wissen der Diktaten, sondern zur Wissenschaft, zur Übung und Kunst ihres
Lebens oder Geschäfts bilden. Ein schönes Publikum, wenn der Lehrer den Wert
seines Geschäfts fühlet. Glaube niemand, dass mit Wiclef, Huss, Luter diese grosse
Wirkung der Universitäten vorüber sei; die Reformation auf ihnen in jeder
Wissenschaft, Falkultät und Lehre ist noch nicht stillgestanden, ja, sie wird
und kann nicht stillstehen, solange Universitäten da sind. Mehrere Lehrer einer
Fakultät, mehrere Fakultäten, mehrere Universitäten gegeneinander sind
gemeiniglich in Wettstreit; dieser Wettstreit muss mit den Jahren nicht abnehmen,
sondern wachsen Je mehr die Handwerkshindernisse geschwächt werden (dies müssen
sie notwendig), je mehr das Werk der Akademien ein Werk des Geistes und einer
freien Übung wird, desto mehr entzündet sich der Wetteifer mit reinerer Flamme.
Universitäten sind Wacht- und Leuchttürme der Wissenschaft; sie spähen aus, was
in der Ferne und Fremde vorgeht, fördern es weiter und leuchten andern selbst
vor. Universitäten sind Sammlungs-und Vereinigungsplätze der Wissenschaft; aus
ihrer Zusammenstellung und gegenseitigen Befehdung oder Befreundung entspringen
dort und dann neue Resultate. Universitäten endlich sollten die letzten
Freistätten und eine Schutzwehr der Wissenschaften sein, wenn solche nirgend
eine Freistatt fänden. Was allentalben verkannt würde, was im Geschäft hie und
da seine Stimme wehrlos erhübe, sollte hier einer unparteiischen Aufmerksamkeit
und eines Beistandes geniessen, der von keinem Einfluss gestört würde. Irre ich
nicht, so ist dies mehrmals geschehen; die Ratschläge der Lehrer haben
Verfolgungen aufgehalten, die die Ratschläge der Staatsweisen nicht unterdrücken
mochten; und so sehe ich auch für die Zukunft Ratschläge der Lehrer auf
Universitäten hervorgehen, denen die Ratschläge blöder Weisen kaum bestehen
mögen. Bis also die Universitäten sich selbst unnot machen, unterstütze man
ihren Wert; ihr Publikum wird noch lange durch ein besseres nicht ersetzt
werden. Zunächst gilt dieses von den Universitäten Deutschlands; fast sind sie
die einzige Gattung deutscher Institute, die jedes Ausland mit Recht ehret.
    Ein noch grösseres Publikum hat uns die Buchdruckerei verschaffet; es ist
sehr gemischt und fast unübersehlich. Welche Mühe kostete es in ältern Zeiten,
Bücher zu haben, mehrere zu vergleichen und über einen Inbegriff von
Wissenschaft zu urteilen. Jetzt überschwemmen sie uns, eine Flut Bücher und
Schriften, aus allen für alle Nationen geschrieben. Ihre Blätter rauschen so
stark und leise um unser Ohr, dass manches zarte Gehör schon jugendlich übertäubt
wurde. In Büchern spricht alles zu allem; niemand weiss, zu wem. Oft wissen wir
auch nicht, wer spreche; denn die Anonymie ist die grosse Göttin des Marktes. Von
einem solchen Publikum wusste weder Rom noch Griechenland; Gutenberg und seine
Gehülfen haben es für die ganze Welt gestiftet.
    Was ist darüber zu sagen? Dies, dass es, ohngeachtet aller und der
schnödesten Missbräuche, ein grosses Geschenk, ein unwiderrufliches Privilegium
für die menschliche Gesellschaft und ein ungeheures Mittel der Vorsehung sei,
dessen Wirkungen und Folgen noch nicht vor unserm Auge liegen. Was geschehen
ist, können wir nicht zurücknehmen; die Buchdruckerei ist da, nicht nur als
Nahrungszweig für Handel und Arbeit, sondern als eine Tuba der Sprache, so weit
dies oder jenes Produkt reichet. Alle Monarchen der Welt, wenn sie mit vereinten
Kräften für jede Druckerstube träten, könnten die arme Familie dieses
Letternkastens, das Asyl und den Telegraf menschlicher Gedanken nicht zerstören.
Ja, wer wollte es zerstören, da es, nebst einigem Bösen, so unsäglich viel Gutes
gestiftet hat und seiner unschuldigen, aber kräftigen Natur nach notwendig noch
stiften wird. Der Redner übertäubt mich; der Schriftsteller spricht leise und
sanft; ich kann ihn bedächtig lesen. Der Redner blendet mich mit seiner Gestalt,
mit seinem Gefolg und Ansehn; der Schriftsteller spricht unsichtbar, und es ist
meine Schuld, wenn ich mich von seinem Wortprunk hintergehen oder mir von seinem
Geschwätz die Zeit rauben lasse; ich soll ihn prüfen, ich darf ihn wegwerfen.
Gegenseits ist auch freilich das Irrsal und die Verführung des Redners
vorübergehend und in einem Kreise beschlossen; das Gift und Irrsal des
Schriftstellers, seine Ehre und Schande dauret. Er selbst kann sie nicht als
etwa durch Besserung, durch Widerruf zurückrufen; und auch dadurch wird, was
geschehen ist, nicht ungeschehen. Wer weiss, ob dies Blatt des Widerrufs oder der
Widerlegung in die vorige Hand kommt oder ob es dem Irrtum gleich wirket? Das
Publikum der Schriftsteller ist also von eigner Art, unsichtbar und
allgegenwärtig, oft taub, oft stumm und nach Jahren, nach Jahrhunderten
vielleicht sehr laut und regsam. Verloren und doch unverloren, ja unverlierbar
ist, was man in seinen Schoss schüttet. Man kann nie mit ihm abrechnen; sein Buch
ist nie geschlossen, der Prozess vor und mit ihm wird nie beendet; es lernt immer
und kommt nie zum letzten Resultat.
    Man hat diesem Ewig-Unmündigen Vormünder setzen wollen, die Zensoren, aber,
wie die Erfahrung gezeigt hat, mit fruchtloser Mühe und meistens mit dem
widrigsten Erfolg. Der Unmündige kostet am liebsten, was man ihm versagte; er
suchet auf, was man ihm hinterhalten wollte; das Verbot eines Vortrages an dies
Publikum ist gerade das Mittel, selbst einem unnützen Wort Ansehen, Gewicht und
Aufmerksamkeit zu geben. Und welcher bescheidne Mann wird ein Vormund des
gesamten Menschenverstandes, des Publikums aller Zeiten und Länder zu sein
wagen? Lass jeden Weisen und Toren schreiben nach seiner Weise, wenn er in
zweifelhaften Fällen nur sich nennet und niemand persönlich beleidiget.
    Es sei mir erlaubt, mich hierüber zu erklären. Der weiseste Zensor, wenn er
auch die Stimme eines ganzen, ja des aufgeklärtesten Staates vorstellt, kann in
dem, was Lehre und Meinung betrifft, schwerlich die Stimme des* Publikums, der
sich ein Schriftsteller freiwillig unterwirft, auf- oder überwiegen wollen. Wenn
sein Urteil auch die Weisheit Salomos wäre, wenn es die Klugheit aller
vergangenen Jahrhunderte entielte und dem geprüften Verstande einer grossen
Zukunft voreilte, so fehlt ihm doch eins, die Legitimation hiezu; denn weder die
Vor- noch Nachwelt hat ihn darüber beurkundet. Der Schriftsteller wird also
gegen ihn immer die Einrede haben, dass er dem Urteil der Welt vorgreife, dass er
sich unbefugt eine Entscheidung anmasse, die nur dem Publikum im weitesten Sinne
des Worts gebühret; er wird von diesem Papst eines kleinen Staates an das
allgemeine Concilium appellieren, das allein, und zwar nur in immer fortgehenden
Stimmen, ein Richter des Wahren und Falschen sein könne. Wahrscheinlich werden
ihm viele Stimmen beitreten; und bei dem grössesten Recht wird der Zensor, der
Form nach und um der Folgen willen, unrecht behalten. Ich darf nicht
wiederholen, was man, wo es Wahrheit gilt, über Freiheit der Meinungen, die nur
widerlegt, nicht aber unterdrückt werden dürfen, so oft und viel gesagt hat.
    Wenn man also dem Publikum keine, auch nicht die tollesten Meinungen rauben
darf, indem der Staat, wo sie ihm falsch oder gefährlich scheinen, lieber ihre
offne Widerlegung veranlassen mag, damit zum Vorteil der Welt die Finsternis vom
Lichte besiegt werde, so darf bei dieser ungebundnen Freiheit, bei der Achtung,
die der Staat selbst dem Publikum erweiset, da er ihm nichts vorentält, was
irgendein Schriftsteller ihm darbringt, der Staat wohl auch fodern, dass jeder
Schriftsteller sich nenne, der dem Publikum etwas darzubringen gut findet. Und
zwar dies in allen Schriften, über jeden Gegenstand, Rezensionen fremder Bücher
nicht ausgenommen. Denn wie hätte ich ein Recht, Anonymie zu verlangen, wo ich
mich vors Publikum dränge und zu ihm meine Stimme erhebe? Einen freiwilligen
Lehrer der Welt und Nachwelt muss man kennen; er muss sich, wenn ihm Pflicht,
Recht und Wahrheit lieb ist, nicht verbergen. Ein Mann, der öffentlich spricht,
stehet für sein Wort; sonst nennet man ihn einen Feigen oder Lügner. Mit diesem
einzigen leichten, wie mich dünkt, nicht ungerechten Mittel, wie mancher
Keckheit, wie mancher Verleumdung würde vorgebeugt, die jetzt bloss hinter der
Anonymie Schutz sucht. Wie vorsichtiger, überdachter und gehöriger würde man zum
Publikum sprechen, wenn man wüsste, dass man nicht ohne eigne Ehre oder Schande zu
ihm sprechen könnte! Und verdient das Publikum, der ehrwürdigste Name, der
genannt werden kann, die Gesellschaft aller Guten und Edlen, nicht diese
Achtung? Jeder Schriftsteller würde veranlasst, in der würdigsten Gestalt vor ihm
zu erscheinen, seine Stimme vor diesem grossen Tribunal bescheiden hören zu
lassen, dagegen aber auch, was er weise behauptet, standhaft zu verteidigen, ein
ehrlicher Bekenner zu sein der von ihm dem Publikum gemeldeten Wahrheit. Jene
Winkelträgereien, aufgefangene Gerüchte, erstohlne Personalitäten verlören sich
von selbst; kein Ehrliebender wollte mit solcher Ware öffentlich am Markt stehn,
die schändlich ist und fürs Publikum nicht gehöret. In Griechenland und Rom
schämte sich kein Schriftsteller seiner Werke; auch unter uns darf sich kein
Stand einer Schrift, wenn sie gut ist, schämen; dem höchsten wie dem niedrigsten
Stande sollte Anonymie nicht erlaubt sein und überhaupt dieselbe für das, was
sie ist, für Hinterlist, Schimpf, niedriges Gewerbe und Feigheit gelten. Wer zum
Publikum spricht, spreche als ein Teil des Publikums, also öffentlich, mit
seinem Namen.
    Noch ein viel Mehrers wäre über das Verhältnis des Schriftstellers zum
Publikum zu reden. Jede Gattung der Skribenten schreibt für ihre Gattung Leser,
die sie ihr Publikum, ihre Welt nennen Aus fröhlichen oder traurigen
Erfahrungen, welche Schriften am meisten gelesen werden, kann man also auf den
Geschmack, auf das Mass der Bildung des* Publikums schliessen, dem diese Schriften
vor andern oder ausschliessend wohltun. Die mittelmässigen, die leichten, üppigen,
lüsternen finden natürlich die meisten Leser; viele gerühmte Schriftsteller
haben nur durch Zeugnisse anderer ihren Ruhm erlangt und stehn auf guten
Glauben, ungelesen, in den Biblioteken. Das Publikum hallet nur ihre Namen
wider. Deshalb aber wird kein guter Kopf, wenn er es nicht des Bauchs wegen tun
muss, sich unwürdig (wie man sagt) zum Publikum herabstimmen oder seinem
lüsternen, falschen Geschmack frönen. Der Schriftsteller soll das Publikum,
nicht dies den Schriftsteller bilden. Delila schnitt Simson das Haar ab und
übergab ihn kraftlos den Philistern; sie verspotteten ihn, und er musste vor
ihnen spielen.
    Nicht die Blätter des Baums, die Keime, Blüten und Früchte sind sein
edelstes Erzeugnis. Nicht das zahlreichste, sondern das verständigste Publikum
ist mit seinem Beifall die Ehre des Schriftstellers, sein Zweck und Lohn. Das
Urteil dieser vielleicht wenigen Leser dauert fort und wirkt weiter. Oft findet
ein Schriftsteller diese Leser nur nach seinem Tode; Minos und Aeacus sind's,
die unparteiisch über ihn richten. Dem Homer schaffte Lykurg und die
Pisistratiden ein grösseres, ein attisches Publikum, dem Milton Addison, Garrick
dem Shakespeare u.f. Nichts ist angenehmer, als einem verdienten Toten
Gerechtigkeit zu erweisen und über seinem Grabe die Stimme eines besseren,
dankbaren Publikums zu werden. So hat Rousseau nach seinem Tode die Ehre mit
Wucher genossen, die Voltaire bei seinen Lebzeiten sich zuzueignen wusste; und so
gibt's bei allen Nationen andre Autoren, die berühmt sind, andre, die es zu sein
verdienen.
    An Liebe und Achtung gegen seine besten Schriftsteller (wenige ausgenommen)
stehet Deutschland seinen kultivierten Nachbarn, Franzosen, Engländern,
Italienern, nicht vor, sondern nach; der grössere Teil des Publikums kennet sie
nicht und trägt wenigstens sie nicht eben in Herz und Seele.
    Haben wir also hierin (ich will nicht sagen, das Publikum der Alten, sondern
nur) das Publikum der Franzosen, Engländer, Italiener? Wer diese Länder kennet
und Deutschland kennet, antworte. An den Schriftstellern liegt es schwerlich;
sie taten, was sie konnten, manche vielleicht zuviel. An Charakter und an der
Verfassung der Nation liegt es, an der Unkultur und der Unkultivierbarkeit (wenn
mir zu Bezeichnis eines Barbarismus ein barbarisches Wort erlaubt ist), am
falschen Geschmack und der genetischen Roheit mancher Stände und Lebensarten.
Bei weitem ist unsre Sprache noch nicht so gebildet, jedem Vortrage, jeder Art
des Wissenswürdigen so zugebildet als die Sprachen unsrer Nachbarn; vielmehr
haben wir mit einer benachbarten Nation zu kämpfen, dass ihre Sprache die unsere
nicht ganz vertilge. Erwache also, du schlafender Gott, wenn du nicht etwa
dichtest oder über Feld gegangen bist; erwache, deutsches Publikum, und lass dir
dein Palladium nicht rauben. Aus dem trägen Schlummer, aus dem niedrigen Stolz,
der das Beste wegwerfend verachtet, aus der Anmassung, die dem Schlechtsten das
Privilegium des Besten erteilen zu können glaubt, aus der nie teilnehmenden
Kälte, aus der völligen Seelenentfremdung, glaube mir, wird nichts und kann
nichts werden. Die Zeit, da das alles galt, ist vorüber. Unsanft aus dem Schlafe
gerüttelt, erwache und zeige, dass du kein Barbar bist, damit man dir nicht als
einem Barbaren begegne. Deine Sprache, die Schwester der griechischen, die
Königin und Mutter vieler Völker, für ganz Europa hast du zu sichern,
auszubilden, zu bewahren.
    Sollten wir aber bloss in Reden und Schriften, in Lehren und Hören ein
Publikum haben? keins für unsre Handlungen? keins für unser ganzes Dasein? Kein
Publikum, das auf uns wirkte, worauf wir durch unser Beispiel, durch unser
Vorbild schweigend wirken? Zweifle daran niemand, ja auch daran niemand, dass
diese stille Wirkung in einem kleinen Kreise von mächtiger Wirkung sei. Sie ist
reell; in ihr ist nichts Schein und Schminke. Der Kreis, in dem du lebest und
dein Geschäft treibest, ist dein Publikum; sei dies klein oder gross, du prägst
in dasselbe das Bild deiner Existenz, deiner Denk- und Handlungsweise. Hiemit
wirkst du unvermerkt oder bemerket auf die Deinen, die nach deinem Muster oder
mit Einflüssen von dir fortwirken, auf deine Mitarbeiter, Untergebene oder
Vorgesetzte. Leise oder stürmisch verbreiten sich also Wellen und Wogen mit und
ohne deinen Namen auf deine Zeitgenossen und die Nachwelt fort. So haben zu
allen Zeiten die würdigsten Männer auf ihr Publikum gewirket; sie sprachen mit
der starken Stimme ihres tätigen Beispiels und dachten nicht daran, dass im
grösseren Publikum ihr Name genannt würde. Das schärfste und edelste Publikum
waren sie sich selbst, der Aufmunterer, Zeuge und Richter ihrer Handlungen, ein
Gesetz, das in ihnen lebte. Wohl uns, wenn wir uns dies Publikum sind; wir haben
sodann die laute, oft sehr unsichre und unreine Stimme der grösseren Welt nicht
nötig.
                                      II.
                    Haben wir noch das Vaterland der Alten?
    Griechen und Römern war das Wort Vaterland ein ehrwürdig-süsser Name. Wem
sind nicht Stellen aus ihren Dichtern und Rednern bekannt, in denen Söhne des
Vaterlandes ihm als einer Mutter kindliche Liebe und Dankbarkeit, Lobpreisungen,
Wünsche und Seufzer weihen? Der Entfernete sehnet sich darnach zurück,
hoffnungsvoll oder klagend schauet er zur Gegend desselben hin, empfängt die
Lüfte, die daher wehen, als Boten seiner Geliebten. Wiedergegeben dem
Vaterlande, umfängt er es und küsset seinen Boden mit Tränen. Der in der
Entfernung Sterbende vermacht ihm noch seine Asche; auch nur ein leeres Grabmal
des Andenkens wünschet er sich bei den Seinen. Fürs Vaterland zu leben hiess
ihnen der höchste Ruhm, fürs Vaterland zu sterben der süsseste Tod. Wer mit Rat
und Tat dem Vaterlande aufhalf, wer es rettete und mit Kränzen des Ruhms
schmückte, erwarb sich einen Sitz unter den Göttern; Himmels- und
Erdenunsterblichkeit war ihm gewiss. Dagegen wer das Vaterland beleidigte, es
durch seine Taten entehrte, wer es verriet oder bekriegte, in den Busen seiner
Mutter hatte der das Schwert gestossen, er war ein Vater-, ein Kinder-, ein
Freundes- und Brudermörder. »Cariorem decet esse patriam nobis quam nosmet
ipsos.« »Dulce et decorum est, pro patria mori« u. f. Haben auch wir dies
Vaterland der Alten? Und welches sind die geliebten Bande, die uns daran
fesseln?
    Der Boden des Landes, auf dem wir geboren sind, kann für sich allein dies
Zauberband schwerlich knüpfen; vielmehr wäre es die härteste aller Lasten, wenn
der Mensch, als Baum, als Pflanze, als Vieh betrachtet, eigen und ewig, mit
Seele, Leib und allen Kräften dem Boden zugehören müsste, auf welchem er die Welt
sah. Harte Gesetze gnug hat es über dergleichen Erbeigentümlichkeit,
Eigengehörigkeit u. f. gegeben und gibt es noch; der ganze Gang der Vernunft,
der Kultur, ja selbst der Industrie und der Nutzberechnung geht dahin, diese
geborne Sklaven eines Mutterleibes oder der Muttererde mit sanftern Banden an
ein Vaterland zu knüpfen und sie von der harten Scholle, die sie im Leben mit
ihrem Schweiss, im Tode mit ihrer Asche düngen sollen, allmählich zu entfesseln.
    Als noch Nomadenvölker in der Welt umherzogen, wüste Plätze zeitenlang
innehatten und in diesen ihre Väter begruben, da gab der Boden des Landes, den
diese Völker besassen oder besessen hatten, Anlass zum Namen eines Landes der
Väter. »An unsrer Väter Gräbern erwarten wir euch,« rief man den Feinden zu,
»auch ihre Asche wollen wir schützen und unser Land sichern.« So ist der heilige
Name entstanden, nicht als ob Menschen aus dem Boden entsprossen wären. Nur
Kinder können das Vaterland lieben, nicht erdgeborne Knechte oder wie Wild
gefangene Sklaven.
    Was uns im Vaterlande zuerst erquickt, ist nicht die Erde, auf die wir
sinken, sondern die Luft, die wir atmen, die väterlichen Hände, die uns
aufnehmen, die Mutterbrust, die uns säuget, die Sonne, die wir sehen, die
Geschwister, mit denen wir spielen, die freundlichen Gemüter, die uns wohltun.
Unser erstes Vaterland ist also das Vaterhaus, eine Vaterflur, Familie. In
dieser kleinen Gesellschaft leben die eigentlichen und ersten Freuden des
Vaterlandes, wie in einem Idyllenkreise; in Idyllen leibt und lebt das Land
unsrer ersten Jugend. Sei der Boden, sei das Klima, wie es wolle, die Seele
sehnt sich dahin zurück, und je weniger die kleine Gesellschaft, in der wir
erzogen wurden, ein Staat war, je weniger sich Stände und Menschenklassen darin
trennten, um so weniger Hindernisse findet die Einbildungskraft, sich in den
Schoss dieses Vaterlandes zurückzusehnen. Da hörten und lernten wir ja die ersten
Töne der Liebe; da schlossen wir zuerst den Bund der Freundschaft und empfanden
die Keime zarter Neigung in beiden Geschlechtern; wir sahen die Sonne, den Mond,
den Himmel, den Frühling mit seinen Bäumen, Blüten und damals uns so süsseren
Früchten. Der Weltlauf spielte vor uns; wir sahen die Jahreszeiten sich wälzen,
kämpften mit Gefahren, mit Leid und Freude - wir sommerten und winterten uns
gleichsam in die Welt ein. Diese Eindrücke, moralisch und physisch, bleiben der
Einbildungskraft eingegraben; die zarte Rinde des Baums empfing sie, und ohne
gewaltsame Vertilgung werden sie nur mit ihm sterben. Wer hat nicht die Seufzer
und Klagen gelesen, mit denen selbst Grönländer sich von ihrem Jugendlande
entfernten, mit denen sie aus der Kultur Europas durch alle Gefahren dahin
zurückstrebten? Wem tönen nicht noch die Seufzer der Afrikaner ins Ohr, die aus
ihrem Vaterlande geraubt wurden? In einfachen kleinen Gesellschaften lebten sie
da, in einem Idyllenlande der Jugend.
    Die Staaten oder vielmehr Städte der Griechen, denen der Name des
Vaterlandes so teuer und lieb war, schlossen sich unmittelbar an diese kleinen
Gesellschaften an; die Gesetzgebung begünstigte diese und leitete von ihnen
ursprünglich ihre ganze Energie her. Es war das Land der Väter, das man
beschützte, es waren Jugendgenossen, Geschwister und Freunde, nach denen man
sich sehnte; den Bund der Liebe, den Jünglinge schlossen, billigte und nützte
das Vaterland. Mit seinen Freunden wollte man begraben sein, mit ihnen geniessen,
leben und sterben. Und da die edlen Vorfahren dieser Stämme das Gemeinwesen, zu
dem sie gehörten, unter dem Schutz der Götter errichtet, mit ihrer Mühe und
Arbeit bezeichnet, mit ihrem Blute besiegelt hatten, so ward den Nachkommen der
Bund solcher Gesetze als ein moralisches Vaterland heilig; denn höher schätzten
die Griechen nichts als das Verdienst der bürgerlichen Einrichtung, dadurch sie
Griechen geworden und über alle Barbaren der Welt erhöhet waren. Die Götter
ihres* Landes waren die schönsten Götter; seine Helden, Gesetzgeber, Dichter und
Weise waren in Einrichtungen, Liedern, Denkmalen und Festen unsterblich; hiemit
prangten ihre öffentliche Plätze und Tempel; der Sieg der Griechen über die
Perser allein machte ihnen ihr Land, ihre Verfassung, ihre Kultur und Sprache
zur Krone des Weltalls. Im Äter solcher Ideen schwammen die Griechen, wenn sie
den Namen des Vaterlandes oft edel gebrauchten, oft auch missbrauchten. Mehrere
Städte teilten diesen Ruhm, jede auf ihre Weise. Und was Rom sich an seiner
Weltbeherrscherin, dem Sammelplatz alles Sieges und Ruhms, dachte, davon zeigt
die römische Geschichte.
    In die Zeiten Griechenlands oder Roms sich zurückwünschen wäre töricht;
diese Jugend der Welt sowie auch das eiserne Alter der Zeiten unter Roms
Herrschaft ist vorüber; schwerlich dürften wir, wenn auch ein Tausch möglich
wäre, in dem, was wir eigentlich begehren, bei dem Tausche gewinnen. Spartas
Vaterlandseifer drückte nicht nur die Heloten, sondern die Bürger selbst und mit
der Zeit andre Griechen. Aten fiel seinen Bürgern und Kolonien oft hart; es
wollte mit süssen Phantomen getäuscht sein. Die römische Vaterlandsliebe endlich
ward nicht für Italien allein, sondern für Rom selbst und die gesamte Römerwelt
verderblich. Wir wollen also aufsuchen, was wir am Vaterlande achten und lieben
müssen, damit wir es würdig und rein lieben.
    1. Ist's, dass einst Götter vom Himmel niederstiegen und unsern Vätern dies
Land anwiesen? Ist's, dass sie uns eine Religion gegeben und unsre Verfassung
selbst eingerichtet haben? Überkam durch einen Wettkampf Minerva diese Stadt?
Begeisterte Egeria unsern Numa mit Träumen? - Eitler Ruhm; denn wir sind nicht
unsre Väter. Sind auf Minervas heiligem Boden der grossen Göttin wir unwert,
reimen sich Numas Träume nicht mehr mit unsern Zeiten, so steige Egeria wieder
aus der Quelle, so lasse Minerva zu neuen Begeisterungen sich vom Himmel
hernieder.
    Ohne Bilder zu reden, es ist für ein Volk gut und rühmlich, grosse Vorfahren,
ein hohes Alter, berühmte Götter des Vaterlandes zu haben, solange diese es zu
edeln Taten aufwecken, zu würdigen Gesinnungen begeistern, solange die alte
Zucht und Lehre dem Volke gerecht ist. Wird sie von diesem selbst verspottet,
hat sie sich überlebet oder wird gemissbraucht: »Was hilft dir (ruft Horaz seinem
Vaterlande zu), stolzer pontischer Mast, was hilft dir deine vornehme Abkunft?
was helfen dir die gemalten Götter an deinen Wänden?« Ein müssig-besessener, von
unsern Vorfahren trägeererbter Ruhm macht uns bald eitel und unsrer Vorfahren
unwert. Wer sich einbildet, von Hause aus tapfer, edel, bieder zu sein, kann
leicht vergessen, sich als einen solchen zu zeigen. Er versäumt, nach einem
Kranze zu ringen, den er von seinen Urahnen an schon zu besitzen glaubt. In
solchem Wahn von Vaterlands-, Religions-, Geschlechts-, Ahnenstolze ging Judäa,
Griechenland, Rom, ja beinah jede alte mächtige oder heilige Staatsverfassung
unter. Nicht was das Vaterland einst war, sondern was es jetzt ist, können wir
an ihm achten und lieben.
    2. Dies also kann, ausser unsern Kindern, Verwandten und Freunden, nur seine
Einrichtung, die gute Verfassung sein, in welcher wir mit dem, was uns das
Liebste ist, gern und am liebsten leben mögen Physisch preisen wir die Lage
eines Orts, der bei einer gesunden Luft unserm Körper und Gemüt wohltut;
moralisch schätzen wir uns in einem Staat glücklich, in dem wir bei einer
gesetzmässigen Freiheit und Sicherheit vor uns selbst nicht erröten, unsre Mühe
nicht verschwenden, uns und die Unsrigen nicht verlassen sehen, sondern als
würdige, tätige Söhne des Vaterlandes jede unsrer Pflichten ausüben und solche
vom Blicke der Mutter belohnt sehen dürfen. Griechen und Römer hatten recht, dass
über das Verdienst, einen solchen Bund gestiftet zu haben oder ihn zu
befestigen, zu erneuen, zu läutern, zu erhalten, kein andres menschliches
Verdienst gehe. Für die gemeinschaftliche Sache nicht der Unsern allein, sondern
der Nachkommenschaft und des gesamten, ewigen Vaterlandes der Menschheit zu
denken, zu arbeiten und (grosses Los!) glücklich zu wirken: was ist hiegegen ein
einzelnes Leben, ein Tagewerk weniger Minuten und Stunden?
    Jeder, der auf dem Schiff in den flutenden Wellen des Meeres ist, fühlet
sich zum Beistande, zur Erhaltung und Rettung des Schiffs verbunden. Das Wort
Vaterland hat das Schiff am Ufer flottgemacht; er kann, er darf nicht mehr (es
sei denn, dass er sich hinausstürze und den wilden Wellen des Meers überlasse) im
Schiff, als wär er am Ufer, müssig dastehn und die Wellen zählen. Seine Pflicht
ruft ihn (denn alle seine Gefährten und Geliebten sind mit ihm im Schiffe), dass,
wenn ein Sturm sich empört, eine Gefahr droht, der Wind sich ändert oder ein
Schiff hinanschleudert, sein Fahrzeug zu übersegeln, seine Pflicht ruft ihn, dass
er helfe und rufe. Leise oder laut, nachdem sein Stand ist, dem Bootsknecht,
Steuermann oder dem Schiffer, seine Pflicht, die gesamte Wohlfahrt des Schiffes
ruft ihn. Er sichert sich nicht einzeln; er darf sich nicht in den Kahn einer
erlesenen Ufergesellschaft, der ihm hier nicht zu Gebot stehet, träumen; er legt
Hand an das Werk und wird, wo nicht des Schiffes Retter, so doch sein treuer
Fahrgenoss und Wächter.
    Woher kam es, dass manche einst hochverehrte Stände allmählich in Verachtung,
in Schmach versanken und noch versinken? Weil keiner derselben sich der gemeinen
Sache annahm, weil jeder als ein begünstigter Eigentums- oder Ehrenstand lebte;
sie schliefen im Ungewitter ruhig wie Jonas, und das Los traf sie wie Jonas. O
dass die Menschen bei sehenden Augen an keine Nemesis glauben! An jeder
verletzten oder vernachlässigten Pflicht hangt nicht eben eine willkürliche,
sondern die notwendige Strafe, die sich von Geschlecht zu Geschlecht häufet. Ist
die Sache des Vaterlandes heilig und ewig, so büsset sich seiner Natur nach jedes
Versäumnis derselben und häuft die Rache mit jedem verdorbneren Geschäft oder
Geschlechte. Nicht zu grübeln hast du über dein Vaterland, denn du warest nicht
sein Schöpfer; aber mitelfen musst du ihm, wo und wie du kannst, ermuntern,
retten, bessern, und wenn du die Gans des Capitoliums wärest.
    3. Sollte uns also nicht, eben im Sinne der Alten, die Stimme jedes Bürgers,
gesetzt, dass sie auch gedruckt erschiene, als eine Vaterlandsfreiheit, als ein
heiliges Scherbengericht gelten? Der Arme konnte vielleicht nichts tun als
schreiben, sonst hätte er wahrscheinlich etwas Besseres getan; wollet ihr dem
Seufzenden seinen Atem, der ins wüste Leere hinausgeht, rauben? Noch werter aber
sind dem Verständigen die Winke und Blicke derer, die weiter sehen. Sie muntern
auf, wenn alles schläft; sie seufzen vielleicht, wenn alles tanzet. Aber sie
seufzen nicht nur; in einfachern Gleichungen zeigen sie, vermöge einer
unzweifelhaften Kunst, höhere Resultate. Wollet ihr sie zum Schweigen bringen,
weil ihr bloss nach der gemeinen Aritmetik rechnet? Sie schweigen leicht und
rechnen weiter; das Vaterland aber zählte auf diese stille Rechner. Ein
Vorschritt, den sie glücklich angaben, ist mehr als zehntausend Zerimonien und
Lobsprüche wert.
    Sollte unser Vaterland dieser Rechenkunst nicht bedürfen? Sei Deutschland
tapfer und ehrlich; tapfer und ehrlich liess es sich einst nach Spanien und
Afrika, nach Gallien und England, nach Italien, Sizilien, Kreta, Griechenland,
Palästina führen; unsre tapfren und ehrlichen Vorfahren bluteten da und sind
begraben. Tapfer und ehrlich liessen die Deutschen innerhalb und ausserhalb ihrem
Vaterlande sich, wie die Geschichte zeigt, dingen gegeneinander; der Freund
stritt gegen den Freund, der Bruder gegen den Bruder; das Vaterland ward
zerrüttet und blieb verwaiset. Sollte also ausser der Tapfer- und Ehrlichkeit
unserm Vaterlande nicht noch etwas anders not sein? Licht, Aufklärung,
Gemeinsinn; edler Stolz, sich nicht von andern einrichten zu lassen, sondern
sich selbst einzurichten, wie andre Nationen es von jeher taten; Deutsche zu
sein auf eignem wohlbeschützten Grund und Boden.
    4. Der Ruhm eines Vaterlandes kann zu unsrer Zeit schwerlich mehr jener
wilde Eroberungsgeist sein, der die Geschichte Roms und der Barbaren, ja mancher
stolzen Monarchien wie ein böser Dämon durchstürmte. Was wäre es für eine
Mutter, die (eine zweite, ärgere Medea) ihre Kinder aufopferte, um fremde Kinder
als Sklaven zu erbeuten, die ihren eignen Kindern über kurz oder lang zur Last
werden? Unglücklich wäre das Kind des Vaterlandes, das, hingegeben oder
verkauft, ins Schwert laufen, verwüsten, morden müsste, um eine Eitelkeit zu
befriedigen, die niemanden Vorteil gebieret. Der Ruhm eines Vaterlandes kann zu
unsrer Zeit und für die noch schärfer richtende Nachwelt kein andrer sein, als
dass diese edle Mutter ihren Kindern Sicherheit, Tätigkeit, Anlass zu jeder
freien, wohltätigen Übung, kurz, die Erziehung verschaffe, die ihr selbst Schutz
und Nutz, Würde und Ruhm ist. Alle Völker Europas (andre Weltteile nicht
ausgeschlossen) sind jetzt im Wettstreit, nicht der körperlichen, sondern der
Geistes- und Kunstkräfte miteinander. Wenn eine oder zwei Nationen in weniger
Zeit Vorschritte tun, zu denen sonst Jahrhunderte gehörten, so können, so dürfen
andre Nationen sich nicht Jahrhunderte zurücksetzen wollen, ohne sich selbst
dadurch empfindlich zu schaden. Sie müssen mit jenen fort; in unsern Zeiten lässt
sich's nicht mehr Barbar sein; man wird als Barbar hintergangen, untertreten,
verachtet, misshandelt. Die Weltepochen bilden eine ziehende Kette, der zuletzt
kein einzelner Ring sich widersetzen mag, wenn er auch wollte.
    Vaterländische Kultur gehört hiezu und in dieser auch Kultur der Sprache.
Was ermunterte die Griechen zu ihren rühmlichen und schwersten Arbeiten? Die
Stimme der Pflicht und des Ruhmes. Wodurch dünkten sie sieh vorzüglicher als
alle Nationen der Erde? Durch ihre kultivierte Sprache und was mittelst
derselben unter ihnen gepflanzt war. Die imperatorische Sprache der Römer gebot
der Welt, eine Sprache des Gesetzes und der Taten. Wodurch hat eine nachbarliche
Nation seit mehr als einem Jahrhunderte so viel Einfluss auf alle Völker Europas
gewonnen? Nebst andern Ursachen vorzüglich auch durch ihre im höchsten Sinne des
Worts gebildete Nationalsprache. Jeder, der sich an ihren Schriften ergötzte,
trat damit in ihr Reich ein und nahm teil an ihnen. Sie bildeten und
missbildeten; sie befahlen, sie imponierten. Und die Sprache der Deutschen, die
unsre Vorfahren eine Stamm-, Kern- und Heldensprache nannten, sollte wie eine
Überwundene den Siegeswagen andrer ziehn und sich dabei noch in ihrem
beschwerlichen Reichs- und Hofstil brüsten? Wirf ihn weg, den drückenden
Schmuck, du wider deinen eigenen Willen eingezwängte Matrone, und sei, was du
sein kannst und ehemals warest, eine Sprache der Vernunft, der Kraft und
Wahrheit. Ihr Väter des Vaterlandes, ehret sie, ehret die Gaben, die sie,
unaufgefordert und unbelohnt und dennoch nicht unrühmlich, darbrachte. Soll jede
Kunst und Tätigkeit, durch welche mancher dem Vaterlande gern zu Hülfe kommen
möchte, sich erst wie jener verlorne Sohn ausserhalb Landes vermieten und die
Frucht seines Fleisses oder Geistes einer fremden Hand anvertrauen, damit ihr
solche von da aus zu empfangen die Ehre haben möget? Mich dünkt, ich sehe eine
Zeit kommen -
    Doch lasset uns nicht prophezeien, sondern hinter allem nur bemerken, dass
jedes Vaterland schon mit seinem süssen Namen eine moralische Tendenz habe. Von
Vätern stammet es her; es bringt uns mit dem Namen Vater die Erinnerung an
unsre Jugendzeiten und Jugendspiele in den Sinn; es weckt das Andenken an alle
Verdiente vor uns, an alle Würdige nach uns, denen wir Väter werden; es knüpft
das Menschengeschlecht in eine Kette fortgehender Glieder, die gegeneinander
Brüder, Schwestern, Verlobte, Freunde, Kinder, Eltern sind. Sollten wir uns
anders auf der Erde betrachten?
    Müsste ein Vaterland notwendig gegen ein andres, ja gegen jedes* andre
Vaterland aufstehn, das ja auch mit denselben Banden seine Glieder verknüpfet?
Hat die Erde nicht für uns alle Raum? Liegt ein Land nicht ruhig neben dem
andern? Kabinette mögen einander betrügen; politische Maschinen mögen
gegeneinander gerückt werden, bis eine die andre zersprengt. Nicht so rücken
Vaterländer gegeneinander, sie liegen ruhig nebeneinander und stehen sich als
Familien bei. Vaterländer gegen Vaterländer im Blutkampf ist der ärgste
Barbarismus der menschlichen Sprache.
                                      58.
    Leibniz' Weissagung ist eine alte, bewährte Wahrheit.46 Eine Gemeinheit ohne
Gemeingeist kranket und erstirbt; ein Vaterland ohne Einwohner, die es lieben,
wird zur Wüste, und ein Haus, am Meeresufer auf Sand gebauet, als ein Platzregen
fiel und ein Gewässer kam und weheten die Winde und stiessen an das Haus, da fiel
es und tät einen grossen Fall, sagt Christus.
    Dass diese Gebrechlichkeit zu Leibniz' Zeiten nicht angefangen, sondern sich
nur merklicher gemacht habe, bewährt die deutsche, ja, nach Verschiedenheit der
Völker, Verfassungen und Länder, alle Geschichte. Lesen Sie, was Schmidt vom
Zustande der deutschen Nation vorm Anfange des Dreissigjährigen Krieges sagt47
und mit Zeugnissen beleget; nach dem Westfälischen Frieden ward die Sache gewiss
nicht besser. In Sitten und Grundsätzen, politisch und moralisch, ging alles
mehr und mehr nicht zu einer grösseren Konsistenz, sondern zu einer Auflösung
hin, die auch von Moment zu Moment folgte. Dass aber durch dieses schleichende
Fieber eine neue Gesundheit, wenngleich auf Kosten leidender oder abgestorbener
Glieder, bereitet werde, dies ist ein des grossen Leibniz würdiger Gedanke. Das
menschliche Geschlecht ist ein Phönix; auch in seinen Gliedern, ganzen Nationen,
verjünget es sich und steht aus der Asche wieder auf.
    Sehr übel ist's, dass wir in der Geschichte die Meinungen und Grundsätze der
Völker, die dort und dann herrschten, so wenig bemerkt finden. Man sieht
Erfolge, oft späte Erfolge, und muss die vielleicht längst im Verborgenen
wirkende Triebfeder trüglich erraten. Noch seltner werden in ihr dergleichen
herrschende Meinungen und Grundsätze in ihrer Abstammung und Fortpflanzung
genealogisch verfolgt; man sieht sie hie und da wie Ströme aus der Erde brechen
und sich, indes ihr Lauf unter der Erde fortgeht, dem Auge verlieren. Am
seltensten sind Geschichtschreiber mit wirklich moralischem Blick über Vorfälle
und Personen. So oft man von einem ägyptischen Totengericht über vergangene
Zeiten spricht, so selten übt man es aus, weil vielen Beschreibern die
Biegsamkeit des Geistes, sich in vergangene Zeiten zu setzen, andern die Waage
des Urteils, der moralische Sinn, fehlet. Und fehlet dieser, oder ist er schief
und verdorben, so wird die Geschichte selbst verderblich Ihr Urheber sieht mit
falschem Blick, er wägt mit betrügerischen Gewichten.
    Beispiele davon anzuführen, erlassen Sie mir: über Juden, Griechen und
Römer, über Christen und Barbaren, über unsre und fremde Nationen sind
dergleichen in Menge vorhanden. Je täuschender geschrieben, desto verderblicher;
und oh, wer mag den unmoralischen und unmenschlichen Stumpfsinn nennen, mit dem
man Helden, Taten, Begebenheiten und Revolutionen unter Alten und Neuen so oft
knechtisch anstaunte, Lob und Tadel wie ein gedungener Elender austeilte und die
unschuldig Verfolgten zuweilen noch im Grabe verfolget. Eine Geschichte der
Meinungen, der praktischen Grundsätze der Völker, wie sie hie und da herrschten,
sich vererbten und im stillen die grössesten Folgen erzeugten, diese Geschichte
mit hellem, moralischen Sinn, in gewissenhafter Prüfung der Tatsachen und Zeugen
geschrieben, wäre eigentlich der Schlüssel zur Tatengeschichte. Wegelin, ein
denkender Geschichtforscher, hat diesen Gesichtspunkt oft im Blick; weil er aber
zu systematisch denket, so verlieret er sich auf der ungeheuren Bahn meistens in
dunkeln, zu allgemeinen Maximen.48
    Und doch hängt von diesem scharfgehaltenen Augpunkt aller Nutzen der
Geschichte ab; die Figuren des Gemäldes werden untreu, verworren und dunkel,
wenn man ihnen dies Licht raubet. Wieviel z.B. ist über Machiavells »Fürsten«
gesagt worden, und doch zweifle ich, ob mit ausgemachtem Resultate, indem einige
dies Buch für eine Satire, andre für ein verderbliches Lehrbuch, andre für ein
wankendes, schwachköpfiges Mittelding zwischen beiden halten. Und ein
Schwachkopf war wahrlich Machiavell nicht; er war ein Geschicht- und
Welterfahrner, dabei ein redlicher Mann, ein feiner Beobachter und ein warmer
Freund seines Vaterlandes. Dass er den Wert und die Form von mancherlei Staaten
gekannt habe, davon zeugen seine »Dekaden über den Livius,« und dass er kein
Verräter der Menschheit werden wollte, beweiset jede Zeile seiner andern
Schriften Sowie bis zum Alter hinan sein geführtes Leben. Woher nun das
Missverständnis dieser Schrift eines Schriftstellers, der so bestimmt, rein und
schön zu schreiben wusste? Woher, dass dies Missverständnis sich zwei Jahrhunderte
erhalten und den feinsten Köpfen mitgeteilt hat, so dass ihm selbst der grosse
Verfasser des »Anti-Machiavells« nicht entkommen mochte? Und doch ging das Buch
zweiundsiebenzig Jahre umher, gebilligt und gelesen; niemand fand darin Arges.
Machiavell hatte es einem Fürsten aus einem von ihm geliebten Hause, dem Neffen
eines Papstes, zugeschrieben, der ihn hochhielt, dem er damit gewiss keine
Schande machen wollte. Mich dünkt, das ganze Missverständnis rühre daher, dass man
den Punkt nicht bemerkt, auf welchem damals das Verhältnis der Politik und Moral
stand.
    Beide hatten sich sichtbar und völlig getrennet. Die Zeiten Alexanders VI.
und Cäsar Borgia waren zwar vorüber, aber auch Julius und Leo, Frankreich und
Spanien, Florenz und die kleinen Tyrannen von Italien, ja jenseit der Alpen
wollte niemand als Regent und Politiker Moralist sein. Man lachte die
Tramontaner aus, die ins Regierungswesen so enge Begriffe brachten; denn von
Erlangung oder Erhaltung der Macht und von den Mitteln dazu, insonderheit von
Verschmitzheit und Klugheit, sei, glaubte man, hier die Rede, nicht aber von
Güte und Weisheit. Die Religion, von der Moral ganz abgesondert, war selbst
Politik, deren Hauptgesetz überhaupt die Staatsräson (la ragione del stato),
deren Hauptmaxime es war: »die Dinge, jedes zu seiner Zeit, im Punkt seiner
Reife nutzen zu können« (conocer las cosas en sa piato, en sa sazon, y saber las
lograr). Eine solche Politik brachte Karl V. nach Deutschland; daher er auch die
Reformation nie anders anzusehen vermochte; eine solche übten Könige, Fürsten,
Staatsminister. In allen politischen Schriften war sie anerkannt; fast jede
Stadt Italiens war jahrhundertelang ihr Schauplatz gewesen und war es noch. Hier
schrieb Machiavell seinen »Principe,« ganz in den Begriffen seiner Zeit, ganz
nach Vorfällen, die damals jedermann in Andenken waren. Aus diesen hatte er eben
seine politischen Sätze abgezogen und belegte jeden derselben mit Beispielen
begangener Fehler. »Wenn dies euer Handwerk ist,« sagt er gleichsam, »so lernt
es recht, damit ihr nicht so unselige Pfuscher bleibet, als ich euch zeige, dass
ihr seid und waret. Ihr habt keinen Begriff als von Macht und Ansehn; wohl, so
braucht wenigstens die Klugheit, die euch zur sichern Macht und Italien endlich
einmal zur Ruhe leitet. Ich habe euch euer Werk nicht angewiesen; treibt ihr's
aber, so treibet es recht.« Dass dies die Haltung der Gedanken in Machiavells
ganzem Buche sei, wird jeder Unparteiische fühlen.
    Damit wird es nun weder Satire noch ein moralisches Lehrbuch, noch ein
Mittelding beider; es ist ein rein politisches Meisterwerk für italienische
Fürsten damaliger Zeit, in ihrem Geschmack, nach ihren Grundsätzen, zu dem
Zwecke geschrieben, den Machiavell im letzten Kapitel angibt, Italien von den
Barbaren (gewiss auch von den ungeschickten Lehrlingen der Fürstenkunst, den
unruhigen Plagegeistern Italiens) zu befreien. Dies tut er ohne Liebe und Hass,
ohne Anpreisung und Tadel. Wie er die ganze Geschichte als eine Erzählung von
Naturbegebenheiten der Menschheit ansah, so schildert er hier auch den Fürsten
als ein Geschöpf seiner Gattung, nach den Neigungen, Trieben und dem gesamten
Habitus, der ihm beiwohnet. Nicht anders hatte er in seinen »Dekaden« jede andre
Regierungsform beäuget; nicht anders hatte er seine sechs Bücher von der
»Kriegskunst,« seinen »Goldnen Esel,« den »Belphagor« aus der Hölle, der auf
Erden ein Weib nahm, seine »Clitia« und »Mandragola« geschrieben; er liess jedes
Ding in seiner Art sein, was es war oder sein wollte. Wären Sie hiemit noch
nicht befriedigt, so soll meinen redlichen Staatssekretär ein Heiliger
rechtfertigen, der das, was jener mit einer feinen Reissfeder entwirft, mit einem
Kirchenpinsel ausmalet. Also spricht der h. Tomas von Aquino; - Doch ich mag
meinen Text mit den barbarisch-kräftigen Worten des Kirchenvaters nicht
entweihen. Lesen Sie solche in Naudé, »Considérations politiques sur les coups
d'état,« gleich im ersten Kapitel. Ich wollte, dass diese kleine Schrift des
Naudé, die nach seiner Gewohnheit voll Gelehrsamkeit ist, übersetzt und mit dem
zu ihr gehörigen historischen Kommentar, den eine spätere Ausgabe schon besitzt,
begleitet erschiene. Ohne sarkastische Anmerkungen, mit dem ruhigen Blick, mit
welchem Machiavell den Livius oder Barbeirac die Moral der Kirchenväter ansah,
müssten auch Naudés »Betrachtungen über die Staatsstreiche« beäugt werden. Man
blickte damit in welchen dunkeln Abgrund der Zeiten!
                                      59.
    Nun änderten sich aber viele Dinge jenseit und diesseit der Alpen. Die
Reformation entstand; sie entlarvte den Unfug der kirchlichen Politik so
schrecklich, dass immer auch einige, obgleich wenige Strahlen auf die
Staatspolitik fallen mussten. Jesuiten entstanden, die ein feineres Gewebe zu
spinnen und die Kabinette schlauer zu regieren wussten. Karl IV. machte in
Italien Ordnung; es kristallisierten sich die kleineren Staaten, und nur den
grösseren, einer Katarina von Medicis, Heinrich VIII., Karl V., Philipp II.,
stand es frei, in der alten grossen machiavellischen Manier zu verfahren. Da
endlich stand ein Jesuit auf, klagte das Buch an, und es wurde verdammt, 72 Jahr
nach seiner Erscheinung. Machiavells System ward verdammt, weil es von den
Staaten zu grob, von den Jesuiten jetzt feiner ausgeübt ward: man wollte den
alten Meister nicht mehr anerkennen, der diese Grundsätze zu klar exponiert
hatte, und war überzeugt, der Jünger sei jetzt über den Meister. Nicht ohne;
diese Politik aber stürzte sowohl den Jünger als den Meister, und o wäre sie für
unser Menschengeschlecht endlich begraben! - Was ist ein Principe Machiavells
seiner Natur und Gattung nach? Der königliche Jüngling, der einen
»Anti-Machiavell« schrieb hätte einen Anti-Principe schreiben sollen, wie er ihn
auch nachher (ausser vielleicht in Fällen der dringenden Not oder der Konvention)
für Welt und Nachwelt rühmlich gezeigt hat. »Vivre et mourir en Roi,« war sein
grosses Wort der Pflicht und Ehre.
    Zu deinem Grabe wallfahrtete ich einst, mein Anti-Machiavell, Hugo Grotius.
Du schriebst kein »Recht des Krieges und Friedens,« denn du warest kein Prinz;
du schriebst »vom Rechte des Krieges und Friedens«. Und zwar sammletest du dazu
nur Kollektaneen, nicht aus Italien und deiner Zeit allein, sondern vorzüglich
aus den guten Alten, aus den Gesetzen der Vernunft und Billigkeit, aus der
Religion selbst, woraus denn allmählich ein Recht der Völker erwuchs, wie man in
den barbarischen Zeiten es nicht hatte erkennen mögen. Lass dich das Ungemach
nicht gereuen, heilige Seele, das du deiner guten Grundsätze und Bemühungen
wegen hier erduldetest. Religionen hast du nicht vereinigen können, wie du es
wolltest; aber Grundsätze der Menschen hast du vereiniget, und auch Völker
werden sich einst zu ihnen verbinden.
    Bei Gustav Adolf fand man, als er in einem Ausritt meuchelmörderisch
gefallen war, Grotius, Buch im Zelte auf seinem Tisch aufgeschlagen; die
edelsten Männer in Schweden, Frankreich, Holland, Deutschland liebten und
ehreten ihn; die ganze europäische Nachwelt ist seine Verbündete und Verbundne
worden. Was seitdem über Recht der Völker, über Natur-und Vernunftrecht
geschrieben worden, geht auf Grotius' Bahn.
    Nach so ungeheuren Fortschritten der Zeit konnte man freilich auch mit
Institution der Prinzen nicht auf Machiavells Wege bleiben. Er selbst wäre bei
veränderten Zeitumständen nicht darauf geblieben; und o hätten wir von
Machiavell das Bild eines Fürsten für unsre Tage! Ausser den Jesuiten, die eine
Politica de Dios noch lange trieben, standen andere Prinzenlehrer, la Motte le
Vayer, Nicole, Bossuet, Fénelon, auf; wie ihre Grundsätze befolgt sind, zeigt
die Geschichte. Nach den stürmischen Zeiten, in denen Languet, Milton, Hobbes
schrieben, gaben Algernon Sidnei, Locke, Shaftesbury, Leibniz mildere Grundsätze
an, bis in unsern Tagen Rousseaus »Contrat social« Wirkungen erregt hat, an die
sein Verfasser schwerlich dachte. Wie gern kehrt man aus dem Tumult dieser
Zeiten zu den friedlichen Geistern Grotius, Locke, Leibniz zurück!
    »Heil den Predigern der Menschenrechte,« sagt ein neuerer Lehrer des
Staatsrechts; »aber versäumen Sie ja nicht, vorher Menschenpflichten zu lehren.
Um jene in ihrem ganzen heiligen Umfange einzuführen, müssen wir erst eine
Majorität von Menschen haben, die fähig sind, diese in ihrem ganzen Umfange
auszuüben.« - - Ich lege Ihnen das kleine Buch bei,49 aus dem diese Stelle
genommen ist; Sie werden in ihm noch weit mehrere dieser Art finden. Sein
Verfasser verspricht uns noch drei Bändchen dieser Art; wir wollen ihn bei
seinem Wort halten.
                                      60.
    Auch Leibniz unter den Propheten?50 Was es mit den gewöhnlichen politischen
Prophezeiungen für eine Bewandtschaft habe, wusste der scharfsinnige Mann besser
als jemand. »Auf Ausrechnungen für die Zukunft,« sagt er in einem Briefe51,
»gebe ich nichts. Jene Prophezeiungen, die man in alten Büchern gefunden haben
will, sind von denen geschrieben, die die alten Kriege zwischen Frankreich und
England im Sinne hatten; die Erfahrung aber lehrt, dass alle, die sich an so
etwas gewagt haben, getäuscht wurden. Zuweilen können dergleichen Prophezeiungen
nützlich sein, dem Pöbel, wie man es nennt, durch einen frommen Betrug Mut zu
machen; bei Verständigen aber haben sie so wenigen Wert, dass sie vielmehr dem
Ansehen und dem guten Ruf des Propheten Nachteil bringen, indem sie keinen
gründlichen Beweis zulassen, ohne welchen doch ein redlicher Mann, der seine
Pflicht verstehet, nicht so leicht etwas behauptet. Gewisser möchte ich,« fährt
er fort, »das voraussagen, dass, wenn in Deutschland die Dinge nicht besser
gemacht werden, . . . einen längern Widerstand leisten werde, als wir uns
einbilden. Wir Deutschen brauchen unsre Kräfte nicht gnug. - Statt also uns mit
schmeichelnden Prophezeiungen einzuschläfern, ist guter Rat nötig, dass wir unsre
Nerven anspannen und mit Beiseitsetzung jeder Privatbehaglichkeit fürs gemeine
Beste sorgen.«
    An andern Orten indes spricht er von den Voraussagungen kluger Männer
anders. »In meiner Jugend,« sagt er52, »wollte ich eine Abhandlung davon
schreiben,« wobei er Seneca, Tacitus, Machiavell, Conring, Lotichius, Dach zum
Beispiel anführet. Wir tun ihm also nicht unrecht, wenn wir noch einige Blicke
seiner Übersicht über die Dinge um ihn auszeichnen. Er blickte weitin, er sah
scharf und ohne Galle, er war frohmütig und redlich.
    »Sooft ich,« sagt er53 zu seinem Freunde Ludolf, »den gefährlichen Zustand
der Dinge um uns her und dabei unsre Trägheit, unsre verkehrten Ratschläge
betrachte, sooft schäme ich mich unser vor den Augen der Nachwelt. Offenbar geht
es dahinaus, dass in Europa sich alles drüber und drunter kehre, und doch beträgt
man sich, als ob alles in höchster Sicherheit sei und als ob wir Gott selbst zum
Gewährsmann unsrer Ruhe hätten. Über Kleinigkeiten streitet man, ums Grosse
bekümmert sich niemand, so dass es Ekel und Überdruss macht, an die Geschichte der
gegenwärtigen Zeit nur zu denken. So gar sehr bestätigen wir Deutschen die
ungünstigen Urteile der Ausländer von uns durch unser Betragen.«
    »Im Felde der Wissenschaften stecken wir noch in den ersten Wegen. Ein
Schicksal verhindert uns, dass wir die Schätze der Natur nicht sorgfältiger
aufspähen und grössern Nutzen daraus ziehen. Ich bin der Meinung, dass die
Menschen fast unglaubliche Dinge zustande bringen könnten, wenn sie mehreren
Fleiss anwendeten. Um ihre Augen aber ist eine Binde gezogen, und man muss die
Zeit erwarten, da alles reif sei.«54
    »Wie die englische Sozietät Naturversuche zusammenträgt, so sollte eine
andre sein, die Regeln des Lebens, nützliche Bemerkungen und versteckte
Vorschläge, wie der Zustand der Menschen zu verbessern sei, zusammentrüge.«55
    »Aus den Schriftstellern sollte man ausziehen, nicht nur was irgend nur
einmal, sondern von wem es zuerst gesagt sei. Hier muss man von den ältesten
Zeiten anfangen, doch aber nicht alles erzählen, sondern was zum Unterricht des
menschlichen Geschlechts dienet, auswählen. Wenn die Welt noch tausend Jahre
steht und so viel Bücher wie heutzutage fortgeschrieben werden, so fürchte ich,
aus Biblioteken werden ganze Städte werden, deren viele dann durch mancherlei
Zufälle und schwere Zeitumstände ihr Ende finden werden. Daher wäre es nötig,
aus einzelnen, und zwar den Originalschriftstellern, die andre nicht
ausschrieben, Eklogen wie Photius zu machen und ihr Merkwürdiges mit den Worten
des Schriftstellers selbst zu sammeln. Was aber merkwürdig sei, kann, bei der
grossen Verschiedenheit der Köpfe und der Wissenschaften, freilich nicht jeder
beurteilen.«
    »Ich glaube, dass es bei euch viele geschickte Männer gibt.56 Indessen mache
ich einen grossen Unterschied zwischen gründlichen Kenntnissen, die den Schatz
des menschlichen Geschlechts vermehren, und zwischen der Notiz von Tatsachen,
die man gemeiniglich Gelehrsamkeit nennet. Ich verachte diese Gelehrsamkeit
nicht, deren Wert und Nutzen ich einsehe; dennoch aber wünschte ich, dass man
sich mehr an das Gründliche hielte; denn es gibt allentalben zu wenig Personen,
die sich mit dem Wichtigsten beschäftigen. Nichts ist so schön und so
befriedigend, als eine wahre Kenntnis vom System der Natur zu haben. Würden
viele dies Studium liebgewinnen, so würde man weit gelangen, nicht nur in
Rücksicht auf Bequemlichkeiten des Lebens und der Gesundheit, sondern in
Rücksicht auf Weisheit, Tugend und Glück, statt dessen, dass man sich jetzt mit
Kleinigkeiten abgibt, die uns ergötzen, aber nicht vervollkommnen und veredeln.
Unter Vollkommenheiten rechne ich nichts, als was uns auch nach diesem Leben
bleiben kann; die Kenntnis von factis ist wie die Kenntnis der Strassen in
London. Sie ist gut, solange man dort ist.«
    »Das göttliche Naturlicht in uns zu vermehren, hat man dreierlei zu tun
nötig.57 Zuerst sammle man eine Kenntnis der vortrefflichen Erfindungen, die
schon gemacht sind; sodann erforsche man, was noch zu entdecken ist; endlich
bringe man beides, das Erfundne und noch zu Erfindende in Lobgesänge an den
Urheber der Natur, zu Erweckung der Liebe zu ihm und zu den Menschen. Wären die
Sterblichen so glücklich, dass ein grosser Monarch diese drei Dinge einmal für
sein Werk ansähe, in zehn Jahren würde zur Ehre Gottes und zum Wohl des
Menschengeschlechts mehr bewirkt werden, als wir sonst in vielen Jahrhunderten
ausrichten möchten.«
    »Ich hatte im Sinn, mancherlei Gedanken, die das Wohl des Kaisers und des
Reichs betreffen, unter dem Name Deutsche Ratschläge ans Licht zu stellen; es
ist aber verdriesslich, Worte in den Wind zu verhauchen und nach Art der
Deklamatoren, die in Schulen über die beste Form der Republik zu Aten oder
Kartago reden, Dinge vorzutragen, die niemand anwendet. Die besten Gedanken
werden verächtlich, wenn man sie öffentlich hinstellt; unsre Feinde werden
dadurch mehr gewarnt als gebändigt. Indessen besitze ich manches Überdachte, das
auch grossen Männern wichtig geschienen hat und in unsern Zeiten dem Ganzen sehr
nützlich sein könnte. Vor allem bin ich mir der Treue bewusst und der Liebe zum
allgemeinen Besten.«58
    Gewiss verzeihen Sie mir, dass ich von Leibniz, Weissagungen so bald auf seine
Vorschläge übergegangen bin; eines klugen Mannes Weissagungen sind Vorschläge
des Bessern. Nicht auf Visionen, sondern auf Erfahrungen und auf jene dauerhafte
Vernunftprinzipien sind sie gebauet, die auch in die fernste Zukunft reichen. Da
glücklicherweise die Akademie der Wissenschaften, deren ruhmwürdiger Stifter
Leibniz war, in manchem schon zum ersten Plan desselben zurückgekehrt ist, so
wäre es vielleicht gut, dass sie in allem dahin zurückkehrte und aus Leibniz,
Schriften und Briefen sämtliche Vorschläge sammlen liesse, die er zur Erweiterung
der Wissenschaften und zum Wohl des menschlichen Geschlechts seinen Freunden
oder der Welt offenbarte. Ungeheuer vieles ist seitdem noch nicht geschehen, was
er zu tun sich vornahm oder von aussen ausgeführt wünschte; er ist uns in diesem
allen der nähere Baco, der mit genauerer Kenntnis der Sache, als der Engländer
besass, die Lücken der Wissenschaften, die Mängel unsrer Erkenntnisse und
Bemühungen ansah und seine Entwürfe, mit Gründen unterstützt, zuweilen sehr
vollständig detailliert hat. Jungen Männern würde ich daher seine Briefe und
Schriften nicht nur als eine reiche Fundgrube von Gedanken, sondern auch als ein
Direktorium ihrer Bemühungen anpreisen, wohin sie streben sollen, was
allentalben für die Menschheit noch zu tun sei. Glücklich ist, wer einen
solchen Wegweiser frühe gebrauchet.
                                      61.
    Oft habe ich zu unsern Zeiten gedacht: Wenn Leibniz lebte! Er lebt indessen
in seinen Schriften, und wir können aus seinen muntern Urteilen, die sich auf
alles Merkwürdige seiner Zeit erstreckten, auch für jetzt viel Nutzen ziehen.
    Sie wissen, mit welchem Eifer Leibniz sich um die Vereinigung der Religion
bewarb und verwandte. Für die damalige Zeit blieb seine Mühe fruchtlos; indessen
selbst das Fruchtlose seiner Vorschläge, die allentalben voll Verstandes waren,
ist für uns lehrreich. Ein damaliger Regent wollte die Sache kürzer angreifen
und eine Vereinigung der Sekten, nicht in Lehren, sondern in Gebräuchen, nicht
mit gutem Willen beider Teile, sondern durch Befehle, durch Zwang bewirken. Ein
untüchtiger Ratgeber schrieb zu Beschönigung dieser Mittel ein Arcanum Regium in
pietistischer Form. Lesen Sie, wie sich die grossen Friedensbeförderer Leibniz
und Molanus darüber erklären;59 das Gutachten endigt also: »Der neuen Regel, dass
ein evangelischer Fürst Papst in seinem Gebiet sei, muss man nicht missbrauchen.
Bei den verständigen Katolischen selbst ist ein allgemeines Concilium der
Kirche, wo nicht über, doch nicht unter dem Papste.«
    Hören Sie, was Leibniz von Spielen urteilt: »Ich wünschte, dass jemand alle
Arten von Spiel matematisch behandelte und sowohl die Gründe ihrer Regeln und
Gesetze als ihre vornehmsten Kunststücke angäbe. Unsäglich viel zur
Erfindungskunst Brauchbares liegt in den Spielen. Und dieses daher, weil die
Menschen im Scherz sinnreicher als im Ernst zu sein pflegen; denn überhaupt geht
uns besser von der Hand, was wir mit Lust verrichten.60
    Es könnte ein Spiel ausgedacht werden, das man das Spiel der Vorsorge oder
der Zufälle nennen könnte: wenn das geschiehet, was könnte sich zutragen? Weil
diese Zufälle zum Teil allgemein und auf vieles anzuwenden sind, müsste ein
Gesetz sein, solche bei einer neuen Frage nicht wieder zu gebrauchen, oder man
könnte die allgemeinen Zufälle gar ausschliessen - und das Gesetz machen, dass man
nur Zufälle anführe, die vermieden werden können, ohne dass die Handlung selbst
unterbleibe. Den möglichen Zufall könnte der eine, das Mittel dagegen sein
Nachbar sagen u. f.
    Man hatte vormals ein Fragspiel, Wozu ist das Stroh gut? Man könnte es das
Spiel der Effekte oder cui bono nennen. So könnte ein Spiel der Ursachen oder
Mittel eingeführt werden, z.B. womit kann dies oder das getan werden? Solche
Spiele schärfen den Verstand und führen zu Ernstaft-Gutem, da andre Possen nur
zu Ernstaft-Bösem führen.
    Man hat ein Gedächtnisspiel, da man sich übt, etwas Auswendiggelerntes,
schwer Auszusprechendes mit wachsender Rede herzusagen; dergleichen Spiele
könnten noch mehr erfunden werden, nicht zu Vermehrung der Seelenkräfte allein,
sondern auch zu Übung der Tugenden. In manchen Spielen ist Bescheidenheit,
Mässigung nötig, wie im Königsspiel u. f. Ich wollte, dass Comenius daran gedacht
hätte, da er sein Buch Die Schule ein Spiel herausgab.«62
    Bei unsern fürchterlich-grossen Zeit- und Menschenspielen sind Ihnen diese
Leibnizische Gedanken nicht bisweilen eingefallen: Wenn das geschieht, was
könnte sich zutragen? Wie kann es vermieden werden, und wenn es sich zuträgt,
was hilft dagegen? Ferner: Wozu ist das Stroh gut? cui bono: dies oder jenes?
Das ganze Leben der Menschen ist ein Spiel; wohl dem, der es froh und mit
Verstande spielet.
    Von Spielen zur Philosophie. Die Urteile, die Leibniz nicht nur über die
Alten, sondern auch über die Scholastiker und die Reformatoren der Philosophie,
über Jordanus Brunus, Campanella, Baco, Hobbes, über Grotius, Locke, Cartes,
Pufendorf, Shaftesbury u. f. fället, sind, obwohl immer in seinem eignen
Gesichtskreise, mit einer Unparteilichkeit, einer Milde und so allgemeinen
Teilnehmung entworfen, dass ich dieses grossen Gemüts wegen Leibniz gern zum
Schutzgeist der gesamten Philosophie wünschte. Von hundert merkwürdigen
Äusserungen hierüber hören Sie eine über Cartes:63
    »Ich wünschte, dass treffliche Männer die leere Hoffnung, Oberherren im Reich
der Philosophie sein zu können (arripiendae tyrannidis in imperio philosophico),
aufgäben und den Ehrgeiz, eine Sekte stiften zu wollen, fahrenliessen; denn eben
hieraus entspringen jene ungeschickte Parteilichkeiten, jene leere und eitle
Bücherkriege, die der Wissenschaft und dem Gebrauch der kostbaren Zeit so sehr
schaden. In der Geometrie kennt man keine Euklidianer, Archimedianer,
Apollinianer; alle sind von einer Sekte, der Wahrheit zu folgen, woher sie sich
anbieten möge. Auch wird niemand geboren werden, der sich das ganze Patrimonium
der Gelehrsamkeit zueigne, der das ganze Menschengeschlecht an Geist übertreffe
und alle Sterne um sich her auslösche wie die äterische Sonne. Wir wollen den
Descartes loben, ja gar bewundern; deshalb aber wollen wir andre nicht
vernachlässigen, bei denen sich viele und grosse Dinge finden, die jener nicht
bemerkt hat. -
    Nichts stehet dem Fortkommen der Wissenschaft so sehr entgegen als jener
Knechtsdienst, in der Philosophie eines andern Gedanken zu paraphrasieren; und
eben diese Paraphrasierkunst halte ich für die Ursache, warum von den
Bloss-Cartesianern ebensowenig Neues und Ausnehmendes geleistet werde, als von
den Aristotelikern geleistet worden, nicht aus Mangel des Genies, sondern des
Sektengeists, der Parteisucht halben. Wie nämlich unsre Einbildungskraft, wenn
ihr eine Melodie allein vorschwebt, schwerlich und mit Mühe zu einer andern
übergeht, wie der, der unablässig einer geschlagenen Strasse folgt, keine neuen
Wege entdecken wird, so sind auch die, die einem Autor sich einverleiben,
leibhafte Knechte dieses Autors, die er durch Gewohnheit in Dienst und Besitz
hat; zu etwas Neuem und Verschiednem können sie ihr Gemüt nicht erheben. Und
doch ist bekannt, dass den Wissenschaften nichts so sehr fortgeholfen hat als die
Verschiedenheit der Wege, auf denen man die Wahrheit gesucht hat.«
    Nichts verehre ich an Leibniz mehr als diese grosse, unparteiische
Jugendseele, die bis ans Ende seiner Tage alles mit Freuden aufnahm, was irgend
der Wissenschaft diente. Keine Form wies er verächtlich ab; in allem suchte er
das Beste. Von ausschliessenden Leibnizianern hatte er so wenig Begriff, dass
vielmehr seine Schriften und Briefe darauf arbeiten, in Zukunft alle Sekten zu
vernichten, aus Alten und Neuen die Wahrheit zu lernen und auch einer sonst
schlechten Schrift den Beitrag nicht abzuleugnen, den sie dem Gemeingute der
Menschheit liefert. Ich wünschte, dass seine Gedanken, seine Urteile über die
verschiedensten Schriftsteller in ihrer ganzen grossen Unparteilichkeit für
Jünglinge ausgehoben und als Leibniz' Geist, als die einzige, immer frische und
neuströmende Quelle der Wissenschaft dargestellt würde. Vor einigen Jahren
erschien, wie mich dünkt, eine Schrift, die der »Geist des Herrn von Leibniz«
hiess; wahrscheinlich aber ist's nicht der rechte Geist gewesen, denn er ist ohne
Wirkung bald verschwunden. Doch was sage ich Wirkung? Hat Leibniz auf die
deutsche Nation gewirkt? Sogar seine Schriften sind von uns noch nicht
gesammlet; und nachdem ein Ausländer sie für uns zu sammlen die Mühe nahm, haben
wir sie noch nicht einmal ergänzet.
                                      62.
    Wollen Sie sich Überzeugen, dass Leibniz auch bei seinen Lebenszeiten in
Deutschland eine ziemlich fremde Pflanze gewesen, so lesen Sie das Leben, das
sein nächster Bekannter, Eckardt, von ihm geschrieben; seine Bekanntmachung
haben wir dem gelehrten Murr zu danken.64 Die blühende Aloe sandte reiche
Gerüche um sich her; allentalben wollte sie Wurzeln schlagen und neue Absenker
pflanzen. Es gelang ihr hie und da, ohngeachtet des sträubigen Erdbodens; und
wäre Leibniz die Stiftung einer Akademie der Wissenschaften zu Wien und Dresden
so geglückt, wie ihm die Akademie zu Berlin glückte, welche unnennbar gute
Folgen hätten sich seitdem verbreitet! Sein Geist lebte in einer idealischen
Welt, im Reich aller denkenden, fürs Wohl der Menschheit wirkenden Geister. Für
diesen grossen Staat schrieb er seine Aufsätze, meistens auf Veranlassung fremder
Äusserungen, und unterhielt einen so ungeheuren Briefwechsel, dass man ihn einen
Mitarbeiter und Präsidenten der Gesamt-Akademie aller europäischer
Wissenschaften nennen könnte. In seinen näheren Verhältnissen aber war er hier
Kanzleirevisionsrat, dort Geschichtschreiber des fürstlichen Hauses; hier
schrieb er für einen Pfalzgrafen, der König von Polen werden, dort für deutsche
Fürsten, die Gesandte beim Friedensschluss haben wollten, u. f. Er unterhielt die
Fürsten mit Curiosis (wenn es auch nur ein wunderbar gestalteter Rehbock sein
sollte), Fürstinnen mit sinnreichen philosophischen Gedanken, Neugierige mit
dem, was sich in andern Ländern zutrug, erfand für den Bergbau Werkzeuge,
Maschinen, Windmühlen und tat doch nicht zur Gnüge. Zwei Jahre vor seinem Tode
ward dem alten Mann nachdrücklich befohlen, »die Historie des Hauses vor allen
Dingen fertig zu machen,« und als er begraben ward, »war das einzige zu
verwundern (sagt sein getreuer Amanuensis und Kollege, Eckardt), dass, da der
ganze Hof ihm zu Grabe zu folgen invitiert war, ausser mir kein Mensch
erschienen, so dass ich dem grossen Mann die letzte Ehre einzig und allein
erwiesen«.65 Im Jahr 1695 schrieb er an Burnet: »Unbequem ist mir's, dass ich
nicht in einer Stadt wie Paris oder London lebe, wo viele gelehrte Männer sind,
deren Hülfe man sich bedienen, von denen man lernen kann; denn viele Dinge sind
von der Art, dass ein Mensch allein sie nie zustande bringen mag. Hier findet man
kaum jemand, mit dem zu sprechen ist, oder vielmehr es ist hierzulande nicht
hofmännisch, sich von gelehrten Dingen zu unterhalten.« Noch das Jahr vor seinem
Tode hatte er sich vorgenommen, nach Paris zu reisen und da sein Leben zu
beschliessen.
    »Weil er nicht zum Abendmahl ging,« sagt Eckardt, »schalten die Prediger oft
öffentlich auf ihn; er blieb aber bei seiner Weise. Gott weiss, was er vor
Motiven dazu gehabt, die gemeinen Leute hiessen ihn daher insgemein auf
plattdeutsch Lövenix, welches qui ne croit rien heisset.« Aus seinen Schriften
und Bemühungen für die Vereinigung der Kirchen kennen wir seine reinen und
aufgeklärten Religionsgrundsätze gnugsam; gewiss kann man ihm nicht den Vorwurf
machen, dass er zuwenig geglaubt habe.
    »Kurz vor seinem letzten Augenblick wollte er noch etwas aufschreiben. Als
ihm Papier, Tinte und Feder gereicht wurde, fing er an zu schreiben, das er aber
nicht mehr lesen konnte, als er es bei dem Licht durchsehen wollte. Er zerriss
das Papier, warf es weg und legte sich zu Bette. Er versuchte nochmals zu
schreiben, verhüllte sich die Augen in seine Schlafmütze, legte sich auf die
Seite und entschlief sanft, nachdem er sein ruhmvolles Alter auf 70 Jahre, 4
Monate und 24 Tage gebracht hatte.« Lesen Sie Eckardts Lebensbeschreibung; das
»barbarus hic ego sum« wird Ihnen manche Seite ins Ohr flüstern.
    Fontenelle sagt in seiner Lobschrift gar artig: Aus vielen Herkules habe das
Altertum nur einen Herkules gemacht; er sehe keinen andern Rat, als den einen
Leibniz in viele Gelehrte zu dekomponieren; denn sonst würde bei dem beständigen
Übergange von Schriften des verschiedensten Inhalts, alle zu einer und derselben
Zeit geschrieben, diese unaufhörliche Mischung von Gegenständen, die in Leibniz,
Kopf seine Ideen nicht verwirrte, eine Verwirrung und ein embarras in sein Eloge
bringen. Und doch wünschte ich fast, dass Leibnizens Vaterland diesen embarras,
diese passages brusques et fréquens d'un sujet à un autre tout opposé, qui ne
l'embarrassoient point, in Leibnizens Arbeiten nicht gebracht hätte, um den
einen Herkules in mehrere Herkules zu dekomponieren. Wie anders konnte Newton in
England seine Werke vollenden!
    Sie wissen, dass Leibnizens Verlassenschaft in der landesherrlichen
Bibliotek zu Hannover aufbewahrt wird, und es ist zu erwarten, dass die
Regierung, die für alle und allerlei Wissenschaften mehr als irgendeine andre in
Deutschland tut und getan hat, einem dazu tüchtigen Manne, unter gegebner
bürgerlichen Treue, die Bekanntmachung des Inhalts derselben auftrage. Der
einzige Band, den Raspe mit Kästners Vorrede von daher ans Licht stellte, ist
vielleicht mehr wert als Leibnizens »Teodizee« selbst, und wer unternähme es,
für den kleinsten Zettel Leibnizens in Ansehung der Idee verantwortlich zu
werden, die er darauf nur hinwarf?
    Dankbar erkenne ich jede Blume, die eine würdige Hand nicht auf Leibniz,
verscharrte Asche, sondern dem ewigen Ehrenmal streuet, das er sich selbst
errichtet hat. Die Wolffische Schule, so ungleich sie seiner Denkart war, hat
ihm gleichsam ein Kenotaphium gebauet; durch sie ist eine Klarheit der Begriffe
und eine Präzision des Ausdrucks in unsre Sprache gebracht worden, die ihr
vorher unbekannt waren. Sollte, da ihre Periode vorüber ist, jemand noch jetzt
Bedenken tragen, Leibnizens Briefwechsel mit Wolff herauszugeben, der, was er
auch entielte, dem letztern nicht anders als zur Ehre gereichen könnte?
    Auch ausser dieser Schule, wie jugendlich lieb ist mir alles, was Leibniz
ehret und in sein Licht stellt! Jede Zeile, die Kästner, in mancherlei Art und
Form, zur Ehre und zum Verständnis seines Landsmannes schrieb; von Cochius jede
kleine Abhandlung in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin (wären doch von
ihm noch ungedruckte Abhandlungen vorhanden!) sind mir schöne Reste von
Philosophen der alten Zeit.
    Hören Sie, was Leibniz von seinem Zensorgeist saget: »Niemand hat weniger
Zensorgeist, als ich habe. Sonderbar ist's, aber mir gefällt das meiste, was ich
lese. Da ich nämlich weiss, wie verschieden die Sachen genommen werden, so fällt
mir während dem Lesen meistens bei, womit man den Schriftsteller verteidigen
oder entschuldigen könnte. Sehr selten ist's, dass mir im Lesen etwas ganz
missfällt, obgleich freilich dem einen dies, dem andern das mehr gefallen möchte.
- Ich bin einmal so gebauet, dass ich allentalben am liebsten aufsuche und
bemerke, was lobenswert ist, nicht was Tadel verdienet.« Könnte der Geist der
Philantropie selbst billiger und milder denken?
    Und doch, warum erfuhren eben die friedliebenden, die billigsten Gemüter,
Erasmus, Grotius, Comenius, Leibniz, so manchen übeln Dank ihrer Zeitgenossen?
Die Ursache ist leicht zu finden: weil sie parteilos und jene mit Vorurteilen
befangene streitende Parteien waren. Diesen gaben Unwissenheit, Eigennutz,
blindes Herkommen, gekränkter Stolz und zehn andre Furien das Streitgewehr oder
den Dolch der Verleumdung in die Hände; jene kämpften friedlich hinter dem
Schilde der Wahrheit und Güte. Der goldene Schild der Wahrheit und Güte bleibt;
ihre Streiter können persönlich fallen, aber ihr Sieg ist wachsend und
unsterblich.
 
                                Sechste Sammlung
                                        
                                     (1795)
                                      63.
    Auch die griechische Kunst ist eine Schule der Humanität; unglücklich ist,
wer sie anders betrachtet.
    Als die Natur, die sich in allen ihren Hervorbringungen einwohnend und
lebendig offenbaret, auf unsrer Erde zur höchsten Höhe ihrer Wirkung stieg,
erfand sie das Geschöpf, das Mensch heisst, in dessen Gliederbau sie alle Regeln
der Vollkommenheit, nach denen sie in ihren andern Werken, teilweise und
zerstreuet, mit ungeheurer Kraft und unübersehlichem Reichtum gearbeitet hatte,
im kleinsten Raum, im wirksamsten Leben zusammendrängte. Kräfte, die sie in
andern Elementen, dem Wasser, der Luft oder auch auf der Erde in grossen Organen
auszubilden sich Zeit und Raum nahm, deutete sie im Menschen oft nur an, ordnete
aber alle diese Millionen Kräfte und Gefühlsarten in ihm so künstlich, so
harmonisch zusammen, dass er nicht nur als ein Inbegriff aller dieser
Fühlbarkeiten unsrer Erde (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist), sondern auch als
ein Gott dastehet, der diese in ihm zusammengedrängte, in seiner Natur
begriffene Gefühle selbst zusammenstellt, schätzet und ordnet. Die ganze Natur
erkennet sich in ihm wie in einem lebendigen Spiegel; sie sieht durch sein
Auge, denkt hinter seiner Stirn, fühlet in seiner Brust und wirkt und schaffet
mit seinen Händen. Das höchst-ästetische Geschöpf der Erde musste also auch ein
nachahmendes, ordnendes, darstellendes, ein poetisches* und politisches*
Geschöpf werden. Denn da seine Natur selbst gleichsam die höchste Kunst der
grossen Natur ist, die in ihm nach der höchsten Wirkung strebet, so musste diese
sich in der Menschheit offenbaren. Der Bildner unsrer Gedanken, unsrer Sitten,
unsrer Verfassung ist ein Künstler; sollte also, da Kunst der Inbegriff und
Zweck unsrer Natur ist, die Kunst, die sich mit dem Gebilde des Menschen und
allen ihm einwohnenden Kräften darstellend beschäftigt, für die Menschheit von
keinem Wert sein?
    Von einem sehr hohen Werte. Sie hat nicht nur Gedanken, sondern
Gedankenformen, ewige Charaktere sichtbar gemacht, die mit solcher Energie weder
Sprache noch Musik, noch irgendeine andre Bemühung der Menschen ausdrücken
konnte. Diese Formen ordnete, reinigte sie und stellte sie selbst in deutlichen,
ewigen Begriffen dem Auge jedes Sehenden für alle Zeiten dar, in welchen sich
Menschheit in diesen Formen geniesst und fühlet, in welchen Menschheit nach
diesen Formen wirket. Sie gibt uns also nicht nur eine sichtbare Logik und
Metaphysik unsres Geschlechts in seinen vornehmsten Gestalten, nach Altern,
Sinnesarten, Neigungen und Trieben, sondern indem sie diese mit Sinn und Wahl
darstellt, ruft sie als eine zweite Schöpferin uns schweigend zu: »Blicke in
diesen Spiegel, o Mensch; das soll und kann dein Geschlecht sein. So hat sich
die Natur in ihm mit Würde und Einfalt, mit Sinn und Liebe geoffenbaret. Also
erscheint das Göttliche in deinem Gebilde; anders kann es nicht erscheinen.«
    Auf diesem Wege gingen die Griechen, zu dieser Idee arbeiteten sie hin. Ohne
ihre Kunst würden wir manche Gedanken ihrer Dichter und Weisen nicht verstehen,
als öde Worte schwebeten sie vor uns vorüber. Nun hat sie die Kunst sichtbar
gemacht und damit auch den ganzen Geist der Komposition ihrer Schriften, den
Zweck ihrer Sittenformung, und was sie sonst unterscheidet, in anschaulichen
Bildern dem menschlichen Verstande vorgestellt, kurz, anschauliche Kategorien
der Menschheit gegründet. Davon verstanden nun freilich jene Barbaren nichts,
die in einem Basaltkopfe Jupiters nichts als den schwarzen Kopf eines Satans, im
schönen Apollo einen wahrsagenden bösen Geist und in der himmlischen Aphrodite
eine unzüchtige Dirne zerstörten. Der einzige Begriff, dass alle diese Kunstwerke
Gegenstände der Abgötterei, Behausungen orakelgebender, lustverführender, böser
Dämonen seien, hing wie ein schwarzer Nebel vor ihren Augen, dass sie den wahren
Dämon, das Ideal der Menschenbildung in ihren reinsten Formen, nicht zu erkennen
vermochten. Auch keinem von denen wird er sichtbar, die in der Statue nur die
Statue, in der Gemme den Edelstein und in allem nur Pracht, Zierat,
herkommlichen Geschmack oder Altertums- und mechanische Kunstkenntnisse suchen.
Am weitsten entfernt davon eine falsche und enge Teorie, die sich gegen jede
Äusserung und Offenbarung des menschenfreundlichen, wahrheitdarstellenden Gottes
hinter Wortlarven mit einem kalten Stolze brüstet. Zu uns wird der Dämon der
Menschennatur aus den Werken der Griechen rein und verständlich sprechen können,
denn wir werden ihn mitfühlend, sympatetisch hören. Schwärmerei und
Begeisterung können uns hier nicht helfen, wo es auf helle Begriffe über die
Frage ankommt: »Wie zeigt sich der Genius der Menschheit? auf wie verschiedene
Art in Hauptformen? welches sind unter diesen die höchsten Punkte, gleichsam die
konsonen Stellen der gespannten Saite, in welchen Harmonie tönet?« Hätten Sie
Lust, mit mir unter diesen Himmel glänzender Sternbilder zu treten? Nur aus
einem tiefen Tale kann ich von fern auf sie weisen; dennoch aber wird sich Ihr
Geist beflügeln, dass Sie ausrufen: »Siehe da den hellen Zodiakus der sichtbar
gewordenen bedeutenden Menschheit. «
                                      64.
    Die erste Kindheit, als ein noch unreifes Gewächs der Natur, haben die
Griechen seltner gebildet. Herkules an der Brust der hohen Juno ist die einzige
mir erinnerliche Darstellung eines Säuglinges, obgleich mehrere Kinder in Armen
zart getragen werden. Sei es, dass sie diese süsse Pflicht der Mutter zu den
Geheimnissen der häuslichen Kammer rechneten, die nicht jedem Blick offenstehen
müsste, oder dass sie solchen Geheimnissen lieber das Gebiet der Malerei anwiesen,
indem diese eine Mutter und ihr Kind durch Blick und Liebe so viel sanfter in
eins zu verschmelzen weiss; gnug, das blosse Bedürfnis eines bedürftigen Wesens
gaben sie bildend weniger dem Auge preis. Die schönen Kinder, die die
griechische Kunst schuf, waren schon in Spielen begriffen, in Neckereien mancher
Art, am liebsten mit einem sanften Tier, einem Vogel, mit einem Neste von Vögeln
oder mit Früchten. Diese Vorstellung setzt uns jedesmal in das Leben der Kinder,
in die unschuldigen Vergnügungen der Kindesjahre. Ihre Natur atmet die volle
Gesundheit, die offne Fröhlichkeit, die uns Kinder so lieb macht.
    Die höchste Idee aller Kinder - was konnte sie also sein? Im Himmel und auf
Erden nichts anders als Eros, Amor, Unschuld und Liebe. Sind Kinder nicht
sichtbar gewordene Darstellungen eines Moments der Liebe, in dem sie ihr Wesen
empfingen? Und in welche Gestalt konnten die mancherlei Spiele und Neckereien,
die Vergnügen und Unbesonnenheiten, die uns die Liebe spielt, die wir ihr
unschuldig spielen, besser gekleidet werden als in die Gestalt des Kindes oder
Knaben Amors? Bei den Dichtern, insonderheit des Idylls oder der Fröhlichkeit
und Freude, hatte er so viele Scherze begonnen; er begann sie auch in der Kunst,
und aus manchen Vorstellungen derselben wäre noch viel Niedliches zu dichten.
Seine Geschichte mit der Psyche ist der vielseitigste, zarteste Roman, der je
gedacht ward, über den schwerlich etwas Höheres auszudenken sein möchte; auch
seine Tändeleien mit der Mutter und mit andern Göttern sind voll Grazie und
Schönheit. Setzt man nun hinzu, dass die meisten dieser Spiele Amors und seiner
Gesellen, die man Liebesgötter oder kindliche Genien zu nennen pflegt, nur zur
Verzierung auf schmalen Basreliefs, wo ihnen der Ort ihre Kleinheit erlaubte, ja
solche nötig machte, oder auf geschnittenen Steinen, Siegelringen und sonst an
Plätzen oder Plätzchen vorkommen, an denen diese Tändeleien ein angenehmes Mehr
als nichts waren, so tritt Amor mit seinen Brüdern gerade in das Licht, in
welchem er auf der Tafel der Menschheit zu stehen verdienet. Der kleine Gott der
Götter wird ein Amulett der Brust oder ein angenehmes Nebenwerk, das sieh hie
und da einschleicht, das man immer gerne sieht, und den man zum verschwiegenen
Boten lieber als den Boten der Götter selbst brauchet. Ausserdem aber war Amor
nicht ein Kind; ein schöner Genius war er, und Hymen sein Bruder.
    Hiemit komme ich zu euch, ihr Genien der Jünglingschaft, schönste Blüte des
menschlichen Lebens. Was Winckelmann von euch in seinen schönen Träumen
gedichtet hat, ist kein Traum; auch der Name Genius, den man euch gegeben, ist
ein treffender Name; denn welcher holderen Idee könnte man am Geburtstage seines
Daseins opfern? So dachte sich die Natur ihre schönsten Kinder, Engel in
Menschengestalt oder vielmehr Menschen, aus deren Gestalt man den Engel abzog.
Süsse Ruhe, holde Einfalt, ein nüchternes Insichgekehrtsein, dem das Leben selbst
noch wie ein Traum der Morgenröte vorschwebet, die unbefleckte Rose der Jugend,
die noch von keinem Sturm gebrochen, von keiner Mittagssonne versengt ist, o wie
liebe ich euch, ihr zarten Sprossen der Menschheit und ehre mich, dass ich euch
liebe. Ein Blick auf dich, du vatikanischer oder borghesischer Genius,
vernichtigt die Verleumdungen, die man über die Liebe zu Jünglingen den edelsten
Griechen gemacht hat; wie rein war die Idee, in welcher diese Geschöpfe, die
Blüte der Menschheit, gedacht und gebildet wurden.
    Es haben einige ein Trauriges, einen düstern Zug an diesen Genien bemerken
wollen; sie haben aber, wie mich dünkt, Zeiten und Gattungen verwirret Die
Antinous haben freilich einen düstern Zug, wie sie auch, ihrem Urbilde nach,
haben sollten, so wie überhaupt die Kunst zu Hadrians Zeiten schon sehr
repräsentieret und aus sich selbst heraustritt. Aber jene Genien einer echten
Gattung sind in sich gesenkt, als ob keine Welt um sie wäre, und fühlen sich im
leisesten Selbstgenusse zufrieden. Die Idee der Traurigkeit, die wir in sie
legen, kommt wahrscheinlich von uns selbst her; wir empfinden ihre Blüte nämlich
auf so zarter Sprosse, dass uns, mitten im Genuss, der Unbestand derselben zu
schmerzen anfängt. Wir, zumal fremde Nordländer, fühlen, der zarte Ton verhalle,
die Rosenknospe entwickle sich und ersterbe. Das sollten wir indes nicht fühlen,
vielmehr dem Schöpfer der Natur danken, dass er uns eine solche Blüte
menschlichen Daseins zeigte. Was Anakreon und die Antologen, was Sappho, Platon
und, wenn er noch vorhanden wäre, Ibykus von schönen Jünglingen gedichtet und
gesungen haben, bliebe uns ohne diese sichtbar gewordene Ideen vielleicht ein
leerer Hall, an den wir kein Bild heften könnten; jetzt überzeugt uns das Auge
von der Wesenheit jener lieblichen Träume und bestimmt sie uns in Bildern.
    Das männliche Geschlecht ging in der Kunst der Griechen dem weiblichen vor;
doch ward auch diesem sein reicher Anteil an der Kunst nicht versaget. Nymphen,
Grazien, Horen, ja die Parzen, Furien und Medusa selbst empfingen ihr Anteil an
dieser Blüte jungfräulicher Jugendschönheit. Warum bist du von Herkules' Knien
entrückt, du Göttin mit der Schale ewiger Jugend, blühende Hebe? Ihr Horen um
Jupiters Haupt, ihr Schwester-Grazien, die ihr, in untrennbarer Liebe
verschlungen, am Kephisusstrom eure ewigen Tänze feiert; warum erscheinet ihr
uns in Nachbildern, die uns nur eure Idee gewähren? Indessen haben wir Figuren
des Altertums gnug, um den Begriff der weiblichen Jugendschöne aus ihnen zu
schöpfen.
    Und ihr heiligen Musen, vor allen du, hochaufsteigende Melpomene, mit deinem
Antlitz voll edlen Unmuts und hoher Würde; sooft ich bei euch (ungleich an
Kunst, wie ihr dastehet) im vatikanischen Tempel war, dünkte ich mich, zwar
nicht auf dem Parnass zu sein und eures begeisterten Führers Apollo Stimme zu
hören, aber in der Gesellschaft reiner Wesen fand ich mich, deren jede uns mit
ihrer Bildung, mit ihrem Anstande, ihrer Aufmerksamkeit und Gebärde mehr sagt,
was Dichtkunst, Musik, Wissenschaft und Muse des Lebens sei, als eine
Enzyklopädie uns sagen könnte. Ihr kehrt den Blick gewaltig in uns und macht uns
scheu, euren Namen nur auszusprechen oder den Saum eures Gewandes zu berühren.
Im Capitolium rupft die Muse der Sirene mit Schmerz den Flügel, und in mehreren
Darstellungen wird Marsyas dem Apoll ein grässliches Opfer.
    Wenn die griechische Kunst der weiblichen Jugend Grazientanz, fröhlichen
Leichtsinn oder Schüchternheit, Spröde, endlich jenen noch ungebändigten Stolz
zum Charakter gab, den mehrere griechische Dichter in Worten charakterisiert
haben, so sei es erlaubt, mich von ihnen zu einer unglücklichen Familie zu
wenden, die für mich in ihrem heiligen Stil die hohe Tragödie der Kunst ist:
Niobe mit ihren Kindern. Ich will sie mit Worten nicht entweihen; aber einige
Töchter und einige Söhne machen einen so reinen und tiefen Eindruck, dass jeder
Vater, jede Mutter wünschen müsste, Kinder ihrer Art zu erzeugen, jede Braut und
jeder Bräutigam sich in diesem Geschlecht zu verloben. In dem Zimmer zu Florenz,
wo ich mich mit den Eingekerkerten einschloss, kamen mir alle Unglücksfälle vor
Augen, die je auf Erden eine schuldlose schöne Familie betroffen haben möchten;
statt aller stand sie mir da, im Mutter- und Jugendschmerz eine heilige Krone. -
    Soll ich nach ihr alle Szenen durchgehn, wo Empfindungen der Bruder- und
Schwester-, der Freundes* - und Gattenliebe in stummen Bildern rührend dastehn?
Nie bin ich, ihr schönen Jünglinge, die man Orest und Pylades nennet, nie von
euch, ihr stillen Vertrauten, die man als Hippolytus und Phädra fälschlich
anklagt, nie von so mancher andern Gruppe, da sich auf dem Grabsteine noch (das
Kind in ihrer Mitte) liebende Hände den Bund der ewigen Treue schwören,
weggegangen, ohne dass mein Herz durch die Innigkeit der Gefühle, die aus diesen
Gebilden sprachen, innig erweicht war. Ich war in einer andern Welt gewesen und
sprach zu mir: »Könntest du mit ihnen leben und wärest einer derselben! Der
ganze Habitus der Menschheit, wäre er in Unschuld, Liebe und Einfalt noch nach
diesem Bilde gebildet!« Solche Gefühle hatten mir zur Aufmerksamkeit auf alles,
was diese meine geliebten Menschen anging, auf die Verhältnisse ihrer Glieder,
ihren Stand, ihre Gebärde und Sitte, den Grad der Leidenschaft, dessen sie fähig
schienen, auf ihre Kleidung und ihren Wink das Auge geschärfet. Soll ich Ihnen
aus dieser stummen Schule der Humanität einiges noch erzählen?66
                                      65.
    Von Menschen komme ich zu Helden- und Göttergestalten, ob ich deren gleich
auch schon einige vorübergehend berührt habe; wir betrachten sie hier, wie sie
es auch waren, als reine Formen der Menschheit.
    Jeder Held erscheinet in seinem Charakter. Der schöne Kopf, den man den
Achilles nennt, sowie Ulysses, Ajax u.f., sie zeigen, in welcher hohen Idee die
Griechen sich jene Helden Homers gedacht haben. Und hierin sind sie im gehörigen
Mass des Abstandes von so vielen Köpfen der Dichter, der Dichterinnen und Weisen
nicht verschieden; die meisten davon sind idealisch gebildet, nicht weniger als
Apollo und die Musen. Eben aber durch diese idealische Formerfindung werden sie
lehrreich. Man sieht, wenn das Bild alt und echt ist, wie die Kunst sich aus
dem Inbegriff der Gesänge und Sagen einen Homer, wie sie sich einen Pytagoras
und Plato dachte.
    Der Held der Helden ist Herkules; er ist es auch in der Kunst, sofern diese
ihr Ideal nicht höher hinauftreibt, als dass sie unbezwingbare Stärke,
unerschöpfliche Kräfte in einem Menschenkörper darzustellen zum Zweck hat.
Mittelst solcher Glieder hat er seine Taten getan und den Olymp ersieget; die
Fabeln hievon hat die Kunst mit grosser Energie ausgebildet. Herkules in mehreren
seiner Gefahren, insonderheit wie er den Höllenhund bezwingt, gab eine schöne
Gruppe; und sein Torso, in welchem er von seinen Mühseligkeiten ausruht, ist
durch Michael-Angelo der neuern Kunst ein grosses Vorbild worden. Köpfe vom
jungen Herkules sind von unbeschreiblicher Schönheit, und seine Jole, Omphale,
Dejanira sind von der Kunst und Dichtkunst sehr wohl gebraucht worden. Da
indessen die blosse Übermacht körperlicher Stärke in der menschlichen Natur noch
kein höchstes Ideal gibt, eine wohltätige Güte aber in Herkules' Taten
schwerlich sichtbar gemacht werden könnte, so ging seine Idee gleichsam mit der
Zeit nicht mit; er blieb ein Colossus der alten Fabel. Uns zumal dünken seine
riesenhaften Schenkel auch in Glykons Kunstgebilde ungeheuer und geistlos.
    Lieber verweilen wir z.B. an Laokoons Bilde. Der heilige Mann, der durch
seinen verständigen Rat ein Retter des Vaterlandes werden wollte und dadurch die
feindliche Göttin erzürnte, wird mit seinen geliebten Kindern, die am Altar
neben ihm dienen, von ungeheuren Schlangen ergriffen und mit jenen zu einer
Todesgruppe verschlungen. Sein Arm, seine Brust, seine Seele hat ausgekämpft;
das Gesicht gen Himmel gekehrt, atmet er sie aus in einem unermesslich tiefen,
langen Seufzer. Fürchterlich-schöne Gruppe; ein Ideal der Kunst auch für das
Gefühl der Menschheit. Reiner kann schwerlich ein Märtyrer gedacht, rührender
und zugleich bedeutend schöner im Kreise der Kunst schwerlich vorgestellt
werden. Die Schlangen verunzieren nichts, und in ihren Banden macht der stumme
Seufzer des Leidenden eine Wirkung, die St. Sebastian, Lorenz und Bartolomäus
nicht gewähren mögen. Herkules auf dem Berge Oeta war zu solchem Zweck nicht
bildsam. Zu welcher schrecklichen Sprache könnte der Seufzer Laokoons lautbar
gemacht werden, wenn wir ihn wie den Philoktetes auf Lemnus jammern hörten! - -*
    Nicht aber Laokoon, ihr seid meine Helden der Kunst, Kastor und Pollux auf
dem quirinalischen Berge, in euch lebt mein Pindar. Grosses Werk, eines Phidias
und Polyklets nicht unwürdig, uns wenigstens ausser Griechenland und nach dessen
zerstörten Heiligtümern statt der Werke des Phidias und Polykletus. »Lebten
Menschen wie ihr?« fragte mein emporklimmender, umwandelnder Blick. »Nein!«
antwortete der Geist, der euch umschwebet; »aber uns dachten, uns bildeten
Menschen. Heldenjünglinge wie wir waren einst in der Seele vieler junger Männer
und Helden. Auch den Dichtern sind wir erschienen, und das Vaterland hat auf uns
gerechnet.« - Lebt wohl, Idole der Menschheit! Das Wetter ziehe euch vorüber,
und eine freche Faust müsse euch nie berühren. -
    Ehe wir höher hinaufsteigen, lassen Sie uns auf dieser Höhe des Heldenideals
verweilen. Zu den Füssen dieser göttlichen Menschen sitzen wir nieder, die Idee
des Weges zu sammlen, den wir zurückgelegt haben.
    Die griechische Kunst kannte, ehrte und liebte die Menschheit im Menschen
Den reinen Begriff von ihr zu erfassen, hatte sie sich auf vielseitigen,
mühsamen Wegen, über schroffen Felsen, durch tiefe Abgründe, mit manchen
Übertreibungen und Härten unablässig bestrebet, bis dann selbst diese
übertreibende Mühe, die die Wahrheit um so schärfer verfolgte, nicht anders als
zum Gipfel der Kunst führte. In allen Menschenaltern und jeder ihrer
merkwürdigsten Situationen in beiden Geschlechtern hatte sie die Blüte des
Lebens gewonnen, die auf solchem Stamme blühet; denn die Griechen besassen noch
Einfalt des Geistes, Reinheit des Blickes, Mut und Kraft gnug, diese als eine
vollständige, durch sich bestehende Idee in ihren Werken darzustellen und zu
vollenden. Im Kinde dachten und bildeten sie die Kindheit, im Jünglinge den
Frühling des Lebens, im Manne den Göttersohn voll Selbstgenusses in Kraft und
Würde. An dieser Heldenidee nahm auch das weibliche Geschlecht teil, wie jene
schönen Bilder der Amazonen zeigen, deren manche im Geist eine Schwester des
Kastor und Pollux zu sein verdiente. Nachdem in allen diesen Formen die Kunst
der reinen Idee Selbstständigkeit, Würde, eine in allen Teilen lebendig
gewordene Bedeutung gegeben und sie von jedem ungewissen, schwankenden oder
fremden Beiwerk wie durchs Feuer gereinigt hatte, so war von diesen Gebilden
notwendig auch jene Kraft, die ausfallend zum Verstande und zum Herzen in
höchster Einfalt spricht, unabtrennlich. Der Zwang der Materie war überwunden;
Geschlecht, Alter, Charaktere waren in ihrer Verschiedenheit und leisen
Angrenzung aufs sicherste bemerkt; und mit gegebenen grossen Vorbildern in jeder
Art und Gattung waren dauerhafte Kategorien der edelsten und schönsten
Menschenexistenz geordnet. Auf wie wenige Hauptformen tritt die formreiche
menschliche Natur in Gesinnungen, Leidenschaften und Situationen zurück, wenn
wir sie mit dem weisen und nüchternen Auge der Griechen ansehn! Der biegsame,
kraft- und schönheitreiche Gliederbau der Menschheit, in wie wenige
Hauptbedeutungen löset er sich auf, sobald die Seele Kraft hat, diese in jedem
Teil, in jeder Stellung ganz zu behaupten! Unvergesslich und ewig lehrreich sind
mir die Stunden, da ich vor den Kunstgebilden der Alten (wenn mir der Ausdruck
erlaubt ist) die Mechanik und Statik menschlicher Seelenkräfte im menschlichen
Gliederbau ruhig betrachtete und abwog. Welche Freuden schöpfte ich in Erwägung
der Symmetrie und Eurhytmie, noch mehr aber der schönen Gegenstellung, die in
Ruhe und Bewegung, nach verschiedener Art der Charaktere, diesen göttlichen
Körpern mitgeteilt ist, also dass sich die Seele liebreich-strenge bis im Wurf
des Gewandes und in seinen Falten wie ein wehender Geist offenbaret. Ihr habt
unsre Natur gekannt und geadelt, ihr Griechen; ihr wusstet, was das menschliche
Leben in seinen vorübergehenden Szenen sei, das ihr auf so manchen Sarkophagen
ebenso richtig und wahr als einfältig und rührend vorgestellt habt. Da erfasstet
ihr die Blüte jeder flüchtigen Szene und heiligtet sie in einem nie verwelkenden
Kranz der Mutter des Menschengeschlechtes. Wenn unsre Art je so entartet werden
sollte, dass wir diese innere Kraft und Anmut der Menschheit, das hohe Siegel
unserer Existenz, gar nicht mehr erkennten, dann zerbrich, o Natur, die Form
deines ausgearteten edelsten Geschöpfes, oder vielmehr sie zerbräche von selbst
und zerfiele in Staub und Scherben.
    Und wodurch kamen die Griechen zu diesem allen? Nur durch ein Mittel: durch
Menschengefühl, durch Einfalt der Gedanken und durch ein lebhaftes Studium des
wahresten, völligsten Genusses, kurz, durch Kultur der Menschheit. Hierin müssen
wir alle Griechen werden, oder wir bleiben Barbaren.
                                      66.
    Mit heiligem Ernst treten wir zum Olymp hinauf und sehen Götterformen im
Menschengebilde. Jede Religion kultivierter Völker (die christliche nicht
ausgenommen) hat ihren Gott oder ihre Götter mehr oder minder humanisieret; die
Griechen allein wagten es, humanisierte Gotteiten, ihrer und der Menschheit
würdig, in Kunst, d.i. auf eine dem Gedanken rein und völlig entsprechende
Weise, darzustellen. Oder vielmehr sie läuterten alles Schöne, Vortreffliche,
Würdige im Menschen zu seiner höchsten Bedeutung, zur obersten Stufe seiner
Vollkommenheit, zur Gotteit hinauf und teifizierten die Menschheit. Andre
Nationen erniedrigten die Idee Gottes zu Ungeheuern; sie huben das Göttliche im
Menschen zum Gott empor.
    Unten sahen wir einen Reiz der Jugend, dessen flüchtige Blüte wir
bedauerten; unter den Göttern ist er verewigt, eben dadurch, dass er aufs höchste
geläutert ward.
    Als das himmlische Sinnbild aller Jünglingsgenien auf Erden stehet Dionysos
hier, dessen zarte Idee die niedren Sterblichen so misskennen, dass ich seinen
Namen Bacchus kaum zu nennen wage. Er ist die sichtbar gewordene ewige
Fröhlichkeit; im Genusse sein selbst, ohne Anstrengung und dennoch mit der
leichtesten Elastizität ein süsser Beglücker der Götter und Menschen. Im schönen
Charakter dieses tätigen süssen far niente rettete er einst den Olymp und
kultivierte die Welt durch Gaben und Geschenke. Sein Dasein ist ein ewiger
Triumph unter Trauben, mit denen er die Sterblichen erquickt und getröstet hat,
unter dem ewigen Freudenliede jauchzender Mänaden.
    Und an seiner Seite senkt den liebetrunknen Blick auf ihn die durch ihn
gerettete, selige Ariadne. Von ewigem Dank und innigem Ergetzen strömt der
gerührte Blick, den keine Mänas, keine Baccha mit ihr teilt. Ohne Kinder, in
seligem Anschaun des Genusses feiern die zwei ihr unzerstörbares Triumphleben,
in welchem Bacchus selbst die Blüte der Weiblichkeit in seiner Natur geniesst.
Lebet wohl, ihr glücklichen beide, du Gerettete und du, ihr Retter; habt viel
Nachfolger auf der Erde, die unter Scherz und Freude die Menschheit beseligen,
die retten und wohltun, ohne dass sie es Zwang kostet. Den Triumphswagen solcher
Gemüter umjauchzen dankende Chöre. Schöne Statuen sind vom Bacchus da, und das
kapitolinische Haupt der Ariadne ist ganz ihr Charakter.
    Neben Bacchus stehet Apollo, das höchste Symbol aller Heldenjünglinge der
Menschheit. Über Kastor und Pollux erhaben ist seine Gestalt, ein sichtbar
gewordener Heldengedanke. Seine Tätigkeit ist Blick, Gang, Dasein, Sieg mit der
Schnelle des Pfeiles. Und dieser kühne, rasche, selbst zornige Jüngling rührt in
andern Gestalten die Leier, der alle Musen horchen. Ihr horcht der Schwan oder
Greif zu seinen Füssen, ihr horcht die Natur. Aller Musen Künste sind diesem
Heldenjünglinge eigen, der ein Ideal griechischer Kultur ist zur tätigen und
musenhaften Heldenjugend. In seinen drei Hauptstellungen, als Sieger, Sänger und
ruhender Jüngling, ist er immer Apollo, auch wenn er, sanft angelehnt, nur die
Eidechse tötet.
    Und neben ihm seine unermüdliche Schwester Diana. Sie, die Jungfräulichkeit,
daher auch die Keuschheit und immer muntre Tätigkeit selbst, ohne welche jene
nicht bestehn konnten. In der grünenden Natur, mit Nymphen umgeben, eine Göttin
unter den Nymphen, eilt sie dahin wie ein jugendlicher Hirsch, unbewusst ihrer
Schönheit; ihr Blick ist in der Ferne. Und wenn in ihrem Herzen der Funke der
Liebe zündet und sie den Endymion belauscht, wie rein und stille verschwiegen
ist dieser Anblick! wie rührend stellte ihn auf Grabmalen die griechische Kunst
vor! - Jünglinge und Mädchen sangen das Lob des Apolls und der Diana in
Wechselchören; denn beide Gotteiten waren das Abstraktum ihrer Tugend. Erst
nur, wenn Hymen den Gürtel der Jungfrau lösete, trat die Verlobte aus dem
Dienste der strengen Diana ins Gebiet der schamhaften Aphrodite. In Apolls
schönen Darstellungen ist also eine der höchsten Zierden menschlicher Tugend
erhalten, und wenn die Bildnisse der Schwester dem Ideal des Bruders nicht
gleich sein möchten, so verleugnet dennoch keine Vorstellung den Charakter einer
Artemis oder der sanfteren Luna.
    Eine dritte Jünglingsart stehet dort an der Pforte des Olympus; es ist
Merkur, der Gott schlauer Beredsamkeit, der behendesten Betriebsamkeit in allen
Geschäften. Er hat den Apoll überlistet, hat mancherlei Anschläge erfunden und
trägt den Beutel. Auch trägt er Botschaften und geleitet die Seelen selbst zum
Orkus, geflügelt an Füssen und Haupte. Es ist ein geschäftiger, munterer Gott,
das Haupt einer grossen Gemeinschaft, die in ihm personifiziert ist, ein
unentbehrlicher Gott im Himmel und auf der Erde. Fabel und Kunst haben ihn so
vollkommen ausgebildet als den Jupiter oder die Minerva; er ist aber ein
Erdgeborner, der Maja Sohn, subaltern an Dienst und Charakter. Wir wollen den
schonen Gott, schön an Haupt, an Füssen und Händen, nicht ohne Betrachtung
vorbeigehn. Bemerken Sie, wie er lauschet, wie er mit sich selbst und seinem
Schlangenstabe und seinem Hahn und Beutel so ganz eins ist, ein vortrefflicher
Gott an der Pforte.
    Dir nahen wir uns, himmlische Aphrodite, unübertroffnes Ideal des weiblichen
Liebreizes, einer sittlichen Schönheit. Aus der Welle des unruhigen Meeres
stiegst du hervor, vom lauen Zephir getragen; da legten sich die Wellen, deine
sittsame Gegenwart machte sie zum Spiegel der Lüfte. Bescheiden trocknetest du
dein Haar, und jeder fallende Tropfe deines irdischen Ursprunges ward ein
Geschenk, eine Perle der Muschel, die dich wollüstig in ihrem Schoss wiegte. Du
stiegst zum Olymp, und die Götter empfingen dich in deiner Gestalt; denn sie
selbst war deine Hülle; die Grazie, mit der du dich, durch und durch sichtbar,
dem Auge unsichtbar zu machen weisst, diese in sich gehüllete Scham und
Bescheidenheit ist dein Charakter. Auch auf dem häuslichen Altar der Griechen
standest du nicht anders als unter diesem Bilde; denn nur Scham kann Liebe
erwecken und zeugen. Es ist ein verfehlter Charakter, wenn Aphrodite
zurückblickt oder sich mit Wohlgefälligkeit zeigt; ihre Schönheit ist die, dass
sie, sich vor ihr selbst gleichsam und vor allem verbergend, Himmel und Erde
entzückt, dem wegschlüpfenden Tautropfen einer jungen Rose ähnlich, in dem sich
die anbrechende Morgenröte spiegelt. Das bedeutet ihr Apfel, das ihre Taube;
dahin hat sie der Sinn der Griechen, selbst mit ihrem zu kleinen Köpfchen, und
was man sonst an ihr tadelte, gedichtet. Bescheidenheit und eine kunstlose
Scham, die selbst die höchste Kunst ist, sind und wecken den Liebreiz. Es gibt
keine feinere Zunge dieser Waage.
    Neben ihr stehe die verschleierte Vesta. Als die grosse Mutter der Natur
kennen wir sie nur auf Gemmen oder in der Flamme ihres Altars; aber ihre
Vestalen, die Dienerinnen ihres heiligen Herdes, sind uns ehrwürdige
Jungfrau-Matronen. Aus jeder Falte ihres Gewandes hätten Nonnen und Heilige
lernen können, was zu beobachten sei, um in einer reinen Menschheit also
ehrwürdig zu erscheinen, dass man bei einer kaum sichtbar gewordnen Hand und dem
engelreinen Antlitz den grossen dichten Schleier heiliger Gelübde verehret. -
    Wieder lasse ich mich am Fuss dieser Vestale nieder und frage: »Was helfen
uns diese Bilder? diese so gross und rein und richtig bestimmten Menschenideale?«
- Und antworte mir selber: »Viel! Sehr viel!«
    Dort nahm Pallas dem Diomed die Wolke vom Auge hinweg, dass er einen Gott und
einen Sterblichen unterscheiden konnte; ebendiese Wohltat wird uns durch dies
Studium der griechischen Kunst gewähret. Leibhaft wandeln unter uns keine
Apollos und Dianen umher; jene Anlagen des Charakters aber, die eine Diane oder
Vestale, eine Ariadne oder Anadyomene, einen Merkur, Bacchus, Apollo im höchsten
Ideal gaben, sind in zerstreueten, oft sehr verworrenen Zügen vor uns. Diese
Anlagen nur zu erkennen, ist eine Charakteristik menschlicher Denkarten und
Seelenformen nötig, die sich auf wilden Wegen schwerlich erlangen lässt. Sind
Linneus' genera plantarum das Inventarium der Botanik worden, schätzet man seine
nach Naturkennzeichen gegebne Tierklassen hoch, sollte es nicht auch
Menschenklassen nach Natureigenschaften geben? und wären diese, auf die reinsten
Begriffe gebracht und in unzerstörbaren Formen dargestellt, nicht aller
Betrachtung wert? Dass die Griechen den Menschen mit einem unbefangeneren,
schärfern Blick angesehen haben als wir, wird niemand leugnen; dass unsre
Temperaments- und physiognomische Einteilungen zu nichts Sicherm führen, muss
jedermann klar einsehn; warum liegen uns denn jene von Meistern erfundene
scharfe und grosse Formen der Unterscheidung so weit ab? Warum sonst, als weil
wir sie nicht verstehen oder zu gebrauchen nicht vermögen Wir fühlen, dass der
edelste Same, unter uns aufkeimend, kein Klima zum Aufkommen, geschweige einen
Olymp zur Gottesgestalt findet, und tappen also fort im Nebel. Wenn aber die
liebliche Scham, die seelenverhüllte Vestale oder Dianens keusche Tochter keinen
Olymp verdienen, geniessen sie nicht eines häuslichen Altars?
    Eine reine Kritik dieser der erlesensten Menschenformen, die man
Göttergestalten nennt, prüft und sichert unser Urteil auch für alle sittlichen
Kompositionen. Von wie manchem Nebenbegriff bin ich frei geworden, wie manche
Meinung habe ich vergessen lernen, seitdem die Kunst der Griechen, gestützt auf
ihre Weisheit und Sittenlehre, meine Führerin ward. Demütig wie ein Fragender zu
Delphi frage ich mich: Hat diese Komposition, hat dies Urteil, hat dies Werk
einen Wert? haben sie einen sittlichen Charakter? Von welcher Art ist dieser?
hoch oder niedrig? und ist er sich selbst treu, in sich beständig? Durch diese
ernste Fragen, wie manches lernt man vergessen und wegtun! Dies Urteil über eine
Komposition z.B. kann nur auf zwiefache Weise, subjektiv und objektiv, ein
Gewicht haben. Subjektiv, indem der Urteilende den ganzen Sinn des Werkes, das
er beurteilt, treu erfasset, ihn in allen Teilen festält und dessen Bestandheit
oder Unbestandheit wie in einem Kunstwerk zeigt. Objektiv, indem er uns das
reine Richtmass vorhält, nach welchem und nach keinem andern es gebildet werden
konnte und sollte. Tut der Urteiler keins von beiden oder verwirret er beide
Arten miteinander, ist er so schwach, dass er den Sinn des Gedankenwerks oder der
Handlung weder zu begreifen noch darzustellen vermag, oder so anmassend, dass er
eine ungeprüfte mangelhafte, falsche Regel aus Unkunde oder Vermessenheit uns
als ein Gesetz vorhält: wer wird darüber ein Wort verlieren? Seitdem ich über
den vatikanischen Apollo, über Laokoon und die tragische Muse, über das Ideal
der Alten u.f. gehört und gelesen habe, was ich darüber gehört und gelesen,
kümmern mich wenige Urteile mehr, aber das Urteil der wenigen, die eine
vollständige Idee des Werks als eines griechischen Kunstwerks haben, gehen mir
auf Leib und Leben.
    Was endlich die Anwendung dieser grossen Gedanken betrifft, wozu sind die
Bilder meiner Götter und Helden nicht angewendet worden? Das muss den Meister
eines Werks nicht kümmern; gnug, sie stehen da und leben. Wenn ihr inwohnender
Genius sie nicht schützt und aus ihnen spricht, so ist alle Wache und Fürsprache
verloren.
                                      67.
    Die Idee des Kriegsgottes unter dem Bilde des Mars (Ares) war den Griechen
seit dem Homer nicht so geehrt, als sie es den Römern ward, die von diesem Gott
ihr Geschlecht ableiteten. Seine Statue ist selten, und wo man sie dafür hält,
wird sein Ansehn durch Ruhe oder durch Amor und Venus gemildert. Die nackte Idee
eines Kriegers kann als ein unbestimmter Begriff kein hohes Ideal geben. Eben
also Vulkan. Der Gott aller Künstler, der nur als ein Werkmeister bei seiner
Arbeit vorgestellt werden konnte, war eines hohen Ideals unfähig. Prometeus
selbst gab mit seiner Menschenbildung zu schöneren Ideen Anlass, insonderheit
unter dem Beistande der Minerva.
    Feierlicher erscheint jene grosse und zärtliche Mutter, die Hausmutter der
Erde, Ceres, Demeter. Ruhig und hausmütterlich ist ihr Anstand; wie erschreckt
und eilig aber schwingt sie die Fackeln, wenn sie ihre verlorne Tochter
Proserpina sucht! Diese Geschichte, eine der sinnreichsten und bedeutendsten des
Altertums, ist in ihren schönen Vorstellungen auf Grabmälern der Menschheit so
lieb als die Geschichte Endymions, der Psyche oder die Szenen des menschlichen
Lebens von Prometeus an bis zum schüchternen Eintritt der Seele ins Reich des
Aides. Traurig und milde tront Proserpina da, sie selbst eine geraubte Königin
des Orkus.
    Noch drei Göttercharaktere sind vor uns, Pallas, Jupiter und Juno.
    Das Bild der Pallas, die zuerst eine fürchterliche Kriegsgöttin war, ist
viel bedeutender und edler als Mavors ausgebildet worden; denn eine mächtige
Städtebeschützerin war sie, keine tobende Wilde. Sie vereinigte Mut mit Verstand
und war dadurch von jeher dem roh angreifenden Mars überlegen. Vor ihrer Brust
das Haupt der Medusa und jenen Schild, den Homer lebendig beschrieben, in ihrer
Hand den mächtigen Speer, den schrecklichen Helm auf ihrem Haupte, war und blieb
sie selbst die heilige Jungfrau, die, aus dem Haupte Jupiters entsprossen,
gleichsam sein sichtbar gewordener mächtiger Schreckgedanke und in der Folge die
Göttin aller Weisheit, insonderheit des häuslichen ruhigen Fleisses* war. In
beiden Eigenschaften ward sie gebildet, bald als jene furchtbare Göttin, deren
plötzliche Gegenwart Verwirrung und Flucht bringt, bald als die friedliche
Städtebeschützerin, die Mutter aller nützlichen Künste. In beiden Vorstellungen
ist ihre dämonische, mächtig-stille Gegenwart wirksam. Wie vor einem
hinabgeschwebten olympischen Wesen stehet man vor der Minerva Giustiniani; man
wagt ihr kaum zu nahen, und doch ist ihr Dasein so in sich geschlossen und
friedlich. Keine andre Göttin führt diese Gattung heiliger Majestät bei sich,
die eine Pallas auch nicht verlässt, wenn sie in häuslichen Künsten arbeitet.
Dank dem glorreichen Aten, das seine Göttin so schön ausgebildet. Es weihete
ihr alle Kränze, die aus seinem Flor entsprossten, indem das Fest der
Gedankentochter Jupiters sein grosses Fest war. Mit Andacht opferte ihr Mutter
und Kind, der Krieger wie der Weise.
    Das verschlossene Bild der Juno Ludovisi stellet die Königin des Himmels
dar, des höchsten Gottes Schwester und Gemahlin. Alle weibliche Majestät, Pracht
und Grösse ist in dies ruhige Antlitz gesenket. Sie hat nicht ihresgleichen;
ihresgleichen kann sie nicht haben, die göttliche, königliche Juno. Besässen wir
vom Jupiter selbst ein Bild wie dieses!
    Dennoch aber, ob uns gleich ein Phidias-Bild vom höchsten Gott fehlet, ist
sein Charakter in allen Vorstellungen merkbar, Macht, Weisheit und Güte in ein
unsterbliches Haupt versammelt. Was sein Weib in stolzem Anstande zeigt, das
ist er in ruhiger Würde, Vater der Götter, König des Himmels und mit seinem
Stabe ein Hirt der Völker. Der Blitz in seiner Hand hat die Riesen zerschmettert
und die Lüfte gereinigt; sein Blick hat den Elementen Frieden geboten, darum
feiern um seinen Tron Grazien und Horen unzertrennbare Reigentänze. Sein
Hauptaar, dessen Wallen den Olymp erschüttert, fällt in ruhigen Locken nieder,
sein Mund ist gütig und der Wink seines Augenbrans verheisst dem Flehenden, der
sein Knie berühret, väterlichen Beistand. Heil dem Gott der Götter! Er gebe,
seinen erdgebornen Söhnen, was er hat und ist, mächtige Güte, gnädige Weisheit.
    Nach Jupiter darf ich von seinen beiden Brüdern nicht reden; sie tragen
seinen Charakter, nur in niedrigern Reichen. Neptun in den Wellen des Meers
zeigt den Sturm desselben, aber nur in seinem Haar; sein Anblick glättet das
Meer und gebietet Stürmen und Wellen Friede. Plutos (Jupiter-Serapis') Antlitz
mit seinem düster-gütigen Blick eröffnete mir jedesmal die dunkle Unterwelt,
wenn ich ihn ansah. In düstern Gegenden ist dieser traurig ernste und doch milde
Jupiter König. So charakterisierten die Griechen Leben und Tod, Himmel und
Orkus. O wären uns von so manchen Gotteiten, die im Pausanias genannt sind,
Abbildungen übrig, wir hätten eine Charakteristik selbst aller Leidenschaften
der Seele.
    Wenn dieser mein Brief öffentlich bekannt würde, so könnte es schwerlich
anders sein, als dass er manchem entusiastisch vorkäme. Diesem aber hätte ich
nur eins zu sagen: »Gehe hin, sieh und betrachte. Je kälter, desto besser, um so
mehr wirst du, was ich andeutete, finden. Nur habe kein vorgefasstes System.«
    Alle wissen wir, dass die Götter der Griechen, in verschiedenen Gegenden
entsprossen, hie und dort anders gedacht, mit Nebenumständen oft verkleidet, von
Dichtern äusserst verschieden behandelt, von Philosophen endlich mit Allegorien
dergestalt überladen worden sind, dass man in jedem Gott einen ganzen Olymp von
Göttern finden könnte. Aus diesem allen folgt aber nichts, was meiner in
Denkmalen vorliegenden Wahrheit zuwider wäre. Der Mytolog zähle jede örtliche
Gotteit mit ihren Attributen und Namen her: eine sehr lehrreiche Tempelreise.
Der Ausleger bemerke jede Verschiedenheit der Götterfabel nach Zeitaltern,
Dichtungsarten und einzelnen Dichtern: eine sehr lehrreiche Reise, wenn sie mit
Aristoteles' Scharfsinn angestellet wird. Unter andern guten Folgen würde sie
uns auch vor der unseligen Übertragung des Bildes einer Dichtungsart in eine von
ihr verschiedene, ja vor hundert andern unnützen Anführungen bewahren. - Der
Kunstliebhaber reise die Kunstwerke durch, sowohl die noch vorhanden sind, als
auch von denen die Alten reden. Er untersuche das Spiel der Künstlerideen nach
Zeiten, Gelegenheiten, am meisten nach dem Ort und Zweck ihrer Anwendung; denn
unmöglich können doch Statuen, Basreliefs, Gemmen und Münzen auf einen Fuss
genommen, Zeiten und Länder verwirrt und alles wie auf einer Tafel betrachtet
werden. Hierüber ist noch wenig geleistet worden, zumal so viele schöne
Basreliefs noch nicht bekannt und wenige Kunstliebhaber in dem glücklichen Fall
sind, alles Bekanntgewordene zu kennen oder mit Musse zu gebrauchen. - Endlich
vergleiche dieser Kunstliebhaber Künstler und Dichter; von allen vorigen das
schwereste Werk, das nicht nur Gelehrsamkeit, sondern auch Verstand und einen
wirklichen Kunst- und Dichtersinn fodert. Hier brach Lessing eine grosse Bahn,
auf welcher aber noch nicht weite Schritte gemacht sind. Eine feste Kritik
hierüber würde uns vor mancher unglücklichen Anwendung der Kunst auf die
Dichter, die in teuren Werken vor uns liegen und doch blosse Barbarei sind,
bewahren. - Alle diese und noch mehrere Erwägungen aber verrücken den
Gesichtspunkt nicht, den ich verfolgte, nämlich: Welche reine Idee lag der
Kunst, und zwar in ihren heiligsten Werken vor, die öffentlich dargestellt und
für die Ewigkeit geschaffen wurden? Wie kam die Kunst zu ihr? wie hat sie solche
ausgeführet? Dies dünkt mich gleichsam das letzte, innigste Resultat beim
Überschauen ihrer Werke, in denen der Künstler nicht eigenmächtig spielen,
sondern den Charakter seines Gegenstandes als eine bleibende, ja gar als eine
höchste Idee angeben wollte. Würde mir also jemand gegen meinen Jupiter die Vase
zeigen, auf der er als Maske die Rolle des Amphitruo spielet, oder gegen meine
Juno ihren Zank im Homer anführen, so könnte ich ihm nichts sagen als: »Für dich
habe ich nicht geschrieben.«
    Ich schrieb von den Idealen der Humanität in der griechischen Kunst, und
diese bleiben fest, wenn auch bei Dichtern und Künstlern tausend Inhumanitäten
vorkämen; von diesen möge ein andrer schreiben.
                                      68.
    Aber, m. F., die Faunen, die Satyren, Pan, Silen, der indische Bacchus, die
Mänaden, die Kentauren (an mehrere Ungeheuer nicht zu denken) - wie bestehen
diese mit Ihrem Ideal der Humanität in griechischen Kunstwerken?
    Zweitens. Und hätten die Griechen uns denn alles vorweggenommen? wären ausser
diesen und hinter ihnen nicht noch andre, feinere sittliche Ideale möglich? Ja,
wären diese von mehreren Künstlern nicht wirklich gegeben?
    Endlich, was hilft uns diese Humanität der Griechen, da wir nicht Griechen
sind? Unser Himmel, unsre Einrichtungen, unsre Lebensweise legen uns andre
Bedürfnisse auf und fodern von uns andre Pflichten. Wir lüsten so, wenn wir
jene, soll ich sagen, feinere oder gröbere Sinnlichkeit alter Zeiten,
jugendlicher Völker der Welt begehren, nach einer uns versagten, dazu
gefährlichen Traube. Unsre Humanität blüht in philosophischen Begriffen ohne
sinnliche Darstellung. Die Blütezeit ist vorüber; wir kosten Früchte. Wollten
Sie uns wohl einige dieser Zweifel lösen?
                                      69.
    Die Satyren der Griechen sind ebensowohl Denkmale ihrer humanen Weisheit als
die erhabensten Götterbilder. Nicht alles lässt sich in der Menschheit zum Helden
und Gott idealisieren; deshalb aber ist dieser Teil unsres Geschlechts so ganz
und gar nicht verwerflich. Es gibt eine geringere, eine Faunen- und Satyrennatur
in der menschlichen Bildung, die wir nicht verleugnen können; sie ist behend,
aufgeweckt, lustig, munter in Einfällen, in ländlichen Scherzen und Spielen,
dabei lüstern, üppig, übrigens einem Teil nach (denn es gibt auch grobe, böse
Faunen) gutartig, dienstfertig, wohlgefällig, freundlich. Warum sollte man
diesen Geschöpfen, die einst die Besitzer der jungen Welt waren, ihre Freuden
und Spiele stören? Warum sollte man diesem Satyrus, der mit so unendlichem
Appetit die süsse Traube kostet, jenem Faunchen, das die Nymphe belauscht oder
haschet, jenem andern, der mit kindischer Freude die Flöte bläset oder gaukelnd
aufhüpfet, ihre jugendliche Freude, ihre unerfahrne Lüsternheit und Neugier
rauben? Vergnügungen oder Lustkeime dieser Art machen ja einen so grossen Teil
der Jugendfreuden aus, die man unschuldige Freuden zu nennen gewohnt ist; und
manche Charaktere haften daran zeitlebens. Also bemächtige sich auch die Kunst
dieser Klasse der Menschheit; nur sie sondre sie ab und charakterisiere sie
also, dass man sogleich ihre Natur wahrnimmt. Dies hat die Kunst getan, und zwar
(ich gehe alles vorüber, was für lüsterne Augen, in Wollustkammern oder Gärten
gemacht wurde) auf eine dem Genius dieser Gattung ganz gemässe Weise. Diesem
jungen Satyr spriesst ein Hörnchen, jenem ein Schweifchen; sein spitzes Ohr
lauscht, sein Blick, seine Zunge lüstet; also ist er schon seiner Art nach zum
gaukelnden Sprunge, zur lüsternen Fröhlichkeit gemacht; in dieser Art hat die
Kunst ihn ergriffen und charakterisieret. Es gibt Satyren von grosser Schönheit;
nur sobald sie Satyren sind, zeichnete sie die Kunst aus als der reinen
Menschheit nicht ganz würdig. War es Grobheit oder zartes Gefühl, das diesen
Unterschied machte? Unser Auge würde vielleicht nicht beleidigt, wenn ein ganz
menschlicher Jüngling mit einer Nymphe scherzt; das Auge der Griechen ward es.
Die Gestalt eines Jünglinges war heilig, aber ein Satyr durfte so scherzen und
tändeln. Diese charakteristische Unterscheidung, die Begierden solcher Art
gleichsam an die Grenze der menschlichen Natur rückte, war also höchst sittlich
gedacht, und die reine menschliche Natur, insonderheit der menschliche Jüngling,
ward durch sie sehr geehret.
    Überhaupt machen wir uns von dieser ganzen Gattung Geschöpfe zu grobe
Begriffe, weil unserm Klima die ländlichen Spiele und Feste, die dazu
Gelegenheit gaben, fremde sind. Wir denken uns allentalben grobe Waldfaunen und
Waldteufel, von denen dort nicht die Rede war; es waren bekannte fröhliche
Masken. Die Griechen hatten sogar eine eigne Gattung Schauspiele, wo nur Satyren
sprachen und hüpften, Schauspiele, die unmittelbar hinter den grössesten Stücken
Äschylus' und Sophokles' gespielt wurden und deren sich die grössesten Meister
nicht schämten. Diese Stücke waren Denkmale der Freiheit und Fröhlichkeit alter
Zeiten; ein Satyr durfte sprechen, was der ehrsame Mann nicht sprach, und man
durfte es hören; denn es sprach's aus den Kindeszeiten der Welt ein Satyr.
Neuere Künstler haben dies sittliche Costume, was einem Menschen und einem Satyr
zieme, nicht ebenso genau unterschieden.
    Damit habe ich zugleich dem Silen, dem sogenannten indischen Bacchus, den
Kentauren, Sirenen, noch mehr aber jenen Ungeheuern, die sich ganz von der
menschlichen Natur absondern, das Wort geredet. Bei uns laufen alle diese Dinge
durcheinander; der Silen heisst ein ehrlicher Mann, der gerne trinkt;
jahrhundertelang waren unsre Trimalcions Leute von der grossen Welt; ihre Sitte
hiess Hofsitte und Kunst zu leben. Bei den Griechen nicht also; Silen und
Trimalcion waren Masken ausgezeichnet-niedriger Charaktere.
    Haben Sie in dieser Rücksicht überdacht, welchen Vorteil solche Masken der
griechischen Kunst, welchen Adel sie der menschlichen Bildung gaben? Durch sie
ward von unsrer Natur abgesondert, was sie verzerret, was ihr nicht ziemet. Alle
Karikatur nämlich war in Masken verlegt, klassifiziert und geordnet. Damit blieb
sie vom edlen menschlichen Körper getrennt; kein Hogart durfte Prometeus sein
und Menschen bilden; wohl aber konnte das Kind, der Knabe, mit Masken spielen,
selbst Jupiter und Merkur konnten in Masken agieren, wenn sie's gut fanden. Sie
waren jetzt nicht Götter, sondern Missgestalten; denn wer eine solche Maske
trägt, bezeugt eben damit, dass er jetzt kein Mensch oder Gott, sondern das Tier,
der Tor sei, in dessen Gestalt er erscheint. Der edeln Menschengestalt, die bei
den Griechen über alles galt, hat er entsaget. - Selbst an die griechische
Klassifikation und Ordnung dieser der Menschheit unwürdigen Formen hat kaum ein
neuer Begriff gereichet.
    Die Kentauren der Griechen, insonderheit Chiron, der den Achilles
unterweiset, haben mich immer lehrreich vergnüget. Ich kann den Gedanken, dass
eine verständige, zärtliche, tapfere und keusche Tierheit die Erzieherin und
Wiederherstellerin des Menschengeschlechts sei, nicht zarter ausdrücken, als er
hier ausgedrückt ist; denn Swifts edle verständige und keusche Huynhyms im
Kontrast seiner Yahos sind, gegen die Dichtung der Griechen, barbarische, in
sich selbst nicht bestehende Gedanken. Chiron unterweiset den Achill nicht etwa
in der Jagd allein, sondern in allen Künsten der Musen, sorgsam, strenge und
zärtlich. Die Leier in der Hand eines Kentaurs, eine mit ihren menschlichen
Mutterbrüsten nährende Kentaure, auf deren Rücken Amor sitzt, würde den Stoff zu
einer äusserst sittlichen Unterhaltung geben, auf welche die Deutungen der Fabel,
dass dergestalt die Helden der Vorwelt kultiviert worden, selbst weisen.
    So auch ihr, ihr schönen Medusen, Gorgonen, Sirenen, Scylla und Charybdis,
ihr Bacchen, Mänaden, Titanen und Kyklopen, wo und wie ihr in der Kunst der
Griechen erscheint, seid ihr an eure Plätze geordnet. Unter uns lauft ihr umher;
ein Titane lässt sich als Held, eine Meduse als Charis, eine Baccha als die
Königin des Himmels anschauen und physiognomisch malen. Wären wir den Griechen
nicht Dank schuldig, dass, was wir nicht können, sie getan und nach
unveränderlichen Regeln und Kennzeichen Klassen geordnet, Abarten ausgezeichnet
und die reine Form von der Unform getrennet haben? Auch die Barbaren und den
sogenannten Trimalcion haben sie treffend bezeichnet.
                                      70.
    Ihre zweite Frage: »Haben die Griechen uns alles vorweggenommen und sind
nicht nach und hinter ihnen andre, feinere und sittlichere Ideale möglich? Ja,
sind diese nicht vielleicht schon längst in der neueren Kunst gegeben?«- diese
Frage wird sich, wie mir es scheint, aus dem Vorigen von selbst beantworten. Die
Griechen nämlich haben, indem sie alles ordneten, als Räuber nichts
vorweggenommen; sie haben der Erfindung keines sterblichen Menschen geschadet,
sondern dieser Raum gemacht und sie geleitet.
    Im Anbeginn der Dinge, sagen die Dichter, schwebte alles in wüster
Unordnung, und es war zu nichts Raum. Da begann eine Welt; jedes ordnete sich zu
seinesgleichen; es wurden Planeten und Sonnen. Elemente sonderten sich; es
entstanden Kunstgeschöpfe. Nun ward Raum; denn die harmonischen Töne der
Weltleier waren erklungen, und alles gesellet sich seitdem zu seinem Geschlecht,
zu seiner Ordnung. Noch jetzt erhalten sich alle Klassen der Lebendigen also; so
reihen noch jetzt sich Sonnen an Sonnen; Nebelsterne ziehen sich zu Systemen
zusammen und gewähren Raum; so ward und so wird die Schöpfung.
    Auch die Kunst, die Schöpfung der Menschen, nicht anders. Die Griechen
erfanden und vollendeten Ideale; sie schufen Klassen der Menschheit und
trenneten ab, was nicht zu ihr gehöret. Damit bildeten sie den reinen göttlichen
Begriff unsres Geschlechts zart und vielseitig aus; wem haben sie hiemit
geschadet? Wer sich edler als Kastor und Pollux, schöner als Dionysos oder
Apollo, jungfräulicher als Diana, dämonischer als Minerva fühlt, der trete her,
und die Kunst wird ihm opfern. Ein König, der über Jupiter, eine Königin, die
über Juno herrlich, eine Geliebte, die zärtlicher ist als Psyche, trete her, und
die Kunst wird ihr opfern. Die hohen Sternbilder, die geordneten Sonnensysteme
stehen da, und zwischen ihnen ist Raum zu andern Systemen.
    Jede reine Idee, die ein vollendetes Bild gibt, teilt nachbarlichen Ideen
Klarheit mit; dies zeigt die griechische Kunst in hohem Grade. Aus jener
bescheidenen Aphrodite ward mit einer kleinen Veränderung eine Nemesis; aus ihr
und aus allen ursprünglich wenigen Götterformen, wie viel Ideen sind erwachsen!
Parzen und Eumeniden, Grazien und Horen, Nymphen allerlei Art, Schutzgöttinnen
der Länder und Personen, personifizierte Tugenden und Ideen. Eine Genealogie
dieser Gestalten würde zeigen, von wie wenig Hauptformen sie entsprossen sind
und wie sich, der einmal festgestellten Ordnung nach, immer Gleiches zu Gleichem
gesellte. Bis auf die Münzen der Römer in ziemlich späten Zeiten erstreckte sich
diese Fruchtbarkeit jener kleinen Anzahl griechischer Ideen; auf ihnen erhielten
sich Bilder sittlicher Humanität selbst in Zeiten, da alles dem Gesetz und
Kriege, dem Zwange und der Not diente.
    Sollten also jene Denkbilder reiner Formen der Menschheit je einem
Sterblichen den Weg zu Ideen verschliessen oder verschlossen haben? Niemals; nur
lange Jahrhunderte waren in so dunklem Nebel, dass auch der Umriss solcher Formen
nicht erkannt werden mochte. Endlich zerfloss der Nebel; der menschliche Geist
gelangte wieder zu einigermassen hellen Begriffen; Andacht und Liebe verkürzten
den Weg dahin, und so sind jene Bildnisse erschienen, die wie Morgensterne aus
der weichenden Nacht hervorschimmern. Man humanisierte seine Religionsbegriffe;
und so trat vor allen andern die gebenedeiete Jungfrau, die Mutter des
Welteilandes, in einer eignen Idee hervor, zu der ihr die griechischen Musen
nicht halfen. Der Gruss des Engels half ihr dazu, der sie die Holdselige, die
Gottesgeliebte, ihre eigne Demut half ihr dazu, in der sie sich die Magd des
Herren nannte. Aus diesen beiden Zügen floss ihr liebliches Wesen zusammen, das
sich dem menschlichen Herzen sehr vertraut machte. Dichter hatten sie mit der
Stimme des Engels in zarten Worten oft gegrüsst, zutrauliche Gebete sie liebreich
angeredet; jetzt trat die Kunst hinzu, sie auch sichtbar zu machen, sie und das
Kind in ihren Armen, die selige Mutter und die heilige Jungfrau. Keuschheit also
und mütterliche Liebe, Unschuld des Herzens und jene Demut, die in der grössesten
Hoheit sich selbst nicht kennet, die in tiefer Armut die seligste ihres
Geschlechts ist; diese neue Form der Menschheit ward vom Himmel gerufen - ein
Mariencharakter. Sein unterscheidender Zug ist, wenn ich so sagen darf, jene
christliche Unbefangenheit, in der die Mutter von ihr selbst, von ihrer
Herrlichkeit, kaum von ihrem Kinde zu wissen scheinet, das sie dennoch, das
dennoch sie liebreich umfängt und den Menschen hold ist. Eine humane Gruppe, die
Kind und Knabe, Mädchen und Jungfrau, Braut und Mutter, Mann und Greis, der
Sterbende selbst zutrauend-sanft, gleichfalls mit christlicher Unbefangenheit
gern ansehn; da übrigens Raffaels Marien, gewiss die höchsten und reinsten ihrer
Art, alle Landmädchen sind, nur sehr innig gedacht und rein idealisieret. Jene
Glorreiche selbst, die, das Kind im Arm, über den Wolken schwebet, kennet sich
selbst nicht und ist in einer sanften Verwunderung über die Hoheit, die ihr
zuteil wird. Ausser Raffael haben wenige diese Idee erreichet; die gebeugte
Schmerzensmutter gelang ihnen viel mehr. Den Sohn Gottes* in Menschengestalt
haben ausser Raffael, da Vinci, del Sarto wenige würdig gedacht und empfunden,
also nämlich, dass die göttliche Menschheit des Erlösers der Menschen nicht
zugleich Niedrigkeit würde. Das Bild des ewigen Vaters fand noch mehrere
Schwierigkeiten, die Idee des gefallenen mächtigen Engels nicht minder. In allem
aber, was der nähere Kreis unsrer Menschengestalten einschliesst, welchen
Reichtum schöner Kompositionen haben in Neueren eben die Alten erweckt und
befördert! Wer hat je Raffaels Schule zu Aten und seine andre vatikanische
Gemälde gesehen, ohne zu empfinden: in ihm war eine griechische Seele.
Engelsangesichte sind in seinen Gemälden; seine Muse war ein schaffender Geist,
der Gestalten hervorruft und jedem Charakter mit Grazienhand das Seinige
anweiset. Was Angelo und so viel andere den Alten schuldig sind, haben sie
selbst bekannt; in glücklichen Zeiten der Kunst werden andere kommen und neu
erfinden. Der ideenbildende Geist ist nicht ausgestorben und kann nicht
aussterben; in den griechischen Kunstwerken ist ein ewiger Same zu seiner
Neubelebung.
                                      71.
    »Was in unserm Klima, in unsrer Verfassung uns die griechische Kunst solle,«
fragen Sie, und ich antworte kurz: »Wir wollen nicht sie, sondern sie soll uns
besitzen«; gerade das Gegenteil, was jener Grieche von sich in Ansehung der Laïs
rühmte. Diese Laïs verführt nur schlechte Gemüter; die bessere wird sie als eine
Aspasia bilden.
    Wir wollen, meine ich, die griechische Kunst nicht besitzen, da so wenige
nordische Seelen sie kaum fühlen. Die griechischen Kunstwerke selbst sind ja
unserm unfreundlichen Klima fremde, und es daurete mich stets, wenn ich Schätze
dieser Art nach Britannien hinübergeschifft sah. Ein Raub der Proserpina; wer
wird sie in jenen plutonischen Hainen, wo sie unverstanden, zerstreut und
verschlossen dastehn, suchen und von ihnen lernen? Lasset, ihr Weltüberwinder,
den Raub Griechenlandes und Ägyptens ihrer alten Beherrscherin, dem milden und
ewigen Rom, wo jedermann, dem das Glück den Weg dahin nicht versagte, um ein
Nichts zu ihnen Zutritt findet. Sendet eure Künstler dahin, oder gewähret euch
selbst ihren mildernden Anblick; nur machet sie nicht zu Boten unter den Völkern
oder zu Hermessäulen auf euren glorreichen Wegen.
    Die griechische Kunst, meine ich, soll uns besitzen, und zwar an Seele und
Körper.
    Allentalben z.B. gingen die Völker bekleidet umher und schämeten sich des
Gottgebildes, das sie verhüllten; die Griechen wagten es, den Menschen in der
Herrlichkeit zu zeigen, die ihm Gott anschuf. Welcher Vater, welche Mutter
wünschet sich nicht gesunde, wohlgestaltete Kinder? Wer erfreuet sich nicht an
ihrem Anblick und fühlt seine Brust erweilert, wenn er einen schamhaften
Jüngling, eine züchtige Jungfrau sieht? In dieser Jugendkraft, die, von einer
glücklichen Natur erzeuget, durch Mässigkeit und Übung allein gedeihet, fühlt
jedermann die Anlage zu einem tätigen, heitern Leben und bedauret die
Gelegenheit, die ihm zu Ausbildung dieser Gestalt und Kräfte versagt ward. Wenn
nun ein unfreundlicher Dämon uns die Brust zusammendrückte, sollten wir
künftigen Geschlechtern nicht einen glücklichern Dämon gönnen? Und da vom
Menschenschicksal viel, sehr viel in der Hand der Menschen, in ihrem Willen, in
ihrer Verfassung und Einrichtung liegt, könnte uns zu Beförderung solcher
Anstalten wohl ein Grönländer, der aus seiner Höhle gezogen ward, oder nicht
vielmehr ein Grieche, der ein Mensch wie wir war und als ein Gottesbild dasteht,
erwecken und reizen? -
    An den Körpern betrachte man der Griechen Kleidung. Die unsre hat Penia, die
Dürftigkeit, selbst erfunden und eine Megära des Luxus und der Unvernunft
vollendet. Die Kleidung unsrer Weiber entsprang aus der armen Schürze, die man
noch bei Negern und Wilden sieht. Als sie endlich rings die Lenden umgab, ward
sie zu einem Rock, der aus drückender Armut kaum über dem Nabel den Unterleib
zusammenschnürte. Jahrtausende hin haben diese schnürende Lendenschürzen
fortgedauert, und um ihren Reichtum zu zeigen, legten manche nordische
Volkstrachten sogar sieben dergleichen Lendenschürzen dick übereinander, dass das
abenteuerliche Geschöpf dem Ansehen nach auf einer Tonne ruhen möchte. Man wagte
es oft nicht, diese Schürze bis zu den Füssen hinab zu verlängern, geschweige,
dass man sie zu einem Gewande zu erheben sieh getrauet hätte, und zeigte lieber
seine ungestalten Glieder. Die Bekleidung des nordischen Weibes an der Brust
entsprang aus einem Mieder, das man nach und nach mit mehreren Teilen
zusammensetzte, woraus dann jener unselige Seiten- und Brustarnisch entstand,
der tausend Müttern und Kindern ihre Wohlgestalt, ihr Leben, ihre Gesundheit,
ihre Freuden an Muttergeschäften gekostet hat und dennoch fortdauret. Da man
einmal auf dem Wege der Missgestalt war, so wurden mancherlei Kleidungen erdacht,
um diese oder jene einzelne Missgestalt zu verbergen, denen sodann unter dem
Gesetz der Mode auch die blühendste Gestalt nachahmen musste. Bei jeder
unsinnigen Tracht nämlich kann man zeigen, welchem körperlichen Fehler zugut sie
entstanden sei, so dass man fast auch keinen körperlichen Fehler gedenken kann,
den unsre weibliche Tracht nicht verbergen möchte. »Bist du das alles?« sagte
jene Griechin zu einem europäischen Reifrock; und was der Reifrock hätte
antworten können, hat Lady Montague frei gesagt. Die männliche Kleidung der
Europäer hat einen ebenso barbarischen Ursprung Zum Reiten sind wir da, das
zeigt die Bekleidung unsrer Beine. Die übrigen Fetzen haben wir uns nach und
nach, insonderheit der Taschen wegen, zugeleget und, als ob wir uns des Stranges
unaufhörlich bewusst sein sollten, insonderheit unsern Hals jämmerlich
zugeschnüret; eine Kleidung, in der wir allen Nationen der Erde lächerrlich
werden.
    Da blicke man eine Muse, eine Juno, ja nur irgendeine bekleidete griechische
Nymphe an und erröte. Man betrachte einen griechischen Mann, er sei Jüngling,
Held oder Weiser, in seinem Gewande und sehe beschämt auf sich selber. Fühlten
beide Geschlechter die Würde ihrer Körpergestalt und hielten ihre Zwecke für
Pflicht, hätten sie sich diesen Fesseln barbarischer Dürftigkeit nicht längst
entwunden?
    Ohne Zweifel müssen Sie in Statuen sowohl als auf allen griechischen
Denkmalen den bescheidenen und festen Stand, die ruhige Stellung der Personen
beiderlei Geschlechts, die nicht Fechter oder Faunen sind, bemerkt haben;
Winckelmann hat darüber seine für die Schönheit sehr empfindliche Seele reich
ausgeschüttet und den zarten Gemütscharakter, den diese Ruhe verrät,
unübertrefflich geschildert. Vergleichen Sie damit unsre alten Gemälde in
spanischer Tracht mit ihrem Ritter- und Heldentritte oder alle jene gewohnten
Gebärden, die uns das Etikett der Gesellschaft auflegt. Beide Geschlechter haben
in ihrer Kleidung fast keine natürliche Stellung mehr; Hände und Füsse sind uns
zur Last, und jene ruhige Innigkeit, die von keiner Repräsentation weiss, die
auch in der Bewegung ganz für sich da ist, wir sehen sie kaum noch an einigen
glücklichen Ausnahmen, in denen wir sie Unerzogenheit oder Naivetät zu nennen
gewohnt sind. Und doch ist diese nüchterne Innigkeit die Grundlage aller wahren
und ruhigen Besinnung im Menschen, so wie sie das Kennzeichen einer reinen
Unbefangenheit, eines richtigen Gefühls, eines tieferen Mitgefühls, kurz, der
einzigen und echten Humanität ist Wer in seinen Bewegungen zeigt, dass er nicht
Zeit habe, zwei Augenblicke in sich selbst zu verweilen und ohne Rücksicht der
Dinge, die ausser ihm sind, sein Geschäft zu treiben, ist ein unreifes Geschöpf
der Menschheit. Nur Antriebe von aussen, Sturm und Zwang können ihm gebieten; er
fühlet nichts von jener innern Seelenruhe, die auch im Gegengewicht und Kampf
lebendiger Kräfte vermöge der Symmetrie und Eurhytmie des Körpers und der in
ihn sanft ergossenen Seele auf sich selbst haftet.
    Aber wie soll ich das freundliche Beisammensein der griechischen Körper und
Seelen unter- und miteinander bezeichnen? jene Ruhe, mit der sie einander
anschaun und hören? Die Überredung wohnet auf ihrer Lippe, ob man gleich kein
Wort vernimmt; es ist ein gegenwärtiger Geist, der den Hörenden und Sprechenden
bindet. Und wenn ihre Hände einander berühren, wenn dieser sanfte Arm auf der
Schulter oder nur das Auge auf dem Anblick des andern ruhet: welche süsse
Harmonie, welche liebende Anhänglichkeit offenbaret sich zwischen beiden! Nie
habe ich eine griechische Gruppe, man nenne sie Orest und Pylades oder Orest und
Elektra, Biblis und Kaunus, Pätus und Arria, Amor und Psyche, oder wie man
wolle, bemerket, ohne diese liebliche Zusammenstimmung zu fühlen, die beide zu
einem vereinet. Nie habe ich in den wenigen Gemälden, die von ihnen übrig sind,
oder in ihren zahlreichern Basreliefs eine griechische häusliche Gesellschaft
gesehen, in welche nicht jener Geist der Ruhe ergossen war, der unsern
tumultvollen Kompositionen so oft fehlet. Raffael hatte von diesem Geist
empfangen; Mengs hat ihn, wenn das antike Gemälde, in welchem sich Ganymedes dem
Jupiter nahet, sein ist, sowohl in dem Annahen selbst als auf dem Munde des
Vaters der Götter in dem ewig freundlichen Kuss ausgedrückt, mit dem er ihn
aufnimmt. In allen Kompositionen der Angelika ist diese ihr eingeborne
moralische Grazie der Charakter ihrer Menschen. Selbst der Wilde wird durch ihre
Hand milde; ihre Jünglinge schweben wie Genien auf der Erde, nie war ihr Pinsel
eine freche Gebärde zu schildern vermögend. Wie etwa ein schuldloser Geist sich
menschliche Charaktere denken mag, so hat sie solche aus ihren Hüllen gezogen
und mit einem schönen Verstande, der das Ganze aufs leiseste umfasst und jeden
Teil wie eine Blume entspriessen lässt, harmonisch sanft geordnet. Ein Engel gab
ihr ihren Namen, und die Muse der Humanität ward ihre Schwester.
    Meinen Sie noch, dass die Kunst der Griechen, ihrem Geiste nach, nicht für
uns gehöre? Dem Worte selbst nach hätten Sie uns damit zu einer ewigen Barbarei
verdammet.
    Denn, um aller Musen willen, wozu lesen wir die Griechen? Ist's nicht, dass
wir eben diesen zarten Keim der Humanität, der in ihren Schriften wie in ihrer
Kunst liegt, nicht etwa nur gelehrt entfalten, sondern in uns, in das Herz
unserer Jünglinge pflanzen? Wer in Homer, ja in allen Schriftstellern von echt
griechischem Geist bis zu Plutarch und Longin hinab, bloss Griechisch lernet oder
irgendeine Wissenschaft in ihnen bloss und allein mit nordischem Fleisse verfolgt,
ohne den Geist ihrer Komposition, diese feine Blüte, mit innerer Zustimmung
seines Herzens zu bemerken, der könnte, dünkt mich, an ihrer Statt Sinesen und
Mogolen lesen.
                                      72.
    Der Schluss Ihres letzten Briefes scheint auf den alten Satz hinauszukommen,
»dass für uns Menschen das Wahre, Gute und Schöne nur eins sei«. Sollte es nicht
aber auch ein Wahres und Gutes ohne schöne Form geben, ja müsste sich nicht eben
das höchste Wahre und Gute von aller Form entkleiden?
    Die Griechen lebten im Jünglingsalter der Menschheit; bei ihnen lief oft die
Einbildungskraft mit dem Verstande davon, oder wenigstens lief sie ihm voran und
kleidete sinnlich ein, was doch allein für den Verstand gehöret. Schonend haben
Sie die Missbräuche verschwiegen, die von den Künsten des Schönen gemacht wurden
und täglich noch gemacht werden. Ist's also nicht eine wohltätige Hand, die
diese Dinge scheidet?
    Wir Nordländer sind einmal nicht wie die Griechen organisieret; lasst jenen
statt der Wahrheit eine Aphrodite auf ihrem Altar; unsre Wahrheit ist ein
unsichtbarer Geist, unsre Moral eine Gesetzgeberin für alle reindenkende Wesen,
in welcher Körperform diese auch erscheinen mögen. Sinnlichkeit schadet dem
Verstande; durch seine Liebe zum Schönen ging Griechenland unter.
                                      73.
    Und wodurch gingen denn so viele Barbaren unter? Durch Unverstand und
Tollkühnheit, durch eine erschlaffende Üppigkeit, die ohne alle Empfindung des
Schönen war, oder durch sklavische Trägheit. Also lassen Sie uns die Schicksale
der Völker, die im Wurf der Zeiten von so mancherlei Umständen bestimmt werden,
nicht in unsre Frage mischen. Missbrauch bleibt überall Missbrauch, Laster
allentalben Laster, unter welcher Larve es auch erscheine.
    Auch reden wir nicht von einer Sinnlichkeit, die dem Verstande
entgegengesetzt wäre. Eine solche sollten wir nicht kennen, sowenig uns ein
Verstand ohne Sinnlichkeit und eine Moral völlig reiner Geister bekannt ist.
    Nach meiner Philosophie erweisen sich alle Naturkräfte, die wir kennen, in
Organen; je edler die Kraft, desto feiner ist das Organ ihrer Wirkung.
Körperlose Geister sind mir unbekannt. Ausser der Menschheit kenne ich überhaupt
keine vernünftige Wesen, deren Denkart ich erforschen könnte; ich schliesse mich
also in meinen engen Kreis, ich wickle mich in den armen Mantel meines irdischen
Daseins.
    Und in diesem finde ich durchaus keine formlose Güte und Wahrheit. Ich
spreche nicht von Wortformen, die als blosse Mittel des Empfängnisses und
Ausdrucks unsrer Gedanken ganz an ihrem Ort bleiben; ich rede nicht von
Grundsätzen; die als Grundsätze freilich nicht dargestellt werden können;
sondern von Gegenständen und Sachen, von der Natur unser selbst und der Dinge,
die uns umgeben. Jede Wahrheit, die aus diesen abgezogen ward, muss auf sie
zurückgeführt werden können, und eine Menschenmoral kann sich nicht anders als
in menschlichen Gesinnungen, Neigungen, Handlungen äussern. Mitin hat alles Form
und Weise; eine Form, die erkannt, eine Weise, die sichtbar gemacht werden kann
und muss.
    Und diese Form des Wahren und Guten (verzeihen Sie meine Unphilosophie) ist
Schönheit. Je reiner sie erscheint, je lebendiger in ihr Erkenntnis und Güte
ausgedrückt sind, desto mehr behauptet sie ihren Namen und übt ihre Kraft auf
menschliche Gemüter und Organe. Wie das heilige Wort Güte und Schönheit (kalon
kagaton) vom Pöbel gemissbraucht werde, darf und muss uns nicht irren; denn wer
legte uns die verwirrte Sprache des Pöbels zum Gesetz auf? Es gibt aber keine
hässliche Wahrheit, sowenig es ein hässlich Gutes geben kann: dem Erkennenden
sowohl als dem Ausübenden sind beide von der höchsten Schönheit.
    Lassen Sie uns z.B. bei der Moral bleiben. Ihr Grund liegt im Verstande und
Herzen des Menschen; im wesentlichen ist er auch von allen Völkern anerkannt;
die Griechen aber haben ihren höchsten Grundsatz der Sprache nach schön
ausgebildet. So verschieden ihre Philosophen sich ausdrückten, so war ihnen
allen Tugend das höchste Geziemende der Menschheit in Gesinnungen, Handlungen
und der ganzen Lebensweise, kurz, das Sittlich-Schöne. Plato suchte es in ewigen
Ideen, Aristoteles als die feinste Mitte zwischen zwei Extremen, die stoische
Schule als das höchste Gesetz aller Vernünftigen in einer grossen Stadt Gottes;
alle aber kamen darin überein, dass es ein kalon ein prepon das höchste
Anständige der menschlichen Natur sei.
    Dies Anständige nun hat keinen Massstab von aussen; durch politische Gesetze
kann mir die reine Gemütstugend nicht aufgelegt werden; auch die Meinungen
andrer erkennet sie als ihr Gesetz nicht. Noch weniger die Bequemlichkeit, den
Nutzen, die Eitelkeit des Artigen von innen und aussen; äusserst missverstanden
sind Griechen und Römer, wenn man ihr honestum, ihr pulcrum et decens dahin
erniedrigt. In jedem zweifelhaften, schweren Fall setzten sie es dem Nutzen, der
Bequemlichkeit, der äusserlichen Ehre und Schande gerade entgegen; Arbeiten und
Mühe, Marter und Tod wähleten sie für diese schöne Braut, den höchsten
Kampfpreis des Lebens, das rectissimum, optimum, die Tugend.
    Und mich dünkt, dies höchste Anständige der Menschheit entalte sowohl die
schärfste Bestimmung als den innigsten Reiz der Tugend. In ihr befolge ich
nämlich nicht sowohl ein Gesetz, das ich mir selbst aufgelegt habe oder als
Gesetzgeber allen vernünftigen Wesen auflege. In der stolzen Monarchie mein
selbst verwechseln sich oft Gebieter und Sklave; einer betrügt den andern;
dieser sträubt sich, jener brüstet sich; und überhaupt ist ein Gesetz als Gesetz
ohne Reiz und inneres Leben. Das mir selbst, das der Menschheit Anständige
reizt; es reizt unaufhörlich als ein nie ganz zu erringender Kampfpreis, als
meiner innern und äussern Natur, als meines ganzen Geschlechts höchste Blüte. Wer
dafür keinen Sinn hätte, der würde sich zwar selbst nicht verachten; er bliebe
aber eben dadurch ein Unmensch, weil ihm dies Anständige, diese innere
Wohlgestalt, das Gefühl und Bestreben des honesti fehlte. Er ist (in der Sprache
der Griechen zu reden) ein Tier oder Halbtier, ein Kentaur, ein Satyr.
    In der Menschheit hat dies Ideal des moralischen Anstandes* so viele Stufen
der Annäherung, dass es nicht etwa nur Gesinnungen für sich und die Seinen,
sondern Vaterland und zuletzt die ganze Menschheit unter sich begreifet. Der
wäre der Edelste und Schönste, der mit den grössesten Gefahren, der schwersten
Mühe, der langsamsten Aufopferung sein selbst nicht Freunde, nicht Kinder, nicht
das Vaterland allein, sondern die gesamte Menschheit zu dieser innern süssen
Würde, dem lebendigsten Gefühl des honesti jeder Art, mitin zum endlosen
Bestreben nach der reinsten Menschenform heben könnte. Hier höret Despot und
Sklave völlig auf; auch wenn ich mir gebiete, bin ich unter dem Evangelium, in
einem Wettkampf liberaler Übung. Wenn ich das Schwerste und Grösseste getan
hätte, habe ich nichts getan; ich weiss nicht, dass ich es getan habe; aber dem
Ziel fühle ich mich näher, ein Retter, ein Erhöher der Menschheit in mir und
andern zu werden aus innerer Lust und Neigung. Sie sehen, in welchen unendlichen
Plan diese Idee des Moralisch-Schönen (kalon kagaton) gehöret.
    »Die Erziehung der Alten,« sagt Winckelmann,67 »war der unsrigen sehr
entgegengesetzt. Bei ihnen in ihren besten Zeiten wurden nur heroische Tugenden
geschätzt, diejenigen nämlich, welche die menschliche Würdigkeit erheben, da
andere hingegen, durch welche unsre Begriffe sinken und sich erniedrigen, nicht
gelehret noch gesuchet, viel weniger auf öffentlichen Denkmalen vorgestellt
wurden. Jene Erziehung war bedacht, das Herz und den Geist empfindlich zu machen
für die wahre Ehre, die Jugend zu einer männlichen grossmütigen Tugend zu
gewöhnen, welche alle kleine Absichten, ja das Leben selbst verachtete, wenn
eine Unternehmung der Grösse ihrer Denkungsart nicht gemäss ausfiel. Bei uns wird
die edle Ehrbegierde ersticket und der tumme Stolz genähret.«
                                      74.
    Wie wäre es, wenn ich Ihren Gang in Arkadien unter den Kunstgebilden der
Griechen mit einigen Stimmen der griechischen Muse begleitete? Sie zeigen
wenigstens, dass das Menschengefühl, das Werke der Kunst schuf, sie auch ansah,
dass man den milden Sinn des Künstlers zu erfassen und auszudrücken strebte.
    Die »Griechische Antologie« gibt uns hiezu mehr als einen Wink, und Heine
hat in ein paar Vorlesungen diese gesammlet.68
    Der stolzen Juno bat wahrscheinlich ein griechisches Epigramm ihren
Todfeind, den Herkules, an die Brust gelegt.69 Der Dichter fand, dass die
marmorne Brust, dem Kinde die Milch versagend, die Brust einer Stiefmutter,
einer Juno sein müsste - nicht ohne Grund. Diese zarte Pflicht mütterlicher Liebe
gehört wirklich mehr für den Pinsel des Malers als für den harten Marmor.
    Kräftiger druckten die Griechen die mütterliche Liebe im Kampf der
Leidenschaft aus. Wie jene Henne, die, von Schnee und Kälte erstarret, auch im
Tode noch das Nest ihrer Geliebten deckt und es vor dem Tode beschirmt,70 so
stehet in der Kunst die für alle ihre Kinder leidende Niobe da, und die Stimme
der Musen bezeichnet das Ideal der mütterlichen Heroide:
Schau das lebendige Bild der unglückseligen Mutter;
Noch im Tode beweint ihre Geliebtesten sie
Mit unhörbarer Klage; sie steht erstarret Der Künstler
Bildete sie, wie im Schmerz lebend zum Felsen sie ward.
    Und da die Bildsäule der Mutter mit denen um sie getöteten Kindern einen
entfernten Anblick foderte, so sprach der Dichter:
Stehe von fern und wein, anschauender Wanderer. Tausend
Schmerzen zeigen sich hier, die ein unglückliches Wort
Dieser Mutter gebracht. Zwölf Kinder, Brüder und Schwestern,
Liegen von Artemis' Pfeil, liegen von Cyntius' Pfeil
Schon danieder; die andern ereilt ihr Köcher. Es ächzet
Sipylus dort auf der Höh. Schaue, die Mutter erstarrt.
    In einem andern Epigramm hebet sie die Hände empor; es löset sich ihr Haar;
seufzend schauet sie umher; dieser Tochter schlägt das Herz in der Angst des
Todes, jene schmieget sich sterbend an sie, eine andre ist schon erblasst. So
ihre Söhne; Gram folget der Mutter ins Totenreich nach. - Eine andre Stimme
bringt der Erstarrenden die Nachricht vom Tode ihrer Kinder.71 Kurz, Niobe steht
im Namen aller Unglücklichen da, die je ein blühendes Geschlecht beweinten. Wie
manche Töne der Vater- und Mutterliebe kommen uns hierüber aus der Antologie
wieder, wenn wir wie z.B. dort auf der Mnasylla Grabe die Tochter im Arm der
Mutter verscheiden sehen72 und sonst in mancherlei Art Denkmale der Liebe auf
den Grüften der Gestorbenen erblicken. Sooft mir das bekannte Bild erscheinet,
da Merkur eine schüchterne Seele dem gütigen Pluto und der Proserpina darstellt,
höre ich jene fragende Stimme:
 »Du, der Proserpina Bote, wer ist es, den du, o Hermes,
 Schon so frühe dem Reich dunkeler Schatten gesellst?«
 Jener Ariston ist's von sieben Jahren. Du siehest
 Zwischen den Eltern ihn dort stehen im traurigen Mal.
 Tränenliebender Pluto; dir reift ja alles, was atmet;
 Und du mähest die Frucht früh in der Blume dir schon?
    Um den Schmerz der Mutterliebe zu hören, lesen Sie der Hekuba, Prokne, der
Andromache Klagen; hören Sie, wie, von den Stürmen des Meeres umhergetrieben,
die Danae ruft:73
 Als um die kunstgezimmerte Kiste
 Brauste der Wind und das wogige Meer,
 Da sank erstarret vor Schrecken
Der Mutter das Herz. Mit tränenbedeckter Wange
Schlang sie um Perseus ihren liebenden Arm und sprach:
»O Kind, was leid ich um dich!
Und du schlummerst mit deinem unschuldigen Herzen
In dieser grausen, erzumklammerten, nächtlichen Wohnung,
In schwarzer Finsternis so sanft.
Der Welle, die um dein weiches Hauptaar schlägt,
Und der Winde Sausen achtest du nicht,
Da, im Purpurkleide verhüllet,
Dein schönes Antlitz ruht.
Gewiss, wenn dieses Erschreckliche
Dir schrecklich wäre, du vernähmst
Von meinen Klagen ein kleines Wort.
Doch schlafe sanft, mein Kind!
Schlaf auch das Meer, mein unermessliches Unglück schlafe.
Vereitle, Vater Zeus, der strafenden Eltern Rat -
Und sprach ich jetzt ein zu verwegnes Wort,
Verzeih, um dieses deines Kindes willen verzeih.«
    Sie erinnern sich jenes stürzenden Gipfels, der ein schlafendes Kind nicht
trifft, weil auch der harte Stein den Schmerz der Mutter fühlte.74 Sie erinnern
sich der Mutter, die ihr Kind vom Rande des Abgrundes mit ihrer Mutterbrust
hinweglockt und ihm zum zweitenmal das Leben schenket.75 Diese und so manche
andre Stimmen der Mutterliebe erklären uns die heilige Innigkeit, die um alle
Gebilde des Altertums in dieser Gattung schwebet.
    Der höchste Triumph der Kunst im Ausdruck dieser Empfindung erscheint
endlich im Bilde der Medea, der Kindesmörderin selbst. Den Streit der wütenden
Eifersucht mit der mütterlichen Liebe wusste Timomachus so sichtbar zu machen,
dass man sah, sie wolle töten und retten. Im drohenden Auge hing eine Träne, in
ihr Erbarmen war Zorn gemischt; sie zögert, zur Tat zu schreiten; »gnug,« sagte
zum Künstler der Weise,
 Gnug die Zögerung, gnug! Der Kinder Blut zu vergiessen
 Ziemet Medeens nur, nicht des Timomachus Hand.
    Was hier der Weise sprach, sagte das edlere Menschengefühl dem Künstler
selbst. Eine Reihe von Sinngedichten preisen diese seine Schonung;76 andre
stellen das Bild der Medea als ein Schreckbild vor, an welchem auch die Schwalbe
nicht nisten sollte.77
Atamas zürnete selbst nicht seinem Sohne Learchus
Wie Medea; sie ward Mörderin ihres Geschlechts.
Eifersucht ist ärger als Wut. Vermag eine Mutter
 Kinder zu morden; oh, wem sollen sich Kinder vertraun?
    Wer, wenn er dergleichen Anwendungen der griechischen Kunst lieset, wird
nicht mit Freude fühlen, dass Menschen sie für Menschen geübt haben?
                                      75.
    Reizend wie die Kunst der Griechen, wenn sie die Kindesjahre darstellt, ist
auch die Stimme der Musen, die sie erkläret. Gehen Sie alle Tändeleien durch, in
welche Dichter und Künstler den kleinen Gott gesetzt haben, und nehmen ihm die
Flügel, so sind es gewöhnliche Kinder- und Knabenspiele, womit er sich
belustigt.
    Was ist holdseliger als ein schlafendes Kind? Die Kunst und das Epigramm
erfreuete sich also sehr am schlummernden Amor. »Man solle ihm nicht nahen,«
sprach diese; »auch im Schlafe traue man ihm nicht.« Oder er wird im Schlummer
gefesselt, seine Pfeile werden ihm genommen; seine Fackel wird in eine Quelle
getaucht, damit sie erlösche; und es erglüht die Welle, sie wird ein Lustbad der
Liebe.
    Was ist Kindern erfreulicher, als mit Pfeil und Bogen zu spielen, sich zu
kränzen, Blumen zu brechen, Schmetterlinge zu verfolgen, wohl auch zu quälen;
mit dem Schwan, der Gans, der Taube zu tändeln, auf jedem Lebendigen zu reiten,
sich in die Kleider, in den Waffenschmuck der Erwachsnen zu setzen, sich zu
verstecken und finden zu lassen, einander zu erschrecken, sich zu maskieren. -
Lauter Spiele des Amors, in Kunst und Dichtkunst, mit immer neuer Veränderung
und Bedeutung. In Spielen der Kinder und einer Mutter mit Kindern ist Amors
ganzes Reich, seine Scherze und Unfälle, seine Begegnisse mit Paphia, mit der
Psyche, mit Herkules, mit dem Löwen, der Biene, den Kränzen u.f., uns vor Augen;
alle mit zartem Kindessinn gedacht und mit griechischer Lieblichkeit angewendet.
Aus dem einzigen Wort Psyche, das den Schmetterling und die Seele bedeutet, sind
hundert sinnreiche Anwendungen in Kunst und Dichtkunst entsprossen, deren eine
die andre erklärt hat. Wenn Amor und Psyche beide als Kinder einander küssen,
meint man nicht, in diesem Augenblick, im ersten Gefühl ihrer unschuldigen Liebe
sprossten beiden die Flügel? So wenn Psyche den Amor flehet, wenn er sie peiniget
oder tröstet. - Glaube man doch nicht, dass Apuleius diese Fabel ersonnen habe;
sie war lange vor ihm da in Denkmalen, die sein Zeitalter nicht bilden konnte,
ja selbst in der Sprache. Er tat nichts, als die einzelnen Auftritte zu einem
Märchen dichten und dazu auf eine sehr afrikanische, der Venus unanständige
Weise. Selbst die Symbole beider Personen, den Schmetterling und die Fackel,
hatte die Dichtkunst vielfach angewandt; Liebenden liess sie die Fackel Amors bis
in die Unterwelt leuchten.
    Die Schönheit der Jünglinge in der Kunst hat die griechische Poesie ebenso
süss begleitet. Ich darf Sie nicht an die zwei Oden Anakreons erinnern, die Franz
Junius für die Kunst kommentiert hat; in Dichtern und Weltweisen, von Plato bis
zu Plutarch, von Homer bis zum letzten Romanschreiber der Griechen wird dieser
Jugendblüte der Schönheit wie auf einem Altar der Grazie geopfert. Der Kuss jenes
jüngern Plato, in welchem seine Seele ihm auf den Lippen schwebte, hauchet noch;
sein geliebter Stern (astêr), den er mit tausend Augen anzusehen wünschte,
glänzet noch unter den Sternen. So mehrere Gedichte Meleagers, und o wäre die
Stimme der Lyra nicht verhallet, die diese Blume der Menschheit mit höchstem
Wohlgefallen pries! Die griechische Sprache hat in Bezeichnung der Jugendgrazie
einen anerkannten Reichtum an Ausdrücken, unter andern auch deswegen, weil diese
meistens auf die Kunst anspielen. Die Kunst machte ihre Begriffe klar und gab
ihren Empfindungen die Gestalt der Worte Unter andern z.B. finde ich, dass die
Jungfräulichkeit des Jünglinges, die holde Scham auf seinem Gesicht, in seinem
Anstande und in seinen Sitten ebensohoch von der Muse gepriesen ward, als die
Kunst sie fein ausdrückte. Beide bemerkten die zarte Blüte des Lebens, in der
sieh die Geschlechter gleichsam trennen wollen und doch noch zusammenwohnen (ein
Punkt, der von den Neuern sehr missverstanden ist und den auch die spätere Kunst
vielleicht zu üppig ausgebildet), als den wahren Reiz der Schönheit. Kein
Jüngling, dünkt mich, kann einen dieser Jünglinge anschaun, ohne dass die heilige
Scham sich sanft auf seine Stirn senke und jeden Frevel, jede Frechheit von ihm
verscheuche.
    Fügen wir hiezu die Stimme der Musen, die das Gefühl der Freundschaft, der
Schwester- und Bruderliebe, der Pietät gegen Eltern, gegen Wohltäter des
Menschengeschlechts, gegen Götter und Helden singet; hören wir bei dem Dichter
die Klagen Achills um seinen Patroklus, der Elektra um ihren Orest, der Antigone
um ihren Bruder Polynikes; hören wir den Priamus um die Leiche seines Sohnes
bitten, den Ajax sein nachbleibendes Kind segnen; begleiten wir bei Euripides
die jungfräuliche Iphigenia zum Opferaltar, die Polyxena zu Achills Grabe und
sehen jene den Orest wiedererkennen am Altar der Diana und hören Hippolytus'
Klagen über die Liebe seiner Mutter u.f. - so schliesst sich uns das Herz auf zu
diesen edeln Gestalten, auch wenn sie in der Kunst erscheinen. Wir verstehen die
Sprache, die um Orest und Pylades, um Iphigeniens und Hippolytus' stumme Lippen
schwebet; wir begreifen die seelenvolle Einfalt, die uns in jeder griechischen
Gruppe, bei jedem friedlichen Zusammensein mehrerer Personen innig vergnüget.
Wir verstehen die Trunkenheit des Danks im Haupt der Ariadne, die Scham in der
Andromeda, die vom Felsen niedersteiget, im Antlitz der wiedererkennenden
Iphigenia Wut, Erbarmen und zärtliche Erinnerung wunderbar gemischt, und lesen,
wie der Dichter sagt, den ganzen Trojanischen Krieg in der Polyxena Augen.78
Ohne jene erklärende Stimme der Dichtkunst würden uns die Kunstgestalten der
Griechen vielleicht Wundererscheinungen sein; jetzt werden sie unserm Herzen
innig zusprechende Freunde.
    Da endlich die höchste Blüte der schönen Gestalten Griechenlands eine
Heldentugend in jeder Art und in beiderlei Geschlecht war, so wird hierüber die
Stimme der Musen gleichsam ein fortgehender Hymnus. Von jener Vorstellung an, da
die Nymphe den Jupiter als Kind tränket, bis zur Erziehung Achills bei seinem
freundlichen Centaurus, vom Herkules, der in der Wiege die Schlangen erdrückt,
durch alle Gefahren hin, bis er zum Olymp und zum Besitz der Hebe gelanget,
stehen Helden und Heldinnen, Ringer, Kämpfer, Wetteiferer um den Ruhm eines
grossen Verdienstes für ihr Vaterland, für ihre Freunde und Gesellen in
Stellungen vor uns, wie sie die Muse verkündigt und ihnen den Kranz der
Unsterblichkeit darreicht. Ohne dieses Gefühl der Ehre wären keine schöne
griechische Körper und Seelen, keine Helden und Götter, auch keine Kunst, die
sie würdig darstellete, entstanden; denn auch die griechischen Götter und
Göttinnen sind Helden der Tugend, d.i. einer Virtuosität, jeder in seiner Art.
So preisen sie die Hymnen: den Zeus als den Mächtigsten und Besten, dem Temis
zur Seite sitzt und mit ihm weise Gespräche pfleget; die Pallas, aus seinem
Haupte geboren, als eine Beschützerin der Städte, die Meisterin des Krieges, die
Erfinderin der schönen Künste des Friedens; so den Hephästus, der den
Sterblichen die nützlichsten Werkzeuge und Gaben geschenkt hat; Hermes und
Vesta, die Wächter des Hauses; Bacchus und Apollo, die Ideale griechischer
Heldenjugend in zwo verschiedenen Gestalten; samt der Artemis, Demeter,
Aphrodite, selbst Ares und Here. Alle sind Ideale der Werktätigkeit und
Vollkommenheit in einer gewissen Art und als solche Vorbilder der Menschen. Der
Hymnus des Homeriden an Apollo ist der glorreichste Kommentar des Gedankens, der
den Künstler bei der Darstellung des Gottes belebte; so in verschiednen Stufen
die andern Homerischen Hymnen. Die Weihgesänge des Orpheus und Proklus
verdunkeln oft die Gestalt des Gottes und verhüllen sie in einen heiligen
mystischen Nebel. Aber Homer und Pindar, die tragischen Chöre und jeder Laut
einer ältern Stimme simplifiziert die Gestalt und kommt der Kunst nahe. Alle
zeigen, der höchste Kampfpreis der Griechen sei in den frühesten Zeiten
Männlichkeit (Tugend), in den spätern Nutzbarkeit fürs gemeine Beste, schöner
Wohlstand und die Blüte eines unsterblichen Ruhmes gewesen. In solcher Rücksicht
schaue man Götter und Menschen an; sie ermuntern uns alle, unsre Tage nicht in
üppiger Trägheit langsam zu verdauen, sondern, worin es sei, nach dem edelsten,
höchsten Kranz in einem bestimmten und vollendeten Charakter zu streben.
Kräftiger kann dies schwerlich gesagt werden, als es uns die Bildsäulen und
Denkmale der Götter und Helden, der Dichter und Weisen von Teseus bis zu
Antonins Zeiten hinab, begleitet von der Stimme der Musen, sagen. Sei deine
äussre Gestalt dem Gott und Helden unähnlich, dein Gemüt darf es im Besten ihres
Charakters nicht sein; denn dies Beste ist in jedem ihrer edlen Geschäfte
Virtuosität, Tugend.
                                      76.
    Die bestimmte und schone Art, wie die griechische Kunst in menschlichen
Charakteren die Form von der Unform trennte und diese in Regeln einschloss, ist
ein Meisterwerk ihres sondernden Verstandes. Daher, dass wir so wenig Porträte
und so viel Ideale der ältern griechischen Kunst sehen; daher, dass auch in ihren
Ungeheuern und verworfenen Gestalten so viel Bedeutung wohnet. Ihr Volk der
Satyren hat mich nie erschreckt; Gestalten dieser Art gehörten dahin, wo sie
standen, und zeigten an, dass auch unter dem ländlichen Volk Freude herrschen
sollte. Wo diese verstummt, wo kein Pan und Satyr die Flöte bläset, keine
Nymphen im Hain und auf den Wiesen ländliche Feste feiern, da stehen freilich
sowohl die Satyren als die Götter und Helden am unrechten Ort; sie sind
bedeutungslose Götzenbilder.
    Aber auch darin muss der schöne Verstand der Griechen gepriesen werden, wie
sie die Denkmale der Götter gesellten.
    Oft standen die verschiedensten nebeneinander, und einer milderte des andern
Bedeutung; die Überschrift bemerkte dieses. So fügte die Kunst nicht etwa nur
den Mars und die Venus, Vulkan und Pallas, sondern auch Bacchus und Pallas,
Bacchus und Herkules, die Hoffnung und die Nemesis, Vergessen und Erinnerung und
so manche andre Dinge zusammen, die sich einander gleichsam beschränkten oder
belehrten. Ein angenehmer Lustweg wäre es, den Pausanias und die griechischen
Dichter in dieser Absicht zu durchwandeln; denn was die Allegorie der Griechen
eben so schön macht, ist ihre holde, ich möchte sagen, wahre Einfalt. Nie wollte
sie zuviel sagen; sie ward nur gebraucht, wohin sie gehörte, wo man durch sie
sprechen musste. Nach Gelehrsamkeit strebte sie nur in den schlechtern Zeiten;
was sie aber sagte, deutete sie so an, dass, wenn man das Bild auch nicht
verstand, man doch ein schönes Bild sah und von der Vorstellung selbst geneigt
gemacht wurde, ihr einen Sinn anzudichten. Ein Vorzug, den wenige neue
Allegorien erreichen.
    Aber es kam die Zeit, da dieser schöne Kunstsinn untergehen und eine
gedrückte, mystische Vorstellungsart die Gemüter der Menschen benebeln sollte.
Lange barbarische Jahrhunderte hindurch waren dem Schmetterlinge die Flügel
genommen; er kroch als Raupe daher oder lag eingesponnen in rauhen Windeln. Als
er wieder erwachte, zeigte sich (wir wollen es nicht verhohlen) eine neue,
sittlichere Kunstgestalt, von welcher in manchem Betracht die Griechen nicht
wussten. Das weibliche Geschlecht, das bei ihnen in Gynäzeen eingeschlossen war
und, wenige Fälle ausgenommen, nur in Gestalt der Göttinnen und Amazonen, der
Musen und Nymphen der bildenden Kunst einverleibt werden konnte (von den
griechischen Gemälden können wir nicht urteilen), dies Geschlecht hatte durch
das Zusammentreffen christlicher und nordischer Sitten gleichsam einen
öffentlichen Charakter und mit diesem eine sittliche Bildung erhalten, von der
vielleicht die Griechen nicht wussten. Ich möchte sie die christliche Grazie
(Carità) nennen, die, nachdem sie in den Lobgesängen auf die heilige Jungfrau
lange gepriesen war, auch auf ihre Nachbilder überging und in den Gesängen der
Trobadoren zuerst jene züchtige Anmut schuf, in der sich Religion, Liebe und
häusliche Sittsamkeit wie drei Huldgöttinnen zusammengesellten. Diese
christliche Grazie ist es, die zuerst in den Bildern der Maria erschien, aus
ihnen sodann in die Gesänge der Dichter überging und von den Zeiten der
wiederauflebenden Kunst die Kompositionen der Neuern mit einem eignen Geist
durchhauchte. Gewiss hatte die Welt während der barbarischen Jahrhunderte nicht
geschlafen; Völker, Sitten, Ideen hatten sich mannigfaltig gemischt und
geläutert; von diesem vielleicht etwas dumpfen, aber nicht verwerflichen
Geschmack zeugt schon die ältere florentinische Schule. Raffael klärte ihn durch
Formen der Alten, ganz in eigner Weise, auf; andre Glückliche folgten. Selbst
die Übertreibungen des Giulio Romano und mehrerer seinesgleichen zeigen in ihrer
Trunkenheit einen Reichtum neuer Begriffe, obwohl ohne Mass und Ziel; einige neu
erfundene Gehülfskünste gaben ohnedies dem Ganzen eine andre Ansicht. Welch ein
schöner, fast noch unberührter Kranz blühet für den, der Raffaels Genius in
seiner eignen holdseligen Gestalt durch alle seine Werke verfolgen und aufs
bestimmteste zeigen wird, was er gegen die Alten sei. Eben dieser Genius wird
ihn notwendig vor- und einige Schritte rückwärts führen. In Ansehung der
Humanität taucht er damit in ein weites, hie und da kaum zu berührendes Meer.
    Wo stehen wir jetzt mit unserm Kunstgeschmack? - »Neulich,« sagt Petron,
»ist jene windige und enorme Schwatzhaftigkeit aus Asien nach Aten gewandert
und hat die Gemüter der Jünglinge, die nach etwas Grossem streben, mit dem Hauch
der Pestilenz vergiftet. Das Richtmass der Beredsamkeit ist verfälscht, die wahre
Beredsamkeit ist verstummet. Wer hat sich seitdem zur Höhe des Tukydides, wer
zum Ruhm des Hyperides erhoben? Kein Gedicht sogar hat mit gesunder Farbe
hervorgeglänzt; alles ist von demselben Brei genährt und kann zu einem
rühmlichen grauen Alter nicht gedeihen. Auch die Malerei hat keinen andern
Ausgang haben können, seitdem die Keckheit der Ägypter ein Kompendium dieser so
grossen Kunst erfand.« Petron ist ein Prophet für alle Zeitalter; die
Kompendienkunst unsrer Ägypter liegt vor uns. Ein andermal davon mehr.
                                      77.
    Bei unsrer weitverbreiteten deutschen Sprache, die auch in fernen Ländern
gesprochen und geschrieben wird, kommen nicht selten kleine Schriften zum
Vorschein, die einer allgemeinen Aufmerksamkeit und Teilnehmung wert wären. Aus
Dänemark, Preussen, Polen, Kur- und Livland, wohl gar aus Amerika wären
dergleichen zu nennen; jetzt werde ich Ihnen aus einer kleinen Schrift:
             »Bonhommien, geschrieben bei Eröffnung der neuerbauten
                          ... schen Stadtbibliotek,«
    einige schöne Gedanken auszeichnen. Damit mich aber nicht eine Jugendliebe
zu der Stadt, für die die Schrift zunächst geschrieben ist, angenehm täusche,
will ich ihren Namen nur ans Ende versparen und bloss das Allgemeinnützliche
bemerken.
    Der Verfasser fängt, wie es sein muss, von den Grundfesten seiner Stadt,
                           den bürgerlichen Tugenden,
    an. »Ehrenbenennungen,« sagt er, »welche Betriebsamkeit, Mässigung, Liebe zur
Ordnung andeuten, die gebet dem Städter. Sie erinnern ihn an Tugenden, auf
welche sein Wohlstand gegründet ist. Ein Gewerbe, das ohne diese Stadttugenden
durch blindes Glück, durch träge Schlauigkeit getrieben werden könnte, ist nicht
das unsrige.
    Sie glänzen nicht, diese Tugenden, aber sie wärmen. Sie erhalten die Gemüter
ruhig; die Neigung zu städtischen Gewerben und Beschäftigungen wird dadurch
gestärket, so wie die Sucht nach äussern Vorzügen diese Gewerbe verleidet. In
Städten ist eine Ehre, die Regierungen nicht geben, nicht nehmen können.
Wohlstand ist das Wort für Städte. Man denkt sieh dabei Mittel und Genuss
häuslicher Glückseligkeit. Wohlerworben zu haben ist hier das gute Äquivalent
von dem Wohlgeborensein des ersten Standes, dessen edelster Vorzug es ist, den
zweiten zu beschützen. Jene heroische Zeit verlangte Aufopferungen; Armut,
Entbehrungen waren damals auch Bürgertugenden. Sie sind es nicht mehr. Die
Anmutungen an den Stadtbürger sind jetzt: er soll erwerben, soll das Erworbene
geniessen; aber zu einem festen Wohlstande ist nur durch Rechtschaffenheit und
Betriebsamkeit zu gelangen.
    Zu diesen Bürgertugenden Anleitung geben, das ist in der Macht der
Regierung, und es tut dem Herzen wohl, bei Eindringung in den Geist einer
Verfassung auf Anleitungen und Antriebe zu ihnen zu treffen. Bei neuen
Einrichtungen ist insonderheit daran gelegen, den Geist davon gleich richtig
aufzufassen. Dieser erkannte Sinn der Gesetzgebung, in Blut und Saft verwandelt,
geht sodann in gute Grundsätze über, die zu Aufrechtaltung der öffentlichen
Glückseligkeit so kräftig mitwirken. Der gute Geist ist in einer Gemeine leicht
zu erhalten, wo derselbe bereits lange gewaltet hat.«
    Diese Grundsätze, denen der Verfasser viel Lokalinteresse einstreuet, führen
ihn bei seiner neuerrichteten Bibliotek zum grossen Hauptsatz:
    
    »Praktische sittliche Aufklärung ist gute Volkserziehung.«
    
    »Die Bücher in der alten Stadtbibliotek,« sagt er, »waren grösstenteils aus
den aufgehobnen Klöstern gesammlet; und so standen nun hier, wie vormals in
Zellen, dicke Mönchsgelehrsamkeit in Tierhäuten, seltene Bibelausgaben an
Ketten, alles ungelesen, in lichtscheuen Gemächern.
    Religion und Gelehrsamkeit wohnten unter einem friedlichen Dache; sie gingen
aber nicht Hand in Hand, sondern eine jede dieser ernsten Bewohnerinnen ging für
sich ihren einsamen dunkeln Pfad. Die Diener der Religion waren Sammler und
Bewahrer der zu einer künftigen Anwendung modernden Schätze der Weisheit.
Überhaupt hätte die Religion der Christen, deren praktische Lehren im Testament
für diese so klar sind, den Aufwand von Gelehrsamkeit auch entbehren können. Sie
behielt aber nicht lange ihre edle Einfalt; es entstand die Wissenschaft,
Teologie genannt, die von gelehrten Zusätzen wie von frommen Täuschungen durch
alle neue Kraft noch nicht hat gereinigt werden können.
    Diese Religion, welche geoffenbarte Vernunft und die reinste Moral ist,
würde mit sittlicher Aufklärung zugleich hieher gekommen sein, wenn sie nicht
bereits in Süden im Grunde verdorben gewesen wäre, wie sie von da nach dem
treuherzigen Norden kam.« (Hier geht der Verfasser die nähern Umstände dieser
Ankunft durch.) »Die Religion also, welche Schützerin der Menschheit sein
sollte, trat diese mit herrschsüchtigen Füssen; sie predigte nicht mehr Würde der
Menschen, die Quelle aller Moral, sondern Erniedrigung. Sie führte Leibeigentum
ein und hob jedes andre Eigentum auf; sie herrschte, statt durch Beispiel
gehorchen zu lernen.« - Der Verfasser verfolgt das daher mehr noch im Frieden
als im Kriege bewirkte Sittenverderbnis und fährt edel fort:
    »Wir wollen diese Missgeburten der Zeit nehmen, wie sie damals nach den
Meinungen und der Denkungsart der Menschen darin geformt werden konnten. Wir
würden in derselben Lage dasselbe Gepräge angenommen haben. Lasst uns aber auch
mit derselben Billigkeit das gute, durch Religion nicht belehrte, sondern
unterjochte Volk behandeln. Es war von Natur nicht unfähig zum Guten; denn es
war schon auf dem letzten Grade der Kultur der bürgerlichen Gesellschaft; es
trieb Ackerbau, es lebte in Dörfern. Als es aber durch seinen Unglauben Freiheit
und Eigentum verwirkt haben sollte, als Dörfer zu Hoffeldern gemacht wurden und
der Sauerteig der Sklaverei jahrhundertelang in seinem Eingeweide gewütet hatte,
da - verlangte es selbst nichts mehr als - Brot und Ruten von seiner Herrschaft.
Es verlangte nicht Freiheit.
    Wie ist denn ein Volk zu zwingen, glücklicher zu sein, als es selbst sein
will? Zwang und Furcht sind Polizeimittel. Das moralische Gute, wovon hier die
Rede ist, kann nur durch Besserung des Willens bewirkt werden.
    Dazu gab man ja dem Volke Lehrbücher? Lehrbücher einem Volke, das nicht
lesen konnte, nicht lernen wollte. Auch Lernen ist eine Arbeit, der es sieh so
unwillig unterzieht als jeder andern Arbeit, weil es dafür hält, dass nicht ihm,
sondern seinem Herrn die Früchte aller Arbeit gebühren. Gebet dem Volke mehr als
trocknen Unterricht, gebet ihm Erziehung. Gewöhnt es zu Begriffen von Eigentum,
und ihr werdet es einer bürgerlichen Glückseligkeit empfänglich machen. Durch
ein zugesichertes Eigentum würde das Volk Zutrauen zu sich und zu seinem Herrn
wieder erhalten.
    Gebt ihm Erziehung; macht den Menschen in ihm froh und empfindend. Jetzt muss
es arbeiten, dann wird's arbeitsam werden.
    Gebt ihm Erziehung. Lehret den Sklaven geniessen. schafft ihm mehr
Bedürfnisse als Schlaf und Trunk; lasst ihm mehr von dem ersten als von dem
letzten. Jener König gab den Befehl in seinem Lande, dass der Bauer nicht anders
als in Stiefeln des Sonntags zur Kirche kommen sollte. Durch dies befohlne
Bedürfnis vermehrte er die Kultur auf dem Lande und den Fleiss in den Städten.
Wenn unser Landbauer seinen Fuss mit der Haut des für sich geschlachteten Viehes
statt wie jetzt mit den Häuten der dazu ausgerotteten Bäume bekleiden wird, dann
wird er sich achten und sowohl sich als das Land besser kultivieren lernen.
    Diese Mittel, Eigentum, Frohsein und Bedürfnis, sind Sach- und
Lageerziehung, die zur Bildung wirksamer ist als Wortunterricht. Ein Gutsherr
gab seinen Landbauern reinlichere Wohnungen und einen Spiegel darin, um sieh
ihre Gestalt vorhalten zu können. Diese Anleitung zur Selbstschätzung, zur
Reinlichkeit ist auch gute Volkserziehung.
    Wozu aber alle diese Verfeinerungen? Die gegenwärtige grobe Anwendung
unwilliger Kräfte schafft schon dem Lande Überfluss und zieht auswärtige
Reichtümer dahin. - Glaubt davon nichts. Ein Land ist arm, wo die wenigsten
geniessen und die mehresten arbeiten müssen. Es ist alsdenn nicht der Überfluss,
der aus dem Lande geht, sondern der entzogene Genuss. Was dafür ins Land gezogen
wird, ist nicht wahrer Reichtum, und wenn dieser in barer Münze dahin käme.
Reichtümer sind die, welche durch grössere Kultur des Landes entstehen und im
Lande genossen werden. Auch war bei den Mitteln zur Bildung des Volks nicht die
direkte Bereicherung der Herrschaft die Absicht, wenngleich die Vermehrung der
Einkünfte eine Folge ihrer Auslagen bei dieser Bildung sein würde.
    Ein in sich erniedrigtes Volk kann, wie gesagt, nur durch langsame geduldige
Leitungen auf den Weg, sich seiner Existenz zu freuen, wieder gebracht werden.
Und es ist billig, dass die, welche Güter erben, die darauf haftenden Schulden
bezahlen. -
    So sollte also wohl ein jeder Gutsbesitzer der Erzieher seiner der Erde
zugeschriebenen Arbeiter sein? Allerdings. Und der Regent ist aus angestammter
Schuldpflicht der Erzieher des Landes.
    Die besoldeten Volkslehrer sind zu dieser Erziehung die zugeordneten Räte
der Landesbesitzer. Dieser ehrwürdige Stand denkt jetzt allgemein über seine
Bestimmung nach und findet, dass dieselbe nur dadurch auf die künftige
Glückseligkeit wirken kann, wenn er die gegenwärtige befördern hilft. Durch
praktische Anweisungen aus der Natur- und Sittenlehre, durch Anleitungen in
Gewerben und Wirtschaftsangelegenheiten, worin derselbe auf dem Lande ohnedies
mit verflochten ist, werden diese Volkslehrer jetzt mehr ausrichten, als jemals
durch unfruchtbare Dogmen zu bewirken ist. Warum gesellen sie sich nicht, diese
unsre Volkslehrer, den Eingebornen des Landes zur Hülfe?
    Heil dir, Gerechter auf A . . ., der du mit deinen Erbmenschen wie mit
Mitmenschen einen gesellschaftlichen Vertrag über gegenseitige Pflichten
errichtetest! Leicht sei dir dafür deine Erde! Zu deinem Grabe sollten die Söhne
des Landes und der Stadt wallfahrten, um gemeinnützige Gesinnungen, richtige
Einsichten über ihr gemeinschaftliches Interesse als Reliquien von da
mitzubringen.«
    Der Verfasser kehrt nach dieser menschenfreundlichen Umsicht zu seiner
geliebten Vaterstadt zurück. »Die kleinere Menge in Städten,« sagt er, »ist eher
zu beleuchten, insonderheit in einer Handelsstadt, wo Freiheit und Duldung bald
notwendig werden. Hier war anfangs der öffentliche Unterricht ein Monopol der
Domherrn. Kaufleute, Feinde von allem Zwange, entzogen sich auch diesem
Lehrzwange und schickten ihre Söhne nach einer auswärtigen Schule, die damals
wegen einer bessern Lehrmetode berühmt wurde. Diese kamen mit ihrem dort
verfolgten Lehrer zurück und zündeten hier das erste neue Licht an, das man
damals nicht so bescheiden wie jetzt Aufklärung, sondern dreister Reformation
nannte. Die Verbesserung kam also von daher, woher eine jede ausgehen muss, wenn
sie Grund und Bestand haben soll, von der Jugend und vom Unterrichte.
    Bücher trugen damals noch wenig zur Aufklärung bei. Was auf einheimischen
Gymnasien und Akademien damals geschrieben und gelehret wurde, mag wohl
Gelehrsamkeit gewesen sein, beförderte aber, nach Materie, Form und Sprache, in
der sie verschlossen war, keine Art der Aufklärung. Und so verschliesset immerhin
fruchtleere Gelehrsamkeit, abstrakte politische Spekulationen; aber gute
praktische Wahrheiten behaltet nicht in verschlossener Hand. Sittliche ruhige
Aufklärung vollendet, was das schnelle Licht der Erleuchtung nur beginnen
konnte. Sie hat vollendet, wenn die tiefe Einsicht in die Natur der moralischen
Dinge allgemein geworden ist:
 dass alles öffentliche und Privat-Böse Unsinn und Torheit sind,
 dass Rechtschaffenheit Stadtweisheit und Staatsklugheit ist.
    Zwar ist Vollendung nicht das Los von hienieden, aber eine jede vermehrte
sittliche Aufklärung erleichtert den bürgerlichen Regierungen die Sorge für die
öffentliche Glückseligkeit.« - Werden Sie nicht geneigt, nach einem solchen
Eingange unsern Oberbibliotekar weiterzuhören? »Dann gedeihet,« sagt er,
»Aufklärung, wenn auf die untere Masse Licht von oben herabfällt.«
                                      78.
    Als Geschenke der Gutmütigkeit stehen vor dem Eingange seiner Bibliotek
zwei Köpfe:
                             Homer und Montesquieu.
    »Der erste mit dem Stempel der noch nicht verschliffenen Natur flösst
Ehrfurcht ein; man findet sich, auf seinem Angesicht verweilend, so behaglich
und mit sich selbst zufrieden. Der zweite drückt bei aller Offenheit seiner
edlen Züge die höchste gesellschaftliche Kultur ab; ihm gegenüber wird man
aufmerksam auf sich und empfindet Unruhen. Guter Alter, wie würdest du in einer
Unterredung mit dem Präsidenten bei seiner Darstellung der neuern politischen
Einrichtung in der Welt staunen! Der ariadnische Faden dieses Staatsweisen würde
dir kaum aus dem anscheinenden Gewirre heraushelfen. Zu deiner Zeit, welch
einfacher Gang der Dinge! die Tugenden, wie einförmig, die Sitten, wie schlicht!
Die Männer waren alle tapfer, die Weiber alle häuslich. Jetzt Stände, deren
jeder verschiedne Pflichten, verschiedene Tugenden, verschiedne Ehre hat. Welche
Federn sind bei Vervollkommnung der bürgerlichen Gesellschaft in die
vergrösserten Staatsgebäude gelegt, dass alles, ohne sich zu hindern, zu einem
Zweck wirke! Sie sind:
 geordnete bürgerliche Freiheit,
 eine gesetzliche ausübende Gewalt
 und Ehrfurcht für beide.«
    Der Verfasser führt uns über China, das treffend geschätzt wird, zu seinem
Grundsatz:
                     Sitten unterstützen die Verfassungen.
    »Städtische Gebräuche,« sagt er, »belacht von dem Hofmann, dem nur Etikette
wichtig ist, ehrwürdig dem Staatsmann, der einsieht, wie sie an Tugenden hangen
und zusammen das bilden, was wir Sitten nannten. Wenn vordem laute Hausandachten
gehört wurden, so war dies nicht grössere Frömmigkeit (die wohnt nur im Herzen),
es war gute Sitte, welche Ehrerbietung gegen Hausväter, Ordnung im Hauswesen,
Regelmässigkeit in Geschäften und Gewerbe vermehrte. Hat doch die einzige
Manufaktur, die bei uns Bestand gehabt hat, der Gebrauch eingeführet. Die
Töchter der Stadt sind wie die Lilien auf dem Felde; sie spinnen nicht, aber -
sie stricken. Alles, von der arbeitsamsten Hand bis zur schönsten, strickt, auch
bei freundschaftlichen Besuchen und bei grössern Zusammenkünften. Bringt diese
gesellschaftliche Handarbeit, die hier in Ehren ist, in Verachtung (dies ist das
Mittel, Gebräuche abzuschaffen), wieviel Tugend und Wohlstand gingen zugleich
verloren.«
    Der Verfasser geht mehrere gute Gebräuche seiner Stadt mit feinen
Bemerkungen durch und kommt zu einem andern Satze:
                    Arbeit und Geduld führen zum Wohlstande.
    »Die neuen Erzieher,« sagt er, »suchen den Schulweg ebner zu machen; sie
dürften ihn nur für die Jugend zu ihrer praktischen Bestimmung gerade*ziehen. In
Lehranstalten würde alsdann die Bildung des künftigen Bürgers so anfangen, wie
sie in Dienstjahren fortgesetzt wird. So leicht in den Gewerben des bürgerlichen
Lebens die Teorien sein mögen, so erfodern sie doch in der Anwendung anhaltende
Übungen, um die in Geschäften notwendige Fertigkeit, Pünktlichkeit und
Zuverlässigkeit sich eigen zu machen. Die in Städten von bedächtigen Vorfahren
angeordneten längeren Dienst- und Lehrjahre waren wohl gut, den brauchbaren Mann
in der bürgerlichen Gesellschaft zu bilden. Der Ritter wie der Kaufmann, der
Kaufmann wie der Handwerker mussten durch die Grade von Knappen, Burschen und
Gesellen gehn, ehe sie ein Meisterrecht erhielten. Der ungeduldige Genius unsres
Zeitalters bricht lieber herbe Früchte, als dass er ihre Reife abwarte. Es gehört
nunmehr auch schon dazu ein Herkules, um auf dem Scheidewege der Tauglichkeit
oder Untauglichkeit im Staat jener Verführerin, die mit Seifblasen zum
unzeitigen Genusse lockt, nicht zu folgen, sondern mit langsamen Schritten die
Höhe zu ersteigen, wo der grünende Kranz des Wohlstandes aufgesteckt ist.«
    Auf dieser Höhe spricht der Verfasser
                                vom Gemeingeist,
    der alles in Rücksicht des Ganzen betrachtet, dem wahren Schutzgeist ist der
Städte.
    »Das Altertum,« sagt er, »hatte so viel öffentliche Gebäude, prächtig durch
ihre Grösse, Akademien, Kolisseen, Teater u.f., die wie die Luft zum freien
Gebrauch waren. Die neuere Zeit hat lauter eingeschränkte Besitzungen,
öffentliche Gebäude, wo der Eintritt vor der Tür bezahlt wird. Sind in unsern
engen Kreisen Herz und Geist beschränkter wie in jenem uns romantischen Alter,
so streben wir jetzt desto sicherer nach einem nicht zu hoch gesteckten Ziele.
    Gemeingeist (public spirit), diese Benennung stammt von der britischen
Insel; wir verehrten ihn aber lange vorher unter dem ehrbaren Namen: der Stadt
Bestes. Dieses Wort hatten unsre Voralten oft im Munde. Ihre Errichtungen und
Verwaltungen, von welchen wir noch die Vorteile geniessen, bezeugen, dass sie die
Sorge für das Beste der Stadt auch im Herzen getragen haben. Die Stadt ist
ebenso glücklich auf die Vorstellung: Wir arbeiten zusammen für uns und unsre
Kinder, als auf ihre Lage gegründet.
    An der tötenden Gleichgültigkeit für ein örtliches allgemeines Beste waren
Regierungen weniger schuld als Teologen Staatsbeamte, Philosophen Die Teologen
zuerst sagten: die Erde sei ein Gastaus für Durchreisende, die nur im Himmel
Bürger wären; als wenn der dort ein guter Bürger werden könnte, der hier ein
schlechter war. Die niedern Staatsbeamten redeten nur von einem Kronsinteresse,
ein Wort, worin kein Sinn ist, wenn dieses Interesse mit dem allgemeinen Wohl in
Widerspruch genommen wird. Und nun die Philosophen mit ihrer
Alleweltsbürgerschaft, die nirgend zu Hause ist? Ich bin ein Bürger der Stadt,
und nichts, was meinen Mitbürger darin angeht, ist mir fremd. - Diese Gesinnung
ist beschränkter, hat aber mehr Energie als der Terenzische Ausspruch vom
Teater gesagt: Homo sum etc. Da bist du was Rechts! antwortete Lessing von der
neuern Bühne. Und was ist auch in einer bestimmten bürgerlichen Gesellschaft der
Mensch in abstracto und ein Bürger in concreto der ganzen Welt?«
    Der Verfasser verfolgt den Gemeingeist seiner Stadt auch in die öffentlichen
Gesellschaften; denn »wo nistet,« würde der Späher Montaigne sagen, »die Tugend
sich nicht zuweilen hin?« Andringend und lokal zeigt er, dass praktische Gelehrte
seiner Stadt unentbehrlich sind und wie sie ihr nützlich werden; er kommt
endlich auf die Geschichte der Lektüre. »Bücher,« sagt er, »die Einfuhr fremder
Gedanken, ist hier zollfrei. Eine Zensur wäre nützlich: nur Werke von wahrem
innern Wert sollten eingeführt und gelesen werden können.
    Zu uns schiessen von Messe zu Messe so unendlich viele, einander
durchkreuzende, auf die veredelten Lumpen Deutschlands geworfene Lichtstrahlen,
dass vor zu vielem Licht der Tag oft nicht zu sehen ist. Durch welchen Wust von
Schriftchen mussten wir uns durcharbeiten, ehe wir auf die wenigen Bogen
                         Etwas, was Lessing gesagt hat,
gerieten, worin so stark die Wahrheit gesagt wird, dass das Gute in der
bürgerlichen Gesellschaft nicht befohlen, sondern nur aus freiem aufgeklärtem
Willen entstehen kann. Wieviel grosse Bände mussten wir durchblättern, ehe wir auf
die
                              Über die Einsamkeit
kamen. Diese flössen Geschmack an häuslichen Freuden ein, erregen Widerwillen
gegen geist- und zeitverderbende Zerstreuungen, gegen müssige Beschäftigungen
u.f.
    Wirkungen vom Bücherlesen waren nicht so selten, wie noch weniger gedrucktes
Papier zu uns kam. Damals waren hier von Zeit zu Zeit herrschende Werke. Pamela,
Clarissa, Grandison folgten sich in der Regierung und teilten diese mit keinen
andern Romanen. Auch wurden sie nicht für Romane gehalten, sondern täuschten
lehrreich das noch treuherzige Publikum. Dieser gute Glaube an die Existenz
vollkommener Muster ist, zum Schaden der Nacheiferung, durch die nachherigen
vielen Karikaturen verlorengegangen, so dass sich ein Romanheld in dem zur
Wirkung nötigen Kredit seiner Existenz kaum noch erhalten mag. Als unsre
Hausväter nur noch den alten Sirach vorzulesen hatten, leiteten seine weisen
Lehren Jugend und Alter. Als unsre Töchter nur noch den frommen Gellert lasen,
wussten sie seine Moral auswendig. Eine Geschichte der Lektüre hängt mit der
Geschichte der Sitten sehr zusammen.«
    Gern möchte ich auszeichnen, was der Verfasser über die Naturgeschichte
sagt, wenn es nicht zu lokal wäre. Er reklamiert alle Naturmerkwürdigkeiten aus
Privatsammlungen in die öffentliche Sammlung: »Diese hieherzuliefernden Stücke
blieben - einem jeden und würden zugleich ein allgemeines Gut.«
    »Es gibt also noch,« fährt er fort, »auf dieser mit Mass und Gewicht
zugeteilten Erde Güter, die gemeinschaftlich besessen werden müssen. Müssen:
denn aus den drei Reichen der Natur haben die einzelnen Stocke erst einen Wert,
sind zu Betrachtungen und zum Unterricht erst geschickt, wenn sie in ein jedem
Lernbegierigen offenes Behältnis gebracht sind. In geizenden Privatbewahrungen
werden sie der Aufmerksamkeit ebenso entzogen, als wie sie in der weiten Welt
zerstreuet lagen.« - Mit edlem Entusiasmus zeigt er die praktische Nutzbarkeit
dieser Wissenschaft für seine Stadt. »Gewiss,« sagt er, »hangt von einem
veredelten Geschmack eine veredelte Tätigkeit ab. Der Geschmack an
Naturkenntnissen verleidet das Gefallen an aller Frivolität und gibt seinen
Liebhabern den Drang zu mancherlei nutzbaren Ausführungen. Alles, was die
Vegetation befördert und der Natur die Eier unterlegt, worauf sie brütet, aller
Wegwurf, sogar tote Nachbleibsel von allem, was Odem und Wachstum gehabt hat,
von Naturkenntnissen begleitet, wird es mit Interesse angesehen werden.
    In diesem Kabinett, wie vormals in den Tempeln, sind die inländischen
Naturbeobachtungen niederzulegen. Diese Wetter- und Krankheitsjournale, mit der
jährlichen Ernte und den Mortalitätslisten in Vergleichung gebracht, würden zu
einer allmählichen Kalenderverbesserung Stoff geben; mit einer plötzlichen
Verbesserung hat es nirgend glücken wollen. Der Mensch, der einmal vom Denken
abgebracht ist, befindet sich bei seinen Zeichen und Wundern so behaglich wie
der Philosoph bei seinem einmal angenommenen System. Naturkenntnisse bringen auf
den Weg der Wahrheit zurück und lehren Aberglauben kennen und verachten.«
                                      79.
    Leicht werden Sie denken, mit welcher Gemütsstimmung der Verfasser in den
grossen Büchersaal der vier Fakultäten eintritt. Er lässt einen Peripatetiker
funfzig Denkschritte in die Länge machen und ihn fragen:
    »Alle die ungeheuren Pakete, Teologie, Jurisprudenz bezeichnet, müsst ihr
studieren, jene, um Gott verehren zu lernen, diese, um mit euren Mitbürgern in
Friede zu leben? So ist es wohl bei euch eine gelehrte, schwer zu erlernende
Kunst, wie fromme Gesinnung zu erregen und darnach zu handeln ist? Ihr habt
besondre Gelehrte, die die Gesetze wissen, die alle andre doch auch befolgen
sollen? Wenn eure Gelehrte diese Wissenschaften für die übrige Menge lernen und
anwenden, so ist es bequem für diese Menge, wenn dies fremde Wissen im Leben und
im Sterben ihr zugut kommt.
    Welch ein Schatz da in dem anstossenden Schrank für die Heilkunde! Ihr werdet
wohl seit Hippokrates, der nur noch den Gang der Krankheiten beobachtete, die
Mittel gefunden haben, sie alle zu heben? Zu seiner Zeit war das Leben kurz, die
Kunst lang; jetzt ist's wohl im umgekehrten Verhältnis?
    Aber die angelegentlichste Frage des Mannes im Mantel würde gewesen sein,
wieviel spekulative Wahrheiten von den neuern Philosophen gefunden worden und im
philosophischen Schrank aufbewahrt ständen? Eine einzige, antwortet der
Verfasser, von meinem Freunde Kant, diese: dass wir noch keine Philosophie, keine
reine hatten. Eine Wahrheit, die er bewiesen hat und die Sokrates vor ihm, ohne
Beweis, so ausdrückte: Wir wissen nichts. Durch schwelgerische Spekulationen
über übersinnliche Dinge abgeleitet, liessen wir das uns zum Bearbeiten
angewiesene Feld mit dem eingestreueten Samen in uns verwachsen daliegen.
Nachdem der Schutt des angemassten Wissens, wodurch die Vernunft mit sich selbst
in Widerspruch kam, vom Herzen geräumt ward, konnte dasselbe für das
Sittlich-Gute frei schlagen.
    Wir erfahren nämlich durch unsern innern Sinn die unbedingte Foderung: recht
zu tun. Wir erfahren in uns die Freiheit, nach dieser Foderung zu handeln. Von
diesen beiden Tatsachen können wir sicher ausgehn und sicher schliessen: wir sind
moralischen Ursprungs. Ein höchstes moralisches Wesen hat dies Gesetz und diese
Freiheit in uns gelegt; unsre Bestimmung ist moralisch, selbstverdiente
Glückseligkeit. Wer mir in meinen letzten Augenblicken noch eine gute Handlung
vorzuschlagen hat, dem will ich danken, sagte Kant zu seinem ihn besuchenden
Freunde.«
    Unnennbar schön und nützlich wäre es gewesen, wenn diese reine Absicht Kants
von allen seinen Schülern (von den bessern und besten ist's geschehen) erkannt
und angewandt worden wäre. Das Salz, womit er unsern Verstand und unsre Vernunft
abreibend geschärft und geläutert hat, die Macht, mit der er das moralische
Gesetz der Freiheit in uns aufruft, können nicht anders als gute Früchte
erzeugen. Und niemand wäre es eingefallen, seiner Absicht gerade zuwider, das
Dorngebüsch, womit er die verirrte Spekulation eben verzäunen wollte und musste,
zu einem Gartengewächs auf jeden nutzbaren Acker, in jede populare Kunst und
Wissenschaft zu verpflanzen Und niemand wäre es eingefallen, die Arznei, die er
zur Reinigung vorschrieb, als einziges und ewiges Nahrungsmittel nicht
anzuempfehlen, sondern durch gute und böse Künste aufzudringen und anzubefehlen.
Jedoch ging es dem griechischen Sokrates in seinen Schulen anders?
    Ich habe das Glück genossen, einen Philosophen zu kennen, der mein Lehrer
war. Er in seinen blühendsten Jahren hatte die fröhliche Munterkeit eines
Jünglinges, die, wie ich glaube, ihn auch in sein greisestes Alter begleitet.
Seine offne, zum Denken gebauete Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit
und Freude; die gedankenreichste Rede floss von seinen Lippen; Scherz und Witz
und Laune standen ihm zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der
unterhaltendste Umgang. Mit ebendem Geist, mit dem er Leibniz, Wolff,
Baumgarten, Crusius, Hume prüfte und die Naturgesetze Keplers, Newtons, der
Physiker verfolgte, nahm er auch die damals erscheinenden Schriften Rousseaus,
seinen »Emil« und seine »Heloïse,« sowie jede ihm bekannt gewordene
Naturentdeckung auf, würdigte sie und kam immer zurück auf unbefangene Kenntnis
der Natur und auf moralischen Wert des Menschen. Menschen-, Völker-,
Naturgeschichte, Naturlehre, Matematik und Erfahrung waren die Quellen, aus
denen er seinen Vortrag und Umgang belebte; nichts Wissenswürdiges war ihm
gleichgültig; keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein Namenehrgeiz hatte
je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit.
Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbstdenken; Despotismus war seinem
Gemüt fremde. Dieser Mann, den ich mit grössester Dankbarkeit und Hochachtung
nenne, ist Immanuel Kant; sein Bild steht angenehm vor mir. Ich will ihm nicht
die barbarische Inschrift setzen, die einst ein sehr unwürdiger Philosoph
empfing:
 Noster Aristoteles, Logicis quicunque fuerunt,
 Aut par aut melior; studiorum cognitus orbi
 Princeps, ingenio varius, subtilis et acer;
 Omnia vi superans rationis etc.,
    sondern mit dem Verfasser der »Bonhommien« ihn, seiner Absicht nach,
Sokrates nennen und seiner Philosophie den Fortgang dieser seiner Absicht
wünschen, dass nämlich nach ausgereuteten Dornen der Sophisterei die Saat des
Verstandes, der Vernunft, der moralischen Gesetzgebung reiner und fröhlicher
sprosse, nicht durch, Zwang, sondern durch innere Freiheit.
    Verzeihen Sie diese mir angenehme Erinnerung; ich komme zurück zu meinem
Autor. Eine Hülfswissenschaft für seine Stadt, die bürgerliche und
Wasserbaukunst, ist ihm in der Ordnung die nächste. Seine Urteile darüber sind
scharfsinnig, seine Wünsche wohlgemeint. Der Mann im Mantel geht die Stadt durch
und um; endlich kommt er an sein geliebtes Tor zurück, das die Inschrift hat:
 Ungestörte Betriebsamkeit, Pax,
 Teilnehmung aneinander, Concordia,
 Und am Ganzen, Pietas.
 Diese, nicht Wall, nicht Festung erhalten die Stadt.
    Jetzt treten wir zum enzyklopädischen Schranke. »Der gelehrte Turm, von
Diderot und d'Alembert (samt ihren Mitarbeitern) aufgeführt, sollte den Schatz
aller göttlichen und menschlichen Kenntnisse entalten. Diesem gallischen Ton
hat die bürgerliche Gesellschaft Verbindlichkeit. Er schaffte schüchternen
Gelehrten und ihren Schriften da Eingang, wo sie ihn nie gehabt hätten. Es
entstand in Büchern eine Beratschlagungsstimme, gegeben von dem freidenkenden
Verstande, vernommen in Kabinetten, gehört bei Verwaltungen, wo bisher die
stupide Göttin Routine ihr Wesen getrieben hatte. Wahrheiten kamen in lebhaftern
Umlauf, und gelehrte Kenntnisse wurden ein gemeinsames Gut für jede
Wissbegierde.« - Wie wahr! Die französische Enzyklopädie, so unvollkommen sie
war, hat selbst durch die Verfolgungen, die sie erlitt, eine Wirkung
hervorgebracht, die ihr so leicht keine vollkommnere Enzyklopädie wird
abgewinnen können und mögen.
    Jetzt die klassische alte und neue Literatur, die schönen Künste der
Handelschaft, wo der Verfasser im Scherz eine neue Muse, die Kochkunst, den
ältern, vornehmeren Musen beifüget. »Schöne Kunst oder Wissenschaft,« sagt er;
»die Erziehung eines jeden Volks fängt elementarisch mit dem Essen an. Wo dieses
noch nicht mit Ordnung, Reinlichkeit und Geschmack geschiehet, da ist die Kultur
noch nicht beim Anfange. Dieser Tafelgenuss, der in einer Handelstadt, wo man auf
innere Güte achtet, zuerst den guten Grad der Vollkommenheit erreicht, hilft
bilden. Unsre Töchter, unter der Anführung ihrer Mütter, mögen also immer die
Ehre des Hauses* beim hellen Herde behaupten, wofür die Männer jetzt arbeiten
und vordem stritten. Nehmet sie, ehe sie zu den schönen Wissenschaften übergeht,
in eure Mitte, ihr neun Schwestern, diese keusche Muse mit der reinlichen
Schürze, mit der kostenden Zunge und Salz in der verständigen Hand. Sie lässt
ihren geistreichern Schwestern gern ihren unbestrittenen Rang.«
    Der Verfasser geht die andern schönen Künste, den Blick auf seine Stadt
geheftet, durch und endet mit dem wahren Spruche: »Der für das Schöne gebildete
Sinn leitet den guten Aufwand. Dem verderblichen Aufwande des Bürgers setzt
nichts Schranken als die Bildung eines festen Sinnes für Gerechtigkeit und
Pflicht. Häusliche Weisheit im Nationalgeiste suchet zu pflanzen durch jede
Kraft der Religion, der Beispiele und Staatskunst. Dieser moralische Sinn
streitet nicht mit dem Sinne für Schönheit; beide sind vielmehr nahe miteinander
verwandt, beide führen auf des Menschen letzten Zweck, seine Veredlung.«
    Ich übergehe den Abschnitt, der von einer uns ziemlich fremden Literatur und
von der dem Verfasser vaterländischen Geschichte redet, so manche patriotische
und feine Bemerkung, z.B. über das Verhältnis der Stände gegeneinander, jetzt
und in andern Zeiten, er entält. - Vor der historischen Wand endlich, wo die
Reisen zu Wasser und zu Lande, die Welt- und Völkergeschichten vorkommen, fügt
der Verfasser hinzu: »Möchten zu allen diesen, mit historischer Kritik
aufgestellten Tatsachen, die dem gemeinen Auge so bunt durcheinanderlaufen, die
Ideen unsres Kompatrioten.80 - der öffnende Schlüssel sein! So wäre denn, trotz
aller unschuldigen Leiden in und ausser der bürgerlichen Gesellschaft, trotz der
beständigen Fort-und Rückschritte in derselben und des immer wechselnden
Zerstörens und Aufbauens, trotz aller Wirrungen und anscheinenden Zwecklosigkeit
in der Geschichte des Menschen, doch darin ein immer stärkeres Aufblicken der
Humanität dem philosophisch forschenden Auge sichtbarer Zweck. Vernunft und
Billigkeit nähme in der Gesellschaft zu, der Mensch werde darin immer
menschlicher. Ein Altar, dem Schutzgeist der Erde erreichtet!
    Es gehört für die Newtone, in dem Sturz eines Apfels die Ordnung des
Weltsystems zu finden. Wir andern, deren Teodizee sich damit behilft, die
moralische Ordnung der Dinge sei durch einen Apfelbiss gestöret worden, drehen
uns ohne tieferes Nachdenken ruhig um unsre Achse, ohne zu wissen, wie wir bei
den grossen Umwälzungen ins Ganze eingreifen, und lassen die Vorsehung bei unsrer
Betriebsamkeit walten.«
                                      80.
    Wider Willen muss ich den Artikel der Handelsbibliotek mit allen seinen
schönen Vorschlägen übergehen, um zu einem Briefe zu kommen, in dem sich die
Seele des Verfassers der »Bonhommien« ganz zeigt. Er hatte einen Schrank für
Publizität bestimmt; »in ihm hätten alle öffentliche Verhandlungen, die das
gemeine Stadtwesen betreffen, Beratschlagungen, Vorschläge, Vorstellungen,
abgelegte Verwaltungsrechnungen zur Belehrung und zur Rechtfertigung
niedergelegt werden können«. Das Wort ging nicht durch. Auch statt der
Materialien zur vaterländischen Geschichte aus dem Archiv hatte der Bibliotekar
eine schöne Sammlung von Kirchenvätern unterzubringen u.f. Da dieser Brief auf
einer Reise in Deutschland geschrieben ist und auf allen Seiten Blicke des
feinen Staatsmannes, gemildert mit der Bonhommie des Bürgers, verrät, so zeichne
ich einige Bemerkungen mit dem Andenken einiger Personen aus, die auch uns wert
sind, z.B. über die preussische Staatsverfassung.
    »Ist mehr Freiheit im Handel und weniger Freiheit im Denken dem preussischen
Staat erspriesslich? Der Handel kann nicht ohne Freiheit, der preussische Staat
aber wohl ohne grossen auswärtigen Handel blühen. Der wahre Handelsvorteil eines
Landes ist immer in dem lebhafteren inneren Verkehr. Weniger als die Freiheit im
Handel leidet die Geistesfreiheit Einschränkung zum Besten der peussischen
Staaten. Diese Staatsmaschine ist ganz das Werk der Freiheit des Geistes, die,
durch die karge Natur des Bodens aufgefodert, so viel vermochte, dass sie ein
Land, welches nur einer geringen Macht fähig zu sein schien, weit über das
Mittelmässige erhoben hat, durch Beleuchtung der Grundsätze, die daher desto
standhafter befolget wurden. Die preussische Kriegsmacht ist zur Beschützung des
Landes fürchterlich; aber ohne seine, unabhängig von derselben frei wirkende
Geschäftsmänner würde Friederich selbst dies Werk der Regierungskunst nicht zu
der Vollkommenheit gebracht haben.
    Ich fühle mich glücklicher, unter einer Regierung geboren zu sein, welche
die bürgerliche Freiheit weniger einschränkt, glücklicher in einem Lande, dessen
Natur reicher ist, als dass es nötig wäre, dem Untertan die Staatssparbüchse
beständig vorzuhalten; Geist und Herz des Bürgers haben hier mehr Spielraum.
Aber in der benachbarten Monarchie ist es doch nicht Kleinheit in der
Staatskunst, diese Einschränkung wie eine aus Kenntnis der Sache notwendige Diät
vorzuschreiben und zu beobachten.« Der Verfasser nimmt dabei die preussische
Regierung gegen den Vorwurf, dass sie militärisch sei, in Schutz: »Was würde auch
aus dem Staat werden,« sagte ein Hauptmann, »wenn die, welche Gewalt in Händen
haben, deswegen auch alles tun dürften?«
    »In Berlin,« fährt er fort, »suchte ich nicht Sparta, sondern Aten, wozu
die Stadt mehr als das Tor hat. Für wissenschaftliche Unterhaltung, worin Cicero
die Belustigung der Alten setzt, ist hier gesorget. Gelehrte in und ausserhalb
Geschäften versammeln sich; wider gelehrten und politischen Betrug, für Wahrheit
waren alle eingenommen; ausser dieser Übereinstimmung für gute Aufklärung fand
ich übrigens die Meinungen über Personen und Sachen so verschieden, dass der
Berlinismus hier wenigstens seinen Sitz nicht hat, wenn überhaupt das Wort Sinn
haben mag und nicht vielmehr Freimütigkeit bedeuten soll. Diese Freimütigkeit
ist hier rechtskräftig. Vor die höchste Instanz des Denkens werden sowohl
öffentliche Anordnungen als richterliche Aussprüche gezogen. Nur die
Kanzelvorträge wurden privilegiert.«
    Hier ein Opfer der Achtung »dem liebenswürdigen Greise, der die Lehren des
Christentums mit sokratischer Weisheit vortrug und auch in seiner
Abschiedspredigt nicht Stachel zum Andenken seiner ehrwürdigen Person, sondern
an seine mit wahrer Salbung vorgetragene Lehren nachlassen wollte«.
    Und ein reicheres Andenken »dem schlichten grossen Mann, der da sagte: Wenn
ich das Gesetzwerk endige, habe ich gnug gelebt. Auf dieser nun aufgeführten
Pyramide lebt der Name Carmer.«
    Der Metode zu Errichtung dieses Werks, der deshalb fortwährenden
Kommission, auch dem Verfasser der »Annalen der Preussischen Gesetzgebung« (der
sich gegen den Satz: »dass Gerechtigkeit der Fürsten wohl nur Gnade sein möchte,«
freimütig erklärte) wird bescheiden ihr Lob erteilet.
    Auf einer Reise in Kursachsen kommt zwischen den Reisenden die Frage vor, ob
in diesem betriebsamen Lande ein Perikles bei der Verwaltung gemeinnütziger sein
würde als jetzt ein Aristides? Und in Leipzig wird das Lob des Mannes sehr edel
bemerket, der »bei allem, was in dieser eleganten Bürgerstadt der Verfasser
Schönes sah, Kirche, Bibliotek, Konzertsaal, Promenade u.f., immer als der
genannt wurde, der alles dies angelegt und verschönert habe«. Die Einfachheit
und Eleganz in seinem Hause (Oesers dabei unvergessen) wird anständig
beschrieben, mit dem Geschmack und der Würde eines andern Mannes von diesem
Stande, den der Verfasser in Königsberg wiederfand, parallelisieret und
hinzugefügt: »Ich weiss nicht, oder vielmehr ich weiss es, warum ich mich durch
das, was ich so unempfindsam beschreibe, so gerührt fühle. Wahrlich, es ist
nicht Neid, es ist Freude über die glückliche Lage dieser würdigen Männer.
    Sollte denn ein geschmackvoller bescheidner Lebensgenuss, sollte ein
sorgenfreies Alter eine zu grosse Belohnung der Wachen für den Wohlstand und
selbst für die Annehmlichkeiten des Lebens seiner Mitbürger sein?«
    Auf seiner Rückreise durch Pommern und das vormalige polnische Gebiet, in
Preussen, war es dem Verfasser erfreulich zu erfahren, wie auch hier Humanität
seit seiner ersten Reise vor vierzig Jahren zugenommen hatte; »denn,« sagt er,
»für Bezahlung freundliche Begegnung und Sicherheit erhalten, ist der Wohlgeruch
der blühenden europäischen Humanität. Wenn nur in dieser beruhigenden Hypotese
des beständigen Fortschreitens die wilden Auftritte bei einem durch Klima und
Künste humanisierten Volke jetzt nicht einen so schrecklichen Knoten schürzten.«
- Auch dieser Knote wird sich lösen, guter Wandrer, und gewiss (wenn auch nur
warnend und belehrend) zum Fortschritt des Ganzen; denn ein so grosser, so
unterstützter Versuch ist in unsrer bekannten Völkergeschichte noch nie gemacht
worden. Überdem ist das Ziel, wornach wir zu streben haben, nicht blosse
Behaglichkeit auf Wegen oder daheim, wie sehr diese auch wohltut; das Ziel liegt
weiter, höher hinauf. Der Strom der Dinge fliesset auch hier nicht gerade; er
reisst ab, setzt an, dringt aber doch weiter.
    »Näher der ungekünstelten Humanität in unserm Norden, wo sie nicht in
Treibhäusern aufblühet,« nahm der Verfasser noch einen Umweg, den er mit eine
»Friede mit dem Manne« schliesset.
    Und auch Friede von mir dem Manne! Denn zu lange habe ich die Teilnehmung
verborgen, die ich beim Auszuge dieser »Bonhommien« am Verfasser sowohl als an
seiner Stadt und mehreren dabei bemerkten Personen herzlich genommen habe. So an
den letzten, denen er Friede im Grabe oder in ihrer Ruhe wünschet, so an ihm
selbst, der in seiner geliebten Dunkelheit endigen wollte. »Dieser schlichte
Denkstein,« sagt er, »sei dem vormaligen Ratsstande am Wege gesetzt!« - und ich
muss dabei die hohe Gerechtigkeit Güte und Sanftmut bemerken, mit welcher der
Verfasser den neuen Rat sowohl als jedes Kind seiner Vaterstadt zur Pflicht und
Würde derselben hinweiset. Unter dem unscheinbaren Titel einer neuerrichteten
Bibliotek und eines Reisebriefes ist ein Bürgerkatechismus seiner blühenden
Vaterstadt entalten, der er damit gleichsam sein Herz vermacht hat. Lesen Sie,
was sein und mein Freund, der mir die »Bonhommien« zusandte, von ihm schrieb:
»Das Buch in Ihre Hände zu wünschen, habe ich keinen andern Beruf als die Liebe
gegen unsern Freund, den ich allgemein geliebt, geschätzt und geehrt gesehen
habe, aber von wenigen nach seinem ganzen Wert und als Schriftsteller von sehr
wenigen verstanden glaube. Diesem seinem Buch also, dem eigensten Eigentum
seines Geistes und Herzens, dem reifsten Nachlass der Gedanken und Empfindungen,
in denen und mit denen er lebenslang lebte und wirkte, den er krank, schwächlich
und oft niedergeschlagenen Gemüts auf den Altar des Vaterlandes als ein Andenken
der Liebe gutmütig niederlegte und gleich darauf mit seinem Tode besiegelte,
diesem möchte ich bei Ihnen auch eine gute Stätte wünschen.
    So liebenswürdig unser Freund im Umgange, so allgemein anerkannt seine Güte
war, sosehr ich ihn in seinem Kollegium geehrt und Männer wie... an der Rede
seines Mundes hangen gesehen habe, so glücklich er Wissenschaft und Liebe zur
Kunst zu Bildung seines Geistes und zu Verschönerung seines Lebens anzuwenden
wusste, so ist oder war doch Patriotismus die Seite, von der er mir vorzüglich
unaussprechlich ehrwürdig war und lebenslang bleiben wird.
    In einem Leben, wo oft in seinen Ämtern und vielfachen Bestrebungen Arbeiten
von heterogener Natur, im Grunde seiner Neigung so fremde, seinen Geist
niederschlagen und das Herz in die Enge ziehen mussten, hat er doch immer seine
Stellen geliebt, sie mit Kräften und Redlichkeit ausgefüllt; und zuletzt noch,
nachdem sein Leben ganz seiner Stadt gehört hatte und nur der letzte Rest
desselben durch die Umstände der Wirksamkeit entzogen war, suchte er ihr durch
seine Schrift noch nützlich zu werden. Hielt es Filangieri für gut, dass Männer,
die in öffentlichen Ämtern gelebt, nach ihrer Weise Unterricht geben, mich
dünkt, so darf man auch bei seiner freimütigen Redlichkeit seinem Herzen folgen;
denn er schrieb, wie er redete, redete und lebte, wie er dachte, und starb, wie
er gelebt hatte.
    In seinem letzten Sommer begegnete er mir, da er eben im Begriff war, für
den Überrest der Jahreszeit die Stadt zu verlassen, um seine Gesundheit auf dem
Lande herzustellen; er sagte mir, dass er im Begriff sei, etwas drucken zu
lassen. Meine Absicht ist, sagte er, bei manchen unserer guten Bürger der
Indifferenz entgegenzuwirken, womit man sich allen öffentlichen Geschäften jetzt
zu entziehen anfängt, auf gleichviel welchen Wegen, und immer damit sich
entschuldigt: es hätte doch jetzt alles aufgehört! die vorigen Zeiten des
Patriotismus sein nicht mehr - und was dann so der Zeitgeist spricht. Hier
wollte er zeigen, wie der gutdenkende Bürger sich an die neue Stadtordnung
anschliessen könne. Dies nämliche hat er noch in den letzten Tagen an seinen Arzt
wiederholet und bat ihn, seinen Freunden zu sagen, dass der Gegenstand seines
Buchs seine Stadtmoral sei.«
    So sein Freund. Die Stadt, für welche dieser edle Bürger und Senator
schrieb, ist Riga; sein Name ist: Johann Christoph Berens; und der gleichfalls
treffliche Mann, an welchen auf seiner Reise in Deutschland der angeführte Brief
geschrieben war, Johann Christoph Schwarz, Bürgermeister des alten Rates
derselben. Empfindlich wird meine Seele gerühret, wenn ich an die Zeiten, in
denen ich in ihrem Kreise lebte, an so manche vortreffliche Charaktere ihrer
edlen Geschlechter, an meine Freunde in denselben und unter ihnen an den
Verfasser der »Bonhommien« zurückgedenke. Wollte ich, was meine Erfahrung von
ihm kennenlernte, in wenig Worten sagen, so wäre es jene Inschrift alten
Gehalts, die Kleist seinem Freunde setzte:
 Witz, Einsicht, Wissenschaft, Geschmack, Bescheidenheit
 Und Menschenlieb und Redlichkeit,
 Des Bürgers Tugenden, des feinsten Mannes Gaben,
 Besass er, den man hier begraben.
 Er lebte seiner Stadt; er starb mit stillem Mut.
 Ihr Winde, wehet sanft, wo seine Asche ruht.
    Lebe wohl, geliebte, gutmütige Seele!
 
                               Siebente Sammlung
                                        
                                     (1796)
                                      81.
    Ihnen ist der berühmte Streit bekannt, der unter Ludwig dem Vierzehnten über
den Vorzug der alten oder der neuern Nationen in Wissenschaften und Künsten mit
grosser Wärme geführt ward und an welchem auch ausser Frankreich Gelehrte und
Künstler Anteil nahmen. Da man nicht allemal gnug bestimmte, von welchen Alten
oder Neuern, von welchen Künsten und Wissenschaften die Rede sei, es übrigens
dabei auch mehr auf einen Rangstreit damals lebender Personen als auf eine
unparteiische Schätzung alter und neuer Verdienste angesehen war, so konnte
wenig ausgemacht werden, obgleich von beiden Teilen viel Gutes gesagt ward.
    In der Kultur zum Schönen, die wir der Kürze halben Poesie nennen wollen,
springt uns der Unterschied alter und neuer Zeiten, d.i. der Griechen und Römer
in Vergleich aller neueren europäischen Völker, ins Auge. Wir mögen
italienische, spanische, französische, englische, deutsche Dichter, aus welchen
Zeiten wir wollen, lesen: der Unterschied ist unverkennbar.
    Und doch wird es schwer, ihn sich im reinsten Umriss aufzuklären, noch
schwerer, ihn bis auf seine ersten Ursachen zurückzuführen und dabei jeder
Nation und Zeit ihr Recht widerfahren zu lassen. Wie? kann man fragen, blühet
diese schöne Blume der Humanität, Poesie in Denkart, Sitten und Sprache, nicht
überall und allezeit gleich glücklich? Und wenn zu ihrem Aufkommen ein besondrer
Boden, eine eigene Pflege und Witterung gehöret, welches ist dieser Boden, diese
Witterung und Pflege? Oder wenn sie mit jeder Zeit, unter einem andern
Himmelsstrich auch ihre Gestalt und Farbe verändern muss, welches ist das Gesetz
dieser Veränderung? geht sie ins Bessere oder Schlechtere über? -
    Über diese Fragen, die man oft getan hat, sind mir einige Fragmente zu
Händen gekommen, die mir der Aufmerksamkeit unsrer Gesellschaft nicht unwert
scheinen. Die Blüte der alten Kultur unter Griechen und Römern setzen sie
entweder als bekannt voraus, oder es fehlt die Untersuchung darüber in den mir
zugekommenen Blättern. Diese bemerken vorzüglich, wie sich die mittlere und neue
europäische Kultur in und durch Dichtkunst, und zwar bei den verschiedenen
Nationen Europas nach besondern Veranlassungen, Hülfsmitteln und Zwecken,
gebildet habe Das Endurteil, in manchen Stücken die Vergleichung selbst,
überlassen sie dem Leser. Da in ihnen die Poesie in einem weiten Verstande
genommen und als Werkzeug oder als Kunstprodukt und Blüte der Kultur und
Humanität nach Nationen und Zeiten im allgemeinen betrachtet wird, mich dünkt,
so werden wir bei jedem Fragment zu eignen Gedanken Gelegenheit finden, und dies
ist doch der schönste Zweck einer schriftlichen Unterhaltung.
                                Erstes Fragment
                   Verfall der Poesie bei Griechen und Römern
    Im Frühlinge und in der Jugend singt man; in der Winterzeit und im Alter
verstummen die Töne. Die lebendigste Poesie Griechenlandes traf auf eine gewisse
Jugendzeit des Volks und der Sprache, auf einen Frühling der Kultur und
Gesinnungen, in welchem sich mehrere Künste, keine noch im Übermass, glücklich
verbanden, endlich selbst auf einen Frühling von Zeitumständen und Weltgegend,
in welchem entspriessen konnte, was entsprossen ist. Von der Poesie der ältesten
Sänger und von Bildung der Sprache durch ihren Gesang, von Alcäus und der
Sappho, von Pindar und dem Chor der Griechen haben wir geredet101 und
allentalben einen jugendlich aufstrebenden Geist, jene erste Blume der Kultur,
bemerket, die, wenn sie verblühet und zur Frucht gediehen ist, der laueste
Zephir nicht wieder erwecken mag.
    Alles in der Welt hat seine Stunde. Es war eine Zeit, da Poesie alle
menschliche Weisheit in sich fasste oder deren Stelle vertrat. Sie sang die
Götter und erhielt die ruhmwürdigen Taten der Vorfahren, der Väter und Helden;
sie lehrte die Menschen Lebensweisheit und war, so wie das einzige und schönste
Mittel ihres Unterrichts, so auch an Festen und in Gesellschaft ihr geistigstes
Vergnügen. Ehe die Schrift erfunden oder solange sie noch nicht häufig im
Gebrauch war, sangen die Töchter der Erinnerung, die Musen, und wurden mit
Entzücken gehöret. Dichter waren der Mund der Vorwelt, Orakel der Nachwelt,
Lehrer und Ergetzer des Volks, Lohner grosser Taten, Weise. -
    Je mehr die Schrift aufkam und sich durch sie die Sprache ausbildete, je
mehr mit der Zeit Wissenschaften auseinandergingen und einzeln bearbeitet
wurden, desto mehr musste der Poesie allmählich von ihrer Allgemeinherrschaft
entnommen werden; denn sobald man schreiben konnte, wollten viele eine wahre
Geschichte lieber in Prose, die der Poesie nachgebildet war, lesen oder lesen
hören, als Fabel und Geschichte fernerhin in Hexametern durch Gesang vernehmen.
Allmählich verstummte also die erzählende Muse oder sang aus Sagen ihrer ältern
Schwester künstlich gearbeitete Töne nach.
    Je mehr die Philosophie aufkam, je mehr man die Natur der Dinge,
insonderheit des Menschengeschlechts und seiner Verfassungen, untersuchte, desto
weiter entfernte man sich von jener alten Einfalt moralischer Sprüche, denen die
Poesie einst Glanz und Nachdruck geben konnte. Philosophische Unterredungen und
Systeme konnte der Dichter nicht mit derselben Kraft wie alte Begebenheiten und
sinnliche Gegenstände darstellen; er war hier in einem fremden Lande.
    Auch die Mytologie selbst, die der Poesie einst so viel Schwung gegeben
hatte, ward mit der Zeit eine alte Sage. Der kindliche oder jugendliche Glaube
der Vorwelt an Götter und Heroen war dahin; was tausendfach gesungen war, musste
zuletzt, bloss dem Herkommen gemäss, mit trockner Kälte gesungen werden; es hatte
seine Zeit überlebet.
    Endlich, da Scherz und Freude die Eltern des Gesanges sind, wo waren diese
hingeflohen in jenen traurigen Zeiten, die Griechenland zuletzt erlebte? In-und
auswärtige Kriege zerstörten, löseten auf und mischten alles untereinander. Der
lebendige Geist aufblühender Pflanzvölker, fröhlicher Inseln, im Ruhm und
Gesange wetteifernder Städte war längst entwichen; und ob man gleich die
Anstalten, durch welche er gewirkt hatte, öffentliche Gebräuche, Tempel, Spiele,
Wettkämpfe, Teater u.f., solange es möglich war, erhielt oder wiederherstellte,
so war doch jene Jugend nicht zurückzurufen, in welcher dies alles wie durch
sich selbst entstanden und veranlasst war. Auch Hadrian rief diesen Genius nicht
aus Hektors Grabe. Zuletzt kamen die Barbaren heran; und als die christliche
Religion über Griechenland herrschte, da sang z.B. Synesius der Bischof102 von
jenen alten Zeiten also:
 Wohlauf, klangvolle Ziter!
 Nach Tejer-Melodien,
 Nach lesbisschen Gesängen
 In feierlichern Tönen
 Ein dorisch Lied zu singen;
 Ein Lied, doch nicht von Nymphen,
 Die aphrodisisch lächeln,
 Auch nicht von holden Knaben
 In süsser Lebensblüte.
 Ein himmlisch-reines Feuer
 Von gottgeweihter Inbrunst
 Treibt mich, dass ich die Ziter
 Zu heil'gen Liedern schlage
 Und jeder süssen Sünde
 Der Erdenlust entweiche.
 Was ist dann Macht und Schönheit?
 Was ist dann Ruhm und Reichtum?
 Und alle Königsehren
 Entgegen frommer Andacht?
 Der sei ein schöner Reiter,
 Ein schneller Schütze jener,
 Ein anderer bewache
 Gehäufte goldne Schätze.
 Dem hange seine Locke
 Zierlich hinab die Schulter;
 Von jenem sei gepriesen
 Bei Jünglingen und Mädchen
 Sein glänzend-holdes Antlitz.
 Mir sei ein stilles Leben,
 Ein heiliges vergönnet,
 Unscheinbar vor den Menschen,
 Doch nicht vor Gott verborgen.
 Mir stehe bei die Weisheit,
 Die stark ist, mich zu leiten
 Durch Jugend und durch Alter.
 Sie, Königin des Reichtums,
 Die auf unebnen Wegen
 Das harte Joch der Armut
 Mit leichtem Mut erträget;
 Sie, die in bittrem Kummer
 Des Lebens heiter lächelt. -
 Soviel sei mir gewähret,
 Dass, schwarzer Sorg' entnommen,
 Ich eines Nachbars Hütte
 Im Mangel nie bedürfe. -
 Horch auf! Cicada singet,
 Von Morgentaue trunken.
 Schau, wie die Saite stärker
 Mir schlägt und eine Stimme
 Begeisternd mich umtönet!
 Was gibst du für ein Lied mir,
 Du heilige Begeistrung? -
    Und so geht der Gesang in platonisch-christliche Ideen über.103
    
    Die Geschichte der Römer endete nicht anders. Ihnen war die Poesie,
insonderheit der lyrische Gesang, gewissermassen immer eine fremde Kunst
geblieben; die Oden Catulls und Horaz' sind nur ein Nachhall der griechischen
Lyra. Auch hat es ein Gelehrter unsrer Zeit wahrscheinlich gemacht,104 dass
selbst Horaz' Oden zuerst lange nicht soviel Zelebrität hatten, als sie in der
Folge, insonderheit seitdem die lateinische Sprache eine tote Sprache war, mit
Recht erhielten. Nachfolger fand dieser schöne Dichter unter den Römern wenige
und keinen, der an ihn reichte. Bis auf ein paar Stücke des Statius und einige
arme Gedichte der Grammatiker sind diese auch untergegangen, so dass in Latium
das Feld der lyrischen Poesie von Augustus' Zeiten hinab für uns am ödesten
daliegt.105
    Die Ursachen hievon sind fast dieselben wie in der griechischen Geschichte.
Die alte Mytologie war den Römern von Anbeginn an ungleich fremder und
entfernter, als sie es in den neueren Zeiten den Griechen je werden konnte.
Schon bei Virgil und Ovid, bei Properz und Horaz bemerkt man dies
Fernhergebrachte zuweilen mit einigem Anstoss; bei Seneca, Statius, beim
blühenden Claudian, Ausonius u.f. noch viel mehr. Man fühlt, die alte
Götterlehre habe sich überlebet. Ohne Zweifel war dies mit eine Ursache, warum
die meisten römischen Dichter, z.B. Ennius, Lucan, Silius, Claudian, lieber
historische als rein heroische Gedichte schrieben und einige sogar ziemlich
unpoetische Gegenstände wählten. Der alte Blumengarten war abgeblühet. Die
Tebaïden- und Achilleïden-Dichter, noch mehr aber die schrecklichen
Atriden-Sänger hatten nicht nur den Reiz der Neuheit verloren, sondern die
Satirendichter gingen ihnen auch hart entgegen.
    Der Zustand Italiens und der römischen Provinzen unter den meisten Kaisern
lockte noch minder einen neuen Frühling hervor. Wahnsinnige Tyrannen bedrückten
die Welt; Kriege, bald auch die Anfälle der Barbaren verheereten sie, und unter
den wenigen guten Kaisern ward aus mehreren Ursachen lieber griechische
Philosophie als römische Dichtkunst gepfleget. Jener hatte nach damaligen
Umständen die trost- und hülfbedürftige Zeit mehr als dieser nötig. In Zeiten,
die Tacitus beschreibt, in andern, die nachher folgten, wollte man wahrlich oft
weniger singen als seufzen.
    Der letzte Römer, Boëtius, endlich suchte auch in lyrischen Silbenmassen
Trost gegen sein Unglück; seine Philosophie gewährte ihm aber nicht sowohl
Gedichte als philosophische Sentenzen.106 Längst schon war nach und nach das
Christentum ins Reich gedrungen; es hatte den Sieg erlangt und erfüllte bald
alle heilige Orte mit christlichen Gesängen und Hymnen.
                                  Nachschrift
    Soweit das erste Fragment. Sammlen wir seine Winke, so werden wir gewahr,
dass in Griechenland und Rom die echte Poesie mit Religion, Sitten und dem Staate
selbst untergegangen sei; denn woran sollte sie sich, ausser diesen ihren drei
Grundstützen, halten? Waren die Götter zu Märchen worden, an welche niemand mehr
glaubte, so ward man ihrer Lobgesänge, zuletzt auch des Gelächters über sie bald
überdrüssig; der Hymnus sowohl als der Mimus hatte sich an ihnen erschöpfet.
    Mit dem Ernst und der Anständigkeit in Sitten hatte die Poesie ihren
gesundesten und festesten Nerv verloren; denn das Lachen eines Kranken ist nicht
ein Zeichen seiner Gesundheit. Die niedrigen Zwecke, wozu man im üppigen Rom die
Poesie anwandte, machten sie verächtlich, zuletzt abscheulich, so wie gegenteils
die strafende Poesie, die ihre Geissel dagegen erhob, notwendig auch oft über die
Grenzen des Schönen und Wohlgefälligen streifen musste.
    Sank endlich der Staat, so sank alles Edle mit ihm; nichts konnte sich
retten; denn wohin hätte es ausser dem Staat sich retten mögen? Wie in
einbrechender Nacht sehen wir also allmählich die Sonne, die Abendröte, zuletzt
auch die hie und da noch funkelnden Sterne verschwinden: das Firmament umziehen
dunkle Wolken, es wird Nacht. Vermutlich wäre das ganze südliche Europa eine so
dunkle Nacht und ein Chaos worden, wenn nicht aus Orient ein sonderbarer Strahl
die Finsternis zerteilt und einer neuen Morgenröte von fern den Weg gebahnt
hätte. Das zweite Fragment wird hievon reden.
                                      82.
                                Zweites Fragment
                               Christliche Hymnen
    Den Hymnen, die das Christentum einführte, lagen jene alte ebräische Psalmen
zum Grunde, die, wo nicht als Gesänge oder Antiphonien, so doch als Gebete sehr
bald in die Kirche kamen. Das Denkmal, das die bleibende Gegenwart des Stifters
unter den Seinigen darstellen sollte, das Abendmahl, war unter Lobgesängen aus
dem Psalmbuch eingesetzt; er, der Stifter des Christentums selbst, hatte sich
mit Worten aus dem Psalmbuch getröstet; dem Psalmbuch also gaben Apostel und
Kirchenväter mit Recht, auch seiner Popularität wegen, das grösseste Lob, da
sowohl die Stimme einzelner Personen als eines ganzen Volks in ihm so herzlich,
so stark und lieblich erschallte. Luter bei sehr veränderten Zeitumständen
nennet es einen Blumengarten von allerlei Blumen, einen ganzen Weltlauf von
Zuständen des menschlichen Herzens und Lebens.107 Da ist keine Klage, meint er,
kein Schmerz, kein Jammer, aber auch keine Hoffnung, kein Trost, keine Freude,
die in ihm nicht ihren Ausdruck finde.
    Und weil es mit der grössesten Einfalt abgefasst ist (denn lyrisch-einfacher
kann nichts sein als der Parallelismus der Psalmen, gleichsam ein doppeltes
Chor, das sich einander fragt und antwortet, zurechtweiset und bestärket), so
war es einer einfältigen Christengemeine, sowohl in Zeiten des Drucks als in
Empfindungen der Freude und Hoffnung, wie vom Himmel gegeben. Daher der frühe
Gebrauch dieses Buchs in der christlichen Kirche; daher von den ersten Zeiten
an, ehe es christliche Dichter geben konnte, jene lauten Gesänge, dadurch sich
ihre Zusammenkünfte den Römern merkbar machten;108 es waren Psalmen
.
 »Das schöne Buch, das Richtscheit guter Sitten.
 Die starke Kraft, den Himmel zu erbitten,
 Des Lebens Trost, der Mut zum Sterben gibt,
 Was der Held sang, den Gott grundaus geliebt,
 Ward durch den Saal der ganzen Welt gesungen,
 Und regte sich in aller Christen Zungen,«
sagt Opitz.
    Nicht nur von seiten des Inhalts, sondern auch von seiten der Form ward
dieser Gebrauch der Psalmen dem Geist und Herzen der Menschen eine Wohltat. Wie
man in keinem lyrischen Dichter der Griechen und Römer so viel Lehre, Trost und
Unterweisung wie hier beisammen fand, so war auch schwerlich irgendwo sonst
(wenn man die Psalmen nur als Oden betrachtet) eine so reiche Abwechselung des
Tons in jeder Gesangesart wie hier gegeben. Zwei Jahrtausende her sind diese
alte Psalmen oft und vielfach übersetzt und nachgeahmet worden; und doch ist
noch manche neue Bildung ihrer vielfassenden reichen Manier möglich. Sie sind
Blumen, die sich nach jeder Zeit, nach jedem Boden verwandeln und immer in
frischer Jugend dastehn. Eben weil dies Buch die einfachsten lyrischen Töne zum
Ausdruck der mannigfaltigsten Empfindungen entält, ist es ein Gesangbuch für
alle Zeiten.
    Den näheren Ton zu christlichen Gesängen gaben indes die Lobgesänge
Zacharias' und der Maria, der Gruss des Engels, der Abschied Simeons u.f., mit
denen das Neue Testament anfing. Ihre sanftere Stimme war dem Geist des
Christentums gemässer als selbst der laute Paukenschall jener alten frohlockenden
Halleluja, obgleich auch diese vielfach angewandt und mit Stimmen der Propheten
oder andrer biblischen Gesänge bald verstärkt, bald gemildert wurden. Über den
Gräbern der Verstorbenen, deren Auferstehung man im Geist schon gegenwärtig
erblickte, in Einöden und Katakomben ertönten zuerst diese Buss-und Gebet-, diese
Trauer- und Hoffnungspsalmen, bis sie nach öffentlicher Einführung des
Christentums aus dem Dunkel ins Licht, aus der Einsamkeit in prächtige Kirchen,
vor geweihte Altäre traten und jetzt auch in ihrem Ausdruck Pracht annahmen.
Schwerlich wird jemand sein, der z.B. im Gesange des Prudentius: »Iam moesta
quiesce querela,« nicht von rührenden Tönen sein Herz ergriffen fühlte, dem der
Totengesang: »Dies irae, dies illa,« nicht Schauder einjagte, den so viel andre
Hymnen, jeder mit seinem Charakter bezeichnet, z.B. »Veni, redemtor gentium,«
»Vexilla Regis prodeunt,« »Salvete, flores Martyrum,« »Pange lingua gloriosi«
u.f., nicht in den Ton versetzten, den jeder Hymnus will und in seiner demütigen
Gestalt, mit allen seinen kirchlichen Idiotismen mächtig gebietet. In diesem
tönt die Stimme der Betenden; jenen könnte nur die Harfe begleiten; in andern
schallt die Posaune; es ruft und tönt die tausendstimmige Orgel u.f. -
    Fragt man sich um die Ursache der sonderbaren Wirkung, die man von diesen
altchristlichen Gesängen empfindet, so wird man dabei eigen betroffen. Es ist
nichts weniger als ein neuer Gedanke, der uns hier rührt, dort mächtig
erschüttert; Gedanken sind in diesen Hymnen überhaupt sparsam. Manche sind nur
feierliche Rezitationen einer bekannten Geschichte, oder sie sind bekannte
Bitten und Gebete. Fast kommt der Inhalt aller in allen wieder. Selten sind es
auch überraschend-feine und neue Empfindungen, mit denen sie uns etwa
durchströmen; aufs Neue und Feine ist in den Hymnen gar nicht gerechnet. Was
ist's denn, was uns rühret? Einfalt und Wahrheit. Hier tönt die Sprache eines
allgemeinen Bekenntnisses, eines* Herzens und Glaubens. Die meisten sind
eingerichtet, dass sie alle Tage gesungen werden können und sollen, oder sie sind
an Feste der Jahreszeiten gebunden. Wie diese wiederkommen, kommt in ewiger
Umwälzung auch ihr christliches Bekenntnis wieder. Zu fein ist in den Hymnen
keine Empfindung, keine Pflicht, kein Trost gegriffen; es herrscht in ihnen
allen ein allgemeiner popularer Inhalt in grossen Akzenten. Wer in einem »Te
Deum« oder »Salve regina« neue Gedanken sucht, sucht sie an unrechtem Orte; eben
das täglich und ewig Bekannte soll hier das Gepräge der Wahrheit sein. Der
Gesang soll ein ambrosisches Opfer der Natur werden, unsterblich und
wiederkehrend wie diese.
    Es ergibt sich hieraus, dass, da man bei christlichen Hymnen auf die
Schönheit eines klassischen Ausdrucks, auf die Anmut der Empfindung im
gegenwärtigen Moment, kurz, auf die Wirkung eines eigentlichen Kunstwerks gar
nicht rechnete, diese Gesänge, sobald sie eingeführt waren, die sonderbarsten
Folgen haben mussten. Wie nämlich die Hand der Christen Bildsäulen und Tempel der
Götter dem unsichtbaren Gott zu Ehren zerstörte, so hielten diese Hymnen auch
einen Keim in sich, der den heidnischen Gesängen den Tod bringen sollte. Nicht
nur wurden von den Christen jene Hymnen an Götter und Göttinnen, an Heroen und
Genien als Werke der Ungläubigen oder der Abergläubigen angesehen, sondern und
vorzüglich ward auch der Keim, der sie hervorgebracht hatte, die dichtende oder
spielende Einbildungskraft, die Lust und Fröhlichkeit des Volks an
Nationalfesten u.f., als eine Schule böser Dämonen verdammt, ja der Nationalruhm
selbst, auf welchen jene Gesänge wirkten, als eine gefährlich-glänzende Sünde
verachtet. Die alte Religion hatte sich überlebet; die neue Religion hatte
gewonnen, wenn die Torheit des heidnischen Götzendienstes und Aberglaubens die
Unordnungen und Greuel, die an den Festen des Bacchus der Kybele, der Aphrodite
vorgingen, ins Licht kamen. Also auch was von der Poesie dahin gehörte, war ein
Werk des Teufels. Es begann eine neue Zeit für Poesie, Musik, Sprache,
Wissenschaften, selbst für die ganze Richtung der menschlichen Denkart.
    Denn 1. Fortan war die Poesie keinem Volk, keinem Lande eigen, weil dieser
Geist christlicher Hymnen mit Zerstörung aller Nationalheiligtümer die Völker
insgesamt umfasste und glauben lehrte. An die Stelle jener längst verlebten
Heroen und Nationalwohltäter traten jetzt neue Heroen, die Märtyrer, die auf der
Erde ihre Festtage, Kirchen und Patrimonien bekamen, wie sie als Schutzpatrone
und Fürbitter bei Gott angesehene Plätze droben besassen. Himmel und Erde war
also den Heiligen gegeben, die christliche Welt war unter sie verteilt. Statt
einzelner irdischer Wohltaten sang man eine grosse Wohltat, die Erlösung der Welt
vom Aberglauben und den Dämonen. Statt eingeschränkter irdischer Hoffnungen sang
man eine grosse Hoffnung, die Erwartung der Ankunft des Richters über Lebendige
und Tote, mit welcher die Gesamterrschaft in seinem Reiche wesentlich verknüpft
war. Jahrhundertelang hielt man diese Ankunft für nah; alle traurige Zeichen der
Zeit, an denen man grossenteils selbst schuld war, wurden auf sie gedeutet; und
ungeheure Dinge, Verfolgungen, Schenkungen, Kriege, wurden durch sie befördert.
Hymnen an die Märtyrer, Hoffnungen der Auferstehung und der Wiederkunft Christi
machen also einen grossen Teil der Dichtkunst dieser Zeiten aus; sie waren auch
eine mächtige Triebfeder. Von heidnischer Poesie mochte untergehen, was
untergehen wollte; was man rettete, ward etwa der Sprache, der Silbenmasse, der
späteren platonischen Philosophie oder zufällig eines dem Christentum
zuträglichen Umstandes wegen erhalten. Selbst die jüdischen Psalmen wurden jetzt
bloss und allein christlich verstanden und gegen Ketzer, ja gegen die Juden
selbst zeitmässig gedeutet; es ward mit ihnen gebetet, geflucht, verbannet,
exorzisieret. Was irgend man in der Literatur fand und anwenden wollte, verlor
seinen alten Zweck und ward christlich.
    2. Die Musik bekam durch die christlichen Hymnen mit der Zeit eine ganz
andre Art und Weise. Da der Inhalt dieser Gesänge gleichsam ein Chor der Völker
und so allgemein war, dass sich die Töne dem einzelnen Ausdruck einer
individuellen Empfindung weder anschliessen konnten noch sollten, so ging dabei
der Strom der Musik, allumfassend, in seinem grossen Gange desto ungehinderter
und prächtiger fort. Wenig achtete er auf Füsse des Silbenmasses, auf den Inhalt
einzelner Strophen, auf einzelne Worte; mit der Strophe, welches Inhalts sie
auch war, kehrte der Gesang wieder; das Feierliche verbarg jede Verschiedenheit
in seinen weiten Mantel. Bei den Griechen war dies anders gewesen; bei ihnen war
die Poesie herrschend, die Musik dienend. Jetzt ward die Musik herrschend, die
im Silbenmass gebrechliche Poesie diente. Ein einziger Umstand, der schon einen
völligen Unterschied zwischen der alten und neuen Poesie, der alten und neuen
Musik gründet. Die jetzt herrschende Musik, die gleichsam von einem
unermesslichen Chor in den Wolken getragen ward, musste notwendig, später oder
früher, für sich selbst ein Gebäude der Harmonie ausbilden, da bei den Hymnen
des Christentums auf Melodie wenig, auf einzelne Glieder des Versbaues und der
Empfindungen noch weniger und auf ein daraus entspringendes momentanes
Kunstvergnügen gar nicht gerechnet war. Der Tonkünstler dagegen war Zauberer in
den Wolken, der mit seinen Schritten im grossen Gange der Harmonie desto
gebietender den Inhalt des Ganzen verfolgte und auf andächtige Gemüter in diesem
vollstimmigen Gange desto stärker wirkte. Durch den christlichen Gesang war also
die Harmonie der Stimmen im Konzert der Völker gleichsam gegeben.
    3. Auch die Sprache ward durch diese neue Einrichtung der Dinge sehr
verändert. Wenn bei Griechen und Römern jener alte echte Rhytmus, nach welchem
jede Silbe ihr bestimmtes Zeitmass an Länge und Kürze, an Tiefe und Höhe hatte,
nicht schon verlorengegangen war, so ging er jetzt, wie die christlichen Hymnen
zeigen, bald verloren. Man achtete auf ihn wenig und folgte dagegen, weil auf
Popularität alles gerechnet war, der gemeinen Aussprache, ihren Perioden und
Kadenzen, kurz, dem Wohlklange des plebejen Ohrs. Ohne Quantität der Silben
brachte man also Reime und Assonanzen ins Spiel; man formte einen gewissen
Numerus der Strophe, der dem alltäglichen Gehör gemäss war, den aber die Griechen
und Römer nur in den sogenannten politischen oder gemeinen Volksversen
erträglich gefunden hatten. Im Innern konnte die Sprache ebensowenig rein
bleiben, da jetzt in Poesie und Rede der Genius fast aller Völker miteinander
vermischt ward. Ausdrücke der Ebräer und andrer Asiaten, der Griechen und Römer
in den verschiedensten Provinzen, endlich der Barbaren, die Sieger waren und
Christen wurden, flossen zusammen: so ward dann nach Ort und Zeit das
Griechische und das Latein der mittleren Zeiten gebildet, das man mit Recht die
Mönchssprache nennet. Sie bildete sich einen Reichtum neuer Ausdrücke nach ihren
Bedürfnissen und Umständen; der alte Römergenius aber war verschwunden.
    4. Wie manche Wissenschaften das damalige Christentum entbehrlich glaubte,
erweiset die Geschichte der mittleren Zeiten. Gesänge, Predigten und
Ordensregeln, die vom Untergange der Welt (seculi huius), von der Eitelkeit
aller irdischen Dinge, von der Trüglichkeit des menschlichen Geistes, von der
Nähe eines Reichs sprechen, in welchem alles anders sein wird und sein muss,
fachen nicht eben die Lust an, den gegenwärtigen Zustand der Welt, wie er ist,
zu beleben. Im Himmel war das Vaterland der Christen; dahinauf strebten ihre
Gesänge; das Schema der gegenwärtigen Welt war ihnen vergänglich, ob sie es
übrigens gleich für sich sehr gut und ein Teil mit Bedrückung eines grösseren
andern Teils der Menschheit zu gebrauchen wussten.
    5. Dagegen ward bald, hie und da, jene mystische Empfindungsteologie
ausgesponnen, die, ihrer stillen Gestalt ungeachtet, vielleicht die wirksamste
Teologie in der Welt gewesen. Im Christentum schlang sie sich dem jüngeren
Platonismus an, der ihr viel Zweige der Vereinigung darbot; aber auch ohne
Platonismus war sie bei allen Völkern, die empfindend dachten und denkend
empfanden, in jeder Religion, die beseligen wollte, am Ende das Ziel der
Betrachtung. Sinnliche Völker selbst haben zuweilen auf die sonderbarste Weise
einen Mystizismus gesucht und sich in ihm berauschet; vernünftelnde Völker
suchten ihn auf ihre Weise. Der Grund dazu liegt in der Natur des Menschen. Er
will Ruhe und Tätigkeit, Genuss und Beschauung auf die kostenfreieste,
dauerhafteste, zugleich auch auf die untrüglichste, auf eine gleichsam
unendliche Weise. So gern möchte er mit Ideen leben und selbst Idee sein. Die
träge Zeit, den leeren Raum, die lahme Bewegung um sich her möchte er gern
überspringen und vernichten, dagegen alles an sich ziehn, sich allem zueignen
und zuletzt in einem Ideal zerfliessen, das jeden Genuss in sich fasst, wohin seine
Vorstellung reichet. Viele Umstände der damaligen und folgenden Zeit kamen
zusammen, diesen Mystizismus zu nähren und ihn dem Christentum, zu welchem er
ursprünglich nicht gehörte, einzuverleiben. Ein spekulierender Geist, dem es an
Materie zur Spekulation fehlet, ein liebendes Herz ohne Gegenstand der Liebe
gerät immer auf den Mystizismus Einsame Gegenden, Klosterzellen, ein
Krankenlager, Gefängnis und Kerker, endlich auch auffallende Begebenheiten, die
Bekanntschaft mit sonderbar-liebreichen und bedeutenden Personen, Worte, die man
von ihnen gehört, Zeichen der Zeit, die man erlebt hat, u.f., alle diese Dinge
brüten den Mystizismus, dies Lieblingskind unsrer geistigen Wirksamkeit und
Trägheit, in einer groben oder seidenen Umhüllung aus und geben ihm zuletzt die
bunten Flügel des himmlischen Amors. Man liebt, und weiss nicht, wenn man
begehret, und weiss nicht, was? Etwas Unendliches, das Höchste, Schönste, Beste.
    So unentbehrlich dem Menschen diese Tendenz nach dem Vortrefflichsten und
Vollkommensten ist, ohne welche er wie eine Raupe umherkröche und vermoderte, so
leer bleibt dennoch die Seele, wenn sie, bloss auf Flügeln der Imagination im
Taumel der Begeisterung fortgetragen, in ungeheuren Wüsten umherschweift. Das
Unendliche gibt kein Bild; denn es hat keinen Umriss; selten haben diesen auch
die Poesien, die das Unermessliche singen. Sie schwingen sich entweder in ein
Empyreum des Urlichts voll gestaltloser Seraphim auf, oder wenn sie von da in
die Tiefen des menschlichen Herzens zurückkehren, kann die erhöhete Spekulation
dennoch nur aus ihm jene Urbilder himmlischer Schönheit holen, die sie über den
Wolken begrüsset und in ein Paradies der Liebe und Seligkeit hinaufzaubert. Die
Hymnen der mittleren Zeiten sind voll von diesen goldnen Bildern, in die
unermessliche Bläue des Himmels gemalet. Ich glaube nicht, dass es Ausdrücke
süsserer Empfindungen gebe, als die bei der Geburt, dem Leiden und Tode Christi,
bei dem Schmerz der Maria, bei ihrem Abschiede aus der Sichtbarkeit oder bei
ihrer Aufnahme in den Himmel und bei dem freudigen Hingange so manches
Märtyrers, bei der sehnenden Geduld so mancher leidenden Seele, meistens in den
einfachsten Silbenmassen, oft in Idiotismen und Solözismen des Affekts geäussert
wurden. Wer sich davon überzeugen will, lese die frommen Liebesgesänge des heil.
Bernhards und Tomas', des Kardinals Bona, der heil. Terese, des Juan de la
Cruz und ihresgleichen, oder vielmehr er höre sie mit Musik begleitet. Das
»Stabat Mater dolorosa« (Jacobus de Benedictis ist sein Verfasser) ist in
Pergolesis Komposition sehr bekannt; dergleichen süsse Schmerzen- und
Liebesgesänge gibt's in der Mönchssprache viele, die ganz dazu geschaffen
scheinet. Wilder Silbenmasse bediente man sich dabei nicht, vielmehr äusserst
anständiger und sanfter. Selbst das verzückte Metrum des sogenannten Pervigilii:
»cras amet, qui numquam amavit,« das in den Hymnen oft gebraucht ist, erhält in
ihnen einen Triumphton und eine Würde, die uns gleichsam aus uns selbst
hinaussetzt und unser ganzes Wesen erweitert. Wie konnte dies auch anders sein,
da, wo man die Bibel nur aufschlägt, im Hohenliede, Propheten, Psalmen, in den
Evangelien, Briefen und der Offenbarung, man Ausdrücke bald der erhabensten
Einfalt, bald der innigsten Zärtlichkeit und Liebe findet? Wer Händels Messias,
einige Psalmen von Marcello und Allegris, Leo, Palestrina Kompositionen der
simpelsten bilblischen Worte gehört hat und dann die lateinische Bibel,
christliche Epitaphien, Passions-, Grab-, Auferstehungslieder lieset, der wird
sich trotz aller Solözismen und Idiotismen in dieser christlichen wie in einer
neuen Welt fühlen.
                                  Nachschrift
    Da ich es nicht voraussetzen kann, dass jedem von Ihnen eine Menge der Hymnen
bekannt sei, von denen das Fragment redet, so lasse ich von einigen der
angeführten nur Strophen abschreiben, die ich etwa mit einer Anmerkung begleite.
Die Solözismen und Idiotismen darin gehören zur Sprache der Zeit; überhaupt sind
diese Verse nicht zu lesen, sondern mit der ihnen gebührenden Musik zu hören:
                                       1.
                             Iam moesta quiesce109
Iam moesta quiesce querela!
 Lacrimas suspendite, matres;
 Nullus sua pignora plangat
 Mors haec reparatio vitae est.
 Nunc suscipe, terra, fovendum
 Gremioque hunc concipe molli;
 Hominis tibi membra sequestro
 Generosa et fragmina credo.
 Veniant modo tempora justa,
 Cum spem Deus impleat omnem;
 Reddas patefacta, necesse est,
 Qualem tibi trado figuram. seq.
                                       2.
                                  Dies irae110
 Dies irae, dies illa
 Solvet saeclum in favilla
 Teste David cum Sibylla.
 Quantus tremor est futurus,
 Quando iudex est venturus,
 Cuncta stricte discussurus.
 Tuba mirum spargens sonum
 Per sepulcra regionum
 Coget omnes ante tronum.
 Mors stupebit et natura,
 Cum resurget creatura
 Iudicanti responsura.
 Liber divus tunc pandetur,
 In quo totum continetur,
 Unde mundus iudicetur.
 Iudex ergo cum sedebit,
 Quidquid latet apparebit,
 Nil inultum remanebit.
 Quid sum miser tunc dicturus?
 Quem patronum rogaturus?
 Cum vix iustus sit securus.
 Rex tremendae Maiestatis,
 Qui salvandos salvas gratis,
 Salva me, fons pietatis. seq.
                                       3.
 Lauda Sion Salvatorem,
 Lauda Ducem et Pastorem
 In hymnis et canticis;
 Quantum potes, tantum aude,
 Quia maior omni laude
 Nec laudare sufficis.
 Sit laus plena, sit sonora,
 Sit iucunda, sit decora
 Mentis iubilatio.
 Dies enim agitatur,
 In qua mensae ruminatur
 Huius institutio. seq.
                                       4.
Pange lingua gloriosi proelium certaminis
Et super crucis trophaeo dic triumphum nobilem;
Qualiter redemtor orbis immolatus vicerit.
Crux fidelis inter omnes arbor una nobilis
Nulla talem sylva profert fronde, flore, germine,
Dulce lignum, dulce signum, dulce pondus sustinens. seq.
                                       5.
 Ave maris stella, Dei mater alma,
 Atque semper virgo, felix coeli porta.
 Virgo singularis, inter omnes mitis
 Nos culpis solutos mites fac et castos etc.
                                     6.111
 Stabat mater dolorosa,
 Iuxta crucem lacrimosa
 Dum pendebat filius.
 Cuius animam gementem,
 Contristatam et dolentem,
 Pertransivit gladius.
 O quam tristis et afflicta
 Fuit illa benedicta
 Mater Unigeniti,
 Quae moerebat et dolebat
 Et tremebat, cum videbat
 Nati poenas incliti.
 Fac me cruce costodiri
 Morte Christi praemuniri
 Confoveri gratia.
 Quando corpus morietur,
 Fac ut anima donetur
 Paradisi gloria.
                                     7.112
 Ut quid iubes, pusiole?
 Quare mandas, filiole,
 Carmen dulce me cantare,
 Cum sim longe exsul valde
 Intra mare;
 O cur iubes canere?
 Magis mihi miserale
 Flere libet puerale
 Plus plorare quam cantare
 Carmen tale iubes quare?
 Amor care,
 O cur iubes canere?
                                      83.
    Mit Ihrem »Dies irae, dies illa« haben Sie mir eine schöne Welt zu Grabe
geläutet: die Welt der Erscheinungen des Altertums in ihren bestimmten,
lieblichen Formen, in ihren bedeutenden Gebärden, in ihren gleichsam
organisierten Tönen. Sie wird nicht wiederkommen auf unsrer Erde, sowenig uns
unsre Jugend zurückkommt.
    Jene ersten Versuche der Menschen, sich das Unsichtbare sichtbar, das
Vergangene und Entfernte gegenwärtig zu machen, eine Welt von Gegenständen, von
Bildern und Empfindungen durch Worte und Töne darzustellen, und zwar also
darzustellen, dass auch ihre Folge sprechend, dass ihre Veränderung in Licht und
Farben bis zum Kleinsten empfunden oder bemerkt werde - diese Versuche, in einer
gegebnen langen Zeit zu Meisterwerken der poetischen Kunst erhöhet, von einer
Nation, der die Kunst Natur, der Geschmack am Schönen Charakter gewesen zu sein
scheinet, werden ihresgleichen schwerlich in Zeiten finden, die Ihre angeführte
Hymnen eingeläutet haben.
    Nichts ist von zarterem Wesen als der echte Natur- und Kunstgeschmack. Durch
Frömmigkeit und Andacht, selbst durch Gelehrsamkeit und Fleiss lässt er sich nicht
erlangen; er ist eine himmlische Grazie, die auf unsrer Erde nur hie und da,
dann und wann erscheinet. Sie kann ebensoleicht weggebetet als wegstudiert
werden; einmal vertrieben, kommt sie selten oder spät wieder.
    Und doch ist mit diesem Natur- und Kunstgeschmack selbst der richtige Sinn,
die wahre Vernunft des Menschen so innig verbunden. Schwerlich werde ich in
Ihrem Atanasius und Ambrosius so schlicht und rein zu lesen bekommen, was mich
Ciceros »Pflichten,« Horaz' »Briefe« und »Sermonen« lehren. Die Litaneien und
Legenden der Heiligen, ja das ganze Breviarium dieser Sittenlehre und Weisheit
wird das echte Richtmass menschlicher Moralität kaum so strenge an mich legen,
als es die festen Lehren des Altertums, seine mit sichrer Hand, im bestimmtesten
Umriss gezeichneten Charaktere zu tun vermochten. Ist einmal der Gesichtskreis
und das Ziel der Bestimmung verrückt, zu welchem die Menschen auf Erden leben,
so erscheinen durch katoptrische Spiegel zurückgeworfene seltsame Bilder und
Vorbilder des Lebens. Eine Zauberlaterne bringt Gestalten hervor, die in
Schrecken und Verwunderung setzen können, denen man aber nicht ohne Gefahr
folget.
    Ihr Fragment meldete uns an, dass sich fortan die Musik von der Poesie
scheiden und in eignen Regionen ihr Kunstwerk treiben werde; fürs unbewehrte
menschliche Geschlecht eine gefährliche Scheidung. Musik ohne Worte setzt uns in
ein Reich dunkler Ideen, sie weckt Gefühle auf, jedem nach seiner Weise,
Gefühle, wie sie im Herzen schlummern, die im Strom oder in der Flut künstlicher
Töne ohne Worte keinen Wegweiser und Leiter finden. Eine Musik, die über Worte
gebietet, ist nicht viel anders; sie herrscht despotisch. Erinnern Sie sich in
Drydens Ode am Cäcilientage, wohin die Gewalt der Musik den Alexander reisst? Der
Halbgott sinkt der Buhlerin in den Arm, er schwingt die Fackel zu Persepolis'
Brande. Auf gleiche Weise kann durch eine geistliche und, wenn man will, eine
himmlische Musik die Seele dergestalt aus sich gesetzt werden, dass sie sich,
unbrauchbar und stumpf gemacht für dies irdische Leben, in gestaltlosen Worten
und Tönen selbst verlieret.
    Unsre zarte, fehlbare und fein empfängliche Natur hat aller Sinne nötig, die
ihr Gott gegeben; sie kann keinen seines Dienstes entlassen, um sich einem
andern allein anzuvertrauen; denn eben im Gesamtgebrauch aller Sinne und Organe
zündet und leuchtet allein die Fackel des Lebens. Das Auge ist, wenn man will,
der kälteste, der äusserlichste und oberflächlichste Sinn unter allen; er ist
aber auch der schnellste, der umfassendste, der helleste Sinn; er umschreibt,
teilt, bezirkt und übt die Messkunst für alle seine Brüder. Das Ohr dagegen ist
ein zwar tiefdringender, mächtig erschütternder, aber auch ein sehr
abergläubiger Sinn. In seinen Schwingungen ist etwas Unabzählbares,
Unermessliches, das die Seele in eine süsse Verzückung setzt, in welcher sie kein
Ende findet. Behüte uns also die Muse vor einer blossen Poesie des Ohrs ohne
Berichtigung der Gestalten und ihres Masses durchs Auge.
    Nochmals gehe ich Ihr Fragment durch und frage: »Wie, wenn aus dieser
heil'gen Mönchspoesie eine Volksdichtung hervorgehen sollte, wie wird sie
werden? Gewiss anders als die Poesie der Griechen war, nicht nur im Inhalt des
Gesanges, sondern auch in desselben ganzer Art und Weise.«
    1. Von Mytologie wird in ihr nicht die Rede sein können, da man diese als
eine Dämonensage ansah. Wenn eine derselben gebildet werden sollte, wird sie aus
dem Glauben der Kirche, aus Sagen des gemeinen Volks, aus Nationalmeinungen und
Abenteuern hervorgehn. Jede solcher Gestalten wird die Kirche weihen und ordnen.
-
    2. Reine Umrisse der Phantasie und des Natursinnes* nach Art der Griechen
wird diese Dichtkunst schwerlich entalten, da diese Welt ihr nur ein
vorübergehender Schatte zur künftigen Welt ist. Zwischen beide wird sich der
Blick teilen, mitin jene sich in eine Art Dämmerung verlieren. Höchstens also
werden Allegorien auftreten, statt reiner und bestimmter Begriffe; auch
wirkliche Personen werden gern als Allegorien und Larven oder als heilige
Nebelgestalten erscheinen, die sich in der Ferne verlieren.
    3. Das Interesse, das diese Poesie gibt, wird selten ein Nationalinteresse
sein, wie bei Griechen und Römern, vielleicht aber ein allgemeineres Interesse
christlicher Völker, die alle das heilige Bad besprengt hat, die, als
Begünstigte des Himmels mit dem Kreuz bezeichnet, eine eigne christliche
Providenz über sich erkennen, Engel zu ihrer Seite haben und von der Erde gen
Himmel wandern. In der Erzählung wird dies den Ton der Geschichte und Dichtung
ganz ändern.
    4. Allen Handlungen und Leidenschaften der Menschen, ihren Tugenden und
Lastern wird hiemit eine eigne religiose Farbe, ein Anzug gegeben werden, den
die alte Welt nicht kannte In die Liebe wird sich Andacht mischen und die
Üppigkeit dagegen vielleicht desto sinnlicher ihr Werk treiben. Statt des
Verdienstes der Vorfahren um ein enges Vaterland wird ein andächtiger Ruhm, eine
Ehre hervorgehn, die Stand ist und nach Ständen wirket. Auf diesem Wege wird
eine Sentimentalität zum Vorschein kommen, von der die Poesie der Alten nicht
wusste, eine anerzogne Sentimentalität der Stände.
    5. Endlich, da der Rhytmus der Griechen verloren ist und sich der poetische
Genius hier ungebildeten, mit dem römischen Volksdialekt vermischten Sprachen
mitteilen soll, so werden in dieser Verwirrung ohne Silbenmasse der Alten sich
ohne Zweifel rohere Volksgesänge nach dem Modell der Mönchspoesie formen. Was
das innere Mass und Gewicht der Silben nicht tun kann, wird der Reim ersetzen
sollen, mit dem von jeher das Ohr und die Zunge des Volks spielte. Poesie wird
also eine gereimte Prose in Versperioden werden, deren Abwechselung und Ründung
etwa auch ein unwissendes Ohr verfolgen kann; dagegen die Musik, vom Bau der
Silben getrennt, in ihrer eignen Region ihr Werk treibet. Lassen Sie uns bald
einige Glocken- und Posaunen- und Orgeltöne, aber, wenn ich bitten darf, auch
einige Töne der Harfe aus diesem neuen christlichen Odeum aller europäischen
Nationen hören.
                                      84.
                                Drittes Fragment
     Bildung eines neuen Geschmacks in Europa und dessen erste Verfeinerung
    Alle deutsche Nationen, die das römische Reich unter sich teilten, kamen mit
Heldenliedern von Taten ihrer Vorfahren in die ihnen neue Welt; es sind auch
Zeugnisse vorhanden, dass diese Gesänge unter ihnen sich lange erhalten haben.
Wie auch anders? Diese Gesänge waren ja die ganze Wissenschaft und
Geistesergötzung solcher barbarischen Völker, das Archiv ihres Ruhmes und
Nachruhms. Was zu den Zeiten der griechischen Sänger aoidôn der Fall gewesen,
kam jetzt auf eine rohere Weise wieder. Völker, die das Schreiben nicht viel
kannten und noch weniger liebten, erhielten durch Lieder das Andenken ihrer
Vorfahren, und jedes Volk hatte dabei seine eigne Lieblingshelden, seine eigne
Lieblingstöne.
    Sehr nützlich wäre es, wenn wir diese alten Wurzeln des Stammes der Denkart
und Sprache unsrer Vorfahren noch besässen, wenn wir die Lieder von Mann und
Hermann, Dietrich von Bern, Alboin, Hildebrand, Rüdiger, Siegfried, die
Engländer ihr Horn-Child, Hervart, Grym, Hanelock, und so jedes deutsche Volk
die seinigen, noch hätten. Es gilt aber von allen diesen, was Horaz von jenen
uralten griechischen Helden sagt, die vor Homer lebten:
Sie liegen alle, weil sie der heiligen
Gesänge darben, unbejammert,
Ruhmlos in ewiger Nacht begraben.
    Die Veränderung und Mischung der Sprachen, bei den wandernden Völkern die
Verschiedenheit des nordlichen und südlichen Klima, wohl aber am meisten der
Fortgang der Sitten selbst hat uns dieser wahrscheinlich in rauhen Tönen
besungenen Heldengestalten beraubet.
    Wie verschieden nämlich die Mundarten der deutschen Sprache nach den
verschiedenen Volksstämmen, Zeiten und Gegenden waren, dergestalt, dass man die
Goten am Schwarzen Meer, in Italien und Spanien, die Wandalen in Pommern und
Afrika, die Angeln zu Hengst und zu Wilhelm des Eroberers Zeiten nicht für eins
nehmen darf, so ist doch in allem, was wir von ihren Sprachen wissen, ihr
nordisches Gewand unverkennbar. Die deutsche Sprache nämlich, zumal in rauhen
Gegenden, liebt einsilbige Töne. Hart wird der Schall angestossen, stark
angeklungen, damit, soviel möglich, alles auf einmal gesagt werde. Eine Silbe
soll alles fassen, die folgenden werden zusammengezogen und gleichsam
verschlungen, so dass sie selten aushallen und kaum zwischen den Lippen als
erstickte Geister schweben. Die ganze Bildung unsrer Sprache, am meisten die aus
dem Latein bei uns aufgenommenen Worte und Namen beweisen dies; es sind hart
zusammengedrängte Laute, und, was noch sonderbarer ist, mit dem Verfolg der
Jahrhunderte hat sich dies Zusammendrängen der Buchstaben nicht vermindert,
sondern vermehrt.
    Ulfilas und Otfrieds Sprache sind ungleich tönender, als wie man z.B. im
vorigen Jahrhundert oder noch jetzt aus dem Munde des Volks die Worte schreibet.
Das Angelsächsische schlich mit viel stummen »e« in mehreren Silben langsam
fort; das Englische, das sich unter den Normännern bildete, warf Buchstaben weg,
drängte sie zusammen, schnitt vorn und hinten ab die Silben; so entstand ein
ganz neuer Gang und Rhytmus der Sprache.
    Aus dieser beliebten Einsilbigkeit der nordischen Mundarten, bei der man aus
Trägheit oder wie in böser Luft die Lippen kaum zu öffnen waget und immer nur »
hm! hm!« sprechen möchte, war es natürlich, dass, wenn man Worte gegeneinander
künstlich stellen wollte, dies insonderheit im Anklange bemerkt werden musste,
indem der Ausgang der Worte gern im Dunkeln blieb. Dies ist nun jenes berühmte
System nordischer Alliterationen (Annominationen)113, das um kein Haar
unnatürlicher als der Reim ist, indem man hier nur in der Mitte oder vorn
reimet. Den Alten, d.i. Griechen und Römern, waren beide Arten eines solchen
Wohlklanges Übelklänge; ähnliche Anklänge der Worte suchten sie wie den Reim zu
vermeiden. Auch für die Gegenden eines besseren Klima war dieser nordische rauhe
Silbentritt nicht; die spanischen Romanzen, die vielleicht nach gotischen
Volksliedern geformt sind, haben jenen wilden, männlichen Jambus, der
ursprünglich in Wäldern zum Jagd- und Kriegshorn tönte, fahrenlassen und statt
dessen langsame Trochäen in weiblichen Ausgängen mit dem zuletzt prächtig
verhallenden »ar« gewählet. In Italiens Luft zerfloss gleichfalls der gotische
und longobardische Silbenanklang in weiche und immer weichere Töne. Kein Wunder
also, dass jene alten Heldenmelodien in dieser sanfteren Luft den Tönen nach
allmählich verhallten.
    dabei aber gingen nicht sofort auch die Erzählungen selbst, jene Heldensagen
zugrunde, die gleichsam die Seele dieser Völker, ihr Trank und ihre geistige
Speise waren. Sie konnten nicht zugrunde gehen, weil diese Völker (wenn mir der
Ausdruck erlaubt ist) abenteuerlich dachten und entweder gar nicht oder im
Abenteuer lebten. Ein Volk, von wenigen, aber starken Begriffen und
Leidenschaften geregt und getrieben, hat wenig Lust zu ordnungsmässigen,
gewöhnlichen, ruhigen Geschäften; es bleibt gegen sie kalt und träge. Dagegen
flammet's auf, wenn ein Abenteuer ruft, wenn wie ein Jagd- und Kriegshorn die
Abenteuersage ertönet. In eingepflanzten Trieben, in angebornen Begriffen und
Neigungen ging diese Liebe zum Abenteuer auf Geschlechter hinab; der geistliche
Stand, in dessen Händen die Bildung der Menschen nach Begriffen der Zeit war,
bemächtigte sich dieses Triebes; er fabelte, dichtete, erzählte. Von Erzählungen
fängt alle Kultur roher Völker an; sie lesen nicht, sie vernünfteln nicht gern,
aber sie hören und lassen sich erzählen. So Kinder, so alle Stände, die,
insonderheit unter freiem Himmel, ein halbmüssiges Leben führen. Wo sie auch
leben, Norweger und Araber, Perser und Mogolen, der Gote, Sachse, Frank und
Katte des Mittelalters, noch jetzt alle halbmüssige Abenteurer, Krieger, Jäger,
Reisende, Pilger haben hierin einerlei Geschmack, einerlei Zeitkürzung
Unwissenheit ist die Mutter des Wunderbaren, unternehmende Kühnheit seine
Ernährerin, unzählige Sagen seine Nachkommenschaft und ihr grosser Mentor der
Glaube. Wenn Mönche dergleichen Erzählungen in ihre Chroniken aufnahmen und ihre
Legenden selbst darnach schrieben, so taten sie es nicht immer aus Lust zu
betrügen. Es war Geschmack und sogar Kreis des Wissens, Denkart der Zeit; eine
echte Mönchschronik musste vom Anfange der Welt anfangen und in bestimmten
Zeiträumen durch Fabel und Geschichte der Griechen und Römer (Geschichte und
Dichtung auf einem Grunde betrachtet) bis zum Ende der Welt fortgehn; das war
der gegebene Umriss. Eben nach den Begebenheiten der Zeit, die allesamt
geistliche und weltliche Abenteuer waren, formte sich der Umriss der Erzählung,
bildete sich der Ton des Ganzen. Mehr als eine Chronik der mittleren Zeiten ist
wie ein zyklisches Gedicht zu lesen.
    Wenn aber und wie wird aus diesen vermischten Sagen und Abenteuermärchen so
verschiedner Völker in so verschiednen Gegenden und Umständen eine »Ilias,« eine
»Odyssee« erwachsen, die allem gleichsam den Kranz raubte und jetzt als Sage der
Sagen gelte?
    Dazu gehört viel, insonderheit aber, dass die Sprache und der Witz der
europäischen Völker einigermassen verfeinert werde, dass Völker miteinander in
Verbindung oder in Wettkampf geraten, dadurch sie einander verstehen lernen,
endlich dass, wenn's sein kann, hier oder da ein Homer aufkomme, dem alle
horchen.
    Äusserst schwer und langsam konnte diese Aufgabe aufgelöset werden, da
einesteils die Völker durch Stammesvorurteile und Leidenschaften blind getrennt,
anderseits die Sitten so grob oder verderbt waren, dass schwerlich ein
Lorbeerbaum für ganz Europa sprossen konnte. Tapferkeit und Witz sind nicht
immer beisammen, ebenso selten sind es Witz und Klosterandacht, wie die Esels-
und Narrenfeste, das Hez, Sir Ane, Hez, und andre Anstalten zeigen. Wenn in die
Sprachen Europas Bildung, in seine Sitten Geschmack, in seine Poesie
Unterhaltung kommen sollte, so mussten diese anderswoher kommen als vom
Waffenplatz und aus dem Kloster. Sie mussten aus einer Gegend kommen, wo ein
fremder Umgang etwas anders als den blossen Mönchs- und Klostergeist zeigte. Kurz
- Spanien war die glückliche Gegend, wo für Europa der erste Funke einer
wiederkommenden Kultur schlug, die sich denn auch nach dem Ort und der Zeit
gestalten musste, in denen sie auflebte. Die Geschichte davon lautet wie ein
angenehmes Märchen.
    Spanien nämlich, so sagt die Geschichte, hatte unter der Herrschaft der
Mauren eine sehr blühende Gestalt gewonnen; mit dem Ackerbau, dem Fleiss, dem
Handel waren in ihm mehrere Wissenschaften und Künste, unter diesen auch die
Dichtkunst, kultiviert worden. Die maurische Galanterie hatte sich unter dem
schönen Himmel von Granada, Murcia, Andalusien veredelt; glänzende Ritterspiele
waren im Gebrauch, an denen als Preisausteilerinnen auch die Damen teilnahmen.
Ohne Zweifel war die Nachbarschaft dieses gebildeten Volks mit andern eine
Ursache, dass unter dem gleich schönen Himmel von Valenzia, Katalonien, Aragonien
und den südlichen Provinzen Frankreichs sich die sogenannte Provenzal-oder
limosinische Sprache auch aus der Barbarei riss und eine frische Blüte, die
provenzalische Dichtkunst, hervorbrachte. Von Valenzia an über die Inseln
Majorka, Minorka, Yviza, über Aragonien und Katalonien, jenseit der Alpen über
die Provence, Languedoc, Guienne, das Delphinat bis nach Poitou hinein
erstreckte sich diese Sprache, die nach damaligen Zeitumständen allgemach die
gebildetste in Europa ward.114 Regierende Fürsten und Grafen, Ritter und Edle
von jedem Range sahen es als eine Ehre an, sie an ihren Höfen und in ihren
Schlössern, die kleine Höfe waren, zierlich zu sprechen. Die Damen nahmen daran
teil, nicht nur als Richterinnen und als der vielfältige Gegenstand der
Gedichte, sondern zuweilen auch als Dichterinnen selbst. Die Provenzalpoesie
ward das Organ des galanten Rittergeistes in allen Zweigen seiner Denkart. Man
besang die Liebe und warf Fragen der Liebe auf, die in sogenannten Corte d'amore
verhandelt wurden; man nannte ihre Versart Tenzonen. Kleine und grosse Abenteuer,
Begebenheiten des Lebens und der Geschichte, auch geistliche Dinge wurden in
Kanzonen, Villanescas und andern Gedichtarten besungen, unter welchen man die
Satiren Sirventes* nannte. Auch Lehre und Unterricht trug man in mancherlei
Einkleidungen vor, ja, es ereigneten sich keine Händel der damaligen Zeit, die
an grossen Ereignissen und Verwirrungen sehr reich war, an denen hie und dort
nicht irgendein Provenzal Anteil genommen hätte. Kreuzzüge und andre Kriege,
Vererbungen der Reiche und Schlösser, Sitten der Fürsten, der Damen, der
Geistlichkeit, der Päpste selbst: alles berührte diese Dichtkunst, oft mit einer
kühnen Freiheit. Finder, Trobadoren nannten sich die Dichter, die vorher in der
bäurischen Römersprache Fatisten (Macher, faiseurs) geheissen hatten. Ihre Kunst
hatte den Namen der fröhlichen Wissenschaft (gay sabèr, gaya ciencia), so wie
auch ihr entschiedner Zweck fröhliche angenehme Unterhaltung war.
    Der erste Garten, wo diese Blume aufsprosste, war vielleicht der Hof zu
Barcelona; sehr bald aber müssen andre gefolgt sein; denn der älteste
Provenzaldichter, den wir haben, Wilhelm der Neunte, Graf von Poitou, Herzog von
Aquitanien, am Ende des eilften und im Anfange des zwölften Jahrhunderts, sang
schon in einer zur Poesie völlig gebildeten Sprache. Auch in Galicien,
Kastilien, Portugal finden sich zu ebendieser Zeit ähnliche Übungen der
Verskunst ohngefähr in demselben Gedankenkreise. Die sogenannten Jeux floraux
aber, eine Blumengesellschaft, wo der Preis der Dichtkunst ein goldnes Veilchen
war, ist von weit späterem Datum (1324). Ihre Stifterin war Clemenzia Isaura,
Gräfin von Toulouse.
    Man hat über den Ursprung des Reims viel gestritten und ihn bei Nordländern
und Arabern, bei Mönchen, Griechen und Römern gesucht; mich dünkt, mit unnötiger
Mühe. Man könnte über ihn das bekannte Kinderspiel mit dem Motto: »Alles, was
reimen kann, reimt,« spielen. Mönche reimen, Otfried reimte, die Araber reimen,
Mahomed im Koran, der Engel Gabriel reimt, der alte Lamech vor der Sündflut
reimte. Aber Griechen und Römer in ihren schönsten Zeiten vermieden die Reime
und suchten einen fortgehenden, höheren Wohlklang. Die Trobadoren, die in jedem
Innern die Poesie der Araber nicht nachahmen konnten, sondern sich eine Poesie,
wie sie ihnen ihr Zeitgeist, ihre Sprache und das nähere Vorbild der
lateinischen Mönchspoesie gab, finden mussten, sie mussten reimen, ja sogar in die
Mannigfaltigkeit gereimter Versarten einen grossen Teil der Anmut ihrer Poesie
legen, weil sie ihrer Zeit und Sprache nach nichts anders tun konnten. Die
limosinische Mundart, wie jedes andre Kind der lingua rustica Romana, wusste vom
Rhytmus der alten Römerpoesie ganz und gar nicht; also konnten die Provenzalen
ihre Verse nicht nach der Grammatik der Alten skandieren; sie akzentuierten sie,
wie Spanier, Portugiesen, Italiener und Franzosen noch jetzt ihre Verse
akzentuierten, solche daher auch nicht nach einer eigentlichen Quantität der
Silben, sondern zur artigen, verständigen Deklamation einrichten.115 Diese
akzentuierte Deklamation ward eine eigne Kunst, auf welche sich die Rhapsoden
der damaligen Zeit, die auch Erzähler hiessen (Conteours), legten. Mit den
Gedichten der Trobadoren reiseten sie an den Höfen umher und begleiteten sie
teils mit einem Instrument, teils mit Gebärden; daher man sie auch Jongleours
(Joculatores), Musars, Comirs Plaisantins nannte. Sie unterhielten die
Gesellschaft mit Liedern und Erzählungen, den bekannten fabliaux vergangner und
damaliger Zeiten, bis sie es zuletzt so arg machten, dass sie von mehreren Höfen
verbannt wurden.
    Die ursprüngliche fröhliche Wissenschaft (gaya ciencia) ging also von
Artigkeiten des Gesprächs, von Fragen und Unterredungen, von einer angenehmen
Unterhaltung aus; auch in Sonetten der Liebe, im Lobe und im Tadel, ja bei jedem
Inhalt blieb dieser Charakter den Provenzalen; ein höherer poetischer Ton war
ihnen ganz fremde. Also musste das angenehme und mannigfaltige Spiel der Reime,
an welche damals in geistlichen und Volksliedern das Ohr gewöhnt war, den Mangel
des hohen lyrischen Wohlklanges und Rhytmus der Alten, von dem ihre Sprache und
ihr Organ nicht wusste, ersetzen. Jede Versart bekam ihre Strophe, d.i. ihren
abgemessenen Perioden der Deklamation in einer angewiesenen Ordnung und Art der
Reime, in welcher Wissenschaft eben die Kunst der Trobadoren bestand. Und so
haben wir die Gestalt der neuern europäischen Dichtkunst, sofern sie sich von
der Poesie der Alten unterscheidet, auf einmal vor uns. Sie war Spiel, eine
amüsierende Hofverskunst in gereimten Formen, weil der damaligen Sprache der
Rhytmus und der damaligen Denkart der Zweck der Poesie der Alten fehlte. Sie
war ein Hofgarten, in dem hier ein Baum zum Sonett, dort zur Tenzone, zum
Madrigal u.f. künstlich ausgeschnitten ward; eine höhere Gartenkunst war dem
Geschmack der damaligen Zeit fremde. -
                                      85.
    Glück also zum ersten Strahl der neueren poetischen Morgenröte in Europa!
Sie hat einen schönen Namen: die fröhliche Wissenschaft (gaya ciencia, gay
sabèr); möchte sie dessen immer wert sein! Wir wollen uns nicht in den Streit
einlassen, ob die spanische oder limosinische Sprache die ersten Dichter gehabt,
ob in dieser dies- oder jenseit der Pyrenäen früher und glücklicher gedichtet
worden.116 Die Erscheinung selbst, dass an den Grenzen des arabischen Gebiets
sowohl in Spanien als in Sizilien für ganz Europa die erste Aufklärung begann,
ist merkwürdig und auch für einen grossen Teil ihrer Folgen entscheidend.
    Unleugbar ist's nämlich, dass die Araber in ihrem weiten Reiche, das sich von
China bis Fez, von Mozambique bis fast an die Pyrenäen erstreckte, Sprache und
Wissenschaften, Handel und Künste sehr kultiviert hatten. Wie anders nun, als
dass in Spanien, wo ein Hauptsitz dieser Kultur war, wo jahrhundertelang die
Christen mit ihnen in Streit oder ihnen unterwürfig gelebt hatten, neben diesem
hellen Licht nicht ewig und immer die Dunkelheit verharren konnte? Es mussten
sich mit der Zeit die Schatten brechen; man musste sich seiner schlechten Sprache
und Sitten, der ungebildeten Rustica schämen lernen, und da die meisten Spanier
Arabisch konnten, auch eine unsägliche Menge arabischer Bücher und Anstalten in
Spanien jedermann vor Augen war, so konnte es ja nicht fehlen, dass jeder kleine
Schritt zur Vervollkommung auch unvermerkt nach diesem Vorbilde geschah. Was sie
nicht hatte, konnte die Mönchspoesie nicht geben; gegenteils konnte und wollte
auch die Provenzalpoesie nicht nachahmen, was bei den Arabern für sie nicht
gehörte, Mahomeds Lehre, so wenig einst die Araber den Homer und die griechische
Mytologie hatten aufnehmen mögen. Aber was sich aufnehmen liess, der Genius des
Werks, die arabische Denk- und Lebensweise, sie sind in den Versuchen der
Provenzalen (diese mögen schlecht oder gut sein), wie mir dünkt, unverkennbar.
    Bei welch anderm Volk in Europa waren poetische Fragen und Antworten in
Gebrauch als bei den Arabern? Es wurde Kunst und Lebensart darin gesetzt, auch
unvorbereitet witzig in gereimten Versen zu antworten.117 Daher also die Fragen
und Antworten der Liebe bei den Provenzalen. Welch andres Volk in Europa hielt
die Sprache für eins seiner edelsten Heiligtümer und feierte Wettkämpfe des
schönsten poetischen Ausdrucks in ihr? Kein andres als die Araber; die
angrenzende Christen, beschämt über ihre Roheit, zuerst vielleicht auch nur aus
Nachahmungssucht, folgten ihnen nach. Ihre Grossen und Edlen taten aus Mode, was
die Araber seit Jahrhunderten aus Trieb und aus Nationalstolz getan hatten, sich
der Wissenschaften anzunehmen und in der Sprache der Dichter selbst zu glänzen.
Welch andres Volk in Europa verband in seinen Vorstellungen Tapferkeit, Liebe
und Andacht wie die Araber? Von den ältesten Zeiten an war es bei ihnen die
gewöhnliche Regel eines Gedichts, von Gott und vom Propheten anzufangen, sodann
der Liebe ihren Zoll zu entrichten und darauf gegen Freund oder Feind seine
Tapferkeit zu bezeugen. Wie übel auch oft diese Stücke zusammenhingen, es war
das angenommene poetische Gesetz, dem sich, wiefern es Religion und Sitte
erlaubte, nun auch die Christen bequemten. Die festgesetzten Gattungen der
Poesie der Araber, Preis und Tadel, Frohlocken und Klage, Liebe und Hass, Lehre
und Beschreibung, wurden auch hier der Inhalt verschiedener Gesangesarten;
selbst die Prosodie der Provenzalen ward nach der bloss akzentuierten und
deklamierten arabischen Verskunst, in welcher der Reim unentbehrlich war,
eingerichtet. Hören Sie darüber das Zeugnis des vielleicht gelehrtesten Arabers,
den unsre Nation gehabt hat, Reiske:118
    »Die allerältesten Schriften der Araber, sowohl in gebundner als freier
Rede, sind in Reimen abgefasst. Die Art, ohne Reime zu reden und zu schreiben,
ist neuer als jene. Noch heutiges Tages pflegen sie auch in ihren ungebundenen
Schriften, wenn sie recht schön schreiben wollen, den Reim beizubehalten, so dass
sie, wenn sie einen Reim drei-, vier- oder mehrmal wiederholt haben, alsdann
einen andern vor die Hand nehmen und es mit diesem ebenso machen und dann
wiederum einen andern. Auf diese Weise ist der ganze, Hariri' geschrieben, der
für den Cicero der Araber gehalten wird; imgleichen des Tamerlans arabische
Lebensbeschreibung.
    In der Poesie sind ihre ältesten Stücke gereimt. Die alten Araber übten sich
auch sogar, ihre häuslichen und vertraulichen Gespräche in Reimen vorzutragen.
So hat man ein noch vor dem Muhamed verfertigtes, etliche achtzig bis neunzig
Verse langes Gedicht, das ein gewisser Haretsch Ben Helza ohn einiges
vorhergegangnes Bedenken, sich auf seinen Bogen lehnend, hergesagt hat. Die
Übung hierin muss bei ihnen sehr gross gewesen sein.
    Wie die erste Hälfte des Verses sich schliesst, schliesst sich auch die andre
Hälfte eben desselbigen Verses; und wie sich der erste Vers in der Mitte und am
Ende endigt, so endigen sich auch alle andre folgende, wenn ihrer auch noch
soviel wären, bis zwei-, dreihundert und noch mehr. Doch pflegen sie ihre
Gedichte so lang nicht zu machen. Schon zu Christi Zeiten und kurz hernach
müssen sich die Araber der Reime bedient haben, weil ihre Dichtkunst schon
einige Jahrhunderte vor Muhamed vollkommen gewesen und nicht die geringste Spur
von einem reimlosen Gedicht bei ihnen gefunden wird, es sei lang oder kurz,
heroisch oder jambisch. Doch sind ihre jambisschen Gedichte so beschaffen, dass
sie den einmal gefassten Reim nicht beständig beibehalten, welches sonst ein
wesentliches Erfordernis der heroischen Gattung ist, sondern sie wechseln mit
dem Rhytmus ab, beinahe wie wir. Haben sie einen Rhytmum drei-, viermal
wiederholt, so fallen sie auf einen andern.« U.f. - Ich glaube nicht, dass die
Erbauung der Sonette, Madrigale und andrer Versarten der Provenzalen ihrem
Ursprunge nach einer hellern Erklärung fähig sei oder bedürfe als dieser.
Ursprünglich waren sie eine Art gereimter, oft aus dem Stegreif gereimter Prose;
die meisten Poesien der Provenzalen sind offenbar nichts anders.
    Dass viele unsrer Poesien diesen arabischen Schmuck noch an sich tragen,
wissen wir alle; wenige aber wissen den Ursprung dieser Fesseln, dass ein Volk
nämlich sich dieselbe aus Übermut der Begeisterung sogar im gemeinen Leben
angelegt und damit so leicht umzugehen gewusst habe, dass es lange Reden durch
sogar einen und denselben Reim beibehalten konnte. Auch bei den Provenzalen war
es in mehreren Silbenmassen offenbar aufs öftere Wiederkommen desselben Reims
angesehen, womit denn weder unser Ohr noch unsre Sprache sonderlich zufrieden
sein dörfte. Wenige wissen es, dass die Poesie der Araber zwar leidenschaftlich
und bildervoll, nicht aber im besten Geschmack abgefasst war;119 daher auch schon
die Provenzalen von diesem ganz und gar asiatischen Geschmack sehr abgehen
mussten. Da ihnen nun mit der Leidenschaft und dem Scharfsinn dieses fremden
Volks auch dessen ausgebildete Sprache fehlete, was Wunder, dass ihnen oft nur
die Form des Gedichts, angenehm wiederkommende Schälle übrigblieben, in die sie
das Wesen der Dichtkunst setzten? Diese sollte ja nur Unterhaltung in einer
angenehm gereimten Prose sein und bleiben.
    Ganz anders wird die Sache für uns, die wir einen artigen Umgang in
häuslichen und vertraulichen Gesprächen nicht eben in Reime setzen, uns auch von
Jugend auf nicht geübt haben, sinnreich ex tempore zu reimen. Einzig in der
Poesie haben wir diese alte arabische Höflichkeit beibehalten, das Ohr unsrer
Freunde mit Reimen zu vergnügen.120 Und dennoch würde auch das reimsüchtigste
Ohr es sich verbitten, wenn wir wie die Araber denselben Klang oder Endbuchstab
einige hundertmal wiederkommen liessen und in heroischen Gedichten unsern Helden
durch einen Reim zehntausendmal wiederkommend priesen.
    Füge ich nun zu dieser Reimgalanterie der Araber noch das andre Geschenk
hinzu, damit sie (andre Nationen nicht ausgeschlossen) die Poesie der Europäer
beschenkt haben, jene Phantome asiatischer Einbildungskraft nämlich, die vom
Berge Kaf über Afrika und Spanien, über Palästina und die Tatarei zu uns
gekommen sind, gewiss, so sind wir ihnen, wie in der Chemie und Arzneikunst, so
auch in der Dichtung viele gebrannte Wasser schuldig.
                                      86.
    Den Reim lasse ich unsrer Poesie nicht nehmen; vielmehr zeigt der bemerkte
Ursprung desselben zugleich auch seine glücklichste Anwendung. Er gehört:
    1. Für Kirchen- und andre Volkslieder. Umsonst führten ihn nicht die
heiligen Väter von Ambrosius an in ihre Chöre und Hymnen ein. Der gute
Prudentius ging ihm noch aus dem Wege; Sedulius, Fortunatus u.f. gebrauchen ihn
schon häufig, ohne ihn von den Arabern gelernt zu haben. Sie wussten, was fürs
Volk gehöre. Zuletzt ward er insonderheit in den lateinischen Liebesgesängen so
überfliessend gebraucht, als ihn wohl kein Araber gebraucht hat.
    2. Denksprüche fürs Volk klingen in Reimen prächtig! Daher die Macht unsrer
gereimten Sprüchwörter, unsrer alten Oden und Alexandriner. Ein berühmter
Dichter hat von einem ungezwungenen Reim gesagt:
       Er stützt und hebt die Harmonie und leimt die Rede ins Gedächtnis.
    Dies ist wahr. Wohlgereimte Sentenzen sind Machtsprüche; sie tragen im Reim
das Siegel der ewigen Wahrheit. Von Anfange der Welt an hat man Rätsel und
Denksprüche gereimet.
    3. Lebhafte Antworten sind für den Reim, nicht nur in Arabien, sondern bei
allen Völkern. Vom französischen Teater werden Sie sich solcher unerwarteten
Ausgänge gnug erinnern, aus Epigrammen, wohin sie eigentlicher gehören, noch
mehrere. Es ist ein Fehler des Versifikators, wenn er, um einen glücklichen Reim
zu erhaschen, fünf unglückliche vorhergehn oder folgen lässt;121 ein solcher ist
kein Haretsch Ben Helza, der auch im Staatsrat seines Königes sein Votum für den
Krieg in donnernden Reimen hinstellte.
    4. Es gibt mehrere Gattungen angenehmer Konversationspoesie, die ohne Reimen
nichts sind. Der gesuchte sowie der ungesuchte, der versteckte sowie der
klingende Reim sind in ihnen kunstmässig geordnet. Man sollte sie Arabesken
nennen; denn eben auch den Arabern galt der Reim für ein Siegel des
vollendetsten Ausdrucks.
    5. Endlich müssen Sie der Gewohnheit nachgeben und Sprachen sowohl als
Dichtern erlauben, sich auf ihre Art zu vergnügen Diesem Dichter ist der Reim
ein Steuer, jenem ein Ruder der Rede; ohne ihn litte jenes poetische Fahrzeug
Schiffbruch, dieses strandete auf dem niedrigsten Sande.122 Einem andern
Versifikator ist er noch etwas Werteres, ein Erwerbmittel der Gedanken; wollten
Sie ihm also mit dem Reim seine hyperusische Nahrung nehmen? Einem dritten ist
der Reim eine Werbtrommel, Bilder zu versammeln; zwar kommen die Geworbenen oft
etwas bunt zusammen, aber was schadet's? Desto stärker fallen sie ins Auge.
Nehmen Sie Pope, Cowlei und ihren fünf Brüdern den Reim, so haben Sie ihnen
Moses und die Propheten genommen; wen sollen sie fürder hören? Nehmen Sie der
französischen Sprache den Reim - hören Sie, was darüber ihre eigne Autoren
sagen:
    »Nos vers affranchis de la rime ne paroissent différer en rien de la prose.«
                                                                         Prévot.
    »Je n'ai garde de vouloir abolir les rimes; sans elles notre versification
tomberoit.«
                                                                        Fénelon.
    »Les Italiens et les Anglois peuvent se passer de rime, parce que leur
langue a des inversions et leur poesie mille libertés qui nous manquent. Chaque
langue a son génie; le génie de notre langue est la clarté et l'élégance: nous
ne permettons nulle licence à notre poesie, qui doit marcher comme notre prose
dans l'ordre précis de nos idées. Nous avons donc un besoin essentiel du retour
des mêmes sons pour que notre poesie ne soit pas confondue avec la prose.«
                                                                       Voltaire.
    »Nos syllabes ne peuvent produire une harmonie sensible par leurs mesures
longues ou brèves; la rime est donc nécessaire aux vers françois.«
                                                                       Voltaire.
    Hier sind klare Bekenntnisse; schonen Sie also in mehr als einer Sprache der
Reime, dieser unschuldigen Kinder. Auch bei uns gehören rime und raison zusammen
wie bei den Arabern. Ungereimt ist uns, was - sich nicht reimet.
                                  Nachschrift
    Ernstaft gesprochen, lässt sich an diesem Ursprunge der europäischen Kultur
in Vergleich mit der Poesie der Alten noch manches bemerken:
    1. Bei den Griechen war Poesie mit der Sprache entstanden; jene hatte diese
gleichsam von innen heraus gebildet; ehe schriftstellerische Prose entstand, war
Gesang und Poesie - gewesen In der limosinischen Sprache sowie in allen ihren
Schwestern hatte man nicht nur längst Prose gesprochen, ehe man durch Versarten
mit abgezählten Silben und Reimen diese gemeine Sprache (lingua volgare) zu
veredeln suchte, sondern die Vulgarpoesie selbst sollte eine gereimte,
kadenzierte, schönere Prose sein und bleiben. Die Silbenmasse der Alten fanden in
ihr nicht Platz, weil sie eigentlich bloss von der Konversation ausging und auf
diese hinführte.
    2. Die Poesie der Alten hatte in ihrem Ursprunge viel mehr Wichtigkeit,
Zweck und Anlage in sich, als diese neuere haben konnte. Vor Erfindung der
Schreibekunst vertrat jene die Stelle aller Wissenschaft; sie war die Sprache
der Götter, der Gesetzgeber und Weisen; was der Nachwelt würdig geachtet war,
ward in sie gelegt, daher auch von ihr fast jede Wissenschaft ausging. In Europa
war alles anders. Die Sprache des Heiligtums war und blieb die lateinische, in
welcher sich denn auch lange Zeit hin die Wissenschaften fortgebildet haben; die
Vulgarpoesie wollte weder gelehrt noch andächtig, sondern unterhaltend sein. In
allen Sprachen, denen die Provenzalpoesie den Ton gab, ist dies ihr
Hauptcharakter geblieben.
    3. Dagegen aber ward etwas, worauf die Poesie der Alten ihre Segel nicht
hatte richten dörfen, dieser Poesie Ziel und Zweck, nämlich Freiheit der
Gedanken. Durch die Provenzalpoesie und durch das, was sie hervorbrachte, so
viel oder wenig es war, ward zuerst das Joch zerbrochen, das alle Völker Europas
unter dem Despotismus der lateinischen Sprache festielt; und damit war viel
geschehen. Sollten Europas Völker denken lernen, so mussten ihre Landessprachen
gebildet werden; sie mussten in ihrer Volkssprache witzige, sinnreiche, anmutige
Dinge hören, an denen sich ihr Verstand schärfte. Wenn dieses zuerst auch nur in
den obern Ständen und auf eine sehr unvollkommene Weise geschah, so gelangte es
doch bald weiter. Mit Fragen der Liebe fing man an; zu weit wichtigern schritt
man fort; die mittleren Zeiten haben manche Dinge sehr scharf und rein erörtert.
Mit Erzählungen fing man an und wusste in sie einzukleiden, was man nackt nicht
sagen dorfte; ja, was die Erzählung nicht sagte, gestikulierte das rohe
Schauspiel. Den besten Erweis, dass durch die Ausbildung der Provenzalsprache für
ganz Europa Freiheit der Gedanken bewirkt worden, zeigt die in ihr entstandene
erste Reformation, die sich von den Pyrenäen und Alpen nachher in alle Länder
verbreitete. In dieser Sprache nämlich wurde die edle Unterweisung (la noble
leiçon), der erste Volks- und Sittenkatechismus geschrieben; in sie wurde zuerst
die Bibel übersetzt, in ihr das apostolische Christentum erneuert. Mit grossem
Mut ging sie den Ärgernissen der Klerisei entgegen und hat, wie den poetischen
Lorbeerkranz, so auch unsäglicher Verfolgungen wegen die Märtyrerkrone der
Wahrheit für ganz Europa verdienet. Sind wir den Provenzalen und ihren
Erweckern, den Arabern, nicht viel schuldig?123
                                      87.
                                Viertes Fragment
        Einfluss der Provenzalen in die europäische Kultur und Dichtkunst
    Die Verskunst der Provenzalen ging auf alle benachbarte Nationen über; ja,
sie ist das Vorbild der Poesie aller südlichen Völker Europas, in manchem sogar
der Engländer und Deutschen worden; denn mit den Kaisern aus dem schwäbischen
Hause kam die provenzalische Dichtkunst auch nach Deutschland. Die Minnesinger
sind unsre Provenzalen.
    Zu Dantes Zeiten waren schon sieben Gattungen dieser Verskunst in der
italienischen Sprache, Sonett, Ballade, Kanzone, Rodondilla, Madrigal, Servente,
Stanze; sie haben sich seitdem zahlreich vermehrt, vielfach verändert; immer
aber ist die italienische Sprache jenem Richtmass treu geblieben, das zu Dante,
Boccaz' und Petrarcas Zeiten die Provenzalpoesie ihr anwies. Die Silbenmasse der
Griechen und Römer, sooft sie versucht worden, haben in Italien, Spanien und
Frankreich ihr Glück nie machen mögen.
    Nun müsste es wohl ein sehr barbarisches Ohr sein, das nicht, zumal unter
jenem Himmel, die Musik dieser Versarten fühlte. Der weitverhallende Wohlklang
einer regelmässigen italienischen oder spanischen Stanze, die schön verschlungene
Harmonie eines vollkommenen Sonetts, Madrigals oder einer vortrefflichen
Kanzone, die abwechselnde leichte Melodie einer schönen Kanzonette, Rodondilla
oder Seguidilla tönt so anmutig; der Tanz ihrer Silben ist so äterisch, dass ihn
unsre deutsche Sprache, die ein ganz andrer Genius belebet, vielleicht auch
nicht nachahmen sollte. Die Poesien so vieler lyrischen und epischen Dichter in
Italien und Spanien sind gleichsam soviel hesperische Zaubergärten, wo die Bäume
singen und an jedem Zweige des singenden Baums ein Glöckchen tönet. Die Poesie
der Alten singt nicht also; aber das Rauschen des Baumes selbst, das Wehen
seiner Zweige im zartesten Sprössling ist begeisternd, ist heilig.
    So im Äussern; ist's aber auch anders, wenn man die Poesie der Italiener mit
den Alten im Innern vergleichet? Nehmet z.B. ein Sonett, ein Madrigal, eine
Kanzone, eine Stanze und führet sie auf Formen der Griechen und Römer zurück.
Hier, findet man oft, musste der Ausdruck des Gedankens gedehnt, dort die
Empfindung gelängt und geweitet werden. Einschiebsel und fremde Zusätze mussten
zu Hülfe kommen, um ein regelmässiges Sonett, ein klingendes Madrigal zu werden;
als ein Epigramm, als ein Bild (eidos) und Skolion der Alten würde alles in
natürlichem Mass einfacher und reiner dastehn. - Eine Kanzone oder Ode der
Italiener, mit Pindar oder Horaz verglichen, hat, wie es uns Deutschen scheint,
viel Deklamation, viel prosaische, rednerische Schönheit. Wie anders? Auf diese
schöne gereimte Deklamation war die Kanzone angeleget. Die Stanzen (ottave rime)
sind hallende Kammern124; jede Abteilung in ihnen, zuletzt der Schluss jeder
Stanze (il clave), hält uns melodisch an, damit er uns weiter fortführe.
Vortrefflich. Aber der Hexameter der Alten ist ein langer unermesslicher Gang, wo
nichts uns aufhält; wir wandern ungestört fort und haben den Blick immer am
Ziele. So könnte man mehr vergleichen; wozu aber die Vergleichung, wenn sie den
Genuss störet? Die Poesie der Italiener ist, was sie ihrem Ursprunge nach sein
wollte, Unterhaltung, akzentuierte Konversation; das ist ihr Standpunkt. Ein
Sonett, ein Madrigal wird adressiert; eine Kanzone wird abgesandt und bekommt am
Schluss eigne Verse als ein Kreditiv mit, ein Siegel der Sendung (il commiato
della Canzone). Ariost schrieb seinen unsterblichen »Orlando,« dass er in
Gesellschaften gelesen werden, dass er als ein Fabelbuch angenehm unterhalten
sollte. Dazu schrieben Bernardo Tasso, Fortinguerra, Tassoni, Marino und jene
unzählbare Schar italienischer lustiger Dichter. Wenn Torquato nebst wenigen
andern sich höher erhob, so erhebt ihn der Inhalt seines Gedichtes; im ganzen
aber verfolgt er den Zweck aller seiner Bruder.
    Ob diesen Zweck jede dieser Poesien erreicht habe? Darüber kann kein
Ausländer entscheiden; indessen scheinet's. In Italien sind die Sonette
eigentlich nichts als feinere Anreden in einem gegebnen Ton der Gesellschaft;
beinahe jeder gebildete Mensch macht ein Sonett, ohne dass er deshalb ein Dichter
zu sein sich einbildet. Die Werke ihrer grossen Dichter sind jedem Gebildeten
bekannt; ihre Sprache ist ins Ohr der Nation übergegangen, und man hört Stellen
aus Dichtern oft von Personen, von denen man sie am welligsten erwartet. Der
gemeine Mann, das Kind sogar gebraucht Ausdrücke, die man diesseit der Alpen in
viel andern Kreisen weder sucht noch höret.
    Die ganze Dichtkunst Italiens hat etwas sich Anneigendes, Freundliches* und
Holdes, dem die vielen weiblichen Reime angenehm zu Hülfe kommen und es der
Seele sanft ein schmeicheln. Dagegen freilich steht die Poesie der Alten für
sich selbst da, in schweigender Würde, in natürlicher Schönheit. Sie spricht und
lässt sich sprechen; die italienische Poesie buhlet zwar nicht, aber sie
deklamiert angenehm vor, sie konversieret.
    Ungerecht wäre es also, wenn man selbst bei der eigentlichen
Empfindungspoesie dieser Sprache, z.B. den Schäfergedichten, einen Massstab
gebrauchen wollte, der ihr nicht geziemet. Wieviel Unzeitiges z.B. ist über den
»Aminta« des Tasso, über den »Pastor fido« des Guarini und über ähnliche
Gedichte gesagt worden! - Unsre Schäfer freilich, unsre Liebhaber räsonieren so
nicht von Liebe oder mit der Liebe; nimmt man indessen das Lokal der Italiener,
die Zeit, in welcher diese Dichter lebten, die einmal getroffene
arabisch-provenzalische Konvention, über die Liebe in Reimen zu konversieren,
auch viele kleine Umstände der damaligen Lebensweise zusammen, so werden uns
diese musikalische Liebeskonversationen nicht nur erklärlich, sondern beinahe
natürlich erscheinen. Das ganze lyrische Drama der Italiener beruhet auf dieser
Konversation; Nationen, denen sie fremde ist, wird die ernstafte sowohl als die
komische Oper der Italiener, dem eigentlichen Motiv nach, immer fremde bleiben.
    So kommen wir dann auf das poetische Meisterwerk dieser Nation, die Oper,
das lyrische Drama. Wohl nirgend anders als in Italien konnte es entspriessen und
zugleich zu der Blüte gelangen, zu welcher es zuletzt in Metastasio gelangt ist.
Er, ein Schüler des philosophischen Kenners der Alten, des Gravina, er, dem das
Glück ward, hinter den Verdiensten des Apostolo Zeno und soviel andrer grosser
Männer in Italien und Frankreich dies Drama in einer Sprache zu bearbeiten, die
zum Gesange geschaffen ist, brauchte seines Glücks und erhob aus ihr alles
Singbare (cantabile) in jeder Art des Affekts, in jedem Perioden des Rezitativs,
der Arien und Chöre, zur Blume des Gesanges und Vortrags. Zeige man ein
singbares Wort, das er nicht, und zwar auf der besten Stelle, gebraucht, eine
unsingbare Wendung, die er nicht gemildert oder vermieden hätte! Auch aus der
menschlichen Seele, aus Fabel und Geschichte zog er jeden singbaren Gegenstand,
jede melodische Gesinnung und Empfindung auf die zierlichste Weise hervor und
wusste sie zu einem musikalischen Sentiment im zartesten und vollesten Ausdruck
zu bilden. Jede Arie des Metastasio ist gleichsam ein poetisch-musikalischer
Kanon worden.
    Um hieher zu gelangen, welchen langen Weg hatte das Melodrama zurückgelegt,
seit es in rauhen provenzalischen Kanzonen nach Italien gekommen und von
umherziehenden Minstrels, mit einer Art teatralischen Vorstellung verbunden,
hie und da gespielt war! Durch Maitänze (Maggiolate), Karnevalesken, Chöre mit
Zwischenspielen u.f. hatte es einen beschwerlichen Weg nehmen müssen, bis es
unter der Beihülfe vieler fremden Künstler, Franzosen, Spanier, Niederländer,
Deutscher, nur zu einiger Regelmässigkeit gelangte. Italienische Fürsten, die
Pracht und Vergnügen liebten, hatten ihm dazu Raum und Kosten verschafft; der
Geschmack der Nation in beiden Geschlechtern hatte es mit Freude empfangen;
Florenz insonderheit hatte ihm zuerst seine glänzende Gestalt gegeben. Unwissend
hatten, von Dante und Petrarca an, alle Dichter dazu gearbeitet; Tasso und
Guarini mit ihren Schäferpoesien hatten dazu näher den Ton gegeben; hundert
Komponisten geistlicher und weltlicher Melodien die Pforten geöffnet: Metastasio
kam und setzte der ganzen Gattung den Kranz auf.
    Indessen auch bei Metastasio denke man nicht an die Griechen; vielmehr hat
vielleicht er aufs weiteste von ihnen verführet und steht wie auf einem andern
Hemisphär da. Bei jenen sprach die Poesie; die Musik begleitete ihre Worte in
jeder Wendung des Ganges der Rede, zwanglos. Hier malet die Musik, und die Worte
dienen. Gesetzt, dass es ihr auch gefiele, sie zehnmal dienen zu lassen, sie
umherzukreisen und wie im Spott zu wiederholen: sie tanzt ihren Tanz, und unter
ihrer Herrschaft dorfte der Dichter nichts als das ihr Wohlgefällige wählen.
Keiner Leidenschaft dorfte er tiefer nachgehn, als es die Musik ertrug, und
musste sich daher überall an das Weichste, das Zarteste, die Liebe, halten. Mit
Verletzung jedes Costume der Zeiten und Orte sind Metastasios Helden Schäfer,
seine Prinzessinnen Schäferinnen; erhabne Freskogestalten der Geschichte werden
durch ihn Miniaturgemälde des lyrischen Teaters; denn auf diese und auf keine
andre Darstellung hat er gerechnet. Wenn also Metastasio in jedem seiner Stücke
einen zierlichen Porzellanturm mit klingenden Silberglöckchen erbauen wollte, so
sollte und konnte dieser kein griechisches Odeum werden.
    Indessen hat auch diese Poesie ihre Zwecke erreicht. Sie ward, was sie sein
wollte, ein Vergnügen feinerer Seelen, die auf die angenehmste Weise in süssen
Tönen sich schöne Gesinnungen einflössen lassen und sich singend belehren. Wer
sich durch eine übermässige Liebe dieses Dichters und dieser Kunst den Geschmack
verwöhnt und ihn zum Unmännlichen erweichet, der hat daran selbst die Schuld;
gewiss aber wird durch Metastasios Gesänge niemandes Herz verderbt, vielmehr kann
seine moralische Empfindung, wenn er sie aufwecken lassen will, erweckt und zart
geläutert werden. Kurz, in allen italienischen Dichtern ist Konversation und
Gesang herrschend; sie konversieren singend, sie singen dichtend.
    
    Der Zweig der provenzalischen Dichtkunst, der sich in Frankreich
verbreitete, trug andere Früchte. Die französische Sprache, die lange nicht so
sangbar war als die italienische, hatte desto mehrere Lust zu erzählen und zu
repräsentieren. Sie nahm also von ihren Provenzalen einerseits vorzüglich die
Contes und Fabliaux auf, die bald zu grossen Romanen ausgebildet wurden.
Andererseits gefielen der Nation die Gebärdenspiele der Musars, Comirs,
Plaisantins so sehr, dass sie mit der Zeit auch Spiele der Nation wurden, aus
welchen zuletzt das französische Teater hervorging. Wir wollen von beiden
Charakterzügen dieser Nation, vom Erzählen und Repräsentieren, den grossen Erweis
der Zeiten bemerken.
    Muntre Erzähler sind die Franzosen von jeher gewesen; das ganze Gebilde
ihrer Sprache trägt davon den Charakter. Schon unter Philipp August reimte man
Märchen; unter Philipp dem Kühnen fanden die Fabelerzähler allentalben Zutritt;
zahlreiche Romane von Artus und seinen Rittern, von Karl dem Grossen und seinen
Pairs, vom Amadis und so vielen andern Helden der Tapferkeit und Liebe wurden in
Frankreich zwar nicht erfunden, aber ausgebildet, als die Normänner diesen Zweig
der Dichtkunst blühend machten. Sie verbreiteten sich nach England, Spanien,
Italien, zuletzt nach Deutschland.
    In der Periode des neueren französischen Geschmacks, wer waren ihre ersten
Meister? Villon und Rabelais, Marot und seinesgleichen, die durch muntre
Einfälle und Erzählungen bleibenden Eindruck machten; die ernstaften
Dichtergingen in die Vergessenheit über. Frankreichs Philosoph war Montaigne,
der so vieles von sich selbst und von andern zu erzählen wusste.
    Im goldnen Zeitalter Ludwigs endlich war ein Erzähler, La Fontaine, wohl das
eigentümlichste Genie, dessen Grazie nicht veralten wird, solange die
französische Sprache dauret. Eine zahlreiche Menge von Erzählern in jeder
Gattung des Stils, prosaisch, poetisch, burlesk, komisch, war vorhergegangen und
folgte. Bei Voltaire ist lustige Erzählung vielleicht sein glücklichstes Talent;
die Prophetin von Orleans und »Guillaume Vadé« gelangen ihm besser als die
»Henriade«. Dies Talent, das in Marmontel, Diderot, Cazotte und so vielen andern
immer neue Früchte gebracht hat, solche wahrscheinlich auch bringen wird,
solange ein Franzose oder eine Französin die Lippen beweget, hat ihrer Sprache
in allem, selbst in den ernstaftesten Wissenschaften, jene Klarheit und
Nettigkeit, jene muntre Präzision gegeben, die beinah ganz Europa zur Nachahmung
erweckt hat. Discours heisst der Genius ihrer Schreibart. Alles ist ihnen klar;
was sie wissen und nicht wissen, können und dörfen sie erzählen.
     Repräsentation ist der zweite Zug ihres entschiedenen Charakters. Das Volk
repräsentiert gern und liebte von jeher Repräsentationen. Schon unter den ersten
barbarischen Königen spielten die Histrionen an allen Staatsfesten ihre Rollen,
denen die Jongleurs und Jongleuresses, die Joueurs de Farces, Bateleurs u.f.
folgten. In mehreren und wiederholten Reglements musste diesen bei Gefängnis- und
Leibesstrafe verboten werden, nur nicht an Sonn- und Festtagen während des
Gottesdienstes, in geistlichen Kleidern an öffentlichen Orten ärgerliche Farcen
zu spielen. Zur Zeit der Kreuzzüge und der Wallfahrten nach dem Heiligen Lande,
kamen die Pilgrime wieder, um in ihrem Vaterlande zu repräsentieren. In
abenteuerlicher Kleidung erzählten und agierten sie ihre Geschichten von
weiter, Wunderdinge, Abenteuer, Visionen; man repräsentierte die Geschichte des
Alten und Neuen Testaments, unter andern la Passion de N. S. Jesus Christ en
Vers burlesques. Brüder der Passion (les Confrères de la Passion) entstanden;
sie zogen die Privilegien des Narrenprinzen (prince des sots) und des
Narrenfestes* (de la fête des foux) an sich; man räumte ihnen Hotels ein; so
ward das erste französische Teater, das bald darauf devant leurs Majestés dans
la salle du Château Moralitäten spielte. Der Geschmack dieser Moralitäten, in
denen sich das Heilige und Profane sonderbar mischte, ist bekannt; sie hiessen
Jeux des pois pilés, Spiele zerstossener Erbsen, und blieben es so lange, bis aus
ihnen die französische Komödie hervorging, in welcher denn, so wie auf dem
französischen Teater überhaupt, Repräsentation von jeher der Hauptgesichtspunkt
gewesen und geblieben ist, nach welchem sich alles ordnet. Es ist zu erweisen,
dass alles Gute und Mangelhafte des französischen Teaters offenbar aus
Repräsentation, aus französischer Repräsentation erwachsen sei, als einem der
Nation unableglichen Charakter. Jene Lebhaftigkeit und Natur des Spiels, mit
Anstand und Gefälligkeit begleitet, jene Klarheit nicht nur in der Exposition,
sondern auch in der ganzen Ökonomie des Stücks, insonderheit in der Folge und
Bindung seiner Szenen, in der Oper das Feierliche der Chöre, die Pracht der
Dekoration u.f., kurz was Repräsentation fodert und geben kann, ward dort
gegeben und ausgebildet. Dagegen, was Repräsentation nicht leistet, was manchmal
z.B. im Trauerspiele sie sogar nicht wünschet und gern verbirgt, die tiefere
Wahrheit und Natur der Leidenschaften, dem französischen Teater, verglichen mit
dem griechischen und englischen, oft fremd blieb. Sowohl der Heroismus als die
Liebe erscheinen in der französischen Teaterkunst (von vortrefflichen Ausnahmen
ist hier nicht die Rede) nach dem Gesetz einer Nationalkonvention
repräsentieret; diese Konvention herrscht in allem, im Ton der Stimme, in der
Kleidung und Gebärde, in jeden Schritt und Tritt des Akteurs und der Aktrice.
Wenn der oder jene aus diesem Gleise des Anstandes glücklich herauszutreten
wussten, so ward ihre Ausnahme bald selbst zur konventionellen Regel. Fast auf
alle Werke des Geistes, selbst der Wissenschaft, erstreckt sich diese
französische Repräsentationsgabe: auf ihre gerichtlichen und Kanzelreden, auf
ihre Akademien und Elogien, selbst auf ihre Staatsverhandlungen und
Staatsgrundsätze; in ihnen erscheint die Gerechtigkeit, die Andacht, die
Gelehrsamkeit, das Lob, die Politik, die Wissenschaft repräsentierend. Es wird
der Nation schwer, für sich allein zu sein; sie ist gern im Auge andrer, am
liebsten im Auge des Universum, sprechend, schreibend, agierend.
    Die grösseste Repräsentantin ist die französische Sprache. Mit dem Schein,
alles aufs genaueste, aufs feinste zu sagen, umschreibt sie in geltenden
Ausdrücken, die jeder zu verstehen glaubt, und gibt, was sie in so grosser Menge
hat, ins Ohr fallende Worte, gemein gewordne Abstraktionen. Unendlich reich an
Ausdrücken der Höflichkeit, der guten Lebensart, der Kunstphilosophie u.f. hütet
sie sich wohl, mit diesen Ausdrücken etwas mehr zu meinen, als zum
konventionellen Alltagsverständnis derselben gehöret. Wehe dem, der sich auf ein
französisches Modewort, auf eine Formel und Wendung des französischen Stils
verliess; die Mode ändert sich, und das Wort bedeutet ganz etwas andres. -*
    Sollen den Franzosen jetzt die Spanier nachtreten, wie auch sie etwa von den
Provenzalen gelernt haben? Nein. Die Kultur der Spanier ist von den Provenzalen
nicht erborgt, sondern an ihrer Seite stolz und eigentümlich erwachsen.
Jahrhundertelang hatten die Araber ihr schönes Land besessen und in alle
Provinzen desselben ihre Sprache und Sitten verbreitet. Jahrhunderte gingen hin,
ehe es ihnen entrissen ward, und in diesem langen Kampf zwischen Rittern und
Rittern hatten sie wohl Zeit, den Charakter zu erproben, der sich auch in Werken
des Geschmacks als ihr Genius zeigt; es ist die Idee eines christlichen
Rittertums, den Heiden und Ungläubigen entgegen. Als alte, vom h. Jakobus
bekehrte Christen waren sie in die Gebürge geflohen; als solche hielten sie sich
in ihnen fest und eroberten ihr Land wieder. Als solche waren sie zu stolz, sich
mit maurischem Blute zu vermischen und entvölkerten dadurch ihr Land; als solche
waren sie in fremden Weltteilen stolz und grausam. Ihr Vortreffliches und ihre
Fehler kommen aus einer Quelle, aus welcher mit beiden, mit Fehlern und
Tugenden, auch ihre Poesie und Sprache floss. Diese stehet zwischen der
italienischen und altrömischen in der Mitte, an Majestät und Würde der Mutter
ähnlicher als eine ihrer Schwestern, voll Wohlklanges für die Musik und in
dieser fast eine heilige Kirchensprache. Nicht lief sie, wie die Provenzalin,
auswärts umher; sie war stolz und blieb zu Hause, brachte aber in ihrer schönen
Wüste unter manchem Sonderbaren und Abenteuerlichen edle Früchte. Vielleicht
gibt es keine scharfsinnigern Sprüche und Sprüchwörter als in der spanischen
Sprache; von Alfons dem Weisen an hat sie in allen Produktionen diesen Charakter
behauptet. Ihre Erzählungen, Teaterstücke und Romane sind voll Verwickelungen,
voll Tiefsinnes und bei vielem Befremdenden voll feiner und grosser Gedanken.
Ihre Silbenmasse sind sehr wohlklingend, und die Leidenschaft der Liebe steigt in
ihnen oft bis zum schönen Wahnsinn. Sie sind veredelte Araber; auch ihre Torheit
hat etwas Andächtiges und Erhabnes.
                                      88.
    Wie mir immer eine Furcht ankommt, wenn ich eine ganze Nation oder Zeitfolge
durch einige Worte charakterisieren höre: denn welch eine ungeheure Menge von
Verschiedenheiten fasset das Wort Nation, oder die mittleren Jahrhunderte, oder
die alte und neue Zeit in sich! Ebenso verlegen werde ich, wenn ich von der
Poesie einer Nation oder eines Zeitalters in allgemeinen Ausdrücken reden höre.
Die Poesie der Italiener, der Spanier, der Franzosen, wie viel, wie mancherlei
begreift sie in sich! und wie wenig denket, ja wie wenig kennet der sie oft, der
sie am wortreichsten charakterisieret!
    Wenn ich meinen Dante und Petrarca, Ariosto und Cervantes las und jeden
dieser Dichter wie meinen Freund und Lehrer von innen aus kennenlernen wollte,
so war es mir angenehm, ihn als einen einzigen zu betrachten. Zu diesem Zweck
suchte ich alles auf, was in ihm liegt, was rings um ihn zu seiner Bildung oder
Missbildung beigetragen. Die ganze Dichterwelt vor und nach ihm verschwand vor
meinen Augen; ich sah nur ihn. Und doch wurde ich bald an die ganze Reihe der
Zeiten erinnert, die vor ihm war, die nach ihm folgte. Er hatte gelernt und
lehrte; er folgte andern, andre ihm nach. Das Band der Sprache, der Denkart, der
Leidenschaften, des Inhalts knüpfte ihn mit mehreren, ja zuletzt mit allen
Dichtern; denn - er war ein Mensch, er dichtete für Menschen. Unvermerkt werden
wir also darauf geleitet, zu untersuchen, was jeder gegen jeden ähnlichen in und
ausser seiner Nation, was seine Nation gegen andre vor- und rückwärts sei; und so
ziehet uns eine unsichtbare Kette ins Pandämonium, ins Reich der Geister.
    Wenn Poesie die Blüte des menschlichen Geistes, der menschlichen Sitten, ja,
ich möchte sagen, das Ideal unsrer Vorstellungsart, die Sprache des
Gesamtwunsches und Sehnens der Menschheit ist, so, dünkt mich, ist der
glücklich, dem diese Blüte vom Gipfel des Stammes der aufgeklärtesten Nation zu
brechen vergönnt ist. Es ist wohl kein geringer Vorzug unseres inneren Lebens,
ausser den Morgenländern und Alten mit den edelsten Geistern Italiens, Spaniens,
Frankreichs sprechen und bei jedem bemerken zu können, wie er die Begriffe und
Wünsche seines Herzens, die ihn am meisten entflammten, auf die würdigste Art
einzukleiden und für Welt und Nachwelt angenehm, ja hinreissend vorzutragen
suchte. Hingerissen in eure süsse und bittre Träumereien, ihr Dichter, wandeln
wir mit euch in einer Zauberwelt und hören eure Stimme, als ob ihr lebtet. Andre
erzählen von sich und andern; ihr versetzet uns in euch selbst, in eure Welt von
Gedanken und Empfindungen des Leides und der Freuden.
    Und ach, wie klein ist unsre Welt! wie oft wiederholen sich Empfindungen und
Gedanken! Enge ist der Kreis des menschlichen Dichtens und Trachtens; in wenige,
wenige Knoten ist alle unser Interesse geknüpfet.
    In dieser Rücksicht nun kann man freilich die Geschichte der Dichtkunst,
d.i. die Geschichte menschlicher Einbildungen und Wünsche und, wenn ich so sagen
darf, des sassen Wahns der Menschheit, der aufs feurigste ausgedruckten
Leidenschaften und Empfindungen unsres Geschlechts, nicht allgemein und im
grossen gnug nehmen Wie ganzen Nationen eine Sprache eigen ist, so sind ihnen
auch gewisse Lieblingsgänge der Phantasie, Wendungen und Objekte der Gedanken,
kurz, ein Genius eigen, der sich, unbeschadet jeder einzelnen Verschiedenheit,
in den beliebtesten Werken ihres Geistes und Herzens ausdruckt. Sie in diesem
angenehmen Irrgarten zu belauschen, den Proteus zu fesseln und redend zu machen,
den man gewöhnlich Nationalcharakter nennt und der sich gewiss nicht weniger in
Schriften als in Gebräuchen und Handlungen der Nation äussert: dies ist eine hohe
und feine Philosophie. In den Werken der Dichtkunst, d.i. der Einbildungskraft
und der Empfindungen, wird sie am sichersten geübet, weil in diesen die ganze
Seele der Nation sich am freiesten zeigt.
    So ist es auch mit dem Geist eines oder mehrerer Zeitalter, soviel dieser
Name unter sich begreifet; denn jedes Zeiltalter hat seinen Ton, seine Farbe,
und es gibt ein eignes Vergnügen, diese im Gegensatz mit andern Zeiten treffend
zu charakterisieren. Mir sind z.B. die sogenannten mittleren Zeiten auch in
ihren Märchen, in dem guten Glauben und Aberglauben, der sie beherrschte, in der
ganzen Richtung, den die europäische Denkart damals nahm, sehr merkwürdig.
Dieser Wahn liegt uns näher als die Mytologie der Griechen und Römer; manche
Züge davon haben wir vielleicht in angebornen Neigungen und Vorstellungsarten,
gewiss aber in Resten der Gewohnheit von unsern Vätern geerbet.
                                      89.
                                Fünftes Fragment
              Vom Wert der europäischen Dichtung mittlerer Zeiten
    Wir haben jetzt Umfang gnug gewonnen, die europäische Kultur durch die
Poesie der mittleren Zeiten in dem weiten Raum, den sie durchging, unparteiisch
zu schätzen und ihren Wert oder Unwert zu zeigen.
    Ein grosser Nachteil war für sie die allentalben mit fremden Sprachen
vermischte, in ihr selbst verfallene Römersprache. Mit Recht hiess diese rustica,
eine Bauernsprache die Dichtkunst, die in ihr aufkam, konnte mit Not und Mühe
auch nur eine vulgare Dichtkunst werden. Alles war hier durcheinandergemischt
und verdorben. Nordische Völker kamen mit einer harten, sklavische, in Feigheit
versunkene Völker sprachen eine vernachlässigte Sprache. Unruhe und
wiederkommende Verwüstung, Nacht und Aberglaube verheerten die Welt; was aus
diesem Chaos übereinanderstürzender Völker und Sprachen hervortönte, konnte
nicht oder sehr spät der Gesang jener Muse sein, die einst in Ionien, Aten und
Tibur reingestimmte, harmonische Saiten beseelt hatte. Hier schrieb man Reime
(coplas, rime).
    Einen noch herbern Feind hatte die Bildnerin der Sitten, die Poesie, an den
Sitten dieser Nationen selbst im mittleren Zeitalter. Kriegerischen Völkern
ertönt nur die Tuba; unterjochte, bäurische Völker sangen rohe Volksgesänge,
Kirchen und Klöster Hymnen. Wenn aus dieser Mischung ungleichartiger Dinge nach
Jahrhunderten ein Klang hervorging, so war's ein dumpfer Klang, ein vielartiges
Sausen. Schon der Charaktername des Inhalts der Zeiten sagt dies. Er heisst
Abenteuer, Roman: ein Inbegriff des wunderbarsten, vermischtesten Stoffs, der
ursprünglich nur ununterrichteten Ohren gefallen sollte und sich fast ohne
Kenntnis der Natur, Kunst und Geschichte von der Vorwelt her über Meer und
Länder in wilder Riesengestalt erstreckte. Von den Arabern her bestimmten drei
Ingredienzien den Inhalt dieser Sagen: Liebe, Tapferkeit und Andacht; schöne
Namen, wäre ihre Bedeutung nur immer auch in der Anwendung der Namen wert
gewesen.
    Liebe. Gewiss aber war's nicht immer jene zärtlich-bewundernde Liebe, die man
aus einem guten Vorurteil den Erzählungen und Liedern des Mittelalters
gemeiniglich als Charakter zuschreibt. Viele Gesänge und Geschichten zeigen ein
andres, das sich auch zu jenen gedankenlosen und dabei unternehmenden Zeiten
besser schickt und füget. In müssigen, reichen und üppigen Ständen, in
Schlössern, an Höfen, deren es damals so viel gab, hatte man Zeit und Mittel,
jene Galanterie, die gepriesene Blüte der Ritter-Jahrhunderte, oft in einem
Geschmack zu treiben, wie sie des Boccaz' »Decamerone« oder Brantôme und so
manches üppige Capitolo schildert. Man rühmte sich dessen, was man erfahren
haben wollte, nicht immer auf die feinste und sittlichste Weise.
    Tapferkeit. Ein edles Wort; die damaligen Zeiten aber gebrauchten es nicht
immer in der edelsten Anwendung. Der Ritter, der in die Welt zog, Ungläubige
oder Ketzer zu vertilgen, und sich ausser den Pflichten gegen Ebenbürtige, gegen
Damen, gegen seinen Lehnsherren und die Kirche alles erlaubt hielt, war eben
nicht das reinste Ideal männlicher Tugend.
    Eine Poesie also, die solche Ritterzüge besang oder erzählte, musste oft
dumpf umherschwärmen und bis zum Ermüden singen und sagen, was Rittertum und
Ritterehre erfodert. Oder um diesem Einerlei zuvorzukommen, musste sie sich ins
Ungeheure, ins Unmögliche verlieren, hier eine brutale Macht loben, dort
Ahnenstolz, Räuberglück oder leeren Glanz preisen. Wider Willen musste sie oft
langweilig, oft geistlos und unmoralisch werden, weil sie geistlose Menschen in
zwecklosen oder unmoralischen Taten zu schildern hatte und auch bei grossen und
guten Zwecken sie mit zu viel falschem Glanz vergulden musste.
    Andacht endlich. Bloss als Feierlichkeit behandelt, ermüdet sie und lässt die
Seele bald leer; als eine Verbindung mit dem Unendlichen, als Anschauung des
Unermesslichen betrachtet, erhebt sie zwar die Seele, entzückt sie aber auch in
einen Glanz, in welchem der Poesie zuletzt jede Form schwindet. Soll Andacht
aber sogar Missetat versöhnen, es sei mit leeren Gebräuchen oder mit Geschenken
und Vermächtnissen, ohne dass dem Unterdrückten Erstattung geschehe, o da wird
sie dem Menschensinn, dem moralischen Gefühl widrig und auch im schönsten
poetischen Nachbilde verächtlich.
    Alle diese Mängel und Laster entsprangen aus dem Verderben der Religion und
Sitten damaliger Welt in obern und untern Ständen; eine fröhliche Wissenschaft,
die an Höfen entstanden, von Grossen genährt und nur zur Zeitkürzung gebraucht
ward, konnte und wollte die Schwächen des Jahrhunderts weder abtun noch
versöhnen. Sie dachte an den Inhalt einer Erzählung nur sofern, als dieser
Inhalt vergnügte, und es war Sitte der Zeit, sich bisweilen auch langweilig und
gemein zu vergnügen. Das Ohr des Volks, vor welches zuletzt diese
Divertissements auch kamen, nahm sie mit Freuden auf, weil sie bei Hofe erfunden
waren, weil man sie in höheren Ständen belachte. Es war eine Hofart
(cortesania), sie schön zu finden. - -
    So gewiss ist's, dass nichts bleibend schön sein kann als das Wahre und Gute.
Keine Kunst, kein Künstler vermag von einem falschen Schimmer der Macht und
Hoheit, vom geschminkten Reiz der Wollust und Üppigkeit oder von der Schwärmerei
ein Ideal zu borgen, das bestehe und fortdaure. Was unrein dem menschlichen
Gemüt ist, muss ihm früher oder später auch in der Poesie unrein erscheinen; denn
nur fürs menschliche Gemüt wird gedichtet.
    Jene Romane voll Langweiligkeiten des Rittertums, voll falschen Glanzes der
Hofsitten oder gar jene Gemälde des Gartengottes und der Göttin Crapula, was
sind sie unter dem Fuss der Zeit worden? Schlamm und Moder. Es ist Gesetz der
Natur, dass auch in der Poesie und Kunst nur das Wahre und Gute bleibe.
    Der Keim, der davon auch in der Dichtkunst der mittleren Zeiten lag, ist
nicht verweset. Fruchtreich hat ihn die Zeit ausgebildet; denn in den drei
grossen Namen Liebe, Ehre und Andacht liegt alles, was die Menschheit wecken, die
Poesie beleben kann. Sie sind mehr als Patriotismus; ein weites und tiefes Meer
der Seligkeit, aus dem die Schönheit entsprang und in welchem sie sich spiegelt.
    1. Andacht. Freilich ist's nicht jedem Geist in seiner sterblichen Hülle
gegeben, sich formlos ins Flammenmeer der Gotteit zu versenken; aber auch nur
im Abglanz diese Sonne, das höchste Ideal menschlicher Gedanken, zu betrachten,
erquickt und erheitert. Die Poesie der mittleren Zeiten hatte sich hiezu das
Bild des ewigen Vaters, des Sohnes Gottes* und seiner Mutter, der heiligen
Jungfrau, ausgemalt und in das letzte insonderheit ein hohes Ideal weiblicher
Tugend, alle Grazie ihres Geschlechts geleget. Jungfräuliche Keuschheit, Huld
und Anmut, eine sich selbst unbewusste Hoheit und Würde, mütterliche Liebe,
schweigende Geduld, Grossmut, Hoffnung, endlich ein stiller Dank- und Freudegenuss
jenes überschwenglichen Lohns, dessen sich die Wohltätige jetzt in Ewigkeit wert
macht - alles dies ward nach und nach von der dichtenden Andacht in sie gesenkt,
in ihr besungen und gepriesen.
    Der Wert der Heiligen, die Märtyrer waren, scheinet von geringerer Art; die
Tapferkeit der Seele aber, die um des Bekenntnisses der Wahrheit willen Leiden
erträgt und Martern erduldet; jene stille Grossmut, die verkannt einhergeht, die
Reichtum, Wollust und niedrigen Ruhm verschmäht, unbillige Verachtung, Schmach
und Hohn für nichts achtet und dennoch wohlzutun fortfährt; die Heiterkeit der
Seele endlich, die, durch Einfalt, Unschuld, Zuversicht und Erfahrung bewährt,
in der Wolke des Todes den offnen Himmel sieht und das Lied der Vorangegangenen
höret; eine Andacht dieser Art ist mehr als eine Heldenwürde von aussen. Und es
sangen sie so viele Hymnen, so prächtige Kanzonen.
    2. Tapferkeit. Auch der Wert eines Mannes, der nach reinen Begriffen des
Rittertums um Ehre streitet, ist nicht von geringer Art. Schwache zu beschützen,
die Unschuld zu verteidigen, auch im heftigsten Streit sich nichts Unwürdiges zu
erlauben, im Feinde noch den Mann zu erkennen, im Überwundenen den Tapfern zu
ehren, endlich, die wehrlose, die kranke Menschheit mit ritterlicher Hand zu
pflegen, zu warten: dies alles waren Pflichten des Rittertums, die, freilich mit
grossen Ausnahmen, allesamt auch nur unter dem Mantel der Religion und noch nicht
als reine Obliegenheiten des Menschen gesungen und eingeschärft wurden. Sie
öffneten indes einer allgemeinern, reineren und höheren Tugend die Schranken,
als selbst in einem weit engeren Bezirk von der alten Heldensage der Griechen
und Römer gepriesen werden konnte. Wenn Andacht, Liebe und Tapferkeit reiner Art
sich ritterlich ineinander verweben, erniedern sie den männlichen Charakter
nicht.
    3. Liebe. Hier findet wohl kein Zweifel statt, dass die Hochachtung und zarte
Behandlung des weiblichen Geschlechts, welche Araber und Normänner in Romane und
Poesie brachten, die sich auch mit dem Dienst der heiligen Jungfrau und dem
Christentum überhaupt wohl vertrug, eine Blume sei, die Griechen und Römer eben
nicht vorzüglich kultivierten. Grösstenteils besangen diese im Weibe nur das Weib
oder gar eine Buhlerin, eine Hetära. Da das nördliche Klima Lustbarkeiten, wie
sie Horaz oder Petron schildern, keinen Raum gab, auch in diesen Gegenden die
später entwickelte und desto länger dauernde Jugend des Weibes eine sittlichere,
reifere Liebe fodert, so wandte sich jetzt allmählich die Poesie auf etwas,
darauf jene Zeiten nicht ausgehen konnten, auf Kultur des Umganges beider
Geschlechter miteinander, von welchem unsre nordische Wohlerzogenheit
grösstenteils abhängt. Das Weib war von der Religion geehrt; warum sollten sie
nicht auch Menschen ehren? Sie gaben den Männern Rat, dem Leben Anmut; sie
bewegten das Herz des roheren Mannes und waren gleichsam Mittlerinnen im Himmel
und auf Erden. Nach christlichen Begriffen schlang die Liebe nicht nur in dieser
Sichtbarkeit einen unauflöslichen Knoten, sondern auch das Band der Freundschaft
in einer ewigen Welt. Durchs Christentum sah man dort lichtere Gegenden vor
sich als den traurigen Orkus; in ihnen besang Dante seine Beatrice, Petrarca
eine himmlische Laura. U.f.
                                      90.
    Das unvollendete Fragment vom Werte der Poesie mittlerer Zeiten möchte ich,
gleichfalls für und wider, mit Vorteil und Nachteil also ergänzen:
    Erstens. Fügt man dem Vorigen hinzu, dass die Poesie der mittleren Zeiten
nach und nach mit mehreren Wissenschaften bekannt ward, als jene Poesie der
Jugendwelt je kennenlernen konnte, so war ihr hiemit, eben wie bei Andacht,
Liebe und Ehre, ein grosser, aber auch ein sehr gefährlicher Knäuel in die Hand
gegeben. Sie konnte daraus vieles entwickeln, aus jeder Wissenschaft sich zu
eigen machen, was für sie diente; jede Erfindung, jedes neuentdeckte Land stand
ihr zu Gebote. Sie konnte aber auch auf diesem Wege zu gelehrt, spitzfündig und
scholastisch werden: und wäre sie es nicht hie und da reichlich geworden?
    Der grössere Boden von Wissenschaft indes, den der menschliche Geist gewann,
war ein beträchtliches Erwerbnis. Die neuere Poesie hat davon Nutzen gezogen und
wird davon Vorteile ziehen, solange Wissenschaften wachsen, Erfindungen sich
mehren, solange der menschliche Geist fortschreitet. Nicht vergebens hat der
Vater der neueren Dichtkunst, Dante, mit einem Werk begonnen, das eine Art von
Enzyklopädie des menschlichen Wissens über Himmel und Erde entält; er hat
seinem von jeder Vorzeit unterrichteten Kinde hiemit den Weg eines immer
fortschreitenden Verdienstes gewiesen.
    Zweitens. Und da in der mittleren Zeit viele Nationen, die gesamten Völker
des römisch-christlichen Europa auf einem Kampfplatz des Ruhms standen und durch
mehrere Verbindungen in einer Schule der Unterweisung lernten, so bekam,
ungeachtet aller Nationalunterschiede von Sitten und Sprachen, die europäische
Poesie und Lehre hiemit eine gemeinschaftliche Richtung. Mit so vielem Unreinen
sie hie und da vermischt war, so trug sie allentalben dazu bei, das Schwert der
Barbaren, das noch nicht gestumpft war, einzuhalten, zu weihen, zu veredeln.
Rittern und edlen Herren ward ein Kranz des Ruhms und der Verdienste
vorgehalten, ohne welchen sie, wie die Geschichte mehrerer Länder zeigt, harte
Herren, Trunkenbolde, räuberische stolze Barbaren blieben. Selbst die Griechen
des östlichen Kaisertums, die an den Rittergesetzen der Westwelt keinen Anteil
nahmen, erlaubten sich Niederträchtigkeiten gegen Feinde und Überwundene, die in
Spanien, Italien und Frankreich kein Ritter sich jemals erlaubt haben würde. Als
üppige Treulose gingen sie unter. -
    Alles also, was Menschen, Stände und Völker miteinander verband, was die
Geschlechter einander freundlich, Gemüter einander geneigt machte, was zu einem
gemeinschaftlich anerkannten Zweck und gleichsam zu der Lehrform beitrug, nach
welcher man von Jugend auf, wenngleich auf rohe Weise, der Tapferkeit, Liebe und
Andacht huldigen lernte, offenbar bahnte dies der Menschenliebe oder zuförderst
jener christlichen Herzensgüte den Weg, die als Carità die Grazie der Grazien
ist und jede Huldigung verdienet. Die Poesie des Mittelalters wirkte zu diesem
Zweck unverkennbar.
    Aus den Händen der Araber hatten die Europäer Andacht, Liebe und Tapferkeit
als einen Kranz der Ritterwürde empfangen; sie verschönten ihn nach christlicher
Weise.
    Und da gerade diese Poesie es war, die auch das Volk nicht verachtete, die
sich auf öffentlichen Plätzen und Märkten hören liess und durch Geist, Witz und
Spott eigene Gedanken und ein freies Urteil auch über Zeitändel, über die
Sitten geistlicher und weltlicher Stände, über das Verhältnis derselben
gegeneinander weckte, so ward, wie die Geschichte zeigt, Poesie der erste
Reformator. Immerhin wird dies auch die fröhliche Wissenschaft (gaya ciencia,
gay sabèr) sein und bleiben.125
 
                                 Achte Sammlung
                                        
                                     (1796)
                                      91.
                               Sechstes Fragment
                           Wiederauflebung der Alten
    Was der Poesie des Mittelalters fehlte, war nicht Stoff und Inhalt, nicht
guter Wille und Endzweck; es fehlte ihr nicht an Idealen, auf welche sie
hinarbeitete und sich bemühte; aber Geschmack, innere Norm und Regel fehlte ihr.
Keine äussere Form des Sonetts, Madrigals oder der Stanze, der Reim am wenigsten,
keine Scholastik, selbst die arabische Philosophie nicht, sie mochte aus
Spanien, Afrika oder Palästina kommen, konnte ihr diese Regel gewähren; nur ein
Mittel war dazu, die Wiedererweckung der Alten.
    Immer hatten diese, auch in den dunkelsten Jahrhunderten, einige Liebhaber,
sogar Nachahmer gefunden, ob man von ihnen gleich nur wenige kannte und diese
wenigen in einer finstern Luft durch einen hässlichen Nebel ansah. Bekanntlich
war Petrarca einer der ersten, der sich durch unablässigen Fleiss eine fast
klassische Denkart angebildet hatte, ohne welche er seine liebliche Vulgarpoesie
schwerlich hätte erschaffen mögen. Ihm folgten mehrere Liebhaber und Bewunderer
der Alten, bis nach einer langen Morgenröte endlich heller Tag anbrach. Von
Orient aus kamen die vertriebenen griechischen Musen nach Italien; mit einem
wunderbaren Entusiasmus für die Sprache, die Werke und Wissenschaften der
Griechen wurden sie aufgenommen, und alles belebte sich neu. Lass es sein, dass
fortan, insonderheit im nächsten Jahrhundert, die Landessprache keine Dichter
bekam, wie Dante und Petrarca gewesen waren; beide, insonderheit der letzte
hatte in seiner Art die Blüte hinweggebrochen, so dass kein Nachahmer ihn
übertreffen konnte. Dafür aber öffnete sich eine Aussicht, die zehntausend
Petrarchisten nicht hätten eröffnen mögen. Poliziano, Pico, Bembo, Castiglione,
Casa und so viel andre Geschichtschreiber, Dichter, Philosophen und Philologen
schrieben nicht nur klassisch Latein, sondern einige derselben dachten auch
klassisch und erwägten die Werke der Alten. Die Strozza, Sannazar, Fracastor,
Vida und so viele, viele andre schrieben nicht etwa nur elegante lateinische
Verse; man las, man übersetzte die Alten; Machiavell u.a. dachten ihnen männlich
nach. Künstler erschienen, die im Geschmack der Griechen und Römer verzierten,
baueten, bildeten, malten; das himmlische Genie Raffael erschien, von einer
griechischen Muse mit einem Engel erzeuget. Da erklang ein Lied im höheren Tone;
es fing wirklich eine neue Denkart mit einer neuen Zeit an; denn auch die
Buchdruckerkunst war erfunden, eine neue Welt war entdeckt, die Reformation
entstand. U.f.
    Es hiesse klein und eingeschränkt denken, wenn man diese neue Gedankenform
bloss nach dem beurteilte, was sie damals hervorgebracht hat, nicht nach dem
lebendigen Samen, der in ihr zu künftigen Hervorbringungen dalag. Sei es, dass
die ersten Nachahmungen der Alten zu sklavisch waren, dass die erste Kritik sich
zu sehr an Worte hielt und darüber oft den Geist nicht erreichte. Sei es, dass
kein lateinischer Dichter dieses glücklichen Jahrhunderts einem alten Dichter
gleichkäme; was schadet's? Die ersten gedruckten Ausgaben alter Autoren waren
auch die vollkommensten nicht; indessen kamen sie weit umher und machten die
Grundlage nicht nur zu bessern Auflagen, sondern auch zu vielen, vielen neuen
Gedanken. Ohne Wiedererweckung der Alten wäre keine neue Philosophie und
Beredsamkeit, keine Kritik, Kunst und Dichtkunst entstanden; Europa sässe noch in
der Dämmerung und labte sich an abenteuerlichen Ritterromanen. Das Licht der
Alten ist's, das die Schatten verjagt und die Dämmerung aufgeklärt hat; mit
ihnen haben wir empfangen, was allein den Geschmack sichert, Verhältnis, Regel,
Richtmass, Form der Gestalten im weiten Reiche der Natur und Kunst, ja der
gesamten Menschheit.
    Warum z.B. ist die blosse Galanterie der Liebe ein falscher, mitin auch ein
unpoetischer Geschmack? Weil sie etwas Unwahres in sich hält, das der reinen
Sprache des Herzens und Geistes, wie es die Poesie sein soll, unwert ist. Jene
Galanterie gibt Dingen einen Wert, den sie unsrer eignen Überzeugung nach nicht
haben; sie malt Schönheit und Liebe mit falschen Reizen und vergisset darüber
der herzergreifenden Wahrheit. Aus Mangel des Gefühls übertreibt sie; sie spielt
mit Bildern und Wendungen, mit Witz und Worten. - - Echte Poesie also und eine
falsche Galanterie sind unvereinbar. Möge ein verdorbner Geschmack der Zeit,
möge die Mode sie dafür erkennen; der Zeitgeschmack geht vorüber, die Mode wird
lächerrlich; und späterhin macht die falsche Schminke das schöne Gesicht sogar
hässlich. -
    Warum ist die übertriebne Ritterwürde ein falscher Geschmack? Weil sie als
blosses Ritual herz-und seelenlos, steif und lächerrlich ist. Feierlichkeiten wird
ein Wert gegeben, den sie nicht haben; Missverhältnisse werden mit einem
Schaumgolde überdeckt; geistlose Härte wird als ein Ideal der Männlichkeit
gepriesen. Die Zeit kommt und streicht mit rauher Hand das Schaumgold hinweg;
sie rückt die Stände anders, und sofort ist jene Missgestalt unter einem eisernen
Harnisch sichtbar. Alles Geklirr an Mann und Ross kann uns, wo Verstand, Zweck,
Ebenmass, Güte des Herzens fehlt, kein Klang einer himmlischen Muse werden. -
    Warum ist jene übertriebene Andacht, jenes Haschen nach dem Unendlichen, das
Kalkulieren der Gotteit in unnennbaren Gefühlen ein falscher Geschmack? Weil
sie eine Übervernunft sind, die weder in Sprache noch Kunst einen Ausdruck
findet. Das Unermessliche hat kein Mass, das Unendliche hat keinen Ausdruck. Je
länger du also an diesen Tiefen schwindelst, desto mehr verwirret sich deine
Zunge, wie sich dein Haupt verwirrte; du sagst nichts, wenn du etwas
Unaussprechliches sagen wolltest. - Schwieg nicht jener Entzückte von dem, was
er im dritten Himmel gesehen hatte? Alle wahre Gottbegeisterte schwiegen vom
Unaussprechlichen und sagten, was sie in der Sprache der Menschen, zumal in den
Grenzen einer Kunst, sagen konnten. Der Ausdruck, der der Religion geziemt, ist
nicht Schwärmerei, sondern Einfalt und Wahrheit.
    Ist alles, was uns Umriss lehret, was unsrer Natur die ihr angemessne
Schranken zeigt und sie auf wirklichen Begriff, auf Wahrheit der Empfindung
zurückführet, ein göttliches Geschenk: wie sehr tut dieses, recht verstanden und
angewandt, die Poesie, die Kritik, die Philosophie und Denkart der Alten.
    Diese z.B. weiss nichts von jener Höflichkeit eines übertreibenden, falschen
Witzes, der Galanterie und Courtoisie sein soll; am Hofe der griechischen und
römischen Musen hatte diese Kunst keinen Wert. Sie weiss nichts von jenem leeren
Pomp, der dem Helden und Gott den Menschen auszieht; die heroische Poesie der
Alten ist menschlich. Wozu endlich ward von den klügsten Völkern die Mytologie,
wo nicht erfunden, so wenigstens an den schönsten Stellen gebraucht? Dem, was
keine Gestalt hat, eine für uns lehrreiche und angenehme Gestalt zu geben, den
Abglanz der blendenden Sonne im Spiegel des Meers oder in den Farben des
Regenbogens zu zeigen. Uns sind im Grunde alle Einkleidungen, wo und wenn sie
erfunden wurden, gleich; wir wollen sie zwar nicht unzeitig vermischen, aber
alle mit Verstand gebrauchen. Aristoteles, Horaz und Quintilian sind uns nicht
etwa über die Mytologie der Griechen allein, über die Mytologie jeder Nation
und Religion sind ihre Grundsätze Gesetz und Regel.
    Alles also, was den Geschmack der Alten unter uns befördert, sei uns wert,
Ausgaben, Übersetzungen, Kommentare, Nachahmungen; unter diesen Nachahmungen
auch die neuere lateinische Poesie zu nennen, scheue ich mich nicht. Sie war
immer ein Zeichen, dass man die Alten kannte und liebte, dass man über neuere
Gegenstände im Sinne der Alten dachte, dass man ihr Richtmass an diese neuen
Gegenstände zu legen wagte. Sie hat viel Gutes gewirket. Latein sagte man, was
man in der Landessprache nicht sagen konnte oder dorfte; nachahmend sprach man
gleichsam den Alten nach und sagte ihnen seine Lektion auf; man freuete sich,
dass man sie aus ihnen gelernt und ungefährdet aufsagen konnte. Über die
Vorurteile seiner Zeit, seines Ordens, Volks und Standes hob mancher sich, ohne
dass er's wusste, auf Schwingen irgendeines alten Dichters empor; oder wenn er
hiezu nicht Kraft gnug hatte, kam er doch nachahmend dem Geschmack und bessern
Verständnis des Dichters, in dessen Weise er schrieb, näher und ward, auch
nachlallend, mit ihm vertrauter. Endlich schloss sich durch die neuere
lateinische Poesie eine Gesellschaft zusammen, von der vorher noch keine Zeit
gewusst hatte; in Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, den britannischen
Inseln, den nordischen Königreichen, in Livland, Polen, Preussen, Ungarn, in
Deutschland, Holland u.f. hat man lateinisch nicht nur versifizieret, sondern
hie und da gewiss auch gedichtet. Italien, Frankreich, Deutschland, Polen, vor
allen Holland hat Männer gehabt, die mit dem Latein wie mit ihrer Muttersprache
umzugehen wussten und in ihm Gedichte gaben, die in jeder Landessprache
Aufmerksamkeit gebieten würden. Selbst die Vortrefflichen, die der Sprache und
Poesie ihrer Nation eine bessere Gestalt gaben, hatten diese meistens im
Lateinischen zuerst versucht, wie ausser den Italienern die Beispiele Miltons,
Cowleis, Grotius', Heinsius', Opitz' u.f. zeigen. Fast alle Reformatoren,
Erasmus, Luter, Zwingli, Melanchton, Camerarius, Beza u.f., waren Liebhaber
der Alten, Liebhaber der griechischen und lateinischen Dichtkunst. Die
gebildetsten Staatsmänner, wie Tomas Morus, de Tou, Hopital u.f., Botschafter,
Päpste, Kardinäle waren lateinische Dichter. Ein Helikon vereinigte sie und
weckte Stimmen vom Ätna bis zum Hekla, vom Ausfluss des Tago bis zur Weichsel und
der Düna.
    Ich will mich nicht auf den Gemeinplatz einlassen, dass alle echte Kritik und
Philosophie der Neueren nur eine palingenesierte Pflanze der Alten sei; denn
woher hatten neben den weltbekannten Kommentatoren Erasmus, Grotius, Heinsius,
Boileau, Gravina, der edle Shaftesbury und die wenigen sonst, die ins Herz der
Kritik drangen, ihre Weisheit als von den Alten? Eine spanische, deutsche,
irländische Kritik gibt es nicht; aber eine griechische und römische Kritik gibt
es. Mit ihr fängt die Kultur aller europäischen Landessprachen in Poesie und
Prose, ja durchaus das Bestreben nach einem bessern Geschmack in ganz Europa an;
den Beweis hievon liefert die Geschichte.
                                      92.
    Es tut mir leid, dass ich Ihrem Fragment einige Einwendungen entgegensetzen
muss; wozu aber wäre die Heuchelei auch im Lobe des Geschmacks der Alten nötig?
    Zuerst gibt Ihr Fragment es selbst zu, dass auch vor der sogenannten
Erweckung der Alten in jedem Fach grosse Männer, Denker und Dichter gelebt haben,
und ebensowenig wird bezweifelt werden können, dass seit dieser Entdeckung grosse
Männer gelebt und geschrieben haben, die von den Alten wenig oder nichts wussten.
Ich darf von den ersten nur Dante, von den letzten nur Shakespeare anführen;
wieviel andre möchten zu nennen sein! Die grössten Erfindungen sind in den Zeiten
gemacht, die wir barbarische, rohe Zeiten nennen; vielleicht haben in ihnen auch
die grössesten Männer gelebet. Damals standen die Köpfe noch nicht so dicht
aneinander; jeder hatte zum eignen Denken freien Raum; um sie war Dämmerung;
desto munterer aber wirkten sie und dorften in der Mittagssonne der Alten eben
noch nicht erblinden. Wie ein Roger Baco vor hundert Kommentatoren des
Aristoteles gilt, so gibt es romantische Gedichte der mittleren, selbst der
neueren Zeit, bei denen man den Geschmack der Alten gern vergisst und in ihnen
wie im Feenreich lustwandelt. Ich erinnere Sie an so manche Romane, die uns der
Graf Tressan und seine Gehülfen gegeben, ja seit Wiederauflebung der
Wissenschaften an die grössesten Lichter aller kultivierten Nationen. Woher
nahmen Ariost und die ihm vorgingen, woher Spenser, Shakespeare, und zwar in
seinen rührendsten Stücken, Form und Inhalt? Nicht aus den Alten, sondern aus
der Denkart des Volks und seinem Geschmack in ihren und den mittleren Zeiten.
Glauben Sie, dass Shakespeare, auch wenn er die Alten mehr gekannt hätte, als er
sie kannte, ihnen ängstlicher nachgegangen wäre? Wie leicht konnte er sie
kennenlernen, da schon so manche in englischen Übersetzungen neben ihm
existierten! Er liess diese den Ben Jonson studieren und hielt sich an das
Märchen, an die Novelle der mittleren Zeit, aus denen er seine dramatische
Schöpfung hervorrief. Seitdem haben die Briten den Äschylus, Sophokles,
Euripides gelesen, kommentiert, übersetzt und emendieret; aus dem allen aber ist
kein zweiter Shakespeare worden.
    Zweitens. Zu viele Proben haben es erwiesen, dass die Alten kennen und
nachahmen, uns ihnen noch nicht gleichstelle, da ihre gelehrtesten Kenner oft
die unglücklichsten Schöpfer gewesen. Wie ging es dem Trissino mit seinem
»Befreiten Italien«? dem Gravina und Maffei mit ihren Dramas im Geschmack der
Alten? Die gelehrten Kenner der Alten, Casa, Bembo u.f., überstiegen den
Petrarca nicht; den Chiabrera, Redi, Filicaja, Lemene vermochte ihre Kenntnis
der Alten und ihre Gelehrsamkeit sogar vor dem bösen Geschmack ihrer Zeit nicht
zu sichern. Unter den Engländern war Cowlei mit den Alten sehr bekannt; er
schrieb und dichtete selbst lateinisch; seine prosaischen Aufsätze sind mit der
Bescheidenheit und Würde eines Römers geschrieben, und welches sonderbare
Phantom bildete sich dieser gelehrte Dichter an Pindar ein! In wie bösem
Geschmack erschuf er jene Odengattung, die seinen Landsleuten wirklich ein
Verderb des Geschmacks ward! - Also hilft auch hier das Alter für Torheit nicht;
jeder Neuere behält seine natürliche Grösse, falls er in seinem Studium auch den
griechischen und römischen Helikon aufeinandertürmte und sich droben
hinaufstellte.
    Drittens. Nun kann ich zwar gegen die schöne lateinische Schreibart vieler
Neueren in Poesie und Prose nichts einwenden und finde in ihnen für mich ein
grosses Vergnügen; für sich selbst aber, was taten diese Schriftsteller mehr, als
dass sie ihre Pflicht erfüllten? Muss jeder, der in einer Sprache schreibt, in ihr
gut zu schreiben suchen, so wäre es ja dreifache Schande, die Sprache, in
welcher jene Römer schrieben, schlecht zu behandeln. Wer in ihr nicht schreiben
kann, wie er soll, schreibe, wenn er's vermeiden kann, in ihr gar nicht; hat er
in ihr leidlich oder gut geschrieben, so ist's ihm nicht mehr Lob als jedem
andern, der in seiner Sprache gut spricht, oder einem Flötenspieler, der seine
Flöte gut spielet. - Wenn Schriftsteller durch eine sogenannte schöne
Schreibart, die bei keinem Vernünftigen von einer guten Denkart getrennet werden
kann, wenn vor allen lateinische Schönschreiber sich von einer guten Denkart
durch diese Sprache freigesprochen glauben, wo sind wir denn mit der Regel der
Alten? Dieser scriptor denkt an Worte; an Sachen und Gründe wenig. Übersetzt
sein Latein in eine gemeine Sprache, und ihr findet die trivialsten Dinge in
einem Ton gesagt, vor dem die demütige Landessprache beinah verstummet. Dort
ging das gelehrte Kind in einem Gängelwagen, oder vielmehr der Gängelwagen
(ambitus verborum) ging statt des gelehrten Kindes und nahm es mit; dem
rund-viereckten Vehikul entnommen, wie erbärmlich ist seine Gestalt, wie schwach
und dürftig! Und doch machte man so oft die Erfahrung, dass unter allen
literarisch Stolzen es fast keine stolzeren als die Lateinschreiber gebe. Sie
sind die alten Barone, deren Diplom rückwärts über das Christentum, deren
Unsterblichkeit vorwärts über den Jüngsten Tag der Landessprache hinausreicht.
Sie schreiben nicht für ihre Nation in der sogenannten Vulgar- oder
Pöbelsprache, sondern für Welt und Nachwelt in der einzig-unvergänglichen
Göttersprache. Wie wohl wird dem Leser in der Geschichte der Literatur, wenn
nach zu Grabe getragenen Schoppen (Scioppiorum) die Periode der eigentlichen
Wissenschaften (Scienzen) anfängt, in welcher man sich nicht mehr über Worte und
Autoritäten schoppisch zankte. -
    Endlich. Wahre Kenner der Alten hat es immer nur wenige gegeben! Die Kritik
der Silben und Worte ist eine unentbehrliche, nützliche Kunst; sie erfodert
Genie, Takt und vor andern viel Kenntnisse, Fleiss und Übung; dass sie aber die
Kenntnis der Alten noch nicht sei, von der das Fragment eine Palingenesie der
Dinge herzuleiten scheinet, dies ist wohl sonnenklar. Kritiker, wie Ruhnken an
Hemsterhuis schildert, sind selten; auch von denen, die die Alten mit Geist
lesen, wählt jeder sich gern seinen Alten, den er über alle hinaussetzt, nach
welchem er dann, auch mit Fehlern und Schwächen, seine Denkart präget Eine Reihe
von Beispielen wäre anzuführen, aus welchen erhellen würde, wie selten wir in
den Alten sie selbst, wie noch seltner wir in ihnen ihr Höchstes, das kalon
kagaton der Griechen- und Römerwelt, ihre Regel des Geschmacks im Wahren, Guten
und Schönen studieren. Am öftersten schauen wir sie wie Narzisse an, denken
daran, was wir über sie zu sagen haben, und bewundern unsre Gestalt in dem
flüssigen Spiegel der alten heiligen Quelle. Statt an ihnen gehen zu lernen,
verlieren manche durch sie den gesunden Brauch ihrer eignen Glieder.
                                      93.
    Ihre Einwendungen könnte ich mit Sprüchwörtern beantworten, z.B.: »Rom ist
nicht in einem Jahr gebaut.« »Je schwerer die Kunst, desto mehr Pfuscher.« »Je
organisierter der Körper, desto böser seine Fäulung« u.dgl. Ich will aber mit
Gründen antworten; in der Hauptsache sind wir eins.
    Dass zu allen Zeiten und unter allen Völkern Talente ans Licht kommen, ist
eine Erfahrung, die eben ja jeder Bemühung um Ausbildung der Talente zum Grunde
liegt. Nicht in Aten und Rom allein wurden dämonische, göttliche Männer
geboren; sie bedorften auch von dorter keiner Beurkundung, dass sie solche
waren. Die Gabe der Muse ist eine angeborne Himmelsgabe, die kaum mit Mühe
vergraben werden kann. Grosser Leidenschaften und Vorstellungen fähig, sehen
einige nichts als diese Bilder, sprechen in Leidenschaft, laben sich in Tönen
des Wohllauts und fühlen sich geschaffen, die Gemüter andrer mit dem, was sie
erfreuet und anregt, auch zu erfreuen und anzuregen. Wenn Poesie noch nicht
erfunden wäre, würden solche Menschen sie erfinden, und erfinden sie täglich.
    Aber wie sehr Talente dieser Art unter dem Druck einer schlechten Sprache
und einer sinnlosen Mitwelt leiden, zeigt eben ja die Geschichte sowohl der
rohen als der mittleren dunkeln Zeiten. Gibt es eine Kunst der Sprache, was
vermag ohne Werkzeuge der Künstler?
    Überdem, wie schwer wird's eben dem feurigsten Kopf, sich innerhalb der
Grenzen zu halten, in denen das Wahre, Gute und Schöne eins ist, und eben auf
diese, die einzige Weise, in Form und Inhalt, dadurch, was man sagt und wie man
es sagt, ewig zu werden. Ihm also sowohl als denen, für die er arbeitet, ist
Lehre nötig, eine Disziplin, die uns für andre, andre für uns zubereite, beide
vor Ausschweifungen sichre und dem arbeitenden Genius leere Versuche, von denen
er mit Reue zurückkommen müsste, erspare. Oft ist das Genie ein Edelstein, der
tief im Schacht liegt, in einer harten Rinde begraben; die Rinde muss gesprengt,
der Edelstein von der Hand des Künstlers bearbeitet werden u.f. - Wem gab nun
die Natur das eigentliche Kunsttalent in grösserm Masse als den Griechen? Auf der
ganzen Erde keinem Volke wie ihnen. Gleichsam vom Instinkt geleitet, erfanden
sie jeder Gestalt und Wissenschaft Mass, Ziel und Umriss. Nicht nur das Zuviele,
das Ungehörige, sonderten sie ab, sondern auch dem Bleibenden, der Gestalt
selbst, gaben sie Fülle, Leben und Anmut.
    Wollen aber Griechen und Römer, sofern sie Griechen und Römer sind, hiemit
eine Monarchie errichten, wollen sie Nationalcharaktere unterdrücken, lebende
Sprache verdrängen oder verschlimmern? Nichts von allem! Aufmunterung, Ordnung,
Verbesserung ist ihr einziger Zweck; man darf also von ihnen nicht mehr fodern,
als sie zu leisten vermögen. Sie wollen Kräfte wecken, aber nicht geben; sie
sind Vorbilder, keine Schöpfer. Da indessen im Reich der Gedanken von
Aufmunterung, zumal durch tätige Vorbilder, von Ordnung und Erziehung viel
abhangt, so ist die Herrschaft, die jeder Verständige den Alten freiwillig
einräumt, zwar keine Monarchie, aber ein Rat der Besseren zum Besten.
    Lassen Sie also die würdigsten Schriften zuweilen von den unwürdigsten
Händen behandelt werden, was schadet's? Geht nicht auch das Gold durch die Hände
niedriger Bearbeiter und Sammler? Verlor der Diamant dadurch, dass ihn die
Dürftigkeit selbst aufgrub? Wenn unter dem Text eines alten Autors sich in den
Noten oft über nichts ein schreckliches Gezänk erhebt, so lasset uns vom
blutigen Spiel dieser Gladiatoren, die sich zu Ehren des Verstorbenen neben
seinem Grabe würgen, hinwegsehn und sie für das halten, was sie sind, Sklaven.
Die Worte des Autors werden uns werter, wenn wir uns über die Wasser der
Sündflut, die unten den Text überschwemmet hat, zum Gipfel emporheben und da den
friedlichen Ölzweig finden. -
    Da endlich der Geist, den wir aus den Schriften der Alten ziehn sollen,
gesunder Verstand und ein gesundes Herz, die wahre Philosophie und Richtung des
Lebens, bona Mens und Humanität ist, so ist die Einführung dieser Gotteiten für
uns und unsre Nachkommen ein Werk von fortdauernder, wachsender Wirkung. Zuerst
mussten diese Schriften gefunden, vervielfältiget, erklärt, erläutert, von
Fehlern gereinigt, verstanden werden, ehe ihr besserer, ihr weiserer Gebrauch in
jeder Anwendung ein Hauptzweck werden konnte. Hie und da ist er es schon
geworden; er wird's noch mehr werden. Die Zeit der Solipsorum geht zu Ende; zu
einem gemeinen Besten arbeiten wir alle.
                                  Nachschrift
    Jener Amerikaner glaubte, dass in jedem Brief ein Geist eingeschlossen sei;
ich wollte, dass ich diesem Briefe einen Geist einschliessen könnte, den Geist der
Alten. Hören Sie darüber einen apokryphischen Schriftsteller:
    »Gerade, als ob unser Lernen bloss ein Erinnern wäre, weiset man uns immer
auf die Denkmale der Alten, den Geist bloss durch das Gedächtnis zu bilden. Wir
wissen selbst nicht recht, was wir in den Griechen und Römern bis zur Abgötterei
bewundern.
    Gleich einem Manne, der sein leiblich Angesicht im Spiegel beschaut, nachdem
er sich aber beschauet hat, von Stund an davongeht und vergisset, wie er
gestaltet war, ebenso gehen wir mit den Alten um. Gar anders sitzt ein Maler zu
seinem eignen Bilde«
    »Da ich bloss dem Geist der Alten nachspüre, so geht mich das
Schulmeistergesicht nichts an, womit die ** ihren Autor Lesern und Zuhörern
verekeln. Ich will sehr zufrieden sein, wenn ich mein Griechisch nur ungefähr so
verstehe, wie Überbringer dieses seine Muttersprache Wer die Alten, ohne die
Natur zu kennen, studiert, lieset Noten ohne Text und an Petrons Ausgabe in
Grossquart über ein klein Fragment sich wenigstens zu einem Doktor. Wer kein Fell
überm Auge hat, für den hat Homer keine Decke. Wer aber den hellen Tag noch nie
gesehen, an dem werden weder Didymus noch Eustatius Wunder tun. - - Der Zorn
benimmt mir alle Überlegung, wenn ich daran gedenke, wie solch eine edle Gabe
Gottes, als die Wissenschaften sind, verwüstet, von starken Geistern zerrissen,
von faulen Mönchen zertreten werden, und wie es möglich, dass junge Leute in die
alte Fee, Gelehrsamkeit, ohne Zähne und Haare (etwa falsche) verliebt sein
können.«
    So spricht ein Eifrer für den guten Gebrauch der Alten, und wieviel mehr
könnte man davon sagen! Aber wie jemand ist, so tut er; wie wir selbst denken,
so nutzen wir die Alten.
                                      94.
    Die Nachschrift Ihres Briefes hat mir eine alte Wunde aufgerissen, die
ziemlich verharscht war, nämlich wie wir, insonderheit mit unsrer Jugend, die
Alten lesen. »Das Salz der Gelehrsamkeit,« sagt Ihr Apokryphus, »ist ein gut
Ding; wenn aber das Salz tumm wird, womit soll man salzen?« - Blosse
Gelehrsamkeit zerstreuet und ermüdet; alles macht sie zu nacktem, vielleicht
unnötigem Wissen von Worten, Stellen und Gebräuchen; sie wirft die Seele hin und
her. Das Gemüt der Jugend will gesammlet, will auf den Kern gerichtet, will fürs
Leben gebildet und gestärkt sein.
    Ich begreife selbst, was für eine schwere Aufgabe es ist, so viele, so
mannigfaltige Schriftsteller der Griechen und Römer, Dichter, Redner,
Geschichtschreiber und Philosophen mit unsrer Jugend nutzbar zu lesen; der
Grundsatz indessen, nach welchem sie gelesen werden müssen, ist ausser Zweifel.
Es ist der Sinn der Alten selbst, das Gefühl vom Wahren, Guten und Schönen,
diese alle zu einem System verbunden, in eine Gestalt geordnet. Man nenne diese
Gestalt das Anständige, das sich Geziemende, honestum, decorum, kalon, prepon
oder wie man wolle; sie ist ein unterscheidender Zug der Komposition und Denkart
der Alten in ihren besten Schriftstellern und würdigsten Männern, auf welchen
das Auge der Jugend sich vorzüglich heften müsste.
    In der Komposition der Alten nämlich hat alles Zweck, Plan und Ordnung.
Nichts stehet am unrechten Ort, nichts ist müssig und unschicklich dahingeworfen;
und im Ganzen herrscht, wo es irgend sein kann, lebendige Darstellung und
Handlung Die griechische Sprache z.B. ist von der Bildung der Worte an bis zum
Bau ihrer Silbenmasse und Perioden ein Muster des Wohlklanges, der
Zusammenfügung, der Bedeutsamkeit und Grazie des Ausdrucks; die lateinische
Sprache eifert ihr nach Wie in Statuen und Gebäuden die Kunst der Alten Einfalt
und Würde, Bedeutung und Anmut zu vereinigen wusste, so vereinigen es die
Meisterwerke ihrer Sprache. Wer in Homer und Pindar, in Herodot, Plato, Cicero,
Livius und Horaz diese Schicklichkeit und Kongruenz der Teile zur Eurhytmie des
Ganzen weder zu finden noch anschaulich zu machen weiss, der ist des Geistes, in
dem sie arbeiteten und dachten, nicht innegeworden. In wenige Werke der Neueren
hat sich dieser organische Geist ergossen; wo er erscheint, macht er ein Werk
seiner Natur nach unsterblich. Einfalt also und Würde, Bedeutsamkeit und
Wohlordnung haben wir von den Alten zu lernen, um unsrer Denkart und Sprache im
Kleinsten und Grössesten eine solche Gestalt zu geben.
    Aber das Anständige der Alten erstrecket sich weiter, indem Charaktere,
Sitten, Grundsätze und Meinungen nicht etwa nur zu schildern, sondern
darzustellen und zu verknüpfen der Zweck ihrer erlesensten Werke war. Die Tugend
ist ein kalon, ein Anständiges* und Vortreffliches, das mit Liebe gesucht werden
will und nur durch unablässige Übung erlangt wird. Ihre besten Schriftsteller
jeglicher Art zeigen darauf als auf das Zünglein der Waage menschlicher
Handlungen und den edelsten Kampfpreis des menschlichen Lebens. Licht und
Schatten stellen sie dar; sie kontrastieren und gruppieren Gestalten,
Sinnesarten und Meinungen ohne jene neuere überspannende Heuchelei, die im
Grunde jede Anwendung verwirret und zuletzt die ganze Sittlichkeit aufhebt.
Haben wir das Gefühl des Anständigen, des Grossen, Schönen, Anmutigen und Edlen
verloren, was hält uns zurück, dass wir nicht ärger als Tiere werden?
Verächtlicher sind wir gewiss. Dies Gefühl moralischer Schicklichkeit, Würde und
Grazie durch Lesung der Alten in uns zu wecken und zu erhalten ist um so
nötiger, da in der gegenwärtigen Welt eine Konvenienz in niederträchtigen,
frechen Meinungen, die für Grundsätze gelten und im offenen Gebrauch sind,
dasselbe ganz zu ersticken drohen. Dass sich zwischen uns und jenen einige äussere
Umstände verändert haben und sowohl der Heroismus als der Patriotismus eine
andre Gestalt gewonnen, darf jenem Gefühl, dem Charakter der Menschheit, nicht
schaden. Wir können edlere Heroen sein als Achill, schönere Patrioten als
Horatius Cocles.
    Hier also liegt meines Erachtens die Regel; sie ist eine logische,
poetische, etische Regel. Barbaren kennen sie nicht; losgebundene Willkür
verachtet sie, zerstreuende Gelehrsamkeit geht vorüber. Wer sie fand, wer in
seiner Jugend nach ihr gebildet wurde, der kann sie nicht vergessen; sie hat
sich seinem Gemüt eingedrückt als das Herz seines Herzens, als die Seele seiner
Seele. »Id facere laus est, quod decet, non quod licet.« »Quod decet, honestum
est, et quod honestum est, decet.«
                                      95.
                               Siebentes Fragment
                           Schrift und Buchdruckerei
    Als bei den Griechen die Schrift noch nicht oder wenig im Gebrauch war,
erklang die Sprache als ein lebendiges Wort; die Stimme des Dichters und seines
Sängers war eine Aufbewahrerin aller menschlichen Empfindungen und Gedanken.
Daher die Gestalt der ältesten Poesie in ihrem Reichtum an Bildern und Tönen, in
ihrer Naturpracht und Naturschönheit, aber auch in ihrer Wandelbarkeit, ihrer
Ungewissheit, ihren Fehlern und Mängeln.
    Mit Einführung der Schrift ging der grösseste Teil dieses alten Worts zu
Grabe; nur weniges von ihm ward aufbehalten und allmählich geregelt. Mit
Einführung der Schrift kam Prose auf, Geschichte und Beredsamkeit wurden
ausgebildet; und wenn sich jetzt die Poesie neben ihnen hervortun wollte, so
lief sie Gefahr, stolz, aufgeblasen und, wo sie vom lebendigen Vortrage ganz
entfernt war, unverständlich und schwindelnd zu werden. Eben nur der lebendige
Vortrag hatte sie ehemals im Kreise einer schönen Anschaulichkeit erhalten; auf
dem Teater (die Chöre ausgenommen) erhielt er sie noch lange in diesem
glücklichen Kreise.
    Da indessen bei einem so lebhaften Volk, wie die Griechen waren, auch das
Geschriebene zum lebendigen Vortrage geschrieben war, indem Herodot z.B. einige
Bücher seiner Geschichte zu Olympia wie ein Gedicht vorlas, und in den
griechischen Republiken die öffentliche Beredsamkeit jeder Art des Vortrages,
selbst der Philosophie, den Ton angab, so musste notwendig auch in Schriften der
Griechen sich lange Zeit jene alte, wenn ich so sagen darf, poetische Weise
erhalten: zu schreiben, als ob man spräche. Schreibend trug man vor; man schrieb
gleichsam laut und öffentlich, als ob zu jedem Buch ein Vorleser wie sein Genius
gehörte. Ohne Zweifel ist dieses die Ursache, warum in der Prose der griechische
Periode so künstlich und schön wie in keiner andern Sprache ausgebildet worden;
der offne Mund der Griechen, die Poesie, die ihm vorging, und der öffentliche
Redevortrag, der den Rhapsodien der Poesie folgte, hatten ihn geformet.
    Bei den Römern nicht anders; denn auch bei ihnen herrschte die Beredsamkeit
und der öffentliche Vortrag. Ihre Gedichte lasen sie öffentlich vor; aus
Persius, Juvenal, Plinius u.a. wissen wir, mit welcher Sorgfalt, mit welchem
Aufwande von Kunst, zuletzt von Ziererei und Torheit.
    Bei Griechen und Römern war das Bücherwesen anders wie bei uns bestellt. Man
las viel weniger; grosse Biblioteken waren selten und die Büchermaterialien
kostbar. Man schrieb also auch weniger. In Rom schrieb nicht jeder Sklave und
Bürger, sondern nur die zur Gelehrsamkeit oder zu Geschäften Erzogene: Menschen
von gutem Ton, Feldherren, Staatsmänner, Kaiser. Man hielt das Schreiben für
etwas Edles und, aufs beste zu schreiben, für einen Ruhm, der länger als ein
Triumph währte.
    Man nahm sich daher im Schreiben eine bestimmte Bahn; Zeitgenossen und
Freunde teilten sich in dieses oder jenes Feld der Bearbeitung, und wie die
römische Sprache imperatorisch gebot, so liebte sie auch in der Schreibart die
Kürze, die Bestimmteit. Oft kehrte man den Stil um und löschte aus; man
glättete und zierte, wie die Schreibtafel, so auch die Gedanken.
    Der mühsamere Weg, wie man damals zu Büchern kommen konnte, machte Bücher
auch werter; bei einem höheren Begriff von dem, was sie entielten, wandte man
auch mehr Fleiss auf das, was sie entalten sollten. Welchen Wert legte Horaz auf
seine wenigen Schriften! lange poliert, liess er ein kleines Buch nach dem andern
erscheinen, das bei uns wie ein Tropfe in den Ozean fliessen würde. Höchst
ausgearbeitet sind Virgils Werke; und dennoch war ihm die »Äneis« nicht
ausgearbeitet gnug. Er wollte, dass sie ihn nicht überlebte. So sorgfältig
hervorgetrieben sind fast alle Schriften, insonderheit die Gedichte der Römer.
Mit drei kleinen Büchern seiner Elegien wollte Properz vor der Proserpina
erscheinen; in sie alle Schönheiten der griechischen Elegie gebracht zu haben,
diese Ehre war der Zweck seines Lebens. Setzet ihn, setzet Horaz, und wen Ihr
wollet, in unsre bücherreichen Zeiten: schwerlich hätten sie mit soviel
Zuversicht, mit so umfassendem, tiefdringenden Fleisse gedichtet. Bis zu Boëtius
und Ausonius hin ist fast jedes kleinste römische Werk ein Mosaik, ein
gearbeitetes Fresko- oder Miniaturgemälde.
    Jedermann ist bekannt, dass in den mittleren Zeiten die Barbarei einesteils
auch vom Mangel an Büchern und Schreibmaterialien herkam. Wie manche schöne
Schrift der Alten ward von den Mönchen unwiederbringlich verlöscht, damit sie
auf das dadurch gewonnene Pergament ihre Chorgesänge und Homilien schreiben
konnten. Heil dem Erfinder des Lumpenpapiers! wo er begraben liege, Heil ihm!
Mehr als alle Monarchen der Erde hat er für unsre Literatur getan, deren ganzer
Betrieb von Lumpen ausgeht und so oft in Makulatur endet! Wie der Sonnenschein
die Fliegen, so hat er Schriftsteller geweckt und die Sosien bereichert.
    Denn man bemerke: eben in dem Jahrhunderte, in dem das Lumpenpapier in
Gebrauch kam, traten auch jene längeren Romane hervor, die vorher
jahrhundertelang kurze Volksmärchen oder Lieder und Fabeln gewesen waren. Wie
entfernt z.B. hatte Karl der Grosse vom Erzbischof Turpin, König Artus von
Gottfried von Monmout, Wolfdietrich von Eschilbach und jeder andre Romanheld
von seinem Chronik- oder Romanschreiber gelebet! Keiner von diesen Schreibern
erfand die Fabel, die er in die Büchersprache brachte; sie war längst im Munde
der Sänger oder des Volks gewesen und in ihm vielfach verändert worden. Jetzt
nahm sie der Genius der Unsterblichkeit auf; denn das Lumpenpapier war erfunden.
Allgemach lernte man lesen, da man sonst den Sänger und Fabelerzähler nur hatte
hören können.
    So vermehrten sich Chroniken, Romane, allmählich auch Abschriften der Alten.
Wäre die Erfindung des Lumpenpapiers früher gekommen, wieviel weniger wäre
untergegangen! wieviel Schätzbares hätten wir ihr zu danken! Und noch sind wir
ihr sowohl durch Überschreibung aus älteren Pergamenten als durch die von ihr
veranlasste Umarbeitungen alter Sagen und sonst viel schuldig.
    Was indessen ehemals das ägyptische Schilf (biblos)
    getan hatte, dass es nämlich die griechischen Rhapsoden allmählich verstummen
machte und statt ihrer lebendigen Gesänge Bücher (biblia) in die Hand gab, das
taten mit der Zeit auch die Baumwoll- und Lumpenschriften. Provenzalen und
Trobadoren, Fabel-und Minnesinger schwiegen allmählich; denn man sass und las. Je
mehr sich Schriften vermehrten, desto mehr verminderten sich ganz eigentümliche,
freie Gedanken; endlich ward der menschliche Geist ganz in Lumpen gekleidet. Auf
diese ward geschrieben, was man lesen und nicht lesen wollte; mochte es am Ende
sich selbst lesen! -
    Nun trat die Buchdruckerei hinzu und gab beschriebenen Lumpen Hügel. In alle
Welt fliegen sie; mit jedem Jahr, mit jeder Tagesstunde vom ersten erwachenden
Morgenstrahl an wachsen dieser literarischen Fama die Schwingen, bis an den Rand
der Erde. Jenes Orakel: »Wenn Menschen schweigen, so werden die Steine
schreien,« ist erfüllt; worüber Menschenstimmen schweigen, darüber sprechen und
schreien gegossene Buchstaben, merkantilische Hefte.
    Nach so vielen andern eine Lobrede der Buchdruckerei zu halten wäre ein sehr
unnötiges Werk; wir wissen alle, was wir an ihr haben. Nur durch sie, erst durch
sie ist zusammenhangende und verglichene Erfahrung des menschlichen Geschlechts,
Kritik, Geschichte und eine Welt der Wissenschaften worden.
    Aber auch was wir an ihr nicht haben, ist zu bemerken: was sie nämlich nicht
geben kann, ja worin sie störet. Eignen Geist nämlich kann sie nicht geben;
lebhafteren, tieferen Genuss an der Quelle des Wahren, Guten und Schönen mag sie
durch die unzählbare Konkurrenz fremder Gedanken hier befördern, dort aber auch
hindern.
    Mit der Buchdruckerei nämlich kam alles* an den Tag; die Gedanken aller
Nationen, alter und neuer, flossen ineinander. Wer die Stimmen zu sondern und
jede zu rechter Zeit zu hören wusste, für den war dies grosse Odeum sehr
lehrreich; andre ergriff die Bücherwut; sie wurden verwirrte Buchstabenmänner
und zuletzt selbst in Person gedruckte Buchstaben.
    Von Anbeginn ist dies nicht also gewesen. Ursprünglich dachte der Mensch, er
handelte und genoss, er sprach und hörte. Wenn er schreiben konnte, schrieb er,
nur aber, was zu schreiben war; nicht ward er selbst, ohne zu sehen und zu
hören, ein schreibender Buchstab; jetzt - - -
    Ist dessen die menschliche Natur fähig? kann sie es ertragen? Verwirren sich
in diesem gedruckten Babel nicht alle Gedanken? Und wenn dir jetzt täglich nur
zehn Tages- und Zeitschriften zufliegen und in jedem nur fünf Stimmen zutönen:
wo hast du am Ende deinen Kopf? wo behältst du Zeit zu eignem Nachdenken und zu
Geschäften? Offenbar hat's unsre gedruckte Literatur darauf angelegt, den armen
menschlichen Geist völlig zu verwirren und ihm alle Nüchternheit, Kraft und Zeit
zu einer stillen und edlen Selbstbildung zu rauben. Selbst in der Gesellschaft
sind die menschlichen Stimmen verhallet; Romane sprechen und Journale.
    Diderot hat irgendwo die Frage an sich getan, die wohl jeder tut, wenn er
aufs Land oder auf eine Reise geht: »welche Bücher er als Freunde mit sich
nehmen möchte?« Wie im Leben so hat auch im Lesen der Mann von Herz nur wenige
geprüfte Freunde, und bei eigner Komposition bleibet er gern allein.
    Würden Homer und Sophokles, Horaz, Dante und Petrarca, würden Shakespeare
und Milton ihre Werke im Kreise unsrer Bücher- und Lesewelt gemacht haben?
Schwerlich.
    Denn unverkennbar ist's, dass, je mehr durch die Buchdruckerei die Werke
aller Nationen allen gemein wurden, der ruhige Gang eigentümlicher Komposition
grossenteils aufgehört hat. Wer fürs Publikum schreibt, schreibt selten mehr ganz
für sich als den innersten Richter; daher Pascal und Rousseau unter so vielen
Autoren so wenige Menschen fanden. Wird nun das Publikum gar wie ein blinder
Maulesel gelenkt, und schmeichelt der Schriftsteller der Zunft, die es äffet und
leitet: »Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern?« möchte man
sodann jedem Schriftsteller sagen, der aus Not oder Feigheit dem hässlichen
Götzen Modegeschmack dienet.
    »Schreibe!,« sprach jene Stimme, und der Prophet antwortete: »Für wen?« Die
Stimme sprach: »Schreibe für die Toten! für die, die du in der Vorwelt lieb
hast.« -»Werden sie mich lesen?« - »Ja; denn sie kommen zurück, als Nachwelt.«
                                      96.
    »Apechou, anechou!« »Entalte dich, dulde!« Sind wir denn mit der Literatur
aller Welt vermählet? Ist kein Riegel zu finden, der uns gegen das Andringen
schwarzer Buchstaben schütze? kein Seil zu finden, das uns am Mastbaum halte,
indem wir mitten durch den Gesang derer, die da wissen, was war, ist und sein
wird, gerade hindurchfahren? Gehört fremden Meinungen unser Geschmack und
Verstand, unser Wille und gewissen Gehören den Seeleverkäufern unsere Seelen?
    Wahr ist's. Mit der Buchdruckerei hat sich im Reich der Gedanken vieles
geändert, und es kann wohl sein, dass, wenn die Wissenschaften durch sie steigen,
der Geschmack sich durch sie verwirren, Genie und Sitten endlich vielleicht gar
zugrunde gehen müssten, wenn sich nicht ein hülfreicher Genius des menschlichen
Geschlechts annähme. Lassen Sie uns aber an diesem hülfreichen Genius nicht
zweifeln.
    Ehe Buchdruckerei da war, ging jede europäische Nation in einem engeren
Bezirk von Ideen umher; ihr Charakter war vielleicht fester. Durch Reisen und
Lesen ist allem Bösen und Guten fremder Nationen die Tür geöffnet, und wenn es
sich durch den Namen Geschmack, »neuer, fremder Geschmack,« Aufmerksamkeit
erwerben kann, so hat es ohne weitere Überlegung die Menge für sich. Welchen
Torheiten haben wir nicht nachgeahmt? welchen werden wir noch nachahmen! Nicht
etwa nur im spanischen, englischen, französischen, griechischen, ebräischen,
selbst im arabischen, tatarischen, sinesischen Geschmack haben wir Deutsche
gesungen und gedichtet. Die Sprache aller Wissenschaften, Bilder und Ausdrücke
der verschiedensten Völker sind in unsre Poesie, in jeden Vortrag, der das Volk
angehen soll, geflossen, so dass von jener tonhaltenden, gleichmütigen Denk-und
Schreibart, in welche Griechen und Römer das Wesen der Schreibart setzten,
wenige einen Begriff zu haben scheinen. Aus allen Völkern wird für alle Völker,
aus allen Sprachen für alle Sprachen geschrieben; die subtilste Abstraktion und
die niedrigste Popularität finden in demselben Buch, oft auf derselben Seite
nebeneinander Raum. Wenn wir das Richtmass, das Samuel Johnson an einige
englische, von ihm genannte metaphysische Dichter angelegt hat, an jede
Produktion unsrer Sprache anlegen wollten, wo stünden wir?
    Vor der Buchdruckerei war es möglich, diese und jene Schrift vor diesen und
jenen Augen zu verbergen; kaum ist dieses jetzt mehr möglich. Alles lieset
alles, es möge von ihm verstanden werden oder nicht; nach der verbotnen Speise
lüstet man am meisten. Und da die Torheit derer, die dies zu frühe, zu viele, zu
vermischte Lesen auf die unvorsichtigste Art befördern, mit dem Eigennutz, dem
Stolz, der Eitelkeit, dem Erwerb andrer im festesten und schädlichsten Bunde
stehet, so kann nur eine Macht in der Welt diesen Unfug hemmen. Es ist bessere
Erziehung, die ihre Zöglinge nicht erst durch Schaden klug werden lässt, und ein
stiller Bund aller Guten untereinander, nichts Unwürdiges zu verbreiten oder zu
loben. Möge Gift mischen, wer da will, und das am feinsten gemischte Gift die
lautesten Ausrufer finden, von uns sei der Giftmischer sowie der Ausrufer
verachtet, Mit der Verwirrung des Geschmacks und dem Despotismus fabrizierender
Schriftstellerei ist's so weit gekommen, dass, da das Schlechteste ohn alles
Erröten auf die unverschämteste Weise gelobt werden darf, dieser unverschämte
Despotismus sich selbst seinen Fall bereitet. Er muss sich selbst einen
Widerstand erwecken, der ihn einschränke und bezäume, oder wir gehen durch unsre
Lizenz zugrunde; denn da durch die Buchdruckerei die Kritik selbst feil geworden
ist, so hat sie auch bei den Niedrigsten ihr Ansehen verloren. Ihre Faszen
gelten sowenig mehr als ihr Lorbeer.
    Ich komme zurück auf meinen Bund der Freunde. Wie die Buchdruckerei, so wird
die Kupferstecherkunst gemissbraucht; jene hat den Geschmack in Werken des
Geistes, diese in Werken der Kunst beinahe zugrunde gerichtet. Nur ein Mittel
ist gegen sie wirksam: entschlossene äusserste Verachtung. Niemand kaufe ein
Buch, das schlechter Kupferstiche wegen da ist; niemand besudle mit diesen
Verderberinnen des Geschmacks seine Wände; denn so wie durch schlechte Bücher
gute verhindert werden, so wird durch schlechte Kupferstiche die wahre Kunst
getötet. Ägyptische Schwarzkünstler wollen wir die heissen, die diese beiden
grossen Erfindungen unsrer Nation zu einem niedrigen Erwerb entweihet haben, und
Schwarzkünstlerknechte diejenigen, die ihnen zu ihrer schändlichen Fabrikware
artistisch oder literarisch helfen.
                                      97.
                                Achtes Fragment
                     Reformation, Handel und Wissenschaften
    Grossen Begebenheiten sind immer Revolutionen des Geschmacks gefolget. Ohne
in die Geschichte der Griechen und Römer, der Mönchs- und Ritterzeiten
zurückgehen zu dürfen, sehen wir dies insonderheit in den Jahrhunderten, die der
Reformation vorangingen und ihr folgten.
    Europa ward allgemach ruhiger. Städte, Handel und Gewerbe, mit ihnen auch
einige Künste fingen an zu blühen; nach und nach verfeinte sich der Geschmack
mit ihnen. Dante, Petrarca, Boccaz erschienen; es erwachten die Alten in ihren
Gräbern. Konstantinopel ward erobert, die Griechen flohen nach Italien, und es
entstand ein Entusiasmus ohne seinesgleichen. Die schönen Künste und die
Literatur der Alten war, wiefern es die Zeit gestattete und angab, auf ihrem
höchsten Gipfel.
    Die Entdeckung fremder Weltteile, ein veränderter Zustand der Finanzen, des
Krieges, der Stände folgte; die Buchdruckerei kam in Gang; ihr folgten neue,
zumal Naturwissenschaften; dies alles läutete der Poesie der mittleren Zeiten
völlig zu Grabe. Die Entdeckung fremder Weltteile mochten späterhin Camoens,
Ercilla u.a. singen; der Gegenstand war gross und neu; Wunder der Natur,
ungesehene Dinge wurden beschrieben; in Wissenschaften kam ein neues Universum
zum Anblick, und doch taten die Gesänge von ihnen bei weitem nicht die Wirkung,
die einst vielleicht ein kleiner Fabelgesang getan hatte. In dem Verhältnis, als
hie und da der Reichtum, die Pracht und Freigebigkeit alter grosser Familien
sank, erlosch auch der Glanz ihrer alten Taten; mit ihren Hofhaltungen gingen
auch ihre Lobgesänge hinunter. -
    Die Reformation endlich und die Philosophie, die ihr folgte, schufen der
Poesie völlig eine andre Zeit. Jahrhundertelang hatte man Klagen angestimmt über
den verderbten Zustand der Klerisei und aller Stände; die Zeit war gekommen, da
die Erbitterung aufs höchste stieg und nicht minder in Versen als in Prose ihre
scharfen Pfeile abschoss. Eine Menge Satiren dieses Inhalts, zum Teil voll Geist
und Herz, erschienen; schade, dass sie sich mit der Zeit selbst überlebt haben;
denn dauernde Gesänge konnten sie nicht bleiben. Die Reformation selbst ist
weniger eines heroischen Lob- als eines philosophischen Lehrgedichts fähig; die
Verdienste der Reformatoren zeigen sich würdiger in ihren Lebensbeschreibungen
und eignen Schriften als in Heldengesängen und Oden. Überhaupt verjagte das neue
Licht und die zugleich mit ihm aufkommende Streitteologie aller christlichen
Parteien in Europa sowohl die Schatten des Aberglaubens als manche schöne
Einkleidungen, die für die Einfalt der mittleren Zeiten sehr weise ersonnen
waren.
    Hier beginnet nun eine grosse Scheidung der Völker. Nationen, die ihrem alten
Lehrsystem zugetan blieben, hielten auch an ihrer alten Dichterweise, z.B.
Italiener, Spanier und andre katolische Völker. Je früher sie zum guten
Geschmack gelangt waren, je vielseitiger er sich bei ihnen eingewurzelt hatte,
je grössere Vorbilder sie besassen, desto fester hingen sie an ihren Stanzen und
Reimen. Italien liess sich seinen Dante und Petrarca, Spanien seinen Lope,
Garcilasso u.f. nicht nehmen; auch hat sich seitdem das Äussere ihrer Poesie
völlig erhalten, obgleich deswegen, wie man oft glaubt, der Geist dieser
Nationen seitdem nicht stillstand. Die alten Formen dünkten ihnen gut, und sie
gossen darein, wenn der Genius sie antrieb, neue Gedanken.
    In der protestantischen Welt dagegen kam eine neue Poesie auf. Nicht etwa
nur Gegenstände der Religion wurden durch das Medium der neuen Aufklärung
gesehen, sondern die gesamte Vorwelt ward durch ebendieses Medium betrachtet. In
Spanien und Italien hätten Shakespeare. Milton, Butler u.f. nicht schreiben
können, wie sie schrieben; eine Freimütigkeit im Denken, die ein Vorbote der
Philosophie war, hatte sich in den protestantischen Ländern über manches schon
verbreitet; andern Gegenständen nahte sie sich nach ebender Regel. Unvermerkt
also nahm die Poesie der neuen Glaubensverwandten eine philosophische Hülle um
sich, die der Sinnlichkeit vielleicht schadete, dem menschlichen Geist aber
notwendig war. Ein Italiener z.B. wird in den meisten Oden der Engländer
durchaus nichts Lyrisches finden, da ihnen, seinem Ohr und Auge nach, Wohlklang,
Fortleitung und Bestandheit der Bilder, Zusammenhang der Empfindung, kurz,
Melodie und Harmonie fehlet. W. Jones zergliedert hinter seinem Kommentar über
die Poesie der Morgenländer den Anfang von Miltons »Paradiese« und kann in ihm
nach morgenländischer Weise nichts Poetisches finden. Vielen deutschen Dichtern
würde es nicht besser ergehen; denn offenbar sind die meisten nur durch
Reflexion Dichter. In den ältern Zeiten, in denen man sich der Natur freier
hingab, diese in sich stehen und auf sich unbefangen wirken liess oder sie, so
gut man's vermochte, zur Kunst umschuf, war und blieb man ein Natursänger, der
auf gleichgestimmte Gemüter seine Wirkung nicht verfehlte. In mancher alten
englischen Ballade ist vielleicht mehr freier Wohlklang und poetischer Geist als
in Young und Pope miteinander. Durch Reflexion sind diese Poeten; eine denkende
ist die britische Muse.
    Seit der Reformation und dem hell aufgegangnen Licht der Wissenschaften
gelangen also keine persönlichen Heldengedichte mehr, mit dem Wunderbaren der
alten Zeit bekleidet. Ariost konnte die Märchen, die man ehemals geglaubt hatte,
seinen Italienern zierlich in Stanzen kleiden; ihm und ihnen waren sie
zeitkürzende Märchen, die niemand glauben sollte. Uns kann Wieland die
Geschichte Huons mit allem Zauber der Feenwelt darstellen; in seinem Märchen ist
Oberon eine so wahre Person wie Huon und Karl der Grosse. Wenn aber Tasso eine
für wahr gehaltene Religion mit in seine Dichtung mischte, so stehen beide schon
nicht auf einem Grunde; selbst dem katolischen Glauben nach wird er in diesen
zwischen Wahrheit und Trug gemischten Szenen eine schwächere Wirkung
hervorbringen, als die ein reines Märchen hervorbrächte. Protestanten werden den
Milton wie einen Bramante und Michael Angelo bewundern, schwerlich aber sein
Gedicht mit so ungestörtem Glauben lesen, wie sie ein reines Märchen lesen
würden; das Religionssystem schadet seinem Gedichte. - Historische Epopeen haben
daher in der neueren Zeit fast keine Wirkung getan, weil ihnen als Gedichten
durchaus der Glaube fehlet. Das Zeitalter der Elisabet, ob sie gleich selbst
eine Dichterin war und Schmeicheleien sehr liebte, ward nur in Sonetten besungen
oder in Allegorien; Cromwell und die Wiederherstellung Karls II. nur in Oden
gepriesen. Auch mit grösseren Talenten, als Chapelain hatte, wäre seine Jeanne
d'Arc so wenig die bleibende Nationalheldin einer Epopee geworden, als wenig es
Voltaires Heinrich der Vierte worden ist. Nur in Stellen kann seine »Henriade«
etwa als ein philosophisches Lehrgedicht gelten; der Streit zwischen Dichtung
und Geschichte ist und bleibt in ihr widrig. Auch kein Held der Deutschen hat
hinter Otnit, Dietrich von Bern, dem Könige Giebich und dem Zwergenkönige Laurin
den epischen Lorbeer erlangen mögen, weder Heinrich, der Befreier Deutschlands,
noch Maximilian, Gustav Adolf u.f. Durch eine aufrichtige Beschreibung ihrer
Taten werden sie mehr geehrt als durch eine mit Wahrheit gemischte Fabel, der am
Ende niemand glaubt. Wir sind aus dieser Dämmerung hinaus und wollen durchaus
Märchen als Märchen, Geschichte als Geschichte lesen. Ein Teil der platonischen
Gesetzgebung in Ansehung der Dichter ist also ohne Hinaustreibung derselben bloss
und allein durch die linde Hand der Zeit bewirkt worden; eine verwirrte Mischung
der Fabel und Wahrheit widerstehet unserm Gedankenkreise.
    Was vom Lobe gesagt ist, gilt auch vom Tadel; die echte Muse hasset auch in
ihm alles zu Bittere, geschweige die Verleumdung. Warum fallen persönliche
Satiren so bald in Vergessenheit oder Verachtung? Ihrer Ungerechtigkeit und
Übertreibung, kurz, des unedlen Gemüts wegen, das der Begeistrung einer Muse
nicht wert war. Es gibt z.B. kaum ein witzigeres, ein lehrreicheres Gedicht
gegen die Schwärmerei, als Butlers »Hudibras« ist; auch hat es zur damaligen
Zeit seinen Zweck mehr erreicht, als wenn der Dichter auf den königlichen
Märtyrer das frömmste Heldengedicht geschrieben hätte; wer indessen wird es
jetzt ohne einigen Überdruss, wenigstens ohne den Wunsch lesen, dass sein
Verfasser die Gabe der Muse, die er besass, edler angewandt hätte? - Swift,
vielleicht der strengste Verstandesmann, den England unter seine Schriftsteller
zählet, der unbestochenste Richter in Sachen des Geschmacks und der Schreibart,
gab sich, von bösen Zeitverbindungen gelockt, ins Feld der Satire; wer aber ist,
der von Anfange bis zu Ende seines Lebens ihn deswegen nicht bitter beklaget? So
treffend seine Streiche, so vernünftig seine Raserei in Einkleidungen und
Gleichnissen sein mag, wie anders sind seine Sätze und Sprüche, wo er reine
Vernunft redet! Alles, was die Engländer humour nennen, ist Übertreibung; ein
verzeihlicher Fehler der Natur, der hie und da zur Schönheit werden kann, nur
aber zu einer National- und Zeitschönheit. Die Alten kannten das Reizende eines
kleinen Eigensinnes auch; sie waren aber weit entfernt, die ganze Gestalt eines
Menschen als Unform diesem einen Zuge aufzuopfern. Nur dahin ist humour zu
sparen, wohin er gehöret, und die gemeine humoristische Poesie hat das Unglück,
dass sie sich mit der Stunde selbst überlebet.
    Was vom Lobe und Tadel gilt, gilt auch von der sogenannten poetischen
Beschreibung. Alle Poesie ist von der Zeit abgedankt oder wird von ihr abgedankt
werden, die durch Bilder und Gleichnisse die Sache selbst, die durch Farben und
Zierat das Bild verdunkelt. So manche poetische Landbeschreibung der Engländer
steht da, dass sie uns mit sehenden Augen blind mache; so manche andre, dass wir
bei Umschreibungen bekannter Gegenstände oder Begriffe gar nichts denken sollen.
Die meisten metaphysischen Gedichte aller Nationen hat ein neues System der
Folgezeit sanft in Vergessenheit gebracht; die Dichtkunst vollends, die unter
dem Vorwande, neue Erfindungen zu schildern, das Wörterbuch neuer Künste und
Handwerke poetisch zu ergänzen sich anmasst, sie gehört völlig unter die unfreien
Künste. Der Muse sind bessere Schilderungen angewiesen als die, worin sie der
Handwerker selbst durch eine schlichte Erzählung bei Vorzeigung der Instrumente
übertreffen möchte.
    Endlich das Unmoralische des Dichters. Hier hat die Zeit gewaltsam den
Vorhang aufgezogen und in ihrem strengen Gericht keiner falschen Grazie
geschonet. Wo sind die - - -? Wo sind sie? Wer will, wer mag sie lesen? Und
nicht auf unzüchtige Dichter allein geht dies Urteil des Rhadamantus, sondern
auch auf jeden widernatürlichen, wahre Verhältnisse des Lebens zerstörenden
Dichter. Wie manches Beispiel haben wir auch hierüber schon erlebet! Dies Licht,
diesen Tag haben Reformation, Philosophie und der unbestechliche Zeuge in uns,
das reine Menschengefühl, verbreitet.
                                      98.
    Der Unterschied, den das Fragment zwischen Poesie aus Reflexion und (wie
soll ich sie nennen?) der reinen Fabelpoesie macht, ist mir aus der Geschichte
der Zeiten, auf die das Fragment weiset, ganz erklärlich worden. Solange nämlich
der Dichter nichts sein wollte als Minstrel, ein Sänger, der uns die Begebenheit
selbst phantastisch vors Auge bringt und solche mit seiner Harfe fast unmerklich
begleitet, solange ladet der gleichsam blinde Sänger uns zum unmittelbaren
Anschauen derselben ein. Nicht auf sich will er die Blicke ziehen, weder auf
sein graues Haar noch auf sein Gewand, noch auf den Schmuck seiner Harfe; er
selbst ist in der Vision der Welt gegenwärtig, die er uns ins Gemüt ruft.
    Dies war der Ton aller Romanzen- und Fabelsänger der mittleren Zeit, und (um
bei der englischen Geschichte zu bleiben, aus der das Fragment Beispiele holet)
es war noch der Ton Gottfried Chaucers, Edmund Spensers und ihresgleichen. Der
erste in seinen Canterbury-Tales erzählt völlig noch als ein Troubadour; er hat
eine Reihe ergötzender Märchen zu seinem Zweck der Zeitkürzung und Lehre,
charakteristisch für alle Stände und Personen, die er erzählend einführt,
geordnet; er selbst erscheint nicht eher, als bis an ihn zu erzählen die Reihe
kommt, da er denn seinem Charakter nach als ein Dritter auftritt. So Spenser,
obgleich er schon weit künstlicher singet, indem er die Gestalten seiner Welt
schon emblematisch ordnet. Der Fehler, den man ihm zur Last gelegt hatt.126 dass
jedes seiner Bücher ein für sich bestehendes Ganze sei, ist ja eben die Natur
und der Zweck seiner Erzählung; übrigens hat er seine Ritter- und Feengestalten
viel vorsichtiger als Ariost geordnet. - - -
    Zur Zeit der Reformation verschwand mit der Welt solcher Gesänge, der
Ritter- und Feenwelt, auch die Art ihrer Darstellung; die Dichter waren nicht
mehr einfache Sänger fremder Begebenheiten, sondern gelehrte Männer, die uns das
Gebäude ihres eignen Kopfs zur Schau bringen wollten, indem sie dasselbe wohl
durchdacht niederschrieben, damit wir's lesen. Dies gibt allem eine andre Art
und Gestalt. Lassen Sie mich zu dem Zweck einige englische Dichter parteilos
durchgehen.
    Von Shakespeare fangen wir an. Er stehet zwischen der alten und neuen
Dichtkunst als ein Inbegriff beider da. Die Ritter- und Feenwelt, die ganze
englische Geschichte und so manch anderes interessantes Märchen lag vor ihm
aufgeschlagen; er braucht, erzählt, handelt sie ab, stellet sie dar mit aller
Lieblichkeit eines alten Novellen- und Fabeldichters. Seine Ritter und Helden,
seine Könige und Stände treten in der ganzen Pracht ihrer und seiner Zeit vor,
die in so manchen Gesinnungen und dem ganzen Verhältnis der Stände gegeneinander
uns jetzt wie eine aus den Gräbern erstehende Welt vorkommt. Wie oft müssen wir
über die wundersame Einfalt und Befangenheit jener Zeiten lächeln! In dem allen
ist er ein darstellender Minstrel, der Personen, Auftritte, Zeiten gibt, wie sie
sich ihm gaben und zu seinem Zweck dienten. Nun aber, wenn er in diesen Szenen
der alten Welt uns die Tiefen des menschlichen Herzens eröffnet und im
wunderbarsten, jedoch durchaus charakteristischen Ausdruck eine Philosophie
vorträgt, die alle Stände und Verhältnisse, alle Charaktere und Situationen der
Menschheit beleuchtet, so milde beleuchtet, dass allentalben das Licht aus ihnen
selbst zurückzustrahlen scheinet, da ist er nicht nur ein Dichter der neuern
Zeit, sondern ein Spiegel für teatralische Dichter aller Zeiten. Lasst dem alten
guten W. Shakespeare alles, was ihm und seinen Zeiten gehört; gebt uns aber mit
seiner unendlichen Bescheidenheit, die nirgend in Person repräsentiert, in
welchen Gestalten es sei, soviel innere Charakteristik soviel tiefe und
schneidende Wahrheit, als er aus seiner alten Welt uns darbrachte.
    Mit Milton fängt sich die neuere englische Dichtkunst an; mich dünkt, er
zeige die Summe dessen, was Reflexion in der Dichtkunst zu leisten vermöge. Der
unglückliche blinde Mann war in Zeiten gefallen, in üble Zeiten
fall'n on evil days,
On evil days tough fall'n and evil tongues,
In darkness and wit dangers compass'd round,
And solitude; yet not alone-
    Er rief seine Urania vom Himmel, die ihn im nächtlichen Schlummer oder am
frühen Morgen besuchte und seinen Gesang beherrschte. Dem gelehrten,
starkmütigen Mann stand bei einer grossen Kenntnis der alten und italienischen
Dichter auch eine Welt voll Sachen, insonderheit aber seine Sprache dergestalt
zu Gebot, dass er bei seinem erwählten Tema, an welchem er sich etwas sehr
Grosses dachte, in jedem Wort
und Laut, in jeder Zusammenstellung und Verknüpfung der Worte sich seine eigene
altneue klassische Sprache nach Mustern der Alten als Philosoph und Meister
ausschuf. Sein grosses Gedicht sollte kein Märchen der alten Zeit, sondern in
Form der Erzählung ein heiliges Gedicht über Himmel und Hölle, über Paradies,
Unschuld und Sünde, mitin eine Aussicht über unser ganzes Geschlecht werden.
Nicht wollte er etwa bloss zeitkürzend vergnügen, sondern belehrend erbauen und
seine Enzyklopädie von Wahrheiten in einer heiligen Sprache feststellend
verewigen. Daher wählte er weder Chaucers Reime noch Spensers Stanzen; den
prächtigen Jambus wählte er, der in manchem englischen Psalm und alten
Volksgesange wie zur Trompete ertönt, auch in Shakespeares tragischen Stücken
auf der Bühne viel Wirkung getan hatte. Er brauchte ihn aber nicht wie
Shakespeare leicht und fliessend, sondern, dem Inhalt seines Gedichts und seinem
Geist angemessen, wie in heroischem Schritt, obwohl abwechselnd und
mannigfaltig, dennoch eintönig, prächtig und edel. Weder Young noch Tomson,
weder Glover noch Akenside haben ihn hierin erreichet. Jede Kadenz, jedes Bild
und Gleichnis, jede ungewohnte Redart ist von dem blinden Mann sorgfältig
ausgedacht und an ihre Stelle geordnet. Vielleicht gibt's keinen englischen
Dichter, der die viel- und einsilbigen Wörter dieser fast einsilbigen Sprache
angenehmer zu wechseln und die barbarische Dissonanz seiner Zeiten
 - the barbarous dissonance
 of Bachus and his revellers
kunstvoller von sich zu treiben gewusst hätte als Milton. Und wie in seinen
beiden »Paradiesen« ward er in seinem »Lycidas« und »Comus,« in seinem »Allegro«
und »Penseroso,« selbst im »Samson« und andern Gedichtarten in Ansehung der
Sprache und Anordnung der Gedanken, insonderheit in seinem musikalischen
Verstau, ein von seiner Nation noch unerreichtes Muster. Solange die englische
Sprache lebt, wird Milton der Anführer ihres Chorgesangs in Jamben, der
erzählenden Naturbeschreibung in ebendiesem Silbenmasse und im Ausdruck des
Affekts jener monodischen Klage bleiben, die seine Nation nach ihm so vielfach
gebraucht hat. In jeder Zeile des Gesanges ist er der Vater eines poetischen
Numerus und Rhytmus, den der blinde Barde mit Überlegung erfand und seiner
unharmonischen Sprache mit sehr harmonischem Ohr gleichsam aufzwang.
    Neben Milton lebte Cowlei, ein gleichfalls gelehrter, von ihm aber sehr
verschiedener Dichter. Geübt in der Sprache der Römer, durchdrungen von der
Schönheit der Natur, deren Pflanzen und Bäume er mit liebendem Fleiss besang,
noch mehr durchdrungen von der praktischen Philosophie der Alten (wovon seine
schönen Versuche in Versen und Prose zeigen), hatte er dennoch das Unglück, mit
seiner sogenannten Pindarischen Ode ein glänzend böses Beispiel aufzustellen,
dem man nur zu oft nachgefolgt ist. Pindar nämlich in seiner Ode ist nie
trunken; jedes Bild, jede mytologische Geschichte, ja jeder Spruch in ihm
stehet umschrieben da, und der ganze Gang des Gesanges ist weise geordnet. Der
böse Geschmack, der zu Cowleis Zeiten insonderheit an Hofe herrschte, verführte
ihn, sowohl in seinen anakreontischen als pindarischen Oden statt des Ausdrucks
der Empfindung Pfeile des Witzes zu werfen und hiezu Versart und Reim
anzuwenden. Unter seinen witzigen sind oft auch grosse Gedanken, ja, verschiedne
Oden wären ohne diese gesuchte Manier Muster schöner Phantasien; denn es ist in
ihnen viele Wissenschaft und viel Scharfsinn. Die Ode Cowleis ist nachher von
andern, Mason, Grei, Akenside u.f., sittsamer, wohl auch gelehrter gemacht
worden; ich zweifle aber, ob auch harmonischer im Sinne der Alten. Sie ist und
bleibt ein gotisches Gebäude, unzusammenhängend und unübersehbar in ihren
Teilen, übertrieben in Bildern, mit Zierat überladen, in der Abwechslung des
Rhytmus ungleich und unharmonisch. Seitdem sich gar die Laune oder Satire
derselben bedient hat, missgönnet man ihr den Name Ode ganz; britisches Capriccio
sollte sie heissen. - Cowlei war also selbst im Fehlerhaften ein Dichter aus
Reflexion, oft nur ein witziger Dichter; demohngeachtet aber ist er ein guter
Gesellschafter, von dem man angenehm lernet.
    Mit Cowlei lebte Waller und gab einer andern Manier den Namen, die den
französischen Artigkeiten nahekommt; aber warum ist sie mir artig? Galanterie
ist eine Modeschönheit; sie ändert sich mit den Zeiten. Auch sind von Waller
fast nur noch die Stücke beliebt, die Empfindung verraten. Von Prior, Littleton,
und wer auf ebendem Wege ging, gilt dasselbe. Die fashionable Poetry der
Engländer hat sich in Ausdrücken und Wendungen dergestalt wiederholet, dass man
nicht nur bei jedem Reim den folgenden, sondern oft auch bei der ersten Zeile
des Stücks die letzte zuvor weiss.
    Mit dem verderbten Hofe Karls II. ging die Herrschaft des spielenden Witzes
zu Ende; die britische Muse ward, was sie anfangs gewesen war, eine denkende
Muse.
    Ich übergehe die Beiträge Denhams, Roskommons, Dorset, Garts zu Gründung
eines bessern Geschmacks; Dryden voran, Pope nach ihm zeigten, worin die Poesie
der Neueren am natürlichsten bestehe, nämlich in versifiziertem gesundem
Verstande. Beide Dichter (mit ihnen Gay, Parnell, Prior u.a.) haben fast alle
Einkleidungen versucht, deren ihre Sprache fähig war; sie konnten's aber nicht
weiter bringen, als gesunden Verstand in nachgeahmten, hie und da selbst
erfundnen Einfassungen zu reimen. Pope brachte es darin aufs höchste. In seiner
unsangbaren Sprache hat er in englischer Manier das getan, was Metastasio in
einer Sprache, die ganz Gesang ist, auf eine ungleich angenehmere Weise tat; er
brachte nämlich alle schöne Sentenzen, philosophische Grundsätze und
Lebensregeln aufs kürzeste und zierlichste in Reime und wird darin schwerlich
übertroffen werden. Zehn Dichter hatten ihm hierin vorgearbeitet; er kam zu
rechter Zeit und brach die Blume. Bolingbroke, Shaftesbury, King und Leibniz
gaben ihm zu seinem »Essay on Man« Philosophie in die Hand; er reimte ihre
Systeme, so gut er konnte, und hat sie fast durchgehends vortrefflich gereimet.
Auch Charaktere reimte er meistens in Gegensätzen, scharf und schneidend,
insonderheit wo der Affekt ihm die Feder schärfte, also dass Popes Gedichte für
eine gereimte Blütensammlung aller Moral, auch vieler Weltkenntnis und
Weltklugheit dienen können. Höher hinaus aber reichte sein Genius nicht. Von
Horaz, liebenswürdiger Satire, geschweige von seiner praktischen Welt- und
Lebensweisheit hatte Popes Gemütsart keinen Begriff, und man muss durchaus
Engländer sein, um in seinem Homer den alten oder gar den bessern Homer zu
finden. Die von ihm den Römern nachgeahmten Stücke zeigen den fürchterlichen
Unterschied, der zwischen ihrer und unsrer, wenigstens ihrer und Popes Poesie
war. Ihre Muse geht im natürlichen Gange der Sprache edeldenkend melodisch
einher; die Popische Muse geht zwangvoll und gebrechlich, oft sogar unedel
daher, über und über bedeckt mit einem Geklingel von Reimen.
    Noch zwei vorzügliche Dichter folgen auf Pope: Young und Tomson. Jener, der
durchaus ein Original sein wollte, wetteiferte in seinen »Nachtgedanken« mit
Shakespeare, Milton, Pope und allen Lehrdichtern der Welt, in seinen Satiren mit
Swift (den er sehr unwert behandelt), mit Pope und allen Satirendichtern, in
seinen Trauerspielen mit Shakespeare, Otway u.f. Ein kühner Versuch, original zu
sein, mit welchem er aber doch am Ende nichts als »Sermons,« Predigten, zustande
brachte, er mochte sie Nachtgedanken oder Oden, Satiren oder Trauerspiele
überschreiben. Seine höchste und liebste Figur in den Nachtgedanken heisst
Parentyrsus (Übertreibung), die zwar allentalben die witzigsten Tiraden, eine
aus der andern, hervortreibt und unsäglich viel schöne Sachen saget, am Ende
aber doch nichts tut, als den menschlichen Verstand über seine natürliche Höhe
schrauben. Mich wundert, dass man Young je für einen tiefsinnigen Dichter
gehalten hat; ein äusserst witziger, parentyrsisch-beredter, nach Originalität
aufstrebender Dichter ist er auf allen Seiten. Reich an Gedanken und Bildern,
wusste er in ihnen weder Ziel noch Mass; wie er auf Popes scherzhaften Rat in
Tomas von Aquino die englische Teologie studierte, so würde er diese
allenfalls auch im Koran studiert haben. Wenige Dichter sind daher mit so viel
Vorsichtigkeit wie er zu lesen; in seinen Nachtgedanken, wie der Name sagt, ist
er als ein Denker zu prüfen und jede Koketterie des Witzes für das zu halten,
was sie ist, wenn sie auch die heiligsten Sachen beträfe.
    Tomson, wie unser Gessner und Kleist ein liebenswürdiger Name. Erfunden
hatte er seine Gedichtart nicht, ob sein Verehrer Aikin ihm gleich diesen Ruhm
zuschreibt; in Milton u.a. lag sie, vielleicht in einem Keime, der künftig einer
noch schöneren Entwickelung fähig ist, längst da. Tomson aber hat den Keim
überlegend erzogen; dessen gebühret ihm die Ehre. Zu gut wusste er selbst, dass
Jahrszeiten sich in Worten und einförmigen Jamben nicht malen lassen; er
behandelt also sein Tema, wie er die »Freiheit,« die »Burg der Trägheit« und
andre Gegenstände behandelte, philosophisch. Schildernde Lehrgedichte sind seine
»Jahreszeiten«; denn mit Empfindung zur Lehre muss eine Gegend geschildert
werden, wenn sie als Poesie in die Seele des Hörenden wirken soll; eine Kunst,
die alle Nachahmer Tomsons nicht eben verstanden haben mögen. Er verstand sie,
und so wird aus dem, was ich beigebracht habe, ziemlich klar, dass die Poesie der
Engländer von Miltons Zeiten an eine reflektierende Poesie gewesen. Die
italienische singet, die französische Prosa-Poesie räsoniert und erzählet, die
englische in ihrer äusserst unmusikalischen Sprache denket.
                                      99.
    Das wahre Feld der englischen Poesie haben Sie nicht berühret; es ist die
einkleidende Prose. Sobald Chaucers Reime und die alten Balladen abgekommen
waren, man auch merkte, dass Spensers Stanzen dieser Sprache ebenso schwer als
langweilig werden müssten, suchte man nach dem Beispiel Frankreichs die
leichteste Auskunft, Prose.
    Auch hier gab den Engländern ein Engländer, Shakespeare, Art und Weise. Er
hatte Charaktere und Leidenschaften so tief aus dem Grunde geschildert, die
verschiedenen Stände, Alter, Geschlechter und Situationen der Menschen so
wesentlich und energisch gezeichnet, dass ihm der Wechsel des Ortes und der Zeit,
Griechenland, Rom, Sizilien und Böhmen, durchaus keine Hindernisse in den Weg
legten, und er mit der leichtesten Hand dort und hier hervorgerufen hatte, was
er wollte. In jedem seiner dramatischen Stücke lag also nicht nur ein Roman,
sondern auch ein in seiner Art aufs vollkommenste nicht etwa beschriebener,
sondern dargestellter philosophischer Roman fertig, in dem die tiefsten Quellen
des Anmutigen, Rührenden, wie andernteils des Lächerlichen, Ergetzlichen
geöffnet und angewandt waren. Sobald also jene alten Ritter- und
Liebesgeschichten, von denen zuletzt Philipp Sidneis »Arkadia« sehr berühmt war,
einer neueren Denkart Platz machten, so konnte man in England kaum andre als
Romane in Shakespeares Manier, d.i. philosophische Romane, erwarten.
    Der Weg zu ihnen war freilich ein beschwerlicher Weg; er ging durch Politik
und Geschichte. Da England das erste Land in Europa war, in welchem der dritte
Stand über Angelegenheiten des Reichs mitsprechen dorfte, und von den Zeiten der
Elisabet an es ein so bewerbsamer Handelsstaat geworden war, so gingen die
eigentümlichen Sitten seiner Einwohner natürlicherweise freier auseinander.
Nicht alles war und blieb bloss König, Baron, Ritter, Priester, Mönch, Sklave.
Jeder Stand zeichnete sich in seinen Sitten ungestört aus und dorfte nicht eben,
um der Verachtung zu entgehen, Sitten und Sprache seiner höhern Mitstände
nachahmen; kurz, er dorfte sich auch in seinem humour zeigen. Ohne Zweifel ist
dies der Grund, warum die Engländer diese Eigenschaft so eifrig zu einem Zuge
ihres Nationalcharakters gemacht haben; ihr humour nämlich war ein Sohn der
Freimütigkeit und eines eignen Betragens in allen Ständen. Witz, Eigensinn, gute
und böse Laune, tolle Einfälle u.f. haben andre Nationen wie sie, oft besser als
sie; nur keine Nation (ehemals vielleicht die Holländer und einige deutsche
Reichsstädte ausgenommen) glaubte sie so offenbar äussern zu müssen, weil jede
andre Nation das Gesetz der Gleichstellung mit andern zu hoch hielt. Wie aber
der Italiener seinen Capricci, der Franzose seiner Gaskonade freien Lauf lässt,
so gab der Engländer seinem trägeren humour nach: ein grosses Feld für Komödien
und Romane. -
    Wie die Parlamente in England das öffentliche Reden in Gang brachten so die
öffentlichen Blätter das Schreiben über Meinungen und Charaktere. Zeitungen und
Pamphlets, Wochenblätter und Monatschriften hatten Einkleidungen und Schreibart
dem englischen Roman gleichsam zugebildet; daher es kein Wunder ist, dass der
französische, spanische und italienische Roman eine ganz andre Strasse nahm.
Insonderheit ist der englische Roman den Triumvirn der englischen Prose, Swift,
Addison und Steele, den grössesten Dank schuldig. Der erste schrieb seine Sprache
in der höchsten Genauigkeit (Proprietät), die er in einer Menge von
Einkleidungen zu erhalten wusste. Sein Roman der Menschenfeindschaft, »Gulliver,«
ist vielleicht vom menschenfreundlichsten, aber kranken, tiefverwundeten und
seines Geschlechts überdrüssigen Denker geschrieben. Der glückliche Addison war
von einer froheren Gemütsart. Er und sein Gehülfe, Steele, besassen ebendie
goldne Mittelmässigkeit, die zu guten Prose-Schriftstellern gehöret. Als Männer
von Geschmack und von Weltkenntnis hatten sie das Richtmass in sich, für die
Menge zu schreiben, in keine Materie zu tief zu dringen und zu rechter Zeit ein
Ende zu finden. Sie haben der englischen Prose Cours gemacht und ihr das
Mittelmass gegeben, über und unter welchem man nicht schreibet.
    Nun konnten also nach und nach (viele andre Vorarbeiten ungerechnet) die
drei glücklichen Romanhelden auftreten, Fielding, Richardson, Sterne, die zu
ihrer Zeit Epoche machten. So verschieden ihre Manier ist, so wenig schliessen
sie andre glückliche Formen aus, wie Smollets, Goldsmits, Cumberlands und in
andern Nationen andre schätzbare Originale zeigen. Keine Gattung der Poesie ist
von weiterem Umfange als der Roman; unter allen ist er auch der verschiedensten
Bearbeitung fähig; denn er entält oder kann entalten nicht etwa nur Geschichte
und Geographie, Philosophie und die Teorie fast aller Künste, sondern auch die
Poesie aller Gattungen und Arten - in Prose. Was irgend den menschlichen
Verstand und das Herz interessieret, Leidenschaft und Charakter, Gestalt und
Gegend, Kunst und Weisheit, was möglich und denkbar ist, ja das Unmögliche
selbst kann und darf in einen Roman gebracht werden, sobald es unsern Verstand
oder unser Herz interessieret. Die grössesten Disparaten lässt diese Dichtungsart
zu; denn sie ist Poesie in Prose.
    Man sagt zwar, dass in ihren besten Zeiten die Griechen und Römer den Roman
nicht gekannt haben; dem scheint aber nicht also. Homers Gedichte selbst sind
Romane in ihrer Art; Herodot schrieb seine Geschichte, so wahr sie sein mag, als
einen Roman; als einen Roman hörten sie die Griechen. So schrieb Xenophon die
»Cyropädie« und das »Gastmahl,« so Plato mehrere seiner Gespräche; und was sind
Lucians wunderbare Reisen? Wie jeder andern haben also auch der romantischen
Einkleidung die Griechen Ziel und Mass gegeben. Dass mit der Zeit der Roman einen
grösseren Umfang, eine reichere Mannigfaltigkeit bekommen, ist natürlich. Seitdem
hat sich das Rad der Zeiten so oft umgewälzt und mit neuen Begebenheiten auch
neue Gestalten der Dinge zum Anschauen gebracht; wir sind mit so vielen
Weltgegenden und Nationen bekannt worden, von denen die Griechen nicht wussten;
durch das Zusammentreffen der Völker haben sich ihre Vorstellungen aneinander so
abgerieben, und überhaupt ist uns der Menschen Tun und Lassen selbst so sehr zum
Roman worden, dass wir ja die Geschichte selbst beinah nicht anders als einen
philosophischen Roman zu lesen wünschen. Wäre sie immer auch nur so lehrreich
vorgetragen als Fildings, Richardsons, Sternes Romane! -
    Viel denkende Dichter hat also England in Poesie und Prose hervorgebracht,
und die Nation ist auf sie unermesslich stolz; die Dichter selbst aber starben
meistens eines elenden, wohl gar des Hungertodes.
                                      100.
    Der poetische Himmel Britanniens hat mich erschreckt. Wo sind unsre
Shakespeare, unsre Swifts, Addisons, Fieldings, Sterne? Wo ist jene Menge von
Edlen, die vorangingen oder wenigstens mit am Werk waren, die Philipp Sidnei,
Walter Raleigh, Baco, Roscommon, Dorset, Algernon Sidnei, Shaftesbury, Halifax,
Sommers, Bolingbroke, Littleton, Walpole u.f.? Wir wachten auf, da es
allentalben Mittag war und bei einigen Nationen sich gar schon die Sonne
neigte. Kurz, wir kamen zu spät.
    Und weil wir so spät kamen, ahmten wir nach; denn wir fanden viel
Vortreffliches nachzuahmen. Franzosen, Spaniern, Italienern, Briten, selbst
Holländern ahmten wir nach und wussten nie recht, wozu und weswegen. Unser
verdiente Opitz war mehr Übersetzer als Dichter. In Weckherlin u.a. ist der
grösseste Teil fremdes Gut. So sind wir fortgeschritten; und wer ahmt uns nach?
Wenn in Italien die Muse singend konversiert, wenn sie in Frankreich artig
erzählt und vernünftelt, wenn sie in Spanien ritterlich imaginiert, in England
scharf- oder tiefsinnig denket, was tut sie in Deutschland? Sie ahmt nach.
Nachahmung wäre also ihr Charakter, eben weil sie zu spät kam. Die
Originalformen waren alle verbraucht und vergeben.
                                      101.
    So übel stehet's nicht mit der deutschen Muse, wie Sie fürchten. Es ist
vielleicht der Hauptfehler unsrer Nation, dass sie aus zu grosser Gefälligkeit
gegen Fremde sich selbst nicht kennet und achtet.
    Wahr ist's, wir kamen spät; desto jünger aber sind wir. Wir haben noch viel
zu tun, indes andre ruhn, weil sie das Ihrige geleistet haben.
    Und waren wir in jenen Zeiten müssig? Nichts weniger; durch andre, vielleicht
wichtigere Geschäfte wurden wir von einer Bahn zurückgehalten, die uns immer
noch blieb. Für ganz Europa standen wir damals vor den Riss, sowohl gegen Roms
Despotie als gegen eindringende Hunnen und Tataren. Dass Europa nicht zum
Kalmuckenlande oder zur Türkei ward, haben Deutsche verhindert; Raum zu dem
friedlichen Garten, den die Musen lieben, haben sie mit ihrem Blut erfochten.
    Unsre Sprache ist im Besitz älterer Poesie, als deren sich Spanier,
Italiener, Franzosen und Briten rühmen können;127 einzig nur unsre Verfassung
war schuld, dass wir jahrhundertelang dies Feld ungebauet liessen. Wir zogen nach
Italien und sonst in der Welt umher, haben aber doch, selbst in diesen
fürchterlichen Zeiten, für ganz Europa manches Nützliche erfunden. Endlich, da
die Reformation aus unsrer Mitte hervorbrach und uns nach vielem andern Ungemach
mit dem Dreissigjährigen Kriege eine fast allgemeine Verwüstung und die so
gefährliche Bekanntschaft mit fremden Nationen auf den Hals zog: müssen wir,
wenn wir die Geschichte Deutschlands durchgehn, uns nicht wundern, dass noch so
viel ward, als geworden ist?
    Denn nun reiseten die Fürsten, die Edeln. Sie staunten das Ausland an und
sprachen, lasen, schrieben fremde Sprachen. Und unsre guterzigen Dichter
freueten sich jeder neuen Sonne, die aufging, fanden sich geehrt, wenn sie
Gesänge auch nur zueignen durften, ohne dass sie gelesen wurden. In Siebenbürgen
dichtete der gute Opitz, Weckherlin in England und Frankreich, Fleming am
Kaspischen Meer deutsche Gedichte; niemand dankte es ihnen, dass sie es taten.
Und wer verdankte es dem Andreas Gryphius, dem von Lohenstein, dass sie unter
ihrer Bürde bürgerlicher Geschäfte für Sprache und Poesie das taten, was sie
getan haben?
    Dank also auch dem guten von Logau, dass er in den wilden Zeiten des
Dreissigjährigen Krieges seine dreitausend Sinn- und andre Gedichte aufschrieb,
ob er gleich ein deutscher Baron war. Dank einem Dietrich von dem Werder, dass er
den Tasso übersetzte und gleichwohl Hofmarschall sein konnte, ja gar ein
Regiment kommandierte. Dank - o wie tief haben wir Deutsche anfangen, aus
welcher drückenden Barbarei uns hervorarbeiten müssen, die uns noch allentalben
sogar als Ehre, als Vorzug, als Stammes- und Nationalruhm anklebt! »Welcher Mann
von Ahnen wird ein Poete, ein Savant, ein Philosophe sein wollen, wenn er auch
ein Tasso, ein Baco, ein Shaftesbury werden könnte?« - Solon und Alexander,
Cäsar und Augustus, so viele Fürsten und Edle in Italien, Spanien, Frankreich,
England dachten anders.
    »Weil wir also spät kamen, so ahmten wir freilich viel nach; denn wir fanden
viel Vortreffliches nachzuahmen.« Dies war Natur der Sache, nichts mehr und
nichts minder; wer zuletzt kommt, täte sehr unrecht, wenn er nicht nachahmte. So
folgten die Römer den Griechen, den Römern die Mönche, Mönchen und Arabern die
Provenzalen, den Provenzalen mittel- und unmittelbar alle gebildete Nationen
Europas; warum sollten diesen nicht die Deutschen folgen? Alle Kunst ist
Nachahmung; nur durch Nachahmung ist der Mensch zur Kunst gelanget; nur durch
sie ist er Mensch worden. Wäre also auch Nachahmung der Charakter unsrer Nation
und wir ahmten nur mit Besonnenheit nach, so gereichte dieses Wort uns zur Ehre.
Wenn wir von allen Völkern ihr Bestes* uns eigen machten, so wären wir unter
ihnen das, was der Mensch gegen alle die Neben- und Mitgeschöpfe ist, von denen
er Künste gelernt hat. Er kam zuletzt, sah jedem seine Art ab und übertrifft
oder regiert sie alle.
    Zu diesem Zweck haben wir ein vortreffliches Mittel in unsrer Gewalt, unsre
Sprache; sie kann uns das sein, was dem kunstnachahmenden Menschen die Hand ist.
Man rühmt den sklavonischen Sprachen nach, dass sie zur Nachbildung fremder
Idiome in jeder Wendung, in jedem Übergange geschickt sei'n; die deutsche
Sprache hat diese Fähigkeit vor allen Töchtern der lateinischen, selbst vor der
englischen Sprache. Alle diese sind von Zwitternatur; aus ihren engeren oder
weiteren Schranken können sie nicht hinaus, um sich einer fremden Sprache nur
einigermassen zu bequemen. Vor allen ist die französische Sprache die
gebundenste, die gleichsam gar nicht übersetzen, gar nicht nachbilden kann; eine
ewig Ungetreue, muss sie alles nur auf ihre, d.i. auf eine sehr mangelhafte
Weise, sagen. Die deutsche Sprache, unvermischt mit andern, auf ihrer eignen
Wurzel blühend und eine Stiefschwester der vollkommensten, der griechischen
Sprache, hat eine unglaubliche Gelenkigkeit, sich dem Ausdrucke, den Wendungen,
dem Geist, selbst den Silbenmassen fremder Nationen, sogar Griechen und Römern,
anzuschliessen und zu fügen. Unter der Bearbeitung jedes eigentümlichen Geistes
wird sie gleichsam eine neue, ihm eigne Sprache.
    Mitin halte ich's nicht nur für keine Schande, wenn man uns Nachahmung
vorwirft, vielmehr vermehrt es den Reichtum unsrer Gedanken und Wendungen,
unsrer Vorstellungs- und Sprachweisen, wenn wir, wie keine andre Nation tun
kann, die Gestalt fremder Idiome mit überlegendem Verstande und weiser Hand
nachbilden. Möge Hagedorn dem Horaz, dem Pope, Chaulieu und vielen andern, die
er nicht verschwiegen, möge Gleim dem Anakreon und, wenn man will, auch dem
Äsop, Phädrus, Tyrtäus, Moncrif, Barnard u.f. nachgeahmt haben; ahmten sie als
Männer nach, also dass ihre Nachbildung in unsrer Sprache ein Werk war, um so
besser; so haben sie ihre Nation mit vortrefflichen Denkweisen mehrerer Geister
und Völker bereichert. Einem reichen Dichter unsrer Sprache hat man
nachgerechnet, dass er in Homers, Pindars, Xenophons, Lucians, Ariosts,
Cervantes, Pope, Fieldings, Sterne, sogar des Königes Davids und der Sultanin
Scheherazade. Art und Manier Psalmen und Märchen, Helden- und Lehrgedichte,
epische Gesänge und Romane geschrieben, gedichtet und gesungen habe. Desto
besser! Um so reicher sind wir durch ihn worden. Die Ananas, die tausend feine
Gewürze in ihrem Geschmack vereint, trägt nicht umsonst eine Krone.
                                      102.
    Und wäre es denn wahr, dass die Deutschen so ganz charakterlos nachahmen? Das
mindeste Gefühl des Genius unsrer Sprache und unsrer Schriften zeigt etwas
anders von den urältesten Zeiten her.
    Leset Otfried, leset das alte Siegslied unter Ludwig; der gutmütige und
biedre Charakter der Nation ist schon durchaus kennbar. Er ist's in den
lateinischen Schriftstellern der mittleren Zeiten wie in unsern altdeutschen
Sprüchwörtern, Apophtegmen und Reimen. Allentalben findet ihr altdeutschen
Witz und Verstand in den kürzesten ungekünstelten Worten. Wer am Charakter der
deutschen Nation zweifelt, darf irgend nur ein Wörter- oder Sprüchwörterbuch,
Agricola, Frank, Zinkgräf, Lehmann, oder eine Sammlung von Geschichten,
Lehrsprüchen, Liedern, Fabeln und Erzählungen durchgehen. In Trimberg,
Kaisersberg, Brant, Luter, Rollenhagen, Opitz, Logau, Dach, Tscherning u.f.
spricht dieser verstand-und lehrreiche Genius auf allen Seiten. Vergleicht unsre
deutsche Minnesänger mit den Provenzalen. Nicht nur von Seiten der Sitte
gewinnen die unsern, sondern oft auch in Rücksicht der innigen Empfindung. In
Süden, wenn ihr wollt, ist mehr Lustigkeit und Frechheit; hier mehr Liebe und
Ehre, Bescheidenheit und Tugend, Verstand und Herz.
    Rechtliche Ehrlichkeit also, Richtigkeit in Gedanken, Stärke im Willen und
Ausdruck, dabei Gutmütigkeit, Bereitschaft zu helfen und zu dienen: dies ist die
Gemütsart unsres Volks, die es auch im Nachahmen, selbst im ungeschickten
Nachahmen des Fremden nie verleugnen konnte. Denn woher fiel das Nachahmen der
Deutschen oft so ungeschickt aus? Weil sie es allentalben zu ehrlich meinten,
so wurden sie oft getäuscht und betrogen Die ganze Nachahmungssucht der
Deutschen rührt von ihrer Gutmütigkeit her. Sie dachten zu bescheiden von sich
und wollten immer lernen, auch wo sie allenfalls lehren konnten. Der üble
Geschmack, in den sie sich zu Hoffmannswaldau und Lohensteins, zu Talanders,
Weise und Menantes Zeiten stürzten, rührte von ihrer gutmütigen Gefälligkeit
gegen die sogenannten Leute von Welt, gegen ihre Grossen und Hofleute her, die in
diesem übeln Geschmack das Paradies fanden. Bessers, Königs, Heräus', Neukirchs
Kanzleipoesien gingen auf ebendiesem plattgetretenen Hofwege ins Verderben.
    Sobald aber der deutsche Verstand wieder zu Kräften kommen konnte, zeigte
sich sogleich unsere Gemütsart wieder: Überlegung, Biederkeit und Herz. Welche
kindliche Gutmütigkeit herrscht z.B. in Brockes Schriften! Wie ein Liebhaber an
der Geliebten hängt er an einer Blume, an einer Frucht, an einem Gartenbeet,
einem Tautropfen! Mit überströmender Wortfülle malt er seinen Gegenstand voll
Liebe und Bewunderung, um ja keine andre als gutmütige Empfindungen zu erregen.
Gegen Cowleis Beschreibung von Pflanzen und Blumen werden wir unsern Brockes
nicht tauschen.
    Die Poesie der Niedersachsen ging auf ebendem Wege fort. Hagedorn ist ihr
schöner klassischer Gipfel. Lege man mir Waller, Denham, Gay, Roscommon, Dorset
und noch eine Reihe solcher Helden zusammen: Hagedorn bleibt mir. Wir haben in
ihm die Blüte von hundert lehrreichen, angenehmen, moralischen, fröhlichen
Dichtern.
    Ihm gegenüber steht Haller, der eine Alpenlast der Gelehrsamkeit auf sich
trug. Was von Haller mit Pope verglichen werden kann, ist über Pope; was aus
Popes lebendiger Welt an feinen Satiren und Charakteren in feinem Reimgeklingel
dasteht, würde Haller redlicher aufgestellt haben. Bewahre uns die Muse vor
Dichtern, bei denen Verstand ohne Herz oder Herz ohne Verstand ist. Zwei
Popische Gedichte wünschte ich indessen meinem Vaterlande wohl eigen, seinen
»Versuch über den Menschen« und »Über die Kritik«. Ich habe nicht den mindesten
Zweifel, dass wir beide besser, als Pope sie schrieb, zu ihrer Zeit bekommen
werden. Unsres Hallers Gedichte sind ein Richtmass der Sitten sowie der
Wissenschaft und Gedenkart. Man kann von ihnen und den Werken mehrerer deutscher
Dichter sagen, dass kein falscher Gedanke (Religionsvorstellungen etwa
ausgenommen) in ihnen sei, welches man von wenig ausländischen Dichtern sagen
möchte. Wie Hallers Ode auf die Ewigkeit ist, erscheint nichts Ähnliches in
Pope.
    Und noch hatte Haller ausser seinen grossen Verdiensten um mehrere
Wissenschaften ein Glück, dessen sich der Engländer nicht rühmen konnte: er ward
wie Opitz der Vater eines besseren Geschmacks in Deutschland, da Pope nichts
anders als Drydens und mehrerer Vorgänger feinerer Nachgänger war. -
    Ohne Zweifel erwarten Sie nicht, dass ich jede gutmütige Bemühung der
Deutschen nach Jahren durchgehen soll, wie sie z.B. den Verstand und Witz ihrer
Landsleute bald belustigten, bald erweiterten oder dazu hieher und dorter
beitrugen. Jeder tat, was er tun konnte; und Gellerts, Cramers, der beiden
Schlegels, Rabeners u.a. guter Wille wird dabei gewiss aufwiegen können, was die
Richer, la Motte und J. B. Rousseau oder die Kings, Philipps u.f. auswärts
geleistet haben. In ihrer Lage sind mir die Namen Lange und Pyra werter als
hundert schreibselige Namen späterer Zeiten.
    Kleist kommt; und wer verkennete an ihm sein deutsches Herz, seinen edeln
Charakter? Als Künstler der Poesie, dazu in mancherlei Arten, möchte ich lieber
Tomson sein, Tomson insonderheit, seit er Italien gesehen hatte; aber als
Mensch und Dichter gilt es keine Frage. Kleists Herz lebt in seinen Gedichten,
in seinem »Frühlinge,« in mehreren seiner Oden, in seinem »Geburts- und
Grabesliede,« in seiner »Sehnsucht nach Ruhe,« in »Cissides und Paches«. Nach
seinem »Seneca« wollen wir ihn nicht messen; aber den edlen Geist, das
patriotisch-menschliche Gemüt, das mitten unter Kriegesszenen in diese kleinen
Gedichte wie in ein Asylum floh und jetzt darin wie in einer zerstückten Urne
sein ewiges Denkmal findet, wollen wir wert halten und lieben.
    Ihm füge ich Lessing und Gleim bei. Des ersten Genius lebt in jeder Zeile
seiner Schriften, zumal in seinem »Natan«; und in Gleims Schriften schläget
gewiss ein Herz vom wahresten deutschen Charakter. Zu seinen Kriegsliedern war
Lessing der Vorredner; in seinen Fabeln, Liedern und mehreren seiner Gedichte
verbinden sich Mut und Treue, Freundesgefühl, Einfalt und Stärke. Klopstocks Ode
»An Gleim« ist ein Bild des Dichters und seiner Gedichte.
    Man ist gewohnt, Klopstock den deutschen Milton zu nennen; ich wollte, dass
beide nie zusammen genannt würden, und wohl gar, dass Klopstock den Milton nie
gekannt haben möchte. Beide Dichter haben heilige Gedichte geschrieben; ihre
Muse aber ist nicht dieselbe. Wie Moses und Christus, wie das Alte und Neue
Testament stehen sie einander gegenüber. Miltons Gedicht, ein auf alten Säulen
ruhendes durchdachtes Gebäude. Klopstocks Gedicht, ein Zaubergemälde, das in den
zartesten Menschenempfindungen und Menschenszenen von Getsemane aus über Erd
und Himmel schwebet. Die Muse Miltons ist eine männliche Muse, wie sein Jambus;
die Muse Klopstocks eine zärtere Muse, die in Erzählungen, Elegien und Hymnen
unsre ganze Seele, den Mittelpunkt ihrer Welt durchströmet. In Ansehung der
Sprache hat Klopstock auf seine Nation mehr gewirkt, als Milton vielleicht auf
die seinige wirken konnte, wie er denn auch ungleich vielseitiger als der Brite
über dieselbe gedacht hat. Eine seiner Oden im Geschmack des Horaz ist nach dem
Richtmass der Alten mehr wert als sämtliche hochaufgetürmte britische
Odengebäude. - Dass Klopstock zu seinem »Hermann« einen Glück fand, dass er durch
seine Gesänge ihn und andre seines Geistes zu dieser Gattung einfacher Musik
weckte, gehöret mit zu den glücklichen Begegnissen seines Lebens; dem blinden
Barden in Britannien ward mit seinem »Lycidas« und »Samson« dies Glück nicht.
Wenn überhaupt die Muse der Tonkunst in der Einfalt und Würde, die ihr gebühret,
zu uns zurückzukehren würdigte, wessen Worte würden sie freundlicher
herniederzaubern als Klopstocks? -
    Wollten wir die goldnen philosophischen Oden unsres Uz gegen die Oden des
Cowlei, Hagedorn gegen Waller, Kronegks bessere Gedichte gegen Prior, Wittof
(in seiner ersten Ausgabe) gegen Akenside, Gerstenberg selbst gegen Otway und
Waller vertauschen? Ich bleibe bei meinen Landesleuten; bei wenigerm Glanze der
Kunst ist in ihnen mehr Gemüt, mehr wahre Empfindung. In allen Liedern, die von
unsrer Jugend gesungen werden, so verschieden der Genius der Dichter sei, in
Claudius, Hölty, Stolberg, Jacobi, Voss, Schiller ist der Charakter unsrer
Nation, Gemüt, kennbar. -
    Selbst die Art, wie sich die Deutschen fremder Erscheinungen angenommen
haben, zeigt die Herzlichkeit ihres Charakters. Wo ist dem Milton und Ossian
wärmer gehuldigt worden als in Deutschland? Stand in England jemand auf, der
sich des galischen Sängers angenommen hätte wie Denis, den er beseelt hätte, wie
z.B. Kosegarten und mehrere unserer Landsleute? Nehmet eine ausgewählte Sammlung
deutscher Lieder und stellet sie der besten englischen entgegen: an innerem
Werte, wohin wird die Waage sinken? Ihre Gesänge der Empfindung sind meistens
schottische Lieder.
    Gern nenne ich noch zusammen Wieland und Gessner. Den ersten hat man sehr
unzeitig mit Voltaire verglichen, mit Voltaire, der bei dem hellesten Kopf und
der schlauesten Gewandteit doch nur ein witziger Satyr war, und zwar im Grunde
nur in einer Manier des Witzes, die er tausendfach zu verändern und nach dem
Geschmack seines Zeitalters, ja womöglich jeder Person in demselben zu
modifizieren wusste. Die Muse unsres Landsmannes ist ein reinerer Genius, der in
jeder Gestalt, die er annimmt, gewiss einen edleren Zweck hatte, als uns bloss
witzig zu amüsieren. Ein echter Jüngling jener alten gaya ciencia, ob er uns
nach Delphi oder Tarent, nach Sizilien oder Salerno, ins Fass des Diogenes oder
an die Tafelrunde, nach Bagdad oder ins Feenland geleite. Der Geist der
Sokratischen Schule verliess ihn selten; denn seine oft missverstandene
Philosophie ist am Ende doch Weisheit des Lebens.
    Warum ist Gessner von allen Nationen, die ihn kennenlernten, mit Liebe
empfangen worden? Er ist bei der feinsten Kunst Einfalt, Natur und Wahrheit. In
Darstellung einer reinen Humanität sollte ihn selbst das Silbenmass nicht binden;
wie auf einem Faden, der in der Luft schwebt, lässet er sich in seiner
poetischen Prose oder prosaischen Poesie jetzt auf blühende Fluren hinab, jetzt
schwinget er sich in die goldnen Wolken der Abend- und Morgenröte, bleibet aber
immer in unserm blauen Horizont gesellig, froh und glücklich. Mit Kindern ward
er ein Kind, mit den ersten Menschen einer der ersten schuldlosen Menschen,
liebend mit den Liebenden und selbst geliebt von der ganzen Natur, die ihm in
seiner Unschuld ihren Schleier wegzog. Gerade der einfachste Dichter, dessen
ganze Manier Verbergung der Kunst war, ist unser berühmteste Dichter worden und
hat manche Ausländer mit dem süssen Wahne getäuscht, als sei alle unsre Poesie
reine Humanität, Einfalt, Liebe und Wahrheit.
                                      103.
    Bei der gutmütigen Lehrhaftigkeit, die Sie den Deutschen zuschreiben,
vergessen Sie, dass Form das Wesen der Poesie ist; und wer begreift schwerer, was
Form sei, wer kann sich in sie minder fügen, geschweige sich dieselbe an- und
zubilden, als ein Deutscher? Unser Leben, unsre ganze Verfassung ist ja Unform.
    Ihr gelehrter Opitz übersetzte aus allen Sprachen; aber wie schwer! wie
einförmig! Lesen Sie seine »Antigone,« seine »Trojanerinnen,« seinen »Apoll und
Daphne« (eine italienische Oper), seine Sonette und Sinngedichte: wie schwer und
einförmig!
    Zweitens. Kritik muss die Poesie als Kunst ausbilden; was ist aber Kritik bei
den Deutschen? Eine verpachtete Bude, eine verachtete Lästerschule. Was ist vom
Geschmack einer Nation zu halten, die auf ihren Richterstühlen des Geschmacks
namenlose feile Liktoren verehret? Was ist von ihrer Gutmütigkeit zu halten,
wenn sie falsch Mass und Gewicht des Urteils öffentlich duldet?
    Endlich scheinet's, dass die deutsche Poesie auf die von Ihnen angezeigte
Weise eine Kinderpoesie sei und sein werde. Sie unterhält uns mit schönen
Bildern und Abstraktionen oder zaubert uns in ein Arkadien voll Unschuld, Liebe
und Einfalt, das nirgend ist als in der Phantasie der Dichter. Es ist also
leicht zu begreifen, dass Männer von Geschäften und reell denkende Menschen sich
mit Phantastereien solcher Art wenig abgeben werden. Sie sind Spielwerke der
Weiber und Kinder, überhaupt aber exzentrischer, müssiger Menschen.
                                      104.
    Form ist vieles bei der Kunst, aber nicht alles. Die schönsten Formen des
Altertums belebet ein Geist, ein grosser Gedanke, der die Form zur Form macht und
sich in ihr wie in seinem Körper offenbaret. Nehmt diese Seele hinweg, und die
Form ist eine Larve.
    Vollends poetische Form ist vom Gedanken und von der Empfindung dergestalt
abhängig, dass ohne diese sie wie ein schöngezimmerter Block dastehet; denn
Poesie wirkt durch Rede. Rede aber entält nicht nur, sondern sie ist eine Folge
von Gedanken. Ohne diese ist das schönste Sonett ein Klinggedicht, nichts
weiter. Soll ich wählen, Gedanken ohne Form oder Form ohne Gedanken, so wähle
ich das erste. Die Form kann meine Seele ihnen leicht geben.
    Und wären die Deutschen denn von jeher so formlos gewesen? Bei den
Minnesingern finde ich dies nicht; bei »Reineke dem Fuchs« noch minder. Ihre
alten Lieder, Sprüche und Erzählungen haben eine so gedrungene, oft so geistige
Form, dass es schwer sein würde, ein Wort hinzuzutun oder hinwegzunehmen.
Opitzens Manier ist freilich einförmig; Dank ihm aber für diese Einförmigkeit,
die zum Zweck hatte, uns bei der Skansion der Silbenmasse festzuhalten. Hätte er
sich wie seine Vorgänger an der blossen Deklamation gereimter Verse begnügt, so
wäre er freilich abwechselnder worden; er hätte uns aber auch auf den Irrweg
aller der Nationen geführt, die bis auf den heutigen Tag noch keine echte
Quantität der Silben haben. Unsre Sprache gebietet gleichsam Form, mehr als
irgendeine andre; die französische, die englische Sprache sind, mit ihr
verglichen, in der Poesie formlos; denn nur Willkür und Übereinkunft hat bei
ihnen hier diese Art des Reims, dort jene Regel des Geschmacks festgestellt, die
der Sprache selbst nach unbestimmt waren. Unsre Sprache strebt der schwersten,
zugleich aber auch der schönsten und bestimmtesten Form nach, der Form der
Alten.
    Zuerst versuchten wir dieses lyrisch; wer ist, der eine Ode Uz', Klopstocks,
Ramlers formlos nennen dörfte? Der letztgenannte Dichter hat in dem, was Form
der Sprache ist, in Oden, Liedern, Kantaten, Idyllen und Sinngedichten so viel
geleistet und an den beliebtesten Formen eigner und fremder Werke so oft
gebessert, dass des Boileau Feile gegen die seinige ein stumpfes Werkzeug
scheinet. Klopstocks kleinste Ode, Gerstenbergs kleinstes Gedicht ist eine
lebendige Form; und wer hat uns mehrere und angenehmere Formen gegeben als unser
Götz, den man den vielförmigen nennen könnte? Auf jedem Hügel des Helikons
suchte seine Muse die zarteste Blumen und band sie auf die vielfachste,
zierlichste Weise in Kränze und Sträusschen. Sanft ruhe die Asche dieses während
seines Lebens unbekannt gebliebenen Dichters; mit jedem Frühlinge blühe fortan
sein Andenken auf!
    Sind Kleists sämtliche kleine Gedichte ohne Form? Sind Wielands Erzählungen,
vom leichtesten Märchen bis zu seinem »Agaton« und »Oberon« hinauf, formlos?
Lessings Stücke vom Epigramm und Liede bis zu seiner »Minna« und »Emilie,«
»Philotas« und »Natan,« jede Fabel und Parabel, ja, ich möchte sagen, jedes
Urteil und Fragment dieses scharfsinnigen Weisen hat Form und ist Form, auch wo
er vielleicht irret, auch wo er nur lernte.
    Ein andrer Dichter hat sich der Form der Alten auf einem neuen Wege genahet.
Durch eine teilnahmlose genaue Schilderung der Sichtbarkeit und durch eine
tätige Darstellung seiner Charaktere, Goete. Sein »Berlichingen« ist ein
deutsches Stück, gross und unregelmässig, wie das deutsche Reich ist, aber voll
Charaktere, voll Kraft und Bewegung. In jedem seiner späteren Stücke hat er eine
einzelne gewählte Form im leichtesten Umriss zu ihrer Art vollendet. So sein
»Clavigo,« seine »Stella,« sein »Egmont,« »Tasso« und jene schöne griechische
Form, »Iphigenia in Tauris«. In ihr hat er wie Sophokles den Euripides
überwunden. Auch aus dem Reich der Unformen rief er Formen hervor, wie sein
»Faust,« sein »Kophta«; auch andre Gedichtarten sind nach Form der Alten
glücklich von ihm bearbeitet worden. Wer nach diesen und andern Produktionen,
auch in Übersetzungen aus fremden Sprachen, die Poesie der Deutschen formlos
nennen will, der zeige mir unter Italienern, Spaniern, Franzosen und Engländern
bessere Formen. Wenn an mehrere ihrer Dichter das Richtmass gelegt würde, das
Lessing in einigen Stücken an Corneille und Voltaire legte, wo bliebe Form und
Umriss? -
    Bei dem allen aber komme ich auf den Anfang meines Briefes zurück: Form ist
nicht alles in der Dichtkunst; auch muss man einer Nation Formen nicht
aufdringen, die ihr durchaus fremd sind. Was in der Welt schadete es uns, wenn
wir keine italienische Oper oder keine englische Komödie hätten? Diese mit allen
ihren humoristischen Launen und Charakteren ist bei uns in der Natur nicht da;
und ich sehe kein Übel darin, dass sie fehle; auch ist die ganze Wirtschaft
dieser Komödie keine deutsche Haushaltung. Wer verbände uns also, fremde
Karikaturen anzustaunen und aus ihnen ein erzwungenes Vergnügen zu schöpfen? So
die kleine italienische Oper; sie will in Italien gesungen und gespielt sein. Wo
sie dies nicht werden kann, was ist natürlicher, als dass trotz der besten Musik,
ein fremdes Volk an ihrem fremden oft unbedeutenden Inhalt, an Ränken und
Scherzen, die bei ihm nicht in Gebrauch sind, keinen Geschmack findet? Der
angenehme Müssiggang, das dolce far niente, bei dem man sich öffentlich auch an
Possen als an Kunststücken vergnügt und die Zeit hintändelt, ist unter unserm
härtern Himmel nicht zu Hause. Wer aus einem mühseligen Leben ins Schauspiel
tritt, will sich nicht bloss an der Form als an einem Kunststück freuen, sondern
durch etwas Innigeres geweckt sein. Viele Kunstprodukte fremder Nationen sind
Kinder der Üppigkeit und eines Verderbens der Sitten, von dem glücklicherweise
manche Provinz unsrer arbeitseligen Nation noch nicht weiss; sollen wir ihr diese
Produkte mit den Ursachen wünschen, die sie erzeugten, und den Geschmack an
ihnen verbreiten? Führet einen gesunden jungen Mann, ein gesundes keusches
Mädchen in die Kammer des abgelebten Lüstlings oder der feilen Unzucht; werden
sie, denen ein besserer Trieb im Herzen schlägt oder sich in leisen Wünschen
reget, an den frechen Reizungsmitteln dieser Ausgearteten und Abgestorbenen
Vergnügen finden oder sie mit Entzücken ansehn? Schonet der Unschuld unsrer
Nation wenn ihr sie auch eine dumme Unschuld nennen solltet; beim belohnenden
Gefühl ihrer Gesundheit will sie gern mancher lüsternen Form entbehren. Jedes
Volk hat seinen Kreis des Wohlanständigen in sittlichen Begriffen und Gefühlen,
aus welchem es keine erjagte Lizenz eines fremden Volks reissen muss.
    Dass übrigens die feine Komödie bei uns manche Schwierigkeiten findet, ist
unleugbar, aber auch sehr erklärlich. Erziehet die Nation, und sie wird auch an
feineren Zügen der Sittlichkeit Geschmack finden. Da jetzt alles sich lesend
vergnügen will, meistens aber das Schlechtste lieset, wären nicht hundert Mittel
da, diese Lesereien aufs Bessere zu leiten? Bedienet euch nur einiger dieser
Mittel, und das Verderben ist noch abwendbar. Sehr undeutsch wäre es, wenn bei
uns die Moralität ein verspotteter Name würde; der alten Sitte nach gehört sie
mit zu unserm Charakter und kann uns durch nichts ersetzt werden. Uns fehlet
Witz und leichte Natur, uns fehlt ein schöner Himmel, die Unmoralitäten nur
einigermassen lustig und leidlich zu machen; deutsche Üppigkeit war daher von
jeher grob, weil sie in unser Klima, in unsre Lebensart und überhaupt zum
deutschen Charakter nicht gehöret.
    Lassen Sie mich diesen Brief noch mit dem Andenken eines fröhlichen Dichters
schliessen, der uns unvergessen sein sollte, Zachariä. Seine komischen Epopöen,
seine lyrischen und musikalischen Gedichte entalten in einer leichten Form so
viel Schönes und bei einer glücklichen Natur ein so geselliges Leben, dass ich
sie statt mancher neueren Ziererei jungen Leuten in die Hand wünschte. Und nun
zur Kritik der Deutschen!
                                      105.
    Mangel an Kritik sollte die Krankheit nicht sein, an der der Deutsche litte;
unsre Langsamkeit, unsre ruhige Überlegung macht uns, dächt ich, zu gebornen
Kunstrichtern.
    Gesunder Verstand war von jeher das Lob, nach welchem der Deutsche strebte.
Hundert Sprüchwörter und Redarten unsrer Sprache zeigen, dass wir auch im
gemeinen Leben es auf ein Richtmass der Sitten treu und ehrlich anlegten.
    Und wir hatten Mut, unser Urteil zu sagen. Die Reformation, die von
Deutschland ausging, war eine laut und scharf gesagte Kritik über eine Menge
damals geltenden Unfugs. Solange diese Streitigkeiten daureten, übten wir Kritik
angriffs- und verteidigungsweise; andre Nationen folgten uns nach.
    Und zwar taten wir dies (wenige vielleicht nötige Fälle ausgenommen) mit
einer Bescheidenheit, in der uns andre Nationen eben nicht nachfolgten Unter
allen Reformatoren der Philosophie z.B. war Leibniz der bescheidenste
Reformator. Alle Systeme der Alten, glaubte er, liessen sich vereinigen, weil in
jedem etwas Wahres und Vorzügliches sei; eine solche friedliche Vereinigung war
von Jugend auf der Lieblingsplan unsres Weisen. Mit unüberwindlicher
Gelassenheit stellete er seine Meinungen mit den Meinungen Descartes,
Shaftesbury, Locke, Newtons zusammen; vor so parteiischen Ohren der letzte
Streit geführt ward, blieb seine Kritik dennoch ebenso fest als bescheiden. Ich
bewundere die Geduld, die er sich zu Vereinigung der Kirchen in Beantwortung
teologischer Zweifel nahm; er antwortete jedem, wie er's fassen und ertragen
konnte.
    Mit Leibniz starb dieser Geist philosophischer, friedlicher Kritik nicht
aus; auch Wolff und seine Schüler erwiesen ihn selbst gegen ihre bittersten
Feinde. Allen Freunden der Leibnizischen Denkart ist eine gesunde Kritik heilig,
weil sie sich in der Matematik an Genauigkeit der Begriffe und des Ausdrucks
gewöhnt haben und keine menschliche Wissenschaft verachten. Der friedliche
Alexander Gottlieb Baumgarten ward mit seiner seltenen, fast ängstlichen
Präzision, ohne dass er's wusste und wollte, der Vater einer Schule echter Kritik,
auch der schönen Wissenschaften und Künste in Deutschland. Lambert und Kant
haben ihre Architektonik und Kritik an seinen Lehrbüchern geschärfet. -
    Wie nun? und dennoch hätte Ihr Vorwurf Grund, dass eben in diesem Felde, der
Region des Geschmacks und Vortrages, in Deutschland eine parteiische Kritik mit
falschem Mass und Gewicht handle? Sie klagen die Gutmütigkeit unsrer Nation an,
die sich alles gefallen lasse, alles ertrage und dulde? - Mich dünkt, die
Geschichte der Zeit gebe hierüber einige Auskunft.
    Als Opitz, Logau, Tscherning u.f. im bessern Geschmack zu schreiben
anfingen, warfen sie sich nicht zu Richtern jedes fremden Geschmacks auf; ihre
Werke waren Kritik; die Anweisungen, die Opitz und seine Nachfolger gaben,
betrafen meistens nur Sprache und Verskunst.
    Und sie haben hierin auf eine friedliche Art viel geleistet. Wenn ich
Schottels, Stielers, Frisch, Bödikers, Wachters, Haltaus' u.a. stille Verdienste
um unsre Sprache mit den heftigen und nutzlosen Streitigkeiten unwissender
Schriftsteller in den folgenden Zeiten vergleiche, so sehe ich dort fleissige
Ameisen und Bienen zusammentragen, hier laute Wespen schwirren und stechen. Es
ist wahr, man lobte sich damals etwas zuviel untereinander; die Glieder der
Fruchtbringenden Gesellschaft, des Blumen- und Schwanenordens u.f. munterten
sich einander durch gegenseitiges, oft zu reiches Lob auf. War dies indessen
nicht sehr verzeihlich? Nach so langen Trübsalen teologischer Streitigkeiten
und des Dreissigjährigen Krieges freueten sich diese alten Kinder, dass sie auch
eine Sprache hätten, in der sie schreiben und reimen könnten; und ist nicht
viel, viel Gutes durch die Mitglieder dieser Gesellschaften bewirkt worden? Wie
viele schreiben denn jetzt in Prose, wie Zincgref, Opitz, Harsdörfer, Rist,
Lohenstein u.a. schrieben? - Lasset uns doch die guten Bemühungen unsrer
Vorfahren nicht verkennen! auch über uns wird man einst als über Vorfahren
richten.
    Es ist schon bemerkt worden, dass an der französischen Sprachenmengerei und
an dem italienisch-falschen Geschmack, der im Anfange unsres jetzt abgehenden
Jahrhunderts einriss, eigentlich die deutschen Höfe schuld waren. Ihnen bequemten
sich die Schriftsteller; und auch Leibniz, der zu Fortbildung der deutschen
Sprache so vortreffliche Grundsätze nicht nur hatte, sondern auch bei der
Akademie in Gang bringen wollte, auch er schrieb ein Deutsch, das seiner Zeit
gemäss war. Noch mehr fronten Christian Tomasius, Tenzel n.a. diesem Geschmack,
der damals für Artigkeit galt; daher Tomasius die gesunde Kritik, die er an die
Rechtswissenchaft und andre Scienzen wandte, auf den Geschmack nicht anwenden
konnte. Canitz, als Hofmann, gab nur durch seine Gedichte, deren wenigste leider
zu uns gekommen sind, ein besseres Muster.
    Der erste, der mit scharfen Pfeilen auf den Lohensteinischen Geschmack
losging, war meines Wissens Wernicke, ein Preusse. In England und Frankreich an
einen bessern Geschmack gewöhnt, wollte er sowohl durch seine Sinngedichte
(»Überschriften«) als durch die Anmerkungen, mit denen er sie begleilete, diesen
auch den Deutschen zu kosten geben.
    Nicht mit vielem Erfolg: denn seine Überschriften waren hart und die
Anmerkungen doch nur Spöttereien. Sollte man an jene, die »Überschriften«
nämlich, das Mass der Griechen und Römer legen, wieviel Überwitz, wie mancher
falsche, erzwungene Zierart müsste hinweggetan werden, auf welchen, er doch, wie
die verschiedenen Ausgaben derselben zeigen, selbst den mühsammsten Fleiss
gewendet. Also war auch sein Geschmack bei weitem nicht rein und vollendet.
    Die Hofverse dauerten fort, bis fern von Höfen in seinem Garten Brockes die
Natur und, ebenso fern von Höfen, Bodmer und Breitinger Sitten malten. Immer
bleibt Deutschland diesen Reformatoren des Geschmacks sowie den hamburgischen
Patrioten Dank schuldig; sie taten, was sie zu ihrer Zeit tun konnten.
Breitingers. »Dichtkunst« und Abhandlungen zeigen durchaus einen Kenner der
Alten, der seinen Geschmack an ihnen bewährt hat; auch Bodmers Bemühungen, aus
Neueren, sowohl ausländischen als unsrer alten deutschen Sprache uns einen
grösseren Reichtum an Gedanken, Bildern, Fabeln, Einkleidungen und Ausdrücken als
Kunstrichter und Dichter zuzuführen haben ihren Zweck nicht verfehlet. Er hat
viel aufgeregt und sich fast über Vermögen bemühet, indem er bis in sein greises
Alter wie der frischeste Jüngling an jedem neuen Produkt unserer Sprache
teilnahm.
    Warum aber musste diese Kritik, die doch Philosophie ist, und ein besserer
Geschmack am Schönen und Guten durch einen unwürdigen Federkrieg eingeführt
werden? Tat nicht auch Gottsched, was er tun konnte? Die Weisesten in diesem
Streit, Haller und Hagedorn, schwiegen. Der erste hat auch als Prosaist so viel
Verdienst um den bessern Geschmack im Vortrage der Wissenschaften, dass ihm auch
die deutsche Kritik vielleicht den ersten Kranz reichet. Mitten unter
stürmischen Faktionen brachte er ein schmales Blatt deutscher Kritik unter den
Schutz einer Sozietät der Wissenschaften selbst und gründete ihm dadurch nicht
nur Unparteilichkeit, Billigkeit und Gleichmut, sondern auch Teilnahme am
Fortgange des menschlichen Geistes in allen Weltgegenden und Sprachen. Seitdem
sind die »Göttingischen gelehrten Anzeigen« nicht nur Annalen, sondern auch
Beförderinnen und, ohne ein Tribunal zu sein, konsularische Fasten und
Hülfsquellen der Wissenschaft worden, zu denen man, wenn manche einseitige
Kritik verstummt ist, wie durch lybische Wüsten zum stillen, kenntnisgebenden
Orakel der Wissenschaft reiset und dabei immer noch Hallers und seiner
Nachfolger Namen segnet.
    Die Trommete war erklungen; es war bestimmt, dass der bessere Geschmack der
Deutschen im Schlachtgetümmel empfangen und geboren werden sollte. Wo zwei
streiten, gewinnet der dritte. Nicolai schrieb seine »Briefe über den Zustand
der schönen Wissenschaften in Deutschland« mit Übersicht der Fehler von beiden
Seiten; denn schon hatten während dieses langen Streits mehrere Schriftsteller
von Genie das, worüber man stritt, durch die Tat entschieden. Lessing war einer
von ihnen. Seine mancherlei Vorzüge an Kenntnissen, Geschmack und Schreibart
gaben ihm ohne sein Wollen das natürliche und erworbene Recht, durch ein weniges
der Anfang zu vielem zu sein, das wohl nicht sein Plan war. Durch Nicolai,
Mendelssohn und ihn fing die »Bibliotek der schönen Wissenschaften,« durch ihn,
Mendelssohn und Nicolai fingen die »Literaturbriefe« an, unstreitig mit einem
Urteil von feinerer Bestimmteit, in einem grösseren Umfang von Ideen und einer
schärferen Unparteilichkeit, als jene Parteien geäussert hatten. Der »Bibliotek«
nahm sich, nachdem ihre Urheber vom Werk abtraten, ein Schriftsteller an, der
als dramatischer und lyrischer Dichter unsrer Nation wert geworden ist, Weisse.
Winckelmann, Hagedorn, Heine, Garve u.a. machten sie eine Reihe von Jahren
hindurch (in den neuesten Jahren kenne ich sie nicht) zu einer Leiterin des
guten Geschmacks, die uns zugleich das Merkwürdigste fremder Nationen bekannt
machte. Die »Literaturbriefe,« zu welchen nach Lessings Entfernung Abbt beitrat,
taten dadurch einen merklichen Schritt weiter, dass sie bei strengem Tadel selbst
oft eigene bessere Ideen entwickelten und in der gewählten Form einer
Privatkorrespondenz keine Orakel der Welt sein wollten. Lessing insonderheit war
ein bescheidner, gegen andre, auch wo er es nicht sein dorfte, ein nachgebender
Mann, und Mendelssohn, wenn ihn die Jünger der zehnten neueren Philosophie als
Philosophen ganz zum Kinde werden gemacht haben, wird in der philosophischen
Kritik Deutschlands lange noch als ein schätzbarer, verdienter Name gelten.
    Was nach diesen Zeiten geschehen sei, weiss ich nicht; da ich ausser einem
kleinen Blatt gewöhnlich kein kritisches deutsches Journal lese. Vernommen habe
ich, dass man seitdem alles umfasset und dazu aus allen Ecken Kunstrichter
versammelt habe; wie sie gerichtet haben, wie sie richten und richten werden,
ist mir völlig fremde. Zu beklagen wäre es freilich, wenn auf diesem Wege alle
Kritik in Deutschland Gewicht und Glauben verloren hätte, welches ich aber weder
hoffe noch glaube. Lass es sein, dass zuweilen unbärt'ge Jünglinge denen, von
denen sie gelernt hatten, das Kinn rasieren, um doch auch an ihnen berühmt zu
werden; jeder honette Mann, der da sieht, wie mit seinem Nachbar gehandelt wird
und wer also handelt, wird sich allmählich aus diesen anonymischen Beckenstuben
zurückziehen; und so tut auch hier die Zeit ihr Werk; sie übt eine scharfe
Kritik an der Kritik der Zeiten.
    Wir, meine Freunde, die wir nicht zu Diktatoren der sinkenden Republik wegen
bestellet sind, wollen von uns selbst, von den Alten, von unsern Freunden und
Feinden und von jedem lernen, der Gründe gibt und mit offnem Visier redet.
                                      106.
    Auch die Kritik ist ohne Genius nichts. Nur ein Genie kann das andre
beurteilen und lehren. Nur der, der selbst Kenntnisse hat und Kräfte zeigt, kann
Kräfte wecken und Kenntnisse befördern.
    Seit geraumer Zeit, wie unbekannt sind wir z.B. mit den schätzbarsten
Produkten des Auslandes selbst im Felde der Kritik geblieben! Lessing übersetzte
Wartons »Versuch über Pope«; der zweite Teil, im Jahr 1782 erschienen, ist uns
auch nicht im Auszuge bekannt worden.
    Eschenburg gab in seinem »Britischen Museum« ein paar Abhandlungen aus
Wartons »Geschichte der englischen Dichtkunst«; einen Auszug des ganzen Werks,
sowie andrer nützlichen Werke über diesen Gegenstand, konnte er nicht geben;
denn sein Museum selbst verschloss sich.
    Blankenburg gab den Anfang von Johnsons »Lebensbeschreibungen der englischen
Dichter,« ein Werk voll Kritik, lehrreich auch für uns Deutsche, obgleich nichts
weniger als unparteilich; die Fortsetzung unterblieb.
    Eschenburg gab uns Browns Buch »Über die Verbindung der Poesie und Musik«;
Browns wichtigeres Werk »Über die Sitten,« das bereits im Jahr 1757 herauskam
und als ein schreckender Spiegel viel Aufsehen erregte, ist noch nicht übersetzt
worden.
    So viel interessante Aufsätze aus Henrys, aus Littletons Geschichte, manche
auch für uns merkwürdige Abhandlung aus den Sozietäten der Altertumsforscher,
imgleichen von Dublin, Edinburgh, Manchester, den »Transaktionen« u.f. sind da,
als ob sie für uns nicht wären. Auch mit Georg Forster, wie viel ist uns in
diesem Betracht gestorben! Ein böser Genius scheint sein Spiel zu haben, indem
er (und wogegen?) den Faden zu zerreissen sucht, der uns mit den Gedanken andrer
Nationen verknüpfet. Wir sollen auf unserm eignen Grunde metaphysizieren oder
uns damit bemühen, womit sich andre längst bemühet haben.
    Hierhin sollte die Kritik wirken! uns ins Universum sämtlicher gebildeten
Nationen versetzen und auf unserm einsamen Gange von ihnen uns Licht und Hülfe
zufördern. Überhaupt glaube ich, dass dem Charakter unsrer Nation nach die Kritik
durchaus belehrend, fördernd, gutmütig, human sein müsste; nur auf diesem Wege
kann sie etwas und würde gewiss viel erreichen. Unsrer gelehrten Republik mangelt
äussere Aufmunterung und Achtung; wollte sie sich zum Spott der Unwissenden und
zur allgemeinen Verachtung machen, indem sie sich selbst verspottet, würget und
auffrisst?
    Gnug von der Kritik. Sie äusserten den merkwürdigen Gedanken, dass die Poesie
der Deutschen eine Kinderpoesie sei; ich hoffe, sie soll es bleiben. So ihr (im
guten Verstande) nicht werdet wie die Kinder, so ist weder Tempe noch Elysium
für euch.
    Vor allen Dingen verschonen Sie die Poesie mit Staatsmännern, die über sie
richten; das Reich der Poesie ist nicht die Staatswelt.
    Wenn Sophokles seinen »Oedipus« mit der Szene des flehenden Volks eröffnet:
die Pest watet, ein geheimes Verbrechen ruht auf dem Vaterlande, Jünglinge und
Greise jammern, so ist diese Situation ganz menschlich. Ob Oedipus oder Lajus
regiere, kümmert mich nicht; dass aber um eines* Verbrechers willen das ganze
Volk leide, diese Szene eröffnet ein Trauerspiel würdig.
    Wenn Aristophanes Szenen der Menschheit darstellt, weswegen Friede gemacht
werden müsse, so ist dies ein Gegenstand der Muse. Ob aber Kleon der Wurstmacher
oder Kleon der Riemenschneider das Volk lenke, diese politische Wichtigkeit ist
der poetischen Muse sehr gleichgültig.
    Nichts verunreinigt den heiligen Quell mehr als politischer Parteigeist; er
macht die Muse zur Lügnerin, parteiisch, übertreibend, am jetzigen Augenblick
als an einer Ewigkeit hangend und ihm damit die Ewigkeit erteilend. Die Tochter
des Himmels wird unter den Händen der Politik eine kurzsichtige,
leidenschaftliche Verleumderin, ein Kind der Erde. Die politische Poesie der
Engländer sei davon ein Beispiel. Warum hat Butler den Ruhm nicht erlangt, den
sein »Hudibras« so sehr verdienet? Das witzreiche Gedicht ist für ein blosses
Gespött zu lang, für die darin entaltene Lehre und Warnung zu sehr mit
Zeitanspielungen überhäuft, zu politisch. Jenes gewaltige Vernunftgenie, Swift,
was hat ihn für den grössesten Teil der Nachwelt unbrauchbar gemacht? Die
politischen Umstände, aus welchen er sein Gespinst zog und in welche er seine
köstlichen Gedanken webte. Die Politik der damaligen Zeit ist ein Traum worden;
es macht uns Mühe, jeden seiner tiefen bleibenden Gedanken von einem verlebten
Traume zu sondern. Wer lieset jetzt Churchills Gedichte? und wer wird Peter
Pindar mit reinem Vergnügen lesen, wenn unsere Zeit vorbei ist? Beklagen wird
man soviel verschwendete goldne Talente.
    Mit Unwillen höre ich's also, wenn man unsrer Nation einen Swift wünschet,
einen bedauerns- und hochachtungswürdigen Mann, der nur durch Missfälle ward, was
er geworden ist, und, vom Glück begleitet, ein Genius der Gerechtigkeit und der
Klugheit geworden wäre und ein Swift in Deutschland? -
    Hinweg also Politik aus dem Gebiet der Musen! und verwünscht sei jede
Aftermuse, die der Politik frönet. Treue und Glauben, Unschuld der Sitten,
Biederkeit und Einfalt das sei'n unsre Kastaliden! alles andre ist vergängliche
Torheit. Zur italienischen acutezza, zur spanischen grandezza, zur französischen
légèrteté, zum britischen high-spirit wird sich der Deutsche nie
hinaufschwingen; was er aber ist und von jeher gewesen, davon ist seine eigne
Geschichte eine durch Jahrhunderte erprobte Stimme der Wahrheit. Was alle
Dichter singen, wohin sie wider Willen streben, was ihnen am meisten glückt, was
bei denen, die sie lesen und hören, die grösseste Wirkung hervorbringt, das ist
Charakter der Nation, wenn er auch als eine unbehauene Statue noch im
Marmorblock daläge. Dies ist Vernunft, reine Humanität, Einfalt, Treue und
Wahrheit. Wohl uns, dass uns dies sittliche Gefühl ward, dass dieser Charakter
gleichsam von unsrer Sprache unabtrennlich ist, ja dass uns nichts gelingen will,
wenn wir aus ihm schreiten. Lehrgeld in erzwungenen Nachäffungen haben wir gnug
gegeben.
    Mit diesem Charakter, wie viel können wir entbehren! Wenn andre Nationen
sich im Geschmack hie-und dortin verirrten, so wird unsre Regel feststehn, die
im Mannigfaltigsten die wahreste Einfalt sucht und uns die Poesie sein lässt, was
sie sein soll: ein Spiegel der Natur und Sitten, Humanität im gefälligsten,
reinsten Gewande, Philosophie des Lebens. Dies war einst Orpheus' und Apollos
Kunst.
                                      107.
                                Neuntes Fragment
                           Resultat der Vergleichung
                     der Poesie verschiedener Völker alter
                                 und neuer Zeit
    Die Poesie ist ein Proteus unter den Völkern; sie verwandelt ihre Gestalt
nach Sprache, Sitten, Gewohnheiten, nach dem Temperament und Klima, sogar nach
dem Akzent der Völker.
    Wie Nationen wandern, wie sich die Sprachen mischen und ändern, wie neue
Gegenstände die Menschen rühren, wie ihre Neigungen eine andre Richtung, ihre
Übungen ein andres Ziel nehmen, wie in der Zusammensetzung der Bilder und
Begriffe neue Vorbilder auf sie wirken, selbst wie die Zunge, dies kleine Glied,
sich anders beweget und das Ohr sich an andre Töne gewöhnt, so verändert sich
die Dichtkunst nicht nur bei verschiedenen Nationen, sondern auch bei demselben
Volke. Die Poesie zu Homers Zeiten war bei den Griechen ein andres Ding als zu
Longins Zeiten, selbst dem Begriff nach. Ganz ein andres war's, was sich der
Römer oder der Mönch, der Araber und der Kreuzritter oder was nach
wiedergefundenen Alten der Gelehrte und in verschiednen Zeitaltern verschiedner
Nationen der Dichter und das Volk sich an Poesie denken. Der Name selbst ist ein
abgezogner, so vielfassender Begriff, dass, wenn ihm nicht einzelne Fälle
deutlich untergelegt werden, er wie ein Trugbild in den Wolken verschwindet.
Sehr leer war daher der Streit über den Vorzug der Alten oder der Neuern, bei
welchem man sich wenig Bestimmtes dachte.
    Er ward noch leerer dadurch, dass man keinen oder einen falschen Massstab der
Vergleichung annahm; denn was sollte hier über den Rang entscheiden? Die Kunst
der Poesie als Objekt? Wieviel feine Bestimmungen gehörten dazu, das Höchste der
Vollkommenheit in jeder Art und Gattung nach Ort und Zeit, nach Zweck und
Mitteln auszufinden und auf jedes Verglichene unparteiisch anzuwenden! Oder
sollte die Kunst des Dichters nach dem Subjekt betrachtet werden, wieviel dieser
vor jenem glückliche Gaben der Natur, eine günstigere Lage der Umstände,
mehreren Fleiss in Nutzung dessen, was vor ihm gewesen war und um ihn lag, ein
edleres Ziel, einen weiseren Gebrauch seiner Kräfte, dies Ziel zu erreichen, zu
seinem Eigentum machte; welch ein andres Meer der Vergleichung! So manchen
Massstab der Dichter einer Nation oder verschiedener Völker man aufgestellt hat,
so manche vergebliche Arbeit hat man übernommen. Jeder schätzt und ordnet sie
nach seinen Lieblingsbegriffen, nach der Art, wie er sie kennenlernte, nach der
Wirkung, die der und jener auf ihn machte Der gebildete Mensch trägt, wie sein
Ideal der Vollkommenheit, so auch seinen Massstab, diese zu erreichen, in sich,
den er nicht gern mit einem fremden vertauschet.
    Keiner Nation dörfen wir's also verargen, wenn sie vor allen andern ihre
Dichter liebt und sie gegen fremde nicht hingeben möchte: sie sind ja ihre
Dichter. In ihrer Sprache haben sie gedacht, im Kreise ihrer Gegenstände
imaginiert; sie fühlten die Bedürfnisse der Nation, in welcher sie erzogen
wurden, und kamen diesen zu Hülfe. Warum sollte die Nation also nicht auch mit
ihnen fühlen, da ein Band der Sprache, Gedanken, Bedürfnisse und Empfindungen
sie fest aneinanderknüpfet.
    Italiener, Franzosen und Engländer schätzen ihre Dichter, oft mit
ungerechter Verachtung andrer Völker, parteiisch hoch; der einzige Deutsche hat
sich verführen lassen, das Verdienst fremder Völker, insonderheit der Engländer
und Franzosen, unmässig zu übertreiben und darüber sich selbst zu
vernachlässigen. Zwar einem Young (denn von Shakespeare, Milton, Tomson,
Fielding, Goldsmit, Sterne ist hier nicht die Rede) gönne ich seine vielleicht
etwas überspannte Verehrung bei uns gern, da er durch Eberts Übersetzung
eingeführt ward, eine Übersetzung, die nicht nur alles Verdienst eines Originals
hat, sondern auch die Übertreibungen ihres englischen Originals durch den Bau
einer harmonischen Prose und durch die reichen moralischen Anmerkungen aus
andern Nationen gleichsam zurechtfüget und mildert. Sonst aber wird es den
Deutschen immer den Vorwurf einer unentschlossenen Lauigkeit zuziehn, dass die
reinsten Dichter ihrer Sprache in Schulen und bei Erziehung der Jugend überhaupt
so vergessen und hintangesetzt werden, wie keine benachbarte Nation es tut.
Wodurch soll sich unser Geschmack, unsre Schreibart bilden? wodurch unsre
Sprache bestimmen und regeln als durch die besten Schriftsteller unsrer Nation?
Ja, wodurch sollen wir Patriotismus und Liebe zu unserm Vaterlande erlangen als
durch seine Sprache, durch die vortrefflichsten Gedanken und Empfindungen, die
in ihr ausgedrückt, die wie ein Schatz in sie gelegt sind. Gewiss irrten wir
nicht nach einem Jahrtausend, in dem unsre Sprache geschrieben ist, in manchen
Wortfügungen noch jetzt zweifelnd umher, wenn wir von Jugend auf unsre besten
Schriftsteller kennten und sie uns zu Führern wählten.
    Indessen soll keine Liebe zu unsrer Nation uns hindern, allentalben das
Gute zu erkennen, das nur im grossen Gange der Zeiten und Völker fortschreitend
bewirkt werden konnte. Jener Sultan freuete sich über die vielen Religionen, die
in seinem Reich, jede auf ihre Weise, Gott verehrten; es kam ihm wie eine
schöne, bunte Aue vor, auf der mancherlei Blumen blühten. So ist's mit der
Poesie der Völker und Zeiten auf unserm Erdrunde; in jeder Zeit und Sprache war
sie der Inbegriff der Fehler und Vollkommenheiten einer Nation, ein Spiegel
ihrer Gesinnungen, der Ausdruck des Höchsten, nach welchem sie strebte (oratio
sensitiva animi perfecta). Diese Gemälde (minder und mehr vollkommene, wahre und
falsche Ideale) gegeneinanderzustellen gibt ein lehrreiches Vergnügen. In dieser
Galerie verschiedner Denkarten, Anstrebungen und Wünsche lernen wir Zeiten und
Nationen gewiss tiefer kennen als auf dem täuschenden, trostlosen Wege ihrer
politischen und Kriegsgeschichte. In dieser sehen wir selten mehr von einem
Volke, als wie es sich regieren und töten liess; in jener lernen wir, wie es
dachte, was es wünschte und wollte, wie es sich erfreute und von seinen Lehrern
oder von seinen Neigungen geführt ward. Freilich aber mangeln uns noch viel
Hülfsmittel zu dieser Übersicht in die Seelen der Völker. Griechen und Römer
beiseite gesetzt, hangen über dem Mittelalter, aus welchem bei uns Europäern
doch alles hervorging, noch dunkle Wolken. Meinhards schwacher »Versuch über die
italienischen Dichter« ist nicht einmal bis auf Tasso fortgesetzt, geschweige
etwas Ähnliches bei andern Nationen ausgeführt worden. Ein »Versuch über die
spanischen Dichter« ist mit dem gelehrten Kenner dieser Literatur, dem
Herausgeber des Velasquez, Diez, gestorben.
    Auf drei Wegen kann man sich eine Übersicht dieses blumen- und fruchtreichen
Feldes menschlicher Gedanken verschaffen, und jeder ist betreten worden.
    Eschenburgs beliebte »Beispielsammlung« wählet, seiner Teorie gemäss, den
Weg der Gattungen und Arten; für Jünglinge ein lehrreicher Weg bei einem
geschickten Führer; denn oft kann ihn ein Name, der sehr verschiedene Dinge
bezeichnet, ganz irreleiten. Homers, Virgils, Ariosts, Miltons, Klopstocks Werke
tragen einen Namen der Epopee und sind doch selbst nach dem Kunstbegriff, der in
den Werken liegt, geschweige nach dem Geist, der sie beseelet, ganz verschiedene
Produktionen. Sophokles, Corneille und Shakespeare haben als Trauerspieldichter
nur den Namen gemein; der Genius ihrer Darstellungen ist ganz verschieden. So
bei allen Gattungen der Dichtkunst bis zum Epigramm hinunter. -
    Andre haben die Dichter nach Empfindungen geordnet, da denn insonderheit
Schiller128 viel Feines und Vortreffliches gesagt hat. Allein, wie sehr laufen
die Empfindungen ineinander! welcher Dichter bleibt einer Empfindungsart
dergestalt treu, dass sie seinen Charakter, zumal in verschiednen Werken,
bezeichnen könnte? Oft rühret er ein Saitenspiel von vielen, ja von allen Tönen,
die sich eben durch Disharmonien heben. Die Welt der Empfindungen ist ein
Geister-, oft ein Atomenreich; nur die Hand des Schöpfers vermag daraus
Gestalten zu ordnen.
    Die dritte, wenn ich so sagen darf, Naturmetode ist, jede Blume an ihrem
Ort zu lassen und dort ganz, wie sie ist, nach Zeit und Art, von der Wurzel bis
zur Krone zu betrachten. Das demütigste Genie hasset Rangordnung und
Vergleichung.
    Es will lieber der Erste im Dorf sein als der Zweite nach Cäsar. Flechte,
Moos, Farrenkraut und die reichste Gewürzblume: jedes blühet an seiner Stelle in
Gottes* Ordnung.
    Man hat die Dichtkunst subjektiv und objektiv, nach den Gegenständen, die
sie schildert, und nach den Empfindungen, mit denen sie Gegenstände darstellt,
geordnet; ein wahrhafter und nützlicher Gesichtspunkt, der auch zu
Charakterisierung einzelner Dichter, z.B. Homers und Ossians, Tomsons und
Kleists u.a., der rechte scheinet. Homer nämlich erzählt die Geschichten seiner
Vorwelt ohne merkliche besondre Teilnehmung; Ossian singet sie aus seinem
verwundeten Herzen, aus seiner traurig-fröhlichen Erinnerung. Tomson schildert
Jahrszeiten, wie die Natur sie gibt; Kleist singet seinen Frühling, mit oft
einbrechenden Gedanken an sich und seine Freunde, als eine Rhapsodie, von
Ansichten mit Empfindung beseelet. Indessen auch dieser Unterschied bezeichnet
Dichter und Zeiten der Dichtkunst sehr leise; denn auch Homer nimmt teil an
seinen Gegenständen, als Grieche, als Erzähler, wie in den mittleren Zeiten die
Balladensänger und Fabliers, wie in neueren Zeiten Ariost und Spenser, Cervantes
und Wieland. Ein mehreres zu tun wäre ausser seinem Beruf gewesen und hätte seine
Erzählung gestöret. In Anordnung und Bezeichnung seiner Gestalten aber singt
auch Homer auf die höchste Weise menschlich; wo es uns nicht also scheinet,
liegt der Unterschied an der Denkart der Zeiten und ist sehr erklärbar. Ich
getraue mich, in den Griechen jede reine menschliche Gesinnung, vielleicht im
schönsten Mass und Ausdruck, aufzufinden, nur alles an Ort und Stelle.
Aristoteles, »Poetik« hat Fabel, Charaktere, Leidenschaften, Gesinnungen
unübertrefflich geordnet.
    Zu allen Zeiten war der Mensch derselbe; nur er äusserte sich jedesmal nach
der Verfassung, in der er lebte. Sehr mannigfaltig ist die Poesie der Griechen
und Römer, in ihren Wünschen und Klagen, in ihren Beschreibungen voll Lust und
Freude. So die Poesie der Mönche, der Araber, der Neueren. Den grossen
Unterschied, der zwischen dem Morgen- und Abendlande, zwischen Griechen und uns
eintrat, hat keine neue Kategorie, sondern die Vermischung der Völker, der
Religionen und Sprachen, endlich der Fortgang der Sitten, der Erfindungen, der
Kenntnisse und Erfahrungen bewirket; ein Unterschied, der schwerlich mit einem
Wort auszudrücken sein möchte. Wenn ich bei einigen Neuern das Wort Dichter aus
Reflexion gebrauchte, so war auch dies unvollkommen; denn ein Dichter aus blosser
Reflexion ist eigentlich kein Dichter.
    Der Poesie Grund und Boden ist Einbildungskraft und Gemüt, das Land der
Seelen. Ein Ideal der Glückseligkeit, der Schönheit und Würde, das in deinem
Herzen schlummert, wecket sie auf durch Worte und Charaktere; sie ist der
Sprache, der Sinne und des Gemüts vollkommenster Ausdruck. Kein Dichter kann dem
Gesetz entgehen, das in ihr liegt; er zeigt, was er hat und nicht habe.
    Auch kann man in ihr Ohr und Auge nicht sondern. Die Poesie ist keine blosse
Malerei oder Statuistik, die Gemälde, wie sie sind, ohne Absicht darstellen
könnte; sie ist Rede und hat Absicht. Auf den innern Sinn wirket sie, nicht auf
das äussere Künstlerauge; und zu jenem innern Sinn gehört bei einem gebildeten
oder zu bildenden Menschen Gemüt, moralische Natur, mitin bei dem Dichter
vernünftige und humane Absicht. Die Rede hat etwas Unendliches* in sich; sie
macht tiefe Eindrücke, die ja eben die Poesie durch ihre harmonische Kunst
verstärket. Nie kann also der Dichter bloss ein Maler sein wollen. Er ist
Künstler vermöge der eindringenden Rede, die das Objekt, das sie malt oder
darstellt, auf einen geistigen, moralischen, gleichsam unendlichen Grund, ins
Gemüt, in die Seele malet.
    Sollte also nicht auch bei dieser, wie bei allen Reihen fortgesetzter
Naturwirkungen, ein Fortgang unumgänglich sein? Ich zweifle daran (den Fortgang
recht verstanden) gar nicht. In Sprache und Sitten werden wir nie Griechen und
Römer werden; wir wollen es auch nicht sein. Ob aber der Geist der Poesie durch
alle Schwingungen und Exzentrizitäten, in denen er sich bisher nationen- und
zeitenweise periodisch bemühet hat, nicht dahin strebe, immer mehr und mehr, so
wie jede Grobheit des Gefühls, so auch jeden falschen Schmuck abzuwerfen und den
Mittelpunkt aller menschlichen Bemühungen Zu suchen, nämlich die echte, ganze,
moralische Natur des Menschen, Philosophie des Lebens - dieses wird mir durch
Vergleichung der Zeiten sehr glaubhaft. Auch in Zeiten des grössesten
Ungeschmacks können wir uns nach der grossen Regel der Natur sagen: »Tendimus in
Arcadiam, tendimus!« Nach dem Lande der Einfalt, der Wahrheit und Sitten geht
unser Weg.
 
                                Neunte Sammlung
                                        
                                     (1797)
                                      108.
    In den Fragmenten über die Poesie der neueren Völker als einer Fördrerin der
Humanität129 fanden unsre Freunde manches bedenklich. A. glaubte, dass seiner
Lieblingsnation, den Franzosen, B., dass seinem begünstigten Volk, den Briten, im
Anschlage ihres Verdienstes nicht Gnüge geschehen sei. C. meinte, dass die Poesie
der Trobadoren sich anderswoher leite und dass man auch dem Reim nicht gnug
Gerechtigkeit widerfahren lassen; er sei wirklich ein Zuwachs des Wohlklanges
und der Schönheit. D., E., F. sind der Meinung, dass die Verdienste unsres
Vaterlandes gegen andre Völker viel zu hoch gesetzt sei'n und dass ein
unverdientes Lob dieser Art nur den Bettel- und Bauernstolz unsrer Landsleute
nähre. Sie hätten, meinte F., bei der ungeheuren Gutmütigkeit, die Sie den
Deutschen als einen Grundzug ihres Charakters zuschreiben, auch die ihnen
angeborne Lust zu dienen, gefällige Sklaven und mit ganzer Gutmütigkeit freudige
Werkzeuge der Gewalttätigkeit, des Übermuts zu sein, nicht vergessen sollen. Da
er Europa durchreiset hat, so führt er ein langes Register der Ehrennamen an,
die alle zivilisierte und unzivilisierte Nationen, nah und fern, Italiener,
Spanier, Franken, Briten, Dänen, Schweden, selbst Russen, Wenden, Liven, Esten
und Polen, den Deutschen geben. Worüber ganz Europa einig sei, meint er, müsse
doch wohl etwas Wahres in sich entalten. Geschichte, Sprüchwörter, selbst der
Staatskalender zu Peking standen ihm dabei zu Hülfe, in welchem letzten die
Deutschen als ein Volk charakterisiert sein sollen, das in aller Völker Diensten
ist und zwischen zwei Federbetten schläft. -*
    G. wunderte sich, warum Sie die Politik von der Poesie ausgeschlossen haben
wollten, da dem, was die Menschen humanisiere, jedes* Feld offen, jede Materie
zu Gebot stehen müsse. H. begriff nicht recht, wohin Sie für die Poesie mit
Ihrer Einfalt und Wahrheit wollten, so dass es noch lebendige, abwechselnd-reiche
Poesie bliebe. Und I. fragte, woher unsern Dichtern diese Einfalt und Wahrheit
kommen solle. Antworten Sie Ihren Freunden!
                                      109.
    Kein Vorwurf ist drückender als der, fremden Nationen unrecht getan zu
haben, zumal wenn sie in Werken des Geistes unsre Wohltäterinnen waren; er muss
also zuerst abgewälzt sein.
    Dass es schwer sei, eine Nation in einem so vielumfassenden, feinen und
vielseitigen Geschäft, als das Humanisieren durch Sprache und Werke des
Geschmacks ist, mittelst einiger Worte zu charakterisieren, haben Fragmente und
Briefe gern und oft gestanden. Eher könnte man alle Gestalten Proteus' in ein
Wort, alle Verwandlungen Ovids in ein Bild fassen, als mit ein paar Worten den
Geist der verschiedensten Völker, wie er sich Jahrhunderte hinab erwiesen,
darstellend zu zeichnen. In dieser Verlegenheit zeichnet man eine Aussenlinie von
innen mit wenigen Zügen und überlässt es dem Gemüt des Anschauenden, dieses
Sbozzo* zu ergänzen. Die Geschichte des Volks, seine Geistesprodukte müssen ihm
bekannt sein, sonst war für ihn der Umriss vergebens gezeichnet.
    Was man bei solchen Charakterzeichnungen nicht angibt, leugnet man deshalb
noch nicht. Vielleicht ward es vorausgesetzt, vielleicht folget's; nur als der
erste hervorspringende Charakterzug konnte es nicht angeführt werden, weil es
dieser - nicht war.
    Wenn z.B. der französischen Nation eine vorzügliche Ausbildung ihrer Sprache
zur Klarheit, zur Präzision, zur Politesse als ein Lob angerechnet wird, sollte
damit gesagt sein, mit dieser hellen, präzisen, politen Sprache könne sie nicht
rühren? In eines jeden grossen Schriftstellers Händen ist die Sprache ein eigenes
Ding; er braucht und formt sie nach seinem Gefallen; sein Charakter, sein Geist,
sein Herz belebt sie. Montaignes und Rousseaus, Pascal und Diderots, Voltaire
und Fénelons Schreibart ist dem Charakter nach gewiss nicht dieselbe; und doch
schrieben sie in der auch zu Corneilles und Bossuets Pracht, zu des Racine
empfindlichen Zarteit, zu Fontenelles witzigen Nettigkeit ausgearbeiteten
Sprache. Kann man der Rede überhaupt ein grösseres Lob beilegen, als dass sie sich
der Klarheit und Präzision, der Gewandteit und Artigkeit befleissiget? In einer
solchen Sprache wird sich alles ausdrücken lassen. Wie sie zu unserm Verstande
spricht, wird sie auch zu unserm Herzen zu sprechen wissen und dies, als wäre es
der Verstand, sanft überreden, verständig rühren.
    Als aus der alten romanischen Sprache die französische sich mit ihren
Schwestern, der italienischen, kastilianischen, galizischen u.f., bildete,
zeigte sieh bald ihr Charakter. Nach dem Verfall des römischen Reichs, unter den
Königen des ersten und zweiten Stammes war sie jenen ihren Schwestern noch sehr
ähnlich; allmählich aber legte sie die Fesseln, selbst der Harmonie, des
italienisch-kastilianischen Wohllauts ab, wo er ihr eine schwere Rüstung dünkte;
sie warf Buchstaben, Silben, ganze Worte hinweg und flog leicht in die Lüfte.
Man erzählte, sang, sprach, lachte, gestikulierte. Als die Scholastik aufkam,
disputierte man; die Abstraktionen des lateinischen Schulgeistes gingen in die
verwandte Sprache des Landes und Volks unvermerkt über. Einer Sprache, die
Zweideutigkeiten unablässig ausgesetzt ist, musste man, als sie sich regelte,
durch eine desto genauere Konstruktion und Wortordnung helfen. Keinem Volk wäre
dies eingefallen, dem nicht schon eine Art sprechender Vernunft zur Regel
geworden war; und so wurde die französische Sprache, was sie ist, eine an
leichten Abstraktionen reiche Sprache, die sich durch Ordnung, durch Wendungen
helfen musste und zur Ehre des Geistes der Nation tausendfach geschickt aushalf.
Welch einen bedächtigern Gang nahmen die italienische, spanische und welchen
schwereren die deutsche Sprache! Man entnimmt einer Nation nichts, wenn man ihr
das Eigentümliche ihrer Ausbildung zum Ruhme anrechnet.
    Dahin gehört auch, dass sie gern repräsentiere. »Was heisst hier
repräsentieren?« fragt unser Freund. Ich antworte: aus sich selbst etwas machen,
sich wert halten und ein natürliches Bestreben äussern, dass auch der andre unsern
Wert anerkenne; mit einem Wort, sich ihm vorstellen, vorspiegeln. Wenn diese
Selbstschätzung auf etwas Wahres und Gutes geht, ist sie nicht verwerflich;
mancher andern Nation möchte man wünschen, dass sie sich selbst mehr anerkennet
und ehre. Auch die Tendenz, in andrer Augen zu sein, was man gern sein möchte,
ist aufmunternd, ein Sporn zu vielem auszeichnend Guten und Edeln. Nenne man's
Eitelkeit, Selbstliebe; diese Eitelkeit, die uns mit andern bindet, sie zum
Spiegel unsrer Vorzüge macht, ist, ohne Aufdringlichkeit und Arroganz, ein sehr
verzeihlicher Fehler. Wer kann es leugnen, dass die französische Nation, sooft
sie konnte, der Welt ein Schauspiel gab, dass sie immer gern die zündende Lunte
vortrug und aufregte? War sie es nicht, die unter Karl dem Grossen die alte
Römermacht in gotischer Form zurückbringen wollte und auf kurze Zeit wirklich
zurückbrachte? War sie es nicht, die mit ihrem Rittergeist ganz Europa zum
Heiligen Grabe trieb? Französische Familien waren es, die zu Jerusalem und eine
Zeitlang in Konstantinopel herrschten. Ein französischer König war es, der
siebenzig Jahre lang Rom nach Avignon verlegte und durch diesen Zug im
Schachspiel die Päpste zu seinen folgsamen Dienern machte. Nach Frankreich
wanderten jahrhundertelang Edle und Fürsten, um dort die Rittersitte, das
Hofzeremoniell, die leichteste und beste Lebensart zu lernen, bis endlich von
Paris und Versailles aus der französische Ton, die französische Sprache als Mode
sich über die Welt ausgoss. Sein Kleinstes hat Frankreich bemerkbar zu machen
gesucht; in allen Staatsveränderungen und Unterhandlungen hatte lange es die
Hand und trat gern hervor, zu sagen: »Sehet, dass ich da bin und wie ich's
treibe!« Hiesse dies nicht repräsentieren? Der Ton der guten Erziehung, des
Unterschiedes der Stände, der anständigen Lebensart, des höflichen Ausdrucks,
der ganze Charakter der französischen Sprache ist eine Art Repräsentation.
Selbst wenn der Franzose mit Gott spricht: er repräsentieret.
    Aber auch diese Eigenheit ist kein Vorwurf. Denn bei dem Scheinen kann man
ja auch sein, beim Repräsentieren auch leisten. Ausser den Griechen ist mir kein
Volk der Geschichte bekannt, das beide Eigenschaften so leicht zu verbinden, so
unvermerkt zu verschmelzen wusste, als dieses. Das Sprüchwort sagt: »Der Franzose
scheint oft klüger, als er ist; der Spanier ist oft klüger, als er scheinet.«
    Mit dem Wort Repräsentation auf dem Teater, in Gesellschaften, bei
Aufzügen, Feierlichkeiten sollte gar nichts Nachteiliges gesagt sein. Einmal
sind die Helden des Corneille und Racine keine römische Helden; das französische
Teater sollte kein griechisches, sondern ein französisches Teater sein; wer
hätte etwas dagegen? Die Nation war über die Regeln des Geschmacks, der guten
Lebensart, des Ausdrucks der Empfindungen mit sich selbst übereingekommen;
welcher Ausländer hätte Recht, dies zu tadeln? Er dürfte ja nicht hingehen, um
jene Repräsentation des Hofes, der Akademien, des Teaters, der Oper, der
Parlamente, der Lustschlösser und Gärten zu bewundern. An ihnen, auch in ihren
Fehlern zu lernen blieb ihm ein weites Feld.
    Eben nun in dies Feld lockt die allgemeine Charakteristik der Völker. Dass
jede Nation zu ihrer Zeit, auf ihrer Stelle nur das war, was sie sein konnte,
das wissen wir alle; damit aber wissen wir noch wenig. Was jede in Vergleich der
andern war, wie sie aufeinander wirkten und fehlwirkten, einander nutzten oder
schadeten, aus welchen Zügen nach und nach das Bild zusammengeflossen sei, das
wir als die Tendenz unsres gesamten Geschlechts, als die höchste Blüte der
Schönheit, Wahrheit und Güte unsrer Natur verehren, das ist die Frage.
                                      110.
    Da wendet sich nun freilich das Blatt. Germanus fragt nicht, was Nachbar
Gallus ihm, dem Gallus, sondern ihm, dem Germanus, gewesen sei, sein könne und
sein dörfe. Und hierüber gibt die Geschichte klare Auskunft.
    Die alten Gallier und Germanen wollen wir ruhen lassen. Sie waren
gegeneinander bald Freunde, bald Feinde; die Germanen das rohere Volk, beide
aber nicht von einerlei Stammesart, Sprache, Sitten und Gebräuchen. Von Karl dem
Grossen fängt die unglückliche Vereinigung an, die Deutschland Leides genug
gebracht hat, ob Karl gleich selbst ein Frank und Deutscher war und in bester
Absicht seine Anstalten machte. Ihm sind wir die dreissigjährigen blutigen Kriege
und Verheerungen des damaligen Sachsenlandes, ihm die Unterjochung Deutschlands
bis über die Elbe zur ungrischen Grenze hin, ihm die erste Zerstörung der alten
germanischen Verfassung, die den Römern nie hatte gelingen wollen, die
Einführung des römisch-gallischen Christentums, ihm und seinen Nachkommen die
Pflanzung so vieler Bischöfssitze, Domkapitel und Abteien längs dem Rhein und
der Donau, ihm und ihnen die Sündflut von Übeln schuldig, unter denen Germanien
endlich zum stehenden und abgestandenen, verwachsenen Teich ward. Die kurze
Verbindung Germaniens mit der fränkischen Monarchie hat Deutschland in ein
Labyrint gezogen, aus welchem es der Lauf tausend folgender Jahre nicht hat
erretten mögen. Sobald beide Reiche getrennt wurden, suchte Frankreich sich zu
konsolidieren; Deutschland blieb von aussen und innen im ewigen Streit mit einer
furchtbaren, der geistlichen Macht, die es im Namen der Christenheit in
Schranken halten sollte, wenn es darüber auch selbst zugrunde ginge und sich
ganz und gar vergässe. Dies Amt hatte ihm das gallische Christentum, die
fränkische Monarchie aufgebürdet; ein deutscher Kopf hätte schwerlich nach
solchem gefährlichen Diadem gestrebet.
    An den Ritter- und Kreuzzügen, die Frankreich ausbrachte, hat kein Land so
viel teil- und so viel Schaden genommen als Deutschland. Jene Kultur, die man
Blüte des Rittergeistes nennt, liess sich durch Kreuzzüge nicht erringen, wenn
der Same dazu nicht in den Menschen selbst vorhanden war; leider aber haben der
französische und deutsche Ritter sich immer wesentlich unterschieden. Was in dem
einen Lande zur Verfeinerung der Sitten, zur Veredlung gereichte, ging in dem
andern auf Plünderung und Unterdrückung, zuletzt aufs rohe Faustrecht hinaus. Um
französische Ritter auf den Tronen Palästinas aufrechtzuerhalten, zogen
deutsche Kaiser mit gewaltigen Heeren gerade in einem Zeitalter aus, da ihre
Anwesenheit in Deutschland am nötigsten war; denn nachdem andre Länder in ihrer
inneren Verfassung und Konsolidation stark vorgeschritten waren, sollte eben die
Zeit der schwäbischen Kaiser für Deutschland entscheiden. Sie entschied so, dass
nach dem Tode des letzten kreuzziehenden Kaisers, Friedrich II., das deutsche
Reich dreiundzwanzig Jahre lang öffentlich ausgeboten ward und fast niemand eine
so drückende Krone annehmen wollte.
    Wie oft zog auch in den folgenden Zeiten Frankreichs trügender Glanz die
Deutschen an sich, um sie angenehm zu vergolden! Wer will uns eine Geschichte
der Fürsten, Prinzen, Grafen und Ritter geben, die Jahrhunderte hinab in
Frankreich Bildung, Fortkommen, Ehre suchten und getäuscht zurückkamen?130 Die
Universität zu Paris, zu der man ebensogewaltig hinströmte, hat in vielem eben
also die Welt getäuschet.
    Als endlich die Sonne des französischen Hofes in ihrem Mittage strahlte, als
die Sprache, die Sitten, die Verhandlungen desselben fast allentalben in Europa
den Ton angeben wollten, wer ist, insonderheit seit dem Westfälischen Frieden,
dadurch mehr zu kurz gekommen als Deutschland? Jeder kleine Hof sollte ein
Versailles, jede adlige Gesellschaft ein Zirkel französischer Ducs et Marquis,
Princesses et Comtesses werden. In Erziehung, Sitten, Sprache, Lebenszweck und
Lebensführung trenneten sich die Stände. Was diese über ein Jahrhundert
fortdauernde französische Propaganda und Propagata den Deutschen für Unheil
geboren, davon soll ein andrer Brief reden. Beschämt und verwirrt lege ich die
Feder nieder; spreche darüber ein Franzose selbst.
                       Prémontval gegen die Gallicomanie
                   und den falsch-französischen Geschmack131
    Die Gallicomanie oder der falsch-französische Geschmack, worauf hat er sich
nicht heutzutage fast durch ganz Europa verbreitet? Sitten, Gebräuche, Moden,
Kleider, Manieren, Phantasien, Capricen, in alle diesem wieviel ungeschickte
Affen, wieviel schlechte Kopien von leidlichen Originalen gibt's nicht
allentalben! Man hat nicht ohne Grund gesagt, dass der Franzose meistens nur
lächerrlich sei, indes der Fremde, der ihn in seinem Lächerlichen nachahmt, aufs
äusserste widrig und abgeschmackt werde. Wollte ich diese Wahrheit verfolgen und
die zahllosen Porträte zeichnen, die sie sehr sinnlich machen, welch ein weites
Feld läge vor mir! Ich will mich aber nur an die französische Sprache und
Literatur halten.
              1. Woher der französische Geschmack in Deutschland?
    Unter allen europäischen Nationen ist's ohne Widerrede die deutsche Nation,
die sich am meisten bestrebt, unsern Geschmack nachzuahmen; bei ihr hat sich
unsre Sprache am allgemeinsten verbreitet. Und das aus verschiedenen Ursachen.
Die erste ist ihr gemeinschaftlicher Ursprung. Beide Nationen können sich als
Schwestern ansehen, oder die deutsche kann sogar mit einigem Wohlgefallen die
französische als eine Tochter betrachten, die ihr oft Ehre gemacht hat. Die
zweite Ursache ist die nahe Nachbarschaft beider Nationen Keine unersteiglichen
Berge, kein gefahrvolles Meer trennet sie, sondern ein blosser Strom, mit Städten
besetzt, in welchen man zum Teil schon beide Sprachen redet. Auch gibt es
drittens keine Rivalität und Eifersucht zwischen beiden Völkern. Nie haben sie
so lange, grausame und grosse Angelegenheiten betreffende Kriege gegeneinander
geführt, als z.B. Frankreich mit England und Spanien Dazu kommt viertens, dass
unsre Armeen entweder als Freunde oder als Feinde zu verschiednen Zeiten in alle
Teile von Deutschland gedrungen sind und die Völker mit unsern Gebräuchen und
mit unsrer Sprache bekannt gemacht haben. Auch findet die deutsche Nation
Geschmack am Reisen und reiset gewöhnlich zuerst nach Frankreich. Fünftens hat
die Auswanderung der refugiés unsre Bücher, unsre Manufakturen, unsre Künste,
unsern Geschmack, unsre Gebräuche, unsre Sprache nirgend so leicht verbreitet,
nirgend so viel und so zahlreiche Kolonien gestiftet als in Deutschland.
    Darf ich noch hinzusetzen, dass die grosse Anzahl von Höfen und Souverains,
die den deutschen Staatskörper teilen, auch eine der Ursachen gewesen, die zu
Verbreitung des französischen Geschmacks in Deutschland mächtig gewirket. Nichts
ist gewisser als dieses.
    In Deutschland gibt's grosse und kleine Höfe, diese in einer grossen Anzahl,
von jenen acht oder neun. Beide haben hiebei auf verschiedene Art mitgewirket.
Die kleinen Souverains, Prinzen, Grafen, Barons setzen eine Ehre darin, wie
Personen von niederm Range zu reisen, ja mehr als diese gereiset zu sein. Fast
alle gehen nach Frankreich, fast alle bringen ganze Jahre zu Paris oder am Hofe
zu, mit einem ansehnlichen Gefolge. Werden sie nicht ihren dort angenommenen
Geschmack in ihre Residenzen, d.i. in hundert und hundert Orte in Deutschland,
mitnehmen? Diesen teilen sie sodann zuerst ihren kleinen Höfen und Untertanen
durch den Einfluss mit, den jeder Souverain, gross oder klein, über die Geister
derer hat, die in seiner Dependenz sind. Von da aus verbreitet sich dieser
Geschmack mit Hülfe des Triebes, den alle Menschen zur Nachahmung haben,
allmählich weiter. Das alles wäre nicht so, wenn diese kleine Souverains nur
reiche Hofleute (grands Seigneurs) wären, die nach ihrer Rückkunft aus
Frankreich sich in einer Hauptstadt, wie Madrid, London u. f., sich in einer
Menge verlören. An einem Hofe, wo ein einzelner für seine Person wenig bedeutet,
im ganzen aber ein festgesetzter, bestimmter Ton und Charakter herrschet, wird
ein englischer Lord, ein spanischer Grand den Firnis, den er nachahmend auf
Reisen an sich gezogen hatte, bald wegtun, und zwar aus ebendemselben Principium
der Nachahmung. Er wird sich mit andern, die ihn umgeben, in Unison setzen, oder
wenigstens wird sein Restchen fremder Farbe keinen grossen Einfluss haben. -
Glückes gnug, wenn man ihn nicht lächerrlich findet!
                   2. Folgen der Gallicomanie in Deutschland
    Der erste Missbrauch, der aus diesem verbreiteten französischen Geschmack
entspringt, ist, dass man seine eigne Sprache vernachlässigt (woran man gewiss
unrecht hat; ich kann es nicht gnug wiederholen!): ein schreiender Missbrauch.
Mit einem Wort, es geht so weit, dass eine ungeheure Menge von Personen sich
pikiert, nur französisch zu lesen, und dass sie es endlich so weit bringen, ihre
eigne Schriftsteller nicht mehr verstehen zu können. Ich habe, ja, ich habe
Deutsche gekannt, Leute von Geist und Verdienst, die das Beste, das wir in
unsrer Sprache prosaisch und poetisch haben, mit Nutzen lasen und gestanden, dass
sie die Dichter ihrer eignen Sprache durchaus nicht verstünden, sogar
behaupteten, dass die Schuld hiebei an den Dichtern, nicht an ihnen selbst liege.
Ich musste ihnen zeigen, dass an ihrer Seite die Schuld sei, da ihnen alle Übung
und Bekanntschaft mit einer Sprache fehle, die sich über die gemeine
Volkssprache nur etwas erhebet. Sie verwunderten sich, wenn ich ihnen
versicherte, dass mich diese Sprache nicht abschreckte, dass sie mir vielmehr
leichter würde als die platte, schwatzhafte Prose der Zeitungsschreiber. Diese
völlige Unbekanntschaft mit den Dichtern ihrer eignen Nation ist in Deutschland
der Fall bei so vielen Personen, dass es ein wahres Wunder ist, dass man in diesem
Lande dennoch die Musen kultivieret. Sehr wenige Deutsche also wissen ihre
Sprache (ausser einem gewissen Geschwätz des täglichen gemeinen Lebens), denn man
weiss eine Sprache nicht, deren Dichter man nicht verstehet. Und da der
ausschweifende Geschmack an der französischen Literatur daran schuld ist, so
wundert mich der Verdruss und Unwille nicht, mit dem ihm mehrere Gelehrte
Deutschlands begegnen.
    Ein andrer nicht weniger empfindlicher Missbrauch, der die Deutschen von
Einsicht aufbringt, ist die tolle Wut, jeden Augenblick französische Worte und
Redarten im Deutschen anzubringen; eine Raserei, die auch die besitzt, die
selbst kein Französisch wissen. Unsre Sprache, wer sollte es glauben, die
Sprache eines Volks, das der Pedanterei so feind ist, ist zur andringlichsten,
unausstehlichsten Pedanterei selbst bei der deutschen Nation worden.
    - Alles dies ist bizarr und dient zu nichts Gutem. Beide Sprachen leiden
dabei, selbst wenn man die eine und die andre Sprache vollkommen innehat;
meistens fährt eine von beiden dabei sehr übel. Ein Jargon wird daraus, unwürdig
jedes verständigen und vernünftigen Wesens! In Wahrheit, der Geschmack für die
französische Sprache hat der deutschen Nation einen übeln Dienst getan, und zum
Unglück darf man kaum hoffen, einem so tief eingewurzelten Übel abzuhelfen. Ich
sage dies alles gegen meinen Privatvorteil; denn ich verstehe das Deutsche nur
in Büchern.
    Die beiden Missbräuche, deren äusserstes Übermass ich bemerkt habe, gereichen
beiden Sprachen, der erste der deutschen, der zweite der deutschen und
französischen unendlich zum Schaden; sie sind aber nichts gegen einen dritten
Nachteil, der auf nichts Geringeres ausgeht, als den Geist und Geschmack der
Nation selbst im Grunde zu verderben. Und dies geschieht unfehlbar durch die
Wahl einer üblen Lectur und durch den schlechten Gebrauch der besten Schriften.
Glaube man doch nicht, dass diese übertriebnen Liebhaber der französischen
Sprache, die sie radebrechen, ihre wahre Schönheiten und die in ihr
geschriebenen schätzbarsten Werke je gekannt haben! Sind sie dazu fähig? Guter
Gott! Die Geistesgestalt, die ihnen die Schönheiten ihrer eignen Sprache so ganz
und gar misskenntlich macht, dass sie sie vernachlässigen und auf die
erbärmlichste Art verderben, diese Geistesbildung, oder vielmehr diese für jede
Sprache, für jede Literatur missgebildete Schiefheit und Unform, bringt zu unsern
Schriftstellern eine Grundlage von Pedanterei, die ein wahrer Antipode von aller
Delikatesse des wahren französischen Geschmacks ist. Oder sie bringen einen
Leichtsinn zu ihnen, der nur den Namen des schlechtesten, eines falschen
französischen Geschmacks verdienet. Wissen sie nur einmal, was es sei, gute
Schriftsteller lesen? Wissen sie, dass es nicht zuviel ist, sie zehn-, zwanzig-,
dreissigmal mit Geschmack, mit Fleiss und Anstrengung lesen, um sie zu verdauen,
um ihren Inhalt in Blut und Saft zu verwandeln? Nichts weniger als dieses. Eine
einmalige flüchtige Lektur, und wessen? Einer kleinen Zahl von Werken, die den
meisten Ruf [haben], die man sich rühmen will, gelesen zu haben; ein Zwanzig
vielleicht, von denen ihnen nichts blieb, selbst die bekanntsten Anspielungen
nicht, die in der Gesellschaft oder in den Schriftstellern vorkommen132. Endlich
nur neue Bücher, nur Zeitschriften!
    In Frankreich unterscheidet man gute und schlechte Bücher; man tadelt den
falschen Geschmack und seufzet über den Verfall der Wissenschaft, indes in
Deutschland die Verfechter der französischen Literatur weit entfernt sind, so
etwas auch nur zu vermuten. Leute von Geschmack wissen es und schweigen, man
schwimmt nicht gern gegen den Strom. Und ich, der ich es zuerst wage, welchen
Widersprüchen und Trakasserien setze ich mich aus! Welch eines Muts, welcher
Geduld habe ich nötig!
    Woher kommt's, dass in England der falsch-französische Geschmack die bösen
Wirkungen nicht hervorgebracht hat wie in Deutschland? Die Ursache ist klar. Die
Neigung für unsre Literatur und Sprache war da viel gemässigter. Der Nationalhass
erregte Mitbewerbung; man las nicht sinnlos, man starrte nicht bewundernd an,
sondern eiferte nach und voran. Diese Eifersucht, so ungerecht sie manchmal war,
hatte für die Nation eine gute Wirkung. Man liess sich nicht unterjochen, am
wenigsten so weit, dass man seine eigne Sprache aufgegeben, die Werke seiner
Mitbürger verachtet und diese durch den Mangel an Aufmerksamkeit für ihre
Bemühungen ganz mutlos gemacht hätte, wie man es in Deutschland getan hat; und
am Ende wozu getan hat? Um eine fremde Sprache schlecht zu verstehen, sie noch
schlechter zu sprechen und in ihr nichts als Torheiten zu lesen. Schöner Gewinn
dafür, dass man in seinem Lande ein doppelter Barbar wird! Lohnte dies der Mühe,
sich mit unsrer Literatur zu überstopfen, gesetzt, diese hätte auch tausendmal
mehr Verdienst, als man ihr zugesteht, um solchen Preis?
    Verhehlen kann man sich's also auch nicht, dass der Fortgang beider Nationen,
der englischen und deutschen, sich wie ihr verschiedenes Betragen verhalte. Hier
entscheidet die Tat; ich will und kann nicht entscheiden. Dass die englische
Literatur die deutsche an Verdienst übertreffe, erweiset sich augenscheinlich
dadurch, dass man in Deutschland, wie in ganz Europa, englische Werke sucht und
lieset, dahingegen England sowohl als ganz Europa um deutsche Werke sehr
unbekümmert ist. Gegen diesen Beweis lässt sich nichts einwenden; die deutsche
Nation gibt hier ihre Stimme wider sich selbst. - Übrigens bin ich weit entfernt
zu glauben, dass es zwischen den Nationen wesentliche Verschiedenheit, unabhängig
von ihrer Geisteskultur gebe. Der Deutsche wird Delikatesse zeigen wie der
Franzose, Tiefsinn und Erhabenheit wie der Engländer, wenn er auf dem rechten
Wege sein wird; er ist aber noch nicht darauf. Und die Ursache davon liegt, wie
ich glaube, in seiner Leidenschaft nicht für die französische allein, sondern
für jede Sprache, sobald sie nur nicht die seinige ist Nur in dieser falschen
und schiefen Neigung liegt es. Seine Sprache ist jedes Ausdrucks empfängig;
warum bauet er sie nicht an, wie er sollte? Meinetalb lerne er auch
Französisch, nur auf eine Art, die ihm Ehre bringe und nicht gar lächerrlich
macht Er halte sich in ihr an die unsterblichen Werke, die den Ruhm Frankreichs
ausmachen, und nähre sich in ihnen mit Geschmack. Geistige wie körperliche
Nahrung, wenn sie gedeihen soll, will gekostet, genossen werden. Man muss zu ihr
von einer Begierde, einem Hunger getrieben werden, der nicht erkünstelt, nicht
der Appetit einer verdorbenen Gesundheit sei. Die deutsche Nation, im Grund eine
Nation von festem und edeln Sinn (ein fester Sinn aber hasst Frivolität, so wie
ein edler Sinn jedes Niederträchtigen Feind ist); um diesen lobenswürdigen
Eigenschaften treu zu bleiben, lasse der Deutsche fortan und immer sowohl jene
nichtswürdige falschschimmernde französische Schöngeisterei als jene unförmliche
Platteiten, deren vieljährige Geltung ihm gnugsam zeigt, in welchem Irrtum er
sei und mit welchem Übel, von welchem er nicht die geringste Ahnung hat, er
behaftet gewesen. Soweit Prémontval.133
                                      111.
    Eine viel tiefere Wunde hat uns die Gallicomanie (Franzosensucht müsste sie
deutsch heissen) geschlagen, als der gute Prémontval angibt. An seinem Ort konnte
er nicht mehr sagen und hatte gewiss schon zuviel gesaget.
    Wenn Sprache das Organ unsrer Seelenkräfte, das Mittel unsrer innersten
Bildung und Erziehung ist, so können wir nicht anders als in der Sprache unsres
Volks und Landes gut erzogen werden; eine sogenannte französische Erziehung (wie
man sie auch wirklich nannte) in Deutschland muss deutsche Gemüter notwendig
missbilden und irreführen Mich dünkt, dieser Satz stehe so hell da als die Sonne
am Mittage.
    Von wem und für wen ward die französische Sprache gebildet? Von Franzosen,
für Franzosen Sie druckt Begriffe und Verhältnisse aus, die in ihrer Welt, im
Lauf ihres* Lebens liegen; sie bezeichnet solche auf eine Weise, wie sie ihnen
dort jede Situation, der flüchtige Augenblick und die ihnen eigne Stimmung der
Seele in diesem Augenblick angibt. Ausser diesem Kreise werden die Worte halb
oder gar nicht verstanden, übel angewandt oder sind, wo die Gegenstände fehlen,
gar nicht anwendbar, mitin nutzlos gelernet. Da nun in keiner Sprache so sehr
die Mode herrscht als in der französischen, da keine Sprache so ganz das Bild
der Veränderlichkeit, eines wechselnden Farbenspiels in Sitten, Meinungen,
Beziehungen ist als sie, da keine Sprache wie sie leichte Schatten bezeichnet
und auf einem Farbenklavier glänzender Lufterscheinungen und Strahlenbrechungen
spielet, was ist sie zur Erziehung deutscher Menschen in ihrem Kreise? Nichts,
oder ein Irrlicht. Sie lässt die Seele leer von Begriffen oder gibt ihr für die
wahren und wesentlichen Beziehungen unsres Vaterlandes falsche Ausdrücke,
schiefe Bezeichnungen, fremde Bilder und Affektationen. Aus ihrem Kreise
gerückt, muss sie solche, und wäre sie eine Engelssprache, geben. Also ist es gar
nicht vermessen zu sagen, dass sie unsrer Nation, in den Ständen, wo sie die
Erziehung leitete oder vielmehr die ganze Erziehung war, den Verstand
verschoben, das Herz verödet, überhaupt aber die Seele an dem Wesentlichsten
leer gelassen hat, was dem Gemüt Freude an seinem Geschlecht, an seiner Lage, an
seinem Beruf gibt; und sind dies nicht die süssesten Freuden? haben Sie je den
Kurs einer deutsch-französischen Erziehung kennengelernt? Für Deutsche eine
schöne Einöde und Wüste! -
    Und doch bestehet der ganze Wert eines Menschen, seine bürgerliche
Nutzbarkeit, seine menschliche und bürgerliche Glückseligkeit darin, dass er von
Jugend auf den Kreis seiner Welt, seine Geschäfte und Beziehungen, die Mittel
und Zwecke derselben, genau und aufs reinste kennenlerne, dass er über sie im
eigensten Sinn gesunde Begriffe, herzliche fröhliche Neigungen gewinne und sich
in ihnen ungestört, unverrückt, ohne ein untergelegtes fremdes und falsches
Ideal, ohne Schielen auf auswärtige Sitten und Beziehungen übe. Wem dies Glück
nicht zuteil ward, dessen Denkart wird verschraubt, sein Herz bleibt kalt für
die Gegenstände, die ihn umgeben; oder vielmehr von einer fremden Buhlerin wird
ihm in jugendlichem Zauber auf lebenslang sein Herz gestohlen.
    Hat Ihnen das Glück nie einen deutsch-französischen Liebesbriefwechsel
zugeführet? Vielleicht die schönste Blumenlese auswärtiger Empfindungen; auf
deutschem Boden dürres Heu mit verwelkten Blumen. Jetzt muss man lachen, jetzt
sich verwundern, am Ende aber möchte man über die nicht ausgebrannte, sondern so
früh ausgespülte, flache Sentimentalität weinen.
    Kennen Sie Swifts Tea-table Miscellanies? Gehen Sie in die galanten Zirkel
der deutsch-französischen Konversation und suchen Gedanken, suchen wahre und
angenehme Unterhaltung; Sie werden den alten Swift in Leerheit sowohl als
anmutigen Fortleitungen des Gesprächs übertroffen finden. »Deutsch spreche ich
nicht in dieser Gesellschaft: im Deutschen sagt man immer zuviel, und hier will
ich nichts sagen. Wir zählen einander Zahlpfennige zu; die deutsche Sprache will
wahre Münze. Sie ist so ehrlich, so herzlich wie eine Bauerdirne. Wir sind hier
in guter, d.i. leerer Gesellschaft.« Ein solches Leben, ein solcher Ton der
Seele, eine Gewohnheit dieser Art, von Kindheit auf sich zur Form gemacht, sind
sie nicht traurig?
    Was haben wir denn in der Welt Schätzbareres als die wahre Welt wirklicher
Herzen und Geister? Dass wir unsre Gedanken und Gefühle in ihrer eigensten
Gestalt anerkennen und sie andern auf die treueste, unbefangenste Art äussern,
dass andre dagegen uns ihre Gedanken, ihre Empfindungen wiedergeben, kurz, dass
jeder Vogel singe, wie die Natur ihn singen hiess? Ist dies Licht erlöscht, diese
Flamme erstickt, dies ursprüngliche Band zwischen den Gemütern zerrissen oder
verzauset; statt des allen sagen wir auswendig gelernte, fremde, armselige
Phraseologien her: o des Jammers! der ewigen Flachheit und Falschheit! Eine
geist- und herzaustrocknende Dürre und Kälte. Den eigentlichen Besitzern dieser
Sprache gnügt solche; denn sie leben in ihr, sie beleben sie mit ihrer
fröhlichen Leichtigkeit und sprachseligen Anmut. Wir Deutsche aber, mit unsrer
Leichtigkeit? mit unserm französischen Scherz? O alle Grazien und Musen! -
    Jedermann muss bemerkt haben, dass es im ganzen Europa keine verschiedenere
Denk- und Mundarten gebe als die französische und deutsche, so nachbarlich sie
wohnen. Aus keiner Sprache ist so schwer zu übersetzen als aus der
französischen, wenn der deutschen Sprache ihr Recht, ihre ursprüngliche Art
bleiben soll; vollends das Eigenste derselben, ihr Geist und Scherz, ihre
flüchtigen Malereien und Bezeichnungen, Spiele der Phantasie und der leichtesten
Bemerkung sind uns ganz fremde. Wie schwerfällig geht die französische Komödie
auf unsern Teatern einher! wie hölzern klingen im Deutschen ihre fröhlichsten
Gesellschaftslieder! Und ihre Versifikation, der Ton ihrer Contes à rire, ihre
tausend Übereinkommnisse über das Schickliche und Unschickliche im Ausdruck
(welches alles sie Regeln des Geschmacks zu nennen belieben): wem ist es fremder
als der deutschen Sprache und Denkart? Viel leichter können wir uns unter
Griechen und Römer, unter Spanier, Italiener und Engländer versetzen als in
ihren Kreis anmutiger Frivolitäten und Wortspiele. Geschieht dies endlich,
zwingen wir uns von Jugend an diese Form auf, gelangen wir mit saurer Mühe zu
der Vortrefflichkeit, wozu wenige gelangen, französisch zu denken, zu scherzen
und zu amphibolisieren: was haben wir gewonnen? Dass der Franzose den deutschen
Ungeschmack, die tudeske Muse, lobend verhöhnet und wir unsre natürliche Denkart
einbüssten. Schwerlich gibt es eine schimpflichere Sklaverei als die
Dienstbarkeit unter französischem Witz und Geschmack, in französischen
Wortfesseln.
    Und sie macht uns andrer, stärkerer Eindrücke so unfähig, so in uns selbst
erstorben! Sagen Sie einer flachen Seele von deutsch-französischer Erziehung das
Stärkste, das Beste in einer andern Sprache: man versteht Sie französisch.
Lassen Sie es sich wieder sagen, und Sie werden sich vor Ihrem eignen Gedanken
oft schämen. Die sprachrichtigsten Franzosen wie interpretieren sie die Alten?
wie übersetzen sie aus neueren Sprachen? Läse sich Horaz in einer französischen
Übersetzung, was würde er sagen? Da nun die deutsche Sprache (ohne alle
Ruhmredigkeit sei es gesagt) gleichsam nur Herz und Verstand ist und statt
feiner Zierde Wahrheit und Innigkeit liebt, so zerstäubt ihr Nachdruck einem
gemeinen französischen Ohr wie der fallende Strom, der sich in Nebel auflöset.
Wie manchen hohen Begriff, wie manches edle Wort auch der alten Römersprache hat
die gallische Eitelkeit geschminkt, entnervt, verderbet!
    Wenn sich nun, wie offenbar ist, durch diese törichte Gallicomanie in
Deutschland seit einem Jahrhunderte her ganze Stände und Volksklassen
voneinander getrennt haben; mit wem man deutsch sprach, der war Domestique (nur
mit denen von gleichem Stande sprach man französisch und foderte von ihnen
diesen Jargon als ein Zeichen des Eintritts in die Gesellschaft von guter
Erziehung, als ein Standes-, Ranges- und Ehrenzeichen); zur Dienerschaft sprach
man, wie man zu Knechten und Mägden sprechen muss, ein Knecht- und Mägdedeutsch,
weil man ein edleres, ein besseres Deutsch nicht verstand und über sie in dieser
Denkart dachte; wenn dies ein ganzes reines Jahrhundert ungestört, mit wenigen
Ausnahmen, so fortging, dörfen wir uns wohl wundern, warum die deutsche Nation
so nachgeblieben, so zurückgekommen und ganzen Ständen nach so leer und
verächtlich worden ist, als wir sie leider nach dem Gesamturteil andrer Nationen
im Angesicht Europas finden? Bis auf die Zeiten Maximilians war die deutsche
Nation, so oft auch ihre Ehrlichkeit gemissbraucht ward, dennoch eine geehrte
Nation, standhaft in ihren Grundsätzen, bieder in ihrer Denkart und
Handlungsweise. Seit fremde Völker mit ihren Sitten und Sprachen sie
beherrschten, von Karl dem Fünften an, ging sie hinunter. Die Reformation
trennte, das politische Interesse trennte. Zuerst kam spanisches Cerimoniel zu
uns; bald schrieben die Fürsten, Prinzen, Generale italienisch, bis seit dem
glorreichen Dreissigjährigen Kriege nach und nach fast das ganze Reich an Höfen
und in den obern Ständen eine Provinz des französischen Geschmacks ward. Hinweg
war jetzt in diesen Ständen der deutsche Charakter! Frankreich ward die
glückliche Geburtsstätte der Moden, der Artigkeit, der Lebensweise. An Höfen
bekam alles andre Namen; in manchen Ländern ward die ganze Landesverwaltung
französisch eingerichtet. Den Landesherrn, die voreinst deutsche Fürsten und
Landesverwalter waren, ward jetzt wohl, wenn sie sich unter ihresgleichen durch
eine fremde Sprache in einem andern Lande finden konnten und an Geschäfte nur
von einer abgesonderten Klasse Menschen (der Nation, die sie nährte,) in grobem
Deutsch erinnert werden dorften. Die Edeln und Ritter folgten ihnen; der
weibliche Teil unsrer, nicht mehr unsrer Nation (denn von den Müttern hängt doch
fast aller gute oder schlechte Geschmack der Erziehung ab) übertraf beide. So
geschah, was geschehen ist; Adel und französische Erziehung wurden eins und
dasselbe; man schämte sich der deutschen Nation, wie man sich eines Fleckens in
der Familie schämet. Deutsche Bücher, deutsche Literatur in diesen obern Ständen
- wie niedrig, wie schimpflich! Der mächtigste, wohlhabendste, einflussreichste
Teil der Nation war also für die tätige Bildung und Fortbildung der Nation
verloren; ja, er hinderte diese, wie er sie etwa hindern konnte, schon durch
sein Dasein. Denn wenn man nur mit Gott und mit seinem Pferde deutsch sprach, so
stellten sich aus Pflicht und Gefälligkeit auch die, mit denen man also sprach,
als Pferde.
    Werden Sie nicht müde, meine Jeremiade auszuhören; ich schreibe sie nicht
aus Hass und Groll, wozu ich persönlich nie die mindeste Ursache gehabt habe,
sondern mit reinem Gemüt, aus dem weltbekannten Buch der Zeiten, und - sie ist
bald zu Ende.
    Nachdem also der Teil der Nation, der sich das Haupt und Herz derselben
nennet, ihr entwendet war, was sollten die armen Schriftsteller tun? Sie
betrugen sich auf verschiedene Weise Ein Teil fuhr fort, lateinisch zu
schreiben; und wiewohl der deutschen Sprache hiedurch ihr Beitrag zur Kultur
abging, so gewann die Wissenschaft dennoch mehr, als wenn sie damals, in der
seit Luter sehr verfallenen Sprache, deutsch geschrieben hätten. Auch anmutige
Sachen, auch Gedichte schrieben sie lateinisch, deren wir aus den beiden
letztvergangnen Jahrhunderten viele gute, einige vortreffliche haben. Andre,
edle Gemüter, suchten die deutsche Sprache emporzubringen; sie ahmten aus
fremden Sprachen nach, was sich nachahmen liess; so erschienen Opitz, Logau und
andre Schlesier, die wenigstens verhinderten, dass die deutsche Sprache nicht
ganz und gar zum pöbelhaften Streitgewäsch damaliger Zeit oder zur erbärmlichen
Kanzleisprache herabsank. Einige Fürsten134 hatten ein Ohr für sie und suchten
ihr durch Gesellschaften, sogar durch eigne Arbeiten aufzuhelfen. Andre,
schlechtere Gesellen, ahmten den französischen Witz nach, und so entstand jene
Zunft Schulfüchse, die nicht nur beide Sprachen erbärmlich mengten, sondern
auch, um sich ihren ältern Brüdern gefällig zu machen, galant wie Voiture,
affektiert wie Balzac, erhaben wie Corneille schrieben. Wie schämt sich ein
Deutscher, der, nicht französisch erzogen, altdeutscher Scham noch fähig ist,
wenn er die deutsch-französischen witzigen Schriften dieses Zeitraums mit der
Denk- und Schreibart Kaiserbergs, Luters, Hans Sachse (in seinen prosaischen
Aufsätzen135), überhaupt mit allem, was vor dem Ausgange des sechzehnten
Jahrhunderts geschrieben ward, vergleichet! - Endlich blieb uns nichts als die
Flüssigkeit; und noch jetzt rühmen sich alle deutsche Kanzleien, die
regensburgische nicht ausgenommen, dass sie, der wahren Courtoisie getreu,
ausserordentlich einnehmend, kurz und flüssig schreiben. Wer sollte es glauben?
Unsre Kanzlei-Courtoisie, meinen wir, ist echt französisch.
    Da tat sich endlich (denn die Barmherzigkeit wollte, dass es mit uns nicht
gar aus würde) ferne vom Hof- und Schulgeschmack hie und da einer hervor, der
glaubte, dass auch in Deutschland die Sonne scheine und die Natur regiere.
Brockes wählte den Garten zu seinem Hofe; Bodmer stahl sich über die Alpen und
kostete einen Atemzug italienischer Luft; kurz, man wagte den kühnen Gedanken,
dass Deutschland auch ausser den französierenden Höfen etwas sei, und schrieb und
stritt und dichtete, so gut man konnte. Für wen? Darauf ward anfangs nicht
gerechnet; es schloss sich aber bald ein Kreis von Freunden und Feinden. Die
echten Gottschedianer waren jetzt hinter Neukirch, Heräus und König der
Hofgeschmack; sie schrieben flüssig; was irgend mystère und Tibère reimen
konnte, war für sie. Gewiss, wir sind undankbar gegen den unbelohnten und
unbelohnbaren Eifer, von dem damals einige bessere Köpfe für einen besseren
Geschmack brannten. Welche Mühe übernahmen sie! welchen Befehdungen setzten sie
sich aus; und wie wenige Lust, wie wenig äussere Vorteile sie dabei eingeerntet
haben, erweiset die Privatgeschichte ihres Lebens.
    Nachschrift. Neulich sind mir einige Blätter zu Händen gekommen, der Auszug
aus den Schriften eines Mannes, der von 1729 bis 1781 lebte und gewiss mehr als
jemand dazu beigetragen hat, dass Deutschland sich einst (wir wollen es hoffen)
rühmen kann, einen eigenen Geschmack gewonnen zu haben. Die Blätter nennen sich
                                    Funken:
    wahrscheinlich weil der, den sie redend einführen, eine seiner Schriften
selbst fermenta cognitionis nannte; überdem war der Name Funken (Scintillae) in
den mittleren Zeiten sehr gewöhnlich. Mir sind sie gewesen, was sie dem Sinn des
Sammlers nach sein sollten, ein Charakterbild vom Leben des vielverdienten
Mannes, und ich stelle mir einen Jüngling des neunzehnten Jahrhunderts vor, der,
mit klassischen Kenntnissen in der Schule ausgerüstet, ehe er die Akademie
beschreitet, diese Funken, nachher auch mit Ordnung und Wahl die mannigfaltigen
Schriften dieses vielverdienten, gewandten Schriftstellers selbst lieset; was
wird er sagen? - »Wie,« wird er sagen, »lebte dieser Mann in einer Wüste? Bei
seinem mühsamen, für sein Vaterland rühmlichen, gleichsam all bestrebenden Gange
war denn niemand, der ihm half, der seinen Ideen, deren Nützlichkeit jedermann
lobpries, einen Spielraum, seinen Fähigkeiten, die jedermann anerkannte,
Wirksamkeit und ihm nur einige Bequemlichkeit verschafte diese Ideen
auszubilden, auszuführen?« - Ich wage es nicht, diese Fragen zu beantworten; mir
ist's gnug, den männlichen Verstand, die biedere Denkart zu bemerken, die sich
in jedem seiner Lebenszeichen äussert. Heil dem Jünglinge, der sich diese Bogen
zum Kanon seines Geschmacks wählet und zu gleich frühe lernet, was er zu tun und
zu vermeiden, endlich auch, was er von seinem Vaterlande zu erwarten habe.
                        Funken aus der Asche eines Toten
                                       1.
    »In dem engen Bezirk einer klostermässigen Schule waren Teophrast, Plautus
und Terenz meine Welt, die ich mit aller Bequemlichkeit studierte. - Wie gern
wünschte ich mir diese Jahre zurück, die einzigen, in welchen ich glücklich
gelebt habe.«136
                                       2.
    »Ich kam jung von Schulen, in der gewissen Überzeugung, dass mein ganzes
Glück in den Büchern bestehe. Stets bei den Büchern, nur mit mir selbst
beschäftigt, dachte ich ebensoselten an die übrigen Menschen als vielleicht an
Gott. Doch es dauerte nicht lange, so gingen mir die Augen auf. Ich lernte
einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen
machen. Ich wagte mich von meiner Stube unter meinesgleichen. Guter Gott! was
wurde ich für eine Ungleichheit zwischen mir und andern gewahr! Ich empfand eine
Scham, die ich niemals empfunden habe, und die Wirkung derselben war der feste
Entschluss, mich hierin zu bessern, es koste, was es wolle.«137
                                       3.
    »Mein Körper war durch Leibesübungen geschickter geworden, und ich suchte
Gesellschaft, um auch leben zu lernen. Ich legte die ernstaften Bücher eine
Zeitlang auf die Seite, um mich in denjenigen umzusehen, die weit angenehmer und
vielleicht ebenso nützlich sind. Die Komödien kamen mir zuerst in die Hand. Es
mag unglaublich vorkommen, wem es will: mir haben sie grosse Dienste getan. Ich
lernte daraus eine artige und gezwungene, eine grobe und natürliche Aufführung
unterscheiden. Ich lernte wahre und falsche Tugenden daraus kennen und die
Laster ebensosehr wegen ihres Lächerlichen als wegen ihres Schändlichen fliehen.
Ich lernte mich selbst kennen, und seit der Zeit habe ich gewiss über niemanden
mehr gelacht und gespottet als über mich selbst.«138
                                       4.
    »Man darf mich nur in einer Sache loben, wenn man haben will, dass ich sie
mit mehrerem Ernst treiben soll. Ich sann daher Tag und Nacht, wie ich in einer
Sache eine Stärke zeigen möchte, in der, wie ich glaubte, noch kein Deutscher
sich sehr hervorgetan hat.«139
                                       5.
    »Wenn man nicht versucht, welche Sphäre uns eigentlich zukommt, so wagt man
sich öfters in eine falsche, wo man sich kaum über das Mittelmässige erheben
kann, da man sich in einer andern vielleicht zu einer bewundernswürdigen Höhe
hätte schwingen können. Meine Neigung war, mich in allen Arten der Poesie zu
versuchen, und ward müde, mich bloss in Kleinigkeiten zu üben.«140
                                       6.
    »Seneca gibt den Rat: Omnem operam impende, ut the aliqua dote notabilem
facias.141 Aber es ist sehr schwer, sich in einer Wissenschaft notabel zu
machen, worin schon allzu viele exzelliert haben. Habe ich also sehr übel getan,
dass ich zu meinen Jugendarbeiten etwas gewählt, worin noch sehr wenige meiner
Landsleute ihre Kräfte versucht haben? Und wäre es nicht töricht, eher
aufzuhören, als bis man Meisterstücke von mir gelesen hatt?«142
                                       7.
    »Man darf nicht glauben, dass ich meine Lieder Kleinigkeiten nennte, damit
ich der Kritik mit Höflichkeit den Dolch aus den Händen winden möchte. Ich
erklärte, dass ich der erste sein wolle, zu verdammen, was sie verdammt; sie, der
zum Verdruss ich wohl einige mittelmässige Stücke könnte gemacht haben, der zum
Trotz aber ich nie diese mittelmässige Stücke für schön erkennen würde Ich habe
geändert, ich habe weggeworfen. Das Elende streicht sich selbst durch, und
schlechte Verse, die niemand lieset, sind so gut, als wären sie nicht gemacht
worden.«143
                                       8.
    »Den wenigen Oden gebe ich nur mit Zittern diesen Namen. Sie sind zwar von
einem stärkern Geist als die Lieder und haben ernstaftere Gegenstände; allein
ich kenne die Muster in dieser Art gar zu gut, als dass ich nicht einsehen
sollte, wie tief mein Flug unter dem ihrigen ist. Und wenn zum Unglück nur das
Oden sein sollten, was ich, der schmalen Zeilen ohngeachtet, für Lehrgedichte
halte, die man anstatt der Paragraphen in Strophen eingeteilt hat, so werde ich
vollends Ursache mich zu schämen haben.«144
                                       9.
    »In Sinngedichten erkenne ich keinen andern Lehrmeister als den Martial; es
müssten denn die sein, die er für die seinigen erkannt hat und von welchen uns
die Antologie einen so vortrefflichen Schatz derselben aufbehalten. Dass ich zu
beissend und zu frei darin bin, wird man mir wohl nicht vorwerfen können, ob ich
gleich beinah in der Meinung stehe, dass man beides in Sinnschriften nicht gnug
sein kann.«145
                                      10.
    »Man nenne mir doch diejenigen Geister, auf welche die komische Muse
Deutschlands stolz sein könnte! Was herrscht auf unsern gereinigten Teatern?
Ist es nicht lauter ausländischer Witz, der, sooft wir ihn bewundern, eine
Satire über den unsrigen macht? Aber wie kommt es, dass nur hier die deutsche
Nacheiferung zurückbleibt? Sollte wohl die Art selbst, wie man unsre Bühne hat
verbessern wollen, daran schuld sein? Sollte wohl die Menge von Meisterstücken,
die man auf einmal, besonders den Franzosen abborgte, unsre ursprünglichen
Dichter niedergeschlagen haben? Man zeigte ihnen auf einmal, so zu reden, alles
erschöpft und setzte sie auf einmal in die Notwendigkeit, nicht bloss etwas
Gutes, sondern etwas Besseres zu machen. Dieser Sprung war ohne Zweifel zu arg;
die Kunstrichter konnten ihn wohl befehlen, aber die, die ihn wagen sollten,
blieben aus.«146
                                      11.
    »Wenn ich von den allweisen Einrichtungen der Vorsehung weniger ehrerbietig
zu reden gewohnt wäre, so würde ich keck sagen, dass ein gewisses neidisches
Geschick über die deutschen Genies, welche ihrem Vaterlande Ehre machen könnten,
zu herrschen scheine. Wie viele derselben fallen in ihrer Blüte dahin! Sie
sterben, reich an Entwürfen und schwanger mit Gedanken, denen zu ihrer Grösse
nichts als die Ausführung fehlt. Sollte es aber schwer sein, eine natürliche
Ursache hievon anzugeben? Wahrhaftig, sie ist so klar, dass sie nur derjenige
nicht sieht, der sie nicht sehen will. Nehmen Sie an, dass ein solches Genie in
einem gewissen Stande geboren wird, der, ich will nicht sagen, der elendeste
sondern nur zu mittelmässig ist, als dass er noch zu der sogenannten goldnen
Mittelmässigkeit zu rechnen wäre. Und Sie wissen wohl, die Natur hat einen
Wohlgefallen dran, aus ebendiesem immer mehr grosse Geister hervorzubringen als
aus irgendeinem andern. Nun überlegen Sie, was für Schwierigkeiten dieses Genie
in einem Lande als Deutschland, wo fast alle Arten von Ermunterungen unbekannt
sind, zu übersteigen habe. Bald wird es von dem Mangel der nötigsten Hülfsmittel
zurückgehalten, bald von dem Neide, welcher die Verdienste auch schon in ihrer
Wiege verfolgt, unterdrückt, bald in mühsamen und seiner unwürdigen Geschäften
entkräftet. Ist es ein Wunder, dass es nach aufgeopferten Jugendkräften dem
ersten starken Sturme unterliegt? Ist es ein Wunder, dass Armut, Ärgernis,
Kränkung, Verachtung endlich über einen Körper siegen, der ohnedem der stärkste
nicht ist, weil er kein Körper eines Holzhackers werden sollte. In diesem Fall
war M., oder es ist nie einer darin gewesen.«147
    »- Das ist sein Lebenslauf. Ein Lebenslauf, ohne Zweifel, in welchem das
Ende das Unglücklichste nicht ist. Und doch behaupte ich, dass er mehr darin
geleistet hat, als tausend andere in seinen Umständen nicht würden geleistet
haben. Der Tod hat ihn früh, aber nicht so früh überrascht, dass er keinen Teil
seines Namens vor ihm in Sicherheit hätte bringen können. - Er gewinnet im
Verlieren und ist vielleicht eben jetzt beschäftiget, mit erleuchteten Augen zu
untersuchen, ob Newton glücklich geraten und Bradlei genau gemessen habe. Er
weiss ohne Zweifel schon mehr, als er jemals auf der Welt hätte begreifen
können.«148
                                      12.
    »Ein gutes Genie ist nicht allemal ein guter Schriftsteller, und es ist oft
ebenso unbillig, einen Gelehrten nach seinen Schriften zu beurteilen als einen
Vater nach seinen Kindern. Der rechtschaffenste Mann hat oft die
nichtswürdigsten und der klügste die dümmsten; ohne Zweifel weil dieser nicht
die gelegenste Stunde zu ihrer Bildung und jener nicht den nötigen Fleiss zu
ihrer Erziehung angewendet hat. Der geistliche Vater kann oft in ebendiesem Fall
sein, besonders wenn ihn äusserliche Umstände nötigen, den Gewinnst seine Minerva
und die Notwendigkeit seine Begeisterung sein zu lassen. Ein solcher ist alsdann
meistenteils gelehrter als seine Bücher, anstatt dass die Bücher derjenigen,
welche sie mit aller Musse und mit Anwendung aller Hülfsmittel ausarbeiten
können, nicht selten gelehrter als ihre Verfasser zu sein pflegen.«149
                                      13.
    »Warum gibt es gewisse, schwer zu vergnügende Kunstrichter, die zum
Lustspiel eine anständige Dichtung, wahre Sitten, eine männliche Moral, eine
feine Satire, eine lebhafte Unterredung und, ich weiss nicht, was sonst noch mehr
verlangen? - Und ich weiss überhaupt nicht, was ich von der Satire sagen soll,
die sich an ganze Stände wagt. Doch Galle, Ungerechtigkeit und Ausschweifung
haben nie ein Buch um die Leser gebracht, wohl aber manchem Buche zu Lesern
verholfen.«150
                                      14.
    »Den schönen Wissenschaften sollte nur ein Teil unsrer Jugend gehören; wir
haben uns in wichtigern Dingen zu üben, ehe wir sterben. Ein Alter, der seine
ganze Lebenszeit über nichts als gereimt hat, und ein Alter, der seine ganze
Lebenszeit über nichts getan, als dass er seinen Atem in ein Holz mit Löchern
gelassen: von solchen Alten zweifle ich sehr, ob sie ihre Bestimmung erreicht
haben.«151
                                      15.
    »Auch Freunde sind Güter des Glücks, die ich lieber finden als suchen will.«
152
                                      16.
    »Gesegnet sei Ihr Entschluss, sich selbst zu leben. Um seinen Verstand
auszubreiten, muss man seine Begierden einschränken. Wenn Sie leben können, so
ist es gleichviel, ob Sie von mässigen oder grossen Einkünften leben. Wieviel
lieber wollte ich künftigen Sommer mit Ihnen und unserm Freunde zubringen als in
England! Vielleicht lerne ich da weiter nichts, als dass man eine Nation
bewundern und hassen kann.«153
                                      17.
    »O was ist unser Grenadier154 für ein vortrefflicher Mann! Zu einer solchen
unanstössigen Verbindung der erhabensten und lächerlichsten Bilder war nur er
geschickt! Nur er konnte die Strophen
 Gott aber wog bei Sternenklang -
und
 Dem Schwaben, der mit einem Sprung -
machen und sie beide in ein Ganzes bringen. Was wollte ich nicht darum geben,
wenn man das ganze Lied ins Französische übersetzen könnte! Aber wollen wir
unsern Grenadier nicht nun bald avancieren lassen? - Versichern Sie ihn, dass ich
von Tag zu Tage ihn mehr bewundere und dass er alle meine Erwartung so zu
übertreffen weiss, dass ich das Neueste, was er gemacht hat, immer für das Beste
halten muss. Ein Bekenntnis, zu dem mir noch kein einziger Dichter Gelegenheit
gegeben bat.«155
                                      18.
    »Der Grenadier erlaubt es doch noch, dass ich eine Vorrede dazu machen darf?
Ich habe Verschiednes von den alten Kriegsliedern gesammlet; zwar ungleich mehr
von den Kriegsliedern der Barden und Skalden als der Griechen.156 Der alten
Siegslieder wegen habe ich sogar das alte Heldenbuch durchgelesen, und diese
Lektüre hat mich hernach weiter auf die zwei sogenannten Heldengedichte aus dem
schwäbischen Jahrhunderte gebracht, welche die Schweizer jetzt herausgegeben
haben. Ich habe verschiedene Züge daraus angemerkt, die wenigstens von dem
kriegerischen Geiste zeugen, der unsre Vorfahren zu einer Nation von Helden
machte. - Die griechische Grabschrift, die ich dem Grenadier gesetzt habe,157
sind zwei alte Verse, die bereits Archilochus von sich gesagt hat: Ich bin ein
Knecht des enyalischen Königs (des Mars) und habe die liebliche Gabe der Musen
gelernt. Würden sie nicht auch vortrefflich unter das Bildnis unsers Kleists
passen?«158
                                      19.
    »Vielleicht zwar ist auch der Patriot bei mir nicht ganz erstickt, obgleich
das Lob eines eifrigen Patrioten, nach meiner Denkungsart, das allerletzte ist,
wornach ich geizen würde; des Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrte, dass
ich ein Weltbürger sein sollte. - Ich habe überhaupt von der Liebe des
Vaterlandes (es tut mir leid, dass ich Ihnen vielleicht meine Schande gestehen
muss) keinen Begriff, und sie scheint mir aufs höchste eine heroische
Schwachheit, die ich recht gern entbehre.«159
                                      20.
    »Der Krieg hat seine blutigste Bühne unter uns aufgeschlagen, und es ist
eine alte Klage, dass das zu nahe Geräusch der Waffen die Musen verscheucht.
Verscheucht es sie nun aus einem Lande, wo sie nicht recht viele, recht feurige
Freunde haben, wo sie ohnedies nicht die beste Aufnahme erhielten, so können sie
auf eine lange Zeit verscheucht bleiben. Der Friede wird ohne sie wiederkommen;
ein trauriger Friede, von dem einzigen melancholischen Vergnügen begleitet, über
verlorne Güter zu weinen.«160
                                      21.
    »Man behauptet, der Kunstrichter müsse nur die Schönheiten eines Werks
aufsuchen und die Fehler desselben eher bemänteln als blossstellen In zwei Fällen
bin ich selbst der Meinung. Einmal, wenn der Kunstrichter Werke von einer
ausgemachten Güte vor sich hat, die besten Werke der Alten z. E. Zweitens, wenn
der Kunstrichter nicht sowohl gute Schriftsteller als nur bloss gute Leser bilden
will.161 Die Güte eines Werks beruhet nicht auf einzeln Schönheiten; diese
einzelne Schönheiten müssen ein schönes Ganze ausmachen, oder der Kenner kann
sie nicht anders als mit einem zürnenden Missvergnügen lesen. Nur wenn das Ganze
untadelhaft befunden wird, muss der Kunstrichter von einer nachteiligen
Zergliederung abstehen und das Werk so wie der Philosoph die Welt betrachten.«
162
                                      22.
    »Kommt es denn bei unsern Handlungen bloss auf die Vielheit der
Bewegungsgründe an? Beruhet nicht weit mehr auf der Intention derselben? Kann
nicht ein einziger Bewegungsgrund, dem ich lange und ernstlich nachgedacht habe,
ebensoviel ausrichten als zwanzig Bewegungsgründe, deren jedem ich den
zwanzigsten Teil von jenem Nachdenken geschenkt habe?«
                                      23.
    »Die edelsten Wörter sind eben deswegen, weil sie die edelsten sind, fast
niemals zugleich diejenigen, die uns in der Geschwindigkeit, besonders im
Affekte, zuerst beifallen. Sie verraten die vorhergegangene Überlegung,
verwandeln die Helden in Deklamatoren und stören dadurch die Illusion. Es ist
daher sogar ein grosses Kunststück eines tragischen Dichters, wenn er besonders
die erhabensten Gedanken in die gemeinsten Worte kleidet und im Affekt nicht das
edelste, sondern das nachdrücklichste Wort, wenn es auch schon einen etwas
niedrigen Nebenbegriff mit sich führen sollte, ergreifen lässt. Von diesem
Kunststücke werden aber freilich diejenigen nichts wissen wollen, die nur an
einem korrekten Racine Geschmack finden und so unglücklich sind, keinen
Shakespeare zu kennen.«163
                                      24.
    »Überhaupt glaube ich, dass der Name eines wahren Geschichtschreibers nur
demjenigen zukommt, der die Geschichte seiner Zeiten und seines Landes
beschreibt. Denn nur der kann selbst als Zeuge auftreten und darf hoffen, auch
von der Nachwelt als ein solcher geschätzt zu werden, wenn alle andre, die sich
nur als Abhörer der eigentlichen Zeugen erweisen, nach wenig Jahren von
ihresgleichen gewiss verdrängt sind. Die süsse Überzeugung von dem gegenwärtigen
Nutzen, den sie stiften, muss sie allein wegen der kurzen Dauer ihres Ruhms
schadlos halten. Und kann ein ehrlicher Mann mit dieser Schadloshaltung auch
nicht zufrieden sein?«164
                                      25.
    »Krank will ich wohl einmal sein, aber sterben will ich deswegen noch nicht.
Alle Veränderungen unseres Temperaments, glaube ich, sind mit Handlungen unsrer
animalischen Ökonomie verbunden. Die ernstliche Epoche meines Lebens nahet
heran! Ich beginne ein Mann zu werden und schmeichle mir, dass ich in diesem
hitzigen Fieber den letzten Rest meiner jugendlichen Torheiten verraset habe.
Glückliche Krankheit! Aber sollten sich wohl Dichter eine atletische Gesundheit
wünschen? Sollte der Phantasie, der Empfindung nicht ein gewisser Grad von
Unpässlichkeit weit zuträglicher sein? Wünschen Sie mich also gesund, aber
womöglich mit einem kleinen Denkzeichen, das dem Dichter von Zeit zu Zeit den
hinfälligen Menschen empfinden lasse und ihm zu Gemüt führe, dass nicht alle
Tragici mit dem Sophokles neunzig Jahr werden; aber, wenn sie es auch würden,
dass Sophokles auch an die neunzig Trauerspiele und ich erst ein einziges
gemacht. Neunzig Trauerspiele! Auf einmal überfällt mich ein Schwindel!«165
                                      26.
    »Ihnen gestehe ich es am allerungernsten, dass ich bisher nichts weniger als
zufrieden gewesen bin. Ich muss es Ihnen aber gestehen, weil es die einzige
Ursache ist, warum ich so lange nicht an Sie geschrieben habe.
    Nein, das hatte ich mir nicht vorgestellt! Aus diesem Ton klagen alle
Narren. Ich hätte mir es vorstellen sollen und können, dass unbedeutende
Beschäftigungen mehr ermüden müssten als das anstrengendste Studieren; dass in dem
Zirkel, in welchen ich mich hineinzaubern lassen, erlogene Vergnügen und
Zerstreuungen über Zerstreuungen die stumpf gewordene Seele zerrütten würden;
dass -
    Ihr Lessing ist verloren. In Jahr und Tag werden Sie ihn nicht mehr kennen.
Er sich selbst nicht mehr. O meine Zeit, meine Zeit, mein Alles, was ich habe -
- sie so, ich weiss nicht, was für Absichten aufzuopfern! Hundertmal habe ich
schon den Einfall gehabt, mich mit Gewalt aus dieser Verbindung zu reissen. Doch
kann man einen unbesonnenen Streich mit dem andern wieder gutmachen?«166
                                      27.
    »Meine Eltern betrachten mich, als wenn ich hier schon etabliert wäre; und
dieses bin ich doch so wenig, dass ich gar leicht meine längste Zeit hier gewesen
sein dörfte. Ich warte nur noch einen einzigen Umstand ab, und wenn dieser nicht
nach meinem Willen ausfällt, so kehre ich zu meiner alten Lebensart wieder
zurück. - Ich habe mit diesen Nichtswürdigkeiten nun schon mehr als drei Jahr
verloren. Es ist Zeit, dass ich wieder in mein Geleise komme. Alles, was ich
durch meine jetzige Lebensart intendierte, das habe ich erreicht; ich habe meine
Gesundheit so ziemlich wieder hergestellt, ich habe ausgeruhet - - Ich bin über
die Hälfte meines Lebens und wüsste nicht, was mich nötigen könnte, mich auf den
kürzeren Rest desselben noch zum Sklaven zu machen. Wie es weiter werden wird,
ist mein geringster Kummer. Wer gesund ist und arbeiten will, hat in der Welt
nichts zu fürchten. Langwierige Krankheiten und ich weiss nicht was für Umstände
befürchten, die ausserstand zu arbeiten setzen können, zeigt ein schlechtes
Vertrauen auf die Vorsehung. Ich habe ein besseres und habe Freunde.«167
                                      28.
    »Fragen Sie mich nicht, auf was ich nach H. gehe. Eigentlich auf nichts.
Wenn sie mir in H. nur nichts nehmen, so geben sie mir ebensoviel, als sie mir
hier gegeben haben. Doch Ihnen brauche ich nichts zu verhehlen. Ich habe
allerdings mit dem dortigen neuen Teater und den Entrepreneurs desselben eine
Art von Abkommen getroffen, welches mir auf einige Jahre ein ruhiges und
angenehmes Leben verspricht. Als ich mit ihnen schloss, fielen mir die Worte aus
dem Juvenal bei:
                  Quod non dant proceres, dabit histrio - 168
    Ich will meine teatralischen Werke, welche längst auf die letzte Hand
gewartet haben, daselbst vollenden und aufführen lassen. Solche Umstände waren
notwendig, die fast erloschene Liebe zum Teater wieder bei mir zu entzünden.
Ich fing eben an, mich in andre Studien zu verlieren, die mich gar bald zu aller
Arbeit des Genies würden unfähig gemacht haben. Mein Laokoon ist nun wieder die
Nebenarbeit. Mich dünkt, ich komme mit der Fortsetzung desselben für den grossen
Haufen unsrer Leser auch noch immer früh genug. Die wenigen, die mich jetzt
lesen, verstehen von der Sache ebensoviel wie ich und mehr.«169
                                      29.
    »Und hat es nicht das Publikum in seiner Gewalt, was es an Geschmack und
Einsicht beim Teater mangelhaft finden sollte, abstellen und verbessern zu
lassen? Es komme nur, und sehe und höre, und prüfe und richte. Seine Stimme soll
nie geringschätzig verhöret, sein Urteil soll nie ohne Unterwerfung vernommen
werden.
    Nur dass sich nicht jeder kleine Kritikaster für das Publikum halte und
derjenige, dessen Erwartungen getäuscht werden, auch ein wenig mit sich selbst
zu Rate gehe, von welcher Art seine Erwartungen gewesen. Nicht jeder Liebhaber
ist Kenner; nicht jeder, der die Schönheiten eines* Stücks, das richtige Spiel
eines Akteurs empfindet, kann darum auch den Wert aller andern schätzen. Man hat
keinen Geschmack, wenn man nur einen einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man
desto parteiischer. Der wahre Geschmack ist der allgemeine, der sich über
Schönheiten von jeder Art verbreitet, aber von keiner mehr Vergnügen und
Entzücken erwartet, als sie nach ihrer Art gewähren kann.
    Der Stufen sind viel, die eine werdende Bühne bis zum Gipfel der
Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte Bühne ist von dieser
Höhe natürlicherweise noch weiter entfernt, und ich fürchte sehr, dass die
deutsche mehr dieses als jenes ist.
    Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen. Doch was man nicht wachsen
sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen Der Langsamste, der sein Ziel nur
nicht aus den Augen verlieret, geht noch immer geschwinder, als der ohne Ziel
herumirret.«170
                                      30.
    »Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stück Pomp und Majestät
geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück derjenigen, deren
Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muss natürlicherweise am tiefsten in
unsre Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden haben, so haben wir es
mit ihnen als Menschen, nicht als mit Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre
Unfälle wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen
ganze Völker darein verwickelt werden; unsre Sympatie erfordert einen einzelnen
Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsre
Empfindung.«171
                                      31.
    »Wenn Die Belagerung von Calais172 nicht verdiente, dass die Franzosen einen
solchen Lärmen damit machten, so gereicht doch dieser Lärmen selbst den
Franzosen zur Ehre. Er zeigt sie als ein Volk, das auf seinen Ruhm eifersüchtig
ist, auf das die grossen Taten seiner Vorfahren den Eindruck nicht verloren
haben, das, von dem Wert eines Dichters und von dem Einfluss des Teaters auf
Tugend und Sitten überzeugt, jenen nicht zu seinen unnützen Gliedern rechnet,
dieses nicht zu den Gegenständen zählt, um die sich nur geschäftige Müssiggänger
bekümmern. Wie weit sind wir Deutschen in diesem Stück noch hinter den
Franzosen. Es gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren!
Barbarischer als unsre barbarischten Voreltern, denen ein Liedersänger ein sehr
schätzbarer Mann war und die, bei aller ihrer Gleichgültigkeit gegen Künste und
Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde oder einer, der mit Bärenfellen und
Bernstein handelt, der nützlichere Bürger wäre, sicherlich für die Frage eines
Narren gehalten hätten. - Ich mag mich in Deutschland umsehen, wo ich will, die
Stadt soll noch gebauet werden, von der sich erwarten liesse, dass sie nur den
tausendsten Teil der Achtung und Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter
haben würde, die Calais gegen den Du Belloy gehabt hat. Man erkenne es immer für
französische Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer
Eitelkeit fähig sein werden! Was Wunder auch? Unsre Gelehrten selbst sind klein
genug, die Nation in der Geringschätzung alles dessen zu bestärken, was nicht
geradezu den Beutel füllet. Man spreche von einem Werke des Genies, von welchem
man will; man rede von der Aufmunterung der Künstler; man äussere den Wunsch, dass
eine reiche, blühende Stadt der anständigsten Erholung für Männer, die in ihren
Geschäften des Tages Last und Hitze getragen, und der nützlichsten Zeitkürzung
für andre, die gar keine Geschäfte haben wollen, durch ihre blosse Teilnehmung
aufhelfen möge - und sehe und höre um sich.«173
                                      32.
    »Es ist einem jeden vergönnt, seinen eignen Geschmack zu haben; und es ist
rühmlich, sich von seinem eignen Geschmack Rechenschaft zu geben suchen. Aber
den Gründen, durch die man ihn rechtfertigen will, eine Allgemeinheit erteilen,
die, wenn es seine Richtigkeit damit hätte, ihn zu dem einzigen wahren Geschmack
machen müsste, heisst aus den Grenzen des forschenden Liebhabers herausgehen und
sich zu einem eigensinnigen Gesetzgeber aufwerfen. Der wahre Kunstrichter
folgert keine Regeln aus seinem Geschmack, sondern hat seinen Geschmack nach den
Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfordert.« 174
                                      33.
    »Ich weiss einem Künstler nur eine einzige Schmeichelei zu machen; und diese
besteht darin, dass ich annehme, er sei von aller eiteln Empfindlichkeit
entfernt, die Kunst gehe bei ihm über alles, er höre gern frei und laut über
sich urteilen und wolle sich lieber auch dann und wann falsch als seltner
beurteilt wissen Wer diese Schmeichelei nicht versteht, bei dem erkenne ich mich
gar bald irre, und er ist nicht wert, dass wir ihn studieren. Der wahre Virtuose
glaubt es nicht einmal, dass wir seine Vollkommenheit einsehen und empfinden,
wenn wir auch noch soviel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, dass wir
auch Augen und Gefühl für seine Schwäche haben. Er spottet bei sich über jede
uneingeschränkte Bewunderung, und nur das Lob desjenigen freuet ihn, von dem er
weiss, dass er auch das Herz hat, ihn zu tadeln.«175
                                      34.
    »Wie schwach muss der Eindruck sein, den das Werk gemacht hat, wenn man in
eben dem Augenblick auf nichts begieriger ist, als die Figur des Meisters
dagegenzuhalten? Das wahre Meisterstück, dünkt mich, erfüllet uns so ganz mit
sich selbst, dass wir des Urhebers darüber vergessen, dass wir es nicht als das
Produkt eines einzelnen Wesens, sondern der allgemeinen Natur betrachten. Young
sagt von der Sonne, es wäre Sünde in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten.
Wenn Sinn in dieser Hyperbel liegt, so ist es dieser: der Glanz, die
Herrlichkeit der Sonne ist so gross, so überschwenglich, dass es dem roheren
Menschen zu verzeihen, dass es sehr natürlich war, wenn er sich keine grössere
Herrlichkeit, keinen Glanz denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei,
wenn er sich also in der Bewunderung der Sonne so sehr verlor, dass er an den
Schöpfer der Sonne nicht dachte. Ich vermute, die wahre Ursache, warum wir so
wenig Zuverlässiges von der Person und den Lebensumständen des Homer wissen, ist
die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller Erstaunen an dem
breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im Gebirge zu denken. Wir
wollen es nicht wissen, wir finden unsre Rechnung dabei, es zu vergessen, dass
Homer, der blinde Bettler, eben der Homer ist, der uns in seinen Werken so
entzückt. Er bringt uns unter Götter und Helden; wir müssten in dieser
Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Türsteher so genau zu
erkundigen, der uns hereingelassen. Die Täuschung muss sehr schwach sein, man muss
wenig Natur, aber desto mehr Künstelei empfinden, wenn man so neugierig nach dem
Künstler ist.«176
                                      35.
    »Kann es nicht ebensowohl sein, dass der Dichter und Künstler das, was ich
für Flecken halte, für keine hält? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass er
mehr Recht hat als ich? Ich bin überzeugt, dass das Auge des Künstlers
grösstenteils viel scharfsichtiger ist als das scharfsichtigste seiner
Betrachter. Unter zwanzig Einwürfen, die ihm diese machen, wird er sich von
neunzehn erinnern, sie während der Arbeit sich selbst gemacht und sie auch schon
sich selbst beantwortet zu haben. Gleichwohl wird er nicht ungehalten sein, sie
auch von andern machen zu hören; denn er hat es gern, dass man über sein Werk
urteilt; schal und gründlich, links oder rechts, gutartig oder hämisch, alles
gilt ihm gleich, und auch das schalste, linkste, hämischste Urteil ist ihm
lieber als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die andre Art in
seinen Nutzen zu verwenden wissen; aber was fängt er mit dieser an? Verachten
möchte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn für so etwas
Ausserordentliches halten; und doch muss er die Achseln über sie zucken. Er ist
nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz möchte er zehnmal
lieber einen unverdienten Tadel als ein unverdientes Lob auf sich sitzen
lassen.«177
                                      36.
    »Der Gedanke ist an und für sich selbst grässlich, dass es Menschen geben
kann, die ohne alle ihre Schuld unglücklich sind. Die Heiden hätten diesen
grässlichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht als möglich; und wir
wollten ihn nähren? wir wollten uns an Schauspielen vergnügen, die ihn
bestätigen? wir? die Religion und Vernunft überzeugt haben sollte, dass er ebenso
unrichtig als gotteslästerlich ist.«178
                                      37.
    »Ich bin weder Schauspieler noch Dichter. Man erweiset mir zwar manchmal die
Ehre, mich für den letztern zu erkennen, aber nur weil man mich verkennt. Aus
einigen dramatischen Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so
freigebig folgern. Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben
verquistet, ist ein Maler. Die ältesten von jenen Versuchen sind in den Jahren
hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern für Genie hält. Was
in den neuern Erträgliches ist, davon bin ich mir bewusst, dass ich es einzig und
allein der Kritik zu verdanken habe. Ich fühle die lebendige Quelle nicht in
mir, die durch eigne Kraft sich emporarbeitet, durch eigne Kraft in so reichen,
so frischen, so reinen Strahlen aufschiesst, ich muss alles durch Druckwerk und
Röhren bei mir heraufpressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein,
wenn ich nicht einigermassen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen,
an fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu
stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdriesslich geworden, wenn ich zum
Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. Sie soll das Genie ersticken, und ich
schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem Genie sehr nahe kommt. Ich
bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die Krücke unmöglich erbauen kann.179
    Doch freilich, wie die Krücke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Ort zum
andern zu bewegen, aber ihn nicht zum Läufer machen kann, so auch die Kritik.
Wenn ich mit ihrer Hülfe etwas zustande bringe, welches besser ist, als es einer
von meinen Talenten ohne Kritik machen würde, so kostet es mir so viel Zeit, ich
muss von andern Geschäften so frei, von unwillkürlichen Zerstreuungen so
ununterbrochen sein, ich muss meine ganze Belesenheit so gegenwärtig haben, ich
muss bei jedem Schritte alle Bemerkungen, die ich jemals über Sitten und
Leidenschaften gemacht, so ruhig durchlaufen können, dass zu einem Arbeiter, der
ein Teater mit Neuigkeiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter
sein kann als ich.
    Was Goldoni für das italienische Teater tat, der es in einem Jahr mit
dreizehn neuen Stücken bereicherte, das muss ich für das deutsche zu tun folglich
bleiben lassen. Ja, das würde ich bleiben lassen, wenn ich es auch könnte. Ich
bin misstrauischer gegen alle erste Gedanken, als de la Casa und der alte Shandy
nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch schon nicht für Eingebungen des
bösen Feindes, weder des eigentlichen noch des allegorischen, halte, so denke
ich doch immer, dass die ersten Gedanken die ersten sind. Meine ersten Gedanken
sind gewiss kein Haar besser als jedermanns erste Gedanken, und mit jedermanns
Gedanken bleibt man am klügsten zu Hause.«
                                      38.
    »Seines Fleisses darf sich jedermann rühmen: ich glaube die dramatische
Dichtkunst studiert zu haben, sie mehr studiert zu haben als zwanzig, die sie
ausüben. - Ich verlange auch nur eine Stimme unter uns, wo so mancher sich eine
anmasst, der, wenn er nicht dem oder jenem Ausländer nachplaudern gelernt hätte,
stummer sein würde als ein Fisch. Aber man kann studieren und sich tief in den
Irrtum hineinstudieren. Was mich also versichert, dass mir dergleichen nicht
begegnet sei, dass ich das Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist
dieses, dass ich es vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzähligen
Meisterstücken der griechischen Bühne abstrahiert hat. Ich stehe nicht an zu
bekennen (und sollte ich in diesen erleuchteten Zeiten auch darüber ausgelacht
werden!), dass ich sie für ein ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente
des Euklides nur immer sind. Ihre Grundsätze sind ebenso wahr und gewiss, nur
freilich nicht so fasslich und daher mehr der Schikane ausgesetzt als alles, was
diese entalten.
    Ich wage es, hier eine Äusserung zu tun, man mag sie doch nehmen, wofür man
will! - Man nenne mir das Stück des grossen Corneille, welches ich nicht besser
machen wollte. Was gilt die Wette? -
    Man merke aber wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es zuverlässig besser
machen und doch lange kein Corneille sein und doch lange kein Meisterstück
gemacht haben. Ich werde es besser machen und mir doch wenig darauf einbilden
dörfen. Ich werde nichts getan haben, als was jeder tun kann, der so fest an den
Aristoteles glaubt wie ich.«180
                                      39.
    »Ich gehe künftigen - von - weg. - Und wohin? Geraden Weges nach Rom. Was
ich in Rom will, werde ich Ihnen aus Rom schreiben.181 Von hier aus kann ich
Ihnen nur soviel sagen, dass ich in Rom wenigstens ebensoviel zu suchen und zu
erwarten habe als an einem Orte in Deutschland Soviel kann ich ungefähr noch mit
hinbringen, um ein Jahr da zu leben, wenn das alle ist, nun, so wäre es auch
hier alle, und ich bin gewiss versichert, dass es sich lustiger und erbaulicher in
Rom muss hungern und betteln lassen als in Deutschland.«182
                                      40.
    »Noch erwartet man vielleicht vom Verf. (der antiquarischen Briefe), dass er
sich über den Ton erkläre, den er in ihnen genommen. -Vide, quam sim antiquorum
hominum!183 antwortete Cicero dem lauen Atticus, der ihm vorwarf, dass er sich
über etwas wärmer, rauher und bitterer ausgedrückt habe, als man von seinen
Sitten erwarten können.
    Der schleichende süsse Komplimentierton schickte sich weder zu dem Vorwurfe
noch zu der Einkleidung. Auch liebt ihn der Verfasser überhaupt nicht, der mehr
das Lob der Bescheidenheit als der Höflichkeit sucht. Die Bescheidenheit richtet
sich genau nach dem Verdienste, das sie vor sich hat; sie gibt jedem, was jedem
gebühret. Aber die schlaue Höflichkeit gibt allen alles, um von allen alles
wiederzuerhalten. Die Alten kannten das Ding nicht, was wir Höflichkeit nennen.
Ihre Urbanität war von ihr ebensoweit als von der Grobheit entfernt.
    Der Neidische, der Hämische, der Rangsüchtige, der Verhetzer ist der wahre
Grobe; er mag sich noch so höflich ausdrücken.
    Doch es sei, dass jene gotische Höflichkeit eine unentbehrliche Tugend des
heutigen Umganges ist. Soll sie darum unsere Schriften ebenso schal und falsch
machen als unsern Umgang?«184
                                      41.
    »Die wahre Bescheidenheit eines Gelehrten bestehet darin, dass er genau die
Schranken seiner Kenntnisse und seines Geistes kennet, innerhalb deren er sich
zu halten hat; dass er für jeden Schriftsteller soviel Achtung hegt, ihm nicht
eher zu widersprechen, als bis er ihn verstanden; dass er in den Streitigkeiten,
die er sich selbst zuziehet, rund zu Werk geht, nicht tergiversiert u.f. Mit
solchen Wendungen macht sich nur die beleidigte Eitelkeit aus dem Staube; und
ein eitler Mann ist zwar höflich, aber nie bescheiden.«185
                                      42.
    »Jeder Tadel, jeder Spott, den der Kunstrichter mit dem kritisierten Buche
in der Hand gutmachen kann, ist dem Kunstrichter erlaubt Auch kann ihm niemand
vorschreiben, wie sanft oder wie hart, wie lieblich oder wie bitter er die
Ausdrücke eines solchen Tadels oder Spottes wählen soll. Er muss wissen, welche
Wirkung er damit hervorbringen will, und es ist notwendig, dass er seine Worte
nach dieser Wirkung abwäget.
    Aber sobald der Kunstrichter verrät, dass er von seinem Autor mehr weiss, als
ihm die Schriften desselben sagen können, sobald er sich aus dieser nähern
Kenntnis des geringsten nachteiligen Zuges wider ihn bedienet, sogleich wird
sein Tadel persönliche Beleidigung. Er höret auf, Kunstrichter zu sein, und wird
- das Verächtlichste, was ein vernünftiges Geschöpf werden kann - Klätscher,
Anschwärzer, Pasquillant.«186
                                      43.
    »Es tut mir leid, wenn mein Stil irgendwo bloss satirisch ist. Meinem
Vorsatze nach soll er allezeit mehr als satirisch sein. Und was soll er mehr
sein als satirisch? Treffend.
    Aber die Höflichkeit ist doch eine so artige Sache. - Gewiss! denn sie ist
eine so kleine!
    Aber so artig, wie man will: die Höflichkeit ist keine Pflicht, und nicht
höflich sein, ist noch lange nicht grob sein. Hingegen, zum Besten der Mehrern
freimütig sein, ist Pflicht; sogar es mit Gefahr sein, darüber für ungesittet
und bösartig gehalten zu werden, ist Pflicht.
    Wenn ich Kunstrichter wäre, wenn ich mir getraute, das Kunstrichterschild
aushängen zu können, so würde meine Tonleiter diese sein: Gelinde und
schmeichelnd gegen den Anfänger, mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel
bewundernd gegen den Meister, abschreckend und positiv gegen den Stümper,
höhnisch gegen den Prahler und so bitter als möglich gegen den Kabalenmacher.
    Der Kunstrichter, der gegen alle nur einen Ton hat, hätte besser gar keinen.
Und besonders der, der gegen alle nur höflich ist, ist im Grunde, gegen die er
höflich sein könnte, grob.«187
                                      44.
    »Gewisse Dinge verdienten freilich nie gesagt zu werden; und doch müssen sie
wenigstens einmal gesagt werden.
    Die persönlichen Verhältnisse der Schriftsteller gegeneinander interessieren
kaum den kleinsten Teil des zeitverwandten Publici. Welcher wünscht, dass sein
Buch auch bei der Nachwelt nicht ganz vergessen sei - und welcher sollte es
nicht wünschen -, muss über nichts streiten, was nur ihn selbst angeht.«188
                                      45.
    »Er sei ein Deutscher, ein Wale, oder was er will, gewesen; er war einer von
den ganz gemeinen Leuten, die mit halboffnen Augen, wie im Traum ihren Weg so
fortschlendern. Entweder weil sie nicht selbst denken können oder aus Kleinmut
nicht selbst denken zu dörfen vermeinen oder aus Gemächlichkeit nicht wollen,
halten sie fest an dem, was sie in ihrer Kindheit gelernt haben, und glücklich
gnug, wenn sie nur von andern nicht verlangen, dass sie ihrem Beispiel hierin
folgen sollen.«
    »Das Ding, das man Ketzer nennt, hat eine sehr gute Seite. Es ist ein
Mensch, der mit seinen eignen Augen wenigstens sehen wollen. Die Frage ist nur,
ob es gute Augen gewesen, mit welchen er selbst sehen wollen. Ja, in gewissen
Jahrhunderten ist der Name Ketzer die grösste Empfehlung, die von einem Gelehrten
auf die Nachwelt gebracht werden können noch grösser als der Name Zauberer,
Magus, Teufelsbanner; denn unter diesen läuft doch mancher Betrüger mit unter.«
189
                                      46.
    »Ich weiss nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit
aufzuopfern; wenigstens sind Mut und Entschlossenheit, welche dazugehören, keine
Gaben, die wir uns selbst geben können. Aber das, weiss ich, ist Pflicht, wenn
man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren, sie klar und rund,
ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Misstrauen in ihre Kraft und Nützlichkeit
zu lehren; und die Gaben, welche dazu erfodert werden, stehen in unsrer Gewalt.
Wer die nicht erwerben oder, wenn er sie erworben, nicht brauchen will, der
macht sich um den menschlichen Verstand nur schlecht verdient, wenn er grobe
Irrtümer uns benimmt, die volle Wahrheit aber vorentält und mit einem
Mitteldinge von Wahrheit und Lüge uns befriedigen will. Denn je gröber der
Irrtum, desto kürzer und gerader der Weg zur Wahrheit, dahingegen der
verfeinerte Irrtum uns auf ewig von der Wahrheit entfernt halten kann, je
schwerer uns einleuchtet, dass er Irrtum ist.
    Der Mann, der bei drohenden Gefahren der Wahrheit untreu wird, kann die
Wahrheit doch sehr lieben; und die Wahrheit vergibt ihm seine Untreue um seiner
Liebe willen. Aber wer nun darauf denkt, die Wahrheit unter allerlei Larven und
Schminke an den Mann zu bringen, der möchte wohl gern ihr Kuppler sein, nur ihr
Liebhaber ist er nie gewesen. Ich wüsste kaum etwas Schlechteres als einen
solchen Kuppler der Wahrheit.«190
                                      47.
    »Wozu die fruchtlosen Untersuchungen der Wahrheit, wenn sich über die
Vorurteile unsrer ersten Erziehung doch kein dauerhafter Sieg erhalten lässt,
wenn diese nie auszurotten, sondern höchstens nur in eine kürzere oder längere
Flucht zu bringen sind, aus welcher sie wiederum auf uns zurückstürzen, eben
wenn uns ein andrer Feind die Waffen entrissen oder unbrauchbar gemacht hat,
deren wir uns ehe dem gegen sie bedienten? Nein, nein, einen so grausamen Spott
treibt der Schöpfer mit uns nicht! Wer daher in Bestreitung aller Arten von
Vorurteilen niemals schüchtern, niemals lass zu werden wünschet, der besiege ja
dieses Vorurteil zuerst, dass die Eindrücke unsrer Kindheit nicht zu vernichten
wären Die Begriffe, die uns von Wahrheit und Unwahrheit in unsrer Kindheit
beigebracht werden, sind gerade die allerflachsten, die sich am allerleichtesten
durch selbsterworbene Begriffe auf ewig überstreichen lassen; und diejenigen,
bei denen sie in einem spätern Alter wieder zum Vorschein kommen, legen dadurch
wider sich selbst das Zeugnis ab, dass die Begriffe, unter welche sie jene
begraben wollen, noch flacher, noch seichter, noch weniger ihr Eigentum gewesen
als die Begriffe ihrer Kindheit. Nur von solchen Menschen können also auch die
grässlichen Erzählungen von plötzlichen Rückfällen in längst abgelegte Irrtümer
auf dem Todbette wahr sein, mit welchen man jeden kleinmütigeren Freund der
Wahrheit zur Verzweiflung bringen könnte. Freilich muss ein hitziges Fieber aus
dem Spiele bleiben; und, was noch schrecklicher ist als ein hitziges Fieber,
Einfalt und Heuchelei müssen das Bette des Sterbenden nicht belagern und ihm
solange zusetzen, bis sie ihm ein paar zweideutige Worte ausgenergelt, mit
welchen der arme Kranke sich bloss die Erlaubnis erkaufen wollte, ruhig sterben
zu können. - «191
                                      48.
    »Was ich Ihnen nicht verzeihe, ist, dass Sie nicht vergnügt sind. Alles in
der Welt hat seine Zeit, alles ist zu überstehen und zu übersehen, wenn man nur
gesund ist... Ich selbst spiele jetzt eine traurige Rolle in meinen Augen und
dennoch, bin ich versichert, wird sich und muss sich alles um mich herum wieder
aufheitern; ich will nur immer vor mich weg und sowenig als möglich hinter mich
zurück sehen. Tun Sie ein Gleiches. Vergnügt wird man unfehlbar, wenn man sich
nur immer vorsetzt, vergnügt zu sein.«192
                                      49.
    »Sie werden sagen, dass ich eine besondere Gabe habe etwas Gutes an etwas
Schlechtem zu entdecken Die habe ich allerdings; und ich bin stolzer darauf als
auf alles, was ich weiss und kann. Nichts kann uns mit der Welt zufriedner machen
als eben diese Gabe. - Fast fange ich an zu zweifeln, ob man, sie in Ausübung zu
bringen, in ** eben mehr Gelegenheit hat als an andern Orten. - Wie ich hier
lebe, wundern sich mehr Leute, dass ich nicht vor Langerweile und Unlust umkomme,
als sich wundern würden, wenn ich wirklich umkäme.«193
                                      50.
    »Was kann ich für Lust haben, an Leute zu schreiben, mit denen ich nur sehr
selten Lust haben würde zu sprechen? Sie wissen, was ich Ihnen oft gestanden
habe, dass ich es auf die Länge unmöglich hier aushalten kann. Ich werde in der
Einsamkeit, in der ich hier leben muss, von Tag zu Tag dümmer und schlimmer. Ich
muss wieder unter Menschen, von denen ich hier so gut als gänzlich abgesondert
bin. Besuche sind kein Umgang, und ich fühle es, dass ich notwendig Umgang,
Umgang mit Leuten haben muss, die mir nicht gleichgültig sind, wenn noch ein
Funken Gutes an mir bleiben soll.«194
    »Ich kann es mir leider nicht bergen, dass ich hypochondrischer bin, als ich
je zu werden geglaubt habe. Sobald ich aus dem verwünschten Schloss wieder
unter Menschen komme, so geht es wieder eine Weile. Und denn sage ich mir: Warum
auch länger auf diesem verwünschten Schloss bleiben? Wenn ich noch der alte
Sperling auf dem Dache wäre, ich wäre schon hundertmal wieder fort.«195
                                      51.
    »Ich habe über keine Zeile meiner neuen Tragödie weder hier noch in... eine
Seele können zu Rate ziehn; gleichwohl muss man wenigstens über seine Arbeit mit
jemand sprechen können, wenn man nicht selbst darüber einschlafen soll. Die
blosse Versicherung, welche die eigne Kritik uns gewährt, dass man auf dem rechten
Wege ist und bleibt, wenn sie auch noch so überzeugend wäre, ist doch so kalt
und unfruchtbar, dass sie auf die Ausarbeitung keinen Einfluss hat.«196
                                      52.
    »Wer wird durch Mitteilung und Freundschaft die Sphäre seines Lebens zu
erweitern suchen, wenn ihm beinah des ganzen Lebens ekelt? Oder wer hat Lust,
nach vergnügten Empfindungen in der Ferne umherzujagen, wenn er in der Nähe
nichts um sich sieht, was ihm deren auch nur eine gewähren könnte. Ich habe
gearbeitet, mehr als ich sonst zu arbeiten gewohnt bin. Aber lauter Dinge, die,
ohne mich zu rühmen, auch wohl ein grösserer Stümper ebensogut hätte machen
können. - Solche trockne Arbeit lässt sich so recht hübsch hinschreiben, ohne
alle Teilnehmung, ohne die geringste Anstrengung des Geistes. dabei kann ich
mich noch immer mit dem Trost beruhigen, dass ich meinem Amt Genüge tue und
manches dabei lerne, gesetzt auch, dass nicht das Hundertste von diesem Manchen
wert wäre, gelernt zu werden. Doch ich will mich gern noch weit mehr aller
Gesellschaft entziehen, um hier in der Einsamkeit zu kahlmäusern und zu büffeln,
wenn ich nur sonst von einer andern Seite meine Ruhe wieder damit gewinnen
kann.«197
                                      53.
    »Dass ich etwas wieder für das Teater machen sollte, will ich wohl bleiben
lassen. Kein Mensch unterzieht sich gern Arbeiten, von welchen er ganz und gar
keinen Vorteil hat, weder Geld noch Ehre, noch Vergnügen. In der Zeit, die mir
ein Stück von zehn Bogen kostet, könnte ich gut und gern mit weniger Mühe
hundert andre Bogen schreiben. Zwar habe ich, nach meinem letzten Überschlage,
wenigstens zwölf Stücke, Komödien und Tragödien zusammengerechnet, deren jedes
ich innerhalb sechs Wochen fertig machen könnte. Aber wozu mich, für nichts und
wieder für nichts, sechs Wochen auf die Folter spannen? Jeder Künstler setzt
seine Preise; jeder Künstler sucht so gemächlich von seinen Werken zu leben als
möglich; warum denn nun nicht auch der Dichter? Wenn meine Stücke nicht hundert
Louisdor wert sind, so sagt mir lieber gar nichts mehr davon; denn sie sind
sodann gar nichts mehr wert. Für die Ehre meines lieben Vaterlandes will ich
keine Feder ansetzen, und wenn sie auch in diesem Stück auf immer einzig und
allein von meiner Feder abhangen sollte. Für meine Ehre aber ist es mir gnug,
wenn man nur ungefähr sieht, dass ich allenfalls in diesem Fache etwas zu tun
imstande gewesen wäre. Also Geld für die Fische - oder beköstigt euch noch lange
mit Operetten.
    Es wäre auch närrisch, wenn ich den einzigen Weg, Geld zu verdienen, mir
wenigstens nicht offenhalten und das Publikum erst mit meinen Stücken sättigen
wollte. Das Geld ist gerade das, was mir fehlt und mir mehr fehlt, als es mir
jemals gefehlt hat. Ich will schlechterdings in Jahr und Tag keinem Menschen
mehr etwas schuldig sein, und dazu gehört ein besserer Gebrauch meiner Zeit als
für das Teater.«198
                                      54.
    »Mein Stillschweigen hat noch immer die nämliche Ursache. Ich bin ärgerlich
und arbeite, weil Arbeiten doch das einzige Mittel ist, um einmal aufzuhören,
jenes zu sein. Ich bin in meinem Leben schon in sehr elenden Umständen gewesen,
aber noch nie in solchen, wo ich im eigentlichen Verstande um Brot geschrieben
hätte. Ich habe mein Beiträge199 bloss darum angefangen, weil diese Arbeit
fördert, indem ich nur einen Wisch nach dem andern in die Druckerei schicken
darf und ich doch dafür von Zeit zu Zeit ein paar Louisdor bekomme, um von einem
Tage zum andern zu leben. Wer nun noch daran zweifelt, dass es die absolute
Unmöglichkeit ist, warum ich gewisse Pflichten nicht erfülle, mein Versprechen
in gewissen Dingen nicht halte, den bin ich sehr geneigt, ebensosehr zu
verkennen als er mich verkennt.200
    Vor einiger Zeit liess es sich hier an, als ob man mir glücklichere
Aussichten machen wollte. Aber ich sehe wohl, dass man mir nur das Maul schmieren
wollen. Denkt man gar nicht oder nicht so bald darauf, so können sie sehr
versichert sein, dass ich für nichts in der Welt mich hier halten lasse, und in
Jahr und Tag längstens schreibe ich Dir aus einem andern Ort. Es ist ohnedies
zwar recht gut, eine Zeitlang in einer grossen Bibliotek zu studieren; aber sich
darin vergraben ist eine Raserei. Ich merke es so gut als andre, dass die
Arbeiten, die ich jetzt tue, mich stumpf machen. Aber daher will ich auch je
eher je lieber mit ihnen fertig sein und meine Beiträge ununterbrochen, bis auf
die letzte Armseligkeit, die nach meinem ersten Plan hineinkommen soll,
fortsetzen und ausführen. Dieses nicht tun, würde heissen die drei Jahre, die ich
nun hier zugebracht, mutwillig verlieren wollen.«201
                                      55.
    »Hier haben Sie einen ganzen Mistwagen voll Moos und Schwämme.202 Eine Frage
fällt mir dabei ein, die Sie mir gelegentlich beantworten können. - Ist es die
Eiche oder ist es der Boden, worin die Eiche steht, welcher das Moos und die
Schwämme um und an der Eiche hervorbringt? - Ist es der Boden? was kann die
Eiche dafür, wenn endlich des Mooses und der Schwämme so viel wird, dass sie alle
Nahrung an sich ziehen und der Gipfel der Eiche darüber verdorret? - Doch er
verdorre immerhin! Die Eiche, solange sie lebt, lebt nicht durch ihren Gipfel,
sondern durch ihre Wurzeln.«203
                                      56.
    »Mit dem Ferguson204 will ich mir ein eigentliches Studium machen. Ich sehe
schon aus dem vorgesetzten Inhalte, dass es ein Buch ist, wie mir hier gefehlt
hat, wo ich grösstenteils nur solche Bücher habe, die über lang oder kurz den
Verstand sowie die Zeit töten. Wenn man lange nicht denkt, so kann man am Ende
nicht mehr denken. Ist es aber auch wohl gut Wahrheiten zu denken, sich
ernstlich mit Wahrheiten zu beschäftigen, in deren beständigem Widerspruch wir
nun schon einmal leben und zu unsrer Ruhe beständig fortleben müssen? Und von
dergleichen Wahrheiten sehe ich in dem Engländer schon manche von weitem.
    Wie auch solche, die ich längst für keine Wahrheiten mehr gehalten. Doch ich
besorge es nicht erst seit gestern, dass, indem ich gewisse Vorurteile
weggeworfen, ich ein wenig zuviel mit weggeworfen habe, was ich werde
wiederholen müssen. Dass ich es zum Teil nicht schon getan, daran hat mich nur
die Furcht verhindert, nach und nach den ganzen Unrat wieder in das Haus zu
schleppen. Es ist unendlich schwer zu wissen, wenn und wo man stehenbleiben
soll, und Tausenden für einen ist das Ziel ihres Nachdenkens die Stelle, wo sie
des Nachdenkens müde geworden.«205
                                      57.
    »Die Ode an die Könige206 will ich mir dreimal laut vorsagen, sooft ich
werde Lust haben, an meiner antityrannischen Tragödie zu arbeiten. Ich hoffe,
mit Hülfe derselben aus dem Spartacus einen Helden zu machen, der aus andern
Augen sieht als der beste römische. Aber wenn! wenn!«207
    »Kritik, will ich Ihnen nur vertrauen, ist das einzige Mittel, mich zu
mehrerem aufzufrischen oder vielmehr aufzuhetzen. Denn da ich die Kritik nicht
zu dem kritisierten Stücke anzuwenden imstande bin, da ich zum Verbessern
überhaupt ganz verdorben bin, so nutze ich die Kritik zuverlässig zu etwas
Neuem. Also wenn auch. Sie es wollen, dass ich wieder einmal etwas Neues in
dieser Art machen soll, so sehen Sie, worauf es dabei mit ankommt - mich durch
Tadel zu reizen, nicht dieses Nämliche besser, sondern überhaupt etwas Besseres
zu machen. Und wenn auch dieses* Bessere sodann notwendig noch seine Mängel
haben muss, so ist dieses allein der Ring durch die Nase, an dem man mich in
immerwährendem Tanze erhalten kann.«208
                                      58.
    »Die öftere Abänderung der Arbeit ist noch das einzige, was mich erhält.
Freilich wird so viel angefangen und wenig vollendet. Aber was schadet das? Wenn
ich auch nichts in meinem Leben mehr vollendete, ja nie etwas vollendet hätte,
wäre es nicht eben das? - Vielleicht wirst Du auch diese Gesinnung ein wenig
misantropisch finden, welches Du mich in Ansehung der Religion zu sein im
Verdacht hast. Ohne nun aber zu untersuchen, wie viel oder wie wenig ich mit
meinem Nebenmenschen zufrieden zu sein Ursache habe, muss ich Dir doch sagen, dass
Du mein ganzes Betragen in Ansehung der Ortodoxie sehr unrecht verstehst. Ich
sollte es der Welt missgönnen, dass man sie mehr aufzuklären suche? Ich sollte es
nicht von Herzen wünschen, dass ein jeder über die Religion vernünftig denken
möge? Ich würde mich verabscheuen, wenn ich selbst bei meinen Sudeleien einen
andern Zweck hätte, als jene grosse Absichten befördern zu helfen. Lass mir aber
doch nur meine eigne Art, wie ich dieses tun zu können glaube. Und was ist
simpler als diese Art? Nicht das unreine Wasser, welches längst nicht mehr zu
brauchen, will ich beibehalten wissen; ich will es nur nicht eher weggegossen
wissen, als bis man weiss, woher reineres zu nehmen; ich will nur nicht, dass man
es ohne Bedenken weggiesse, und sollte man auch das Kind hernach in Mistjauche
baden. Und was ist sie anders, unsre neumodische Teologie gegen die Ortodoxie
als Mistjauche gegen unreines Wasser?
    Mit der Ortodoxie war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte
zwischen ihr und der Philosophie eine Scheidwand gezogen, hinter welcher jede
ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andre zu hindern. Aber was tut man nun?
    Man reisst diese Scheidewand nieder und macht uns unter dem Vorwande, uns zu
vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen. Ich bitte
Dich, erkundige Dich doch nur nach diesem Punkte genauer und siehe etwas weniger
auf das, was unsre neuen Teologen verwerfen, als auf das, was sie dafür in die
Stelle setzen wollen. Ich möchte nicht mit Dir sagen, dass unser altes
Religionssystem ein Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen sei; ich weiss
kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt
und geübt hätte als an ihm. Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das
Religionssystem, welches man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit
weit mehr Einfluss auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmasst. Und
doch verdenkst Du es mir, dass ich dies alte verteidige? Meines Nachbars Haus
drohet ihm den Einsturz. Wenn es mein Nachbar abtragen will, so will ich ihm
redlich helfen. Aber er will es nicht abtragen, sondern er will es, mit
gänzlichem Ruin meines Hauses, stützen und unterbauen. Das soll er bleiben
lassen, oder ich werde mich seines einstürzenden Hauses so annehmen als meines
eigenen.«209
                                      59.
    »Da ich es nur allzusehr empfinde, wie viel trockner und stumpfer ich an
Geist und Sinnen diese vier Jahre geworden bin, so möchte ich es um alles in der
Welt willen nicht noch vier Jahre tun. Aber ich muss es auch nicht ein Jahr mehr
tun, wenn ich noch sonst etwas in der Welt tun will. Hier ist es aus; hier kann
ich nichts mehr tun. Du wirst diese Messe auch nichts von mir lesen; denn ich
habe den ganzen Winter nichts getan und bin sehr zufrieden, dass ich nur das eine
grosse Werk von Philosophie (oder Poltronnerie) zustande gebracht, - dass ich noch
lebe. Gott helfe mir in diesem edlen Werke weiter, welches wohl wert ist, dass
man alle Tage darum isst und trinkt. -
    Ich hasse alle die Leute, welche Sekten stiften wollen, von Grund meines
Herzens. Denn nicht der Irrtum, sondern der sektierische Irrtum, ja sogar die
sektierische Wahrheit machen das Unglück der Menschen oder würden es machen wenn
die Wahrheit eine Sekte stiften wollte.«210
                                      60.
    »Fast könnte ich Sie beneiden, dass Sie noch Blumen lesen, da ich verdammt
bin, nichts als Dornen zu sammeln Das ist Ihre Schuld! werden Sie sagen. Ich
sollte nicht meinen. Ich sehe auf meinem ganzen Felde nichts als Dornen, und
einmal ist es nun mein Feld. Umsonst erinnern Sie mich unsrer gemeinschaftlichen
Entschlüsse, ein blumenreicheres anzubauen. Es hat nicht sein sollen! Mit mir
ist es aus, und jeder dichterische Funken, deren ich ohnedies nicht viel hatte,
ist in mir erloschen. Leisten Sie allein, was wir zusammen leisten wollten. -
Ich, der ich die ganze Welt ausreisen wollte, werde, allem Ansehen nach, in dem
kleinen W. unter Schwarten vermodern.«211
                                      61.
    »Von gewissen Dingen lässt sich gar nicht sprechen; sprechen zwar wohl, aber
nicht schreiben. Man schreibt immer zuwenig oder zuviel, wenn man bei sich
selbst noch kein Resultat gezogen. Im Sprechen kann man sich alle Augenblick
korrigieren, welches im Schreiben nicht angeht. Soviel dürfte ich Dir im
Vertrauen doch fast sagen, dass auch diese Reise noch bis jetzt unter die
Erfahrungen gehört, dass das deutsche Teater mir fatal ist, dass ich mich nie mit
ihm, es sei auch noch sowenig, bemengen kann, ohne Verdruss und Unkosten davon zu
haben.
    Und Du verdenkst es mir noch, dass ich mich dafür lieber in die Teologie
werfe? - Freilich, wenn mir am Ende die Teologie ebenso lohnt als das Teater.«
212
                                      62.
    »Will es denn eine Klasse von Leuten nie lernen, dass es schlechterdings
nicht wahr ist, dass jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst
verblendet habe? Es ist nicht wahr, sag ich, aus keinem andern Grunde, als weil
es nicht möglich ist Was wollen sie denn also mit ihrem Vorwurfe mutwilliger
Verstockung, geflissentlicher Verhärtung, mit Vorbedacht gemachter Pläne, Lügen
auszustaffieren, die man Lügen zu sein weiss? Was wollen sie damit?213 Was
anders, als - - Weil ich auch ihnen diese Wahrheit muss zugute kommen lassen,
weil ich auch von ihnen glauben muss, dass sie vorsätzlich und wissentlich kein
falsches verleumderisches Urteil fällen können: so schweige ich und entalte
mich alles Wiederscheltens.
    Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein
vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die
Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz,
sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin
allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig,
träge, stolz -*
    Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen
immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz, mich immer und ewig zu
irren,214verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mit Demut
in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich
allein!«215
                                      63.
    »Wenn wird man aufhören, an den Faden einer Spinne nichts weniger als die
ganze Ewigkeit hängen zu wollen?216
    Welcher Tor wühlt neugierig in dem Grunde seines Hauses, bloss um sich von
der Güte des Grundes seines Hauses zu überzeugen? Setzen musste sich das Haus
freilich erst, an diesem und jenem Orte. - Aber dass der Grund gut ist, weiss ich
nunmehr, da das Haus so lange Zeit steht, überzeugender, als es die wissen
konnten, die ihn legen sahen.
    Ich lobe mir, was über der Erde steht, und nicht, was unter der Erde
verborgen liegt. - Vergib es mir, lieber Baumeister, dass ich von diesem weiter
nichts wissen mag, als dass es gut und fest sein muss; denn es trägt und hält so
lange. An der Schönheit des Ganzen will ich meine Betrachtungen weiden; in
dieser will ich dich preisen, lieber Baumeister!«217
                                      64.
    »Luter, du! Grosser, verkannter Mann! Du hast uns von dem Joche der
Tradition erlöset; wer erlöset uns von dem unerträglichern Joche des
Buchstabens?218 Wer bringt uns endlich ein Christentum, wie du es jetzt lehren
würdest, wie es Christus selbst lehren würde? Wer -
    Der wahre Luteraner will nicht bei Luters Schriften, er will bei Luters
Geiste geschützt sein; und Luters Geist erfordert schlechterdings, dass man
keinen Menschen in der Erkenntnis der Wahrheit nach seinem eignen Gutdünken
fortzugehen hindern muss. Aber man hindert alle daran, wenn man auch nur einem
verbieten will, seinen Fortgang in der Erkenntnis andern mitzuteilen. Denn ohne
diese Mitteilung im einzelnen ist kein Fortgang im ganzen möglich.«219
                                      65.
    »Jeder Mensch hat seinen eignen Stil; was kann ich dafür, dass ich nun einmal
keinen andern Stil habe? Dass ich ihn nicht erkünstle, bin ich mir bewusst. - Es
kommt wenig darauf an, wie wir schreiben; aber viel, wie wir denken. Man wird
doch wohl nicht behaupten, dass unter verblümten bilderreichen Worten notwendig
ein schwankender, schiefer Sinn liegen muss; dass niemand richtig und bestimmt
denken kann, als wer sich des eigentlichsten, gemeinsten, plattesten Ausdrucks
bedienet; dass, den kalten symbolischen Ideen auf irgendeine Art etwas von der
Wärme und dem Leben natürlicher Zeichen zu geben suchen, der Wahrheit
schlechterdings schade?
    Wie lächerrlich, die Tiefe einer Wunde nicht dem scharfen, sondern dem
blanken Schwert zuzuschreiben. Wie lächerrlich also auch, die Überlegenheit,
welche die Wahrheit einem Gegner über uns gibt, einem blendenden Stile desselben
zuzuschreiben! Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der
Wahrheit mehr oder weniger entlehnet. Wahrheit allein gibt echten Glanz und muss
auch bei Spötterei und Posse, wenigstens als Folie, unterliegen. Also von der
Wahrheit lasset uns sprechen und nicht vom Stil. Den meinen gebe ich aller Welt
preis.220 Allerdings suche ich durch die Phantasie mit auf den Verstand meiner
Leser zu Wirken. Ich halte es nicht allein für nützlich, sondern auch für
notwendig, Gründe in Bilder zu kleiden und alle die Nebenbegriffe, welche die
einen oder die andern erwecken, durch Anspielungen zu bezeichnen. Wer hievon
nichts weiss oder verstehet, müsste schlechterdings kein Schriftsteller werden
wollen; denn alle gute Schriftsteller sind es nur auf diesem Wege geworden. -
Der Begriff ist der Mann; das sinnliche Bild des Begriffes ist das Weib, und die
Worte sind die Kinder, welche beide hervorbringen. Ein schöner Held, der sich
mit Bildern und Worten herumschlägt und immer tut, als ob er den Begriff nicht
sähe oder immer sich einen Schatten von Missbegriff schafft, an dem er zum Ritter
werde!«221
                                      66.
    »Meine Frau ist tot, und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich
freue mich, dass mir viele dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können
zu machen, und bin ganz leicht. - Wenn ich noch mit einer Hälfte meiner übrigen
Tage das Glück erkaufen könnte, die andre Hälfte in Gesellschaft dieser Frau zu
verleben, wie gern wollt ich es tun! Aber das geht nicht, und ich muss nur wieder
anfangen, meinen Weg, allein fortzuduseln.«222
                                      67.
    »Vor allen Dingen lass mich Deinen Erstgebornen mit meinem besten Segen
hienieden bewillkommen! Er werde besser und glücklicher, als alle seines Namens.
223
    Jetzt ist man hier auf meine Natan gespannt und besorgt sich davon, ich
weiss nicht was. Es wird nichts weniger als ein satirisches Stück, um den
Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen. Es wird ein so rührendes Stück, als
ich nur immer gemacht habe. Spott und Lachen würde sich zu dem Tone nicht
schicken, den ich in meinem letzten Blatt angestimmt habe; Du wirst sehen, dass
ich meiner eignen Sache durch diesen dramatischen Absprung im geringsten nicht
schade.«224
                                      68.
    »Mein Natan ist ein Stück, welches ich schon vor drei Jahren vollends aufs
Reine bringen und drucken lassen wollen. Mit unsern jetzigen Schwarzröcken hat
es nichts zu tun, und ich will ihm den Weg nicht selbst verhauen, endlich doch
einmal aufs Teater zu kommen, wenn es auch erst nach hundert Jahren wäre. Mit
dem Pränumerieren möchte ich gern nichts zu tun haben. Denn wenn ich nun
plötzlich stürbe? So bliebe ich vielleicht tausend Leuten einem jeden einen
Gulden schuldig, deren jeder für zehn Taler auf mich schimpfen würde.225 Nach
meinem ersten Anschlage sollte noch ein Nachspiel dazukommen, genannt Der
Derwisch, welches auf eine neue Art den Faden der Episode des Stücks selbst
wieder aufnähme und zu Ende brächte. Aber auch das muss wegbleiben.«226
                                      69.
    »Wenn man sagen wird, dass ein Stück von so eigner Tendenz nicht reich genug
an eigner Schönheit sei, so werde ich schweigen, aber mich nicht schämen. Ich
bin mir eines Ziels bewusst, unter dem man auch noch viel weiter mit allen Ehren
bleiben kann.
    Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon jetzt
aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt
wird.«227
                                      70.
    »Mein Ungenannter scheint ein wenig Luft zu bekommen. Nun wird er sich schon
von selbst soweit helfen, als er sich nach den Gesetzen einer höhern Haushaltung
helfen soll. Auf mein eignes Glaubensbekenntnis habe ich mich bereits
eingelassen, wenigstens mich darüber ausgelassen. Denn zum Einlassen gehören
zwei; und nachdem ich es als ein ehrlicher Mann getan, hat niemand davon etwas
weiter zu wissen verlangt. Vermutlich weil es noch zu ortodox war und hierdurch
weder der einen noch der andern Partei gelegen kam. Ist er noch so weit zurück?
dachten die einen Wenn er nur das will, dachten die andern was haben wir denn
für einen Lärmen über ihn angefangen?
    Die Versatilität des Geistes verliert sich, glaube ich, von seinen
Eigenschaften am ersten. Es kostet so viel Arbeit, mich umwälzen zu lassen, dass
es kaum mehr der Mühe verlohnt, wenn ich nicht eine geraume Zeit in der neuen
Lage wieder verweilen kann.«228
                                      71.
    »Der Reisende, den Sie mir vor einiger Zeit zuschickten, war ein neugieriger
Reisender. Der, mit dem ich Ihnen jetzt antworte, ist ein emigrierender. Diese
Klasse von Reisenden findet sich unter Yoricks Klassen nun zwar nicht; unter
diesen wäre nur der unglückliche und unschuldige Reisende, der hier allenfalls
passte. Doch warum nicht lieber eine neue Klasse gemacht, als sich mit einer
beholfen, die eine so unschickliche Benennung hat? Denn es ist nicht wahr, dass
der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer fehlen
lassen.
    Dieser Emigrant will von Ihnen nichts, als dass Sie ihm den kürzesten und
sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen
noch Juden gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt
ist, bin ich der erste, der ihm folgt.
    An Ihrem Briefchen kaue und nutsche ich noch. (Das saftigste Wort ist hier
das edelste.) Und wahrlich, ich brauche so ein Briefchen von Zeit zu Zeit sehr
nötig, wenn ich nicht ganz missmütig werden soll. Ich glaube nicht, dass Sie mich
als einen Menschen kennen, der nach Lobe heisshungrig ist. Aber die Kälte, mit
der die Welt gewissen Leuten zu bezeugen pflegt, dass sie ihr auch gar nichts
recht machen, ist, wenn nicht tötend, doch erstarrend.229
    Dass Ihnen nicht alles* gefallen, was ich seit einiger Zeit geschrieben, das
wundert mich gar nicht. Ihnen hätte gar nichts gefallen müssen; denn für Sie war
nichts geschrieben. Höchstens hat Sie die Erinnerung an unsre besseren Tage noch
etwa bei der und jener Stelle täuschen können. Auch ich war damals ein gesundes
schlankes Bäumchen und bin jetzt ein so fauler knorrichter Stamm! Ach, lieber
Freund, diese Szene ist aus! Gern möchte ich Sie freilich noch einmal sprechen!«
230
                                                                        Lessing.
    Und so fiel er, der edle Hirsch, vielverwundet und unüberwunden. Da wo er
erstarrte, sagt man, stehe sein Bild in Stein.
                                      112.
    Die Funken aus der Asche eines Toten haben mich wie ein stummes Trauerspiel
im Innersten gerühret. Das also war Lessings Privatleben! so leitete es sich
fort! so hat es geendet!
    Dank seinem Bruder und dessen Gehülfen, dass sie uns eine Sammlung
Lessingscher Schriften gegeben, wie wir sie noch von keinem deutschen
Schriftsteller gehabt haben. Wünschten wir nicht alle, dass Leibniz einen solchen
Herausgeber gehabt hätte? Über die Art der Herausgabe hat er sich, meinem
Bedünken nach, gnugsam gerechtfertigt.231 Die Wahl der Männer, die ihm
beistanden, ganz und völlig endlich rechtfertigt ihn die oft und frei bekannte
Denkart seines Bruders. »Einmal,« sagt dieser,232 »habe ich nun eine ganz
abergläubische Achtung gegen jedes geschriebene und nur geschrieben vorhandene
Buch, von welchem ich erkenne, dass der Verfasser die Welt damit belehren oder
vergnügen wollen. Es jammert mich, wenn ich sehe, dass Tod oder andre dem tätigen
Mann nicht mehr und nicht weniger willkommene Ursachen soviel gute Absichten
vereiteln können, und ich fühle mich sofort in der Befassung, in welcher sich
jeder Mensch, der dieses Namens noch würdig ist, bei Erblickung eines
ausgesetzten Kindes befindet. Er begnügt sich nicht, ihm nur nicht vollends den
Garaus zu machen, es unbeschädigt und ungestört da liegen zu lassen, wo er es
findet: er schafft oder trägt es in das Findelhaus, damit es wenigstens Taufe
und Namen erhalte. Gerade so wünschte ich wenigstens (denn was wäre es nun, wenn
auch darum noch so viel Lumpen mehr dergestalt verarbeitet werden müssten, dass
sie Spuren eines unsterblichen Geistes zu tragen fähig würden?), wünschte ich
wenigstens, alle und jede ausgesetzte Geburten des Geistes mit eins in das grosse
für sie bestimmte Findelhaus der Druckerei bringen zu können; und wenn ich deren
selbst nur wenige wirklich dahin bringe, so liegt die Schuld gewiss nicht an mir
allein. Ich tue, was ich kann, und jeder tue nur ebensoviel.«
    So dachte Lessing, und so habe er's denn seiner eignen Nemesis Dank, dass
nach dem Mass, nach dem er fremde Handschriften hervorzog, die seinigen auch ans
Licht gestellt werden. Ehre gnug für jeden, Schriftsteller oder nicht, dessen
kleinstes Blättchen, dessen eiligster Brief mit so viel Ehre ans Licht treten
darf!
    Gens sui tantum similis, ein gar absunderliches* Volk sind wir Deutsche.
Unsre Nachbarn rühmen sich ihrer Schriftsteller; sie sammlen ihre Werke,
Aufsätze, Briefe, Fragmente mit grössestem Fleiss und setzen darin ein edles
Eigentum, eine Nationalehre. So sind (nur wenige anzuführen) in Frankreich die
Werke nicht etwa nur der Corneille, Racine, Molière, Voltaire, Rousseau,
Fénelon. Bossuet, sondern auch der Motte le Vayer, Motte Houdart u.f., in
England Shakespeares, Bacons, Miltons, Swifts, Popes, Humes Werke zum Teil mit
einer Pracht erschienen, mit welcher der eitelste Schriftsteller selbst zuweilen
unzufrieden sein würde; und wo irgendein Brief, ein Einfall, eine Anekdote von
diesem oder jenem aufgegriffen ward, wird er bekannt gemacht und verherrlichet.
Unsre deutsche Journale sagen nach, rühmen und preisen. Nur gegen unsre
eigensten Verdienste sind wir undankbar, verachten, was nach der sorgfältigsten
Bearbeitung in der bescheidensten Tracht vor uns tritt, und entziehen selbst dem
Toten, was ihm gebühret. -
    Für Höfe schrieb Lessing nicht, auch nicht für den grossen Massstab alles
Geschmacks, den Geschmack der Franzosen. Gegen diesen schreibt man ihm vielmehr
(obwohl meines Erachtens mit Unrecht) einen ungerechten Widerwillen zu; sie
mögen ihn also nicht lesen.233 Wir Deutsche wollen ihn lesen; teoretisch und
praktisch war er der Sprache Meister. Wenn es auch keine deutsche Nation gäbe,
die sich um dies oder jenes, worüber er geschrieben hat, kümmerte, so sollte es,
dünkt mich, deutsche Gelehrte geben, denen dies und jenes nicht gleichgültig
sein darf; und der verständige Mann in seiner Sinnes- und Denkart ist für einen
gebildeten Mann bei jedem Schriftsteller das Wichtigste, das Beste.
    Auch ich stelle mir Ihren Jüngling vor, der, »mit klassischen Kenntnissen in
der Schule ausgerüstet, ehe er die Akademie beschreitet,« eben auf diese
Sammlung Lessingscher Schriften geriete. Natürlich wird er vieles in ihnen
überschlagen; wobei er aber verweilet, an den Werken seines Genius, an den
Grundsätzen und Urteilen seiner Kritik, an seinen unvollendeten Entwürfen, an
seinen hie und da kaum genannten Vorsätzen, an seinen Meinungen über das, was
ihm leicht und schwer, notwendig oder erlässlich schien, an seiner Waage des
Billigen und Rechten, des Zweckmässigen, Edlen und Schönen, an seiner Kunst zu
disputieren, nach Ort und Zeit zu reden, Wahrheit zu verhüllen, ohne sie zu
beleidigen, sie nicht immer unmittelbar, sondern auf gewählten Umwegen geschickt
zu befördern, vor allem an seinem festen und bescheidnen Charakter, der nie mehr
von sich hielt, als sich gebührt zu halten, der auch im Spiele ernst, auch gegen
Feinde gerecht, über die menschliche Bestimmung rein und sicher, über das
menschliche Wissen und Bestreben demütig und bescheiden, seinen Grundsätzen treu
blieb und in den widrigsten Fällen des Lebens den herben Apfel oft mit Scherz,
immer aber mit männlicher Heiterkeit kostete: an diesem Mann und Schriftsteller
wird er viel zu lernen finden! Seine Winke, seine Fehler werden ihn das
Wichtigste lehren; er wird ihn hochschätzen und bedauern. Hochschätzen, dass er
sich in so vieles wohlgerüstet, mutig und glücklich warf; wo es ihm misslang,
sich am Ziel selbst nicht irremachen liess, sondern es auf andern Bahnen suchte.
Bedauern wird er ihn -
    Doch wozu die nutzlose Wiederholung? Mit Lessing ist das Problem abermals
aufgelöset. Gebt diesem reinen Stahl in dephlogisierter Luft nur einen Funken,
welch Schauspiel einer herrlichen Flamme an Glanz und Farbe werdet ihr erblicken
bis zum letzten Moment der Erscheinung! Bringt diese helle Flamme dagegen - Der
bescheidne Lessing erwartete von seinem Vaterlande nichts; das schmerzlichste
aller Gefühle, das Gefühl der Kränkung, mässigte er, selbst wenn man ihn
täuschte. »Noch sind mir,« sagte er,234 »in meinem Leben alle Beschäftigungen
sehr gleichgültig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur
erboten, aber auch die geringfügigste nicht von der Hand gewiesen, zu der ich
mich aus einer Art von Prädilektion erlesen zu sein glauben konnte.« Seine erste
Jugendrede (1743) handelte von der Gleichheit eines Jahrs mit dem andern;235 in
Ansehung seiner Erwartungen scheint er dieser Jugendphilosophie zeitlebens treu
geblieben zu sein. Kurz, das Trauerspiel »Spartacus,« das er uns auf der Bühne
nicht geben konnte, hat er uns durch seinen Lebenslauf gegeben. - Fahren Sie mit
Ihrer Geschichte der französischen Propaganda in Deutschland fort. Was ist zu
tun? Was wird werden?
                                      113.
    »Was ist zu tun? was wird werden?« Da wir die Sieben Weisen Griechenlands
nicht aufrufen können, so dünkt mich:
    1. Lasset geschehen sein, was geschehen ist; es ist geschehen. Hätten die
obern Stände Deutschlands sich in den Kopf gesetzt, statt französisch
kalmuckisch zu sprechen (das Mongolische ist auch eine sehr ausgebildete
Sprache), was wolltet ihr dagegen? Die Jahrhunderte sind verloren, und nicht
ihr, sondern sie tragen die Schuld.
    2. Ihr sehet, dass die Zeit das Blatt wendet. Ein Teil des französischen
Geschmacks, der Hofgeschmack nämlich, ist bei den Franzosen selbst antiquieret.
Wartet, ob ihn die Deutschen beibehalten oder ob sie gar aus Mode Republikaner
werden. Deutsch-französische Republikanerinnen und Republikaner!
    3. Schmäht nicht, sondern bemitleidet, schweiget, ehret; und, wenn ihr es
könnt, belehret. Es ist ein pöbelhafter Wahn, dass wir der obern Stände nicht
bedörfen; wir bedörfen ihrer, wie sie unser bedörfen. Wir sollen ihr Auge, wir
müssen ihre Hand sein; sie hingegen sind's, von deren Willen und Meinung im
Guten und Bösen fast alles abhängt. Zum Wohl des Ganzen sind sie unentbehrlich.
- Ebenso falsch ist die andre Behauptung, dass es Deutschland vorteilhaft sei,
wenn Schriftsteller bloss für Schriftsteller schreiben. Der Koch kocht für Gäste,
nicht für Köche; und wenn Köche sich in Deutschland zu Häuptern einer gelehrten
Republik aufwerfen und statt der von ihnen verachteten Höfe schmähende Jahrs-
und Monatsbuden errichten, so ist die öffentliche Kritik, die jeder Nation ein
Palladium des guten Geschmacks, des gesunden und redlichen Urteils sein sollte,
in Deutschland dazu geworden, wozu sie Weltleute mit verachtendem Spott aus
innrer Abneigung gegen alles deutsche Bücherwesen nur wünschen mochten. Welcher
Mann, ich will nicht sagen, von Stande, sondern nur von Achtung für seinen Namen
wird sich in eine Gesellschaft mischen, die auf solche Art für sich selbst
schreibet?
    4. Glaube man nicht, dass die untersten Stände die obern ersetzt haben,
sobald irgend nur das Produkt abgeht. Der grösste Teil deutscher Schriftsteller
schreibt jetzt für Lesegesellschaften, und manche derselben scheinen sich an
diesen das Gesinde der deutschen Nation zu denken, für welches ihre Produkte
gewiss auch die unterhaltendsten sind. Dadurch bessern wir unsern Geschmack
nicht; dadurch erwerben wir keine Ehre. Der Namenlose, der solche Werke schrieb
schämte sich ihrer zuerst selbst, bis er (denn man gewöhnt sich an jedes
Handwerk) in kurzem auch die Scham ablegte. Er weiss, dass er die Nation mit
seinen Hefen der Aufklärung verderbe; die Hefenfabrik aber bringt ihm Geld und
ist gut zu Leihbiblioteken der grossen Gesindstube des deutschen Witzes und
Unrats.
    5. Wir haben Gäste um uns, deren manche endlich schon sich entschliessen, das
barbarische Deutsche zu lernen, die also (bei Franzosen kann es nicht fehlen)
uns bald in die Schule nehmen werden. Schon hat einer den Anfang gemacht236 und
uns verwiesen, dass wir »so gern Originale und Fürstensklaven« sein mögen, dass es
uns an Wörterbüchern, an einer richtigen Ortographie und an lateinischen
Lettern mangle; solcher Belehrer werden sich mehrere finden. Und mit Verehrung
werden die deutschen Zeitschriften diese Seltenheiten aufnehmen, nicht gnug zu
rühmen wissen, wie sehr unsre Literatur dadurch in Aufnahme komme, indem sogar
Ausländer sich endlich um sie bekümmern. Jeder, dem sein Vaterland lieb ist,
hüte sich vor ihren beschämenden Schmeicheleien und mache sich ebensoviel aus
dergleichen längst bekannten Ratschlägen. Was von Franzosen über unsre Literatur
gesagt werden kann, ist hundertfach gesagt; wir aber wissen selbst am besten, wo
uns der Schuh drückt, woran das Übel liege. Ich schämte mich, wenn die besten
deutschen Schriftsteller sich aus einem Lobe wie z.B. im »Journal étranger« so
viel machten und die Reservationen nicht bemerkten, mit denen jedes Lob gesagt
war. Behüte Gott jeden Deutschen, dass er nicht um französischen und englischen
Ruhm schreibe! Wo die Natur durch Sprache, Sitten und Charakter die Völker
geschieden, da wolle man sie doch nicht durch Artefacta und chemische
Operationen in eins verwandeln.
    6. Mich dünkt, wir bleiben auf unserm Wege und machen aus uns, was sich
machen lässt. Sage man über unsre Nation, Literatur und Sprache Böses und Gutes;
sie sind einmal die unsern. Mit der französischen Sprache wollen wir nicht
tauschen, ihr auch nicht beneiden, dass sie die Sprache der Welt sei. Büsch hat
die Frage: »Gewinnt ein Volk in Absicht auf seine Aufklärung, wenn seine Sprache
zur Universalsprache wird?« scharfsinnig und meinem Bedünken nach wahr
beantwortet.237 Als demütige Deutsche wollen wir das gesamte Universum noch
nicht lehren, sondern von jeder Nation, von der wir lernen können, lernen. Von
den Altfranzosen sowohl als von den Neufranken wollen wir fortfahren zu lernen;
denn eben von jenen ist uns, ihrer bösen Einführung wegen, unparteiisch
betrachtet, noch vieles zu lernen übrig. Der eine Teil unsrer Nation nahm sie,
ohne alles Verhältnis zu unsrem Dasein, mit blinder Verehrung auf und gewann an
ihnen gerade das lieb, was für uns nicht diente: Plaisanterien über die Religion
und Zoten; der andere verabscheuete sie um so mehr und betrug sich überhaupt
etwas pedantisch. Vielleicht waren wir zum richtigen Empfang und zu Beurteilung
dieser mannigfaltigen Zeit- und Geistesprodukte an beiden Teilen noch zu sehr im
Nebel. Jetzt hat sich die Wolke zerteilt; Frankreich selbst hat die Folgen vom
Missbrauch mehrerer Grundsätze Rousseaus, Voltaire, Helvétius' gekostet; die Zeit
hat über sie gerichtet und der Zuschauer Urteil gereifet. Selbst über
Montesquieu sind wir noch in Schulden; denn mir ist kein deutsches Werk bekannt,
das das französische für uns brauchbar oder entbehrlich gemacht hätte. Die ganze
ältere französische Literatur erwartet zur Anwendung für uns noch ein ruhiges
Auge.
    7. Bei allen Missleitungen einer so vielfach zerteilten Nation, wie die
deutsche ist, bei Verirrungen, die jahrhundertelang gedauert haben und sich noch
jetzt fast in jedes Urteil mischen, müssen wir am meisten auf die grosse
Allliierte, die weise Lenkerin menschlicher Torheiten, die Providenz, rechnen.
Ihr wollen wir's zuglauben, dass auch die Gallicomanie der Deutschen, die
lächerrlichste Torheit, deren sich ein ernstaftes Volk bewusst sein kann, ihr
Gutes haben werde; wäre es auch kein anderes, als Fehler zu entblössen, die man
noch lange verschleiert hätte und gegen welche kein Salz der Komödie wirksam
gewesen wäre. Die Mutter Zeit hat entschleiert; das Salz ist gekostet; tue es
die beste Wirkung! Den ganzen Gallizismus unsrer oberen Stände gelinde
abzuführen und den kalten, besonnenen Deutschen den Satz begreiflich zu machen,
dass wir nirgend anders als in unserm Ulubrä, nach deutscher Weise, mit der
Nation, die die unsrige ist, wo nicht witzig, so doch vernünftig und glücklich
sein sollen. Jedes andre, fremde Alfanzerei, ist vom Dämon. -
    Noch sollte ich mich über den Vorwurf, als ob wir Deutsche die Engländer
nicht gnug geehrt hätten, rechtfertigen; der aber widerlegt sich selbst. Mit den
Briten stehen wir in reinerem Verhältnis; wir ehren sie aus Neigung über Gehühr,
von ihnen keine Ehre erwartend. Unser Herz sagt uns nämlich, »auch wir hätten in
den vorigen Jahrhunderten einen Bacon, Shakespeare, Milton haben können«; wir
fühlen sie als Gebein von unserm Gebein, als Menschen unsrer Art; sie sind die
auf eine Insel verpflanzten Deutschen. Daher sind von den Engländern selbst ihre
trefflichsten Schriftsteller kaum mit so reger, treuer Wärme aufgenommen worden,
als von uns Shakespeare, Milton, Addison, Swift, Tomson, Sterne, Hume,
Robertson, Gibbon aufgenommen sind. Richardsons drei Romane haben in Deutschland
ihre goldne Zeit erlebet; Youngs »Nachtgedanken,« »Tom Jones,« »Der
Landpriester« haben in Deutschland Sekten gestiftet; in englischen Zeitschriften
haben wir bewundert, selbst was wir nicht verstanden, was für uns nicht
geschrieben war. Und wer wäre es, der die Schotten Ferguson, Smit, Stewart,
Millar, Blair nicht ehrte? Auf diesem demütigen Wege wollen wir bleiben und
nicht erwarten, dass man uns verstehe und ehre. Der Nationalruhm ist ein
täuschender Verführer. Zuerst lockt er und muntert auf; hat er eine gewisse Höhe
erreicht, so umklammert er den Kopf mit einer ehernen Binde. Der Umschlossene
sieht im Nebel nichts als sein eigenes Bild, keiner fremden neuen Eindrücke mehr
fähig. Behüte der Himmel uns vor solchem Nationalruhm; wir sind noch nicht und
wissen, warum wir noch nicht sind; wir streben aber und wollen werden.
                          [Der deutsche Nationalruhm]
                                 [Eine Epistel]
 Bist du, Geliebter, noch so neu und jung,
 Dass ein Gespenst, der Nationalruhm,
 Dich äffet und betrübt? O sage mir,
 Wo ist denn unsre Nation? Und du,
 Ich, er und wir, wir alle, sind wir sie?
 »Da,« sagst du, »lies im Briefe Winckelmanns,
 Des Deutschen, wie der deutsche Reichsbaron
 In Rom sich stolz und dumm gebärdet!« - Gut!
 So der Baron; das sind gottlob nicht wir.
 »Da,« sagst du, »lies, wie ein Tanzmeister einst
 (Helvétius erzählt's) den Deutschen anfuhr:
 Ihr ein Engländer, Herr? Das seid Ihr nicht;
 Ein deutscher Fürstendiener seid Ihr. Das
 Seh ich an Eurem Gang, an Eurem Blick!«
 Und jedem Deutschen, der sich in Paris
 Für einen kecken, stolzen Briten gibt,
 Und jedem Unverschämten in der Zunft
 Der Fürstendiener wünsch ich den Marcel238. -
 Doch was soll uns das?
»Wie? gelüstet nicht
 Dem Deutschen stets, der Vorderste zu sein?
 Und weil es ihn gelüstet, dünkt er sich
 Voran. Ein Shakespeare, Milton, Swift und Young -
 O hier ist mehr als Shakespeare, Milton, Young
 Und Swift und Tomson! Lies einmal!«
Du tust
 Dem Deutschen Unrecht. Wenn ein Tor so spricht
 Spricht darum so die deutsche Nation?
 Doch wenn ein armer Wicht das Präparat
 Von Lieberkühn, von Meckel sieht und murrt
 Bescheiden-traurig: »Ach, das könnt ich auch!
 Mir fehlet's nur am Besten!« - wolltest du
 Den Jüngling tadeln, dass er in sich fühlt,
 Was er sein könnte und wohl nie sein wird,
 Weil's ihm am Besten fehlet? - Wolltest du
 Den Knaben schelten, der: »Das kann ich auch!«
 Mit kühner Freude ruft, indes der Arm
 Ihm schwach versaget? Denn er kann noch nicht
 Den Bogen spannen. -»Knabe!« rufet ihm
 Der Vater zu, »noch sieben Jahre, und
 Du spannest ihn; sei wacker! übe dich!«
 Wir Deutsche sind der arme Jüngling, wir
 Der schwache Knabe. Ach, wir könnten wohl!
 Du weisst, woran es liegt; wir können nicht.
 Doch nicht verzweifelt! Gibt es Zeit und Glück,
 So können wir dereinst.
Sieh rings umher!
 Wer sind die Fleissigen, die Künstler in
 Britannien und Russland, Dänemark
 Und Siebenbürgen, Pennsylvanien
 Und Peru und Granada? - Deutsche sind's,
 Nur nicht in Deutschland. Vor dem Hunger flohn
 Sie nach Saratow, in die Tatarei.
 Du sahest Augsburg, Nürnberg; blutete
 Dein Herz dir nicht, wenn du aus alter Zeit
 Die Dürers und Sankt Sebald, Sankt Johann,
 Die alten Drucke, Holz- und Kupferstich'
 Und Fensterscheiben und so manche Kunst
 Der Nürenberger, der Augsburger sahest
 Und dann die hungernd Arbeitseligen
 Der jetz'gen Zeit besuchtest? - Lies einmal
 Mit Winckelmanns auch Lamberts Briefe, was
 In Deutschland die Erfindung gilt!
In Rom
 Sah ich den Fleissigsten der Deutschen; »Ah,
 Il povero Tedesco!« sprach zu mir
 Der Römer. »Warum povero?« »Warum?
 Santa Maria! Dieser junge Mann,
 So fleissig (und er lebet fast von nichts!),
 Kommt er mit aller seiner Kunst dereinst
 Dort über die Gebürge, spricht zu ihm
 Sein Landesherr: Ich mag des Zeugs nicht mehr!
 So muss er betteln!« - Ah! il povero! -
 Du kennst doch unsern Luter, Freund, und hast
 Den armen Bettelbrief gelesen, den
 Bald nach dem Tode des grossmütigen,
 Wohltät'gen Mannes seine Ehefrau,
 Die Mutter vieler Kinder, dürftig schrieb?
 Wohin? nach Deutschland? Nein, nach Deutschland nicht!
 An Seine Majestät von Dänemark
 Schrieb sie demütig: »Da doch auch sein Reich
 Luterisch heisse, möchte gnädigst er
 Des Luters armer Witwe und den Kindern
 Etwas verleihen.« - Und der König tat's.
 Du kennst auch Keplers Leben? Lies, o Freund!
 Es ist merkwürdig: er verhungerte! -
 Dann lies auch Newtons Leben zum Vergleich! -
 Willst du noch mehr der Leben?
»Warum schrein
 Die Deutschen nicht?« Ja, schrei und schrei und schrei!
 Der Wald hat keine Ohren. Kennst du nicht
 Das Epigramm: »Dem unglücksel'gen Pan
 Ist Echo selbst auch in der Welle stumm!« -
 »Und doch sind sie in ihrer Herren Dienst
 So hündisch-treu! Sie lassen willig sich
 Zum Mississippi und Ohiostrom,
 Nach Candia und nach dem Mohrenfels
 Verkaufen. Stirbt der Sklave, streicht der Herr
 Den Sold indes, und seine Witwe darbt;
 Die Waisen ziehn den Pflug und hungern. - Doch
 Das schadet nicht; der Herr braucht einen Schatz.«
 Grausam genug! Doch sollten darum dann
 Die Väter treulos werden? Liegt das Ach
 Der Witwen und der Waisen Seufzer, liegt
 Des Vaters Leben und sein Seufzen dann
 Nicht auch in seines Herren Schatz? - Geduld!
 »Armselig Volk! Wie's einer macht, so hat er's!«
 Nicht also! Freund: »Wie einer ist, so tut er,«
 So heisst's. Der gute Deutsche tue Guts! -
 Was sollte Rache? Und was hälfe sie?
 Stockprügel und die Kugel vor den Kopf - -
 Er lasse Gott es über! -
»Gott? Der hat
 Was anderes zu tun, als für den Deutschen
 Zu sorgen, der die Sache nicht versteht.« -
 So muss sie Gott verstehen! Oh, es flammt
 Kein brennender Altar wie dieser! Sieh,
 Der Witwen Angstgebet ist Weihrauch; sieh,
 Des Vaters und der Waisen Seufzer fachen
 Die Glut an. Wie die Flamme steigt! Sie sprüht!
 Die Kohlen glühn auf des Verkäufers Haupt. - -
 »Moral der alten Zeiten! Doch wohin
 Sind wir verirrt? Vom Nationenruhm
 Zu deutschen Negern!« -
Wohl! der erste Ruhm
 Der Nation ist Unschuld; nie die Hand
 Im Blut zu waschen, auch gezwungen es
 So zu vergiessen als sein eignes Blut -
 Der zweite Ruhm ist Mässigung. Es ruft
 Der Hindus und der Peruaner Not,
 Die Wut der Schwarzen und der Mexikaner
 Gebratner Montezuma rufen noch
 Zum Himmel auf und flehn Entsündigung! -
 O glaube, Freund, kein Zeus mit seinem Chor
 Der Götter kehrt zu einem Volke, das,
 Mit solcher Schuld- und Blut- und Sündenlast
 Und Gold- und Demantlast beladen, schmaust!
 Er kehrt bei stillen Ätiopiern
 Und Deutschen ein, zu ihrem armen Mahl.
 Der dritte Nationenruhm ist Weisheit;
 Nicht schlaue Truglist, schöne Worte nicht.
 Die Welt mit Worten äffen, ist ein Dunst
 Des Dämons, der den Blendenden erstickt.
 Wer alle Welt zum Toren hat, ist selbst
 Der grösste Tor; er spielt die blinde Kuh. -
 Aufrichtigkeit ist Weisheit; Billigkeit
 Und Rechttun ist Verstand.
»Doch du verschweigst
 Die Grazien des Lebens. Gilt die Kunst,
 Witz und Genie für nichts?«
Für vieles Freund,
 Doch nicht für alles. Kunst, Genie und Witz
 Ist nicht der Nationen einziger
 Und höchster Ruhm, es sei denn jene Kunst,
 Die Kunst der Künste, Weisheit. - Dass ein Narr
 Mit angeborner Kunst sich vor mir spielt,
 Und jene singt und diese liebend tanzt,
 In Ohnmacht sinket und mit Reiz erwacht,
 Dass auf der Bühne jener auf dem Seil
 Das Herz der Weiber regt, ein andrer dort
 Den Brummbass streichet und durch Löcher bläst
 Und dieser Verse drechselt, jener Punsch
 Zu Eis bereitet: gut mag es zwar sein,
 Doch nicht das Beste, das Notwendigste.
 Pytagoras, Konfuz und Sokrates,
 Sie wussten nichts davon und rechneten
 Auch nicht darauf. Ein gar armselig Volk,
 Das sein Verdienst nur auf der Bühne, nur
 Auf Brettern hat und es aus Löchern bläst! -
 »Und dennoch ist's Verdienst!« -
Ein örtliches!
 Der Himmel teilt die Gaben, wie er will.
 Nicht jedes Klima, jeder Boden gibt
 Dieselben Früchte; nicht auch jede Zeit,
 Noch jeder Baum und Wurzel, Halm und Strauch
 Dieselbe. Wer vom Baume Most, vom Eis
 Die Ananas begehret, ist -
»Ereifre
 Dich nicht, o Freund! Es bleibet Ananas
 Und Schlehbeer unterschieden Shakespeare,
 Homer und Ossian und Raffael
 Sind doch wohl Nationenruhm?« -
Mitnichten!
 Dem Menschengeist gehören sie und nicht
 Der Nation. Mir ist es Greuel, wenn
 Der gröbste Brite Shakespeares sich rühmt,
 Als sei er's selbst, als hätt er ihn gezeugt
 Und zimmern helfen. Ihn geschmähet hat
 Die Nation durch manche Äfferei
 Und blinden Stolz. - Des Dichters Auge, das
 In schönem Wahnsinn über Meer und Land
 Und Erd und Himmel flog und jede Welt
 In ihrer Schönheit sah - dies Auge war
 Nicht in Cambridge, auch von Dollond nicht
 Geschliffen; Auge war es der Natur.
 Die göttliche Idee, die Raffael
 Begeisterte, war eines Engels Traum,
 Kein Urbinatsches Töpferwerk. Und ist
 Urbino denn Italien? - Der Ruhm,
 Der auf den Farbenreiber überging
 Vom Maler, ist ein wahrerer als der,
 Wenn hundert Jahre drauf der Römer ruft:
 »Wir hatten einen Raffael!« Warum,
 Ihr guten Römer, habt ihr ihn nicht mehr?
 Der Glanz, o Freund, der von dem göttlichsten
 Genie die Nation bestrahlet, ist
 Ein Götterglanz, der nur die Würdigsten
 Erleuchtet und verklärt; dem Schwachen nimmt
 Er seiner Augen Licht; dem Toren, oft
 Der Nation entüllt er wie ein Blitz
 Nur ihre Niedrigkeit. Verschmachtete
 Der Kanzler Baco nicht und lechzete
 Umsonst im Sterben nur nach besserm Bier?239
 Der vierte Nationenruhm ist Tat
 Zum Wohl der Menschen. Was ein ganzes Volk
 Gezwungen und in Trunkenheit getan,
 Das tat es nicht. Und was die Königin
 Titania, die Zeit, durch ihren Puck
 Im Scherz hinspielte, noch viel weniger.
 Das Werk der einzelnen zum Wohl der Welt,
 Jetzt in Erfindung, auch im Willen nur -
 Heil ihnen, wenn es einst die Nation
 Mit dankendem Gefühl begrüsset, bis
 Es allen Völkern zum Gedeihen kommt! -
 Wer diesen Äter des Verdienstes trinkt,
 Wie schwinden ihm die Namen! Hoch aufgehn
 Lässt er die Sonn auf eine halbe Welt
 Und regnet allen Nationen Heil. -
 »Mich wundert, dass du nicht die Druckerei
 Der Deutschen rühmest; sie sind stolz darauf!« -
 Nicht stolz, nur dankbar. Gibt sie nicht dem Wort
 Allgegenwart, Gemeinnutz, Ewigkeit?
 An Zeiten bindet sie die Zeiten, knüpft
 Gedanken an Gedanken, Fleiss an Fleiss;
 Ein Genius der wachsenden Vernunft,
 Das Band getrennter Seelen, sie, die Schrift
 Der Schriften, einigt aller Menschen Herz
 Und Sinn und Geist; sie wehrt der Barbarei
 Und spottet des Naturgesetzes, das
 Jedweden einzelnen so bald begräbt.
 In Schriften lebt von ihm der bessere Teil,
 Durch sie unsterblich. -
Aber hör, o Freund,
 Das alles ist im Nationenruhm
 Das Höchste nicht!
»Und gäb's ein Höheres?«
 Ein Höchstes: nützende Verborgenheit
 Wenn dein Verdienst der leichte Nachbar dir
 Entwendet und der reichere geniesst;
 Wenn bettelnd du zu ihm hinwandern musst
 Und flehen ihm, dass er dein Gutes doch
 Als seines nütze; wenn dein Weib und Kind
 Zu Hause darbt und du mit Leibsgefahr
 Dich aus dem Lande stahlest, das dir nichts
 Als eine rote Binde zum Geschenk
 Zu geben hatte, dennoch dir das Herz
 Vor Freude schlägt zu deinem Werk und du
 Den kalten Hohn der Toren trägest, liebst
 Dein Vaterland, in ihm die tausend guten
 Mitduldenden, du liebst das deutsche Weib,
 Den deutschen Mann und Freund und Untertan
 Und Bürger und Arbeiter, liebest selbst
 Die deutsche Dumpfheit und Verlegenheit,
 Und Treu* und Einfalt mehr als jeden Stolz
 Begüterter Barbaren: bleibe der!
 So wohnt in dir die deutsche Nation.
 »Da wohnt sie eng und sehr inkognito.
 Ich merk, es geht aufs alte Sprüchwort aus:
 So ihr, doch nicht für euch!«
Ein hohes Wort,
 Wenn uns die Schickung wert hält, nicht für uns,
 Für andere zu sein. Es wendet sich
 Der Zeiten Blatt. Was sinket, ist darum
 Das Schlechtre nicht. Wir lernen jetzt und stets,
 Stets lasst uns lernen! Lasst uns fröhlich sä'n
 Im Nebel auch; die Ernte kommt gewiss.
 
                                Zehnte Sammlung
                                        
                                     (1797)
                                      114.
    Aber warum müssen Völker auf Völker wirken, um einander die Ruhe zu stören?
Man sagt, der fortgehend wachsenden Kultur wegen; wie gar etwas anders sagt das
Buch der Geschichte!
    
    Hatten jene Berg- und Steppenvölker aus Nordasien, die ewigen Beunruhiger
der Welt, es je zur Absicht oder waren sie je imstande, Kultur zu verbreiten?
Machten die Chaldäer nicht einem grossen Teil der alten Herrlichkeit des
Vorderasiens eben ein Ende? Attila, so viele Völker, die ihm vorgingen und
nachfolgten, wollten sie die Fortbildung des Menschengeschlechts befördern?
Haben sie sie befördert?
    Ja, die Phönizier, die Kartager mit ihren gerühmten Kolonien, die Griechen
selbst mit ihren Pflanzstädten, die Römer mit ihren Eroberungen, hatten sie
diesen Zweck? Und wenn sich durch das Reiben der Völker aneinander hier etwa
diese Kunst, dort jene Bequemlichkeit verbreitete, leisten diese wohl Ersatz für
die Übel, die das Drängen der Nationen aufeinander dem Siegenden und dem
Besiegten gaben? Wer vermag das Elend zu schildern, das die griechischen und
römischen Eroberungen dem Erdkreise, den sie umfassten, mittelbar und unmittelbar
brachten?241
    Selbst das Christentum, sobald es als Staatsmaschine auf fremde Völker
wirkte, drückte sie schrecklich; bei einigen verstümmelte es dergestalt ihren
eigentümlichen Charakter, dass keine andertalbtausend Jahre ihn haben
zurechtbringen mögen. Wünschten wir nicht, dass z.B. der Geist der nordischen
Völker, der Deutschen, der Galen, Slawen u.f., ungestört und rein aus sich
selber hätte hervorgehen mögen?
    Und was nutzten die Kreuzzüge dem Orient? Welches Glück haben sie den Küsten
der Ostsee gebracht? Die alten Preussen sind vertilget; Liven, Esten und Letten
im ärmsten Zustande fluchen im Herzen noch jetzt ihren Unterjochern, den
Deutschen.
    Was endlich ist von der Kultur zu sagen, die von Spaniern, Portugiesen,
Engländern und Holländern nach Ost- und Westindien, unter die Neger nach Afrika,
in die friedlichen Inseln der Südwelt gebracht ist? Schreien nicht alle diese
Länder, mehr oder weniger, um Rache? Um so mehr um Rache, da sie auf eine
unübersehliche Zeit in ein fortgehend wachsendes Verderben gestürzt sind. Alle
diese Geschichten liegen in Reisebeschreibungen zutage; sie sind bei Gelegenheit
des Negerhandels zum Teil auch laut zur Sprache gekommen. Von den spanischen
Grausamkeiten, vom Geiz der Engländer, von der kalten Frechheit der Holländer,
von denen man im Taumel des Eroberungswahnes Heldengedichte schrieb, sind in
unsrer Zeit Bücher geschrieben, die ihnen so wenig Ehre bringen, dass vielmehr,
wenn ein europäischer Gesamtgeist anderswo als in Büchern lebte, wir uns des
Verbrechens beleidigter Menschheit fast vor allen Völkern der Erde schämen
müssten. Nenne man das Land, wohin Europäer kamen und sich nicht durch
Beeinträchtigungen, durch ungerechte Kriege, Geiz, Betrug, Unterdrückung, durch
Krankheiten und schädliche Gaben an der unbewehrten, zutrauenden Menschheit,
vielleicht auf alle Äonen hinab, versündigt haben! Nicht der weise, sondern der
anmassende, zudringliche, übervorteilende Teil der Erde muss unser Weltteil
heissen; er hat nicht kultiviert, sondern die Keime eigner Kultur der Völker, wo
und wie er nur konnte, zerstöret.242
    Was ist überhaupt eine aufgedrungene, fremde Kultur? eine Bildung, die nicht
aus eignen Anlagen und Bedürfnissen hervorgeht? Sie unterdrückt und
missgestaltet, oder sie stürzt gerade in den Abgrund. Ihr armen Schlachtopfer,
die ihr von den Südseeinseln nach England gebracht wurdet, um Kultur zu
empfangen, ihr seid Sinnbilder des Guten, das die Europäer überhaupt andern
Völkern mitteilen.243 Nicht anders also als gerecht und weise handelte der gute
Kien-Long, da er dem fremden Vizekönig schnell und höflich mit tausend
Freudenfeuern den Weg aus seinem Reich zeigen liess. Möchte jede Nation klug und
stark gnug gewesen sein, den Europäern diesen Weg zu zeigen! -
    Wenn wir nun sogar lästernd vorgeben, dass durch diese Beeinträchtigungen der
Welt der Zweck der Vorsehung erfüllt werde, die uns ja eben dazu Macht und List
und Werkzeuge gegeben habe? die Räuber, Störer, Aufwiegler und Verwüster aller
Welt zu werden, wer schauderte nicht vor dieser menschenfeindlichen Frechheit?
Freilich sind wir, auch mit Torheiten und Lastertaten, Werkzeuge in den Händen
der Vorsehung, aber nicht zu unserm Verdienst, sondern vielleicht eben dazu, dass
wir durch eine rastlose höllische Tätigkeit im grössesten Reichtum arm, von
Begierden gefoltert, von üppiger Trägheit entnervt, am geraubten Gift ekel und
langweilig sterben.
    Und wenn einige Neulinge mit Anmassungen solcher Art alle Wissenschaften
beflecken, wenn sie die gesamte Geschichte der Menschheit dahin abzweckend
finden, dass auf keinem andern als diesem Wege den Nationen Heil und Trost
widerfahren könne, sollte man da unser ganzes Geschlecht nicht aufs
empfindlichste bedauern?
    Ein Mensch, sagt das Sprichwort, ist dem andern ein Wolf, ein Gott, ein
Engel, ein Teufel; was sind die aufeinander wirkende Menschenvölker einander?
Der Neger malt den Teufel weiss, und der Lette will nicht in den Himmel, sobald
Deutsche da sind. »Warum giessest du mir Wasser auf den Kopf?« sagte jener
sterbende Sklave zum Missionar. -»Dass du in den Himmel kommest.« -»Ich mag in
keinen Himmel, wo Weisse sind,« sprach er, kehrte das Gesicht ab und starb.
Traurige Geschichte der Menschheit!
                                 Neger-Idyllen
                              Die Frucht am Baume
 Ich ging im schönsten Zedernhain
 Und hörete der Vögel Lied,
 Bewundernd ihrer Farben Glanz,
 Bewundernd ihrer Bäume Pracht -
 Als plötzlich aus der Höhe mich
 Ein Ächzen weckte. Welch Gesicht! -
 Ein Käfig hing am hohen Baum,
 Umlagert von Raubvögeln, schwarz
 Umwölket von Insekten.-
Als
 Die Kugel meines Rohres sie
 Verscheucht, sprach eine Stimme: »Gib
 Mir Wasser, Mensch! Es dürstet mich.« -
 Ich sah den menschenwidrigsten
 Anblick. Ein Neger, halb zerfleischt,
 Zerbissen; schon ein Auge war
 Ihm ausgehackt. Ein Wespenschwarm
 An offnen Wunden sog aus ihm
 Den letzten Saft. Ich schauderte.
 Und sah umher. Da stand ein Rohr
 Mit einem Kürbis, womit ihn
 Barmherzig schon sein Freund gelabt.
 Ich füllete den Kürbis. -»Ach!«
 Rief jenes Ächzen wieder, »Gift
Darein tun, Gift! du weisser Mann!
 Ich kann nicht sterben.«
 Zitternd reicht
 Ich ihm den Wassertrank: »Wie lang,
 O Unglücksel'ger, bist du hier?« -
 »Zwei Tage, und nicht sterben! Ach,
 Die Vögel! Wespen! Schmerz! o Weh!«
 Ich eilte fort und fand das Haus
 Des Herrn im Tanz, in heller Lust.
 Und als ich nach dem Ächzenden
 Behutsam fragte, höret ich,
 Dass man dem Jünglinge die Braut
 Verführen wollen und wie er,
 Das nicht ertragend, sich gerächt.
 Dafür dann büsse nun sein Stolz
 Die Keckheit und den Übermut.
 »Und der Verführer?« fragt ich.
 »Trinkt
 Dort an der Tafel.«
Schaudernd floh
 Ich aus dem Saal zum Sterbenden.
 Er war gestorben. - Hatte dich,
 Unglücklicher, mein Trank zum Tode
 Gestärket, o so gab ich dir
 Das reichste, süsseste Geschenk.
                                Die rechte Hand
 Ein edler Neger, seinem Lande frech
 Entraubet, blieb auch in der Sklaverei
 Ein Königssohn, tat edel seinen Dienst
 Und ward der Mitgefangnen Trost und Hat.
 Einst als sein Herr, der weisse Teufel, wütend
 Im Zorn der Sklaven einem schnellen Tod
 Aussprach, trat Fetu bittend vor ihn hin
 Und zeigte seine Unschuld. »Widersprichst
 Du mir? Du selbst, du* sollst sein Henker sein!«
 »Sogleich!« antwortet Fetu, »nur noch einen,
 Noch einen Augenblick!« Er flog hinweg
 Und kam zurück, in seiner linken Hand
 Die abgehaune rechte haltend, die
 Den Henkersdienst vollführen sollte. Tief
 Gebückt, legt, er sie vor den Herrn: »Fodre,
 Gebieter, von mir, was du willst, nur nichts
 Unwürdiges!«
Er starb an seiner Wunde,
 Und seine Hand ward auf sein Grab gepflanzt.
 Wie manche Arme lägen! - Nein doch, nein!
 Gar viele lägen nicht; die Willkür wird
 Ohnmächtig, wenn es ihr am Werkzeug fehlt.
 Sprichst du hingegen: »Wie der Herr gebeut!«
 Und: »Tu ich's nicht, so tut's ein anderer;
 Lieb ist ja jedem seine rechte Hand!«
 So henken Sklaven (das Gefühl des Unrechts
 In ihrem Herzen) andre Sklaven frech
 Und scheu und stolz, bis sie ein dritter henkt.244
                                   Die Brüder
 Mit seinem Herren war ein Negerjüngling
 Von Kindheit an erzogen; eine Brust
 Hatt sie genährt. Aus seiner Mutter Brust
 Hatt afrikan'sche Bruderliebe Quassi
 Zu seinem Herrn gesogen, hütete
 Sein Haus und lebte, lebte nur in ihm.
 Der Neger glaubte sich von seinem Herrn
 (Einst seinem Spielgesellen) auch geliebt,
 Tat, was er konnte, lebend nur für ihn.
 Und - bittre Täuschung! - einst um ein Vergessen,
 Das auch dem Göttersohn begegnen kann,
 Ergrimmete sein Herr und sprach zu ihm
 Von Karrenstäupe.245
Wie vom Blitz gerührt,
 Stand Quassi da, der treue Freund, der Bruder,
 Der liebende Anbeter seines Herrn.
 Das Wort im Herzen, deckte schwarzer Gram
 Die ganze Schöpfung ihm. Verstummt entzog
 Er sich des Herren Anblick. - meint ihr,
 Er floh? Mitnichten! Sicher hoffend noch,
 Dass ihn ein Freund, dass die Erinnerung
 Der Jugend ihn versöhne, rettet' er
 Sich in der niedern Sklaven Hütte, die
 Ihn hoch verehreten. Da wartet' er
 Ein nahes Fest ab, das sein Herr dem Neffen
 Bereitet' und ein Tag der Freude war.
 »Dann,« sprach er bei sich selbst, »wird ihm die Zeit
 Der Jugend wiederkehren. Billigkeit
 Und meine Unschuld, meine Lieb und Treu
 Wird für mich sprechen. Er vergass sich; doch
 Er wird sich wiederfinden.« -
Jetzt erschien
 Der Tag; das Fest ging an, und Quassi wagte
 Sich auf den Hof.
Doch als sein Herr ihn sah,
 Ergrimmet wie ein Leu, der Blut geleckt,
 Sprang er auf ihn. Der Arme floh. Der Tiger
 Erjagt ihn; beide stürzen; stampfend kniet
 Sein Herr auf ihm, ihm jede Marter drohend.
 Da hub mit aller seiner Negerkraft
 Der Jüngling sich empor und hielt ihn fest
 Danieder, zog ein Messer aus dem Gurt
 Und sprach: »Von Kindheit an mit Euch erzogen,
 In Knabenjahren Euer Spielgesell,
 Liebt ich Euch wie mich selbst und glaubte mich
 Von Euch geliebt. Ich war Eure Hand,
 Eur Auge. Euer kleinster Vorteil war
 Mein eifrigster Gedanke Tag und Nacht;
 Denn das Vertraun auf Eure Liebe war
 Mein grösster Schatz auf dieser Welt. Ihr wisst,
 Ich bin unschuldig; jene Kleinigkeit,
 Die Euch aufbrachte, ist ein Nichts. Und Ihr,
 Ihr drohtet mir mit Schändung meiner Haut.
 Das Wort kann Quassi nicht ertragen; denn
 Es zeigt mir Euer Herz.«
Er zog das Messer
 Und stiess es - meint ihr in des Tigers Brust?
 Nein! selbst sich in die Kehle. Blutend stürzt'
 Er auf den Herren nieder, ihn umfassend,
 Beströmend ihn mit warmem Bruderblut.
 Wie manche Kugel in Europa fuhr
 In des Beleidigten gekränktes Hirn,
 Die den Beleidiger fromm verschonete!
 Wie manches »Ich der König« frass das Herz
 Des Dieners auf mit langsam-schnellem Gift!246
 O wenn Gerechtigkeit vom Himmel sieht,
 Sie sah den Neger auf dem Weissen ruhn.
                                     Zimeo
 Ein Lärm erscholl; die weite Ebne stand
 In Flammen; zwei-, dreihundert Wirbelsäulen
 Von rotem, grünem, gelbem Feuer stiegen
 Zum Himmel auf, und vom Gebürge drückt
 Ein langer schwarzer Rauch sich schwer herab,
 Durch den die Morgensonne ängstlich drang,
 Kaum seinen Saum vergüldend. Traurig blickten
 Der Berge Spitzen aus dem Rauch hervor,
 Und fern am Horizont das helle Meer.
 Die herdenvolle Ebne war voll Angst-
 Geschrei der Fliehenden, verfolgt von Schwarzen,
 Die unter blühenden Pflanzungen Kaffee,
 Kakao, Zuckerrohr und Indigo
 Und Ruku, in Pomranzenlauben sie
 Erwürgten. In der Vögel Lied ergoss
 Sich Weh und Ach der Sterbenden. -
Da trat
 Ein Mann vor uns mit Blute nicht befleckt,
 Und Güte sprach in seinen Zügen, die
 Im Augenblick mit Zorn und Trauer, Wut
 Und Wehmut wechselten. Gebietend stand
 Er wie ein Halbgott da, geboren, zu befehlen.
 Und milde sprach er: »Höret, hört mich an,
 Ihr Friedensmänner, wendet eure Herzen
 Zum unglücksel'gen Zimeo.« Er ist
 Mit Blute nicht befleckt; zwar wär es nur
 Gottloser Blut: denn meiner Brüder Qual
 Rief vom Gebürge247 mein Geschlecht herab,
 An Tigern sie zu rächen. Aber ich
 Begleitet sie, sie einzuhalten; wo
 Ich irgend Milde fand, verschont ich. Ich
 Verschmähte, selbst mit schuld'ger Weissen Blut
 Mich zu beflecken. Sklaven, tretet her,
 Wie lebt ihr hier? - O wendet eure Herzen,
 Ihr Friedensmänner, nicht vom Zimeo.
 Er rief die Sklaven unsres Hauses, sie
 Befragend um ihr Schicksal. Alle traten
 Mit Freude vor ihn hin, erzählend ihm
 Ihr Leben. »Komm, o Edler,« sprachen sie,
 »Sieh unsre Kleider, unsre Wohnungen.«
 Sie zeigten ihm ihr Geld; die Freigelassnen
 Umringten uns und küssten unser Knie
 Und schwuren, nie uns zu verlassen.
Tief
 Gerührt stand Zimeo*, die Augen jetzt
 Auf uns, dann auf die Sklaven wendend, dann
 Zum Himmel: »Mächtiger Orissa, der
 Die Schwarzen und die Weissen schuf, o sieh,
 Sieh auf die wahren Menschen; dann bestrafe
 Die Frevler! - Reicht mir eure Hand! -
Von nun an
 Will ich zwei Weisse lieben.«
Nieder warf er
 Auf eine Matte sich im Schatten. »Hört
 Den unglücksel'gen Zimeo! Er ist
 Nicht grausam! Beim Orissa! nicht, nur tief
 Unglücklich.« - Laut aufschluchzend hielt er ein.
 Da stürzten zu ihm zwei von unsern Sklaven:
 »Wir kennen dich, Sohn unsres Königes,
 Des mächt'gen Damiels. Ich sah dich oft
 Zu Benin.« - »Ich zu Onebo.« - Sie traten
 Zurück. - Er rief sie freundlich zu sich: »Bleibt,
 Ihr meine Landesleute, bleibt mir nah!
 Zum ersten Male wird Jamaikas Luft
 Mir angenehm, da ich mit Euch sie atme.«
 Er fasste sich und sprach: »Ihr Friedensmänner,
 Hört meine Qual. Mein Vater sandte mich,
 Dass mich des Hofes Schmeicheleien nicht
 Verderbeten, zum Dorfe Onebo.
 Ein fleissig Dorf von Ackerleuten. Da
 Erzog Matomba mich, der weiseste
 Der Menschen. Ach, verloren ist er mir
 Und seine Tochter, meine Elavo,
 Mein Weib.« Er weinete; dann fuhr er fort:
 »Ihr Weisse habt nur eine halbe Seele,
 Die nicht zu lieben, nicht zu hassen weiss.
 Nur Gold ist eure Leidenschaft. - Doch höret! -
 Als ich in Onebo (o schönes Land
 Voll süssester Erinnrung!) mit Matomba,
 Ein Ackersmann, und froh und glücklich war
 Mit meiner Elavo im ersten Traum
 Der Liebe, sieh, da kam ein schwarzes Schiff
 Der Portugiesen an die Küste. Oh,
 Hätt ich es nie gesehn! Zu Benin werden
 Verbrecher nur verkauft. Zu Onebo
 War kein Verbrecher. - Also luden uns
 Die Räuber auf ihr Schiff. Ein Fest begann;
 Musik erklang, ein Tanz. - Noch hör ich ihn,
 Den fürchterlichen Schuss der Abfahrt, mitten
 In der Musik. Man lichtete die Anker;
 Die Küste floh, sie floh. Da half kein Flehn,
 Kein Bitten, Rufen! Ach verschone mich,
 Du Angedenken! - Hartgefesselt lagen
 In tiefem Gram, in schwarzer Trauer wir.
 Drei Jünglinge von Benin nahmen sich
 Das Leben; ich nahm mir es nicht, um meiner
 Geliebten Elavo, um meines guten
 Matomba willen. Ihnen kannst du doch
 Vielleicht noch helfen, dacht ich sie verlassen,
 Das kannst du nicht. Ihr Anblick gab mir Trost.
 So kamen wir nach vielen Leiden in
 Den Hafen. Und, o bittrer Augenblick!
 Da wurden wir getrennt. Vergebens warf
 Mein Weib, ihr Vater sich dem Ungeheur
 Zu Füssen; ich mit ihnen. Wilden Blicks
 Stürzt, Elavo auf mich; ich fasste sie
 Mit eiserm Arm. Umsonst! Man riss sie los.
 Noch hör ich ihr Geschrei! ich seh ihr Bild!
 Sie trug ein Kind von mir in ihrem Schoss. -
 Ich seh Matomba!« -
Plötzlich stürzte Franz,
 Mein guter Franz, den von den Spaniern
 Aus Mitleid über seine Qualen ich
 Mit seiner schönen Tochter losgekauft
 Und mit mir hergeführt (er war bisher
 Im Innersten des Hauses zur Bedeckung
 Der Fraun gewesen), plötzlich stürzte Franz
 Mit Mariannen hin auf Zimeo.
 »Matomba! Elavo!« -»Mein Zimeo!
 Sieh deinen Sohn! - Um seinetwillen nur
 Ertrugen wir das Leben, bis wir hier
 Die Guten fanden. Zimeo! Dein Sohn!« -
 Er nahm das Kind in seinen Arm. »Er soll
 Kein Sklave eines Weissen werden, er,
 Der Sohn, den Elavo gebar.«
»Ohn ihn
 Hätt ich die Welt schon längst verlassen,« sprach
 Die Weinende, »jetzt hab ich dich und ihn!«
 Wer spricht das Wiedersehn der Liebenden,
 Die kaum einander mehr zu sehen hofften,
 Mit Worten aus? Des Vaters Auge, das
 Vom Säugling auf die Mutter, auf Matomba
 Und dann zum Himmel flog und wieder dann
 Sanft auf dem Kinde ruhte. Herzensdank,
 Wie nie ein Weisser ihn ausdrücken mag,
 Wahnsinn des Dankes sageten sie uns,
 Und schieden zum Gebürg. O führete
 Ein freundlich Schiff sie bald zum Vater, der
 Den Sohn beweinet, hingen Onebo,
 Den Ort der ersten Liebe, in die Luft
 Des süssen Vaterlandes Benin!
                                 Der Geburtstag
 Am Delaware feierte ein Freund248,
 Ein Quacker, Walter Miflin, seinen Tag
 Des Lebens so:
 »Wie alt bist du, mein Freund?«
 »Fast dreissig Jahre,« sprach der Neger.
»Nun,
 So bin ich dir neun Jahre schuldig; denn
 Im einundzwanzigsten spricht das Gesetz
 Dich mündig. Menschheit und Religion
 Spricht dich gleich allen weissen Menschen frei.
 In jenem Zimmer schreibet dir mein Sohn
 Den Freiheitbrief; und ich vergüte dir
 Das Kapital, das in neun Jahren du
 Verdienetest, landüblich, acht Prozent.
 Du bist so frei als ich, nur unter Gott
 Und unter dem Gesetz. Sei fromm und fleissig!
 Im Unglück oder Armut findest du
 An Walter Miflin immer deinen Freund.«
 »Herr, lieber Herr!« antwortet Jakob, »was
 Soll ich mit meiner Freiheit tun? Ich bin
 Bei Euch geboren, ward von Euch erzogen,
 Arbeitete mit Euch und ass wie Ihr.
 Mir mangelt nichts. In Krankheit pflegete
Mich Eure Frau als Mutter, tröstete
Mich liebreich. Wenn ich denn nun krank bin« -
»Jakob!
Du bist ein freier Mann, arbeite jetzt
Um höhern Lohn; dann kaufe dir ein Land.
Nimm eine Negerin, die dir gefällt,
Die fleissig und verständig ist wie du,
Zur Frau und lebe mit ihr glücklich. Wie
Ich dich erzogen, zieh auch deine Kinder
Zum Guten auf und stirb in Friede. - Frei
Bist du und musst es sein. Die Freiheit ist
Das höchste Gut. Gott ist der Menschen, nicht
Allein der Weissen Vater. Gäb er doch
In aller meiner Brüder Sinn und Herz,
Nach Afrika zu handeln, nicht daraus
Euch zu entwenden, euch zu kaufen und
Zu quälen!« -»Guter Herr, ich kann Euch nicht
Verlassen; denn nie war ich Euer Sklav.
Ihr fodertet nicht mehr von mir, als andre
Für sich arbeiten. Ich war glücklicher
Und reicher als so viele Weisse. Lasst
Mich bei Euch, lieber Herr.«
»So bleibe dann
In meinem Dienst, du guter Jakob, doch
Als freier Mann! Du feierst diese Woche
Dein Freiheitfest, und dann arbeitest du,
So lange dir's gefällt, um guten Lohn
Bei mir, bis ich dich treu versorge. Sei
Mein Freund! Jakob.«
Der Schwarze drückt' die Hand
Des guten Walter Miflins an sein Herz:
»So lange dieses schläget, schlägt's für Euch!
Nur heute feiern wir, und morgen frisch
Zur Arbeit! Freud und Fleiss ist unser Fest.«
Ging schöner je die Sonne nieder als
Denselben Tag am Delawarestrom?
Jedoch ihr schönster Glanz war in der Brust
Des guten Mannes, der für kein Geschenk,
Der nur für Pflicht hielt seine gute Tat.
                                      115.
    Allerdings eine gefährliche Gabe, Macht ohne Güte, erfindungsreiche
Schlauigkeit ohne Verstand. Nur können, haben, herrschen, geniessen will der
verdorben-kultivierte Mensch, ohne zu überlegen, wozu er könne, was er habe und
ob, was er Genuss nenne, nicht zuletzt eine Ertötung alles Genusses werde. Welche
Philosophie wird die Nationen Europas von dem Stein des Sisyphus, vom Rade
Ixions erlösen, dazu sie eine lüsterne Politik verdammt hat?
    In Romanen beweinen wir den Schmetterling, dem der Regen die Flügel netzt;
in Gesprächen kochen wir von grossen Gesinnungen über; und für jene moralische
Verfallenheit unsres Geschlechts, aus der alles Übel entspringt, haben wir kein
Auge. Dem Geiz, dem Stolz, unsrer trägen Langenweile schlachten wir tausend
Opfer, die uns keine Träne kosten. Man hört von dreissigtausend um nichts auf dem
Platz gebliebenen Menschen, wie man von herabgeschüttelten Maikäfern, von einem
verhagelten Fruchtfelde hört, und wird den letzten Unfall vielleicht mehr als
jene bedauern. Oder man tadelt, was in Peru, Ismail, Warschau geschah, indem
man, sobald unser Vorurteil, unsre Habsucht dabei ins Spiel kommt, ein Gleiches
und ein Ärgeres mit verbissenem Zorn wünschet.
    So ist's freilich. Es ist ein bekannter und trauriger Spruch, dass das
menschliche Geschlecht nie weniger liebenswert erscheine, als wenn es
nationenweise aufeinander wirket.
    Sind aber auch die Maschinen, die so aufeinander wirken, Nationen, oder
missbraucht man ihren Namen?
    Die Natur geht von Familien aus. Familien schliessen sich aneinander; sie
bilden einen Baum mit Zweigen, Stamm und Wurzeln Jede Wurzel gräbt sich in den
Boden und suchet ihre Nahrung in der Erde, wie jeder Zweig bis zum Gipfel sie in
der Luft sucht. Sie laufen nicht auseinander; sie stürzen nicht übereinander.
    Die Natur hat Völker durch Sprache, Sitten, Gebräuche, oft durch Berge,
Meere, Ströme und Wüsten getrennt; sie tat gleichsam alles, damit sie lange
voneinander gesondert blieben und in sich selbst bekleibten. Eben jenes Nimrods*
weltvereinigendem Entwurf zuwider, wurden (wie die alte Sage sagt) die Sprachen
verwirrt; es trenneten sich die Völker. Die Verschiedenheit der Sprachen,
Sitten, Neigungen und Lebensweisen sollte ein Riegel gegen die anmassende
Verkettung der Völker, ein Damm gegen fremde Überschwemmungen werden; denn dem
Haushalter der Welt war daran gelegen, dass zur Sicherheit des Ganzen jedes Volk
und Geschlecht sein Gepräge, seinen Charakter erhielt. Völker sollten
nebeneinander, nicht durch- und übereinander drückend wohnen.
    Keine Leidenschaften wirken daher in allem Lebendigen so mächtig, als die
auf Selbstverteidigung hinausgehn. Mit Lebensgefahr, mit vielfach-verdoppelten
Kräften schützt eine Henne ihre Jungen gegen Geier und Habicht; sie hat sich
selbst, sie hat ihre Schwäche vergessen und fühlt sich nur als Mutter ihres
Geschlechts, eines jungen Volkes. So alle Nationen, die man Wilde nennt; mögen
sie sich gegen fremde Besucher mit List oder mit Gewalt verteidigen. Armselige
Denkart, die ihnen dies verübelt, ja gar die Völker nach der Sanftmut, mit der
sie sich betrügen und fangen lassen, klassifizieret.249 Gehörte ihnen nicht ihr
Land? und ist's nicht die grösseste Ehre, die sie dem Europäer gönnen können,
wenn sie ihn bei ihrem Mahl verzehren? Um in Büschings Geographie genauer
aufgezeichnet zu stehn, um in gestochenen Kupfern den müssigen Europäer zu
ergötzen und mit den Produkten ihres Landes den Geiz einer Handelsgesellschaft
zu bereichern: ich weiss nicht, warum sie Sich dazu sollten geschaffen glauben.
    Leider ist's also wahr, dass eine Reihe Schriften, englisch, französisch,
spanisch und deutsch, in diesem anmassenden, habsüchtigen Eigendünkel verfasset,
zwar europäisch, aber gewiss nicht menschlich geschrieben sei'n; die Nation ist
bekannt, die sich hierin ganz zweifellos äussert: »Rule, Britannia, rule the
waves«; mit diesem Wahlspruch, glaubt mancher, sei'n ihnen die Küsten, die
Länder, die Nationen und Reichtümer der Welt gegeben. Der Captain und sein
Matrose sei'n die Haupträder der Schöpfung, durch welche die Vorsehung ihr
ewiges Werk ausschliessend zur Ehre der britischen Nation und zum Vorteil der
Indischen Companie bewirket. Politisch und fürs Parlament mögen solche
Berechnungen und Selbstschätzungen gelten; dem Sinn und Gefühl der Menschheit
sind sie unerträglich.250 Vollends wenn wir arme, schuldlose Deutsche hierin den
Briten nachsprechen - Jammer und Elend!
    Was soll überhaupt eine Messung aller Völker nach uns Europäern? wo ist das
Mittel der Vergleichung? Jene Nation, die ihr wild oder barbarisch nennt, ist im
wesentlichen viel menschlicher als ihr; und wo sie unter dem Druck des Klima
erlag, wo eine eigne Organisation oder besondre Umstände im Lauf ihrer
Geschichte ihr die Sinne verrückten, da schlage sich doch jeder an die Brust und
suche den Querbalken seines eignen Gehirnes. Alle Schriften, die den an sich
schon unerträglichen Stolz der Europäer durch schiefe, unerwiesene oder offenbar
unerweisbare Behauptungen nähren - verachtend wirft sie der Genius der
Menschheit zurück und spricht: »Ein Unmensch hat sie geschrieben!«
    Ihr edleren Menschen, von welchem Volk ihr seid, Las Casas, Fénelon, ihr
beiden guten St. Pierre, so mancher ehrliche Quacker, Montesquieu, Filangieri,
deren Grundsätze nicht auf Verachtung, sondern auf Schätzung und Glückseligkeit
aller Menschennationen hinausgehn; ihr Reisenden, die ihr euch, wie Pagès und
andre, in die Sitten und Lebensart mehrerer, ja aller Nationen zu setzen wusstet
und es nicht unwert fandet, unsre Erde wie eine Kugel zu betrachten, auf der mit
allen Klimaten und Erzeugnissen der Klimate auch mancherlei Völker in jedem
Zustande sein müssen und sein werden; Vertreter und Schutzengel der Menschheit,
wer aus eurer Mitte, von eurer heilbringenden Denkart gibt uns eine Geschichte
derselben, wie wir sie bedürfen?
                          Nachschrift des Herausgebers
    Da es verschiedenen Lesern angenehm sein möchte, etwas mehr von den
ebengenannten Vorsprechern der Menschheit zu wissen als ihre Namen, so füge ich
zu Erläuterung des Briefes dies wenige bei:
    De Las Casas (Fray Bartolomé), Bischof von Chiapa, war der edle Mann, der
nicht nur in seiner kurzen Erzählung von der Zerstörung von Indien, sondern auch
in Schriften an die höchsten Gerichte und an den König selbst die Greuel ans
Licht stellte, die seine Spanier gegen die Eingebornen Indiens verübten. Man
warf ihm Übertreibung und eine glühende Einbildungskraft vor; der Lüge aber hat
ihn niemand überwiesen. Und warum sollte das, was man glühende Einbildungskraft
nennet, nicht lieber ein edles Feuer des Mitgefühls mit den Unglücklichen
gewesen sein, ohne welches er freilich nicht, auch nicht also* geschrieben
hätte. Die Zeit hat ihn gerechtfertigt und seinen Gegner Sepulveda mehr als ihn
der Unwahrheit überwiesen. Dass er mit seinen Vorstellungen nicht viel
ausgerichtet hat, vermindert sein Verdienst nicht; Friede sei mit seiner Asche!
    Fénelons billige und liebreiche Denkart ist allbekannt. So eifrig er an
seiner Kirche hing und deshalb über die Protestanten hart urteilte,251 weil er
sie nicht kannte, so sehr verabscheuete er, selbst als Missionar zu Bekehrung
derselben, ihre Verfolgung. »Vor allen Dingen,« sagt er zum Ritter St. Georg,
»zwingt Eure Untertanen nie, ihre Weise des Gottesdienstes zu ändern. Eine
menschliche Macht ist nicht imstande, die undurchdringliche Brustwehr, Freiheit
des Herzens, zu überwältigen. Sie macht nur Heuchler. Wenn Könige, statt sie zu
beschützen, sich in die Gottesverehrung gebietend mengen, so bringen sie
dieselben in Knechtschaft.«
    In seiner »Anweisung, das Gewissen eines Königes zu leiten,«252 gibt er
Ratschläge, die, wenn sie befolgt würden, jeder Revolution zuvorkämen. Ich führe
von ihnen nur einige an, bloss wie sie der vorstehende Brief fodert:
    »Habt ihr das wahre Bedürfnis eures Staats gründlich untersucht und mit dem
Unangenehmen der Auflage zusammengehalten, ehe ihr euer Volk damit beschwert?
Habt ihr nicht Notdurft des Staats genannt, was bloss euere persönliche Anmassung
war?- Persönliche Prätensionen habt ihr bloss auf euere Privatkosten geltend zu
machen und höchstens das zu erwarten, was die reine Liebe eueres Volks
freiwillig dazu beiträgt. Als Karl VIII. nach Neapel ging, unternahm er den
Krieg auf seine Kosten; der Staat glaubte sich zu Unternehmung nicht verbunden.
    Habt ihr auswärtigen Nationen kein Unrecht zugefügt? Ein armer Unglücklicher
kommt an den Galgen, weil er in höchster Not auf der Landstrasse einige Taler
raubte, und ein Eroberer, der ist ein Mann, der ungerechterweise dem Nachbar
Länder wegnimmt, wird als ein Held gepriesen. Eine Wiese oder einen Weinberg
unbefugt zu nutzen, wird als eine unerlässliche Sünde angesehen, im Fall man den
Schaden nicht ersetzt; Städte und Provinzen zu usurpieren, rechnet man für
nichts. Dem einzelnen Nachbar ein Feld wegnehmen ist ein Verbrechen; einer
Nation ein Land wegnehmen ist eine unschuldige, ruhmbringende Handlung. Wo ist
hier Gerechtigkeit? Wird Gott so richten ? Glaubst Du, dass ich sein werde wie
Du*? Muss man nur im Kleinen, nicht im Grossen gerecht sein? Millionen Menschen,
die eine Nation ausmachen, sind sie weniger unsre Brüder als ein Mensch? Darf
man Millionen ein Unrecht über Provinzen tun, das man einem einzelnen über eine
Wiese nicht tun dörfte? Zwingt ihr, weil ihr der stärkere seid, einen Nachbar,
den von Euch vorgeschriebenen Frieden zu unterzeichnen, damit er grösseren Übeln
aus dem Wege gehe, so unterzeichnet er, wie der Reisende dem Strassenräuber den
Beutel reicht, weil ihm das Pistol vor der Brust stehet.
    Friedensschlüsse sind nichtig, nicht nur wenn in ihnen die Übermacht
Ungerechtigkeiten erpresst hat, sondern auch wenn sie mit Hinterlist zweideutig
abgefasst werden, um eine günstige Zweideutigkeit gelegentlich geltend zu machen.
Euer Feind ist euer Bruder; das könnt ihr nicht vergessen, ohne auf die
Menschheit selbst Verzicht zu tun. Bei Friedensschlüssen ist nicht mehr von
Waffen und Krieg, sondern von Friede, von Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Treu
und Glauben die Rede. Im Friedensschluss ein nachbarliches Volk zu betrügen ist
ehrloser und strafbarer, als im Kontrakt eine Privatperson zu hintergehen. Mit
Zweideutigkeiten und verfänglichen Ausdrücken im Friedensschloss bereitet man
schon den Samen zu künftigen Kriegen, d.i., man bringt Pulverfässer unter
Häuser, die man bewohnet.
    Als die Frage vom Kriege war, habt ihr untersucht und untersuchen lassen,
was ihr für Recht dazu hattet, und dies zwar von den Verständigsten, die euch am
wenigsten schmeicheln? Oder hattet ihr nicht eure persönliche Ehre dabei im
Auge, doch etwas unternommen zu haben, was euch von andern Fürsten unterschiede?
Als ob es Fürsten eine Ehre wäre, das Glück der Völker zu stören, deren Väter
sie sein sollen! Als ob ein Hausvater durch Handlungen, die seine Kinder
unglücklich machen, sich Achtung erwürbe! Als ob ein König anderswoher Ruhm zu
hoffen hätte als von der Tugend, d.i. von der Gerechtigkeit und von einer guten
Regierung seines Volks!« -
    Dies sind einige der sechsunddreissig Artikel Fénelons, die allen Vätern des
Volks Morgen- und Abendlektion sein sollten. Zu gleichem Zweck sind seine
»Gespräche,« sein »Telemach,« ja alle seine Schriften geschrieben; der Genius
der Menschlichkeit spricht in ihnen ohne Künstelei und Zierat. »Ich liebe meine
Familie,« sagt der edle Mann, »mehr als mich, mehr als meine Familie mein
Vaterland, mehr als mein Vaterland die Menschheit.«
    
    Der Abt St.-Pierre ist ungerechterweise fast durch nichts als durch sein
Projekt zum ewigen Frieden bekannt, eine sehr gutmütige, ja edle Schwachheit,
die doch so ganz Schwachheit nicht ist, als man meint . In diesem Vorschlage
sowohl als in manchen andern war er mit Fleiss etwas pedantisch; er wiederholte
sich, damit, wie er sagte, wenn man ihn zehnmal überhört hätte, man ihn das
eilftemal anhöre; er schrieb trocken und wollte nicht vergnügen.253
    Schwerlich gibt's eine honettere Denkart, als die der Abt St.-Pierre in
allen Schriften äussert. Allgemeine Vernunft und Gerechtigkeit, Tugend und
Wohltätigkeit waren ihm die Regel, die Tendenz unsres Geschlechts und dessen
Wahlspruch: donner et pardonner, geben und vergeben. Dazu las, dazu sah und
hörte er ohne Anmassung. »Eine Eintrittsrede in die Akademie,« sagte er,
»verdient höchstens zwei Stunden die man darauf wendet; ich habe vier darauf
gewandt und denke, das sei honett gnug; unsre Zeit gehört dem Nutzen des
Staates.« -
    Über den körperlichen Schmerz dachte er nicht wie ein Stoiker, sondern hielt
ihn für ein wahres, ja vielleicht für das einzige Übel, das die Vernunft weder
abwenden noch schwächen könne; die meisten andern Übel, meinte er, sein
abwendbar oder nur von einem eingebildeten Werte. Seine Mitmenschen des
Schmerzes zu überheben, sei die reichste Wohltat. -
    »Man ist nicht verbunden, andre zu amüsieren, wohl aber niemand zu betrügen
«; und so befliss er sich aufs strengste der Wahrheit.
    Einzig beschäftigt, das hinwegzubringen, was dem gemeinen Wohl schadete, war
er ein Feind der Kriege, des Kriegesruhms und jeder Bedrückung des Volkes;
dennoch aber glaubte er, dass die Welt durch die schrecklichen Kriege der Römer
weniger gelitten habe als durch die Tibere, die Neronen. »Ich weiss nicht,« sagt
er, »ob Caligula, Domitian und ihresgleichen Götter waren; das nur weiss ich,
Menschen waren sie nicht. Ich glaube wohl, dass man sie bei ihren Lebzeiten über
das Gute, das sie stifteten, gnug mag gepriesen haben; einzig schade nur, dass
ihre Völker von diesem Guten nichts gewahr wurden.« Er hatte oft die schöne
Maxime Franz, des Ersten im Munde: »Regenten gebieten den Völkern, die Gesetze
den Regenten.«
    Da er nicht heiraten dorfte, so erzog er Kinder, ohne alle Eitelkeit, nur
zum Nützlichen, zum Besten. Er freuete sich auf eine Zeit, da, von Vorurteilen
frei, der einfältigste Kapuziner soviel wissen würde als der geschickteste
Jesuit, und hielt diese Zeit, so lange man sie auch verspätete, für
unhintertreiblich. Trägheit und böse Gewohnheiten der Menschen, vorzüglich aber
den Despotismus klagte er als mutwillige Ursachen dieses Aufhaltens an; denn
auch die Wissenschaften, meinte er, liebe man nur unter der Bedingung, dass sie
dem Volk nicht zugut kämen. So sagte jener Kartäuser, als ein Fremder seine
Kartause, wie schön sie sei, lobte: »Für die Vorbeigehenden ist sie allerdings
schön.« -
    Eine andre Ursache der Verspätung des Guten in der Welt fand St.-Pierre
darin, dass so wenig Menschen wüssten, was sie wollten, und unter diesen noch
weniger das Herz hätten, zu wissen, dass sie es wissen; zu wollen, was sie
wollen. Selbst über die gleichgültigsten Dinge der Literatur folge man
angenommenen fremden Meinungen und habe nicht das Herz, zu sagen, was man selbst
denket; hiegegen, meint er, sei nur ein Mittel, dass jeder Mann von Wissenschaft
ein Testament mache und sich wenigstens nach seinem Tode wahr zu sein getraue. -
    Er schrieb eine Abhandlung, wie »auch Predigten nützlich werden könnten,«
und war insonderheit der mahometanischen Religion feind, weil sie die
Unwissenheit aus Grundsätzen begünstigt und die Völker tierisch macht
(abrutieret).
    Christliche Verfolger, meinte er, müsse man als Narren aufs Teater bringen,
wenn man sie nicht als Unsinnige einsperren wollte.
    Hinter seine Abhandlungen setzte er oft die Devise: »Paradis aux
Bienfaisans!,« und gewiss genoss dieser bis an seinen letzten Augenblick gleich-
und wohldenkende Mann dieses innern Paradieses. Als man ihn in den letzten Zügen
fragte, ob er nicht noch etwas zu sagen habe, sagte er: »Ein Sterbender hat
wenig zu sagen, wenn er nicht aus Eitelkeit oder aus Schwäche redet.« - Lebend
sprach er nie aus diesen Gründen, und o möchte einst jeder Buchstab von dem, das
er damals in einem engen Nationalgesichtskreise schrieb, im weitesten Umfange
erfüllet werden! Nach seiner Überzeugung wird er's werden.254
    
    Sein Namensgenannter, Bernardin de St.-Pierre, ein echter Schüler Fénelons,
hat jede seiner Schriften bis zur kleinsten Erzählung im Geist der Menschenliebe
und Einfalt des Herzens geschrieben. Gern verbindet er die Natur mit der
Geschichte der Menschen, deren Gutes er so froh, deren Böses er allentalben mit
Milde erzählet. »Ich werde glauben,« sagt er,255 »dem menschlichen Geschlecht
genutzt zu haben, wenn das schwache Gemälde vom Zustande der unglücklichen
Schwarzen ihnen einen einzigen Peitschenschlag ersparen kann und die Europäer
(sie, die in Europa wider die Tyrannei eifern und so schöne moralische
Abhandlungen ausarbeiten) aufhören, in Indien die grausamsten Tyrannen zu sein.«
In gleich edelm Sinn sind sein »Paul und Virginie,« das »Kaffeehaus von Surate,«
»Die indische Strohhütte« und die »Studien der Natur« geschrieben.256 Mit Seelen
dieser Art lebt man so gern und freuet sich, dass ihrer noch einige da sind.
    
    Die Quacker, an welche der Brief denkt, bringen von Penn an eine Reihe der
verdienstvollesten Männer in Erinnerung, die zum Besten unsres Geschlechts mehr
getan haben als tausend Helden und pomphafte Weltverbesserer. Die tätigsten
Bemühungen zu Abschaffung des schändlichen Negerhandels und Sklavendienstes sind
ihr Werk; wobei indes überhaupt auch Metodisten und Presbyterianern, jeder
schwachen oder starken Stimme jedes Landes ihr Verdienst bleibt, wenn sie
taubsten Ohren und härtesten Menschenherzen, geizigen Handelsleuten, hierüber
etwas zurief. Eine Geschichte des aufgehobenen Negerhandels und der
abgestelleten Sklaverei in allen Weltteilen wird einst ein schönes Denkmal im
Vorhofe des Tempels allgemeiner Menschlichkeit sein, dessen Bau künftigen Zeiten
bevorstehet; mehrere Quacker-Namen werden an den Pfeilern dieses Vorhofes mit
stillem Ruhm glänzen. In unserm Jahrhundert scheint's die erste Pflicht zu sein,
den Geist der Frivolität zu verbannen, der alles wahrhaft Gute und Grosse
vernichtet. Dies taten die Quacker.
    Montesquieu verdiente unter den Beförderern des Wohls der Menschen genannt
zu werden; denn seine Grundsätze haben über die Mode hinaus Gutes verbreitet,
gesetzt, dass er auch den ganzen Lobspruch, den ihm Voltaire gab,257 nicht hätte
erreichen mögen. Am Willen des edeln Mannes lag es nicht; viele Kapitel seines
Werks sind, wie die Aufschrift desselben sagt, flores sine semine nati, Blumen,
denen es an einem Boden und an echten Samenkörnern gebrach; eine Menge derselben
aber sind heilbringende Blumen und Früchte Auch seinen »Persischen Briefen,«
seiner Schrift »Über die Grösse und den verfall der Römer,« ja seinen kleinsten
Aufsätzen fehlet es daran nicht; mehrere Kapitel seines Werks »Vom Geist der
Gesetze« sind in aller Gedächtnis. Montesquieu hat viele und grosse Schüler
gehabt; auch der gute Filangieri ist in der Zahl.258
    Da der vorstehende Brief der Schotten und Engländer, eines Bacon,
Harrington, Milton, Sidnei, Locke, Ferguson, Smit, Millar und anderer, nicht
erwähnt, ohne Zweifel weil er einen vielgepriesenen Ruhm nicht wiederholen
wollte, dagegen aber einige neapolitanische Schriftsteller nennet, so sei es
erlaubt, das ziemlich vergessene Andenken eines Mannes zu erneuern, der zu einer
Schule menschlicher Wissenschaft im echten Sinne des Worts an seinem Ort vor
andern den Grund legte, Giambattista Vico. Ein Kenner und Bewunderer der Alten,
ging er ihren Fusstapfen nach, indem er in der Physik, Moral, im Recht und im
Recht der Völker gemeinschaftliche Grundsätze suchte Plato, Tacitus, unter den
Neuen Bacon und Grotius waren, wie er selbst sagt, seine Lieblingsautoren; in
seiner »Neuen Wissenschaft«259 suchte er das Principium der Humanität der Völker
(dell' umanità delle Nazioni) und fand dies in der Voraussicht (provvedenza) und
Weisheit. Alle Elemente der Wissenschaft göttlicher und menschlicher Dinge
setzte er in Kennen, Wollen, Vermögen (nosse, velle, posse), deren einziges
Principium der Verstand, dessen Auge die Vernunft sei, vom Lichte der ewigen
Wahrheit erleuchtet. - Er gründete den Kateder dieser Wissenschaften in Neapel,
den nachher Genovesi, Galanti betraten;260 über die Philosophie der Menschheit,
über die Haushaltung der Völker haben wir treffliche Werke aus jener Gegend
erhalten, da Freiheit im Denken vor allen Ländern in Italien die Küste von
Neapel beglücket und wertält.
                                      116.
    Sie wünschen eine Naturgeschichte der Menschheit in rein menschlichem Sinne
geschrieben: ich wünsche sie auch; denn darüber sind wir einig, dass eine
zusammengelesene Beschreibung der Völker nach sogenannten Rassen, Varietäten,
Spielarten Begattungsweisen u.f. diesen Namen noch nicht verdiene. Lassen Sie
mich den Traum einer solchen Geschichte verfolgen.
    1. Vor allem sei man unparteiisch wie der Genius der Menschheit selbst; man
habe keinen Lieblingsstamm, kein Favoritvolk auf der Erde. Leicht verführt eine
solche Vorliebe, dass man der begünstigten Nation zu viel Gutes, andern zu viel
Böses zuschreibe. Wäre vollends das geliebte Volk bloss ein kollektiver Name
(Kelten, Semiten, Kuschiten u.f.), der vielleicht nirgend existiert hat, dessen
Abstammung und Fortpflanzung man nicht erweisen kann, so hätte man ins Blaue des
Himmels geschrieben.
    2. Noch minder beleidige man verachtend irgendeine Völkerschaft, die uns nie
beleidigt hat. Wenn Schriftsteller auch nicht hoffen dörften, dass die guten
Grundsätze, die sie verbreiten, überall schnellen Eingang finden, so ist die
Hut, gefährliche Grundsätze zu veranlassen, ihnen die grösseste Pflicht. Um
schwarze Taten, wilde Neigungen zu rechtfertigen, stützt man sich gern auf
verachtende Urteile über andre Völker. Papst Niklas der Fünfte hat (es ist schon
lange) die unbekannte Welt verschenkt; den weissen und edleren Menschen hat er
alle Ungläubige zu Sklaven zu machen, pontifikalisch erlaubet. Mit unsern Bullen
kommen wir zu spät. Der Kakistokratismus behauptet praktisch seine Rechte, ohne
dass wir ihn dazu teoretisch bevollmächtigen und deshalb die Geschichte der
Menschheit umkehren müssten. Äusserte z.B. jemand die Meinung, dass, »wenn erwiesen
werden kann, dass ohne Neger keine Kaffee-, Zucker-, Reis- und Tobakspflanzungen
bestehen können, so sei zugleich die Rechtmässigkeit des Negerhandels bewiesen,
indem dieser Handel dem ganzen menschlichen Geschlecht, d.i. den weissen, edleren
Menschen, mehr zum Vorteil als zum Nachteil gereichet,« so zerstörte ein
Grundsatz der Art sofort die ganze Geschichte der Menschheit. Ad maiorem Dei
gloriam privilegierte er die frechsten Anmassungen, die grausamsten Usurpationen.
Gebe man doch keinem Volk der Erde den Zepter über andre Völker wegen »
angeborner Vornehmigkeit« in die Hände, viel weniger das Schwert und die
Sklavenpeitsche.
    3. Der Naturforscher setzt keine Rangordnung unter den Geschöpfen voraus,
die er betrachtet; alle sind ihm gleich lieb und wert. So auch der Naturforscher
der Menschheit. Der Neger hat so viel Recht, den Weissen für eine Abart, einen
gebornen Kakerlaken zu halten, als wenn der Weisse ihn für eine Bestie, für ein
schwarzes Tier hält. So der Amerikaner, so der Mungale. In jener Periode, da
sich alles bildete, hat die Natur den Menschentypus so vielfach ausgebildet, als
ihre Werkstatt es erforderte und zuliess. Nicht verschiedene Keime261 (ein leeres
und der Menschenbildung widersprechendes Wort), aber verschiedne Kräfte hat sie
in verschiedner Proportion ausgebildet, so viel deren in ihrem Typus lagen und
die verschiednen Klimate der Erde ausbilden konnten. Der Neger, der Amerikaner,
der Mongol hat Gaben, Geschicklichkeiten, präformierte Anlagen, die der Europäer
nicht hat. Vielleicht ist die Summe gleich; nur in verschiednen Verhältnissen
und Kompensationen. Wir können gewiss sein, dass, was sich im Menschentypus auf
unsrer runden Erde entwickeln konnte, entwickelt hat oder entwickeln werde; denn
wer könnte es daran verhindern? Das Urbild, der Prototyp der Menschheit, liegt
also nicht in einer Nation eines* Erdstriches; er ist der abgezogne Begriff von
allen Exemplaren der Menschennatur in beiden Hemisphären. Der Cherokese und
Huswana, der Mungal und Gonaqua ist sowohl ein Buchstab im grossen Wort unsres
Geschlechts als der gebildetste Engländer und Franzose.
    4. Jede Nation muss also einzig auf ihrer Stelle, mit allem, was sie ist und
hat, betrachtet werden; willkürliche Sonderungen, Verwerfungen einzelner Züge
und Gebräuche durcheinander geben keine Geschichte. Bei solchen Sammlungen tritt
man in ein Beinhaus, in eine Gerät- und Kleiderkammer der Völker, nicht aber in
die lebendige Schöpfung, in jenen grossen Garten, in dem Völker wie Gewächse
erwuchsen, zu dem sie gehören, in dem alles, Luft, Erde, Wasser, Sonne, Licht,
selbst die Raupe, die auf ihnen kriecht, und der Wurm, der sie verzehrt, zu
ihnen gehöret.262 Lebendige Haushaltung ist der Begriff der Natur, wie bei allen
Organisationen, so bei der vielgestaltigen Menschheit. Leid und Freude, Mangel
und Habe, Unwissenheit und Bewusstsein stehen im Buch der grossen Haushälterin
nebeneinander und sind gegeneinander berechnet.
    5. Am wenigsten kann also unsre europäische Kultur das Mass allgemeiner
Menschengüte und Menschenwertes sein; sie ist kein oder ein falscher Massstab.
Europäische Kultur ist ein abgezogener Begriff, ein Name. Wo existiert sie ganz?
bei welchem Volk? in welchen Zeiten? Überdem sind mit ihr (wer darf es leugnen?)
so viele Mängel und Schwächen, so viele Verzuckungen und Abscheulichkeiten
verbunden, dass nur ein ungütiges Wesen diese Veranlassungen höherer Kultur zu
einem Gesamtzustande unsres ganzen Geschlechts machen könnte. Die Kultur der
Menschheit ist eine andre Sache; ort- und zeitmässig spriesst sie allentalben
hervor, hier reicher und üppiger, dort ärmer und kärger. Der Genius der
Menschennaturgeschichte lebt in und mit jedem Volk, als ob dies das einzige auf
Erden wäre.
    6. Und er lebt in ihm menschlich. Alle Absonderungen und Zergliederungen,
durch die der Charakter unsres Geschlechts zerstört wird, geben halbe oder
Wahnbegriffe, Spekulationen. Auch der Pescheräh ist ein Mensch; auch der
Albinos. Lebensweise (habitus) ist's, was eine Gattung bestimmt; in unsrer
vielartigen Menschheit ist sie äusserst verschieden. Und doch ist zuletzt alles
an wenige Punkte geknüpfet; in der grössesten Verschiedenheit zeigt sich die
einfachste Ordnung. Der Neger offenbart sich in seinem Fusstritt wie der Hindu*
in seiner Fingerspitze; so beide in Liebe und Hass, im kleinsten und grössesten
Geschäfte. Ein durchschauendes Wesen, das jede mögliche Abänderung des
Menschentypus nach Situationen unsres Erdballs genetisch erkennete, würde aus
wenig gegebnen Merkmalen die Summe der ganzen Konformation und des ganzen
Habitus eines Volks, eines Stammes, eines Individuums leicht finden.
    Zu dieser Anerkennung der Menschheit im Menschen führen treue
Reisebeschreibungen viel sicherer als Systeme. Mich freuete es, dass Ihr Brief263
unter denen, die sich in die Sitten fremder Völkerschaften innig versetzt, auch
Pages nannte.264 Man lese seine Gemälde vom Charakter mehrerer Nationen in
Amerika,265 der Völker auf den Philippinen,266 und was er vom Betragen der
Europäer gegen sie hie und da urteilt, wie er sich der Denkart der Hindus, der
Araber, der Drusen u.f. auch durch Teilnahme an ihrer Lebensweise gleichsam
einzuverleiben suchte.267 - Reisebeschreibungen solcher Art, deren wir (Dank sei
es der Menschheit!) viele haben268, erweitern den Gesichtskreis und
vervielfältigen die Empfindung für jede Situation unsrer Brüder. Ohne darüber
ein Wort zu verlieren, predigen sie Mitgefühl, Duldung, Entschuldigung, Lob,
Bedauern, vielseitige Kultur des Gemüts, Zufriedenheit, Weisheit. Freilich sucht
auch in Reisebeschreibungen, wie auf Reisen, jeder das Seine. Der Niedrige sucht
schlechte Gesellschaft, und da wird sich ja unter hundert Nationen eine finden,
die sein Vorurteil begünstige, die seinen Wahn nähre. Der edle Mensch sucht
allentalben das Bessere, das Beste, wie der Zeichner malerische Gegenden
auswählt. Auch hinter dem Schleier böser Gewohnheiten wird jener ursprünglich
gute, aber missgebrauchte Grundsätze bemerken und auch aus dem Abgrunde des Meers
nicht Schlamm, sondern Perlen holen. - Eine Klassifikation der
Reisebeschreibungen, nicht etwa nur nach Merkwürdigkeiten der Naturgeschichte,
sondern auch nach dem innern Gehalt der Reisebeschreiber selbst, wiefern sie ein
reines Auge und in ihrer Brust allgemeinen Natur- und Menschensinn hatten - ein
solches Werk wäre für die zerstreuete Herde von Lesern, die nicht wissen, was
rechts und links ist, sehr nützlich269.
                                 Die Waldhütte
                     Eine Missionserzählung aus Paraguay270
 Um Paraguayer-Tee und wilde Völker
 Für unsre Kolonien aufzusuchen,
 Durchgingen wir jenseit des Empalado
 Die tiefsten Wälder. Nirgend eine Spur
 Von Menschen! Alles, alles war geflohn
 Und aufgerieben von den Blattern.
Bis uns
 Fusstapfen in ein armes Hüttchen führten.
 Ein Mütterchen, ihr zwanzigjähr'ger Sohn
 Und eine funfzehnjähr'ge Tochter hatten
 Hier lang und still gewohnt. Der Vater war
 Vom Tiger aufgefressen, als die Mutter
 Mit ihrer Tochter schwanger ging. Der Sohn
 Hatt allentalben sich ein Weib gesucht
 Und keins gefunden. Ausser ihrem Bruder
 Hatt Arapotija, des Tages Blüte271
 (So hiess das Mädchen), keinen Mann gesehn.
 Hier wohnten sie am Monda-Miri Ufer
 In einer Palmenhütte. Wasser war
 Ihr Trank; Baumfrüchte mancher Art,
 Die Wurzel des Mandijo-Baums, Geflügel,
 Das Aba schoss (so hiess der Jüngling), Korn,
 Das seine Schwester säte, Ananas
 Und Honig, der aus Bäumen reichlich floss,
 Genossen sie. Von Caraquatablättern
 War ihr Gewand gewebet und ihr Bett
 Bereitet. Eine scharfe Muschel war
 Ihr Messer. Seine Pfeile schnitzte sich
 Der Jüngling mit zerbrochnem Eisen aus
 Dem härtsten Holz; er stellte Fallen auf
 Den Elentieren; reichlich nährte er
 Sein kleines Haus. Ihr Teller war ein Blatt,
 Der Kürbis ihre Flasche. Feuer schafften
 Sie sich aus Bäumen. Also lebten sie
 Zufrieden und gesund; sie liebten sich
 Wie Mutter, Bruder, Schwester, die einander
 Die ganze Welt sind. Unschuld kleidete
 Das Mädchen ohne Scham. Sie wand das Tuch,
 Das wir ihr schenkten, zierend um ihr Haupt;
 Ihr flatternd Baumgewand war ihr genug,
 Kein fremder Schmuck entstellte ihr Gesicht;
 Ein Papagei auf ihrer Schulter war
 Ihr Freund, mit dem sie scherzte, wenn sie Hecken
 Und Hain wie eine Cyntia durchstrich,
 An Frohsinn und Gestalt ihr ähnlich. Scherzend
 Empfing sie uns und unbetroffen. So
 Die Mutter, so der Sohn.
Ich sprach zu ihnen
 Quaranisch, ob sie mit uns ziehen wollten
 Aus dieser Wüstenei und schildert' ihnen
 Die glücklichen, die frohen Tage, die
 Sie mit uns leben würden.
»Gerne,« sprach
 Die Mutter, uns vertrauend, »kämen wir.
 Auch fürchten wir den Weg nicht; aber sieh!
 Dort hab ich drei Wildschweinchen aufgezogen,
 Seit ihre Mutter sie gebar. Die müssten
 Umkommen, wenn wir sie verlassen, oder
 (Sie werden uns gewiss als Hündchen folgen)
 Verschmachten auf dem Wege, wenn sie sehn
 Das ausgebrannte Feld, darauf die Glut
 Der Sonne liegt.«
»Darüber fürchte nichts,«
 Sprach ich, »wir wollen uns im Schatten lagern,
 An Bächen sie erfrischen. Kommet nur!«
 So kamen sie mit uns. Wir duldeten
 Viel auf dem langen Wege, watend jetzt
 Durch wilde Ströme, jetzt in Ungewittern
 Von Güssen überströmt. Es laureten
 Auf uns die Tiger. Endlich kamen wir
 In unserm Flecken an. Dem Jüngling war
 Beschwerlich unsre Kleidung; eingepresst,
 Konnt er in ihr nicht schreiten, klettern nicht
 Auf Bäume, die hier fehlten. Er vermisste
 Das schöne Grün, den dunkeln kühlen Wald.
 Und ob wir dann und wann mitleidig auch
 Sie in entlegne Schatten führten, ach!
 Es war nicht ihr geliebter Schatte. Brennend,
 Verzehrend lag auf ihnen hier die Glut
 Der Sonne. Fieber, Kopf- und Augenweh
 Und tiefe Schwermut, Ekel aller Speisen,
 Kraftlosigkeit, Auszehrung folgeten.
 Am ersten schwand die Mutter hin; sie ward
 Getauft und starb mit christlicher Ergebung.
 Die Tochter, Arapotija, die Blüte
 Des Tages* sonst, man kannte sie nicht mehr.
 Verblühet war sie und verdorrt; sie folgte
 Der Mutter bald ins Grab. Ihr folgeten
 Viel Tränen ; denn sie war die Unschuld selbst.
 Der tapfre Bruder überstand die Reihe
 Der Übel, überstand sogar zuletzt
 Der Übel schrecklichstes, die Blattern. Er
 War folgsam, fleissig Lind gefällig, fand
 Sich ein zum Unterricht; doch immer still.
 Ich ahnte nichts. Da kam ein Indianer
 Und sprach geheim: »Mein Pater, unser Waldmann
 (Ich fürcht es) ist dem Wahnsinn nah. Er klagt
 Zwar keine Schmerzen; aber: Jede Nacht,
 Spricht er erscheint mir wachend meine Mutter
 Und meine Schwester Immer sprechen sie:
 Ich bitte, lass dich taufen; denn wir holen
 Dich bald und unvermutet ab, o Sohn,
 O Bruder, in die grünen Schatten. - Also
 Spricht täglich er und kennt den Schlaf nicht mehr.«
 Ich eilte zu ihm, sprach ihm Mut zu. Heiter
 Erwidert er: »Mir fehlt, o Vater, nichts.
 Ich kenne keine Schmerzen, aber schlafen
 Kann ich nicht mehr; denn alle Nächte sind
 Die Meinigen um mich und sprechen flehend:
 Ich bitte, lass dich taufen; denn wir holen
 Dich bald und unvermutet ab, o Sohn,
 O Bruder, in die grünen Schatten.«-
»Freund,
 Die Deinigen sind jetzt im Himmel,« sprach ich,
 »Jedoch die Taufe soll dir werden.« - Sehnlich
 Erfreut' er sich; es ward der Tag bestimmt,
 Johannistag. Zehn Uhr am Morgen ward er
 Getauft, er war so heiter, war so froh!
 Am Abend, ohne Krankheit, ohne Schmerzen
 War er entschlafen. -
So erzählt der Priester
 Und lässet jeden denken, was er mag.
 Ich denke: Guter Vater, warum liessest
 Du nicht die Blumen, wo sie standen und
 Erquicktest sie? Du hörtest, was die Mutter
 Für ihre Tierchen fürchtete: »Sie werden
 Verschmachten in der Sonne Glut!« - O lasset
 Doch jede Pflanze blühen, wo sie blüht!
 Die Schattenblume zehrt der Mittag auf.
                                      117.
    Gewiss, es ist nicht gleichgültig, nach welchen Grundsätzen Völker
aufeinander wirken; und doch gibt es nicht eine Geschichte der Völker, der alle
Grundsätze über das Verhalten der Nationen gegeneinander fehlen? Gibt es nicht
eine andre, in der die verderblichsten Grundsätze als billige und preiswürdige
Massregeln aufgestellt sind? Eben deshalb wissen manche nicht, warum sie nur das
Betragen der Europäer gegen die Neger und die Wilden verdammen sollen, da ja
ähnliche Grundsätze in der gesamten Völkergeschichte mit mehr oder minder
Modifikationen zu herrschen scheinen.
    Die meisten Kriege und Eroberungen aller Weltteile, auf welchen Gründen
beruheten sie? welche Grundsätze haben sie geleitet? Nicht etwa nur jene
Streifereien der asiatischen Horden, auch die meisten Kriege der Griechen und
Römer, der Araber, der Barbaren. Vollends die Ketzer- und Kreuzzüge, das
Verhalten der Europäer gegen Zauberer und Juden, ihre Unternehmungen in beiden
Indien. - Wie bedauret man in allem diesem manchen grossen Mann, der fast
übermenschliche Taten als ein Betrogener, als ein Verrückter tat! Mit der
edelsten Seele ward er ein Bestürmer und Räuber der Welt, der für seine Taten
von Höfen, die so undankbar gegen ihn als barbarisch gegen die Völker waren,
meistens auch bösen Lohn erntete. Man erstaunt über die Gegenwart des Geistes,
die Vasco di Gama, Albuquerque, Cortes, Pizarro und viele unter ihnen in
Umständen der grössesten Gefahr zeigten; See- und Strassenräuber zeigten oft ein
Gleiches. Wer aber, der kein Spanier und Portugiese ist, wird sich getrauen, die
Taten dieser Helden, Cortez', Pizarros oder des grossen Albuquerque vor Suez,
Ormuz, Kalekut, Goa, Malakka zum Gegenstande eines Heldengedichts zu machen und
die damals geltenden Grundsätze noch jetzt zu preisen?272 Die Lobredner der
Bartolomäusnacht, der Judenermordungen sind mit Schimpf und Schande bedeckt; zu
hoffen ist's, dass auch die Räuber und Mörder der Völker, trotz aller erwiesenen
Heidentaten, bloss und allein den Grundsätzen einer reinen Menschengeschichte
nach, einst damit bedeckt stehen werden.
    Ein Gleiches gilt von den Grundsätzen über das, was man sich im Kriege
erlaubt hält. Erkennt man Plündern, Verstümmeln, Schänden, Vergiften der Brunnen
und der Waffen für ehrlose Mittel des Krieges; sind es inwärtige Aufhetzungen
der Untertanen, die nicht zum Heer gehören, Vendéekriege, Entwürfe zur
Aushungerung der Nationen, treulose Vorspiegelungen nicht ebensowohl? Jedermann
verabscheuet Albuquerques Entwürfe, der ganz Ägypten in eine Wüste verwandeln
wollte, indem man ihm den Nil nähme, der Mekka und Medina, Länder, die in keinem
Kriege mit den Portugiesen begriffen waren, plündern wollte. - Dergleichen
Gewaltsamkeiten gegen fremde, ruhige Völker, Anstiftungen von Treulosigkeit im
Herzen des Feindes u.f. strafen am Ende sich selbst. Wer einen offenen und
geheimen Krieg zugleich führt, verlässt sich meistens auf die Wirkung seiner
geheimen Mittel so sehr, dass auch die offenen ihm missraten. Aufwiegelung und
Verrat lohnten selten ihre Urheber anders als mit Verlust und Schande. Wer
Grundsätze wegdrängt, auf denen einzig noch der Rest von Ehre und gutem Namen
der Völker im Kriege beruhet, vergiftet die Quellen der Geschichte und des
Rechts der Völker bis auf den letzten Tropfen. -
    Eine traurige Übersicht gäbe es, wenn man jede geschriebene Geschichte der
Völker in ihren Kriegen und Eroberungen, in ihren Unterhandlungen, in ihren
Handelsentwürfen nach den Grundsätzen durchginge, in welchen gehandelt und
geschrieben wurde. Wie ehrlicher waren unsre Väter, die alten Barbaren, die bei
ihren Zweikämpfen nicht nur auf Gleichheit der Waffen sahen, sondern Platz,
Licht und Sonne unparteiisch teilten. Wie ehrlicher sind die Wilden in ihren
Unterhandlungen und Friedensschlüssen, in ihrem Tausch und Handel! Gewalt und
Willkür mögen gebieten, worüber sie Macht haben, nur nicht über Grundsätze des
Rechts und Unrechts in der Menschengeschichte.273
                                Der Hunnenfürst
 Ein Hunnenfürst ward von raubgierigen
 Tataren oft befehdet. Jetzo fodern
 Sie zum Geschenk von ihm sein bestes Pferd.
 Die Feldherrn rufen: »Krieg!« -»Wie?« sprach er, »Krieg
 Um eines Pferdes willen? Gebet's hin!« -
 Bald kamen wieder die Tataren, fodernd
 Sein schönstes Weib. Die Feldherrn rufen: »Krieg!,«
 »Wie?« sprach er, »Krieg um einer Sklavin willen,
 Die mir gehört; um ein vergnügen Krieg?
 Gebt hin die Sklavin.«
Und sie kamen wieder
 Land fodernd. »Was sie fodern, hat soviel
 Nicht zu bedeuten,« sprach der Feldherrn Zelt.
 »Nein!« sprach der Fürst, »so lang es mich nur galt,
 Mein Pferd, die Sklavin, gerne gab ich's hin,
 Des Volkes Blut zu schonen; doch mein Land,
 Des Staates Eigentum muss ich als Fürst
 Verwalten, nicht verschenken. Auf! zur Schlacht!«
 Sie stritten, siegten, schützeten ihr Land;
 Und im Triumph zurück kam Ross und Weib.
                                Das Kriegsgebet
 Zum Kriege zog ein Schach und sein Wesir,
 Zum Kriege mit dem Bruder. Eben ging
 Die Strasse eines Heil'gen Grab vorüber;
 Sie stiegen ab und beteten am Grabe.
 »Was betetest du?« sprach der König zum Wesir.
 »Dass Gott dir Sieg verleihe.«
»Ich,«
 Erwiderte der König, »betete,
 Dass Gott ihn meinem Bruder gebe, wenn
 Er ihn des Trones werter hält als mich.«
                                     Kahira
 Kahira, Königin der Berbern, ahnend
 Des Reiches Untergang, versammlete
 Das Volk und sprach also:
 »Was sollen uns die Schätze?
 Was soll uns Gold und Silber,
 Das uns die gier'gen Räuber
 Mit neuen Kräften anzieht?
 Ich tat, was ich vermochte,
 Ich handelte grossmütig,
 Gab frei die Kriegsgefangnen,
 Und ihrem tapfern Feldherrn,
 Dem Letztgefangnen, sehet,
 Begegn ich noch als Schwester.
 Auf! meine guten Berbern,
 Vielleicht verschafft uns Armut,
 Was Grossmut nicht verschafte,
 In edler Freiheit Ruh.
 Lasst uns das Gold im Schutte
 Der Wohnungen begraben;
 Uns gnüget die Natur!«
 Sie sprach's, und jedermann gehorchte. Schnell
 Verwandelte sich die zerstörte Stadt
 In eine frohe Zeltenwüstenei.
 Jedoch umsonst. Die Räuber
 Erscheinen mächt'ger wieder.
 »Geh,« sprach sie zu dem Feldherrn,
 »Geh zu dem Heer der Deinen,
 Und wie ich Dir begegnet,
 Begegne meinen Söhnen.
 Ich kann sie nicht beschützen -
 Nun, Brüder, auf zur Schlacht!«
 Die Schlacht begann; Kahira stritt voran
 Und sank. Mit ihr ersank der Berbern Reich;
 Nicht ihre Grossmut. Die der Königspflicht
 Nicht Schätze nur, nicht nur Bequemlichkeit
 Aufopferte, die selbst ihr Mutterherz
 Dem Feind hingab, sie gab's dem edeln Mann.
 In ihren Söhnen ehrete der Feldherr
 Kahira, die grossmüt'ge Königin.
                                Das Kriegsrecht
 Mahmud beherrschte Indien Da trat
 Ein armer Inder vor ihn: »Herr, es kommt
 Aus Eurem Heer ein Mächtiger zu mir,
 Der fodert, dass ich ihm das Meinige,
 Mein Haus und Weib abtrete. Ungestüm
 Ist seine Fodrung.«
»Wenn er wiederkommt,
 So sage mir's.«
In dreien Tagen kam
 Der Inder nicht zum Sultan. Endlich schlich
 Er scheu heran, und Mahmud eilt' ins Haus
 Mit seiner Leibwach. Es war Nacht. »Hinweg
 Die Lichter!« rief er, »tötet ihn!«
 Gesagt, getan.
»Jetzt bringt Licht herbei!«
 Der Sultan sah den Leichnam und fiel betend
 Zur Erde nieder.
»Gebt mir Speise jetzt!«
 Er hielt vergnügt ein armes Mahl und sprach:
 »Hört, was ich tat. In meinem Heere, glaubt ich,
 Kann niemand die Gerechtigkeit so frech
 Verletzen, solche Foderung zu tun,
 Als meiner Liebling' oder Söhne einer.
 Drum ward das Licht hinweggeschaft, dass dies
 Des Richters Auge nicht verblendete.
 Ich sah den Leichnam an mit Furcht; und Allah
 Sei Dank! es ist nicht meiner Lieben einer.
 Ich kenne diesen toten Frevler nicht.
 Dafür dann dankt ich Gott und esse jetzt;
 Denn seit ich auf den Ausgang wartete,
 Ass ich bekümmert keinen Bissen Brot.«
 Des Brutus Tat war strenge und gerecht;
 Des Sultans strenge, menschlich, fromm und zart.
                                  Das Seerecht
 Die See war wild, das Schiff dem Sinken nah,
 Und alles Schiffvolk sah den Abgrund vor sich,
 Da wagt der edle Hauptmann in den Hafen
 Des Feindes sich: »Ich übergebe dir
 Mich und mein Volk; ich rettete ihr Leben -«
 »Bei Gott!« sprach der Gebieter, »keine Schmach
 Werd ich an dir auf meinen Namen laden.
 Auf freier See, hätt ich dich da ertappt,
 So wärst du mein Gefangner, und dein Schiff,
 Dein Schiffvolk wäre mein; doch jetzo, da
 Der Sturm dich in den Hafen wirft, so seid
 Ihr mir nicht Feinde, seid Unglückliche,
 Seid Menschen. Ladet aus, um euer Schiff
 Zu bessern; handelt in dem Hafen, frei
 Wie wir. Dann segelt fort mit gutem Glück.
 Erst, wenn ihr über die Bermudas seid
 Auf hohem Meer, dann seid ihr Feinde mir.
 Jetzt seid ihr mir vom Unglück und dem Sturm
 In meinen Schutz empfohlen. Ladet aus.«
                           Der betrogne Unterhändler
 Als Irokesen und Franzosen sich
 In Kanada bekriegten, lud der Feldherr
 Der Gallier die Irokesenhäupter
 Zur Friedensunterredung. Ein beglaubter
 Missionar bewegte sie dazu
 In guter Meinung; doch der Feldherr fand
 Es rühmlicher, die Irokesenhäupter
 In Ketten der Galeere zuzusenden.
 Betäubet von der unerhörten Schmach,
 Entflammete die Nation. Da schlich
 Der Älteste der Wilden eilig zum
 Missionar: »Wir haben dir vertraut
 Und sind mit unerhörtem Schimpf betrogen.
 Ich weiss, du bist nicht schuld daran; du meintest
 Es redlich; doch nicht jeder Jüngling denkt
 In unsrer Nation wie ich. Drum flieh!
 Flieh, Fremder! Eher lass ich nicht von dir,
 Bis ich dich sicher weiss.« - Er liess ihn über
 Die Grenze hin geleiten. - Edler Mann!
                                      118.
    Da jetzt im unseligsten Kriege, in dem ein zeitiger Friede so schwer wird,
von Entwürfen zum ewigen Frieden viel gesprochen wird, so teile ich Ihnen einen
zu diesem Zweck gemachten wirklichen Versuch in den Worten dessen mit, der ihn
berichtet.
                               Zum ewigen Frieden
                            Eine irokesische Anstalt
    Die Delawaren wohnten ehedem in der Gegend von Philadelphia und weiterhin
nach der See zu. Von da aus taten sie oftmals Einfälle in die Dörfer der
Cherokesen, mischten sich unerkannt in ihre nächtlichen Tänze und ermordeten
während derselben plötzlich viele. Noch heftiger und älter waren die Kriege der
Delawaren mit den Irokesen. Nach dem Vorgeben der Delawaren waren sie den
Irokesen immer überlegen, so dass diese endlich einsehen, dass bei längerer
Fortsetzung des Krieges ihr völliger Untergang die unausbleibliche Folge sein
müsste.
    Sie sandten also Gesandte an die Delawaren mit folgender Botschaft: »Es ist
nicht gut, dass alle Nationen Krieg führen; denn das wird endlich den Untergang
der Indianer nach sich ziehen. Darum haben wir auf ein Mittel gedacht, diesem
Übel vorzubeugen; es soll nämlich eine Nation die Frau sein. Die wollen wir in
die Mitte nehmen; die andern kriegführenden Nationen aber sollen die Männer sein
und um die Frau herum wohnen. Niemand soll die Frau antasten, noch ihr etwas
zuleide tun und wenn es jemand täte, so wollen wir ihn gleich anreden und zu ihm
sagen: Warum schlägst du die Frau? Dann sollen alle Männer über den herfallen,
der die Frau geschlagen hat. Die Frau soll nicht in den Krieg ziehen, sondern
soviel möglich den Frieden zu erhalten suchen. Wenn also die Männer um sie herum
sich einmal miteinander schlagen und der Krieg heftig werden will, so soll die
Frau Macht haben, selbige anzureden und zu ihnen zu sagen: Ihr Männer, was macht
ihr, dass ihr euch so herumschlagt? Bedenkt doch, dass eure Weiber und Kinder
umkommen müssen, wo ihr nicht aufhört. Wollt ihr euch denn selbst vom Erdboden
vertilgen? Und die Männer sollen alsdann auf die Frau hören und ihr gehorchen.«
    Die Delawaren liessen sich's gefallen, die Frau zu werden. Nun stellten die
Irokesen eine grosse Feierlichkeit an, luden die Delawar-Nation dazu ein und
hielten an die Bevollmächtigten derselben eine nachdrückliche Rede, die aus drei
Hauptsätzen bestand. In dem ersten erklärten sie die Delawar-Nation für die
Frau, welches sie durch die Redensarten: »Wir ziehen euch einen langen
Weiberrock an, der bis auf die Füsse reicht, und schmücken euch mit Ohrgehängen,«
ausdrückten und ihnen damit zu verstehen gaben, dass sie von nun an mit den
Waffen sich nicht weiter abgeben sollten. Der zweite Satz war so gefasst: »Wir
hängen euch einen Kalabasch mit Öl und mit Arznei an den Arm. Mit dem Öl sollt
ihr die Ohren der übrigen Nationen reinigen, damit sie aufs Gute und nicht aufs
Böse hören; die Arznei aber sollt ihr bei solchen Völkern brauchen, die schon
auf törichte Wege geraten sind, damit sie wieder zu sich selbst kommen und ihr
Herz zum Frieden wenden.« Der dritte Satz, darin sie den Delawaren den Ackerbau
zu ihrer künftigen Beschäftigung anwiesen, war so ausgedrückt: »Wir geben euch
hiemit einen Welschkornstengel und eine Hacke in die Hand.« Jeder Satz wurde mit
einem Belt of Wampum (Gürtel von Muschelschalen) bekräftigt. Diese Belte sind
bis daher sorgfältig aufgehoben und ihre Bedeutung von Zeit zu Zeit wiederholt
worden.
    Seit diesem sonderbaren Friedensschluss sind die Delawaren von den Irokesen
Schwesterkinder benannt worden; die drei Delawar-Stämme heissen einander
Mitgespielinnen. Diese Titel aber werden nur in ihren Ratsversammlungen, und
wenn sie einander etwas Erhebliches zu sagen haben, gebraucht. Von besagter Zeit
ist die Delawar-Nation die Friedensbewahrerin gewesen, der der grosse
Friedensbelt in Verwahrung gegeben und die Kette der Freundschaft anvertrauet
ist. Sie hat darüber zu wachen, dass dieselbe unverletzt erhalten werde. Nach der
Vorstellung der Indianer liegt die Mitte der Kette auf ihrer Schulter und wird
von ihr festgehalten; die übrigen Indianernationen fassen das eine Ende und die
Europäer das andre an.274
    So die Irokesen. Es waren Zeiten in Europa, da die Hierarchie die Stelle
dieser Frau vertreten sollte. Auch sie trug das lange Kleid; Öl und Arznei waren
in ihrer Hand. Man gibt ihr schuld, dass sie, statt ihr Friedensamt zu verwalten,
oft selbst Kriege zwischen den Männern erregt und angefacht habe; wenigstens hat
ihr Öl die Ohren der Völker noch nicht gereinigt, ihre Arznei die Kranken noch
nicht geheilet.
    Sollen wir statt ihrer in der Mitte Europas einer wirklichen Nation
Weibskleider anziehen und ihr das Friedensrichteramt auftragen? Welcher?
    Wie könnte sie's aber verwalten, da oft über einige Pelze an der Hudsonbai,
über einige Flecken am Paraguaistrom in deren Lage bisweilen die Kriegführenden
selbst sich geirrt haben, über einen Hafenplatz im Stillen Meer, Über Neckereien
der Gouverneurs gegeneinander weltverwüstende Kriege geführt werden? Ja, wie oft
entsprangen diese aus einer Grille des Monarchen, aus einer niedrigen Kabale des
Ministers! Eine Geschichte vom wahren Ursprunge der Kriege in Europa seit den
Kreuzzügen wäre ein siebenfacher Hudibras, das niedrigste Spottgedicht, das
geschrieben werden könnte. In einer Welt, in der dunkle Kabinette Kriege
anspinnen und fortleiten, wäre alle Mühe der Friedensfrau verloren.
    Leider auch bei den Wilden selbst erreichte diese Anstalt ihren Zweck nicht
lange. Als die Europäer näherdrangen, sollte auf Erfordern der Männer selbst die
Frau an der Gegenwehr mit Anteil nehmen. Man wollte, wie man sich ausdrückte,
zuerst ihr den Rock kürzen, sodann gar wegnehmen und ihr das Kriegsbeil in die
Hand geben. Eine fremde, unvorhergesehene Übergewalt störte das schöne Projekt
der Wilden zum Frieden untereinander; und dies wird jedesmal der Fall sein,
solange der Baum des Friedens nicht mit festen, unausreissbaren Wurzeln von innen
heraus den Nationen blühet.
    Wie manche andre Mittel haben die Menschen schon versucht, streitsüchtigen
Nationen Einhalt zu tun und ihnen die Wege zu sperren. Zwischen Gebürgen wurden
ungeheure Mauern errichtet, Zwischenländer zur Wüste gemacht, abschreckende
Fabeln ersonnen und in diese Wüste gepflanzet. In Asien sollte ein heiliges
Reich den Streifereien der Mogolen ein Ziel setzen; der grosse Lama sollte die
Friedensfrau sein.
    In Afrika wurden Obelisken und Tempel die Freistätten des Handels, die
Mutter von Gesetzgebungen und Kolonien. In Griechenland sollten Orakel,
Amphiktionen, das Panionium, Panätolium, der Achäerbund u.f. wo nicht einen
ewigen, so doch einen langen Frieden bewirken; mit welchem Erfolg, hat die Zeit
gelehret. Am besten wäre es, wenn, wie bei jenem Handel im innern Afrika, die
Nationen einander selbst gar nicht sehen dörften. Sie legen die Waren hin und
entfernen sich, bieten und tauschen. Einander erblickend, ist Betrug und Zank
unvermeidlich. - Meine grosse Friedensfrau hat einen andern Namen. Ihre Arznei
wirket spät, aber unfehlbar; vergönnen Sie mir dazu einen andern Brief.
                       Al Hallils Rede an seinen Schuh275
 Mit Tausenden von meinem Volke zog
 Ich auch einher am Tage jenes Zorns,
 Der alle Ebnen Ubedas mit Blut
 Und Rach erfüllte. Rosse wieherten
 Beim Schalle der Trommeten; Staub erhob
 Zum Himmel sich. Die Mächt'gen jubelten,
 Die Ketten klirrten, die vor Abend noch
 Der Überwundnen Träne netzen sollte.
 Einmütig reichten Untergang und Tod
 Die Hände sich und schritten vor dem Heer.
 Da schlug in mir das Herz noch eins so stark:
 »O Rüstung zum Verderben!« sprach ich tief
 Im Winkel meiner Brust. -»Allmächtiger!
 Wir können keinen Floh erschaffen, und
 Wir töten Menschen. Blut vergiessen wir
 Und loben dich.«
Mein Herz schlug stärker; ich
 Trat in den Sumpf. Vergeblich mühte sich
 Mein Fuss, den Schuh hinauszuziehen. Fest
 War er. Die tapfern Heere schritten fort;
 Die Lanzen blinkten; Schwerter funkelten;
 Ein Feldgeschrei, ein wüstes Sausen füllte
 Mein Ohr; ich stand betäubt und sprach also
 Zu meinem Schuh:
»Wie? mein Begleiter, jetzt
 Verlässest du mich und erwartest lieber
 Den Moder hier? Und soll ich dich denn auch
 Verlassen, wie in dieser Welt zuletzt
 Sich alles flieht? Du, Guter, gingest freilich
 Nie mit mir böse Wege; keinem Pfade
 Der Frevler drücketest du je dich ein.«
 Die Auen, die von Blute strömen, blieben
 Uns fremd; dem zügellosen Sieger eiltest
 Du nimmer nach. Wir gingen sanfte Wege,
 Jetzt, wenn die Sonn im Abendmeer ersank,
 Jetzt in den Schatten der friedsel'gen Nacht,
 Der Ruhegeberin, der Reichen, die
 Uns ihre Schätz am weiten Himmel zeigt
 Und nieden uns der Freuden schönste schenket.
 Dann sagte leise mir der Mond ins Ohr:
 »Sohn der Aëscha, geh zu deiner Treuen,
 Sie wartet deiner, lieblicher als ich.' -
 Die Wege gingen wir; nicht jene, denen
 Du strenge jetzt unwillig dich entziehst.
 Ich folge deinem Rat. Gehabt euch wohl.
 Ihr Helden, jetzt durch Mord und Totschlag! - Mögen
 Die Löwen eure Siege brüllen! wetze
 Der Tiger seine Klaun dazu; es singen
 Erschlagne Heere drein, und Drachen zischen
 Aus Wüstenein zerstörter Wohnungen. -
 Du stiller Mond, den sie mit Mordgeschrei
 Erschrecken, scheine nicht auf sie; und nie
 Umfange sie mit deinem sanften Arm,
 Die sie verscheuchen, du friedsel'ge Nacht.«
                                      119.
    Meine grosse Friedensfrau hat nur einen Namen: sie heisst allgemeine
Billigkeit, Menschlichkeit, tätige Vernunft.
    Ich habe ein sehr sinnreiches Manuskript gelesen, in dem der
Menschengeschichte folgende Sätze zum Grunde lagen: 1. Menschen sterben, um
Menschen Platz zu machen. 2. Und da ihrer weniger sterben als geboren werden, so
macht die Natur durch gewaltsame Mittel Raum. 3. Dahin gehören nicht nur Pest,
Misswachs, Erdbeben, Erdrevolutionen, sondern auch Völkerrevolutionen,
Verwüstungen, Kriege. 4. Wie eine Tierart die andre vermindert, so setzt das
Menschengeschlecht sich selbst in Proportion und wehrt der Überzahl. 5. Es gibt
in ihm also erhaltende und zerstörende Charaktere. -
    Schreckliches System, das uns vor unsrem eignen Geschlecht Schauder und
Furcht einjagt, indem wir nach ihm jedem ins Angesicht, auf seinen Gang und auf
seine Hände sehen müssen, ob er ein fleisch- oder grasfressendes Tier sei, ob er
einen erhaltenden oder zerstörenden Charakter an sich trage. Gewiss hat uns die
Natur an Mitteln nicht entblösst, uns vor dieser zerstörenden Gattung unseres
eignen Geschlechts zu sichern; nur sie gab uns diese Mittel als Waffen nicht in
die Hände, sondern in Kopf und Herz. Die allgemeine Menschenvernunft und
Billigkeit ist die Matrone, die Öl und Arznei am Arm, die einen Fruchtstengel in
der Hand trägt, nicht etwa nur als Symbole, sondern als die stillwirkenden
Mittel, wo nicht zu einem ewigen Frieden, so gewiss doch zu einer allmählichen
Verminderung der Kriege. Lassen Sie mich, da wir hier auf des ehrlichen
St.-Pierre Wege geraten, auch seiner Metode uns nicht schämen und die grosse
Friedensfrau (pax sempiterna) mit festen Grundsätzen in ihr Amt weisen. Sie ist
dazu da, ihrem Namen und ihrer Natur nach Friedensgesinnungen einzuflössen.
                                Erste Gesinnung
                            Abscheu gegen den Krieg
    Der Krieg, wo er nicht erzwungene Selbstverteidigung, sondern ein toller
Angriff auf eine ruhige, benachbarte Nation ist, ist ein unmenschliches, ärger
als tierisches Beginnen, indem er nicht nur der Nation, die er angreift,
unschuldigerweise Mord und Verwüstung drohet, sondern auch die Nation, die ihn
führet, ebenso unverdient als schrecklich hinopfert. Kann es einen
abscheulichern Anblick für ein höheres Wesen geben als zwei einander
gegenüberstehende Menschenheere, die unbeleidigt einander morden? Und das
Gefolge des Krieges, schrecklicher als er selbst, sind Krankheiten, Lazarette,
Hunger, Pest, Raub, Gewalttat, Verödung der Länder, Verwilderung der Gemüter,
Zerstörung der Familien, Verderb der Sitten auf lange Geschlechter. Alle edle
Menschen sollten diese Gesinnung mit warmem Menschengefühl ausbreiten, Väter und
Mütter ihre Erfahrungen darüber den Kindern einflössen, damit das fürchterliche
Wort Krieg, das man so leicht ausspricht, den Menschen nicht nur verhasst werde,
sondern dass man es mit gleichem Schauder als den St. Veitstanz, Pest,
Hungersnot, Erdbeben, den schwarzen Tod zu nennen oder zu schreiben kaum wage.
                                Zweite Gesinnung
                    Verminderte Achtung gegen den Heldenruhm
    Immer mehr muss sich die Gesinnung verbreiten, dass der ländererobernde
Heldengeist nicht nur ein Würgengel der Menschheit sei, sondern auch in seinen
Talenten lange nicht die Achtung und den Ruhm verdiene, die man ihm aus
Tradition von Griechen, Römern und Barbaren her zollet. So viel Gegenwart des
Geistes, so viel zusammenfassende Vorsicht und Voraussieht und schnellen Blick
er fodern möge, so wird der edelste Held vor und nach der Schlacht nicht nur das
Geschäft beweinen, dem er seine Gaben aufopfert, sondern auch gern gestehen,
dass, um Vater eines Volks zu sein, wenn nicht mehr, so doch edlere Gaben in
fortgehender Bemühung und ein Charakter erfodert werde, ein Charakter, der
seinen Kampfpreis weder einem Tage zu verdanken hat noch ihn mit dem Zufall oder
dem blinden Glück teilt. Alle Verständige sollten sich vereinigen, durch echte
Kenntnis alter und neuer Zeiten den falschen Schimmer wegzublasen, der um einen
Marius, Sulla, Attila, Gengischan, Tamerlan gaukelt, bis endlich jeder
gebildeten Seele Gesänge auf sie und auf Lips Tullian gleich heroisch
erschienen.
                                Dritte Gesinnung
                        Abscheu der falschen Staatskunst
    Immer mehr muss sich die falsche Staatskunst entlarven, die den Ruhm eines
Regenten und das Glück seiner Regierung in Erweiterung der Grenzen, in Erjagung
oder Erhaschung fremder Provinzen, in vermehrte Einkünfte, schlaue
Unterhandlungen, in willkürliche Macht, List und Betrug setzt. Die Mazarins,
Louvois, Du Terrai und ihresgleichen müssen nicht nur im Angesicht des ehrlichen
Volks, sondern der Weichlinge selbst, wie sie sind, erscheinen, so dass es wie
das Einmaleins klar wird, dass jeder Betrug einer falschen Staatskunst am Ende
sich selbst betrüge. Die allgemeine Stimme muss über den Wert des blossen
Staatsranges* und seiner Zeichen, selbst über die aufdringendsten Gaukeleien der
Eitelkeit, selbst über früheingesogene Vorurteile siegen. Mich dünkt, man sei im
Verachten einiger dieser Dinge jetzt schon weit und vielleicht zu weit
fortgeschritten; es kommt darauf an, dass man das Schätzenswerte bei allem, was
uns der Staat auflegt, auch redlich und um so höher achte, je mehr es die
Menschheit der Menschen fördert.
                                Vierte Gesinnung
                            Geläuterter Patriotismus
    Der Patriotismus muss sich notwendig immer mehr von Schlacken reinigen und
läutern. Jede Nation muss es fühlen lernen, dass sie nicht im Auge andrer, nicht
im Munde der Nachwelt, sondern nur in sich, in sich selbst gross, schön, edel,
reich, wohlgeordnet, tätig und glücklich werde und dass sodann die fremde wie die
späte Achtung ihr wie der Schatte dem Körper folge. Mit diesem Gefühl muss sich
notwendig Abscheu und Verachtung gegen jedes leere Auslaufen der Ihrigen in
fremde Länder, gegen das nutzlose Einmischen in ausländische Händel, gegen jede
leere Nachäffung und Teilnehmung verbinden, die unser Geschäft, unsre pflicht,
unsre Ruhe und Wohlfahrt stören. Lächerlich und verächtlich muss es werden, wenn
Einheimische sich über ausländische Angelegenheiten, die sie weder kennen noch
verstehen, in denen sie nichts ändern können und die sie gar nicht angehn, sich
entzweien, hassen, verfolgen, verschwärzen und verleumden. Wie fremde Banditen
und Meuchelmörder müssen die erscheinen, die aus toller Brunst für oder gegen
ein fremdes Volk die Ruhe ihrer Mitbrüder untergraben. Man muss lernen, dass man
nur auf dem Platz etwas sein kann, auf dem man stehet, wo man etwas sein soll.
                                Fünfte Gesinnung
                   Gefühl der Billigkeit gegen andre Nationen
    Dagegen muss jede Nation allgemach es unangenehm empfinden, wenn eine andre
Nation beschimpft und beleidigt wird; es muss allmählich ein gemeines Gefühl
erwachen, dass jede sich an die Stelle jeder andern fühle. Hassen wird man den
frechen Übertreter fremder Rechte, den Zerstörer fremder Wohlfahrt, den kecken
Beleidiger fremder Sitten und Meinungen, den prahlenden Aufdringer seiner eignen
Vorzüge an Völker, die diese nicht begehren. Unter welchem Vorwande jemand über
die Grenze tritt, dem Nachbar als einem Sklaven das Haar abzuscheren, ihm seine
Götter aufzuzwingen und ihm dafür seine Nationalheiligtümer in Religion, Kunst,
Vorstellungsart und Lebensweise zu entwenden, im Herzen jeder Nation wird er
einen Feind finden, der in seinen eignen Busen blickt und sagt: »Wie, wenn das
mir geschähe?« - - Wächst dies Gefühl, so wird unvermerkt eine Allianz aller
gebildeten Nationen gegen jede einzelne anmassende Macht. Auf diesen stillen Bund
ist gewiss früher zu rechnen als nach St. Pierre auf ein förmliches
Einverständnis der Kabinette und Höfe. Von diesen darf man keine Vorschritte
erwarten; aber auch sie müssen endlich ohne Wissen und wider Willen der Stimme
der Nationen folgen.
                               Sechste Gesinnung
                             Über Handelsanmassungen
    Laut empört sich das menschliche Gefühl gegen freche Anmassungen im Handel,
sobald ihm unschuldige frönende Nationen um einen Gewinn, der ihnen nicht einmal
zuteil wird, aufgeopfert werden. Handel soll, wenn auch nicht aus den edelsten
Trieben, die Menschen vereinigen, nicht trennen; er soll sie, wenngleich nicht
im edelsten Gewinn, ihr gemeinschaftliches und eigenes Interesse wenigstens als
Kinder kennen lehren. Dazu ist das Weltmeer da; dazu wehen die Winde; dazu
fliessen die Ströme. Sobald eine Nation allen andern das Meer verschliessen, den
Wind nehmen will, ihrer stolzen Habsucht wegen, so muss, je mehr die Einsicht ins
Verhältnis der Völker gegeneinander zunimmt, der Unmut aller Nationen gegen eine
Unterjocherin des freiesten Elements, gegen die Räuberin jedes höchsten
Gewinnes, die anmassende Besitzerin aller Schätze und Früchte der Erde erwachen.
Ihrem Stolz, ihrer Habsucht zu dienen, wird kein fremder Blutstropfe willig
fliessen, je mehr der wahre Satz eines vortrefflichen Mannes anerkannt wird, »dass
die Vorteile der handelnden Mächte einander nicht durchkreuzen und dass diese
Mächte von einem gegenseitigen allgemeinen Wohlstande und von der Erhaltung
eines ununterbrochenen Friedens vielmehr den grössten Nutzen haben würden«.277
                               Siebente Gesinnung
                                   Tätigkeit
    Endlich der Kornstengel in der Hand der indischen Frau ist selbst eine Waffe
gegen das Schwert. Je mehr die Menschen Früchte einer nützlichen Tätigkeit
kennen und einsehen lernen, dass durchs Kriegsbeil nichts gewonnen, aber viel
verheert wird, je mehr die schmähenden Vorurteile von einer mit göttlichem Beruf
zum Kriege gebornen Kaste, in der von Vater Kain, Nimrod und Og zu Basan an
Heldenblut fliesse, verächtlich und lächerrlich werden, desto mehr Ansehen wird
der Ährenkranz, der Apfel- und Palmzweig vor dem traurigen Lorbeer erhalten, der
neben dunkeln Zypressen wächst und samt Nesseln und Dornen nur Lazerten und
Bubonen unter sich liebt.
    Die sanfte Verbreitung dieser Grundsätze sind das Öl und die Arznei der
grossen Friedensgöttin Vernunft, deren Sprache sich endlich niemand entziehen
kann. Unvermerkt wirkt die Arznei, sanft fliesst das Öl hinunter. Leise tritt sie
zu diesem und jenem Volk und spricht in der Sprache der Indianer: »Bruder,
Enkel, Vater, hier bringe ich dir ein Bundeszeichen und Öl und Arznei. Damit
will ich deine Augen reinigen, dass sie scharf sehen; ich will damit deine Ohren
säubern, dass sie recht hören; ich will deinen Hals glätten, dass meine Worte
geschmeidig hinuntergehen; denn ich komme nicht umsonst; ich bringe Worte des
Friedens.«
    Und der Angeredete wird antworten: »Schwester, dieser String of Wampum soll
dich willkommen heissen. Ich will die Dornen aus deinen Füssen ziehen, die dir
etwa möchten hineingefahren sein. Ich will die Müdigkeit, die dich auf der Reise
befallen hat, wegschaffen, dass deine Knie wieder stark und mutig werden. Das
rote Kriegsbeil und die Keule sollen in die Erde verscharret sein, und über sie
wollen wir einen Baum pflanzen, der bis in den Himmel wachse. Solange Sonne und
Mond scheinen und auf- und niedergehen, solange die Sterne am Himmel stehen und
die Flüsse mit Wasser fliessen, soll unsre Freundschaft dauern.«278-
    Wenn, wie ich fast glaube, ein ewiger Friede förmlich erst am Jüngsten Tage
geschlossen werden wird, so ist dennoch kein Grundsatz, kein Tropfe Öl
vergebens, der dazu auch nur in der weitsten Ferne vorbereitet.
                                      120.
    Jede Aufmunterung zu guten Gesinnungen, ohne auf die Förmlichkeit ihrer
Ausführung ängstliche Rücksicht zu nehmen, ist eine Trostpredigt. Oft sagt der
Blöde: »Wenn wird, wenn kann dies geschehen?« und tut darüber gar nichts. Oft
hält er sich zu früh und zu genau an die Bestimmung der Förmlichkeiten des
Ausgangs und vergisst darüber das Wesentliche der Hülfsmittel, diesen Ausgang zu
fördern. Viele Beispiele der Geschichte legen dies klar an den Tag.
    In den alten Schriften der ebräischen Nation z.B. waren schöne Wünsche und
Entwürfe für die Zukunft gepflanzet. Hoffnungen eines grossen Lichts, das allen
Völkern aufgehen, eines Bandes der Freundschaft, das alle Nationen umfassen
sollte, einer Religion, die ins Herz geschrieben, eines goldnen Friedens, an dem
alles teilnehmen würde, glänzten wie eine Morgenröte. Sobald man in diesen
Entwürfen und Ahnungen den Geist des Weissagenden, seinen Zweck und die
herrschende Gesinnung der Rede verkannte, als man sich an den Buchstaben hing
und die Erfüllung förmlich bestimmte, da kamen Torheiten ans Licht; Träumereien,
mit deren jeder man um so weiter vom Sinn der Weissagung abwich, je förmlicher
man bestimmte.
    Nicht anders war's im Christentum, als man auf die sichtbare Ankunft des
Herren hoffte. In allen Schwärmersekten, die das Tausendjährige Reich zustande
bringen wollten, war's nicht anders. Mit mancher neuen Philosophie, fürchte ich,
ist's eben also. Wie nahe der Erfüllung hat man sich bei manchen Systemen
geglaubt, und wie schrecklich ward man betrogen! Die glänzende Höhe, die man
dicht vor sich sah, rückte weiter und weiter. Da gibt der Getäuschte dann alle
Hoffnung auf und lässt die Hände sinken. -
    Verbreiter guter Gesinnungen, schadet ihnen, schadet euch selbst nicht durch
Bezeichnung eines Äussern, das bloss von der Zeit und von Umständen bestimmt
werden kann! Pflanzt den Baum; er wird von selbst wachsen; Erde, Luft, Sonne
werden ihm Gedeihen geben. Sichert gute Grundsätze; durch eigne Kraft werden sie
wirken - nicht anders aber als mit Modifikationen, die Zeit und Ort ihnen allein
geben können und geben werden.
                                   Der Fürst
 Zerteile dich, trübes Gewölk!
 Denn unter dir wandelt der Edle,
 Auf dessen Scheitel ein Strahl
 Göttliches Glanzes traf.
 Es leuchtet Segen durch Länder und Reiche,
 Die seinem Winke gehorchen,
 Die an den Stufen seines Trons
 Suchen und finden ihr Glück.
 Lob dem Erbarmenden, der ihn zum Pfleger
 Der Menschheit setzte! Heil der Stunde, da
 Sein grosses Herz zum ersten Male schlug!
 Edler! siebenmal edler als Tageslicht,
 Was soll dir Glanz des Goldes?
 Was soll dir Schimmer des Lobes?
 Grösse, die du* willst, ist Glückseligkeit der Völker.
 Name, den du* suchst, ist der Name Vater.
 Führ ihn! denn dein heilig Herz
Ist Wohnung väterlicher Huld;
Und jedes Blut der Deinen ist das deine,
Und jedes Leben deiner Kinder deins.
Der Fürsten Feinde, das scheue Gevögel der Nacht,
Heuchler und Schmeichler scheuen das Licht,
Welches der Himmel dir gab,
Die Demut, womit er dich hoch belieh;
Sie nahen nicht dem Tron, worauf der Herr der Welt
Dir gab zu sitzen; fern ihm schwärmen sie.
Weisheit und Menschenliebe treten,
Du winkest sie herbei, vor deinen Stuhl -*
Du hörest ihre Rede, die dir sagt:
»Du bist ein Mensch! Auch du, o Fürst, bist Staub!
Sei deines Trones wert, sei gross und gut.
Sei gut: dann bist du gross.«
                              Ruhm und Verachtung
 Du Tal des Irrtums, dahinab nur selten
 Der Wahrheit Sonne scheinet, soll ich mich
 Verwundern, wenn, erhitzt von Phantasie,
 Die dich bewohnen schneller noch erkalten
 Als glühend Eisen unter Schmiedes Hand?
 Du mit dem Fluch von Täuschereien schwer-
 Beladne Erde, soll ich staunen, wenn
 Auf dir Bewundrung bald Verachtung wird?
 Da Zufall, Glück und Gunst und eitler Schimmer
 Zu deiner Achtung gnug ist.
Jenem, der,
 Den Donner in der Hand, auf Nationen
 Verderben schleudert und der Völker Glück
 Zerschmettert, jenem knieest du und rufst:
 »Hier, Arm der Gotteit!«
Und wenn ihn das Glück,
 Die falsche Braut, verliess, wenn ihn der Sieg
 Nicht seinen Liebling nennet, kehrest du
 Dein Antlitz von ihm weg.
Oft führet Wahn
 Zum Altar eines Götzen, den auch Wahn
 Und Trug erschufen; Schwärmerei und Wahn
 Streun ihren Weihrauch ihm; da rufest du
 Entzückt: »Hier ist der Weisheit letzter Spruch!«
 Weh ihm, dem Götzen! weh dem Altar! Bald
 Wird über ihn die Maus hinlaufen, bald
 Der Sperling auf ihm hüpfen.
Tolles Ding
 Um Ehr und Schand, um Ruhm und um Verachtung
 Des Menschenvolks. Mit beiden Händen teilt
 Der Tor sie Toren aus.
Du fromm Geschlecht!
 O suche Ruhm und Achtung nur bei dem,
 Der nicht wie Menschen nur Gebräuchen frönt,
 Bei dem der Wert des Guten ewig gilt.
 Wer bei dem Ewigen den Wechsel sucht,
 Wer bei dem Höchsten Ungerechtigkeit
 Erwartet, der verleugnet ihn.
Bewahre
 Mich, Herr! bewahre mein Geschlecht für Ruhm
 Bei Toren; Schand und Spott ist er vor dir.
                             Al Hallils Klagegesang
Lasst mich weinen! Das Weinen bringt nicht Schande.
Lasst mich klagen! denn klagen soll der Betrübte.
O Humane!279 wie soll ich dich jetzt nennen?
Himmlische Namen hast du; wer kann sie sprechen?
Schaut, o schauet den Schmerz in meiner Seele,
Engel, die ihn ins Tal des Todes führten.
Gottesboten, ihr führtet ihn als Brüder,
Euren Bruder. Ich seh ihn freundlich lächeln
Mitten im Todestal. Er warf die Hülle
Leicht von sich und ersah den offnen Himmel.
Lasst uns folgen, ihr Brüder! - Beider Welten
Vater wird uns auch dort die Hütte bauen. -
O Humane, wie soll ich dich jetzt nennen?
Himmlische Namen hast du; wer mag sie sprechen?
Heil der keuschen Mutter, die dich geboren!
Denn sie mehrte die Zahl der Engel mit dir.
Wie der Bach, der das Paradies durchschlängelt,
War dein Herz; wie der Morgenstern dein Innres.
Sanft wohltätiges Licht der Sonne, freundlich
Wie die Sommernacht, wie der Silbermondstrahl.
Auge warst du dem Fürsten, wie dem Armen;
Eins nur kanntest du nicht, das Gift der Schlangen.
 Worte des Trostes gabst du uns, nicht Wermut,
 Heucheltest nie uns Demut, nie uns Freundschaft.
 Ungesehen auch warst du edel, übtest
 Im Verborgenen Guts, wie Gott, dein Vater.
 Nie erwartetest du, was du nicht selber
 Leisten konntest, o du der Menschheit Zierde.
 Und gewelket sobald sind deine Blüten!
 Deine Zweige, wie sinken sie zur Erde!
 Klagt mit mir, Jungfrauen! o klagt, ihr Knaben!
 Seine schöne Gestalt ist uns entnommen!
 Nie eröffnet sich uns sein holder Mund mehr.
                                      121.
    Wenn in einem Felde der Wissenschaft menschliche Gesinnungen herrschen
sollten, so ist's im Felde der Geschichte; denn erzählt diese nicht menschliche
Handlungen? und entscheiden diese nicht über den Wert des Menschen? bauen diese
nicht unsres Geschlechts Glück und Unglück?
    Man sagt, »die Geschichte erzähle Begebenheiten,« und ist beinah geneigt,
diese für so unwillkürlich, ja für so unerklärbar anzusehen, wie man in den
dunkelsten Jahrhunderten die Naturbegebenheiten nicht ansah, sondern anstaunte.
Ein erregter Krieg oder Aufruhr gilt der gemeinen Geschichte wie ein Ungewitter,
wie ein Erdbeben; die ihn erregten, werden als Geissel der Gotteit, als mächtige
Zauberer betrachtet; und damit gnug!
    Eine Geschichte dieser Art kann die klügste oder die stupideste werden,
nachdem der Sinn des Verfassers war.
    Die stupideste wird sie, wenn sie in einem sogenannt grossen und göttlichen
Mann alles bewundert und keine seiner Unternehmungen an ein Richtmass
menschlicher Vernunft zu bringen sich erkühnet. Manche morgenländische
Geschichten von Nadir-Schah, Timur-Long u.f. sind so geschrieben; wir lesen eine
lobjauchzende Epopee, mit einer dürren oder abscheulichen Tatenreihe fröhlich
durchwebet.
    Europa hat an diesem morgenländischen Geschmack vielen Anteil genommen,
nicht etwa nur in den Zeiten der Kreuzzüge, sondern auch in den meisten
Lebensbeschreibungen einzelner Helden, in der Geschichte ganzer Sekten, Familien
und Familienkriege. Man staunt, wenn man die Andacht und Anhänglichkeit des
Schriftstellers an seinen verehrten Gegenstand wahrnimmt, und kann nichts anders
sagen als: »Er hat aus dem Becher der Betäubung getrunken; Wein der Dämonen hat
ihm die Sinne benebelt.«
    Die klügste Geschichte dieser Art ist die kälteste, etwa wie Machiavell Sie
trieb und ansah. Auch sie vergisst Recht und Unrecht, Laster und Tugend, indem
sie, rein wie ein Geometer, den Erfolg gegebener Kräfte ausmisst und fortgehend
einen Plan berechnet.
    Dass aus dieser machiavellischen Geschichte, wenn sie scharf sieht und
richtig rechnet, viel zu lernen sei, ist keine Frage. Beschäftigt sie sich nicht
mit dem verflochtensten, wichtigsten Problem, das unserm Geschlechte vorliegt?
Menschenkräfte im Verhältnis ihrer Wirkungen und Folgen.
    Wäre nur dies Problem auch rein aufzulösen! Auf dem Schauplatz der Erde,
selbst in ihren engesten Winkeln, läuft so vieles durcheinander; gegenseitige
Kräfte stören einander, und in alles mischen sich Umstände, Zeit, Glück, der
tausendarmige Zufall. Der Klügste ward hintergangen; der Besonnenste verfehlte
seinen Zweck. Also wird diese Schule des Unterrichts oft eine Romanschule, da
man dem glücklichen Helden Klugheit leihet, die er nicht hatte, und von
schimmernden Erfolgen nach einem falschen Kalkül rückwärts rechnet, oder sie
wird, wenn die besten Kräfte durch einen Zufall missraten, eine niederschlagende
Lektion, eine Schule der Verzweiflung. Überhaupt aber macht dieser Wetzstein der
Klugheit das Gemüt leicht zu scharf, zu schartig.
    Wer kann Machiavells »Prinzen« ohne Schauder lesen? Wenn ihm auch alles
gelänge, wäre er ein würdiger Fürst? Wäre er in seinem Busen glücklich?
Entsetzlich ist's, die Menschheit nur als eine Linie zu betrachten, die man nach
Gefallen zu einem Zweck krümmen, schneiden, verlängern und verkürzen darf, damit
ein Plan erreicht, damit die Aufgabe nur gelöset werde.
    Also können wir uns vom Menschengefühl nicht trennen, indem wir die
Geschichte schreiben oder lesen; ihr höchstes Interesse, ihr Wert beruhet auf
dieser Menschenempfindung, der Regel des Rechts und Unrechts. Wer bloss für
Klugheit schreibt, gerät leicht in Dünkel; wer nur für die Neugierde schreibt,
schreibt für Kinder.
    Was bestimmt aber diese Regel des Rechts? Auch hier gibt's eine zu warme und
zu kalte Geschichte.
    Die erhitzte will zur Ehre Gottes* alles bewirken und erlaubt sich zu diesem
vermeinten Zweck Frevel und Unsinn. So unterjochte Timur eine halbe Welt, den
muhammedanischen Glauben auszubreiten, und wollte im höchsten Alter noch das
ruhige China bekriegen. So zogen die Nationen Europas zum Heiligen Grabe, so
würgten die Spanier in Amerika, so marterte und verfolgte die Inquisition.
Schreckliche Leidenschaften der Menschen umhülleten sich mit dem Mantel Gottes
und zerstörten und quälten. -
    Die kalte Geschichte rechnet unter der Regel eines angeblichen positiven
Rechts nach Staatsplanen, und auch sie wird in Befolgung dieser oft sehr warm.
Wohl des Vaterlandes, Ehre der Nation wird in ihr das Feldgeschrei und bei
trüglichen Unterhandlungen die Staatslosung. Die Atener, die Römer - was
rechneten sie nicht zum Wohl ihres Vaterlandes, zu ihrem Ruhm, mitin zu ihrem
Recht? Was erlaubten sich der Papst, die Klerisei, die christlichen Könige nicht
zum angeblichen Wohl ihrer Reiche? Erzählt die Geschichte dies alles
gleichgültig oder gar zutrauend, glaubend, so gerät man mit ihr in ein Labyrint
der verflochtensten, widrigsten Staatsinteresse, persönlicher Anmassungen und
Staatslisten. Ein grosser Teil der Begebenheiten unsrer zwei letzten
Jahrhunderte, die sogenannten Denkwürdigkeiten (mémoires), Lebensbeschreibungen,
politische Testamente sind in diesem Sinn, dem Geist Richelieus, Mazarins und
früher noch Karls V., Philipps 11., Philipps des Schönen, Ludwigs Xl., XIII.,
XIV., kurz, im Geist der spanisch-französischen Staatspolitik geschrieben. Ein
fürchterlicher Geist, der sich zum Wohl des Staats, d.i. zum Ruhm und zur
grösseren Macht der Könige, zur Sicherheit und Grösse ihrer Minister alles erlaubt
hielt! In welcher Geschichte er durchblickt, schwärzt er das Glänzendste mit dem
Schatten der Eitelkeit, der Truglist, der Anmassung, der Verschwendung. Vergessen
ist in ihm die Menschheit, die nach ihm bloss für den Staat, d.i. für Könige und
Minister, lebet.
    Allgemach sind wir auch diesem Nebel entkommen, aber ein anderes
Glanzphantom steigt in der Geschichte auf, nämlich die Berechnung der
Unternehmungen zu einer künftigen bessern Republik, zur besten Form des Staats,
ja aller Staaten. Dies Phantom täuschet ungemein, indem es offenbar einen
edleren Massstab des Verdienstes in die Geschichte bringt, als den jene
willkürliche Staatsplane entielten, ja gar mit den Namen Freiheit, Aufklärung,
höchste Glückseligkeit der Völker blendet. Wollte Gott, dass es nie täuschte! Die
Glückseligkeit eines Volks lässt sich dem andern und jedem andern nicht
aufdringen, aufschwätzen, aufbürden. Die Rosen zum Kranze der Freiheit müssen
von eignen Händen gepflückt werden und aus eignen Bedürfnissen, aus eigner Lust
und Liebe froh erwachsen. Die sogenannt beste Regierungsform, die
unglücklicherweise noch nicht gefunden ist, taugt gewiss nicht für alle Völker,
auf einmal, in derselben Weise; mit dem Joch ausländischer, übel eingeführter
Freiheit würde ein fremdes Volk aufs ärgste belästigt. Eine Geschichte also, die
bei allen Ländern auf diesen utopischen Plan nach unbewiesenen Grundsätzen alles
berechnet, ist die glänzendste Truggeschichte. Ein fremder Firnis, der den
Gestalten unsrer und der vorigen Welt ihre wahre Haltung, selbst ihre Umrisse
raubet. Viele Schriften unsrer Zeit wird man zwanzig Jahr später als wohl- oder
übelgemeinte Fieberphantasien lesen; reifere Gemüter lesen sie jetzt schon also.
    Also bleibt der Geschichte einzig und ewig nichts als der Geist ihres
ältesten Schreibers, Herodots, der unangestrengte milde Sinn der Menschheit.
Unbefangen sieht dieser alle Völker und zeichnet jedes auf seiner Stelle, nach
seinen Sitten und Gebräuchen. Unbefangen erzählt er die Begebenheiten und
bemerkt, wie allentalben nur Mässigung die Völker glücklich mache und jeder
Übermut seine Nemesis hinter sich habe. Dies Mass der Nemesis, nach feineren oder
grösseren Verhältnissen angewandt, ist der einzige und ewige Massstab aller
Menschengeschichte.
    »Was du nicht willst, das dir geschehe, das tue keinem andern«; die Rache
kommt, ja sie ist da, bei jeder Verirrung, bei jedem Frevel. Alle
Missverhältnisse und Unbilligkeiten, jede stolze Anmassung, jede feindselige
Verhetzung, jede Treulosigkeit hat ihre Strafe mit oder hinter sich; je später,
desto schrecklicher und ernster. Die Schuld der Väter häuft sich mit
zerschmetterndem Gewicht auf Kinder und Enkel. Gott hat den Menschen nicht
erlaubt, lasterhaft zu sein als unter dem harten Gesetz der Strafe.
    Wiederum belohnt sich auch in der Geschichte das kleinste Gute. Kein
vernünftiges Wort, was je ein Weiser sprach, kein gutes Beispiel, kein Strahl
auch in der dunkelsten Nacht war je verloren. Unbemerkt wirkte es fort und tat
Gutes. Kein Blut des Unschuldigen ward fruchtlos vergossen; jeder Seufzer des
Unterdrückten stieg gen Himmel und fand zu seiner Zeit einen Helfer. Auch Tränen
sind in der Saat der Zeit Samenkörner der glücklichsten Ernte. Das
Menschengeschlecht ist ein Ganzes; wir arbeiten und dulden, säen und ernten
füreinander.
    Wie milde, wie sanft aufmunternd, aber auch wie ernst und zusammenhaltend
ist dieser Geist der Menschengeschichte! Er lässt jedes Volk an Stelle und Ort,
denn jedes hat seine Regel des Rechts, sein Mass der Glückseligkeit in sich. Er
schonet alle und verzärtelt keines. Sündigen die Völker, so büssen sie; und büssen
so lange und schwer, bis sie nicht mehr sündigen. Wollen sie nicht Kinder sein,
so erzieht die Natur sie als Sklaven.
    Keiner politischen Verfassung tritt dieser Geist der Geschichte zerstörend
in den Weg. Er wirft nicht das Haus dem Ruhigen über dem Kopf zusammen, ehe ein
anderes besseres da ist, zeigt aber dem zu Sichern mit freundlicher Hand Fehler
und Mängel des Hauses und führt mit stillem Fleiss Materialien herbei zur
Stützung des alten oder zum Bau eines bessern.
    Nationalvorurteile tastet er nicht an; denn in ihnen als Hülsen oder harten
Schalen muss manche gute Gesinnung wachsen. Er lässt sie wachsen. Wenn die Frucht
reif ist, verdorret die Hülse, die Schale zerspringt. Ihm ist's recht, wenn der
Franzmann und der Engländer sich ihre humanité und humanity englisch und
französisch malen; desto weniger wird der Ausländer um sie zu seinem Verderb
buhlen. Aus seinem Herzen muss eine Geliebte hervorgehn, die für ihn gehöret.
    Am heiligsten sind dem Geist der Menschengeschichte gutmütige Toren und
Schwärmer; sie sind ihm unter der besondersten göttlichen Obhut. Ohne
Begeisterung geschah nichts Grosses und Gutes auf der Erde; die man für Schwärmer
hielt, haben dem menschlichen Geschlecht die nützlichsten Dienste geleistet.
Trotz alles Spottes, trotz jeder Verfolgung und Verachtung drangen sie durch;
und wenn sie nicht zum Ziel kamen, so kamen sie doch weiter und brachten weiter.
Lebendige Winde waren sie über dem abgestandenen Sumpf; oder sie dämmeten ihn
und machten ihn fruchtbar. Leeren Spott über sie erlaubt sich nie der Geist der
Geschichte; höchstens bedauern wird er sie, nicht brandmalen.
    Alle überfeinen Einteilungen der Menschen nach Prinzipien, aus denen sie
ausschliessend handeln sollen, sind dem Geist der Geschichte ganz fremde. Er
weiss, dass in der Menschennatur das Principium der Sinnlichkeit, der
Einbildungskraft, des Eigennutzes, der Ehre, des Mitgefühls mit andern, der
Gottseligkeit, des moralischen Sinnes, des Glaubens u.f. nicht in abgetrennten
Kammern wohnen, sondern dass in einer lebendigen Organisation, die von mehreren
Seiten geregt wird, viele von ihnen, oft alle lebendig zusammenwirken. Jedem von
ihnen lässt er seinen Wert, seinen Rang, seinen Ort, seine Zeit der Entwicklung;
überzeugt, dass alle, auch unbewusst, zu einem Zweck, dem grossen Principium der
Menschlichkeit, wirken. Alle also lässt er zu ihrer Zeit an Stelle und Ort blühn,
Sinnlichkeit und die Künste der Phantasie, Verstand und Sympatie, Ehre,
moralischen Sinn und heilige Andacht. Er zwingt so wenig den Magen zu denken als
den Kopf zu verdauen und quälet niemand mit der Zergliederung, ob auch jeder
Bissen Brot, den er in den Mund steckt, ein allgemeines moralisches Grundgesetz
aller vernünftigen Wesen im Kauen und Verdauen gebe. Kaue jeder, wie er kann;
die Geschichte behandelt die Menschen nicht als Wortfinder und Kritiker, sondern
als Täter eines moralischen Naturgesetzes, das in ihnen allen spricht, das
zuerst linde warnet, dann härter straft und jede gute Gesinnung durch sich und
ihre Folgen reich belohnet. Reizet Sie nicht dieser Geist der
Menschengeschichte?
                                      122.
    Sie scheinen zu glauben, dass eine Geschichte der Menschheit nicht stattabe,
solange man den Ausgang der Dinge nicht weiss oder, wie man zu sagen pflegt, den
Jüngsten Tag noch nicht erlebt hat. Ich bin nicht dieser Meinung. Möge sich das
Menschengeschlecht verbessern oder verschlimmern, möge es einst zu Engeln oder
Dämonen, zu Sylphen oder zu Gnomen werden: wir wissen, was wir zu tun haben.
Nach festen Grundsätzen unsrer Überzeugung von Recht und Unrecht betrachten wir
die Geschichte unsres Geschlechts, möge sein letzter Akt ausgehn, wie er wolle.
    Monboddo z.B. sieht in seiner Geschichte und Philosophie des Menschen280
ihn als ein System lebendiger Kräfte an, in welchem sich das Elementarische, das
Pflanzen-, Tier- und Verstandesleben unterscheide. Das animalische Leben, meint
er, sei im besten Zustande gewesen, da die Menschen tierähnlich lebten. Er
findet hievon noch Ähnlichkeit bei den Kindern. Die Alter, die der Mensch als
Individuum durchgehe, hält er auch für die Laufbahn des ganzen Geschlechtes.
Dies führt er also in seinen ersten nackten Zustand in freier Luft, in Regen, in
Kälte zurück und zeigt, was die Bekleidung, das Wohnen in Häusern, der Gebrauch
des Feuers, die Sprache auf das Menschengeschöpf gewirkt haben. Er zeigt die
Fähigkeiten, die es hatte, zu schwimmen, aufrecht zu gehen, Übungen anzustellen,
und findet in diesem Zustande den Grund jenes längeren Lebens, jener grösseren
Gestalt und Stärke, von der uns die Sage der Urwelt erzählet. Aus Beispielen und
Nachrichten erweiset er, wie durch Veränderung der Lebensweise, durchs
Fleischessen und den Trank geistiger Getränke, durch die sitzende Lebensart bei
Künsten, Gewerben, Spielen, durch feinere Nahrungsmittel, Wollüste und
Zeitvertreibe der Körper des Menschen geschwächt, verkleinert, sein Leben
verkürzt worden - Dagegen zeigt er, wie der Verstand des Menschen durch
Gesellschaft und Künste zugenommen, wie die Sagazität eines Naturmenschen von
der Klugheit des zivilisierten Mannes sich unterscheide, wie alle Künste aus
Nachahmung entsprungen und die Idee des Schönen bloss dem zivilisierten Zustande
eigen sei. In beiden Altern der Menschheit findet er Nationen, Familien,
Individuen unterschieden, unser Geschlecht aber überhaupt in Abnahme
animalischer Kräfte und hat hierüber Erinnerungen gegeben, die jeder anwende,
wie er mag und kann. -*
    Gehen wir in dies alles ein (wie denn Monboddos System, einiger Eigenheiten
des Verfassers wegen, gewiss nicht lächerrlich gemacht zu werden verdienet),
nehmen wir an, was auch die Geschichte lehret, dass fast alle Völker der Erde
einmal in einem roheren Zustande gelebet und nur von wenigen die Kultur auf
andre gebracht sei, was folget daraus?
    1. Dass auf unsrer runden Erde noch alle Zeitalter der Menschheit leben und
weben. Da gibt's Völkerschaften im Kindes-, Jünglings-, Mannesalter, und wird
deren wahrscheinlich noch lange geben, ehe es den seefahrenden Greisen Europas
gelingt, durch gebrannte Wasser, Krankheiten und Sklavenkünste sie zum
Greisesalter zu befördern. Wie uns nun jede Pflicht der Menschlichkeit gebeut,
einem Kinde, einem Jünglinge sein Lebensalter, das System seiner Kräfte und
Vergnügen nicht zu stören, so gebietet sie solches auch Nationen gegen Nationen.
Sehr angenehm sind mir in diesem Betracht mehrere Unterredungen der Europäer,
insonderheit der Missionare, mit ausländischen Völkern, z.B. Indiern,
Amerikanern; die naivsten Antworten voll guten Herzens und gesunden Verstandes
waren fast immer auf Seite der Ausländer. Sie antworteten kindisch-treffend und
richtig; dagegen die Europäer mit Aufdringung ihrer Künste, Sitten und Lehren
meistens die Rolle abgelebter Alten spielten, die völlig vergessen hatten, was
einem Kinde gehörte.
    2. Da die Unterscheidung elementarischer, animalischer, vegetativer und
Verstandeskräfte nur ein Gedanke ist, indem jeder Mensch aus allen diesen,
wenngleich in verschiedenem Verhältnis, bestehet, so hüte man sich, diese und
jene Nation ganz für animalisch zu halten, um sie als Lasttiere zu gebrauchen.
Der reine Intellectus bedarf keines Lasttiers, und sowenig also der
intellektuellste Europäer der Pflanzen- und Tierkräfte in seinem Lebenssystem
entbehren kann, sowenig ermangelt irgendeine Nation ganz des Verstandes.
Vielgestaltig ist dieser allerdings in Ansehung der ihn regenden Sinnlichkeit
nach der verschiedenen Organisation der Völker; indessen ist und bleibt er in
allen Menschengestalten nur ein und derselbe. Das Gesetz der Billigkeit ist
keiner Nation fremd; die Übertretung desselben haben alle gebüsst, jede in ihrer
Weise.
    3. Wenn intellektuelle Kräfte in mehrerer Ausbildung der Vorzug der Europäer
sind, so können sie diesen Vorzug nicht anders als durch Verstand und Güte
(beide sind im Grunde nur eins) beweisen. Handeln sie impotent, in wütenden
Leidenschaften, aus kaltem Geiz, in niedrig-vermessenem Stolze, so sind sie die
Tiere, die Dämonen gegen ihre Mitmenschen. Und wer leistet den Europäern
Bürgschaft, dass es ihnen nicht an mehreren Enden der Erde wie in Abessinien,
China, Japan ergehen könne und ergehen werde? Je mehr ihre Kräfte und Staaten in
Europa altern, je mehr unglückliche Europäer einst diesen Weltteil verlassen, um
dort und hier mit den Unterdückten gemeinschaftliche Sache zu machen, so können
intellektuelle und animalische Kräfte sich in einer Weise verbinden, die wir
jetzt kaum vermuten. Wer sieht in die vielleicht schon gepflanzte Saat der
Zukunft? Kultivierte Staaten können entstehen, wo wir sie kaum möglich glauben;
kultivierte Staaten können verdorren, die wir für unsterblich hielten.
    4. Sollte in Europa auf Wegen, die wir zu bestimmen nicht vermögen, die
Vernunft einmal so viel Wert gewinnen, dass sie sich mit Menschengüte vereinigte,
welch eine schöne Jahrszeit für die Glieder der Gesellschaft unsres ganzen
Geschlechtes! Alle Nationen würden daran teilnehmen und sich dieses Herbstes der
Besonnenheit freuen. Sobald im Handel und Wandel das Gesetz der Billigkeit
allentalben auf Erden herrschet, sind alle Nationen Brüder; der Jüngere wird
dem Älteren, das Kind dem verständigen Greise mit dem, was es hat und kann,
willig dienen281
    5. Und wäre diese Zeit undenkbar? Mich dünkt, sie müsse selbst auf dem Wege
der Not und des Kalküls erscheinen.
    Selbst unsre Ausschweifungen und Lastertaten müssen sie fördern. In
Verhältnissen des Menschengeschlechts müsste keine Regel, in seiner Natur keine
Natur herrschen, wenn nicht durch innere Gesetze dieses Geschlechts selbst und
den Antagonismus seiner Kräfte diese Periode herbeigebracht würde. - Gewisse
Fieber und Torheiten der Menschheit müssen mit Fortrückung der Jahrhunderte und
Lebensalter abbrausen. Europa muss ersetzen, was es verschuldet, gutmachen, was
es verbrochen hat, nicht aus Belieben, sondern nach der Natur der Dinge selbst;
denn übel wäre es mit der Vernunft bestellt, wenn sie nicht allentalben
Vernunft und das Allgemeingute nicht auch das Allgemeinnützlichste wäre. Die
Magnetnadel unsrer Bestrebungen sucht diesen Pol; nach allen Irren und
Schwankungen wird und muss sie ihn finden. -
    6. Dass also niemand aus dem Ergrauen Europas den Verfall und Tod unsres
ganzen Geschlechts auguriere! Was schadete es diesem, wenn ein ausgearteter Teil
von ihm unterginge? wenn einige verdorrete Zweige und Blätter des saftreichen
Baumes abfielen? Andre treten in der Verdorreten Stelle und blühen frischer
empor. Warum sollte der westliche Winkel unsres Nordhemisphärs die Kultur allein
besitzen, und besitzet er sie allein?
    7. Die grössesten Revolutionen des Menschengeschlechts hingen bisher von
Erfindungen oder von Revolutionen der Erde ab; wer kennet diese in der
unabsehlichen Folge der Zeiten? Klimate können sich ändern; aus mehreren
Ursachen kann manches bewohnte Land unbewohnbar, manche Kolonie zum Mutterlande
werden Wenige neue Erfindungen können viele ältere aufheben; und da überhaupt
die höchste Anstrengung (unleugbar der Charakter fast aller europäischen
Staatskunst) notwendig nachlassen oder überstürzen muss: wer vermag die Folgen
hievon zu berechnen? Wahrscheinlich ist unsre Erde ein organisches Wesen; wir
kriechen auf dieser Pomeranze wie kleine, kaum merkbare Insekten umher, quälen
einander und bauen uns hie und da an. Wenn der Himmel fällt, sagt das
Sprüchwort, wo bleiben die Sperlinge? Wenn hier oder dort die Pomeranze modert,
tritt vielleicht eine andre Generation auf, ohne dass deshalb die erste eben am
intellektuellen Teil ihres Systems, am Verstande, untergegangen wäre. Was sie
eher hinrichten konnte, war Ausschweifung, Laster, Missbrauch ihres Verstandes.
Gewiss sind die Perioden der Natur in Ansehung aller Geschlechter aufeinander
kalkulieret, dass, wenn die Erde Menschen nicht mehr wärmen und nähren kann,
Menschen ihre Bestimmung auf ihr auch erfüllt haben werden. Die Blüte welket,
sobald sie ausgeblühet hat; sie lässet aber auch Frucht nach. Wäre also die
höchste Äusserung intellektueller Kraft unsre Bestimmung, so foderte eben diese
von uns, dem künftigen, uns unbekannten von einen guten Samen nachzulassen,
damit wir nicht als weichliche Mörder sterben.
    Monboddo sieht unsere Erde als eine Erziehungsanstalt an, aus der unsre
Seelen gerettet werden. Der einzelne Mensch kann und darf sie nicht anders
ansehen; denn er kommt und geht vorüber. Auf der Stelle, auf welcher er ohne
sein Wollen erscheinet, muss er sich helfen, so gut er kann, und das System
seiner Elementar- und vegetativen, seiner animalischen und intellektuellen
Kräfte ordnen lernen. Allmählich sterben sie ihm ab, bis der ausgebildete Geist
verflieget. - Auch hier ist Monboddos System konsequent, das ich, unvollendet
wie es ist, mancher andern kaufmännisch-politischen Geschichte der Menschheit
vorziehe. Zu einer Geschichte unsres Geschlechts gehören kaufmännisch-politische
Konsiderationen nur als ein Bruchstück; ihr Geist ist sensus humanitatis, Sinn
und Mitgefühl für die gesamte Menschheit.
                            Der Geist der Schöpfung
 Auch ich war Pilgrim in der Wüstenei,
 Und matt vom Wege sprach ich: »Herr der Welt!
 Ein Blick von dir verjüngt die Schöpfung. - Sieh!
 Die Sonne brennt auf mich; im Sande glüht
 Mein nackter Fuss, und meine Zunge lechzt.
 Ich wanke. Herr, mein Licht erlischt.«
Da sah
 Ich vor mir einen schmalen Rasen, rings
 Umflochten von Gebüsch. Ein Palmbaum stand
 An einer Quelle, und auf Baum und Büschen
 Hing unter Blüten manche schöne Frucht.
 Ich kostete, ich trank, ich dankte Gott
 Und legte mich zur Ruhe nieder. Sanft
 Umhüllete der Schlaf mein Auge, bis
 Ein Wundertraum mich schnell erweckete.
 Der Geist der Schöpfung stand vor mir und sprach:
 »Steh auf, o Mensch! Du hast genug geruht
 Auf diesem Beet von zehentausend Pflanzen
 Und Kräutern meines Herrn. Du bist gestärkt.
 Die Hindin dort will auch verschmachten. Scheu
 Erwartet sie, dass du aufstehest.« - Auf
 Sprang ich und sah die Hindin mir zu Füssen,
 Die Mutter war. Sie blickte froh mich an
 Und sprang zu ihrer Weide.
»Guter Gott,«
 Rief ich, »der du für alles sorgest. Wenn
 Dein Wink dort Sonnen lenkt, so denkst du auch
 Des Wandrers in der Wüste, dass sein Stab
 Nicht breche, dass die Hindin nicht verschmachte.«
                                Die Zeitenfolge
 Komm, Unzufriedner, näher! Tritt herzu,
 An dessen Herzen Missvergnügen nagt.
 Schuf irgendwen der Allmacht Hand zur Qual?
 Er, der nur Huld ist,
 ist, schuf er je zum Unglück?
 Es sprach der Mächtige (die Wahrheit spricht
 In allen seinen Werken): »Euer Tagswerk
 Sei Seligkeit. Mit diesem Segen lass ich,
 Geschöpfe, euch aus meiner Hand.«
Und sieh!
 Da standen sie, die Lebenden, unwissend,
 Was Leben war. Sie schöpften Odem wie
 Nach einem schweren Traum; sie sahen die Welt!
 Und Engel liessen sich auf Wolken nieder,
 Bewundernd dieser Schöpfung neuen Raum,
 Die Wohnung süsser Freuden; sahen im Geist
 Glückselige zukünft'ger Zeiten wallen
 Und riefen, voll von himmlischem Gefühl:
 »Du hast hier reiche Saaten ausgestreut,
 Allgütiger! Wer kann die Ernte fassen
 In diesen Segensgründen? Trauen wird
 Der Gute dir! Gelingen wird sein Werk.«
 So sangen sie. Hebt eure Augen auf,
 Ihr Menschen, sehet eures Vaters Schöpfung
 Und hofft auf ihn. Auch in der Menschheit kann
 Sein Werk nicht fehlen.
Du der Welten Vater!
 Ich weiss es, Worte tun es nicht vor dir.
 Beredsamkeit verstummet. Wie sich Kinder
 Der Blumen freun, freun wir uns deiner Schöpfung.
 Wie ihrer zeitlichen Versorger sie
 Zutrauend harren, hoffen wir auf dich
 Und üben froh dein Werk. Die schönste Gabe
 Des Sterblichen ist ein zufriednes Herz.
                                 Das Gegengift
 Preis sei dem Geber! jede seiner Gaben
 Ist huld- und weisheitvoll. Er teilte sie,
 Er wog sie ab zur langen Dauer und
 Vollkommenheit der Schöpfung.
Seine Erde
 Gab er nicht Engeln; Menschen gab er sie.
 Der Menschen Bester ist, wer selten strauchelt,
 Ihr Edelster, wer bald vom Fall aufsteht.
 Tief keimete das Laster in der neu
 Geschaffnen Erde; wild schoss es empor,
 Gift seine Blüte, seine Früchte Tod.
 Da schuf er ihm ein mächtig Gegengift,
 Für Torheit ein Verwahrungsmittel, Arbeit.
 Sie macht, er uns zum heiligsten Gesetz,
 Den Fleiss zur Pflicht.
Arbeitsamkeit verriegelt
 Die Tür dem Laster, das dem Müssigen
 Zur Seite schleicht und hinter ihm das Unglück.
 Willst du dem Feinde fluchen, wünsch ihm Musse;
 Auf Musse folgt viel Böses und des Kummers
 Gar viel.
Arbeitsam wirkt die Seele froh;
 Langweil'ger Müssiggang beschäftigt sie
 Zur Reue, zum Verderben. Torheit leitet
 Den Müssigen; Mutwill und Vorwitz führen
 Ins Dunkel ihn, wo Gott nicht ist.
Arbeitet,
 Ihr Weisen in dem Volk, befördert euer
 Und vieler Glück.
Wo wohnt Beruhigung?
 Wo Segen der liebreichen Gotteit? Wo
 Genuss der Tage? Wo das edelste
 Vergnügen? Nur in Arbeit! - - -
                                      123.
    Von frühen Jahren habe ich mich auch in die fremdesten Hypotesen zu setzen
gesucht, und ich kam fast von allen mit dem Gewinn einer neuen Seite der
Wahrheit oder ihrer Bestärkung zurück; darf ich aber bekennen, dass ich der
Hypotese von einer radikalen bösen Grundkraft im menschlichen Gemüt und Willen
durchaus nichts Gutes abgewinnen kann?282 Ich lasse sie jedem Liebhaber; meinem
Verstande bringt sie kein Licht, meinem Herzen keine freudige Regung.
    Gewöhnlich leitet man die Hypotese von zweien einander feindseligen
Grundursachen der Dinge von den Persern her; ihre böse Anwendung aber sollte man
nicht daher leiten. In der Physik war's offenbar Kindheit der Wissenschaft, wenn
man die Nacht für böse, den Tag für gut erklärte; die Gesetze, die beide
hervorbringen, sind gut und höchst einfach. In der Moral sind sie es ebensosehr;
und die Philosophie der Perser ging gerade darauf hin, dies auszuführen. Die
Finsternis, sagte sie, sei Unform; das Licht, seiner Natur nach, bilde, leuchte
und erwärme. Trotz aller Widerstrebungen sei Ahriman schwach; Ormuzd werde und
müsse ihn überwinden. Ihre Religion foderte also in Gedanken, Worten, Handlungen
zu diesem Siegeskampf als zum eigentlichen Geschäft des menschlichen Lebens auf.
Licht zu schaffen und fortzubreiten, wirksam zu sein in jedem Guten, zu
reinigen, zu erfreuen, sei unser Geschäft. Eben deshalb stehen wir zwischen
Licht und Dunkel. -
    Das Christentum ging mit tiefergreifenden Regungen auf diesem Wege fort.
Kein sklavisches Volk, das sich ewig unter dem Joch krümmt und an Ketten windet,
sollte nach ihm das Menschengeschlecht sein, sondern ein freies, fröhliches
Geschlecht, das ohne Furcht eines machtabenden Henkergeistes das Gute des Guten
wegen, aus innrer Lust, aus angeborner Art und höherer Natur tue, dessen Gesetz
ein königliches Gesetz der Freiheit, ja dem eigentlich kein Gesetz gegeben sei,
weil die Gottesnatur in uns, die reine Menschheit, des Gesetzes nicht bedörfe.
    Unverkennbar ist dies der Geist des Christentums, seine native Gestalt und
Art. Nur dunkle barbarische Zeiten haben den grossen Lehnsherren des Bösen,
dessen angebornes Erbvolk wir sei'n, von dem uns Gebräuche, Büssungen und
Geschenke zwar nicht wirklich, aber gewandsweise befreien könnten, der
Stupidität und Brutalität antichristlich wiedergegeben. Wer wollte in diese
Miltonsche Hölle greifbarer Nacht und solider Finsternis zurückkehren? -
    Über der Erde sehen wir von dieser massiven Urhölle nichts. Wo Böses ist,
ist die Ursache des Bösen Unart unsres Geschlechts, nicht seine Natur und Art.
Trägheit, Vermessenheit, Stolz, Irrtum, Hartsinn, Leichtsinn, Vorurteile, böse
Erziehung, böse Gewohnheit: lauter Übel, die vermeidlich oder heilbar sind, wenn
neues Leben, Munterkeit zum Guten, Vernunft, Bescheidenheit, Billigkeit,
Wahrheit, eine bessere Erziehung, bessere Gewohnheiten von Jugend auf einzeln und
allgemein einkehren. Die Menschheit ruft und seufzet, dass dieses geschehe, da
offenbar jede Untugend und Untauglichkeit sich selbst straft, indem sie keinen
wahren Genuss gewähret und eine Menge Übel auf sich und auf andre häufet.
Offenbar sehen wir, dass wir dazu da sind, dies Reich der Nacht zu zerstören,
indem niemand es für uns tun kann und soll. Nicht nur tragen wir die Last unsres
Unglücks, sondern unsre Natur ist zu diesem und zu keinem andern Werk
eingerichtet; es ist Zweck unsres Geschlechts, der Endpunkt unsrer Bestimmung,
uns dieser Unart zu entladen. Das ganze Universum treibt, wenn uns die Früchte
des Werks nicht locken, mit Nesseln und Dornen. - Was soll also Verzweiflung als
unter einem nie abzuwerfenden Joch? wozu der Traum einer von der Wurzel aus
unwiederbringlichen Menschheit?
    Keine Hypotese kann uns wert sein, die unser Geschlecht aus seinem Standort
rückt, die es bald an die Stelle der gefallenen Engel stellt, bald unter ihre
Vormundschaft und Oberherrschaft erniedrigt. Die gefallenen Engel kennen wir
nicht, aber uns kennen wir und wissen, wenn und warum wir gefallen sind, fallen
und fallen werden. -
    Das Dasein jedes Menschen ist mit seinem ganzen Geschlecht verwebet. Sind
unsre Begriffe über unsre Bestimmung nicht rein, was soll diese und jene kleine
Verbesserung? Sehet ihr nicht, dass dieser Kranke in verpesteter Luft liegt?
Rettet ihn aus derselben, und er wird von selbst genesen. Beim Radikalübel
greift die Wurzeln an; sie tragen den Baum mit Gipfel und Zweigen.
    Das Werk ist gross; es soll aber auch so lange fortgesetzt werden, als die
Menschheit dauret; es ist das eigenste und einzige, das belohnendste und
fröhlichste Geschäft unsres Geschlechtes.
    Und wie wird dies Geschäft betrieben? Bloss durch Erweiterung und
Verfeinerung der Verstandeskräfte? Intelligenz ist des Menschen edler Vorzug,
das unentbehrliche Werkzeug seiner Bestimmung. Wissenschaft alles
Wissenswürdigen, Verstand alles Brauchbaren, Schönen und Edeln ist erleuchtender
Sonnenglanz in der dunkeln Dunstkugel der Erde; er darf und muss sich so weit
erstrecken, als er sich erstrecken kann, vom letzten Nebelstern über die gesamte
Natur an die Grenzen der werdenden Schöpfung.
    Verstand ist der Gemeinschatz des menschlichen Geschlechts; wir alle haben
daraus empfangen, wir alle sollen unsre besten Gedanken und Gesinnungen
hineintragen. Wir rechnen mit Kombinationen der Vorzeit; die Nachwelt soll mit
unsern Kombinationen rechnen, und allerdings geht dieser Kalkül ins Grosse,
Weite, Unendliche hinaus. Wer unternimmt's zu sagen, wohin das
Menschengeschlecht in seinen fortgesetzten, aufeinandergebaueten Bemühungen
gelangen könne und vielleicht gelangen werde? Jede neuerlangte Potenz ist die
Wurzel zu einer zahllosen Reihe neuer Potenzen.
    Verstand indessen tut's nicht allein; auch den Dämonen schreiben wir einen
dämonischen Verstand zu; der unsre sei menschlich, von tätiger Güte begleitet.
Blicke umher! Wieviel wahre und echte Wissenschaft ist ungebraucht in der Welt!
wieviel Verstand liegt unterdrückt und begraben! wieviel andrer wird
missgebrauchet! Scheinwahrheit, starres Vorurteil, heuchelnde Lüge, träge Lust,
vernunftlose Willkür verwirren unser Geschlecht. Ein gestärkter grosser und guter
Wille also, Übungen von Jugend auf, Kampfpreise und Gewöhnung, dass uns das
Schwerste zum Leichtesten werde, und vor allem jenes unerlässliche Bestreben nach
dem Notwendigen, was unser Geschlecht fodert, mit Vorbeilassung alles
Entbehrlichen und Schlechten: sie allein können den Verstand zum Guten geltend
machen, ihm aufhelfen und das Werk fördern. Wie lange haben wir uns mit dem
Unnützen beschäftigt? Zeigen uns nicht Jahrtausende der Menschengeschichte
unsern Unverstand, unsre kindische Trivialität und Feigheit?
    Einheit unsrer Kräfte also, Vereinigung der Kräfte mehrerer zu Beförderung
eines* Ganzen im Wohl aller - mich dünkt, dies ist das Problem, das uns am
Herzen liegen sollte, weil jedem es sein innerstes Bewusstsein wie sein Bedürfnis
stille und laut saget.
    »Gesetzgeber, Erzieher, Freunde der Menschheit,« sagt ein edler Mann unsrer
Nation,283 »lasset uns unsre Kräfte vereinigen, um dem Menschen zu beweisen, dass
in den unendlich verschiedenen Lagen des Lebens er das innere Glück nirgend
finde als in der wirksamen und tätigen Einheit seines Charakters. Strebend nach
eigner Vollkommenheit, die Vorschriften einer allgemeinen und wohltätigen
Vernunft frei und standhaft befolgend, wird er Verirrungen, Verbrechen, inneren
Vorwürfen entgehen. Als Mensch und Bürger wird er die Glückseligkeit im Zeugnis
seines Gewissens finden. So bringt der Mensch die unendliche Verschiedenheit
seiner Empfindungen, Gedanken, Bestrebungen zur Einheit eines wahren, reinen,
wirksamen, moralischen Charakters.«
    Und darf ich dies edle Bild weiter hinausprägen, so liegt im
Menschengeschlecht eine unendliche Verschiedenheit von Empfindungen, Gedanken,
Bestrebungen zur Einheit eines wahren, wirksamen, rein moralischen Charakters,
der dem ganzen Geschlecht gehöret. Wie jede Klasse von Naturgeschöpfen ein
eignes Reich ausmacht, auf andre Reiche bauend, in andre hineingreifend, so das
Menschengeschlecht mit dem besondern und höchsten Abzeichen, dass die
Glückseligkeit aller von den Bestrebungen aller abhängt und in ihm bei der
grössesten Verschiedenheit in dieser sehr erhabnen Einheit allein stattfinde. Wir
können nicht glücklich oder ganz würdig und moralisch gut sein, so lange z.B.
ein Sklave durch Schuld der Menschen unglücklich ist; denn die Laster und böse
Gewohnheiten, die ihn unglücklich machen, wirken auch auf uns oder kommen von
uns her. Die Anmassung, der Geiz, die Weichlichkeit, die alle Weltteile betrügt
und verwüstet, haben ihren Sitz bei und in uns; es ist dieselbe Herzlosigkeit,
die Europa wie Amerika unter dem Joch hält. Dagegen auch jede gute Empfindung
und Übung eines Menschen auf alle Weltteile wirket. Die Tendenz der
Menschennatur fasset ein Universum in sich, dessen Aufschrift ist: »Keiner für
sich allein, jeder für alle, so seid ihr alle euch einander wert und glücklich.«
Eine unendliche Verschiedenheit, zu einer Einheit strebend, die in allen liegt,
die alle fördert. Sie heisst (ich will's immer wiederholen) Verstand, Billigkeit,
Güte, Gefühl der Menschheit.
                                     Freude
 Freue dich, edles Herz, das hold der Freude ist!
 Schuf nicht der Schöpfer der Welt
 Alles zur Freude?
 Wer sich freuet, erfüllt der Schöpfung Zweck,
 Süsse Gabe des Gebers, giesse dich ganz in mich!
 Noch ist mein Herz von Tücke nicht befleckt.
 So hüpfe dann das vergängliche Paradies hindurch,
 Du nicht mit drückenden Lasten beschwertes Herz.
 Sei froh des Vergangenen!
 Jeglicher Labung froh, die du dem müden Pilger
 Darreichen konntest; danke dem Herrn der Welt,
 Der dir zu reichen sie gab.
 Häuser, die deine Hände gestützt,
 Hütten, die deine Hände befestigten,
 Siehe sie froh! - Besuche des Greises Grab,
 Der sich an deinen Troststab lehnete.
 Komme der grosse Tag, an welchem der Schöpfung Herr
 Gericht hält! wann die Scharen um ihn stehn
 Voll heiliger Erwartung. Sanfte Stille
 Verbreitet sich die sieben Himmel hindurch.
 Du trittst, ein Jüngling, mit tausendmal Tausend
 hervor,
 Anzubeten. Der Spruch des Richters ist:
 »Was ihr der Menschheit tatet, tatet ihr
 Mir selbst. Geht ein zu eures Herren Freude.«
                                      124.
    Und warum verhehlen wir eine Norm der Ausbreitung des moralischen Gesetzes
der Menschheit, die uns so nahelieget? Das Christentum gebietet die reinste
Humanität auf dem reinsten Wege. Menschlich und für jedermann fasslich, demütig,
nicht stolz-autonomisch, selbst nicht als Gesetz, sondern als Evangelium zur
Glückseligkeit aller gebietet und gibt es verzeihende Duldung, eine das Böse mit
Gutem überwindende tätige Liebe. Es gebiete nicht als Gegenstand der
Spekulation, sondern gibt sie als Licht und Leben der Menschheit, durch Vorbild
und liebende Tat, durch fortwirkende Gemeinschaft. Es dienet allen Klassen und
Ständen der Menschheit, bis in jeder jedes Widrige zu seiner Zeit von selbst
verdorret und abfällt. der Missbrauch des Christentums hat zahlloses Böse in der
Welt verursacht: ein Erweis, was sein rechter Gebrauch vermöge. Eben dass, wie es
gediehen ist, es so viel gutzumachen, zu ersetzen, zu entschädigen hat, zeigt
nach der Regel, die in ihm liegt, dass es dies tun müsse und tun werde. Der
Labyrint seiner Missbräuche und Irrwege ist nicht unendlich, auf seiner reine
Bahn zurückgeführt, kann es nicht anders als zu dem Ziel streben, den sein
Stifter schon in dem von ihm gewählten Namen »Menschensohn« (d. i. Mensch) und
im Gerichtsspruch des letzten Tages ausdrückte. Wenn die schlechte Moral sich an
dem Satz begnügt: »Jeder für sich, niemand für alle!,« so ist der Spruch:
»Niemand für sich allein, jeder für alle!« des Christentums Losung.
                                 Der Himmlische
 Heil und Gebet dem Mann in Himmelglanz,
 Zu dessen Füssen jetzt die Sterne wallen;
 Wie Mond und Sonne glänzt sein Angesicht.
 Er denke unser, wenn wir beten, wenn
 Sich unser Herz zum Armen freundlich neigt,
 Und lasse jeden Wandrer Schatten finden
 Und jedem Durstenden zeig er den Quell.
 Er war es selbst einst, der Menschlichkeit
 Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanftmut
 Und Milde zur Religion uns gab.
 Heil und Gebet dem Mann, der Menschlichkeit
 Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanftmut
 Und Milde zur Religion uns gab.
 
                                    Fussnoten
1 Die Namen der korrespondierenden Freunde sind unter die Briefe nicht gesetzt;
denn was können uns Buchstaben bezeichnen, das die Briefe nicht selbst
erklärten? Anmerk. d. Herausg.
2 Sie sind jetzt auch deutsch übersetzt: »B. Franklins Jugendjahre, übersetzt
von Bürger,« Berlin 1792. A. d. H.
3 Es wird davon eine niedliche Ausgabe im Deutschen veranstaltet werden; denn
die meisten, alle sehr interessante Stücke, sind zerstreut oder gar nicht
bekannt. A. d. H.
4 »Nekrolog von Schlichtegroll,« Gota 1791.
5 Die in der Folge angeführten Namen sind alle aus dem ersten Jahrgange des
»Nekrologen«. Mehrere waren damals noch nicht erschienen. A. d. H.
7 Eine sehr bekannte deutsche Geschichte, über welche jetzt der zweite Teil von
Schubarts selbstgeschriebenem Leben Auskunft gibt. A. d. H.
8 »OEuvres postumes de Frédéric II.,« Berlin 1788.
9 Ein von Götz übersetztes Gedicht Friedrichs. A. d. H.
10 Diese und einige andre Bemerkungen Friedrichs haben sich gottlob seitdem hie
und da verändert. A. d. H.
11 Die Folge des Briefwechsels entält eine Fortsetzung dieses Auszuges. A. d.
H.
12 Anspielung auf Horaz' Ode 9, B. 4.:
 Non, si priores Maeonius tenet
 Sedes Homerus, Pindaricae latent
 Ceaeque et Alcaei minaces
 Stesichorique graves Camenae.
                                                                        A. d. H.
13 Die folgenden Verse sind aus Kleists erster eigner Ausgabe des »Frühlings«
genommen; wer will, vergleiche sie mit der jetzt gangbaren Ausgabe. A.d.H.
14 Seitdem sind Gleims Zeitgedichte in einer Sammlung erschienen (1792), die
keinem, der an dem Geiste der Zeit Anteil nimmt, uninteressant sein kann. A.d.H.
15 Des Dichters Vater war der erste in Holstein, der den Bauern seines Guts
Freiheit und Eigentum gab Die Königin Sophia Magdalena aus dem Hause
Brandenburg, Grossmutter des jetzigen Königes von Dänemark, gab den Bauern des
Amts Hirschholm auf seinen Rat und nach der Einrichtung, die er trotz aller in
den Weg gelegten Schwierigkeiten mit Mut durchsetzte, Freiheit und Eigentum.
16 Den Norwegern ist die Überfahrt nach Westindien leichter als den Dänen, deren
Schiffe der Kattegat oft aufhält. Jene dieses Vorteils zu berauben,
verpflichtete man die Schiffer, vor der Fahrt nach Westindien erst in Kopenhagen
einzulaufen. Man nannte das: sich präsentieren.
17 Die nordische Parze. Braga ist der Gott der Dichtkunst. A. d. H.
18 Die Stelle ist aus Gerstenbergs »Gedicht eines Skalden,« Kopenhagen und
Leipzig 1766. A. d. H.
19 In der Folge des Briefwechsels finde ich diese Anlagen entwickelt A. d. H.
20 Der erste Teil dieses Gesprächs ist aus Lessings »Ernst und Falk, Gespräche
für Freimaurer,« Wolfenbüttel 1781, genommen, denen der zweite Teil des
Gesprächs eine andre Wendung gibt. A. d. H.
21 S. das Ende des vorigen Briefes. A. d. H.
22 Adelung hat sogar dem verbannenswürdigen Ausdruck »das Mensch« einen langen
Artikel einräumen müssen. A. d. H.
23 Heine hat diesen Zweck alter griechischer Institute in mehreren seiner
»Opuscula academica« vortrefflich gezeiget. A. d. H.
24 Ernesti Rede »De humanitatis disciplina« ist hierüber bekannt. A. d. H.
25 Daher noch der Ausdruck: »Er ist ein homo!« - »Du homo!« u. f. A. d. H.
26 Weder Wachter noch Adelung haben diesen Ursprung der Endung im Wort »Mennisk«
bemerkt, er scheint aber der wahre; denn wenn man das Wort »Mensch« nach
niedersächsischer, d. i. der alten und echten Art, ausspricht, so heisst es
Mens-ch (Mensk), d. i. ein elender unbewehrter Mann, ein Männlein. A. d. H.
27 S. hierüber Dufresne, artic. Homo: Homines denariales, chartularii, fiscales,
ecclesiastici, de corpore, pertinentes, commendati, casati, feudales,
exercitales, ligii, de manu mortua, de suis manibus, de manupastu etc. A. d. H.
28 Meiner Gesinnung nach ist es eines der schönsten Verdienste Spaldings, dass er
zu jener Zeit, 1745, in seiner Lage, uns Shaftesburys »Moralisten« bekannt
machte. Mehr als dreissig Jahre nachher ist zuerst die Übersetzung des ganzen
Shaftesbury gefolget: Shaftesbury philosophische Werke, Leipzig 1776-1779. A. d.
H.
29 Dass dieses keine Schwedenborgsche Geisterversammlung oder eine andre geheime
Gesellschaft sei, ist aus dem letzten Briefe des Zweiten Teils dieser Sammlung
klar. Die Sichtbar-Unsichtbaren und Unsichtbar-Sichtbaren sind nichts mehr und
minder als gedruckte Schriften. A. d. H.
30 Das war Realis' wahrer Name. In Jöchers Lexikon findet man ihn; die Anzeige
der Unternehmungen des Mannes aber ist kaum berühret. A. d. H.
31 Die Materie ist hiemit nicht geendet; sie hat noch einige Briefe erhalten,
die späterhin werden mitgeteilt werden. A. d. H.
32 »Te Botanic Garden, containing the Loves of the Plants, wit Philosophical
Notes,« London 1788.
33 »Orlando Furioso,« Canto XXXIV, Str. 75, 77, 79, 81. A. d. H.
34 Alles dies findet man im 7. Teil der Londoner Ausgabe von Tuans Geschichte
beisammen. Auch die »Commentarios de vita sua,« in denen nebst andern das
Gedicht »Posteritati« vorkommt. Die hier (frei Übersetzte Ode »Veritati« (Der
Wahrheit) steht Tom. I voran seiner Geschichte. In Gruters »Deliciis Poëtarum
Gallorum« fehlen Tuans beste Stücke gänzlich. A. d. H.
35 »Vie du Dauphin, père de Louis XV, écrite sur les mémoires de la Cour,
enrichie des écrits du même Prince, par l'Abbé Proyart,« Lyon 1782.
36 Das englische Original kenne ich nicht. Die Französische Übersetzung heisst:
Discours historiques, critiques et politiques sur Tacite par Gordon, Amsterdam
1742. Die deutsche hat den unförmlichen Titel: »Die Ehre der Freiheit der Römer
und Briten nach Gordons staatsklugen Betrachtungen über den Tacitus,« Nürnberg
1764. A. d. H.
37 Vor der Zweibrücker Ausgabe des Tacitus ist Crollius' lange Vorrede über
diese Materie sehr schätzbar. A. d. H.
38 Christoph. Forstneri »Notae politicae ad C. Tacitum,« Argent 1650.
39 le Brets »Magazin zur Geschichte«. A. d. H.
40 Briefe zu Beförderung der Humanität. Samml. 1, Br. 5.
41 Wintertur 1791, 1793. Von J. G. Müller.
42 Lemgo 1774-1778.
43 Mémoires pour la vie de Petrarque, Amsterdam 1764, 3 Quartbände. Ihre
Übersetzung, Lemgo 1774-1778, ist sehr gut und zweckmässig. A.d.H.
44 Müllers »Bekenntnisse merkwürdiger Männer,« Band 2, S.169 u f.
45 »Comenii Hist. fratrum Bohemorum. Accedit ei Panegersia de rerum humanar.
emendatione. Edid. Buddeus, Halae 1702«. Rieger in seiner »Geschichte der
böhmischen Brüder« führt an, dass in der Waisenhausbibliotek zu Halle noch
mehrere Handschriften von Comenius da sein sollen; wären nicht einige davon für
unsre politisch-pädagogischen Zeiten des Drucks wert? A. d. H.
46 Vgl. das Ende des 54. Briefes.
47 Schmidt, »Neuere Geschichte der Deutschen,« Buch 4, Kapitel 9 u. f.
48 Wegelin ist seitdem gestorben. Er ruhe sanft! Sein Geist hat viel gedacht,
viel kombinieret. Ich wünschte nicht, dass seine hinterlassenen Schriften
untergingen; jeder seiner Aufsätze ist eine Sammlumg unverarbeiteter Gedanken,
die wenigstens immer eigne Gedanken veranlassen oder verbessern und bestärken.
Der grosse König selbst hat seine Schriften gelesen und geehrt. A. d. H.
49 Schlözer, »Allgemeines Staatsrecht,« Göttingen 1793.
50 Beziehet sich auf das Ende des 54. Briefes.
51 Felleri, »Otium Hannov.,« S. 108.
52 Epist. Leibnit. edit. Kortold, Teil 1, S. 366; Feller, »Ot. Hannov.,« S.
217.
53 Feller, S. 121.
54 Feller, S. 412.
55 Feller, S. 147.
56 Feller, S. 27, an einen Engländer.
57 Feller, S. 19.
58 Feller, S. 4f.
59 Kortold epist. Leibnit. Teil 1, S. 88.
60 Feller, »Ot. Hannov.,« S. 165.
62 Kortold. epist. Leibn. Teil 3, S. 278.
63 Kortold. epist. Leibn. Teil 3, S. 392.
64 »Murrs., Journal zur Kunstgeschichte,« Teil 7, S. 123 u. f.
65 Zur Erläuterung dieses Umstandes wird in den schätzbaren Zusätzen zu Eckardts
Lebensbeschreibung folgendes angegeben »Der König war damals nicht mehr in
Hannover. Der Monarch stand eben nicht allzu wohl mit dem Wiener Hofe, und es
missfiel ihm, dass Leibniz 1713 ohne Erlaubnis nach, Wien gegangen und über
andertalb Jahre aussen blieb, auch die Reichshofratsstelle angenommen hatte. Se.
Majestät sagten daher einstmals, da ein Hündchen, welches verlorengegangen, zu
Hannover ausgetrommelt wurde, halb im Scherz, halb im Ernst: Ich muss wohl meinen
Leibniz auch austrommeln lassen, um zu erfahren, wo er stecken mag.« - Eine
merkwürdige Erläuterung.
66 Ich darf voraussetzen, dass den Lesern dieser Briefe die in ihnen angeführten
Denkmale der Kunst, wenn nicht in den Urbildern, so doch in Abgüssen, Abdrücken,
Zeichnungen, Kupfern oder aus Beschreibungen, z.B. in Winckelmanns »Geschichte
der Kunst,« Stolbergs »Reisen« u.a., endlich wenigstens aus der Mytologie
bekannt sind; ihnen also eine Klassifikation nach der reinsten und höchsten
Bedeutung nicht unangenehm sein werde. A. d. H.
67 Allegorie, S. 13.
68 »Priscae artis opera ex epigrammatibus graecis partim eruta partim
illustrata«. »Comment. Soc. Goetting. hist. et phil.,« Band 10, S. 80.
69 Brunk, »Analect., Band 3, S. 202.
70 Herders »Zerstreute Blätter,« 1. Sammlung, S. 90; Antol. Steph., Buch 1,
Kapitel 87.
71 Antol. Stephan., Buch 4, Kapitel 9.
72 Brunk, »Analecta,« Baud 3, S. 4.
73 Brunk, Band 1, S. 121.
74 »Zerstreute Blätter,« 1. Sammlung, S. 12.
75 »Zerstr. Bl.,« 1. Sammlung, S. 84; Ant. St., Buch 1, Kapitel 87.
76 Antol. Steph., Buch 4, Kapitel 9.
77 »Zerstr. Blätter,« 1. Sammlung, S. 6; Antol. Steph., Buch 1, Kapitel 87.
78 Zur Erläuterung mögen dienen die aus der Antologie übersetzten Epigramme,
»Zerstr. Blätter,« 1. Sammlung, S. 9 - 12, 16 - 19, 22, 23, 31, 34, 39, 45 ff.,
52, 55, 56 ff, 62 - 70, 81, 86, 91, 98; 2. Sammlung, S. 14, 23, 34 - 41, 44, 45,
62 - 67, 78, 79, 85, 87, 94, 95. Die Stellen bei Homer, Sophokles und Euripides,
auf welche sich der Brief beziehet, sind jedermann bekannt. Die Epigramme, die
Stolberg, Voss, Conz u.a. übersetzt haben, wünschte ich gesammlet zu finden. A.
d. H.
80 Nicht leicht ist mir ein Andenken unerwartet-erfreulicher gewesen als das in
dieser Schrift; denn von den »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der
Menschheit« ist hier die Rede. Dankbar gebe ich's zurück, ob es gleich, was das
Buch betrifft, in die Wolke eines leisen Zweifels gehüllt scheinet. Gebe mir das
gute Glück Raum und Zeitumstände, jene »Ideen,« zu denen diese Briefe
vorbereitend mit gehören, zu vollenden. Ohne ein Newton zu sein wusste ich den
Charakter unsres Geschlechts, seine Anlagen und Kräfte, seine offenbare Tendenz,
mitin auch den Zweck, wozu es hienieden bestimmt ist, in kein simpleres Wort zu
fassen als Humanität, Menschheit. Andre vortreffliche Denker sind mir seitdem
hierin gefolget (wobei es einem jeden überlassen bleibt, sich den Begriff der
Humanität enger zu denken), unter denen ich nur eine neuere gedankenreiche
Schrift anführe: »Über Humunität,« Leipzig 1793, deren Verfasser ich nicht
kenne. Im folgenden Teil dieser Briefe werden einige Blätter über die Kräfte der
menschlichen Intelligenz eingerückt werden, die der bezweifelten Aufgabe ein
grosses Licht geben. A. d. H.
101 Diese Fragmente fehlen. A.d.H.
102 Synesius ward im Jahr 410 Bischof zu Ptolemaïs und bedung sich dabei
ausdrücklich, dass er weder seine Frau verlassen noch eine Auferstehung des
Leibes glauben dürfe. Seine Hymnen sowohl als seine andern Schritten sind ein
Gemisch des Christentums und der alexandrinischen Philosophie, in welcher
Hypatia seine Lehrerin gewesen war. A.d.H.
103 Für Verständige bedarf es der Erinnerung nicht, dass es auch im christlichen
Zeitalter bis zur Eroberung Konstantinopels und fernerhin griechische Dichter
gegeben habe. Es gab griechische Dichter, aber keine Poesie Griechenlandes in
denn Sinne, von dem hier die Rede ist. A.d.H.
104 Meierotto, »De rebus ad auctores quosdam classicos pertinentibus,« Berlin
1785, S. 131 u.f.: »Iudicium aequalium de Horatio«.
105 Was Übriggeblieben ist, hat Wernsdorf in den poet. lat. minorib., T. III
samt den Nachrichten von dem, was untergegangen ist, mit grossem Fleiss gesammelt.
A.d.H.
106 Boëtius' und Ausons Gedichte sind zur Zeit des allgemeinen Verfalls der
römischen Sprache und Poesie merkwürdige Erscheinungen. Beide Dichter waren
Christen, und doch lassen sie es sich in ihren Gedichten wenig merken; der erste
gar nicht, der zweite ist gleichsam wechselweise Christ und Heide. Beide suchen
wie aus Trümmern vergangener Zeiten Schlitze hervor: jener Philosophie, die er
in alle Silbenmasse seines Seneca ordnet, dieser das Andenken an alle ihm werte
Sachen und Menschen. Beide, insonderheit Boëtius, sind den folgenden dunkeln
Jahrhunderten leitende Sterne gewesen; wie denn auch in ihm und in mehreren
Dichtern der letzten Zeit bereits sichtbarerweise ein neuer Geschmack
hervorgehet, der den folgenden Zeiten verwandt und ihnen daher lieber war als
der grosse Geschmack der alten klassischen Dichter. Von Boëtius haben wir nach
zwei merkwürdigen Übersetzungen des vorigen Jahrhunderts (Nürnberg 1660,
Sulzbach 1667, letzte vom Sulzbachschen Kanzler Knorr von Rosenrot) neulich
eine unsrer Zeit gemässere erhalten auf welche viel Fleiss gewandt ist: »Trost der
Philosophie aus dem Lateinischen des Boëtius von F. K. Freitag,« Riga 1794. In
den Silbenmassen ist der Übersetzer dem Dichter nicht gefolget; die seinen aber
sind edel und streben im Rhytmus der Jamben dem Milton nach. Boëtius ist ein
Philosoph für alle Zeiten. A.d.H.
107 Luters Vorrede zum Psalter.
108 Plinius' Brief an Trajan.
109 Von Prudentius. Unser alter Gesang: »Hört auf mit Klagen!« ist eine
Nachahmung einiger Strophen dieses alten Hymnus, der beim Prudentius anfangt:
»Deus, ignee fons animarum«.
110 Der Graf Roscommon übersetzte diesen Gesang ins Englische: »Te Day of
Wreat, tat dreadful day,« und starb mit den Worten aus ihm:
Prostrate, my contrite heart I rend,
My God, my Fater, and my Friend,
Do not forsake me in my End.
Unser deutsches Lied »Es ist gewisslich an der Zeit« ist eine Nachahmung dieses
Gesanges.
111 Übersetzt von Wieland im »Teutschen Merkur,« Februar 1781.
112 Vom deutschen Mönch Gottschalk (älter als Otfried), dem sehr hart begegnet
ward. Er schrieb dies als ein Vertriebner im Gefängnis.
113 Nähere Kenntnis von diesem sonderbaren System der nordischen Prosodie findet
man in Olaus Wormius' litteratura Danica, Hickes' tesaur. linguar. septentrion.
und ähnlichen Werken. Wer ihrer entbehrt, ziehe die »Briefe über
Merkwürdigkeiten der Literatur,« Schleswig 1767, T. I, S. 150, zu Rat, eine
Sammlung Briefe, die weit mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie erlangt. Das
System der Alliterationen, dass gewisse Worte im Anfange und in der Mitte des
Verses von einem Buchstaben anfangen und einen ähnlichen Vokal haben, ist, wie
mich dünkt, mehr angestaunt als erklärt worden; sein natürlicher Grund ist der
Bau der Sprache selbst, der Genius des Volks, das sie sprach, und die Art, wie
man die Worte antönte. A.d.V.
114 In Crescimbenis »L'istoria della volgar poesia,« in Velasquez-Diez'
Geschichte der spanischen Dichtkunst und denen daselbst angeführten Schriften,
in mehreren Abhandlungen des um die Provenzalen sehr verdienten Curne de St.
Palaye in der »Akademie der Aufschriften,« Millots »Histoire des Troubadours,«
Abt Andrès' Storia d'ogni letteratura, T. I, II, kann man sich über diese
merkwürdige Erscheinung weiter belehren. Sie ist die Morgenröte der neueren
europäischen Kultur und Dichtkunst.
115 Dieser Unterschied zwischen der alten [und neuen] Prosodie, von dem viele
keinen deutlichen Begriff haben und der doch zum Unterschiede der alten und
neuen Poesie viel beiträgt, ist am besten in Isaak Voss' bekannter Abhandlungen
De cantu veterum, übersetzt in der »Sammlung Vermischter Schriften,« Teil 1,
Berlin 1759, in des Abt Dubos »Betrachtungen über Poesie und Malerei,« in
Muratoris Abhandlung »De rhytmica veterum poesi« »Antiqu. ital. med. aevi,« T.
3, S. 664, sonst aber auch in Klopstocks u.a. grammatischen Schriften
vorgetragen, wie er denn zur Poesie jeder neueren Sprache gehöret.
116 Ich rücke diese Briefe hier ein, weil der so lange geführte Streit über den
Anteil, den die Römer, die Araber, die Normänner u.f. an der Bildung uns res
Geschmacks und unsrer Literatur haben, noch nichts weniger als beigelegt ist.
Warton z.B. in der Geschichte der englischen Dichtkunst, Tyrwhitt in seinen
Anmerkungen zu Chaucer, Arteaga in der Geschichte der italienischen Oper, Andrès
in der Storia d'ogni letteratura u.f. sind noch weit auseinander, und doch liesst
alles Material so nahe beisammen vor uns. A.d.H.
117 Zahlreiche Proben und Nachrichten hierüber finden sich in Herbelot
Morgenländischer Bibliotek, »Jones' Commentar.« de Poesie Asiat. Richardsons
Vorrede zu seinem Persischen Wörterbuch, übersetzt Leipzig 1779, Andrès Storia
d'ogni letteratura, aus Casiri, ja in der Geschichte der Araber selbst. A.d.H.
118 »Neuer Büchersaal,« T. 10, S. 220 u.f.
119 Proben davon geben W. Jones' Commentar. de Poesi Asiat. und alle von ihm und
andern bekanntgemachten Poesien der Araber. An Leidenschaft und Bildern sind sie
reich; ihr Geschmack aber in Komposition dieser Bilder ist von dem unsrigen ganz
verschieden
120 »Rhytmi cum alliteratione avidissimae sunt aures Arabum. In florilegio hoc
(Elnawabig vel Ennawawig, quod vocabulum designat scaturientes partim poëtas,
partim versus vel rhytmos nobiliore quadam vena se commendantes) linguae
Arabicae genius egregie relucet, nativum que illum cernere licet characterem,
qui per rhytmos et alliterationes mera vibrat acumina«. Schultens in der
Vorrede zu Erpenius' Arabischer Grammatik. Mich dünkt, weder unsre Sprache noch
unsre Nation habe diesen angebornen witzsprudelnden Reimcharakter. A.d.H.
121 But tose tat write in rhyme still make
Te one verse for the oter's sake;
For one for sense and one for rhyme
I tink sufficient for a time.
            Butlers »Hudibras,« P. II, C. 1.
122 For rhyme the rudder is of verses,
Wit which, like ships, tei steer teir courses.
            Butler.
123 Mehrere Nachrichten hierüber gibt die Geschichte der sogenannten Waldenser,
Albigenser, bons hommes u.f., deren verschiedne Namen sowohl als erlittene
grausame Verfolgungen bekannt sind. In Legers Geschichte der Waldenser sind ihre
in der Provenzalsprache geschriebene Schriften angeführt; ausführlichere
Nachricht gibt die »Hist. générale de Languedoc,« T. 3. Des Wiclifs, mitin auch
Huss' und Luters Reformation hangen mit dieser ersten Insurrektion gegen den
herrschenden Klerus zusammen wie die feinere Kultur in Europa mit den ersten
Versuchen der provenzalischen Dichtkunst. A.d.V.
124 Anspielung auf das Wort »Stanza,« das ein Zimmer, eine Kammer bedeutet.
A.d.H.
125 Ich weiss es sehr wohl, dass zum innern Verständnis dieser Fragmente und
Briefe eine Kenntnis nicht nur der Geschichte, sondern auch der Dichtungen aller
mittleren Jahrhunderte gehört, und ich stand lange bei mir an, ob ich nicht hie
und da, so wie von christlichen Hymnen, so auch von Arabern, Provenzalen,
Italienern, Franzosen und Spaniern Proben einrücken sollte. Das Buch hätte sich
vergrössert; ich fürchte aber nicht der innere Verstand dessen, was hier
vorgetragen ist; denn die Produkte des Geistes, worauf sich das Vorgetragene
beziehet, müssen im Zusammenhange erwogen und nach so vielen National- und
Zeitumständen unterschieden werden, dass der Kommentar hierüber ein neues,
siebenfach grösseres Buch geworden wäre. Entweder muss der Leser also den
Verfassern dieser Fragmente und Briefe glauben, oder er muss die Früchte
genannter Zeiten selbst kosten, zu denen ihm J. A. Fabricius in seiner
»Bibliot. Latina« und medii aevi, Hamberger im 3. und 4. Teil seiner
»Zuverlässigen Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern« und die
Geschichte jeder Nationaldichtkunst dieser Völker das Verzeichnis liefert.
Beides, sowohl Briefe als Fragmente, sind Resultate von so mancherlei
Untersuchungen und Zusammenstellungen, dass nur der ein Urteil darüber haben
kann, der denselben weiten Weg gegangen, den die Verfasser dieser Aufsätze
genommen zu haben scheinen. A.d.H.
126 Warton, »on Spenser's Faery Queen« u. a. Wenn wir den gelehrten Fleiss
betrachten, den die Engländer auf ihre alten Dichter, z.B. Warton auf Spenser,
Tyrwhitt auf Chaucer, Percy auf die Balladen und so viele, viele der belesensten
Männer auf ihren Shakespeare und ihr altes Teater, gewandt haben, und sodann
uns betrachten - was sagen wir?
127 S. Schilters »Tesaur.« A.d.H.
128 Siehe die »Horen,« November, Dezember 1795; Januar 1796.
129 Siehe »Briefe zu Beförderung der Humanität,« T. 7, 8.
130 »Die den Deutschen ohnehin seit langer Zeit eigene Nachahmungssucht erhielt
ungemeine Nahrung durch das immer mehr zur Gewohnheit werdende Reisen. Man wird
kaum die Lebensbeschreibung eines etwas bedeutenden Mannes vom Adel der
damaligen Zeiten finden, wo nicht seiner getanen Reisen Erwähnung geschähe.
Fremde Sprachen, Sitten und Moden waren dasjenige, voraus ihre Landesleute nach
der Heimkunft schliessen sollten, was sie für einen Mann vor sich hätten. Selbst
die vielen vom Adel sowohl als dem Volk, die wegen der Kriegsdienste so häufig
nach Frankreich und den Niederlanden zogen, brachten meistens anstatt des
fremden Geldes, das sie zu erhaschen geglaubt, nichts zurück als fremde Moden
und Grimassen. Dadurch ward der Abstand von den vorigen Sitten in kurzer Zeit so
gross, dass mehrere deutsche Fürsten selbst in ihren Testamenten ihre Söhne vor
fremder Pracht warnten.« Schmidt, »Geschichte der Deutschen,« T. 9, S. 129.
131 Gelesen in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1759.
132 Viele grosse Liebhaber der französischen Lektüre wussten nicht, wer Cotin sei,
und verwandelten ihn sehr gelehrt in Catin.
133 Lange vor Prémontval hatten Deutsche über diesen Missbrauch geklagt; eine
Bibliotek von Beschwerden der Deutschen und Spöttereien der Ausländer wäre
hierüber anzuführen. Piccart, ein ebenso gescheiter als gelehrter Mann
(»Observat. politic. Dec.,« Dek. 111, Kap. 10), zeigt, wie anders Griechen und
Römer über den Gebrauch fremder Sprachen in ihrem Vaterlande gedacht haben.
Desgleichen viele andre. Was half aber alles dieses? »Gens peregrinandi avida et
exterorum morum, dum se receperit domum, aut simulatrix aut retinens,« sagt
Barclay in seinem »Icon animorum« Kap. 5, wo er die Deutschen seiner Zeit in
mehreren Zügen treffend schildert. A. d. H.
134 Z.B. von Anhalt, von Weimar, von Braunschweig, von Liegnitz u.f. Einige
derselben übersetzten selbst, und zwar sehr gute Bücher, aus dem Italienischen,
Französischen, Spanischen. Mehrere Fürstinnen sahen das Übel und flehten und
warnten. Siehe Mosers »Patriotisches Archiv der Deutschen« und seine andern
Schriften hin und wieder. A. d. H.
135 Es wäre zu wünschen, dass diese Aufsätze, kurze Gespräche, von Häslein oder
von einem andern Kenner der Sprache gesammlet oder im Bragur wieder erschienen.
Sie sind's wert A. d. H.
136 »Lessings sämtliche Schriften,« Berlin 1792, T. 8, S. 44.
137 »Lessings Leben, T. 1, S. 82.
138 »Lessings Leben,« T. 1, S. 84.
139 »Lessings Leben,« T. 1. S. 85.
140 »Lessings Leben,« S. 95.
141 »Wende alle Mühe an, dass du dich in etwas merkbar machest«.
142 »Leben,« S. 96.
143 »Sämtl. Schr.,« T. 8, S. 30, 31.
144 Meines Erachtens verdienen Lessings wenige Oden diesen Namen sehr wohl; sie
haben ihren eignen Gang und Charakter. In die vollständige Sammlung seiner
Schriften ist ein neues schätzbares Stück gekommen, »Der Eintritt des Jahrs 1754
in Berlin« (T. 2, S. 31) und vier »Entwürfe zu Oden« (S. 202-212), durch die man
den Geist der Horazischen Ode, »den Flug, der irrt und sich nicht verirret,«
vielleicht besser kennenlernt als durch lange Kommentare über den römischen
Dichter A. d. H.
145 »Sämtl. Schr.,« T. 8, S. 37.
146 Geschrieben im Jahr 1754, »Sämtl. Schr.,« T. 8, S 47.
147 B. 8, S. 56. Wie viele, viele andre!
148 »Schriften,« B. 8, S. 60, 61.
149 »Schriften,« B. 8. S. 62, 63.
150 »Schriften,« T. 8, S. 76, 77.
151 T, 28, S. 245.
152 T. 27, S. 4.
153 T. 27, S. 429.
154 Verfasser der »Preussischen Kriegslieder«. Die Vorrede, mit der Lessing diese
Lieder gesammlet herausgab, ist ein Muster von Bestimmung des Werts und des
Charakters dieser Gedichte als einer neuen; individuellen Gattung, die sie auch
sind. Die ganze Vorrede verdiente, hergesetzt zu werden; sie trägt den Charakter
der Lieder selbst. Siehe »Lessings Schriften,« T. 8, S. 98. A. d. H.
155 T. 29, S. 24, 30.
156 Das bekannte Heldenlied der Spartaner:
Streitbare Männer waren wir,
Streitbare Männer sind wir u. f.,
von Lessing übersetzt, steht jetzt in dieser vollständigen Sammlung seiner
Schriften, T. 2, S. 195. A. d. H.
157 Am Schluss der Vorr. der »Kriegslieder«.
158 T. 29, S. 31, 55.
159 T. 29, S. 65, 77.
160 Literaturbr. Br. 1.
161 Sollte dies bei der ganzen Kunstrichterei nicht das erste Erfordernis sein?
Der Schriftsteller schreibt für Leser; sind diese verdorben, so schreibt jener
und der Verleger verlegt für ihren verdorbenen Geschmack. Die vielen schlechten
Schriftsteller Deutschlands schreiben alle für ihr Publikum und kennen es sehr
gut, ebenso auch die Verleger. Leser zu bilden muss also der Kunstrichter erste
Bestrebung sein; die Schriftsteller werden selbst wider Willen folgen. In den
höheren Wissenschaften wird jeder Stümper ausgezischt und verachtet; denn sein
kleines, aber bestimmtes Publikum ist der Sache verständig A. d. H.
162 Wenn ist dies? Hier schleicht sich eben die schädlichste Parteilichkeit ein.
Will man ein Werk schön finden, so singt man Teodizeen und bemäntelt die
Fehler. -Überhaupt ist das Gleichnis von der Welt, wie sie der Philosoph
betrachtet, auf Werke der Menschen, zumal auf Kunstwerke, unanwendbar. Ist das
Ganze schön, so kann die strengste Zergliederung ihm keinen Nachteil bringen;
denn ein lebendiges Ganze bestehet nur in Teilen; und dass bei diesem schönen
Ganzen die mangelhaften Teile mit strenger Unparteilichkeit bemerkt werden, ist
um so notwendiger, weil in ihnen das Fehlerhafte und Übertriebene gewöhnlich
zuerst Nachahmer findet. Zwiefaches Mass und Gewicht ist wie allentalben so auch
in der Kritik der Gerechtigkeit ein Greuel und der Sache des Ganzen äusserst
verderblich. A. d. H.
163 T. 26, S. 184.
164 Lit. Br. 52.
165 T. 27, S. 23.
166 T. 28, S. 292.
167 »Leben und Nachlass,« T. 1, S. 250.
168 »Was die Grossen nicht geben wollen, möge das Schauspiel geben.«
169 T. 29, S. 141.
170 Ankündigung der »Dramaturgie,« des reichsten kritischen Werks Lessings. Aus
dem reichsten Vorrate sind hier nur wenige Stellen gewählt, die Lessings
Charakter näher zeigen, seinen durchdringenden, schneidenden Verstand sowie
seine Billigkeit und Schonung beweiset die »Dramaturgie« von Anfangs bis zum
Ende. A. d. H.
171 »Dramat.,« St. 14.
172 Ein bekanntes Drama von Du Belloy.
173 »Dramat.,« St. 18.
174 »Dramat.,« St. 19.
175 »Dramat.,« St. 25.
176 »Dramat.,« St. 36.
177 »Dramat.,« St. 73.
178 »Dramat.,« St. 82.
179 Sollte diese bescheidne Äusserung Lessings nicht etwas ungerecht gegen ihn
selbst sein? Jeder muss sich am besten kennen, und Lessing war kein Demütiger,
der durch eine falsche Bescheidenheit ein grösseres Lob zu erjagen suchte, noch
ein Fauler, der Talente in sich ableugnete, um sie nicht brauchen zu dörfen.
Nichts aber ist trüglicher als die Meinung, die wir von uns selbst in einzelnen
Lebensperioden fassen und hegen; wir bringen die Umstände ausser uns oft zuwenig,
oft zuviel in Anschlag. Setzet Lessing in ein Land, an einen Ort, in Umstände,
unter denen die lebendige Quelle von Jugend auf sich emporarbeiten konnte, wo
ihr tausend lebendige Kräfte, ungesehen und unbemerkt, halfen: er hätte weniger
des Druckwerks, der Röhren nötig gehabt, aus sich herauszupressen, was von
selbst mit reichen, frischen, reinen Strahlen aufgeschossen wäre. Nicht die
Kritik, sondern der leere Luftraum erstickt und tötet. Er presset unter
Bedürfnissen, unter Verhältnissen, die dem Geist keinen Tropfen Erquickung
(pabulum vitae) geben, und jagt zuletzt den Verzweifelnden hie- und dortin,
allentalben am flache Wände. Lessings Lebensumstände dringen dem Verwundernden
die Frage ab, nicht, warum er nicht mehr hervorgebracht, sondern wie er in
seinen Lagen das und so viel und so kräftig habe hervorbringen können, was er
geleistet. Dazu half ihm, wie er sagt, Kritik; aber Kritik kann Kräfte nicht
geben, sondern nur regeln, ordnen. Also war die Kenntnis der Alten, die
Bekanntschaft mit fremden Sprachen, mit glücklichern Genies unter lebhaftern
Völkern in bessern Zeiten das Feuer, daran er sich wärmte, das künstliche Glas,
wodurch er sein Auge stärkte. Und wehe dem besten deutschen Kopf, der sich nicht
aus seiner in diese alte oder fremde Welt zuweilen zu setzen weiss! Er wird und
muss in die Zunft jener Geschöpfe geraten, die (siehe »Dramat.,« Bl. 22) in
deutscher Alltagskleidung, in einer engen Sphäre kümmerlicher Umstände innerhalb
ihrer vier Pfähle herumträumen. Alle wissen wir, welche Witterung es sei, die
die Senne des besten Bogens erschlafft und die gefüllteste Maschine ihrer
elektrischen Kraft sanft entladet. A. d. H.
180 »Dramat.,« St. 101 - 104.
181 O dass er gegangen wäre! damals gegangen wäre! Er lebte vielleicht noch.
182 T. 27, S. 159.
183 »Siehe, wie sehr ich ein Mann aus der alten Welt bin!«
184 Vorrede zu den »Antiquar. Briefen«.
185 »Antiqu. Br.,« 51.
186 »Antiquar. Br.,« 57.
187 »Br.,« 57.
188 T. 12, S. 169.
189 »Berengar. Turon.,« T. 13, S. 11, 12.)
190 T. 13, S. 26.
191 T. 13, S. 46.
192 »Freundschaftl. Briefwechsel,« S. 26, 37.
193 S. 52, 100.
194 »Freundschaftl. Briefwechsel,« T. 2, S. 15.
195 T. 2. S. 49.
196 T. 30, S. 167.
197 T. 30, S. 214.
198 T. 30, S. 223.
199 Beiträge zur Geschichte und Literatur aus den Schätzen der Herzogl.
Bibliotek zu Wolfenbüttel, 1773.
200 T. 30, S. 236, 237.
201 T. 30, S. 237, 238.
202 Ebengenannte Beiträge aus den Schätzen der Wolfenbüttelschen Bibliotek,
1773.
203 T. 29, S. 385.
204 Wahrscheinlich »Über die bürgerliche Gesellschaft«.
205 T. 28, S. 329.
206 Von Ramler.
207 T. 27, S. 36.
208 T. 27, S. 39.
209 Wie nimmt man sich seines eignen baufälligen Hauses an? Man bessert es
ernstlich oder reisst es nieder und bauet ein andres; in beiden Fällen aber
erkundigt man sich, was denn eigentlich Schadhaftes an ihm sei. Der Ungenannte
gab vieles dafür aus, was es nicht ist; Lessing nahm vieles, was er dafür
erkannte, gewandsweise, gymnastisch in seinen Schutz. Dies ist nicht der reine
Weg zur Wahrheit, obgleich darauf sehr viel Scharfsinn, hie und da unnötig,
angewandt worden ist. Ich kann also den Weg, den Lessing in Führung dieser
Streitigkeit nahm, nicht ganz billigen, wie er denn auch seine eigentliche
Absicht nicht erreicht hat. A. d. H.
210 T. 30, S. 309, 310.
211 T. 27, S. 42.
212 T. 30, S. 391, 392.
213 Dass es leichtsinnige sowie mutwillige Verblendungen aus gewohnten
Vorurteilen, ja aus mancherlei Leidenschaften einen bittern Hass gegen die
Wahrheit oder gegen ernste Untersuchungen der Wahrheit nicht nur geben könne,
sondern wirklich gebe, hat L. nicht leugnen wollen und auf seinem Lebenswege
selbst erfahren. A. d. H.
214 D.i. der Wahrheit immer zu nahen; denn das schliesst der Trieb nach Wahrheit
und ihr Begriff selbst ein. A.d.H.
215 T. 5, S. 145.
216 Er spricht von kleinen historischen Umständen der Geschichte des
Christentums im Anfange derselben. A.d.H.
217 T. 5, S. 160 u.f.
218 Lessing wollte damit nicht sagen, dass wir den Buchstaben, d.i. den literaren
Sinn, nach seiner wahren, zeitmässigen, ungezweifelten Bedeutung nicht
kennenlernen sollten. Eben diesen, mitin den Geist der Schriften des
Christentums, sollten wir kennenlernen. A.d.H.
219 T. 6, S. 23, 1662.
220 T. 6, S. 174 f.
221 T. 6, S. 261.
222 T. 27, S. 74-75.
223 An seinen Bruder, T. 30, S. 463.
224 T 30, S. 464.
225 T. 30, S. 471, 473.
226 T. 30, S. 490.
227 »Leben und Nachlass,« T. 1, S. 410.
228 T. 29, S. 496.
229 Auf Lob der Journale zielet dieses nicht, sondern auf die ganze Wirkung, die
L. mit seinen letzten Bemühungen zu machen hoffte und die er freilich zu kurz
nahm. Alles hat seine Wirkung getan und wird sie tun; seine »Beiträge,« seine
Schriften über die »Fragmente,« sein »Natan«: in der Hand der Vorsehung ist
nichts verloren. Nur seine Laufbahn war vor der Zeit zu Ende; er verlechzte.
230 Geschrieben den 19. Dez. 1780 (T. 28, S. 356). Der letzte seiner gedruckten
Briefe ist vom 26. Jan. 1781 (T. 29, S. 498). Er starb den 15. Febr. 1781.
231 Siehe Vorrede zum 2. T. Lessingscher Schriften, Berl. 1784.
232 »Anti-Goeze,« VI; »Lessings Schr.,« T. 6, S. 233.
233 Über das Mikrologische mancher seiner Untersuchungen sowie überhaupt über
die Bildung seines Stils hat Lessing sich frank und frei erkläret. Siehe
»Sämtliche Schriften,« B. 13, Vorr. IX, S. 390; B. 6, S. 174 f.
234 »Less. Schr.,« B, 25, S. 376
235 »Leben und Nachlass,« T. 2, S. 103.
236 Humaniora, St. 2 oder 3 des Jahrs 1796.
237 Berlin 1787.
238 »A la démarche, à l'habitude du corps ce danseur prétend connoître la
caractère dun homme. Un étranger se présente un jour dans la salle. De quel pays
êtes-vous? lui demande Marcel. Je suis Anglois. - Vous Anglois? lui réplique
Marcel: Vous seriez de cette Isle où les citoyens ont part à l'administration
publique et sont une portion de la puissance souveraine? Non, Monsieur! ce front
baissé, ce regard timide, cette démarche incertaine ne m'annoncent que l'esclave
titré d'un Electeur.« Helvétius, »De l'esprit,« Disc. II, Chap. 1, Note 2.
239 Wilson in his »Life of the King James« says: »Tough Lord Bacon had a
pension allowed him by the king, he wanted to his last; living obscurely in his
lodgings at Gray's Inn, where his lonely and desolate condition wrought upon his
ingenious and terefore ten more melancholy temper, tat he pined away. And he
had tis unhappiness after all his height of plenitude, to be denied beer to
quench his tirst. For having a sickly taste, he did not like the beer of the
house, but sent to Sir Folk Greville, Lord Brook in his neighbourhood (now and
ten) for a bottle of his beer, and after some grumbling, the butler had order
to deny him.« - »Lord Chancellor Bacon,« says Howell in his letters, »is lately
dead of a long languish illness. He died so poor, tat he scarce left monei to
bury him, which did argue no great wisdom, it being one of the essential
properties of a wise man to provide for the main chance.« Die
Niederträchtigkeiten im Faktum und Urteil sind der Übersetzung unwürdig.
241 Die französische Schrift »De la félicité publique ou considérations sur le
sort des hommes dans les différentes époques de l'histoire,« Amsterd. 1772,
behandelt ein Tema, dem nicht gnug Aufmerksamkeit gewidmet werden kann. Wozu
die Geschichte, wenn sie uns nicht das Bild der glücklichen oder unglücklichen,
der verfallenden oder sich aufrichtenden Menschheit zeigt?
242 Siehe unter hundert andern des menschlichen Levaillants neuere Reisen ins
Innere von Afrika, Berl. 1796, mit Reinhold Forsters Anmerkungen. »Nicht nur am
Vorgebürge der guten Hoffnung,« sagt dieser schätzbare Gelehrte (T. 1, S. 69),
»sondern auch in Nordamerika, an der Hudsonbay, in Senegal, am Gambia, in
Indien, kurz, allentalben, wohin Europäer kommen, betriegen sie die armen
Eingebornen im Handel. Besonders macht England, das neue Kartago, den Namen der
Europäer in allen andern Weltteilen verabscheuet.« - So Forster. Und wäre es mit
dem Betriegen allein ausgerichtet! Der Hefen von Europa hat Gärungen gemacht und
erhält Gärungen in allen Weltteilen. A.d.H.
243 Unparteiische und unübertriebene Bemerkungen darüber findet man in Reinhold
Forsters Anmerkungen wie zu mehreren, so zu Hamiltons Reise um die Welt, Berlin
1794.
244 Mit Recht nennen die französischen Geschichtschreiber die Namen derer, die
1572 zum Bartolemäusfest ihre Hände nicht bieten wollten: »... la cour ordonna
dans toutes les provinces les mêmes massacres qu'à Paris; mais plusieurs
commandants refusèrent d'obéir. Un Sr. Herem en Auvergne, un la Guiche à Macon,
un Vicomte d'Orte à Bayonne et plusieurs autres écrivirent à Charles IX la
substance de ces paroles, qu'ils périroient pour son service, mais qu'ils
n'assassineroient personne pour lui obéir.« Was diese Männer mit gesunder Hand
schrieben, zeigte der Neger.
245 Die entehrendste Negerstrafe.
246 »C'est à ce même Cardinal Espinosa que Philippe II donna le coup de la mort
par un mot de réprimande: Cardinal, lui dit-il, souvenez-vous que je suis le
Président!« [...] Espinosa en mourut de douleur quelques jours après. Dans une
syncope, qui lui prit, on se pressa tant de l'ouvrir pour l'embaumer, qu'il
porta la main au rasoir du chirurgien, et que son coereur palpita encore après
l'ouverture de l'estomac. [...] la crainte qu' on avoit que ce Cardinal ne
revînt en santé, fit hâter sa mort, pour contenter le Prince, les Grands [...].«
- »Mémoir. historiques, politiques« par Amelot de la Houssaye, T. 1, S. 210.
247 In Jamaika ist eine freie Negerrepublik, deren Unabhängigkeit im Jahr 1738
von den Engländern anerkannt und bestätigt werden musste.
248 Delaware, ein Fluss in Nordamerika. Die Quacker nennen sich, Freunde.
249 Mich dünkt, der Brief ziele hier auf eine Stelle in Homes Geschichte der
Menschheit, der es bei grossem Reichtum der Materialien in mehreren Stücken an
festen Grundsätzen mangeln dörfte. - In den meisten Kommerz- und
Eroberungsreisen werden die Völker auf gleiche Weise geschichtet A. d. H.
250 Als Dunbar, von dem einige Beiträge zur Geschichte der Menschheit auch unter
uns bekannt sind, des D. Tuckers, eines eitrigen Staatsschriftstellers, »True
Basis of Civil Government« las, sagte er: »When the benevolence of tis writer
is exaltet into charity, when the spirit of his religion« (er war ein
Geistlicher, Dechant von Bristol) »corrects the rancour of his philosophy, he
will acknowledge in the most untutored tribes some glimmerings of humanity and
some decisive indications of a moral nature.« Manchem Schriftsteller möchte man
diesen Geist der Anerkennung der Menschheit im Menschen wünschen. A. d. H.
251 Teils in seinen Pastoralschriften, teils in den Aufsätzen seines Zöglings,
des Herzogs von Bourgogne, ist dieses ersichtlich.
252 »Directions pour la Conscience d'un Roi« - nachgedruckt à la Haye 1747.
253 Überhaupt hielt er von blossen Ergötzungsschriften nicht viel; bei unsern
Urenkeln, glaubte er, wurden sie ganz ausser Mode sein. Als unter lautem Beifall
ein dergleichen Gedicht vorgelesen ward und man ihn fragte, was er von diesem
Kunstwerk denke: »Eh mais, cela est encore fort beau,« antwortete er und meinte,
dies »encore« werde nicht ewig dauern. Siehe »Eloge de St. Pierre« von
d'Alembert.
254 »OEuvres de morale et de politique« de l'Abbé de St.-Pierre (Charles Irenée
Castel), T. 1-16, Rotterd. 1741.
255 »Reise nach den Inseln Frankreich und Bourbon,« Altenb. 1774, Vorrede, S. 3.
256 »Études de la Nature,« Par. 1773. Man erwartet jetzt von ihm ein Werk,
»Harmonie de la Nature pour servir aux éléments de la Morale,« das nicht anders
als in einem guten Geist abgefasst sein kann. Während der Revolution hat er sich
weise betragen.
257 Der Lobspruch ist bekannt: »L'humanité avoit perdu ses titres; Montesquieu
les a retrouvés.« Voltairen selbst ist, was man auch dagegen sage, die
Menschheit viel schuldig. Eine Reihe von Aufsätzen zur Geschichte, zur
Philosophie und Gesetzgebung, zur Aufklärung des Verstandes u.f. bald in
spottendem, bald in lehrendem Ton sind ihr geschrieben. Seine »Alzire,«
»Zaïre« u.f. desgleichen. A.d.H.
258 »System der Gesetzgebung,« Ansbach 1784.
259 »Principi di una Scienza nunva,« zuerst herausgegeben 1725.
260 Antonio Genovesi »Politische Ökonomie« ist im Deutschen durch eine
Übersetzung bekannt; Galanti »Beschreibung beider Sizilien« desgleichen. Des
ersten Storia del Commercio della gran Bretagna von Carry und seine Lehrbücher
zeigen ebensoviel Kenntnisse als philosophischen und bürgerlich tätigen Geist.
Auch Montesquieu hat er mit Anmerkungen herausgegeben. A. d. H.
261 Hierüber hat der Verfasser dieses Briefes eine besondere Abhandlung
entworfen, die aber hieher nicht gehöret. A. d. H.
262 Dass Sammlungen von Besonderheiten des Menschengeschlechts hie und da, hierin
und darin als Register, als Repertorien zu gebrauchen sind, wollte der Verf.
dieses Briefes nicht leugnen; nur sie sind, als solche, noch keine Geschichte.
A. d. H.
263 Br. 115.
264 De Pagès, »Voyage autour du monde,« Bern 1783.
265 S. 17; 18-62.
266 S. 137-148; 155-195.
267 T. 2.
268 Unter vielen andern nenne ich G. Forsters und Levaillants, vom letzte
insonderheit seine neuere Reisen. Die Grundsätze, die in ihnen herrschen, wie
Menschen und Tiere zu betrachten und zu behandeln sind, geben eine Hodopädie,
die insonderheit den Engländern zu mangeln scheinet. Ihre Urteile über fremde
Nationen verraten immer den divisum toto orbe Britannum, wo nicht gar den
monarchischen Kaufmann; da ein Reisebeschreiber eigentlich kein ausschliessendes
Vaterland haben müsste A. d H.
269 Wer könnte es besser als Reinhold Forster geben? auch nur, wenn er ein schon
gedrucktes Verzeichnis von Reisebeschreibungen mit seinen Urteilen begleiten
wollte. A. d. H.
270 Vom ehrlichen Dobritzhofer erzählt in seiner »Geschichte der Abiponer,« T.
1, S. 113, Wien 1783. Eine ähnliche erzählt er S. 83 u.f., die eine gleiche
Darstellung verdiente.
271 So heisst bei den Paraguayern die Morgenröte.
272 Einer unsrer Dichter versuchte es mit Cortes; er hörte aber weislich auf.
273 Von der Denkart der Römer hierüber in ihren besten Zeiten lese man den
Lipsius, doctrina politica mit ihrem Kommentar, den Grotius, »Der iure belli et
pacis« oder auch den guten Montaigne, Buch 1, Kapitel 5, Kapitel 6. Sie ist für
unsre Zeiten sehr beschämend. A.d.H.
274 Loskiels Missionsgeschichte in Nordamerika, S. 160.
275 Diese und einige der folgenden Beilagen sind aus einer kleinen Schrift von
vier Bogen gezogen, »Reden al Hallils,« Stendal 1781. Der Verfasser, den ich zu
kennen wünschte, verzeihet gewiss, dass sie hier in einer veränderten Gestalt
erscheinen A. d. H.
277 Pinto, Über die Handelseifersucht; übersetzt in der »Sammlung von Aufsätzen,
die grösstenteils wichtige Punkte der Staatswirtschaft betreffen«. Liegnitz 1776.
Der Verfasser erstgenannter Abhandlung hat ihr folgende Stelle aus Bulion
vorgesetzt: »Diese Zeiten, wo der Mensch sein Erbteil verliert, diese
barbarischen Jahrhunderte, wo alles umkommt, haben jederzeit den Krieg zu ihrem
Vorläufer und fangen mit Hungersnot und Entvölkerung an. Der Mensch, der nur
durch die Menge etwas vermag, der bloss in der Vereinigung und Verbindung mit
seinesgleichen stark ist, der nicht anders als durch den Frieden glücklich ist,
hat die Wut, sich zu seinem Unglück zu bewaffnen und zu seinem Untergange zu
streiten. Gereizt durch einen unersättlichen Geiz, verblendet durch eine noch
unersättlichere Ehrsucht, entsagt er den Empfindungen der Menschlichkeit, wendet
alle seine Kräfte gegen sich selbst an, bemühet sich, einer den andern zugrunde
zu richten, und verursacht endlich seinen wirklichen Untergang Und nach diesen
Blut- und Mordtagen, wenn der Nebel des Ruhms verschwunden ist, so sieht er mit
einem traurigen Auge die Erde verwüstet, die Künste begraben, die Nationen
geschwächt, sein eigen Glück zugrunde und seine wahre Macht vernichtet.«
278 Lauter Ausdrücke der Amerikaner bei ihren Friedensschlüssen und bei der
Einweihung ihrer Friedensfrau.
279 Al Hallil nennet ihn Houmana.
280 »Ancient Metaphysics,« Band 3, Lond. 1784. Dieser Teil des grossen Werks wäre
wegen der gesammleten Tatsachen eines deutschen Auszuges gewiss wert. A. d. H.
281 Unter vielen andern erinnere ich hier abermals An Levaillants neuere Reise.
Der Unterschied, den er zwischen Nationen, die von Europäern verderbt sind oder
misshandelt werden, und zwischen autonomischen Völkern bemerkt, ist schneidend.
Seine Grundsätze, wie mit diesen umzugeben sei, sind auf der ganzen Erde
anwendbar.
282 Von der sogenannten Erbsünde ist hier nicht die Rede; denn diese ist
Krankheit. A. d. H.
283 »Essai sur la Science« 1796, vom Herrn Koadjutor von Dalberg. In diesem
Entwurf sowohl als in der Schrift »Vom Bewusstsein als allgemeinem Grunde der
Weltweisheit« (Erfurt 1793), in den »Betrachtungen über das Universum« (Erfurt
1777) und in jedem kleinsten Aufsatz ist das Tema dieser Schrift, »l'unité,
composée de l'infini,« Inhalt und Sinnbild und »le caractère vrai, pur,
énergique et moral« Charakter.
 
    