
        
                              Deutscher Idealismus
              Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
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                            Johann Gottfried Herder
              Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
                                   Erster Teil
- Quem the Deus esse
Jussit et humana qua parte locatus es in re
Disce -
                                                                           Pers.
                        Lerne, wer du nach Gottes Willen sein sollst und an
                        welchen Platz in der Menschheit du gestellt bist.
                                                             Persius, »Satiren«,
                                                           3. Satire, Vers 71-73
 
                                    Vorrede
    Als ich vor zehn Jahren die kleine Schrift »Auch eine Philosophie der
Geschichte zur Bildung der Menschheit« herausgab, sollte das »Auch« dieses
Titels wohl nichts weniger als ein »Anch'io son pittore« sagen. Es sollte
vielmehr, wie auch der Zusatz »Beitrag zu vielen Beiträgen des Jahrhunderts« und
das untergesetzte Motto zeigte, eine Note der Bescheidenheit sein, dass der
Verfasser diese Schrift für nichts minder als für eine vollständige Philosophie
der Geschichte unsres Geschlechts gebe, sondern dass er neben so vielen gebahnten
Wegen, die man immer und immer betrat, auch auf einen kleinen Flusssteg wiese,
den man zur Seite liegenliess und der doch auch vielleicht eines Ideenganges wert
wäre. Die hie und da im Buch zitierten Schriften zeigen gnugsam, welches die
betretnen und ausgetretnen Wege waren, von denen der Verfasser ablenken wollte;
und so sollte sein Versuch nichts als ein fliegendes Blatt, ein Beitrag zu
Beiträgen sein, welches auch seine Gestalt weiset.
    Die Schrift war bald vergriffen, und ich ward zu einer neuen Ausgabe
derselben ermuntert; unmöglich aber konnte diese neue Ausgabe sich jetzt in
ihrer alten Gestalt vors Auge des Publikums wagen. Ich hatte es bemerkt, dass
einige Gedanken meines Werkchens, auch ohne mich zu nennen, in andre Bücher
übergegangen und in einem Umfange angewandt waren, an den ich nicht gedacht
hatte. Das bescheidne »Auch« war vergessen; und doch war mir es nie eingefallen,
mit den wenigen allegorischen Worten: Kindheit, Jugend, das männliche, das hohe
Alter unseres Geschlechts, deren Verfolg nur auf wenige Völker der Erde
angewandt und anwendbar war, eine Heerstrasse auszuzeichnen, auf der man auch nur
die Geschichte der Kultur, geschweige die Philosophie der ganzen
Menschengeschichte mit sicherm Fuss ausmessen könnte. Welches Volk der Erde
ist's, das nicht einige Kultur habe? Und wie sehr käme der Plan der Vorsehung zu
kurz, wenn zu dem, was wir Kultur nennen und oft nur verfeinte Schwachheit
nennen sollten, jedes Individuum des Menschengeschlechts geschaffen wäre? Nichts
ist unbestimmter als dieses Wort, und nichts ist trüglicher als die Anwendung
desselben auf ganze Völker und Zeiten. Wie wenige sind in einem kultivierten
Volk kultiviert? Und worin ist dieser Vorzug zu setzen? Und wiefern trägt er zu
ihrer Glückseligkeit bei? Zur Glückseligkeit einzelner Menschen nämlich; denn
dass das Abstraktum ganzer Staaten glücklich sein könne, wenn alle einzelne
Glieder in ihm leiden, ist Widerspruch oder vielmehr nur ein Scheinwort, das
sich auf den ersten Blick als ein solches blossgiebet.
    Also musste viel tiefer angefangen und der Kreis der Ideen viel weiter
gezogen werden, wenn die Schrift einigermassen ihres Titels wert sein sollte. Was
ist Glückseligkeit der Menschen? Und wiefern findet sie auf unsrer Erde statt?
Wiefern findet sie, bei der grossen Verschiedenheit aller Erdwesen und am meisten
der Menschen, allentalben statt, unter jeder Verfassung, in jedem Klima, bei
allen Revolutionen der Umstände, Lebensalter und Zeiten? Gibt es einen Massstab
dieser verschiednen Zustände, und hat die Vorsehung aufs Wohlsein ihrer
Geschöpfe in allen diesen Situationen als auf ihren letzten und Hauptendzweck
gerechnet? Alle diese Fragen mussten untersucht, sie mussten durch den wilden Lauf
der Zeiten und Verfassungen verfolgt und berechnet werden, ehe ein allgemeines
Resultat fürs Ganze der Menschheit herausgebracht werden konnte. Hier war also
ein weites Feld zu durchlaufen und in einer grossen Tiefe zu graben Gelesen hatte
ich so ziemlich alles, was darüber geschrieben war, und von meiner Jugend an war
jedes neue Buch, das über die Geschichte der Menschheit erschien und worin ich
Beiträge zu meiner grossen Aufgabe hoffte, wie ein gefundener Schatz. Ich freuete
mich, dass in den neuern Jahren diese Philosophie mehr emporkam, und nutzte jede
Beihülfe, die mir das Glück verschafte.
    Ein Autor, der sein Buch darstellt, gibt, wenn dies Gedanken entält, die
er, wo nicht erfand (denn wie weniges lässt sich in unsrer Zeit eigentliches
Neues erfinden?), so doch wenigstens fand und sich eigen machte, ja, in denen er
jahrelang wie im Eigentum seines Geistes und Herzens lebte: ein Autor dieser
Art, sage ich, gibt mit seinem Buch, es möge dies schlecht oder gut sein,
gewissermasse einen Teil seiner Seele dem Publikum preis. Er offenbaret nicht
nur, womit sich sein Geist in gewissen Zeiträumen und Angelegenheiten
beschäftigte, was er für Zweifel und Auflösungen im Gange seines Lebens fand,
mit denen er sich bekümmerte oder aufhalf, sondern er rechnet auch (denn was in
der Welt hätte es sonst für Reiz, Autor zu werden und die Angelegenheiten seiner
Brust einer wilden Menge mitzuteilen?), er rechnet auf einige, vielleicht
wenige, gleichgestimmte Seelen, denen im Labyrint ihrer Jahre diese oder
ähnliche Ideen wichtig wurden. Mit ihnen bespricht er sich unsichtbar und teilt
ihnen seine Empfindungen mit, wie er, wenn sie weiter vorgedrungen sind, ihre
besseren Gedanken und Belehrungen erwartet. Dies unsichtbare Commercium der
Geister und Herzen ist die einzige und grösseste Wohltat der Buchdruckerei, die
sonst den schriftstellerischen Nationen ebensoviel Schaden als Nutzen gebracht
hätte. Der Verfasser dachte sich in den Kreis derer, die wirklich ein Interesse
daran finden, worüber er schrieb, und bei denen er also ihre teilnehmenden, ihre
bessern Gedanken hervorlocken wollte. Dies ist der schönste Wert der
Schriftstellerei, und ein gutgesinneter Mensch wird sich viel mehr über das
freuen, was er erweckte, als was er sagte. Wer daran denkt, wie gelegen ihm
selbst zuweilen dies oder jenes Buch, ja auch nur dieser oder jener Gedanke
eines Buches kam, welche Freude es ihm verschafte, einen andern, von ihm
entfernten und doch in seiner Tätigkeit ihm nahen Geist auf seiner eignen oder
einer bessern Spur zu finden, wie uns oft ein solcher Gedanke jahrelang
beschäftigt und weiterführet: der wird einem Schriftsteller, der zu ihm spricht
und ihm sein Inneres mitteilet, nicht als einen Lohndiener, sondern als einen
Freund betrachten, der auch mit unvollendeten Gedanken zutraulich hervortritt,
damit der erfahrnere Leser mit ihm denke und sein Unvollkommenes der
Vollkommenheit näher führe.
    Bei einem Tema wie das meinige: Geschichte der Menschheit, Philosophie
ihrer Geschichte, ist, wie ich glaube, eine solche Humanität des Lesers eine
angenehme und erste Pflicht. Der da schrieb, war Mensch, und du bist Mensch, der
du liesest. Er konnte irren und hat vielleicht geirret: du hast Kenntnisse, die
jener nicht hat und haben konnte; gebrauche also, was du kannst, und siehe
seinen guten Willen an; lass es aber nicht beim Tadel, sondern bessere und baue
weiter. Mit schwacher Hand legte er einige Grundsteine zu einem Gebäude, das nur
Jahrhunderte vollführen können, vollführen werden: glücklich, wenn alsdenn diese
Steine mit Erde bedeckt und wie der, der sie dahin trug, vergessen sein werden,
wenn über ihnen oder gar auf einem andern Platz nur das schönere Gebäude selbst
dastehet.
    Doch ich habe mich unvermerkt zu weit von dem entfernt, worauf ich anfangs
ausging; es sollte nämlich die Geschichte sein, wie ich zur Bearbeitung dieser
Materie gekommen und unter ganz andern Beschäftigungen und Pflichten auf sie
zurückgekommen bin. Schon in ziemlich frühen Jahren, da die Auen der
Wissenschaften noch in alle dem Morgenschmuck vor mir lagen, von dem uns die
Mittagssonne unsres Lebens so viel entziehet, kam mir oft der Gedanke ein: ob
denn, da alles in der Welt seine Philosophie und Wissenschaft habe, nicht auch
das, was uns am nächsten angeht, die Geschichte der Menschheit, im ganzen und
grossen eine Philosophie und Wissenschaft haben sollte? Alles erinnerte mich
daran, Metaphysik und Moral, Physik und Naturgeschichte, die Religion endlich am
meisten. Der Gott, der in der Natur alles nach Mass, Zahl und Gewicht geordnet,
der darnach das Wesen der Dinge, ihre Gestalt und Verknüpfung, ihren Lauf und
ihre Erhaltung eingerichtet hat, so dass vom grossen Weltgebäude bis zum
Staubkorn, von der Kraft, die Erden und Sonnen hält, bis zum Faden eines
Spinnegewebes nur eine Weisheit, Güte und Macht herrschet, Er, der auch im
menschlichen Körper und in den Kräften der menschlichen Seele alles so wunderbar
und göttlich überdacht hat, dass, wenn wir dem Allein-Weisen nur fernher
nachzudenken wagen, wir uns in einem Abgrunde seiner Gedanken verlieren: wie,
sprach ich zu mir, dieser Gott sollte in der Bestimmung und Einrichtung unsres
Geschlechts im ganzen von seiner Weisheit und Güte ablassen und hier keinen Plan
haben? Oder er sollte uns denselben verbergen wollen, da er uns in der
niedrigern Schöpfung, die uns weniger angeht, so viel von den Gesetzen seines
ewigen Entwurfs zeigte? Was ist das menschliche Geschlecht im ganzen als eine
Herde ohne Hirten? Oder, wie jener klagende Weise sagt: »Lässest du sie gehen
wie Fische im Meer und wie Gewürm, das keinen Herrn hat?« - Oder hatten sie
nicht nötig, den Plan zu wissen? Ich glaube es wohl; denn welcher Mensch
übersiehet nur den kleinen Entwurf seines eignen Lebens? Und doch sieht er, so
weit er sehen soll, und weiss gnug, um seine Schritte zu leiten; indessen, wird
nicht auch eben dieses Nichtwissen zum Vorwande grosser Missbräuche? Wie viele
sind, die, weil sie keinen Plan sehen, es geradezu leugnen, dass irgendein Plan
sei, oder die wenigstens mit scheuem Zittern daran denken und zweifelnd glauben
und glaubend zweifeln. Sie wehren sich mit Macht, das menschliche Geschlecht
nicht als einen Ameishaufen zu betrachten, wo der Fuss eines Stärkern, der
unförmlicherweise selbst Ameise ist, Tausende zertritt, Tausende in ihren
klein-grossen Unternehmungen zernichtet, ja wo endlich die zwei grössten Tyrannen
der Erde, der Zufall und die Zeit, den ganzen Haufen ohne Spur fortführen und
den leeren Platz einer andern fleissigen Zunft überlassen, die auch so
fortgeführt werden wird, ohne dass eine Spur bleibe. - Der stolze Mensch wehret
sich, sein Geschlecht als eine solche Brut der Erde und als einen Raub der
alleszerstörenden Verwesung zu betrachten; und dennoch, dringen Geschichte und
Erfahrung ihm nicht dieses Bild auf? Was ist denn Ganzes auf der Erde vollführt?
Was ist auf ihr Ganzes? Sind also die Zeiten nicht geordnet, wie die Räume
geordnet sind? Und beide sind ja die Zwillinge eines Schicksals. Jene sind voll
Weisheit; diese voll scheinbarer Unordnung; und doch ist offenbar der Mensch
dazu geschaffen, dass er Ordnung suchen, dass er einen Fleck der Zeiten übersehen,
dass die Nachwelt auf die Vergangenheit bauen soll: denn dazu hat er Erinnerung
und Gedächtnis. Und macht nun nicht eben dies Bauen der Zeiten aufeinander das
Ganze unsres Geschlechts zum unförmlichen Riesengebäude, wo einer abträgt, was
der andre anlegte, wo stehenbleibt, was nie hätte gebauet werden sollen, und in
Jahrhunderten endlich alles ein Schutt wird, unter dem, je brüchiger er ist, die
zaghaften Menschen desto zuversichtlicher wohnen? - Ich will die Reihe solcher
Zweifel nicht fortsetzen und die Widersprüche des Menschen mit sich selbst,
untereinander und gegen die ganze andre Schöpfung nicht verfolgen. Gnug, ich
suchte nach einer Philosophie der Geschichte der Menschheit, wo ich suchen
konnte.
    Ob ich sie gefunden habe? Darüber mag dieses Werk, aber noch nicht sein
erster Teil entscheiden. Dieser entält nur die Grundlage, teils im allgemeinen
Überblick unsrer Wohnstätte, teils im Durchgange der Organisationen, die unter
und mit uns das Licht dieser Sonne geniessen. Niemanden, hoffe ich, wird dieser
Gang zu fern hergeholt und zu lang dünken: denn da, um das Schicksal der
Menschheit aus dem Buch der Schöpfung zu lesen, es keinen andern als ihn gibt,
so kann man ihn nicht sorgsam, nicht vielbetrachtend gnug gehen. Wer bloss
metaphysische Spekulationen will, hat sie auf kürzerm Wege; ich glaube aber, dass
sie, abgetrennt von Erfahrungen und Analogien der Natur, eine Luftfahrt sind,
die selten zum Ziel führet. Gang Gottes in der Natur, die Gedanken, die der
Ewige uns in der Reihe seiner Werke tätlich dargelegt hat: sie sind das heilige
Buch, an dessen Charakteren ich zwar minder als ein Lehrling, aber wenigstens
mit Treue und Eifer buchstabiert habe und buchstabieren werde. Wäre ich so
glücklich, nur einem meiner Leser etwas von dem süssen Eindruck mitzuteilen, den
ich über die ewige Weisheit und Güte des unerforschten Schöpfers in seinen
Werken mit einem Zutrauen empfunden habe, dem ich keinen Namen weiss, so wäre
dieser Eindruck von Zuversicht das sichere Band, mit welchem wir uns im Verfolg
des Werks auch in die Labyrinte der Menschengeschichte wagen könnten. Überall
hat mich die grosse Analogie der Natur auf Wahrheiten der Religion geführt, die
ich nur mit Mühe unterdrücken musste, weil ich sie mir selbst nicht zum voraus
rauben und Schritt vor Schritt nur dem Licht treu bleiben wollte, das mir von
der verborgenen Gegenwart des Urhebers in seinen Werken allentalben zustrahlet.
Es wird ein um so grösseres Vergnügen für meine Leser und für mich sein, wenn
wir, unsern Weg verfolgend, dies dunkelstrahlende Licht zuletzt als Flamme und
Sonne werden aufgehen sehen.
    Niemand irre sich daher auch daran, dass ich zuweilen den Namen der Natur
personifiziert gebrauche. Die Natur ist kein selbständiges Wesen, sondern Gott
ist alles in seinen Werken; indessen wollte ich diesen hochheiligen Namen, den
kein erkenntliches Geschöpf ohne die tiefste Ehrfurcht nennen sollte, durch
einen öftern Gebrauch, bei dem ich ihm nicht immer Heiligkeit gnug verschaffen
konnte, wenigstens nicht missbrauchen. Wem der Name »Natur« durch manche
Schriften unsres Zeitalters sinnlos und niedrig geworden ist, der denke sich
statt dessen jene allmächtige Kraft, Güte und Weisheit und nenne in seiner Seele
das unsichtbare Wesen, das keine Erdensprache zu nennen vermag.
    Ein gleiches ist's, wenn ich von den organischen Kräften der Schöpfung rede;
ich glaube nicht, dass man sie für qualitates occultas ansehen werde, da wir ihre
offenbaren Wirkungen vor uns sehen und ich ihnen keinen bestimmtern, reinern
Namen zu geben wusste. Ich behalte mir über sie und über manche andre Materien,
die ich nur winkend anzeigen musste, künftig eine weitere Erörterung vor.
    Und freue mich dagegen, dass meine Schülerarbeit in Zeiten trifft, da in so
manchen einzelnen Wissenschaften und Kenntnissen, aus denen ich schöpfen musste,
Meisterhände arbeiten und sammlen. Von diesen bin ich gewiss, dass sie den
exoterischen Versuch eines Fremdlings in ihren Künsten nicht verachten, sondern
verbessern werden: denn ich habe es immer bemerkt, dass, je reeller und
gründlicher eine Wissenschaft ist, desto weniger herrscht eitler Zank unter
denen, die sie anbauen und lieben. Sie überlassen das Wortgezänk den
Wortgelehrten In den meisten Stücken zeigt mein Buch, dass man anjetzt noch keine
Philosophie der menschlichen Geschichte schreiben könne, dass man sie aber
vielleicht am Ende unsres Jahrhunderts oder Jahrtausends schreiben werde.
    Und so lege ich, grosses Wesen, Du unsichtbarer hoher Genius unsers
Geschlechts, das unvollkommenste Werk, das ein Sterblicher schrieb und in dem er
Dir nachzusinnen, nachzugehen wagte, zu Deinen Füssen. Seine Blätter mögen
verwehn und seine Charaktere zerstieben; auch die Formen und Formeln werden
zerstieben, in denen ich Deine Spur sah und für meine Menschenbrüder
auszudrücken strebte; aber Deine Gedanken werden bleiben, und Du wirst sie
Deinem Geschlecht von Stufe zu Stufe mehr entüllen und in herrlichern Gestalten
darlegen. Glücklich, wenn alsdenn diese Blätter im Strom der Vergessenheit
untergegangen sind und dafür hellere Gedanken in den Seelen der Menschen leben.
Weimar, den 23. April 1784
                                                                          Herder
 
Quid non miracolo est, cum primum in notitiam venit? Quam multa fieri non posse,
priusquam sint facta, indicantur? Naturae vero rerum vis atque maiestas in
omnibus momentis fide caret, si quis modo partes eius ac non totam complectatur
animo.
                                                                           Plin.
Was gilt nicht als Wunder, wenn es das erstemal bekannt wird? Wieviel hält man,
bevor es geschieht, für unmöglich? Der Gewalt und Majestät der Natur wird
wahrlich in jedem Moment misstraut, wenn man nur ihre Teile und nicht das Ganze
mit dem Geiste umfasst.
                                                     Plinius, »Naturgeschichte«,
                                                        8. Buch, 1. Kap., § 6 f.
 
                                  Erstes Buch
                                       I
                     Unsre Erde ist ein Stern unter Sternen
    Vom Himmel muss unsre Philosophie der Geschichte des menschlichen Geschlechts
anfangen, wenn sie einigermassen diesen Namen verdienen soll. Denn da unser
Wohnplatz, die Erde, nichts durch sich selbst ist, sondern von himmlischen,
durch unser ganzes Weltall sich erstreckenden Kräften ihre Beschaffenheit und
Gestalt, ihr Vermögen zur Organisation und Erhaltung der Geschöpfe empfängt, so
muss man sie zuvörderst nicht allein und einsam, sondern im Chor der Welten
betrachten, unter die sie gesetzt ist. Mit unsichtbaren, ewigen Banden ist sie
an ihren Mittelpunkt, die Sonne, gebunden, von der sie Licht, Wärme, Leben und
Gedeihen erhält. Ohne diese könnten wir uns unser Planetensystem nicht denken,
sowenig ein Zirkel ohne Mittelpunkt stattfindet; mit ihr und den wohltätigen
Anziehungskräften, womit sie und alle Materie das ewige Wesen begabt hat, sehen
wir in ihrem Reich nach einfachen schönen und herrlichen Gesetzen Planeten sich
bilden, sich um ihre Achse und um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt in
Räumen, die mit ihrer Grösse und Dichtigkeit im Verhältnis sind, munter und
unablässig umherdrehn; ja nach eben diesen Gesetzen sich um einige derselben
Monde bilden und von ihnen festgehalten werden. Nichts gibt einen so erhabnen
Blick als diese Einbildung des grossen Weltgebäudes, und der menschliche Verstand
hat vielleicht nie einen weitern Flug gewagt und zum Teil glücklich vollendet,
als da er in Kopernikus, Kepler, Newton, Huygens und Kant1 die einfachen, ewigen
und vollkommenen Gesetze der Bildung und Bewegung der Planeten aussann und
feststellte.
    Mich dünkt, es ist Hemsterhuis, der es beklagt, dass dies erhabene
Lehrgebäude auf den ganzen Kreis unsrer Begriffe die Wirkung nicht tue, die es,
wenn es zu den Zeiten der Griechen mit matematischer Genauigkeit festgestellt
wäre, auf den gesamten menschlichen Verstand würde getan haben. Wir begnügen uns
meistens, die Erde als ein Staubkorn anzusehen, das in jenem grossen Abgrunde
schwimmt, wo Erden um die Sonne, wo diese Sonne mit tausend andern um ihren
Mittelpunkt und vielleicht mehrere solche Sonnensysteme in zerstreuten Räumen
des Himmels ihre Bahnen vollenden, bis endlich die Einbildungskraft sowohl als
der Verstand in diesem Meer der Unermesslichkeit und ewigen Grösse sich verliert
und nirgend Ausgang und Ende findet. Allein das blosse Erstaunen, das uns
vernichtigt, ist wohl kaum die edelste und bleibendste Wirkung. Der in sich
selbst überall allgnugsamen Natur ist das Staubkorn so wert als ein
unermessliches Ganze. Sie bestimmte Punkte des Raums und des Daseins, wo Welten
sich bilden sollten, und in jedem dieser Punkte ist sie mit ihrer
unzertrennlichen Fülle von Macht, Weisheit und Güte so ganz, als ob keine andre
Punkte der Bildung, keine andre Weltatomen wären. Wenn ich also das grosse
Himmelsbuch aufschlage und diesen unermesslichen Palast, den allein und überall
nur die Gotteit zu erfüllen vermag, vor mir sehe, so schliesse ich, so
ungeteilt, als ich kann, vom Ganzen aufs Einzelne, vom Einzelnen aufs Ganze. Es
war nur eine Kraft, die die glänzende Sonne schuf und mein Staubkorn an ihr
erhält; nur eine Kraft, die eine Milchstrasse von Sonnen sich vielleicht um den
Sirius bewegen lässt und die in Gesetzen der Schwere auf meinem Erdkörper wirket.
Da ich nun sehe, dass der Raum, den diese Erde in unserm Sonnentempel einnimmt,
die Stelle, die sie mit ihrem Umlauf bezeichnet, ihre Grösse, ihre Masse, nebst
allem, was davon abhängt, durch Gesetze bestimmt ist, die im Unermesslichen
wirken, so werde ich, wenn ich nicht gegen das Unendliche rasen will, nicht nur
auf dieser Stelle zufrieden sein und mich freuen, dass ich auf ihr ins
harmoniereiche Chor zahlloser Wesen getreten, sondern es wird auch mein
erhabenstes Geschäft sein, zu fragen, was ich auf dieser Stelle sein soll und
vermutlich nur auf ihr sein kann. Fände ich auch in dem, was mir das
Eingeschränkteste und Widrigste scheint, nicht nur Spuren jener grossen bildenden
Kraft, sondern auch offenbaren Zusammenhang des Kleinsten mit dem Entwurf des
Schöpfers ins Ungemessene hinaus, so wird es die schönste Eigenschaft meiner
Gott nachahmenden Vernunft sein, diesem Plan nachzugehen und mich der
himmlischen Vernunft zu fügen. Auf der Erde werde ich also keine Engel des
Himmels suchen, deren keinen mein Auge je gesehen hat; aber Erdbewohner,
Menschen, werde ich auf ihr finden wollen und mit allem vorliebnehmen, was die
grosse Mutter hervorbringt, trägt, nährt, duldet und zuletzt liebreich in ihren
Schoss aufnimmt. Ihre Schwestern, andre Erden, mögen sich andrer, auch vielleicht
herrlicherer Geschöpfe rühmen und freuen können; gnug, auf ihr lebt, was auf ihr
leben kann. Mein Auge ist für den Sonnenstrahl in dieser und keiner andern
Sonnenentfernung, mein Ohr für diese Luft, mein Körper für diese Erdmasse, alle
meine Sinne aus dieser und für diese Erdorganisation gebildet: demgemäss wirken
auch meine Seelenkräfte; der ganze Raum und Wirkungskreis meines Geschlechts ist
also so festbestimmt und umschrieben als die Masse und Bahn der Erde, auf der
ich mich ausleben soll; daher auch in vielen Sprachen der Mensch von seiner
Mutter Erde den Namen führet. Je in einen grössern Chor der Harmonie, Güte und
Weisheit aber diese meine Mutter gehört, je fester und herrlicher die Gesetze
sind, auf der ihr und aller Welten Dasein ruhet, je mehr ich bemerke, dass in
ihnen alles aus einem folgt und eins zu allem dienet, desto fester finde ich
auch mein Schicksal nicht an den Erdenstaub, sondern an die unsichtbaren Gesetze
geknüpft, die den Erdenstaub regieren. Die Kraft, die in mir denkt und wirkt,
ist ihrer Natur nach eine so ewige Kraft als jene, die Sonnen und Sterne
zusammenhält; ihr Werkzeug kann sich abreiben, die Sphäre ihrer Wirkung kann
sich ändern, wie Erden sich abreiben und Sterne ihren Platz ändern; die Gesetze
aber, durch die sie da ist und in andern Erscheinungen wiederkommt, ändern sich
nie. Ihre Natur ist ewig wie der Verstand Gottes, und die Stützen meines Daseins
(nicht meiner körperlichen Erscheinung) sind so fest als die Pfeiler des
Weltalls. Denn alles Dasein ist sich gleich, ein unteilbarer Begriff, im
Grössesten sowohl als im Kleinsten auf einerlei Gesetze gegründet. Der Bau des
Weltgebäudes sichert also den Kern meines Daseins, mein inneres Leben, auf
Ewigkeiten hin. Wo und wer ich sein werde, werde ich sein, der ich jetzt bin,
eine Kraft im System aller Kräfte, ein Wesen in der unabsehlichen Harmonie einer
Welt Gottes.
 
                                       II
                  Unsre Erde ist einer der mittleren Planeten
    Die Erde hat zwei Planeten, den Merkur und die Venus, unter sich, den Mars
(und wenn vielleicht über ihm noch einer versteckt ist), den Jupiter, Saturn,
Uranus über sich, und was für andre noch da sein mögen, bis sich der regelmässige
Wirkungskreis der Sonne verliert und die exzentrische Bahn des letzten Planeten
in die wilde Ellipse der Kometenbahnen hinüberspringet. Sie ist also ein
Mittelgeschöpf, so wie der Stelle nach, so auch an Grösse, an Verhältnis und
Dauer ihres Umschwungs um sich und ihres Umlaufs um die Sonne; jedes Äusserste,
das Grösseste und Kleinste, das Schnellste und Langsamste, ist zu beiden Seiten
von ihr entfernt. So wie nun unsre Erde zur astronomischen Übersicht des Ganzen
vor andern Planeten eine bequeme Stelle hat2, so wäre es schön, wenn wir nur
einige Glieder dieses erhabnen Sternenverhältnisses näher kennten. Eine Reise in
den Jupiter, die Venus oder auch nur in unsern Mond würde uns über die Bildung
unsrer Erde, die doch mit ihnen nach einerlei Gesetzen entstanden ist, über das
Verhältnis unsrer Erdegeschlechter zu den Organisationen andrer Weltkörper von
einer höhern oder von einer tiefern Art, vielleicht gar über unsere zukünftige
Bestimmung so manchen Aufschluss geben, dass wir nun kühner aus der Beschaffenheit
von zwei oder drei Gliedern auf den Fortgang der ganzen Kette schliessen könnten.
Die einschränkende, festbestimmende Natur hat uns diese Aussicht versaget. Wir
sehen den Mond an, betrachten seine ungeheuren Klüfte und Berge; den Jupiter und
bemerken seine wilden Revolutionen und Streifen; wir sehen den Ring des Saturns,
das rötliche Licht des Mars, das sanftere Licht der Venus und rätseln daraus,
was wir glücklich oder unglücklich daraus zu ersehen meinen. In den Entfernungen
der Planeten herrscht Proportion; auch auf die Dichtigkeit ihrer Masse hat man
wahrscheinliche Schlüsse gefolgert und damit ihren Schwung, ihren Umlauf in
Verbindung zu bringen gesucht: alles aber nur matematisch, nicht physisch, weil
uns ausser unsrer Erde ein zweites Glied der Vergleichung fehlet. Das Verhältnis
ihrer Grösse, ihres Schwunges, ihres Umlaufs z.B. zu ihrem Sonnenwinkel hat noch
keine Formel gefunden, die auch hier alles aus einem und demselben
kosmogonischen Gesetz erkläre. Noch weniger ist uns bekannt, wie weit ein jeder
Planet in seiner Bildung fortgerückt sei, und am wenigsten wissen wir von der
Organisation und dem Schicksal seiner Bewohner. Was Kircher und Swedenborg davon
geträumt, was Fontenelle darüber gescherzt, was Huygens, Lambert und Kant davon,
jeder auf seine Weise, gemutmasst haben, sind Erweise, dass wir davon nichts
wissen können, nichts wissen sollen. Wir mögen mit unsrer Schätzung herauf- oder
herabsteigen, wir mögen die vollkommenern Geschöpfe der Sonne nah oder ihr fern
setzen, so bleibt alles ein Traum, der durch den Mangel der Fortschreitung in
der Verschiedenheit der Planeten beinah Schritt vor Schritt gestört wird und uns
zuletzt nur das Resultat gibt, dass überall wie hier Einheit und Mannigfaltigkeit
herrsche, dass aber unser Mass des Verstandes sowie, unser Winkel des Anblicks uns
zur Schätzung des Fort-oder Zurückganges durchaus keinen Massstab gebe. Wir sind
nicht im Mittelpunkt, sondern im Gedränge; wir schiffen wie andre Erden im Strom
umher und haben kein Mass der Vorgleichung.
    Dörfen und sollen wir indes aus unserm Standpunkt zur Sonne, dem Quell alles
Lichts und Lebens in unserer Schöpfung, vor- und rückwärts schliessen, so ist
unsrer Erde das zweideutige goldne Los der Mittelmässigkeit zuteil worden, die
wir wenigstens zu unserm Trost als eine glückliche Mitte träumen mögen. Wenn
Merkur den Schwung um seine Achse, mitin seine Tag- und Nachtrevolution,
vielleicht in 6 Stunden, sein Jahr in 88 Tagen vollbringt und sechsmal stärker
von der Sonne erleuchtet wird als wir; wenn Jupiter dagegen seine weite Bahn um
die Sonne in 11 Jahren und 313 Tagen vollendet und dennoch seine Tag- und
Nachtzeit in weniger als 10 Stunden zurücklegt; wenn der alte Saturn, dem das
Licht der Sonne hundertmal schwächer scheinet, kaum in 30 Jahren um die Sonne
kommt und abermals sich vielleicht in 7 Stunden um seine Achse drehet: so sind
wir mittlere Planeten, Erde, Mars und Venus, von mittlerer Natur. Unser Tag ist
wenig voneinander, von den Tagen der andern aber so sehr verschieden als
umgekehrt unsre Jahre. Auch der Tag der Venus ist beinah 24 Stunden, des Mars
nicht 25 lang. Das Jahr der ersten ist von 224, des letzten von 1 Jahr und 322
Tagen, ob er gleich 3 1/2 mal kleiner als die Erde und um mehr als die Hälfte
von der Sonne entfernt ist. Weiterhin gehen die Verhältnisse der Grösse, des
Umschwungs, der Entfernung kühn auseinander. Auf einen der drei Mittelplaneten
hat uns also die Natur gesetzt, auf denen auch ein mittleres Verhältnis und eine
abgewogenere Proportion so wie der Zeiten und Räume, so vielleicht auch der
Bildung ihrer Geschöpfe zu herrschen scheinet. Das Verhältnis unsrer Materie zu
unserm Geist ist vielleicht so aufwiegend gegeneinander als die Länge unsrer
Tage und Nächte. Unsre Gedankenschnelligkeit ist vielleicht im Mass des
Umschwunges unsres Planeten um sich selbst und um die Sonne zu der Schnelligkeit
oder Langsamkeit andrer Sterne, so wie unsre Sinne offenbar im Verhältnis der
Feinheit von Organisation stehen, die auf unsrer Erde fortkommen konnte und
sollte. Zu beiden Seiten hinaus gibt es wahrscheinlich die grössesten
Divergenzen. Lasset uns also, solange wir hier leben, auf nichts als auf den
mittelmässigen Erdeverstand und auf die noch viel zweideutigere Menschentugend
rechnen. Wenn wir mit Augen des Merkurs in die Sonne sehen und auf seinen
Flügeln um sie fliegen könnten; wenn uns mit der Raschheit des Saturns und
Jupiters um sich selbst zugleich ihre Langsamkeit, ihr weiter, grosser Umfang
gegeben wäre oder wenn wir auf dem Haar der Kometen, der grössesten Wärme und
Kälte gleich empfängig, durch die weiten Regionen des Himmels schiffen könnten:
denn dörften wir von einem andern, weitern oder engern, als dem proportionierten
Mittelgleise menschlicher Gedanken und Kräfte reden. Nun aber, wo und wie wir
sind, wollen wir diesem milde proportionierten Gleise treu bleiben; er ist
unserer Lebensdauer wahrscheinlich gerade recht.
    Es ist eine Aussicht, die auch die Seele des trägsten Menschen erwecken
kann, wenn wir uns einst auf irgendeine Weise im allgemeinen Genuss dieser uns
jetzt versagten Reichtümer der bildenden Natur gedenken, wenn wir uns
vorstellen, dass vielleicht, nachdem wir zur Summe der Organisation unsres
Planeten gelangt sind, ein Wandelgang auf mehr als einem andern Stern das Los
und der Fortschritt unsres Schicksals sein könnte oder dass es endlich vielleicht
gar unsre Bestimmung wäre, mit allen zur Reife gelangten Geschöpfen so vieler
und verschiedener Schwesterwelten Umgang zu pflegen. Wie bei uns unsere Gedanken
und Kräfte offenbar nur aus unsrer Erdorganisation Leimen und sich so lange zu
verändern und zu verwandeln streben, bis sie etwa zu der Reinigkeit und Feinheit
gediehen sind, die diese unsre Schöpfung gewähren kann, so wird's, wenn die
Analogie unsre Führerin sein darf, auf andern Sternen nicht anders sein: und
welche reiche Harmonie lässet sich gedenken, wenn so verschieden gebildete Wesen
alle zu einem Ziel wallen3 und sich einander ihre Empfindungen und Erfahrungen
mitteilen. Unser Verstand ist nur ein Verstand der Erde, aus Sinnlichkeiten, die
uns hier umgeben, allmählich gebildet; so ist's auch mit den Trieben und
Neigungen unsres Herzens; eine andre Welt kennet ihre äusserlichen Hülfsmittel
und Hindernisse wahrscheinlich nicht. Aber die letzten Resultate derselben
sollte sie nicht kennen? Gewiss! alle Radien streben auch hier zum Mittelpunkt
des Kreises. Der reine Verstand kann überall nur Verstand sein, von welchen
Sinnlichkeiten er auch abgezogen worden; die Energie des Herzens wird überall
dieselbe Tüchtigkeit, d. i. Tugend, sein, an welchen Gegenständen sie sich auch
geübet habe. Also ringet wahrscheinlich auch hier die grösseste Mannigfaltigkeit
zur Einheit, und die allumfassende Natur wird ein Ziel haben, wo sie die edelste
Bestrebungen so vielartiger Geschöpfe vereinige und die Blüten aller Welt
gleichsam in einen Garten sammle. Was physisch vereinigt ist, warum sollte es
nicht auch geistig und moralisch vereinigt sein, da Geist und Moralität auch
Physik sind und denselben Gesetzen, die doch zuletzt alle vom Sonnensystem
abhangen, nur in einer höhern Ordnung, dienen? Wäre es mir also erlaubt, die
allgemeine Beschaffenheit der mancherlei Planeten auch in der Organisation und
im Leben ihrer Bewohner mit den verschiednen Farben eines Sonnenstrahls oder mit
den verschiednen Tönen einer Tonleiter zu vergleichen, so würde ich sagen, dass
sich vielleicht das Licht der einen Sonne des Wahren und Guten auch auf jeden
Planeten verschieden breche, so dass sich noch keiner derselben ihres ganzen
Genusses rühmen könnte. Nur weil eine Sonne sie alle erleuchtet und sie alle auf
einem Plan der Bildung schweben, so ist zu hoffen, sie kommen alle, jeder auf
seinem Wege, der Vollkommenheit näher und vereinigen sich einst vielleicht, nach
mancherlei Wandelgängen, in einer Schule des Guten und Schönen. Jetzt wollen wir
nur Menschen sein, d. i. ein Ton, eine Farbe in der Harmonie unsrer Sterne. Wenn
das Licht, das wir geniessen, auch der milden grünen Farbe zu vergleichen wäre,
so lasset sie uns nicht für das reine Sonnenlicht, unsern Verstand und Willen
nicht für die Handhaben des Universum halten; denn wir sind offenbar mit unsrer
ganzen Erde nur ein kleiner Bruch des Ganzen.
 
                                      III
Unsre Erde ist vielerlei Revolutionen durchgegangen, bis sie das, was sie jetzt
                                  ist, worden
    Den Beweis dieses Satzes giebet sie selbst, auch schon durch das, was sie
auf und unter ihrer Oberfläche (denn weiter sind die Menschen nicht gekommen)
zeigt. Das Wasser hat überschwemmt und Erdlagen, Berge, Täler gebildet; das
Feuer hat gewütet, Erdrinden zersprengt, Berge emporgehoben und die geschmolznen
Eingeweide des Innern hervorgeschüttet; die Luft, in der Erde eingeschlossen,
hat Höhlen gewölbt und den Ausbruch jener mächtigen Elemente befördert; Winde
haben auf ihrer Oberfläche getobet, und eine noch mächtigere Ursache hat sogar
ihre Zonen verändert. Vieles hievon ist in Zeiten geschehen, da es schon
organisierte und lebendige Kreaturen gab; ja hie und da scheint es mehr als
einmal, hier schneller, dort langsamer, geschehen zu sein, wie fast allentalben
und in so grosser Höhe und Tiefe die versteinten Tiere und Gewächse zeigen. Viele
dieser Revolutionen gehen eine schon gebildete Erde an und können also
vielleicht als zufällig betrachtet werden; andre scheinen der Erde wesentlich zu
sein und haben sie ursprünglich selbst gebildet. Weder über jene noch über diese
(sie sind aber schwer zu trennen) haben wir bisher eine vollständige Teorie;
schwerlich können wir sie auch über jene haben, weil sie gleichsam historischer
Natur sind und von zu viel kleinen Lokalursachen abhängen mögen. Über diese
aber, über die ersten wesentlichen Revolutionen unsrer Erde, wünschte ich, dass
ich eine Teorie erlebte. Ich hoffe, ich werde es; denn obgleich die Bemerkungen
aus verschiedenen Weltteilen lange noch nicht vielseitig und genau genug sind,
so scheinen mir doch sowohl die Grundsätze und Bemerkungen der allgemeinen
Physik als die Erfahrungen der Chemie und des Bergbaues dem Punkt nahe, wo
vielleicht ein glücklicher Blick mehrere Wissenschaften vereinigt und also eine
durch die andere erkläret. Gewiss ist Buffon nur der Descartes dieser Art mit
seinen kühnen Hypotesen, den bald ein Kepler und Newton durch rein
zusammenstimmende Tatsachen übertreffen und widerlegen möge. Die neuen
Entdeckungen, die man über Wärme, Luft, Feuer und ihre mancherlei Wirkungen auf
die Bestandteile, auf Komposition und Dekomposition unsrer Erdwesen gemacht hat,
die simpeln Grundsätze, auf die die elektrische, zum Teil auch die magnetische
Materie gebracht ist, scheinen mir dazu wo nicht nahe, so doch entferntere
Vorschritte zu sein, dass vielleicht mit der Zeit durch einen neuen Mittelbegriff
es einem glücklichen Geist gelingen wird, unsre Geogonie so einfach zu erklären,
als Kepler und Newton das Sonnengebäude darstellten. Es wäre schön, wenn hiemit
manche als qualitates occultae bisher angenommene Naturkräfte auf erwiesene
physische Wesen reduziert werden könnten.
    Wie dem auch sei, so ist wohl unleugbar, dass die Natur auch hier ihren
grossen Schritt gehalten und die grösseste Mannigfaltigkeit aus einer ins
Unendliche fortgehenden Simplizität gewähret habe. Eh unsre Luft, unser Wasser,
unsre Erde hervorgebracht werden konnte, waren mancherlei einander auflösende,
niederschlagende stamina nötig; und die vielfachen Gattungen der Erde, der
Gesteine, der Kristallisationen, gar der Organisation in Muscheln, Pflanzen,
Tieren, zuletzt im Menschen, wieviel Auflösungen und Revolutionen des einen in
das andre setzten die voraus! Da die Natur nun allentalben auch jetzt noch
alles ans dem Feinsten, Kleinesten hervorbringt und, indem sie auf unser Zeitmass
gar nicht rechnet, die reichste Fülle mit der engsten Sparsamkeit mitteilet, so
scheint dieses auch, selbst nach der Mosaischen Tradition, ihr Gang gewesen zu
sein, da sie zur Bildung oder vielmehr zu Ausbildung und Entwicklung der
Geschöpfe den ersten Grund legte. Die Masse wirkender Kräfte und Elemente, aus
der die Erde ward, entielt wahrscheinlich als Chaos alles, was auf ihr werden
sollte und konnte. In periodischen Zeiträumen entwickelte sich aus geistigen und
körperlichen staminibus die Luft, das Feuer, das Wasser, die Erde. Mancherlei
Verbindungen des Wassers, der Luft, des Lichts mussten vorhergegangen sein, ehe
der Same der ersten Pflanzenorganisation, etwa das Moos, hervorgehen konnte.
Viele Pflanzen mussten hervorgegangen und gestorben sein, ehe eine
Tierorganisation ward; auch bei dieser gingen Insekten, Vögel, Wasser- und
Nachttiere den gebildetern Tieren der Erde und des Tages vor, bis endlich nach
allen die Krone der Organisation unsrer Erde, der Mensch, auftrat, Mikrokosmus.
Er, der Sohn aller Elemente und Wesen, ihr erlesenster Inbegriff und gleichsam
die Blüte der Erdenschöpfung, konnte nicht anders als das letzte Schosskind der
Natur sein, zu dessen Bildung und Empfang viele Entwickelungen und Revolutionen
vorhergegangen sein mussten.
    Indessen war's ebenso natürlich, dass auch er noch viele erlebte, und da die
Natur nie von ihrem Werk ablässt, noch weniger einem Zärtling zugut dasselbe
vernachlässigt oder verspätet, so musste die Austrocknung und Fortbildung der
Erde, ihr innerer Brand. Überschwemmungen, und was sonst daraus folgte, noch
lange und oft fortdauern, auch da Menschen auf Erden lebten. Selbst die älteste
Schrifttradition weiss noch von Revolutionen dieser Art, und wir werden späterhin
sehen, was diese fürchterlichen Erscheinungen der ersten Zeit beinah aufs ganze
menschliche Geschlecht für starke Wirkungen gemacht haben. Jetzt sind
Umwälzungen dieser ungeheuren Gattung seltner, weil die Erde ausgebildet oder
vielmehr alt ist; nie aber können und werden sie unserm Geschlecht und Wohnplatz
ganz fremde werden. Es war ein unphilosophisches Geschrei, das Voltaire bei
Lissabons Sturz anhub, da er beinah lästernd die Gotteit deswegen anklagte.
Sind wir uns selbst nicht und alle das Unsre, selbst unsern Wohnplatz, die Erde,
den Elementen schuldig? Wenn diese, nach immer fortwirkenden Naturgesetzen,
periodisch aufwachen und das Ihre zurücke fodern; wenn Feuer und Wasser, Luft
und Wind, die unsre Erde bewohnbar und fruchtbar gemacht haben, in ihrem Lauf
fortgehn und sie zerstören; wenn die Sonne, die uns so lang als Mutter erwärmte,
die alles Lebende auferzog und an goldenen Seilen um ihr erfreuendes Antlitz
lenkte, wenn sie die alternde Kraft der Erde, die sich nicht mehr zu halten und
fortzutreiben vermag, nun endlich in ihren brennenden Schoss zöge: was geschähe
anders, als was nach ewigen Gesetzen der Weisheit und Ordnung geschehen musste?
Sobald in einer Natur voll veränderlicher Dinge Gang sein muss, so bald muss auch
Untergang sein, scheinbarer Untergang nämlich, eine Abwechselung von Gestalten
und Formen. Nie aber trifft dieser das Innere der Natur, die, über allen Ruin
erhaben, immer als Phönix aus ihrer Asche ersteht und mit jungen Kräften blühet.
Schon die Bildung unsres Wohnhauses und aller Stoffe, die es hergeben konnte,
muss uns also auf die Hinfälligkeit und Abwechselung aller Menschengeschichte
bereiten; mit jeder nähern Ansicht erblicken wir diese mehr und mehr.
 
                                       IV
   Unsre Erde ist eine Kugel, die sich um sich selbst und gegen die Sonne in
                           schiefer Richtung beweget
    Wie der Zirkel die vollkommenste Figur ist, indem er unter allen Gestalten
die grösseste Fläche in der leichtesten Konstruktion einschliesst und bei der
schönsten Einfalt die reichste Mannigfaltigkeit mit sich führet, so ist unsre
Erde, so sind alle Planeten und Sonnen als Kugelgestalten, mitin als Entwürfe
der einfachsten Fülle, des bescheidensten Reichtums aus den Händen der Natur
geworfen. Erstaunen muss man über die Vielheit der Abänderungen, die auf unsrer
Erde wirklich sind, noch mehr erstaunen aber über die Einheit, der diese
unbegreifliche Mannigfaltigkeit dienet. Es ist ein Zeichen der tiefen nordischen
Barbarei, in der wir die Unsrigen erziehen, dass wir ihnen nicht von Jugend auf
einen tiefen Eindruck dieser Schöne, der Einheit und Mannigfaltigkeit auf unsrer
Erde, geben. Ich wünschte, mein Buch erreichte nur einige Striche zu Darstellung
dieser grossen Aussicht, die mich seit meiner frühesten Selbstbildung erfasst hat
und mich zuerst auf das weite Meer freier Begriffe führte. Sie ist mir auch so
lang heilig, als ich diesen alles umwölbenden Himmel über und diese alles
fassende, sich selbst umkreisende Erde unter mir sehe.
    Unbegreiflich ist's, wie Menschen so lange den Schatten ihrer Erde im Monde
sehen konnten, ohne zugleich es tief zu fühlen, dass alles auf ihr Umkreis, Rad
und Veränderung sei. Wer, der diese Figur je beherzigt hätte, wäre hingegangen,
die ganze Welt zu einem Wortglauben in Philosophie und Religion zu bekehren oder
sie dafür mit dumpfem, aber heiligem Eifer zu morden? Alles ist auf unsrer Erde
Abwechselung einer Kugel: kein Punkt dem andern gleich, kein Hemisphär dem
andern gleich, Ost und West so sehr einander entgegen als Nord und Süd. Es ist
eingeschränkt, diese Abwechselung bloss der Breite nach berechnen zu wollen, etwa
weil die Länge weniger ins Auge fällt, und nach einem alten ptolemäischen
Fachwerk von Klimaten auch die Menschengeschichte zu teilen. Den Alten war die
Erde minder bekannt; jetzt kann sie uns zu allgemeiner Übersicht und Schätzung
mehr bekannt sein als allein durch nord- und südliche Grade.
    Alles ist auf der Erde Veränderung: hier gilt kein Einschnitt, keine
notdürftige Abteilung eines Globus oder einer Karte. Wie sich die Kugel dreht,
drehen sich auch auf ihr die Köpfe wie die Klimaten; Sitten und Religionen wie
die Herzen und Kleider. Es ist eine unsägliche Weisheit darin, nicht, dass alles
so vielfach, sondern dass auf der runden Erde alles noch so ziemlich unison
geschaffen und gestimmt ist. In diesem Gesetz: viel mit einem zu tun und die
grösseste Mannigfaltigkeit an ein zwangloses Einerlei zu knüpfen, liegt eben der
Apfel der Schönheit.
    Ein sanftes Gewicht knüpfte die Natur an unsern Fuss, um uns diese Einheit
und Stetigkeit zu geben: es heisst in der Körperwelt Schwere, in der Geisterwelt
Trägheit. Wie alles zum Mittelpunkt drängt und nichts von der Erde hinweg kann,
ohne dass es je von unserm Willen abhange, ob wir darauf leben und sterben
wollen, so ziehet die Natur auch unsern Geist von Kindheit auf mit starken
Fesseln jeden an sein Eigentum, d. i. an seine Erde (denn was hätten wir endlich
anders zum Eigentum als diese?). Jeder liebt sein Land, seine Sitten, seine
Sprache, sein Weib, seine Kinder, nicht weil sie die Besten auf der Welt,
sondern weil sie die bewährten Seinigen sind und er in ihnen sich und seine Mühe
selbst liebt. So gewöhnet sich jeder auch an die schlechteste Speise, an die
härteste Lebensart, an die roheste Sitte des rauhesten Klima und findet zuletzt
in ihm Behaglichkeit und Ruhe. Selbst die Zugvögel nisten, wo sie geboren sind,
und das schlechteste, rauheste Vaterland hat oft für den Menschenstamm, der sich
daran gewöhnte, die ziehendsten Fesseln.
    Fragen wir also: »Wo ist das Vaterland der Menschen? Wo ist der Mittelpunkt
der Erde?«, so wird überall die Antwort sein können: »Hier, wo du stehest!«, es
sei nahe dem beeisten Pol oder gerade unter der brennenden Mittagssonne.
Überall, wo Menschen leben können, leben Menschen, und sie können fast überall
leben. Da die grosse Mutter auf unsrer Erde kein ewiges Einerlei hervorbringen
konnte noch mochte, so war kein andres Mittel, als dass sie das ungeheuerste
Vielerlei hervortrieb und den Menschen aus einem Stoff webte, dies grosse
Vielerlei zu ertragen. Späterhin werden wir eine schöne Stufenleiter finden, wie
sich, nachdem die Kunst der Organisation in einem Geschöpf zunimmt, auch die
Fähigkeit desselben vermehret, mancherlei Zustände auszudauern und sich nach
jedem derselben zu bilden. Unter allen diesen veränderlichen, ziehbaren,
empfänglichen Geschöpfen ist der Mensch das empfänglichste: die ganze Erde ist
für ihn gemacht, er für die ganze Erde.
    Lasset uns also, wenn wir über die Geschichte unsres Geschlechts
philosophieren wollen, soviel möglich alle enge Gedankenformen, die aus der
Bildung eines Erdstrichs, wohl gar nur einer Schule genommen sind, verleugnen.
Nicht was der Mensch bei uns ist oder gar was er nach den Begriffen irgendeines
Träumers sein soll, sondern was er überall auf der Erde und doch zugleich in
jeglichem Strich besonders ist, d. i., wozu ihn irgend nur die reiche
Mannigfaltigkeit der Zufälle in den Händen der Natur bilden konnte: das lasset
uns auch als Absicht der Natur betrachten. Wir wollen keine Lieblingsgestalt,
keine Lieblingsgegend für ihn suchen und finden; wo er ist, ist er der Herr und
Diener der Natur, ihr liebstes Kind und vielleicht zugleich ihr aufs härteste
gehaltner Sklave. Vorteile und Nachteile, Krankheiten und Übel sowie neue Arten
des Genusses, der Fülle, des Segens erwarten überall seiner, und nachdem die
Würfel dieser Umstände und Beschaffenheiten fallen, nachdem wird er werden.
    Durch eine leichte, für uns noch unerklärbare Ursache hat die Natur diese
Mannigfaltigkeit der Geschöpfe auf Erden nicht nur befördert, sondern auch
eingeschränkt und festgestellet: es ist der Winkel unsrer Erdachse zum
Sonnenäquator. In den Gesetzen der Kugelbewegung liegt er nicht: Jupiter hat ihn
nicht, dieser stehet senkrecht auf der Hahn zur Sonne. Mars hat ihn wenig, die
Venus dagegen ungeheuer spitz, und auch der Saturn mit seinem Ringe und seinen
Monden drückt sich seitwärts nieder. Welche unendliche Verschiedenheit der
Jahreszeiten und Sonnenwirkung wird dadurch in unserm Sternensystem veranlasst!
Unsre Erde ist auch hier ein geschontes Kind, eine mittlere Gesellin: der
Winkel, mit dem sie eingesenkt ist, beträgt noch nicht 24 Grade. Ob sie ihn von
jeher gehabt, davon darf jetzt noch keine Frage sein; gnug, sie hat ihn. Der
unnatürliche, wenigstens uns unerklärliche Winkel ist ihr eigen geworden und hat
sich seit Jahrtausenden nicht verändert; er scheinet auch zu dem, was jetzt die
Erde und auf ihr das Menschengeschlecht sein soll, notwendig. Mit ihm nämlich,
mit dieser schiefen Richtung zur Ekliptik, werden bestimmt abwechselnde Zonen,
die die ganze Erde bewohnbar machen, vom Pol bis zum Äquator, vom Äquator wieder
zum Pol hin. Die Erde muss sich regelmässig beugen, damit auch Gegenden, die sonst
in kimmerischer Kälte und Finsternis lägen, den Strahl der Sonne sehn und zur
Organisation geschickt werden. Da uns nun die lange Erdgeschichte zeigt, dass auf
alle Revolutionen des menschlichen Verstandes und seiner Wirkungen das
Verhältnis der Zonen viel Einfluss gehabt (denn weder aus dem kältesten noch
heissesten Erdgürtel sind jemals die Wirkungen aufs Ganze erfolgt, die die
gemässigte Zone hervorbrachte), so sehen wir abermals, mit welchem feinen Zuge
der Finger der Allmacht alle Umwälzungen und Schattierungen auf der Erde
umschrieben und bezirkt hat. Nur eine kleine andre Richtung der Erde zur Sonne,
und alles auf ihr wäre anders.
    Abgemessne Mannigfaltigkeit also ist auch hier das Gesetz der bildenden Kunst
des Weltschöpfers. Es war ihm nicht gnug, dass die Erde in Licht und Schatten,
dass das menschliche Leben in Tag und Nacht verteilt würde; auch das Jahr unsers
Geschlechts sollte abwechseln, und nur einige Tage erliess er uns am Herbst und
Winter. Hiernach wurde auch die Länge und Kürze des menschlichen Lebens, mitin
das Mass unsrer Kräfte, die Revolutionen des menschlichen Alters, die
Abwechselungen unsrer Geschäfte, Phänomene und Gedanken, die Nichtigkeit oder
Dauer unsrer Entschlüsse und Taten bestimmt; denn alles dies, werden wir sehen,
ist zuletzt an dies einfache Gesetz der Tages- und Jahreszeiten gebunden. Lebte
der Mensch länger, wäre die Kraft, der Zweck, der Genuss seines Lebens weniger
wechselnd und zerstreut, eilte nicht die Natur so periodisch mit ihm, wie sie
mit allen Erscheinungen der Jahreszeiten um ihn eilet, so fände freilich zwar
weder die grosse Extension des Menschenreichs auf der Erde und noch weniger das
Gewirre von Szenen statt, das uns jetzt die Geschichte darbeut; auf einem
schmaleren Kreise der Bewohnung aber wirkte wahrscheinlich unsre Lebenskraft
inniger, stärker, fester. Jetzt ist der Inhalt des Predigerbuchs das Symbol
unserer Erde: alles hat seine Zeit, Winter und Sommer, Herbst und Frühling,
Jugend und Alter, Wirken und Ruhe. Unter unsrer schräge gehenden Sonne ist alles
Tun der Menschen Jahresperiode.
 
                                       V
   Unsre Erde ist mit einem Dunstkreise umhüllet und ist im Konflikt mehrerer
                               himmlischen Sterne
    Reine Luft zu atmen, sind wir nicht fähig, da wir eine so zusammengesetzte
Organisation sind, ein Inbegriff fast aller Organisationen der Erde, deren erste
Bestandteile vielleicht alle aus der Luft niedergeschlagen wurden und durch
Übergänge aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare traten. Wahrscheinlich war, als
unsre Erde ward, die Luft das Zeughaus der Kräfte und Stoffe ihrer Bildung; und
ist sie es nicht noch? Wie manche einst unbekannte Dinge sind in den neuern
Jahren entdeckt worden, die alle im Medium der Luft wirken. Die elektrische
Materie und der magnetische Strom, das Brennbare und die Luftsäure, erkältende
Salze und vielleicht Lichtteile, die die Sonne nur anregt: lauter mächtige
Prinzipien der Naturwirkungen auf der Erde; und wie manche andre werden noch
entdeckt werden! Die Luft beschwängert und löset auf; sie sauget ein, macht
Gärungen und schlägt nieder. Sie scheint also die Mutter der Erdgeschöpfe sowie
der Erde selbst zu sein, das allgemeine Vehikel der Dinge, die sie in ihren
Schoss ziehet und aus ihrem Schoss forttreibt.
    Es bedarf keiner Demonstration, dass auch in die feinsten und geistigsten
Bestimmungen aller Erdgeschöpfe die Atmosphäre mit einfliesse und wirke; mit und
unter der Sonne ist sie gleichsam die Mitregentin der Erde, wie sie einst ihre
Bildnerin gewesen. Welch ein allgemeiner Unterschied würde sich ereignen, wenn
unsre Luft eine andre Elastizität und Schwere, andre Reinigkeit und Dichtigkeit
gehabt, wenn sie ein andres Wasser, eine andre Erde niedergeschlagen hätte und
in andern Einflüssen auf die Organisation der Körper wirkte! Gewiss ist dieses
der Fall auf andern Planeten, die sieh in andern Luftregionen gebildet haben;
daher auch jeder Schluss von Substanzen und Erscheinungen unsrer Erde auf die
Eigenschaften jener so misslich ist. Auf dieser war Prometeus Schöpfer; er
formte aus niedergeschlagnem weichen Ton und holte aus der Höhe so viel lichte
Funken und geistige Kräfte, als er in dieser Sonnenentfernung und in einer
spezifisch so und nicht anders schweren Masse habhaft werden konnte.
    Auch die Verschiedenheit der Menschen sowie aller Produkte der Erdkugel muss
sich also nach der spezifischen Verschiedenheit des Mediums richten, in dem wir
wie im Organ der Gotteit leben. Hier kommt es nicht bloss auf Einteilung der
Zonen nach Hitze und Kälte, nicht bloss auf Leichtigkeit und Schwere des
drückenden Luftkörpers, sondern unendlich mehr auf die mancherlei wirksamen
geistigen Kräfte an, die in ihr treiben, ja deren Inbegriff eben vielleicht alle
ihre Eigenschaften und Phänomene ausmacht. Wie der elektrische und magnetische
Strom unsre Erde umfliesst; welche Dünste und Dämpfe hier oder dort aufsteigen;
wohin sie treiben; worin sie sich verwandeln; was sie für Organisationen
gebären; wie lange sie diese erhalten; wie sie sie auflösen: das alles gibt
sichtbare Schlüsse auf die Beschaffenheit und Geschichte jeglicher Menschenart;
denn der Mensch ist ja wie alles andre ein Zögling der Luft und im ganzen Kreise
seines Daseins aller Erdorganisationen Bruder.
    Mich dünkt, wir gehen einer neuen Welt von Kenntnissen entgegen, wenn sich
die Beobachtungen, die Boyle, Boerhaave, Hales, Gravesand, Franklin, Priestlei,
Black, Crawford, Wilson, Achard u. a. über Hitze und Kälte, Elektrizität und
Luftarten samt andern chemischen Wesen und ihren Einflüssen ms Erd-und
Pflanzenreich, in Tiere und Menschen gemacht haben, zu einem Natursystem sammlen
werden. Würden mit der Zeit diese Beobachtungen so vielfach und allgemein, als
die zunehmende Erkenntnis mehrerer Erdstriche und Erdprodukte zulässt, bis das
wachsende Studium der Natur gleichsam eine allverbreitete freie Akademie
stiftete, die sich mit verteilter Aufmerksamkeit, aber in einem Geist des
Wahren, Sichern, Nützlichen und Schönen die Einflüsse dieser Wesen hie und da,
auf dies und jenes bemerkte, so werden wir endlich eine geographische Aerologie
erhalten und dies grosse Treibhaus der Natur in tausend Veränderung nach einerlei
Grundgesetzen wirken sehen. Die Bildung der Menschen an Körper und Geist wird
sich mit daraus erklären, zu deren Gemälde uns jetzt nur einzelne, jedoch zum
Teil sehr deutliche Schattenzüge gegeben sind.
    Aber die Erde ist nicht allein da im Universum; auch auf ihre Atmosphäre,
auf dies grosse Behältnis wirkender Kräfte, wirken andre Himmelswesen. Die Sonne,
der ewige Feuerhall, regt sie mit seinen Strahlen; der Mond, dieser drückende
schwere Körper, der vielleicht gar in ihrer Atmosphäre hangt, drückt sie jetzt
mit seinem kalten und finstern, jetzt mit seinem von der Sonne erwärmten
Antlitz. Bald ist er vor, bald hinter ihr; jetzt ist sie der Sonne näher, jetzt
ferner. Andre Himmelskörper nahen sich ihr, drängen auf ihre Bahn und
modifizieren ihre Kräfte. Das ganze Himmelssystem ist ein Streben gleich- oder
ungleichartiger, aber mit grosser Stärke getriebner Kugeln gegeneinander; und nur
die eine grosse Idee der Allmacht ist's, die dies Getriebe gegeneinander wog und
ihnen in ihrem Kampf beistehet. Der menschliche Verstand hat auch hier im
weitesten Labyrint strebender Kräfte einen Faden gefunden und beinah
Wunderdinge geleistet, zu denen ihm der so unregelmässige, von zwei
entgegengesetzten Druckwerken getriebne und glücklicherweise uns so nahe Mond
die grösseste Förderung gab. Werden einst alle diese Bemerkungen und ihre
Resultate auf die Veränderungen unsrer Luftkugel angewandt werden, wie sie bei
der Ebbe und Flut schon angewandt sind; wird ein vieljähriger Fleiss an
verschiednen Orten der Erde mit Hülfe zarter Werkzeuge, die zum Teil schon
erfunden sind, fortfahren, die Revolutionen dieses himmlischen Meers nach Zeiten
und Lagen zu ordnen und zu einem Ganzen zu bilden, so wird, dünkt mich, die
Astrologie aufs neue in der ruhmwürdigsten, nützlichsten Gestalt unter unsern
Wissenschaften erscheinen, und was Toaldo anfing, wozu de Luc, Lambert, Tobias
Mayer, Böckmann u. a. Grundsätze oder Beihülfe gaben, das wird vielleicht (und
gewiss mit grossem Blick auf Geographie und Geschichte der Menschheit) ein
Gatterer vollenden.
    Gnug, wir werden und wachsen, wir wallen und streben unter oder in einem
Meer zum Teil bemerkter, zum Teil geahneter Himmelskräfte. Wenn Luft und
Witterung so vieles über uns und die ganze Erde vermögen, so war's auch
vielleicht im Grössern hier ein elektrischer Funke, der in diesem menschlichen
Geschöpf reiner traf, dort eine Portion entzündbaren Zunders, die sich in jenem
gewaltiger ballte, hier eine Masse mehrerer Kälte und Heiterkeit, dort ein
sanftes, milderndes flüssiges Wesen, was uns die grössesten Perioden und
Revolutionen der Menschheit bestimmt und geändert hat. Nur der allgegenwärtige
Blick, unter dem nach ewigen Gesetzen sich auch dieser Teig bildet, nur er
ist's, der in dieser physischen Kräftewelt jedem Punkt des Elements, jedem
springenden Funken und Äterstrahl seine Stelle, seine Zeit, seinen
Wirkungskreis zeichnet, um ihn mit andern entgegengesetzten Kräften zu mischen
und zu mildern.
 
                                       VI
  Der Planet, den wir bewohnen, ist ein Erdgebürge, das über die Wasserfläche
                                   hervorragt
    Der simple Anblick einer Weltkarte bestätigt dieses. Ketten von Gebürgen
sind's, die das feste Land nicht nur durchschneiden, sondern die auch offenbar
als das Gerippe dastehn, an und zu dem sich das Land gebildet hat. In Amerika
läuft das Gebürge längst dem westlichen Ufer durch den Istmus hinauf. Es geht
quer hin, wie sich das Land ziehet; wo es mehr in die Mitte tritt, wird auch das
Land breiter; bis es sich über Neumexiko in unbekannten Gegenden verlieret.
Wahrscheinlich geht es auch hier nicht nur höher hinauf bis zu den Eliasbergen
fort, sondern hängt auch in der Breite mit mehreren, insonderheit den Blauen
Bergen zusammen, so wie in Südamerika, wo das Land breiter wird, auch Berge sich
nörd- und östlich hinziehn. Amerika ist also, selbst seiner Figur nach, ein
Erdstrich, an seine Berge gehängt und gleichsam an ihren Fuss ebner oder
schroffer hinangebildet.
    Die drei andern Weltteile geben einen zusammengesetztern Anblick, weil ihr
grosser Umfang im Grunde nur ein Weltteil ist; indessen ist's auch bei ihnen ohne
Mühe kennbar, dass der Erdrücken Asiens der Stamm der Gebürge sei, die sich über
diesen Weltteil und über Europa, vielleicht auch über Afrika, wenigstens über
seinen obern Teil, verbreiten. Der Atlas ist eine Fortstreckung der asiatischen
Gebürge, die in der Mitte des Landes nur eine grössere Höhe gewinnen und sich
durch die Bergreihen am Nil wahrscheinlich mit den Mondsgebürgen binden. Ob
diese Mondsgebürge der Höhe und Breite nach ein wirklicher Erdrücken sein, muss
die Zukunft lehren. Die Grösse des Landes und einige zerstückte Nachrichten
sollten es zu vermuten geben; indessen scheint eben auch die proportionierte
Wenigkeit und Kleinheit der Flüsse dieses Erdstrichs, die uns bekannt sind, noch
nicht eben dafür zu entscheiden, dass seine Höhe ein wahrer Erdgürtel sei wie der
asiatische Ural oder die amerikanischen Cordilleras. Gnug, auch in diesen
Weltteilen ist offenbar das Land den Gebürgen angebildet. Alle seine Strecken
laufen parallel den Asten der Berge; wo diese sich breiten und verästigen,
breiten sich auch die Länder. Dies gilt bis auf Vorgebürge, Inseln und
Halbinseln: das Land streckt seine Arme und Glieder, wie sich das Geripp der
Gebürge streckt; es ist also nur eine mannigfaltige, in mancherlei Schichten und
Erdlagen an sie angebildete Masse, die endlich bewohnbar worden.
    Auf die Fortleitung der ersten Gebürge kam's also an, wie die Erde als
festes Land dastehen sollte; sie scheinen gleichsam der alte Kern und die
Strebepfeiler der Erde zu sein, auf welche Wasser und Luft nur ihre Last
ablegten, bis endlich eine Pflanzstätte der Organisation herabgedachet und
geebnet ward. Aus dem Umschwung einer Kugel sind diese ältesten Gebürgketten
nicht zu erklären, sie sind nicht in der Gegend des Äquators, wo der
Kugelschwung am grössesten war; sie laufen demselben auch nicht einmal parallel,
vielmehr geht die amerikanische Bergreihe gerade durch den Äquator. Wir dürfen
also von diesen matematischen Bezirkungen hier kein Licht fodern, da überhaupt
auch die höchsten Berge und Bergreihen gegen die Masse der Kugel in ihrer
Bewegung ein unbedeutendes Nichts sind. Ich halte es also auch nicht für gut, in
Namen der Gebürgketten Ähnlichkeit mit dem Äquator und den Meridianen zu
substituieren, da zwischen beiden kein wahrer Zusammenhang stattfindet und die
Begriffe damit eher irregeführt würden. Auf ihre ursprüngliche Gestalt,
Erzeugung und Fortstreckung, auf ihre Höhe und Breite, kurz, auf ein physisches
Naturgesetz kommt es an, das uns ihre Bildung und mit derselben auch die Bildung
des festen Landes erkläre. Ob sich nun ein solches physisches Naturgesetz finden
liesse, ob sie als Strahlen aus einem Punkt oder als Äste aus einem Stamm oder
als winklichte Hufeisen dastehn und was sie, da sie als nackte Gebürge, als ein
Gerippe der Erde hervorragten, für eine Bildungsregel hatten: dies ist die
wichtige, bisher noch unaufgelösete Frage, der ich eine gnugtuende Auflösung
wünschte. Wohlverstanden nämlich, dass ich hier nicht von herangeschwemmten
Bergen, sondern vom ersten Grund- und Urgebürge der Erde rede.
    Gnug, wie sich die Gebürge zogen, streckten sich auch die Länder. Asien ward
zuerst bewohnbar, weil es die höchsten und breitesten Bergketten und auf seinem
Rücken eine Ebne besass, die nie das Meer erreicht hat. Hier war also nach aller
Wahrscheinlichkeit irgend in einem glückseligen Tal am Fuss und im Busen der
Gebürge der erste erlesene Wohnsitz der Menschen. Von da breiteten sie sich
südlich in die schönen und fruchtbaren Ebnen längst den Strömen hinab; nordwärts
bildeten sich härtere Stämme, die zwischen Flüssen und Bergen umherzogen und
sich mit der Zeit westwärts bis nach Europa drängten. Ein Zug folgte dem andern,
ein Volk drängte das andre, bis sie abermals an ein Meer, die Ostsee, kamen, zum
Teil herübergingen, zum Teil sich brachen und das südliche Europa besetzten.
Dies hatte von Asien aus südwärts schon andre Züge von Völkern und Kolonien
erhalten, und so wurde durch verschiedne, zuweilen sich entgegengesetzte
Menschenströme dieser Winkel der Erde so dicht bevölkert, als er bevölkert ist.
Mehr als ein gedrängtes Volk zog sich zuletzt in die Gebürge und liess seinen
Überwindern die Plänen und offene Felder; daher wir beinah auf der ganzen Erde
die ältesten Reste von Nationen und Sprachen entweder in Bergen oder in den
Ecken und Winkeln des Landes antreffen. Es gibt fast keine Insel, keinen
Erdstrich, wo nicht ein fremdes späteres Volk die Ebnen bewohnt und rauhe ältere
Nationen sich in die Berge versteckt haben. Von diesen Bergen, auf denen sie
ihre härtere Lebensart fortsetzten, sind sodenn oft in spätern Zeiten
Revolutionen bewirkt worden, die die Ebnen mehr oder minder umkehrten. Indien,
Persien, Sina, selbst die westlichen asiatischen Länder, ja das durch Künste und
Erdabteilungen wohl verwahrte Europa wurden mehr als einmal von den Völkern der
Gebürge in umwälzenden Heeren heimgesucht; und was auf dem grossen Schauplatz der
Nationen geschah, erfolgte in kleinern Bezirken nicht minder. Die Maratten in
Südasien, auf mehr als einer Insel ein wildes Gebürgvolk, in Europa hie und da
Reste von alten tapfern Bergbewohnern streiften umher, und wenn sie nicht
Überwinder werden konnten, wurden sie Räuber. Kurz, die grossen Bergstrecken der
Erde scheinen so wie der erste Wohnsitz, so auch die Werkstätte der Revolutionen
und der Erhaltung des menschlichen Geschlechts zu sein. Wie sie der Erde Wasser
verleihen, verliehen sie ihr auch Völker; wie sich auf ihnen Quellen erzeugen,
springt auch auf ihnen der Geist des Muts und der Freiheit, wenn die mildere
Ebene unterm Joch der Gesetze, der Künste und Laster erliegt. Noch jetzt ist die
Höhe Asiens der Tummelplatz von grossenteils wilden Völkern; und wer weiss, zu
welchen Überschwemmungen und Erfrischungen künftiger Jahrhunderte sie da sind?
    Von Afrika wissen wir zuwenig, um über das Treiben und Drängen der Völker
daselbst zu urteilen. Die obern Gegenden sind, auch dem Menschenstamm nach,
gewiss aus Asien besetzt, und Ägypten hat seine Kultur wahrscheinlich nicht vom
höhern Erdrücken seines festen Landes, sondern von Asien aus erhalten. Wohl aber
ist's von Ätiopiern überschwemmt worden, und auf mehr als einer Küste (weiter
kennen wir ja das Land nicht) hört man von herabdrängenden wilden Völkern der
Höhe des Erdteils. Die Gagas sind als die eigentlichsten Menschenfresser
berühmt; die Kaffern und die Völker über Monomotapa sollen ihnen an Wildheit
nicht nachgeben. Kurz, an den Mondsbergen, die die weiten Strecken des innern
Landes einnehmen, scheint auch hier, wie allentalben, die ursprüngliche Rauheit
dieses Erdgeschlechts zu wohnen.
    Wie alt oder jung die Bewohnung Amerikas sein möge, so hat sich gerade am
Fuss der höchsten Cordilleras der gebildetste Staat dieses Weltteils gefunden,
Peru, aber nur am Fuss des Berges, im gemässigten schönen Tal Quito. Längst der
Bergstrecke von Chili bis zu den Patagonen strecken sich die wilden Völker
hinab. Die andern Bergketten und überhaupt das ganze Land im Innern ist uns
zuwenig bekannt; indes bekannt gnug, um überall den Satz bestätigt zu finden,
dass auf und zwischen den Bergen alte Sitte, originale Wildheit und Freiheit
wohne. Die meisten dieser Völker sind von den Spaniern noch nicht bezwungen, und
sie mussten ihnen selbst den Namen los bravos geben. Die kalten Gegenden von
Nordamerika sowie die von Asien sind dem Klima und der Lebensart ihrer Völker
nach für eine weite grosse Berghöhe zu halten.
    So hat also die Natur mit den Bergreihen, die sie zog, wie mit den Strömen,
die sie herunterrinnen liess, gleichsam den rohen, aber festen Grundriss aller
Menschengeschichte und ihrer Revolutionen entworfen. Wie Völker hie und da
durchbrachen und weiteres Land entdeckten; wie sie längst den Strömen fortzogen
und an fruchtbaren Örtern Hütten, Dörfer und Städte bauten; wie sie sich
zwischen Bergen und Wüsten, etwa einen Strom in der Mitte, gleichsam
verschanzten und diesen von der Natur und ihrer Gewohnheit abgezirkten Erdstrich
nun das Ihre nannten; wie hieraus nach der Beschaffenheit der Gegend verschiedne
Lebensarten, zuletzt Reiche entstanden, bis das menschliche Geschlecht endlich
Ufer fand und an dem meistens unfruchtbarern Ufer auf der See gehen und aus ihr
Nahrung gewinnen lernte - das alles gehört so sehr zur natürlich
fortschreitenden Geschichte des Menschengeschlechts als zur Naturgeschichte der
Erde. Eine andre Höhe war's, die Jagdnationen erzog, die also Wildheit
unterhielt und nötig machte; eine andre, mehr ausgebreitet und milde, die
Hirtenvölkern ein Feld gab und ihnen friedliche Tiere zugesellte; eine andre,
die den Ackerbau leicht und notwendig machte; noch eine andre, die aufs
Schwimmen und den Fischfang stiess, endlich und zuletzt gar zum Handel führte -
lauter Perioden und Zustände der Menschheit, die der Bau unsrer Erde in seiner
natürlichen Verschiedenheit und Abwechselung notwendig machte. In manchen
Erdstrichen haben sich daher die Sitten und Lebensarten Jahrtausende erhalten,
in andern sind sie, meistens durch äussere Ursachen, verändert worden, aber immer
nach Proportion des Landes, von dem die Veränderung kam, sowie dessen, in dem
sie geschah und auf das sie wirkte. Meere, Bergketten und Ströme sind die
natürlichsten Abscheidungen, so der Länder, so auch der Völker, Lebensarten,
Sprachen und Reiche; ja auch in den grössesten Revolutionen menschlicher Dinge
sind sie die Direktionslinien oder die Grenzen der Weltgeschichte gewesen.
Liefen die Berge, flössen die Ströme, uferte das Meer anders, wie unendlich
anders hätte man sich auf diesem Tummelplatz von Nationen umhergeworfen!
    Ich will nur einige Worte über die Ufer des Meers sagen: Sein Schauplatz ist
so weit als mannigfaltig und gross die Aussicht des festen Landes. Was ist's, das
Asien so zusammenhängend an Sitten und Vorurteilen, ja recht eigentlich zum
ersten Erziehungshause und Bildungsplatz der Völker gemacht hat? Zuerst und
vorzüglich, dass es solch eine grosse Strecke festen Landes ist, in welchem Völker
sich nicht nur leicht fortbreiten, sondern auch lange und immer zusammenhangen
mussten, sie mochten wollen oder nicht. Das grosse Gebürge trennt Nord- und
Südasien, sonst aber trennet diese weiten Strecken kein Meer; der einzige
Kaspische See ist als ein Rest des alten Weltmeers am Fuss des Kaukasus
stehengeblieben. Hier fand also die Tradition so leicht ihren Weg und konnte
durch neue Traditionen aus derselben oder einer andern Gegend verstärkt werden.
Hier wurzelte also alles so tief, Religion, Vateransehen, Despotismus! Je naher
nach Asien, desto mehr sind diese Dinge als alte ewige Sitte zu Hause, und
ohngeachtet aller Verschiedenheiten einzelner Staaten sind sie über das ganze
Südasien gebreitet. Das nördliche, das durch hohe Bergmauern von jenem
geschieden ist, hat sich in seinen vielen Nationen anders, aber, trotz aller
Verschiedenheit der Völker unter sich, auf einen ebenso einförmigen Fuss
gebildet. Der ungeheuerste Strich der Erde, die Tartarei, wimmelt von Nationen
verschiedner Abkunft, die doch beinah alle auf einer Stufe der Kultur stehen;
denn kein Meer trennt sie; sie tummeln sich alle umher auf einer grossen,
nordwärts hinabgesenkten Tafel.
    Dagegen, was macht das kleine Rote Meer für Unterscheidung! Die Abessinier
sind ein arabischer Völkerstamm, die Ägypter ein asiatisches Volk; und welch
eine andre Welt von Sitten und Lebensweise errichtete sich unter ihnen! An den
untersten Ecken von Asien zeigt sich ein gleiches. Der kleine Persische
Meerbusen, wie sehr trennt er Arabien und Persien! Der kleine Malayische Sinus,
wie sehr unterscheidet er die Malayen und Kambojer voneinander! Bei Afrika ist's
offenbar, dass die Sitten seiner Einwohner weniger verschieden sind, weil diese
durch keine Meere und Meerbusen, sondern vielleicht nur durch die Wüsten
voneinander getrennt werden. Auch fremde Nationen haben daher weniger auf
dasselbe wirken können, und uns, die wir alles durchkrochen haben, ist dieser
ungeheure Erdteil so gut als unbekannt; bloss und allein, weil er keine tiefe
Einschnitte des Meers hat und sich wie ein unzugangbares Goldland mit einer
stumpfen Strecke ausbreitet. Amerika ist vielleicht auch deswegen voll so viel
kleiner Nationen, weil es nord- und südlich mit Flüssen, Seen und Bergen
durchschnitten und zerhackt ist. Seiner Lage nach ist's von aussen das
zugangbarste Land, da es aus zwei Halbinseln bestehet, die nur durch einen engen
Istmus zusammenhangen, an dem die tiefe Einbucht noch einen Archipelagus von
Inseln bildet. Es ist also gleichsam ganz Ufer und daher auch der Besitz fast
aller europäischen Seemächte sowie im Kriege immer der Apfel des Spiels. Günstig
ist diese Lage für uns europäische Räuber; ungünstig war seine innere
Durchschnittenheit für die Bildung der alten Einwohner. Sie lebten voneinander
durch Seen und Ströme, durch plötzlich abbrechende Höhen und Tiefen zu sehr
gesondert, als dass die Kultur eines Erdstrichs oder das alte Wort der Tradition
ihrer Väter sich wie in dem breiten Asien hätte befestigen und ausbreiten mögen.
    Warum zeichnet sich Europa durch seine Verschiedenheit von Nationen, durch
seine Vielgewandteit von Sitten und Künsten, am meisten aber durch die
Wirksamkeit aus, die es auf alle Teile der Welt gehabt hat? Ich weiss wohl, dass
es einen Zusammenfluss von Ursachen gibt, den wir hier nicht auseinanderleiten
können; physisch aber ist's unleugbar, dass sein durchschnittenes,
vielgestaltiges Land mit dazu eine veranlassende und fördernde Ursache gewesen.
Als auf verschiednen Wegen und zu verschiednen Zeiten sich die Völker Asiens
hieher zogen: welche Buchten und Busen, wie viele und verschieden laufende
Ströme, welche Abwechselung kleiner Bergreihen fanden sie hier! Sie konnten
zusammen sein und sich trennen aufeinander wirken und wieder in Friede leben;
der vielgegliederte kleine Weltteil ward also der Markt und das Gedränge aller
Erdvölker im kleinen. Das einzige Mittelländische Meer, wie sehr ist es die
Bestimmerin des ganzen Europa worden! so dass man beinah sagen kann, dass dies
Meer allein den Über-und Fortgang aller alten und mittlern Kultur gemacht habe.
Die Ostsee stehet ihm weit nach, weil sie nördlicher, zwischen härtern Nationen
und unfruchtbarern Ländern, gleichsam auf einer Nebenstrasse des Weltmarkts,
liegt; indessen ist auch sie dem ganzen Nordeuropa das Auge. Ohne sie wären die
meisten ihr angrenzenden Länder barbarisch, kalt und unbewohnbar. Ein gleiches
ist's mit dem Einschnitt zwischen Spanien und Frankreich, mit dem Kanal zwischen
diesem und England, mit der Gestalt Englands, Italiens, des alten
Griechenlandes. Man ändere die Grenzen dieser Länder, nehme hier eine Meerenge
weg, schliesse dort eine Strasse zu, und die Bildung und Verwüstung der Welt, das
Schicksal ganzer Völker und Weltteile geht Jahrhunderte durch auf einem andern
Wege.
    Zweitens Fragt man also, warum es ausser unsern vier Weltteilen keinen
fünften Weltteil in jenem ungeheuren Meer gibt, in dem man ihn so lange für
gewiss gehalten, so ist die Antwort anjetzt durch Tatsachen ziemlich entschieden:
weil es in dieser Meerestiefe kein so hohes Urgebürge gab, an dem sich ein
grosses festes Land bilden konnte. Die asiatischen Gebürge schneiden sich in
Ceilon mit dem Adamsberge, auf Sumatra und Borneo mit den Bergstrecken aus
Malakka und Siam ab, so wie die afrikanischen am Vorgebürge der Guten Hoffnung
und die amerikanischen am Feuerlande. Nun geht der Granit, die Grundsäule des
festen Landes, in die Tiefe nieder und kommt, hohen Strecken nach, nirgend mehr
überm Meer zum Vorschein. Das grosse Neuholland hat keine Gebürgkette der ersten
Gattung; die Philippinen, Molukken und die andern hin und wieder zerstreueten
Inseln sind alle nur vulkanischer Art, und viele derselben haben noch bis jetzt
Vulkane. Hier konnten also zwar der Schwefel und die Kiese ihr Werk verrichten
und den Gewürzgarten der Welt hinaufbauen helfen, den sie mit ihrer
unterirdischen Glut als ein Treibhaus der Natur wahrscheinlich mit unterhalten.
Auch die Korallentiere tun, was sie können4, und bringen, in Jahrtausenden
vielleicht, die Inselchen hervor, die als Punkte im Weltmeer liegen; weiter aber
erstreckten sich die Kräfte dieser südlichen Weltgegend nicht. Die Natur hatte
diese ungeheuren Strecken zur grossen Wasserkluft bestimmt; denn auch sie war dem
bewohnten Lande unentbehrlich. Entdecket sich einst das physische Bildungsgesetz
der Urgebürge unsrer Erde, mitin auch der Gestalt des festen Landes, so wird
sich in ihm auch die Ursache zeigen, warum der Südpol keine solche Gebürge,
folglich auch keinen fünften Weltteil haben konnte. Wenn er da wäre, musste er
nicht auch nach der jetzigen Beschaffenheit der Erdatmosphäre unbewohnt liegen
und wie die Eisschollen und das Sandwichsland den Seehunden und Pinguins zum
Erbeigentum dienen?
    Drittens. Da wir hier die Erde als einen Schauplatz der Menschengeschichte
betrachten, so ergibt sich aus dem, was gesagt ist, augenscheinlich, wie besser
es war, dass der Schöpfer die Bildung der Berge nicht von der Kugelbewegung
abhangen liess, sondern ein andres, von uns noch unentdecktes Gesetz für sie
feststellte. Wäre der Äquator und die grösseste Bewegung der Erde unter ihm an
der Entstehung der Berge Ursach, so hätte sich das feste Land auch in seiner
grössten Breite unter ihm fortstrecken und den heissen Weltgürtel einnehmen
müssen, den jetzt grösstenteils das Meer kühlet. Hier wäre also der Mittelpunkt
des menschlichen Geschlechts gewesen, gerade in der trägsten Gegend für
körperliche und Seelenkräfte, wenn anders die jetzige Beschaffenheit der
gesamten Erdnatur noch stattfinden sollte. Unter dem Brande der Sonne, den
heftigsten Explosionen der elektrischen Materie, der Winde und allen
kontrastierenden Abwechselungen der Witterung hätte unser Geschlecht seine
Geburts- und erste Bildungsstätte nehmen und sich sodann in die kalte Südzone,
die dicht an den heissen Erdstrich grenzt, sowie in die nordlichen Gegenden
verbreiten müssen; der Vater der Welt wählte unserm Ursprunge eine bessere
Bildungsstätte. In den gemässigten Erdstrich rückte er den Hauptstamm der Gebürge
der Alten Welt, an dessen Fuss die wohlgebildetsten Menschenvölker wohnen. Hier
gab er ihm eine mildere Gegend, mitin eine sanftere Natur, eine vielseitigere
Erziehungsschule, und liess sie von da, festgebildet und wohlgestärkt, nach und
nach in die heissern und kältern Regionen wandern. Dort konnten die ersten
Geschlechter zuerst ruhig wohnen, mit den Gebürgen und Strömen sich sodenn
allmählich herabziehn und härterer Gegenden gewohnt werden. Jeder bearbeitete
seinen kleinen Umkreis und nutzte ihn, als ob er das Universum wäre. Glück und
Unglück breiteten sich nicht so unaufhaltsam weiter, als wenn eine,
wahrscheinlich höhere Bergkette unter dem Äquator die ganze Nord- und Südwelt
hätte beherrschen sollen. So hat der Schöpfer der Welt es immer besser geordnet,
als wir ihm vorschreiben mögen; auch die unregelmässige Gestalt unsrer Erde
erreichte Zwecke, die eine grössere Regelmässigkeit nicht würde erreicht haben.
 
                                      VII
Durch die Strecken der Gebürge wurden unsre beiden Hemisphäre ein Schauplatz der
                 sonderbarsten Verschiedenheit und Abwechslung
    Ich verfolge auch hier noch den Anblick der allgemeinen Weltkarte. In Asien
streckt sich das Gebürge in der grössesten Breite des Landes fort, und ohngefähr
in der Mitte ist sein Knote; wer sollte denken, dass es auf dem untern Hemisphär
gerade anders, in die grösseste Länge, sich strecken würde? Und doch ist's also.
Schon dies macht eine gänzliche Verschiedenheit beider Weltteile. Die hohen
Striche Siberiens, die nicht nur den kalten Nord- und Nordostwinden ausgesetzt,
sondern auch durch die mit ewigem Schnee bedeckten Urgebürge vom erwärmenden
Südwinde abgeschnitten sind, mussten also (zumal da ihr öfters salziger Boden
dazukam) auch noch in manchen südlichen Strichen so erstarrend kalt werden, als
wir sie aus Beschreibungen kennen, bis hie und da andre Reihen dieser Berge sie
vor den schärfern Winden schützten und mildere Talgegenden bilden konnten.
Unmittelbar unter diesem Gebürge aber, in der Mitte Asiens, welche schöne
Gegenden breiteten sich nieder! Sie waren durch jene Mauern vor den erstarrenden
Winden des Nords gedeckt und bekamen von ihnen nur kühlende Lüfte. Die Natur
änderte daher auch südlich den Lauf der Gebürge und liess sie auf den beiden
Halbinseln Indostans, Malakka, Ceilon u. f. längs hinablaufen. Hiemit gab sie
beiden Seiten dieser Länder entgegengesetzte Jahrszeiten, regelmässige
Abwechselungen und machte sie auch dadurch zu den glücklichsten Erdstrichen der
Welt. In Afrika kennen wir die innern Gebürgreihen zuwenig; indessen wissen wir,
dass auch dieser Weltteil in die Länge und Breite durchschnitten, wahrscheinlich
also in seiner Mitte gleichfalls sehr abgekühlt ist. In Amerika dagegen wie
anders! Nördlich streichen die kalten Nord-und Nordostwinde lange Strecken
hinab, ohne dass ein Gebürge sie bräche. Sie kommen aus dem grossen Eisrevier her,
das sich bisher aller Durchfahrt widersetzt hat und das der eigentliche, noch
unbekannte Eiswinkel der Welt zu nennen wäre. Sodenn streichen sie über grosse
Erdstriche erfrornen Landes hin, und erst unter den Blauen Gebürgen wird das
Land milder. Noch immer aber mit so plötzlichen Abwechselungen der Hitze und
Kälte als in keinem andern Lande: wahrscheinlich, weil es dieser ganzen
Nordhalbinsel an einer zusammenhängenden festen Gebürgmauer fehlet, Winde und
Witterung zu lenken und ihnen ihre bestimmtere Herrschaft zu geben. - Im untern
Südamerika gegenteils wehen die Winde vom Eise des Südpols und finden abermals
statt eines Sturmdachs, das sie bräche, vielmehr eine Bergkette, die sie von Süd
gen Nord hinaufleitet. Die Einwohner der mittlern Gegenden, so glückliche
Erdstriche es von Natur sind, müssen also oft zwischen diesen beiden einander
entgegengesetzten Kräften in einer nassen heissen Trägheit schmachten, wenn nicht
kleinere Winde von den Bergen oder dem Meere her ihr Land erfrischen und kühlen.
    Setzen wir nun die steile Höhe des Landes und seines einförmigen Bergrückens
hinzu, so wird uns die Verschiedenheit beider Welteile noch auffallender und
klärer. Die Cordilleras sind die höchsten Gebürge der Welt; die Alpen der
Schweiz sind beinah nur ihre Hälfte. An ihrem Fuss ziehen sich die Sierras in
langen Reihen hinab, die gegen die Meeresfläche und die tiefen Talabgründe
selbst noch hohe Gebürge sind5; nur über sie zu reisen, gibt Symptome der
Übelkeit und plötzlichen Entkräftung an Menschen und Tieren, die bei den
höchsten Gebürgen der Alten Welt eine unbekannte Erscheinung sind. Erst an ihrem
Fuss fängt das eigentliche Land an; und dieses an den meisten Orten wie eben, wie
plötzlich verlassen von den Gebürgen! Am östlichen Fuss der Cordilleras breitet
sich die grosse Ebne des Amazonenstroms, die einzige in ihrer Art, fort; wie die
peruanischen Bergstrecken gleichfalls die einzigen ihrer Art bleiben. Auf
tausend Fuss hat jener Strom, der zuletzt ein Meer wird, noch nicht 2/5 Zoll
Fall, und man kann eine Erdstrecke von Deutschlands grössester Länge durchreisen,
ohne sich einen Fuss hoch über die Meeresfläche zu erheben.6 Die Berge Maldonado
am Platastrom sind gegen die Cordilleras auch von keinem Belang; und so ist das
ganze östliche Südamerika als eine grosse Erdenfläche anzusehen, die
jahrtausendelang Überschwemmungen, Morästen und allen Unbequemlichkeiten des
niedrigsten Landes der Erde ausgesetzt sein musste und es zum Teil noch ist. Der
Riese und der Zwerg stehn hier also nebeneinander, die wildeste Höhe neben der
tiefsten Tiefe, deren ein Erdenland fähig ist. Im südlichen Nordamerika ist's
nicht anders. Louisiana ist so seicht wie der Meeresboden, der zu ihm führet,
und diese seichte Ebne geht weit ins Land hinauf. Die grossen Seen, die
ungeheuren Wasserfälle, die schneidende Kälte Kanadas u. f. zeigen, dass auch der
nordliche Erdstrich hoch sein müsse und dass sich hier abermals, obwohl in einem
kleinern Grad, Extreme gesellen. Was dies alles auf Früchte, Tiere und Menschen
für Wirkungen habe, wird die Folge zeigen.
    Anders ging die Natur auf unserm obern Hemisphär zu Werk, auf dem sie
Menschen und Tieren ihren ersten Wohnsitz bereiten wollte. Lang und breit zog
sie die Gebürge auseinander und leitete sie in mehreren Ästen fort, so dass alle
drei Weltteile zusammenhangen könnten und ohngeachtet der Verschiedenheit von
Erdstrichen und Ländern allentalben ein sanfterer Übergang ward. Hier dorfte
kein Weltstrich in äonenlanger Überschwemmung liegen, noch sich auf ihm jene
Heere von Insekten, Amphibien, zähen Landtieren und andrer Meeresbrut bilden,
die Amerika bevölkert haben. Die einzige Wüste Kobi ausgenommen (die Mondgebürge
kennen wir noch nicht), und es heben sich keine so breite Strecken wüster
Erdhöhen in die Wolken, um in ihren Klüften Ungeheuer hervorzubringen und zu
nähren. Die elektrische Sonne konnte hier aus einem trocknern, sanfter
gemischten Erdreich feinere Gewürze, mildere Speisen, eine reifere Organisation
befördern, auch an Menschen und allen Tieren.
    Es wäre schön, wenn wir eine Bergkarte oder vielmehr einen Bergatlas hätten,
auf dem diese Grundsäulen der Erde in den mancherlei Rücksichten aufgenommen und
bemerkt wären, wie sie die Geschichte des Menschengeschlechts fodert. Von vielen
Gegenden ist die Ordnung und Höhe der Berge ziemlich genau bestimmt; die
Erhebung des Landes über die Meeresfläche, die Beschaffenheit des Bodens auf
seiner Oberfläche, der Fall der Ströme, die Richtungen der Winde, die
Abweichungen der Magnetnadel, die Grade der Hitze und Wärme sind an andern
bemerkt worden, und einiges davon ist auch schon auf einzelnen Karten
bezeichnet. Wenn mehrere dieser Bemerkungen, die jetzt in Abhandlungen und
Reisebeschreibungen zerstreut liegen, genau gesammlet und auch auf Karten
zusammengetragen würden: welche schöne und unterrichtende physische Geographie
der Erde würde damit in einem Überblicke auch der Natur- und Geschichtforscher
der Menschheit haben! Der reichste Beitrag zu Varenius', Lulofs und Bergmanns
vortrefflichen Werken. Wir sind aber auch hier nur im Anfange: die Ferber,
Pallas, Saussure, Soulavie u. a. sammlen in einzelnen Erdstrecken zu der reichen
Ernte von Aufschlüssen, die wahrscheinlich einst die peruanischen Gebürge
(vielleicht die interessantsten Gegenden der Welt für die grössere
Naturgeschichte) zur Einheit und Gewissheit bringen werden.
 
                                  Zweites Buch
                                       I
Unser Erdball ist eine grosse Werkstätte zur Organisation sehr verschiedenartiger
                                     Wesen
    Sosehr uns in den Eingeweiden der Erde alles noch als Chaos, als Trümmer
vorkommt, weil wir die erste Konstruktion des Ganzen nicht zu übersehen
vermögen, so nehmen wir doch selbst in dem, was uns das Kleinste und Roheste
dünkt, ein sehr bestimmtes Dasein, eine Gestaltung und Bildung nach ewigen
Gesetzen wahr, die keine Willkür der Menschen verändert. Wir bemerken diese
Gesetze und Formen; ihre innern Kräfte aber kennen wir nicht, und was man in
einigen allgemeinen Worten, z. E. Zusammenhang, Ausdehnung, Affinität, Schwere,
dabei bezeichnet, soll uns nur mit äussern Verhältnissen bekannt machen, ohne uns
dem innern Wesen im mindesten naher zu führen.
    Was indes jeder Stein- und Erdart verliehen ist, ist gewiss ein allgemeines
Gesetz aller Geschöpfe unsrer Erde; dieses ist Bildung, bestimmte Gestalt,
eignes Dasein. Keinem Wesen kann dies genommen werden; denn alle seine
Eigenschaften und Wirkungen sind darauf gegründet. Die unermessliche Kette reicht
vom Schöpfer hinab bis zum Keim eines Sandkörnchens, da auch dieses seine
bestimmte Gestalt hat, in der es sich oft der schönsten Kristallisation nähert.
Auch die vermischtesten Wesen folgen in ihren Teilen demselben Gesetz; nur weil
so viel und mancherlei Kräfte in ihnen wirken und endlich ein Ganzes
zusammengebracht werden sollte, das mit den verschiedensten Bestandteilen
dennoch einer allgemeinen Einheit diene, so wurden Übergänge, Vermischungen und
mancherlei divergierende Formen. Sobald der Kern unsrer Erde, der Granit, da
war, war auch das Licht da, das in den dicken Dünsten unsres Erdchaos vielleicht
noch als Feuer wirkte; es war eine gröbere mächtigere Luft, als wir jetzt
geniessen; es war ein vermischteres schwangeres Wasser da, auf ihn zu wirken. Die
andringende Säure lösete ihn auf und führte ihn zu andern Steinarten über; der
ungeheure Sand unsers Erdkörpers ist vielleicht nur die Asche dieses
verwitterten Körpers. Das Brennbare der Luft beförderte vielleicht den Kiesel
zur Kalkerde, und in dieser organisierten sich die ersten Lebendigen des Meers,
die Schalengeschöpfe, da in der ganzen Natur die Materie früher als die
organisierte lebendige Form scheinet. Noch eine gewaltigere und reinere Wirkung
des Feuers und der Kälte ward zur Kristallisation erfodert, die nicht mehr die
Muschelform, in die der Kiesel springt, sondern schon eckigte geometrische
Winkel liebt. Auch diese ändern sich nach den Bestandteilen eines jeden
Geschöpfs, bis sie sich in Halbmetallen und Metallen zuletzt der
Pflanzensprossung nähern. Die Chemie, die in den neuen Zeiten so eifrig geübt
wird, öffnet dem Liebhaber hier im unterirdischen Reich der Natur eine
mannigfaltige zweite Schöpfung; und vielleicht entält diese nicht bloss die
Materie, sondern auch die Grundgesetze und den Schlüssel zu alle dem, was über
der Erde gebildet worden. Immer und Überall sehen wir, dass die Natur zerstören
muss, indem sie wieder aufbauet, dass sie trennen muss, indem sie neu vereinet. Von
einfachen Gesetzen sowie von groben Gestalten schreitet sie ins
Zusammengesetztere, Künstliche, Feine; und hätten wir einen Sinn, die
Urgestalten und ersten Keime der Dinge zu sehen, so würden wir vielleicht im
kleinsten Punkt die Progression der ganzen Schöpfung gewahr werden. -
    Da indes Betrachtungen dieser Art hier nicht unser Zweck sind, so lasset uns
nur eins, die überdachte Mischung, betrachten, durch die unsre Erde zur
Organisation unsrer Pflanzen, mitin auch der Tiere und Menschen fähig ward.
Wären auf ihr andre Metalle zerstreut gewesen, wie jetzt das Eisen ist, das sich
allentalben, auch in Wasser, Erde, Pflanzen, Tieren und Menschen, findet;
hätten sich die Erdharze, die Schwefel in der Menge auf ihr gefunden, in der
sich jetzt der Sand, der Ton und endlich die gute fruchtbare Erde findet: welch
andre Geschöpfe hätten auf ihr leben müssen! Geschöpfe, in denen auch eine
schärfere Temperatur herrschte, statt dass jetzt der Vater der Welt die
Bestandteile unsrer nährenden Pflanzen zu mildern Salzen und Ölen machte. Hiezu
bereitet sich allmählich der lose Sand, der feste Ton, der moosige Torf; ja
selbst die wilde Eisenerde und der harte Fels muss sich dazu bequemen. Dieser
verwittert mit der Zeit und gibt trocknen Bäumen, wenigstens dem dürren Moose
Raum; jene war unter den Metallen nicht nur die gesundeste, sondern auch die
lenkbarste zur Vegetation und Nahrung. Luft und Tau, Regen und Schnee, Wasser
und Winde düngen die Erde natürlich; die ihr zugemischten kalischen Kalkarten
helfen ihrer Fruchtbarkeit künstlich auf, und am meisten befördert diese der Tod
der Pflanzen und Tiere. Heilsame Mutter, wie haushälterisch und ersetzend war
dein Zirkel! Aller Tod wird neues Leben, die verwesende Fäulung selbst bereitet
Gesundheit und frische Kräfte.
    Es ist eine alte Klage, dass der Mensch, statt den Boden der Erde zu bauen,
in ihre Eingeweide gedrungen ist und mit dem Schaden seiner Gesundheit und Ruhe
unter giftigen Dünsten daselbst die Metalle aufsucht, die seiner Pracht und
Eitelkeit, seiner Habgier und Herrschsucht dienen. Dass vieles hierin wahr sei,
bezeugen die Folgen, die diese Dinge auf der Oberfläche der Erde hervorgebracht
haben, und noch mehr die blassen Gesichter, die als eingekerkerte Mumien in
diesen Reichen des Pluto wühlen. Warum ist die Luft in ihnen so anders, die,
indem sie die Metalle nährt, Menschen und Tiere tötet? Warum belegte der
Schöpfer unsre Erde nicht mit Gold und Diamanten, statt dass er jetzt allen ihren
Wesen Gesetze gab, sie tot und lebend mit fruchtbarer Erde zu bereichern? Ohne
Zweifel, weil wir vom Golde nicht essen konnten und weil die kleinste geniessbare
Pflanze nicht nur für uns nützlicher, sondern auch in ihrer Art organischer und
edler ist als der teureste Kiesel, der Diamant, Smaragd, Ametyst und Sapphir
genannt wird. - Indessen muss man auch hiebei nichts übertreiben. In den
verschiednen Perioden der Menschheit, die ihr Schöpfer voraussah und die er
selbst nach dem Bau unsrer Erde zu befördern scheinet, lag auch der Zustand, da
der Mensch unter sich graben und über sich fliegen lernte. Verschiedne Metalle
legte er ihm sogar gediegen nahe dem Auge vor; die Ströme mussten den Grund der
Erde entblössen und ihm ihre Schätze zeigen. Auch die rohesten Nationen haben die
Nützlichkeit des Kupfers erkannt, und der Gebrauch des Eisens, das mit seinen
magnetischen Kräften den ganzen Erdkörper zu regieren scheinet, hat unser
Geschlecht beinah allein von einer Stufe der Lebensart zur andern erhoben. Wenn
der Mensch sein Wohnhaus nützen sollte, so musste er's auch kennenlernen; und
unsre Meisterin hat die Schranken enge gnug bestimmt, in denen wir ihr
nachforschen, nachschaffen, bilden und verwandeln können.
    Indessen ist's wahr, dass wir vorzüglich bestimmt sind, auf der Oberfläche
unsrer Erde als Würmer umherzukriechen, uns anzubauen und auf ihr unser kurzes
Leben zu durchleben. Wie klein der grosse Mensch im Gebiet der Natur sei, sehen
wir aus der dünnen Schichte der fruchtbaren Erde, die doch eigentlich allein
sein Reich ist. Einige Schuhe tiefer, und er gräbt Sachen hervor, auf denen
nichts wächset, und die Jahre und Jahreszeiten erfodern, damit auf ihnen nur
schlechtes Gras gedeihe. Tiefer hinab, und er findet oft, wo er sie nicht
suchte, seine fruchtbare Erde wieder, die einst die Oberfläche der Welt war; die
wandelnde Natur hat sie in ihren fortgehenden Perioden nicht geschonet. Muscheln
und Schnecken liegen auf den Bergen; Fische und Landtiere liegen versteint in
Schiefern, versteinte Hölzer und Abdrücke von Blumen oft beinah
andertalbtausend Fuss tief. Nicht auf dem Boden deiner Erde wandelst du, armer
Mensch, sondern auf einem Dach deines Hauses, das durch viel Überschwemmungen
erst zu dem werden konnte, was es dir jetzt ist. Da wächst für dich einiges
Gras, einige Bäume, deren Mutter dir gleichsam der Zufall heranschwemmte und von
denen du als eine Ephemere lebest.
 
                                       II
     Das Pflanzenreich unserer Erde in Beziehung auf die Menschengeschichte
    Das Gewächsreich ist eine höhere Art der Organisation als alle Gebilde der
Erde und hat einen so weiten Umfang, dass es sich sowohl in diesen verliert, als
in mancherlei Sprossen und Ähnlichkeiten dem Tierreich nähert. Die Pflanze hat
eine Art Leben und Lebensalter, sie hat Geschlechter und Befruchtung, Geburt und
Tod. Die Oberfläche der Erde war eher für sie als für Tiere und Menschen da;
überall drängt sie sich diesen beiden vor und hängt sich in Grasarten, Schimmel
und Moosen schon an jene kahlen Felsen an, die noch keinem Fuss eines Lebendigen
Wohnung gewähren. Wo nur ein Körnchen lockere Erde ihren Samen aufnehmen kann
und ein Blick der Sonne ihn erwärmt, geht sie auf und stirbt in einem
fruchtbaren Tode, indem ihr Staub andern Gewächsen zur bessern Mutterhülle
dienet. So werden Felsen begraset und beblümt, so werden Moräste mit der Zeit zu
einer Kräuter- und Blumenwüste. Die verwesete wilde Pflanzenschöpfung ist das
immer fortwirkende Treibhaus der Natur zur Organisation der Geschöpfe und zur
weitern Kultur der Erde.
    
    Es fällt in die Augen, dass das menschliche Leben, sofern es Vegetation ist,
auch das Schicksal der Pflanzen habe. Wie sie wird Mensch und Tier aus einem
Samen geboren, der auch als Keim eines künftigen Baums eine Mutterhülle fodert.
Sein erstes Gebilde entwickelt sich pflanzenartig im Mutterleibe; ja auch ausser
demselben, ist unser Fiberngebäude in seinen ersten Sprossen und Kräften nicht
fast der Sensitiva ähnlich? Unsre Lebensalter sind die Lebensalter der Pflanze:
wir gehen auf, wachsen, blühen, blühen ab und sterben. Ohn unsern Willen werden
wir hervorgerufen, und niemand wird gefragt, welches Geschlechts er sein, von
welchen Eltern er entspriessen, auf welchem Boden er dürftig oder üppig
fortkommen, durch welchen Zufall endlich von innen oder von aussen er untergehen
wolle. In alle diesem muss der Mensch höhern Gesetzen folgen, über die er sowenig
als die Pflanze Aufschluss erhält, ja denen er beinah wider Willen mit seinen
stärksten Trieben dienet. Solange der Mensch wächst und der Saft in ihm grünet,
wie weit und fröhlich dünkt ihm die Welt! Er streckt seine Äste umher und glaubt
zum Himmel zu wachsen. So lockt die Natur ihn ins Leben hinein, bis er sich mit
raschen Kräften, mit unermüdeter Tätigkeit alle die Fertigkeiten erwarb, die sie
auf dem Felde oder Gartenbeet, auf den sie ihn gesetzt hat, diesmal an ihm
ausbilden wollte. Nachdem er ihre Zwecke erreicht hat, verlässt sie ihn
allmählich. In der Blütezeit des Frühlings und unsrer Jugend, mit welchen
Reichtümern ist allentalben die Natur beladen! Man glaubt, sie wolle mit dieser
Blumenwelt eine neue Schöpfung besamen. Einige Monate nachher, wie ist alles so
anders! Die meisten Blüten sind abgefallen; wenige dürre Früchte gedeihen. Mit
Mühe und Arbeit des Baumes reifen sie, und sogleich gehen die Blätter ans
Verwelken. Der Baum schüttet sein mattes Haar den geliebten Kindern, die ihn
verlassen haben, nach; entblättert steht er da; der Sturm raubt ihm seine dürren
Äste, bis er endlich ganz zu Boden sinket und sich das wenige Brennbare in ihm
zur Seele der Natur auflöset. Ist's mit dem Menschen, als Pflanze betrachtet,
anders? Welche Unermesslichkeit von Hoffnungen, Aussichten, Wirkungstrieben füllt
dunkel oder lebhaft seine jugendliche Seele! Alles trauet er sich zu; und eben
weil er's sich zutrauet, gelingt's ihm; denn das Glück ist die Braut der Jugend.
Wenige Jahre weiter, und es verändert sich alles um ihn, bloss weil er sich
verändert. Das wenigste hat er ausgerichtet, was er ausrichten wollte, und
glücklich, wenn er es nicht mehr und jetzt zu unrechter Zeit ausrichten will,
sondern sich friedlich selbst verlebet. Im Auge eines höhern Wesens mögen unsre
Wirkungen auf der Erde so wichtig, wenigstens gewiss so bestimmt und umschrieben
sein als die Taten und Unternehmungen eines Baums. Er entwickelt, was er
entwickeln kann, und macht sich, dessen er habhaft werden mag, Meister. Er
treibt Sprossen und Keime, gebiert Früchte und säet junge Bäume; niemals aber
kommt er von der Stelle, auf die ihn die Natur gestellt hat, und er kann sich
keine einzige der Kräfte, die nicht in ihn gelegt sind, nehmen.
    Insonderheit, dünkt mich, demütiget es den Menschen, dass er mit den sassen
Trieben, die er Liebe nennt und in die er soviel Willkür setzt, beinah ebenso
blind wie die Pflanze den Gesetzen der Natur dienet. Auch die Distel, sagt man,
ist schön, wenn sie blühet; und die Blüte, wissen wir, ist bei den Pflanzen die
Zeit der Liebe. Der Kelch ist das Bett, die Krone sein Vorhang, die andern Teile
der Blume sind Werkzeuge der Fortpflanzung, die die Natur bei diesen
unschuldigen Geschöpfen offen dargelegt und mit aller Pracht geschmückt hat. Den
Blumenkelch der Liebe machte sie zu einem Salomonischen Brautbett, zu einem
Kelch der Anmut auch für andre Geschöpfe. Warum tat sie dies alles und knüpfte
auch bei Menschen ins Band der Liebe die schönsten Reize, die sich in ihrem
Gürtel der Schönheit fanden? Ihr grosser Zweck sollte erreicht werden, nicht der
kleine Zweck des sinnlichen Geschöpfes allein, das sie so schön ausschmückte:
dieser Zweck ist Fortpflanzung, Erhaltung der Geschlechter. Die Natur braucht
Keime, sie braucht unendlich viel Keime, weil sie nach ihrem grossen Gange
tausend Zwecke auf einmal befördert. Sie musste also auch auf Verlust rechnen,
weil alles zusammengedrängt ist und nichts eine Stelle findet, sich ganz
auszuwickeln. Aber damit ihr bei dieser scheinbaren Verschwendung dennoch das
Wesentliche und die erste Frische der Lebenskraft nimmer fehlte, mit der sie
allen Fällen und Unfällen im Lauf so zusammengedrängter Wesen vorkommen musste,
machte sie die Zeit der Liebe zur Zeit der Jugend und zündete ihre Flamme mit
dem feinsten und wirksamsten Feuer an, das sie zwischen Himmel und Erde finden
konnte. Unbekannte Triebe erwachen, von denen die Kindheit nichts wusste. Das
Auge des Jünglings belebt sich, seine Stimme sinkt, die Wange des Mädchens färbt
sich; zwei Geschöpfe verlangen nach einander und wissen nicht, was sie
verlangen; sie schmachten nach Einigung, die ihnen doch die zertrennende Natur
versagt hat, und schwimmen in einem Meer der Täuschung. Süssgetäuschte Geschöpfe,
geniesst eurer Zeit, wisset aber, dass ihr damit nicht eure kleine Träume,
sondern, angenehm gezwungen, die grösste Aussicht der Natur befördert. Im ersten
Paar einer Gattung wollte sie sie alle, Geschlechter auf Geschlechter, pflanzen;
sie wählte also fortspriessende Keime aus den frischesten Augenblicken des
Lebens, des Wohlgefallens aneinander, und indem sie einem lebendigen Wesen etwas
von seinem Dasein raubt, wollte sie es ihm wenigstens auf die sanfteste Art
rauben. Sobald sie das Geschlecht gesichert hat, lässt sie allmählich das
Individuum sinken. Kaum ist die Zeit der Begattung vorüber, so verliert der
Hirsch sein prächtiges Geweih, die Vögel ihren Gesang und viel von ihrer
Schönheit, die Fische ihren Wohlgeschmack und die Pflanzen ihre beste Farbe. Dem
Schmetterlinge entfallen die Flügel, und der Atem geht ihm aus; ungeschwächt
und allein kann er ein halbes Jahr leben. Solange die junge Pflanze keine Blume
trägt, widersteht sie der Kälte des Winters, und die zu frühe tragen, verderben
zuerst. Die Musa hat oft hundert Jahre erlebt; sobald sie aber einmal die Blüte
entfaltet hat, so wird keine Erfahrung, keine Kunst hindern, dass nicht der
prächtige Stamm im folgenden Jahr den Untergang leide. Die Schirmpalme wächst 35
Jahr zu einer Höhe von 70 Schuhen, hierauf in 4 Monaten noch 30 Schuh; nun
blühet sie, bringt Früchte und stirbt in demselben Jahr. Das ist der Gang der
Natur bei Entwicklung der Wesen aus einander; der Strom geht fort, indes sich
eine Welle in der andern verlieret.
    
    Bei der Verbreitung und Ausartung der Pflanzen ist eine Ähnlichkeit
kenntlich, die sich auch auf die Geschöpfe Über ihnen anwenden lässt und zu
Aussichten und Gesetzen der Natur vorbereitet. Jede Pflanze fodert ihr Klima, zu
dem nicht die Beschaffenheit der Erde und des Bodens allein, sondern auch die
Höhe des Erdstrichs, die Eigenheit der Luft, des Wassers, der Wärme gehöret.
Unter der Erde lag alles noch durcheinander, und obwohl auch hier jede Stein-,
Kristall- und Metallart ihre Beschaffenheit von dem Lande nimmt, in dem sie
wuchs, und hiernach die eigensten Verschiedenheiten giebet, so ist man doch in
diesem Reich des Pluto noch lange nicht zu der allgemeinen geographischen
Übersicht und zu den ordnenden Grundsätzen gekommen als im schönen Reich der
Flora. Die botanische Philosophie7, die Pflanzen nach der Höhe und
Beschaffenheit des Bodens, der Luft, des Wassers, der Wärme ordnet, ist also
eine augenscheinliche Leiterin zu einer ähnlichen Philosophie in Ordnung der
Tiere und Menschen.
    Alle Pflanzen wachsen hin und wieder wild in der Welt; auch unsre
Kunstgewächse sind aus dem Schoss der freien Natur, wo sie in ihrem Himmelsstrich
in grössester Vollkommenheit wachsen. Mit den Tieren und Menschen ist's nicht
anders; denn jede Menschenart organisiert sich in ihrem Erdstrich zu der ihr
natürlichsten Weise. Jede Erde, jede Gebürgart, jeder ähnliche Luftstrich sowie
ein gleicher Grad der Hitze und Kälte ernähret seine Pflanzen. Auf den
lappländischen Felsen, den Alpen, den Pyrenäen wachsen, der Entfernung
ohngeachtet, dieselben oder ähnliche Kräuter; Nordamerika und die hohen Strecken
der Tatarei erziehen gleiche Kinder. Auf solchen Erdhöhen, wo der Wind die
Gewächse unsanft beweget und ihr Sommer kürzer dauret, bleiben sie zwar klein,
sie sind hingegen voll unzähliger Samenkörner, da, wenn man sie in Gärten
verpflanzt, sie höher wachsen und grössere Blätter, aber weniger Frucht tragen.
Jedermann sieht die durchscheinende Ähnlichkeit zu Tieren und Menschen. Alle
Gewächse lieben die freie Luft: sie neigen sich in den Treibhäusern zu der
Gegend des Lichts, wenn sie auch durch ein Loch hinausdringen sollten. In einer
eingeschlossenen Wärme werden sie schlanker und rankichter, aber zugleich
bleicher, fruchtloser und lassen nachher, zu plötzlich an die Sonne versetzt,
die Blätter sinken. Ob es mit den Menschen und Tieren einer verzärtelnden oder
zwangvollen Kultur anders wäre? Mannigfaltigkeit des Erdreichs und der Luft
macht Spielarten an Pflanzen wie an Tieren und Menschen; und je mehr jene an
Sachen der Zierde, an Form der Blätter, an Zahl der Blumenstiele gewinnen, desto
mehr verlieren sie an Kraft der Selbstfortpflanzung. Ob es bei Tieren und
Menschen (die grössere Stärke ihrer vielfachern Natur abgerechnet) anders wäre?
Gewächse, die in warmen Ländern zur Baumesgrösse wachsen, bleiben in kalten
Gegenden kleine Krüppel. Diese Pflanze ist für das Meer, jene für den Sumpf,
diese für Quellen und Seen geschaffen; die eine liebt den Schnee, die andre den
Überschwemmenden Regen der heissen Zone; und alles dies charakterisiert ihre
Gestalt, ihre Bildung. Bereitet uns dieses alles nicht vor, auch in Ansehung des
organischen Gebäudes der Menschheit, sofern wir Pflanzen sind, dieselbe
Varietäten zu erwarten?
    Insonderheit ist es angenehm, die eigne Art zu bemerken, mit der die
Gewächse sich nach der Jahreszeit, ja gar nach der Stunde des Tages richten und
sich nur allmählich zu einem fremden Klima gewöhnen. Näher am Pol verspäten sie
sich im Wachsen und reifen desto schneller, weil der Sommer später kommt und
stärker wirket. Pflanzen, die, in den südlichen Weltteilen gewachsen, nach
Europa gebracht wurden, reiften das erste Jahr später, weil sie noch die Sonne
ihres Klima erwarteten, den folgenden Sommer allmählich geschwinder, weil sie
sich schon zu diesem Luftstrich gewöhnten. In der künstlichen Wärme des
Treibhauses hielt jede noch die Zeit ihres Vaterlandes, wenn sie auch 50 Jahr in
Europa gewesen war. Die Pflanzen vom Kap blüheten im Winter, weil alsdenn in
ihrem Vaterlande Sommerzeit ist. Die Wunderblume blühet in der Nacht; vermutlich
(sagt Linneus), weil sodenn in Amerika, ihrem Vaterlande, Tageszeit ist. So hält
jede ihre Zeit, selbst ihre Stunde des Tages, da sie sich schliesset und auftut.
»Diese Dinge«, sagt der botanische Philosoph8, »scheinen zu weisen, dass etwas
mehr zu ihrem Wachstum gehöre als Wärme und Wasser«; und gewiss hat man auch bei
der organischen Verschiedenheit des Menschengeschlechts und bei seiner Gewöhnung
an fremde Klimate auf etwas mehr und anderes als auf Hitze und Kälte zu merken,
zumal wenn man von einem andern Hemisphär redet.
    
    Endlich, wie die Pflanze sich zum Menschenreich geselle, welch ein Feld von
Merkwürdigkeiten wäre dieses, wenn wir ihm nachgehen könnten! Man hat die schöne
Erfahrung gemacht9, dass die Gewächse zwar so wenig als wir von reiner Luft leben
können, dass aber gerade das, was sie einsaugen, das Brennbare sei, was Tiere
tötet und in allen animalischen Körpern die Fäulnis befördert. Man hat bemerkt,
dass sie dies nützliche Geschäft, die Luft zu reinigen, nicht mittelst der Wärme,
sondern des Lichts tun, das sie, selbst bis auf die kalten Mondesstrahlen,
einsaugen. Heilsame Kinder der Erde! Was uns zerstört, was wir verpestet
ausatmen, ziehet ihr an euch; das zarteste Medium muss es mit euch vereinigen,
und ihr gebet es rein wieder. Ihr erhaltet die Gesundheit der Geschöpfe, die
euch vernichten, und wenn ihr sterbt, seid ihr noch wohltätig: ihr macht die
Erde gesunder und zu neuen Geschöpfen eurer Art fruchtbar.
    Wenn die Gewächse zu nichts als hiezu dienten, wie schön verflochten wäre
ihr stilles Dasein ins Reich der Tiere und Menschen! Nun aber, da sie zugleich
die reichste Speise der tierischen Schöpfung sind und es insonderheit in der
Geschichte der Lebensarten des Menschengeschlechts so viel darauf ankam, was
jedes Volk in seinem Erdstrich für Pflanzen und Tiere vor sich fand, die ihm zur
Nahrung dienen konnten: wie mannigfaltig und neu verflicht sich damit die
Geschichte der Naturreiche. Die ruhigsten und, wenn man sagen darf, die
menschlichsten Tiere leben von Pflanzen; an Nationen, die ebendiese Speise
wenigstens öfters geniessen, hat man ebendiese gesunde Ruhe und heitre
Sorglosigkeit bemerket. Alle fleischfressenden Tiere sind ihrer Natur nach
wilder; der Mensch, der zwischen ihnen steht, muss, wenigstens dem Bau seiner
Zähne nach, kein fleischfressendes Tier sein. Ein Teil der Erdnationen lebt
grossenteils noch von Milch und Gewächsen; in früheren Zeiten haben mehrere davon
gelebet; und welchen Reichtum hat ihnen auch die Natur im Mark, im Saft, in den
Früchten, ja gar in den Rinden und Zweigen ihrer Erdgewächse beschieden, wo oft
ein Baum eine ganze Familie nähret! Wunderbar ist jedem Erdstrich das Seine
gegeben, nicht nur in dem, was es gewährt, sondern auch in dem, was es an sich
ziehet und wegnimmt. Denn da die Pflanzen von dem Brennbaren der Luft, mitin
zum Teil von den für uns schädlichsten Dünsten leben, so organisieret sich auch
ihr Gegengift nach der Eigenheit eines jeden Landes, und sie bereiten für den
immer zur Fäulnis gehenden animalischen Körper überall die Arzneien, die eben
für die Krankheiten dieses Erdstrichs sind. Der Mensch wird sich also so wenig
zu beschweren haben, dass es auch giftige Pflanzen in der Natur gebe, da diese
eigentlich nur abgeleitete Kanäle des Gifts, also die wohltätigsten zur
Gesundheit der ganzen Gegend sind und in seinen Händen, zum Teil schon in den
Händen der Natur, die wirksamsten Gegengifte werden. Selten hat man eine
Gewächs- oder Tierart dieses und jenes Erdstrichs ausgerottet, ohne nicht bald
die offenbarsten Nachteile für die Bewohnbarkeit des Ganzen zu erfahren; und hat
die Natur endlich nicht jeder Tierart, und an seinem Teil auch dem Menschen,
Sinne und Organe genug verliehen, Pflanzen, die für ihn dienen, auszusuchen und
die schädlichen zu verwerfen?
    Es müsste ein angenehmer Lustgang unter Bäumen und Pflanzen sein, wenn man
diese grossen Naturgesetze der Nützlichkeit und Einwirkung derselben ins
Menschen- und Tierreich durch die verschiednen Striche unsrer Erde verfolgte.
Wir müssen uns begnügen, auf dem ungemessen weiten Felde künftig bei Gelegenheit
nur einige einzelne Blumen zu brechen und den Wunsch einer allgemeinen
botanischen Geographie für die Menschengeschichte einem eignen Liebhaber und
Kenner empfehlen.
 
                                      III
          Das Reich der Tiere in Beziehung auf die Menschengeschichte
    Der Menschen ältere Brüder sind die Tiere. Ehe jene da waren, waren diese,
und auch in jedem einzelnen Lande fanden die Ankömmlinge des Menschengeschlechts
die Gegend, wenigstens in einigen Elementen, schon besetzt; denn wovon sollte
ausser den Pflanzen sonst der Ankömmling leben? Jede Geschichte des Menschen
also, die ihn ausser diesem Verhältnis betrachtet, muss mangelhaft und einseitig
werden. Freilich ist die Erde dem Menschen gegeben, aber nicht ihm allein, nicht
ihm zuvörderst; in jedem Element machten ihm die Tiere seine Alleinherrschaft
streitig. Dies Geschlecht musste er zähmen, mit jenem lange kämpfen. Einige
entronnen seiner Herrschaft; mit andern lebet er in ewigem Kriege. Kurz, soviel
Geschicklichkeit, Klugheit, Herz und Macht jede Art äusserte, so weit nahm sie
Besitz auf der Erde.
    Es gehört also noch nicht hieher, ob der Mensch Vernunft und ob die Tiere
keine Vernunft haben. Haben sie diese nicht, so besitzen sie etwas anders zu
ihrem Vorteil; denn gewiss hat die Natur keines ihrer Kinder verwahrloset.
Verliesse sie ein Geschöpf, wer sollte sich sein annehmen, da die ganze Schöpfung
in einem Kriege ist und die entgegengesetztesten Kräfte einander so nahe liegen?
Der gottgleiche Mensch wird hier von Schlangen, dort vom Ungeziefer verfolgt,
hier vom Tiger, dort vom Haifisch verschlungen. Alles ist im Streit
gegeneinander, weil alles selbst bedrängt ist; es muss sich seiner Haut wehren
und für sein Leben sorgen.
    Warum tat die Natur dies? Warum drängte sie so die Geschöpfe aufeinander?
Weil sie im kleinsten Raum die grösseste und vielfachste Anzahl der Lebenden
schaffen wollte, wo also auch eins das andre überwältigt und nur durch das
Gleichgewicht der Kräfte Friede wird in der Schöpfung. Jede Gattung sorgt für
sich, als ob sie die einige wäre; ihr zur Seite steht aber eine andre da, die
sie einschränkt, und nur in diesem Verhältnis entgegengesetzter Arten fand die
Schöpferin das Mittel zur Erhaltung des Ganzen. Sie wog die Kräfte, sie zählte
die Glieder, sie bestimmte die Triebe der Gattungen gegeneinander und liess
übrigens die Erde tragen, was sie zu tragen vermochte.
    Es kümmert mich also nicht, ob grosse Tiergattungen untergegangen sind. Ging
der Mammut unter, so gingen auch Riesen unter; es war ein anderes Verhältnis
zwischen den Geschlechtern. Wie es jetzt ist, sehen wir das offenbare
Gleichgewicht, nicht nur im Ganzen der Erde, sondern auch selbst in einzelnen
Weltteilen und Ländern. Die Kultur kann Tiere verdrängen, sie kann sie aber
schwerlich ausrotten, wenigstens hat sie dies Werk noch in keinem grossen Erdteil
vollendet; und muss sie statt der verdrängeten wilden nicht in einem grösseren Mass
zahmere Tiere nähren? Noch ist also, bei der gegenwärtigen Beschaffenheit unsrer
Erde, keine Gattung ausgegangen; ob ich gleich nicht zweifle, dass, da diese
anders war, auch andre Tiergattungen haben sein können und, wenn sie sich einmal
durch Kunst oder Natur völlig ändern sollte, auch ein andres Verhältnis der
lebendigen Geschlechter sein werde.
    Kurz, der Mensch trat auf eine bewohnte Erde: alle Elemente, Sümpfe und
Ströme, Sand und Luft waren mit Geschöpfen erfüllt oder fülleten sich mit
Geschöpfen, und er musste sich durch seine Götterkunst der List und Macht einen
Platz seiner Herrschaft auswirken. Wie er dies getan habe, ist die Geschichte
seiner Kultur, an der die rohesten Völker Anteil nehmen: der interessanteste
Teil der Geschichte der Menschheit. Hier bemerke ich nur eins, dass die Menschen,
indem sie sich allmählich die Herrschaft über die Tiere erwarben, das meiste von
Tieren selbst lernten. Diese waren die lebendigen Funken des göttlichen
Verstandes, von denen der Mensch in Absicht auf Speise, Lebensart, Kleidung,
Geschicklichkeit, Kunst, Triebe in einem grössern oder kleinern Kreise die
Strahlen auf sich zusammenlenkte. Je mehr, je heller er dieses tat, je klügere
Tiere er vor sich fand, je mehr er sie zu sich gewöhnte und im Kriege oder
Frieden vertraut mit ihnen lebte, desto mehr gewann auch seine Bildung, und die
Geschichte seiner Kultur wird sonach einem grossen Teil nach zoologisch und
geographisch.
    
    Zweitens. Da die Varietät der Klimate und Länder, der Steine und Pflanzen
auf unsrer Erde so gross ist, wie grösser wird die Verschiedenheit ihrer
eigentlichen lebendigen Bewohner! Nur schränke man diese nicht auf die Erde ein;
denn auch die Luft, das Wasser, selbst die innern Teile der Pflanzen und Tiere
wimmeln von Leben. Zahlloses Heer, für das die Welt gemacht ist wie für den
Menschen! Rege Oberfläche der Erde, auf der alles, so tief und weit die Sonne
reicht, geniesst, wirkt und lebet.
    Ich will mich in die allgemeinen Sätze nicht einlassen, dass jedes Tier sein
Element, sein Klima, seinen eigentümlichen Wohnplatz habe, dass einige sich
wenig, andre mehr und wenige Gattungen sich beinah so weit verbreitet haben, als
sich der Mensch verbreitete. Wir haben hierüber ein sehr durchdachtes und mit
wissenschaftlichem Fleiss gesammletes Buch: Zimmermanns »Geographische Geschichte
des Menschen und der allgemein verbreiteten vierfüssigen Tiere«10. Was ich hier
auszeichne, sind einige besondre Bemerkungen, die wir auch bei der
Menschengeschichte bestätigt finden werden.
    1. Auch die Gattungen, die fast überall auf der Erde leben, gestalten sich
beinah in jedem Klima anders. Der Hund ist in Lappland hässlich und klein; in
Siberien wird er wohlgestalter, hat aber noch steife Ohren und keine
beträchtliche Grösse; in den Gegenden, wo die schönsten Menschen leben, sagt
Buffon, findet man auch die schönsten und grössesten Hunde. Zwischen den
Wendezirkeln verliert er seine Stimme, und im Stande der Wildheit wird er dem
Jackal ähnlich. Der Ochs in Madagaskar trägt einen Höcker, 50 Pfund schwer, der
in weitern Gegenden allmählich abnimmt; und so variiert dieses Geschlecht an
Farbe, Grösse, Stärke, Mut beinah nach allen Gegenden der Erde. Ein europäisches
Schaf bekam am Vorgebürge der Guten Hoffnung einen Schwanz von 19 Pfunden; in
Island treibt es bis 5 Hörner; im Oxfordschen in England wächst es bis zur Grösse
eines Esels, und in der Türkei ist's getigert. So gehen die Verschiedenheiten
bei allen Tieren fort; und sollte sich der Mensch, der in seinem Muskel- und
Nervengebäude grossenteils auch ein Tier ist, nicht mit den Klimaten verändern?
Nach der Analogie der Natur wäre es ein Wunder, wenn er unverändert bliebe.
    2. Alle gezähmten Tiere sind ehemals wild gewesen, und von den meisten hat
man noch, insonderheit in den asiatischen Gebürgen, ihre wilden Urbilder
gefunden, gerade an dem Ort, wo, wenigstens von unsrer obern Erdkugel,
wahrscheinlich das Vaterland der Menschen und ihrer Kultur war. Je weiter von
dieser Gegend, insonderheit wo der Übergang schwerer war, mindern sich die
Gattungen der gezähmten Tiere, bis endlich in Neuguinea, Neuseeland und den
Inseln des Südmeers das Schwein, der Hund und die Katze ihr ganzer Tierreichtum
waren.
    3. Amerika hatte grösstenteils seine eignen Tiere, völlig seinem Erdstrich
gemäss, wie die Bildung desselben aus lange überschwemmten Tiefen und ungeheuren
Höhen sie haben musste. Wenige grosse Landtiere hatte es und noch weniger, die
zähmbar oder gezähmt waren; desto mehr Gattungen von Fledermäusen, Gürteltieren,
Ratten, Mäusen, den Unau, das Ai, Heere von Insekten, Amphibien, Kröten,
Eidechsen u. f. Jedermann begreift, was dies auf die Geschichte der Menschen für
Einfluss haben werde.
    4. In Gegenden, wo die Kräfte der Natur am wirksamsten sind, wo sich die
Hitze der Sonne mit regelmässigen Winden, starken Überschwemmungen, gewaltigen
Ausbrüchen der elektrischen Materie, kurz, mit allem in der Natur vereinet, was
Leben wirkt und lebendig heisset: in ihnen gibt es auch die ausgebildetsten,
stärksten, grössesten, mutvollsten Tiere sowie die würzreicheste
Pflanzenschöpfung. Afrika hat seine Herden von Elefanten, Zebras, Hirschen,
Affen, Büffeln; die Löwen, Tiger, der Krokodil, das Flusspferd erscheinen in ihm
in voller Rüstung; die höchsten Bäume heben sich in die Luft und prangen mit den
saftreichsten, nützlichsten Früchten. Die Reichtümer Asiens im Pflanzen- und
Tierreich kennet ein jeder; sie treffen am meisten auf die Gegenden, wo die
elektrische Kraft der Sonne, der Luft, der Erde im grössesten Strom ist. Wo diese
hingegen entweder an sich schwächer und unregelmässiger wirket, wie in den kalten
Ländern, oder wo sie im Wasser, in laugenhaften Salzen, in feuchten Harzen
zurückgetrieben oder festgehalten wird, da scheinen sich auch nimmer jene
Geschöpfe zu entwickeln, zu deren Bildung das ganze Spiel der Elektrizität
gehöret. Träge Wärme, mit Feuchtigkeit gemischt, bringt Heere von Insekten und
Amphibien hervor; keine jener Wundergestalten der Alten Welt, die ganz von regem
Feuer durchglüht sind. Die Muskelkraft eines Löwen, der Sprung und Blick eines
Tigers, die feine Verständigkeit des Elefanten, das sanfte Wesen der Gazelle,
die verschmitzte Bosheit eines afrikanischen oder asiatischen Affen sind keinem
Tier der Neuen Welt eigen. Mit Mühe haben sich diese gleichsam aus dem warmen
Schlamm losgewunden; diesem fehlt's an Zähnen, jenem an Füssen und Klauen, einem
dritten am Schwanz und den meisten an Grösse, Mut und Schnellkraft. Auf den
Gebürgen werden sie belebterer Art; sie reichen aber auch nicht an die Tiere der
Alten Welt, und die meisten zeigen, dass ihnen in ihrem zähen oder
schuppenartigen Wesen der elektrische Strom fehlet.
    5. Endlich wird es, was wir bei den Pflanzen bemerkten, bei den Tieren
vielleicht noch sonderbarere Erscheinungen geben, nämlich ihre oft widersinnige
Art und ihr langsames Gewöhnen an ein fremdes, zumal antipodisches Klima. Der
amerikanische Bär, den Linné beschrieben11, hielt auch in Schweden die
amerikanische Tag- und Nachtzeit. Er schlief von Mitternacht bis zu Mittag und
spazierte vom Mittage bis zu Mitternacht, als ob es sein amerikanischer Tag
wäre; mit seinen übrigen Instinkten erhielt er sich auch seines Vaterlandes
Zeitmass. Sollte diese Bemerkung nicht mehrerer aus andern Strichen der Erde, aus
der öst- und südlichen Halbsphäre wert sein? Und wenn diese Verschiedenheit von
Tieren gilt, sollte das Menschengeschlecht, seinem eigentümlichen Charakter
unbeschadet, ganz leer davon ausgehn?
 
                                       IV
          Der Mensch ist ein Mittelgeschöpf unter den Tieren der Erde
    1. Als Linneus die Arten der säugenden Tiere auf 230 brachte, unter denen er
schon die säugenden Wassertiere mit begriff, zählte er der Vögel 946, der
Amphibien 292, der Fische 404, der Insekten 3060, der Gewürme 1205 Arten;
offenbar also waren die Landtiere die mindesten, und die Amphibien, die ihnen am
nächsten kommen, folgten nach ihnen. In der Luft, im Wasser, in den Morästen, im
Sande vermehrten sich die Geschlechter und Arten, und ich glaube, dass sie sich
bei weitern Entdeckungen immer ungefähr in dem nämlichen Verhältnis vermehren
werden. Wenn nach Linneus' Tode die Arten der Säugetiere bis auf 450 gewachsen,
so rechnet Buffon auf 2000 Vögel, und Forster allein entdeckte auf einigen
Inseln des Südmeers in einem kurzen Aufentalt 109 neue Arten derselben, wo es
durchaus keine neuzuentdeckende Landtiere gab. Gehet dieses Verhältnis fort, und
es werden künftig mehr neue Insekten, Vögel, Gewürme als völlig neue Gattungen
der Landtiere bekannt werden, so viel ihrer auch in dem noch undurchreiseten
Afrika sein mögen, so können wir nach aller Wahrscheinlichkeit den Satz
annehmen: Die Klassen der Geschöpfe erweitern sich, je mehr sie sich vom
Menschen entfernen; je näher ihm, desto weniger werden die Gattungen der
sogenannten vollkommenern Tiere.
    2. Nun ist unleugbar, dass bei aller Verschiedenheit der lebendigen Erdwesen
überall eine gewisse Einförmigkeit des Baues und gleichsam eine Hauptform zu
herrschen scheine, die in der reichsten Verschiedenheit wechselt. Der ähnliche
Knochenbau der Landtiere fällt in die Augen: Kopf, Rumpf, Hände und Füsse sind
überall die Hauptteile; selbst die vornehmsten Glieder derselben sind nach einem
Prototyp gebildet und gleichsam nur unendlich variieret. Der innere Bau der
Tiere macht die Sache noch augenscheinlicher, und manche rohe Gestalten sind im
Inwendigen der Hauptteile dem Menschen sehr ähnlich. Die Amphibien gehen von
diesem Hauptbilde schon mehr ab; Vögel, Fische, Insekten, Wassergeschöpfe noch
mehr, welche letzte sich in die Pflanzen- oder Steinschöpfung verlieren. Weiter
reicht unser Auge nicht; indessen machen diese Übergänge es nicht
unwahrscheinlich, dass in den Seegeschöpfen, Pflanzen, ja vielleicht gar in den
tot genannten Wesen eine und dieselbe Anlage der Organisation, nur unendlich
roher und verworrener, herrschen möge. Im Blick des ewigen Wesens, der alles in
einem Zusammenhange sieht, hat vielleicht die Gestalt des Eisteilchens, wie es
sich erzeugt, und der Schneeflocke, die sich an ihm bildet, noch immer ein
analoges Verhältnis mit der Bildung des Embryons in Mutterleibe. - Wir können
also das zweite Hauptgesetz annehmen: dass, je näher dem Menschen, auch alle
Geschöpfe in der Hauptform mehr oder minder Ähnlichkeit mit ihm haben und dass
die Natur bei der unendlichen Varietät, die sie liebt, allen Lebendigen unserer
Erde nach einem Hauptplasma der Organisation gebildet zu haben scheine.
    3. Es erhellet also von selbst, dass, da diese Hauptform nach Geschlechtern,
Arten, Bestimmungen, Elementen immer variiert werden musste, ein Exemplar das
andre erkläre. Was die Natur bei diesem Geschöpf als Nebenwerk hinwarf, führte
sie bei dem andern gleichsam als Hauptwerk aus; sie setzte es ins Licht,
vergrösserte es und liess die andern Teile, obwohl immer noch in der
überdachtesten Harmonie, diesem Teil jetzt dienen. Anderswo herrschen wiederum
diese dienenden Teile, und alle Wesen der organischen Schöpfung erscheinen also
als disiecti membra poëtae. Wer sie studieren will, muss eins im andern
studieren; wo dieser Teil verhüllt und vernachlässigt erscheinet, weiset er auf
ein andres Geschöpf, wo ihn die Natur ausgebildet und offen darlegte. Auch
dieser Satz findet seine Bestätigung in allen Phänomenen divergierender Wesen.
    4. Der Mensch endlich scheint unter den Erdtieren das feine Mittelgeschöpf
zu sein, in dem sich, soviel es die Einzelnheit seiner Bestimmung zuliess, die
meisten und feinsten Strahlen ihm ähnlicher Gestalten sammlen. Alles in gleichem
Mass konnte er nicht in sich fassen; er musste also diesem Geschöpf an Feinheit
eines Sinnes, jenem an Muskelkraft, einem dritten an Elastizität der Fibern
nachstehn; soviel sich aber vereinigen liess, ward in ihm vereinigt. Mit allen
Landtieren hat er Teile, Triebe, Sinnen, Fähigkeiten, Künste gemein; wo nicht
ererbet, so doch erlernt, wo nicht ausgebildet, so doch in der Anlage. Man
könnte, wenn man die ihm nahen Tierarten mit ihm vergleicht, beinah kühn werden
zu sagen: sie sein gebrochene und durch katoptrische Spiegel auseinander
geworfne Strahlen seines Bildes. Und so können wir den vierten Satz annehmen:
dass der Mensch ein Mittelgeschöpf unter den Tieren, d. i. die ausgearbeitete
Form sei, in der sich die Züge aller Gattungen um ihn her im feinsten Inbegriff
sammeln.
    Ich hoffe nicht, dass die Ähnlichkeit, auf die ich zwischen Menschen und
Tieren zeige, mit jenen Spielen der Einbildung werde verwechselt werden, da man
bei Pflanzen und sogar bei Steinen äussere Glieder des menschlichen Körpers
aufhaschte und darauf Systeme baute. Jeder Vernünftige belacht diese Spiele, da
gerade mit der äussern Gestalt die bildende Natur innere Ähnlichkeiten des Baues
verdeckte und verlarvte. Wie manche Tiere, die uns von aussen so unähnlich
scheinen, sind uns im Innern, im Knochenbau, in den vornehmsten Lebens - und
Empfindungsteilen, ja in den Lebensverrichtungen selbst auf die auffallendste
Weise ähnlich! Man gehe die Zergliederungen Daubentons, Perraults, Pallas' und
andrer Akademisten durch, und der Augenschein zeigt es deutlich. Die
Naturgeschichte für Jünglinge und Kinder muss sich, um dem Auge und Gedächtnis zu
Hülfe zu kommen, an einzelnen Unterscheidungen der äussern Gestalt begnügen; die
männliche und philosophische Naturgeschichte suchet den Bau des Tiers von innen
und aussen, um ihn mir seiner Lebensweise zu vergleichen und den Charakter und
Standort des Geschöpfs zu finden. Bei den Pflanzen hat man diese Metode die
natürliche genannt, und auch bei den Tieren muss die vergleichende Anatomie
Schritt vor Schritt zu ihr führen. Mit ihr bekommt der Mensch natürlicherweise
an sich selbst einen Leitfaden, der ihn durchs grosse Labyrint der lebendigen
Schöpfung begleite, und wenn man bei irgendeiner Metode sagen kann, dass unser
Geist dem durchdenkenden vielumfassenden Verstande Gottes nachzudenken wage, so
ist's bei dieser. Bei jeder Abweichung von der Regel, die uns der oberste
Künstler als ein Gesetz Polyklets im Menschen darstellte, werden wir auf eine
Ursache geführt, warum er hier abwich, zu welchem Zweck er dort anders formte;
und so wird uns Erde, Luft, Wasser, selbst die tiefste Tiefe der belebten
Schöpfung ein Vorratshaus seiner Gedanken, seiner Erfindungen nach und zu einem
Hauptbilde der Kunst und Weisheit.
    Welchen grossen und reichen Anblick gibt diese Aussicht über die Geschichte
der uns ähnlichen und unähnlichen Wesen! Sie scheidet die Reiche der Natur und
die Klassen der Geschöpfe nach ihren Elementen und verbindet sie miteinander;
auch in dem entferntsten wird der weitgezogne Radius aus einem und demselben
Mittelpunkt sichtbar. Aus Luft und Wasser, aus Höhen und Tiefen sehe ich
gleichsam die Tiere zum Menschen kommen, wie sie dort zum Urvater unsers
Geschlechts kamen, und Schritt vor Schritt sich seiner Gestalt nähern. Der Vogel
fliegt in der Luft: jede Abweichung seiner Form vom Bau der Landtiere lässt sich
aus seinem Element erklären; sobald er auch nur in einer hässlichen Mittelgattung
die Erde berührt, wird er (wie in den Fledermäusen und Vampyrs) dem Gerippe des
Menschen ähnlich. Der Fisch schwimmt im Wasser; noch sind seine Füsse und Hände
in Flossfedern und einen Schwanz verwachsen: er hat noch wenig Artikulation der
Glieder. Sobald er die Erde berührt, wickelt er, wie der Manati, wenigstens die
Vorderfüsse los, und das Weib bekommt Brüste. Der Seebär und Seelöwe hat seine
vier Füsse schon kenntlich, ob er gleich die hintersten noch nicht gebrauchen
kann und die fünf Zehen derselben noch als Lappen von Flossfedern nach sich
ziehet; er kriecht indes, wie er kann, leise heran, um sich am Strahl der Sonne
zu wärmen, und ist schon einen kleinen Tritt über die Dumpfheit des unförmlichen
Seehundes erhoben. So geht's aus dem Staube der Würmer, aus den Kalkhäusern der
Muscheltiere, aus den Gespinsten der Insekten allmählich in mehr gegliederte,
höhere Organisationen. Durch die Amphibien geht's zu den Landtieren hinauf, und
unter diesen ist selbst bei dem abscheulichen Unau mit seinen drei Fingern und
zwei Vorderbrüsten schon das nähere Analogon unsrer Gestalt sichtbar. Nun
spielet die Natur und übet sich rings um den Menschen im grössesten Mancherlei
der Anlagen und Organisationen Sie verteilte die Lebensarten und Triebe, bildete
die Geschlechter einander feindlich, indes alle diese Scheinwidersprüche zu
einem Ziel führen. Es ist also anatomisch und physiologisch wahr, dass durch die
ganze belebte Schöpfung unsrer Erde das Analogon einer Organisation herrsche;
nur also, dass, je entfernter vom Menschen, je mehr das Element des Lebens der
Geschöpfe von ihm absteht, die sich immer gleiche Natur auch in ihren
Organisationen das Hauptbild verlassen musste. Je näher ihm, desto mehr zog sie
Klassen und Radien zusammen, um in seinem, dem heiligen Mittelpunkt der
Erdeschöpfung, was sie kann, zu vereinen. Freue dich deines Standes, o Mensch,
und studiere dich, edles Mittelgeschöpf, in allem, was um dich lebet!
 
                                  Drittes Buch
                                       I
Vergleichung des Baues der Pflanzen und Tiere in Rücksicht auf die Organisation
                                  des Menschen
    Das erste Merkmal, wodurch sich unsern Augen ein Tier unterscheidet, ist der
Mund. Die Pflanze ist, wenn ich so sagen darf, noch ganz Mund: sie saugt mit
Wurzeln, Blättern und Röhren; sie liegt noch wie ein unentwickeltes Kind in
ihrer Mutter Schoss und an ihren Brüsten. Sobald sich das Geschöpf zum Tier
organisieret, wird an ihm, selbst ehe noch ein Haupt unterscheidbar ist, der
Mund merklich. Die Arme des Polypen sind Mäuler; in Würmern, wo man noch wenig
innere Teile unterscheidet, sind Speisekanäle sichtbar; ja bei manchen
Schaltieren liegt der Zugang derselben, als ob er noch Wurzel wäre, am Unterteil
des Tieres. Diesen Kanal also bildete die Natur an ihren Lebendigen zuerst aus
und erhält ihn bis zum organisiertesten Wesen. Die Insekten sind im Zustande der
Larven fast nichts als Mund, Magen und Eingeweide; die Gestalt der Fische und
Amphibien, endlich sogar der Vögel und Landtiere ist auch in ihrer horizontalen
Lage dazu gebildet. Nur je höher hinauf, desto vielfach geordneter werden die
Teile. Die Öffnung enget sich, Magen und Eingeweide nehmen einen tiefern Platz;
endlich bei der aufgerichteten Stellung des Menschen tritt auch äusserlich der
Mund, der am Kopf des Tiers noch immer der vorstehende Teil war, unter die
höhere Organisation des Antlitzes zurück; edlere Teile erfüllen die Brust, und
die Werkzeuge der Nahrung sind in die niedere Region hinab geordnet. Das edlere
Geschöpf soll nicht mehr dem Bauch allein dienen, dessen Herrschaft in allen
Klassen seiner untern Brüder auch nach Teilen des Körpers und nach Verrichtungen
des Lebens so weit und gross war.
    Das erste Hauptgesetz also, dem irgend der Trieb eines Lebendigen dienet,
ist Nahrung. Die Tiere haben ihn mit der Pflanze gemein; denn auch die Teile
ihres Baues, die Speise einsaugen und ausarbeiten, bereiten Säfte und sind ihrem
Gewebe nach pflanzenartig. Bloss die feinere Organisation, in welche die Natur
sie setzte, die mehrere Mischung, Läuterung und Ausarbeitung der Lebenssäfte,
nur diese befördert nach Klassen und Arten allmählich den feinern Strom, der die
edlern Teile befeuchtet, je mehr die Natur jene niedrigern einschränkte. Stolzer
Mensch, blicke auf die erste notdürftige Anlage deiner Mitgeschöpfe zurück, du
trägst sie noch mit dir; du bist ein Speisekanal wie deine niedrigern Brüder.
    Nur unendlich hat uns die Natur gegen sie veredelt. Die Zähne, die bei
Insekten und andern Tieren Hände sein müssen, den Raub zu halten und zu
zerreissen, die Kiefer, die bei Fischen und Raubtieren mit wunderbarer Macht
wirken, wie edel sind sie bei dem Menschen zurückgesetzt und ihre ihnen noch
einwohnende Stärke gezähmet12. Die vielen Magen der niedrigern Geschöpfe sind
bei ihm und einigen Landtieren, die sich von innen seiner Gestalt nähern, in
einen zusammengepresst, und sein Mund endlich ist durch das reineste
Göttergeschenk, die Rede, geheiligt. Würmer, Insekten, Fische, die mehresten
Amphibien sind stumm mit dem Munde; auch der Vogel tönet nur mit der Kehle;
jedes der Landtiere hat wenige herrschende Schälle, soviel zur Haushaltung
seines Geschlechts gehören; der Mensch allein besitzt wahre Sprachorgane mit den
Werkzeugen des Geschmacks und der Speise, also das edelste mit den Zeichen der
niedrigsten Notdurft zusammengeordnet. Womit er Speise für den niedrigen Leib
verarbeitet, verarbeitet er auch in Worten die Nahrung der Gedanken.
    Der zweite Beruf der Geschöpfe ist Fortpflanzung; die Bestimmung dazu ist
schon im Bau der Pflanzen sichtbar. Wem dienen Wurzel und Stamm, Äste und
Blätter? Wem hat die Natur den obersten oder doch den ausgesuchtesten Platz
eingeräumet? Der Blüte, der Krone; und wir sahen, sie sind die Zeugungsteile der
Pflanze. Sie also sind zum schönsten Hauptteil dieses Geschöpfs gemacht; auf
ihre Ausbildung ist das Leben, das Geschäft, das Vergnügen der Pflanze, ja
selbst die einzige scheinbar willkürliche Bewegung derselben berechnet: es ist
diese nämlich der sogenannte Schlaf der Pflanzen. Gewächse, deren
Samenbehältnisse hinlänglich gesichert sind, schlafen nicht; eine Pflanze nach
der Befruchtung schläft auch nicht mehr. Sie schloss sich also nur mütterlich zu,
die innern Teile der Blume gegen die rauhe Witterung zu bewahren; und so ist
alles bei ihr wie auf Nahrung und Wachstum, so auch auf Fortpflanzung und
Befruchtung gerechnet; eines andern Zwecks der Tätigkeit war sie nicht fähig.
    Nicht also bei den Tieren. Die Werkzeuge der Fortpflanzung sind ihnen nicht
zur Krone gemacht (nur einige der niedrigsten Geschöpfe haben diese Teile dem
Haupt nahe), sie sind vielmehr, auch der Bestimmung des Geschöpfs nach, edlern
Gliedern untergeordnet. Herz und Lunge nehmen die Brust ein, das Haupt ist
feinern Sinnen geweiht, und überhaupt ist dem ganzen Bau nach das Fiberngewebe
mit seiner saftreichen Blumenkraft dem reizbaren Triebwerk der Muskeln und dem
empfindenden Nervengebäude unterworfen. Die Ökonomie des Lebens dieser Geschöpfe
soll offenbar dem Geist ihres Baues folgen. Freiwillige Bewegung, wirksame
Tätigkeit, Empfindungen und Triebe machen das Hauptgeschäft des Tiers aus, je
mehr sich seine Organisation hebet. Bei den meisten Gattungen ist die Begierde
des Geschlechts nur auf kleine Zeit eingeschränkt; die übrige leben sie freier
von diesem Triebe als manche niedrige Menschen, die gern in den Zustand der
Pflanze zurückkehren möchten. Sie haben natürlich auch das Schicksal der
Pflanzen: alle edlern Triebe, die Muskeln-, Empfindungs-, Geistes- und
Willenskraft ermattet; sie leben ein Pflanzenleben und sterben eines
frühzeitigen Pflanzentodes.
    Was unter den Tieren der Pflanze am nächsten kommt, bleibt wie in der
Ökonomie des Baues, so auch im Zweck seiner Bestimmung dem angeführten
Bildungsprincipium treu; es sind Zoophyten und Insekten. Der Polyp ist seinem
Bau nach nichts als eine belebte organische Röhre junger Polypen, das
Korallengewächs ein organisches Haus eigner Seetiere; das Insekt endlich, das
weit über jenen steht, weil es schon in einem feinern Medium lebet, zeigt
dennoch in seiner Organisation sowohl als in seinem Leben die nahe Grenze jener
Pflanzenbestimmung. Sein Kopf ist klein und ohne Gehirn; selbst zu einigen
notdürftigen Sinnen war in ihm nicht Raum, daher es sie auf Fühlhörnern vor sich
her träget. Seine Brust ist klein, daher ihnen die Lunge und vielen auch das
kleinste Analogon des Herzens fehlet. Der Hinterleib aber, in seinen
pflanzenartigen Ringen, wie gross und weit ist er! Er ist noch der herrschende
Teil des Tiers13, so wie die Hauptbestimmung desselben Nahrung und zahlreiche
Fortpflanzung.
    Bei Tieren edlerer Art legte die Natur, wie gesagt worden, die Werkzeuge der
Fortpflanzung, als ob sie sich ihrer zu schämen anfinge, tiefer hinab; sie gab
einem Teil mehrere, sogar die ungleichsten Verrichtungen und gewann damit in der
weitern Brust zu edlern Teilen Raum. Selbst die Nerven, die zu jenen Teilen
führen mussten, liess sie weit vom Haupt aus niedrigen Stämmen entspringen und
entnahm sie mit ihren Muskeln und Fibern grossenteils dem Willen der Seele.
Pflanzenartig wird hier der Saft der Fortpflanzung bereitet und auch die junge
Frucht noch als Pflanze genähret. Pflanzenartig blühet die Kraft dieser Teile
und Triebe zuerst ab, wenn das Herz noch, und vielleicht rascher, schlägt und
der Kopf heller denket. Das Wachstum des menschlichen Körpers in seinen Teilen
geschieht, nach Martinets feiner Bemerkung14, minder in den obern als untern
Teilen des Körpers; gleich als ob der Mensch ein Baum wäre, der unten auf seinem
Stamm wüchse. Kurz, so verschlungen der Bau unseres Körpers ist, so ist
offenbar, dass die Teile, die bloss zur animalischen Nahrung und Fortpflanzung
dienen, auch ihrer Organisation nach mitnichten die herrschenden Teile der
Bestimmung eines Tiers, geschweige des Menschen, werden sollten und werden
konnten.
    Und welche wählte denn die Natur zu diesen? Lasset uns ihrem Bau von innen
und aussen folgen.
    
    Durch die Reihen aller lebendigen Erdwesen erstrecket sich die Ordnung, dass
    1. Tiere mit einer Höhle und einer Kammer des Herzens, wie die Amphibien und
        Fische, auch kälteres Blut; dass
    2. die mit einer Kammer ohne Höhle gar nur einen weissen Saft statt des
        Blutes haben, wie die Insekten und Würmer; dass aber
    3. Tiere mit vierfachigem Herzen warmblütige Geschöpfe sind, wie Vögel und
        Säugetiere.
Gleichergestalt ist's bemerkt, dass
    1. jenen Tieren zum Atemholen und zur Bewirkung des Blutumlaufs die Lunge
        fehle; dass aber
    2. die Tiere mit vierfachigem Herzen Lungen haben.
    Es ist unglaublich, was aus diesen simpeln Unterschieden für grosse
Verändrungen zur Veredlung der Wesen folgen.
    Zuerst. Die Bildung des Herzens auch in seiner unvollkommensten Gestalt
fodert einen organischen Bau mehrerer innern Teile, zu dem sich keine Pflanze
erhebet. Auch in Insekten und Würmern sieht man schon Adern und andre
Absondrungswerkzeuge, zum Teil selbst Muskeln und Nerven, die bei den Pflanzen
noch durch Röhren und bei den Pflanzentieren durch ein Gebäude, das jenen
ähnlich ist, ersetzt wurden. In dem vollkommenern Geschöpf ward also eine
feinere Ausarbeitung des Safts, von dem es lebet, mitin auch der Wärme, durch
die es lebt, befördert; und so sprosset der Baum des Lebens vom pflanzenartigen
zum weissen Saft der Tiere, sodenn zum röteren Blut und endlich zur vollkommenern
Wärme organischer Wesen. Je mehr diese wächst, desto mehr sehen wir auch die
innere Organisation sich absetzen, sich vervielfältigen und den Kreislauf
vollkommener werden, durch dessen Bewegung jene innere Wärme wahrscheinlich
allein entstehen konnte. Nur ein Principium des Lebens scheint in der Natur zu
herrschen: dies ist der äterische oder elektrische Strom, der in den Röhren der
Pflanze, in den Adern und Muskeln des Tiers, endlich gar im Nervengebäude immer
feiner und feiner verarbeitet wird und zuletzt alle die wunderbaren Triebe und
Seelenkräfte anfacht, über deren Wirkung wir bei Tieren und Menschen staunen.
Das Wachstum der Pflanzen, ob ihr Lebenssaft gleich viel organischer und feiner
ist als die elektrische Kraft, die sich in der toten Natur äussert, wird durch
die Elektrizität befördert. Noch auf Tiere und Menschen hat jener Strom Wirkung,
und nicht nur auf die gröbern Teile ihrer Maschinen etwa, sondern selbst, wo
diese zunächst an die Seele grenzen. Die Nerven, von einem Wesen belebt, dessen
Gesetze beinahe schon über die Materie hinaus sind, da es mit einer Art
Allgegenwart wirket, sind noch von der elektrischen Kraft im Körper berührbar.
Kurz, die Natur gab ihren lebendigen Kindern das Beste, was sie ihnen geben
konnte, eine organische Ähnlichkeit ihrer eignen schaffenden Kraft, belebende
Wärme. Durch solche und solche Organe erzeuget sich das Geschöpf aus dem toten
Pflanzenleben lebendigen Reiz und aus der Summe dieses, durch feinere Kanäle
geläutert, das Medium der Empfindung. Das Resultat der Reize wird Trieb, das
Resultat der Empfindungen Gedanke: ein ewiger Fortgang von organischer
Schöpfung, der in jedes lebendige Geschöpf gelegt ward. Mit der organischen
Wärme desselben (nicht eben wie sie für unsre groben Kunstwerkzeuge von aussen
fühlbar ist) nimmt auch die Vollkommenheit seiner Gattung, wahrscheinlich also
auch seine Fähigkeit zu einem feinern Gefühl des Wohlseins zu, in dessen alles
durchgehenden Strom die allerwärmende, allbelebende, allgeniessende Mutter sich
selbst fühlet.
    Zweitens. Je vielfacher die innere Organisation des Geschöpfs zur feinern
Lebenswärme ward, desto mehr, sehen wir, wird dasselbe fähig, Lebendige zu
empfangen und zu gebären. Abermals eine Sprosse desselben grossen Lebensbaumes
durch alle Gattungen der Geschöpfe.15
    Es ist bekannt, dass die meisten Pflanzen sich selbst begatten und dass auch,
wo die Glieder des Geschlechts geteilet sind, sich viel Androgynen und Polygamen
finden. Gleichergestalt ist's bemerkt, dass bei den niedrigern Arten der Tiere,
den Pflanzengeschöpfen, Schnecken, Insekten, entweder die tierischen
Zeugungsteile noch fehlen und das Geschöpf wie Pflanze nur fortzusprossen
scheinet oder dass es unter ihnen Hermaphroditen, Androgynen und mehrere
Anomalien gebe, die hier aufzuzählen nicht der Ort ist. Je vielfacher die
Organisation des Tiers wird, desto bestimmter gehn die Geschlechter auseinander.
Hier konnte sich die Natur nicht mehr an organischen Keimen begnügen; die
Formung eines in seinen Teilen so vielartigen und vielgestalteten Wesens wäre
übel daran gewesen, wenn der Zufall das Werk gehabt hätte, mit organischen
Formen zu spielen. Also schied die weise Mutter und trennete die Geschlechter.
Sie wusste aber eine Organisation zu finden, wo sich zwei Geschöpfe zu einem
vereinten und in ihrer Mitte ein drittes würde, der Abdruck ihrer beider im
Augenblick der innigsten organischen Lebenswärme.
    In dieser empfangen, wird das neue Wesen allein auch durch sie fortgebildet.
Mütterliche Wärme umfängt es und bildet es aus. Noch atmet seine Lunge nicht,
und seine grössere Brustdrüse sauget; selbst beim Menschen scheint die rechte
Herzkammer noch zu fehlen, und statt des Bluts fliesset ein weisser Saft durch
seine Adern. Je mehr indes die mütterliche Wärme auch seine innere Wärme
anfacht, desto mehr bildet sich das Herz; das Blut rötet sich und gewinnet, ob
es gleich die Lunge noch nicht berühren kann, energischen Kreislauf. In lauten
Pulsschlägen reget sich das Geschöpf und tritt endlich vollkommen gebildet auf
die Welt, begabt mit allen Trieben der Selbstbewegung und Empfindung, zu denen
es nur in einem lebendigen Geschöpf dieser Art organisiert werden konnte.
Sogleich reichen ihm Luft, Milch, Nahrungsmittel, selbst der Schmerz und jedes
Bedürfnis Anlässe dar, auf tausend Wegen Wärme einzusaugen und sie durch Fibern,
Muskeln und Nerven zu dem Wesen zu verarbeiten, das keine niedrigere
Organisation erarbeiten kann. Es wächst bis zu den Jahren, da es im Überfluss
seiner Lebenswärme sich fortzubilden, zu vervielfältigen strebt und der
organische Lebenszirkel also von neuem anfängt.-
    So ging die Natur bei den Geschöpfen zu Werk, die sie Lebendige gebären
lassen konnte; nicht aber alle konnten dies. Die Tiere kälteren Blutes nicht;
ihnen muss also die Sonne zu Hülfe kommen und ihre Mitmutter werden. Sie brütet
das Ungeborne hervor: ein klarer Beweis, dass alle organische Wärme in der
Schöpfung eins sei, nur durch zahllose Kanäle feiner und feiner hinaufgeläutert.
Selbst die Vögel, die wärmeren Blutes sind als die Erdentiere, konnten,
vielleicht teils ihres kältern Elements, teils ihrer Lebensart und ganzen
Bestimmung wegen, nicht Lebendige gebären. Die Natur verschonte diese leichten
flüchtigen Geschöpfe, ihre Jungen bis zur lebendigen Geburt zu tragen, wie sie
sie auch mit der Mühe des Säugens verschonte. Sobald der Vogel aber, wenn auch
nur in einer hässlichen Mittelgattung, die Erde betritt, säugt er; sobald das
Meertier warmes Blut und Organisation gnug hat, ein Lebendiges zu gebären, ward
ihm auch die Mühe aufgelegt, es zu säugen.
    Wie sehr trug die Natur hiedurch zur Vervollkommung der Gattungen bei. Der
flüchtige Vogel kann nur brüten, und wie schöne Triebe beider Geschlechter
entstehen schon aus dieser kleinen Haushaltung! Die eheliche Liebe bauet, die
mütterliche Liebe erwärmet das Nest, die väterliche versorget es und hilft es
mit erwärmen. Wie verteidigt eine Vogelmutter ihre Jungen! Wie keusch ist in den
Geschlechtern, die zur Ehe gemacht sind, ihre eheliche Liebe! - Bei den Tieren
der Erde sollte dies Band wo möglich noch stärker werden: darum bekam die Mutter
ihr Lebendiggebornes an die Brust, es mit den zärtesten Teilen ihrer selbst zu
nähren. Nur ein grob organisiertes Schwein ist's, das seine eigne Jungen frisst;
nur kalte Amphibien sind's, die ihre Eier dem Sande oder Morast geben. Mit
Zärtlichkeit sorgen alle säugende Geschlechter für ihre Jungen; die Liebe des
Affen ist zum Sprichwort geworden, und vielleicht gibt keine andre Gattung ihm
nach. Selbst Seegeschöpfe nehmen daran teil, und der Manati ist bis zum
Fabelhaften ein Bild der ehelichen und mütterlichen Liebe. Zärtliche
Haushälterin der Welt, an so einfache organische Bande knüpftest du die
notwendigsten Beziehungen sowie die schönsten Triebe deiner Kinder. Auf eine
Höhle der Herzmuskel, auf eine atmende Lunge kam's an, dass das Geschöpf mit
stärkerer und feinerer Wärme lebte, dass es Lebendige gebar und säugte, dass es zu
feineren als den Fortpflanzungstrieben, zur Haushaltung und Zärtlichkeit für die
Jungen, ja in einigen Geschlechtern gar zur ehelichen Liebe gewöhnt ward. In der
grössern Wärme des Bluts, diesem Strom der allgemeinen Weltseele, zündetest du
die Fackel an, mit der du auch die feinsten Regungen des menschlichen Herzens
erwärmest.
    Endlich sollte ich noch vom Haupt, als der höchsten Region der
Tieresbildung, reden; es gehören aber hiezu zuvörderst andere Betrachtungen als
über ihre äussern Formen und Glieder.
 
                                       II
       Vergleichung der mancherlei organischen Kräfte, die im Tier wirken
    Der unsterbliche Haller hat die verschiednen Kräfte, die sich im Tierkörper
physiologisch äussern, nämlich die Elastizität der Faser, die Reizbarkeit des
Muskels, endlich die Empfindung des Nervengebäudes, mit einer Genauigkeit
unterschieden, die im ganzen nicht nur unwiderlegbar bleiben, sondern noch die
reichste Anwendung, auch bei andern als menschlichen Körpern, zur
physiologischen Seelenlehre gewähren dörfte.
    Nun lasse ich's dahingestellet sein, ob nicht diese drei allerdings so
verschiednen Erscheinungen im Grunde ein und dieselbe Kraft sein könnten, die
sich in der Faser anders, anders im Muskel, anders im Nervengebäude offenbaret.
Da alles in der Natur verknüpft und diese drei Wirkungen im belebten Körper so
innig und vielfach verbunden sind, so lässt sich daran kaum zweifeln. Elastizität
und Reizbarkeit grenzen aneinander, wie Fiber und Muskel zusammengrenzen. So wie
dieser nur ein verflochtnes Kunstgebilde jener ist, so ist auch die Reizbarkeit
wahrscheinlich nichts als eine auf innige Art unendlich vermehrte Schnellkraft,
die in dieser organischen Verschlingung vieler Teile sich aus dem toten
Fiberngefühl zur ersten Stufe des tierischen Selbstreizes erhoben. Die
Empfindsamkeit des Nervensystems wird sodenn die dritte höhere Art derselben
Kraft sein, ein Resultat aller jener organischen Kräfte, da der ganze Kreislauf
des Bluts und aller ihm untergeordneten Gefässe dazu zu gehören scheint, das
Gehirn, als die Wurzel der Nerven, mit dem feinen Saft zu befeuchten, der sich,
als Medium der Empfindung betrachtet, über Muskel- und Faserkräfte so sehr
erhebet.
    Doch dem sei, wie ihm wolle; unendlich ist die Weisheit des Schöpfers, mit
der er in den verschiednen Organisationen der Tierkörper diese Kräfte verband
und die niedern allmählich den höhern unterordnen wollte. Das Grundgewebe von
allem auch in unserm Bau sind Fibern; auf ihnen blühet der Mensch. Die
lymphatischen und Milchgefässe bereiten Saft für die ganze Maschine. Die
Muskelkräfte bewegen diese nicht bloss zu Wirkungen nach aussen, sondern eine
Muskel, das Herz, wird das erste Triebwerk des Blutes, eines Safts aus so vielen
Säften, der nicht nur den ganzen Körper erwärmet, sondern auch zum Haupt steigt
und von da durch neue Zubereitungen die Nerven belebet. Wie ein himmlisches
Gewächs breiten sich diese aus ihrer obern Wurzel nieder. Und wie sie sich
breiten, wie fein sie sind, zu welchen Teilen sie verwand t werden, mit welchem
Grad des Reizes hier oder da ein Muskel verschlungen sei, welchen Saft die
pflanzenartigen Gefässe bereiten, welche Temperatur im ganzen Verhältnis dieser
Teile gegeneinander herrsche, auf welche Sinnen es falle, zu welcher Lebensart
es wirke, in welchen Bau, in welche Gestalt es organisiert sei - wenn die genaue
Untersuchung dieser Dinge in einzelnen, zumal dem Menschen nahen Geschöpfen
nicht Aufschlüsse über ihren Instinkt und Charakter, über das Verhältnis der
Gattungen gegeneinander, zuletzt und am meisten über die Ursachen des Vorzuges
der Menschen vor den Tieren gäbe, so wüsste ich nicht, woher man physische
Aufschlüsse nehmen sollte. Und glücklicherweise gehen jetzt die Camper,
Wrisberg, Wolf, Sömmerings und soviel andre forschende Zergliederer auf diesem
geistigen physiologischen Wege der Vergleichung mehrerer Geschlechter in den
Kräften der Werkzeuge ihres organischen Lebens.-
    Ich setze meinem Zweck gemäss einige Hauptgrundsätze voraus, die die
folgenden Betrachtungen über die inwohnenden organischen Kräfte verschiedner
Wesen und zuletzt des Menschen einleiten mögen; denn ohne sie ist keine
gründliche Übersicht der Menschennatur in ihren Mängeln und Vollkommenheiten
möglich.
    
    1. Wo Wirkung in der Natur ist, muss wirkende Kraft sein; wo Reiz sich in
Bestrebungen oder gar in Krämpfen zeigt, da muss auch Reiz von innen gefühlt
werden. Sollten diese Sätze nicht gelten, so hört aller Zusammenhang der
Bemerkungen, alle Analogie der Natur auf.
    2. Niemand darf eine Grenze ziehen, wo eine augenscheinliche Wirkung Beweis
einer inwohnenden Kraft sein könne und wo sie es nicht mehr sein soll. Denen mit
uns lebenden Tieren trauen wir Gefühl und Gedanken zu, weil wir ihre tägliche
Gewohnheit vor uns sehen; andre können hievon deswegen nicht ausgeschlossen
sein, weil wir sie nicht nahe und innig gnug kennen oder weil uns ihre Werke zu
kunstreich dünken; denn unsre Unwissenheit oder Kunstlosigkeit ist kein
absoluter Massstab aller Kunstideen und Kunstgefühle der belebten Schöpfung.
    3. Also: Wo Kunst geübt wird, ist ein Kunstsinn, der sie übet; und wo ein
Geschöpf durch Taten zeigt, dass es Begebenheiten der Natur zuvor wisse, indem es
ihnen zu entgehen trachtet, da muss es einen innern Sinn, ein Organ, ein Medium
dieser Voraussicht haben, wir mögen's begreifen können oder nicht. Die Kräfte
der Natur werden deshalb nicht verändert.
    4. Es mögen viel Medien in der Schöpfung sein, von denen wir nicht das
mindeste wissen, weil wir kein Organ zu ihnen haben; ja es müssen derselben viel
sein, da wir fast bei jedem Geschöpf Wirkungen sehen, die wir uns aus unsrer
Organisation nicht zu erklären vermögen.
    5. Die Schöpfung ist unendlich grösser, in der Millionen Geschöpfe, jedes von
besonderm Sinn und Triebe eine eigne Welt geniesst, ein eignes Werk treibet, als
eine andre Wüste, die der unachtsame Mensch allein mit seinen fünf stumpfen
Sinnen betasten soll.
    6. Wer einiges Gefühl für die Hoheit und Macht der sinn- und kunst- und
lebenreichen Natur hat, wird dankbar annehmen, was seine Organisation in sich
schliesst, ihr aber deswegen den Geist aller ihrer übrigen Werke nicht ins
Gesicht leugnen. Die ganze Schöpfung sollte durchgenossen, durchgefühlt,
durcharbeitet werden; auf jedem neuen Punkt also mussten Geschöpfe sein, sie zu
geniessen, Organe, sie zu empfinden, Kräfte, sie dieser Stelle gemäss zu beleben.
Der Kaiman und der Kolibri, der Kondor und die Pipa: was haben sie miteinander
gemein? Und jedes ist für sein Element organisiert, jedes lebt und webt in
seinem Elemente. Kein Punkt der Schöpfung ist ohne Genuss, ohne Organ, ohne
Bewohner: jedes Geschöpf hat also seine eigne, eine neue Welt.
    Unendlichkeit umfasst mich, wenn ich, umringt von tausend Proben dieser Art
und ergriffen von ihren Gefühlen, Natur, in deinen heiligen Tempel trete. Kein
Geschöpf bist du vorbeigegangen; du teiltest dich ihm ganz mit, so ganz, wie es
dich in seiner Organisation fassen konnte. Jedes deiner Werke machtest du eins
und vollkommen und nur sich selbst gleich. Du arbeitetest es von innen heraus,
und wo du versagen musstest, erstattetest du, wie die Mutter aller Dinge
erstatten konnte. - Lasset uns einige dieser abgewogenen Verhältnisse der
verschiednen wirkenden Kräfte in mancherlei Organisationen bemerken: wir bahnen
uns damit den Weg zum physiologischen Standort des Menschen.
    
    1. Die Pflanze ist zur Vegetation und Fruchtbringung da: ein untergeordneter
Zweck, wie es uns scheint, aber im Ganzen der Schöpfung zu jedem andern die
Grundlage. Ihn also vollführt sie ganz und wirkt um so unablässiger auf
denselben, je weniger sie in andre Zwecke verteilt ist. Wo sie kann, ist sie im
ganzen Keim da und treibt neue Schösslinge und Knospen; ein Zweig vom Baume
stellet den ganzen Baum dar. Wir rufen also sogleich einen der vorigen Sätze
hier zu Hülfe und haben das Recht, nach aller Analogie der Natur zu sagen: Wo
Wirkung ist, muss Kraft, wo neues Leben ist, muss ein Principium des neuen Lebens
sein, und in jedem pflanzenartigen Geschöpf muss dieses sieh in der grössesten
Wirksamkeit finden. Die Teorie der Keime, die man zur Erklärung der Vegetation
angenommen hat, erkläret eigentlich nichts; denn der Keim ist schon ein Gebilde,
und wo dieses ist, muss eine organische Kraft sein, die es bildet. Im ersten
Samenkorn der Schöpfung hat kein Zergliederer alle künftige Keime entdeckt; sie
werden uns nicht eher sichtbar, als bis die Pflanze zu ihrer eignen völligen
Kraft gelangt ist, und wir haben durch alle Erfahrungen kein Recht, sie etwas
anderm als der organischen Kraft der Pflanze selbst zuzuschreiben, die auf sie
mit stiller Intensität wirket. Die Natur gewährte diesem Geschöpf, was sie ihm
gewähren konnte, und erstattete das Vielfache, das sie ihm entziehen musste,
durch die Innigkeit der einen Kraft, die in ihm wirket. Was sollte die Pflanze
mit Kräften der Tierbewegung, da sie nicht von ihrer Stelle kann? Warum sollte
sie andre Pflanzen um sich her erkennen können, da dies Erkenntnis ihr Qual
wäre? Aber die Luft, das Licht, ihren Saft der Nahrung ziehet sie an und geniesst
sie pflanzenartig; den Trieb zu wachsen, zu blühen und sich fortzupflanzen übt
sie so treu und unablässig, als ihn kein andres Geschöpf übet.
    2. Der Übergang von der Pflanze zu den vielen bisher entdeckten
Pflanzentieren stellet dies noch deutlicher dar. Die Nahrungsteile sind bei
ihnen schon gesondert; sie haben ein Analogon tierischer Sinne und willkürlicher
Bewegung; ihre vornehmste organische Kraft ist indessen noch Nahrung und
Fortpflanzung. Der Polyp ist kein Magazin von Keimen, die in ihm, etwa für das
grausame Messer des Philosophen, präformiert lägen, sondern wie die Pflanze
selbst organisches Leben war, ist auch er organisches Leben. Er schiesst
Abschösslinge wie sie, und das Messer des Zergliederers kann diese Kräfte nur
wecken, nur reizen. Wie ein gereizter oder zerschnittener Muskel mehr Kraft
äussert, so äussert ein gequälter Polyp alles, was er kann, um sich zu erstatten
und zu ergänzen. Er treibt Glieder, solange seine Kraft es vermag und das
Werkzeug der Kunst seine Natur nur nicht ganz zerstörte. An einigen Teilen, in
einigen Richtungen, wenn die Teile zu klein, wenn seine Kräfte zu matt werden,
kann er's nicht mehr; welches alles nicht stattfände, wenn in jedem Punkt der
präformierte Keim bereitläge. Mächtige organische Kräfte sind's, die wir in ihm
wie im Triebwerk der Gewächse, ja noch tiefer hinab in schwächern, dunklern
Anfängen wirken sehen.
    3. Die Schalentiere sind organische Geschöpfe voll so viel Lebens, als sich
in diesem Elemente, in diesem Gehäuse nur sammlen und organisieren konnte. Wir
müssen es Gefühl nennen, weil wir kein andres Wort haben; es ist aber Schnecken-
oder Meeresgefühl, ein Chaos der dunkelsten Lebenskräfte, unentwickelt bis auf
wenige Glieder. Siehe die feinen Fühlhörner, den Muskel, der den Sehnerven
vertritt, den offnen Mund, den Anfang des schlagenden Herzens und, welch ein
Wunder! die sonderbaren Reproduktionskräfte. Das Tier erstattet sich Kopf,
Hörner, Kinnlade, Augen; es bauet nicht nur seine künstliche Schale und reibt
sie ab, sondern erzeugt auch lebendige Wesen mit eben der künstlichen Schale,
und manche Geschlechter sind zugleich Mann und Weib. In ihm liegt also eine Welt
von organischen Kräften, vermöge deren das Geschöpf auf seiner Stufe vermag, was
keins von ausgewickelten Gliedern vermochte, und in denen das zähe
Schleimgebilde um so inniger und unablässiger wirket.
    4. Das Insekt, ein so kunstreiches Geschöpf in seinen Wirkungen, ist gerade
so kunstreich in seinem Bau: seine organische Kräfte sind demselben, sogar
einzelnen Teilen nach, gleichförmig. Noch fand sich an ihm zu wenigem Gehirn und
nur zu äusserst feinen Nerven Raum; seine Muskeln sind noch so zart, dass harte
Decken sie von aussen bepanzern müssen, und zum Kreislauf der grössern Landtiere
war in seiner Organisation keine Stelle. Sehet aber seinen Kopf, seine Augen,
seine Fühlhörner, seine Füsse, seine Schilde, seine Flügel; bemerket die
ungeheuren Lasten, die ein Käfer, eine Fliege, eine Ameise trägt, die Macht, die
eine erzürnte Wespe beweiset; sehet die fünftausend Muskeln, die Lyonnet in der
Weidenraupe gezählt hat, da der mächtige Mensch deren kaum fünftehalbhundert
besitzet; betrachtet endlich die Kunstwerke, die sie mit ihren Sinnen und
Gliedern vornehmen, und schliesset auf eine organische Fülle von Kräften, die in
jedem ihrer Teile einwohnend wirken. Wer kann den ausgerissenen zitternden Fuss
einer Spinne, einer Fliege sehen, ohne wahrzunehmen, wieviel Kraft des
lebendigen Reizes in ihm sei, auch abgetrennt von seinem Körper? Der Kopf des
Tiers war noch zu klein, um alle Lebensreize in sich zu versammeln; die reiche
Natur verbreitete diese also in alle, auch die feinsten Glieder. Seine
Fühlhörner sind Sinne, seine feinen Füsse Muskeln und Arme, jeder Nervenknote ein
kleineres Gehirn, jede reizbare Faser beinahe ein schlagendes Herz: und so
konnten die feinen Kunstwerke vollbracht werden, zu denen manche dieser
Gattungen ganz gebauet sind und zu welchen sie Organisation und Bedürfnis
treibet. Welche feine Elastizität hat der Faden einer Spinne, einer Seidenraupe!
Und die Künstlerin zog ihn aus sich selbst, zum offenbaren Erweise, dass sie
selbst ganz Elastizität und Reiz, also auch in ihren Trieben und Kunstwerken
eine wahre Künstlerin sei, eine in dieser Organisation wirkende kleine Weltseele
.
    5. Bei den Tieren von kaltem Blut ist noch dieselbe Übermacht des Reizes
sichtbar. Lange und heftig regt sich die Schildkröte noch, nachdem sie ihr Haupt
verloren; der abgerissene Kopf einer Natter biss nach 3, 8, 12 Tagen tödlich. Der
zusammengezogne Kinnbacken eines toten Krokodils konnte einem Unvorsichtigen den
Finger abbeissen; so wie unter den Insekten der ausgerissene Stachel einer Biene
zu stechen strebet. - Siehe den Frosch in seiner Begattung; Füsse und Glieder
können ihm abgerissen werden, ehe er von seinem Gegenstande ablässt. Siehe den
gequälten Salamander; Hände, Finger, Füsse, Schenkel kann er verlieren, und er
erstattet sie sich wieder. So gross und, wenn ich sagen darf, so allgnugsam sind
die organischen Lebenskräfte in diesen Tieren von kaltem Blut; und kurz, je
roher ein Geschöpf ist, d. i. je minder die organische Macht seiner Reize und
Muskeln zu feinen Nervenkräften hinaufgeläutert und einem grössern Gehirn
untergeordnet worden, desto mehr zeigen sie sich in einer verbreiteten, das
Leben haltenden oder erstattenden organischen Allmacht.
    6. Selbst bei Tieren von wärmerem Blut hat man bemerkt, dass in Verbindung
mit den Nerven ihr Fleisch sich träger bewege und ihr Eingeweide dagegen
heftigere Wirkungen des Reizes zeige, wenn das Tier tot ist. Im Tode werden die
Zuckungen stärker in dem Mass, als die Empfindung abnimmt, und ein Muskel, der
seine Reizbarkeit bereits verloren, erlangt solche wieder, wenn man ihn in
Stücke zerschneidet. Je nervenreicher also das Geschöpf ist, desto mehr
scheint's von der zähen Lebenskraft zu verlieren, die nur mit Mühe abstirbt. Die
Reproduktionskräfte einzelner, geschweige so vielartiger Glieder, als Haupt,
Hände, Füsse sind, verlieren sich bei den sogenannten vollkommenern Geschöpfen;
kaum dass sich bei ihnen in gewissen Jahren noch ein Zahn ersetzt oder ein
Beinbruch und eine Wunde ergänzet. Dagegen steigen die Empfindungen und
Vorstellungen in diesen Klassen so merklich, bis sie sich endlich im Menschen
auf die für eine Erdorganisation feineste und höchste Weise zur Vernunft
sammlen.
    
    Dürfen wir aus diesen Induktionen, die noch viel mehr ins einzelne geleitet
werden könnten, einige Resultate sammlen, so wären es folgende:
    1. Bei jedem lebendigen Geschöpf scheint der Zirkel organischer Kräfte ganz
und vollkommen; nur, er ist bei jedem anders modifiziert und verteilt. Bei
diesem liegt er noch der Vegetation nahe und ist daher für die Fortpflanzung und
Wiedererstattung seiner selbst so mächtig; bei andern nehmen diese Kräfte ab, je
mehr sie in künstlichere Glieder, feinere Werkzeuge und Sinnen verteilt werden.
    2. Über den mächtigen Kräften der Vegetation fangen die lebendigen
Muskelreize zu wirken an. Sie sind mit jenen Kräften des wachsenden,
sprossenden, sich wiederherstellenden animalischen Fiberngebäudes nahe verwandt;
nur, sie erscheinen in einer künstlich verschlungenen Form, zu einem
eingeschränkteren, bestimmteren Zweck der Lebenswirkung. Jeder Muskel steht
schon mit vielen andern im wechselseitigen Spiel; er wird also auch nicht die
Kräfte der Fiber allein, sondern die seinigen erweisen, lebendigen Reiz in
wirkender Bewegung. Der Krampffisch erstattet nicht, wie die Eidechse, der
Frosch, der Polyp, seine Glieder; auch bei denen sich reproduzierenden Tieren
erstatten sich die Teile, in denen Muskelkräfte zusammengedrungen sind, nicht so
wie die gleichsam absprossenden Glieder; der Krebs kann seine Füsse, aber nicht
seinen Schwanz neu treiben. In künstlich verschlungenen Bewegungskräften hört
also allmählich das Gebiet des vegetierenden Organismus auf, oder vielmehr, es
wird in einer künstlichern Form festgehalten und auf die Zwecke der
zusammengesetzteren Organisation im ganzen verwendet.
    3. Je mehr die Muskelkräfte in das Gebiet der Nerven treten, desto mehr
werden auch sie in dieser Organisation gefangen und zu Zwecken der Empfindung
überwältigt. Je mehr und feinere Nerven ein Tier hat, je mehr diese einander
vielfach begegnen, künstlich verstärken und zu edlen Teilen und Sinnen verwandt
werden, je grösser und feiner endlich der Sammelplatz aller Empfindungen, das
Gehirn, ist, desto verständiger und feiner wird die Gattung dieser
Organisationen. Wo gegenteils bei Tieren der Reiz die Empfindung, die
Muskelkräfte das Nervengebäude überwinden, wo dies auf niedrige Verrichtungen
und Triebe verbraucht wird und insonderheit der erste und beschwerlichste aller
Triebe, der Hunger, noch der herrschendste sein musste, da wird, nach unserm
Massstabe, die Gattung teils unförmlicher im Bau, teils in ihrer Lebensweise
gröber. -
    Wer würde sich nicht freuen, wenn ein philosophischer Zergliederer16 es
übernähme, eine vergleichende Physiologie mehrerer, insonderheit dem Menschen
naher Tiere nach diesen durch Erfahrungen unterschiednen und festgestellten
Kräften im Verhältnis der ganzen Organisation des Geschöpfs zu geben? Die Natur
stellet uns ihr Werk hin, von aussen eine verhüllete Gestalt, ein überdecktes
Behältnis innerer Kräfte. Wir sehen seine Lebensweise; wir erraten aus der
Physiognomie seines Angesichts und aus dem Verhältnis seiner Teile vielleicht
etwas von dem, was im Innern vorgeht; hier aber, im Innern, sind uns die
Werkzeuge und Massen organischer Kräfte selbst vorgelegt, und je näher am
Menschen, desto mehr haben wir ein Mittel der Vergleichung. Ich wage es, da ich
kein Zergliederer bin, den Wahrnehmungen grosser Zergliederer in ein paar
Beispielen zu folgen; sie bereiten uns zum Bau und zur physiologischen Natur des
Menschen vor.
 
                                      III
                Beispiele vom physiologischen Bau einiger Tiere
    Der Elefant17, so unförmlich er scheinet, gibt physiologische Gründe gnug
von seinem dem Menschen so ähnlichen Vorzuge vor allen lebenden Tieren. Zwar ist
sein Gehirn, der Grösse des Tiers nach, nicht übermässig; die Höhlen desselben
aber und sein ganzer Bau ist dem menschlichen sehr ähnlich. »Ich war erstaunt«,
sagt Camper, »eine solche Ähnlichkeit zwischen der glandula pinealis, den nates
und testes dieses Tiers mit denen in unserm Gehirn zu finden; wenn irgendwo ein
sensorium commune stattaben kann, so muss es hier gesucht werden.« Die
Hirnschale ist im Verhältnis des Kopfs klein, weil die Nasenhöhle weit oberhalb
dem Gehirn läuft und nicht nur die Stirn-, sondern auch andre Höhlen18 mit Luft
anfüllet; denn um die schweren Kinnladen zu bewegen, wurden starke Muskeln und
grosse Oberflächen erfodert, die die bildende Mutter also, um dem Geschöpf eine
untragbare Schwere zu ersparen, mit Luft anfüllte. Das grosse Gehirn liegt nicht
oberhalb dem kleinen und drücket dasselbe nicht durch seine Schwere; die
trennende Membrane steht senkrecht. Die zahlreichen Nerven des Tiers wenden sich
grossenteils zu den feinern Sinnen, und der Rüssel allein empfängt derselben
soviel als sein ganzer ungeheurer Körper. Die Muskeln, die ihn bewegen,
entspringen an der Stirn; er ist ganz ohne Knorpel, das Werkzeug eines zarten
Gefühls, eines feinen Geruchs und der leichtesten Bewegung. In ihm also
vereinigen sich mehrere Sinne und berichtigen einander. Das geistvolle Auge des
Elefanten (das auch am untern Augenlide, dem Menschen und sonst keinem Tier
gleich, Haare und eine zarte Muskelbewegung hat) hat also die feinern fühlenden
Sinne zu Nachbarn, und diese sind vom Geschmack, der sonst das Tier hinreisst,
gesondert. Was bei andern, zumal fleischfressenden Tieren der herrschende Teil
des Gesichts zu sein pflegt, der Mund, ist hier unter die hervorragende Stirn,
unter den erhöheten Rüssel tief herunter gesetzt und beinah verborgen. Noch
kleiner ist seine Zunge; die Waffen der Verteidigung, die er im Munde trägt,
sind von den Werkzeugen der Nahrung unterschieden: zur wilden Fressgier ist er
also nicht gebildet. Sein Magen ist einfach und klein, so gross die Eingeweide
sein mussten; ihn kann also wahrscheinlich nicht, wie das Raubtier, der wütende
Hunger quälen. Friedlich und reinlich lieset er die Kräuter, und weil Geruch und
Mund voneinander getrennt sind, brauchet er dazu mehr Behutsamkeit und Zeit. Zu
eben der Behutsamkeit hat ihn die Natur im Trinken und in seinem ganzen schweren
Körperbau gebildet, so dass diese ihn eben aus dem Grunde bis zur Begattung
begleitet. Kein Trieb des Geschlechts verwildert ihn; denn die Elefantin trägt
neun Monate, wie der Mensch, und säuget ihr Junges an Vorderbrüsten. Dem
Menschen gleich sind die Verhältnisse seiner Lebensalter, zu wachsen, zu blühn,
zu sterben. Wie edel hat die Natur die tierischen Schneidezähne in Hauzähne
verwandelt, und wie fein muss das Organ seines Gehörs sein, da er die menschliche
Rede in feinen Unterscheidungen des Befehls und der Affekten verstehet. Seine
Ohren sind grösser als bei einem andern Tier, dabei dünne und nach allen Seiten
gebreitet; ihre Öffnung liegt hoch, und der ganze, dennoch kleine Hinterkopf des
Tiers ist eine Höhle des Widerhalls, mit Luft erfüllet. So wusste die Natur die
Schwere des Geschöpfs zu erleichtern und die stärkste Muskelkraft mit der
feinsten Ökonomie der Nerven zu paaren. Ein König der Tiere an weiser Ruhe und
verständiger Sinnesreinheit.
    Der Löwe dagegen19, welch ein andrer König der Tiere! Auf Muskeln hat es die
Natur bei ihm gerichtet, auf Sanftmut und feine Verständigkeit nicht. Sein
Gehirn machte sie klein und seine Nerven so schwach, als es dem Verhältnis nach
selbst die Nerven der Katze nicht sind, die Muskeln dagegen dick und stark, und
setzte sie an ihren Knochen in eine solche Lage, dass aus ihnen zwar nicht die
vielfachste und feinste Bewegung, aber desto mehr Kraft entstehen sollte. Ein
eigner grosser Muskel, der den Hals erhebt, ein Muskel des Vorderfusses, der zum
Festalten dient, ein Fussgelenk dicht an der Klaue, diese gross und krumm, dass
ihre Spitze nie stumpf werden kann, weil sie nie die Erde berührt: solche wurden
des Löwen Gaben. Sein Magen ist lang und stark gebogen; das Reiben desselben,
und also sein Hunger, muss fürchterlich sein. Klein ist sein Herz, aber zart und
weit die Höhlen desselben, viel länger und weiter als beim Menschen. Auch die
Wände seines Herzens sind doppelt so dünn und die Pulsadern doppelt so klein,
dass das Blut des Löwen, sobald es aus dem Herzen tritt, schon viermal und in den
Zweigen der 15. Abteilung hundermal schneller läuft als im Menschen. Das Herz
des Elefanten dagegen schlägt ruhig, beinah wie bei kaltblütigen Tieren. Auch
die Galle des Löwen ist gross und schwärzlich. Seine breite Zunge läuft vorn rund
zu, mit Stacheln besetzt, die, andertalb Zoll lang, mitten auf dem Vorderteil
liegen und ihre Spitzen hinterwärts richten. Daher sein gefährliches Lecken der
Haut, das sogleich Blut hervortreibt und bei dem ihn Blutdurst befällt, wütender
Durst auch nach dem Blut seines Wohltäters und Freundes. Ein Löwe, der einmal
Menschenblut gekostet hat, lässt nicht leicht von dieser Beute, weil sein
durchfurchter Gaum nach dieser Erquickung lechzet. dabei gebiert die Löwin
mehrere Junge, die langsam wachsen; sie muss sie also lange nähren, und ihr
mütterlicher Trieb nebst eignem Hunger reizt ihre Raubgier. Da die Zunge des
Löwen scharf leckt und sein heisser Hunger ein Durst ist, so ist's natürlich, dass
ihn faules Aas nicht reize. Das eigne Würgen und Aussaugen des frischen Bluts
ist sein Königsgeschmack, und sein befremdendes Anstaunen oft seine ganze
Königsgrossmut. Leise ist sein Schlaf, weil sein Blut warm und schnell ist; feige
wird er, wenn er satt ist, weil er faulen Vorrat nicht brauchen kann, auch nicht
an ihn denket und ihn also nur der gegenwärtige Hunger zur Tapferkeit treibet.
Wohltätig hat die Natur seine Sinne gestumpft: sein Gesicht fürchtet das Feuer,
da es auch den Glanz der Sonne nicht erträgt; er wittert nicht scharf, weil er
auch der Lage seiner Muskeln nach nur zum mächtigen Sprunge, nicht zum Lauf
gemacht ist und keine Fäulung ihn reizt. Die überdeckte, gefurchte Stirn ist
klein gegen den Unterteil des Gesichts, die Raubknochen und Fressmuskeln Plump
und lang ist seine Nase, eisern sein Nacken und Vorderfuss, ansehnlich seine
Mähne und Schweifmuskeln; der Hinterleib hingegen ist schwächer und feiner. Die
Natur hatte ihre furchtbare Kräfte verbraucht und machte ihn im Geschlecht, auch
sonst, wenn ihn sein Blutdurst nicht quält, zu einem sanften und edlen Tiere. So
physiologisch ist also auch dieses Geschöpfs Art und Seele.
    Ein drittes Beispiel mag der Unau sein, dem Ansehn nach das letzte und
ungebildetste der vierfüssigen Tiere, ein Klumpe des Schlammes, der sich zur
tierischen Organisation erhoben. Klein ist sein Kopf und rund, auch alle Glieder
desselben rund und dick, unausgebildet und wulstig. Sein Hals ist ungelenk,
gleichsam ein Stück mit dem Kopf. Die Haare desselben begegnen sich mit dem
Rückenhaar, als ob die Natur das Tier in zweierlei Richtungen formiert habe,
ungewiss, welche sie wählen sollte. Sie wählte endlich den Bauch und Hintern zum
Hauptteil, dem auch in der Stellung, Gestalt und ganzen Lebensweise der elende
Kopf nur dienet. Der Wurf liegt am After; Magen und Gedärm füllen sein Inneres;
Herz, Lunge, Leber sind schlecht gebildet, und die Galle scheint ihm noch gar zu
fehlen. Sein Blut ist so kalt, dass es an die Amphibien grenzet; daher sein
ausgerissenes Herz und sein Eingeweide noch lange schlägt und das Tier, auch
ohne Herz, die Beine zuckt, als ob es in einem Schlummer läge. Auch hier
bemerken wir also die Kompensation der Natur, dass, wo sie empfindsame Nerven,
selbst rege Muskelkräfte versagen musste, sie desto inniger den zähen Reiz
ausbreitete und mitteilte. Dies vornehme Tier also mag unglücklicher scheinen,
als es ist. Es liebt die Wärme, es liebt die schlaffe Ruhe und befindet sich in
beiden schlammartig wohl. Wenn es nicht Wärme hat, schläft es; ja, als ob ihm
auch das Liegen schmerzte, hängt es sich mit der Kralle an den Baum, frisst mit
der andern Kralle und geniesst wie ein hangender Sack im warmen Sonnenschein sein
raupenartiges Leben. Die Unförmlichkeit seiner Füsse ist auch Wohltat. Das weiche
Tier darf sich vermittelst ihres sonderbaren Baues nicht einmal auf die Ballen,
sondern nur auf die Konvexität der Klaue wie auf Räder des Wagens stützen und
schiebet sich also langsam und gemächlich weiter. Seine sechsundvierzig Ribben,
dergleichen kein andres vierfüssiges Tier hat, sind ein langes Gewölbe seines
Speisemagazins und, wenn ich so sagen darf, die zu Wirbeln verhärteten Ringe
eines fressenden Blättersacks, einer Raupe.
    Gnug der Beispiele. Es erhellet, wohin der Begriff einer Tierseele und eines
Tierinstinkts zu setzen sei, wenn wir der Physiologie und Erfahrung folgen. Jene
nämlich ist die Summe und das Resultat aller in einer Organisation wirkenden
lebendigen Kräfte. Dieser ist die Richtung, die die Natur jenen sämtlichen
Kräften dadurch gab, dass sie sie in eine solche und keine andre Temperatur
stellte, dass sie sie zu diesem und keinem andern Bau organisierte.
 
                                       IV
                           Von den Trieben der Tiere
    Wir haben über die Triebe der Tiere ein vortreffliches Buch des seligen
Reimarus20 , das, so wie sein andres über die natürliche Religion, ein
bleibendes Denkmal seines forschenden Geistes und seiner gründlichen
Wahrheitsliebe sein wird. Nach gelehrten und ordnungsvollen Betrachtungen über
die mancherlei Arten der tierischen Triebe sucht er dieselbe aus Vorzügen ihres
Mechanismus, ihrer Sinne und ihrer inneren Empfindung zu erklären, glaubt aber
noch, insonderheit bei den Kunsttrieben, besondere determinierte Naturkräfte und
natürlich angeborne Fertigkeiten annehmen zu müssen, die weiter keine Erklärung
leiden. Ich glaube das letzte nicht; denn die Zusammensetzung der ganzen
Maschine mit solchen und keinen andern Kräften, Sinnen, Vorstellungen und
Empfindungen, kurz, die Organisation des Geschöpfs selbst war die gewisseste
Richtung, die vollkommenste Determination, die die Natur ihrem Werk eindrücken
konnte.
    Als der Schöpfer die Pflanze baute und dieselbe mit solchen Teilen, mit
solchen Anziehungs- und Verwandlungskräften des Lichts, der Luft und andrer
feinen Wesen, die sich aus Luft und Wasser zu ihr drängen, begabte, da er sie
endlich in ihr Element pflanzte, wo jeder Teil die ihm wesentlichen Kräfte
natürlich äussert, so hatte er, dünkt mich, keinen neuen und blinden Trieb zur
Vegetation dem Geschöpf anzuschaffen nötig. Jeder Teil mit seiner lebendigen
Kraft tut das Seine, und so wird bei der ganzen Erscheinung das Resultat von
Kräften sichtbar, das sich in solcher und keiner andern Zusammensetzung
offenbaren konnte. Wirkende Kräfte der Natur sind alle, jede in ihrer Art,
lebendig: in ihrem Innern muss ein Etwas sein, das ihren Wirkungen von aussen
entspricht, wie es auch Leibniz annahm und uns die ganze Analogie zu lehren
scheinet. Dass wir für diesen innern Zustand der Pflanze oder der noch unter ihr
wirkenden Kräfte keinen Namen haben, ist Mangel unsrer Sprache; denn Empfindung
wird allerdings nur von dem innern Zustande gebraucht, den uns das Nervensystem
gewähret. Ein dunkles Analogon indessen mag dasein; und wenn es nicht da wäre,
so würde uns ein neuer Trieb, eine dem Ganzen zugegebne Kraft der Vegetation
nichts lehren.
    Zwei Triebe der Natur werden also schon bei der Pflanze sichtbar, der Trieb
der Nahrung und Fortpflanzung; und das Resultat derselben sind Kunstwerke, an
welche schwerlich das Geschäft irgendeines lebendigen Kunstinsekts reichet: es
ist der Keim und die Blume. Sobald die Natur die Pflanze oder den Stein ins
Tierreich überführet, zeigt sie uns deutlicher, was es mit den Trieben
organischer Kräfte sei. Der Polyp scheint wie die Pflanze zu blühen und ist
Tier; er sucht und geniesst seine Speise tierartig; er treibt Schösslinge, und es
sind lebendige Tiere; er erstattet sich, wo er sich erstatten kann - das
grösseste Kunstwerk, das je ein Geschöpf vollführte. Gehet etwas über die
Künstlichkeit eines Schneckenhauses? Die Zelle der Biene muss ihm nachstehn; das
Gespinst der Raupe und des Seidenwurms muss der künstlichen Blume weichen. Und
wodurch arbeitete die Natur jenes aus?
    Durch innere organische Kräfte, die, noch wenig in Glieder geteilt, in einem
Klumpen lagen und deren Windungen sich meistens dem Gange der Sonne gemäss dies
regelmässige Gebilde formten. Teile von innen heraus gaben die Grundlage her, wie
die Spinne den Faden aus ihrem Unterteile ziehet, und die Luft musste nur härtere
oder gröbere Teile hinzubilden. Mich dünkt, diese Übergänge lehren uns gnugsam,
worauf alle, auch die Kunsttriebe des künstlichsten Tiers, beruhen; nämlich auf
organischen Kräften, die in dieser und keiner andern Masse, nach solchen und
keinen andern Gliedern wirken. Ob mit mehr oder weniger Empfindung, kommt auf
die Nerven des Geschöpfs an; es gibt aber ausser diesen noch regsame Muskelkräfte
und Fibern voll wachsenden und sich wiederherstellenden Pflanzenlebens, welche
zwei von den Nerven unabhängige Gattungen der Kräfte dem Geschöpf gnugsam
ersetzen, was ihm an Gehirn und Nerven abgeht.
    Und so führet uns die Natur selbst auf die Kunsttriebe, die man vorzüglich
einigen Insekten zu geben gewohnt ist; aus keiner andern Ursache, als weil uns
ihr Kunstwerk enger ins Auge fällt und wir dasselbe schon mit unsern Werken
vergleichen. Je mehr die Werkzeuge in einem Geschöpf zerlegt sind, je lebendiger
und feiner seine Reize werden, desto weniger kann es uns fremde dünken,
Wirkungen wahrzunehmen, zu denen Tiere von gröberm Bau und von einer stumpferen
Reizbarkeit einzelner Teile nicht mehr tüchtig sind, soviel andre Vorzüge sie
übrigens haben mögen. Eben die Kleinheit des Geschöpfs und seine Feinheit wirkte
zur Kunst, da diese nichts anders sein kann als das Resultat aller seiner
Empfindungen, Tätigkeiten und Reize.
    Beispiele werden auch hier das Beste sagen; und der treue Fleiss eines
Swammerdam, Réaumur, Lyonnet, Rösels u. a. haben uns die Beispiele aufs schönste
vors Auge gemalet. Das Einspinnen der Raupe, was ist es anders, als was soviel
andre Geschöpfe unkünstlicher tun, indem sie sich häuten? Die Schlange wirft
ihre Haut ab, der Vogel seine Federn, viele Landtiere ändern ihre Haare; sie
verjüngen sich damit und erstatten ihre Kräfte. Die Raupe verjünget sich auch,
nur auf eine härtere, feinere, künstlichere Weise; sie streift ihre Dornhülle
ab, dass einige ihrer Füsse daran hangenbleiben, und tritt durch langsame und
schnellere Übergänge in einen ganz neuen Zustand. Kräfte hiezu verlieh ihr ihr
erstes Lebensalter, da sie als Raupe nur der Nahrung diente; jetzt soll sie auch
der Erhaltung ihres Geschlechts dienen, und zur Gestalt hiezu arbeiten ihre
Ringe und gebären sich ihre Glieder. Die Natur hat also bei der Organisation
dieses Geschöpfs Lebensalter und Triebe nur weiter auseinander gelegt und lässt
sich dieselbe in eignen Übergängen organisch bereiten - dem Geschöpf so
unwillkürlich als der Schlange, wenn sie sich häutet.
    Das Gewebe der Spinne, was ist's anders als der Spinne verlängertes Selbst,
ihren Raub zu erhalten? Wie der Polyp die Arme ausstreckt, ihn zu fassen, wie
sie die Krallen bekam, ihn festzuhalten, so erhielt sie auch die Warzen,
zwischen welchen sie das Gespinst hervorzieht, den Raub zu erjagen. Sie bekam
diesen Saft ungefähr zu so vielen Gespinsten, als auf ihr Leben hinreichen, und
ist sie darin unglücklich, so muss sie entweder zu gewaltsamen Mitteln Zuflucht
nehmen oder sterben. Der ihren ganzen Körper und alle demselben einwohnende
Kräfte organisierte, bildete sie also zu diesem Gewebe organisch.
    Die Republik der Biene sagt nichts anders. Die verschiedenen Gattungen
derselben sind jede zu ihrem Zwecke gebildet, und sie sind in Gemeinschaft, weil
keine Gattung ohne die andre leben könnte. Die Arbeitsbienen sind zum
Honigsammlen und zum Bau der Zellen organisieret. Sie sammlen jenen, wie jedes
Tier seine Speise sucht, ja wenn es seine Lebensart fodert, sie sich zum Vorrat
zusammenträgt und ordnet. Sie bauen die Zellen, wie soviel andre Tiere sich ihre
Wohnungen bauen, jedes auf seine Weise. Sie nähren, da sie geschlechtlos sind,
die Jungen des Bienenstockes, wie andre ihre eignen Jungen nähren, und töten die
Drohnen, wie jedes Tier ein andres tötet, das ihm seinen Vorrat raubt und seinem
Hause zur Last fällt. Wie dies alles nicht ohne Sinn und Gefühl geschehen kann,
so ist es indessen doch nur Bienensinn, Bienengefühl: weder der blosse
Mechanismus, den Buffon, noch die entwickelte rnatematisch-politische Vernunft,
die andre ihnen angedichtet haben. Ihre Seele ist in diese Organisation
eingeschlossen und mit ihr innig verwebet. Sie wirkt also derselben gemäss:
künstlich und fein, aber enge und in einem sehr kleinen Kreise. Der Bienenstock
ist ihre Welt, und das Geschäft desselben hat der Schöpfer noch durch eine
dreifache Organisation dreifach verteilt.
    Auch das Wort Fertigkeit müssen wir uns also nicht irremachen lassen, wenn
wir diese organische Kunst bei manchen Geschöpfen sogleich nach ihrer Geburt
bemerken. Unsre Fertigkeit entstehet aus Übungen, die ihrige nicht. Ist ihre
Organisation ausgebildet, so sind auch die Kräfte derselben in vollem Spiel. Wer
hat die grösseste Fertigkeit auf der Welt? Der fallende Stein, die blühende
Blume: er fällt, sie blühet ihrer Natur nach. Der Kristall schiesst fertiger und
regelmässiger zusammen, als die Biene bauet und als die Spinne webet. In jenem
ist es nur noch organischer blinder Trieb, der nie fehlen kann; in diesen ist er
schon zum Gebrauch mehrerer Werkzeuge und Glieder hinauforganisieret, und diese
können fehlen. Das gesunde, mächtige Zusammenstimmen derselben zu einem Zweck
macht Fertigkeit, sobald das ausgebildete Geschöpf da ist.
    Wir sehen also auch, warum, je höher die Geschöpfe steigen, der
unaufhaltbare Trieb sowie die irrtumfreie Fertigkeit abnehme. Je mehr nämlich
das eine organische Principium der Natur, das wir jetzt bildend, jetzt treibend,
jetzt emfindend jetzt künstlich bauend nennen und im Grunde nur eine und
dieselbe organische Kraft ist, in mehr Werkzeuge und verschiedenartige Glieder
verteilt ist, je mehr es in jedem derselben eine eigne Welt hat, also auch
eignen Hindernissen und Irrungen ausgesetzt ist, desto schwächer wird der Trieb
desto mehr kömmt er unter den Befehl der Willkür, mitin auch des Irrtums. Die
verschiednen Empfindungen wollen gegeneinander gewogen und dann erst miteinander
vereinigt sein; lebe wohl also, hinreissender Instinkt, unfehlbarer Führer. Der
dunkle Reiz, der in einem gewissen Kreise, abgeschlossen von allem andern, eine
Art Allwissenheit und Allmacht in sich schloss, ist jetzt in Äste und Zweige
gesondert. Das des Lernens fähige Geschöpf muss lernen, weil es weniger von Natur
weiss; es muss sich üben, weil es weniger von Natur kann; es hat aber auch durch
seine Fortrückung, durch die Verfeinerung und Verteilung seiner Kräfte neue
Mittel der Wirksamkeit, mehrere und feinere Werkzeuge erhalten, die Empfindungen
gegeneinander zu bestimmen und die bessere zu wählen. Was ihm an Intensität des
Triebes abgeht, hat es durch Ausbreitung und feinere Zusammenstimmung ersetzt
bekommen, es ist eines feinern Selbstgenusses, eines freiern und vielfachern
Gebrauchs seiner Kräfte und Glieder fähig worden, und alle dies, weil, wenn ich
so sagen darf, seine organische Seele in ihren Werkzeugen vielfacher und feiner
auseinandergelegt ist. Lasset uns einige wunderbar schöne und weise Gesetze
dieser allmählichen Fortbildung der Geschöpfe betrachten, wie der Schöpfer sie
Schritt vor Schritt immer mehr an eine Verbindung mehrerer Begriffe oder Gefühle
sowie an einen eignen freiern Gebrauch mehrerer Sinne und Glieder gewöhnte.
 
                                       V
  Fortbildung der Geschöpfe zu einer Verbindung mehrerer Begriffe und zu einem
                 eignen freiern Gebrauch der Sinne und Glieder
    1. In der toten Natur liegt alles noch in einem dunkeln, aber mächtigen
Triebe. Die Teile dringen mit innigen Kräften zusammen; jedes Geschöpf sucht
Gestalt zu gewinnen und formt sich. In diesem Trieb ist noch alles verschlossen;
er durchdringt aber auch das ganze Wesen unzerstörbar. Die kleinsten Teile der
Kristalle und Salze sind Kristalle und Salze; ihre bildende Kraft Wirkt in der
kleinsten Partikel wie im Ganzen, unzerteilbar von aussen, von innen
unzerstörbar.
    2. Die Pflanze ward in Röhren und andern Teilen auseinandergeleitet; ihr
Trieb fängt an, diesen Teilen nach sich zu modifizieren, ob er wohl im Ganzen
noch einartig wirket. Wurzel, Stamm, Äste saugen, aber auf verschiedne Art,
durch verschiedne Gänge, verschiedne Wesen. Der Trieb des Ganzen modifiziert
sich also mit ihnen, bleibt aber noch im Ganzen eins und dasselbe; denn die
Fortpflanzung ist nur Effloreszenz des Wachstums; beide Triebe sind der Natur
des Geschöpfs nach unabtrennbar.
    3. Im Pflanzentier fängt die Natur an, einzelne Werkzeuge, mitin auch ihre
inwohnenden Kräfte, unvermerkt zu sondern: die Werkzeuge der Nahrung werden
sichtbar; die Frucht löset sich schon im Mutterleibe los, ob sogleich noch als
Pflanze in ihm genährt wird. Viele Polypen sprossen aus einem Stamm; die Natur
hat sie an Ort und Stelle gesetzt und mit einer eignen Bewegbarkeit noch
verschonet; auch die Schnecke hat noch einen breiten Fuss, mit dem sie an ihrem
Hause haftet. Noch mehr liegen die Sinne dieser Geschöpfe ungeschieden und
dunkel ineinander; ihr Trieb wirkt langsam und innig; die Begattung der Schnecke
dauert viele Tage. So hat die Natur diese Anfänge der lebendigen Organisation,
soviel sie konnte, mit dem Vielfachen verschont, das Vielfache aber dafür in
eine dunkle einfache Regung tiefer gehüllt und fester verbunden. Das zähe Leben
der Schnecke ist beinah unzerstörbar.
    4. Als sie höher hinaufschritt, beobachtete sie eben die weise Vorsicht, das
Geschöpf an ein Vielfaches abgetrenneter Sinne und Triebe nur allmählich zu
gewöhnen. Das Insekt konnte auf einmal nicht alles üben, was es üben sollte; es
muss also seine Gestalt und sein Wesen verändern, um jetzt als Raupe dem Triebe
der Nahrung, jetzt als Zwiefalter der Fortpflanzung gnugzutun; beider Triebe war
es in einer Gestalt nicht fähig. Eine Art Bienen konnte nicht alles ausrichten,
was der Genuss und die Fortpflanzung dieses Geschlechts foderte; also teilte die
Natur und machte diese zu Arbeitern, jene zu Fortpflanzern, diese zur Gebärerin:
alles durch eine kleine Abänderung der Organisation, wodurch die Kräfte des
ganzen Geschöpfs eine andre Richtung bekamen. Was sie in einem Modell nicht
ausfahren konnte, legte sie in drei Modellen, die alle zusammengehören,
gebrochen auseinander. So lehrte sie also ihr Bienenwerk die Biene in drei
Geschlechtern, wie sie den Schmetterling und andre Insekten ihren Beruf in zwo
verschiednen Gestalten lehrte.
    5. Je höher sie schritt, je mehr sie den Gebrauch mehrerer Sinne, mitin die
Willkür zunehmen lassen wollte, desto mehr tat sie unnötige Glieder weg und
simplifizierte den Bau von innen und aussen. Mit der Haut der Raupe gingen Füsse
weg, die der Schmetterling nicht mehr bedurfte; die vielen Füsse der Insekten,
ihre mehreren und vielfachern Augen, ihre Fühlhörner und mancherlei andre kleine
Rüstwerkzeuge verlieren sich bei den höhern Geschöpfen. Bei jenen war im Kopf
wenig Gehirn; dies lag im Rückenmark längs hinunter, und jedes Nervenknötchen
war ein neuer Mittelpunkt der Empfindung. Die Seele des kleinen Kunstgeschöpfs
war also in sein ganzes Wesen gebreitet. Je mehr das Geschöpf an Willkür und
Verstandesähnlichkeit wachsen soll, desto grösser und hirnreicher wird der Kopf;
die drei Hauptteile des Leibes treten in mehrere Proportion gegeneinander, da
sie bei Insekten, Würmern u. f. noch gar verhältnislos waren. Mit welchen grossen
mächtigen Schwänzen schleppen sich noch die Amphibien ans Land; ihre Füsse stehn
unförmlich auseinander. In Landtieren hebt die Natur das Geschöpf; die Füsse
werden höher und rücken mehr zusammen. Der Schwanz mit seinen fortgesetzten
Rückenwirbeln schmälert und kürzt sich; er verliert die groben Muskelkräfte des
Krokodils und wird biegsamer, feiner, bis er sich bei edlern Tieren gar nur in
einen haarigen Schweif ändert und die Natur ihn zuletzt, indem sie sich der
aufrechten Gestalt nähert, gar wegwirft. Sie hat das Mark desselben höher
hinaufgeleitet und an edlere Teile verwendet.
    6. Indem die bildende Künstlerin also die Proportion des Landtiers fand, die
beste, darin diese Geschöpfe gewisse Sinnen und Kräfte gemeinschaftlich üben und
einer Form der Gedanken und Empfindungen vereinigen lernten, so änderte sie zwar
nach der Bestimmung und Lebensart jedweder Gattung auch die Bildung derselben
und schuf aus eben den Teilen und Gliedern jedem Geschlecht seine eigne Harmonie
des Ganzen, mitin auch seine eigne, von allen andern Geschlechtern organisch
verschiedne Seele; sie behielt indes doch unter allen eine gewisse Ähnlichkeit
bei und schien einen Hauptzweck zu verfolgen. Dieser Hauptzweck ist offenbar,
sich der organischen Form zu nähern, in der die meiste Vereinigung klarer
Begriffe, der vielartigste und freieste Gebrauch verschiedner Sinne und Glieder
stattfände, und eben dies macht die mehr oder mindere Menschenähnlichkeit der
Tiere. Sie ist kein Spiel der Willkür, sondern ein Resultat der mancherlei
Formen, die zu dem Zweck, wozu sie die Natur verbinden wollte, nämlich zu einer
Übung der Gedanken, Sinne, Kräfte und Begierden, in diesem Verhältnis, zu
solchen und keinen andern Zwecken nicht anders als also verbunden werden
konnten. Die Teile jedes Tiers stehen auf seiner Stufe in der engsten Proportion
untereinander; und ich glaube, alle Formen sind erschöpft, in denen nur ein
lebendiges Geschöpf auf unsrer Erde fortkommen konnte. Dem Tier ward ein
vierfüssiger Gang; denn als Menschenhände konnt es noch nicht seine Vorfüsse
gebrauchen; durch den vierfüssigen Gang aber ward ihm sein Stand, sein Lauf, sein
Sprung und der Gebrauch aller seiner Tiersinne am leichtesten. Noch hängt sein
Kopf zur Erde; denn von der Erde sucht's Nahrung. Der Geruch ist bei den meisten
herrschend; denn er muss den Instinkt wecken oder ihn leiten. Bei diesem ist das
Gehör, bei jenem das Auge scharf; und so hat die Natur nicht nur bei der
vierfüssigen Tierbildung überhaupt, sondern bei der Bildung jedes Geschlechts
besonders die Proportion der Kräfte und Sinne gewählt, die sich in dieser
Organisation am besten zusammen üben konnten. Darnach verlängte oder kürzte sie
die Glieder, darnach stärkte oder schwächete sie die Kräfte: Jedes Geschöpf ist
ein Zähler zu dem grossen Nenner, der die Natur selbst ist; denn auch der Mensch
ist ja nur ein Bruch des Ganzen, eine Proportion von Kräften, die sich in dieser
und keiner andern Organisation durch die gemeinschaftliche Beihülfe vieler
Glieder zu einem Ganzen bilden sollte.
    7. Notwendig musste also in einer so durchdachten Erdorganisation keine Kraft
die andre, kein Trieb den andern stören; und unendlich schön ist die Sorgfalt,
die die Natur hier verwandte. Die meisten Tiere haben ihr bestimmtes Klima, und
es ist gerade das, wo ihre Nahrung und Erziehung ihnen am leichtesten wird.
Hätte die Natur sie in dieser Erträglichkeit vieler Erdstriche unbestimmter
gebildet, in welche Not und Verwilderung wäre manche Gattung geraten, bis sie
ihren Untergang gefunden hätte! Wir sehen dies noch an den bildsamen
Geschlechtern, die dem Menschen in alle Länder gefolgt sind; sie haben sich mit
jeder Gegend anders gebildet, und der wilde Hund ist das fürchterlichste
Raubtier worden, eben weil er verwildert ist. Noch mehr hätte der Trieb der
Fortpflanzung das Geschöpf verwirren müssen, wenn er unbestimmt gelassen wäre;
nun aber legte die bildende Mutter auch diesen in Fesseln. Er wacht nur zu
bestimmter Zeit auf, wenn die organische Wärme des Tiers am höchsten steiget;
und da diese durch physische Revolutionen des Wachstums, der Jahrszeit, der
reichsten Nahrung bewirkt wird und die gütige Vorsorgerin die Zeit des Tragens
auch hiernach bestimmte, so ward für alt und jung gesorget. Das Junge kommt auf
die Welt, wenn es für sich fortkommen kann, oder es darf in einem Ei die böse
Jahrszeit überdauern, bis eine freundlichere Sonne es aufweckt; das Alte fühlet
nur dann den Trieb, wenn dieser es in nichts anderm störet. Auch das Verhältnis
der beiden Geschlechter in der Stärke und Dauer dieses Triebes ist darnach
eingerichtet.
    Über allen Ausdruck ist die wohltätige Mutterliebe, mit der auf diese Weise
die Natur jedes lebendige Geschöpf zu Tätigkeiten, Gedanken und Tugenden, der
Fassung seiner Organisation gemäss, gleichsam erziehet und tätig gewöhnet. Sie
dachte ihm vor, da sie diese Kräfte in solche und keine andre Organisation
setzte, und nötigte das Geschöpf nun, in dieser Organisation zu sehen, zu
begehren, zu handeln, wie sie ihm vorgedacht hatte und in den Schranken dieser
Organisation Bedürfnis, Kräfte und Raum gab.
    Keine Tugend, kein Trieb ist im menschlichen Herzen, von dem sich nicht hie
und da ein Analogon in der Tierwelt fände und zu dem also die bildende Mutter
das Tier organisch gewöhnet. Es muss für sich sorgen, es muss die Seinigen lieben
lernen; Not und die Jahrszeit zwingen es zur Gesellschaft, wenn auch nur zur
geselligen Reise. Dieses Geschöpf zwingt der Trieb zur Liebe, bei jenem macht
das Bedürfnis gar Ehe, eine Art Republik, eine gesellige Ordnung. Wie dunkel
dies alles geschehe, wie kurz manches daure, so ist doch der Eindruck davon in
der Natur des Tiers da; und wir sehen, er ist mächtig da, er kommt wieder, ja er
ist in diesem Geschöpf unwidertreiblich, unauslöschlich. Je dunkler, desto
inniger wirkt alles; je weniger Gedanken sie verbinden, je seltner sie Triebe
üben, desto stärker sind die Triebe, desto vollendeter wirken sie. Überall also
liegen Vorbilder der menschlichen Handlungsweisen, in denen das Tier geübt wird,
und sie, da wir ihr Nervengebäude, ihren uns ähnlichen Bau, ihre uns ähnlichen
Bedürfnisse und Lebensarten vor uns sehen, sie dennoch als Maschinen betrachten
wollen, ist eine Sünde wider die Natur wie irgend eine.
    Es ist daher auch nicht zu verwundern, dass, je menschenähnlicher ein
Geschlecht wird, desto mehr seine mechanische Kunst abnehme; denn offenbar
stehet ein solches schon in einem vorübenden Kreise menschlicher Gedanken. Der
Biber, der noch eine Wasserratte ist, bauet künstlich. Der Fuchs, der Hamster
und ähnliche Tiere haben ihre unterirdische Kunstwerkstätte; der Hund, das
Pferd, das Kamel, der Elefant bedürfen dieser kleinen Künste nicht mehr; sie
haben menschenähnliche Gedanken, sie üben sich, von der bildenden Natur
gezwungen, in menschenähnlichen Trieben.
 
                                       VI
                 Organischer Unterschied der Tiere und Menschen
    Man hat unserm Geschlecht ein sehr unwahres Lob gemacht, wenn man
behauptete, dass sich jede Kraft und Fähigkeit aller andern Geschlechter dem
höchsten Grad nach in ihm finde. Das Lob ist unerweislich und sich selbst
widersprechend; denn offenbar hübe sodenn eine Kraft die andre auf, und das
Geschöpf hätte ganz und gar keinen Genuss seines Wesens. Wie bestehet es
zusammen, dass der Mensch wie die Blume blühen, wie die Spinne tasten, wie die
Biene bauen, wie der Schmetterling saugen könnte und zugleich die Muskelkraft
des Löwen, den Rüssel des Elefanten, die Kunst des Bibers besässe? Und besitzet,
ja begreift er nur eine dieser Kräfte mit der Innigkeit, mit der sie das
Geschöpf geniesst und übet?
    Von der andern Seite hat man ihn, ich will nicht sagen zum Tier erniedrigen,
sondern ihm einen Charakter seines Geschlechts gar absprechen und ihn zu einem
ausgearteten Tier machen wollen, das, indem es höhern Vollkommenheiten
nachgestrebt, ganz und gar die Eigenheit seiner Gattung verloren. Dies ist nun
offenbar auch gegen die Wahrheit und Evidenz seiner Naturgeschichte
Augenscheinlich hat er Eigenschaften, die kein Tier hat, und hat Wirkungen
hervorgebracht, die im Guten und Bösen ihm eigen bleiben. Kein Tier frisst
seinesgleichen aus Leckerei; kein Tier mordet sein Geschlecht auf den Befehl
eines Dritten mit kaltem Blut. Kein Tier hat Sprache, wie der Mensch sie hat,
noch weniger Schrift, Tradition, Religion, willkürliche Gesetze und Rechte. Kein
Tier endlich hat auch nur die Bildung, die Kleidung, die Wohnung, die Künste,
die unbestimmte Lebensart, die ungebundnen Triebe, die flatterhaften Meinungen,
womit sich beinah jedes Individuum der Menschen auszeichnet. Wir untersuchen
noch nicht, ob alle dies zum Vorteil oder Schaden unsrer Gattung sei; gnug, es
ist der Charakter unsrer Gattung. Da jedes Tier der Art seines Geschlechts im
ganzen treu bleibt und wir allein nicht die Notwendigkeit, sondern die Willkür
zu unsrer Göttin erwählt haben, so muss dieser Unterschied als Tatsache
untersucht werden; denn solche ist er unleugbar. Die andre Frage: wie der Mensch
dazu gekommen, ob dieser Unterschied ihm ursprünglich sei oder ob er angenommen
und affektiert worden, ist von einer andern nämlich von bloss historischer Art;
auch hier müsste die Perfektibilität oder Korruptibilität, in der es ihm bisher
noch kein Tier nachgetan hat, doch auch zum auszeichnenden Charakter seiner
Gattung gehört haben. Wir setzen also alle Metaphysik beiseite und halten uns an
Physiologie und Erfahrung.
    1. Die Gestalt des Menschen ist aufrecht; er ist hierin einzig auf der Erde.
Denn ob der Bär gleich einen breiten Fuss hat und sich im Kampf aufwärts richtet,
obgleich der Affe und Pygmäe zuweilen aufrecht gehen oder laufen, so ist doch
seinem Geschlecht allein dieser Gang beständig und natürlich. Sein Fuss ist
fester und breiter; er hat einen längern grossen Zeh, da der Alle nur einen
Daumen hat; auch seine Ferse ist zum Fussblatt gezogen. Zu dieser Stellung sind
alle dahin wirkende Muskeln bequemt. Die Wade ist vergrössert; das Becken
zurück-, die Hüften auseinandergezogen; der Rücken ist weniger gekrümmt, die
Brust erweitert; er hat Schlüsselbeine und Schultern, an den Händen feinfühlende
Finger; der hinsinkende Kopf ist auf den Muskeln des Halses zur Krone des
Gebäudes erhoben: der Mensch ist antrôpos, ein über sich, ein weit um sich
schauendes Geschöpf.
    Nun muss es zugegeben werden, dass dieser Gang dem Menschen nicht so
wesentlich sei, dass etwa jeder andre ihm so unmöglich wie das Fliegen würde.
Nicht nur Kinder zeigen das Gegenteil, sondern die Menschen, die unter die Tiere
gerieten, haben's durch Erfahrung bewiesen. Eilf bis zwölf Personen21 dieser Art
sind bekannt, und obwohl nicht alle hinlänglich beobachtet und beschrieben
worden, so ergeben doch einige Beispiele deutlich, dass der biegsamen Natur des
Menschen auch der für ihn ungemässeste Gang nicht ganz unmöglich werde. Sein Kopf
sowohl als sein Unterleib liegen mehr vorwärts; der Körper kann also auch
vorwärts fallen, wie der Kopf im Schlummer sinket. Kein toter Körper kann
aufrecht stehen, und nur durch eine zahllose Menge angestrengter Tätigkeiten
wird unser künstliche Stand und Gang möglich.
    Also ist eben auch begreiflich, dass mit dem tierartigen Gange viele Glieder
des menschlichen Körpers ihre Gestalt und ihr Verhältnis zueinander ändern
müssen, wie abermals das Beispiel der verwilderten Menschen zeigt. Der
irländische Knabe, den Tulpius beschrieben, hatte eine flache Stirn, ein
erhöhetes Hinterhaupt, eine weite blökende Kehle, eine dicke, an den Gaum
gewachsene Zunge, eine stark einwärts gezogene Herzgrube; gerade wie es der
vierfüssige Gang geben musste. Das niederländische Mädchen, die noch aufrecht ging
und bei der sich die weibliche Natur so weit erhalten hatte, dass es sich mit
einer Strohschürze deckte, hatte eine braune, rauche, dicke Haut, ein langes und
dickes Haar. Das Mädchen, das zu Songi in Champagne gefangen ward, hatte ein
schwarzes Ansehen, starke Finger, lange Nägel, und besonders waren die Daumen so
stark und verlängert, dass sie sich damit wie ein Eichhörnchen von Baum zu Baum
schwang. Ihr schneller Lauf war kein Gehen, sondern ein fliegendes Trippeln und
Fortgleiten, wobei an den Füssen fast gar keine Bewegung zu unterscheiden war.
Der Ton ihrer Stimme war fein und schwach, ihr Geschrei durchdringend und
erschrecklich. Sie hatte ungewöhnliche Leichtigkeit und Stärke und war von ihrer
vorigen Nahrung des blutigen und rohen Fleisches, der Fische, der Blätter und
Wurzeln so schwer zu entwöhnen, dass sie nicht nur zu entfliehen suchte, sondern
auch in eine tödliche Krankheit fiel, aus der sie nur durch Saugen des warmen
Bluts, das sie wie ein Balsam durchdrang, zurückgebracht werden konnte. Ihre
Zähne und Nägel fielen aus, da sie sich zu unsern Speisen gewöhnen sollte;
unerträgliche Schmerzen zogen ihr Magen und Eingeweide, besonders die Gurgel
zusammen, die lechzend und ausgetrocknet war. Lauter Erweise, wie sehr sich die
biegsame menschliche Natur, selbst da sie von Menschen geboren und eine Zeitlang
unter ihnen erzogen worden, in wenigen Jahren zu der niedrigen Tierart gewöhnen
konnte, unter die sie ein unglücklicher Zufall setzte.
    Nun könnte ich auch den hässlichen Traum ausmalen, was aus der Menschheit
hätte werden müssen, wenn sie, zu diesem Lose verdammt, in einem vierfüssigen
Mutterleibe zu einem Tierfötus gebildet wäre; welche Kräfte sich damit hätten
stärken und schwächen, welches der Gang der Menschentiere, ihre Erziehung, ihre
Lebensart, ihr Gliederbau hätte sein müssen u. s. f. Aber fliehe, unseliges und
abscheuliches Bild, hässliche Unnatur des natürlichen Menschen! Du bist weder in
der Natur da, noch sollst du durch einen Strich meiner Farben vorgestellt
werden. Denn:
    2. Der aufrechte Gang des Menschen ist ihm einzig natürlich: ja er ist die
Organisation zum ganzen Beruf seiner Gattung und sein unterscheidender
Charakter.
    Kein Volk der Erde hat man vierfüssig gefunden; auch die wildesten haben
aufrechten Gang, sosehr sich manche an Bildung und Lebensart den Tieren nähern.
Selbst die Unfühlbaren des Diodors samt andern Fabelgeschöpfen alter und
mittlerer Schriftsteller gehen auf zwei Beinen; und ich begreife nicht, wie das
Menschengeschlecht, wenn es je diese niedrige Lebensweise als Natur gehabt
hätte, sich zu einer andern, so zwang-, so kunstvollen, jemals würde erhoben
haben. Welche Mühe kostete es, die Verwilderten, die man fand, zu unsrer
Lebensart und Nahrung zu gewöhnen! Und sie waren nur verwildert, nur wenige
Jahre unter diesen Unvernünftigen gewesen. Das eskimoische Mädchen hatte sogar
noch Begriffe ihres vorigen Zustandes, Reste der Sprache und Instinkte zu ihrem
Vaterlande, und doch lag ihre Vernunft in Tierheit gefangen; sie hatte von ihren
Reisen, von ihrem ganzen wilden Zustande keine Erinnerung. Die andern besassen
nicht nur keine Sprache, sondern waren zum Teil auch auf immer zur menschlichen
Sprache verwahrloset. - Und das Menschentier sollte, wenn es äonenlang in diesem
niedrigen Zustande gewesen, ja im Mutterleibe schon durch den vierfüssigen Gang
zu demselben nach ganz andern Verhältnissen wäre gebildet worden, ihn freiwillig
verlassen und sich aufrecht erhoben haben? Aus Kraft des Tiers, die ihn ewig
herabzog, sollte er sich zum Menschen gemacht und menschliche Sprache erfunden
haben, ehe er ein Mensch war? Wäre der Mensch ein vierfüssiges Tier, wäre er's
jahrtausendelang gewesen, er wäre es sicher noch, und nur ein Wunder der neuen
Schöpfung hätte ihn zu dem, was er jetzt ist und wie wir ihn aller Geschichte
und Erfahrung nach allein kennen, umgebildet.
    Warum wollen wir also unerwiesne, ja völlig widersprechende Paradoxa
annehmen, da der Bau des Menschen, die Geschichte seines Geschlechts und
endlich, wie mich dünkt, die ganze Analogie der Organisation unsrer Erde uns auf
etwas andres führet? Kein Geschöpf, das wir kennen, ist aus seiner
ursprünglichen Organisation gegangen und hat sich ihr zuwider eine andre
bereitet, da es ja nur mit den Kräften wirkte, die in seiner Organisation lagen,
und die Natur Wege gnug wusste, ein jedes der Lebendigen auf dem Standpunkt
festzuhalten, den sie ihm anwies. Beim Menschen ist auf die Gestalt, die er
jetzt hat, alles eingerichtet; aus ihr ist in seiner Geschichte alles, ohne sie
nichts erklärlich; und da auf diese, als auf die erhabne Göttergestalt und
künstlichste Hauptschönheit der Erde, auch alle Formen der Tierbildung zu
konvergieren scheinen und ohne jene sowie ohne das Reich des Menschen die Erde
ihres Schmucks und ihrer herrschenden Krone beraubt bliebe: warum wollten wir
dies Diadem unsrer Erwählung in den Staub werfen und gerade den Mittelpunkt des
Kreises nicht sehen wollen, in welchem alle Radien zusammenzulaufen scheinen?
Als die bildende Mutter ihre Werke vollbracht und alle Formen erschöpft hatte,
die auf dieser Erde möglich waren, stand sie still und übersann ihre Werke; und
als sie sah, dass bei ihnen allen der Erde noch ihre vornehmste Zierde, ihr
Regent und zweiter Schöpfer fehlte: siehe, da ging sie mit sich zu Rat, drängte
die Gestalten zusammen und formte aus allen ihr Hauptgebilde, die menschliche
Schönheit. Mütterlich bot sie ihrem letzten künstlichen Geschöpf die Hand und
sprach: »Steh auf von der Erde! Dir selbst überlassen, wärest du Tier wie andre
Tiere; aber durch meine besondre Huld und Liebe gehe aufrecht und werde der Gott
der Tiere!« Lasset uns bei diesem heiligen Kunstwerk, der Wohltat, durch die
unser Geschlecht ein Menschengeschlecht ward, mit dankbarem Blick verweilen; mit
Verwundrung werden wir sehen, welche neue Organisation von Kräften in der
aufrechten Gestalt der Menschheit anfange und wie allein durch sie der Mensch
ein Mensch ward.
 
                                  Viertes Buch
                                       I
               Der Mensch ist zur Vernunftfähigkeit organisieret
    Der Orang-Utang ist im Innern und Äussern dem Menschen ähnlich. Sein Gehirn
hat die Gestalt des unsern; er hat eine breite Brust, platte Schultern, ein
ähnliches Gesicht, einen ähnlich gestalteten Schädel; Herz, Lunge, Leber, Milz,
Magen, Eingeweide sind wie bei dem Menschen. Tyson22 hat 48 Stücke angegeben, in
denen er mehr unserm Geschlecht als den Affenarten gleichet, und die
Verrichtungen, die man von ihm erzählt, selbst seine Torheiten, Laster,
vielleicht auch gar die periodische Krankheit, machen ihn dem Menschen ähnlich.
    Allerdings muss also auch in seinem Innern, in den Wirkungen seiner Seele,
etwas Menschenähnliches sein, und die Philosophen, die ihn unter die kleinen
Kunsttiere erniedrigen wollen, verfehlen, wie mich dünkt, das Mittel der
Vergleichung. Der Biber bauet, aber instinktmässig seine ganze Maschine ist dazu
eingerichtet, sonst aber kann er nichts; er ist des Umganges der Menschen, der
Teilnehmung an unsern Gedanken und Leidenschaften nicht fähig. Der Affe dagegen
hat keinen determinierten Instinkt mehr; seine Denkungskraft steht dicht am
Rande der Vernunft, am armen Rande der Nachahmung. Er ahmt alles nach und muss
also zu tausend Kombinationen sinnlicher Ideen in seinem Gehirn geschickt sein,
deren kein Tier fähig ist; denn weder der weise Elefant noch der gelehrige Hund
tut, was er zu tun vermag; er will sich vervollkommen. Aber er kann nicht: die
Tür ist zugeschlossen; die Verknüpfung fremder Ideen zu den seinen und gleichsam
die Besitznehmung des Nachgeahmten ist seinem Gehirn unmöglich. Das Affenweib,
das Bontius beschrieben, besass Schamhaftigkeit und bedeckte sich mit der Hand,
wenn ein Fremder hinzutrat; sie seufzte, weinte und schien menschliche
Handlungen zu verrichten. Die Affen, die Battel beschrieben, gehen in
Gesellschaft aus, bewaffnen sich mit Prügeln und verjagen den Elefanten aus
ihren Bezirken; sie greifen Neger an und setzen sich um ihr Feuer, haben aber
nicht den Verstand, es zu unterhalten. Der Affe des de la Brosse setzte sich zu
Tisch, bediente sich des Messers und der Gabel, zürnte, trauerte, hatte alle
menschliche Affekten. Die Liebe der Mütter zu den Kindern, ihre Auferziehung und
Gewöhnung zu den Kunstgriffen und Schelmereien der Affenlebensart, die Ordnung
in ihrer Republik und auf ihren Märschen, die Strafen, die sie ihren
Staatsverbrechern antun, selbst ihre possierliche List und Bosheit nebst einer
Reihe andrer unleugbarer Züge sind Beweise gnug, dass sie auch in ihrem Innern so
menschenähnliche Geschöpfe sind, wie ihr Äusseres zeigt. Buffon verschwendet den
Strom seiner Beredsamkeit umsonst, wenn er die Gleichförmigkeit des Organismus
der Natur von innen und aussen bei Gelegenheit dieser Tiere bestreitet; die
Fakta, die er von ihnen selbst gesammlet hat, widerlegen ihn gnugsam, und der
gleichförmige Organismus der Natur von innen und aussen, wenn man ihn recht
bestimmt, bleibt in allen Bildungen der Lebendigen unverkennbar.
    Was fehlte also dem menschenähnlichen Geschöpf, dass es kein Mensch ward?
Etwa nur die Sprache? Aber man hat sich bei mehrern Mühe gegeben, sie zu
erziehen, und wenn sie derselben fähig wären, hätten sie, die alles nachahmen,
diese gewiss zuerst nachgeahmt und auf keine Instruktion gewartet. Oder liegt's
allein an ihren Organen? Auch nicht; denn ob sie gleich den Inhalt der
menschlichen Sprache fassen, so hat noch kein Affe, da er doch immer
gestikulieret, sich ein Vermögen erworben, mit seinem Herrn pantomimisch zu
sprechen und durch Gebärdungen menschlich zu diskurieren. Also muss es
schlechtin an etwas anderm liegen, das dem Traurigen zur Menschenvernunft die
Tür schloss und ihm vielleicht das dunkle Gefühl liess, so nahe zu sein und nicht
hineinzugehören.
    Was war dies Etwas? Es ist sonderbar, dass der Zergliederung nach beinahe
aller Unterschied an Teilen des Ganges zu liegen scheinet. Der Affe ist
gebildet, dass er etwa aufrecht gehen kann, und ist dadurch dem Menschen
ähnlicher als seine Brüder; er ist aber nicht ganz dazu gebildet, und dieser
Unterschied scheint ihm alles zu rauben. Lasset uns diesen Anblick verfolgen,
und die Natur selbst wird uns auf die Wege führen, auf denen wir die erste
Anlage zur menschlichen Würde zu suchen haben.
    Der Orang-Utang23 hat lange Arme, grosse Hände, kurze Schenkel, grosse Füsse
mit langen Zehen; der Daum seiner Hand aber, der grosse Zeh seines Fusses ist
klein: Buffon, und schon Tyson vor ihm, nennet das Affengeschlecht also
vierhändig; und ihm fehlt mit diesen kleinen Gliedern offenbar die Basis zum
festen Stande des Menschen. Sein Hinterleib ist hager, sein Knie breiter als
beim Menschen und nicht so tief; die kniebewegende Muskeln sitzen tiefer im
Schenkelbein, daher er nie ganz aufrecht stehen kann, sondern immer mit
eingebogenen Knien gleichsam nur stehen lernet. Der Kopf des Schenkelknochen
hängt in seiner Pfanne ohne Band; die Knochen des Beckens stehen wie bei
vierfüssigen Tieren; die fünf letzten Halswirbel haben lange spitzige Fortsätze,
die die Zurückbeugung des Kopfs hindern; er ist also durchaus nicht zur
aufrechten Stellung geschaffen, und fürchterlich sind die Folgen, die daraus
spriessen. Sein Hals wird kurz und lang die Schlüsselbeine, so dass der Kopf
zwischen den Schultern zu stecken scheinet.24 Sonach bekommt dieser ein grösseres
Vorderteil, hervorragende Kinnladen, eine platte Nase; die Augen stehn dicht
aneinander; der Augapfel wird klein, dass man kein Weisses um den Stern sieht. Der
Mund dagegen wird gross, der Bauch dick, die Brüste lang, der Rücken wie
gebrechlich. Die Ohren treten tierartig empor. Die Augenhöhlen kommen dicht
aneinander; die Gelenkflächen des Kopfs stehen nicht mehr in der Mitte seiner
Grundfläche, wie beim Menschen, sondern hinterwärts, wie beim Tier. Der
Oberkiefer dagegen rückt vorwärts, und das eingeschobne eigne Zwischenbein des
Affen (Os intermaxillare) ist der letzte Abschnitt vom Menschenantlitz.25 Denn
nun, nach dieser Formung des Kopfs unten hervor, hinten hinweg, nach dieser
Stellung desselben auf dem Halse, nach dem ganzen Zuge des Rückenwirbels jenen
gemäss, blieb der Affe - immer nur ein Tier, so menschenähnlich er übrigens sein
mochte.
    Um uns zu diesem Schluss vorzubereiten, so lasset uns an Menschengesichter
denken, die auch nur in der weitesten Ferne ans Tier zu grenzen scheinen. Was
macht sie tierisch? Was gibt ihnen diesen entehrenden groben Anblick? Der
hervorgerückte Kiefer, der zurückgeschobne Kopf, kurz, die entfernteste
Ähnlichkeit mit der Organisation zum vierfüssigen Gange. Sobald der Schwerpunkt
verändert wird, auf dem der Menschenschädel in seiner erhabnen Wölbung ruhet, so
scheinet der Kopf am Rücken fest, das Gebiss der Zähne tritt hervor, die Nase
breitet sich platt und tierisch. Oben treten die Augenhöhlen näher zusammen, die
Stirn geht zurück und bekommt von beiden Seiten den tödlichen Druck des
Affenschädels. Der Kopf wird oben und hinten spitz; die Vertiefung der
Hirnschale bekommt eine kleinere Weite - und das alles, weil die Richtung der
Form verrückt scheint. die schöne freie Bildung des Haupts zum aufrechten Gange
des Menschen.
    Rücket diesen Punkt anders, und die ganze Formung wird schön und edel.
Gedankenreich tritt die Stirn hervor, und der Schädel wölbet sich mit erhabner
ruhiger Würde. Die breite Tiernase zieht sich zusammen und organisiert sich
höher und feiner; der zurückgetretene Mund kann schöner bedeckt werden; und so
formt sich die Lippe des Menschen, die der klügste Affe entbehret. Nun tritt das
Kinn herab, um ein gerade herabgesenktes schönes Oval zu ründen; sanft geht die
Wange hinan; das Auge blickt unter der vorragenden Stirn wie aus einem heiligen
Gedankentempel. Und wodurch dies alles? Durch die Formung des Kopfs zur
aufrechten Gestalt, durch die innere und äussere Organisation desselben zum
perpendikularen Schwerpunkt.26 Wer Zweifel hierüber hat, sehe Menschen- und
Affenschädel, und es wird ihm kein Schatten eines Zweifels mehr bleiben.
    Alle äussere Form der Natur ist Darstellung ihres inneren Werks; und so
treten wir, grosse Mutter, vor das Allerheiligste deiner Erdenschöpfung, die
Werkstätte des menschlichen Verstandes.
    
    Man hat sich viel Mühe gegeben, die Grösse des Gehirns beim Menschen mit der
Gehirnmasse andrer Tiergattungen zu vergleichen und daher Tier und Gehirn
gegeneinander zu wägen. Aus drei Ursachen kann dies Wägen und diese
Zahlbestimmung keine reinen Resultate geben.
    1. Weil das eine Glied des Verhältnisses, die Masse des Körpers, zu
unbestimmt ist und zu dem andern fein bestimmten Gliede, dem Gehirn selbst,
keine reine Proportion gewähret. Wie verschiedenartig sind die Dinge, die in
einem Körper wiegen! Und wie verschieden kann das Verhältnis sein, das die Natur
unter ihnen feststellte! Sie wusste dem Elefanten seinen schweren Körper, selbst
sein schweres Haupt durch Luft zu erleichtern, und ohngeachtet seines nicht
übergrossen Gehirns ist er der Weiseste der Tiere. Was wiegt im Körper des Tiers
am meisten? Die Knochen, und mit ihnen hat das Gehirn kein unmittelbares
Verhältnis.
    2. Ohnstreitig kommt viel darauf an, wozu das Gehirn für den Körper
gebraucht werde, wohin und zu welchen Lebensverrichtungen es seine Nerven sende.
Wenn man also Gehirn- und Nervengebäude gegeneinander wöge, so gäbe es schon ein
feineres und dennoch kein reines Verhältnis: denn das Gewicht beider zeigt doch
nie weder die Feinheit der Nerven noch die Absicht ihrer Wege.
    3. Also käme zuletzt alles auf die feinere Ausarbeitung, auf die
proportionierte Lage der Teile gegeneinander und, wie es scheint, am meisten auf
den weiten und freien Sammelplatz an, die Eindrücke und Empfindungen aller
Nerven mit der grössesten Kraft, mit der schärfsten Wahrheit, endlich auch mit
dem freiesten Spiel der Mannigfaltigkeit zu verknüpfen und zu dem unbekannten
göttlichen Eins, das wir Gedanke nennen, energisch zu vereinen, wovon uns die
Grösse des Gehirns an sich nichts saget.
    Indessen sind diese berechnenden Erfahrungen27 schätzbar und geben, zwar
nicht die letzten, aber sehr belehrende und weiterhin leitende Resultate, deren
ich einige, um auch hier die aufsteigende Einförmigkeit des Ganges der Natur zu
zeigen, anzuführen wage.
    1. In den kleinern Tieren, bei denen der Kreislauf und die organische Wärme
noch unvollkommen ist, findet sich auch ein kleineres Gehirn und wenigere
Nerven. Die Natur hat ihnen, wie wir schon bemerkt haben, an innigem oder fein
verbreitetem Reiz ersetzt, was sie ihnen an Empfindung versagen musste; denn
wahrscheinlich konnte der ausarbeitende Organismus dieser Geschöpfe ein grösseres
Gehirn weder hervorbringen noch ertragen.
    2. In den Tieren von wärmerm Blut wächst auch die Masse des Gehirns in dem
Verhältnis, wie ihre künstlichere Organisation wächset; zugleich treten hier
aber auch andre Rücksichten ein, die insonderheit das Verhältnis der Nerven und
Muskelkräfte gegeneinander zu bestimmen scheinet. In Raubtieren ist das Gehirn
kleiner; bei ihnen herrschen Muskelkräfte, und auch ihre Nerven sind grossenteils
Dienerinnen desselben und des tierischen Reizes. Bei grasfressenden ruhigen
Tieren wird das Gehirn grösser, obwohl es auch bei ihnen sich grösstenteils noch
in Nerven der Sinne zu verbrauchen scheinet. Die Vögel haben viel Gehirn; denn
sie mussten in ihrem kältern Elemente wärmeres Blut haben. Der Kreislauf ist auch
zusammengedrängter in ihrem meistens kleineren Körper, und so füllet bei dem
verliebten Sperlinge das Gehirn den ganzen Kopf und ist 1/5 vom Gewicht seines
Körpers.
    3. Bei jungen Geschöpfen ist das Gehirn grösser als bei erwachsenen; offenbar
weil es flüssiger und zarter ist, also auch einen grössern Raum einnimmt,
deswegen aber kein grösseres Gewicht gibt. In ihm ist noch der Vorrat jener
zarten Befeuchtung zu allen Lebensverrichtungen und innern Wirkungen, durch
welche das Geschöpf sich in seinen jüngern Jahren Fertigkeiten bilden und also
viel aufwenden soll. Mit den Jahren wird es trockner und fester; denn die
Fertigkeiten sind gebildet da, und der Mensch sowohl als das Tier ist nicht mehr
so leichter, so anmutiger, so flüchtiger Eindrücke fähig. Kurz, die Grösse des
Gehirns bei einem Geschöpf scheint eine notwendige Mitbedingung, nicht aber die
einzige, nicht die erste Bedingung zu sein zu seiner grössern Fähigkeit und
Verstandesübung. Unter allen Tieren hat der Mensch, wie schon die Alten wussten,
verhältnismässig das grösseste Gehirn, worin ihm aber der Affe nichts nachgibt; ja
das Pferd wird hierin übertroffen vom Esel.
    
    Also muss etwas anders hinzukommen, das die feinere Denkungskraft des
Geschöpfs physiologisch fördert; und was könnte dies, nach dem Stufengange von
Organisationen, den uns die Natur vors Auge gelegt hat, anders sein als der Bau
des Gehirns selbst, die vollkommenere Ausarbeitung seiner Teile und Säfte,
endlich die schönere Lage und Proportion desselben zur Empfängnis geistiger
Empfindungen und Ideen in der glücklichsten Lebenswärme. Lasset uns ihr Buch
aufschlagen, die feinsten Blätter, die sie je geschrieben, die Gehirntafeln
selbst; denn da der Zweck ihrer Organisationen auf Empfindung, auf Wohlsein, auf
Glückseligkeit eines Geschöpfs geht, so muss das Haupt endlich das sicherste
Archiv werden, in dem wir ihre Gedanken finden:
    1. In Geschöpfen, bei denen das Gehirn kaum anfängt, erscheinet es noch sehr
einfach: es ist wie eine Knospe oder ein paar Knospen des fortspriessenden
Rückenmarkes, die nur den nötigsten Sinnen Nerven erteilen. Bei Fischen und
Vögeln, die, nach Willis Bemerkung, im ganzen Bau des Gehirns Ähnlichkeit haben,
nimmt die Zahl der Erhöhungen bis zu fünf und mehreren zu; sie sondern sich auch
deutlicher auseinander. In den Tieren von wärmerem Blut endlich unterscheidet
sich das kleine und grosse Gehirn kenntlich: die Flügel des letzten breiten sich
der Organisation des Geschöpfs zufolge auseinander, und die einzelnen Teile
treten zu eben dem Zweck in Verhältnis. Die Natur hat also, so wie bei der
ganzen Bildung ihrer Geschlechter, so auch bei dem Inbegriff und Ziel derselben,
dem Gehirn, nur einen Haupttypus, auf den sie es vom niedrigsten Wurm und Insekt
anlegt, den sie bei allen Gattungen nach der verschiednen äussern Organisation
des Geschöpfs im kleinen zwar verändert, aber verändernd fortführt, vergrössert,
ausbildet und beim Menschen zuletzt aufs künstlichste vollendet. Sie kommt mit
dem kleinen Hirn eher zustande als mit dem grossen, da jenes seinem Ursprunge
nach dem Rückenmark näher und verwandter. also auch bei mehreren Gattungen
gleichförmiger ist, bei denen die Gestalt des grossen Gehirns noch sehr
variieret. Es ist dieses auch nicht zu verwundern, da vom kleinern Gehirn so
wichtige Nerven für die tierische Organisation entspringen, so dass die Natur in
Ausbildung der edelsten Gedankenkräfte ihren Weg von dem Rücken nach den vordern
Teilen nehmen musste.
    2. Bei dem grössern Gehirn zeigt sich die mehrere Ausarbeitung seiner Flügel
in den edlern Teilen auf mehr als eine Weise. Nicht nur sind seine Furchen
künstlicher und tiefer, und der Mensch hat derselben mehrere und mannigfaltere
als irgendein anderes Geschöpf; nicht nur ist die Rinde des Hirns beim Menschen
der zarteste und feinste Teil seiner Glieder, der sich ausdunstend bis auf 1/25
verlieret, sondern auch der Schatz, den diese Rinde bedecket und durchflicht,
das Mark des Gehirns, ist bei den edlern Tieren und am meisten beim Menschen in
seinen Teilen unterschiedner, bestimmter und vergleichungsweise grösser als bei
allen andern Geschöpfen. Beim Menschen überwiegt das grosse Gehirn das kleine um
ein vieles, und das grössere Gewicht desselben zeigt seine innere Fülle und
mehrere Ausarbeitung.
    3. Nun zeigen alle bisherigen Erfahrungen, die der gelehrteste Physiolog
aller Nationen, Haller, gesammlet, wie wenig sich das unteilbare Werk der
Ideenbildung in einzelnen materiellen Teilen des Gehirns materiell und zerstreut
aufsuchen lasse; ja mich dünkt, wenn alle diese Erfahrungen auch nicht vorhanden
wären, hätte man aus der Beschaffenheit der Ideenbildung selbst darauf kommen
müssen. Was ist's, dass wir die Kraft unsres Denkens nach ihren verschiednen
Verhältnissen bald Einbildungskraft und Gedächtnis, bald Witz und Verstand
nennen? dass wir die Triebe, zu begehren, vom reinen Willen absondern und endlich
gar Empfindungs- und Bewegungskräfte teilen? Die mindeste genauere Überlegung
zeigt, dass diese Fähigkeiten nicht örtlich sein können, als ob in dieser Gegend
des Gehirns der Verstand, in jener das Gedächtnis und die Einbildungskraft, in
einer andern die Leidenschaften und sinnlichen Kräfte wohnen; denn der Gedanke
unsrer Seele ist ungeteilt, und jede dieser Wirkungen ist eine Frucht der
Gedanken. Es wird daher beinah ungereimt, abstrahierte Verhältnisse als einen
Körper zergliedern zu wollen und, wie Medea die Glieder ihres Bruders hinwarf,
die Seele auseinander zu werfen. Entgehet uns bei dem gröbsten Sinne das
Material der Empfindung, das vom Nervensaft (wenn dieser auch da wäre) ein so
verschiednes Ding ist: wieviel weniger wird uns die geistige Verbindung aller
Sinne und Empfindungen empfindbar werden, dass wir dieselbe nicht nur sehen und
hören, sondern auch in den verschiedenen Teilen des Gehirns so willkürlich
erwecken könnten, als ob wir ein Klavichord spielten. Der Gedanke, dieses auch
nur zu erwarten, ist mir fremde.
    4. Noch fremder wird er mir, wenn ich den Bau des Gehirns und seiner Nerven
betrachte. Wie anders ist hier die Haushaltung der Natur, als wie sich unsre
abstrahierte Psychologie die Sinne und Kräfte der Seele denket! Wer würde aus
der Metaphysik erraten, dass die Nerven der Sinne also entstehn, sich also
trennen und verbinden? Und doch sind dies die einzigen Gegenden des Gehirns, die
wir in ihren organischen Zwecken kennen, weil uns ihre Wirkung vors Auge gelegt
ist. Also bleibt uns nichts übrig, als diese heilige Werkstätte der Ideen, das
innere Gehirn, wo sich die Sinne einander nähern, als die Gebärmutter anzusehen,
in denen sich die Frucht der Gedanken unsichtbar und unzerteilt bildet. Ist jene
gesund und frisch und gewährt der Frucht nicht nur die gehörige Geistes- und
Lebenswärme, sondern auch den geräumigen Ort, die schickliche Stätte, auf
welcher die Empfindungen der Sinne und des ganzen Körpers von der unsichtbaren
organischen Kraft, die hier alles durchwebt, erfasset und, wenn ich metaphorisch
reden darf, in den lichten Punkt vereinigt werden können, der höhere Besinnung
heisst, so wird, wenn äussere Umstände des Unterrichts und der Ideenweckung
dazukommen, das feinorganisierte Geschöpf der Vernunft fähig. Ist dieses nicht,
fehlen dem Gehirn wesentliche Teile oder feinere Säfte, nehmen gröbere Sinne den
Platz ein, oder findet es sich endlich in einer verschobenen, zusammengedruckten
Lage was wird die Folge sein, als dass jene feine Zusammenstrahlung der Ideen
nicht stattfinde, dass das Geschöpf ein Knecht der Sinne bleibe?
    5. Die Bildung der verschiednen Tiergehirne scheint dies augenscheinlich
darzulegen, und eben hieraus, verglichen mit der äussern Organisation und
Lebensweise des Tieres, wird man sich Rechenschaft geben können, warum die
Natur, die überall auf einen Typus ausging, ihn nicht allentalben erreichen
konnte und jetzt so, jetzt anders abwechseln musste. Der Hauptsinn vieler
Geschöpfe ist der Geruch: er ist ihnen der notwendigste zur Unterhaltung und
ihres Instinkts Führer. Nun siehe, wie sich im Gesicht des Tiers die Nase
hervordrängt, so drängen sich auch im Gehirn desselben die Geruchnerven hervor,
als ob zu ihnen allein der Vorderteil des Hauptes gemacht wäre. Breit, hohl und
markig gehen sie daher, dass sie fortgesetzte Gehirnkammern scheinen; bei manchen
Gattungen gehen die Stirnhöhlen weit herauf, um vielleicht auch den Sinn des
Geruchs zu verstärken, und so, wenn ich so sagen darf, ist ein grosser Teil der
Tierseele geruchartig. Die Sehnerven folgen, da nach dem Geruch dieser Sinn dem
Geschöpf der nötigste war; sie gelangen schon mehr zur mittlern Region des
Gehirns, wie sie auch einem feineren Sinn dienen. Die andern Nerven, die ich
nicht hererzählen will, folgen in der Masse, wie die äussere und innere
Organisation einen Zusammenhang der Teile fodert, so dass z.B. die Nerven und
Muskeln der Teile des Hinterhaupts den Mund, die Kinnbacken u. f. stützen und
beseelen. Sie schliessen also gleichsam das Antlitz und machen das äussere Gebilde
so zu einem Ganzen, wie es nach dem Verhältnis innerer Kräfte das Innere war;
nur berechne man dieses nicht bloss auf das Gesicht, sondern auf den ganzen
Körper. Es ist sehr angenehm, die verschiednen Verhältnisse verschiedner
Gestalten vergleichend durchzugehn und die innern Gewichte zu betrachten, die
die Natur für jedes Geschöpf aufhing. Wo sie versagte, erstattete sie; wo sie
verwirren musste, verwirrete sie weise, d. i. der äussern Organisation des
Geschöpfs und seiner ganzen Lebensweise harmonisch. Sie hatte aber immer ihren
Typus im Auge und wich ungern von ihm ab, weil ein gewisses analoges Empfinden
und Erkennen der Hauptzweck war, zu dem sie alle Erdorganisationen bilden
wollte. Bei Vögeln, Fischen und den verschiedensten Landtieren ist dies in einer
fortgehenden Analogie zu zeigen.
    6. Und so kommen wir auf den Vorzug des Menschen in seiner Gehirnbildung.
Wovon hängt er ab? Offenbar von seiner vollkommnern Organisation im ganzen und
zuletzt von seiner aufrechten Stellung. Jedes Tiergehirn ist nach der Bildung
seines Kopfs, oder vielmehr diese nach ihm, geformt, weil die Natur von innen
aus wirket. Zu welchem Gange, zu welchem Verhältnis der Teile gegeneinander, zu
welchem Habitus endlich sie das Geschöpf bestimmte, darnach mischte und ordnete
sie auch seine organischen Kräfte. Und so ward das Gehirn gross oder klein, breit
oder schmal, schwer oder leicht, viel- oder einartig, nachdem seine Kräfte waren
und in welchem Verhältnis sie gegeneinander wirkten. Darnach wurden auch die
Sinne des Geschöpfs stark oder schwach, herrschend oder dienend. Höhlen und
Muskeln des Vorder- und Hinterhaupts bildeten sich, nachdem die Lymphe
gravitierte, kurz, nach dem Winkel der organischen Hauptrichtung. Von
zahlreichen Proben, die hierüber aus Gattungen und Geschlechtern angeführt
werden könnten, führe ich nur zwei oder drei an. Was bildet den organischen
Unterschied unsers Haupts vom Kopf des Affen? Der Winkel seiner Hauptrichtung.
Der Affe hat alle Teile des Gehirns, die der Mensch hat; er hat sie aber nach
der Gestalt seines Schädels in einer zurückgedrückten Lage, und diese hat er,
weil sein Kopf unter einem andern Winkel geformt und er nicht zum aufrechten
Gange gemacht ist. Sofort wirkten alle organischen Kräfte anders: Der Kopf ward
nicht so hoch, nicht so breit, nicht so lang wie der unsre; die niedern Sinne
traten mit dem Unterteil des Gesichts hervor, und es ward ein Tiergesicht, so
wie sein zurückgeschobnes Gehirn immer nur ein Tiergehirn blieb; wenn er auch
alle Teile des menschlichen Gehirns hätte, er hat sie in andrer Lage, in anderm
Verhältnis. Die parisischen Zergliederer fanden in ihren Affen die Vorderteile
menschenähnlich, die innern aber von dem kleinen Gehirn alle im Verhältnis
tiefer; die Zirbeldrüse war konisch, ihre Spitze nach dem Hinterhaupt gekehrt u.
f. - lauter Verhältnisse aus diesem Winkel der Hauptrichtung zu seinem Gange, zu
seiner Gestalt und Lebensweise. Der Affe, den Blumenbach28 zergliederte, war
noch tierischer, wahrscheinlich weil er von einer niedrigern Art war; daher sein
grösseres Cerebellum, daher die andern fehlende Unterschiede in den wichtigsten
Regionen. Beim Orang-Utang fallen diese weg, weil sein Haupt minder
zurückgebogen, sein Gehirn minder zurückgedrückt ist; indessen noch
zurückgedrückt gnug, wenn man es mit dem hoch- und rund- und freigewölbten
menschlichen Gehirn vergleicht, der einzigen schönen Kammer der vernünftigen
Ideenbildung. Warum hat das Pferd kein Wundernetz (Rete mirabile) gleich andern
Tieren? Weil sein Haupt emporsteht und sich die Hauptader schon einigermassen dem
Menschen ähnlich, ohne diese Versiegungen wie bei hangenden Tierhäuptern,
erhebet. Es ward also auch ein edleres, rasches, mutiges Tier, von vieler Wärme,
von wenigem Schlaf; da hingegen bei Geschöpfen, denen ihr Haupt niedersank, die
Natur im Bau des Gehirns soviel andre Anstalten vorzukehren hatte, sogar dass sie
die Hauptteile desselben mit einer beinern Wand unterschied. Alles kam also auf
die Richtung an, nach und zu der sie das Haupt der Organisation des ganzen
Körpers gemäss formte. Ich schweige von mehrern Beispielen mit dem Wunsch, dass
forschende Zergliederer, insonderheit bei menschenähnlichen Tieren, auf dies
innere Verhältnis der Teile nach der Lage gegeneinander und nach der Richtung
des Haupts in seiner Organisation zum Ganzen Rücksicht nehmen möchten; hier,
glaube ich, wohnt der Unterschied einer Organisation zu diesem oder jenem
Instinkt, zur Wirkung einer Tier- oder Menschenseele; denn jedes Geschöpf ist in
allen seinen Teilen ein lebendig zusammenwirkendes Ganze.
    7. Selbst der Winkel der menschlichen Wohlgestalt oder Missbildung scheinet
sich aus diesem einfachen und allgemeinen Gesetz der Bildung des Haupts zum
aufrechten Gange bestimmen zu lassen; denn da diese Form des Kopfs, diese
Ausbreitung des Gehirns in seine weiten und schönen Hemisphäre, mitin die
innere Bildung zur Vernunft und Freiheit nur auf einer aufrechten Gestalt
möglich war, wie das Verhältnis und die Gravitation dieser Teile selbst, die
Proportion ihrer Wärme und die Art ihres Blutumlaufs zeigt, so konnte auch aus
diesem innern Verhältnis nichts anders als die menschliche Wohlgestalt werden.
Warum neiget sich die griechische Form des Oberhaupts so angenehm vor? Weil sie
den weitesten Raum eines freien Gehirns umschliesst, ja auch schöne, gesunde
Stirnhöhlen verrät, also einen Tempel jugendlich-schöner und reiner
Menschengedanken. Das Hinterhaupt dagegen ist klein; denn das tierische
Cerebellum soll nicht überwiegen. So ist's mit den andern Teilen des Gesichts;
sie zeigen als sinnliche Organe die schönste Proportion der sinnlichen Kräfte
des Gehirns an, und jede Abweichung davon ist tierisch. Ich bin gewiss, dass wir
über die Zusammenstimmung dieser Teile einst noch eine so schöne Wissenschaft
haben werden, als uns die bloss erratende Physiognomik schwerlich allein gewähren
kann. Im Innern liegt der Grund des Äussern, weil durch organische Kräfte alles
von innen heraus gebildet ward und jedes Geschöpf eine so ganze Form der Natur
ist, als ob sie nichts anders geschaffen hätte.
    Blick also auf gen Himmel, o Mensch, und erfreue dich schaudernd deines
unermesslichen Vorzugs, den der Schöpfer der Welt an ein so einfaches Principium,
deine aufrechte Gestalt, knüpfte! Gingest du wie ein Tier gebückt, wäre dein
Haupt in eben der gefrässigen Richtung für Mund und Nase geformt und darnach der
Gliederbau geordnet: wo bliebe deine höhere Geisteskraft, das Bild der Gotteit,
unsichtbar in dich gesenket? Selbst die Elenden, die unter die Tiere gerieten,
verloren es: wie sich ihr Haupt missbildete, verwilderten auch die inneren
Kräfte; gröbere Sinnen zogen das Geschöpf zur Erde nieder. Nun aber durch die
Bildung deiner Glieder zum aufrechten Gange bekam das Haupt seine schöne
Stellung und Richtung; mitin gewann das Hirn, dies zarte, äterische
Himmelsgewächs, völligen Raum, sich umherzubreiten und seine Zweige abwärts zu
versenden. Gedankenreich wölbte sich die Stirn, die tierischen Organe traten
zurück, es ward eine menschliche Bildung Je mehr sich der Schädel hob, desto
tiefer trat das Gehör hinab; es fügte sich mit dem Gesicht freundschaftlicher
zusammen, und beide Sinne bekamen einen innern Zutritt zur heiligen Kammer der
Ideenbildung. Das kleinere Gehirn, die sprossende Blüte des Rückens und der
sinnlichen Lebenskräfte, trat, da es bei den Tieren herrschender war, mit dem
andern Gehirn in ein untergeordnetes milderes Verhältnis. Die Strahlen der
wunderbar schönen gestreiften Körper wurden bei dem Menschen gezeichneter und
feiner; ein Fingerzeig auf das unendlich feinere Licht, das in dieser mittlern
Region zusammen- und auseinanderstrahlet. So ward, wenn ich in einem Bilde reden
darf, die Blume gebildet, die auf dem verlängerten Rückenmark nur emporsprosste,
sich aber vornweg zu einem Gewächs voll äterischer Kräfte wölbet, das nur auf
diesem emporstrebenden Baum erzeugt werden konnte.
    Denn ferner: Die ganze Proportion der organischen Kräfte eines Tiers ist der
Vernunft noch nicht günstig. In seiner Bildung herrschen Muskelkräfte und
sinnliche Lebensreize, die nach dem Zweck des Geschöpfs in jede Organisation
eigen verteilt sind und den herrschenden Instinkt jedweder Gattung bilden. Mit
der aufrechten Gestalt des Menschen stand ein Baum da, dessen Kräfte so
proportioniert sind, dass sie dem Gehirn, als ihrer Blume und Krone, die feinsten
und reichsten Säfte geben sollten. Mit jedem Aderschlag erhebt sich mehr als der
sechste Teil des Bluts im menschlichen Körper allein zum Haupt; der Hauptstrom
desselben erhebt sich gerade und krümmet sich sanft und teilt sich allmählich,
also dass auch die entferntesten Teile des Haupts von seinem und seiner Brüder
Strömen Nahrung und Wärme erhalten. Die Natur bot alle ihre Kunst auf, die
Gefässe desselben zu verstärken, seine Macht zu schwächen und zu verfeinern, es
lange im Gehirne zu halten und, wenn es sein Werk getan hat, es sanft vom Haupt
zurückzuleiten. Es entsprang aus Stämmen, die, dem Herzen nahe, noch mit aller
Kraft der ersten Bewegung wirken, und vom ersten Lebensanfange an arbeitet die
ganze Gewalt des jungen Herzens auf diese, die empfindlichsten und edelsten
Teile. Die äussern Glieder bleiben noch ungeformt, damit zuerst nur das Haupt und
die innern Teile aufs zartste bereitet werden. Mit Verwundern sieht man nicht
nur das gewaltige Übermass derselben, sondern auch ihre feine Struktur in den
einzelnen Sinnen des Ungebornen, als ob die grosse Künstlerin denselben allein
zum Gehirn und zu den Kräften innerer Bewegung erschaffen wollte, bis sie
allmählich auch die andern Glieder als Werkzeuge und Darstellung des Innern
nachholet. Schon also im Mutterleibe wird der Mensch zur aufrechten Stellung und
zu allem, was von ihr abhängt, gebildet. In keinem hangenden Tierleibe wird er
getragen; ihm ist eine künstlichere Formungsstätte bereitet, die auf ihrer Basis
ruhet. Da sitzt der kleine Schlafende, und das Blut dringt zu seinem Haupt, bis
dieses durch seine eigne Schwere sinket. Kurz, der Mensch ist, was er sein soll
(und dazu wirken alle Teile), ein aufstrebender Baum, gekrönt mit der schönsten
Krone einer feinern Gedankenbildung.
 
                                       II
    Zurücksicht von der Organisation des menschlichen Haupts auf die niedern
                   Geschöpfe, die sich seiner Bildung nähern
    Ist unser Weg bisher richtig gewesen, so muss, da die Natur immer
gleichförmig wirkt, auch bei niedrigern Geschöpfen dieselbe Analogie im
Verhältnis ihres Haupts zu dem gesamten Gliederbau herrschen, und sie herrscht
auf die augenscheinlichste Weise. Wie die Pflanze darauf arbeitet, das Kunstwerk
der Blume, als des Geschöpfs Krone, hervorzutreiben, so arbeitet der ganze
Gliederbau in den lebendigen Geschöpfen, um das Haupt als seine Krone zu nähren.
Man sollte sagen, dass der Reihe der Geschöpfe nach die Natur allen ihren
Organismus anwende, immer mehr und ein feineres Gehirn zu bereiten, mitin dem
Geschöpf einen freiern Mittelpunkt von Empfindungen und Gedanken zu sammeln. Je
weiter sie hinaufrückt, desto mehr treibt sie ihr Werk; soviel sie nämlich tun
kann, ohne das Haupt des Geschöpfs zu beschweren und seine sinnlichen
Lebensverrichtungen zu stören. Lasset uns einige Glieder dieser hinaufsteigenden
organischen Empfindungskette, auch in der äussern Form und Richtung ihres Haupts,
bemerken.
    1. In Tieren, wo das Haupt mit dem Körper noch horizontal liegt, findet die
wenigste Ausarbeitung des Gehirns statt; die Natur hat ihre Reize und Triebe
tiefer umher verbreitet. Würmer und Pflanzentiere, Insekten, Fische, Amphibien
sind dergleichen. In den untersten Gliedern der organischen Kette ist kaum noch
ein Haupt sichtbar; in andern kommt's wie ein Auge hervor. Klein ist's in den
Insekten; in den Fischen ist Haupt und Körper noch eins, und in den Amphibien
behält es grösstenteils noch seine Horizontallage mit dem ganzen kriechenden
Körper. Je mehr es sich losmacht und hebet, desto mehr erwacht das Geschöpf aus
seiner tierischen Dumpfheit, um so mehr tritt auch das Gebiss zurück und scheinet
nicht mehr die ganze vorgestreckte Kraft des horizontalen Körpers. Man
vergleiche den Haifisch, der gleichsam ganz Rachen und Gebiss ist, oder den
verschlingenden schleichenden Krokodil mit feinern Organisationen, und man wird
durch zahlreiche Beispiele auf den Satz geführet werden, dass: je mehr das Haupt
und der Körper eines Tiers eine ungetrennte horizontale Linie sind, desto
weniger ist bei ihm zum erhöhetern Gehirn Raum, desto mehr ist sein
hervorspringender, ungelenkiger Rachen das Ziel seiner Wirkung.
    2. Je vollkommener das Tier wird, desto mehr kommt's gleichsam von der Erde
herauf: es bekommt höhere Füsse, die Wirbel seines Halses gliedern sich nach der
Organisation seines Baues, und nach dem Ganzen bekommt der Kopf Stellung und
Richtung. Auch hier vergleiche man die Panzer- und Beuteltiere, den Igel, die
Ratte, den Vielfrass und andre niedrige Geschlechter mit den edleren Tieren. Bei
jenen sind die Füsse kurz, der Kopf steckt zwischen den Schultern, der Mund
stehet lang und vorwärts; bei diesen wird Gang und Kopf leichter, der Hals
gegliederter, der Mund kürzer; natürlicherweise bekommt auch das Hirn dadurch
einen höhern, weitern Raum. Man kann also den zweiten Satz annehmen, dass: je
mehr sich der Körper zu heben und sich das Haupt vom Gerippe hinaufwärts
loszugliedern strebt, desto feiner wird des Geschöpfs Bildung. Nur muss dieser
Satz, so wie der vorige, nicht nach einzelnen Gliedern, sondern nach dem ganzen
Verhältnis und Bau des Tiers verstanden werden.
    3. Je mehr an dem erhöhetern Kopf die Unterteile des Gesichts abnehmen oder
zurückgedränget werden, desto edler wird die Richtung desselben, desto
verständiger sein Antlitz. Man vergleiche den Wolf und den Hund, die Katze und
den Löwen, das Nashorn und den Elefanten, das Ross und das Flusspferd. Je breiter,
gröber und herabziehender gegenteils die Unterteile des Gesichts sind, desto
weniger bekommt der Kopf Schädel und der Oberteil des Gesichts Antlitz. Hiernach
unterscheiden sich nicht nur die Tierarten überhaupt, sondern auch eine und
dieselbe nach Klimaten. Man betrachte den weissen nordischen Bär und den Bär
wärmerer Länder oder die verschiednen Gattungen der Hunde, Hirsche, Rehe; kurz,
je weniger das Tier gleichsam Kinnbacke und je mehr es Kopf ist, desto
vernunftähnlicher wird seine Bildung. Um sich diese Ansicht klärer zu machen,
ziehe man vom letzten Halswirbel des Tiergerippes Linien zur höchsten
Scheitelhöhe, zum vordersten Stirnbein und zum äussersten Punkt der Oberkinnlade,
so wird man in den mancherlei Winkeln nach Geschlechtern und Arten die
mannigfaltige Verschiedenheit sehen, zugleich aber auch innewerden, dass alles
dies ursprünglich vom mehr oder minder horizontalen Gange herrühre und diesem
diene.
    Ich begegne mich hier mit dem feinen Verhältnis, das Camper über die Bildung
der Affen und Menschen und unter diesen der verschiednen Nationalbildungen
gegeben hat29, indem er nämlich eine gerade Linie durch die Höhlen des Ohrs bis
zum Boden der Nase und eine andere von der höchsten Hervorragung des Stirnbeins
bis auf den am meisten hervorragenden Teil der Oberkinnlade im schärfsten Profil
ziehet. Er meint in diesem Winkel nicht nur den Unterschied der Tiere, sondern
auch der verschiednen Nationen zu finden und glaubt, die Natur habe sich dieses
Winkels bedient, alle Verschiedenheiten der Tiere zu bestimmen und sie gleichsam
stufenweise bis zum schönsten der Schönen Menschen zu erheben. »Die Vögel
beschreiben die kleinsten Winkel, und diese Winkel werden grösser, je nachdem
sich das Tier der menschlichen Gestalt nähert. Die Affenköpfe steigen von 42 bis
zu 50 Graden; der letzte ist dem Menschen ähnlich. Der Neger und Kalmucke haben
70, der Europäer 80 Grade, und die Griechen haben ihr Ideal von 90 bis zu 100
Graden verschönert. Was über diese Linie fällt, wird ein Ungeheuer; sie ist also
das höchste, wozu die Alten die Schönheit ihrer Köpfe gebracht haben.« So
frappant diese Bemerkung ist, so sehr freuet es mich, sie, wie ich glaube, auf
ihren physischen Grund zurückführen zu können; es ist dieser nämlich das
Verhältnis des Geschöpfs zur horizontalen und perpendikularen Kopfstellung und
Bildung, von der am Ende die glückliche Lage des Gehirns sowie die Schönheit und
Proportion aller Gesichtsteile abhängt. Wenn man das Campersche Verhältnis also
vollständig machen und zugleich seinen Grund erweisen will, so darf man nur
statt des Ohrs den letzten Halswirbel zum Punkt nehmen und von ihm zum letzten
Punkt des Hinterhaupts, zum obersten des Scheitels, zum vordersten der Stirn,
zum hervorspringendsten des Kinnbeins Linien ziehen, so wird nicht nur die
Varietät der Kopfbildung selbst, sondern auch der Grund derselben sichtbar, dass
alles von der Formung und Richtung dieser Teile zum horizontalen und
perpendikularen Gange, mitin zum ganzen Habitus des Geschöpfs abhange und
hiernach, zufolge eines einfachen Bildungsprincipium, in die grösseste
Mannigfaltigkeit Einheit gebracht werden möge.
    O dass ein zweiter Galen in unsern Tagen das Buch des alten von den Teilen
des menschlichen Körpers insonderheit zu dem Zweck erneute, damit die
Vollkommenheit unsrer Gestalt im aufrechten Gange nach allen Proportionen und
Wirkungen offenbar würde! Dass er in fortgehender Vergleichung mit den uns
nächsten Tieren den Menschen vom ersten Anfange seiner Sichtbarkeit in seinen
tierischen und geistigen Verrichtungen, in der feinern Proportion aller Teile
zueinander, zuletzt den ganzen sprossenden Baum bis zu seiner Krone, dem Gehirn,
verfolgte und durch Vergleichungen zeigte, wie eine solche nur hier sprossen
konnte. Die aufgerichtete Gestalt ist die schönste und natürlichste für alle
Gewächse der Erde. Wie der Baum aufwärts wächst, wie die Pflanze aufwärts
blühet, so sollte man auch vermuten, dass jedes edlere Geschöpf diesen Wuchs,
diese Stellung haben und nicht wie ein hingestrecktes, auf vier Stützen
geschlagenes Gerippe sich herschleppen sollte. Aber das Tier musste in diesen
früheren Perioden seiner Niedergeschlagenheit noch animalische Kräfte
ausarbeiten und sieh mit Sinnen und Trieben üben lernen, ehe es zu unsrer, der
freiesten und vollkommensten Stellung gelangen konnte. Allmählich nahet es sieh
derselben: der kriechende Wurm erhebt, soviel er kann, vom Staube sein Haupt,
und das Seetier schleichet gebückt ans Ufer. Mit hohem Halse stehet der stolze
Hirsch, das edle Ross da, und dem gezähmten Tier werden schon seine Triebe
gedämpft; seine Seele wird mit Vorideen genährt, die es zwar noch nicht fassen
kann, die es aber auf Glauben annimmt und sieh gleichsam blind zu ihnen
gewöhnet. Ein Wink der fortbildenden Natur in ihrem unsichtbaren organischen
Reich, und der tierisch-hinabgezwungene Körper richtet sich auf: der Baum seines
Rückens sprosst gerader und effloresziert feiner, die Brust hat sich gewölbet,
die Hüften geschlossen, der Hals erhoben, die Sinne sind schöner geordnet und
strahlen zusammen ins hellere Bewusstsein, ja zuletzt in einen Gottesgedanken.
Und das alles, wodurch anders als vielleicht, wenn die organischen Kräfte
sattsam geübt sind, durch ein Machtwort der Schöpfung: Geschöpf, steh auf von
der Erde!
 
                                      III
    Der Mensch ist zu feinern Sinnen, zur Kunst und zur Sprache organisieret
    Nahe dem Boden hatten alle Sinnen des Menschen nur einen kleinen Umfang, und
die niedrigen drängeten sich den edlern vor, wie das Beispiel der verwilderten
Menschen zeigt. Geruch und Geschmack waren, wie bei dem Tier, ihre ziehenden
Führer.
    - Über die Erde und Kräuter erhoben, herrschet der Geruch nicht mehr,
sondern das Auge; es hat ein weiteres Reich um sich und übet sich von Kindheit
auf in der feinsten Geometrie der Linien und Farben. Das Ohr, unter den
hervortretenden Schädel tief hinuntergesetzt, gelangt näher zur innern Kammer
der Ideensammlung, da es bei dem Tier lauschend hinaufsteht und bei vielen auch
seiner äussern Gestalt nach zugespitzt horchet.
    Mit dem aufgerichteten Gange wurde der Mensch ein Kunstgeschöpf; denn durch
ihn, die erste und schwerste Kunst, die ein Mensch lernet, wird er eingeweiht,
alle zu lernen und gleichsam eine lebendige Kunst zu werden. Siehe das Tier! Es
hat zum Teil schon Finger wie der Mensch; nur sind sie hier in einen Huf, dort
in eine Klaue oder in ein ander Gebilde eingeschlossen und durch Schwielen
verderbet. Durch die Bildung zum aufrechten Gange bekam der Mensch freie und
künstliche Hände, Werkzeuge der feinsten Hantierungen und eines immerwährenden
Tastens nach neuen klaren Ideen. Helvétius hat sofern recht, dass die Hand dem
Menschen ein grosses Hülfsmittel seiner Vernunft gewesen; denn was ist nicht
schon der Rüssel dem Elefanten? Ja dieses zarte Gefühl der Hände ist in seinen
Körper verbreitet, und bei verstümmelten Menschen haben die Zehen des Fusses oft
Kunststücke geübet, die die Hand nicht üben konnte. Der kleine Daum, der grosse
Zeh, die auch der Struktur ihrer Muskeln nach so besonders gebildet sind, ob sie
uns gleich verachtete Glieder scheinen, sind uns die notwendigsten Kunstgehülfen
zum Stehen, Gehen, Fassen und allen Verrichtungen der kunstarbeitenden Seele.
    Man hat so oft gesagt, dass der Mensch wehrlos erschaffen worden und dass es
einer seiner unterscheidenden Geschlechtscharaktere sei, nichts zu vermögen Es
ist nicht also; er hat Waffen der Verteidigung wie alle Geschöpfe. Schon der
Affe führt den Prügel und wehret sich mit Sand und Steinen; er klettert und
rettet sich vor den Schlangen, seinen ärgsten Feinden; er deckt Häuser ab und
kann Menschen morden. Das wilde Mädchen zu Songi schlug ihre Mitschwester mit
der Keule vor den Kopf und ersetzte mit Klettern und Laufen, was ihr an Stärke
abging. Also auch der verwilderte Mensch ist seiner Organisation nach nicht ohne
Verteidigung; und aufgerichtet, kultiviert - welch Tier hat das vielarmige
Werkzeug der Kunst, was er in seinem Arm, in seiner Hand, in der Geschlankigkeit
seines Leibes, in allen seinen Kräften besitzet? Kunst ist das stärkste Gewehr,
und er ist ganz Kunst, ganz und gar organisierte Waffe. Nur zum Angriff fehlen
ihm Klauen und Zähne; denn er sollte ein friedliches, sanftmütiges Geschöpf
sein; zum Menschenfressen ist er nicht gebildet.
    Welche Tiefen von Kunstgefühl liegen in einem jeden Menschensinn verborgen,
die hie und da meistens nur Not, Mangel, Krankheit, das Fehlen eines andern
Sinnes, Missgeburt oder ein Zufall entdecket und die uns ahnen lassen, was für
andre, für diese Welt unaufgeschlossene Sinne in uns liegen mögen. Wenn einige
Blinde das Gefühl, das Gehör, die zählende Vernunft, das Gedächtnis bis zu einem
Grad erheben konnten, der Menschen von gewöhnlichen Sinnen fabelhaft dünket, so
mögen unentdeckte Welten der Mannigfaltigkeit und Feinheit auch in andern Sinnen
ruhen, die wir in unsrer vielorganisierten Maschine nur nicht entwickeln. Das
Auge, das Ohr! Zu welchen Feinheiten ist der Mensch schon durch sie gelangt und
wird in einem höhern Zustande gewiss weiter gelangen, da, wie Berkelei sagt, das
Licht eine Sprache Gottes ist, die unser feinster Sinn in tausend Gestalten und
Farben unablässig nur buchstabieret. Der Wohllaut, den das menschliche Ohr
empfindet und den die Kunst nur entwickelt, ist die feinste Messkunst, die die
Seele durch den Sinn dunkel ausübet, so wie sie durchs Auge, indem der
Lichtstrahl auf ihm spielet, die feinste Geometrie beweiset. Unendlich werden
wir uns wundern, wenn wir, in unserm Dasein einen Schritt weiter, alle das mit
klarem Blick sehn, was wir in unsrer vielorganisierten göttlichen Maschine mit
Sinne und Kräften dunkel übten und in welchem sich seiner Organisation gemäss das
Tier schon vorzuüben scheinet.
    Indessen wären alle diese Kunstwerkzeuge, Gehirn, Sinne und Hand, auch in
der aufrechten Gestalt unwirksam geblieben, wenn uns der Schöpfer nicht eine
Triebfeder gegeben hätte, die sie alle in Bewegung setzte: es war das göttliche
Geschenk der Rede. Nur durch die Rede wird die schlummernde Vernunft erweckt,
oder vielmehr die nackte Fähigkeit, die durch sich selbst ewig tot geblieben
wäre, wird durch die Sprache lebendige Kraft und Wirkung. Nur durch die Rede
wird Auge und Ohr, ja das Gefühl aller Sinne eins und vereinigt sich durch sie
zum schaffenden Gedanken, dem das Kunstwerk der Hände und andrer Glieder nur
gehorchet. Das Beispiel der Taub- und Stummgebornen zeigt, wie wenig der Mensch
auch mitten unter Menschen ohne Sprache zu Ideen der Vernunft gelange und in
welcher tierischen Wildheit alle seine Triebe bleiben. Er ahmt nach, was sein
Auge sieht, Gutes und Böses; und er ahmt es schlechter als der Affe nach, weil
das innere Kriterium der Unterscheidung, ja selbst die Sympatie mit seinem
Geschlecht ihm fehlet. Man hat Beispiele30, dass ein Taub- und Stummgeborner
seinen Bruder mordete, da er ein Schwein morden sah, und wühlte, bloss der
Nachahmung wegen, mit kalter Freude in den Eingeweiden desselben: schrecklicher
Beweis, wie wenig die gepriesne menschliche Vernunft und das Gefühl unsrer
Gattung durch sich selbst vermöge. Man kann und muss also die feinen
Sprachwerkzeuge als das Steuerruder unsrer Vernunft und die Rede als den
Himmelsfunken ansehen, der unsre Sinnen und Gedanken allmählich in Flammen
brachte.
    Bei den Tieren sehen wir Voranstalten zur Rede, und die Natur arbeitet auch
hier von unten herauf, um diese Kunst endlich im Menschen zu vollenden Zum Werk
des Atemholens wird die ganze Brust mit ihren Knochen, Bändern und Muskeln, das
Zwerchfell und sogar Teile des Unterleibes, des Nackens, des Halses und der
Oberarme erfodert: zu diesem grossen Werk also bauete die Natur die ganze Säule
der Rückenwirbel mit ihren Bändern und Ribben, Muskeln und Adern; sie gab den
Teilen der Brust die Festigkeit und Beweglichkeit, die zu ihm gehören, und ging
von den niedrigern Geschöpfen immer höher, eine vollkommenere Lunge und
Luftröhre zu bilden. Begierig zieht das neugeborne Tier den ersten Atemzug in
sich, ja es dränget sich nach demselben, als ob es ihn nicht erwarten könnte.
Wunderbar viel Teile sind zu diesem Werk geschaffen; denn fast alle Teile des
Körpers haben zu ihrem wirksamen Gedeihen Luft nötig. Indessen sosehr sich alles
nach diesem lebendigen Gottesatem drängt, so hat nicht jedes Geschöpf Stimme und
Sprache, die am Ende durch kleine Werkzeuge, den Kopf der Luftröhre, einige
Knorpel und Muskeln, endlich durch das einfache Glied der Zunge befördert
werden. In der schlichtesten Gestalt erscheint diese Tausendkünstlerin aller
göttlichen Gedanken und Worte, die mit ein wenig Luft durch eine enge Spalte
nicht nur das ganze Reich der Ideen des Menschen in Bewegung gesetzt, sondern
auch alles ausgerichtet hat, was Menschen auf der Erde getan haben. Unendlich
schön ist's, den Stufengang zu bemerken, auf dem die Natur vom stummen Fisch,
Wurm und Insekt das Geschöpf allmählich zum Schall und zur Stimme hinauffördert
Der Vogel freuet sich seines Gesanges als des künstlichsten Geschäfts und
zugleich des herrlichsten Vorzugs, den ihm der Schöpfer gegeben; das Tier, das
Stimme hat, ruft sie zu Hülfe, sobald es Neigungen fühlet und der innere Zustand
seines Wesens freudig oder leidend hinauswill. Es gestikuliert wenig; und nur
die Tiere sprechen durch Zeichen, denen vergleichungsweise der lebendige Laut
versagt ist. Die Zunge einiger ist schon gemacht, menschliche Worte nachsprechen
zu können, deren Sinn sie doch nicht begreifen; die Organisation von aussen,
insonderheit unter der Zucht des Menschen, eilt dem innern Vermögen gleichsam
zum voraus. Hier aber schloss sich die Tür, und dem menschenähnlichsten Affen ist
die Rede durch eigne Seitensäcke, die die Natur an seine Luftröhre hing,
gleichsam absichtlich und gewaltsam versaget31.
    Warum tat dies der Vater der menschlichen Rede? Warum wollte er das
Geschöpf, das alles nachahmt, gerade dies Kriterium der Menschheit nicht
nachahmen lassen und versperrte ihm dazu durch eigne Hindernisse den Weg
unerbittlich? Man gehe in Häuser der Wahnsinnigen und höre ihr Geschwätz; man
höre die Rede mancher Missgebornen und äusserst Einfältigen, und man wird sich
selbst die Ursache sagen. Wie wehe tut uns ihre Sprache und das entweihete
Geschenk der menschlichen Rede! und wie entweiheter würde sie im Munde des
lüsternen, groben, tierischen Affen werden, wenn er menschliche Worte, wie ich
nicht zweifle, mit halber Menschenvernunft nachäffen könnte. Ein abscheuliches
Gewebe menschenähnlicher Töne und Affengedanken - nein, die göttliche Rede
sollte dazu nicht erniedrigt werden, und der Affe ward stumm, stummer als andre
Tiere, wo ein jedes bis zum Frosch und zur Eidechse hinunter seinen eignen
Schall hat.
    Aber den Menschen baute die Natur zur Sprache; auch zu ihr ist er
aufgerichtet und an eine emporstrebende Säule seine Brust gewölbet. Menschen,
die unter die Tiere gerieten, verloren nicht nur die Rede selbst, sondern zum
Teil auch die Fähigkeit zu derselben: ein offenbares Kennzeichen, dass ihre Kehle
missgebildet worden und dass nur im aufrechten Gange wahre menschliche Sprache
stattfindet. Denn obgleich mehrere Tiere menschenähnliche Sprachorgane haben, so
ist doch, auch in der Nachahmung, keines derselben des fortgehenden Stroms der
Rede aus unsrer erhabnen, freien, menschlichen Brust, aus unserm engern und
künstlich verschlossenen Munde fähig. Hingegen der Mensch kann nicht nur alle
Schälle und Töne derselben nachahmen und ist, wie Monboddo sagt, der Mock-bird
unter den Geschöpfen der Erde, sondern ein Gott hat ihn auch die Kunst gelehrt,
Ideen in Töne zu prägen, Gestalten durch Laute zu bezeichnen und die Erde zu
beherrschen durch das Wort seines Mundes. Von der Sprache also fängt seine
Vernunft und Kultur an; denn nur durch sie beherrschet er auch sich selbst und
wird des Nachsinnens und Wählens, dazu er durch seine Organisation nur fähig
war, mächtig. Höhere Geschöpfe mögen und müssen es sein, deren Vernunft durch
das Auge erwacht, weil ihnen ein gesehenes Merkmal schon genug ist, Ideen zu
bilden und sie unterscheidend zu fixieren; der Mensch der Erde ist noch ein
Zögling des Ohrs, durch welches er die Sprache des Lichts allmählich erst
verstehen lernet. Der Unterschied der Dinge mass ihm durch Beihülfe eines andern
erst in die Seele gerufen werden, da er denn, vielleicht zuerst atmend und
keichend, dann schallend und sangbar seine Gedanken mitteilen lernte.
Ausdrückend ist also der Name der Morgenländer, mit dem sie die Tiere die
Stummen der Erde nennen; nur mit der Organisation zur Rede empfing der Mensch
den Atem der Gotteit, den Samen zur Vernunft und ewigen Vervollkommnung, einen
Nachhall jener schaffenden Stimme zu Beherrschung der Erde, kurz, die göttliche
Ideenkunst, die Mutter aller Künste.
 
                                       IV
      Der Mensch ist zu feinern Trieben, mitin zur Freiheit organisieret
    Man spricht sich's einander nach, dass der Mensch ohne Instinkt sei und dass
dies instinktlose Wesen den Charakter seines Geschlechts ausmache; er hat alle
Instinkte, die ein Erdetier um ihn besitzet, nur, er hat sie alle, seiner
Organisation nach, zu einem feinern Verhältnis gemildert.
    Das Kind in Mutterleibe scheint alle Zustände durchgehen zu müssen, die
einem Erdegeschöpf zukommen können. Es schwimmt im Wasser; es liegt mit offnem
Munde; sein Kiefer ist gross, eh eine Lippe ihn bedecken kann, die sich nur spät
bildet; sobald es auf die Welt kommt, schnappt es nach Luft, und Saugen ist
seine ungelernte erste Verrichtung. Das ganze Werk der Verdauung und Nahrung,
des Hungers und Durstes geht instinktmässig oder durch noch dunklere Triebe
seinen Gang fort. Die Muskeln- und Zeugungskräfte streben eben also zur
Entwicklung, und ein Mensch darf nur durch Affekt oder Krankheit wahnsinnig
sein, so sieht man bei ihm alle tierische Triebe. Not und Gefahr entwickeln bei
Menschen, ja bei ganzen Nationen, die animalisch leben, auch tierische
Geschicklichkeiten, Sinnen und Kräfte.
    Also sind dem Menschen die Triebe nicht sowohl geraubt, als bei ihm
unterdrückt und unter die Herrschaft der Nerven und der feinern Sinne geordnet.
Ohne sie könnte auch das Geschöpf, das noch grossenteils Tier ist, gar nicht
leben.
    Und wie werden sie unterdrückt? Wie bringt die Natur sie unter die
Herrschaft der Nerven? Lasset uns ihren Gang von Kindheit auf betrachten; er
zeigt uns das, was man oft so töricht als menschliche Schwachheit bejammert
hat, von einer ganz andern Seite.
    Das menschliche Kind kommt schwächer auf die Welt als keins der Tiere,
offenbar, weil es zu einer Proportion gebildet ist, die in Mutterleibe nicht
ausgebildet werden konnte. Das vierfüssige Tier nahm in seiner Mutter vierfüssige
Gestalt an und gewann, ob es gleich anfangs ebenso unproportioniert am Kopf ist
wie der Mensch, zuletzt völliges Verhältnis; oder bei nervenreichen Tieren, die
ihre Jungen schwach gebären, erstattet sich doch das Verhältnis der Kräfte in
einigen Wochen und Tagen. Der Mensch allein bleibt lange schwach; denn sein
Gliederbau ist, wenn ich so sagen darf, dem Haupt zuerschaffen worden, das
übermässig gross in Mutterleibe zuerst ausgebildet ward und also auf die Welt
tritt Die andern Glieder, die zu ihrem Wachstum irdische Nahrungsmittel, Luft
und Bewegung brauchen, kommen ihm lange nicht nach, ob sie gleich durch alle
Jahre der Kindheit und Jugend zu ihm und nicht das Haupt verhältnismässig zu
ihnen wächset. Das schwache Kind ist also, wenn man will, ein Invalide seiner
obern Kräfte, und die Natur bildet diese unablässig und am frühesten weiter. Ehe
das Kind gehen lernt, lernt es sehen, hören, greifen und die feinste Mechanik
und Messkunst dieser Sinne üben. Es übt sie so instinktmässig als das Tier, nur
auf eine feinere Weise. Nicht durch angeborne Fertigkeiten und Künste, denn alle
Kunstfertigkeiten der Tiere sind Folgen gröberer Reize; und wären diese von
Kindheit an herrschend da, so bliebe der Mensch ein Tier, so würde er, da er
schon alles kann, ehe er's lernte, nichts Menschliches lernen. Entweder musste
ihm also die Vernunft als Instinkt angeboren werden, welches sogleich als
Widerspruch erhellen wird, oder er musste, wie es jetzt ist, schwach auf die Welt
kommen, um Vernunft zu lernen.
    Von Kindheit auf lernet er diese und wird, wie zum künstlichen Gange, so
auch zu ihr, zur Freiheit und menschlichen Sprache durch Kunst gebildet. Der
Säugling wird an die Brust der Mutter über ihrem Herzen gelegt; die Frucht ihres
Leibes wird der Zögling ihrer Arme. Seine feinsten Sinne, Auge und Ohr, erwachen
zuerst und werden durch Gestalten und Töne geleitet; wohl ihm, wenn sie
glücklich geleitet werden. Allmählich entfaltet sich sein Gesicht und hangt am
Auge der Menschen um ihn her, wie sein Ohr an der Sprache der Menschen hangt und
durch ihre Hülfe die ersten Begriffe unterscheiden lernet. Und so lernt seine
Hand allmählich greifen; nun erst streben seine Glieder nach eigner Übung. Er
war zuerst ein Lehrling der zwei feinsten Sinne; denn der künstliche Instinkt,
der ihm angebildet werden soll, ist Vernunft, Humanität, menschliche Lebensweise
, die kein Tier hat und lernet. Auch die gezähmten Tiere nehmen nur tierisch
einiges von Menschen an, aber sie werden nicht Menschen.
    Hieraus erhellet, was menschliche Vernunft sei: ein Name, der in den neuern
Schriften so oft als ein angebornes Automat gebraucht wird und als solches
nichts als Missdeutung giebet. Teoretisch und praktisch ist Vernunft nichts als
etwas Vernommenes, eine gelernte Proportion und Richtung der Ideen und Kräfte,
zu welcher der Mensch nach seiner Organisation und Lebensweise gebildet worden.
Eine Vernunft der Engel kennen wir nicht, sowenig als wir den innern Zustand
eines tiefern Geschöpfs unter uns innig einsehn; die Vernunft des Menschen ist
menschlich. Von Kindheit auf vergleicht er Ideen und Eindrücke seiner zumal
feinern Sinne nach der Feinheit und Wahrheit, in der sie ihm diese gewähren,
nach der Anzahl, die er empfängt, und nach der innern Schnellkraft, mit der er
sie verbinden lernet. Das hieraus entstandne Eins ist sein Gedanke, und die
mancherlei Verknüpfungen dieser Gedanken und Empfindungen zu Urteilen von dem,
was wahr und falsch, gut und böse, Glück und Unglück ist: das ist seine
Vernunft, das fortgehende Werk der Bildung des menschlichen Lebens. Sie ist ihm
nicht angeboren, sondern er hat sie erlangt; und nachdem die Eindrücke waren,
die er erlangte, die Vorbilder, denen er folgte, nachdem die innere Kraft und
Energie war, mit der er diese mancherlei Eindrücke zur Proportion seines
Innersten verband, nachdem ist auch seine Vernunft reich oder arm, krank oder
gesund, verwachsen oder wohlerzogen wie sein Körper. Täuschte uns die Natur mit
Empfindungen der Sinne, so müssten wir uns ihr zur Folge täuschen lassen; nur so
viele Menschen einerlei Sinne hätten, so viele täuschten sich gleichförmig.
Täuschen uns Menschen, und wir haben nicht Kraft oder Organ, die Täuschung
einzusehen und die Eindrücke zur bessern Proportion zu sammlen, so wird unsre
Vernunft krüppelhaft, und oft krüppelhaft aufs ganze Leben. Eben - weil der
Mensch alles lernen muss, ja, weil es sein Instinkt und Beruf ist, alles wie
seinen geraden Gang zu lernen, so lernt er auch nur durch Fallen gehen und kömmt
oft nur durch Irren zur Wahrheit, indessen sich das Tier auf seinem vierfüssigen
Gange sicher fortträgt; denn die stärker ausgedruckte Proportion seiner Sinne
und Triebe sind seine Führer. Der Mensch hat den Königsvorzug, mit hohem Haupt,
aufgerichtet weit umherzuschauen, freilich also auch vieles dunkel und falsch zu
sehen, oft sogar seine Schritte zu vergessen und erst durch Straucheln erinnert
zu werden, auf welcher engen Basis das ganze Kopf- und Herzensgebäude seiner
Begriffe und Urteile ruhe; indessen ist und bleibt er seiner hohen
Verstandesbestimmung nach, was kein anderes Erdengeschöpf ist: ein Göttersohn,
ein König der Erde.
    Um die Hoheit dieser Bestimmung zu fühlen, lasset uns bedenken, was in den
grossen Gaben Vernunft und Freiheit liegt und wieviel die Natur gleichsam wagte,
da sie dieselbe einer so schwachen, vielfachgemischten Erdorganisation, als der
Mensch ist, anvertraute. Das Tier ist nur ein gebückter Sklave, wenngleich
einige edlere derselben ihr Haupt emporheben oder wenigstens mit vorgerecktem
Halse sich nach Freiheit sehnen. Ihre noch nicht zur Vernunft gereifte Seele muss
notdürftigen Trieben dienen und in diesem Dienst sich erst zum eignen Gebrauch
der Sinne und Neigungen von fern bereiten. Der Mensch ist der erste
Freigelassene der Schöpfung; er stehet aufrecht. Die Waage des Guten und Bösen,
des Falschen und Wahren hängt in ihm: er kann forschen, er soll wählen. Wie die
Natur ihm zwo freie Hände zu Werkzeugen gab und ein überblickendes Auge, seinen
Gang zu leiten, so hat er auch in sich die Macht, nicht nur die Gewichte zu
stellen, sondern auch, wenn ich so sagen darf, selbst Gewicht zu sein auf der
Waage. Er kann dem trüglichsten Irrtum Schein geben und ein freiwillig
Betrogener werden; er kann die Ketten, die ihn, seiner Natur entgegen, fesseln,
mit der Zeit lieben lernen und sie mit mancherlei Blumen bekränzen. Wie es also
mit der getäuschten Vernunft ging, geht's auch mit der missbrauchten oder
gefesselten Freiheit; sie ist bei den meisten das Verhältnis der Kräfte und
Triebe, wie Bequemlichkeit oder Gewohnheit sie festgestellet haben. Selten
blickt der Mensch über diese hinaus und kann oft, wenn niedrige Triebe ihn
fesseln und abscheuliche Gewohnheiten ihn binden, ärger als ein Tier werden.
    Indessen ist er, auch seiner Freiheit nach, und selbst im ärgsten Missbrauch
derselben, ein König. Er darf doch wählen, wenn er auch das Schlechteste wählte;
er kann über sich gebieten, wenn er sich auch zum Niedrigsten aus eigner Wahl
bestimmte. Vor dem Allsehenden, der diese Kräfte in ihn legte, ist freilich
sowohl seine Vernunft als Freiheit begrenzt; und sie ist glücklich begrenzt,
weil, der die Quelle schuf, auch jeden Ausfluss derselben kennen, vorhersehen und
so zu lenken wissen musste, dass der ausschweifendste Bach seinen Händen nimmer
entrann; in der Sache selbst aber und in der Natur des Menschen wird dadurch
nichts geändert. Er ist und bleibt für sich ein freies Geschöpf, obwohl die all
umfassende Güte ihn auch in seinen Torheiten umfasset und diese zu seinem und
dem allgemeinen Besten lenket. Wie kein getriebenes Geschoss der Atmosphäre
entfliehen kann, aber auch, wenn es zurückfällt, nach einen und denselben
Naturgesetzen wirket, so ist der Mensch im Irrtum und in der Wahrheit, im Fallen
und Wiederaufstehen Mensch, zwar ein schwaches Kind, aber doch ein Freigeborner;
wenn noch nicht vernünftig, so doch einer bessern Vernunft fähig; wenn noch
nicht zur Humanität gebildet, so doch zu ihr bildbar. Der Menschenfresser in
Neuseeland und Fenelon, der verworfene Pescherei und Newton sind Geschöpfe einer
und derselben Gattung.
    Nun scheinet es zwar, dass auf unsrer Erde alle ihr mögliche Verschiedenheit
auch im Gebrauch dieser Gaben stattfinden sollte, und es wird ein Stufengang
sichtbar vom Menschen, der zunächst ans Tier grenzt, bis zum reinsten Genius im
Menschenbilde. Wir dörfen uns auch hierüber nicht wundern, da wir die grosse
Gradation der Tiere unter uns sehen und welch einen langen Weg die Natur nehmen
musste, um die kleine aufsprossende Blüte von Vernunft und Freiheit in uns
organisierend vorzubereiten. Es scheint, dass auf unsrer Erde alles sein sollte,
was auf ihr möglich war; und nur denn werden wir uns die Ordnung und Weisheit
dieser reichen Fülle gnugsam erklären können, wenn wir, einen Schritt weiter,
den Zweck übersehen, wozu so mancherlei in diesem grossen Garten der Natur
sprossen musste. Hier sehen wir meistens nur Gesetze der Notdurft obwalten; denn
die ganze Erde, auch in ihren wildesten Entlegenheiten, sollte bewohnt werden;
und nur der, der sie so fern streckte, weiss die Ursach, warum er auch Peschereis
und Neuseeländer in dieser seiner Welten zuliess. Dem grössesten Verächter des
Menschengeschlechts ist's indessen unleugbar, dass, in so viel wilde Ranken
Vernunft und Freiheit unter den Kindern der Erde aufgeschossen sind, diese edeln
Gewächse unter dem Licht der himmlischen Sonne auch schöne Früchte getragen
haben. Fast unglaublich wäre es, wenn es uns die Geschichte nicht sagte, in
welche Höhen sich der menschliche Verstand gewagt und der schaffenden,
erhaltenden Gotteit nicht nur nachzuspähen, sondern auch ordnend nachzufolgen
bemüht hat. Im Chaos der Wesen, das ihm die Sinne zeigen, hat er Einheit und
Verstand, Gesetze der Ordnung und Schönheit gesucht und gefunden. Die
verborgensten Kräfte, die er von innen gar nicht kennet, hat er in ihrem äussern
Gange belauscht und der Bewegung, der Zahl, dem Mass, dem Leben, sogar dem Dasein
nachgespürt, wo er dieselbe im Himmel und auf Erden nur wirken sah. Alle seine
Versuche hierüber, selbst wo er irrte oder nur träumen konnte, sind Beweise
seiner Majestät, einer gottähnlichen Kraft und Hoheit. Das Wesen, das alles
schuf, hat wirklich einen Strahl seines Lichts, einen Abdruck der ihm eigensten
Kräfte in unsre schwache Organisation gelegt, und so niedrig der Mensch ist,
kann er zu sich sagen: »Ich habe etwas mit Gott gemein; ich besitze Fähigkeiten,
die der Erhabenste, den ich in seinen Werken kenne, auch haben muss: denn er hat
sie rings um mich offenbaret.« Augenscheinlich war diese Ähnlichkeit mit ihm
selbst die Summe aller seiner Erdeschöpfung. Er konnte auf diesem Schauplatz
nicht höher hinauf; er unterliess aber auch nicht, bis zu ihr hinaufzusteigen und
die Reihe seiner Organisationen zu diesem höchsten Punkt hinaufzuführen.
Deswegen ward auch der Gang zu ihm bei aller Verschiedenheit der Gestalten so
einförmig.
    Gleicherweise hat auch die Freiheit im Menschengebilde edle Früchte getragen
und sich sowohl in dem, was sie verschmähte, als was sie unternahm, ruhmwürdig
gezeiget. Dass Menschen dem unsteten Zuge blinder Triebe entsagten und freiwillig
den Bund der Ehe, einer geselligen Freundschaft, Unterstützung und Treue auf
Leben und Tod knüpften; dass sie ihrem eignen Willen entsagten und Gesetze über
sie herrschen lassen wollten, also den immer unvollkommenen Versuch einer
Regierung durch Menschen über Menschen feststellten und ihn mit eignem Blut und
Leben schützten; dass edle Männer für ihr Vaterland sich hingaben und nicht nur
in einem stürmischen Augenblick ihr Leben, sondern, was weit edler ist, die
ganze Mühe ihres Lebens durch lange Nächte und Tage, durch Lebensjahre und
Lebensalter unverdrossen für nichts hielten, um einer blinden undankbaren Menge,
wenigstens nach ihrer Meinung, Wohlsein und Ruhe zu schenken; dass endlich
gotterfüllete Weise aus edlem Durst für die Wahrheit, Freiheit und
Glückseligkeit unsers Geschlechts Schmach und Verfolgung, Armut und Not willig
übernahmen und an dem Gedanken festielten, dass sie ihren Brüdern das edelste
Gut, dessen sie fähig wären, verschafft oder befördert hätten: wenn dieses alles
nicht grosse Menschentugenden und die kraftvollesten Bestrebungen der
Selbstbestimmung sind, die in uns lieget, so kenne ich keine andre. Zwar waren
nur immer wenige, die hierin dem grossen Haufen vorgingen und ihm als Ärzte
heilsam aufzwangen, was dieser noch nicht selbst zu erwählen wusste; eben diese
wenigen aber waren die Blüte des Menschengeschlechts, unsterbliche freie
Göttersöhne auf Erden. Ihre einzelnen Namen gelten statt Millionen.
 
                                       V
  Der Mensch ist zur zartesten Gesundheit, zugleich aber zur stärksten Dauer,
               mitin zur Ausbreitung über die Erde organisieret
    Mit dem aufgerichteten Gange gewann der Mensch eine Zarteit, Wärme und
Stärke, die kein Tier erlangen konnte. Im Stande der Wildheit wäre er
grossenteils, insonderheit auf dem Rücken, mit Haaren bedecket, und das wäre denn
die Decke, über deren Entziehung der ältere Plinius die Natur so jammernd
anklagt. Die wohltätige Mutter hat dem Menschen eine schönere Hülle gegeben,
seine zarte und doch so harte Haut, die den Unfällen jeder Jahrszeit, den
Abwechselungen jedes Klima zu widerstehen vermag, wenn einige Kunst, die diesem
Geschöpf zweite Natur ist, Hülfe leistet.
    Und zu dieser sollte ihn nicht nur die nackte Dürftigkeit, sondern etwas
Menschlicheres und Schöneres, die holde Scham, leiten. Was auch einige
Philosophen sagen mögen, so ist sie dem Menschen, ja schon ein dunkles Analogon
derselben einigen Tierarten, natürlich; denn auch die Äffin bedecket sich, und
der Elefant suchet zur Begattung einsame dunkle Wälder. Wir kennen beinah keine
noch so tierische Nation32 auf der Erde, die nicht, zumal bei den Weibern von
den Jahren an, da die Triebe erwachen, die Bedeckung liebe; zumal auch die
empfindliche Zarteit dieser Teile und andre Umstände eine Hülle fodern. Noch
ehe der Mensch also seine andern Glieder gegen die Wut der Elemente, gegen den
Stich der Insekten durch Kleider oder Salben zu schützen suchte, führte ihn eine
Art sinnlicher Ökonomie des schnellesten und notwendigsten Triebes auf die
Verhüllung. Unter allen edlern Tieren will das Weib gesuchet sein und bietet
sich nicht dar; sie erfüllet damit unwissend Absichten der Natur, und bei den
Menschen ist das zartere Weib auch die weise Bewahrerin der holdseligen Scham,
die bei der aufrechten Gestalt sich gar bald entwickeln musste.-
    Also bekam der Mensch Kleidung, und sobald er diese und einige andere Kunst
hatte, war er vermögend, jedes Klima der Erde auszudauern und in Besitz zu
nehmen. Wenige Tiere, fast der Hund allein, haben ihm in alle Gegenden
nachfolgen können, und doch mit welcher Veränderung ihrer Gestalt, mit welcher
Abartung ihres angebornen Temperamentes! Der Mensch allein hat sich am wenigsten
und in wesentlichen Teilen gar nicht verändert. Man erstaunt, wie ganz und
einförmig sich seine Natur erhalten, wenn man die Abänderungen seiner wandernden
Mitbrüder unter den Tieren sieht. Seine zarte Natur ist so bestimmt, so
vollkommen organisiert, dass er auf einer höchsten Stufe stehet und wenige
Varietäten, die nicht einmal Anomalien zu nennen sind, sich an ihm möglich
fanden.
    Wodurch nun dieses? Abermals durch seine aufrechte Gestalt, durch nichts
anders. Gingen wir, wie Bär und Affe, auf allen vieren, so lasset uns nicht
zweifeln, dass auch die Menschenrassen (wenn mir das unedle Wort erlaubt ist) ihr
eingeschränkteres Vaterland haben und nie verlassen würden. Der Menschenbär
würde sein kaltes, der Menschenaffe sein warmes Vaterland lieben; so wie wir
noch gewahr werden, dass, je tierischer eine Nation ist, desto mehr ist sie mit
Banden des Leibes und der Seele an ihr Land und Klima befestigt.
    Als die Natur den Menschen erhob, erhob sie ihn zur Herrschaft über die
Erde. Seine aufrechte Gestalt gab ihm mit einem feiner organisierten Bau auch
einen künstlichern Blutumlauf, eine vielartigere Mischung der Lebenssäfte, also
auch jene innigere, festere Temperatur der Lebenswärme, mit der er allein ein
Bewohner Siberiens und Afrikas sein konnte. Nur durch seinen aufgerichteten,
künstlichern, organischen Bau ward er vermögend, eine Hitze und Kälte zu
ertragen, die kein andres Erdengeschöpf umfasset, und sich dennoch nur im
kleinsten Mass zu verändern.
    Nun ward mit diesem zarteren Bau und mit allem, was daraus folgte, auch
freilich einer Reihe Krankheiten die Tür geöffnet, von denen das Tier nichts
weiss und die Moscati33 beredt herzählet. Das Blut, das seinen Kreislauf in einer
aufrechten Maschine verrichtet, das Herz, das in eine schiefe Lage gedrängt ist,
die Eingeweide, die in einem stehenden Behältnis ihr Werk treiben: allerdings
sind diese Teile bei uns mehreren Gefahren der Zerrüttung ausgesetzt als in
einem tierischen Körper. Insonderheit, scheint es, muss das weibliche Geschlecht
seine grössere Zarteit auch teurer als wir erkaufen. - Indessen ist auch hierin
die Wohltat der Natur tausendfach ersetzend und mildernd; denn unsre Gesundheit,
unser Wohlsein, alle Empfindungen und Reize unsres Wesens sind geistiger und
feiner. Kein Tier geniesst einen einzigen Augenblick menschlicher Gesundheit und
Freude; es kostet keinen Tropfen des Nektarstroms, den der Mensch trinkt; ja
auch bloss körperlich betrachtet, sind seine Krankheiten zwar weniger an der
Zahl, weil sein Körperbau gröber ist, aber dafür desto fortwirkender und fester.
Sein Zellengewebe, seine Nervenhäute, seine Arterien, Knochen, sein Gehirn sogar
ist härter als das unsre; daher auch alle Landtiere rings um den Menschen
(vielleicht den einzigen Elefanten ausgenommen der in seinen Lebensperioden uns
nahe kommt) kürzer als der Mensch leben und des Todes der Natur, d. i. an einem
verhärtenden Alter, viel früher als er sterben. Ihn hat also die Natur zum
längsten und dabei zum gesundesten, freudenreichsten Leben bestimmt, das eine
Erdorganisation fassen konnte. Nichts hilft sich vielartiger und leichter als
die vielartige menschliche Natur; und es haben alle Ausschweifungen des
Wahnsinns und der Laster, deren freilich kein Tier fähig ist, dazu gehört, unsre
Maschine in dem Mass, wie sie in manchen Ständen geschwächt und verdorben ist, zu
schwächen und zu verderben. Wohltätig hatte die Natur jedem Klima die Kräuter
gegeben, die seinen Krankheiten dienen, und nur die Verwirrung aller Klimate hat
aus Europa den Pfuhl von Übeln machen können, den kein Volk, das der Natur gemäss
lebet, bei sich findet. Indessen auch für diese selbsterrungenen Übel hat sie
uns ein selbsterrungenes Gute gegeben, das einzige, dessen wir dafür wert waren,
den Arzt, der, wenn er der Natur folget, ihr aufhilft, und wenn er ihr nicht
folgen darf oder kann, den Kranken wenigstens wissenschaftlich begräbet.
    Und o welche mütterliche Sorgfalt und Weisheit der göttlichen Haushaltung
war's, die auch die Lebensalter und die Dauer unsres Geschlechts bestimmte! Alle
lebendige Erdgeschöpfe, die sich bald zu vollenden haben, wachsen auch bald; sie
werden früh reif und sind schnell am Ziel des Lebens. Der Mensch, wie ein Baum
des Himmels aufrecht gepflanzt, wächset langsam. Er bleibt gleich dem Elefanten
am längsten im Mutterleibe; die Jahre seiner Jugend dauern lange, unvergleichbar
länger als irgendeines Tieres Die glückliche Zeit also, zu lernen, zu wachsen,
sich seines Lebens zu freuen und es auf die unschuldigste Weise zu geniessen, zog
die Natur so lang, als sie sie ziehen konnte. Manche Tiere sind in wenigen
Jahren, Tagen, ja beinah schon im Augenblick der Geburt ausgebildet; sie sind
aber auch desto unvollkommener und sterben desto früher. Der Mensch muss am
längsten lernen, weil er am meisten zu lernen hat, da bei ihm alles auf
eigenerlangte Fertigkeit, Vernunft und Kunst ankommt. Würde nachher auch durch
das unnennbare Heer der Zufälle und Gefahren sein Leben abgekürzet, so hat er
doch seine sorgenfreie lange Jugend genossen, da mit seinem Körper und Geist
auch die Welt um ihn her wuchs, da mit seinem langsam heraufsteigenden, immer
erweiterten Gesichtskreise auch der Kreis seiner Hoffnungen sich weitete und
sein jugendlich edles Herz in rascher Neugier, in ungeduldiger Schwärmerei für
alles Grosse, Gute und Schöne immer heftiger schlagen lernte. Die Blüte des
Geschlechtstriebes entwickelt sich bei einem gesunden, ungereizten Menschen
später als bei irgendeinem Tier; denn er soll lange leben und den edelsten Saft
seiner Seelen- und Leibeskräfte nicht zu früh verschwenden. Das Insekt, das der
Liebe früh dienet, stirbt auch früh; alle keusche einpaarige Tiergeschlechter
leben länger, als die ohne Ehe leben Der lüsterne Hahn stirbt bald; die treue
Waldtaube kann 50 Jahre leben. Für den Liebling der Natur hienieden ist also
auch die Ehe geordnet, und die ersten, frischesten Jahre seines Lebens soll er
gar als eine eingehüllete Knospe der Unschuld sich selbst leben. Es folgen
darauf lange Jahre der männlichen und heitersten Kräfte, in denen seine Vernunft
reift, die bei dem Menschen, sogar mit den Zeugungskräften, in ein den Tieren
unbekanntes hohes Alter hinauf grünet, bis endlich der sanfte Tod kommt und den
fallenden Staub sowohl als den eingeschlossenen Geist von der ihnen selbst
fremden Zusammenfügung erlöset. Die Natur hat also an die brechliche Hütte des
menschlichen Leibes alle Kunst verwandt, die ein Gebilde der Erde fassen konnte,
und selbst in dem, was das Leben kürzt und schwächet, hat sie wenigstens den
kürzern mit dem empfindlichern Genuss, die aufreibende mit der inniger gefühlten
Kraft vergolten.
 
                                       VI
               Zur Humanität und Religion ist der Mensch gebildet
    Ich wünschte, dass ich in das Wort Humanität alles fassen könnte, was ich
bisher über des Menschen edle Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feinern
Sinnen und Trieben, zur zartesten und stärksten Gesundheit, zur Erfüllung und
Beherrschung der Erde gesagt habe; denn der Mensch hat kein edleres Wort für
seine Bestimmung, als er selbst ist, in dem das Bild des Schöpfers unsrer Erde,
wie es hier sichtbar werden konnte, abgedruckt lebet Um seine edelsten Pflichten
zu entwickeln, dörfen wir nur seine Gestalt zeichnen.
    1. Alle Triebe eines lebendigen Wesens lassen sich auf die Erhaltung sein
selbst und auf eine Teilnehmung oder Mitteilung an andre zurückführen; das
organische Gebäude des Menschen gibt, wenn eine höhere Leitung dazukommt, diesen
Neigungen die erlesenste Ordnung. Wie die gerade Linie die festeste ist, so hat
auch der Mensch zur Beschützung seiner von aussen den kleinsten Umfang, von innen
die vielartigste Schnellkraft. Er stehet auf der kleinsten Basis und kann also
am leichtesten seine Glieder decken; der Punkt seiner Schwere fällt zwischen die
lenksamsten und stärksten Hüften, die ein Erdengeschöpf hat und wo kein Tier die
regsame Stärke des Menschen beweiset. Seine gedrücktere eherne Brust und die
Werkzeuge der Arme eben an dieser Stellung geben ihm von oben den weitesten
Umkreis der Verteidigung, sein Herz zu bewahren und seine edelsten Lebensteile
vom Haupt bis zu den Knien hinab zu schirmen. Es ist keine Fabel, dass Menschen
mit Löwen gestritten und sie übermannt haben; der Afrikaner nimmt es mit mehr
als einem auf, wenn er Behutsamkeit, List und Gewalt verbindet. Indessen ist's
wahr, dass der Bau des Menschen vorzüglich auf die Verteidigung, nicht auf den
Angriff gerichtet ist; in diesem muss ihm die Kunst zu Hülfe kommen, in jener
aber ist er von Natur das kräftigste Geschöpf der Erde. Seine Gestalt selbst
lehret ihn also Friedlichkeit, nicht räuberische Mordverwüstung: der Humanität
erstes Merkmal.
    2. Unter den Trieben, die sich auf andre beziehen, ist der Geschlechtstrieb
der mächtigste; auch er ist beim Menschen dem Bau der Humanität zugeordnet. Was
bei dem vierfüssigen Tier, selbst bei dem schamhaften Elefanten, Begattung ist,
ist bei ihm, seinem Bau nach, Kuss und Umarmung. Kein Tier hat die menschliche
Lippe, deren feine Oberrinne bei der Frucht des Mutterleibes im Antlitz am
spätesten gebildet wird: gleichsam die letzte Bezeichnung des Fingers der Liebe,
dass diese Lippe sich schön und verstandreich schliessen sollte. Von keinem Tier
also gilt der schamhafte Ausdruck der alten Sprache, dass es sein Weib erkenne.
Die alte Fabel sagt, dass beide Geschlechter einst, wie Blumen, eine Androgyne
gewesen, aber geteilt worden; sie wollte mit dieser und andern sinnreichen
Dichtungen als Fabel den Vorzug der menschlichen Liebe vor den Tieren verhüllet
sagen. Auch dass der menschliche Trieb nicht wie bei diesen schlechtin einer
Jahrszeit unterworfen ist (obwohl über die Revolutionen hiezu im menschlicher
Körper noch keine tüchtige Betrachtungen angestellet worden), zeigt offenbar,
dass er nicht von der Notwendigkeit, sondern vom Liebreiz abhangen, der Vernunft
unterworfen bleiben und einer freiwilligen Mässigung so überlassen werden sollte
wie alles, was der Mensch um und an sich träget. Auch die Liebe sollte bei dem
Menschen human sein; dazu bestimmte die Natur, ausser seiner Gestalt, auch die
spätere Entwicklung, die Dauer und das Verhältnis des Triebes in beiden
Geschlechtern, ja sie brachte diesen unter das Gesetz eines gemeinschaftlichen
freiwilligen Bundes und der freundschaftlichsten Mitteilung zweier Wesen, die
sich durchs ganze Leben zu einem vereint fühlen.
    3. Da ausser der mitteilenden Liebe alle andere zärtlichen Affekten sich mit
der Teilnehmung begnügen, so hat die Natur den Menschen unter allen Lebendigen
zum teilnehmendsten geschaffen, weil sie ihn gleichsam aus allem geformt und
jedem Reich der Schöpfung in dem Verhältnis ähnlich organisiert hat, als er mit
demselben mitfühlen sollte. Sein Fiberngebäude ist so elastisch fein und zart
und sein Nervengebäude so verschlungen in alle Teile seines vibrierenden Wesens,
dass er, als ein Analogon der alles durchfühlenden Gotteit, sich beinah in jedes
Geschöpf setzen und gerade in dem Mass mit ihm empfinden kann, als das Geschöpf
es bedarf und sein Ganzes es ohne eigene Zerrüttung, ja selbst mit Gefahr
derselben, leidet. Auch an einem Baum nimmt unsre Maschine teil, sofern sie ein
wachsender, grünender Baum ist; und es gibt Menschen, die den Sturz oder die
Verstümmelung desselben in seiner grünenden Jugendgestalt körperlich nicht
ertragen. Seine verdorrete Krone tut uns leid; wir trauren um eine verwelkende
liebe Blume. Auch das Krümmen des zerquetschten Wurms ist einem zarten Menschen
nicht gleichgültig, und je vollkommener das Tier ist, je mehr es in seiner
Organisation uns nahe kommt, desto mehr Sympatie erregt es in seinem Leiden. Es
haben harte Nerven dazu gehört, ein Geschöpf lebendig zu öffnen und in seinen
Zuckungen zu behorchen; nur der unersättliche Durst nach Ruhm und Wissenschaft
konnte allmählich dies organische Mitgefühl betäuben. Zärtere Weiber können
sogar die Zergliederung eines Toten nicht ertragen; sie empfinden Schmerz in
jedem Gliede, das vor ihren Augen gewaltsam zerstört wird, besonders je zarter
und edler die Teile selbst werden. Ein durchwühltes Eingeweide erregt Grauen und
Abscheu; ein zerschnittenes Herz, eine zerspaltne Lunge, ein zerstörtes Gehirn
schneidet und sticht mit dem Messer in unsre eignen Glieder. Am Leichnam eines
geliebten Toten nehmen wir noch in seinem Grabe teil; wir fühlen die kalte
Höhle, die er nicht mehr fühlet, und Schauder überläuft uns, wenn wir sein
Gebein nur berühren. So sympatetisch webte die allgemeine Mutter, die alles aus
sich nahm und mit allem in der innigsten Sympatie mitfühlet, den menschlichen
Körper. Sein vibrierendes Fibernsystem, sein teilnehmendes Nervengebäude hat des
Aufrufs der Vernunft nicht nötig; es kommt ihr zuvor, ja es setzet sich ihr oft
mächtig und widersinnig entgegen. Der Umgang mit Wahnsinnigen, an denen wir
teilnehmen, erregt selbst Wahnsinn, und desto eher, je mehr sich der Mensch
davor fürchtet.
    Sonderbar ist's, dass das Gehör soviel mehr als das Gesicht beiträgt, dies
Mitgefühl zu erwecken und zu verstärken. Der Seufzer eines Tiers, das
ausgestossne Geschrei seines leidenden Körpers zieht alle ihm ähnlichen herbei,
die, wie oft bemerkt ist, traurig um den Winselnden stehn und ihm gern helfen
möchten. Auch bei den Menschen erregt das Gemälde des Schmerzes eher Schrecken
und Grausen als zärtliche Mitempfindung; sobald uns aber nur ein Ton des
Leidenden ruft, so verlieren wir die Fassung und eilen zu ihm: es geht uns ein
Stich durch die Seele. Ist's, weil der Ton das Gemälde des Auges zum lebendigen
Wesen macht, also alle Erinnerungen eigner und fremder Gefühle zurückbringt und
auf einen Punkt vereinet? Oder gibt es, wie ich glaube, noch eine tiefere
organische Ursache? Gnug, die Erfahrung ist wahr, und sie zeigt beim Menschen
den Grund seines grössern Mitgefühls durch Stimme und Sprache. An dem, was nicht
seufzen kann, nehmen wir weniger teil, weil es ein lungenloses, ein
unvollkommeneres Geschöpf ist, uns minder gleich organisieret. Einige Taub- und
Stummgeborne haben entsetzliche Beispiele vom Mangel des Mitgefühls und der
Teilnehmung an Menschen und Tieren gegeben, und wir werden bei wilden
Völkerschaften noch Proben gnug davon bemerken. Indessen auch bei ihnen noch ist
das Gesetz der Natur unverkennbar. Die Väter, die, von Not und Hunger gezwungen,
ihre Kinder dem Tode opfern, weihen sie in Mutterleibe demselben, ehe sie ihr
Auge gesehn, ehe sie ihre Stimme gehört haben, und manche Kindermörderin
bekannte, dass ihr nichts so schwer geworden und so lang im Gedächtnis geblieben
sei als der erste weinende Laut, die flehende Stimme des Kindes.
    4. Schön ist die Kette, an der die allfühlende Mutter die Mitempfindungen
ihrer Kinder hält und sie von Gliede zu Gliede hinaufbildet. Wo das Geschöpf
noch stumpf und roh ist, kaum für sich zu sorgen, da ward ihm auch die Sorge für
seine Kinder nicht anvertrauet. Die Vögel brüten und erziehn ihre Jungen mit
Mutterliebe; der sinnlose Strauss dagegen gibt seine Eier dem Sande. »Er
vergisset«, sagt jenes alte Buch von ihm, »dass eine Klaue sie zertrete oder ein
wildes Tier sie verderbe; denn Gott hat ihm die Weisheit genommen und hat ihm
keinen Verstand mitgeteilet.« Durch eine und dieselbe organische Ursache,
dadurch das Geschöpf mehr Gehirn empfängt, empfängt es auch mehr Wärme, gebiert
Lebendige oder brütet sie aus, säugt und bekommt mütterliche Liebe. Das
lebendiggeborne Geschöpf ist gleichsam ein Knäuel der Nerven des mütterlichen
Wesens; das selbstgesäugte Kind ist eine Sprosse der Mutterpflanze, die sie als
einen Teil von sich nähret. - Auf dies innigste Mitgefühl sind in der
Haushaltung des Tiers alle die zarten Triebe gebauet, dazu die Natur sein
Geschlecht veredeln konnte.
    Bei dem Menschen ist die Mutterliebe höherer Art: eine Sprosse der Humanität
seiner aufgerichteten Bildung. Unter dem Auge der Mutter liegt der Säugling auf
ihrem Schoss und trinkt die zarteste und feinste Speise; eine tierische und
selbst den Körper verunstaltende Art ist's, wenn Völker, von Not gezwungen, ihre
Kinder auf dem Rücken säugen. Den grössten Unmenschen zähmt die väterliche und
häusliche Liebe; denn auch eine Löwenmutter ist gegen ihre Jungen freundlich. Im
väterlichen Hause entstand die erste Gesellschaft, durch Bande des Bluts, des
Zutrauens und der Liebe verbunden. Also auch um die Wildheit der Menschen zu
brechen und sie zum häuslichen Umgange zu gewöhnen, sollte die Kindheit unsres
Geschlechts lange Jahre dauern; die Natur zwang und hielt es durch zarte Bande
zusammen, dass es sich nicht, wie die bald ausgebildeten Tiere, zerstreuen und
vergessen konnte. Nun ward der Vater der Erzieher seines Sohns, wie die Mutter
seine Säugerin gewesen war, und so ward ein neues Glied der Humanität geknüpfet.
Hier lag nämlich der Grund zu einer notwendigen menschlichen Gesellschaft, ohne
die kein Mensch aufwachsen, keine Mehrheit von Menschen sein könnte. Der Mensch
ist also zur Gesellschaft geboren, das sagt ihm das Mitgefühl seiner Eltern, das
sagen ihm die Jahre seiner langen Kindheit.
    5. Da aber das blosse Mitgefühl des Menschen sich nicht über alles verbreiten
und bei ihm als einem eingeschränkten, vielorganisierten Wesen in allem, was
fern von ihm lag, nur ein dunkler, oft unkräftiger Führer sein konnte, so hatte
die richtig leitende Mutter seine vielfachen und leise verwebten Aste unter eine
untrüglichere Richtschnur zusammengeordnet; dies ist die Regel der Gerechtigkeit
und Wahrheit. Aufrichtig ist der Mensch geschaffen, und wie in seiner Gestalt
alles dem Haupt dienet, wie seine zwei Augen nur eine Sache sehen, seine zwei
Ohren nur einen Schall hören, wie die Natur im ganzen Äussern der Bekleidung
überall Symmetrie mit Einheit verband und die Einheit in die Mitte setzte, dass
das Zwiefache allentalben nur auf sie weise, so wurde auch im Innern das grosse
Gesetz der Billigkeit und des Gleichgewichts des Menschen Richtschnur: »Was du
willst, dass andre dir nicht tun sollen, tue ihnen auch nicht; was jene dir tun
sollen, tue du auch ihnen!« Diese unwidersprechliche Regel ist auch in die Brust
des Unmenschen geschrieben; denn wenn er andre frisst, erwartet er nichts, als
von ihnen gefressen zu werden. Es ist die Regel des Wahren und Falschen, des
idem und idem, auf den Bau aller seiner Sinne, ja, ich möchte sagen, auf die
aufrechte Gestalt des Menschen selbst gegründet Sähen wir schief oder fiele das
Licht also, so hätten wir von keiner geraden Linie Begriff. Wäre unsre
Organisation ohne Einheit, unsre Gedanken ohne Besonnenheit, so schweiften wir
auch in unsern Handlungen in regellosen Krümmen einher, und das menschliche
Leben hätte weder Vernunft noch Zweck. Das Gesetz der Billigkeit und Wahrheit
macht treue Gesellen und Brüder, ja, wenn es Platz gewinnt, macht es aus Feinden
selbst Freunde. Den ich an meine Brust drücke, drückt auch mich an seine Brust;
für den ich mein Leben aufopfere, der opfert es auch für mich auf.
Gleichförmigkeit der Gesinnungen also, Einheit des Zwecks bei verschiedenen
Menschen, gleichförmige Treue bei einem Bunde hat alles Menschen-, Völker- und
Tierrecht gestiftet; denn auch Tiere, die in Gesellschaft leben, befolgen der
Billigkeit Gesetz, und Menschen, die durch List oder Stärke davon weichen, sind
die inhumansten Geschöpfe, wenn es auch Könige und Monarchen der Welt wären.
Ohne strenge Billigkeit und Wahrheit ist keine Vernunft, keine Humanität
denkbar.
    6. Die aufrechte und schöne Gestalt des Menschen bildete denselben zur
Wohlanständigkeit; denn diese ist der Wahrheit und Billigkeit schöne Dienerin
und Freundin. Wohlanständigkeit des Körpers ist, dass er stehe, wie er soll, wie
ihn Gott gemacht hat; wahre Schönheit ist nichts als die angenehme Form der
innern Vollkommenheit und Gesundheit. Man denke sich das Gottesgebilde des
Menschen durch Nachlässigkeit und falsche Kunst verunziert: das schöne Haar
ausgerissen oder in Klumpen verwandelt, Nase und Ohr durchbohrt und
herabgezwungen, den Hals und die übrigen Teile des Körpers an sich selbst oder
durch Kleider verderbet; man denke sich dies, und wer wird, selbst wenn die
eigensinnigste Mode Gebieterin wäre, hier noch Wohlanständigkeit des geraden und
schönen menschlichen Körpers finden? Mit Sitten und Gebärden ist es nicht
anders, nicht anders mit Gebräuchen, Künsten und der menschlichen Sprache. Durch
alle diese Stücke geht also ein und dieselbe Humanität durch, die wenige Völker
auf der Erde getroffen und hundert durch Barbarei und falsche Künste verunziert
haben. Dieser Humanität nachzuforschen ist die echte menschliche Philosophie,
die jener Weise vom Himmel rief und die sich im Umgange wie in der Politik, in
Wissenschaften wie in allen Künsten offenbaret.
    Endlich ist die Religion die höchste Humanität des Menschen, und man
verwundre sich nicht, dass ich sie hieher rechne. Wenn des Menschen vorzüglichste
Gabe Verstand ist, so ist's das Geschäft des Verstandes, den Zusammenhang
zwischen Ursache und Wirkung aufzuspähen und denselben, wo er ihn nicht gewahr
wird, zu ahnen. Der menschliche Verstand tut dieses in allen Sachen,
Hantierungen und Künsten; denn auch wo er einer angenommenen Fertigkeit folget,
musste ein früherer Verstand den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung
festgesetzt und also diese Kunst eingeführt haben. Nun sehen wir in den Werken
der Natur eigentlich keine Ursache im Innersten ein; wir kennen uns selbst nicht
und wissen nicht, wie irgend etwas in uns wirket. Also ist auch bei allen
Wirkungen ausser uns alles nur Traum, nur Vermutung und Name; indessen ein wahrer
Traum, sobald wir oft und beständig einerlei Wirkungen mit einerlei Ursachen
verknüpft sehen. Dies ist der Gang der Philosophie, und die erste und letzte
Philosophie ist immer Religion gewesen. Auch die wildesten Völker haben sich
darin geübt, denn kein Volk der Erde ist völlig ohne sie, sowenig als ohne
menschliche Vernunftfähigkeit und Gestalt, ohne Sprache und Ehe, ohne einige
menschliche Sitten und Gebräuche gefunden worden. Sie glaubten, wo sie keinen
sichtbaren Urheber sahen, an unsichtbare Urheber und forschten also immer doch,
so dunkel es war, Ursachen der Dinge nach. Freilich hielten sie sich mehr an die
Begebenheiten als an die Wesen der Natur, mehr an ihre fürchterliche und
vorübergehende als an die erfreuende und dauernde Seite; auch kamen sie selten
so weit, alle Ursachen unter eine zu ordnen. Indessen war auch dieser erste
Versuch Religion, und es heisst nichts gesagt, dass Furcht bei den meisten ihre
Götter erfunden. Die Furcht als solche erfindet nichts; sie weckt bloss den
Verstand, zu mutmassen und wahr oder falsch zu ahnen. Sobald der Mensch also
seinen Verstand in der leichtesten Anregung brauchen lernte, d. i. sobald er die
Welt anders als ein Tier ansah, musste er unsichtbare mächtigere Wesen vermuten,
die ihm helfen oder ihm schaden. Diese suchte er sich zu Freunden zu machen oder
zu erhalten, und so ward die Religion, wahr oder falsch, recht oder irre
geführt, die Belehrerin der Menschen, die ratgebende Trösterin ihres so dunkeln,
so gefahr- und labyrintvollen Lebens.
    Nein, du hast dich deinen Geschöpfen nicht unbezeugt gelassen, du ewige
Quelle alles Lebens, aller Wesen und Formen! Das gebückte Tier empfindet dunkel
deine Macht und Güte, indem es seiner Organisation nach Kräfte und Neigungen
übt; ihm ist der Mensch die sichtbare Gotteit der Erde. Aber den Menschen
erhobst du, dass er, selbst ohne dass er's weiss und will, Ursachen der Dinge
nachspähe, ihren Zusammenhang errate und dich also finde, du grosser Zusammenhang
aller Dinge, Wesen der Wesen! Das Innere deiner Natur erkennet er nicht, da er
keine Kraft eines Dinges von innen einsieht. Ja wenn er dich gestalten wollte,
hat er geirret und muss irren; denn du bist gestaltlos, obwohl die erste, einzige
Ursache aller Gestalten. Indessen ist auch jeder falsche Schimmer von dir
dennoch Licht und jeder trügliche Altar, den er dir baute, ein untrügliches
Denkmal nicht nur deines Daseins, sondern auch der Macht des Menschen, dich zu
erkennen und anzubeten. Religion ist also, auch schon als Verstandesübung
betrachtet, die höchste Humanität, die erhabenste Blüte der menschlichen Seele.
    Aber sie ist mehr als dies. eine Übung des menschlichen Herzens und die
reinste Richtung seiner Fähigkeiten und Kräfte. Wenn der Mensch zur Freiheit
erschaffen ist und auf der Erde kein Gesetz hat, als das er sich selbst auflegt,
so muss er das verwildertste Geschöpf werden, wenn er nicht bald das Gesetz
Gottes in der Natur erkennet und der Vollkommenheit des Vaters als Kind
nachstrebet. Tiere sind geborne Knechte im grossen Hause der irdischen
Haushaltung; sklavische Furcht vor Gesetzen und Strafen ist auch das gewisseste
Merkmal tierischer Menschen. Der wahre Mensch ist frei und gehorcht aus Güte und
Liebe; denn alle Gesetze der Natur, wo er sie einsiehet, sind gut, und wo er sie
nicht einsiehet, lernt er ihnen mit kindlicher Einfalt folgen. »Gehest du nicht
willig«, sagten die Weisen, »so musst du gehen; die Regel der Natur ändert sich
deinetwegen nicht; je mehr du aber die Vollkommenheit, Güte und Schönheit
derselben erkennest, desto mehr wird auch diese lebendige Form dich zum
Nachbilde der Gotteit in deinem irdischen Leben bilden.« Wahre Religion also
ist ein kindlicher Gottesdienst eine Nachahmung des Höchsten und Schönsten im
menschlichen Bilde, mitin die innigste Zufriedenheit, die wirksamste Güte und
Menschenliebe.
    Und so sieht man auch, warum in allen Religionen der Erde mehr oder minder
Menschenähnlichkeit Gottes habe stattfinden müssen, entweder dass man den
Menschen zu Gott erhob oder den Vater der Welt zum Menschengebilde hinabzog.
Eine höhere Gestalt als die unsre kennen wir nicht, und was den Menschen rühren
und menschlich machen soll, muss menschlich gedacht und empfunden sein. Eine
sinnliche Nation veredelte also die Menschengestalt zur göttlichen Schönheit;
andre, die geistiger dachten, brachten Vollkommenheiten des Unsichtbaren in
Symbole fürs menschliche Auge. Selbst da die Gotteit sich uns offenbaren
wollte, sprach und handelte sie unter uns, jedem Zeitraum angemessen, menschlich
. Nichts hat unsre Gestalt und Natur so sehr veredelt als die Religion; bloss und
allein, weil sie sie auf ihre reinste Bestimmung zurückführte.
    Dass mit der Religion also auch Hoffnung und Glaube der Unsterblichkeit
verbunden war und durch sie unter den Menschen gegründet wurde, ist abermals
Natur der Sache, vom Begriff Gottes und der Menschheit beinah unzertrennlich.
Wie? wir sind Kinder des Ewigen, den wir hier nachahmend erkennen und lieben
lernen sollen, zu dessen Erkenntnis wir durch alles erweckt, zu dessen
Nachahmung wir durch Liebe und Leid gezwungen werden, und wir erkennen ihn noch
so dunkel; wir ahmen ihm so schwach und kindisch nach, ja, wir sehen die Gründe,
warum wir ihn in dieser Organisation nicht anders erkennen und nachahmen können.
Und es sollte für uns keine andre möglich, für unsre gewisseste, beste Anlage
sollte kein Fortgang wirklich sein? Denn eben diese unsre edelsten Kräfte sind
sowenig für diese Welt: sie streben über dieselbe hinüber, weil hier alles der
Notdurft dienet. Und doch fühlen wir unsern edlern Teil beständig im Kampf mit
dieser Notdurft: gerade das, was der Zweck der Organisation im Menschen
scheinet, findet auf der Erde zwar seine Geburts-, aber nichts weniger als seine
Vollendungsstätte. Riss also die Gotteit den Faden ab und brachte mit allen
Zubereitungen aufs Menschengebilde endlich ein unreifes Geschöpf zustande, das
mit seiner ganzen Bestimmung getäuscht ward? Alles auf der Erde ist Stückwerk,
und soll es ewig und ewig ein unvollkommenes Stückwerk, so wie das
Menschengeschlecht eine blosse Schattenherde, die sich mit Träumen jagt, bleiben?
Hier knüpfte die Religion alle Mängel und Hoffnungen unsres Geschlechts zum
Glauben zusammen und wand der Humanität eine unsterbliche Krone.
 
                                      VII
            Der Mensch ist zur Hoffnung der Unsterblichkeit gebildet
    Man erwarte hier keine metaphysische Beweise von der Unsterblichkeit der
Seele aus ihrer einfachen Natur, aus ihrem Spiritualismus u. f. Die Physik
kennet diese einfache Natur nicht und könnte vielmehr Zweifel gegen sie erregen,
da wir unsre Seele nur in einem zusammengesetzten Organismus durch Wirkungen
kennen, die aus einer Mannigfaltigkeit von Reizen und Empfindungen zu
entspriessen scheinen. Der allgemeinste Gedanke ist nur das Resultat unzähliger
einzelner Wahrnehmungen, und die Regentin unsers Körpers wirkt auf das zahllose
Heer untergeordneter Kräfte, als ob sie ihnen allen auch dem Ort nach
gegenwärtig wäre.-
    Auch Bonnets sogenannte Philosophie der Keime kann hier unsre Führerin nicht
sein; denn sie ist in Absicht auf den Übergang zu einem neuen Dasein teils
unerwiesen, teils nicht zu ihm gehörig. Niemand hat in unserm Gehirn ein
geistliches Gehirn, den Keim zu einem neuen Dasein entdeckt; auch das kleinste
Analogon dazu ist im Bau desselben nicht sichtbar. Das Gehirn des Toten bleibt
uns; und wenn die Knospe unsrer Unsterblichkeit nicht andre Kräfte hätte, so
läge sie verdorret im Staube. Ja, diese Philosophie ist, wie mich dünkt, auch
hieher ganz ungehörig, da wir hier nicht von Absprossung eines Geschöpfs in
junge Geschöpfe seiner Art, sondern von Aufsprossung des absterbenden Geschöpfs
in ein neues Dasein reden; vielmehr setzte sie, wenn sie auch nur in der
irdischen Generation ausschliessend wahr wäre und alle Hoffnung auf ihr beruhete,
dieser Hoffnung unüberwindliche Zweifel entgegen. Ist es ewig bestimmt, dass die
Blume nur Blume, das Tier nur Tier sein soll und vom Anfange der Schöpfung her
in präformierten Keimen alles mechanisch dalag, so lebe wohl, du zauberische
Hoffnung eines höchsten Daseins! Zum gegenwärtigen und zu keinem höhern Dasein
lag ich ewig im Keim präformieret: was aus mir sprossen sollte, sind die
präformierten Keime meiner Kinder, und wenn der Baum stirbt, ist alle
Philosophie der Keime mit ihm gestorben.
    Wollen wir uns also in dieser wichtigen Frage nicht mit süssen Worten
täuschen, so müssen wir tiefer und weiterher anfangen und auf die gesamte
Anologie der Natur merken. Ins innere Reich ihrer Kräfte schauen wir nicht; es
ist also so vergebens als unnot, innere wesentliche Aufschlüsse von ihr, über
welchen Zustand es auch sei, zu begehren. Aber die Wirkungen und Formen ihrer
Kräfte liegen vor uns; sie also können wir vergleichen und etwa aus dem Gange
der Natur hienieden, aus ihrer gesamten herrschenden Ähnlichkeit Hoffnungen
sammeln.
 
                                  Fünftes Buch
                                       I
In der Schöpfung unsrer Erde herrscht eine Reihe aufsteigender Formen und Kräfte
    1. Vom Stein zum Kristall, vom Kristall zu den Metallen, von diesen zur
Pflanzenschöpfung, von den Pflanzen zum Tier, von diesen zum Menschen sahen wir
die Form der Organisation steigen, mit ihr auch die Kräfte und Triebe des
Geschöpfs vielartiger werden und sich endlich alle in der Gestalt des Menschen,
sofern diese sie fassen konnte, vereinen. Bei dem Menschen stand die Reihe
still; wir kennen kein Geschöpf über ihm, das vielartiger und künstlicher
organisiert sei: er scheint das höchste, wozu eine Erdorganisation gebildet
werden konnte.
    2. Durch diese Reihen von Wesen bemerkten wir, soweit es die einzelne
Bestimmung des Geschöpfs zuliess, eine herrschende Ähnlichkeit der Hauptform,
die, auf eine unzählbare Weise abwechselnd, sich immer mehr der Menschengestalt
nahte. In der ungebildeten Tiefe, im Reich der Pflanzen und Pflanzentiere war
sie noch unkenntlich; mit dem Organismus vollkommenerer Wesen ward sie
deutlicher, die Anzahl der Gattungen ward geringer: sie verlor und vereinigte
sich zuletzt im Menschen.
    3. Wie die Gestalten, sahen wir auch die Kräfte und Triebe sich ihm nähern.
Von der Nahrung und Fortpflanzung der Gewächse stieg der Trieb zum Kunstwerk der
Insekten, zur Haus- und Muttersorge der Vögel und Landtiere, endlich gar zu
menschenähnlichen Gedanken und zu eignen selbsterworbnen Fertigkeiten, bis sich
zuletzt alles in der Vernunftfähigkeit, Freiheit und Humanität des Menschen
vereinet.
    4. Bei jedem Geschöpf war nach den Zwecken der Natur, die es zu befördern
hatte, auch seine Lebensdauer eingerichtet. Die Pflanze verblühete bald; der
Baum musste sich langsam auswachsen. Das Insekt, das seine Kunstfertigkeit auf
die Welt mitbrachte und sich früh und zahlreich fortpflanzte, ging bald von
dannen; Tiere, die langsamer wuchsen, die auf einmal weniger gebaren oder die
gar ein Leben der vernunftähnlichen Haushaltung führen sollten, denen ward auch
ein längeres und dem Menschen vergleichungsweise das längste Leben. Doch
rechnete die Natur hiebei nicht nur aufs einzelne Geschöpf, sondern auch auf die
Erhaltung des ganzen Geschlechtes und der Geschlechter, die über ihm standen.
Die untern Reiche waren also nicht nur stark besetzt, sondern wo es der Zweck
des Geschöpfs zuliess, daurete auch ihr Leben länger. Das Meer, der
unerschöpfliche Lebensquell, erhält seine Bewohner, die von zäher Lebenskraft
sind, am längsten; und die Amphibien, halbe Wasserbewohner, nähern sich ihnen an
Länge des Lebens. Die Bewohner der Luft, weniger beschwert von der Erdenahrung,
die die Landtiere allmählich verhärtet, leben im ganzen länger als diese; Luft
und Wasser scheinen also das grosse Vorratshaus der Lebendigen, die nachher in
schnellern Übergängen die Erde aufreibt und verzehret.
    5. Je organisierter ein Geschöpf ist, desto mehr ist sein Bau
zusammengesetzt aus den niedrigen Reichen. Unter der Erde fängt diese
Vielartigkeit an, und sie wächst hinauf durch Pflanzen, Tiere, bis zum
vielartigsten Geschöpf, dem Menschen. Sein Blut und seine vielnamigen
Bestandteile sind ein Kompendium der Welt: Kalk und Erde, Salze und Säuren, Öl
und Wasser, Kräfte der Vegetation, der Reize, der Empfindungen sind in ihm
organisch vereint und ineinander verwebet.
    Entweder müssen wir diese Dinge als Spiele der Natur ansehen (und sinnlos
spielte die verstandreiche Natur nie), oder wir werden darauf gestossen, auch ein
Reich unsichtbarer Kräfte anzunehmen, das in ebendemselben genauen Zusammenhange
und dichten Übergange steht, als wir in den äussern Bildungen wahrnehmen. Je mehr
wir die Natur kennenlernen, desto mehr bemerken wir diese inwohnenden Kräfte
auch sogar in den niedrigsten Geschöpfen, Moosen, Schwämmen u. dgl. In einem
Tier, das sich beinah unerschöpflich reproduziert, in der Muskel, die sich
vielartig und lebhaft durch eignen Reiz beweget, sind sie unleugbar; und so ist
alles voll organisch-wirkender Allmacht. Wir wissen nicht, wo diese anfängt,
noch wo sie aufhöret; denn wo Wirkung in der Schöpfung ist, ist Kraft; wo Leben
sich äussert, ist inneres Leben. Es herrscht also allerdings nicht nur ein
Zusammenhang, sondern auch eine aufsteigende Reihe von Kräften im unsichtbaren
Reich der Schöpfung, da wir diese in ihrem sichtbaren Reich, in organisierten
Formen vor uns wirken sehen.
    Ja unendlich inniger, steter und fortgehender muss dieser unsichtbare
Zusammenhang sein, als in unserm stumpfen Sinne die Reihe äusserer Formen zeigt.
Denn was ist eine Organisation als eine Masse unendlich vieler
zusammengedrängter Kräfte, deren grösster Teil eben des Zusammenhanges wegen von
andern Kräften eingeschränkt, unterdrückt oder wenigstens unsern Augen so
versteckt wird, dass wir die einzelnen Wassertropfen nur in der dunklen Gestalt
der Wolke, d. i. nicht die einzelnen Wesen selbst, sondern nur das Gebilde
sehen, das sich zur Notdurft des Ganzen so und nicht anders organisieren musste.
Die wahre Stufenleiter der Geschöpfe, welch ein andres Reich muss sie im Auge des
Allwissenden sein, als von dem die Menschen reden! Wir ordnen Formen, die wir
nicht durchschauen, und klassifizieren wie Kinder nach einzelnen Gliedmassen oder
nach andern Zeichen. Der oberste Haushalter sieht und hält die Kette aller
aufeinanderdringenden Kräfte.
    Was dies für die Unsterblichkeit der Seele tue? Alles, und nicht für die
Unsterblichkeit unsrer Seele allein, sondern für die Fortdauer aller wirkenden
und lebendigen Kräfte der Weltschöpfung. Keine Kraft kann untergehn; denn was
hiesse es: eine Kraft gehe unter? Wir haben in der Natur davon kein Beispiel, ja
in unsrer Seele nicht einmal einen Begriff. Ist es Widerspruch, dass etwas nichts
sei oder werde, so ist es mehr Widerspruch, dass ein lebendiges, wirkendes Etwas,
in dem der Schöpfer selbst gegenwärtig ist, in dem sich seine Gotteskraft
einwohnend offenbaret, sich in ein Nichts verkehre. Das Werkzeug kann durch
äusserliche Umstände zerrüttet werden; so wenig aber auch in diesem sich nur ein
Atom vernichtet oder verlieret, um so weniger die unsichtbare Kraft, die auch in
diesem Atom wirket. Da wir nun bei allen Organisationen wahrnehmen, dass ihre
wirkenden Kräfte so weise gewählt, so künstlich geordnet, so genau auf ihre
gemeinschaftliche Dauer und auf die Ausbildung der Hauptkraft berechnet sein, so
wäre es Unsinn, von der Natur zu glauben, dass in dem Augenblick, da eine
Kombination derselben, d. i. ein äusserlicher Zustand, aufhört, sie nicht nur
plötzlich von der Weisheit und Sorgfalt abliesse, dadurch sie allein göttliche
Natur ist, sondern dieselbe auch gegen sich kehrte, um mit ihrer ganzen Allmacht
(denn minder gehörte dazu nicht) nur einen Teil ihres lebendigen Zusammenhanges,
in dem sie selbst ewig-tätig lebet, zu vernichten. Was der Allbelebende ms Leben
rief, lebet; was wirkt, wirkt in seinem ewigen Zusammenhange ewig.
    Da diese Prinzipien weiter auseinanderzusetzen hier nicht der Ort ist, so
lasset uns sie bloss in Beispielen zeigen. Die Blume, die ausgeblühet hat,
zerfällt, d. i., dies Werkzeug ist nicht weiter geschickt, dass die vegetierende
Kraft in ihm fortwirke; der Baum, der sich satt an Früchten getragen, stirbt,
die Maschine ist hinfällig worden, und das Zusammengesetzte geht auseinander.
Hieraus folget aber im mindesten nicht, dass die Kraft, die diese Teile belebte,
die vegetieren und sich so mächtig fortpflanzen konnte, mit dieser Dekomposition
gestorben sei, sie, die über tausend Kräfte, die sie anzog, in dieser
Organisation herrschte. Jedem Atom der zerlegten Maschine bleibt ja seine untere
Kraft; wieviel mehr muss sie der mächtigern bleiben, die in dieser Formung jene
alle zu einem Zweck regierte und in ihren engen Grenzen mit allmächtigen
Natureigenschaften wirkte. Der Faden der Gedanken zerreisst, wenn man es sieh als
natürlich denket, dass dies Geschöpf jetzt in jedem seiner Glieder die mächtige,
sieh selbst erstattende, reizbare Selbsttätigkeit haben soll, wie sie sieh uns
vor Augen äussert, dass aber den Augenblick darauf alle diese Kräfte, die
lebendigen Erweise einer inwohnenden organischen Allmacht, aus dem Zusammenhange
der Wesen, aus dem Reich der Realität so hinweg sein sollen, als wären sie nie
darinnen gewesen.
    Und bei der reinsten und tätigsten Kraft, die wir auf Erden kennen, sollte
dieser Gedankenwiderspruch stattfinden, bei der menschlichen Seele? Sie, die
über alle Vermögen niedrigerer Organisationen so weit hinaufgerückt ist, dass sie
nicht nur mit einer Art Allgegenwart und Allmacht tausend organische Kräfte
meines Körpers als Königin beherrschet, sondern auch (Wunder aller Wunder!) in
sich selbst zu blicken und sich zu beherrschen vermag. Nichts geht hienieden
über die Feinheit, Schnelle und Wirksamkeit eines menschlichen Gedanken; nichts
über die Energie, Reinheit und Wärme eines menschlichen Willens. Mit allem, was
der Mensch denkt, ahmet er der ordnenden, mit allem, was er will und tut, der
schaffenden Gotteit nach; er möge so unvernünftig denken, als er wolle. Die
Ähnlichkeit liegt in der Sache selbst, sie ist im Wesen seiner Seele gegründet.
Die Kraft, die Gott erkennen, ihn lieben und nachahmen kann, ja die nach dem
Wesen ihrer Vernunft ihn gleichsam wider Willen erkennen und nachahmen muss,
indem sie auch bei Irrtümern und Fehlern nur durch Trug und Schwachheit fehlte,
sie, die mächtigste Regentin der Erde, sollte untergehen, weil ein äusserer
Zustand der Zusammensetzung sich ändert und einige niedere Untertanen von ihr
weichen? nie Künstlerin wäre nicht mehr, weil ihr das Werkzeug aus der Hand
fällt? Wo bliebe hier aller Zusammenhang der Gedanken? -
 
                                       II
 Keine Kraft der Natur ist ohne Organ; das Organ ist aber nie die Kraft selbst,
                           die mittelst jenem wirket
    Priestlei und andre haben den Spiritualisten vorgerückt, dass man in der
ganzen Natur keinen reinen Geist kenne und dass man auch den innern Zustand der
Materie lange nicht gnug einsehe, um ihr das Denken oder andere geistige Kräfte
abzusprechen, mich dünkt, sie haben in beidem recht. Einen Geist, der ohne und
ausser aller Materie wirkt, kennen wir nicht; und in dieser sehen wir so viele
geistähnliche Kräfte dass mir ein völliger Gegensatz und Widerspruch dieser
beiden allerdings sehr verschiednen Wesen des Geistes und der Materie, wo nicht
selbst widersprechend, so doch wenigstens ganz unerwiesen scheinet. Wie können
zwei Wesen gemeinschaftlich und innig harmonisch wirken, die, völlig
ungleichartig, einander wesentlich entgegen wären? Und wie können wir dies
behaupten, da uns weder Geist noch Materie im Innern bekannt ist?
    Wo wir eine Kraft wirken sehen, wirkt sie allerdings in einem Organ und
diesem harmonisch; ohne dasselbe wird sie unsern Sinnen wenigstens nicht
sichtbar, mit ihm aber ist sie zugleich da, und wenn wir der durchgehenden
Analogie der Natur glauben dürfen, so hat sie sich dasselbe zugebildet.
Präformierte Keime, die seit der Schöpfung bereitlagen, hat kein Auge gesehen;
was wir vom ersten Augenblick des Werdens eines Geschöpfs bemerken, sind
wirkende organische Kräfte. Hat ein einzelnes Wesen diese in sieh, so erzeugt es
selbst; sind die Geschlechter geteilt, so muss jedes derselben zur Organisation
des Abkömmlings beitragen, und zwar nach der Verschiedenheit des Baues auf eine
verschiedene Weise. Geschöpfe von Pflanzennatur, deren Kräfte noch einartig,
aber desto inniger wirken, haben nur einen leisen Hauch der Berührung nötig, ihr
Selbsterzeugtes zu beleben; auch in Tieren, wo der lebendige Reiz und ein zähes
Leben durch alle Glieder herrschet, mitin fast alles Produktionsund
Reproduktionskraft ist, bedarf die Frucht der Belebung oft nur ausser
Mutterleibe. Je vielartiger der Organisation nach die Geschöpfe werden, desto
unkenntlicher wird das, was man bei jenen den Keim nannte; es ist organische
Materie, zu der lebendige Kräfte kommen müssen, sie erst zur Gestalt des
künftigen Geschöpfs zu bilden. Welche Auswirkungen gehen im Ei eines Vogels vor,
ehe die Frucht Gestalt gewinnt und sich diese vollendet! Die organische Kraft
muss zerrütten, indem sie ordnet; sie zieht Teile zusammen und treibt sie
auseinander, ja es scheint, als ob mehrere Kräfte im Wettstreit wären und zuerst
eine Missgeburt bilden wollten, bis sie in ihr Gleichgewicht treten und das
Geschöpf das wird, was es seiner Gattung nach sein soll. Siehet man diese
Wandlungen, diese lebendigen Wirkungen sowohl im Ei des Vogels als im
Mutterleibe des Tiers, das Lebendige gebäret, so, dünkt mich, spricht man
uneigentlich, wenn man von Keimen, die nur entwickelt würden, oder von einer
Epigenesis redet, nach der die Glieder von aussen zuwüchsen. Bildung (genesis)
ist's, eine Wirkung innerer Kräfte, denen die Natur eine Masse vorbereitet
hatte, die sie sich zubilden, in der sie sich sichtbar machen sollten. Dies ist
die Erfahrung der Natur; dies bestätigen die Perioden der Bildung in den
verschiedenen Gattungen von mehr oder minder organischer Vielartigkeit und Fülle
von Lebenskräften, nur hieraus lassen sich die Missbildungen der Geschöpfe durch
Krankheit, Zufall oder durch die Vermischung verschiedner Gattungen erklären,
und es ist dieser Weg der einzige, den uns in allen ihren Werken die kraft- und
lebenreiche Natur durch eine fortgehende Analogie gleichsam aufdringt.
    Man würde mich unrecht verstehen, wenn man mir die Meinung zuschriebe, als
ob, wie einige sich ausgedrückt haben, unsre vernünftige Seele sich ihren Körper
in Mutterleibe, und zwar durch Vernunft, gebauet habe. Wir haben gesehen, wie
spät die Gabe der Vernunft in uns angebauet werde und dass wir zwar fähig zu ihr
auf der Welt erscheinen, sie aber weder eigenmächtig besitzen noch erobern
mögen. Und wie wäre ein solches Gebilde auch für die reifste Vernunft des
Menschen möglich, da wir dasselbe in keinem Teil weder von innen noch aussen
begreifen und selbst der grösseste Teil der Lebensverrichtungen in uns ohne das
Bewusstsein und den Willen der Seele fortgeht? Nicht unsre Vernunft war's, die
den Leib bildete, sondern der Finger der Gotteit, organische Kräfte. Sie hatte
der Ewige auf dem grossen Gange der Natur so weit hinaufgeführt. dass sie jetzt,
von seiner Hand gebunden, in einer kleinen Welt organischer Materie, die er
ausgesondert und zur Bildung des jungen Wesens sogar eigen umhüllt hatte, ihre
Schöpfungsstätte fanden. Harmonisch vereinigten sie sich mit ihrem Gebilde, in
welchem sie auch, solange es dauert, ihm harmonisch wirken, bis, wenn dies
abgebraucht ist, der Schöpfer sie von ihrem Dienst abruft und ihnen eine andre
Wirkungsstätte bereitet.
    Wollen wir also dem Gange der Natur folgen, so ist offenbar:
    1. Dass Kraft und Organ zwar innigst verbunden, nicht aber eins und dasselbe
sei. Die Materie unsres Körpers war da, aber gestalt- und leblos, ehe sie die
organischen Kräfte bildeten und belebten.
    2. Jede Kraft wirkt ihrem Organ harmonisch; denn sie hat sich dasselbe zur
Offenbarung ihres Wesens nur zugebildet. Sie assimilierte die Teile, die der
Allmächtige ihr zuführte und in deren Hülle er sie gleichsam einwies.
    3. Wenn die Hülle wegfällt, so bleibt die Kraft, die voraus, obwohl in einem
niedrigern Zustande und ebenfalls organisch, dennoch vor dieser Hülle schon
existierte. War's möglich, dass sie aus ihrem vorigen in diesen Zustand übergehen
konnte, so ist ihr auch bei dieser Entüllung ein neuer Übergang möglich. Fürs
Medium wird der sorgen, der sie, und zwar viel unvollkommener, hieher brachte.
    Und sollte uns die sich immer gleiche Natur nicht schon einen Wink über das
Medium gegeben haben, in dem alle Kräfte der Schöpfung wirken? In den tiefsten
Abgründen des Werdens, wo wir keimendes Leben sehen, werden wir das unerforschte
und so wirksame Element gewahr, das wir mit den unvollkommenen Namen Licht,
Äter, Lebenswärme benennen und das vielleicht das Sensorium des
Allerschaffenden ist, dadurch er alles belebet, alles erwärmet. In tausend und
Millionen Organe ausgegossen, läutert sich dieser himmlische Feuerstrom immer
feiner und feiner; durch sein Vehikulum wirken vielleicht alle Kräfte hienieden,
und das Wunder der irdischen Schöpfung, die Generation, ist von ihm
unabtrennlich. Vielleicht ward unser Körpergebäude auch eben deswegen
aufgerichtet, dass wir, selbst unsern gröbern Teilen nach, von diesem
elektrischen Strom mehr an uns ziehen, mehr in uns verarbeiten könnten; und in
den feinern Kräften ist zwar nicht die grobe elektrische Materie, aber etwas von
unserer Organisation selbst Verarbeitetes, unendlich Feineres und dennoch ihr
Ähnliches das Werkzeug der körperlichen und Geistesempfindung. Entweder hat die
Wirkung meiner Seele kein Analogon hienieden, und sodenn ist's weder zu
begreifen, wie sie auf den Körper wirke, noch wie andre Gegenstände auf sie zu
wirken vermögen; oder es ist dieser unsichtbare himmlische Licht- und
Feuergeist, der alles Lebendige durchfliesst und alle Kräfte der Natur vereinigt.
In der menschlichen Organisation hat er die Feinheit erreicht, die ihm ein
Erdenbau gewähren konnte; vermittelst seiner wirkte die Seele in ihren Organen
beinah allmächtig und strahlte in sich selbst zurück mit einem Bewusstsein, das
ihr Innerstes reget. Vermittelst seiner füllete sich der Geist mit edler Wärme
und wusste sich durch freie Selbstbestimmung gleichsam aus dem Körper, ja aus der
Welt zu setzen und sie zu lenken. Er hat also Macht über dasselbe gewonnen, und
wenn seine Stunde schlägt, wenn seine äussere Maschine aufgelöset wird, was ist
natürlicher, als dass nach innigen, ewig fortwirkenden Gesetzen der Natur er das,
was seiner Art geworden und mit ihm innig vereint ist, nach sich ziehe? Er tritt
in sein Medium über, und dies ziehet ihn - oder vielmehr du ziehest und leitest
uns, allverbreitete bildende Gotteskraft, du Seele und Mutter aller lebendigen
Wesen, du leitest und bildest uns zu unsrer neuen Bestimmung sanft hinüber.
    Und so wird, dünkt mich, die Nichtigkeit der Schlüsse sichtbar, mit denen
die Materialisten unsre Unsterblichkeit niedergeworfen zu haben meinen. Lasset
es sein, dass wir unsre Seele als einen reinen Geist nicht kennen; wir wollen sie
auch als solchen nicht kennenlernen. Lasset es sein, dass sie nur als eine
organische Kraft wirke; sie soll auch nicht anders wirken dörfen; ja ich setze
noch dazu: sie hat erst in diesem ihrem Zustande mit einem menschlichen Gehirn
denken, mit menschlichen Nerven empfinden gelernt und sich einige Vernunft und
Humanität angebildet. Lasset es endlich sein, dass sie mit allen Kräften der
Materie, des Reizes, der Bewegung, des Lebens ursprünglich eins sei und nur auf
einer höhern Stufe in einer ausgebildetern, feinern Organisation wirke; hat man
denn je auch nur eine Kraft der Bewegung und des Reizes untergehen sehen, und
sind diese niedern Kräfte mit ihren Organen eins und dasselbe? Der nun eine
unzählbare Menge derselben in meinen Körper führte und jeder ihr Gebilde anwies,
der meine Seele über sie setzte und ihr ihre Kunstwerkstätte und an den Nerven
die Bande anwies, dadurch sie alle jene Kräfte lenket: wird ihm im grossen
Zusammenhange der Natur ein Medium fehlen, sie hinauszuführen? Und muss er es
nicht tun, da er sie ebenso wunderbar, offenbar zu einer höhern Bildung, in dies
organische Haus führte?
 
                                      III
  Aller Zusammenhang der Kräfte und Formen ist weder Rückgang noch Stillstand,
                             sondern Fortschreitung
    Die Sache scheinet durch sich klar; denn wie eine lebendige Kraft der Natur,
ohne dass eine feindliche Übermacht sie einschränkte und zurückstiesse,
stillstehen oder zurückgehen könne, ist nicht begreiflich. Sie wirkte als ein
Organ der göttlichen Macht, als eine tätig gewordne Idee seines ewig dauernden
Entwurfs der Schöpfung, und so mussten sich wirkend ihre Kräfte mehren. Auch alle
Abweichungen müssen sie wieder zur rechten Bahn lenken, da die oberste Güte
Mittel gnug hat, die zurückprallende Kugel, ehe sie sinkt, durch einen neuen
Anstoss, durch eine neue Erweckung wieder zum Ziel zu führen. Doch die Metaphysik
bleibe beiseite; wir wollen Analogien der Natur betrachten.
    Nichts in ihr steht still; alles strebt und rückt weiter. Könnten wir die
erste Periode der Schöpfung durchsehn, wie ein Reich der Natur auf das andre
gebauet ward: welche Progression fortstrebender Kräfte würde sich in jeder
Entwicklung zeigen! Warum tragen wir und alle Tiere Kalkerde in unsern Gebeinen?
Weil sie einer der letzten Übergänge gröberer Erdbildungen war, der seiner
innern Gestaltung nach schon einer lebendigen Organisation zum Knochengebäude
dienen konnte. So ist's mit allen übrigen Bestandteilen unsres Körpers.
    Als die Tore der Schöpfung geschlossen wurden, standen die einmal erwählten
Organisationen als bestimmte Wege und Pforten da, auf denen sich künftig in den
Grenzen der Natur die niedern Kräfte aufschwingen und weiterbilden sollten. Neue
Gestalten erzeugeten sich nicht mehr; es wandeln und verwandeln sich aber durch
dieselbe untere Kräfte, und was Organisation heisst, ist eigentlich nur eine
Leiterin derselben zu einer höhern Bildung.
    Das erste Geschöpf, das ans Licht tritt und unter dem Strahl der Sonne sich
als eine Königin des unterirdischen Reichs zeigt, ist die Pflanze. Was sind ihre
Bestandteile? Salz, Öl, Eisen, Schwefel und was sonst an feinern Kräften das
Unterirdische zu ihr hinaufzuläutern vermochte. Wie kam sie zu diesen Teilen?
Durch innere organische Kraft, durch welche sie unter Beihülfe der Elemente jene
sich eigen zu machen strebet. Und was tut sie mit ihnen? Sie ziehet sie an sich,
verarbeitet sie in ihr Wesen und läutert sie weiter. Giftige und gesunde
Pflanzen sind also nichts als Leiterinnen der gröbern zu feinern Teilen; das
ganze Kunstwerk des Gewächses ist, Niedriges zu Höherem hinaufzubilden.
    Über der Pflanze stehet das Tier und zehrt von ihren Säften. Der einzige
Elefant ist ein Grab von Millionen Kräutern; aber er ist ein lebendiges,
auswirkendes Grab, er animalisiert sie zu Teilen sein selbst: die niedern Kräfte
gehn in feinere Formen des Lebens über. So ist's mit allen fleischfressenden
Tieren; die Natur hat die Übergänge rasch gemacht, gleich als ob sie sich vor
allem langsamen Tode fürchtete. Darum verkürzte sie und beschleunigte die Wege
der Transformation in höhere Lebensformen. Unter allen Tieren ist das Geschöpf
der feinsten Organe, der Mensch, der grösseste Mörder. Er kann beinah alles, was
an lebendiger Organisation nur nicht zu tief unter ihm steht, in seine Natur
verwandeln.
    Warum wählte der Schöpfer diese dem äussern Anblick nach zerstörende
Einrichtung seiner lebendigen Reiche? Waren es feindliche Mächte, die sich ins
Werk teilten und ein Geschlecht dem andern zur Beute machten? Oder war es
Ohnmacht des Schöpfers, der seine Kinder nicht anders zu erhalten wusste? Nehmet
die äussere Hülle weg, und es ist kein Tod in der Schöpfung; jede Zerstörung ist
Übergang zum höhern Leben, und der weise Vater machte diesen so früh, so rasch,
so vielfach, als es die Erhaltung der Geschlechter und der Selbstgenuss des
Geschöpfs, das sich seiner Hülle freuen und sie wo möglich auswirken sollte, nur
gestatten konnte. Durch tausend gewaltsame Tode kam er dem langsamen Ersterben
vor und beförderte den Keim der blühenden Kraft zu höhern Organen. Das Wachstum
eines Geschöpfs, was ist's anders als die stete Bemühung desselben, mehrere
organische Kräfte mit seiner Natur zu verbinden? Hierauf sind seine Lebensalter
eingerichtet, und sobald es dies Geschäft nicht mehr kann, muss es abnehmen und
sterben. Die Natur dankt die Maschine ab, die sie zu ihrem Zweck der gesunden
Assimilation, der muntern Verarbeitung nicht mehr tüchtig findet.
    Worauf beruhet die Kunst des Arztes, als eine Dienerin der Natur zu sein und
den tausendfach-arbeitenden Kräften unsrer Organisation zu Hülfe zu eilen?
Verlorne Kräfte ersetzt sie, matte stärkt, überwiegende schwächt und bändigt
sie; wodurch? Durch Herbeiführung und Assimilation solcher oder
entgegengesetzter Kräfte aus den niedern Reichen.
    Nichts anders sagt uns die Erzeugung aller lebendigen Wesen; denn so tief
ihr Geheimnis liege, so ist's offenbar, dass organische Kräfte im Geschöpf zur
grössesten Wirksamkeit aufblühten und jetzt zu neuen Bildungen streben. Da jeder
Organismus das Vermögen hat, niedere Kräfte sich selbst zu assimilieren, so hat
er auch das Vermögen, sieh, gestärkt durch jene, in der Blüte des Lebens
fortzubilden und den Abdruck sein selbst mit allen in ihm wirkenden Kräften an
seiner Statt der Welt zu geben.
    So geht der Stufengang der Ausarbeitung durch die niedrige Natur, und
sollte er bei der edelsten und mächtigsten stillstehen oder zurückgehen müssen?
Was das Tier zu seiner Nahrung bedarf, sind nur pflanzenartige Kräfte, damit es
pflanzenartige Teile belebe; der Saft der Muskeln und Nerven dient nicht mehr
zur Nahrung irgendeines Erdwesens. Selbst das Blut ist nur Raubtieren eine
Erquickung; und bei Nationen, die durch Leidenschaft oder Notdurft dazu
gezwungen wurden, hat man auch Neigungen des Tiers bemerket, zu dessen
lebendiger Speise sie sich grausam entschlossen. Also ist das Reich der Gedanken
und Reize, wie es auch seine Natur fodert, hier ohne sichtbaren Fort- und
Übergang, und die Bildung der Nationen hat es zu einem ersten Gesetz des
menschlichen Gefühls gemacht, jedes Tier, das noch lebet in seinem Blut, zur
Speise nicht zu begehren. Offenbar sind alle diese Kräfte von geistiger Art;
daher man vielleicht mancher Hypotesen über den Nervensaft als über ein
tastbares Vehikulum der Empfindungen hätte überhoben sein mögen. Der Nervensaft,
wenn er da ist, erhält die Nerven und das Gehirn gesund, so dass sie ohne ihn nur
unbrauchbare Stricke und Gefässe wären; sein Nutze ist also körperlich, und die
Wirkung der Seele nach ihren Empfindungen und Kräften ist, was für Organe sie
auch gebrauchen möge, überall geistig.
    Und wohin kehren nun diese geistigen Kräfte, die allem Sinn der Menschen
entgehen? Weise hat die Natur hier einen Vorhang vorgezogen und lässt uns, die
wir hiezu keine Sinne haben, in das geistige Reich ihrer Verwandlungen und
Übergänge nicht hineinschauen; wahrscheinlich würde sich auch der Blick dahin
mit unsrer Existenz auf Erden und alle den sinnlichen Empfindungen, denen wir
noch unterworfen sind, nicht vertragen. Sie legte uns also nur Übergänge aus den
niedern Reichen und in den höhern nur aufsteigende Formen dar; ihre tausend
unsichtbare Wege der Überleitung behielt sie sich selbst vor; und so ward das
Reich der Ungebornen die grosse hylê oder der Hades, in welchen kein menschliches
Auge reichet. Zwar scheinet diesem Untergange die bestimmte Form
entgegenzustehen, der jede Gattung treu bleibt und in welcher sich auch das
kleinste Gebein nicht verändert; allein auch hievon ist der Grund sichtbar, da
jedes Geschöpf nur durch Geschöpfe seiner Gattung organisiert werden kann und
darf. Die feste ordnungsreiche Mutter hat also die Wege genau bestimmt, auf
denen eine organische Kraft, sie sei herrschend oder dienend, zur sichtbaren
Wirksamkeit gelangen sollte, und so kann ihren einmal bestimmten Formen nichts
entschlüpfen. Im Menschenreich z.B. herrscht die grösseste Mannigfaltigkeit von
Neigungen und Anlagen, die wir oft als wunderbar und widernatürlich anstaunen,
aber nicht begreifen. Da nun auch diese nicht ohne organische Gründe sein
können, so liesse sich, wenn uns über dies Dunkle der Schöpfungsstätte einige
Vermutung vergönnt ist, das Menschengeschlecht als der grosse Zusammenfluss
niederer organischer Kräfte ansehen, die in ihm zur Bildung der Humanität kommen
sollten.
    Aber nun weiter? Der Mensch hat hier das Bild der Gotteit getragen und der
feinsten Organisation genossen, die ihm die Erde geben konnte, soll er rückwärts
gehen und wieder Stein, Pflanze, Elefant werden? Oder stehet bei ihm das Rad der
Schöpfung still und hat kein andres Rad, worin es greife? Das letzte lässet sich
nicht gedenken, da im Reich der obersten Güte und Weisheit alles verbunden ist
und in ewigem Zusammenhange Kraft in Kraft wirket. Schauen wir nun zurück und
sehen, wie hinter uns alles aufs Menschengebilde zu reifen scheint und sich im
Menschen wiederum von dem, was er sein soll und worauf er absichtlich gebildet
worden, nur die erste Knospe und Anlage findet, so müsste aller Zusammenhang,
alle Absicht der Natur ein Traum sein, oder auch er rückt (auf welchen Wegen und
Gängen es nun auch sein möge), auch er rückt weiter. Lasset uns sehen, wie die
ganze Anlage der Menschennatur uns darauf weise.
 
                                       IV
       Das Reich der Menschenorganisation ist ein System geistiger Kräfte
    Der vornehmste Zweifel, den man sich gegen die Unsterblichkeit organischer
Kräfte zu machen pflegt, ist von den Werkzeugen hergenommen, durch die sie
wirken; und ich darf behaupten, dass gerade die Beleuchtung dieses Zweifels uns
das grösseste Licht nicht nur der Hoffnung, sondern der Zuversicht ewiger
Fortwirkung anzünde. Keine Blume blühet durch den äusserlichen Staub, den groben
Bestandteil ihres Baues; viel weniger reproduziert sich durch denselben ein
immer neu wachsendes Tier, und noch weniger kann durch die Bestandteile, in die
ein Hirn aufgelöset wird, eine innige Kraft so vieler mit ihr verbundener
Kräfte, als unsre Seele ist, denken. Selbst die Physiologie überzeugt uns davon.
Das äusserliche Bild, das sich im Auge malet, kommt nicht in unser Gehirn; der
Schall, der sich in unserm Ohr bricht, kommt nicht mechanisch als solcher in
unsre Seele. Kein Nerve liegt ausgespannt da, dass er bis zu einem Punkt der
Vereinigung vibriere; bei einigen Tieren kommen nicht einmal die Nerven beider
Augen und bei keinem Geschöpf die Nerven aller Sinne so zusammen, dass ein
sichtbarer Punkt sie vereine. Noch weniger gilt dieses von den Nerven des
gesamten Körpers, in dessen kleinstem Gliede sich doch die Seele gegenwärtig
fühlt und in ihm wirket. Also ist's eine schwache, unphysiologische Vorstellung,
sich das Gehirn als einen Selbstdenker, den Nervensaft als einen Selbstempfinder
zu denken; vielmehr sind es, allen Erfahrungen zufolge, eigne psychologische
Gesetze, nach denen die Seele ihre Verrichtungen vornimmt und ihre Begriffe
verbindet. Dass es jedesmal ihrem Organ gemäss und demselben harmonisch geschehe,
dass, wenn das Werkzeug nichts taugt, auch die Künstlerin nichts tun könne u. f.:
das alles leidet keinen Zweifel, ändert aber auch nichts im Begriff der Sache.
Die Art, mit der die Seele wirkt, das Wesen ihrer Begriffe kommt hier in
Betrachtung. Und da ist's
    1. unleugbar, dass der Gedanke, ja die erste Wahrnehmung, damit sich die
Seele einen äussern Gegenstand vorstellt, ganz ein andres Ding sei, als was ihr
der Sinn zuführet. Wir nennen es ein Bild; es ist aber nicht das Bild, d. i. der
lichte Punkt, der aufs Auge gemalt wird und der das Gehirn gar nicht erreichet;
das Bild der Seele ist ein geistiges, von ihr selbst bei Veranlassung der Sinne
geschaffenes Wesen. Sie ruft aus dem Chaos der Dinge, die sie umgeben, eine
Gestalt hervor, an die sie sich mit Aufmerksamkeit heftet, und so schafft sie
durch innere Macht aus dem vielen ein eins, das ihr allein zugehöret. Dies kann
sie sich wieder herstellen, auch wenn es nicht mehr da ist: der Traum und die
Dichtung können es nach ganz andern Gesetzen verbinden, als unter welchen es der
Sinn darstellte, und tun dies wirklich. Die Rasereien der Kranken, die man so
oft als Zeugen der Materialität der Seele anführt, sind eben von ihrer
Immaterialität Zeugen. Man behorche den Wahnsinnigen und bemerke den Gang, den
seine Seele nimmt. Er geht von der Idee aus, die ihn zu tief rührte, die also
sein Werkzeug zerrüttete und den Zusammenhang mit andern Sensationen störte. Auf
sie beziehet er nun alles, weil sie die herrschende ist und er von derselben
nicht loskann; zu ihr schafft er sich eine eigne Welt, einen eignen Zusammenhang
der Gedanken, und jeder seiner Irrgänge in der Ideenverbindung ist im höchsten
Mass geistig. Nicht, wie die Fächer des Gehirns liegen, kombiniert er, selbst
nicht einmal, wie ihm die Sensationen erscheinen, sondern wie andre Ideen mit
seiner Idee verwandt sind und wie er jene zu dieser nur hinüberzuzwingen
vermochte Auf demselben Wege gehn alle Assoziationen unsrer Gedanken; sie
gehören einem Wesen zu, das aus eigner Energie und oft mit einer sonderbaren
Idiosynkrasie Erinnerungen aufruft und nach innerer Liebe oder Abneigung, nicht
nach einer äussern Mechanik, Ideen bindet. Ich wünschte, dass hierüber aufrichtige
Menschen das Protokoll ihres Herzens und scharfsinnige Beobachter, insonderheit
Ärzte, die Eigenheiten bekanntmachten, die sie an ihren Kranken bemerkten, und
ich bin überzeugt, es wären lauter Belege von Wirkungen eines zwar organischen,
aber dennoch eigenmächtigen, nach Gesetzen geistiger Verbindung wirkenden
Wesens.
    2. Die künstliche Bildung unsrer Ideen von Kindheit auf erweiset dasselbe,
und der langsame Gang, auf welchem die Seele nicht nur spät ihrer selbst bewusst
wird, sondern auch mit Mühe ihre Sinnen brauchen lernet. Mehr als ein Psycholog
hat die Kunststücke bemerkt, mit denen ein Kind von Farbe, Gestalt, Grösse,
Entfernung Begriff erhält und durch die es sehen lernet. Der körperliche Sinn
lernt nichts; denn das Bild malet sich den ersten Tag aufs Auge, wie es sich den
letzten des Lebens malen wird; aber die Seele durch den Sinn lernt messen,
vergleichen, geistig empfinden. Hiezu hilft ihr das Ohr, und die Sprache ist
doch gewiss ein geistiges, nicht körperliches Mittel der Ideenbildung Nur ein
Sinnloser kann Schall und Wort für einerlei nehmen; und wie diese beide
verschieden sind, ist's Körper und Seele, Organ und Kraft. Das Wort erinnert an
die Idee und bringt sie aus einem andern Geist zu uns herüber; aber es ist sie
nicht selbst, und ebensowenig ist das materielle Organ Gedanke. Wie der Leib
durch Speise zunimmt, nimmt unser Geist durch Ideen zu, ja wir bemerken bei ihm
eben die Gesetze der Assimilation, des Wachstums und der Hervorbringung, nur
nicht auf eine körperliche sondern eine ihm eigne Weise. Auch er kann sich mit
Nahrung überfüllen, dass er sich dieselbe nicht zuzueignen und in sich zu
verwandeln vermag; auch er hat eine Symmetrie seiner geistigen Kräfte, von
welcher jede Abweichung Krankheit, entweder Schwachheit oder Fieber, d. i.
Verrückung wird; auch er endlich treibet dieses Geschäft seines innern Lebens
mit einer genialischen Kraft, in welcher sich Liebe und Hass, Abneigung gegen das
mit ihm Ungleichartige, Zuneigung zu dem, was seiner Natur ist, wie beim
irdischen Leben äussert. Kurz, es wird in uns (ohne Schwärmerei zu reden) ein
innerer geistiger Mensch gebildet, der seiner eignen Natur ist und den Körper
nur als Werkzeug gebrauchet, ja der seiner eignen Natur zufolge auch bei den
ärgsten Zerrüttungen der Organe handelt. Je mehr die Seele durch Krankheit oder
gewaltsame Zustände der Leidenschaften von ihrem Körper getrennt und gleichsam
gezwungen ist, in ihrer eignen Ideenwelt zu wandeln, desto sonderbarere
Erscheinungen bemerken wir von ihrer eignen Macht und Energie in der
Ideenschöpfung oder Ideenverbindung. Aus Verzweiflung irret sie jetzt in den
Szenen ihres vorigen Lebens umher, und da sie von ihrer Natur und ihrem Werk,
Ideen zu bilden, nicht ablassen kann, bereitet sie sich jetzt eine neue wilde
Schöpfung.
    3. Das hellere Bewusstsein, dieser grosse Vorzug der menschlichen Seele, ist
derselben auf eine geistige Weise, und zwar durch die Humanität, allmählich erst
zugebildet worden. Ein Kind hat noch wenig Bewusstsein, ob seine Seele gleich
sich unablässig übt, zu demselben zu gelangen und sich seiner selbst durch alle
Sinnen zu vergewissern. Alle sein Streben nach Begriffen hat den Zweck, sich in
der Welt Gottes gleichsam zu besinnen und seines Daseins mit menschlicher
Energie froh zu werden. Das Tier geht noch im dunkeln Traum umher: sein
Bewusstsein ist in so viel Reize des Körpers verbreitet und von ihnen mächtig
umhüllet, dass das helle Erwachen zu einer fortwirkenden Gedankenübung seiner
Organisation nicht möglich war. Auch der Mensch ist sich seines sinnlichen
Zustandes nur durch Sinne bewusst, und sobald diese leiden, ist's gar kein
Wunder, dass ihn eine herrschende Idee auch aus seiner eignen Anerkennung
hinreissen kann und er mit sich selbst ein trauriges oder fröhliches Drama
spielet. Aber auch dies Hinreissen in ein Land lebhafter Ideen zeigt eine innere
Energie, bei der sich die Kraft seines Bewusstseins, seiner Selbstbestimmung oft
auf den irrigsten Wegen äussert. Nichts gewährt dem Menschen ein so eignes Gefühl
seines Daseins als Erkenntnis; Erkenntnis einer Wahrheit, die wir selbst
errungen haben, die unsrer innersten Natur ist und bei der uns oft alle
Sichtbarkeit schwindet. Der Mensch vergisst sich selbst: er verliert das Mass der
Zeit und seiner sinnlichen Kräfte, wenn ihn ein hoher Gedanke aufruft und er
denselben verfolget Die scheusslichsten Qualen des Körpers haben durch eine
einzige lebendige Idee unterdrückt werden können, die damals in der Seele
herrschte. Menschen, die von einem Affekt, insonderheit von dem lebhaftesten,
reinsten Affekt unter allen, der Liebe Gottes, ergriffen wurden, haben Leben und
Tod nicht geachtet und sich in diesem Abgrunde aller Ideen wie im Himmel
gefühlet. Das gemeinste Werk wird uns schwer, sobald es nur der Körper
verrichtet; aber die Liebe macht uns das schwerste Geschäft leicht, sie gibt uns
zur langwierigsten, entferntsten Bemühung Flügel. Räume und Zeiten verschwinden
ihr sie ist immer auf ihrem Punkt, in ihrem eignen Ideenland. - Diese Natur des
Geistes äussert sich auch bei den wildesten Völkern; gleichviel, wofür sie
kämpfen, sie kämpfen im Drang der Ideen. Auch der Menschenfresser im Durst
seiner Rache und Kühnheit strebt, wiewohl auf eine abscheuliche Art, nach dem
Genuss eines Geistes.
    4. Alle Zustände, Krankheiten und Eigenheiten des Organs also können uns nie
irremachen, die Kraft, die in ihnen wirkt, primitiv zu fühlen. Das Gedächtnis
z.B. ist nach der verschiednen Organisation der Menschen verschieden: bei diesen
formt und erhält es sich durch Bilder, bei jenen durch Zeichen der Abstraktion,
Worte oder gar Zahlen. In der Jugend, wenn das Gehirn weich ist, ist es lebhaft;
im Alter, wenn sich das Gehirn härtet, wird es träge und hält an alten Ideen. So
ist's mit den übrigen Kräften der Seele; welches alles nicht anders sein kann,
sobald eine Kraft organisch wirket. Bemerket indes auch hier die Gesetze der
Aufbewahrung und Erneurung der Ideen: sie sind allesamt nicht körperlich,
sondern geistig. Es hat Menschen gegeben, die das Gedächtnis gewisser Jahre, ja
gewisser Teile der Rede, der Namen, Substantiven, sogar einzelner Buchstaben und
Merkzeichen verloren; das Gedächtnis der vorigen Jahre, die Erinnerung andrer
Teile der Rede und der freie Gebrauch derselben blieb ihnen; die Seele war nur
an dem einen Gliede gefesselt, da das Organ litt. Wäre der Zusammenhang ihrer
geistigen Ideen materiell, so müsste sie, diesen Erscheinungen nach, entweder im
Gehirn umherrücken und für gewisse Jahre, für Substantiven und Namen eigne
Protokolle führen, oder sind die Ideen mit dem Gehirn verhärtet, so müssten sie
alle verhärtet sein; und doch ist bei den Alten eben das Andenken der Jugend
noch so lebhaft. Zu einer Zeit, da sie ihrem Organ gemäss nicht mehr rasch
verbinden oder flüchtig durchdenken kann, hält sie sich desto fester an das
erworbne Gut ihrer schönern Jahre, über das sie wie über ihr Eigenturn waltet.
Unmittelbar vor dem Tode und in allen Zuständen, da sie sich vom Körper weniger
gefesselt fühlt, erwacht dies Andenken mit aller Lebhaftigkeit der Jugendfreude,
und die Glückseligkeit der Alten, die Freude der Sterbenden beruhet grösstenteils
darauf. Vom Anfange des Lebens an scheint unsre Seele nur ein Werk zu haben,
inwendige Gestalt, Form der Humanität zu gewinnen und sich in ihr, wie der
Körper in der seinigen, gesund und froh zu fühlen. Auf dies Werk arbeitet sie so
unablässig und mit solcher Sympatie aller Kräfte, als der Körper nur immerdar
für seine Gesundheit arbeiten kann, der, wenn ein Teil leidet, es sogleich ganz
fühlt und Säfte anwendet, wie er sie kann, den Bruch zu ersetzen und die Wunde
zu heilen. Gleicherweise arbeitet die Seele auf ihre immer hinfällige und oft
falsche Gesundheit, jetzt durch gute, jetzt durch trügliche Mittel sich zu
beruhigen und fortzuwirken. Wunderbar ist die Kunst, die sie dabei anwendet und
unermesslich der Vorrat von Hülfs- und Heilmitteln, den sie sich zu verschaffen
weiss. Wenn einst die Semiotik der Seele studiert wird wie die Semiotik des
Körpers, wird man in allen Krankheiten derselben ihre so eigne geistige Natur
erkennen, dass die Schlüsse der Materialisten wie Nebel vor der Sonne
verschwinden werden. Ja, wer von diesem innern Leben seines Selbst überzeugt
ist, dem werden alle äussern Zustände, in welchen sich der Körper, wie alle
Materie, unablässig verändert, mit der Zeit nur Übergänge, die sein Wesen nicht
angehn er schreitet aus dieser Welt in jene so unvermerkt, wie er aus Nacht in
Tag und aus einem Lebensalter ins andre schreitet.
    Jeden Tag hat uns der Schöpfer eine eigne Erfahrung gegeben, wie wenig alles
in unsrer Maschine von uns und voneinander unabtrennlich sei: es ist des Todes
Bruder, der balsamische Schlaf. Er scheidet die wichtigsten Verrichtungen unsres
Lebens mit dem Finger seiner sanften Berührung: Nerven und Muskeln ruhen, die
sinnlichen Empfindungen hören auf, und dennoch denkt die Seele fort in ihrem
eignen Lande. Sie ist nicht abgetrennter vom Körper, als sie wachend war, wie
die dem Traum oft eingemischte Empfindungen beweisen; und dennoch wirkt sie nach
eigenen Gesetzen auch im tiefsten Schlaf fort, von dessen Träumen wir keine
Erinnerung haben, wenn nicht ein plötzliches Erwecken uns davon überzeuget.
Mehrere Personen haben bemerkt, dass ihre Seele bei ruhigen Träumen sogar
dieselbe Ideenreihe, unterschieden vom wachenden Zustande, unverrückt fortsetze
und immer in einer, meistens jugendlichen, lebhaften und schönern Welt wandle.
Die Empfindungen des Traums sind uns lebhafter, seine Affekten feuriger, die
Verbindungen der Gedanken und Möglichkeiten in ihm werden leichter, unser Blick
ist heiterer, das Licht, das uns umglänzt, ist schöner. Wenn wir gesund
schlafen, wird unser Gang oft ein Flug, unsre Gestalt ist grösser, unser
Entschluss kräftiger, unsre Tätigkeit freier. Und obwohl dies alles vom Körper
abhängt, weil jeder kleinste Zustand unsrer Seele notwendig ihm harmonisch sein
muss, solange ihre Kräfte ihm so innig einverleibt wirken, so zeigt doch die
ganze gewiss sonderbare Erfahrung des Schlafes und Traums, die uns ins grösste
Erstaunen setzen würde, wenn wir nicht daran gewohnt wären, dass nicht jeder Teil
unsers Körpers auf gleiche Art zu uns gehöre, ja dass gewisse Organe unsrer
Maschine abgespannet werden können und die oberste Kraft wirke aus blossen
Erinnerungen idealischer, lebhafter, freier. Da nun alle Ursachen, die uns den
Schlaf bringen, und alle seine körperliche Symptome nicht bloss einer Redeart
nach, sondern physiologisch und wirklich ein Analogon des Todes sind, warum
sollten es nicht auch seine geistige Symptome sein? Und so bleibt uns, wenn uns
der Todesschlaf aus Krankheit oder Mattigkeit befällt, Hoffnung, dass auch er,
wie der Schlaf, nur das Fieber des Lebens kühle, die zu einförmig und lang
fortgesetzte Bewegung sanft umlenke, manche für dies Leben unheilbaren Wunden
heile und die Seele zu einem frohen Erwachen, zum Genuss eines neuen
Jugendmorgens bereite. Wie im Traum meine Gedanken in die Jugend zurückkehren,
wie ich in ihm, nur halb entfesselt von einigen Organen, aber zurückgedrängter
in mich selbst, mich freier und tätiger fühle, so wirst auch du, erquickender
Todestraum, die Jugend meines Lebens, die schönsten und kräftigsten Augenblicke
meines Daseins mir schmeichelnd zurückführen, bis ich erwache in ihrem - oder
vielmehr im schönern Bilde einer himmlischen Jugend.
 
                                       V
    Unsre Humanität ist nur Vorübung, die Knospe zu einer zukünftigen Blume
    Wir sahen, dass der Zweck unsres jetzigen Daseins auf Bildung der Humanität
gerichtet sei, der alle niedrige Bedürfnisse der Erde nur dienen und selbst zu
ihr führen sollen. Unsre Vernunftfähigkeit soll zur Vernunft, unsre feinern
Sinne zur Kunst, unsre Triebe zur echten Freiheit und Schöne, unsre
Bewegungskräfte zur Menschenliebe gebildet werden; entweder wissen wir nichts
von unsrer Bestimmung und die Gotteit täuschte uns mit allen ihren Anlagen von
innen und aussen (welche Lästerung auch nicht einmal einen Sinn hat), oder wir
können dieses Zwecks so sicher sein als Gottes und unsers Daseins.
    Und wie selten wird dieser ewige, dieser unendliche Zweck hier erreicht! Bei
ganzen Völkern liegt die Vernunft unter der Tierheit gefangen, das Wahre wird
auf den irresten Wegen gesucht und die Schönheit und Aufrichtigkeit, zu der uns
Gott erschuf, durch Vernachlässigung und Ruchlosigkeit verderbet. Bei wenigen
Menschen ist die gottähnliche Humanität im reinen und weiten Umfange des Worts
eigentliches Studium des Lebens; die meisten fangen nur spät an, daran zu
denken, und auch bei den besten ziehen niedrige Triebe den erhabenen Menschen
zum Tier hinunter. Wer unter den Sterblichen kann sagen, dass er das reine Bild
der Menschheit, das in ihm liegt, erreiche oder erreicht habe?
    Entweder irrte sich also der Schöpfer mit dem Ziel, das er uns vorsteckte,
und mit der Organisation, die er zu Erreichung desselben so künstlich
zusammengeleitet hat, oder dieser Zweck geht über unser Dasein hinaus, und die
Erde ist nur ein Übungsplatz, eine Vorbereitungsstätte. Auf ihr musste freilich
noch viel Niedriges dem Erhabensten zugesellet werden, und der Mensch im ganzen
ist nur eine kleine Stufe über das Tier erhoben. Ja auch unter den Menschen
selbst musste die grösseste Verschiedenheit stattfinden, da alles auf der Erde so
vielartig ist und in manchen Gegenden und Zuständen unser Geschlecht so tief
unter dem Joch des Klima und der Notdurft lieget. Der Entwurf der bildenden
Vorsehung musste also alle diese Stufen, diese Zonen, diese Abartungen mit einem
Blick umfasst haben und den Menschen in ihnen allen weiter zu führen wissen, wie
er die niedrigen Kräfte allmählich und ihnen unbewusst höher führet. Es ist
befremdend und doch unleugbar, dass unter allen Erdbewohnern das menschliche
Geschlecht dem Ziel seiner Bestimmung am meisten fernbleibt. Jedes Tier
erreicht, was es in seiner Organisation erreichen soll; der einzige Mensch
erreicht's nicht, eben weil sein Ziel so hoch, so weit, so unendlich ist und er
auf unsrer Erde so tief, so spät, mit so viel Hindernissen von aussen und innen
anfängt. Dem Tier ist die Muttergabe der Natur, sein Instinkt, der sichre
Führer; es ist noch als Knecht im Hause des obersten Vaters und muss gehorchen.
Der Mensch ist schon als Kind in demselben und soll ausser einigen notdürftigen
Trieben alles, was zur Vernunft und Humanität gehört, erst lernen. Er lernet's
also unvollkommen, weil er mit dem Samen des Verstandes und der Tugend auch
Vorurteile und üble Sitten erbet und in seinem Gange zur Wahrheit und
Seelenfreiheit mit Ketten beschwert ist, die vom Anfange seines Geschlechts
herreichen. Die Fusstapfen, die göttliche Menschen vor und um ihn gezeichnet,
sind mit so viel andern verwirrt und zusammengetreten, in denen Tiere und Räuber
wandelten und leider oft wirksamer waren als jene wenige erwählte, grosse und
gute Menschen. Man würde also (wie es auch viele getan haben) die Vorsehung
anklagen müssen, dass sie den Menschen so nah ans Tier grenzen lassen und ihm, da
er dennoch nicht Tier sein sollte, den Grad von Licht, Festigkeit und Sicherheit
versagt habe, der seiner Vernunft statt des Instinkts hätte dienen können; oder
dieser dürftige Anfang ist eben seines unendlichen Fortganges Zeuge. Der Mensch
soll sich nämlich diesen Grad des Lichts und der Sicherheit durch Übung selbst
erwerben, damit er unter der Leitung seines Vaters ein edler Freier durch eigne
Bemühung werde, und er wird's werden. Auch der Menschenähnliche wird Mensch
sein; auch die durch Kälte und Sonnenbrand erstarrte und verdorrte Knospe der
Humanität wird aufblühen zu ihrer wahren Gestalt, zu ihrer eigentlichen und
ganzen Schönheit.
    Und so können wir auch leicht ahnen, was aus unsrer Menschheit allein in
jene Welt übergehen kann: es ist eben diese gottähnliche Humanität, die
verschlossene Knospe der wahren Gestalt der Menschheit. Alles Notdürftige dieser
Erde ist nur für sie; wir lassen den Kalk unsrer Gebeine den Steinen und geben
den Elementen das Ihrige wieder. Alle sinnlichen Triebe, in denen wir wie die
Tiere der irdischen Haushaltung dienten, haben ihr Werk vollbracht; sie sollten
bei dem Menschen die Veranlassung edlerer Gesinnungen und Bemühungen werden, und
damit ist ihr Werk vollendet. Das Bedürfnis der Nahrung sollte ihn zur Arbeit,
zur Gesellschaft, zum Gehorsam gegen Gesetze und Einrichtungen erwecken und ihn
unter ein heilsames, der Erde unentbehrliches Joch fesseln. Der Trieb der
Geschlechter sollte Geselligkeit, väterliche, eheliche, kindliche Liebe auch in
die harte Brust des Unmenschen pflanzen und schwere, langwierige Bemühungen für
sein Geschlecht ihm angenehm machen, weil er sie ja für die Seinen, für sein
Fleisch und Blut übernehme. Solche Absicht hatte die Natur bei allen
Bedürfnissen der Erde; jedes derselben sollte eine Mutterhülle sein, in der ein
Keim der Humanität sprosste. Glücklich, wenn er gesprosst ist, er wird unter dem
Strahl einer schönern Sonne Blüte werden. Wahrheit, Schönheit und Liebe waren
das Ziel, nach dem der Mensch in jeder seiner Bemühungen, auch ihm selbst
unbewusst und oft auf so unrechten Wegen, strebte; das Labyrint wird sich
entwirren, die verführenden Zaubergestalten werden schwinden, und ein jeder
wird, fern oder nahe, nicht nur den Mittelpunkt sehn, zu dem sein Weg geht,
sondern du wirst ihn auch, mütterliche Vorsehung, unter der Gestalt des Genius
und Freundes, des er bedarf, mit verzeihender, sanfter Hand selbst zu ihm leiten
34.
    Also auch die Gestalt jener Welt hat uns der gute Schöpfer verborgen, um
weder unser schwaches Gehirn zu betäuben, noch zu ihr eine falsche Vorliebe zu
reizen. Wenn wir indes den Gang der Natur bei den Geschlechtern unter uns
betrachten und bemerken, wie die Bildnerin Schritt vor Schritt das Unedlere
wegwirft und die Notdurft mildert, wie sie dagegen das Geistige anbauet, das
Feine feiner ausführt und das Schöne schöner belebet, so können wir ihrer
unsichtbaren Künstlerhand gewiss zutrauen, dass auch die Effloreszenz unsrer
Knospe der Humanität in jenem Dasein gewiss in einer Gestalt erscheinen werde,
die eigentlich die wahre göttliche Menschengestalt ist und die kein Erdensinn
sich in ihrer Herrlichkeit und Schöne zu dichten vermöchte. Vergeblich ist's
also auch, dass wir dichten; und ob ich wohl überzeugt bin, dass, da alle Zustände
der Schöpfung aufs genaueste zusammenhangen, auch die organische Kraft unsrer
Seele in ihren reinsten und geistigen Übungen selbst den Grund zu ihrer
künftigen Erscheinung lege oder dass sie wenigstens, ihr selbst unwissend, das
Gewebe anspinne, das ihr so lange zur Bekleidung dienen wird, bis der Strahl
einer schönern Sonne ihre tiefsten, ihr selbst hier verborgnen Kräfte wecket, so
wäre es doch Kühnheit, dem Schöpfer Bildungsgesetze zu einer Welt vorzuzeichnen,
deren Verrichtungen uns noch so wenig bekannt sind. Gnug, dass alle
Verwandlungen, die wir in den niedrigen Reichen der Natur bemerken,
Vervollkommungen sind und dass wir also wenigstens Winke dahin haben, wohin wir
höherer Ursachen wegen zu schauen unfähig waren. Die Blume erscheint unserm Auge
als ein Samensprösschen, sodenn als Keim; der Keim wird Knospe, und nun erst
geht das Blumengewächs hervor, das seine Lebensalter in dieser Ökonomie der
Erde anfängt. Ähnliche Auswirkungen und Verwandlungen gibt es bei mehrern
Geschöpfen, unter denen der Schmetterling ein bekanntes Sinnbild geworden.
Siehe, da kriecht die hässliche, einem groben Nahrungstriebe dienende Raupe; ihre
Stunde kommt, und Mattigkeit des Todes befällt sie; sie stemmet sich an, sie
windet sich ein; sie hat das Gespinst zu ihrem Totengewande sowie zum Teil die
Organe ihres neuen Daseins schon in sich. Nun arbeiten die Ringe, nun streben
die inwendigen organischen Kräfte. Langsam geht die Verwandlung zuerst und
scheint Zerstörung: zehn Füsse bleiben an der abgestreiften Haut, und das neue
Geschöpf ist noch unförmlich in seinen Gliedern. Allmählich bilden sich diese
und treten in Ordnung; das Geschöpf aber erwacht nicht eher, bis es ganz da ist:
nun dränget es sich ans Licht, und schnell geschiehet die letzte Ausbildung.
Wenige Minuten, und die zarten Flügel werden fünfmal grösser, als sie noch eben
unter der Todeshülle waren; sie sind mit elastischer Kraft und mit allem Glanz
der Strahlen begabt, der unter dieser Sonne nur stattfand, zahlreich und gross,
um das Geschöpf wie auf Schwingen des Zephyrs zu tragen. Sein ganzer Bau ist
verändert: statt der groben Blätter, zu denen es vorhin gebildet war, geniesst es
jetzt Nektartau vom goldnen Kelch der Blumen. Seine Bestimmung ist verändert:
statt des groben Nahrungstriebes dient es einem feinern, der Liebe. Wer würde in
der Raupengestalt den künftigen Schmetterling ahnen? Wer würde in beiden ein und
dasselbe Geschöpf erkennen, wenn es uns die Erfahrung nicht zeigte? Und beide
Existenzen sind nur Lebensalter eines und desselben Wesens auf einer und
derselben Erde, wo der organische Kreis gleichartig wieder anfängt: Wie schöne
Ausbildungen müssen im Schoss der Natur ruhn, wo ihr organischer Zirkel weiter
ist und die Lebensalter, die sie ausbildet, mehr als eine Welt umfassen. Hoffe
also, o Mensch, und weissage nicht: der Preis ist dir vorgesteckt, um den
kämpfe. Wirf ab, was unmenschlich ist: strebe nach Wahrheit, Güte und
gottähnlicher Schönheit, so kannst du deines Ziels nicht verfehlen.
    Und so zeigt uns die Natur auch in diesen Analogien werdender, d. i.
übergehender Geschöpfe, warum sie den Todesschlummer in ihr Reich der Gestalten
einwebte. Er ist die wohltätige Betäubung, die ein Wesen umhüllet, in dem jetzt
die organischen Kräfte zur neuen Ausbildung streben. Das Geschöpf selbst mit
seinem wenigern oder mehrern Bewusstsein ist nicht stark gnug, ihren Kampf zu
übersehn oder zu regieren; es entschlummert also und erwacht nur, wenn es
ausgebildet da ist. Auch der Todesschlaf ist also eine väterliche milde
Schonung; er ist ein heilsames Opium, unter dessen Wirkung die Natur ihre Kräfte
sammlet und der entschlummerte Kranke geneset.
 
                                       VI
Der jetzige Zustand der Menschen ist wahrscheinlich das verbindende Mittelglied
                                 zweener Welten
    Alles ist in der Natur verbunden: ein Zustand strebt zum andern und bereitet
ihn vor. Wenn also der Mensch die Kette der Erdorganisation als ihr höchstes und
letztes Glied schloss, so fängt er auch eben dadurch die Kette einer höhern
Gattung von Geschöpfen als ihr niedrigstes Glied an; und so ist er
wahrscheinlich der Mittelring zwischen zwei ineinandergreifenden Systemen der
Schöpfung. Auf der Erde kann er in keine Organisation mehr übergehen, oder er
müsste rückwärts und sich im Kreise umhertaumeln; stillstehen kann er nicht, da
keine lebendige Kraft im Reich der wirksamsten Güte ruhet; also muss ihm eine
Stufe bevorstehn, die so dicht an ihm und doch über ihm so erhaben ist, als er,
mit dem edelsten Vorzuge geschmückt, ans Tier grenzet. Diese Aussicht, die auf
allen Gesetzen der Natur ruhet, gibt uns allein den Schlüssel seiner wunderbaren
Erscheinung, mitin die einzige Philosophie der Menschengeschichte. Denn nun
wird
    1. der sonderbare Widerspruch klar, in dem sich der Mensch zeigt. Als Tier
dienet er der Erde und hangt an ihr als seiner Wohnstätte; als Mensch hat er den
Samen der Unsterblichkeit in sich, der einen andern Pflanzgarten fodert. Als
Tier kann er seine Bedürfnisse befriedigen, und Menschen, die mit ihnen
zufrieden sind, befinden sich sehr wohl hienieden. Sobald er irgendeine edlere
Anlage verfolgt, findet er überall Unvollkommenheiten und Stückwerk; das Edelste
ist auf der Erde nie ausgeführt worden, das Reinste hat selten Bestand und Dauer
gewonnen; für die Kräfte unsers Geistes und Herzens ist dieser Schauplatz immer
nur eine Übungs- und Prüfungsstätte. Die Geschichte unsers Geschlechts mit ihren
Versuchen, Schicksalen, Unternehmungen und Revolutionen beweiset dies sattsam.
Hie und da kam ein Weiser, ein Guter und streuete Gedanken, Ratschläge und Taten
in die Flut der Zeiten; einige Wellen kreiseten sich umher, aber der Strom riss
sie hin und nahm ihre Spur weg; das Kleinod ihrer edlen Absichten sank zu
Grunde. Narren herrschten über die Ratschläge der Weisen, und Verschwender
erbten die Schätze des Geistes ihrer sammlenden Eltern. Sowenig das Leben des
Menschen hienieden auf eine Ewigkeit berechnet ist, sowenig ist die runde, sich
immer bewegende Erde eine Werkstätte bleibender Kunstwerke, ein Garten ewiger
Pflanzen, ein Lustschloss ewiger Wohnung. Wir kommen und gehen; jeder Augenblick
bringt Tausende her und nimmt Tausende hinweg von der Erde: sie ist eine
Herberge für Wandrer, ein Irrstern, auf dem Zugvögel ankommen und Zugvögel
wegeilen. Das Tier lebt sich aus, und wenn es auch höhern Zwecken zufolge sich
den Jahren nach nicht auslebet, so ist doch sein innerer Zweck erreicht; seine
Geschicklichkeiten sind da, und es ist, was es sein soll. Der Mensch allein ist
im Widerspruch mit sich und mit der Erde; denn das ausgebildetste Geschöpf unter
allen ihren Organisationen ist zugleich das unausgebildetste in seiner eignen
neuen Anlage, auch wenn er lebenssatt aus der Welt wandert. Die Ursache ist
offenbar die, dass sein Zustand, der letzte für diese Erde, zugleich der erste
für ein andres Dasein ist, gegen den er wie ein Kind in den ersten Übungen hier
erscheinet. Er stellet also zwo Welten auf einmal dar; und das macht die
anscheinende Duplizität seines Wesens.
    2. Sofort wird klar, welcher Teil bei den meisten hienieden der herrschende
sein werde. Der grösseste Teil der Menschen ist Tier; zur Humanität hat er bloss
die Fähigkeit auf die Welt gebracht, und sie muss ihm durch Mühe und Fleiss erst
angebildet werden. Wie wenigen ist es nun auf die rechte Weise angebildet
worden! Und auch bei den Besten, wie fein und zart ist die ihnen aufgepflanzte
göttliche Blume, Lebenslang will das Tier über den Menschen herrschen, und die
meisten lassen es nach Gefallen über sich regieren. Es ziehet also unaufhörlich
nieder, wenn der Geist hinauf, wenn das Herz in einen freien Kreis will; und da
für ein sinnliches Geschöpf die Gegenwart immer lebhafter ist als die Entfernung
und das Sichtbare mächtiger auf dasselbe wirkt als das Unsichtbare, so ist
leicht zu erachten, wohin die Waage der beiden Gewichte überschlagen werde. Wie
wenig reiner Freuden, wie wenig reiner Erkenntnis und Tugend ist der Mensch
fähig! Und wenn er ihrer fähig wäre, wie wenig ist er an sie gewöhnt! Die
edelsten Verbindungen hienieden werden von niedrigen Trieben, wie die Schiffahrt
des Lebens von widrigen Winden, gestört, und der Schöpfer, barmherzigstrenge,
hat beide Verwirrungen ineinander geordnet, um eine durch die andere zu zähmen
und die Sprosse der Unsterblichkeit mehr durch rauhe Winde als durch
schmeichelnde Weste in uns zu erziehen. Ein vielversuchter Mensch hat viel
gelernet; ein träger und müssiger weiss nicht, was in ihm liegt, noch weniger weiss
er mit selbstgefühlter Freude, was er kann und vermag Das Leben ist also ein
Kampf, und die Blume der reinen, unsterblichen Humanität eine schwererrungene
Krone. Den Läufern steht das Ziel am Ende; den Kämpfern um die Tugend wird der
Kranz im Tode.
    3. Wenn höhere Geschöpfe also auf uns blicken, so mögen sie uns wie wir die
Mittelgattungen betrachten, mit denen die Natur aus einem Element ins andre
übergehet. Der Strauss schwingt matt seine Flügel nur zum Lauf, nicht zum Fluge;
sein schwerer Körper zieht ihn zum Boden. Indessen, auch für ihn und für jedes
Mittelgeschöpf hat die organisierende Mutter gesorget: auch sie sind in sich
vollkommen und scheinen nur unserm Auge unförmlich. So ist's auch mit der
Menschennatur hienieden: ihr Unförmliches fällt einem Erdengeist schwer auf; ein
höherer Geist aber, der in das Inwendige blickt und schon mehrere Glieder der
Kette sieht, die füreinander gemacht sind, kann uns zwar bemitleiden, aber
nicht verachten. Er sieht, warum Menschen in so vielerlei Zuständen aus der
Welt gehen müssen, jung und alt, töricht und weise, als Greise, die zum
zweitenmal Kinder wurden, oder gar als Ungeborne. Wahnsinn und Missgestalten,
alle Stufen der Kultur, alle Verirrungen der Menschheit umfasste die allmächtige
Güte und hat Balsam gnug in ihren Schätzen, auch die Wunden, die nur der Tod
lindern konnte, zu heilen. Da wahrscheinlich der künftige Zustand so aus dem
jetzigen hervorsprosst wie der unsre aus dem Zustande niedrigerer Organisationen,
so ist ohne Zweifel auch das Geschäft desselben näher mit unserm jetzigen Dasein
verknüpft, als wir denken. Der höhere Garte blühet nur durch die Pflanzen, die
hier keimten und unter einer rauhen Hülle die ersten Sprösschen trieben. Ist nun,
wie wir gesehen haben, Geselligkeit, Freundschaft, wirksame Teilnehmung beinahe
der Hauptzweck, worauf die Humanität in ihrer ganzen Geschichte der Menschheit
angelegt ist, so muss diese schönste Blüte des menschlichen Lebens notwendig dort
zu der erquickenden Gestalt, zu der umschattenden Höhe gelangen, nach der in
allen Verbindungen der Erde unser Herz vergebens dürstet. Unsre Brüder der
höhern Stufe lieben uns daher gewiss mehr und reiner, als wir sie suchen und
lieben können; denn sie übersehen unsern Zustand klärer; der Augenblick der Zeit
ist ihnen vorüber, alle Disharmonien sind aufgelöset, und sie erziehen an uns
vielleicht unsichtbar ihres Glückes Teilnehmer, ihres Geschäfts Brüder. Nur
einen Schritt weiter, und der gedrückte Geist kann freier atmen, das verwundete
Herz ist genesen; sie sehen den Schritt herannahn und helfen dem Gleitenden
mächtig hinüber.
    4. Ich kann mir also auch nicht vorstellen, dass, da wir eine Mittelgattung
von zwo Klassen und gewissermassen die Teilnehmer beider sind, der künftige
Zustand von dem jetzigen so fern und ihm so ganz unmitteilbar sein sollte, als
das Tier im Menschen gern glauben möchte; vielmehr werden mir in der Geschichte
unsres Geschlechts manche Schritte und Erfolge ohne höhere Einwirkung
unbegreiflich. Dass z.B. der Mensch sich selbst auf den Weg der Kultur gebracht
und ohne höhere Anleitung sich Sprache und die erste Wissenschaft erfunden,
scheinet mir unerklärlich und immer unerklärlicher, je einen längern rohen
Tierzustand man bei ihm voraussetzt. Eine göttliche Haushaltung hat gewiss über
dem menschlichen Geschlecht von seiner Entstehung an gewaltet und hat es auf die
ihm leichteste Weise zu seiner Bahn geführet. Je mehr aber die menschliche
Kräfte selbst in Übung waren, desto weniger bedorften sie teils dieser höhern
Beihülfe oder desto minder wurden sie ihrer fähig, obwohl auch in spätern Zeiten
die grössesten Wirkungen auf der Erde durch unerklärliche Umstände entstanden
sind oder mit ihnen begleitet gewesen. Selbst Krankheiten waren dazu oft
Werkzeuge; denn wenn das Organ aus seiner Proportion mit andern gesetzt und also
für den gewöhnlichen Kreis des Erdelebens unbrauchbar worden ist, so scheint's
natürlich, dass die innere rastlose Kraft sich nach andern Seiten des Weltalls
kehre und vielleicht Eindrücke empfange, deren eine ungestörte Organisation
nicht fähig war, deren sie aber auch nicht bedorfte. Wie dem aber auch sei, so
ist's gewiss ein wohltätiger Schleier, der diese und jene Welt absondert, und
nicht ohne Ursach ist's so still und stumm um das Grab eines Toten. Der
gewöhnliche Mensch auf dem Gange seines Lebens wird von Eindrücken entfernt,
deren ein einziger den ganzen Kreis seiner Ideen zerrütten und ihn für diese
Welt unbrauchbar machen würde. Kein nachahmender Affe höherer Wesen sollte der
zur Freiheit erschaffene Mensch sein, sondern, auch wo er geleitet wird, im
glücklichen Wahn stehen, dass er selbst handle. Zu seiner Beruhigung und zu dem
edlen Stolz, auf dem seine Bestimmung liegt, ward ihm der Anblick edlerer Wesen
entzogen; denn wahrscheinlich würden wir uns selbst verachten, wenn wir diese
kennten. Der Mensch also soll in seinen künftigen Zustand nicht hineinschauen,
sondern sich hineinglauben.
    5. So viel ist gewiss, dass in jeder seiner Kräfte eine Unendlichkeit liegt,
die hier nur nicht entwickelt werden kann, weil sie von andern Kräften, von
Sinnen und Trieben des Tiers unterdrückt wird und zum Verhältnis des Erdelebens
gleichsam in Banden lieget. Einzelne Beispiele des Gedächtnisses, der
Einbildungskraft, ja gar der Vorhersagung und Ahnung haben Wunderdinge entdeckt
von dem verborgenen Schatz, der in menschlichen Seelen ruhet; ja sogar die Sinne
sind davon nicht ausgeschlossen Dass meistens Krankheiten und gegenseitige Mängel
diese Schätze zeigten, ändert in der Natur der Sache nichts, da eben diese
Disproportion erfordert wurde, dem einen Gewicht seine Freiheit zu geben und die
Macht desselben zu zeigen. Der Ausdruck Leibniz', dass die Seele ein Spiegel des
Weltalls sei, entält vielleicht eine tiefere Wahrheit, als die man aus ihm zu
entwickeln pfleget; denn auch die Kräfte eines Weltalls scheinen in ihr
verborgen, und sie bedarf nur einer Organisation oder einer Reihe von
Organisationen, diese in Tätigkeit und Übung setzen zu dörfen. Der Allgütige
wird ihr diese Organisationen nicht versagen, und er gängelt sie als ein Kind,
sie zur Fülle des wachsenden Genusses, im Wahn eigen erworbener Kräfte und Sinne
allmählich zu bereiten. Schon in ihren gegenwärtigen Fesseln sind ihr Raum und
Zeit leere Worte: sie messen und bezeichnen Verhältnisse des Körpers, nicht aber
ihres innern Vermögens, das über Raum und Zeit hinaus ist, wenn es in seiner
vollen innigen Freude wirket. Um Ort und Stunde deines künftigen Daseins gib dir
also keine Mühe; die Sonne, die deinem Tage leuchtet, misset dir deine Wohnung
und dein Erdengeschäft und verdunkelt dir so lange alle himmlischen Sterne.
Sobald sie untergeht, erscheint die Welt in ihrer grössern Gestalt; die heilige
Nacht, in der du einst eingewickelt lagest und einst eingewickelt liegen wirst,
bedeckt deine Erde mit Schatten und schlägt dir dafür am Himmel die glänzenden
Bücher der Unsterblichkeit auf. Da sind Wohnungen, Welten und Räume -
 In voller Jugend glänzen sie,
 Da schon Jahrtausende vergangen:
 Der Zeiten Wechsel raubet nie
 Das Licht von ihren Wangen.
 Hier aber unter unserm Blick
 Verfällt, vergeht, verschwindet alles:
 Der Erde Pracht, der Erde Glück
 Droht eine Zeit des Falles.
    Sie selbst wird nicht mehr sein, wenn du noch sein wirst und in andern
Wohnplätzen und Organisationen Gott und seine Schöpfung geniessest. Du hast auf
ihr viel Gutes genossen. Du gelangtest auf ihr zu der Organisation, in der du
als ein Sohn des Himmels um dich her und über dich schauen lerntest. Suche sie
also vergnügt zu verlassen und segne ihr als der Aue nach, wo du als ein Kind
der Unsterblichkeit spieltest, und als der Schule nach, wo du durch Leid und
Freude zum Mannesalter erzogen wurdest. Du hast weiter kein Anrecht an sie, sie
hat kein Anrecht an dich; mit dem Hut der Freiheit gekrönt und mit dem Gurt des
Himmels gegürtet, setze fröhlich deinen Wanderstab weiter.
    Wie also die Blume dastand und in aufgerichteter Gestalt das Reich der
unterirdischen, noch unbelebten Schöpfung schloss, um sich im Gebiet der Sonne
des ersten Lebens zu freuen, so stehet über allen zur Erde Gebückten der Mensch
wieder aufrecht da. Mit erhabnem Blick und aufgehobnen Händen stehet er da, als
ein Sohn des Hauses den Ruf seines Vaters erwartend.
 
                                  Zweiter Teil
    Homo sum, humani nihil a me alienum esse puto.
                                                                         Terent.
    Ich bin ein Mensch, und nichts, was die Menschheit betrifft, ist mir fremde.
                                                Terentius, »Heautontimorumenos«,
                                                                   I, 1, Vers 25
 
                                 Sechstes Buch
    Wir haben bisher die Erde als einen Wohnplatz des Menschengeschlechts
überhaupt betrachtet und sodann die Stelle zu bemerken gesucht, die der Mensch
in der Reihe der Lebendigen auf ihr einnimmt. Lasset uns jetzt, nachdem wir die
Idee seiner Natur überhaupt festgestellet haben, die verschiednen Erscheinungen
betrachten, in denen er sich auf diesem runden Schauplatz zeigt.
    Aber wer gibt uns einen Leitfaden in diesem Labyrint? Welchen sichern
Fusstritten dörfen wir folgen? Wenigstens soll kein trügendes Prachtkleid einer
angemassten Allwissenheit die Mängel verhüllen, die der Geschichtschreiber der
Menschheit und noch viel mehr der Philosoph dieser Geschichte notwendig mit sich
träget; denn nur der Genius unsres Geschlechts übersiehet desselben ganze
Geschichte. Wir fangen von den Verschiedenheiten in der Organisation der Völker
an, wenn auch aus keinem andern Grunde, so daher, weil man sogar schon in den
Lehrbüchern der Naturgeschichte diese Verschiedenheiten bemerket.
 
                                       I
                Organisation der Völker in der Nähe des Nordpols
    Noch ist es keinem Seefahrer gelungen, auf der Achse unsrer Erde zu stehn35
und vielleicht vom Nordpol her einigen nähern Aufschluss der Konstruktion ihres
Ganzen zu holen; indessen sind wir schon weit über die bewohnbare Erde
hinübergelangt und haben Gegenden beschrieben, die man den kalten und nackten
Eistron der Natur nennen möchte. Hier sind die Wunderdinge unsrer Erdschöpfung
gesehen, die kein Anwohner des Äquators glauben würde, jene ungeheuren Massen
schön gefärbter Eisklumpen, jene prächtigen Nordlichter, wunderbare Täuschungen
des Auges durch die Luft, und bei der grossen Kälte von oben die oft warmen
Erdklüfte.36 In steilen, zerfallnen Felsen scheint sich der hervorgehende Granit
viel weiter hinauf zu erstrecken, als er's beim Südpol tun konnte, so wie
überhaupt dem grössten Teil nach die bewohnbare Erde auf dem nordlichen Hemisphär
ruhet. Und da das Meer der erste Wohnplatz der Lebendigen war, so kann man das
nordliche Meer mit der grossen Fülle seiner Bewohner noch jetzt als eine
Gebärmutter des Lebens und die Ufer desselben als den Rand betrachten, auf dem
sich in Moosen, Insekten und Würmern die Organisation der Erdgeschöpfe anfängt.
Seevögel begrüssen das Land, das noch weniges eignes Gefieder nähret; Meertiere
und Amphibien kriechen hervor, um sich am seltnen Strahl der ländlichen Sonne zu
wärmen. Mitten im regsten Getümmel des Wassers zeigt sich gleichsam die Grenze
der lebendigen Erdeschöpfung.
    Und wie hat sich die Organisation des Menschen auf dieser Grenze erhalten?
Alles, was die Kälte an ihm tun konnte, war, dass sie seinen Körper etwas
zusammendrückte und den Umlauf seines Bluts gleichsam verengte. Der Grönländer
bleibt meistens unter fünf Fuss, und die Eskimos, seine Brüder, werden kleiner,
je weiter nach Norden sie wohnen.37 Da aber die Lebenskraft von innen heraus
wirkt, so ersetzte sie ihm an warmer und zäher Dichtigkeit, was sie ihm an
emporstrebender Länge nicht geben konnte. Sein Kopf ward in Verhältnis des
Körpers gross, das Gesicht breit und platt, weil die Natur, die nur in der
Mässigung und Mitte zwischen zwei Extremen schön wirket, hier noch kein sanftes
Oval ründen und insonderheit die Zierde des Gesichts und, wenn ich so sagen
darf, den Balken der Waage, die Nase, noch nicht hervortreten lassen konnte. Da
die Backen die grössere Breite des Gesichts einnahmen, so ward der Mund klein und
rund; die Haare blieben sträubig, weil, weiche und seidene Haare zu bilden, es
an feinem, emporgetriebenen Saft fehlte; das Auge blieb unbeseelt.
Gleichergestalt formten sich starke Schultern und breite Glieder, der Leib ward
blutreich und fleischig; nur Hände und Füsse blieben klein und zart, gleichsam
die Sprossen und äussersten Teile der Bildung. Wie die äussere Gestalt, so verhält
sich auch von innen die Reizbarkeit und Ökonomie der Säfte. Das Blut fliesst
träger, und das Herz schlägt matter, daher hier der schwächere Geschlechtstrieb,
dessen Reize mit der zunehmenden Wärme anderer Länder so ungeheuer wachsen. Spät
erwachet derselbe: die Unverheirateten leben züchtig, und die Weiber müssen zur
beschwerlichen Ehe fast gezwungen werden Sie gebären weniger, so dass sie die
vielgebärenden, lüsternen Europäer mit den Hunden vergleichen. In ihrer Ehe
sowie in ihrer ganzen Lebensart herrscht eine stille Sittsamkeit, ein zähes
Einhalten der Affekten. Unfühlbar für jene Reizungen, mit denen ein wärmeres
Klima auch flüchtigere Lebensgeister bildet, leben und sterben sie still und
verträglich, gleichgültig-vergnügt und nur aus Notdurft tätig. Der Vater erzieht
seinen Sohn mit und zu jener gefassten Gleichgültigkeit, die sie für die Tugend
und Glückseligkeit des Lebens achten, und die Mutter säugt ihr Kind lange und
mit aller tiefen, zähen Liebe der Muttertiere. Was ihnen die Natur an Reiz und
Elastizität der Fibern versagt hat, hat sie ihnen an nachhaltender, dauernder
Stärke gegeben und sie mit jener wärmenden Fettigkeit, mit jenem Reichtum an
Blut, der ihren Aushauch selbst in eingeschlossnen Gebäuden erstickend warm
macht, umkleidet.
    Mich dünkt, es ist niemand, der hiebei nicht die einförmige Hand der
organisierenden Schöpferin, die in allen ihren Werken gleichartig wirkt, gewahr
werde. Wenn die menschliche Länge zurückbleibt, so bleibt es in jenen Gegenden
die Vegetation noch viel mehr wenige, kleine Bäume wachsen, Moose und Gesträuche
kriechen an der Erde. Selbst die mit Eisen beschlagne Messstange kürzete sich im
Frost; und es sollte sich nicht die menschliche Fiber kürzen? Trotz ihres
inwohnenden organischen Lebens. Dies kann aber nur zurückgedrängt und gleichsam
in einen kleinern Kreis der Bildung eingeschlossen werden abermals eine Analogie
der Wirkung bei allen Organisationen. Die äussern Glieder der Seetiere und andern
Geschöpfe der kalten Zone sind klein und zart; die Natur hielt, soviel möglich,
alles zusammen in der Region der innern Wärme: die Vögel daselbst wurden mit
dichten Federn, die Tiere mit einer sie umhüllenden Fettigkeit belegt, wie hier
der Mensch mit seiner blutreichen, wärmenden Hülle. Auch von aussen hat ihnen,
und zwar aus einem und ebendemselben Principium aller Organisationen auf der
Erde, die Natur das versagen müssen, was dieser Komplexion nicht diente. Würze
würden ihren zur innern Fäulung geneigten Körper hinrichten, wie das ihnen
zugebrachte Tollwasser, der Branntwein, so viele hingerichtet hat. Das Klima hat
sie ihnen also versagt und zwingt sie dagegen in ihrem dürftigen Aufentalt und
bei der grossen Liebe zur Ruhe, die ihr innerer Bau befördert, von aussen zur
Tätigkeit und Leibesbewegung, auf welche alle ihre Gesetze und Einrichtungen
gebauet sind. Die wenigen Kräuter, die hier wachsen, sind blutreinigend und also
gerade für ihr Bedürfnis; die äussere Luft ist in hohem Grad dephlogistisiert38,
so dass sie selbst bei toten Körpern der Fäulung widerstehet und ein langes Leben
fördert. Gifttragende Tiere duldet die trockne Kälte nicht, und gegen die
beschwerlichen Insekten schützt sie ihre Unempfindlichkeit, der Rauch und der
lange Winter. So entschädigt die Natur und wirkt harmonisch in allem, was sie
wirket.
    Es wird nicht nötig sein, nach Beschreibung dieser ersten Nation uns bei
denen ihr ähnlichen ebenso ausführlich zu verweilen. Die Eskimos in Amerika
sind, wie an Sitten und Sprache, so auch an Gestalt der Grönländer Brüder. Nur
da diese Elenden als bärtige Fremdlinge von den unbärtigen Amerikanern hoch
hinaufgedrängt sind, so müssen sie grösstenteils auch flüchtiger und mühseliger
leben; ja, sie werden, hartes Schicksal! zu Winterszeit in ihren Höhlen oft
gezwungen, vom Saugen ihres eignen Blutes sich zu nähren.39 Hier und an einigen
andern Orten der Erde sitzt die harte Notwendigkeit auf dem höchsten Tron, so
dass der Mensch beinah die Lebensart des Bärs ergreifen musste. Und dennoch hat er
sich überall als Mensch erhalten; denn auch in Zügen der scheinbar grössesten
Inhumanität dieser Völker ist, wenn man sie näher erwägt, Humanität sichtbar.
Die Natur wollte versuchen, welcher gewaltsamen Zustände unser Geschlecht fähig
wäre, und es hat seine Probe bestanden.
    Die Lappen bewohnen vergleichungsweise schon einen mildern Erdstrich, wie
sie auch ein milderes Volk sind.40 Die Grösse der menschlichen Gestalt nimmt zu,
die runde Plattigkeit des Gesichts nimmt ab, die Backen senken sich, das Auge
wird dunkelgrau, die schwarzen, stracken Haare färben sich gelbbraun; mit seiner
äussern Bildung tut sich auch die innere Organisation des Menschen voneinander,
wie die Knospe, die sich dem Strahl der mildern Sonne entfaltet.41 Der Berglappe
weidet schon sein Renntier, welches weder der Grönländer noch Eskimo tun
konnten; er gewinnet an ihm Speise und Kleid, Haus und Decke, Bequemlichkeit und
Vergnügen, da der Grönländer am Rande der Erde dies alles meistens im Meere
suchen musste. Der Mensch bekommt also schon ein Landtier zu seinem Freunde und
Diener, bei dem er Künste und eine häuslichere Lebensweise lernet. Es gewöhnet
seine Füsse zum Lauf, seine Arme zur künstlichen Fahrt, sein Gemüt zur Liebe des
Besitzes und eines festern Eigentums, so wie es ihn auch bei der Liebe zur
Freiheit erhält und sein Ohr zu der scheuen Sorgsamkeit gewöhnet, die wir bei
mehrern Völkern dieses Zustandes bemerken werden. Schüchtern wie sein Tier
horcht der Lappländer und fährt beim kleinsten Geräusch auf. Er liebt seine
Lebensart und blickt, wenn die Sonne wiederkehrt, zu den Bergen hinauf, wie sein
Renntier dahin blickt; er spricht mit ihm und es versteht ihn; er sorgt für
dasselbe wie für seinen Reichtum und sein Hausgesinde. Mit dem ersten zähmbaren
Landtier also, das die Natur diesen Gegenden geben konnte, gab sie dem Menschen
auch einen Handleiter zur menschlichern Lebensweise.
    Über die Völker am Eismeer im weiten russischen Reich haben wir ausser so
vielen neuern, allgemein bekannten Reisen, die sie beschreiben, selbst eine
Sammlung von Gemälden derselben, deren Anblick mehr sagt, als meine Beschreibung
sagen könnte.42 So vermischt und verdrängt manche dieser Völker wohnen, so sehen
wir auch die von der verschiedensten Abkunft unter ein Joch der nordischen
Bildung gedruckt und gleichsam an eine Kette des Nordpols geschmiedet. Der
Samojede hat das runde, breite, platte Gesicht, das schwarze, sträubige Haar,
die untersetzte, blutreiche Statur der nördlichen Bildung; nur seine Lippe wird
aufgeworfner , die Nase offner und breiter, der Bart vermindert sich, und wir
werden östlich hin auf einem ungeheuren Erdstrich ihn immer mehr vermindert
sehen. Der Samojede ist also gleichsam der Neger unter den Nordländern, und
seine grosse Reizbarkeit der Nerven, die frühe Mannbarkeit der Samojedinnen im
eilften, zwölften Jahr43, ja wenn die Nachricht wahr ist, der schwarze Ring um
ihre Brüste nebst andern Umständen macht ihn, so kalt er wohne, dem Neger noch
gleicher. Indessen ist er, trotz seiner feinen und hitzigen Natur, die er
wahrscheinlich als Nationalcharakter mitbrachte und die selbst vom Klima nicht
hat bemeistert werden können, doch im ganzen seiner Bildung ein Nordländer. Die
Tungusen44, die südlicher wohnen, ähneln schon dem mongolischen Völkerstamm, von
dem sie dennoch in Sprache und Geschlecht so getrennt sind wie der Samojede und
Ostiak von den Lappen und Grönländern: ihr Körper wird wohlgewachsen und
geschlanker, ihr Auge auf mongolische Art klein, die Lippe dünn, das Haar
weicher; das Gesicht indessen behält noch seine platte Nordbildung. Ein gleiches
ist's mit den Jakuten und Jukagiren, die in die tatarische wie jene in die
mongolische Bildung überzugehen scheinen, ja mit den tatarischen Stämmen selbst.
Am Schwarzen und Kaspischen Meer, am Kaukasus und Ural, also zum Teil in den
gemässigtsten Erdstrichen der Welt, geht die Bildung der Tataren ins Schönere
über. Ihre Gestalt wird schlank und hager; der Kopf zieht sich aus der plumpen
Ründe in ein schöneres Oval; die Farbe wird frisch; wohlgegliedert und trocken
tritt die Nase hervor; das Auge wird lebhaft, das Haar dunkelbraun, der Gang
munter, die Miene gefällig-bescheiden und schüchtern: je näher also den
Gegenden, wo die Fülle der Natur in lebendigen Wesen zunimmt, wird auch die
Menschenorganisation verhältnismässiger und feiner. Je nördlicher herauf oder je
weiter in die kalmuckischen Steppen hinein, desto mehr platten oder verwildern
sich die Gesichtszüge auf nordische oder kalmuckische Weise. Allerdings kommt
hiebei auch vieles auf die Lebensart des Volks, auf die Beschaffenheit seines
Bodens, auf seine Abkunft und Mischung mit andern an. Die Gebürgtatarn erhalten
ihre Züge reiner, als die in Steppen und Ebnen wohnen. Völkerschaften, die den
Dörfern und Städten nahe sind, mildern und mischen auch mehr ihre Sitten und
Züge. Je weniger ein Volk verdrängt wird, je mehr es seiner einfachen, rauhen
Lebensart treu bleiben muss, desto mehr erhält es auch seine Bildung. Man wird
also, da auf dieser grossen, zum Meer abhangenden Tafel der Tatarei so viele
Streifereien und Umwälzungen vorgegangen sind, die mehr ineinandergemengt haben,
als Gebürge, Wüsten und Ströme absondern konnten, auch die Ausnahmen von der
Regel bemerken; und sodann bestätigen diese auch die Regel: denn unter die
nordische, tatarische und mongolische Bildung ist alles geteilet.
 
                                       II
           Organisation der Völker um den asiatischen Rücken der Erde
    Da viele Wahrscheinlichkeiten es geben, dass um diesen Erdrücken das
menschliche Geschlecht seinen ersten Wohnplatz gefunden, so ist man geneigt, auf
demselben auch die schönste Menschengattung zu suchen; wie sehr trügt uns aber
diese Erwartung! Die Bildung der Kalmucken und Mongolen ist bekannt: sie hat
nebst der mittlern Grösse wenigstens in Resten das platte Gesicht, den dünnen
Bart, die braune Farbe des nördlichen Klima, zeichnet sich aber dabei durch die
gegen die Nase schief ablaufenden, flach ausgefüllten Augenwinkel, durch
schmale, schwarze, wenig gebogne Augbranen , durch eine kleine, platte, gegen
die Stirn zu breite Nase, durch abstehende grosse Ohren, krumme Schenkel und
Beine und das weisse, starke Gebiss aus45, das nebst der ganzen Gesichtsbildung
ein Raubtier unter den Menschen zu charakterisieren scheinet. Woher nun diese
Bildung? Die gebognen Knie und Beine finden am ersten ihren Grund in der
Lebensweise des Volkes. Von Kindheit auf rutschen sie auf ihren Beinen oder
hangen auf dem Pferde; in Sitzen oder Reiten teilt sich ihr Leben, und die
einzige Stellung, die dem menschlichen Fuss seine gerade schöne Gestalt gibt, der
Gang, ist ihnen bis auf wenige Schritte sogar fremde. Sollte nun nicht auch
mehreres von ihrer Lebensart in ihre Bildung übergegangen sein? Das abstehende
tierische Ohr, das gleichsam immer lauscht und horchet, das kleine scharfe Auge,
das in der weitesten Ferne den kleinsten Rauch oder Staub gewahr wird, der weisse
hervorbleckende, knochenbenagende Zahn, der dicke Hals und die zurückgebogne
Stellung ihres Kopfs auf demselben: sind diese Züge nicht gleichsam zur
Bestandheit gediehene Gebärden und Charaktere ihrer Lebensweise? Setzen wir nun
noch hinzu, dass, wie Pallas sagt, ihre Kinder oft bis ins zehnte Jahr im Gesicht
unförmlich, aufgedunsen und von einem kakochymischen Ansehen sind, bis sie durch
das Auswachsen wohlgebildeter werden; bemerken wir, dass grosse Strecken von ihren
Gegenden keinen Regen, wenig oder wenigstens kein reines Wasser haben und dass
ihnen von Kindheit auf das Baden beinah eine ganz fremde Sache werde; denken wir
uns die Salzseen, den Salzboden, die Salzmoräste, an denen sie wohnen, deren
kalischen Geschmack sie auch in Speisen und sogar in dem Strom von Teewasser
lieben, mit dem sie täglich ihre Verdauung schwächen; fügen wir auf der Erdhöhe,
die sie bewohnen, die feinere Luft, die trocknen Winde, die kalischen
Ausdünstungen, den langen Winter im Anblick des Schnees und im Rauch ihrer Hütte
und noch eine Reihe kleinerer Umstände hinzu: sollte es nicht wahrscheinlich
sein, dass vor Jahrtausenden schon, da vielleicht einige dieser Ursachen noch
viel stärker wirkten, eben hieraus ihre Bildung entstanden und zur erblichen
Natur übergegangen wäre? Nichts erquickt unsern Körper mehr und macht ihn
gleichsam sprossender und fester als das Waschen und Baden im Wasser, zumal mit
Gehen, Laufen, Ringen und andrer Leibesübung verbunden. Nichts schwächt den
Körper mehr als das warme Getränk, das sie ohne Mass in sich schlürfen und das
sie überdem noch mit zusammenziehenden kalischen Salzen würzen. Daher, wie schon
Pallas angemerkt hat, die schwächliche, weibische Gestalt der Mongolen und
Buräten, dass fünf und sechs derselben mit allen Kräften nicht ausrichten, was
ein Russe zu tun vermag; daher ihr besonders leichter Körper, mit dem sie auf
ihren kleinen Pferden gleichsam nur fliegen und schweben; daher endlich auch die
Kakochymie, die auf ihre Kinder übergehen konnte. Selbst einige angrenzende
tatarische Stämme werden mit den Zügen der mongolischen Bildung geboren, die sie
aber verwachsen; daher wahrscheinlich einige Ursachen klimatisch sein müssen,
die mehr oder minder durch Lebensart und Abstammung in den Gliederbau des Volkes
eingepfropft und vererbt sind. Wenn Russen oder Tataren sich mit den Mongolen
mischen, sollen schöne Kinder geboren werden, so wie es denn auch unter ihnen,
nur auf mongolische Weise, sehr zarte und proportionierte Gestalten geben soll.
46 Auch hier ist sich also die Natur in ihrer Organisation treu geblieben:
nomadische Völker unter diesem Himmel, auf diesem Erdstrich, bei solcher
Lebensweise mussten zu solchen leichten Raubgeiern werden.
    Und weit umher erstrecken sich. Züge ihrer Bildung; denn wohin sind diese
Raubvögel nicht geflogen? Mehr als einmal hat über einem Weltteil ihr siegender
Zug geschwebet. In vielen Ländern Asiens haben sich also Mongolen niedergelassen
und ihre Bildung durch die Züge andrer Völker veredelt. Ja früher als diese
Kriegsüberschwemmungen waren jene uralten Wanderungen von diesem frühbewohnten
höchsten Rücken der Erde in viele umliegende Länder. Vielleicht also schon daher
trägt die östliche Weltgegend bis zu den Kamtschadalen hinauf sowie über Tibet
hin längs der Halbinsel jenseit des Ganges Züge mongolischer Bildung. Lasset uns
diesen Erdstrich übersehen, der uns manches Sonderbare zeigt.
    Die meisten Künsteleien der Sinesen an ihrem Körper betreffen mongolische
Züge. Bei jenen Völkern bemerkten wir die ungestalten Füsse und Ohren.
Wahrscheinlich gab, da eine falsche Kultur dazukam, eine ähnliche Ungestalt zu
jenem widernatürlichen Fusszwange, zu jenen abscheulichen Verzerrungen der Ohren,
die vielen Völkern dieses Erdstrichs gewöhnlich sind, Anlass. Man schämte sich
seiner Bildung und wollte verändern, traf aber auf Teile, die, da sie der
Veränderung nachgaben, sich als die hässlichste Schönheit zuletzt vererbten. Die
Sinesen tragen, sofern es die grosse Verschiedenheit ihrer Provinzen und ihrer
Lebensart zulässt, offenbar noch Züge der östlichen Bildung, die auf der
mongolischen Erdhöhe nur am stärksten ins Auge fällt. Das breite Gesicht, die
kleinen schwarzen Augen, die stumpfe Nase, der dünne Bart hat sich in einem
andern Lande nur zu einer weichern, rundern Gestalt klimatisieret, und der
sinesische Geschmack scheint ebensosehr eine Folge übelgeordneter Organe, wie
ihre Regierungsform und Weisheit Despotismus und Rohigkeit mit sich träget. Die
Japonesen, ein Volk von sinesischer Kultur, wahrscheinlich aber von mongolischer
Herkunft47, sind fast durchgehends übel gewachsen, von dickem Kopf, kleinen
Augen, stumpfen Nasen, platten Backen, fast ohne Bart und meistens von schiefen
Beinen. Ihre Regierungsform und Weisheit ist voll gewaltsamen Zwanges, nur ihrem
Lande durchaus bequemet. Eine dritte Art Despotismus herrscht im Tibet, dessen
Gottesdienst sich weit hinan in die barbarischen Steppen ziehet.
    Die östliche Bildung48 ziehet sich mit den Gebürgen auf die Halbinsel
jenseit des Ganges hinunter, wo mit den Bergen sich auch wahrscheinlich die
Völker hinaberstreckten. Das Königreich Assam, das an die Tatarei grenzt,
bezeichnet sich, wenn man den Berichten der Reisenden.49 trauen darf,
insonderheit nördlich durch seine häufigen Kröpfe und platte Nasen. Der
unförmliche Schmuck an den verlängerten Ohren, die grobe Nahrung und Nackteit
in einem so milden Erdstrich sind Charaktere der Barbarei eines rohen Volkes.
Die Arrakaner mit weit offnen Nasen, einer flachen Stirn, kleinen Augen und bis
zu den Schultern hinabgezwängten Ohren zeigen eben diese Missbildung des
östlichen Erdstrichs50. Die Barmen in Ava und Pegu hassen den Bart bis auf sein
kleinstes Haar, wie ihn die Tibetaner und andre höhere Nationen hassen; sie
wollen von ihrer tatarischen Unbärtigkeit auch durch eine reichere Natur nicht
weggebracht sein. So geht's, jedoch nach der Verschiedenheit der Klimate und
Völker, bis in die Inseln herunter.51
    Nordwärts hinauf nicht anders bis zu den Koräken und Kamtschadalen am Ufer
der östlichen Welt. Die Sprache der letzten soll mit der sinesisch-mongolischen
noch einige Ähnlichkeit haben, ob sie gleich in alten Zeiten von diesen Völkern
getrennt sein müssen, da sie den Gebrauch des Eisens noch nicht kannten; ihre
Bildung verleugnet noch nicht ihren Weltstrich.52 Schwarz ist ihr Haar, ihr
Gesicht breit und flach, Nase und Augen tief eingedrückt; und ihren
Geistescharakter, eine scheinbare Anomalie in diesem kalten unwirtbaren Klima
werden wir dennoch demselben angemessen finden. Die Koräken, die Tschhuchtschi,
die Kurilen und weitern östlichen Insulaner endlich53 sind, wie mich dünkt,
allmähliche Übergänge aus der mongolischen in die amerikanische Form; und wenn
wir die nordwestlichen Enden dieses Weltteils, die uns grösstenteils noch
unbekannt sind, wenn wir den innern Teil von Jedso und die grosse Strecke über
Neumexiko hin, die uns noch so leer wie das innere Afrika ist, werden
kennenlernen, so dünkt mich, werden wir der letzten Reise Cooks zufolge54
ziemlich offenbare Schattierungen sich ineinander verlieren sehen.
    Solch einen weiten Strich hat die zum Teil verzerrte, überall aber mehr oder
minder unbärtige östliche Bildung, und dass sie nicht Abstammung von einem Volk
sei, zeigen die mancherlei Sprachen und Sitten der Nationen. Was wäre also ihre
Ursache? Was z. B. hat so verschiedne Völker bewaffnet, gegen den Bart zu
streiten oder sich die Ohren zu zerren oder sich die Nase und Lippen zu
durchbohren? Mich dünkt, eine ursprüngliche Unförmlichkeit muss zum Grunde
gelegen haben, die nachher eine barbarische Kunst zu Hülfe rief und endlich eine
alte Sitte der Väter wurde. Die Abartung der Tiere zeigt sich, ehe sie die
Gestalt ergreift, an Haar und Ohren, weiter hinab an den Füssen, so wie sie auch
im Gesicht zuerst das Kreuz desselben, das Profil, ändert. Wenn die Genealogie
der Völker, die Beschaffenheit dieser weitentlegnen Erdstriche und Länder, am
meisten aber die Abweichungen der innern Physiologie der Völkerschaften mehr
untersucht sein wird, so werden wir auch hierüber nähere Aufschlüsse erhalten.
Und sollte der der Wissenschaften und Nationen kundige Pallas nicht der erste
sein, der uns hierüber ein spicilegium antropologicum gäbe?
 
                                      III
               Organisation des Erdstrichs schöngebildeter Völker
    Mitten im Schoss der höchsten Gebürge liegt das Königreich Kaschmire,
verborgen wie ein Paradies der Welt. Fruchtbare und schöne Hügel sind mit höhern
und höhern Bergen umschlossen, deren letzte sich, mit ewigem Schnee bedeckt, zu
den Wolken erheben. Hier rinnen schöne Bäche und Ströme; das Erdreich schmückt
sich mit gesunden Kräutern und Früchten; Inseln und Gärten stehen im
erquickenden Grün; mit Viehweiden ist alles überdeckt; giftige und wilde Tiere
sind aus diesem Paradiese verbannet. Man könnte, wie Bernier sagt, diese die
unschuldigen Berge nennen, auf denen Milch und Honig fliesst, und die
Menschengattung daselbst ist der Natur nicht unwert. Die Kaschmiren werden für
die geistreichsten und witzigsten Indier gehalten, zur Poesie und Wissenschaft,
zu Hantierungen und Künsten gleich geschickt, die wohlgebildetsten Menschen und
ihre Weiber oft Muster der Schönheit.55
    
    Wie glücklich könnte Indostan sein, wenn nicht Menschenhände sich vereinigt
hätten, den Garten der Natur zu verwüsten und die unschuldigste der
Menschengestalten mit Aberglauben und Unterdrückung zu quälen. Die Hindus sind
der sanftmütigste Stamm der Menschen. Kein Lebendiges beleidigen sie gern; sie
ehren, was Leben bringt, und nähren sich mit der unschuldigsten Speise, der
Milch, dem Reis, den Baumfrüchten, den gesunden Kräutern, die ihnen ihr
Mutterland darbeut. »Ihre Gestalt«, sagt ein neuer Reisender56, »ist gerade,
schlank und schön, ihre Glieder fein proportioniert, ihre Finger lang und
zarttastend, ihr Gesicht offen und gefällig, die Züge desselben sind bei dem
weiblichen Geschlecht die zartesten Linien der Schönheit, bei dem männlichen
einer männlich-sanften Seele. Ihr Gang und ihr ganzes Tragen des Körpers ist im
höchsten Grad anmutig und reizend.« Die Beine und Schenkel, die in allen
nordöstlichen Ländern litten oder affenartig verkürzt waren, verlängern sich
hier und tragen eine spriessende Menschenschönheit. Selbst die mogolische
Bildung, die sich mit diesem Geschlecht vermählte, hat sich in Würde und
Freundlichkeit verwandelt. Und wie die Leibesgestalt ist auch die ursprüngliche
Gestalt ihres Geistes, ja, sofern man sie ohne den Druck des Aberglaubens oder
der Sklaverei betrachtet, ihre Lebensweise. Mässigkeit und Ruhe, ein sanftes
Gefühl und eine stille Tiefe der Seele bezeichnen ihre Arbeit und ihren Genuss,
ihre Sittenlehre und Mytologie, ihre Künste und selbst ihre Duldsamkeit unter
dem äussersten Joch der Menschheit. Glückliche Lämmer, warum konntet ihr nicht
auf eurer Aue der Natur ungestört und sorglos weiden?
    
    Die alten Perser waren ein hässliches Volk von den Gebürgen, wie noch ihre
Reste, die Gauren, zeigen.57 Da aber schwerlich ein Land in Asien so vielen
Einbrüchen ausgesetzt ist als Persien und es gerade unter dem Abhange
wohlgebildeter Völker lag, so hat sich hier eine Bildung zusammengesetzt, die
bei den edleren Persern Würde und Schönheit verbindet Hier liegt Tschirkassien,
die Mutter der Schönheit; zur andern Seite des Kaspischen Meers wohnen
tatarische Stämme, die sich in ihrem schönen Klima auch schon zur Wohlgestalt
gebildet und häufig hinabgebreitet haben Zur Rechten liegt Indien, und sowohl
aus ihm als aus Tschirkassien haben erkaufte Mädchen das Geblüt der Perser
verschönet. Ihre Gemütsart ist diesem Veredlungsplatz des menschlichen
Geschlechts gemäss worden: denn jener leichte und durchdringende Verstand, jene
fruchtbare und lebhafte Einbildungskraft der Perser samt ihrem biegsamen
höflichen Wesen, ihrem Hange zur Eitelkeit, zur Pracht und zur Freude, ja zur
romantischen Liebe sind vielleicht die erlesensten Eigenschaften zum
Gleichgewicht der Neigungen und Züge. Statt jener barbarischen Zieraten, mit
denen ungestalte Nationen die Ungestalt ihres Körpers bedecken wollten und
vermehrten, kamen hier schönere Gewohnheiten auf, die Wohlgestalt des Körpers zu
erheben. Der wasserlose Mogole musste unrein leben; der weiche Indier badet; der
wohllüstige Perser salbet. Der Mogole klebte auf seinen Fersen oder hing auf
seinem Pferde; der sanfte Indier ruhet; der romantische Perser teilt seine Zeit
in Ergötzungen und Spiele. Er färbt sein Augenbran; er kleidet sich in eine den
Wuchs erhebende Kleidung. Schöne Wohlgestalt! sanftes Gleichgewicht der
Neigungen und Seelenkräfte, warum konntest du dich nicht dem ganzen Erdball
mitteilen?
    
    Dass einige tatarische Stämme ursprünglich zu den schöngebildeten Völkern der
Erde gehören und nur in den Nordländern oder auf den Steppen verwildert sind,
haben wir bereits bemerket; beide Seiten des Kaspischen Meers zeigen diese
schönere Bildung. Die Usbekerinnen werden gross, wohlgebildet und angenehm
beschrieben58: sie ziehen mit ihren Männern ins Gefecht; ihr Auge, sagt die
Beschreibung, ist gross, schwarz und lebhaft, das Haar schwarz und fein; die
Bildung des Mannes hat Ansehen und eine Art feiner Würde. Ein gleiches Lob wird
den Buckharen gegeben, und die Schönheit der Tsirkasserinnen, der schwarzseidne
Faden ihres Augenbrans, ihr feuriges schwarzes Auge, die glatte Stirn, der
kleine Mund, das geründete Kinn sind weit umher bekannt und gepriesen.59 Man
sollte glauben, dass in diesen Gegenden die Zunge der Waage menschlicher Bildung
in der Mitte geschwebet und ihre Schalen nach Griechenland und Indien öst- und
westlich fortgebreitet habe. Glücklich für uns, dass Europa diesem Mittelpunkt
schöner Formen nicht so gar fern lag und dass manche Völker, die diesen Weltteil
bewohnen, die Gegenden zwischen dem Sehwarzen und Kaspischen Meer auch entweder
innegehabt oder langsam durchzogen haben. Wenigstens sind wir also keine
Antipoden des Landes der Schönheit.
    Alle Völker, die sieh auf diesen Erdstrich schöner Menschenbildung drängten
und auf ihm verweilten, haben ihre Züge gemildert. Die Türken, ursprünglich ein
hässliches Volk, veredelten sieh zu einer ansehnlichern Gestalt, da ihnen als
Überwindern weiter Gegenden jede Nachbarschaft schöner Geschlechter zu Dienst
stand; auch die Gebote des Korans, der ihnen das Waschen, die Reinigkeit, die
Mässigung anbefahl und dagegen wohllüstige Rolle und Liebe erlaubte, haben
wahrscheinlich dazu beigetragen. Die Ebräer, deren Väter ebenfalls aus der Höhe
Asiens kamen und die lange Zeit, bald ins dürre Ägypten, bald in die Arabische
Wüste verschlagen, nomadisch umherzogen: ob sie gleich auch in ihrem engen Lande
unter dem drückenden Joch des Gesetzes sieh nie zu einem Ideal erheben konnten,
das freiere Tätigkeit und mehrere Wohllust des Lebens fodert, so tragen sie
dennoch, auch jetzt in ihrer weiten Zerstreuung und langen, tiefen
Verworfenheit, das Gepräge der asiatischen Bildung. Auch die harten Araber gehen
nicht leer aus; denn obgleich ihre Halbinsel mehr zum Lande der Freiheit als der
Schönheit von der Natur gebildet worden und weder die Wüste noch das
Nomadenleben die besten Pflegerinnen der Wohlgestalt sein können, so ist doch
dieses harte und tapfere zugleich ein wohlgebildetes Volk, dessen weite Wirkung
auf drei Weltteile wir in der Folge sehen werden.60
    
    Endlich fand an den Küsten des Mittelländischen Meers61 die menschliche
Wohlgestalt eine Stelle, wo sie sich mit dem Geist vermählen und in allen Reizen
irdischer und himmlischer Schönheit nicht nur dem Auge, sondern auch der Seele
sichtbar werden konnte: es ist das dreifache Griechenland, in Asien und auf den
Inseln, in Gräcia selbst und auf den Küsten der weitern Abendländer. Laue
Westwinde fächelten das Gewächs, das von der Höhe Asiens allmählich
herverpflanzt war, und durchlauchten es mit Leben. Zeiten und Schicksale kamen
hinzu, den Saft desselben höher zu treiben und ihm die Krone zu geben, die noch
jedermann in jenen Idealen griechischer Kunst und Weisheit mit Freuden
anstaunet. Hier wurden Gestalten gedacht und geschaffen, wie sie kein Liebhaber
tsirkassischer Schönen, kein Künstler aus Indien oder Kaschmire entwerfen
können. Die menschliche Gestalt ging in den Olympus und bekleidete sich mit
göttlicher Schönheit.
    Weiterhin nach Europa verirre ich mich nicht. Es ist so formenreich und
gemischt; es hat durch seine Kunst und Kultur so vielfach die Natur verändert,
dass ich über seine durcheinandergemengte, feine Nationen nichts Allgemeines zu
sagen wage. Vielmehr sehe ich vom letzten Ufer des Erdstrichs, den wir
durchgegangen sind, nochmals zurück, und nach einer oder zwo Bemerkungen gehen
wir in das schwarze Afrika über.
    Zuerst fällt jedermann ins Auge, dass der Strich der wohlgebildetsten Völker
ein Mittelstrich der Erde sei, der, wie die Schönheit selbst, zwischen zweien
Äussersten lieget. Er hat nicht die zusammendrückende Kälte der Samojeden, noch
die dörrenden Salzwinde der Mogolen; und auf der andern Seite ist ihm die
brennende Hitze der afrikanischen Sandwüsten sowie die feuchten und gewaltsamen
Abwechselungen des amerikanischen Klima ebenso fremde. Weder auf dem Gipfel der
Erdhöhe liegt er noch auf dem Abhange zum Pol hin; vielmehr schützen ihn auf der
einen Seite die hohen Mauern der tatarischen und mogolischen Gebürge, da auf der
andern ihn der Wind des Meeres kühlet. Regelmässig wechseln seine Jahrszeiten ab,
aber noch ohne die Gewaltsamkeit, die unter dem Äquator herrschet. Und da schon
Hippokrates bemerkt hat, dass eine sanfte Regelmässigkeit der Jahrszeiten auch auf
das Gleichgewicht der Neigungen grossen Einfluss zeigt, so hat sie solchen in den
Spiegel und Abdruck unsrer Seele nicht minder. Die räuberischen Turkumannen, die
auf den Bergen oder in der Wüste umherschweifen, bleiben auch im schönsten Klima
ein hässliches Volk. Liessen sie sich zur Ruhe nieder und teilten ihr Leben in
einen sanftern Genuss und in eine Tätigkeit, die sie mit andern gebildetern
Nationen verbände, sie würden, wie an der Sitte derselben, so mit der Zeit auch
an den Zügen ihrer Bildung Anteil nehmen. Die Schönheit der Welt ist nur für den
ruhigen Genuss geschaffen; mittelst seiner allein teilt sie sich dem Menschen mit
und verkörpert sich in ihm.
    Zweitens. Erspriesslich ist's für das Menschengeschlecht gewesen, dass es in
diesen Gegenden der Wohlgestalt nicht nur anfing, sondern dass auch von hier aus
die Kultur am wohltätigsten auf andre Nationen gewirkt hat. Wenn die Gotteit
nicht unsre ganze Erde zum Sitz der Schönheit machen konnte, so liess sie
wenigstens durch die Pforte der Schönheit das Menschengeschlecht hinauftreten
und mit lang eingeprägten Zügen derselben die Völker nur erst allmählich andre
Gegenden suchen. Auch war es ein und dasselbe Principium der Natur, das eben die
wohlgebildeten Nationen zugleich zu den wohltätigsten Wirkerinnen auf andre
machte; sie gab ihnen nämlich die Munterkeit, die Elastizität des Geistes, die
sowohl zu ihrer Leibesgestalt als zu dieser wohltätigen Einwirkung auf andre
Nationen gehörte. Die Tungusen und Eskimos sitzen ewig in ihren Höhlen und haben
sich weder in Liebe noch Leid um entfernte Völker bekümmert. Der Neger hat für
die Europäer nichts erfunden; er bat sich nie in den Sinn kommen lassen, Europa
weder zu beglücken noch zu bekriegen. Aus den Gegenden schöngebildeter Völker
haben wir unsre Religion, Kunst, Wissenschaft, die ganze Gestalt unsrer Kultur
und Humanität, so viel oder wenig wir deren an uns haben. In diesem Erdstrich
ist alles erfunden, alles durchdacht und wenigstens in Kinderproben ausgeführt,
was die Menschheit verschönern und bilden konnte. Die Geschichte der Kultur wird
dieses unwidersprechlich dartun, und mich dünket, es beweiset's unsre eigne
Erfahrung. Wir nordischen Europäer wären noch Barbaren, wenn nicht ein gütiger
Hauch des Schicksals uns wenigstens Blüten vom Geist dieser Völker herübergeweht
hätte, um durch Einimpfung des schönen Zweiges in wilde Stämme mit der Zeit den
unsern zu veredlen.
 
                                       IV
                     Organisation der afrikanischen Völker
    Billig müssen wir, wenn wir zum Lande der Schwarzen übergehn, unsre stolzen
Vorurteile verleugnen und die Organisation ihres Erdstrichs so unparteiisch
betrachten, als ob sie die einzige in der Welt wäre. Mit eben dem Recht, mit dem
wir den Neger für einen verfluchten Sohn Chams und für ein Ebenbild des Unholds
halten, kann er seine grausame Räuber für Albinos und weisse Satane erklären, die
nur aus Schwachheit der Natur so entartet sind, wie, dem Nordpol nahe, mehrere
Tiere in Weiss ausarten. »Ich«, könnte er sagen, »ich, der Schwarze, bin
Urmensch. Mich hat der Quell des Lebens, die Sonne, am stärksten getränkt, bei
mir und überall um mich her hat er am lebendigsten, am tiefsten gewirket. Sehet
mein gold-, mein fruchtreiches Land, meine himmelhohen Bäume, meine kräftigen
Tiere! Alle Elemente wimmeln bei mir von Leben, und ich ward der Mittelpunkt
dieser Lebenswirkung.« So könnte der Neger sagen, und wir wollen also mit
Bescheidenheit auf sein ihm eigentümliches Erdreich treten.
    Sogleich beim Istmus stösset uns eine sonderbare Nation auf, die Ägypter.
Gross, stark, fett von Leibe (mit welcher Fettigkeit sie der Nil segnen soll),
dabei von grobem Knochengebilde und gelbbraun; indessen sind sie gesund und
fruchtbar, leben lange und sind mässig. Jetzt faul, einst waren sie arbeitsam und
fleissig; offenbar hat auch ein Volk von diesen Knochen und dieser Bildung62 dazu
gehört, dass alle die gepriesnen Künste und Anstalten der alten Ägypter zustande
kommen konnten. Eine feinere Nation hätte sich dazu schwerlich bequemet.
    Die Einwohner Nubiens und der weiter hinauf liegenden innern Gegenden von
Afrika kennen wir noch wenig; wenn indessen den vorläufigen Nachrichten Bruce63
zu trauen ist, so wohnen auf dieser ganzen Erdhöhe keine Negergeschlechter, die
er nur den öst-und westlichen Küsten dieses Welt teils als den niedrigsten und
heissesten Gegenden zueignet. Selbst unter dem Äquator, sagt er, gebe es auf
dieser sehr gemässigten und regenhaften Erdhöhe nur weisse oder gelbbraune
Menschen. So merkwürdig dieses Faktum wäre, den Ursprung der Negerschwärze zu
erklären, so zeigt, woran uns beinahe noch mehr gelegen ist, auch die Form der
Nationen dieser Gegenden eine allmähliche Fortrückung zur Negerbildung. Wir
wissen, dass die Abessinier ursprünglich arabischer Herkunft sind und beide
Reiche auch oft und lange verbunden gewesen; indessen, wenn wir nach den
Bildnissen derselben bei Ludolf64 u. a. urteilen dörfen, welche härtere
Gesichtszüge erscheinen hier als in der arabischen und weitern asiatischen
Gestalt! Sie nähert sich der Negerform, obwohl noch von fern, und die grossen
Abwechselungen des Landes an hohen Bergen und den angenehmsten Ebnen, die
Abwechselungen des Klima mit Sturmwinden, Hitze, Kälte und der schönsten Zeit
nebst noch einer Reihe andrer Ursachen scheinen diese hart zusammengesetzten
Züge zu erklären. In einem verschiednen Weltteil musste sich auch eine
verschiedne Menschengestalt erzeugen, deren Charakter viel sinnliche
Lebenskraft, eine grosse Dauer, aber auch ein Übergang zum Äussersten in der
Bildung, welches allemal tierisch ist, zu sein scheinet. Die Kultur und
Regierungsform der Abessinier ist ihrer Gestalt sowohl als der Beschaffenheit
ihres Landes gemäss ein rohes Gemisch von Christen- und Heidentum, von freier
Sorglosigkeit und von barbarischem Despotismus.
    Auf der andern Seite von Afrika kennen wir die Berbers oder Brebers
gleichergestalt zu wenig, um von ihnen urteilen zu können. Ihr Aufentalt auf
den Atlas-Gebürgen und ihre harte, muntre Lebensweise hat ihnen die
wohlgewachsne, leichte und hortige Gestalt erhalten, die sie auch von den
Arabern unterscheidet65 Sie sind also noch nichts minder als ein Volk von
Negerbildung, sowenig es die Mauren sind; denn diese letzten sind mit andern
Völkern vermischte arabische Geschlechter. Ein schönes Volk, sagt ein neuer
Beobachter66, von feinen Gesichtszügen, länglich runden Gesichten, schönen
grossen feurigen Augen, länglichten und nicht breiten, nicht platten Nasen, von
schönem, etwas in Locken fallenden, schwarzen Haar. Also auch mitten in Afrika
eine asiatische Bildung.
    Vom Gambia und Senegastrom fangen eigentlich die Negergeschlechter an, doch
auch hier noch mit allmählichen Übergängen67. Die Jalofer oder Wulufs haben noch
nicht die platten Nasen und dicken Lippen der gemeinen Negers; sie sowohl als
die kleinern, behendern Fulis, die nach einigen Beschreibungen in Freude, Tanz
und in der glücklichsten Ordnung leben, sind in ihrem schönen Gliederbau, in
ihrem schlichten, nur wenig wollichten Haar, in ihren offnen länglichen
Gesichtern noch Bilder der Schönheit gegen jene Mandigoer und die weiter hinab
wohnenden Negervölker. Jenseit des Senega also fangen erst die dicken Lippen und
platten Nasen der Negergestalt an, die sich mit noch ungezählten Varietäten
kleiner Völkerschaften über Guinea, Loango, Kongo, Angola tief hinab verbreiten.
Auf Kongo und Angola z. E. fällt die Schwärze in die Olivenfarbe; das krause
Haar wird rötlich; die Augäpfel werden grün; das Aufgeworfne der Lippen mindert
sich, und die Statur wird kleiner. An der gegenseitigen Küste Zanguebar findet
sich ebendiese Olivenfarbe, nur bei einer grössern Gestalt und regelmässigern
Bildung, wieder. Die Hottentotten und Kaffern endlich sind Rückgänge der
Neger-in eine andre Bildung. Die Nase jener fängt an, etwas von der gequetschten
Plattigkeit, die Lippe von ihrer geschwollnen Dicke zu verlieren; das Haar ist
die Mitte zwischen der Wolle der Neger und dem Haar andrer Völker; ihre Farbe
ist gelbbraun, ihr Wuchs wie der der meisten Europäer, nur mit kleineren Händen
und Füssen.68 Kennten wir nun noch die zahlreichen Völkerschaften, die über ihren
dürren Gegenden im Innersten von Afrika bis nach Abessinien hinauf wohnen und
bei welchen, nach manchen Anzeigen an den Grenzen, Fruchtbarkeit des Landes,
Schönheit, Stärke, Kultur und Kunst zunehmen sollen, so könnten wir die
Schattierungen des Völkergemäldes in diesem grossen Weltteil vollenden und würden
vielleicht nirgend eine Lücke finden.
    Aber wie arm sind wir überhaupt an geltenden Nachrichten aus diesem Strich
der Erde! Kaum die Küsten des Landes kennen wir, und auch diese oft nicht
weiter, als die europäischen Kanonen reichen. Das Innere von Afrika hat von
neuern Europäern niemand durchreiset, wie es doch die arabischen Karawanen so
oft tun69; was wir von ihm wissen, sind Sagen aus dem Munde der Schwarzen oder
ziemlich alte Nachrichten einiger glücklichen oder unglücklichen Abenteurer.70 -
Zudem scheint auch bei den Nationen, die wir schon kennen könnten, das Auge der
Europäer viel zu tyrannisch-sorglos zu sein, um bei schwarzen elenden Sklaven
Unterschiede der Nationalbildung ausforschen zu wollen. Man betrachtet sie wie
Vieh und bemerkt sie im Kauf nur nach den Zähnen. Ein Herrnhutischer
Missionarius71 hat aus einem andern Weltteil her uns sorgfältigere
Unterscheidungen von Völkerschaften der Neger gegeben als so manche afrikanische
Reisende, die an die Küste streiften. Welch ein Glück wäre es für Natur- und
Menschenkunde, wenn eine Gesellschaft Menschen von Forsters Geist, von
Sparrmanns Geduld und von den Kenntnissen beider dies unentdeckte Land
durchzögen! Die Nachrichten, die man von den menschenfresserischen Jagas und
Anziken gibt, sind gewiss übertrieben, wenn man sie auf alle Völker des innern
Afrika verbreitet. Die Jagas scheinen eine verbündete Räubernation, gleichsam
ein künstliches Volk zu sein, das als ein Gemenge und Auswurf mehrerer Völker
Freibeuter auf dem festen Lande macht und zu dem Ende in rohen grausamen
Gewohnheiten lebet.72 Die Anziken sind Gebürgvölker, vielleicht die Mogolen und
Kalmucken dieser Gegend; wie manche glückliche und ruhige Nation aber mag am Fuss
der Mondgebürge wohnen! Europa ist nicht wert, ihr Glück zu sehen, da es sich an
diesem Weltteil unverzeihlich versündigt hat und noch immer versündigt. Die
ruhig handelnden Araber durchziehen das Land und haben weit umher Kolonien
gepflanzet.
    Doch ich vergesse, dass ich von der Bildung der Neger als von einer
Organisation der Menschheit zu reden hatte; und wie gut wäre es, wenn die
Naturlehre auf alle Varietäten unsres Geschlechts soviel Aufmerksamkeit
verwendet hätte als auf diese! Ich setze einige Resultate ihrer Beobachtungen
her.
    1. Die schwarze Farbe der Neger ist nicht wunderbarer in ihrer Art als die
weisse, braune, gelbe, rötliche andrer Nationen. Weder das Blut noch das Gehirn
noch der Same der Neger ist schwarz, sondern das Netz unter der Oberhaut, das
wir alle haben und das auch bei uns, wenigstens an einigen Teilen und unter
manchen Umständen, mehr oder minder gefärbt ist. Camper hat dies erwiesen73, und
nach ihm haben wir alle die Anlage, Neger zu werden. Selbst bei den kalten
Samojeden ist der Streif um die Brüste der Weiber bemerkt worden; der Keim der
Negerschwärze konnte in ihrem Klima bloss nicht weiter entwickelt werden.
    2. Es kommt also nur auf die Ursache an, die ihn hier entwickeln konnte, und
da zeigt die Analogie sogleich abermals, dass Luft und Sonne einen grossen Anteil
daran haben müssen. Denn was macht uns braun? Was unterscheidet beinah in jedem
Lande die beiden Geschlechter? Was hat die portugiesischen Stämme, die
jahrhundertelang in Afrika gewohnt haben, den Negern an Farbe so ähnlich
gemacht? Ja, was unterscheidet in Afrika die Negerstämme selbst so gewaltig? Das
Klima, im weitesten Verstande des Wortes, so dass auch Lebensart und
Nahrungsmittel darunter gehören. Genau in der Gegend, wo der Ostwind über das
ganze feste Land hin die grösste Hitze bringt, wohnen die schwärzesten
Negerstämme; wo die Hitze abnimmt oder wo Seewinde sie kühlen, bleichet sich
auch die Schwärze ins Gelbe. Auf kühlen Höhen wohnen weisse oder weissliche
Völker; in niedern, eingeschlossenen Gegenden kocht auch die Sonne mehr das Öl
aus, das unter der Oberhaut den schwarzen Schein giebet. Erwägen wir nun, dass
diese Schwarzen jahrtausendelang in ihrem Weltteil gewohnt, ja durch ihre
Lebensart sich demselben ganz einverleibet haben; bedenken wir, dass manche
Umstände, die jetzt weniger wirken, in frühern Zeitaltern, da alle Elemente noch
in ihrer ersten rohen Stärke waren, auch stärker gewirkt haben müssen und dass in
Jahrtausenden gleichsam das ganze Rad der Zufälle umläuft, das, jetzt oder dann,
alles entwickelt, was auf der Erde entwickelt werden kann, so wird uns die
Kleinigkeit nicht wundern, dass die Haut einiger Nationen geschwärzt sei. Die
Natur hat mit ihren fortgehenden, geheimen Wirkungen andre, viel grössere
Abartungen bewirkt als diese.
    3. Und wie bewirkete sie diese kleine Veränderung? Mich dünkt, die Sache
selbst zeigt's. Es ist ein Öl, womit sie diese Netzhaut färbte: der Schweiss der
Neger und selbst der Europäer in diesen Gegenden färbet sich oft gelb; die Haut
der Schwarzen ist ein dicker, weicher Sammet, nicht so gespannt und trocken wie
die Haut der Weissen; also hat die Sonnenwärme ein Öl aus ihrem Innern gekocht,
das so weit hervortrat, als es konnte, das ihre Haut erweichte und das Netz
unter derselben färbte. Die meisten Krankheiten dieses Erdstrichs sind
gallenartig; man lese die Beschreibung derselben74, und die gelbe oder schwarze
Farbe wird uns physiologisch und patologisch nicht fremde dünken.
    4. Das Wollenhaar der Neger erläutert sich eben daher. Da die Haare nur vom
feinen Saft der Haut leben und sogar widernatürlich in der Fettigkeit sich
erzeugen, so krümmen sie sich nach der Menge ihres Nahrungssaftes und sterben,
wo dieser fehlet. Bei der gröbern Organisation der Tiere wird also in Ländern,
wo ihre Natur leidet, mitin den zuströmenden Saft nicht verarbeiten kann, aus
der Wolle ein sträubiges Haar; die feinere Organisation des Menschen, die für
alle Klimate sein sollte, konnte umgekehrt durch den Überfluss dieses Öls, das
die Haut feuchtet, das Haar zur Wolle verändern.
    5. Ein mehreres aber als dies alles will die eigne Bildung der Glieder des
menschlichen Körpers sagen, und mich dünkt, auch diese ist in der afrikanischen
Organisation erklärlich. Die Lippen, die Brüste und die Geschlechtsglieder
stehen so manchen physiologischen Erweisen nach in einem genauen Verhältnis, und
da die Natur diese Völker, denen sie edlere Gaben entziehen musste, dem einfachen
Principium ihrer bildenden Kunst zufolge, mit einem desto reichern Mass des
sinnlichen Genusses auszustatten hatte, so musste sich dieses physiologisch
zeigen. Die aufgeworfne Lippe wird auch bei weissen Menschen in der Physiognomik
für das Zeichen eines sehr sinnlichen, so wie ein feiner Purpurfaden derselben
für das Merkmal eines feinen und kalten Geschmackes gehalten, andre Erfahrungen
zu geschweigen; was Wunder also, dass bei diesen Nationen, denen der sinnliche
Trieb eine der Hauptglückseligkeiten ihres Lebens ist, sich auch von demselben
äussere Merkmale zeigen? Ein Negerkind wird weiss geboren; die Haut um die Nägel,
die Brustwarzen und die Geschlechtsteile färben sich zuerst, so wie der Anlage
nach sich ebendieser Consensus der Glieder unter andern Völkern findet. Hundert
Kinder sind dem Neger eine Kleinigkeit, und jener Alte bedauerte mit Tränen, dass
er deren nur siebenzig habe.
    6. Mit dieser ölreichen Organisation zur sinnlichen Wohllust musste sich auch
das Profil und der ganze Bau des Körpers ändern. Trat der Mund hervor, so ward
eben dadurch die Nase stumpf und klein, die Stirn wich zurück, und das Gesicht
bekam von fern die Ähnlichkeit der Konformation zum Affenschädel. Hiernach
richtete sich die Stellung des Halses, der Übergang zum Hinterkopf, der ganze
elastische Bau des Körpers, der bis auf Nase und Haut zum tierischen sinnlichen
Genuss gemacht ist.75 Wie in diesem Weltteil, als im Mutterlande der Sonnenwärme,
die saftreichsten höchsten Bäume sich erzeugen, wie in ihm Herden der grössesten,
muntersten, kräftigsten Tiere und insonderheit die ungeheure Menge Affen ihr
Spiel haben, so dass in Luft und Strömen, im Meer und im Sande alles von Leben
und Fruchtbarkeit wimmelt, so konnte auch die sich organisierende menschliche
Natur ihrem animalischen Teil nach nicht anders als diesem überall einfachen
Principium der bildenden Kräfte folgen. Die feinere Geistigkeit, die dem
Geschöpf unter dieser glühenden Sonne, in dieser von Leidenschaften kochenden
Brust versagt werden musste, ward ihm durch einen Fibernbau, der an jene Gefühle
nicht denken liess, erstattet. Lasset uns also den Neger, da ihm in der
Organisation seines Klima kein edleres Geschenk werden konnte, bedauern, aber
nicht verachten, und die Mutter ehren, die auch beraubend zu erstatten weiss.
Sorglos verlebt er sein Leben in einem Lande, das ihm mit überfliessender
Freigebigkeit seine Nahrung darbeut. Sein geschlanker Körper plätschert im
Wasser, als ob er fürs Wasser gemacht sei; er klettert und läuft, als ob jedes
seine Lustübung wäre; und ebenso gesund und stark, als er munter und leicht ist,
erträgt er durch seine andere Konstitution alle Unfälle und Krankheiten seines
Klima, unter denen so viele Europäer erliegen. Was sollte ihm das quälende
Gefühl höherer Freuden, für die er nicht gemacht war? Der Stoff dazu war in ihm
da, aber die Natur wendete die Hand und erschuf das daraus, was er für sein Land
und für die Glückseligkeit seines Lebens nötiger brauchte. Sie hätte kein Afrika
schaffen müssen, oder in Afrika mussten auch Neger wohnen.
 
                                       V
         Organisation der Menschen in den Inseln des heissen Erdstrichs
    Nichts ist schwerer unter gewissen Hauptzügen zu charakterisieren als die im
Schoss des Ozeans zerstreueten Länder. Denn da sie voneinander entfernt sind und
meistens von verschiednen Ankömmlingen aus nähern und entferntern Gegenden
später oder früher bewohnt wurden und jede derselben gewissermassen eine eigne
Welt ausmacht, so stellen sie in der Kunde der Nationen dem Geist ein so buntes
Gemälde dar, als sie dem Auge auf der Landkarte geben. Indessen lassen sich doch
auch hier, in dem, was Organisation der Natur ist, nie die Hauptzüge verleugnen.
    1. Auf den meisten der asiatischen Inseln gibt's eine Art Negergeschlechter,
die die ältesten Einwohner des Landes zu sein scheinen.76 Sie sind, obgleich
nach der Verschiedenheit der Gegend, in der sie leben, mehr oder minder schwarz
von Farbe, mit krausem wolligen Haar; hie und da kommen auch die aufgeworfnen
Lippen, die flache Nase, die weissen Zähne zum Vorschein und, was merkwürdig ist,
findet sich auch mit dieser Bildung das Temperament der Neger wieder. Eben die
rohe, gesunde Stärke, der gedankenlose Sinn, die geschwätzige Wohllust, die wir
bei den Schwarzen des festen Landes wahrnahmen, zeigt sich auch bei den
Negrillos auf den Inseln, nur allentalben gemäss ihrem Klima und ihrer
Lebensweise. Viele dieser Völker stehen noch auf der untersten Stufe der
Ausbildung, weil sie von spätern Ankömmlingen, die jetzt die Ufer und Ebnen
bewohnen, auf die Gebürge gedrängt sind; daher man auch wenig treue und sichre
Nachricht von denselben besitzet.77
    Woher nun diese Ähnlichkeit der Negerbildung auf so entfernten Inseln? Gewiss
nicht, weil Afrikaner, zumal in so frühen Zeiten, Kolonien hieher sandten,
sondern weil die Natur überall gleichförmig wirket. Auch dies ist die Gegend des
heissesten Klima, nur von der Meeresluft gekühlt; warum sollte es also nicht auch
Negrillos der Inseln geben können, wie es Neger des festen Landes gab? zumal sie
als die ersten Einwohner der Inseln auch das tiefste Gepräge der bildenden Natur
dieses Erdstrichs an sich tragen müssen. Hieher gehören also die Igolotes auf
den Philippinen und ähnliche Schwarzen auf den meisten andern Inseln; auch die
Wilden, die Dampier auf der westlichen Seite von Neuholland als einen der
elendesten Menschenstämme beschreibet, gehören hieher, wie es scheint, die
unterste Klasse dieser Bildung auf einer der wüstesten Strecken der Erde.
    2. In spätern Zeiten haben sich auf diesen Inseln andre Völker
niedergelassen, die also auch eine weniger auffallende Bildung zeigen. Hieher
gehören nach Forster78 die Badschu auf Borneo, die Alfuhri auf einigen der
Molukken, die Subados auf Magindano, die Einwohner der Diebsinseln, der
Karolinen und der weitern südlichen im Stillen Meer. Sie sollen grosse
Übereinstimmung in der Sprache, Farbe, Bildung und Sitten haben; ihr Haar ist
lang und schlicht, und aus den neuern Reisen ist bekannt, zu welcher reizvollen
Schönheit sich diese Menschengestalt auf Otaheiti und andern nahe gelegnen
Inseln vervollkommet habe. Indessen ist diese Schönheit noch ganz sinnlich, und
in der etwas stumpfen Nase der Otahiterinnen scheinet der letzte Druck oder
Eindruck des formenden Klima merkbar.
    3. Noch spätere Ankömmlinge auf vielen dieser Inseln sind Malayen, Araber,
Sineser, Japonesen u. f., die also auch von ihren Stämmen noch deutlichere
Spuren an sich tragen. Kurz, man kann diesen Sund von Inseln als einen
Sammelplatz von Formen ansehen, die sich nach dem Charakter, den sie an sich
trugen, nach dem Lande, das sie bewohnten, nach der Zeit und Lebensweise, in der
sie daselbst waren, sehr verschieden ausgebildet haben, so dass man oft in der
grössten Nähe die sonderbarste Verschiedenheit antrifft. Die Neuholländer, die
Dampier sah, und die Einwohner der Insel Mallikollo scheinen von der gröbsten
Bildung zu sein, über die sich die Einwohner der Neuen Hebriden, die
Neukaledonier, Neuseeländer u. f. allmählich heben. Der Ulysses dieser Gegenden,
Reinhold Forster79, hat uns die Arten und Abarten des Menschengeschlechts
daselbst so gelehrt und verstandreich geschildert, dass wir ähnliche Beiträge zur
philosophisch-physischen Geographie auch über andre Striche der Erde als
Grundsteine zur Geschichte der Menschheit zu wünschen haben. Ich wende mich also
zum letzten und schwersten Weltteil.
 
                                       VI
                          Organisation der Amerikaner
    Es ist bekannt, dass Amerika durch alle Himmelsstriche läuft und nicht nur
Wärme und Kälte in den höchsten Graden, sondern auch die schnellesten
Abwechselungen der Witterung, die höchsten und steilsten Höhen mit den weitesten
und flachsten Ebnen verbindet. Es ist ferner bekannt, dass, da dieser
langgestreckte Weltteil bei grossen Buchten zur rechten Seite eine Kette von
Gebürgen hat, die von Süden nach Norden streicht, daher das Klima desselben so
wie seine lebendigen Produkte mit der Alten Welt wenig Ähnliches haben. Alles
dies macht uns auch auf die Menschengattung daselbst als auf die Geburt eines
entgegengesetzten Hemisphärs aufmerksam.
    Auf der andern Seite aber gibt es eben auch die Lage von Amerika, dass dieser
ungeheure, von der andern Welt so weit getrennete Erdstrich nicht eben von
vielen Seiten her bevölkert sein kann. Von Afrika, Europa und dem südlichen
Asien scheiden ihn weite Meere und Winde; nur ein Übergang aus der Alten Welt
ist ihm nahe geworden an seiner nordwestlichen Seite. Die vorige Erwartung einer
grossen Vielförmigkeit wird also hiedurch gewissermassen vermindert; denn wenn die
ersten und meisten Einwohner aus einer und der selben Gegend kamen und sich,
vielleicht nur mit wenigen Vermischungen andrer Ankömmlinge allmählich
herunterzogen und endlich das ganze Land füllten, so wird trotz aller Klimate
die Bildung und der Charakter der Einwohner eine Einförmigkeit zeigen, die nur
wenig Ausnahmen leidet. Und dies ist's, was so viele Nachrichten von Nord-und
Südamerika sagen, dass nämlich ohngeachtet der grossen Verschiedenheit der
Himmelsstriche und Völker, die sich oft auch durch gewaltsame Kunst voneinander
zu trennen suchten, auf der Bildung des Menschengeschlechts im ganzen ein
Gepräge der Einförmigkeit liege, die selbst nicht im Negerlande stattfindet. Die
Organisation der Amerikaner ist also gewissermassen eine reinere Aufgabe als die
Bildung irgendeines andern gemischteren Erdstrichs, und die Auflösung des
Problems kann nirgend als von der Seite des wahrscheinlichen Überganges selbst
anfangen.
    
    Die Nationen, an die Cook in Amerika streifte80, waren von der mittlern
Grösse bis zu sechs Fuss. Ihre Farbe geht ins Kupferrote, die Form ihres Gesichts
ins Viereckte mit ziemlich vorragenden Backenbeinen und wenig Bart. Das Haar ist
lang und schwarz; der Bau der Glieder stark und nur die Füsse unförmlich. Wer nun
die Nationen im östlichen Asien und auf den nahe gelegnen Inseln innehat, der
wird Zug für Zug den allmählichen Übergang bemerken. Ich schliesse diesen nicht
auf eine Nation ein; denn wahrscheinlich gingen mehrere, auch von verschiednen
Stämmen, hinüber; nur östliche Völker waren's, wie ihre Bildung, selbst ihre
Unförmlichkeit, am meisten aber ihr Putz und ihre willkürlichen Sitten beweisen.
Werden wir einst die ganze nordwestliche Küste von Amerika, die wir jetzt nur in
ein paar Anfurten kennen, übersehen und von den Einwohnern daselbst so treue
Gemälde haben, als Cook z. B. uns vom Anführer in Unalaska u. f. gegeben, so
wird sich mehreres erklären. Es wird sieh ergeben, ob tiefer hinab auf der
grossen Küste, die wir noch nicht kennen, auch Japaner und Sinesen übergegangen
und was es mit dem Märchen von einer gesitteten bärtigen Nation auf dieser
Westseite für Bewandtnis habe. Freilich wären die Spanier von Mexiko aus die
nächsten zu diesen schätzbaren Entdeckungen, wenn sie mit den zwei grössesten
Seenationen Europas, den Engländern und Franzosen, den rühmlichen
Eroberungsgeist für die Wissenschaften teilten. Möge indes wenigstens Laxmanns
Reise auf die nördliche Küste und die Bemühungen der Engländer von Kanada aus
uns viel Neues und Gutes lehren.
    Es ist sonderbar, dass sich so viele Nachrichten damit tragen, wie die
westlichsten Nationen in Nordamerika zugleich die gesittetsten sein sollen. Die
Assinipuelen hat man wegen ihrer grossen starken, behenden Gestalt und die
Christinohs wegen ihrer gesprächigen Munterkeit gerühmet.81 Wir kennen indes
diese Nationen und überhaupt alle Savanner nur als Märchen; von den Nadowessiern
an geht eigentlich die gewissere Nachricht. Mit ihnen so wie mit den
Tschiwipäern und Winobagiern hat uns Carver82, mit den Tscherakis, Tschikasahs
und Muskogen Adair83, mit den sogenannten fünf Nationen Colden, Rogers,
Timberlake, mit denen nach Norden hinauf die französischen Missionare bekannt
gemacht, und, bei allen Verschiedenheiten derselben, wem ist nicht ein Eindruck
geblieben von einer herrschenden Bildung, wie von einem Hauptcharakter? Dieser
bestehet nämlich in der gesunden und gehaltnen Stärke, in dem barbarisch-stolzen
Freiheit- und Kriegsmut, der ihre Lebensart und ihr Hauswesen, ihre Erziehung
und Regierung, ihre Geschäfte und Gebräuche zu Kriegs-und Friedenszeiten bildet.
In Lastern und Tugenden ein einziger Charakter auf unsrer runden Erde!
    Und wie kamen sie zu diesem Charakter? Mich dünkt, auch hier erklärt ihr
allmählicher Übergang aus Nordasien und die Beschaffenheit dieser neuen
Weltgegend sehr vieles. Als rohe und harte Nationen kamen sie herüber; zwischen
Stürmen und Gebürgen waren sie gebildet; als sie nun die Küste überstanden
hatten und das grosse, freie, schönere Land vor sich fanden, musste sich nicht
auch ihr Charakter mit der Zeit zu diesem Lande bilden? Zwischen grossen Seen und
Strömen, in diesen Wäldern, auf diesen Wiesen formten sich andre Nationen als
dort auf jenem rauhen und kalten Abhange zum Meer. Wie Seen, Gebürge und Ströme
sich teilten, teilten sich die Völkerschaften: Stämme mit Stämmen gerieten in
heftige Kriege, daher auch bei denen sonst gleichmütigsten Nationen jener
Kriegshass der Völker untereinander ein herrschender Zug wurde. Zu kriegerischen
Stämmen bildeten sie sich also und verleibten sich allen Gegenständen des Landes
ein, das ihnen ihr grosser Geist gegeben. Sie haben die Schamanenreligion der
Nordasiaten, aber auf amerikanische Weise. Ihre gesunde Luft, das Grün ihrer
Wiesen und Wälder, das erquickende Wasser ihrer Seen und Ströme begeisterte sie
mit dem Hauch der Freiheit und des Eigentums in diesem Lande. Von welchem Haufen
elender Russen haben sich alle siberische Nationen bis nach Kamtschatka hin
unterjochen lassen! Diese festere Barbaren wichen zwar, aber sie dieneten nie.
    Wie ihr Charakter, so lässet sich auch ihr sonderbarer Geschmack an der
Verkünstelung ihres Körpers aus diesem Ursprunge erklären. Alle Nationen in
Amerika vertilgen den Bart; sie müssen also ursprünglich aus Gegenden sein, die
wenig Bart zeugten, daher sie von der Sitte ihrer Väter nicht abweichen wollten.
Der östliche Teil von Asien ist diese Gegend. Auch in einem Klima also, das
reichern Saft zu ihm hervortreiben mochte, hasseten sie denselben und hassen ihn
noch, daher sie ihn von Kindheit auf ausraufen. Die Völker des asiatischen
Nordens hatten runde Köpfe, und östlicher ging die Form ins Viereckte über; was
war natürlicher, als dass sie auch von dieser Väterbildung nicht ablassen wollten
und also ihr Gesicht formten? Wahrscheinlich fürchteten sie das sanftere Oval
als eine weibische Bildung; sie blieben also auch durch gewaltsame Kunst beim
zusammengedrückten Kriegsgesicht ihrer Väter. Die nordischen Kugelköpfe formten
es rund, wie die Bildung des höheren Nordens war; andre formten es viereckt oder
drückten den Kopf zwischen die Schultern, damit das neue Klima weder ihre Länge
noch Gestalt verändern möchte. Kein andrer Erdstrich als das östliche Asien
zeigt Proben solcher gewaltsamen Verzierungen, und wie wir sahen, wahrscheinlich
auch in der nämlichen Absieht, das Ansehen des Stammes in fernen Gegenden zu
erhalten; selbst dieser Geist der Verzierung ging also vielleicht schon mit
hinüber.
    Endlich kann uns am wenigsten die kupferrote Farbe der Amerikaner irren;
denn die Farbe der Geschlechter fiel schon im östlichen Asien ins Braunrote, und
wahrscheinlich war's die Luft eines andern Weltteils, die Salben und andre
Dinge, die hier die Farbe erhöhten. Ich wundre mich so wenig, dass der Neger
schwarz und der Amerikaner rot ist, da sie, als so verschiedne Geschlechter, in
so verschiednen Himmelsstrichen jahrtausendelang gewohnt haben, dass ich mich
vielmehr wundern würde, wenn auf einer runden Erde alles schneeweiss oder braun
wäre. Sehen wir nicht bei der gröbern Organisation der Tiere sieh in
verschiednen Gegenden der Welt sogar feste Teile verändern? Und was hat mehr zu
sagen, eine Veränderung der Glieder des Körpers in ihrer ganzen Proportion und
Haltung oder ein etwas mehr und anders gefärbtes Netz unter der Haut?
    Lasset uns nach dieser Voreinleitung die Völker Amerikas hinunter begleiten
und sehen, wie sieh die Einförmigkeit ihres ursprünglichen Charakters ins
Mannigfaltige mischt und doch nie verlieret.
    
    Die nördlichsten Amerikaner werden als klein und stark beschrieben; in der
Mitte des Landes wohnen die grössesten und schönsten Stämme; die untersten im
flachen Florida müssen jenen schon an Stärke und Mut weichen. »Auffallend ist
es«, sagt Georg Forster84, »dass bei aller charakteristischen Verschiedenheit der
mancherlei Nordamerikaner, die im Cookschen Werk abgebildet sind, doch im ganzen
ein allgemeiner Charakter im Gesicht herrschet, der mir bekannt war und den ich,
wie ich mich recht erinnerte, auch wirklich im Pescheräh im Feuerlande gesehen
hatte.«
    Von Neumexiko wissen wir wenig. Die Spanier fanden die Einwohner dieses
Landes wohlgekleidet, fleissig, sauber, ihre Ländereien gut bearbeitet, ihre
Städte von Stein gebauet. Arme Nationen, was seid ihr jetzt, wenn ihr euch
nicht, wie die los bravos gentes, auf die Gebürge gerettet habet? Die Apalachen
bewiesen sich als ein kühnes schnelles Volk, dem die Spanier nichts anhaben
konnten. Und wie vorzüglich spricht Pagès85 von den Chaktas, Adaisses und Tegas!
    Mexiko ist jetzt ein trauriges Bild von dem, was es unter seinen Königen
war; kaum der zehnte Teil seiner Einwohner ist übrig.86 Und wie ist ihr
Charakter durch die ungerechteste der Unterdrückungen verändert! Auf der ganzen
Erde, glaube ich, gibt's keinen tiefern, gehaltnern Hass, als den der leidende
Amerikaner gegen seinen Unterdrücker, den Spanier, nähret; denn so sehr Pagès z.
E.87 die mehrere Milde rühmt, die jetzt die Spanier gegen ihre Unterdrückten
beweisen, so kann er doch auf andern Blättern die Traurigkeit der Unterjochten
und die Wildheit, mit der die freien Völker verfolgt werden, nicht verbergen.
Die Bildung der Mexikaner wird stark olivenfarb, schön und angenehm beschrieben;
ihr Auge ist gross, lebhaft, funkelnd; ihre Sinne frisch, ihre Beine munter; nur
ihre Seele ist ermattet durch Knechtschaft.
    In der Mitte von Amerika, wo von nasser Hitze alles erliegt und die Europäer
das elendeste Leben führen, erlag doch die biegsame Natur der Amerikaner nicht.
Waffer88, der, den Seeräubern entflohen, sich eine Zeitlang unter den Wilden in
Terra firma aufhielt, beschreibt seine gute Aufnahme unter ihnen nebst ihrer
Gestalt und Lebensweise also: »Die Grösse der Männer war 5 bis 6 Fuss, von starken
Knochen, breiter Brust, schönem Verhältnis; kein Krüppel und Unförmlicher war
unter ihnen. Sie sind geschmeidig, lebhaft und schnelle Läufer. Ihre Augen
lebhaftgrau, ihr Gesicht rund, die Lippen dünn, der Mund klein, das Kinn
wohlgebildet. Ihr Haar ist lang und schwarz; das Kämmen desselben ist ihr
öfteres Vergnügen. Ihre Zähne sind weiss und wohlgesetzt: sie schmücken und malen
sich wie die meisten Indianer.« - Sind das die Leute, die man uns als ein
entnervtes, unreifes Gewächs der Menschheit hat vorstellen wollen? Und diese
wohnten in der entnervendsten Gegend des Istmus.
    Fermin, ein treuer Naturforscher, beschreibt die Indier in Surinam als
wohlgebildete und so reinliche Menschen, als es irgend auf Erden gebe.89 »Sie
baden sich, sobald sie aufstehn, und ihre Weiber reiben sich mit Öl teils zur
Erhaltung der Haut, teils gegen den Stich der Moskitos. Sie sind von einer
Zimmetfarbe, welche ins Rötliche fällt, werden aber so weiss als wir geboren.
Kein Hinkender oder Verwachsner ist unter ihnen. Ihre langen pechschwarzen Haare
werden erst im höchsten Alter weiss. Sie haben schwarze Augen, ein scharfes
Gesicht, wenig oder keinen Bart, dessen geringstem Merkmal sie durch Ausreissen
zuvorkommen. Ihre weissen schönen Zähne bleiben bis ins höchste Alter gesund, und
auch ihre Weiber, so zärtlich sie zu sein scheinen, sind von starker
Gesundheit.« Man lese Bankrofts Beschreibung90 von den tapfern Caribben, den
trägen Worrows, den ernstaften Accawaws, den geselligen Arrowauks u. f., mich
dünkt, so wird man die Vorurteile von der schwachen Gestalt und dem
nichtswürdigen Charakter dieser Indianer selbst in der heissesten Weltgegend
aufgeben.
    Gehen wir südlich in die ungezählten Völkerschaften Brasiliens hinunter,
welche Menge von Nationen, Sprachen und Charakteren findet man hier! die indes
alte und neue Reisende ziemlich gleichartig beschrieben haben.91 »Nie grauet ihr
Haar«, sagt Lery, »sie sind stets munter und lustig, wie ihre Gefilde immer
grünen.« Die tapfern Tapinambos zogen sich, um dem Joch der Portugiesen zu
entkommen, in die undurchsuchten und unabsehlichen Wälder wie mehrere streitbare
Nationen. Andre, die die Missionen in Paraguay an sich zu ziehen wussten, mussten
mit ihrem folgsamen Charakter fast bis zu Kindern ausarten; auch dieses aber war
Natur der Sache, und weder sie noch ihre mutige Nachbarn können deswegen für
keinen Abschaum der Menschheit gelten.92
    Aber wir nähern uns dem Tron der Natur und der ärgsten Tyrannei, dem
silber- und greuelreichen Peru. Hier sind die armen Indianer wohl aufs tiefste
unterdrückt, und wer sie unterdrückt, sind Pfaffen und unter den Weibern
weibisch gewordne Europäer. Alle Kräfte dieser zarten, einst so glücklichen
Kinder der Natur, als sie unter ihren Inkas lebten, sind jetzt in das einige
Vermögen zusammengedrängt, mit verhaltnem Hass zu leiden und zu dulden. »Beim
ersten Anblick«, sagt der Gouverneur in Brasilien, Pinto93, »scheint ein
Südamerikaner sanftmütig und harmlos; betrachtet man ihn genauer, so entdeckt
man in seinem Gesicht etwas Wildes, Argwöhnisches, Düsteres, Verdrüssliches.« Ob
sich nicht alles dieses aus dem Schicksal des Volks erklären liesse? Sanftmütig
und harmlos waren sie, da ihr zu ihnen kamet und das ungebildete Wilde in den
gutartigen Geschöpfen zu dem, was in ihm lag, hättet veredeln sollen. Jetzt,
könnet ihr etwas anders erwarten, als dass sie, argwöhnisch und düster, den
tiefsten Verdruss unauslöschlich in ihrem Herzen nähren? Er ist der in sich
gekrümmte Wurm, der uns hässlich vorkommt, weil wir ihn mit unserm Fuss zertreten.
In Peru ist der Negersklave ein herrliches Geschöpf gegen den unterdrückten
Armen, dem das Land zugehöret.
    Doch nicht allentalben ist's ihnen entrissen, und glücklicherweise sind die
Cordilleras und die Wüsten in Chili da, die so viel tapfern Nationen noch
Freiheit geben. Da sind z. E. die unüberwundnen Malochen, die Puelchen und
Arauker und die patagonischen Tehuelhets oder das grosse, südliche Volk, sechs
Fuss hoch, gross und stark. »Ihre Gestalt ist nicht unangenehm; sie haben ein
rundes, etwas flaches Gesicht, lebhafte Augen, weisse Zähne und ein langes
schwarzes Haar. Ich sah einige«, sagt Commerson94, »mit einem nicht sehr
dichten, aber langhaarigen Knebelbart; ihre Haut ist erzfärbig, wie bei den
meisten Amerikanern. Sie irren in den weiten Ebnen des südlichen Amerika herum,
mit Weib und Kindern beständig zu Pferde, und folgen dem Wildpret.« Falkner und
Vidaure95 haben uns von ihnen die beste Nachricht gegeben, und hinter ihnen ist
nichts übrig als der arme kalte Rand der Erde, das Feuerland, und in ihm die
Pescherähs, vielleicht die niedrigste Gattung der Menschen.96 Klein und hässlich
und von unerträglichem Geruch; sie nähren sich mit Muscheln, kleiden sich in
Seehundsfelle, frieren jahrüber im entsetzlichsten Winter, und ob sie gleich
Wälder genug haben, so mangelt's ihnen doch sowohl an dichten Häusern als an
wärmendem Feuer. Gut, dass die schonende Natur gegen den Südpol die Erde hier
schon aufhören liess; tiefer hinab, welche armselige Bilder der Menschheit hätten
ihr Leben im gefühlraubenden Frost dahingeträumet!
    
    Dies wären also einige Hauptzüge von Völkern aus Amerika; und was folgte aus
ihnen fürs Ganze?
    Zuerst, dass man so selten als möglich von Nationen eines Weltteils, das sich
durch alle Zonen erstrecket, ins Allgemeine hin reden sollte. Wer da sagt:
Amerika sei warm, gesund, nass, niedrig, fruchtbar, der hat recht; und ein
andrer, der das Gegenteil sagt, hat auch recht, nämlich für andre Jahrszeiten
und Örter. Ein gleiches ist's mit den Nationen; denn es sind Menschen eines
ganzen Hemisphärs in allen Zonen. Oben und unten sind Zwerge, und nahe bei den
Zwergen Riesen; in der Mitte wohnen mittelmässige, wohl- und minder wohlgebildete
Völker, sanft und kriegerisch, träge und munter, von allerlei Lebensarten und
von allen Charakteren.
    Zweitens. Indessen hindert nichts, dass dieser vielästige Menschenstamm mit
allen seinen Zweigen nicht aus einer Wurzel entstanden sein könne, folglich auch
Einartigkeit in seinen Früchten zeige. Und dies ist's, was man mit der
herrschenden Gesichtsbildung und Gestalt der Amerikaner sagen wollte.97 Ulloa
bemerkt in der mittlern Gegend besonders die kleine mit Haaren bewachsne Stirn,
kleine Augen, eine dünne, nach der Oberlippe gekrümmte Nase, ein breites
Gesicht, grosse Ohren, wohlgemachte Schenkel, kleine Füsse, eine untersetzte
Gestalt; und diese Züge gehen über Mexiko hinüber. Pinto setzt hinzu, dass die
Nase etwas flach, das Gesicht rund, die Augen schwarz oder kastanienbraun, klein
aber scharf und die Ohren vom Gesicht sehr entfernt sein,98 welches sich
ebenfalls in Abbildungen sehr entlegner Völker zeigt. Diese Hauptphysiognomie,
die sich nach Zonen und Völkern im Feinern verändert, scheint wie ein
Familienzug auch in den verschiedensten noch kennbar und weiset allerdings auf
einen ziemlich einförmigen Ursprung. Wären Völker aus allen Weltteilen zu sehr
verschiednen Zeiten nach Amerika gekommen, mochten sie sich vermischen oder
unvermischt bleiben, so hätte die Diversität der Menschengattung allerdings
grösser sein müssen. Blaue Augen und blonde Haare findet man im ganzen Weltteil
nicht; die blauäugigen Cesaren in Chili und die Akansas in Florida sind in der
neuern Zeit verschwunden.
    Drittens. Soll man nach dieser Gestalt einen gewissen Haupt- und mittlern
Charakter der Amerikaner angeben, so scheint's Guterzigkeit und kindliche
Unschuld zu sein, die auch ihre alte Einrichtungen, ihre Geschicklichkeiten und
wenigen Künste, am meisten ihr erstes Betragen gegen die Europäer beweisen. Aus
einem barbarischen Lande entsprossen und ununterstützt von irgendeiner Beihülfe
der kultivierten Welt, gingen sie selbst, so weit sie kamen, und liefern auch
hier in ihren schwachen Anfängen der Kultur ein sehr lehrreiches Gemälde der
Menschheit.
 
                                      VII
                                     Schluss
    Es wäre schön, wenn ich jetzt durch eine Zauberrute alle bisher gegebnen
unbestimmten Wortbeschreibungen99 in Gemälde verwandeln und dem Menschen von
seinen Mitbrüdern auf der Erde eine Galerie gezeichneter Formen und Gestalten
geben könnte. Aber wie weit sind wir noch von der Erfüllung dieses
antropologischen Wunsches! Jahrhundertelang hat man die Erde mit Schwert und
Kreuz, mit Korallen und Branntweinfässern durchzogen; an die friedliche
Reissfeder dachte man nicht, und auch dem grossen Heer der Reisenden ist's kaum
eingefallen, dass man mit Worten keine Gestalt male, am wenigsten die feinste,
verschiedenste, immer abweichende aller Gestalten. Lange ging man aufs
Wunderbare hinaus und dichtete; nachher wollte man hie und da, selbst wo man
Zeichnungen gab, verschönern, ohne zu bedenken, dass kein wahrer Zoolog
verschönere, wenn er fremde Tiergestalten malet. Und verdiente etwa die
menschliche Natur allein jene genaue Aufmerksamkeit nicht, mit der man Tiere und
Pflanzen zeichnet? Indes, da in den neuesten Zeiten der edle Bemerkungsgeist
auch für unser Geschlecht wirklich schon erwacht ist und man von einigen,
wiewohl nur von wenigen Nationen Abbildungen hat, gegen die in ältern Zeiten de
Bry, Bruyn, geschweige die Missionare nicht bestehen100, so wäre es ein schönes
Geschenk, wenn jemand, der es kann, die hie und da zerstreueten treuen Gemälde
der Verschiedenheit unsres Geschlechts sammlete und damit den Grund zu einer
sprechenden Naturlehre und Physiognomik der Menschheit legte. Philosophischer
könnte die Kunst schwerlich angewandt werden und eine antropologische Karte der
Erde, wie Zimmermann eine zoologische versucht hat, auf der nichts angedeutet
werden, müsste, als was Diversität der Menschheit ist, diese aber auch in allen
Erscheinungen und Rücksichten: eine solche würde das philantropische Werk
krönen.
 
                                 Siebentes Buch
    Das bisher entworfene Gemälde der Nationen soll nichts als der Vorgrund
sein, über welchem wir einige Bemerkungen weiter auszeichnen; so wie auch die
Gruppen desselben nichts sein wollen, als was die templa des Augurs am Himmel
waren, bezirkte Räume für unsern Blick, Hülfsmittel für unser Gedächtnis. Lasset
ums sehen, was sich in ihnen zur Philosophie unsres Geschlechts darbeut.
 
                                       I
  In so verschiedenen Formen das Menschengeschlecht auf der Erde erscheint, so
              ist's doch überall ein und dieselbe Menschengattung
    Sind in der Natur keine zwei Blätter eines Baums einander gleich, so sind's
noch weniger zwei Menschengesichte und zwei menschliche Organisationen. Welcher
unendlichen Verschiedenheit ist unser kunstreiche Bau fähig! Seine festen Teile
lösen sich in so feine, vielfach verschlungene Fibern auf, dass sie kein Auge
verfolgen mag; diese werden von einem Leim gebunden, dessen zarte Mischung aller
berechnenden Kunst entweichet; und noch sind diese Teile das wenigste, was wir
an uns haben; sie sind nichts als Gefässe, Hüllen und Träger des in viel grösserer
Menge vorhandenen vielartigen, vielbegeisterten Safts, durch den wir geniessen
und leben. »Kein Mensch«, sagt Haller101, »ist im innern Bau dem andern ganz
ähnlich: er unterscheidet sich im Lauf seiner Nerven und Adern in Millionen von
Millionen Fällen, dass man fast nicht imstande ist, aus den Verschiedenheiten
dieser feinen Teile das auszufinden, worin sie übereinkommen.« Findet nun schon
das Auge des Zergliederers diese zahllose Verschiedenheit, welche grössere muss in
den unsichtbaren Kräften einer so künstlichen Organisation wohnen! so dass jeder
Mensch zuletzt eine Welt wird, zwar eine ähnliche Erscheinung von aussen, im
Innern aber ein eignes Wesen, mit jedem andern unausmessbar.
    Und da der Mensch keine unabhängige Substanz ist, sondern mit allen
Elementen der Natur in Verbindung stehet: er lebt vom Hauch der Luft wie von den
verschiedensten Kindern der Erde, den Speisen und Getränken; er verarbeitet
Feuer, wie er das Licht einsaugt und die Luft verpestet; wachend und schlafend,
in Ruhe und in Bewegung trägt er zur Veränderung des Universum bei, und sollte
er von demselben nicht verändert werden? Es ist viel zuwenig, wenn man ihn dem
saugenden Schwamm, dem glimmenden Zunder vergleicht; eine zahllose Harmonie, ein
lebendiges Selbst ist er, auf welches die Harmonie aller ihn umgebenden Kräfte
wirket.
    Der ganze Lebenslauf eines Menschen ist Verwandlung; alle seine Lebensalter
sind Fabeln derselben, und so ist das ganze Geschlecht in einer fortgehenden
Metamorphose. Blüten fallen ab und welken, andre spriessen hervor und knospen:
der ungeheure Baum trägt auf einmal alle Jahrszeiten auf seinem Haupte. Hat sich
nun, nach dem Kalkül der Ausdünstung allein, ein achtzigjähriger Mann wenigstens
vierundzwanzigmal am ganzen Körper erneuet102: wer mag den Wechsel der Materie
und ihrer Formen durch das ganze Menschenreich auf der Erde in allen Ursachen
der Veränderung verfolgen, da kein Punkt auf unsrer vielartigen Kugel, da keine
Welle im Strom der Zeit einer andern gleich ist? Die Bewohner Deutschlands waren
vor wenigen Jahrhunderten Patagonen, und sie sind's nicht mehr; die Bewohner
künftiger Klimate werden uns nicht gleichen. Steigen wir nun in jene Zeiten
hinauf, da alles auf der Erde so anders gewesen zu sein scheinet, in jene Zeit
z. E., da die Elefanten in Siberien und Nordamerika lebten, da die grossen Tiere
vorhanden waren, deren Gebeine sich am Ohiostrom finden, u. f.: wenn damals
Menschen in diesen Gegenden lebten, wie andere Menschen waren's, als die jetzt
daselbst leben! Und so wird die Menschengeschichte zuletzt ein Schauplatz von
Verwandlungen, den nur der übersiehet, der selbst alle diese Gebilde durchhaucht
und sich in ihnen allen freuet und fühlet. Er führet auf und zerstöret, verfeint
Gestalten und ändert sie ab, nachdem er die Welt um sie her verwandelt. Der
Wandrer auf der Erde, die schnell vorübergehende Ephemere, kann nichts als die
Wunder dieses grossen Geistes auf einem schmalen Streif anstaunen, sich der
Gestalt freuen, die ihm im Chor der andern ward, anbeten und mit dieser Gestalt
verschwinden. »Auch ich war in Arkadien!« ist die Grabschrift aller Lebendigen
in der sich immer verwandelnden, wiedergebärenden Schöpfung.
    
    Da indessen der menschliche Verstand in aller Vielartigkeit Einheit sucht
und der göttliche Verstand, sein Vorbild, mit dem zahllosesten Mancherlei auf
der Erde überall Einheit vermählt hat, so dürfen wir auch hier aus dem
ungeheuren Reich der Veränderungen auf den einfachsten Satz zurückkehren: Nur
ein und dieselbe Gattung ist das Menschengeschlecht auf der Erde.
    Wie viele Fabeln der Alten von menschlichen Ungeheuern und Missgestalten
haben sich durch das Licht der Geschichte bereits verloren! Und wo irgend die
Sage noch Reste davon wiederholet, bin ich gewiss, dass auch diese bei hellerm
Licht der Untersuchung sich zur schönern Wahrheit aufklären werden. Den
Orang-Utang kennet man jetzt und weiss, dass er weder zur Menschheit noch zur
Sprache ein Recht hat; durch eine sorgfältigere Nachricht von den Orang-Kubub
und Orang-Guhu103 auf Borneo, Sumatra und den Nikobar-Inseln werden sich auch
die geschwänzten Waldmenschen verlieren. Die Menschen mit den verkehrten Füssen
auf Malakka104, die wahrscheinlich rachitische Zwergnation auf Madagaskar, die
weiblich gekleideten Männer in Florida u. f. verdienen eine gleiche
Berichtigung, wie solche bisher schon die Albinos, die Dondos, die Patagonen,
die Schürzen der Hottentottinnen105 erhalten haben. Männer, denen es gelingt,
Mängel aus der Schöpfung, Lügen aus unserm Gedächtnis und Entehrungen aus unsrer
Natur zu vertreiben, sind im Reich der Wahrheit das, was die Heroen der Fabel
für die erste Welt waren: sie vermindern die Ungeheuer auf Erden.
    Auch die Angrenzung der Menschen an die Affen wünschte ich nie so weit
getrieben, dass, indem man eine Leiter der Dinge sucht, man die wirklichen
Sprossen und Zwischenräume verkenne, ohne die keine Leiter stattfindet. Was z.
E. könnte wohl der rachitische Satyr in der Gestalt des Kamtschadalen, der
kleine Silvan in der Grösse des Grönländers oder der Pongo beim Patagonen
erklären, da alle diese Bildungen aus der Natur des Menschen folgen, auch wenn
kein Affe auf Erden wäre? Und ginge man gar noch weiter, gewisse
Unförmlichkeiten unsres Geschlechts genetisch von Affen herzuleiten, so dünkt
mich, diese Vermutung sei ebenso unwahrscheinlich als entehrend. Die meisten
dieser scheinbaren Affenähnlichkeiten sind in Ländern, in denen es nie Affen
gegeben, wie der zurückgehende Schädel der Kalmucken und Mallikolesen, die
abstehenden Ohren der Pevas und Amikuanes, die schmalen Hände einiger Wilden in
Karolina u. f. zeigen. Auch sind diese Dinge, sobald man über den ersten
spielenden Trug des Auges hinweg ist, so wenig wirklich affenartig, dass ja
Kalmucke und Neger völlige Menschen auch der Bildung des Haupts nach bleiben und
der Mallikolese Fähigkeiten äussert, die manche andre Nationen nicht haben.
Wahrlich, Affe und Mensch sind nie ein und dieselbe Gattung gewesen, und ich
wünschte jeden kleinen Rest der Sage berichtigt, dass sie irgendwo auf der Erde
in gewöhnlicher fruchtbarer Gemeinschaft leben.106 Jedem Geschlecht hat die
Natur gnuggetan und sein eignes Erbe gegeben. Den Affen hat sie in soviel
Gattungen und Spielarten verteilt und diese so weit verbreitet, als sie sie
verbreiten konnte. Du aber, Mensch, ehre dich selbst. Weder der Pongo noch der
Longimanus ist dein Bruder; aber wohl der Amerikaner, der Neger. Ihn also sollt
du nicht unterdrücken, nicht morden, nicht stehlen; denn er ist ein Mensch, wie
du bist; mit dem Affen darfst du keine Brüderschaft eingehn.
    Endlich wünschte ich auch die Unterscheidungen, die man aus rühmlichem Eifer
für die überschauende Wissenschaft dem Menschengeschlecht zwischengeschoben hat,
nicht über die Grenzen erweitert. So haben einige z. B. vier oder fünf
Abteilungen desselben, die ursprünglich nach Gegenden oder gar nach Farben
gemacht waren, Rassen zu nennen gewaget; ich sehe keine Ursache dieser
Benennung. Rasse leitet auf eine Verschiedenheit der Abstammung, die hier
entweder gar nicht stattfindet oder in jedem dieser Weltstriche unter jeder
dieser Farben die verschiedensten Rassen begreift. Denn jedes Volk ist Volk: es
hat seine Nationalbildung wie seine Sprache. Zwar hat der Himmelsstrich über
alle bald ein Gepräge, bald nur einen linden Schleier gebreitet, der aber das
ursprüngliche Stammgebilde der Nation nicht zerstöret. Bis auf Familien sogar
verbreitet sich dieses, und seine Übergänge sind so wandelbar als unmerklich.
Kurz, weder vier oder fünf Rassen noch ausschliessende Varietäten gibt es auf der
Erde. Die Farben verlieren sich ineinander, die Bildungen dienen dem genetischen
Charakter, und im ganzen wird zuletzt alles nur Schattierung eines und desselben
grossen Gemäldes, das sich durch alle Räume und Zeiten der Erde verbreitet. Es
gehöret also auch nicht sowohl in die systematische Naturgeschichte als in die
physisch-geographische Geschichte der Menschheit.
 
                                       II
  Das eine Menschengeschlecht hat sich allentalben auf der Erde klimatisieret
    Sehet jene Heuschrecken der Erde, die Kalmucken und Mogolen; sie gehören in
keinen andern Weltstrich als in ihre Steppen, auf ihre Berge.107 Auf seinem
kleinen Pferde durchfliegt der leichte Mann ungeheure Strecken und Wüsten; er
weiss dem Ross Kräfte zu geben, wenn es erliegt, und wenn er verschmachtet, muss
eine geöffnete Ader am Halse des Pferdes ihm Kräfte geben. Kein Regen fällt auf
manche dieser Gegenden, die nur der Tau erquickt und eine noch unerschöpfte
Fruchtbarkeit der Erde mit neuem Grün bekleidet; manche weite Strecke kennt
keinen Baum, keine süsse Quelle. Da ziehn nun diese wilden und unter sich selbst
die geordnetsten Stämme im hohen Grase umher und weiden ihre Herden; die
Mitgenossen ihrer Lebensart, die Pferde, kennen ihre Stimme und leben wie sie in
Friede. Mit gedankenloser Gleichgültigkeit sitzt der Kalmucke da und überblickt
seinen ewig heitern Himmel und durchhorcht seine unabsehbare Einöde. In jedem
andern Strich der Erde sind die Mogolen verartet oder veredelt; in ihrem Lande
sind sie, was sie seit Jahrtausenden waren, und werden es bleiben, solange sich
ihr Erdstrich nicht durch Natur oder durch Kunst ändert.
    Der Araber in der Wüste108: er gehört in dieselbe mit seinem edlen Ross, mit
seinem geduldigen, aushaltenden Kamel. Wie der Mogole auf seiner Erdhöhe, in
seiner Steppe umherzog, ziehet der wohlgebildetere Beduin auf seiner
asiatisch-afrikanischen Wüste umher, auch ein Nomade, nur seiner Gegend. Mit ihr
ist seine einfache Kleidung, seine Lebensweise, seine Sitte und Charakter
harmonisch, und nach Jahrtausenden noch erhält sein Gezelt die Weise der Väter.
Liebhaber der Freiheit, verachten sie Reichtümer und Wohllüste, sind leicht im
Lauf, fertig auf ihren Rossen, die sie wie ihresgleichen pflegen, und ebenso
fertig, zu schwingen die Lanze. Ihre Gestalt ist hager und nervicht, ihre Farbe
braun, ihre Knochen stark; unermüdlich, Beschwerden zu ertragen, und durch die
Wüste zusammengeknüpft, stehen sie alle für einen, kühn und unternehmend, treu
ihrem Wort, gastfreundlich und edel. Die gefahrvolle Lebensart hat sie zur
Behutsamkeit und zum scheuen Argwohn, die einsame Wüste zum Gefühl der Rache,
der Freundschaft, des Entusiasmus und des Stolzes gebildet. Wo sich ein Araber
zeige, am Euphrat oder am Nil, am Libanon oder am Senega, selbst bis in
Zanguebar und auf den indischen Meeren, zeigt er sich, wenn nicht ein fremdes
Klima ihn in Kolonien langsam veränderte, noch in seinem ursprünglichen
arabischen Charakter.
    Der Kalifornier am Rande der Welt, in seinem unfruchtbaren Lande, bei seiner
dürftigen Lebensart, bei seinem wechselnden Klima: er klagt nie Über Hitze und
Kälte, er entgeht dem Hunger, wenn auch auf die schwerste Weise, er lebt in
seinem Lande glücklich. »Gott allein weiss«, sagt ein Missionar109, »wieviel
tausend Meilen ein Kalifornier, der achtzig Jahr alt worden, in seinem Leben
herumgeirret hat, bis er sein Grab findet. Viele von ihnen ändern ihr
Nachtquartier vielleicht hundertmal in einem Jahre, dass sie kaum dreimal
nacheinander auf dem nämlichen Platz und in der nämlichen Gegend schlafen. Sie
werfen sich nieder, wo sie die Nacht überfällt, ohn alle Sorge wegen schädlichen
Ungeziefers oder Unsauberkeit des Erdbodens. Ihre schwarzbraune Haut ist ihnen
statt des Rockes und Mantels. Ihre Hausgeräte sind Bogen und Pfeil, ein Stein
statt des Messers, ein Bein oder spitziges Holz, Wurzeln auszugraben, eine
Schildkrötschale statt der Kinderwiege, ein Darm oder eine Blase, Wasser zu
holen, und endlich, wenn das Glück gut ist, ein aus Aloegarn wie ein Fischernetz
gestrickter Sack, ihren Proviant und ihre Lumpen umherzuschleppen. Sie essen
Wurzeln und allerlei kleine Samen, sogar von dürrem Heu, die sie mit Mühe
sammlen und bei Hungersnot selbst sogar wieder aus ihrem Kot auflesen. Alles,
was Fleisch ist und nur Gleichheit mit demselben hat, bis auf Fledermäuse,
Raupen und Würme, ist ihre festliche Speise, und sogar die Blätter einiger
Stauden, einiges junge Holz und Geschoss, Leder, Riemen und weiche Beine sind von
ihren Lebensmitteln nicht ausgeschlossen, wenn sie die Not dazu treibet. Und
dennoch sind diese Armseligen gesund; sie werden alt und stark, so dass es ein
Wunder ist, wenn einer unter ihnen, und dieses gar spät, grau wird. Sie sind
allezeit wohlgemutet; ein ewiges Lachen und Scherzen regiert unter ihnen;
wohlgestalt, flink und gelenkig; sie können mit den zwei vordern Zehen Steine
und andre Dinge vom Boden aufheben, gehen bis ins höchste Alter kerzengerade;
ihre Kinder stehen und gehen, ehe sie ein Jahr alt sind. Des Schwätzens müde,
legen sie sich nieder und schlafen, bis sie der Hunger oder die Lust zum Essen
aufweckt; sobald sie erwacht sind, geht das Lachen, Schwätzen und Scherzen
wiederum an; sie setzen es fort auf ihren Wegen, bis endlich der abgelebte
Kalifornier seinen Tod mit gleichgültiger Ruhe erwartet. Die in Europa wohnen«,
fährt der erwähnte Missionar fort, »können zwar die Kalifornier ihrer
Glückseligkeit halber beneiden, aber keine solche in Kalifornien geniessen, als
etwa durch eine vollkommene Gleichgültigkeit, viel oder wenig auf dieser Welt zu
besitzen und sich dem Willen Gottes in allen Zufällen des Lebens zu
unterwerfen.«
    So könnte ich fortfahren und von mehrern Nationen der verschiedensten
Erdstriche, von den Kamtschadalen bis zu den Feuerländern, klimatische Gemälde
liefern; wozu aber diese abgekürzten Versuche, da bei allen Reisenden, die treu
sahen oder menschlich teilnahmen, jeder kleine Zug ihrer Beschreibung klimatisch
malet. In Indien, auf diesem grossen Marktplatz handelnder Völker, ist der Araber
und Sinese, der Türk und Perser, der Christ und Jude, der Malaye und Neger, der
Japaner und Gentu kennbar110; auch auf der fernsten Küste trägt jeder den
Charakter seines Erdstrichs und seiner Lebensweise mit sich. Aus dem Staube
aller vier Weltteile, sagt die alte biblische Tradition ward Adam gebildet, und
es durchhauchten ihn Kräfte und Geister der weiten Erde. Wohin seit
Jahrtausenden seine Söhne zogen und sich einwohnten, da wurzelten sie als Bäume
und gaben dem Klima gemäss Blätter und Früchte. - Lasset uns einige Folgen
hieraus ziehen, die manche sonst auffallende Sonderbarkeit der
Menschengeschichte zu erklären scheinen.
    
    Zuerst erhellet, warum alle ihrem Lande zugebildete sinnliche Völker dem
Boden desselben so treu sind und sich von ihm unabtrennlich fühlen. Die
Beschaffenheit ihres Körpers und ihrer Lebensweise, alle Freuden und Geschäfte,
an die sie von Kindheit auf gewöhnt wurden, der ganze Gesichtskreis ihrer Seele
ist klimatisch. Raubet man ihnen ihr Land, so hat man ihnen alles geraubet.
    »Von dem betrübten Schicksal der sechs Grönländer«, erzählet Cranz111, »die
man auf der ersten Reise nach Dänemark brachte, hat man angemerkt, dass sie,
ohnerachtet aller freundlichen Behandlung und guten Versorgung mit Stockfisch
und Tran, dennoch oft mit betrübten Blicken und unter jämmerlichem Seufzen gen
Norden nach ihrem Vaterlande gesehen und endlich in ihren Kajaken die Flucht
ergriffen haben. Durch einen starken Wind wurden sie an das Ufer von Schonen
geworfen und nach Kopenhagen zurückgebracht, worauf zween von ihnen vor
Betrübnis starben. Von den übrigen sind ihrer zween nochmals entflohen, und ist
nur der eine wieder eingeholt worden, welcher, sooft er ein kleines Kind an der
Mutter Halse gesehen, bitterlich geweinet (woraus man geschlossen, dass er Frau
und Kinder haben müsse; denn man konnte nicht mit ihnen sprechen, noch sie zur
Taufe präparieren). Die zween letzten haben zehn bis zwölf Jahre in Dänemark
gelebt und sind bei Koldingen zum Perlenfischen gebraucht, aber im Winter so
stark angestrengt worden, dass der eine darüber gestorben, der letzte nochmals
entflohen und erst dreissig bis vierzig Meilen weit vom Lande eingeholt worden,
worauf er ebenfalls aus Betrübnis sein Leben geendet.«
    Alle Zeugen von menschlicher Empfindung können die verzweifelnde Wehmut
nicht ausdrücken, mit welcher ein erkaufter oder erstohlner Negersklave die
Küste seines Vaterlandes verlässt, um sie nie wieder zu erblicken in seinem
Leben. »Man muss genaue Aufsicht haben«, sagt Römer112, »dass die Sklaven weder im
Fort noch auf dem Schiff Messer in die Hände bekommen; bei der Überfahrt nach
Westindien hat man gnug zu tun, sie bei guter Laune zu erhalten. Deshalb ist man
mit europäischen Leiern versehen; man nimmt auch Trummeln und Pfeifen mit und
lässt sie tanzen, versichert sie, dass sie nach einem schönen Lande geführt
werden, wo sie viel Frauen, gute Speisen erhalten sollen und dergleichen. Und
dennoch hat man betrübte Beispiele erlebt, dass die Schiffleute von ihnen
überfallen und ermordet worden, da sie denn nachher das Schiff ans Land treiben
lassen.« - Und wieviel traurigere Beispiele hat man erlebt vom verzweifelnden
Selbstmorde dieser unglücklichen Geraubten! Sparrmann erzählt113 aus dem Munde
eines Besitzers solcher Sklaven, dass sie des Nachts in eine Art von Raserei
verfallen, die sie antreibt, an irgend jemand oder gar an sich selbst einen Mord
zu begehen; »denn das schwermütige Andenken an den schmerzhaften Verlust ihres
Vaterlandes und ihrer Freiheit erwacht am meisten des Nachts, wenn das Geräusch
des Tages es nicht zu zerstreuen vermag.« - Und was für Recht hattet ihr
Unmenschen, euch dem Lande dieser Unglücklichen nur zu nahen, geschweige es
ihnen und sie dem Lande durch Diebstahl, List und Grausamkeit zu entreissen? Seit
Jahrtausenden ist dieser Weltteil der ihre, so wie sie ihm zugehören; ihre Väter
hatten ihn um den höchsten und schwersten Preis erkauft, um ihre Negergestalt
und Negerfarbe. Bildend hatte die afrikanische Sonne sie zu Kindern angenommen
und ihr Siegel auf sie gepräget; wohin ihr sie führt, zeihet euch dieses als
Menschendiebe, als Räuber.
    Zweitens. Grausam also sind die Kriege der Wilden um ihr Land und um die
ihnen entrissenen oder beschimpften und gequälten Söhne desselben, ihre
Mitbrüder. Daher z. B. der verhaltne Hass der Amerikaner gegen die Europäer, auch
wenn diese leidlich mit ihnen umgehn; sie fühlen's unvertilgbar: »Ihr gehöret
nicht hieher! Das Land ist unser.« Daher die Verrätereien aller sogenannten
Wilden, auch wenn sie von der Höflichkeit der Europäer ganz besänftigt schienen.
Im ersten Augenblick, da sie zu ihrem angeerbten Nationalgefühl erwachten, brach
die Flamme aus, die sich mit Mühe so lang unter der Asche gehalten hatte;
grausam wütete sie umher und ruhte oft nicht eher, bis die Zähne der Eingebornen
der Ausländer Fleisch frassen. Uns scheint dieses abscheulich, worüber auch wohl
kein Zweifel bleibt; indessen waren die Europäer die ersten, die sie zu dieser
Untat zwangen; denn warum kamen sie zu ihrem Lande? Warum führten sie sich in
demselben als fodernde, gewalttätige, übermächtige Despoten auf?114 Jahrtausende
waren sich die Einwohner desselben das Universum; von ihren Vätern hatten sie es
geerbt und von ihnen zugleich die grausame Sitte geerbt, was ihnen ihr Land, was
sie dem Lande entreissen oder darin beeinträchtigen will, auf die grausamste
Weise zu vernichten. Feind und Fremder ist ihnen also eins; sie sind wie die
Muscipula, die, in ihren Boden gewurzelt, jedes Insekt ergreift, das sich ihr
nahet; das Recht, ungebetne oder beleidigende Gäste zu verzehren, ist die Akzise
ihres Landes, ein so zyklopisches Regal als irgend eines in Europa.
    Endlich erinnere ich noch an jene freudigen Szenen, wenn ein also
entfremdeter Sohn der Natur etwa wieder die Küste seines Vaterlandes erblickte
und dem Schoss seiner Mutter Erde wiedergeschenkt ward. Als der foleiische edle
Priester Job-Ben-Salomon115 wieder nach Afrika kam, empfing ihn jeder Fuli mit
brüderlicher Inbrunst, »ihn, den zweiten Menschen ihres Landes, der je aus der
Sklaverei zurückgekehrt wäre«. Und wie sehnte sich dieser dahin! Wie wenig
fülleten alle Freundschaften und Ehrenbezeugungen Englands, die er als ein
aufgeklärter, wohldenkender Mann dankbar erkannte, sein Herz aus! Er war nicht
eher ruhig, als bis er des Schiffes gewiss war, das ihn zurückführen sollte. Und
diese Sehnsucht hängt nicht am Stande noch an den Bequemlichkeiten des
Geburtslandes. Der Hottentotte Koree legte seinen metallnen Harnisch und alle
seine europäische Vorzüge ab, zurückkehrend zur harten Lebensart der Seinen.116
Fast aus jedem Erdstrich sind Proben der Art vorhanden, und die unfreundlichsten
Länder ziehen ihre Eingebornen mit den stärksten Banden. Eben die überwundnen
Beschwerlichkeiten, zu denen Körper und Seele von Jugend auf gebildet worden,
sind's, die den Eingebornen die klimatische Vaterlandsliebe einflössen, von
welcher der Bewohner einer völkerbedrängten fruchtbaren Ebene schon weniger und
der Einwohner einer europäischen Hauptstadt beinahe nichts mehr empfindet. -
    Doch es ist Zeit, das Wort Klima näher zu untersuchen; und da einige in der
Philosophie der Menschengeschichte so viel darauf gebauet, andre hingegen seinen
Einfluss beinah ganz bestritten haben, so wollen auch wir nur Probleme geben.
 
                                      III
 Was ist Klima, und welche Wirkung hat's auf die Bildung des Menschen an Körper
                                   und Seele?
    Die beiden festesten Punkte unsrer Kugel sind die Pole; ohne sie war kein
Umschwung, ja wahrscheinlich keine Kugel selbst möglich. Wüssten wir nun die
Genesis der Pole und kennten die Gesetze und Wirkungen des Magnetismus unsrer
Erde auf ihre verschiedne Körper: sollten wir damit nicht den Grundfaden
gefunden haben, den die Natur in Bildung der Wesen nachher mit anderen höheren
Kräften mannigfaltig durchwebte? Da uns aber, ohngeachtet so zahlreicher und
schöner Versuche, hievon im grossen ganzen noch wenig bekannt ist117, so sind wir
auch in Betracht der Basis aller Klimate nach der Weltgegend des Pols hin noch
im dunkeln Vielleicht, dass einst der Magnet im Reich der physischen Kräfte wird,
was er uns ebenso unerwartet auf Meer und Erde schon ward. -
    Der Umschwung unsrer Kugel um sich und um die Sonne bietet uns eine nähere
Bezeichnung der Klimate dar; aber auch hier ist die Anwendung selbst allgemein
anerkannter Gesetze schwer und trüglich. Die Zonen der Alten haben sich durch
die neuere Kenntnis fremder Weltteile nicht bestätigt, wie sie denn auch,
physisch betrachtet, auf Unkunde derselben gebauet waren. Ein gleiches ist's mit
der Hitze und Kälte, nach der Menge der Sonnenstrahlen und dem Winkel ihres
Auffalls berechnet. Als matematische Aufgabe ist ihre Wirkung mit genauem Fleiss
bestimmt worden; der Matematiker selbst aber würde es für einen Missbrauch
seiner Regel ansehen, wenn der philosophische Geschichtschreiber des Klima
darauf Schlüsse ohne Ausnahmen baute.118 Hier gibt die Nähe des Meers, dort ein
Wind, hier die Höhe oder Tiefe des Landes, an einem vierten Ort nachbarliche
Berge, am fünften Regen und Dünste dem allgemeinen Gesetz eine so neue
Lokalbestimmung, dass oft die nachbarlichsten Orte das gegenseitigste Klima
empfinden. Überdem ist aus neueren Erfahrungen klar, dass jedes lebendige Wesen
eine eigne Art hat, Wärme zu empfangen und von sich zu treiben, ja dass, je
organischer der Bau eines Geschöpfs wird und je mehr es eigne tätige Lebenskraft
äussert, um so mehr auch ein Vermögen äussert, relative Wärme und Kälte zu
erzeugen.119 Die alten Sätze, dass der Mensch nur in einem Klima leben könne, das
die Hitze des Bluts nicht übersteiget, sind durch Erfahrungen widerlegt; die
neuern Systeme hingegen vom Ursprung und der Wirkung animalischer Wärme sind
lange noch nicht zu der Vollkommenheit gediehen, dass man auf irgendeine Weise an
eine Klimatologie nur des menschlichen Baues, geschweige aller menschlichen
Seelenvermögen und ihres so willkürlichen Gebrauchs denken könnte. Freilich weiss
jedermann, dass Wärme die Fibern ausdehne und erschlaffe, dass sie die Säfte
verdünne und die Ausdünstung fördere, dass sie also auch die festen Teile mit der
Zeit schwammig und locker zu machen vermöge u. f.; das Gesetz im ganzen bleibt
sicher120, auch hat man aus ihm und seinem Gegensatz, der Kälte, mancherlei
physiologische Phänomene schön erklärt121; allgemeine Folgerungen aber, die man
aus einem solchen Principium oder gar nur aus einem Teil desselben, der
Erschlaffung, der Ausdünstung z. E., auf ganze Völker und Weltgegenden, ja auf
die feinsten Verrichtungen des menschlichen Geistes und die zufälligsten
Einrichtungen der Gesellschaft machen wollte; je scharfsinniger und
systematischer der Kopf ist, der diese Folgerungen durchdenkt und reihet, desto
gewagter sind sie. Sie werden beinah Schritt vor Schritt durch Beispiele aus der
Geschichte oder selbst durch physiologische Gründe widerlegt, weil immer zuviel
und zum Teil gegenseitige Kräfte nebeneinander wirken. Selbst dem grossen
Montesquieu hat man den Vorwurf gemacht, dass er seinen klimatischen Geist der
Gesetze auf das trügliche Experiment einer Schöpszunge gebauet habe. - Freilich
sind wir ein bildsamer Ton in der Hand des Klima; aber die Finger desselben
bilden so mannigfalt, auch sind die Gesetze, die ihm entgegenwirken, so
vielfach, dass vielleicht nur der Genius des Menschengeschlechts das Verhältnis
aller dieser Kräfte in eine Gleichung zu bringen vermöchte.
    
    Nicht Hitze und Kälte ist's allein, was aus der Luft auf uns wirket;
vielmehr ist sie nach den neuern Bemerkungen ein grosses Vorratshaus andrer
Kräfte, die schädlich und günstig sich mit uns verbinden. In ihr wirkt der
elektrische Feuerstrom, dies mächtige und in seinen animalischen Einflüssen uns
noch fast unbekannte Wesen; denn sowenig wir die innern Gesetze seiner Natur
kennen, sowenig wissen wir, wie der menschliche Körper es aufnimmt und
verarbeitet. Wir leben vom Hauch der Luft; allein der Balsam in ihr, unsre
Lebensspeise, ist uns ein Geheimnis. Fügen wir nun die mancherlei, beinah
unnennbaren Lokalbeschaffenheiten ihrer Bestandteile nach den Ausdünstungen
aller Körper ihres Gebietes hinzu; erinnern wir uns der Beispiele, wie oft durch
einen unsichtbaren, bösen Samen, dem der Arzt nur den Namen eines Miasma zu
geben wusste, die sonderbarsten, oft fürchterliche und in Jahrtausenden
unaustilgbare Dinge entstanden sind; denken wir an das geheime Gift, das uns die
Blattern, die Pest, die Lustseuche, die mit manchem Zeitalter verschwindenden
Krankheiten gebracht hat, und erinnern uns, wie wenig wir nicht etwa den
Hermattan und Sammiel, den Sirocco und den Nordostwind der Tatarei, sondern nur
die Beschaffenheit und Wirkung unsrer Winde kennen: wieviel mangelnde
Vorarbeiten werden wir inne, ehe wir an eine physiologisch-patologische,
geschweige an eine Klimatologie aller menschlichen Denk- und Empfindungskräfte
kommen können! Auch hier indessen bleibt jedem scharfsinnigen Versuche sein
Kranz, und die Nachwelt wird unsrer Zeit edle Kränze zu reichen haben.122
    
    Endlich die Höhe oder Tiefe eines Erdstrichs, die Beschaffenheit desselben
und seiner Produkte, die Speisen und Getränke, die der Mensch geniesst, die
Lebensweise, der er folgt, die Arbeit, die er verrichtet, Kleidung, gewohnte
Stellungen sogar, Vergnügen und Künste, nebst einem Heer andrer Umstände, die in
ihrer lebendigen Verbindung viel wirken: alle sie gehören zum Gemälde des
vielverändernden Klima. Welche Menschenhand vermag nun dieses Chaos von Ursachen
und Folgen zu einer Welt zu ordnen, in der jedem einzelnen Dinge, jeder
einzelnen Gegend sein Recht geschehe und keins zuviel oder zuwenig erhalte? Das
einzige und beste ist, dass man nach Hippokrates' Weise123 mit seiner
scharfsehenden Einfalt einzelne Gegenden klimatisch bemerke und sodann langsam,
langsam allgemeine Schlüsse folgere. Naturbeschreiber und Ärzte sind hier
physicians, Schüler der Natur und des Philosophen Lehrer, denen wir schon
manchen Beitrag einzelner Gegenden zur allgemeinen Lehre der Klimate und ihrer
Einwirkung auf den Menschen auch für die Nachwelt zu danken haben. - Da hier
aber von keinen speziellen Bemerkungen die Rede sein kann, so wollen wir nur in
einigen allgemeinen Anmerkungen unsern Gang verfolgen.
    1. Da unsre Erde eiche Kugel und das feste Land ein Gebürge über dem Meer
ist, so wird durch vielerlei Ursachen auf ihr eine klimatische Gemeinschaft
befördert, die zum Leben der Lebendigen gehöret. Nicht nur Tag und Nacht und der
Reihentanz abwechselnder Jahrszeiten verändern das Klima eines jeden Erdstrichs
periodisch, sondern der Streit der Elemente, die Gegenwirkung der Erde und des
Meers, die Lage der Berge und Ebnen, die periodischen Winde, die aus der
Bewegung der Kugel, aus der Veränderung der Jahres- und Tageszeilen und aus
soviel kleinern Ursachen entspringen, unterhalten diese gesundheitbringende
Vermählung der Elemente, ohne welche alles in Schlummer und Verwesung sänke. Es
ist eine Atmosphäre, die uns umgibt, ein elektrisches Meer, in dem wir leben;
beide aber (und wahrscheinlich der magnetische Strom mit ihnen) sind in einer
ewigen Bewegung. Das Meer dunstet aus; die Berge ziehen an und giessen Regen und
Ströme zu beiden Seiten hinunter. So lösen die Winde einander ab; so erfüllen
Jahre oder Jahrreihen die Summe ihrer klimatischen Tage. So heben und tragen
einander die verschiednen Gegenden und Zeiten. Alles auf unsrer Kugel steht in
gemeinsamer Verbindung. Wäre die Erde platt oder hätte sie die Winkelgestalt,
von der die Sinesen träumten: freilich, so könnte sie in ihren Ecken die
klimatischen Ungestalten nähren, von denen jetzt ihr regelmässiger Bau und seine
mitteilende Bewegung nichts weiss. Um den Tron Jupiters tanzen ihre Horen im
Reihentanz, und was sich unter ihren Füssen bildet, ist zwar nur eine
unvollkommene Vollkommenheit, weil alles auf die Vereinigung verschiedenartiger
Dinge gebauet ist, aber durch eine innre Liebe und Vermählung miteinander wird
allentalben das Kind der Natur geboren, sinnliche Regelmässigkeit und Schönheit.
    2. Das bewohnbare Land unsrer Erde ist in Gegenden zusammengedrängt, wo die
meisten lebendigen Wesen in der ihnen gnügsamsten Form wirken; diese Lage der
Weltteile hat Einfluss auf ihrer aller Klima. Warum fängt im südlichen Hemisphär
die Kälte schon so nahe der Linie an? Der Naturphilosoph antwortet: »Weil
daselbst so wenig Land ist; daher die kalten Winde und Eisschollen des Südpols
weit hinaufströmen.« Wir sehen also unser Schicksal, wenn das ganze feste Land
der Erde in Inseln umhergeworfen wäre. Jetzt wärmen sich drei zusammenhangende
Weltteile aneinander; das vierte, das ihnen entfernt liegt, ist auch aus dieser
Ursache kälter, und im Südmeer fängt, bald jenseit der Linie, mit dem Mangel des
Landes auch Missgestalt und Verartung an. Wenigere Geschlechter vollkommenerer
Landtiere sollten also daselbst leben; das Südhemisphär war zum grossen
Wasserbehältnis unsrer Kugel bestimmt, damit das Nordhemisphär ein besseres
Klima genösse. Auch geographisch und klimatisch sollte das Menschengeschlecht
ein zusammenwohnendes, nachbarliches Volk sein, das so wie Pest, Krankheiten und
klimatische Laster, auch klimatische Wärme und andre Wohltaten einander
schenkte.
    3. Durch den Bau der Erde an die Gebürge ward nicht nur für das grosse
Mancherlei der Lebendigen das Klima derselben zahllos verändert, sondern auch
die Ausartung des Menschengeschlechts verhütet, wie sie verhütet werden konnte.
Berge waren der Erde nötig; aber nur einen Bergrücken der Mogolen und Tibetaner
gibt's auf derselben; die hohen Cordilleras und so viel andre ihrer Brüder sind
unbewohnbar. Auch öde Wüsten wurden durch den Bau der Erde an die Gebürge
selten; denn die Berge stehn wie Ableiter des Himmels da und giessen ihr Füllhorn
aus in befruchtenden Strömen. Die öden Ufer endlich, der kalte oder feuchte
Meeresabhang ist allentalben nur später entstandenes Land, welches also auch
die Menschheit erst später und schon wohlgenährt an Kräften beziehen dorfte. Das
Tal von Quito war gewiss eher bewohnt als das Feuerland, Kaschmire eher als
Neuholland oder Nova-Zembla. Die mittlere grösseste Breite der Erde, das Land der
schönsten Klimate zwischen Meer und Gebürgen, war das Erziehungshaus unsres
Geschlechts und ist noch jetzt der bewohnteste Teil der Erde. -
    Nun ist keine Frage, dass, wie das Klima ein Inbegriff von Kräften und
Einflüssen ist, zu dem die Pflanze wie das Tier beiträgt und der allen
Lebendigen in einem wechselseitigen Zusammenhange dienet, der Mensch auch darin
zum Herrn der Erde gesetzt sei, dass er es durch Kunst ändre. Seitdem er das
Feuer vom Himmel stahl und seine Faust das Eisen lenkte, seitdem er Tiere und
seine Mitbrüder selbst zusammenzwang und sie sowohl als die Pflanze zu seinem
Dienst erzog, hat er auf mancherlei Weise zur Veränderung desselben mitgewirket.
Europa war vormals ein feuchter Wald, und andre jetzt kultivierte Gegenden
waren's nicht minder: es ist gelichtet, und mit dem Klima haben sich die
Einwohner selbst geändert. Ohne Polizei und Kunst wäre Ägypten ein Schlamm des
Nils worden: es ist ihm abgewonnen, und sowohl hier als im weitern Asien hinauf
hat die lebendige Schöpfung sich dem künstlichen Klima bequemet. Wir können also
das Menschengeschlecht als eine Schar kühner, obwohl kleiner Riesen betrachten,
die allmählich von den Bergen herabstiegen, die Erde zu unterjochen und das
Klima mit ihrer schwachen Faust zu verändern. Wie weit sie es darin gebracht
haben mögen, wird uns die Zukunft lehren.
    4. Ist's endlich erlaubt, über eine Sache, die so ganz auf einzelnen Fällen
des Orts und der Geschichte ruhet, etwas Allgemeines zu sagen, so setze ich
verändert einige Kautelen her, die Baco zu seiner Geschichte der Revolutionen
giebet.124 Die Wirkung des Klima erstreckt sich zwar auf Körper allerlei Art,
vorzüglich aber auf die zärtern, die Feuchtigkeiten die Luft und den Äter. Sie
verbreitet sich viel mehr auf die Massen der Dinge als auf die Individuen, doch
auch auf diese durch jene. Sie geht nicht auf Zeitpunkte, sondern herrscht in
Zeiträumen, wo sie oft spät und sodann vielleicht durch geringe Umstände
offenbar wird. Endlich: Das Klima zwinget nicht, sondern es neiget; es gibt die
unmerkliche Disposition, die man bei eingewurzelten Völkern im ganzen Gemälde
der Sitten und Lebensweise zwar bemerken, aber sehr schwer, insonderheit
abgetrennt, zeichnen kann. Vielleicht findet sich einmal ein eigner Reisender,
der ohne Vorurteile und Übertreibungen für den Geist des Klima reiset. Unsre
Pflicht ist jetzt, viel mehr die lebendigen Kräfte zu bemerken, für die jedes
Klima geschaffen ist und die schon durch ihr Dasein es mannigfalt modifizieren
und ändern.
 
                                       IV
Die genetische Kraft ist die Mutter aller Bildungen auf der Erde, der das Klima
                     feindlich oder freundlich nur zuwirket
    Wer zum erstenmal das Wunder der Schöpfung eines lebendigen Wesens sähe, wie
würde er staunen!125 Aus Kügelchen, zwischen welchen Säfte schiessen, wird ein
lebender Punkt, und aus dem Punkt erzeugt sich ein Geschöpf der Erde. Bald wird
das Herz sichtbar und fängt an, so schwach und unvollkommen es sei, zu schlagen;
das Blut, das vor dem Herzen da war, fängt an, sich zu röten; bald erscheinet
das Haupt; bald zeigen sich Augen, Mund, Sinne und Glieder. Noch ist keine Brust
da, und schon ist Bewegung in ihren innern Teilen; noch sind die Eingeweide
nicht gebildet, und das Tier öffnet den Schnabel Das kleine Gehirn ist ausserhalb
dem Kopf, das Herz noch ausser der Brust; wie ein Spinnengewebe sind Ribben und
Beine; bald zeigen sich Flügel, Füsse, Zehen, Hüften, und nun wird das Lebendige
weiter genähret. Was bloss war, bedecket sich: die Brust, das Hirn schliessen sich
zu; Magen und Eingeweide hangen noch hinunter. Auch diese bilden sich endlich,
je mehr die Materie verzehrt wird; die Häute ziehn sich zusammen und hinauf; der
Unterleib schliesst sich: das Tier ist bereitet. Es schwimmt jetzt nicht mehr,
sondern es liegt; bald wachet, bald schläft es; es regt sich, es schläft, es
ruft, es suchet Ausgang und kommt, in allen Teilen ganz und völlig, ans Licht
der Welt. Wie würde der, der dies Wunder zum erstenmal sähe, es nennen? Da ist,
würde er sagen, eine lebendige, organische Kraft; ich weiss nicht, woher sie
gekommen, noch was sie in ihrem Innern sei, aber dass sie da sei, dass sie lebe,
dass sie organische Teile sich aus dem Chaos einer homogenen Materie zueigne, das
sehe ich, das ist unleugbar.
    Bemerkte er ferner und sähe, dass jeder dieser organischen Teile, gleichsam
actu, in eigner Wirkung gebildet werde: das Herz erzeuge sich nicht anders als
durch eine Zusammenströmung der Kanäle, die schon vor ihm waren; sobald der
Magen sichtbar werde, habe er Materie der Verdauung in sich. So alle Adern, alle
Gefässe; das Entaltne war vor dem Entaltenden, das Flüssige vor dem Festen, der
Geist vor dem Körper da, in welchen jener sich nur kleidet. Bemerkte er dies126:
was würde er sagen, als dass die unsichtbare Kraft nicht willkürlich bilde,
sondern dass sie sich ihrer innern Natur nach gleichsam nur offenbare. Sie wird
in einer ihr zugehörigen Masse sichtbar und muss, wie und woher es auch sei, den
Typus ihrer Erscheinung in ihr selbst haben. Das neue Geschöpf ist nichts als
eine wirklich gewordene Idee der schaffenden Natur, die immer nur tätig denket.
    Führe er fort und bemerkte, dass, was diese Schöpfung befördert, mütterliche
oder Sonnenwärme sei, dass das Ei der Mutter aber, aller vorhandenen Materie und
Wärme ungeachtet, ohne Belebung des Vaters keine lebendige Frucht gebe, was
würde er mutmassen, als das Principium der Wärme könne mit dem Principium des
Lebens, das es befördert, zwar verwandt sein, eigentlich aber müsse in der
Vereinigung zweier lebendigen Wesen die Ursache liegen, die diese organische
Kraft in Wirksamkeit setzt, dem toten Chaos der Materie lebendige Form zu geben.
So sind wir, so sind alle lebende Wesen gebildet: jedes nach der Art seiner
Organisation, alle aber nach dem unverkennbaren Gesetz einer Analogie, die durch
alles Lebendige unsrer Erde herrschet.
    Endlich, wenn er erführe, dass diese lebendige Kraft das ausgebildete
Geschöpf nicht verlasse, sondern sich in ihm tätig zu offenbaren fortfahre; zwar
nicht mehr schaffend, denn es ist erschaffen, aber erhaltend, belebend, nährend.
Sobald es auf die Welt tritt, verrichtet es alle Lebensverrichtungen, zu
welchen, ja zum Teil in welchen es gebildet ward: der Mund öffnet sich, wie
Öffnung seine erste Gebärde war, und die Lunge schöpft Atem; die Stimme ruft,
der Magen verdauet, die Lippen saugen: es wächst, es lebt, alle innern und
äussern Teile kommen einander zu Hülfe; in einer gemeinschaftlichen Tätigkeit und
Mitleidenheit ziehen sie an, werfen aus, verwandeln in sich, helfen einander in
Schmerzen und Krankheit auf tausendfältig-wunderbare, unerforschte Weise. Was
würde, was könnte jeder, der dies zuerst bemerkte, sagen als: Die eingeborne,
genetische Lebenskraft ist in dem Geschöpf, das durch sie gebildet worden, in
allen Teilen und in jedem derselben nach seiner Weise, d. i. organisch noch
einwohnend. Allentalben ist sie ihm aufs vielartigste gegenwärtig, da es nur
durch sie ein lebendiges Ganze ist, was sich erhält, wächst und wirket.
    Und diese Lebenskraft haben wir alle in uns: in Gesundheit und Krankheit
stehet sie uns bei, assimiliert gleichartige Teile, sondert die fremden ab,
stösst die feindlichen weg; sie ermattet endlich im Alter und lebt in einigen
Teilen noch nach dem Tode. Das Vernunftvermögen unsrer Seele ist sie nicht; denn
dieses hat sich den Körper, den es nicht kennet und ihn nur als ein
unvollkommenes, fremdes Werkzeug seiner Gedanken braucht, gewiss nicht selbst
gebildet. Verbunden ist es indes mit jener Lebenskraft, wie alle Kräfte der
Natur in Verbindung stehen; denn auch das geistige Denken hangt von der
Organisation und Gesundheit des Körpers ab und alle Begierden und Triebe unsres
Herzens sind von der animalischen Wärme untrennbar. - - Alle dies sind Fakta der
Natur, die keine Hypotese umstossen, kein scholastisches Wort vernichten kann;
ihre Anerkennung ist die älteste Philosophie der Erde, wie sie auch
wahrscheinlich die letzte sein wird.127 So gewiss ich's weiss, dass ich denke, und
kenne doch meine denkende Kraft nicht, so gewiss empfinde und sehe ich's, dass ich
lebe, wenn ich gleich auch nie weiss, was Lebenskraft sei. Angeboren, organisch,
genetisch ist dies Vermögen; es ist der Grund meiner Naturkräfte, der innere
Genius meines Daseins. Aus keiner andern Ursache ist der Mensch das
vollkommenste Wesen der Erdeschöpfung, als weil die feinsten organischen Kräfte,
die wir kennen, bei ihm in den feinsten Werkzeugen der Organisation einwohnend
wirken. Er ist die vollkommenste animalische Pflanze, ein eingeborner Genius in
einer menschlichen Bildung.
    
    Sind unsre Grundsätze bisher richtig gewesen, wie sie sich denn auf
unstreitige Erfahrungen gründen, so kann auch keine Verartung unsres Geschlechts
vorgehen ohne eigentlich durch diese organischen Kräfte. Wie auch das Klima
wirke, jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze hat ihr eignes Klima; denn alle
äussern Einwirkungen nimmt jedes nach seiner Weise auf und verarbeitet sie
organisch. Auch in der kleinsten Fiber leidet der Mensch nicht wie ein Stein,
nicht wie eine Wasserblase. Lasset uns einige Stufen oder Schattierungen dieser
Verartung bemerken.
    Die erste Stufe der Verartung des menschlichen Geschlechts zeigt sich in
den äussern Teilen; nicht als ob diese für sich litten oder wirkten, sondern weil
die uns einwohnende Kraft von innen heraus wirket. Durch den wunderbarsten
Mechanismus strebt sie aus dem Körper zu treiben, was ihr hinderlich und fremd
ist; die ersten Veränderungen ihres organischen Baues müssen also an den Grenzen
ihres Reichs sichtbar werden, und so betreffen die auffallendsten Varietäten des
Menschengeschlechts nichts als Haut und Haare. Die Natur schützte ihr inneres
wesentliches Gebilde und schaffte die beschwerende Materie so weit hinaus, als
sie es zu tun vermochte.
    Griff die verändernde äussere Macht weiter, so zeigen sich ihre Wirkungen auf
keinen andern Wegen, als auf denen die lebendige Kraft selbst wirket, auf den
Wegen der Nahrung und Fortpflanzung. Der Neger wird weiss geboren; die Teile, die
sich bei ihm zuerst schwärzen128, sind ein offenbares Kennzeichen, dass das
Miasma seiner Veränderung, das die äussere Luft nur entwickelt, genetisch wirke.
Nun zeigen uns die Jahre der Mannbarkeit sowohl als eine Schar von Erfahrungen
an Kranken, welch ein weites Reich die Kräfte der Nahrung und Fortpflanzung im
menschlichen Körper haben. Die entferntsten Glieder stehn durch sie miteinander
in Verbindung; und eben diese Glieder sind's, die bei der Verartung der Völker
auch gemeinschaftlich leiden. Ausser der Haut und den Geschlechtsteilen sind
daher Ohren, Hals und die Stimme, die Nase, die Lippen, das Haupt u. f. genau
die Region, in welcher sich die meisten Veränderungen zeigen.
    Endlich, da die Lebenskraft alle Teile zur Gemeinschaft bindet und die
Organisation ein vielverschlungener Kreis ist, der eigentlich nirgend Anfang und
Ende findet, so wird begreiflich, dass die innigste Hauptveränderung zuletzt auch
in den festesten Teilen sichtbar werden müsse, die vermöge der innern leidenden
Kraft vom Schädel bis zum Fuss in ein andres Verhältnis treten. Schwer geht die
Natur an diese Verwandlung; auch bei Missgeburten, wo sie in ihrem Kunstwerk
gewaltsam gestört wird, hat sie wunderbare Wege der Erstattung, wie ein
geschlagner Feldherr eben im Rückzuge die meiste Weisheit zeigt. Indessen
zeigen die verschiednen Bildungen der Völker, dass auch diese, die schwerste
Verwandlung beim Menschengebilde, möglich war; denn eben die tausendfache
Zusammensetzung und feine Beweglichkeit unsrer Maschine samt den
unnennbar-mannigfaltigen Mächten, die auf sie wirken, machten sie möglich. Aber
auch diese schwere Verwandlung ward nur von innen heraus bewirket.
Jahrhundertelang haben Nationen ihre Köpfe geformt, ihre Nasen durchbohrt, ihre
Füsse gezwungen, ihre Ohren verlängert; die Natur blieb auf ihrem Wege; und wenn
sie eine Zeitlang folgen, wenn sie den verzerreten Gliedern Säfte zuführen
musste, wohin sie nicht wollte: sobald sie konnte, ging sie ins Freie wieder und
vollendete ihren vollkommenern Typus. Ganz anders, sobald die Missbildung
genetisch war und auf Wegen der Natur wirkte; hier vererbten sich Missbildungen,
selbst an einzelnen Gliedern. Sage man nicht, dass Kunst oder die Sonne des
Negers Nase geplattet habe. Da die Bildung dieses Teils mit der Konformation des
ganzen Schädels, des Kinns, des Halses, des Rückens zusammenhängt und das
sprossende Rückenmark gleichsam der Stamm des Baums ist, an dem sich die Brust
und alle Glieder bilden, so zeigt die vergleichende Anatomie gnugsam129, dass die
Verartung die ganze Gestalt angegriffen und sich keiner dieser festen Teile
ändern konnte, ohne dass das Ganze verändert wurde. Eben daher geht die
Negergestalt auch erblich über und kann nur genetisch zurückverändert werden.
Setzet den Mohren nach Europa: er bleibt, was er ist; verheiratet ihn aber mit
einer Weissen, und eine Generation wird verändern, was Jahrhunderte hindurch das
bleichende Klima nicht würde getan haben. So ist's mit den Bildungen aller
Völker: die Weltgegend verändert sie äusserst langsam, durch die Vermischung mit
fremden Nationen verschwinden in wenigen Geschlechtern alle mogolischen,
sinesischen, amerikanischen Züge.
    
    Gefällt es meinen Lesern, auf diesem Wege fortzugehen, so lasset uns ihn
noch einige Schritte verfolgen.
    1. Jedem Bemerkenden muss es aufgefallen sein, dass in den
unzählbar-verschiednen Gestalten der Menschen gewisse Formen und Verhältnisse
nicht nur wiederkommen, sondern auch ausschliessend zueinander gehören. Bei
Künstlern ist dies eine ausgemachte Sache, und in den Statuen der Alten sieht
man, dass sie diese Proportion oder Symmetrie, wie sie es nannten, nicht etwa nur
in die Länge und Breite der Glieder, sondern auch in die harmonische Bildung
derselben zur Seele des Ganzen setzten. Die Charaktere ihrer Götter und
Göttinnen, ihrer Jünglinge und Helden waren in ihrer ganzen Haltung so bestimmt,
dass man sie zum Teil schon aus einzelnen Gliedern kennet und sich keinem Gebilde
ein Arm, eine Brust, eine Schulter geben lässt, die für ein andres gehöret. Der
Genius eines einzeln-lebendigen Wesens lebt in jeder dieser Gestalten, die er
wie eine Hülle nur durchhaucht und sich im kleinsten Mass der Stellung und
Bewegung, ähnlich dem Ganzen, charakterisieret. Unter den Neuern hat der
Polyklet unsres Vaterlandes, Albrecht Dürer130, das Mass verschiedner
Proportionen des menschlichen Körpers sorgfältig untersucht, und jedem Auge wird
dabei offenbar, dass die Bildung aller Teile sich mit den Verhältnissen ändre.
Wie nun, wenn wir Dürers Genauigkeit mit dem Seelengefühl der Alten verbänden
und die Verschiedenheit menschlicher Hauptformen und Charaktere in ihrem
zusammenstimmenden Gebilde studierten? Mich dünkt, die Physiognomik träte damit
auf den alten natürlichen Weg, auf den sie ihr Name weiset, nach welchem sie
weder eine Eto- noch Technognomik, sondern die Auslegerin der lebendigen Natur
eines Menschen, gleichsam die Dolmetscherin seines sichtbar gewordenen Genius
sein soll. Da sie in diesen Schranken der Analogie des Ganzen, das auch im
Antlitz das sprechendste ist, stets treu bleibt, so muss die Patognomik ihre
Schwester, die Physiologie und Semiotik ihre Mitelferin und Freundin werden;
denn die Gestalt des Menschen ist doch nur eine Hülle des innern Triebwerks, ein
zusammenstimmendes Ganze, wo jeder Buchstab zwar zum Wort gehört, aber nur das
ganze Wort einen Sinn gibt. Im gemeinen Leben brauchen und üben wir die
Physiognomik also: Der geübte Arzt sieht, welchen Krankheiten der Mensch seinem
Bau und Gebilde nach unterworfen sein könne, und das physiognomische Auge,
selbst der Kinder, bemerkt die natürliche Art (physis) des Menschen in seinem
Gebilde, d. i. die Gestalt, in der sich sein Genius offenbaret.
    Ferner. Sollten sich nicht diese Formen, diese Harmonien zusammentreffender
Teile bemerken und als Buchstaben gleichsam in ein Alphabet bringen lassen?
Vollständig werden diese Buchstaben nie werden, denn das ist auch kein Alphabet
irgendeiner Sprache; zur Charakteristik der menschlichen Natur aber in ihren
Hauptgestalten würde durch ein sorgsames Studium dieser lebendigen
Säulenordnungen unsres Geschlechts gewiss ein weites Feld geöffnet. Schränkte man
sich dabei nicht auf Europa ein und nähme noch weniger unser gewohntes Ideal zum
Muster aller Gesundheit und Schönheit, sondern verfolgte die lebendige Natur
überall auf der Erde, in welchen Harmonien zusammenstimmender Teile sie sich hie
und da mannigfaltig und immer ganz zeige: ohne Zweifel würden zahlreiche
Entdeckungen über den Concentus und die Melodie lebendiger Kräfte im Bau des
Menschen der Lohn dieser Bemerkungen werden. Ja vielleicht würde uns dies
Studium des natürlichen Consensus der Formen im menschlichen Körper weiter
führen als die so oft und fast immer mit Undank bearbeitete Lehre der
Komplexionen und Temperamente. Die scharfsinnigsten Beobachter kamen in dieser
nicht weit, weil zu dem Mannigfaltigen, das bezeichnet werden sollte, ihnen ein
bestimmtes Alphabet der Bezeichnung fehlte.131
    2. So wie nun bei einer solchen bildlichen Geschichte der Formung und
Verartung des Menschengeschlechts die lebendige Physiologie allentalben die
Fackel vortragen müsste, so würde in ihr auch Schritt vor Schritt die Weisheit
der Natur sichtbar, die nicht anders als nach einem Gesetz der tausendfach
erstattenden Güte Formen bildet und abändert. Warum z. B. sonderte die
schaffende Mutter Gattungen ab? Zu keinem andern Zweck, als dass sie den Typus
ihrer Bildung desto vollkommener machen und erhalten könnte. Wir wissen nicht,
wie manche unsrer jetzigen Tiergattungen in einem frühern Zustande der Erde
näher aneinandergegangen sein mögen; aber das sehen wir, ihre Grenzen sind jetzt
genetisch geschieden. Im wilden Zustande paaret sich kein Tier mit einer fremden
Gattung, und wenn die zwingende Kunst der Menschen oder der üppige Müssiggang, an
dem die gemästeten Tiere teilnehmen, auch ihren sonst sichern Trieb verwildern,
so lässt doch in ihren unwandelbaren Gesetzen die Natur von der üppigen Kunst
sich nicht überwinden. Entweder ist die Vermischung ohne Frucht, oder die
erzwungene Bastardart pflanzt sich nur unter den nächsten Gattungen weiter. Ja
bei diesen Bastardarten selbst sehen wir die Abweichung nirgend als an den
äussersten Enden des Reichs der Bildung, genau wie wir sie bei der Verartung des
Menschengeschlechts beschrieben haben; hätte der innere, wesentliche Typus der
Bildung Missgestalt bekommen müssen, so wäre kein lebendiges Geschöpf subsistent
worden. Weder ein Centaur also noch ein Satyr, weder die Scylla noch die Meduse
kann nach den innern Gesetzen der schaffenden Natur und des genetischen
wesentlichen Typus jeder Gattung sich er zeugen.
    3. Das feinste Mittel endlich, dadurch die Natur Vielartigkeit und
Bestandheit der Formen in ihren Gattungen verband, ist die Schöpfung und Paarung
zweier Geschlechter. Wie wunderbar fein und geistig mischen sich die Züge beider
Eltern in dem Angesicht und Bau ihrer Kinder! als ob nach verschiedenen
Verhältnissen ihre Seele sich in sie gegossen und die tausendfältigen
Naturkräfte der Organisation sich unter dieselben verteilt hätten. Dass
Krankheiten und Züge der Bildung, dass sogar Neigungen und Dispositionen sich
forterben, ist weltbekannt; ja oft kommen wunderbarerweise die Gestalten lange
verstorbener Vorfahren aus dem Strom der Generation wieder. Ebenso unleugbar,
obgleich schwer zu erklären, ist der Einfluss mütterlicher Gemüts- und
Leibeszustände auf den Ungebornen, dessen Wirkung manches traurige Beispiel
lebenslang mit sich träget. - Zwei Ströme des Lebens hat also die Natur
zusammengeleitet, um das werdende Geschöpf mit einer ganzen Naturkraft
auszustatten, die nach den Zügen beider Eltern jetzt in ihr selbst lebe. Manches
versunkne Geschlecht ist durch eine gesunde und fröhliche Mutter wieder
emporgehoben; mancher entkräftete Jüngling musste im Arm seines Weibes erst
selbst zum leben den Naturgeschöpf erweckt werden. Auch in der genialischen
Bildung der Menschheit also ist Liebe die mächtigste der Göttinnen; sie veredelt
Geschlechter und hebt die gesunknen wieder empor: eine Fackel der Gotteit,
durch deren Funken das Licht des menschlichen Lebens, hier trüber, dort heller,
glänzet. Nichts widerstrebet hingegen dem bildenden Genius der Naturen mehr als
jener kalte Hass oder jene widrige Konvenienz, die ärger als Hass ist. Sie zwingt
Menschen zusammen, die nicht füreinander gehören, und verewigt elende, mit sich
selbst disharmonische Geschöpfe. Kein Tier versank je so weit, als in dieser
Entartung der Mensch versinket.
 
                                       V
           Schlussanmerkungen über den Zwist der Genesis und des Klima
    Irre ich nicht, so ist mit dem, was bisher wenigstens andeutend gesagt
worden, der Anfang einer Grenzlinie zu Übersicht dieses Streits gezogen worden.
Niemand z. B. wird verlangen, dass in einem fremden Klima die Rose eine Lilie,
der Hund ein Wolf werden soll; denn die Natur hat genaue Grenzen um ihre
Gattungen gezogen und lässt ein Geschöpf lieber untergehen, als dass es ihr
Gebilde wesentlich verrücke oder verderbe Dass aber die Rose verarten, dass der
Hund etwas Wolfartiges an sich nehmen könne, dies ist der Geschichte gemäss, und
auch hier geht die Verartung nicht anders vor als durch schnelle oder langsame
Gewalt auf die gegenwirkende organischen Kräfte. Beide streitführende Mächte
sind also von grosser Wirkung; nur jede wirket auf eigne Art. Das Klima ist ein
Chaos von Ursachen, die einander sehr ungleich, also auch langsam und
verschiedenartig wirken, bis sie etwa zuletzt in das Innere eindringen und
dieses durch Gewohnheit und Genesis selbst ändern: die lebendige Kraft
widerstehet lange, stark, einartig und nur ihr selbst gleich; da sie indessen
doch nicht unabhängig von äussern Leidenschaften ist, so muss sie sich ihnen auch
mit der Zeit bequemen.
    Statt eines weitern Zwists im allgemeinen wünschte ich also lieber eine
belehrende Untersuchung im einzelnen, zu der uns das Feld der Geographie und
Geschichte eine grosse Ernte darbeut. Wir wissen z. E., wenn diese portugiesische
Kolonien nach Afrika, jene spanischen, holländischen, englischen, deutschen nach
Ostindien und Amerika gewandert sind, was an einigen derselben die Lebensart der
Eingebornen, an andern die fortgesetzte Lebensweise der Europäer für Wirkung
gehabt u. f. Hätte man dieses alles genau untersucht, so stiege man zu ältern
Übergängen, z. B. der Malayen auf den Inseln, der Araber in Afrika und
Ostindien, der Türken in ihren eroberten Ländern, sodann zu den Mogolen, Tatarn
und endlich zu dem Schwarm von Nationen, die in der grossen Völkerwanderung
Europa Überdeckten. Nirgend vergässe man, aus welchem Klima ein Volk kam, welche
Lebensart es mitbrachte, welches Land es vor sich fand, mit welchen Völkern es
sich vermischte, welche Revolutionen es in seinem neuen Sitz durchlebt hat.
Würde dieser untersuchende Kalkül durch die gewissern Jahrhunderte fortgesetzt,
so liessen sich vielleicht auch Schlüsse auf jene ältern Völkerzüge machen, die
wir nur aus Sagen alter Schriftsteller oder aus Übereinstimmungen der Mytologie
und Sprache kennen; denn im Grunde sind alle oder doch die meisten Nationen der
Erde früher oder später gewandert. Und so bekämen wir, mit einigen Karten zur
Anschauung, eine physisch-geographische Geschichte der Abstammung und Verartung
unsres Geschlechts nach Klimaten und Zeiten, die Schritt vor Schritt die
wichtigsten Resultate gewähren müsste.
    Ohne dem forschenden Geist, der diese Arbeit unternähme, vorzugreifen, setze
ich aus der neuern Geschichte einige wenige Erfahrungen her, kleine Exempel
meiner vorhergehen den Untersuchung.
    1. Alle zu schnelle, zu rasche Übergänge in ein entgegengesetztes Hemisphär
und Klima sind selten einer Nation heilsam worden; denn die Natur hat nicht
vergebens ihre Grenzen zwischen weit entfernten Ländern gezogen. Die Geschichte
der Eroberungen sowohl als der Handelsgesellschaften, am meisten aber der
Missionen, müsste ein trauriges und zum Teil lächerliches Gemälde geben, wenn man
diesen Gegenstand mit seinen Folgen auch nur aus eignen Relationen der
Übergegangenen unparteiisch hervorholte. Mit grausendem Abscheu lieset man die
Nachrichten von manchen europäischen Nationen, wie sie, versunken in die
frechste Üppigkeit und den fühllosesten Stolz, an Leib und Seele entarten und
selbst zum Genuss und Erbarmen keine Kräfte mehr haben. Aufgeblähete
Menschenlarven sind sie, denen jedes edle, tätige Vergnügen entgeht und in deren
Adern der vergeltende Tod schleichet. Rechnet man nun noch die Unglückseligen
dazu, denen beide Indien haufenweise ihre Grabstätte wurden; lieset man die
Geschichte der Krankheiten fremder Weltteile, die die englischen, französischen
und holländischen Ärzte beschreiben, und schauet denn in die frommen Missionen,
die sich so oft nicht von ihrem Ordenskleide, von ihrer europäischen Lebensweise
trennen wollten: welche lehrreichen Resultate, die, leider! auch zur Geschichte
der Menschheit gehören, dringen sich uns auf!
    2. Selbst der europäische Fleiss gesitteter Kolonien in andern Weltteilen
vermag nicht immer die Wirkung des Klima zu ändern. »In Nordamerika«, bemerkt
Kalm132, »kommen die europäischen Geschlechter eher zu reifen Jahren, aber auch
eher zum Alter und Tode als in Europa. Es ist nichts Seltnes«, sagt er, »kleine
Kinder zu sehen, die auf die vorgelegten Fragen bis zur Verwunderung lebhaft und
fertig antworten, aber auch die Jahre der Europäer nicht erreichen. Achtzig oder
neunzig Jahr sind für einen in Amerika gebornen Europäer ein seltnes Beispiel,
da doch die ersten Einwohner oft ein hohes Alter erlebten; auch die in Europa
Gebornen werden gemeiniglich viel älter als die von europäischen Eltern in
Amerika Erzeugten. Die Weiber hören früher auf, Kinder zu gebären, einige schon
im dreissigsten Jahr; auch bemerkt man bei allen europäischen Kolonien, dass die
dort oder hier Gebornen frühe und vor der Zeit ihre Zähne verlieren, da die
Amerikaner schöne, weisse und unbeschädigte Zähne bis an ihr Ende behalten.« Mit
Unrecht hat man diese Stellen auf die Ungesundheit des alten Amerika gegen seine
eignen Kinder gezogen; nur gegen Fremdlinge war's diese Stiefmutter, die, wie es
auch Kalm erklärt, mit andrer Konstitution und Lebensweise in seinem Schoss
leben.
    3. Man denke nicht, dass die Kunst der Menschen mit stürmender Willkür einen
fremden Erdteil sogleich zu einem Europa umschaffen könne, wenn sie seine Wälder
umhauet und seinen Boden kultivieret; denn die ganze lebendige Schöpfung ist im
Zusammenhange, und dieser will nur mit Vorsicht geändert werden. Ebender Kalm
berichtet aus dem Munde alter amerikanischer Schweden, dass durch die schnelle
Ausrottung der Wälder und Bebauung des Landes nicht nur das essbare Gevögel, das
sonst in unzähliger Menge auf Wassern und in Wäldern lebte, die Fische, von
denen sonst Flüsse und Bäche wimmelten, die Seen, Bäche, Quellen und Ströme, der
Regen, das dichte hohe Gras in den Wäldern u. f. sich sehr vermindert, sondern
dass diese Ausrottung auch auf das Lebensalter, die Gesundheit und Jahrszeiten zu
wirken scheine. »Die Amerikaner«, sagt er, »die bei Ankunft der Europäer ein
Alter von hundert und mehrern Jahren zurückgelegt, erreichen jetzt oft kaum das
halbe Alter ihrer Väter, woran nicht bloss der menschentötende Branntwein und
ihre veränderte Lebensweise, sondern wahrscheinlich auch der Verlust so vieler
wohlriechenden Kräuter und kräftigen Pflanzen schuld sei, die jeden Morgen und
Abend einen Geruch gaben, als ob man sich in einem Blumengarten fände. Der
Winter sei damals zeitiger, kälter, gesunder und beständiger gewesen; jetzt
treffe der Frühling später ein und sei, wie die Jahrszeiten überhaupt,
unbeständiger und abwechselnder.« So erzählt Kalm, und wie lokal man die
Nachricht einschränke, dörfte sie doch immer zeigen, dass die Natur selbst im
besten Werk, das Menschen tun können, dem Anbau eines Landes, zu schnelle, zu
gewaltsame Übergänge nicht liebe. Die Schwäche der sogenannten kultivierten
Amerikaner in Mexiko, Peru, Paraguay, Brasilien, sollte sie nicht unter andern
auch daher kommen, dass man ihnen Land und Lebensart verändert hat, ohne ihnen
eine europäische Natur geben zu können oder zu wollen? Alle Nationen, die in den
Wäldern und nach der Weise ihrer Väter leben, sind mutig und stark; sie werden
alt und grünen wie ihre Bäume; auf dem gebaueten Lande, dem feuchten Schatten
entzogen, schwinden sie traurig dahin; Seele und Mut ist in ihren Wäldern
geblieben. Man lese z. B. die rührende Geschichte der einsamen blühenden
Familie, die Dobritzhofer 133 aus ihrer Wildnis zog: Mutter und Tochter starben
bald dahin, und beide riefen in Träumen ihren zurückgebliebenen Sohn und Bruder
so lange nach sich, bis er ohne Weh und Krankheit die Augen zuschloss. Nur
dadurch wird es begreiflich, wie Nationen, die erst tapfer, munter, herzhaft
waren, in kurzer Zeit so weich werden konnten, wie sie die Jesuiten in Paraguay
und die Reisenden in Peru schildern, eine Weichheit, die dem Lesenden Schmerz
erreget. Für die Folge der Jahrhunderte mag diese Überstrengung der Natur an
einigen Orten ihre guten Wirkungen haben134, ob ich gleich, wenn sie
allentalben möglich wäre, auch hieran zweifle; für die ersten Geschlechter
aber, sowohl der Kultivatoren als der Kultivierten, scheint dieses nicht also;
denn die Natur ist allentalben ein lebendiges Ganze und will sanft befolgt und
gebessert, nicht aber gewaltsam beherrschet sein. Aus allen Wilden, die man
plötzlich ins Gedräng der Hauptstädte Europas brachte, ist nichts worden: von
dem glänzenden Turmknopf, auf den man sie setzte, sehnten sie sich wieder in
ihre Ebne und kamen meistens ungeschickt und verderbet zu ihrer alten, ihnen nun
auch ungeniessbaren Lebensweise wieder. Ein gleiches ist's mit der gewaltsamen
Umbildung der wilden Klimate durch europäische Hände.
    O Söhne des Dädalus, ihr Kreisel des Schicksals auf der Erde, wie viele
Gaben waren in eurer Hand, auf menschliche und schonende Art den Völkern Glück
zu erzeigen, und wie hat eine stolze, trotzige Gewinnsucht euch fast
allentalben auf einen so andern Weg gelenket! Alle Ankömmlinge fremder Länder,
die sich mit den Eingebornen zu nationalisieren wussten, genossen nicht nur ihre
Liebe und Freundschaft, sondern fanden am Ende auch, dass die klimatische
Lebensart derselben so gar unrecht nicht sei; aber wie wenige gab es solcher!
Wie selten verdiente ein Europäer den Lobspruch der Eingebornen: »Er ist ein
vernünftiger Mensch, wie wir sind!« Und ob sich die Natur an jedem Frevel, den
man ihr antut, nicht räche? Wo sind die Eroberungen, die Handlungsplätze und
Invasionen voriger Zeiten, sobald das ungleichartige Volk ins entfernte, fremde
Land nur raubend oder verwüstend streifte? Verwehet oder weggezehrt hat sie der
stille Hauch des Klima, und dem Eingebornen ward es leicht, dem wurzellosen Baum
den letzten Druck zu geben. Dagegen das stille Gewächs, das sich den Gesetzen
der Natur bequemte, nicht nur selbst fortdauert, sondern auch die Samenkörner
der Kultur auf einer neuen Erde wohltätig fortbreitet. Das folgende Jahrtausend
mag es entscheiden, was unser Genius andern Klimaten, was andre Klimate unserm
Genius genutzt oder geschadet haben.
 
                                  Achtes Buch
    Wie einem, der von den Wellen des Meers eine Schiffahrt in die Luft tun
soll, so ist mir, da ich jetzt nach den Bildungen und Naturkräften der
Menschheit auf ihren Geist komme und die veränderlichen Eigenschaften desselben
auf unserm weiten Erdrunde aus fremden, mangelhaften und zum Teil unsichern
Nachrichten zu erforschen wage. Der Metaphysiker hat es hier leichter. Er setzt
einen Begriff der Seele fest und entwickelt aus ihm, was sich entwickeln lässt,
wo und in welchen Zuständen es sich auch finde. Dem Philosophen der Geschichte
kann keine Abstraktion, sondern Geschichte allein zum Grunde liegen, und er
läuft Gefahr, trügliche Resultate zu ziehen, wenn er die zahllosen Fakta nicht
wenigstens in einiger Allgemeinheit verbindet. Indessen versuche ich den Weg und
kreuze, statt des überfliegenden Schiffes, lieber an den Küsten, d. h., ich
halte mich an gewisse oder für gewiss geachtete Fakta, von denen ich meine
Mutmassungen sondre, und überlasse es Glücklichern, sie besser zu ordnen und zu
gebrauchen.
 
                                       I
 Die Sinnlichkeit unsres Geschlechts verändert sich mit Bildungen und Klimaten;
  überall aber ist ein menschlicher Gebrauch der Sinne das, was zur Humanität
                                     führet
    Alle Nationen, die kranken Albinos etwa ausgenommen, haben ihre fünf oder
sechs menschliche Sinne; die Unfühlbaren des Diodorus oder die taub-und stummen
Völker sind in der neuern Menschengeschichte eine Fabel. Indes, wer auf die
Verschiedenheit der äussern Empfindungen auch nur unter uns acht hat und sodenn
an die zahllose Menge denkt, die in allen Klimaten der Erde lebet, der wird sich
hiebei wie vor einem Weltmeer finden, auf dem sich Wogen in Wogen verlieren.
Jeder Mensch hat ein eignes Mass, gleichsam eine eigne Stimmung aller sinnlichen
Gefühle zueinander, so dass bei ausserordentlichen Fällen oft die wunderbarsten
Äusserungen zum Vorschein kommen, wie einem Menschen bei dieser oder bei jener
Sache sei. Ärzte und Philosophen haben daher schon ganze Sammlungen von
eigentümlich sonderbaren Empfindungen, d. i. Idiosynkrasien, gegeben, die oft so
seltsam als unerklärlich sind. Meistens merken wir auf solche nur in Krankheiten
und ungewöhnlichen Zufällen; im täglichen Leben bemerken wir sie nicht. Die
Sprache hat auch keinen Ausdruck für sie, weil jeder Mensch doch nur nach seiner
Empfindung spricht und verstehet, verschiednen Organisationen also ein
gemeinschaftliches Mass ihrer verschiednen Gefühle fehlet. Selbst bei dem
klärsten Sinn, dem Gesicht, äussern sich diese Verschiedenheiten nicht nur in der
Nähe und Ferne, sondern auch in der Gestalt und Farbe der Dinge; daher manche
Maler mit ihren so eigentümlichen Umrissen und fast jeder derselben in seinem
Ton der Farben malet. Zur Philosophie der Menschengeschichte gehöret's nicht,
diesen Ozean auszuschöpfen, sondern durch einige auffallende Verschiedenheiten
auf die feinern aufmerksam zu machen, die um uns liegen.
    Der allgemeinste und notwendigste Sinn ist das Gefühl: er ist die Grundlage
der andern und bei dem Menschen einer seiner grössesten organischen Vorzüge.135
Er hat uns Bequemlichkeit, Erfindungen und Künste geschenkt und trägt zur
Beschaffenheit unserer Ideen vielleicht mehr bei, als wir vermuten. Aber wie
sehr ist dies Organ auch unter den Menschen verschieden, nachdem es die
Lebensart, das Klima, die Anwendung und Übung, endlich die genetische
Reizbarkeit des Körpers selbst modifizieret. Einigen amerikanischen Völkern z.
B. wird eine Unreizbarkeit der Haut zugeschrieben, die sich sogar bei Weibern
und in den schmerzhaftesten Operationen merkbar machen soll136; wenn das Faktum
wahr ist, dünkt mich's sehr erklärlich, sowohl aus Veranlassungen des Körpers
als der Seele. Seit Jahrhunderten nämlich boten viele Nationen dieses Weltteils
ihren nackten Leib der scharfen Luft und den scharfstechenden Insekten dar und
salbten ihn gegen diese zum Teil mit scharfen Salben; auch das Haar nahmen sie
sich, das die Weiche der Haut mit befördert. Ein schärferes Mehl, laugenhafte
Wurzeln und Kräuter waren ihre Speise, und es ist bekannt, in welcher genauen
Übereinstimmung die verdauenden Werkzeuge mit der fühlenden Haut stehen; daher
in manchen Krankheiten dieser Sinn völlig schwindet. Selbst ihr unmässiger Genuss
der Speisen, nach dem sie ebensowohl den entsetzlichsten Hunger ertragen,
scheint von dieser Unempfindlichkeit zu zeugen, die auch ein Symptom vieler
ihrer Krankheiten ist137 und also zum Wohl und Weh ihres Klima gehöret. Die
Natur hat sie mit derselben allmählich gegen Übel gewappnet, die sie mit einer
grössern Empfindlichkeit nicht ertragen könnten, und ihre Kunst ging der Natur
nach. Qualen und Schmerzen leidet der Nordamerikaner mit einer heroischen
Unfühlbarkeit aus Grundsätzen der Ehre; er ist von Jugend auf dazu gebildet
worden, und die Weiber geben den Männern hierin nichts nach. Stoische Apatie
also auch in körperlichen Schmerzen ward ihnen zur Naturgewohnheit, und ihr
minderer Reiz zur Wohllust, bei übrigens muntern Naturkräften, selbst jene
entschlafne Fühllosigkeit, die manche unterjochte Nationen wie in einen
wachenden Traum versenkte, scheinen aus dieser Ursache zu folgen. Unmenschen
also sind's, die einen Mangel, den die Natur ihren Kindern zum lindernden Trost
gab, aus noch grösserem Mangel menschlicher Empfindungen teils missbrauchten,
teils schmerzhaft erprobten.
    Dass ein Übermass an Hitze und Kälte das äussere Gefühl versenge oder stumpfe,
ist aus Erfahrungen bewiesen. Völker, die auf dem Sande mit blossen Füssen gehen,
bekommen eine Sohle, die das Beschlagen des Eisens erträgt, und man hat
Beispiele, dass einige zwanzig Minuten auf glühenden Kohlen aushielten. Ätzende
Gifte konnten die Haut verwandeln, dass man die Hand in geschmolznes Blei
eintauchen lernte, und die starrende Kälte sowie der Zorn und andre
Gemütsbewegungen tragen auch zur Abstumpfung des Gefühls bei.138 Die zarteste
Empfindlichkeit dagegen scheint in Erdstrichen und bei einer Lebensweise zu
sein, die die sanfteste Spannung der Haut und eine gleichsam melodische
Ausbreitung der Nerven des Gefühls fördert. Der Ostindier ist vielleicht das
feinste Geschöpf im Genuss sinnlicher Organe. Seine Zunge, die nie mit dem
Geschmack gegorner Getränke oder scharfer Speisen entnervt worden, schmeckt den
geringsten Nebengeschmack des reinen Wassers, und sein Finger arbeitet
nachahmend die niedlichsten Werke, bei denen man das Vorbild vom Nachbilde nicht
zu unterscheiden weiss. Heiter und ruhig ist seine Seele, ein zarter Nachklang
der Gefühle, die ihn ringsum nur sanft bewegen. So spielen die Wellen um den
Schwan; so säuseln die Lüfte um das durchsichtige junge Laub des Frühlings. -
    Ausser dem warmen und sanften Himmelsstrich trägt nichts so sehr zu diesem
erhöheten Gefühl bei als Reinheit, Mässigkeit und Bewegung: drei Tugenden des
Lebens, in denen viele Nationen, die wir ungesittet nennen, uns übertreffen und
die insonderheit den Völkern schöner Erdstriche eigen zu sein scheinen. Die
Reinigkeit des Mundes, das öftere Baden, Liebe zur Bewegung in freier Luft,
selbst das gesunde und wohllüstige Reiben und Dehnen des Körpers, das den Römern
so bekannt war, als es unter Indiern, Persern und manchen Tataren weit umher
noch gewöhnlich ist, befördert den Umlauf der Säfte und erhält den elastischen
Ton der Glieder. Die Völker der reichsten Erdstriche leben mässig; sie haben
keinen Begriff, dass ein widernatürliches Reizen der Nerven und eine tägliche
Verschlemmung der Säfte das Vergnügen sein könne, dazu ein Mensch erschaffen
worden; die Stämme der Brahminen haben in Ihren Vätern von Anfange der Welt her
weder Fleisch noch Wein gekostet. Da es nun bei Tieren sichtbar ist, was diese
Lebensmittel aufs ganze Empfindungssystem für Macht haben wieviel stärker muss
diese Macht bei der feinsten Blume aller Organisationen, der Menschheit, wirken.
Mässigkeit des sinnlichen Genusses ist ohne Zweifel eine kräftigere Metode zur
Philosophie der Humanität als tausend gelernte künstliche Abstraktionen. Alle
grobfühlenden Völker in einem wilden Zustande oder harten Klima leben gefrässig,
weil sie nachher oft hungern müssen; sie essen auch meistens, was ihnen
vorkommt. Völker von feinerem Sinn lieben auch feinere Vergnügen. Ihre
Mahlzeiten sind einfach, und sie geniessen täglich dieselben Speisen; dafür aber
wählen sie wohllüstige Salben, feine Gerüche, Pracht, Bequemlichkeit, und vor
allem ist ihre Blume des Vergnügens die sinnliche Liebe. Wenn bloss von Feinheit
des Organs die Rede sein soll, so ist kein Zweifel, wohin sich der Vorzug neige;
denn kein gesitteter Europäer wird zwischen dem Fett- und Tranmahle des
Grönländers und den Spezereien des Indiers wählen. Indessen wäre die Frage, wem
wir, trotz unsrer Kultur in Worten, dem grössesten Teil nach näher sein möchten,
ob jenem oder diesem? Der Indier setzt seine Glückseligkeit in leidenschaftlose
Ruhe, in einen unzerstörbaren Genuss der Heiterkeit und Freude; er atmet
Wohllust; er schwimmt in einem Meer süsser Träume und erquickender Gerüche;
unsere Üppigkeit hingegen, um deren willen wir alle Weltteile beunruhigen und
berauben, was will, was suchet sie? Neue und scharfe Gewürze für eine gestumpfte
Zunge, fremde Früchte und Speisen, die wir in einem überfüllenden Gemisch oft
nicht einmal kosten, berauschende Getränke, die uns Ruhe und Geist rauben; was
nur erdacht werden kann, unsre Natur aufregend zu zerstören, ist das tägliche
grosse Ziel unsres Lebens. Dadurch unterscheiden sich Stände; dadurch beglücken
sich Nationen. - Beglücken?
    Weshalb hungert der Arme und muss bei stumpfen Sinnen in Mühe und Schweiss das
elendeste Leben führen? Damit seine Grossen und Reichen ohne Geschmack und
vielleicht zu ewiger Nahrung ihrer Brutalität täglich auf feinere Art ihre Sinne
stumpfen. »Der Europäer isst alles«, sagt der Indier, und sein feinerer Geruch
hat schon vor den Ausdünstungen desselben einen Abscheu. Er kann ihn nach seinen
Begriffen nicht anders als in die verworfne Kaste klassifizieren, der, zur
tiefsten Verachtung, alles zu essen erlaubt ward. Auch in vielen Ländern der
Mahomedaner heissen die Europäer, und nicht bloss aus Religionshass, unreine Tiere.
    Schwerlich hat uns die Natur die Zunge gegeben, dass einige Wärzchen auf ihr
das Ziel unsres mühseligen Lebens oder gar des Jammers andrer Unglücklichen
würden. Sie überkleidete sie mit einem Gefühl des Wohlgeschmacks, teils damit
sie uns die Pflicht, den wütenden Hunger zu stillen, versüsste und uns mit
gefälligern Banden zur beschwerlichen Arbeit zöge, teils aber auch sollte das
Gefühl dieses Organs der prüfende Wächter unsrer Gesundheit werden, und den
haben an ihm alle üppige Nationen längst verloren. Das Vieh kennet, was ihm
gesund ist, und wählt mit scheuer Vorsicht seine Kräuter: das Giftige und
Schädliche berühret es nicht und täuscht sich selten. Menschen, die unter den
Tieren lebten, konnten die Nahrungsmittel wie sie unterscheiden; sie verloren
dies Kriterium unter den Menschen, wie jene Indier ihren reinern Geruch
verloren, da sie ihre einfachen Speisen aufgaben. Völker, die in gesunder
Freiheit leben, haben noch viel von diesem sinnlichen Führer. Nie oder selten
irren sie sich an Früchten ihres Landes; ja durch den Geruch spürt der
Nordamerikaner sogar seine Feinde aus, und der Antille unterscheidet durch ihn
die Fusstritte verschiedner Nationen. So können selbst die sinnlichsten,
tierartigen Kräfte des Menschen wachsen, nachdem sie gebauet und geübt werden;
der beste Anbau derselben indessen ist Proportion ihrer aller zu einer wahrhaft
menschlichen Lebensweise, dass keine herrsche und sich keine verliere. Dies
Verhältnis ändert sich mit jedem Lande und Klima. Der Anwohner heisser Gegenden
isst mit wildem Geschmack für uns höchst ekelhafte Speisen; denn seine Natur
fodert sie als Arzneien, als rettende Wohltat.139
    Gesicht und Gehör endlich sind die edelsten Sinne, zu denen der Mensch schon
seiner organischen Anlage nach vorzüglich geschaffen worden; denn bei ihm sind
die Werkzeuge dieser Sinne vor allen Tieren kunstreich ausgebildet. Zu welcher
Schärfe haben manche Nationen Auge und Ohr gebracht! Der Kalmucke sieht Rauch,
wo ihn kein europäisches Auge gewahr wird; der scheue Araber horcht weit umher
in seiner stillen Wüste. Wenn nun mit dem Gebrauch dieser scharfen und feinen
Sinne sich zugleich eine ungestörte Aufmerksamkeit verbindet, so zeigen es
abermals viele Völker, wie weit es auch im kleinsten Werk der Geübte vor dem
Ungeübten zu bringen vermöge Die jagenden Völker kennen jeden Strauch und Baum
ihres Landes: die Nordamerikaner verirren sich nie in ihren Wäldern, Hunderte
von Meilen suchen sie ihren Feind auf und finden ihre Hütten wieder. Die
gesitteten Quaranier, erzählt Dobritzhofer, machen mit einer bewundernswürdigen
Genauigkeit alles nach, was man ihnen an feiner, künstlicher Arbeit vorlegt;
aber nach dem Gehör, aus beschreibenden Worten können sie sich wenig denken und
nichts erfinden: eine natürliche Folge ihrer Erziehung, in der die Seele nicht
durch Worte, sondern durch gegenwärtige, anschaubare Dinge gebildet wurde, da
wortgelehrte Menschen oft so viel gehört haben, dass sie, was vor ihnen ist,
nicht mehr zu sehen vermögen. Die Seele des freien Natursohnes ist gleichsam
zwischen Auge und Ohr geteilet; er kennt mit Genauigkeit die Gegenstände, die er
sah; er erzählt mit Genauigkeit die Sagen, die er horte. Seine Zunge stammelt
nicht, so wie sein Pfeil nicht irret; denn wie sollte seine Seele bei dem, was
sie genau sah und hörte, irren und stammeln?
    Gute Anlage der Natur für ein Wesen, bei dem die erste Sprosse seines
Wohlgenusses und Verstandes doch nur aus sinnlichen Empfindungen keimet. Ist
unser Körper gesund, sind unsre Sinne geübt und wohlgeordnet, so ist die
Grundlage zu einer Heiterkeit und innern Freude gelegt, deren Verlust die
spekulierende Vernunft mit Mühe kaum zu ersetzen weiss. Das Fundament der
sinnlichen Glückseligkeit des Menschen ist allentalben, dass er da lebe, wo er
lebt; dass er geniesse, was ihm vorliegt, und sich, sowenig es sein kann, mit
zurück- oder vorwärtsblickenden Sorgen teile. Erhält er sich auf diesem
Mittelpunkt fest, so ist er ganz und kräftig; irret er aber, wenn er allein an
das Jetzt denken und dasselbe geniessen soll, mit seinen Gedanken umher: o wie
zerreisset er sich und wird schwach und lebt oft mühseliger als die zu ihrem
Glück enge-beschränkten Tiere. Das Auge des unbefangenen Naturmenschen blickt
auf die Natur und erquickt sich, ohne es zu wissen, schon an ihrem Gewande, oder
es arbeitet in seinem Geschäft, und indem es die Abwechselung der Jahrszeiten
geniesst, altert es kaum im höchsten Alter. Unzerstreuet von Halbgedanken und
unverwirrt von schriftlichen Zügen, höret das Ohr ganz, was es höret; es trinkt
die Rede in sich, die, wenn sie auf bestimmte Gegenstände weiset, die Seele mehr
als eine Reihe tauber Abstraktionen befriedigt. So lebet, so stirbt der Wilde,
satt, aber nicht überdrüssig der einfachen Vergnügen, die ihm seine Sinne gaben.
    Aber noch ein wohltätiges Geschenk verlieh die Natur Unserm Geschlecht, da
sie auch den gedankendürftigsten Gliedern desselben die erste Sprosse der
feinern Sinnlichkeit, die erquickende Tonkunst, nicht versagte. Ehe das Kind
sprechen kann, ist es des Gesanges oder wenigstens der ihm zutönenden Reize
desselben fähig; auch unter den ungebildeten Völkern ist also auch Musik die
erste schöne Kunst, die ihre Seele beweget. Das Gemälde der Natur fürs Auge ist
so mannigfalt abwechselnd und gross, dass der nachahmende Geschmack lange
umhertappen und sich an der Barbarei des Ungeheuern, des Auffallenden versuchen
muss, ehe er richtige Proportionen lernet. Aber die Tonkunst, wie einfach und
rohe sie sei, sie spricht zu allen menschlichen Herzen und ist nebst dem Tanz
das allgemeine Freudenfest der Natur auf der Erde. Schade nur, dass aus zu
zärtlichem Geschmack die meisten Reisenden uns diese kindlichen Töne fremder
Völker versagen. So unbrauchbar sie dem Tonkünstler sein mögen, so unterrichtend
sind sie für den Forscher der Menschheit; denn die Musik einer Nation, auch in
ihren unvollkommensten Gängen und Lieblingstönen, zeigt den innern Charakter
derselben, d. i. die eigentliche Stimmung ihres empfindenden Organs, tiefer und
wahrer, als ihn die längste Beschreibung äusserer Zufälligkeiten zu schildern
vermöchte. -
    Je mehr ich übrigens der ganzen Sinnlichkeit des Menschen in seinen
mancherlei Gegenden und Lebensarten nachspüre, desto mehr finde ich, dass die
Natur sich allentalben als eine gütige Mutter bewiesen habe. Wo ein Organ
weniger befriedigt werden konnte, reizte sie es auch minder und lässt
Jahrtausende hindurch es milde schlummern. Wo sie die Werkzeuge verfeinte und
öffnete, hat sie auch Mittel umhergelegt, sie bis zur Befriedigung zu vergnügen,
so dass die ganze Erde mit jeder zurückgehaltnen oder sich entfaltenden
Organisation der Menschheit ihr wie ein harmonisches Saitenspiel zutönet, in dem
alle Töne versucht sind oder werden versucht werden. -
 
                                       II
  Die Einbildungskraft der Menschen ist allentalben organisch und klimatisch;
             allentalben aber wird sie von der Tradition geleitet
    Von einer Sache, die ausser dem Kreise unsrer Empfindung liegt, haben wir
keinen Begriff; die Geschichte jenes Siamer-Königes, der Eis und Schnee für
Undinge ansah, ist in tausend Fällen unsre eigne Geschichte. Jedes eingeborne
sinnliche Volk hat sich also mit seinen Begriffen auch in seine Gegend
umschränkt; wenn es tut, als ob es Worte verstehe, die ihm von ganz fremden
Dingen gesagt werden, so hat man lange Zeit Ursache, an diesem innern
Verständnis zu zweifeln.
    »Die Grönländer haben es gern«, sagt der ehrliche Cranz140, »wenn man ihnen
etwas von Europa erzählet; sie könnten aber davon nichts begreifen, wenn man es
ihnen nicht gleichnisweise deutlich machte. Die Stadt oder das Land z. E. hat so
viel Einwohner, dass viele Walfische auf einen Tag kaum zur Nahrung hinreichen
würden; man isst aber keine Walfische, sondern Brot, das wie Gras aus der Erde
wächst, auch das Fleisch der Tiere, die Hörner haben, und lässt sich durch grosse,
starke Tiere auf ihrem Rücken tragen oder auf einem hölzernen Gestell ziehen. Da
nennen sie denn das Brot Gras, die Ochsen Renntiere und die Pferde grosse Hunde,
bewundern alles und bezeigen Lust, in einem so schönen, fruchtbaren Lande zu
wohnen, bis sie hören, dass es da oft donnert und keine Seehunde gibt. - Sie
hören auch gern von Gott und göttlichen Dingen, solange man ihnen ihre
abergläubischen Fabeln auch gelten lässt.« Wir wollen nach ebendiesem Cranz141
einen kleinen Katechismus ihrer teologischen Naturlehre machen, wie sie auch
bei europäischen Fragen nicht anders als in ihrem Gesichtskreise antworten und
denken.
    Frage: Wer hat wohl Himmel und Erde und alles, was ihr seht, geschaffen?
    Antwort: Das wissen wir nicht. Den Mann kennen wir nicht. Es muss ein sehr
mächtiger Mann sein. Oder es ist wohl immer so gewesen und wird so bleiben.
    Frage: Habet ihr auch eine Seele?
    Antwort: O ja. Sie kann ab- und zunehmen; unsre Angekoks können sie flicken
und reparieren; wenn man sie verloren hat, bringen sie sie wieder, und eine
kranke können sie mit einer frischen gesunden Seele von einem Hasen, Renntier,
Vogel oder jungen Kinde verwechseln Wenn wir auf eine weite Reise gegangen sind,
so ist oft unsre Seele zu Hause In der Nacht im Schlaf wandert sie aus dem
Leibe; sie geht auf die Jagd, zum Tanz, zum Besuch, und der Leib liegt gesund
da. -
    Frage: Wo bleibt sie denn im Tode?
    Antwort: Da geht sie an den glückseligen Ort in der Tiefe des Meers.
Daselbst wohnet Torngarsuk und seine Mutter; da ist ein beständiger Sommer,
schöner Sonnenschein und keine Nacht. Auch gutes Wasser ist da und ein Überfluss
an Vögeln, Fischen, Seehunden und Renntieren, die man alle ohne Mühe fangen kann
oder die man gar schon in einem grossen Kessel kochend findet.
    Frage: Und kommen alle Menschen dahin?
    Antwort: Dahin kommen nur die guten Leute, die zur Arbeit getaugt, die grosse
Taten getan, viel Walfische und Seehunde gefangen, viel ausgestanden haben oder
gar im Meer ertrunken, über der Geburt gestorben sind u. f.
    Frage: Wie kommen diese dahin?
    Antwort: Nicht leicht. Man muss fünf Tage lang oder länger an einem rauhen
Felsen, der schon ganz blutig ist, herunterklettern.
    Frage: Sehet ihr aber nicht jene schönen himmlischen Körper? Sollte der Ort
unsrer Zukunft nicht vielmehr dort sein?
    Antwort: Auch dort ist er, im obersten Himmel, hoch über dem Regenbogen, und
die Fahrt dahin ist so leicht und hurtig, dass die Seele noch selbigen Abend bei
dem Mond, der ein Grönländer gewesen, in seinem Hause ausruhen und mit den
übrigen Seelen Ball spielen und tanzen kann. Dieser Tanz, dieses Ballspiel der
Seelen ist jenes Nordlicht.
    Frage: Und was tun sie sonst oben?
    Antwort: Sie wohnen in Zelten um einen grossen See, in welchem Fische und
Vögel die Menge sind. Wenn dieser See überfliesst, so regnet's auf der Erde;
sollten einmal seine Dämme durchbrechen, so gäbe es eine allgemeine Sündflut. -
Überhaupt aber kommen nur die Untauglichen, Faulen in den Himmel; die Fleissigen
gehen zum Grunde der See. Jene Seelen müssen oft hungern, sind mager und
kraftlos, können auch wegen der schnellen Umdrehung des Himmels gar keine Ruhe
haben. Böse Leute und Hexen kommen dahin; sie werden von Raben geplagt, die sie
nicht von den Haaren abhalten können u. f.
    Frage: Wie glaubt ihr, dass das menschliche Geschlecht entstanden sei?
    Antwort: Der erste Mensch, Kallak, kam aus der Erde und bald hernach die
Frau aus seinem Daumen. Einmal gebar eine Grönländerin, und sie gebar Kablunät,
d. i. die Ausländer und Hunde; daher sind jene wie diese geil und fruchtbar.
    Frage: Und wird die Welt ewig dauern?
    Antwort: Einmal ist sie schon umgeküppt, und alle Menschen sind ertrunken.
Der einige Mann, der sich rettete, schlug mit dem Stock auf die Erde; da kam ein
Weib hervor, und beide bevölkerten die Erde wieder. Jetzt ruht sie noch auf
ihren Stützen, die aber schon vor Alter so morsch sind, dass sie oft krachen;
daher sie längst eingefallen wäre, wenn unsre Angekoks nicht immer daran
flickten.
    Frage: Was haltet ihr aber von jenen schönen Sternen?
    Antwort: Sie sind alle ehedem Grönländer oder Tiere gewesen, die durch
besondre Zufälle dahin aufgefahren sind und nach Verschiedenheit ihrer Speise
blass oder rot glänzen. Jene, die sich begegnen, sind zwei Weiber, die einander
besuchen, dieser schiessende Stern ist eine zum Besuch reisende Seele. Dies grosse
Gestirn (der Bär) ist ein Renntier; jene Siebensterne sind Hunde, die einen
Bären hetzen; jene (Orions Gürtel) sind Verwilderte, die vom Seehundfange nicht
nach Hause finden konnten und unter die Sterne kamen. Mond und Sonne sind zwei
leibliche Geschwister. Malina, die Schwester, wurde von ihrem Bruder im Finstern
verfolgt; sie wollte sich mit der Flucht retten, fuhr in die Höhe und ward zur
Sonne. Anninga fuhr ihr nach und ward zum Monde; noch immer läuft der Mond um
die jungfräuliche Sonne umher, in Hoffnung, sie zu haschen, aber vergebens. Müde
und abgezehrt (beim letzten Vierteil) fährt er auf den Seehundfang, bleibt
einige Tage aus und kommt so fett wieder, wie wir ihn im Vollmond sehen. Er
freut sich, wenn Weiber sterben, und die Sonne hat ihre Lust an der Männer Tode.
-
    Niemand würde mir's danken, wenn ich fortführe, die Phantasien mehrerer
Völker also zu zeichnen. Fände sich jemand, der dies Reich der Einbildungen, den
wahren Limbus der Eitelkeit, der unsre Erde umgibt, zu durchreisen Lust hätte,
so wünschte ich ihm den ruhigen Bemerkungsgeist, der zuerst frei von allen
Hypotesen der Übereinstimmung und Abstammung, allentalben nur wie auf seinem
Ort wäre und auch jede Torheit seiner Mitbrüder lehrreich zu machen wüsste. Was
ich auszuzeichnen habe, sind einige allgemeine Wahrnehmungen aus diesem
lebendigen Schattenreich phantasierender Völker.
    1. Überall charakterisieren sich in ihm Klimate und Nationen. Man halte die
grönländische mit der indischen, die lappländische mit der japanischen, die
peruanische mit der Negermytologie zusammen: eine völlige Geographie der
dichtenden Seele. Der Brahmine würde sich kaum ein Bild denken können, wenn man
ihm die Voluspa der Isländer vorläse und erklärte; der Isländer fände beim Wedam
sich ebenso fremde. Jeder Nation ist ihre Vorstellungsart um so tiefer
eingeprägt, weil sie ihr eigen, mit ihrem Himmel und ihrer Erde verwandt, aus
ihrer Lebensart entsprossen, von Vätern und Urvätern auf sie vererbt ist. Wobei
ein Fremder am meisten staunt, glauben sie am deutlichsten zu begreifen; wobei
er lacht, sind sie höchst ernstaft. Die Indier sagen, dass das Schicksal des
Menschen in sein Gehirn geschrieben sei, dessen feine Striche die unlesbaren
Lettern aus dem Buch des Verhängnisses darstellten; oft sind die willkürlichsten
Nationalbegriffe und Meinungen solche Hirngemälde, eingewebte Züge der Phantasie
vom festesten Zusammenhange mit Leib und Seele.
    2. Woher dieses? Hat jeder einzelne dieser Menschenherden sich seine
Mytologie erfunden, dass er sie etwa wie sein Eigentum liebe? Mitnichten. Er hat
nichts in ihr erfunden: er hat sie geerbt. Hätte er sie durch eignes Nachdenken
zuwege gebracht, so könnte er auch durch eignes Nachdenken vom Schlechtern zum
Bessern geführt werden; das ist aber hier der Fall nicht. Als Dobritzhofer142 es
einer ganzen Schar tapfrer und kluger Abiponer vorstellte, wie lächerrlich sie
sich vor den Drohungen eines Zauberers, der sich in einen Tiger verwandeln
wollte und dessen Klauen sie schon an sich zu fühlen meinten, entsetzten: »Ihr
erlegt«, sprach er zu ihnen, »täglich im Felde wahre Tiger, ohne euch darüber zu
entsetzen; warum erblasset ihr so feige über einen eingebildeten, der nicht da
ist?« - »Ihr Väter«, sprach ein tapfrer Abipone, »habt von unsern Sachen noch
keine echten Begriffe. Die Tiger auf dem Felde fürchten wir nicht, weil wir sie
sehen; da erlegen wir sie ohne Mühe. Die künstlichen Tiger aber setzen uns in
Angst, eben weil wir sie nicht sehen und also auch nicht zu töten vermögen.«
Mich dünkt, hier liegt der Knoten. Wären uns alle Begriffe so klar wie Begriffe
des Auges; hätten wir keine andern Einbildungen, als die wir von Gegenständen
des Gesichts abgezogen hätten und mit ihnen vergleichen könnten: so wäre die
Quelle des Betruges und Irrtums, wo nicht verstopft, so doch wenigstens bald
erkennbar. Nun aber sind die meisten Phantasien der Völker Töchter des Ohrs und
der Erzählung. Neugierig horchte das unwissende Kind den Sagen, die, wie Milch
der Mutter, wie ein festlicher Wein des väterlichen Geschlechts, in seine Seele
flossen und sie nährten. Sie schienen ihm, was es sah, zu erklären: dem
Jünglinge gaben sie Bericht von der Lebensart seines Stammes und von seiner
Väter Ehre; sie weiheten den Mann national und klimatisch in seinen Beruf ein,
und so wurden sie auch untrennbar von seinem ganzen Leben. Der Grönländer und
Tunguse sieht lebenslang nun wirklich, was er in seiner Kindheit eigentlich nur
reden hörte, und so glaubt er's als eine gesehene Wahrheit. Daher die
schreckhaften Gebräuche so vieler der entferntesten Völker bei Mond- und
Sonnenfinsternissen; daher ihr fürchterlicher Glaube an die Geister der Luft,
des Meers und aller Elemente. Wo irgend Bewegung in der Natur ist, wo eine Sache
zu leben scheint und sich verändert, ohne dass das Auge die Gesetze der
Veränderung wahrnimmt, da höret das Ohr Stimmen und Rede, die ihm das Rätsel des
Gesehenen durchs Nichtgesehene erklären; die Einbildungskraft wird gespannt und
auf ihre Weise, d. i. durch Einbildungen, befriedigt. Überhaupt ist das Ohr der
furchtsamste, der scheueste aller Sinne; es empfindet lebhaft, aber nur dunkel;
es kann nicht zusammenhalten, nicht bis zur Klarheit vergleichen: denn seine
Gegenstände gehn im betäubenden Strom vorüber. Bestimmt, die Seele zu wecken,
kann es ohne Beihülfe der andern Sinne, insonderheit des Auges, sie selten bis
zur deutlichen Gnugtuung belehren.
    3. Man sieht daher, bei welchen Völkern die Einbildungskraft am stärksten
gespannt sein müsse. Bei solchen nämlich, die die Einsamkeit lieben, die wilde
Gegenden der Natur, die Wüste, ein felsichtes Land, die sturmreiche Küste des
Meers, den Fuss feuerspeiender Berge oder andre wunder- und bewegungvolle
Erdstriche bewohnen. Von den ältesten Zeiten an ist die Arabische Wüste eine
Mutter hoher Einbildungen gewesen, und die solchen nachhingen, waren
meistenteils einsame, staunende Menschen. In der Einsamkeit empfing Mahomed
seinen Koran; seine erregte Phantasie verzückte ihn in den Himmel und zeigte ihm
alle Engel, Seligen und Welten; nie ist seine Seele entflammter, als wenn sie
den Blitz der einsamen Nacht, den Tag der grossen Wiedervergeltung und andre
unermessliche Gegenstände malet. Wo und wie weit hat sich nicht der Aberglaube
der Schamanen verbreitet? Von Grönland und dem dreifachen Lappland an über die
ganze nächtliche Küste des Eismeers tief in die Tatarei hinab, nach Amerika hin
und fast durch diesen ganzen Weltteil. Überall erscheinen Zauberer, und
allentalben sind Schreckbilder der Natur die Welt, in der sie leben. Mehr als
drei Vierteile der Erde sind also dieses Glaubens; denn auch in Europa hangen
die meisten Nationen finnischen und slawischen Ursprunges noch an den Zaubereien
des Naturdienstes, und der Aberglaube der Neger ist nichts als ein nach ihrem
Genius und Klima gestalteter Schamanismus. In den Ländern der asiatischen Kultur
ist dieser zwar von positiven künstlichern Religionen und Staatseinrichtungen
verdrängt worden; er lässt sich aber blicken, wo er sich blicken lassen darf, in
der Einsamkeit und beim Pöbel, bis er auf einigen Inseln des Südmeers wieder in
grosser Macht herrschet. Der Dienst der Natur hat also die Erde umzogen, und die
Phantasien desselben halten sich an jeden klimatischen Gegenstand der Übermacht
und des Schreckens, an den die menschliche Notdurft grenzet. In ältern Zeiten
war er der Gottesdienst beinah aller Völker der Erde.
    4. Dass die Lebensart und der Genius jedes Volks hiebei mächtig einwirke,
bedarf fast keiner Erwähnung. Der Schäfer sieht die Natur mit andern Augen an
als der Fischer und Jäger, und in jedem Erdstrich sind auch diese Gewerbe
wiederum, wie die Charaktere der Nationen, verschieden. Mich wunderte, z. B. in
der Mytologie der so nördlichen Kamtschadalen eine freche Lüsternheit zu
bemerken, die man eher bei einer südlichen Nation suchen sollte; ihr Klima
indessen und ihr genetischer Charakter geben auch über diese Anomalie Aufschluss.
143 Ihr kaltes Land hat feuerspeiende Berge und heisse Quellen: starrende Kälte
und kochende Glut sind im Streit daselbst; ihre lüsterne Sitten wie ihre grobe
mytologische Possen sind ein natürliches Produkt von beiden. Ein gleiches ist's
mit jenen Märchen der schwatzhaften, brausenden Neger, die weder Anfang noch
Ende haben144; ein gleiches mit der zusammengedrückten, festen Mytologie der
Nordamerikaner145, ein gleiches mit der Blumenphantasie der Indier146, die, wie
sie selbst, die wohllüstige Ruhe des Paradieses hauchet. Ihre Götter baden in
Milch- und Zuckerseen; ihre Göttinnen wohnen auf kühlenden Teichen im Kelch
süssduftender Blumen. Kurz, die Mytologie jedes Volks ist ein Abdruck der
eigentlichen Art, wie es die Natur ansah, insonderheit ob es, seinem Klima und
Genius nach, mehr Gutes oder Übel in derselben fand und wie es sich etwa das
eine durch das andre zu erklären suchte. Auch in den wildesten Strichen also und
in den missratensten Zügen ist sie ein philosophischer Versuch der menschlichen
Seele, die, ehe sie aufwacht, träumt und gern in ihrer Kindheit bleibet.
    5. Gewöhnlich sieht man die Angekoks, die Zauberer, Magier, Schamanen und
Priester als die Urheber dieser Verblendungen des Volks an und glaubt, alles
erklärt zu haben, wenn man sie Betrüger nennet. An den meisten Orten sind sie es
freilich; nie aber vergesse man, dass sie selbst Volk sind und also auch
Betrogene älterer Sagen waren. In der Masse der Einbildungen ihres Stammes
wurden sie erzeugt und erzogen; ihre Weihung geschah durch Fasten, Einsamkeit,
Anstrengung der Phantasie, durch Abmattung des Leibes und der Seele; daher
niemand ein Zauberer ward, bis ihm sein Geist erschien, und also in seiner Seele
zuerst das Werk vollendet war, das er nachher lebenslang mit wiederholter
ähnlicher Anstrengung der Gedanken und Abmattung des Leibes für andre treibet.
Die kältesten Reisenden mussten bei manchen Gaukelspielen dieser Art erstaunen,
weil sie Erfolge der Einbildungskraft sahen, die sie kaum möglich geglaubt
hatten und sich oft nicht zu erklären wussten. Überhaupt ist die Phantasie noch
die unerforschteste und vielleicht die unerforschlichste aller menschlichen
Seelenkräfte; denn da sie mit dem ganzen Bau des Körpers, insonderheit mit dem
Gehirn und den Nerven, zusammenhangt, wie soviel wunderbare Krankheiten zeigen,
so scheint sie nicht nur das Band und die Grundlage aller feinern Seelenkräfte,
sondern auch der Knote des Zusammenhanges zwischen Geist und Körper zu sein,
gleichsam die sprossende Blüte der ganzen sinnlichen Organisation zum weitern
Gebrauch der denkenden Kräfte. Notwendig ist sie also auch das erste, was von
Eltern auf Kinder übergeht, wie dies abermals viele widernatürliche Beispiele
samt der unanstreitbaren Ähnlichkeit des äussern und innern Organismus auch in
den zufälligsten Dingen bewähret. Man hat lange gestritten, ob es angeborne
Ideen gebe, und wie man das Wort verstand, finden sie freilich nicht statt;
nimmt man es aber für die nächste Anlage zum Empfängnis, zur Verbindung, zur
Ausbreitung gewisser Ideen und Bilder, so scheinet ihnen nicht nur nichts
entgegen, sondern auch alles für sie. Kann ein Sohn sechs Finger, konnte die
Familie des Porcupine-man in England seinen unmenschlichen Auswuchs erben, geht
die äussere Bildung des Kopfs und Angesichts oft augenscheinlich über: wie könnte
es ohne Wunder geschehen, dass nicht auch die Bildung des Gehirns überginge und
sich vielleicht in ihren feinsten organischen Faltungen vererbte? Unter manchen
Nationen herrschen Krankheiten der Phantasie, von denen wir keinen Begriff
haben; alle Mitbrüder des Kranken schonen sein Übel, weil sie die genetische
Disposition dazu in sich fühlen. Unter den tapfern und gesunden Abiponern z. B.
herrscht ein periodischer Wahnsinn, von welchem in den Zwischenstunden der
Wütende nichts weiss; er ist gesund, wie er gesund war; nur seine Seele, sagen
sie, ist nicht bei ihm. Unter mehrern Völkern hat man, diesem Übel Ausbruch zu
geben, Traumfeste verordnet, da dem Träumenden alles, was ihm sein Geist
befiehlt, zu tun erlaubt ist. Überhaupt sind bei allen phantasiereichen Völkern
die Träume wunderbar mächtig; ja wahrscheinlich waren auch Träume die ersten
Musen, die Mütter der eigentlichen Fiktion und Dichtkunst. Sie brachten die
Menschen auf Gestalten und Dinge, die kein Auge gesehen hatte, deren Wunsch aber
in der menschlichen Seele lag; denn was z. B. war natürlicher, als dass geliebte
Verstorbene dem Hinterlassenen in Träumen erschienen und dass, die so lange
wachend mit uns gelebt hatten, jetzt wenigstens als Schatten im Traum mit uns zu
leben wünschten. Die Geschichte der Nationen wird zeigen, wie die Vorsehung das
Organ der Einbildung, wodurch sie so stark, so rein und natürlich auf Menschen
wirken konnte, gebraucht habe; abscheulich aber war's, wenn der Betrug oder der
Despotismus es missbrauchte und sich des ganzen noch ungebändigten Ozeans
menschlicher Phantasien und Träume zu seiner Absicht bediente.
    Grosser Geist der Erde, mit welchem Blick überschauest du alle
Schattengestalten und Träume, die sich auf unsrer runden Kugel jagen; denn
Schatten sind wir, und unsre Phantasie dichtet nur Schattenträume. Sowenig wir
in reiner Luft zu atmen vermögen, sowenig kann sich unsrer zusammengesetzten,
aus Staub gebildeten Hülle jetzt noch die reine Vernunft ganz mitteilen.
Indessen auch in allen Irrgängen der Einbildungskraft wird das
Menschengeschlecht zu ihr erzogen; es hangt an Bildern, weil diese ihm Eindruck
von Sachen geben; es sieht und suchet auch im dicksten Nebel Strahlen der
Wahrheit. Glücklich und auserwählt ist der Mensch, der in seinem enge
beschränkten Leben, soweit er kann, von Phantasien zum Wesen, d. i. aus der
Kindheit zum Mann, erwächst und auch in dieser Absicht die Geschichte seiner
Brüder mit reinem Geist durchwandert. Edle Ausbreitung gibt es der Seele, wenn
sie sich aus dem engen Kreise, den Klima und Erziehung um uns gezogen,
herauszusetzen wagt und unter andern Nationen wenigstens lernt, was man
entbehren möge. Wie manches findet man da entbehrt und entbehrlich, was man
lange für wesentlich hielt! Vorstellungen, die wir oft für die allgemeinsten
Grundsätze der Menschenvernunft erkannten, verschwinden dort und hier mit dem
Klima eines Orts, wie dem Schiffenden das feste Land als Wolke verschwindet. Was
diese Nation ihrem Gedankenkreise unentbehrlich hält, daran hat jene nie gedacht
oder hält es gar für schädlich. So irren wir auf der Erde in einem Labyrint
menschlicher Phantasien umher; wo aber der Mittelpunkt des Labyrints sei, auf
den alle Irrgänge wie gebrochne Strahlen zur Sonne zurückführen, das ist die
Frage.
 
                                      III
     Der praktische Verstand des Menschengeschlechts ist allentalben unter
Bedürfnissen der Lebensweise erwachsen; allentalben aber ist er eine Blüte des
            Genius der Völker, ein Sohn der Tradition und Gewohnheit
    Man ist gewohnt, die Nationen der Erde in Jäger, Fischer, Hirten und
Ackerleute abzuteilen und nach dieser Abteilung nicht nur den Rang derselben in
der Kultur, sondern auch die Kultur selbst als eine notwendige Folge dieser oder
jener Lebensweise zu bestimmen. Vortrefflich, wenn diese Lebens weisen zuerst
nur selbst bestimmt wären; sie ändern sich aber beinah mit jedem Erdstrich und
verschlingen sich meistens so sehr ineinander, dass die Anwendung der reinen
Klassifikation überaus schwer wird. Der Grönländer, der den Walfisch trifft, das
Renntier jagt, den Seehund tötet, ist Fischer und Jäger, aber auf ganz andre
Weise, als der Neger Fische fängt oder der Arauker auf den Wüsteneien der Andes
jaget.
    Der Beduin und der Mongole, der Lappe und Peruaner sind Hirten; wie
verschieden aber voneinander, wenn jener Kamele, dieser Pferde, der dritte
Renntiere, der vierte Alpakas und Lacmas weidet. Der Ackermann in Whidah und der
Japanese sind einander so unähnlich als im Handel der Engländer und Sinese.
    Ebensowenig scheint auch das Bedürfnis allein, selbst wenn Kräfte gnug in
der Nation da sind, die auf ihre Entwicklung warten, Kultur hervorbringen zu
können; denn sobald sich die Trägheit des Menschen mit seinem Mangel abgefunden
und beide das Kind hervorgebracht haben, das er Behaglichkeit nennt, verharret
der Mensch in seinem Zustande und lässt sich kaum mit Mühe zur Verbesserung
treiben. Es kommt also noch auf andre einwirkende Ursachen an, die die Lebensart
eines Volks so oder anders bestimmten; hier indessen nehmen wir sie als bestimmt
an und untersuchen, was sich in verschiednen derselben für tätige Seelenkräfte
äussern.
    Menschen, die sich von Wurzeln, Kräutern und Früchten nähren, werden, wenn
nicht besondre Triebfedern der Kultur dazukommen, lange müssig und an Kräften
eingeschränkt bleiben. In einem schönen Klima und von einem milden Stamm
entsprossen, ist ihre Lebensart milde; denn warum sollten sie streiten, wenn
ihnen die reiche Natur alles ohne Mühe darbeut? Mit Künsten und Erfindungen aber
reichen sie auch nur an das tägliche Bedürfnis. Die Einwohner der Inseln, die
die Natur mit Früchten, insonderheit mit der wohltätigen Brotfrucht nährte und
unter einem schönen Himmel mit Rinden und Zweigen kleidete, lebten ein sanftes,
glückliches Leben. Die Vögel, sagt die Erzählung, sassen auf den Schultern der
Marianen und sangen ungestört; Bogen und Pfeile kannten sie nicht, denn kein
wildes Tier foderte sie auf, sich ihrer Haut zu wehren. Auch das Feuer war ihnen
fremde; ihr mildes Klima liess sie ohne dasselbe behaglich leben. Ein ähnlicher
Fall war's mit den Einwohnern der Karolinen und andrer glücklichen Inseln des
Südmeers, nur dass in einigen die Kultur der Gesellschaft schon höher gestiegen
war und aus mancherlei Ursachen mehrere Künste und Gewerbe vereint hatte. Wo das
Klima rauher wird, müssen die Menschen auch zu härtern und mehreren Lebensarten
ihre Zuflucht nehmen. Der Neuholländer verfolgt sein Känguruh und Opossum; er
schiesst Vögel, fängt Fische, isst Yamwurzeln; er hat soviel Lebensarten
vereinigt, als die Sphäre seiner rauhen Behaglichkeit fodert, bis diese sich
gleichsam ründet und er nach seiner Weise in ihr glücklich lebet. So ist's mit
den Neukaledoniern und Neuseeländern, die armseligen Feuerländer selbst nicht
ausgenommen Sie hatten Kähne von Baumrinden, Bogen und Pfeile, Korb und Tasche,
Feuer und Hütte, Kleider und Hacken: also die Anfänge von allen den Künsten,
womit die gebildetsten Erdvölker ihre Kultur vollendet haben; nur bei ihnen,
unter dem Joch der drückenden Kälte, im ödesten Felsenlande, ist alles noch der
roheste Anfang geblieben. Die Kalifornier beweisen soviel Verstand, als ihr Land
und ihre Lebensart gibt und fodert. So ist's mit den Einwohnern auf Labrador und
mit allen Menschennationen am dürftigen Rande der Erde. Allentalben haben sie
sich mit dem Mangel versöhnt und leben in ihrer erzwungenen Tätigkeit durch
erbliche Gewohnheit glücklich. Was nicht zu ihrer Notdurft gehört, verachten
sie; so gelenk der Eskimo auf dem Meer rudert, so hat er das Schwimmen noch
nicht gelernet.
    Auf dem grossen festen Lande unsrer Erdkugel drängen sich Menschen und Tiere
mehr zusammen: der Verstand jener ward also durch diese auf mannigfaltigere
Weise geübet. Freilich mussten die Bewohner mancher Sümpfe in Amerika auch zu
Schlangen und Eidechsen, zum Iguan, Armadill und Alligator ihre Zuflucht nehmen;
die meisten Nationen aber wurden Jagdvölker auf edlere Art. Was fehlt einem
Nord- und Südamerikaner an Fähigkeit zum Beruf seines Lebens? Er kennt die
Tiere, die er verfolgt, ihre Wohnungen, Haushaltungen und Listen und wappnet
sich gegen sie mit Stärke, Verschlagenheit und Übung. Zum Ruhm eines Jägers, wie
in Grönland eines Seehundfängers, wird der Knabe erzogen; hievon hört er
Gespräche, Lieder, rühmliche Taten, die man ihm auch in Gebärden und
begeisternden Tänzen vormalet. Von Kindheit auf lernt er Werkzeuge verfertigen
und sie gebrauchen; er spielt mit den Waffen und verachtet die Weiber; denn je
enger der Kreis des Lebens und je bestimmter das Werk ist, in dem man
Vollkommenheit sucht, desto eher wird diese erhalten. Nichts also störet den
strebenden Jüngling in seinem Lauf, vielmehr reizt und ermuntert ihn alles, da
er im Auge seines Volks, im Stande und Beruf seiner Väter lebet. Wenn jemand ein
Kunstbuch von den Geschicklichkeiten verschiedner Nationen zusammentrüge, so
würde er solche auf unserm Erdboden zerstreuet und jede an ihrem Platz blühend
finden. Hier wirft sich der Neger in die Brandung, in die sich kein Europäer
wagt; dort klettert er auf Bäume, wo ihn unser Auge kaum erreicht. Jener Fischer
treibt sein Werk mit einer Kunst, als ob er die Fische beschwüre; dieser
Samojede begegnet dem weissen Bär und nimmt's mit ihm auf; jenem Neger sind zwei
Löwen nicht zuviel, wenn er Stärke und List verbindet. Der Hottentotte geht aufs
Nasehorn und Flusspferd los; der Bewohner der Kanarieninseln gleitet auf den
steilsten Felsen umher, die er wie ein Gems bespringet; die starke, männliche
Tibetanerin trägt den Fremden über die ungeheuersten Berge der Erde. Das
Geschlecht des Prometeus, das aus den Teilen und Trieben aller Tiere
zusammengesetzt ward, hat diese auch allesamt, das eine hie, das andre dort, an
Künsten und Geschicklichkeiten überwunden, nachdem es diese alle von ihnen
gelernet.
    Dass die meisten Künste der Menschen von Tieren und der Natur gelernt sind,
ist ausser Zweifel. Warum kleidet sich der Mariane in Baumhüllen, und der
Amerikaner und Papu schmücket sich mit Federn? Weil jener mit Bäumen lebt und
von ihnen seine Nahrung holt; dem Amerikaner und Papu sind die bunten Vögel
seines Landes das Schönste, das er sieht. Der Jäger kleidet sich wie sein Wild
und bauet wie sein Biber; andre Völker hangen wie Vögel auf den Bäumen oder
machen sich auf der Erde ihre Hütten wie Nester. Der Schnabel des Vogels war dem
Menschen das Vorbild zu Spiess und Pfeilen wie die Gestalt des Fisches zu seinem
künstlich schwimmenden Boot. Von der Schlange lernte er die schädliche Kunst,
seine Waffen zu vergiften; und die sonderbar weit verbreitete Gewohnheit, den
Körper zu malen, war ebenfalls nach dem Vorbilde der Tiere und Vögel. Wie?
dachte er, diese sollten so schön geziert, so unterschieden geschmückt sein, und
ich müsste mit einförmiger, blasser Farbe umhergehn, da mein Himmel und meine
Trägheit keine Decken leidet? Und so fing er an, sich symmetrisch zu sticken und
zu malen; selbst bekleidete Nationen wollten dem Ochsen sein Horn, dem Vogel den
Kamm, dem Bären den Schwanz nicht gönnen und ahmten sie nach Dankbar rühmen es
die Nordamerikaner, dass ein Vogel ihnen den Mais gebracht; und die meisten
klimatischen Arzneien sind offenbar den Tieren abgelernet. Allerdings gehörte zu
diesem allen der sinnliche Geist freier Naturmenschen, die, mit diesen
Geschöpfen lebend, sich noch nicht so unendlich erhaben über sie glaubten. Den
Europäern ward es schwer, in andern Weltteilen nur aufzufinden, was die
Eingebornen täglich nützten; nach langen Versuchen mussten sie doch von jenen das
Geheimnis erst erzwingen oder erbetteln.
    Ungleich weiter aber kam der Mensch dadurch, dass er Tiere zu sich lockte und
sie endlich unterjochte; der ungeheure Unterschied nachbarlicher Nationen, die
mit oder ohne diese Substituten ihrer Kräfte leben, ist augenscheinlich. Woher
kam's, dass das entlegne Amerika dem grössesten Teil der Alten Welt bei Entdeckung
desselben noch so weit nachstand und die Europäer mit den Einwohnern wie mit
einer Herde unbewehrter Schafe umgehen konnten? An körperlichen Kräften lag es
nicht allein, wie noch jetzt die Beispiele aller ungezählten Waldnationen
zeigen; im Wuchs, in schnellem Lauf, in rascher Gewandteit übertreffen sie,
Mann gegen Mann gerechnet, die meisten der Nationen, die um ihr Land würfeln. An
Verstandeskraft, sofern sie für einen einzelnen Menschen gehört, lag es auch
nicht; der Amerikaner hatte für sich zu sorgen gewusst und mit Weib und Kindern
glücklich gelebet. Also lag es an Kunst, an Waffen, an gemeinsamer Verbindung,
am meisten aber an bezähmten Tieren. Hätte der Amerikaner das einzige Pferd
gehabt, dessen kriegerische Majestät er zitternd anerkannte, wären die wütenden
Hunde sein gewesen, die die Spanier als mitbesoldete Diener der katolischen
Majestät auf ihn hetzten die Eroberung hätte mehr gekostet, und den reitenden
Nationen wäre wenigstens der Rückzug auf ihre Berge, in ihre Wüsten und Ebnen
offengeblieben. Noch jetzt, erzählen alle Reisende, mache das Pferd den
grössesten Unterschied der amerikanischen Völker. Die Reiter in Nord-,
insonderheit in Südamerika stehen von den armen Unterjochten in Mexiko und Peru
so gewaltig ab, dass man sie kaum für nachbarliche Brüder eines Erdstrichs
erkennen sollte. Jene haben sich nicht nur in ihrer Freiheit erhalten, sondern
an Körper und Seele sind sie auch mannhaftere Menschen worden, als sie
wahrscheinlich bei Entdeckung des Landes waren. Das Ross, das die Unterdrücker
ihrer Brüder ihnen als unwissende Werkzeuge des Schicksals zubrachten, kann
vielleicht einst der Befreier ihres ganzen Weltteils werden, wie die andern
bezähmten Tiere, die man ihnen zuführte, zum Teil schon jetzt für sie Werkzeuge
eines bequemern Lebens worden sind und wahrscheinlich einst Hülfsmittel einer
eignen westlichen Kultur werden dörften. Wie dies aber allein in den Händen des
Schicksals ruhet, so kam es aus seinen Händen und lag in der Natur des
Weltteils, dass sie so lange weder Pferd noch Esel, weder Hund noch Rind, weder
Schaf noch Ziege noch Schwein noch Katze noch Kamel kannten. Sie hatten weniger
Tiergattungen, weil ihr Land kleiner, von der Alten Welt getrennt und einem
grossen Teil nach wahrscheinlich später aus dem Schoss des Meers gestiegen war als
die andern Weltteile; sie konnten also auch weniger zähmen. Das Alpaka und
Lacma, die Kamelschafe von Mexiko, Peru und Chili waren die einzigen zähmbaren
und bezähmten Geschöpfe; denn auch die Europäer haben mit ihrem Verstande kein
andres hinzufügen und weder den Kiki noch Pagi, weder den Tapir noch Ai zum
nützlichen Haustier umbilden können.
    In der Alten Welt dagegen, wieviel sind der bezähmten Tiere! und wieviel
sind sie dem tätigen Verstande des Menschengeschlechts worden! Ohne Kamel und
Pferd wäre die arabische und afrikanische Wüste unzugangbar; das Schaf und die
Ziege haben der häuslichen Verfassung der Menschen, das Rind und der Esel dem
Ackerbau und Handel der Völker aufgeholfen. Im einfachen Zustande lebte das
Menschengeschöpf freundlich und gesellig mit diesen Tieren; schonend ging es mit
ihnen um und erkannte, was es ihnen zu danken habe. So lebt der Araber und
Mogole mit seinem Ross, der Hirt mit seinem Schaf, der Jäger mit seinem Hunde,
der Peruaner mit seinem Lacma147. Bei einer menschlichen Behandlung gedeihen
auch, wie allgemein bekannt ist, alle Hülfsgeschöpfe der menschlichen
Lebensweise besser; sie lernen den Menschen verstehn und ihn lieben; es
entwickeln sich bei ihnen Fähigkeiten und Neigungen, von denen weder das wilde
noch das von Menschen unterdrückte Tier weiss, das in feister Dummheit oder in
abgenutzter Gestalt selbst die Kräfte und Triebe seiner Gattung verlieret. In
einem gewissen Kreise haben sich also Menschen und Tiere zusammen gebildet; der
praktische Verstand jener hat sich durch diese, die Fähigkeit dieser hat sich
durch jene gestärkt und erweitert. Wenn man von den Hunden der Kamtschadalen
lieset, so weiss man kaum, wer das vernünftigere Geschöpf sei, ob der Hund oder
der Kamtschadale.
    In dieser Sphäre nun steht der erste tätige Verstand des Menschen still, ja
allen Nationen, die an sie gewöhnt waren, ist's, sie zu verlassen, schwer
worden; insonderheit hat sich jede vor der unterjochenden Herrschaft des
Ackerbaues gefürchtet. So schöne Wiesenstriche Nordamerika hat, so genau jede
Nation ihr Eigentum liebt und beschützt, ja so sehr manche durch die Europäer
den Wert des Geldes, des Branntweins und einiger Bequemlichkeiten kennengelernt
haben, so sind's doch nur die Weiber, denen sie die Bearbeitung des Feldes, den
Bau des Maises und einiger Gartenfrüchte sowie die ganze Besorgung der Hütte
überlassen; der kriegerische Jäger hat sich nicht entschliessen können, ein
Gärtner, Hirt oder Ackermann zu werden. Das tätige, freie Leben der Natur geht
dem Sogenannt-Wilden über alles: mit Gefahren umringt, weckt es seine Kräfte,
seinen Mut, seinen Entschluss und lohnt ihn dafür mit Gesundheit im Leben, in
seiner Hütte mit unabhängiger Ruhe, in seinem Stamm mit Ansehen und Ehre. Weiter
begehret, weiter bedarf er nichts; und was könnte ihm auch ein andrer Zustand,
dessen Bequemlichkeiten er nicht kennet und dessen Beschwerden er nicht mag, für
neue Glückseligkeit geben? Man lese so manche unverschönte Rede derer, die wir
Wilde nennen: ist nicht gesunder Verstand sowie natürliche Billigkeit in ihnen
unverkennbar? Die Form des Menschen ist auch in diesem Zustande, obwohl mit
roher Hand und zu wenigen Zwecken, dennoch so weit ausgebildet, als sie hier
ausgebildet werden konnte, zur gleichmütigen Zufriedenheit nämlich und, nach
einer dauerhaften langen Gesundheit, zum ruhigen Abschied aus diesem Leben. Der
Beduin und Abipone befindet sich in seinem Zustande wohl; jener schauert vorm
Leben der Städte, wie der letzte vorm Begräbnis in der Kirche noch nach seinem
Tode zurückbebt: seinem Gefühl nach wären sie dort wie hier lebend begraben.
    Auch wo der Ackerbau eingeführt ist, hat es Mühe gekostet, die Menschen an
einen Erdkloss zu befestigen und das Mein und Dein einzuführen; manche Völker
kleiner kultivierter Negerkönigreiche haben noch bis jetzt keine Begriffe davon,
da, wie sie sagen, die Erde ein gemeines Gut ist. Jährlich teilen sie die Äcker
unter sich aus und bearbeiten sie mit leichter Mühe; ist die Ernte eingebracht,
so gehöret der Boden sich selbst wieder. Überhaupt hat keine Lebensart in der
Gesinnung der Menschen so viele Veränderungen bewirkt als der Ackerbau auf einem
bezirkten Stück Erde. Indem er Hantierungen und Künste, Flecken und Städte
hervorbrachte und also Gesetze und Polizei befördern musste, hat er notwendig
auch jenem fürchterlichen Despotismus den Weg geöffnet, der, da er jeden auf
seinem Acker zu finden wusste, zuletzt einem jeden vorschrieb, was er auf diesem
Stück Erde allein tun und sein sollte Der Boden gehörte jetzt nicht mehr dem
Menschen, sondern der Mensch dem Boden. Durch den Nichtgebrauch verlor sich auch
bald das Gefühl der gebrauchten Kräfte; in Sklaverei und Feigheit versunken,
ging der Unterjochte vom arbeitseligen Mangel zur weichen Üppigkeit über. Daher
kommt's, dass auf der ganzen Erde der Zeltbewohner den Bewohner der Hütte wie ein
gefesseltes Lasttier, wie eine verkümmerte Abart seines Geschlechts betrachtet.
Der herbste Mangel wird jenem eine Lust, solange Selbstbestimmung und Freiheit
ihn würzet und lohnet; dagegen alle Leckereien Gift sind, sobald sie die Seele
erschlaffen und dem sterblichen Geschöpf den einzigen Genuss seines hinfälligen
Lebens, Würde und Freiheit, rauben.
    Glaube niemand, dass ich einer Lebensart, die die Vorsehung zu einem ihrer
vornehmsten Mittel gebraucht hat, die Menschen zur bürgerlichen Gesellschaft zu
bereiten, etwas von ihrem Wert rauben wolle; denn auch ich esse Brot der Erde.
Nur lasse man auch andern Lebensarten Gerechtigkeit widerfahren, die der
Beschaffenheit unsrer Erde nach ebensowohl zu Erzieherinnen der Menschheit
bestimmt sind als das Leben der Ackerleute. Überhaupt bauet der kleinste Teil
der Erdbewohner den Acker nach unsrer Weise, und die Natur hat ihm sein
anderweites Leben selbst angewiesen. Jene zahlreiche Völkerschaften, die von
Wurzeln, vom Reis, von Baumfrüchten, von der Jagd des Wassers, der Luft und der
Erde leben, die ungezählten Nomaden, wenn sie sich gleich jetzo etwa
nachbarliches Brot kaufen oder etwas Getreide bauen, alle Völker, die den
Landbau ohne Eigentum oder durch ihre Weiber und Knechte treiben, sind alle noch
eigentlich nicht Ackerleute; und welch ein kleiner Teil der Erde bleibt also
dieser künstlichen Lebensart übrig! Nun hat die Natur entweder allentalben
ihren Zweck erreicht, oder sie erreichte ihn nirgend. Der praktische Verstand
der Menschen sollte in allen Varietäten aufblühen und Früchte tragen, darum ward
dem vielartigsten Geschlecht eine so vielartige Erde.
 
                                       IV
 Die Empfindungen und Triebe der Menschen sind allentalben dem Zustande, worin
   sie leben, und ihrer Organisation gemäss; allentalben aber werden sie von
                   Meinungen und von der Gewohnheit regieret
    Selbsterhaltung ist das erste, wozu ein Wesen da ist: vom Staubkorn bis zur
Sonne strebt jedes Ding, was es ist, zu bleiben; dazu ist den Tieren Instinkt
eingeprägt, dazu ist dem Menschen sein Analogon des Instinkts oder der Vernunft
gegeben. Gehorchend diesem Gesetz, suchet er sich, durch den wilden Hunger
gezwungen, überall seine Speise; er strebt, ohne dass er weiss warum und wozu, von
Kindheit auf nach Übung seiner Kräfte, nach Bewegung. Der Matte ruft den
Schlummer nicht, aber der Schlummer kommt und erneuet ihm sein Dasein; dem
Kranken hilft, wenn sie kann, die innere Lebenskraft oder sie verlanget
wenigstens und ächzet. Seines Lebens wehret sich der Mensch gegen alles, was ihn
anficht, und auch ohne dass er's weiss, hat die Natur in ihm und um ihn her
Anstalten gemacht, ihn dabei zu unterstützen, zu wahren, zu erhalten.
    Es hat Philosophen gegeben, die unser Geschlecht dieses Triebes der
Selbsterhaltung wegen unter die reissenden Tiere gesetzt und seinen natürlichen
Zustand zu einem Stande des Kriegs gemacht haben. Offenbar ist viel
Uneigentliches in dieser Behauptung Freilich, indem der Mensch die Frucht eines
Baums bricht, ist er ein Räuber, indem er ein Tier tötet, ein Mörder, und wenn
er mit seinem Fuss, mit seinem Hauch vielleicht einer zahllosen Menge ungesehener
Lebendigen das Leben nimmt, ist er der ärgste Unterdrücker der Erde. Jedermann
weiss, wie weit es die zarte indische sowie die übertriebne ägyptische
Philosophie zu bringen gesucht hat, damit der Mensch ein ganz unschädliches
Geschöpf werde, aber für die Spekulation vergebens. Ins Chaos der Elemente sehen
wir nicht, und wenn wir kein grosses Tier verzehren, verschlingen wir eine Menge
kleiner Lebendiger im Wasser, in der Luft, der Milch, den Gewächsen.
    Von dieser Grübelei also hinweg, stellen wir den Menschen unter seine Brüder
und fragen: Ist er von Natur ein Raubtier gegen seinesgleichen, ein ungeselliges
Wesen? Seiner Gestalt nach ist er das erste nicht und seiner Geburt nach das
letzte noch minder. Im Schoss der Liebe empfangen und an ihrem Busen gesäuget,
wird er von Menschen auferzogen und empfing von ihnen tausend Gutes, das er um
sie nicht verdiente. Sofern ist er also wirklich in und zu der Gesellschaft
gebildet; ohne sie konnte er weder entstehen noch ein Mensch werden. Wo
Ungeselligkeit bei ihm anfängt, ist, wo man seine Natur bedrängt, indem er mit
andern Lebendigen kollidieret; hier ist er aber wiederum keine Ausnahme, sondern
wirkt nach dem grossen Gesetz der Selbsterhaltung in allen Wesen. Lasset uns
sehen, was die Natur für Mittel aussann, ihn dennoch auch hier, soviel sie
konnte, befriedigend einzuschränken und den Krieg aller gegen alle zu hindern.
    1. Da der Mensch das vielfach künstlichste Geschöpf ist, so findet auch bei
keiner Gattung der Lebendigen eine so grosse Verschiedenheit genetischer
Charaktere statt als beim Menschen. Der hinreissende, blinde Instinkt fehlet
seinem feinen Gebilde; die Strahlen der Gedanken und Begierden hingegen laufen
in seinem Geschlecht wie in keinem andern auseinander. Seiner Natur nach darf
also der Mensch weniger mit andern kollidieren, da diese in einer ungeheuren
Mannigfaltigkeit von Anlagen, Sinnen und Trieben bei ihm verteilt und gleichsam
vereinzelt ist. Was einem Menschen gleich gültig vorkommt, ziehet den andern,
und so hat jedweder eine Welt des Genusses um sich, eine für ihn geschaffene
Schöpfung.
    2. Diesem divergierenden Geschlecht gab die Natur einen grossen Raum, die
reiche weite Erde, auf der die verschiedensten Erdstriche und Lebensweisen die
Menschen zerstreuen sollten. Hier zog sie Berge, dort Ströme und Wüsten, damit
sie die Menschen auseinander brächte; den Jägern gab sie den weiten Wald, den
Fischern das weite Meer, den Hirten die weite Ebne. Ihre Schuld ist's also
nicht, wenn Vögel, betrogen von der Kunst des Vogelstellers, in ein Netz flogen,
wo sie einander Speise und Augen weghacken und den Atem verpesten; denn sie
setzte den Vogel in die Luft und nicht ins Netz des Voglers. Sehet jene wilden
Stämme an, wie unwilde sie unter sich leben! Da neidet keiner den andern, da
erwirbt sich und geniesst jeder das Seine in Frieden. Es ist gegen die Wahrheit
der Geschichte, wenn man den bösartigen, widersinnigen Charakter
zusammengedrängter Menschen, wetteifernder Künstler, streitender Politiker,
neidiger Gelehrten zu allgemeinen Eigenschaften des menschlichen Geschlechts
macht; der grösseste Teil der Menschen auf der Erde weiss von diesen ritzenden
Stacheln und ihren blutigen Wunden nichts, er lebt in der freien Luft und nicht
im verpestenden Hauch der Städte. Wer das Gesetz notwendig macht, weil es sonst
Gesetzesverächter gäbe, der setzt voraus, was er erst beweisen sollte. Dränget
die Menschen nicht in enge Kerker, so dörft ihr ihnen keine frische Luft
zulächeln. Bringet sie nicht in künstliche Raserei, so dörft ihr sie durch keine
Gegenkünste binden.
    3. Auch die Zeiten, wenn Menschen zusammen sein mussten, verkürzte die Natur,
wie sie sie verkürzen konnte. Der Mensch ist einer langen Erziehung bedürftig;
aber alsdenn ist er noch schwach; er hat die Art des Kindes, das zürnt und
wieder vergisst, das oft unwillig ist, aber keinen langen Groll nähret. Sobald er
Mann wird, wacht ein Trieb in ihm auf, und er verlässt das Haus des Vaters. Die
Natur wirkte in diesem Triebe: sie Stiess ihn aus, damit er sein eigen Nest
bereite.
    Und mit wem bereitet er dasselbe? Mit einem Geschöpf, das ihm so
unähnlich-ähnlich, das ihm in streitbaren Leidenschaften so ungleichartig
gemacht ist, als es im Zweck der Vereinigung beider nur irgend geschehen konnte.
Des Weibes Natur ist eine andre als des Mannes; sie empfindet anders, sie wirkt
anders. Elender, dessen Nebenbuhlerin sein Weib ist oder die ihn in männlichen
Tugenden gar überwindet! Nur durch nachgebende Gute soll sie ihn beherrschen,
und so wird der Zankapfel abermals ein Apfel der Liebe. -
    Weiter will ich die Geschichte der Vereinzelung des Menschengeschlechts
nicht fortsetzen; der Grund ist gelegt, dass mit den verschiednen Häusern und
Familien auch neue Gesellschaften, Gesetze, Sitten und sogar Sprachen werden.
Was zeigen diese verschiednen, diese unvermeidlichen Dialekte, die sich auf
unsrer Erde in unbeschreibbarer Anzahl, und oft schon in der kleinsten
Entfernung, nebeneinander finden? Das zeigen sie, dass es die weitverbreitende
Mutter nicht auf Zusammendrängung, sondern auf freie Verpflanzung ihrer Kinder
anlegte. Kein Baum soll, soviel möglich, dem andern die Luft nehmen, damit
dieser ein Zwerg bleibe oder, um einen freien Atemhauch zu geniessen, sich zum
elenden Krüppel beuge. Eignen Platz soll er finden, damit er durch eignen Trieb
wurzelaus in die Höhe steige und eine blühende Krone treibe.
    Nicht Krieg also, sondern Friede ist der Naturzustand des unbedrängten
menschlichen Geschlechts; denn Krieg ist ein Stand der Not, nicht des
ursprünglichen Genusses. In den Händen der Natur ist er (die Menschenfresserei
selbst eingerechnet) nie Zweck, sondern hie und da ein hartes, trauriges Mittel,
dem die Mutter aller Dinge selbst nicht allentalben entweichen konnte, das sie
aber zum Ersatz dafür auf desto höhere, reichere, vielfacher Zwecke anwandte.
    Ehe wir also zum traurigen Hass kommen dörfen, wollen wir von der erfreuenden
Liebe reden. Überall auf der Erde ist ihr Reich; nur allentalben zeigt sie sich
unter andern Gestalten.
    Sobald die Blume ihren Wuchs erreicht hat, blühet sie; die Zeit der Blüte
richtet sich also nach der Periode des Wuchses und diese nach der sie
emportreibenden Sonnenwärme. Die Zeit der früheren oder späteren Menschenblüte
hangt gleichfalls vom Klima ab und von allem, was zu ihm gehöret. Sonderbar weit
sind auf unsrer kleinen Erde die Zeiten der menschlichen Mannbarkeit nach
Lebensarten und Erdstrichen verschieden. Die Perserin heiratet im achten und
gebiert im neunten Jahr; unsre alten Deutschen waren dreissigjährige Männinnen,
ehe sie an die Liebe dachten.
    Jedermann sieht, wie sehr diese Unterschiede das ganze Verhältnis der
Geschlechter zueinander ändern mussten. Die Morgenländerin ist ein Kind, wenn sie
verheiratet wird; sie blühet frühe auf und frühe ab; sie wird von dem
erwachsneren Mann also auch wie Kind und Blume behandelt. Da nun jene wärmeren
Gegenden die Reize des physischen Triebes in beiden Geschlechtern nicht nur
früher, sondern auch lebhafter entwickeln: welcher Schritt war näher, als dass
der Mann die Vorzüge seines Geschlechts gar bald missbrauchte und sich einen
Garten dieser vorübergehenden Blumen sammlen wollte. Fürs Menschengeschlecht war
dieser Schritt von grosser Folge. Nicht nur, dass die Eifersucht des Mannes seine
mehreren Weiber in einen Harem schloss, wo ihre Ausbildung mit dem männlichen
Geschlecht unmöglich gleich fortgehen konnte, sondern da die Erziehung des
Weibes von Kindheit auf für den Harem und die Gesellschaft mehrerer Weiber
eingerichtet, ja das junge Kind oft schon im zweiten Jahr verkauft oder vermählt
ward wie anders, als dass der ganze Umgang des Mannes, die Einrichtung des
Hauses, die Erziehung der Kinder, endlich auch die Fruchtbarkeit selbst mit der
Zeit an diesem Missverhältnis teilnehmen musste? Es ist nämlich gnugsam erwiesen,
dass eine zu frühe Heirat des Weibes und ein zu starker Reiz des Mannes weder der
Tüchtigkeit der Gestalten noch der Fruchtbarkeit des Geschlechts förderlich sei;
ja, die Nachrichten mehrerer Reisenden machen es wahrscheinlich, dass in manchen
dieser Gegenden wirklich mehrere Töchter als Söhne geboren werden, welches, wenn
die Sache gegründet ist, sowohl eine Folge der Polygamie sein kann, als es
wiederum eine fortwirkende Ursache derselben wurde. Und gewiss ist dies nicht der
einzige Fall, da die Kunst und die gereizte Üppigkeit der Menschen die Natur aus
ihrem Wege geleitet hätte; denn diese hält sonst ein ziemliches Gleichmass in den
Geburten beider Geschlechter. Wie aber das Weib die zarteste Sprosse unsrer Erde
und die Liebe das mächtigste Mobil ist, das von jeher in der Schöpfung gewirket,
so musste notwendig die Behandlung derselben auch der erste kritische
Scheidepunkt in der Geschichte unsres Geschlechts werden. Allentalben war das
Weib der erste Zankapfel der Begierden und seiner Natur nach gleichsam der erste
brüchige Stein im Gebäude der Menschenschöpfung. -
    Lasset uns z. B. Cook auf seiner letzten Reise begleiten. Wenn auf den
Sozietäts- und andern Inseln das weibliche Geschlecht dem Dienst der Cytere
eigen zu sein schien, so dass es sich nicht nur selbst um einen Nagel, einen
Putz, eine Feder preisgab, sondern auch der Mann um einen kleinen Besitz, der
ihn lüstete, sein Weib zu verhandeln bereit war, so ändert sich mit dem Klima
und dem Charakter andrer Insulaner offenbar die Szene. Unter Völkern, wo der
Mann mit der Streitaxt erschien, war auch das Weib verborgner im Hause; die
rauhere Sitte jenes machte auch diese härter, dass weder ihre Hässlichkeit noch
ihre Schönheit den Augen der Welt blosslag. An keinem Umstande, glaube ich, lässt
sich der eigentliche Charakter eines Mannes oder einer Nation so unterscheidend
erkennen als an der Behandlung des Weibes. Die meisten Völker, denen ihre
Lebensart schwer wird, haben das weibliche Geschlecht zu Haustieren erniedrigt
und ihm alle Beschwerlichkeiten der Hütte aufgetragen; durch eine gefahrvolle,
kühne, männliche Unternehmung glaubte der Mann dem Joch aller kleinen Geschäfte
entnommen zu sein und überliess diese den Weibern. Daher die grosse Subalternität
dieses Geschlechts unter den meisten Wilden von allerlei Erdstrichen; daher auch
die Geringschätzung der Söhne gegen ihre Mütter, sobald sie in die männlichen
Jahre treten. Frühe wurden sie zu gefahrvollen Übungen erzogen, also oft an die
Vorzüge des Mannes erinnert, und eine Art rauhen Kriegs- oder Arbeitmutes trat
bald an die Stelle zärtlicher Neigung. Von Grönland bis zum Lande der
Hottentotten herrscht diese Geringschätzung der Weiber bei allen unkultivierten
Nationen, ob sie sich gleich in jedem Volk und Weltteil anders gestaltet. In der
Sklaverei sogar ist das Negerweib weit unter dem Neger, und der armseligste
Karibe dünkt sich in seinem Hause ein König.
    Aber nicht nur die Schwachheit des Weibes scheint es dem Mann untergeordnet
zu haben, sondern an den meisten Orten trug auch die grössere Reizbarkeit
desselben, seine List, ja überhaupt die feinere Beweglichkeit seiner Seele dazu
noch ein mehreres bei. Die Morgenländer z. B. begreifen es nicht, wie in Europa,
dem Reich der Weiber, ihre ungemessene Freiheit ohne die äusserste Gefahr des
Mannes stattfinden oder bestehen könne; bei ihnen, meinen sie, wäre alles voll
Unruh, wenn man diese leicht beweglichen, listigen, alles unternehmenden
Geschöpfe nicht einschränkte. Von manchen tyrannischen Gebräuchen gibt man keine
Ursache an, als dass durch dies oder jenes Betragen die Weiber sich ehemals
selbst ein so hartes Gesetz verdient und die Männer ihrer Sicherheit und Ruhe
wegen dazu gezwungen hätten. So erklärt man z. B. den unmenschlichen Gebrauch in
Indien, das Verbrennen der Weiber mit ihren Männern das Leben des Mannes, sagt
man, sei ohne dieses fürchterliche Gegenmittel ihres eignen, mit ihm
aufzuopfernden Lebens nicht sicher gewesen; und beinah liesse sich, wenn man von
der verschlagnen Lüsternheit der Weiber in diesen Ländern, von den zauberischen
Reizen der Tänzerinnen in Indien von den Kabalen der Harems unter Türken und
Persern lieset, etwas von der Art glauben. Die Männer nämlich waren zu
unvermögend, den leichten Zunder, den ihre Üppigkeit zusammenbrachte, vor Funken
zu bewahren, aber auch zu schwach und lässig, den unermesslichen Knäuel zarter,
weiblicher Fähigkeiten und Anschläge zu bessern Zwecken zu entwickeln; als
üppig-schwache Barbaren also schafften sie sich auf eine barbarische Art Ruhe
und unterdrückten die mit Gewalt, deren List sie mit Verstand nicht zu
überwinden vermochten Man lese, was Morgenländer und Griechen über das Weib
gesagt haben, und man wird Materialien finden, sich ihr befremdendes Schicksal
in den meisten Gegenden heisser Klimate zu erklären. Freilich lag im Grunde alles
wieder an den Männern, deren stumpfe Brutalität das Übel gewiss nicht ausrottete,
das sie so ungelenk einschränkte, wie es nicht nur die Geschichte der Kultur,
die das Weib durch vernünftige Bildung dem Mann gleichgesetzt hat, sondern auch
das Beispiel einiger vernünftigen Völker ohne feinere Kultur zeigt. Der alte
Deutsche, auch in seinen rauhen Wäldern, erkannte das Edle im Weibe und genoss an
ihm die schönsten Eigenschaften seines Geschlechts, Klugheit, Treue, Mut und
Keuschheit; allerdings aber kam ihm auch sein Klima, sein genetischer Charakter,
seine ganze Lebensweise hierin zu Hülfe. Er und sein Weib wuchsen, wie die
Eichen, langsam, unverwüstlich und kräftig; die Reize der Verführung fehlten
seinem Lande; Triebe zu Tugenden dagegen gab beiden Geschlechtern sowohl die
gewohnte Verfassung als die Not. Tochter Germaniens, fühle den Ruhm deiner
Urmütter und eifre ihm nach: unter wenigen Völkern rühmt die Geschichte, was sie
von ihnen rühmet; unter wenigen Völkern hat auch der Mann die Tugend des Weibes
wie im ältesten Germanien geehret. Sklavinnen sind die Weiber der meisten
Nationen, die in solcher Verfassung leben; ratgebende Freundinnen waren deine
Mütter, und jede Edle unter ihnen ist's noch.
    Lasset uns also auf die Tugenden des Weibes kommen wie sie sich in der
Geschichte der Menschheit offenbaren. Auch unter den wildesten Völkern
unterscheidet sich das Weib vom Mann durch eine zärtere Gefälligkeit, durch
Liebe zum Schmuck und zur Schönheit; auch da noch sind diese Eigenschaften
kennbar, wo die Nation mit dem Klima und dem schnödesten Mangel kämpfet. Überall
schmückt sich das Weib, wie wenigen Putz es auch hie und da, sich zu schmücken,
habe; so bringt im ersten Frühling die lebenreiche Erde wenigstens einige
geruchlose Blümchen hervor, Vorboten, was sie in andern Jahrszeiten zu tun
vermöchte. - Reinlichkeit ist eine andre Weibertugend, dazu sie ihre Natur
zwingt und der Trieb, zu gefallen, reizet. Die Anstalten, ja die oft
übertriebnen Gesetze und Gebräuche, wodurch alle gesunde Nationen die
Krankheiten der Weiber absonderten und unschädlich machten, beschämen manche
kultivierte Völker. Sie wussten und wissen also auch nichts von einem grossen Teil
der Schwachheiten, die bei uns sowohl eine Folge als eine neue Ursache jener
tiefen Versunkenheit sind, die eine üppige, kranke Weiblichkeit auf eine elende
Nachkommenschaft fortbreitet. - Noch eines grössern Ruhmes ist die sanfte
Duldung, die unverdrossene Geschäftigkeit wert, in der sich, ohne den Missbrauch
der Kultur, das zarte Geschlecht überall auf der Erde auszeichnet Mit
Gelassenheit trägt es das Joch, das ihm die rohe Übermacht der Männer, ihre
Liebe zum Müssiggange und zur Trägheit, endlich auch die Ausschweifungen seiner
Vorfahren selbst als eine geerbte Sitte auflegten, und bei den armseligsten
Völkern finden sich hierin oft die grössesten Muster. Es ist nicht Verstellung,
wenn in vielen Gegenden die mannbare Tochter zur beschwerlichen Ehe gezwungen
werden muss; sie entläuft der Hütte, sie fliehet in die Wüste; mit Tränen nimmt
sie ihren Brautkranz; denn es ist die letzte Blüte ihrer vertändelten, freieren
Jugend. Die meisten Brautlieder solcher Nationen sind Aufmunterungs-, Trost- und
halbe Trauerlieder148, über die wir spotten, weil wir ihre Unschuld und Wahrheit
nicht mehr fühlen. Zärtlich nimmt sie Abschied von allem, was ihrer Jugend so
lieb war; als eine Verstorbene verlässt sie das Haus ihrer Eltern, verlieret
ihren vorigen Namen und wird das Eigentum eines Fremden, der vielleicht ihr
Tyrann ist. Das Unschätzbarste, was ein Mensch hat, muss sie ihm aufopfern,
Besitz ihrer Person, Freiheit, Willen, ja vielleicht Gesundheit und Leben; und
das alles um Reize, die die keusche Jungfrau noch nicht kennet und die ihr
vielleicht bald in einem Meer von Ungemächlichkeit verschwinden. Glücklich, dass
die Natur das weibliche Herz mit einem unnennbar zarten und starken Gefühl für
den persönlichen Wert des Mannes ausgerüstet und geschmückt hat. Durch dies
Gefühl erträgt sie auch seine Härtigkeiten; sie schwingt sich in einer süssen
Begeisterung so gern zu allem auf, was ihr an ihm edel, gross, tapfer,
ungewöhnlich dünket; mit erhebender Teilnehmung hört sie männliche Taten, die
ihr, wenn der Abend kommt, die Last des beschwerlichen Tages versüssen und es zum
Stolz ihr machen, dass sie, da sie doch einmal zugehören muss, einem solchen Mann
gehöre. Die Liebe des Romantischen im weiblichen Charakter ist also eine
wohltätige Gabe der Natur, Balsam für sie und belohnende Aufmunterung des
Mannes; denn der schönste Kranz des Jünglings war immer die Liebe der Jungfrau.
    Endlich die süsse Mutterliebe, mit der die Natur dies Geschlecht ausstattete;
fast unabhängig ist sie von kalter Vernunft und weit entfernt von eigennütziger
Lohnbegierde. Nicht, weil es liebenswürdig ist, liebt die Mutter ihr Kind,
sondern weil es ein lebendiger Teil ihres Selbst, das Kind ihres Herzens, der
Abdruck ihrer Natur ist. Darum regen sich ihre Eingeweide über seinem Jammer;
ihr Herz klopft stärker bei seinem Glück; ihr Blut fliesst sanfter, wenn die
Mutterbrust, die es trinkt, es gleichsam noch an sie knüpfet. Durch alle
unverdorbene Nationen der Erde geht dieses Muttergefühl; kein Klima, das sonst
alles ändert, konnte dies ändern; nur die verderbtesten Verfassungen der
Gesellschaft vermochten etwa mit der Zeit das weiche Laster süsser zu machen als
jene zarte Qual mütterlicher Liebe. Die Grönländerin säugt ihren Sohn bis ins
dritte, vierte Jahr, weil das Klima ihr keine Kinderspeisen darbeut; sie erträgt
von ihm alle Unarten des keimenden männlichen Übermuts mit nachsehender Duldung
Mit mehr als Manneskraft ist die Negerin gewaffnet, wenn ein Ungeheuer ihr Kind
anfällt; mit staunender Verwunderung lieset man die Beispiele ihrer das Leben
verachtenden mütterlichen Grossmut. Wenn endlich der Tod der zärtlichen Mutter,
die wir eine Wilde nennen, ihren besten Trost, den Wert und die Sorge ihres
Lebens, raubt - man lese bei Carver149 die Klage der Nadowesserin, die ihren
Mann und ihren vierjährigen Sohn verloren hatte - : das Gefühl, das in ihr
herrscht, ist über alle Beschreibung. - Was fehlet also diesen Nationen an
Empfindungen der wahren weiblichen Humanität, wenn nicht etwa der Mangel und die
trauige Not oder ein falscher Punkt der Ehre und eine geerbte rohe Sitte sie hie
und da auf Irrwege leiten? Die Keime zum Gefühl alles Grossen und Edeln liegen
nicht nur allentalben da, sondern sie sind auch überall ausgebildet, nachdem es
die Lebensart, das Klima, die Tradition oder die Eigenheit des Volks erlaubte.
    
    Ist dieses, so wird der Mann dem Weibe nicht nachbleiben; und welche
denkbare männliche Tugend wäre es, die nicht hie und da auf der Erde den Ort
ihrer Blüte gefunden hätte? Der männliche Mut, auf der Erde zu herrschen und
sein Leben nicht ohne Tat, aber gnügsam-frei zu geniessen, ist wohl die erste
Mannestugend; sie hat sich am weitsten und vielartigsten ausgebildet, weil fast
allentalben die Not zu ihr zwang und jeder Erdstrich, jede Sitte sie anders
lenkte. Bald also suchte der Mann in Gefahren Ruhm, und der Sieg über dieselbe
war das kostbarste Kleinod seines männlichen Lebens. Vom Vater ging diese
Neigung auf den Sohn über; die frühe Erziehung beförderte sie, und die Anlage zu
ihr ward in wenigen Generationen dem Volk erblich. Dem gebornen Jäger ist die
Stimme seines Horns und seiner Hunde, was sie sonst keinem ist; Eindrücke der
Kindheit trugen dazu bei; oft sogar geht das Jägergesicht und das Jagdgehirn in
die Geschlechter über. So mit allen andern Lebensarten freier, wirkender Völker.
Die Lieder jeder Nation sind über die ihr eignen Gefühle, Triebe und Seharten
die besten Zeugen, ein wahrer Kommentar ihrer Denk- und Empfindungsweise aus
ihrem eignen fröhlichen Munde.150 Selbst ihre Gebräuche, Sprüchwörter und
Klugheitsregeln bezeichnen lange nicht soviel, als jene bezeichnen; noch mehr
aber täten es, wenn wir Proben davon hätten oder vielmehr die Reisenden sie
bemerkten, der Nationen charakteristische Träume. Im Traum und im Spiel zeigt
sich der Mensch ganz, wie er ist, in jenem aber am meisten.
    Die Liebe des Vaters zu seinen Kindern ist die zweite Tugend, die sich beim
Mann am besten durch männliche Erziehung äussert. Frühe gewöhnt der Vater den
Sohn zu seiner Lebensweise: er lehrt ihn seine Künste, weckt in ihm das Gefühl
seines Ruhms und liebt in ihm sich selbst, wenn er alt oder nicht mehr sein
wird. Dies Gefühl ist der Grund aller Stammesehre und Stammestugend auf der
Erde; es macht die Erziehung zum öffentlichen, zum ewigen Werk; es hat alle
Vorzüge und Vorurteile der Menschengeschlechter hinabgeerbet. Daher fast bei
allen Stämmen und Völkern die teilnehmende Freude, wenn der Sohn ein Mann wird
und sich mit dem Gerät oder den Waffen seines Vaters schmücket, daher die tiefe
Trauer des Vaters, wenn er diese seine stolzeste Hoffnung verlieret. Man lese
die Klage des Grönländers um seinen Sohn151, man höre die Klagen Ossians um
seinen Oskar, und man wird in ihnen Wunden des Vaterherzens, die schönsten
Wunden der männlichen Brust, bluten sehen. -
    Die dankbare Liebe des Sohns zu seinem Vater ist freilich nur eine geringe
Wiedervergeltung des Triebes, mit dem der Vater den Sohn liebte; aber auch das
ist Naturabsicht. Sobald der Sohn Vater wird, wirkt das Herz auf seine Söhne
hinunter; der vollere Strom soll hinab, nicht aufwärts fliessen; denn nur also
erhält sich die Kette stets wachsender, neuer Geschlechter. Es ist also nicht
als Unnatur zu schelten, wenn einige vom Mangel gedrückte Völker das Kind dem
abgelebten Vater vorziehn oder, wie einige Erzählungen sagen, den Tod der
Vergreiseten sogar befördern. Nicht Hass, sondern traurige Not oder gar eine
kalte Gutmütigkeit ist diese Beförderung, da sie die Alten nicht nähren, nicht
mitnehmen können und ihnen also lieber mit freundschaftlicher Hand selbst ein
qualenloses Ende bereiten, als sie den Zähnen der Tiere zurücklassen wollen.
Kann nicht im Drange der Not, wehmütig genug, der Freund den Freund töten und
ihm, den er nicht erretten kann, damit eine Wohltat erweisen, die er ihm nicht
anders erweisen konnte? - Dass aber der Ruhm der Väter in der Seele ihres Stammes
unsterblich lebe und wirke, zeigen bei den meisten Völkern ihre Lieder und
Kriege, ihre Geschichten und Sagen, am meisten die mit ewiger Hochachtung
derselben sich forterbende Lebensweise.
    Gemeinschaftliche Gefahren endlich erwecken gemeinschaftlichen Mut: sie
knüpfen also das dritte und edelste Band der Männer, die Freundschaft. In
Lebensarten und Ländern, die gemeinschaftliche Unternehmungen nötig machen, sind
auch heroische Seelen vorhanden, die den Bund der Liebe auf Leben und Tod
knüpfen. Dergleichen waren jene ewigberühmten Freunde der griechischen
Heldenzeit; dergleichen waren jene gepriesenen Scyten und sind allentalben
noch unter den Völkern, die Jagd, Krieg, Züge in Wäldern und Wüsteneien oder
sonst Abenteuer lieben. Der Ackermann kennet nur einen Nachbar, der Handwerker
einen Zunftgenossen, den er begünstigt oder neidet; der Wechsler endlich, der
Gelehrte, der Fürstendiener - wie entfernter sind sie von jener eigengewählten,
tätigen, erprobten Freundschaft, von der eher der Wandrer, der Gefangne, der
Sklave weiss, der mit dem andern an einer Kette ächzet. In Zeiten des
Bedürfnisses, in Gegenden der Not verbünden sich Seelen: der sterbende Freund
ruft den Freund um Rache seines Blutes an und freut sich, ihn hinterm Grabe mit
demselben wiederzufinden. Mit unauslöschlicher Flamme brennet dieser, den
Schatten seines Freundes zu versöhnen, ihn aus dem Gefängnis zu befreien, ihm
beizustehen im Streit und das Glück des Ruhms mit ihm zu teilen. Ein
gemeinschaftlicher Stamm kleiner Völker ist nichts als ein also verbündeter Chor
von Blutsfreunden, die sich von andern Geschlechtern in Hass oder in Liebe
scheiden. So sind die arabischen, so sind manche tatarische Stämme und die
meisten amerikanischen Völker. Die blutigsten Kriege zwischen ihnen, die eine
Schande der Menschheit scheinen, entsprangen zuerst aus dem edelsten Gefühl
derselben, dem Gefühl der beleidigten Stammesehre oder einer gekränkten
Stammesfreundschaft.
    Weiterhin und auf die verschiednen Regierungsformen weiblicher oder
männlicher Regenten der Erde lasse ich mich jetzt und hier noch nicht ein. Denn
da aus den bisher angezeigten Gründen es sich noch nicht erklären lässt, warum
ein Mensch durchs Recht der Geburt über Tausende seiner Brüder herrsche, warum
er ihnen ohne Vertrag und Einschränkung nach Willkür gebieten, Tausende
derselben ohne Verantwortung in den Tod liefern, die Schätze des Staats ohne
Rechenschaft verzehren und gerade dem Armen darüber die bedrückendsten Auflagen
tun dörfe; da es sich noch weniger aus den ersten Anlagen der Natur ergibt,
warum ein tapfres und kühnes Volk, d. i. tausend edle Männer und Weiber, oft die
Füsse eines Schwachen küssen und den Zepter anbeten, womit ein Unsinniger sie
blutig schlägt, welcher Gott oder Dämon es ihnen eingegeben, eigne Vernunft und
Kräfte, ja oft Leben und alle Rechte der Menschheit der Willkür eines zu
überlassen und es sich zur höchsten Wohlfahrt und Freude zu rechnen, dass der
Despot einen künftigen Despoten zeuge - da, sage ich, alle diese Dinge dem
ersten Anblick nach die verworrensten Rätsel der Menschheit scheinen und
glücklicher- oder unglücklicherweise der grösseste Teil der Erde diese
Regierungsformen nicht kennet, so können wir sie auch nicht unter die ersten,
notwendigen, allgemeinen Naturgesetze der Menschheit rechnen. Mann und Weib,
Vater und Sohn, Freund und Feind sind bestimmte Verhältnisse und Namen; aber
Führer und König, ein erblicher Gesetzgeber und Richter, ein willkürlicher
Gebieter und Staatsverweser für sich und alle seine noch. Ungebornen - diese
Begriffe wollen eine andre Entwicklung, als wir ihnen hier zu geben vermögen.
Gnug, dass wir die Erde bisher als ein Treibhaus natürlicher Sinne und Gaben,
Geschicklichkeiten und Künste, Seelenkräfte und Tugenden in ziemlich grosser
Verschiedenheit derselben bemerkt haben; wiefern sich nun der Mensch dadurch
Glückseligkeit zu bauen berechtigt oder fähig sei, ja, wo irgend der Massstab zu
ihr liege, dies lasset uns jetzo erwägen.
 
                                       V
Die Glückseligkeit der Menschen ist allentalben ein individuelles Gut, folglich
  allentalben klimatisch und organisch, ein Kind der Übung, der Tradition und
                                   Gewohnheit
    Schon der Name Glückseligkeit deutet an, dass der Mensch keiner reinen
Seligkeit fähig sei, noch sich dieselbe erschaffen möge; er selbst ist ein Sohn
des Glücks, das ihn hie- oder dahin setzte und nach dem Lande, der Zeit, der
Organisation, den Umständen, in welchen er lebt, auch die Fähigkeit seines
Genusses, die Art und das Mass seiner Freuden und Leiden bestimmt hat.
Unsinnig-stolz wäre die Anmassung, dass die Bewohner aller Weltteile Europäer sein
müssten, um glücklich zu leben; denn wären wir selbst, was wir sind, ausser Europa
worden? Der nun uns hieher setzte, setzte jene dortin und gab ihnen dasselbe
Recht zum Genuss des irdischen Lebens. Da Glückseligkeit ein innerer Zustand ist,
so liegt das Mass und die Bestimmung derselben nicht ausser, sondern in der Brust
eines jeden einzelnen Wesens; ein andres hat sowenig Recht, mich zu seinem
Gefühl zu zwingen, als es ja keine Macht hat, mir seine Empfindungsart zu geben
und das meine in sein Dasein zu verwandeln. Lasset uns also aus stolzer Trägheit
oder aus gewohnter Vermessenheit die Gestalt und das Mass der Glückseligkeit
unsres Geschlechts nicht kürzer oder höher setzen, als es der Schöpfer setzte;
denn er wusste allein, wozu der Sterbliche auf unsrer Erde sein sollte.
    1. Unsern vielorganischen Körper mit allen seinen Sinnen und Gliedern
empfingen wir zum Gebrauch, zur Übung. Ohne diese stocken unsre Lebenssäfte,
unsre Organe werden matt; der Körper, ein lebendiger Leichnam, stirbt lange
vorher, eh er stirbt, er verwest eines langsamen, elenden, unnatürlichen Todes.
Wollte die Natur uns also die erste unentbehrliche Grundlage der Glückseligkeit,
Gesundheit, gewähren, so musste sie uns Übung, Mühe und Arbeit verleihn und
dadurch dem Menschen sein Wohlsein lieber aufdringen, als dass er dasselbe
entbehren sollte. Daher verkaufen wie die Griechen sagen, die Götter den
Sterblichen alles um Arbeit; nicht aus Neid, sondern aus Güte, weil eben in
diesem Kampf, in diesem Streben nach der erquickenden Ruhe der grösseste Genuss
des Wohlseins, das Gefühl wirksamer, strebender Kräfte lieget. Nur in denen
Klimaten oder Ständen siechet die Menschheit, wo ein entkräftender Müssiggang,
eine üppige Trägheit die Körper lebendig begräbt und sie zu blassen Leichen oder
zu Lasten, die sich selbst beschweren, umbildet; in andern und gerade in den
härtesten Lebensarten und Ländern blühet der kräftigste Wuchs, die gesundeste,
schönste Symmetrie menschlicher Glieder. Gehet die Geschichte der Nationen durch
und leset, was Pagès z. E. von der Bildung der Chaktas, der Tegas, vom Charakter
der Bissayen, der Indier, der Araber saget152, selbst das drückendste Klima
macht wenig Unterschied in der Dauer des Menschenlebens, und eben der Mangel
ist's, der die fröhlichen Armen zur gesundheitbringenden Arbeit stärket. Auch
die Missbildungen des Leibes, die sich hie oder da auf der Erde als genetischer
Charakter oder als ererbte Sitte finden, schaden der Gesundheit weniger als
unser künstliche Putz, unsre hundert angestrengte, unnatürliche Lebensweisen;
denn was will ein grösserer Ohrlappe der Arakaner, ein ausgerupfter Bart der Ost-
und Westindier oder etwa eine durchbohrte Nase zu der eingedruckten, gequälten
Brust, zum vorsinkenden Knie und missgebildeten Fuss, zu den verwachsnen oder
rachitischen Gestalten und den zusammengepressten Eingeweiden so vieler feinen
Europäer und Europäerinnen sagen? Lasset uns also die Vorsehung preisen, dass, da
Gesundheit der Grund aller unsrer physischen Glückseligkeit ist, sie dies
Fundament so weit und breit auf der Erde legte. Die Völker, von denen wir
glauben, dass sie sie als Stiefmutter behandelt habe, waren ihr vielleicht die
liebsten Kinder; denn wenn sie ihnen kein träges Gastmahl süsser Gifte bereitete,
so reichte sie ihnen dafür durch die harten Hände der Arbeit den Kelch der
Gesundheit und einer von innen sie erquickenden Lebenswärme. Kinder der
Morgenröte, blühen sie auf und ab; eine oft gedankenlose Heiterkeit, ein inniges
Gefühl ihres Wohlseins ist ihnen Glückseligkeit, Bestimmung und Genuss des
Lebens; könnte es auch einen andern, einen sanftern und dauerndern geben?
    2. Wir rühmen uns unsrer feinen Seelenkräfte; lasset uns aber aus der
traurigen Erfahrung lernen, dass nicht jede entwickelte Feinheit Glückseligkeit
gewähre, ja dass manches zu feine Werkzeug eben dadurch untüchtig zum Gebrauch
werde. Die Spekulation z. E. kann das Vergnügen nur weniger, müssiger Menschen
sein, und auch ihnen ist sie oft, wie der Genuss des Opium in den Morgenländern,
ein entkräftend-verzerrendes, einschläferndes Traumvergnügen. Der wachende,
gesunde Gebrauch der Sinne, tätiger Verstand in wirklichen Fällen des Lebens,
muntere Aufmerksamkeit, mit reger Erinnerung, mit schnellem Entschluss, mit
glücklicher Wirkung begleitet: sie allein sind das, was wir Gegenwart des
Geistes, innere Lebenskraft nennen, die sich also auch mit dem Gefühl einer
gegenwärtigen wirksamen Kraft, mit Glückseligkeit und Freude selbst belohnet.
Glaubet es nicht, ihr Menschen, dass eine unzeitige, masslose Verfeinerung oder
Ausbildung Glückseligkeit sei oder dass die tote Nomenklatur aller
Wissenschaften, der seiltänzerische Gebrauch aller Künste einem lebendigen Wesen
die Wissenschaft des Lebens gewähren könne; denn Gefühl der Glückseligkeit
erwirbt sich nicht durch das Rezept auswendig gelernter Namen oder gelernter
Künste. Ein mit Kenntnissen überfülleter Kopf, und wenn es auch goldene
Kenntnisse wären, er erdrücket den Leib, verenget die Brust, verdunkelt den
Blick und wird dem, der ihn trägt, eine kranke Last des Lebens. Je mehr wir
verfeinernd unsre Seelenkräfte teilen, desto mehr ersterben die müssigen Kräfte;
auf das Gerüst der Kunst gespannet, verwelken unsre Fähigkeiten und Glieder an
diesem prangenden Kreuze. Nur auf dem Gebrauch der ganzen Seele, insonderheit
ihrer tätigen Kräfte, ruhet der Segen der Gesundheit; und da lasset uns abermals
der Vorsehung danken, dass sie es mit dem Ganzen des Menschengeschlechts nicht zu
fein nahm und unsre Erde zu nichts weniger als einem Hörsaal gelehrter
Wissenschaften bestimmte. Schonend liess sie bei den meisten Völkern und Ständen
der Menschheit die Seelenkräfte in einem festen Knäuel beisammen und entwickelte
diesen nur, wo es die Not begehrte. Die meisten Nationen der Erde wirken und
phantasieren, lieben und hassen, hoffen und fürchten, lachen und weinen wie
Kinder; sie geniessen also auch wenigstens die Glückseligkeit kindlicher
Jugendträume. Wehe dem Armen, der seinen Genuss des Lebens sich erst ergrübelt!
    3. Da endlich unser Wohlsein mehr ein stilles Gefühl als ein glänzender
Gedanke ist, so sind es allerdings auch weit mehr die Empfindungen des Herzens
als die Wirkungen einer tiefsinnigen Vernunft, die uns mit Liebe und Freude am
Leben lohnen. Wie gut hat es also die grosse Mutter gemacht, dass sie die Quelle
des Wohlwollens gegen sich und andre, die wahre Humanität unsres Geschlechts, zu
der es erschaffen ist, fast unabhängig von Beweggründen und künstlichen
Triebfedern in die Brust der Menschen pflanzte. Jedes Lebendige freuet sich
seines Lebens; es fragt und grübelt nicht, wozu es da sei; sein Dasein ist ihm
Zweck, und sein Zweck das Dasein. Kein Wilder mordete sich selbst, sowenig ein
Tier sich selbst mordet; er pflanzt sein Geschlecht fort, ohne zu wissen, wozu
er's fortpflanze, und unterzieht sich auch unter dem Druck des härtesten Klima
aller Mühe und Arbeit, nur damit er lebe. Dies einfache, tiefe, unersetzliche
Gefühl des Daseins also ist Glückseligkeit, ein kleiner Tropfe aus jenem
unendlichen Meer des Allseligen, der in allem ist und sich in allem freuet und
fühlet. Daher jene unzerstörbare Heiterkeit und Freude, die mancher Europäer auf
den Gesichtern und im Leben fremder Völker bewunderte, weil er sie bei seiner
unruhigen Rastlosigkeit in sich nicht fühlte; daher auch jenes offene
Wohlwollen, jene zuvorkommende, zwanglose Gefälligkeit aller glücklichen Völker
der Erde, die nicht zur Rache oder Verteidigung gezwungen wurden. Nach den
Berichten der Unparteiischen ist diese so allgemein ausgebreitet auf der Erde,
dass ich sie den Charakter der Menschheit nennen möchte, wenn es nicht leider
ebensowohl Charakter dieser zweideutigen Natur wäre, das offne Wohlwollen, die
dienstfertige Heiterkeit und Freude in sich und andern einzuschränken, um sich
aus Wahn oder aus Vernunft gegen die künftige Not zu waffnen. Ein in sich
glückliches Geschöpf, warum sollte es nicht auch andre glücklich neben sich
sehen und, wo es kann, zu ihrer Glückseligkeit beitragen? Nur weil wir selbst,
mit Mangel umringt, so vielbedürftig sind und es durch unsre Kunst und List noch
mehr werden, so verenget sich unser Dasein, und die Wolke des Argwohns, des
Kummers, der Mühe und Sorgen umnebelt ein Gesicht das für die offne,
teilnehmende Freude gemacht war. Indes auch hier hatte die Natur das menschliche
Herz in ihrer Hand und formte den fühlbaren Teig auf so mancherlei Arten, dass,
wo sie nicht gebend befriedigen konnte, sie wenigstens versagend zu befriedigen
suchte. Der Europäer hat keinen Begriff von den heissen Leidenschaften und
Phantomen, die in der Brust des Negers glühen, und der Indier keinen Begriff von
den unruhigen Begierden, die den Europäer von einem Weltende zum andern jagen.
Der Wilde, der nicht auf üppige Weise zärtlich sein kann, ist es desto mehr auf
eine gesetzte ruhige Weise; dagegen wo die Flamme des Wohlwollens lichte Funken
umherwirft, da verglühet sie auch bald und erstirbt in diesen Funken. Kurz, das
menschliche Gefühl hat alle Formen erhalten, die auf unsrer Kugel in den
verschiednen Klimaten, Zuständen und Organisationen der Menschen nur
stattfanden; allentalben aber liegt Glückseligkeit des Lebens nicht in der
wühlenden Menge von Empfindungen und Gedanken, sondern in ihrem Verhältnis zum
wirklichen innern Genuss unseres Daseins und dessen, was wir zu unserm Dasein
rechnen. Nirgend auf Erden blühet die Rose der Glückseligkeit ohne Dornen; was
aber aus diesen Dornen hervorgeht, ist allentalben und unter allerlei Gestalten
die zwar flüchtige, aber schöne Rose einer menschlichen Lebensfreude.
    Irre ich nicht, so lassen sieh nach diesen einfachen Voraussetzungen, deren
Wahrheit jede Brust fühlet, einige Linien ziehen, die wenigstens manche Zweifel
und Irrungen über die Bestimmung des Menschengeschlechts abschneiden. Was z. B.
könnte es heissen, dass der Mensch, wie wir ihn hier kennen, zu einem unendlichen
Wachstum seiner Seelenkräfte zu einer fortgehenden Ausbreitung seiner
Empfindungen und Wirkungen, ja gar, dass er für den Staat, als das Ziel seines
Geschlechts, und alle Generationen desselben eigentlich nur für die letzte
Generation gemacht sein, die auf dem zerfallenen Gerüst der Glückseligkeit aller
vorhergehenden trone?
    Der Anblick unsrer Mitbrüder auf der Erde, ja selbst die Erfahrung jedes
einzelnen Menschenlebens widerlegt diese der schaffenden Vorsehung
untergeschobenen Plane. Zu einer ins Unermessliche wachsenden Fülle der Gedanken
und der Empfindungen ist weder unser Haupt noch unser Herz gebildet, weder unsre
Hand gemacht noch unser Leben berechnet. Blühen nicht unsre schönsten
Seelenkräfte ab, wie sie aufblühten? Ja, wechseln nicht mit Jahren und Zuständen
sie selbst untereinander und lösen im freundschaftlichen Zwist oder vielmehr in
einem kreisenden Reigentanz einander ab? Und wer hätte es nicht erfahren, dass
eine grenzenlose Ausbreitung seiner Empfindungen diese nur schwäche und
vernichte, indem sie das, was Seil der Liebe sein soll, als eine verteilte
Flocke den Lüften gibt oder mit seiner verbrannten Asche das Auge des andern
benebelt. Da wir unmöglich andre mehr oder anders als uns selbst lieben können;
denn wir lieben sie nur als Teile unser selbst oder vielmehr uns selbst in ihnen
so ist allerdings die Seele glücklich, die wie ein höherer Geist mit ihrer
Wirksamkeit viel umfasset und es in rastloser Wohltätigkeit zu ihr selbst
zählet; elend ist aber die andre, deren Gefühl, in Worte verschwemmet, weder
sich noch andern tauget. Der Wilde, der sich, der sein Weib und Kind mit ruhiger
Freude liebt und für seinen Stamm wie für sein Leben mit beschränkter
Wirksamkeit glühet, ist, wie mich dünkt, ein wahreres Wesen als jener gebildete
Schatte, der für den Schatten seines ganzen Geschlechts, d. i. für einen Namen,
in Liebe entzückt ist. In seiner armen Hütte hat jener für jeden Fremden Raum,
den er mit gleichgültiger Gutmütigkeit als seinen Bruder aufnimmt und ihn nicht
einmal, wo er her sei, fraget. Das verschwemmte Herz des müssigen Kosmopoliten
ist eine Hütte für niemand.
    Sehen wir denn nicht, meine Brüder, dass die Natur alles, was sie konnte,
getan habe, nicht um uns auszubreiten, sondern um uns einzuschränken und uns
eben an den Umriss unsres Lebens zu gewöhnen? Unsre Sinne und Kräfte haben ein
Mass: die Horen unsrer Tage und Lebensalter geben einander nur wechselnd die
Hände, damit die ankommende die verschwundne ablöse. Es ist also ein Trug der
Phantasie, wenn der Mann und Greis sich noch zum Jünglinge träumet. Vollends
jene Lüsternheit der Seele, die, selbst der Begierde zuvorkommend, sich
augenblicks in Ekel verwandelt, ist sie Paradieses Lust oder vielmehr Tantalus'
Hölle, das ewige Schöpfen der unsinnig gequälten Danaiden? Deine einzige Kunst,
o Mensch, hienieden ist also Mass! Das Himmelskind Freude, nach dem du
verlangest, ist um dich, ist in dir, eine Tochter der Nüchternheit und des
stillen Genusses, eine Schwester der Gnügsamkeit und der Zufriedenheit mit
deinem Dasein im Leben und Tode.
    Noch weniger ist's begreiflich, wie der Mensch also für den Staat gemacht
sein soll, dass aus dessen Einrichtung notwendig seine erste wahre Glückseligkeit
keime; denn wie viele Völker auf der Erde wissen von keinem Staat, die dennoch
glücklicher sind als mancher gekreuzigte Staatswohltäter. Ich will mich auf
keinen Teil des Nutzens oder des Schadens einlassen, den diese künstliche
Anstalten der Gesellschaft mit sich führen; da jede Kunst aber nur Werkzeug ist
und das künstlichste Werkzeug notwendig den vorsichtigsten, feinsten Gebrauch
erfodert, so ist offenbar, dass mit der Grösse der Staaten und mit der feinern
Kunst ihrer Zusammensetzung notwendig auch die Gefahr, einzelne Unglückliche zu
schaffen, unermesslich zunimmt. In grossen Staaten müssen Hunderte hungern, damit
einer prasse und schwelge; Zehntausende werden gedrückt und in den Tod gejaget,
damit ein gekrönter Tor oder Weiser seine Phantasie ausfahre. Ja endlich, da,
wie alle Staatslehrer sagen, jeder wohleingerichtete Staat eine Maschine sein
muss, die nur der Gedanke eines regieret: welche grössere Glückseligkeit könnte es
gewähren, in dieser Maschine als ein gedankenloses Glied mitzudienen? Oder
vielleicht gar wider besser Wissen und Gefühl lebenslang in ihr auf ein Rad
Ixions geflochten zu sein, das dem Traurig-Verdammten keinen Trost lässt, als
etwa die letzte Tätigkeit seiner selbstbestimmenden, freien Seele wie ein
geliebtes Kind zu ersticken und in der Unempfindlichkeit einer Maschine sein
Glück zu finden? - O wenn wir Menschen sind, so lasst uns der Vorsehung danken,
dass sie das allgemeine Ziel der Menschheit nicht dahin setzte! Millionen des
Erdballs leben ohne Staaten, und muss nicht ein jeder von uns auch im
künstlichsten Staat, wenn er glücklich sein will, es eben da anfangen, wo es der
Wilde anfängt, nämlich dass er Gesundheit und Seelenkräfte, das Glück seines
Hauses und Herzens, nicht vom Staat, sondern von sich selbst erringe und
erhalte? Vater und Mutter, Mann und Weib, Kind und Bruder, Freund und Mensch -
das sind Verhältnisse der Natur, durch die wir glücklich werden; was der Staat
uns geben kann, sind Kunstwerkzeuge, leider aber kann er uns etwas weit
Wesentlicheres, uns selbst, rauben.
    Gütig also dachte die Vorsehung, da sie den Kunstendzwecken grosser
Gesellschaften die leichtere Glückseligkeit einzelner Menschen vorzog und jene
kostbaren Staatsmaschinen, soviel sie konnte, den Zeiten ersparte. Wunderbar
teilte sie die Völker, nicht nur durch Wälder und Berge, durch Meere und Wüsten,
durch Ströme und Klimate, sondern insonderheit auch durch Sprachen, Neigungen
und Charaktere, nur damit sie dem unterjochenden Despotismus sein Werk
erschwerte und nicht alle Weltteile in den Bauch eines hölzernen Pferdes
steckte. Keinem Nimrod gelang es bisher, für sich und sein Geschlecht die
Bewohner des Weltalls in ein Gehege zusammenzujagen; und wenn es seit
Jahrhunderten der Zweck des verbündeten Europa wäre, die glückaufzwingende
Tyrannin aller Erdnationen zu sein, so ist die Glückesgöttin noch weit von ihrem
Ziele. Schwach und kindisch wäre die schaffende Mutter gewesen, die die echte
und einzige Bestimmung ihrer Kinder, glücklich zu sein, auf die Kunsträder
einiger Spätlinge gebauet und von ihren Händen den Zweck der Erdeschöpfung
erwartet hätte. Ihr Menschen aller Weltteile, die ihr seit Äonen dahingingt, ihr
hättet also nicht gelebt und etwa nur mit eurer Asche die Erde gedüngt, damit am
Ende der Zeit eure Nachkommen durch europäische Kultur glücklich würden: was
fehlet einem stolzen Gedanken dieser Art, dass er nicht Beleidigung der
Naturmajestät heisse?
    Wenn Glückseligkeit auf der Erde anzutreffen ist, so ist sie in jedem
fühlenden Wesen; ja sie muss in ihm durch Natur sein, und auch die helfende Kunst
muss zum Genuss in ihm Natur werden. Hier hat nun jeder Mensch das Mass seiner
Seligkeit in sich; er trägt die Form an sich, zu der er gebildet worden und in
deren reinem Umriss er allein glücklich werden kann. Eben deswegen hat die Natur
alle ihre Menschenformen auf der Erde erschöpft, damit sie für jede derselben in
ihrer Zeit und an ihrer Stelle einen Genuss hätte, mit dem sie den Sterblichen
durchs Leben hindurch täuschte.
 
                                  Neuntes Buch
                                       I
So gern der Mensch alles aus sich selbst hervorzubringen wähnet, so sehr hanget
          er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von andern ab
    Nicht nur Philosophen haben die menschliche Vernunft, als unabhängig von
Sinnen und Organen, zu einer ihm ursprünglichen, reinen Potenz erhoben, sondern
auch der sinnliche Mensch wähnet im Traum seines Lebens, er sei alles, was er
ist, durch sich selbst worden. Erklärlich ist dieser Wahn, zumal bei dem
sinnlichen Menschen. Das Gefühl der Selbsttätigkeit, das ihm der Schöpfer
gegeben hat, regt ihn zu Handlungen auf und belohnt ihn mit dem süssesten Lohn
einer selbstvollendeten Handlung. Die Jahre seiner Kindheit sind vergessen; die
Keime, die er darin empfing, ja, die er noch täglich empfängt, schlummern in
seiner Seele; er sieht und geniesst nur den entsprossten Stamm und freut sich
seines lebendigen Wuchses, seiner früchtetragenden Zweige. Der Philosoph
indessen, der die Genesis und den Umfang eines Menschenlebens in der Erfahrung
kennet und ja auch die ganze Kette der Bildung unsres Geschlechts in der
Geschichte verfolgen könnte, er müsste, dünkt mich, da ihn alles an Abhängigkeit
erinnert, sich aus seiner idealischen Welt, in der er sich allein und allgnugsam
fühlet, gar bald in unsre wirkliche zurückfinden.
    Sowenig ein Mensch seiner natürlichen Geburt nach aus sieh entspringt,
sowenig ist er im Gebrauch seiner geistigen Kräfte ein Selbstgeborner. Nicht nur
der Keim unsrer innern Anlagen ist genetisch wie unser körperliches Gebilde,
sondern auch jede Entwicklung dieses Keimes hängt vom Schicksal ab, das uns hie-
oder dortin pflanzte und nach Zeit und Jahren die Hülfsmittel der Bildung um
uns legte. Schon das Auge musste sehen, das Ohr hören lernen; und wie künstlich
das vornehmste Mittel unsrer Gedanken, die Sprache, erlangt werde, darf keinem
verborgen bleiben. Offenbar hat die Natur auch unsern ganzen Mechanismus samt
der Beschaffenheit und Dauer unsrer Lebensalter zu dieser fremden Beihülfe
eingerichtet. Das Hirn der Kinder ist weich und hangt noch an der Hirnschale;
langsam bildet es seine Streifen aus und wird mit den Jahren erst fester, bis es
allmählich sich härtet und keine neuen Eindrücke mehr annimmt. So sind die
Glieder, so die Triebe des Kindes; jene sind zart und zur Nachahmung
eingerichtet, diese nehmen, was sie sehen und hören, mit wunderbar-reger
Aufmerksamkeit und innerer Lebenskraft auf. Der Mensch ist also eine künstliche
Maschine, zwar mit genetischer Disposition und einer Fülle von Leben begabt;
aber die Maschine spielet sich nicht selbst, und auch der fähigste Mensch muss
lernen, wie er sie spiele. Die Vernunft ist ein Aggregat von Bemerkungen und
Übungen unsrer Seele, eine Summe der Erziehung unsres Geschlechts, die nach
gegebnen fremden Vorbildern der Erzogne zuletzt als ein fremder Künstler an sich
vollendet.
    Hier also liegt das Principium zur Geschichte der Menschheit, ohne welches
es keine solche Geschichte gäbe. Empfinge der Mensch alles aus sich und
entwickelte es abgetrennt von äussern Gegenständen, so wäre zwar eine Geschichte
des Menschen, aber nicht der Menschen, nicht ihres ganzen Geschlechts möglich.
Da nun aber unser spezifische Charakter eben darin liegt, dass wir, beinah ohne
Instinkt geboren, nur durch eine lebenslange Übung zur Menschheit gebildet
werden, und sowohl die Perfektibilität als die Korruptibilität unsres
Geschlechts hierauf beruhet, so wird eben damit auch die Geschichte der
Menschheit notwendig ein Ganzes, d. i. eine Kette der Geselligkeit und bildenden
Tradition vom ersten bis zum letzten Gliede.
    Es gibt also eine Erziehung des Menschengeschlechts, eben weil jeder Mensch
nur durch Erziehung ein Mensch wird und das ganze Geschlecht nicht anders als in
dieser Kette von Individuen lebet. Freilich, wenn jemand sagte, dass nicht der
einzelne Mensch, sondern das Geschlecht erzogen werde, so spräche er für mich
unverständlich, da Geschlecht und Gattung nur allgemeine Begriffe sind, ausser
sofern sie in einzelnen Wesen existieren. Gäbe ich diesem allgemeinen Begriff
nun auch alle Vollkommenheiten der Humanität, Kultur und höchsten Aufklärung,
die ein idealischer Begriff gestattet, so hätte ich zur wahren Geschichte unsres
Geschlechts ebensoviel gesagt, als wenn ich von der Tierheit, der Steinheit, der
Metallheit im allgemeinen spräche und sie mit den herrlichsten, aber in
einzelnen Individuen einander widersprechenden Attributen auszierte. Auf diesem
Wege der Averroischen Philosophie, nach der das ganze Menschengeschlecht nur
eine, und zwar eine sehr niedrige Seele besitzet, die sich dem einzelnen
Menschen nur teilweise mitteilet auf ihm soll unsre Philosophie der Geschichte
nicht wandern. Schränkte ich aber gegenseits beim Menschen alles auf Individuen
ein und leugnete die Kette ihres Zusammenhanges sowohl untereinander als mit dem
Ganzen, so wäre mir abermals die Natur des Menschen und seine helle Geschichte
entgegen; denn kein einzelner von uns ist durch sich selbst Mensch worden. Das
ganze Gebilde der Humanität in ihm hangt durch eine geistige Genesis, die
Erziehung, mit seinen Eltern, Lehrern, Freunden, mit allen Umständen im Lauf
seines Lebens, also mit seinem Volk und den Vätern desselben, ja endlich mit der
ganzen Kette des Geschlechts zusammen, das irgend in einem Gliede eine seiner
Seelenkräfte berührte. So werden Völker zuletzt Familien, Familien gehen zu
Stammvätern hinauf; der Strom der Geschichte enget sich bis zu seinem Quell, und
der ganze Wohnplatz unsrer Erde verwandelt sich endlich in ein Erziehungshaus
unsrer Familie, zwar mit vielen Abteilungen, Klassen und Kammern, aber doch nach
einem Typus der Lektionen, der sich mit mancherlei Zusätzen und Verändrungen
durch alle Geschlechter vom Urvater heraberbte. Trauen wir's nun dem
eingeschränkten Verstande eines Lehrers zu, dass er die Abteilungen seiner
Schüler nicht ohne Grund machte, und finden, dass das Menschengeschlecht auf der
Erde allentalben, und zwar den Bedürfnissen seiner Zeit und Wohnung gemäss, eine
Art künstlicher Erziehung finde: welcher Verständige, der den Bau unsrer Erde
und das Verhältnis der Menschen zu ihm betrachtet, wird nicht vermuten, dass der
Vater unsres Geschlechts, der bestimmt hat, wie lange und weit Nationen wohnen
sollen, diese Bestimmung auch als Lehrer unsres Geschlechts gemacht habe? Wird,
wer ein Schiff betrachtet, eine Absicht des Werkmeisters in ihm leugnen? Und wer
das künstliche Gebilde unsrer Natur mit jedem Klima der bewohnbaren Erde
vergleicht, wird er dem Gedanken entfliehen können, dass nicht auch in Absicht
der geistigen Erziehung die klimatische Diversität der vielartigen Menschen ein
Zweck der Erdeschöpfung gewesen? Da aber der Wohnplatz allein noch nicht alles
ausmacht, indem lebendige, uns ähnliche Wesen dazu gehören, uns zu unterrichten,
zu gewöhnen, zu bilden: mich dünkt, so gibt es eine Erziehung des
Menschengeschlechts und eine Philosophie seiner Geschichte so gewiss, so wahr es
eine Menschheit, d. i. eine Zusammenwirkung der Individuen, gibt, die uns allein
zu Menschen machte.
    Sofort werden uns auch die Prinzipien dieser Philosophie offenbar, einfach
und unverkennbar, wie es die Naturgeschichte des Menschen selbst ist: sie heissen
Tradition und organische Kräfte. Alle Erziehung kann nur durch Nachahmung und
Übung, also durch Übergang des Vorbildes ins Nachbild, werden; und wie könnten
wir dies besser als Überlieferung nennen? Der Nachahmende aber muss Kräfte haben,
das Mitgeteilte und Mitteilbare aufzunehmen und es wie die Speise, durch die er
lebt, in seine Natur zu verwandeln. Von wem er also, was und wieviel er
aufnehme, wie er's sich zueigne, nutze und anwende: das kann nur durch seine,
des Aufnehmenden, Kräfte bestimmt werden; mitin wird die Erziehung unsres
Geschlechts in zwiefachem Sinn genetisch und organisch: genetisch durch die
Mitteilung, organisch durch die Aufnahme und Anwendung des Mitgeteilten. Wollen
wir diese zweite Genesis des Menschen, die sein ganzes Leben durchgeht, von der
Bearbeitung des Ackers Kultur oder vom Bilde des Lichts Aufklärung nennen, so
stehet uns der Name frei; die Kette der Kultur und Aufklärung reicht aber sodann
bis ans Ende der Erde. Auch der Kalifornier und Feuerländer lernte Bogen und
Pfeile machen und sie gebrauchen; er hat Sprache und Begriffe, Übungen und
Künste, die er lernte, wie wir sie lernen; sofern ward er also wirklich
kultiviert und aufgekläret, wiewohl im niedrigsten Grade. Der Unterschied
zwischen aufgeklärten und unaufgeklärten, zwischen kultivierten und
unkultivierten Völkern ist also nicht spezifisch, sondern nur gradweise. Das
Gemälde der Nationen hat hier unendliche Schattierungen, die mit den Räumen und
Zeiten wechseln; es kommt also auch bei ihm, wie bei jedem Gemälde, auf den
Standpunkt an, in dem man die Gestalten wahrnimmt. Legen wir den Begriff der
europäischen Kultur zum Grunde, so findet sich diese allerdings nur in Europa;
setzen wir gar noch willkürliche Unterschiede zwischen Kultur und Aufklärung
fest, deren keine doch, wenn sie rechter Art ist, ohne die andre sein kann, so
entfernen wir uns noch weiter ins Land der Wolken. Bleiben wir aber auf der Erde
und sehen im allgemeinsten Umfange das an, was uns die Natur, die den Zweck und
Charakter ihres Geschöpfs am besten kennen musste, als menschliche Bildung selbst
vor Augen legt, so ist dies keine andre als die Tradition einer Erziehung zu
irgendeiner Form menschlicher Glückseligkeit und Lebensweise Diese ist allgemein
wie das Menschengeschlecht, ja unter den Wilden oft am tätigsten, wiewohl nur in
einem engern Kreise. Bleibt der Mensch unter Menschen, so kann er dieser
bildenden oder missbildenden Kultur nicht entweichen: Tradition tritt zu ihm und
formt seinen Kopf und bildet seine Glieder. Wie jene ist und wie diese sich
bilden lassen, so wird der Mensch, so ist er gestaltet. Selbst Kinder, die unter
die Tiere gerieten, nahmen, wenn sie einige Zeit bei Menschen gelebt hatten,
schon menschliche Kultur unter dieselbe, wie die bekannten meisten Exempel
beweisen; dagegen ein Kind, das vom ersten Augenblick der Geburt an der Wölfin
übergeben würde, der einzige unkultivierte Mensch auf der Erde wäre.
    Was folgt aus diesem festen und durch die ganze Geschichte unsres
Geschlechts bewährten Gesichtspunkt? Zuerst ein Grundsatz, der, wie unserm
Leben, so auch dieser Betrachtung Aufmunterung und Trost gibt, nämlich: Ist das
Menschengeschlecht nicht durch sich selbst entstanden, ja, wird es Anlagen in
seiner Natur gewahr, die keine Bewunderung gnugsam preiset, so muss auch die
Bildung dieser Anlagen vom Schöpfer durch Mittel bestimmt sein, die seine
weiseste Vatergüte verraten. Ward das leibliche Auge vergebens so schön
gebildet, und findet es nicht sogleich den goldnen Lichtstrahl vor sich, der für
dasselbe, wie das Auge für den Lichtstrahl, erschaffen ist und die Weisheit
seiner Anlage vollendet? So ist's mit allen Sinnen, mit allen Organen: sie
finden ihre Mittel zur Ausbildung, das Medium, zu dem sie geschaffen wurden. Und
mit den geistigen Sinnen und Organen, auf deren Gebrauch der Charakter des
Menschengeschlechts sowie die Art und das Mass seiner Glückseligkeit beruhet:
hier sollte es anders sein? Hier sollte der Schöpfer seine Absicht, mitin die
Absicht der ganzen Natur, sofern sie vom Gebrauch menschlicher Kräfte abhangt,
verfehlt haben? Unmöglich! Jeder Wahn hierüber muss an uns liegen, die wir dem
Schöpfer entweder falsche Zwecke unterschieben oder, soviel an uns ist, sie
vereiteln. Da aber auch diese Vereitlung ihre Grenzen haben muss und kein Entwurf
des Allweisen von einem Geschöpf seiner Gedanken verrückt werden kann, so lasset
uns sicher und gewiss sein, dass, was Absicht Gottes auf unsrer Erde mit dem
Menschengeschlecht ist, auch in seiner verworrensten Geschichte unverkennbar
bleibe. Alle Werke Gottes haben dieses eigen, dass, ob sie gleich alle zu einem
unübersehlichen Ganzen gehören, jedes dennoch auch für sich ein Ganzes ist und
den göttlichen Charakter seiner Bestimmung an sich träget. So ist's mit der
Pflanze und mit dem Tier; wäre es mit dem Menschen und seiner Bestimmung anders?
Dass Tausende etwa nur für einen, dass alle vergangenen Geschlechter fürs letzte,
dass endlich alle Individuen nur für die Gattung, d. i. für das Bild eines
abstrakten Namens, hervorgebracht wären? So spielt der Allweise nicht; er
dichtet keine abgezognen Schattenträume; in jedem seiner Kinder liebt und fühlt
er sich mit dem Vatergefühl, als ob dies Geschöpf das einzige seiner Welt wäre.
Alle seine Mittel sind Zwecke, alle seine Zwecke Mittel zu grössern Zwecken, in
denen der Unendliche allerfüllend sich offenbaret. Was also jeder Mensch ist und
sein kann, das muss Zweck des Menschengeschlechts sein; und was ist dies?
Humanität und Glückseligkeit auf dieser Stelle, in diesem Grad, als dies und
kein andres Glied der Kette von Bildung, die durchs ganze Geschlecht reichet. Wo
und wer du geboren bist, o Mensch, da bist du, der du sein solltest; verlass die
Kette nicht, noch setze dich über sie hinaus, sondern schlinge dich an sie! Nur
in ihrem Zusammenhange, in dem, was du empfängest und gibst, und also in beidem
Fall tätig wirst, nur da wohnt für dich Leben und Friede.
    Zweitens. Sosehr es dem Menschen schmeichelt, dass ihn die Gotteit zu ihrem
Gehülfen angenommen und seine Bildung hienieden ihm selbst und seinesgleichen
überlassen habe, so zeigt doch eben dies von der Gotteit erwählte Mittel die
Unvollkommenheit unsres irdischen Daseins, indem wir eigentlich Menschen noch
nicht sind, sondern täglich werden. Was ist's für ein armes Geschöpf, das nichts
aus sich selbst hat, das alles durch Vorbild, Lehre, Übung bekommt und, wie ein
Wachs, darnach Gestalten annimmt! Man sehe, wenn man auf seine Vernunft stolz
ist, den Spielraum seiner Mitbrüder an auf der weiten Erde oder höre ihre
vieltönige, dissonante Geschichte. Welche Unmenschlichkeit gäbe es, zu der sich
nicht ein Mensch, eine Nation, ja oft eine Reihe von Nationen gewöhnen konnte,
sogar dass ihrer viele und vielleicht die meisten das Fleisch ihrer Mitbrüder
frassen? Welche törichte Einbildung wäre denkbar, die die erbliche Tradition
nicht hie oder da wirklich geheiligt hätte? Niedriger also kann kein
vernünftiges Geschöpf stehen, als der Mensch steht; denn er ist lebenslang nicht
nur ein Kind an Vernunft, sondern sogar ein Zögling der Vernunft andrer. In
welche Hände er fällt, darnach wird er gestaltet, und ich glaube nicht, dass
irgendeine Form der menschlichen Sitte möglich sei, in der nicht ein Volk oder
ein Individuum desselben existiert oder existiert habe. Alle Laster und
Greueltaten erschöpfen sich in der Geschichte, bis endlich hie und da eine
edlere Form menschlicher Gedanken und Tugenden erscheinet. Nach dem vom Schöpfer
erwählten Mittel, dass unser Geschlecht nur durch unser Geschlecht gebildet
würde, war's nicht anders möglich: Torheiten mussten sich vererben wie die
sparsamen Schätze der Weisheit; der Weg der Menschen ward einem Labyrint
gleich, mit Abwegen auf allen Seiten, wo nur wenige Fusstapfen zum innersten Ziel
führen. Glücklich ist der Sterbliche, der dahin ging oder führte, dessen
Gedanken, Neigungen und Wünsche oder auch nur die Strahlen seines stillen
Beispiels auf die schönere Humanität seiner Mitbrüder fortgewirkt haben. Nicht
anders wirkt Gott auf der Erde als durch erwählte, grössere Menschen; Religion
und Sprache, Künste und Wissenschaften, ja die Regierungen selbst können sich
mit keiner schönern Krone schmücken als mit diesem Palmzweige der sittlichen
Fortbildung in menschlichen Seelen. Unser Leib vermodert im Grabe, und unsers
Namens Bild ist bald ein Schatte auf Erden; nur in der Stimme Gottes, d. i. der
bildenden Tradition einverleibt, können wir auch mit namenloser Wirkung in den
Seelen der Unsern tätig fortleben.
    Drittens. Die Philosophie der Geschichte also, die die Kette der Tradition
verfolgt, ist eigentlich die wahre Menschengeschichte, ohne welche alle äussere
Weltbegebenheiten nur Wolken sind oder erschreckende Missgestalten werden.
Grausenvoll ist der Anblick, in den Revolutionen der Erde nur Trümmer auf
Trümmern zu sehen, ewige Anfänge ohne Ende, Umwälzungen des Schicksals ohne
dauernde Absicht! Die Kette der Bildung allein macht aus diesen Trümmern ein
Ganzes, in welchem zwar Menschengestalten verschwinden, aber der Menschengeist
unsterblich und fortwirkend lebet. Glorreiche Namen, die in der Geschichte der
Kultur als Genien des Menschengeschlechts, als glänzende Sterne in der Nacht der
Zeiten schimmern! Lass es sein, dass der Verfolg der Äonen manches von ihrem
Gebäude zertrümmerte und vieles Gold in den Schlamm der Vergessenheit senkte die
Mühe ihres Menschenlebens war dennoch nicht vergeblich; denn was die Vorsehung
von ihrem Werk retten wollte, rettete sie in andern Gestalten. Ganz und ewig
kann ohnedies kein Menschendenkmal auf der Erde dauern, da es im Strom der
Generationen nur von den Händen der Zeit für die Zeit errichtet war und
augenblicklich der Nachwelt verderblich wird, sobald es ihr neues Bestreben
unnötig macht oder aufhält. Auch die wandelbare Gestalt und die Unvollkommenheit
aller menschlichen Wirkung lag also im Plan des Schöpfers. Torheit musste
erscheinen, damit die Weisheit sie überwinde; zerfallende Brechlichkeit auch der
schönsten Werke war von ihrer Materie unzertrennlich, damit auf den Trümmern
derselben eine neue bessernde oder bauende Mühe der Menschen stattfände; denn
alle sind wir hier nur in einer Werkstätte der Übung. Jeder einzelne muss davon,
und da es ihm sodann gleich sein kann, was die Nachwelt mit seinen Werken
vornehme, so wäre es einem guten Geist sogar widrig, wenn die folgenden
Geschlechter solche mit toter Stupidität anbeten und nichts Eigenes unternehmen
wollten. Er gönnet ihnen diese neue Mühe; denn was er aus der Welt mitnahm, war
seine gestärkte Kraft, die innere reiche Frucht seiner menschlichen Übung.
    Goldene Kette der Bildung also, du, die die Erde umschlingt und durch alle
Individuen bis zum Tron der Vorsehung reichet: seitdem ich dich ersah und in
deinen schönsten Gliedern, den Vater- und Mutter-, den Freundes- und
Lehrer-Empfindungen, verfolgte, ist mir die Geschichte nicht mehr, was sie mir
sonst schien, ein Greuel der Verwüstung auf einer heiligen Erde. Tausend
Schandtaten stehen da, mit hässlichem Lobe verschleiert; tausend andre stehn in
ihrer ganzen Hässlichkeit daneben, um allentalben doch das sparsame wahre
Verdienst wirkender Humanität auszuzeichnen, das auf unsrer Erde immer still und
verborgen ging und selten die Folgen kannte, die die Vorsehung aus seinem Leben,
wie den Geist aus der Masse, hervorzog. Nur unter Stürmen konnte die edle
Pflanze erwachsen; nur durch Entgegenstreben gegen falsche Anmassungen musste die
süsse Mühe der Menschen Siegerin werden; ja, oft schien sie unter ihrer reinen
Absicht gar zu erliegen. Aber sie erlag nicht. Das Samenkorn aus der Asche des
Guten ging in der Zukunft desto schöner hervor, und mit Blut befeuchtet, stieg
es meistens zur unverwelklichen Krone. Das Maschinenwerk der Revolutionen irret
mich also nicht mehr: es ist unserm Geschlecht so nötig wie dem Strom seine
Wogen, damit er nicht ein stehender Sumpf werde. Immer verjüngt in seinen
Gestalten, blüht der Genius der Humanität auf und ziehet palingenetisch in
Völkern, Generationen und Geschlechtern weiter.
 
                                       II
           Das sonderbare Mittel zur Bildung der Menschen ist Sprache
    Im Menschen, ja selbst im Affen, findet sich ein sonderbarer Trieb der
Nachahmung, der keinesweges die Folge einer vernünftigen Überlegung, sondern ein
unmittelbares Erzeugnis der organischen Sympatie scheinet. Wie eine Saite der
andern zutönt und mit der reinern Dichtigkeit und Homogeneität aller Körper auch
ihre vibrierende Fähigkeit zunimmt, so ist die menschliche Organisation, als die
feinste von allen, notwendig auch am meisten dazu gestimmt, den Klang aller
andern Wesen nachzuhallen und in sich zu fühlen. Die Geschichte der Krankheiten
zeigt, dass nicht nur Affekten und körperliche Wunden, dass selbst der Wahnsinn
sich sympatetisch fortbreiten konnte.
    Bei Kindern sehen wir also die Wirkungen dieses Consensus gleichgestimmter
Wesen im hohen Grade; ja eben auch dazu sollte ihr Körper lange Jahre ein leicht
zurücktönendes Saitenspiel bleiben. Handlungen und Gebärden, selbst
Leidenschaften und Gedanken gehen unvermerkt in sie über, so dass sie auch zu
dem, was sie noch nicht üben können, wenigstens gestimmt werden und einem
Triebe, der eine Art geistiger Assimilation ist, unwissend folgen. Bei allen
Söhnen der Natur, den wilden Völkern, ist's nicht anders. Geborne Pantomimen,
ahmen sie alles, was ihnen erzählt wird oder was sie ausdrücken wollen, lebhaft
nach und zeigen damit in Tänzen, Spielen, Scherz und Gesprächen ihre eigentliche
Denkart. Nachahmend nämlich kam ihre Phantasie zu diesen Bildern; in Typen
solcher Art bestehet der Schatz ihres Gedächtnisses und ihrer Sprache; daher
gehen auch ihre Gedanken so leicht in Handlung und lebendige Tradition über.
    Durch alle diese Mimik indessen wäre der Mensch noch nicht zu seinem
künstlichen Geschlechtscharakter, der Vernunft, gekommen; zu ihr kommt er allein
durch Sprache. Lasset uns bei diesem Wunder einer göttlichen Einsetzung
verweilen; es ist ausser der Genesis lebendiger Wesen vielleicht das grösseste der
Erdeschöpfung.
    Wenn uns jemand ein Rätsel vorlegte, wie Bilder des Auges und alle
Empfindungen unsrer verschiedensten Sinne nicht nur in Töne gefasst, sondern auch
diesen Tönen mit inwohnender Kraft so mitgeteilt werden sollen, dass sie Gedanken
ausdrücken und Gedanken erregen, ohne Zweifel hielte man dies Problem für den
Einfall eines Wahnsinnigen, der, höchst ungleiche Dinge einander substituierend,
die Farbe zum Ton, den Ton zum Gedanken, den Gedanken zum malenden Schall zu
machen gedächte. Die Gotteit hat das Problem tätig aufgelöset. Ein Hauch unsres
Mundes wird das Gemälde der Welt, der Typus unsrer Gedanken und Gefühle in des
andern Seele. Von einem bewegten Lüftchen hangt alles ab, was Menschen je auf
der Erde Menschliches dachten, wollten, taten und tun werden; denn alle liefen
wir noch in Wäldern umher, wenn nicht dieser göttliche Odem uns angehaucht hätte
und wie ein Zauberton auf unsern Lippen schwebte. Die ganze Geschichte der
Menschheit also mit allen Schätzen ihrer Tradition und Kultur ist nichts als
eine Folge dieses aufgelösten göttlichen Rätsels. Was uns dasselbe noch
sonderbarer macht, ist, dass wir selbst nach seiner Auflösung bei täglichem
Gebrauch der Rede nicht einmal den Zusammenhang der Werkzeuge dazu begreifen.
Gehör und Sprache hangen zusammen; denn bei den Abartungen der Geschöpfe
verändern sich ihre Organe offenbar miteinander. Auch sehen wir, dass zu ihrem
Consensus der ganze Körper eingerichtet worden; die innere Art der
Zusammenwirkung aber begreifen wir nicht. Dass alle Affekten, insonderheit
Schmerz und Freude, Töne werden, dass, was unser Ohr hört, auch die Zunge reget,
dass Bilder und Empfindungen geistige Merkmale, dass diese Merkmale bedeutende, ja
bewegende Sprache sein können - das alles ist ein Concent so vieler Anlagen, ein
freiwilliger Bund gleichsam, den der Schöpfer zwischen den verschiedensten
Sinnen und Trieben, Kräften und Gliedern seines Geschöpfs ebenso wunderbar hat
errichten wollen, als er Leib und Seele zusammenfügte.
    Wie sonderbar, dass ein bewegter Luftauch das einzige wenigstens das beste
Mittel unsrer Gedanken und Empfindungen sein sollte! Ohne sein unbegreifliches
Band mit allen ihm so ungleichen Handlungen unsrer Seele wären diese Handlungen
ungeschehen, die feinen Zubereitungen unsres Gehirns müssig, die ganze Anlage
unsres Wesens unvollendet geblieben, wie die Beispiele der Menschen, die unter
die Tiere gerieten, zeigen. Die Taub- und Stummgebornen, ob sie gleich jahrelang
in einer Welt von Gebärden und andern Ideenzeichen lebten, betrugen sich dennoch
nur wie Kinder oder wie menschliche Tiere. Nach der Analogie dessen, was sie
sahen und nicht verstanden, handelten sie; einer eigentlichen Vernunftverbindung
waren sie durch allen Reichtum des Gesichts nicht fähig worden. Ein Volk hat
keine Idee, zu der es kein Wort hat; die lebhafteste Anschauung bleibt dunkles
Gefühl, bis die Seele ein Merkmal findet und es durchs Wort dem Gedächtnis, der
Rückerinnerung, dem Verstande, ja endlich dem Verstande der Menschen, der
Tradition, einverleibet; eine reine Vernunft ohne Sprache ist auf Erden ein
utopisches Land. Mit den Leidenschaften des Herzens, mit allen Neigungen der
Gesellschaft ist es nicht anders. Nur die Sprache hat den Menschen menschlich
gemacht, indem sie die ungeheure Flut seiner Affekten in Dämme einschloss und ihr
durch Worte vernünftige Denkmale setzte. Nicht die Leier Amphions hat Städte
errichtet, keine Zauberrute hat Wüsten in Gärten verwandelt: die Sprache hat es
getan, sie, die grosse Gesellerin der Menschen. Durch sie vereinigten sie sich,
bewillkommend einander, und schlossen den Bund der Liebe. Gesetze stiftete sie
und verband Geschlechter; nur durch sie ward eine Geschichte der Menschheit in
herabgeerbten Formen des Herzens und der Seele möglich. Noch jetzt sehe ich die
Helden Homers und fühle Ossians Klagen, obgleich die Schatten der Sänger und
ihrer Helden so lange der Erde entflohn sind. Ein bewegter Hauch des Mundes hat
sie unsterblich gemacht und bringt ihre Gestalten vor mich; die Stimme der
Verstorbenen ist in meinem Ohr; ich höre ihre längstverstummeten Gedanken. Was
je der Geist der Menschen aussann, was die Weisen der Vorzeit dachten, kommt,
wenn es mir die Vorsehung gegönnt hat, allein durch Sprache zu mir. Durch sie
ist meine denkende Seele an die Seele des ersten und vielleicht des letzten
denkenden Menschen geknüpfet: kurz, Sprache ist der Charakter unsrer Vernunft,
durch welchen sie allein Gestalt gewinnet und sich fortpflanzet.
    Indessen zeigt eine kleine nähere Ansicht, wie unvollkommen dies Mittel
unsrer Bildung sei, nicht nur als Werkzeug der Vernunft, sondern auch als Band
zwischen Menschen und Menschen betrachtet, so dass man sich beinah kein
unwesenhafteres, leichteres, flüchtigeres Gewebe denken kann, als womit der
Schöpfer unser Geschlecht verknüpfen wollte. Gütiger Vater, war kein andrer
Kalkül unsrer Gedanken, war keine innigere Verbindung menschlicher Geister und
Herzen möglich?
    1. Keine Sprache druckt Sachen aus, sondern nur Namen; auch keine
menschliche Vernunft also erkennt Sachen, sondern sie hat nur Merkmale von
ihnen, die sie mit Worten bezeichnet: eine demütigende Bemerkung, die der ganzen
Geschichte unsres Verstandes enge Grenzen und eine sehr unwesenhafte Gestalt
gibt. Alle unsre Metaphysik ist Metaphysik, d. i. ein abgezognes, geordnetes
Namenregister hinter Beobachtungen der Erfahrung. Als Ordnung und Register kann
diese Wissenschaft sehr brauchbar sein und muss gewissermasse in allen andern
unsern künstlichen Verstand leiten; für sich aber und als Natur der Sache
betrachtet, gibt sie keinen einzigen vollständigen und wesentlichen Begriff,
keine einzige innige Wahrheit. All unsre Wissenschaft rechnet mit abgezognen
einzelnen äussern Merkmalen, die das Innere der Existenz keines einzigen Dinges
berühren, weil zu dessen Empfindung und Ausdruck wir durchaus kein Organ haben.
Keine Kraft in ihrem Wesen kennen wir, können sie auch nie kennenlernen; denn
selbst die, die uns belebt, die in uns denket, geniessen und fühlen wir zwar,
aber wir kennen sie nicht. Keinen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung
verstehen wir also, da wir weder das, was wirkt, noch was gewirkt wird, im
Innern einsehn und vom Sein eines Dinges durchaus keinen Begriff haben. Unsre
arme Vernunft ist also nur eine bezeichnende Rechnerin, wie auch in mehreren
Sprachen ihr Name saget.
    2. Und womit rechnet sie? Etwa mit den Merkmalen selbst, die sie abzog, so
unvollkommen und unwesenhaft diese auch sein mögen? Nichts minder! Diese
Merkmale werden abermals in willkürliche, ihnen ganz unwesenhafte Laute verfasst,
mit denen die Seele denket. Sie rechnet also mit Rechenpfennigen, mit Schällen
und Ziffern; denn dass ein wesentlicher Zusammenhang zwischen der Sprache und den
Gedanken, geschweige der Sache selbst sei, wird niemand glauben, der nur zwo
Sprachen auf der Erde kennet. Und wieviel mehr als zwo sind ihrer auf der Erde!
in denen allen doch die Vernunft rechnet und sich mit dem Schattenspiel einer
willkürlichen Zusammenordnung begnüget. Warum dies? Weil sie selbst nur
unwesentliche Merkmale besitzt und es am Ende ihr gleichgültig ist, mit diesen
oder jenen Ziffern zu bezeichnen. Trüber Blick auf die Geschichte des
Menschengeschlechtes! Irrtümer und Meinungen sind unsrer Natur also
unvermeidlich, nicht etwa nur aus Fehlern des Beobachters, sondern der Genesis
selbst nach, wie wir zu Begriffen kommen und diese durch Vernunft und Sprache
fortpflanzen. Dächten wir Sachen statt abgezogner Merkmale und sprächen die
Natur der Dinge aus statt willkürlicher Zeichen, so lebe wohl, Irrtum und
Meinung, wir sind im Lande der Wahrheit. Jetzt aber, wie fern sind wir
demselben, auch wenn wir dicht an ihm zu stehen glauben, da, was ich von einer
Sache weiss, nur ein äusseres abgerissenes Symbol derselben ist, in ein anderes
willkürliches Symbol gekleidet. Verstehet mich der andre? Verbindet er mit dem
Wort die Idee, die ich damit verband, oder verbindet er gar keine? Er rechnet
indessen mit dem Wort weiter und gibt es andern vielleicht gar als eine leere
Nussschale. So ging's bei allen philosophischen Sekten und Religionen Der Urheber
hatte von dem, was er sprach, wenigstens klaren, obgleich darum noch nicht
wahren Begriff; seine Schüler und Nachfolger verstanden ihn auf ihre Weise, d.
i. sie belebten mit ihren Ideen seine Worte, und zuletzt tönten nur leere
Schälle um das Ohr der Menschen. Lauter Unvollkommenheiten, die in unserm
einzigen Mittel der Fortpflanzung menschlicher Gedanken liegen; und doch sind
wir mit unsrer Bildung an diese Kette geknüpft, sie ist uns unentweichbar.
    Grosse Folgen liegen hierin für die Geschichte der Menschheit. Zuerst:
Schwerlich kann unser Geschlecht nach diesem von der Gotteit erwählten Mittel
der Bildung für die blosse Spekulation oder für die reine Anschauung gemacht
sein; denn beide liegen sehr unvollkommen in unserm Kreise. Nicht für die reine
Anschauung, die entweder ein Trug ist, weil kein Mensch das Innere der Sachen
sieht, oder die wenigstens, da sie keine Merkmale und Worte zulässt, ganz
unmitteilbar bleibet. Kaum vermag der Anschauende den andern auf den Weg zu
führen, auf dem er zu seinen unnennbaren Schätzen gelangte, und muss es ihm
selbst und seinem Genius überlassen, wiefern auch er dieser Anschauungen
teilhaftig werde. Notwendig wird hiemit eine Pforte zu tausend vergeblichen
Qualen des Geistes und zu unzähligen Arten des listigen Betruges eröffnet, wie
die Geschichte aller Völker zeigt. Zur Spekulation kann der Mensch ebensowenig
geschaffen sein, da sie ihrer Genesis und Mitteilung nach nicht vollkommener ist
und nur zu bald die Köpfe der Nachbeter mit tauben Worten erfüllet. Ja wenn sich
diese beide Extreme, Spekulation und Anschauung, gar gesellen wollen und der
metaphysische Schwärmer auf eine wortlose Vernunft voll Anschauungen weiset:
armes Menschengeschlecht, so schwebst du gar im Raum der Undinge zwischen kalter
Hitze und warmer Kälte. Durch die Sprache hat uns die Gotteit auf einen
sicherern, den Mittelweg geführet. Nur Verstandesideen sind's, die wir durch sie
erlangen und die zum Genuss der Natur, zu Anwendung unsrer Kräfte, zum gesunden
Gebrauch unsres Lebens, kurz, zu Bildung der Humanität in uns gnug sind. Nicht
Äter sollen wir atmen, dazu auch unsre Maschine nicht gemacht ist, sondern den
gesunden Duft der Erde.
    Und oh, sollten die Menschen im Gebiet wahrer und nutzbarer Begriffe so weit
voneinander entfernt sein, als es die stolze Spekulation wähnet? Die Geschichte
der Nationen sowohl als die Natur der Vernunft und Sprache verbietet mir fast,
dies zu glauben. Der arme Wilde, der wenige Dinge sah und noch weniger Begriffe
zusammenfügte, verfuhr in ihrer Verbindung nicht anders als der Erste der
Philosophen. Er hat Sprache wie sie und durch diese seinen Verstand und sein
Gedächtnis, seine Phantasie und Zurückerinnerung tausendfach geübet. Ob in einem
kleinern oder grössern Kreise, dieses tut nichts zur Sache, zu der menschlichen
Art nämlich, wie er sie übte. Der Weltweise Europens kann keine einzige
Seelenkraft nennen, die ihm eigen sei; ja selbst im Verhältnis der Kräfte und
ihrer Übung erstattet die Natur reichlich. Bei manchen Wilden z. B. ist das
Gedächtnis, die Einbildungskraft, praktische Klugheit, schneller Entschluss,
richtiges Urteil, lebhafter Ausdruck in einer Blüte, die bei der künstlichen
Vernunft europäischer Gelehrten selten gedeihet. Diese hingegen rechnen mit
Wortbegriffen und Ziffern freilich unendlich feine und künstliche Kombinationen,
an die der Naturmensch nicht denket; eine sitzende Rechenmaschine aber, wäre sie
das Urbild aller menschlichen Vollkommenheit, Glückseligkeit und Stärke? Lass es
sein, dass jener in Bildern denke, was er abstrakt zu denken noch nicht vermag;
selbst wenn er noch keinen entwickelten Gedanken, d. i. kein Wort von Gott,
hätte und er genösse Gott als den grossen Geist der Schöpfung tätig in seinem
Leben oh, so lebet er dankbar, indem er zufrieden lebet, und wenn er sich in
Wortziffern keine unsterbliche Seele erweisen kann und glaubt dieselbe, so geht
er mit glücklicherm Mut als mancher zweifelnde Wortweise ins Land der Väter.
    Lasset uns also die gütige Vorsehung anbeten, die durch das zwar
unvollkommene, aber allgemeine Mittel der Sprache im Innern die Menschen
einander gleicher machte, als es ihr Äusseres zeigt. Alle kommen wir zur
Vernunft nur durch Sprache und zur Sprache durch Tradition, durch Glauben ans
Wort der Väter. Wie nun der ungelehrigste Sprachschüler der wäre, der vom ersten
Gebrauch der Worte Ursach und Rechenschaft foderte, so muss ein ähnlicher Glaube
an so schwere Dinge, als die Beobachtung der Natur und die Erfahrung sind, uns
mit gesunder Zuversicht durchs ganze Leben leiten. Wer seinen Sinnen nicht
traut, ist ein Tor und muss ein leerer Spekulant werden; dagegen wer sie trauend
übt und eben dadurch erforscht und berichtigt, der allein gewinnet einen Schatz
der Erfahrung für sein menschliches Leben. Ihm ist sodann die Sprache mit allen
ihren Schranken gnug; denn sie sollte den Beobachter nur aufmerksam machen und
ihn zum eignen, tätigen Gebrauch seiner Seelenkräfte leiten. Ein feineres Idiom,
durchdringend wie der Sonnenstrahl, könnte teils nicht allgemein sein, teils
wäre es für die jetzige Sphäre unsrer gröbern Tätigkeit ein wahres Übel. Ein
gleiches ist's mit der Sprache des Herzens: sie kann wenig sagen, und doch siegt
sie gnug; ja gewissermasse ist unsre menschliche Sprache mehr für das Herz als
für die Vernunft geschaffen. Dem Verstande kann die Gebärde, die Bewegung, die
Sache selbst zu Hülfe kommen; die Empfindungen unseres Herzens aber blieben in
unserer Brust vergraben, wenn der melodische Strom sie nicht in sanften Wellen
zum Herzen des andern hinüberbrächte. Auch darum also hat der Schöpfer die Musik
der Töne zum Organ unsrer Bildung gewählt, eine Sprache für die Empfindung, eine
Vater-und Mutter-, Kindes- und Freundessprache. Geschöpfe, die sich einander
noch nicht innig berühren können, stehn wie hinter Gegittern und flüstern
einander zu das Wort der Liebe; bei Wesen, die die Sprache des Lichts oder eines
andern Organs sprächen, veränderte sich notwendig die ganze Gestalt und Kette
ihrer Bildung.
    Zweitens. Der schönste Versuch über die Geschichte und mannigfaltige
Charakteristik des menschlichen Verstandes und Herzens wäre also eine
philosophische Vergleichung der Sprachen; denn in jede derselben ist der
Verstand eines Volks und sein Charakter gepräget. Nicht nur die Sprachwerkzeuge
ändern sich mit den Regionen, und beinah jeder Nation sind einige Buchstaben und
Laute eigen, sondern die Namengebung selbst, sogar in Bezeichnung hörbarer
Sachen, ja in den unmittelbaren Äusserungen des Affekts, den Interjektionen,
ändert sich überall auf der Erde. Bei Dingen des Anschauens und der kalten
Betrachtung wächst diese Verschiedenheit noch mehr, und bei den uneigentlichen
Ausdrücken den Bildern der Rede, endlich beim Bau der Sprache, beim Verhältnis,
der Ordnung, dem Consensus der Glieder zueinander ist sie beinah unermesslich,
noch immer aber also, dass sich der Genius eines Volks nirgend besser als in der
Physiognomie seiner Rede offenbaret. Ob z. B. eine Nation viele Namen oder viel
Handlung hat, wie es Personen und Zeiten ausdrückt, welche Ordnung der Begriffe
es liebt, alle dies ist oft in feinen Zügen äusserst charakteristisch. Manche
Nation hat für das männliche und weibliche Geschlecht eine eigne Sprache; bei
andern unterscheiden sich im blossen Wort »ich« gar die Stände. Tätige Völker
haben einen Überfluss von Modis der Verben, feinere Nationen eine Menge
Beschaffenheiten der Dinge, die sie zu Abstraktionen erhöhten. Der sonderbarste
Teil der menschlichen Sprachen endlich ist die Bezeichnung ihrer Empfindungen,
die Ausdrücke der Liebe und Hochachtung, der Schmeichelei und der Drohung, in
denen sich die Schwachheiten eines Volks oft bis zum Lächerlichen offenbaren.153
Warum kann ich noch kein Werk nennen, das den Wunsch Bacos, Leibniz', Sulzers u.
a. nach einer allgemeinen Physiognomik der Völker aus ihren Sprachen nur
einigermassen erfüllet habe? Zahlreiche Beiträge zu demselben gibt's in den
Sprachbüchern und Reisebeschreibern einzelner Nationen; unendlich schwer und
weitläuftig dörfte die Arbeit auch nicht werden, wenn man das Nutzlose
vorbeiginge und, was sich ins Licht stellen lässt, desto besser gebrauchte. An
lehrreicher Anmut würde es keinen Schritt fehlen, weil alle Eigenheiten der
Völker in ihrem praktischen Verstande, in ihren Phantasien, Sitten und
Lebensweisen wie ein Garte des Menschengeschlechts dem Beobachter zum
mannigfaltigsten Gebrauch vorlägen und am Ende sich die reichste Architektonik
menschlicher Begriffe, die beste Logik und Metaphysik des gesunden Verstandes
daraus ergäbe. Der Kranz ist noch aufgesteckt, und ein andrer Leibniz wird ihn
zu seiner Zeit finden.
    Eine ähnliche Arbeit wäre die Geschichte der Sprache einiger einzelnen
Völker nach ihren Revolutionen, wobei ich insonderheit die Sprache unsres
Vaterlandes für uns zum Beispiel nehme. Denn ob sie gleich nicht, wie andre, mit
fremden Sprachen vermischt worden, so hat sie sich dennoch wesentlich, und
selbst der Grammatik nach, von Otfrieds Zeiten her verändert. Die
Gegeneinanderstellung verschiedner kultivierter Sprachen mit den verschiednen
Revolutionen ihrer Völker würde mit jedem Strich von Licht und Schatten
gleichsam ein wandelbares Gemälde der mannigfaltigen Fortbildung des
menschlichen Geistes zeigen, der, wie ich glaube, seinen verschiednen Mundarten
nach noch in allen seinen Zeitaltern auf der Erde blühet. Da sind Nationen in
der Kindheit, der Jugend, dem männlichen und hohen Alter unsres Geschlechts; ja,
wie manche Völker und Sprachen sind durch Einimpfung andrer oder wie aus der
Asche entstanden!
    Endlich die Tradition der Traditionen, die Schrift. Wenn Sprache das Mittel
der menschlichen Bildung unsres Geschlechts ist, so ist Schrift das Mittel der
gelehrten Bildung. Alle Nationen, die ausser dem Wege dieser künstlichen
Tradition lagen, sind nach unsern Begriffen unkultiviert geblieben; die daran
auch nur unvollkommen teilnahmen, erhoben sich zu einer Verewigung der Vernunft
und der Gesetze in Schriftzügen. Der Sterbliche, der dies Mittel, den flüchtigen
Geist nicht nur in Worte, sondern in Buchstaben zu fesseln, erfand, er wirkte
als ein Gott unter den Menschen.154
    Aber was bei der Sprache sichtbar war, ist hier noch viel mehr sichtbar,
nämlich dass auch dies Mittel der Verewigung unsrer Gedanken den Geist und die
Rede zwar bestimmt aber auch eingeschränkt und auf mannigfaltige Weise gefesselt
habe. Nicht nur, dass mit den Buchstaben allmählich die lebendigen Akzente und
Gebärden erloschen, sie, die vorher der Rede so starken Eingang ins Herz
verschafft hatten; nicht nur, dass der Dialekte, mitin auch der
charakteristischen Idiome einzelner Stämme und Völker dadurch weniger ward, auch
das Gedächtnis der Menschen und ihre lebendige Geisteskraft schwächte sich bei
diesem künstlichen Hülfsmittel vorgezeichneter Gedankenformen. Unter
Gelehrsamkeit und Büchern wäre längst erlegen die menschliche Seele, wenn nicht
durch mancherlei zerstörende Revolutionen die Vorsehung unserm Geist wiederum
Luft schaffte. In Buchstaben gefesselt, schleicht der Verstand zuletzt mühsam
einher; unsre besten Gedanken verstummen in toten schriftlichen Zügen. Dies
alles indessen hindert nicht, die Tradition der Schrift als die dauerhafteste,
stilleste, wirksamste Gottesanstalt anzusehen, dadurch Nationen auf Nationen,
Jahrhunderte auf Jahrhunderte wirken und sich das ganze Menschengeschlecht
vielleicht mit der Zeit an einer Kette brüderlicher Tradition zusammenfindet.
 
                                      III
 Durch Nachahmung, Vernunft und Sprache sind alle Wissenschaften und Künste des
                      Menschengeschlechts erfunden worden
    Sobald der Mensch, durch welchen Gott oder Genius es geschehen sei, auf den
Weg gebracht war, eine Sache als Merkmal sich zuzueignen und dem gefundnen
Merkmal ein willkürliches Zeichen zu substituieren, d. i. sobald auch in den
kleinsten Anfängen Sprache der Vernunft begann, sofort war er auf dem Wege zu
allen Wissenschaften und Künsten. Denn was tut die menschliche Vernunft in
Erfindung dieser, als bemerken und bezeichnen? Mit der schwersten Kunst, der
Sprache, war also gewissermasse ein Vorbild zu allem gegeben.
    Der Mensch z. B., der von den Tieren ein Merkmal der Benennung fasste, hatte
damit auch den Grund gelegt, die zähmbaren Tiere zu bezähmen, die nutzbaren sich
nutzbar zu machen und überhaupt alles in der Natur für sich zu erobern; denn bei
jeder dieser Zueignungen tat er eigentlich nichts als das Merkmal eines
zähmbaren, nützlichen, sich zuzueignenden Wesens bemerken und es durch Sprache
oder Probe bezeichnen. Am sanften Schaf z. E. bemerkte er die Milch, die das
Lamm sog, die Wolle, die seine Hand wärmte, und suchte das eine wie das andre
sich zuzueignen. Am Baum, zu dessen Früchten ihn der Hunger führte, bemerkte er
Blätter, mit denen er sich gürten könnte, Holz, das ihn wärmte, u. f. So schwung
er sich aufs Ross, dass es ihn trage; er hielt es bei sich, dass es ihn abermals
trage; er sah den Tieren, er sah der Natur ab, wie jene sich schützten und
nährten, wie diese ihre Kinder erzog oder vor der Gefahr bewahrte. So kam er auf
den Weg aller Künste durch nichts als die innere Genesis eines abgesonderten
Merkmals und durch Festaltung desselben in einer Tat oder sonst einem Zeichen,
kurz, durch Sprache. Durch sie, und durch sie allein, ward Wahrnehmung,
Anerkennung, Zurückerinnerung, Besitznehmung, eine Kette der Gedanken möglich,
und so wurden mit der Zeit die Wissenschaften und Künste geboren, Töchter der
bezeichnenden Vernunft und einer Nachahmung mit Absicht. Schon Baco hat eine
Erfindungskunst gewünscht; da die Teorie derselben aber schwer und doch
vielleicht unnütz sein würde, so wäre vielmehr eine Geschichte der Erfindungen
das lehrreiche Werk, das die Götter und Genien des Menschengeschlechts ihren
Nachkommen zum ewigen Muster machte. Allentalben würde man sehen, wie Schicksal
und Zufall diesem Erfinder ein neues Merkmal ins Auge, jenem eine neue
Bezeichnung als Werkzeug in die Seele gebracht und meistens durch eine kleine
Zusammenrückung zweier lange bekannter Gedanken eine Kunst befördert habe, die
nachher auf Jahrtausende wirkte. Oft war diese erfunden und ward vergessen; ihre
Teorie lag da, und sie ward nicht gebraucht, bis ein glücklicher andre das
liegende Gold in Umlauf brachte oder mit einem kleinen Hebel aus einem neuen
Standpunkt Welten bewegte. Vielleicht ist keine Geschichte, die so
augenscheinlich die Regierung eines höhern Schicksals in menschlichen Dingen
zeigt, als die Geschichte dessen, worauf unser Geist am stolzesten zu sein
pflegt, der Erfindung und Verbesserung der Künste. Immer war das Merkmal und die
Materie seiner Bezeichnung längst dagewesen, aber jetzt ward es bemerkt, jetzt
ward es bezeichnet. Die Genesis der Kunst, wie des Menschen, war ein Augenblick
des Vergnügens, eine Vermählung zwischen Idee und Zeichen, zwischen Geist und
Körper.
    Mit Hochachtung geschiehet es, dass ich die Erfindungen des menschlichen
Geistes auf dies einfache Principium seiner anerkennenden und bezeichnenden
Vernunft zurückführe; denn eben dies ist das wahre Göttliche im Menschen, sein
charakteristischer Vorzug. Alle, die eine gelernte Sprache gebrauchen, gehen wie
in einem Traum der Vernunft einher; sie denken in der Vernunft andrer und sind
nur nachahmend weise; denn ist der, der die Kunst fremder Künstler gebraucht,
darum selbst Künstler? Aber der, in dessen Seele sich eigne Gedanken erzeugen
und einen Körper sich selbst bilden, er, der nicht mit dem Auge allein, sondern
mit dem Geist sieht und nicht mit der Zunge, sondern mit der Seele bezeichnet,
er, dem es gelingt, die Natur in ihrer Schöpfungsstätte zu belauschen, neue
Merkmale ihrer Wirkungen auszuspähen und sie durch künstliche Werkzeuge zu einem
menschlichen Zweck anzuwenden er ist der eigentliche Mensch, und da er selten
erscheint, ein Gott unter den Menschen. Er spricht, und Tausende lallen ihm
nach; er erschafft, und andre spielen mit dem, was er hervorbrachte; er war ein
Mann, und vielleicht sind Jahrhunderte nach ihm wiederum Kinder. Wie selten die
Erfinder im menschlichen Geschlecht gewesen, wie träge und lässig man an dem
hängt, was man hat, ohne sich um das zu bekümmern, was uns fehlet: in hundert
Proben zeigt uns dies der Anblick der Welt und die Geschichte der Völker; ja,
die Geschichte der Kultur wird es uns selbst gnugsam weisen.
    Mit Wissenschaften und Künsten ziehet sich also eine neue Tradition durchs
Menschengeschlecht, an deren Kette nur wenigen Glücklichen etwas Neues
anzureihen vergönnt war; die andern hangen an ihr wie treufleissige Sklaven und
ziehen mechanisch die Kette weiter. Wie dieser Zucker- und Mohrentrank durch
manche bearbeitende Hand ging, eh er zu mir gelangte, und ich kein andres
Verdienst habe, als ihn zu trinken, so ist unsre Vernunft und Lebensweise, unsre
Gelehrsamkeit und Kunsterziehung, unsre Kriegs-und Staatsweisheit ein
Zusammenfluss fremder Erfindungen und Gedanken, die ohn unser Verdienst aus aller
Welt zu uns kamen und in denen wir uns von Jugend auf baden oder ersäufen.
    Eitel ist also der Ruhm so manches europäischen Pöbels, wenn er in dem, was
Aufklärung, Kunst und Wissenschaft heisst, sich über alle drei Weltteile setzt
und, wie jener Wahnsinnige die Schiffe im Hafen, alle Erfindungen Europas aus
keiner Ursache für die seinen hält, als weil er im Zusammenfluss dieser
Erfindungen und Traditionen geboren worden. Armseliger, erfandest du etwas von
diesen Künsten? Denkst du etwas bei allen deinen eingesognen Traditionen? Dass du
jene brauchen gelernt hast, ist die Arbeit einer Maschine; dass du den Saft der
Wissenschaft in dich ziehest, ist das Verdienst des Schwammes, der nun eben auf
dieser feuchten Stelle gewachsen ist. Wenn du dem Otahiten ein Kriegsschiff
zulenkst und auf den Hebriden eine Kanone donnerst, so bist du wahrlich weder
klüger noch geschickter als der Hebride und Otahite, der sein Boot künstlich
lenkt und sich dasselbe mit eigner Hand erbaute. Eben dies war's, was alle
Wilden dunkel empfanden, sobald sie die Europäer näher kennenlernten. In der
Rüstung ihrer Werkzeuge dünkten sie ihnen unbekannte, höhere Wesen, vor denen
sie sich beugten, die sie mit Ehrfurcht grüssten; sobald sie sie verwundbar,
sterblich, krankhaft und in sinnlichen Übungen schwächer als sich selbst sahen,
fürchteten sie die Kunst und erwürgten den Mann, der nichts weniger als mit
seiner Kunst eins war. Auf alle Kultur Europas ist dies anwendbar Darum, weil
die Sprache eines Volks, zumal in Büchern, gescheut und fein ist, darum ist
nicht jeder fein und gescheut, der diese Bücher lieset und diese Sprache redet.
Wie er sie lieset, wie er sie redet, das wäre die Frage; und auch dann dächte
und spräche er immer doch nur nach: er folgt den Gedanken und der
Bezeichnungskraft eines andern. Der Wilde, der in seinem engern Kreise
eigentümlich denkt und sich in ihm wahrer, bestimmter und nachdrücklicher
ausdrückt, er, der in der Sphäre seines wirklichen Lebens Sinne und Glieder,
seinen praktischen Verstand und seine wenigen Werkzeuge mit Kunst und Gegenwart
des Geistes zu gebrauchen weiss: offenbar ist er, Mensch gegen Mensch gerechnet,
gebildeter als jene politische oder gelehrte Maschine, die wie ein Kind auf
einem sehr hohen Gerüst steht, das aber leider fremde Hände, ja, das oft die
ganze Mühe der Vorwelt erbaute. Der Naturmensch dagegen ist ein zwar
beschränkter, aber gesunder und tüchtiger Mann auf der Erde. Niemand wird's
leugnen, dass Europa das Archiv der Kunst und des aussinnenden menschlichen
Verstandes sei; das Schicksal der Zeitenfolge hat in ihm seine Schätze
niedergelegt; sie sind in ihm vermehrt worden und werden gebrauchet. Darum aber
hat nicht jeder, der sie gebraucht, den Verstand des Erfinders; vielmehr ist
dieser einesteils durch den Gebrauch müssig worden; denn wenn ich das Werkzeug
eines Fremden habe, so erfinde ich mir schwerlich selbst ein Werkzeug.
    Eine weit schwerere Frage ist's noch, was Künste und Wissenschaften zur
Glückseligkeit der Menschen getan oder wiefern sie diese vermehrt haben; und ich
glaube, weder mit Ja noch Nein kann die Frage schlechtin entschieden werden,
weil, wie allentalben so auch hier, auf den Gebrauch des Erfundenen alles
ankommt. Dass feinere und künstlichere Werkzeuge in der Welt sind und also mit
wenigerm mehr getan, mitin manche Menschenmühe geschont und erspart werden
kann, wenn man sie schonen und sparen mag, darüber ist keine Frage. Auch ist es
unstreitig, dass mit jeder Kunst und Wissenschaft ein neues Band der
Geselligkeit, d. i. jenes gemeinschaftlichen Bedürfnisses, geknüpft sei, ohne
welches künstliche Menschen nicht mehr leben mögen. Ob aber gegenseitig jedes
vermehrte Bedürfnis auch den engen Kreis der menschlichen Glückseligkeit
erweitere, ob die Kunst der Natur je etwas wirklich zuzusetzen vermochte oder ob
diese vielmehr durch jene in manchem entübriget und entkräftet werde, ob alle
wissenschaftlichen und Künstlergaben nicht auch Neigungen in der menschlichen
Brust rege gemacht hätten, bei denen man viel seltner und schwerer zur schönsten
Gabe des Menschen, der Zufriedenheit, gelangen kann, weil diese Neigungen mit
ihrer inneren Unruh der Zufriedenheit unaufhörlich widerstreben; ja endlich, ob
durch den Zusammendrang der Menschen und ihre vermehrte Geselligkeit nicht
manche Länder und Städte zu einem Armenhause, zu einem künstlichen Lazarett und
Hospital worden sind, in dessen eingeschlossener Luft die blasse Menschheit auch
künstlich siechet, und da sie von so vielen unverdienten Almosen der
Wissenschaft, Kunst und Staatsverfassung ernährt wird, grossenteils auch die Art
der Bettler angenommen habe, die sich auf alle Bettlerkünste legen und dafür der
Bettler Schicksal erdulden: über dies und so manches andre mehr soll uns die
Tochter der Zeit, die helle Geschichte, unterweisen.
    Boten des Schicksals also, ihr Genien und Erfinder, auf welcher
nutzbar-gefährlichen Höhe übet ihr euren göttlichen Beruf! Ihr erfandet, aber
nicht für euch; auch lag es in eurer Macht nicht, zu bestimmen, wie Welt und
Nachwelt eure Erfindungen anwenden, was sie an solche reihen, was sie nach
Analogie derselben Gegenseitiges oder Neues erfinden würde. Jahrhundertelang lag
oft die Perle begraben, und Hähne scharreten darüber hin, bis sie vielleicht ein
Unwürdiger fand und in die Krone des Monarchen pflanzte, wo sie nicht immer mit
wohltätigem Glanz glänzet. Ihr indessen tatet euer Werk und gabt der Nachwelt
Schätze hin, die entweder euer unruhiger Geist aufgrub oder die euch das
waltende Schicksal in die Hand spielte. Dem waltenden Schicksal also überliesset
ihr auch die Wirkungen und den Nutzen eures Fundes; und dieses tat, was es zu
tun für gut fand. In periodischen Revolutionen bildete es entweder Gedanken aus
oder liess sie untergehen und wusste immer das Gift mit dem Gegengift, den Nutzen
mit dem Schaden zu mischen und zu mildern. Der Erfinder des Pulvers dachte nicht
daran, welche Verwüstungen sowohl des politischen als des physischen Reichs
menschlicher Kräfte der Funke seines schwarzen Staubes mit sich führte; noch
weniger konnte er sehen, was auch wir jetzt kaum zu mutmassen wagen, wie in
dieser Pulvertonne, dem fürchterlichen Tron mancher Despoten, abermals zu einer
andern Verfassung der Nachwelt ein wohltätiger Same keime. Denn reinigt das
Ungewitter nicht die Luft? Und muss, wenn die Riesen der Erde vertilgt sind,
nicht Herkules selbst seine Hand an wohltätigere Werke legen? Der Mann, der die
Richtung der Magnetnadel zuerst bemerkte, sah weder das Glück noch das Elend
voraus, das dieses Zaubergeschenk, unterstützt von tausend andern Künsten, auf
alle Weltteile bringen würde, bis auch hier vielleicht eine neue Katastrophe
alte Übel ersetzt oder neue Übel erzeuget. So mit dem Glase, dem Gelde, dem
Eisen, der Kleidung, der Schreib-und Buchdruckerkunst, der Sternseherei und
allen Wissenschaften der künstlichen Regierung. Der wunderbare Zusammenhang, der
bei der Entwicklung und periodischen Fortleitung dieser Erfindungen zu herrschen
scheint, die sonderbare Art, wie eine die Wirkung der andern einschränkt und
mildert: das alles gehört zur obern Haushaltung Gottes mit unserm Geschlecht,
der wahren Philosophie seiner Geschichte.
 
                                       IV
 Die Regierungen sind festgestellte Ordnungen unter den Menschen, meistens aus
                               ererbter Tradition
    Der Naturstand des Menschen ist der Stand der Gesellschaft; denn in dieser
wird er geboren und erzogen, zu ihr führt ihn der aufwachende Trieb seiner
schönen Jugend, und die süssesten Namen der Menschheit, Vater, Kind, Bruder,
Schwester, Geliebter, Freund, Versorger, sind Bande des Naturrechts, die im
Stande jeder ursprünglichen Menschengesellschaft stattfinden. Mit ihnen sind
also auch die ersten Regierungen unter den Menschen gegründet: Ordnungen der
Familie, ohne die unser Geschlecht nicht bestehen kann, Gesetze, die die Natur
gab und auch durch sich selbst gnugsam einschränkte. Wir wollen sie den ersten
Grad natürlicher Regierungen nennen; sie werden immerhin auch der höchste und
letzte bleiben.
    Hier endigte nun die Natur ihre Grundlage der Gesellschaft und überliess es
dem Verstande oder dem Bedürfnis des Menschen, höhere Gebäude darauf zu gründen.
In allen Erdstrichen, wo einzelne Stämme und Geschlechter einander weniger
bedörfen, nehmen sie auch weniger teil aneinander; sie dachten also an keine
grossen politischen Gebäude. Dergleichen sind die Küsten der Fischer, die Weiden
der Hirten, die Wälder der Jäger; wo auf ihnen das väterliche und häusliche
Regiment aufhört, sind die weiteren Verbindungen der Menschen meistens nur auf
Vertrag oder Auftrag gegründet. Eine Jagdnation z. B. geht auf die Jagd; bedarf
sie eines Führers, so ist es ein Jagdanführer, zu dem sie den Geschicktesten
wählet, dem sie also auch nur aus freier Wahl und zum gemeinschaftlichen Zweck
ihres Geschäfts gehorchet. Alle Tiere, die in Herden leben, haben solche
Anführer; bei Reisen, Verteidigungen, Anfällen und überhaupt bei jedem
gemeinschaftlichen Geschäft einer Menge ist ein solcher König des Spiels nötig.
Wir wollen diese Verfassung den zweiten Grad der natürlichen Regierung nennen:
sie findet bei allen Völkern statt, die bloss ihrem Bedürfnis folgen und, wie
wir's nennen, im Stande der Natur leben. Selbst die erwählten Richter eines
Volks gehören zu diesem Grad der Regierung: die Klügsten und Besten nämlich
werden zu ihrem Amt als zu einem Geschäft erwählt, und mit dem Geschäft ist auch
ihre Herrschaft zu Ende.
    Aber wie anders ist's mit dem dritten Grad, den Erbregierungen unter den
Menschen! Wo hören hier die Gesetze der Natur auf, oder wo fangen sie an? Dass
der billigste und klügste Mann von den Streitenden zum Richter erwählt ward, war
Natur der Sache, und wenn er sich als einen solchen bewährt hatte, mochte er's
bis in sein graues Alter bleiben. Nun aber stirbt der Alte, und warum ist sein
Sohn Richter? Dass ihn der klügste und billigste Vater erzeugt hat, ist kein
Grund; denn weder Klugheit noch Billigkeit konnte er ihm einzeugen. Noch weniger
wäre der Natur des Geschäfts nach die Nation verbunden, ihn deshalb als solchen
anzuerkennen, weil sie seinen Vater einmal aus persönlichen Ursachen zum Richter
wählte; denn der Sohn ist nicht die Person des Vaters Und wenn sie gar für alle
ihre noch Ungeborne das Gesetz feststellen wollte, ihn dafür erkennen zu müssen,
und im Namen der Vernunft ihrer aller auf ewige Zeiten hin den Vertrag machte,
dass jeder Ungeborne dieses Stamms der geborne Richter, Führer und Hirt der
Nation, d. i. der Tapferste, Billigste, Klügste des ganzen Volks, sein und dafür
der Geburt wegen von jedermann erkannt werden müsste, so würde es schwer sein,
einen Erbvertrag dieser Art, ich will nicht sagen mit dem Recht, sondern nur mit
der Vernunft zu reimen. Die Natur teilt ihre edelsten Gaben nicht familienweise
aus, und das Recht des Blutes, nach welchem ein Ungeborner über den andern
Ungebornen, wenn beide einst geboren sein werden, durchs Recht der Geburt zu
herrschen das Recht habe, ist für mich eine der dunkelsten Formeln der
menschlichen Sprache.
    Es müssen andre Gründe vorhanden sein, die die Erbregierungen unter den
Menschen einführten, und die Geschichte verschweigt uns diese Gründe nicht. Wer
hat Deutschland, wer hat dem kultivierten Europa seine Regierungen gegeben? Der
Krieg. Horden von Barbaren überfielen den Weltteil; ihre Anführer und Edeln
teilten unter sich Länder und Menschen. Daher entsprangen Fürstentümer und
Lehne; daher entsprang die Leibeigenschaft unterjochter Völker; die Eroberer
waren im Besitz, und was seit der Zeit in diesem Besitz verändert worden, hat
abermals Revolution, Krieg, Einverständnis der Mächtigen, immer also das Recht
des Stärkern entschieden. Auf diesem königlichen Wege geht die Geschichte fort,
und Fakta der Geschichte sind nicht zu leugnen. Was brachte die Welt unter Rom,
Griechenland und den Orient unter Alexander? Was hat alle grosse Monarchien bis
zu Sesostris und der fabelhaften Semiramis hinauf gestiftet und wieder
zertrümmert? Der Krieg. Gewaltsame Eroberungen vertraten also die Stelle des
Rechts, das nachher nur durch Verjährung oder, wie unsre Staatslehrer sagen,
durch den schweigenden Kontrakt Recht ward; der schweigende Kontrakt aber ist in
diesem Fall nichts anders, als dass der Stärkere nimmt, was er will, und der
Schwächere gibt oder leidet, was er nicht ändern kann. Und so hängt das Recht
der erblichen Regierung sowie beinah jedes andern erblichen Besitzes an einer
Kette von Tradition, deren ersten Grenzpfahl das Glück oder die Macht einschlug
und die sich hie und da mit Güte und Weisheit, meistens aber wieder nur durch
Glück oder Übermacht fortzog Nachfolger und Erben bekamen, der Stammvater nahm;
und dass dem, der hatte, auch immer mehr gegeben ward, damit er die Fülle habe,
bedarf keiner weitern Erläuterung; es ist die natürliche Folge des genannten
ersten Besitzes der Länder und Menschen.
    Man glaube nicht, dass dies etwa nur von Monarchien, als von Ungeheuern der
Eroberung, gelte, die ursprünglichen Reiche aber anders entstanden sein könnten;
denn wie in der Welt wären sie anders entstanden? Solange ein Vater über seine
Familie herrschte, war er Vater und liess seine Söhne auch Väter werden, über die
er nur durch Rat zu vermögen suchte. Solange mehrere Stämme aus freier
Überlegung zu einem bestimmten Geschäft sich Richter und Führer wählten, so
lange waren diese Amtsführer nur Diener des gemeinen Zweckes, bestimmte
Vorsteher der Versammlung; der Name Herr, König, eigenmächtiger, willkürlicher,
erblicher Despot war Völkern dieser Verfassung etwas Unerhörtes. Entschlummerte
aber die Nation und liess ihren Vater, Führer und Richter walten, gab Sie ihm
endlich gar, schlaftrunken-dankbar, seiner Verdienste, seiner Macht, seines
Reichtums oder welcher Ursachen wegen es sonst sei, den Erbzepter in die Hand,
dass er sie und ihre Kinder wie der Hirt die Schafe weide: welch Verhältnis liesse
sich hiebei denken, als Schwachheit auf der einen, Übermacht auf der andern
Seite, also das Recht des Stärkern. Wenn Nimrod Bestien tötet und nachher
Menschen unterjocht, so ist er dort und hier ein Jäger. Der Anführer einer
Kolonie oder Horde, dem Menschen wie Tiere folgten, bediente sich über sie gar
bald des Menschenrechts über die Tiere. So war's mit denen, die die Nationen
kultivierten: solange sie sie kultivierten, waren sie Väter, Erzieher des Volks,
Handhaber der Gesetze zum gemeinen Besten; sobald sie eigenmächtige oder gar
erbliche Regenten wurden, waren sie die Mächtigern, denen der Schwächere diente.
Oft trat ein Fuchs in die Stelle des Löwen, und so war der Fuchs der Mächtigere;
denn nicht Gewalt der Waffen allein ist Stärke; Verschlagenheit, List und ein
künstlicher Betrug tut in den meisten Fällen mehr als jene. Kurz, der grosse
Unterschied der Menschen an Geistes-, Glücks- und Körpergaben hat nach dem
Unterschiede der Gegenden, Lebensarten und Lebensalter Unterjochungen und
Despotien auf der Erde gestiftet, die in vielen Ländern einander leider nur
abgelöset haben. Kriegerische Bergvölker z. B. überschwemmten die ruhige Ebne:
jene hatte das Klima, die Not, der Mangel stark gemacht und tapfer erhalten; sie
breiteten sich also als Herren der Erde aus, bis sie selbst in der mildern
Gegend von Üppigkeit besiegt und von andern unterjocht wurden. So ist unsre alte
Tellus bezwungen und die Geschichte auf ihr ein trauriges Gemälde von
Menschenjagden und Eroberungen worden. Fast jede kleine Landesgrenze, jede neue
Epoche ist mit Blut der Geopferten und mit Tränen der Unterdrückten ins Buch der
Zeiten verzeichnet. Die berühmtesten Namen der Welt sind Würger des
Menschengeschlechts, gekrönte oder nach Kronen ringende Henker gewesen, und was
noch trauriger ist, so standen oft die edelsten Menschen notgedrungen auf diesem
schwarzen Schaugerüst der Unterjochung ihrer Brüder. Woher kommt's, dass die
Geschichte der Weltreiche mit so wenig vernünftigen Endresultaten geschrieben
worden? Weil, ihren grössesten und meisten Begebenheiten nach, sie mit wenig
vernünftigen Endresultaten geführt ist; denn nicht Humanität, sondern
Leidenschaften haben sich der Erde bemächtigt und ihre Völker wie wilde Tiere
zusammen- und gegeneinandergetrieben. Hätte es der Vorsehung gefallen, uns durch
höhere Wesen regieren zu lassen, wie anders wäre die Menschengeschichte! Nun
aber waren es meistens Helden, d. i. ehrsüchtige, mit Gewalt begabte oder
listige und unternehmende Menschen, die den Faden der Begebenheiten nach
Leidenschaften anspannen und, wie es das Schicksal wollte, ihn fortwebten. Wenn
kein Punkt der Weltgeschichte uns die Niedrigkeit unsres Geschlechts zeigte, so
wiese es uns die Geschichte der Regierungen desselben, nach welcher unsre Erde
ihrem grössten Teil nach nicht Erde, sondern Mars oder der kinderfressende Saturn
heissen sollte.
    Wie nun? Sollen wir die Vorsehung darüber anklagen, dass sie die Erdstriche
unsrer Kugel so ungleich schuf und auch unter den Menschen ihre Gaben so
ungleich verteilte? Die Klage wäre müssig und ungerecht; denn sie ist der
augenscheinlichen Absicht unsres Geschlechts entgegen. Sollte die Erde bewohnbar
werden, so mussten Berge auf ihr sein und auf dem Rücken derselben harte
Bergvölker leben. Wenn diese sich nun niedergossen und die üppige Ebne
unterjochten, so war die üppige Ebne auch meistens dieser Unterjochung wert;
denn warum liess sie sich unterjochen, warum erschlaffte sie an den Brüsten der
Natur in kindischer Üppigkeit und Torheit? Man kann es als einen Grundsatz der
Geschichte annehmen, dass kein Volk unterdrückt wird, als das sich unterdrücken
lassen will, das also der Sklaverei wert ist. Nur der Feige ist ein geborner
Knecht; nur der Dumme ist von der Natur bestimmt, einem Klügern zu dienen;
alsdenn ist ihm auch wohl auf seiner Stelle, und er wäre unglücklich, wenn er
befehlen sollte.
    Überdem ist die Ungleichheit der Menschen von Natur nicht so gross, als sie
durch die Erziehung wird, wie die Beschaffenheit eines und desselben Volks unter
seinen mancherlei Regierungsarten zeigt. Das edelste Volk verliert unter dem
Joch des Despotismus in kurzer Zeit seinen Adel, das Mark in seinen Gebeinen
wird ihm zertreten, und da seine feinsten und schönsten Gaben zur Lüge und zum
Betrug, zur kriechenden Sklaverei und Üppigkeit gemissbraucht werden: was Wunder,
dass es sich endlich an sein Joch gewöhnet, es küsset und mit Blumen umwindet? So
beweinenswert dies Schicksal der Menschen im Leben und in der Geschichte ist,
weil es beinah keine Nation gibt, die ohne das Wunder einer völligen
Palingenesie aus dem Abgrunde einer gewonnten Sklaverei je wieder aufgestanden
wäre, so ist offenbar dies Elend nicht das Werk der Natur, sondern der Menschen.
Die Natur leitete das Band der Gesellschaft nur bis auf Familien; weiterhin liess
sie unserm Geschlecht die Freiheit, wie es sich einrichten, wie es das feinste
Werk seiner Kunst, den Staat, bauen wollte. Richteten sich die Menschen gut ein,
so hätten sie's gut; wählten oder duldeten sie Tyrannei und üble
Regierungsformen, so mochten sie ihre Last tragen. Die gute Mutter konnte nichts
tun, als sie durch Vernunft, durch Tradition der Geschichte oder endlich durch
das eigne Gefühl des Schmerzes und Elendes lehren. Nur also die innere Entartung
des Menschengeschlechts hat den Lastern und Entartungen menschlicher Regierung
Raum gegeben; denn teilt sich im unterdrückendsten Despotismus nicht immer der
Sklave mit seinem Herrn im Raube, und ist nicht immer der Despot der ärgste
Sklave?
    Aber auch in der ärgsten Entartung verlässt die unermüdlich-gütige Mutter
ihre Kinder nicht und weiss ihnen den bittern Trank der Unterdrückung von
Menschen wenigstens durch Vergessenheit und Gewohnheit zu lindern. Solange sich
die Völker wachsam und in reger Kraft erhalten oder wo die Natur sie mit dem
harten Brot der Arbeit speiset, da finden keine weiche Sultane statt; das rauhe
Land, die harte Lebensweise sind ihnen der Freiheit Festung. Wo gegenteils die
Völker in ihrem weicheren Schoss entschliefen und das Netz duldeten, das man über
sie zog, siehe, da kommt die tröstende Mutter dem Unterdrückten wenigstens durch
ihre milderen Gaben zu Hülfe; denn der Despotismus setzt immer eine Art
Schwäche, folglich mehrere Bequemlichkeit voraus, die entweder aus Gaben der
Natur oder der Kunst entstanden. In den meisten despotisch regierten Ländern
nährt und kleidet die Natur den Menschen fast ohne Mühe, dass er sich also mit
dem vorüberrasenden Orkan gleichsam nur abfinden darf und nachher zwar
gedankenlos und ohne Würde, dennoch aber nicht ganz ohne Genuss den Atem ihrer
Erquickung trinket. Überhaupt ist das Los des Menschen und seine Bestimmung zur
irdischen Glückseligkeit weder ans Herrschen noch ans Dienen geknüpfet. Der Arme
kann glücklich, der Sklave in Ketten kann frei sein; der Despot und sein
Werkzeug sind meistens, und oft in ganzen Geschlechtern, die unglücklichsten und
unwürdigsten Sklaven.
    Da alle Sätze, die ich bisher berührt habe, aus der Geschichte selbst ihre
eigentliche Erläuterung nehmen müssen, so bleibt ihre Entwicklung auch dem Faden
derselben aufbehalten. Für jetzt sein mir noch einige allgemeine Blicke
vergönnet:
    1. Ein zwar leichter, aber böser Grundsatz wäre es zur Philosophie der
Menschengeschichte: »Der Mensch sei ein Tier, das einen Herren nötig habe und
von diesem Herren oder von einer Verbindung derselben das Glück seiner
Endbestimmung erwarte.« Kehre den Satz um: »Der Mensch, der einen Herren nötig
hat, ist ein Tier; sobald er Mensch wird, hat er keines eigentlichen Herren mehr
nötig.« Die Natur nämlich hat unserm Geschlecht keinen Herren bezeichnet; nur
tierische Laster und Leidenschaften machen uns desselben bedürftig. Das Weib
bedarf eines Mannes und der Mann des Weibes; das unerzogne Kind hat erziehender
Eltern, der Kranke des Arztes, der Streitende des Entscheiders, der Haufe Volks
eines Anführers nötig: dies sind Naturverhältnisse, die im Begriff der Sache
liegen. Im Begriff des Menschen liegt der Begriff eines ihm nötigen Despoten,
der auch Mensch sei, nicht; jener muss erst schwach gedacht werden, damit er
eines Beschützers, unmündig, damit er eines Vormundes, wild, damit er eines
Bezähmers, abscheulich, damit er eines Strafengels nötig habe. Alle Regierungen
der Menschen sind also nur aus Not entstanden und um dieser fortwährenden Not
willen da. So wie es nun ein schlechter Vater ist, der sein Kind erziehet, damit
es, lebenslang unmündig lebenslang eines Erziehers bedörfe; wie es ein böser
Arzt ist, der die Krankheit nährt, damit er dem Elenden bis ins Grab hin
unentbehrlich werde: so mache man die Anwendung auf die Erzieher des
Menschengeschlechts, die Väter des Vaterlandes und ihre Erzognen. Entweder
müssen diese durchaus keiner Besserung fähig sein, oder alle die Jahrtausende,
seitdem Menschen regiert wurden, müssten es doch merklich gemacht haben, was aus
ihnen geworden sei und zu welchem Zweck jene sie erzogen haben. Der Verfolg
dieses Werks wird solche Zwecke sehr deutlich zeigen.
    2. Die Natur erzieht Familien; der natürlichste Staat ist also auch ein
Volk, mit einem Nationalcharakter. Jahrtausendelang erhält sich dieser in ihm
und kann, wenn seinem mitgebornen Fürsten daran liegt, am natürlichsten
ausgebildet werden; denn ein Volk ist sowohl eine Pflanze der Natur als eine
Familie, nur jenes mit mehreren Zweigen. Nichts scheint also dem Zweck der
Regierungen so offenbar entgegen als die unnatürliche Vergrösserung der Staaten,
die wilde Vermischung der Menschengattungen und Nationen unter einen Zepter. Der
Menschenzepter ist viel zu schwach und klein, dass so widersinnige Teile in ihn
eingeimpft werden könnten; zusammengeleimt werden sie also in eine brechliche
Maschine, die man Staatsmaschine nennet, ohne inneres Leben und Sympatie der
Teile gegeneinander. Reiche dieser Art, die dem besten Monarchen den Namen Vater
des Vaterlandes so schwer machen, erscheinen in der Geschichte wie jene Symbole
der Monarchien im Traumbilde des Propheten, wo sich das Löwenhaupt mit dem
Drachenschweif und der Adlersflügel mit dem Bärenfuss zu einem unpatriotischen
Staatsgebilde vereinigt Wie trojanische Rosse rücken solche Maschinen zusammen,
sich einander die Unsterblichkeit verbürgend, da doch ohne Nationalcharakter
kein Leben in ihnen ist und für die Zusammengezwungenen nur der Fluch des
Schicksals sie zur Unsterblichkeit verdammen könnte; denn eben die Staatskunst,
die sie hervorbrachte, ist auch die, die mit Völkern und Menschen als mit
leblosen Körpern spielet. Aber die Geschichte zeigt gnugsam, dass diese Werkzeuge
des menschlichen Stolzes von Ton sind und wie aller Ton auf der Erde zerbrechen
oder zerfliessen.
    3. Wie bei allen Verbindungen der Menschen gemeinschaftliche Hülfe und
Sicherheit der Hauptzweck ihres Bundes ist, so ist auch dem Staat keine andre
als die Naturordnung die beste, dass nämlich auch in ihm jeder das sei, wozu ihn
die Natur bestellte. Sobald der Regent in die Stelle des Schöpfers treten und
durch Willkür oder Leidenschaft von seinetwegen erschaffen will, was das
Geschöpf von Gottes wegen nicht sein sollte, sobald ist dieser dem Himmel
gebietende Despotismus aller Unordnung und des unvermeidlichen Missgeschicks
Vater. Da nun alle durch Tradition festgesetzte Stände der Menschen auf gewisse
Weise der Natur entgegenarbeiten, die sich mit ihren Gaben an keinen Stand
bindet, so ist kein Wunder, dass die meisten Völker, nachdem sie allerlei
Regierungsarten durchgangen waren und die Last jeder empfunden hatten, zuletzt
verzweifelnd auf die zurückkamen, die sie ganz zu Maschinen machte, auf die
despotisch-erbliche Regierung. Sie sprachen wie jener ebräische König, als ihm
drei Übel vorgelegt wurden: »Lasset uns lieber in die Hand des Herren fallen als
in die Hand der Menschen!«, und gaben sich auf Gnade und Ungnade der Providenz
in die Arme, erwartend, wen diese ihnen zum Regenten zusenden würde; denn die
Tyrannei der Aristokraten ist eine harte Tyrannei, und das gebietende Volk ist
ein wahrer Leviatan. Alle christlichen Regenten nennen sich also von Gottes
Gnaden und bekennen damit, dass sie nicht durch ihr Verdienst, das vor der Geburt
auch gar nicht stattfindet, sondern durch das Gutbefinden der Vorsehung, die sie
auf dieser Stelle geboren werden liess, zur Krone gelangten. Das Verdienst dazu
müssen sie sich erst durch eigne Mühe erwerben, mit der sie gleichsam die
Providenz zu rechtfertigen haben, dass sie sie ihres hohen Amts würdig erkannte;
denn das Amt des Fürsten ist kein geringeres, als Gott zu sein unter den
Menschen, ein höherer Genius in einer sterblichen Bildung. Wie Sterne glänzen
die wenigen, die diesen auszeichnenden Ruf verstanden, in der unendlich dunkeln
Wolkennacht gewöhnlicher Regenten und erquicken den verlornen Wandrer auf seinem
traurigen Gange in der politischen Menschengeschichte.
    O dass ein andrer Montesquieu uns den Geist der Gesetze und Regierungen auf
unsrer runden Erde nur durch die bekanntesten Jahrhunderte zu kosten gäbe! Nicht
nach leeren Namen dreier oder vier Regierungsformen, die doch nirgend und
niemals dieselben sind oder bleiben; auch nicht nach witzigen Prinzipien des
Staats, denn kein Staat ist auf ein Wortprincipium gebauet, geschweige, dass er
dasselbe in allen seinen Ständen und Zeiten unwandelbar erhielte; auch nicht
durch zerschnittene Beispiele aus allen Nationen, Zeiten und Weltgegenden, aus
denen in dieser Verwirrung der Genius unsrer Erde selbst kein Ganzes bilden
würde: sondern allein durch die philosophische, lebendige Darstellung der
bürgerlichen Geschichte, in der, so einförmig sie scheinet, keine Szene zweimal
vorkommt und die das Gemälde der Laster und Tugenden unsres Geschlechts und
seiner Regenten, nach Ort und Zeiten immer verändert und immer dasselbe,
fürchterlich-lehrreich vollendet.
 
                                       V
           Religion ist die älteste und heiligste Tradition der Erde
    Müde und matt von allen Veränderungen des Erdenrundes nach Gegenden, Zeiten
und Völkern, finden wir denn nichts auf demselben, das der gemeinschaftliche
Besitz und Vorzug unsres Brudergeschlechts sei? Nichts als die Anlage zur
Vernunft, Humanität und Religion, der drei Grazien des menschlichen Lebens. Alle
Staaten entstanden spät, und noch später entstanden in ihnen Wissenschaften und
Künste; aber Familien sind das ewige Werk der Natur, die fortgehende
Haushaltung, in der sie den Samen der Humanität dem Menschengeschlecht
einpflanzet und selbst erziehet. Sprachen wechseln mit jedem Volk, in jedem
Klima; in allen Sprachen aber ist ein und dieselbe merkmalsuchende
Menschenvernunft kennbar. Religion endlich, so verschieden ihre Hülle sei, auch
unter dem ärmsten, rohesten Volk am Rande der Erde finden sich ihre Spuren. Der
Grönländer und Kamtschadale, der Feuerländer und Papu hat Äusserungen von ihr,
wie seine Sagen oder Gebräuche zeigen, ja, gäbe es unter den Anziken oder den
verdrängten Waldmenschen der indischen Inseln irgendein Volk, das ganz ohne
Religion wäre, so wäre selbst dieser Mangel von ihrem äusserst verwilderten
Zustande Zeuge.
    Woher kam nun Religion diesen Völkern? Hat jeder Elende sich seinen
Gottesdienst etwa wie eine natürliche Teologie erfunden? Diese Mühseligen
erfinden nichts; sie folgen in allem der Tradition ihrer Väter. Auch gab ihnen
von aussen zu dieser Erfindung nichts Anlass; denn wenn sie Pfeil und Bogen, Angel
und Kleid den Tieren oder der Natur ablernten, welchem Tier, welchem
Naturgegenstande sahen sie Religion ab? Von welchem derselben hätten sie
Gottesdienst gelernet? Tradition ist also auch hier die fortpflanzende Mutter,
wie ihrer Sprache und wenigen Kultur, so auch ihrer Religion und heiligen
Gebräuche.
    Sogleich folget hieraus, dass sich die religiöse Tradition keines andern
Mittels bedienen konnte, als dessen sich die Vernunft und Sprache selbst
bediente, der Symbole. Muss der Gedanke ein Wort werden, wenn er fortgepflanzt
sein will, muss jede Einrichtung ein sichtbares Zeichen haben, wenn sie für andre
und für die Nachwelt sein soll: wie konnte das Unsichtbare sichtbar oder eine
verlebte Geschichte den Nachkommen aufbehalten werden als durch Worte oder
Zeichen?
    Daher ist auch bei den rohesten Völkern die Sprache der Religion immer die
älteste, dunkelste Sprache, oft ihren Geweiheten selbst, viel mehr den
Fremdlingen unverständlich. Die bedeutenden heiligen Symbole jedes Volks, so
klimatisch und national sie sein mochten, wurden nämlich oft in wenigen
Geschlechtern ohne Bedeutung. Kein Wunder; denn jeder Sprache, jedem Institut
mit willkürlichen Zeichen müsste es so ergehen, wenn sie nicht durch den
lebendigen Gebrauch mit ihren Gegenständen oft zusammengehalten würden und also
im bedeutenden Andenken blieben. Bei der Religion war solche lebendige
Zusammenhaltung schwer oder unmöglich; denn das Zeichen betraf entweder eine
unsichtbare Idee oder eine vergangene Geschichte.
    Es konnte also auch nicht fehlen, dass die Priester, die ursprünglich Weise
der Nation waren, nicht immer ihre Weisen blieben. Sobald sie nämlich den Sinn
des Symbols verloren, waren sie stumme Diener der Abgötterei oder mussten redende
Lügner des Aberglaubens werden. Und sie sind's fast allentalben reichlich
geworden; nicht aus vorzüglicher Betrugsucht, sondern weil es die Sache so mit
sich führte. Sowohl in der Sprache als in jeder Wissenschaft, Kunst und
Einrichtung waltet dasselbe Schicksal der Unwissende, der reden oder die Kunst
fortsetzen soll, muss verbergen, muss erdichten, muss heucheln; ein falscher Schein
tritt an die Stelle der verlornen Wahrheit. Dies ist die Geschichte aller
Geheimnisse auf der Erde, die anfangs allerdings viel Wissenswürdiges verbargen,
zuletzt aber, insonderheit seitdem menschliche Weisheit sich von ihnen getrennt
hatte, in elenden Tand ausarteten; und so wurden die Priester derselben, bei
ihrem leergewordnen Heiligtum, zuletzt arme Betrüger.
    Wer sie am meisten als solche darstellete, waren die Regenten und Weisen.
Jene nämlich, die ihr hoher Stand, mit aller Macht bekleidet, gar bald auf
zwanglose Ungebundenheit führte, hielten es für Pflicht ihres Standes, auch die
unsichtbaren höheren Mächte einzuschränken und also die Symbole derselben als
Puppenwerk des Pöbels entweder zu dulden oder zu vernichten. Daher der
unglückliche Streit zwischen dem Tron und Altar bei allen halbkultivierten
Nationen, bis man endlich beide gar zu verbinden suchte und damit das
unförmliche Ding eines Altars auf dem Tron oder eines Trons auf dem Altar zur
Welt brachte. Notwendig mussten die entarteten Priester bei diesem ungleichen
Streit allemal verlieren; denn sichtbare Macht stritt mit dem unsichtbaren
Glauben; der Schatte einer alten Tradition sollte mit dem Glanz des goldenen
Zepters kämpfen, den ehedem der Priester selbst geheiligt und dem Monarchen in
die Hand gegeben hatte. Die Zeiten der Priesterherrschaft gingen also mit der
wachsenden Kultur vorüber; der Despot, der ursprünglich seine Krone im Namen
Gottes geführt hatte, fand es leichter, sie in seinem eignen Namen zu tragen,
und das Volk war jetzt durch Regenten und Weise zu diesem andern Zepter
gewöhnet.
    Nun ist es erstens unleugbar, dass nur Religion es gewesen sei, die den
Völkern allentalben die erste Kultur und Wissenschaft brachte, ja dass diese
ursprünglich nichts als eine Art religiöser Tradition waren. Unter allen wilden
Völkern ist noch jetzt ihre wenige Kultur und Wissenschaft mit der Religion
verbunden. Die Sprache ihrer Religion ist eine erhabnere feierliche Sprache, die
nicht nur die heiligen Gebräuche mit Gesang und Tanz begleitet, sondern auch
meistens von den Sagen der Urwelt ausgeht, mitin das einzige ist, was diese
Völker von alten Nachrichten, dem Gedächtnis der Vorwelt oder einem Schimmer der
Wissenschaft übrig haben. Die Zahl und das Bemerken der Tage, der Grund aller
Zeitrechnung, war oder ist überall heilig; die Wissenschaft des Himmels und der
Natur, wie sie auch sein möge, haben die Magier aller Weltteile sich zugeeignet.
Auch die Arznei-und Wahrsagerkunst, die Wissenschaft des Verborgnen und
Auslegung der Träume, die Kunst der Charaktere, die Aussöhnung mit den Göttern,
die Befriedigung der Verstorbnen, Nachrichten von ihnen - kurz, das ganze dunkle
Reich der Fragen und Aufschlüsse über die der Mensch so gern beruhigt sein
möchte, ist in den Händen ihrer Priester, so dass bei vielen Völkerschaften der
gemeinschaftliche Gottesdienst und seine Feste beinah das einzige ist, das die
unabhängigen Familien zum Schatten eines Ganzen verbindet. Die Geschichte der
Kultur wird zeigen, dass dieses bei den gebildetsten Völkern nicht anders
gewesen. Ägypter und alle Morgenländer bis zum Rande der östlichen Welt hinauf,
in Europa alle gebildete Nationen des Altertums, Etrusker, Griechen und Römer,
empfingen die Wissenschaften aus dem Schoss und unter dem Schleier religiöser
Traditionen; so ward ihnen Poesie und Kunst, Musik und Schrift, Geschichte und
Arzneikunst, Naturlehre und Metaphysik, Astronomie und Zeitrechnung, selbst die
Sitten-und Staatslehre gegeben. Die ältesten Weisen taten nichts als das, was
ihnen als Same gegeben war, sondern und zu eignen Gewächsen erziehen; welche
Entwicklung sodann mit den Jahrhunderten fortging. Auch wir Nordländer haben
unsre Wissenschaften in keinem als dem Gewande der Religion erhalten, und so
kann man kühn mit der Geschichte aller Völker sagen »Der religiösen Tradition in
Schrift und Sprache ist die Erde ihre Samenkörner aller höhern Kultur schuldig.«
    Zweitens. Die Natur der Sache selbst bestätigt diese historische Behauptung;
denn was war's, das den Menschen über die Tiere erhob und auch in der rohesten
Ausartung ihn verhinderte, nicht ganz zu ihnen herabzusinken? Man sagt:
»Vernunft und Sprache.« So wie er aber zur Vernunft nicht ohne Sprache kommen
konnte, so konnte er zu beiden nicht anders als durch die Bemerkung des Einen im
Vielen, mitin durch die Vorstellung des Unsichtbaren im Sichtbaren, durch die
Verknüpfung der Ursache mit der Wirkung gelangen. Eine Art religiösen Gefühls
unsichtbarer wirkender Kräfte im ganzen Chaos der Wesen, das ihn umgab, musste
also jeder ersten Bildung und Verknüpfung abgezogner Vernunftideen vorausgehn
und zum Grunde liegen. Dies ist das Gefühl der Wilden von den Kräften der Natur,
auch wenn sie keinen ausgedrückten Begriff von Gott haben: ein lebhaftes und
wirksames Gefühl, wie selbst ihre Abgöttereien und ihr Aberglaube zeigt. Bei
allen Verstandesbegriffen bloss sichtbarer Dinge handelt der Mensch dem Tier
ähnlich; zur ersten Stufe der höheren Vernunft musste ihn die Vorstellung des
Unsichtbaren im Sichtbaren, einer Kraft in der Wirkung, heben. Diese Vorstellung
ist auch beinah das einzige, was rohe Nationen von transzendenter Vernunft
besitzen und andere Völker nur in mehrere Worte entwickelt haben. Mit der
Fortdauer der Seele nach dem Tode war's ein gleiches. Wie der Mensch auch zu
ihrem Begriff gekommen sein möge, so ist dieser Begriff, als allgemeiner
Volksglaube auf der Erde, das einzige, das den Menschen im Tode vom Tier
unterscheidet Keine wilde Nation kann sich die Unsterblichkeit einer
Menschenseele philosophisch erweisen, sowenig es vielleicht ein Philosoph tun
kann, denn auch dieser vermag nur den Glauben an sie, der im menschlichen Herzen
liegt, durch Vernunftgründe zu bestärken; allgemein aber ist dieser Glaube auf
der Erde. Auch der Kamtschadale hat ihn, wenn er seinen Toten den Tieren
hinlegt, auch der Neuholländer hat ihn, wenn er den Leichnam ins Meer senket.
Kleine Nation verscharret die Ihren, wie man ein Tier verscharrt; jeder Wilde
geht sterbend ins Reich der Väter, ins Land der Seelen. Religiöse Tradition
hierüber und das innige Gefühl eines Daseins, das eigentlich von keiner
Vernichtung weiss, geht also vor der entwickelnden Vernunft voraus; sonst würde
diese auf den Begriff der Unsterblichkeit schwerlich gekommen sein oder ihn sehr
kraftlos abstrahiert haben. Und so ist der allgemeine Menschenglaube an die
Fortdauer unsres Daseins die Pyramide der Religion auf allen Gräbern der Völker.
    Endlich, die göttlichen Gesetze und Regeln der Humanität, die sich, wenn
auch nur in Resten, bei dem wildesten Volk äussern, sollten sie nach
Jahrtausenden etwa von der Vernunft ersonnen sein und diesem wandelbaren Gebilde
der menschlichen Abstraktion ihre Grundfeste zu danken haben? Ich kann's, selbst
der Geschichte nach, nicht glauben. Wären die Menschen wie Tiere auf die Erde
gestreuet, sich die innere Gestalt der Humanität erst selbst zu erfinden, so
müssten wir noch Nationen ohne Sprache, ohne Vernunft, ohne Religion und Sitten
kennen; denn wie der Mensch gewesen ist, ist er noch auf der Erde. Nun sagt uns
aber keine Geschichte, keine Erfahrung, dass irgendwo menschliche Orang-Utangs
leben; und die Märchen, die der späte Diodor oder der noch spätere Plinius von
den Unempfindlichen und andern unmenschlichen Menschen erzählen, zeigen sich
entweder selbst in ihrem fabelhaften Grunde oder verdienen wenigstens auf das
Zeugnis dieser Schriftsteller noch keinen Glauben. So sind auch gewiss die Sagen
übertrieben, die die Dichter, um das Verdienst ihrer Orpheus und Kadmus zu
erheben, von den rohen Völkern der Vorwelt geben; denn schon die Zeit, in der
diese Dichter lebten, und der Zweck ihrer Beschreibung schliesst sie von der Zahl
historischer Zeugen aus. Wilder als der Neusee- oder der Feuerländer ist auch,
nach der Analogie des Klima zu rechnen, kein europäisches, geschweige ein
griechisches Volk gewesen; und jene inhumanen Nationen haben Humanität, Vernunft
und Sprache Kein Menschenfresser frisst seine Brüder und Kinder; der
unmenschliche Gebrauch ist ihnen ein grausames Kriegsrecht zur Erhaltung der
Tapferkeit und zum wechselseitigen Schrecken der Feinde. Er ist also nichts mehr
und minder als das Werk einer groben politischen Vernunft, die bei jenen
Nationen die Humanität in Absicht dieser wenigen Opfer des Vaterlandes so
bezwang, wie wir Europäer sie in Absicht anderer Dinge noch jetzt bezwungen
haben. Gegen Fremde schämeten sie sich ihrer grausamen Handlung, wie wir
Europäer uns doch der Menschenschlachten nicht schämen; ja gegen jeden
Kriegsgefangnen, den dies traurige Los nicht trifft, beweisen sie sich
brüderlich und edel. Alle diese Züge also, auch wenn der Hottentott sein
lebendiges Kind vergräbt und der Eskimo seinem alten Vater das Alter verkürzet,
sind Folgen der traurigen Not, die indes nie das ursprüngliche Gefühl der
Humanität widerleget. Viel sonderbarere Greuel hat unter uns die missgeleitete
Vernunft oder die ausgelassne Üppigkeit erzeuget Ausschweifungen, an welche die
Polygamie der Neger schwerlich reichet. Wie nun deswegen unter uns niemand
leugnen wird, dass auch in die Brust des Sodomiten, des Unterdrückers, des
Meuchelmörders das Gebilde der Humanität gegraben sei, ob er's gleich durch
Leidenschaften und freche Gewohnheit fast unkenntlich machte, so vergönne man
mir, nach allem, was ich über die Nationen der Erde gelesen und geprüft habe,
diese innere Anlage zur Humanität so allgemein als die menschliche Natur, ja
eigentlich für diese Natur selbst anzunehmen. Sie ist älter als die spekulative
Vernunft, die durch Bemerkung und Sprache sich erst dem Menschen angebildet hat,
ja, die in praktischen Fällen kein Richtmass in sich hatte, wenn sie es nicht von
jenem dunklen Gebilde in uns borgte. Sind alle Pflichten des Menschen nur
Konventionen, die er als Mittel der Glückseligkeit sich selbst aussann und durch
Erfahrung feststellte, so hören sie augenblicks auf, meine Pflichten zu sein,
wenn ich mich von ihrem Zweck, der Glückseligkeit, lossage. Der Syllogismus der
Vernunft ist nun vollendet. Aber wie kamen sie denn in die Brust dessen, der nie
über Glückseligkeit und die Mittel dazu spekulierend dachte? Wie kamen Pflichten
der Ehe, der Vater- und Kindesliebe, der Familie und der Gesellschaft in den
Geist eines Menschen, ehe er Erfahrungen des Guten und Bösen über jede derselben
gesammlet hatte und also auf tausendfache Art zuerst ein Unmensch hätte sein
müssen, ehe er ein Mensch ward? Nein, gütige Gotteit, dem mörderischen Ungefähr
überliessest du dein Geschöpf nicht. Den Tieren gabst du Instinkt, dem Menschen
grubest du dein Bild, Religion und Humanität, in die Seele: der Umriss der
Bildsäule liegt im dunkeln tiefen Marmor da; nur, er kann sich nicht selbst
aushauen, ausbilden. Tradition und Lehre, Vernunft und Erfahrung sollten dieses
tun, und du liessest es ihm an Mitteln dazu nicht fehlen. Die Regel der
Gerechtigkeit, die Grundsätze des Rechts der Gesellschaft, selbst die Monogamie
als die dem Menschen natürlichste Ehe und Liebe, die Zärtlichkeit gegen Kinder,
die Pietät gegen Wohltäter und Freunde, selbst die Empfindung des mächtigsten,
wohltätigsten Wesens sind Züge dieses Bildes, die hie und da bald unterdrückt,
bald ausgebildet sind, allentalben aber noch die Uranlage des Menschen selbst
zeigen, der er sich, sobald er sie wahrnimmt, auch nicht entsagen darf. Das
Reich dieser Anlagen und ihrer Ausbildung ist die eigentliche Stadt Gottes auf
der Erde, in welcher alle Menschen Bürger sind, nur nach sehr verschiednen
Klassen und Stufen. Glücklich ist, wer zur Ausbreitung dieses Reichs der wahren
innern Menschenschöpfung beitragen kann er beneidet keinem Erfinder seine
Wissenschaft und keinem Könige seine Krone.
    Wer aber ist's nun, der uns sage, wo und wie diese aufweckende Tradition der
Humanität und Religion auf der Erde entstand und sich mit so manchen
Verwandelungen bis an den Rand der Welt fortbreitete, wo sie sich in den
dunkelsten Resten verlieret? Wer lehrte den Menschen Sprache, wie noch jetzt
jedes Kind dieselbe von andern lernet und niemand sich seine Vernunft erfindet?
Welches waren die ersten Symbole, die der Mensch fasste, so dass eben im Schleier
der Kosmogonie und religiöser Sagen die ersten Keime der Kultur unter die Völker
kamen? Wo hangt der erste Ring der Kette unsres Geschlechts und seiner
geistig-moralischen Bildung? Lasset uns sehen, was uns darüber die
Naturgeschichte der Erde samt der ältesten Tradition sage.
 
                                  Zehntes Buch
                                       I
      Unsre Erde ist für ihre lebendige Schöpfung eine eigengebildete Erde
    Da der Ursprung der Menschengeschichte dem Philosophen sehr im dunkeln ist
und schon in ihren ältesten Zeiten Sonderbarkeiten erscheinen, die der und jener
mit seinem System nicht zu fügen wusste, so ist man auf den verzweifelnden Weg
geraten, den Knoten zu zerschneiden und nicht nur die Erde als eine Trümmer
voriger Bewohnung, sondern auch das Menschengeschlecht als einen überbliebenen,
entkommenen Rest anzusehen, der, nachdem der Planet in einem andern Zustande,
wie man sagt, seinen Jüngsten Tag erlebt hatte, etwa auf Bergen oder in Höhlen
sich diesem allgemeinen Gericht entzogen habe. Seine Menschenvernunft, Kunst und
Tradition sei ein geretteter Raub der untergegangenen Vorwelt155, daher er teils
schon von Anfange her einen Glanz zeige, der sich auf Erfahrungen vieler
Jahrtausende gründe, teils auch nie ins Licht gesetzt werden könne, weil durch
diese überbliebene Menschen, wie durch einen Istmus, sich die Kultur zweier
Welten verwirre und binde. Ist diese Meinung wahr, so gibt es allerdings keine
reine Philosophie der Menschengeschichte; denn unser Geschlecht selbst und alle
seine Künste wären nur ausgeworfene Schlacken einer vorigen Weltverwüstung.
Lasset uns sehen, was diese Hypotese, die aus der Erde selbst sowie aus ihrer
Menschengeschichte ein unentwirrbares Chaos macht, für Grund habe.
    In der Urbildung unsrer Erde hat sie, wie mich dünkt, keinen; denn die
ersten scheinbaren Verwüstungen und Revolutionen derselben setzen keine verlebte
Menschengeschichte voraus, sondern gehören zu dem schaffenden Kreise selbst,
durch welchen unsre Erde erst bewohnbar worden.156 Der alte Granit, der innere
Kern unsres Planeten, zeigt, soweit wir ihn kennen, keine Spur von
untergegangenen organischen Wesen, weder dass er solche in sich entielte, noch
dass seine Bestandteile dieselben voraussetzten. Wahrscheinlich ragte er in
seinen höchsten Spitzen über die Wasser der Schöpfung empor, da sich auf
denselben keine Spur einer Meerwirkung findet; auf diesen nackten Höhen aber
konnte ein menschliches Geschöpf sowenig atmen als sich nähren. Die Luft, die
diesen Klumpen umgab, war von Wasser und Feuer noch nicht gesondert;
beschwängert mit den mancherlei Materien, die sich erst in vielfältigen
Verbindungen und Perioden an die Grundlage der Erde setzten und ihr allgemach
Form gaben, konnte sie dem feinsten Erdgeschöpf seinen Lebensatem sowenig
erhalten als geben. Wo also zuerst lebendiges Gebilde entstand, war im Wasser;
und es entstand mit der Gewalt einer schaffenden Urkraft, die noch nirgend
anders wirken konnte und sich also zuerst in der unendlichen Menge von
Schalentieren, dem einzigen, was in diesem schwangern Meer leben konnte,
organisierte. Bei fortgehender Ausbildung der Erde fanden sie häufig ihren
Untergang und ihre zerstörten Teile wurden die Grundlage zu feinern
Organisationen. Je mehr der Urfels vom Wasser befreit und mit Absätzes
desselben, d. i. der mit ihm verbundnen Elemente und Organisationen, befruchtet
wurde, desto mehr eilte die Pflanzenschöpfung der Schöpfung des Wassers nach,
und auf jedem entblössten Erdstrich vegetierte, was daselbst vegetieren konnte.
Aber auch im Treibhause dieses Reichs konnte noch kein Erdentier leben. Auf
Erdhöhen, auf denen jetzt lappländische Kräuter wachsen, findet man versteinte
Gewächse des heissesten Erdstrichs: ein offenbares Zeugnis, dass der Dunst auf
ihnen damals dies Klima gehabt habe. Geläutert indessen musste diese Dunstluft
schon in grossem Grad sein, da sich so viele Massen aus ihr niedergesenkt hatten
und die zarte Pflanze vom Licht lebet; dass aber bei diesen Pflanzenabdrücken
sich noch nirgend Erdentiere, geschweige denn Menschengebeine finden, zeigt
wahrscheinlich, dass solche auf der Erde damals noch nicht vorhanden gewesen,
weil weder zu ihrem Gebilde der Stoff, noch zu ihrem Unterhalt Nahrung bereitet
war. So geht's durch mancherlei Revolutionen fort, bis endlich in sehr obern
Leim- oder Sandschichten erst die Elefanten- und Nashörnergerippe erscheinen;
denn was man in tiefern Versteinerungen für Menschengebilde gehalten, ist alles
zweifelhaft und von genauern Naturforschern für Gerippe von Seetieren erkläret
worden. Auch auf der Erde fing die Natur mit Bildungen des wärmsten Klima und,
wie es scheint, der ungeheuersten Massen an, eben wie sie im Meer mit
gepanzerten Schaltieren und grossen Ammonshörnern anfing; wenigstens haben sich
bei den so zahlreichen Gerippen der Elefanten, die spät zusammengeschwemmt sind
und sich hie und da bis auf die Haut erhalten haben, zwar Schlangen, Seetiere u.
dgl., nie aber Menschenkörper gefunden. Ja, wenn sie auch gefunden wären, sind
sie ohnstreitig von einem sehr neuern Datum gegen die alten Gebürge, in denen
nichts von dieser Art Lebendigem vorkommt. So spricht das älteste Buch der Erde
mit seinen Ton-, Schiefer-, Marmor-, Kalk- und Sandblättern, und was spräche es
hiemit für eine Umschaffung der Erde, die ein Menschengeschlecht überlebt hätte,
dessen Reste wir wären? Vielmehr ist alles, was sie redet, da für, dass unsre
Erde aus ihrem Chaos von Materien und Kräften unter der belebenden Wärme des
schaffenden Geistes sich zu einem eignen und ursprünglichen Ganzen durch eine
Reihe zubereitender Revolutionen gebildet habe, bis auch zuletzt die Krone ihrer
Schöpfung, das feine und zarte Menschengeschöpf, erscheinen konnte. Die Systeme
also, die von zehnfacher Veränderung der Weltgegenden und Pole, von
hundertfältiger Umstürzung eines bewohnten und kultivierten Bodens, von
Vertreibungen der Menschen aus Gegend in Gegend oder von ihren Grabmälern unter
Felsen und Meeren reden und in der ganzen ältesten Geschichte nur Graus und
Entsetzen schildern, sie sind, trotz aller unleugbaren Revolutionen der Erde,
dem Bau derselben entgegen oder von ihm wenigstens unbegründet. Die Risse und
Gänge im alten Gestein oder seine zusammengefallenen Wände sagen nichts von
einer vor unsrer Erde bewohnten Erde; ja, wenn auch die alte Masse durch ein
solches Schicksal zusammengeschmolzen wäre, so blieb gewiss kein lebendiger Rest
der Urwelt für uns übrig. Die Erde sowohl als die Geschichte ihrer Lebendigen,
wie sie jetzt ist, bleibt also für den Forscher ein reines ganzes Problem zur
Auflösung. Einem solchen treten wir näher und fragen:
 
                                       II
        Wo war die Bildungsstätte und der älteste Wohnsitz der Menschen?
    Dass er an keinem spät entstandenen Erdrande gewesen sein kann, bedarf keines
Erweises, und so treten wir sogleich auf die Höhen der ewigen Urgebürge und der
an sie allmählich gelagerten Länder. Entstanden überall Menschen, wie überall
Schalentiere entstanden? Gebar das Mondsgebürge den Neger, wie etwa die Andes
den Amerikaner, der Ural den Asiaten, die europäischen Alpen den Europäer
gebaren? Und hat jedes Hauptgebürge der Welt etwa seinen eignen Strich der
Menschheit? Warum, da jeder Weltteil seine eigne Tierarten hat, die anderswo
nicht leben können und also auf und zu ihm geboren sein müssen, sollte er nicht
auch seine eigne Menschengattung haben? Und wären die verschiednen
Nationalbildungen, Sitten und Charaktere, insonderheit die so unterschiedne
Sprachen der Völker, nicht davon Erweise? Jedermann meiner Leser weiss, wie
blendend diese Gründe von mehrern gelehrten und scharfsinnigen
Geschichtforschern ausgeführt sind, so dass man's zuletzt als die gezwungenste
Hypotese ansah, dass die Natur zwar überall Affen und Bären, aber nicht Menschen
habe erschaffen können und also, dem Lauf ihrer andern Wirkungen ganz zuwider,
eben ihr zartestes Geschlecht, wenn sie es nur in einem Paar hervorbrachte,
durch diese ihr fremde Sparsamkeit tausendfacher Gefahr blossstellte. »Schauet
noch jetzt«, sagt man, »die vielsamige Natur an, wie sie verschwendet, wie sie
nicht nur Pflanzen und Gewächse, sondern auch Tiere und Menschen in ungezählten
Keimen dem Untergange in den Schoss wirft! Und eben auf dem Punkt, da das
menschliche Geschlecht zu gründen war, da sollte die gebärende, die in ihrer
jungfräulichen Jugend an Samen aller Wesen und Gestalten so reiche Mutter, die,
wie der Bau der Erde zeigt, Millionen lebendiger Geschöpfe in einer Revolution
aufopfern konnte, um neue Geschlechter zu gebären: sie sollte damals an niedern
Wesen sich erschöpft und ihr wildes Labyrint voll Leben mit zwei schwachen
Menschen vollendet haben?« Lasset uns sehen, wiefern auch diese
glänzend-scheinbare Hypotese dem Gange der Kultur und Geschichte unsres
Geschlechts entsprechen oder nach seiner Bildung, seinem Charakter und
Verhältnis zu den andern Lebendigen der Erde bestehen möge.
    Zuerst ist's offenbar der Natur entgegen, dass sie alles Lebendige in
gleicher Anzahl oder auf einmal belebt habe: der Bau der Erde und die innere
Beschaffenheit der Geschöpfe selbst macht dies unmöglich. Elefanten und Würmer,
Löwen und Infusionstiere sind nicht in gleicher Zahl da; sie konnten auch
uranfangs ihrem Wesen nach weder in gleichem Verhältnis noch auf einmal
erschaffen werden. Millionen Muschelgeschöpfe mussten untergehen, ehe auf unserm
Erdenfels Gartenbeete zu feinerm Leben wurden; eine Welt von Pflanzen geht
jährlich unter, damit sie höheren Wesen das Leben nähre. Wenn man also auch von
den Endursachen der Schöpfung ganz abstrahieret, so lag es schon im Stoff der
Natur selbst, dass sie aus vielem ein Eins machen und durch das kreisende Rad der
Schöpfung Zahlloses zerstören musste, damit sie ein Minderes, aber Edleres
belebte. So fuhr sie von unten hinauf, und indem sie allentalben gnug des
Samens nachliess, Geschlechter, die sie dauern lassen wollte, zu erhalten, bahnte
sie sich den Weg zu auserlesneren, feinern, höheren Geschlechtern. Sollte der
Mensch die Krone der Schöpfung sein, so konnte er mit dem Fisch oder dem
Meerschleim nicht eine Masse, einen Tag der Geburt, einen Ort und Aufentalt
haben. Sein Blut sollte kein Wasser werden; die Lebenswärme der Natur musste also
so weit hinaufgeläutert, so fein essentiiert sein, dass sie Menschenblut rötete.
Alle seine Gefässe und Fibern, sein Knochengebäude selbst sollte von dem feinsten
Ton gebildet werden, und da die Allmächtige nie ohne zweite Ursachen handelt, so
musste sie sich dazu den Stoff in die Hand gearbeitet haben. Selbst die gröbere
Tierschöpfung war sie durchgangen; wie und wenn jedes entstehen konnte, entstand
es; durch alle Pforten drangen die Kräfte und arbeiteten sich zum Leben. Das
Ammonshorn war eher da als der Fisch; die Pflanze ging dem Tier voran, das ohne
sie auch nicht leben konnte; der Krokodil und Kaiman schlich eher daher, als der
weise Elefant Kräuter las und seinen Rüssel schwenkte. Die fleischfressenden
Tiere setzten eine zahlreiche, schon sehr vermehrte Familie derer voraus, von
denen sie sich nähren sollten; sie konnten also auch mit diesen nicht auf einmal
und in gleicher Anzahl da sein. Der Mensch also, wenn er der Bewohner der Erde
und ein Gebieter der Schöpfung sein sollte, musste sein Reich und Wohnhaus fertig
finden; notwendig musste er also auch spät und in geringerer Anzahl erscheinen
als die, so er beherrschen sollte. Hätte die Natur aus dem Stoff ihrer
Werkstätte auf Erden etwas Höheres, Reineres und Schöneres, als der Mensch ist,
hervorbringen können, warum sollte sie es nicht getan haben? Und dass sie es
nicht getan hat, zeigt, dass sie mit dem Menschen die Werkstätte schloss und ihre
Gebilde, die sie im Boden des Meers mit dem reichsten Überfluss angefangen hatte,
jetzt in der erlesensten Sparsamkeit vollführte. »Gott schuf den Menschen«, sagt
die älteste schriftliche Tradition der Völker, »in seinem Gebilde; ein Gleichnis
Gottes schuf er in ihm, einen Mann und ein Weib, nach dem Unzähligen, das er
geschaffen hatte, die kleinste Zahl; da ruhete er und schuf nicht fürder.« Die
lebendige Pyramide war hier bei ihrem Gipfel vollendet.
    Wo konnte dieser Gipfel nun stattfinden? Wo erzeugte sich die Perle der
vollendeten Erde? Notwendig im Mittelpunkt der regsten organischen Kräfte, wo,
wenn ich so sagen darf, die Schöpfung am weitsten gediehen, am längsten und
feinsten ausgearbeitet war; und wo war dieses, als etwa in Asien, wie schon der
Bau der Erde mutmasslich saget. In Asien nämlich hatte unsre Kugel jene grosse und
weite Höhe, die, nie vom Wasser bedeckt, ihren Felsenrücken in die Länge und
Breite vielarmig hinzog. Hier also war die meiste Anziehung wirkender Kräfte,
hier rieb und kreisete sich der elektrische Strom, hier setzten sich die
Materien des fruchtreichen Chaos in grössester Fülle nieder. Um diese Gebürge
entstand der grösseste Weltteil, wie seine Gestalt zeigt; auf und an diesen
Gebürgen lebt die grösseste Menge aller Arten lebendiger Tierschöpfung, die
wahrscheinlich hier schon streiften und ihres Daseins sich freuten, als andre
Erdstrecken noch unter dem Wasser lagen und kaum mit Wäldern oder mit nackten
Bergspitzen emporblickten. Der Berg, den Linneus157 sich als das Gebürge der
Schöpfung gedacht hat, ist in der Natur; nur nicht als Berg, sondern als ein
weites Amphiteater, ein Stern von Gebürgen, die ihre Arme in mancherlei Klimate
verteilen. »Ich muss anmerken«, sagt Pallas158, »dass alle Tiere, die in den Nord-
und Südländern zahm geworden sind, sich in dem gemässigten Klima der Mitte Asiens
wild finden (den Dromedar ausgenommen, dessen beide Arten nicht wohl ausserhalb
Afrika fortkommen und sich schwer an das Klima von Asien gewöhnen). Der Stammort
des wilden Ochsen, des Büffels, des Mufflon, von welchem unsre Schafe kommen,
des Bezoartiers und des Steinbocks, aus deren Vermischung die so fruchtbare
Rasse unsrer zahmen Ziegen entstanden ist, finden sich in den gebürgigen Ketten,
die das mittlere Asien und einen Teil von Europa einnehmen. Das Renntier ist auf
den hohen Bergen, die Siberien begrenzen und sein östliches Ende bedecken,
häufig und dient daselbst als Last- und Zugvieh. Auch findet es sich auf der
uralischen Kette und hat von da aus die nordischen Länder besetzt. Das Kamel mit
zwei Buckeln findet sich wild in den grossen Wüsten zwischen Tibet und China. Das
wilde Schwein hält sich in den Wäldern und Morästen des ganzen gemässigten Asiens
auf. Die wilde Katze, von der unsre Hauskatze abstammet, ist bekannt genug.
Endlich stammt die Hauptrasse unsrer Haushunde zuverlässig vom Schakal her, ob
ich dieselbe gleich nicht für ganz unverfälscht halte, sondern glaube, dass sie
sich vor undenklicher Zeit mit dem gemeinen Wolf, dem Fuchs und selbst mit der
Hyäne vermischt habe, welches die ungemeine Verschiedenheit der Gestalt und
Grösse der Hunde verursacht hat« u. f. So Pallas. Und wem ist der Reichtum
Asiens, insonderheit seiner mittägigen Länder, an Naturprodukten unbekannt? Es
ist, als ob um diese erhabenste Höhe der Welt sich nicht nur das breitste,
sondern auch das reichste Land gesetzt habe, das von Anfange her die meiste
organische Wärme in sich gezogen. Die weisesten Elefanten, die klügsten Affen,
die lebhaftesten Tiere nährt Asien; ja vielleicht hat es, seines Verfalls
ungeachtet, der genetischen Anlage nach die geistreichsten und erhabensten
Menschen.
    Wie aber die andern Weltteile? Dass Europa sowohl an Menschen als Tieren
meistens aus Asien besetzt sei und wahrscheinlich einem grossen Teil nach noch
mit Wasser oder mit Wald und Morästen bedeckt gewesen, als das höhere Asien
schon kultiviert war, ist sogar aus der Geschichte erweislich. Das innere Afrika
kennen wir zwar noch wenig; die Höhe und Gestalt seines mittleren Bergrückens
insonderheit ist uns ganz fremde; indessen wird aus mehreren Gründen
wahrscheinlich, dass dieser wasserarme und grosse Strecken hinein niedrige
Weltteil mit seinem Erdrücken schwerlich an die Höhe und Breite Asiens reiche.
Auch er ist also vielleicht länger bedeckt gewesen; und obwohl der warme
Erdgürtel sowohl der Pflanzen- als Tierschöpfung daselbst ein eignes kräftiges
Gepräge nicht versagte, so scheinet es doch, dass Afrika und Europa nur wie
Kinder sind, an den Schoss der Mutter, Asien, gelehnet. Die meisten Tiere haben
diese drei Weltteile gemein und sind im ganzen nur ein Weltteil.
    Amerika endlich: sowohl der Strich seiner steilen, unbewohnbar-hohen Gebürge
als deren noch tobende Vulkane und ihnen zu Füssen das niedrige, in grossen
Strecken meerflache Land samt der lebendigen Schöpfung desselben, die sich
vorzüglich in der Vegetation, den Amphibien, Insekten, Vögeln und dagegen in
weniger Gattungen vollkommner und so lebhafter Landtiere freuet, als in denen
sich die Alte Welt fühlet: alle diese Gründe, zu denen die junge und rohe
Verfassung seiner gesamten Völkerschaften mitgehöret, machen diesen Weltteil
schwerlich als den ältestbewohnten kennbar. Vielmehr ist er, gegen die andre
Erdhälfte betrachtet, dem Naturforscher ein reiches Problem der Verschiedenheit
zweier entgegengesetzten Hemisphäre. Schwerlich also dörfte auch das schöne Tal
Quito der Geburtsort eines ursprünglichen Menschenpaars gewesen sein, so gern
ich ihm und den Mondgebürgen Afrikas die Ehre gönne und niemanden widersprechen
mag, der hiezu Beweistümer fände.
    Aber gnug der blossen Mutmassungen, die ich nicht dazu gemissbraucht wünsche,
dass man dem Allmächtigen die Kraft und den Stoff, Menschen, wo er will, zu
schaffen, abspräche. Die Stimme, die allentalben Meer und Land mit eignen
Bewohnern bepflanzte, konnte auch jedem Weltteil seine eingebornen Beherrscher
geben, wenn sie es für gut fand. Liesse sich nicht aber in dem bisher
entwickelten Charakter der Menschheit die Ursache finden, warum sie es nicht
beliebte? Wir sahen, dass die Vernunft und Humanität der Menschen von Erziehung,
Sprache und Tradition abhange und dass unser Geschlecht hierin völlig vom Tier
unterschieden sei, das seinen unfehlbaren Instinkt auf die Welt mitbringt. Ist
dies, so konnte, schon seinem spezifischen Charakter nach, der Mensch nicht
Tieren gleich überall in die wilde Wüste geworfen werden. Der Baum, der
allentalben nur künstlich fortkommen konnte, sollte vielmehr aus einer Wurzel
an einem Ort wachsen, wo er am besten gedeihen, wo der, der ihn gepflanzt hatte,
ihn selbst warten konnte. Das Menschengeschlecht, das zur Humanität bestimmt
war, sollte von seinem Ursprunge an ein Brudergeschlecht aus einem Blut, am
Leitbande einer bildenden Tradition werden, und so entstand das Ganze, wie noch
jetzt jede Familie entspringt, Zweige von einem Stamm, Sprossen aus einem
ursprünglichen Garten. Mich dünkt, jedem, der das Charakteristische unsrer
Natur, die Beschaffenheit und Art unsrer Vernunft, die Weise, wie wir zu
Begriffen kommen und die Humanität in uns bilden, erwägt, ihm müsse dieser
auszeichnende Plan Gottes über unser Geschlecht, der uns auch dem Ursprunge nach
vom Tier unterscheidet, als der angemessenste, schönste und würdigste
erscheinen. Mit diesem Entwurf wurden wir Lieblinge der Natur, die sie als
Früchte ihres reifsten Fleisses oder, wenn man will, als Söhne ihres hohen Alters
auf der Stelle hervorbrachte, die sich am besten für diese zarten Spätlinge
geziemte. Hier erzog sie solche mit mütterlicher Hand und hatte um sie gelegt,
was vom ersten Anfange an die Bildung ihren künstlichen Menschencharakters
erleichtern konnte. So wie nur eine Menschenvernunft auf der Erde möglich war
und die Natur daher auch nur eine Gattung vernunftfähiger Geschöpfe
hervorbrachte, so liess sie diese Vernunftfähigen auch in einer Schule der
Sprache und Tradition erzogen werden und übernahm selbst diese Erziehung durch
eine Folge von Generationen aus einem Ursprung.
 
                                      III
      Der Gang der Kultur und Geschichte gibt historische Beweise, dass das
                   Menschengeschlecht in Asien entstanden sei
    Alle Völker Europens, woher sind sie? Aus Asien. Von den meisten wissen
wir's gewiss: wir kennen den Ursprung der Lappen, der Finnen, der Germanier und
Goten, der Gallier, Slawen, Kelten, Cimbern u. f. Teils aus ihren Sprachen oder
Sprachresten, teils aus Nachrichten ihrer alten Sitze können wir sie ziemlich
weit ans Schwarze Meer oder in die Tatarei verfolgen, wo zum Teil noch ihre
Sprachreste leben. Von der Abkunft anderer Völker wissen wir weniger, weil wir
die älteste Geschichte derselben weniger kennen; denn bloss die Unkunde voriger
Zeiten macht Autochtonen. Ein seltnes Verdienst um die Menschheit wäre es, wenn
der sprachgelehrteste Geschichtforscher der alten und neuen Völker, Büttner, uns
die Schätze seiner zusammenhaltenden Belesenheit auftäte und, wie er's tun
könnte, einer Reihe von Völkern ihren ihnen selbst unbekannten Stammbaum gäbe.
159
    Die Abkunft der Afrikaner und Amerikaner ist uns freilich dunkler; soweit
wir aber den obern Rand des erstgenannten Weltteils kennen und die ältesten
Traditionen über ihn zusammenhalten, ist er asiatisch. Weiter hinab müssen wir
uns begnügen, in der Negergestalt und Farbe wenigstens nichts Widersprechendes
gegen diese Abkunft, vielmehr ein fortgehendes Gemälde klimatischer
Nationalbildungen zu finden, wie das sechste Buch dieser Schrift zu zeigen
versucht hat. Ein gleiches ist's mit dem später bevölkerten Amerika, dessen
Bepflanzung aus dem östlichen Asien schon der einförmige Anblick der Völker
wahrscheinlich machte.
    Mehr als die Bildungen aber sagen uns die Sprachen der Völker; und wo auf
der ganzen Erde gibt es die ältest-kultivierten Sprachen? In Asien Wollt ihr das
Wunderding sehen, dass Völker Tausende von Meilen hin in die Länge und Breite
lauter einsilbige Sprachen reden, sehet nach Asien. Die Strecke jenseit des
Ganges, Tibet und Sina, Pegu, Ava, Arrakan und Brema, Tonquin, Laos,
Koschin-Sina, Kambodscha und Siam sprechen lauter unbiegsam-einsilbige Worte.
Wahrscheinlich hat die frühe Regel ihrer Sprachkultur und Schrift sie dabei
erhalten; denn in dieser Ecke Asiens sind die ältesten Einrichtungen beinah in
allem unverändert geblieben. Wollet ihr Sprachen, deren grosser, fast
überfliessender Reichtum auf sehr wenige Wurzeln zusammengeht, so dass sie mit
einer sonderbaren Regelmässigkeit und dem fast kindischen Kunstwerk, durch eine
kleine Veränderung des Stammworts einen neuen Begriff zu sagen, Mannigfaltigkeit
und Armut verbinden, so sehet den Umfang Südasiens von Indien bis nach Syrien,
Arabien und Ätiopien hin. Die bengalische Sprache hat 700 Wurzeln, gleichsam
die Elemente der Vernunft, aus denen sie Zeitwörter, Nennwörter und alle andre
Redeteile bildet. Die ebräische und die ihr verwandten Sprachen, so ganz andrer
Art sie sind, erregen Erstaunen, wenn man ihren Bau selbst noch in den ältesten
Schriften betrachtet. Alle ihre Worte gehen an Wurzeln von drei Buchstaben
zusammen, die anfangs vielleicht auch einsilbig waren, nachher aber,
wahrscheinlich durch das ihnen eigne Buchstabenalphabet, frühzeitig in diese
Form gebracht wurden und in ihr vermittelst sehr einfacher Zusätze und Biegungen
die ganze Sprache bauten. Ein unermesslicher Reichtum von Begriffen geht z. B. in
der fortgebildeten arabischen Sprache an wenige Wurzeln zusammen, so dass das
Flickwerk der meisten europäischen Sprachen mit ihren unnützen Hülfsworten und
langweiligen Flexionen sich nie mehr verrät, als wenn man sie mit den Sprachen
Asiens wergleichet. Daher fallen diese auch, je älter sie sind, dem Europäer zu
lernen schwer; denn er muss den nutzlosen Reichtum seiner Zunge aufgeben und
kommt in ihnen wie zu einer feindurchdachten, leisegeregelten Hieroglyphik der
unsichtbaren Gedankensprache.
    Das gewisseste Zeichen der Kultur einer Sprache ist ihre Schrift: je älter,
künstlicher, durchdachter diese war, desto mehr ward auch die Sprache gebildet.
Nun kann, wenn man nicht etwa die Scyten ausnähme, die auch ein asiatisches
Volk waren, keine europäische Nation sich eines selbsterfundenen Alphabets
rühmen; sie stehen hierin als Barbaren den Negern und Amerikanern zur Seite.
Asien allein hatte Schrift, und zwar schon in den ältesten Zeiten. Die erste
gebildete Nation Europas, die Griechen, bekamen ihr Alphabet von einem
Morgenländer, und dass alle andre Buchstabencharaktere der Europäer abgeleitete
oder verdorbne Züge der Griechend sind, zeigen die Büttnerschen Tafeln.160 Auch
der Ägypter älteste Buchstabenschrift auf ihren Mumien ist phönicisch und so wie
das koptische Alphabet verdorben-griechisch ist. Unter den Negern und
Amerikanern ist an keine selbsterfundene Schrift zu gedenken; denn unter diesen
stiegen die Mexikaner über ihre rohen Hieroglyphen und die Peruaner über ihre
Knotenstricke nicht auf. Asien dagegen hat die Schrift in Buchstaben und
Kunstieroglyphen gleichsam erschöpfet, so dass man unter seinen Schriftzügen
beinah alle Gattungen findet, wie die Rede der Menschen gefesselt werden konnte.
Die bengalische Sprache hat 50 Buchstaben und 12 Vokale; die sinesische hat aus
ihrem Walde von Zügen nicht minder als 112 zu Lautbuchstaben und 36 zu
Mitlautern erwählet. So geht es durch die tibetanische, singalesische,
marattische, mandschurische Alphabete sogar mit verschiednen Richtungen der
Zeichen. Einige der asiatischen Schriftarten sind offenbar so alt, dass man
bemerkt, wie sich die Sprache selbst mit und zu ihnen gebildet habe; und die
einfach-schöne Schrift auf den Ruinen von Persepolis verstehen wir noch gar
nicht.
    Treten wir von dem Werkzeuge der Kultur zur Kultur selbst: wo wäre dieselbe
früher entstanden, ja, wo hätte sie früher entstehen können als in Asien? von da
sie sich auf bekannten Wegen weiter umhergebreitet. Die Herrschaft über die
Tiere war dazu einer der ersten Schritte, und sie steigt in diesem Weltteil über
alle Revolutionen der Geschichte hinauf. Nicht nur, dass, wie wir gesehen haben,
dies Urgebürge der Welt die meisten und zähmbarsten Tiere hatte, die
Gesellschaft der Menschen hat dieselben auch so frühe gezähmet, dass unsre
nutzbarsten Tiergeschlechter, Schaf, Hund und Ziege, gleichsam nur aus dieser
Bezähmung entstanden und eigentlich also neue Tiergattungen der asiatischen
Kunst sind. Will man sich in den Mittelpunkt der Verteilung gezähmter Tiere
stellen, so trete man auf die Höhe von Asien; je entfernter von ihm (im Grossen
der Natur gerechnet), desto minder gezähmte Tiere. In Asien bis auf seine
Süd-Inseln ist alles voll derselben; in Neuguinea und Neuseeland fand sich nur
der Hund und das Schwein, in Neukaledonien der Hund allein, und in dem ganzen
weiten Amerika waren das Guaniko und Lacma die einzigen gezähmten Tiere. Auch
sind die besten Gattungen derselben in Asien und Afrika von der schönsten,
edelsten Art. Der Dschiggetai und das arabische Pferd, der wilde und zahme Esel,
der Argali und das Schaf? der wilde Bock und die Angoraziege sind der Stolz
ihres Geschlechts; der klügste Elefant ist in Asien von frühen Zeiten an aufs
künstlichste gebrauchet, und das Kamel war diesem Weltteil unentbehrlich. In der
Schönheit einiger dieser Tiere tritt Afrika zunächst an Asiens Seite; im
Gebrauch derselben aber stehet's ihm noch jetzt weit nach. Alle seine gezähmten
Tiere hat Europa Asien zu danken; was unserm Weltteil eigen ist, sind 15 bis 16
Arten, grösstenteils Mäuse und Fledermäuse.161
    Mit der Kultur der Erde und ihrer Gewächse war's nicht anders, da ein grosser
Teil von Europa noch in sehr späten Zeiten ein Wald war und seine Einwohner,
wenn sie von Vegetabilien leben sollten, wohl nicht anders als mit Wurzeln und
wilden Kräutern, mit Eicheln und Holzäpfeln nähren konnte. In manchen
Erdstrichen Asiens, von denen wir reden, wächst das Getreide wild, und der
Ackerbau ist in ihm von undenklichem Alter. Die schönsten Früchte der Erde, den
Weinstock und die Olive, Zitronen und Feigen, Pomeranzen und alle unser Obst.
Kastanien, Mandeln, Nüsse u. f. hat Asien zuerst nach Griechenland und Afrika,
sodann fernerhin verpflanzet; einige andere Gewächse hat uns Amerika gegeben,
und bei den meisten wissen wir sogar den Ort der Herkunft sowie die Zeit der
Wanderung und Verpflanzung. Also auch diese Geschenke der Natur waren dem
Menschengeschlecht nicht anders als durch den Weg der Tradition beschieden.
Amerika bauete keinen Wein; auch in Afrika haben ihn nur europäische Hände
gepflanzet.
    Dass Wissenschaften und Künste zuerst in Asien und seinem Grenzlande Ägypten
gepflegt sind, bedarf keiner weitläuftigen Erweise; Denkmale und die Geschichte
der Völker sagen es, und Goguets162 zeugnisführendes Werk ist in aller Händen.
Nützliche und schöne Künste hat dieser Weltteil, hie oder da, allentalben aber
nach seinem ausgezeichneten asiatischen Geschmack frühe getrieben, wie die
Ruinen Persepolis und der indischen Tempel, die Pyramiden Ägyptens und soviel
andre Werke, von denen wir Reste oder Sagen haben, beweisen; fast alle reichen
sie weit über die europäische Kultur hinaus und haben in Afrika und Amerika
nichts ihresgleichen. Die hohe Poesie mehrerer südasiatischen Völker ist
weltbekannt163, und je älter hinauf, desto mehr erscheint sie in einer Würde und
Einfalt, die durch sich selbst den Namen der Göttlichen verdienet. Welcher
scharfsinnige Gedanke, ja, ich möchte sagen, welche dichterische Hypotese ist
in eines späten Abendländers Seele gekommen, zu welcher sich nicht der Keim in
eines früheren Morgenländers Ausspruch oder Einkleidung fände, sobald nur irgend
der Anlass dazu in seinem Gesichtskreise lag? Der Handel der Asiaten ist der
älteste auf der Erde, und die wichtigsten Erfindungen darin sind die ihre. So
auch die Astronomie und Zeitrechnung; wer ist, der auch ohne die mindeste
Teilnehmung an Baillys Hypotesen nicht über die frühe und weite Verbreitung
mancher astronomischen Bemerkungen, Einteilungen und Handgriffe erstaunte, die
man den ältesten Völkern Asiens schwerlich ableugnen könnte?164 Es ist, als ob
ihre ältesten Weisen vorzüglich die Weisen des Himmels, Bemerker der stille
fortschreitenden Zeit gewesen, wie denn auch noch jetzt, im tiefen Verfall
mancher Nationen, dieser rechnende, zählende Geist unter ihnen seine Wirkung
äussert.165 Der Bramin rechnet ungeheure Summen im Gedächtnis; die Einteilungen
der Zeit sind ihm vom kleinsten Mass bis zu grossen Himmelsrevolutionen
gegenwärtig, und er trügt sich, ohne alle europäische Hülfsmittel, darin nur
wenig. Die Vorwelt hat ihm in Formeln hinterlassen, was er jetzt nur anwendet;
denn auch unsre Jahrrechnung ist ja asiatisch, unsre Ziffern und Sternbilder
sind ägyptischen oder indischen Ursprungs.
    Wenn endlich die Regierungsformen die schwerste Kunst der Kultur sind, wo
hat es die älteste, grösseste Monarchien gegeben? Wo haben die Reiche der Welt
den festesten Bau gefunden? Seit Jahrtausenden behauptet Sina noch seine alte
Verfassung, und ohngeachtet das unkriegerische Volk von tatarischen Horden
mehrmals überschwemmt worden, so haben die Besiegten dennoch immer die Sieger
bezähmt und sie in die Fesseln ihrer alten Verfassung geschmiedet. Welche
Regierungsform Europens könnte sich dessen rühmen? Auf den tibetanischen Bergen
herrscht die älteste Hierokratie der Erde, und die Kasten der Hindus verraten
durch die eingewurzelte Macht, die dem sanftesten Volk seit Jahrtausenden zur
Natur geworden ist, ihre uralte Einrichtung. Am Euphrat und Tigris sowie am
Nilstrom und an den medischen Bergen greifen schon in den ältesten Zeiten
gebildete kriegerische oder friedliche Monarchien in die Geschichte der
westlichen Völker; sogar auf den tatarischen Höhen hat sich die ungebundne
Freiheit der Horden mit einem Despotismus der Khane zusammengewebt, der manchen
europäischen Regierungsformen die Grundlage gegeben. Von allen Seiten der Welt,
je mehr man sich Asien nahet, desto mehr nahet man festgegründeten Reichen,
deren unumschränkte Gewalt seit Jahrtausenden sich in die Denkart der Völker so
eingeprägt, dass der König von Siam über eine Nation, die keinen König hätte, als
über eine hauptlose Missgeburt lachte. In Afrika sind die festesten Despotien
Asien nahe; je weiter hinab, desto mehr ist die Tyrannei noch im rohen Zustande,
bis sie sich endlich unter den Kaffern in den patriarchalischen Hirtenzustand
verlieret. Auf dem südlichen Meer, je näher Asien, desto mehr sind Künste,
Handwerke, Pracht und der Gemahl der Pracht, der königliche Despotismus, in
alter Übung; je weiter von ihm entfernt, auf den entlegnen Inseln, in Amerika
oder gar am dürren Rande der Südwelt, kommt in einem rohern Zustande die
einfachere Verfassung des Menschengeschlechts, die Freiheit der Stämme und
Familien wieder, so dass einige Geschichtforscher selbst die beiden Monarchien
Amerikas, Mexiko und Peru, aus der Nachbarschaft despotischer Reiche Asiens
hergeleitet haben. Der ganze Anblick des Weltteils verrät also, zumal um die
Gebürge, die älteste Bewohnung, und die Traditionen dieser Völker mit ihren
Zeitrechnungen und Religionen gehen, wie bekannt ist, in die Jahrtausende der
Vorwelt. Alle Sagen der Europäer und Afrikaner (bei welchen ich immer Ägypten
ausnehme), noch mehr der Amerikaner und der westlichen Südsee-Inseln sind nichts
als verlorne Bruchstücke junger Märchen gegen jene Riesengebäude alter
Kosmogonien in Indien, Tibet, dem alten Chaldäa und selbst dem niedrigern
Ägypten: zerstreute Laute der verirreten Echo gegen die Stimme der asiatischen
Urwelt, die sich in die Fabel verlieret.
    Wie also, wenn wir dieser Stimme nachgingen und, da die Menschheit kein
Mittel der Bildung als die Tradition hat, diese bis zum Urquell zu verfolgen
suchten? Freilich ein trüglicher Weg, wie wenn man dem Regenbogen und der Echo
nachliefe; denn sowenig ein Kind, ob es gleich bei seiner Geburt war, dieselbe
zu erzählen weiss, sowenig dörfen wir hoffen, dass uns das Menschengeschlecht von
seiner Schöpfung und ersten Lehre, von der Erfindung der Sprache und seinem
ersten Wohnsitz historisch strenge Nachrichten zu geben vermöge. Indessen
erinnert sich doch ein Kind aus seiner späteren Jugend wenigstens einige Züge;
und wenn mehrere Kinder, die zusammen erzogen, hernach getrennt wurden, dasselbe
oder ein ähnliches erzählen, warum sollte man sie nicht hören, warum nicht über
das, was sie sagen oder zurückträumen, wenigstens nachsinnen wollen, zumal wenn
man keine andern Dokumente haben könnte. Und da es der unverkennbare Entwurf der
Vorsehung ist, Menschen durch Menschen, d. i. durch eine fortwirkende Tradition,
zu lehren, so lasset uns nicht zweifeln, dass sie uns auch hierin soviel werde
gegönnet haben, als wir zu wissen bedörfen.
 
                                       IV
    Asiatische Traditionen über die Schöpfung der Erde und den Ursprung des
                              Menschengeschlechtes
    Aber wo fangen wir in diesem wüsten Walde an, in dem soviel trügerische
Stimmen und Irrlichte hie- und dahin locken und fahren? Ich habe nicht Lust zu
der Bibliotek von Träumen, die über diesen Punkt das Menschengedächtnis drückt,
nur eine Silbe hinzuzutun und unterscheide also, soviel ich kann, die Mutmassung
der Völker oder die Hypotesen ihrer Weisen von Tatsachen der Tradition sowie
bei dieser die Grade ihrer Gewissheit und ihre Zeiten. Das letzte Volk Asiens,
das sich des höchsten Altertums rühmet, die Sineser, haben nichts historisch
Gewisses, das über das 722. Jahr vor unsrer Zeitrechnung hinausginge. Die Reiche
des Fohi und Hoangti sind Mytologie, und was vor Fohi hergeht, das Zeitalter
der Geister oder der personifizierten Elemente, wird von den Sinesen selbst als
dichtende Allegorie betrachtet. Ihr ältestes Buch166, das 176 Jahr vor Christi
Geburt wiedergefunden oder vielmehr aus zwei, dem Bücherbrande entronnenen
Exemplaren ergänzt ward, entält weder Kosmogonie noch der Nation Anfang Yao
regiert schon in demselben mit den Bergen seines Reichs, den Grossen; nur einen
Befehl kostet es ihm, so werden Gestirne beobachtet, Wasser abgeleitet, Zeiten
geordnet; Opfer und Geschäfte sind alle schon in festgestellter Ordnung. Es
bliebe uns also nur die sinesische Metaphysik des grossen ersten Y übrig167, wie
aus 1 und 2 die 4 und 8 entstanden, wie nach Eröffnung des Himmels Puanku und
die drei Hoangs als Wundergestalten regiert haben, bis erst mit dem ersten
Stifter der Gesetze Gin-Hoang, der auf dem Berge Hingma geboren war und Erd und
Wasser in 9 Teile teilte, die menschlichere Geschichte anfinge. Und dennoch geht
die Mytologie dieser Art noch viele Geschlechter hinunter, so dass vom
Ursprünglichen wohl nichts auf sie zu gründen wäre, als etwa dass sie den
Wohnsitz dieser Könige und ihrer Wundergestalten auf die hohen asiatischen Berge
setzt, die für heilig gehalten und mit der ganzen ältesten Fabelsage beehrt
wurden. Ein grosser Berg mitten auf der Erde ist ihnen selbst in den Namen dieser
alten Fabelwesen, die sie Könige nennen, sehr gefeiret.
    Steigen wir nach Tibet hinauf, so finden wir die Lagerung der Erde rings um
einen höchsten Berg in der Mitte noch ausgezeichneter, da sich die ganze
Mytologie dieses geistlichen Reichs darauf gründet. Fürchterlich beschreiben
sie seine Höhe und Umfang; Ungeheuer und Riesen sind Wächter an seinem Rande,
sieben Meere und sieben Goldberge rings um ihn her. Auf seinem Gipfel wohnen die
Lahen und in verschiednen niedrigern Stufen andre Wesen. Durch Aeonen von
Weltaltern sanken jene Beschauer des Himmels immer in gröbere Körper, endlich in
die Menschengestalt, in der ein hässliches Affenpaar ihre Eltern waren; auch der
Ursprung der Tiere wird aus herabgestossenen Lahen erkläret.168 Eine harte
Mytologie, die die Welt bergab in die Meere bauet, diese mit Ungeheuern
umpflanzet und das ganze System der Wesen zuletzt einem Ungeheuer, der ewigen
Notwendigkeit, in den Rachen gibt. Auch diese entehrende Tradition indessen, die
den Menschen vom Affen herleitet, ist mit spätern Ausbildungen so verwebet, dass
viel dazu gehörte, sie als eine reine Ursage der Vorwelt zu betrachten.
    Schätzbar wäre es, wenn wir vom alten Volk der Hindus ihre älteste Tradition
besässen. Ausserdem aber, dass die erste Sekte des Brahma von den Anhängern Wischnu
und Schiwens längst vertilgt ist, haben wir an dem, was Europäer von ihren
Geheimnissen bisher erfuhren, offenbar nur junge Sagen, die entweder Mytologie
für das Volk oder auslegende Lehrgebäude ihrer Weisen sind. Auch nach Provinzen
gehen sie märchenhaft auseinander, so dass wir, wie auf die eigentliche
Sanskritsprache, so auch auf den wahren Wedam der Indier wahrscheinlich noch
lange zu warten und dennoch auch in ihm von ihrer ältesten Tradition wenig zu
erwarten haben, da sie den ersten Teil desselben selbst für verloren achten.
Indessen blicht auch durch manches spätere Märchen ein Goldkorn historischer
Ursage hervor. Der Ganges z. B. ist in ganz Indien heilig und fliesst unmittelbar
von den heiligen Bergen, den Füssen des Weltschöpfers Brahma. In der achten
Verwandlung erschien Wischnu als Prassarama: noch bedeckte das Wasser alles Land
bis zum Gebürge Gate; er bat den Gott des Meers, dass er ihm Raum verschaffen und
das Meer zurückziehen machte, so weit, wenn er schösse, sein Pfeil reichte. Der
Gott versprach und Prassarama schoss; wie weit der Pfeil flog, ward das Land
trocken, die malabarische Küste. Offenbar sagt uns, wie auch Sonnerat anmerkt,
die Erzählung, dass das Meer einst bis zum Berge Gate gestanden habe und die
malabarische Küste jüngeres Land sei. Andere Sagen indischer Völker erzählen den
Ursprung der Erde aus dem Wasser auf andre Weise. Whistnu schwamm auf einem
Blatt; der erste Mensch entsprang aus ihm als eine Blume. Auf der Oberfläche der
Wasserwogen schwamm ein Ei, das Brahma zur Reife brachte, aus dessen Häuten die
Luft und der Himmel ward, wie aus seinem Inhalt Geschöpfe, Tiere und Menschen.
Doch man muss diese Sagen im Märchenton der kindlichen Indier selbst lesen.169
    Das System Zoroasters170 ist offenbar schon ein philosophisches Lehrgebäude,
das, wenn es auch mit den Sagen andrer Sekten nicht vermischt wäre, dennoch
schwerlich für eine Urtradition gelten könnte; Spuren von dieser indes sind
allerdings in ihm kennbar. Der grosse Berg Albordj in Mitte der Erde erscheinet
wieder und streckt sich mit seinen Nebengebürgen rings um sie. Um ihn geht die
Sonne; von ihm rinnen die Ströme, Meere und Länder sind von ihm aus verteilt.
Die Gestalten der Dinge existierten zuerst in Urbildern, in Keimen, und wie alle
Mytologien des höhern Asiens an Ungeheuern der Urwelt reich sind, so hat auch
diese den grossen Stier Kayamorts, aus dessen Leichnam alle Geschöpfe der Erde
wurden. Oben auf diesem Berge ist, wie dort auf dem Berge der Lahen, das
Paradies, der Sitz der seligen Geister und verklärten Menschen, sowie der
Urquell der Ströme, das Wasser des Lebens. Übrigens ist das Licht, das die
Finsternis scheidet, sie zertrennet und überwindet, das die Erde fruchtbar macht
und alle Geschöpfe beseligt, offenbar der erste physische Grund des ganzen
Lichtsystems der Parsen, welche eine Idee sie auf gottesdienstliche, moralische
und politische Weise tausendfach anwandten.
    Je tiefer wir westlich den Berg Asiens hinunterwandern, desto kürzer werden
die Zeitalter der Sagen der Urwelt. Man sieht ihnen allen schon eine spätere
Abkunft, die Anwendung fremder Traditionen aus höheren Erdstrichen auf
niedrigere Länder an. In Lokalbestimmungen werden sie immer unpassender, dafür
aber gewinnen sie im System selbst an Ründe und Klarheit, weil sich nur hie und
da noch ein Bruchstück der alten Fabel, und auch dies überall in einem neuern
Nationalgewande, zeigt. Ich wundre mich daher, wie man auf der einen Seite den
Sanchoniaton ganz zu einem Betrüger und auf der andern zum ersten Propheten der
Urwelt habe machen können, da ihm zu dieser schon die physische Lage seines
Landes den Zugang versagte. Dass der Anfang dieses Alls eine finstre Luft, ein
dunkles trübes Chaos gewesen, dass dieses grenzen- und gestaltlos von unendlichen
Zeiten her im wüsten Raum geschwebt, bis der webende Geist mit seinen eignen
Prinzipien in Liebe verfiel und aus ihrer Vermischung ein Anfang der Schöpfung
wurde - diese Mytologie ist eine so alte und den verschiedensten Völkern
gemeine Vorstellungsart gewesen, dass dem Phönicier hiebei wenig zu erdichten
übrigblieb. Beinahe jedes Volk Asiens, die Ägypter und Griechen mit
eingeschlossen, erzählte die Tradition vom Chaos oder vom bebrüteten Ei auf
seine Weise; warum konnten sich nicht also auch in einem phönicischen Tempel
geschriebene Traditionen dieser Art finden? Dass die ersten Samen der Geschöpfe
in einem Schlamm gelegen und die ersten mit Verstand begabten Wesen eine Art
Wundergestalten, Spiegel des Himmels (Zophasemim) gewesen, die nachher, durch
den Knall des Donners erweckt, aufwachten und die mancherlei Geschöpfe aus ihrer
Wundergestalt hervorbrachten, ist ebenfalls eine weiterrschende, hier nur
verkürzte Sage, die mit andern Ausbildungen über die medischen und tibetanischen
Gebürge bis nach Indien und Sina hinauf und bis nach Phrygien und Tracien hinab
reichet; denn noch in der hesiodischen und orphischen Mytologie finden sich von
ihr Reste. Wenn man nun aber vom Winde Kolpias, d. i. der Stimme des Hauches
Gottes, und seinem Weibe, der Nacht, von ihren Söhnen, dem Erstgebornen und dem
Aeon, von ihren Enkeln, Geschlecht und Gattung, von ihren Urenkeln, Licht, Feuer
und Flamme, von ihren Ur-Urenkeln, den Bergen Cassius, Libanus, Antilibanus u.
f. lange Genealogien lieset und diesen allegorischen Namen die Erfindungen des
Menschengeschlechts zugeschrieben findet, so gehört ein geduldiges Vorurteil
dazu, in dieser missverstandnen Verwirrung alter Sagen, die der Zusammensetzer
wahrscheinlich als Namen vor sich fand und aus denen er Personen machte, eine
Philosophie der Welt und eine älteste Menschengeschichte zu finden.
    Tiefer hinab ins schwarze Ägypten wollen wir uns um Traditionen der Urwelt
nicht bemühen. In den Namen ihrer ältesten Götter sind unleugbare Reste einer
schwesterlichen Tradition mit den Phöniciern; denn die alte Nacht, der Geist,
der Weltschöpfer, der Schlamm, worin die Samen der Dinge lagen, kommen hier
wieder. Da aber alles, was wir von der ältesten Mytologie Ägyptens wissen,
spät, ungewiss und dunkel, überdem jede mytologische Vorstellungsart dieses
Landes ganz klimatisiert ist, so gehöret es nicht zu unserm Zweck, unter diesen
Götzengestalten oder weiterhin in den Negermärchen nach Sagen der Urwelt zu
graben, die zu einer Philosophie der ältesten Menschengeschichte den Grund
gäben.
    Auch historisch also bleibt uns auf der weiten Erde nichts als die
schriftliche Tradition übrig, die wir die mosaische zu nennen pflegen. Ohn alles
Vorurteil, also auch ohne die mindeste Meinung darüber, welches Ursprungs sie
sei, wissen wir, dass sie über 3000 Jahr alt und überhaupt das älteste Buch sei,
das unser junges Menschengeschlecht aufweiset. Ihr Anblick soll es uns sagen,
was diese kurzen, einfältigen Blätter sein wollen und können, indem wir sie
nicht als Geschichte, sondern als Tradition oder als eine alte Philosophie der
Menschengeschichte ansehn, die ich deswegen auch sogleich von ihrem
morgenländischen poetischen Schmuck entkleide.
 
                                       V
       Älteste Schrifttradition über den Ursprung der Menschengeschichte
    »Als einst die Schöpfung unsrer Erde und unsres Himmels begann«, erzählt
diese Sage, »war die Erde zuerst ein wüster, unförmlicher Körper, auf dem ein
dunkles Meer flutete, und eine lebendige brütende Kraft bewegte sich auf diesen
Wassern.« - Sollte nach allen neuern Erfahrungen der älteste Zustand der Erde
angegeben werden, wie ihn ohne den Flug unbeweisbarer Hypotesen der forschende
Verstand zu geben vermag, so finden wir genau diese alte Beschreibung wieder.
Ein ungeheurer Granitfels, grösstenteils mit Wasser bedeckt, und über ihm
lebenschwangre Naturkräfte: das ist's, was wir wissen; mehr wissen wir nicht.
Dass dieser Fels glühend aus der Sonne geschleudert sei, ist ein riesenhafter
Gedanke, der aber weder in der Analogie der Natur noch in der fortgehenden
Entwicklung unsrer Erde Grund findet; denn wie kamen Wasser auf diese glühende
Masse? Woher kam ihr ihre runde Gestalt? Woher ihr Umschwung und ihre Pole? da
im Feuer der Magnet seine Kräfte verlieret. Viel wahrscheinlicher ist, dass
dieser wunderbare Urfels durch innere Kräfte sich selbst gebildet, d. i. aus dem
schwangern Chaos, daraus unsre Erde werden sollte, verdichtend niedergesetzt
habe. Die mosaische Tradition schneidet aber auch dies Chaos ab und schildert
sogleich den Felsen; auch jene chaotischen Ungeheuer und Wundergestalten der
ältern Traditionen gehen damit in den Abgrund. Das eine, was dies philosophische
Stück mit jenen Sagen gemein hat, sind etwa die Elohim, vielleicht den Lahen,
den Zophesamim u. f. vergleichbar, hier aber zum Begriff einer wirkenden Einheit
geläutert. Sie sind nicht Geschöpfe, sondern der Schöpfer.
    Die Schöpfung der Dinge fängt mit dem Licht an: hiedurch trennet sich die
alte Nacht, hiedurch scheiden sich die Elemente; und was kennten wir nach ältern
und neuern Erfahrungen für ein andres sowohl scheidendes als belebendes
Principium der Natur als das Licht, oder wenn man will, das Elementarfeuer?
Überall ist's in die Natur verbreitet, nur nach Verwandtschaft der Körper
ungleich verteilt. In beständiger Bewegung und Tätigkeit, durch sich selbst
flüssig und geschäftig, ist's die Ursache aller Flüssigkeit, Wärme und Bewegung.
Selbst das elektrische Principium erscheinet nur als eine Modifikation
desselben; und da alles Leben der Natur nur durch Wärme entwickelt wird und sich
durch Bewegung des Flüssigen äussert, da nicht nur der Same der Tiere durch eine
ausdehnende, reizende, belebende Kraft dem Licht ähnlich wirket, sondern man
auch bei der Besamung der Pflanzen Licht und Elektrizität bemerkt hat, so wird
in dieser alten philosophischen Kosmogonie nichts als das Licht der erste
Wirker. Und zwar kein Licht, das aus der Sonne kommt, ein Licht, das aus dem
Innern dieser organischen Masse hervorbricht, abermals der Erfahrung
gleichförmig. Nicht die Strahlen der Sonne sind's, die allen Geschöpfen das
Leben geben und nähren, mit innerer Wärme ist alles geschwängert, auch der Fels
und das kalte Eisen hat solche in sich, ja nur nach dem Mass dieses genetischen
Feuers und seiner feinern Auswirkung durch den mächtigen Kreislauf innerer
Bewegung, nur in diesem Mass ist ein Geschöpf lebendig, selbstempfindend und
tätig. Hier also ward die erste elementarische Flamme angefacht, die kein
speiender Vesuv, kein flammender Erdkörper, sondern die scheidende Kraft, der
wärmende nährende Balsam der Natur war, der alles allmählich in Bewegung setzte.
Wie unwahrer und gröber drückt sich die phönicische Tradition aus, die durch
Donner und Blitz die Naturkräfte als schlafende Tiere aufweckt; in diesem
feinern System, das gewiss von Zeit zu Zeit die Erfahrung mehr bestätigen wird,
ist das Licht der Ausbilder der Schöpfung.
    Um aber bei den folgenden Entwicklungen das Missverständnis der Tagwerke
abzusondern, erinnere ich, was jedem der blosse Anblick saget171, dass das ganze
System dieser Vorstellung einer sich selbst ausarbeitenden Schöpfung auf einer
Gegeneinanderstellung beruhe, vermöge welcher die Abteilungen sich nicht
physisch, sondern nur symbolisch sondern. Da nämlich unser Auge die ganze
Schöpfung und ihre ineinandergreifende Wirkung nicht auf einmal fassen kann, so
mussten Klassen gemacht werden, und die natürlichsten waren, dass der Himmel der
Erde und auf dieser abermals das Meer und die Erde einander entgegengesetzt
würden, ob sie gleich in der Natur ein verbundenes Reich wirkender und leidender
Wesen bleiben. Dies alte Dokument ist also die erste einfältige Tafel einer
Naturordnung, der die Benennung der Tagewerke, einem andern Zweck des Verfassers
gemäss, nur zum abteilenden Namengerüst dienet. Sobald das Licht als Auswirker
der Schöpfung da war, so musste es zu ein und derselben Zeit Himmel und Erde
auswirken. Dort läuterte es die Luft, die, als ein dünneres Wasser und nach
soviel neuern Erfahrungen als das allverbindende Vehikulum der Schöpfung, das
sowohl dem Licht als den Kräften der Wasser- und Erdwesen in tausend
Verbindungen dienet, durch kein uns bekanntes Principium der Natur als durch das
Licht oder das Elementarfeuer geläutert, d. i. zu dieser elastischen Flüssigkeit
gebracht werden konnte. Wie aber fand eine Läuterung statt, als dass sich in
mancherlei Absätzen und Revolutionen nach und nach alle gröbere Materien senkten
und dadurch Wasser und Erde sowie Wasser und Luft allmählich verschiedne
Regionen wurden? Die zweite und dritte Auswirkung gingen also durcheinander, wie
sie auch im Symbol der Kosmogonie gegeneinander stehen, Ausgeburten des ersten
Principium, des sondernden Lichts der Schöpfung. Jahrtausende ohne Zweifel haben
diese Auswirkungen gedauert, wie die Entstehung der Berge und Erdschichten, die
Aushöhlung der Täler bis zum Bett der Ströme unwidersprechlich zeigen. Drei
mächtige Wesen wirkten in diesen grossen Zeiträumen: Wasser, Luft, Feuer; jene,
die absetzten, wegbohrten, niederschlugen, dieses, das in jenen beiden und in
der sich gestaltenden Erde selbst, allentalben wo es nur konnte, organisch
wirkte.
    Abermals ein grosser Blick dieses ältesten Naturforschers, den noch zu unsrer
Zeit viele nicht zu fassen vermögen! Die innere Geschichte der Erde zeigt
nämlich, dass bei Bildung derselben die organische Kräfte der Natur allentalben
sogleich wirksam gewesen und dass, wo sich eine derselben äussern konnte, sie sich
alsobald geäussert habe. Die Erde vegetierte, sobald sie zu vegetieren vermochte,
obgleich ganze Reiche der Vegetation durch neue Absätze der Luft und des Wassers
untergehen mussten. Das Meer wimmelte von Lebendigem, sobald es dazu geläutert
gnug war, obgleich durch Überschwemmungen des Meeres Millionen dieser Lebendigen
ihr Grab finden und damit andern Organisationen zum Stoff dienen mussten. Auch
konnte in jeder Periode dieser auswirkenden Läuterungen noch nicht jedes
Lebendige jedes Elements leben; die Gattungen der Geschöpfe folgten einander,
wie sie ihrer Natur und ihrem Medium nach wirklich werden konnten Und siehe da,
alles dies fasst unser Naturweise in eine Stimme des Weltschöpfers zusammen, die,
wie sie das Licht hervorrief und damit der Luft sich zu läutern, dem Meer zu
sinken, der Erde allmählich hervorzugehen befahl, d. i. lauter wirksame Kräfte
des Naturkreises in Bewegung setzte, so auch der Erde, den Wassern, dem Staube
befiehlt, dass jedes derselben organische Wesen nach seiner Art hervorbringe und
sich die Schöpfung also durch eigne, diesen Elementen eingepflanzte organische
Kräfte selbst belebe. So spricht dieser Weise und scheuet den Anblick der Natur
nicht, den wir jetzt noch allentalben gewahr werden, wo organische Kräfte sich
ihrem Element gemäss zum Leben ausarbeiten. Nur stellet er, da doch abgeteilt
werden musste, die Reiche der Natur gesondert gegeneinander, wie der
Naturkündiger sie sondert, ob er wohl weiss, dass sie nicht abgezäunt voneinander
wirken. Die Vegetation geht voraus; und da die neuere Physik bewiesen hat, wie
sehr die Pflanzen insonderheit durch das Licht leben, so war bei wenig
abgewittertem Felsen, bei wenig hinzugespültem Schlamm unter der mächtigen Wärme
der brütenden Schöpfung schon Vegetation möglich. Der fruchtbare Schoss des Meers
folgte mit seinen Geburten und beförderte andre Vegetationen. Die von jenen
Untergegangenen und von Licht, Luft und Wasser beschwängerte Erde eilte nach und
fuhr fort, gewiss nicht alle Gattungen auf einmal zu gebären; denn sowenig das
fleischfressende Tier ohne animalische Speise leben konnte, so gewiss setzte
seine Entstehung auch den Untergang animalischer Geschlechter voraus, wie
abermals die Naturgeschichte der Erde bezeuget. Seegeschöpfe oder grasfressende
Tiere sind's, die man als Niederlagen der ersten Aeonen in den tiefern Schichten
der Erde findet, fleischfressende Tiere nicht oder selten. So wuchs die
Schöpfung in immer feinern Organisationen stufenweise hinan, bis endlich der
Mensch dasteht, das feinste Kunstgebilde der Elohim, der Schöpfung vollendende
Krone.
    Doch ehe wir vor diese Krone treten, lasset uns noch einige Meisterzüge
betrachten, die der alte Naturweise in sein Gemälde webte. Zuerst. Die Sonne und
die Gestirne bringt er nicht als Wirkerinnen in sein ausarbeitendes Rad der
Schöpfung. Er macht sie zum Mittelpunkt seines Symbols; denn allerdings erhalten
sie unsre Erde und alle organische Geburten derselben im Lauf und sind also, wie
er sagt, Könige der Zeiten; organische Kräfte selbst aber geben sie nicht und
leuchten solche nicht hernieder. Noch jetzt scheint die Sonne, wie sie im
Anfange der Schöpfung schien; sie erweckt und organisiert aber keine neuen
Geschlechter; denn auch aus der Fäulnis würde die Wärme nicht das kleinste
Lebendige entwickeln, wenn die Kraft seiner Schöpfung nicht schon zum nächsten
Übergange daselbst bereitläge. Sonne und Gestirne treten also in diesem
Naturgemälde auf, sobald sie auftreten können, da nämlich die Luft geläutert und
die Erde aufgebauet dasteht, aber nur als Zeugen der Schöpfung, als
beherrschende Regenten eines durch sich selbst organischen Kreises.
    Zweitens. Vom Anfange der Erde ist der Mond da, für mich ein schönes Zeugnis
dieses alten Naturbildes. Die Meinung derer, die ihn für einen spätern Nachbar
der Erde halten und seiner Ankunft alle Unordnungen auf und in derselben
zuschreiben, hat für mich keine Überredung. Sie ist ohne allen physischen
Erweis, indem jede scheinbare Unordnung unsres Planeten nicht nur ohne diese
Hypotese erklärt werden kann, sondern auch durch diese bessere Erklärung
Unordnung zu sein aufhöret. Offenbar nämlich konnte unsre Erde mit den
Elementen, die in der Hülle ihres Werdens lagen, nicht anders als durch
Revolutionen, ja auch durch diese kaum anders als in der Nachbarschaft des
Mondes gebildet werden. Er ist der Erde zugewogen, wie sie sich selbst und der
Sonne zugewogen ist; sowohl die Bewegung des Meeres als die Vegetation ist,
nachdem wir wenigstens das Uhrwerk unsrer Himmels- und Erdkräfte kennen, an
seinen Kreislauf gebunden.
    Drittens Fein und wahr stellt dieser Naturweise die Geschöpfe der Luft und
des Wassers in eine Klasse, und die vergleichende Anatomie hat eine
wundernswürdige Ähnlichkeit im innern Bau, insonderheit ihres Gehirns bemerkt,
als dem wahren Stufenzeiger der Organisation eines Geschöpfes. Die
Verschiedenheit der Ausbildung nämlich ist überall nach dem Medium eingerichtet,
für welches die Geschöpfe gemacht sind; bei diesen zwo Klassen also, der Luft-
und Wassergeschöpfe, muss im innern Bau dieselbe Analogie sichtbar werden, die
sich zwischen Luft und Wasser findet. Überhaupt bestätigt dies ganze lebendige
Rad der Schöpfungsgeschichte, dass, da jedes Element hervorbrachte, was es
hervorbringen konnte, und alle Elemente zum Ganzen eines Werks gehören,
eigentlich auch nur eine organische Bildung auf unserm Planeten habe sichtbar
werden können, die vom niedrigsten der Lebendigen anfängt und sich beim letzten
edelsten Kunstwerk der Elohim vollendet.
    Mit Freude und Verwunderung trete ich also vor die reiche Beschreibung der
Menschenschöpfung; denn sie ist der Inhalt meines Buchs und glücklicherweise
auch dessen Siegel. Die Elohim ratschlagen miteinander und drücken dieser
Ratschlagung Bild in den werdenden Menschen: Verstand und Überlegung also ist
sein auszeichnender Charakter. Sie bilden ihn zu ihrem Gleichnis, und alle
Morgenländer setzen dies vorzüglich in der aufgerichteten Gestalt des Körpers.
Ihm ward der Charakter eingeprägt, zu herrschen über die Erde; seiner Gattung
also ward der organische Vorzug gegeben, sie allentalben erfüllen zu können und
als das fruchtbarste Geschöpf unter den edlern Tieren in allen Klimaten als
Stellvertreter der Elohim, als sichtbare Vorsehung, als wirkender Gott zu leben.
Siehe da die älteste Philosophie der Menschengeschichte.
    Und nun, da das Rad des Werdens bis zur letzten herrschenden Triebfeder
vollendet war, ruhete Elohim und schuf nicht weiter; ja, er ist auf dem
Schauplatz der Schöpfung so verborgen, als ob alles sich selbst hervorgebracht
hätte und in notwendigen Generationen ewig also gewesen wäre. Das letzte findet
nicht statt, da der Bau der Erde und die aufeinander gegründete Organisation der
Geschöpfe gnugsam beweiset, dass alles Irdische als ein Kunstgebäude einen Anfang
genommen und sich vom Niedrigern zum Höheren hinaufgearbeitet habe; wie aber nun
das Erste? Warum schloss sich die Werkstätte der Schöpfung und weder das Meer
noch die Erde wallet jetzt von neuen Gattungen lebendiger Wesen auf, so dass die
Schöpfungskraft zu ruhen scheinet und nur durch die Organe festgestelleter
Ordnungen und Geschlechter wirket? Unser Naturweise gibt uns mit dem wirkenden
Wesen, das er zur Triebfeder der ganzen Schöpfung macht, auch hierüber
physischen Aufschluss. Wenn es das Licht oder Feuerelement war, was die Masse
trennte, den Himmel erhol, die Luft elastisch machte und die Erde bis zur
Vegetation bereitete: es gestaltete die Samen der Dinge und organisierte sich
vom niedrigsten bis zum feinsten Leben hinauf; vollendet war also die Schöpfung,
da nach dem Wort des Ewigen, d. i. nach seiner ordnenden Weisheit, diese
Lebenskräfte verteilt waren und alle Gestalten angenommen hatten, die sich auf
unserm Planeten erhalten konnten und sollten. Die rege Wärme, mit der der
brütende Geist über den Wassern der Schöpfung schwebte und die sich schon in den
unterirdischen frühern Gebilden, ja in ihnen mit einer Fülle und Kraft
offenbart, mit der jetzt weder Meer noch Erde etwas hervorzubringen vermögen,
diese Urwärme der Schöpfung, sage ich, ohne welche damals sich sowenig etwas
organisieren konnte, als sich jetzt ohne genetische Wärme etwas organisieret,
sie hatte sich allen Ausgeburten, die wirklich wurden, mitgeteilt und ist noch
jetzt die Triebfeder ihres Wesens. Welche unendliche Menge groben Feuers z. B.
riss die Steinmasse unsrer Erde an sich, die noch in ihr schläft oder wirket, wie
alle Vulkane alle brennbare Mineralien, ja jeder geschlagene kleine Kiesel
beweiset! Dass Brennbares in der ganzen Vegetation sei und dass das animalische
Leben sich bloss mit der Verarbeitung dieses Feuerstoffs beschäftige, ist durch
eine Menge neuerer Versuche und Erfahrungen bewiesen, so dass der ganze lebendige
Kreislauf der Schöpfung der zu sein scheint, dass das Flüssige fest und das Feste
flüssig, das Feuer entwickelt und wieder gebunden, die lebendigen Kräfte mit
Organisationen beschränkt und wieder befreit werden. Da nun die Masse, die der
Ausbildung unsrer Erde bestimmt war, ihre Zahl, ihr Mass, ihr Gewicht hatte, so
musste auch die innere, sie durchwirkende Triebfeder ihren Kreis finden. Die
ganze Schöpfung lebt jetzt voneinander; das Rad der Geschöpfe läuft umher, ohne
dass es hinzutue; es zerstört und bauet in den genetischen Schranken, in die es
der erste schaffende Zeitraum gesetzt hat. Die Natur ist gleichsam durch die
Gewalt des Schöpfers vollendete Kunst worden und die Macht der Elemente in einen
Kreislauf bestimmter Organisationen gebunden, aus dem sie nicht weichen kann,
weil der bildende Geist sich allem einverleibt hat, dem er sich einverleiben
konnte. Dass nun aber ein solches Kunstwerk nicht ewig bestehen könne, dass der
Kreislauf, der einen Anfang gehabt hat, notwendig auch ein Ende haben müsse, ist
Natur der Sache. Die schöne Schöpfung arbeitet sich zum Chaos, wie sie aus einem
Chaos sich herausarbeitete; ihre Formen nützen sich ab; jeder Organismus
verfeint sich und altert. Auch der grosse Organismus der Erde muss also sein Grab
finden, aus dem er, wenn seine Zeit kommt, zu einer neuen Gestalt emporsteigt.
 
                                       VI
Fortsetzung der ältesten Schrifttradition über den Anfang der Menschengeschichte
    Gefallen meinem Leser die reinen Ideen dieser alten Tradition, die ich ohne
Hypotese oder Verzierung dahingestellt habe, so lasset uns dieselbe verfolgen,
wenn wir zuvor noch auf das Ganze dieses Schöpfungsgemäldes einen Blick geworfen
haben. Wodurch zeichnet es sich vor allen Märchen und Traditionen der höheren
Asiaten so einzig aus? Durch Zusammenhang, Einfalt und Wahrheit. So manchen Keim
der Physik und Geschichte jene entalten, so liegt alles, wie es durch die
Übergabe der ungeschriebenen oder dichtenden Priester- und Volkstradition werden
musste, wild durcheinander, ein fabelhaftes Chaos wie beim Anfange der
Weltschöpfung. Dieser Naturweise hat das Chaos überwunden und stellt uns ein
Gebäude dar, das in seiner Einfalt und Verbindung der ordnungreichen Natur
selbst nachahmet. Wie kam er zu dieser Ordnung und Einfalt? Wir dörfen ihn nur
mit den Fabeln andrer Völker vergleichen, so sehen wir den Grund seiner reinern
Philosophie der Erd- und Menschengeschichte.
    Erstens. Alles für Menschen Unbegreifliche, ausser ihrem Gesichtskreis
Liegende liess er weg und hielt sich an das, was wir mit Augen sehen und mit
unserm Gedächtnis umfassen können. Welche Frage z. B. hat mehr Streit erreget
als die über das Alter der Welt, über die Zeitdauer unsrer Erde und des
Menschengeschlechtes? Man hat die asiatischen Völker mit ihren unendlichen
Zeitrechnungen für unendlich klug, die Tradition, von der wir reden, für
unendlich kindisch gehalten, weil sie, wie man sagt, gegen alle Vernunft, ja
gegen das offenbare Zeugnis des Erdbaues mit der Schöpfung wie mit einer
Kleinigkeit dahineilet und das Menschengeschlecht so jung machte. Mich dünkt,
man tue ihr hierin offenbar Unrecht. Wenn Moses wenigstens der Sammler dieser
alten Traditionen war, so konnten ihm, dem gelehrten Ägyptier, jene Götter-und
Halbgötter-Aeonen nicht unbekannt sein, mit denen dieses Volk, wie alle Nationen
Asiens, die Geschichte der Welt anfingen. Warum webte er sie also seinen
Nachrichten nicht ein? Warum rückte er ihnen gleichsam zum Trotz und zur
Verachtung die Weltentstehung in das Symbol des kleinsten Zeitlaufs zusammen?
Offenbar, weil er jene abschneiden und als unnütze Fabel aus dem Gedächtnis der
Menschen hinwegbringen wollte. Mich dünkt, er handelte hierin weise; denn
jenseit der Grenzen unsrer ausgebildeten Erde, d. i. vor Entstehung des
Menschengeschlechts und seiner zusammenhangenden Geschichte, gibt es für uns
keine Zeitrechnung, die diesen Namen verdiene. Lasset Buffon seinen sechs ersten
Epochen der Natur Zahlen geben, wie gross er sie wolle, von 26000, von 35000, von
15-20000, von 10000 Jahren u. f.; der menschliche Verstand, der seine Schranken
fühlet, lacht über diese Zahlen der Einbildungskraft, gesetzt, dass er auch die
Entwicklung der Epochen selbst wahr fände, noch weniger aber wünscht das
historische Gedächtnis sich mit ihnen zu beschweren. Nun sind die ältesten
ungeheuren Zeitrechnungen der Völker offenbar von dieser buffonschen Art; sie
laufen nämlich in Zeitalter, da die Götter- und Weltkräfte regiert haben, also
in die Zeiten der Erdbildung hinüber, wie solche diese Nationen, die ungeheure
Zahlen sehr liebten, entweder aus Himmelsrevolutionen oder aus halbverstandnen
Symbolen der ältesten Bildertradition zusammensetzten. So hat unter den Ägyptern
Vulkan, der Schöpfer der Welt, unendlich lange, sodann die Sonne, Vulkanus Sohn,
30000, sodann Saturn und die übrigen zwölf Götter 3984 Jahre regiert, ehe die
Halbgötter und späterhin die Menschen folgten. Ein gleiches ist's mit den höhern
asiatischen Schöpfungs- und Zeittraditionen. 3000 Jahre regierte bei den Parsen
das himmlische Heer des Lichts ohne Feinde; 3000 folgten, bis die Wundergestalt
des Stiers erschien, aus dessen Samen erst die Geschöpfe und am spätsten Meschia
und Meschiana, Mann und Weib, entstanden. Das erste Zeitalter der Tibetaner, da
die Lahen regierten, ist unendlich, das zweite von 80, das dritte von 40, das
vierte von 20 Jahrtausenden eines Lebensalters, von denen dies bis zu 10 Jahren
hinab- und denn allmählich wieder hinaufsteigen wird zum Zeitalter der 80000
Jahre. Die Perioden der Indier voll Verwandlungen der Götter und der Sineser
voll Verwandlungen ihrer ältesten Könige steigen noch höher hinauf:
Unendlichkeiten, mit denen nichts getan werden konnte, als dass Moses sie
wegschnitt, weil sie nach dem Bericht der Traditionen selbst zur Erdschöpfung,
nicht aber zu unsrer Menschengeschichte gehören.
    Zweitens. Streitet man also, ob die Welt jung oder alt sei, so haben beide
recht, die da streiten. Der Fels unsrer Erde ist sehr alt, und die Bekleidung
desselben hat lange Revolutionen erfodert, über die kein Streit stattfindet.
Hier lässt Moses einem jeden Freiheit, Epochen zu dichten, wie er will, und mit
den Chaldäern den König Alorus, das Licht, Uranus, den Himmel, Gea, die Erde,
Helios, die Sonne, u. f. regieren zu lassen, solange man begehret. Er zählet gar
keine Epochen dieser Art und hat, um ihnen vorzubeugen, sein
ineinandergreifendes, systematisches Gemälde gerade im leichtsten Zyklus einer
Erdumwälzung dahingestellet. Je älter aber diese Revolutionen sind und je länger
sie daureten, desto jünger muss notwendig das menschliche Geschlecht sein, das,
nach allen Traditionen und nach der Natur der Sache selbst, erst als die letzte
Ausgeburt der vollendeten Erde stattfand. Ich danke also jenem Naturweisen für
diesen kühnen Abschnitt der alten ungeheuren Fabel; denn meinem Fassungskreise
gnügt die Natur, wie sie da ist, und die Menschheit, wie sie jetzt lebet.
    Auch bei der Schöpfung des Menschen wiederholet die Sage172, dass sie
geschehen sei, da sie der Natur nach geschehen konnte. »Als auf der Erde«, fährt
sie ergänzend fort, »weder Kräuter noch Bäume waren, konnte der Mensch, den die
Natur zum Bau derselben bestimmt hatte, noch nicht leben; noch stieg kein Regen
nieder, aber Nebel stiegen auf, und aus einer solchen mit Tau befeuchteten Erde
ward er gebildet und mit dem Atem der Lebenskraft zum lebendigen Wesen belebet.«
Mich dünkt, die einfache Erzählung sagt alles, was auch nach allen Erforschungen
der Physiologie Menschen von ihrer Organisation zu wissen vermögen. Im Tode wird
unser künstliches Gebäu in Erde, Wasser und Luft aufgelöset, die in ihm jetzt
organisch gebunden sind; die innere Ökonomie des animalischen Lebens aber hangt
von dem verborgnen Reiz oder Balsam im Element der Luft ab, der den
vollkommenern Lauf des Bluts, ja den ganzen innern Zwist der Lebenskräfte unsrer
Maschine in Bewegung setzt, und so wird wirklich der Mensch durch den lebendigen
Odem zur regsamen Seele. Durch ihn erhält und äussert er die Kraft, Lebenswärme
zu verarbeiten und als ein sich bewegendes, empfindendes, denkendes Geschöpf zu
handeln. Die älteste Philosophie ist mit den neuesten Erfahrungen hierüber
einig.
    Ein Garten war der erste Wohnsitz des Menschen, und auch dieser Zug der
Tradition ist, wie ihn immer nur die Philosophie ersinnen könnte. Das
Gartenleben ist das leichteste für die neugeborne Menschheit; denn jedes andre,
zumal der Ackerbau, fodert schon mancherlei Erfahrungen und Künste. Auch zeigt
dieser Zug der Tradition, was die ganze Anlage unsrer Natur beweiset, dass der
Mensch nicht zur Wildheit, sondern zum sanften Leben geschaffen sei und also, da
der Schöpfer den Zweck seines Geschöpfs am besten kannte, den Menschen, wie alle
andre Wesen gleichsam in seinem Element, im Gebiet der Lebensart, für die er
gemacht ist, erschaffen habe. Alle Verwilderung der Menschenstämme ist
Entartung, zu der sie die Not, das Klima oder eine leidenschaftliche Gewohnheit
zwang; wo dieser Zwang aufhöret, lebet der Mensch überall auf der Erde sanfter,
wie die Geschichte der Nationen beweiset. Nur das Blut der Tiere hat den
Menschen wild gemacht, die Jagd, der Krieg und leider auch manche Bedrängnisse
der bürgerlichen Gesellschaft. Die älteste Tradition der frühesten Weltvölker
weiss nichts von jenen Waldungeheuern, die als natürliche Unmenschen
jahrtausendelang mordend umhergestreift und dadurch ihren ursprünglichen Beruf
erfüllet hätten. Erst in entlegnen, rauheren Gegenden, nach weiten Verirrungen
der Menschen fangen diese wilden Sagen an, die der spätere Dichter gern ausmalte
und denen zuletzt der kompilierende Geschichtschreiber, dem Geschichtschreiber
aber der abstrahierende Philosoph folgte.
    Abstraktionen aber geben sowenig als das Gemälde der Dichter eine wahre
Urgeschichte der Menschheit.
    Wo lag nun aber der Garten, in den der Schöpfer sein sanftes wehrloses
Geschöpf setzte? Da diese Sage aus dem westlichen Asien ist, so setzt sie ihn
ostwärts »höher hinauf gen Morgen, auf eine Erdhöhe, aus der ein Strom brach,
der sich von da aus in vier grosse Hauptströme teilte«.173 Unparteiischer kann
keine Tradition erzählen; denn da jede alte Nation sich so gern für die
erstgeborne und ihr Land für den Geburtsort der Menschheit hielt, so rückt diese
hingegen das Urland weit hinauf an den höchsten Rücken der bewohnten Erde. Und
wo ist diese Höhe der Erde? Wo entspringen die genannten vier Ströme aus einem
Quell oder Strom, wie die Urschrift deutlich saget? In unsrer Erdbeschreibung
nirgend, und es ist vergeblich, dass man die Namen der Flüsse tausendfach
martere, da ein unparteiischer Blick auf die Weltkarte uns lehrt, dass nirgend
auf Erden der Euphrat mit drei andern Strömen aus einem Quell oder Strom
entspringe. Erinnern wir uns aber an die Traditionen aller höhern asiatischen
Völker, so treffen wir dies Paradies der höchsten Erdhöhe mit seinem lebendigen
Urquell, mit seinen die Welt befruchtenden Strömen in ihnen allen an. Sineser
und Tibetaner, Indier und Perser reden von diesem Urberge der Schöpfung, um den
die Länder, Meere und Inseln gelagert sind und von dessen Himmelhöhe der Erde
ihre Ströme geschenkt wurden. Ohne Physik ist diese Sage keineswegs; denn ohne
Berge konnte unsre Erde kein lebendiges Wasser haben, und dass alle Ströme Asiens
von dieser Erdhöhe fliessen, zeigt die Karte. Auch geht die Sage, die wir
erklären, alles Fabelhafte der paradiesischen Ströme vorbei und nennet vier der
weltbekanntesten, die von den Gebürgen Asiens fliessen. Freilich fliessen sie
nicht aus einem Strom; dem späten Sammler dieser Traditionen indes mussten sie
gnug sein, den Ursitz der Menschen in einer ihm fernen Ostwelt zu bezeichnen.
    Und da ist wohl kein Zweifel, dass dieser Ursitz ihm eine Gegend zwischen den
indischen Bergen sein sollte. Das gold- und edelsteinreiche Land, das er nennet,
ist schwerlich ein anderes als Indien, das von alters her dieser Schätze wegen
bekannt war Der Fluss, der es umströmt, ist der sich krümmende, heilige Ganges174
; das ganze Indien erkennt ihn für den Strom des Paradieses. Dass Gihon der Oxus
sei, ist unleugbar: die Araber nennen ihn noch also, und Spuren des Landes, das
er umfliessen soll, sind uns noch in mehreren benachbarten indischen Namen übrig
175. Die beiden letzten Ströme endlich, der Tigris und Euphrat, fliessen freilich
sehr weit westwärts; da aber der Sammler dieser Traditionen am westlichen Ende
Asiens lebte, so verloren sich ihm notwendig diese Gegenden schon in die weite
Ferne, und es ist möglich, dass der dritte Strom, den er nennet, gar einen
östlichern Tigris, den Indus, bedeuten sollte176. Es war nämlich die Gewohnheit
aller sich verpflanzenden, alten Völker, die Sagen vom Berge der Urwelt, den
Bergen und Strömen ihres neuen Landes zuzueignen und solche durch eine
Lokalmytologie zu nationalisieren, wie von den medischen Gebürgen an bis zum
Olympus und Ida gezeigt werden könnte. Nach seiner Lage also konnte der Sammler
dieser Traditionen nicht anders als den weitsten Strich bezeichnen, den ihm die
Sage darbot. Der Indier am Paropamisus, der Perser am Imaus, der Iberier am
Kaukasus war darunter begriffen, und jeder war im Besitz, sein Paradies an den
Teil der Bergstrecke zu legen, den ihm seine Tradition wies. Unsre Sage indes
winkt eigentlich auf die älteste der Traditionen; denn sie setzt ihr Paradies
über Indien und gibt die andern Strecken nur zur Zugabe. Wie nun? Wenn ein
glückliches Tal wie Kaschmire, beinah im Mittelpunkt dieser Ströme gelegen,
ringsum von Bergen ummauert, sowohl wegen seiner gesunden erquickenden Wasser
als wegen seiner reichen Fruchtbarkeit und Freiheit von wilden Tieren berühmt,
ja noch bis jetzt wegen seines schönen Menschenstammes als das Paradies des
Paradieses gepriesen, wenn ein solches der Ursitz unsres Geschlechts gewesen
wäre? Doch der Verfolg wird zeigen, dass alle Nachspähungen dieser Art auf unsrer
jetzigen Erde vergeblich sind; wir bemerken also die Gegend so unbestimmt, wie
sie die Tradition bezeichnet, und folgen dem Faden ihrer Erzählung weiter.
    Von allen Wunderdingen und Abenteuergestalten, womit die Sage des gesamten
Asiens ihr Paradies der Urwelt reich besetzte, hat diese Tradition nichts als
zwei Wunderbäume, eine sprechende Schlange und einen Cherub; die unzählbare
Menge der andern sondert der Philosoph ab, und auch jene kleidet er in eine
bedeutungsvolle Erzählung. Ein einziger verbotener Baum ist im Paradiese, und
dieser Baum trägt in der Überredung der Schlange die Frucht der Götterweisheit,
nach der dem Menschen gelüstet. Konnte er nach etwas Höherem gelüsten? Konnte er
auch in seinem Fall mehr geadelt werden? Man vergleiche, auch nur als Allegorie
betrachtet, die Erzählung mit den Sagen andrer Nationen; sie ist die feinste und
schönste, ein symbolisches Bild von dem, was unserm Geschlecht von jeher alles
Wohl und Weh brachte. Unser zweideutiges Streben nach Erkenntnissen, die uns
nicht ziemen, der lüsterne Gebrauch und Missbrauch unsrer Freiheit, die unruhige
Erweiterung und Übertretung der Schranken, die einem so schwachen Geschöpf, das
sich selbst zu bestimmen erst lernen soll, durch moralische Gebote not wendig
gesetzt werden mussten: dies ist das feurige Rad, unter dem wir ächzen und das
jetzt doch beinah den Zirkel unsres Lebens ausmacht. Der alte Philosoph der
Menschengeschichte wusste dies, wie wir's wissen, und zeigt uns den Knoten davon
in einer Kindergeschichte, die fast alle Enden der Menschheit zusammenknüpfet.
Auch der Indier erzählt von Riesen, die nach der Speise der Unsterblichkeit
gruben; auch der Tibetaner spricht von seinen durch eine Missetat
herabgesunkenen Laben; nichts aber, dünkt mich, reicht an die reine Tiefe, an
die kindliche Einfalt dieser Sage, die nur soviel Wunderbares behält, als zur
Bezeichnung ihrer Zeit und Gegend gehöret. Alle Drachen und Wundergestalten des
über die asiatischen Gebürge sich erstreckenden uralten Feenlandes, der Simurgh
und Soham, die Lahen, Dewetas, Dschins, Divs und Peris, eine in tausend
Erzählungen von Dschinnistan, Righiel, Meru, Albordj u. f. weit verbreitete
Mytologie dieses Weltteils, alle diese Abenteuer verschwinden in der ältesten
Tradition der Schriftsprache, und nur der Cherub hält Wache an den Pforten des
Paradieses.
    Dagegen erzählt diese lehrende Geschichte, dass die erstgeschaffenen Menschen
mit den unterweisenden Elohim im Umgange gewesen, dass sie unter Anleitung
derselben durch Kenntnis der Tiere sich Sprache und herrschende Vernunft
erworben, dass, da der Mensch ihnen auch auf eine verbotene Art in Erkenntnis des
Bösen gleich werden wollen, er diese mit seinem Schaden erlangt und von nun an
einen andern Ort eingenommen, eine neue künstlichere Lebensart angefangen habe,
lauter Züge der Tradition, die hinter dem Schleier einer Fabelerzählung mehr
menschliche Wahrheit verbergen als grosse Lehrgebäude vom Naturzustande der
Autochtonen. Sind, wie wir gesehen haben, die Vorzüge des Menschengeschlechts
ihm nur als Fähigkeit angeboren, eigentlich aber durch Erziehung, Sprache,
Tradition und Kunst erworben und herabgeerbt worden, so gehn die Fäden dieser
ihm angebildeten Humanität aus allen Nationen und Weltenden nicht nur in einen
Ursprung zusammen, sondern wenn das Menschengeschlecht, was es ist, werden
sollte, mussten sie sich gleich vom Anfange an künstlich knüpfen. Sowenig ein
Kind jahrelang hingeworfen und sich selbst überlassen sein kann, ohne dass es
untergehe oder entarte, sowenig konnte das menschliche Geschlecht in seinem
ersten keimenden Spross sich selbst überlassen werden. Menschen, die einmal
gewohnt waren, wie Orang-Utangs zu leben, werden nie durch sich selbst gegen
sich selbst arbeiten und aus einer sprachlosen, verhärteten Tierheit zur
Menschheit übergehen lernen. Wollte die Gotteit also, dass der Mensch Vernunft
und Vorsicht übte, so musste sie sich seiner auch mit Vernunft und Vorsicht
annehmen. Erziehung, Kunst, Kultur war ihm vom ersten Augenblick seines Daseins
an unentbehrlich; und so ist uns der spezifische Charakter der Menschheit selbst
für die innere Wahrheit dieser ältesten Philosophie unsrer Geschichte Bürge.177
 
                                      VII
  Schluss der ältesten Schrifttradition über den Anfang der Menschengeschichte
    Das Übrige, was uns diese alte Sage von Namen, Jahren, Erfindung der Künste,
Revolutionen u. f. aufbehalten hat, ist in allem die Echo einer
Nationalerzählung Wir wissen nicht, wie der erste Mensch geheissen noch welche
Sprache er geredet habe; denn Adam heisst ein Erdmann, Eva eine Lebendige in der
Sprache dieses Volks: ihre Namen sind Symbole ihrer Geschichte, und jedes andre
Volk nennet sie mit andern bedeutenden Namen. Die Erfindungen, auf die hier
Rücksicht genommen wird, sind nur die, die ein Hirten- und Ackervolk des
westlichern Asiens betrafen, und auch über sie gibt die Tradition abermals
nichts als Namendenkmale. Der dauernde Stamm, heisst es, daurete; der Besitzer
besass; um den getrauert ward, der war ermordet; in solchen Wort-Hieroglyphen
ziehet sich der Stammbaum zweier Lebensarten, der Hirten und Ackerleute oder
Höhlenbewohner hinunter. Die Geschichte der Setiten und Kainiten ist im Grunde
nichts als eine Beurkundung der zwo ältesten Lebensweisen, die die arabische
Sprache Beduinen und Kabylen nennt178 und die sich noch jetzt im Orient mit
widriger Neigung voneinander scheiden. Die Geschlechtssage eines Hirtenvolks
dieser Gegend wollte nichts anders als diese Kasten bemerken.
    Ein gleiches ist's mit der sogenannten Sündflut. Denn so gewiss auch nach der
Naturgeschichte die bewohnte Erde gewaltsam überschwemmet worden, von welcher
Überschwemmung insonderheit Asien unleugbare Spuren trägt, so ist doch, was uns
durch diese Sage zukommt, nicht mehr und minder als eine Nationalerzählung. Mit
grosser Vorsicht rückt der Sammler mehrere Traditionen zusammen179 und liefert
sogar die Tageschronik, die sein Stamm von dieser fürchterlichen Revolution
besass; auch der Ton der Erzählung ist so ganz in der Denkart dieses Stammes, dass
es sie missbrauchen hiesse, wenn man sie aus den Schranken rückte, in denen sie
eben ihre Glaubwürdigkeit findet. Wie sich eine Familie dieses Volks mit einem
reichen Haushalt rettete, so konnten sich unter andern Völkern auch andre
Familien gerettet haben, wie die Traditionen derselben beweisen. So rettete sich
in Chaldäa Xisutrus mit seinem Geschlecht und einer Anzahl von Tieren (ohne
welche damals die Menschen nicht lebten) fast auf die nämliche Weise, und in
Indien war Wischnu selbst das Steuerruder des Schiffs, das die Bekümmerten ans
Land brachte. Dergleichen Sagen gibt's bei allen alten Völkern dieses Weltteils,
bei jedem nach seiner Tradition und Gegend, und so überzeugend sie sind, dass die
Überschwemmung, von der sie reden, in Asien allgemein gewesen, so helfen sie uns
zugleich auf einmal aus der Enge, in die wir uns unnötig zwangen, wenn wir jeden
Umstand einer Familiengeschichte ausschliessend für die Geschichte der Welt
nahmen und damit dieser Geschichte selbst ihre gegründete Glaubwürdigkeit
entzogen.
    Nicht anders ist's mit der Geschlechtstafel dieser Stämme nach der
Überschwemmung: sie hält sich in den Schranken ihrer Völkerkunde und ihres
Erdstrichs, über den sie nach Indien, Sina, die östliche Tatarei u. f. nicht
hinausschweifet. Die drei Hauptstämme der Geretteten sind offenbar die Völker
jenseit und diesseit des westlichen asiatischen Gebürges, mit einbegriffen die
obern Küsten von Afrika und die östlichen von Europa, soweit sie dem Sammler der
Tradition bekannt waren.180 Er leitet sie ab, so gut er kann, und sucht sie mit
seiner Geschlechtstafel zu binden, nicht aber gibt er uns damit eine allgemeine
Landkarte der Welt oder eine Genealogie aller Völker. Die vielfache Mühe, die
man sich gegeben hat, sämtliche Nationen der Erde nach diesem Stammbaum zu
Abkömmlingen der Ebräer und zu Halbbrüdern der Juden zu machen, widerspricht
nicht nur der Zeitrechnung und der gesamten Völkergeschichte, sondern dem
Standpunkt dieser Erzählung selbst, die sie durch dergleichen Übertreibungen
fast ganz um ihren Glauben gebracht hat. Allentalben am Urgebürge der Welt
bilden sich nach der Überschwemmung Völker, Sprachen und Reiche, ohne auf die
Gesandtschaft einer Familie aus Chaldäa zu warten; und im östlichen Asien, wo
der Ursitz der Menschen und also auch die stärkste Bewohnung der Welt war, sind
ja noch jetzt offenbar die ältesten Einrichtungen, die ältesten Gebräuche und
Sprachen, von denen dieser westliche Stammbaum eines spätern Volks nichts wusste
und wissen konnte. Es ist ebenso fremde, zu fragen, ob der Sinese von Kain oder
Abel, d. i. aus einer Troglodyten-, Hirten- oder Ackerkaste abstamme, als wo das
amerikanische Faultier im Kasten Noah gehangen habe. Doch dergleichen
Erläuterungen darf ich mich hier nicht überlassen; ja selbst die Untersuchung
eines für unsre Geschichte so wichtigen Punkts als die Verkürzung der
menschlichen Lebensjahre und die genannte grosse Überschwemmung selbst ist, muss
einen andern Ort erwarten. Gnug! der feste Mittelpunkt des grössesten Weltteils,
das Urgebürge Asiens, hat dem Menschengeschlecht den ersten Wohnplatz bereitet
und sich in allen Revolutionen der Erde fest erhalten. Mitnichten erst durch die
Sündflut aus dem Abgrunde des Meers emporgestiegen, sondern sowohl der
Naturgeschichte als der ältesten Tradition zufolge das Urland der Menschheit,
ward es der erste grosse Schauplatz der Völker, dessen lehrreichen Anblick wir
jetzt verfolgen.
 
                                  Dritter Teil
    Ardua res est, vetustis novitatem dare, novis auctoritatem, obsoletis
nitorem, obscuris lucem, fastiditis gratiam, dubiis fidem, omnibus vero naturam
et naturae suae omnia. Itaque etiam non assecutis, voluisse abunde pulchrum et
magnificum est.
                                                                           Plin.
    Es ist sehr schwierig, alten Sachen Neuheit, neuen das Ansehen des
Altertums, verrosteten Glanz, dunkeln Licht widerlichen Reiz, zweifelhaften
Glaubwürdigkeit, allen aber Natur zu verleihen und jegliches nach seiner
Eigentümlichkeit darzustellen. Deshalb ist, auch wenn das Ziel nicht erreicht
ist, die Absicht schon etwas sehr Schönes und Rühmliches.
                                      Plinius, »Naturgeschichte«, Vorrede, § 15.
 
                                  Elftes Buch
    Südwärts am Fuss der grossen asiatischen Gebürge haben sich soviel uns aus der
Geschichte bekannt ist, die ältesten Reiche und Staaten der Welt gebildet; auch
gibt uns die Naturgeschichte dieses Weltteils Ursachen an die Hand, warum sie
sich nicht sowohl nord- als südwärts bilden konnten. Der dürftige Mensch folgt
mit seinem irdischen Dasein so gern der milderen Sonnenwärme; denn diese muss für
ihn die Erde decken und die Gewächse zu wohltätigen Früchten reifen. In
Nordasien jenseit der Gebürge sind die meisten Striche viel höher und kälter;
verschlungener ziehen sich die Bergketten hin und her und trennen die
Erdregionen sehr oft durch Schneegipfel, Steppen und Wüsten; wenigere Ströme
wässern das Land und ergiessen sich endlich in ein Eismeer, dessen wüste Ufer die
Wohnung der Renntiere und weissen Bären, nur späte Bewohner zu sich locken
konnten. In diesem hohen, zerschnittenen, steilabhängigen Lande, der Steppen-
und Bergregion unsrer Alten Welt, mussten also lange Zeit, und in manchen
Strichen vielleicht immer, Sarmaten und Scyten, Mongolen und Tatern, halbwilde
Jäger und Nomaden wohnen. Das Bedürfnis und die Gegend machte die Menschen
barbarisch; eine einmal gewohnte gedankenlose Lebensart befestigte sich in den
abgetrennten oder umherziehenden Stämmen und bildete bei roheren Sitten jenen
beinah ewigen Nationalcharakter, der alle nordasiatischen Stämme von den
südlichen Völkern so ganz unterscheidet. Wie dieser mildere Gebürgstrich eine
fortdauernde Arche Noah, ein lebendiger Tiergarten fast aller wilden Gattungen
unsres Hemisphärs ist, so mussten seine Anwohner auch lange die Mitgenossen
dieser Tiere, ihre milden Hirten oder ihre wilden Bezähmer bleiben.
    Nur wo sich südwärts Asien sanfter hinabsenkt, wo die Gebürgketten mildere
Täler umschliessen und sie vor den kalten Nordostwinden sichern, hier war's, wo
insonderheit Ströme die herabziehenden Kolonien allmählich bis zum Ufer des
Meers leiteten, sie in Städte und Länder sammelten und ein leichteres Klima auch
feinere Gedanken und Anordnungen weckte. Zugleich schoss, da die Natur dem
Menschen mehr Musse gab und mehrere seiner Triebe angenehm reizte, sein Herz in
Leidenschaften und Unarten aus, die unter dem nordischen Druck des Eises und der
Not sich nicht in so fröhlichem Unkraut zeigen konnten; mitin wurden mehrere
Gesetze und Anstalten zu Einschränkung dieser Triebe nötig. Der Geist ersann,
und das Herz begehrte; die Leidenschaften der Menschen stürmten wild aneinander
und mussten sich endlich selbst beschränken lernen. Da aber, was die Vernunft
noch nicht tun kann, der Despotismus tun muss, so entstanden im südlichen Asien
jene Gebäude der Polizeien und Religionen, die uns wie Pyramiden und
Götzentempel der Alten Welt in ewigen Traditionen dastehn: schätzbare Denkmale
für die Geschichte der Menschheit, die uns in jeder Trümmer zeigen, wieviel der
Bau der Menschenvernunft unserm Geschlecht gekostet habe.
 
                                       I
                                      Sina
    Im östlichen Winkel Asiens unter dem Gebürge liegt ein Land, das an Alter
und Kultur sich selbst das Erste aller Länder, die Mittelblume der Welt nennet,
gewiss aber eins der ältesten und merkwürdigsten ist: Sina. Kleiner als Europa,
rühmet es sich einer grössern Anzahl Einwohner, als in Verhältnis dieser
volkreiche Weltteil hat; denn es zählet in sich über 25 Millionen und zweimal
Hunderttausend steuernde Ackerleute, 1572 grosse und kleine Städte, 1193
Kastelle, 3158 steinerne Brücken, 2796 Tempel, 2606 Klöster, 10809 alte Gebäude
u. f.181, welche alle von den 18 Stattalterschaften, in welche das Reich
geteilt ist, samt Bergen und Flüssen, Kriegsleuten und Gelehrten, Produkten und
Waren in langen Verzeichnissen jährlich aufgestellt werden. Mehrere Reisende
sind darüber einig, dass ausser Europa und etwa dem alten Ägypten wohl kein Land
so viel an Wege und Ströme, an Brücken und Kanäle, selbst an künstliche Berge
und Felsen gewandt habe als Sina, die, nebst der Grossen Mauer, alle doch vom
geduldigen Fleiss menschlicher Hände zeugen. Von Kanton bis nahe bei Peking kommt
man zu Schiff, und so ist das ganze mit Bergen und Wüsten durchschnittene Reich
durch Landstrassen, Kanäle und Ströme mühsam verbunden; Dörfer und Städte
schwimmen auf Flüssen, und der innere Handel zwischen den Provinzen ist reg und
lebendig. Der Ackerbau ist die Grundsäule ihrer Verfassung: man spricht von
blühenden Getreide- und Reisfeldern, von künstlich gewässerten Wüsten, von urbar
gemachten wilden Gebürgen; an Gewächsen und Kräutern wird gepflegt und genutzt,
was genutzt werden kann; so auch Metalle und Mineralien, ausser dem Golde, das
sie nicht graben. Tierreich ist das Land, fischreich die Seen und Ströme; der
einzige Seidenwurm ernährt viele Tausende fleissiger Menschen. Arbeiten und
Gewerbe sind für alle Klassen des Volks und für alle Menschenalter, selbst für
Abgelebte, Blinde und Taube. Sanftmut und Biegsamkeit, gefällige Höflichkeit und
anständige Gebärden sind das Alphabet, das der Sinese von Kindheit auf lernt und
durch sein Leben hin unablässig übet. Ihre Polizei und Gesetzgebung ist
Regelmässigkeit und genau bestimmte Ordnung. Das ganze Staatsgebäude in allen
Verhältnissen und Pflichten der Stände gegeneinander ist auf die Ehrerbietung
gebauet, die der Sohn dem Vater und alle Untertanen dem Vater des Landes
schuldig sind, der sie durch jede ihrer Obrigkeiten wie Kinder schützt und
regieret: könnte es einen schönern Grundsatz der Menschenregierung geben? Kein
erblicher Adel; nur Adel des Verdienstes soll gelten in allen Ständen; geprüfte
Männer sollen zu Ehrenstellen kommen, und diese Ehrenstellen allein geben Würde.
Zu keiner Religion wird der Untertan gezwungen und keine, die nicht den Staat
angreift, wird verfolget; Anhänger der Lehre Konfuzius', des Laotse und Fo,
selbst Juden und Jesuiten, sobald sie der Staat aufnimmt, wohnen friedlich
nebeneinander. Ihre Gesetzgebung ist auf Sittenlehre, ihre Sittenlehre auf die
heiligen Bücher der Vorfahren unabänderlich gebauet: der Kaiser ihr oberster
Priester, der Sohn des Himmels, der Bewahrer der alten Gebräuche, die Seele des
Staatskörpers durch alle seine Glieder; könnte man sich, wenn jeder dieser
Umstände bewährt und jeder Grundsatz in lebendiger Ausübung wäre, eine
vollkommenere Staatsverfassung denken? Das ganze Reich wäre ein Haus
tugendhafter, wohlerzogner, fleissiger, sittsamer, glücklicher Kinder und Brüder.
    Jedermann kennet die vorteilhaften Gemälde der sinesischen Staatsverfassung,
die insonderheit von den Missionarien nach Europa geschickt und daselbst nicht
nur von spekulativen Philosophen, sondern von Staatsmännern sogar, beinah als
politische Ideale bewundert wurden; bis endlich, da der Strom menschlicher
Meinungen sich in entgegengesetzten Winkeln fortbricht, der Unglaube erwachte
und ihnen weder ihre hohe Kultur noch selbst ihre sonderbare Eigentümlichkeit
zugestehen wollte. Einige dieser europäischen Einwürfe haben das Glück gehabt,
in Sina selbst, obgleich ziemlich sinesisch, beantwortet zu werden182, und da
die meisten Grundbücher ihrer Gesetzgebung und Sittenverfassung samt der
weitläuftigen Geschichte ihres Reichs und einigen gewiss unparteiischen
Nachrichten vor uns liegen183, so wäre es übel, wenn sich nicht endlich ein
Mittelweg zwischen dem übertriebnen Lobe und Tadel, wahrscheinlich die richtige
Strasse der Wahrheit, auffinden liesse. Die Frage über das chronologische Altertum
ihres Reichs können wir dabei völlig an ihren Ort gestellet sein lassen; denn so
wie der Ursprung aller Reiche des Erdbodens mit Dunkel umhüllet ist, so mag es
dem Forscher der Menschengeschichte gleichgültig sein, ob dies sonderbare Volk
zu seiner Bildung ein paar Jahrtausende mehr oder minder bedurft habe; gnug,
wenn es diese Bildung sich selbst gab und wir sogar in seinem langsamen Gange
die Hindernisse wahrnehmen, warum es nicht weiterkommen konnte.
    Und diese Hindernisse liegen in seinem Charakter, im Ort seiner Wohnung und
in seiner Geschichte uns klar vor Augen. Mongolischer Abkunft ist die Nation,
wie ihre Bildung, ihr grober oder verschrobener Geschmack, ja selbst ihre
sinnreiche Künstlichkeit und der erste Wohnsitz ihrer Kultur zeigt. Im
nördlichen Sina herrschten ihre ersten Könige: hier wurde der Grund zu dem
halbtatarischen Despotismus gelegt, der sich nachher, mit glänzenden
Sittensprüchen überzogen, durch mancherlei Revolutionen bis ans Südmeer hinab
verbreitet. Eine tatarische Lehnverfassung war Jahrhunderte hin das Band, das
die Vasallen an den Herrscher knüpfte, und die vielen Kriege dieser Vasallen
gegeneinander, die öftern Umstürze des Trons durch ihre Hände, ja selbst die
ganze Hofhaltung des Kaisers, seine Regentschaft durch Mandarinen, eine uralte
Einrichtung, die nicht erst die Dschengis-Khaniden oder Mandschu nach Sina
gebracht haben; alle dies zeigt, welcher Art und welches genetischen Charakters
die Nation sei: ein Gepräge, das man bei der Ansicht des Ganzen und seiner
Teile, bis auf Kleider, Speisen, Gebräuche, häusliche Lebensart, die Gattungen
ihrer Künste und ihres Vergnügens, schwerlich aus den Augen verlieret. Sowenig
nun ein Mensch seinen Genius, d. i. seine angeborne Stammart und Komplexion, zu
ändern vermag, sowenig konnte auch durch jede künstliche Einrichtung, wenn sie
gleich jahrtausendelang währte, dies nordöstliche Mongolenvolk seine
Naturbildung verleugnen. Es ist auf diese Stelle der Erdkugel hingepflanzt, und
wie die Magnetnadel in Sina nicht die europäische Abweichung hat, so konnten aus
diesem Menschenstamme in dieser Region auch niemals Griechen und Römer werden.
Sinesen waren und blieben sie, ein Volksstamm mit kleinen Augen, einer stumpfen
Nase, platter Stirn, wenig Bart, grossen Ohren und einem dicken Bauch von der
Natur begabet; was diese Organisation hervorbringen konnte, hat sie
hervorgebracht, etwas anders kann man von ihr nicht fodern.184
    Alle Nachrichten sind darüber einig, dass sich die mongolische Völkerschaften
auf der nordöstlichen Höhe Asiens durch eine Feinheit des Gehörs auszeichnen,
die sich bei ihnen ebensowohl erklären lässt, als man sie bei andern Nationen
vergebens suchen würde; die Sprache der Sinesen ist von dieser Feinheit des
Gehörs Zeuge. Nur ein mongolisches Ohr konnte darauf kommen, aus
dreihundertdreissig Silben eine Sprache zu formen, die sich bei jedem Wort durch
fünf und mehrere Akzente unterscheiden muss, um nicht statt Herr eine Bestie zu
nennen und jeden Augenblick die lächerlichsten Verwirrungen zu sagen; daher ein
europäisches Ohr und europäische Sprachorgane sich äusserst schwer oder niemals
an diese hervorgezwungene Silbenmusik gewöhnen. Welch ein Mangel an
Erfindungskraft im Grossen und welche unselige Feinheit in Kleinigkeiten gehörte
dazu, dieser Sprache aus einigen rohen Hieroglyphen die unendliche Menge von
achtzigtausend zusammengesetzten Charakteren zu erfinden, in welchen sich nach
sechs und mehr Schriftarten die sinesische Nation unter allen Völkern der Erde
auszeichnet! Eine mongolische Organisation gehörte dazu, um sich in der
Einbildungskraft an Drachen und Ungeheuer, in der Zeichnung an jene sorgsame
Kleinfügigkeit unregelmässiger Gestalten, in den Vergnügungen des Auges an das
unförmliche Gemisch ihrer Gärten, in ihren Gebäuden an wüste Grösse oder
pünktliche Kleinheit, in ihren Aufzügen, Kleidungen und Lustbarkeiten an jene
eitle Pracht, an jene Laternenfeste und Feuerwerke, an lange Nägel und
zerquetschte Füsse, an einen barbarischen Tross von Begleitern, Verbeugungen,
Cerimonien, Unterschieden und Höflichkeiten zu gewöhnen. Es herrscht in alle
diesem so wenig Geschmack an wahrem Naturverhältnis, so wenig Gefühl von innrer
Ruhe, Schönheit und Würde, dass immer nur eine verwahrlosete Empfindung auf
diesen Gang der politischen Kultur kommen und sich von demselben so durchaus
modeln lassen konnte. Wie die Sinesen das Goldpapier und den Firnis, die sauber
gemalten Züge ihrer krausen Charaktere und das Geklingel schöner Sentenzen
unmässig lieben, so ist auch die Bildung ihres Geistes diesem Goldpapier und
diesem Firnis, den Charakteren und dem Schellenklange ihrer Silben durchaus
ähnlich. Die Gabe der freien, grossen Erfindung in den Wissenschaften scheint
ihnen, wie mehreren Nationen dieser Erdecke, die Natur versagt zu haben; dagegen
sie ihren kleinen Augen jenen gewandten Geist, jene listige Betriebsamkeit und
Feinheit, jenes Kunsttalent der Nachahmung in allem, was ihre Habsucht nützlich
findet, mit reicher Hand zuteilte. In ewigem Gange, in ewiger Beschäftigung
gehen und kommen sie des Gewinnes und Dienstes wegen, so dass man sie auch in
ihrer höchstpolitischen Form immer noch für ziehende Mongolen halten könnte;
denn bei allen ihren unzähligen Einteilungen haben sie die Einteilung noch nicht
gelernt, Bewerbsamkeit mit Ruhe also zu gatten, dass jede Arbeit einen jeden auf
seiner Stelle finde. Ihre Arzneikunst wie ihr Handel ist ein feines,
betrügerisches Pulsfühlen, welches ihren ganzen Charakter in seiner sinnlichen
Feinheit und erfindungslosen Unwissenheit malet. Das Gepräge des Volks ist eine
merkwürdige Eigenheit in der Geschichte, weil es zeigt, was durch hochgetriebne
politische Kultur aus einem Mongolenvolk, unvermischt mit andern Nationen,
werden oder nicht werden konnte; denn dass die Sinesen in ihrer Erdecke sich, wie
die Juden, von der Vermischung mit andern Völkern frei erhalten haben, zeigt
schon ihr eitler Stolz, wenn es sonst nichts zeigte. Einzelne Kenntnisse mögen
sie erlangt haben, woher sie wollten; das ganze Gebäude ihrer Sprache und
Verfassung, ihrer Einrichtung und Denkart ist ihnen eigen. Wie sie das Einimpfen
der Bäume nicht lieben, so stehen auch sie, trotz mancher Bekanntschaft mit
andern Völkern, noch jetzt uneingeimpft da, ein mongolischer Stamm, in einer
Erdecke der Welt zur sinesischen Sklavenkultur verartet.
    Alle Kunstbildung der Menschen geschieht durch Erziehung; die Art der
sinesischen Erziehung trug nebst ihrem Nationalcharakter mit dazu bei, warum sie
das, was sie sind, und nicht mehr wurden. Da nach mongolischer Nomadenart
kindlicher Gehorsam zum Grunde aller Tugenden, nicht nur in der Familie, sondern
jetzt auch im Staat, gemacht werden sollte, so musste freilich daher mit der Zeit
jene scheinbare Sittsamkeit, jenes höfliche Zuvorkommen erwachsen, das man als
einen Charakterzug der Sinesen auch mit feindlicher Zunge rühmet; allein was gab
dieser gute Nomadengrundsatz in einem grossen Staat für Folgen? Als in ihm der
kindliche Gehorsam keine Grenzen fand, indem man dem erwachsnen Mann der selbst
Kinder und männliche Geschäfte hat, dieselbe Pflicht auflegte, die nur dem
unerzognen Kinde gebührte, ja, als man diese Pflicht auch gegen jede Obrigkeit
festsetzte, die doch nur im bildlichen Verstande durch Zwang und Not nicht aber
aus süssem Naturtriebe den Namen des Vaters führet: was konnte, was musste daher
anders entstehen, als dass indem man trotz der Natur ein neues menschliches Herz
schaffen wollte, man das wahre Herz der Menschen zur Falschheit gewöhnte? Wenn
der erwachsne Mann noch kindischen Gehorsam bezeugen soll, so muss er die
selbstwirksame Kraft aufgeben, die die Natur in seinen Jahren ihm zur Pflicht
machte; leere Cerimonien treten an die Stelle der herzlichen Wahrheit, und der
Sohn, der gegen seine Mutter, solange der Vater lebte, in kindlicher Ergebenheit
hinschwamm, vernachlässigt sie nach seinem Tode, sobald nur das Gesetz sie eine
Konkubine heisset. Gleichergestalt ist's mit den kindlichen Pflichten gegen die
Mandarinen: sie sind kein Werk der Natur, sondern des Befehls; Gebräuche sind
sie, und wenn sie gegen die Natur streben, so werden sie entkräftende, falsche
Gebräuche. Daher der Zwiespalt der sinesischen Reichs- und Sittenlehre mit ihrer
wirklichen Geschichte. Wie oft haben die Kinder des Reichs ihren Vater vom Tron
gestossen, wie oft die Väter gegen ihre Kinder gewütet! Geizige Mandarine lassen
Tausende verhungern und werden, wenn ihr Verbrechen vor den höheren Vater kommt,
mit elenden Stockschlägen wie Knaben unwirksam gezüchtigt. Daher der Mangel an
männlicher Kraft und Ehre, den man selbst in den Gemälden ihrer Helden und
Grossen wahrnimmt: die Ehre ist kindliche Pflicht geworden, die Kraft ist in
modische Achtsamkeit gegen den Staat verartet; kein edles Ross ist im Dienst,
sondern ein gezähmter Maulesel, der in Gebräuchen von Morgen bis zum Abende gar
oft die Rolle des Fuchses spielet.
    Notwendig musste diese kindische Gefangenschaft der menschlichen Vernunft,
Kraft und Empfindung auf das ganze Gebäude des Staats einen schwächenden Einfluss
haben. Wenn einmal die Erziehung nichts als Manier ist, wenn Manieren und
Gebräuche alle Verhältnisse des Lebens nicht nur binden, sondern auch
überwältigen: welche Summen von Wirksamkeit verliert der Staat! zumal die
edelste Wirksamkeit des menschlichen Herzens und Geistes. Wer erstaunt nicht,
wenn er in der sinesischen Geschichte auf den Gang und die Behandlung ihrer
Geschäfte merkt, mit wie vielem ein Nichts getan werde! Hier tut ein Kollegium,
was nur einer tun muss, damit es recht getan sei; hier wird gefragt, wo die
Antwort daliegt; man kommt und geht, man schiebet auf und weichet aus, nur um
das Cerimoniel des kindlichen Staatsrespekts nicht zu verfehlen. Der
kriegerische sowohl als der denkende Geist sind fern von einer Nation, die auf
warmen Öfen schläft und von Morgen bis zum Abende warm Wasser trinket. Nur der
Regelmässigkeit im gebahnten Wege, dem Scharfsinn in Beobachtung des Eigennutzes
und tausend schlauer Künste, der kindischen Vieltätigkeit ohne den Überblick des
Mannes, der sich fragt, ob dies auch nötig zu tun sei und ob es nicht besser
getan werden möge: nur diesen Tugenden ist in Sina der königliche Weg eröffnet.
Der Kaiser selbst ist in dies Joch gespannt; er muss mit gutem Beispiel vorgehen
und wie der Flügelmann jede Bewegung übertreiben. Er opfert im Saal seiner
Vorfahren nicht nur an Festtagen, sondern soll bei jedem Geschäft, in jedem
Augenblick seines Lebens den Vorfahren opfern und wird mit jedem Lobe und jedem
Tadel vielleicht gleich ungerecht bestrafet.185
    Kann man sich wundern, dass eine Nation dieser Art nach europäischem Massstabe
in Wissenschaften wenig erfunden, ja, dass sie Jahrtausende hindurch sich auf
derselben Stelle erhalten habe? Selbst ihre Moral- und Gesetzbücher gehen immer
im Kreise umher und sagen auf hundert Weisen genau und sorgfältig mit
regelmässiger Heuchelei von kindlichen Pflichten immer dasselbe. Astronomie und
Musik, Poesie und Kriegskunst, Malerei und Architektur sind bei ihnen, wie sie
vor Jahrhunderten waren, Kinder ihrer ewigen Gesetze und
unabänderlich-kindischen Einrichtung. Das Reich ist eine balsamierte Mumie, mit
Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden; ihr innerer Kreislauf ist wie das
Leben der schlafenden Wintertiere. Daher die Absonderung, Behorchung und
Verhinderung jedes Fremden; daher der Stolz der Nation, die sich nur mit sich
selbst vergleicht und das Auswärtige weder kennet noch liebt. Es ist ein
Winkelvolk auf der Erde, vom Schicksal ausser den Zusammendrang der Nationen
gesetzt und eben dazu mit Bergen, Wüsten und einem beinah buchtlosen Meer
verschanzet. Ausser dieser Lage würde es schwerlich geblieben sein, was es ist;
denn dass seine Verfassung gegen die Mandschu standgehalten hat, beweiset nichts,
als dass sie in sich selbst gegründet war und dass die roheren Überwinder zu ihrer
Herrschaft einen solchen Lehnstuhl kindlicher Sklaverei sehr bequem fanden. Sie
dorften nichts an ihm ändern, sie setzten sich drauf und herrschten. Dagegen die
Nation in jedem Gelenk ihrer selbsterbaueten Staatsmaschine so sklavisch dienet,
als ob es eben zu dieser Sklaverei erfunden wäre.
    Alle Nachrichten von der Sprache der Sinesen sind darüber einig, dass sie zur
Gestalt dieses Volks in seiner künstlichen Denkart unsäglich viel beigetragen
habe; denn ist nicht jede Landessprache das Gefäss, in welchem sich die Ideen des
Volks formen, erhalten und mitteilen? Zumal wenn eine Nation so stark als diese
an ihrer Sprache hängt und von ihr alle Kultur herleitet. Die Sprache der
Sinesen ist ein Wörterbuch der Moral, d. i. der Höflichkeit und guten Manieren:
Nicht nur Provinzen und Städte, sondern selbst Stände und Bücher unterscheiden
sich in ihr, so dass der grösste Teil ihres gelehrten Fleisses bloss auf ein
Werkzeug verwandt wird, ohne dass noch mit dem Werkzeuge irgend etwas
ausgerichtet werde. An regelmässigen Kleinigkeiten hängt in ihr alles; sie sagt
mit wenigen Lauten viel, um mit vielen Zügen einen Laut und mit vielen Büchern
ein und dasselbe herzumalen. Welch ein unseliger Fleiss gehört zum Pinseln und
Druck ihrer Schriften! Eben dieser Fleiss aber ist ihre Lust und Kunst, da sie
sich an schönen Schriftzügen mehr als an der zaubervollsten Malerei ergötzen und
das einförmige Geklingel ihrer Sittensprüche und Komplimente als eine Summe der
Artigkeit und Weisheit lieben. Nur ein so grosses Reich und die Arbeitseligkeit
des Sinesen gehört dazu, um z.B. von der einzigen Stadt Kai-fong-fu vierzig
Bücher in acht grossen Bänden zu malen186 und diese mühsame Genauigkeit auf jeden
Befehl und Lobspruch des Kaisers zu verbreiten. Sein Denkmal über die
Auswanderung der Torguts ist ein ungeheures Buch auf Steinen187, und so ist die
ganze gelehrte Denkart der Sinesen in künstliche und Staatshieroglyphen
vermalet. Unglaublich muss der Unterschied sein, mit dem diese Schriftart allein
schon auf die Seele wirkt, die in ihr denket. Sie entnervt die Gedanken zu
Bilderzügen und macht die ganze Denkart der Nation zu gemalten oder in die Luft
geschriebenen willkürlichen Charakteren.
    Mitnichten ist diese Entwicklung der sinesischen Eigenheit eine feindselige
Verachtung derselben; denn sie ist Zug für Zug aus den Berichten ihrer wärmsten
Verteidiger geschöpft und könnte mit hundert Proben aus jeder Klasse ihrer
Einrichtungen bewiesen werden. Sie ist auch nichts als Natur der Sache, d. i.
die Darstellung eines Volks, das sich in einer solchen Organisation und
Weltgegend, nach solchen Grundsätzen, mit solchen Hülfsmitteln, unter solchen
Umständen im grauen Altertum bildete und wider den gewöhnlichen Lauf des
Schicksals unter andern Völkern seine Denkart so lange bewahrte. Wenn das alte
Ägypten noch vor uns wäre, so würden wir, ohne von einer gegenseitigen Ableitung
träumen zu dürfen, in vielen Studien eine Ähnlichkeit sehen, die nach gegebnen
Traditionen nur die Weltgegend anders modifizierte. So wäre es mit mehreren
Völkern, die einst auf einer ähnlichen Stufe der Kultur standen; nur diese sind
fortgerückt oder untergegangen und mit andern vermischt worden; das alte Sina am
Rande der Welt ist wie eine Trümmer der Vorzeit in seiner halbmongolischen
Einrichtung stehengeblieben. Schwerlich ist's zu beweisen, dass die Grundzüge
seiner Kultur von Griechen aus Baktra oder von Tatern aus Balkh hinübergebracht
wären; das Gewebe seiner Verfassung ist gewiss einheimisch und die wenige
Einwirkung fremder Völker auf dasselbe leicht zu erkennen und abzusondern. Ich
ehre die Kings ihrer vortrefflichen Grundsätze wegen wie ein Sineser, und der
Name Konfuzius ist mir ein grosser Name, ob ich die Fesseln gleich nicht
verkenne, die auch er trug und die er mit bestem Willen dem abergläubigen Pöbel
und der gesamten sinesischen Staatseinrichtung durch seine politische Moral auf
ewige Zeiten aufdrang. Durch sie ist dies Volk, wie so manche andere Nation des
Erdkreises, mitten in seiner Erziehung, gleichsam im Knabenalter,
stehengeblieben, weil dies mechanische Triebwerk der Sittenlehre den freien
Fortgang des Geistes auf immer hemmte und sich im despotischen Reich kein
zweiter Konfuzius fand. Einst, wenn sich entweder der ungeheure Staat teilt
oder wenn aufgeklärtere Kien-Longs den väterlichen Entschluss fassen werden, was
sie nicht ernähren können, lieber als Kolonien zu versenden, das Joch der
Gebräuche zu erleichtern und dagegen eine freiere Selbsttätigkeit des Geistes
und Herzens, freilich nicht ohne mannigfaltige Gefahr, einzuführen: alsdenn,
aber auch alsdenn werden Sinesen immer nur Sinesen bleiben, wie Deutsche
Deutsche sind und am östlichen Ende Asiens keine alten Griechen geboren werden.
Es ist die offenbare Absicht der Natur, dass alles auf der Erde gedeihe, was auf
ihr gedeihen kann, und dass eben diese Verschiedenheit der Erzeugungen den
Schöpfer preise. Das Werk der Gesetzgebung und Moral, das als einen
Kinderversuch der menschliche Verstand in Sina gebauet hat, findet sich in
solcher Festigkeit nirgend sonst auf der Erde; es bleibe an seinem Ort, ohne dass
je in Europa ein abgeschlossenes Sina voll kindlicher Pietät gegen seine
Despoten werde. Immer bleibt dieser Nation der Ruhm ihres Fleisses, ihres
sinnlichen Scharfsinns, ihrer feinen Künstlichkeit in tausend nützlichen Dingen.
Das Porzellan und die Seide, Pulver und Blei, vielleicht auch den Kompass, die
Buchdruckerkunst, den Brückenbau und die Schiffskunst nebst vielen andern feinen
Hantierungen und Künsten kannten sie, ehe Europa solche kannte; nur dass es ihnen
fast in allen Künsten am geistigen Fortgange und am Triebe zur Verbesserung
fehlet. Dass übrigens Sina sich unsern europäischen Nationen verschliesst und
sowohl Holländer als Russen und Jesuiten äusserst einschränket, ist nicht nur mit
ihrer ganzen Denkart harmonisch, sondern gewiss auch politisch zu billigen,
solange sie das Betragen der Europäer in Ostindien und auf den Inseln, in
Nordasien und in ihrem eignen Lande um und neben sich sehen. Taumelnd von
tatarischem Stolz, verachten sie den Kaufmann, der sein Land verlässt, und
wechseln betrügliche Ware gegen das, was ihnen das Sicherste dünket: sie nehmen
sein Silber und geben ihm dafür Millionen Pfunde entkräftenden Tees zum
Verderben Europas.
 
                                       II
         Cochin-Sina, Tunkin, Laos, Korea, die östliche Tatarei, Japan
    Aus der Geschichte der Menschheit ist's unleugbar, dass, wo sich irgendein
Land zu einem vorzüglichen Grad der Kultur erhob es auch auf einen Kreis seiner
Nachbarn gewirkt habe. Also auch die sinesische Nation, ob sie gleich
unkriegerisch und ihre Verfassung sehr in sich gekehrt ist, so hat doch auch sie
auf einen grossen Bezirk der Länder umher ihren Einfluss verbreitet. Es ist dabei
die Frage nicht, ob diese Länder dem sinesischen Reich unterworfen gewesen oder
unterworfen geblieben; wenn sie an seiner Einrichtung, Sprache, Religion,
Wissenschaften, Sitten und Künsten teilnahmen, so sind sie eine Provinz
desselben im Gebiet des Geistes.
    Cochin-Sina ist das Land, das von Sina am meisten angenommen hat und
gewissermasse seine politische Pflanzstadt gewesen; daher die Ähnlichkeit
zwischen beiden Nationen an Temperament und Sitten, an Wissenschaften und
Künsten, in der Religion, dem Handel und der politischen Einrichtung. Sein
Kaiser ist ein Vasall von Sina, und die Nationen sind durch den Handel enge
verbunden. Man vergleiche dies geschäftige, vernünftige, sanftmütige Volk mit
dem nahe gelegenen, trägen Siam, dem wilden Arrakan u. f., so wird man den
Unterschied wahrnehmen. Wie indes kein Abfluss sich über die Quelle erhebt, so
ist auch nicht zu erwarten, dass Cochin-Sina sein Vorbild übertreffe; die
Regierung ist despotischer als dort, seine Religion und Wissenschaften ein
schwächerer Nachhall des Mutterlandes.
    Ein gleiches ist's mit Tunkin, das den Sinesern noch näher liegt, obgleich
wilde Berge es scheiden. Die Nation ist wilder; das Gesittete, was sie an sich
hat und welches den Staat erhält, Manufakturen, Handel, Gesetze, Religion,
Kenntnisse und Gebräuche sind sinesisch, nur wegen des südlichem Himmelsstrichs
und des Charakters der Nation tief unter dem Mutterlande.
    Noch schwächer ist der Eindruck, den Sina auf Laos gemacht hat; denn das
Land wurde zu bald von ihm abgerissen und befreundete sich mit den Sitten der
Siamesen; Reste indes sind noch kenntlich.
    Unter den südlichen Inseln haben die Sinesen insonderheit mit Java
Gemeinschaft, ja wahrscheinlich haben sie sich auch in Kolonien
daraufgepflanzet. Ihre politische Einrichtung indes hat sich in diesem soviel
heissem, ihnen entlegnen Lande nicht anpflanzen können; denn die mühselige Kunst
der Sinesen will ein betriebsames Volk und ein mässigeres Klima. Sie nutzen also
die Insel, ohne sie zu bilden.
    Mehreren Platz hat die sinesische Einrichtung nordwärts gewonnen, und das
Land kann sich rühmen, dass es zu Besänftigung der wilden Völker dieses
ungeheuren Erdstrichs mehr beigetragen habe als vielleicht die Europäer in allen
Weltteilen. Korea ist durch die Mandschus den Sinesern wirklich unterworfen, und
man vergleiche diese einst wilde Nation mit ihren nördlichem Nachbarn. Die
Einwohner eines zum Teil so kalten Erdstrichs sind sanft und milde; in ihren
Ergötzungen und Trauergebräuchen, in Kleidungen und Häusern, in der Religion und
einiger Liebe zur Wissenschaft ahmen sie wenigstens den Sinesen nach, von denen
auch ihre Regierung eingerichtet und einige Manufaktur in Gang gebracht worden.
In einem noch weitern Umfange haben sie auf die Mongolen gewirket. Nicht nur,
dass die Mandschu, die Sina bezwangen, durch ihren Umgang gesitteter worden sind,
daher auch ihre Hauptstadt Schin-yang zu einem Tribunal wie Peking eingerichtet
werden mögen; auch die zahlreichen mongolischen Horden, die dem grössesten Teil
nach unter der Herrschaft von Sina stehen, sind ohngeachtet ihrer roheren Sitten
nicht ganz ohne sinesischen Einfluss geblichen. Ja, wenn bloss der friedliche
Schutz dieses Reichs, unter welchen sich auch in der neuesten Zeit die Torguts,
300000 Menschen stark, begaben, eine Wohltat der Menschheit ist, so hat Sina auf
diese weiten Erdstriche billiger als je ein Eroberer gewirket. Mehrmals hat es
die Unruhen in Tibet gestillt und in ältern Zeiten bis ans Kaspische Meer seine
Hand gebreitet. Die reichen Gräber, die in verschiedenen Strichen der Mongolei
und Tatarei gefunden worden, tragen an dem, was sie entielten, offenbare
Denkmale des Verkehrs mit Sina, und wenn einst in diesen Gegenden kultiviertere
Nationen gewohnt haben, so waren sie es wahrscheinlich nicht ohne näheren Umgang
mit diesem Volke.
    Die Insel indes, an welcher sich die Sinesen den grössten Nebenbuhler ihres
Fleisses erzogen haben, ist Japan. Die Japaner waren einst Barbaren und ihrem
gewalttätigen, kühnen Charakter nach gewiss harte und strenge Barbaren; durch die
Nachbarschaft und den Umgang mit jenem Volk, von dem sie Schrift und
Wissenschaften, Manufakturen und Künste lernten, haben sie sich zu einem Staat
gebildet, der in manchen Stücken mit Sina wetteifert oder es gar übertrifft.
Zwar ist, dem Charakter dieser Nation nach, sowohl die Regierung als die
Religion härter und grausamer, auch ist an einen Fortgang zu feinem
Wissenschaften, wie sie Europa treibt, in Japan sowenig als in Sina zu denken;
wenn aber Kenntnis und Gebrauch des Landes, wenn Fleiss im Ackerbau und in
nützlichen Künsten, wenn Handel und Schiffahrt, ja selbst die rohe Pracht und
despotische Ordnung ihrer Reichsverfassung unleugbar Stufen der Kultur sind, so
hat das stolze Japan diese nur durch die Sinesen erstiegen. Die Annalen dieser
Nation nennen noch die Zeit, da die Japaner als Barbaren nach Sina kamen; und so
eigentümlich sich die rauhe Insel gebildet und von Sina weggebildet hat, so ist
doch in allen Hülfsmitteln ihrer Kultur, ja in der Bearbeitung ihrer Künste
selbst der sinesische Ursprung kenntlich.
    Ob nun dieses Volk auch weitergedrungen und zur Kultur eines der zwei
gesitteten Reiche Amerikas, die beide an dem ihm zugekehrten westlichen Ufer
lagen, Einfluss gehabt habe, wird schwerlich entschieden werden. Wäre von dieser
Weltseite ein kultiviertes Volk nach Amerika gelangt, so könnte es kaum ein
andres gewesen sein als die Sinesen oder die Japaner. Überhaupt ist's schade,
dass die sinesische Geschichte, der Verfassung ihres Landes nach, so sinesisch
hat bearbeitet werden müssen. Alle Erfindungen schreibt sie ihren Königen zu;
sie vergisst die Welt über ihrem Lande, und als eine Geschichte des Reichs ist
sie leider so wenig eine unterrichtende Menschengeschichte.
 
                                      III
                                     Tibet
    Zwischen den grossen asiatischen Gebürgen und Wüsteneien hat sich ein
geistliches Kaisertum errichtet, das in seiner Art wohl das einzige der Welt
ist; es ist das grosse Gebiet der Lamas. Zwar ist die geistliche und weltliche
Macht in kleinen Revolutionen bisweilen getrennt gewesen, zuletzt aber sind
beide immer wieder vereinigt worden, so dass hier, wie nirgend anders, die ganze
Verfassung des Landes auf dem kaiserlichen Hohepriestertum ruhet. Der grosse Lama
wird nach der Lehre der Seelenwanderung vom Gott Schaka oder Fo belebt, der bei
seinem Tode in den neuen Lama fährt und ihn zum Ebenbilde der Gotteit weihet.
In festgesetzten Ordnungen der Heiligkeit zieht sich von ihm die Kette der Lamas
herab, und man kann sich in Lehren, Gebräuchen und Einrichtungen kein
festgestellteres Priesterregiment denken, als auf dieser Erdhöhe wirklich
tronet. Der oberste Besorger weltlicher Geschäfte ist nur Stattalter des
obersten Priesters, der, den Grundsätzen seiner Religion nach, voll göttlicher
Ruhe in einem Palasttempel wohnet. Ungeheuer sind die Fabeln der lamaischen
Weltschöpfung, grausam die gedroheten Strafen und Büssungen ihrer Sünden, aufs
höchste unnatürlich der Zustand, zu welchem ihre Heiligkeit aufstrebt: er ist
entkörperte Ruhe, abergläubische Gedankenlosigkeit und Klosterkeuschheit. Und
dennoch ist kaum ein Götzendienst so weit als dieser auf der Erde verbreitet;
nicht nur Tibet und Tangut, der grösste Teil der Mongolen, die Mandschu, Kalkas,
Eluten u. f. verehrten, den Lama; und wenn sich in neueren Zeiten einige von
der Anbetung seiner Person losrissen, so ist doch ein Stückwerk von der Religion
des Schaka das einzige, was diese Völker von Glauben und Gottesdienst haben.
Aber auch südlich zieht sich diese Religion weit hin; die Namen Sommona-Kodom,
Schaktscha-Tuba, Sangol-Muni, Schige-Muni, Buddha, Fo, Schekia sind alle eins
mit Schaka, und so geht diese heilige Mönchslehre, wenngleich nicht überall mit
der weitläuftigen Mytologie der Tibetaner, durch Indostan, Ceilon, Siam, Pegu,
Tonkin bis nach Sina, Korea und Japan. Selbst in Sina sind Grundsätze des Fo der
eigentliche Volksglaube; dagegen die Grundsätze Konfuzius' und Laotse nur
Gattungen einer politischen Religion und Philosophie sind unter den obern, d. i.
den gelehrten Ständen. Der Regierung daselbst ist jede dieser Religionen
gleichgültig; ihre Sorge ist nicht weiter gegangen, als dass sie die Lamas und
Bonzen dem Staat unschädlich zu machen, sie von der Herrschaft des Dalai-Lama
trennte. Japan vollends ist lange Zeit ein halbes Tibet gewesen; der Dairi war
der geistliche Oberherr und der Kubo sein weltlicher Diener, bis dieser die
Herrschaft an sich riss und jenen zum blossen Schatten machte: ein Schicksal, das
im Lauf der Dinge liegt und gewiss einmal auch das Los des Lamas sein wird. Nur
durch die Lage seines Reichs, durch die Barbarei der mongolischen Stämme, am
meisten aber durch die Gnade des Kaisers in Sina ist er so lange, was er ist,
geblieben.
    Auf den kalten Bergen in Tibet entstand die lamaische Religion gewiss nicht;
sie ist das Erzeugnis warmer Klimate, ein Geschöpf menschlicher Halbseelen, die
die Wohllust der Gedankenlosigkeit in körperlicher Ruhe über alles lieben. Nach
den rauhen tibetanischen Bergen, ja nach Sina selbst ist sie nur im ersten
Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung kommen, da sie sich denn in jedem
Lande nach des Landes Weise verändert. In Tibet und Japan ward sie hart und
strenge, unter den Mongolen ist sie beinah ein wirksamer Aberglaube worden;
dagegen Siam, Indostan und die Länder, die ihnen gleichen, sie als Naturprodukte
ihres warmen Klima aufs mildeste nähren. Bei so verschiedner Gestalt hat sie
auch ungleiche Folgen auf jeden Staat gehabt, in dem sie lebte. In Siam,
Indostan, Tunkin u. f. schläfert sie die Seelen ein; sie macht mitleidig und
unkriegerisch, geduldig, sanft und träge. Die Talapoinen streben nicht nach dem
Tron; blosse Almosen sind's, um die sie menschliche Sünden büssen. In hartem
Ländern, wo das Klima den müssigen Beter nicht so leicht nähret, musste ihre
Einrichtung auch künstlicher werden, und so machte sie endlich den Palast zum
Tempel. Sonderbar ist der Unzusammenhang, in welchem die Sachen der Menschen
sich nicht nur binden, sondern auch lange erhalten. Befolgte jeder Tibetaner die
Gesetze der Lamas, indem er ihren höchsten Tugenden nachstrebte, so wäre kein
Tibet mehr. Das Geschlecht der Menschen, die einander nicht berühren, die ihr
kaltes Land nicht bauen, die weder Handel noch Geschäfte treiben, hörte auf;
verhungert und erfroren lägen sie da, indem sie sich ihren Himmel träumen. Aber
zum Glück ist die Natur der Menschen stärker als jeder angenommene Wahn. Der
Tibetaner heiratet, ob er gleich damit sündigt; und die geschäftige Tibetanerin,
die gar mehr als einen Mann nimmt und fleissiger als die Männer selbst arbeitet,
entsagt gerne den hohem Graden des Paradieses, um diese Welt zu erhalten. Wenn
eine Religion der Erde ungeheuer und widrig ist, so ist's die Religion in Tibet
188, und wäre, wie es wohl nicht ganz zu leugnen ist, in ihre härtesten Lehren
und Gebräuche das Christentum hinübergeführt worden, so erschiene dies wohl
nirgend in ärgerer Gestalt als auf den tibetanischen Bergen. Glücklicherweise
aber hat die harte Mönchsreligion den Geist der Nation sowenig als ihr Bedürfnis
und Klima ändern mögen. Der hohe Bergbewohner kauft seine Büssungen ab und ist
gesund und munter; er ziehet und schlachtet Tiere, ob er gleich die
Seelenwanderung glaubt, und erlustigt sich funfzehn Tage mit der Hochzeit,
obgleich seine Priester der Vollkommenheit ehelos leben. So hat sich
allentalben der Wahn der Menschen mit dem Bedürfnis abgefunden; er dung so
lange, bis ein leidlicher Vergleich ward. Sollte jede Torheit, die im
angenommenen Glauben der Nationen herrscht, auch durchgängig geübt werden: welch
ein Unglück! Nun aber werden die meisten geglaubt und nicht befolgt, und dies
Mittelding toter Überzeugung heisst eben auf der Erde Glauben. Denke man nicht,
dass der Kaimucke nach dem Muster der Vollkommenheit in Tibet lebt, wenn er ein
kleines Götzenbild oder den heiligen Kot des Lama verehret.
    Aber nicht nur unschädlich, auch nutzlos sogar ist dieses widerliche
Regiment der Lamas nicht gewesen. Ein grobes heidnisches Volk, das sich selbst
für die Abkunft eines Affen hielt, ist dadurch unstreitig zu einem gesitteten,
ja in manchen Stücken feinen Volk erhoben, wozu die Nachbarschaft der Sinesen
nicht wenig beitrug. Eine Religion, die in Indien entsprang, liebt Reinlichkeit;
die Tibetaner dürfen also nicht wie tatarische Steppenvölker leben. Selbst die
überhohe Keuschheit, die ihre Lamas preisen, hat der Nation ein Tugendziel
aufgesteckt, zu welchem jede Eingezogenheit, Nüchternheit und Mässigung, die man
an beiden Geschlechtern rühmet, wenigstens als ein Teil der Wallfahrt betrachtet
werden mag, bei welcher auch die Hälfte mehr ist als das Ganze. Der Glaube einer
Seelenwanderung macht mitleidig gegen die lebendige Schöpfung, so dass rohe Berg-
und Felsenmenschen vielleicht mit keinem sanftem Zaum als mit diesem Wahn und
dem Glauben an lange Büssungen und Höllenstrafen gebändigt werden konnten. Kurz,
die tibetanische ist eine Art päpstlicher Religion, wie sie Europa selbst in
seinen dunkeln Jahrhunderten, und sogar ohne jene Ordnung und Sittlichkeit,
hatte, die man an Tibetanern und Mongolen rühmet. Auch dass diese Religion des
Schaka eine Art Gelehrsamkeit und Schriftsprache unter dies Bergvolk und
weiterhin selbst unter die Mongolen gebracht hat, ist ein Verdienst für die
Menschheit, vielleicht das vorbereitende Hülfsmittel einer Kultur, die auch
diesen Gegenden reifet.
    Wunderbar langsam ist der Weg der Vorsehung unter den Nationen, und dennoch
ist er lautre Naturordnung. Gymnosophisten und Talapoinen, d. i. einsame
Beschauer, gab es von den ältesten Zeiten her im Morgenlande; ihr Klima und ihre
Natur lud sie zu dieser Lebensart ein. Die Ruhe suchend, flohen sie das Geräusch
der Menschen und lebten mit dem wenigen vergnügt, was ihnen die reiche Natur
gewährte. Der Morgenländer ist ernst und mässig, so wie in Speise und Trank, so
auch in Worten; gern überlässt er sich dem Fluge der Einbildungskraft, und wohin
konnte ihn diese als auf Beschauung der allgemeinen Natur, mitin auf
Weltentstehung, auf den Untergang und die Erneuung der Dinge führen? Die
Kosmogonie sowohl als die Metempsychose der Morgenländer sind poetische
Vorstellungsarten dessen, was ist und wird, wie solches sich ein eingeschränkter
menschlicher Versland und ein mitfühlendes Herz denket. »Ich lebe und geniesse
kurze Zeit meines Lebens; warum sollte, was neben mir ist, nicht auch seines
Daseins geniessen und von mir ungekränkt leben?« Daher nun die Sittenlehre der
Talapoinen, die insonderheit auf die Nichtigkeit aller Dinge, auf das ewige
Umwandeln der Formen der Welt, auf die innere Qual der unersättlichen Begierden
eines Menschenherzens und auf das Vergnügen einer reinen Seele so rührend und
aufopfernd dringet. Daher auch die sanften humanen Gebote, die sie zu
Verschonung ihrer selbst und andrer Wesen der menschlichen Gesellschaft gaben
und in ihren Hymnen und Sprüchen preisen. Aus Griechenland haben sie solche
sowenig als ihre Kosmogonie geschöpft; denn beide sind echte Kinder der
Phantasie und Empfindungsart ihres Klima. In ihnen ist alles bis zum höchsten
Ziel gespannt, so dass nach der Sittenlehre der Talapoinen auch nur indische
Einsiedler leben mögen; dazu ist alles mit so unendlichen Märchen umhüllt, dass,
wenn je ein Schaka gelebt hat, er sich schwerlich in einem der Züge erkennen
würde, die man dankend und lobend auf ihn häufte. Indessen lernt nicht ein Kind
seine erste Weisheit und Sittenlehre durch Märchen? Und sind nicht die meisten
dieser Nationen in ihrem sanften Seelenschlaf lebenslang Kinder? Lasset uns also
der Vorsehung verzeihen, was nach der Ordnung, die sie fürs Menschengeschlecht
wählte, nicht anders als also sein konnte. Sie knüpfte alles an Tradition, und
so konnten Menschen einander nicht mehr geben, als sie selbst hatten und wussten.
Jedes Ding in der Natur, mitin auch die Philosophie des Buddha, ist gut und
böse, nachdem sie gebraucht wird. Sie hat so hohe und schöne Gedanken, als sie
auf der andern Seite Betrug und Trägheit erwecken und nähren kann, wie sie es
auch reichlich getan hat. In keinem Lande blieb sie ganz dieselbe; allentalben
aber, wo sie ist, stehet sie immer doch eine Stufe über dem rohen Heidentum, die
erste Dämmerung einer reinem Sittenlehre, der erste Kindestraum einer
weltumfassenden Wahrheit.
 
                                       IV
                                    Indostan
    Obgleich die Lehre der Brahmanen nichts als ein Zweig der weitverbreiteten
Religion ist, die von Tibet bis Japan Sekten oder Regierungen gebildet hat, so
verdienet sie doch an ihrem Geburtsort eine besondre Betrachtung, da sie an ihm
die sonderbarste und vielleicht dauerndste Regierung der Welt gebildet hat: es
ist die Einteilung der indischen Nation in vier oder mehrere Stämme, über welche
die Brahmanen als erster Stamm herrschen. Dass sie diese Herrschaft durch
leibliche Unterjochung erlangt hätten, ist nicht wahrscheinlich; sie sind nicht
der kriegerische Stamm des Volks, der, den König selbst eingeschlossen, nur
zunächst auf sie folget; auch gründen sie ihr Ansehen auf keins dergleichen
Mittel, selbst in der Sage. Wodurch sie über Menschen herrschen, ist ihr
Ursprung, nach welchem sie sich aus dem Haupt Brahmas entsprossen schätzen, so
wie die Krieger aus dessen Brust, die andern Stämme aus seinen andern Gliedern.
Hierauf sind ihre Gesetze und die ganze Einrichtung der Nation gebauet, nach
welcher sie als ein eingeborner Stamm, als Haupt zum Körper der Nation gehören.
Abteilungen der Art nach Stämmen sind auch in andern Gegenden die einfachste
Einrichtung der menschlichen Gesellschaft gewesen: sie wollte hierin der Natur
folgen, welche den Baum in Äste, das Volk in Stämme und Familien abteilet. So
war die Einrichtung in Ägypten, selbst wie hier mit erblichen Handwerkern und
Künsten; und dass der Stamm der Weisen und Priester sich zum ersten hinaufsetzte,
sehen wir bei weit mehreren Nationen. Mich dünkt, auf dieser Stufe der Kultur
ist dies Natur der Sache, da Weisheit über Stärke geht und in alten Zeiten der
Priesterstamm fast alle politische Weisheit sich zueignete. Nur mit der
Verbreitung des Lichts unter alle Stände verliert sich das Ansehen des
Priesters; daher sich auch Priester so oft einer allgemeineren Aufklärung
widersetzten.
    Die indische Geschichte, von der wir leider noch wenig wissen, gibt uns
einen deutlichen Wink über die Entstehung der Brahmanen.189 Sie macht Brahma,
einen weisen und gelehrten Mann, den Erfinder vieler Künste, insonderheit des
Schreibens, zum Wesir eines ihrer alten Könige, Krischens, dessen Sohn die
Einteilung seines Volks in die vier bekannten Stämme gesetzlich gemacht habe.
Den Sohn des Brahma setzte er der ersten Klasse vor, zu der die Sterndeuter,
Ärzte und Priester gehörten; andre vom Adel wurden zu erblichen Stattaltern der
Provinz ernannt, von welchen sich die zweite Rangordnung der Indier herleitet.
Die dritte Klasse sollte den Ackerbau, die vierte die Künste treiben und diese
Einrichtung ewig dauern. Er erbaute den Philosophen die Stadt Bahar zu ihrer
Aufnahme, und da der Sitz seines Reichs, auch die ältesten Schulen der Brahmanen
vorzüglich am Ganges waren, so ergibt sich hieraus die Ursache, warum Griechen
und Römer sowenig an sie gedenken. Sie kannten nämlich diese tiefen Gegenden
Indiens nicht, da Herodot nur die Völker am Indus und auf der Nordseite des
Goldhandels beschreibt, Alexander aber nur bis zum Hyphasis gelangte. Kein
Wunder also, dass sie zuerst nur allgemein von den Brachmanen, d. i. von den
einsamen Weisen, die auf Art der Talapoinen lebten, Nachricht bekamen, späterhin
aber auch von den Samanäern und Germanen am Ganges, von der Einteilung des Volks
in Klassen, von ihrer Lehre der Seelenwanderung u. f. dunkle Gerüchte hörten.
Auch diese zerstückte Sagen indes bestätigen es, dass die Brahmaneneinrichtung
alt und dem Lande am Ganges einheimisch sei, welches die sehr alten Denkmale zu
Jagrenat190, Bombay und in andern Gegenden der diesseitigen Halbinsel beweisen.
Sowohl die Götzen als die ganze Einrichtung dieser Götzentempel sind in der
Denkart und Mytologie der Brahmanen, die sich von ihrem heiligen Ganges in
Indien umher und weiter hinab verbreitet, auch je unwissender das Volk war,
desto mehr Verehrung empfangen haben. Der heilige Ganges als ihr Geburtsort
blieb der vornehmste Sitz ihrer Heiligtümer, ob sie gleich als Brahmanen nicht
nur eine religiöse, sondern eigentlich politische Zunft sind, die, wie der Orden
der Lamas, der Leviten, der ägyptischen Priester u. f., allentalben zur uralten
Reichsverfassung Indiens gehöret.
    Sonderbar tief ist die Einwirkung dieses Ordens Jahrtausende hin auf die
Gemüter der Menschen gewesen, da nicht nur, trotz des so lange getragenen
mongolischen Joches, ihr Ansehen und ihre Lehre noch unerschüttert stehet,
sondern diese auch in Lenkung der Hindus eine Kraft äussert, die schwerlich eine
andre Religion in dem Mass erwiesen hat.191 Der Charakter, die Lebensart, die
Sitten des Volks bis auf die kleinsten Verrichtungen, ja bis auf die Gedanken
und Worte, ist ihr Werk; und obgleich viele Stücke der Brahmanenreligion äusserst
drückend und beschwerlich sind, so bleiben sie doch, auch den niedrigsten
Stämmen, wie Naturgesetze Gottes heilig. Nur Missetäter und Verworfne sind's
meistens, die eine fremde Religion annehmen, oder es sind arme, verlassene
Kinder: auch ist die vornehme Denkart, mit der der Indier mitten in seinem Druck
unter einer oft lötenden Dürftigkeit den Europäer ansieht, dem er dienet, Bürge
gnug dafür, dass sich sein Volk, solange es da ist, nie mit einem andern
vermischen werde. Ohne Zweifel lag dieser beispiellosen Einwirkung sowohl das
Klima als der Charakter der Nation zum Grunde; denn kein Volk übertrifft dies an
geduldiger Ruhe und sanfter Folgsamkeit der Seele. Dass der Indier aber in Lehren
und Gebräuchen nicht jedem Fremden folget, kommt offenbar daher, dass die
Einrichtung der Brahmanen so ganz schon seine Seele, so ganz sein Leben
eingenommen hat, um keiner andern mehr Platz zu geben. Daher so viele Gebräuche
und Feste, so viel Götter und Märchen, so viel heilige Orter und verdienstliche
Werke, damit von Kindheit auf die ganze Einbildungskraft beschäftigt und beinah
in jedem Augenblick des Lebens der Indier an das, was er ist, erinnert werde.
Alle europäische Einrichtungen sind gegen diese Seelenbeherrschung nur auf der
Oberfläche geblieben, die, wie ich glaube, dauern kann, solang ein Indier sein
wird.
    Die Frage, ob etwas gut oder übel sei, ist bei allen Einrichtungen der
Menschen vielseitig. Ohne Zweifel war die Einrichtung der Brahmanen, als sie
gestiftet war, gut; sonst hätte sie weder den Umfang noch die Tiefe und Dauer
gewonnen, in der sie dasteht. Das menschliche Gemüt entledigt sich dessen, was
ihm schädlich ist, sobald es kann, und obgleich der Indier mehr zu dulden vermag
als irgendein andrer, so würde er doch geradezu nicht Gift lieben. Unleugbar
ist's also, dass die Brahmanen ihrem Volk eine Sanftmut, Höflichkeit, Mässigung
und Keuschheit angebildet oder es wenigstens in diesen Tugenden so bestärkt
haben, dass die Europäer ihnen dagegen oft als Unreine, Trunkne und Rasende
erscheinen. Ungezwungen-zierlich sind ihre Gebärden und Sprache, friedlich ihr
Umgang, rein ihr Körper, einfach und harmlos ihre Lebensweise. Die Kindheit wird
milde erzogen, und doch fehlt es ihnen nicht an Kenntnissen, noch minder an
stillem Fleiss und fein nachahmenden Künsten; selbst die niedrigem Stämme lernen
lesen, schreiben und rechnen. Da nun die Brahmanen die Erzieher der Jugend sind,
so haben sie damit seit Jahrtausenden ein unverkennbares Verdienst um die
Menschheit. Man merke in den Hallischen Missionsberichten auf den gesunden
Verstand und den gutmütigen Charakter der Brahmanen und Malabaren sowohl in
Einwürfen, Fragen und Antworten als in ihrem ganzen Betragen, und man wird sich
selten auf der Seite ihrer Bekehrer finden. Die Hauptidee der Brahmanen von Gott
ist so gross und schön, ihre Moral so rein und erhaben, ja selbst ihre Märchen,
sobald Verstand durchblickt, sind so fein und lieblich, dass ich ihren Erfindern
auch im Ungeheuern und Abenteuerlichen nicht ganz den Unsinn zutrauen kann, den
wahrscheinlich nur die Zeitfolge im Munde des Pöbels darauf gehäufet. Dass trotz
aller mohammedanischen und christlichen Bedrückung der Orden der Brahmanen seine
künstliche, schöne Sprache192 und mit ihr einige Trümmern von alter Astronomie
und Zeitrechnung, von Rechtswissenschaft und Heilkunde erhalten hat, ist auf
seiner Stelle nicht ohne Wert193, denn auch die handwerksmässige Manier, mit der
sie diese Kenntnisse treiben, ist gnug zum Kreise ihres Lebens, und was der
Vermehrung ihrer Wissenschaft abgeht, ersetzt die Stärke ihrer Dauer und
Einwirkung. Übrigens verfolgen die Hindus nicht, sie gönnen jedem seine
Religion, Lebensart und Weisheit; warum sollte man ihnen die ihrige nicht gönnen
und sie bei den Irrtümern ihrer ererbten Tradition wenigstens für gute Betrogene
halten? Gegen alle Sekten des Fo, die Asiens östliche Welt einnehmen, ist diese
die Blüte; gelehrter, menschlicher, nützlicher, edler als alle Bonzen, Lamen und
Talapoinen.
    dabei ist nicht zu bergen, dass, wie alle menschliche Verfassungen, auch
diese viel Drückendes habe. Des unendlichen Zwanges nicht zu gedenken, den die
Verteilung der Lebensarten unter erbliche Stämme notwendig mit sich führt, weil
sie alle freie Verbesserung und Vervollkommung der Künste beinah ganz
ausschliesst; so ist insonderheit die Verachtung auffallend, mit der sie den
niedrigsten der Stämme, die Parias, behandeln. Nicht nur zu den schlechtesten
Verrichtungen ist er verdammt und vom Umgange aller andern Stämme auf ewig
gesondert, er ist sogar der Menschenrechte und Religion beraubt; denn niemand
darf einen Parias berühren, und sein Anblick sogar entweihet den Brahmanen. Ob
man gleich mancherlei Ursachen dieser Erniedrigung, unter andern auch diese
angegeben, dass die Parias eine unterjochte Nation sein mögen, so ist doch keine
derselben durch die Geschichte gnugsam bewähret; wenigstens unterscheiden sie
sich von den andern Hindus nicht an Bildung. Also kommt es, wie bei so vielen
Dingen alter Einrichtung, auch hier auf die erste harte Stiftung an, nach der
vielleicht sehr Arme oder Missetäter und Verworfne zu einer Erniedrigung
bestimmt wurden, der sich die unschuldigen zahlreichen Nachkommen derselben bis
zur Verwunderung willig unterwerfen. Der Fehler hierbei liegt nirgend als in der
Einrichtung nach Familien, bei der doch einige auch das niedrigste Los des
Lebens tragen mussten, dessen Beschwerden ihnen die angemasste Reinigkeit der
andern Stämme von Zeit zu Zeit noch mehr erschwerte. Was war nun natürlicher,
als dass man es zuletzt als Strafe des Himmels ansah, ein Parias geboren zu sein
und nach der Lehre der Seelenwandrung durch Verbrechen eines vorigen Lebens
diese Geburt vom Schicksal verdient zu haben? überhaupt hat die Lehre der
Seelenwandrung, so gross ihre Hypotese im Kopf des ersten Erfinders gewesen und
so manches Gute sie der Menschlichkeit gebracht haben möge, ihr notwendig auch
viel Übel bringen müssen, wie überhaupt jeder Wahn, der über die Menschheit
hinausreichet. Indem sie nämlich ein falsches Mitleiden gegen alles Lebendige
weckte, verminderte sie zugleich das wahre Mitgefühl mit dem Elende unsres
Geschlechts, dessen Unglückliche man als Missetäter unter der Last voriger
Verbrechen oder als Geprüfte unter der Hand eines Schicksals glaubte, das ihre
Tugend in einem künftigen Zustande belohnen werde. Auch an den weichen Hindus
hat man daher einen Mangel an Mitgefühl bemerket, der wahrscheinlich die Folge
ihrer Organisation, noch mehr aber ihrer tiefen Ergebenheit ans ewige Schicksal
ist: ein Glaube, der den Menschen wie in einen Abgrund wirft und seine tätigen
Empfindungen abstumpfet. Das Verbrennen der Weiber auf dem Scheiterhaufen der
Ehemänner gehört mit unter die barbarischen Folgen dieser Lehre; denn welche
Ursachen auch die erste Einführung desselben gehabt habe, da es entweder als
Nacheiferung grosser Seelen oder als Strafe in den Gang der Gewohnheit gekommen
sein mag, so hat unstreitig doch die Lehre der Brahmanen von jener Welt den
unnatürlichen Gebrauch veredelt und die armen Schlachtopfer mit Beweggründen des
künftigen Zustandes zum Tode begeistert. Freilich machte dieser grausame
Gebrauch das Leben des Mannes dem Weibe teurer, indem sie auch im Tode
untrennbar von ihm ward und ohne Schmach nicht zurückbleiben konnte; war
indessen das Opfer des Gewinnes wert, sobald jenes auch nur durch die
schweigende Gewohnheit ein zwingendes Gesetz wurde? Endlich übergehe ich bei der
Brahmaneneinrichtung den mannigfaltigen Betrug und Aberglauben, der schon
dadurch unvermeidlich ward, dass Astronomie und Zeitrechnung, Heilkunst und
Religion, durch mündliche Tradition fortgepflanzt, die geheime Wissenschaft
eines Stammes wurden; die verderblichere Folge fürs ganze Land war diese, dass
jede Brahmanenherrschaft früher oder später ein Volk zur Unterjochung reif
macht. Der Stamm der Krieger musste bald unkriegerisch werden, da seine
Bestimmung der Religion zuwider und einem edleren Stamm untergeordnet war, der
alles Blutvergiessen hasste. Glücklich wäre ein so friedfertiges Volk, wenn es,
von Überwindern geschieden, auf einer einsamen Insel lebte; aber am Fuss jener
Berge, auf welchen menschliche Raubtiere, kriegerische Mongolen, wohnen, nahe
jener busenreichen Küste, an welcher geizigverschmjetzte Europäer landen: arme
Hindus, in längerer oder kürzerer Zeit seid ihr mit eurer friedlichen
Einrichtung verloren! So ging's der indischen Verfassung; sie unterlag in- und
auswärtigen Kriegen, bis endlich die europäische Schifffahrt sie unter ein Joch
gebracht hat, unter dem sie mit ihrer letzten Kraft duldet.
    Harter Lauf des Schicksals der Völker! Und doch ist er nichts als
Naturordnung. Im schönsten, fruchtbarsten Strich der Erde musste der Mensch früh
zu feinen Begriffen, zu weiten Einbildungen über die Natur, zu sanften Sitten
und einer regelmässigen Einrichtung gelangen; aber in diesem Erdstrich musste er
sich ebensobald einer mühsamen Tätigkeit entschlagen, mitin eine Beute jedes
Räubers werden, der auch dies glückliche Land suchte. Von alten Zeiten her war
Handel nach Ostindien ein reicher Handel; das fleissige, gnügsame Volk gab von
den Schätzen seines Weltteils zu Meer und zu Lande andern Nationen mancherlei
Kostbarkeiten im Überfluss her und blieb seiner Entfernung wegen in ziemlich
friedlicher Ruhe, bis endlich Europäer, denen nichts entfernt ist, kamen und
sich selbst Königreiche unter ihnen schenkten. Alle Nachrichten und Waren, die
sie uns daher zuführen, sind kein Ersatz für die Übel, die sie einem Volk
auflegen, das gegen sie nichts verübte. Indessen ist die Kette des Schicksals
dahin einmal geknüpft; das Schicksal wird sie auflösen oder weiterführen.
 
                                       V
          Allgemeine Betrachtungen über die Geschichte dieser Staaten
    Wir haben bisher die Staatsverfassungen Asiens betrachtet, die sich nebst
dem hohen Alter auch der festesten Dauer rühmen: Was haben sie in der Geschichte
der Menschheit geleistet? Was lernt an ihnen der Philosoph der
Menschengeschichte?
    1. Geschichte setzt einen Anfang voraus, Geschichte des Staats und der
Kultur einen Beginn derselben; wie dunkel ist dieser bei allen Völkern, die wir
bisher betrachtet haben! Wenn meine Stimme hier etwas vermöchte, so würde ich
sie anwenden, um jeden scharfsinnig-bescheidenen Forscher der Geschichte zum
Studium des Ursprungs der Kultur in Asien, nach seinen berühmtesten Reichen und
Völkern, jedoch ohne Hypotese, ohne den Despotismus einer Privatmeinung, zu
ermuntern. Eine genaue Zusammenhaltung sowohl der Nachrichten als Denkmale, die
wir von diesen Nationen haben, zumal ihrer Schrift und Sprache, der ältesten
Kunstwerke und Mytologie oder der Grundsätze und Handgriffe, deren sie sich in
ihren wenigen Wissenschaften noch jetzt bedienen: dies alles, verglichen mit dem
Ort, den sie bewohnen, und dem Umgange, den sie haben konnten, würde gewiss ein
Band ihrer Aufklärung entwickeln, wo wahrscheinlich das erste Glied dieser
Kultur weder in Selinginsk noch im griechischen Baktra geknüpft wäre. Die
fleissigen Versuche eines Deguignes, Bayers, Gatterers u. a., die kühnem
Hypotesen Baillys, Paws, Delisle u. f., die nützlichen Bemühungen in Sammlung
und Bekanntmachung asiatischer Sprachen und Schritten sind Vorarbeiten zu einem
Gebäude, dessen ersten sichern Grundstein ich gesetzt zu sehen wünschte.
Vielleicht wäre er die Trümmer vom Tempel einer Protogäa, die sich uns in so
vielen Naturdenkmalen zeigt.
    2. Das Wort »Zivilisation eines Volks« ist schwer auszusprechen, zu denken
aber und auszuüben noch schwerer. Dass ein Ankömmling im Lande eine ganze Nation
aufkläre oder ein König die Kultur durch Gesetze befehle, kann nur durch
Beihülfe vieler Nebenumstände möglich werden; denn Erziehung, Lehre, bleibendes
Vorbild allein bildet. Daher kam's denn, dass alle Völker sehr bald auf das
Mittel fielen, einen unterrichtenden, erziehenden, aufklärenden Stand in ihren
Staatskörper aufzunehmen und solchen den andern Ständen vorzusetzen oder
zwischenzuschieben. Lasset dieses die Stufe einer noch sehr unvollkommenen
Kultur sein, sie ist indessen für die Kindheit des Menschengeschlechts
notwendig; denn wo keine dergleichen Erzieher des Volks waren, da blieb dies
ewig in seiner Unwissenheit und Trägheit. Eine Art Brahmanen, Mandarine,
Talapoinen, Lamen u. f. war also jeder Nation in ihrer politischen Jugend nötig;
ja, wir sehen, dass eben diese Menschengattung allein die Samenkörner der
künstlichen Kultur in Asien weit umhergetragen habe. Sind solche da, so kann der
Kaiser Yao zu seinen Dienern Hi und Ho sagen194: »Gehet hin und beobachtet die
Sterne, bemerkt die Sonne und teilt das Jahr.« Sind Hi und Ho keine Astronomen,
so ist sein kaiserlicher Befehl vergeblich.
    3. Es ist ein Unterschied zwischen Kultur der Gelehrten und Kultur des
Volkes. Der Gelehrte muss Wissenschaften wissen, deren Ausübung ihm zum Nutzen
des Staats befohlen ist; er bewahrt solche auf und vertraut sie denen, die zu
seinem Stande gehören, nicht dem Volke. Dergleichen sind auch bei uns die höhere
Matematik und viele andre Kenntnisse, die nicht zum gemeinen Gebrauch, also
auch nicht fürs Volk dienen. Dies waren die sogenannten geheimen Wissenschaften
der alten Staatsverfassungen, die der Priester oder Brahmane nur seinem Stande
vorbehielt, weil er auf die Ausübung derselben angenommen war und jede andre
Klasse der Staatsglieder ein andres Geschäft hatte. So ist die Algebra noch
jetzt eine geheime Wissenschaft; denn es verstehn sie wenige in Europa, obwohl
es keinem durch Befehle verboten ist, sie verstehen zu lernen. Nun haben wir
zwar, unnützer- und schädlicherweise, in vielen Stücken den Kreis der gelehrten
und Volkskultur verwirrt und diese beinah bis zum Umfange jener erweitert; die
alten Staatseinrichter, die menschlicher dachten, dachten hierin auch klüger.
Die Kultur des Volks setzten sie in gute Sitten und nützliche Künste; zu grossen
Teorien, selbst in der Weltweisheit und Religion, hielten sie das Volk nicht
geschaffen, noch solche ihm zuträglich. Daher die alte Lehrart in Allegorien und
Märchen, dergleichen die Brahmanen ihren ungelehrten Stämmen noch jetzt
vortragen; daher in Sina der Unterschied in allgemeinen Begriffen beinah nach
jeder Klasse des Volks, wie ihn die Regierung festgestellt hat und nicht unweise
festält. Wollen wir also eine ostasiatische Nation mit den unsern in Ansehung
der Kultur vergleichen, so ist notwendig zu wissen, wohin jenes Volk die Kultur
setze und von welcher Menschenklasse man rede. Hat eine Nation oder eine seiner
Klassen gute Sitten und Künste, hat sie die Begriffe und Tugenden, die zu seiner
Arbeit und dem gnüglichen Wohlsein seines Lebens hinreichen, so hat es die
Aufklärung, die ihm gnug ist; gesetzt, es wüsste sich auch nicht eine
Mondfinsternis zu erklären und erzählte darüber die bekannte Drachengeschichte.
Vielleicht erzählte sie ihm sein Lehrer eben deswegen, damit ihm über die
Sonnen- und Sternenbahnen kein graues Haar wüchse. Unmöglich kann ich mir
vorstellen, dass alle Nationen in ihren Individuen dazu auf der Erde sein, um
einen metaphysischen Begriff von Gott zu haben, als ob sie ohne diese
Metaphysik, die zuletzt vielleicht auf einem Wort beruhet, abergläubische,
barbarische Unmenschen sein müssten. Ist der Japaner ein kluger, herzhafter,
geschickter, nützlicher Mensch, so ist er kultiviert, er möge von seinem Buddha
und Amida denken, wie er wolle. Erzählt er euch hierüber Märchen, so erzählet
ihm dafür andre Märchen, und ihr seid quitt.
    4. Selbst ein ewiger Fortgang in der gelehrten Kultur gehört nicht zur
wesentlichen Glückseligkeit eines Staats, wenigstens nicht nach dem Begriff der
alten östlichen Reiche. In Europa machen alle Gelehrte einen eignen Staat aus,
der, auf die Vorarbeiten vieler Jahrhunderte gebauet, durch gemeinschaftliche
Hülfsmittel und durch die Eifersucht der Reiche gegeneinander künstlich erhalten
wird; denn der allgemeinen Natur tut der Gipfel der Wissenschaft, nach dem wir
streben, keine Dienste. Ganz Europa ist ein gelehrtes Reich, das teils durch
innern Welteifer, teils in den neuern Jahrhunderten durch hülfreiche Mittel, die
es auf dem ganzen Erdboden suchte, eine idealische Gestalt gewonnen hat, die nur
der Gelehrte durchschauet und der Staatsmann nutzet. Wir also können in diesem
einmal begonnenen Lauf nicht mehr stehenbleiben: wir haschen dem Zauberbilde
einer höchsten Wissenschaft und Anerkenntnis nach, das wir zwar nie erreichen
werden, das uns aber immer im Gange erhält, solange die Staatsverfassung Europas
dauret. Nicht also ist's mit den Reichen, die nie in diesem Konflikt gewesen.
Das runde Sina hinter seinen Bergen ist ein einförmiges verschlossenes Reich;
alle Provinzen auch sehr verschiedener Völker, nach den Grundsätzen einer alten
Staatsverfassung eingerichtet, sind durchaus nicht im Wetteiter gegeneinander,
sondern im tiefsten Gehorsam. Japan ist eine Insel, die, wie das alte
Britannien, jedem Fremdlinge feind ist und in ihrer stürmischen See zwischen
Felsen wie eine Welt für sich bestehet. So Tibet, mit Gebürgen und barbarischen
Völkern umgeben; so die Verfassung der Brahmanen, die jahrhundertelang unter dem
Druck ächzet. Wie könnte in diesen Reichen der Keim fortwachsender Wissenschaft
schiessen, der in Europa durch jede Felsenwand bricht? Wie könnten sie selbst die
Früchte dieses Baums von den gefährlichen Händen der Europäer aufnehmen, die
ihnen das, was rings um sie ist, politische Sicherheit, ja ihr Land selbst
rauben? Also hat sich nach wenigen Versuchen jede Schnecke in ihr Haus gezogen
und verachtet auch die schönste Rose, die ihr eine Schlange brächte. Die
Wissenschaft ihrer anmasslichen Gelehrten ist auf ihr Land berechnet, und selbst
von den willfährtigen Jesuiten nahm Sina nicht mehr an, als es nicht entbehren
zu können glaubte. Käme es in Umstände der Not, so würde es vielleicht mehr
annehmen; da aber die meisten Menschen, und noch mehr die grossen Staatskörper,
sehr harte, eiserne Tiere sind, denen die Gefahr nah ankommen müsste, ehe sie
ihren alten Gang ändern, so bleibt ohne Wunder und Zeichen alles, wie es ist,
ohne dass es deswegen den Nationen an Fähigkeit zur Wissenschaft fehlte. An
Triebfedern fehlt es ihnen; denn die uralte Gewohnheit wirkt jeder neuen
Triebfeder entgegen. Wie langsam hat Europa selbst seine besten Künste gelernet!
    5. Das Dasein eines Reichs kann in sich selbst und gegen andre geschätzet
werden; Europa ist in der Notwendigkeit, beiderlei Massstab zu gebrauchen; die
asiatischen Reiche haben nur einen. Keins von diesen Ländern hat andre Welten
aufgesucht, um sie als ein Postament seiner Grösse zu gebrauchen oder durch ihren
Überfluss sich Gift zu bereiten; jedes nutzet, was es hat, und ist in sich selbst
gnüglich. Sogar seine eignen Goldbergwerke hat Sina untersagt, weil es aus
Gefühl seiner Schwäche sie nicht zu nutzen getraute; der auswärtige sinesische
Handel ist ganz ohne Unterjochung fremder Völker. Bei dieser kargen Weisheit
haben alle diese Länder sich den unleugbaren Vorteil verschafft, ihr Inneres
desto mehr nutzen zu müssen, weil sie es weniger durch äussern Handel ersetzten.
Wir Europäer dagegen wandeln als Kaufleute oder als Räuber in der ganzen Welt
umher und vernachlässigen oft das Unsrige darüber; die britannischen Inseln
selbst sind lange nicht wie Japan und Sina gebauet. Unsre Staatskörper sind also
Tiere, die, unersättlich am Fremden, Gutes und Böses, Gewürze und Gift, Kaffee
und Tee, Silber und Gold verschlingen und in einem hohen Fieberzustande viel
angestrengte Lebhaftigkeit beweisen; jene Länder rechnen nur auf ihren
inwendigen Kreislauf. Ein langsames Leben, wie der Murmeltiere, das aber eben
deswegen lange gedauret hat und noch lange dauern kann, wenn nicht äussere
Umstände das schlafende Tier töten. Nun ist's bekannt, dass die Alten in allem
auf längere Dauer rechneten, wie in ihren Denkmalen, so auch in ihren
Staatsgebäuden; wir wirken lebhaft und gehen vielleicht um so schneller die
kurzen Lebensalter durch, die auch uns das Schicksal zumass.
    6. Endlich kommt es bei allen irdischen und menschlichen Dingen auf Ort und
Zeit sowie bei den verschiednen Nationen auf ihren Charakter an, ohne welchen
sie nichts vermögen. Läge Ostasien uns zur Seite, es wäre lange nicht mehr, was
es war. Wäre Japan nicht die Insel, die es ist, so wäre es nicht, was es ist,
worden. Sollten sich diese Reiche allesamt jetzt bilden, so würden sie
schwerlich werden, was sie vor drei, vier Jahrtausenden wurden; das ganze Tier,
das Erde heisst und auf dessen Rücken wir wohnen, ist jetzt Jahrtausende älter.
Wunderbare, seltsame Sache überhaupt ist's um das, was genetischer Geist und
Charakter eines Volks heisset. Er ist unerklärlich und unauslöschlich: so alt wie
die Nation, so alt wie das Land, das sie bewohnte. Der Brahmane gehört zu seinem
Weltstrich; kein andrer, glaubt er, ist seiner heiligen Natur wert. So der
Sinese und Japaner; allentalben ausser seinem Lande ist er eine unzeitig
verpflanzte Staude. Was der Einsiedler Indiens sich an seinem Gott, der Sinese
sich an seinem Kaiser denkt, denken wir uns nicht an demselben; was wir für
Wirksamkeit und Freiheit des Geistes, für männliche Ehre und Schönheit des
Geschlechts schätzen, denken sich jene weit anders. Die Eingeschlossenheit der
indischen Weiber wird ihnen nicht unerträglich; der leere Prunk eines Mandarinen
wird jedem andern als ihm ein sehr kaltes Schauspiel dünken. So ist's mit allen
Gewohnheiten der vielgestaltigen menschlichen Form, ja mit allen Erscheinungen
auf unsrer runden Erde. Wenn unser Geschlecht bestimmt ist, auf dem ewigen Wege
einer Asymptote sich einem Punkt der Vollkommenheit zu nähern, den es nicht
kennt und den es mit aller tantalischen Mühe nie erreichet: ihr Sinesen und
Japanesen, ihr Lamas und Brahmanen, so seid ihr auf dieser Wallfahrt in einer
ziemlich ruhigen Ecke des Fahrzeuges. Ihr lasst euch den unerreichbaren Punkt
nicht kümmern und bleibt, wie ihr vor Jahrtausenden wäret.
    7. Tröstend ist's für den Forscher der Menschheit, wenn er bemerkt, dass die
Natur bei allen Übeln, die sie ihrem Menschengeschlecht zuteilte, in keiner
Organisation den Balsam vergass, der ihm seine Wunden wenigstens lindert. Der
asiatische Despotismus, diese beschwerliche Last der Menschheit, findet nur bei
Nationen statt, die ihn tragen wollen, d. i. die seine drückende Schwere minder
fühlen. Mit Ergebung erwartet der Indier sein Schicksal, wenn in der ärgsten
Hungersnot seinen abgezehrten Körper schon der Hund verfolgt, dem er sinkend zur
Speise werden wird; er stützet sich an, damit er stehend sterbe, und geduldig
wartend sieht ihm der Hund ins blasse Todesantlitz: eine Resignation, von der
wir keinen Begriff haben und die dennoch oft mit den stärksten Stürmen der
Leidenschaft wechselt. Sie ist indessen nebst mancherlei Erleichterungen der
Lebensart und des Klima das mildernde Gegengift gegen so viele Übel jener
Staatsverfassungen, die uns unerträglich dünken. Lebten wir dort, so würden wir
sie nicht ertragen dürfen, weil wir Sinn und Mut gnug hätten, die böse
Verfassung zu ändern, oder wir erschlafften auch und ertrügen die Übel wie jene
Indier geduldig. Grosse Mutter Natur, an welche Kleinigkeiten hast du das
Schicksal unsres Geschlechts geknüpfet! Mit der veränderten Form eines
menschlichen Kopfs und Gehirns, mit einer kleinen Veränderung im Bau der
Organisation und der Nerven, die das Klima, die Stammesart und die Gewohnheit
bewirket, ändert sich auch das Schicksal der Welt, die ganze Summe dessen, was
allentalben auf Erden die Menschheit tue und die Menschheit leide.
 
                                 Zwölftes Buch
    Wir kommen zu den Ufern des Euphrat und Tigris: aber wie verändert sich in
diesem ganzen Erdstrich der Anblick der Geschichte! Babel und Ninive, Ekbatana,
Persepolis und Tyrus sind nicht mehr; Völker folgen auf Völker, Reiche auf
Reiche, und die meisten derselben haben sich bis auf Namen und ihre einst so
hochberühmten Denkmale von der Erde verloren. Es gibt keine Nation mehr, die
sich Babylonier, Assyrer, Chaldäer, Meder, Phönicier nenne oder von ihrer alten
politischen Verfassung auszeichnende Spuren an sich trage. Ihre Reiche und
Städte sind zerstört, und die Völker schleichen umher unter andern Namen.
    Woher dieser Unterschied gegen den tiefgeprägten Charakter der östlichen
Reiche? Sina und Indien sind von den Mongolen mehr als einmal überschwemmet, ja
zum Teil Jahrhunderte durch unterjocht gewesen, und doch hat sich weder Peking
noch Benares, weder der Brahmane noch Lama von der Erde verloren. Mich dünkt,
der Unterschied dieses Schicksals erkläre sich selbst, wenn man auf die
verschiedene Lage und Verfassung beider Weltgegenden merket. Im östlichen Asien,
jenseit des grossen Bergrückens der Erde, drohete den südlichen Völkern nur ein
Feind, die Mongolen. Jahrhundertelang zogen diese auf ihren Steppen oder in
ihren Tälern ruhig einher, und wenn sie die nachbarlichen Provinzen
überschwemmten, so ging ihre Absicht nicht sowohl aufs Zerstören als aufs
Beherrschen und Rauben; daher mehrere Nationen unter mongolischen Regenten ihre
Verfassung Jahrtausende hin erhielten. Ganz ein andres Gedränge wimmelnder
Völker war zwischen dem Schwarzen und Kaspischen bis ans Mittelländische Meer,
und eben der Euphrat und Tigris waren die grossen Ableiter dieser ziehenden
Völker. Das ganze Vorderasien war frühe mit Nomaden erfüllt; und je mehr
blühende Städte, je mehr künstliche Reiche in diesen schönen Gegenden
entstanden, desto mehr lockten solche die roheren Völker zum Raube an sich, oder
sie wussten ihre wachsende Übermacht selbst nicht anders zu nutzen, als dass sie
andre vertilgten. Das einzige Babylon auf seinem schönen Mittelplatze des öst-
und westlichen Handels, wie oft ward es erobert und geplündert! Sidon und Tyrus,
Jerusalem, Ekbatana und Ninive hatten kein besseres Schicksal, so dass man diesen
ganzen Erdstrich als einen Garten der Verwüstung ansehen kann, wo Reiche
zerstörten und zerstöret wurden.
    Kein Wunder also auch, dass viele namenlos untergingen und fast keine Spur
hinter sich liessen; denn was sollte ihnen diese Spur geben? Den meisten Völkern
dieses Weltstrichs war eine Sprache gemein, die sich nur in verschiedne
Mundarten teilte; bei ihrem Untergange also verwirreten sich diese Mundarten und
flossen endlich in das chaldäisch-syrisch-arabische Gemisch zusammen, das, fast
ohne ein sonderndes Merkmal der vermengten Völker, noch jetzt in diesen Gegenden
lebet. Aus Horden waren ihre Staaten entstanden, in Horden kehrten sie zurück,
ohne ein dauerhaftes politisches Gepräge. Noch weniger konnten ihnen die
gepriesenen Denkmale eines Belus, einer Semiramis u. f. eine Pyramidenewigkeit
sichern; denn nur aus Ziegelsteinen waren sie gebauet, die, an der Sonne oder am
Feuer getrocknet und mit Erdpech verbunden, leicht zu zerstören waren, wenn sie
nicht unter dem stillen Tritte der Zeit sich selbst zerstörten. Unmerklich also
verwitterte die despotische Herrlichkeit der Erbauer Ninives und Babels; so dass
das einzige, was wir in dieser weltberühmten Gegend zu betrachten finden, der
Name ist, den diese verschwundenen Nationen einst in der Reihe der Völker
geführt haben. Wir wandern wie auf den Gräbern untergegangner Monarchien umher
und sehen die Schattengestalten ihrer ehemaligen Wirkung auf der Erde. Und
wahrlich, diese Wirkung ist so gross gewesen, dass, wenn man Ägypten zu diesem
Erdstriche mitrechnet, es ausser Griechenland und Rom keine Weltgegend gibt, die,
insonderheit für Europa und durch dies für alle Nationen der Erde, so viel
erfunden und vorgearbeitet habe. Man erstaunt über die Menge der Künste und
Gewerbe, die man in den Nachrichten der Ebräer, schon von den frühesten Zeiten
an, mehreren kleinen Nomadenvölkern dieser Gegend gemein findet.195 Den Ackerbau
mit mancherlei Geräten, die Gärtnerei, Fischerei, Jagd, insonderheit die
Viehzucht, das Mahlen des Getreides, das Backen des Brots, das Kochen der
Speisen, Wein, Öl, zur Kleidung die Bereitung der Wolle und der Tierhäute, das
Spinnen, Weben und Nähen, das Färben, Tapetenmachen und Sticken, das Stempeln
des Geldes, das Siegelgraben und Steinschneiden, die Bereitung des Glases, die
Korallenfischerei, den Bergbau und das Hüttenwesen, mancherlei Kunstarbeiten in
Metall, im Modellieren, Zeichnen und Formen, die Bildnerei und Baukunst, Musik
und Tanz, die Schreib- und Dichtkunst, Handel mit Mass und Gewicht, an den Küsten
Schiffahrt, in den Wissenschaften einige Anfangsgründe der Stern-, Zeiten-und
Länderkunde, der Arzneiwissenschaft und Kriegskunst, der Aritmetik, Geometrie
und Mechanik, in politischen Einrichtungen Gesetze, Gerichte, Gottesdienst,
Kontrakte, Strafen und eine Menge sittlicher Gebräuche: alles dies finden wir
bei den Völkern des Vorderasiens so früh im Gange, dass wir die ganze Kultur
dieses Erdstrichs für den Rest einer gebildeten Vorwelt ansehen müssten, wenn uns
auch keine Tradition darauf brächte. Nur die Völker, die, der Mitte Asiens weit
entlegen, in der Irre umherzogen, nur sie sind barbarisch und wilde geworden;
daher ihnen auf mancherlei Wegen früher oder später eine zweite Kultur zukommen
musste.
 
                                       I
                           Babylon, Assyrien, Chaldäa
    In der weiten Nomadenstrecke des vordem Asiens mussten die fruchtbaren und
anmutigen Ufer des Euphrat und Tigris gar bald eine Menge weidender Horden zu
sich locken und, da sie zwischen Bergen und Wüsteneien wie ein Paradies in die
Mitte gelagert sind, solche auch gern an sich behalten. Zwar hat jetzt diese
Gegend viel von ihrer Anmut verloren, da sie fast von aller Kultur entblösst und
seit Jahrhunderten dem Raube streifender Horden ausgesetzt gewesen; einzelne
Striche indessen bestätigen noch das allgemeine Zeugnis der alten
Schriftsteller, die sich im Lobe an ihr erschöpfen.196 Hier war also das
Vaterland der ersten Monarchien unsrer Weltgeschichte und zugleich eine frühe
Werkstätte nützlicher Künste.
    Bei dem ziehenden Nomadenleben nämlich war nichts natürlicher, als dass es
einem ehrgeizigen Scheik in den Sinn kam, die schönen Ufer des Euphrats sich
zuzueignen und zu Behauptung derselben mehrere Horden an sich zu fesseln. Die
ebräische Nachricht nennt diesen Scheik Nimrod, der durch die Städte Babel,
Edessa, Nesibin und Ktesiphon sein Reich gegründet habe; und in der Nähe setzt
sie ihm ein andres, das assyrische Reich durch die Städte Resan, Ninive,
Adiabene und Kalach entgegen. Die Lage dieser Reiche nebst ihrer Natur und
Entstehung knüpft den ganzen Faden des Schicksals, der sich nachher bis zu ihrem
Untergange entwickelt hat; denn da beide, von verschiednen Volksstämmen
gegründet, sich einander zu nahe lagen, was konnte nach dem streifenden
Hordengeist dieser Weltgegend anders folgen, als dass sie einander anfeindeten,
mehrmals unter eine Oberherrschaft gerieten und durch den Zudrang nördlicher
Bergvölker sich so und anders zerteilten? Dies ist die kurze Geschichte der
Reiche am Euphrat und Tigris, die in so alten Zeiten und bei verstümmelten
Nachrichten aus dem Munde mehrerer Völker freilich nicht ohne Verwirrung sein
konnte. Worin indes Annalen und Märchen einig sind, ist der Ursprung, der Geist
und die Verfassung dieser Reiche. Aus kleinen Anfängen nomadischer Völker waren
sie entstanden, der Charakter erobernder Horden blieb ihnen auch immer eigen.
Selbst der Despotismus, der in ihnen aufkam, und die mancherlei Kunstweisheit,
die insonderheit Babylon berühmt gemacht hat, sind völlig im Geist des
Erdstrichs und des Nationalcharakters seiner Bewohner.
    Denn was waren jene ersten Städte, die diese fabelhaften Weltmonarchen
gründeten? Grosse, gesicherte Horden, das feste Lager eines Stammes, der diese
fruchtbaren Gegenden genoss und auf die Plünderung andrer auszog. Daher der
ungeheure Umfang Babylons so bald nach seiner Anlage dies- und jenseit des
Stromes; daher seine Ungeheuern Mauern und Türme. Die Mauern waren hohe, dicke
Wälle aus gebrannter Erde, die ein weitläuftiges Heerlager der Nomaden
beschützen sollten; die Türme waren Wachttürme; die ganze Stadt, mit Gärten
vermischt, war nach Aristoteles' Ausdruck ein Peloponnesus. Reichlich verlieh
diese Gegend den Stoff zu solcher Nomadenbauart, den Ton nämlich, den man zu
Ziegelsteinen gebrauchen, und das Erdpech, womit man jene verkitten lernte. Die
Natur erleichterte also den Menschen ihre Arbeit, und da nach Nomadenart die
Anlagen einmal gemacht waren, so konnten nach ebendieser Art sie leicht auch
bereichert und verschönt werden, wenn nämlich die Horde auszog und raubte.
    Und was sind jene gerühmten Eroberungen eines Ninus, einer Semiramis u. f.
anders als Streitereien, wie solche die Araber, Kurden und Turkumannen noch
jetzt treiben? Selbst ihrer Stammesart nach waren die Assyrer streifende
Bergvölker, die durch keinen andern Charakter auf die Nachwelt gekommen sind,
als dass sie erobert und geplündert haben. Von den frühesten Zeiten an werden
insonderheit Araber im Dienst dieser Welteroberer genannt, und man kennet die
ewige Lebensart dieses Volkes, die so lange dauern wird, als die arabische Wüste
dauret. Späterhin treten Chaldäer auf den Schauplatz, ihrer Stammart und ihren
ersten Wohnsitzen nach räuberische Kurden.197 Sie haben sich in der
Weltgeschichte durch nichts als Verwüstungen ausgezeichnet; denn der Name, der
ihnen von Wissenschaften zukam, ist wahrscheinlich nur ein mit dem Königreich
Babylonien erbeuteter Ehrenname. Die schöne Gegend also, die diese Ströme
umgrenzet, kann man in den ältesten und neuern Zeiten für einen Sammelplatz
ziehender Nomaden oder raubender Völker ansehen, die an die hier befestigten
Orte ihre Beute zusammentrugen, bis sie dem wohllüstigen warmen Himmelsstrich
selbst unterlagen und, in Üppigkeit ermattet, andern zum Raube wurden.
    Auch die gerühmten Kunstwerke einer Semiramis, ja noch eines Nebukadnezars
sagen schwerlich etwas anders. Nach Ägypten hinab gingen die frühesten Züge der
Assyrer; mitin wurden die Kunstwerke dieser friedlichen, gesitteten Nation
wahrscheinlich das erste Vorbild der Verschönerungen Babels. Die gerühmten
kolossischen Bildsäulen Belus', die Bildnisse auf den ziegelsteinernen Mauern
der grossen Stadt scheinen völlig nach ägyptischer Art, und dass die fabelhafte
Königin zum Berge Bagistan hinzog, um seinem Rücken ihr Bildnis aufzuprägen,
war gewiss eine ägyptische Nachahmung. Sie wurde nämlich zu diesem Zuge
gezwungen, da das südliche Land ihr keine Granitfelsen zu ewigen Denkmalen, wie
Ägypten, darbot. Auch was Nebukadnezar hervorbrachte, waren nichts als Kolossen,
Ziegelpaläste und hangende Gärten. Man suchte dem Umfange nach zu übertreffen,
was man dem Stoff und der Kunst nach nicht haben konnte, und gab dem schwachem
Denkmal wenigstens durch angenehme Gärten einen babylonischen Charakter. Ich
bedaure daher den Untergang dieser ungeheuren Tonmassen so gar sehr nicht, denn
hohe Werke der Kunst sind sie wahrscheinlich nicht gewesen; was ich wünschte,
wäre, dass man in ihren Schuttaufen nach Tafeln chaldäischer Schrift suchte, die
sich nach den Zeugnissen mehrerer Reisenden auch gewiss darin finden würden.198
    Nicht eigentlich ägyptische, sondern Nomaden-und späterhin Handelskünste
sind das Eigentum dieser Gegend gewesen, wie es auch ihre Naturlage wollte. Der
Euphrat überschwemmete und musste daher in Kanälen abgeleitet werden, damit ein
grösserer Strich Landes von ihm Fruchtbarkeit erhielte; daher die Erfindungen der
Räder und Pumpwerke, wenn diese nicht auch von den Ägyptern gelernt waren. Die
Gegend in einiger Entfernung dieser Ströme, die einst bewohnt und fruchtbar war,
darbet jetzt, weil ihr der Fleiss arbeitender Hände fehlet. Von der Viehzucht war
hier zum Ackerbau ein leichter Schritt, da die Natur selbst den stetigen
Bewohner dazu einlud. Die schönen Garten- und Feldfrüchte dieser Ufer, die mit
freiwilliger, ungeheurer Kraft aus der Erde hervorschiessen und die geringe Mühe
ihrer Pflege reichlich belohnen, machten, fast ohne dass er's wusste, den Hirten
zum Ackermann und zum Gärtner. Ein Wald von schönen Dattelbäumen gab ihm statt
der unsichern Zelte Stämme zu seiner Wohnung und Früchte zur Speise; die
leichtgebrannte Tonerde half diesem Bau auf, so dass sich der Zeltbewohner
unvermerkt in einer bessern, obgleich leimernen Wohnung sähe. Ebendiese Erde gab
ihm Gefässe und mit ihnen hundert Bequemlichkeiten der häuslichen Lebensweise.
Man lernte das Brot backen, Speisen zurichten, bis man endlich durch den Handel
zu jenen üppigen Gastmahlen und Festen stieg, durch welche in sehr alten Zeiten
die Babylonier berühmt waren. Wie man kleine Götzenbilder, Teraphim, in
gebrannter Erde schuf lernte man bald auch kolossische Statuen brennen und
formen, von deren Modellen man zu Formen des Metallgusses sehr leicht
hinaufstieg. Wie man dem weichen Ton Bilder oder Schriftzüge einprägte, die
durchs Feuer befestigt blieben, so lernte man damit unvermerkt, auf gebrannten
Ziegelsteinen Kenntnisse der Vorwelt erhalten, und bauete auf die Beobachtungen
älterer Zeiten weiter. Selbst die Astronomie war eine glückliche
Nomadenerfindung dieser Gegend. Auf ihrer weiten schönen Ebne sass der weidende
Hirt und bemerkte in müssiger Ruhe den Auf- und Untergang der glänzenden Sterne
seines unendlichen, heitern Horizontes. Er benannte sie, wie er seine Schafe
nannte, und schrieb ihre Veränderungen in sein Gedächtnis. Auf den platten
Dächern der babylonischen Häuser, auf welchen man sich nach der Hitze des Tages
angenehm erholte, setzte man diese Beobachtungen fort, bis endlich ein eigner,
dazu gestifteter Orden sich dieser reizenden und zugleich unentbehrlichen
Wissenschaft annahm und die Jahrbücher des Himmels Zeiten hindurch fortsetzte.
So lockte die Natur die Menschen selbst zu Kenntnissen und Wissenschaften, dass
also auch diese ihre Geschenke so lokale Erzeugnisse sind als irgendein andres
Produkt der Erde. Am Fuss des Kaukasus gab sie durch Naphtaquellen den Menschen
das Feuer in die Hände, daher sich die Fabel des Prometeus ohne Zweifel aus
jenen Gegenden herschreibt; in den angenehmen Dattelwäldern am Euphrat erzog sie
mit sanfter Macht den umherziehenden Hirten zum fleissigen Anwohner der Flecken
und Städte.
    Eine Reihe andrer babylonischer Künste sind daher entsprossen, dass diese
Gegend ein Mittelpunkt des Handels der Ost- und Westwelt von alten Zeiten her
war und immerhin sein wird. Im mittlern Persien hat sich kein berühmter Staat
gebildet, weil kein Fluss ins Meer strömet; aber am Indus, am Ganges und hier am
Euphrat und Tigris, welche belebtere Punkte der Erde! Hier war der Persische
Meerbusen nahe199, wo eine frühe Niederlage indischer Waren auch Babylon
bereicherte und zu einer Mutter des handelnden Fleisses machte. Die babylonische
Pracht in Leinwand, Teppichen, Stickereien und andern Gewanden ist bekannt; der
Reichtum schuf Üppigkeit; Üppigkeit und Fleiss brachten beide Geschlechter näher
zusammen als in andern asiatischen Provinzen, wozu die Regierung einiger
Königinnen vielleicht nicht wenig beitrug. Kurz, die Bildung dieses Volks ging
so ganz von seiner Lage und Lebensart aus, dass es ein Wunder wäre, wenn sich bei
solchen Anlässen an diesem Ort der Welt nichts Merkwürdiges hätte erzeugen
sollen. Die Natur hat ihre Lieblingsplätze auf der Erde, die insonderheit an den
Ufern der Ströme und an erlesnen Küsten des Meers der Menschen Tätigkeit
aufwecken und belohnen. Wie am Nil ein Ägypten, am Ganges ein Indien entstand,
so erschuf sich hier ein Ninive und Babel, in spätem Zeiten ein Seleucia und
Palmyra. Ja, wenn Alexander zur Erfüllung seines Wunsches gelangt wäre, von
Babel aus die Welt zu regieren, welch eine andre Gestalt hätte diese reizende
Gegend auf lange Jahrhunderte erhalten!
    Auch an den Schriftcharakteren nehmen die Assyrer und Babylonier teil: ein
Eigentum, das die Nomadenstämme des vordem Asiens von undenklichen Zeiten her
unter ihre Vorzüge gerechnet haben. Ich lasse es dahingestellt sein, welchem
Volk eigentlich diese herrliche Erfindung gebühre200; gnug aber, alle aramäische
Stämme rühmten sich dieses Geschenkes der Vorwelt und hassten mit einer Art von
Religionshass die Hieroglyphen. Ich kann mich daher nicht überreden, dass die
Babylonier Hieroglyphen gebraucht haben: ihre Zeichendeuter deuteten Sterne,
Begebenheiten, Zufälle, Traumbilder, geheime Schriftzüge, aber nicht
Hieroglyphen. Auch die Schrift des Schicksals, die jenem schwelgenden Belsazar
erschien201, bestand in Silbenworten, die nach Art der morgenländischen
Schreibkunst ihm in verschlungenen Zügen vorkamen, nicht aber in Bildern. Selbst
jene Gemälde, die Semiramis auf ihre Mauern setzte, die syrischen Buchstaben,
die sie dem Felsen zu ihrem Bildnis einhauen liess, bestätigen in den ältesten
Zeiten den hieroglyphenfreien Gebrauch der Buchstaben unter diesen Völkern.
Durch sie allein war es möglich, dass die Babylonier so frühe schon geschriebene
Kontrakte, Jahrbücher ihres Reichs und eine fortgesetzte Reihe von
Himmelsbeobachtungen haben konnten; durch sie allein haben sie sich eigentlich
dem Andenken der Welt als ein gebildetes Volk eingezeichnet. Zwar sind weder
ihre astronomischen Verzeichnisse noch eine ihrer Schritten auf uns gekommen, ob
jene gleich noch dem Aristoteles zugesandt werden konnten; indessen, dass sie
dies Volk nur gehabt hat, ist ihm schon rühmlich.
    Übrigens muss man sich an der Chaldäerweisheit nicht unsre Weisheit denken.
Die Wissenschaften, die Babylon besass, waren einer abgeschlossenen gelehrten
Zunft anvertrauet, die bei dem Verfall der Nation zuletzt eine hässliche
Betrügerin wurde. Chaldäer hiessen sie wahrscheinlich von der Zeit an, da
Chaldäer über Babylon herrschten; denn da seit Belus' Zeiten die Zunft der
Gelehrten ein Orden des Staats und eine Stiftung der Regenten war, so
schmeichelten diese wahrscheinlich ihren Beherrschern damit, dass sie den Namen
ihrer Nation trugen. Sie waren Hofphilosophen und sanken als solche auch zu
allen Betrügereien und schnöden Künsten der Hofphilosophie hinunter.
Wahrscheinlich haben sie in diesen Zeiten ihre alte Wissenschaft sowenig als das
Tribunal in Sina die seinigen vermehret.
    Glücklich und zugleich unglücklich war diese schöne Erdstrecke, da sie einem
Bergstrich nahe lag, von welchem sich soviel wilde Völker hinabdrängten. Das
assyrische und babylonische Reich ward von Chaldäern und Medern, diese wurden
von den Persern überwunden, bis zuletzt alles eine unterjochte Wüste war und
sich der Sitz des Reichs in die nordischen Gegenden hinaufzog. Weder im Kriege
noch in der Staatsverfassung haben wir also von diesen Reichen viel zu lernen.
Ihre Angriffe waren roh, ihre Eroberungen nur Streifereien; ihre politische
Verfassung war jene elende Satrapenregierung, die in den Morgenländern dieser
Gegenden fast immer geherrscht hat. Daher denn die unbefestigte Gestalt dieser
Monarchien; daher die öftern Empörungen gegen sie und die Zerstörung des Ganzen
durch Einnahme einer Stadt, durch einen oder zwei Hauptsiege. Zwar wollte
Arbaces schon nach dem ersten Sturz des Reichs eine Art verbündeter
Satrapenaristokratie aufrichten; aber es gelang ihm nicht, wie überhaupt keiner
der modischen und aramäischen Stämme von einer andern Regimentsverfassung als
der despotischen wusste. Aus dem Nomadenleben waren sie ausgegangen; das Bild des
Königes als eines Hausvaters und Scheiks formte also ihre Begriffe und liess,
sobald sie nicht mehr in einzelnen Stämmen lebten, der politischen Freiheit oder
der Gemeinherrschaft mehrerer keinen Raum. Wie eine Sonne am Himmel leuchtet, so
sollte auch nur ein Regent auf der Erde sein, der sich denn auch bald in die
ganze Pracht der Sonne, ja in den Glanz einer irdischen Gotteit hüllte. Alles
floss von seiner Gnade her, an seiner Person hing alles, in ihr lebte der Staat,
mit ihr ging er meistens unter. Ein Harem war der Hof des Fürsten; er kannte
nichts als Silber und Gold, Knechte und Mägde, Länder, die er wie eine Weide
besass, und Menschenherden, die er trieb, wohin er wollte, wenn er sie nicht gar
würgte. Eine barbarische Nomadenregierung, ob sie gleich auch in seltnen guten
Fürsten wahre Hirten und Väter des Volks gehabt hat.
 
                                       II
                                Meder und Perser
    Die Meder sind in der Geschichte der Welt durch Kriegstaten und Üppigkeit
bekannt; durch Erfindungen oder eine bessere Einrichtung des Staats haben sie
sich nie ausgezeichnet. Ein tapfres reitendes Bergvolk waren sie in einem
nördlichen, grossenteils rauhen Lande; als solches warfen sie das alte assyrische
Reich um, dessen Sultane im Harem träge schlummerten; sie entzogen sich auch
bald dem neuen assyrischen Reiche. Ebenso schnell aber gerieten sie durch ihren
klugen Dejoces unter eine strenge, monarchische Herrschaft, die zuletzt an
Pracht und Üppigkeit den Persern selbst vorging. Endlich wurden sie unter dem
grossen Cyrus mit jener ganzen Flut von Völkern vereinigt, die Persiens Monarchen
zu Herren der Welt erhöhte.
    Wenn bei einem Fürsten die Geschichte Dichtung zu werden scheint, ist es
beim Stifter des persischen Reiches, Cyrus; man möge dies Götterkind, den
Erobrer und Gesetzgeber der Völker, von den Hebräern oder Persern, von Herodot
oder von Xenophon beschrieben lesen. Ohne Zweifel hat der letztgenannte, schöne
Geschichtschreiber, der von seinem Lehrer bereits die Idee einer Cyropädie
bekam, bei seinen Feldzügen in Asien wahre Nachrichten von ihm gesammlet, die
aber, weil Cyrus lange tot war, nach asiatischer Weise von ihm nicht anders als
in jenem hohen Ton des Lobes sprechen konnten, den man in allen Beschreibungen
dieser Völker von ihren Königen und Helden gewohnt ist. Xenophon ward also
dasselbe gegen Cyrus, was Homer gegen Achill und Ulysses ward, bei welchen dem
Dichter auch wahre Nachrichten zum Grunde lagen. Für uns ist's indessen
einerlei, ob einer oder der andre das Wahrere sage; gnug, Cyrus überwand Asien
und stiftete ein Reich, das vom Mittelländischen Meer an bis zum Indus reichte.
Hat Xenophon von den Sitten der alten Perser, unter denen Cyrus erzogen ward,
wahr geredet, so mag der Deutsche sich freuen, dass er mit diesem Volk
wahrscheinlich eines verwandten Stammes ist, und jeder seiner Prinzen möge die
Cyropädie lesen.
    Aber, du grosser und guter Cyrus, wenn meine Stimme zu deinem Grabmal in
Pasagarda gelangen könnte, so würde sie deinen Staub fragen, warum du ein
solcher Eroberer wurdest. Bedachtest du im jugendlichen Lauf deiner Siege, wozu
dir und deinen Enkeln die unzähligen Völker, die unübersehlichen Länder, die du
unter deinen Namen zwangst, nutzen sollten? Konnte dein Geist ihnen allen
gegenwärtig sein? Konnte er auf alle folgenden Geschlechter fortlebend wirken?
Und wenn dies nicht ist, welche Last legst du deinen Nachkommen auf, einen so
zusammengestickten Königspurpur zu tragen? Seine Teile fallen auseinander oder
drücken den Tragenden zugrunde. Dies war die Geschichte Persiens unter den
Nachfolgern Cyrus'. Sein Eroberungsgeist hatte ihnen ein so hohes Ziel
vorgesteckt, dass sie ihr Reich erweitern wollten, auch da es nicht mehr zu
erweitern war; sie verwüsteten also und rannten allentalben an, bis sie zuletzt
durch die Ehrsucht eines beleidigten Feindes selbst ihr trauriges Ende fanden.
Kaum zweihundert Jahr hat das persische Reich gewähret; und es ist zu
verwundern, dass es so lange währte: denn seine Wurzel war so klein, seine Aste
dagegen waren so gross, dass es notwendig zu Boden stürzen musste.
    Wenn je die Menschlichkeit im Reich der Menschheit Platz gewinnet, so wird
man aus ihrer Geschichte zuerst dem tollen Eroberungsgeist entsagen lernen, der
in wenigen Generationen notwendig sich selbst verderbet. Ihr treibt Menschen wie
eine Herde, ihr bindet sie wie tote Massen zusammen und denkt nicht, dass dennoch
ein lebender Geist in ihnen sei und dass vielleicht das letzte, äusserste Stück
des Baues losreisse und euch zerschmettre. Das Reich eines Volks ist eine
Familie, ein wohlgeordnetes Hauswesen; es ruhet auf sich selbst; denn es ist von
der Natur gegründet und stehet und fällt nur mit den Zeiten. Ein
zusammengezwungenes Reich von hundert Völkern und hundertzwanzig Provinzen ist
ein Ungeheuer, kein Staatskörper.
    Ein solches war Persiens Monarchie von Anfange an; sogleich nach Cyrus'
Zeiten aber fiel sie als ein solches heller ins Auge. Sein ihm so ungleicher
Sohn wollte weiter erobern als sein Vater: wie ein Unsinniger ging er auf
Ägypten und Ätiopien los, so dass kaum der Hunger der Wüste ihn zurückzutreiben
vermochte. Was hatte er und sein Reich davon? Was für Nutzen von ihm hatten die
eroberten Länder? Er verwüstete Ägypten, zerstörte die prächtigen tebaischen
Tempel und Kunstdenkmale: ein sinnloser Zerstörer! Ermordete Geschlechter
ersetzen sich in andern Geschlechtern; dergleichen Werke aber ersetzen sich nie.
Noch jetzt liegen sie in ihren Trümmern undurchsucht und beinah unverstanden;
jeder Wanderer flucht dem Wahnsinn des Trunkenen, der uns diese Schätze der
Alten Welt ohne Ursache und Zweck raubte.
    Kaum hatte den Kambyses seine eigne Wut gestraft, so fuhr selbst der weisere
Darius fort, wo jener es gelassen hatte. Er bekriegte die Scyten und Indier; er
plünderte die Tracier und Macedonier; mit allem erbeutete er nichts, als dass er
in Macedonien den Funken ausstreute, der einst dem letzten Könige seines Namens
die Flamme übers Haupt wehen sollte. Unglücklich zog er gegen die Griechen, noch
unglücklicher sein Nachfolger Xerxes; und wenn man nun in diesen despotischen
Kriegszügen das Verzeichnis der Schiffe und Völker lieset, die die ganze
persische Welt dem tollen Erobrer zollen musste; wenn man die Blutbäder
betrachtet, die bei jeder Empörung ungerecht unterjochter Länder am Euphrat, am
Nil, am Indus, am Araxes, am Halys angerichtet wurden, damit nur das, was einmal
persisch hiess, auch persisch bliebe: nicht weibische Tränen, wie Xerxes vergoss,
da er seine unschuldigen Schlachtschafe übersah, blutige Tränen des Unmuts wird
man weinen, dass ein so unsinniges, völkerfeindliches Reich den Namen eines Cyrus
an seiner Stirn trage. Hatte ein persischer Verwüster der Welt solche Reiche,
Städte und Denkmale, als er zerstörte und zerstören wollte, Babylon, Tebe,
Sidon, Griechenland, Aten, gegründet? Konnte er sie gründen?
    Es ist ein hartes, aber gutes Gesetz des Schicksals, dass, wie alles Übel, so
auch jede Übermacht sich selbst verzehre. Persiens Verfall fing mit dem Tode
Cyrus' an, und ob es sich gleich, insonderheit durch Darius' Anstalten, noch ein
Jahrhundert hin von aussen in seinem Glanz erhielt, so nagte doch in seinem
Innern der Wurm, der in jedem despotischen Reich naget. Cyrus teilte seine
Herrschaft in Stattalterschaften, die er noch durch sein Ansehen in Schranken
erhielt, indem er eine schnelle Kommunikation durch alle Provinzen errichtete
und darüber wachte. Darius teilte das Reich, wenigstens seinen Hofstaat, noch
genauer ein und stand auf seiner hohen Stelle als ein gerechter und tätiger
Herrscher. Bald aber wurden die grossen Könige, die zum despotischen Tron
geboren waren, tyrannische Weichlinge. Xerxes, selbst auf seiner schimpflichen
Flucht aus Griechenland, da er auf ganz andre Dinge hätte denken sollen, begann
schon zu Sardes eine schändliche Liebe. Seine meisten Nachfolger gingen diesem
Wege nach, und so waren Bestechungen, Empörungen, Verrätereien, Mordtaten,
unglückliche Unternehmungen u. f. beinah die einzigen Merkwürdigkeiten, welche
die spätere Geschichte Persiens darbeut. Der Geist der Edeln war verderbt, und
die Unedeln verdarben mit; zuletzt war kein Regent seines Lebens mehr sicher;
der Tron wankte auch unter seinen guten Fürsten, bis Alexander nach Asien brach
und in wenigen Schlachten dem von innen unbefestigten Reich ein fürchterliches
Ende machte. Zum Unglück traf dies Schicksal einen König, der ein besseres Glück
verdiente; unschuldig büsste er seiner Vorfahren Sünde und kam durch schändliche
Verräterei um. Wenn eine Geschichte der Welt uns mit grossen Buchstaben sagt, dass
Ungebundenheit sich selbst verderbe, dass eine grenzen- und fast gesetzlose
Gewalt die furchtbarste Schwäche sei und jede weiche Satrapenregierung sowohl
für den Regenten als fürs Volk das unheilbarste Gift werde, so sagt's die
persische Geschichte.
    Auf keine andre Nation hat daher auch dieses Reich einen günstigen Einfluss
gehabt: denn es zerstörte und bauete nicht, es zwang die Provinzen, diese dem
Gürtel der Königin, jene dem Haar oder Halsschmuck derselben, einen
schimpflichen Tribut zu zollen, es knüpfte sie aber nicht durch bessere Gesetze
und Einrichtungen aneinander. Aller Glanz, alle Götterpracht und Götterfurcht
dieser Monarchen ist nun dahin; ihre Satrapen und Günstlinge sind, wie sie
selbst, Asche, und die Talente, die sie erpressten, ruhen vielleicht gleichfalls
in der Erde. Selbst die Geschichte derselben ist Fabel: eine Fabel, die sich im
Munde der Morgenländer und Griechen fast gar nicht verbindet. Auch die alten
persischen Sprachen sind tot, und die einzigen Reste ihrer Herrlichkeit, die
Trümmern Persepolis', sind nebst ihren schönen Schriftzügen und ihren Ungeheuern
Bildern bisher unerklärte Ruinen. Das Schicksal hat sich gerächet an diesen
Sultanen: wie durch den giftigen Wind Samum sind sie von der Erde verwehet, und
wo, wie bei den Griechen, ihr Andenken lebt, lebet es schimpflich, die Basis
einer ruhmreichen, schöneren Grösse.
    
    Das einzige, was uns die Zeit von Denkmalen des Geistes der Perser gegönnet
hätte, wären die Bücher Zoroasters, wenn die Echteit derselben erwiesen wäre.
202 Aber als Bücher fügen sie sich so wenig zu manchen andern Nachrichten von
der Religion dieses Volkes; sie tragen auch so offenbare Merkmale einer
Vermischung mit spätem Meinungen der Brahmanen und Christen an sich, dass man nur
den Grund ihres Lehrgebäudes für echt anerkennen und solchen sodann leicht an
Stelle und Ort bringen mag. Die alten Perser nämlich waren, wie alle wilden,
insonderheit Bergnationen, Verehrer der lebendigen Weltelemente; da dies Volk
aber nicht in seiner Roheit blieb, sondern durch Siege beinah bis zum höchsten
Gipfel der Üppigkeit aufstieg, so war es nach asiatischer Weise notwendig, dass
es auch ein durchdachteres System oder Cerimoniel der Religion bekam, welches
ihm denn sein Zoroaster oder Zerduscht, unterstützt vom Könige Darius Hystaspes,
gab. Offenbar liegt in diesem System das Cerimoniel der persischen
Regimentsverfassung zum Grunde: wie die sieben Fürsten um den Tron des Königs
stehen, so stehen die sieben Geister vor Gott und verrichten seine Befehle durch
alle Welten. Ormuzd, das gute Lichtwesen, hat mit dem Fürsten der Finsternis,
Ahriman, unaufhörlich zu kämpfen, in welchem Kampf ihm alles Gute dienet: ein
Staatsbegriff, der selbst durch Personifikationen der Feinde Persiens, die im
Zend-Avesta durchgängig als Diener Ahrimans, als böse Geister, erscheinen, in
sein völliges Licht tritt. Auch alle sittlichen Gebote der Religion sind
politisch; sie beziehen sich auf Reinigkeit des Körpers und Geistes, auf
Eintracht in den Familien und wechselseitigen Diensteifer; sie empfehlen den
Ackerbau und die Pflanzung nützlicher Bäume, die Ausrottung des Ungeziefers, das
auch als ein Heer böser Dämonen in leiblicher Gestalt erscheinet, die
Achtsamkeit des Wohlstandes, die frühe Wahl und Fruchtbarkeit der Ehen, die
Erziehung der Kinder, die Verehrung des Königs und seiner Diener, die Liebe
gegen den Staat: und dies alles auf persische Weise. Kurz der Grund dieses
Systems erscheinet durch sich selbst als eine politische Religion, wie sie zu
Darius' Zeiten nirgends als in einem Perserreich hat erdacht und eingeführt
werden mögen. Notwendig mussten dabei alte Nationalbegriffe und Meinungen auch
des Aberglaubens zum Grunde liegen. Dahin gehört die Verehrung des Feuers, die
bei den Naphtaquellen am Kaspischen Meer gewiss ein alter Gottesdienst war,
obgleich die Errichtung der Feuertempel nach Zoroasters Weise in vielen Gegenden
sich aus spätem Zeiten herschreibt. Dahin gehört so mancher abergläubische
Gebrauch zu Reinigung des Körpers und jene ungeheure Furcht vor den Dämonen die
fast bei jedem sinnlichen Gegenstande den Gebeten, Wünschen und Weihungen der
Parsen zum Grunde liegt. Alles dies zeigt, auf welcher niedern Stufe der
Geisteskultur damals noch das Volk gestanden, dem zugut diese Religion erfunden
ward- und dies widerspricht abermals dem Begriff nicht den wir von den alten
Persern haben. Der kleine Teil dieses Systems endlich, der auf allgemeine
Begriffe der Natur ausgeht, ist völlig aus der Lehre der Magier geschöpft,
welche er nach seiner Weise nur reiniget und veredelt. Er unterwirft beide
Prinzipien der Schöpfung, das Licht und Dunkel, einem unendlichen hohem Wesen,
das er die grenzenlose Zeit nennet, lässt allentalben das Böse vom Guten
überwunden und zuletzt also verschlungen werden, dass alles sich in ein seliges
Lichtreich ende. Von dieser Seite betrachtet, wird Zoroasters Staatsreligion
eine Art philosophischer Teodizee, wie sie seine Zeit und die Begriffe, die in
ihr herrschten, gewähren konnten.
    Zugleich ergibt sich aus diesem Ursprung auch die Ursache, warum diese
Religion nicht zu jener Festigkeit einer Brahmanen- oder Lamaseinrichtung kommen
konnte. Das despotische Reich war lange vor ihr eingerichtet, und so war oder
wurde sie nur eine Art Mönchsreligion, die ihre Lehren jener Einrichtung
bequemte. Ob nun Darius gleich die Magier, die wirklich ein Reichsstand Persiens
waren, gewaltsam unterdrückte und dagegen diese Religion, die dem Könige nur
geistige Fesseln anlegt, gern einführte, so musste solche immer doch nur eine
Sekte, wenngleich ein Jahrhundert hin die herrschende Sekte, werden. Weit umher
hat sich also der Feuerdienst ausgebreitet, zur Linken über Medien bis nach
Kappadocien hin, wo noch zu Strabo Zeiten Feuerkapellen standen, zur Rechten bis
an den Indus. Da aber das persische Reich, von innen zerrüttet, unter Alexanders
Glück völlig dahinsank, so war es auch mit dieser seiner Staatsreligion am Ende.
Ihre sieben Amschaspands dienten nicht mehr, und kein Bild des Ormuzd sass mehr
auf dem persischen Trone. Sie hatte also ihre Zeit überlebt und war ein
Schattenbild, wie die jüdische Religion ausser ihrem Lande. Die Griechen duldeten
sie, die Mahomedaner verfolgten sie endlich mit unsäglicher Härte, und so
entfloh ihr trauriger Rest in einen Winkel Indiens, wo er wie eine Trümmer der
Vorwelt, ohne Ursach und Absicht, seinen alten, nur für Persiens Monarchie
bestimmten Glauben und Aberglauben fortsetzt und ihn, vielleicht ohne dass er's
selbst weiss, mit Meinungen der Völker, unter welche ihn das Schicksal geworfen,
vermehret hat. Eine Vermehrung solcher Art ist Natur der Sache und der Zeiten;
denn jede Religion, die aus ihrem ursprünglichen Boden und Kreise herausgerissen
ist, muss von der lebendigen Welt Einflüsse annehmen, mit der sie lebet, Übrigens
ist der Haufe der Parsen in Indien ein ruhiges, einträchtiges, fleissiges Volk,
das, auch als Gesellschaft betrachtet, es manchen andern Religionen zuvortut.
Sie unterstützen ihre Armen mit grossem Eifer und verbannen jedes übelgesittete,
unverbesserliche Mitglied aus ihrer Gemeine.203
 
                                      III
                                    Hebräer
    Sehr klein erscheinen die Hebräer, wenn man sie unmittelbar nach den Persern
betrachtet: klein war ihr Land, arm die Rolle, die sie in und ausser demselben
auf dem Schauplatz der Welt spielten, auf welchem sie fast nie Eroberer waren.
Indessen haben sie durch den Willen des Schicksals und durch eine Reihe von
Veranlassungen, deren Ursachen sich leicht ergeben, mehr als irgendeine
asiatische Nation auf andre Völker gewirket; ja gewissermasse sind sie, sowohl
durch das Christentum als den Mahomedanismus, eine Unterlage des grössesten Teils
der Weltaufklärung worden.
    Ein ausnehmender Unterschied ist's schon, dass die Hebräer geschriebene
Annalen ihrer Begebenheiten aus Zeiten haben, in denen die meisten jetzt
aufgeklärten Nationen noch nicht schreiben konnten, so dass sie diese Nachrichten
bis zum Ursprunge der Welt hinaufzuführen wagen. Noch vorteilhafter
unterscheiden sich diese dadurch, dass sie nicht aus Hieroglyphen geschöpft oder
mit solchen verdunkelt, sondern nur aus Geschlechtregistern entstanden und mit
historischen Sagen oder Liedern verwebt sind, durch, welche einfädle Gestalt ihr
historischer Wert offenbar zunimmt. Endlich bekommen diese Erzählungen ein
merkwürdiges Gewicht noch dadurch, dass sie als ein göttlicher Stammesvorzug
dieser Nation beinah mit abergläubischer Gewissenhaftigkeit jahrtausendelang
erhalten und durch das Christentum Nationen in die Hände geliefert sind, die sie
mit einem freiem als Judengeist untersucht und bestritten, erläutert und genutzt
haben. Sonderbar ist's freilich, dass die Nachrichten andrer Nationen von diesem
Volk, insonderheit Manetons des Ägypters, so weit von der eignen Geschichte der
Hebräer abgehn; indessen, wenn man die letzte unparteiisch betrachtet und den
Geist ihrer Erzählung sich zu erklären weiss, so verdient sie gewiss mehreren
Glauben als die Verleumdungen fremder, verachtender Judenfeinde. Ich schäme mich
also nicht, die Geschichte der Hebräer, wie sie solche selbst erzählen, zum
Grunde zu legen, wünschte aber dennoch, dass man auch die Sagen ihrer Gegner
nicht bloss verachtete, sondern nutzte.
    Zufolge also der ältesten Nationalsagen der Hebräer kam ihr Stammvater als
Scheik eines Nomadenzuges über den Euphrat und zuletzt nach Palästina. Hier
gefiel es ihm, weil er unbehinderten Platz fand, die Lebensart seiner
Hirtenvorfahren fortzusetzen und dem Gott seiner Väter nach Stammesart zu
dienen. Im dritten Geschlecht zogen seine Nachkommen durch das sonderbare Glück
eines aus ihrer Familie nach Ägypten und setzten daselbst, unvermischt mit den
Landeseinwohnern, ihre Hirtenlebensart fort, bis sie, man weiss nicht genau in
welcher Generation, von dem verächtlichen Druck, in dem sie schon als Hirten bei
diesem Volk sein mussten, durch ihren künftigen Gesetzgeber befreit und nach
Arabien gerettet wurden. Hier führte nun der grosse Mann, der grösste, den dies
Volk gehabt hat, sein Werk aus und gab ihnen eine Verfassung, die zwar auf die
Religion und Lebensart ihres Stammes gegründet, mit ägyptischer Staatsweisheit
aber so durchflochten war, dass auf der einen Seite das Volk aus einer
Nomadenhorde zu einer kultivierten Nation erhoben, auf der andern zugleich von
Ägypten völlig weggelenkt werden sollte, damit ihm nie weiter die Lust ankäme,
den Boden des schwarzen Landes zu betreten. Wunderbar durchdacht sind alle
Gesetze Moses': sie erstrecken sich vom Grössesten bis zum Kleinsten, um sich des
Geistes seiner Nation in allen Umständen des Lebens zu bemächtigen und, wie
Moses so oft sagt, ein ewiges Gesetz zu werden. Auch war diese überdachte
Gesetzgebung nicht das Werk eines Augenblicks; der Gesetzgeber tat hinzu,
nachdem es die Umstände federten, und liess noch vor dem Ausgange seines Lebens
die ganze Nation sich zu ihrer künftigen Landesverfassung verpflichten. Vierzig
Jahre hielt er streng auf seine Gebote, ja, vielleicht musste auch deswegen das
Volk so lange in der arabischen Wüste weilen, bis nach dem Tode der ersten
hartnäckigen Generation ein neues, in diesen Gebräuchen erzogenes Volk sich
denselben völlig gemäss im Lande seiner Väter einrichten könnte. Leider aber ward
dem patriotischen Mann dieser Wunsch nicht gewähret! Der bejahrte Moses starb an
der Grenze des Landes, das er suchte, und als sein Nachfolger dahin eindrang,
fehlte es ihm an Ansehen und Nachdruck, den Entwurf des Gesetzgebers ganz zu
befolgen. Man setzte die Eroberung nicht so weit fort, als man sollte; man
teilte und ruhete zu früh. Die mächtigsten Stämme rissen den grössesten Strich
zuerst an sich, so dass ihre schwächeren Brüder kaum einen Aufentalt fanden und
ein Stamm derselben sogar verteilt werden musste.204 Überdem blieben viele kleine
Nationen im Lande: Israel behielt also seine bittersten Erbfeinde unter sich,
und das Land entbehrte von aussen und innen der runden Festigkeit, die ihm seine
vorgezeichneten Grenzen allein gewähren konnten. Was musste aus dieser
unvollkommenen Anlage anders als jene Reihe unsicherer Zeiten folgen, die das
eingedrungene Volk fast nie zur Ruhe kommen liessen. Die Heerführer, die die Not
erweckte, waren meistens nur streifende Sieger; und da das Volk endlich Könige
bekam, so hatten diese doch mit ihrem eignen, in Stämme zerteilten Lande so viel
zu schaffen, dass der dritte zugleich der letzte König des ganzen, in seinen
Teilen nicht zusammenhangenden Reichs war. Fünf Sechsteile des Landes fielen von
seinem Nachfolger ab; und was konnte jetzt aus zwei so schwachen Königreichen
werden, die in der Nachbarschaft mächtiger Feinde sich selbst unaufhörlich
bekriegten? Das Königreich Israel hatte eigentlich keine gesetzmässige
Konstitution; es ging daher fremden Landesgöttern nach, um nur mit seiner
Nebenbuhlerin, die den alten, rechtmässigen Landesgott verehrte, nicht
zusammenzufliessen. Natürlich also, dass nach der Sprache dieses Volkes in Israel
kein gottesfürchtiger König war; denn sonst wäre sein Volk nach Jerusalem
gewandert, und die abgerissene Regentschaft hätte aufgehöret. Also taumelte man
in der unseligsten Nachahmung fremder Sitten und Gebräuche fort, bis der König
von Assyrien kam und das kleine Reich wie ein gefundenes Vogelnest raubte. Das
andre Königreich, das wenigstens auf der alten Verfassung zweier mächtiger
Könige und einer befestigten Hauptstadt ruhte, hielt sich einige Zeit länger,
aber auch nur so lange, bis ein stärkerer Überwinder es zu sich reissen wollte.
Der Landverwüster Nebukadnezar kam und machte seine schwachen Könige erst
zinsbar, sodann nach ihrem Abfall den letzten zum Sklaven; das Land ward
verwüstet, die Hauptstadt geschleift und Juda in eine so schimpfliche
Knechtschaft nach Babel geführt, wie Israel nach Medien geführt war. Als Staat
betrachtet, kann also kaum ein Volk eine elendere Gestalt darstellen, als dies,
die Regierung zweener Könige ausgenommen, in seiner Geschichte darstellt.
    Was war davon die Ursache? Mich dünkt, die Folge dieser Erzählung selbst
mache sie klar; denn ein Land bei so schlechter Verfassung von innen und aussen
konnte an diesem Ort der Welt unmöglich gedeihen. Wenn David gleich die Wüste
bis zum Euphrat hin durchstreifte und damit nur eine grössere Macht gegen seine
Nachfolger reizte, konnte er damit seinem Lande die Festigkeit geben, die ihm
fehlte, da überdem sein Sitz beinah am südlichen Ende des Reichs lag? Sein Sohn
brachte fremde Gemahlinnen, Handel und Üppigkeit ins Land, in ein Land, das, wie
die verbündete Schweiz, nur Hirten und Ackerleute nähren konnte und solche
wirklich in der grössesten Anzahl zu nähren hatte. Ausserdem, da er seinen Handel
grösstenteils nicht durch seine Nation, sondern durch die unterjochten Edomiter
führte, so war seinem Königreich der Luxus schädlich, überhaupt hat sich seit
Moses kein zweiter Gesetzgeber in diesem Volk gefunden, der den vom Anfange an
zerrütteten Staat auf eine den Zeiten gemässe Grundverfassung hätte zurückführen
mögen. Der gelehrte Stand verfiel bald; die Eiferer fürs Landesgesetz hatten
Stimme, aber keinen Arm; die Könige waren meistens Weichlinge oder Geschöpfe der
Priester. Die feine Nomokratie also, auf die es Moses angelegt hatte, und eine
Art teokratischer Monarchie, wie sie bei allen Völkern dieses Erdstrichs voll
Despotismus herrschte: zwei so entgegengesetzte Dinge stritten gegeneinander,
und so musste das Gesetz Moses' dem Volk ein Sklavengesetz werden, da es ihm
politisch ein Gesetz der Freiheit sein sollte.
    Mit dem Laut der Zeiten ward es zwar anders, aber nicht besser. Als, von
Cyrus befreit, die Juden aus der Gefangenschaft in geringer Anzahl zurückkamen,
hatten sie manches andere, nur keine echte politische Verfassung gelernt; wie
hätten sie solche auch in Assyrien und Chaldäa lernen mögen? Sie schwankten
zwischen dem Fürsten- und Priesterregiment, baueten einen Tempel, als ob sie mit
solchem auch Moses' und Salomos Zeit zurück hätten; ihre Religiosität ward jetzt
Pharisäismus, ihre Gelehrsamkeit ein grübelnder Silbenwitz, der nur an einem
Buche nagte, ihr Patriotismus eine knechtische Anhänglichkeit ans missverstandne
alte Gesetz, so dass sie allen benachbarten Nationen damit verächtlich oder
lächerrlich wurden. Ihr einziger Trost und ihre Hoffnung war auf alte
Weissagungen gebauet, die, ebenso missverstanden, ihnen die eitelste
Welterrschaft zusichern sollten. So lebten und litten sie Jahrhunderte hin
unter den griechischen Syrern, unter Idumäern und Römern, bis endlich durch eine
Erbitterung, die in der Geschichte kaum ihresgleichen findet, sowohl das Land
als die Hauptstadt unterging, auf eine Weise, die den menschenfreundlichen
Überwinder selbst schmerzte. Nun wurden sie in alle Länder der römischen Welt
zerstreuet; und eben zur Zeit dieser Zerstreuung fing sich eine Wirkung der
Juden aufs menschliche Geschlecht an, die man von ihrem engen Lande hinaus sich
schwerlich hätte denken mögen; denn weder als ein staatsweises noch als ein
kriegsgelehrtes, am wenigsten aber als ein Wissenschaft und Kunst erfindendes
Volk hatten sie sich im ganzen Lauf ihrer Geschichte ausgezeichnet.
    Kurz nämlich vor dem Untergange des jüdischen Staats war in seiner Mitte das
Christentum entstanden, das sich anfangs nicht nur nicht vom Judentum trennte
und also seine heiligen Bücher mit annahm, sondern auch vorzüglich auf diese die
göttliche Sendung seines Messias baute. Durchs Christentum kamen also die Bücher
der Juden in die Hände aller Nationen, die sich zu seiner Lehre bekannten;
mitin haben sie auch, nachdem man sie verstand und gebrauchte, gut oder übel
auf alle christliche Zeitalter gewirket. Gut war ihre Wirkung, da Moses' Gesetz
in ihnen die Lehre vom einigen Gott, dem Schöpfer der Welt, zum Grunde aller
Philosophie und Religion machte und von diesem Gott in soviel Liedern und Lehren
dieser Schriften mit einer Würde und Erhabenheit, mit einer Ergebung und
Dankbarkeit sprach, an welche weniges sonst in menschlichen Schriften reichet.
Man vergleiche diese Bücher nicht etwa mit dem Schuking der Sinesen oder mit dem
Sadder und Zend-Avesta der Perser, sondern selbst mit dem soviel jungem Koran
der Mahomedaner, der doch selbst die Lehren der Juden und Christen genutzt hat,
so ist der Vorzug der hebräischen Schriften vor allen alten Religionsbüchern der
Völker unverkennbar. Auch war es der menschlichen Wissbegierde angenehm, über das
Alter und die Schöpfung der Welt, über den Ursprung des Bösen u. f. aus diesen
Büchern so populäre Antworten zu erhalten, die jeder verstehen und fassen
konnte; die ganze lehrreiche Geschichte des Volks und die reine Sittenlehre
mehrerer Bücher in dieser Sammlung zu geschweigen. Die Zeitrechnung der Juden
möge sein, wie sie wolle, so hatte man an ihr ein angenommenes, allgemeines Mass
und einen Faden, woran man die Begebenheiten der Weltgeschichte reihen konnte.
Viel andre Vorteile des Sprachfleisses, der Auslegungskunst und Dialektik
ungerechnet, die freilich auch an andern Schriften hätten geübt werden mögen.
Durch alles dies haben die Schriften der Hebräer ohnstreitig vorteilhaft in die
Geschichte der Menschheit gewirket.
    Indessen ist's bei allen diesen Vorteilen ebenso unverkennbar, dass die
Missdeutung und der Missbrauch dieser Schriften dem menschlichen Verstande auch zu
mancherlei Nachteil gereichet habe, um so mehr, weil sie mit dem Ansehen der
Göttlichkeit auf ihn wirkten. Wie manche törichte Kosmogonie ist aus Moses'
einfach-erhabner Schöpfungsgeschichte, wie manche harte Lehre und
unbefriedigende Hypotese aus seinem Apfel- und Schlangenbiss hervorgesponnen
worden! Jahrhundertelang sind die vierzig Tage der Sündflut den Naturforschern
der Nagel gewesen, an welchen sie alle Erscheinungen unsrer Erdbildung heften zu
müssen glaubten, und ebensolange haben die Geschichtschreiber des
Menschengeschlechts sämtliche Völker der Erde an das Volk Gottes und an das
missverstandene Traumbild eines Propheten von vier Monarchien gefesselt. So
manche Geschichte hat man verstümmelt, um sie aus einem hebräischen Namen zu
erklären; das ganze Menschen-, Erd- und Sonnensystem wurde verenget, um nur die
Sonne des Josua und eine Jahrzahl der Weltdauer zu retten, deren Bestimmung nie
der Zweck dieser Schriften sein wollte. Wie manchem grossen Mann, selbst einem
Newton, hat die jüdische Chronologie und Apokalypse eine Zeit geraubt, die er
auf bessere Untersuchungen hätte wenden mögen! Ja, selbst in Absicht der
Sittenlehre und politischen Einrichtung hat die Schrift der Ebräer durch
Missverstand und üble Anwendung dem Geist der Nationen, die sich zu ihr
bekannten, wirkliche Fesseln angeleget. Indem man die Zeiten und Stufen der
Bildung nicht unterschied, glaubte man an der Unduldsamkeit des jüdischen
Religionsgeistes ein Muster vor sich zu haben, nach welchem auch Christen
verfahren könnten; man stützte sich auf Stellen des Alten Testaments, um den
widersprechenden Entwurf zu rechtfertigen, der das freiwillige, bloss moralische
Christentum zu einer jüdischen Staatsreligion machen sollte. Gleichergestalt
ist's unleugbar, dass die Tempelgebräuche, ja selbst die Kirchensprache der
Ebräer auf den Gottesdienst, auf die geistliche Beredsamkeit, Lieder und
Litaneien aller christlichen Nationen Einfluss gehabt und ihre Anbetung oft zu
einem morgenländischen Idiotismus gebildet haben. Die Gesetze Moses' sollten
unter jedem Himmelsstrich, auch bei ganz andern Verfassungen der Völker gelten;
daher keine einzige christliche Nation sich ihre Gesetzgebung und
Staatsverfassung von Grund aus gebildet. So grenzet das erlesenste Gute durch
eine vielfach falsche Anwendung an mancherlei Übel; denn können nicht auch die
heiligen Elemente der Natur zur Zerstörung und die wirksamsten Arzneien zu einem
schleichenden Gift werden?
    Die Nation der Juden selbst ist seit ihrer Zerstreuung den Völkern der Erde
durch ihre Gegenwart nützlich und schädlich worden, nachdem man sie gebraucht
hat. In den ersten Zeiten sähe man Christen für Juden an und verachtete oder
unterdrückte sie gemeinschaftlich, weil auch die Christen viel Vorwürfe des
jüdischen Völkerhasses, Stolzes und Aberglaubens auf sich luden. Späterhin, da
Christen die Juden selbst unterdrückten, gaben sie ihnen Anlass, sich durch ihre
Bewerbsamkeit und weite Verbreitung fast allentalben des innern, insonderheit
des Geldhandels zu bemächtigen; daher denn die rohem Nationen Europas
freiwillige Sklaven ihres Wuchers wurden. Den Wechselhandel haben sie zwar nicht
erfunden, aber sehr bald vervollkommet, weil eben ihre Unsicherheit in den
Ländern der Mahomedaner und Christen ihnen diese Erfindung nötig machte.
Unleugbar also hat eine so verbreitete Republik kluger Wucherer manche Nation
Europas von eigner Betriebsamkeit und Nutzung des Handels lange zurückgehalten,
weil diese sich für ein jüdisches Gewerbe zu gross dünkte und von den
Kammerknechten der heiligen römischen Welt diese Art vernünftiger und feiner
Industrie ebensowenig lernen wollte als die Spartaner den Ackerbau von ihren
Heloten. Sammlete jemand eine Geschichte der Juden aus allen Ländern, in die sie
zerstreuet sind, so zeigte sich damit ein Schaustück der Menschheit, das als ein
Natur- und politisches Ereignis gleich merkwürdig wäre. Denn kein Volk der Erde
hat sich wie dieses verbreitet; kein Volk der Erde hat sich wie dieses in allen
Klimaten so kenntlich und rüstig erhalten.
    Dass man hieraus aber ja keinen abergläubigen Schluss auf eine Revolution
fasse, die durch dies Volk dereinst noch für alle Erdvölker bewirkt werden
müsste! Die bewirkt werden sollte, ist wahrscheinlich bewirkt, und zu einer
andern zeigt sich weder im Volk selbst noch in der Analogie der Geschichte die
mindeste Anlage. Die Erhaltung der Juden erklärt sich ebenso natürlich als die
Erhaltung der Brahmanen, Parsen und Zigeuner.
    Übrigens wird niemand einem Volk, das eine so wirksame Triebfeder in den
Händen des Schicksals ward, seine grossen Anlagen absprechen wollen, die in
seiner ganzen Geschichte sich deutlich zeigen. Sinnreich, verschlagen und
arbeitsam, wusste es sich jederzeit auch unter dem äussersten Druck andrer Völker
wie in einer Wüste Arabiens mehr als vierzig Jahr zu erhalten. Es fehlte ihm
auch nicht an kriegerischem Mut, wie die Zeiten Davids und der Makkabäer,
vorzüglich aber der letzte, schreckliche Untergang seines Staats zeigen. In
ihrem Lande waren sie einst ein arbeitsames, fleissiges Volk, das, wie die
Japaner, seine nackten Berge durch künstliche Terrassen bis auf den Gipfel zu
bauen wusste und in einem engen Bezirk, der an Fruchtbarkeit doch immer nicht das
erste Land der Welt war, eine unglaubliche Anzahl Menschen nährte. Zwar ist in
Kunstsachen die jüdische Nation, ob sie gleich zwischen Ägyptern und Phöniciern
wohnte, immer unerfahren geblieben, da selbst ihren Salomonischen Tempel fremde
Arbeiter bauen mussten. Auch sind sie, ob sie gleich eine Zeitlang die Häfen des
Roten Meers besassen und den Küsten der Mittelländischen See so nahe wohnten, in
dieser zum Handel der Welt glücklichsten Lage, bei einer Volksmenge, die ihrem
Lande zu schwer ward, dennoch nie ein seefahrendes Volk worden. Wie die Ägypter
fürchteten sie das Meer und wohnten von jeher lieber unter andern Nationen: ein
Zug ihres Nationalcharakters, gegen den schon Moses mit Macht kämpfte. Kurz, es
ist ein Volk, das in der Erziehung verdarb, weil es nie zur Reife einer
politischen Kultur auf eignem Boden, mitin auch nicht zum wahren Gefühl der
Ehre und Freiheit gelangte. In den Wissenschaften, die ihre vortrefflichsten
Köpfe trieben, hat sich jederzeit mehr eine gesetzliche Anhänglichkeit und
Ordnung als eine fruchtbare Freiheit des Geistes gezeiget, und der Tugenden
eines Patrioten hat sie ihr Zustand fast von jeher beraubet. Das Volk Gottes,
dem einst der Himmel selbst sein Vaterland schenkte, ist Jahrtausende her, ja
fast seit seiner Entstehung eine parasitische Pflanze auf den Stämmen andrer
Nationen, ein Geschlecht schlauer Unterhändler beinah auf der ganzen Erde, das
trotz aller Unterdrückung nirgend sich nach eigner Ehre und Wohnung, nirgend
nach einem Vaterlande sehnet.
 
                                       IV
                             Phönicien und Kartago
    Ganz auf eine andre Weise haben sich die Phönicier um die Welt verdient
gemacht. Eines der edelsten Werkzeuge der Menschen, das Glas, erfanden sie, und
die Geschichte erzählt die zufällige Ursache dieser Erfindung am Flusse Belus.
Da sie am Ufer des Meers wohnten, trieben sie die Schiffahrt seit undenklichen
Zeiten; denn Semiramis schon liess ihre Flotte durch Phönicier bauen. Von kleinen
Fahrzeugen stiegen sie allmählich zu langen Schiffen hinauf; sie lernten nach
Sternen, insonderheit nach dem Gestirn des Bars, segeln und mussten, angegriffen,
zuletzt auch den Seekrieg lernen. Weit umher haben sie das Mittelländische Meer
bis über Gibraltar hinaus ja nach Britannien hin beschiffet und vom Roten Meer
hin vielleicht mehr als einmal Afrika umsegelt. Und das taten sie nicht als
Eroberer, sondern als Handelsleute und Kolonienstifter. Sie banden die Länder,
die das Meer getrennet hatte durch Verkehr, Sprache und Kunstwaren aneinander
und erfanden sinnreich, was zu diesem Verkehr diente. Sie lernten rechnen,
Metalle prägen und diese Metalle zu mancherlei Gefässen und Spielzeug formen. Sie
erfanden den Purpur arbeiteten feine sidonische Leinwand, holten aus Britannien
das Zinn und Blei, aus Spanien Silber, aus Preussen den Bernstein, aus Afrika
Gold und wechselten dagegen asiatische Waren. Das ganze Mittelländische Meer war
also ihr Reich, die Küsten an demselben hie und da mit ihren Pflanzstädten
besetzt und Tartessus in Spanien die berühmte Niederlage ihres Handels zwischen
dreien Weltteilen. So wenig oder viel Kenntnisse sie den Europäern mitgeteilt
haben mögen, so war das Geschenk der Buchstaben, die die Griechen von ihnen
lernten, allein schon aller andern wert.
    Wie kam nun dies Volk zu solch einem verdienstreichen Kunstfleisse? War es
vielleicht ein so glücklicher Stamm des Urlandes, der an Seelen- und
Leibeskräften gleich vorteilhaft von der Natur ausgesteuert worden? Nichts
minder. Nach allen Nachrichten, die wir von den Phöniciern haben, waren sie
ursprünglich ein verabscheuetes, vielleicht vertriebenes Höhlenvolk, Troglodyten
oder Zigeuner dieses Strichs der Erde. An den Ufern des Roten Meers finden wir
sie zuerst, wo sie sich in wüsten Erdstrichen wahrscheinlich von der
schlechtsten Speise nährten; denn noch als sie sich ans Mittelländische Meer
gezogen hatten, behielten sie lange ihre unmenschlichen Sitten, ihre grausame
Religion, ja selbst noch ihre Wohnungen in den kananitischen Felsen. Jedermann
kennt die Beschreibung der alten Einwohner Kanaans, und dass diese nicht
übertrieben sei, zeigt nicht nur Hiobs ähnliche Beschreibung der arabischen
Troglodyten205, sondern auch die Reste von barbarischem Götzendienst, die sich
selbst in Kartago lange Zeit erhielten. Auch die Sitten der phönicischen
Seefahrer werden von fremden Nationen nicht gepriesen; sie waren räuberisch,
diebisch, wohllüstig und treulos; daher punische Treu und Glauben zum
brandmalenden Sprüchwort ward.
    Not und Umstände sind meistens die Triebfedern gewesen, die alles aus den
Menschen machten. In den Wüsten am Roten Meer, wo die Phönicier wahrscheinlich
auch von Fischen lebten, machte sie der Hunger mit dem Element des Meers
bekannt; da sie also an die mittelländischen Ufer kamen, konnten sie sich schon
auf ein weiteres Meer wagen. Was hat die Holländer, was hat die meisten
seefahrenden Völker gebildet? Die Not, die Lage und der Zufall.206 Von allen
semitischen Völkern wurden die Phönicier gehasst und verachtet, da jene diesen
asiatischen Erdstrich sich allein zugeteilt glaubten. Den Chamiten als
eingedrungenen Fremdlingen blieb also nichts als das dürre Ufer und die See
übrig. Dass nun die Phönicier das Mittelländische Meer so inseln- und busenreich
fanden, dass sie von Land zu Land, von Ufer zu Ufer allmählich über die Säulen
Herkules' hinausgelangen und unter den unkultivierten Völkern Europas eine so
reiche Ernte ihres Handels antreffen konnten, war nichts als Lage der Sache:
eine glückliche Situation, die die Natur selbst für sie erschaffen hatte. Als
zwischen den Pyrenäen und Alpen, dem Apennin und Atlas sich uralters das Becken
des Mittelländischen Meers wölbte und seine Landspitzen und Inseln allmählich
wie Häfen und Sitze emporstiegen, da schon ward vom ewigen Schicksal der Weg der
Kultur Europas gezeichnet. Hingen die drei Weltteile zusammen, so wäre Europa
vielleicht ebensowenig als die Tatarei und das innere Afrika oder gewiss
langsamer und auf andern Wegen kultiviert worden. Nur die Mittelländische See
hat unsrer Erde ein Phönicien und Griechenland, ein Etrurien und Rom, ein
Spanien und Kartago gegeben, und durch die vier ersten dieser Ufer ist alle
Kultur Europas worden.
    Ebenso glücklich war die Lage Phöniciens landwärts. Das ganze schöne Asien
lag hinter ihm mit seinen Waren und Erfindungen, mit dem längst vor ihnen
errichteten Landhandel. Sie nutzten also nicht nur fremden Fleiss, sondern auch
die reiche Zurüstung der Natur in Begabung dieses Weltteils und die lange Mühe
der Vorwelt. Buchstaben, die sie nach Europa brachten, hiessen den Europäern
phönicisch, obgleich Phönicier wahrscheinlich nicht ihre Erfinder waren. So
haben Ägypter, Babylonier und Hindus wahrscheinlich schon vor den Sidoniern die
Webekunst getrieben, da in der Alten und Neuen Welt der Redegebrauch bekannt
ist, die Ware nicht eben nach dem Ort zu nennen, der sie macht, sondern der sie
verhandelt. Wie der Phönicier Baukunst beschaffen gewesen, sieht man an
Salomons Tempel, der wohl mit keinem ägyptischen in Vergleich zu stellen ist, da
zwo arme Säulen an ihm als Wunderdinge gepriesen werden. Das einzige Denkmal,
das vom Bau der Phönicier uns übriggeblieben, sind jene ungeheuren Felshöhlen
Phöniciens und Kanaans, die eben auch sowohl ihren Troglodytengeschmack als ihre
Abkunft bezeichnen. Das Volk einer ägyptischen Stammart freuete sich ohne
Zweifel, in dieser Gegend Berge zu finden, in denen es seine Wohnungen und
Grabmäler, seine Vorratäuser und Tempel anlegen konnte. Die Höhlen stehen noch
da, aber ihr Inneres ist verschwunden. Auch die Archive und Büchersammlungen
sind nicht mehr, die das phönicische Volk in seinen gebildeten Zeiten hatte; ja
selbst die Griechen sind untergegangen, die ihre Geschichte beschrieben.
    Vergleichen wir nun diese fleissigen, blühenden Handelsstädte mit den
erobernden Staaten am Euphrat, Tigris und Kaukasus, so wird wohl niemand
anstehen, wem er für die Geschichte der Menschheit den Vorzug zu geben habe. Der
Eroberer erobert für sich; die handelnde Nation dient sich und andern Völkern.
Sie macht die Güter, den Fleiss, die Wissenschaften einem Teil des Erdkreises
gemein und muss also wider Willen Humanität befördern. Kein Eroberer stört also
so sehr den Gang der Natur, als der blühende Handelsstädte zerstöret; denn
meistens ziehet ihr Untergang den Verfall des Fleisses und Gewerbes ganzen
Ländern und Erdstrichen zu, wenn nicht bald ein nachbarlicher Ort in ihre Stelle
eintritt. Glücklich war hierin die phönicische Küste, sie ist durch die Natur
ihrer Lage dem Handel Asiens unentbehrlich. Als Nebukadnezar Sidon bedrängte,
hob Tyrus sich empor; als Alexander Tyrus zerstörte, blühte Alexandrien auf;
ganz entfernte sich aber der Handel von dieser Weltgegend nie. Auch Kartago
nutzte die Zerstörung des alten, reichen Tyrus, obgleich nicht mit Folgen, die
für Europa so erspriesslich sein konnten, als der ältere phönicische Verkehr war;
denn die Zeit hiezu war vorüber, überhaupt hat man die innere Einrichtung der
Phönicier als einen der ersten Übergänge von der asiatischen Monarchie zu einer
Art von Republik anzusehen, wie sie der Handel fodert. Die despotische Macht der
Könige war in ihrem Staat geschwächt, so wie sie auch nach Landeroberungen nie
gestrebt haben. In Tyrus regierten eine Zeitlang schon Suffeten, welche
Regierungsart in Kartago eine festere Gestalt gewann; mitin sind beide Staaten
in unsrer Weltgeschichte die ersten Vorbilder grosser Handelsrepubliken, ihre
Kolonien das erste Beispiel einer nützlichem und feinem Unterwürfigkeit, als die
ein Nebukadnezar und Kambyses bewirkten. Ein grosser Schritt in der Kultur der
Menschheit. Von jeher weckte der Handel die Industrie; das Meer begrenzte oder
bändigte die Eroberer, dass wider Willen sie aus unterjochenden Räubern allgemach
zu friedlichen Paziszenten wurden. Gegenseitiges Bedürfnis, insonderheit die
schwächere Gewalt der Ankömmlinge auf fernen Küsten, gründeten also das erste,
billigere Verkehr der Völker. Weit beschämen jene alten Phönicier das unsinnige
Betragen der Europäer, als diese in so spätem Zeiten, mit soviel mehreren Waffen
der Kunst ausgerüstet, beide Indien entdeckten. Diese machten Sklaven, predigten
das Kreuz und rotteten aus; jene eroberten eigentlich nicht. Sie baueten an, sie
gründeten Pflanzstädte und weckten den Fleiss der Völker, die nach manchem
phönicischen Betruge doch endlich ihre eignen Schätze kennen und gebrauchen
lernten. Wird je ein Weltteil dem kunstreichen Europa das danken können, was
Griechenland dem rohem Phönicien dankte?
    
    Bei weitem hat Kartago nicht die günstige Einwirkung auf Europas Völker
gehabt, die Phönicien hatte, und hieran war offenbar die veränderte Zeit, Lage
und Einrichtung der Dinge Ursach. Als eine Pflanzstadt von Tyrus hatte es im
entfernten Afrika selbst nicht ohne Mühe Wurzel geschlagen, und da es sich
seinen weitem Umfang an der Küste hatte erkämpfen müssen, so kam es allmählich
in den Geschmack zu erobern. Dadurch gewann es nun eine Gestalt, die zwar
glänzender und künstlicher als sein Mutterstaat war, die aber weder für das
menschliche Geschlecht noch für die Republik selbst bessere Folgen hatte.
Kartago nämlich war eine Stadt, nicht ein Volk; also konnte es auch keinem
Bezirk des Landes eigentliche Vaterlandsliebe und Volkskultur geben. Das Gebiet,
das es sich in Afrika erwarb und in welchem es, nach Strabo, im Anfange des
Dritten Punischen Krieges dreihundert Städte zählte, bestand aus Untertanen,
über welche die Überwinderin Herrenrecht übte, nicht aber aus eigentlichen
Mitgenossen des herrschenden Staates. Die wenig kultivierten Afrikaner strebten
auch nicht, es zu werden; denn selbst in den Kriegen gegen Kartago erscheinen
sie als widerspenstige Sklaven oder als besoldete Kriegsknechte. Ins innere
Afrika hat sich daher wenig menschliche Kultur von Kartago aus verbreitet, weil
es diesem Staat, der in einigen Familien aus seinen Mauern hinausherrschte, gar
nicht daran lag. Humanität zu verbreiten, sondern Schätze zu sammeln. Der rohe
Aberglaube, der bis auf die spätesten Zeiten in Kartago herrschte, die
grausamen Todesstrafen, mit denen es seine unglücklichen Heerführer, auch wenn
sie an ihrem Verlust unschuldig waren, tyrannisch belegte, ja das ganze Betragen
dieses Volks in fremden Ländern zeigt, wie hart und geizig dieser
aristokratische Staat war, der eigentlich nichts als Gewinn und afrikanische
Knechtschaft suchte.
    Aus der Lage und Verfassung Kartagos lässt sich diese Härte gnugsam
erklären. Statt phönicischer Handelssitze, die ihnen zu ungewiss dünkten, baueten
sie Festungen auf und wollten sich in ihrer künstlichem Weltlage die Herrschaft
der Küsten so versichern, als ob allentalben Afrika wäre. Da sie dies aber
durch unterjochte Barbaren oder durch Mietvölker tun mussten und grossenteils
dabei mit Völkern ins Gedränge kamen, die sich nicht mehr als Barbaren behandeln
liessen, so konnte dieser Konflikt nichts als Blutvergiessen und wilde Feindschaft
wirken. Das schöne Sizilien, insonderheit Syrakus, ward von ihnen oft und zuerst
sehr ungerecht bedränget, da sie es bloss eines Bündnisses mit Xerxes wegen
anfielen. Gegen ein griechisches Volk treten sie als die barbarischen Mitelfer
eines Barbaren auf und haben sich dieser Rolle auch würdig bewiesen. Selinus,
Himera, Agrigent, Sagunt in Spanien und in Italien manche reiche Provinz ward
von ihnen zerstört oder geplündert; ja, im schönen Sizilien allein ist eine
Menge Bluts vergossen worden, dessen der ganze herrschsüchtige Handel der
Kartager nicht wert war. Sosehr Aristoteles die Einrichtung ihrer Republik in
politischer Rücksicht rühmet, sowenig Wert hat sie für die Geschichte der
Menschheit, da in ihr wenige Familien der Stadt, barbarische, reiche Kaufleute,
durch Mietvölker um das Monopolium ihres Gewinns stritten und sich die
Beherrschung aller Länder anmassten, die diesem Gewinn dienen konnten. Ein System
der Art nimmt nicht für sich ein; daher, so ungerecht die meisten Kriege der
Römer gegen sie waren und so grosse Ehrerbietung die Namen Hasdrubal, Hamilkar,
Hannibal von uns fodern, so wird man schwerlich ein Kartaginenser sein, wenn
man den innern Zustand jener Kaufmannsrepublik erwägt, der diese Helden dienten.
Sie wurden von ihr auch gnugsam geplagt und oft mit dem schwärzesten Undank
belohnet; denn den Hannibal selbst hätte sein Vaterland, um einige Pfunde Goldes
zu ersparen, gewiss an die Römer überliefert, wenn er diesem kartagischen Lohn
nicht durch die Flucht zuvorgekommen wäre.
    Weit entfernt bin ich, jedem edeln Kartager eins seiner Verdienste zu
rauben; denn auch dieser Staat, ob er gleich auf den niedrigen Grund erobernder
Gewinnsucht gebauet war, hat grosse Seelen erzeugt und eine Menge Künste in sich
genähret. Von Kriegern ist insonderheit das Geschlecht der Barkas unsterblich,
deren Ehrgeiz um so höher aufloderte, als die Eifersucht der Hannos ihre Flamme
zu ersticken suchte. Meistens aber ist auch in dem kartagischen Heldengeist
eine gewisse Härte merkbar, gegen welche ein Gelon, Timoleon, Scipio u. a. wie
freie Menschen gegen Knechte erscheinen. So barbarisch war schon der Heldenmut
jener Brüder die sich für eine ungerechte Grenze ihres Vaterlandes lebendig
begraben liessen, und in härteren Fällen, zumal wenn Kartago selbst bedrängt
wurde, zeigt sich ihre Tapferkeit meistens nur in wilder Verzweiflung. Indessen
ist's gewiss, dass insonderheit Hannibal in der feineren Kriegskunst ein Lehrer
seiner Erbfeinde, der Römer, war, die von ihm die Welt zu erobern lernten.
Desgleichen haben auch alle Künste in Kartago geblühet, die irgend dem Handel,
dem Schiffbau, dem Seekriege, dem Gewinn dienten, obgleich Kartago selbst im
Seekriege gar bald von den Römern übertroffen wurde. Der Ackerbau im reichen
Afrika war die vornehmste dienende Kunst ihres Handels, über den sie also als
über eine reiche Quelle ihres Gewinns viel raffinierten. Zum Unglück aber sind
durch die Barbarei der Römer alle Bücher der Kartaginenser wie ihr Staat
untergegangen; wir kennen die Nation nur aus Berichten ihrer Feinde und aus
wenigen Trümmern, die uns kaum die Lage der alten berühmten Meereskönigin
verraten. Das Hauptmoment Kartagos in der Weltgeschichte war leider sein
Verhältnis gegen Rom; die Wölfin, die die Erde bezwingen sollte, musste sich
zuerst im Kampf mit einem afrikanischen Schakal üben, bis sie solchen zuletzt
elend vertilgte.
 
                                       V
                                    Ägypten
    Wir kommen jetzt an das Land, das wegen seines Altertums, wegen seiner
Künste und politischen Einrichtung wie ein Rätsel der Urwelt dastehet und auch
die Erratungskunst der Forscher reichlich geübt hat, Ägypten. Die gewisseste
Nachricht, die wir von ihm haben, geben uns seine Altertümer, jene ungeheure
Pyramiden, Obelisken und Katakomben, jene Trümmer von Kanälen, Städten, Säulen
und Tempeln, die mit ihren Bilderschriften noch jetzt das Erstaunen der
Reisenden, die Wunder der Alten Welt sind. Welche Menschenmenge, welche Kunst
und Verfassung, noch mehr aber welch eine sonderbare Denkart gehörte dazu, diese
Felsen auszuhöhlen oder aufeinanderzuhäufen, Tiere nicht nur abzubilden und
auszuhauen, sondern auch als Heiligtümer zu begraben, eine Felsenwüste zur
Wohnung der Toten umzuschaffen und einen ägyptischen Priestergeist auf so
tausendfältige Art im Stein zu verewigen! Alle diese Reliquien stehen oder
liegen wie eine heilige Sphinx, wie ein grosses Problem da, das Erklärung fodert.
    Ein Teil dieser Werke, die zum Nutzen dienen oder gar der Gegend
unentbehrlich sind, erklärt sich von selbst: dergleichen sind die
erstaunenswürdige Kanäle, Dämme und Katakomben. Die Kanäle dienten, den Nil auch
in die entfernten Teile Ägyptens zu leiten, die jetzt durch den Verfall
derselben eine tote Wüste sind. Die Dämme dienten zu Gründung der Städte in dem
fruchtbaren Tal, das der Nil überschwemmet und das, als das eigentliche Herz
Ägyptens, den ganzen Umfang des Landes nähret. Auch von den Totengrüften ist's
wohl unleugbar, dass sie, ausser den Religionsideen, welche die Ägypter damit
verbanden, sehr viel zu der gesunden Luft dieses Reichs beigetragen und
Krankheiten vorgebeugt haben, die sonst die Plage nasser und heisser Gegenden zu
sein pflegen. Aber wozu das Ungeheure dieser Höhlen? Woher und wozu das
Labyrint, die Obelisken, die Pyramiden? Woher der wunderbare Geschmack, der
Sphinxe und Kolossen so mühsam verewigt hat? Sind die Ägypter aus dem Schlamm
ihres Nils zur Originalnation der Welt entsprossen, oder, wenn sie anderswoher
kamen, durch welche Veranlassungen und. Triebe unterschieden sie sich so ganz
von allen Völkern, die rings um sie wohnen?
    Dass die Ägypter kein eingebornes Urvolk sind, zeigt, wie mich dünkt, schon
die Naturgeschichte ihres Landes; denn nicht nur die alle Tradition, sondern
jede vernünftige Geogonie saget es deutlich, dass das Oberägypten früher bewohnt
gewesen und die niedere Gegend eigentlich nur durch den Kunstfleiss der Menschen
aus dem Schlamme des Nils gewonnen sei. Das uralte Ägypten war also auf der
Tebaischen Höhe, wo auch die Residenz ihrer alten Könige lag; denn wenn die
Bepflanzung des Landes auf dem Wege bei Suez geschehen wäre, so bliebe es
unerklärlich, warum die uralten Könige Ägyptens die Tebaische Wüste zur Wohnung
wählten. Folgen wir gegenteils der Anpflanzung Ägyptens, wie sie uns vor Augen
daliegt, so ergibt sich mit ihr zugleich die Ursache warum seine Bewohner auch
der Kultur nach ein so ausgezeichnet sonderbares Volk werden konnten. Keine
lieblichen Zirkassier waren sie nämlich, sondern wahrscheinlich ein
südasiatisches Volk, das westwärts über das Rote Meer oder gar weiterhin herkam
und sich von Ätiopien aus allmählich über Ägypten verbreitete. Da es also an
den Überschwemmungen und Morästen des Nilstromes hier gleichsam die Grenze des
Landes fand, was Wunder, dass es sich an diesen Felsen zuerst troglodytisch
anbauete, mit der Zeit aber das ganze Ägypten durch seinen Fleiss gewann und mit
dem Lande sich selbst kultivierte? Die Nachricht Diodors von ihrer südlichen
Herkunft, ohngeachtet er sie mit manchen Fabeln seines Ätiopiens verbindet, ist
nicht nur höchst wahrscheinlich, sondern auch der einzige Schlüssel zur
Erklärung dieses Volks und seiner wunderbaren Übereinstimmung mit einigen
entfernten ostasiatischen Völkern.
    Da ich diese Hypotese hier nur sehr unvollständig ausführen könnte, so
bleibe sie einem andern Ort; hier nutzen wir nur einige ihrer offenbaren Folgen
zum Anblick des Volks in der Menschengeschichte. Ein stilles, fleissiges,
gutmütiges Volk waren die Ägypter, welches ihre ganze Einrichtung, ihre Kunst
und Religion beweiset. Kein Tempel, keine Bildsäule Ägyptens hat einen
fröhlichen, leichten, griechischen Anblick; von diesem Zweck der Kunst hatten
sie weder Begriff noch auf ihn Absicht. Die Mumien zeigen, dass die Bildung der
Ägypter nicht schön war; nachdem sie also die menschliche Gestalt sahen, mussten
sie solche bilden. Eingeschlossen in ihr Land, wie in ihre Religion und
Verfassung, liebten sie das Fremde nicht, und da sie, ihrem Charakter gemäss, bei
ihren Nachbildungen vorzüglich auf Treue und Genauigkeit sahen, da ihre ganze
Kunst Handwerk, und zwar das religiöse Handwerk einer Geschlechtszunft war, wie
sie denn auch grösstenteils auf religiösen Begriffen beruhte, so war dabei
durchaus an keine Abweichungen in jenes Land schöner Ideale zu denken, das ohne
Naturvorbilder auch eigentlich nur ein Phantom ist.207 Dafür gingen sie mehr auf
das Feste, Dauerhafte und Riesengrosse oder auf eine Vollendung mit dem
genauesten Kunstfleisse. In ihrer felsichten Weltgegend waren ihre Tempel aus dem
Begriff ungeheurer Höhlen entstanden: sie mussten also auch in ihrer Bauart eine
ungeheure Majestät lieben. Ihre Bildsäulen waren aus Mumien entstanden; sie
hatten also auch den zusammengezogenen Stand der Füsse und Hände, der durch sich
selbst schon für seine Dauer sorget. Höhlen zu unterstützen, Begräbnisse
abzusondern, dazu sind Säulen gemacht; und da die Baukunst der Ägypter vom
Felsengewölbe ausging, sie aber bei ihren Gebäuden unsre Kunst zu wölben noch
nicht verstanden, so ward die Säule, oft auch ein Koloss derselben,
unentbehrlich. Die Wüste, die um sie war, das Totenreich, das aus Religionsideen
um sie schwebte, machte auch ihre Bilder zu Mumiengestalten, bei denen nicht
Handlung, sondern ewige Ruhe der Charakter war, auf welchen sie die Kunst
stellte.
    Über die Pyramiden und Obelisken der Ägypter darf man sich, wie mich dünkt,
noch weniger wundern. In allen Teilen der Welt, selbst in Otahiti, werden
Pyramiden auf Gräbern errichtet, ein Zeichen nicht sowohl der
Seelenunsterblichkeit als eines dauernden Andenkens auch nach dem Tode. Offenbar
waren sie auf diesen Gräbern aus jenem rohen Steinhaufen entstanden, den man zum
Denkmal einer Sache uralters bei mehreren Nationen aufhäufte; der rohe
Steinhaufe formt sich selbst, damit er fester liege, zu einer Pyramide. Als die
Kunst der Menschen, denen keine Veranlassung zum Denkmal so nahe lag als das
Begräbnis eines verehrten Toten, zu diesem allgemeinen Gebrauche hinzutrat, so
verwandelte sich der Steinhaufe, der anfangs vielleicht den begrabenen Leichnam
auch vor dem Aufscharren wilder Tiere schützen sollte, natürlich in eine
Pyramide oder Ehrensäule, mit mehr oder minder Kunst errichtet. Dass nun die
Ägypter in diesem Bau andere Völker übertrafen, hatte mit dem dauerhaftem Bau
ihrer Tempel und Katakomben einerlei Ursach. Sie besassen nämlich Steine gnug zu
diesen Denkmalen, da das meiste Ägypten eigentlich ein Fels ist; sie hatten auch
Hände gnug zum Bau derselben, da in ihrem fruchtbaren und volkreichen Lande der
Nil für sie die Erde düngt und der Ackerbau ihnen wenige Mühe kostet, überdem
lebten die alten Ägypter sehr mässig: Tausende von Menschen, die an diesen
Denkmalen jahrhundertelang wie Sklaven arbeiteten, waren so leicht zu
unterhalten, dass es nur auf den Willen eines Königes ankam, gedankenlose Massen
dieser Art zu errichten. Das Leben einzelner Menschen ward in jenen Zeiten
anders als jetzo geschätzt, da ihre Namen nur in Zünften und Landstrichen
berechnet wurden. Leichter opferte man damals die nutzlose Mühe vieler
Individuen dem Gedanken eines Beherrschers auf, der mit einer solchen Steinmasse
sich selbst Unsterblichkeit erwerben und dem Wahn seiner Religion nach die
abgeschiedene Seele in einem balsamierten Leichnam festalten wollte, bis mit
der Zeit auch diese, wie so manche andre nutzlose Kunst, zum Wetteifer ward. Ein
König ahmte den andern nach oder suchte ihn zu übertreffen, indes das gutmütige
Volk seine Lebenstage am Bau dieser Monumente verzehren musste. So entstanden
wahrscheinlich die Pyramiden und Obelisken Ägyptens; nur in den ältesten Zeiten
wurden sie gebauet; denn die spätere Zeit und Jede Nation, die ein nützlicher
Gewerbe treiben lernte, bauete keine Pyramiden mehr. Weit gefehlt also, dass
Pyramiden ein Kennzeichen von der Glückseligkeit und wahren Aufklärung des alten
Ägyptens sein sollten, sind sie ein unwidersprechliches Denkmal von dem
Aberglauben und der Gedankenlosigkeit sowohl der Armen, die da baueten, als der
Ehrgeizigen, die den Bau befahlen. Vergebens suchet ihr Geheimnisse unter den
Pyramiden oder verborgene Weisheit an den Obelisken; denn wenn die Hieroglyphen
der letztem auch entziffert würden, was würde, was könnte man an ihnen anders
als etwa eine Chronik verstorbener Begebenheiten oder eine vergötternde
Lobschrift ihrer Erbauer lesen? Und dennoch, was sind diese Massen gegen ein
Gebürge, das die Natur baute?
    Überhaupt lässt sich aus Hieroglyphen so wenig auf eine tiefe Weisheit der
Ägypter schliessen, dass sie vielmehr gerade das Gegenteil davon beweisen.
Hieroglyphen sind der erste rohe Kindesversuch des menschlichen Verstandes, der
Zeichen sucht, um seine Gedanken zu erklären; die rohesten Wilden in Amerika
hatten Hieroglyphen, soviel als sie bedurften; denn konnten nicht jene Mexikaner
sogar die ihnen unerhörteste Sache, die Ankunft der Spanier, in Hieroglyphen
melden? Dass aber die Ägypter so lange bei dieser unvollkommenen Schrift blieben
und sie Jahrhunderte hin mit ungeheurer Mühe auf Felsen und Wände malten: welche
Armut von Ideen, welch einen Stillstand des Verstandes zeigt dieses! Wie enge
musste der Kreis von Kenntnissen einer Nation und ihres weitläuftigen gelehrten
Ordens sein, der sich Jahrtausende durch an diesen Vögeln und Strichen begnügte!
Denn ihr zweiter Hermes, der die Buchstaben erfand, kam sehr spät; auch war er
kein Ägypter. Die Buchstabenschrift der Mumien ist nichts als die fremde
phönicische Schrittart, vermischt mit hieroglyphischen Zeichen, die man also
auch aller Wahrscheinlichkeit nach von handelnden Phöniciern lernte. Die Sinesen
selbst sind weiter gegangen als die Ägypter und haben aus ähnlichen Hieroglyphen
sich wirkliche Gedankencharaktere erfunden, zu welchen, wie es scheint, diese
nie gelangten. Dürfen wir uns also wundern, dass ein so schriftarmes und doch
nicht ungeschicktes Volk sich in mechanischen Künsten hervortat? Der Weg zur
wissenschaftlichen Literatur war ihnen durch die Hieroglyphen versperret, und so
musste sich ihre Aufmerksamkeit desto mehr auf sinnliche Dinge richten. Das
fruchtbare Niltal machte ihnen den Ackerbau leicht; jene periodischen
Überschwemmungen, von denen ihre Wohlfahrt abhing, lehrten sie messen und
rechnen. Das Jahr und die Jahrszeiten mussten doch endlich einer Nation geläufig
werden, deren Leben und Wohlsein von einer einzigen Naturveränderung abhing,
die, jährlich wiederholt, ihnen einen ewigen Landkalender machte.
    Also auch die Natur- und Himmelsgeschichte, die man an diesem alten Volk
rühmt: sie war ein ebenso natürliches Erzeugnis ihrer Erd- und Himmelsgegend.
Eingeschlossen zwischen Bergen, Meeren und Wüsten, in einem engen fruchtbaren
Tale, wo alles von einer Naturbegebenheit abhing und auf dieselbe zurückführte,
wo Jahrszeiten und Ernte, Krankheiten und Winde, Insekten und Vögel sich nach
einer und derselben Revolution, der Überschwemmung des Nils, fügten: hier sollte
der ernste Ägypter und sein zahlreicher müssiger Priesterorden nicht endlich eine
Art von Natur- und Himmelsgeschichte sammlen? Aus allen Weltteilen ist's
bekannt, dass eingeschlossene sinnliche Völker die reichste, lebendigste Kenntnis
ihres Landes haben, ob sie solche gleich nicht aus Büchern lernen. Was bei den
Ägyptern die Hieroglyphen dazu tun konnten, war der Wissenschaft eher schädlich
als nützlich. Die lebendige Bemerkung ward mit ihnen nicht nur ein dunkles,
sondern auch ein totes Bild, das den Fortgang des Menschenverstandes gewiss nicht
förderte, sondern hemmte. Man hat viel darüber geredet, ob die Hieroglyphen
Priestergeheimnisse entalten haben, mich dünkt, jede Hieroglyphe entalte ihrer
Natur nach ein Geheimnis, und eine Reihe derselben, die eine geschlossene Zunft
aufbewahrt, müsse für den grossen Haufen notwendig ein Geheimnis werden, gesetzt
auch, dass man ihm solche auf Weg und Stegen vorstellte. Er kann sich nicht
einweihen lassen, selbige verstehen zu lernen; denn dies ist nicht sein Beruf,
und selbst wird er ihre Bedeutung nicht finden. Daher der notwendige Mangel
einer verbreiteten Aufklärung in jedem Lande, in jeder Zunft einer sogenannten
Hieroglyphenweisheit, es mögen Priester oder Nichtpriester dieselbe lehren.
Nicht jedem können und werden sie ihre Symbole entziffern, und was sich nicht
durch sich selbst lernen lässt, bewahret sich leider seiner Natur nach als
Geheimnis. Jede Hieroglyphenweisheit neuerer Zeiten ist also ein eigensinniger
Riegel gegen alle freiere Aufklärung, weil in den ältern Zeiten selbst
Hieroglyphik immer nur die unvollkommenste Schrift war. Unbillig ist die
Forderung, etwas durch sich verstehen zu lernen, was auf tausenderlei Art
gedeutet werden kann, und tötend die Mühe, die man auf willkürliche Zeichen, als
wären sie notwendige ewige Sachen, wendet. Daher ist Ägypten jederzeit ein Kind
an Kenntnissen geblieben, weil es ein Kind in Andeutung derselben blieb, und für
uns sind diese Kinderideen wahrscheinlich auf immer verloren.
    Also auch an der Religion und Staatsweisheit der Ägypter können wir uns
schwerlich etwas anders als die Stufe denken, die wir bei mehreren Völkern des
hohen Altertums bisher bemerkt haben und bei den Nationen des östlichen Asiens
zum Teil noch jetzt bemerken. Wäre es gar wahrscheinlich zu machen, dass mehrere
Kenntnisse der Ägypter in ihrem Lande schwerlich erfunden sein möchten, dass sie
vielmehr mit solchen, wie mit gegebnen Formeln und Prämissen, nur fortgerechnet
und sie ihrem Lande bequemt haben, so fiele ihr Kindesalter in allen diesen
Wissenschaften noch mehr in die Augen. Daher vielleicht die langen Register
ihrer Könige und Weltzeiten; daher ihre vielgedeuteten Geschichten vom Osiris,
der Isis, dem Horus, Typhon u. f.; daher ein grosser Vorrat ihrer heiligen Sagen.
Die Hauptideen ihrer Religion haben sie mit mehreren Ländern des höheren Asiens
gemein; hier sind sie nur nach der Naturgeschichte des Landes und dem Charakter
des Volks in Hieroglyphen verkleidet. Die Grundzüge ihrer politischen
Einrichtung sind andern Völkern auf gleicher Stufe der Kultur nicht fremde; nur
dass sie hier im schönen Niltal ein eingeschlossenes Volk sehr ausarbeitete und
nach seiner Weise brauchte.208 Schwerlich würde Ägypten in den hohen Ruf seiner
Weisheit gekommen sein, wenn nicht seine uns nähere Lage, die Trümmern seiner
Altertümer, vorzüglich aber die Sagen der Griechen es dahin gebracht hätten.
    Und eben diese Lage zeigt auch, welche Stelle es in der Reihe der Völker
einnehme. Wenige Nationen sind von ihm entsprossen oder durch dasselbe
kultiviert worden, so dass von jenen mir nur die Phönicier, von diesen die Juden
und Griechen bekannt sind; ins innere Afrika weiss man nicht, wie weit sich ihr
Einfluss verbreitet. Armes Ägypten, wie bist du jetzo verändert! Durch eine
jahrtausendlange Verzweiflung elend und träge geworden, war es einst arbeitsam
und duldend fleissig. Auf den Wink seiner Pharaonen spann es und webte, trug
Steine und grub in den Bergen, trieb Künste und bauete das Land. Geduldig liess
es sich einschliessen und zur Arbeit verteilen, war fruchtbar und erzog seine
Kinder kärglich, scheuete die Fremden und genoss seines eingeschlossenen Landes.
Seitdem es dies Land aufschloss oder Kambyses vielmehr sich selbst den Weg dahin
bahnte, wurde es Jahrtausende hin Völkern nach Völkern zur Beute. Perser und
Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiten, Kurden, Mamlucken und Türken
plagten dasselbe nacheinander, und noch jetzt ist's ein trauriger Tummelplatz
arabischer Streifereien und türkischer Grausamkeiten in seiner schönen
Weltgegend.
 
                                       VI
              Weitere Ideen zur Philosophie der Menschengeschichte
    Nachdem wir abermals einen grossen Strich menschlicher Begebenheiten und
Einrichtungen vom Euphrat bis zum Nil, von Persepolis bis Kartago durchwandert
haben, so lasset uns niedersitzen und zurückblicken auf unsre Reise.
    Was ist das Hauptgesetz, das wir bei allen grossen Erscheinungen der
Geschichte bemerkten? Mich dünkt dieses: dass allentalben auf unserer Erde
werde, was auf ihr werden kann, teils nach Lage und Bedürfnis des Orts, teils
nach Umständen und Gelegenheiten der Zeit, teils nach dem angebornen oder sich
erzeugenden Charakter der Völker. Setzet lebendige Menschenkräfte in bestimmte
Verhältnisse ihres Orts und Zeitmasses auf der Erde, und es ereignen sich alle
Veränderungen der Menschengeschichte. Hier kristallisieren sich Reiche und
Staaten, dort lösen sie sich auf und gewinnen andre Gestalten: hier wird aus
einer Nomadenhorde ein Babylon, dort aus einem bedrängten Ufervolk ein Tyrus;
hier bildet in Afrika sich ein Ägypten, dort in der Wüste Arabiens ein
Judenstaat, und das alles in einer Weltgegend, in nachbarlicher Nähe
gegeneinander. Nur Zeiten, nur Orter und Nationalcharaktere, kurz, das ganze
Zusammenwirken lebendiger Kräfte in ihrer bestimmtesten Individualität
entscheidet, wie über alle Erzeugungen der Natur, so über alle Ereignisse im
Menschenreiche. Lasset uns dies herrschende Gesetz der Schöpfung in das Licht
stellen, das ihm gebühret.
    1. Lebendige Menschenkräfte sind die Triebfeder der Menschengeschichte, und
da der Mensch seinen Ursprung von und in einem Geschlecht nimmt, so wird hiemit
schon seine Bildung, Erziehung und Denkart genetisch. Daher jene sonderbaren
Nationalcharaktere, die, den ältesten Völkern so tief eingeprägt, sich in allen
ihren Wirkungen auf der Erde unverkennbar zeichnen. Wie eine Quelle von dem
Boden, auf dem sie sich sammlete, Bestandteile, Wirkungskräfte und Geschmack
annimmt, so entsprang der alte Charakter der Völker aus Geschlechtszügen, der
Himmelsgegend, der Lebensart und Erziehung, aus den frühen Geschäften und Taten,
die diesem Volk eigen wurden. Tief drangen die Sitten der Väter ein und wurden
des Geschlechts inniges Vorbild. Eine Probe davon möge die Denkart der Juden
sein, die uns aus ihren Büchern und Beispielen am meisten bekannt ist: Im Lande
der Väter wie in der Mitte andrer Nationen blieben sie, was sie waren, und sind
sogar in der Vermischung mit andern Völkern einige Geschlechter hinab kenntlich.
Mit allen Völkern des Altertums, Ägyptern, Sinesen, Arabern, Hindus u. f., war
es und ist's ein gleiches. Je eingeschlossener sie lebten, ja oft: je mehr sie
bedrängt wurden, desto fester ward ihr Charakter; so dass, wenn jede dieser
Nationen auf ihrer Stelle geblieben wäre, man die Erde als einen Garten ansehen
könnte, wo hier diese, dort jene menschliche Nationalpflanze in ihrer eignen
Bildung und Natur blühet, wo hier diese, dort jene Tiergattung, jede nach ihrem
Triebe und Charakter, ihr Geschäft treibet.
    Da aber die Menschen keine festgewurzelten Pflanzen sind, so konnten und
mussten sie mit der Zeit, oft durch harte Zufälle des Hungers, Erdbebens, Krieges
u. f., ihren Ort verändern und baueten sich in einer andern Gegend mehr oder
minder anders an. Denn wenn sie gleich mit einer Hartnäckigkeit, die fast dem
Instinkt der Tiere gleichet, bei den Sitten ihrer Väter blieben und ihre neuen
Berge, Flüsse, Städte und Einrichtungen auch sogar mit Namen ihres Urlandes
benannten, so war doch bei einer grossen Veränderung der Luft und des Bodens ein
ewiges Einerlei in allem nicht möglich. Hier also kam das verpflanzte Volk
darauf, sich selbst ein Wespennest oder einen Ameishaufen zu bauen nach seiner
Weise. Der Bau ward aus Ideen des Urlandes und ihres neuen Landes
zusammengesetzt, und meistens heisst diese Einrichtung die jugendliche Blüte der
Völker. So richteten sich die vom Roten Meer gewichenen Phönicier an der
mittelländischen Küste ein; so wollte Moses die Israeliten einrichten; so ist's
mit mehreren Völkern Asiens gewesen: denn fast jede Nation der Erde ist früher
oder später, länger oder kürzer, wenigstens einmal gewandert. Leicht zu erachten
ist's, dass es hiebei sehr auf die Zeit ankam, wann diese Wanderung geschah, auf
die Umstände, die solche bewirkten, auf die Länge des Weges, die Art von Kultur,
mit der das Volk ausging, die Übereinstimmung oder Misshelligkeit, die es in
seinem neuen Lande antraf, u. f. Auch bei unvermischten Völkern wird daher die
historische Rechnung bloss schon aus geographisch-politischen Gründen so
verwickelt, dass es einen hypotesenfreien Geist erfodert, den Faden nicht zu
verlieren. Am meisten verliert man ihn, wenn man irgendeinen Stamm der Völker
zum Liebling annimmt und, was nicht er ist, verachtet. Der Geschichtschreiber
der Menschheit muss, wie der Schöpfer unsres Geschlechts oder wie der Genius der
Erde, unparteiisch sehen und leidenschaftlos richten. Dem Naturforscher, der zur
Kenntnis und Ordnung aller Klassen seiner Reiche gelangen will, ist Rose und
Distel, das Stink- und Faultier mit dem Elefanten gleich lieb; er untersucht das
am meisten, wobei er am meisten lernet. Nun hat die Natur die ganze Erde ihren
Menschenkindern gegeben und auf solcher hervorkeimen lassen, was nach Ort, Zeit
und Kraft irgend nur hervorkeimen konnte. Alles, was sein kann, ist; alles, was
werden kann, wird, wo nicht heut, so morgen. Das Jahr der Natur ist lang; die
Blüte ihrer Pflanzen ist so vielfach, als diese Gewächse selbst sind und die
Elemente, die sie nähren. In Indien, Ägypten, Sina geschah, was sonst nie und
nirgend auf der Erde geschehen wird; also in Kanaan, Griechenland, Rom,
Kartago. Das Gesetz der Notwendigkeit und Konvenienz, das aus Kräften, Ort und
Zeit zusammengesetzt ist, bringt überall andre Früchte.
    2. Wenn's also vorzüglich darauf ankommt, in welche Zeit und Gegend die
Entstehung eines Reichs fiel, aus welchen Teilen es bestand und welche äussere
Umstände es umgaben, so sehen wir, liegt in diesen Zügen auch ein grosser Teil
von dieses Reiches Schicksal. Eine Monarchie, von Nomaden gebildet, die ihre
Lebensart auch politisch fortsetzt, wird schwerlich von einer langen Dauer sein;
sie zerstört und unterjocht, bis sie selbst zerstört wird; die Einnahme der
Hauptstadt und oft der Tod eines Königs allein endet ihre ganze Räuberszene. So
war's mit Babel und Ninive, mit Persepolis und Ekbatana; so ist's in Persien
noch. Das Reich der Moguls in Indien hat fast sein Ende gefunden, und das Reich
der Türken wird es finden, solange sie Chaldäer, d. i. fremde Eroberer, bleiben
und keinen sittlichem Grund ihres Regiments legen. Der Baum möge bis an den
Himmel reichen und ganze Weltteile überschatten; hat er keine Wurzeln in der
Erde, so vertilgt ihn oft ein Luftstoss. Er fället durch die List eines einzigen
treulosen Sklaven oder durch die Axt eines kühnen Satrapen. Die alte und neue
asiatische Geschichte ist dieser Revolutionen voll, daher auch die Philosophie
der Staaten an ihnen wenig zu lernen findet. Despoten werden vom Tron gestossen
und Despoten darauf erhöhet; das Reich hängt an der Person des Monarchen, an
seinem Zelt, an seiner Krone; wer diese in seiner Gewalt hat, ist der neue Vater
des Volks, d. i. der Anführer einer überwiegenden Räuberbande. Ein Nebukadnezar
war dem ganzen Vorderasien furchtbar, und unter dem zweiten Erben lag sein
unbefestigtes Reich im Staube. Drei Schlachten Alexanders machen dem Ungeheuern
Perserreich ein völliges Ende.
    Ganz anders ist's mit Staaten, die, aus ihrer Wurzel erwachsen, auf sich
selbst ruhen; sie können überwältigt werden, aber die Nation dauret. So ist's
mit Sina; man weiss, was den Überwindern daselbst die Einführung einer blossen
Sitte, des mongolischen Haarscherens, für Mühe gekostet habe. So mit den
Brahmanen und Israeliten, die bloss ihr Cerimoniengeist von allen Völkern der
Erde auf ewig sondert. So widerstand Ägypten lange der Vermischung mit andern
Völkern; und wie schwer ward's, die Phönicier auszurotten, bloss weil sie an
dieser Stelle ein gewurzeltes Volk waren! Wäre es dem Cyrus gelungen, ein Reich,
wie Yao, Krischna, Moses, zu gründen, es lebte noch, obgleich zerstümmelt, in
allen seinen Gliedern.
    Hieraus ergibt sich, warum die alten Staatsverfassungen so sehr auf Bildung
der Sitten durch die Erziehung sahen, da von dieser Triebfeder ihre ganze innere
Stärke abhing. Neuere Reiche sind auf Geld oder mechanische Staatskünste, Jene
waren auf die ganze Denkart der Nation von Kindheit auf gebauet; und da es für
die Kindheit keine wirksamere Triebfeder als Religion gibt, so waren die meisten
alten, insonderheit asiatischen Staaten mehr oder minder teokratisch. Ich weiss,
wie sehr man diesen Namen hasse, dem man grösstenteils alles Übel zuschreibt, das
je die Menschheit gedrückt hat; auch werde ich keinem seiner Missbräuche das Wort
reden. Aber das ist zugleich wahr, dass diese Regierungsform der Kindheit unsres
Geschlechts nicht nur angemessen, sondern auch notwendig gewesen, sonst hätte
sie sich gewiss nicht so weit erstreckt und so lange erhalten. Von Ägypten bis
Sina, ja beinah in allen Ländern der Erde hat sie geherrschet, so dass
Griechenland das erste Land war, das seine Gesetzgebung allmählich von der
Religion trennte. Und da eine Jede Religion politisch um soviel mehr wirket, je
mehr die Gegenstände derselben, ihre Götter und Helden, mit allen ihren Taten
Einheimische waren, so sehen wir, dass jede alte, festgewurzelte Nation sogar
ihre Kosmogonie und Mytologie dem Lande zugeeignet hatte, das sie bewohnte. Die
einzigen Israeliten zeichnen sich auch darin von allen ihren Nachbarn aus, dass
sie weder die Schöpfung der Welt noch des Menschen ihrem Lande zudichten. Ihr
Gesetzgeber war ein aufgeklärter Fremdling, der das Land ihres künftigen
Besitzes nicht erreichte; ihre Vorfahren hatten anderswo gelebt, ihr Gesetz war
ausserhalb des Landes gegeben. Wahrscheinlich trug dies nachher mit dazu bei, dass
die Juden, wie beinah keine der alten Nationen, sich auch ausser ihrem Lande so
wohl behalfen. Der Brahmane, der Sinese kann ausser seinem Lande nicht leben; und
da der mosaische Jude eigentlich nur ein Geschöpf Palästinas ist, so dürfte es
ausser Palästina keinen Juden mehr geben.
    3. Endlich sehen wir aus dem ganzen Erdstrich, den wir durchwandert haben,
wie hinfällig alles Menschenwerk, ja wie drückend auch die beste Einrichtung in
wenigen Geschlechtern werde. Die Pflanze blühet und blühet ab; eure Väter
starben und verwesen; euer Tempel zerfällt; dein Orakelzelt, deine Gesetztafeln
sind nicht mehr; das ewige Band der Menschen, die Sprache selbst veraltet; wie?
und eine Menschenverfassung, eine politische oder Religionseinrichtung, die doch
nur auf diese Stücke gebauet sein kann, sie sollte, sie wollte ewig dauern? So
würden dem Flügel der Zeit Ketten angelegt und der rollende Erdball zu einer
trägen Eisscholle über dem Abgrunde. Wie wäre es uns, wenn wir noch jetzt den
König Salomo seine 22000 Ochsen und 120000 Schafe an einem Fest opfern sähen,
oder die Königin aus Saba ihn zu ernenn Gastmahl in Rätseln besuchte? Was würden
wir von aller Ägypterweisheit sagen, wenn der Ochs Apis und die heilige Katze
und der heilige Bock uns im prächtigsten Tempel gezeigt würden? Eben also ist's
mit den drückenden Gebräuchen der Brahmanen, dem Aberglauben der Parsen, den
leeren Anmassungen der Juden, dem ungereimten Stolz der Sinesen und was sich
sonst irgendwo auf uralte Menscheneinrichtungen vor dreitausend Jahren stützen
möge. Zoroasters Lehre möge ein ruhmwürdiger Versuch gewesen sein, die Übel der
Welt zu erklären und seine Genossen zu allen Werken des Lichts aufzumuntern: was
ist diese Teodizee jetzt, auch nur in den Augen eines Mahomedaners? Die
Seelenwanderung der Brahmanen möge als ein jugendlicher Traum der menschlichen
Einbildungskraft gelten, der unsterbliche Seelen im Kreise der Sichtbarkeit
versorgen will und an diesen gutgemeinten Wahn moralische Begriffe knüpfet; was
ist sie aber als ein vernunftloses heiliges Gesetz mit ihren tausend Anhängen
von Gebräuchen und Satzungen worden? Die Tradition ist eine an sich
vortreffliche, unserm Geschlecht unentbehrliche Naturordnung; sobald sie aber
sowohl in praktischen Staatsanstalten als im Unterricht alle Denkkraft fesselt,
allen Fortgang der Menschenvernunft und Verbesserung nach neuen Umständen und
Zeiten hindert, so ist sie das wahre Opium des Geistes sowohl für Staaten als
Sekten und einzelne Menschen. Das grosse Asien, die Mutter aller Aufklärung
unsrer bewohnten Erde, hat von diesem süssen Gift viel gekostet und andern zu
kosten gegeben. Grosse Staaten und Sekten in ihm schlafen, wie nach der Fabel der
heilige Johannes in seinem Grabe schläft; er atmet sanft, aber seit fast
zweitausend Jahren ist er gestorben und harret schlummernd, bis sein Erwecker
kommt.
 
                                Dreizehntes Buch
    Mit dem Bedauern eines Wanderers, der ein Land verlassen muss, ohne dass er's
nach seinen Wünschen kennenlernte, verlasse ich Asien. Wie wenig ist's, was wir
von ihm wissen, und meistens aus wie späten Zeiten, aus wie unsichern Händen!
Das östliche Asien ist uns nur neulich durch religiöse oder politische Parteien
bekannt und durch gelehrte Parteien in Europa zum Teil so verwirret worden, dass
wir in grosse Strecken desselben noch wie in ein Fabelland blicken. Im
Vorderasien und dem ihm nachbarlichen Ägypten erscheint uns aus der ältern Zeit
alles wie eine Trümmer oder wie ein verschwundener Traum; was uns aus
Nachrichten bekannt ist, wissen wir nur aus dem Munde flüchtiger Griechen, die
für das hohe Altertum dieser Staaten teils zu jung, teils von zu fremder Denkart
waren und nur das ergriffen, was zu ihnen gehörte. Die Archive Babylons,
Phöniciens und Kartago sind nicht mehr; Ägypten war abgeblühet, fast ehe
Griechen sein Inneres betraten; also schrumpft alles in wenige, verwelkte
Blätter zusammen, die Sagen aus Sagen entalten, Bruchstücke der Geschichte, ein
Traum der Vorwelt.
    Bei Griechenland klärt sich der Morgen auf, und wir schiffen ihm froh
entgegen. Die Einwohner dieses Landes bekamen in Vergleichung mit andern
Nationen frühe Schrift und fanden in den meisten ihrer Verfassungen Triebfedern,
ihre Sprache von der Poesie zur Prose und in dieser zur Philosophie und
Geschichte herabzuführen. Die Philosophie der Geschichte sieht also Griechenland
für ihre Geburtsstätte an; sie hat in ihm auch eine schöne Jugend durchlebet.
Schon der fabelnde Homer beschreibt die Sitten mehrerer Völker, soweit seine
Kenntnis reichte; die Sänger der Argonauten, deren Nachhall übrig ist,
erstrecken sich in eine andre, merkwürdige Gegend. Als späterhin die eigentliche
Geschichte sich von der Poesie loswand, bereisete Herodot mehrere Länder und
trug mit löblich kindischer Neugierde zusammen, was er sah und hörte. Die spätem
Geschichtschreiber der Griechen, ob sie sich gleich eigentlich auf ihr Land
einschränkten, mussten dennoch auch manches von andern Ländern melden, mit denen
ihr Volk in Verbindung kam; so erweiterte sich endlich, insonderheit durch
Alexanders Züge, allmählich die Welt. Mit Rom, dem die Griechen nicht nur zu
Führern in der Geschichte, sondern auch selbst zu Geschichtschreibern dienten,
erweitert sie sich noch mehr, so dass Diodor von Sizilien, ein Grieche, und
Trogus, ein Römer, ihre Materialien bereits zu einer Art von Weltgeschichte
zusammenzutragen wagten. Wir freuen uns also, dass wir endlich zu einem Volk
gelangen, dessen Ursprung zwar auch im Dunkel begraben, dessen erste Zeiten
ungewiss, dessen schönste Werke sowohl der Kunst als der Schrift grossenteils auch
von der Wut der Völker oder vom Moder der Zeiten vertilgt sind, von dem aber
dennoch herrliche Denkmale zu uns reden. Sie reden mit dem philosophischen Geist
zu uns, dessen Humanität ich meinem Versuch über sie vergebens einzuhauchen
strebe. Ich möchte, wie ein Dichter, den weitinsehenden Apoll und die Töchter
des Gedächtnisses, die alleswissenden Musen, anrufen; aber der Geist der
Forschung sei mein Apoll und die parteilose Wahrheit meine belehrende Muse.
 
                                       I
                       Griechenlands Lage und Bevölkerung
    Das dreifache Griechenland, von dem wir reden, ist ein meerumgebenes Busen-
und Küstenland oder gar ein Sund von Inseln. Es liegt in einer Weltgegend, in
der es aus mehreren Erdstrichen nicht nur Bewohner, sondern auch gar bald Keime
der Kultur empfangen konnte; seine Lage also und der Charakter des Volks, der
sich durch frühe Unternehmungen und Revolutionen, dieser Gegend gemäss bildete,
brachte gar bald eine innere Zirkulation der Ideen und eine äussere Wirksamkeit
zuwege, die den Nationen des grossen festen Weltteils von der Natur versagt war.
Endlich die Zeit, in welche die Kultur Griechenlandes traf, die Stufe der
Bildung, auf der damals nicht nur die umherwohnenden Völker standen, sondern der
gesamte Menschengeist lebte: alles dies trug dazu bei die Griechen zu dem Volk
zu machen, das sie einst waren, jetzt nicht mehr sind und nie mehr sein werden.
Lasset uns dies schöne Problem der Geschichte näher betrachten; die Data
desselben, insonderheit durch den Fleiss deutscher Gelehrten bearbeitet, liegen
beinahe bis zur Auflösung vor uns.
    Ein eingeschränktes Volk, das fern von der Seeküste und dem Umgange andrer
Nationen zwischen Bergen wohnet, ein Volk, das seine Aufklärung nur von einem
Ort her erhielt und, je früher es diese annahm, dieselbe durch eherne Gesetze um
so fester machte, eine solche Nation mag viele Eigenheit an Charakter erhalten
und sich lange darin bewahren; es fehlt aber viel, dass dieser beschränkte
Idiotismus ihr jene nützliche Vielseitigkeit gebe, die nur durch tätige
Konkurrenz mit andern Nationen erlangt werden konnte. Beispiele davon sind nebst
Ägypten alle asiatischen Länder. Hätte die Kraft, die unsre Erde baute, ihren
Bergen und Meeren eine andre Gestalt, und das grosse Schicksal, das die Grenzen
der Völker setzte, ihnen einen andren Ursprung als von den asiatischen Gebürgen
gegeben; hätte das östliche Asien früheren Seehandel und ein Mittelländisches
Meer bekommen, das es jetzt, seiner Lage nach, nicht hat: der ganze Gang der
Kultur wäre verändert. Jetzt ging dieser nach Westen hinab, weil er sich
ostwärts weder ausbreiten noch wenden konnte.
    Betrachten wir die Geschichte der Inseln und Sundländer, wie und wo sie auch
in der Welt liegen, so finden wir, dass, je glücklicher ihre Bepflanzung, je
leichter und vielfacher der Kreislauf von Tätigkeit war, der auf ihnen in Gang
gesetzt werden konnte, endlich in je eine vorteilhaftere Zeit oder Weltlage die
Rolle ihrer Wirksamkeit fiel, desto mehr haben sich solche Inseln- oder
Küstenbewohner vor den Geschöpfen des ebnen Landes ausgezeichnet. Trotz aller
angebornen Gaben und erworbnen Geschicklichkeiten blieb auf diesem der Hirt ein
Hirt, der Jäger ein Jäger; selbst der Ackermann und Künstler waren wie Pflanzen
an einen engen Boden befestigt. Man vergleiche England mit Deutschland: die
Engländer sind Deutsche, ja bis auf die spätesten Zeiten haben Deutsche den
Engländern in den grössesten Dingen vorgearbeitet. Weil aber jenes Land als eine
Insel von frühen Zeiten in manche grössere Tätigkeit eines Allgemeingeistes kam,
so konnte dieser Geist auf ihr sich besser ausarbeiten und ungestörter zu einer
Konsistenz gelangen, die dem bedrängten Mittellande versagt war. Bei den Inseln
der Dänen, bei den Küsten Italiens, Spaniens, Frankreichs, nicht minder der
Niederlande und Norddeutschlands werden wir ein gleiches Verhältnis gewahr, wenn
wir sie mit den innern Gegenden des europäischen Slawen- und Scytenlandes, mit
Russland, Polen, Ungarn, vergleichen. In allen Meeren haben die Reisenden
gefunden, dass sich auf Inseln, Halbinseln oder Küsten von glücklicher Lage eine
Bestrebsamkeit und freiere Kultur erzeugt hatte, die sich unter dem Druck
einförmiger, alter Gesetze des testen Landes nicht erzeugen konnte.209 Man lese
die Beschreibungen der Societäts- und Freundschaftsinseln; trotz ihrer
Entfernung von der ganzen bewohnten Welt haben sie sich bis auf Putz und
Üppigkeit zu einer Art von Griechenland gebildet. Selbst in manchen einzelnen
Inseln des öffnen Meers trafen die ersten Reisenden eine Milde und Gefälligkeit
an, die man bei den Nationen des innern Landes vergebens suchte. Allentalben
sehen wir also das grosse Gesetz der Menschennatur, dass, wo sich Tätigkeit und
Ruhe, Geselligkeit und Entfernung, freiwillige Betriebsamkeit und Genuss
derselben auf eine schöne Weise gatten, auch ein Kreislauf befördert werde, der
dem Geschlecht selbst sowohl als allen ihm nahenden Geschlechten hold ist.
Nichts ist der menschlichen Gesundheit schädlicher als Stockung ihrer Säfte; in
den despotischen Staaten von alter Einrichtung ist diese Stockung unvermeidlich;
daher sie meistens auch, falls sie nicht schnell aufgerieben werden, bei
lebendem Leibe ihres langsamen Todes sterben. Wo hingegen durch die Natur des
Landes die Staaten sich klein und die Einwohner in der gesunden Regsamkeit
erhalten, die ihnen z.B. das geteilte See- und Landleben vorzüglich gibt, da
dürfen nur günstige Umstände hinzukommen, und sie werden ein gebildetes,
berühmtes Volk werden. So war, anderer Gegenden zu geschweigen, unter den
Griechen selbst die Insel Kreta das erste Land, das eine Gesetzgebung zum Muster
aller Republiken des festen Landes hervorbrachte; ja die meisten und
berühmtesten von diesen waren Küstenländer. Nicht ohne Ursache haben daher die
Alten ihre glücklichen Wohnungen auf Inseln gesetzt, wahrscheinlich weil sie auf
ihnen die meisten freien, glücklichen Völker fanden.
    Wenden wir dies alles auf Griechenland an, wie natürlich musste sich sein
Volk von den Einwohnern des höheren Gebürges unterscheiden! Durch eine kleine
Meerenge war Tracien von Kleinasien getrennt und dies nationenreiche,
fruchtbare Land längst seiner westlichen Küste durch einen inselvollen Sund mit
Griechenland verbunden. Der Hellespont, könnte man sagen, war nur dazu
durchbrochen und das Ägäische Meer mit seinen Inseln zwischengeworfen, damit der
Übergang eine leichte Mühe und in dem busenreichen Griechenlande eine beständige
Wanderung und Zirkulation würde. Von den ältesten Zeiten an finden wir daher die
zahlreichen Völker dieser Küsten auf der See wandernd: Kretenser, Lydier,
Pelasger, Tracier, Rhodier, Phrygier, Zyprier, Milesier, Karier, Lesbier,
Phokäer, Samier, Spartaner, Naxier, Ereträer und Ägineten folgten schon vor
Xerxes' Zeilen einander in der Herrschaft des Meeres210; und lange vor diesen
Seemächten fanden sich auf demselben Seeräuber, Kolonien, Abenteurer, so dass es
beinah kein griechisches Volk gibt, das nicht, oft mehr als einmal, gewandert
habe. Von allen Zeiten an ist hier alles in Bewegung, von den Küsten Kleinasiens
bis nach Italien, Sizilien, Frankreich; kein europäisches Volk hat einen
weitern, schönern Weltstrich als diese Griechen bepflanzet. Nichts anders will
man auch, wenn man das schöne Klima der Griechen nennt, sagen. Käme es dabei
bloss auf träge Wohnplätze der Fruchtbarkeit in wasserreichen Tälern oder auf
Auen überschwemmender Ströme an: wie manches schönere Klima würde sich in den
andern drei Weltteilen finden, das doch nie Griechen hervorgebracht hat!211 Eine
Reihe von Küsten aber, die im Lauf der Kultur für die Betriebsamkeit kleiner
Staaten unter einer so günstigen Aura lägen wie diese ionischen, griechischen
und grossgriechischen Küsten, findet man sonst nirgend auf der Erde.
    Wir dürfen daher auch nicht lange fragen, woher dem Lande der Griechen seine
ersten Bewohner kamen. Pelasger heissen sie, Ankömmlinge, die sich auch in dieser
Entfernung noch als Brüder der Völker jenseit des Meers, d. i. Kleinasiens,
erkannten. Es wäre eine grundlose Mühe, alle die Züge herzuzählen, wie über
Tracien oder über den Hellespont und Sund west- und südwärts die Völker
dahingesteuret und sich, beschützt von den nordischen Gebürgen, allmählich über
Griechenland verbreitet haben. Ein Stamm folgte dem andern, ein Stamm verdrängte
den andern; Hellenen brachten den alten Pelasgern neue Kultur, so wie sich mit
der Zeit griechische Kolonien wieder an die asiatischen Ufer verpflanzten.
Günstig gnug für die Griechen, dass sie eine so schöne Halbinsel des grossen
festen Landes sich nahe zur Seite hatten, auf welcher die meisten Völker nicht
nur eines Stammes, sondern auch von früher Kultur waren.212 Dadurch bekam nicht
nur ihre Sprache jene Originalität und Einheit, die sie als ein Gemisch vieler
Zungen nie würde erhalten haben; auch die Nation selbst nahm an dem sittlichen
Zustande ihrer benachbarten Stammvölker teil und kam bald mit denselben in
mannigfaltige Verhältnisse des Krieges und des Friedens. Kleinasien also ist die
Mutter Griechenlandes, sowohl in seiner Anpflanzung als den Hauptzügen seiner
frühesten Bildung; dagegen es auf die Küsten seines Mutterlandes wiederum
Kolonien sandte und in ihnen eine zweite, schönere Kultur erlebte.
    Leider aber, dass uns auch von der asiatischen Halbinsel aus der frühesten
Zeit so wenig bekannt ist! Das Reich der Trojer kennen wir nur aus Homer, und so
hoch er als Dichter seine Landesleute über jene erhebt, so ist doch selbst bei
ihm der blühende Zustand des trojanischen Reichs auch in Künsten und sogar in
der Pracht unverkennbar. Desgleichen sind die Phrygier ein altes frühegebildetes
Volk, dessen Religion und Sagen auf die älteste Mytologie der Griechen
unstreitig gewirkt haben. So späterhin die Karier, die sich selbst Brüder der
Mysier und Lydier nannten und mit den Pelasgern und Lelegern eines Stammes
waren: sie legten sich frühe auf die Schiffahrt, welche damals Seeräuberei war,
da die gesittetem Lydier sogar die Erfindung des geprägten Geldes als eines
Mittels der Handlung mit den Phöniciern teilen. Keinem von diesen Völkern also,
sowenig als den Mysiern und Traciern, hat es an früher Kultur gefehlt, und bei
einer guten Verpflanzung konnten sie Griechen werden.
    Der erste Sitz der griechischen Musen war gegen Tracien zu, nordöstlich.
Aus Tracien kam Orpheus, der den verwilderten Pelasgern zuerst ein menschliches
Leben gab und Jene Religionsgebräuche einführte, die so weit umher und so lange
galten. Die ersten Berge der Musen waren Tessaliens Berge, der Olympus,
Helikon, Parnassus, Pindus: hier (sagt der feinste Forscher der griechischen
Geschichte213), hier war der älteste Sitz ihrer Religion, Weltweisheit, Musik
und Dichtkunst. Hier lebten die ersten griechischen Barden; hier bildeten sich
die ersten gesitteten Gesellschaften; die Lyra und Kitara ward hier erfunden,
und allem, was nachher der Geist der Griechen ausschuf, die erste Gestalt
angebildet. In Tessalien und Böotien, die in spätem Zeiten durch
Geistesarbeiten sich so wenig hervorgetan haben, ist kein Quell, kein Fluss, kein
Hügel, kein Hain, der nicht durch Dichtungen bekannt und in ihnen verewigt wäre.
Hier floss der Peneus, hier war das angenehme Tempe, hier wandelte Apoll als
Schäfer, und die Riesen türmten ihre Berge. Am Fuss des Helikons lernte noch
Hesiodus seine Sagen aus dem Munde der Musen; kurz, hier hat sich zuerst die
griechische Kultur einheimisch gebildet, so wie auch von hier aus durch die
Stämme der Hellenen die reinere griechische Sprache in ihren Hauptdialekten
ausging.
    Notwendig aber entstand mit der Folge der Zeiten auf so verschiednen Küsten
und Inseln, bei so manchen Wanderungen und Abenteuern eine Reihe andrer Sagen,
die sich ebenfalls durch Dichter im Gebiet der griechischen Muse festsetzten.
Beinah jedes kleine Gebiet, jeder berühmte Stamm trug seine Vorfahren oder
Nationalgotteiten in dasselbe, und diese Verschiedenheit, die ein
undurchschaulicher Wald wäre, wenn wir die griechische Mytologie als eine
Dogmatik behandeln müssten, eben sie brachte aus dem Leben und Weben der Stämme
auch Leben ins Gebiet der Nationaldenkart. Nur aus so vielartigen Wurzeln und
Keimen konnte jener schöne Garten aufblühn, der selbst in der Gesetzgebung mit
der Zeit die mannigfaltigsten Früchte brachte. Im vielgeteilten Lande schützte
diesen Stamm sein Tal, jenen seine Küste und Insel, und so erwuchs aus der
langen jugendlichen Regsamkeit zerstreuter Stämme und Königreiche die grosse
freie Denkart der griechischen Muse. Von keinem Allgemeinherrscher war ihnen
Kultur aufgezwungen worden; durch den Klang der Leier bei heiligen Gebräuchen,
Spielen und Tänzen, durch selbsterfundene Wissenschaften und Künste, am meisten
endlich durch den vielfachen Umgang untereinander und mit andern Völkern nahmen
sie freiwillig, jetzt dieser, jetzt jener Strich, Sittlichkeit und Gesetze an:
auch im Gange zur Kultur also ein griechisches Freivolk. Dass hiezu, wie in
Teben, auch phönicische und, wie in Attika, ägyptische Kolonien beigetragen
haben, ist ausser Zweifel, obgleich durch diese Völker glücklicherweise weder der
Hauptstamm der griechischen Nation noch ihre Denkart und Sprache gebildet wurde.
Ein ägyptisch-kananitisches Volk sollten die Griechen, dank ihrer Abstammung,
Lebensart und einländischen Muse, nicht werden.
 
                                       II
               Griechenlandes Sprache, Mytologie und Dichtkunst
    Wir kommen zu Gegenständen, die Jahrtausende schon das Vergnügen des
feineren Menschengeschlechts waren und, wie ich hoffe, es immerhin sein werden.
Die griechische Sprache ist die gebildetste der Welt, die griechische Mytologie
die reichste und schönste auf der Erde, die griechische Dichtkunst endlich
vielleicht die vollkommenste ihrer Art, wenn man sie ort- und zeitmässig
betrachtet. Wer gab nun diesen einst rohen Stämmen eine solche Sprache, Poesie
und bildliche Weisheit? Der Genius der Natur gab sie ihnen, ihr Land, ihre
Lebensart, ihre Zeit, ihr Stammescharakter.
    Von rohen Anfängen ging die griechische Sprache aus; aber diese Anfänge
entielten schon Keime zu dem, was aus ihr werden sollte und werden konnte. Sie
war kein Hieroglyphenmachwerk, keine Reihe hervorgestossener einzelner Silben,
wie die Sprachen jenseit der mongolischen Berge. Biegsamere, leichtere Organe
brachten unter den Völkern des Kaukasus eine leichtere Modulation hervor, die
von der geselligen Liebe zur Tonkunst gar bald in Form gebracht werden konnte.
Sanfter wurden die Worte gebunden, die Töne zum Rhytmus geordnet; die Sprache
floss in einen volleren Strom, die Bilder derselben in eine angenehme Harmonie;
sie stiegen sogar zum Wohllaut eines Tanzes. Und so ward jenes einzige Gepräge
der griechischen Sprache, das nicht von stummen Gesetzen erpresst, das durch
Musik und Tanz, durch Gesang und Geschichte, endlich durch den plauderhaften
freien Umgang vieler Stämme und Kolonien wie eine lebendige Form der Natur
entstanden war. Die nordischen Völker Europens hatten bei ihrer Bildung dies
Glück nicht. Da ihnen durch fremde Gesetze und durch eine gesanglose Religion
ausländische Sitten gegeben wurden, so verstümmele auch ihre Sprache. Die
deutsche z.B. hat unstreitig viel von ihrer innern Biegsamkeit, von ihrer
bestimmtem Zeichnung in der Flexion der Worte, ja noch mehr von jenem lebendigen
Schall verloren, den sie unter günstigem Himmelsstrichen ehedem hatte. Einst war
sie eine nahe Schwester der griechischen Sprache, und jetzt, wie fernab von
dieser ist sie gebildet! Keine Sprache jenseit des Ganges hat die Biegsamkeit
und den sanften Fortfluss der griechischen. Mundart, kein aramäischer Dialekt
diesseit des Euphrats hatte ihn in seinen alten Gestalten. Nur die griechische
Sprache ist wie durch Gesang entstanden: denn Gesang und Dichtkunst und ein
früher Gebrauch des freien Lebens hat sie zur Musensprache der Welt gebildet. So
selten sich nun jene Umstände der Griechenkultur wieder zusammenfinden werden,
sowenig das Menschengeschlecht in seine Kindheit zurückgehen und einen Orpheus,
Musäus und Linus oder einen Homerus und Hesiodus mit allem, was sie begleitete,
von den Toten zurückführen kann, sowenig ist die Genesis einer griechischen
Sprache in unsern Zeiten selbst für diese Gegenden möglich.
    Die Mytologie der Griechen floss aus Sagen verschiedener Gegenden zusammen,
die Glaube des Volks, Erzählungen der Stämme von ihren Urvätern oder die ersten
Versuche denkender Köpfe waren, sich die Wunder der Welt zu erklären und der
menschlichen Gesellschaft Gestalt zu geben.214 So unecht und neugeformt unsre
Hymnen des alten Orpheus sein mögen, so sind sie immer doch Nachbilder von jenen
lebendigen Anbetungen und Grüssen an die Natur, die alle Völker auf der ersten
Stufe der Bildung lieben. Der rohe Jäger spricht seinen gefürchteten Bär215, der
Neger seinen heiligen Fetisch, der parsische Mobed seine Naturgeister und
Elemente beinah auf orphische Weise an; nur, wie ist der orphische Naturhymnus
bloss und allein schon durch die griechischen Worte und Bilder gereinigt und
veredelt! Und wie angenehm leichter wurde die griechische Mytologie, da sie mit
der Zeit auch in den Hymnen selbst die Fesseln blosser Beiworte abwarf und dafür,
wie in den Homerischen Gesängen, Fabeln der Götter erzählte! Auch in den
Kosmogonien zog man mit der Zeit die alten, harten Ursagen näher zusammen und
sang dafür menschliche Helden und Stammväter, die man dicht an jene und an die
Gestalten der Götter knüpfte. Glücklicherweise hatten die alten
Teogonienerzähler in die Stammtafeln ihrer Götter und Helden so treffende,
schöne Allegorien, oft nur mit einem Wort ihrer holden Sprache, gebracht, dass,
wenn die späteren Weisen die Bedeutung derselben nur ausspinnen und ihre feinern
Ideen daran knüpfen wollten, ein neues schönes Gewebe ward. Daher verliessen
selbst die epischen Sänger mit der Zeit ihre oft gebrauchten Sagen von
Göttererzeugungen, Himmelsstürmern, Taten des Herkules u. f. und sangen dafür
menschlichere Gegenstände zum menschlichen Gebrauche.
    Vor allen ist unter diesen Homer berühmt, der Vater aller griechischen
Dichter und Weisen, die nach ihm lebten. Durch ein glückliches Schicksal wurden
seine zerstreueten Gesänge zu rechter Zeit gesammlet und zu einem zwiefachen
Ganzen vereint, das wie ein unzerstörbarer Palast der Götter und Helden auch
nach Jahrtausenden glänzet. Wie man ein Wunder der Natur zu erklären strebt, so
hat man sich Mühe gegeben, das Werden Homers zu erklären216, der doch nichts als
ein Kind der Natur war, ein glücklicher Sänger der ionischen Küste. So manche
seiner Art mögen untergegangen sein, die ihm teilweise den Ruhm streitig machen
könnten, in welchem er jetzt als ein Einziger lebet. Man hat ihm Tempel gebaut
und ihn als einen menschlichen Gott verehret; die grösseste Verehrung indes ist
die bleibende Wirkung, die er auf seine Nation hatte und noch jetzt auf alle
diejenigen hat, die ihn zu schätzen vermögen. Zwar sind die Gegenstände, die er
besingt, Kleinigkeiten nach unsrer Weise; seine Götter und Helden mit ihren
Sitten und Leidenschaften sind keine andre, als die ihm die Sage seiner und der
vergangenen Zeiten darbot; ebenso eingeschränkt ist auch seine Natur- und
Erdkenntnis, seine Moral und Staatslehre. Aber die Wahrheit und Weisheit, mit
der er alle Gegenstände seiner Welt zu einem lebendigen Ganzen verwebt, der
feste Umriss jedes seiner Züge in jeder Person seiner unsterblichen Gemälde, die
unangestrengte sanfte Art, in welcher er, frei als ein Gott, alle Charaktere
sieht und ihre Laster und Tugenden, ihre Glücks- und Unglücksfälle erzählet, die
Musik endlich, die in so abwechselnden grossen Gedichten unaufhörlich von seinen
Lippen strömt und jedem Bilde, jedem Klange seiner Worte eingehaucht, mit seinen
Gesängen gleich ewig lebet: sie sind's, die in der Geschichte der Menschheit den
Homer zum Einzigen seiner Art und der Unsterblichkeit würdig machen, wenn etwas
auf Erden unsterblich sein kann.
    Notwendig hatte Homer auf die Griechen eine andre Wirkung, als er auf uns
haben kann, von denen er so oft eine erzwungene kalte Bewunderung oder gar eine
kalte Verachtung zum Lohn hat; bei den Griechen nicht also. Ihnen sang er in
einer lebendigen Sprache, völlig noch ungebunden von dem, was man in spätem
Zeiten Dialekte nannte; er sang ihnen die Taten der Vorfahren mit Patriotismus
gegen die Fremden und nannte ihnen dabei Geschlechter, Stämme, Verfassungen und
Gegenden, die ihnen teils als ihr Eigentum vor Augen waren, teils in der
Erinnerung ihres Ahnenstolzes lebten. Also war ihnen Homer in mehrerem Betracht
ein Götterbote des Nationalruhms, ein Quell der vielseitigsten Nationalweisheit.
Die spätem Dichter folgten ihm: die tragischen zogen aus ihm Fabeln, die
lehrenden Allegorien, Beispiele und Sentenzen; jeder erste Schriftsteller einer
neuen Gattung nahm am Kunstgebäude seines Werkes zu dem seinigen das Vorbild,
also dass Homer gar bald das Panier des griechischen Geschmacks ward und bei
schwachem Köpfen die Regel aller menschlichen Weisheit. Auch auf die Dichter der
Römer hat er gewirkt, und keine Äneis würde ohne ihn da sein. Noch mehr hat auch
er die neueren Völker Europas aus der Barbarei gezogen: so mancher Jüngling hat
an ihm bildende Freude genossen, und der arbeitende sowohl als der betrachtende
Mann Regeln des Geschmacks und der Menschenkenntnis aus ihm gezogen. Indessen
ist's ebenso unleugbar, dass, wie jeder grosse Mann durch eine übertriebne
Bewunderung seiner Gaben Missbrauch stiftete, auch der gute Homer davon nicht
frei gewesen, so dass er sich selbst am meisten wundern würde, wenn er,
wiedererscheinend, sähe, was man zu jeder Zeit aus ihm gemacht hat. Unter den
Griechen hielt er die Fabel länger und fester, als sie ohne ihn wahrscheinlich
gedauret hätte: Rhapsodisten sangen ihn her, kalte Dichterlinge ahmten ihn nach,
und der Entusiasmus für den Homer ward unter den Griechen endlich eine so
kahle, süsse, zugespitzt Kunst, als er's kaum irgend für einen Dichter unter
einem andern Volk gewesen. Die zahllosen Werke der Grammatiker über ihn sind
meistens verloren, sonst würden wir auch an ihnen die unselige Mühe sehen, die
Gott den spätem Geschlechtern der Menschen durch jeden überwiegenden Geist
auflegt; denn sind nicht auch in den neuern Zeiten Beispiele gnug von der
falschen Bearbeitung und Anwendung Homers vorhanden? Das bleibt indessen immer
gewiss, dass ein Geist wie er in den Zeiten, in denen er lebte, und für die
Nation, der er gesammlet ward, ein Geschenk der Bildung sei, dessen sich
schwerlich ein anderes Volk rühmen könnte. Kein Morgenländer besitzt einen
Homer; keinem europäischen Volk ist zur rechten Zeit in seiner Jugendblüte ein
Dichter wie er erschienen. Selbst Ossian war es seinen Schotten nicht, und ob je
das Schicksal einen zweiten Glückswurf tun werde, dem Sunde neugriechischer
Freundschafts-Inseln einen Homer zu geben, der sie so hoch wie sein alter
Zwillingsbruder führe: darüber trage man das Schicksal.
    Da also einmal die griechische Kultur von Mytologie, Dichtkunst und Musik
ausging, so ist's nicht zu verwundern, dass der Geschmack, daran ein Hauptstrich
ihres Charakters geblieben, der auch ihre ernstaftesten Schriften und Anstalten
bezeichnet. Unsern Sitten ist's fremde, dass die Griechen von der Musik als dem
Hauptstück der Erziehung reden, dass sie solche als ein grosses Werkzeug des
Staats behandeln und dem Verfall derselben die wichtigsten Folgen zuschreiben.
Noch sonderbarer scheinen uns die Lobsprüche, die sie dem Tanz, der Gebärden-
und Schauspielkunst als natürlichen Schwestern der Poesie und Weisheit so
begeistert und fast entzückt geben. Manche, die diese Lobsprüche lasen,
glaubten, dass die Tonkunst der Griechen auch in systematischer Vollkommenheit
ein Wunder der Welt gewesen, weil die gerühmten Wirkungen derselben uns so ganz
fremde blieben. Dass es aber auf wissenschaftliche Vollkommenheit der Musik bei
den Griechen nicht vorzüglich angelegt gewesen sei, zeigt selbst der Gebrauch,
den sie von ihr machten. Sie behandelten sie nämlich gar nicht als eine besondre
Kunst, sondern liessen sie der Poesie, dem Tanze, der Gebärden- und
Schauspielkunst nur dienen. In dieser Verbindung also und im ganzen Gange, den
die griechische Kultur nahm, liegt das Hauptmoment der Wirkung ihrer Töne. Die
Dichtkunst der Griechen, von der Musik ausgegangen, kam gern auf sie zurück;
selbst das hohe Trauerspiel war nur aus dem Chor entstanden, so wie auch das
alte Lustspiel, die öffentlichen Ergötzungen, die Züge zur Schlacht und die
häuslichen Freuden des Gastmahls bei ihnen selten ohne Musik und Gesang, die
meisten Spiele aber nicht ohne Tänze blieben. Nun war hierin zwar, da
Griechenland aus vielen Staaten und Völkern bestand, eine Provinz von der andern
sehr verschieden; die Zeiten, die mancherlei Stufen der Kultur und des Luxus
änderten darin noch mehr; im ganzen aber blieb's allerdings wahr, dass die
Griechen auf eine gemeinschaftliche Ausbildung dieser Künste als auf den
höchsten Punkt menschlicher Wirkung rechneten und darauf den grössesten Wert
legten. Es darf wohl gesagt werden, dass weder die Gebärden- noch
Schauspielkunst, weder der Tanz noch die Poesie und Musik bei uns die Dinge
sind, die sie bei den Griechen waren. Bei ihnen waren sie nur ein Werk, eine
Blüte des menschlichen Geistes, deren rohen Keim wir bei allen wilden Nationen,
wenn sie gefälligen, leichten. Charakters sind und in einem glücklichen
Himmelsstrich leben, wahrnehmen. So töricht es nun wäre, sich in dies Zeitalter
jugendlichen Leichtsinns zurücksetzen zu wollen, da es einmal vorüber ist, und
wie ein lahmer Greis mit Jünglingen zu hüpfen: warum sollte dieser Greis es den
Jünglingen verübeln, dass sie munter sind und tanzen? Die Kultur der Griechen
traf auf dies Zeitalter jugendlicher Fröhlichkeit, aus deren Künsten sie alles,
was sich daraus machen liess, machten, notwendig also auch damit eine Wirkung
erreichten, deren Möglichkeit wir jetzt kaum in Krankheiten und Überspannungen
einsehn. Denn ich zweifle, ob es ein grösseres Moment der feinem sinnlichen
Wirkung aufs menschliche Gemüt gebe, als der ausstudierte höchste Punkt der
Verbindung dieser Künste war, zumal bei Gemütern, die, dazu erzogen und
gebildet, in einer lebendigen Welt solcher Eindrücke lebten. Lasset uns also,
wenn wir selbst nicht Griechen sein können, uns wenigstens freuen, dass es einmal
Griechen gegeben und dass, wie jede Blüte der menschlichen Denkart, so auch diese
ihren Ort und ihre Zeit zur schönsten Entwicklung fand.
    Aus dem, was bisher gesagt worden, lässt sich vermuten, dass wir manche
Gattung der griechischen Komposition, die sich auf eine lebendige Vorstellung
durch Musik, Tanz und die Gebärdensprache beziehet, nur als ein Schattenwerk
ansehen, mitin auch bei der sorgsamsten Erklärung vielleicht irregehen werden.
Äschylus', Sophokles', Aristophanes' und Euripides' Teater war nicht unser
Teater; das eigentliche Drama der Griechen ist unter keinem Volk mehr
erschienen, so vortreffliche Stücke auch andre Nationen in dieser Art gearbeitet
haben. Ohne Gesang, ohne jene Feierlichkeiten und hohen Begriffe der Griechen
von ihren Spielen müssen Pindars Oden uns Ausbrüche der Trunkenheit scheinen, so
wie selbst Platons Gespräche, voll Silbenmusik und schöner Komposition in
Bildern und Worten, eben in Stellen ihrer künstlichsten Einkleidung sich die
meisten Vorwürfe zugezogen haben. Jünglinge müssen daher die Griechen lesen
lernen, weil Alte sie selten zu sehen oder ihre Blüte sich zuzueignen geneigt
sind. Lass es sein, dass ihre Einbildungskraft oft den Verstand, dass jene feine
Sinnlichkeit, in welche sie das Wesen der guten Bildung setzt en, zuweilen die
Vernunft und Tugend überwogen: wir wollen sie schätzenlernen, ohne selbst
Griechen zu werden. An ihrer Einkleidung, am schönen Mass und Umriss ihrer
Gedanken, an der naturvollen Lebhaftigkeit ihrer Empfindungen, endlich an jenem
klangvollen Rhytmus ihrer Sprache, der nie und nirgend seinesgleichen gefunden,
haben wir immer noch zu lernen.
 
                                      III
                              Künste der Griechen
    Ein Volk von dieser Gesinnung musste auch in allen Künsten des Lebens vom
Notwendigen zum Schönen und Wohlgefälligen steigen; die Griechen haben dies in
allem, was auf sie traf, fast bis zum höchsten Punkt erreichet. Ihre Religion
erfoderte Bilder und Tempel, ihre Staatsverfassungen machten Denkmale und
öffentliche Gebäude, ihr Klima und ihre Lebensweise, ihre Betriebsamkeit,
Üppigkeit, Eitelkeit u. f. machten ihnen mancherlei Werke der Kunst nötig. Der
Genius des Schönen gab ihnen also diese Werke an und half sie, einzig in der
Menschengeschichte, vollenden; denn da die grössesten Wunder dieser Art längst
zerstört sind, bewundern und lieben wir noch ihre Trümmer und Scherben.
    1. Dass Religion die Kunst der Griechen sehr befördert habe sehen wir aus den
Verzeichnissen ihrer Kunstwerke in Pausanias, Plinius oder irgendeiner der
Sammlungen, die von ihren Resten reden; es ist dieser Punkt auch der ganzen
Völker- und Menschengeschichte ähnlich. Allentalben wollte man gern den
Gegenstand seiner Anbetung sehen, und wo solches nicht das Gesetz oder die
Religion selbst verbot, bestrebte man sich, ihn vorzustellen oder zu bilden.
Selbst Negervölker machen sich ihren Gott in einem Fetisch gegenwärtig, und von
den Griechen weiss man, dass ihre Vorstellung der Götter uralters von einem Stein
oder einem bezeichneten Klotz ausging. In dieser Dürftigkeit konnte nun ein so
betriebsames Volk nicht bleiben; der Block wurde zu einer Herme oder Statue, und
da die Nation in viele kleine Stämme und Völkerschaften geteilt war, so war es
natürlich, dass jede ihren Haus- und Stammesgott auch in der Abbildung
auszuschmücken suchte. Einige glückliche Versuche der alten Dädalen,
wahrscheinlich auch die Ansicht nachbarlicher Kunstwerke, erregten Nacheiferung,
und so fanden sich bald mehrere Stämme und Städte, die ihren Gott, das grösseste
Heiligtum ihres Bezirks, in einer leidlichem Gestalt erblickten. Vorzüglich an
Bildern der Götter hat sich die älteste Kunst aufgerichtet und gleichsam gehen
gelernet217, daher auch alle Völker, denen Abbildungen der Götter versagt waren,
in der bildenden Kunst nie eigentlich hoch emporstiegen.
    Da aber bei den Griechen ihre Götter durch Gesang und Gedichte eingeführt
waren und in herrlichen Gestalten darinnen lebten; was war natürlicher, als dass
die bildende Kunst von frühen Zeiten an eine Tochter der Dichtkunst ward, der
ihre Mutter jene grossen Gestalten gleichsam ins Ohr sang? Von Dichtern musste der
Künstler die Geschichte der Götter, mitin auch die Art ihrer Vorstellung
lernen: daher die älteste Kunst selbst die grausendste Abbildung derselben nicht
verschmähte, weil sie der Dichter sang.218 Mit der Zeit kam man auf gefälligere
Vorstellungen, weil die Dichtkunst selbst gefälliger wurde, und so ward Homer
ein Vater der schöneren Kunst der Griechen, weil er der Vater ihrer schönern
Poesie war. Er gab dem Phidias jene erhabene Idee zu seinem Jupiter, welcher
dann die andern Abbildungen dieses Götterkünstlers folgten. Nach den
Verwandtschaften der Götter in den Erzählungen ihrer Dichter kamen auch
bestimmtere Charaktere oder gar Familienzüge in ihre Bilder, bis endlich die
angenommene Dichtertradition sich zu einem Kodex der Göttergestalten im ganzen
Reich der Kunst formte. Kein Volk des Altertums konnte also die Kunst der
Griechen haben, das nicht auch griechische Mytologie und Dichtkunst gehabt
hatte, zugleich aber auch auf griechische Weise zu seiner Kultur gelangt war.
Ein solches hat es in der Geschichte nicht gegeben, und so stehen die Griechen
mit ihrer homerischen Kunst allein da.
    Hieraus erkläret sich also die Idealschöpfung der griechischen Kunst, die
weder aus einer tiefen Philosophie ihrer Künstler noch aus einer idealischen
Naturbildung der Nation, sondern aus Ursachen entstanden war, die wir bisher
entwickelt haben. Ohne Zweifel war es ein glücklicher Umstand, dass die Griechen,
im ganzen betrachtet, ein schöngebildetes Volk waren, ob man gleich diese
Bildung nicht auf jeden einzelnen Griechen als auf eine idealische Kunstgestalt
ausdehnen müsste. Bei ihnen, wie allentalben, liess sich die formenreiche Natur
an der tausendfachen Veränderung menschlicher Gestalten nicht hindern, und nach
Hippokrates gab es, wie allentalben, so auch unter den schönen Griechen
missformende Krankheiten und Übel. Alle dies aber auch zugestanden, und selbst
jene mancherlei süsse Gelegenheiten mitgerechnet, bei denen der Künstler einen
schönen Jüngling zum Apoll oder eine Phryne und Lais zur Göttin der Anmut
erheben konnte, so erkläret sich das angenommene und zur Regel gegebene
Götterideal der Künstler damit noch nicht. Ein Kopf des Jupiters könnte in der
Menschennatur wahrscheinlich sowenig existieren, als in unserer wirklichen Welt
Homers Jupiter je gelebt hat. Der grosse anatomische Zeichner Camper hat deutlich
erwiesen219, auf welchen ausgedachten Regeln das griechische Künstlerideal in
seiner Form beruhe; auf diese Regeln aber konnte nur die Vorstellung der Dichter
und der Zweck einer heiligen Verehrung führen. Wollet ihr also ein neues
Griechenland in Götterbildern hervorbringen, so gebet einem Volk diesen
dichterisch-mytologischen Aberglauben nebst allem, was dazu gehört, in seiner
ganzen Natureinfalt wieder. Durchreiset Griechenland und betrachtet seine
Tempel, seine Grotten und heiligen Haine, so werdet ihr von dem Gedanken
ablassen, einem Volk die Höhe der griechischen Kunst auch nur wünschen zu
wollen, das von einer solchen Religion, d. i. von einem so lebhaften
Aberglauben, der jede Stadt, jeden Flecken und Winkel mit zugeerbter, heiliger
Gegenwart erfüllet hatte, ganz und gar nichts weiss.
    2. Alle Heldensagen der Griechen, insonderheit wenn sie Vorfahren des
Stammes betrafen, gehören gleichfalls hieher; denn auch sie waren durch die
Seele der Dichter gegangen und lebten zum Teil in ewigen Liedern; der Künstler
also, der sie bildete, schuf zum Stolz und zur Ahnenfreude des Stammes ihre
Geschichten mit einer Art Dichterreligion nach. Dies bestätigt die älteste
Künstlergeschichte und eine Übersicht der griechischen Kunstwerke. Gräber,
Schilde, Altäre, heilige Sitze und Tempel waren es, die das Andenken der
Vorfahren festielten, und eben auch sie beschäftigten in mehreren Stämmen von
den ältesten Zeiten her den arbeitenden Künstler. Alle streitbaren Völker der
Welt bemalten und schmückten ihre Schilde; die Griechen gingen weiter: sie
schnjetzten oder gössen und bildeten auf sie das Andenken der Väter. Daher die
frühen Werke Vulkans in sehr alten Dichtern; daher Herkules' Schild beim
Hesiodus mit Perseus' Taten. Nebst Schildern kamen Vorstellungen dieser Art auf
Altäre der Helden oder auf andere Familiendenkmale, wie Kypselus' Kasten zeigt,
dessen Figuren, völlig im Geschmack von Hesiodus' Schilde waren. Erhobene Werke
dieses Inhalts schrieben sich schon von Dädalus' Zeiten her, und da viele Tempel
der Götter ursprünglich Grabmäler gewesen waren220, so trat in ihnen das
Andenken der Vorfahren, der Helden und Götter so nahe zusammen, dass es fast
einerlei Verehrung, der Kunst wenigstens einerlei Triebwerk ward. Daher die
Vorstellung der alten Heldengeschichte an der Kleidung der Götter, auf Seiten
der Trone und Altäre; daher die Ehrenmäler der Verstorbnen oft auf den Märkten
der Städte oder die Hermen und Säulen auf den Gräbern. Setzt man nun noch die
unsäglich vielen Kunstwerke hinzu, die als Geschenke von Familien, Stämmen oder
Privatpersonen zum Andenken oder als Dankgelübde in die Tempel der Götter kamen
und, dem angenommenen Gebrauch gemäss, oft mit Vorstellungen aus der Stammes- und
Heldengeschichte ausgeschmückt waren: welch andres Volk könnte sich einer
solchen Triebfeder der mannigfaltigsten Kunst rühmen? Unsre Ahnensäle mit ihren
Bildern vergessener Vorfahren sind dagegen nichts, da ganz Griechenland von
Sagen und Liedern und heiligen Plätzen seiner Götter- und Heldenahnen voll war.
Alles hing an der kühnen Idee, dass Götter mit ihnen verwandte höhere Menschen
und Helden niedere Götter sein; diesen Begriff aber hatten ihre Dichter
gebildet.
    Zu solchem Familien- und Vaterlandsruhm, der der Kunst aufhalf, rechne ich
auch die griechischen Spiele: sie waren Stiftungen und zugleich Gedächtnisfeste
ihrer Helden, dabei also gottesdienstliche und sowohl der Kunst als der
Dichtkunst äusserst vorteilhafte Gebräuche. Nicht etwa nur, dass Jünglinge, zum
Teil nackt, sich in mancherlei Kämpfen und Geschicklichkeiten übten und dabei
dem Künstler lebendige Modelle wurden, sondern vielmehr, dass durch diese Übungen
ihr Leib einer schönen Nachbildung fähig und durch diese jugendlichen Siege ihr
Geist im tätigen Andenken des Familien-, Väter- und Heldenruhms erhalten ward.
Aus Pindar und aus der Geschichte wissen wir, wie hoch die Siege solcher Art im
ganzen Griechenlande geschätzt wurden und mit welchem Wetteifer man darnach
strebte. Die ganze Stadt des Überwinders wurde damit geehrt; Götter und Helden
der Vorzeit stiegen zum Geschlecht des Siegers nieder. Hierauf beruhet die
Ökonomie der Oden Pindars: Kunstwerke, die er über den Wert der Bildsäulen
erhob. Hierauf beruhete die Ehre des Grabmals oder der Statue, die der Sieger,
meistens idealisch, erhalten durfte. Er war durch diese glückliche Nacheiferung
der Heldenvorfahren gleichsam ein Gott geworden und über die Menschen erhoben.
Wo sind jetzt dergleichen Spiele mit gleichem Wert und gleichen Folgen möglich?
    3. Auch die Staatsverfassungen der Griechen halfen der Kunst auf, nicht
sowohl weil sie Freistaaten waren, als weil diese Freistaaten den Künstler zu
grossen Arbeiten brauchten. Griechenland war in viele Staaten verteilt; und
mochten diese von Königen oder von Archonten regiert werden, so fand die Kunst
Nahrung. Auch ihre Könige waren Griechen, und alle Kunstbedürfnisse, die aus der
Religion oder aus Geschlechtssagen entsprangen, waren ihr Bedürfnis; oft waren
sie sogar die obersten Priester. Also von alten Zeiten an zeichnete sich der
Schmuck ihrer Paläste durch Kostbarkeiten ihrer Stammes- oder ihrer
Heldenfreunde aus, wie bereits Homer davon erzählet. Allerdings aber gaben die
republikanischen Verfassungen, die mit der Zeit überall in Griechenland
eingeführet wurden, der Kunst einen weitern Raum. In einem Gemeinwesen waren
Gebäude zur Versammlung des Volks, zum öffentlichen Schatz, zu
gemeinschaftlichen Übungen und Vergnügungen nötig, und so entstanden z.B. in
Aten die prächtigen Gymnasien, Teater und Galerien, das Odeum und Prytaneum,
der Pnyx u. f. Da in den griechischen Republiken alles im Namen des Volks oder
der Stadt getrieben ward, so war auch nichts zu kostbar, was auf die
Schutzgötter derselben oder auf die Herrlichkeit ihres Namens verwandt wurde,
dagegen einzelne, selbst die vornehmsten Bürger sich mit schlechteren Häusern
begnügten. Dieser Gemeingeist, alles wenigstens dem Scheine nach für das Ganze
zu tun, war die Seele der griechischen Staaten, den ohne Zweifel auch
Winckelmann meinte, wenn er die Freiheit der griechischen Republiken als das
Goldne Zeitalter der Kunst pries. Pracht und Grösse nämlich waren in ihnen nicht
so verteilt wie in den neueren Zeiten, sondern flossen in dem zusammen, was den
Staat anging. Mit Ruhmesideen dieser Art schmeichelte Perikles dem Volk und tat
mehr für die Künste, als zehn ateniensische Könige würden getan haben. Alles,
was er bauete, war im grossen Geschmack, weil es den Göttern und der ewigen Stadt
gehörte; und gewiss würden wenige der griechischen Städte und Inseln solche
Gebäude errichtet, solche Kunstwerke befördert haben, wenn sie nicht voneinander
getrennte, im Ruhm wetteifernde Freistaaten gewesen wären. Da überdem bei
demokratischen Republiken der Führer des Volks dem Volk gefallen musste, was
wählte er lieber als die Gattung des Aufwandes, die nebst dem Wohlgefallen der
Schutzgötter auch dem Volk in die Augen fiel und viele Menschen nährte?
    Niemand zweifelt daran, dass dieser Aufwand auch Folgen gehabt habe, von
welchen die Menschheit gern wegsiehet. Die Härte, mit denen die Atenienser ihre
überwundenen, selbst ihre Kolonien drückten, die Räubereien und Kriege, in
welche die Staaten Griechenlands unaufhörlich verflochten waren, die harten
Dienste, die selbst ihre Bürger dem Staat tun mussten, und viele andere Dinge
mehr machen die griechischen wohl nicht zu den erwünschtesten Staaten; der
öffentlichen Kunst aber mussten selbst diese Beschwerden dienen. Tempel der
Götter waren meistens auch dem Feinde heilig; bei einem wechselnden Schicksal
aber gingen auch die vom Feinde verwüsteten Tempel aus der Asche desto schöner
hervor. Vom Siegesraube der Perser ward ein schöneres Aten erbauet, und fast
bei allen glücklichen Kriegen ward von dem Teil der Beute, der dem Staat
zugehörte, auch einer oder der andern Kunst geopfert. Noch in den spätem Zeiten
erhielt Aten, trotz aller Verwüstungen der Römer, immer noch die Herrlichkeit
seines Namens durch Statuen und Gebäude; denn mehrere Kaiser, Könige, Helden und
reiche Privatpersonen beeiferten sich, eine Stadt zu erhalten und zu
verschönern, die sie für die Mutter alles guten Geschmacks erkannten. Daher
sehen wir auch unter dem macedonischen Reich die Kunst der Griechen nicht
ausgestorben, sondern nur wandernd. Auch in fernen Ländern waren die
griechischen Könige doch Griechen und liebten griechische Künste. So baueten
Alexander und manche seiner Nachfolger in Afrika und Asien prächtige Städte;
auch Rom und andre Völker lernten von den Griechen, da die Zeit der Kunst in
ihrem Vaterlande dahin war: denn allentalben war doch nur eine griechische
Kunst und Baukunst auf der gesamten Erde.
    4. Endlich nährte auch das Klima der Griechen die Künste des Schönen, nicht
hauptsächlich durch die Gestalt der Menschen, die mehr vom Stamm als vom
Himmelsstrich abhängt, sondern durch seine bequeme Lage für die Materialien der
Kunst und die Aufstellung ihrer Kunstwerke. Der schöne parische und andre
Gattungen Marmors standen in ihrem Lande ihnen zu Gebote; das Elfenbein, das
Erz, und was sie sonst zur Kunst bedurften, gab ihnen ein Handel, dem sie wie in
der Mitte lagen. Gewissermasse kam dieser der Geburt ihrer Kunst selbst zuvor,
indem sie aus Kleinasien, Phönicien und andern Ländern Kostbarkeiten besitzen
konnten, die sie selbst noch nicht zu bearbeiten wussten. Der Keim ihrer
Kunstgaben ward also frühe hervorgelockt, vorzüglich auch, weil ihre Nähe mit
Kleinasien, ihre Kolonien in Grossgriechenland u. f. einen Geschmack an Üppigkeit
und Wohlleben bei ihnen erweckten, der der Kunst nicht anders als aufhelfen
konnte. Der leichte Charakter der Griechen war weit entfernt, an nutzlose
Pyramiden seinen Fleiss zu verschwenden; einzelne Städte und Staaten konnten in
diese Wüste des Ungeheuren auch nie geraten. Sie trafen also, wenn man
vielleicht den einzigen Kolossus der Insel Rhodus ausnimmt, selbst in ihren
grössesten Werken das schöne Mass, in welchem Erhabenheit sich mit Anmut begegnet.
Dazu gab ihnen nun ihr heiterer Himmel so manchen Anlass. So manchen unbedeckten
Statuen, Altären und Tempeln gab er Raum; insonderheit der schönen Säule, die
statt der toten nordischen Mauer in schlanker Anmut unter ihm dastehen konnte,
ein Muster des Ebenmasses, der Richtigkeit und Einfalt.
    Vereinigt man alle diese Umstände, so sieht man, wie in Ionien,
Griechenland- und Sizilien, auch der Kunst nach, jener leichte, richtige Geist
wirken konnte, der bei den Griechen alle Werke des Geschmacks bezeichnet. Durch
Regeln allein kann er nicht erlernt werden; er äussert sich aber in beobachteten
Regeln und durfte, so ganz er ursprünglich der Anhauch eines glücklichen Genius
war, durch eine fortgesetzte Übung selbst Handwerk werden. Auch der schlechteste
griechische Künstler ist seiner Manier nach ein Grieche; wir können ihn
übertreffen, die ganze genetische Art der griechischen Kunst aber werden wir nie
erreichen: der Genius dieser Zeiten ist vorüber.
 
                                       IV
                    Sitten- und Staatenweisheit der Griechen
    Die Sitten der Griechen waren so verschieden, als die Art ihrer Stämme,
ihrer Gegenden und Lebensweise nach den Graden ihrer Kultur und einer Reihe von
Glücks- und Unglücksfällen war, in welche sie der Zufall setzte. Der Arkadier
und Atener, der Ionier und Epirote, der Spartaner und Sybarit waren nach
Zeiten, Lage und Lebensweisen einander so unähnlich, dass mir die Kunst mangelt,
ein trügerisches Gemälde von ihnen allen im ganzen zu entwerfen, dessen Züge
widersprechender ausfallen müssten als das Bild jenes atenischen Demus, das
Parrhasius malte221. Also bleibet uns nichts übrig, als den Gang zu bemerken,
den im ganzen die Sittenbildung der Griechen nahm, und die Art, wie sie sich mit
ihrer Staateneinrichtung gesellte.
    Wie bei allen Völkern der Erde ging ihre älteste Sittenkultur vorzüglich von
der Religion aus, und sie hat sich lange in diesem Gleise gehalten. Die
gottesdienstlichen Gebräuche, die sich in den verschiedenen Mysterien bis auf
sehr politische Zeiten fortpflanzten, jene heiligen Rechte der Gastfreiheit und
des Schutzes flehender Unglücklichen, ihre Sicherheit an heiligen Ortern, der
Glaube an Furien und Strafen, die auch den unvorsätzlichen Mörder Geschlechter
hinab verfolgten und mit dem ungerächten Blut über ein ganzes Land den Fluch
brächten, die Gebräuche der Entsündigung und Götterversöhnung, die Stimme der
Orakel, die Heiligkeit des Eides, des Herdes, der Tempel, Gräber u. f. waren in
Gang gebrachte Meinungen und Anstalten, die ein rohes Volk bändigen und
halbwilde Menschen allmählich zur Humanität bilden sollten.222 Dass sie ihr
Geschäft glücklich bewirket, sehen wir, wenn wir die Griechen mit andern
Nationen vergleichen; denn es ist unleugbar, dass sie durch diese Anstalten nicht
nur bis an die Pforte der Philosophie und politischen Kultur, sondern tief ins
Heiligtum derselben geführt wurden. Das einzige Delphische Orakel, wie grossen
Nutzen hat es in Griechenland gestiftet! So manchen Tyrannen und Bösewicht
zeichnete seine Götterstimme aus, indem sie ihm abweisend sein Schicksal sagte;
nicht minder hat es viele Unglückliche gerettet, so manchen Ratlosen beraten,
manche gute Anstalt mit göttlichem Ansehen bekräftigt, so manches Werk der Kunst
oder der Muse, das zu ihm gelangte, bekannt gemacht und Sittensprüche sowohl als
Staatsmaximen geheiligt. Die rohen Verse des Orakels haben also mehr gewirkt als
die glattesten Gedichte späterer Dichter; ja den grössesten Einfluss hatte es
dadurch, dass es die hohen Staaten und Rechtsprecher Griechenlands, die
Amphiktyonen, in seinen Schutz nahm und ihre Aussprüche gewissermasse zu Gesetzen
der Religion machte. Was in spätem Jahrhunderten als ein einziges Mittel zum
ewigen Frieden Europas vorgeschlagen ist, ein Gericht der Amphiktyonen223, war
bei den Griechen schon da, und zwar nahe dem Tron des Gottes der Weisheit und
Wahrheit, der durch sein Ansehen es heiligen sollte.
    Nebst der Religion gehören alle Gebräuche hieher, die, aus Anstalten der
Väter erwachsen, ihr Andenken den Nachkommen bewahrten; sie haben auf die
Sittenbildung der Griechen fortdauernd gewirket. So z.B. gaben die mancherlei
öffentlichen Spiele der griechischen Erziehung eine sehr eigentümliche Richtung,
indem sie Leibesübungen zum Hauptstück derselben und die dadurch erlangten
Vorzüge zum Augenmerk der ganzen Nation machten. Nie hat ein Zweig schönere
Früchte getragen als der kleine Öl-, Efeu- und Fichtenzweig, der die
griechischen Sieger kränzte. Er machte die Jünglinge schön, gesund, munter;
ihren Gliedern gab er Gelenkigkeit, Ebenmass und Wohlstand; in ihrer Seele fachte
er die ersten Funken der Liebe für den Ruhm, selbst für den Nachruhm an und
prägte ihnen die unzerstörbare Form ein, für ihre Stadt und für ihr Land
öffentlich zu leben; was endlich das schätzbarste ist, er gründete in ihrem
Gemüt jenen Geschmack für Männerumgang und Männerfreundschaft, der die Griechen
ausnehmend unterscheidet. Nicht war das Weib in Griechenland der ganze
Kampfpreis des Lebens, auf den es ein Jüngling anlegte; die schönste Helena
könnte immer doch nur einen Paris bilden, wenn ihr Genuss oder Besitz das Ziel
der ganzen Mannestugend wäre. Das Geschlecht der Weiber, so schöne Muster jeder
Tugend es auch in Griechenland hervorgebracht hat, blieb nur ein untergeordneter
Zweck des männlichen Lebens; die Gedanken edler Jünglinge gingen auf etwas
Höheres hinaus: das Band der Freundschaft, das sie unter sich oder mit erfahrnen
Männern knüpften, zog sie in eine Schule, die ihnen eine Aspasia schwerlich
gewähren konnte. Daher in mehreren Staaten die männliche Liebe der Griechen, mit
jener Nacheiferung, jenem Unterricht, jener Dauer und Aufopferung begleitet,
deren Empfindungen und Folgen wir im Plato beinah wie den Roman aus einem
fremden Planeten lesen. Männliche Herzen banden sich aneinander in Liebe und
Freundschaft, oft bis auf den Tod: der Liebhaber verfolgte den Geliebten mit
einer Art Eitersucht, die auch den kleinsten Flecken an ihm aufspähete, und der
Geliebte scheuete das Auge seines Liebhabers als eine läuternde Flamme der
geheimesten Neigungen seiner Seele. Wie uns nun die Freundschaft der Jugend, die
süsseste und keine Empfindung dauernder ist als die Liebe derer, mit denen wir
uns in den schönsten Jahren unsrer erwachenden Kräfte auf einer Laufbahn der
Vollkommenheit übten, so war den Griechen diese Laufbahn in ihren Gymnasien, bei
ihren Geschäften des Krieges und der Staatsverwaltung öffentlich bestimmt und
jene heilige Schar der Liebenden davon die natürliche Folge. Ich bin weit
entfernt, die Sittenverderbnisse zu verhehlen, die aus dem Missbrauch dieser
Anstalten, insonderheit wo sich unbekleidete Jünglinge übten, mit der Zeit
erwuchsen; allein auch dieser Missbrauch lag leider im Charakter der Nation,
deren warme Einbildungskraft, deren fast wahnsinnige Liebe für alles Schöne, in
welches sie den höchsten Genuss der Götter setzten, Unordnungen solcher Art
unumgänglich machte. Im geheimen geübt, würden diese nur desto verderblicher
worden sein, wie die Geschichte fast aller Völker des warmen Erdstrichs oder
einer üppigen Kultur beweiset. Daher ward der Flamme, die sich im Innern nährte,
durch öffentliche rühmliche Zwecke und Anstalten zwar freiere Luft geschafft,
sie kam damit aber auch unter die einschränkende Aufsicht der Gesetze, die sie
als eine wirksame Triebfeder für den Staat brauchten.
    Endlich. Da das dreifache Griechenland beider Weltteile in viele Stämme und
Staaten geteilt war, so musste die Sittenkultur, die sich hie und da erhob, jedem
Stamme genetisch, mitin auf so mancherlei Weise politisch werden, dass eben
dieser Umstand uns die glücklichen Fortschritte der griechischen Sittenbildung
allein schon erkläret. Nur durch die leichtesten Bande einer gemeinschaftlichen
Sprache und Religion, der Orakel, der Spiele, des Gerichts der Amphiktyonen u.
f. oder durch Abstammung und Kolonien, endlich durch das Andenken alter
gemeinschaftlichen Taten, durch Poesie und Nationalruhm waren die griechischen
Staaten miteinander verbunden; weiter verband sie kein Despot; denn auch ihre
gemeinschaftlichen Gefahren gingen lange Zeit glücklich vorüber. Also kam es
darauf an, was aus dem Quell der Kultur jeder Stamm schöpfen, welche Bäche
daraus er für sich ableiten wollte. Dies tat jeder nach Umständen seines
Bedürfnisses, vorzüglich aber nach der Denkart einiger grossen Männer, die ihm
die bildende Natur sandte. Schon unter den Königen Griechenlandes gab es edle
Söhne der alten Helden, die mit dem Wechsel der Zeit fortgingen und ihren
Völkern jetzt durch gute Gesetze so nützlich wurden, wie ihre Väter es durch
ruhmvolle Tapferkeit gewesen waren. So hebt sich ausser den ersten
Kolonienstiftern unter gesetzgebenden Königen insonderheit Minos empor, der
seine kriegerischen Kretenser, die Bewohner einer Insel voller Gebürge, auch
kriegerisch bildete und späterhin Lykurgs Vorbild wurde. Er war der erste, der
die Seeräuber bändigte und das Ägäische Meer sicherstellte, der erste
allgemeinere Sittenstifter Griechenlandes zur See und auf dem Lande. Dass er in
guten Einrichtungen mehrere seinesgleichen unter den Königen hatte, zeigt die
Geschichte von Aten, von Syrakus und andern Königreichen. Freilich aber nahm
die Regsamkeit der Menschen in der politischen Sittenbildung einen andern
Schwung, als aus den meisten griechischen Königreichen Republiken wurden: eine
Revolution, die allerdings eine der merkwürdigsten ist in der gesamten
Menschengeschichte. Nirgend als in Griechenland war sie möglich, wo eine Menge
einzelner Völker das Andenken ihres Ursprunges und Stammes sich auch unter
seinen Königen zu erhalten gewusst hatte. Jedes Volk sähe sich als einen
einzelnen Staatskörper an, der gleich seinen wandernden Vorfahren sich politisch
einrichten dürfe; unter den Willen einer erblichen Königsreihe sei keiner der
griechischen Stämme verkauft. Nun war zwar damit noch nicht ausgemacht, dass die
neue Regierung auch die bessere wäre; statt des Königes herrschten beinahe
allentalben die Vornehmsten und Mächtigern, so dass in mehreren Städten die
Verwirrung grösser und der Druck des Volks unleidlich wurde; indessen waren doch
damit einmal die Würfel geworfen, dass Menschen, wie aus der Unmündigkeit
erwacht, über ihre politische Verfassung selbst nachdenken lernten. Und so war
das Zeitalter griechischer Republiken der erste Schritt zur Mündigkeit des
menschlichen Geistes in der wichtigen Angelegenheit, wie Menschen von Menschen
zu regieren wären. Alle Ausschweifungen und Fehltritte der Regierungsformen
Griechenlandes hat man als Versuche der Jugend, anzusehen, die meistens nur
durch Schaden klug werden lernet.
    Bald also taten sich in vielen frei gewordenen Stämmen und Kolonien weise
Männer hervor, die Vormünder des Volks wurden. Sie sahen, unter welchen Übeln
ihr Stamm litt, und sannen auf eine Einrichtung desselben, die auf Gesetze und
Sitten des Ganzen erbauet wäre. Natürlich waren also die meisten dieser alten
griechischen Weisen Männer in öffentlichen Geschäften, Vorsteher des Volks,
Ratgeber der Könige, Heerführer; denn bloss von diesen Edeln konnte die
politische Kultur ausgehn, die weiter hinab aufs Volk wirkte. Selbst Lykurg,
Drako, Solon waren aus den ersten Geschlechtern ihrer Stadt, zum Teil selbst
obrigkeitliche Personen; die Übel der Aristokratie samt der Unzufriedenheit des
Volks waren zu ihrer Zeit aufs höchste gestiegen; daher die bessere Einrichtung,
die sie angaben, so grossen Eingang gewann. Unsterblich bleibt das Lob dieser
Männer, dass sie, vom Zutrauen des Volks unterstützt, für sich und die Ihrigen
den Besitz der Oberherrschaft verschmähten und allen ihren Fleiss, alle ihre
Menschen- und Volkskenntnis auf ein Gemeinwesen, d. i. auf den Staat als Staat,
wandten. Wären ihre ersten Versuche in dieser Art auch bei weitem nicht die
höchsten und ewigen Muster menschlicher Einrichtungen; sie sollten dieses auch
nicht sein; sie gehören nirgend hin, als wo sie eingeführt wurden; ja auch hier
mussten sie sich den Sitten des Stammes und seinen eingewurzelten Übeln oft wider
Willen bequemen. Lykurg hatte freiere Hand als Solon; er ging aber in zu alte
Zeiten zurück und bauete einen Staat, als ob die Welt ewig im Heldenalter der
rohen Jugend verharren könnte. Er führte seine Gesetze ein, ohne ihre Wirkungen
abzuwarten, und für seinen Geist wäre es wohl die empfindlichste Strafe gewesen,
durch alle Zeitalter der griechischen Geschichte die Folgen zu sehen, die sie
teils durch Missbrauch, teils durch ihre zu lange Dauer seiner Stadt und
bisweilen dem ganzen Griechenlande verursacht haben. Die Gesetze Solons wurden
auf einem andern Wege schädlich. Den Geist derselben hatte er selbst überlebet;
die übeln Folgen seiner Volksregierung sähe er voraus, und sie sind bis zum
letzten Atem Atens den Weisesten und Besten seiner Stadt unverkennbar
geblieben.224 Das ist aber einmal das Schicksal aller menschlichen
Einrichtungen, insonderheit der schwersten, über Land und Leute. Zeit und Natur
verändern alles, und das Leben der Menschen sollte sich nicht ändern? Mit jedem
neuen Geschlecht kommt eine neue Denkart empor, so altväterisch auch die
Einrichtung und die Erziehung bleibe. Neue Bedürfnisse und Gefahren, neue
Vorteile des Sieges, des Reichtums, der wachsenden Ehre, selbst der mehreren
Bevölkerung drängen sich hinzu; und wie kann nun der gestrige Tag der heutige,
das alte Gesetz ein ewiges Gesetz bleiben? Es wird beibehalten, aber vielleicht
nur zum Schein, und leider am meisten in Missbräuchen, deren Aufopferung
eigennützigen, trägen Menschen zu hart fiele. Dies war der Fall mit Lykurgs,
Solons, Romulus', Moses' und allen Gesetzen, die ihre Zeit überlebten.
    Äusserst rührend ist's daher, wenn man die eigne Stimme dieser Gesetzgeber in
ihren spätem Jahren höret; sie ist meistens klagend. Denn wenn sie lange lebten,
hatten sie sich selbst schon überlebet. So ist's die Stimme Moses' und auch
Solons in den wenigen Fragmenten, die wir von ihm haben; ja, wenn ich die blossen
Sittensprüche ausnehme, haben fast alle Betrachtungen der griechischen Weisen
einen traurigen Ton. Sie sahen das wandelbare Schicksal und Glück der Menschen
durch Gesetze der Natur enge beschränkt, durch ihr eigenes Verhalten schnöde
verwirret, und klagten. Sie klagten über die Flüchtigkeit des menschlichen
Lebens und seiner blühenden Jugend; dagegen schilderten sie das oftmals arme und
kranke, immer aber schwache und nichts geachtete Alter. Sie klagten über der
Frechen Glück und des Gutmütigen Leiden, verfehlten aber auch nicht, die echten
Waffen dagegen, Klugheit und gesunde Vernunft, Mässigung der Leidenschaften und
stillen Fleiss, Eintracht und freundschaftliche Treue, Standhaftigkeit und
eisernen Mut, Ehrfurcht gegen die Götter und Liebe zum Vaterlande, den Bürgern
ihrer Welt sanft rührend einzuflössen. Selbst in den Resten des neuen
griechischen Lustspiels tönt noch diese klagende Stimme der sanften Humanität
wider.225
    Trotz also aller bösen, zum Teil auch schrecklichen Folgen, die für Heloten,
Pelasger, Kolonien, Ausländer und Feinde mancher Griechenstaat gehabt hat, so
können wir doch das hohe Edle jenes Gemeinsinnes nicht verkennen, der in
Lakedämon, Aten und Tebe, ja gewissermassen in jedem Staate Griechenlands zu
seinen Zeiten lebte. Es ist völlig wahr und gewiss, dass, nicht aus einzelnen
Gesetzen eines einzelnen Mannes erwachsen, er auch nicht in jedem Gliede des
Staats auf gleiche Weise, zu allen Zeiten gelebt habe; gelebt hat er indes unter
den Griechen, wie es selbst noch ihre ungerechten, neidigen Kriege, die
härtesten ihrer Bedrückungen und die treulosesten Verräter ihrer Bürgertugend
zeigen. Die Grabschrift jener Spartaner, die bei Termopylä fielen:
 »Wanderer, sag's zu Sparta, dass, seinen Gesetzen gehorsam,
 Wir erschlagen hier liegen -«
bleibt allemal der Grundsatz der höchsten politischen Tugend, bei dem wir auch
zwei Jahrtausende später nur zu bedauern haben, dass er zwar einst auf der Erde
der Grundsatz weniger Spartaner über einige harte Patriziergesetze eines engen
Landes, noch nie aber das Principium für die reinen Gesetze der gesamten
Menschheit hat werden mögen. Der Grundsatz selbst ist der höchste, den Menschen
zu ihrer Glückseligkeit und Freiheit ersinnen und ausüben mögen. Ein Ähnliches
ist's mit der Verfassung Atens, obgleich dieselbe auf einen ganz andern Zweck
führte. Denn wenn die Aufklärung des Volks in Sachen, die zunächst für dasselbe
gehören, der Gegenstand einer politischen Einrichtung sein darf, so ist Aten
ohnstreitig die aufgeklärteste Stadt in unsrer bekannten Welt gewesen. Weder
Paris noch London, weder Rom noch Babylon, noch weniger Memphis, Jerusalem,
Peking und Benares werden ihr darüber den Rang anstreiten. Da nun Patriotismus
und Aufklärung die beiden Pole sind, um welche sich alle Sittenkultur der
Menschheit beweget, so werden auch Aten und Sparta immer die beiden grossen
Gedächtnisplätze bleiben, auf welchen sich die Staatskunst der Menschen über
diese Zwecke zuerst jugendlich froh geübt hat. Die andern Staaten der Griechen
folgten meistens nur diesen zwei grossen Mustern, so dass einigen, die nicht
folgen wollten, die Staatsverfassungen Atens und Lacedämons von ihren
Überwindern sogar aufgedrungen wurden. Auch sieht die Philosophie der
Geschichte nicht sowohl darauf, was auf diesen beiden Erdpunkten in dem kleinen
Zeitraum, da sie wirkten, von schwachen Menschen wirklich getan sei, als
vielmehr, was aus den Prinzipien ihrer Einrichtung für die gesamte Menschheit
folge. Trotz aller Fehler werden die Namen Lykurgs und Solons, Miltiades und
Temistokles, Aristides, Cimon, Phocion, Epaminondas, Pelopidas, Agesilaus,
Agis, Kleomenes, Dion, Timoleon u. f. mit ewigem Ruhme gepriesen, dagegen die
ebenso grosse Männer Alcibiades, Konon, Pausanias, Lysander als Zerstörer des
griechischen Gemeingeistes oder als Verräter ihres Vaterlandes mit Tadel genannt
werden. Selbst die bescheidene Tugend Sokrates' konnte ohn' ein Aten schwerlich
zu der Blüte erwachsen, die sie durch einige seiner Schüler wirklich erreicht
hat; denn Sokrates war nur ein ateniensischer Bürger, alle seine Weisheit nur
ateniensische Bürgerweisheit, die er in häuslichen Gesprächen fortpflanzte. In
Absicht der bürgerlichen Aufklärung sind wir dem einzigen Aten also das meiste
und Schönste aller Zeiten schuldig.
    Und so dürfen wir auch, da von praktischen Tugenden wenig geredet werden
kann, noch einige Worte jenen Anstalten gönnen, die nur eine ateniensische
Volksregierung möglich machte, den Rednern und dem Teater. Redner vor Gericht,
zumal in Sachen des Staats und des augenblicklichen Entschlusses, sind
gefährliche Triebfedern; auch sind die bösen Folgen derselben offenbar gnug in
der ateniensischen Geschichte. Da sie indessen ein Volk voraussetzen, das in
jeder öffentlichen Sache, die vorgetragen ward, Kenntnisse hatte oder wenigstens
empfangen konnte, so bleibt das ateniensische Volk, aller Parteien ohngeachtet,
hierin das einzige unserer Geschichte, an welches auch das römische Volk
schwerlich reichet. Der Gegenstand selbst, Feldherrn zu wählen oder zu
verdammen, über Krieg und Frieden, über Leben und Tod und jedes öffentliche
Geschäft des Staats zu sprechen, war gewiss nicht die Sache eines unruhigen
Haufens; durch den Vortrag dieser Geschäfte aber und durch alle Kunst, die man
darauf wandte, ward selbst dem wilden Haufen das Ohr geöffnet und ihm jener
aufgeklärte, politische Schwätzergeist gegeben, von dem keines der Völker Asiens
wusste. Die Beredsamkeit vor den Ohren des Volks hob sich damit zu einer Höhe,
die sie ausser Griechenland und Rom niemals gehabt hat, die sie auch schwerlich
je haben wird und haben kann, bis etwa die Volksrednerei wahre allgemeine
Aufklärung werde. Unstreitig ist der Zweck dieser Sache gross, wenngleich in
Aten die Mittel dazu dem Zweck unterlagen. Mit dem ateniensischen Teater war
es ein gleiches. Es entielt Spiele fürs Volk, und zwar ihm angemessene,
erhabene, geistreiche Spiele; mit Aten ist seine Geschichte vorbei; denn der
enge Kreis bestimmter Fabeln, Leidenschaften und Absichten, aufs Volk zu wirken,
findet sich kaum mehr in dem vermischten Haufen einer andern Stammesart und
Regimentsverfassung wieder. Niemals also messe man die griechische
Sittenbildung, weder in ihrer öffentlichen Geschichte noch in ihren Rednern und
teatralischen Dichtern, nach dem Massstabe einer abstrakten Moral, weil keinem
dieser gegebnen Fälle ein solcher Massstab zum Grunde lieget.226 Die Geschichte
zeigt, wie die Griechen in jedem Zeitpunkt alles waren, was sie, gut und böse,
nach ihrer Lage sein konnten. Der Redner zeigt, wie er in seinem Handel die
Parteien sah und seinem Zweck gemäss schildern musste. Der teatralische Dichter
endlich brachte Gestalten in sein Spiel, wie sie ihm die Vorzeit gab oder wie er
solche seinem Beruf gemäss diesen und keinen andern Zuschauern darstellen wollte.
Schlüsse hieraus auf die Sittlichkeit oder Unsittlichkeit des gesamten Volks zu
machen wäre grundlos; daran wird aber niemand zweifeln, dass die Griechen in
gewissen Zeitpunkten und Städten, nach dem Kreise von Gegenständen, der ihnen
damals vorlag, das geschickteste, leichteste und aufgeklärteste Volk ihrer Welt
gewesen. Die Bürger Atens gaben Feldherren, Redner, Sophisten, Richter,
Staatsleute und Künstler, nachdem es die Erziehung, Neigung, Wahl oder das
Schicksal und der Zufall wollte, und oft waren in einem Griechen mehrere der
schönsten Vorzüge eines Guten und Edlen vereinigt.
 
                                       V
                     Wissenschaftliche Übungen der Griechen
    Keinem Volk der Erde tut man sein Recht an, wenn man ihm ein fremdes Ideal
der Wissenschaft aufdringt; so ist's mit vielen Völkern Asiens auch den Griechen
gegangen, und man hat sie mit Lobe und Tadel oft unbillig überhäufet. Von keiner
spekulativen Dogmatik z.B. über Gott und die menschliche Seele wussten die
Griechen; die Untersuchungen hierüber waren freie Privatmeinungen, sobald der
Weltweise die gottesdienstlichen Gebräuche seines Landes beobachtete und keine
politische Partei ihm im Wege stand. In Rücksicht dieser hat sich der
menschliche Geist in Griechenland, wie überall, seinen Raum erkämpfen müssen,
den er sich aber doch zuletzt wirklich erkämpfte.
    Von alten Göttersagen und Teogonien ging die griechische Weltweisheit aus,
und es ist merkwürdig viel, was der feine Geist dieser Nation hierüber ausspann.
Die Dichtungen von der Geburt der Götter, vom Streit der Elemente, von Hass und
Liebe der Wesen gegeneinander sind von ihren verschiedenen Schulen in so
verschiedenen Richtungen ausgebildet worden, dass man beinah sagen möchte, sie
waren so weit, als wir sind, wenn wir ohne Naturgeschichte Weltentstehungen
dichten. Ja in gewissem Betracht waren sie weiter, weil ihr Sinn freier war und
keine gegebne Hypotese ihnen ein Ziel vorsteckte. Selbst die Zahlen Pytagoras'
und andrer Philosophen sind kühne Versuche, die Wissenschaft der Dinge mit dem
reinsten Begriff der menschlichen Seele, einer deutlich gedachten Grösse zu
paaren; weil aber sowohl die Naturwissenschaft als die Matematik damals noch in
ihrer Kindheit waren, so kam dieser Versuch zu frühe. Immer aber locket er uns,
so wie die Systeme mancher andern griechischen Philosophen, eine Art von
Verehrung ab, weil diese allesamt, jedes aus seinem Standpunkt, tief durchdacht
und von weitem Umfange waren; manchem derselben liegen Wahrheiten und
Bemerkungen zum Grunde, die wir seitdem, vielleicht nicht zum Vorteil der
Wissenschaft, aus den Augen verloren haben, Dass z.B. keiner der alten
Philosophen sich an Gott ein ausserweltliches Wesen oder eine höchst
metaphysische Monade dachte, sondern alle bei dem Begriff einer Weltseele
stehenblieben, war der Kindheit menschlicher Philosophie völlig angemessen und
wird ihr vielleicht immer angemessen bleiben. Schade ist's, dass wir der kühnsten
Philosophen Meinung nur aus verstümmelten Nachrichten, nicht aber aus ihren
eignen Schriften im Zusammenhange wissen; aber noch mehr schade, dass wir uns
ungern in ihre Zeit setzen und sie lieber unsrer Denkart bequemen. Jede Nation
hat in allgemeinen Begriffen ihre eigene Sehart, die meistens in den Formen des
Ausdrucks, kurz, in der Tradition ihren Grund hat, und da bei den Griechen die
Philosophie aus Gedichten und Allegorien entstanden war, so gaben diese auch
ihren Abstraktionen ein eigentümliches, ihnen nicht undeutliches Gepräge. Selbst
noch bei Plato sind seine Allegorien nicht blosse Ziererei; ihre Bilder sind wie
klassische Sprüche der Vorzeit, feinere Entwickelungen der alten
Dichtertraditionen.
    Zur menschlichen und moralischen Philosophie aber neigte sich der
Forschungsgeist der Griechen vorzüglich, weil ihre Zeit und Verfassung sie am
meisten dieses Weges führte. Naturgeschichte, Physik und Matematik waren damals
noch lange nicht gnug angebauet und zu unsern neuern Entdeckungen die Werkzeuge
noch nicht erfunden. Alles zog sich dagegen auf die Natur und die Sitten der
Menschen. Dies war der herrschende Ton der griechischen Dichtkunst, Geschichte
und Staatseinrichtung: Jeder Bürger musste seine Mitbürger kennen und bisweilen
öffentliche Geschäfte verwalten, denen er sich nicht entziehen konnte; die
Leidenschaften und wirkenden Kräfte der Menschen hatten damals ein freieres
Spiel, selbst dem müssigen Philosophen schlichen sie nicht unbemerkt vorüber;
Menschen zu regieren oder als ein lebendes Glied der Gesellschaft zu wirken war
der herrschende Zug jeder emporstrebenden griechischen Seele. Kein Wunder also,
dass auch die Philosophie des abstrakten Denkers auf Bildung der Sitten oder des
Staats hinausging, wie Pytagoras, Plato und selbst Aristoteles dies beweisen.
Staaten einzurichten war ihr bürgerlicher Beruf nicht; nirgend war Pytagoras,
wie Lykurgus, Solon oder andre, Obrigkeit und Archon; auch der grösseste Teil
seiner Philosophie war Spekulation, die sogar bis an den Aberglauben grenzte.
Indessen zog seine Schule Männer, die auf die Staaten Grossgriechenlandes den
grössesten Einfluss gehabt haben, und der Bund seiner Jünger wäre, wenn ihm das
Schicksal Dauer gegönnt hätte, vielleicht die wirksamste, wenigstens eine sehr
reine Triebfeder zur Verbesserung der Welt worden.227 Aber auch dieser Schritt
des über seine Zeit hocherhabenen Mannes war zu früh: die reichen, sybaritischen
Städte Grossgriechenlandes nebst ihren Tyrannen begehrten solche Sittenwächter
nicht, und die Pytagoreer wurden ermordet.
    Es ist ein zwar oft wiederholter, aber, wie mich dünkt, überspannter
Lobspruch des menschenfreundlichen Sokrates, dass er's zuerst und vorzüglich
gewesen sei, der die Philosophie vom Himmel auf die Erde gerufen und mit dem
sittlichen Leben der Menschen befreundet habe; wenigstens gilt der Lobspruch nur
die Person Sokrates selbst und den engen Kreis seines Lebens. Lange vor ihm
waren Philosophen gewesen, die sittlich und tätig für die Menschen philosophiert
hatten, da vom fabelhaften Orpheus an eben dies der bezeichnende Charakter der
griechischen Kultur war. Auch Pytagoras hatte durch seine Schule eine viel
grössere Anlage zur Bildung menschlicher Sitten gemacht, als Sokrates durch alle
seine Freunde je hatte machen mögen. Dass dieser die höhere Abstraktion nicht
liebte, lag an seinem Stande, am Kreise seiner Kenntnisse, vorzüglich aber an
seiner Zeit und Lebensweise. Die Systeme der Einbildungskraft ohne fernere
Naturerfahrungen waren erschöpft und die griechische Weisheit ein gaukelndes
Geschwätz der Sophisten worden, dass es also keines grossen Schrittes bedurfte,
das zu verachten oder beiseit zu legen, was nicht weiter zu übertreffen war. Vor
dem schimmernden Geist der Sophisten schützte ihn sein Dämon, seine natürliche
Redlichkeit und der bürgerliche Gang seines Lebens. Dieser steckte zugleich
seiner Philosophie das eigentliche Ziel der Menschheit vor, das beinah auf alle,
mit denen er umging, so schöne Folgen hatte; allerdings gehörte aber zu dieser
Wirksamkeit die Zeit, der Ort und der Kreis von Menschen, mit denen Sokrates
lebte. Anderswo wäre der bürgerliche Weise ein aufgeklärter tugendhafter Mann
gewesen, ohne dass wir vielleicht seinen Namen wüssten; denn keine Erfindung,
keine neue Lehre ist's, die er, ihm eigen, ins Buch der Zeiten verzeichnet; nur
durch seine Metode und Lebensweise, durch die moralische Bildung, die er sich
selbst gegeben hatte und andern zu geben suchte, vorzüglich endlich durch die
Art seines Todes ward er der Welt ein Muster. Es gehörte viel dazu, ein Sokrates
zu sein, vor allem die schöne Gabe, entbehren zu können, und der feine Geschmack
an moralischer Schönheit, den er bei sich zu einer Art von Instinkt erhöhet zu
haben scheinet; indessen hebe man auch diesen bescheidnen edeln Mann nicht über
die Sphäre empor, in welche ihn die Vorsehung selbst stellte. Er hat wenige,
seiner ganz würdige, Schüler gezogen, eben weil seine Weisheit gleichsam nur zum
Hausgerät seines eigenen Lebens gehörte und seine vortreffliche Metode im Munde
seiner nächsten Schüler gar zu leicht in Spöttereien und Sophismen ausarten
konnte, sobald es dem ironischen Fragenden am Geistes- und Herzenscharakter
Sokrates' fehlte. Auch seine zwei edelsten Jünger, Xenophon und Plato,
vergleiche man unparteiisch, so wird man finden, dass er bei ihnen (wie er selbst
den bescheidenen Ausdruck liebte) nur die Hebamme ihrer eignen Geistesgestalt
gewesen war; daher er sich auch im Bilde beider so unähnlich sieht. Das
Auszeichnende ihrer Schriften rührt offenbar von ihrer eignen Denkart her, und
der schönste Dank, den sie ihrem geliebten Lehrer bringen konnten, war der, dass
sie sein moralisches Bild aufstellten. Allerdings wäre es sehr zu wünschen
gewesen, dass durch Sokrates' Schüler sein Geist in alle Gesetze und
Staatsverfassungen Griechenlandes fortan eingedrungen wäre; dass dieses aber
nicht geschehen sei, bezeugt die griechische Geschichte. Sein Leben traf auf den
Punkt der höchsten Kultur Atens, zugleich aber auch der höchsten Anstrengung
der griechischen Staaten gegeneinander; beides konnte nichts anders als
unglückliche Zeiten und Sitten nach sich ziehen, die nicht gar lange darauf den
Untergang der griechischen Freiheit bewirkten. Hiegegen schützte sie keine
sokratische Weisheit, die zu rein und fein war, als dass sie das Schicksal der
Völker hätte entscheiden mögen. Der Staatsmann und Kriegsführer Xenophon
schildert schlechte Staatsverfassungen; er kann sie aber nicht ändern. Plato
schuf eine idealische Republik, die nirgend, am wenigsten an Dionysius' Hofe,
Platz fand. Kurz, Sokrates' Philosophie hat mehr der Menschheit als Griechenland
gedienet, welches ohne Zweifel auch ihr schönerer Ruhm ist.
    Ein ganz anderer war Aristoteles' Geist, der scharfsinnigste, festeste und
trockenste vielleicht, der je den Griffel geführet. Seine Philosophie ist
freilich mehr die Philosophie der Schule als des gemeinen Lebens, insonderheit
in den Schriften, die wir von ihm haben, und nach der Weise, wie man sie
gebrauchte; um so mehr aber hat die reine Vernunft und Wissenschaft durch ihn
gewonnen, so dass er in ihrem Gebiet als ein Monarch der Zeiten dasteht. Dass die
Scholastiker meistens nur auf seine Metaphysik verfielen, war ihre, nicht
Aristoteles' Schuld, und doch hat sich auch an solcher die menschliche Vernunft
unglaublich geschärfet. Sie reichte barbarischen Nationen Werkzeuge in die
Hände, die dunkeln Träume der Phantasie und Tradition zuerst in
Spitzfündigkeiten zu verwandeln, bis sie sich damit allmählich selbst
zerstörten. Seine bessern Schriften aber, die Naturgeschichte und Physik, die
Etik und Moral, die Politik, Poetik und Redekunst, erwarten noch manche
glückliche Anwendung. Zu beklagen ist's, dass seine historischen Werke
untergegangen sind und dass wir auch seine Naturgeschichte nur im Auszuge haben.
Wer indessen den Griechen den Geist reiner Wissenschaft abspricht, möge ihren
Aristoteles und Euklides lesen: Schriftsteller, die in ihrer Art nie übertroffen
wurden; denn auch das war Platons und Aristoteles' Verdienst, dass sie den Geist
der Naturwissenschaft und Matematik erweckten, der über alles Moralisieren
hinaus ins Grosse geht und für alle Zeiten wirket. Mehrere Schüler derselben
waren Beförderer der Astronomie, Botanik, Anatomie und andrer Wissenschaften wie
denn Aristoteles selbst bloss mit seiner Naturgeschichte den Grund zu einem
Gebäude gelegt hat, an welchem noch Jahrhunderte bauen werden. Zu allem Gewissen
der Wissenschaft wie zu allem Schönen der Form ist in Griechenland der Grund
gelegt worden; leider aber, dass uns das Schicksal von den Schriften seiner
gründlichsten Weisen so wenig gegönnt hat! Was übriggeblieben ist, ist
vortrefflich; das Vortrefflichste ging vielleicht unter.
    Man wird es nicht von mir erwarten, dass ich die einzelnen Wissenschaften der
Matematik, Medizin, Naturwissenschaft und aller schönen Künste durchgehe, um
eine Reihe Namen zu nennen, die entweder als Erfinder oder als Vermehrer des
Wissenschaftlichen derselben allen künftigen Zeiten zur Grundlage gedient haben.
Allgemein ist's bekannt, dass Asien und Ägypten uns eigentlich keine wahre Form
der Wissenschaft in irgendeiner Kunst oder Lehre gegeben; dem feinen, ordnenden
Geist der Griechen haben wir diese allein zu danken. Da nun eine bestimmte Form
der Erkenntnis eben das ist, was ihre Vermehrung oder Verbesserung in
zukünftigen Zeiten bewirkt, so sind wir den Griechen die Basis beinah aller
unserer Wissenschaften schuldig. Mögen sie sich fremde Ideen zugeeignet haben,
soviel sie wollen, desto besser für uns; gnug, sie ordneten solche und strebten
zur deutlichen Erkenntnis. Die mancherlei griechischen Schulen waren hierin das,
was in ihrem Staatswesen die vielen Republiken waren: gemeinschaftlich
strebende, miteinander wetteifernde Kräfte; denn ohne diese Verteilung
Griechenlandes würde selbst in ihren Wissenschaften nie soviel geschehen sein,
als geschehen ist. Die ionische, italische und ateniensische Schule waren,
ihrer gemeinschaftlichen Sprache ohngeachtet, durch Länder und Meere voneinander
gesondert; jede also konnte für sich selbst wurzeln und, wenn sie verpflanzt
oder eingeimpft ward, desto schönere Früchte tragen. Keiner der früheren Weisen
wurde vom Staat, selbst nicht von seinen Schülern besoldet; er dachte für sich,
er erfand aus Liebe zur Wissenschaft oder aus Liebe zum Ruhm. Die er
unterrichtete, waren nicht Kinder, sondern Jünglinge oder Männer, oft Männer,
die der wichtigsten Staatsgeschäfte pflegten. Für Jahrmärkte eines gelehrten
Handels schrieb man damals noch nicht; man dachte aber desto länger und tiefer,
zumal der mässige Philosoph im schönen griechischen Klima ungehindert von Sorgen
denken konnte, da er zu seinem Unterhalt wenig bedurfte.
    Indessen können wir nicht umhin, auch hier der Monarchie das Lob widerfahren
zu lassen, das ihr gebühret. Keiner der sogenannten Freistaaten Griechenlands
hätte dem Aristoteles zu seiner Naturgeschichte die Beihülfe verschafft, die ihm
sein königlicher Schüler verschaffen konnte; noch minder hätten ohne die
Anstalten der Ptolemäer Wissenschaften, die Musse oder Kosten fordern, z.B.
Matematik, Astronomie u. f., die Fortschritte getan, die sie in Alexandrien
getan haben. Ihren Anlagen sind wir den Euklides, Eratostenes, Apollonius
Pergäus, Ptolemäus u. a. schuldig, Männer, die zu den Wissenschaften den Grund
gelegt, auf welchen jetzt nicht nur das Gebäude der Gelehrsamkeit, sondern
gewissermasse unsrer ganzen Weltregierung ruhet. Es hatte also auch seinen
Nutzen, dass die Zeit der griechischen Rednerei und Bürgerphilosophie mit den
Republiken zu Ende ging; diese hatte ihre Früchte getragen, dem menschlichen
Geist aber waren aus griechischen Seelen noch andre Keime der Wissenschaft
nötig. Gern verzeihen wir dem ägyptischen Alexandrien seine schlechteren Dichter
228; es gab uns dafür gute Beobachter und Rechner. Dichter werden durch sich
selbst; Beobachter können durch Fleiss und Übung allein vollkommen werden.
    Insonderheit hat die griechische Philosophie über drei Gegenstände
vorgearbeitet, die schwerlich irgendwo anders eine so glückliche Werkstatt
hätten finden mögen: sie sind Sprache, Kunst und Geschichte. Die Sprache der
Griechen hatte sich durch Dichter, Redner und Philosophen so vielseitig reich
und schön gebildet, dass das Werkzeug selbst in spätem Zeiten die Aufmerksamkeit
der Betrachter an sich zog, da man es nicht mehr zu so glänzenden Zwecken des
öffentlichen Lebens anwenden konnte. Daher die Kunst der Grammatiker, die zum
Teil wirkliche Philosophen waren. Zwar hat uns den grössesten Teil dieser
Schriftsteller die Zeit geraubt, welchen Verlust wir auch allenfalls gegen viel
wichtigere Sachen verschmerzen mögen, indessen ist ihre Wirkung deswegen nicht
ausgetilgt worden; denn am Studium der griechischen hat sich das Studium der
römischen Sprache und überhaupt alle Sprachenphilosophie der Erde angezündet.
Auch in die morgenländischen Dialekte des vordem Asiens ist es nur aus ihr
gekommen; denn die ebräische, arabische und andere Sprachen hat man nur durch
die griechische in Regeln zu bringen gelernet. Gleichermassen ist an eine
Philosophie der Kunst nirgend als in Griechenland gedacht worden, weil durch
einen glücklichen Trieb der Natur und durch eine geschmackvolle sichre
Gewohnheit Dichter und Künstler selbst eine Philosophie des Schönen ausübten,
ehe der Zergliedrer ihre Regeln aufnahm. So musste sich durch den ungeheuren
Wetteifer in Epopeen, Teaterstücken und öffentlichen Reden notwendig mit der
Zeit eine Kritik bilden, an welche unsere Kritik schwerlich reichet. Es sind uns
zwar auch von ihr ausser Aristoteles' Schriften nur wenige späte Bruchstücke
übriggeblieben, die indes immer noch von dem überfeinen Scharfsinn der
griechischen Kunstrichter zeugen. Die Philosophie der Geschichte endlich gehört
vorzüglich nach Griechenland heim, weil eigentlich die Griechen allein
Geschichte haben. Der Morgenländer hat Stammregister oder Märchen, der
Nordländer hat Sagen, andre Nationen Lieder; der Grieche bildete aus Sagen,
Liedern, Märchen und Stammregistern mit der Zeit den gesunden Körper einer
Erzählung, die in allen Gliedern lebet. Auch hierin ging ihm seine alte
Dichtkunst vor, da sich ein Märchen nicht leicht angenehmer erzählen lässt, als
es die Epopee erzählte; die Verteilung der Gegenstände nach Rhapsodien gab zu
ähnlichen Absätzen in der Geschichte Anlass, und der lange Hexameter konnte bald
den Wohlklang der historischen Prose bilden. Herodot ward also Homers
Nachfolger, und die späteren Geschichtschreiber der Republiken nahmen die Farbe
derselben, den republikanischen Rednergeist, in ihre Erzählung auf. Da nun mit
Tucydides und Xenophon die griechische Geschichte aus Aten ausging und die
Beschreiber derselben Staatsmänner und Feldherren waren, so musste ihre
Geschichte pragmatisch werden, ohne dass sie ihr eine pragmatische Gestalt zu
geben suchten. Die öffentlichen Reden, die Verflechtung der griechischen
Angelegenheiten, die lebendige Gestalt der Sachen und ihrer Triebfedern gab
ihnen solche Form an, und man kann kühn behaupten, dass ohne die Republiken
Griechenlands keine pragmatische Geschichte in der Welt wäre. Je mehr späterhin
die Staaten- und Kriegskunst sich entwickelte, desto künstlicher ward auch der
pragmatische Geist der Geschichte, bis endlich Polybius sie fast zur Kriegs- und
Staatenwissenschaft selbst machte. An Vorbildern solcher Art hatten nun die
spätem Betrachter zu ihren Anmerkungen reichen Stoff, und die Dionyse konnten
sich in den Anfängen der historischen Kunst gewiss reichlicher üben, als ein
Sineser, Jude oder selbst ein Römer es tun konnte.
    Da wir also die Griechen in jeder Übung des Geistes an dichterischen,
rednerischen, philosophischen, wissenschaftlichen, historischen Werken so reich
und glücklich finden, Schicksal der Zeiten, warum hast du uns denn so viel von
ihnen versagt? Wo sind Homers Amazonia und seine Tebais und Iresione, seine
Jamben, sein Margites? Wo sind die vielen verlernen Stücke Archilochus',
Simonides', Alcäus', Pindars, die dreiundachtzig Trauerspiele Äschylus', die
hundertundachtzehn des Sophokles und die unzähligen andern verlornen Stücke der
Tragiker, Komiker, Lyriker, der grössesten Weltweisen, der unentbehrlichsten
Geschichtschreiber, der merkwürdigsten Matematiker, Physiker u. f.? Für eine
Schrift des Demokritus, Aristoteles, Teophrasts, Polybius, Euklides, für ein
Trauerspiel des Äschylus, Sophokles und so vieler andern, für ein Lustspiel
Aristophanes', Philemons, Menanders, für eine Ode des Alcäus oder der Sappho,
für die verlerne Natur- und Staatengeschichte Aristoteles' oder für die
fünfunddreissig Bücher Polybius': wer würde nicht gern einen Berg von neuern
Schriften, seine eignen zuerst, hingeben, dass die Bäder von Alexandrien ein
ganzes Jahr lang davon erwärmt würden? Aber das Schicksal mit eisernem Fuss geht
einen andern Gang fort, als dass es auf die Unsterblichkeit einzelner
menschlicher Werke in Wissenschaft oder in Kunst rechne. Die gewaltigen
Propyläen Atens, alle Tempel der Götter, jene prächtigen Paläste, Mauern,
Kolossen, Bildsäulen, Sitze, Wasserleitungen, Strassen, Altäre, die das Altertum
für die Ewigkeit schuf, sind durch die Wut der Zerstörer dahin, und einige
schwache Gedankenblätter des menschlichen Nachsinnens und Fleisses sollten
verschont bleiben? Vielmehr ist zu verwundern, dass wir derselben noch so viel
haben, und vielleicht haben wir an ihnen noch zuviel, als dass wir sie alle
gebraucht hätten, wie sie zu gebrauchen wären. Lasset uns jetzt zum Aufschluss
dessen, was wir bisher einzeln durchgingen, die Geschichte Griechenlandes im
ganzen betrachten; sie trägt ihre Philosophie Schritt vor Schritt belehrend mit
sich.
 
                                       VI
                  Geschichte der Veränderungen Griechenlandes
    So reich und verflochten die griechische Geschichte an Veränderungen ist, so
gehen doch ihre Fäden an wenigen Hauptpunkten zusammen, deren Naturgesetze klar
sind. Denn:
    1. Dass in diesen drei Landesstrecken mit ihren Inseln und Halbinseln viele
Stämme und Kolonien zur See und vom hohem Lande hinaus hin und her wandern, sich
niederlassen und einander vertreiben, ist allentalben die Geschichte der Alten
Welt bei ähnlichen Meer- und Erdstrichen gewesen. Nur hier war das Wandern
lebhafter, weil das volkreiche nordische Gebürge und das grosse Asien nahe lag
und durch eine Reihe von Zufällen, von denen die Sagen erzählen, der Geist des
Abenteuers sehr rege erhalten ward. Dies ist die Geschichte Griechenlandes
beinahe von 700 Jahren.
    2. Dass unter diese Stämme Kultur, und zwar von verschiedenen Seiten in
verschiedenen Graden, kommen musste, ist ebensowohl Natur der Sache und des
Erdstrichs. Sie breitete sich von Norden hinab, sie kam aus verschiednen
Gegenden der nahen gebildeten Völker zu ihnen herüber und setzte sich hie und da
sehr verschieden fest. Die überwiegenden Hellenen bringen endlich Einheit ins
Ganze und geben der griechischen Sprache und Denkart Ton. Nun mussten in
Kleinasien, in Klein- und Grossgriechenland die Keime dieser gegebenen Kultur
sehr ungleich und verschieden treiben; diese Verschiedenheit aber half durch
Wetteifer und Verpflanzungen dem griechischen Geist auf; denn es ist in der
Naturgeschichte sowohl der Pflanzen als der Tiere bekannt, dass derselbe Same auf
demselben Erdstrich nicht ewig gedeihe, aber, zu rechter Zeit verpflanzt,
frischere und fröhlichere Früchte trage.
    3. Aus ursprünglichen kleinen Monarchien gingen die geteilten Staaten mit
der Zeit in Aristokratien, einige in Demokratien über: beide gerieten oft in
Gefahr, unter die Willkür eines Beherrschers zurückzufallen; jedoch die
Demokratien öfter. Abermals der Naturgang der menschlichen Einrichtung in ihrer
früheren Jagend. Die Vornehmsten des Stammes glaubten sich dem Willen der Könige
entziehen zu dürfen, und da das Volk sich nicht führen, konnte, so wurden sie
seine Führer. Nachdem nun sein Gewerbe, sein Geist, seine Einrichtung war, blieb
es entweder unter diesen Führern, oder es rang so lange, bis es Anteil an der
Regierung bekam. Jenes war der Fall in Lacedämon, dies in Aten. Von beidem lag
die Ursache in den Umständen und der Verfassung beider Städte. In Sparta wachten
die Regenten scharf aufeinander, dass kein Tyrann aufkommen konnte; in Aten ward
das Volk mehr als einmal unter die Tyrannei mit oder ohne Namen
hineingeschmeichelt. Beide Städte mit allem, was sie hervorgebracht haben, sind
so natürliche Produkte ihrer Lage, Zeit, Einrichtung und Umstände, als je eine
Naturerzeugung sein mochte.
    4. Viele Republiken, mehr oder minder durch gemeinschaftliche Geschäfte,
Grenzen oder ein anderes Interesse, am meisten aber durch die Krieges- und
Ruhmliebe gleichsam an eine Rennbahn gestellt, werden, bald Ursache zu
Zwistigkeiten finden; die mächtigern zuerst, und diese ziehen zu ihrer Partei,
wen sie hinzuzuziehen vermögen, bis endlich eine das Übergewicht gewinnet. Dies
war der Fall der langen Jugendkriege zwischen den Staaten Griechenlands,
insonderheit zwischen Lacedämon, Aten und zuletzt Teben. Die Kriege waren
bitter, hart, ja oft grausam, wie allemal Kriege sein werden, in welchen jeder
Bürger und Krieger am Ganzen teilnimmt. Meistens entstanden sie über
Kleinigkeiten oder über Sachen der Ehre, wie die Gefechte bei Jugendhändeln zu
entstehen pflegen, und was sonderbar scheinet, es aber nicht ist: jeder
überwindende Staat, insonderheit Lacedämon, suchte dem überwundenen seine
Gesetze und Einrichtung aufzuprägen, als ob damit das Zeichen der Niederlage
unauslöschlich an ihm bliebe. Denn die Aristokratie ist eine geschworne Feindin
der Tyrannei sowohl als der Volksregierung.
    5. Indessen waren die Kriege der Griechen, auch als Geschäft betrachtet,
nicht bloss Streitereien der Wilden; vielmehr entwickelt sich in ihnen mit der
Zeitenfolge bereits der ganze Staats- und Kriegesgeist, der je das Rad der
Weltbegebenheiten gelenkt hat.229 Auch die Griechen wussten, was Bedürfnisse des
Staats, Quellen seiner Macht und seines Reichtums sei'n, die sie sich oft auf
rohe Weise zu verschaffen suchten. Auch sie wussten, was Gleichgewicht der
Republiken und Stände gegeneinander, was geheime und öffentliche
Konföderationen, was Kriegslist, Zuvorkommen, Imstichlassen u. dgl. heisse.
Sowohl in Kriegs- als Staatssachen haben also die erfahrensten Männer der
römischen und neuern Welt von den Griechen gelernet; denn die Art des Krieges
möge sich mit den Waffen, der Zeit und der Weltlage ändern, der Geist der
Menschen, der da erfindet, überredet, seine Anschläge bedeckt, angreift,
vorrückt, sich verteidigt oder zurückziehet, die Schwächen seiner Feinde
ausspähet und so oder also seinen Vorteil gebraucht oder missbrauchet, wird zu
allen Zeiten derselbe bleiben.
    6. Die Kriege mit den Persern machen die erste grosse Unterscheidung in der
griechischen Geschichte. Sie waren von den asiatischen Kolonien veranlasst, die
dem ungeheuren morgenländischen Eroberungsgeist nicht hatten widerstehen mögen
und, an die Freiheit gewohnt, bei der ersten Gelegenheit dies Joch abzuschütteln
suchten. Dass die Atenienser ihnen zwanzig Schiffe zu Hülfe sandten, war ein
Obermut der Demokratie; denn Kleomenes, der Spartaner, hatte ihnen die Hülfe
abgeschlagen, und mit ihren zwanzig Schiffen führten jene dem ganzen
Griechenlande den wildesten Krieg zu. Indessen da er einmal geführt wurde, so
war es zwar ein Wunder der Tapferkeit, dass einige kleine Staaten gegen zwei
Könige des grossen Asiens die herrlichsten Siege davontrugen; es war aber kein
Naturwunder. Die Perser waren völlig ausser ihrem Mittelpunkt; die Griechen
dagegen stritten für Freiheit, Land und Leben. Sie stritten gegen sklavische
Barbaren, die an den Eretriern gezeigt hatten, was auch ihnen bevorstünde, und
nahmen daher alles zusammen, was menschliche Klugheit und Mut ausrichten konnte.
Die Perser unter Xerxes griffen wie Barbaren an: sie kamen mit Ketten in der
Hand, um zu binden, und mit Feuer in der Hand, um zu verheeren; dies hiess aber
nicht mit Klugheit fechten. Temistokles bediente sich gegen sie bloss des
Windes, und freilich ist der widrige Wind auf dem Meer einer ungelenken Flotte
ein gefährlicher Gegner. Kurz, der Persische Krieg ward mit grosser Macht und
Wut, aber ohne Verstand geführt, und so musste er unglücklich enden. Gesetzt, dass
auch die Griechen geschlagen und ihr ganzes Land wie Aten verwüstet worden
wäre: Griechenland konnten die Perser von der Mitte Asiens her und bei dem
innern Zustande ihres Reichs dennoch nie behaupten, da sie Ägypten selbst mit
Mühe behaupten konnten. Das Meer war Griechenlands Freundin, wie in anderm Sinn
auch das Delphische Orakel sagte.
    7. Aber die geschlagenen Perser liessen mit ihrer Beute und Schande den
Ateniensern einen Funken zurück, dessen Flamme das ganze Gebäude der
griechischen Staatseinrichtungen zerstörte. Es war der Ruhm und Reichtum, die
Pracht und Eifersucht, kurz, der ganze Übermut, der auf diese Kriege folgte.
Bald erschien in Aten das Zeitalter Perikles', das glänzendste, in welchem je
ein so kleiner Staat gewesen, und es folgte darauf aus ebenso natürlichen
Ursachen der unglückliche Peloponnesische, der doppelte Spartanische Krieg, bis
endlich durch eine einzige Schlacht Philippus aus Macedonien dem ganzen
Griechenlande das Netz übers Haupt warf. Sage doch niemand, dass ein ungünstiger
Gott das Schicksal der Menschen lenke und neidend es von seiner Höhe zu stürzen
trachte; die Menschen selbst sind einander ihre ungünstigen Dämonen. Was konnte
aus Griechenland, wie es in diesen Zeiten war, anders als die leichte Beute
eines Siegers werden? Und woher konnte dieser Sieger kommen als aus den
macedonischen Gebürgen? Vor Persien, Ägypten, Phönicien, Rom, Kartago war es
sicher; sein Feind aber sass ihm in der Nähe, der es mit ein paar Griffen voll
List und Macht erhaschte. Das Orakel war hier abermals klüger als die Griechen;
es philippisierte, und im ganzen Vorfall wurde nichts als der allgemeine Satz
bestätigt: dass ein einträchtiges krieggeübtes Bergvolk, das einer geschwächten,
zerteilten, entnervten Nation auf dem Nacken sitzt, notwendig der Sieger
derselben sein werde, sobald es die Sache klug und tapfer angreift. Das tat
Philippus und raffte Griechenland auf; denn es war durch sich selbst lange
vorher besiegt gewesen. Hier würde nun die Geschichte Griechenlands endigen,
wenn Philippus ein Barbar wie Sulla oder Alarich gewesen wäre; er war aber
selbst ein Grieche, sein grösserer Sohn war es auch; und so beginnet eben mit dem
Verlust der griechischen Freiheit noch unter dieses Volkes Namen eine Weltszene,
die ihresgleichen wenige gehabt hat.
    8. Der junge Alexander nämlich, der, kaum zwanzig Jahre alt, im ersten Feuer
der Ruhmbegierde auf den Tron kam, führte den Gedanken aus, zu dem sein Vater
alles vorbereitet hatte: er ging nach Asien hinüber in des Persermonarchen
eigene Staaten. Abermals die natürlichste Begebenheit, die sich ereignen konnte.
Alle Landzüge der Perser gegen Griechenland waren durch Tracien und Macedonien
gegangen; der alte Hass gegen sie lebte also bei diesen Völkern noch. Nun war die
Schwäche der Perser den Griechen gnugsam bekannt, nicht nur aus jenen alten
Schlachten bei Maraton, Platäa u. f., sondern noch in näheren Zeiten aus dem
Rückzuge Xenophons mit seinen zehntausend Griechen. Der Macedonier, der jetzt
Gebieter und Oberfeldherr von Griechenland war, wohin sollte er seine Waffen, wo
seinen Phalanx hin richten als gegen die reiche Monarchie, die seit einem
Jahrhundert von innen in tiefem Verfall war. Der junge Held lieferte drei
Schlachten, und Kleinasien, Syrien, Phönicien, Ägypten, Lybien, Persien, Indien
war sein; ja er hätte bis zum Weltmeer gehen mögen, wenn nicht seine Macedonier,
klüger als er, ihn zum Rückzuge gezwungen hätten. Sowenig in alle diesem Glück
ein Wunder war, sowenig war's ein neidiges Schicksal, das ihm in Babylon sein
Ende machte. Welch ein grosser Gedanke zwar, von Babylon aus die Welt zu
regieren, eine Welt, die vom Indus bis gen Lybien, ja über Griechenland bis zum
Ikarischen Meer reichte! Welch ein Gedanke, diesen Weltstrich zu einem
Griechenlande an Sprache, Sitten, Künsten, Handel und Pflanzstädten zu machen
und in Baktra, Susa, Alexandrien u. f. neue Atene zu gründen! Und siehe, da
stirbt der Sieger in der schönsten Blüte seines Lebens; mit ihm stirbt alle
diese Hoffnung, eine neuerschaffene griechische Welt! Spräche man also zum
Schicksal, so würde dieses uns antworten: »Sei Babel oder Pella die Residenz
Alexanders, möge Baktra griechisch oder partisch reden: nur wenn das
Menschenkind seinen Entwurf ausführen will, so sei es mässig und trinke sich
nicht zu Tode.« Alexander tat's, und sein Reich war hin. Kein Wunder, dass er
sich selbst erwürgte; vielmehr war es beinah ein Wunder, dass er, der sein Glück
längst nicht mehr hatte ertragen können, so lange lebte.
    9. Jetzt teilte sich das Reich, d. i. es zersprang eine ungeheure
Wasserblase: wo und wann ist es bei ähnlichen Umständen anders gewesen?
Alexanders Gebiet war noch von keiner Seite vereinigt, kaum noch in der Seele
des Überwinders selbst zu einem Ganzen verknüpfet. Die Pflanzstädte, die er hie
und da angelegt hatte, konnten ohne einen Beschützer, wie er war, sich in dieser
Jugend nicht decken, geschweige alle die Völker im Zaum halten, denen sie
aufgedrungen waren. Da Alexander nun so gut als ohne Erben starb, wie anders,
als dass die Raubvögel, die ihm in seinem Fluge siegreich beigestanden hatten,
jetzt für sich raubten? Sie zerhackten sich lange untereinander, bis jeder sein
Nest fand, eine erworbene Siegesbeute. Mit keinem Staat, der aus so ungeheuren,
schnellen Eroberungen entstand und nur auf des Eroberers Seele ruhte, ist es je
anders gegangen; die Natur der verschiednen Völker und Gegenden nimmt gar bald
ihre Rechte wieder, so dass es nur der Übermacht griechischer Kultur vor
barbarischen Völkern zuzuschreiben ist, dass viele zusammengezwungene Erdstriche
nicht eher zu ihrer alten Verfassung zurückkehrten. Partien, Baktra und die
Länder jenseit des Euphrats taten es zuerst; denn sie lagen dem Mittelpunkt
eines Reichs zu fern, das sich gegen Bergvölker von partischem Stamm mitnichten
schützen konnte. Hätten die Seleuciden, wie Alexander wollte, Babylon oder ihr
eignes Seleucia zu ihrer Wohnung gemacht, vielleicht wären sie ostwärts
mächtiger geblieben, aber auch vielleicht desto eher in entkräftende Üppigkeit
versunken. Ein gleiches war's mit den asiatischen Provinzen des tracischen
Reiches; sie bedienten sich des Rechts, dessen sich ihre Räuber bedient hatten,
und wurden, da die Kriegsgenossen Alexanders weichem Nachfolgern den Tron
einräumten, eigne Königreiche. In alle diesem sind die immer wiederkehrenden
Naturgesetze der politischen Weltgeschichte unverkennbar.
    10. Am längsten dauerten die Reiche, die zunächst um Griechenland lagen; ja
sie hätten länger dauern können, wenn der Zwist zwischen ihnen, vorzüglich aber
zwischen den Kartaginensern und Römern, nicht auch sie in jenen Ruin gezogen
hätte, der von der Monarchin Italiens nach und nach über alle Küsten des
Mittelländischen Meeres ausging. Hier trafen nun abgelebte, schwache Reiche in
einen zu ungleichen Glückskampf, vor welchem sie eine mässige Klugheit hätte
warnen mögen. Indessen hielt sich in ihnen von griechischer Kultur und Kunst,
was sich nach Beschaffenheit der Regenten und Zeiten halten konnte. Die
Wissenschaften in Ägypten blüheten als Gelehrsamkeit, weil sie nur als
Gelehrsamkeit eingeführt waren; wie Mumien waren sie im Museum oder in der
Bibliotek begraben. Die Kunst an den asiatischen Höfen ward üppige Pracht; die
Könige zu Pergamus und in Ägypten wetteiferten, Biblioteken zu sammlen: ein
Wetteifer, der der ganzen künftigen Literatur nützlich und schädlich wurde. Man
sammlete Bücher und verfälschte sie; ja mit dem Brande des Gesammleten ging
nachher eine ganze Welt alter Gelehrsamkeit auf einmal unter. Man sieht, dass
sich das Schicksal dieser Dinge nicht anders angenommen habe, als es sich aller
Dinge der Welt annimmt, die es dem klugen oder törichten, immer aber natürlichen
Verhalten der Menschen überliess. Wenn der Gelehrte um ein verlornes Buch des
Altertums weinet, um wieviel wichtigere Dinge müsste man weinen, die alle dem
Lauf des Schicksals unabänderlich folgten. Äusserst merkwürdig ist die Geschichte
der Nachfolger Alexanders, nicht nur weil in ihr soviel Ursachen zu dem, was
untergegangen oder erhalten ist, liegen, sondern auch als das traurige Muster
von Reichen, die sich auf fremden Erwerb sowohl der Länder als der
Wissenschaften, Künste und Kultur gründen.
    II. Dass Griechenland in diesem Zustande nie mehr zu seinem alten Glanz
gelangen mögen, bedarf wohl keines Erweises; die Zeit dieser Blüte war längst
vorüber. Zwar gaben sich manche eitle Regenten Mühe, der griechischen Freiheit
emporzuhelfen; es war aber eine Scheinmühe um eine Freiheit ohne Geist, um einen
Körper ohne Seele. An Vergötterung seiner Wohltäter liess es Aten nie fehlen,
und die Kunst sowohl als die Deklamation über Philosophie und Wissenschaften hat
sich in diesem Sitz der allgemeinen Kultur Europas, solange es möglich war,
erhalten; immer aber wechselten Glücksfälle mit Verwüstungen ab. Die kleinen
Staaten untereinander kannten weder Eintracht noch Grundsätze zu ihrer
Erhaltung, wenn sie gleich den Ätolischen Bund schlössen und den Achäischen Bund
erneuten. Weder Philopömens Klugheit noch Aratus' Rechtschaffenheit gaben
Griechenland seine alte Zeiten wieder. Wie die Sonne im Niedergange, von den
Dünsten des Horizonts umringt, eine grössere, romantische Gestalt hat, so hat's
die Staatskunst Griechenlandes in diesem Zeitpunkt; allein die Strahlen der
untergehenden Sonne erwärmen nicht mehr wie am Mittage, und die Staatskunst der
sterbenden Griechen blieb unkräftig. Die Römer kamen auf sie wie schmeichelnde
Tyrannen, Entscheider aller Zwistigkeiten des Erdstrichs zu ihrem eigenen
Besten, und schwerlich haben Barbaren je ärger verfahren, als Mummius in
Korint, Sulla in Aten, Ämilius in Macedonien verfuhren. Lange plünderten die
Römer, was in Griechenland geplündert werden konnte, bis sie es zuletzt ehrten,
wie man eine beraubte, getötete Leiche ehret. Sie besoldeten Schmeichler
daselbst und schickten ihre Söhne dahin, um auf den geweihten Fusstritten alter
Weisen unter Schwätzern und Kunstgrüblern zu studieren. Zuletzt kamen Goten,
Christen und Türken, die dem Reich der griechischen Götter, das sich lange
selbst überlebt hatte, ein völliges Ende machten. Sie sind gefallen, die grossen
Götter, Jupiter Olympius und Pallas Atene, der delphische Apoll und die
argische Juno: ihre Tempel sind Schutt, ihre Bildsäulen Steinhaufen, nach deren
Trümmern selbst man jetzo vergeblich spähet.230 Verschwunden sind sie von der
Erde, so dass man sich jetzt kaum mit Mühe denket, wie ihr Reich einst im Glauben
geblühet und bei den scharfsinnigsten Völkern so viele Wunder bewirkt habe.
Werden, da diese schönsten Idole der menschlichen Einbildungskraft gefallen
sind, auch die minder schönen wie sie fallen? Und wem werden sie Platz machen,
andern Idolen?
    12. Grossgriechenland halte in einem andern Gedränge zuletzt ein gleiches
Schicksal. Die blühendsten, volkreichsten Städte im schönsten Klima der Erde,
nach Gesetzen Zaleukus', Charondas', Diokles' errichtet und in Kultur,
Wissenschaft, Kunst und Handel den meisten Provinzen Griechenlandes zuvoreilend,
sie lagen zwar weder den Persern noch dem Philippus im Wege, erhielten sich also
zum Teil auch länger als ihre europäischen und asiatischen Schwestern; indessen
kam auch ihre Zeit des Schicksals. Mit Kartago und Rom in mancherlei Kriege
verflochten, unterlagen sie endlich und verderbten Rom durch ihre Sitten, wie
sie durch Roms Waffen verdarben. Beweinenswert liegen ihre schönen und grossen
Trümmer da, von Erdbeben und feuerspeienden Bergen, noch mehr aber von der Wut
der Menschen traurig verödet.231 Die Nymphe Partenope klagt, Siziliens Ceres
sucht ihre Tempel und findet kaum ihre goldenen Saaten wieder.
 
                                      VII
          Allgemeine Betrachtungen über die Geschichte Griechenlandes
    Wir haben die Geschichte dieses merkwürdigen Erdstrichs von mehreren Seiten
betrachtet, weil sie zur Philosophie der Geschichte gewissermassen ein einziges
Datum ist unter allen Völkern der Erde. Nicht nur sind die Griechen von der
Zumischung fremder Nationen befreit und in ihrer ganzen Bildung sich eigen
geblieben, sondern sie haben auch ihre Perioden so ganz durchlebt und von den
kleinsten Anfängen der Bildung die ganze Laufbahn derselben so vollständig
durchschritten als sonst kein andres Volk der Geschichte. Entweder sind die
Nationen des festen Landes bei den ersten Anfängen der Kultur stehengeblieben
und haben solche in Gesetzen und Gebräuchen unnatürlich verewigt, oder sie
wurden, ehe sie sich auslebten, eine Beute der Eroberung: die Blume ward
abgemähet, ehe sie zum Flor kam. Dagegen genoss Griechenland ganz seiner Zeiten;
es bildete an sich aus, was es ausbilden konnte, zu welcher Vollkommenheit ihm
abermals das Glück seiner Umstände half. Auf dem festen Lande wäre es gewiss bald
die Beute eines Eroberers worden, wie seine asiatischen Brüder; hätten Darius
und Xerxes ihre Absichten an ihm erreicht, so wäre keine Zeit des Perikles
erschienen. Oder hätte ein Despot über die Griechen geherrschet, er wäre nach
dem Geschmack aller Despoten bald selbst ein Eroberer worden und hätte, wie
Alexander es tat, mit dem Blut seiner Griechen ferne Flüsse gefärbet. Auswärtige
Völker wären in ihr Land gemischt, sie in auswärtigen Ländern sieghaft
umhergestreuet worden u. f. Gegen das alles schützte sie nun ihre mässige Macht,
selbst ihr eingeschränkter Handel, der sich nie über die Säulen Herkules' und
des Glückes hinausgewaget. Wie also der Naturlehrer seine Pflanze nur dann
vollständig betrachten kann, wenn er sie von ihrem Samen und Keim aus bis zur
Blüte und Abblüte kennet, so wäre uns die griechische Geschichte eine solche
Pflanze; schade nur, dass nach dem gewohnten Gange dieselbe bisher noch lange
nicht wie die römische ist bearbeitet worden. Meines Orts ist's jetzo, aus dem,
was gesagt worden, einige Gesichtspunkte auszuzeichnen, die aus diesem wichtigen
Beitrage für die gesamte Menschengeschichte dem Auge des Betrachters zunächst
vorliegen; und da wiederhole ich zuerst den grossen Grundsatz:
    Erstlich. Was im Reich der Menschheit nach dem Umfange gegebner National-,
Zeit- und Ortumstände geschehen kann, geschiehet in ihm wirklich; Griechenland
gibt hievon die reichsten und schönsten Erweise.
    In der physischen Natur zählen wir nie auf Wunder: wir bemerken Gesetze, die
wir allentalben gleich wirksam, unwandelbar und regelmässig finden; wie? und das
Reich der Menschheit mit seinen Kräften, Veränderungen und Leidenschaften sollte
sich dieser Naturkette entwinden? Setzet Sinesen nach Griechenland, und es wäre
unser Griechenland nie entstanden; setzet unsre Griechen dahin, wohin Darius die
gefangenen Eretrier führte, sie werden kein Sparta und Aten bilden. Betrachtet
Griechenland jetzt; ihr findet die alten Griechen, ja oft ihr Land nicht mehr.
Sprächen sie nicht noch einen Rest ihrer Sprache, sähet ihr nicht noch Trümmern
ihrer Denkart, ihrer Kunst, ihrer Städte oder wenigstens ihrer alten Flüsse und
Berge, so müsstet ihr glauben, das alte Griechenland sei euch als eine Insel der
Kalypso oder des Alkinous vorgedichtet worden. Wie nun diese neuern Griechen nur
durch die Zeitfolge in einer gegebenen Reihe von Ursachen und Wirkungen das
worden sind, was sie wurden, nicht minder jene alten, nicht minder jede Nation
der Erde. Die ganze Menschengeschichte ist eine reine Naturgeschichte
menschlicher Kräfte, Handlungen und Triebe nach Ort und Zeit.
    So einfach dieser Grundsatz ist, so aufklärend und nützlich wird er in
Behandlung der Geschichte der Völker. Jeder Geschichtforscher ist mit mir einig,
dass ein nutzloses Anstaunen und Lernen derselben den Namen der Geschichte nicht
verdiene; und ist dies, so muss bei jeder ihrer Erscheinungen, wie bei einer
Naturbegebenheit, der überlegende Verstand mit seiner ganzen Schärfe wirken. Im
Erzählen der Geschichte wird dieser also die grösseste Wahrheit, im Fassen und
Beurteilen den vollständigsten Zusammenhang suchen und nie eine Sache, die ist
oder geschieht, durch eine andre, die nicht ist, zu erklären streben. Mit diesem
strengen Grundsatz verschwinden alle Ideale, alle Phantome eines Zauberfeldes;
überall sucht man, rein zu sehen, was da ist, und sobald man dies sah, fällt
meistens auch die Ursache in die Augen, warum es nicht anders als also sein
konnte. Sobald das Gemüt an der Geschichte sich diese Gewohnheit eigen gemacht
hat, hat es den Weg der gesunderen Philosophie gefunden, den es ausser der
Naturgeschichte und Matematik schwerlich anderswo finden konnte.
    Eben dieser Philosophie zufolge werden wir uns also zuerst und vorzüglich
hüten, den Taterscheinungen der Geschichte verborgne einzelne Absichten eines
uns unbekannten Entwurfs der Dinge oder gar die magische Einwirkung unsichtbarer
Dämonen anzudichten, deren Namen man bei Naturerscheinungen auch nur zu nennen
sich nicht getraute. Das Schicksal offenbart seine Absichten durch das, was
geschieht und wie es geschiehet; also entwickelt der Betrachter der Geschichte
diese Absichten bloss aus dem, was da ist und sich in seinem ganzen Umfange
zeigt. Warum waren die aufgeklärten Griechen in der Welt? Weil sie da waren und
unter solchen Umständen nicht anders als aufgeklärte Griechen sein konnten.
Warum zog Alexander nach Indien? Weil er Philipps Sohn Alexander war und nach
den Anstalten seines Vaters, nach den Taten seiner Nation, nach seinem Alter und
Charakter, nach seinem Lesen Homers u. f. nichts Bessers zu tun wusste. Legten
wir seinem raschen Entschluss verborgene Absichten einer höheren Macht und seinen
kühnen Taten eine eigne Glücksgöttin unter, so liefen wir Gefahr, dort seine
schwärzesten Unbesonnenheiten zu göttlichen Endzwecken zu machen, hier seinen
persönlichen Mut und seine Kriegsklugheit zu schmälern, überall aber der ganzen
Begebenheit ihre natürliche Gestalt zu rauben. Wer in der Naturgeschichte den
Feenglauben hätte, dass unsichtbare Geister die Rose schminken oder den silbernen
Tau in ihren Kelch tröpfeln; wer den Glauben hätte, dass kleine Lichtgeister den
Leib des Nachtwurms zu ihrer Hülle nehmen oder auf dem Schweif des Pfauen
spielen, der mag ein sinnreicher Dichter sein, nie wird er als Natur- oder als
Geschichtforscher glänzen. Geschichte ist die Wissenschaft dessen, was da ist,
nicht dessen, was nach geheimen Absichten des Schicksals etwa wohl sein könnte.
    Zweitens. Was von einem Volk gilt, gilt auch von der Verbindung mehrerer
Völker untereinander: sie stehen zusammen, wie Zeit und Ort sie band; sie wirken
aufeinander, wie der Zusammenhang lebendiger Kräfte es bewirkte.
    Auf die Griechen haben Asiaten und sie auf jene zurückgewirket. Römer,
Goten, Türken, Christen übermanneten sie, und Römer, Goten, Christen haben von
ihnen mancherlei Mittel der Aufklärung erhalten; wie hangen diese Dinge
zusammen? Durch Ort, Zeit und die natürliche Wirkung lebendiger Kräfte. Die
Phönicier brachten ihnen Buchstaben; sie hatten aber diese Buchstaben nicht für
sie erfunden; sie brachten ihnen solche, weil sie eine Kolonie zu ihnen
schickten. So war's mit den Hellenen und Ägyptern, so mit den Griechen, da sie
gen Baktra zogen; so ist's mit allen Geschenken der Muse, die wir von ihnen
erhielten. Homer sang, aber nicht für uns; nur weil er zu uns kam, haben wir ihn
und dürfen von ihm lernen. Hätte ihn uns ein Umstand der Zeitenfolge geraubt,
wie soviel andre vortreffliche Werke; wer wollte mit der Absicht eines geheimen
Schicksals rechten, wenn er die natürlichen Ursachen seines Unterganges vor sich
sieht? Man gehe die verlornen und erhaltenen Schriften, die verschwundenen und
übriggebliebenen Werke der Kunst samt den Nachrichten über ihre Erhaltung und
Zerstörung durch und wage es, die Regel anzuzeigen, nach welcher in einzelnen
Fällen das Schicksal erhielt oder zerstörte. Aristoteles ward in einem Exemplar
unter der Erde, andre Schriften als verworfne Pergamente in Kellern und Kisten,
der Spötter Aristophanes unter dem Kopfkissen des H. Chrysostomus erhalten,
damit dieser aus ihm predigen lernte; und so sind die verworfensten kleinsten
Wege gerade diejenigen gewesen, von denen unsre ganze Aufklärung abhing. Nun ist
unsre Aufklärung unstreitig ein grosses Ding in der Weltgeschichte: sie hat fast
alle Völker in Aufruhr gebracht und legt jetzt mit Herschel die Milchstrassen des
Himmels wie Strata auseinander. Und dennoch von welchen kleinen Umständen hing
sie ab, die uns das Glas und einige Bücher brachten, so dass wir ohne diese
Kleinigkeiten vielleicht noch wie unsere alten Brüder, die unsterblichen
Scyten, mit Weibern und Kindern auf Wagenhäusern führen. Hätte die Reihe der
Begebenheiten es gewollt, dass wir statt griechischer mongolische Buchstaben
erhalten sollten, so schrieben wir jetzt mongolisch, und die Erde ging deshalb
mit ihren Jahren und Jahrszeiten ihren grossen Gang fort, eine Ernährerin alles
dessen, was nach göttlichen Naturgesetzen auf ihr lebet und wirket.
    Drittens. Die Kultur eines Volks ist die Blüte seines Daseins, mit welcher
es sich zwar angenehm, aber hinfällig offenbaret.
    Wie der Mensch, der auf die Welt kommt, nichts weiss; er muss, was er wissen
will, lernen: so lernt ein rohes Volk durch Übung für sich oder durch Umgang von
andern. Nun hat aber jede Art der menschlichen Kenntnisse ihren eignen Kreis, d.
i. ihre Natur, Zeit, Stelle und Lebensperiode; die griechische Kultur z.B.
erwuchs nach Zeiten, Orten und Gegenständen und sank mit denselben. Einige
Künste und die Dichtkunst gingen der Philosophie zuvor: wo die Kunst oder die
Rednerei blühte, durfte nicht eben auch die Kriegskunst oder die patriotische
Tugend blühen; die Redner Atens bewiesen ihren grössesten Entusiasmus, da es
mit dem Staat zu Ende ging und seine Redlichkeit hin war.
    Aber das haben alle Gattungen menschlicher Aufklärung gemein, dass jede zu
einem Punkt der Vollkommenheit strebet, der, wenn er durch einen Zusammenhang
glücklicher Umstände hier oder dort erreicht ist, sich weder ewig erhalten noch
auf der Stelle wiederkommen kann, sondern eine abnehmende Reihe anfängt. Jedes
vollkommenste Werk nämlich, sofern man von Menschen Vollkommenheit fodern kann,
ist ein Höchstes in seiner Art; hinter ihm sind also bloss Nachahmungen oder
unglückliche Bestrebungen, es übertreffen zu wollen, möglich. Als Homer gesungen
hatte, war in seiner Gattung kein zweiter Homer denkbar; jener hatte die Blüte
des epischen Kranzes gepflückt, und wer auf ihn folgte, musste sich mit einzelnen
Blättern begnügen. Die griechischen Trauerspieldichter wählten sich also eine
andre Laufbahn; sie assen, wie Äschylus sagt, vom Tisch Homers, bereiteten aber
für ihr Zeitalter ein anderes Gastmahl. Auch ihre Periode ging vorüber: die
Gegenstände des Trauerspiels erschöpften sich und konnten von den Nachfolgern,
der grössesten Dichter nur verändert, d. i. in einer schlechtem Form gegeben
werden, weil die bessere, die höchstschöne Form des griechischen Drama mit jenen
Mustern schon gegeben war. Trotz aller seiner Moral konnte Euripides nicht mehr
an Sophokles reichen, geschweige, dass er ihn im Wesen seiner Kunst zu
übertreffen vermocht hätte, und der kluge Aristophanes wählte daher eine andre
Laufbahn. So war's mit allen Gattungen der griechischen Kunst und wird unter
allen Völkern also bleiben; ja dass die Griechen in ihren schönern Zeiten dieses
Naturgesetz einsahn und ein Höchstes durch ein noch Höheres nicht zu überstreben
suchten, das eben machte ihren Geschmack so sicher und die Ausbildung desselben
so mannigfaltig. Als Phidias seinen allmächtigen Jupiter erschaffen hatte, war
kein höherer Jupiter möglich; wohl aber konnte das Ideal desselben auch auf
andere Götter seines Geschlechts angewandt werden, und so erschuf man jedem Gott
seinen Charakter: die ganze Provinz der Kunst ward bepflanzet.
    Arm und klein wäre es also, wenn wir unsre Liebe zu irgendeinem Gegenstande
menschlicher Kultur der allwaltenden Vorsehung als Regel vorzeichnen wollten, um
dem Augenblick, in welchem er allein Platz gewinnen konnte, eine unnatürliche
Ewigkeit zu geben. Es hiesse diese Bitte nichts anders, als das Wesen der Zeit zu
vernichten und die ganze Natur der Endlichkeit zu zerstören. Unsere Jugend kommt
nicht wieder; mitin auch nie die Wirkung unsrer Seelenkräfte wie sie dann und
dort war. Eben dass die Blume erschien, zeigt, dass sie verblühen werde; von der
Wurzel aus hat sie die Kräfte der Pflanze in sich gezogen, und wenn sie stirbt,
stirbt die Pflanze ihr nach. Unglücklich wäre es gewesen, wenn die Zeit, die
einen Perikles und Sokrates hervorbrachte, nur ein Moment länger hätte dauern
sollen, als ihr die Kette der Umstände Dauer bestimmte; es war für Aten ein
gefährlicher, unerträglicher Zeitpunkt. Ebenso eingeschränkt wäre es, wenn die
Mytologie Homers in den Gemütern der Menschen ewig dauern, die Götter der
Griechen ewig herrschen, ihre Demostene ewig donnern sollen u. f. Jede Pflanze
der Natur muss verblühen; aber die verblühete Pflanze streut ihren Samen weiter,
und dadurch erneuet sich die lebendige Schöpfung, Shakespeare war kein
Sophokles, Milton kein Homer, Bolingbroke kein Perikles; sie waren aber das in
ihrer Art und auf ihrer Stelle, was jene in der ihrigen waren. Jeder strebe also
auf seinem Platz, zu sein, was er in der Folge der Dinge sein kann; dies soll er
auch sein, und ein andres ist für ihn nicht möglich.
    Viertens. Die Gesundheit und Dauer eines Staats beruhet nicht auf dem Punkt
seiner höchsten Kultur, sondern auf einem weisere oder glücklichen Gleichgewicht
seiner lebendig wirkenden Kräfte. Je tiefer bei diesem lebendigen Streben sein
Schwerpunkt liegt, desto fester und dauernder ist er.
    Worauf rechneten jene alten Einrichter der Staaten? Weder auf träge Ruhe
noch auf ein Äusserstes der Bewegung; wohl aber auf Ordnung und eine richtige
Verteilung der nie schlafenden, immer erweckten Kräfte. Das Principium dieser
Weisen war eine der Natur abgelernte echte Menschenweisheit. Jedesmal, da ein
Staat auf seine Spitze gestellt ward, gesetzt, dass es auch vom glänzendsten Mann
unter dem blendendsten Vorwande geschehen wäre, geriet er in Gefahr des
Unterganges und kam zu seiner vorigen Gestalt nur durch eine glückliche Gewalt
wieder. So stand Griechenland gegen die Perser auf einer fürchterlichen Spitze;
so strebten Aten, Lacedämon und Teben zuletzt mit äusserster Anstrengung
gegeneinander, welches dem ganzen Griechenlande den Verlust der Freiheit zuzog.
Gleichergestalt stellte Alexander mit seinen glänzenden Siegen das ganze Gebäude
seines Staats auf eine Kegelspitze; er starb, der Kegel fiel und zerschellte.
Wie gefährlich Alcibiades und Perikles für Aten gewesen, beweiset ihre
Geschichte; ob es gleich ebenso wahr ist, dass Zeitpunkte dieser Art, zumal wenn
sie bald und glücklich ausgehen, seltene Wirkungen zum Vorschein bringen und
unglaubliche Kräfte regen. Alles Glänzende Griechenlandes ist durch die rege
Wirksamkeit vieler Staaten und lebendiger Kräfte, alles Daurende und Gesunde
seines Geschmacks und seiner Verfassung dagegen ist nur durch ein weises,
glückliches Gleichgewicht seiner strebenden Kräfte bewirkt worden. Jedesmal war
das Glück seiner Einrichtungen um so dauernder und edler, je mehr es sich auf
Humanität, d. i. auf Vernunft und Billigkeit, stützte. Hier nun böte sich uns
ein weites Feld der Betrachtungen über die Verfassung Griechenlands dar, was es
mit seinen Erfindungen und Anstalten sowohl für die Glückseligkeit seiner Bürger
als für die gesamte Menschheit geleistet habe. Hiezu aber ist's noch zu früh.
Wir müssen erst mehrere Zeitverbindungen und Völker durchschauen, ehe wir
hierüber zu sichern Resultaten schreiten.
 
                                Vierzehntes Buch
    Wir nähern uns der Küste, die den meisten bisher betrachteten Staaten ihren
oft schrecklichen Untergang gebracht hat: denn von Rom aus ergoss sich wie eine
wachsende Flut das Verderben über die Staaten Grossgriechenlandes, über
Griechenland selbst und über alle Reiche, die von den Trümmern des Trons
Alexanders erbauet waren. Rom zerstörte Kartago, Korint, Jerusalem und viel'
andre blühende Städte der griechischen und asiatischen Welt, so wie es auch in
Europa jeder mittäglichen Kultur, an welche seine Waffen reichten, insonderheit
seiner Nachbarin Etrurien und dem mutvollen Numantia, ein trauriges Ende gemacht
hat. Es ruhete nicht, bis es vom westlichen Meer bis zum Euphrat, vom Rhein bis
zum Atlas eine Welt von Völkern beherrschte, zuletzt aber auch über die vom
Schicksal ihm bezeichnete Linie hinausbrach und nicht nur durch den tapfern
Widerstand nördlicher oder Bergvölker sein Ziel, sondern auch durch innere
Üppigkeit und Zwietracht, durch den grausamen Stolz seiner Beherrscher, durch
die fürchterliche Soldatenregierung, endlich durch die Wut roher Völker, die wie
Wogen des Meers hinanstürzten, sein unglückliches Ende fand. Nie ist das
Schicksal der Völker länger und mächtiger an eine Stadt geknüpft gewesen als
unter der römischen Weltbeherrschung, und wie sich bei derselben auf einer Seite
alle Stärke des menschlichen Muts und Entschlusses, mehr aber noch viel
kriegerische und politische Weisheit entwickelt hat, so sind auch auf der andern
Seite in diesem grossen Spiel Härtigkeiten und Laster erschienen, vor denen die
menschliche Natur zurückschaudern wird, solange sie einen Punkt ihrer Rechte
fühlet. Wunderbarerweise ist dies Rom der steile, fürchterliche Übergang zur
ganzen Kultur Europas worden, indem sich in seinen Trümmern nicht nur die
geplünderten Schätze aller Weisheit und Kunst einiger alten Staaten in traurigen
Resten gerettet haben, sondern auch durch eine sonderbare Verwandlung die
Sprache Roms das Werkzeug ward, durch welches man alle jene Schätze der ältern
Welt brauchen lernet. Noch jetzt wird uns von Jugend auf die lateinische Sprache
das Mittel einer gelehrteren Bildung, und wir, die wir so wenig römischen Sinnes
und Geistes haben, sind bestimmt, römische Weltverwüster eher kennenzulernen als
die sanftem Sitten milderer Völker oder die Grundsätze der Glückseligkeit unsrer
Staaten. Marius und Sulla, Cäsar und Octavius sind unsre frühere Bekannten als
die Weisheit Sokrates' oder die Einrichtungen unsrer Väter. Auch hat die
römische Geschichte, weil an ihrer Sprache die Kultur Europas hing, sowohl
politische als gelehrte Erläuterungen erhalten, deren sich fast keine Geschichte
der Welt rühmen darf; denn die grössesten Geister, die über Geschichte dachten,
dachten über sie und entwickelten über römischen Grundsätzen und Taten ihre
eignen Gedanken. Wir gehen also auf dem blutbetrieften Boden der römischen
Pracht zugleich wie in einem Heiligtum klassischer Gelehrsamkeit und alter
überbliebner Kunstwerke umher, wo uns bei jedem Schritt ein neuer Gegenstand an
versunkne Schätze einer alten, nie wiederkehrenden Welterrlichkeit erinnert.
Die Fasces der Überwinder, die einst unschuldige Nationen züchtigten, betrachten
wir als Sprösslinge einer hochherrlichen Kultur, die durch traurige Zufälle auch
unter uns gepflanzt worden. Ehe wir aber die Weltüberwinderin selbst
kennenlernen, müssen wir zuvor der Humanität ein Opfer bringen und wenigstens
den Blick des Bedauerns auf ein nachbarliches Volk werfen, das zur früheren
Bildung Roms das meiste beitrug, leider aber auch seinen Eroberungen zu nahe lag
und ein trauriges Ende erlebte.
 
                                       I
                             Etrusker und Lateiner
    Schon ihrer Lage nach war die hervorgestreckte Halbinsel Italien einer Menge
verschiedener Ankömmlinge und Bewohner fähig. Da sie im obern Teil mit dem
grossen festen Lande zusammenhängt, das von Spanien und Gallien aus, über
Illyrien hin, sich bis zum Schwarzen Meer, der grossen Wegscheide der Völker,
verbreitet und längs dem Meer hin gerade den Küsten Illyriens und Griechenlandes
gegenüberliegt, so war's unvermeidlich, dass nicht in jenen Zeiten uralter
Völkerwanderungen auch verschiedne Stämme verschiedner Nationen längsab dahin
gelangen mussten. Oberhalb waren einige von ihnen iberischen, andre gallischen
Stammes; hinunterwärts wohnten Ausonier, deren höheren Ursprung man nicht weiss;
und da sich mit den meisten dieser Völker Pelasger und späterhin Griechen, ja
vielleicht selbst Trojaner, und jene aus verschiednen Gegenden zu verschiednen
Zeiten vermischt haben, so kann man schon dieser merkwürdigen Ankömmlinge wegen
Italien als ein Treibhaus ansehn, in welchem früher oder später etwas
Merkwürdiges hervorspriessen musste. Viele dieser Völker kamen nämlich nicht
ungebildet hieher: die pelasgischen Stämme hatten, ihre Buchstaben, ihre
Religion und Fabel; manche Iberier, die dem phönicischen Handel nahe gewohnt
hatten, vielleicht auch; es kam also nur darauf an, auf welcher Stelle und in
welcher Weise die einländische Blüte sich hervortun würde.
    Sie sprosste bei den Etruskern auf, die, woher sie auch gewesen sein mögen,
eins der frühesten und eigentümlichsten Völker im Geschmack und in der Kultur
wurden. Auf Eroberungen ging nicht ihr Sinn, aber auf Anlagen, Einrichtungen,
Handel, Kunst und Schiffahrt, zu welcher ihnen die Küsten dieses Landes sehr
bequem waren. Fast in ganz Italien bis nach Kampanien hin haben sie Pflanzstädte
angelegt, Künste eingeführt und Handel getrieben, so dass eine Reihe der
berühmtesten Städte dieses Landes ihnen ihren Ursprung verdanket.232 Ihre
bürgerliche Einrichtung, in welcher sie den Römern selbst zum Vorbilde dienten,
hebt sich hoch über die Verfassung der Barbaren empor und hat zugleich so ganz
das Gepräge eines europäischen Geistes, dass sie gewiss von keinem asiatisch- oder
afrikanischen Volk entlehnt sein konnte. Nahe noch vor den Zeiten ihres
Unterganges war Etrurien eine Gemeinrepublik von zwölf Stämmen, nach Grundsätzen
vereinigt, die in Griechenland selbst weit später und nur durch die äusserste Not
erzwungen wurden. Kein einzelner Staat durfte ohne Teilnehmung des gesamten
Ganzen Krieg anfangen oder Frieden schliessen; der Krieg selbst war von ihnen
schon zu einer Kunst gemacht, da sie zu Zeichen des Angriffes, des Abzuges, des
Marsches, des Fechtens in geschlossnen Gliedern die Kriegstrompete, die leichten
Spiesse, das Pilum u. f. erfunden hatten oder gebrauchten. Mit dem feierlichen
Rechte der Herolde, das sie einführten, beobachteten sie eine Art Krieges- und
Völkerrechts; wie denn auch die Augurien und mehrere Gebräuche ihrer Religion,
die uns bloss Aberglaube dünken, offenbar zugleich Werkzeuge ihrer
Staatseinrichtung waren, durch welche sie in Italien als das erste Volk
erscheinen, das die Religion kunstmässig mit dem Staat zu verbinden suchte. In
alle diesem hat Rom fast alles von ihnen gelernt, und wenn Einrichtungen solcher
Art unleugbar zur Festigkeit und Grösse der römischen Macht beitrugen, so sind
die Römer den Etruskern hierin das meiste schuldig. Auch die Schiffahrt trieb
dieses Volk frühe schon als wirkliche Kunst und herrschte in Kolonien oder durch
Handel längs der italienischen Küste. Sie verstanden die Befestigungs- und
Baukunst; die toskanische Säule, älter als selbst die dorische der Griechen, hat
von ihnen den Namen und ist von keinem fremden Volk entlehnet. Sie liebten das
Wettrennen auf Wagen, Teaterspiele, die Musik, ja auch die Dichtkunst und
hatten, wie ihre Kunstdenkmale zeigen, die pelasgische Fabel sich sehr eigen
zugebildet. Jene Trümmern und Scherben ihrer Kunst, die uns meistens nur das
rettende Totenreich aufbewahrt hat, zeigen, dass sie von den rohesten Anfängen
ausgegangen sind und auch nachher, in der Bekanntschaft mehrerer Völker, selbst
der Griechen, ihrer eigentümlichen Denkart treu zu bleiben wussten. Sie haben
wirklich einen eignen Stil der Kunst233 und haben diesen, wie den Gebrauch ihrer
Religionssagen, bis über das Ende ihrer Freiheit behauptet.234 So scheinen sie
auch in guten bürgerlichen Gesetzen für beide Geschlechter, in Anstalten für den
Acker- und Weinbau, für die innere Sicherheit des Handels, für die Aufnahme der
Fremden u. f. den Rechten der Menschheit nähergekommen zu sein, als selbst
späterhin manche griechische Republiken kamen; und da ihr Alphabet der nähere
Typus aller europäischen Alphabete geworden ist, so dürfen wir Etrurien als die
zweite Pflanzstätte der Kultur unsres Weltteils ansehen. Um so mehr ist's zu
bedauern, dass wir von den Bestrebungen dieses kunstreichen, gesitteten Volks so
wenige Denkmale und Nachrichten haben; denn selbst die nähere Geschichte ihres
Unterganges hat uns ein feindlicher Zufall geraubet.
    Woher nun diese etruskische Blüte? Woher, dass sie nicht zur griechischen
Schönheit stieg und vor dem Gipfel ihrer Vollkommenheit verblühte? Sowenig wir
von den Etruskern wissen, so sehen wir doch auch bei ihnen das grosse Naturwerk
in Bildung der Nationen, das sich nach innern Kräften und äussern Verbindungen
mit Ort und Zeit gleichsam selbst umschreibet. Ein europäisches Volk waren sie,
schon weiter entfernt vom altbewohnten Asien, jener Mutter der früheren Bildung.
Auch die pelasgischen Stämme kamen als halbverwilderte Wanderer an diese oder
jene italienische Küste, da Griechenland hingegen dem Zusammenstrom gebildeter
Nationen wie im Mittelpunkt lag. Hier drängeten sich mehrere Völker zusammen, so
dass auch die etruskische Sprache ein Gemisch mehrerer Sprachen scheinet235, dem
vielbewohnten Italien war also die Blüte der Bildung aus einem reinen Keime
versagt. Schon dass der Apennin voll roher Bergvölker mitten durch Italien
streichet, liess jene Einförmigkeit eines Reiches oder Nationalgeschmacks nicht
zu, auf welche sich doch allein die feste Dauer einer allgemeinen Landeskultur
gründet. Auch in spätem Zeiten hat kein Land den Römern mehr Mühe gekostet als
Italien selbst, und sobald ihre Herrschaft dahin war, ging es abermals in seinen
natürlichen Zustand der mannigfaltigsten Teilung über. Die Lage seiner Länder
nach Gebürg' und Küsten sowie auch der verschiedne Stammescharakter seiner
Bewohner machte diese Teilung natürlich denn noch jetzt, da die politische
Gewalt alles unter ein Haupt zu bringen oder an eine Kette zu reihen sucht, ist
unter allen Ländern Europas Italien das vielgeteilteste Land geblieben. Auch die
Etrusker also wurden bald von mehreren Völkern bedränget; und da sie mehr ein
handelndes als ein kriegerisches Volk waren, so musste selbst ihre gebildetere
Kriegskunst beinahe jedem neuen Anfall wilderer Nationen weichen. Durch die
Gallier verloren sie ihre Plätze in Oberitalien und wurden ins eigentliche
Etrurien eingeschränkt; späterhin gingen ihre Pflanzstädte in Kampanien an die
Samniten über. Als ein kunstliebendes, handelndes Volk mussten sie roheren
Nationen gar bald unterliegen; denn Künste sowohl als der Handel führen
Üppigkeit mit sich, von der ihre Kolonien an den schönsten Küsten Italiens nicht
frei waren. Endlich gerieten die Römer über sie, denen sie unglücklicherweise zu
nahe lagen, denen also auch, trotz alles rühmlichen Widerstandes, weder ihre
Kultur noch ihr Staatenbund ewig widerstehen mochte. Durch jene waren sie zum
Teil schon ermattet, indes Rom noch ein hartes kriegerisches Volk war; ihre
Staatenverbündung konnte ihnen auch wenig Nutzen schaffen, da die Römer sie zu
trennen wussten und mit einzelnen Staaten fochten. Einzeln also bezwangen sie
dieselbe, nicht ohne vieljährige Mühe, da von der andern Seite auch die Gallier
oft in Etrurien streiften. Das bedrängte Volk, von zwei mächtigen Feinden
begrenzet, erlag also dem, der seine Unterjochung mit dem festesten Plan
fortsetzte, und dies waren die Römer. Seit der Aufnahme des stolzen Tarquins in
Etrurien und seit dem Glück des Porsenna sahen sie diesen Staat als ihren
gefährlichsten Nachbar an; denn Demütigungen, wie Rom vom Porsenna erfahren
hatte, konnte es nie vergeben. Daher es kein Wunder war, wenn einem rohen Volk
ein beinah erschlafftes, einem kriegerischen ein handelndes, einer
festvereinigten Stadt ein uneiniges Staatenbündnis zuletzt unterliegen musste.
Wenn Rom nicht zerstören sollte, so musste es frühe zerstört werden; und da
solches der gute Porsenna nicht tat, so ward sein Land endlich des verschonten
Feindes Beute.
    Dass also die Etrusker auch in ihrem Kunststil nie völlige Griechen worden
sind, erklärt sich aus der Lage und Zeit, in welcher sie blühten. Ihre
Dichterfabel war bloss die ältere, schwere griechische Fabel, in welche sie
dennoch bis zur Bewunderung Leben und Bewegung brachten; die Gegenstände, die
sie in der Kunst ausdrückten, scheinen auf wenige gottesdienstliche oder
bürgerliche Feierlichkeiten eingeschränkt gewesen zu sein, deren Schlüssel wir
im einzelnen beinah ganz verloren haben, überdem kennen wir dies Volk fast nur
aus Leichenbegängnissen, Särgen und Totentöpfen. Die schönste Zeit der
griechischen Kunst, die durch den Sieg der Perser bewirkt ward, erlebte die
Freiheit der Etrusker nicht, und für sich selbst hatte ihnen ihre Lage
dergleichen Anlässe zum höheren Aufschwunge des Geistes und Ruhms versaget. Also
müssen wir sie wie eine frühgereifte Frucht betrachten, die in einer Ecke des
Gartens nicht ganz zur Süssigkeit ihrer Mitschwestern, die sich des milderen
Glanzes der Sonnenwärme erfreun, gelangen konnte. Das Schicksal hatte den Ufern
des Arno eine spätere Zeit vorbehalten, in der sie reifere und schönere Früchte
brächten.
    
    Vorjetzt waren die sumpfigen Ufer der Tiber zu dem Wirkungskreise bestimmt,
der sich über drei Weltteile erstrecken sollte, und auch dazu schreiben sich die
Anlagen lange noch vor der Entstehung Roms aus ältern Zeitumständen her. In
dieser Gegend nämlich war's, wo der Sage nach Evander, ja Herkules selbst mit
seinen Griechen, Äneas mit seinen Trojanern gelandet hatte; hier im Mittelpunkt
Italiens war Pallantium erbaut, das Reich der Lateiner mit Alba longa errichtet;
hier war also eine Niederlage früherer Kultur, so dass einige sogar ein Rom vor
Rom angenommen und die neue Stadt auf Trümmern einer älteren zu finden vermeint
haben. Das letzte ist ohne Grund, da Rom wahrscheinlich eine Kolonie von Alba
longa unter der Anführung zweier glücklicher Abenteurer war; denn unter andern
Umständen würde man diese traurige Gegend schwerlich gewählt haben. Lasset uns
indessen sehen, was eben in ihr Rom gleich von Anfange an vor und um sich hatte,
um, sobald es den Brüsten der Wölfin entkam, sich zum Kampf und zum Raube zu
üben.
    Lauter kleine Völker wohnten rings um dasselbe; daher es bald in den Fall
kam, nicht nur seinen Unterhalt, sondern selbst seinen Platz sich zu erstreiten.
Die frühen Fehden mit den Cäninensern, Crustuminern, Antemnaten, den Sabinern,
Camerinern, Fidenaten, Vejentern u. f. sind bekannt; sie machten das kaum
entstandene Rom, das auf der Grenze der verschiedensten Völker gebauet war, von
Anfange an gleichsam zu einem stehenden Feldlager und gewöhnten den Feldherren
sowohl als den Senat, die Ritter und das Volk zu Triumphaufzügen über beraubte
Völker. Diese Triumphaufzüge, die Rom von den benachbarten Etruskern annahm,
wurden dem länderarmen, dürftigen, aber volkreichen und kriegerischen Staat die
grosse Lockspeise zu auswärtigen Befehdungen und Streifereien. Vergebens bauete
der friedliche Numa den Tempel des Janus und der Göttin Fides; vergebens stellte
er Grenzgötter auf und feierte Grenzteste. Nur in seinen Lebzeiten dauerte diese
friedliche Einrichtung; denn das durch die dreissigjährigen Siege seines ersten
Beherrschers zum Raube gewöhnte Rom glaubte auch seinen Jupiter nicht besser
ehren zu können, als wenn es ihm Beute brächte. Ein neuer Kriegsgeist folgte dem
billigen Gesetzgeber, und Tullus Hostilius bekriegte schon die Mutter seiner
Stadt selbst, Alba longa. Er schleifte sie und versetzte die Albaner nach Rom;
so bezwangen er und seine Nachfolger die Fidenaten, Sabiner, zuletzt alle
lateinische Städte und gingen auf die Etrusker. Alle das wäre von selbst
unterblieben, wenn Rom an einem andern Ort gebauet oder von einem mächtigen
Nachbar früh unterdrückt worden wäre. Jetzt drang es als eine lateinische Stadt
sich gar bald dem Bunde der lateinischen Städte zum Oberhaupt auf und verschlang
zuletzt die Lateiner; es mischte sich mit den Sabinern, bis es auch sie
unterjochte; es lernte von den Etruskern, bis es sie unter sich brachte, und so
nahm es Besitz von seiner dreifachen Grenze.
    Allerdings ward zu diesen frühen Unternehmungen der Charakter solcher Könige
erfodert, als Rom hatte, insonderheit der Charakter ihres ersten Königs. Dieser,
den auch ohne Fabel die Milch einer Wölfin genährt hatte: offenbar war er ein
mutiger, kluger, kühner Abenteurer, wie es auch seine ersten Gesetze und
Einrichtungen sagen. Schon Numa milderte einige derselben, ein deutliches
Kennzeichen, dass es nicht in der Zeit, sondern in der Person lag, die solche
Gesetze gegeben. Denn wie roh der Heldengeist der frühem Römer überhaupt
gewesen, zeigt so manche Geschichte eines Horatius Cocles, Junius Brutus, Mucius
Scävola, das Betragen einer Tullia, Tarquins u. f. Glücklich war's also für
diesen räuberischen Staat, dass in der Reihe seiner Könige rohe Tapferkeit sich
mit politischer Klugheit, beide aber mit patriotischer Grossmut mischten;
glücklich, dass auf den Romulus ein Numa, auf diesen ein Tullus, Ancus, nach
solchen abermals ein Tarquin und auf ihn Servius folgte, den nur persönliche
Verdienste vom Stande eines Sklaven bis zum Tron hinauf führen konnten.
Glücklich endlich, dass diese Könige, von so verschiednen Eigenschaften, lange
regierten, dass also jeder derselben Zeit hatte, die Zugabe seines Geistes in Rom
zu sichern, bis endlich ein frecher Tarquinius kam und die festgegründete Stadt
sich eine andre Regierungsform wählte. Eine auserlesene, immer verjüngte Reihe
von Kriegsmännern und rohen Patrioten trat jetzo auf, die auch ihre Triumphe
jährlich zu verjüngen und ihren Patriotismus auf tausendfache Art zu wenden und
zu stählen suchten. Wollte man einen politischen Roman erfinden, wie ein Rom
etwa habe entstehen mögen, so wird man schwerlich glücklichere Umstände
erdenken, als hier die Geschichte oder die Fabel uns wirklich gibt.236 Rhea
Silvia und das Schicksal ihrer Söhne, der Raub der Sabinerinnen und die
Vergötterung des Quirinus, jedes Abenteuer von roher Gestalt in Kriegen und
Siegen, zuletzt ein Tarquin und eine Lukrezia, ein Junius Brutus, Poblicola,
Mucius Scävola u. f. gehören dazu, um in der Anlage Roms selbst schon eine ganze
Reihe künftiger Erfolge zu malen, über keine Geschichte ist daher leichter zu
philosophieren gewesen als über die römische Geschichte, weil der politische
Geist ihrer Geschichtschreiber uns im Laut der Begebenheiten und Taten die Kette
der Ursachen und Wirkungen selbst vorführet.
 
                                       II
       Roms Einrichtungen zu einem herrschenden Staats-und Kriegsgebäude
    Romulus zählte sein Volk und teilte es in Zünfte, Kurien und Zenturien; er
überschlug die Äcker und verteilte sie dem Gottesdienst, dem Staat und dem
Volke. Das Volk sonderte er in Edle und Bürger; aus jenen schuf er den Senat und
verband mit den ersten Ämtern des Staats auch die Heiligkeit priesterlicher
Gebräuche. Ein Trupp von Rittern wurde gewählt, die in den spätem Zeiten eine
Art Mittelstandes zwischen dem Senat und Volk ausmachten, so wie auch diese
beiden Hauptstände durch Patrone und Klienten näher miteinander verknüpft
wurden. Von den Etruskern nahm Romulus die Liktors mit Stäben und Beil, ein
furchtbares Zeichen der Obergewalt, welches künftig jede höchste Obrigkeit in
ihrem Kreise von Geschäften, nicht ohne Unterschiede, mit sich führte. Er schloss
fremde Götter aus, um Rom seinen eigenen Schutzgott zu sichern; er führte die
Augurien und andre Wahrsagungen ein, die Religion des Volks mit den Geschäften
des Krieges und Staats innig verwebend. Er bestimmte das Verhältnis des Weibes
zum Manne, des Vaters zu seinen Kindern, richtete die Stadt ein, feierte
Triumphe, ward endlich erschlagen und als ein Gott angebetet. Siehe da die
einfachen Punkte, um welche sich nachher das Rad der römischen Begebenheiten
unaufhörlich wälzet. Denn wenn nun mit der Zeit die Klassen des Volts vermehrt,
verändert oder einander entgegengesetzt werden; wenn bittre Streitigkeiten
entstehen, was für die Klassen, oder Zünfte des Volks und für welche derselben
es zuerst gehöre; wenn Unruhen über die wachsende Schuldenlast der Bürger und
die Bedrückungen der Reichen sich erheben, also auch so manche Vorschläge zur
Erleichterung des Volks durch Zunftmeister, Verteilung der Äcker oder die
Rechtspflege durch einen mittlern, den Ritterstand, getan werden; wenn
Streitigkeiten über die Grenzen des Senats, der Patrizier und Plebejer bald
diese, bald jene Form annehmen, bis beide Stände sich untereinander verlieren:
so sehen wir in alle diesem nichts als notwendige Zufälle einer roh
zusammengesetzten, lebendigen Maschine wie der römische Staat innerhalb der
Mauern einer Stadt sein musste. Ein gleiches ist's mit den Vermehrungen
obrigkeitlicher Würden, da die Zahl der Bürger, der Siege, der eroberten Länder
und die Bedürfnisse des Staats wuchsen; ein gleiches mit den Einschränkungen und
Vermehrungen der Triumphe, der Spiele, des Aufwandes, der männlichen und
väterlichen Gewalt, nach den verschiedenen Zeitaltern der Sitten und Denkart:
lauter Schattierungen jener alten Stadteinrichtung, die Romulus zwar nicht
erfand, sie aber mit so fester Hand hinstellte, dass sie bis unter die Gewalt der
Kaiser, ja fast bis auf den heutigen Tag der Grund der römischen Verfassung
bleiben konnte. Sie heisst: S. P. Q. R.237, vier Zauberworte, die die Welt
unterjocht, zerstört und Rom zuletzt selbst durch einander unglücklich gemacht
haben. Lasset uns einige Hauptmomente der römischen Verfassung bemerken, aus
denen das Schicksal Roms, wie der Baum aus seinen Wurzeln, entsprossen zu sein
scheinet.
    1. Der römische Senat wie das römische Volk waren von frühen Zeiten an
Krieger; Rom von seinem höchsten bis im Notfall zum niedrigsten Gliede war ein
Kriegsstaat. Der Senat ratschlagte, er gab aber auch in seinen Patriziern
Feldherren und Gesandte; der wohlhabende Bürger von seinem siebzehnten bis zum
sechsundvierzig- oder gar fünfzigsten Jahr musste zu Felde dienen. Wer nicht zehn
Kriegszüge getan hatte, war keiner obrigkeitlichen Stelle würdig. Daher also der
Staatsgeist der Römer im Felde, ihr Kriegsgeist im Staat. Ihre Beratschlagungen
waren über Sachen, die sie kannten, ihre Entschlüsse wurden Taten. Der römische
Gesandte prägte Königen Ehrfurcht ein; denn er konnte zugleich Heere führen und
im Senat sowohl als im Felde das Schicksal über Königreiche entscheiden. Das
Volk der obern Zenturien war keine rohe Masse des Pöbels; es bestand aus
kriegs-, länder-, geschäfterfahrnen, begüterten Männern. Die armem Zenturien
galten mit ihren Stimmen auch minder und wurden in den bessern Zeiten Roms des
Krieges nicht einmal fähig geachtet.
    2. Dieser Bestimmung ging die römische Erziehung insonderheit in den edlen
Geschlechtern entgegen. Man lernte ratschlagen, reden, seine Stimme geben oder
das Volk lenken; man ging früh in den Krieg und bahnte sich den Weg zu Triumphen
oder Ehrengeschenken und Staatsämtern. Daher der so eigne Charakter der
römischen Geschichte und Beredsamkeit, selbst ihrer Rechtsgelehrsamkeit und
Religion, Philosophie und Sprache; alle hauchen einen Staats- und Tatengeist,
einen männlichen, kühnen Mut, mit Verschlagenheit und Bürgerurbanität verbunden.
Es lässt sich beinah kein grösserer Unterschied gedenken, als wenn man eine
sinesisch- oder jüdische und römische Geschichte oder Beredsamkeit miteinander
vergleichet. Auch vom Geiste der Griechen, Sparta selbst nicht ausgenommen, ist
der römische Geist verschieden, weil er bei diesem Volk gleichsam auf einer
hartem Natur, auf älterer Gewohnheit, auf festem Grundsätzen ruhet. Der römische
Senat starb nicht aus; seine Schlüsse, seine Maximen und der von Romulus
hergeerbte Römercharakter war ewig.
    3. Die römischen Feldherren waren oft Konsuls, deren Amt- und Feldherrnwürde
gewöhnlich nur ein Jahr dauerte: sie mussten also eilen, um im Triumph
zurückzukehren, und der Nachfolger eilte seines Vorfahren Götterehre nach. Daher
der unglaubliche Fortgang und die Vervielfältigung der römischen Kriege; einer
entstand aus dem andern, wie einer den andern trieb. Man sparete sich sogar
Gelegenheiten auf, um künftige Feldzüge zu beginnen, wenn der jetzige vollendet
wäre, und wucherte mit denselben wie mit einem Kapital der Beute, des Glücks und
der Ehre. Daher das Interesse, das die Römer so gern an fremden Völkern nahmen,
denen sie sich als Bundes- und Schutzverwandten oder als Schiedsrichter, gewiss
nicht aus Menschenliebe, aufdrängeten. Ihre Bundesfreundschaft ward
Vormundschaft, ihr Rat Befehl, ihre Entscheidung Krieg oder Herrschaft. Nie hat
es einen kaltem Stolz und zuletzt eine schamlosere Kühnheit des befehlenden
Aufdringens gegeben, als diese Römer bewiesen haben; sie glaubten, die Welt sei
die ihre, und darum ward sie's.
    4. Auch der römische Soldat nahm an den Ehren und am Lohne des Feldherren
teil. In den ersten Zeiten der Bürgertugend Roms diente man um keinen Sold,
nachher ward er sparsam erteilt; mit den Eroberungen aber und der Emporhebung
des Volks durch seine Tribunen wuchsen Sold, Lohn und Beute. Oft wurden die
Äcker der überwundenen unter die Soldaten verteilt, und es ist bekannt, dass die
meisten und ältesten Streitigkeiten der römischen Republik über die Austeilung
der Äcker unter das Volk entstanden. Späterhin bei auswärtigen Eroberungen nahm
der Soldat teil an der Beute und durch Ehre sowohl als durch reiche Geschenke am
Triumph seines Feldherren selbst teil. Es gab Bürger-, Mauer-, Schiffskronen,
und L. Dentatus konnte sich rühmen, »dass, da er hundertundzwanzig Treffen
beigewohnt, achtmal im Zweikampf gesiegt, vorn am Leibe fünfundvierzig Wunden
und hinten keine erhalten, er dem Feinde fünfunddreissigmal die Waffen abgezogen
und mit achtzehn unbeschlagenen Spiessen, mit fünfundzwanzig Pferdezieraten, mit
dreiundachtzig Ketten, hundertundsechzig Armringen, mit sechsund-zwanzig Kronen,
nämlich vierzehn Bürger-, acht goldenen, drei Mauer- und einer Errettungskrone,
ausserdem mit barem Gelde, zehn Gefangenen und zwanzig Ochsen beschenkt sei«.
Weil überdies der Ehrenpunkt unsrer stehenden Armeen, in denen niemand zurück
dienet und nach dem Alter des Dienstes ein jeder fortrückt, in den längsten
Zeiten des römischen Staats nicht stattfand, sondern der Feldherr sich seine
Tribunen und diese ihre Unterbefehlshaber beim Anfange des Krieges selbst
wählten, so ward notwendig damit eine freiere Konkurrenz zu Ehrenstellen und
Geschäften des Krieges eröffnet, auch ein engerer Zusammenhang zwischen dem
Feldherrn, den Befehlshabern und der Armee errichtet. Das ganze Heer war ein zu
diesem Feldzuge erlesener Körper, in dessen kleinstem Gliede der Feldherr durch
die Vertreter seiner Stelle als Seele lebte. Je mehr mit der Zeitfolge in Rom
die Mauer durchbrochen ward, die im Anfange der Republik Patrizier und Volk
schied, desto mehr ward auch das Kriegsglück und die Tapferkeit im Kriege für
alle Stände der Weg zu Ehrenstellen, Reichtümern und der Macht im Staate, so dass
in den spätem Zeiten die ersten Allgewaltigen Roms, Marius und Sulla, aus dem
Volk waren und zuletzt gar die schlechtsten Menschen zu den höchsten Würden
stiegen. Ohnstreitig war dies das Verderben Roms, so wie im Anfange der Republik
der Patrizierstolz seine Stütze gewesen war und nur allmählich der drückende
Hochmut des vornehmen Standes die Ursach' aller folgenden innern Zerrüttungen
wurde. Ein Gleichgewicht zwischen Senat und Volk, zwischen Patriziern und
Plebejern zu treffen war der immerwährende Streitpunkt der Verfassung Roms, wo
das Übergewicht, bald auf der einen, bald auf der andern Seite, endlich dem
Freistaat ein Ende machte.
    5. Der grösseste Teil der gepriesenen Römertugend ist uns ohne die enge,
harte Verfassung ihres Staats unerklärlich; jene fiel weg, sobald diese wegfiel.
Die Konsuls traten in die Stelle der Könige und wurden nach den ältesten
Beispielen gleichsam gedrungen, eine mehr als königliche, eine römische Seele zu
beweisen; alle Obrigkeiten, insonderheit die Zensors, nahmen an diesem Geiste
teil. Man erstaunt über die strenge Unparteilichkeit, über die uneigennützige
Grossmut, über das geschäftvolle bürgerliche Leben der alten Römer vom Anbruch
des Tages an, ja noch vor Anbruch desselben, bis in die späte Dämmerung. Kein
Staat der Welt hat es vielleicht in dieser ernsten Geschäftigkeit, in dieser
bürgerlichen Härte so weit als Rom gebracht, in welchem sich alles nahe
zusammendrängte. Der Adel ihrer Geschlechter, der sich auch durch
Geschlechtsnamen glorreich auszeichnete, die immer erneuete Gefahr von aussen und
das unaufhörlich kämpfende Gegengewicht zwischen dem Volk und den Edlen von
innen; wiederum das Band zwischen beiden durch Klientelen und Patronate, das
gemeinschaftliche Drängen aneinander auf Märkten, in Häusern, in politischen
Tempeln, die nahen und doch genau abgeteilten Grenzen zwischen dem, was dem Rat
und dem Volk gehörte, ihr enges häusliches Leben, die Erziehung der Jugend im
Anblick dieser Dinge von Kindheit auf: alles trug dazu bei, das römische Volk
zum stolzesten, ersten Volk der Welt zu bilden. Ihr Adel war nicht wie bei
andern Völkern ein träger Landgüter- oder Namenadel; es war ein stolzer
Familien-, ein Bürger- und Römergeist in den ersten Geschlechtern, auf welchen
das Vaterland als auf seine stärkste Stütze rechnete: in fortgesetzter
Wirksamkeit, im dauernden Zusammenhange desselben ewigen Staates erbte er von
Vätern auf Kinder und Enkel hinunter. Ich bin gewiss, dass in den gefährlichsten
Zeiten kein Römer einen Begriff davon gehabt habe, wie Rom untergehen könne; sie
wirkten für ihre Stadt als sei ihr von den Göttern die Ewigkeit beschieden und
als ob sie Werkzeuge dieser Götter zur ewigen Erhaltung derselben wären. Nur als
das ungeheure Glück den Mut der Römer zum Übermut machte, da sagte schon Scipio
beim Untergange Kartagos jene Verse Homers, die auch seinem Vaterlande das
Schicksal Trojas weissagten.
    6. Die Art, wie die Religion mit dem Staat in Rom verwebt war trug
allerdings zu seiner bürgerlich-kriegerischen Grösse bei. Da sie vom Anbeginn der
Stadt und in den tapfersten Zeiten der Republik in den Händen der angesehensten
Familien, der Staats- und Kriegsmänner selbst war, so dass auch noch die Kaiser
sich ihrer Würden nicht schämten, so bewahrte sie sich in ihren Gebräuchen vor
jener wahren Pest aller Landesreligionen, der Verachtung, die der Senat auf alle
Weise von ihr abzuhalten strebte. Der staatskluge Polybius schrieb also einen
Teil der Römertugenden, vornehmlich ihre unbestechliche Treue und Wahrheit, der
Religion zu, die er Aberglauben nannte, und wirklich sind die Römer bis in die
späten Zeiten ihres Verfalls diesem Aberglauben so ergeben gewesen, dass auch
einige Feldherren vom wildesten Gemüt sich die Gebärde eines Umganges mit den
Göttern gaben und durch ihre Begeisterung wie durch ihren Beistand nicht nur
über die Gemüter des Volkes und Heers, sondern selbst über das Glück und den
Zufall Macht zu haben glaubten. Mit allen Staats- und Kriegshandlungen war
Religion verbunden, also dass jene durch diese geweihet wurden; daher die edlen
Geschlechter für den Besitz der Religionswürden als für ihr heiligstes Vorrecht
gegen das Volk kämpften. Man schreibt dieses gemeiniglich bloss ihrer
Staatsklugheit zu, weil sie durch die Auspizien und Aruspizien als durch einen
künstlichen Religionsbetrug den Lauf der Begebenheiten in ihrer Hand hatten;
aber wiewohl ich nicht leugne, dass diese auch also gebraucht worden, so war dies
die ganze Sache nicht. Die Religion der Väter und Götter Roms war dem
allgemeinen Glauben nach die Stütze ihres Glücks, das Unterpfand ihres Vorzuges
vor andern Völkern und das geweihete Heiligtum ihres in der Welt einzigen
Staates. Wie sie nun im Anfange keine fremde Götter aufnahmen, ob sie wohl die
Götter jedes fremden Landes schoneten, so sollte auch ihren Göttern der alte
Dienst, durch den sie Römer geworden waren, bleiben. Hierin etwas verändern hiess
die Grundsäule des Staats verrücken; daher auch in Anordnung der
Religionsgebräuche der Senat und das Volk sich das Recht der Majestät
vorbehielten, das alle Meutereien oder Spitzfindigkeiten eines abgetrennten
Priesterstandes ausschloss. Staats-und Kriegesreligion war die Religion der
Römer, die sie zwar nicht vor ungerechten Feldzügen bewahrte, diese Feldzüge
aber wenigstens unter dem Schein der Gerechtigkeit durch Gebräuche der Fezialen
und Auspizien dem Auge der Götter unterwarf und sich von ihrem Beistande nicht
ausschloss. Gleichergestalt war es späterhin wirkliche Staatskunst der Römer, dass
sie wider ihre alten Grundsätze auch fremden Göttern bei sich Platz gaben und
solche zu sich lockten. Hier wankte schon ihr Staat, wie es nach so ungeheuren
Eroberungen nicht anders sein konnte; aber auch jetzt schützte sie diese
politische Duldung vor dem Verfolgungsgeist fremder Gottesdienste, der nur unter
den Kaisern aufkam und auch von diesen nicht aus Hass oder Liebe zur spekulativen
Wahrheit, sondern aus Staatsursachen hie und da geübt wurde. Im ganzen kümmerte
sich Rom um keine Religion, als sofern sie den Staat anging: sie waren hierin
nicht Menschen und Philosophen, sondern Bürger, Krieger und Überwinder.
    7. Was soll ich von der römischen Kriegskunst sagen? die allerdings damals
die vollkommenste ihrer Art war, weil sie den Soldat und Bürger, den Feldherrn
und Staatsmann vereinigte und, immer wachsam, immer gelenk und neu, von jedem
Feinde lernte. Der rohe Grund derselben war gleich alt mit ihrer Stadt, so dass
die Bürgerschaft, die Romulus musterte, auch ihre erste Legion war; allein sie
schämeten sich nicht, mit der Zeit die alte Stellung ihres Heers zu ändern, den
alten Phalanx beweglicher zu machen, und warfen durch diese Beweglichkeit bald
selbst die geübte macedonische Schlachtordnung, das damalige Muster der
Kriegskunst, über den Haufen. Statt ihrer alten lateinischen Rüstung nahmen sie
von den Etruskern und Samnitern an Waffen an, was ihnen diente; sie lernten von
Hannibal Ordnung der Märsche, dessen langer Aufentalt in Italien ihnen die
schwerste Kriegsübung war, die sie je gehabt haben. Jeder grosse Feldherr, unter
welchen die Scipionen, Marius, Sulla, Pompejus, Cäsar waren, dachten über ihr
lebenslanges Kriegswerk als über eine Kunst nach, und da sie solche gegen die
verschiedensten, auch durch Verzweiflung, Mut und Stärke sehr tapfern Völker zu
üben hatten, kamen sie notwendig in jedem Teil ihrer Wissenschaft weit. Nicht
aber in den Waffen, in der Schlachtordnung und im Lager bestand der Römer ganze
Stärke, sondern vielmehr in dem unerschrockenen Kriegsgeist ihrer Feldherren und
in der geübten Stärke des Kriegers, der Hunger, Durst und Gefahren ertragen
konnte, der seiner Waffen sich als seiner Glieder bediente und, den Anfall der
Spiesse aushaltend, mit dem kurzen römischen Schwert in der Hand, das Herz des
Feindes mitten im Phalanx selbst suchte. Dies kurze Römerschwert, mit Römermut
geführt, hat die Welt erobert. Es war römische Kriegsart, die mehr angriff als
sich verteidigte, minder belagerte als schlug und immer den geradesten,
kürzesten Weg ging zum Sieg und zum Ruhme. Ihr dienten jene ehernen Grundsätze
der Republik, denen alle Welt weichen musste: nie nachzulassen, bis der Feind im
Staube lag, und daher immer nur mit einem Feinde zu schlagen; nie Frieden
anzunehmen im Unglück, wenn auch der Friede mehr als der Sieg brächte, sondern
fest zu stehen und desto trotziger zu sein gegen den glücklichen Sieger;
grossmütig und mit der Larve der Uneigennützigkeit anzufangen, als ob man nur
Leidende zu schützen, nur Bundesverwandte zu gewinnen suchte, bis man zeitig
gnug den Bundesgenossen befehlen, die Beschützten unterdrücken und über Freund
und Feind als Sieger triumphieren konnte. Diese und ähnliche Maximen römischer
Insolenz oder, wenn man will, felsenfester, kluger Grossmut machten eine Welt von
Ländern zu ihren Provinzen und werden es immer tun, wenn ähnliche Zeiten mit
einem ähnlichen Volk wiederkämen. Lasset uns jetzt das blutige Feld betreten,
das diese Weltüberwinder durchschritten, und zugleich sehen, was sie auf
demselben zurückgelassen haben.
 
                                      III
                             Eroberungen der Römer
    Als Rom seine Heldenbahn antrat, war Italien mit einer Menge kleiner Völker
bedeckt, deren jedes nach eignen Gesetzen und seinem Stammescharakter in
mehrerem oder minderm Grade der Aufklärung, aber lebendig, fleissig, fruchtbar
lebte. Man erstaunt über die Menge Menschen, die jeder kleine Staat, selbst in
rauhen Gegenden der Berge, den Römern entgegenstellen konnte: Menschen, die sich
doch alle genährt hatten und nährten. Mitnichten war die Kultur Italiens in
Etrurien eingeschlossen, jedes kleine Volk, die Gallier selbst nicht ganz
ausgenommen, nahm daran teil; das Land ward gebauet; rohe Künste, der Handel und
die Kriegskunst wurden nach der Weise, wie sie die Zeit gab, getrieben; auch an
guten, obgleich wenigen Gesetzen, selbst an der so natürlichen Regel des
Gleichgewichts mehrerer Staaten fehlte es keinem Volke. Von Stolz oder Not
gedrungen und von mancherlei Umständen begünstigt, führten die Römer mit ihnen
fünf Jahrhunderte hin schwere, blutige Kriege, so dass ihnen die andre Welt, die
sie unterjochten, nicht so ein saurer Erwerb war als die kleinen Striche der
Völker, die sie jetzt hier, jetzt dort allmählich unter sich brachten. Und was
war der Erfolg dieser Mühe? Zerstörung und Verheerung. Ich rechne die Menschen
nicht, die von beiden Seiten erschlagen wurden und durch deren Niederlage ganze
Nationen, wie die Etrusker und Samniter, zugrunde gingen; die Aufhebung ihrer
Gemeinheiten samt der Zerstörung ihrer Städte war das grössere Unglück, das
diesem Lande geschah, weil es bis in die fernste Nachwelt reichte. Mochten diese
Völker nach Rom verpflanzt oder ihre traurige Reste ihm als Bundesgenossen
zugezählt oder sie gar als Untertanen behandelt und von Kolonien beschränkt
werden: nimmer kam ihnen ihre erste Kraft wieder. Einmal an das eherne Joch Roms
geknüpft, mussten sie als Bundesgenossen oder Untertanen Jahrhunderte durch ihr
Blut für Rom vergiessen, nicht zu ihrem, sondern zu Roms Vorteil und Ruhme.
Einmal an das Joch Roms geknüpft, kamen sie ohngeachtet aller Freiheiten, die
man diesem und jenem Volk gewährte, zuletzt doch dahin, dass jedermann nur in Rom
Glück, Ansehen, Recht, Reichtum suchte, so dass die grosse Stadt in wenigen
Jahrhunderten das Grab Italiens wurde. Früher oder später galten Roms Gesetze
allentalben; die Sitten der Römer wurden Italiens Sitten; ihr tolles Ziel der
Weltbeherrschung lockte alle diese Völker, sich zu ihm zu drängen und endlich in
römischer Üppigkeit zu ersterben. Dagegen halfen zuletzt keine Weigerungen,
keine Einschränkungen und Verbote; denn der Lauf der Natur, einmal von seinem
Wege abgeleitet, lässt sich durch keine spätere Willkür menschlicher Gesetze
ändern. So ward Italien von Rom allmählich ausgesogen, entnervt und entvölkert,
dass zuletzt rohe Barbaren nötig waren, ihm neue Menschen, neue Gesetze, Sitten
und Mut wiederzugeben. Aber was hin war, kam damit nicht wieder: Alba und
Kameria, das reiche Veji und die meisten etrurischen, lateinischen,
samnitischen, apulischen Städte waren nicht mehr; auch durch dünnere Kolonien,
auf ihrer Asche gepflanzet, hat keine derselben ihr altes Ansehn, ihre
zahlreiche Bevölkerung, ihren künstlerischen Fleiss, ihre Gesetze und Sitten je
wieder erhalten. So war's mit allen blühenden Republiken Grossgriechenlandes:
Tarent und Kroton, Sybaris und Kumä, Lokri und Turium, Rhegium und Messana,
Syrakusä, Katana, Naxus, Megara sind nicht mehr, und manche derselben erlagen in
hartem Unglück. Mitten unter deinen Zirkeln wardst du erschlagen, du weiser
grosser Archimedes, und es war kein Wunder, dass späterhin deine Landsleute dein
Grab nicht wussten; dein Vaterland selbst war mit dir begraben; denn dass die
Stadt verschont ward, half dem Vaterlande nicht auf. Unglaublich ist der
Nachteil, den Roms Beherrschung an dieser Ecke der Welt den Wissenschaften und
Künsten, der Kultur des Landes und der Menschen zufügte. Durch Kriege und
Stattalter ging das schöne Sizilien, das schöne Unteritalien durch so manche
Verheerungen, am meisten durch seine Nachbarschaft mit Rom zugrunde, da beide
Länder zuletzt nur die ausgeteilten Landgüter und Wollustsitze der Römer, mitin
die nächsten Gegenstände ihrer Erpressungen waren. Ein gleiches war schon zu des
älteren Gracchus Zeiten das einst so blühende etruskische Land geworden: eine
fruchtbare Einöde, von Sklaven bewohnt, von Römern ausgesogen. Und welcher
schönen Gegend der Welt ist's anders ergangen, sobald römische Hände zu ihr
reichten?
    Als Rom Italien unterjocht hatte, fingen seine Händel mit Kartago an; und
mich dünkt, auf eine Weise, der sich auch der entschlossenste Römerfreund
schämet. Die Art, wie sie, um in Sizilien Fuss zu gewinnen, den Mamertinern
beistanden, die Art, wie sie Sardinien und Korsika wegnahmen, als eben Kartago
von seinen Mietvölkern bedrängt ward, die Art endlich, wie der weise Senat
ratschlagte: »ob ein Kartago auf Erden geduldet werden sollte«, nicht anders,
als ob von einem Krautkopf, den man selbst gepflanzt hatte, die Rede wäre: alles
dies und hundert Härten dieser Art machen bei jeder Klugheit und Tapferkeit die
römische zu einer Dämonengeschichte. Sei es Scipio selbst, der einem Kartago,
das den Römern kaum mehr schaden kann, das mit teurem Tribut selbst Hülfe von
ihnen erflehet und ihnen auf ihr Versprechen jetzt Waffen, Schiffe, Zeughäuser
und dreihundert vornehme Geiseln in die Hände liefert; sei es Scipio oder ein
Gott, der ihm in solcher Lage den kalten, stolzen Antrag seiner Zerstörung als
ein Senatuskonsult mitbringet: es bleibt ein schwarzer, dämonischer Antrag,
dessen sich gewiss der edle Überbringer selbst schämte. »Kartago ist
eingenommen«, schrieb er nach. Rom zurück, als ob er mit diesem Ausdruck seine
unrühmliche Tat selbst bedecken wollte; denn nie haben doch die Römer ein
solches Kartago der Welt veranlasst oder gegeben. Auch ein Feind dieses
Staats, der alle Schwächen und Laster desselben kennet, sieht mit Erbitterung
seinen Untergang an und ehrt die Kartager wenigstens jetzt, da sie als
entwaffnete, betrogene Republikaner auf ihren Gräbern streiten und für ihre
Gräber sterben. Warum war es dir versagt, du einziger, grosser Hannibal, dem Ruin
deines Vaterlandes zuvorzukommen und nach dem Siege bei Cannä geradezu auf die
Wolfshöhle deines Erbfeindes zu eilen? Die schwächere Nachwelt, die nie über die
Pyrenäen und Alpen ging, tadelt dich darüber, unaufmerksam, mit welchen Völkern
du strittest und in welchem Zustande sie nach den schrecklichen Winterschlachten
im obern und mittlern Italien sein mussten. Sie tadelt dich aus dem Munde deiner
Feinde über den Mangel deiner Kriegszucht, da es fast unbegreiflich bleibt, wie
du dein Mietsgesindel so lange zusammenhalten und ihm nach solchen Märschen und
Taten nur in den Gefilden Kampaniens nicht länger widerstehen mochtest. Immer
wird der Name dieses tapfern Römerfeindes mit Ruhm genannt werden, dessen
Auslieferung sie mehr als einmal wie die Übergabe eines Geschützes
herrschsüchtig verlangten. Nicht das Schicksal, sondern der meuterische Geiz
seines Vaterlandes gönnte ihm nicht, die Siege, die er, nicht Kartago, gegen
die Römer gewann, zu vollenden, und so musste er allerdings nur ein Mittel
werden, seine rohen Feinde die Kriegskunst zu lehren, wie sie von seinen
Landsleuten die ganze Schiffskunst lernten. In beidem hat uns das Schicksal die
fürchterliche Warnung gegeben: in seinen Entschlüssen nie auf halbem Wege
stehenzubleiben, weil man sonst gewiss, was man verhindern wollte, befördert.
Gnug, mit Kartago fiel ein Staat, den die Römer nie zu ersetzen vermochten. Der
Handel wich aus diesen Meeren, und Seeräuber vertraten bald seine Stelle, wie
sie solche noch immer vertreten. Das kornreiche Afrika war unter römischen
Kolonien nicht, was es unter Kartago so lange gewesen war; es ward eine
Brotkammer des römischen Pöbels, ein Fanggarten wilder Tiere zu seiner Ergötzung
und ein Magazin der Sklaven. Traurig liegen die Ufer und Ebnen des schönsten
Landes noch jetzo da, denen die Römer zuerst ihre inländische Kultur raubten.
Auch jeder Buchstab punischer Schriften ist uns entgangen; Ämilian schenkte sie
den Enkeln des Masinissa, ein Feind Kartagos dem andern.
    Wohin sich von Kartago aus mein Blick wendet, sieht er Zerstörungen vor
sich; denn allentalben liessen diese Welteroberer gleiche Spuren. Wäre es den
Römern Ernst gewesen, Befreier Griechenlandes zu sein, unter welchem grossmütigen
Namen sie sich dieser kindisch gewordnen Nation bei den Istmischen Spielen
ankündigen liessen: wie anders hätten sie gewaltet! Nun aber, wenn Paulus Ämilius
siebenzig epirotische Städte plündern und hundertfunfzigtausend Menschen als
Sklaven verkaufen lässt, um nur sein Heer zu belohnen; wenn Metellus und Silanus
Macedonien, Mummius Korint, Sulla Aten und Delphi verwüsten und plündern, wie
kaum Städte in der Welt geplündert sind; wenn dieser Ruin sich fortin auch auf
die griechischen Inseln erstreckt und Rhodus, Zypern, Kreta kein besseres
Schicksal haben, als Griechenland hatte, nämlich eine Kasse des Tributs und ein
Plünderungsort für die Triumphe der Römer zu werden; wenn der letzte König
Macedoniens, mit seinen Söhnen im Triumph aufgeführt, im elendesten Kerker
verschmachtet und sein dem Tode entronnener Sohn als ein kunstreicher Drechsler
und Schreiber fernerhin in Rom lebet; wenn die letzten Glimmer der griechischen
Freiheit, der Ätolische und Achäische Bund, zerstört und endlich alles, alles
zur römischen Provinz oder zum Schlachtfelde wird, auf welchem sich die
plündernden, verwüstenden Heere der Triumvirs zuletzt selbst erschlagen: o
Griechenland, welchen Ausgang gewähret dir deine Beschützerin, deine Schülerin,
die Welterzieherin Roma! Was uns von dir übriggeblieben ist, sind Trümmern,
welche die Barbaren als Beute des Triumphs mit sich führten, damit auf ihrem
eignen Aschenhaufen einst alles unterginge, was je die Menschheit Künstliches
erfunden.
    Von Griechenland aus segeln wir zur asiatischen und afrikanischen Küste.
Kleinasien, Syrien, Pontus, Armenien, Ägypten waren die Königreiche, in welche
sich die Römer bald als Erben, bald als Vormünder, Schiedsrichter und
Friedensstifter eindrängten, aus welchen sie aber auch zum Lohn ihrer Dienste
das letzte Gift ihrer eignen Staatsverfassung geholet haben. Die grossen
Kriegstaten des asiatischen Scipio, des Marius, Sulla, Lucullus, Pompejus sind
jedermann bekannt, welcher letzte allein in einem Triumph über fünfzehn eroberte
Königreiche, achtundert eingenommene Städte und tausend bezwungene Festungen
triumphieren konnte. Das Gold und Silber, das er im Gepränge zeigte, betrug
zwanzigtausend Talente238; die Einkünfte des Staats vermehrte er auf den dritten
Teil, zwölftausend Talente, und sein ganzes Heer war so bereichert, dass der
geringste Soldat von ihm über zweihundert Taler Triumphgeschenk erhalten konnte,
ausser allem, was er schon als Beute mit sich führte: welch ein Räuber! Auf
diesem Wege ging Crassus fort, der aus Jerusalem allein zehntausend Talente
raubte; und wer fernerhin nach Orient zog, kam, wenn er wiederkam, mit Gold und
Üppigkeit beladen wieder. Dagegen, was haben die Römer den Morgenländern
gegeben? Weder Gesetze noch Frieden, weder Einrichtung noch Volk, noch Künste.
Sie haben Länder verheert, Biblioteken verbrannt, Altäre, Tempel, Städte
verwüstet. Ein Teil der alexandrinischen Bibliotek ging schon durch Julius
Cäsar in Flammen unter, und den grössten Teil der pergamenischen hatte Antonius
der Kleopatra geschenkt, damit einmal beide auf einer Stelle untergehen könnten.
So machen die Römer, die der Welt Licht bringen wollen, allentalben zuerst
verwüstende Nacht; Schätze von Golde und Kunstwerken werden erpresst; Weltteile
und Äonen alter Gedanken sinken in den Abgrund; die Charaktere der Völker stehen
ausgelöscht da, und die Provinzen unter einer Reihe der abscheulichsten Kaiser
werden ausgesogen, beraubt, gemisshandelt.
    Fast noch bedauernder wende ich mich westwärts zu den verheerten Nationen in
Spanien, Gallien und wohin weiter die Hände der Römer reichten. Dort waren die
Länder, die sie unterjochten, meistens schon verblühete Blüten; hier wurden
durch sie noch unreife, aber volle Knospen in ihrem ersten Jugendwuchse so
beschädigt, dass von manchen kaum noch ihre Stammesart und Gattung erkennbar
geblieben. Spanien war, ehe die Römer hinkamen, ein wohlgebauetes, an den
meisten Orten fruchtbares, reiches und glückliches Land. Der Handel desselben
war beträchtlich und auch die Kultur einiger Nationen nicht verachtenswert, wie
es nicht nur die Turdetanier am Bätis, die mit den Phöniciern und Kartagern am
längsten bekannt waren, sondern auch die Keltiberier mitten im Lande beweisen.
Das tapfre Numantia widerstand den Römern mehr als irgendein andrer Ort der
Erde; zwanzig Jahre ertrug es den Krieg, schlug ein römisches Heer nach dem
andern und wehrte sich zuletzt gegen die ganze Kriegskunst des Scipio mit einer
Tapferkeit, bei deren traurigem Ausgang jeden Leser schaudert. Und was suchten
die Verwüster hier im Innern Lande, bei Nationen, die sie nie gereizt, die kaum
ihren Namen gehört hatten? Gold- und Silberbergwerke. Spanien war ihnen das, was
den Spaniern jetzt Amerika sein muss, ein Ort zum Raube. So plünderten Lucullus,
Galba u. f. gegen Treu und Glauben; der Senat selbst macht zwei Friedensschlüsse
ungültig, die seine bedrängten Feldherrn mit den Numantinern geschlossen hatten.
Grausam liefert er diesen die Feldherren selbst aus, wird aber auch an Edelmut
gegen die ausgelieferten Unglücklichen von ihnen überwunden. Und jetzt tritt
Scipio mit aller Macht vor Numantia, schliesset sie ein, lässt vierhundert jungen
Männern, den einzigen, die dieser Unrecht leidenden Stadt zu Hülfe kommen
wollen, den rechten Arm abhauen, hört auf die rührende Bitte nicht, da mitten im
Hunger ein bedrängtes Volk sein Erbarmen und seine Gerechtigkeit anfleht; er
vollführt den Untergang dieser Unglücklichen als ein wahrer Römer. Als ein
wahrer Römer handelte Tiberius Gracchus, wenn er in dem einzigen Lande der
Keltiberier dreihundert Städte, wären es auch nur Flecken und Schlösser gewesen,
verwüstete. Daher der unauslöschliche Hass der Spanier gegen die Römer; daher die
tapfern Taten des Viriatus und des Sertorius, die beide auf unwürdige Art
fielen und gewiss viele römische Feldherren an Klugheit und Kriegesmut
übertrafen; daher jene fast nie bezwungenen Bergvölker der Pyrenäen, die, den
Römern zum Trotz, ihre Wildheit beibehielten, solange sie konnten. Unglückliches
Goldland Iberien, fast unbekannt bist du mit deiner Kultur und deinen Nationen
ins Reich der Schatten gesunken, in welchem dich schon Homer unter dem Glanz der
Abendsonne als ein Reich der Unterirdischen malet.
    Von Gallien ist wenig zu sagen, da wir die Eroberung desselben nur nach den
Kriegsnachrichten seines Überwinders selbst kennen. Zehn Jahre lang kostete es
dem Cäsar unglaubliche Mühe und alle Kräfte seiner grossen Seele. Wiewohl er
edelmütiger war als irgendein Römer, so konnte er doch das Schicksal seiner
römischen Bestimmung nicht ändern und sammlete das traurige Lob, »dass er ausser
den Bürgerkriegen in fünfzig öffnen Feldschlachten gestritten und
elfhundert-zweiundneunzig Menschen in Treffen erschlagen habe«; die meisten
darunter waren gallische Seelen. Wo sind die vielen, lebhaften und tapfern
Völker dieses grossen Landes? Wo war ihr Geist und Mut, ihre Anzahl und Stärke,
da nach Jahrhunderten wilde Völker über sie fielen und sie wie römische Sklaven
unter sich teilten? Selbst der Name dieses Hauptvolks der Erde, seine so eigne
Religion, Kultur und Sprache ist in allem, was römische Provinz war, vertilget.
Ihr grossen edlen Seelen, Scipionen und Cäsar, was dachtet, was fühltet ihr, da
ihr als abgeschiedene Geister von eurem Sternenhimmel auf Rom, die Räuberhöhle,
und auf euer vollführtes Mörderhandwerk hinuntersaht? Wie unrein musste euch
eure Ehre, wie blutig euer Lorbeer, wie niedrig und menschenfeindlich eure
Würgekunst dünken! Rom ist nicht mehr, und auch bei seinem Leben musste es jedem
edlen Mann seine Empfindung sagen, dass Fluch und Verderben sich mit allen diesen
ungeheuren, ehrsüchtigen Siegen auf sein Vaterland häufte.
 
                                       IV
                                  Roms Verfall
    Das Gesetz der Wiedervergeltung ist eine ewige Naturordnung. Wie bei einer
Waage keine Schale niedergedrückt werden kann, ohne dass die andre höher steige,
so wird auch kein politisches Gleichgewicht gehoben, kein Frevel gegen die
Rechte der Völker und der gesamten Menschheit verübt, ohne dass sich derselbe
räche und das gehäufte Übermass selbst sich einen desto schrecklichem Sturz
bewirke. Wenn eine Geschichte uns diese Naturwahrheit zeigt, so ist's die
römische Geschichte; man erweitere aber seinen Blick und fessle ihn nicht auf
eine einzelne Ursache des römischen Verderbens. Hätten die Römer auch Asien und
Griechenland nie gesehen und gegen andre, ärmere Länder nach ihrer Weise
verfahren, ohne Zweifel wäre ihr Sturz zu andrer Zeit, unter andern Umständen,
dennoch aber unvermeidlich gewesen. Der Keim der Verwesung lag im Innern des
Gewächses; der Wurm nagte an seiner Wurzel, an seinem Herzen, und so musste auch
der riesenhafte Baum endlich sinken.
    1. Im Innern der Verfassung Roms lag ein Zwiespalt, der, wenn er nicht
gehoben ward, den Untergang desselben früher oder später bewirken musste: es war
die Einrichtung des Staats selbst, die unbilligen oder unsichern Grenzen
zwischen dem Rat, der Ritterschaft und den Bürgern. Unmöglich hatte Romulus alle
künftigen Fälle seiner Stadt voraussehen können, als er diese Einteilung machte;
er schuf sie nach seinen Umständen und nach seinem Bedürfnis; da dies sich
änderte, fand schon er den Tod durch die, denen sein Ansehen zu lästig wurde.
Keiner von seinen Nachfolgern hatte Herz oder Bedürfnis, das zu tun, was Romulus
nicht getan hatte; sie überwogen die Gegenpartei mit ihrer Person und lenkten in
einem mit Gefahren umgebnen, rohen Staat beide Teile. Servius musterte das Volk
und gab das meiste Gewicht den Reichsten in die Hände. Unter den ersten Konsuls
drängten die Gefahren zu sehr; es leuchteten auch zu grosse, starke, verdiente
Männer unter den Patriziern hervor, als dass das rohere Volk nicht hätte folgen
müssen. Bald aber änderten sich die Umstände, und der Druck der Edlen ward
unerträglich. Die Schuldenlast ging den Bürgern über ihr Haupt; sie nahmen
zuwenig an der Gesetzgebung, zuwenig am Siege teil, den sie doch selbst
erfechten mussten, und so entwich das Volk auf den heiligen Berg, so entstanden
Streitigkeiten, die die Ernennung der Tribunen nicht heben, sondern nur
vervielfältigen konnte, die sich also auch durch die ganze Geschichte Roms
fortweben. Daher der lange, so oft verjüngte Streit über Austeilung der Acker,
über Teilnehmung des Volks an obrigkeitlichen, konsularischen,
gottesdienstlichen Würden, bei weichen Streitigkeiten jede Partei für ihr Eignes
stritt und niemand das Ganze unparteiisch einrichten mochte. Bis unter die
Triumvirate hat dieser Zwist gedauret; ja die Triumvirate selbst waren nur
dessen Folgen. Da diese nun der ganzen römischen Verfassung ein Ende machten und
jener Zwist beinahe so alt wie die Republik war, so sieht man, dass es keine
äussere, sondern eine innere Ursache war, die vom Anfange an am Keim des Staats
nagte. Sonderbar scheint es daher, wenn man die römische Staatsverfassung als
die vollkommenste schildert, sie, die eine der unvollkommensten auf der Welt,
aus rohen Zeitumständen entstanden, nachher nie mit einem Blick aufs Ganze
verbessert, sondern immer nur parteiisch so und anders geformt war. Der einzige
Cäsar hätte sie ganz bessern mögen; es war aber zu spät, und die Dolchstiche,
die ihn töteten, kamen jedem Entwurf einer bessern Einrichtung zuvor.
    2. Es liegt ein Widerspruch in dem Grundsatz: Rom, die Königin der Nationen,
Rom, die Beherrscherin der Welt; denn Rom war nur eine Stadt, und ihre
Einrichtung eine Stadteinrichtung. Zwar trug es allerdings zur hartnäckigen
Bekriegung der Völker, mitin zu seinen langen Siegen bei, dass Roms
Kriegsentschlüsse die Entschlüsse eines unsterblichen Senats, nicht eines
sterblichen Monarchen waren, weil sich der Geist seiner weltverderblichen
Maximen in einem Kollegium notwendig mehr als in einer wandelbaren Reihe von
Beherrschern erhalten musste. Ja, da Senat und Volk fast immer in Spannung
gegeneinander standen und jener bald dem unruhigen Haufen, bald einem unruhigen
Kopf Kriege schaffen und auswärts zu tun geben musste, damit inwendig die Ruhe
gesichert bliebe, so trug auch diese dauernde Spannung allerdings zur
fortgesetzten Weltstörung viel bei. Endlich, da der Senat selbst zu seiner
Aufrechtaltung oft nicht nur Siege oder Siegsgerüchte, sondern selbst harte
drohende Gefahren nötig hatte und jeder kühne Patrizier, der durchs Volk wirken
wollte, Geschenke, Spiele, Namen, Triumphe bedurfte, welches alles ihm allein
oder vorzüglich der Krieg gewähren konnte: freilich, so gehörte diese
vielgeteilte, unruhige Stadtregierung dazu, die Welt in Unruhe zu setzen und sie
Jahrhunderte darin zu erhalten; denn kein geordneter, mit sich selbst
friedlicher Staat hätte um seiner eignen Glückseligkeit willen der Erde dies
schreckliche Schauspiel gegeben. Ein andres ist's aber, Eroberungen machen und
sie erhalten, Siege erfechten und sie zum Nutzen des Staats gebrauchen. Das
letzte hat Rom seiner innern Einrichtung wegen nie gekonnt, und auch das erste
vermochte es nur durch Mittel, die der Verfassung einer Stadt völlig entgegen
waren. Schon die ersten Könige, die auf Eroberungen ausgingen, waren genötigt,
einige überwundene Städte und Völker in die Mauern Roms zu nehmen, damit der
schwache Raum Wurzel und Stamm erhielt, der so ungeheure Aste treiben wollte;
die Zahl der Einwohner Roms wuchs also schrecklich. Nachher schloss die Stadt
Bündnisse, und die Bundsverwandten zogen mit ihr zu Felde; sie nahmen also an
ihren Siegen und Eroberungen teil und waren Römer, wenn sie gleich noch nicht
römische Bürger oder Einwohner der Stadt waren. Bald also entglommen jene
heftige Streitigkeiten, dass auch den Bundsgenossen das Bürgerrecht Roms zukomme:
eine unvermeidliche Federung, die in der Natur der Sache selbst lag. Aus ihr
entstand der erste bürgerliche Krieg, der Italien dreihunderttausend seiner
Jünglinge kostete und Rom, das sogar seine Freigelassenen bewaffnen musste, an
die Grenzen des Unterganges brachte; denn es war ein Krieg zwischen Haupt und
Gliedern, der nicht anders als damit endigen konnte, dass künftig auch die
Glieder zu diesem unförmlichen Haupt gehören sollten. Nun war ganz Italien Rom,
und es verbreitete sich, zur grossen Verwirrung der Welt, immer weiter. Ich will
nicht daran denken, was diese Romanisierung für gerichtliche Unordnung in alle
Städte Italiens brachte, und nur das Übel bemerken, das fortan aus allen
Gegenden und Enden in Rom selbst zusammenfloss. Wenn vorher schon alles nach
dieser Stadt drängte und die Tafeln des Zensus so wenig rein gehalten werden
konnten, dass es sogar einen Konsul gab, der kein römischer Bürger war: wie denn
jetzt, da das Haupt der Welt ein Gedränge aus ganz Italien, mitin das
ungeheuerste Haupt war, das je die Erde getragen. Gleich nach des Sulla Tode
waren die Herren der Erde vierhundertfunfzigtausend Mann stark; bei der Aufnahme
der Bundesgenossen stieg ihre Zahl ungleich höher, und zu Cäsars Zeiten fanden
sich dreihundertzwanzigtausend, die bei öffentlichen Austeilungen Korn
begehrten. Man denke sich diesen ungestümen und einem grossen Teil nach müssigen
Hauten bei Stimmversammlungen, in Begleitung seiner Patrone und derer, die sich
um Ehrenämter bewarben, so wird man begreifen, wie durch Geschenke, Spiele,
Prachtaufzüge, Schmeicheleien, am meisten endlich durch Soldatengewalt, die
Meutereien in Rom gestiftet, die Blutbäder angerichtet, die Triumvirate
gegründet werden konnten, die jene stolze Beherrscherin der Welt endlich zur
Sklavin ihrer selbst machten. Wo war nun das Ansehen des Senats, einer Zahl von
vier- bis sechshundert Personen, gegen diese zahllose Menge, die Herrenrecht
verlangte und in gewaltigen Heeren bald diesem, bald jenem zu Gebot stand?
Welche arme Gestalt spielte der Gott Senat, wie ihn die schmeichlerischen
Griechen nannten, gegen Marius und Sulla, Pompejus und Cäsar, Antonius und
Oktavius! die Kaiserwütriche noch ungerechnet. Der Vater des Vaterlandes,
Cicero, erscheint in armer Gestalt, wenn ihn auch nur ein Clodius angreift;
seine besten Ratschläge gelten wenig, nicht nur gegen das, was Pompejus, Cäsar,
Antonius u. a. wirklich taten, sondern was selbst ein Catilina beinah zustande
gebracht hätte. Nicht von den Gewürzen Asiens, nicht von der Weichlichkeit
Luculls entsprang dieses Missverhältnis, sondern von der Grundverfassung Roms, da
es als eine Stadt das Haupt der Welt sein wollte.239
    3. Aber es gab nicht nur Senat und Volk in Rom, sondern auch Sklaven, und
zwar deren eine um so grössere Menge, je mehr die Römer Herren der Welt wurden.
Durch Sklaven bearbeiteten sie ihre weitläuftigen, reichen Äcker in Italien,
Sizilien, Griechenland u. f.; eine Menge Sklaven war ihr häuslicher Reichtum,
und der Handel mit ihnen, ja die Abrichtung derselben war ein grosses Gewerbe
Roms, dessen sich auch Cato nicht schämte. Längst waren nun die Zeiten vorüber,
da der Herr mit seinem Knecht fast brüderlich umging und Romulus das Gesetz
geben konnte, dass ein Vater seinen eignen Sohn dreimal zum Knecht verkaufen
dürfe; die Sklaven der Weltüberwinder waren aus allen Gegenden der Erde
zusammengetrieben und wurden von gütigen Herren gelinde, von unbarmherzigen oft
als Tiere behandelt. Ein Wunder wäre es gewesen, wenn aus diesem ungeheuren
Haufen unterdrückter Menschen den Römern kein Schade hätte zuwachsen sollen;
denn wie jede böse Einrichtung, so musste auch diese notwendig sich selbst rächen
und strafen. Mitnichten war diese Rache allem jener blutige Sklavenkrieg, den
Spartakus mit Feldherrnmut und Klugheit drei Jahre lang gegen die Römer führte:
von 74 stieg sein Anhang bis zu 70000 Mann; er schlug verschiedene Feldherren,
selbst zween Konsuls, und es wurden viel Greuel verübet. Der grössere Schade war
der, der durch die Lieblinge ihrer Herren, die Freigelassenen, entstand, durch
welche Rom zuletzt im eigentlichsten Verstande eine Sklavin der Sklaven wurde.
Schon zu Sulla Zeiten fing dieses Übel an, und unter den Kaisern mehrete es sich
so schrecklich, dass ich nicht imstande bin, die Unordnungen und Greuel zu
schildern, die durch Freigelassene und Lieblingsknechte entstanden. Geschichte
und Satiren der Römer sind davon voll; kein wildes Volk auf der Erde kennet
dergleichen. So ward Rom durch Rom gestraft; die Unterdrücker der Welt wurden
der verruchtesten Sklaven demütige Knechte.
    4. Endlich kam allerdings der Luxus dazu, dem Rom zu seinem Unglück so
bequem lag, als ihm zu seinen Welteroberungen allerdings auch seine Lage
geholfen hatte. Wie aus einem Mittelpunkt beherrschte es das Mittelländische
Meer, mitin die reichsten Küsten dreier Weltteile; ja, über Alexandrien zog es
durch ansehnliche Flotten die Kostbarkeiten Ätiopiens und des äussersten Indiens
an sich. Meine Worte reichen nicht hin, jene rohe Verschwendung und Üppigkeit zu
schildern, die seit der Eroberung Asiens in Gastmahlen und Spielen, in
Leckerbissen und Kleidern, in Gebäuden und Hausgerät nicht nur in Rom selbst,
sondern in allem, was zu ihm gehörte, herrschte.240 Man trauet seinen Augen
nicht, wenn man die Beschreibungen dieser Dinge, den hohen Preis ausländischer
Kostbarkeiten und mit der Verschwendung darin zugleich die Schuldenlast der
grossen Römer, welches zuletzt Freigelassene und Sklaven waren, lieget. Notwendig
zog dieser Aufwand die bitterste Armut nach sich, ja er war an sich schon eine
elende Armut. Jene Goldquellen, die jahrhundertelang in Rom aus allen Provinzen
zusammenflossen, mussten endlich versiegen, und da der ganze Handel der Römer
ihnen im höchsten Grad nachteilig war, indem sie Überfluss kauften und Geld
hingaben, so ist's nicht zu verwundern, dass Indien allein ihnen jährlich eine
ungeheure Summe frass. dabei verwilderte das Land: der Ackerbau ward nicht mehr,
wie einst von den alten Römern und ihren Zeitgenossen in Italien, getrieben; die
Künste Roms gingen auf das Entbehrliche, nicht auf das Nützliche, auf ungeheure
Pracht und Aufwand in Triumphbogen, Bädern, Grabmälern, Teatern, Amphiteatern
u. f.. Wundergebäude, die freilich allein diese Plünderer der Welt aufführen
konnten. In keiner nützlichen Kunst, in keinem Nahrungszweige der menschlichen
Gesellschaft hat je ein Römer etwas erfunden, geschweige dass er damit andern
Nationen hätte dienen und von ihnen gerechten und bleibenden Vorteil ziehen
mögen. Bald also verarmte das Reich: das Geld wurde schlecht, und schon im
dritten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung bekam ein Feldherr nach diesem
schlechtem Gelde kaum das zur Belohnung, was zu den Zeiten Augusts für den
gemeinen Soldaten zu gering war. Lauter natürliche Folgen des Laufs der Dinge,
die, auch bloss als Handel und Gewerb berechnet, nicht anders als also folgen
konnten. Zugleich nahm aus eben diesen verderblichen Ursachen das menschliche
Geschlecht ab, nicht nur an Anzahl, sondern auch an Grösse, Wuchs und innern
Lebenskräften. Eben das Rom und Italien das die volkreichsten, blühendsten
Länder der Welt, Sizilien, Griechenland, Spanien, Asien, Afrika und Ägypten, zu
einer halben Einöde gemacht hatte, zog durch seine Gesetze und Kriege, noch mehr
aber durch seine verderbte, müssige Lebensart, durch seine ausschweifenden
Laster, durch die Verstossung der Weiber, Härte gegen die Sklaven und späterhin
durch die Tyrannei gegen die edelsten Menschen sich selbst den
natürlich-unnatürlichsten Tod zu. Jahrhunderte hin liegt das kranke Rom in
schrecklichen Zuckungen auf seinem Siechbette; das Siechbett ist über eine ganze
Welt ausgebreitet, von der es sich seine süssen Gifte erpresst hat; sie kann ihm
jetzt nicht anders helfen, als dass sie seinen Tod befördere. Barbaren kommen
herzu, nordische Riesen, denen die entnervten Römer wie Zwerge erscheinen; sie
verwüsten Rom und geben dem ermatteten Italien neue Kräfte. Ein
fürchterlich-gütiger Erweis, dass alle Ausschweifung in der Natur sich selbst
räche und verzehre! Dem Luxus der Morgenländer haben wir es Dank, dass die Welt
früher von einem Leichnam befreit ward, der durch Siege in andern Weltgegenden
zwar auch, wahrscheinlich aber nicht so bald und so schrecklich, in die
Verwesung gegangen wäre.
    5. Jetzt sollte ich alles zusammenfassen und die grosse Ordnung der Natur
entwickeln, wie auch ohne Luxus, ohne Pöbel, Senat und Sklaven der Kriegesgeist
Roms allein sich zuletzt selbst verderben und das Schwert in seine Eingeweide
kehren musste, das er so oft auf unschuldige Städte und Nationen gezuckt hatte;
hierüber aber spricht statt meiner die laute Geschichte. Was sollten die
Legionen, die, ungesättigt vom Raube, nichts mehr zu rauben fanden, vielmehr an
den partischen und deutschen Grenzen das Ende ihres Ruhms sahen: was sollten
sie tun, als zurückkehrend ihre Mutter selbst würgen? Schon zu Marius und Sulla
Zeiten fing dies schreckliche Schauspiel an; anhängend ihrem Feldherrn oder von
ihm bezahlt, rächten die wiederkommenden Heere ihren Feldherrn an seiner
Gegenpartei mitten im Vaterlande, und Rom floss von Blut über. Dies Schauspiel
dauerte fort. Indem Pompejus und Cäsar in dem Lande, wo einst die Musen gesungen
und Apollo als Schäfer geweidet, teuer gemietete Heere gegeneinander führten,
ward in dieser Ferne, von Römern, die gegen Römer fochten, das Schicksal ihrer
Mutterstadt entschieden. So ging es bei dem grausamen Vergleich der Triumvirs zu
Modena, der in einem Verzeichnis dreihundert Ratsglieder und zweitausend Ritter
der Acht und dem Tode preisgab und zweihunderttausend Talente meistens aus Rom
und von den Weibern selbst erpresste. So nach der Schlacht bei Philippi, in
welcher Brutus fiel; so vor dem Kriege gegen den zweiten Pompejus, den edleren
Sohn eines grossen Vaters; so nach der Schlacht bei Aktium u. f. Vergebens, dass
der schwache, grausame August den friedsamen Gütigen spielte: das Reich war
durchs Schwert gewonnen, es musste durchs Schwert verteidigt werden oder durch
dasselbe fallen. Wenn es den Römern jetzt zu schlummern gefiel, so wollten
deshalb nicht auch die beleidigten oder rege gemachten Nationen schlummern; sie
federten Rache und gaben Wiedervergeltung, als ihre Zeit kam. Im römischen Reich
war und blieb der Kaiser immer nur oberster Feldherr, und als viele derselben
ihre Pflicht vergassen, wurden sie vom Heer daran fürchterlich erinnert. Es
setzte und würgte Kaiser, bis endlich der Oberste der Leibwache sich zum
Grosswesir aufdrang und den Senat zur elenden Puppe machte. Bald bestand auch
dieser nur aus Soldaten, aus Soldaten, die mit der Zeit so schwach wurden, dass
sie weder im Kriege noch im Rate laugten. Das Reich zerfiel: Gegenkaiser jagten
und plagten einander; die Völker drangen hinan, und man musste Feinde ins Heer
nehmen, die andre Feinde lockten. So wurden die Provinzen zerrissen und
verwüstet; das stolze ewige Rom ging endlich im Sturz unter, von seinen eignen
Befehlshabern verlassen und verraten. Ein fürchterliches Denkmal, wie jede
Eroberungswut grosser und kleiner Reiche, insonderheit wie der despotische
Soldatengeist nach gerechten Naturgesetzen ende. Fester und grösser ist nie ein
Kriegsstaat gewesen, als es der Staat der Römer war; keine Leiche aber ist auch
je schrecklicher zu Grabe getragen worden als Jahrhunderte durch diese in der
römischen Geschichte, so dass es hinter Pompejus und Cäsar keinen Eroberer und
unter kultivierten Völkern kein Soldatenregiment mehr geben sollte.
    Grosses Schicksal! ist die Geschichte der Römer uns dazu geblieben, ja einem
Teil der Welt mit dem Schwert aufgedrungen worden, damit wir dies lernen
sollten? Und doch lernen wir an ihr entweder nur Worte, oder sie hat, unrecht
verstanden, neue Römer gebildet, deren doch keiner seinem Vorbilde je gleichkam.
Nur einmal standen jene alten Römer auf der Schaubühne und spielten, meistens
als Privatpersonen, das fürchterlich-grosse Spiel, dessen Wiederholung wir der
Menschheit nie wünschen mögen. Lasset uns indessen sehen was im Lauf der Dinge
auch dies Trauerspiel für Glanz und grosse Seiten gehabt habe.
 
                                       V
                 Charakter, Wissenschaften und Künste der Römer
    Nach dem, was bisher gesagt worden, fodert es auch die Pflicht, jene edlen
Seelen zu nennen und zu rühmen, die in dem harten Stande, auf welchen sie das
Schicksal gestellt hatte, sich dem, was sie Vaterland nannten, mit Mut
aufopferten und in ihrem kurzen Leben Dinge bewirkten, die fast ans höchste Ziel
menschlicher Kräfte reichen. Ich sollte dem Gange der Geschichte zufolge einen
Junius Brutus und Poplicola, Mucius Scävola und Coriolan, eine Valeria und
Veturia, die dreihundert Fabier und Cincinnatus, Camillus und Decius, Fabricius
und Regulus, Marcellus und Fabius, die Scipionen und Catonen, Cornelia und ihre
unglücklichen Söhne, ja wenn es auf Kriegestaten allein ankommt, auch Marius und
Sulla, Pompejus und Cäsar, und wenn gute Absichten und Bemühungen Lob verdienen,
den Markus Brutus, Cicero, Agrippa, Drusus, Germanikus nach ihrem Verdienst
nennen und rühmen. Auch unter den Kaisern sollte ich die Freude des
Menschengeschlechts, Titus, den gerechten und guten Nerva, den glücklichen
Trajan, den unermüdeten Hadrian, die guten Antoninen, den unverdrossenen
Severus, den männlichen Aurelian u. f., starke Pfeiler eines sinkenden Baues,
loben. Da aber diese Männer mehr als selbst die Griechen jedermann bekannt sind,
so sei es mir vergönnt, vom Charakter der Römer in ihren besten Zeiten bloss
allgemein zu reden und auch diesen Charakter lediglich als Folge ihrer
Zeitumstände zu betrachten.
    Wenn Unparteilichkeit und fester Entschluss, wenn unermüdete Tätigkeit in
Worten und Werken und ein gesetzter rascher Gang zum Ziel des Sieges oder der
Ehre, wenn jener kalte, kühne Mut, der durch Gefahren nicht geschreckt, durch
Unglück nicht gebeugt, durchs Glück nicht übermütig wird, einen Namen haben
soll, so müsste er den Namen eines römischen Mutes haben. Mehrere Glieder dieses
Staats, selbst aus niederm Stande, haben ihn so glänzend erwiesen, dass wir,
zumal in der Jugend, da uns die Römer meistens nur von ihrer edlen Seite
erscheinen, dergleichen Gestalten der Alten Welt als hingewichene, grosse
Schatten verehren. Wie Riesen schreiten ihre Feldherren von einem Weltteil zum
andern und tragen das Schicksal der Völker in ihrer festen leichten Hand. Ihr
Fuss stösst Tronen vorübergehend um; eins ihrer Worte bestimmt das Leben oder den
Tod von Myriaden. Gefährliche Höhe, auf welcher sie standen! Zu kostbares Spiel
mit Kronen und Millionen an Menschen und Golde!
    Und auf dieser Höhe gehen sie einfach wie Römer einher, verachtend den Pomp
königlicher Barbaren; der Helm ihre Krone, ihre Zierde der Brustarnisch.
    Und wenn ich sie auf diesem Gipfel der Macht und des Reichtums in ihrer
männlichen Beredsamkeit höre, in ihren häuslichen oder patriotischen Tugenden
unermüdet-wirksam sehe, wenn im Gewühl der Schlachten oder im Getümmel des
Marktes die Stirn Cäsars immer heiter bleibt und auch gegen Feinde seine Brust
mit verschonender Grossmut schläget: grosse Seele, bei allen deinen leichtsinnigen
Lastern, wenn du nicht wert wärest, Monarch der Römer zu werden, so war es
niemand. Doch Cäsar war mehr als dies: er war Cäsar. Der höchste Tron der Erde
schmückte sich mit seinem persönlichen Namen; o hätte er sich auch mit seiner
Seele schmücken können, dass Jahrtausende hin ihn der gütige, muntre, umfassende
Geist Cäsars hätte beleben mögen!
    Aber gegen ihm über stehet sein Freund Brutus mit gezücktem Dolch. Guter
Brutus, bei Sarden und Philippen erschien dir dein böser Genius nicht zuerst; er
war dir längst vorher unter dem Bilde des Vaterlandes erschienen, dem du mit
einer weichem Seele, als deines rohen Vorfahren war, die heiligem Rechte der
Menschheit und Freundschaft aufopfertest. Du konntest deine erzwungene Tat nicht
nutzen, da dir Cäsars Geist und Sullas Pöbelwut fehlte, und wurdest also
genötigt, das Rom, das kein Rom mehr war, den wilden Ratschlägen eines Antonius
und Oktavius zu überlassen, von denen jener alle römische Pracht einer
ägyptischen Buhlerin zu Füssen legte und dieser nachher aus dem Gemach einer
Livia mit scheinheiliger Ruhe die müde-gequälte Welt beherrschte. Nichts blieb
dir übrig als dein eigner Stahl, eine traurige und doch notwendige Zuflucht der
Unglücklichen unter einem römischen Schicksal.
    Woher entsprang dieser grosse Charakter der Römer? Er entsprang aus ihrer
Erziehung, oft sogar aus dem Namen der Person und des Geschlechtes, aus ihren
Geschäften, aus dem Zusammendrange des Rats, des Volks und aller Völker im
Mittelpunkt der Welterrschaft, ja endlich aus der glücklich-unglücklichen
Notwendigkeit selbst, in der sich die Römer fanden. Daher teilte er sich auch
allem mit, was an der römischen Grösse teilnahm, nicht nur den edeln
Geschlechtern, sondern auch dem Volk, und Männern sowohl als den Weibern. Die
Tochter Scipios und Catos, die Gattin Brutus', der Gracchen Mutter und Schwester
konnten ihrem Geschlecht nicht unwürdig handeln; ja oft übertrafen edle
Römerinnen die Männer selbst an Klugheit und Würde. So war Terentia
heldenmütiger als Cicero, Veturia edler als Coriolan, Paulina stärker als Seneka
u. f. In keinem morgenländischen Harem, in keinem Gynäzeum der Griechen konnten,
bei aller Anlage der Natur, weibliche Tugenden hervorsprossen wie im
öffentlichen und häuslichen Leben der Römer; freilich aber auch in verdorbenen
Zeiten weibliche Laster, vor denen die Menschheit schaudert. Schon nach
Überwindung der Lateiner wurden hundertundsiebenzig römische Gemahlinnen eins,
ihre Männer mit Gift hinzurichten, und tranken, als sie entdeckt waren, ihre
bereitete Arznei wie Helden. Was unter den Kaisern die Weiber in Rom vermochten
und ausübten, ist unsäglich. Der stärkste Schatte grenzt ans stärkste Licht:
eine Stiefmutter Livia und die treue Antonia-Drusus, eine Plancina und
Agrippina-Germanikus, eine Messalina und Oktavia stehen dicht aneinander.
    Wollen wir den Wert der Römer auch in der Wissenschaft schätzen, so müssen
wir von ihrem Charakter ausgehn und keine Griechenkünste von ihnen fodern. Ihre
Sprache war der äolische Dialekt, beinah mit allen Sprachen Italiens vermischt;
sie hat sich aus dieser rohen Gestalt langsam hervorgearbeitet, und dennoch,
trotz aller Bearbeitung, hat sie zur Leichtigkeit, Klarheit und Schönheit der
griechischen Sprache nie völlig gelangen mögen. Kurz, ernst und würdig ist sie,
die Sprache der Gesetzgeber und Beherrscher der Welt; in allem ein Bild vom
Geiste der Römer. Da diese mit den Griechen erst spät bekannt wurden, nachdem
sie durch die lateinische, etruskische und eigne Kultur lange Zeit schon ihren
Charakter und Staat gebildet hatten, so lernten sie auch ihre natürliche
Beredsamkeit durch die Kunst der Griechen erst spät verschönern. Wir wollen also
über die ersten dramatischen und poetischen Übungen, die zu Ausbildung ihrer
Sprache unstreitig viel beitrugen, wegsehn und von dem reden, was bei ihnen
tiefere Wurzel fasste. Es war dieses Gesetzgebung, Beredsamkeit und Geschichte:
Blüten des Verstandes, die ihre Geschäfte selbst hervortrieben und in welchen
sich am meisten ihre römische Seele zeigt.
    Aber zu beklagen ist's, dass auch hier uns das Schicksal wenig gegönnet hat,
indem die, deren Eroberungsgeist uns so viele Schriften andrer Völker raubte,
die Arbeiten ihres eignen Geistes gleichfalls der zerstörenden Zukunft
überlassen mussten. Denn ohne von ihren alten Priesterannalen und den heroischen
Geschichten Ennius', Nävius' oder dem Versuch eines Fabius Pictor zu reden: wo
sind die Geschichten eines Cincius, Cato, Libo, Postumius, Piso, Cassius
Hemina, Servilians, Fannius, Sempronius, Cälius Antipater, Asellio, Gellius,
Lucinius u. f.? Wo ist das Leben Ämilius Skaurus', Rutilius Rufus', Lutatius
Catulus', Sulla, Augustus', Agrippa, Tiberius', einer Agrippina-Germanikus,
selbst eines Claudius, Trajans u. f., von ihnen selbst beschrieben? Unzählbar
andrer Geschichtbücher der wichtigsten Männer des Staats in Roms wichtigsten
Zeiten, eines Hortensius, Atticus, Sisenna, Lutatius, Tubero, Luccejus, Balbus,
Brutus. Tiro, eines Valerius Messala, Cremutius Cordus, Domitius Corbulo,
Cluvius Rufus, auch der vielen verlornen Schriften Cornelius Nepos',
Sallustius', Livius', Trogus', Plinius' u. f. nicht zu gedenken. Ich setze die
Namen derselben her, um einige neuere, welche sich hoch hinauf über die Römer
setzen, auch nur durch diese Namen zu widerlegen; denn welche neuere Nation hat
in ihren Regenten, Feldherrn und ersten Geschäftsmännern in einer so kurzen Zeit
bei so wichtigen Veränderungen und eignen Taten derselben so viele und grosse
Geschichtschreiber gehabt als diese barbarisch genannten Römer? Nach den wenigen
Bruchstücken und Proben eines Cornelius, Cäsar, Livius u. f. hatte die römische
Geschichte zwar nicht jene Anmut und süsse Schönheit der griechischen Historie,
dafür aber gewiss eine römische Würde und in Sallust, Tacitus u. a. viel
philosophische und politische Klugheit. Wo grosse Dinge getan werden, wird auch
gross gedacht und geschrieben; in der Sklaverei verstummet der Mund, wie die
spätere römische Geschichte selbst zeigt. Und leider ist der grösseste Teil der
römischen Geschichtschreiber aus Roms freien oder halbfreien Zeiten ganz
verloren. Ein unersetzlicher Verlust; denn nur einmal lebten solche Männer, nur
einmal schrieben sie ihre eigne Geschichte.
    Der römischen Geschichte ging die Beredsamkeit als Schwester und beiden ihre
Mutter, die Staats- und Kriegskunst, zur Seite; daher auch mehrere der grössesten
Römer in jeder dieser Wissenschaften nicht nur Kenntnisse hatten, sondern auch
schrieben. Unbillig ist der Tadel, den man den griechischen und römischen
Geschichtschreibern darüber macht, dass sie ihren Begebenheiten so oft Staats-
und Kriegsreden einmischten; denn da in der Republik durch öffentliche Reden
alles gelenkt wurde, hatte der Geschichtschreiber kein natürlicher Band, durch
welches er Begebenheiten binden, vielseitig darstellen und pragmatisch erklären
konnte, als eben diese Reden; sie waren ein weit schöneres Mittel des
pragmatischen Vertrages, als wenn der spätere Tacitus und seine Brüder, von Not
gezwungen, ihre eigenen Gedanken einförmig zwischenwebten. Indessen ist auch
Tacitus mit seinem Reflexionsgeist oft unbillig beurteilt worden; denn in seinen
Schilderungen sowohl als im gehässigen Ton derselben ist er an Geist und Herz
ein Römer. Ihm war's unmöglich, Begebenheiten zu erzählen, ohne dass er die
Ursachen derselben entwickle und das Verabscheuungswürdige mit schwarzen Farben
male. Seine Geschichte ächzet nach Freiheit, und in ihrem dunkel-verschlossenen
Ton beklagt sie den Verlust derselben weit bitterer, als sie's mit Worten tun
könnte. Nur der Zeiten der Freiheit, d. i. offener Handlungen im Staat und im
Kriege, erfreuet sich die Beredsamkeit und Geschichte; mit jenen sind beide
dahin; sie borgen im Müssiggange des Staats auch müssige Betrachtungen und Worte.
    In Absicht der Beredsamkeit indessen dürfen wir den Verlust nicht minder
grosser Redner als Geschichtschreiber weniger beklagen: der einzige Cicero
ersetzet uns viele. In seinen Schriften von der Redekunst gibt er uns wenigstens
die Charaktere seiner grossen. Vorgänger und Zeitgenossen; seine Reden selbst
aber können uns jetzt statt Catos, Antonius', Hortensius', Cäsars u. a. dienen.
Glänzend ist das Schicksal dieses Mannes, glänzender nach seinem Tode, als es im
Leben war. Nicht nur die römische Beredsamkeit in Lehre und Mustern, sondern
auch den grössesten Teil der griechischen Philosophie hat er gerettet, da ohne
seine beneidenswerten Einkleidungen die Lehren mancher Schulen uns wenig mehr
als dem Namen nach bekannt wären. Seine Beredsamkeit übertrifft die Donner des
Demostenes nicht nur an Licht und philosophischer Klarheit, sondern auch an
Urbanität und wahrerem Patriotismus. Er beinahe allein hat die reinere
lateinische Sprache Europen wiedergegeben, ein Werkzeug, das dem menschlichen
Geist bei manchen Missbräuchen unstreitig grosse Vorteile gebracht hat. Ruhe also
sanft, du vielgeschäftiger, vielgeplagter Mann, Vater des Vaterlandes aller
lateinischen Schulen in Europa. Deine Schwachheiten hast du gnug gebüsst in
deinem Leben; nach deinem Tode erfreuet man sich deines gelehrten, schönen,
rechtschaffenen, edeldenkenden Geistes und lernt aus deinen Schriften und
Briefen dich wo nicht verehren, so doch hochschätzen und dankbar lieben.241
    
    Die Poesie der Römer war nur eine ausländische Blume, die in Latium zwar
schön fortgeblühet und hie und da eine feinere Farbe gewonnen hat, eigentlich
aber keine neuen eignen Fruchtkeime erzeugen konnte. Schon die Etrusker hatten
durch ihre saliarischen und Leichengedichte, durch ihre feszenninischen,
atellanischen und szenischen Spiele die roheren Krieger zur Dichtkunst
vorbereitet: mit den Eroberungen Tarents und andrer grossgriechischen Städte
wurden auch griechische Dichter erobert, die durch die feineren Musen ihrer
Muttersprache den Überwindern Griechenlandes ihre rohe Mundart gefälliger zu
machen suchten. Wir kennen das Verdienst dieser ältesten römischen Dichter nur
aus einigen Versen und Fragmenten, erstaunen aber über die Menge Trauer- und
Lustspiele, die wir von ihnen nicht nur aus alten, sondern zum Teil auch aus den
besten Zeiten genannt finden. Die Zeit hat sie vertilgt, und ich glaube, dass,
gegen die Griechen gerechnet, der Verlust an ihnen nicht so gross sei, da ein
Teil derselben griechische Gegenstände und wahrscheinlich auch griechische
Sitten nachahmte. Das römische Volk erfreuete sich an Possen und Pantomimen, an
zirzensischen oder gar an blutigen Fechterspielen viel zu sehr, als dass es fürs
Teater ein griechisches Ohr und eine griechische Seele haben konnte. Als eine
Sklavin war die szenische Muse bei den Römern eingeführt, und sie ist bei ihnen
immer auch eine Sklavin geblieben, wobei ich indes den Verlust der
hundertunddreissig Stücke des Plautus und die untergegangene Schiffsladung von
hundertundacht Lustspielen des Terenz sowie die Gedichte Ennius', eines Mannes
von starker Seele, insonderheit seinen Scipio und seine Lehrgedichte, sehr
bedaure; denn im einzigen Terenz hätten wir, nach Cäsars Ausdruck, wenigstens
den halben Menander wieder. Dank also dem Cicero auch dafür, dass er uns den
Lukrez, einen Dichter von römischer Seele, und dem Augustus, dass er uns den
halben Homer in der Äneis seines Maro erhalten. Dank dem Cornutus, dass er von
seinem edlen Schüler Persius auch einige seiner Lehrlingsstücke uns nicht
missgönnte, und auch euch ihr Mönche, sei Dank, dass ihr, um Latein zu lernen, uns
den Terenz, Horaz, Boetius, vor allen andern aber euren Virgil als einen
rechtgläubigen Dichter aufbewahrtet. Der einzig unbefleckte Lorbeer in Augusts
Krone ist's, dass er den Wissenschaften Raum gab und die Musen liebte.
    
    Freudiger wende ich mich von den römischen Dichtern zu den Philosophen;
manche waren oft beides, und zwar Philosophen von Herz und Seele. In Rom erfand
man keine Systeme, aber man übte sie aus und führte sie in das Recht, in die
Staatsverfassung, ins tätige Leben. Nie wird ein Lehrdichter feuriger und
stärker schreiben, als Lukrez schrieb, denn er glaubte seine Lehre; nie ist seit
Plato die Akademie desselben reizender verjüngt worden als in Ciceros schönen
Gesprächen. So hat die stoische Philosophie nicht nur in der römischen
Rechtsgelehrsamkeit ein grosses Gebiet eingenommen und die Handlungen der
Menschen daselbst strenge geregelt, sondern auch in den Schriften Seneka, in den
vortrefflichen Betrachtungen Mark-Aurels, in den Regeln Epiktets u. f. eine
praktische Festigkeit und Schönheit erhalten, zu der die Lehrsätze mehrerer
Schulen offenbar beigetragen haben. Übung und Not in mancherlei harten
Zeitumständen des römischen Staats stärkten die Gemüter der Menschen und
stähleten sie; man suchte, woran man sich halten könnte, und brauchte das, was
der Grieche ausgedacht hatte, nicht als einen müssigen Schmuck, sondern als
Waffe, als Rüstung. Grosse Dinge hat die stoische Philosophie im Geist und Herzen
der Römer bewirkt, und zwar nicht zur Welteroberung, sondern zu Beförderung der
Gerechtigkeit, der Billigkeit und zum innern Trost unschuldig gedrückter
Menschen. Denn auch die Römer waren Menschen, und als eine schuldlose
Nachkommenschaft durch das Laster ihrer Vorfahren litt, suchten sie Stärkung,
woher sie konnten; was sie selbst nicht erfunden hatten, eigneten sie sich desto
fester zu.
    
    Die Geschichte der römischen Gelehrsamkeit endlich ist für uns eine Trümmer
von Trümmern, da uns grösstenteils die Sammlungen ihrer Literatur sowohl als die
Quellen fehlen, aus welchen jene Sammlungen geschöpft waren. Welche Mühe wäre
uns erspart, welch Licht über das Altertum angezündet, wenn die Schriften Varros
oder die zweitausend Bücher, aus denen Plinius zusammenschrieb, zu uns gekommen
wären! Freilich würde ein Aristoteles aus der den Römern bekannten Welt anders
als Plinius gesammlet haben; aber noch ist sein Buch ein Schatz, der, bei aller
Unkunde in einzelnen Fächern, sowohl den Fleiss als die römische Seele seines
Sammlers zeigt. So auch die Geschichte der Rechtsgelehrsamkeit dieses Volkes:
sie ist die Geschichte eines grossen Scharfsinnes und Fleisses, der nirgend als im
römischen Staat also geübt und so lange fortgesetzt werden konnte; an dem, was
die Zeitfolge daraus gemacht und darangereihet hat, sind die Rechtslehrer des
alten Roms unschuldig. Kurz, so mangelhaft die römische Literatur gegen die
griechische beinah in jeder Gattung erscheinet, so lag es doch nicht in den
Zeitumständen allein, sondern in ihrer römischen Natur selbst, dass sie
Jahrtausende hin die stolze Gesetzgeberin aller Nationen werden konnte. Die
Folge dieses Werks wird solches zeigen, wenn wir aus der Asche Roms ein neues
Rom in sehr veränderter Gestalt, aber dennoch voll Eroberungsgeist, werden
aufleben sehen.
    
    Zuletzt habe ich noch von der Kunst der Römer zu reden, in welcher sie sich
für Welt und Nachwelt als jene Herren der Erde erwiesen, denen die Materialien
und Hände aller überwundenen Völker zu Gebot standen. Von Anfang an war ein
Geist in ihnen, die Herrlichkeit ihrer Siege durch Ruhmeszeichen, die
Herrlichkeit ihrer Stadt durch Denkmale einer prächtigen Dauer zu bezeichnen, so
dass sie schon sehr frühe an nichts Geringeres als an eine Ewigkeit ihres stolzen
Daseins dachten. Die Tempel, die Romulus und Numa bauten, die Plätze, die sie
ihren öffentlichen Versammlungen anwiesen, gingen alle schon, auf Siege und eine
mächtige Volksregierung hinaus, bis bald darauf Ankus und Tarquinius die
Grundfesten jener Bauart legten, die zuletzt beinah zum Unermesslichen
emporstieg. Der etruskische König bauete die Mauer Roms von gehauenen Steinen;
er führte, sein Volk zu tränken und die Stadt zu reinigen, jene ungeheure
Wasserleitung, die noch jetzt in ihren Ruinen ein Wunder der Welt ist; denn dem
neueren Rom fehlte es, sie nur aufzuräumen oder in Dauer zu erhalten, an
Kräften. Ebendesselben Geistes waren seine Galerien, seine Tempel, seine
Gerichtssäle und jener ungeheure Zirkus, der, bloss für Ergötzungen des Volks
errichtet, noch jetzt in seinen Trümmern Ehrfurcht fodert. Auf diesem Wege
gingen die Könige, insonderheit der stolze Tarquin, nachher die Konsuls und
Ädilen, späterhin die Welteroberer und Diktators, am meisten Julius Cäsar fort,
und die Kaiser folgten. So kamen nach und nach jene Tore und Türme, jene Teater
und Amphiteater, Zirken und Stadien, Triumphbogen und Ehrensäulen, jene
prächtigen Grabmale und Grabgewölbe, Landstrassen und Wasserleitungen, Paläste
und Bäder zustande, die nicht nur in Rom und Italien, sondern häufig auch in
andern Provinzen ewige Fusstapfen dieser Herren der Welt sind. Fast erliegt das
Auge, manche dieser Denkmale nur noch in ihren Trümmern zu sehen, und die Seele
ermattet, das ungeheure Bild zu fassen, das in grossen Formen der Festigkeit und
Pracht sich der anordnende Künstler dachte. Noch kleiner aber werden wir, wenn
wir uns die Zwecke dieser Gebäude, das Leben und Weben in und zwischen
denselben, endlich das Volk gedenken, denen sie geweihet waren, und die oft
einzelnen Privatpersonen, die sie ihm weihten. Da fühlt die Seele, nur ein Rom
sei je in der Welt gewesen, und vom hölzernen Amphiteater des Curio an bis zum
Coliseum des Vespasians, vom Tempel des Jupiter Stators bis zum Panteon des
Agrippa oder dem Friedenstempel, vom ersten Triumphtor eines einziehenden
Siegers bis zu den Siegesbogen und Ehrensäulen Augustus', Titus', Trajans,
Severus' u. f. samt jeder Trümmer von Denkmalen ihres öffentlichen und
häuslichen Lebens habe ein Genius gewaltet. Der Geist der Völkerfreiheit und
Menschenfreundschaft war dieser Genius nicht; denn wenn man die ungeheure Mühe
jener arbeitenden Menschen bedenkt, die diese Marmor- und Steinfelsen oft aus
fernen Landen herbeischaffen und als überwundene Sklaven errichten mussten; wenn
man die Kosten überschlägt, die solche Ungeheuer der Kunst vom Schweiss und Blut
geplünderter, ausgesogner Provinzen erforderten, ja endlich, wenn wir den
grausamen, stolzen und wilden Geschmack überlegen, den durch jene blutigen
Fechterspiele, durch jene unmenschlichen Tierkämpfe, jene barbarischen
Triumphaufzüge u. f. die meisten dieser Denkmale nährten, die Wohllüste der
Bäder und Paläste noch ungerechnet: so wird man glauben müssen, ein gegen das
Menschengeschlecht feindseliger Dämon habe Rom gegründet, um allen Irdischen die
Spuren seiner dämonischen übermenschlichen Herrlichkeit zu zeigen. Man lese über
diesen Gegenstand des ältern Plinius und jedes edlen Römers eigene Klagen; man
folge den Erpressungen und Kriegen nach, durch welche die Künste Etruriens,
Griechenlandes und Ägyptens nach Rom kamen, so wird man den Steinhaufen der
römischen Pracht vielleicht als die höchste Summe menschlicher Gewalt und Grösse
anstaunen, aber auch als eine Tyrannen- und Mördergrube des Menschengeschlechts
verabscheuen lernen. Die Regeln der Kunst indessen bleiben, was sie sind, und
obgleich die Römer selbst in ihr eigentlich nichts erfanden, ja zuletzt das
anderswo Erfundene barbarisch gnug zusammensetzten, so bezeichnen sie sich
dennoch auch in diesem zusammenraffenden, auftürmenden Geschmack als die grossen
Herren der Erde.
 Excudent alii spirantia mollius aera;
 Credo equidem; vivos ducent de marmore vultus;
 Orabunt causas melius, coelique meatus
 Describent radio et surgentia sidera dicent:
 Tu regere imperio populos, Romane, memento;
 Hae tibi erunt artes, pacisque imponere morem,
 Parcere subiectis et debellare superbos.
    Gern wollten wir den Römern alle von ihnen verachtete Griechenkünste, die
doch selbst von ihnen zur Pracht oder zum Nutzen gebraucht wurden, ja sogar die
Erweiterung der edelsten Wissenschaften, der Astronomie, Zeitenkunde u. f.
erlassen und lieber zu den Örtern wallfahrten, wo diese Blüten des menschlichen
Verstandes auf ihrem eignen Boden blühten, wenn sie dieselbe nur an Ort und
Stelle gelassen und jene Regierungskunst der Völker, die sie sich als ihren
Vorzug zuschrieben, menschenfreundlicher geübt hätten. Dies aber konnten sie
nicht, da ihre Weisheit nur der Übermacht diente und den vermeinten Stolz der
Völker nichts als ein grösserer Stolz beugte.
 
                                       VI
     Allgemeine Betrachtungen über das Schicksal Roms und seine Geschichte
    Es ist ein alter Übungsplatz der politischen Philosophie gewesen, zu
untersuchen, was mehr zur Grösse Roms beigetragen habe, ob seine Tapferkeit oder
sein Glück. Schon Plutarch und mehrere sowohl griechische als römische
Schriftsteller haben darüber ihre Meinungen gesagt, und in neuern Zeiten hat
fast jeder über die Geschichte nachdenkende Geist dies Problem behandelt.
Plutarch, bei allem, was er der römischen Tapferkeit zugestehen muss, lässt das
Glück den Ausschlag geben und hat sich in dieser Untersuchung, wie in seinen
andern Schriften, zwar als den blumenreichen, angenehmen Griechen, nicht aber
eben als einen Geist bewiesen, der seinen Gegenstand vollendet. Die meisten
Römer dagegen schrieben ihrer Tapferkeit alles zu, und die Philosophen späterer
Zeiten ersannen sich einen Plan der Klugheit, auf welchen vom ersten Grundstein
an die römische Macht bis zu ihrer grössesten Erweiterung angeleget worden.
Offenbar zeigt die Geschichte, dass keins dieser Systeme ausschliessend, dass,
genau verbunden, sie aber alle wahr sind. Tapferkeit, Glück und Klugheit mussten
zusammentreten, um das auszurichten, was ausgerichtet ward, und von Romulus'
Zeiten an sehen wir diese drei Göttinnen für Rom im Bunde. Wollen wir also nach
Art der Alten die ganze Zusammenfügung lebendiger Ursachen und Wirkungen Natur
oder Glück nennen, so gehörte sowohl die Tapferkeit, selbst auch die grausame
Härte, als die Klugheit und Arglist der Römer mit zu diesem alles lenkenden
Glücke. Die Betrachtung wird immer unvollkommen bleiben, wenn man an einer
dieser Eigenschaften ausschliessend hänget und bei den Vortrefflichkeiten der
Römer ihre Fehler und Laster, bei dem innern Charakter ihrer Taten die äussern
begleitenden Umstände, endlich bei ihrem festen und grossen Kriegsverstande den
Zufall vergisst, den eben jener oft so glücklich nützte. Die Gänse, die das
Kapitol retteten, waren ebensowohl die Schutzgötter Roms als der Mut des
Camillus, das Zögern des Fabius oder ihr Jupiter Stator. In der Naturwelt gehört
alles zusammen, was zusammen und ineinander wirkt, pflanzend, erhaltend oder
zerstörend; in der Naturwelt der Geschichte nicht minder.
    Es ist eine angenehme Übung der Gedanken, sich hie und da zu tragen, was aus
Rom bei veränderten Umständen geworden wäre, z.B. wenn es anderswo gelegen,
frühzeitig nach Veji versetzt, das Kapitol von Brennus erstiegen, Italien von
Alexander bekriegt, die Stadt von Hannibal erobert oder der Rat, den er dem
Antiochus gab, befolgt wäre. Gleichergestalt lässet sich fragen: wie statt des
Augustus ein Cäsar, statt des Tibers ein Germanikus regiert hätte, welche
Verfassung der Welt ohne das eindringende Christentum entstanden wäre u. f. Jede
dieser Untersuchungen führet uns auf eine so genaue Zusammenkettung der
Umstände, dass man Rom zuletzt nach der Weise jener Morgenländer als ein
Lebendiges betrachten lernt, das nicht anders als unter solchen Umständen am
Ufer der Tiber wie aus dem Meer aufsteigen, allmählich den Streit mit allen
Völkern seines Weltraums zu Lande und Wasser lernen, sie unterjochen und
zertreten, endlich die Grenzen seines Ruhms und den Ursprung seiner Verwesung in
sich selbst finden können, als den es wirklich gefunden hat. Bei dieser
Betrachtung verschwindet alle sinnlose Willkür auch aus der Geschichte. In ihr
sowohl als in jeder Erzeugung der Naturreiche ist alles oder nichts Zufall,
alles oder nichts Willkür. Jedes Phänomenon der Geschichte wird eine
Naturerzeugung, und für den Menschen fast die betrachtenswürdigste von allen,
weil dabei so viel von ihm abhangt und er selbst bei dem, was ausser seinen
Kräften in der grossen Übermacht der Zeitumstände liegt, bei jenem unterdrückten
Griechenlande, Kartago und Numantia, bei jenem ermordeten Sertorius, Spartakus
und Viriatus, beim untergesunknen zweiten Pompejus, Drusus, Germanikus,
Britannikus u. f., obwohl in bittern Schalen, den nutzbarsten Kern findet. Die
einzige philosophische Art, eine Geschichte anzuschauen, ist diese; alle
denkenden Geister haben sie auch unwissend geübet.
    Nichts stünde dieser parteilosen Betrachtung mehr entgegen, als wenn man
selbst der blutigen römischen Geschichte einen eingeschränkten, geheimen Plan
der Vorsehung unterschieben wollte; wie wenn Rom z.B. vorzüglich deshalb zu
seiner Höhe gestiegen sei, damit es Redner und Dichter erzeugen, damit es das
römische Recht und die lateinische Sprache bis an die Grenzen seines Reichs
ausbreiten und alle Landstrassen ebnen möchte, die christliche Religion
einzuführen. Jedermann weiss, welche ungeheure Übel Rom und die Welt umher
drückten, eh solche Dichter und Redner aufkommen konnten; wie teuer z.B.
Sizilien des Cicero Rede gegen den Verres, wie teuer Rom und ihm selbst seine
Reden gegen Catilina, seine Angriffe auf den Antonius gewesen u. f. Damit eine
Perle gerettet würde, musste also ein Schiff untergehen, und tausend Lebendige
kamen um, bloss damit auf ihrer Asche einige Blumen wüchsen, die auch der Wind
zerstäubet. Um eine Äneis des Virgils, um die ruhige Muse eines Horaz und seine
urbanen Briefe zu erkaufen, mussten Ströme von Römerblut vorher vergossen,
zahllose Völker und Reiche unterdrückt werden; waren diese schönen Früchte eines
erpressten Goldnen Alters solches Aufwandes wert? Mit dem römischen Rechte ist's
nicht anders; denn wem ist unbekannt, welche Drangsale die Völker dadurch
erlitten, wie manche menschlichere Einrichtung der verschiedensten Länder
dadurch zerstört worden? Fremde Völker wurden nach Sitten gerichtet, die sie
nicht kannten; sie wurden mit Lastern und ihren Strafen vertraut, von welchen
sie nie gehört hatten; ja endlich der ganze Gang dieser Gesetzgebung, der sich
nur zur Verfassung Roms schickte, hat er nicht nach tausend Unterdrückungen den
Charakter aller überwundenen Nationen so verlöscht, so verderbet, dass, statt des
eigentümlichen Gepräges derselben, zuletzt allentalben nur der römische Adler
erscheint, der nach ausgehackten Augen und verzehrten Eingeweiden traurige
Leichname von Provinzen mit schwachen Flügeln deckte. Auch die lateinische
Sprache gewann nichts durch die überwundnen Völker, und diese gewannen nichts
durch jene. Sie ward verderbt und zuletzt ein romanisches Gemisch nicht nur in
den Provinzen, sondern in Rom selbst. Die schönere griechische Sprache verlor
auch durch sie ihre reine Schönheit, und jene Mundarten so vieler Völker, die
ihnen und uns weit nützlicher als eine verdorbne römische Sprache wären, gingen
bis aufs kleinste Überbleibsel unter. Die christliche Religion endlich, so
ausnehmend ich die Wohltaten verehre, die sie dem Menschengeschlecht gebracht
hat, so entfernt bin ich, zu glauben, dass auch nur ein Wegstein in Rom
ursprünglich ihretwegen von Menschen erhoben worden. Für sie hat Romulus seine
Stadt nicht errichtet, Pompejus und Crassus sind nicht für sie durch Judäa
gezogen; noch weniger sind alle jene römische Einrichtungen Europens und Asiens
gemacht, damit ihr allentalben der Weg bereitet würde. Rom nahm die christliche
Religion nicht anders auf, als es den Gottesdienst der Isis und jeden verworfnen
Aberglauben der östlichen Welt aufnahm; ja, es wäre gottesunwürdig, sich
einzubilden, dass die Vorsehung für ihr schönstes Werk, die Fortpflanzung der
Wahrheit und Tugend, keine andern Werkzeuge gewusst habe als die tyrannischen,
blutigen Hände der Römer. Die christliche Religion hob sich durch eigne Kräfte,
wie durch eigne Kräfte das römische Reich wuchs, und wenn beide sich zuletzt
gatteten, so gewann weder die eine dadurch noch das andere. Ein
römisch-christlicher Bastard entsprang, von welchem manche wünschen, dass er nie
entstanden wäre.
    Die Philosophie der Endzwecke hat der Naturgeschichte keinen Vorteil
gebracht, sondern ihre Liebhaber vielmehr statt der Untersuchung mit scheinbarem
Wahn befriedigt; wieviel mehr die tausendzweckige, ineinandergreifende
Menschengeschichte !
    Wir haben also auch der Meinung zu entsagen, als ob in der Fortsetzung der
Zeitalter die Römer dazu gewesen sein, um, wie in einem menschlichen Gemälde,
über den Griechen ein vollkommneres Glied in der Kette der Kultur zu bilden. In
dem, worin die Griechen vortrefflich waren, haben die Römer sie nie übertreffen
mögen; was gegenteils sie Eignes besassen, hatten sie von den Griechen nicht
gelernet. Genutzt haben sie alle Völker, mit denen sie bekannt wurden, bis auf
Indier und Troglodyten; sie nutzten sie aber als Römer, und oft ist's die Frage,
ob zu ihrem Vorteil oder Schaden. Sowenig nun alle andre Nationen der Römer
wegen da waren oder Jahrhunderte vorher ihre Einrichtungen für Römer machten,
sowenig dürfen solches die Griechen getan haben. Aten sowohl als die
italienischen Pflanzstädte gaben Gesetze für sich, nicht für sie; und wenn kein
Aten gewesen wäre, so hätte Rom zu den Scyten um seine Gesetztafeln senden
mögen. Auch waren in vielem Betracht die griechischen Gesetze vollkommner als
die römischen, und die Mängel der letzten verbreiteten sich auf einen viel
grösseren Weltstrich. Wo sie etwa menschlicher wurden, waren sie es nach
römischer Weise, weil es unnatürlich gewesen wäre, wenn die Überwinder so vieler
gebildeten Nationen nicht auch wenigstens den Schein der Menschlichkeit hätten
lernen sollen, mit dem sie oft die Völker betrogen.
    Also bliebe nichts übrig, als dass die Vorsehung den römischen Staat und die
lateinische Sprache als eine Brücke aufgestellt habe, auf welcher von den
Schätzen der Vorwelt auch etwas zu uns gelangen möchte. Die Brücke wäre die
schlechtste, die gewählt werden konnte; denn eben ihre Errichtung hat uns das
meiste geraubet. Die Römer zerstörten und wurden zerstört; Zerstörer aber sind
keine Erhalter der Welt. Sie wiegelten alle Völker auf, bis sie zuletzt die
Beute derselben wurden, und die Vorsehung tat ihretalben kein Wunder. Lasset
uns also auch diese, wie jede andre Naturerscheinung, deren Ursachen und Folgen
man frei erforschen will, ohne untergeschobnen Plan betrachten. Die Römer waren
und wurden, was sie werden konnten; alles ging unter oder erhielt sich an ihnen,
was untergehen oder sich erhalten mochte. Die Zeiten rollen fort und mit ihnen
das Kind der Zeiten, die vielgestaltige Menschheit. Alles hat auf der Erde
geblüht, was blühen konnte, jedes zu seiner Zeit und in seinem Kreise; es ist
abgeblüht und wird wieder blühen, wenn seine Zeit kommt. Das Werk der Vorsehung
geht nach allgemeinen grossen Gesetzen in seinem ewigen Gange fort, welcher
Betrachtung wir uns jetzt mit bescheidenem Schritt nähern.
 
                                Funfzehntes Buch
    »Vorübergehend ist also alles in der Geschichte; die Aufschrift ihres
Tempels heisst: Nichtigkeit und Verwesung. Wir treten den Staub unsrer Vorfahren
und wandeln auf dem eingesunknen Schutt zerstörter Menschenverfassungen und
Königreiche. Wie Schatten gingen uns Ägypten, Persien, Griechenland, Rom
vorüber, wie Schatten steigen sie aus den Gräbern hervor und zeigen sich in der
Geschichte.
    Und wenn irgendein Staatsgebäude sich selbst überlebte, wer wünscht ihm
nicht einen ruhigen Hingang? Wer fühlt nicht Schauder, wenn er im Kreise
lebendig wirkender Wesen auf Totengewölbe alter Einrichtungen stösst, die den
Lebendigen Licht und Wohnung rauben? Und wie bald, wenn der Nachfolger diese
Katakomben hinwegräumt, werden auch seine Einrichtungen dem Nachfolger gleiche
Grabgewölbe dünken und von ihm unter die Erde gesandt werden.
    Die Ursache dieser Vergänglichkeit aller irdischen Dinge liegt in ihrem
Wesen, in dem Ort, den sie bewohnen, in dem ganzen Gesetz, das unsre Natur
bindet. Der Leib der Menschen ist eine zerbrechliche, immer verneuete Hülle, die
endlich sich nicht mehr erneuen kann; ihr Geist aber wirkt auf Erden nur in und
mit dem Leibe. Wir dünken uns selbständig und hangen von allem in der Natur ab;
in eine Kette wandelbarer Dinge verflochten, müssen auch wir den Gesetzen ihres
Kreislaufs folgen, die keine andre sind als Entstehen, Sein und Verschwinden.
Ein loser Faden knüpft das Geschlecht der Menschen, der jeden Augenblick reisst,
um von neuem geknüpft zu werden. Der klug gewordene Greis geht unter die Erde,
damit sein Nachfolger ebenfalls wie ein Kind beginne, die Werke seines
Vorgängers vielleicht als ein Tor zerstöre und dem Nachfolger dieselbe nichtige
Mühe überlasse, mit der auch er sein Leben verzehret. So ketten sich Tage, so
ketten Geschlechter und Reiche sich aneinander. Die Sonne geht unter, damit
Nacht werde und Menschen sich über eine neue Morgenröte freuen mögen.
    Und wenn bei diesem allen nur noch einiger Fortgang merklich wäre? Wo zeigt
dieser sich aber in der Geschichte? Allentalben sieht man in ihr Zerstörung,
ohne wahrzunehmen, dass das Erneuete besser als das Zerstörte werde. Die Nationen
blühen auf und ab; meine abgeblühete Nation kommt keine junge, geschweige eine
schönere Blüte wieder. Die Kultur rückt fort, sie wird aber damit nicht
vollkommener; am neuen Ort werden neue Fähigkeiten entwickelt; die alten des
alten Orts gingen unwiederbringlich unter. Waren die Römer weiser und
glücklicher, als es die Griechen waren? Und sind wir's mehr als beide?
    Die Natur des Menschen bleibt immer dieselbe: im zehntausendsten Jahr der
Welt wird er mit Leidenschaften geboren, wie er im zweiten derselben mit
Leidenschaften geboren ward, und durchläuft den Gang seiner Torheiten zu einer
späten, unvollkommenen, nutzlosen Weisheit. Wir gehen in einem Labyrint umher,
in welchem unser Leben nur eine Spanne abschneidet; daher es uns fast
gleichgültig sein kann, ob der Irrweg Entwurf und Ausgang habe.
    Trauriges Schicksal des Menschengeschlechts, das mit allen seinen Bemühungen
an Ixions Rad, an Sisyphus' Stein gefesselt und zu einem tantalischen Sehnen
verdammt ist. Wir müssen wollen, wir müssen streben, ohne dass wir je die Frucht
unsrer Mühe vollendet sähen oder aus der ganzen Geschichte ein Resultat
menschlicher Bestrebungen lernten. Stehet ein Volk allein da, so nutzt sich sein
Gepräge unter der Hand der Zeit ab; kommt es mit andern ins Gedränge, so wird es
in den schmelzenden Tiegel geworfen, in welchem sich die Gestalt desselben
gleichfalls verlieret. So bauen wir aufs Eis, so schreiben wir in die Welle des
Meers; die Welle verrauscht, das Eis zerschmilzt, und hin ist unser Planet wie
unsre Gedanken.
    Wozu also die unselige Mühe, die Gott dem Menschengeschlecht in seinem
kurzen Leben zum Tagwerk gab? Wozu die Last, unter der sich jeder zum Grabe
hinabarbeitet? Und niemand wurde gefragt, ob er sie über sich nehmen, ob er auf
dieser Stelle, zu dieser Zeit, in diesem Kreise geboren sein wollte. Ja, da das
meiste übel der Menschen von ihnen selbst, von ihrer schlechten Verfassung und
Regierung, vom Trotz der Unterdrücker und von einer beinah unvermeidlichen
Schwachheit der Beherrscher und der Beherrschten herrühret: welch ein Schicksal
war's, das den Menschen unter das Joch seines eignen Geschlechts, unter die
schwache oder tolle Willkür seiner Brüder verkaufte? Man rechne die Zeitalter
des Glückes und Unglücks der Völker, ihrer guten und bösen Regenten, ja auch bei
den besten derselben die Summe ihrer Weisheit und Torheit, ihrer Vernunft und
Leidenschaft zusammen: welche ungeheure Negative wird man zusammenzählen!
Betrachte die Despoten Asiens, Afrikas, ja beinahe der ganzen Erdrunde; siehe
jene Ungeheuer auf dem römischen Tron, unter denen Jahrhunderte hin eine Welt
litt; zähle die Verwirrungen und Kriege, die Unterdrückungen und
leidenschaftlichen Tumulte zusammen und bemerke überall den Ausgang. Ein Brutus
sinkt, und Antonius triumphieret; Germanikus geht unter, und Tiberius, Caligula,
Nero herrschen; Aristides wird verbannt, Konfuzius fliehet umher, Sokrates,
Phocion, Seneka sterben. Freilich ist hier allentalben der Salz kenntlich: Was
ist, das ist; was werden kann, wird; was untergehen kann, geht unter; aber ein
trauriges Anerkenntnis, das uns allentalben nichts als den zweiten Satz
predigt, dass auf unsrer Erde wilde Macht und ihre Schwester, die boshafte List,
siege.«
    So zweifelt und verzweifelt der Mensch, allerdings nach vielen scheinbaren
Erfahrungen der Geschichte, ja gewissermasse hat diese traurige Klage die ganze
Oberfläche der Weltbegebenheiten für sich; daher mir mehrere bekannt sind, die
auf dem wüsten Ozean der Menschengeschichte den Gott zu verlieren glaubten, den
sie auf dem festen Lande der Naturforschung in jedem Grashalm und Staubkorn mit
Geistesaugen sahen und mit vollem Herzen verehrten. Im Tempel der Weltschöpfung
erschien ihnen alles voll Allmacht und gütiger Weisheit; auf dem Markt
menschlicher Handlungen hingegen, zu welchem doch auch unsre Lebenszeit
berechnet worden, sahen sie nichts als einen Kampfplatz sinnloser
Leidenschaften, wilder Kräfte, zerstörender Künste ohne eine fortgehende gütige
Absicht. Die Geschichte ward ihnen wie ein Spinnengewebe im Winkel des Weltbaus,
das in seinen verschlungenen Fäden zwar des verdorreten Raubes gnug, nirgend
aber einmal seinen traurigen Mittelpunkt, die webende Spinne selbst, zeigt.
    Ist indessen ein Gott in der Natur, so ist er auch in der Geschichte; denn
auch der Mensch ist ein Teil der Schöpfung und muss in seinen wildesten
Ausschweifungen und Leidenschaften Gesetze befolgen, die nicht minder schön und
vortrefflich sind als jene, nach welchen sich alle Himmels- und Erdkörper
bewegen. Da ich nun überzeugt bin, dass, was der Mensch wissen muss, er auch
wissen könne und dürfe, so gehe ich aus dem Gewühl der Szenen, die wir bisher
durchwandert haben, zuversichtlich und frei den hohen und schönen Naturgesetzen
entgegen, denen auch sie folgen.
 
                                       I
 Humanität ist der Zweck der Menschennatur, und Gott hat unserm Geschlecht mit
            diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben
    Der Zweck einer Sache, die nicht bloss ein totes Mittel ist, muss in ihr
selbst liegen. Wären wir dazu geschaffen, um, wie der Magnet sich nach Norden
kehrt, einem Punkt der Vollkommenheit, der ausser uns ist und den wir nie
erreichen könnten, mit ewig vergeblicher Mühe nachzustreben, so würden wir als
blinde Maschinen nicht nur uns, sondern selbst das Wesen bedauern dürfen, das
uns zu einem tantalischen Schicksal verdammte, indem es unser Geschlecht bloss zu
seiner, einer schadenfrohen, ungöttlichen Augenweide schuf. Wollten wir auch zu
seiner Entschuldigung sagen, dass durch diese leeren Bemühungen, die nie zum
Ziele reichen, doch etwas Gutes befördert und unsere Natur in einer ewigen
Regsamkeit erhalten würde, so bliebe es immer doch ein unvollkommenes, grausames
Wesen, das diese Entschuldigung verdiente; denn in der Regsamkeit, die keinen
Zweck erreicht, liegt kein Gutes, und es hätte uns, ohnmächtig oder boshaft,
durch Vorhaltung eines solchen Traums von Absicht seiner selbst unwürdig
getäuschet. Glücklicherweise aber wird dieser Wahn von der Natur der Dinge uns
nicht gelehret; betrachten wir die Menschheit, wie wir sie kennen, nach den
Gesetzen, die in ihr liegen, so kennen wir nichts Höheres als Humanität im
Menschen; denn selbst wenn wir uns Engel oder Götter denken, denken wir sie uns
nur als idealische, höhere Menschen.
    Zu diesem offenbaren Zweck, sahen wir242, ist unsre Natur organisieret; zu
ihm sind unsere feineren Sinne und Triebe, unsre Vernunft und Freiheit, unsere
zarte und dauernde Gesundheit, unsre Sprache, Kunst und Religion uns gegeben. In
allen Zuständen und Gesellschaften hat der Mensch durchaus nichts anders im Sinn
haben, nichts anders anbauen können als Humanität, wie er sich dieselbe auch
dachte. Ihr zugut sind die Anordnungen unsrer Geschlechter und Lebensalter von
der Natur gemacht, dass unsre Kindheit länger daure und nur mit Hülfe der
Erziehung eine Art Humanität lerne. Ihr zugut sind auf der weiten Erde alle
Lebensarten der Menschen eingerichtet, alle Gattungen der Gesellschaft
eingeführt worden. Jäger oder Fischer, Hirt oder Ackermann und Bürger, in jedem
Zustande lernte der Mensch Nahrungsmittel unterscheiden, Wohnungen für sich und
die Seinigen errichten; er lernte für seine beiden Geschlechter Kleidungen zum
Schmuck erhöhen und sein Hauswesen ordnen. Er erfand mancherlei Gesetze und
Regierungsformen, die alle zum Zweck haben wollten, dass jeder, unbefehdet vom
andern, seine Kräfte üben und einen schönem, freieren Genuss des Lebens sich
erwerben könnte. Hiezu ward das Eigentum gesichert und Arbeit, Kunst, Handel,
Umgang zwischen mehreren Menschen erleichtert; es wurden Strafen für die
Verbrecher, Belohnungen für die Vortrefflichen erfunden, auch tausend sittliche
Gebräuche der verschiednen Stände im öffentlichen und häuslichen Leben, selbst
in der Religion angeordnet. Hiezu endlich wurden Kriege geführt, Verträge
geschlossen, allmählich eine Art Kriegs- und Völkerrecht, nebst mancherlei
Bündnissen der Gastfreundschaft und des Handels, errichtet, damit auch ausser den
Grenzen seines Vaterlandes der Mensch geschont und geehrt würde. Was also in der
Geschichte je Gutes getan ward, ist für die Humanität getan worden; was in ihr
Törichtes, Lasterhaftes und Abscheuliches in Schwang kam, ward gegen die
Humanität verübet, so dass der Mensch sich durchaus keinen andern Zweck aller
seiner Erdanstalten denken kann, als der in ihm selbst, d. i. in der schwachen
und starken, niedrigen und edlen Natur liegt, die ihm sein Gott anschuf. Wenn
wir nun in der ganzen Schöpfung jede Sache nur durch das, was sie ist und wie
sie wirkt, kennen, so ist uns der Zweck des Menschengeschlechts auf der Erde
durch seine Natur und Geschichte wie durch die helleste Demonstration gegeben.
    Lasset uns auf den Erdstrich zurückblicken, den wir bisher durchwandert
haben: In allen Einrichtungen der Völker von Sina bis Rom, in allen
Mannigfaltigkeiten ihrer Verfassung sowie in jeder ihrer Erfindungen des Krieges
und Friedens, selbst bei allen Greueln und Fehlern der Nationen blieb das
Hauptgesetz der Natur kenntlich: »Der Mensch sei Mensch! Er bilde sich seinen
Zustand nach dem, was er für das Beste erkennet.« Hiezu bemächtigten sich die
Völker ihres Landes und richteten sich ein, wie sie konnten. Aus dem Weibe und
dem Staat, aus Sklaven, Kleidern und Häusern, aus Ergötzungen und Speisen, aus
Wissenschaft und Kunst ist hie und da auf der Erde alles gemacht worden, was man
zu seinem oder des Ganzen Besten daraus machen zu können glaubte. Überall also
finden wir die Menschheit im Besitz und Gebrauch des Rechtes, sich zu einer Art
von Humanität zu bilden, nachdem es solche erkannte. Irrten sie oder blieben auf
dem halben Wege einer ererbten Tradition stehen, so litten sie die Folgen ihres
Irrtums und büsseten ihre eigne Schuld. Die Gotteit hatte ihnen in nichts die
Hände gebunden als durch das, was sie waren, durch Zeit, Ort und die ihnen
einwohnenden Kräfte. Sie kam ihnen bei ihren Fehlern auch nirgend durch Wunder
zu Hülfe, sondern liess diese Fehler wirken, damit Menschen solche selbst bessern
lernten.
    So einfach dieses Naturgesetz ist, so würdig ist es Gottes, so
zusammenstimmend und fruchtbar an Folgen für das Geschlecht der Menschen. Sollte
dies sein, was es ist, und werden, was es werden könnte, so musste es eine
selbstwirksame Natur und einen Kreis freier Tätigkeit um sich her erhalten, in
welchem es kein ihm unnatürliches Wunder störte. Alle tote Materie, alle
Geschlechter der Lebendigen, die der Instinkt führet, sind seit der Schöpfung
geblieben, was sie waren: den Menschen machte Gott zu einem Gott auf Erden; er
legte das Principium eigner Wirksamkeit in ihn und setzte solches durch innere
und äussere Bedürfnisse seiner Natur von Anfange an in Bewegung. Der Mensch
konnte nicht leben und sich erhalten, wenn er nicht Vernunft brauchen lernte;
sobald er diese brauchte, war ihm freilich die Pforte zu tausend Irrtümern und
Fehlversuchen, eben aber auch, und selbst durch diese Irrtümer und Fehlversuche,
der Weg zum bessern Gebrauch der Vernunft eröffnet. Je schneller er seine Fehler
erkennen lernt, mit je rüstigerer Kraft er darauf geht, sie zu bessern, desto
weiter kommt er, desto mehr bildet sich seine Humanität, und er muss sie
ausbilden oder Jahrhunderte durch unter der Last eigner Schulden ächzen.
    Wir sehen also auch, dass sich die Natur zu Errichtung dieses Gesetzes einen
so weiten Raum erkor, als ihr der Wohnplatz unsres Geschlechts vergönnte; sie
organisierte den Menschen so vielfach, als auf unsrer Erde ein
Menschengeschlecht sich organisieren konnte. Nahe an den Affen stellete sie den
Neger hin, und von der Negervernunft an bis zum Gehirn der feinsten
Menschenbildung liess sie ihr grosses Problem der Humanität von allen Völkern
aller Zeiten auflösen. Das Notwendige, zu welchem der Trieb und das Bedürfnis
führet, konnte beinah keine Nation der Erde verfehlen; zur feinem Ausbildung des
Zustandes der Menschheit gab es auch feinere Völker sanfterer Klimate. Wie nun
alles Wohlgeordnete und Schöne in der Mitte zweier Extreme liegt, so musste auch
die schönere Form der Vernunft und Humanität in diesem gemässigtem Mittelstrich
ihren Platz finden. Und sie hat ihn nach dem Naturgesetz dieser allgemeinen
Konvenienz reichlich gefunden. Denn ob man gleich fast alle asiatischen Nationen
von jener Trägheit nicht freisprechen kann, die bei guten Anordnungen zu frühe
stehenblieb und eine ererbte Form für unableglich und heilig schätzte, so muss
man sie doch entschuldigen, wenn man den ungeheuren Strich ihres festen Landes
und die Zufälle bedenkt, denen sie insonderheit von dem Gebürg' her ausgesetzt
waren. Im ganzen bleiben ihre ersten frühen Anstalten zur Bildung der Humanität,
eine jede nach Zeit und Ort betrachtet, lobenswert, und noch weniger sind die
Fortschritte zu verkennen, die die Völker an den Küsten des Mittelländischen
Meeres in ihrer grossem Regsamkeit gemacht haben. Sie schüttelten das Joch des
Despotismus alter Regierungsformen und Traditionen ab und bewiesen damit das
grosse, gütige Gesetz des Menschenschicksals: »dass, was ein Volk oder ein
gesamtes Menschengeschlecht zu seinem eignen Besten mit Überlegung wolle und mit
Kraft ausführe, das sei ihm auch von der Natur vergönnet, die weder Despoten
noch Traditionen, sondern die beste Form der Humanität ihnen zum Ziel setzte«.
    Wunderbar-schön versöhnt uns der Grundsatz dieses göttlichen Naturgesetzes
nicht nur mit der Gestalt unsres Geschlechts auf der weiten Erde, sondern auch
mit den Veränderungen desselben durch alle Zeiten hinunter. Allentalben ist die
Menschheit das, was sie aus sich machen konnte, was sie zu werden Lust und Kraft
hatte. War sie mit ihrem Zustande zufrieden oder waren in der grossen Saat der
Zeiten die Mittel zu ihrer Verbesserung noch nicht gereift, so blieb sie
Jahrhunderte hin, was sie war, und ward nichts anders. Gebrauchte sie sich aber
der Waffen, die ihr Gott zum Gebrauch gegeben hatte, ihres Verstandes, ihrer
Macht und aller der Gelegenheiten, die ihr ein günstiger Wind zuführte, so stieg
sie künstlich höher, so bildete sie sich tapfer aus. Tat sie es nicht, so zeigt
schon diese Trägheit, dass sie ihr Unglück minder fühlte; denn jedes lebhafte
Gefühl des Unrechts, mit Verstande und Macht begleitet, muss eine rettende Macht
werden. Mitnichten gründete sich z.B. der lange Gehorsam unter dem Despotismus
auf die Übermacht des Despoten; die gutwillige, zutrauende Schwachheit der
Unterjochten, späterhin ihre duldende Trägheit, war seine einzige und grösseste
Stütze. Denn dulden ist freilich leichter als mit Nachdruck bessern; daher
brauchten so viele Völker des Rechts nicht, das ihnen Gott durch die Göttergabe
ihrer Vernunft gegeben.
    Kein Zweifel aber, dass überhaupt, was auf der Erde noch nicht geschehen ist,
künftig geschehen werde; denn unverjährbar sind die Rechte der Menschheit und
die Kräfte, die Gott in sie legte, unaustilgbar. Wir erstaunen darüber, wie weit
Griechen und Römer es in ihrem Kreise von Gegenständen in wenigen Jahrhunderten
brachten; denn wenn auch der Zweck ihrer Wirkung nicht immer der reinste war, so
beweisen sie doch, dass sie ihn zu erreichen vermochten. Ihr Vorbild glänzt in
der Geschichte und muntert jeden ihresgleichen, unter gleichem und grösserm
Schutze des Schicksals, zu ähnlichen und bessern Bestrebungen auf. Die ganze
Geschichte der Völker wird uns in diesem Betracht eine Schule des Wettlaufs zu
Erreichung des schönsten Kranzes der Humanität und Menschenwürde. So viele
glorreiche alte Nationen erreichten ein schlechteres Ziel; warum sollten wir
nicht ein reineres, edleres erreichen? Sie waren Menschen, wie wir sind; ihr
Beruf zur besten Gestalt der Humanität ist der unsrige, nach ungern
Zeitumständen, nach unserm Gewissen, nach unsern Pflichten. Was jene ohne Wunder
tun konnten, können und dürfen auch wir tun; die Gotteit hilft uns nur durch
unsern Fleiss, durch unsern Verstand, durch unsre Kräfte. Als sie die Erde und
alle vernunftlosen Geschöpfe derselben geschaffen hatte, formte sie den Menschen
und sprach zu ihm: »Sei mein Bild, ein Gott auf Erden! Herrsche und walte! Was
du aus deiner Natur Edles und Vortreffliches zu schaffen vermagst, bringe
hervor; ich darf dir nicht durch Wunder beistehn, da ich dein menschliches
Schicksal in deine menschliche Hand legte; aber alle meine heiligen, ewigen
Gesetze der Natur werden dir helfen.«
    Lasset uns einige dieser Naturgesetze erwägen, die auch nach den Zeugnissen
der Geschichte dem Gange der Humanität in unserm Geschlecht aufgeholfen haben
und, so wahr sie Naturgesetze Gottes sind, ihm aufhelfen werden.
 
                                       II
  Alle zerstörenden Kräfte in der Natur müssen den erhaltenden Kräften mit der
 Zeitenfolge nicht nur unterliegen, sondern auch selbst zuletzt zur Ausbildung
                               des Ganzen dienen
    Erstes Beispiel. Als einst im Unermesslichen der Werkstoff künftiger Welten
ausgebreitet schwamm, gefiel es dem Schöpfer dieser Welten, die Materie sich
bilden zu lassen nach den ihnen anerschaffenen inneren Kräften. Zum Mittelpunkt
des Ganzen, der Sonne, floss nieder, was nirgend eigne Bahn finden konnte oder
was sie auf ihrem mächtigen Tron mit überwiegenden Kräften an sich zog. Was
einen andern Mittelpunkt der Anziehung fand, ballte sich gleichartig zu ihm und
ging entweder in Ellipsen um seinen grossen Brennpunkt oder flog in Parabeln und
Hyperbeln hinweg und kam nie wieder. So reinigte sich der Äter, so ward aus
einem schwimmenden, zusammenfliessenden Chaos ein harmonisches Weltsystem, nach
welchem Erden und Kometen in regelmässigen Bahnen Äonen durch um ihre Sonne
umhergehn: ewige Beweise des Naturgesetzes, dass vermittelst eingepflanzter
göttlicher Kräfte aus dem Zustande der Verwirrung Ordnung werde. Solange dies
einfache grosse Gesetz aller gegeneinander gewogenen und abgezählten Kräfte
dauret, stehet der Weltbau fest; denn er ist auf eine Eigenschaft und Regel der
Gotteit gegründet.
    Zweites Beispiel. Gleichergestalt als unsre Erde aus einer unförmlichen
Masse sich zum Planeten formte, stritten und kämpften auf ihr ihre Elemente, bis
jedes seine Stelle fand, so dass, nach mancher wilden Verwirrung, der harmonisch
geordneten Kugel jetzt alles dienet. Land und Wasser, Feuer und Luft,
Jahreszeiten und Klimate, Winde und Ströme, die Witterung und was zu ihr
gehöret: alles ist einem grossen Gesetz ihrer Gestalt und Masse, ihres Schwunges
und ihrer Sonnenentfernung unterworfen und wird nach solchem harmonisch
geregelt. Jene unzählige Vulkane auf der Oberfläche unsrer Erde flammen nicht
mehr, die einst flammten; der Ozean siedet nicht mehr von jenen Vitriolgüssen
und andern Materien, die einst den Boden unsres festen Landes bedeckten.
Millionen Geschöpfe gingen unter, die untergehen mussten; was sich erhalten
konnte, blieb und steht jetzt Jahrtausende her in grosser harmonischer Ordnung.
Wilde und zahme, fleisch- und grasfressende Tiere, Insekten, Vögel, Fische,
Menschen sind gegeneinander geordnet, und unter diesen allen Mann und Weib,
Geburt und Tod, Dauer und Lebensalter, Not und Freude, Bedürfnisse und
Vergnügen. Und alle dies nicht etwa nach der Willkür einer täglich geänderten,
unerklärlichen Fügung, sondern nach offenbaren Naturgesetzen, die im Bau der
Geschöpfe, d. i. im Verhältnis aller der organischen Kräfte lagen, die sich auf
unserm Planeten beseelten und erhielten. Solange das Naturgesetz dieses Baues
und Verhältnisses dauert, wird auch seine Folge dauern: harmonische Ordnung
nämlich zwischen dem belebten und unbelebten Teil unsrer Schöpfung, die, wie das
Innere der Erde zeigt, nur durch den Untergang von Millionen bewirkt werden
konnte.
    Wie? und im menschlichen Leben sollte nicht eben dies Gesetz walten, das,
innern Naturkräften gemäss, aus dem Chaos Ordnung schafft und Regelmässigkeit
bringt in die Verwirrung der Menschen? Kein Zweifel! wir tragen dies Principium
in uns, und es muss und wird seiner Art gemäss wirken. Alle Irrtümer des Menschen
sind ein Nebel der Wahrheit; alle Leidenschaften seiner Brust sind wildere
Triebe einer Kraft, die sich selbst noch nicht kennet, die ihrer Natur nach aber
nicht anders als aufs Bessere wirket. Auch die Stürme des Meers, oft
zertrümmernd und verwüstend, sind Kinder einer harmonischen Weltordnung und
müssen derselben wie die säuselnden Zephyrs dienen. Gelänge es mir, einige
Bemerkungen ins Licht zu setzen, die diese erfreuliche Wahrheit uns
vergewissern.
    1. Wie die Stürme des Meers seltner sind als seine regelmässigen Winde, so
ist's auch im Menschengeschlecht eine gütige Naturordnung, dass weit weniger
Zerstörer als Erhalter in ihm geboren werden.
    Im Reich der Tiere ist es ein göttliches Gesetz, dass weniger Löwen und Tiger
als Schafe und Tauben möglich und wirklich sind; in der Geschichte ist's eine
ebenso gütige Ordnung, dass der Nebukadnezars und Cambyses', der Alexander und
Sulla, der Attila und Dschengis-Khane eine weit geringere Anzahl ist als der
sanftem Feldherren oder der stillen friedlichen Monarchen. Zu jenen gehören
entweder sehr unregelmässige Leidenschaften und Missanlagen der Natur, durch
welche sie der Erde statt freundlicher Sterne wie flammende Meteore erscheinen,
oder es treten meistens sonderbare Umstände der Erziehung, seltne Gelegenheiten
einer frühen Gewohnheit, endlich gar harte Bedürfnisse der feindseligen,
politischen Not hinzu, um die sogenannten Geisseln Gottes gegen das
Menschengeschlecht in Schwung zu bringen und darin zu erhalten. Wenn also zwar
die Natur unsertwegen freilich nicht von ihrem Gange ablassen wird, unter den
zahllosen Formen und Komplexionen, die sie hervorbringt, auch dann und wann
Menschen von wilden Leidenschaften, Geister zum Zerstören und nicht zum Erhalten
ans Licht der Welt zu senden, so steht es eben ja auch in der Gewalt der
Menschen, diesen Wölfen und Tigern ihre Herde nicht anzuvertraun, sondern sie
vielmehr durch Gesetze der Humanität selbst zu zähmen. Es gibt keine Auerochsen
mehr in Europa, die sonst allentalben ihr waldichtes Gebiet hatten; auch die
Menge der afrikanischen Ungeheuer, die Rom zu seinen Kampfspielen brauchte, ward
ihm zuletzt schwer zu erjagen. Je mehr die Kultur der Länder zunimmt, desto
enger wird die Wüste, desto seltner ihre wilden Bewohner. Gleichergestalt hat
auch in unserm Geschlecht die zunehmende Kultur der Menschen schon diese
natürliche Wirkung, dass sie mit der tierischen Stärke des Körpers auch die
Anlage zu wilden Leidenschaften schwächt und ein zarteres menschliches Gewächs
bildet. Nun sind bei diesem allerdings auch Unregelmässigkeiten möglich, die oft
um so verderblicher wüten, weil sie sich auf eine kindische Schwäche gründen,
wie die Beispiele so vieler morgenländischen und römischen Despoten zeigen;
allein da ein verwöhntes Kind immer doch eher zu bändigen ist als ein
blutdürstiger Tiger, so hat uns die Natur mit ihrer mildernden Ordnung zugleich
den Weg gezeigt, wie auch wir durch wachsenden Fleiss das Regellose regeln, das
Unersättlich-Wilde zähmen sollen und zähmen dürfen. Gibt es keine Gegenden voll
Drachen mehr, gegen welche jene Riesen der Vorzeit ausziehen müssten, gegen
Menschen selbst haben wir keine zerstörenden Herkuleskräfte nötig. Helden von
dieser Sinnesart mögen auf dem Kaukasus oder in Afrika ihr blutiges Spiel
treiben und den Minotaurus suchen, den sie erlegen; die Gesellschaft, in welcher
sie leben, hat das ungezweifelte Recht, alle flammenspeiende Stiere Geryons
selbst zu bekämpfen. Sie leidet, wenn sie sich ihnen gutwillig zum Raube
hingibt, durch ihre eigne Schuld, wie es die eigne Schuld der Völker war, dass
sie sich gegen das verwüstende Rom nicht mit aller Macht einer
gemeinschaftlichen Verbindung zur Freiheit der Welt verknüpften.
    2. Der Verfolg der Geschichte zeigt, dass mit dem Wachstum wahrer Humanität
auch der zerstörenden Dämonen des Menschengeschlechts wirklich weniger geworden
sei, und zwar nach innern Naturgesetzen einer sich aufklärenden Vernunft und
Staatskunst.
    Je mehr die Vernunft unter den Menschen zunimmt, desto mehr muss man's von
Jugend auf einsehen lernen, dass es eine schönere Grösse gibt als die
menschenfeindliche Tyrannengrösse, dass es besser und selbst schwerer sei, ein
Land zu bauen, als es zu verwüsten, Städte einzurichten, als solche zu
zerstören. Die fleissigen Ägypter, die sinnreichen Griechen, die handelnden
Phönicier haben in der Geschichte nicht nur eine schönere Gestalt, sondern sie
genossen auch während ihres Daseins ein viel angenehmeres und nützlicheres Leben
als die zerstörenden Perser, die erobernden Römer, die geizigen Kartaginenser.
Das Andenken jener blühet noch in Ruhm, und ihre Wirkung auf Erden ist mit
wachsender Kraft unsterblich; dagegen die Verwüster mit ihrer dämonischen
Übermacht nichts anders erreichten, als dass sie auf dem Schuttaufen ihrer Beute
ein üppiges, elendes Volk wurden und zuletzt selbst den Giftbecher einer ärgern.
Vergeltung tranken. Dies war der Fall der Assyrer, Babylonier, Perser, Römer;
selbst den Griechen hat ihre innere Uneinigkeit sowie in manchen Provinzen und
Städten ihre Üppigkeit mehr als das Schwert der Feinde geschadet. Da nun diese
Grundsätze eine Naturordnung sind, die sich nicht etwa nur durch einige Fälle
der Geschichte als durch zufällige Exempel beweiset, sondern die auf sich
selbst, d. i. auf der Natur der Unterdrückung und einer überstrengten Macht oder
auf den Folgen des Sieges, der Üppigkeit und dem Hochmut wie auf Gesetzen eines
gestörten Gleichgewichts ruhet und mit dem Lauf der Dinge ihren gleichewigen
Gang hält: warum sollte man zweifeln müssen, dass diese Naturgesetze nicht auch
wie jede andre erkannt und, je kräftiger sie eingesehen werden, mit der
unfehlbaren Gewalt einer Naturwahrheit wirken sollten? Was sich zur
matematischen Gewissheit und auf einen politischen Kalkül bringen lässt, muss
später oder früher als Wahrheit erkannt werden; denn an Euklides Sätzen oder am
Einmaleins hat noch niemand gezweifelt.
    Selbst unsre kurze Geschichte beweiset es daher schon klar, dass mit der
wachsenden wahren Aufklärung der Völker die menschenfeindlichen, sinnlosen
Zerstörungen derselben sich glücklich vermindert haben. Seit Roms Untergange ist
in Europa kein kultiviertes Reich mehr entstanden, das seine ganze Einrichtung
auf Kriege und Eroberungen gebauet hätte; denn die verheerenden Nationen der
mittleren Zeiten waren rohe, wilde Völker. Je mehr aber auch sie Kultur
empfingen und ihr Eigentum liebgewinnen lernten, desto mehr drang sich ihnen
unvermerkt, ja oft wider ihren Willen, der schönere, ruhige Geist des
Kunstfleisses, des Ackerbaues, des Handels und der Wissenschaft auf. Man lernte
nutzen, ohne zu vernichten, weil das Vernichtete sich nicht mehr nutzen lässt,
und so ward mit der Zeit, gleichsam durch die Natur der Sache selbst, ein
friedliches Gleichgewicht zwischen den Völkern, weil nach Jahrhunderten wilder
Befehdung es endlich alle einsehen lernten, dass der Zweck, den jeder wünschte,
sich nicht anders erreichen liesse, als dass sie gemeinschaftlich dazu beitrügen.
Selbst der Gegenstand des scheinbar grössesten Eigennutzes, der Handel, hat
keinen andern als diesen Weg nehmen mögen, weil er Ordnung der Natur ist, gegen
welche alle Leidenschaften und Vorurteile am Ende nichts vermögen. Jede
handelnde Nation Europas beklaget es jetzt und wird es künftig noch mehr
beklagen, was sie einst des Aberglaubens oder des Neides wegen sinnlos
zerstörte. Je mehr die Vernunft zunimmt, desto mehr muss die erobernde eine
handelnde Schiffahrt werden, die auf gegenseitiger Gerechtigkeit und Schonung,
auf einen fortgehenden Wetteifer in übertreffendem Kunstfleisse, kurz, auf
Humanität und ihren ewigen Gesetzen ruhet.
    Inniges Vergnügen fühlt unsre Seele, wenn sie den Balsam, der in den
Naturgesetzen der Menschheit liegt, nicht nur empfindet, sondern ihn auch kraft
seiner Natur sich unter den Menschen wider ihren Willen ausbreiten und Raum
schaffen sieht. Das Vermögen zu fehlen konnte ihnen die Gotteit selbst nicht
nehmen; sie legte es aber in die Natur des menschlichen Fehlers, dass er früher
oder später sich als solchen zeigen und dem rechnenden Geschöpf offenbar werden
musste. Kein kluger Regent Europas verwaltet seine Provinzen mehr, wie der
Perserkönig, ja wie selbst die Römer solche verwalteten; wenn nicht aus
Menschenliebe, so aus besserer Einsicht der Sache, da mit den Jahrhunderten sich
der politische Kalkül gewisser, leichter, klarer gemacht hat. Nur ein Unsinniger
würde zu unserer Zeit ägyptische Pyramiden bauen, und jeder, der ähnliche
Nutzlosigkeiten aufführt, wird von aller vernünftigen Welt für sinnlos gehalten,
wenn nicht aus Völkerliebe, so aus sparender Berechnung. Blutige Fechterspiele,
grausame Tierkämpfe dulden wir nicht mehr; alle diese wilden Jugendübungen ist
das Menschengeschlecht durchgangen und hat endlich einsehen gelernt, dass ihre
tolle Lust der Mühe nicht wert sei. Gleichergestalt bedürfen wir des Drucks
armer Römersklaven oder spartanischer Heloten nicht mehr, da unsre Verfassung
durch freie Geschöpfe das leichter zu erreichen weiss, was jene alten
Verfassungen durch menschliche Tiere gefährlicher und selbst kostbarer
erreichten; ja es muss eine Zeit kommen, da wir auf unsern unmenschlichen
Negerhandel ebenso bedauernd zurücksehen werden als auf die alten Römersklaven
oder auf die spartanischen Heloten, wenn nicht aus Menschenliebe, so aus
Berechnung. Kurz, wir haben die Gotteit zu preisen, dass sie uns bei unsrer
fehlbaren schwachen Natur Vernunft gab, einen ewigen Lichtstrahl aus ihrer
Sonne, dessen Wesen es ist, die Nacht zu vertreiben und die Gestalten der Dinge,
wie sie sind, zu zeigen.
    3. Der Fortgang der Künste und Erfindungen selbst gibt dem
Menschengeschlecht wachsende Mittel in die Hand, das einzuschränken oder
unschädlich zu machen, was die Natur selbst nicht auszutilgen vermochte.
    Es müssen Stürme auf dem Meer sein, und die Mutter der Dinge selbst konnte
sie dem Menschengeschlecht zugut nicht wegräumen; was gab sie aber ihrem
Menschengeschlecht dagegen? Die Schiffskunst. Eben dieser Stürme wegen erfand
der Mensch die tausendfach künstliche Gestalt seines Schiffes, und so entkommt
er nicht nur dem Sturme, sondern weiss ihm auch Vorteile abzugewinnen und segelt
auf seinen Flügeln.
    Verschlagen auf dem Meer, konnte der Irrende keine Tyndariden anrufen, die
ihm erschienen und rechten Weges ihn leiteten; er erfand sich also selbst seinen
Führer, den Kompass, und suchte am Himmel seine Tyndariden, die Sonne, den Mond
und die Gestirne. Mit dieser Kunst ausgerüstet, wagt er sich auf den uferlosen
Ozean, bis zu seiner höchsten Höhe, bis zu seiner tiefsten Tiefe.
    Das verwüstende Element des Feuers konnte die Natur dem Menschen nicht
nehmen, wenn sie ihm nicht zugleich die Menschheit selbst rauben wollte; was gab
sie ihm also mittelst des Feuers? Tausendfache Künste; Künste, dies fressende
Gift nicht nur unschädlich zu machen und einzuschränken, sondern es selbst zum
mannigfaltigsten Vorteil zu gebrauchen.
    Nicht anders ist's mit den wütenden Leidenschaften der Menschen, diesen
Stürmen auf dem Meer, diesem verwüstenden Feuerelemente. Eben durch sie und an
ihnen hat unser Geschlecht seine Vernunft geschärft und tausend Mittel, Regeln
und Künste erfunden, sie nicht nur einzuschränken, sondern selbst zum Besten zu
lenken, wie die ganze Geschichte zeigt. Ein leidenschaftloses
Menschengeschlecht hätte auch seine Vernunft nie ausgebildet; es läge noch
irgend in einer Troglodytenhöhle.
    Der menschenfressende Krieg z.B. war jahrhundertelang ein rohes
Räuberhandwerk. Lange übten sich die Menschen darin voll wilder Leidenschaften;
denn solange es in ihm auf persönliche Stärke, List und Verschlagenheit ankam,
konnten, bei sehr rühmlichen Eigenschaften, nicht anders als zugleich sehr
gefährliche Mord- und Raubtugenden genährt werden, wie es die Kriege der alten,
mittleren und selbst einiger neuen Zeiten reichlich erweisen. An diesem
verderblichen Handwerk aber ward, gleichsam wider Willen der Menschen, die
Kriegskunst erfunden, denn die Erfinder sahen nicht ein, dass damit der Grund des
Krieges selbst untergraben würde. Je mehr der Streit eine durchdachte Kunst
ward, je mehr insonderheit mancherlei mechanische Erfindungen zu ihm traten,
desto mehr ward die Leidenschaft einzelner Personen und ihre wilde Stärke
unnütz. Als ein totes Geschütz wurden sie jetzt alle dem Gedanken eines
Feldherrn, der Anordnung welliger Befehlshaber unterworfen, und zuletzt blieb es
nur den Landesherren erlaubt, dies gefährliche, kostbare Spiel zu spielen, da in
alten Zeiten alle kriegerische Völker beinahe stets in den Waffen waren. Proben
davon sahen wir nicht nur bei mehreren asiatischen Nationen, sondern auch bei
den Griechen und Römern. Viele Jahrhunderte durch waren diese fast unverrückt im
Schlachtfelde: der volskische Krieg dauerte 106, der samnitische 71 Jahre; zehn
Jahre ward die Stadt Veji wie ein zweites Troja belagert, und unter den Griechen
ist der 28jährige verderbliche Peloponnesische Krieg bekannt genug. Da nun bei
allen Kriegen der Tod im Treffen das geringste Übel ist, hingegen die
Verheerungen und Krankheiten, die ein ziehendes Heer begleiten oder die eine
eingeschlossene Stadt drücken, samt der räuberischen Unordnung, die sodann in
allen Gewerben und Ständen herrscht, das grössere Übel sind, das ein
leidenschaftlicher Krieg in tausend schrecklichen Gestalten mit sich führet, so
mögen wir's den Griechen und Römern, vorzüglich aber dem Erfinder des Pulvers
und den Künstlern des Geschützes danken, dass sie das wildeste Handwerk zu einer
Kunst und neuerlich gar zur höchsten Ehrenkunst gekrönter Häupter gemacht haben.
Seitdem Könige in eigner Person mit ebenso leidenschaft- als zahllosen Heeren
dies Ehrenspiel treiben, so sind wir, bloss der Ehre des Feldherrn wegen, vor
Belagerungen, die 10, oder vor Kriegen, die 71 Jahre dauern, sicher; zumal die
letzten auch, der grossen Heere wegen, sich selbst aufheben. Also hat nach einem
unabänderlichen Gesetz der Natur das Übel selbst etwas Gutes erzeuget, indem die
Kriegskunst den Krieg einem Teile nach vertilgt hat. Auch die Räubereien und
Verwüstungen haben sich durch sie, nicht eben aus Menschenfreundschaft, sondern
der Ehre des Feldherrn wegen, vermindert. Das Recht des Krieges und das Betragen
gegen die Gefangenen ist ungleich milder worden, als es selbst bei den Griechen
war; an die öffentliche Sicherheit nicht zu gedenken, die bloss in kriegerischen
Staaten zuerst aufkam. Das ganze römische Reich z.B. war auf seinen Strassen
sicher, solang es der gewaffnete Adler mit seinen Flügeln deckte; dagegen in
Asien und Afrika, selbst in Griechenland einem Fremdlinge das Reisen gefährlich
ward, weil es diesen Ländern an einem sichernden Allgemeingeist fehlte. So
verwandelt sich das Gift in Arznei, sobald es Kunst wird; einzelne Geschlechter
gingen unter, das unsterbliche Ganze aber überlebt die Schmerzen der
verschwindenden Teile und lernt am übel selbst Gutes.
    Was von der Kriegskunst galt, muss von der Staatskunst noch mehr gelten; nur
ist sie eine schwerere Kunst, weil sich in ihr das Wohl des ganzen Volks
vereinet. Auch der amerikanische Wilde hat seine Staatskunst; aber wie
eingeschränkt ist sie, da sie zwar einzelnen Geschlechtern Vorteil bringt, das
ganze Volk aber vor dem Untergange nicht sichert. Mehrere kleine Nationen haben
sich untereinander aufgerieben; andere sind so dünne geworden, dass im bösen
Konflikt mit den Blattern, dem Branntwein und der Habsucht der Europäer manche
derselben wahrscheinlich noch ein gleiches Schicksal erwartet. Je mehr in Asien
und in Europa die Verfassung eines Staats Kunst ward, desto fester stehet er in
sich, desto genauer ward er mit andern zusammengegründet, so dass einer ohne den
andern selbst nicht zu fallen vermag. So steht Sina, so stehet Japan, alte
Gebäude, tief unter sich selbst gegründet. Künstlicher schon waren die
Verfassungen Griechenlandes, dessen vornehmste Republiken jahrhundertelang um
ein politisches Gleichgewicht kämpften. Gemeinschaftliche Gefahren vereinigten
sie; und wäre die Vereinigung vollkommen gewesen, so hätte das rüstige Volk dem
Philippus und den Römern so glorreich widerstehen mögen, wie es einst dem Darius
und Xerxes obgesiegt hatte. Nur die schlechte Staatskunst aller benachbarten
Völker war Roms Vorteil; geteilt wurden sie angegriffen, geteilt überwunden. Ein
gleiches Schicksal hatte Rom, da seine Staats- und Kriegskunst verfiel; ein
gleiches Schicksal Judäa und Ägypten. Kein Volk kann untergehen, dessen Staat
wohlbestellt ist; gesetzt, dass es auch überwunden wird, wie mit allen seinen
Fehlern selbst Sina bezeuget.
    Noch augenscheinlicher wird der Nutze einer durchdachten Kunst, wenn von der
innern Haushaltung eines Landes, von seinem Handel, seiner Rechtspflege, seinen
Wissenschaften und Gewerben die Rede ist; in allen diesen Stücken ist offenbar,
dass die höhere Kunst zugleich der höhere Vorteil sei. Ein wahrer Kaufmann
betrügt nicht, weil Betrug nie bereichert, sowenig als ein wahrer Gelehrter mit
falscher Wissenschaft grosstut oder ein Rechtsgelehrter, der den Namen verdient,
wissentlich je ungerecht sein wird, weil alle diese sich damit nicht zu
Meistern, sondern zu Lehrlingen ihrer Kunst bekennten. Ebenso gewiss muss eine
Zeit kommen, da auch der Staatsunvernünftige sich seiner Unvernunft schämet und
es nicht minder lächerrlich und ungereimt wird, ein tyrannischer Despot zu sein,
als es in allen Zeiten für abscheulich gehalten worden; sobald man nämlich klar
wie der Tag einsieht, dass jede Staatsunvernunft mit einem falschen Einmaleins
rechne und dass, wenn sie sich damit auch die grössesten Summen errechnete, sie
hiemit durchaus keinen Vorteil gewinne. Dazu ist nun die Geschichte geschrieben,
und es werden sich im Verfolg derselben die Beweise dieses Satzes klar zeigen.
Alle Fehler der Regierungen haben vorausgehen und sich gleichsam erschöpfen,
müssen, damit nach allen Unordnungen der Mensch endlich lerne, dass die Wohlfahrt
seines Geschlechts nicht auf Willkür, sondern auf einem ihm wesentlichen
Naturgesetz, der Vernunft und Billigkeit, ruhe. Wir gehen jetzt der Entwicklung
desselben entgegen, und die innere Kraft der Wahrheit möge ihrem Vortrage selbst
Licht und Überzeugung geben.
 
                                      III
Das Menschengeschlecht ist bestimmt, mancherlei Stufen der Kultur in mancherlei
 Veränderungen zu durchgehen; auf Vernunft und Billigkeit aber ist der dauernde
            Zustand seiner Wohlfahrt wesentlich und allein gegründet
    Erstes Naturgesetz. In der matematischen Naturlehre ist's erwiesen, dass zum
Beharrungszustande eines Dinges jederzeit eine Art Vollkommenheit, ein Maximum
oder Minimum, erfodert werde, das aus der Wirkungsweise der Kräfte dieses Dinges
folget. So könnte z.B. unsre Erde nicht dauern, wenn der Mittelpunkt ihrer
Schwere nicht am tiefsten Ort läge und alle Kräfte auf und von demselben in
harmonischem Gleichgewicht wirkten. Jedes bestehende Dasein trägt also nach
diesem schönen Naturgesetz seine physische Wahrheit, Güte und Notwendigkeit als
den Kern seines Bestehens in sich.
    Zweites Naturgesetz. Gleichergestalt ist's erwiesen, dass alle Vollkommenheit
und Schönheit zusammengesetzter, eingeschränkter Dinge oder ihrer Systeme auf
einem solchen Maximum ruhe. Das Ähnliche nämlich und das Verschiedene, das
Einfache in den Mitteln und das Vielfältige in den Wirkungen, die leichteste
Anwendung der Kräfte zu Erreichung des gewissesten oder fruchtbarsten Zweckes
bilden eine Art Ebenmasses und harmonischer Proportion, die von der Natur
allentalben bei den Gesetzen ihrer Bewegung, in der Form ihrer Geschöpfe, beim
Grössesten und Kleinsten beobachtet ist und von der Kunst des Menschen, soweit
seine Kräfte reichen, nachgeahmt wird. Mehrere Regeln schränken hiebei einander
ein, so dass, was nach der einen grösser wird, nach der andern abnimmt, bis das
zusammengesetzte Ganze seine sparsam-schönste Form und mit derselben innern
Bestand, Güte und Wahrheit gewinnet. Ein vortreffliches Gesetz, das Unordnung
und Willkür aus der Natur verbannet und uns auch in jedem veränderlichen
eingeschränkten Teil der Weltordnung eine Regel der höchsten Schönheit zeigt.
    Drittes Naturgesetz. Ebensowohl ist's erwiesen, dass, wenn ein Wesen oder ein
System derselben aus diesem Beharrungszustande seiner Wahrheit, Güte und
Schönheit verrückt worden, es sich demselben durch innere Kraft, entweder in
Schwingungen oder in einer Asymptote, wieder nähere, weil ausser diesem Zustande
es keinen Bestand findet. Je lebendiger und vielartiger die Kräfte sind, desto
weniger ist der unvermerkte gerade Gang der Asymptote möglich, desto heftiger
werden die Schwingungen und Oszillationen, bis das gestörte Dasein das
Gleichgewicht seiner Kräfte oder ihrer harmonischen Bewegung, mitin den ihm
wesentlichen Beharrungszustand erreichet.
    Da nun die Menschheit sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Individuen,
Gesellschaften und Nationen ein dauerndes Natursystem der vielfachsten
lebendigen Kräfte ist, so lasset uns sehen, worin der Bestand desselben liege,
auf welchem Punkt sich seine höchste Schönheit, Wahrheit und Güte vereine und
welchen Weg es nehme, um sich bei einer jeden Verrückung, deren uns die
Geschichte und Erfahrung so viele darbeut, seinem Beharrungszustande wiederum zu
nähern.
    
    1. Die Menschheit ist ein so reicher Entwurf von Anlagen und Kräften, dass,
weil alles in der Natur auf der bestimmtesten Individualität ruhet, auch ihre
grossen und vielen Anlagen nicht anders als unter Millionen verteilt auf unserm
Planeten erscheinen konnten. Alles wird geboren, was auf ihm geboren werden
kann, und erhält sich, wenn es nach Gesetzen der Natur seinen Beharrungszustand
findet. Jeder einzelne Mensch trägt also, wie in der Gestalt seines Körpers, so
auch in den Anlagen seiner Seele das Ebenmass, zu welchem er gebildet ist und
sich selbst ausbilden soll, in sich. Es geht durch alle Arten und Formen
menschlicher Existenz, von der kränklichsten Unförmlichkeit, die sich kaum
lebend erhalten konnte, bis zur schönsten Gestalt eines griechischen
Gottmenschen, von der leidenschaftlichsten Hitze eines Negergehirns bis zur
Anlage der schönsten Weisheit. Durch Fehler und Verirrungen, durch Erziehung,
Not und Übung sucht jeder Sterbliche dies Ebenmass seiner Kräfte, weil in solchem
allein der vollste Genuss seines Daseins lieget; nur wenige Glückliche aber
erreichen es auf die reinste, schönste Weise.
    2. Da der einzelne Mensch für sich sehr unvollkommen bestehen kann, so
bildet sich mit jeder Gesellschaft ein höheres Maximum zusammenwirkender Kräfte.
In wilder Verwirrung laufen diese so lange gegeneinander, bis nach unfehlbaren
Gesetzen der Natur die widrigen Regeln einander einschränken und eine Art
Gleichgewicht und Harmonie der Bewegung werde. So modifizieren sich die Nationen
nach Ort, Zeit und ihrem innern Charakter; jede trägt das Ebenmass ihrer
Vollkommenheit, unvergleichbar mit andern, in sich. Je reiner und schöner nun
das Maximum war, auf welches ein Volk traf, auf je nützlichere Gegenstände es
seine Übung schönerer Kräfte anlegte, je genauer und fester endlich das Band der
Vereinigung war, das alle Glieder des Staats in ihrem Innersten knüpfte und sie
auf diese guten Zwecke lenkte, desto bestehender war die Nation in sich, desto
edler glänzt ihr Bild in der Menschengeschichte. Der Gang, den wir bisher durch
einige Völker genommen, zeigte, wie verschieden nach Ort, Zeit und Umständen das
Ziel war, auf welches sie ihre Bestrebungen richteten. Bei den Sinesen war's
eine feine politische Moral, bei den Indiern eine Art abgezogener Reinheit,
stiller Arbeitsamkeit und Duldung, bei den Phöniciern der Geist der Schiffahrt
und des handelnden Fleisses. Die Kultur der Griechen, insonderheit Atens, ging
auf ein Maximum des Sinnlichschönen, sowohl in der Kunst als den Sitten, in
Wissenschaften und in der politischen Einrichtung. In Sparte und Rom bestrebte
man sich nach der Tugend eines vaterländischen oder Heldenpatriotismus; in
beiden auf eine sehr verschiedene Weise. Da in diesem allen das meiste von Ort
und Zeit abhangt, so sind in den auszeichnendsten Zügen des Nationalruhms die
alten Völker einander beinahe unvergleichbar.
    3. Indessen sehen wir bei allen ein Principium wirken, nämlich eine
Menschenvernunft, die aus vielem eins, aus der Unordnung Ordnung, aus einer
Mannigfaltigkeit von Kräften und Absichten ein Ganzes mit Ebenmass und dauernder
Schönheit hervorzubringen sich bestrebet. Von jenen unförmlichen Kunstfelsen,
womit der Sinese seine Gärten verschönt, bis zur ägyptischen Pyramide oder zum
griechischen Ideal ist allentalben Plan und Absicht eines nachsinnenden
Verstandes, obwohl in sehr verschiednen Graden, merkbar. Je feiner nun dieser
Verstand überlegte, je näher er dem Punkt kam, der ein Höchstes seiner Art
entält und keine Abweichung zur Rechten oder zur Linken verstattet, desto mehr
wurden seine Werke Muster; denn sie entalten ewige Regeln für den
Menschenverstand aller Zeiten. So lässet sich z.B. über eine ägyptische Pyramide
oder über mehrere griechische und römische Kunstwerke nichts Höheres denken. Sie
sind rein aufgelösete Probleme des menschlichen Verstandes in dieser Art, bei
welchen keine willkürliche Dichtung, dass das Problem etwa auch nicht aufgelöset
sei oder besser aufgelöset werden könne, stattfindet; denn der reine Begriff
dessen, was sie sein sollten, ist in ihnen auf die leichteste, reichste,
schönste Art erschöpfet. Jede Verirrung von ihnen wäre Fehler, und wenn dieser
auf tausendfache Art wiederholt und vervielfältiget würde, so müsste man immer
doch zu jenem Ziel zurückkehren, das ein Höchstes seiner Art und nur ein Punkt
ist.
    4. Es ziehet sich demnach eine Kette der Kultur in sehr abspringenden
krummen Linien durch alle gebildete Nationen, die wir bisher betrachtet haben
und weiterhin betrachten werden. In jeder derselben bezeichnet sie zu- und
abnehmende Grössen und hat Maxima allerlei Art. Manche von diesen schliessen
einander aus oder schränken einander ein, bis zuletzt dennoch ein Ebenmass im
ganzen stattfindet, so dass es der trüglichste Schluss wäre, wenn man von einer
Vollkommenheit einer Nation auf jede andre schliessen wollte. Weil Aten z.B.
schöne Redner hatte, durfte es deshalb nicht auch die beste Regierungsform
haben, und weil Sina so vortrefflich moralisieret, ist sein Staat noch kein
Muster der Staaten. Die Regierungsform beziehet sich auf ein ganz anderes
Maximum als ein schöner Sittenspruch oder eine patetische Rede; obwohl zuletzt
alle Dinge bei einer Nation, wenn auch nur ausschliessend und einschränkend, sich
in einen Zusammenhang finden. Kein andres Maximum als das vollkommenste Band der
Verbindung macht die glücklichsten Staaten; gesetzt, das Volk müsste auch
mancherlei blendende Eigenschaften dabei entbehren.
    5. Auch bei einer und derselben Nation darf und kann nicht jedes Maximum
ihrer schönen Mühe ewig dauern; denn es ist nur ein Punkt in der Linie der
Zeiten. Unablässig rückt diese weiter, und von je mehreren Umständen die schöne
Wirkung abhing, desto mehr ist sie dem Hingange und der Vergänglichkeit
unterworfen. Glücklich, wenn ihre Muster alsdann zur Regel anderer Zeitalter
bleiben; denn die nächstfolgenden stehen ihnen gemeiniglich zu nah und sanken
vielleicht sogar eben deshalb, weil sie solche übertreffen wollten. Eben bei dem
regsamsten Volk geht es oft in der schnellesten Abnahme vom siedenden bis zum
Gefrierpunkt hinunter.
    
    Die Geschichte einzelner Wissenschaften und Nationen hat diese Maxima zu
berechnen, und ich wünschte, dass wir nur über die berühmtesten Völker in den
bekanntesten Zeiten eine solche Geschichte besässen; jetzt reden wir nur von der
Menschengeschichte überhaupt und vom Beharrungszustande derselben in jeder Form
unter jedem Klima. Dieser ist nichts als Humanität, d. i. Vernunft und
Billigkeit in allen Klassen, in allen Geschäften der Menschen. Und zwar ist er
dies nicht durch die Willkür eines Beherrschers oder durch die überredende Macht
der Tradition, sondern durch Naturgesetze, auf welchen das Wesen des
Menschengeschlechts ruhet. Auch seine verdorbensten Einrichtungen rufen uns zu:
»Hätten sich unter uns nicht noch Schimmer von Vernunft und Billigkeit erhalten,
so wären wir längst nicht mehr, ja, wir wären nie entstanden.« Da von diesem
Punkt das ganze Gewebe der Menschengeschichte ausgeht, so müssen wir unsern
Blick sorgfältig darauf richten.
    Zuerst. Was ist's, das wir bei allen menschlichen Werken schätzen und
wornach wir fragen? Vernunft, Plan und Absicht. Fehlt diese, so ist nichts
Menschliches getan; es ist eine blinde Macht bewiesen. Wohin unser Verstand im
weiten Felde der Geschichte schweift, suchet er nur sich und findet sich selbst
wieder. Je mehr er bei allen seinen Unternehmungen auf reine Wahrheit und
Menschengüte traf, desto dauernder, nützlicher und schöner wurden seine Werke,
desto mehr begegnen sich in ihren Regeln die Geister und Herzen aller Völker in
allen Zeiten. Was reiner Verstand und billige Moral ist, darüber sind Sokrates
und Konfuzius, Zoroaster, Plato und Cicero einig: trotz ihrer tausendfachen
Unterschiede haben sie alle auf einen Punkt gewirkt, auf dem unser ganzes
Geschlecht ruhet. Wie nun der Wanderer kein süsseres Vergnügen hat, als wenn er
allentalben, auch wo er's nicht vermutete, Spuren eines ihm ähnlichen,
denkenden, empfindenden Genius gewahr wird, so entzückend ist uns in der
Geschichte unsres Geschlechts die Echo aller Zeiten und Völker, die in den
edelsten Seelen nichts als Menschengüte und Menschenwahrheit tönet. Wie meine
Vernunft den Zusammenhang der Dinge sucht und mein Herz sich freuet, wenn sie
solchen gewahr wird, so hat ihn jeder Rechtschaffene gesucht und ihn, im
Gesichtspunkt seiner Lage, nur vielleicht anders als ich gesehen, nur anders als
ich bezeichnet. Wo er irrte, irrete er für sich und mich, indem er mich vor
einem ähnlichen Fehler warnet. Wo er mich zurechtweiset, belehrt, erquickt,
ermuntert, da ist er mein Bruder, Teilnehmer an derselben Weltseele, der einen
Menschenvernunft, der einen Menschenwahrheit.
    Zweitens. Wie in der ganzen Geschichte es keinen fröhlichem Anblick gibt,
als einen verständigen, guten Mann zu finden, der ein solcher, trotz aller
Veränderungen des Glückes, in jedem seiner Lebensalter, in jedem seiner Werke
bleibt, so wird unser Bedauern tausendfach erregt, wenn wir auch bei grossen und
guten Menschen Verirrungen ihrer Vernunft wahrnehmen, die nach Gesetzen der
Natur ihnen nicht anders als übeln Lohn bringen konnten. Nur zu häufig findet
man diese gefallenen Engel in der Menschengeschichte und beklagt die Schwachheit
der Form, die unsrer Menschenvernunft zum Werkzeug dienet. Wie wenig kann ein
Sterblicher ertragen, ohne niedergebeugt, wie wenig Ausserordentlichem begegnen,
ohne von seinem Wege abgelenkt zu werden! Diesem war eine kleine Ehre, der
Schimmer eines Glücks oder ein unerwarteter Umstand im Leben schon Irrlichtes
genug, ihn in Sümpfe und Abgründe zu führen; jener konnte sich selbst nicht
fassen; er überspannte sich und sank ohnmächtig nieder. Ein mitleidiges Gefühl
bemächtigt sich unser, wenn wir dergleichen Unglücklich-Glückliche jetzt auf der
Wegscheide ihres Schicksals sehen und bemerken, dass sie, um fernerhin
vernünftig, billig und glücklich sein zu können, den Mangel der Kraft selbst in
sich fühlen. Die ergreifende Furie ist hinter ihnen und stürzt sie wider Willen
über die Linie der Mässigung hinweg; jetzt sind sie in der Hand derselben und
büssen zeitlebens vielleicht die Folgen einer kleinen Unvernunft und Torheit.
Oder wenn sie das Glück zu sehr erhob und sie sich jetzt auf der höchsten Stufe
desselben fühlen: was stehet ihrem ahnenden Geist bevor als die Wankelmut dieser
treulosen Göttin, mitin selbst aus der Saat ihrer glücklichen Unternehmungen
ein keimendes Unglück? Vergebens wendest du dein Antlitz, mitleidiger Cäsar, da
dir das Haupt deines erschlagenen Feindes Pompejus gebracht wird, und bauest der
Nemesis einen Tempel. Du bist über die Grenze des Glückes wie über den Rubikon
hinaus, die Göttin ist hinter dir, und dein blutiger Leib wird an der Bildsäule
desselben Pompejus zu Boden sinken. Nicht anders ist's mit der Einrichtung
ganzer Länder, weil sie immer doch nur von der Vernunft oder Unvernunft einiger
wenigen abhangen, die ihre Gebieter sind oder heissen. Die schönste Anlage, die
auf Jahrhunderte hin der Menschheit die nützlichsten Früchte versprach, wird oft
durch den Unverstand eines einzigen zerrüttet, der, statt Äste zu beugen, den
Baum fället. Wie einzelne Menschen, so konnten auch ganze Reiche am wenigsten
ihr Glück ertragen, es mochten Monarchen und Despoten oder Senat und Volk sie
regieren. Das Volk und der Despot verstehen am wenigsten der Schicksalsgöttin
warnenden Wink; vom Schall des Namens und vom Glanz eines eitlen Ruhms
geblendet, stürzen sie hinaus über die Grenzen der Humanität und Klugheit, bis
sie zu spät die Folgen ihrer Unvernunft wahrnehmen. Dies war das Schicksal Roms,
Atens und mehrerer Völker, gleichergestalt das Schicksal Alexanders und der
meisten Eroberer, die die Welt beunruhiget haben; denn Ungerechtigkeit verderbet
alle Länder und Unverstand alle Geschäfte der Menschen. Sie sind die Furien des
Schicksals; das Unglück ist nur ihre jüngere Schwester, die dritte Gespielin
eines fürchterlichen Bundes.
    Grosser Vater der Menschen, welche leichte und schwere Lektion gabst du
deinem Geschlecht auf Erden zu seinem ganzen Tagewerk auf! Nur Vernunft und
Billigkeit sollen sie lernen; üben sie dieselbe, so kommt von Schritt zu Schritt
Licht in ihre Seele, Güte in ihr Herz, Vollkommenheit in ihren Staat,
Glückseligkeit in ihr Leben. Mit diesen Gaben beschenkt und solche treu
anwendend, kann der Neger seine Gesellschaft einrichten wie der Grieche, der
Troglodyt wie der Sinese. Die Erfahrung wird jeden weiterführen und die Vernunft
sowohl als die Billigkeit seinen Geschäften Bestand, Schönheit und Ebenmass
geben. Verlässet er sie aber, die wesentlichen Führerinnen seines Lebens, was
ist's, das seinem Glück Dauer geben und ihn den Rachgöttinnen der Inhumanität
entziehen möge?
    Drittens. Zugleich ergibt sich's, dass, wo in der Menschheit das Ebenmass der
Vernunft und Humanität gestört worden, die Rückkehr zu demselben selten anders
als durch gewaltsame Schwingungen von einem Äussersten zum andern geschehen
werde. Eine Leidenschaft hob das Gleichgewicht der Vernunft auf, eine andre
stürmt ihr entgegen, und so gehen in der Geschichte oft Jahre und Jahrhunderte
hin, bis wiederum ruhige Tage werden. So hob Alexander das Gleichgewicht eines
grossen Weltstrichs auf, und lange noch nach seinem Tode stürmten die Winde. So
nahm Rom der Welt auf mehr als ein Jahrtausend den Frieden, und eine halbe Welt
wilder Völker ward zur langsamen Wiederherstellung des Gleichgewichts erfodert.
An den ruhigen Gang einer Asymptote war bei diesen Länder- und
Völkererschütterungen gewiss nicht zu gedenken. Überhaupt zeigt der ganze Gang
der Kultur auf unsrer Erde mit seinen abgerissenen Ecken, mit seinen aus- und
einspringenden Winkeln fast nie einen sanften Strom, sondern vielmehr den Sturz
eines Waldwassers von den Gebürgen; dazu machen ihn insonderheit die
Leidenschaften der Menschen. Offenbar ist es auch, dass die ganze Zusammenordnung
unsres Geschlechts auf dergleichen wechselnde Schwingungen eingerichtet und
berechnet worden. Wie unser Gang ein beständiges Fallen ist zur Rechten und zur
Linken, und dennoch kommen wir mit jedem Schritt weiter, so ist der Fortschritt
der Kultur in Menschengeschlechtern und ganzen Völkern. Einzeln versuchen wir
oft beiderlei Extreme, bis wir zur ruhigen Mitte gelangen, wie der Pendul zu
beiden Seiten hinausschlägt. In steter Abwechselung erneuen sich die
Geschlechter, und trotz aller Linearvorschriften der Tradition schreibt der Sohn
dennoch auf seine Weise weiter. Beflissentlich unterschied sich Aristoteles von
Plato, Epikur von Zeno, bis die ruhigere Nachwelt endlich beide Extreme
unparteiisch nutzen konnte. So geht, wie in der Maschine unsres Körpers, durch
einen notwendigen Antagonismus das Werk der Zeiten zum Besten des
Menschengeschlechts fort und erhält desselben dauernde Gesundheit. In welchen
Abweichungen und Winkeln aber auch der Strom der Menschenvernunft sich
fortwinden und brechen möge: er entsprang aus dem ewigen Strome der Wahrheit und
kann sich kraft seiner Natur auf seinem Wege nie verlieren. Wer aus ihm
schöpfet, schöpft Dauer und Leben.
    Übrigens beruhet sowohl die Vernunft als die Billigkeit auf ein und
demselben Naturgesetz, aus welchem auch der Bestand unsres Wesens folget. Die
Vernunft misst und vergleicht den Zusammenhang der Dinge, dass sie solche zum
dauernden Ebenmass ordne. Die Billigkeit ist nichts als ein moralisches Ebenmass
der Vernunft, die Formel des Gleichgewichts gegeneinanderstrebender Kräfte, auf
dessen Harmonie der ganze Weltbau ruhet. Ein und dasselbe Gesetz also erstrecket
sich von der Sonne und von allen Sonnen bis zur kleinsten menschlichen Handlung;
was alle Wesen und ihre Systeme erhält, ist nur eins: Verhältnis ihrer Kräfte
zur periodischen Ruhe und Ordnung.
 
                                       IV
 Nach Gesetzen ihrer innern Natur muss mit der Zeitenfolge auch die Vernunft und
Billigkeit unter den Menschen mehr Platz gewinnen und eine dauerndere Humanität
                                   befördern
    Alle Zweifel und Klagen der Menschen über die Verwirrung und den wenig
merklichen Fortgang des Guten in der Geschichte rühret daher, dass der traurige
Wanderer auf eine zu kleine Strecke seines Weges sieht. Erweiterte er seinen
Blick und vergliche nur die Zeitalter, die wir aus der Geschichte genauer
kennen, unparteiisch miteinander, dränge er überdem in die Natur des Menschen
und erwägte, was Vernunft und Wahrheit sei, so würde er am Fortgange derselben
sowenig als an der gewissesten Naturwahrheit zweifeln. Jahrtausende durch hielt
man unsre Sonne und alle Fixsterne für stillstehend; ein glückliches Fernrohr
lässt uns jetzt an ihrem Fortrücken nicht mehr zweifeln. So wird einst eine
genauere Zusammenhaltung der Perioden in der Geschichte unseres Geschlechts uns
diese hoffnungsvolle Wahrheit nicht nur obenhin zeigen, sondern es werden sich
auch, trotz aller scheinbaren Unordnung, die Gesetze berechnen lassen, nach
welchen kraft der Natur des Menschen dieser Fortgang geschiehet. Am Rande der
alten Geschichte, auf dem ich jetzt wie in der Mitte stehe, zeichne ich
vorläufig nur einige allgemeine Grundsätze aus, die uns im Verfolg unsres Weges
zu Leitsternen dienen werden.
    Erstens. Die Zeiten ketten sich kraft ihrer Natur aneinander; mitin auch
das Kind der Zeiten, die Menschenreihe, mit allen ihren Wirkungen und
Produktionen.
    Durch keinen Trugschluss können wir's leugnen, dass unsre Erde in
Jahrtausenden älter geworden sei und dass diese Wandrerin um die Sonne seit ihrem
Ursprunge sich sehr verändert habe. In ihren Eingeweiden sehen wir, wie sie
einst beschaffen gewesen, und dürfen nur um uns blicken, wie wir sie jetzt
beschaffen finden. Der Ozean brauset nicht mehr; ruhig ist er in sein Bette
gesunken; die umherschweifenden Ströme haben ihre Ufer gefunden, und die
Vegetation sowohl als die organischen Geschöpfe haben in ihren Geschlechtern
eine fortwirkende Reihe von Jahren zurückgelegt. Wie nun seit der Erschaffung
unsrer Erde kein Sonnenstrahl auf ihr verlorengegangen ist, so ist auch kein
abgefallenes Blatt eines Baums, kein verflogener Same eines Gewächses, kein
Leichnam eines modernden Tiers, noch weniger eine Handlung eines lebendigen
Wesens ohne Wirkung geblieben. Die Vegetation z.B. hat zugenommen und sich,
soweit sie konnte, verbreitet; jedes der lebendigen Geschlechter ist in den
Schranken, die ihm die Natur durch andre Lebendige setzte, fortgewachsen, und
sowohl der Fleiss des Menschen als selbst der Unsinn seiner Verwüstungen ist ein
regsames Werkzeug in den Händen der Zeit worden. Auf dem Schutt seiner
zerstörten Städte blühen neue Gefilde; die Elemente streueten den Staub der
Vergessenheit darüber, und bald kamen neue Geschlechter, die von und über den
alten Trümmern bauten. Die Allmacht selbst kann es nicht ändern, dass Folge nicht
Folge sei; sie kann die Erde nicht herstellen zu dem, was sie vor Jahrtausenden
war, so dass diese Jahrtausende mit allen ihren Wirkungen nicht dagewesen sein
sollten.
    Im Fortgange der Zeiten liegt also schon ein Fortgang des
Menschengeschlechts, sofern dies auch in die Reihe der Erde- und Zeitkinder
gehöret. Erschiene jetzt der Vater der Menschen und sähe sein Geschlecht: wie
würde er staunen! Sein Körper war für eine junge Erde gebildet, und nach der
damaligen Beschaffenheit der Elemente musste sein Bau, seine Gedankenreihe und
Lebensweise sein; mit sechs und mehr Jahrtausenden hat sich gar manches hierin
verändert. Amerika ist in vielen Strichen jetzt schon nicht mehr, was es bei
seiner Entdeckung war; in ein paar Jahrtausenden wird man seine alte Geschichte
wie einen Roman lesen. So lesen wir die Geschichte der Eroberung Trojas und
suchen ihre Stelle, geschweige das Grab des Achilles oder den gottgleichen
Helden selbst, vergebens. Es wäre zur Menschengeschichte ein schöner Beitrag,
wenn man mit unterscheidender Genauigkeit alle Nachrichten der Alten von ihrer
Gestalt und Grösse, von ihren Nahrungsmitteln und dem Mass ihrer Speisen, von
ihren täglichen Beschäftigungen und Arten des Vergnügens, von ihrer Denkart über
Liebe und Ehe, über Leidenschaften und Tugend, über den Gebrauch des Lebens und
das Dasein nach diesem Leben ort- und zeitgemäss sammlete. Gewiss würde auch schon
in diesen kurzen Zeiträumen ein Fortgang des Geschlechts bemerkbar, der
ebensowohl die Bestandheit der ewigjungen Natur als die fortwirkenden
Veränderungen unsrer alten Mutter Erde zeigte. Diese pflegt der Menschheit nicht
allein, sie trägt alle ihre Kinder auf einem Schoss, in denselben Mutterarmen;
wenn eins sich verändert, müssen sie sich alle verändern.
    Dass dieser Zeitenfortgang auch auf die Denkart des Menschengeschlechts
Einfluss gehabt habe, ist unleugbar. Man erfinde, man singe jetzt eine Iliade;
man schreibe wie Äschylus, Sophokles und Plato: es ist unmöglich. Der einfache
Kindersinn, die unbefangene Art, die Welt anzusehen, kurz, die griechische
Jugendzeit ist vorüber. Ein gleiches ist's mit Ebräern und Römern; dagegen
wissen und kennen wir eine Reihe Dinge, die weder Ebräer noch Römer kannten. Ein
Tag hat den andern, ein Jahrhundert das andre gelehrt; die Tradition ist reicher
worden; die Muse der Zeiten, die Geschichte selbst spricht mit hundert Stimmen,
singt aus hundert Flöten. Möge in dem ungeheuren Schneeball, den uns die Zeiten
zugewälzt haben, soviel Unrat, soviel Verwirrung sein, als da will; selbst diese
Verwirrung ist ein Kind der Jahrhunderte, die nur aus dem unermüdlichen
Fortwälzen einer und derselben Sache entstehen konnte. Jede Wiederkehr also in
die alten Zeiten, selbst das berühmte Platonische Jahr, ist Dichtung; es ist dem
Begriff der Welt und Zeit nach unmöglich. Wir schwimmen weiter, nie aber kehrt
der Strom zu seiner Quelle zurück, als ob er nie entronnen wäre.
    Zweitens. Noch augenscheinlicher macht die Wohnung der Menschen den Fortgang
unsres Geschlechts kennbar.
    Wo sind die Zeiten, da die Völker wie Troglodyten hie und da in ihren
Höhlen, hinter ihren Mauern sassen und jeder Fremdling ein Feind war? Da half,
bloss und allein mit der Zeitenfolge, keine Höhle, keine Mauer; die Menschen
mussten sich einander kennenlernen; denn sie sind allesamt nur ein Geschlecht auf
einem nicht grossen Planeten. Traurig gnug, dass sie sich einander fast
allentalben zuerst als Feinde kennenlernten und einander wie Wölfe anstaunten;
aber auch dies war Naturordnung. Der Schwache fürchtete sich vor dem Starkem,
der Betrogne vor dem Betrüger, der Vertriebne vor dem, der ihn abermals
vertreiben könnte, das unerfahrne Kind endlich vor jedem Fremden. Diese
jugendliche Furcht indes und alles, wozu sie missbraucht wurde, konnte den Gang
der Natur nicht ändern: das Band der Vereinigung zwischen mehreren Nationen ward
geknüpft, wenn gleich durch die Roheit der Menschen zuerst auf harte Weise. Die
wachsende Vernunft kann den Knoten brechen; sie kann aber das Band nicht lösen,
noch weniger alle die Entdeckungen ungeschehen machen, die jetzt einmal
geschehen sind. Moses' und Orpheus', Homers und Herodots, Strabo und Plinius'
Erdgeschichte, was sind sie gegen die unsre? Was ist der Handel der Phönicier,
Griechen und Römer gegen Europas Handel? Und so ist uns mit dem, was bisher
geschehen ist, auch der Faden des Labyrints in die Hand gegeben, was künftig
geschehen werde. Der Mensch, solange er Mensch ist, wird nicht ablassen, seinen
Planeten zu durchwandern, bis dieser ihm ganz bekannt sei; weder die Stürme des
Meers noch Schiffbrüche, noch jene ungeheure Eisberge und Gefahren der Nord- und
Südwelt werden ihn davon abhalten, da sie ihn bisher von den schwersten ersten
Versuchen selbst in Zeiten einer sehr mangelhaften Schiffahrt nicht haben
abhalten mögen. Der Funke zu allen diesen Unternehmungen liegt in seiner Brust,
in der Menschennatur. Neugierde und die unersättliche Begierde nach Gewinn, nach
Ruhm, nach Entdeckungen und grösserer Stärke, selbst neue Bedürfnisse und
Unzufriedenheiten, die im Lauf der Dinge, wie sie jetzt sind, unwidertreiblich
liegen, werden ihn dazu aufmuntern, und die Gefahrenbesieger der vorigen Zeit,
berühmte glückliche Vorbilder, werden ihn noch mehr beflügeln. Der Wille der
Vorsehung wird also durch gute und böse Triebfedern befördert werden, bis der
Mensch sein ganzes Geschlecht kenne und darauf wirke. Ihm ist die Erde gegeben,
und er wird nicht nachlassen, bis sie, wenigstens dem Verstande und dem Nutzen
nach, ganz sein sei. Schämen wir uns nicht jetzt schon, dass uns der halbe Teil
unsres Planeten, als ob er die abgekehrte Seite des Mondes wäre, so lange
unbekannt geblieben?
    Drittens. Alle bisherige Tätigkeit des menschlichen Geistes ist kraft ihrer
innern Natur auf nichts anders als auf Mittel hinausgegangen, die Humanität und
Kultur unsres Geschlechts tiefer zu gründen und weiter zu verbreiten.
    Welch ein ungeheurer Fortgang ist's von der ersten Flösse, die das Wasser
bedeckte, zu einem europäischen Schiff! Weder der Erfinder jener noch die
zahlreichen Erfinder der mancherlei Künste und Wissenschaften, die zur
Schiffahrt gehören, dachten daran, was aus der Zusammensetzung ihrer
Entdeckungen werden würde; jeder folgte seinem Triebe der Not oder der
Neugierde, und nur in der Natur des menschlichen Verstandes, des Zusammenhanges
aller Dinge lag's, dass kein Versuch, keine Entdeckung vergebens sein konnte. Wie
das Wunder einer andern Welt staunten jene Insulaner, die nie ein europäisches
Schiff gesehen hatten, dies Ungeheuer an und verwunderten sich noch mehr, da sie
bemerkten, dass Menschen wie sie es nach Gefallen über die wilde Meerestiefe
lenkten. Hätte ihr Anstaunen zu einer vernünftigen Überlegung jedes grossen
Zwecks und jedes kleinen Mittels in dieser schwimmenden Kunstwelt werden können:
wie höher wäre ihre Bewunderung des menschlichen Verstandes gestiegen. Wohin
reichen anjetzt nicht bloss durch dies eine Werkzeug die Hände der Europäer?
Wohin werden sie künftig nicht reichen?
    Und wie diese Kunst, so hat das Menschengeschlecht in wenigen Jahren
ungeheuer viel Künste erfunden, die über Luft, Wasser, Himmel und Erde seine
Macht ausbreiten. Ja, wenn wir bedenken, dass nur wenige Nationen in diesem
Konflikt der Geistestätigkeit waren, indes der grösseste Teil der andern über
alten Gewohnheiten schlummerte; wenn wir erwägen, dass fast alle Erfindungen
unsres Geschlechts in sehr junge Zeiten fallen und beinah keine Spur, keine
Trümmer eines alten Gebäudes oder einer alten Einrichtung vorhanden ist, die
nicht an unsre junge Geschichte geknüpft sei: welche Aussicht gibt uns diese
historisch erwiesene Regsamkeit des menschlichen Geistes in das Unendliche
künftiger Zeiten! In den wenigen Jahrhunderten, in welchen Griechenland blühete,
in den wenigen Jahrhunderten unsrer neuen Kultur, wie vieles ist in dem
kleinsten Teil der Welt, in Europa, und auch beinah in dessen kleinsten Teile
ausgedacht, erfunden, getan, geordnet und für künftige Zeiten aufbewahrt worden!
Wie eine fruchtbare Saat sprossten die Wissenschaften und Künste haufenweise
hervor, und eine nährte, eine begeisterte und erweckte die andre. Wie, wenn eine
Saite berührt wird, nicht nur alles, was Ton hat, ihr zutönet, sondern auch bis
ins Unvernehmbare hin alle ihre harmonischen Töne dem angeklungenen Laut
nachtönen, so erfand, so schuf der menschliche Geist, wenn eine harmonische
Stelle seines Innern berührt ward. Sobald er auf eine neue Zusammenstimmung
traf, konnten in einer Schöpfung, wo alles zusammenhängt, nicht anders als
zahlreiche neue Verbindungen ihr folgen.
    Aber, wird man sagen, wie sind alle diese Künste und Erfindungen angewandt
worden? Hat sich dadurch die praktische Vernunft und Billigkeit, mitin die
wahre Kultur und Glückseligkeit des Menschengeschlechts, erhöhet? Ich berufe
mich auf das, was ich kurz vorher über den Gang der Unordnungen im ganzen Reich
der Schöpfung gesagt habe, dass es nach einem innern Naturgesetz ohne Ordnung
keine Dauer erhalten könne, nach welcher doch alle Dinge wesentlich streben. Das
scharfe Messer in der Hand des Kindes verletzt dasselbe; deshalb ist aber die
Kunst, die dies Messer erfand und schärfte, eine der unentbehrlichsten Künste.
Nicht alle, die ein solches Werkzeug brauchen, sind Kinder, und auch das Kind
wird durch seinen Schmerz den bessern Gebrauch lernen. Künstliche Übermacht in
der Hand des Despoten, fremder Luxus unter einem Volk ohne ordnende Gesetze sind
dergleichen tötende Werkzeuge; der Schade selbst aber macht die Menschen klüger,
und früh oder spät muss die Kunst, die sowohl den Luxus als den Despotismus
schuf, beide selbst zuerst in ihre Schranken zwingen und sodann in ein
wirkliches Gute verwandeln. Jede ungeschickte Pflugschar reibet sich durch den
langen Gebrauch selbst ab; unbehülfliche, neue Räder und Triebwerke gewinnen
bloss durch den Umlauf die bequemere, künstliche Epizykloide. So arbeitet sich
auch in den Kräften des Menschen der übertreibende Missbrauch mit der Zeit zum
guten Gebrauch um; durch Extreme und Schwankungen zu beiden Seiten wird
notwendig zuletzt die schöne Mitte eines dauernden Wohlstandes in einer
regelmässigen Bewegung. Nur, was im Menschenreiche geschehen soll, muss durch
Menschen bewirkt werden; wir leiden so lange unter unsrer eignen Schuld, bis
wir, ohne Wunder der Gotteit, den bessern Gebrauch unsrer Kräfte selbst lernen.
    Also haben wir auch nicht zu zweifeln, dass jede gute Tätigkeit des
menschlichen Verstandes notwendig einmal die Humanität befördern müsse und
befördern werde. Seitdem der Ackerbau in Gang kam, hörte das Menschen- und
Eichelnfressen auf; der Mensch fand, dass er von den süssen Gaben der Ceres
humaner, besser, anständiger leben könne als vom Fleisch seiner Brüder oder von
Eicheln, und ward durch die Gesetze weiserer Menschen gezwungen, also zu leben.
Seitdem man Häuser und Städte bauen lernte, wohnte man nicht mehr in Höhlen;
unter Gesetzen eines Gemeinwesens schlug man den armen Fremdling nicht mehr tot.
So brachte der Handel die Völker näher aneinander; und je mehr er in seinem
Vorteil allgemein verstanden wird, desto mehr müssen sich notwendig jene
Mordtaten, Unterdrückungen und Betrugsarten vermindern, die immer nur Zeichen
des Unverstandes im Handel waren. Durch jeden Zuwachs nützlicher Künste ist das
Eigentum der Menschen gesichert, ihre Mühe erleichtert, ihre Wirksamkeit
verbreitet, mitin notwendig der Grund zu einer weitem Kultur und Humanität
gelegt worden. Welche Mühe z.B. ward durch die einzige Erfindung der
Buchdruckerkunst abgetan, welch ein grösserer Umlauf der menschlichen Gedanken,
Künste und Wissenschaften durch sie befördert! Wage es jetzt ein europäischer
Kang-Ti und wolle die Literatur dieses Weltteils ausrotten: es ist ihm
schlechterdings nicht möglich. Hätten Phönicier und Kartaginenser, Griechen und
Römer diese Kunst gehabt, der Untergang ihrer Literatur wäre ihren Verwüstern
nicht so leicht, ja beinahe unmöglich worden. Lasset wilde Völker auf Europa
stürmen: sie werden unsrer Kriegskunst nicht bestehen, und kein Attila wird mehr
vom Schwarzen und Kaspischen Meer her bis an die Katalaunischen Felder reichen.
Lasset Pfaffen, Weichlinge, Schwärmer und Tyrannen aufstehn, soviel da wollen:
die Nacht der mittleren Jahrhunderte bringen sie nie mehr wieder. Wie nun kein
grösserer Nutze einer menschlichen und göttlichen Kunst denkbar ist, als wenn sie
uns Licht und Ordnung nicht nur gibt, sondern es ihrer Natur nach auch
verbreitet und sichert, so lasset uns dem Schöpfer danken, dass er unserm
Geschlecht den Verstand und diesem die Kunst wesentlich gemacht hat. In ihnen
besitzen wir das Geheimnis und Mittel einer sichernden Weltordnung.
    Auch darüber dürfen wir nicht sorgen, dass manche trefflich ersonnene
Teorie, die Moral selbst nicht ausgenommen, in unserm Geschlecht so lange Zeit
nur Teorie bleibe. Das Kind lernt viel, was nur der Mann anwenden kann;
deswegen aber hat es solches nicht umsonst gelernet. Unbedachtsam vergass der
Jüngling, woran er sich einst mühsam erinnern wird, oder er muss es gar zum
zweitenmal lernen. Bei dem immer erneueten Menschengeschlecht ist also keine
aufbewahrte, ja sogar keine erfundene Wahrheit ganz vergeblich; spätere
Zeitumstände machen nötig, was man jetzt versäumt, und in der Unendlichkeit der
Dinge muss jeder Fall zum Vorschein kommen, der auf irgendeine Weise das
Menschengeschlecht übet. Wie wir uns nun bei der Schöpfung die Macht, die das
Chaos schuf, zuerst und sodann in ihm ordnende Weisheit und harmonische Gute
gedenken, so entwickelt die Naturordnung des Menschengeschlechts zuerst rohe
Kräfte; die Unordnung selbst muss sie der Bahn des Verstandes zuführen, und je
mehr dieser sein Werk ausarbeitet, desto mehr sieht er, dass Güte allein dem
Werk Dauer, Vollkommenheit und Schönheit gewähre.
 
                                       V
  Es waltet eine weise Güte im Schicksal der Menschen; daher es keine schönere
   Würde, kein dauerhafteres und reineres Glück gibt, als im Rat derselben zu
                                     wirken
    Dem sinnlichen Betrachter der Geschichte, der in ihr Gott verlor und an der
Vorsehung zu zweifeln anfing, geschah dies Unglück nur daher, weil er die
Geschichte zu flach ansah oder von der Vorsehung keinen rechten Begriff hatte.
Denn wenn er diese für ein Gespenst hält, das ihm auf allen Strassen begegnen und
den Lauf menschlicher Handlungen unaufhörlich unterbrechen soll, um nur diesen
oder jenen partikularen Endzweck seiner Phantasie und Willkür zu erreichen, so
gestehe ich, dass die Geschichte das Grab einer solchen Vorsehung sei; gewiss aber
ein Grab zum Besten der Wahrheit. Denn was wäre es für eine Vorsehung, die jeder
zum Poltergeist in der Ordnung der Dinge, zum Bundesgenossen seiner
eingeschränkten Absicht, zum Schutzverwandten seiner kleinfügigen Torheit
gebrauchen könnte, so dass das Ganze zuletzt ohne einen Herren bliebe? Der Gott,
den ich in der Geschichte suche, muss derselbe sein, der er in der Natur ist;
denn der Mensch ist nur ein kleiner Teil des Ganzen, und seine Geschichte ist,
wie die Geschichte des Wurms, mit dem Gewebe, das er bewohnt, innig verwebet.
Auch in ihr müssen also Naturgesetze gelten, die im Wesen der Sache liegen und
deren sich die Gotteit so wenig überheben mag, dass sie ja eben in ihnen, die
sie selbst gegründet, sich in ihrer hohen Macht mit einer unwandelbaren, weisen
und gütigen Schönheit offenbaret. Alles, was auf der Erde geschehen kann, muss
auf ihr geschehen, sobald es nach Regeln geschieht, die ihre Vollkommenheit in
ihnen selbst tragen. Lasset uns diese Regeln, die wir bisher entwickelt haben,
sofern sie die Menschengeschichte betreffen, wiederholen; sie führen alle das
Gepräge einer weisen Güte, einer hohen Schönheit, ja der innern Notwendigkeit
selbst mit sich.
    1. Auf unsrer Erde belebte sich alles, was sich auf ihr beleben konnte; denn
jede Organisation trägt in ihrem Wesen eine Verbindung mannigfaltiger Kräfte,
die sich einander beschränken und in dieser Beschränkung ein Maximum zur Dauer
gewinnen konnten, in sich. Gewannen sie dies nicht, so trennten sich die Kräfte
und verbanden sich anders.
    2. Unter diesen Organisationen stieg auch der Mensch hervor, die Krone der
Erdeschöpfung. Zahllose Kräfte verbanden sich in ihm und gewannen ein Maximum,
den Verstand, so wie ihre Materie, der menschliche Körper, nach Gesetzen der
schönsten Symmetrie und Ordnung, den Schwerpunkt.
    Im Charakter des Menschen war also zugleich der Grund seiner Dauer und
Glückseligkeit, das Gepräge seiner Bestimmung und der ganze Lauf seines
Erdenschicksals gegeben.
    3. Vernunft heisst dieser Charakter der Menschheit; denn er vernimmt die
Sprache Gottes in der Schöpfung, d. i. er sucht die Regel der Ordnung, nach
welcher die Dinge zusammenhangend auf ihr Wesen gegründet sind. Sein innerstes
Gesetz ist also Erkenntnis der Existenz und Wahrheit, Zusammenhang der Geschöpfe
nach ihren Beziehungen und Eigenschaften. Er ist ein Bild der Gotteit; denn er
erforschet die Gesetze der Natur, die Gedanken, nach denen der Schöpfer sie
verband und die er ihnen wesentlich machte. Die Vernunft kann also ebensowenig
willkürlich handeln, als die Gotteit selbst willkürlich dachte.
    4. Vom nächsten Bedürfnis fing der Mensch an, die Kräfte der Natur zu
erkennen und zu prüfen. Sein Zweck dabei ging nicht weiter als auf sein
Wohlsein, d. i. auf einen gleichmässigen Gebrauch seiner eignen Kräfte in Ruhe
und Übung. Er kam mit andern Wesen in ein Verhältnis, und auch jetzt ward sein
eignes Dasein das Mass dieser Verhältnisse. Die Regel der Billigkeit drang sich
ihm auf; denn sie ist nichts als die praktische Vernunft, das Mass der Wirkung
und Gegenwirkung zum gemeinschaftlichen Bestande gleichartiger Wesen.
    5. Auf dies Principium ist die menschliche Natur gebauet, so dass kein
Individuum eines andern oder der Nachkommenschaft wegen dazusein glauben darf.
Befolget der niedrigste in der Reihe der Menschen das Gesetz der Vernunft und
Billigkeit, das in ihm liegt, so hat er Konsistenz, d. i. er geniesst Wohlsein
und Dauer, er ist vernünftig, billig, glücklich. Dies ist er nicht vermöge der
Willkür andrer Geschöpfe oder des Schöpfers, sondern nach den Gesetzen einer
allgemeinen, in sich selbst gegründeten Naturordnung. Weichet er von der Regel
des Rechts, so muss sein strafender Fehler selbst ihm Unordnung zeigen und ihn
veranlassen, zur Vernunft und zur Billigkeit, als den Gesetzen seines Daseins
und Glücks, zurückzukehren.
    6. Da seine Natur aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist, so
tut er dieses selten auf dem kürzesten Wege; er schwankt zwischen zwei Extremen,
bis er sich selbst gleichsam mit seinem Dasein abfindet und einen Punkt der
leidlichen Mitte erreicht, in welchem er sein Wohlsein glaubt. Irrt er hiebei,
so geschiehet es nicht ohne sein geheimes Bewusstsein, und er muss die Folgen
seiner Schuld tragen. Er trägt sie aber nur bis zu einem gewissen Grad, da sich
entweder das Schicksal durch seine eigenen Bemühungen zum Bessern wendet oder
sein Dasein weiterhin keinen innern Bestand findet. Einen wohltätigem Nutzen
konnte die höchste Weisheit dem physischen Schmerz und dem moralischen übel
nicht geben; denn kein höherer ist denkbar.
    7. Hätte auch nur ein einziger Mensch die Erde betreten, so wäre an ihm der
Zweck des menschlichen Daseins erfüllt gewesen, wie man ihn bei so manchen
einzelnen Menschen und Nationen für erfüllt achten muss, die durch Ort- und
Zeitbestimmungen von der Kette des ganzen Geschlechts getrennet wurden. Da aber
alles, was auf der Erde leben kann, solange sie selbst in ihrem Beharrungsstande
bleibt, fortdauret, so hatte auch das Menschengeschlecht, wie alle Geschlechte
der Lebenden, Kräfte der Fortpflanzung in sich, die dem Ganzen gemäss ihre
Proportion und Ordnung finden konnten und gefunden haben. Mitin vererbte sich
das Wesen der Menschheit, die Vernunft und ihr Organ, die Tradition, auf eine
Reihe von Geschlechtern hinunter. Allmählich ward die Erde erfüllt, und der
Mensch ward alles, was er in solchem und keinem andern Zeitraum auf der Erde
werden konnte.
    8. Die Fortpflanzung der Geschlechter und Traditionen knüpfte also auch die
menschliche Vernunft aneinander, nicht als ob sie in jedem einzelnen nur ein
Bruch des Ganzen wäre, eines Ganzen, das in einem Subjekt nirgend existieret,
folglich auch nicht der Zweck des Schöpfers sein konnte, sondern weil es die
Anlage und Kette des ganzen Geschlechts so mit sich führte. Wie sich die
Menschen fortpflanzen, pflanzen die Tiere sich auch fort, ohne dass eine
allgemeine Tiervernunft aus ihren Geschlechtern werde; aber weil Vernunft allein
den Beharrungsstand der Menschheit bildet, musste sie sich als Charakter des
Geschlechts fortpflanzen; denn ohne sie war das Geschlecht nicht mehr.
    9. Im Ganzen des Geschlechts hatte sie kein andres Schicksal, als was sie
bei den einzelnen Gliedern desselben hatte: denn das Ganze bestehet nur in
einzelnen Gliedern. Sie ward von wilden Leidenschaften der Menschen, die in
Verbindung mit andern noch stürmiger wurden, oft gestört, jahrhundertelang von
ihrem Wege abgelenkt und blieb wie unter der Asche schlummernd. Gegen alle diese
Unordnungen wandte die Vorsehung kein andres Mittel an, als welches sie jedem
einzelnen gewähret, nämlich dass auf den Fehler das übel folge und jede Trägheit,
Torheit, Bosheit, Unvernunft und Unbilligkeit sich selbst strafe. Nur weil in
diesen Zuständen das Geschlecht haufenweise erscheint, so müssen auch Kinder die
Schuld der Eltern, Völker die Unvernunft ihrer Führer, Nachkommen die Trägheit
ihrer Vorfahren büssen, und wenn sie das übel nicht verbessern wollen oder
können, können sie Zeitalter hin darunter leiden.
    10. Jedem einzelnen Gliede wird also die Wohlfahrt des Ganzen sein eigenes
Beste; denn wer unter den Übeln desselben leidet, hat auch das Recht und die
Pflicht auf sich, diese übel von sich abzuhalten und sie für seine Brüder zu
mindern. Auf Regenten und Staaten hat die Natur nicht gerechnet, sondern auf das
Wohlsein der Menschen in ihren Reichen. Jene büssen ihre Frevel und Unvernunft
langsamer, als sie der einzelne büsset, weil sie sich immer nur mit dem Ganzen
berechnen, in welchem das Elend jedes Armen lange unterdrückt wird; zuletzt aber
büsset es der Staat und sie mit desto gefährlicherm Sturze. In alle diesem zeigen
sich die Gesetze der Wiedervergeltung nicht anders als die Gesetze der Bewegung
bei dem Stoss des kleinsten physischen Körpers, und der höchste Regent Europas
bleibt den Naturgesetzen des Menschengeschlechts sowohl unterworfen als der
Geringste seines Volkes. Sein Stand verband ihn bloss, ein Haushalter dieser
Naturgesetze zu sein und bei seiner Macht, die er nur durch andre Menschen hat,
auch für andre Menschen ein weiser und gütiger Menschengott zu werden.
    11. In der allgemeinen Geschichte also wie im Leben verwahrloseter einzelner
Menschen erschöpfen sich alle Torheiten und Laster unsres Geschlechts, bis sie
endlich durch Not gezwungen werden, Vernunft und Billigkeit zu lernen. Was
irgend geschehen kann, geschieht und bringt hervor, was es seiner Natur nach
hervorbringen konnte. Dies Naturgesetz hindert keine, auch nicht die
ausschweifendste Macht an ihrer Wirkung; es hat aber alle Dinge in die Regel
beschränkt, dass eine gegenseitige Wirkung die andre aufhebe und zuletzt nur das
Erspriessliche dauernd bleibe. Das Böse, das andre verderbt, muss sich entweder
unter die Ordnung schmiegen oder selbst verderben. Der Vernünftige und
Tugendhafte also ist im Reich Gottes allentalben glücklich; denn sowenig die
Vernunft äussern Lohn begehret, sowenig verlangt ihn auch die innere Tugend.
Misslingt ihr Werk von aussen, so hat nicht sie, sondern ihr Zeitalter davon den
Schaden; und doch kann es die Unvernunft und Zwietracht der Menschen nicht immer
verhindern: es wird gelingen, wenn seine Zeit kommt.
    12. Indessen geht die menschliche Vernunft im Ganzen des Geschlechts ihren
Gang fort: sie sinnet aus, wenn sie auch noch nicht anwenden kann; sie erfindet,
wenn böse Hände auch lange Zeit ihre Erfindung missbrauchen. Der Missbrauch wird
sich selbst strafen und die Unordnung eben durch den unermüdeten Eifer einer
immer wachsenden Vernunft mit der Zeit Ordnung werden. Indem sie Leidenschaften
bekämpfet, stärkt und läutert sie sich selbst; indem sie hier gedruckt wird,
fliehet sie dortin und erweitert den Kreis ihrer Herrschaft über die Erde. Es
ist keine Schwärmerei, zu hoffen, dass, wo irgend Menschen wohnen, einst auch
vernünftige, billige und glückliche Menschen wohnen werden: glücklich, nicht nur
durch ihre eigene, sondern durch die gemeinschaftliche Vernunft ihres ganzen
Brudergeschlechtes.
    Ich beuge mich vor diesem hohen Entwurf der allgemeinen Naturweisheit über
das Ganze meines Geschlechts um so williger, da ich sehe, dass er der Plan der
gesamten Natur ist. Die Regel, die Weltsysteme erhält und jeden Kristall, jedes
Würmchen, jede Schneeflocke bildet, bildete und erhält auch mein Geschlecht; sie
machte seine eigne Natur zum Grunde der Dauer und Fortwirkung desselben, solange
Menschen sein werden. Alle Werke Gottes haben ihren Bestand in sich und ihren
schönen Zusammenhang mit sich; denn sie beruhen alle in ihren gewissen Schranken
auf dem Gleichgewicht widerstrebender Kräfte durch eine innere Macht, die diese
zur Ordnung lenkte. Mit diesem Leitfaden durchwandre ich das Labyrint der
Geschichte und sehe allentalben harmonische göttliche Ordnung: denn was irgend
geschehen kann, geschieht; was wirken kann, wirket. Vernunft aber und Billigkeit
allein dauern, da Unsinn und Torheit sich und die Erde verwüsten.
    Wenn ich also, nach jener Fabel, einen Brutus, den Dolch in der Hand, unter
dem Sternenhimmel bei Philippi sagen höre: »O Tugend, ich glaubte, dass du etwas
seist; jetzt sehe ich, dass du ein Traum bist!«, so verkenne ich den ruhigen
Weisen in dieser letzten Klage. Besass er wahre Tugend, so hatte sich diese, wie
seine Vernunft, immer bei ihm belohnet und musste ihn auch diesen Augenblick
lohnen. War seine Tugend aber bloss Römerpatriotismus, was Wunder, dass der
Schwächere dem Starken, der Träge dem Rüstigem weichen musste? Auch der Sieg des
Antonius samt allen seinen Folgen gehörte zur Ordnung der Welt und zu Roms
Naturschicksal.
    Gleichergestalt, wenn unter uns der Tugendhafte so oft klagt, dass sein Werk
misslinge, dass rohe Gewalt und Unterdrückung auf Erden herrsche und das
Menschengeschlecht nur der Unvernunft und den Leidenschaften zur Beute gegeben
zu sein scheine, so trete der Genius seiner Vernunft zu ihm und frage ihn
freundlich, ob seine Tugend auch rechter Art und mit dem Verstande, mit der
Tätigkeit verbunden sei, die allein den Namen der Tugend verdienet. Freilich
gelingt nicht jedes Werk allentalben; darum aber mache, dass es gelinge, und
befördre seine Zeit, seinen Ort und jene innre Dauer desselben, in welcher das
wahrhaft Gute allein dauret. Rohe Kräfte können nur durch die Vernunft geregelt
werden; es gehört aber eine wirkliche Gegenmacht, d. i. Klugheit, Ernst und die
ganze Kraft der Güte, dazu, sie in Ordnung zu setzen und mit heilsamer Gewalt
darin zu erhalten.
    Ein schöner Traum ist's vom zukünftigen Leben, da man sich im
freundschaftlichen Genuss aller der Weisen und Guten denkt, die je für die
Menschheit wirkten und mit dem süssen Lohn vollendeter Mühe das höhere Land
betraten; gewissermassen aber eröffnet uns schon die Geschichte diese ergötzende
Lauben des Gesprächs und Umgangs mit den Verständigen und Rechtschaffenen so
vieler Zeiten. Hier stehet Plato vor mir; dort höre ich Sokrates' freundliche
Fragen und teile sein letztes Schicksal. Wenn Mark-Antonin im Verborgnen mit
seinem Herzen spricht, redet er auch mit dem meinigen, und der arme Epiktet gibt
Befehle, mächtiger als ein König. Der gequälte Tullius, der unglückliche
Boetius sprechen zu mir, mir vertrauend die Umstände ihres Lebens, den Gram und
den Trost ihrer Seele. Wie weit und wie enge ist das menschliche Herz! Wie
einerlei und wiederkommend sind alle seine Leiden und Wünsche, seine
Schwachheiten und Fehler, sein Genuss und seine Hoffnung! Tausendfach ist das
Problem der Humanität rings um mich aufgelöset, und allentalben ist das
Resultat der Menschenbemühungen dasselbe: auf Verstand und Rechtschaffenheit
ruhe das Wesen unsres Geschlechts, sein Zweck und sein Schicksal. Keinen edlem
Gebrauch der Menschengeschichte gibt's als diesen; er führt uns gleichsam in den
Rat des Schicksals und lehrt uns in unsrer nichtigen Gestalt nach ewigen
Naturgesetzen Gottes handeln. Indem er uns die Fehler und Folgen jeder
Unvernunft zeigt, so weiset er uns in jenem grossen Zusammenhange, in welchem
Vernunft und Güte zwar lange mit wilden Kräften kämpfen, immer aber doch ihrer
Natur nach Ordnung schaffen und auf der Bahn des Sieges bleiben, endlich auch
unsern kleinen und ruhigen Kreis an.
    Mühsam haben wir bisher das dunklere Feld alter Nationen durchwandert;
freudig gehen wir jetzt dem näheren Tage entgegen und sehen, was aus dieser Saat
des Altertums für eine Ernte nachfolgender Zeiten keime. Rom hatte das
Gleichgewicht der Völker gehoben, unter ihm verblutete eine Welt; was wird aus
diesem gestörten Gleichgewicht für ein neuer Zustand und aus der Asche so vieler
Nationen für ein neues Geschöpf hervorgehn?
 
                                  Vierter Teil
    Tantae molis erat, Germanas condere gentes.
    
    
    So grosser Mühe bedurfte es, die deutschen Stämme zu gründen.
 
                                Sechzehntes Buch
    Da wir jetzt zu den Völkern der nördlichen Alten Welt kommen, die einesteils
unsre Vorfahren sind, von welchen wir Sitten und Verfassungen empfangen haben,
so halte ich's für unnot, zuerst eine Vorbitte zum Besten der Wahrheit
einzulegen. Denn was hülfe es, von Asiaten und Afrikanern schreiben zu dürfen,
wenn man seine Meinung über Völker und Zeiten verhüllen müsste, die uns soviel
näher angehn als alles, was jenseit der Alpen und des Taurus längst im Staube
lieget? Die Geschichte will Wahrheit und eine Philosophie zur Geschichte der
Menschheit wenigstens unparteiische Wahrheitsliebe.
    Schon die Natur hat diesen Strich der Erde durch eine Felsenwand
unterschieden, die unter dem Namen des Mustag, Altai, Kitzigtag, Ural, Kaukasus,
Taurus, Hämus und fernerhin der karpatischen, Riesen-Alpengebürge und Pyrenäen
bekannt ist. Nordwärts derselben, unter einem so andern Himmel, auf einem so
andern Boden, mussten die Bewohner desselben notwendig auch eine Gestalt und
Lebensweise annehmen, die jenen südlichen Völkern fremd war; denn auf der ganzen
Erde hat die Natur durch nichts so dauernde Unterschiede gemacht als durch die
Gebürge. Hier sitzt sie auf ihrem ewigen Tron, sendet Ströme und Witterung aus
und verteilt, so wie das Klima, so auch die Neigungen, oft auch das Schicksal
der Nationen. Wenn wir also hören werden, dass Völker, jenseit dieser Gebürge an
jenen Salz- und Sandseen der ungeheuren Tatarei oder in den Wäldern und Wüsten
des nordischen Europa jahrhunderte- oder jahrtausendelang wohnhaft, auch in die
schönsten Gefilde des römischen und griechischen Reichs eine
wandalisch-gotisch-scytisch-tatarische Lebensweise brachten, deren Merkmale
Europa noch jetzt in manchem an sich trägt, so wollen wir uns darüber weder
wundern, noch uns einen falschen Schein der Kultur anlügen, sondern wie Rinaldo
in den Spiegel der Wahrheit sehen, unsre Gestalt darin anerkennen, und wenn wir
den klingenden Schmuck der Barbarei unsrer Väter hie und da noch an uns tragen
sollten, ihn mit echter Kultur und Humanität, der einzigen wahren Zierde unsres
Geschlechts, edel vertauschen.
    Ehe wir also zu jenem Gebäude treten, das unter dem Namen der europäischen
Republik berühmt und durch seine Wirkungen auf die ganze Erde merkwürdig oder
furchtbar geworden, so lasset uns zuerst die Völker kennenlernen, die zu dem Bau
dieses grossen Riesentempels tätig oder leidend beitrugen. Freilich reicht das
Buch unsrer nordischen Geschichte nicht weit: bei den berühmtesten Völkern
erstrecket es sich nur bis auf die Römer; und sowenig ein Mensch die Annalen
seiner Geburt und Kindheit weiss, sowenig wissen es diese, zumal barbarische und
verdrängete Nationen. Die Reste der ältesten werden wir meistens nur noch in
Gebürgen oder an den Ecken des Landes, in unzugangbaren oder rauhen Gegenden
antreffen, wo kaum noch ihre alte Sprache und einige überbliebne alte Sitten
ihren Ursprung bezeichnen, indes ihre Überwinder allentalben den breiten,
schönem Erdstrich eingenommen haben und, falls sie nicht auch von andern
verdrängt wurden, ihn durch das Kriegsrecht ihrer Väter noch besitzen und auf
mehr oder minder tatarische Weise oder durch eine langsam erworbene
Gerechtigkeit und Klugheit billiger regieren. Gehabt euch also wohl, ihr mildern
Gegenden jenseit der Gebürge, Indien und Asien, Griechenland und ihr italischen
Küsten; wenn wir die meisten von euch wiedersehen, ist's unter einer andern
Gestalt, als nordische Überwinder.
 
                                       I
                            Vasken, Galen und Kymren
    Von allen den zahlreichen Völkerschaften, die einst die spanische Halbinsel
bewohnten, sind aus der ältesten Zeit allein die Vasken übrig, die, um das
pyrenäische Gebürge in Spanien und Frankreich noch jetzo wohnhaft, ihre alte
Sprache, eine der ältesten der Welt, erhalten haben. Wahrscheinlich erstreckte
sich dieselbe einst über den grössesten Teil von Spanien, wie es noch, aller
Veränderungen ungeachtet, viele Namen der Städte und Flüsse dieses Landes
zeigen.243 Selbst unser Name Silber soll aus ihr sein, der Name des Metalles,
das, nebst dem Eisen, in Europa und aller Welt die meisten Revolutionen in Gang
gebracht hat; denn der Sage nach war Spanien das erste europäische Land, das
seine Bergwerke baute, da es den frühesten Handelsnationen dieser Weltgegend,
den Phöniciern und Kartaginensern, nahe und bequem lag: es war ihnen das erste
Peru. Die Völker selbst, die unter dem Namen der Vasken und Kantabrer sehr
bekannt sind, haben sich in der alten Geschichte als ein schnelles, leichtes,
tapfres, freiheitliebendes Volk gezeiget. Sie begleiteten den Hannibal nach
Italien und sind in den römischen Dichtern ein furchtbarer Name: sie, nebst den
spanischen Kelten, waren es, die den Römern die Unterjochung dieses Landes am
schwersten machten, also dass Augustus über sie zuerst, und vielleicht auch nur
dem Scheine nach, triumphierte; denn was nicht dienen wollte, zog sich in die
Gebürge. Als die Wandalen, Alanen, Sveven. Goten und andre teutonische Völker
ihren wilden Durchzug durch die Pyrenäen nahmen und einige derselben in ihrer
Nachbarschaft Reiche stifteten, waren sie noch das tapfre, unruhige Volk, das
unter den Römern seinen Mut nicht verloren hatte; und als Karl der Grosse auf
seinem Rückzuge vom Siege über die spanischen Sarazenen durch ihr Land zog,
waren eben noch sie es, die durch einen listigen Angriff jene in den alten
Romanen so berühmte Niederlage bei Ronceval veranlassten, in welcher der grosse
Roland blieb. Späterhin machten in Spanien und Aquitanien sie den Franken zu
schaffen, wie sie es den Sveven und Goten getan hatten; auch bei Wiedereroberung
des Landes aus den Händen der Sarazenen blieben sie nicht müssig, ja sie
erhielten selbst in den Jahrhunderten der tiefsten barbarischen
Mönchsunterdrückung ihren Charakter. Als nach der langen Nacht eine Morgenröte
der Wissenschaft für Europa aufging, brach sie durch die fröhliche Dichtkunst
der Provenzalen in ihrer Nachbarschaft, zum Teil in denen von ihnen bewohnten
Ländern, hervor, die auch in spätem Zeiten Frankreich viele fröhliche und
aufgeklärte Geister gegeben haben. Zu wünschen wäre es, dass wir die Sprache, die
Sitten und die Geschichte dieses raschen und frohen Volks mehr kenneten und dass,
wie Macpherson unter den Galen, ein zweiter Larramendi unter ihnen etwa auch
nach Resten ihres alten vaskischen Nationalgeistes forschte.244 Vielleicht hat
sich die Sage jener berühmten Rolandsschlacht, die durch den fabelhaften
Erzbischof Turpin in einer Mönchsepopee zu so vielen Romanen und Heldengedichten
des Mittelalters Anlass gegeben, auch unter ihnen erhalten; wo nicht, so war doch
ihr Land wenigstens die Pforte vor Troja, die mit Abenteuern, die daselbst
geschehen sein sollten, lange Zeit die Phantasie der europäischen Völker füllte.
    
    Die Galen, die unter dem Namen der Gallier und Kelten ein bekannteres und
berühmteres Volk sind, als die Vasken waren, hatten am Ende mit ihnen einerlei
Schicksal. In Spanien besassen sie einen weiten und schönen Erdstrich, auf
welchem sie den Römern mit Ruhm widerstanden; in Gallien, welches von ihnen den
Namen hat, haben sie dem Cäsar eine zehnjährige und in Britannien seinen
Nachfolgern eine noch längere, zuletzt nutzlose Mühe gekostet, da die Römer
endlich diese Insel selbst aufgeben mussten. Ausserdem war Helvetien, der obere
Teil von Italien, der untere Teil von Deutschland längs der Donau bis nach
Pannonien und Illyrikum zu, wenn auch nicht allentalben in dichten Reihen, mit
Stämmen und Kolonien aus ihrem Schösse besetzt, und in den altem Zeiten waren
unter allen Nationen sie der Römer furchtbarste Feinde. Ihr Brennus legte Rom in
die Asche und machte der künftigen Weltbeherrscherin beinah ein völliges Ende.
Ein Zug von ihnen drang bis in Tracien, Griechenland und Kleinasien ein, wo sie
unter dem Namen der Galater mehr als einmal furchtbar geworden. Wo sie indessen
ihren Stamm am dauerhaftesten, und gewiss nicht ganz ohne Kultur, angebauet
haben, war in Gallien und den britannischen Inseln. Hier hatten sie ihre
merkwürdige Druidenreligion und in Britannien ihren Oberdruiden; hier hatten sie
jene merkwürdige Verfassung eingerichtet, von welcher in Britannien, Irland und
auf den Inseln noch so viele, zum Teil ungeheure Steingebäude und Steinhaufen
zeugen: Denkmale, die, wie die Pyramiden, wahrscheinlich noch Jahrtausende
überdauern und vielleicht immer ein Rätsel bleiben werden. Eine Art Staats- und
Kriegseinrichtung war ihnen eigen, die zuletzt den Römern erlag, weil die
Uneinigkeit ihrer gallischen Fürsten sie selbst ins Verderben stürzte; auch
waren sie nicht ohne Naturkenntnisse und Künste, so viele derselben ihrem
Zustande gemäss schienen; am wenigsten endlich ohne das, was bei allen Barbaren
die Seele des Volks ist, ohne Gesänge und Lieder. Im Munde ihrer Barden waren
diese vorzüglich der Tapferkeit geweihet und sangen die Taten ihrer Väter.245
Gegen einen Cäsar und sein mit aller römischen Kriegskunst ausgerüstetes Heer
erscheinen sie freilich als halbe Wilde; mit andern nordischen Völkern, auch mit
mehreren deutschen Stämmen verglichen, erscheinen sie nicht also, da sie diese
offenbar an Gewandteit und Leichtigkeit des Charakters, wohl auch an
Kunstfleiss, Kultur und politischer Einrichtung übertrafen; denn wie der deutsche
Charakter noch jetzt in manchen Grundzügen dem ähnlich ist, den Tacitus
schildert, so ist auch schon im alten Gallier, trotz alles dessen, was die
Zeiten verändert haben, der jüngere Gallier kenntlich. Notwendig aber waren die
so weit verbreiteten verschiedenen Nationen dieses Volksstammes nach Ländern,
Zeiten, Umständen und wechselnden Stufen der Bildung sehr verschieden, so dass
der Gale an der Küste des Hoch-oder Irlands mit einem gallischen oder
keltiberischen Volk, das die Nachbarschaft gebildeter Nationen oder Städte lange
genossen hatte, wohl wenig gemein haben konnte.
    Das Schicksal der Galen in ihrem grossen Erdstrich endigte traurig. Den
frühesten Nachrichten nach, die wir von ihnen haben, hatten sie sowohl dies- als
jenseit der Meerenge die Belgen oder Kymren zur Seite, die ihnen allentalben
nachzudringen scheinen. Dies-und jenseit wurden zuerst die Römer, sodann mehrere
teutonische Nationen ihre Überwinder, von denen wir sie oft auf eine sehr
gewaltsame Art unterdrückt, entkräftet oder gar ausgerottet und verdrängt sehen
werden, so dass wir anjetzt die galische Sprache nur an den äussersten Enden ihrer
Besitztümer, in Irland, den Hebriden und dem nackten, schottischen Hochlande
wiederfinden. Goten, Franken, Burgunder, Alemannen, Sachsen, Normänner und andre
deutsche Völker haben in mancherlei Vermischungen ihre andern Länder besetzt,
ihre Sprache vertrieben und ihren Namen verschlungen.
    Indessen gelang es doch der Unterdrückung nicht, auch den innern Charakter
dieses Volks in lebendigen Denkmalen ganz von der Erde zu vertilgen; sanft wie
ein Harfenton entschlüpfte ihr eine zärtlich-traurige Stimme aus den Gräbern,
die Stimme Ossians, des Sohnes Fingal, und einiger seiner Genossen. Sie bringt
uns, wie in einem Zauberspiegel, nicht nur Gemälde alter Taten und Sitten vor
Augen, sondern die ganze Denk- und Empfindungsweise eines Volkes auf dieser
Stufe der Kultur, in solchen Gegenden, bei solchen Sitten tönet uns durch sie in
Herz und Seele. Ossian und seine Genossen sagen uns mehr vom innern Zustande der
alten Galen, als ein Geschichtschreiber uns sagen könnte, und werden uns
gleichsam rührende Prediger der Humanität, wie solche auch in den einfachsten
Verbindungen der menschlichen Gesellschaft lebet. Zarte Bande ziehen sich auch
dort von Herz zu Herzen, und jede ihrer Saiten tönt Wehmut. Was Homer den
Griechen ward, hätte ein galischer Ossian den Seinigen werden können, wenn die
Galen Griechen und Ossian Homer gewesen wäre. Da dieser aber nur, als die letzte
Stimme eines verdrängeten Volks, zwischen Nebelbergen in einer Wüste singt und
wie eine Flamme über Gräbern der Väter hervorglänzt, wenn jener, in Ionien
geboren, unter einem werdenden Volk vieler blühenden Stämme und Inseln, im Glanz
seiner Morgenröte, unter einem so andern Himmel, in einer so andern Sprache das
schildert, was er entschieden, hell und offen vor sich erblickte und andre
Geister nachher so vielfach anwandten, so sucht man freilich in den
kaledonischen Bergen einen griechischen Homer an unrechtem Orte. Töne indessen
fort, du Nebelharfe Ossians; glücklich in allen Zeiten ist, wer deinen sanften
Tönen gehorchet.246
    
    Die Kymren sind ihrem Namen nach Bergbewohner, und wenn sie mit den Belgen
ein Volk sind, so treffen wir sie, von den Alpen an, die westlichen Ufer des
Rheins bis zu seinem Ausfluss hinunter, ja vielleicht einst bis zur cirnbrischen
Halbinsel, die uralters wahrscheinlich ein grösseres Land war. Von deutschen
Stämmen, die hart an ihnen sassen, wurden sie teilweise über das Meer gedrängt,
so dass sie in Britannien die Galen einengten, die öst- und südlichen Küsten
dieses Landes bald innehatten und, da ihre Stämme dies- und jenseit des Meers
zusammenhingen, sie auch in manchen Künsten erfahrner als die Galen waren, in
dieser Lage nichts so bequem als die Seeräuberei treiben konnten. Sie scheinen
ein wilderes Volk gewesen zu sein als die Galen, das auch unter den Römern an
Sittlichkeit wenig zunahm und, als diese das Land verliessen, in einen so
hülflosen Zustand der Barbarei und Ausschweifung versank, dass es bald die Römer,
bald zu eignem Schaden die Sachsen als Hülfsvölker ins Land rufen musste. Sehr
übel erging es ihnen unter diesen deutschen Helfern. In Horden kamen diese
herüber und verwüsteten bald mit Feuer und Schwert: weder Menschen noch Anlagen
wurden verschonet; das Land ward zur Einöde, und wir finden endlich die armen
Kymren an die westliche Ecke Englands, in die Gebürge von Wales, in die Ecke von
Cornwallis verdrängt oder nach Bretagne geflüchtet oder vertilget. Nichts
gleicht dem Hass, den die Kymren gegen ihre treulosen Freunde, die Sachsen,
hatten und viele Jahrhunderte durch, auch nachdem sie in ihre nackten Gebürge
eingeschlossen waren, lebhaft nährten. Lange erhielten sie sich unabhängig, im
völligen Charakter ihrer Sprache, Regierungsart und Sitten, von denen wir im
Regulativ des Hofstaats ihrer Könige und ihrer Beamten noch eine merkwürdige
Beschreibung haben247, indessen kam auch die Zeit ihres Endes. Wales ward
überwunden und mit England vereinigt; nur die Sprache der Kymren erhielt und
erhält sich noch, sowohl hier als in Bretagne. Sie erhält sich noch, aber in
unsichern Resten; und es ist gut, dass ihr Charakter in Büchern aufgenommen
worden248, weil unausbleiblich sowohl sie als alle Sprachen dergleichen
verdrängeter Völker ihr Ende erreichen werden und mit dieser in Bretagne dies
wohl zuerst geschehen dörfte. Nach dem allgemeinen Lauf der Dinge erlöschen die
Charaktere der Völker allmählich; ihr Gepräge nützt sich ab, und sie werden in
den Tiegel der Zeit geworfen, in welchem sie zur toten Masse hinabsinken oder zu
einer neuen Ausprägung sich läutern.
    Das Denkwürdigste, was uns von den Kymren übriggeblieben und wodurch
wunderbar auf die Einbildungskraft der Menschen gewirkt worden, ist ihr König
Artus mit seinen Rittern der runden Tafel. Natürlich kam die Sage von ihm sehr
spät in Bücher, und nur nach den Kreuzzügen bekam sie ihren Schmuck der
Romandichtung; ursprünglich aber gehört sie den Kymren zu, denn in Cornwallis
herrschte König Artus; dort und in Wales tragen in der Volkssage hundert Orte
noch von ihm den Namen. In Bretagne, der Kolonie der Kymren, ward, vom
romantischen Fabelgeist der Normannen belebt, das Märchen wahrscheinlich zuerst
ausgebildet und breitete sich sodann mit zahllosen Erweiterungen über England,
Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, ja späterhin in die gebildete
Dichtkunst. Märchen aus dem Morgenlande kamen dazu, Legenden mussten alles
heiligen und segnen; so kam dann das schöne Gefolge von Rittern, Riesen, dem
Zauberer Merlin (auch einem Waliser), von Feen, Drachen und Abenteurern
zusammen, an welchem sich jahrhundertelang Ritter und Frauen vergnügten. Es wäre
umsonst, genau zu fragen, wenn König Artus gelebt habe; aber den Grund, die
Geschichte und Wirkungen dieser Sagen und Dichtungen durch alle Nationen und
Jahrhunderte, in denen sie geblühet, zu untersuchen und als ein Phänomenon der
Menschheit ins Licht zu stellen, dies wäre, nach den schönen Vorarbeiten dazu,
ein ruhmwürdiges Abenteuer, so angenehm als belehrend.249
 
                                       II
                           Finnen, Letten und Preussen
    Der finnische Völkerstamm (der aber diesen Namen sowenig als ein Zweig
desselben den Namen der Lappen kennet, indem sie sich selbst Suomi nennen)
erstreckt sich noch jetzt im äussersten Norden von Europa und an den Küsten der
Ostsee bis nach Asien hinein; in frühem Zeiten hat er sich gewiss tiefer hinab
und weiter hin verbreitet. Ausser den Lappen und Finnen gehören in Europa die
Ingern, Esten und Liven zu ihm; weiterhin sind die Syranen, Permier, Wogulen,
Wotjaken, Tscheremissen, Mordwinen, die kondischen Ostjaken u. f. seine
Verwandte, so wie auch die Ungarn oder Madjaren desselben Völkerstammes sind,
wenn man ihre Sprachen vergleichet.250 Es ist ungewiss, wie weit hinab die Lappen
und Finnen einst in Norwegen und Schweden gewohnt haben; das aber ist sicher,
dass sie von den skandischen Deutschen immer höher hinauf bis an den nordischen
Rand getrieben sind, den sie noch jetzt innehaben. An der Ostsee und am Weissen
Meer scheinen ihre Stämme am lebendigsten gewesen zu sein, wo sie nebst einigem
Tauschhandel auch Seeräuberei trieben; in Permien oder Biarmeland hatte ihr
Götze Jumala einen barbarisch-prächtigen Tempel; hier gingen also auch
vorzüglich die nordisch-deutschen Abenteurer hin, zu tauschen, zu plündern und
Tribut zu lodern. Nirgend indes hat dieser Volksstamm zur Reife einer
selbständigen Kultur kommen können, woran wohl nicht seine Fähigkeit, sondern
seine üble Lage schuld ist. Sie waren keine Krieger wie die Deutschen; denn auch
noch jetzt, nach so langen Jahrhunderten der Unterdrückung, zeigen alle
Volkssagen und Lieder der Lappen, Finnen und Esten, dass sie ein sanftes Volk
sind. Da nun ausserdem ihre Stämme meistens ohne Verbindung und viele derselben
ohne politische Verfassung lebten, so konnte beim Herandringen der Völker wohl
nichts anders geschehen, als was geschehen ist, nämlich dass die Lappen an den
Nordpol hinaufgedrängt, die Finnen, Ingern, Esten u. f. sklavisch unterjocht,
die Liven aber fast ganz ausgerottet wurden. Das Schicksal der Völker an der
Ostsee macht überhaupt ein trauriges Blatt in der Geschichte der Menschheit. Das
einzige Volk, das aus diesem Stamm sich unter die Eroberer gedrängt hat, sind
die Ungern oder Madjaren. Wahrscheinlich sassen sie zuerst im Lande der
Baschkiren, zwischen der Wolga und dem Jaik; dann stifteten sie ein ungrisches
Königreich zwischen dem Schwarzen Meer und der Wolga, das sich zerteilte. Jetzt
kamen sie unter die Chazaren, wurden von den Petschenegen geteilt, da sie denn
teils an der persischen Grenze das madjarische Reich gründeten, teils in sieben
Horden nach Europa gingen und mit den Bulgaren wütende Kriege führten. Von
diesen weiter hin gedrängt, rief Kaiser Arnulf sie gegen die Mähren; jetzt
stürzten sie aus Pannonien in Mähren, Bayern, Oberitalien und verwüsteten
greulich; mit Feuer und Schwert streiften sie in Türingen, Sachsen, Franken,
Hessen, Schwaben, Elsass bis nach Frankreich und abermals in Italien hinein,
zogen vom deutschen Kaiser einen schimpflichen Tribut, bis endlich teils durch
die Pest, teils durch die fürchterlichsten Niederlagen ihrer Heere in Sachsen,
Schwaben, Westfalen das deutsche Reich vor ihnen sichergestellt und ihr Ungarn
selbst sogar zu einem apostolischen Reich ward. Da sind sie jetzt unter Slawen,
Deutschen, Wlachen und andern Völkern der geringere Teil der Landeseinwohner,
und nach Jahrhunderten wird man vielleicht ihre Sprache kaum finden.
    
    Die Litauer, Kuren und Letten an der Ostsee sind von Ungewissem Ursprunge,
aller Wahrscheinlichkeit nach indessen auch dahin gedrängt, bis sie nicht weiter
gedrängt werden konnten. Ungeachtet der Mischung ihrer Sprache mit andern, hat
sie doch einen eignen Charakter und ist wahrscheinlich die Tochter einer uralten
Mutter, die vielleicht aus fernen Gegenden her ist. Zwischen den deutschen,
slawischen und finnischen Völkern konnte sich der friedliche lettische Stamm
nirgend weit ausbreiten, noch weniger verfeinern, und ward zuletzt nur, wie
seine Nachbarn, die Preussen, am meisten durch die Gewalttätigkeiten merkwürdig,
die allen diesen Küstenbewohnern teils von den neubekehrten Polen, teils vom
Deutschen Orden und denen, die ihm zu Hülfe kamen, widerfuhren.251 Die
Menschheit schaudert vor dem Blut, das hier vergossen ward in langen wilden
Kriegen, bis die alten Preussen fast gänzlich ausgerottet, Kuren und Letten
hingegen in eine Knechtschaft gebracht wurden, unter deren Joch sie noch jetzt
schmachten. Vielleicht verfliessen Jahrhunderte, ehe es von ihnen genommen wird
und man zum Ersatz der Abscheulichkeiten, mit welchen man diesen ruhigen Völkern
ihr Land und ihre Freiheit raubte, sie aus Menschlichkeit zum Genuss und eignen
Gebrauch einer bessern Freiheit neu bildet.
    Lange gnug hat sich unser Blick bei verdrängten oder unterjochten und
ausgerotteten Völkern verweilet; lasset uns jetzt die sehen, die sie verdrängten
und unterjochten.
 
                                      III
                                Deutsche Völker
    Wir treten zu dem Völkerstamm, der durch seine Grösse und Leibesstärke, durch
seinen unternehmenden, kühnen und ausdauernden Kriegsmut, durch seinen dienenden
Heldengeist, Anführern, wohin es sei, im Heer zu folgen und die bezwungenen
Länder als Beute unter sich zu teilen, mitin durch seine weiten Eroberungen und
die Verfassung, die allentalben umher nach deutscher Art errichtet ward, zum
Wohl und Weh dieses Weltteils mehr als alle andre Völker beigetragen. Vom
Schwarzen Meer an durch ganz Europa sind die Waffen der Deutschen furchtbar
worden; von der Wolga bis zur Ostsee reichte einst ein gotisches Reich; in
Tracien, Mösien, Pannonien, Italien, Gallien, Spanien, selbst in Afrika hatten
zu verschiedenen Zeiten verschiedene deutsche Völker Sitze und stifteten Reiche;
sie waren es, die die Römer, Sarazenen, Galen, Kymren, Lappen, Finnen, Esten,
Slawen, Kuren, Preussen und sich untereinander selbst verdrängten, die alle
heutige Königreiche in Europa gestiftet, ihre Stände eingeführt, ihre Gesetze
gegründet haben. Mehr als einmal haben sie Rom eingenommen, besiegt und
geplündert, Konstantinopel mehrmals belagert und selbst in ihm geherrschet, zu
Jerusalem ein christliches Königreich gestiftet; und noch jetzt regieren sie,
teils durch die Fürsten, die sie allen Tronen Europas gegeben, teils durch
diese von ihnen errichtete Trone selbst, als Besitzer oder im Gewerb und
Handel, mehr oder minder alle vier Weltteile der Erde. Da nun keine Wirkung ohne
Ursache ist, so muss auch diese ungeheure Folge von Wirkungen ihre Ursache haben.
    1. Nicht wohl liegt diese im Charakter der Nation allein: ihre sowohl
physische als politische Lage, ja eine Menge von Umständen, die bei keinem
andern nördlichen Volk also zusammentraf, hat zum Lauf ihrer Taten mitgewirket.
Ihr grosser, starker und schöner Körperbau, ihre fürchterlich-blauen Augen wurden
von einem Geist der Treue und Entaltsamkeit beseelt, die sie ihren Obern
gehorsam, kühn im Angriff, ausdauernd in Gefahren, mitin andern Völkern, zumal
den ausgearteten Römern, zum Schutz und Trutz sehr wohlgefällig oder furchtbar
machten. Frühe haben Deutsche im römischen Heer gedient, und zur Leibwache der
Kaiser waren sie die auserlesensten Menschen; ja, als das bedrängte Reich sich
selbst nicht helfen konnte, waren es deutsche Heere, die für Sold gegen jeden,
selbst gegen ihre Brüder fochten. Durch diese Söldnerei, die jahrhundertelang
fortgesetzt wurde, bekamen viele ihrer Völker nicht nur eine Kriegswissenschaft
und Kriegszucht, die andern Barbaren fremd bleiben musste, sondern sie kamen auch
durch das Beispiel der Römer und durch die Bekanntschaft mit ihrer Schwäche
allmählich in den Geschmack eigner Eroberungen und Völkerzüge. Hatte dieses
jetzt so ausgeartete Rom einst Völker unterjocht und sich zur Herrscherin der
Welt aufgeworfen, warum sollten sie es nicht tun, ohne deren Hände jenes nichts
Kräftiges mehr vermochte? Der erste Stoss auf die römischen Länder kam also, wenn
wir die altern Einbrüche der Teutonen und Kymren absondern und von den
unternehmenden Männern Ariovist, Marbud und Hermann zu rechnen anfangen, von
Grenzvölkern oder von Anführern her, die der Kriegsart dieses Reichs kundig und
in seinen Heeren oft selbst gebraucht waren, mitin die Schwäche sowohl Roms als
späterhin Konstantinopels gnugsam kannten. Einige derselben waren sogar eben
damals römische Hülfsvölker, als sie es besser fanden, was sie gerettet hatten,
sich selbst zu bewahren. Wie nun die Nachbarschaft eines schwachen Reichen und
eines starken Dürftigen, der jenem unentbehrlich ist, diesem notwendig die
Überlegenheit und Herrschaft einräumet, so hatten auch hier die Römer den
Deutschen, die im Mittelpunkt Europas gerade vor ihnen sassen und die sie bald
aus Not in ihren Staat oder in ihre Heere nahmen, das Heft selbst in die Hände
gegeben.
    2. Der lange Widerstand, den mehrere Völker unsres Deutschlandes gegen die
Römer zu tun hatten, stärkte in ihnen notwendig ihre Kräfte und ihren Hass gegen
einen Erbfeind, der sich der Triumphe über sie mehr als andrer Siege rühmte.
Sowohl am Rhein als an der Donau waren die Römer den Deutschen gefährlich; so
gern diese ihnen gegen die Gallier und andre Völker gedient hatten, so wollten
sie ihnen als Selbstüberwundene nicht dienen. Daher nun die langen Kriege von
Augustus an, die, je schwächer das Reich der Römer ward, immer mehr in Einbruch
und Plünderung ausarteten und nicht anders als mit seinem Untergange enden
konnten. Der markomannische und schwäbische Bund, den mehrere Völker gegen die
Römer schlössen, der Heerbann, in welchem alle, auch die entlegenem deutschen
Stämme standen, der jeden Mann zum Wehren, d. i. zum Mitstreiter machte: diese
und mehrere Einrichtungen gaben der ganzen Nation sowohl den Namen als die
Verfassung der Germanen oder Alemannen, d. i. verbundener Kriegsvölker: wilde
Vorspiele eines Systems, das nach Jahrhunderten auf alle Nationen Europas
verbreitet werden sollte.252
    3. Bei solch einer stehenden Kriegsverfassung musste es den Deutschen
notwendig an manchen andern Tugenden fehlen, die sie ihrer Hauptneigung oder
ihrem Hauptbedürfnis, dem Kriege, nicht ungern aufopferten. Den Ackerbau trieben
sie eben so fleissig nicht und beugten sogar in manchen Stämmen durch eine
jährlich neue Verteilung der Äcker dem Vergnügen vor, das jemand an dem eignen
Besitz und einer bessern Kultur des Landes finden könnte. Einige, insonderheit
östliche Stämme waren und blieben lange tatarische Jagd- und Hirtenvölker. Die
rohe Idee von Gemeinweiden und einem Gesamteigentum war die Lieblingsidee dieser
Nomaden, die sie auch in die Einrichtung ihrer eroberten Länder und Reiche
brachten. Deutschland blieb also lange ein Wald voll Wiesen, Moräste und Sümpfe,
wo der Ur und das Elend, jetzt ausgerottete deutsche Heldentiere, neben den
deutschen Menschenhelden wohnten; Wissenschaften kannten sie nicht, und die
wenigen ihnen unentbehrlichen Künste verrichteten Weiber und grösstenteils
geraubte Knechte. Völkern dieser Art musste es angenehm sein, von Rache,
Dürftigkeit, Langerweile, Gesellschaft oder von einer andern Aufforderung
getrieben, ihre öden Wälder zu verlassen, bessere Gegenden zu suchen oder um
Sold zu dienen. Daher waren mehrere Stämme in einer ewigen Unruhe, mit- und
gegeneinander entweder im Bunde oder im Kriege. Keine Völker (wenige Stämme
ruhiger Landesanwohner ausgenommen) sind so oft hin und her gezogen als diese;
und wenn ein Stamm aufbrach, schlugen sich im Zuge meistenteils mehrere an ihn,
also dass aus dem Haufen ein Heer ward. Viele deutsche Völker, Wandalen, Sveven
u. a., haben vom Umherschweifen, Wandeln, den Namen; so ging's zu Lande, so
ging's zur See. Ein ziemlich tatarisches Leben.
    
    In der ältesten Geschichte der Deutschen hüte man sich also, sich irgend an
einen Lieblingsplatz unsrer neuen Verfassung mit Vorliebe zu heften: die alten
Deutschen gehören in diese nicht; sie folgten einem andern Strome der Völker.
Westwärts drangen sie auf Belgen und Galen, bis sie in der Mitte andrer Stämme
eingeschlossen sassen; östlich gingen sie bis zur Ostsee, und wenn sie auf ihr
nicht rauben oder fortschwimmen konnten, an den sandigen Küsten aber auch keinen
Unterhalt fanden, so wandten sie sich natürlicherweise bei dem ersten Anlass
südlich in leergelassene Länder. Daher, dass mehrere der Nationen, die ins
römische Reich zogen, zuerst an der Ostsee gewohnet haben; es waren aber gerade
nur die wilderen Völker, deren Wohnung daselbst keine Veranlassung zum Sturz
dieses Reichs war. Weit entfernter lag diese, in der asiatischen Mungalei; denn
dort wurden die westlichen Hunnen von den Iguren und andern Völkern gedrängt;
sie gingen über die Wolga, trafen auf die Alanen am Don, trafen auf das grosse
Reich der Goten am Schwarzen Meere; und jetzt gerieten lauter südliche deutsche
Völker, West- und Ostgoten, Wandalen, Alanen, Sveven in Bewegung, denen die
Hunnen folgten. Mit den Sachsen, Franken, Burgundern und Herulern hatte es
wieder andre Bewandtnis; die letztgenannten standen als Helden, die ihr Blut
verkauften, längst in römischem Solde.
    Auch hüte man sich, allen diesen Völkern gleiche Sitten oder eine gleiche
Kultur zuzueignen; das Gegenteil davon zeigt ihr verschiedenes Betragen gegen
die überwundnen Nationen. Anders verfuhren die wilden Sachsen in Britannien, die
streifenden Alanen und Sveven in Spanien als die Ostgoten in Italien oder in
Gallien die Burgunder. Die Stämme, die lange an den römischen Grenzen, neben
ihren Kolonien und Handelsplätzen, west- oder südlich, gewohnt hatten, waren
milder und bildsamer, als die aus den nordischen Wäldern oder von öden Küsten
herkamen; daher es z.B. anmassend sein würde, wenn jede Horde der Deutschen sich
die Mytologie der skandischen Goten zueignen wollte. Wohin waren diese Goten
nicht gekommen, und auf wie mancherlei Wegen hat sich diese Mytologie späterhin
nicht verfeinert! Dem tapfern Urdeutschen bleibt vielleicht nichts als sein Teut
oder Tuisto, Mann, Herta und Wodan, d. i. ein Vater, ein Held, die Erde und ein
Feldherr.
    Indessen dörfen wir uns doch, wenigstens brüderlich, jenes entfernten
Schatzes der deutschen Fabellehre freuen, der sich am Ende der bewohnten Welt,
in Island, erhalten oder zusammengefunden und durch die Sagen der Normänner und
christlichen Gelehrten augenscheinlich bereichert hat: ich meine der nordischen
Edda. Als eine Sammlung von Urkunden der Sprache und Denkart eines deutschen
Volksstammes ist sie allerdings auch uns höchst merkwürdig. Die Mytologie
dieser Nordländer mit der griechischen zu vergleichen kann lehrreich oder unnütz
werden, nachdem man die Untersuchung anstellt; sehr vergeblich wäre es aber,
einen Homer oder Ossian unter diesen Skalden zu erwarten. Bringet die Erde
allentalben einerlei Früchte hervor? Und sind die edelsten Früchte dieser Art
nicht Folgen eines lange zubereiteten, seltnen Zustandes der Völker und Zeiten?
Lasset uns also in diesen Gedichten und Sagen schätzen, was wir in ihnen finden:
einen eignen Geist roher, kühner Dichtung, starker, reiner und treuer Gefühle,
samt einem nur zu künstlichen Gebrauch des Kerns unsrer Sprache; und Dank sei
jeder aufbewahrenden, jeder mitteilenden Hand, die zum allgemeinern oder bessern
Gebrauch dieser Nationalschätze beiträgt. Unter den Namen derer, die in früheren
und neueren Zeiten ruhmwürdig dazu beitrugen253, nenne ich in unsern Zeiten auch
für die Geschichte der Menschheit den Namen Suhm mit Dank und Ehre. Er ist es,
der uns von Island her dies schöne Nordlicht in neuem Glanze hervorschimmern
lässt; er selbst und andre suchen es auch in den Horizont unsrer Kenntnisse zum
richtigem Gebrauch einzuführen. Leider können wir Deutsche von unsern alten
Sprachschätzen nicht viel aufzeigen254, die Lieder unsrer Barden sind verloren;
der alte Eichbaum unsrer Heldensprache prangt, ausser wenigem, nur mit sehr
junger Blüte.
    Als die deutschen Völker das Christentum angenommen hatten, fochten sie
dafür wie für ihre Könige und ihren Adel; welche echte Degentreue denn ausser
ihren eignen Völkern, den Alemannen, Türingern, Bayern und Sachsen, die armen
Slawen, Preussen, Kuren, Liven und Esten reichlich erfahren haben. Zum Ruhme
gereicht es ihnen, dass sie auch gegen die später eindringende Barbaren als eine
lebendige Mauer standen, an der sich die tolle Wut der Hunnen, Ungarn, Mogolen
und Türken zerschellte. Sie also sind's, die den grössesten Teil von Europa nicht
nur erobert, bepflanzt und nach ihrer Weise eingerichtet, sondern auch beschützt
und beschirmt haben; sonst hätte auch das in ihm nicht aufkommen können, was
aufgekommen ist. Ihr Stand unter den andern Völkern, ihr Kriegesbund und
Stammescharakter sind also die Grundfesten der Kultur, Freiheit und Sicherheit
Europas geworden; ob sie nicht auch durch ihre politische Lage an dem langsamen
Fortgange dieser Kultur mit eine Ursache sein müssen, davon wird ein
unbescholtener Zeuge, die Geschichte, Bericht geben.
 
                                       IV
                                Slawische Völker
    Die slawischen Völker nehmen auf der Erde einen grossem Raum ein als in der
Geschichte, unter andern Ursachen auch deswegen, weil sie entfernter von den
Römern lebten. Wir kennen sie zuerst am Don, späterhin an der Donau, dort unter
Goten, hier unter Hunnen und Bulgarn, mit denen sie oft das römische Reich sehr
beunruhigten, meistens nur als mitgezogene, helfende oder dienende Völker. Trotz
ihrer Taten hie und da waren sie nie ein unternehmendes Kriegs- und
Abenteuervolk wie die Deutschen; vielmehr rückten sie diesen stille nach und
besetzten ihre leergelassenen Plätze und Länder, bis sie endlich den ungeheuren
Strich innehatten, der vom Don zur Elbe, von der Ostsee bis zum Adriatischen
Meer reichet. Von Lüneburg an über Mecklenburg, Pommern, Brandenburg, Sachsen,
die Lausnitz, Böhmen, Mähren, Schlesien, Polen, Russland erstreckten sich ihre
Wohnungen diesseit der karpatischen Gebürge, und jenseit derselben, wo sie frühe
schon in der Walachei und Moldau sassen, breiteten sie sich, durch mancherlei
Zufälle unterstützt, immer weiter und weiter aus, bis sie der Kaiser Heraklius
auch in Dalmatien aufnahm und nach und nach die Königreiche Slawonien, Bosnien,
Servien, Dalmatien von ihnen gegründet wurden. In Pannonien wurden sie ebenso
zahlreich; von Friaul aus bezogen sie auch die südöstliche Ecke Deutschlands,
also dass ihr Gebiet sich mit Steiermark, Kärnten, Krain festschloss: der
ungeheuerste Erdstrich, den in Europa eine Nation grösstenteils noch jetzt
bewohnet. Allentalben liessen sie sich nieder, um das von andern Völkern
verlassene Land zu besitzen, es als Kolonisten, als Hirten oder Ackerleute zu
bauen und zu nutzen; mitin war nach allen vorhergegangenen Verheerungen, Durch-
und Auszügen ihre geräuschlose, fleissige Gegenwart den Ländern erspriesslich. Sie
liebten die Landwirtschaft, einen Vorrat von Herden und Getreide, auch
mancherlei häusliche Künste und eröffneten allentalben mit den Erzeugnissen
ihres Landes und Fleisses einen nützlichen Handel. Längs der Ostsee von Lübeck an
hatten sie Seestädte erbauet, unter welchen Vineta auf der Insel Rügen das
slawische Amsterdam war; so pflogen sie auch mit den Preussen, Kuren und Letten
Gemeinschaft, wie die Sprache dieser Völker zeigt. Am Dnepr hatten sie Kiew, am
Wolchow Nowgorod gebauet, welche bald blühende Handelsstädte wurden, indem sie
das Schwarze Meer mit der Ostsee vereinigten und die Produkte der Morgenwelt dem
nörd- und westlichen Europa zuführten. In Deutschland trieben sie den Bergbau,
verstanden das Schmelzen und Giessen der Metalle, bereiteten das Salz,
verfertigten Leinwand, braueten Met, pflanzten Fruchtbäume und führeten nach
ihrer Art ein fröhliches, musikalisches Leben. Sie waren mildtätig, bis zur
Verschwendung gastfrei, Liebhaber der ländlichen Freiheit, aber unterwürfig und
gehorsam, des Raubens und Plünderns Feinde. Alles das half ihnen nicht gegen die
Unterdrückung, ja es trug zu derselben bei. Denn da sie sich nie um die
Oberherrschaft der Welt bewarben, keine kriegssüchtige erbliche Fürsten unter
sich hatten und lieber steuerpflichtig wurden, wenn sie ihr Land nur mit Ruhe
bewohnen konnten, so haben sich mehrere Nationen, am meisten aber die vom
deutschen Stamme, an ihnen hart versündigt.
    Schon unter Karl dem Grossen gingen jene Unterdrückungskriege an, die
offenbar Handelsvorteile zur Ursache hatten, ob sie gleich die christliche
Religion zum Verwände gebrauchten; denn den heldenmässigen Franken musste es
freilich bequem sein, eine fleissige, den Landbau und Handel treibende Nation als
Knechte zu behandeln, statt selbst diese Künste zu lernen und zu treiben. Was
die Franken angefangen hatten, vollführten die Sachsen; in ganzen Provinzen
wurden die Slawen ausgerottet oder zu Leibeigenen gemacht und ihre Ländereien
unter Bischöfe und Edelleute verteilt. Ihren Handel auf der Ostsee zerstörten
nordische Germanen; ihr Vineta nahm durch die Dänen ein trauriges Ende, und ihre
Reste in Deutschland sind dem ähnlich, was die Spanier aus den Peruanern
machten. Ist es ein Wunder, dass nach Jahrhunderten der Unterjochung und der
tiefsten Erbitterung dieser Nation gegen ihre christlichen Herren und Räuber ihr
weicher Charakter zur arglistigen, grausamen Knechtsträgheit herabgesunken wäre?
Und dennoch ist allentalben, zumal in Ländern, wo sie einiger Freiheit
geniessen, ihr altes Gepräge noch kennbar. Unglücklich ist das Volk dadurch
worden, dass es bei seiner Liebe zur Ruhe und zum häuslichen Fleiss sich keine
dauernde Kriegsverfassung geben konnte, ob es ihm wohl an Tapferkeit in einem
hitzigen Widerstande nicht gefehlt hat. Unglücklich, dass seine Lage unter den
Erdvölkern es auf einer Seite den Deutschen so nahe brachte und auf der andern
seinen Rücken allen Anfällen östlicher Tataren frei liess, unter welchen, sogar
unter den Mogolen, es viel gelitten, viel geduldet. Das Rad der ändernden Zeit
drehet sich indes unaufhaltsam; und da diese Nationen grösstenteils den schönsten
Erdstrich Europas bewohnen, wenn er ganz bebauet und der Handel daraus eröffnet
würde, da es auch wohl nicht anders zu denken ist, als dass in Europa die
Gesetzgebung und Politik statt des kriegerischen Geistes immer mehr den stillen
Fleiss und das ruhige Verkehr der Völker untereinander befördern müssen und
befördern werden, so werdet auch ihr so tief versunkene, einst fleissige und
glückliche Völker endlich einmal von eurem langen trägen Schlaf ermuntert, von
euren Sklavenketten befreit, eure schönen Gegenden vom Adriatischen Meer bis
zum karpatischen Gebürge, vom Don bis zur Mulda als Eigentum nutzen und eure
alten Feste des ruhigen Fleisses und Handels auf ihnen feiern dörfen.
    Da wir aus mehreren Gegenden schöne und nutzbare Beiträge zur Geschichte
dieses Volks haben255, so ist zu wünschen, dass auch aus andern ihre Lücken
ergänzt, die immer mehr verschwindenden Reste ihrer Gebräuche, Lieder und Sagen
gesammlet und endlich eine Geschichte dieses Völkerstammes im ganzen gegeben
würde, wie sie das Gemälde der Menschheit fodert.
 
                                       V
                            Fremde Völker in Europa
    Alle bisher betrachtete Nationen können wir, die einzigen Ungarn
ausgenommen, als alte europäische Stammvölker ansehen, die seit undenklichen
Zeiten dahin gehören. Denn ob sie gleich einst auch in Asien mögen gesessen
haben, wie die Verwandtschaft mehrerer Sprachen vermuten lässt, so liegt doch
diese Untersuchung samt dem Wege, den sie aus der Arche Noah genommen haben,
jenseit unsrer Geschichte.
    Ausser ihnen aber gibt's noch eine Reihe fremder Völker, die in Europa
entweder einst ihre Rolle gespielt und zum Glück oder Unglück desselben
beigetragen haben oder solche noch jetzo spielen.
    Dahin gehören die Hunnen, die unter Attila einst eine so grosse Strecke der
Länder durchzogen, überwunden und verwüstet haben; nach aller Wahrscheinlichkeit
und nach Ammians Beschreibung ein Volk mogolischen Stammes. Hätte der grosse
Attila sich nicht von Rom hinweg bitten lassen und die Hauptstadt der Welt zur
Hauptstadt seines Reiches gemacht, wie schrecklich anders wäre die ganze
europäische Geschichte! Nun gingen seine geschlagenen Völker in ihre Steppen
zurück und liessen uns, gottlob! kein heiliges römisch-kalmückisches Kaisertum in
Europa.
    Nach den Hunnen haben die Bulgarn ernst eine fürchterliche Rolle im
östlichen Europa gespielet, bis sie, so wie die Ungarn, zur Annahme der
christlichen Religion gebändigt wurden und sich zuletzt gar in die Sprache der
Slawen verloren. Auch das neue Reich zerfiel, das sie mit den Wlachen vom Berge
Hämus stifteten; sie sanken in die vermischte grosse Masse der Völker des
dacisch-illyrisch-tracischen Erdstrichs, und ohne unterscheidenden
Volkscharakter führt nur noch eine Provinz des türkischen Reichs ihren Namen.
    Viele andre Völker übergehen wir, Chazaren, Awaren, Petschenegen u. f., die
dem morgenländischen, zum Teil auch westlichen römischen Reich, auch Goten,
Slawen und andern Völkern gnug zu schaffen gemacht hatten, endlich aber ohne
eine dauernde Stiftung ihres Namens entweder nach Asien zurückgingen oder in die
Masse der Völker versanken.
    Noch weniger dürfen wir uns auf jene Reste der alten Illyrier, Tracier und
Macedonier, die Albanier, Wlachen, Arnauten einlassen. Sie sind keine
Fremdlinge, sondern ein alteuropäischer Völkerstamm; einst waren sie
Hauptnationen, jetzt sind sie untereinandergeworfene Trümmer mehrerer Völker und
Sprachen.
    Ganz fremde sind für uns auch jene zweite Hunnen, die unter Gengischan und
seinen Nachfolgern Europa verwüsteten. Der erste Eroberer drang unaufhaltsam bis
an den Dnepr, änderte plötzlich seine Gedanken und ging zurück; sein Nachfolger
kam mit Feuer und Schwert bis in Deutschland, ward aber auch zurückgetrieben.
Gengischans Enkel unterjochte Russland, das andertalbhundert Jahre den Mogolen
steuerbar blieb; endlich warf es das Joch ab und ging in der Folge selbst diesen
Völkern gebietend entgegen. Mehr als einmal sind jene räuberischen Wölfe der
asiatischen Erdhöhe, die Mogolen, Verwüster der Welt worden; Europa aber zu
ihrer Steppe zu machen hat ihnen nie geglückt. Sie haben es auch nie gewollt,
sondern begehrten nur Beute.
    
    Also sprechen wir bloss von denen Völkern, die als Besitzer und Mitwohner
sich in unserm Weltteil eine längere oder kürzere Dauer erwarben, und diese
sind:
    1. Die Araber zuerst. Nicht nur hat dieses Volk dem morgenländischen
Kaisertum in dreien Teilen der Welt den ersten grossen Hauptstoss gegeben, sondern
da sie Spanien 770 Jahre teilweise besessen, ausserdem auch in Sizilien,
Sardinien, Korsika und Neapel ganz oder zum Teil lange geherrschet haben und
meistens nur stückweise diese Besitzungen verloren, so blieben allentalben in
der Sprache und Denkart, in Anlagen und Einrichtungen Spuren von ihnen zurück,
die teils noch unausgetilgt sind, teils auf den Geist ihrer damaligen Nachbarn
und Mitwohner sehr gewirkt haben. An mehreren Orten zündete sich bei ihnen die
Fackel der Wissenschaft für das damals barbarische Europa an, und auch bei den
Kreuzzügen ward die Bekanntschaft mit ihren morgenländischen Brüdern unserm
Weltteil erspriesslich. Ja, da viele derselben in den von ihnen bewohnten Ländern
zum Christentum übergetreten sind, so sind sie dadurch, in Spanien, Sizilien und
sonst, Europa selbst einverleibet worden.
    2. Die Türken, ein Volk aus Turkestan, ist trotz seines mehr als
dreihundertjährigen Aufentalts in Europa diesem Weltteil noch immer fremde. Sie
haben das morgenländische Reich, das über tausend Jahre sich selbst und der Erde
zur Last war, geendet und ohne Wissen und Willen die Künste dadurch westwärts
nach Europa getrieben. Durch ihre Anfälle auf die europäischen Mächte haben sie
dieselbe jahrhundertelang in Tapferkeit wachend erhalten und jeder fremden
Alleinherrschaft in ihren Gegenden vorgebeuget: ein geringes Gute gegen das
ungleich grössere übel, dass sie die schönsten Länder Europas zu einer Wüste und
die einst sinnreichsten griechischen Völker zu treulosen Sklaven, zu
liederlichen Barbaren gemacht haben. Wie viele Werke der Kunst sind durch diese
Unwissenden zerstört worden! Wie vieles ist durch sie untergegangen, das nie
wiederhergestellt werden kann. Ihr Reich ist ein grosses Gefängnis für alle
Europäer, die darin leben; es wird untergehen, wenn seine Zeit kommt. Denn was
sollen Fremdlinge, die noch nach Jahrtausenden asiatische Barbaren sein wollen,
was sollen sie in Europa?
    3. Die Juden betrachten wir hier nur als die parasitische Pflanze, die sich
beinah allen europäischen Nationen angehängt und mehr oder minder von ihrem Saft
an sich gezogen hat. Nach dem Untergange des alten Roms waren ihrer
vergleichungsweise nur noch wenige in Europa; durch die Verfolgungen der Araber
kamen sie in grossen Haufen herüber und haben sich selbst nationenweise
verteilt. Dass sie den Aussatz in unsern Weltteil gebracht, ist
unwahrscheinlich; ein ärgerer Aussatz war's, dass sie in allen barbarischen
Jahrhunderten als Wechsler, Unterhändler und Reichsknechte niederträchtige
Werkzeuge des Wuchers wurden und gegen eignen Gewinn die barbarisch-stolze
Unwissenheit der Europäer im Handel dadurch stärkten. Grausam ging man oft mit
ihnen um und erpresste tyrannisch, was sie durch Geiz und Betrug oder durch
Fleiss, Klugheit und Ordnung erworben hatten; indem sie aber solcher Begegnungen
gewohnt waren und selbst darauf rechnen mussten, so überlisteten und erpressten
sie desto mehr. Indessen waren sie der damaligen Zeit und sind noch jetzt
manchen Ländern unentbehrlich; wie denn auch nicht zu leugnen ist, dass durch sie
die hebräische Literatur erhalten, in den dunkeln Zeiten die von den Arabern
erlangte Wissenschaft, Arzneikunde und Weltweisheit auch durch sie fortgepflanzt
und sonst manches Gute geschafft worden, wozu sich kein andrer als ein Jude
gebrauchen liess. Es wird eine Zeit kommen, da man in Europa nicht mehr fragen
wird, wer Jude oder Christ sei; denn auch der Jude wird nach europäischen
Gesetzen leben und zum Besten des Staats beitragen. Nur eine barbarische
Verfassung hat ihn daran hindern oder seine Fähigkeit schädlich machen mögen.
    4. Ich übergehe die Armenier, die ich in unserm Weltteil nur als Reisende
betrachte, sehe aber dagegen ein zahlreiches, fremdes, heidnisches,
unterirdisches Volk fast in allen Ländern Europas, die Zigeuner. Wie kommt es
hieher? Wie kommen die sieben-bis achtmal hunderttausend Köpfe hieher, die ihr
neuester Geschichtschreiber zählet?256 Eine verworfne indische Kaste, die von
allem, was sich göttlich, anständig und bürgerlich nennet, ihrer Geburt nach
entfernt ist und dieser erniedrigenden Bestimmung noch nach Jahrhunderten treu
bleibt, wozu laugte sie in Europa als zur militärischen Zucht, die doch alles
aufs schnellste disziplinieret?
 
                                       VI
                      Allgemeine Betrachtungen und Folgen
    So ungefähr erscheint das Gemälde der Völkerschaften Europas; welch eine
bunte Zusammensetzung, die noch verworrener wird, wenn man sie die Zeiten, auch
nur die wir kennen, hinabbegleitet. So war's in Japan, Tsina, Indien nicht; so
ist's in keinem durch seine Lage oder Verfassung eingeschlossenen Lande. Und hat
doch Europa über den Alpen kein grosses Meer, so dass man glauben sollte, dass die
Völker hier wie Mauern nebeneinander hätten stehen mögen. Ein kleiner Blick auf
die Beschaffenheit und Lage des Weltteils sowie auf den Charakter und die
Ereignisse der Nationen gibt darüber andern Aufschluss.
    1. Siehe dort ostwärts zur Rechten die ungeheure Erdhöhe, die die asiatische
Tartarei heisst; und wenn du die Verwirrungen der mittlern europäischen
Geschichte liesest, so magst du wie Tristram seufzen: »Daher stammt unser
Unglück!« Ich darf nicht untersuchen, ob alle nordische Europäer und wie lange
sie dort gewohnt haben; denn einst war das ganze Nordeuropa nicht besser als
Siberien und die Mungalei, jene Mutter der Horden; dort und hier war nomadischen
Völkern das träge Umherziehen und die Khan-Regierung unter tatarischen Magnaten
erblich und eigen. Da nun überdem das Europa über den Alpen offenbar eine
herabgesenkte Fläche ist, die von jener völkerreichen tatarischen Höhe westwärts
bis ans Meer reicht, auf welche also, wenn dort barbarische Horden andre Horden
drängten, die westlichen herabstürzen und andre forttreiben mussten, so war damit
ein langer tatarischer Zustand in Europa gleichsam geographisch gegeben. Dieser
unangenehme Anblick nun erfüllt über ein Jahrtausend hin die europäische
Geschichte, in welcher Reiche und Völker nie zur Ruhe kommen, weil sie entweder
selbst des Wanderns gewohnt waren oder weil andre Nationen auf sie drängten. Da
es also unleugbar ist, dass in der Alten Welt das grosse asiatische Gebürge mit
seinen Fortgängen in Europa das Klima und den Charakter der Nord- und Südwelt
wunderbar scheide, so lasset nordwärts der Alpen uns über unser Vaterland in
Europa wenigstens dadurch trösten, dass wir in Sitten und Verfassungen nur zur
verlängerten europäischen und nicht gar zur ursprünglichen asiatischen Tatarei
gehören.
    2. Europa ist, zumal in Vergleichung mit dem nördlichen Asien, ein milderes
Land voll Ströme, Küsten, Krümmen und Buchten: schon dadurch entschied sich das
Schicksal seiner Völker vor jenen auf eine vorteilhafte Weise. Am See bei Asow
sowohl als am Schwarzen Meere waren sie den griechischen Pflanzstädten und dem
reichsten Handel der damaligen Welt nahe; alle Nationen, die hier verweilten
oder gar Reiche stifteten, kamen in die Bekanntschaft mehrerer Völker, ja gar zu
einiger Kunde der Wissenschaften und Künste. Insonderheit aber ward die Ostsee
den Nordeuropäern das, was dem südlichen Europa das Mittelländische Meer war.
Die preussische Küste war durch den Bernsteinhandel schon Griechen und Römern
bekannt worden; alle Nationen, die an derselben wohnten, welchen Stammes sie
waren, blieben nicht ohne einiges Kommerz, das sich bald mit dem Handel des
Schwarzen Meers verband und sogar bis zum Weissen Meer erstreckte; mitin ward
zwischen Südasien und dem östlichen Europa, zwischen dem asiatischen und
europäischen Norden eine Art Völkergemeinschaft geknüpfet, an der auch sehr
unkultivierte Nationen teilnahmen.257 An der skandinavischen Küste und in der
Nordsee wimmelte bald alles von Handelsleuten, Seeräubern, Reisenden und
Abenteurern, die sich in alle Meere, an die Küsten und Länder aller europäischen
Völker gewagt und die wunderbarsten Dinge ausgeführt haben. Die Belgen knüpften
Gallien und Britannien zusammen, und auch das Mittelländische Meer blieb von
Zügen der Barbaren nicht verschont: sie wallfahrteten nach Rom, sie dienten und
handelten in Konstantinopel. Durch welches alles dann, weil die lange
Völkerwanderung zu Lande dazukam, endlich in diesem kleinen Weltteil die Anlage
zu einem grossen Nationenverein gemacht ist, zu dem ohne ihr Wissen schon die
Römer durch ihre Eroberungen vorgearbeitet hatten und der schwerlich anderswo
als hier zustande kommen konnte. In keinem Weltteil haben sich die Völker so
vermischt wie in Europa; in keinem haben sie so stark und oft ihre Wohnplätze
und mit denselben ihre Lebensart und Sitten verändert. In vielen Ländern würde
es jetzo den Einwohnern, zumal einzelnen Familien und Menschen, schwer sein zu
sagen, welches Geschlechtes und Volkes sie sind, ob sie von Goten, Mauren,
Juden, Kartagern, Römern, ob sie von Galen, Kymren, Burgundern, Franken,
Normannen, Sachsen, Slawen, Finnen, Illyriern herstammen und wie sich in der
Reihe ihrer Vorfahren das Blut gemischet habe. Durch hundert Ursachen hat sich
im Verfolg der Jahrhunderte die alte Stammesbildung mehrerer europäischen
Nationen gemildert und verändert, ohne welche Verschmelzung der Allgemeingeist
Europas schwerlich hätte erweckt werden mögen.
    3. Dass wir die ältesten Bewohner dieses Weltteils jetzt nur in die Gebürge
oder an die äussersten Küsten und Ecken desselben verdrängt finden, ist eine
Naturbegebenheit, die in allen Weltgegenden, bis zu den Inseln des asiatischen
Meers, Beispiele findet. In mehreren derselben bewohnte ein eigner, meistens
roherer Völkerstamm die Gebürge, wahrscheinlich die altern Einwohner des Landes,
die jungem und kühnem Ankömmlingen hatten weichen müssen; wie konnte es in
Europa anders sein, wo sich die Völker mehr als irgendwo anders drängeten und
forttrieben? Die Reihen derselben gehen indes an wenige Hauptnamen zusammen,
und, was sonderbar ist, auch in verschiednen Gegenden finden wir dieselben
Völker, die einander gefolgt zu sein scheinen, meistens beieinander. So zogen
die Kymren den Galen, die Deutschen ihnen beiden, die Slawen den Deutschen nach
und besetzten ihre Länder. Wie die Erdlagen in unserm Boden, so folgen in unserm
Weltteil Völkerlagen aufeinander, zwar oft durcheinandergeworfen, in ihrer
Urlage, indessen noch kenntlich. Die Forscher ihrer Sitten und Sprachen haben
die Zeit zu benutzen, in der sie sich noch unterscheiden; denn alles neigt sich
in Europa zur allmählichen Auslöschung der Nationalcharaktere. Nur hüte sich der
Geschichtschreiber der Menschheit hiebei, dass er keinen Völkerstamm
ausschliessend zu seinem Lieblinge wähle und dadurch Stämme verkleinere, denen
die Lage ihrer Umstände Glück und Ruhm versagte. Auch von den Slawen hat der
Deutsche gelernt; der Kymr und Leite hätte vielleicht ein Grieche werden können,
wenn er zwischen den Völkern anders gestellet gewesen wäre. Wir können sehr
zufrieden sein, dass Völker von so starker, schöner, edler Bildung, von so
keuschen Sitten, biederm Verstande und redlicher Gemütsart, als die Deutschen
waren, nicht etwa Hunnen oder Bulgarn die römische Welt besetzten; sie aber
deswegen für das erwählte Gottesvolk in Europa zu halten, dem seines angebornen
Adels wegen die Welt gehörte und dem dieses Vorzugs halber andre Völker zur
Knechtschaft bestimmt waren, dies wäre der unedle Stolz eines Barbaren. Der
Barbar beherrscht, der gebildete Überwinder bildet.
    4. Von selbst hat sich kein Volk in Europa zur Kultur erhoben; jedes
vielmehr hat seine alten rohen Sitten so lange beizubehalten gestrebet, als es
irgend tun konnte, wozu denn das dürftige, rauhe Klima und die Notwendigkeit
einer wilden Kriegsverfassung viel beitrug. Kein europäisches Volk z.B. hat
eigene Buchstaben gehabt oder sich selbst erfunden; sowohl die spanischen als
nordischen Runen stammen von der Schrift andrer Völker; die ganze Kultur des
nord-, öst- und westlichen Europa ist ein Gewächs aus
römisch-griechisch-arabischem Samen. Lange Zeiten brauchte dies Gewächs, ehe es
auf diesem hartem Boden nur gedeihen und endlich eigne, anfangs sehr saure
Früchte bringen konnte; ja auch hiezu war ein sonderbares Vehikel, eine fremde
Religion, nötig, um das, was die Römer durch Eroberung nicht hatten tun können,
durch eine geistliche Eroberung zu vollführen. Vor allen Dingen müssen wir also
dies neue Mittel der Bildung betrachten, das keinen geringem Zweck hatte, als
alle Völker zu einem Volk, für diese und eine zukünftige Welt glücklich, zu
bilden, und das nirgend kräftiger als in Europa wirkte.
Das Zeichen ward jetzt prächtig aufgerichtet,
Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht,
Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet,
Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht,
Das die Gewalt des bittern Tods vernichtet,
Das in so mancher Siegesfahne weht;
Ein Schau'r durchdringt des wilden Kriegers Glieder;
Er sieht das Kreuz und legt die Waffen nieder.
 
                               Siebenzehntes Buch
    Siebenzig Jahre vor dem Untergange des jüdischen Staats ward in ihm ein Mann
geboren, der sowohl in dem Gedankenreich der Menschen als in ihren Sitten und
Verfassungen eine unerwartete Revolution bewirkt hat: Jesus. Arm geboren, ob er
wohl vom alten Königshause seines Volks abstammte, und im rohesten Teil seines
Landes, fern von der gelehrten Weisheit seiner äusserst verfallenen Nation
erzogen, lebte er die grösseste Zeit seines kurzen Lebens unbemerkt, bis er,
durch eine himmlische Erscheinung am Jordan eingeweiht, zwölf Menschen seines
Standes als Schüler zu sich zog, mit ihnen einen Teil Judäas durchreisete und
sie bald darauf selbst als Boten eines herannahenden neuen Reichs umhersandte.
Das Reich, das er ankündigte, nannte er das Reich Gottes, ein himmlisches Reich,
zu welchem nur auserwählte Menschen gelangen könnten, zu welchem er also auch
nicht mit Auflegung äusserlicher Pflichten und Gebräuche, desto mehr aber mit
einer Aufforderung zu reinen Geistes- und Gemütstugenden einlud. Die echteste
Humanität ist in den wenigen Reden entalten, die wir von ihm haben; Humanität
ist's, was er im Leben bewies und durch seinen Tod bekräftigte; wie er sich denn
selbst mit einem Lieblingsnamen den Menschensohn nannte. Dass er in seiner
Nation, insonderheit unter den Armen und Gedrückten, viele Anhänger fand, aber
auch von denen, die das Volk scheinheilig drückten, bald aus dem Wege geräumt
ward, so dass wir die Zelt, in welcher er sich öffentlich zeigte, kaum bestimmt
angeben können; beides war die natürliche Folge der Situation, in welcher er
lebte.
    Was war nun dies Reich der Himmel, dessen Ankunft Jesus verkündigte, zu
wünschen empfahl und selbst zu bewirken strebte? Dass es keine weltliche Hoheit
gewesen, zeigt jede seiner Reden und Taten, bis zu dem letzten klaren
Bekenntnis, das er vor seinem Richter ablegte. Als ein geistiger Erretter seines
Geschlechts wollte er Menschen Gottes bilden, die, unter welchen Gesetzen es
auch wäre, aus reinen Grundsätzen andrer Wohl beförderten und, selbst duldend,
im Reich der Wahrheit und Güte als Könige herrschten. Dass eine Absicht dieser
Art der einzige Zweck der Vorsehung mit unserm Geschlecht sein könne, zu welchem
auch, je reiner sie denken und streben, alle Weisen und Guten der Erde mitwirken
müssen und mitwirken werden: dieses ist durch sich selbst klar; denn was hätte
der Mensch für ein andres Ideal seiner Vollkommenheit und Glückseligkeit auf
Erden, wenn es nicht diese allgemein wirkende reine Humanität wäre?
    Verehrend beuge ich mich vor deiner edlen Gestalt, du Haupt und Stifter
eines Reichs von so grossen Zwecken, von so dauerndem Umfange, von so einfachen,
lebendigen Grundsätzen, von so wirksamen Triebfedern, dass ihm die Sphäre dieses
Erdelebens selbst zu enge schien. Nirgend finde ich in der Geschichte eine
Revolution, die in kurzer Zeit so stille veranlasst, durch schwache Werkzeuge auf
eine so sonderbare Art, zu einer noch unabsehlichen Wirkung allentalben auf der
Erde angepflanzt und in Gutem und Bösem bebauet worden ist, als die sich unter
dem Namen nicht deiner Religion, d.i.: deines lebendigen Entwurfs zum Wohl der
Menschen, sondern grösstenteils einer Religion an dich, d. i. einer gedankenlosen
Anbetung deiner Person und deines Kreuzes, den Völkern mitgeteilt hat. Dein
heller Geist sähe dies selbst voraus, und es wäre Entweihung deines Namens, wenn
man ihn bei jedem trüben Abfluss deiner reinen Quelle zu nennen wagte. Wir wollen
ihn, soweit es sein kann, nicht nennen; vor der ganzen Geschichte, die von dir
abstammt, stehe deine stille Gestalt allein.
 
                                       I
        Ursprung des Christentums samt den Grundsätzen, die in ihm lagen
    So sonderbar es scheinet, dass eine Revolution, die mehr als einen Weltteil
der Erde betrat, aus dem verachteten Judäa hervorgegangen, so finden sich doch,
bei näherer Ansicht, hiezu historische Gründe. Die Revolution nämlich, die von
hier ausging, war geistig, und so verächtlich Griechen und Römer von den Juden
denken mochten, so blieb es ihnen doch eigen, dass sie vor andern Völkern Asiens
und Europens aus alter Zeit Schriften besassen, auf welche ihre Verfassung
gebauet war und an welchen sich, dieser Konstitution zufolge, eine besondre Art
Wissenschaft und Literatur ausbilden musste. Weder Griechen noch Römer besassen
einen solchen Kodex religiöser und politischer Einrichtung, der, mit altern
geschriebenen Geschlechtsurkunden verknüpft, einem eignen zahlreichen Stamm
anvertrauet war und von ihm mit abergläubischer Verehrung aufbehalten wurde.
Notwendig erzeugte sich aus diesem verjährten Buchstaben mit der Zeitfolge eine
Art feineren Sinnes, zu welchem die Juden bei ihrer öftern Zerstreuung unter
andre Völker gewöhnt wurden. Im Kanon ihrer heiligen Schriften fanden sich
Lieder, moralische Sprüche und erhabene Reden, die, zu verschiedenen Zeiten nach
den verschiedensten Anlässen geschrieben, in eine Sammlung zusammenwuchsen,
welche man bald als ein fortgehendes System betrachtete und aus ihr einen
Hauptsinn zog. Die Propheten dieser Nation, die als konstituierte Wächter des
Landesgesetzes, jeder im Umkreise seiner Denkart, bald lehrend und ermunternd,
bald warnend oder tröstend, immer aber patriotisch hoffend, dem Volk ein Gemälde
hingestellt hatten, wie es sein sollte und wie es nicht war, hatten mit diesen
Früchten ihres Geistes und Herzens der Nachwelt mancherlei Samenkörner zu neuen
Ideen nachgelassen, die jeder nach seiner Art erziehen konnte. Aus allen hatte
sich nach und nach das System von Hoffnungen eines Königes gebildet, der sein
verfallenes, dienstbares Volk retten, ihm, mehr als seine alten grössesten
Könige, goldene Zeiten verschaffen und eine neue Einrichtung der Dinge beginnen
sollte. Nach der Sprache der Propheten waren diese Aussichten teokratisch; mit
gesammleten Kennzeichen eines Messias wurden sie zum lebhaften Ideal ausgebildet
und als Brief und Siegel der Nation betrachtet. In Judäa hielt das wachsende
Elend des Volkes diese Bilder fest; in andern Ländern, z.B. in Ägypten, wo seit
dem Verfall der Monarchie Alexanders viele Juden wohnhaft waren, bildeten sich
diese Ideen mehr nach griechischer Weise aus: apokryphische Bücher, die jene
Weissagungen neu darstelleten, gingen umher; und jetzt war die Zeit da, die
diesen Träumereien auf ihrem Gipfel ein Ende machen sollte. Es erschien ein Mann
aus dem Volk, dessen Geist, über Hirngespinste irdischer Hoheit erhaben, alle
Hoffnungen, Wünsche und Weissagungen der Propheten zur Anlage eines idealischen
Reichs vereinigte, das nichts weniger als ein jüdisches Himmelreich sein sollte.
Selbst den nahen Umsturz seiner Nation sähe er in diesem hohem Plan voraus und
weissagete ihrem prächtigen Tempel, ihrem ganzen zum Aberglauben gewordnen
Gottesdienst ein schnelles trauriges Ende. Unter alle Völker sollte das Reich
Gottes kommen, und das Volk, das solches eigentümlich zu besitzen glaubte, ward
von ihm als ein verlebter Leichnam betrachtet.
    Welche umfassende Stärke der Seele dazu gehört habe, im damaligen Judäa
etwas der Art anzuerkennen und vorzutragen, ist aus der unfreundlichen Aufnahme
sichtbar, die diese Lehre bei den Obern und Weisen des Volks fand: man sähe sie
als einen Aufruhr gegen Gott und Moses, als ein Verbrechen der beleidigten
Nation an, deren gesamte Hoffnungen sie unpatriotisch zerstörte. Auch den
Aposteln war der Exjudaismus des Christentums die schwerste Lehre, und sie den
christlichen Juden, selbst ausserhalb Judäa, begreiflich zu machen, hatte der
gelehrteste der Apostel, Paulus, alle Deutungen jüdischer Dialektik nötig. Gut,
dass die Vorsehung selbst den Ausschlag gab und dass mit dem Untergange Judäas die
alten Mauern gestürzt wurden, durch welche sich mit unverweichlicher Härte dies
sogenannte einzige Volk Gottes von allen Völkern der Erde schied. Die Zeit der
einzelnen Nationalgottesdienste voll Stolzes und Aberglaubens war vorüber; denn
so notwendig dergleichen Einrichtungen in altern Zeiten gewesen sein mochten,
als jede Nation, in einem engen Familienkreise erzogen, gleich einer vollen
Traube auf ihrer eignen Staude wuchs, so war doch, seit Jahrhunderten schon, in
diesem Erdstrich fast alle menschliche Bemühung dahin gegangen, durch Kriege,
Handel, Künste, Wissenschaften und Umgang die Völker zu knüpfen und die Früchte
eines Jeden zu einem gemeinsamen Trank zu keltern. Vorurteile der
Nationalreligionen standen dieser Vereinigung am meisten im Wege; da nun, beim
allgemeinen Duldungsgeist der Römer in ihrem weiten Reich und bei der
allentalben verbreiteten eklektischen Philosophie (dieser sonderbaren
Vermischung aller Schulen und Sekten), jetzt noch ein Volksglaube hervortrat,
der alle Völker zu einem Volk machte und gerade aus der hartsinnigen Nation kam,
welche sich sonst für die erste und einzige unter allen Nationen gehalten hatte,
so war dies allerdings ein grosser, zugleich auch ein gefährlicher Schritt in der
Geschichte der Menschheit, je nachdem er getan wurde. Er machte alle Völker zu
Brüdern, indem er sie einen Gott und Heiland kennen lehrte; er konnte sie aber
auch zu Sklaven machen, sobald er ihnen diese Religion als Joch und Kette
aufdrang. Die Schlüssel des Himmelreichs für diese und jene Welt konnten in den
Händen andrer Nationen ein gefährlicherer Pharisäismus werden, als sie es in den
Händen der Juden je gewesen waren.
    Am meisten trug zur schnellen und starken Wurzelung des Christentums ein
Glaube bei, der sich vom Stifter der Religion selbst herschrieb; es war die
Meinung von seiner baldigen Rückkunft und der Offenbarung seines Reichs auf
Erden. Jesus hatte mit diesem Glauben vor seinem Richter gestanden und ihn in
den letzten Tagen seines Lebens oft wiederholt; an ihn hielten sich seine
Bekenner und hofften auf die Erscheinung seines Reiches. Geistige Christen
dachten sich daran ein geistiges, fleischliche ein fleischliches Reich, und da
die hochgespannte Einbildungskraft jener Gegenden und Zeiten nicht eben
übersinnlich idealisierte, so entstanden jüdisch-christliche Apokalypsen, voll
von mancherlei Weissagungen, Kennzeichen und Träumen. Erst sollte der Antichrist
gestürzt werden, und als Christus wiederzukommen säumte, sollte jener sich erst
offenbaren, sodann zunehmen und in seinen Greueln aufs höchste wachsen, bis die
Errettung einbräche und der Wiederkommende sein Volk erquickte. Es ist nicht zu
leugnen, dass Hoffnungen dieser Art zu mancher Verfolgung der ersten Christen
Anlass geben mussten; denn der Weltbeherrscherin Rom konnte es unmöglich
gleichgültig sein, dass dergleichen Meinungen von ihrem nahen Untergange, von
ihrer antichristisch-abscheulichen oder verachtenswerten Gestalt geglaubt
wurden. Bald also wurden solche Propheten als unpatriotische Vaterlandes- und
Weltverächter, ja als des allgemeinen Menschenhasses überführte Verbrecher
betrachtet, und mancher, der den Wiederkommenden nicht erwarten konnte, lief
selbst dem Märtyrertum entgegen. Indessen ist's ebenso gewiss, dass diese Hoffnung
eines nahen Reiches Christi im Himmel oder auf Erden die Gemüter stark
aneinander band und von der Welt abschloss. Sie verachteten diese als eine, die
im argen liegt, und sahen, was ihnen so nahe war, schon vor und um sich. Dies
stärkte ihren Mut, das zu überwinden, was niemand sonst überwinden konnte, den
Geist der Zeit, die Macht der Verfolger, den Spott der Ungläubigen; sie weilten
als Fremdlinge hier und lebten da, wohin ihr Führer vorangegangen war und von
dannen er sich bald offenbaren würde.
    
    Ausser den angeführten Hauptmomenten der Geschichte scheinet es nötig, einige
nähere Züge zu bemerken, die zum Bau der Christenheit nicht weniges beitrugen.
    1. Die menschenfreundliche Denkart Christi hatte brüderliche Eintracht und
Verzeihung, tätige Hülfe gegen die Notleidenden und Armen, kurz, jede Pflicht
der Menschheit zum gemeinschaftlichen Bande seiner Anhänger gemacht, so dass das
Christentum demnach ein echter Bund der Freundschaft und Bruderliebe sein
sollte. Es ist kein Zweifel, dass diese Triebfeder der Humanität zur Aufnahme und
Ausbreitung desselben, wie allezeit, so insonderheit anfangs viel beigetragen
habe. Arme und Notleidende, Gedrückte, Knechte und Sklaven, Zöllner und Sünder
schlugen sich zu ihm; daher die ersten Gemeinen des Christentums von den Heiden
Versammlungen der Bettler genannt wurden. Da nun die neue Religion den
Unterschied der Stände nach der damaligen Weltverfassung weder aufheben konnte
noch wollte, so blieb ihr nichts als die christliche Milde begüterter Seelen
übrig, mit allem dem Unkraut, was auf diesem guten Acker mitsprosste. Reiche
Witwen vermochten mit ihren Geschenken bald so viel, dass sich ein Haufe von
Bettlern zu ihnen hielt und bei gegebnem Anlass auch wohl die Ruhe ganzer
Gemeinen störte. Es konnte nicht fehlen, dass auf der einen Seite Almosen als die
wahren Schätze des Himmelreichs angepriesen, auf der andern gesucht wurden; und
in beiden Fällen wich bei niedrigen Schmeicheleien nicht nur jener edle Stolz,
der Sohn unabhängiger Würde und eines eignen, nützlichen Fleisses, sondern auch
oft Unparteilichkeit und Wahrheit. Märtyrer bekamen die Almosenkasse der Gemeine
zu ihrem Gemeingut; Schenkungen an die Gemeine wurden zum Geist des Christentums
erhoben und die Sittenlehre desselben durch die übertriebenen Lobsprüche dieser
Guttaten verderbet. Ob nun wohl die Not der Zeiten auch hiebei manches
entschuldigt, so bleibt es dennoch gewiss, dass, wenn man die menschliche
Gesellschaft nur als ein grosses Hospital und das Christentum als die gemeine
Almosenkasse desselben betrachtet, in Ansehung der Moral und Politik zuletzt ein
sehr böser Zustand daraus erwachse.
    2. Das Christentum sollte eine Gemeine sein, die ohne weltlichen Arm von
Vorstehern und Lehrern regiert würde. Als Hirten sollten diese der Herde
vorstehen, ihre Streitigkeiten schlichten, ihre Fehler mit Ernst und Liebe
bessern und sie durch Rat, Ansehen, Lehre und Beispiel zum Himmel führen. Ein
edles Amt, wenn es würdig verwaltet wird und verwaltet zu werden Raum hat; denn
es zerknickt den Stachel der Gesetze, rottet aus die Dornen der Streitigkeiten
und Rechte und vereinigt den Seelsorger, Richter und Vater. Wie aber, wenn in
der Zeitfolge die Hirten ihre menschliche Herde als wahre Schafe behandelten
oder sie gar als lastbare Tiere zu Disteln führten? Oder wenn statt der Hirten
rechtmässig berufene Wölfe unter die Herde kamen? Unmündige Folgsamkeit ward also
gar bald eine christliche Tugend; es ward eine christliche Tugend, den Gebrauch
seiner Vernunft aufzugeben und statt eigner Überzeugung dem Ansehen einer
fremden Meinung zu folgen, da ja der Bischof an der Stelle eines Apostels
Botschafter, Zeuge, Lehrer, Ausleger, Richter und Entscheider war. Nichts ward
jetzt so hoch angerechnet als das Glauben, das geduldige Folgen; eigne Meinungen
wurden halsstarrige Ketzereien, und diese sonderten ab vom Reich Gottes und der
Kirche. Bischöfe und ihre Diener mischten sich, der Lehre Christi zuwider, in
Familienzwiste, in bürgerliche Händel; bald gerieten sie in Streit
untereinander, wer über den andern richten solle. Daher das Drängen nach
vorzüglichen Bischofsstellen und die allmähliche Erweiterung ihrer Rechte; daher
endlich der endlose Zwist zwischen dem geraden und krummen Stabe, dem rechten
und linken Arm, der Krone und Mitra. So gewiss es nun ist, dass in den Zeiten der
Tyrannei gerechte und fromme Schiedsrichter der Menschheit, die das Unglück
hatte, ohne politische Konstitution zu leben, eine unentbehrliche Hülfe gewesen,
so ist auch in der Geschichte kaum ein grösseres Ärgernis denkbar als der lange
Streit zwischen dem geist- und weltlichen Arm, über welchem ein Jahrtausend hin
Europa zu keiner Konsistenz kommen konnte. Hier war das Salz tumm; dort wollte
es zu. schart salzen.
    3. Das Christentum hatte eine Bekenntnisformel, mit welcher man zu ihm bei
der Taufe eintrat; so einfach diese war, so sind mit der Zeit aus den drei
unschuldigen Worten, Vater, Sohn und Geist, so viele Unruhen, Verfolgungen und
Ärgernisse hervorgegangen als schwerlich aus drei andern Worten der menschlichen
Sprache. Je mehr man vom Institut des Christentums als von einer tätigen, zum
Wohl der Menschen gestifteten Anstalt abkam, desto mehr spekulierte man jenseit
der Grenzen des menschlichen Verstandes; man fand Geheimnisse und machte endlich
den ganzen Unterricht der christlichen Lehre zum Geheimnis. Nachdem die Bücher
des Neuen Testaments als Kanon in die Kirche eingeführt wurden, bewies man aus
ihnen, ja gar aus Büchern der jüdischen Verfassung, die man selten in der
Ursprache lesen konnte und von deren erstem Sinn man längst abgekommen war, was
sich schwerlich aus ihnen beweisen liess. Damit häuften sich Ketzereien und
Systeme, denen zu entkommen man das schlimmste Mittel wählte:
Kirchenversammlungen und Synoden. Wie viele derselben sind eine Schande des
Christentums und des gesunden Verstandes! Stolz und Unduldsamkeit riefen sie
zusammen, Zwietracht, Parteilichkeit, Grobheit und Bübereien herrschten auf
denselben, und zuletzt waren es Übermacht, Willkür, Trotz, Kuppelei, Betrug oder
ein Zufall, die unter dem Namen des H. Geistes für die ganze Kirche, ja für Zeit
und Ewigkeit entschieden. Bald fühlte sich niemand geschickter, Glaubenslehren
zu bestimmen, als die christianisierten Kaiser, denen Konstantin das angeborne
Erbrecht nachliess, über Vater, Sohn und Geist, über homoousios und homoiousios
über eine oder zwei Naturen Christi, über Maria, die Gottesgebärerin, den
erschaffenen oder unerschaffenen Glanz bei der Taufe Christi, Symbole und Kanons
anzubefehlen. Ewig werden diese Anmassungen samt den Folgen, die daraus
erwuchsen, eine Schande des Trons zu Konstantinopel und aller der Trone
bleiben, die ihm hierin nachfolgten; denn mit ihrer unwissenden Macht
unterstützten und verewigten sie Verfolgungen, Spaltungen und Unruhen, die weder
dem Geist noch der Moralität der Menschen aufhalfen, vielmehr Kirche, Staat und
ihre Tronen selbst untergruben. Die Geschichte des ersten christlichen Reichs,
des Kaisertunis zu Konstantinopel, ist ein so trauriger Schauplatz niedriger
Verrätereien und abscheulicher Greueltaten, dass sie bis zu ihrem schrecklichen
Ausgange als ein warnendes Vorbild aller christlich-polemischen Regierungen
dasteht.
    4. Das Christentum bekam heilige Schriften, die, einesteils aus
gelegentlichen Sendschreiben, andernteils, wenige ausgenommen, aus mündlichen
Erzählungen erwachsen, mit der Zeit zum Richtmass des Glaubens, bald aber auch
zum Panier aller streitenden Parteien gemacht und auf jede ersinnliche Weise
gemissbraucht wurden. Entweder bewies jede Partei daraus, was sie erweisen
wollte, oder man scheuete sich nicht, sie zu verstümmeln und im Namen der
Apostel falsche Evangelien, Briefe und Offenbarungen mit frecher Stirn
unterzuschieben. Der fromme Betrug, der in Sachen dieser Art abscheulicher als
Meineid ist, weil er ganze Reihen von Geschlechtern und Zeiten ins Unermessliche
hin belüget, war bald keine Sünde mehr, sondern zur Ehre Gottes und zum Heil der
Seelen ein Verdienst. Daher die vielen untergeschobenen Schriften der Apostel
und Kirchenväter; daher die zahlreichen Erdichtungen von Wundern, Märtyrern,
Schenkungen, Konstitutionen und Dekreten, deren Unsicherheit durch alle
Jahrhunderte der altern und mittlern Christengeschichte, fast bis zur
Reformation hinauf, wie ein Dieb in der Nacht fortschleichet. Nachdem einmal das
böse Principium angenommen war, dass man zum Nutzen der Kirche Untreue begehen,
Lügen erfinden, Dichtungen schreiben dörfe, so war der historische Glaube
verletzt; Zunge, Feder, Gedächtnis und Einbildungskraft der Menschen hatten ihre
Regel und Richtschnur verloren, so dass statt der griechischen und punischen
Treue wohl mit mehrerem Rechte die christliche Glaubwürdigkeit genannt werden
möchte. Und um so unangenehmer fällt dieses ins Auge, da die Epoche des
Christentums sich einem Zeitalter der trefflichsten Geschichtschreiber
Griechenlandes und Roms anschliesst, hinter welchen in der christlichen Ära sich
auf einmal, lange Jahrhunderte hin, die wahre Geschichte beinahe ganz verlieret.
Schnell sinkt sie zur Bischofs-, Kirchen- und Mönchschronik hinunter, weil man
nicht mehr für die Würdigsten der Menschheit, nicht mehr für Welt und Staat,
sondern für die Kirche oder gar für Orden, Kloster und Sekte schrieb und, da man
sich ans Predigen gewöhnt hatte und das Volk dem Bischöfe alles glauben musste,
man auch schreibend die ganze Welt für ein glaubendes Volk, für eine christliche
Herde ansah.
    5. Das Christentum hatte nur zwei sehr einfache und zweckmässige heilige
Gebräuche, weil es mit ihm nach seines Stifters Absicht auf nichts weniger als
auf einen Cerimoniendienst angesehen sein sollte. Bald aber mischte sich, nach
Verschiedenheit der Länder, Provinzen und Zeiten, das Afterchristentum
dergestalt mit jüdisch- und heidnischen Gebräuchen, dass z.B. die Taufe der
Unschuldigen zur Teufelbeschwörung und das Gedächtnismahl eines scheidenden
Freundes zur Schaffung eines Gottes, zum unblutigen Opfer, zum sündenvergebenden
Mirakel, zum Reisegeld in die andre Welt gemacht ward. Unglückseligerweise
trafen die christlichen Jahrhunderte mit Unwissenheit, Barbarei und der wahren
Epoche des Übeln Geschmacks zusammen, also dass auch in seine Gebräuche, in den
Bau seiner Kirchen, in die Einrichtung seiner Feste, Satzungen und
Prachtanstalten, in seine Gesänge, Gebete und Formeln wenig wahres Grosses und
Edles kommen konnte. Von Land zu Lande, von einem zum andern Weltteil wälzten
sich diese Cerimonien fort; was ursprünglich einer allen Gewohnheit wegen noch
einigen Lokalsinn gehabt hatte, verlor denselben in fremden Gegenden und Zeiten;
so ward der christliche Liturgiengeist ein seltsames Gemisch von
jüdisch-ägyptisch-griechisch-römisch-barbarischen Gebräuchen, in denen oft das
Ernstafteste langweilig oder gar lächerrlich sein musste. Eine Geschichte des
christlichen Geschmacks in Festen, Tempeln, Formeln, Einweihungen und
Komposition der Schriften, mit philosophischem Auge betrachtet, würde das
bunteste Gemälde werden, das über eine Sache, die keine Cerimonien haben sollte,
je die Welt sah. Und da dieser christliche Geschmack sich mit der Zeit in
Gerichts- und Staatsgebräuche, in die häusliche Einrichtung, in Schauspiele,
Romane, Tänze, Lieder, Wettkämpfe, Wappen, Schlachten, Sieges- und andre
Lustbarkeiten gemischt hat, so muss man bekennen, dass der menschliche Geist damit
eine unglaublich schiefe Form erhalten und dass das Kreuz, das über die Nationen
errichtet war, sich auch den Stirnen derselben sonderbar eingeprägt habe. Die
pisciculi Christiani schwammen jahrhundertelang in einem trüben Elemente.
    6. Christus lebte ehelos, und seine Mutter war eine Jungfrau; so heiter und
fröhlich er war, liebte er zuweilen die Einsamkeit und tat stille Gebete. Der
Geist der Morgenländer, am meisten der Ägypter, der ohnedem zu Anschauungen,
Absonderungen und einer heiligen Trägheit geneigt war, übertrieb die Ideen von
Heiligkeit des ehelosen Lebens, insonderheit im Priesterstande, vom
Gottgefälligen der Jungfrauschaft, der Einsamkeit und des beschauenden Lebens
dermassen, dass, da schon vorher, insonderheit in Ägypten, Essäer, Terapeuten und
andre Sonderlinge geschwärmet hatten, nunmehr durchs Christentum der Geist der
Einsiedeleien, der Gelübde, des Fastens, Büssens, Betens, endlich des
Klosterlebens in volle Gärung kam. In andern Ländern nahm er zwar andre Gestalt
an, und nachdem er eingerichtet war, brachte er Nutzen oder Schaden; im ganzen
aber ist das überwiegende Schädliche dieser Lebensweise, sobald sie ein
unwiderrufliches Gesetz, ein knechtisches Joch oder ein politisches Netz wird,
sowohl für das Ganze der Gesellschaft als für einzelne Glieder derselben
unverkennbar. Von Sina und Tibet an bis nach Irland, Mexiko und Peru sind
Klöster der Bonzen, Lamas und Talapoine sowie nach ihren Klassen und Arten aller
christlichen Mönche und Nonnen Kerker der Religion und des Staats, Werkstätten
der Grausamkeit, des Lasters und der Unterdrückung oder gar abscheulicher Lüste
und Bubenstücke gewesen. Und ob wir zwar keinem geistlichen Orden das Verdienst
rauben wollen, das er um den Bau der Erde oder um Menschen und Wissenschaft
gehabt hat, so dürfen wir auch nie unser Ohr vor den geheimen Seufzern und
Klagen verschliessen, die aus diesen dunkeln, der Menschheit entrissenen Gewölben
tönen, noch wollen wir unser Auge abkehren, um die leeren Träume überirdischer
Beschaulichkeit oder die Kabalen des wütenden Möncheifers durch alle
Jahrhunderte in einer Gestalt zu erblicken, die gewiss für keine erleuchtete Zeit
gehöret. Dem Christentum sind sie ganz fremde; denn Christus war kein Mönch,
Maria keine Nonne; der älteste Apostel führte sein Weib mit sich, und von
überirdischer Beschaulichkeit wissen weder Christus noch die Apostel.
    7. Endlich hat das Christentum, indem es ein Reich der Himmel auf Erden
gründen wollte und die Menschen von der Vergänglichkeit des Irdischen
überzeugte, zwar zu jeder Zeit jene reinen und stillen Seelen gebildet, die das
Auge der Welt nicht suchten und vor Gott ihr Gutes taten; leider aber hat es
auch durch einen argen Missbrauch den falschen Entusiasmus genährt, der, fast
von seinem Anfange an, unsinnige Märtyrer und Propheten in reicher Zahl
erzeugte. Ein Reich der Himmel wollten sie auf die Erde bringen, ohne dass sie
wussten, wie oder wo es stünde. Sie widerstrebten der Obrigkeit, löseten das Band
der Ordnung auf, ohne der Welt eine bessere geben zu können, und unter der Hülle
des christlichen Eifers versteckte sich pöbelhafter Stolz, kriechende Anmassung,
schändliche Lust, dumme Torheit. Wie betrogene Juden ihren falschen Messien
anhingen, rotteten hier die Christen sich unter kühne Betrüger, dort
schmeichelten sie den schlechtesten Seelen tyrannischer, üppiger Regenten, als
ob diese das Reich Gottes auf die Erde brächten, wenn sie ihnen Kirchen bauten
oder Schenkungen verehrten. So schmeichelte man schon dem schwachen Konstantin,
und diese mystische Sprache prophetischer Schwärmerei hat sich Umständen und
Zeiten nach auf Männer und Weiber verbreitet. Der Parakletus ist oft erschienen;
liebetrunkenen Schwärmern hat der Geist oft durch Weiber geredet. Was in der
christlichen Welt Chiliasten und Wiedertäufer, Donatisten, Montanisten,
Priscillianisten, Circumcellionen u. f. für Unruhe und Unheil angerichtet; wie
andere mit glühender Phantasie Wissenschaften verachtet oder verheert, Denkmale
und Künste, Einrichtungen und Menschen ausgerottet und zerstört; wie ein
augenscheinlicher Betrug oder gar ein lächerlicher Zufall zuweilen ganze Länder
in Aufruhr gesetzt und z.B. das geglaubte Ende der Welt Europa nach Asien gejagt
hat: das alles zeigt die Geschichte. Indessen wollen wir auch dem reineren
christlichen Entusiasmus sein Lob nicht versagen; er hat, wenn er aufs Gute
traf, in kurzer Zeit für viele Jahrhunderte mehr ausgerichtet, als eine
philosophische Kälte und Gleichgültigkeit je ausrichten könnte. Die Blätter des
Truges fallen ab; aber die Frucht gedeihet. Die Flamme der Zeit verzehrte Stroh
und Stoppeln; das wahre Gold konnte sie nur läutern.
    
    So manches von diesem als einen schändlichen Missbrauch der besten Sache ich
mit traurigem Gemüt niedergeschrieben habe, so gehen wir dennoch der
Fortpflanzung des Christentums in seinen verschiedenen Erdstrichen und
Weltteilen beherzt entgegen; denn wie die Arznei in Gift verwandelt wurde, kann
auch das Gift zur Arznei werden, und eine in ihrem Ursprunge reine und gute
Sache muss am Ende doch triumphieren.
 
                                       II
              Fortpflanzung des Christentums in den Morgenländern
    In Judäa wuchs das Christentum unter dem Druck hervor und hat in ihm,
solange der jüdische Staat währte, seine gedrückte Gestalt behalten. Die
Nazaräer und Ebioniten, wahrscheinlich die Reste des ersten christlichen
Anhanges, waren ein dürftiger Haufe, der längst ausgegangen ist und jetzt nur
noch seiner Meinung wegen, dass Christus ein blosser Mensch, der Sohn Josephs und
der Maria gewesen, unter den Ketzern stehet. Zu wünschen wäre es, dass ihr
Evangelium nicht auch untergegangen wäre; in ihm hätten wir vielleicht die
früheste, obwohl eine unreine Sammlung der nächsten Landestraditionen vom Leben
Christi. Ebenso wären jene alten Bücher, die die Sabäer oder Johanneschristen
besassen, vielleicht nicht unmerkwürdig; denn ob wir gleich von dieser aus Juden
und Christen gemischten fabelnden Sekte nichts weniger als eine reine Aufklärung
uralter Zeiten erwarten dörfen, so ist doch bei Sachen dieser Art oft auch die
Fabel erläuternd.258
    Wodurch die Kirche zu Jerusalem auf andre Gemeinen am meisten wirkte, war
das Ansehen der Apostel ; denn da Jakobus, der Bruder Jesu, ein vernünftiger und
würdiger Mann, ihr eine Reihe von Jahren vorstand, so ist wohl kein Zweifel, dass
ihre Form auch andern Gemeinen ein Vorbild worden. Also ein jüdisches Vorbild,
und weil beinah jede Stadt und jedes Land der ältesten Christenheit von einem
Apostel bekehrt sein wollte, so entstanden allentalben Nachbilder der Kirche zu
Jerusalem, apostolische Gemeinen. Der Bischof, der von einem Apostel mit dem
Geist gesalbt war, trat an seine Stelle, mitin auch in sein Ansehen; die
Geisteskräfte, die er empfangen hatte, teilte er mit und ward gar bald eine Art
Hohepriester, eine Mittelperson zwischen Gott und Menschen. Wie das erste
Konzilium zu Jerusalem im Namen des Heiligen Geistes gesprochen hatte, so
sprachen andere Konzilien ihm nach, und in mehreren asiatischen Provinzen
erschrickt man über die früh erworbene geistliche Macht der Bischöfe. Das
Ansehen der Apostel also, das auf die Bischöfe leibhaft überging, machte die
älteste Einrichtung der Kirche aristokratisch, und in dieser Verfassung lag
schon der Keim zur künftigen Hierarchie und zum Papsttum. Was man von der reinen
Jungfräulichkeit der Kirche in den drei ersten Jahrhunderten sagt, ist
übertrieben oder erdichtet.
    Man kennet in den ersten Zeiten des Christentums eine sogenannte
morgenländische Philosophie, die sich weit umher gebreitet hat, näher betrachtet
aber nichts als ein Aufschössling der eklektischen, neuplatonischen Weisheit ist,
wie ihn diese Gegenden und Zeiten hervorbringen konnten. Er schlang sich dem
Juden- und Christentum an, ist aber aus ihm nicht entsprossen, hat ihm auch
keine Früchte getragen. Vom Anfange des Christentums belegte man die Gnostiker
mit dem Ketzernamen, weil man keine Vernünftler unter sich dulden wollte, und.
mehrere derselben wären unbekannt geblieben, wenn sie nicht auf der Ketzerrolle
ständen. Es wäre zu wünschen, dass dadurch auch ihre Schriften erhalten wären,
die uns über den Kanon des Neuen Testaments nicht unwillkommen sein dürften;
jetzt sieht man bei den aufbehaltenen einzelnen Meinungen dieser zahlreichen
Sekte nur einen rohen Versuch, morgenländisch-platonische Dichtungen über die
Natur Gottes und die Schöpfung der Welt dem Juden- und Christentum anzufügen und
eine metaphysische Teologie meistens in allegorischen Namen samt einer
Teodizee und philosophischen Moral daraus zu bilden. Da die Geschichte der
Menschheit keine Ketzernamen kennt, so ist jeder dieser verunglückten Versuche
ihr schätzbar und merkwürdig, ob es gleich für die Geschichte des Christentums
gut ist, dass Träume dieser Art nie das herrschende System der Kirche wurden.
Nach so vieler Mühe, die man sich kirchlich über diese Sekten gegeben, wäre eine
rein philosophische Untersuchung, woher sie ihre Ideen genommen, was sie mit
solchen gemeint und welche Früchte diese gebracht haben, für die Geschichte des
menschlichen Verstandes nicht unnützlich.259 Weiter hinauf ist die Lehre des
Manes gedrungen, der keinen kleinern Zweck hatte, als ein vollkommenes
Christentum zu stiften. Er scheiterte, und seine ausgebreiteten Anhänger wurden
zu allen Zeiten, an allen Orten dergestalt verfolget, dass der Name Manichäer,
insonderheit seitdem Augustinus die Feder gegen sie geführt hatte, fortan der
schrecklichste Name eines Ketzers blieb. Wir schaudern jetzt vor diesem
kirchlichen Verfolgungsgeist und bemerken, dass mehrere dieser schwärmenden
Häresiarchen unternehmende denkende Köpfe waren, die den kühnen Versuch machten,
nicht nur Religion, Metaphysik, Sitten- und Naturlehre zu vereinigen, sondern
sie auch zum Zweck einer wirklichen Gesellschaft, eines
philosophisch-politischen Religionsordens, zu verbinden. Einige derselben
liebten die Wissenschaft und sind zu beklagen, dass sie nach ihrer Lage keine
genauere Kenntnisse haben konnten; die katolische Partei indes wäre selbst zum
stehenden Pfuhl geworden, wenn diese wilden Winde sie nicht in Regung gesetzt
und wenigstens zur Verteidigung ihrer buchstäblichen Tradition gezwungen hätten.
Die Zeit einer reinen Vernunft und einer politischen Sittenverbesserung aus
derselben war noch nicht da, und für Manes' Kirchengemeinschaft war weder in
Persien noch Armenien, auch späterhin weder unter den Bulgarn noch Albigensern
eine Stelle.
    Bis nach Indien, Tibet und Sina drangen die christlichen Sekten, obwohl für
uns noch auf dunkeln Wegen260; der Stoss indessen, der in den ersten
Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung auf die entferntesten Gegenden
Asiens geschah, ist in ihrer Geschichte selbst merklich. Die Lehre des Buddha
oder Fo, die aus Baktra hinuntergestiegen sein soll, bekam in diesen Zeiten ein
neues Leben. Sie drang bis nach Ceilon hinab, bis nach Tibet und Sina hinauf;
indische Bücher dieser Art wurden ins Sinesische übersetzt, und die grosse Sekte
der Bonzen kam zustande. Ohne dem Christentum alle Greuel der Bonzen oder das
ganze Klostersystem der Lamas und Talepoinen zuzuschreiben, scheint es der
Tropfe gewesen zu sein, der von Ägypten bis Sina alle altern Träume der Völker
neu in Gärung brachte und sie mehr oder weniger in Formen schied. In manche
Fabel von Buddha, Krischnu u. f. scheinen christliche Begriffe gekommen zu sein,
auf indische Art verkleidet; und der grosse Lama auf den Gebürgen, der vielleicht
erst im fünfzehnten Jahrhundert entstanden, ist mit seiner persönlichen
Heiligkeit, mit seinen harten Lehren, mit seinen Glocken und Priesterorden
vielleicht ein weitläuftiger Vetter des Lama an der Tiber, nur dass bei jenem der
Manichäismus und Nestorianismus auf asiatische, so wie bei diesem die
rechtgläubige Christenreligion auf römische Ideen und Gebräuche gepfropft ist.
Schwerlich aber werden sich die beiden Vettern anerkennen, sowenig sie einander
besuchen werden.
    Heller wird der Blick auf die gelehrteren Nestorianer, die insonderheit vom
fünften Jahrhundert an sich tief in Asien verbreitet und mancherlei Gutes
bewirkt haben.261 Fast vom Anfange der christlichen Zeitrechnung blühete die
Schule zu Edessa als ein Sitz der syrischen Gelehrsamkeit. König Abgarus, den
man mit Christo selbst in einen Briefwechsel gebracht hat, liess, als er seine
Residenz von Nesibis dahin verlegte, die Büchersammlungen, die in den Tempeln
lagen, nach Edessa bringen; nach Edessa reisete in dieser Zeit, wer gelehrt
werden wollte, aus allen Ländern umher, weil ausser der christlichen Teologie
auch über die freien Künste in griechisch- und syrischer Sprache Unterricht
gegeben wurde, so dass Edessa vielleicht die erste christliche Universität in der
Welt ist. Vierhundert Jahre blühete sie, bis durch die Streitigkeiten über
Nestorius' Lehre, zu welcher sich diese Schule schlug, ihre Lehrer vertrieben
und die Hörsäle derselben gar niedergerissen wurden. Dadurch aber breitete sich
die syrische Literatur nicht nur in Mesopotamien, Palästina, Syrien und
Phönicien umher, sie ging auch nach Persien, wo sie mit Ehren aufgenommen ward
und wo endlich gar ein nestorianischer Papst entstand, der über die Christenheit
in diesem Reich, späterhin auch über die in Arabien, Indien, der Mungalei und
Sina herrschte. Ob er der berühmte Priester Johannes (Pres-Tadschani, der
Priester der Welt) sei, von dem in den mittlern Zeiten viel gefabelt worden, und
ob durch eine seltsame Vermischung der Lehren endlich der grosse Lama aus ihm
entstanden, lassen wir unentschieden.262 Gnug, in Persien wurden die beliebten
Nestorianer von den Königen als Leibärzte, Gesandten und Minister gebraucht; die
Schriften des Christentums wurden ins Persische übersetzt, und die syrische ward
die gelehrte Sprache des Landes. Als Mahomeds Reich emporkam, insonderheit unter
seinen Nachfolgern, den Ommiaden, bekleideten Nestorianer die höchsten
Ehrenstellen, wurden Stattalter der eroberten Provinzen, und seit die Kalifen
zu Bagdad sassen, auch da sie ihre Residenz nach Samaraja verlegen mussten, war
der Patriarch der Nestorianer ihnen zur Seite. Unter Al-Mamon, der seine Nation
gelehrt kultivierte und auf der Akademie zu Bagdad Ärzte und Astronomen,
Philosophen, Physiker, Matematiker, Geographen und Annalisten bestellte, waren
die Syrer der Araber Mitlehrer und Lehrer. Wetteifernd übersetzten beide die
Schriften der Griechen, deren viele schon in der syrischen Sprache waren, ins
Arabische; und wenn nachher aus dem Arabischen das Licht der Wissenschaften dem
dunkeln Europa aufging, so haben an ihrem Ort die christlichen Syrer dazu
ursprünglich mitgeholfen. Ihre Sprache, die unter den morgenländischen Dialekten
dieses Weltstrichs zuerst Vokalen bekommen hatte, die sich auch der ältesten und
schönsten Übersetzung des Neuen Testaments rühmen kann, ist gleichsam die Brücke
der griechischen Wissenschaften für Asien und durch die Araber für Europa
worden. Weit und breit gingen damals unter so günstigen Umständen nestorianische
Missionen aus, die andre christliche Sekten zu unterdrücken oder zu entfernen
wussten. Auch noch unter den Dschengiskaniden galten sie viel: ihr Patriarch
begleitete den Khan oft auf seinen Zügen, und so drang ihre Lehre unter die
Mogolen, lgurier und andre tatarische Völker. In Samarkand sass ein Metropolit,
in Kaschgar und andern Städten Bischöfe; ja, wenn das berühmte christliche
Monument in Sina echt wäre, so fände man auf ihm eine ganze Chronik der
Einwanderungen der Priester aus Tatsin. Nimmt man noch hinzu, dass ohne
vorhergehendes und einwirkendes Christentum die ganze mahomedanische Religion,
wie sie ist, nicht entstanden wäre, so zeigt sich in ihm ohn allen Streit ein
Ferment, das mehr oder minder, früher oder später, die Denkart des ganzen Süd-,
zum Teil auch Nordasien in Bewegung gesetzt hat.
    Niemand indessen erwarte aus dieser Bewegung eine neue eigne Blüte des
Menschengeistes, wie wir sie etwa bei Griechen und Römern fanden. Die
Nestorianer, die soviel bewirkten, waren kein Volk, kein selbstgewachsner Stamm
in einer mütterlichen Erde; sie waren Christen, sie waren Mönche. Ihre Sprache
konnten sie lehren; was aber in ihr schreiben? Liturgien, Auslegungen der
Schrift, klösterliche Erbauungsbücher, Predigten, Streitschriften, Chroniken und
geistlose Verse. Daher in der syrisch-christlichen Literatur kein Funke jener
Dichtergabe, die aus der Seele flammet und Herzen erwärmet; eine elende
Künstelei, Namenregister, Predigten, Chroniken zu versifizieren ist ihre
Dichtkunst. In keine der Wissenschaften, die sie bearbeitet, haben sie
Erfindungsgeist gebracht, keine derselben mit Eigentümlichkeit behandelt. Ein
trauriger Erweis, wie wenig der asketisch-polemische Mönchsgeist bei aller
politischen Klugheit leiste. In allen Weltteilen hat er sich in dieser
unfruchtbaren Gestalt gezeiget und herrscht noch auf den tibetanischen Bergen,
wo man bei aller gesetzlichen Pfaffenordnung auch keine Spur eines freien,
erfindenden Genius antrifft. Was aus dem Kloster kommt, gehöret auch meistens
nur für Klöster.
    Bei einzelnen Provinzen des christlichen Asiens darf die Geschichte also nur
kurz verweilen. Nach Armenien kam das Christentum frühe und hat der alten
merkwürdigen Sprache eigne Buchstaben, mit diesen auch eine doppelte und
dreifache Übersetzung der Schrift und eine armenische Geschichte gegeben. Weder
aber Misrob mit seinen Buchstaben noch sein Schüler Moses aus Chorene263 mit
seiner Geschichte konnten ihrem Volk eine Literatur oder Nationalverfassung
geben. Von jeher lag Armenien an der Wegscheide der Völker; wie es ehemals unter
Persern, Griechen, Römern gewesen war, kam es jetzt unter Araber, Türken,
Tätern, Kurden. Noch jetzt treiben die Einwohner ihre alte Kunst, den Handel;
ein wissenschaftliches oder Staatsgebäude hat, mit und ohne Christentum, in
dieser Gegend nie errichtet werden mögen.
    Noch elender ist's mit den christlichen Georgien. Kirchen und Klöster,
Patriarchen, Bischöfe und Mönche sind da; die Weiber sind schön, die Männer
herzhaft; und doch verkaufen Eltern die Kinder, der Mann sein Weib, der Fürst
seine Untertanen, der Andächtige allenfalls seinen Priester. Ein seltenes
Christentum unter diesem muntern und treulosen Raubgesindel.
    Auch ins Arabische ist das Evangelium frühe übersetzt worden, und mehrere
christliche Sekten haben sich Mühe um dies schöne Land gegeben. Juden und
Christen lagen darin oft verfolgend gegeneinander; aus beiden Teilen, ob sie
gleich zuweilen selbst Könige hervorbrachten, ist nie etwas Merkwürdiges worden.
Alles sank unter Mahomed; und jetzt gibt's in Arabien zwar ganze Judenstämme,
aber keine Christengemeinen. Drei Religionen, Abkömmlinge voneinander, bewachen
mit gegenseitigem Hass untereinander das Heiligtum ihrer Geburtsstätte, die
arabische Wüste.264
    
    Wollen wir nun mit einem allgemeinen Blick ein Resultat der Wirkungen
erfassen, die das Christentum seinen asiatischen Provinzen gebracht hat, so
werden wir uns zuvörderst über den Gesichtspunkt des Vorteils vergleichen
müssen, den irgendeine und diese Religion einem Weltteil bringen konnte.
    1. Auf ein irdisches Himmelreich, d. i. auf eine vollkommnere Einrichtung
der Dinge zum Besten der Völker, mag das Christentum im stillen gewirkt haben;
die Blüte der Wirkung aber, ein vollkommener Staat, ist durch dasselbe nirgend
zum Vorschein gekommen, weder in Asien noch in Europa. Syrer und Araber,
Armenier und Perser, Juden und Grusiner sind, was sie waren, geblieben, und
keine Staatsverfassung jener Gegenden kann sich eine Tochter des Christentums zu
sein rühmen; es sei denn, dass man Einsiedelei und Mönchsdienst oder die
Hierarchie jeder Art mit ihren rastlosen Wirkungen für das Ideal eines
Christenstaats nehmen wollte. Patriarchen und Bischöfe senden Missionen umher,
um ihre Sekte, ihren Sprengel, ihre Gewalt auszubreiten; sie suchen die Gunst
der Fürsten, um Einfluss in die Geschäfte oder um Klöster und Gemeinen zu
erhalten; eine Partei strebt gegen die andre und sorgt, dass sie die herrschende
werde; so jagen Juden und Christen, Nestorianer und Monophysiten einander umher,
und keiner Partei darf es einfallen, auf das Beste einer Stadt oder eines
Erdstrichs rein und frei zu wirken. Die Klerisei der Morgenländer, die immer
etwas Mönchartiges hatte, wollte Gott dienen und nicht den Menschen.
    2. Um auf Menschen zu wirken, hatte man drei Wege: Lehre, Ansehen und
gottesdienstliche Gebräuche. Lehre ist allerdings das reinste und wirksamste
Mittel, sobald sie von rechter Art war. Unterricht der Jungen und Alten, wenn er
die wesentlichsten Beziehungen und Pflichten der Menschheit betraf, konnte nicht
anders als eine Anzahl nutzbarer Kenntnisse in Gang bringen oder im Gange
erhalten; der Ruhm und Vorzug, solche auch dem geringen Volk klarer gemacht zu
haben, bleibet dem Christentum in vielen Gegenden ausschliessend eigen. Durch
Fragen, Predigten, Lieder, Glaubensbekenntnisse und Gebete wurden Kenntnisse von
Gott und der Moral unter die Völker verbreitet; durch Übersetzung und Erklärung
der heiligen Schriften kam Schrift und Literatur unter dieselbe, und wo die
Nationen noch so kindisch waren, dass sie nur Fabeln fassen mochten, da erneuerte
sich wenigstens eine heilige Fabel. Offenbar aber kam hiebei alles darauf an, ob
der Mann, der lehren sollte, lehren konnte und was es war, das er lehrte. Auf
beide Fragen wird die Antwort nach Personen, Völkern, Zeiten und Weltgegenden so
verschieden, dass man am Ende sich nur an das halten muss, was er lehren sollte;
woran sich denn auch die herrschende Kirche hielt. Sie fürchtete die
Untüchtigkeit und Kühnheit vieler ihrer Lehrer, fasste sich also kurz und blieb
in einem engen Kreise. dabei lief sie nun freilich auch Gefahr, dass der Inhalt
ihrer Lehre sich sehr bald erschöpfte und wiederholte, dass in wenigen
Geschlechtern die ererbte Religion fast allen Glanz ihrer Neuheit verlor und der
gedankenlose Lehrer auf seinem alten Bekenntnis sanft einschlief. Und so war
meistens auch nur der erste Stoss christlicher Missionen recht lebendig; bald
geschah es, dass jede matte Welle eine mattere trieb und alle zuletzt in die
stille Oberfläche des Herkommens eines alten Christengebrauches sanft sich
verloren. Durch Gebräuche suchte man nämlich das zu ersetzen, was der Seele des
Gebrauchs, der Lehre, abging, und so fand sich das Cerimonienwesen ein, das
endlich zu einer geistlosen Puppe geriet, die in alter Pracht, unberührbar und
unbeweglich, dastand. Für Lehrer und Zuhörer war die Puppe zur Bequemlichkeit
erdacht, denn beide konnten dabei etwas denken, wenn sie denken wollten; wo
nicht, so ging doch, wie man sagte, das Vehikulum der Religion nicht verloren.
Und da vom Anfange an die Kirche sehr auf Einheit hielt, so waren zur
gedankenlosen Einheit Formeln, die die Herde am wenigsten zerstreuen mochten,
allerdings das beste. Von allem diesen sind die Kirchen Asiens die vollesten
Erweise; sie sind noch, was sie vor fast zwei Jahrtausenden wurden, entschlafne
seelenlose Körper: selbst Ketzerei ist in ihnen ausgestorben; denn auch zu
Ketzereien ist keine Kraft mehr da.
    Vielleicht aber kann das Ansehen der Priester ersetzen, was der entschlafnen
Lehre oder der erstorbnen Bewegung abgeht? Einigermassen, aber nie ganz.
Allerdings hat das Alter einer geheiligten Person den sanften Schimmer
väterlicher Erfahrung, reifer Klugheit und einer leidenschaftlosen Ruhe der
Seele vor und um sich; daher so manche Reisende der Ehrerbietung gedenken, die
sie vor bejahrten Patriarchen, Priestern und Bischöfen des Morgenlandes fühlten.
Eine edle Einfalt in Gebärden, in der Kleidung, dem Betragen, der Lebensweise
trug dazu bei, und mancher ehrwürdige Einsiedler, wenn er der Welt seine Lehre,
seine Warnung, seinen Trost nicht versagte, kann mehr Gutes gestiftet haben als
hundert geschwätzige Müssiggänger im Tumult der Gassen und Märkte. Indessen ist
auch das edelste Ansehen eines Mannes nur Lehre, ein Beispiel, auf Erfahrung und
Einsicht gegründet; treten Kurzsichtigkeit und Vorurteile an die Stelle der
Wahrheit, so ist das Ansehen der ehrwürdigsten Person gefährlich und schädlich.
    3. Da alles Leben der Menschen sich auf die Geschäftigkeit einer gemeinsamen
Gesellschaft beziehet, so ist offenbar, dass auch im Christentum früher oder
später alles absterben musste oder absterben wird, was sich davon ausschliesst.
Jede tote Hand ist tot; sie wird abgelöset, sobald der lebendige Körper sein
Leben und ihre unnütze Bürde fühlet. Solange in Asien die Missionen in
Wirksamkeit waren, teilten sie Leben aus und empfingen Leben; als die weltliche
Macht der Araber, Tätern, Türken sie davon ausschloss, verbreiteten sie sich
nicht weiter. Ihre Klöster und Bischofssitze stehen als Trümmern andrer Zeiten
traurig und beschränkt da; viele werden nur der Geschenke, Abgaben und
Knechtsdienste wegen geduldet.
    4. Da das Christentum vorzüglich durch Lehre wirket, so kommt allerdings
vieles auf die Sprache an, in welcher es gelehret wird, und auf die in derselben
bereits entaltene Kultur, der es sich rechtgläubig anschliesst. Mit einer
gebildeten oder allgemeinen Sprache pflanzet es sich sodann nicht nur fort,
sondern es erhält auch durch sie eine eigne Kultur und Achtung; sobald es
dagegen, als ein heiliger Dialekt göttlichen Ursprunges, hinter andern
lebendigem Sprachen zurückbleibt oder gar in die engen Grenzen einer
abgeschlossenen, rauhen Vätermundart wie in ein wüstes Schloss verbannt wird, so
muss es in diesem wüsten Schloss mit der Zeit sein Leben als ein armer Tyrann
oder als ein unwissender Gefangener kümmerlich fortziehen. Als in Asien die
griechische und nachher die syrische Sprache von der siegenden arabischen
verdrängt ward, kamen auch die Kenntnisse, die in jenen lagen, ausser Umlauf; nur
als Liturgien, als Bekenntnisse, als eine Mönchsteologie dorften sie sich
fortpflanzen. Sehr trüglich ist also die Behauptung, wenn man alles das dem
Inhalt einer Religion zuschreibt, was eigentlich nur den Hülfsmitteln gehört,
durch welche sie wirkte. Sehet jene Tomaschristen in Indien, jene Georgier,
Armenier, Abessinier und Kopten an: Was sind sie? Was sind sie durch ihr
Christentum worden? Kopten und Abessinier besitzen Biblioteken alter, ihnen
selbst unverständlicher Bücher, die in den Händen der Europäer vielleicht
nutzbar wären; jene brauchen sie nicht und können sie nicht brauchen. Ihr
Christentum ist zum elendesten Aberglauben hinabgesunken.
    5. Also muss ich auch hier der griechischen Sprache das Lob geben, das ihr in
der Geschichte der Menschheit so vorzüglich gebühret; durch sie ist nämlich alle
das Licht aufgegangen, mit welchem auch das Christentum unsern Weltteil
beleuchtet oder überschimmert hat. Wäre durch Alexanders Eroberungen, durch die
Reiche seiner Nachfolger und fernerhin durch das römische Besitztum diese
Sprache nicht so weit verbreitet, so lange erhalten worden, schwerlich wäre in
Asien irgendeine Aufklärung durchs Christentum entstanden; denn eben an der
griechischen Sprache haben Rechtgläubige und Ketzer auf unmittelbare oder
mittelbare Weise ihr Licht oder Irrlicht angezündet. Auch in die armenische,
syrische und arabische Sprache kam aus ihr der Funke der Erleuchtung; und wären
überhaupt die ersten Schriften des Christentums nicht griechisch, sondern im
damaligen Judendialekt verfasset worden, hätte das Evangelium nicht griechisch
gepredigt und fortgebreitet werden können: wahrscheinlich wäre der Strom, der
sich jetzt über Nationen ergoss, nahe an seiner Quelle erstorben. Die Christen
wären worden, was die Ebioniten waren und etwa die Johannesjünger oder
Tomaschristen noch sind, ein armer verachteter Haufe, ohne alle Wirkung auf den
Geist der Nationen. Lasset uns also, von diesen östlichen Geburtsländern hinweg,
dem Schauplatz entgegengehen, auf dem es seine erste grössere Rolle spielte.
 
                                      III
             Fortgang des Christentums in den griechischen Ländern
    Wir bemerkten, dass der Hellenismus, d. i. eine freiere, schon mit Begriffen
andrer Völker gemischte Denkart der Juden, der Entstehung des Christentums den
Weg gebahnet habe: das entstandene Christentum also ging weit auf diesem Wege
fort, und in kurzer Zeit waren grosse Erdstriche, wo griechische Juden waren,
erfüllet von der neuen Botschaft. In einer griechischen Stadt entstand der Name
der Christen; in der griechischen Sprache wurden die ersten Schritten des
Christentums am weitesten lautbar; denn beinahe von Indien an bis zum
Atlantischen Meer, von Lybien bis gen Tule war mehr oder minder diese Sprache
verbreitet. Unglücklicher- und glücklicherweise lag Judäa insonderheit eine
Provinz nahe, die zu der ersten Form des Christianismus viel beitrug: Ägypten.
Wenn Jerusalem die Wiege desselben war, so ward Alexandrien seine Schule.
    Seit der Ptolemäer Zeiten waren in Ägypten, des Handels wegen, eine Menge
Juden, die sich daselbst gar ein eignes Judäa erschaffen wollten, einen Tempel
bauten, ihre heiligen Schriften nach und nach griechisch übersetzten und mit
neuen Schriften vermehrten. Gleicherweise waren seit Ptolemäus Philadelphus'
Zeiten in Alexandrien für die Wissenschaften blühende Anstalten, die sich,
selbst Aten nicht ausgenommen, sonst nirgend fanden. Vierzehntausend Schüler
hatten eine geraume Zeit daselbst durch öffentliche Wohltat Unterhalt und
Wohnung; hier war das berühmte Museum, hier die ungeheure Bibliotek, hier der
Ruhm alter Dichter und gelehrter Männer in allen Arten; hier also im Mittelpunkt
des Weltandels war die grosse Schule der Völker. Eben durch die Zusammenkunft
derselben und durch eine nach und nach geschehene Vermischung der Denkarten
aller Nationen im griechischen und römischen Reich war die sogenannte
neuplatonische Philosophie und überhaupt jener sonderbare Synkretismus
entstanden, der die Grundsätze aller Parteien zu vereinigen suchte und in
weniger Zeit Indien, Persien. Judäa, Ätiopien, Ägypten, Griechenland, Rom und
die Barbaren iss ihren Vorstellungsarten zusammenrückte. Wunderbar herrschte
dieser Geist fast allentalben im römischen Reiche, weil allentalben
Philosophen aufkamen, die die Ideen ihres Geburtslandes in die grosse Masse der
Begriffe trugen; in Alexandrien aber kam es zur Blüte. Und nun sank auch der
Tropfe des Christentums in dieses Meer und zog an sich, was er mit sich
organisieren zu können vermeinte. Schon in den Schriften Johannes' und Paulus'
werden platonische Ideen dem Christentum assimilieret; die ältesten
Kirchenväter, wenn sie sich auf Philosophie einliessen, konnten der allgemein
angenommenen Vorstellungsarten nicht entbehren, und einige derselben finden z.B.
ihren Logos längst vor dem Christentum in allen Seelen der Weisen. Vielleicht
wäre es kein Unglück gewesen, wenn das System des Christentums geblieben wäre,
was es nach den Vorstellungen eines Justinus, Clemens von Alexandrien und andrer
sein sollte: eine freie Philosophie, die Tugend und Wahrheitsliebe zu keiner
Zeit, unter keinem Volk verdammte und von den einengenden Wortformeln, die
späterhin als Gesetze galten, noch gar nichts wusste. Gewiss sind die früheren
Kirchenväter, die in Alexandrien gebildet wurden, nicht die schlechtesten; der
einzige Origenes hat mehr getan als zehntausend Bischöfe und Patriarchen; denn
ohne den gelehrten kritischen Fleiss, den er auf die Urkunden des Christentums
wandte, wäre dies in Ansehung seiner Entstehung beinahe ganz unter die
unklassischen Märchen geraten. Auch auf einige seiner Schüler ging sein Geist
über, und mehrere Kirchenväter aus der alexandrinischen Schule dachten und
stritten wenigstens doch gewandter und feiner als so manche andre unwissende und
fanatische Köpfe.
    Indessen war freilich in anderm Betracht sowohl Ägypten als die damalige
Modephilosophie überhaupt fürs Christentum auch eine verderbliche Schule; denn
eben an diese fremden platonischen Ideen, an denen man mit griechischer
Spitzfindigkeit subtilisierte, hing sich alles, was nachher fast zwei
Jahrtausende lang Streitigkeiten, Zank, Aufruhr, Verfolgung, Zerrüttungen ganzer
Länder erregt hat und überhaupt dem Christentum eine ihm so fremde, die
sophistische Gestalt gegeben. Aus dem Wort Logos entstanden Ketzereien und
Gewalttätigkeiten, vor denen noch jetzt der Logos in uns, die gesunde Vernunft,
schaudert. Nur in der griechischen Sprache konnten manche dieser Zänkereien
geführt werden, der sie auch auf ewig hätten eigen bleiben und nie zu
allgemeinen Lehrformeln aller Sprachen erhoben werden sollen. Da ist auch keine
Wahrheit, keine Erkenntnis, die dem menschlichen Wissen einen Zuwachs, dem
Verstande eine neue Kraft, dem menschlichen Willen eine edle Triebfeder gegeben
hätte; vielmehr kann man die ganze Polemik der Christen, die sie gegen Arianer,
Photinianer, Macedonianer, Nestorianer, Eutychianer, Monophysiten, Triteiten,
Monoteliten u. f. geführt haben, geradezu vertilgen, ohne dass das Christentum
oder unsre Vernunft den mindesten Schaden erhielte. Eben von ihnen allen und von
ihrer Wirkung, jenen groben Dekreten so mancher Hof- und Räuberkonzilien, hat
man wegsehen und sie sämtlich vergessen müssen, um nur abermals wieder zu einem
reinen ersten Anblick der christlichen Urschriften und zu ihrer öffnen,
einfachen Auslegung gelangen zu können; ja, noch hindern und quälen sie hier, da
und dort viele furchtsame oder gar um ihretwillen verfolgte Seelen. Der ganze
spekulative Kram dieser Sekten ist jener Lernäischen Schlange oder den
Kettenringen eines Wurmes ähnlich, der im kleinsten Gliede wieder wächst und,
unzeitig abgerissen, den Tod gewähret. In der Geschichte füllt dies unnütze,
menschenfeindliche Gewebe viele Jahrhunderte: Ströme Blutes sind darüber
vergossen, unzählige, oft die würdigsten Menschen durch die unwissendsten
Bösewichter um Gut und Ehre, um Freunde, Wohnung und Ruhe, um Gesundheit und
Leben gebracht worden. Selbst die treuherzigen Barbaren, Burgunder, Goten,
Longobarden, Franken und Sachsen, haben an diesen Mordspielen für oder gegen
Arianer, Bogomilen, Katarer, Albigenser, Waldenser u. f. in frommer
Rechtgläubigkeit mit eifrigem Ketzerernst Anteil genommen und als streitende
Völker für die echte Taufformel ihre Klinge nicht vergebens geführet: eine wahre
streitende Kirche. Vielleicht gibt es kein öderes Feld der Literatur als die
Geschichte dieser christlichen Wort- und Schwertübung, die dem menschlichen
Verstande seine eigne Denkkraft, den Urkunden des Christentums ihre klare
Ansicht, der bürgerlichen Verfassung ihre Grundsätze und Massregeln dergestalt
geraubt hatte, dass wir zuletzt andern Barbaren und Sarazenen danken müssen, dass
sie durch wilde Einbrüche die Schande der menschlichen Vernunft zerstörten. Dank
sei allen den Männern265, die uns die Triebfedern solcher Streitigkeiten, die
Atanase, Kyrille, Teophile, die Konstantine und Irenen in ihrer wahren Gestalt
zeigen; denn solange man im Christentum den Namen der Kirchenväter und ihrer
Konzilien noch mit Sklavenfurcht nennet, ist man weder der Schrift noch seines
eignen Verstandes mächtig.
    Auch die christliche Sittenlehre fand in Ägypten und in andern Gegenden des
griechischen Reichs keinen bessern Boden; durch einen fürchterlichen Missbrauch
erschuf sie daselbst jenes grobe Heer der Zönobiten und Mönche, das sich nicht
etwa nur an Entzückungen in der tebaischen Wüste begnügte, sondern als eine
gemietete Kriegsschar oft Länder durchzog, Bischofswahlen und Konzilien störte
und den H. Geist derselben Aussprüche zu tun zwang, wie ihr unheiliger Geist es
wünschte. Ich ehre die Einsamkeit, jene nachdenkende Schwester, oft auch die
Gesetzgeberin der Gesellschaft, sie, die Erfahrungen und Leidenschaften des
geschäftigen Lebens in Grundsätze und in Nahrungssaft verwandelt. Auch jener
tröstenden Einsamkeit gebühret Mitleid, die, des Joches und der Verfolgung
andrer Menschen müde, in sich selbst Erholung und Himmel findet. Gewiss waren
viele der ersten Christen Einsame der letzten Art, die von der Tyrannei des
grossen militärischen Reichs oder vom Greuel der Städte in die Wüste getrieben
wurden, wo bei wenigen Bedürfnissen ein milder Himmel sie freundlich aufnahm.
Desto verächtlicher aber sei uns jene stolze, eigensinnige Absonderung, die, das
tätige Leben verabscheuend, in Beschauung oder in Büssungen ein Verdienst setzt,
sich mit Phantomen nährt und, statt Leidenschaften zu ertöten, die wildeste
Leidenschaft, einen eigensinnigen, ungemessenen Stolz, in sich auffacht. Leider
ward der Christianismus hiezu ein blendender Vorwand, seitdem man Ratschläge
desselben, die nur für wenige sein sollten, zu allgemeinen Gesetzen machte oder
gar zu Bedingungen des Himmelreichs erhob und Christum in der Wüste suchte. Da
sollten Menschen den Himmel finden, die Bürger der Erde zu sein verschmähten und
damit die schätzbarsten Gaben unsres Geschlechts, Vernunft, Sitten, Fähigkeiten,
Eltern-, Freundes-, Gatten- und Kindesliebe, aufgaben. Verwünscht sein die
Lobsprüche, die man aus missverstandener Schritt dem ehelosen, müssigen,
beschauenden Leben oft so unvorsichtig und reichlich gab, verwünscht die
falschen Eindrücke, die man mit schwärmerischer Beredsamkeit der Jugend
einprägte und dadurch auf viele Zeiten hin den Menschenverstand verschob und
lahmte. Woher kommt's, dass in den Schriften der Kirchenväter sich so wenig reine
Moral und oft das Beste mit dem Schlechtesten, das Gold mit Unrat vermischt
findet?266 Woher, dass man in diesen Zeiten auch von den vortrefflichsten
Männern, die noch so viel griechische Schriftsteller zu ihrem Gebot hatten, kein
Buch nennen kann, das ohne alle Rücksicht auf Komposition und Vortrag, bloss in
der Moral und im durchgehenden Geiste des Werks, einer Schrift der sokratischen
Schule an die Seite zu setzen wäre? Woher, dass selbst die ausgesuchten Sprüche
der Väter so viel übertriebenes und Mönchisches an sich haben, wenn man sie mit
der Moral der Griechen vergleichet? Durch die neue Philosophie war das Hirn der
Menschen verrückt, dass sie, statt auf der Erde zu leben, in Lüften des Himmels
wandeln lernten; und wie es keine grössere Krankheit geben kann als diese, so
ist's wahrlich ein beweinenswerter Schade, wenn sie durch Lehre, Ansehen und
Institute fortgepflanzt und die läutern Quellen der Moral auf Jahrhunderte hin
dadurch trübe gemacht wurden.
    Als endlich das Christentum erhöhet und ihm in der Kaiserfahne der Name
gegeben ward, der noch jetzt als die herrschende römisch-kaiserliche Religion
über allen Namen der Erde wehet: auf einmal wurde da die Unlauterkeit offenbar,
die Staats- und Kirchensachen so seltsam vermischte, dass beinah keinem
menschlichen Dinge mehr sein rechter Gesichtspunkt blieb. Indem man Duldsamkeit
predigte, wurden die, die lange gelitten hatten, selbst unduldend; indem man
Pflichten gegen den Staat mit reinen Beziehungen der Menschen gegen Gott
verwirrte und, ohne es zu wissen, eine halbjüdische Mönchsreligion zur Grundlage
eines byzantinisch-christlichen Reichs machte: wie anders, als dass sich das
wahre Verhältnis zwischen Verbrechen und Strafen, zwischen Pflicht und Befugnis,
ja endlich zwischen den Ständen der Reichsverfassung selbst schnöde verlieren
musste. Der geistliche Stand ward in den Staat eingeführt, nicht, wie er bei den
Römern gewesen war, unmittelbar mitwirkend zum Staate; ein Mönchs- und
Bettelstand ward er, dem zugut hundert Verfügungen gemacht wurden, die andern
Ständen zur Last fielen, sich einander selbst aufhoben und zehnfach geändert
werden mussten, damit nur noch eine Form des Staats bliebe. Dem grossen und
schwachen Konstantin sind wir ohne sein Wissen jenes zweiköpfige Ungeheuer
schuldig, das unter dem Namen der weit- und geistlichen Macht sich selbst und
andre Völker neckte oder untertrat und nach zwei Jahrtausenden sich noch jetzo
kaum über den Gedanken ruhig vereint hat, wozu Religion und wozu Regierung unter
den Menschen da sei. Ihm sind wir jene fromme Kaiserwillkür in den Gesetzen und
mit ihr jene christfürstlich-unkaiserliche Nachgiebigkeit schuldig, die in
kurzem der fürchterlichste Despotismus werden musste.267 Daher die Laster und
Grausamkeiten in der abscheulichen byzantinischen Geschichte; daher der feile
Weihrauch an die schlechtesten christlichen Kaiser; daher die unselige
Verwirrung, die geist- und weltliche Dinge, Ketzer und Rechtgläubige, Barbaren
und Römer, Feldherrn und Verschnittene, Weiber und Priester, Patriarchen und
Kaiser in eine gärende Mischung brachte. Das Reich hatte sein Principium, das
schwankende Schiff hatte Mast und Steuer verloren; wer ans Ruder kommen konnte,
ruderte, bis ihn ein anderer fortdrängte. Ihr alten Römer, Sextus, Cato, Cicero,
Brutus, Titus, und ihr Antonine, was hättet ihr zu diesem neuen Rom, dem
Kaiserhofe zu Konstantinopel, von seiner Gründung an bis zu seinem Untergange,
gesaget?
    Auch die Beredsamkeit also, die in diesem kaiserlich-christlichen Rom
aufspriessen konnte, war jener alten Griechen- und Römerberedsamkeit mitnichten
zu vergleichen. Hier sprachen freilich göttliche Männer, Patriarchen, Bischöfe,
Priester; aber zu wem und worüber sprachen sie? und was konnte, was sollte ihre
beste Beredsamkeit fruchten? Einem unsinnigen, verderbten, zügellosen Haufen
sollten sie das Reich Gottes, die feinen Aussprüche eines moralischen Mannes
erklären, der in seiner Zeit schon allein dastand und in diesen Haufen gewiss
nicht gehörte. Viel reizender war's für diesen, wenn der geistliche Redner sich
auf die Schandtaten des Hofes, in die Kabalen der Ketzer, Bischöfe, Priester und
Mönche oder auf die rohen Üppigkeiten der Schauplätze, Spiele, Lustbarkeiten und
Weibertrachten einliess. Wie beklage ich dich, du goldner Mund, Chrysostomus, dass
deine überströmende Rednergabe nicht in bessere Zeiten fiel! Aus der Einsamkeit
tratest du hervor, in der du deine schönsten Tage durchlebt hattest; in der
glänzenden Hauptstadt wurden dir trübere Tage. Dein Hirteneifer war von seiner
Flur verirret; du erlagst den Stürmen der Hof- und Priesterkabale und musstest,
vertrieben und wiederhergestellt, endlich doch im Elende sterben. So erging's
mehreren Rechtschaffenen an diesem wohllüstigen Hofe, und das traurigste war,
dass ihr Eifer selbst von Fehlern nicht frei blieb. Denn wie der, der unter
ansteckenden Krankheiten in einer verpesteten Luft lebet, wenn er sich auch vor
Beulen bewahret, wenigstens ein blasses Gesicht und kranke Glieder davonträgt,
so lagen auch hier zu viele Gefahren und Verführungen um beiderlei Stände, als
dass eine gewöhnliche Vorsicht ihnen hätte entweichen mögen. Um so rühmlicher
sind die wenigen Namen, die als Feldherren und Kaiser oder als Bischöfe,
Patriarchen und Staatsleute auch an diesem schwefelicht-dunkeln Himmel wie
zerstreuete Sterne glänzen; aber auch ihre Gestalten entzieht uns der Nebel.
    Betrachten wir endlich den Geschmack in Wissenschaften, Sitten und Künsten,
der sich von diesem ersten und grössesten Christenreiche verbreitet hat, so
können wir ihn nicht anders als barbarisch-prächtig und elend nennen. Seitdem zu
Teodosius' Zeiten im römischen Senat vorm Antlitz der Siegesgöttin Jupiter und
Christus um den Besitz des römischen Reichs stritten und Jupiter seine Sache
verlor, gingen die Denkmale des alten grossen Geschmacks, die Tempel und Säulen
der Götter in aller Welt, allmählich oder gewaltsam unter; und je christlicher
ein Land war, desto eifriger zerstörte es alle Überbleibsel des Dienstes der
alten Dämonen. Der Zweck und Ursprung der christlichen Kirchen verbot die
Einrichtung der alten Götzentempel; also wurden Gerichts- und
Versammlungsplätze, Basiliken, ihr Vorbild; und obgleich in den ältesten
derselben aus Konstantins Zeiten allerdings noch eine edle Einfalt merklich ist,
weil sie teils aus heidnischen Resten zusammengetragen, teils mitten unter den
grössesten Denkmalen errichtet wurden, so ist auch diese Einfalt dennoch schon
christlich. Geschmacklos sind ihre dort und hier geraubten Säulen
zusammengesetzt, und das Wunder der christlichen Kunst in Konstantinopel, die
prächtige Sophienkirche, war mit barbarischem Schmuck überladen. So viele
Schätze des Altertums in diesem Babel zusammengehäuft wurden, sowenig konnte
griechische Kunst oder Dichtkunst daselbst gedeihen. Man erschrickt vor dem
Hofstaat, der noch im zehnten Jahrhundert den Kaiser in Kriegs- und
Friedenszeiten, zu Hause und zum Gottesdienst begleiten musste, wie ein
purpurgeborner Sklave desselben ihn selbst beschreibt268, und wundert sich, dass
ein Reich von dieser Art nicht viel früher gefallen sei, als es fiel. Dem
missgebrauchten Christentum allein kann hieran die Schuld nicht beigemessen
werden; denn vom ersten Anfange an war Byzanz zu einem glänzend-üppigen
Bettlerstaat eingerichtet. Mit ihm war kein Rom entstanden, das, unter
Bedrückungen, Streit und Gefahr erzogen, zur Hauptstadt der Welt sich selbst
machte; auf Kosten Roms und der Provinzen ward die neue Stadt gegründet und
sogleich mit einem Pöbel beladen, der unter Heuchelei und Müssiggange, unter
Titeln und Schmeicheleien von kaiserlicher Milde und Gnade, das ist: vom Mark
des Reichs lebte. Am Busen der Wohllust lag die neue Stadt, zwischen allen
Weltteilen in der schönsten Gegend. Aus Asien, Persien, Indien, Ägypten kamen
ihr alle Waren jener üppigen Pracht, mit welchen sie sich und die nordwestliche
Welt versorgte. Ihr Hafen war voll von Schiffen aller Nationen; und noch in
spätem Zeiten, als schon die Araber dem griechischen Reich Ägypten und Asien
genommen hatten, zog sich der Handel der Welt über das Schwarze und Kaspische
Meer, um die alte Wohllüstige zu versorgen. Alexandrien, Smyrna, Antiochien, das
busenvolle Griechenland mit seinen Anlagen, Städten und Künsten, das inselnvolle
Mittelländische Meer, vor allem aber der leichte Charakter der griechischen
Nation, alles trug bei, den Sitz des christlichen Kaisers zum Sammelplatz von
Lastern und Torheiten zu machen; und was ehemals dem alten Griechenlande zum
Besten gedient hatte, gereichte ihm jetzt zum Ärgsten.
    Deshalb aber wollen wir diesem Reich auch den kleinsten Nutzen nicht
absprechen, den es, in seiner Beschaffenheit und Lage, der Welt gebracht hat.
Lange war es ein Damm, obgleich ein schwacher Damm, gegen die Barbaren, deren
mehrere in seiner Nachbarschaft oder gar in seinem Dienst und Handel ihre Roheit
abgelegt und einen Geschmack für Sitten und Künste empfangen haben. Der beste
König der Goten, Teodorich, z.B. war in Konstantinopel erzogen; was er Italien
Gutes tat, haben wir jenem östlichen Reiche mit zu verdanken. Mehr als einem
barbarischen Volk hat Konstantinopel den Samen der Kultur, Schrift und das
Christentum gegeben; so bildete der Bischof Ulfilas für seine Goten am Schwarzen
Meer das griechische Alphabet um und übersetzte das Neue Testament in ihre
Sprache; Russen, Bulgarn und andre slawische Völker haben von Konstantinopel aus
Schrift, Christentum und Sitten auf eine viel mildere Weise bekommen als ihre
westlichen Mitbrüder von den Franken und Sachsen. Die Sammlung der römischen
Gesetze, die auf Justinians Befehl geschah, so mangelhaft und zerstückt sie sei,
so mancher Missbrauch auch von ihr gemacht worden, bleibt ein unsterbliches
Denkmal des alten echten Römergeistes, eine Logik des tätigen Verstandes und
eine prüfende Norm jeder besseren Gesetzgebung. Dass sich in diesem Reich, obwohl
in schlechter Anwendung, die griechische Sprache und Literatur so lange erhielt,
bis das westliche Europa fähig ward, sie aus den Händen konstantinopolitanischer
Flüchtlinge zu empfangen, ist für die ganze gebildete Welt eine Wohltat. Dass
Pilgrime und Kreuzfahrer der mittlern Zeiten auf ihrem Wege zum Heiligen Grabe
ein Konstantinopel. fanden, wo sie zum Ersatz mancher erwiesenen Untreue
wenigstens mit neuen Eindrücken von Pracht, Kultur und Lebensweise in ihre
Höhlen, Schlösser und Klöster zurückkehrten, bereitete dem westlichen Europa
mindestens von fern eine andre Zeit vor. Venetianer und Genueser haben in
Alexandrien und Konstantinopel ihren grösseren Handel gelernt, wie sie denn auch
grösstenteils durch Trümmer dieses Kaisertums zu ihrem Reichtum gelanget sind und
von dort aus manches Nützliche nach Europa gebracht haben. Der Seidenbau ist uns
aus Persien durch Konstantinopel zugekommen, und wie manches hat der Heilige
Stuhl zu Rom, wie manches hat Europa als ein Gegengewicht gegen diesen Stuhl dem
morgenländischen Reich zu danken!
    Endlich versank dies stolze, reiche und prächtige Babel; mit allen
Herrlichkeiten und Schätzen ging es im Sturm an seine wilden Überwinder über.
Längst hatte es seine Provinzen nicht zu schützen vermocht: schon im fünften
Jahrhundert war das ganze Griechenland Alarichs Reute geworden. Von Zeit zu Zeit
dringen ost-, west-, nord- und südwärts Barbaren immer näher hinan, und in der
Stadt wüten rottenweise oft ärgere Barbaren. Tempel werden gestürmt, Bilder und
Biblioteken werden verbrannt; allentalben wird das Reich verkauft und
verraten, da es für seine treuesten Diener keinen Lohn hat, als ihnen die Augen
auszustechen, Ohren und Nase abzuschneiden oder sie gar lebendig zu begraben;
denn Grausamkeit und Wohllust, Schmeichelei und der frecheste Stolz, Meutereien
und Treulosigkeit herrschten auf diesem Tron, allesamt mit christlicher
Rechtgläubigkeit geschminket. Seine Geschichte voll langsamen Todes ist ein
schrecklich-warnendes Beispiel für jede Kastraten-, Pfaffen- und
Weiberregierung, trotz alles Kaiserstolzes und Reichtums, trotz alles Pomps in
Wissenschaften und Künsten. Da liegen nun seine Trümmern: das scharfsinnigste
Volk der Erde, die Griechen, sind das verächtlichste Volk worden, betrügerisch,
unwissend, abergläubig, elende Pfaffen- und Mönchsknechte, kaum je mehr des
alten Griechengeistes fähig. So hat das erste und prächtigste Staatschristentum
geendet; nie komme seine Erscheinung wieder.269
 
                                       IV
            Fortgang des Christentums in den lateinischen Provinzen
    1. Rom war die Hauptstadt der Welt: aus Rom ergingen die Befehle entweder zu
Duldung oder zu Unterdrückung der Christen; notwendig musste auf diesen
Mittelpunkt der Macht und Hoheit eine Hauptwirkung des gesamten Christentums
sehr frühe streben.
    Die Duldung der Römer gegen alle Religionen überwundener Völker ist über
allen Widerspruch erhoben; ohne dieselbe und ohne den ganzen Zustand der
damaligen römischen Verfassung würde das Christentum sich nie so schnell und
allgemein ausgebreitet haben. Es entstand in der Ferne, unter einem Volk, das
man verachtete und zum Sprüchwort des Aberglaubens gemacht hatte; in Rom
regierten böse, tolle und schwache Kaiser, also dass es dem Staat an einer
herrschenden Übersicht des Ganzen fehlte. Lange wurden die Christen nur unter
dem Namen der Juden begriffen, deren in Rom, wie in allen römischen Provinzen,
eine grosse Anzahl war. Wahrscheinlich war es auch der Hass der Juden selbst, der
die ausgestossenen Christen den Römern zuerst kenntlich machte, und sodann lag es
in der römischen Denkart, dass man sie als Abtrünnige von ihrer väterlichen
Religion entweder für Ateisten oder ihrer geheimen Zusammenkünfte wegen für
Ägypter ansah, die sich gleich andern Eingeweiheten mit Aberglauben und Greueln
befleckten. Man betrachtete sie als einen verworfenen Haufen, den Nero die
Schuld seiner Mordbrennertollheit am ersten tragen lassen durfte; das Mitleid,
das man ihnen über diese erlittene äusserste Ungerechtigkeit schenkte, scheint
nur die Barmherzigkeit gewesen zu sein, die man einem ungerecht gequälten
Sklaven schenket. Weiter untersuchte man ihre Lehre nicht und liess sie sich
fortpflanzen, wie sich im Römerreich alles fortpflanzen konnte.
    Als die Grundsätze ihres Gottesdienstes und Glaubens mehr ans Licht traten,
fiel es den Römern, die nur an eine politische Religion gewöhnt waren, vor allem
hart auf, dass diese Unglücklichen die Götter ihres Staats als höllische Dämonen
zu schmähen und den Dienst, den man den Beschützern des Reiches leistete, für
eine Schule der Teufel zu erklären wagten. Es fiel ihnen hart auf, dass sie den
Bildsäulen der Kaiser eine Ehrerbietung, die ihnen selbst Ehre sein sollte,
entzogen und sich von allem, was Pflicht oder Dienst des Vaterlandes war,
entfernten. Natürlich wurden sie also für Feinde desselben gehalten, des Hasses
und Abscheues andrer Menschen würdig. Nachdem die Kaiser gesinnet waren und neue
Gerüchte sie entweder besänftigten oder aufbrachten, nachdem wurden Befehle für
oder gegen die Christen gegeben, Befehle, die in jeder Provinz nach den
Gesinnungen der Stattalter oder nach ihrem eignen Betragen mehr oder minder
befolgt wurden. Eine Verfolgung indessen, wie man in spätem Zeiten z.B. gegen
die Sachsen, Albigenser, Waldenser, Hugenotten, Preussen und Liven vornahm, ist
gegen sie nie ergangen; Religionskriege der Art lagen nicht in der römischen
Denkweise. Es wurden also die ersten dreihundert Jahre des Christentums während
der Verfolgungen, die man in ihnen zählet, die Triumphzeit der Märtyrer des
christlichen Glaubens.
    Nichts ist edler, als, seiner Überzeugung treu, sie durch Unschuld der
Sitten und Biederkeit des Charakters bis zum letzten Atem zu bewähren; auch
haben die Christen, wo sie als verständige, gute Menschen dergleichen Unschuld
und Festigkeit zeigten, sich dadurch mehr Anhänger erworben als durch
Erzählungen von Wundergaben und Wundergeschichten. Mehrere ihrer Verfolger
staunten ihren Mut an, selbst wenn sie nicht begriffen, warum sie sich der
Gefahr aussetzten, also verfolgt zu werden. Überdem, nur das, was ein Mensch
herzhaft will, erreicht er, und worauf eine Anzahl Menschen lebend und sterbend
beharret, das kann schwerlich unterdrückt werden. Ihr Eifer zündet an; ihr
Beispiel, selbst wenn es nicht erleuchten kann, wärmet. Gewiss ist also die
Kirche der Standhaftigkeit ihrer Bekenner jene tiefe Gründung eines Baues
schuldig, der mit ungeheurer Erweiterung Jahrtausende überdauern konnte; weiche
Sitten, nachgebende Grundsätze würden von Anfange an alles haben zerfliessen
lassen, wie ein schaleloser Saft zerfliesst.
    Indessen kommt es in einzelnen Fällen doch auch darauf an, wofür ein Mensch
streite und sterbe. Ist's für seine innere Überzeugung, für einen Bund der
Wahrheit und Treue, dessen Lohn bis über das Grab reichet, ist's für das Zeugnis
einer unentbehrlich wichtigen Geschichte, die man selbst erlebt hat, deren uns
anvertrauete Wahrheit ohne uns untergehen würde: wohlan! da stirbt der Märtyrer
wie ein Held; seine Überzeugung labt ihn in Schmerzen und Qualen, und der offene
Himmel ist vor ihm. So konnten jene Augenzeugen der ersten Begebenheiten des
Christentums leiden, wenn sie sich in dem notwendigen Fall sahen, die Wahrheit
derselben mit ihrem Tode zu besiegeln. Ihre Verleugnung wäre eine Absagung
selbsterfahrner Geschichte gewesen; und wenn es nötig ist, opfert ein
Rechtschaffener auch dieser sich selbst auf. Solche eigentliche Bekenner und
Märtyrer aber konnte nur das älteste Christentum, und auch dieses ihrer nicht
ungeheuer viele, haben, von deren Ausgange aus der Welt sowie von ihrem Leben
wir wenig oder nichts wissen. Anders war's mit den Zeugen, die Jahrhunderte
später oder Hunderte von Meilen entfernt zeugten, denen die Geschichte des
Christentums nur als Gerücht, als Tradition oder als eine geschriebene Nachricht
zukam; für urkundliche Zeugen können diese nicht gelten, indem sie nur ein
fremdes Zeugnis oder vielmehr nur ihren Glauben an dasselbe mit Blute besiegeln.
Da dies nun mit allen bekehrten Christen ausser Judäa der Fall war, so muss man
sich wundern, dass eben in den entferntesten, den lateinischen Provinzen so
ungemein viel auf das Blutzeugnis dieser Zeugen, mitin auf eine Tradition, die
sie fernher hatten und schwerlich prüfen konnten, gebauet wurde. Selbst nachdem
am Ende des ersten Jahrhunderts die in Orient aufgesetzten Schriften in diese
entfernteren Gegenden gekommen waren, verstand nicht jeder sie in der Ursprache
und musste sich, abermals auf das Zeugnis seines Lehrers, mit Anführung einer
Übersetzung begnügen. Und wie weit seltner beziehen sich die abendländischen
Lehrer überhaupt auf die Schrift, da die morgenländischen, selbst auf ihren
Konzilien, mehr nach gesammleten Meinungen voriger Kirchenväter als aus der
Schrift entschieden! Tradition also und Glaube, für den man gestorben sei, ward
bald das vorzüglichste und siegende Argument des Christentums; je ärmer,
entfernter und unwissender die Gemeine war, desto mehr musste ihr eine solche
Tradition, das Wort ihres Bischofs und Lehrers, das Bekenntnis der Blutzeugen
als ein Zeugnis der Kirche gleichsam aufs Wort gelten.
    Und doch lässt sich bei dem Ursprunge des Christentums kaum eine andre Weise
der Fortpflanzung als diese gedenken; denn auf eine Geschichte war es gebauet,
und eine Geschichte will Erzählung, Überlieferung, Glauben. Sie geht von Munde
zu Munde, bis sie, in Schriften aufgenommen, gleichfalls eine festgestellte,
fixierte Tradition wird, und jetzt erst kann sie von mehreren geprüft oder nach
mehreren Traditionen verglichen werden. Nun aber sind auch meistens die
Augenzeugen nicht mehr am Leben; wohl also, wenn sie der Sage nach das von ihnen
gepflanzte Zeugnis mit ihrem Tode bekräftigt haben: hier beruhigt sich der
menschliche Glaube.
    Und so bauete man zuversichtvoll die ersten christlichen Altäre auf Gräber.
An Gräbern kam man zusammen; sie wurden in den Katakomben selbst Altäre, über
welchen man das Abendmahl genoss, das christliche Bekenntnis ablegte und
demselben, wie der Begrabene, treu zu sein angelobte, über Gräbern wurden die
ersten Kirchen erbauet, oder die Leichname der Märtyrer wurden unter die
erbaueten Altäre gebracht, bis zuletzt auch nur mit einem Gebein derselben der
Altar geweihet werden musste. In Cerimonie und Formel ging nun über, was einst
Ursprung der Sache, Entstehung und Besiegelung eines Bundes christlicher
Bekenner gewesen war. Auch die Taufe, bei der ein Symbolum des Bekenntnisses
abgelegt wurde, feierte man über der Bekenner Gräbern, bis späterhin die
Baptisterien über ihnen erbauet oder Gläubige, zum Zeichen, dass sie auf ihr
Taufbekenntnis gestorben sein, unter ihnen begraben wurden. Eins entstand aus
dem andern, und fast die ganze Form und Gestalt der abendländischen
Kirchengebräuche kam von diesem Bekenntnis und Gräberdienst her.270
    Allerdings fand sich viel Rührendes bei diesem Bunde der Treue und des
Gehorsams über den Gräbern. Wenn, wie Plinius sagt, die Christen vor Tage
zusammenkamen, ihrem Christus als einem Gott Loblieder zu singen und sich mit
dem Sakrament wie mit einem Eidschwur zur Reinheit der Sitten und zu Ausübung
moralischer Pflichten zu verbinden, so musste das stille Grab ihres Bruders ihnen
ein redendes Symbol der Beständigkeit bis zum Tode, ja eine Grundfeste ihres
Glaubens an jene Auferstehung werden, zu welcher ihr Herr und Lehrer, auch als
Märtyrer, zuerst gelangt war. Das irdische Leben musste ihnen vorübergehend, der
Tod als eine Nachfolge seines Todes rühmlich und angenehm, ein zukünftiges Leben
fast sichrer als das gegenwärtige dünken, und Überzeugungen dieser Art sind
allerdings der Geist der ältesten christlichen Schritten. Indessen konnte es
auch nicht fehlen, dass durch solche Anstalten die Liebe zum Märtyrertum unzeitig
erweckt wurde, indem man, satt des vorübergehenden irdischen Lebens, nach der
Blut- und Feuertaufe als nach der Heldenkrone Christi oft mit nutzlosem Eiter
lief. Es konnte nicht fehlen, dass den Gebeinen der Begrabenen mit der Zeit eine
fast göttliche Ehre angetan ward und sie zu Entsühnungen, Heilungen und andern
Wunderwerken abergläubig missgebraucht wurden. Es konnte endlich am wenigsten
fehlen, dass diese Schar christlicher Helden in kurzem den ganzen Kirchenhimmel
bezog und, so wie ihre Leichname ins Schiff der Kirche mit Anbetung gebracht
waren, auch ihre Seelen alle andere Wohltäter der Menschen aus ihren Sitzen
vertrieben; womit dann eine neue christliche Mytologie anfing. Welche
Mytologie? Die wir auf den Altären sehen, von der wir in den Legenden lesen.
    2. Da im Christentum alles auf Bekenntnis, dies Bekenntnis aber auf einem
Symbol und dies Symbol auf Tradition beruhete, so waren zu Erhaltung der
Aufsicht und Ordnung entweder Wundergaben oder eine strenge Kirchenzucht vor
allem nötig. Mit dieser Einrichtung stieg das Ansehen der Bischöfe, und um die
Einheit des Glaubens, d. i. den Zusammenhang mehrerer Gemeinen zu erhalten,
bedorfte man der Konzilien und Synoden. Ward man auf diesen nicht einig oder
fanden sie in andern Gegenden Widerspruch, so nahm man angesehene Bischöfe als
Schiedsrichter zu Hülfe, und am Ende konnte es nicht fehlen, dass nicht unter
mehreren dieser apostolischen Aristokraten ein Hauptaristokrat sich allmählich
hervorhob. Wer sollte dies sein? Wer konnte es werden? Der Bischof zu Jerusalem
war zu entfernt und arm; seine Stadt hatte grosse Unfälle erlitten; sein Sprengel
ward von andern, auch apostolischen Bischöfen zu sehr eingeengt; er sass auf
seinem Golgata gleichsam ausser dem Kreise der Welterrschaft. Die Bischöfe von
Antiochien, Alexandrien, Rom, endlich auch von Konstantinopel traten hervor, und
es war Lage der Sache, dass der zu Rom über sie alle, auch über seinen eifrigsten
Mitkämpfer, den konstantinopolitanischen, siegte. Dieser sass nämlich dem Tron
der Kaiser zu nahe, die ihn nach Gefallen erheben und erniedrigen konnten;
mitin dorfte er nichts als ihr prächtiger Hofbischof werden. Dagegen verbanden
sich, seitdem die Kaiser Rom verlassen und sich an die Grenze Europas verpflanzt
hatten, tausend Umstände, die dieser alten Hauptstadt der Welt das Primat der
Kirche gaben. An die Verehrung des Namens Rom waren die Völker seit
Jahrhunderten gewöhnet, und in Rom bildete man sich ein, dass auf ihren sieben
Hügeln ein ewiger Geist der Weltbeherrschung schwebe. Hier hatten, den
Kirchenregistern nach, so viele Märtyrer gezeuget und die grössesten Apostel,
Petrus und Paulus, ihre Kronen empfangen. Früh also erzeugte sich die Sage vom
Bischoftum Petri in dieser alten apostolischen Kirche, und das unverrückte
Zeugnis seiner Nachfolger wusste man bald zu erweisen. Da diesem Apostel nun
namentlich die Schlüssel des Himmelreichs übergeben und auf sein Bekenntnis der
unzerstörliche Felsenbau der Kirche gegründet war: wie natürlich, dass Rom an die
Stelle Antiochiens oder Jerusalems trat und als Mutterkirche der herrschenden
Christenheit betrachtet zu werden Anstalt machte. Frühe genoss der römische
Bischof vor andern, gelehrteren und mächtigern, selbst auf Konzilien, Ehre und
Vorsitz; man nahm ihn in Streitigkeiten als einen friedlichen Schiedsrichter an,
und was lange eine frei gewählte Ratserholung gewesen war, ward mit der Zeit als
Appellation, seine belehrende Stimme als Entscheidung betrachtet. Die Lage Roms
im Mittelpunkt der römischen Welt gewährte ihrem Bischöfe west-, süd- und
nordwärts einen weiten Raum zu Ratschlägen und Einrichtungen; zumal der
griechische Kaisertron zu ferne stand, auch bald zu schwach war, als dass er ihn
ausserordentlich drücken konnte. Die schönen Provinzen des römischen Reichs,
Italien mit seinen Inseln, Afrika, Spanien. Gallien und ein Teil von
Deutschland, in welche das Christentum frühe gekommen war, lagen ihm als ein
rat- und hülfbedürftiger Garten umher; höher hinauf standen die Barbaren, deren
rauhere Gegenden bald zu einem urbaren Lande der Christenheit gemacht werden
sollten. Allentalben war hier, bei schwächerer Konkurrenz, mehr zu tun und zu
gewinnen als in denen mit alten Bischoftümern übersäeten östlichen Provinzen,
die durch Spekulationen, Widersprüche und Streitigkeiten, bald auch durch die
wohllüstige Tyrannei der Kaiser, endlich durch die Einbrüche der mahomedanischen
Araber und noch wilderer Völker eine zerstörte lechzende Aue wurden. Die
barbarische Guterzigkeit der Europäer kam ihm weit mehr zustatten als die
Treulosigkeit der feinem Griechen oder die Schwärmerei der Asiaten. Das dort
brausende Christentum, das hie und da ein hitziges Fieber des menschlichen
Verstandes zu sein schien, kühlte sich also in einem gemässigtem Erdstrich durch
seine Satzungen und Rezepte ab, ohne welche wahrscheinlich auch hier alles in
den kraftlosen Zustand gesunken wäre, den wir nach tollen Anstrengungen zuletzt
in Orient bemerkten.
    Gewiss hat der Bischof zu Rom für die christliche Welt viel getan; er hat,
dem Namen seiner Stadt getreu, nicht nur durch Bekehrungen eine Welt erobert,
sondern sie auch durch Gesetze, Sitten und Gebräuche länger, stärker und
inniger, als das alte Rom die seine, regieret. Gelehrt hat der römische Stuhl
nie sein wollen; er überliess dies Vorrecht andern, z.B. dem alexandrinischen,
mailändischen, selbst dem hipponesischen Bischofstuhle und wer sonst dessen
begehrte; aber auch die gelehrtesten Stühle unter sich zu bringen und nicht
durch Philosophie, sondern durch Staatsklugheit, Tradition, kirchliches Recht
und Gebräuche die Welt zu regieren, das war sein Werk und musste es sein, da er
selbst nur auf Gebräuchen und der Tradition ruhte. Von Rom aus sind also jene
vielen Cerimonien der abendländischen Kirche ausgegangen, welche die Feier der
Feste, die Einteilung der Priester, die Anordnung der Sakramente, Gebete und
Opfer für die Toten oder Altäre, Kelche, Lichter, Fasten, die Anbetung der
Mutter Gottes, den ehelosen Stand der Priester und Mönche, die Anrufung der
Heiligen, den Dienst der Bilder, Prozessionen, Seelmessen, Glocken, die
Kanonisation, Transsubstantiation, die Anbetung der Hostie u. f. betrafen:
Gebräuche, die teils aus altern Veranlassungen, oft aus schwärmenden
Vorstellungsarten des Orients entstanden, teils in abendländischen, am meisten
in römischen Lokalumständen gleichsam gegeben waren und dem grossen Kirchenritual
nur nach und nach einverleibet wurden.271 Solche Waffen eroberten jetzo die
Welt; es waren die alles eröffnenden Schlüssel des Himmel-und Erdenreiches. Vor
ihnen beugten sich die Völker, die übrigens Schwerter nicht scheuten; römische
Gebräuche laugten mehr für sie als jene morgenländischen Spekulationen. Freilich
sind diese kirchlichen Gesetze ein schrecklicher Gegensatz gegen die altrömische
Staatskunst; indessen gingen sie doch am Ende darauf hinaus, den schweren Zepter
in einen sanftem Hirtenstab und das barbarische Herkommen heidnischer Nationen
mehr und mehr in ein milderes Christenrecht zu verwandeln. Der mühsam
emporgekommene Oberhirte zu Rom musste sich wider Willen des Abendlandes mehr
annehmen, als einer seiner Mitbrüder in Ost und Westen es tun konnte; und wenn
die Ausbreitung des Christentums an sich ein Verdienst ist, so hat er sich
dieses in hohem Grade erworben. England und der grösseste Teil von Deutschland,
die nordischen Königreiche, Polen, Ungarn sind durch seine Gesandtschaften und
Anstalten christliche Reiche; ja, dass Europa nicht von Hunnen, Sarazenen,
Tataren, Türken, Mogolen vielleicht auf immer verschlungen worden, ist mit
andern auch sein Werk. Wenn alle christlichen Kaiser-, Königs-, Fürsten-,
Grafen- und Ritterstämme ihre Verdienste vorzeigen sollten, durch welche sie
ehemals zur Herrschaft der Völker gelangten, so darf der dreigekrönte grosse Lama
in Rom, auf den Schultern unkriegerischer Priester getragen, sie alle mit dem
heiligen Kreuz segnen und sagen: »Ohne mich wäret ihr nicht, was ihr seid,
worden.« Auch das gerettete Altertum ist sein Werk, und Rom ist wert, dass es ein
stiller Tempel dieser geretteten Schätze bleibe.
    3. Im Abendlande hat sich also die Kirche so lokal gebildet wie im Orient.
Auch hier war ein lateinisches Ägypten, das christliche Afrika, in welchem, wie
dort, manche afrikanische Lehren entstanden. Die harten Ausdrücke, die
Tertullian von der Gnugtuung, Cyprian von der Busse der Gefallenen, Augustin von
der Gnade und dem Willen des Menschen brauchte, flossen ins System der Kirche,
und obgleich der Bischof zu Rom in seinen Anordnungen gewöhnlich den gemässigten
Weg ging, so fehlte es ihm dennoch bald an Gelehrsamkeit, bald an Ansehen, um
auf dem ganzen Ozean der Lehre das Schiff der Kirche zu steuren. Von Augustin
und Hieronymus ward z.B. dem gelehrten, frommen Pelagius viel zu hart begegnet;
der erste stritt gegen die Manichäer mit einem nur feinem Manichäismus, und was
bei dem ausserordentlichen Mann oft Feuer des Streits und der Einbildungskraft
war, ging in zu heftiger Flamme in das System der Kirche über. Ruhet indessen
auch ihr wohl, ihr grossen Streiter für das, was ihr Einheit des Glaubens
nanntet. Euer mühsames Geschäft ist vollendet, und vielleicht habt ihr schon zu
lange und stark auf die ganze Reihe christlicher Zeiten hinab gewirket.
    Noch muss ich des einen und ersten Ordens erwähnen, der in Okzident
eingeführt ward, der Benediktiner; ungeachtet aller Versuche, das
morgenländische Mönchleben dem Abendlande einheimisch zu machen, widerstand zu
gutem Glücke Europas das Klima, bis endlich, unter Begünstigung Roms, dieser
gemässigtere Orden zu Monte Cassino aufkam. Er nährte und kleidete besser, als
jene im fastenden, heissen Orient tun dorften; dabei legte seine Regel, die
ursprünglich von einem Laien für Laien gemacht war, auch die Arbeit auf, und
durch diese insonderheit ist er manchem wüsten und wilden Strich in Europa
nützlich worden. Wie viele schöne Gegenden in allen Ländern besitzen
Benediktiner, die sie zum Teil urbar gemacht haben. Auch in allen Gattungen der
Literatur taten sie, was mönchischer Fleiss tun konnte; einzelne Männer haben
eine Bibliotek geschrieben und ganze Kongregationen es sich zur Pflicht
gemacht, durch Erläuterung und Herausgabe zahlreicher Werke, insonderheit des
Mittelalters, auch literarische Wüsteneien urbar zu machen und zu lichten. Ohne
den Orden Benedikts wäre vielleicht der grösseste Teil der Schriften des
Altertums für uns verloren; und wenn es auf heilige Äbte, Bischöfe, Kardinäle
und Päpste ankommt, so füllet die Zahl derer, die aus ihm hervorgegangen sind,
mit dem, was sie veranstalteten, selbst eine Bibliotek. Der einzige Gregor der
Grosse, ein Benediktiner, tat mehr, als zehn geist- und weltliche Regenten tun
konnten; auch die Erhaltung der alten Kirchenmusik, die soviel Wirkung auf die
Gemüter der Menschen gehabt hat, sind wir diesem Orden schuldig.
    Weiter schreiten wir nicht. Um von dem zu reden, was unter den Barbaren das
Christentum wirkte, müssen wir diese erst selbst ins Auge nehmen, wie sie in
grossen Zügen nacheinander ins römische Reich einziehn, Reiche stiften, meistens
von Rom aus gefirmelt werden, und was zur Geschichte der Menschheit daraus
ferner folget.
 
                                Achtzehntes Buch
    Wie wenn eine Flut, die Sammlung gewaltiger Bergströme, in einem höheren Tal
lange zurückgehalten oder mit schwachen Dämmen hie- oder dahin geleitet, endlich
unaufhaltsam losbricht und die niedrigen Gefilde überströmet: Wellen folgen auf
Wellen, Ströme auf Ströme, bis alles ein helles Meer wird, das, langsam
überwältiget, überall Spuren der Verwüstung, zuletzt aber auch blühende Auen
nachlässt, die es mit Fruchtbarkeit belebte: so erfolgte, so wirkte die berühmte
Wanderung der nordischen Völker in die Provinzen des römischen Reichs. Lange
waren jene Nationen bekriegt, zurückgehalten, als Bundes- oder Mietvölker hie-
oder dahin geleitet, oft hintergangen und gemissbraucht; endlich nahmen sie sich
selbst Recht, federten Besitztum oder erbeuteten es und verdrängeten zum Teil
selbst einander. Wir dörfen uns also nicht sowohl um rechtliche Ansprüche
bekümmern, die jedes dieser Völker auf das ihm angewiesene oder eroberte Land
hatte272, sondern nur den Gebrauch bemerken, den es von dem Lande machte, und
die neue Einrichtung, die damit Europa gewann. Allentalben geschah eine neue
Einimpfung der Völker; was hat sie für die Menschheit für Sprossen und Früchte
getragen?
 
                                       I
               Reiche der Westgoten, Sveven, Alanen und Wandalen
    Von zweien treulosen Staatsministern des morgen-und abendländischen
Kaisertums, dem Ruffin und Stiliko, wurden die Westgoten ins Reich gerufen, dort
Tracien und Griechenland, hier Italien zu verwüsten. Alarich belagerte Rom, und
weil ihm Honorius sein gegebnes Wort nicht hielt, ward es zweimal erobert und
zuletzt geplündert. Mit Raube beladen, zog der westgotische König bis zur
Sizilischen Meerenge hinab und hatte die Eroberung Afrikas, der Kornkammer von
Italien, im Sinne, als der Tod den Lauf seiner Siege unterbrach; der tapfre
Räuber ward mit vielen Kostbarkeiten mitten in einem Strome begraben. Seinen
Nachfolger Adolf (Ataulf) wies der Kaiser, um ihn aus Italien zu entfernen, nach
Gallien und Spanien gegen die dort eingebrochenen Wandalen, Alanen und Sveven;
hier gründete er, abermals hintergangen und zuletzt mit des Kaisers Teodosius
Tochter Placidia vermählt, das erste westgotische Reich. Die schönen Städte
Narbonne, Toulouse, Bordeaux waren sein, und einige seiner Nachfolger
erstreckten ihr Gebiet in Gallien weiter. Weil ihnen aber hier die Franken zu
nahe, auch den arianischen Goten die katolischen Bischöfe des Landes feindlich
und treulos waren, so wandten sich ihre Waffen siegreicher über die Pyrenäen,
und nach langen Kriegen mit Alanen, Sveven und Wandalen, auch nach völliger
Verdrängung der Römer aus dieser Weltgegend besassen sie endlich die schöne
Halbinsel Spaniens und Lusitaniens nebst einem Teil des südlichen Galliens und
der afrikanischen Küste.
    Vom Reich der Sveven in Spanien, während seiner 178 Jahre, haben wir nichts
zu sagen; nach einer Reihe von Plünderungen und Unglücksfällen ist's namenlos
untergegangen und ins spanisch-gotische Reich versunken. Merkwürdiger machten
sich die Westgoten, sobald sie in diese Gegenden gelangten. Schon in Gallien,
als die Residenz ihrer Könige noch in Toulouse war, liess Erich ein Gesetzbuch
verfassen273 und sein Nachfolger Alarich aus Gesetzen und Schriften römischer
Rechtsgelehrten einen Kodex zusammentragen, der bereits vor Justinian gleichsam
das erste barbarische Corpus iuris ward.274 Es hat unter mehrern deutschen
Völkern, Burgundern, Angeln, Franken und Longobarden, als ein Auszug der
römischen Gesetze gegolten und auch uns einen Teil des Teodosischen Gesetzbuchs
gerettet, obgleich die Goten selbst lieber bei ihren eigenen Gesetzen und
Rechten blieben. Jenseit der Pyrenäen kamen sie in ein Land, das unter den
Römern eine blühende Provinz gewesen war, voll Städte, voll Einrichtungen und
Handels. Als in Rom alles schon der Üppigkeit unterlag, hatte Spanien der
Hauptstadt der Welt noch eine Reihe berühmter Männer gegeben275, die in ihren
Schriften schon damals etwas vom spanischen Charakter zeigen. Andernteils war
auch das Christentum frühe nach Spanien gekommen, und da der Geist, dieses Volks
durch die seltsame Vermischung vieler Nationen in seinem abgesonderten Erdstrich
zum Ausserordentlichen und Abenteuerlichen sehr geneigt war, hatte er an
Wundergeschichten und Büssungen, an Entaltsamkeit und Einsiedelei, an
Ortodoxie, am Märtyrertum und einer Kirchenpracht über heiligen Gräbern so viel
Geschmack gefunden, dass Spanien auch seiner Lage nach gar bald ein wahrer
Christenpalast ward. Von hier aus hatte man bald den Bischof zu Rom, bald den zu
Hippo, Alexandrien und Jerusalem fragen oder belehren können; man konnte die
Ketzer sogar ausser Landes aufsuchen und bis gen Palästina verfolgen. Von jeher
also waren die Spanier erklärte Ketzerfeinde und haben den Priscillianisten,
Manichäern, Arianern, Juden, dem Pelagius, Nestorius u. a. ihre Rechtgläubigkeit
hart erwiesen. Die frühe Hierarchie der Bischöfe dieser apostolischen Halbinsel,
ihre öfteren und strengen Konzilien gaben dem Römischen Stuhl selbst ein
Vorbild; und wenn das fränkische Reich diesem Oberhirten späterhin mit dem
weltlichen Arm aufhalf, so hatte Spanien ihm früher mit dem geistlichen Arm
geholfen. In ein solches Reich voll alter Kultur und festgestellter
Kirchenverfassung rückten die Goten, treuherzige Arianer, die dem Joch der
katolischen Bischöfe schwerlich zu widerstehen vermochten. Zwar hielten sie
lange ihren Nacken aufrecht; sie wappneten sich sowohl mit Güte als mit
Verfolgung und strebten nach der Vereinigung beider Kirchen. Vergebens; denn nie
gab die herrschende römisch-katolische Kirche nach, und zuletzt wurden auf
mehreren Konzilien zu Toledo die Arianer so hart verdammet, als ob nie ein
spanischer König dieser Sekte ergeben gewesen wäre. Nachdem König Leovigild, der
letzte von gotischer Kraft, dahin war und Reccard, sein Sohn, sich der
katolischen Kirche bequemte, sogleich bekommen auch die Gesetze des Reichs, in
der Versammlung der Bischöfe gegeben, den Bischofs- und Mönchscharakter.
Körperliche Strafen, sonst verabscheuet von den Deutschen, fangen an, in ihnen
zu herrschen; noch mehr aber wird ein Geist des Ketzergerichts in ihnen
sichtbar, lange vorher, ehe man den Namen einer Inquisition kannte.276
    Unvollkommen also und zwangvoll ward die Einrichtung der Goten in diesem
schönen Lande, wo sie, umschlossen von Bergen und Meeren, sich zu einem
dauernden, herrlichen Reich hätten bilden können, wenn sie dazu Verstand und Mut
gehabt und sich weder dem Klima noch der Kirche zu Knechten gemacht hätten. Nun
aber war jener Strom längst entkräftet, der unter Alarich einst Griechenland und
Italien durchbrauste; Adolfs Geist, der Rom zu vernichten schwur, damit er eine
neue Gotenstadt als das Haupt der Welt auf ihre Trümmern baute, war schon
gebändigt, da er sich nach einem Winkel des Reichs hatte verweisen lassen und
mit einer Placidia das Hochzeitbette bestieg. Langsam ging die Eroberung fort,
weil Deutsche von deutschen Völkern sich die Provinzen mit Blut erkaufen mussten.
Und als, nach ebenso langem Kampf mit der Kirche, die Bischöfe und die Grossen
des Reichs, zwei so widrige Extreme, endlich zusammentrafen, war es um die
Gründung eines festen gotischen Reichs in Spanien geschehen. Statt dass vorher
die Könige dieses Volks von der Nation gewählt waren, machten die Bischöfe die
Würde eines Königes erblich und seine Person göttlich. Aus Kirchenversammlungen
wurden Reichstäge, die Bischöfe des Reichs ersten Stände. In Pracht und
Weichheit verloren die Grossen des Palasts ihre Treue, die einst tapfern Krieger,
unter welche das Land verteilt war, auf ihren reichen Wohnsitzen den Mut, die
Könige bei ihren auf Religion gegründeten Vorzügen Sitten und Tugend.
Unbefestiget lag also das Reich dem Feinde da, woher er auch kommen mochte; und
als er aus Afrika kam, ging ein solches Schrecken vor ihm her, dass nach einer
glücklichen Schlacht die schwärmenden Araber in zweien Jahren den grössesten und
schönsten Teil von Spanien besassen. Mehrere Bischöfe wurden treulos; die 712
üppigen Grossen unterwarfen sich oder flohen und fielen. Das Reich, das, ohne
innere Verfassung, auf dem persönlichen Mut und Diensteifer seiner Goten beruhen
sollte, war wehrlos, sobald dieser Mut und diese Treue dahin waren. Mögen
immerhin die Kirchenzucht und der Ritus aus den spanischen Konzilien viel zu
lernen haben; für die Landeseinrichtung war Toledo von jeher ein Grab und ist es
lange geblieben.277
    Denn als nun jener tapfre Rest geschlagener und betrogener Goten aus seinen
Gebürgen wieder hervorging und in sieben- bis achtundert Jähren durch 3700
Schlachten kaum wiedergewann, was ihm zwei Jahre und eine Hauptschlacht geraubt
hatten; wie anders, als dass der sonderbar gemischte Christen- und Gotengeist
jetzt nur als der Schatten aus einem Grabe erscheinen konnte? Altchristen
eroberten jetzt von heidnischen Sarazenen ihr so lange enteiligtes Land; jede
Kirche, die sie aufs neue weihen dorften, ward ihnen eine teure Siegesbeute.
Bischoftümer und Klöster wurden also ohne Zahl erneuet, gestiftet, als ein Kranz
der Christen- und Ritterehre angelobet; und weil die Eroberung langsam fortging,
so hatte man Zeit, zu weihen und anzugeloben. Dazu traf die Wiedereroberung
grösstenteils in die blühendsten Zeiten des Ritter- und Papsttumes. Einige
Reiche, die man den Mauren entrissen hatte, liess sich der König vom Papst zum
Lehn auftragen, damit er in ihnen als ein echter Sohn der alten Kirche
herrschte. Allentalben wurden die Bischöfe seine Mitregenten, und die
christlichen Ritter, die das Reich mit ihm erobert hatten, Grandes y ricos
hombres, ein hoher Adel, der mit seinem Könige das neue Christenreich teilte.
Wie unter jenen alten Rechtgläubigen Juden und Arianer ausgetrieben waren, so
galt's jetzo Juden und Mauren, so dass das schöne, unter mehreren Völkern einst
blühende Land nach und nach eine anmutige Wüste wurde. Noch jetzt stehen überall
die Säulen dieser alt-und neugotischen Christenstaatsverfassung in Spanien da;
die Zeit hat manches zwischen sie gesetzt, ohne den Riss und Grund des Gebäudes
ändern zu können. Zwar tront der katolische König nicht mehr neben dem
Bischofstrone in Toledo, und die heilige Inquisition ist seit ihrer Entstehung
mehr ein Werkzeug des Despotismus als der blinden Andacht gewesen; dagegen aber
sind in diesem abgeschlossenen romantischen Lande der Schwärmerei so viele und
so dauerhafte Ritterschlösser errichtet, dass die Gebeine des heil. Jacobus zu
Compostell fast sichrer als die Gebeine des heil. Petrus zu Rom zu ruhen
scheinen, über ein halbhundert Erz- und Bischöfe, über dreitausend meistens
reiche Klöster geniessen die Opfer eines Reiches, das seine Rechtgläubigkeit mit
Feuer, Schwert, Betrug und grossen Hunden auch in zwei andre Weltteile verbreitet
hat; im spanischen Amerika allein tronen fast ebensoviel Erz- und Bischöfe in
aller Herrlichkeit der Kirche. In Geisteswerken der Spanier fangen dicht hinter
den Römern christliche Poeten, Streiter und kanonische Richter an, auf welche
Schrifterklärer und Legendenschreiber in solcher Anzahl folgen, dass selbst ihre
Lust- und Possenspiele, ihre Tänze und Stiergefechte sich nicht ohne Christentum
behelfen mögen. Das bischöflich-gotische Recht hat sich mit dem
römisch-kanonischen Rechte innig verschlungen; aller Scharfsinn der Nation ist
darüber in Subtilitäten abgewetzt worden, so dass auch hier eine Wüste daliegt,
die statt der Früchte Dornen träget.278 Obwohl endlich von jenen hohen Hof- und
Kronbeamten, die bei den Goten wie bei andern deutschen Völkern zuerst nichts
als persönliche Ämter waren, nachher aber als Reichswürden ein halbes
Jahrtausend hin das Mark des Landes an sich gesogen haben, zum Teil nur noch der
Schatten ist, indem die königliche Gewalt sich hier mit dem Papst zu setzen,
dort den Stolz der Grossen zu demütigen und die Macht derselben einzuschränken
gewusst hat, so wird doch, weil widrige Prinzipien dieser Art dem Staat einmal
zum Grunde liegen und in den Charakter der Nation selbst verwebt sind, das
schöne Land noch lange vielleicht ein milderes europäisches Afrika, ein
gotisch-mauritanischer Christenstaat bleiben.
    
    Von den Westgoten aus Spanien verdränget, waren die Wandalen mit dem Rest
der Alanen nach Afrika gegangen, wo sie das erste christliche Raubnest
stifteten, reicher und mächtiger, als in der Folge eines ihrer mahomedanischen
Nachfolger gewesen. Geiserich, ihr König, einer der tapfersten Barbaren, die die
Erde sah, nahm mit einer mässigen Schar in wenigen Jahren die ganze schöne
afrikanische Küste von der Meerenge bis zur Lybisschen Wüste ein und schuf sich
eine Seemacht, mit der ein halbes Jahrhundert lang dieser numidische Löwe alle
Küsten des Mittelländischen Meers von Griechenland und Illyrien an, über die
Säulen Herkules' hinaus, bis nach Galizien beraubte, die Balearischen Inseln,
Sardinien, einen Teil Siziliens sich zueignete und Rom, die Hauptstadt der Welt,
zehn Tage lang so langsam und rein ausplünderte, dass er mit dem goldnen Dache
Jupiters, mit der alten Beute des jüdischen Tempels, mit unermesslichen Schätzen
an Kunstwerken und Kostbarkeiten, die ihm nur zum Teil das Meer raubte, mit
einer Menge Gefangener, die er kaum irgend zu lassen wusste, mit einer geraubten
Kaiserin und ihren beiden Töchtern glücklich und wohl in seinem Kartago ankam.
Die älteste Kaisertochter, Eudoxia, vermählte er seinem Sohne, die andre mit
ihrer Mutter schickte er zurück und war übrigens ein so kluges, mutiges
Ungeheuer, dass er wert war, ein Freund und Bundsgenoss des grossen Attila zu sein,
der von der Lena in Asien an bis über den Rhein hin die Welt eroberte,
besteuerte und schreckte. Billig gegen seine Unterworfenen, strenge in Sitten,
entaltsam, mässig, nur im Verdacht oder im Zorn grausam und immer tätig, immer
wachsam und glücklich, lebte Geiserich sein langes Leben aus und hinterliess
seinen beiden Söhnen ein blühendes Reich, in welchem die Schätze des Okzidents
gesammlet waren. Sein Letzter Wille gründete des Reichs ganzes Schicksal.
Demzufolge sollte stets der Älteste seines gesamten Geschlechts regieren, weil
dieser es mit der grössesten Erfahrung tun könnte, und eben damit war der ewige
Zank- und Mordapfel unter seine Abkömmlinge geworfen. Kein Ältester seiner
Familie war fortan des Lebens sicher, indem jeder Jüngere der Älteste sein
wollte; so mordeten Brüder und Vettern einander, jeder fürchtete oder neidete
den andern, und da der Geist des Stifters in keinem seiner Nachkommen war, so
versanken seine Wandalen in alle Üppigkeit und Träge des afrikanischen
Erdstrichs. Ihr bleibendes Kriegslager, in welchem sich alter Mut erhalten
sollte, ward ein Lager des Spiels und der Wohllust, und kaum nach ebenso vieler
Zeit, als Geiserich selbst regieret hatte, ging das ganze Reich in einem
Feldzuge unter. Der achte König, Gelimer, ward mit allen erbeuteten Schätzen zu
Konstantinopel in einem barbarischen Prachttriumph aufgeführet und starb als ein
Landmann; seine gefangenen Wandalen wunden an die persische Grenze in Schlösser
verlegt, und der Rest der Nation verlor sich; wie ein Zauberschloss voll Goldes
und Silbers verschwand dies sonderbare Reich, von dem man etwa noch Münzen in
der afrikanischen Erde antrifft. Die jüdischen Tempelgeräte, die Geiserich aus
Rom geraubt hatte, wurden in Konstantinopel zum drittenmal im Triumph getragen;
sie kamen nach Jerusalem zurück als Geschenk in eine Christenkirche und sind
wahrscheinlich nachher, mit einem arabischen Spruch bezeichnet, als Münzen in
alle Welt geflogen. So wandern die Heiligtümer; Reiche verschwinden; es wechseln
Völker und Zeiten. Sehr wichtig wäre es gewesen, wenn sich in Afrika dies
wandalische Reich hätte erhalten können; ein grosser Teil der europäischen,
asiatischen und afrikanischen Geschichte, ja der ganze Weg europäischer Kultur
wäre dadurch verändert. Jetzt ist das Andenken dieses Volks kaum noch im Namen
einer spanischen Provinz kenntlich.279
 
                                       II
                      Reiche der Ostgoten und Langobarden
    Ehe wir diese betrachten, müssen wir einem Meteor am Himmel Europas, der
Geissel Gottes, dem Schrecken der Welt, dem Hunnenkönige Attila einen Blick der
Aufmerksamkeit schenken. Schon bemerkten wir, wie eigentlich der Aufbruch der
Hunnen in der Tatarei alle deutsche Völker in die letzte grosse Bewegung gesetzt
habe, die dem römischen Reich ein Ende machte; unter Attila war die Macht der
Hunnen in Europa in ihrer furchtbarsten Grösse. Ihm waren die Kaiser von Orient
tributbar; er verachtete sie als Sklaven ihrer Knechte, liess jährlich sich 2100
Pfund Goldes zollen und ging in einem leinenen Kleide. Goten, Gepiden, Alanen,
Heruler, Akaziren, Türinger und Slawen dieneten ihm; er wohnete im nördlichen
Pannonien in einem Flecken, von einer Wüste umgeben, in einem hölzernen Hause.
280 Seine Gefährten und Gäste tranken aus goldnem Gerät; er trank aus einem
hölzernen Becher, trug kein Gold, kein Edelgestein an sich, auch nicht an seinem
Schwert, noch am Zügel seines Pferdes. Billig und gerecht, gegen Unterworfene
äusserst gütig, aber misstrauisch gegen seine Feinde und stolz gegen die stolzen
Römer, brach er, wahrscheinlich vom Wandalenkönige Geiserich angeregt, mit einem
Heer von fünf- bis siebenmal hunderttausend Menschen aller Nationen plötzlich
auf, wandte sich westwärts, durchflog Deutschland, ging über den Rhein,
zerstörte bis in die Mitte Galliens: alles zitterte vor ihm, bis endlich aus
allen westlichen Völkern ein Heer sich gegen ihn sammlete und anrückte.
Kriegsklug zog Attila sich auf die Katalaunische Ebne zurück, wo sein Rückweg
frei war; Römer, Goten, Läter, Armoriker, Breonen, Burgunder, Sachsen, Alanen
und Franken standen gegen ihn; er selbst ordnete die Schlacht. Das Treffen war
blutig, der König der Westgoten blieb; Mengen fielen, und Kleinigkeiten
entschieden. Unverfolgt zog Attila über den Rhein zurück und ging im folgenden
Jahr frisch über die Alpen, da er Italien durchstreifte, Aquileja zerstörte,
Mailand plünderte, Pavia verbrannte und, um dem ganzen Römerreich ein Ende zu
machen, auf Rom losging. Hier kam ihm Leo, der römische Bischof, flehend
entgegen und erbat die Rettung der Stadt; dieser reisete auch gen Mantua zu ihm
ins Lager und bat Italien von ihm los. Der Hunnenkönig zog zurück über die Alpen
und war eben im Begriff, jene in Gallien verlerne Schlacht zu rächen, als er vom
Tode übereilt ward. Mit lauten Klagen begruben ihn seine Hunnen; mit ihm sank
ihre furchtbare Macht. Sein Sohn Ellak starb bald ihm nach; das Reich zerfiel,
der Rest seines Volks ging nach Asien zurück oder verlor sich. Er ist der König
Etzel, den Gedichte mehrerer deutscher Völker nennen, der Held, vor dessen Tafel
die Dichter mehrerer Nationen ihrer Vorfahren Taten sangen; desgleichen ist er
das Ungeheuer, dem man auf Münzen und in Gemälden Hörner andichtete, ja dessen
ganzes Volk man zu einer Waldteufel- und Alrunenbrut machte. Glücklich tat Leo,
was keine Heere tun konnten, und hat Europa von einer kalmuckischen
Dienstbarkeit befreit; denn ein mogolisches Volk war Attilas Heer, an Bildung,
Lebensweise und Sitten kenntlich.
    
    Auch des Reichs der Heruler müssen wir erwähnen, weil es dem ganzen
westlichen Kaisertum ein Ende machte. Längst waren diese mit andern deutschen
Völkern im römischen Solde gewesen, und da sie, bei wachsender Not des Reichs,
nicht mehr bezahlt werden konnten, bezahlten sie sich selbst; ein dritter Teil
des Landes ward ihnen in Italien zum Anbau gegeben, und ein glücklicher
Abenteurer, Odoaker, Anführer der Skirren, Rugen und Heruler, ward Italiens
erster König. Er bekam den letzten Kaiser Romulus in seine Hände, und da ihn
dessen Jugend und Gestalt zum Mitleiden bewegten, schickte er ihn mit einem
Jahrgelde auf eine Villa Luculls in Kampanien. Siebenzehn Jahre hat Odoaker
Italien bis nach Sizilien hinab nicht unwürdig, obwohl unter den grössesten
Landplagen, verwaltet, bis die Reute eines so schönen Besitzes den König der
Ostgoten, Teoderich, reizte. Der junge Held liess sich Italien vom Hofe zu
Konstantinopel zum Königreich anweisen, überwand den Odoaker, und da dieser
einen demütigenden Vergleich nicht halten wollte, ward er ermordet. So begann
der Ostgoten Herrschaft.
    
    Teoderich ist der Stifter dieses Reiches, den die Volkssage unter dem Namen
Dietrich von Bern kennet: ein wohlgebildeter und wohlgesinneter Mann, der als
Geisel in Konstantinopel erzogen war und dem morgenländischen Reich viel Dienste
getan hatte. Dort war er schon mit der Würde eines Patricius und Konsuls
geschmückt; ihm zur Ehre war eine Bildsäule vor dem kaiserlichen Palast
errichtet; Italien aber ward das Feld seines schöneren Ruhms, einer gerechten
und friedlichen Regierung. Seit Mark-Antonins Zeiten war dieser Teil der
römischen Welt nicht weiser und gütiger beherrscht worden, als er über Italien
und Illyrikum, einen Teil von Deutschland und Gallien, ja als Vormund auch über
Spanien herrschte und zwischen Westgoten und Franken lange den Zügel hielt.
Ohngeachtet seines Triumphes zu Rom masste er sich den Kaisertitel nicht an und
war mit dem Namen Flavius zufrieden; aber alle kaiserliche Macht übte er aus,
ernährte das römische Volk, gab der Stadt ihre alten Spiele wieder, und da er
ein Arianer war, sandte er den Bischof zu Rom selbst in der Sache des Arianismus
als seinen Gesandten nach Konstantinopel. Solange er regierte, war Friede unter
den Barbaren: denn das westgotische, fränkische, wandalische, türingische Reich
waren durch Bündnisse oder Blutsfreundschaft mit ihm vereinigt. Italien erholte
sich unter ihm, indem er dem Ackerbau und den Künsten aufhalf, und jedem Volk
blieben seine Gesetze und Rechte. Er unterhielt und ehrte die Denkmale des
Altertums, bauete, obwohl nicht ganz mehr im Römergeschmack, prächtige Gebäude,
von welchen vielleicht der Name der gotischen Baukunst herrühret, und seine
Hofhaltung ward von allen Barbaren verehret. Sogar ein schwacher Schimmer der
Wissenschaften ging unter ihm auf: die Namen seiner ersten Staatsdiener, eines
Cassiodor, Boetius, Symmachus, sind noch bis jetzt hochgeschätzte Namen,
obgleich die beiden letzten, auf einen Verdacht, dass sie die Freiheit Roms
wiederherstellen wollten, ein unglückliches Ende fanden. Vielleicht war der
Verdacht dem alten Könige verzeihlich, da er nur einen jungen Enkel zur
Nachfolge vor sich sah und, was seinem Reich zur dauernden Festigkeit fehlte,
wohl kannte. Es wäre zu wünschen gewesen, dass dies Reich der Goten bestanden und
statt Karls des Grossen ein Teoderich die Verfassung Europas in geist- und
weltlichen Dingen hätte bestimmen mögen.
    Nun aber starb der grosse König nach 34 Jahren einer klugen und tätigen
Regierung; und sogleich brachen die übel aus, die in der Staatsverfassung aller
deutschen Völker lagen. Die edle Vormünderin des jungen Adelrichs, Amalasvinde,
ward von den Grossen des Reichs in der Erziehung desselben gehindert, und als sie
nach seinem Tode den abscheulichen Teodat zum Reichsgehülfen annahm, der sie
mit dem Tode belohnte, so war die Fahne des Aufruhrs unter den Goten gepflanzet.
Mehrere Grosse wollten regieren; der habsüchtige Justinian mischt sich in ihre
Streitigkeiten, und Belisar, sein Feldherr, setzt unter dem Verwände, Italien zu
befreien, über das Meer. Die unter sich uneinigen Goten werden eingeenget und
betrogen, die Residenz ihrer Könige, Ravenna, hinterlistig eingenommen, und
Belisar zieht mit Teoderichs Schätzen und einem gefangenen Könige nach Hause.
Bald beginnet der Krieg aufs neue; der tapfre König der Goten, Totilas, erobert
Rom zweimal, schonet aber desselben und lässet es mit niedergerissenen Mauern
offen liegen. Ein zweiter Teoderich war dieser Totilas, der während der eilt
Jahre seiner Regierung den treulosen Griechen viel zu tun gab. Nachdem er im
Treffen geblieben und sein Hut mit dem blutigen Kleide dem eitlen Justinian zu
Füssen gelegt war, ging's mit dem Reich der Goten zu Ende, wiewohl sie sich bis
auf die letzten 7000 Mann tapfer hielten. Empörend ist die Geschichte dieses
Krieges, indem auf der einen Seite tapfre Gerechtigkeit, auf der andern
griechischer Betrug, Geiz und jede Niederträchtigkeit der Italiener kämpfen, so
dass es zuletzt einem Verschnittenen, dem Narses, gelang, das Reich auszurotten,
das Teoderich zum Wohl Italiens gepflanzt hatte, und dagegen zu Italiens langem
Weh das hinterlistige, schwache Exarchat, die Wurzel so vieler Unordnungen und
Übel, einzuführen. Auch hier wie in Spanien war leider die Religion und die
innere Verfassung des gotischen Staats der Grund zu seinem Verderben. Die Goten
waren Arianer geblieben, die der Römische Stuhl, ihm so nahe, ja als seine
Oberherren, unmöglich dulden konnte; durch alle Mittel und Wege, wenn auch von
Konstantinopel her und mit eigner Gefahr, ward also ihr Fall befördert. Zudem
hatte sich der Charakter der Goten mit dem Charakter der Italiener noch nicht
gemischt, sie wurden als Fremdlinge und Eroberer angesehen und ihnen die
treulosen Griechen vorgezogen, von denen, auch schon in diesem Befreiungskriege,
Italien unsäglich litt und noch mehr gelitten hätte, wenn ihm nicht, wider
seinen Willen, die Longobarden zu Hülfe gekommen wären. Die Goten zerstreueten
sich, und ihr letzter Rest ging über die Alpen.
    
    Die Longobarden verdienen es, dass der obere Teil Italiens ihren Namen trägt,
da er den bessern Namen der Goten nicht tragen konnte. Gegen diese rief
Justinian sie aus ihrem Pannonien hervor, und sie setzten sich zuletzt selbst in
den Besitz der Beute. Alboin, ein Fürst, dessen Namen mehrere deutsche Nationen
priesen, kam über die Alpen und führte von mehreren Stämmen ein Heer von
Weibern, Kindern, Vieh und Hausrat mit sich, um das der Goten beraubte Land
nicht zu verwüsten, sondern zu bewohnen. Er besetzte die Lombardei und ward in
Mailand von seinen Longobarden, auf einem Kriegesschilde erhoben, zum Könige
Italiens ausgerufen, endete aber bald sein Leben. Von seiner Gemahlin Rosemunde
war sein Mörder bestellt; sie vermählt sich mit dem Mörder und muss entweichen.
Der von den Longobarden erwählte König ist stolz, grausam; die Grossen der Nation
werden also einig, keinen König zu wählen und das Reich unter sich zu teilen; so
entstehen sechsunddreissig Herzoge, und hiemit war die erste lombardisch-deutsche
Verfassung in Italien gegründet. Denn als die Nation, vom Bedürfnis gezwungen,
sich wieder Könige wählte, so tat dennoch jeder mächtige Lehnsträger meistens
nur das, was er tun wollte; selbst die Wahl derselben ward oft dem Könige
entrissen, und es kam zuletzt auf das unsichere Ansehen seiner Person an, ob er
seine Vasallen zu lenken und zu gebrauchen wusste. So entstanden die Herzoge von
Friaul, Spoleto, Benevent, denen bald andre nachfolgeten: denn das Land war
voller Städte, in welchen hier ein Herzog, dort ein Graf sein Wesen treiben
konnte. Dadurch ward aber das Reich der Longobarden entkräftet und wäre leichter
als das Reich der Goten wegzufegen gewesen, wenn Konstantinopel einen Justinian,
Belisar und Narses gehabt hätte; indes sie jetzt auch in ihrem kraftlosen
Zustande den Rest des Exarchats zerstören konnten. Allein mit diesem Schritte
war auch ihr Fall bereitet. Der Bischof zu Rom, der in Italien keine als eine
schwache, zerteilte Regierung wünschte, sähe die Longobarden sich zu nahe und
mächtig; da er nun von Konstantinopel aus keinen Beistand hoffen konnte, zog
Stephanus über das Gebürge, schmeichelte dem Usurpator des fränkischen Reichs,
Pipin, mit der Ehre, ein Beschützer der Kirche werden zu können, salbte ihn zu
einem rechtmässigen Könige der Franken und liess sich dafür noch vor dem
erobernden Feldzuge selbst die fünf Städte und das den Longobarden zu
entnehmende Exarchat schenken. Der Sohn Pipins, Karl der Grosse, vollendete
seines Vaters Werk, erdrückte mit seiner überwiegenden Macht das longobardische
Reich und ward dafür vom Heiligen Vater zum Patricius von Rom, zum Schutzherrn
der Kirche, ja endlich, wie durch eine Eingebung des Geistes, zum römischen
Kaiser ausgerufen und gekrönet. Was dieser Ausruf für ganz Europa veranlasst
habe, wird die Folge zeigen; für Italien ging, durch diesen herrlichen Fischzug
Petri jenseit der Alpen, das ihm nimmer ersetzte longobardische Reich unter. In
den zwei Jahrhunderten seiner Dauer hatte es für die Bevölkerung des verwüsteten
und erschöpften Landes gesorgt; es hatte durch deutsche Rechtlichkeit und
Ordnung Sicherheit und Wohlstand verbreitet, wobei jedem freigestellet blieb,
nach longobardischen oder eignen Gesetzen zu leben. Der Longobarden Rechtsgang
war kurz, förmlich und bindend; lange noch galten ihre Gesetze, als schon ihr
Reich gestürzt war. Auch Karl, der Unterdrücker desselben, liess sie gelten und
fügte die seinen nur an. In mehreren Strichen Italiens sind sie nebst dem
römischen das gemeine Gesetz geblieben und haben Verehrer und Erklärer gefunden,
auch da späterhin auf Befehl der Kaiser das Justinianische Recht emporkam.
    Dem allen ohngeachtet ist nicht zu leugnen, dass insonderheit die
Lehnverfassung der Longobarden, der mehrere Nationen Europas folgten, diesem
Weltteil unselige Folgen gebracht habe. Dem Bischöfe Roms konnte es angenehm
sein, dass bei einer zerteilten Macht des Staats eigenmächtige Vasallen nur durch
schwache Bande an ihre Oberherren geknüpft waren; denn nach der alten Regel:
»Teile und herrsche!« mochte man sodann aus jeder Unordnung Vorteil ziehen.
Herzoge, Grafen und Barone konnte man gegen ihre Lehnverleiher aufregen und
durch Vergebung der Sünden bei rohen Lehns- und Kriegsmännern für die Kirche
viel gewinnen. Dem Adel ist die Lehnverfassung seine alte Stütze, ja die Leiter
gewesen, auf welcher Beamte zu Erbeigentümern und, wenn die Ohnmacht der
Anarchie es wollte, zur Landeshoheit selbst hinaufstiegen. Für Italien mochte
dies alles weniger schädlich sein, da in diesem längst kultivierten Lande
Städte, Künste, Gewerbe und Handel in Nachbarschaft mit den Griechen, Asiaten
und Afrikanern nie ganz vernichtet werden konnten und der noch unausgetilgte
Römercharakter sich nie ganz unterdrücken liess, obwohl auch in Italien die
Lehnzerteilung der Zunder unsäglicher Unruhen, ja eine Hauptursache mit gewesen,
warum seit den Zeiten der Römer das schöne Land nie zur Konsistenz eines festen
Zustandes gelangen konnte. In andern Ländern werden wir die Anwendung des
longobardischen förmlichen Lehnrechtes, zu welchem in allen Verfassungen
deutscher Völker ähnliche Keime lagen, weit verderblicher finden. Seit Karl der
Grosse die Lombardei in sein Besitztum zog und als Erbteil unter seine Söhne
brachte; seitdem unglücklicherweise auch der römische Kaisertitel nach
Deutschland kam und dies arme Land, das nie zu einer Hauptbesinnung kommen
konnte, mit Italien in das gefährliche Band zahlreicher und verschiedner
Lehnverknüpfungen zog: seitdem ward, ehe noch ein Kaiser das geschriebene
longobardische Recht anempfahl und dem Justinianischen Recht beifügte, in
mehreren Ländern die ihm zum Grunde liegende Verfassung allen an Städten und
Künsten armen Gegenden gewiss nicht zum Besten errichtet. Aus Unwissenheit und
Vorurteil der Zeiten galt endlich das longobardische für das allgemeine
kaiserliche Lehnrecht, und so lebt dies Volk noch jetzt in Gewohnheiten, die
eigentlich nur aus seiner Asche zu Gesetzen gesammlet wurden.281
    Auch auf den Zustand der Kirche ging vieles von dieser Verfassung über.
Zuerst zwar waren die Longobarden, wie die Goten, Arianer; als aber Gregor der
Grosse die Königin Teodolinde, diese Muse ihres Volks, zur rechtgläubigen Kirche
zu ziehen wusste, so zeigte sich der Glaube der Neubekehrten auch bald eifrig in
guten Werken. Könige, Herzoge, Grafen und Barone wetteiferten miteinander,
Klöster zu bauen und die Kirchen mit ansehnlichen Patrimonien zu beschenken; die
Kirche zu Rom hatte dergleichen von Sizilien aus bis in den Kottischen Alpen.
Denn wenn die weltlichen Herren sich ihre Lehngüter erwarben, warum sollten die
geistlichen Herren nicht ein gleiches tun, da sie für eine ewige
Nachkommenschaft zu sorgen hatten? Mit ihrem Patrimonium bekam jede Kirche einen
Heiligen zu ihrem Schutzwächter, und mit diesen Patronen, als Verbittern bei
Gott, hatte man sich unendlich abzufinden. Ihre Bilder und Reliquien, ihre Feste
und Gebete bewirkten Wunder; diese Wunder bewirkten neue Geschenke, so dass bei
fortgesetzter gegenseitiger Erkenntlichkeit der Heiligen von einem Teil, der
Lehnbesitzer, ihrer Weiber und Kinder auf der andern Seite, die Rechnung nie
aufhören konnte. Die Lehnverfassung selbst ging gewissermasse in die Kirche über.
Denn wie der Herzog vor dem Grafen Vorzüge hatte, so wollte auch der Bischof,
der jenem zur Seite sass, vor dem Bischöfe eines Grafen Vorrechte haben; das
weltliche Herzogtum schlug sich also zu einem erzbischöflichen Sprengel, die
Bischöfe untergeordneter Städte zu Suffraganeen eines geistlichen Herzogs
zusammen. Die reich gewordenen Äbte, als geistliche Barone, suchten der
Gerichtsbarkeit ihrer Bischöfe zu entkommen und unmittelbar zu werden. Der
Bischof zu Rom, der auf diese Weise ein geistlicher Kaiser oder König ward,
verlieh diese Unmittelbarkeit gern und arbeitete den Grundsätzen vor, die
nachher der falsche Isidor für die gesamte christkatolische Kirche öffentlich
aufstellte. Die vielen Festtage, Andachten, Messen und Ämter erforderten eine
Menge geistlicher Diener; die erlangten Schätze und Kleider der Kirche, die im
Geschmack der Barbaren waren, wollten ihren Schatzbewahrer, die Patrimonien ihre
Rectores haben, welches alles zuletzt auf einen geist- und weltlichen
Schutzherren, d. i. auf einen Papst und Kaiser hinauslief, also dass Staat und
Kirche eine wetteifernde Lehnverfassung wurden. Der Fall des longobardischen
Reichs ward die Geburt des Papstes und mit ihm eines neuen Kaisers, der damit
der ganzen Verfassung Europas eine neue Gestalt gab. Denn nicht Eroberungen
allein verändern die Welt, sondern viel mehr noch neue Ansichten der Dinge,
Ordnungen, Gesetze und Rechte.
 
                                      III
                  Reiche der Alemannen, Burgunder und Franken
    Die Alemannen waren eins der roheren deutschen Völker, zuerst Räuber der
römischen Grenzen, Verwüster ihrer Schlösser und Städte. Als das römische Reich
fiel, bemächtigten sie sich des östlichen Teils von Gallien und halten an ihm
mit ihren alten Besitzungen ein schönes Land inne, dem sie auch eine schöne
Verfassung hätten geben mögen. Die Alemannen haben sie ihm nie gegeben; denn die
Macht der Franken überwältigte sie; ihr König fiel in der Schlacht, sein Volk
496 unterwarf sich und ward unterjocht oder zerstreuet, bis unter fränkischer
Hoheit sie einen Herzog, bald auch das Christentum, endlich auch geschriebene
Gesetze bekamen. Noch sind diese übrig und zeigen den einfachen, rohen Charakter
des Volkes. Unter den letzten Merowingern wurde ihm auch sein Herzog genommen,
und es verlor sich in der Masse der fränkischen Völker. Wenn Alemannen die
Stammväter der deutschen Schweiz sind, so ist ihnen zu danken, dass sie die
Wälder dieser Berge zum zweitenmal gelichtet und allgemach wieder mit Hütten,
Flecken, Burgen, Türmen, Kirchen, Klöstern und Städten geziert haben. Da wollen
wir denn auch ihrer Bekehrer, des h. Columbans und seiner Gefährten, nicht
vergessen, deren einer, St. Gall, durch Gründung seines Klosters ein für ganz
Europa wohltätiger Name ward. Die Erhaltung mehrerer klassischen Schriftsteller
haben wir dem Institut dieser irländischen Mönche zu danken, deren Einsiedelei
mitten unter barbarischen Völkern wo nicht ein Sitz der Gelehrsamkeit, so doch
eine Quelle der Sittenverbesserung ward und wie ein Stern in diesen dunkeln
Gegenden glänzet.282
    
    Die Burgunder wurden ein sanfteres Volk, seitdem sie mit den Römern im Bunde
standen. Sie liessen sich von ihnen in Bürge verlegen, waren auch dem Ackerbau,
den Künsten und Handwerken nicht unhold. Als ihnen die Römer eine Provinz in
Gallien einräumten, hielten sie sich friedlich, pflegten des Feld- und
Weinbaues, lichteten die Wälder und hätten in ihrer schönen Lage, die zuletzt
bis zur Provence und zum Genfer See reichte, wahrscheinlich ein blühendes Reich
gestiftet, wenn ihnen nordwärts die stolzen und räuberischen Franken dazu Raum
gegönnet hätten. Nun aber war jene Klotilde, die Frankreich den christlichen
Glauben brachte, zum Unglück eine burgundische Prinzessin, die, um einige
Freveltaten ihres Hauses zu rächen, dasselbe mit ihrem väterlichen Reiche selbst
stürzte. Kaum hundert Jahre hatte dies gedauret, aus welcher Zeit uns die
Gesetze der Burgunder nebst einigen Schlüssen ihrer Kirchenversammlungen noch
übrig sind; vorzüglich aber haben sie durch Anbau des Landes am Genfer See und
in den gallischen Provinzen ihren Namen verewigt. Sie machten diese Gegenden zu
einem früheren Paradiese, als andre noch in wüster Wildnis lagen. Gundebald, ihr
Gesetzgeber, liess das zerstörte Genf wiederherstellen, dessen Mauern über
tausend Jahre eine Stadt beschirmet, die mehr als grosse Erdstrecken auf Europa
gewirkt hat. In denen von ihnen angebaueten Gegenden hat mehr als einmal sich
der menschliche Geist entflammet und seine Phantasie geschärfet. Auch unter den
Franken behielten die Burgunder ihre alte Verfassung; daher beim Verfall der
Karlinger sie die ersten waren, die sich einen eigenen König wählten. Über
zweihundert Jahre daurete dieser neue Staat und ward andern Völkern, sich auch
einzeln einzurichten, ein nicht unheilsames Vorbild.
    Es ist Zeit, von dem Reiche zu reden, das so vielen andern ein Ende gemacht
hat, dem Reiche der Franken. Nach manchen vorhergegangenen Versuchen gelang es
ihnen endlich, mit einem geringen Anfange in Gallien jenen Staat zu gründen, der
zuerst die Alemannen besiegte, dann die Westgoten allgemach bis nach Spanien
drängte, die Briten in Armorika bezwang, das Reich der Burgunder unter sich
brachte und den Staat der Türinger grausam zerstörte. Als der verfallende
Königsstamm Merwichs und Klodwigs tapfere Grosshofmeister (Majores domus) bekam,
schlug Karl Martell die Araber zurück und brachte die Friesen unter sich; und
als die Majores domus Könige worden, stand bald der grosse Karl auf, der das
Reich der Longobarden zerstörte, Spanien bis zum Ebro samt Majorka und Minorka,
das südliche Deutschland bis in Pannonien hinein, das nördliche bis an die Elbe
und Eider bezwang, aus Rom den Kaisertitel an sein Land zog und auch die
Grenzvölker seines Reichs, Hunnen und Slawen, in Furcht und Gehorsam erhielt.
Ein mächtiges Reich! Mächtiger, als seit der Römer Zeiten eins gewesen war, und
in seinem Wachstum wie in seinem Verfall für ganz Europa gleich merkwürdig. Wie
kam das Reich der Franken, unter allen seinen Mitgenossen, zu dieser
vorzüglichen Wirkung?
    1. Das Land der Franken hatte eine sicherere Lage als irgendein andrer
Besitz ihrer wandernden Brüder. Denn nicht nur war, als sie nach Gallien
rückten, das römische Reich schon gestürzt, sondern auch die tapfersten ihrer
vorangegangenen Mitbrüder waren entweder zerstreuet oder versorget. über die
entkräfteten Gallier ward ihnen der Sieg leicht; diese nahmen, von vielem
Unglück ermattet, willig das Joch auf sich, und der letzte Rest der Römer war
wie ein Schatte zu verscheuchen. Da Klodwig nun mit tyrannischer Hand seinem
neuen Besitz ringsum Platz schaffte und kein Leben eines gefährlichen Nachbars
ihm heilig war, so hatte er bald Gesicht und Rücken frei, und sein Frankreich
ward wie eine Insel, von Bergen, Strömen, dem Meer und Wüsteneien unterdrückter
Völker umgeben. Nachdem Alemannen und Türinger überwunden waren, sassen hinter
ihnen keine Nationen, die Lust zu wandern hatten; den Sachsen und Friesen wussten
sie ihre Lust dazu bald auf eine grimmige Art zu benehmen. Von Rom und
Konstantinopel lag das Reich der Franken gleichfalls glücklich entfernet. Denn
hätten sie in Italien ihre Rolle zu spielen gehabt, wahrlich, die schlechten
Sitten ihrer Könige, die Treulosigkeit ihrer Grossen, die nachlässige Verfassung
des Reichs, ehe die Majores domus aufstanden, alles dies verbürgte ihnen kein
besseres Schicksal, als würdigere Nationen, Goten und Longobarden, darin gehabt
haben.
    2. Klodwig war der erste rechtgläubige König unter den Barbaren; dies half
ihm mehr als alle Tugend. In welchen Kreis der Heiligen trat der erstgeborne
Sohn der Kirche hiemit ein! In eine Versammlung, deren Wirkung sich über das
ganze westliche Christeneuropa erstreckte. Gallien und das römische Germanien
war voll von Bischöfen; längs dem Rhein hinab und an der Donau sassen sie in
zierlicher Ordnung: Mainz, Trier, Köln, Besannen, Worms, Speier, Strassburg,
Kostnitz, Metz, Toul, Verdun, Tongern, Lorch, Trident, Brixen, Basel, Chur u.
f., alte Sitze des Christentums, dienten dem rechtgläubigen Könige als eine
Vormauer gegen Ketzer und Heiden. In Gallien waren auf dem ersten Konzilium, das
Klodwig hielt, 32 Bischöfe und unter ihnen fünf Metropolitane, ein geschlossener
geistlicher Staatskörper, durch welchen er viel vermochte. Durch sie ward das
arianische Reich der Burgunder den Franken zuteil; an sie hielten sich die
Majores domus; der Bischof zu Mainz, Bonifacius, krönte den Usurpator zum Könige
der Franken, und schon zu Karl Martells Zeiten ward über das römische Patriziat,
mitin über die Schutzherrschaft der Kirche gehandelt. Auch kann man diesen
Vormündern der christlichen Kirche nicht aufrücken, dass sie ihrem Mündel nicht
treu und hold gewesen wären. Die verwüsteten Bischofsstädte stelleten sie wieder
her, hielten ihre Diözesen aufrecht, zogen die Bischöfe mit zu den Reichstägen,
und in Deutschland ist auf Kosten der Nation den fränkischen Königen die Kirche
viel schuldig. Die Erz- und Bischöfe zu Salzburg, Würzburg, Eichstädt, Augsburg,
Freisingen, Regensburg, Passau, Osnabrück, Bremen, Hamburg, Halberstadt, Minden,
Verden, Paderborn, Hildesheim, Münster, die Abteien Fulda, Hirschfeld, Kempten,
Korvei, Ellwangen, St. Emeran u. f. haben sich durch sie gelagert: ihnen haben
diese geistliche Herren ihren Sitz auf den Reichstägen nebst Land und Leuten zu
danken. Der König von Frankreich ist der Kirche erstgeborner Sohn; der deutsche
Kaiser, sein jüngerer Stiefbruder, hat die Schutzherrschaft der Kirche von ihm
nur geerbet.
    3. Unter solchen Umständen konnte sich in Gallien die erste Reichsverfassung
eines deutschen Volks auszeichnender entwickeln als in Italien, Spanien oder in
Deutschland selbst. Der erste Schritt zu einer ringsum beherrschenden Monarchie
war durch Klodwig getan, und sein Vorbild ward stille Reichsregel. Trotz der
öftern Teilung des Reichs, trotz der innern Zerrüttungen desselben durch Untaten
im Königshause und die Zügellosigkeit der Grossen zerfiel es doch nicht; denn es
lag der Kirche daran, den Staat als Monarchie zu erhalten. Tapfre und kluge
Kronbeamte traten an die Stelle ohnmächtiger Könige, die Eroberungen gingen
fort, und man liess lieber Klodwigs Stamm ausgehn, als einen der ganzen römischen
Christenheit unentbehrlichen Staat sinken. Denn da die Verfassung deutscher
Völker allentalben eigentlich nur auf Persönlichkeit der Könige und Kronbeamten
ruhete und in diesem Reich zwischen Arabern und Heiden darauf besonders ruhen
musste, so vereinigte sich alles, ihnen in diesem Grenzreiche den Damm
entgegenzusetzen, den glücklicherweise das Haus Pipins von Heristall machte. Ihm
und seinen tapfern Nachkommen haben wir's zu danken, dass den Eroberungen der
Araber sowohl als dem Fortdrange der nörd- und östlichen Völker ein Ziel
gesteckt war, dass diesseit der Alpen wenigstens ein Schimmer der Wissenschaft
sich erhalten und in Europa endlich ein politisches System deutscher Art
errichtet worden ist, an welches sich mit Güte oder Gewalt andre Völker zuletzt
knüpfen mussten. Da Karl der Grosse der Gipfel dieser um ganz Europa verdienten
Sprosse ist, so möge sein Bild uns statt aller dastehn.283
    
    Karl der Grosse stammte von Kronbeamten ab; sein Vater war nur ein gewordner
König. Unmöglich also konnte er andre Gedanken haben, als die ihm das Haus
seiner Väter und die Verfassung seines Reichs angab. Diese Verfassung bildete er
aus, weil er in ihr erzogen war und sie für die beste hielt; denn jeder Baum
erwächst aus seiner Erde. Wie ein Franke ging Karl gekleidet und war auch in
seiner Seele ein Franke; die Verfassung seines Volkes also können wir gewiss
nicht würdiger kennenlernen, als wie er sie behandelte und ansah. Er berief
Reichstage und wirkte auf denselben, was er wollte, gab für den Staat die
heilsamsten Gesetze und Kapitulare, aber mit Zustimmung des Reichs. Jeden Stand
desselben ehrete er nach seiner Weise und liess, solange es sein konnte, auch
überwundenen Nationen ihre Gesetze. Sie alle wollte er in einen Körper
zusammenbringen und hatte Geist genug, den Körper zu beleben. Gefährliche
Herzoge liess er ausgehen und setzte dafür beamtete Grafen, die er nebst den
Bischöfen durch Kommissare (Missos) visitieren liess und auf alle Weise dem
Despotismus plündernder Satrapen, übermütiger Grossen und fauler Mönche
entgegenstrebte. Auf den Landgütern seiner Krone war er kein Kaiser, sondern ein
Hauswirt, der auch in seinem gesamten Reiche gern ein solcher sein wollte, um
jedes träge Glied zur Ordnung und zum Fleisse zu beleben; aber freilich stand ihm
die Barbarei seines Zeitalters, wie insonderheit der fränkische Kirchen- und
Kriegsgeist, hiebei oft im Wege. Er hielt aufs Recht, wie kaum einer der
Sterblichen getan hat, das ausgenommen, wo Kirchen- und Staatsinteresse ihn
selbst zu Gewalttätigkeit und Unrecht verlockten. Er liebte Tätigkeit und Treue
in seinem Dienst und würde unhold blicken, wenn er wiedererscheinend seine Puppe
der trägesten Titular-Verfassung vortragen sähe. Aber das Schicksal waltet. Aus
Kronbeamten war der Stamm seiner Vorfahren emporgesprosst; Beamte schlechterer
Art haben nach seinem Tode sein Diadem, sein Reich, ja die ganze Mühe seines
Geistes und Lebens unwürdig zerstöret. Die Nachwelt hat von ihm geerbt, was er,
sofern er's konnte, zu unterdrücken oder zu bessern suchte, Vasallen, Stände und
ein barbarisches Gepränge des fränkischen Staatsschmuckes. Er machte Würden zu
Ämtern; hinter ihm wurden bald wieder die Ämter zu trägeren Würden.
    Auch die Begierde nach Eroberungen hatte Karl von seinen Vorfahren geerbet;
denn da diese gegen Friesen, Alemannen, Araber und Longobarden entscheidend
glücklich gewesen waren und es beinahe von Klodwig an Staatsmaxime ward, das
eroberte Reich durch Unterdrückung der Nachbarn sicherzustellen, so ging er mit
Riesenschritten auf dieser Bahn fort. Persönliche Veranlassungen wurden der
Grund zu Kriegen, deren einer aus dem andern erfolgte und die den grössten Teil
seiner fast halbhundertjährigen Regierung einnehmen. Diesen fränkischen
Kriegsgeist fühlten Longobarden, Araber, Bayern, Ungarn, Slawen, insonderheit
aber die Sachsen, gegen welche er sich in einem dreiunddreissigjährigen Kriege
zuletzt sehr gewaltsame Mittel erlaubte. Er kam dadurch sofern zum Zweck, dass er
in seinem Reich die erste feste Monarchie für ganz Europa gründete; denn was
auch späterhin Normannen, Slawen und Ungarn seinen Nachfolgern für Mühe gemacht,
wie sehr auch durch Teilungen und innere Zerrüttung das grosse Reich geschwächt,
zerstückt und beunruhigt werden mochte, so war doch allen fernem tatarischen
Völkerwanderungen bis zur Elbe und nach Pannonien hin eine Grenze gesetzt. Sein
errichtetes Frankenreich, an welchem ehemals schon Hunnen und Araber gescheitert
waren, ward dazu ein unbezwinglicher Eckstein.
    Auch in seiner Religion und Liebe zu den Wissenschaften war Karl ein Franke.
Von Klodwig an war aus politischen Ursachen die Religiosität des Katolizismus
den Königen erblich gewesen; und seitdem die Stammväter Karls das Heft in Händen
hatten, traten sie hierin um so mehr an die Stelle der Könige, da bloss die
Kirche ihnen auf den Tron half und der römische Bischof selbst sie förmlich
dazu weihete. Als ein zwölfjähriges Kind hatte Karl den Heil. Vater in seines
Vaters Hause gesehen und von ihm die Salbung zu seinem künftigen Reich
empfangen; längst war das Bekehrungswerk Deutschlands unter dem Schutz, oft auch
mit freigebiger Unterstützung der fränkischen Beherrscher getrieben worden, weil
westwärts ihnen das Christentum allerdings das stärkste Bollwerk gegen die
heidnischen Barbaren war; wie anders, als dass Karl jetzt auch nordwärts auf
diesem Wege fortging und die Sachsen zuletzt mit dem Schwert bekehrte? Von der
Verfassung, die er dadurch unter ihnen zerstörte, hatte er als ein
rechtgläubiger Franke keinen Begriff; er trieb das fromme Werk der Kirche zur
Sicherung seines Reichs und gegen Papst und Bischöfe das verdienstvolle, galante
Werk seiner Väter. Seine Nachfolger, zumal als das Hauptreich der Welt nach
Deutschland kam, gingen seiner Spur nach, und so wurden Slawen, Wenden, Polen,
Preussen, Liven und Esten dergestalt bekehret, dass keins dieser getauften Völker
fernere Einbrüche ins heilige deutsche Reich wagte. Sähe indes der heilige und
selige Carolus (wie ihn auf ewige Zeiten die Goldne Bulle nennet), was aus
seinen der Religion und Wissenschaft wegen errichteten Stiftungen, aus seinen
reichen Bischoftümern. Domkirchen, Kanonikaten und Klosterschulen geworden ist:
heiliger und seliger Carolus, mit deinem fränkischen Schwert und Zepter würdest
du manchen derselben unfreundlich begegnen.
    
    4. Endlich ist nicht zu leugnen, dass der Bischof zu Rom auf dies alles das
Siegel drückte und dem fränkischen Reich gleichsam die Krone aufsetzte. Von
Klodwig an war er demselben Freund gewesen; zu Pipin hatte er seine Zuflucht
genommen und empfing von ihm zum Geschenk die ganze Beute der damals eroberten
longobardischen Länder. Zu Karl nahm er abermals seine Zuflucht, und da dieser
ihn sieghaft in Rom einsetzte, so gab er ihm dafür in jener berühmten
Christnacht ein neues Geschenk, die römische Kaiserkrone. Karl schien
erschrocken und beschämt; der freudige Zuruf des Volkes indes machte ihm die
neue Ehre gefällig, und da solche nach dem Begriff aller europäischen Völker die
höchste Würde der Welt war, wer empfing sie würdiger als dieser Franke? Er, der
grösseste Monarch des Abendlandes, in Frankreich, Italien, Deutschland und
Spanien König, des Christentums Beschützer und Verbreiter, des Römischen Stuhls
echter Schirmvogt, von allen Königen Europas, selbst vom Kalifen zu Bagdad
geehret. Bald also verglich er sich mit dem Kaiser zu Konstantinopel, hiess
Römischer Kaiser, ob er gleich in Aachen wohnte oder in seinem grossen Reich
umherzog; er hatte die Krone verdient, und o wäre sie mit ihm, wenigstens für
Deutschland, begraben!
    Denn sobald er dahin war, was sollte sie jetzt auf dem Haupte des guten und
schwachen Ludwigs? Oder als dieser sein Reich unzeitig und gezwungen teilte, wie
drückend war sie auf jedes seiner Nachfolger Haupte! Das Reich zerfällt; die
gereizten Nachbarn, Normannen, Slawen, Hunnen, regen sich und verwüsten das
Land; das Faustrecht reisst ein; die Reichsversammlungen gehen in Abgang. Brüder
führen mit Brüdern, Väter mit Söhnen die unwürdigsten Kriege, und die
Geistlichkeit nebst dem Bischöfe von Rom werden ihre unwürdigen Richter.
Bischöfe gedeihen zu Fürsten; die Streiterei der Barbaren jagt alles unter die
Gewalt derer, die in Schlössern wohnen. In Deutschland, Frankreich und Italien
richten sich Stattalter und Beamte zu Landesherren empor; Anarchie, Betrug,
Grausamkeit und Zwietracht herrschen. Achtundachtzig Jahre nach Karls
Kaiserkrönung erlischt sein rechtmässiges Geschlecht in tiefstem Jammer, und
seine letzte unechte Kaisersprosse erstirbt, noch nicht hundert Jahre nach
seinem Tode. Nur ein Mann wie er konnte ein Reich von so ungeheurer Ausbreitung,
von so künstlicher Verfassung, aus so widrigen Teilen zusammengesetzt und mit
solchen Ansprüchen begabt, verwalten; sobald die Seele aus diesem Riesenkörper
gewichen war, trennete sich der Körper und ward auf Jahrhunderte hin ein
verwesender Leichnam.
    Ruhe also wohl, grosser König, zu gross für deine Nachfolger auf lange Zeiten.
Ein Jahrtausend ist verflossen, und noch sind der Rhein und die Donau nicht
zusammengegraben, wo du, rüstiger Mann, zu einem kleinen Zwecke schon Hand ans
Werk legtest. Für Erziehung und Wissenschaften stiftetest du in deiner
barbarischen Zeit Institute; die Folgezeit hat sie gemissbraucht und missbrauchet
sie noch. Göttliche Gesetze sind deine Kapitulare gegen so manche
Reichssatzungen späterer Zeiten. Du sammletest die Barden der Vorwelt; dein Sohn
Ludwig verachtete und verkaufte sie; er vernichtete damit ihr Andenken auf ewig.
Du liebtest die deutsche Sprache und bildetest sie selbst aus, wie du es tun
konntest, sammletest Gelehrte um dich aus den fernsten Ländem; Alcuin, dein
Philosoph, Angilbert, der Homer deiner Akademie bei Hofe, und der vortreffliche
Eginhart, dein Schreiber, waren dir wert; nichts war dir mehr als Unwissenheit,
satte Barbarei und träger Stolz zuwider. Vielleicht erscheinst du im Jahr 1800
wieder und änderst die Maschine, die im Jahre 800 begann; bis dahin wollen wir
deine Reliquien ehren, deine Stiftungen gesetzmässig missbrauchen und dabei deine
altfränkische Arbeitsamkeit verachten. Grosser Karl, dein unmittelbar nach dir
zerfallenes Reich ist dein Grabmal; Frankreich, Deutschland und die Lombardei
sind seine Trümmern.
 
                                       IV
                    Reiche der Sachsen, Normänner und Dänen
    Die Geschichte der deutschen Völker mitten im festen Lande hat etwas
Einförmiges und Unbehülfliches an sich. Wir kommen jetzt zu den deutschen
Seenationen, deren Anfälle schneller, deren Verwüstungen grausamer, deren
Besitztümer Ungewisser waren; dafür werden wir aber auch, wie unter
Meeresstürmen, Männer vom höchsten Mut, Unternehmungen der glücklichsten Art und
Reiche erblicken, deren Genius noch jetzt frische Meeresluft atmet.
    Schon in der Mitte des fünften Jahrhunderts zogen von der nördlichen Küste
Deutschlands die Angelsachen, die zur See und zu Lande lange das Kriegs- und
Räuberhandwerk getrieben hatten, den Briten zu Hülfe. Hengist und Horsa (Hengst
und Stute) waren ihre Anführer; und da sie mit den Feinden der Briten, den
Pikten und Kaledoniern, ein leichtes Spiel hatten und ihnen das Land gefiel,
zogen sie mehrere ihrer Brüder hinüber; sie ruheten auch nicht, bis nach 150
Jahren, voll der wildesten Kriege und der abscheulichsten Verwüstung, Britannien
bis an die Ecken des Landes, Cornwallis und Wales ausgenommen, das ihrige war.
Nie ist den Kymren, die in diese Länder gedrängt wurden, das gelungen, was den
Westgoten in Spanien gelang, aus ihren Gebürgen hervorzugehn und ihr altes Land
zu erobern; denn die Sachsen, ein wildes Volk, wurden als katolische Christen
in ihrem geraubten Besitztum gar bald gesichert und gefirmelt.
    Nicht lange nämlich nach Anrichtung des ersten sächsischen Königreichs Kent
hatte die Tochter eines rechtgläubigen Königes zu Paris ihren heidnischen Gemahl
Etelbert (Adelbert) zum Christentum bereitet, und der Mönch Augustin führte
solches mit dem silbernen Kreuz in der Hand feierlich in England ein. Gregor der
Grosse, damals auf dem Römischen Stuhl, der vor Begierde brannte, das Christentum
insonderheit durch Gemahlinnen mit allen Tronen zu vermählen, sandte ihn dahin,
entschied seine Gewissensfragen und machte ihn zum ersten Erzbischof dieser
glücklichen Insel, die vom Könige Ina an dem heil. Petrus seinen evangelischen
Zinsgroschen reichlich ersetzt hat. Kaum ist ein andres Land in Europa mit so
vielen Klöstern und Stiftungen bedeckt worden als England, und doch ist aus
ihnen für die Literatur weniger geschehen, als man erwarten möchte. Das
Christentum dieser Gegenden nämlich sprossete nicht, wie in Spanien, Frankreich,
Italien, ja selbst in Irland, aus der Wurzel einer altapostolischen Kirche;
neurömische Ankömmlinge waren es, die den rohen Sachsen das Evangelium in einer
neueren Gestalt brachten. Desto mehr Verdienst hatten diese englische Mönche
nachher in auswärtigen Bekehrungen und würden solche auch, wenigstens in
Klosternachrichten, zur Geschichte ihres Landes haben, wenn diese den
Verwüstungen der Dänen entronnen wären.
    Sieben Königreiche sächsischer Barbaren, die auf einer mässig grossen
Halbinsel in ungleichen Grenzen neben- und miteinander heidnisch und christlich
kämpfen, sind kein erfreulicher Anblick. Und doch dauerte mehr als 300 Jahre
dieser chaotische Zustand, aus welchem nur hie und da Stiftungen und Satzungen
der Kirche oder die Anfänge einer geschriebenen Gesetzgebung, wie z.B. Adelberts
und Inas, hervorschimmern. Endlich kamen unter König Egbert die sieben
Königreiche zusammen; und mehr als ein Fürst derselben würde. Mut und Kraft
gehabt haben, ihre Verfassung blühend zu machen, hätten nicht die Streitereien
der Normänner und Dänen, die mit neuer Raubbegierde auf die See gejagt waren,
sowohl an Frankreichs als Englands Küsten über zwei Jahrhunderte lang alles
dauernde Gute gehindert. Unsäglich ist der Schade, der durch sie gestiftet,
unaussprechlich die Greuel, die durch sie verübet wurden; und wenn sich Karl an
den Sachsen, wenn sich die Angeln an den Briten und Kymren grausam vergangen
hatten, so ist das Unrecht, das sie diesen Völkern taten, an ihren Nachkommen so
lange gerächet worden, bis gleichsam die ganze Wut des kriegerischen Nordens
erschöpft war. Wie aber eben im heftigsten Sturme der Not sich die grössesten
Seelen zeigen, so ging England unter andern sein Alfred auf, ein Muster der
Könige in einem bedrängten Zeitraum, ein Sternbild in der Geschichte der
Menschheit.
    Vom Papst Leo IV. schon als Kind zum Könige gesalbet, war er unerzogen
geblieben, bis die Begierde, sächsische Heldenlieder lesen zu können, seinen
Fleiss dergestalt erweckte, dass er von ihnen zum Lesen lateinischer
Schriftsteller fortschritt, unter denen er noch ruhig wohnte, als im 22. Jahr
ihn der Tod seines Bruders zum Tron und zu allen Gefahren rief, die je einen
Tron umringt haben. Die Dänen hatten das Land inne, und als sie das Glück und
den Mut des jungen Königes merkten, nahmen sie in vermehrten Anfällen ihre
Kräfte dergestalt zusammen, dass Alfred, der ihnen in einem Jahr acht Treffen
geliefert, der sie mehrmals den Frieden auf heilige Reliquien hatte beschwören
lassen und als Überwinder ebenso gütig und gerecht wie vorsichtig und tapfer in
der Schlacht war, sich dennoch endlich dahin gebracht sah, dass er in
Bauerkleidern seine Sicherheit suchen musste und dem Weibe eines Kuhhirten
unbekannt diente. Doch auch jetzt verliess ihn sein Mut nicht; mit wenigen
Anhängern bauete er sich in der Mitte eines Sumpfs eine Wohnung, die er die
Insel der Edeln nannte und die jetzt sein Königreich war. über ein Jahr lang lag
er hier, ebensowenig müssig als entkräftet. Wie aus einem unsichtbaren Schloss tat
er Ausfälle auf die Feinde und nährte sich und die Seinen von ihrer Beute, bis
einer seiner Treuen in einem Gefecht mit ihnen den Zauberraben erbeutet halle,
die Fahne, die er als das Zeichen seines Glücks ansah. Als Harfenspieler
gekleidet, ging er jetzt ins Lager der Dänen und bezauberte sie mit seinem
lustigen Gesänge; man führte ihn in das Zelt des Prinzen, wo er allentalben
ihre tiefe Sicherheit und räuberische Verschwendung sah. Jetzt kehrte er zurück,
tat durch geheime Boten seinen Freunden kund, dass er lebe, und lud sie an die
Ecke eines Waldes zur Versammlung ein. Es kam ein kleines Heer zusammen, das ihn
mit Freudengeschrei empfing, und schnell rückte er mit demselben auf die
sorglosen, jetzt erschrockenen Dänen, schlug sie, schloss sie ein und machte aus
Kriegsgefangenen seine Bundsgenossen und Kolonisten im verödeten Nortumberlande
und Ostangeln. Ihr König ward getauft, von Alfred zum Sohne angenommen und der
erste Schimmer von Ruhe gleich darauf gewandt, dass er Platz gegen andere Feinde
gewinnen möchte, die in zahlreichen Schwärmen das Land aussogen. Unglaublich
schnell brachte Alfred den zerrütteten Staat in Ordnung, stellete die zerstörten
Städte wieder her, schuf sich eine Macht zu Lande, bald auch zur See, so dass in
weniger Zeit 120 Schiffe die Küsten umher bewachten. Beim ersten Gerücht eines
Überfalls eilte er hülfreich herbei, und das ganze Land glich im Augenblick der
Not einem Heerlager, wo jedweder seinen Platz wusste. So vereitelte er bis ans
Ende seines Lebens jede räuberische Mühe des Feindes und gab dem Staat eine
Land- und Seemacht, Wissenschaften und Künste, Städte, Gesetze und Ordnung. Er
schrieb Bücher und ward der Lehrer der Nation, die er beschützte. Ebenso gross in
seinem häuslichen als öffentlichen Leben, teilte er die Stunden des Tages wie
die Geschäfte und Einkünfte ein und behielt ebensoviel Raum zur Erholung als zur
königlichen Milde. Hundert Jahre nach Karl dem Grossen war er in einem
glücklicherweise beschränkteren Kreise vielleicht grösser als er; und obgleich
unter seinen Nachfolgern die Streifereien der Dänen, nicht minder aber die
Unruhen der Geistlichkeit mancherlei Unheil verursachten, weil unter ihnen im
ganzen kein zweiter Alfred aufstand, so hat es England doch, bei der guten
Grundlage seiner Einrichtung von frühen Zeiten, an trefflichen Königen nicht
gefehlet; selbst die Anfälle ihrer Seefeinde hielten sie munter und gerüstet.
Adelstan, Edgar, Edmund Eisenseite gehören unter dieselbe, und nur der Untreue
der Grossen war's zuzuschreiben, dass England unter dem letzten den Dänen
lehnpflichtig ward. Knut der Grosse ward zwar als König erkannt, aber nur zwei
Nachfolger hatte dieser nordische Sieger. England machte sich los, und es war
vielleicht zu dessen Unglück, dass dem friedfertigen Eduard die Dänen Ruhe
liessen. Er sammlete Gesetze, liess andre regieren; die Sitten der Normänner kamen
von der französischen Küste nach England hinüber, und Wilhelm der Eroberer ersah
seine Zeit. Eine einzige Schlacht hob ihn auf den Tron und gab dem Lande eine
neue Verfassung. Wir müssen also die Normänner näher kennenlernen: denn ihren
Sitten ist nicht nur England, sondern ein grosser Teil von Europa den Glanz
seines Rittergeistes schuldig.
    
    Schon in den frühesten Zeiten waren nördliche deutsche Stämme, Sachsen,
Friesen und Franken, auf der See rege; Dänen, Norweger und Skandinavier taten
sich unter mancherlei Namen noch kühner hervor. Angelsachsen und Jüten gingen
nach Britannien über; und als von den fränkischen Königen, am meisten von Karl
dem Grossen, die Eroberung nordwärts verbreitet ward, warfen sich immer mehr
kühne Haufen aufs Meer, bis zuletzt die Normänner ein so furchtbarer Name zur
See wurden, als es zu Lande jene verbündeten Krieger, Markomannen, Franken,
Alemannen u. a., kaum gewesen waren. Ich müsste hundert berühmte Abenteurer
nennen, wenn ich aus den nordischen Gedichten und Sagen ihre gepriesene
Seehelden aufzählen wollte. Die Namen derer indessen, die durch Entdeckung der
Länder oder durch Anlagen zu Reichen sich ausgezeichnet, sind nicht zu
übergehen, und man erstaunet über die weite Fläche, auf welcher sie sich
umhergeworfen haben. Dort stehet ostwärts Rorik (Roderich) mit seinen Brüdern,
die in Nowgorod ein Reich stifteten und dadurch zum Staate Russlands den Grund
legten; Oskold und Diar, die in Kiew einen Staat gründeten, der sich mit jenem
zu Nowgorod vereinte; Ragnwald, der sich zu Polotzk an der Düna niederliess, der
Stammvater der litauischen Grossherzoge. Nordwärts ward Naddodd im Sturm nach
Island geworfen und entdeckte diese Insel, die bald ein Zufluchtsort der
edelsten Stämme aus Norwegen (gewiss des reinsten Adels in Europa), eine
Erhalterin und Vermehrerin der nordischen Lieder und Sagen, ja über dreihundert
Jahre lang der Sitz einer schönen, nicht unkultivierten Freiheit gewesen.
Westlich waren von den Normännern die Färöes-, Orkneis-, die schettlandischen
und westlichen Inseln oft besucht, zum Teil bevölkert, und auf mehreren
derselben haben nordische Jarle (Grafen) lange regieret, so dass auch in ihren
äussersten Ecken die verdrängten Galen vor deutschen Völkern nicht sicher waren.
In Irland liessen sie sich schon zu Karls des Grossen Zeiten nieder, wo Dublin dem
Olof, Waterford dem Sitrik, Limmerik dem Ywar zuteil ward. In England waren sie
unter dem Namen der Dänen furchtbar; nicht nur Nortumberland haben sie,
untermischt mit sächsischen Grafen, 200 Jahre lang teils eigenmächtig, teils
lehnpflichtig besessen, sondern das ganze England war ihnen unter Knut, Harold
und Hardyknut unterworfen. Die französische Küsten beunruhigten sie seit dem
sechsten Jahrhundert; und die böse Ahnung Karls des Grossen, dass seinem Lande
durch sie viele Gefahr bevorstehe, traf bald nach seinem Tode fast zu reichlich
ein. Unsäglich sind die Verwüstungen, die sie nicht etwa nur am Meere, sondern,
die Ströme hinauf, mitten in Frankreich und Deutschland ausgeübt haben, so dass
die meisten Anlagen und Städte, die teils noch von den Römern, teils von Karl
herrührten, durch sie ein trauriges Ende nahmen, bis endlich Rolf, in der Taufe
Robert genannt, der erste Herzog der Normandie und der Stammvater mehr als eines
Königgeschlechtes ward.
    Von ihm stammte Wilhelm der Eroberer ab, der England eine neue Verfassung
brachte; durch Folgen seiner Anlage wurden England und Frankreich in einen
400jährigen Krieg verwickelt, der beide Nationen auf eine sonderbare Weise an-
und durcheinander übte. Jene Normänner, die mit fast unglaublichem Glück und Mut
den Arabern Apulien, Kalabrien, Sizilien, ja auf eine Zeit Jerusalem und
Antiochien abdrangen, waren Abenteurer aus dem von Rolf gestifteten Herzogtume,
und die Nachkommen Tankreds, die zuletzt Siziliens und Apuliens Krone trugen,
stammeten von ihm her. Wenn alle kühne Taten erzählt werden sollten, die auf
Pilgrimschaften und Wallfahrten, im Dienst zu Konstantinopel und auf Reisen,
fast in allen Ländern und Meeren, bis nach Grönland und Amerika hin von den
Normännern begonnen sind, würde die Erzählung selbst ein Roman scheinen. Wir
bemerken also zu unserm Zweck nur die Hauptfolge derselben aus ihrem Charakter.
    So rauh die Bewohner der nordischen Küsten ihrem Klima und Boden, ihrer
Einrichtung und Lebensweise nach lange bleiben mussten, so lag doch in ihnen,
vorzüglich bei ihrem Seeleben, ein Keim, der in mildern Gegenden bald sehr
blühende Sprossen treiben konnte. Tapferkeit und Leibesstärke, Gewandteit und
Fertigkeit in allen Künsten, die man späterhin die ritterlichen nannte, ein
grosses Gefühl für Ehre und edle Abkunft, samt der bekannten nordischen
Hochachtung fürs weibliche Geschlecht als den Preis des tapfersten, schönsten
und edelsten Mannes, waren Eigenschaften, die den nordischen Seeräuber in Süden
sehr beliebt machen mussten. Auf dem festen Lande greifen die Gesetze um sich:
jede rohe Selbsttätigkeit muss unter ihnen entweder selbst zum Gesetz werden oder
als eine tote Kraft ersterben; auf dem wilden Element des Meeres, wohin die
Oberherrschaft eines Landköniges nicht reichet, da erfrischet sich der Geist. Er
schweift nach Krieg oder nach Beute umher, die jener Jüngling seiner
daheimgelassenen Braut, dieser Mann seinem Weib und Kindern als Zeichen seines
Werts nach Hause bringen wollte; ein dritter sucht im fernen Lande selbst eine
bleibende Beute. Nichtswürdigkeit war das Hauptlaster, das in Norden, hier mit
Verachtung, dort mit Qualen der Hölle, gestraft wird; dagegen Tapferkeit und
Ehre, Freundschaft bis auf den Tod und ein Rittersinn gegen die Weiber die
Tugenden waren, die beim Zusammentreffen mehrerer Zeitumstände zu der
sogenannten Galanterie des Mittelalters viel beitrugen. Da Normänner sich in
einer französischen Provinz niederliessen und Rolf, ihr Anführer, sich mit der
Tochter des Königes vermählte, da viele seiner Waffenbrüder diesem Beispiele
folgten und sich mit dem edelsten Blut des Landes mischten, da ward der Hof der
Normandie gar bald der glänzendste Hof des Westlandes. Als Christen konnten sie,
mitten unter christlichen Nationen, die Seeräuberei nicht ferner treiben; aber
ihre nachziehenden Brüder dorften sie aufnehmen und kultivieren, also dass diese
Küste in ihrer schönen Lage ein Mittelpunkt und Veredlungsort der seefahrenden
Normänner ward. Da nun, von den Dänen verdrungen, die angelsächsische
Königsfamilie zu ihnen floh und Eduard der Bekenner, bei ihnen erzogen, den
Normännern zu Englands Tron selbst Hoffnung machte, als Wilhelm der Eroberer
durch eine einzige Schlacht dies Königreich gewann und fortan die grössesten
Stellen desselben in beiden Ständen mit Normännern besetzte, da ward in kurzem
normännische Sitte und Sprache auch Englands feinere Sitte und Hofsprache. Was
diese einst rohen Überwinder in Frankreich gelernt und mit ihrer Natur gemischt
hatten, ging bis auf eine harte Lehnverfassung und Forstgerechtigkeit nach
Britannien über. Und wiewohl in der Zukunft viele Gesetze des Eroberers
abgeschaffet und die alten, milderen angelsächsischen zurückgerufen wurden, so
konnte dennoch der mit den normannischen Geschlechtern der Nation eingepflanzte
Geist aus Sprache und Sitten nicht mehr verbannt werden; auch in der englischen
grünet daher ein eingeimpfter Sprössling der lateinischen Sprache. Schwerlich
wäre die britische Nation geworden, was sie vor andern ward, wenn sie auf ihrem
alten Hefen ruhig geblieben wäre; jetzt beunruhigten sie lange die Dänen;
Normänner pflanzten sich ihr ein und zogen sie über das Meer hin zu langen
Kriegen in Frankreich. Da ward ihre Gewandteit geübt: aus überwundenen wurden
Überwinder, und endlich kam, nach so mancher Revolution, ein Staatsgebäude zum
Vorschein, das aus der angelsächsischen Klosterhaushaltung wahrscheinlich nie
entstanden wäre. Ein Edmund oder Edgar hätte dem Papst Hildebrand nicht
widerstanden, wie Wilhelm ihm widerstand, und in den Kreuzzügen hätten die
englischen mit den französischen Rittern nicht wetteifern mögen, wenn durch die
Normänner ihre Nation nicht gleichsam von innen aufgeregt und durch mancherlei
Umstände auch gewaltsam wäre gebildet worden. Einimpfungen der Völker zu rechter
Zeit scheinen dem Fortgange der Menschheit so unentbehrlich als den Früchten der
Erde die Verpflanzung oder dem wilden Baum seine Veredlung. Auf einer und
derselben Stelle erstirbt zuletzt das Beste.
    Nicht so lange und glücklich besassen die Normänner Neapel und Sizilien,
deren Erwerb ein wahrer Roman ist von persönlicher Tapferkeit und
Abenteurertugend. Auf Wallfahrten nach Jerusalem lernten sie das schöne Land
kennen, und vierzig bis hundert Mann legten durch Ritterhülfe gegen Bedrängte
den Grund zu allem weitem Besitz. Rainolf ward der erste Graf zu Aversa, und
drei der tapfern Söhne Tankreds, die auch auf gutes Glück hinübergekommen waren,
erwarben sich nach vielen Taten gegen die Araber den Ritterdank, dass sie Grafen,
nachher Herzöge zu Apulien und Kalabrien wurden. Mehrere Söhne Tankreds, Wilhelm
mit dem eisernen Arm, Drogo, Humfried, folgten; Robert Guiscard und Roger
entrissen den Arabern Sizilien, und Robert belieh seinen Bruder mit dem
erworbnen schönen Königreiche. Roberts Sohn Boëmund fand in Orient sein Glück,
und als ihm sein Vater dahin folgte, ward Roger der erste König beider Sizilien,
mit geist- und weltlicher Macht versehen. Unter ihm und seinen Nachfolgern
trieben die Wissenschaften an dieser Ecke Europens einige junge Knospen: die
Schule zu Salerno hob sich, gleichsam in Mitte der Araber und der Mönche zu
Cassino; Rechtsgelehrsamkeit, Arzneikunst und Weltweisheit zeigten nach einem
langen Winter in Europa hier wieder Blätter und Zweige. Tapfer hielten sich die
normannischen Fürsten in ihrer gefährlichen Nähe am päpstlichen Stuhl; mit zween
Heiligen Vätern schlössen sie Frieden, als diese in ihrer Gewalt waren, und
übertrafen hiebei an Klugheit und Wachsamkeit die meisten deutschen Kaiser.
Schade, dass sie mit diesen sich je verschwägert und ihnen dadurch das Recht zur
Folge gegeben hatten, und noch mehr schade, dass die Absichten Friedrichs, des
letzten schwäbischen Kaisers, die er in diesen Gegenden auszuführen gedachte, so
grausam vereitelt wurden. Beide Königreiche blieben fortan ein wildes Spiel der
Nationen, eine Beute fremder Eroberer und Stattalter, am meisten eines Adels,
der noch jetzt alle bessere Einrichtung dieser einst so blühenden Länder
hindert.
 
                                       V
                        Nordische Reiche und Deutschland
    Die bis zum achten Jahrhundert dunkle Geschichte der nordischen Reiche hat
vor den Geschichten der meisten europäischen Länder den Vorzug, dass ihr eine
Mytologie mit Liedern und Sagen zum Grunde liegt, die ihre Philosophie sein
kann. Denn in ihr lernen wir den Geist des Volks kennen, die Begriffe desselben
von Göttern und Menschen, die Richtung seiner Neigungen und Leidenschaften in
Liebe und Hass, in Erwartungen dies- und jenseit des Grabes: eine Philosophie der
Geschichte, wie sie uns ausser der Edda nur die griechische Mytologie gewähret.
Und da die nordischen Reiche, sobald der finnische Stamm hinaufgedrängt oder
unterwürfig gemacht war, von keinen fremden Völkern feindlich besucht wurden;
denn welche Nation hätte nach dem grossen Zuge in die mittäglichen Gegenden diese
Weltgegend besuchen wollen?, so wird ihre Geschichte auch vor andern einfach und
natürlich. Wo die Notdurft gebietet, lebet man lange derselben gemäss, und so
blieben Nordens deutsche Völker länger als andre ihrer Mitbrüder im Zustande der
Eigengehörigkeit und Freiheit. Berge und Wüsten schieden die Stämme
untereinander; Seen und Flüsse, Wälder, Wiesen und Felder samt dem fischreichen
Meere nähreten sie, und was im Lande nicht Unterhalt fand, warf sich auf die See
und suchte anderweit Nahrung und Beute. Wie in einer nördlichen Schweiz also hat
sich in diesen Gegenden die Einfalt deutscher Ursitten lange erhalten und wird
sich erhalten, wenn solche in Deutschland selbst nur noch eine alte Sage sein
wird.
    Als mit der Zeit auch hier, wie allentalben, die Freien unter Edle kamen,
als mehrere Edle Land- und Wüstenkönige wurden, als aus vielen kleinen Königen
endlich ein grosser König entsprang, da waren Dänemarks, Norwegens und Skandiens
Küsten abermals glücklich, dass, wer nicht dienen wollte, ein andres Land suchen
mochte; und so wurden, wie wir gesehen, alle Meere umher lange Zeit das Feld
ziehender Abenteurer, denen der Raub, wie ein Herings- oder Walfischfang, ein
erlaubtes, örtliches Gewerbe schien. Endlich mischten sich auch die Könige in
dies Familiengewerbe: sie eroberten einander oder ihren Nachbarn die Länder;
ihre auswärtigen Eroberungen gingen aber meistens bald verloren. Am grausamsten
litten darunter die Küsten der Ostsee; nach unsäglichen Plünderungen haben die
Dänen nicht geruhet, bis sie dem Handel der Slawen und ihren reichen Seestädten
Vineta und Julin ein trauriges Ende machten, wie sie denn auch über die Preussen,
Kuren, Liven und Esten, lange vor den sächsischen Horden, das Eroberungs- und
Brandschatzungsrecht übten.
    Einem solchen Leben und Weben der Nordländer trat nichts so sehr in den Weg
als das Christentum, mit welchem Odins Heldenreligion ganz aufhören sollte.
Schon Karl der Grosse war bemüht, die Dänen wie die Sachsen zu taufen, bis es
seinem Sohn Ludwig gelang, an einem kleinen Könige aus Jütland zu Mainz die
Probe zu machen. Die Landsleute desselben aber nahmen es übel auf und übeten
sich noch lange mit Raub und Brand an den christlichen Küsten; denn das Beispiel
der Sachsen, die das Christentum zu fränkischen Sklaven gemacht hatte, war ihnen
zu nahe vor Augen. Tiefgewurzelt war der Hass dieser Völker gegen das
Christentum, und Kettil, der Unchrist, ging lieber drei Jahre vor seinem Tode
lebendig in seinen Grabhügel, um nur nicht zur Taufe gezwungen zu werden. Was
sollten auch diesen Völkern auf ihren nordischen Inseln oder Bergen jene
Glaubensartikel und kanonische Lehrsätze eines hierarchischen Systems, das alle
Sagen ihrer Vorfahren umwarf, die Sitten ihres Stammes untergrub und sie bei
ihres Landes Armut zu zollenden Sklaven eines geistlichen Hofes im fernen
Italien machte? Ihrer Sprache und Denkart war Odins Religion so einverleibet,
dass, solange noch eine Spur des Andenkens von ihm blieb, kein Christentum
aufkommen konnte; daher die Mönchsreligion gegen Sagen, Lieder, Gebräuche,
Tempel und Denkmale des Heidentums unversöhnlich war, weil an diesem allen der
Geist des Volkes hing und dagegen ihre Gebräuche und Legenden verschmähte. Das
Verbot der Arbeit am Sonntage, Büssungen und Fasten, die verbotenen Grade der
Ehe, die Mönchsgelübde, der ganze ihnen verächtliche Priesterorden wollte den
Nordländern nicht in den Sinn, dass also die heiligen Männer, ihre Bekehrer, ja
ihre neubekehrten Könige selbst viel zu leiden hatten oder gar verjagt und
erschlagen wurden, ehe das fromme Werk gelingen konnte. Wie aber Rom jede Nation
mit dem Netz zu fangen wusste, das für sie gehörte, so wurden auch diese Barbaren
unter der unablässigen Bemühung ihrer angelsächsischen und fränkischen Bekehrer,
am meisten durch das Gepränge des neuen Gottesdienstes, den Chorgesang,
Weihrauch, die Lichter, Tempel, Hochaltäre, Glocken und Prozessionen, gleichsam
in einen Taumel gebracht; und da sie an Geister und Zaubereien innig glaubten,
so wurden sie samt Häusern, Kirchen, Kirchhöfen und allem Geräte durch die Kraft
des Kreuzes vom Heldentum dergestalt entzaubert und zum Christentum bezaubert,
dass der Dämon eines doppelten Aberglaubens in sie kehrte. Einige ihrer Bekehrer
waren indes, der heil. Ansgarius vor allen andern, wirklich verdiente Männer und
für das Wohl der Menschheit Helden auf ihre Weise.
    
    Endlich kommen wir zum sogenannten Vaterlande der deutschen Völker, das
jetzt ihr trauriger Rest war, Deutschland. Nicht nur hatte ein fremder
Volksstamm, Slawen, die Hälfte desselben eingenommen, nachdem so viele
Völkerschaften daraus gewandert waren, sondern auch in seiner übrigen deutschen
Hälfte war es nach vielen Verwüstungen eine fränkische Provinz geworden, die
jenem grossen Reich als eine Überwundene diente. Friesen, Alemannen, Türinger
und zuletzt die Sachsen waren zur Unterwürfigkeit und zum Christentum gezwungen,
so dass z.B. die Sachsen, wenn sie Kerstene (Christen) wurden und das grosse
Wodansbild verfluchten, zugleich auch ihre Besitztümer und Rechte in den Willen
des heilig-mächtigen König Karls übergeben, um Leben und Freiheit fussfällig
bitten und versprechen mussten, an dem dreieinigen Gott und an dem
heilig-mächtigen König Karl zu halten. Notwendig ward durch diese Bindung
eigener und freier Völker an den fränkischen Tron aller Geist ihrer
ursprünglichen Einrichtung gehemmet; viele derselben wurden misstrauend oder hart
behandelt, die Einwohner ganzer Striche Landes in die Ferne geführet; keine der
übergebliebenen Nationen gewann Zeit und Raum zu einer eigentümlichen Bildung.
Sofort nach des Riesen Tode, der dies gewaltsam zusammengetriebene Reich allein
mit seinen Armen erhielt, ward unser Deutschland mit oft veränderten Grenzen
bald diesem, bald jenem schwachen Karolinger zuteil, und da es an den nie
aufhörenden Kriegen und Streitigkeiten des ganzen unglücklichen Geschlechts
Anteil nehmen musste: was konnte aus ihm, was aus seiner innern Verfassung
werden? Unglücklicherweise machte es die nörd- und östliche Grenze des
fränkischen Reichs, mitin der gesamten römisch-katolischen Christenheit aus,
an welcher allentalben gereizte, wilde Völker voll unversöhnlichen Hasses
sassen, die dies Land zum ersten Opfer ihrer Rache machten. Wie von der einen
Seite die Normänner bis nach Trier drangen und einen der Nation schimpflichen
Frieden erlangten, so rief auf der andern Seite, um das mährische Reich der
Slawen zu zerstören, Arnulf die wilden Ungarn ins Land, welches er ihnen damit
zu langen schrecklichen Verwüstungen aufschloss. Die Slawen endlich wurden als
Erbfeinde der Deutschen betrachtet und waren jahrhundertelang das Spiel ihrer
tapfern Kriegsübung.
    Noch mehr wurden dem abgetrenneten Deutschlande die Mittel lästig, die unter
den Franken zur Hoheit und Sicherung ihres Reichs gemacht waren. Es erbte alle
jene Erz- und Bischoftümer, Abteien und Kapitel, die an der Grenze des Reichs
ehemals zur Bekehrung der Heiden dienen sollten, jene Hofämter und Kanzler in
Gegenden, die jetzt nicht mehr zum Reiche gehörten, jene Herzoge und Markgrafen,
die als Beamte des Reichs zum Schutz der Grenzen bestimmet gewesen waren und
gegen Dänen, Wenden, Polen, Slawen und Ungarn noch lange vermehrt wurden. Das
glänzendste und entbehrlichste Kleinod von allen endlich war für Deutschland die
römische Kaiserkrone; sie allein hat diesem Lande vielleicht mehr Schaden
gebracht als alle Züge der Tätern, Hungarn und Türken. Der erste Karolinger, den
Deutschland erhielt, Ludwig, war kein römischer Kaiser, und während des
geteilten Frankenreiches haben Päpste mit diesem Titel so arg gespielet, dass sie
ihn diesem und jenem Fürsten in Italien, ja gar einem Grafen der Provence
schenkten, der mit geblendeten Augen starb. Arnulf, ein unechter Nachkomme
Karls, geizte nach diesem Titel, den indes sein Sohn abermals nicht erlangte, so
wie ihn auch die zwei ersten Könige aus deutschem Blut, Konrad und Heinrich,
nicht begehrten. Gefährlicherweise nahm Otto, der mit Karls Krone zu Aachen
gekrönt war, sich diesen grossen Franken zum Vorbilde, und da ein Abenteuer, die
schöne Witwe Adelheid aus dem Turm zu retten, ihm das Königreich Italien
verschafte, und ihm dadurch freilich der Weg nach Rom offen war, so folgten nun
Ansprüche auf Ansprüche, Kriege auf Kriege, von der Lombardei bis nach Kalabrien
und Sizilien hinab, wo allentalben für die Ehre seines Kaisers deutsches Blut
vergossen, der Deutsche vom Italiener betrogen, deutsche Kaiser und Kaiserinnen
in Rom misshandelt, Italien von deutscher Tyrannei besudelt, Deutschland von
Italien aus seinem Kreise gerückt, mit Geist und Kraft über die Alpen gezogen,
in seiner Verfassung von Rom abhängig, mit sich selber uneins, sich selbst und
andern schädlich gemacht ward, ohne dass die Nation von dieser blendenden Ehre
Vorteil gezogen hätte. »Sie vos non vobis« war immer ihr bescheidener
Wahlspruch.
    Desto mehr Ehre gebührt der deutschen Nation, dass sie eben unter diesen
gefährlichen Umständen, in welche sie die Verbindung der Dinge setzte, als eine
Schutzwehr und Vormauer des Christentums zur Freiheit und Sicherheit des ganzen
Europa dastand. Heinrich der Vogler schuf aus ihr diese Vormauer, und Otto der
Grosse wusste sie zu gebrauchen; aber auch dann folgte die treue willige Nation
ihrem Beherrscher, wenn beim allgemeinen Chaos ihrer Verfassung dieser selbst
nicht wusste, welchen Weg er sie führe. Als gegen die Räubereien der Stände der
Kaiser selbst sein Volk nicht schützen konnte, schloss sich ein Teil der Nation
in Städte und erkaufte sich von ihren Räubern selbst das sichere Geleit eines
Handels, ohne welchen das Land noch lange eine Tatarei geblieben wäre. So
entstand im unfriedsamen Staate aus eignen Kräften der Nation ein friedsamer
nützlicher Staat, durch Gewerbe, Bündnisse, Gilden verbunden; so hoben Gewerke
sich aus dem drückenden Joch der Leibeigenschaft empor und gingen durch
deutschen Fleiss und Treue zum Teil in Künste über, mit denen man andre Nationen
beschenkte. Was diese ausbildeten, haben meistens Deutsche zuerst versucht,
obgleich unter dem Druck der Not und Armut sie selten mit der Freude belohnt
wurden, ihre Kunst im Vaterlande angewandt und blühend zu sehen. Haufenweise
zogen sie stets in fremde Länder und wurden nord-, west- und ostwärts in
mehreren mechanischen Erfindungen die Lehrmeister andrer Nationen; sie wären es
auch in den Wissenschaften geworden, wenn die Verfassung ihres Staats nicht alle
Institute derselben, die in den Händen der Klerisei waren, zu politischen Rädern
der verwirrten Maschine gemacht und sie damit den Wissenschaften grossenteils
entrissen hätte. Die Klöster Korvei, Fulda u. a. haben für die Fortübung der
Wissenschaften mehr getan als grosse Strecken andrer Länder, und in allen
Verirrungen dieser Jahrhunderte bleibt der unzerstörlich treue, biedre Sinn des
deutschen Stammes unverkennbar.
    Dem Manne blieb die deutsche Frau nicht nach: häusliche Wirksamkeit,
Keuschheit, Treue und Ehre sind ein unterscheidender Zug des weiblichen
Geschlechts in allen deutschen Stämmen und Völkern gewesen. Der älteste
Kunstfleiss dieser Völker war in den Händen der Weiber: sie webeten und
wir-keten, hatten Aufsicht über das arbeitende Gesinde und standen auch in den
obersten Ständen der häuslichen Regierung vor. Selbst am Hofe des Kaisers hatte
die Gemahlin ihr grosses Hauswesen, zu welchem oft ein ansehnlicher Teil seiner
Einkünfte gehörte; und nicht zum Schaden des Landes hat sich in manchem
Fürstenhause diese Einrichtung lange erhalten. Selbst die römische Religion, die
den Wert des Weibes sehr herabgesetzt hat, vermochte hierbei weniger in diesen
als in den wärmeren Ländern. Die Frauenklöster in Deutschland wurden nie die
Gräber der Keuschheit in solchem Grade als jenseit des Rheins oder der Pyrenäen
und Alpen; vielmehr waren auch sie Werkstätten des deutschen Kunstfleisses in
mehreren Arten. Nie hat sich die Galanterie der Rittersitten in Deutschland zu
der feinen Lüsternheit, ausgebildet wie in warmem, wohllüstigern Gegenden; denn
schon das Klima gebot eine grössere Eingeschlossenheit in Häuser und Mauern, da
andre Nationen ihren Geschäften und Vergnügungen unter freiem Himmel nachgehen
konnten.
    Endlich kann sich Deutschland, sobald es ein eignes Reich ward, grosser,
wenigstens arbeitsamer und wohlwollender Kaiser rühmen, unter welchen Heinrich,
Otto und die beiden Friedrichs wie Säulen dastehn. Was hätten diese Männer in
einem bestimmteren, festeren Kreise tun mögen!
    Lasset uns jetzt, nach dem, was einzeln angeführt worden, einen allgemeinen
Blick auf die Einrichtung der deutschen Völker tun, in allen ihren erworbenen
Ländern und Reichen. Welches waren ihre Grundsätze? Und was sind dieser
Grundsätze Folgen?
 
                                       VI
   Allgemeine Betrachtung über die Einrichtung der deutschen Reiche in Europa
    Wenn Einrichtungen der Gesellschaft das grösseste Kunstwerk des menschlichen
Geistes und Fleisses sind, indem sie jedesmal auf der ganzen Lage der Dinge nach
Ort, Zeit und Umständen beruhen, mitin der Erfolg vieler Erfahrungen und einer
steten Wachsamkeit sein müssen, so lässt sich mutmassen, dass eine Einrichtung der
Deutschen, wie sie am Schwarzen Meer oder in den nordischen Wäldern war, ganz
andre Folgen haben musste, wenn sie unter gebildete oder durch Üppigkeit und eine
abergläubige Religion missgebildete Völker rückte. Diese zu überwinden war
leichter, als sie oder sich selbst in ihrer Mitte wohl zu regieren. Daher denn
gar bald die gestifteten deutschen Reiche entweder untergingen oder in sich
selbst dermassen zerfielen, dass ihre lange folgende Geschichte nur das Flickwerk
einer verfehlten Einrichtung blieb.
    1. Jede Eroberung der deutschen Völker ging auf ein Gesamteigentum aus. Die
Nation stand für einen Mann; der Erwerb gehörte derselben durch das barbarische
Recht des Krieges und sollte dermassen unter sie verteilt werden, dass alles noch
ein Gemeingut bliebe; wie war dies möglich? Hirtenvölker auf ihren Steppen,
Jäger in ihren Wäldern, ein Kriegsheer bei seiner Beute, Fischer bei ihrem
gemeinschaftlichen Zuge können unter sich teilen und ein Ganzes bleiben; bei
einer erobernden Nation, die sich in einem weiten Gebiet niederlässet, wird
dieses weit schwerer. Jeder Wehrsmann auf seinem neuerworbenen Gute ward jetzt
ein Landeigentümer; er blieb dem Staate zum Heerzuge und zu andern Pflichten
verbunden; in kurzer Zeit aber erstirbt sein Gemeingeist, die Versammlungen der
Nation werden von ihm nicht besucht; auch des Aufgebots zum Kriege, das ihm zur
Last ward, sucht er sich gegen Übernehmung andrer Pflichten zu entladen. So
war's z.B. unter den Franken: das Märzfeld ward von der freien Gemeine bald
versäumet; mitin blieben die Entschlüsse desselben dem Könige und seinen
Dienern anheimgestellt, und der Heerbann selbst konnte nur mit wachsamer Mühe im
Gange erhalten werden. Notwendig also kamen die Freien mit der Zeit dadurch tief
herunter, dass sie den allezeit fertigen Rittern ihre Wehrdienste mit guter
Entschädigung auftrugen, und so verlor sich der Stamm der Nation, wie ein
zerteilter, verbreiteter Strom, in kraftloser Trägheit. Ward nun in diesem
Zeitraum der ersten Erschlaffung ein dermassen errichtetes Reich mächtig
angegriffen: was Wunder, dass es erlag? Was Wunder, dass auch ohne äussern Feind
auf diesem trägen Wege die besten Rechte und Besitztümer der Freien in andre,
sie vertretende Hände kamen? Die Verfassung des Ganzen war zum Kriege oder zu
einer Lebensart eingerichtet, bei welcher alles in Bewegung bleiben sollte,
nicht aber zu einem zerstreuten, fleissig-ruhigen Leben.
    2. Mit jedem erobernden Könige war ein Trupp Edeln ins Land gekommen, die
als seine Gefährten und Treuen, als seine Knechte und Leute aus denen ihm
zukommenden Ländereien beteilt wurden. Zuerst geschähe dies nur lebenslänglich;
mit der Zeit wurden die ihnen zum Unterhalt angewiesenen Güter erblich: der
Landesherr gab so lange, bis er nichts mehr zu geben hatte und selbst verarmte.
Bei den meisten Verfassungen dieser Art haben also die Vasallen den Lehnsherren,
die Knechte den Gebieter dergestalt ausgezehret, dass, wenn der Staat lange
daurete, dem Könige selbst von seinen nutzbaren Gerechtigkeiten nichts
übrigblieb und er zuletzt als der Ärmste des Landes dastand. Wenn nun, wie wir
gesehen, dem Gange der Dinge nach bei langen kriegerischen Zeitläuften die Edeln
notwendig auch den Stamm der Nation, die freie Gemeine, sofern diese sich nicht
selbst zu Edeln erhob, allgemach zugrunde richten mussten, so sieht man, wie das
löbliche, damals unentbehrliche Ritterhandwerk so hoch emporkommen konnte. Von
kriegerischen Horden waren die Reiche erobert; wer sich am längsten in dieser
Übung erhielt, gewann so lange, bis mit Faust und Schwert nichts zu gewinnen
mehr da war. Zuletzt hatte der Landesherr nichts, weil er alles verliehen hatte;
die freie Gemeine hatte nichts, weil die Freien entweder verarmt oder selbst
Edle geworden und alles andre Knecht war.
    3. Da die Könige im Gesamteigentum ihres Volks umherziehen oder vielmehr
allentalben gegenwärtig sein sollten und dies nicht konnten, so wurden
Stattalter, Herzoge und Grafen unentbehrlich. Und weil nach der deutschen
Verfassung die gesetzgebende, gerichtliche und ausübende Macht noch nicht
verteilt waren, so blieb es beinah unvermeidlich, dass nicht mit der Zeit unter
schwachen Königen die Stattalter grosser Städte oder entfernter Provinzen selbst
Landesherren oder Satrapen wurden. Ihr Distrikt entielt, wie ein Stück der
gotischen Baukunst, alles im kleinen, was das Reich im grossen hatte; und sobald
sie sich nach Lage der Sache mit ihren Ständen einverstanden, war, obgleich noch
abhängig vom Staat, das kleine Reich fertig. So zerfielen die Lombardei und das
fränkische Reich, kaum wurden sie noch am seidnen Faden eines königlichen Namens
zusammengehalten; so wäre es mit dem gotischen und dem wandalischen Reich
worden, hätten sie länger gedauret. Um diese Bruchstücke, wo jeder Teil ein
Ganzes sein wollte, wieder zusammenzubringen, haben alle Reiche deutscher
Verfassung in Europa ein halbes Jahrtausend hin arbeiten müssen, und einigen
derselben hat es noch nicht gelingen mögen, ihre eignen Glieder wiederzufinden.
In der Verfassung selbst liegt der Same dieser Absondrung; sie ist ein Polyp,
bei welchem in jedem abgesonderten Teile ein Ganzes lebet.
    4. Weil bei diesem Gesamtkörper alles auf Persönlichkeit beruhete, so
stellete das Haupt desselben, der König, ob er gleich nichts weniger als
unumschränkt war, mit seiner Person sowohl als mit seinem Hauswesen die Nation
vor. Mitin ging seine Gesamtwürde, die bloss eine Staatsfiktion sein sollte,
auch auf seine Trabanten, Diener und Knechte über. Leibesdienste, die man dem
Könige erwies, wurden als die ersten Staatsdienste betrachtet, weil die, die um
ihn waren, Kapellan, Stallmeister und Truchsess, oft, bei Ratschlägen, Gerichten
und sonst, seine Helfer und Diener sein mussten. So natürlich dies in der rohen
Einfalt damaliger Zeiten war, so unnatürlich ward's, als diese Kapellane und
Truchsesse wirklich repräsentierende Gestalten des Reichs, erste Glieder des
Staats oder gar auf Ewigkeiten der Ewigkeiten erbliche Würden sein sollten; und
dennoch ist ein barbarischer Prachtaufzug dieser Art, der zwar in das Tafelzelt
eines tatarischen Khans, nicht aber in den Palast eines Vaters, Vorstehers und
Richters der Nation gehörte, die Grundverfassung jedes germanischen Reichs in
Europa. Die alte Staatsfiktion wurde zur nackten Wahrheit: das ganze Reich ward
in die Tafel, den Stall und die Küche des Königes verwandelt. Eine sonderbare
Verwandlung! Was Knecht und Vasall war, mochte immerhin durch diese glänzenden
Oberknechte vorgestellt werden, nicht aber der Körper der Nation, der in keinem
seiner freien Glieder des Königs Knecht, sondern sein Mitgenoss und Mitstreiter
gewesen war und sich von keinem seiner Hausgenossen vorstellen lassen dorfte.
Nirgend ist diese tatarische Reichsverfassung mehr gediehen und prächtiger
emporkommen als auf dem fränkischen Boden, von da sie durch die Normannen nach
England und Sizilien, mit der Kaiserkrone nach Deutschland, von dannen in die
nordischen Reiche, und aus Burgund endlich in höchster Pracht nach Spanien
hinübergepflanzt worden ist, wo sie dann allentalben nach Ort und Zeit neue
Blüten getragen. Von einer solchen Staatsdichtung, das Hauswesen des Regenten
zur Gestalt und Summe des Reichs zu machen, wussten weder Griechen noch Römer,
weder Alexander noch Augustus; am Jaik aber oder am Jenisseistrom ist sie
einheimisch; daher auch nicht unbedeutend die Zobel und Hermeline ihr Sinnbild
und Wappenschmuck geworden.
    5. In Europa hätte diese Verfassung schwerlich so festen Platz gewinnen oder
behalten mögen, wenn nicht, wie wir gesehen, diese Barbarei bereits eine andre
vor sich gefunden hätte, mit der sie sich freundlich vermählte, die Barbarei des
römischen Papsttums. Denn weil die Klerisei damals den ganzen Rest der
Wissenschaften besass, ohne welche auch die Barbaren in diesen Ländern nicht sein
konnten, so blieb diesen, die sich selbst Wissenschaften zu erwerben nicht
begehrten, nur ein Mittel übrig, sie gleichsam mitzuerobern, wenn sie die
Bischöfe unter sich aufnähmen. Es geschah. Und da diese mit den Edlen
Reichsstände, mit den Dienern des Hofes Hofdiener wurden, da, wie diese, auch
sie sich Benefizien, Gerechtigkeiten und Länder verleihen liessen und aus
mehreren Ursachen den Laien in vielem zuvorkamen, so war ja keine
Staatsverfassung dem Papsttum holder und werter als diese. Wie nun einerseits
nicht zu leugnen ist, dass zu Milderung der Sitten und sonstiger Ordnung die
geistlichen Reichsstände viel beigetragen haben, so ward auf der andern Seite
durch Einführung einer doppelten Gerichtsbarkeit, ja eines unabhängigen Staats
im Staate der letzte in allen seinen Grundsätzen wankend. Keine zwei Dinge
konnten einander an sich fremder sein als das römische Papsttum und der Geist
deutscher Sitten: jenes untergrub diese unaufhörlich, wie es sich gegenteils
vieles aus ihnen zueignete und zuletzt alles zu einem deutsch-römischen Chaos
machte. Wofür allen deutschen Völkern lange geschaudert hatte, das ward ihnen am
Ende über alles lieb; ihre eignen Grundsätze liessen sie gegen sich selbst
gebrauchen. Die Güter der Kirche, dem Staat entrissen, wurden in ganz Europa ein
Gemeingut, für welches der Bischof zu Rom kräftiger als irgendein Fürst für
seinen Staat waltete und wachte. Eine Verfassung voll Widerspruchs und unseliger
Zwiste.
    6. Weder Krieger noch Mönche nähren ein Land; und da bei dieser Einrichtung
für den erwerbenden Stand so wenig gesorgt war, dass vielmehr alles in ihr dahin
ging, Bischöfen und Edeln die ganze Welt leibeigen zu machen, so sieht man, dass
damit dem Staat seine lebendigste Triebfeder, der Fleiss der Menschen, ihr
wirksamer freier Erfindungsgeist, auf lange geraubt war. Der Wehrsmann hielt
sich zu gross, die Äcker zu bauen, und sank herab; der Edle und das Kloster
wollte Leibeigne haben, und die Leibeigenschaft hat nie etwas Gutes gefördert.
Solange man Land und Güter nicht als einen nutzbaren, in allen Teilen und
Produkten organischen Körper, sondern als ein unteilbares totes Besitztum
betrachtete, das der Krone oder der Kirche oder dem Stammhalter eines edlen
Geschlechts in der Qualität eines liegenden Grundes, zu welchem Knechte gehören,
zustünde, so lange war der rechte Gebrauch dieses Landes samt der wahren
Schätzung menschlicher Kräfte unsäglich behindert. Der grösseste Teil der Länder
ward eine dürftige Allmende, an deren Erdschollen Menschen wie Tiere klebten,
mit dem harten Gesetz, nie davon losgetrennt werden zu können. Handwerke und
Künste gingen desselben Weges. Von Weibern und Knechten getrieben, blieben sie
lange auch im grossen eine Hantierung der Knechte; und als Klöster, die ihre
Nutzbarkeit aus der römischen Welt kannten, sie an ihre Klostermauern zogen, als
Kaiser ihnen Privilegien städtischer Zünfte gaben, war dennoch der Gang der
Sache damit nicht verändert. Wie können Künste sich heben, wo der Ackerbau
daniederliegt? wo die erste Quelle des Reichtums, der unabhängige,
gewinnbringende Fleiss der Menschen, und mit ihm alle Bäche des Handels und
freien Gewerbes, versiegt, wo nur der Pfaffe und Krieger gebietende, reiche,
besitzführende Herren waren? Dem Geist der Zeiten gemäss konnten also auch die
Künste anders nicht als Gemeinwesen (Universitates) in Form der Zünfte
eingeführt werden: eine rauhe Hülle, die damals der Sicherheit halben nötig,
zugleich aber auch eine Fessel war, dass keine Wirksamkeit des menschlichen
Geistes sich unzunftmässig regen mochte. Solchen Verfassungen sind wir's
schuldig, dass in Länder, die seit Jahrhunderten bebauet wurden, noch
unfruchtbare Gemeinplätze, dass in festgesetzten Zünften, Orden und
Brüderschaften noch jene alten Vorurteile und Irrtümer übrig sind, die sie treu
aufbewahret haben. Der Geist der Menschen modelte sich nach einem
Handwerksleisten und kroch gleichsam in eine privilegierte Gemeinlade.
    7. Aus allem erhellet, dass die Idee der deutschen Völkerverfassung, so
natürlich und edel sie an sich war, auf grosse, zumal eroberte, lange Zeit
kultivierte oder gar römisch-christliche Reiche angewandt, nichts anders als ein
kühner Versuch sein konnte, dem viele Missbräuche bevorstanden; sie musste von
mehrern Völkern voll gesunden Verstandes in der nörd- und südlichen Welt lange
geübt, mannigfaltig geprüft und ausgebildet werden, ehe sie zu einiger
Bestandheit kommen konnte. In kleinen Munizipalitäten, beim Gerichtshandel und
allentalben, wo lebendige Gegenwart gilt, zeigt sie sich unstreitig als die
beste. Die altdeutschen Grundsätze, dass jedermann von seinesgleichen gerichtet
werde, dass der Vorsitzer des Gerichts von den Beisitzern das Recht nur schöpfe,
dass jedes Verbrechen nur als ein Bruch der Gemeine seine Gnugtuung erwarte und
nicht aus Buchstaben, sondern aus lebendiger Ansicht der Sache beurteilt werden
müsse: diese samt einer Reihe andrer Gerichts-, Zunft- und andrer Gebräuche sind
Zeugen vom hellen und billigen Geist der Deutschen. Auch in Rücksicht des Staats
waren die Grundsätze vom Gesamteigentum, der Gesamtwehr und gemeinen Freiheit
der Nation gross und edel; da sie aber auch Männer erforderten, die alle Glieder
zusammenzuhalten, zwischen allen ein Verhältnis zu treffen und das Ganze mit
einem Blick zu beleben wüssten, und diese Männer nicht nach dem Erstgeburtsrecht
geboren werden, so erfolgte, was mehr oder minder allentalben erfolgt ist; die
Glieder der Nation löseten sich auf in wilden Kräften; sie unterdrückten das
Unbewehrte und ersetzten den Mangel des Verstandes und Fleisses durch lange
tatarische Unordnung. Indessen ist in der Geschichte der Welt die
Gemeinverfassung germanischer Völker gleichsam die feste Hülse gewesen, in
welcher sich die überbliebene Kultur vorm Sturm der Zeiten schützte, der
Gemeingeist Europas entwickelte und zu einer Wirkung auf alle Weltgegenden
unsrer Erde langsam und verborgen reifte. Zuvörderst kamen hohe Phantome, eine
geistliche und eine andre Monarchie, zum Vorschein, die aber ganz andre Zwecke
beförderten, als wozu sie gestiftet worden.
 
                                Neunzehntes Buch
    Kaum ist je eine Namenanspielung von grossem Folgen gewesen, als die dem
heil. Petrus gemacht ward, dass auf den Felsen seiner Aussage eine
unerschütterliche Kirche gebauet und ihm die Schlüssel des Himmelreichs
anvertrauet werden sollten. Der Bischof, der, wie man glaubte, auf Petrus' Stuhl
nahe seinem Grabe sass, wusste diesen Namen auf sich zu deuten, und als er bei
zusammentreffenden Umständen nicht nur das Primat der grössesten christlichen
Kirche, sondern auch das Recht geistlicher Vorschriften und Befehle, die Macht,
Konzilien zu berufen und auf ihnen zu entscheiden, Glaubenslehren festzusetzen
und zu umzäunen, unlässliche Sünden zu erlassen, Freiheiten zu erteilen, die
sonst niemand erteilen könnte, kurz, die Macht Gottes auf Erden bekam: so stieg
er von dieser geistlichen Monarchie gar bald zu ihrer Folge, der
weltlich-geistlichen, über. Wie einst den Bischöfen, so entkräftete er jetzt die
Gewalt den Oberherren der Länder. Er verlieh eine abendländische Kaiserkrone,
deren Erkenntnis er sich selbst entzog. Bannflüche und Interdikte waren in
seiner gefürchteten Hand, mit welcher er Reiche aufrichtete und verschenkte,
Könige geisselte und lossprach, Ländern den Gottesdienst nahm, Untertanen und
Vasallen von ihren Pflichten entband, seiner gesamten Geistlichkeit Weiber und
Kinder nahm und überhaupt ein System gründete, das eine Reihe von Jahrhunderten
zwar hat erschüttern, aber noch nicht hat vernichten mögen. Eine Erscheinung
dieser Art fodert Aufmerksamkeit, und da wohl keinem Regenten der Welt die
Emporbringung seiner Macht so schwer geworden ist als dem römischen Bischöfe die
seinige, so verdienet sie wenigstens, dass man von ihr, wie von jeder andern
Staatsverfassung, ohne Groll und Bitterkeit rede.284
 
                                       I
                              Römische Hierarchie
    Man ist gewohnt, dem, was ein Gebäude geworden ist, schon vor seiner
Entstehung einen Entwurf des Baues zum Grunde zu legen; selten aber trifft dies
bei den politischen Bauwerken ein, die nur die Zeiten vollführt haben. Bei Roms
geistlicher Grösse wäre selbst zu zweifeln, ob sie je erreicht worden wäre, wenn
man mit unverwandtem Blick auf sie gearbeitet hätte. Auf dem Stuhle zu Rom sassen
Bischöfe von so mancherlei Art wie auf jedem andern Trone, und auch für die
fähigsten Werkzeuge gab's unglückliche Zeiten. Diese unglücklichen Zeiten aber
und die Fehler der Vorgänger sowohl als der Feinde selbst zu nutzen, das war die
Staatskunst dieses Stuhles, durch welche er zur Festigkeit und Hoheit gelangte.
Lasset uns aus vielen nur einige Umstände der Geschichte samt den Grundsätzen
betrachten, auf welche sich Roms Grösse stützte.
    Das meiste sagt der Name Rom selbst: die alte Königin der Welt, das Haupt
und die Krone der Völker, hauchte auch ihrem Bischöfe den Geist ein, das Haupt
der Völker auf seine Weise zu werden. Alle Sagen von Petrus' Bischof- und
Märtyrertum wären zu Antiochien oder Jerusalem nicht von der politischen Wirkung
gewesen, wie sie in der blühenden Kirche des alten ewigen Roms wurden; denn
wieviel fand der Bischof dieser ehrwürdigen Stadt, das ihn fast ohne seinen
Willen emporheben musste! Der unaustilgbare Stolz des römischen Volks, dem so
manche Kaiser hatten weichen müssen, trug ihn auf seinen Schultern und gab ihm,
dem Hirten des ersten Volks der Erde, den Gedanken ein, in dieser hohen Schule
der Wissenschaft und Staatskunst, zu welcher man auch noch in den christlichen
Zeiten, um Roms Gesetze zu lernen, wallfahrtete, sie selbst zu lernen und gleich
den alten Römern durch Satzungen und Rechte die Welt zu regieren. Die Pracht des
heidnischen Gottesdienstes stand vor seinen Augen da, und da dieser in der
römischen Staatsverfassung mit der obrigkeitlichen Macht verknüpft gewesen war,
so erwartete das Volk auch in seinem christlichen Bischöfe den alten Pontifex
maximus, Aruspex und Augur. An Triumphe, Feste und Staatsgebräuche gewöhnt, sähe
es gern, dass aus Gräbern und Katakomben das Christentum in Tempel einzog, die
der römischen Grösse würdig waren, und so ward durch Anordnungen, Feste und
Gebräuche Rom zum zweitenmal das Haupt der Völker.
    Frühe äusserte Rom seine gesetzgebende Klugheit dadurch, dass es auf Einheit
der Kirche, auf Reinheit der Lehre, auf Rechtgläubigkeit und Katolizismus
drang, auf den die Kirche gebauet werden musste. Schon im zweiten Jahrhundert
wagete es Victor, die Christen in Asien nicht für seine Brüder zu erkennen, wenn
sie das Osterfest nicht zu einer Zeit mit ihm feiern wollten; ja die erste
Spaltung der Juden- und Heidenchristen ist wahrscheinlich von Rom aus beigelegt
worden: Paulus und Petrus liegen in ihm friedlich begraben.285 Dieser Geist
einer allgemeinen Lehre erhielt sich auf dem Römischen Stuhl; und obgleich
einige Päpste sich vom Vorwurf der Ketzerei kaum haben rein erhalten mögen, so
wussten jedesmal ihre Nachfolger einzulenken und traten zurück ans Steuer der
rechtgläubigen Kirche. Nie hat sich Rom vor Ketzereien gebückt, sooft diese es
auch mächtig drängten: morgenländische Kaiser, Ost- und Westgoten, Burgunder und
Longobarden waren Arianer; einige derselben beherrschten Rom; Rom aber blieb
katolisch. Ohne Nachsicht schnitt es zuletzt sich ab von der griechischen
Kirche, ob diese gleich eine halbe Welt war. Notwendig musste diese Grundlage
einer unerschütterten Reinigkeit und Allgemeinheit der Lehre, die auf Schrift
und Tradition zu ruhen vorgab, bei günstigen Umständen einen geistlichen
Richtertron über sich gewinnen und tragen.
    Solche günstige Umstände kamen. Nachdem der Kaiser Italien verlassen, als
das Reich geteilt, von Barbaren überschwemmt, Rom mehrmals erobert und
geplündert ward, da hatte mehr als einmal sein Bischof Gelegenheit, auch sein
Erretter zu werden. Er ward der verlassenen Königsstadt Vater, und die Barbaren,
die die Herrlichkeit Roms verehreten, scheusten desselben obersten Priester.
Attila zog zurück; Geiserich gab nach; ergrimmte longobardische Könige warfen
sich, noch ehe er Roms Herr war, vor ihm nieder. Lange wusste er zwischen
Barbaren und Griechen die Mitte zu halten; er wusste zu teilen, damit er einst
regiere. Und als die teilende Staatskunst nicht mehr gelang, da hatte er sein
katolisches Frankreich zur Hülfe sich schon zubereitet; er zog über das
Gebürge, erhielt von seinem Befreier mehr, als er gesucht hatte, seine
Bischofsstadt mit allen Städten des Exarchats. Endlich ward Karl der Grosse
römischer Kaiser, und nun hiess es: ein Rom, ein Kaiser, ein Papst! drei
unzertrennliche Namen, die fortan das Wohl und das Übel der Völker wurden.
Unerhört ist's, was sich der römische Bischof schon gegen den Sohn seines
Wohltäters erlaubte; noch mehreres wartete auf seine späteren Nachfolger. Er
schlichtete zwischen den Kaisern, gebot ihnen, entsetzete sie und stiess die
Krone von ihrem Haupt, die er ihnen gegeben zu haben glaubte. Die gutmütigen
Deutschen, die 350 Jahre lang dieses Kleinodes halber nach Rom zogen und ihm das
Blut ihrer Nation willig aufopferten, sie waren es, die den Übermut der Päpste
zu seiner schrecklichsten Höhe erhuben. Ohne einen deutschen Kaiser und die
traurige Verfassung seines Reichs wäre nie ein Hildebrand entstanden, und noch
jetzt ist Deutschland seiner Verfassung wegen ein Ruhekissen der römischen
Krone.
    Wie das heidnische Rom seinen Eroberungen bequem lag, so war das christliche
Rom den seinigen wohlgelegen. Von der Nord- und Ostsee, vom Schwarzen Meer und
der Wolga kamen zahllose Völker, die der Bischof zu Rom mit dem rechtgläubigen
Kreuz doch endlich bezeichnen musste, wenn sie in dieser rechtgläubigen Gegend
friedlich wohnen sollten; und die nicht selbst kamen, suchte er auf. Gebete und
Weihrauch sandte er den Nationen, wofür sie ihm Gold und Silber weiheten und
seine zahlreichen Diener mit Äckern, Wäldern und Auen begabten. Die schönste
Gabe aber, die sie ihm darbrachten, war ihr unbefangenes rohes Herz, das mehr
sündigte, als es Sünden kannte, und von ihm Sündenregister empfing, damit es den
Ablass derselben empfangen möchte. Hier kamen die Schlüssel Petrus' in Übung, und
sie erklungen nie ohne Belohnung. Welch ein schönes Erbteil der Geistlichen
waren die Länder der Goten, Alemannen, Franken, Angeln, Sachsen, Dänen,
Schweden, Slawen, Polen, Ungarn und Preussen! Je später diese Völker ins
Himmelreich traten, desto teurer mussten sie den Eintritt, oft mit Land und
Freiheit, bezahlen. Je nördlicher oder östlicher, desto langsamer war die
Bekehrung, desto ansehnlicher ihr Dank; je schwerer ein Volk ans Glauben ging,
desto fester lernte es glauben. Nach Grönland hinauf, zur Düna und zum Dnepr gen
Osten, westlich bis zu jedem äussersten Vorgebürge reichte endlich des römischen
Bischofs Hürde.
    Der Bekehrer der Deutschen, Winfried oder Bonifacius, hat dem Ansehen des
Papstes über Bischöfe, die ausser seiner Diözese sassen, mehr emporgeholfen, als
es irgendein Kaiser hätte tun mögen. Als Bischof im Lande der Ungläubigen hatte
er dem Papst einen Eid der Treue geschworen, der nachher durch Überredung und
Federungen auch auf andre Bischöfe überging und endlich in allen katolischen
Reichen zum Gesetz ward. Mit den öftern Teilungen der Länder unter den
Karlingern wurden auch die Diözesen der Bischöfe zerrissen, und der Papst bekam
reiche Gelegenheit, in ihren Sprengeln zu wirken. Die Sammlung der Dekrete des
falschen Isidors endlich, die in diesen karlingischen Zeiten, wahrscheinlich
zwischen dem fränkischen und deutschen Reich, zuerst öffentlich erschien und. da
man sie aus Unachtsamkeit, List und Unwissenheit gelten liess, alle eingerissene
jüngere Missbräuche auf einmal mit dem ältesten Ansehen feststellte, dies einzige
Buch diente dem Papst mehr als zehn Kaiserdiplome; denn überhaupt waren
Unwissenheit und Aberglaube, mit denen die ganze Abendwelt überdeckt war, das
weite und tiefe Meer, in welchem Petrus' Netz fischte.
    Am meisten zeigt sich die Staatsklugheit der römischen Bischöfe darin, dass
sie die widerwärtigsten Umstände ihnen zu dienen zwangen. Lange waren sie von
den morgenländischen, oft wurden sie auch von den abendländischen Kaisern
gedrückt, und doch musste ihnen Konstantinopel zuerst den Rang eines allgemeinen
Bischofs zugestehn, Deutschland endlich die Investitur der geistlichen
Reichsstände doch überlassen. Die griechische Kirche trennte sich; auch zum
Vorteil des Papstes, der in ihr nie zu dem Ansehen hätte kommen können, nach
welchem er im Okzident strebte; jetzt schloss er die seinige desto fester an
sich. Mahomed erschien, die Araber bemächtigten sich eines grossen Teils des
südlichen Europa, sie streiften selbst nahe an Rom und versuchten Landung; auch
diese übel wurden dem Papst erspriesslich, der sowohl die Schwäche der
griechischen Kaiser als die Gefahr, mit der Europa bedrohet ward, sehr wohl zu
gebrauchen wusste, sich selbst als Retter Italiens ins Feld wagte und fortan das
Christentum gegen alle Ungläubigen zum Feldpanier machte. Eine fürchterliche Art
der Kriege, zu denen er mit Bann und Interdikt zwingen konnte und in denen er
nicht etwa nur Herold, sondern oft auch Schatzmeister und Feldherr ward. Das
Glück der Normänner gegen die Araber nutzte er gleichfalls; er belieh sie mit
Ländern, die ihm nicht gehörten, und gewann durch sie den Rücken frei, um vor
sich hin zu wirken. So wahr ist's, dass der am weitsten kommt, der anfangs selbst
nicht weiss, wie weit er kommen werde, dafür aber jeden Umstand, den ihm die Zeit
gewähret, nach festen Massregeln gebrauchet.
    
    Lasset uns einige dieser Massregeln, die der römische Hof zu seinem Vorteil
befolgt hat, ohne Liebe und Hass auszeichnen.
    1. Roms Herrschaft beruhte auf Glauben, auf einem Glauben, der zeitlich und
ewig das Wohl menschlicher Seelen befördern sollte. Zu diesem System gehörte
alles, was menschliche Seelen leiten kann, und dies alles brachte Rom in seine
Hände. Von Mutterleibe an bis ins Grab, ja bis jenseit desselben im Fegefeuer
war der Mensch in der Gewalt der Kirche, der er sich nicht entziehen konnte,
ohne rettungslos unglücklich zu werden: sie formte seinen Kopf, sie beunruhigte
und beruhigte sein Herz; durch die Beicht hatte sie den Schlüssel zu seinen
Geheimnissen, zu seinem Gewissen, zu allem, was er um und an sich trägt, in
Händen. Lebenslang blieb der Gläubige unter ihrer Zucht unmündig, und im Artikel
des Todes band sie ihn mit siebenfachen Banden, um den Reuigen und Freigebigen
desto freigebiger zu lösen. Das geschah Königen und Bettlern, Rittern und
Mönchen, Männern und Weibern; weder seines Verstandes noch seines Gewissens
mächtig, musste jedermann geleitet werden, und an Leitern konnte es ihm nie
fehlen. Da nun der Mensch ein träges Geschöpf ist und, wenn er einmal an eine
christliche Seelenpflege gewöhnt ward, derselben schwerlich wieder entbehren
mag, vielmehr seinen Nachkommen dies sanfte Joch als das Polster eines Kranken
anempfiehlet, so war die Herrschaft der Kirche damit im Innersten der Menschen
gegründet. Mit dem Verstande und dem Gewissen des Gläubigen hatte sie alles in
ihrer Gewalt; es war eine Kleinigkeit, dass, wenn sie ihm sein Geistliches säete,
sie etwa sein Leibliches ernte; hingegeben, wie er war, hatte sie ihn bei
Leibesleben im Innersten längst geerbet.
    2. Diesen Glauben zu leiten, bediente sich die Kirche nicht etwa des
Grössesten, des Wichtigsten, sondern des Fasslichsten, des Kleinsten, weil sie
wohl wusste, welch ein weniges die Andacht der Menschen vergnüge. Ein Kreuz, ein
Marienbild mit dem Kinde, eine Messe, ein Rosenkranz taten zu ihrem Zwecke mehr,
als viele feine Spekulationen würden getan haben; und auch diesen Hausrat
verwaltete sie mit dem sparsamsten Fleisse. Wo eine Messe hinreichte, bedorfte es
des Abendmahls nicht; wo eine stille Messe gnug war, bedorfte es keiner lauten;
wo man verwandeltes Brot ass, war der verwandelte Wein zu entbehren. Mit einer
solchen Ökonomie gewann die Kirche Raum zu unzähligen Freiheiten und unkostbaren
Geschenken; denn auch der sparsamste Ökonom könnte gefragt werden, ob er aus
Wasser, Brot, Wein, aus einigen Glas- oder Holzperlen, ein wenig Wolle, Salbe
und dem Kreuz ein mehreres zu machen wisse, als daraus die Kirche gemacht hat.
So auch mit Formularen, Gebeten, Cerimonien. Nie wollte sie vergebens erfunden
und angeordnet haben; alte Formeln blieben, obwohl für die neuere Zeit neue
gehörten; die andächtige Nachkommenschaft sollte und wollte wie ihre Vorfahren
selig werden. Noch weniger nahm die Kirche je einen ihrer begangenen Fehler
zurück; gar zu augenscheinlich begangen, ward er jederzeit nur auf die
verblümtste Weise vernichtet; sonst blieb alles, wie es war, und ward nach
gegebnen Veranlassungen nicht verbessert, sondern vermehret. Ehe auf diesem
bedächtlichen Wege der Himmel voll Heiliger war, war die Kirche voll Reichtümer
und Wunder; und auch bei den Wundern ihrer Heiligen hat sich die Erfindungskraft
der Erzähler nicht bemühet. Alles wiederholt sich und bauet auf den grossen
Grundsatz der Popularität, des Fasslichsten, des Gemeinsten, weil eben bei der
mindesten Glaubwürdigkeit das oft und dreust Wiederkommende selbst Glauben
gebietet und zuletzt Glauben findet.
    3. Mit dem Grundsatz des Kleinsten wusste die römische Staatskunst das
Feinste und Gröbste dergestalt zu verbinden, dass sie in beidem schwerlich zu
übertreffen sein möchte. Niemand konnte demütiger, schmeichelnder und flehender
sein, als in Zeiten der Not oder gegen Willfährige und Guterzige die Päpste
waren; bald spricht St. Petrus durch sie, bald der zärtlichste Vater; niemand
aber kann auch offner und stärker, gröber und härter als sie schreiben und
handeln, sobald es not war. Nie disputieren sie, sondern sie dekretieren; eine
schlaue Kühnheit, die ihren Weg verfolgt, sie mag flehen und bitten oder fodern,
drohen, trotzen und strafen, bezeichnet die Bullensprache des Romanismus fast
ohne ihresgleichen. Daher der eigne Ton der Kirchengesetze, Briefe und Dekrete
mittlerer Zeiten, der von der Würde der altrömischen Gesetzgebung sich sonderbar
unterscheidet; der Knecht Christi ist gewöhnt, zu Laien oder zu Untergebnen zu
sprechen, immer seiner Sache gewiss, nie sein Wort zurücknehmend. Dieser heilige
Despotismus, mit väterlicher Würde geschmückt, hat mehr ausgerichtet als jene
leere Höflichkeit nichtiger Staatsränke, denen niemand trauet. Er wusste, was er
wollte und wie er Gehorsam zu fodern habe.
    4. Auf keinen einzelnen Gegenstand der bürgerlichen Gesellschaft liess sich
die römische Staatskunst mit Vorliebe ein; sie war um ihr selbst willen da,
brauchte alles, was ihr diente, konnte alles vernichten, was ihr entgegenstand:
denn nur an ihr selbst lag ihr. Ein geistlicher Staat, der auf Kosten aller
christlichen Staaten lebte, konnte freilich nicht umhin, jetzt auch den
Wissenschaften, jetzt der Sittlichkeit und Ordnung, jetzt dem Ackerbau, Künsten,
dem Handel nützlich zu werden, wenn es sein Zweck wollte; dass aber dem
eigentlichen Papismus es nie an reiner Aufklärung, an Fortschritten zu einer
bessern Staatsordnung, samt allem, was dazu gehört, gelegen gewesen sei,
erweiset die ganze mittlere Geschichte. Der beste Keim konnte zertreten werden,
sobald er gefährlich ward; auch der gelehrtere Papst musste seine Einsichten
verbergen oder bequemen, sobald sie dem ewigen Interesse des Römischen Stuhls zu
weit aus dem Wege lagen. Dagegen, was dies Interesse nährte, Künste, Zinsen,
Aufruhr erregende Munizipalstädte, geschenkte Äcker und Länder, das ward zur
grössern Ehre Gottes gepflegt und verwaltet. Bei aller Bewegung war die Kirche
der stillstehende Mittelpunkt des Universum.
    5. Zu diesem Zweck dorfte der römischen Staatsherrschaft alles dienen, was
ihr nützte: Krieg und Schwert, Flamme und Gefängnis, erdichtete Schriften,
Meineid auf eine geteilte Hostie, Inquisitionsgerichte und Interdikte, Schimpf
und Elend, zeitliches und ewiges Unglück. Um ein Land gegen seinen Landesherren
aufzubringen, konnten ihm alle Mittel der Seligkeit, ausser In der Todesstunde,
genommen werden; über Gottes- und Menschengebote, über Völker- und
Menschenrechte wurde mit den Schlüsseln Petrus' gewaltet.
    6. Und da dies Gebäude allen Pforten der Hölle überlegen sein sollte, da
dies System kanonischer Einrichtungen, die Macht der Schlüssel, zu binden und zu
lösen, die zauberische Gewalt heiliger Zeichen, die Gabe des Geistes, der sich
von Petrus an auf seine Nachfolger und ihre Geweiheten fortpflanzet, nichts als
Ewigkeit predigt: wer könnte sich ein tiefer eingreifendes Reich gedenken? Seel-
und leibeigen gehöret ihm der Stand der Priester; mit geschornem Haupt und
unwiderruflichem Gelübde werden sie seine Diener auf ewig. Unauflöslich ist das
Band, das Kirche und Priester knüpft; genommen wird ihm Kind, Weib, Väter und
Erbe; abgeschnitten vom fruchtbaren Baum des menschlichen Geschlechts, wird er
dem perennierend-dürren Baum der Kirche eingeimpfet: seine Ehre fortan nur ihre
Ehre, ihr Nutzen, der seine; keine Änderung der Gedanken, keine Reue ist
möglich, bis der Tod seine Knechtschaft endet. Dafür aber zeigte diesen
Leibeignen die Kirche auch ein weites Feld der Belohnung, eine hohe
Stutenleiter, reiche, weitgebietende Knechte, die Herren aller Freien und Grossen
der Erde zu werden. Den Ehrgeizigen reizte sie mit Ehre, den Andächtigen mit
Andacht und hatte für jeden, was ihn locket und belohnet. Auch hat diese
Gesetzgebung das Eigene, dass, solange ein Rest von ihr da ist, sie ganz da sei
und mit jeder einzelnen Maxime alle befolgt werden müssen; denn es ist Petrus'
Fels, auf welchem man mit seinem unvergänglichen Netze fischet; es ist das
unzuzerstückende Gewand, das im Spiel der Kriegsleute selbst nur einem zuteil
werden konnte.
    7. Und wer war in Rom, an der Spitze seines heiligen Kollegium, dieser eine?
Nie ein wimmerndes Kind, dem man etwa an seiner Wiege den Eid der Treue schwur
und damit allen Phantasien seines Lebens Huldigung gelobte; nie ein spielender
Knabe, bei dem man sich durch Begünstigung seiner Jugendtorheiten
einschmeichelte, um nachher der verzärtelnde Liebling seiner Laune zu werden;
ein Mann oder Greis ward erwählet, der, meistens in Geschäften der Kirche schon
geübt, das Feld kannte, auf welchem er Arbeiter bestellen sollte. Oder er war
mit den Fürsten seiner Zeit nahe verwandt und ward in kritischen Zeiten gerade
nur zu der Verlegenheit gewählt, die er abtun sollte. Nur wenige Jahre hatte er
zu leben und für keine Nachkommenschaft rechtmässig etwas zu erbeuten; wenn er
aber auch dieses tat, so war's im grossen ganzen des christlichen Pontifikats
selten wert der Rede. Das Interesse des Römischen Stuhls war fortgehend; der
erfahrne Greis ward nur eingeschoben, damit er zu dem, was geschehen war, auch
seinen Namen dazutun könnte. Manche Päpste erlagen der Bürde; andre
rechtserfahrne, staatskluge, kühne und standhafte Männer verrichteten in wenigen
Jahren mehr, als schwache Regierungen in einem halben Jahrhunderte tun konnten.
Eine lange Reihe von Namen müsste hier stehen, wenn auch nur die vornehmsten
würdigen und grossen Päpste genannt werden sollten, bei deren vielen man es
bedauert, dass sie zu keinem andern Zweck arbeiten konnten. Der wohllüstigen
Weichlinge sind auf dem Römischen Stuhl weit weniger als auf den Tronen
weltlicher Regenten, und bei manchen derselben sind ihre Fehler nur auffallend,
weil sie Fehler der Päpste waren.
 
                                       II
                       Wirkung der Hierarchie auf Europa
    Vor allem muss man des Guten erwähnen, das unter jeder Hülle das Christentum,
seiner Natur nach, bringen musste. Mitleidig gegen Arme und Bedrängte, nahm es
bei den wilden Verheerungen der Barbaren sie unter seinen Schutz; viele Bischöfe
in Gallien, Spanien, Italien und Deutschland haben dies wie Heilige erwiesen.
Ihre Wohnungen und die Tempel wurden eine Zuflucht der Bedrängten; sie kauften
Sklaven los, befreieten die Geraubten und steureten denn abscheulichen
Menschenhandel der Barbaren, wo sie wussten und konnten. Diese Ehre der Milde und
Grossmut gegen den unterdrückten Teil des Menschengeschlechts kann man dem
Christentum, seinen Grundsätzen nach, nicht rauben; von seinen ersten Zeiten an
arbeitete es zur Rettung der Menschen, wie schon mehrere selbst unpolitische
Gesetze der morgenländischen Kaiser zeigen. Da in der abendländischen Kirche man
dieser Wohltat noch minder entbehren konnte, so sprechen viele Dekrete der
Bischöfe in Spanien, Gallien und Deutschland dafür, auch ohne Zutun des Papstes.
    Dass in den Zeiten der allgemeinen Unsicherheit Tempel und Klöster die
heiligen Freistätten auch des stillen Fleisses und Handels, des Ackerbaues, der
Künste und des Gewerbes gewesen, ist gleichfalls unleugbar. Geistliche stifteten
Jahrmärkte, die ihnen zur Ehre noch jetzo Messen heissen, und befriedigten sie,
wenn selbst der Kaiser- und Königsbann sie nicht sicherstellen konnte, mit dem
Gottesfrieden. Künstler und Gewerke zogen sich an Klostermauern und suchten vor
dem leibeigen machenden Adel Zuflucht. Mönche trieben den vernachlässigten
Ackerbau durch ihre und anderer Hände; sie verfertigten, was sie im Kloster
bedorften, oder gaben wenigstens einem klösterlichen Kunstfleiss sparsam Lohn und
Raum. In Klöster retteten sich die übergebliebenen alten Schriftsteller, die,
hie und da abgeschrieben, der Nachwelt aufbewahrt wurden. Durch Hülfe des
Gottesdienstes endlich erhielt sich, wie sie auch war, mit der lateinischen
Sprache ein schwaches Band, das einst zur Literatur der Allen zurück- und von
ihnen bessere Weisheit herleiten sollte. In solche Zeiten gehören Klostermauern,
die auch den Pilgrimen Sicherheit und Schutz, Bequemlichkeit, Kost und
Aufentalt gewährten. Durch Reisen dieser Art sind die Länder zuerst friedlich
verknüpfet worden; denn ein Pilgerstab schützte, wo kaum ein Schwert schützen
konnte. Auch hat sich an ihnen die Kunde fremder Länder, samt Sagen,
Erzählungen, Romanen und Dichtungen, in der rohesten Kindheit gebildet.
    Alles dies ist wahr und unleugbar; da vieles davon aber auch ohne den
römischen Bischof geschehen konnte, so lasset uns sehen, was dessen geistliche
Oberherrschaft eigentlich Europa für Nutzen gebracht habe.
    1. Die Bekehrung vieler heidnischen Völker. Aber wie wurden sie bekehret?
Oft durch Feuer und Schwert, durch Femgerichte und ausrottende Kriege. Sage man
nicht, dass der römische Bischof solche nicht veranstaltet habe; er genehmigte
sie, genoss ihre Früchte und ahmte, wenn er's tun konnte, sie selbst nach. Daher
jene Ketzergerichte, zu denen Psalmen gesungen wurden, jene bekehrenden
Kreuzzüge, in deren Beute sich Papst und Fürsten, Orden, Prälaten, Domherrn und
Priester teilten. Was nicht umkam, ward leibeigen gemacht und ist es grossenteils
noch; so hat sich das christliche Europa gegründet; so wurden Königreiche
gestiftet und vom Papst geweihet, ja späterhin das Kreuz Christi als Mordzeichen
in alle Weltteile getragen. Amerika raucht noch vom Blut seiner Erschlagnen, und
die in Europa zu Knechten gemachte Völker verwünschen noch ihre Bekehrer. Und
ihr zahllosen Opfer der Inquisition im südlichen Frankreich, in Spanien und in
andern Weltteilen, eure Asche ist verflogen, eure Gebeine sind vermodert; aber
die Geschichte der an euch verübten Greuel bleibt eine ewige Anklägerin der in
euch beleidigten Menschheit.
    2. Man eignet der Hierarchie das Verdienst zu, die Völker Europas zu einer
Christenrepublik verbunden zu haben; worin hätte diese bestanden? Dass alle
Nationen vor einem Kreuz knieeten und einerlei Messe anhörten, wäre etwas, aber
nicht viel. Dass in geistlichen Sachen sie alle von Rom aus regiert werden
sollten, war ihnen selbst nicht erspriesslich; denn der Tribut, der dahin ging,
und das unzählbare Heer von Mönchen und Geistlichen, Nuncien und Legaten drückte
die Länder. Zwischen den europäischen Mächten war damals weniger Friede als je;
nebst andern Ursachen auch des falschen Staatssystems halben, das eben der Papst
in Europa festielt. Der heidnischen Seeräuberei war durchs Christentum
gewehret; mächtige Christennationen aber rieben sich hart aneinander, und jede
derselben war innerlich voll Verwirrung, von einem geist- und weltlichen
Raubgeist belebet. Eben diese Doppelherrschaft, ein päpstlicher Staat in allen
Staaten, machte, dass kein Reich auf seine Prinzipien kommen konnte, an die man
nur dachte, seitdem man von der Oberherrschaft des Papstes frei war. Als
christliche Republik hat sich Europa also nur gegen die Ungläubigen gezeigt, und
auch da selten zu seiner Ehre; denn kaum dem epischen Dichter sind die Kreuzzüge
ruhmwürdige Taten.
    3. Es wird der Hierarchie zum Ruhm angerechnet, dass sie dem Despotismus der
Fürsten und des Adels eine Gegenmacht gewesen und dem niedern Stande
emporgeholfen habe. So wahr dieses an sich ist, so muss es dennoch mit grosser
Einschränkung gesagt werden. Der ursprünglichen Verfassung deutscher Völker war
der Despotismus eigentlich so ganz zuwider, dass sich eher behaupten liesse, die
Könige haben ihn von den Bischöfen gelernt, wenn diese Seelenkrankheit gelernt
werden dörfte. Bischöfe nämlich brachten aus ihrer missbrauchten Schrift, aus Rom
und ihrem eigenen Stande morgenländische oder klösterliche Begriffe von blinder
Unterwerfung unter den Willen des Oberherren in die Gesetze der Völker und in
seine Erziehung; sie waren's, die das Amt des Regenten zur trägen Würde machten
und seine Person mit dem Salböl göttlicher Rechte zu Befugnissen des
Eigendünkels weihten. Fast immer waren Geistliche die, deren sich die Könige zu
Gründung ihrer despotischen Macht bedienten; wenn sie mit Geschenken und
Vorzügen abgefunden waren, so dorften andre wohl aufgeopfert werden. Denn
überhaupt, waren es nicht die Bischöfe, die in Erweiterung ihrer Macht und
Vorzüge den Laienfürsten vorangingen oder ihnen eifersüchtig nachfolgten?
Heiligten nicht eben sie die widerrechtliche Beute? Der Papst endlich, als
Oberrichter der Könige und der Despot der Despoten, entschied nach göttlichem
Rechte. Er erlaubte zur Zeit der karlingischen, fränkischen und schwäbischen
Kaiser sich Anmassungen, die ein Laie sich nur mit allgemeiner Missbilligung hätte
erlauben mögen, und das einzige Leben Kaiser Friedrichs des Zweiten aus dem
schwäbischen Hause, von seiner Minderjährigkeit an unter der Vormundschaft des
rechtsgelehrtesten Papstes bis zu seinem und seines Enkels Konradins Tode, mag
die Summe dessen sein, was vom oberrichtlichen Amt der Päpste über die Fürsten
Europas gesagt werden kann. Unvertilgbar klebt das Blut dieses Hauses am
Apostolischen Stuhle. Welch eine fürchterliche Höhe, Oberrichter der
Christenheit zu sein über alle europäischen Könige und Länder! Gregor VII.,
wahrlich kein gemeiner Mann, Innozenz III., Bonifacius VIII. sind davon redende
Beweise.
    4. Die grossen Institute der Hierarchie in allen katolischen Ländern sind
unverkennbar; und vielleicht wären die Wissenschaften längst verarmt, wenn sie
nicht von den überbliebenen Brosamen dieser alten Heiligentafel noch spärlich
ernährt würden. Indessen hüte man sich auch hier für Irrung am Geist voriger
Zeiten. Keines Benediktiners Hauptabsicht war der Ackerbau, sondern die
Mönchsandacht. Er hörte auf zu arbeiten, sobald er nicht mehr arbeiten dorfte,
und wie viele Summen von dem, was er erwarb, gingen nach Rom oder wohin sie
nicht sollten! Auf die nützlichen Benediktiner sind eine Reihe andrer Orden
gefolgt, die zwar der Hierarchie zuträglich, dagegen aber Wissenschaften und
Künsten, dem Staat und der Menschheit äusserst zur Last waren, vorzüglich die
Bettelmönche. Alle sie, nebst den Nonnen jeder Art (die Brüder und Schwestern
der Barmherzigkeit vielleicht allein ausgenommen), gehören einzig nur in jene
harte, dunkle, barbarische Zeiten. Wer würde heutzutage ein Kloster nach der
Regel Benedikts stiften, damit die Erde gebauet, oder eine Domkirche gründen,
damit Jahrmarkt in ihr gehalten werde? Wer würde von Mönchen die Teorie des
Handels, vom Bischofe zu Rom das System der besten Staatswirtschaft oder vom
gewöhnlichen Scholaster eines Hochstifts die beste Einrichtung der Schulen
lernen wollen? Damals indessen war alles, was der Wissenschaft, Sittlichkeit,
Ordnung und Milde auch nur in seinen Nebenzwecken diente, von unschätzbarem
Wert.
    Dass man indes die erzwungenen Gelübde der Entaltsamkeit, des Müssigganges
und der klösterlichen Armut zu keiner Zeit und unter keiner Religionspartei
dahin rechne! Dem päpstlichen Stuhl waren sie zu seiner Oberherrschaft
unentbehrlich: er musste die Knechte der Kirche von der lebendigen Welt
losreissen, damit sie seinem Staat ganz lebten; der Menschheit aber waren sie nie
angemessen noch erspriesslich. Lasset ehelos bleiben, betteln und Psalmen singen,
lasset sich geisseln und Rosenkränze beten, wer kann und mag; dass aber Zünfte
dieser Art, unter öffentlichem Schutz, ja unter dem Siegel der Heiligkeit und
eines überströmenden Verdienstes, auf Kosten des geschäftigen, nützlichen
Fleisses, eines ehrbaren Hauswesens, ja der Wünsche und Triebe unsrer Natur
selbst mit Vorzügen, Pfründen und einem ewigen Einkommen begünstigt werden, wer
ist, der dies zu loben oder zu billigen vermöchte? Gregor den Siebenden
kümmerten die Liebeseufzer der kranken Nonnen, die verstohlnen Wege der
Ordensbrüder, die stummen und lauten Sünden der Geistlichen, die durch sie
gekränkten Ehen, die gesammleten Güter der Toten Hand, der genährte Ehrgeiz des
abgesonderten heiligen Standes und jede andre Verwirrung nicht, die daraus
erwachsen musste; im Buch der Geschichte aber liegen die Folgen davon klar am
Tage.
    5. Also wollen wir auch von den Wallfahrten heiliger Müssiggänger nicht viel
rühmen; wo sie nicht auf eine versteckte Weise dem Handel oder der Kundschaft
unmittelbar dienten, haben sie zur Länder- und Völkerkenntnis nur sehr zufällig
und unvollkommen beigetragen. Allerdings war es eine grosse Bequemlichkeit, unter
einem heiligen Pilgerkleide allentalben Sicherheit, in wohltätigen Klöstern
Speise und Ruhe, Reisegefährten auf allen Wegen und zuletzt im Schatten eines
Tempels oder heiligen Haines den Trost und Ablass zu finden, dessen man begehrte.
Führet man aber den süssen Wahn zur ernsten Wahrheit zurück, so sieht man in
heiligen Pilgerkleidern oft Missetäter ziehen, die grobe Verbrechen durch eine
leichte Wallfahrt versöhnen wollen, irre Andächtige, die Haus und Hof verlassen
oder verschenken, die den ersten Pflichten ihres Standes oder der Menschheit
entsagen, um nachher lebenslang verdorbene Menschen, halbe Wahnsinnige,
anmassende oder ausschweifende Toren zu bleiben. Das Leben der Pilger war selten
ein heiliges Leben, und der Aufwand, den sie noch jetzt an den Hauptorten ihrer
Wanderschaft einigen Königreichen kosten, ist ein wahrer Raub ihrer Länder. Ein
einziges schon, dass diese andächtige Krankheit, nach Jerusalem zu wallfahrten,
unter andern auch die Kreuzzüge hervorgebracht, mehrere geistliche Orden
veranlasst und Europa elend entvölkert hat, dies allein zeuget schon gegen
dieselbe; und wenn Missionen sich hinter sie versteckten, so hatten diese gewiss
kein reines Gute zum Endzweck.
    6. Das Band endlich, dadurch alle römisch-katolische Länder unleugbar
vereint wurden, die lateinische Mönchssprache, hatte auch manche Knoten. Nicht
nur wurden die Muttersprachen der Völker, die Europa besassen, und mit ihnen die
Völker selbst in Roheit erhalten, sondern es kam unter andern auch hiedurch
insonderheit das Volk um seinen letzten Anteil an öffentlichen Verhandlungen,
weil es kein Latein konnte. Mit der Landessprache ward jedesmal ein grosser Teil
des Nationalcharakters aus den Geschäften der Nation verdrängt, wogegen sich mit
der lateinischen Mönchssprache auch jener fromme Mönchsgeist einschlich, der zu
gelegener Zeit zu schmeicheln, zu erschleichen, wohl auch zu verfälschen wusste.
Dass die Akten sämtlicher Nationen Europas, ihre Gesetze, Schlüsse,
Vermächtnisse, Kauf- und Lehninstrumente, endlich auch die Landesgeschichte so
viele Jahrhunderte hindurch latein geschrieben wurden, dies konnte zwar der
Geistlichkeit, als dem gelehrten Stande, sehr nützlich, den Nationen selbst aber
nicht anders als schädlich sein. Nur durch die Kultur der vaterländischen
Sprache kann sich ein Volk aus der Barbarei heben; und Europa blieb auch deshalb
so lange barbarisch, weil sich dem natürlichen Organ seiner Bewohner fast ein
Jahrtausend hin eine fremde Sprache vordrang, ihnen selbst die Reste ihrer
Denkmale nahm und auf so lange Zeit einen vaterländischen Kodex der Gesetze,
eine eigentümliche Verfassung und Nationalgeschichte ihnen ganz unmöglich
machte. Die einzige russische Geschichte ist auf Denkmale in der Landessprache
gebauet, eben weil ihr Staat der Hierarchie des römischen Papstes fremde
geblieben war, dessen Gesandten Wladimir nicht annahm. In allen andern Ländern
Europas hat die Mönchssprache alles verdrängt, was sie hat verdrängen mögen, und
ist nur als eine Notsprache oder als der schmale Übergang zu loben, auf welchem
sich die Literatur des Altertums für eine bessere Zeit retten konnte.
    Ungern habe ich diese Einschränkung des Lobes der mittleren Zeiten
niedergeschrieben. Ich fühle ganz den Wert, den viele Institute der Hierarchie
noch für uns haben, sehe die Not, in welcher sie damals errichtet wurden, und
weile gern in der schauerlichen Dämmerung ihrer ehrwürdigen Anstalten und
Gebäude. Als eine grobe Hülle der Überlieferung, die dem Sturm der Barbaren
bestehen sollte, ist sie unschätzbar und zeigt ebensowohl von Kraft als
Überlegung derer, die das Gute in sie legten; nur einen bleibenden positiven
Wert für alle Zeiten mag sie sich schwerlich erwerben. Wenn die Frucht reif ist,
zerspringt die Schale.
 
                                      III
                      Weltliche Schirmvogteien der Kirche
    Ursprünglich waren die Könige deutscher Stämme und Völker erwählte
Feldherren, die Vorsteher der Nation, die obersten Richter. Als Bischöfe sie
salbten, wurden sie Könige nach göttlichem Recht, Schirmvögte der Kirche ihres
Landes; als der Papst den römischen Kaiser krönte, bestellte er ihn gleichsam
sich zum Koadjutor: er die Sonne, der Kaiser der Mond, die übrigen Könige
Gestirne am Himmel der christkatolischen Kirche. Dies System, das im Dunkel
angelegt war, ging nur in der Dämmerung hervor, es ward aber sehr bald lautbar.
Schon der Sohn Karls des Grossen legte auf das Geheiss der Bischöfe seine Krone
nieder und wollte sie nicht anders als auf ihr neues Geheiss wieder annehmen;
unter seinen Nachfolgern ward der Vertrag mehrmals wiederholet, dass die Könige
ihre geist- und weltlichen Stände in Geschäften der Kirche und des Staats als
Mitgehülfen ansehen sollten. Der falsche Isidor endlich machte die Grundsätze
allgemein, dass vermöge der Gewalt der Schlüssel der Papst berechtigt sei,
Fürsten und Könige mit dem Bann zu belegen und ihrer Regierung unfähig zu
erklären. Insonderheit masste der Papst sich viel Recht an über die römische
Kaiserkrone, und man gestand es ihm zu. Heinrich von Sachsen nannte sich nur
einen König von Deutschland, bis ihn der Papst zur römischen Kaiserkrone einlud;
Otto und seine Nachfolger bis zu Friedrich dem Zweiten empfingen sie von ihm und
glaubten damit einen Vorrang oder gar eine Art Oberherrschaft über alle Könige
der Christenheit empfangen zu haben. Sie, denen ihr deutsches Reich zu verwalten
oft schwer ward, empfanden es übel, wenn ohne ihre Beleihung dem griechischen
Reiche etwas entnommen wurde; sie bekriegten die Heiden und setzten Bischöfe in
derselben Ländern. Wie der Papst einen christlichen König in Ungarn schuf, so
ward der erste christliche Fürst in Polen ein Lehnträger des deutschen Reichs,
und viele Kriege wurden fortan dieser Lehnabhängigkeit wegen geführet. Kaiser
Heinrich II. empfing vom Papst den goldenen Reichsapfel als ein Sinnbild, dass
ihm die Welt zugehöre; und Friedrich II. ward in den Bann getan, weil er den ihm
aufgedrungenen Kreuzzug aufschob. Ein Konzilium entsetzte ihn; vom Papst ward
der Kaisertron ledig erklärt und so tief heruntergebracht, dass ihn kein
auswärtiger Fürst annehmen wollte. Die christliche Sonne hat also ihren Mond
übel beraten: denn über der Schirmvogtei der Christenheit kamen die deutschen
Kaiser zuletzt dahin, dass sie sich selbst nicht mehr zu beschirmen wussten. Sie
sollten umherziehen, Reichs- und Gerichtstage halten, Lehne, Zepter und Kronen
verleihen, wie ihnen der Papst es auftrug, indes er an der Tiber sass und die
Welt durch Legaten, Bullen und Interdikte regierte. Kein katolisches Reich ist
in Europa, das nicht dieselben Begriffe von seinem Könige als einem Schirmvogt
der Kirche unter der Oberherrschaft des Papstes gehabt hätte; ja geraume Zeit
war dies das allgemeine Staatsrecht Europas.286
    Alle innere Anstalten der Reiche konnten also nicht anders als in diesem
Begriffe sein; denn die Kirche war nicht im Staat, sondern der Staat in der
Kirche.
    1. Da allentalben Geist- und Weltliche die Stände des Reichs waren, so
mussten die wichtigsten Staats-, Ritter- und Lehngebräuche gleichsam mit dem
Siegel der Kirche bezeichnet werden. An Festen hielten die Könige ihren grossen
Hof; in Tempeln geschah ihre Krönung; ihr Schwur war aufs Evangelium und die
Reliquien, ihre Kleidung ein geweiheter Schmuck, ihre Krone und ihr Schwert
heilig. Sie selbst wurden ihrer Würde wegen als Diener der Kirche betrachtet und
genossen Vorzüge des geistlichen Standes. Mehr oder weniger waren alle
feierliche Staatshandlungen mit Messe und Religion verbunden. Der erste Degen,
den der Knappe bekam, war auf dem Altar geweihet, und als mit der Zeit die
Ritterwürde in die Feierlichkeit eines Ordens trat, so waren ein Dritteil
derselben Religionsgebräuche. Andacht verband sich im Orden mit Ehre und Liebe;
denn für die Christenheit, wie für die gekränkte Tugend und Unschuld, das
Schwert zu führen war der angebliche Zweck aller Ritterorden. Längst waren
Christus und die Apostel, die Mutter Gottes und andre Heilige Schutzpatrone der
Christenheit, aller Stände und Ämter, einzelner Zünfte, Kirchen, Abteien,
Schlösser und Geschlechter gewesen; bald wurden ihre Bilder Heereszeichen,
Fahnen, Siegel, ihre Namen das Feldgeschrei, die Losung. Man griff bei Verlesung
des Evangelium ans Schwert und ging zur Schlacht mit einem Kyrie eleison. Alle
Gebräuche in dieser Denkart bereiteten jene Kriege wider Ketzer, Heiden und
Ungläubige dermassen vor, dass zu rechter Zeit nur ein grosser Aufruf mit heiligen
Zeichen und Versprechungen erschallen dorfte, so zog Europa gegen Sarazenen,
Albigenser, Slawen, Preussen und Polen. Sogar der Ritter und Mönch konnten sich
zur sonderbaren Gestalt geistlicher Ritterorden vereinigen; denn in einzelnen
Fällen hatten Bischöfe, Äbte, ja Päpste selbst den Bischofsstab mit dem Schwert
verwechselt.
    Ein kurzes Beispiel dieser Sitten gibt uns die eben erwähnte Stiftung des
Königreichs Ungarn durch die Hand des Papstes. Lange hatten Kaiser und Reich
geratschlaget, wie die wilden, so oft geschlagenen Ungarn zur Ruhe zu bringen
wären: die Taufe war dazu das einzige Mittel; und als dieses nach vieler Mühe
gelang, da ein im Christentum erzogener König, der heilige Stephan, selbst das
Werk der Bekehrung trieb, da ward ihm eine apostolische Krone gesandt (die
wahrscheinlich ein awarischer Raub war); er empfing die heilige Lanze (eine
ungarische Streitkolbe) und das Stephansschwert, gegen alle Weltseilen die
Kirche zu schützen und zu verbreiten, den Reichsapfel, die bischöflichen
Handschuhe, das Kreuz. Er ward zum Legat des Papstes erklärt und versäumte
nicht, in Rom ein Chorherrenstift, zu Konstantinopel ein Mönchskloster, zu
Ravenna und Jerusalem Hospitäler, Herbergen und Stifter anzulegen, den Zug der
Pilgrime durch sein Land zu leiten, Priester, Bischöfe, Mönche aus Griechenland,
Böhmen, Bayern, Sachsen, Österreich und Venedig kommen zu lassen, das Erzstift
Gran samt einer Reihe andrer Bischofssitze und Klöster zu errichten und die
Bischöfe, die auch zu Felde ziehen mussten, als Stände seines Reichs einzuführen.
Er gab ein Gesetz, dessen geistlicher Teil aus abendländischen, besonders
fränkischen Kapitularen und mainzischen Kirchenschlüssen genommen war, und
hinterliess es als Grundgesetz des neuen Christenreiches. Dies war der Geist der
Zeiten; Ungarns ganze Verfassung, das Verhältnis und Schicksal seiner Bewohner
ward darauf gegründet, und mit kleinen Veränderungen nach Ort und Zeiten war es
in Polen, Neapel und Sizilien, in Dänemark und Schweden nicht anders. Alles
schwamm im Meer der Kirche: ein Bord des Schiffes war die Lehnherrschaft, das
andre die bischöfliche Gewalt, König oder Kaiser das Segel, der Papst sass am
Steuerruder und lenkte.
    2. In allen Reichen war die Gerichtsbarkeit erzkatolisch. Den Dekreten der
Päpste und Kirchenversammlungen mussten Statuten und Sitten der Völker weichen;
ja, selbst noch als das römische Recht in Gang kam, ging das kanonische Recht
ihm vor. Es ist nicht zu leugnen, dass durch alles dieses manche rohe Schärfe den
Völkern abgerieben worden sei; denn indem die Religion sich herabliess, selbst
die gerichtlichen Zweikämpfe zu weihen oder durch Gottesurteile zu ersetzen,
schränkte sie solche ein und brachte den Aberglauben wenigstens in eine
unschädlichere Regel.287 Äbte und Bischöfe waren die Gottes- und Friedensrichter
auf Erden, Geistliche meistens Schreiber in Gerichten, die Verfasser der
Gesetze, Ordnungen und Kapitulare, oft auch in den wichtigsten Fällen
Staatsgesandte. Das gerichtliche Ansehen, das sie bei den nordischen Heiden
gehabt hatten, war auch ins Christentum übergegangen, bis sie erst spät durch
die Doktoren der Rechte von diesen Stühlen verdränget wurden. Mönche und
Beichtväter waren oft das Orakel der Fürsten, und der heilige Bernhard ward in
der bösen Sache der Kreuzzüge das Orakel Europas.
    3. Die wenige Arzneikunst der mittlern Zeiten, wenn sie nicht von Juden oder
Arabern getrieben ward, war in dem Gewahrsam des Priesterstandes; daher sie
auch, wie bei den nordischen Heiden, mit Aberglauben durchwebt war. Der Teufel
und das Kreuz, Heiligtümer und Wortformeln spielten darin ihre grosse Rolle; denn
die wahre Naturkenntnis war bis auf wenige Traditionen verschwunden aus Europa.
Daher so manche Krankheiten, die unter dem Namen des Aussatzes, der Pest, des
schwarzen Todes, des St.-Veits-Tanzes mit ansteckender Wut ganze Länder
durchzogen; niemand tat ihnen Einhalt, weil niemand sie kannte und die rechten
Mittel dagegen anwandte. Unreinlichkeit in Kleidern, Mangel des Leinenzeuges,
enge Wohnungen, selbst die vom Aberglauben benebelte Phantasie konnte sie nicht
anders als befördern. Das wäre eine wahre Schirmvogtei gewesen, wenn ganz Europa
unter dem Geheiss des Kaisers, des Papsts und der Kirche sich gegen den Einbruch
solcher Seuchen, als wahrer Teufelswerke, vereinigt und weder Blattern noch Pest
und Aussatz in ihre Länder gelassen hätten; man liess sie aber kommen, wüten und
toben, bis das Gift sich selbst verzehrte. Die wenigen Anstalten, die man
dagegen machte, ist man indes auch der Kirche schuldig; man trieb als Werk der
Barmherzigkeit, was man als Kunst noch nicht zu treiben wusste.288
    4. Die Wissenschaften waren nicht sowohl im Staat als in der Kirche. Was
diese wollte, ward gelehrt und allenfalls geschrieben; aus Mönchsschulen ging
alles aus; eine Mönchsdenkart herrscht also auch in den wenigen Produkten des
Geistes, die damals erschienen. Selbst die Geschichte ward nicht für den Staat,
sondern für die Kirche geschrieben, weil ausser den Geistlichen äusserst wenige
lasen; daher auch die besten Schriftsteller des Mittelalters Spuren des
Pfaffentums an sich tragen. Legenden und Romane, das einzige, was der Witz der
Menschen damals ersann, dreheten sich in einem engen Kreise; denn wenige
Schriften der Alten waren in einigem Gebrauch, man konnte also wenig Ideen
vergleichen, und die Vorstellungsarten, die das damalige Christentum gab, waren
im grossen bald erschöpfet. Eine poetische Mytologie gewährte dies ohnedem
nicht; einige Züge aus der allen Geschichte und Fabel von Rom und Troja, mit den
Begebenheiten näherer Zeitalter vermischt, webten den ganzen rohen Teppich der
mittleren Dichtkunst. Auch als diese in die Volkssprache überzugehen anfing,
begann man von geistlichen Dingen, die auf eine seltsame Weise mit Helden- und
Ritterfabeln vermengt wurden, übrigens kümmerten weder Papst noch Kaiser289 sich
um die Literatur, als ein Mittel der Aufklärung betrachtet; die einzige
Rechtswissenschaft ausgenommen, die beiden in ihren Anmassungen unentbehrlich
ward. Ein Papst wie Gerbert, der die Wissenschaften als Kenner liebte, war ein
seltener Phönix; der Ballast der Klosterwissenschaften fuhr im Schiff der
Kirche.
    5. So hielt sich auch von den Künsten nur das wenige fest, ohne welches
Kirchen, Schlösser und Türme nicht sein konnten. Die sogenannte gotische
Baukunst hängt mit dem Geist der Zeiten, mit der Religion und Lebensweise, mit
dem Bedürfnis und Klima ihrer Zeitgenossen dergestalt zusammen, dass sie sich
völlig so eigentümlich und periodisch als das Pfaffen- und Rittertum oder als
die Hierarchie und Lehnherrschaft ausgebildet. Von kleinem Künsten erhielt und
vervollkommete sich, was zum Waffenschmuck der Ritter, zum Putz und Gebrauch der
Kirchen, Kastelle und Klöster gehörte; ihre Produkte waren eingelegte Arbeit und
Schnitzwerk, gemalte Fenster und Buchstaben, Bilder der Heiligen, Teppiche,
Reliquienkästchen, Monstranzen, Becher und Kelche. Von diesen Dingen, die
Kirchenmusik und das Jagdhorn nicht ausgenommen, fing in Europa die Wiedergeburt
der Künste, wie so ganz anders als einst in Griechenland, an!290
    6. Auch Gewerb und Handel bekamen von dem alles umfangenden Kirchen- und
Lehnwesen in Europa ihren tief eingreifenden Umriss. Die edelste Schirmvogtei der
Kaiser und Könige war's ohne Zweifel, dass sie der Gewalt des Raubes Städte und
dem Joch des Leibeigentums Künstler und Gewerke entzogen, dass sie den freien
Fleiss und Handel durch Gerechtigkeiten, Zollfreiheit, den Marktfrieden und
sichere Geleite beschützet und befördert, das barbarische Strandrecht zu
vertilgen und andre drückende Lasten dem nützlichen Einwohner der Städte und des
Landes zu entnehmen gesucht haben; wozu allerdings auch die Kirche ruhmwürdig
beigetragen.291 Der kühne Gedanke Friedrichs des Zweiten indes, in seinen
Städten alle Zünfte und Brüderschaften abzuschaffen, ging, wie mehrere, die
dieser rüstige Geist hatte, über sein Zeitalter hinaus. Noch waren verbündete
Körper nötig, bei denen, wie im Ritter- und Klosterwesen, viele für einen
standen und auch bei den geringsten Gewerken den Lehrling durch Dienstgrade so
emporführten, wie in seinem Orden der Klosterbruder und Kriegsmann emporstieg.
Ähnliche Feierlichkeiten begleiteten dort wie hier jeden höheren Schritt; ja,
auch in den Handel ging der Geist der Gesellschaften und Gilden über. Die
grössesten Vereine desselben, die Hansa selbst, ist aus Brüderschaften der
Kaufleute entstanden, die zuerst wie Pilgrime zogen; Not und Gefahr zur See und
zu Lande trieben die Verbindung höher und weiter, bis endlich unter der
Schirmvogtei der europäischen Christenheit eine so weit verbreitete
Handelsrepublik entstand, wie sonst keine in der Welt gewesen. Gleiche Zünfte
wurden späterhin auch die Universitäten: gotische Einrichtungen, die zwar weder
Morgenländer noch Griechen und Römer gekannt hatten, die aber als Kloster- und
Ritterinstitute ihren Zeiten unentbehrlich und zu Festaltung der Wissenschaften
für alle Zeiten nützlich waren. Auch gründete sich im mittleren Alter ein eignes
Stadtwesen, das, von den Munizipien der Römer sehr verschieden, auf Freiheit und
Sicherheit nach deutschen Grundsätzen gebauet war und, wo es irgend sein konnte,
Fleiss, Kunst und Nahrung hervorbrachte. Es trägt die Spuren seines bedrängten
Ursprunges zwischen dem Adel, der Geistlichkeit und dein Fürsten allentalben an
sich, hat aber zur Kultur Europas mächtig gewirket. Kurz, was unter dem
gedruckten Gewölbe der Hierarchie, Lehnherrschaft und Schirmvogtei entstehen
konnte, ist entstanden; dem festen Gebäude gotischer Bauart schien nur eins zu
fehlen, Licht. Lasset uns sehen, auf wie sonderbaren Wegen ihm dieses zukam.
 
                                       IV
                               Reiche der Araber
    Die arabische Halbinsel ist einer der ausgezeichneten Erdstriche, der,
seiner Nation einen eignen Charakter zu geben, von der Natur selbst bestimmt
scheinet. Jene grosse Wüste zwischen Ägypten und Syrien, von Aleppo bis zum
Euphrat, gab, wie eine südliche Tatarei, dem Räuber- und Hirtenleben vorzüglich
Raum und ist von den ältesten Zeiten mit Stämmen ziehender Araber besetzt
gewesen. Die Lebensart dieses Volks, dem die Städte Kerker schienen, sein Stolz
auf einen alten eingebornen Ursprung, auf seinen Gott, seine reiche und
dichterische Sprache, sein edles Pferd, auf Schwert und Bogen in seiner Hand
nebst allem, was es sonst als Heiligtum zu besitzen glaubte, dies alles schien
den Arabern eine Rolle vorzubereiten, die sie auch, da ihre Zeit kam, weit
anders als jene nördlichen Tataren, in dreien Weltteilen gespielet haben.
    Schon in den Zeiten der Unwissenheit, wie sie ihre ältere Geschichte nennen,
hatten sie sich oberhalb ihrer Halbinsel verbreitet, in Irak und Syrien kleine
Reiche angeleget; Stämme von ihnen wohnten in Ägypten; die Abessinier stammten
von ihnen her; die ganze afrikanische Wüste schien ihr Erbteil. Vom grossen Asien
war ihre Halbinsel durch die Wüste getrennet und damit den häufigen Zügen der
Eroberer der Weg zu ihr versagt; sie blieben frei und stolz auf ihre Abkunft,
auf den Adel ihrer Geschlechter, auf ihre unbezwungene Tapferkeit und ihre
unvermischte Sprache. dabei waren sie dem Mittelpunkt des süd-und östlichen
Handels, mitin der Kunde aller Nationen nahe, die diesen Handel trieben, an dem
sie denn auch, nach der glücklichen Lage ihres Landes, selbst Anteil nehmen
konnten und mussten. Frühe also entstand hier eine geistige Kultur, die am Altai
oder Ural nicht entstehen konnte; die Sprache der Araber bildete sich zu einem
Scharfsinn bildlicher Reden und Weisheitsprüche lange vorher, ehe sie solche zu
schreiben wussten. Auf ihrem Sinai hatten die Ebräer ihr Gesetz empfangen und
fast immer unter ihnen gewohnet; sobald Christen entstanden und sich
untereinander verfolgten, wandten sich auch christliche Sekten zu ihnen. Wie
anders also, als dass aus der Mischung jüdischer, christlicher und eigner
Stammesideen unter einem solchen Volk, in einer solchen Sprache, zu rechter Zeit
eine neue Blüte erscheinen und, wenn sie hervortrat, von der Erdspitze zwischen
drei Weltteilen durch Handel, Kriege, Züge und Schriften die grösseste
Ausbreitung gewinnen mochte? Die duftende Staude des arabischen Ruhms, aus so
dürrem Boden entsprossen, ist also ein sehr natürliches Wunder, sobald nur der
Mann erschien, der sie zur Blüte zu bringen wusste.
    Im Anfange des siebenten Jahrhunderts erschien dieser Mann, eine sonderbare
Mischung alles dessen, was Nation, Stamm, Zeit und Gegend gewähren konnte,
Kaufmann, Prophet, Redner, Dichter, Held und Gesetzgeber, alles nach arabischer
Weise. Aus dem edelsten Stamm in Arabien, dem Bewahrer der reinesten Mundart und
des alten Nationalheiligtums, der Kaaba, war Mohammed entsprossen292, ein Knabe
von schöner Bildung, nicht reich, aber im Hause eines angesehenen Mannes
erzogen. Schon in seiner Jugend genoss er die Ehre, im Namen der ganzen Nation
den heiligen schwarzen Stein wieder an seine Stelle zu legen; er kam in
Umstände, die ihm bei seinen Handelsreisen eine frühe Kenntnis andrer Völker und
Religionen, nachher auch ein anständiges Vermögen verschaften. Lobsprüche, die
man ihm als einem ausserordentlichen Jünglinge erteilt hatte, die Würde seines
Stammes und Geschlechtes, sein eignes frühes Geschäft bei der Kaaba selbst
hatten sich ihm ohne Zweifel in die Seele gegraben; die Eindrücke, die er vom
Zustande der Christenheit empfangen hatte, fügeten sich dazu; der Berg Sinai,
gekrönt mit hundert Sagen aus der alten Geschichte, stand vor ihm; der Glaube an
eine göttliche Begeisterung und Sendung war allen diesen Religionen gemein, der
Denkart seines Volks einheimisch, seinem eignen Charakter schmeichelhaft;
wahrscheinlich wirkte dies alles während der fünfzehn Jahre, in welchen er ein
anschauliches Leben führte, so tief auf seine Seele, dass er sich, den
Koreschiten, sich, den ausgezeichneten Mann, erwählt glaubte, die Religion
seiner Väter in Lehren und Pflichten wiederherzustellen und sich als einen
Knecht Gottes zu offenbaren. Nicht etwa nur der Traum seiner himmlischen Reise,
sein Leben und der Koran selbst zeigen, wie glühend seine Phantasie gewesen und
dass es zum Wahn seines Prophetenberufs keines künstlich abgeredeten Betruges
bedorft habe. Nicht als ein aufbrausender Jüngling trat Mohammed auf, sondern im
vierzigsten Jahr seines Alters; zuerst als Prophet seines Hauses, der sich nur
wenigen offenbarte, in dreien Jahren kaum sechs Anhänger gewann und, als er bei
jenem berühmten Gastmahl Alis vierzig Männern seines Stammes seinen Beruf
kundtat, fortan freilich auch alles übernahm, was Widerspruch der Ungläubigen
gegen einen Propheten mit sich führet. Mit Recht zählen seine Anhänger ihre
Jahre von seiner Flucht nach Yatreb (Medina); in Mekka wäre entweder sein
Entwurf oder er selbst vernichtet worden.
    Wenn also der Hass gegen Greuel des Götzendienstes, die er in seinem Stamme
sah und auch im Christentum zu finden glaubte, nebst einer hohen Begeisterung
für die Lehre von einem Gott und die Weise, ihm durch Reinigkeit, Andacht und
Guttätigkeit zu dienen, der Grund seines Prophetenberufs gewesen zu sein
scheinen, so waren verderbte Traditionen des Juden- und Christentums, die
poetische Denkart seiner Nation, die Mundart seines Stammes und seine
persönlichen Gaben gleichsam die Fittiche, die ihn über und ausser sich selbst
forttrugen. Sein Koran, dies sonderbare Gemisch von Dichtkunst, Beredsamkeit,
Unwissenheit, Klugheit und Anmassung, ist ein Spiegel seiner Seele, der seine
Gaben und Mängel, seine Neigungen und Fehler, den Selbstbetrug und die
Notbehelfe, mit denen er sich und andre täuschte, klarer als irgendein anderer
Koran eines Propheten zeigt. Bei veranlassenden Umständen, oder wenn er aus
einer beschauenden Entzückung zu sich kam, sagte er ihn in einzelnen Stücken
her, ohne dabei an ein schriftliches System zu denken; es waren Ergiessungen
seiner Phantasie oder ermunternde, strafende Prophetenreden, die er zu andrer
Zeit als etwas, das über seine Kräfte ging, als eine göttliche, ihm nur
verliehene Gabe selbst anstaunte. Daher foderte er, wie alle mit sich getäuschte
starke Gemüter, Glauben, den er zuletzt auch von seinen bittersten Feinden zu
erpressen wusste. Kaum war er Herr von Arabien, so sandte er schon an alle
benachbarte Reiche, Persien, Ätiopien, Yemen, ja den griechischen Kaiser
selbst, Apostel seiner Lehre, weil er diese, so national sie war, als die
Religion aller Völker ansah. Die harten Worte, die ihm bei der Rückkunft dieser
Gesandten, als er die Weigerung der Könige hörte, entfielen, nebst jener
berühmten Stelle des Korans im Kapitel der Busse,293 waren seinen Nachfolgern
Grundes gnug, das auszuführen, was dem Propheten selbst sein früher Tod
untersagte: die Bekehrung der Völker. Leider ging ihnen auch hierin das
Christentum vor, das unter allen Religionen zuerst seinen Glauben, als die
notwendige Bedingung zur Seligkeit, fremden Völkern aufdrang; nur der Araber
bekehrte nicht durch Schleichhandel, Weiber und Mönche, sondern, wie es dem Mann
der Wüste geziemte, mit dem Schwert in der Hand und mit der fodernden Stimme:
»Tribut oder Glaube!«
    Wie der brennende Wind aus der Wüste verbreitete sich nach Mohammeds Tode
der Krieg über Babylonien, Syrien, Persien, Ägypten. Die Araber gingen zur
Schlacht wie zum Dienst Gottes, mit Sprüchen aus dem Koran und mit Hoffnungen
des Paradieses bewaffnet; auch fehlte es ihnen nicht an persönlicher Tugend.
Denn wie die ersten Kalifen aus dem Hause Mohammeds (ihren blinden Eiter
ausgeschlossen) gerechte, mässige, vorzügliche Männer waren, so wurden auch die
Heere von tapfern, klugen Feldherrn angeführt, wie Khaled, Amru, Abu-Odeidah und
viel andre waren. Sie fanden die Reiche der Perser und Griechen so schlecht
bestellt, die Sekten der Christen gegeneinander so feindlich, Untreue, Wohllust,
Eigennutz, Verräterei, Pracht, Stolz, Grausamkeit und Unterdrückung allentalben
so herrschend, dass man in der schrecklichen Geschichte dieser Kriege die Fabel
von einer Löwenherde zu lesen glaubt, die in die Hürden der Schafe und Böcke, in
Meiereien voll fetter Rinder, prächtiger Pfauen und wehrloser Hammel einbricht.
Ein verächtliches Menschengeschlecht waren dem grössesten Teil nach diese
entarteten Völker, wert, fortan auf Eseln zu reiten, weil sie Kriegsrosse zu
bändigen nicht verstanden, unwert des Kreuzes auf ihren Kirchen, weil sie es
nicht zu beschützen vermochten. Wie manche Herrlichkeit der Patriarchen,
Priester und Mönche ging in diesen weiten reichen Gegenden jetzt auf einmal zu
Grabe!
    Damit gingen zugleich, wie durch ein Erdbeben, die Reste jener alten
griechischen Kultur und Römerhoheit zugrunde, die auch das Christentum nicht
hatte vertilgen mögen. Die ältesten Städte der Welt und in ihnen unsägliche
Schätze fielen in die Hände tapferer Räuber, die im Anfange kaum Geldeswert
kannten. Vor allem ist das Schicksal zu beklagen, das die Denkmale der
Wissenschaften traf. Johann der Grammatiker erbat sich die Bibliotek zu
Alexandrien, an welche Amru, der Überwinder, nicht einmal dachte (was wollte der
Tor mit dem Geschenke?); der Kalif Omar ward gefragt und antwortete in jenem
berühmten Vernunftschluss, der immerhin der Kalifen-Vernunftschluss genannt zu
werden verdienet294; und die Bücher wurden vertilget. Über tausend warme Bäder
wurden sechs Monate lang damit erhitzt; und so gingen die köstlichsten Gedanken,
die unentbehrlichsten Nachrichten, die mühsamsten Lehrgebäude der Alten Welt mit
allem, was davon in Jahrtausenden abhing, durch die törichte Bitte eines
Grammatikers und durch die fromme Einfalt eines Kalifen verloren. Gern hätten
die Araber diesen Schatz wiedergehabt, als sie hundert Jahre später ihn zu
schätzen wussten.
    Fast vom Tode Mohammeds an taten sich Zwistigkeiten hervor, die nach dem
Tode Osmans, des dritten Kalifs, den Eroberungen der Araber bald hätten Einhalt
tun können, wenn nicht der lange verdrängte, tapfre, redliche Ali und sein Sohn
Hasan dem Hause der Ommijaden Platz gemacht hätten. Mit Moawijah trat dies jetzt
auf den Hohepriesterstuhl, auf dem es sich neunzig Jahre erblich erhalten.
Damaskus ward der Sitz der Kalifen; die Araber wunden bald eine Seemacht, und
unter der erblichen Regierung kam statt der vorigen Einfalt Pracht an ihren Hof.
Zwar rückte in Syrien, Mesopotamien, Kleinasien und Afrika die Eroberung noch
fort; mehr als einmal belagerte man, obwohl vergebens, Konstantinopel; unter Al
Walid ward Turkestan eingenommen, ja man drang bis in Indien ein; Tarik und Musa
eroberten Spanien mit unmässigem Glücke, und der letzte hatte den ungeheuren
Plan, durch Frankreich, Deutschland, Ungarn, über Konstantinopel hin ein
grösseres Reich zu stiften, als die Römer in vielen Jahrhunderten
zusammengebracht hatten. Wie sehr ward aber dieser Plan vereitelt! Alle
Einbrüche der Araber in Frankreich misslangen; sie verloren selbst in Spanien bei
nie gestilletem Aufruhr eine Provinz nach der andern. Für Konstantinopel war die
Zeit der Eroberung noch lange nicht da; vielmehr regten sich unter einigen
Ommijaden schon türkische Völker, um einst Überwinder der Araber selbst zu
werden. überhaupt war der erste reissende Strom ihres Kriegsglückes mit den
dreissig Jahren ihres ersten Entusiasmus, da das Haus Mohammeds auf dem Stuhl
sass, vorüber; unter den erblichen Ommijaden ging die Eroberung bei vielen innern
Trennungen nur mit langsamem, oft eingehaltenen Schritten fort.
    Das Haus der Abbasiden folgte, die ihren Sitz sogleich von Damaskus
entfernten und deren zweiter Kalif Al Mansur im Mittelpunkt seiner Staaten
Bagdad sich zur Residenz erbaute.
    Jetzt war der Hof der Kalifen im grössesten Glanz; auch Wissenschaften und
Künste kamen an denselben, in Betracht welcher die Namen Al Raschid und Al Mamon
immer berühmt sein werden; indessen war's nicht etwa nur um fernere Eroberungen,
sondern um den Zusammenhalt der Monarchie selbst unter diesem Stamme geschehen.
Schon unter dem zweiten Abbasiden, Al Mansur, stiftete Abderahman, der
verdrängte Ommijade, ein besondres, unabhängiges Kalifat in Spanien, das fast
300 Jahre gedauert hat, nachher in zehn Königreiche zerfiel, die unter mehreren
arabischen Stämmen auf einige Zeit teilweise unter sich, mit dem Kalifat zu
Bagdad aber nie mehr vereinigt wurden. An der Westküste der afrikanischen
Barbarei (Mogreb) rissen die Edrisier, ein Zweig der Nachkommen Alis, ein Reich
ab, wo sie den Grund zur Stadt Fes legten. Unter Harun al Raschid machte sich
sein Stattalter in Afrika zu Kairwan (Cyrene) unabhängig; der Sohn desselben
eroberte Sizilien; seine Nachfolger, die Aglabiten, verlegten ihre Residenz nach
Tunis, wo sie die grosse Wasserleitung angelegt hatten; ihr Reich dauerte über
hundert Jahre. In Ägypten waren die Bestrebungen der Stattalter nach
Unabhängigkeit anfangs unsicher, bis ein Stamm der Fatimiten die Edrisier und
Aglabiten verschlang und ein drittes Kalifat gründete, das von Fes über Tunis,
Sizilien, Ägypten bis nach Asien reichte. Jetzt waren also drei Kalifate, zu
Bagdad, Kahira und Kordova. Doch auch das Reich der Fatimiten ging unter: Kurden
und Zeiriten teilten sich in dasselbe, und der tapfre Saladin (Selah-ed-din),
Grosswesir des Kalifen, entsetzte seinen Herren und gründete das Reich der Kurden
in Ägypten, das nachher in die Hände der Leibgarde (Mamlucken, Sklaven) fiel,
denen es die Osmanen endlich abjagten. So ging's in allen Provinzen. In Afrika
spielten Zeiriten, Morabeten, Muahedier, in Arabien, Persien, Syrien Dynastien
aus allen Stämmen und Völkern ihre Rollen, bis die Türken (Seldschuken, Kurden,
Arabeken, Turkmannen, Mamlucken u. f.) alles innehatten und Bagdad selbst im
Sturm an die Mogolen überging. Der Sohn des letzten Kalifen zu Bagdad floh nach
Ägypten, wo ihm die Mamlucken seinen leeren Kalifentitel liessen, bis bei der
Eroberung des Landes durch die Osmanen der achtzehnte dieser enttronten Fürsten
nach Konstantinopel geführt, aber nach Ägypten zurückgesandt ward, um daselbst
die ganze Reihe dieser arabischen Kaiserpäpste aufs traurigste zu enden. Das
glänzende Reich der Araber hat sich in das türkische, persische, mogolische
Reich verloren; Teile davon kamen unter die Herrschaft der Christen oder wurden
unabhängig; und so lebt der grösseste Teil seiner Völker noch fort in ewigen
Revolutionen.
    
    Die Ursachen sowohl des schnellen Verfalls dieser ungeheuren Monarchie als
der Revolutionen, die sie unaufhörlich zerrissen und stürzten, lagen in der
Sache selbst, im Ursprunge und in der Verfassung des Reiches.
    1. Durch Tugenden des Entusiasmus war die arabische Macht entstanden; nur
durch ebendiese Tugenden konnte sie erhalten werden, durch Tapferkeit nämlich
und Treue gegen das Gesetz, durch Tugenden der Wüste. Wären ihre Kalifen in
Mekka, Kufa oder Medina bei der harten Lebensart ihrer vier ersten grossen
Vorfahren geblieben und hätten das Zaubermittel in Händen gehabt, alle
Stattalter und Feldherren mit eben diesen strengen Banden an ihren Beruf zu
fesseln: welche Macht hätte diesem Volk schaden mögen? Nun aber, da der Besitz
so vieler schönen Länder bei einem weitverbreiteten Handel Reichtum, Pracht und
Üppigkeit einführte und der erbliche Tron der Kalifen in Damaskus, noch mehr
aber in Bagdad einen Glanz bekam, als ob man ein Märchen der Tausendundeinen
Nacht läse, so wiederholte sich auch hier die tausendmal auf der Erde gespielte
Szene, nämlich dass Üppigkeit Erschlaffung hervorbringe und am Ende dem rohen
Starken der verfeinte Schwache unterliege. Der erste Abbaside nahm einen
Grosswesir an, dessen Ansehen unter seinen Nachfolgern zur gefürchteten Gewalt
eines Emirs al Omrah (des Emirs der Emire) ward und den Kalifen selbst
despotisierte. Da die meisten dieser Wesire Türken waren und dies Volk die
Leibwache des Kalifen ausmachte, so sass im Herzen der Monarchie das übel, das
bald den ganzen Körper überwältigen konnte. Die Länder der Araber lagen längs
der Erdhöhe, auf welcher diese streitbaren Völker, Kurden, Türken, Mogolen,
Berbern, wie Raubtiere wachten und, da sie grossenteils selbst unwillig unter der
Herrschaft der Araber standen, ihrer Rache zu rechter Zeit nicht verfehlten.
Hier geschah also, was dem römischen Reich geschah: aus Wesiren und Söldnern
wurden Gebieter und Despoten.
    2. Dass bei den Arabern die Revolution schneller als bei den Römern geschah,
entsprang aus der Verfassung ihres Reiches. Diese war kalifisch, das ist, im
höchsten Grade despotisch: Papst und Kaiser waren im Kalifen auf die strengste
Weise verbunden. Das unbedingte Schicksal, an welches man glaubte, das Wort des
Propheten, das im Koran Gehorsam gebot, foderte auch Ergebung ins Wort seines
Nachfolgers, ins Wort der Stattalter desselben; mitin ging dieser
Seelendespotismus in die Verwaltung des ganzen Reichs über. Wie leicht war nun,
zumal in den entfernten Provinzen des weitverbreiteten Reichs, der Übergang vom
Despotismus in eines andern zur Allgewalt in eigenem Namen! Daher fast
allentalben die Stattalter eigenmächtige Herren wurden und die feinste
Regierungskunst der Kalifen nur darin bestand, ihre Stattalter geschickt zu
verteilen, abzurufen oder zu verwechseln. Als Mamun z.B. seinem tapfern
Feldherrn Taher in Chorasan zuviel Gewalt einräumte, gab er ihm damit die Zügel
der Selbsterrschaft in die Hand; die Länder jenseit des Gihon wurden vom Stuhl
des Kalifen getrennt und den Türken der Weg ins Innere des Reichs gebahnet. So
ging's in allen Stattalterschaften, bis das weite Reich einem Sunde
losgerissener Inseln glich, die kaum noch durch Sprache und Religion
zusammenhingen, in sich selbst aber und gegen andre in höchster Unruhe waren.
Sieben-bis achtundert Jahre wechselten diese Inselreiche mit oft veränderten
Grenzen, bis die meisten, nie aber alle, unter die Gewalt der Osmanen kamen. Das
Reich der Araber hatte keine Konstitution: das grösseste Unglück für den Despoten
sowohl als für seine Sklaven. Die Konstitution mohammedanischer Reiche ist
Ergebung in den Willen Gottes und seiner Stattalter, Islamismus.
    3. Die Regierung des arabischen Reichs war an einen Stamm, eigentlich auch
nur an ein Geschlecht dieses Stammes, die Familie Mohammeds, geknüpfet, und da
gleich anfangs der rechtmässige Erbe, Ali, übergangen, lange vom Kalifat
zurückgehalten und mit seinem Geschlecht schnell davon verdränget wurde, so
entstand nicht nur die ungeheure Trennung zwischen Ommijaden und Aliden, die
nach einem vollen Jahrtausende mit aller Bitterkeit eines Religionshasses
zwischen Türken und Persern noch jetzt fortdauret, sondern auch an jenen
blutigen Empörungen fast in allen Provinzen hatten bald Ommijaden, bald Aliden
teil. In entfernten Ländern standen Betrüger auf, die sich als Mohammeds
Verwandte durch Scheinheiligkeit oder mit dem Schwert in der Hand den Völkern
aufdrangen; ja, da Mohammed als Prophet das Reich gegründet hatte, so wagte es
hier dieser, dort jener Begeisterte, wie er im Namen Gottes zu reden. Schon der
Prophet selbst hatte davon Beispiele erlebet; Afrika und Ägypten aber waren der
eigentliche Schauplatz solcher Verrückten und Betrüger.295 Man sollte die Greuel
der Schwärmerei und blinden Leichtgläubigkeit in der Religion Mohammeds
erschöpft glauben, wenn man sie leider nicht auch in andern Religionen
wiederkommen sähe; der Despotismus des Alten vom Berge indes ist nirgend
übertroffen worden. Dieser König eines eignen Staats geübter, ja geborner
Meuchelmörder dorfte zu jedem seiner Untertanen sprechen: »Gehe hin und morde!«
Dieser tat's, wenn auch mit Verlust seines Lebens; und jahrhundertelang hat sich
der Assassinenstaat erhalten.
 
                                       V
                         Wirkung der arabischen Reiche
    Schnell wie die Ausbreitung und Zerteilung des Kalifenreichs war auch die
Blüte desselben, zu welcher auf einem kaltem Boden ein Jahrtausend vielleicht
kaum hinreichend gewesen wäre. Die wärmere Naturkraft, mit welcher das
morgenländische Gewächs zur Blüte eilet, zeigt sich auch in der Geschichte
dieses Volkes.
    1. Das ungeheure Reich des Handels der Araber war eine Wirkung auf die Welt,
die nicht nur aus der Lage ihrer Länder, sondern auch aus ihrem
Nationalcharakter hervorging, also auch ihre Besitztümer überlebt hat und
einesteils noch jetzo dauert. Der Stamm Koreisch, aus welchem Mohammed
entsprossen war, ja der Prophet selbst waren Geleiter ziehender Karawanen und
das heilige Mekka von alters her der Mittelpunkt eines grossen Völkerverkehrs
gewesen. Der Meerbusen zwischen Arabien und Persien, der Euphrat und die Häfen
am Boten Meer waren bekannte Strassen oder Niederlagen der indischen Waren von
alten Zeiten; daher vieles arabisch hiess, was aus Indien kam, und Arabien selbst
Indien genannt ward. Frühe hatte dies tätige Volk mit seinen Stämmen die
östliche afrikanische Küste besetzt und war unter den Römern schon ein Werkzeug
des indischen Handels gewesen. Da nun der weite Strich Landes zwischen dem
Euphrat und Nil, ja vom Indus, Ganges und Oxus bis zum Atlantischen Meer, den
Pyrenäen, dem Niger und in Kolonien bis zum Lande der Kaffern hin sein war, so
konnte es auf eine Zeit das grösseste Handelsvolk der Welt werden. Dadurch litt
Konstantinopel, und Alexandrien ward zum Dorfe; dagegen hatte Omar am
Zusammenfluss des Tigris und Euphrats Balsora gebauet, die eine Zeit hin alle
Waren der östlichen Welt empfing und verteilte. Unter den Ommijaden war Damaskus
die Residenz: eine alte grosse Handelsniederlage, ein natürlicher Mittelpunkt der
Karawanen in seiner paradiesischen Lage, ein Mittelpunkt des Reichtums und
Kunstfleisses. Schon unter Moawija wurde in Afrika die Stadt Kairwan, späterhin
Kahira, gebauet, dahin sich dann über Suez der Handel der Welt zog.296 Im innern
Afrika hatten sich die Araber des Gold- und Gummihandels bemächtigt, die
Goldbergwerke von Sofala entdeckt, die Staaten Tombut, Telmasen, Darah
gegründet, an der östlichen Küste ansehnliche Kolonien und Handelsstädte, ja
Anlagen bis in Madagaskar gepflanzet. Seitdem unter Walid Indien bis zum Ganges
und Turkestan erobert war, band sich mit der westlichen die äusserste Ostwelt;
nach Tsina hatten sie frühe, teils in Karawanen, teils nach Kanfu (Kanton) über
das Meer gehandelt. Aus diesem Reiche brachten sie den Branntwein, den die von
ihnen zuerst bearbeitete Chemie nachher so ungeheuer vermehrte; zum Glück für
Europa verbreitete er sich, nebst dem schädlichen Tee und dem Kaffee, einem
arabischen Getränke, in unserm Weltteil einige Jahrhunderte später. Auch die
Kenntnis des Porzellans, vielleicht auch des Schiesspulvers, kam aus Tsina durch
sie nach Europa. Auf der Küste von Malabar waren sie herrschend; sie besuchten
die maldivischen Inseln, machten Niederlagen auf Malakka und lehrten die Malayen
schreiben. Späterhin hatten sie auch auf die Molukken Kolonien und ihre Religion
gepflanzet, so dass vor Ankunft der Portugiesen in diesen Gewässern der
ostindische Handel ganz in ihren Händen war und ohne Zwischenkunft der Europäer
süd- und östlich von ihnen wäre verfolgt worden. Eben die Kriege mit ihnen und
der christliche Eifer, sie auch in Afrika zu finden, leitete die Portugiesen zu
jenen grossen Entdeckungen auf der See, die dem ganzen Europa eine andre Gestalt
gaben.
    2. Religion und Sprache der Araber machten eine andre grosse Wirkung auf
Völker dreier Weltteile. Indem sie nämlich bei ihren weiten Eroberungen
allentalben den Islamismus oder tributbare Unterwerfung predigten, breitete
sich Mohammeds Religion östlich bis zum Indus und Gihon, westlich bis gen Fes
und Marokko, nördlich über den Kaukasus und Imaus, südlich bis zum Senegal und
zum Lande der Kaffern, auf die beiden Halbinseln und den ostindischen
Archipelagus aus und hat sich zahlreichere Anhänger als das Christentum selbst
erobert. Nun ist in Absicht der Meinungen, die diese Religion lehret, nicht zu
leugnen, dass sie die heidnischen Völker, die sich zu ihr bekannten, über den
groben Götzendienst der Naturwesen, der himmlischen Gestirne und irdischer
Menschen erhoben und sie zu eifrigen Anbetern eines Gottes, des Schöpfers,
Regierers und Richters der Welt, mit täglicher Andacht, mit Werken der
Barmherzigkeit, Reinheit des Körpers und Ergebung in seinen Willen gemacht hat.
Durch das Verbot des Weines hat sie der Völlerei und dem Zank zuvorkommen, durch
das Verbot unreiner Speisen Gesundheit und Mässigkeit befördern wollen;
desgleichen hat sie den Wucher, das gewinnsüchtige Spiel, auch mancherlei
Aberglauben untersagt und mehrere Völker aus einem rohen oder verdorbenen
Zustande auf einen mittlern Grad der Kultur gehoben; daher auch der Moslem
(Muselman) den Pöbel der Christen in seinen groben Ausschweifungen, insonderheit
in seiner unreinen Lebensweise, tief verachtet. Die Religion Mohammeds prägt den
Menschen eine Ruhe der Seele, eine Einheit des Charakters auf, die freilich
ebenso gefährlich als nützlich sein kann, an sich aber schätzbar und
hochachtenswürdig bleibet; dagegen die Vielweiberei, die sie erlaubet, das
Verbot aller Untersuchungen über den Koran und der Despotismus, den sie im
Geist- und Weltlichen feststellt, schwerlich anders als böse Folgen nach sich
ziehen mögen.297
    Wie aber auch diese Religion sei, so ward sie durch eine Sprache
fortgepflanzt, die die reinste Mundart Arabiens, der Stolz und die Freude des
ganzen Volks war; kein Wunder also, dass die andern Dialekte damit in den
Schatten gedrängt wurden und die Sprache des Koran das siegende Panier der
arabischen Welterrschaft ward. Vorteilhaft ist einer weitverbreiteten blühenden
Nation ein solches gemeinschaftliches Ziel der Rede- und Schreibart. Wenn die
germanischen Überwinder Europas ein klassisches Buch ihrer Sprache, wie die
Araber den Koran, gehabt hätten, nie wäre die lateinische eine Oberherrin ihrer
Sprache geworden, auch hätten sich viele ihrer Stämme nicht so ganz in der Irre
verloren. Nun aber konnte diesen weder Ulfila noch Kaedmon oder Otfried werden,
was Mohammeds Koran noch jetzt allen seinen Anhängern ist: ein Unterpfand ihrer
alten echten Mundart, durch welches sie zu den echtesten Denkmalen ihres Stammes
aufsteigen und auf der ganzen Erde ein Volk bleiben. Den Arabern galt ihre
Sprache als ihr edelstes Erbteil, und noch jetzt knüpft sie in mehreren
Dialekten ein Band des Verkehrs und Handels zwischen so vielen Völkern der Ost-
und Südwelt, als nie eine andre Sprache geknüpft hat. Nach der griechischen ist
sie vielleicht auch am meisten dieser Allgemeinherrschaft würdig, da wenigstens
die lingua franca jener Gegenden gegen sie als ein dürftiger Bettlermantel
erscheinet.
    3. In dieser reichen und schönen Sprache bildeten sich Wissenschaften aus,
die, seitdem Al Mansor, Harun al Raschid und Mamon sie weckten, von Bagdad, dem
Sitz der Abbasiden, nord-, öst-, am meisten aber westlich ausgingen und geraume
Zeit im weiten Reich der Araber blühten. Eine Reihe Städte, Balsora, Kufa,
Samarkand, Rosette, Kahira, Tunis, Fes, Marokko, Kordova u. f., waren berühmte
Schulen, deren Wissenschaften sich auch den Persern, Indiern, einigen
tatarischen Ländern, ja gar den Sinesen mitgeteilt haben und bis auf die Malayen
hinab das Mittel geworden sind, wodurch Asien und Afrika zu einiger neueren
Kultur gelangten. Dichtkunst und Philosophie, Geographie und Geschichte,
Grammatik, Matematik, Chemie, Arzneikunde sind von den Arabern getrieben
worden, und in den meisten derselben haben sie als Erfinder und Verbreiter,
mitin als wohltätige Eroberer auf den Geist der Völker gewirket.
    Die Dichtkunst war ihr altes Erbteil, eine Tochter nicht der Kalifengunst,
sondern der Freiheit. Lange vor Mohammed hatte sie geblühet; denn der Geist der
Nation war poetisch, und tausend Dinge erweckten diesen Geist. Ihr Land, ihre
Lebensweise, ihre Wallfahrten nach Mekka, die dichterischen Wettkämpfe zu Okhad,
die Ehre, die ein neuaufstehender Dichter von seinem Stamme erhielt, der Stolz
der Nation auf ihre Sprache, auf ihre Sagen, ihre Neigung zu Abenteuern, zur
Liebe, zum Ruhm, selbst ihre Einsamkeit, ihre Rachsucht, ihr wanderndes Leben:
alles dies munterte sie zur Poesie auf, und ihre Muse hat sich durch prächtige
Bilder, durch stolze und grosse Empfindungen, durch scharfsinnige Sprüche und
etwas Unermessliches im Lobe und Tadel ihrer besungenen Gegenstände
ausgezeichnet. Wie abgerissene, gen Himmel strebende Felsen stehen ihre
Gesinnungen da; der schweigende Araber spricht mit der Flamme des Worts wie mit
dem Blitz seines Schwertes, mit Pfeilen des Scharfsinns wie seines Köchers und
Bogens. Sein Pegasus ist sein edles Ross, oft unansehnlich, aber verständig, treu
und unermüdlich. Die Poesie der Perser dagegen, die, wie ihre Sprache, von der
arabischen abstammet, hat sich, dem Lande und Charakter der Nation gemäss
wohllüstiger, sanfter und fröhlicher, zu einer Tochter des irdischen Paradieses
gebildet. Und obwohl keine von beiden die griechischen Kunstformen der Epopee,
Ode, Idylle, am mindesten das Drama kennet, keine von beiden auch, nachdem sie
diese kennengelernt, solche hat nachahmen wollen oder dörfen, so hat sich doch
eben deshalb die eigne Dichtergabe der Perser und Araber nur desto kenntlicher
ausgebildet und verschönet. Kein Volk kann sich rühmen, so viele
leidenschaftliche Beförderer der Poesie gehabt zu haben als die Araber in ihren
schönen Zeiten; in Asien breiteten sie diese Leidenschaft selbst auf tatarische,
in Spanien auf christliche Fürsten und Edle aus. Die gaya ciencia der
limosinischen oder Provenzal-Dichtkunst ist diesen von ihren Feinden, den
nachbarlichen Arabern, gleichsam aufgedrungen und aufgesungen worden, und so
bekam allmählich, aber sehr rauh und langsam, Europa wieder ein Ohr für die
feinere lebendige Dichtkunst.
    Vorzüglich bildete sich unter dem morgenländischen Himmel der fabelhafteste
Teil der Dichtkunst aus, das Märchen. Eine alte ungeschriebene Stammessage wird
mit der Zeit schon ein Märchen, und wenn die Einbildung des Volks, das solche
erzählet, fürs übertriebene, Unbegreifliche, Hohe und Wunderbare gestimmt ist,
so wird auch das Gemeine zur Seltenheit, das Unbekannte zum Ausserordentlichen
erhoben, dem dann zu seiner Ergötzung und Belehrung der müssige Morgenländer im
Zelt oder auf der Wallfahrt und im Kreise der Gesellschaft sein Ohr willig
leihet. Schon zu Mohammeds Zeit kam ein persischer Kaufmann mit angenehmen
Erzählungen unter die Araber, von denen der Prophet befürchtete, dass sie die
Märchen seines Koran übertreffen möchten; wie in der Tat die angenehmsten
Dichtungen der orientalischen Phantasie persischen Ursprunges zu sein scheinen.
Die fröhliche Geschwätzigkeit und Prachtliebe der Perser gaben ihren alten Sagen
mit der Zeit eine eigne romantische Heldenform, die durch Geschöpfe der
Einbildungskraft, meistens von Tieren des ihnen nahen Gebürges genommen, sehr
erhöht ward. So entstand jenes Feenland, das Reich der Peri und Neri (für welche
die Araber kaum einen Namen hatten), das auch in die Romane der mittleren Zeiten
Europas reichlich kam. Von den Arabern wurden diese Märchen in sehr später Zeit
zusammengereihet, da denn insonderheit die glänzende Regierung ihres Kalifen
Harun al Raschid die Szene der Begebenheiten und diese Form für Europa ein neues
Muster ward, die zarte Wahrheit hinter das Fabelgewand unglaublicher
Begebenheiten zu verbergen und die feinsten Lehren der Klugheit im Ton der
blossen Zeitkürzung zu sagen.
    Vom Märchen wenden wir uns zu seiner Schwester, der Philosophie der Araber,
die sich, nach Art der Morgenländer, eigentlich über dem Koran gebildet und
durch den übersetzten Aristoteles nur eine wissenschaftliche Form erlangt hat.
    Da der reine Begriff von einem Gott der Grund der ganzen Religion Mohammeds
war, so lässt sich schwerlich eine Spekulation denken, die nicht mit diesem
Begriff von den Arabern verbunden, aus ihr hergeleitet und in metaphysische
Anschauung, auch in hohe Lobsprüche, Sentenzen und Maximen wäre gebracht worden.
Die Syntese der metaphysischen Dichtung haben sie beinahe erschöpft und mit
einer erhabnen Mystik der Moral vermählet. Es entstanden Sekten unter ihnen, die
im Streit gegeneinander schon eine feine Kritik der reinen Vernunft übten, ja
der Scholastik mittlerer Zeiten kaum etwas übrigliessen als eine Verfeinerung der
gegebenen Begriffe nach europäischen, christlichen Lehren. Die ersten Schüler
dieser teologischen Metaphysik waren die Juden; späterhin kam sie auf die
neuerrichteten christlichen Universitäten, auf welchen sich Aristoteles zuerst
ganz nach arabischer, nicht nach griechischer Sehart zeigte und die Spekulation,
Polemik und Sprache der Schule sehr gewetzt und verfeint hat. Der ungelehrte
Mohammed teilt also mit dem gelehrtesten griechischen Denker die Ehre, der
ganzen Metaphysik neuerer Zeiten ihre Richtung gegeben zu haben; und da mehrere
arabische Philosophen zugleich Dichter waren, so ist in den mittlern Zeiten auch
bei den Christen die Mystik der Scholastik stets zur Seite gegangen; denn beider
Grenzen verlieren sich ineinander.
    Die Grammatik ward von den Arabern als ein Ruhm ihres Stammes getrieben, so
dass man aus Stolz über die Reinheit und Schönheit der Sprache alle Worte und
Formeln derselben aufzählte und schon in frühen Zeiten jener Gelehrte gar
sechzig Kamele mit Wörterbüchern beladen konnte. Auch in dieser Wissenschaft
wurden die Juden der Araber erste Schüler. Ihrer alten viel einfachem Sprache
suchten sie eine Grammatik nach arabischer Weise anzukünsteln, die bis auf die
neuesten Zeiten auch unter den Christen in Übung blieb; dagegen man eben auch
von der arabischen Sprache in unsern Zeiten ein lebendiges Vorbild genommen hat,
zum natürlichen Verstande der ebräischen Dichtkunst zurückzukehren, was Bild
ist, als Bild zu betrachten und tausend Götzenbilder einer falschen jüdischen
Auslegungskunst hinwegzutun von der Erde.
    Im Vortrage der Geschichte sind die Araber nie so glücklich gewesen als
Griechen und Römer, weil ihnen Freistaaten, mitin die Übung einer pragmatischen
Zergliederung öffentlicher Taten und Begebenheiten fehlte. Sie konnten nichts
als trockne, kurze Chroniken schreiben oder liefen bei einzelnen
Lebensbeschreibungen Gefahr, in dichterisches Lob ihres Helden und ungerechten
Tadel seiner Feinde auszuschweifen. Der gleichmütige, historische Stil hat sich
bei ihnen nicht gebildet: ihre Geschichten sind Poesie oder mit Poesie
durchwebet; dagegen ihre Chroniken und Erdbeschreibungen von Ländern, die sie
kennen konnten und wir bis jetzt noch nicht kennengelernt haben, vom innern
Afrika z.B., für uns noch nutzbar sind.298
    Die entschiedensten Verdienste der Araber endlich betreffen die Matematik,
Chemie und Arzneikunde, in welchen Wissenschaften sie mit eignen Vermehrungen
derselben die Lehrer Europas wurden. Unter Al Mamon schon wurde auf der Ebne
Sanjar bei Bagdad ein Grad der Erde gemessen; in der Sternkunde, ob sie gleich
dem Aberglauben sehr dienen musste, wurden von den Arabern Himmelskarten,
astronomische Tafeln und mancherlei Werkzeuge mit vielem Fleiss gefertigt und
verbessert, wozu ihnen in ihrem weiten Reich das schöne Klima und der reine
Himmel dienten. Die Astronomie wurde auf die Erdkunde angewandt; sie machten
Landkarten und gaben eine statistische Übersicht mancher Länder lange vorher,
ehe daran in Europa gedacht ward. Durch die Astronomie bestimmten sie die
Zeitrechnung und nutzten die Kenntnis des Sternenlaufs bei der Schiffahrt; viele
Kunstwörter jener Wissenschaft sind arabisch, und überhaupt steht der Name
dieses Volks unter den Sternen mit dauerndem Charakteren geschrieben, als es
irgend auf der Erde geschehen konnte. Unzählbar sind die Bücher ihres
matematischen, insonderheit astronomischen Kunstfleisses; die meisten derselben
liegen noch unbekannt oder ungebraucht da; eine ungeheure Menge hat der Krieg,
die Flamme oder Unachtsamkeit und Barbarei zerstöret. Bis in die Tatarei und die
mogolischen Länder, ja bis ins abgeschlossene Tsina drangen durch sie die
edelsten Wissenschaften des menschlichen Geistes; in Samarkand sind
astronomische Tafeln verfasst und Zeitepochen bestimmt worden, die uns noch jetzo
dienen. Die Zeichen unsrer Rechenkunst, die Ziffern, haben wir durch die Araber
erhalten; die Algebra und Chemie führen von ihnen den Namen. Sie sind die Väter
dieser Wissenschaft, durch welche das menschliche Geschlecht einen neuen
Schlüssel zu den Geheimnissen der Natur, nicht nur für die Arzneikunst, sondern
für alle Teile. der Physik, auf Jahrhunderte hin erlangt hat. Da sie, ihr zugut,
die Botanik minder trieben und die Anatomie, ihres Gesetzes halben, nicht
treiben dorften, so haben sie durch Chemie auf die Arzneimittel und auf die
Bezeichnung der Krankheiten und Temperamente durch eine fast abergläubige
Beobachtung der Äusserungen und Zeichen derselben desto mächtiger gewirket. Was
ihnen Aristoteles in der Philosophie, Euklides und Ptolemäus in der Matematik
waren, wurden Galenus und Dioskorides in der Arzneikunst; obwohl nicht zu
leugnen ist, dass hinter den Griechen die Araber nicht nur Bewahrer, Fortpflanzer
und Vermehrer, sondern freilich auch hie und da Verfälscher der
unentbehrlichsten Wissenschaften unsres Geschlechts wurden. Der morgenländische
Geschmack, in welchem sie von ihnen getrieben waren, hing auch in Europa den
Wissenschaften eine lange Zeit an und konnte nur mit Mühe von ihnen gesondert
werden. Auch in einigen Künsten, z.B. der Baukunst, ist vieles von dem, was wir
gotischen Geschmack nennen, eigentlich arabischer Geschmack, der sich nach den
Gebäuden, die diese rohen Eroberer in den griechischen Provinzen fanden, in
ihrer eignen Weise bildete, mit ihnen nach Spanien herüberkam und von da
weiterhin sich fortpflanzte.
    4. Endlich sollten wir noch von dem glänzenden und romantischen Rittergeist
reden, den ohne Zweifel auch sie zu dem europäischen Abenteuergeist mischten; es
wird sich dieser aber bald selbst zeigen.
 
                                       VI
                             Allgemeine Betrachtung
    Sehen wir zurück auf die Gestalt, die unser Weltteil durch die Wanderungen
und Bekehrungen der Völker, durch Kriege und Hierarchie erlangt hatte: so werden
wir eines kraftvollen. aber unbehülflichen Körpers, eines Riesen gewahr, dem nur
sein Auge fehlte. Volkes gnug war in diesem westlichen Ende der Alten Welt; die
von Üppigkeit entkräfteten Länder der Römer waren mit starken Körpern von einem
gesunden Mute besetzt und hatten sich reich bevölkert.299 Denn in den ersten
Zeiten des neuen Besitzes dieser Gegenden, ehe noch der Unterschied der Stände
zu einem erblich-unterdrückenden Ansehn gelangte, war der rohen Gnügsamkeit
dieser ungebildeten Völker mitten unter andern Nationen, die zu ihrer
Bequemlichkeit lange gebauet und vorgearbeitet hatten, die eroberte römische
Welt ein wahres Paradies. Sie achteten der Zerstörungen nicht, die ihre Züge
veranlasst und damit das Menschengeschlecht mehr als ein Jahrtausend
zurückgesetzt hatten; denn man fühlt nicht den Verlust eines unbekannten Gutes,
und für den sinnlichen Menschen war der westliche Teil dieser Nordwelt auch mit
dem schwächsten Rest seines Anbaues doch in jedem Betracht mehr als sein altes
Sarmatien, Scytien oder die fernere östliche Hunnenwelt. In den Verheerungen,
die seit der christlichen Epoche entstanden, in den Kriegen, die diese Völker
unter sich erregten, in den neuen Seuchen und Krankheiten, die Europa trafen,
litt freilich das Menschengeschlecht in diesem Erdstrich; doch aber erlag es
endlich durch nichts so sehr als durch die despotische Lehnherrschaft. Europa
ward voller Menschen, aber voll leibeigner Knechte; die Sklaverei, die diese
drückte, war um so härter, da sie eine christliche, durch politische Gesetze und
das blinde Herkommen in Regeln gebrachte, durch Schrift bestätigte, an die
Erdscholle gebundene Sklaverei war. Die Luft machte eigen; wer nicht durch
Verträge entbunden oder durch seine Geburt ein Despot war, trat in den angeblich
natürlichen Zustand der Zugehörigkeit oder der Knechtschaft.
    Von Rom aus war dagegen keine Hülfe zu erwarten; seine Diener selbst hatten
sich mit andern in die Herrschaft Europas geteilet, und Rom selbst gründete sich
auf eine Menge geistlicher Sklaven. Was Kaiser und Könige frei machten, musste,
wie in den Ritterbüchern den Riesen und Lindwürmen, durch Freiheitbriefe
entrissen werden; dieser Weg war also auch lang und beschwerlich. Die
Kenntnisse, die das abendländische Christentum hatte, waren ausgespendet und in
Nutz verwandelt. Seine Popularität war eine elende Wortliturgie; die böse
patristische Rhetorik war in Klöstern, Kirchen und Gemeinen ein zauberischer
Seelendespotismus geworden, den der gemeine Haufe mit Geissel und Strick, ja
büssend mit dem Heu im Munde auf Knien verehrte. Wissenschaften und Künste waren
dahin; denn unter den Gebeinen der Märtyrer, dem Geläut der Glocken und Orgeln,
dem Dampf des Weihrauchs und der Fegefeuergebete wohnen keine Musen. Die
Hierarchie hatte mit ihren Blitzen das freie Denken erstickt, mit ihrem Joch
jede edlere Betriebsamkeit gelähmet. Den Duldenden wurde Belohnung in einer
andern Welt gepredigt; die Unterdrücker waren gegen Vermächtnisse ihrer
Lossprechung in der Todesstunde sicher: das Reich Gottes auf Erden war
verpachtet.
    Ausserhalb der römischen Kirche war in Europa kein Heil. Denn an die
verdrängten Völker, die an den Ecken der Welt in kläglichem Zustande sassen,
nicht zu gedenken, konnte man weder vom griechischen Kaisertum, noch weniger von
dem einzigen Reich, das sich östlich in Europa ausserhalb dem Gebiet des
römischen Papstes und Kaisers zu bilden angefangen hatte, etwas erwarten.300
Also blieb dem westlichen Teile nichts übrig als er selbst oder die einzige
südliche- Nation, bei welcher eine neue Sprosse der Aufklärung blühte, die
Mohammedaner. Mit ihnen kam Europa bald und lange, und an seinen empfindlichsten
Teilen, ins Gedränge; in Spanien dauerte der Konflikt sogar bis auf die Zeit der
völligen Aufhellung Europas. Was war der Kampfpreis? Und wem ist der Sieg
geworden? Die neuerregte Tätigkeit der Menschen war ohne Zweifel der beste Preis
des Sieges.
 
                                Zwanzigstes Buch
    Wenn man die Kreuzzüge, die Europa nach dem Orient tat, mit Recht als die
Epoche einer grossen Veränderung in unserm Weltteil ansiehet, so hüte man sich,
sie auch als die einzige und erste Quelle derselben zu betrachten. Sie waren
nichts als eine tolle Begebenheit, die Europa einige Millionen Menschen kostete
und in den Zurückkehrenden grösstenteils nicht aufgeklärte, sondern losgebundene,
freche und üppige Menschen zurückbrachte. Das Gute, das zu ihrer Zeit geschah,
kam meistens von Nebenursachen her, die in dieser Epoche ein freieres Spiel
gewannen und doch auch in manchem Betracht ein sehr gefährliches Gute erzeugten.
Überdem steht keine Weltbegebenheit allein da; in vorhergehenden Ursachen, im
Geist der Zeiten und Völker gegründet, ist sie nur als das Zifferblatt zu
betrachten, dessen Zeiger von innern Uhrgewichten geregt wird. Wir fahren also
fort, das Triebwerk Europas im ganzen zu bemerken, wie jedes Rad in ihm zu einem
allgemeinen Zweck mitwirkte.
 
                                       I
                             Handelsgeist in Europa
    Vergebens hatte die Natur diesen kleinen Weltteil nicht mit soviel Küsten
und Buchten begrenzet, nicht mit soviel schiffbaren Strömen und Meeren
durchzogen; von den ältesten Zeiten an waren auf diesen die anwohnenden Völker
rege. Was den südlichen Europäern das Mittelländische Meer gewesen war, ward den
Nordländern die Ostsee: ein früher Übungsplatz der Schiffahrt und des Verkehrs
der Völker. Ausser den Galen und Kymren sahen wir Friesen, Sachsen, insonderheit
Normänner alle west- und nördliche Meere, ja auch die Mittelländische See
durchstreifen und mancherlei Böses und Gutes bewirken. Von gehöhlten Kielen
stiegen sie zu grossen Schiffen, wussten die hohe See zu halten und sich aller
Winde zu bedienen, so dass noch jetzt in allen europäischen Sprachen die Striche
des Kompasses und viele Benennungen des Seewesens deutsche Namen sind.
Insonderheit war der Bernstein das kostbare Spielzeug, das Griechen, Römer und
Araber an sich zog und die Nordwelt der Südwelt bekannt machte. Durch Schiffe
aus Massilien (Marseille) ward er über den Ozean, landwärts über Karnunt zum
Adriatischen, auf dem Dnepr zum Schwarzen Meere in unglaublicher Menge geführet;
vor allen andern blieb der Weg zum Schwarzen Meer die Strasse des Völkerverkehrs
zwischen der Nord-, Süd- und Ostwelt.301 Am Ausflusse des Dons und Dneprs waren
zwei grosse Handelsplätze: Asow (Tanais, Asgard) und Olbia (Borystenes,
Alfheim), die Niederlagen der Waren, die aus der Tatarei, Indien, Tsina, Byzanz,
Ägypten, meistens durch Tauschhandel, ins nördliche Europa gingen: auch als der
bequemere Weg über das Mittelländische Meer besucht ward, über die Zeit der
Kreuzzüge hinaus, blieb dieser nordöstliche Handel gangbar. Seitdem die Slawen
einen grossen Teil der baltischen Küste besassen, wurden von ihnen längs derselben
blühende Handelsstädte errichtet; die deutschen Völker auf den Inseln und der
gegenseitigen Küste wetteiferten mit ihnen und liessen nicht eher ab, als bis des
Gewinnes und Christentums willen dieser Handel der Slawen zerstört war. Jetzt
suchten sie in ihre Stelle zu treten, und es kam allmählich, längst vor dem
eigentlichen hanseatischen Bunde, eine Art von Seerepublik, ein Verein
handelnder Städte zustande, der späterhin sich zur grossen Hansa aufschwang. Wie
es in Norden zu. den Zeiten des Raubes Seekönige gegeben hatte, so erzeugte sich
jetzt ein weitverbreiteter, aus vielen Gliedern zusammengesetzter Handelsstaat,
auf echte Grundsätze der Sicherheit und Gemeinhülfe gebauet, wahrscheinlich ein
Vorbild des künftigen Zustandes aller handelnden europäischen Völker. An mehr
als einer nördlichen Seeküste, vorzüglich aber und am frühesten in Flandern, das
mit deutschen Kolonisten besetzt war, blüheten Fleiss und nutzbare Gewerbe.
    Freilich aber war die innere Verfassung dieses Weltteils dem aufstrebenden
Fleisse seiner Bewohner nicht die bequemste, indem nicht nur die Verwüstungen der
Seeräuber fast an allen Küsten oft den besten Anlagen ein trauriges Ende
machten, sondern auch zu Lande der Kriegesgeist, der noch in den Völkern tobte,
und die aus ihm entstandene Lehnverfassung ihm tausend Hindernisse
entgegenlegte. In den ersten Zeiten, nachdem sich die Barbaren in die Länder
Europas geteilt hatten, als noch eine mehrere Gleichheit unter den Gliedern der
Nationen, auch eine mildere Behandlung der alten Einwohner bestand, da fehlte
dem allgemeinen Fleisse nichts als Aufmunterung, die ihm auch, wenn mehrere
Teodorichs, Karl und Alfrede gelebt hätten, nicht entgangen wäre. Als aber
alles unter das Joch der Leibeigenschaft geriet und ein erblicher Stand sich zu
seiner Völlerei und Pracht des Schweisses und Fleisses seiner Untersassen
anmassete, sich selbst aber jedes nützlichen Gewerbes schämte; als jede
kunstfleissige Seele erst durch Gnadenbriefe oder Zins von Dämons Gewalt erlöset
werden musste, um ihre Kunst nur treiben zu dörfen: da lag freilich alles in
harten Banden. Einsehende Regenten taten, was sie konnten: sie stifteten Städte
und begnadeten sie; sie nahmen Künstler und Handwerker unter ihren Schutz, zogen
Kaufleute, ja selbst die ebräischen Wucherer unter ihre Gerichtsbarkeit,
erliessen jenen die Zölle, gaben diesen oft schädliche Handelsfreiheiten, weil
sie des jüdischen Geldes bedorften; bei dem allen aber konnte unter vorgenannten
Umständen auf dem festen Lande Europas noch kein freier Gebrauch oder Umlauf des
menschlichen Fleisses zustande kommen. Alles war abgeschlossen, zerstückt,
bedrängt, und nichts war also natürlicher, als dass die südliche Behendigkeit und
Wohlgelegenheit der nordischen Emsigkeit auf eine Zeit vortrat. Nur aber auf
eine Zeit; denn alles, was Venedig, Genua, Pisa, Amalfi getan haben, ist
innerhalb dem Mittelländischen Meer geblieben; den nordischen Seefahrern gehörte
der Ozean und mit dem Ozean die Welt.
    
    Venedig war in seinen Lagunen wie Rom entstanden. Zuerst der Zufluchtsort
derer, die bei den Streitereien der Barbaren auf unzugängliche, arme Inseln sich
retteten und, wie sie konnten, nährten; sodann mit dem alten Hafen von Padua
vereinigt, verband es seine Flecken und Inseln, gewann eine Regierungsform und
stieg von dem elenden Fisch- und Salzhandel, mit welchem es angefangen hatte,
auf einige Jahrhunderte zur ersten Handelsstadt Europas, zum Vorratshause der
Waren für alle umliegende Länder, zum Besitztum mehrerer Königreiche und noch
jetzt zur Ehre des ältesten, nie eroberten Freistaates empor. Es erweiset durch
seine Geschichte, was mehrere Handelsstaaten erwiesen haben, dass man von nichts
zu allem kommen und sich auch vor dem nahesten Ruin sichern könne, solange man
unablässigen Fleiss mit Klugheit verbindet. Spät wagte es sich aus seinen
Morästen hervor und suchte, wie ein scheues Tier des Schlammes, am Strande des
Meers einen kleinen Erdstrich, tat sodann einige Schritte weiter und stand, um
die Gunst des reichsten Kaisertums bemüht, seinen schwachen Exarchen zu Ravenna
bei. Dafür erhielt es denn, was es gewünscht hatte, die ansehnlichsten
Freiheiten in diesem Reiche, bei welchem damals der Hauptandel der Welt war.
Sobald die Araber um sich griffen und mit Syrien, Ägypten, ja fast allen Küsten
des Mittelländischen Meers auch den Handel derselben sich zueigneten, stand zwar
Venedig ihren Angriffen aufs Adriatische Meer kühn und glücklich entgegen, liess
sich aber auch zu rechter Zeit mit ihnen in Verträge ein und ward durch solche
mit ungemessnem Vorteil die Verhändlerin alles morgenländischen Reichtums. über
Venedig kamen also Gewürze, Seide, alle östliche Waren der Üppigkeit in so
reichem Mass nach Europa, dass beinahe die ganze Lombardei die Niederlage
derselben und nebst den Juden die Venetianer und Lombarden die Unterhändler der
gesamten Abendwelt wurden. Der nutzbarere Handel der Nordländer litt damit auf
eine Zeitlang, und nun fasste, von den Ungarn und Avaren gedrängt, das reiche
Venedig auch einen Fuss auf dem festen Lande. Indem sie es weder mit den
griechischen Kaisern noch mit den Arabern verdarben, wussten sie Konstantinopel,
Aleppo und Alexandrien zu nutzen und setzten mit fürchtendem Eifer sich den
Handelsanlagen der Normänner so lange entgegen, bis auch diese in ihren Händen
waren. Eben die Waren der Üppigkeit, die sie und ihre Nebenbuhlerinnen aus
Orient brachten, der Reichtum, den sie dadurch erwarben, nebst den Sagen der
Pilgrime von der Herrlichkeit der Morgenländer, fachten einen grossem Neid in den
Gemütern der Europäer über die Besitzungen der Mohammedaner an als das Grab
Christi; und als die Kreuzzüge ausbrachen, war niemand, der so vielen Vorteil
davon zog als eben diese italienische Handelsstädte. Viele Heere schifften sie
über, führten ihnen Lebensmittel zu und gewannen damit nicht nur unsägliche
Summen, sondern auch in den neueroberten Ländern neue Freiheiten, Handelsplätze
und Besitztümer. Vor allen andern war Venedig glücklich; denn da es ihm gelang,
mit einem Heer von Kreuzfahrern Konstantinopel einzunehmen und ein lateinisches
Kaisertum in demselben zu errichten, teilte es sich mit seinen Bundesgenossen in
den Raub so vorteilhaft, dass diese wenig und das Wenige auf eine unsichere,
kurze Zeit, sie aber alles, was ihnen zum Handel diente, die Küsten und Inseln
Griechenlandes, bekamen. Lange haben sie sich in diesem Besitz erhalten und ihn
noch ansehnlich vermehret; allen Gefahren, die ihnen Nebenbuhler und Feinde
legten, wussten sie glücklich oder vorsichtig zu entweichen, bis eine neue
Ordnung der Dinge, die Fahrt der Portugiesen um Afrika und der Einbruch des
türkischen Reichs in Europa, sie in ihr Adriatisches Meer einschränkte. Ein
grosser Teil der Beute des griechischen Reichs, der Kreuzfahrten und des
morgenländischen Handels ist in ihre Lagunen zusammengeführt; die Früchte davon
in Gutem und Bösen sind über Italien, Frankreich und Deutschland, zumal den
südlichen Teil desselben, verbreitet worden. Sie waren die Holländer ihrer Zeit
und haben sich, ausser ihrem Handelsfleisse, ausser mehreren Gewerben und Künsten,
am meisten durch ihre dauernde Regierungsform ins Buch der Menschheit
eingezeichnet.302
    
    Früher als Venedig gelangte Genua zu grossem Handel und eine Zeitlang zur
Herrschaft des Mittelländischen Meeres. Es nahm an dem griechischen, nachher an
dem arabischen Handel teil, und da ihm daran gelegen war, das Mittelländische
Meer sicher zu halten, so hatte es sich nicht nur der Insel Korsika, sondern
auch, mit Hülfe einiger christlich-spanischen Fürsten, mehrerer Plätze in Afrika
bemächtigt und gebot den Seeräubern Friede. Bei den Kreuzzügen war es sehr
wirksam: die Genueser unterstützten die Heere mit ihrer Flotte, halfen bei dem
ersten Zuge Antiochien, Tripolis, Cäsarea, Jerusalem miterobern, so dass sie,
ausser einer rühmlichen Dankschrift über dem Altar in der Kapelle des Heiligen
Grabes, mit ausgezeichneten Freiheiten in Palästina und Syrien belohnt wurden.
Im Handel mit Ägypten waren sie Nebenbuhler der Venetianer; vorzüglich aber
herrscheten sie auf dem Schwarzen Meer, wo sie die grosse Handelsstadt Kaffa, den
Versammlungsort der Waren, die aus der Ostwelt den Weg zu Lande genommen hatten,
besassen und in Armenien, ja bis tief in die Tatarei ihre Niederlagen und
Handelsverkehr hatten. Lange beschützten sie Kaffa nebst den Inseln des
Archipelagus, die sie besassen, bis die Türken Konstantinopel erobert hatten und
ihnen das Schwarze Meer, sodann auch den Archipelagus schlössen. Mit Venedig
führten sie lange und blutige Kriege; mehrmals brachten sie diese Republik dem
Verderben nahe, und Pisa haben sie gar zugrunde gerichtet; bis endlich es den
Venetianern gelang, die genuesische Macht zu Chiozza einzuschliessen und den Fall
ihrer Grösse zu vollenden.
    
    Amalfi, Pisa und mehrere Städte des festen Landes in Italien nahmen mit
Genua und Venedig am morgenländisch-arabischen Handel teil. Florenz machte sich
unabhängig und vereinte Fiesole mit sich; Amalfi dorfte in allen Staaten des
ägyptischen Kalifen frei handeln; vorzüglich aber waren Amalfi, Pisa und Genua
die Seemächte des Mittelländischen Meeres. Die Küsten von Frankreich und Spanien
suchten am Handel der Levante auch teilzunehmen, und die Pilger aus beiden
Ländern zogen nicht minder des Gewinnes als der Andacht wegen dahin. Dies war
die Lage des südlichen Europa gegen die Besitzungen der Araber; den Küsten
Italiens insonderheit lagen sie wie ein Garten voll Spezereien, wie ein Feenland
voll Reichtümer vor Augen. Die italienischen Städte, die bei den Kreuzzügen
mitzogen, suchten nicht den Leichnam des Herren, sondern die Gewürze und Schätze
an seinem Grabe. Die Bank zu Tyrus war ihr Gelobtes Land, und was sie irgend
vornahmen, lag auf ihrem ordentlichen, seit Jahrhunderten betretenen
Handelswege.
    
    So vergänglich nun das Glück war, das dieser fremde Reichtum seinen
Gewinnern bringen konnte, so war er doch zur ersten Blüte der italienischen
Kultur vielleicht unentbehrlich. Durch ihn lernte man eine weichere, bequemere
Lebensart kennen und konnte sich, statt der groben, wenigstens durch eine
feinere Pracht unterscheiden. Die vielen grossen Städte Italiens, die an ihre
abwesenden schwachen Oberherren jenseit der Alpen nur durch schwache Bande
geknüpft waren und alle nach der Unabhängigkeit strebten, gewannen über den
rohen Bewohner der Burg oder des Raubschlosses dadurch mehr als eine Übermacht;
denn entweder zogen sie ihn durch Bande der Üppigkeit und des vermehrten
gemeinschaftlichen Wohllebens in ihre Mauern und machten ihn zum friedlichen
Mitbürger, oder sie bekamen durch ihre vermehrte Volksmenge bald Kraft gnug,
seine Burg zu zerstören und ihn zu einer friedlichen Nachbarschaft zu zwingen.
Der aufkeimende Luxus erweckte Fleiss, nicht nur in Manufakturen und Künsten,
sondern auch im Landbau: die Lombardei, Florenz, Bologna, Ferrara, die
neapolitanischen und sizilischen Küsten wurden in der Nachbarschaft reicher,
grosser und fleissiger Städte wohlangebauete, blühende Felder; die Lombardei war
ein Garten, als ein grosser Teil von Europa noch Weide und Wald war. Denn da
diese volkreichen Städte vom Lande ernähret werden mussten und der Landeigentümer
bei dem erhöheten Preise der Lebensmittel, die er zuführte, mehr gewinnen
konnte, so musste er es zu gewinnen suchen, wenn er im Gange der neuen Üppigkeit
mitleben wollte. So weckte eine Tätigkeit die andre und hielt sie in Übung;
notwendig kam mit diesem neuen Lauf der Dinge auch Ordnung, Freiheit des
Privateigentums und eine gesetzmässige Einrichtung mehr empor. Man musste sparen
lernen, damit man vertun könne; die Erfindung der Menschen schärfte sich, indem
einer dem andern den Preis abgewinnen wollte; jeder einst sich selbst gelassene
Haushälter ward jetzt gewissermasse selbst Kaufmann. Es war also nichts als Natur
der Sache, dass das schöne Italien mit einem Teil des Reichtums der Araber, der
durch seine Hände ging, auch zuerst die Blüte einer neuen Kultur zeigte.
    Freilich aber war's nur eine flüchtige Blüte. Der Handel verbreitete sich
und nahm einen andern Weg; Republiken verfielen, üppige Städte wurden übermütig
und mit sich selbst uneins; das ganze Land ward mit Parteien erfüllet, unter
welchen unternehmende Männer und einzelne mächtige Familien sich hoch
emporschwangen. Krieg, Unterdrückung kam hinzu; und da durch Üppigkeit und
Künste der Kriegsgeist, ja Redlichkeit und Treue verbannt waren, wurde eine
Stadt, ein Gebiet nach dem andern die Beute auswärtiger oder innerlicher
Tyrannen; die Austeilerin dieses süssen Giftes, Venedig selbst, konnte sich nur
durch die strengsten Massregeln vor dem Untergange bewahren. Indessen darf jede
Triebfeder menschlicher Dinge des Rechts geniessen, das ihr gehöret. Zum Glück
für Europa war diese Üppigkeit damals nichts weniger als allgemein, und sein
grössester Teil musste dem baren Gewinn der Lombarden nur dienen; dem entgegen
regele sich noch mächtig ein anderer, der Rittergeist, uneigennützig und nur für
den Gewinn der Ehre alles unternehmend. Lasset uns sehen, aus welchen Keimen
diese Blüte entsprosset sei, was sie genähret und was sie, den Handelsgeist
einschränkend, für Früchte getragen habe.
 
                                       II
                             Rittergeist in Europa
    Alle deutsche Stämme, die Europa überzogen, waren Kriegsleute, und da die
Reuterei der beschwerlichste Teil des Kriegsdienstes war, so konnte es nicht
fehlen, dass diese nicht zu einer reichen Entschädigung ihrer Reuterübungen
gelangte. Bald gab es eine Reuterzunft, die ihren Beruf ordnungsmässig lernte;
und da diese das Gefolge der Anführer. Herzoge oder Könige ward, so entstand
natürlich an ihrem Hoflager eine Art Kriegsschule, in der die Knappen ihre
Lehrjahre aushalten, vielleicht auch nach solchen als gelernte Reuter auf
Ebenteuer als auf ihr Handwerk ausziehen mussten und, wenn sie sich in diesen
wohl gehalten hatten, entweder als Altgesellen mit Meisterrecht fernerhin dienen
oder selbst als Reutermeister andre Knappen in die Lehre nehmen konnten.
Schwerlich hat das ganze Ritterwesen einen andern Ursprung als diesen. Die
deutschen Völker, die alles zunftmässig behandelten, mussten es vorzüglich bei der
Kunst tun, die sie allein verstanden; und eben weil dies ihre einzige und
Hauptkunst war, so legten sie ihr alle Ehre bei, die sie als Unwissende andern
nicht zuerkennen konnten. Alle Gesetze und Regeln des Rittertums sind in diesem
Ursprunge entalten.303
    Dies Reutergefolge nämlich war Dienst, mitin war Angelobung der Treue,
sowohl beim Knappen als Ritter, die erste Pflicht, die er seinem Herrn leistete.
Ross- und Streitübungen waren die Schule desselben, aus welchen nachher, nebst
andern sogenannten Ritterdiensten, Kampfspiele und Turniere entstanden. Bei Hofe
musste der junge Reuterknabe um die Person des Herren und der Frau sein und
Hofdienste leisten; daher die Pflichten der Höflichkeit gegen Herren und Damen,
die er zunftmässig lernte. Und da er ausser Ross und Waffen noch etwas Religion und
Frauenhuld gebrauchte, so lernte er jene nach einem kurzen Brevier und bewarb
sich um diese nach Sitten und Kräften. Hiemit war das Rittertum eingerichtet,
das aus einem blinden Glauben an die Religion, aus einer blinden Treue gegen
seinen Herren, sofern dieser nur nichts Zunftwidriges begehrte, aus Höflichkeit
im Dienst und aus Artigkeit gegen die Frauen bestand, ausser welchen Tugenden des
Ritters Kopf und Herz von Begriffen und Pflichten frei bleiben dorfte. Die
niedern Stände waren nicht seinesgleichen; was der Gelehrte, der Künstler und
Werkmann lernte, dorfte er als dienender und ausgelernter Reuter verachten.
    Offenbar ist's, dass dies Kriegshandwerk zu einer frechen Barbarei ausarten
musste, sobald es in ein erbliches Recht überging und der gestrenge, feste Ritter
von der Wiege an ein edelgeborner Junker war; einsehenden Fürsten, die ein
dergleichen müssiges Gefolg an ihren Höfen nährten, lag also selbst daran, diesen
Beruf einigermassen zu kultivieren, ihm einige Ideen aufzupfropfen und zur
Sicherheit ihres eigenen Hofes, Geschlechts und Landes die edlen Buben Sitte zu
lehren. Daher kamen die härteren Gesetze, mit welchen jede Niederträchtigkeit
bei ihnen verpönt ward; daher die edleren Pflichten des Schutzes der
Unterdrückten, der Beschirmung jungfräulicher Unschuld, des Edelmuts gegen
Feinde u. f., durch welche man ihren Gewalttätigkeiten zuvorkommen, ihren harten
und rohen Sinn mildern wollte. Auf treue Gemüter machten diese Ordensregeln, die
ihnen von Jugend auf eingeprägt wurden, einen festen Eindruck; man erstaunt vor
der Biederkeit und Treue, die jene edle Ritter in Worten und Werken fast
mechanisch äussern. Biegsamkeit des Charakters, Vielseitigkeit der Ansicht einer
Sache, Fülle der Gedanken ist nicht ihr Fehler; daher auch die Sprache des
Mittelalters so zeremonienreich, fest und förmlich dahertritt, dass sie sich in
einem ehernen Panzer um zwei oder drei Gedanken, gleichsam selbst ritterlich, zu
bewegen scheinet.
    Von zweien Enden der Erde traten Ursachen zusammen, die dieser Rittergestalt
mehr Leben und Beweglichkeit gaben; Spanien, Frankreich, England und Italien, am
meisten aber Frankreich wurden das Feld dieser feinem Ritterbildung.
    
    1. Den Arabern ist ihrem Stammes- und Landescharakter nach von jeher ein
irrendes Rittertum, mit zarter Liebe gemischt, gleichsam erbeigentümlich
gewesen. Sie suchten Abenteuer, bestanden Zweikämpfe, rächten jeden Flecken
einer Beschimpfung ihrer selbst oder ihres Stammes mit dem Blute des Feindes. An
eine harte Lebensart und geringe Kleidung gewöhnt, hielten sie ihr Ross, ihr
Schwert und die Ehre ihres Geschlechts über alles teuer. Da sie nun auf den
Wanderungen ihrer Gezelte zugleich Abenteuer der Liebe suchten und sodann Klagen
über die Entfernung der Geliebten in der von ihnen so hochgeachteten Sprache der
Dichtkunst aushauchten, so ward es bald zur regelmässigen Form ihrer Gesänge, den
Propheten, sich selbst, den Ruhm ihres Stammes und den Preis ihrer Schöne zu
besingen, wobei sie an sanfte Übergänge eben nicht dachten. Bei ihren
Eroberungen waren die Zelte der Weiber mit ihnen; die beherztesten feuerten sie
an in ihren Gefechten; diesen also legten sie auch die Beute ihres Sieges zu
Füssen; und weil von Mohammed an die Weiber in die Bildung des arabischen Reichs
vielen Einfluss gehabt hatten und der Morgenländer im Frieden kein anderes
Vergnügen als Spiele der Kurzweil oder Zeitvertreib mit Weibern kennet, so
wurden in Spanien zur Zeit der Araber ritterliche Feste in Gegenwart der Damen,
z.B. das Schiessen mit dem Wurfrohr nach dem Ringe innerhalb der Schranken und
andre Wettkämpfe, mit vielem Glanz und Aufwande gefeiert, Die Schönen munterten
den Kämpfer auf und belohnten ihn mit Kleinod, Schärpe oder einem
Kleidungsstück, von ihrer Hand gewirket; denn ihnen zur Ehre wurden diese
Lustbarkeiten gefeiert, und das Bild der Dame des Siegers hing vor allen Augen,
mit den Bildern der von ihm besiegten Ritter umhänget, da. Farben, Devisen und
Kleider bezeichneten die Banden der Kämpfenden, Lieder besangen diese Feste, und
der Dank der Liebe war der schönste Gewinn des Siegers. Offenbar sind also von
Arabern die feinem Gebräuche des Rittertums nach Europa gebracht worden; was bei
den schwergerüsteten Nordhelden Handwerkssitte ward oder blosse Dichtung blieb,
war bei jenen Natur, leichtes Spiel, fröhliche Übung.304
    In Spanien also, wo jahrhundertelang Goten und Araber nebeneinander wohnten,
kam dieser leichtere Rittergeist zuerst unter die Christen. Hier kommen nicht
nur die ältesten christlichen Orden zum Vorschein, die gegen Mauren oder zum
Geleit der Pilger nach Kompostell oder endlich zur Freude und Lust aufgerichtet
wurden, sondern es hat auch der Rittergeist sich dem Charakter der Spanier so
tief eingepräget, dass, völlig nach arabischer Weise, selbst die irrenden und die
Ritter der Liebe bei ihnen nicht blosse Geschöpfe der Einbildungskraft waren. Die
Romanzen, d. i. historische Lieder, insonderheit ihrer Ritter-und
Liebesbegebenheiten (vielleicht auch der Roman, der älteste Amadis z.B.), sind
Gewächse ihrer Sprache und Denkart, in welcher noch in einer späten Zeit
Cervantes den Stoff zu seinem unvergleichlichen Nationalroman Don Quixote de la
Mancha fand. Vorzüglich aber hat sich sowohl hier als in Sizilien, den beiden
Gegenden, die die Araber am längsten besassen, ihr Einfluss in die fröhliche
Dichtkunst gezeiget.305
    In jenem Erdstrich nämlich, den bis zum Ebro Karl der Grosse den Arabern
abgewann und mit Limosinern, d. i. mit Einwohnern aus Südfrankreich, besetzte,
bildete sich mit der Zeit dies- und jenseit der Pyrenäen in arabischer
Nachbarschaft die erste Poesie neuerer Muttersprachen Europas, die Provenzal-
oder limosinische Dichtkunst. Tenzonen, Sonette, Idyllen, Villanescas,
Sirventes, Madrigale, Kanzonen und andre Formen, die man zu sinnreichen Fragen,
Gesprächen und Einkleidungen über die Liebe erfand, gaben, da alles in Europa
Hof- oder Meisterrecht haben musste, zu einem sonderbaren Tribunal, dem Hof der
Liebe (Corte de Amor), Anlass, an welchem Ritter und Damen, Könige und Fürsten
als Richter und Parteien Anteil nahmen. Vor ihm bildete sich die gaya ciencia,
die Wissenschaft der Trobadoren, die zuerst eine Liebhaberei des höchsten Adels
war und nur mit der Zeit, nach europäischer Weise als eine Hoflustbarkeit
betrachtet, in die Hände der Contadores, Truanes und Bufones, d. i. der
Märchenerzähler, Possenreisser und Hofnarren, geriet, wo sie sich selbst
verächtlich machte. In ihren ersten blühenden Zeiten hatte die Dichtkunst der
Provenzalen eine sanftarmonische, rührende und reizende Anmut, die den Geist
und das Herz verfeinte, Sprache und Sitten bildete, ja überhaupt die Mutter
aller neuem europäischen Dichtkunst ward. Über Languedoc, Provence, Barcelona,
Arragonien, Valencia, Murcia, Majorca, Minorca hatte sich die limosinische
Sprache verbreitet; in diesen schönen vom Meer gekühlten Ländern stieg der erste
Hauch seufzender oder fröhlicher Liebe auf. Die spanische, französische und
italienische Poesie sind ihre Töchter; Petrarca hat von ihr gelernt und mit ihr
gewetteifert; unsre Minnesinger sind ein später und härterer Nachklang
derselben, ob sie gleich unstreitig zum Zartesten unsrer Sprache gehören. Aus
Italien und Frankreich nämlich hatte der allgemein verbreitete Rittergeist
einige dieser Blüten auch über die Alpen nach Schwaben, Österreich, Türingen
mit hinübergewehet; einige Kaiser aus dem Staufischen Hause und Landgraf Hermann
von Türingen hatten daran Vergnügen gefunden, und mehrere deutsche Fürsten, die
man sonst nicht kennen würde, haben ihre Namen durch einige Gesänge in dieser
Manier fortgebreitet. Indessen verartete diese Kunst bald und ging, wie in
Frankreich zum losen Handwerk herumziehender Jongleurs, so in Deutschland zur
Meistersängerei über. In Sprachen, die, wie die provenzalische selbst, aus der
lateinischen entstanden waren und romanische hiessen, konnte sie besser wurzeln
und hat von Spanien aus über Frankreich und Italien bis nach Sizilien hin weit
lebhaftere Früchte getragen. In Sizilien, auf ehemals arabischem Boden, erstand,
wie in Spanien, die erste italienische Dichtkunst.
    
    2. Was die Araber von Süden anfingen, dazu trugen von Norden aus die
Normänner in Frankreich, England und Italien noch mächtiger bei. Als ihr
romantischer Charakter, ihre Liebe zu Abenteuern, Heldensagen und Ritterübungen,
ihre nordische Hochachtung gegen die Frauen mit dem feineren Rittertum der
Araber zusammentraf, so gewann solches damit für Europa Ausbreitung und Haltung.
Jetzt kamen die Sagen, die man Romane nennet und deren Grund längst vor den
Kreuzzügen da war, mehr in Gang; denn von Jeher hatten alle deutsche Völker das
Lob ihrer Helden gepriesen; diese Gesänge und Dichtungen hatten sich auch in den
Jahrhunderten der tiefsten Dunkelheit an den Höfen der Grossen, ja selbst in
Klöstern erhalten; ja, je mehr die echte Geschichte verschwand, desto mehr
hatten sich die Köpfe der Menschen zur geistlichen Legende oder zur Romansage
geformet. Von den ersten Jahrhunderten des Christentums an findet man daher
diese Übung der menschlichen Einbildungskraft mehr als jede andre im Gange,
zuerst auf griechisch-afrikanische, mit der Zeit auf nordisch-europäische Weise;
Mönche, Bischöfe und Heilige hatten sich ihrer nicht geschämet; ja es mussten
Bibel und wahre Geschichte selbst Roman werden, wenn man sie anhören sollte. So
entstand der Prozess Belials mit Christo, so die allegorischen und mystischen
Einkleidungen aller Tugenden und Pflichten, so die geistlich-teatralischen
Moralitäten und Possenspiele. Bei diesem allgemeinen Geschmack des Zeitalters,
der aus Unwissenheit, Aberglauben und einer autgeregten Phantasie entsprang,
waren Sagen, und Märchen (contes et fabliaux) die einzige Nahrung des Geistes
der Menschen, und dem Ritterstande waren Heldensagen die liebsten. In
Frankreich, dem Mittelpunkt dieser Kultur, wählte man natürlicherweise die ihm
eigentümlichsten Gegenstände nach beiden Richtungen, die hier zusammentrafen.
Der Zug Karls des Grossen gegen die Sarazenen, mit allen Abenteuern, die in den
Pyrenäen geschehen sein sollten, war die eine Richtung; was sich im Lande der
Normänner, in der Bretagne, an alten Sagen von König Artus vorfand, war die
andre. In jenen brachte man aus der späteren französischen Verfassung die zwölf
Pairs nebst aller Herrlichkeit, die man von Karl und seinen Rittern, samt aller
Wildheit, die man von den sarazenischen Heiden zu sagen hatte. Ogier, der Däne,
Huon von Bordeaux, die Aimonskinder, viele Sagen der Pilgrimschaften und
Kreuzzüge kamen mit in seine Geschichte; allemal aber waren die interessantesten
Personen und Begebenheiten aus der limosinischen Gegend, Guienne, Languedoc,
Provence und dem Teile von Spanien, wo die provenzalische Dichtkunst blühte. Die
zweite Richtung der Sagen, von Artus und seinem Hofe, ging über das Meer hin
nach Cornwallis oder vielmehr in ein utopisches Land, in welchem man sich eine
eigne Gattung des Wunderbaren erlaubte. Der Spiegel der Ritterschaft ward in
diesen Romanen hell polieret; in den verschiednen Stufen und Charakteren der
Mitgenossen an der runden Tafel wurden die Fehler und Tugenden dieses Hofstaats
sehr klar gezeichnet, wozu in einer so alten Zeit und unbeschränkten Welt, als
die Artusromane zum Gebiet hatten, viel Raum war. Endlich entstand aus beiden
eine dritte Gattung der Romane, von welcher keine französische und spanische
Provinz ausgeschlossen blieb. Poitou, Champagne, die Normandie, der Ardenner
Wald, Flandern, ja Mainz, Kastilien, Algarbien gaben Ritter und Szenen zum
Schauplatz her; denn die Unwissenheit des Zeitalters und die Gestalt, in welcher
damals die Geschichte des Altertums erschien, erlaubte, ja gebot diese Mischung
aller Zeiten und Länder. Troja und Griechenland, Jerusalem und Trapezunt, was
man in neuen Gerüchten hörte oder von alten wusste, floss zur Blume der
Ritterschaft zusammen, und vor allem ward die Abstammung von Troja ein
Geschlechtsruhm, von welchem alle Reiche und Völker in Europa mit ihren Königen
und grössesten Rittern überzeugt waren. Mit den Normännern ging das Romanwesen
nach England und Sizilien über; beide Gegenden gaben ihm neue Helden und neuen
Stoff; nirgend indes ist's so glücklich als in Frankreich gediehen. Durch die
Zusammenkunft vieler Ursachen hatte sich Lebensart, Sprache, Poesie, ja gar die
Moral und Religion der Menschen diesem Geschmack gleichsam zugebildet.306
    Denn wenn wir aus dem Gebiet der Fabel ins Land der Geschichte treten: in
welchem Reich Europas hat sich die Blüte der Ritterschaft schöner als in
Frankreich gezeiget? Seitdem mit dem Verfall der Karlinger soviel Höfe kleiner
Potentaten, der Herzoge, Grafen und Barone, zu Macht und in Glanz kamen, als
beinahe Provinzen, Schlösser und Bürge waren, seitdem ward jedes Residenz- und
Ritterschloss auch eine Schule der Ritterehre. Die Lebhaftigkeit der Nation, die
Kämpfe, denen sie gegen Araber und Normänner jahrhundertelang ausgesetzt gewesen
waren, der Ruhm, den ihre Vorfahren dadurch erlangt, der blühende Wohlstand, zu
welchem mehrere Häuser sich aufgeschwungen hatten, ihre Vermischung mit den
Normännern selbst, am meisten aber etwas Eignes im Charakter der Nation, das
sich von den Galliern an durch ihre ganze Geschichte offenbaret, dies alles
brachte jene Sprachseligkeit, jene muntere Schnellkraft, leichte Gefälligkeit
und glänzende Anmut ins Ritterwesen, die man ausser der französischen bei andern
Nationen spät, selten oder gar nicht findet. Wieviel französische Ritter müssten
genannt werden, die durch Gesinnungen und Taten, in Kriegs- und Friedenszeiten,
die ganze Geschichte hindurch bis unter den Despotismus der Könige hin, sich so
tapfer, artig und edel erzeigten, dass ihren Geschlechtern damit ein ewiger Ruhm
bleibet! Als der Ruf der Kreuzzüge erschallte, waren französische Ritter die
Blume der ganzen Ritterschaft Europas; französische Geschlechter stiegen auf den
Tron von Jerusalem und Konstantinopel; die Gesetze des neuen Staats wurden
französisch gegeben. Mit Wilhelm dem Eroberer stieg diese Sprache und ihre
Kultur auch auf den britischen Tron; beide Nationen wurden Nebenbuhler der
Rittertugend, die sie sowohl in Palästina als in Frankreich wetteifernd
erwiesen, bis England seinen Nachbarn den eiteln Glanz überliess und sich eine
nützlichere, die bürgerliche, Laufbahn wählte. Der Macht des Papstes hat
Frankreich zuerst, und zwar auf die leichteste Weise, gleichsam mit Anmut, Trotz
geboten; selbst der heilige Ludwig war nichts weniger als ein Sklave des
Papstes. England, Deutschland und andre Länder haben tapferere Könige gehabt als
Frankreich; aber die Staatsklugheit ist aus Italien zuerst dortin übergegangen
und hat sich, selbst wo sie schändlich war, wenigstens mit Anstand gebärdet.
Auch den Instituten für die Gelehrsamkeit, den obrigkeitlichen Würden und
Rechtsstühlen hat dieser Geist sich mitgeteilt, anfangs zum Nutzen, nachher zum
Schaden. Kein Wunder also, dass die französische Nation die eitelste von Europa
worden ist; fast von Entstehung ihrer Monarchie an hat sie Europa vorgeleuchtet
und in den wichtigsten Veränderungen den Ton gegeben. Als alle Nationen, wie zu
einem grossen Karussell, in Palästina zusammentrafen, wurden die deutschen mit
den französischen Rittern verbunden, um durch die Verbindung mit diesen ihr
deutsches Ungestüm (furor Teutonicus) abzulegen. Auch das neue Kostüm, das auf
den Kreuzzügen durch Wappen und andre Unterschiede für ganz Europa entstand, ist
grössestenteils französischen Ursprungs.
    
    Jetzt sollten wir von den drei oder vier geistlichen Ritterorden reden, die,
in Palästina gestiftet, zu soviel Ehre und Reichtum gelanget sind; allein die
Helden-und Staatsaktion, auf welcher sie dazu gelangten, mit ihren fünf oder
sieben Akten liegt vor uns; also hinan zu ihr.
 
                                      III
                           Kreuzzüge und ihre Folgen
    Lange hatten Pilger und Päpste die Not der Christen zu Jerusalem geklaget;
man hatte das Ende der Welt verkündiget, und Gregor der Siebente glaubte schon
50000 Mann bereit zu haben, die zum Heiligen Grabe ziehen würden, wenn er ihr
Anführer wäre. Endlich gelang's einem Pikarden, Peter dem Einsiedler, in
Verständnis mit Simeon, dem Patriarchen zu Jerusalem, den Papst Urban II. zu
bereden, dass er zum Werk schritt. Es wurden zwei Konzilien zusammengerufen, und
auf dem letzten hielt der Papst eine Rede, hinter welcher das Volk wie wütend
ausrief: »Gott will es! Gott will es!« Heere von Menschen wurden also mit einem
roten Kreuz auf der rechten Schulter bezeichnet; in der ganzen römischen
Christenheit ward die Kreuzfahrt gepredigt und den heiligen Kriegern mancherlei
Freiheit erteilt. Ohne Einwilligung ihrer Lehnherren dorften sie Ländereien
veräussern oder verpfänden (den Geistlichen ward dies Privilegium in Ansehung
ihrer Benefizien auf drei Jahre verliehen); sowohl der Person als den Gütern
nach traten alle Kreuzfahrer unter den Schutz und die Gerichtsbarkeit der Kirche
und genossen geistliche Rechte; sie waren während des Heiligen Krieges von allen
Steuern und Gaben, von allen Rechtsansprüchen wegen gemachter Schulden und von
den Zinsen derselben frei und erhielten einen vollkommenen Ablass. Eine
unglaubliche Anzahl andächtiger, wilder, leichtsinniger, unruhiger,
ausschweifender, schwärmender und betrogner Menschen aus allen Ständen und
Klassen, sogar in beiden Geschlechtern, versammleten sich; die Heere wurden
gemustert, und Peter der Einsiedler zog, barfuss und mit einer langen Kapuze
geziert, einer Schar von 300000 Menschen voran. Da er sie nicht einhalten
konnte, plünderten sie, wohin sie kamen; Ungarn und Bulgaren traten zusammen und
jagten sie in die Wälder, also dass er mit einem Rest von 30000 in den
traurigsten Umständen vor Konstantinopel ankam. Gottschalk, ein Priester, folgte
mit 15000, ein Graf Emich mit 200000 Mann nach. Mit einem Blutbade der Juden
fingen diese ihren heiligen Feldzug an, deren sie in einigen Städten am Rhein
12000 erschlugen; sie wurden in Ungarn entweder niedergemacht oder ersäufet. Die
erste liederliche Schar des Eremiten, mit Italienern verstärkt, ward nach Asien
hinübergeschaft; sie geriet in Hungersnot und wäre von den Türken ganz
aufgerieben worden, wenn nicht Gottfried von Bouillon mit seinem regelmässigen
Heer und der Blüte der Ritterschaft von Europa vor Konstantinopel endlich
angekommen wäre. Bei Chalzedon ward das Heer gemustert und fand sich 500000 Mann
zu Fuss, 130000 Mann an Reuterei stark; unter unglaublichen Gefahren und
Beschwerden ward Nizäa, Tarsus, Alexandrien, Edessa, Antiochien, endlich
Jerusalem eingenommen und Gottfried von Bouillon einmütig zum Könige erwählet.
Balduin, sein Bruder, war Graf zu Edessa, Böemond, Prinz von Tarent, war Fürst
von Antiochien geworden; Raimond, Graf zu Toulouse, ward Graf zu Tripoli, und
ausser ihnen taten sich in diesem Feldzuge alle die Helden hervor, die Tassos
unsterbliches Gedicht rühmet. Indessen folgten bald Unfälle auf Unfälle; das
kleine Reich hatte sich gegen unzählbare Schwärme der Türken von Osten, der
Araber von Ägypten her zu schützen und tat's zuerst mit unglaublicher Tapferkeit
und Kühnheit. Allein die alten Helden starben; das Königreich Jerusalem kam
unter eine Vormundschaft; die Fürsten und Ritter wurden uneinig untereinander;
in Ägypten entstand eine neue Macht der Mamlucken, mit welcher der tapfre und
edle Saladin die treulosen, verderbten Christen immer mehr einengte, endlich
Jerusalem einnahm und das kleine Schattenkönigreich, ehe es sein hundertjähriges
Jubeljahr feiern konnte, ganz aufhob.
    Alle Kriegszüge, es zu erhalten oder wiederzuerobern, waren fortan umsonst;
die kleinen Fürstentümer waren seinem Untergange vorhergegangen oder folgten ihm
nach. Edessa war nur fünfzig Jahr in christlichen Händen, und der ungeheure
zweite Kreuzzug, der von Kaiser Konrad III. und Ludwig VII., Könige in
Frankreich, auf das Feldgeschrei des heiligen Bernhards, mit 200000 Mann gemacht
wurde, rettete es nicht.
    In einem dritten Kreuzzuge gingen gegen Saladin drei tapfre Mächte, Kaiser
Friedrich I., König Philipp August von Frankreich und Richard Löwenherz von
England, zu Felde; der erste ertrank im Strom, und sein Sohn starb; die beiden
andern, eifersüchtig gegeneinander, und insonderheit der Franke auf den Briten
neidig, konnten nichts als Acre wiedererobern. Uneingedenk seines gegebnen Worts
kehrte Philipp August zurück, und Richard Löwenherz, der Saladins Macht allein
nicht widerstehen konnte, musste unwillig ihm folgen. Ja, er hatte, da er durch
Deutschland als Pilger reisete, das Unglück, vom Herzog Leopold von Österreich
wegen einer bei Acre ihm vermeintlich erwiesenen Beschimpfung angehalten, dem
Kaiser Heinrich VI. unedel ausgeliefert und von diesem noch unedler vier Jahre
in strenger Gefangenschaft gehalten zu werden, bis er sich, da über dies
unritterliche Verfahren alle Welt murrete, mit 100000 Mark Silbers loskaufen
konnte.
    Der vierte Feldzug, der von Franzosen, Deutschen und Venetianern unter dem
Grafen von Montferrat unternommen ward, kam gar nicht nach Palästina; ihn
leiteten die eigennützigen, rachsüchtigen Venetianer. Sie nahmen Zara ein und
schiffeten vor Konstantinopel; die Kaiserstadt ward belagert, zweimal erobert
und geplündert; der Kaiser flieht; Balduin, Graf von Flandern, wird zu
Konstantinopel ein lateinischer Kaiser; Beute und Reich werden geteilt, und den
reichsten Teil dieses Raubes am Adriatischen, Schwarzen und griechischen Meere
erhalten die Venetianer. Der Anführer des Zuges wird König von Kandia, welche
Insel er seinen habsüchtigen Bundsgenossen auch verkaufte; statt der Länder
jenseit des Bosporus wird er König zu Tessalonich. Es entsteht ein Fürstentum
Achaja, ein Herzogtum Aten für französische Barone; reiche Edle aus Venedig
erwerben sich ein Herzogtum Naxos, Negropont; es wird ein Pfalzgraf von Zante
und Cephalonia; das griechische Kaisertum geht wie ein schlechter Raub an die
Meistbietenden über. Dagegen errichten Abkömmlinge des griechischen
Kaiserstammes ein Kaisertum zu Nicäa, ein Herzogtum Trapezunt, das sich in der
Folge auch Kaisertum nennet, eine Despotie, nachher auch Kaisertum genannt, in
Epirus. Da den neuen lateinischen Kaisern zu Konstantinopel so wenig
übriggeblieben war, so konnte sich dies schwache und gehassete Reich kaum
fünfzig Jahre erhalten; die Kaiser von Nicäa bemächtigten sich der alten
griechischen Kaiserstadt wieder, und zuletzt kamen alle diese durch Abenteuer
erworbene Besitztümer in die Hände der Türken.
    Der fünfte Kreuzzug, von Ungarn und Deutschen geführt, war gar unkräftig.
Drei Könige, von Ungarn, Zypern und ein Titelkönig von Jerusalem, mit den
Grossmeistern der Ritterorden hatten den Berg Tabor umringt, die Feinde
eingeschlossen, den Sieg in Händen; Zwietracht und Eifersucht aber entrissen
ihnen diesen Vorteil, und die Kreuzfahrer gingen unmutig zurück.
    Kaiser Friedrich II. schickt auf unablässiges Treiben des päpstlichen Hofes
eine Flotte nach Palästina; ein vorteilhafter Waffenstillstand ist im Werk; der
päpstliche Legat vereitelte ihn, und als der Kaiser selbst äusserst gezwungen den
Feldzug übernahm, verhindert der Papst selbst durch einen unvernünftigen Bann
und durch eigne treulose Angriffe auf die Staaten des abwesenden Kaisers in
Europa allen guten Fortgang. Es wird ein Waffenstillstand mit dem Sultan zu
Bagdad geschlossen, Palästina und Jerusalem dem Kaiser eingeräumt; das Heilige
Grab aber bleibt als ein Freihafen für alle Pilger in den Händen der Sarazenen.
    Doch auch dieser geteilte Besitz von Jerusalem dauert kaum fünfzehn Jahre,
und der heilige Ludwig mit seinem siebenten, dem unglücklichsten Zuge konnte ihn
nicht wiederherstellen. Er selbst mit seinem ganzen Heer gerät in Ägypten den
Feinden in die Hände; er muss sich teuer loskaufen und endet auf einem zweiten,
ebenso unnützen und unglücklichen Zuge gegen die Mauren vor Tunis sein Leben.
Sein trauriges Beispiel erstickte endlich den unsinnigen Trieb zu
Religionsfeldzügen nach Palästina, und die letzten christlichen Orter daselbst,
Tyrus, Acre, Antiochien, Tripoli, gingen nach und nach an die Mamlucken über. So
endete diese Raserei, die dem christlichen Europa unsäglich viel Geld und
Menschen gekostet hatte; welches waren ihre Erfolge?307
    Man ist gewohnt, den Kreuzzügen so viele gute Wirkungen zuzuschreiben, dass
man dieser Meinung zufolge unserm Weltteil alle halbe Jahrtausende ein
dergleichen Fieber, das seine Kräfte rüttelt und aufregt, wünschen müsste; eine
nähere Ansicht zeigt aber, dass die meisten der angegebnen Erfolge nicht von den
Kreuzzügen, am wenigsten von ihnen allein herstammen, sondern dass unter den
vielen Antrieben, die damals Europa gewann, sie höchstens ein beschleunigender,
im ganzen aber widriger Mit- und Nebenstoss gewesen, den die Vernunft der
Europäer wohl hätte entbehren mögen. Überhaupt ist's nur ein Bild der Phantasie,
wenn man aus sieben getrennten Feldzügen, die in zweihundert Jahren aus sehr
verschiednen Ländern und Beweggründen unternommen wurden, bloss des
gemeinschaftlichen Namens wegen eine Hauptquelle von Begebenheiten dichtet.
    1. Der Handel, sahen wir, war den Europäern in die arabischen Staaten vor
den Kreuzzügen eröffnet, und es stand ihnen frei, solchen auf eine anständigere
Weise zu nutzen und zu verbreiten, als es durch Räuberfeldzüge geschehen konnte.
Bei diesen gewannen die Überfahrer, Geldnegozianten und Lieferanten; sie
gewannen aber alles von den Christen, gegen deren Vermögen sie eigentlich die
Kreuzfahrer waren. Was dem griechischen Reich entrissen ward, war ein
schändlicher Kaufmannsraub, der dazu diente, dass durch die äusserste Schwächung
dieses Reichs den immer näher andringenden Türkenhorden dereinst ein leichter
Spiel mit Konstantinopel gemacht werden sollte. Dass Türken in Europa sind und
dass sie sich daselbst so weit umherbreiten konnten, hatte der Löwe des heiligen
Markus in Venedig schon durch den vierten Kreuzzug vorbereitet. Zwar halfen die
Genuesen einem Geschlecht griechischer Kaiser wieder auf den Tron; allein es
war der Tron eines geschwächten, zerstückten Reiches, den nachher die Türken
leicht überwältigen mochten, da denn Venetianer sowohl als Genueser ihre besten
Besitzungen im Mittelländischen und am Schwarzen Meer, ja endlich fast allen
ihren Handel dahin auch verloren.
    2. Das Rittertum ist nicht durch die Kreuzzüge, sondern die Kreuzzüge sind
durch das Rittertum entstanden; beim ersten Feldzuge schon erschien die Blume
der französischen und normannischen Ritter in Palästina. Vielmehr haben die
Kreuzzüge beigetragen, ihm seine eigentümliche Blüte zu rauben und wahre
Waffenritter in blosse Wappenritter zu verwandeln. In Palästina nämlich kroch
mancher unter den Helm, der ihn in Europa nicht tragen dorfte; er brachte Wappen
und Adel zurück, die jetzt auf sein Geschlecht übergingen und damit einen neuen
Stand, den Wappen- und mit der Zeit auch den Briefadel in Laut brachten. Da die
Zahl der alten Dynasten, des wahren Ritteradels, vermindert war, so suchte
dieser zu Besitzungen und erblichen Vorzügen gleich ihnen zu gelangen;
sorgfältig zählte er seine Ahnen, erwarb sich Würden und Vorzüge, so dass in
einigen Geschlechten er wieder der alte Adel hiess, ob er gleich mit jenen
Dynasten, die gegen ihn Fürsten waren, mitnichten zu einer Klasse gehöret. In
Palästina konnte, was Waffen trug, Ritter werden; die ersten Kreuzzüge waren ein
grosses Erlassjahr für Europa. Bald kam dieser neue dienende Kriegsadel der
wachsenden Monarchie sehr zustatten, die ihn gegen die übriggebliebenen hohen
Vasallen klüglich zu gebrauchen wusste. So reiben Leidenschaften einander und der
Schein den Schein auf; durch den dienenden Kriegs- und Hofadel ging endlich das
alte Rittertum gar zugrunde.
    3. Dass die in Palästina gestifteten geistlichen Ritterorden Europa zu keinem
Vorteil gewesen, ist durch sich selbst klar. Sie zehren noch von dem Kapital,
das einst dem Heiligen Grabe, einem für uns ganz untergegangenen Zwecke,
geweihet ward. Die Hospitaliter sollten ankommende Pilgrime beherbergen, Kranke
verpflegen, Aussätzige bedienen; dies sind die hohen Johanniterritter unsrer
Zeit. Als ein Edelmann aus dem Delphinat, Raimund du Puy, Waffengelübde unter
sie brachte, trennte sich der Lazarusorden von ihnen und blieb bei der ersten
Stiftung. Die Tempelherren waren regulierte Chorherren, lebten zehn Jahre selbst
von Almosen und beschützten die Pilger des Heiligen Grabes, bis auch, nach
vergrösserten Gütern, ihre Statuten verändert wurden und der Ritter den
Waffenträger, der Orden dienende Brüder hinter sich bekam. Der Deutsche Orden
endlich war für Kranke und Verwundete gestiftet, die auf dem Felde umherlagen;
Kleidung, Wasser und Brot war ihre Belohnung, bis auch sie im nutzvollen Dienst
gegen die Ungläubigen reich und mächtig wurden. In Palästina haben alle diese
Orden viel Tapferkeit und viel Stolz, auch wohl Untreue und Verrat bewiesen; mit
Palästina aber hätte ihre Geschichte zu Ende sein mögen. Als die Johanniter dies
Land verlassen mussten, als sie Zypern und Rhodus verloren und Karl der Fünfte
ihnen mit dem Felsen Malta ein Geschenk machte: wie sonderbar war der Auftrag,
ewige Kreuzzieher auch ausserhalb Palästina zu bleiben und dafür Besitztümer in
Reichen zu geniessen, die weder die Türken bekriegen noch die Pilgrime zum
Heiligen Grabe geleiten mögen. Den Lazarusorden nahm Ludwig VII. in Frankreich
auf und wollte ihn zu seinem Beruf, der Aufsicht der Kranken, zurückführen; mehr
als ein Papst wollte ihn aufheben; die Könige von Frankreich schützten ihn, und
Ludwig XIV. vereinte ihn mit mehrern geringen Orden. Er gedachte hierin anders
als sein Vorfahr Philipp der Schöne, der aus Geiz und Rache die Tempelherren
grausam ausrottete und sich von ihren Gütern zueignete, was ihm auf keine Weise
zustand. Die Deutschen Ritter endlich, die, von einem Herzoge in Masowien gegen
die heidnischen Preussen zu Hülfe gerufen, von einem deutschen Kaiser alles das
zum Geschenk erhielten, was sie daselbst erobern würden und was ihm, dem
deutschen Kaiser, selbst nicht gehörte, sie eroberten Preussen, vereinigten sich
mit den Schwertbrüdern in Livland, erhielten Estland von einem Könige, der es
auch nicht zu erhalten wusste, und so herrschten sie zuletzt von der Weichsel bis
zur Düna und Newa in ritterlicher Üppigkeit und Ausschweifung. Die alte
preussische Nation ward vertilget, Litauer und Samojiten, Kuren, Letten und Esten
wie Herden dem deutschen Adel verteilt. Nach langen Kriegen mit den Polen
verloren sie zuerst das halbe, sodann das ganze Preussen, endlich auch Liv-und
Kurland; sie liessen in diesen Gegenden nichts als den Ruhm nach, dass schwerlich
ein erobertes Land stolzer und unterdrückender verwaltet worden, als sie diese
Küsten verwaltet haben, die, von einigen Seestädten kultiviert, gewiss andre
Länder geworden wären, überhaupt gehören alle drei angeführte Orden nicht nach
Europa, sondern nach Palästina. Da sind sie gestiftet, dahin in ihren Stiftungen
gewiesen. Dort sollten sie gegen Ungläubige streiten, in Hospitälern dienen, das
Heilige Grab hüten, Aussätzige pflegen, Pilger geleiten. Mit dieser Absicht sind
auch ihre Orden erloschen; ihre Güter gehören christlichen Werken, vorzüglich
Armen und Kranken.
    4. Wie der neue Wappenadel einzig und allein von der wachsenden Monarchie in
Europa seine Bestimmung erhielt, so schreibt sich die Freiheit der Städte, der
Ursprung der Gemeinheiten, endlich auch die Entlassung des Landmannes in unserm
Weltteil von ganz andern Ursachen her, als diese tolle Kreuzzüge gaben. Dass im
ersten Fieberanfall derselben allen liederlichen Haushältern und Schuldnern ein
Verzug zugestanden, Lehnsmänner und Leibeigne ihrer Pflichten, Steuernde ihrer
Steuer, Zinsende ihrer Zinsen entlassen wurden, das gründete noch nicht die
Rechte der Freiheit Europas. Längst waren Städte errichtet, längst wurden
älteren Städten ihre Rechte bestätigt und erweitert; und wenn sich dem
wachsenden Fleiss und Handel dieser Städte auch die Freiheit des Landmannes
früher oder später mit anschloss, wenn selbst das Anstreben zur Unabhängigkeit
solcher Munizipalitäten in dem Gange der sich aufrichtenden Monarchie notwendig
begriffen war, so dörfen wir nicht in Palästina suchen, was uns im Strom der
Veränderungen Europas nach hellen Veranlassungen zuschwimmt. Auf einer heiligen
Narrheit beruht schwerlich das dauerhafte System Europas.
    5. Auch Künste und Wissenschaften wurden von den eigentlichen Kreuzfahrern
auf keine Weise befördert. Die liederlichen Heere, die zuerst nach Palästina
zogen, hatten keinen Begriff derselben und konnten ihn weder in den Vorstädten
von Konstantinopel noch in Asien von Türken und Mamlucken erhalten. Bei den
späteren Feldzügen darf man nur die geringe Zeit bedenken, in welcher die Heere
dort waren, die Drangsale, unter welchen sie diese wenige Zeit, oft nur an den
Grenzen des Landes, zubrachten, um dem glänzenden Traum mitgebrachter grosser
Entdeckungen zu entsagen. Die Pendeluhr, die Kaiser Friedrich II. von Meledin
zum Geschenk erhielt, brachte noch keine Gnomonik, die griechischen Paläste, die
die Kreuzfahrer in Konstantinopel anstauneten, noch keine bessere Baukunst nach
Europa. Einige Kreuzfahrer, insonderheit Friedrich der Erste und Zweite, wirkten
zur Aufklärung mit; jener aber tat es, ehe er das Morgenland sah, und diesem war
nach seinem kurzen Aufentalt daselbst diese Reise nur ein neuer Antrieb, in
seiner längst erwiesenen Regierungsart fortzuwirken. Keiner der geistlichen
Ritterorden hat Aufklärung nach Europa gebracht oder dieselbe befördert.
    Es schränket sich also, was hiebei für die Kreuzzüge gesagt werden kann, auf
wenige Veranlassungen ein, die zu andern schon vorhandenen trafen und sonach
diese wider ihren Willen mit befördern mussten.
    
    1. Die Menge reicher Vasallen und Ritter, die in den ersten Feldzügen nach
dem Heiligen Lande zogen und einem grossen Teil nach nicht wiederkamen,
veranlasste, dass ihre Güter verkauft wurden oder mit andern zusammenfielen. Dies
nutzte, wer es nutzen konnte, die Lehnherren, die Kirche, die schon vorhandenen
Städte, jeder nach seiner Weise; der Lauf der Dinge zu Befestigung der
königlichen Macht durch die Errichtung eines Mittelstandes ward dadurch zwar
nicht angefangen, aber befördert und beschleunigt.
    2. Man lernte Länder, Völker, Religionen und Verfassungen kennen, die man
sonst nicht kannte; der enge Gesichtskreis erweiterte sich; man bekam neue
Ideen, neue Triebe. Jetzt bekümmerte man sich um Dinge, die man sonst würde
vernachlässigt haben, brauchte besser, was man in Europa längst: besass, und da
man die Welt weiter fand, als man geglaubt hatte, so ward man auch nach der
Kenntnis des Entfernten neugierig. Die gewaltigen Eroberungen, die
Dschingis-Khan im nörd- und östlichen Asien machte, zogen die Blicke am meisten
nach der Tatarei hin, in welche Mark Polo, der Venetianer, Rubruquis, der
Franzose, und Johann de Plano-Carpino, ein Italiener, in ganz verschiedenen
Absichten reiseten, der erste des Handels, der zweite einer königlichen
Neugierde, der dritte, vom Papst geschickt, der Bekehrung dieser Völker wegen.
Notwendig also hangen auch diese Reisen mit den Kreuzzügen nicht zusammen; denn
vor- und nachher ist man gereiset. Der Orient selbst ist uns durch diese Züge
weniger bekannt worden, als man hätte wünschen mögen; die Nachrichten der
Morgenländer über ihn, auch in dem Zeitpunkt, da Syrien von Christen wimmelte,
bleiben uns noch unentbehrlich.
    3. Endlich lernte auf diesem heiligen Tummelplatz Europa sich untereinander
selbst kennen, obgleich nicht auf die erspriesslichste Weise. Könige und Fürsten
brachten von dieser näheren Bekanntschaft meistens einen unaustilgbaren Hass
gegeneinander nach Hause; insonderheit empfingen die Kriege zwischen England und
Frankreich dadurch neue Nahrung. Der böse Versuch, dass eine Christenrepublik
gegen Ungläubige vereint streiten könne und möge, berechtigte zu solchen Kriegen
auch in Europa und hat sie nachher in andre Weltteile verbreitet. Unleugbar
ist's indessen, dass, indem die europäischen Nachbarn ihre gegenseitige Stärke
und Schwäche näher sahen, damit im dunkeln eine allgemeinere Staatskunde und ein
neues System der Verhältnisse in Kriegs- und Friedenszeiten gegründet ward. Nach
Reichtum, Handel, Bequemlichkeit und Üppigkeit war jedermann lüstern, weil ein
rohes Gemüt diese in der Fremde leicht liebgewinnet und an andern beneidet. Die
wenigsten, die aus Orient zurückkamen, konnten sich fortan in die europäische
Weise finden; selbst ihren Heldenmut liessen viele dort zurück, ahmten das
Morgenland im Abendlande ungeschickt nach oder sehnten sich wieder nach
Abenteuern und Reisen, überhaupt kann eine Begebenheit nur soviel wirkliches und
bleibendes Gute hervorbringen, als Vernunft in ihr liegt. Unglücklich wäre es
für Europa gewesen, wenn zu eben der Zeit, da seine zahlreiche Mannschaft in
einem Winkel Syriens um das Heilige Grab stritt, die Eroberung Dschingis-Khans
sich früher und mit mehrerer Kraft nach Westen gewandt hätte. Wie Russland und
Polen wäre unser Weltteil vielleicht ein Raub der Mogolen worden, und seine
Nationen hätten sodann mit Pilgerstäben in der Hand als Bettler ausziehen mögen,
um am Heiligen Grabe zu beten. Lasset uns also, von dieser wilden Schwärmerei
hinweg, nach Europa zurücksehen, wie sich in ihm nach einem durcheinander
greifenden Laut der Dinge die sittliche und politische Vernunft der Menschen
allmählich aufhellet und bildet.
 
                                       IV
                         Kultur der Vernunft in Europa
    In den frühesten Zeiten des Christentums bemerkten wir zahlreiche Sekten,
die durch eine sogenannte morgenländische Philosophie das System der Religion
erklären, anwenden und läutern wollten; sie wurden als Ketzer unterdrückt und
verfolget. Am tiefsten schien die Lehre des Manes einzugreifen, die mit der
alten persischen Philosophie nach Zoroasters (Zerduscht) Weise zugleich ein
Institut sittlicher Einrichtung verband und als eine tätige Erzieherin ihrer
Gemeinen wirken wollte. Sie ward noch mehr verfolgt als teoretische Ketzereien
und rettete sich ostwärts in die tibetanische, westlich in die armenische
Gebürge, hie und da auch in europäische Länder, wo sie allentalben ihr
asiatisches Schicksal vorfand. Längst glaubte man sie unterdrückt, bis sie in
den dunkelsten Zeiten aus einer Gegend, aus welcher man's am wenigsten
vermutete, wie auf ein gegebnes Zeichen hervorbrach und auf einmal in Italien,
Spanien, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland einen
entsetzlichen Aufruhr machte. Aus der Bulgarei kam sie hervor, einer
barbarischen Provinz, um welche sich die griechische und römische Kirche lange
gezankt hatte; da war unsichtbar ihr Oberhaupt, das, anders als der römische
Papst, Christo in Armut ähnlich zu sein vorgab. Geheime Missionen gingen in alle
Länder und zogen den gemeinen Mann, insonderheit fleissige Handwerker und das
unterdrückte Landvolk, aber auch reiche Leute, Grafen und Edle, besonders die
Frauen, mit einer Macht an sich, die auch der ärgsten Verfolgung und dem Tode
trotzte. Ihre stille Lehre, die lauter menschliche Tugenden, insonderheit Fleiss,
Keuschheit und Eingezogenheit predigte und sich ein Ziel der Vollkommenheit
vorsteckte, zu welchem die Gemeine mit strengen Unterschieden geführt werden
sollte, war das lauteste Feldgeschrei gegen die herrschenden Greuel der Kirche.
Besonders griff sie die Sitten der Geistlichen, ihre Reichtümer, Herrschsucht
und Ausgelassenheit an, verwarf die abergläubigen Lehren und Gebräuche, deren
unmoralische Zauberkraft sie leugnete und statt aller derselben einen einfachen
Segen durch Auflegung der Hände und einen Bund der Glieder unter ihren
Vorstehern, den Vollkommenen, anerkannte. Die Verwandlung des Brots, Kreuz,
Messe, Fegefeuer, die Fürbitte der Heiligen, die einwohnenden Vorzüge der
römischen Priesterschaft waren ihnen Menschensatzungen und Gedichte; über den
Inhalt der Schrift, insonderheit des Alten Testaments, urteilten sie sehr frei
und führeten alles auf Armut, Reinheit des Gemütes und Körpers, auf stillen
Fleiss, Sanftmut und Guterzigkeit zurück, daher sie auch in mehreren Sekten bons
hommes, gute Leute, genannt wurden. Bei den ältesten derselben ist der
morgenländische Manichäismus unverkennbar; sie gingen vom Streit des Lichtes und
der Finsternis aus, hielten die Materie für den Ursprung der Sünde und hatten
insonderheit über die sinnliche Wohllust harte Begriffe; nach und nach läuterte
sich ihr System. Aus Manichäern, die man auch Katarer (Ketzer), Patarener,
Publikaner, Passagieri und nach Lokalumständen in jedem Lande anders nannte,
formten einzelne Lehrer, insonderheit Heinrich und Peter de Bruis, unanstössigere
Parteien, bis die Waldenser endlich fast alles das lehrten und mit grossem Mut
behaupteten, womit einige Jahrhunderte später der Protestantismus auftrat; die
früheren Sekten hingegen scheinen den Wiedertäufern, Mennoniten, Böhmisten und
andern Parteien der neuen Zeit ähnlich. Alle breiteten sich mit so stiller
Kraft, mit so überredendem Nachdruck aus, dass in ganzen Provinzen das Ansehen
des geistlichen Standes äusserst fiel, zumal dieser ihnen auch im Disputieren
nicht widerstehen konnte. Insonderheit waren die Gegenden der provenzalischen
Sprache der Garten ihrer Blüte; sie übersetzten das Neue Testament (ein damals
unerhörtes Unternehmen) in diese Sprache, gaben ihre Regeln der Vollkommenheit
in provenzalischen Versen und wurden seit Einführung des römischen Christentums
die ersten Erzieher und Bildner des Volks in seiner Landessprache.308
    Dafür aber verfolgte man sie auch, wie man wusste und konnte. Schon im
Anfange des eilften Jahrhunderts wurden in der Mitte von Frankreich, zu Orleans,
Manichäer, unter ihnen selbst der Beichtvater der Königin, verbrannt; sie
wollten nicht widerrufen und starben auf ihr Bekenntnis. Nicht gelinder verfuhr
man mit ihnen in allen Ländern, wo die Geistlichkeit Macht üben konnte, z.B. in
Italien und Süddeutschland; im südlichen Frankreich und in den Niederlanden, wo
die Obrigkeit sie als fleissige Leute schützte, lebten sie lange ruhig, bis
endlich nach mehreren Disputationen und gehaltenen Konzilien, als der Zorn der
Geistlichen aufs höchste gebracht war, das Inquisitionsgericht gegen sie erkannt
ward und, weil ihr Beschützer, Graf Raimund von Toulouse, ein wahrer Märtyrer
für die gute Sache der Menschheit, sie nicht verlassen wollte, jener
fürchterliche Kreuzzug mit einer Summe der Grausamkeiten auf sie losbrach. Die
wider sie gestifteten Ketzerprediger, die Dominikaner, waren ihre abscheulichen
Richter, Simon von Montfort, der Anführer des Kreuzzuges, der härteste Unmensch,
den die Erde kannte; und aus diesem Winkel des südlichen Frankreichs, wo die
armen bons hommes zwei Jahrhunderte lang verborgen gewesen waren, zog sich das
Blutgericht gegen alle Ketzer nach Spanien, Italien und in die meisten
christkatolischen Länder. Daher die Verwirrung der verschiedensten Sekten der
mittleren Zeit, weil sie diesem Blutgericht und dem Verfolgungsgeist der
Klerisei alle gleich galten; daher aber auch ihre Standhaftigkeit und stille
Verbreitung, also dass nach drei- bis fünfhundert Jahren die Reformation der
Protestanten in allen Ländern noch denselben Samen fand und ihn nur neu belebte.
Wiclef in England wirkte auf die Lollarden, wie Huss auf seine Böhmen wirkte;
denn Böhmen, das mit den Bulgarn eine Sprache hatte, war längst mit Sekten
dieser frommen Art erfüllet gewesen. Der einmal gepflanzte Keim der Wahrheit und
des entschiednen Hasses gegen Aberglauben, Menschendienst und das übermütige,
ungeistliche Klerikal der Kirche war nicht mehr zu zertreten; die Franziskaner
und andre Orden, die, als ein Bild der Armut und Nachahmung Christi jenen Sekten
entgegengestellt, sie stürzen und aufwiegen sollten, erreichten selbst beim
Volke diesen Zweck so wenig, dass sie ihm vielmehr ein neues Ärgernis wurden.
Also ging auch hier der zukünftige Sturz der grössesten Tyrannin, der Hierarchie,
vom ärmsten Anfange, der Einfalt und Herzlichkeit, aus; zwar nicht ohne
Vorurteile und Irrtümer, jedoch sprachen diese einfältigen bons hommes in
manchem freier, als nachher selbst manche der Reformatoren tun mochten.
    
    Was einenteils der gesunde Menschenverstand tat, ward auf der andern Seite
von der spekulierenden Vernunft zwar langsamer und feiner, doch aber nicht
unwirksam befördert. In den Klosterschulen lernte man über des h. Augustinus und
Aristoteles Dialektik disputieren und gewöhnte sich, diese Kunst als ein
gelehrtes Turnier- und Ritterspiel zu treiben. Unbillig ist der Tadel, den man
auf diese Disputierfreiheit als auf eine gar unnütze Übung der mittleren Zeiten
wirft; denn eben damals war diese Freiheit unschätzbar. Disputierend konnte
manches in Zweifel gezogen, durch Gründe oder Gegengründe gesichtet werden, zu
dessen positiver oder praktischer Bezweifelung die Zeit noch lange nicht da war.
Fing nicht die Reformation selbst noch damit an, dass man sich hinter
Disputiergesetze zog und mit ihrer Freiheit schützte? Als aus den Klosterschulen
nun gar Universitäten, d. i. mit päpst- und kaiserlicher Freiheit begabte
Kampf-und Ritterplätze wurden, da war ein weites Feld eröffnet, die Sprache, die
Geistesgegenwart, den Witz und Scharfsinn gelehrter Streiter zu üben und zu
schärfen. Da ist kein Artikel der Teologie, keine Materie der Metaphysik, die
nicht die subtilsten Fragen, Zwiste und Unterscheidungen veranlasst hatte und mit
der Zeit zum feinsten Gewebe ausgesponnen wäre. Dies Spinnengewebe hatte seiner
Natur nach weniger Bestandheit als jener grobe Bau positiver Traditionen, an
welche man blindlings glauben sollte; es konnte, von der menschlichen Vernunft
gewebt, als ihr eigenes Werk von ihr auch aufgelöset und zerstöret werden. Dank
also jedem feinen Disputiergeist der mittleren Zeiten und jedem Regenten, der
die gelehrten Schlösser dieser Gespinste schuf! Wenn mancher der Disputanten aus
Neid oder seiner Unvorsichtigkeit wegen verfolgt oder gar nach seinem Tode aus
dem geweihten Boden ausgegraben wurde, so ging doch die Kunst im ganzen fort und
hat die Sprachvernunft der Europäer sehr geschärfet.
    Wie das südliche Frankreich der erste dauernde Schauplatz einer
aufstrebenden Volksreligion war, so ward sein nördlicher Teil, zumal in der
berühmten Pariser Schule, der Ritterplatz der Spekulation und Scholastik.
Paschasius und Ratramnus hatten hier gelebt, Scotus Erigena in Frankreich
Aufentalt und Gunst gefunden, Lanfranc und Berengar, Anselm, Abälard, Petrus
Lombardus, Tomas von Aquino, Bonaventura, Occam, Duns Scotus, die Morgensterne
und Sonnen der scholastischen Philosophie, lehrten in Frankreich entweder
zeitlebens oder in ihren besten Jahren, und aus allen Ländern flog alles nach
Paris, diese höchste Weisheit des damaligen Zeitalters zu lernen. Wer sich in
ihr berühmt gemacht hatte, gelangte zu Ehrenstellen im Staat und in der Kirche;
denn auch von Staatsangelegenheiten war die Scholastik so wenig ausgeschlossen,
dass jener Occam, der Philipp den Schönen und Ludwig von Bayern gegen die Päpste
verteidigte, zum Kaiser sagen konnte: »Beschütze du mich mit dem Schwert; mit
der Feder will ich dich schützen.« Dass sich die französische Sprache vor andern
zu einer philosophischen Präzision gebildet, kommt unter andern auch davon her,
dass in ihrem Vaterlande so lange und viel, so leicht und fein disputiert worden
ist; denn die lateinische Sprache war mit ihr verwandt, und die Bildung
abstrakter Begriffe ging leicht in sie über.
    
    Dass die Übersetzung der Schriften des Aristoteles zur feinen Scholastik mehr
als alles beitrug, ist schon aus dem Ansehen klar, das sich dieser griechische
Weltweise in allen Schulen Europas ein halbes Jahrtausend hin zu erhalten wusste;
die Ursache aber, weswegen man mit so heftiger Neigung auf diese Schriften fiel
und sie meistens von den Arabern entlehnte, liegt nicht in den Kreuzzügen,
sondern im Triebe des Jahrhunderts und in dessen Denkart. Der früheste Reiz, den
die Wissenschaft der Araber für Europa hatte, waren ihre matematische
Kunstwerke samt den Geheimnissen, die man bei ihnen zur Erhaltung und
Verlängerung des Lebens, zum Gewinn unermesslicher Reichtümer, ja zur Kenntnis
des waltenden Schicksals selbst zu finden hoffte. Man suchte den Stein der
Weisen, das Elixier der Unsterblichkeit; in den Sternen las man zukünftige
Dinge, und die matematischen Werkzeuge selbst schienen Zauberinstrumente. So
ging man als Kind dem Wunderbaren nach, am einst statt seiner das Wahre zu
finden, und unternahm dazu die beschwerlichsten Reisen. Schon im eilften
Jahrhundert hatte Konstantin der Afrikaner von Kartago aus 39 Jahre lang den
Orient durchstreift, um die Geheimnisse der Araber in Babylonien, Indien,
Ägypten zu sammlen; er kam zuletzt nach Europa und übersetzte als Mönch zu Monte
Cassino aus dem Griechischen und Arabischen viele insonderheit zur Arzneikunst
dienende Schriften. Sie kamen, so schlecht die Übersetzung sein mochte, in
vieler Hände, und durch die arabische Kunst hob sich zu Salerno die erste Schule
der Arzneiwissenschaft mächtig empor. Aus Frankreich und England gingen die
Wissbegierige nach Spanien, um den Unterricht der berühmtesten arabischen Lehrer
selbst zu geniessen; sie kamen zurück, wurden für Zauberer angesehen, wie sie
sich denn auch selbst mancher geheimen Künste als Zaubereien rühmten. Dadurch
gelangten Matematik, Chemie, Arzneikunde teils in Schriften, teils in
Entdeckungen und Proben der Ausübung auf die berühmtesten Schulen Europas. Ohne
Araber wäre kein Gerbert, kein Albertus Magnus, Arnold von Villa Nova, kein
Roger Baco, Raimund Lull u. a. entstanden; entweder hatten sie in Spanien von
ihnen selbst oder aus ihren Schriften gelernet. Selbst Kaiser Friedrich II., der
zur Übersetzung arabischer Schriften und zum Aufleben jeder Wissenschaft
unermüdlich beitrug, liebte diese nicht ohne Aberglauben. Jahrhundertelang
erhielt sich teils die Neigung zu reisen, teils die Sage von Reisen nach
Spanien, Afrika und dem Orient, wo von stillen Weisen die herrlichsten
Geheimnisse der Natur zu erlernen wären; manche geheime Orden, grosse Zünfte
fahrender Scholastiker sind daraus entstanden; ja die ganze Gestalt der
philosophischen und matematischen Wissenschaften bis über das Jahrhundert der
Reformation hinaus verrät diesen arabischen Ursprung.
    
    Kein Wunder, dass sich an eine solche Philosophie die Mystik anschloss, die
sich selbst an ihr zu einem der feinsten Systeme beschaulicher Vollkommenheit
gebildet. Schon in der ersten christlichen Kirche war aus der neuplatonischen
Philosophie in mehrere Sekten Mystik gegangen; durch die Übersetzung des
falschen Dionysius Areopagita kam sie nach Okzident in die Klöster; manche
Sekten der Manichäer nahmen an ihr teil, und sie gelangte endlich, mit und ohne
Scholastik, unter Mönchen und Nonnen zu einer Gestalt, in welcher sich bald die
spitzfündigste Grübelei der Vernunft, bald die zarteste Feinheit des liebenden
Herzens offenbaret. Auch sie hat ihr Gutes bewirkt, indem sie die Gemüter vom
blossen Cerimoniendienst abzog, sie zur Einkehr in sich selbst gewöhnte und mit
geistiger Speise erquickte. Einsamen, der Welt entnommenen, schmachtenden Seelen
gab sie ausser dieser Welt Trost und Übung, wie sie denn auch durch eine Art
geistlichen Romans die Empfindungen selbst verfeinte. Sie war eine Vorläuferin
der Metaphysik des Herzens, wie die Scholastik eine Vorarbeiterin der Vernunft
war, und beide hielten einander die Waage. Glücklich, dass die Zeilen beinahe
vorbei sind, in welchen dies Opium Arznei war und leider sein musste.309
    
    Die Wissenschaft der Rechte endlich, diese praktische Philosophie des
Gefühls der Billigkeit und des gesunden Verstandes, hat, da sie mit neuem Licht
zu scheinen anfing, mehr als Mystik und Spekulation zum Wohl Europas beigetragen
und die Rechte der Gesellschaft fester gegründet. In Zeiten ehrlicher Einfalt
bedarf man vieler geschriebenen Gesetze nicht, und die rohen deutschen Völker
sträubeten sich mit Recht gegen die Spitzfündigkeit römischer Sachführer; in
Ländern andrer polizierten, zum Teil verdorbenen Völker wurden ihnen nicht nur
eigne geschriebene Gesetze, sondern bald auch ein Auszug des römischen Rechts
unentbehrlich. Und da dieser gegen eine fortgehende, mit jedem Jahrhundert
wachsende päpstliche Gesetzgebung zuletzt nicht hinreichte, so war es gut, dass
man auch das ganze Korpus der römischen Rechte hervorzog, damit sich der
Verstand und das Urteil erklärender und tätiger Männer an ihnen übte. Nicht ohne
Ursach empfahlen die Kaiser dies Studium ihren zumal italienischen hohen
Schulen; denn ihnen ward's eine Rüstkammer gegen den Papst; auch hatten alle
entstehende Freistädte dasselbe Interesse, es gegen Papst, Kaiser und ihre
kleinen Tyrannen zu gebrauchen. Unglaublich also vermehrete sich die Zahl der
Rechtsgelehrten; sie waren, als gelehrte Ritter, als Verfechter der Freiheit und
des Eigentums der Völker, an Höfen, in Städten und auf Lehrstühlen im höchsten
Ansehen, und das vielbesuchte Bologna ward durch sie die gelehrte Stadt. Was
Frankreich in der Scholastik war, ward Italien durch Emporbringung der Rechte:
das altrömische und das kanonische Recht wetteiferten miteinander; mehrere
Päpste selbst waren die rechtsgelehrtesten Männer. Schade, dass die Erweckung
dieser Wissenschaft noch auf Zeiten traf, in welchen man die Quellen unrein fand
und den Geist des alten römischen Volks nur durch einen trüben Nebel entdeckte.
Schade, dass die grübelnde Scholastik sich auch dieser praktischen Wissenschaft
anmasste und die Aussprüche der verständigsten Männer zu einem verfänglichen
Wortgespinst machte. Schade endlich, dass man ein Hülfsstudium, eine Übung der
Urteilskraft nach dem Muster der grössesten Verstandesmänner des Altertums, zur
positiven Norm, zu einer Bibel der Gesetze in allen, auch den neuesten und
unbestimmtesten Fällen annahm. Damit ward jener Geist der Schikane eingeführt,
der den Charakter fast aller europäischer Nationalgesetzgebungen mit der Zeit
beinahe ausgelöscht hätte. Barbarische Büchergelehrsamkeit trat in die Stelle
lebendiger Sachkenntnis; der Rechtsgang ward ein Labyrint von Förmlichkeiten
und Wortgrübeleien; statt eines edeln Richtersinnes ward der Scharfsinn der
Menschen zu Kunstgriffen geschärfet, die Sprache des Rechts und der Gesetze
fremde und verwirret gemacht, ja endlich mit der siegenden Gewalt der Oberherren
ein falsches Regentenrecht über alles begünstigt. Die Folgen davon haben auf
lange Zeiten gewirket.
    
    Traurig wird der Anblick, wenn man den Zustand des in Europa
wiedererwachenden Geistes mit einigen altern Zeiten und Völkern vergleichet. Aus
einer rohen und dumpfen Barbarei, unter dem Druck geist-und weltlicher
Herrschaft geht alles Gute furchtsam hervor; hier wird das beste Samenkorn auf
hartem Wege zertreten oder von Raubvögeln geholet; dort darf es sich unter
Dornen nur mühsam emporarbeiten und erstickt oder verdorret, weil ihm der
wohltätige Boden alter Einfalt und Güte fehlet. Die erste Volksreligion kommt
unter verfolgten, zum Teil schwärmenden Ketzern, die Philosophie auf Hörsälen
streitender Dialektiker, die nützlichsten Wissenschaften als Zauberei und
Aberglaube, die Lenkung menschlicher Empfindungen als Mystik, eine bessere
Staatsverfassung als ein abgetragener, geflickter Mantel einer längst verlebten,
ganz ungleichartigen Gesetzgebung zum Vorschein; hiedurch soll Europa sich aus
dem verworrensten Zustande hervorheben und neu bilden. Was indessen dem Boden
der Kultur an lockerer Tiefe, den Hülfsmitteln und Werkzeugen an Brauchbarkeit,
der Luft an Heiterkeit und Freiheit entging, ersetzt vielleicht der Umfang des
Gefildes, das bearbeitet, der Wert der Pflanze, die erzogen werden sollte. Kein
Aten oder Sparta, Europa soll hier gebildet werden; nicht zur Kalokagatie
eines griechischen Weisen oder Künstlers, sondern zu einer Humanität und
Vernunft, die mit der Zeit den Erdball umfasste. Lasset uns sehen, was dazu für
Veranstaltungen gemacht, was für Entdeckungen ins Dunkel der Zeiten hingestreuet
wurden, damit sie die Folgezeit reifte.
 
                                       V
                      Anstalten und Entdeckungen in Europa
    1. Die Städte sind in Europa gleichsam stehende Heerlager der Kultur,
Werkstätten des Fleisses und der Anfang einer bessern Staatshaushaltung geworden,
ohne welche dies Land noch jetzt eine Wüste wäre. In allen Ländern des römischen
Gebiets erhielt sich in und mit ihnen ein Teil der römischen Künste, hier mehr,
dort minder; in Gegenden, die Rom nicht besessen hatte, wurden sie Vormauern
gegen den Andrang neuer Barbaren: Freistätten der Menschen, des Handels, der
Künste und Gewerke. Ewiger Dank den Regenten, die sie errichteten, begabten und
schirmten, denn mit ihnen gründeten sich Verfassungen, die dem ersten Hauch
eines Gemeingeistes Raum gaben; es schufen sich aristokratisch-demokratische
Körper, deren Glieder gegen- und übereinander wachten, sich oft befeindeten und
bekämpften, eben dadurch aber gemeinschaftliche Sicherheit, wetteifernden Fleiss
und ein fortgehendes Streben nicht anders als befördern konnten. Innerhalb der
Mauer einer Stadt war auf einen kleinen Raum alles zusammengedrängt, was nach
damaliger Zeit Erfindung, Arbeitsamkeit, Bürgerfreiheit, Haushaltung, Polizei
und Ordnung wecken und gestalten konnte; die Gesetze mancher Städte sind Muster
bürgerlicher Weisheit. Edle sowohl als Gemeine genossen durch sie des ersten
Namens gemeinschaftlicher Freiheit, des Bürgerrechtes. In Italien entstanden
Republiken, die durch ihren Handel weiter langten, als Aten und Sparta je
gelangt hatten; diesseit der Alpen gingen nicht nur einzelne Städte durch Fleiss
und Handel hervor, sondern es knüpften sich auch Bündnisse derselben, ja zuletzt
ein Handelsstaat zusammen, der über das Schwarze, Mittelländische, Atlantische
Meer, über die Nord- und Ostsee reichte. In Deutschland und den Niederlanden, in
den nordischen Reichen, Polen, Preussen, Russ- und Livland, lagen diese Städte,
deren Fürstin Lübeck war, und die grössesten Handelsörter in England, Frankreich,
Portugal, Spanien und Italien geselleten sich zu ihnen: vielleicht der
wirksamste Bund, der je in der Welt gewesen. Er hat Europa mehr zu einem
Gemeinwesen gemacht als alle Kreuzfahrten und römische Gebräuche; denn über
Religions- und Nationalunterschiede ging er hinaus und gründete die Verbindung
der Staaten auf gegenseitigen Nutz, auf wetteifernden Fleiss, auf Redlichkeit und
Ordnung. Städte haben vollführt, was Regenten, Priester und Edle nicht
vollführen konnten und mochten: sie schufen ein gemeinschaftlich wirkendes
Europa.
    2. Die Zünfte in den Städten, so lästig sie oft der Obrigkeit, ja der
wachsenden Kunst wurden, waren als kleine Gemeinwesen, als verbündete Körper, wo
jeder für alle, alle für jeden standen, zu Erhaltung redlichen Gewerbes, zu
besserer Bearbeitung der Künste, endlich zur Schätzung und Ehre des Künstlers
selbst damals unentbehrlich. Durch sie ist Europa die Verarbeiterin aller
Erzeugnisse der Welt worden und hat sich dadurch, als der kleinste und ärmste
Weltteil, die Übermacht über alle Weltteile erworben. Seinem Fleiss ist es Europa
schuldig, dass aus Wolle und Flachs, aus Hanf und Seide, aus Haaren und Häuten,
aus Leim und Erden, aus Steinen, Metallen, Pflanzen, Säften und Farben, aus
Asche, Salzen, Lumpen und Unrat Wunderdinge hervorgebracht sind, die wiederum
als Mittel zu andern Wunderdingen dienten und dienen werden. Ist die Geschichte
der Erfindungen das grösseste Lob des menschlichen Geistes, so sind Zünfte und
Gilden die Schulen derselben gewesen, indem durch Vereinzelung der Künste und
regelmässige Ordnung des Erlernens, selbst durch den Wetteifer mehrerer
gegeneinander und durch die liebe Armut Dinge hervorgebracht sind, die die Gunst
der Regenten und des Staats kaum kannte, selten beförderte oder belohnte, fast
nimmer aber erweckte. Im Schatten eines friedlichen Stadtregiments gingen sie
durch Zucht und Ordnung hervor; die sinnreichsten Künste entstanden aus
Handarbeiten, aus Gewerken, deren Gewand sie, zumal diesseit der Alpen, nicht zu
ihrem Schaden lange Zeit an sich getragen haben. Lasset uns also auch jene
Förmlichkeiten und Lehrstaffeln jeder solchen praktischen Ordnung nicht
verlachen oder bemitleiden; an ihnen erhielt sich das Wesen der Kunst und die
Gemeinehre der Künstler. Der Mönch und Ritter bedorfte der Lehrgrade weit minder
als der tätige Arbeiter, bei welchem die ganze Genossenschaft gleichsam den Wert
seiner Arbeit verbürgte; denn allem, was Kunst ist, steht nichts so sehr als
Pfuscherei, Mangel des Gefühls an Meisterehre entgegen; mit diesem geht die
Kunst selbst zugrunde.
    Ehrwürdig sein uns also die Meisterwerke der mittleren Zeit, die vom
Verdienst der Städte um alles, was Kunst und Gewerb ist, zeugen. Die gotische
Baukunst wäre nie zu ihrer Blüte gelanget, wenn nicht Republiken und reiche
Handelsstädte mit Domkirchen und Ratäusern so gewetteifert hätten wie einst die
Städte der Griechen mit Bildsäulen und Tempeln. In jeder derselben bemerken wir,
woher ihr Geschmack Muster nahm und wohin sich damals ihr Verkehr wandte;
Venedig und Pisa haben in ihren ältesten Gebäuden eine andre Bauart als Florenz
oder Mailand. Die Städte diesseit des Gebürges folgeten diesen oder andern
Mustern; im ganzen aber wird die bessere gotische Baukunst am meisten aus der
Verfassung der Städte und dem Geist der Zeiten erklärbar. Denn wie Menschen
denken und leben, so bauen und wohnen sie; auch auswärts gesehene Muster können
sie nur nach ihrer Art anwenden, da jeder Vogel nach Gestalt und Lebensweise
sein Nest bauet. An Klöstern und Ritterkastellen wäre die kühnste und
zierlichste gotische Baukunst nie geworden; sie ist das Prachteigentum der
öffentlichen Gemeine. Desgleichen tragen die schätzbarsten Kunstwerke der
mittlern Zeit in Metallen, Elfenbein oder auf Glas, Holz, in Teppichen und
Kleidern das Ehrenschild der Geschlechter, der Gemeinheiten und Städte, weshalb
sie auch meistens dauernden Wert in sich haben, und sind mit Recht ein
unveräusserliches Besitztum der Städte und Geschlechter. So schrieb der
Bürgerfleiss auch Chroniken auf, in welchen freilich dem Schreibenden sein Haus,
sein Geschlecht, seine Zunft und Stadt die ganze Welt ist; desto inniger aber
nimmt er mit Geist und Herz an ihnen Anteil, und wohl den Ländern, deren
Geschichte aus vielen dergleichen und nicht aus Mönchschroniken hervorgeht. Auch
die römische Rechtsgelehrsamkeit ist zuerst durch die Ratgeber der Städte
kräftig und weise beschränkt worden; sonst würde sie die besten Statuten und
Rechte der Völker zuletzt verdränget haben.
    3. Die Universitäten waren gelehrte Städte und Zünfte; sie wurden mit allen
Rechten derselben, als Gemeinwesen, eingeführt und teilen die Verdienste mit
ihnen. Nicht als Schulen, sondern als politische Körper schwächten sie den rohen
Stolz des Adels, unterstützten die Sache der Regenten gegen die Anmassungen des
Papstes und öffneten statt des ausschliessenden Klerus einem eignen gelehrten
Stande zu Staatsverdiensten und Ritterehren den Weg. Nie sind vielleicht
Gelehrte mehr geachtet worden als in den Zeiten, da die Dämmerung der
Wissenschaften anbrach; man sähe den unentbehrlichen Wert eines Gutes, das man
so lange verachtet hatte, und indem eine Partei das Licht scheuete, nahm die
andre an der aufgehenden Morgenröte desto mehr Anteil. Universitäten waren
Festungen und Bollwerke der Wissenschaft gegen die streitende Barbarei des
Kirchendespotismus; einen halb unerkannten Schatz bewahreten sie wenigstens für
bessere Zeiten. Nach Teoderich, Karl dem Grossen und Alfred wollen wir also
vorzüglich die Asche Kaiser Friedrichs des Zweiten ehren, der, bei zehn andern
Verdiensten, auch Universitäten in jenen Gang brachte, in welchem sie sich
zeiter, lange nach dem Muster der parisischen Schule, fortgebildet haben. Auch
in diesen Anstalten ist Deutschland gleichsam der Mittelpunkt von Europa
geworden; in ihm gewannen die Rüstkammern und Vorratshäuser der Wissenschaften
nicht nur die festeste Gestalt, sondern auch den grössesten innern Reichtum.
    4. Endlich nennen wir nur einige Entdeckungen, die, in Ausübung gebracht,
die mächtigsten Anstalten für die Zukunft wurden. Die Magnetnadel, eine Leiterin
der Schiffahrt, kam wahrscheinlich durch die Araber nach Europa und durch die
Amalfitaner bei ihrem frühen Handelsverkehr mit jenen zuerst in Gebrauch; mit
ihr war den Europäern gleichsam die Welt gegeben. Frühe schon wagten sich die
Genuesen das Atlantische Meer hinunter; nachher besassen die Portugiesen nicht
vergeblich die westlichsten Küsten der Alten Welt. Sie suchten und fanden den
Weg um Afrika und veränderten damit den ganzen indischen Handel, bis ein andrer
Genuese die zweite Halbkugel entdeckte und damit alle Verhältnisse unsres
Weltteils umformte. Das kleine Werkzeug dieser Entdeckungen kam mit dem Anbruch
der Wissenschaften nach Europa.
    Das Glas, eine frühe Ware der Asiaten, die man einst mit Gold aufwog, ist in
den Händen der Europäer mehr als Gold worden. War es Salvino oder ein andrer,
der die erste Brille schliff, er begann damit ein Werkzeug, das einst Millionen
himmlischer Welten entdecken, die Zeit und Schiffahrt ordnen, ja überhaupt die
grösseste Wissenschaft befördern sollte, deren sich der menschliche Geist rühmet,
über die Eigenschaften des Lichts und beinahe jedes Naturreiches sann schon
Roger Baco, der Franziskanermönch, in seiner Zelle wunderbare Dinge aus, die ihm
in seinem Orden mit Hass und Gefängnis belohnt, in hellem Zelten aber von andern
glücklicher verfolgt wurden. Der erste Morgenstrahl des Lichts in der Seele
dieses bewundernswürdigen Mannes zeigte ihm eine neue Welt am Himmel und auf
Erden.
    Das Schiesspulver, ein mörderisches und dennoch im ganzen wohltätiges
Werkzeug, kam auch durch die Araber, entweder schon im Gebrauch oder wenigstens
in Schriften, nach Europa. Hie und da scheint es aus diesen von mehreren
erfunden zu sein und ward nur langsam angewandt; denn es änderte die ganze Art
des Krieges. Unglaublich viel hängt im neuen Zustande von Europa von dieser
Erfindung ab, die den Rittergeist mehr als alle Konzilien besiegt, die Gewalt
der Regenten mehr als alle Volksversammlungen befördert, dem blinden Metzeln
persönlich erbitterter Heere gesteuret und der Kriegesart, die sie
hervorbrachte, auch selbst Schranken gesetzt hat. Sie und andre chemische
Erfindungen, vor allen des mörderischen Branntweins, der durch die Araber als
Arznei nach Europa kam und sich als Gift nachher auf die weite Erde verbreitet
hat, machen in der Geschichte unsres Geschlechts Epochen.
    Ebenso das Papier, aus Lumpen bereitet, und die Vorspiele der Buchdruckerei
in Spielkarten und andern Abdrücken unbeweglicher Charaktere. Zu jenem gaben
wahrscheinlich die Araber mit dem Baumwollen- und Seidenpapier, das sie aus
Asien brachten, Anlass; die letztgenannte Kunst ging in langsamen Schritten von
einem Versuche zum andern fort, bis aus Holzschnitten die Kupferstecher- und
Buchdruckerkunst mit der grössesten Wirkung für unsern ganzen Weltteil wurden.
Die Rechnungsziffern der Araber, die musikalischen Noten, die Guido von Arezzo
erfand, die Uhren, die gleichfalls aus Asien kamen, die Ölmalerei, eine alte
deutsche Erfindung, und was sonst hie und da an nützlichen Werkzeugen noch vor
dem Anbruch der Wissenschaften ausgedacht oder angenommen und nachgeahmt worden,
ward im grossen Treibhause des europäischen Kunstfleisses fast immer ein Samenkorn
neuer Dinge und Begebenheiten für die Zukunft.
 
                                       VI
                                Schlussanmerkung
    Wie kam also Europa zu seiner Kultur und zu dem Range, der ihm damit vor
andern Völkern gebühret? Ort, Zeit, Bedürfnis, die Lage der Umstände, der Strom
der Begebenheiten drängte es dahin; vor allem aber verschafte ihm diesen Rang
ein Resultat vieler gemeinschaftlichen Bemühungen, sein eigner Kunstfleiss.
    1. Wäre Europa reich wie Indien, undurchschnitten wie die Tatarei, heiss wie
Afrika, abgetrennt wie Amerika gewesen, es wäre, was in ihm geworden ist, nicht
entstanden. Jetzt half ihm auch in der tiefsten Barbarei seine Weltlage wieder
zum Licht; am meisten aber nutzten ihm seine Ströme und Meere. Nehmet den
Dnjeper, den Don und die Düna, das Schwarze, Mittelländische, Adriatische und
Atlantische Meer, die Nord- und Ostsee mit ihren Küsten, Inseln und Strömen
hinweg; und der grosse Handelsverein, durch welchen Europa in seine bessere
Tätigkeit gesetzt ward, wäre nicht erfolget. Jetzt umfasseten die beiden grossen
und reichen Weltteile Asien und Afrika diese ihre ärmere, kleinere Schwester;
sie sandten ihr Waren und Erfindungen von den äussersten Grenzen der Welt, aus
Gegenden der frühesten, längsten Kultur zu und schärften damit ihren Kunstfleiss,
ihre eigne Erfindung. Das Klima in Europa, die Reste der alten Griechen- und
Römerwelt kamen dem allen zu Hülfe; mitin ist auf Tätigkeit und Erfindung, auf
Wissenschaften und ein gemeinschaftliches, wetteiferndes Bestreben die
Herrlichkeit Europas gegründet.
    2. Der Druck der römischen Hierarchie war vielleicht ein notwendiges Joch,
eine unentbehrliche Fessel für die rohen Völker des Mittelalters; ohne sie wäre
Europa wahrscheinlich ein Raub der Despoten, ein Schauplatz ewiger Zwietracht
oder gar eine mogolische Wüste worden. Als Gegengewicht verdienet sie also ihr
Lob; als erste und fortdauernde Triebfeder hätte sie Europa in einen
tibetanischen Kirchenstaat verwandelt. Jetzt brachten Druck und Gegendruck eine
Wirkung hervor, an welche keine der beiden Parteien dachte: Bedürfnis, Not und
Gefahr trieben zwischen beiden einen dritten Stand hervor, der gleichsam das
warme Blut dieses grossen wirkenden Körpers sein muss, oder der Körper geht in
Verwesung. Dies ist der Stand der Wissenschaft, der nützlichen Tätigkeit, des
wetteifernden Kunstfleisses; durch ihn ging dem Ritter- und Pfaffentum die Epoche
ihrer Unentbehrlichkeit notwendig, aber nur allmählich zu Ende.
    3. Welcher Art die neue Kultur Europas sein konnte, ist aus dem
Vorhergehenden auch sichtbar. Nur eine Kultur der Menschen, wie sie waren und
sein wollten, eine Kultur durch Betriebsamkeit, Wissenschaften und Künste. Wer
dieser nicht bedorfte, wer sie verachtete oder missbrauchte, blieb, wer er war;
an eine durch Erziehung, Gesetze und Konstitution der Länder allgemein
durchgreifende Bildung aller Stände und Völker war damals noch nicht zu
gedenken; und wenn wird daran zu gedenken sein? Indessen geht die Vernunft und
die verstärkte gemeinschaftliche Tätigkeit der Menschen ihren unaufhaltsamen
Gang fort und sieht's eben als ein gutes Zeichen an, wenn auch das Beste nicht
zu früh reifet.
 
                              Plan zum Schlussbande
                                   XXI. Buch:
1. Italien: von seinem Handel; die Republiken, ihre Häupter, Verfassung, Folgen;
    von den Künsten; Dante, Petrarca, Boccaz (überhaupt von Novellen), Ariost,
    Tasso. Das Trauerspiel; Komödie; Musik; Geschichte; Philosophie. Baukunst;
    Malerei (Schulen); Bildhauerei.
2. Frankreich und England: wie die französischen Könige sich über ihre Vasallen
    erhoben. Von der pragmatischen Sanktion oder dem Papst. Von dem dritten
    Stand. Kriege mit England. Italienische. Stehende Truppen. Englisches common
    law. Magna charta. Irland. Revolution im Lehnwesen. Manufakturen.
3. Deutschland: Wie es war nach dem Interregnum. Östreichische Kaiser. Ludwig
    der Bayer; Kurfürstenverein. Goldene Bulle. Wenzel. Die Konzilien. Von der
    Gestalt, welche Schwaben, Bayern, Sachsen und Franken gewonnen. Was aus den
    Wendenländern wurde. Von Burgundien, Arelat, Schweizerland. Von den
    Hansestädten und dem schwäbischen Bunde. Friedrich und Maximilian.
    Wissenschaften und Künste: Pulver; Druckerei.
4. Nord und Ost: Dänemark, Schweden, Polen, Ungarn.
5. Die Türken: Einfluss der Eroberung von Konstantinopel.
6. Spanien und Portugal: Die Vereinigung Spaniens. Die Entdeckungen.
7. Erwägung der Folgen des Freiheitsgeistes gegen Rom; des römischen Rechts, der
    Buchdruckerei, des Auflebens der Alten, beider Indien.
                                  XXII. Buch:
Reformation. Ihr Geist und Gang in Deutschland, in der Schweiz, in Frankreich,
England, Italien. Ihre Folgen: in Deutschland von Karl V. bis auf den
Westfälischen Frieden; für Skandinavien, Preussen, Kurland, Polen und Ungarn; in
England, von Heinrich VIII. bis zu der bill of rights; in Frankreich und Schweiz
(Genf; Kalvin); in Italien Jesuiten, Socinianer, Maximen von Venedig, das
Concilium zu Trident; allgemeine Betrachtungen.
                                  XXIII. Buch:
1. Neuer Geist höherer Wissenschaften, in Italien, Frankreich; Ausbildung der
    schönen Wissenschaften.
2. Völkerrecht und Gleichgewicht; Geist des Fleisses und Handels: von Geld, Luxus
    und Auflagen; von der Gesetzgebung; allgemeine Betrachtungen.
                                  XXIV. Buch:
Russland; Ost- und Westindien; Afrika; System Europens; Verhältnisse dieses
Weltteils zu den übrigen.
                                   XXV. Buch:
Die Humanität in Ansehung einzelner, in Verhältnis zu der Religion; in Rücksicht
der Staatsverfassungen, des Handels, der Künste, der Wissenschaften. Das
Eigentum des menschlichen Geistes. Sein Wirken überall, auf alles. Aussichten.
                                    Fussnoten
1 Kants »Allgemeine Naturgeschichte und Teorie des Himmels«, Königsberg und
Leipzig 1755. Eine Schrift, die unbekannter geblieben ist, als ihr Inhalt
verdiente. Lambert in seinen »Kosmologischen Briefen« hat, ohne sie zu kennen,
einige mit ihr ähnliche Gedanken geäussert, und Bode in seiner »Kenntnis des
Himmels« hat einige Mutmassungen mit rühmlicher Erwähnung gebrauchet.
2 Kästners »Lob der Sternkunst« im »Hamb. Magaz.« T. I, S. 206 u.f.
3 Von der Sonne als einem vielleicht bewohnbaren Körper s. Bodens »Gedanken über
die Natur der Sonne« in den »Beschäftig. der Berlinischen Gesellsch.
naturforschender Freunde«, II, S. 225.
4 Forster »Bemerkungen « S. 126 u. f.
5 S. Ulloas »Nachrichten von Amerika« , Leipzig 1781, mit J. G. Schneiders
schätzbaren Zusätzen, die den Wert des Werks um die Hälfte vermehren.
6 S. Leiste »Beschreibung des portugiesischen Amerika vom Cudena«, Braunschweig
1780, S. 79, 80.
7 Linnei »Philosophia botanica« ist für mehrere Wissenschaften ein klassisches
Muster; hätten wir eine philosophia antropologica dieser Art, mit der Kürze und
vielseitigen Genauigkeit geschrieben: so wäre ein Leitfaden da, dem jede
hinzukommende Bemerkung folgen könnte. Der Abt Soulavié hat in seiner »Histoire
naturelle de la France méridionale« (P. II, T. 1) einen Entwurf zur allgemeinen
physischen Geographie des Pflanzenreichs gegeben und verspricht ihn auch über
Tiere und Menschen.
8 . S. »Abhandlungen der schwedischen Akademie der Wissenschaften«, Bd. 1, S. 6
u. f.
9 . S. Ingen-Housz, »Versuche mit den Pflanzen«, Leipzig 1780, S. 49.
10 Leipzig 1778-1783, 3 Bände, mit einer genauen und feinen zoologischen
Weltkarte.
11 »Abhandlungen der schwedischen Akademie der Wissenschaften«. Bd. 9, S. 300.
12 Man sehe von der Kraft dieser Teile Hallers »Elementa physiologiae« T. VI ,
S. 14, 15.
13 Viele dieser Geschöpfe holen noch durch ihn Atem; auf ihm läuft statt des
Herzens die Pulsader hinab; sie bohren sich mit demselben ein u. f.
14 S. Martinets »Katechismus der Natur« T. I, S. 316, wo durch eine Kupfertafel
das Wachstum nach Jahren gezeigt wird.
15 Man wende nicht ein, dass auch Polypen, einige Schnecken und sogar die
Blattläuse Lebendige gebären; auf diese Weise gebiert auch die Pflanze
Lebendige, indem sie Keime treibet. Hier ist von lebendig gebärenden säugenden
Tieren die Rede.
16 Ausser andern bekannten Werken finde ich in des ältern Alexander Monro Works,
Edinburgh 1781, einen »Essai on Comparative Anatomy«, der eine Übersetzung so
wie die schönen Tierskelette in Cheseldens Osteography, London 1783, einen
Nachstich verdienten, der aber in Deutschland schwerlich an die genaue Pracht
des Originals kommen dörfte.
17 Nach Buffon, Daubenton, Camper und zum Teil Zimmermanns »Beschreibung eines
umgebornen Elefanten «.
18 Die Trommeln und Höhlen der processus mammillares u. f.
19 Insonderheit nach Wolfs vortrefflicher Beschreibung in den »Novi Commentarii
Academiae Scientiarum Petropolitanae« T. 15, 16, nach deren Art ich die
physiologisch-anatomische Beschreibung mehrerer Tiere wünschte.
20 Reimarus, »Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Tiere«, Hamburg 1773.
Imgleichen »Angefangene Betrachtungen über die besondern Arten der tierischen
Kunsttriebe«, denen auch J. A. H. Reimarus' reiche und schöne Abhandlung über
die Natur der Pflanzentiere beigefügt ist.
21 Sie stehen in Linneus' »Natursystem«, in Martinis Nachtrage zu Buffon und
andern Orten.
22 Tysons »Anatomy of a Pygmie Compared wit tat of a Monkei, an Ape, and a
Man...«, London 1751, S. 92-94.
23 S. Campers »Kort Berigt wegens de Ontleding van verschiedene Orang-Outangs«,
Amsterdam 1780. Ich kenne diesen Bericht nur aus dem reichen Auszuge der
»Göttingischen gelehrten Anzeigen« (Zugabe Stück 29, 1780), und es ist zu
hoffen, dass er nebst der Abhandlung »Über die Sprachwerkzeuge des Affen« aus den
»Transaktionen« in die Sammlung kleiner Schriften dieses berühmten Zergliederers
(Leipzig 1781) werde eingerückt werden.
24 Man sehe die Abbildung der traurigen Figur bei Tyson von vorn und hinten.
25 Eine Abbildung dieses Beins siehe bei Blumenbach »De generis humani varietate
nativa« Tab. 1., fig. 2. Indessen scheinen nicht alle Affen dies Os
intermaxillare in gleichem Grad zu haben, da Tyson in seinem
Zergliederungsbericht, dass es nicht dagewesen, deutlich bemerket.
26 Die Abhandlung Daubentons »Sur les différences de la situation du grand trou
occipital dans l'homme et dans les animaux« in den »Mémoires de l'Académie de
Paris« 1764, die ich bei Blumenbach angeführt gefunden, habe ich bisher nicht
gelesen; ich weiss also auch nicht, wohin sein Gedanke geht oder wie weit er ihn
führet. Meine Meinung ist aus vorliegenden Tier- und Menschenschädeln
geschöpfet.
27 In Hallers grösserer Physiologie ist deren eine Menge gesammlet; es wäre zu
wünschen, dass Herr Prof. Wrisberg seine reichen Erfahrungen, auf welche er sich
in den Anmerkungen zu Hallers kleinerer Physiologie bezieht, bekannt machte:
denn dass die spezifische Schwere des Gehirns, die er untersucht hat, ein
feinerer Massstab sei, als der bei den vorhergehenden Berechnungen gebraucht
worden, wird sich bald ergeben.
28 Blumenbach »De generis humani varietate nativa«, S. 32.
29 S. Campers »Kleinere Schriften«. T. I, S. 15 u. f. Ich wünschte, dass die
Abhandlung vollständig und auch die zwei Kupfertafeln dazu bekanntgemacht
würden.
30 In Sacks »Verteidigtem Glauben der Christen« erinnere ich mich einen solchen
Fall erzählt gefunden zu haben; mehrere dergleichen sind mir aus andern
Schriften erinnerlich.
31 S. Campers »Abhandlung von den Sprachwerkzeugen der Affen«, »Philosophical
Transactions«, 1779, Band 1.
32 Mir sind nur zwei ganz nackte Nationen bekannt, die aber auch in einer
tierischen Wildheit leben, die Peschereis an der äussersten Spitze von
Südamerika, ein Auswurf andrer Nationen, und ein wildes Volk bei Arakan und
Pegu, das mir in den dortigen Gegenden noch ein Rätsel ist, ob ich's gleich in
einer der neusten Reisen (»Mackintosh Travels«, T. I, S. 341, London 1782)
bestätigt finde.
33 »Vom körperlichen wesentlichen Unterschiede der Tiere und Menschen«,
Göttingen 1771.
34 Auf welchen Wegen dies geschehen werde - welche Philosophie der Erde wäre es,
die hierüber Gewissheit gebe? Wir werden im Verfolg des Werks nur die Systeme der
Völker von der Seelenwanderung und andern Reinigungen kommen und ihren Ursprung
und Zweck entwickeln. Ihre Erörterung gehört noch nicht hieher.
35 Die Hoffnungen unsers Landsmanns, Samuel Engels, hierüber sind bekannt, und
einer der neuesten Abenteurer nach Norden, Pagès, scheint die geglaubte
Unmöglichkeit der selben abermals zu vermindern.
36 S. Phipps, »Reisen«, Cranz, »Geschichte von Grönland«, u. f.
37 S. Cranz, Ellis, Egede; Roger Curtis, »Nachricht von der Küste Labrador« u.
f.
38 S. Wilson, »Beobachtungen über den Einfluss des Klima auf Pflanzen und Tiere«,
Leipzig 1781. - Cranz, »Historie von Grönland«, T. 2, S. 275.
39 S. Roger Curtis, »Nachricht von Labrador«; in: J. R. Forster und M. C.
Sprengel, »Beiträge...«, T. 1, S. 105 u. f.
40 Bekanntermassen fand Sajnovics die lappländische der ungrischen Sprache
ähnlich. S. Sajnovics, »Demonstratio, idioma Ungarorum et Lapporum idem esse«,
Hafniae 1770.
41 S. von den Lappen: Hoegström, Leem, Klingstedt, Georgi, »Beschreibung der
Nationen des russischen Reichs« u. f.
42 Georgi, »Beschreibung aller Nationen des russischen Reichs...«,.
43 S. Klingstedt, »Mémoire sur les Samojedes et sur les Lappons«.
44 S. über alle diese Nationen: Georgi, »Beschreibung der Nationen des
russischen Reichs...«; Pallas; des ältern Gmelins Reisen, u. f. Aus Pallas'
Reisen und Georgis Bemerkungen sind die Merkwürdigkeiten der verschiednen Völker
herausgehoben und besonders herausgegeben, Frankfurt und Leipzig 1777.
45 S. Pallas, »Sammlungen über die mongolischen Völkerschaften«, T. 1, S. 98,
171 u. f.; Georgi, »Beschreibung aller Nationen des russischen Reichs...«, T. 4,
Petersburg 1780; Schnitschers Nachricht von den ajukischen Kalmucken, in:
Müller, »Sammlung russischer Geschichte«, Bd. 4, Stück 4; Schlözers Auszug aus
Schober, »Memorabilibus Russico-Asiaticis«, in der Müllerschen Sammlung, Bd. 7,
Stück 1. u. f.
46 Pallas in: »Sammlungen hist. Nachrichten...«, T. 1, S. 99; »Reise...«, T. 1,
S. 308, T. 2 ff.
47 »Allgemeine Sammlung der Reisen«, S. 595; Charlevoix. Von den Sinesen s. Olof
Toree, »Reise nach Surate und China«, S. 68; »Allg. Hist. d. Reisen...«, T. 6,
S. 130.
48 Die ältern Nachrichten beschreiben die Tibetaner als ungestalt, s. »Allg.
Hist. d. Reisen...«, Bd. 7, S. 382. Nach neuern (Pallas, »Nordische Beiträge«,
Bd. 4, S. 280) wird dieses gemildert, welche Milderung auch die Lage ihres
Erdstrichs zu begünstigen scheinet. Wahrscheinlich sind sie ein roher Übergang
zur indostanischen Bildung.
49 S. »Allg. Reisen...«, Bd. 10, S. 557, aus Tavernier.
50 »Allg. Reisen...«, Bd. 10, S. 67, aus Ovington.
51 S. W. Marsden, »Beschreibung von Sumatra«, S. 62; »Allg. Reisen...«, S. 487
u. f.
52 »Allg. Reisen ...«, Bd. 20, S. 289. aus Steller.
53 S. Georgi, »Beschr. aller Nationen d. russ. Reichs ...«, T. 3.
54 S. Ellis, »Nachricht von der Cookschen dritten Reise«, S. 114; Tagebuch der
Entdeckungsreise übers. von Forster S. 231. Womit man die ältern Nachrichten von
den Inseln zwischen Asien und Amerika zu vergleichen hat. S. »Neue Nachricht von
den neuentdeckten Inseln«, Hamburg und Leipzig 1776. Die Nachrichten in Pallas'
»Nordischen Beiträgen...«; Müllers russischen Sammlungen, den »Beitragen zur
Völker- und Länderkunde« u. f.
55 »Allg. Reisen...«, Bd. 11, S. 116 f., aus Bernier.
56 Mackintosh, »Travels«, Bd. 1, S. 321.
57 Chardin, »Voyages en Perse«, Bd. 3, Kap. 118. in le Brun (Bruyns), »Voyage en
Perse«, Bd. 1, Kap. 42, Nr. 86-88 stehen Perser, die man mit denen darauf
folgenden Schwarzen Nr. 89, 90, den rohen Samojeden Kap. 2, Nr. 7, 8, dem wilden
Südneger Nr. 197 und dem sanften Benjanen Nr. 109 vergleichen mag.
58 »Allg. Reisen...«, T. 7, S. 316 und 318.
59 S. einige Gemälde bei le Brun, »Voyage au Levant «, T. 1, Kap. 10, Nr. 34-37.
60 Gemälde von ihnen s. bei Niebuhr, T. 2, le Brun, »Voyage au Levant...«, Nr.
90 und 91.
61 Gemälde s. bei le Brun, »Voyage au Levant...«, Kap. 7, Nr. 17-20; in
Choiseul-Gouffier, »Voyage pittoresque« u. f. Die Denkmäler der alten
griechischen Kunst gehen über alle diese Gemälde.
62 S. die Statuen ihrer alten Kunst, ihre Mumien und die Zeichnungen derselben
auf den Mumienkasten.
63 Buffon »Suppléments à l'histoire naturelle«, T, 4, S. 495. 4. Lobo sagt
wenigstens, dass auch die Sehwarzen daselbst weder hässlich noch dumm, sondern
geistig, zart und von gutem Geschmack sind. (Relation historique d'Abissinie p.
85) Da alle Nachrichten aus diesen Gegenden alt und ungewiss sind, so wäre die
Ausgabe von Bruces Reisen, wenn er solche bis nach Abessinien getan hat, sehr zu
wünschen.
64 Ludolf, »Historia Aetiopica« hin und wieder.
65 Hoest, »Nachrichten von Marokko«, S. 141, vgl. mit 132 u. f.
66 Schott, »Nachrichten Über den Zustand vom Senega«, in: »Beitr. zur Völker-
und Länderkunde« T. 1, S. 47
67 S. Schott, »Nachr. vom Senega«, S. 50; »Allg. Reisen...«, T. 3-5
68 A. Sparrmann, »Reisen«, S. 172.
69 Schott, »Nachrichten vom Senega«, S. 49-50.
70 Zimmermann, »Vergleichung der bekannten und unbekannten Teile«, eine
Abhandlung voll Gelehrsamkeit und Urteil, in der »Geograph. Geschichte des
Menschen«, Bd. 3, S. 104 u. f.
71 Oldendorps, Missionsgeschichte auf St. Tomas, S. 270 u. f.
72 S. Proyart, »Geschichte von Loango, Kakongo«. Dieser deutschen Übersetzung
ist eine gelehrte Sammlung der Nachrichten über die Jagas beigefüget.
73 Siehe Campers kleine Schriften T. 1, S. 24 u. f.
74 S. Schon, »Observations on the Synochus Atrabiliosa«, im Auszuge:
»Göttingisches Magazin«, Jahr 3, Stück 6.
75 Dass der Neger die Mittelpunkte der Bewegung näher beisammen habe, folglich
auch elastischer im Körper sei als der Europäer, soll Camper in den Harlemschen
»Actis« erwiesen haben.
76 Sprengel, »Geschichte der Philippinen«; Reinhold Forster, »Nachrichten von
Borneo und andern Inseln«, in den »Beitr. zur Völker- und Länderkunde« T. 2, S.
57, 237 u. f.; »Allg. Reisen...«, Bd. 11, S. 393; Le Gentils Reisen in Ebeling,
»Sammlung«, T. 4, S. 70.
77 S. Reisen um die Welt, T. 1. S. 554, Leipzig 1775.
78 »Beitr. zur Völkerkunde«, T. 2, S. 238.
79 Forster, »Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt«, Berlin 1783, Hauptstück
6.
80 W. Ellis Nachr, von Cooks dritten Reise, S. 114 f.
81 »Allg. Reisen...«, T. 16, S. 646.
82 Ebeling, »Samml. von Reisebeschr.«, T. 1, Hamburg 1780.
83 Adair, Gesch. Nordamerik. Indian., Breslau 1782.
84 »Götting. Magazin...«, 1783, S. 929.
85 Pagès, »Voyages autour du monde...«, Paris 1782, S. 27, 28, 34, 50, 53 etc.
86 »Storia antica del Messico«: Auszug in »Göttingischen gelehrten Anzeigen«,
1781, Zugabe 35 und 36, und ein reicherer im »Kielschen Magazin«, Bd. 2, Stück
1, S. 38 f.
87 Bd. 1, S. 88 ff.
88 »Allg. Reisen...«, T. 15, S. 263 u. f.
89 Fermin, »Beschreibung von Surinam«, T. 1, S. 39 und 41.
90 Bankroft, »Naturgeschichte von Guiana«, Brief 3.
91 Acunja, Gumilla, Lery, Markgraf, Condamine u. f.
92 Dobritzhofer, »Geschichte der Abiponer«, Wien 1783. Beschreibungen mehrerer
Völker sehe man in des Pater Gumilla, »El Orenoco illustrado«.
93 Robertson, »Geschichte von Amerika«, Bd. 1, S. 537.
94 »Journal encyclopédique«, 1772. Mehrere Zeugnisse gegeneinandergehalten siehe
in Zimmermann, »Geschichte der Menschheit...«, T. 1, S. 69 und Robertson,
»Gesch. von Amerika«, T. 1, S. 540.
95 Falkner, »Beschreibung von Patagonien«, Gota 1775. Vidaure, »Geschichte des
Königreichs Chili« in der Ebelingschen Samml. von Reisen, T. 4, S. 108.
96 Siehe Forsters... Reise T. 2, S. 392. Cavendish, Bougainville u. a.
97 Robertson, »Gesch. von Amerika«, T. 1, S. 539.
98 Ebendas. S. 537.
99 Wer mehrere Nachrichten von einzelnen Zügen begehret, wird solche in Buffons
Naturgeschichte, Band 6, Martinis Ausgabe und in Blumenbachs gelehrter Schrift
»De generis humani varietate nativa« finden.
100 Nicht als ob ich die Bemühungen dieser Männer nicht schätzte; indessen
dünken mich Bruyns (Le Brun) Abbildungen sehr französisch und derer de Bry
Gemälde, die nachher in schlechtern Nachstichen beinah in alle spätere Bücher
übergegangen sind, nicht autentisch. Nach Forsters Zeugnis hat auch Hodges noch
die otahitischen Gemälde idealisieret. Indessen wäre es zu wünschen, dass nach
den Anfängen, die wir haben, die genaue und gleichsam naturhistorische Kunst in
Abbildung der Menschengeschlechtes für alle Gegenden der Welt ununterbrochen
dauern möge. Niebuhr, Parkinson, Cook, Hoest, Georgi, Marion u. a. rechne ich zu
diesen Anfängen; die letzte Reise Cooks scheint nach dem Ruhm, den man ihren
Gemälden gibt, eine neue, höhere Periode anzufangen, der ich in andern
Weltteilen die Fortsetzung und eine gemeinnützigere Bekanntmachung wünsche.
101 Vorrede zu Buffons »Allgem. Naturgesch.« T. 3.
102 Nach Bernoulli, siehe Haller, »Physiol.«, T. 8, Bern 1766, Liber 30, wo man
einen Wald von Bemerkungen über die Veränderungen des menschlichen Lebens
findet.
103 Noch Marsden denkt an dieselbe in seiner Beschreibung von Sumatra, aber auch
nur aus Sagen. Über die geschwänzten Menschen hat Monboddo in seinem Werk »Von
dem Ursprunge und Fortgange der Sprache« (T. 1, S. 219 u. f.) alle Traditionen
zusammengetrieben, deren er habhaft werden konnte. Hr. Prof. Blumenbach (»De
generis humani varietate nativa«) hat gezeigt, aus welcher Quelle sich die
Abbildungen des geschwänzten Waldmenschen fortgeerbt haben.
104 Noch Sonnerat denkt ihrer (»Voyage aux Indes«, T. 2, S. 103), aber auch nur
aus Sagen. Die Zwerge auf Madagaskar sind nach Flacourt aus Commerson erneuert,
von neuern Reisenden aber verworfen worden. Über die Hermaphroditen in Florida
s. Heines kritische Abhandlung in den »Commentationes Societatis Regiae
Gottingensis per annum 1778«, S. 993.
105 S. Sparrmanns Reisen, S. 177.
106 In den Auszügen aus dem »Tagebuch eines neuen Reisenden nach Asien«, Leipzig
1784, S. 256, wird dieses noch behauptet, aber wiederum nur aus Sagen.
107 Nach einzelnen Gegenden s. Pallas und andre Obengenannte. Von der Lebensart
einer Kalmuckenhorde am Jaik würde G. Opitzens Leben und Gefangenschaft unter
ihnen ein sehr malerisches Gemälde sein, wenn es nicht mit so vielen Anmerkungen
des Herausgebers verziert und romantisiert wäre.
108 Ausser den ältern zahlreichen Reisen nach Arabien s. Voyages de Pagès.
109 »Nachricht von Kalifornien«, Mannheim 1772, hin und wieder.
110 S. Mackintosh, »Travels«, T. 2, S. 27.
111 »Geschichte von Grönland...«, S. 355.
112 Römer, »Nachrichten von der Küste Guinea«, S. 279.
113 Sparrmanns Reisen, S. 73. Der menschenfreundliche Reisende hat viele
traurige Nachrichten von der Behandlung und dem Fange der Sklaven eingestreuet,
s. S. 195, 612 u. f.
114 S. des unglücklichen Marion »Voyage à la mer du Sud...«, Anmerkung des
Herausgebers. Reinhold Forsters Vorrede zum »Tagebuch der letzten Cookschen
Reise«, Berlin 1781, und die Nachrichten vom Betragen der Europäer selbst.
115 »Allg. Reisen...«, T. 3, S. 127 u. f.
116 »Allg. Reisen...«, T. 5, S. 145. Andre Beispiele s. bei Rousseau in den Anm.
zum »Discours sur l'inégalité parmi les hommes«.
117 S. Brugmann über Magnetismus, Satz 24-31.
118 S. Kästner, »Erläuterung der Halleiischen Metode die Wärme zu berechnen«
in: »Hamburg. Magazin«, S. 429 u. f.
119 S. Crell, »Versuche über das Vermögen der Pflanzen und Tiere, Wärme zu
erzeugen und zu vernichten«, Helmstedt 1778; Crawford, Versuche über das
Vermögen der Tiere, Kälte hervorzubringen, in: »Philosophical Transactions«, Bd.
71, 2, XXXI.
120 S. Gaubius Patologie, Kap. 5, 10 etc., eine Logik aller Patologien.
121 S. Montesquieu, Castillon, Falconer, eine Menge schlechterer Schriften:
»Esprit des nations«; »Physique de l'histoire« etc. zu geschweigen.
122 S. Gmelin, »Über die neuern Entdeckungen in der Lehre von der Luft«, Berlin
1784.
123 S. Hippokrates, »De aëre, locis et aqius«, vorzüglich den zweiten Teil der
Abhandlung. Für mich der Hauptschriftsteller über das Klima.
124 Baco de augm. scient., I, 3.
125 S. Harvei, »De generatione animalium«, London 1651; Wolff, »Teoria
generationis« u. f.
126 S. Wolff, »Teoria generat...«, S. 169, b. 150-216.
127 Hippokrates, Aristoteles, Galen, Harvei, Boyle, Stahl, Glisson, Gaubius
Albinus und so viel andre der grössten Beobachter oder Weltweisen des
menschlichen Geschlechts haben, gezwungen von Erfahrungen, dies tätige
Lebensprincipium angenommen und nur mit mancherlei Namen benannt, oder einige
derselben es von angrenzenden Kräften nicht gnug gesondert.
128 S. Kap. 4 des vorhergehenden 6. Buchs.
129 S. Sömmering, »Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom
Europäer«, Mainz 1784.
130 Albrecht Dürers »Vier Bücher von menschlicher Proportion«, Nürnberg 1528.
131 Sehr simplifiziert finde ich diese Lehre in: Metzger, »Vermischte
Schriften«, T. 1. Auch Platner nebst andern haben darin ihre anerkannten
Verdienste.
132 Göttingische Samml. von Reisen, T. 10 und 11 hin und wieder.
133 Dobritzhofers »Geschichte der Abiponer...«, T. 1, S. 114.
134 S. Williamson, »Versuch, die Ursachen des veränderten Klima zu erklären«,
»Berlinische Sammlungen«, T. 7.
135 S. J. D. Metzger, »Über die körperlichen Vorzüge des Menschengeschlechts vor
Tieren«, in seinen »Vermischten medizinischen Schriften«, T. 3.
136 S. Robertson, »Geschichte von Amerika...«, T. 1. S. 562
137 S. Ulloa, T. 1, S. 188.
138 Haller, »Physiol.« T. 5, S 16.
139 S. Wilson, »Beobachtungen über den Einfluss des Klima...«, S. 93 u. f.
140 Geschichte von Grönland. , S. 225.
141 Abschnitt V, VI.
142 Dobritzhofer »Gesch. der Abiponer...«, T. 1.
143 S. Steller, Krascheninikow u. f..
144 Römer, Bossman, Müller, Oldendorp u. f.
145 S. Lafiteau, Lebeau, Carver, u. a.
146 S. Baldeus, Dow, Sonnerat, Holwell, u. f.
147 Man lese z. B. in Ulloa (»Nachr. von Amerika...«, T. 1, S. 131) die
kindische Freude, mit der der Peruaner eine Lacma zu seinem Dienst weihet. Die
Lebensarten der andern Völker mit ihren Tieren sind aus Reisebeschreibungen
genugsam bekannt.
148 S. einige derselben in den »Volksliedern«, T. 1, S. 33, T. 2, S. 96-98, S.
104.
149 Carvers Reisen, S. 338 u. f.
150 S. die »Volkslieder«, teils allgemein, teils insonderheit die nordischen
Stücke, T. 1, S. 166, 175, 177, 242, 247; T. 2, S. 210, 245.
151 »Volkslieder«, T. 2, S. 128-129.
152 Voyages de Pagès, S. 25 ff., 39, 62, 65, 146, 162 f., 182, 305 u. f.
153 Beispiele von diesen Sätzen zu geben wäre zu weitläuftig; sie gehören nicht
in dies Buch und bleiben einem andern Ort aufbehalten.
154 Die Geschichte dieser und andrer Erfindungen, sofern sie zum Gemälde der
Menschheit gehört, wird der Verfolg geben.
155 S. insonderheit den scharfsinnigen »Versuch über den Ursprung der Erkenntnis
der Wahrheit und der Wissenschaften«, Berlin 1781. Die Hypotese, dass unser
Erdball aus den Trümmern einer andern Welt gebildet sei, ist mehreren
Naturforschern aus sehr verschiednen Gründen gemein.
156 Die Fakta zu den folgenden Behauptungen sind in vielen Büchern der neuern
Erdkunde zerstreut, auch zum Teil aus Buffon, u. a. so bekannt, dass ich mich
Satz für Satz mit Zitationen nicht ziere.
157 Linnaei amoenit. academ., Bd. 2, S. 439. »Oratio de terra habitabili«. Die
Rede ist häufig übersetzt worden.
158 Bemerkungen über die Berge, in den »Beiträgen zur physikalischen
Erdbeschreibung« (Band 3, S. 250) und sonst übersetzt.
159 Dieser gelehrte Mann arbeitet mit einem vielumfassenden Plan an einem
ähnlichen Werke.
160 S. »Vergleichungstafeln der Schriftarten verschiedner Völker« von Büttner,
Göttingen 1771.
161 S. Zimmermanns »Geographische Geschichte der Menschen...«, T. 3, S. 183.
162 »Vom Ursprung der Gesetze, Künste und Wissenschaften«, Lemgo 1770.
163 S. Jones, »Poeseos Asiaticae commentariorum«, edit. Eichhorn, Lps. 1777.
164 S. Bailly, »Geschichte der Sternenkunde des Altertums«, Leipzig 1777.
165 S. Le Gentils Reisen in Ebelings »Sammlung«, T. 2, S. 406 u. f.; Walter,
»Doctrina temporum indica« hinter Bayer, »Historia regni Graecorum Bactriani«,
Petrop. 1738 u. f. f.
166 »Le Chou-King, un des livres sacrés des Chinois«, Paris 1770.
167 S. »Recherches sur les temps antérieurs à ceux dont parle le Chou-King«, P.
de Premare« vor Deguignes Ausgabe des Chou-King u. f. f.
168 S. Georgius, »Alphabetum Tibetanum«, Rom 1762, S. 181 und sonst hin und
wieder.
169 S. Sonnerat, Baldens, Dow, Holwell u. f.
170 »Zend-Avesta«, Riga 1776-1778.
171 »Älteste Urkunde des Menschengeschlechts«, T. 1, Riga 1774.
172 S. 1. Mose, 2., 5-7.
173 S. 1. Mose, 2., 10-14.
174 Das Wort »Pison« heisst ein fruchtbar-überschwemmender Strom und scheint der
übersetzte Name von Ganges; daher ihn auch schon eine alte griechische
Übersetzung durch Ganges erklärt und der Araber durch Nil, das umströmte Land
aber durch Indien übersetzt hat, welches man sonst nicht zu reimen wusste.
175 Kaschgar, Kaschmir, die Kasischen Gebürge, Kaukasus, Katai u. f.
176 Hidekel heisst der dritte Strom, und nach Otter heisst der Indus noch jetzt
bei den Arabern Eteck, bei den alten Indiern Enider. Selbst die Endung des Worts
scheint indisch: »Dewerkel«, wie sie ihre Halbgötter nennen, ist der Pluralis
von »Dewin«. Indessen ist's wahrscheinlich, dass der Sammler der Tradition ihn
für den Tigris nahm, da er ihn ostwärts jenseit Assyrien setzte. Die ferneren
Länder lagen ihm zu ferne. Auch der Phrat ist wahrscheinlich ein andrer Fluss
gewesen, der hier nur appellative übersetzt oder als der berühmteste östliche
Strom genannt ward.
177 Wie nun aber die Elohim sich der Menschen angenommen, d. i. sie gelehrt,
gewarnt und unterrichtet haben? Wenn es nicht ebenso kühn ist, hierüber zu
fragen als zu antworten, so soll uns an einem andern Ort die Tradition selbst
darüber Aufschluss geben.
178 Kain heisst bei den Arabern Kabil; die Kasten der Kabylen heissen Kabeil; die
Beduinen sind auch ihrem Namen nach verirrte Hirten, Bewohner der Wüste.
Gleichergestalt ist's mit den Namen Kain, Hanoch, Nod, Jabal-, Jubal-,
Tubalkain: für die Kaste und Lebensart bedeutende Namen.
179 S., 1. Mose, 6. - 8.; s. Eichhorn, »Einleitung ins Alte Testament«, T. 2, S.
370.
180 Japhet ist seinem Namen und seinem Segen nach ein »Weitverbreiteter«,
dergleichen die Völker nordwärts dem Gebürge ihrer Lebensweise und zum Teil
selbst ihrem Namen nach waren. Sem fasst Stämme in sich, bei denen der Name, d.
i. die alte Tradition der Religion, Schrift und Kultur, vorzüglich blieb, die
sich daher auch gegen andre, insonderheit die Chamiten, den Vorzug kultivierter
Völker anmassten. Cham hat von der Hitze den Namen und gehört in den hitzigen
Erdstrich. Mit den drei Söhnen Noah lesen wir also nichts als die drei
Weltteile, Europa, Asien, Afrika, sofern sie im Gesichtskreis dieser Tradition
lagen.
181 Leontiews Auszug aus der sinesischen Reichsgeographie in Büschings hist. und
geogr. Magazin, T. 14, S. 409 u. f. In: Fr. Hermann, »Beiträge zur Physik«,
Berlin 1786, T. 1, wird die Grösse des Reichs auf 110 Tausend deutsche
Quadratmeilen und die Volksmenge auf 104 Millionen 69 Tausend 254, auf eine
Familie 9 Personen gerechnet.
182 »Mémoires concernant l'histoire, les sciences, les arts, les moeurs et les
usages des Chinois«,, T. 2, S. 365 ff.
183 Ausser den ältern Ausgaben einiger klassischen Bücher der Sinesen vom Pater
Noel, Couplet u. f. liefert die Ausgabe des Chou-King von Deguignes, »L'Histoire
générale de la Chine« Mailla,, die eben angeführten »Mémoires concernant
l'histoire... des Chinois« in 10 Quartbänden, in denen auch einige
Originalschriften der Sinesen übersetzt sind, u. f. Materialien gnug, sich eine
richtige Idee von diesem Volk zu schaffen. Unter den vielen Nachrichten der
Missionare ist insonderheit Pater le Comte wegen seines gesunden Urteils
schätzbar: »Nouveaux Mémoires sur l'état présent de la Chine«, Paris 1696.
184 S. »Ideen«, T. 2,.
185 Selbst der gepriesene Kaiser Kien-Long ward in den Provinzen für den ärgsten
Tyrannen gehalten; welches in einem so ungeheuren Reich nach solcher Verfassung
jedesmal der Fall sein muss, der Kaiser möge, wie er wolle, denken.
186 »Mémoires concernant... des Chinois«, T, 2, S. 375.
187 ib., T. 1, S. 329.
188 S. Georgius, »Alphabetum Tibetanum«, Rom 1762. Ein Buch voll wüster
Gelehrsamkeit, indessen, nebst den »Nachrichten« in Pallas' »Nordischen
Beiträgen«, Bd. 4, S. 271 u. f., und dem Aufsatz in Schlözers »Briefwechsel«, T.
5, das Hauptbuch, das wir von Tibet haben.
189 Dow, »History of Hindostan«, Bd. l, S. 10-11.
190 »Zend-Avesta par Anquetil«, Bd. l, S. 81 f.; Niebuhrs »Reisebeschreibung«,
T. 2, S. 31 u. f.
191 S. hierüber Dow, Holwell, Sonnerat, Alexander Ross, Mackintosh; die
Hallischen Missionsberichte; die »Lettres édifiantes« und jede andre
Beschreibung der indischen Religion und Völker.
192 S. Halhed, »Grammar of the Bengal Language, Printed at Hoogly in Bengal«,
1778.
193 S. Le Gentil, »Voyage dans les mers de l'Inde«, Halhed, »A Code of Gentoo
Laws« u. f.
194 Der Anfang des Chou-King, S. 6 in Deguignes Ausgabe.
195 S. Goguet, »Untersuchungen über den Ursprunge der Gesetze, Künste und
Wissenschaften«, Lemgo 1760 und noch mehr Gatterers »Kurzer Begriff der
Weltgeschichte«, T. 1, Göttingen 1785.
196 S. Büschings »Erdbeschreibung«, T. 5, Abteilung 1.
197 S. Schlözer von den Chaldäern, im »Repertorium für morgenländische
Literatur«, T. 8, S. 113 u. f.
198 S. della Valle, von den Ruinen bei Ardsche; Niebuhr, vom Ruinenhaufen bei
Helle u. f.
199 Eichhorn, »Geschichte des ostindischen Handels« , S. 12; Gatterer,
»Einleitung zur synchronistischen Universalhistorie«, S. 77.
200 Hievon an einem andern Orte.
201 Daniel, 5., 5 und 25.
202 »Zend-Avesta, ouvrage de Zoroastre p. Anquetil du Perron«, Paris 1771.
203 S. Niebuhr, »Reisebeschreibung«, S. 48 u. f.
204 Der Stamm Dan bekam eine Ecke oberhalb und zur Linken des Landes. S.
hierüber den »Geist der Ebräischen Poesie«, T. 2.
205 Hiob, 30., 3-8.
206 Eichhorn hat dieses auch von den Gerräern gezeigt (s. »Geschichte des
ostindischen Handels...«, S. 15/16). Überhaupt ist Armut und Bedrängnis die
Ursache der meisten Handelsnationen worden, wie auch die Venetianer, die Malaien
u. a. zeigen.
207 Hievon an einem andern Ort.
208 Die Mutmassungen hierüber erwarten einen andern Ort.
209 Man vergleiche die Malayen und die Einwohner der asiatischen Inseln mit dem
festen Lande; selbst Japan halte man gegen Sina, die Bewohner der Kurilen und
Fuchsinseln gegen die Mongolen, Juan-Fernandez Sokotora, die Oster-, die
Byrons-Insel, die Maldiven usf.
210 S. Heine, »Comment. de Castoris epoch.« in: »N. Comment. Soc. Gotting«.
211 S. Riedesel, »Bemerkungen auf einer Reise nach der Levante«, S. 113.
212 S. Heine, »De origine Graecorum«, »Commentationes Societatis Goettingensis«,
1764.
213 S. Heine, »De Musis«: s. »Göttingische Anzeigen«, 1766, S. 275.
214 S. Heine, »De fontibus et causis errorum in historia mytica«; »De causis
fabularum physicis«; »De origine et causis fabularum Homericarum«; »De Teogonia
ab Hesiode condita« etc.
215 S. Georgi, Abbildungen der Völker des Russischen Reichs, T. 1.
216 S. Blackwell, »Enquiry into the Life und Writings of Homer« 1735; Wood,
»Essay on the Original Genius of Homer« 1769.
217 S. Winckelmann, »Geschichte der Kunst«, T. 1, Kap. 1. Heine, Berichtigung
und Ergänzung derselben in den »Deutschen Schriften der Götting. Societ.«, T. 1,
S. 211 u. f.
218 S. Heine, »Über den Kasten des Kypselus« u. a.
219 S. Campers »Kleinere Schriften...«,, S. 18 u. f.
220 Wie z.B. der Tempel der Pallas zu Larissa Akrisius', der Tempel der Minerva
Polias zu Aten Erichtonius', der Tron des Amykläus Hyacints Grabmal war u.
f.
221 »Pinxit Demon Ateniensium argumento quoque ingenioso: volebat namque
varium, iracundum, iniustum, inconstantem, eundem exorabilem, clementem,
misericordem, excelsum, gloriosum, humilem, ferocem fugacemque et omnia pariter
ostendere.« Plinius, »Historia naturalis«, XXXV.
222 S. Heine, »Deprimorum Graeciae legumlatorum institutis ad morum
mansuetudinem«, in: »Opusc. academica«, Bd. l, S. 207.
223 OEuvres p. St. Pierre T. 1, und beinah in allen seinen Schriften.
224 S. Xenophon, »Über die Republik der Atenienser«, auch Plato, Aristoteles u.
f.
225 Hievon an einem andern Ort.
226 S. die Einleitung zu Gillies' Übersetzung der Reden Lysias' und Isokrates'
nebst andern ähnlichen Schriften, die Griechenland aus Rednern oder Dichtern
geschätzt haben.
227 S. in Meiners, »Geschichte der Wissenschaften in Griechenland und Rom«, T.
l, die Geschichte dieser Gesellschaft.
228 S. Heine, »De Genio saeculi Ptolemaeorum«, in: »Opusc. Academica«, Bd. l, S.
76 ff.
229 Eine Vergleichung mehrerer Völker hierüber wird aus dem Fortgange der
Geschichte erwachsen.
230 Spons, Stuarts, Chandlers, Riedesels Reisen u. f.
231 S. Riedesels, Houels Reisen u. a.
232 S. Demster, Etrur. regal. cum observat. Buonaroti et paralipom. Passerii.
Florent. 1723, 1767.
233 S. Winckelmanns »Geschichte der Kunst«, T. 1, Kap. 3.
234 S. Heine, »De fabularum religionumque Graecarum ab Etrusca arte
frequentatarum natura et causis«; »De reliquiis patriae religionis in artis
Etruscae monumentis«; »Etrusca antiquitas a commentitiis interpretamentis
liberata«; »Artis Etruscae monimenta ad genera et tempora sua revocata«, in:
»Novae Comm. Societatis Goetting.«
235 S. Passerii Palalipom. ad Demster. etc..
236 Montesquieu in seiner schönen Schrift: »Sur la grandeur et de la décadence
des Romains« hat sie beinahe schon zu einem politischen Roman erhoben. Vor ihm
hatten Macchiavelli, Paruta und viel andre scharfsinnige Italiener sich in
politischen Betrachtungen über sie geübet.
237 Der römische Senat und das römische Volk.
238 22440000 Taler.
239 Über das Gute, das von der Simplizität der alten Römer und von der
Ausbildung des römischen Volks gesagt werden kann, lese man Meierottos
zeugnisreiche Schritt »über Sitten und Lebensart der Römer«, (T. 1, Berlin 1776)
und im zweiten Teil dagegen die Geschichte des Luxus sowohl bei dem Volk als bei
den Edeln.
240 S. ausser Petronius, Plinius, Juvenal und andern häufigen Stellen der Alten
von neueren Sammlungen Meierotto, T. 2, über die Sitten und Lebensart der Römer
Meiners, »Geschichte des Verfalls der Römer«, u. f.
241 Man lese über diesen oft verkannten Mann Middletons Leben Cicero (übersetzt,
Altona 1757, 3 Teile), ein vortreffliches Werk nicht nur über die Schriften
dieses Römers, sondern auch über seine ganze Zeitgeschichte.
242 »Ideen«, T. 1, B. 4.
243 S. »Investigaciones historicas de las antiquëdades de Navarra«, Pamplona
1665, Buch 1; Oihenart, »Notitia utriusque Vasconiae«, Paris 1638, Buch 1.
Insonderheit Larramendi, »Diccionario trilingue«, »De las perfecciones«, Teil 2.
244 Larramendi in seiner angeführten weitläuftigen Abhandlung von der
Vollkommenheit der vaskischen Sprache konnte § 18-20 an so etwas nicht denken.
Dass er in seiner »Arte del Bascuence« dessen auch nichts erwähnt habe, ist aus
Dieze, »Geschichte der spanischen Dichtkunst«, S. 111 u. f. zu ersehen, und
vielleicht ist das ganze Andenken daran verloren.
245 Ausser dem, was in altem Schriften, z.B. in Pelletier, Pezron, Martin,
Picard, u. f. über die Kelten gesammlet und geträumt ist und was unter
Engländern, Schotten und Iren Barrington, Cordiner, Henry, Jones, Macpherson,
Maitland, Lhuyd, Owen, Shaw, Vallencei, Whitaker, u. f. über den Ursprung und
die Verfassung der alten Einwohner Britanniens gesagt haben, dürfen wir ein
deutsches Werk anführen, das hinter ihnen allen kritisch zu nennen ist:
Sprengel, »Geschichte von Grossbritannien« (Fortsetzung der »Allgem.
Weltgeschichte«, Teil 47), deren Anfang über die Galen und Kymren eine Menge
alter Irrtümer stille berichtigt. Auch von den überbliebnen Denkmalen der Briten
gibt es, seiner Gewohnheit nach, mit kurzen Worten eine sicher führende
Nachricht.
246 Es scheinet sonderbar, dass, da zwo Nationen, Schotten und Iren, um die
Eigentumsehre Fingals und Ossians streiten, keine derselben durch Herausgabe der
schönsten Gesänge des letztem mit ihrer ursprünglichen Gesangweise, die noch
Herkommens sein soll, sich rechtfertigt. Schwerlich könnte diese erdichtet
werden, und der Bau der Lieder selbst in der Urschrift, mit einem Glossarium und
gehörigen Anmerkungen versehen, rechtfertigte nicht bloss, sondern er würde über
Sprache, Musik und Dichtkunst der Galen mehr als ihr Aristoteles, Blair,
belehren. Nicht nur für die eingebornen Liebhaber dieser Gedichte müsste eine
galische Antologie dieser Art eine Art klassischen Werks sein, durch welches
sich das Schönste der Sprache aufs längste erhielte; sondern auch für Ausländer
würde sich vieles daraus ergeben, und immerhin bliebe ein Buch solcher Art der
Geschichte der Menschheit wichtig.
247 Sprengels »Geschichte von Grossbritannien...«, S. 379-392.
248 In Borlase, Bullet, Lloyd, Rostrenen, le Brigant,, der Bibelübersetzung u.
f. Die poetischen Sagen indessen vom Könige Artus und seinem Gefolge sind in
ihrer Ursprünglichkeit noch wenig durchsucht worden.
249 Tomas Wartons Abhandlung über den Ursprung der romanhaften Dichtung in
Europa, vor seiner Geschichte der englischen Poesie in Eschenburgs »Britisches
Museum« übersetzt, hat auch hiezu nützliche Kollektaneen; da sie aber offenbar
einem falschen System folget, so müsste wohl das Ganze eine andre Gestalt
annehmen. In Percels sowohl als in der neuem grossen »Bibliotèque des romans«,
in den Anmerkungen der Engländer über ihren Chaucer, Spenser, Shakespeare u. f.,
in ihren Archäologien, in Dufresne, u. a. Anmerkungen zu mehreren alten
Geschichtschreibern sind Materialien und Data genug; eine kleine Geschichte von
Sprengel würde dies Chaos in Ordnung bringen und gewiss in einem lehrreichen
Licht zeigen.
250 S. Büttner, »Vergleichungstabellen der Schriftarten...«, Gatterer,
»Einleitung in die Universalhistorie«, Schlözer, »Allgemeine nordische
Geschichte,..« u. f. Das letzte Buch (Teil 31 der fortgesetzten »Allgemeinen
Weltgeschichte«) ist eine schätzbare Sammlung eigner und fremder Untersuchungen
über die Stämme und alte Geschichte der nordischen Völker, die den Wunsch nach
mehreren Zusammenstellungen solcher Art von Arbeiten eines Ihre, Suhm,
Lagerbring u. a. erreget.
251 Vom preussischen Volk wäre eine kurze Geschichte aus Hartknochs, Praetorius',
Lilientais u. a. nützlichen Vorarbeiten und Sammlungen zu wünschen, und
vielleicht ist sie, mir unbekannt, schon erschienen. Ohne Aufmunterung hat
dieser kleine Erdwinkel für seine und benachbarter Völker Geschichte viel getan;
der einzige Name Bayer ist statt vieler. Insonderheit verdient die alte
preussische Verfassung am Ufer der Weichsel, die einen Widewut als Stifter
nennet, und unter einem Oberdruiden, der Kriwe hiess, samt dem ganzen Stamme des
Volks, noch Untersuchung. In der Geschichte Livlands sind Arndt, Hupel u. a.
geschätzte Namen.
252 Eine ausführliche Schilderung der deutschen Verfassungen, die nach Zeiten,
Stämmen und Gegenden sehr verschieden waren, wäre hier ohne Zweck, da, was sich
von ihnen in die Geschichte der Völker gepflanzt hat, sich zeitig gnug zeigen
wird. Nach den zahlreichsten Erläuterungen des Tacitus hat Möser von derselben,
seiner Gegend zufolge, eine Beschreibung gegeben, die in ihrer schönen
Zusammenstimmung beinah ein idealisches System und doch in einzelnen Stücken
sehr wahr scheinet. Mösers »Osnabrückische Geschichte«, T. 1; seine
»Patriotische Phantasien« hin und wieder.
253 Saemund, Snorro, Resenius, Worm, Torfäus, Stephanius, Bartolin, Keissler,
Ihre, Göransson, Torkelin, Erichsen, die Magnäi Anchersen, Eggers u. f.
254 In Schilters »Tesaurus« ist, ausser wenigem, das sonst hie und da zu finden,
unser Reichtum beisammen, und nicht sehr beträchtlich.
255 S. Frisch, Popowitsch, Müller, Jordan, Stritter, Gercken, Möhsen, Anton,
Dobner, Taube, Fortis, Sulzer; Rossignoli, Dobrowsky, Voigt, Pelzel, u. ff.
256 Grellmann, histor. Versuch über die Zigeuner. Rüdiger, »Zuwachs der
Sprachenkunde«.
257 In Fischers »Geschichte des deutschen Handels«, T. l, sind hierüber sehr
brauchbare Kollektaneen gesammlet.
258 Die neueste und gewisseste Nachricht von dieser Sekte ist in: Norberg,
»Commentatio de religione et lingua Sabaeorum«, 1780. Sie sollte nebst Walchs u.
a. Abhandlungen nach Art älterer Sammlungen zusammen gedruckt werden.
259 Nach Beausobre, Mosheim, Brucker, Walch, Jablonski, Semler u. a. können wir
jetzt diese Sachen heller und freier betrachten.
260 Es wäre zu wünschen, dass aus den Schriften der Académie des Inscriptions die
Abhandlungen von Deguignes so gesammlet übersetzt würden, wie man die von
Caylus, St.-Palaye und andern gesammlet hat. Mich dünkt dies das leichteste
Mittel, Merkwürdigkeiten aus dem Wüste des Gemeinen hervorzuziehen und die
Entdeckungen einzelner Männer ebensowohl nutzbar zu machen als mit sich selbst
zu vereinigen.
261 Pfeiffers Auszug aus Assemanni orientalischer Bibliotek, Erlangen 1776/77,
ist ein nutzbares Werk für diese fast unbekannte Gegend der Geschichte; eine
eigne Geschichte des christlichen Orients, insonderheit des Nestorianismus im
Zusammenhange, wäre noch zu wünschen.
262 Fischer in der Einleitung zu seiner »Sibirischen Geschichte«, hat diese
Meinung sehr glaubhaft gemacht (§ 38 u. f.). Andre sind für den Ung-Khan, den
Khan der Korallen. S. Koch, »Tableau des révolutions«, Band 1, S. 265.
263 Whistons Vorrede zu Mosis Chorenensis, »Historia Armenica«, 1736. Schröder,
»Tesaurus linguae Armenicae«, S. 62.
264 Bruce, Reisen nach Abessinien geben eine merkwürdige Geschichte des
Christentums dieser Gegenden; ob fürs Ganze sich daraus neue Resultate ergeben,
wird die Zeit lehren.
265 Nach den ältern Bemühungen der Reformatoren, sodann eines Calixtus, Dalläus,
Dupin, le Clerce, Mosheim u. a. wird für die freiere Ansicht der christlichen
Kirchengeschichte der Name Semler immer ein hochachtenswerter Name bleiben. Auf
ihn ist Spittler in einem durchschauenden lichteren Vortrage gefolgt; andre
werden ihm folgen und jede Periode der christlichen Kirchengeschichte in ihrem
rechten Licht zeigen.
266 Barbeirac, le Clerc, Tomasius, Semler u. a. haben dies gezeiget, und
Rösslers »Bibliotek der Kirchenväter« kann es jedem sehr populär zeigen.
267 Über den Zeitraum von Konstantins Bekehrung an bis zum Untergange des
weströmischen Reichs ist die »Geschichte der Veränderungen in der Regierung, den
Gesetzen und dem menschlichen Geist« von einem ungenannten französischen
Schriftsteller scharfsinnig und mit Fleiss bearbeitet worden. Die Übersetzung ist
zu Leipzig 1784 erschienen.
268 »Constantini Porphyrogenneti libri duo de ceremoniis aulae Byzantinae«,
Leipzig 1751-1754.
269 Mit teilnehmender Freude können wir hier den dritten klassischen
Geschichtschreiber der Engländer nennen, der mit Hume und Robertson wetteifert
und den zweiten vielleicht übertrifft: Gibbons »History of the Decline and Fall
of the Roman Empire«. Ein ausgearbeitetes Meisterwerk, dem es indessen doch,
vielleicht aus einem Fehler der Materie, an jenem hinreissenden Interesse zu
fehlen scheint, das z.B. die historischen Schriften Humes einflössen. Das
Geschrei aber, das man in England gegen dies gelehrte, wirklich philosophische
Werk erhoben hat, als ob es dem Christentum feind sei, scheint mir unbillig;
denn Gibbon urteilt über das Christentum, wie über andre Gegenstände seiner
Geschichte, sehr milde.
270 S. Ciampini, Aringo, Bingham, u. a. hieher gehörige Werke. Eine Geschichte
dieser Dinge, aus dem Anblick der ältesten Kirchen und Denkmale selbst gezogen
und durchaus mit der Kirchengeschichte verbunden, würde dies alles im hellesten
Licht zeigen.
271 Ich zweifle, dass sich ohne eine genaue Kenntnis Roms, auch seinem Lokal und
dem Charakter des Volkes nach, eine bis zur Evidenz treue Geschichte dieser
Anstalten und Gebräuche schreiben lasse: oft sucht man unter der Erde, was in
Rom der Anblick selbst zeigt.
272 Eine genaue Schilderung dieser Völkerwanderungen und Aufbrüche, mit ihren
oft veränderten Grenzen, gibt im kurzen Anblick Gatterers »Abriss der
Universalhistorie«, Göttingen 1773, S. 449 u. f. Ausführlicher ist Mascovs
»Geschichte der Deutschen«. Krause, »Geschichte der wichtigsten Begebenheiten
des heutigen Europa« u. a.
273 Pitou, »Codex legum Wisigotorum«, Paris 1579.
274 Schultings »Jurisprudentia Ante-Justinianea«, S. 683; Gotofredus,
»Prolegomena Codicis Teodosiani«.
275 Lucan, Mela, Columella, die beiden Seneca, Quintilian, Martial, Florus u. a.
sind Spanier. S. »L. J. Velasquez' Geschichte der span. Dichtkunst...«,
Göttingen 1768, S. 3 u. f.
276 Die Schlüsse der Kirchenversammlungen sind ausser den grösseren Sammlungen der
»España Sagrada« u. f. schon in Ferreras »Geschichte von Spanien« zu finden. Die
westgotischen Gesetze sind ausser dem Pitou in Lindenbrogs »Codex legum
antiquarum « und sonst entalten.
277 Die eigne Untersuchung eines Schweden über die Ursachen des baldigen
Verfalles dieses Reichs ist mir nicht zu Gesicht gekommen. Iserhielm, »De regno
Westro-Gotorum in Hispania«, Upsala 1705, entält akademische Deklamationen.
278 Der spanischen Kommentatoren sowohl über das römische Recht als über die
»siette Partidas«, die »Leies de Toro«, die »Autos y acuerdos del Concejo Real«
ist ein zahlreiches Heer, der Scharfsinn der Nation ist in ihnen erschöpfet.
279 Mannerts »Geschichte der Vandalen«, Leipzig 1785, ist ein nicht unwürdiger
Jugendversuch dieses Mannes, der sich durch seine »Geographie der Griechen und
Römer« ein bleibendes Denkmal stiftet.
280 Die Züge von des Attila Person sind meistens aus Priscus' Gesandtschaft an
ihn, aus denen man denn nicht eben zuverlässig auf sein ganzes Leben schliessen
mag. Mancherlei Erläuterungen hiezu und zu den Sitten der Völker sind von F. C.
J. Fischer bei Gelegenheit des von ihm gefundenen Gedichts, »De prima
expeditione Attilae«, Leipzig 1780, sowohl in den Anmerkungen dazu als in der
Schrift »Sitten und Gebräuche der Europäer im 5. und 6. Jahrhundert«, Frankfurt
1784, gesammlet.
281 Ausser denen, die die Geschichte der Rechte allgemein und einzeln bearbeitet
haben, ist Giannones, »Geschichte von Neapel« für die gesamten Gesetze der
Völker, die Italien beherrscht haben, sehr brauchbar. Ein vortreffliches Werk in
seiner Art.
282 Was von den Reichen und Völkern, die wir durchgehen, nur irgend die Schweiz
berührt, findet in Johann Müllers »Geschichte der Schweiz«, Leipzig 1786 u. f.
Erläuterung oder ein einsichtvolles Urteil; so dass ich dies Buch eine Bibliotek
voll historischen Verstandes nennen möchte. Eine Geschichte der Entstehung
Europas, von diesem Schriftsteller geschrieben, würde wahrscheinlich das erste
und einzige Werk dieser Art werden.
283 In der neuesten »Geschichte der Regierung Kaiser Karls des Grossen« von
Hegewisch (Hamburg 1791) glaube ich dieselbe Ansicht seiner Gesinnungen zu
finden, die ich hier gezeichnet hatte. Die ganze scharfsinnige Schrift ist ein
Kommentar dessen, was hier nur als Resultat stehen dorfte.
284 Obgleich seit Sarpi, Pufendorf, u. a. einzelne Stücke der päpstlichen
Geschichte vortrefflich behandelt sind, so dünkt mich, fehle es doch noch an
einer durchaus unparteilichen, pragmatischen Geschichte des Papsttums. Der
Verfasser der Reformationsgeschichte könnte seinem Werk nach Vollendung
desselben hiedurch eine seltene Vollkommenheit geben.
285 Hievon an einem andern Orte.
286 Leibniz hat in mehreren Schriften diese Idee berühret und nahm sie bei
Gelegenheit noch in sein historisches System auf.Pütters Geschichte der
Entwicklung der deutschen Staatsverfassung gibt einen feinen Leitfaden von ihr,
den in älteren Zeiten alle Statisten über Vorzüge oder Ansprüche des deutschen
Reichs nach ihrer Weise geführt haben.
287 Den guten Einfluss der geistlichen Herrschaft zu Befriedigung der damals so
unfriedlichen Welt sowie zum Anbau des Landes hat, meines Wissens, niemand
kernvoller und pragmatischer gezeigt als Johannes Müller in seiner
Schweizergeschichte. Diese Seite ist nie zu verkennen, wenn sie gleich nur eine
Seite ist.
288 Die Geschichte der Blattern, der Pest, des Aussatzes u. f. ist aus den
Schriften mehrerer geschickten Ärzte bekannt, die auch Vorschläge zu Ausrottung
dieser übel getan und zum Teil bewirkt haben. In Möhsens »Geschichte der
Wissenschaften in der Mark Brandenburg...« sind über die Arzneikunst und die
Heilungsanstalten mittlerer Zeiten gute Nachrichten und Bemerkungen zu finden.
289 Die einzelnen Ausnahmen von dieser traurigen Wahrheit werden im folgenden
Buch angedeutet werden; hier ist nur vom Geist der Zeit die Rede.
290 Eine Geschichte der Künste des mittleren Alters, insonderheit der
sogenannten gotischen Baukunst in ihren verschiednen Perioden müsste ein
lesenswürdiges Werk sein; eine Auswahl allgemein merkwürdiger Abhandlungen aus
der Britischen Gesellschaft der Altertümer dörfte als Vorarbeit dazu dienen.
291 Fischers »Geschichte des deutschen Handels« ist als eine Sammlung
merkwürdiger Untersuchungen bereits angeführt; mit ihr und mehreren Schriften
der neueren Zeit sammlet sich Stoff zu einer andern »Allgemeinen Geschichte der
Handlung und Schiffahrt«, als die (Breslau 1754) erschienen ist oder auch
Anderson in seiner schätzbaren »Geschichte des Handels« liefern konnte. Eine
Geschichte der Künste, Handwerke, Zünfte, der Städte und des Stadtrechts der
mittleren Zeiten wäre auch zu wünschen.
292 Ausser Sales Einleitung zum Koran,: Gagniers »Leben Mohammeds« und andern
Schriftstellern, die aus arabischen Quellen geschöpft haben, gibt Brequigni in
seiner Abhandlung »Über Mohammed«, die auch einzeln übersetzt ist, gute
Aufschlüsse über seine Situation und Sendung.
293 »Streitet wider die, die weder an Gott noch an den Tag des Gerichts glauben
und das nicht für sträflich halten, was Gott und sein Apostel verboten hat. Auch
wider Juden und Christen streitet so lange, bis sie sich bequemen, Tribut zu
bezahlen und sich zu unterwerfen.«
294 »Was in den Büchern, deren du gedenkst, entalten ist, ist entweder dem
gemäss, was im Buche Gottes, dem Koran, auch stehet, oder es ist solchem zuwider.
Wenn es demselben gemäss ist, so ist der Koran ohne sie zulänglich; wo nicht) so
ist es billig, dass die Bücher vertilget werden.«
295 S. Schlözer, »Geschichte von Nordafrika«; Cardonne, »Geschichte von Afrika
und Spanien« u. a.
296 S. Sprengel, »Geschichte der Entdeckungen«, wo in jedem Abschnitt mit
wenigem viel gesagt ist, und die schon angeführten Geschichten des Handels.
297 In: Michaelis, »Orientalische Bibliotek«, T. 8, S. 33 u. f., sind hierüber
gute Bemerkungen.
298 Die meisten dieser Nachrichten liegen indes noch ungenutzt oder verborgen.
Deutsche Gelehrte haben Fleiss und Kenntnisse, aber keine Unterstützung, sie
herauszugeben, wie es sein sollte; in andern Ländern, bei reichen Instituten und
Legaten zu dieser Absicht, schlafen die Gelehrten. Unser Reiske ist ein Märtyrer
seines arabisch-griechischen Eifers geworden; sanft ruhe seine Asche! In langer
Zeit aber kommt uns seine verschmähete Gelehrsamkeit gewiss nicht wieder.
299 Die starken Körper unsrer Vorfahren sind sowohl aus der Geschichte als aus
ihren Gräbern und Rüstungen bekannt; ohne sie kann man sich auch die alte und
mittlere Geschichte Europas schwerlich denken. Es waren wenig Gedanken in der
tapfren und edlen Masse, und das wenige bewegte sich langsam, aber kraftvoll.
300 Dieses Reich ist Russland. Von den Zeiten seiner Stiftung an nahm es einen
andern und eignen Weg als die westlichen Reiche Europas; mit diesen tritt es nur
spät auf den Schauplatz.
301 In Fischers »Geschichte des deutschen Handels«, T. 1, ist hierüber viel
zusammengestellt und gesammlet.
302 Mit le Bret, Geschichte von Venedig haben wir einen Auszug des
Merkwürdigsten, das über die Geschichte dieses Staats geschrieben worden, wie es
keine andre Sprache hat. Was diese Meeresstadt in der Geschichte Europens für
die Kirche, die Literatur und sonst gewesen, wird die Folge zeigen.
303 S. Mösers »Osnabrückische Geschichte«, T. 1. Beim folgenden führe ich statt
einer Menge, die vom Ritterwesen geschrieben, den einzigen Curne de St.-Palaye
an, dessen Abhandlungen unter dem Titel »Das Ritterwesen des Mittelalters« von
Klüber auch deutsch übersetzt sind. Das meiste des Originals geht nur auf die
französischen Ritter; die Geschichte des Rittertums in ganz Europa ist meines
Wissens noch ungeschrieben.
304 S. Reiske zum Tograi Pococke zum Abulfaradsch; Sale; Jones,, Ocklei;
Cardonne u. ff.
305 S. »L. J. Velasquez' span. Dichtkunst«, und alle, die über Provenzalen,
Minnesinger u. f. geschrieben haben.
306 Von diesen Richtungen und Ingredienzien der Romane des Mittelalters an einem
andern Orte.
307 Die von mehreren gelehrten Gesellschaften veranlassten Abhandlungen und
Preisschriften über die Wirkungen der Kreuzzüge sind mir nicht zu Gesicht
gekommen, daher ich meine Meinung ohne Beziehung auf dieselbe vortrage.
308 Unter den Schriften über diese Sekten, die die Kirchengeschichte vollständig
anführet, erwähne ich nur eines in seinem Wert ziemlich unerkannten Buchs: J. C.
Füssli, »Neue und unparteiische Ketzer-und Kirchenhistorie der mittleren Zeit«, 3
Teile, in welchem sehr nutzbare Kollektaneen zu finden sind.
309 Nach allem, was Poiret, Arnold u. a. geschrieben, fehlt uns noch eine
Geschichte der Mystik, zumal der mittleren Zeit, in reinem philosophischen Sinne
geschrieben.
 
    