
        
                              Deutscher Idealismus
             Übers Erkennen und Empfinden in der menschlichen Seele
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                            Johann Gottfried Herder
             Übers Erkennen und Empfinden in der menschlichen Seele
                                                              Est Deus in nobis!
                                                                           Virg.
 
    I. Entwickelung der ursprünglichen Bestimmung der beiden Fähigkeiten der
 menschlichen Seele,zu erkennen und zu empfinden, und die allgemeinen Gesetze,
                                denen sie folgen
    Erkennen und Empfinden scheinet für uns vermischte, zusammengesetzte Wesen
in der Entfernung zweierlei; forschen wir aber näher, so lässt sich in unserm
Zustande die Natur des einen ohne die Natur des andern nicht völlig begreifen.
Sie müssen also vieles gemein haben oder am Ende gar einerlei sein.
    1. Kein Erkennen ist ohne Empfindung, d.i. ohne Gefühl des Guten und Bösen,
der Bejahung und Verneinung, des Vergnügens und Schmerzes: sonst könnte die
Neugierde, erkennen, sehen zu wollen, weder dasein noch reizen. Die Seele muss
fühlen, dass, indem sie erkennet, sie Wahrheit sehe, mitin sich geniesse, ihre
Kräfte des Erkennens wohl angewandt, sich also fortstrebend, sich vollkommner
wisse: je inniger und unaufgehalten sie das gewahr wird, desto inniger empfindet
sie Wohllust.
    Setzt, die Seele erkenne nicht (ein Zustand, den wir zum Teil nur aus der
Ohnmacht kennen), so ist Tod da: Lähmung. Die Seele hat ihr Dasein gleichsam,
d.i. ihren Genuss an sich und der Welt, verloren.
    Setzt, die Seele betrachte etwas, was Unding ist, als Wahrheit; so kann
sie's nur so lange, als die dunkle Vermischung unvollständiger Ideen ihr noch
den Schatten als Wahrheit vorhält. Sie kommt aber zu sich: die Ideen werden
weniger, heller, tiefer: sie findet kein Vergnügen mehr am Wahne, weil sie inne
wird, dass sie bei ihm nichts gedacht habe. Sie wirft ihn weg und wählt Wahrheit.
    Setzt endlich, die Seele erkenne, schreite fort; aber unsanft, ohne Mass
dessen, was sie fassen soll zum Gebrauch ihrer Kräfte: die Arbeit wird ihr
sauer, sie fühlt sich unwillig, bis sie zuletzt, wenn sie nicht durchbrechen
kann, am Orte der grössten Dunkelheit zu rückkehret. Sie hört über den Gegenstand
zu denken auf, unter dem sie zu erliegen schien, der sie mit Schwarz umhüllte:
sie hat ihre Lust zu erkennen an ihm gebüsst und wandert anderswohin aus!
    Das Erkennen der Seele lässt sich also nicht ohne Gefühl des Wohl- und
Übelseins, ohne die innigste geistige Empfindung der Wahrheit und Güte denken.
Das Wort Neugierde, Verlangen nach neuen Erkenntnissen, sie auf die leichteste,
beste Weise zu sehen, sagt's.
    2. So lässt sich keine Empfindung ganz ohne Erkennung, d.i. wenigstens ohne
dunkle Vorstellung der Vollkommenheit, und zwar fortrückender Volkommenheit,
denken: selbst das Wort Empfindung sagt's. Man muss mit sich und seinem Zustande
beschäftigt sein, sich also und seinen Zustand fühlen, im Wohlstande und in der
Fortdauer oder im Gegenteil fühlen, d.i. dunkel erkennen, in der sanften
Fortdauer eine Art Wachstum, Zunahme, Genuss mehrerer, längerer Vollkommenheit
ahnden, d.i. dunkel voraussehn, oder es ist kein Zustand der Empfindung. Selbst
wenn wir uns eine Pflanze empfindend denken: so ist's, wie der tiefste Grad von
Empfindung, so auch der dunkelste Zustand der Selbsterkenntnis und dessen, was
in dies Selbst einfliesst. Wir können nach dem gemeinen Begriffe nicht umhin,
selbst in Gott, in dem Wesen, was weder durchs Erkennen noch Empfinden wachsen
kann, beide Zustände nach unsrer Analogie zu setzen, weil wir sonst keinen
innern Zustand eines Wesens kennen. Ja wenn bei der Empfindung Tätigkeit sein
soll, unsern Zustand zu ändern oder darin zu beharren, wie die Aufgabe mit Recht
zum Grunde setzt, so ist beides nicht ohne Erkenntnis, und zwar einen sehr
vorzüglichen Grad derselben, möglich.
    Erkennen ist also nicht ohne Empfindung: Empfindung nicht ohne ein gewisses
Erkennen. Lasst uns beide Fähigkeiten nun genauer bestimmen und in ihren
Grundgesetzen entwickeln.
    Vom Gefühl der Pflanze wissen wir nichts, und vom Phänomenon des Triebes der
Bewegung im Steine noch minder; lasst uns also vom untersten Grad unsrer
tierischen Empfindung anfangen: wir fahlen uns in einem sehr vielartigen und zu
einem Zwecke äusserst fein organisierten Körper lebend. Körperlich zu reden,
fühlt sich die Seele, d.i. unsre Kraft, zu erkennen und zu wollen, selbst in
ihren abgezogensten Verrichtungen mit dieser Masse, wenigstens mit Teilen
derselben, verbunden, dass sie diesen Ort im Universum nicht verlassen kann,
wohin sie sich von einer fremden Macht gesetzt sieht. Sie fühlt weiter ihre
selbstgedachte und abgezogenste Kenntnisse als Resultate ihrer Verbindung mit
dem Körper und (noch immer körperlich zu reden) als ein Werkzeug, oder vielmehr
als ein Aggregat unzählbarer Werkzeuge, ihr Kenntnisse zu gewähren. Sie fühlt
endlich, im weitesten Verstande, sich als Inwohnerin gleichsam in diesen Körper
ausgegossen, dass sie mit allen Werkzeugen desselben empfinde, desselben
körperliche und organische Kräfte brauche, dadurch immer eine Kraft von sich
anwende, sich also im Gebrauch dieser Kraft fühle, wohlseind, dauernd in sanftem
Mass fortstrebend fahle - sich also in diesem Körper wie in einem Spiegel ihr[er]
selbst erkenne. Dies ist unser Zustand, und daher kommt die innige Vereinigung
der Kraft, zu erkennen und zu geniessen, zu sehn und zu empfinden.
    Diesen Zustand nun bis auf den tiefsten Abgrund uns innigst und doch
deutlich vorzustellen ist nicht möglich, weil wir weder die Natur der
Gedenkkraft noch der Empfindungs- und Körperteile aus dem Universum und aufs
Universum hin erklären und beziehen können. Und schon aus dem Grunde sind alle
Systeme über die Verbindung der Seele und des Körpers nichtig. Wir sind in eine
Welt unendlicher Ideen und Würkungen gesetzt, an denen wir, aber nur als
einzelne Wesen, teilnehmen, und wissen selbst nicht, wohin oder woher jede
unsrer Ideen würke. Wie sollten wir nun wissen, auf welche Art wir einzelne
Wesen wurden? wie sich aus der allgemeinen Natur der Dinge die Kraft zu erkennen
mit der Masse Organisation zu Empfindungen gattete, dass sie, wenigstens dem
Scheine nach, zusammen und ineinander würken? Wer begreift, wie in der raum- und
zeitlosen Unendlichkeit Raum, Zeit und einzelne Dinge wurden? Niemand! Die
Untereinanderordnung deutlicher klarer und dunkler, aber lebhafter und würksamer
Ideen ist das Meisterstück der göttlichen Kraft und Weisheit, die in jedem
einzelnen Punkt nicht anders als aus der Zusammenordnung des Ganzen eingesehen
werden müsste.
    Wir müssen hier also bloss bei der Erfahrung und bei klaren Begriffen
bleiben, von denen es gnug ist einzusehen, warum sie nicht vollständig werden
konnten. Da finden wir nämlich die Kräfte der Seele gleichsam ausgebreitet in
alle mannigfaltige Verrichtungen des organischen Leibes. Ohne gewisse Teile,
fühlen wir, kann unser Denken nicht vor sich gehn: die Affekten regen
verschiedne Gliedmassen und Teile: die Sinnlichkeit hat ihre Werkzeuge: das
organische Gefühl verbreitet sich über den ganzen Körper - alle Teile und
Glieder also tragen auf die verschiedenste Weise zum Wohl der Seele bei, und
dies Wohl kann sich nicht anders äussern, als dass sie sich in allen Teilen wohl
fühle. Hiebei sollten wir nun stehnbleiben. Die Seele fühlt sich im Körper, und
fühlt sich wohl, wenn sie fortdauret, ihre Verrichtungen tut und die
Verrichtungen des Körpers ihr analog würken. Mens sana in corpore sano. Könnten
wir tiefer hin fühlen und uns aus dem tiefen Traume der sinnlichsten Kräfte
wecken: so würden wir ohne Zweifel inne, wie die Seele sich genau in allem
fühle. Wie sie die Modulation des Geblütsumlaufs höre und auch eben der
Modulation ähnlich denke! Wie das Otemholen durch seinen Druck auf die Maschine
zugleich der Takt sei, der die Modulation der Gedanken regiere! Wie in jedem
starken oder schwachen Gliede, nach Mass des Beitrags desselben zum Ganzen, die
Seele sich schwächer oder stärker fahle, freudig würke, oder matte. Kurz, der
Körper würde uns alsdenn deutlich, was er uns jetzt nur dunkel oder verworren
ist, Analogon, Spiegel, ausgedrücktes Bild der Seele. Und hier liegt nun der
Bestimmungsgrund unsrer ersten wichtigen Frage über die Natur des Erkennens und
Empfindens: nämlich das Erkennen der Seele kann als ein deutliches Resultat all
ihrer Empfindungszustände betrachtet wer den; die Empfindung also kann nichts
anders sein als gleichsam der Körper, das Phänomenon des Erkennens, die
anschaubare Formel, worin die Seele den Gedanken sieht. Dies ist die
ursprüngliche Bestimmung beider Fähigkeiten, die sich in der Entwicklung aller
merkbaren Fälle und Zustände zeigt.
    Da hiezu das Bild des ganzen Körpers mit all seinen Empfindungen ein zu
dunkles, vielartiges Bild wäre, sintemal er von zu vielem andern abhängt, ein
Sklave des grossen Laufs der Natur ist und der Seele nur unvollständig zugehöret:
so lasset uns ihr eigentlicheres Gebiet, die Sinnlichkeit im engern Verstande,
betrachten, und wir werden die ursprüngliche Bestimmung beider Fähigkeiten, des
Erkennens und Empfindens, auf die angegebne Weise sehen.
    Immer nämlich ist jeder Sinn ein Organ, der Seele Empfindung und unter der
Hülle derselben Erkenntnis zu geben Sie stellen ihr alle ein Mannigfaltes vor,
wo ihr Macht und Amt gegeben wird, daraus ein Eins zu machen. Jeder Sinn auf
seine Weise, aus seinen Gegenständen liefert ihr Schemata des Wahren und Guten,
d.i. viele in eine Empfindung vermischte Ideen und Teile des Weltalls, die aber
also vermischt der Sphäre des Sinnes angemessen sind, d.i. die der Seele also
vorgestellt werden, dass sie auf solche Weise in ihrer Menge leicht gefasst und
bis zu dem Grade Klarheit und Deutlichkeit aufgelöst werden können, als es fürs
Wohl des Ganzen itziger Zeit und in dem Zustande gehöret. Bei der Empfindung
jedes Sinnes übt sich also die Seele im Erkennen, d.i. sie hat eine sinnliche
Formel vor sich, die sie auf die möglich leichteste Weise entziffert und in ihr
ein Resultat von Wahrheit und Güte suchet.
    Beim Geschmack z.E. fühlet die Seele ein Mannigfaltes, das sie in eins
verwandelt. Alles zu Einförmige im Geschmacke macht Ekel, Überdruss und, wenn's
also einartig zu lange fortgesetzt wird, Erbrechen. Sind zu verschiedne Teile
zusammengesetzt, die sich nicht auflösen lassen, so wird der Geschmack widrig,
die Seele erliegt darunter, und im unausgeartet natürlichen Zustande war ein so
widriger Geschmack auch Zeichen der Ungesundheit der Speise. D.i. die Seele
erkannte dunkel aber lebhaft, dass der Leib die mit ihm oder unter sich zu
verschiedenartige Teile nicht einigen, nicht mit ihm in dem Zustande unmühsam
und zum Wohl des Ganzen assimilieren konnte; sie stiess sie also zurück und
sehnte sich nach andern. Kann sie's aber, so wird das dolce piccante, das sanfte
Vielförmige, die angenehme Reizbarkeit daraus, wo sich die Seele durch den Sinn
sanft beschäftigt fühlt, wo sie leicht auflöset und ihrer Natur assimilieret,
kurz, wo sie eine gewisse Formel der Wahrheit und Güte auf eine sanft gemischte
Art entziffert und sich also würklich in einer der Erkenntnis analogen Handlung
fühlet.
    Der Geruch würkt schon tiefer und in einer zur Seele nähern Region. Orient,
das Land der Düfte und Gerüche, fand die Ideen derselben schon so fein, dass sie
sie zur Speise der Seele, der Genien und zur Nahrung der Götter machten, wenn
sie ja Speise genössen. Das Pasten am Geruche war ihnen schwerer Hunger, und
andre Sprachen sagten in einer andern Beziehung einen Menschen von verstopfter
Nase für einen dummen Menschen auch nicht umsonst. Der Geruch liefert schon
seine Formeln der Erkenntnis in der Mischung von Düften; er ist gleichsam der
Geist des Geschmacks, der ohne ihn tot ist, und eine nahe Pforte zu den feinern
Sinnen. Die Seele schwimmt mit ihm in einem vielartigen Äter, den sie, wie
Dissonanzen, leicht auflöset und in eins, die Natur ihres feinen Organs,
verwandelt. Daher ist der Geruch so stärkend und ruft die Lebensgeister wieder:
die Seele fühlt sich in ihm gleichsam in der Mittelregion zwischen Geist und
Körper mit einer angenehmen Formel des Erkennens beschäftigt.
    Gehör und Gesicht endlich sind die Spiegel- und Tonkammer der Seele. In der
Tonkunst löst die Seele immer auf, nur dunkel, weil sie sonst das Mannigfaltige
verlöre. Der Rameausche Erfahrungssatz zeigt, dass jeder Ton die aufsteigenden
harmonischen Töne mit entalte, und der Erfahrungssatz des grossen Tartini
zeigt, dass auch der Gang der Melodie als ein Resultat zweier gegebnen Töne
schon mechanisch vorausgefühlt werden könne; aus welchen beiden Grundsätzen
zusammengenommen sich der ganze Mechanismus der Tonkunst erkläret. In Harmonie
und Melodie übet sich die Seele also an Formeln des Erkennens, der Reduktion
vieles zu einem auf die angenehmste Weise. Nicht das aber bloss, sondern in der
ganzen Natur liegen Materialien zum Wohllaute um uns, woran wir uns unaufhörlich
üben. Um uns tönt ein grosses, ewiges Konzert von Bewegung und Ruhe. Der Sturm
oder das Säuseln der Lüfte, die Musik, die in jedem körperlichen Tone von seiner
Anschwingung bis zu seinem Ersterben durch alle Grade der Bebung liegen muss,
gibt unsrer Seele ewig ein fortstrebendes Geschäfte der Auflösung, Voraussicht,
des Genusses ihr[er] selbst in jedem Tone. Die menschliche Stimme endlich
vollendet alles. In jeder Periode tritt schon den Tönen nach uns eine Formel des
Ausdrucks vor, eine Mannigfaltigkeit zur sanften Einheit, eine Modulation von
Empfindungen, die sehr tief, uns unmittelbar gleichartig würken. Bei dem Gesicht
wird alles am klärsten. Alle Farben und Flächen um unser Auge sind ihm
harmonisch; das man bald fühlen kann, wenn man sich einen gelben Himmel, eine
feuerrote Wiese, schwarzes oder schneeweisses Laub der Bäume zusammengedenket.
Die Natur nahm die mittlern, sanftesten Farben und verteilte sie also, dass die
Seele am längsten auf ihnen ruhen und sie am leichtesten auflösen konnte. Den
Wechsel zwischen Tag und Nacht setzte sie durch sanfte Übergänge, Morgen-und
Abendröte zusammen, und wo sie konnte, lieferte sie Symmetrie, leicht zu
fassende Wohlgestalt und Schönheit. Die Bäume wachsen in sanfter Verjüngung und
sind das natürliche Muster der schönsten, festesten Formel der Baukunst. Ohne
dass sie's weiss, umfasst die Seele den Stamm, gleitet sanft umher und mit ihm in
die Höhe, fühlet also dunkel das Streben aller Radien in demselben zum
Mittelpunkte, d.i. Vollkommenheit des Zirkels, und das sanfte Fortstreben hinauf
in gerader Linie auf seiner Wurzel, in seinem Kreise, bis zum Überfluss seiner
Äste zum Nutzen und zur Notdurft. Nichts hat die Natur eckig gemacht, nichts,
dass sich das Auge dran stosse. Wo ein Kleineres dem Druck des Grössern unterliegt,
ist's mit der grössten Sparsamkeit, der mindesten Ausnahme. Die Pflanze richtet
sich wieder in die Höhe, wenn sie dem pressenden Steine entkam; die umgekehrte
Wurzel wendet sich selbst in der Erde, und der vom Winde gebogne Baum verjüngt
sich noch in seiner gebeugten Stellung. Warum hat die Natur alle Gestalten der
Tiere mit Symmetrie bekleidet? Inwendig in ihrem Baue sind sie's nicht, da
arbeitete sie für die Notdurft und nicht für die feinere Notdurft einer durchs
Auge gestaltsammlenden Seele. Im Meer und im Staube sind Geschöpfe, wo sie auch
im Äussern noch der Bedürfnis unterlag; die Glieder der Berechnung ihrer
Gestalten treten noch nicht helle hervor oder scheinen ungleichartig
nebeneinander. Je näher sie dem Menschen kam, desto mehr bildete sie den Staub
harmonisch. Vögel und Fische symmetrisch geschuppt und befriedet: die Tiere
symmetrisch gefärbt und gebildet: endlich passte sie diese Weisen wieder
zusammen, und die Menschengestalt ward! Welche Formel von Wahrheit und Güte in
jedem Gliede, in jedem Zuge! Ein Ausdruck unnennbarer Tiefe! eine Formel vom
Weltall im leichtaufzulösendsten, umfassbarsten, simpelsten Bilde. Dieser Formel,
sehn wir offenbar, blieb die immer verändernde Mutter auch in den Geschlechtern
hinter dem Menschen so lange treu, als sie's bleiben konnte, und lauter solche
seelenvolle Bilder legte sie dem Gesichte des Menschen umher, daraus Seele, d.i.
Wahrheit und Güte, unter jeder harmonischen Gestalt zu suchen und zu finden. Sie
übt und sammlet das Erkennen unter lauter Empfindung: diese ist nichts als die
leichteste, meistbeschäftigende, angenehmste Aufgabe zu jener.
    Welche unabsehliche Weisheit, Güte und Wahrheit des Urhebers der Natur
herrscht in dieser Einrichtung. Jeder Teil des Weltall, der sein Bild ist, und
also auch in so hohem Grad jede menschliche Seele ist mit jedem Sinne, unter
jeder Gestalt, nichts als der Wahrheit und Güte fähig. Kein Sinn, als Sinn kann
sie trügen: alle Vorstellungen, selbst die dunkelsten, sind prägnant von
Wahrheit im Schosse der Empfindung: Irrtum ist nichts als eine Vermischung und
Zusammenwerfung zu vieler Teile, deren Grund wir noch nicht sehen, also nichts
als ein Übel unterwegens auf dem Gange zur Wahrheit. Und da es nun der
natürliche Fortschritt ist vom Dunklen zum Hellern, vom Unvollständigen zur
Vollständigkeit, welch ein schöner Weg ist jeder Seele bestimmt im Universum.
Sie läutert und scheidet immer: jede sinnliche Empfindung, die Hülle der
härtsten Notdurft übt sie und hält sie auf dem Wege: sie soll unter allen
Gestalten nichts als Wahrheit und Güte ernten, die eins sind. Sie übt sich immer
im Erkennen, indem sie empfindet.
    Nun gab uns die Gotteit so viel Sinne, als sie uns auf dieser Stufe des
Daseins, ohn uns zu überladen, geben konnte, oder vielmehr wir sind auf jede
Weise, da wir's hier sein konnten, unendlicher, ganz Sinn. Wir sind z.B. nie
ohne Gehör und hören gewissermasse den Schall der Sphären, den Wohlklang des
Universum, in dunkler Tiefe; nur weil er uns übermannt, weil unser Ohr der Menge
und Stärke unterliegt, hören wir gar nicht, wie ein Kind den Schall des
Geschützes nicht vernimmt, wenn Erwachsne dafür erbeben. Auf einem Lichtstrahl
gleiten wir bis in die fernsten Tiefen des Universum, bis unser Auge dunkel wird
und sich der Himmel für uns bläuet. So mit allen Sinnen, und auch das ist wie
weise Güte des Urhebers. So wird jedem Sinn seine Sphäre; worunter er erliegen
würde, empfindet er gar nicht: da wird scheinbare Ruhe! da wölbt sich der
Himmel! - Da ein Sinn also nicht das Universum durchdringen und ertragen konnte,
so gab uns die Gotteit viele schwächere Sinne, um uns in Abwechslung an
verschiednen Formeln der Wahrheit und Güte zu üben, von denen immer doch ein
Resultat auf das Innere der Seelen zurückfallen sollte. Ein Blick in die Natur
des Frühlings z.E., welche reiche Ernte für die Seele! Duft, Lied, schöne Farbe,
Wohlgestalt - alles fliesst zusammen und füllet die Empfindung - ein angenehmes
Chaos von Schöpfersideen voll Weisheit und Güte, das auch das Bild Gottes die
Schöpferin in uns, so viel und weit sie kann, nachempfindet und sich, soviel sie
kann, zu einer Welt voll Wohlordnung für sich bildet. Jede Empfindung endlich
liefert die Kenntnis auf die fruchtbarste und leichteste Weise: das ist das
Kriterium der Empfindung. Viel ist in ihr zusammengehüllt, das auf einmal in die
Seele kommt, dadurch sie zur Entwicklung gelockt wird. Sie sieht sich auf einmal
im Besitz eines solchen Schatzes und strebt den Schatz zu geniessen; sie strebt
aber auf eine so sanfte Weise, dass sie, wie die Aufgabe bemerket, nur mit sich
selbst beschäftigt, nur geniessen oder geniessen zu wollen scheint, und eben damit
rückt sie erkennend weiter. Sie unterhält sich selbst so unmühsam, als ob sie
ganz von der Empfindung unterhalten würde und nicht wirkte, sondern genösse. In
solcher Blüte von Notdurft und Liebe keimt das Erkennen, die Frucht! - Weise
Güte des Vaters unsrer Empfindungen und Kenntnis!
    3. Es ist leicht zu erachten, dass das sogenannte höhere Denken der Seele
ganz auf dem Wege fortgehen müsse. Solang noch alles im Klumpen daliegt, heisst's
Gedächtnis: da dies aber nur durch die Einbildung möglich ist, so sieht man, es
ist nur das zurückgeworfne Bild, die vorige Formel, abgekürzt in der Seele, die
andern Kräften zur Grundlage dienet. In allen Werken der Einbildung sehn wir nur
zweite Abdrücke der Empfindung, und je natürlicher das Werk ist, desto mehr
ist's für den Seelenforscher ein Spiegel der sinnlichen Kräfte des Urhebers.
Welche Sinnen bei ihm geherrschet? welche stumpf oder verstümmelt waren? nach
welchen Gesetzen er das Chaos so verschiedner Eindrücke ordnete? wie klar oder
dunkel er in jedem die Wahrheit und Güte selbst oder nur ihr Kleid im Nebel
fühlte? Das alles zeigt sich darin wie im Spiegel. Die Einbildung ordnet in
sinnliche Bilder; da aber in einer menschlichen Seele sie nie ohne Verstand sein
kann, in wie unmerklichem Grad er auch würke: so äussert sich immer wieder die
vorige Kraft, die aus dem Chaos der Sinne, des Gedächtnisses, der Einbildung und
Begierden Teile wählt und zu ihrem einen Zwecke ordnet. Hier wird also Naturlauf
im kleinen; ein Gebrauch vieler Mittel zu einem - darauf beruht Kunst und
Handlungsweise und alle Sittenlehre zur Glückseligkeit unsres Ganzen. Auch hier
also bleibt die vorige Analogie sichtbar: dass unsre Verstandskräfte nämlich
Gesetze der Natur, Regeln ihres Laufs aufsuchen und nachahmen, dass sie sich an
solchen unter der Hülle jeder Empfindung üben und ebenso weiterwürken. Die
Empfindung ist also wieder Blume des Erkenntnisses und der Handlung.
    Lasset uns nämlich alle Affekten betrachten: was sind sie anders als sehr
starke vielfassende und lebhafte Begriffe, Bilder, Gestalten und Formeln dessen,
was wir für gut oder böse halten? Die Natur hat sie als den leichtsten Weg
gewählt, auf einmal so starke Eindrücke, so vielfache Kenntnisse und
Eigenschaften in die Seele zu bringen, als auf dem Wege des deutlichen Erkennens
nicht möglich wäre. Liebe und Hass, Furcht und Hoffnung, Glaube und Verzweiflung,
Mitleiden und Barmherzigkeit, Fröhlichkeit und Reue, Bewundrung und Verachtung,
Scham und Ehrbegierde usw., wie heftig würken sie ins Gemüt! malen den
Gegenstand der Leidenschaft mit Feuerfarben tief in die Seele! erregen alle
Winde und Neigungen derselben zum Wollen, zur Tat! Und da doch unter jeder
derselben ein angebliches Gute entalten ist, wonach die Seele fleucht: so sehn
wir in ihnen dasselbe Gesetz würkend, was wir in jeder Handlung der Seele
bemerkten, Erkenntnis nämlich im Schoss der Empfindung. Und hier musste also,
damit die Erkenntnis würksam werde, die Empfindung, das Symbol derselben, mit
Feuercharakteren malen. Das Schiff des Lebens hatte, zum mindsten bei
ausserordentlichen Seelen, die Winde nötig.
    Auch zeigt sich hier nun bei dieser Einhüllung ebendie vorige Regel der
Richtigkeit, Wahrheit und Güte des Schöpfers. Was sich uns nicht durch die
Empfindung, im höchsten und reinsten Umfange betrachtet, als gut empfiehlt,
stösst die Seele von sich: es liegt schon in der Natur des fühlenden Wesens, dass
es sich davon befreie. Scheint etwas gut, was es nicht ist: so ist der Irrtum
nur durch den Nebel, durch die Zusammenfassung des übertäubenden Zuvielen,
dessen Verknüpfung unter sich oder Beziehung auf uns wir nicht einsahn,
entstanden. Die Eigenschaften rücken näher, lösen sich auf, und der Irrtum muss
einen Ort haben, wo er verschwindet. Das Böse ist nur durch Irrtum und Schwäche
entstanden: es muss nach der Analogie des Schöpfers einen Ort geben, wo, wenn
jener weichet, diese Schwäche, die bloss aus dem Unterliegen unter zu vielem
entstanden, sich in Kraft verwandele. Keine Empfindung kann und soll bis zu Ende
trügen: die dunkelste und überwältigendste ist nur in einem langsamen Gange und
grösserm Kampfe der Weg zur hellen und um so reichern, richtigern Erkenntnis. Die
menschliche Seele und das Universum für sie ist voll Anlagen zur Weisheit, Güte
und Tugend in jeder Leidenschaft, in jeder Erscheinung.
    Darauf beruht nun auch die ganze Sittenlehre. Die Seele nämlich zu leiten,
dass sie sich nicht täusche, dass sie in jedem Spiegel des Guten und Wahren auch
nichts als diese reine Substanz erblicke, sich auch selbst in verworrenen
Gestalten an sie gewöhne, damit sie nie eine Wolke für die Göttin umarme,
sondern stets den graden Weg zur Freude und Glückseligkeit treffe. Sie wappnet
uns also mit Vernunft und anerkannter Lehre der Weisheit in das Feld des Streits
und übt uns, von dieser Lehre nicht zu weichen, bis wir überwunden. Wo die Seele
schon eine üble Gewohnheit angenommen, falsch zu sehen und zu rechnen, d.i.
falsche Grössen zu substituieren, die nicht dastehn, und unter einem angewohnten
schiefen Winkel die Gegenstände zu nehmen, damit sich ihre Gestalt verwirret: so
setzt sie dieser übeln Gewohnheit Bollwerke, Affekt dem Affekt entgegen und
bietet alles auf, der Seele freies Auge und freie Hand zu verschaffen, das Wahre
und Gute in allen Phänomenen zu sehen, in allen Empfindungen zu umarmen und
anzustreben mit allen Begierden. Da sind alsdenn Verstand und Wille eins!
Handlung ist die lichte, freie Idee des Wahren und Empfindung ihr reines Bild,
ihr starker allvermögender Ausdruck. Das ist das hohe Ideal der ursprünglichen
Bestimmung beider Fähigkeiten, dem wir uns aber nur immer nähern.
    Lasset uns nun nochmals die Reihe von Erfahrungen sammlen und ordnen, die
uns beide Kräfte in ihrem Ursprunge zeigen; das Grundgesetz, darauf sie sich
zurückführen, erhellet denn von selbst.
    1. Die menschliche Seele als ein eingeschränktes Wesen hat auch keine
unendliche Kraft, zu erkennen, und umfasset nicht das Weltall in seinem ersten
Grunde. Der Schöpfer hat sie also an eine organische Materie als einen
künstlichen Auszug des Weltall geknüpft, dass sie mittelst seiner erkenne und
sich das Weltall nach Analogie desselben bilde. Das ist der Leib, ein Analogon
ihrer Kräfte und ein Auszug, Symbol, ein vorstellender Spiegel des Universum für
sie (à la portée d'elle).
    2. Die Begriffe mittelst dieses Körpers sind Empfindungen, d.i. dunkel
zusammengehüllte Vorstellungen des Weltalls nach einer leicht fasslichen,
angenehmen Formel, d.i. für einen Sinn eingerichtet. Die Seele, die sich nicht
mit dem Körper aus deutlichen Begriffen gesellet, sondern sich in solchen
Zusammenstrom des Universum nur wie findet, kann nichts tun, als dass sie würke,
d.i. die Empfindungen auflöse, wie sie ihr zuströmen. Ihre Natur ist eins, und
sie bringt ein deutliches oder klares Eins in alle das Vielfache im Spiegel
ihrer Organe. Ihre Natur ist Wahrheit und Güte; sie bringt also dies Wesen in
jedes Phänomenon, das ihr die Natur aufgibt. Sie erkennet, will, handelt.
    3. Die allweise Natur, die sich überall gleich ist, hat's also so gefüget,
dass ihr nichts zuströmen kann, was nicht Symbol der Wahrheit, Güte und
Vollkommenheit sei, wenn sie's auflöset, d.i. klär und deutlich sieht. Um sie
nun an diesem Geschäft unablässig zu üben, gab sie ihr die vielartigsten
Probleme auf, d.i. sie gab ihr verschiedne Sinne, und in jedem denselben Empfang
auf eine andre Weise. Sie schränkte aber diese Sinne für sie (à la portée
d'elle) ein, damit sie keinem derselben unterläge, und gab ihr das Principium
der Tätigkeit zur Natur, sich anderswohin zu wenden, wenn sie nicht mehr
erkennete. Dies ist das Phänomenon der menschlichen Freiheit, das am tiefsten in
der willkürlichen Aufmerksamkeit liegt, eine Seite des Weltalls zu verfolgen
oder davon zu abstrahieren, wenn sie uns nichts mehr brächte oder wir sie nicht
zu umfassen vermochten. Und da stiftete der Schöpfer eine so weise und gütige
Zusammen-, Unter-und Nacheinanderordnung dieser Symbole des Weltalls, dass die
Seele, das Steuerruder in der Hand, immer fortstrebe. Der grösste Teil des
Unendlichen muss noch dunkel bleiben, weil wir keinen Sinn dafür haben: eben
deswegen ignorieren wir ihn auch und freuen uns schon jetzt, in jedem Sinn eine
Formel zur Auflösung des Universum, ein Pfand der Gotteit und Symbol des
Unendlichen an Wahrheit und Güte zu besitzen.
    4. Schliessen wir nun nach dieser Analogie weiter, so muss sich alles Gegebne
in aller gegebnen Zeit zur Wahrheit und Güte auflösen und kein Punkt des Ganges
müssig bleiben. Jeder Irrtum muss eine Wolke sein, die sich einmal zertrennet, und
jede auch fehlgeschlagne Übung in Entwirrung der Symbole des Weltalls muss der
Seele eine neue Formel geben, die sie witzige und bessere. Mit der Fortdauer der
erkennenden Seele ist also auch immer Fortstreben verbunden. Sie umfasst mit
jedem Schritte ein grösser Teil des Weltalls und wird immer mehr geübt, das Bild
Gottes, Wahrheit und Güte, in allem zu entwickeln, immer mehr in wenigerer Zeit
auf leichtere Weise in ihr Wesen zu assimilieren, das eben das Eins der Wahrheit
und Güte ist, das sie in allem findet.
    5. Das ist also das Hauptgesetz, wornach die Natur beide Kräfte geordnet:
nämlich, dass Empfindung würke, wo noch kein Erkennen sein kann: da diese vieles
auf einmal dunkel in die Seele bringe, damit diese es sich bis zu einem Grad
aufkläre und ein Resultat ihres Wesens darin Ende: dass dies auf die leichteste,
angenehmste Art geschehe, damit das Meistmögliche in der kürzesten Zeit erkannt
und die Seele sanft fortgeführet im Würken ausser sich werde, als ob sie allein
mit sich würkte und sich beschäftigte. Grosses Meisterstück der mütterlichen
Vorsehung, und ihm bleibt die Seele bei jedem Schritte des Daseins, selbst in
Nebel und Irrtum, treu. - Es entwickelt sich aus den gegebnen Grundsätzen eine
Philosophie der Seele, des Weltalls, der Gotteit, über die ich mir nichts
Erhebenderes denke. In jedem kleinsten Teile des Unendlichen herrscht die
Wahrheit, Weisheit, Güte des Ganzen: in jedem Erkenntnis wie in jeder Empfindung
spiegelt sich das Bild Gottes, dort mit Strahlen oder Schimmer des reinen
Lichtes, hier mit Farben, in die sich der Sonnenstrahl teilte. Erkennen ist
Glanz der Sonne geniessen, die sich in jedem Strahle abspiegelt: Empfindung ist
ein Farbenspiel des Regenbogens, schön, wahr, aber nur als Abglanz der Sonne.
Gehet diese klar auf am Firmament, so verschwindet der Regenbogen mit all seinen
Farben.
 
 II. Prüfung der wechselseitigen Abhängigkeit der Fähigkeiten des Erkennens und
          Empfindens nebst der Art, wie eine in die andre Einfluss hat
    Sind unsre Grundsätze bisher richtig gewesen, so erhellet, dass kein
endliches Geschöpf bis zum obersten Engel hinauf nicht ohne Empfindungen sein
kann, d.i. dass sein Erkennen noch immer vom Empfinden abhange. Solange er das
Unendliche nicht umfasset (und wenn kann er das?), so sieht er nur einen Teil
desselben, das übrige liegt dunkel auf ihm, er kann's nur verworren fassen. Er
fasst es aber doch, denn in ihm liegt ein lebendiger Spiegel des Universum, d.i.
die Kraft seines Wesens ist der Kraft der Gotteit ähnlich, was sie sich
vorstellt, kann sie nur unter dem Bilde der Wahrheit und Güte fassen. Also
strebt sie immer, sich nach ihrer Analogie ein Weltall zu bilden, und kann,
sofern sie jede Formel treu empfängt und richtig berechnet, nicht irren, und wo
sie irrt, rückt sie, wenn der Irrtum überwunden ist, weiter. Der oberste
endliche Geist (wenn's im Unendlichen ein endliches Oberstes gibt) hat mit uns
der Beschaffenheit nach ein Los, sosehr er uns an Grösse und Umfang dieses Loses
übertreffe. Es ist der nächtlichste Irrtum, aus Scheu dieses Lebens ihm
entfliehen zu wollen: hinter demselben findet man immer dies Leben wieder, nur
erschwert und verärgert, wenn man der Fortleitung der Natur nicht folgte.
    Auf unsrer Stufe des Daseins, sehn wir, hängt unser Erkennen noch von sehr
dunkelm Empfinden ab; uns dämmert nur der erste Strahl der allgemeinen, höchsten
Vernunft vor; wir sind nur einen Schritt über das ganz sinnliche Tier erhoben.
Dies erliegt noch unter lauter Empfindungen, die es auf klare, helle, lebhafte,
prägnante Weise, aber noch nicht deutlich wie wir sieht: der Sonnenstrahl ist
ihm noch lauter Farbe und Schimmer. Auch selbst das Tier aber kann auf seiner
dunkeln Stufe nicht anders als Gotteit empfinden: jeder Sinn liefert ihm,
ebensowohl wie uns, ein Bild, eine reiche Formel von Wahrheit und Güte, die es
ebenso wie wir, nur dunkel, berechnet und in ihm das Resultat, seinem Wesen
gemäss, findet. So geht's tief hinab bis zum Zoophyt und zur Pflanze: ihre
Organisation ist schon ein künstlich gebildeter Zustand, das Universum unter
einem gewissen Sinne zu einem lebendigen Eins zu sammlen, andre Dinge in sich zu
assimilieren, das Fremde fortzustossen und damit fortdauernd und fortstrebend
sein Wesen zu erhalten. So muss es mit den Gesetzen der Bewegung in der toten
Materie sein: denn Bewegung ist das dunkelste Analogon des Lebens. Und eben
daher sind in der Natur keine Abteilungen, Klassen, Arten. Alles fliesst wie
Farbe des Sonnenstrahls ineinander, fängt vom Mindesten an und bereitet sich zum
Höhern vor. Vom Mindsten aber bis zum Höchsten herrscht nur ein Gesetz, das All
zu repräsentieren, von Dunkelheit zur Klarheit, vom Empfinden zum Erkennen zu
steigen, die beide auch eins sind, und wo sich in allem eine Gotteit spiegelt.
Auf solcher ersten Stufe des Erkennens stehn wir.
    Aus dem gegebnen Gesichtspunkte lässt sich auch über die Frage von angebornen
Ideen mehr bestimmen, über die man nur zu sehr gestritten hat, weil - man sich
nicht verstand; so dass ich auch zweifle, ob selbst Leibniz in seinem
vortrefflichen Werke über Lockes Versuch sich den Schülern dieses Systems
befriedigend gnug ausgedrückt habe. Da sie nämlich alle Ideen für ausgedruckte
Gedanken (pensées), einzelne Bilder und Symbole (faits, modi etc.) nehmen und an
den sogenannten qualitatibus secundis der Begriffe hangen: so wird ihnen
Leibniz, Descartes, Spinoza, Shaftesbury, Plato und wer auf die Seite neige,
immer Ungereimteit sagen, sowenig diese Weltweise darin Ungereimteit dachten,
und kaum glaube ich, dass auch das Gleichnis von der Bildsäule, die im Marmor
schon mit vorgerissenen Adern liegt, die Sache gnug rechtfertige. Man trete in
die gegebne Vorstellungsart, und das Ja und Nein bestimmt sich von selbst. Ist
in unsrer Seele die Kraft, zu erkennen nach dem Bilde der Gotteit, d.i.
Wahrheit und Güte zu finden und in ihr Wesen zu wandeln: so ist sie sowenig eine
glatte Tafel, als unser Leib es vom ersten Augenblick seiner Bildung ist, und
ich glaube, man könne sich kein unförmlicher Bild denken. Das Gesetz Gottes ist
schon mit Flammenschrift in ihr Herz geschrieben: in ihr glühen Kräfte,
lebendige Funken, alles in ihr Wesen zu verwandeln, was sie kann, das Bild der
Gotteit in allem anzuerkennen und als ein Teil ihres Selbst zu geniessen. Und
das sind nun die angebornen, allgemeinen Ideen, das Recht und Unrecht, die
Wahrheit und Güte, die sie in allem zu finden strebt: sie sind ihr Bild und
Wesen selbst. Einzelne Empfindungen aber sind ihr nicht angeboren, und noch
weniger kann und soll sie historische Fakta, Symbole u.dgl. in sich studieren.
Selbst das Bild ihres Leibes ist ihr ja nicht helle einwohnend: sie weiss nicht,
wie ihr Ich zu dem sie immer begleitenden Symbol gekommen. Nun aber kann sie
doch nichts tun, als ihr Ich, was ihr angeboren ist, mit diesem und mit allen
ihr vorkommenden Symbolen zu verbinden: mir das, was ihrer Natur ist, mit sich
zu assimilieren; an allen Erscheinungen und Begebenheiten übt sie nur, als an
Symbolen, das, was ihr angeboren ist. Da ist's nun die höchste Weisheit des
Urhebers, dass in allem einerlei Ideen hervorleuchten oder hervorschimmern - die
tiefste Geometrie, das Bild der Gotteit, das sie eben deswegen überall
anerkennet, weil's ihr angeboren ist. Wäre dies Erkennen nicht der tiefste Grund
der Seele, so wäre ihr ja alles gleichviel: so wäre sie für jede äussere
Empfindung taub. Ein Atom, eine glatte Tafel müsste auch immer eine glatte Tafel,
d.i. ein völliges Unding, bleiben. Ich weiss kaum, ob es eine superfiziellere
Denkart geben könne als diese, die gar nichts sagt. Sobald man aber über die
leeren Töne hinaus ist, müssen beide Parteien gerade eins denken: denn niemand
kann unser Erkennen durch Empfindung und unser Empfinden, damit Erkenntnis
werde, leugnen.
    Auch über den Einfluss des Leibes und der Seele gibt der gegebne Standpunkt
kläreres Licht: denn er ist doch im Grunde nichts als der wechselseitige Einfluss
zwischen Erkennen und Empfinden. Ich kann's mir nämlich nicht denken, wie das
sogenannte System des Einflusses, wenn man's etwas mit Sinn vorstellet,
ungereimt sein sollte, da es doch offenbar das System der Natur, d.i. simple
Erfahrung ist, und die andern zwo im Grunde nichts sagen. Behauptete jemand, die
Seele als ein immaterieller Geist würke auf Körper als ein Körper, durch Stoss,
Schlag u.f., so hat er ungereimt geredet. Er hat auf einmal die Seele materiell
und immateriell angenommen, und darüber ist kein Wort zu verlieren. Man muss
also, um wenigstens konsequent zu irren, annehmen: entweder dass die Seele selbst
Körper sei, wenn sie auf Körper stosse, dass sie der Schöpfer in die Zirbeldrüse
aufgehangen, dass sie sich in derselben umherdrehe und damit Gedanken wie der
Seidenwurm Fäden aus sich ziehe oder wie eine Spinne alle aufgezogne Fäden des
Nervensystems durchtaste und was dergleichen schon der Erfahrung widersprechende
Ungereimteiten mehr sind. Und mit ihnen allen wird der Widerspruch nicht
gehoben, dass das, was den Augenblick vorher kein Gedanke, Körper war, jetzt
Gedanke, erkennende Seele werde. Oder man muss, wie's doch offenbar ist, die
erkennende Kraft, sofern sie erkennt, als unkörperlich annehmen, und alsdenn
kann sie freilich weder stossen noch hauen noch schlagen; bedenkt man aber nicht,
dass sie, um im Körper tätlich zu empfinden, das alles weder tun kann noch soll,
oder sie könnte nicht empfinden?
    Unser Körper ist als Ganzes und als Werkzeug der Seele nur ein Aggregat
vieler Teile, und das Aggregat, weiss jedermann, ist nur Phänomenon, Begriff der
Ordnung. Aufs Aggregat kann die Seele nicht würken, ohne dass sie aufs Einzelne
würke, und das Einzelne sind auch im Körper nichts als Kräfte: Kräfte der
Empfindung, auf deren innern Zustand sie gewiss als denkendes Wesen würken kann,
da Empfinden und Denken im Grunde einerlei ist. Ich sehe also, selbst nach dem
System des Erfinders der prästabilierten Harmonie, gegen diesen Einfluss und
Einwürkung nicht den mindsten Zweifel. Niemand hat's besser, als er, gewusst und
angenommen, dass der Körper als solcher nur ein Phänomenon von Substanzen sei,
die in der Vermischung und Verwirrung eine Substanz schienen, wie's die
Milchstrasse, Nebelsterne, Regenbogen und unzählige Phänomene der Natur. Selbst
die scheinbare Bewegung erklärte er für ein Phänomenon innerer Kräfte; und auf
diese sollte die Seele nicht würken können, sie, die selbst eine so innige Kraft
ist? Ihr sollte nicht ein Aggregat von dunkel empfindenden Kräften untergeordnet
sein können, die alle gleichartig auf sich würken und über die sie herrschet,
deren dunkle Probleme sie mit Intuition anschauet und im Resultat davon ihr
eigen Wesen immer heller erblickt? Ich sehe nicht den mindesten Zweifel, und
alles spricht dafür. Das System der Harmonie ist wahr, aber unvollständig: es
erklärt nicht, was es erklären soll. Nicht der Philosoph, der sich seines
Systems bewusst war, nahm dazu die Zuflucht, sondern der witzige Kopf, der bei
dem Phänomenon stehnblieb und im Drange der Not das Gleichnis von den zwo Uhren
zu Hülfe rief, das hier gar nicht passet. Weder Seele noch Körper ist eine
solche für sich gehende, mechanische Uhr. Die Seele hat bei ihrer göttlichen
Natur, da sie eingeschränkt ist, Sinne nötig, die ihr das Weltall ihrer
göttlichen Natur gemäss vorspiegeln. Der Körper ist in Absicht der Seele kein
Körper: ist ihr Reich: ein Aggregat vieler dunkel vorstellenden Kräfte, aus
denen sie ihr Bild, den deutlichen Gedanken, sammlet. Sie sind also würklich
voneinander abhängig und füreinander zusammengeordnet. Den Grund des Aggregats
vom Körper finde ich nicht anders als in der Seele: und im Körper den Grund,
warum die Seele aus solchen und diesen Formeln sich das reine Weltall, das in
ihr liegt, wecket. Kurz, der Körper ist Symbol, Phänomenon der Seele in
Beziehung aufs Universum.
    Die ganze Seelenlehre, glaub ich, bekäme nicht bloss mehr Leichtigkeit, Kürze
und Anschaulichkeit, sondern auch mehr Aussichten auf Seiten des Universum, wenn
sie auf diese Vorstellungsart bauete. Wir haben doch schon überhaupt für alle
Verrichtungen der Seele kein eigentliches Wort, und dieser Ausdruck dünkt mich
eben der Standpunkt zu sein, auf den die Natur unser zusammengesetztes Dasein
hinstellte. Wir werden sie nie ganz übersehen, wenn wir uns immer nur bei einer
Seite aufhalten, bei dem Idealismus ihrer Kräfte oder bei den qualitatibus
secundis körperlicher Ideen - zwei Ufer, woran auch zwo berühmte Philosophien
lange laviert haben. Auf der Höhe des Meers ist freie, grosse Fahrt: und da
versuche ich mich weiter.
    Wenn's nicht aus dem absoluten Dekret Gottes, sondern aus Natur der Seele
als eines eingeschränkten Geistes ist, dass sie nicht ohne Empfindungen, also
ohne Körperorgane, existiere: und wenn sich nun all ihre Anerkennungen ihrer
Natur, d.i. allgemeiner Ideen, aus Datis und nach Massgabe dieser Organe sammeln:
so, sieht man, ist die Physiognomik im weitesten Verstande, d.i. die
psychologische Physiologie, der wichtigste Teil der Weltweisheit. Sie allein
kann uns ins Heiligtum der Seele fahren: denn der Körper ist nur lebendwürkendes
Symbol, Formel, Phänomenon der Seele. Ohne alle Mystik und im schärfsten
philosophischen Verstande ist der innere Mensch dem äussern durch und durch
einwohnend: dieser nur die Hülle von jenem, und die Haller, Mead, Zimmermann
sind mehr, als alle Grübler a priori, seine Vertrauten: denn a priori wissen wir
von der Seele nichts.
    Durchschauten wir nun den ganzen menschlichen Körper und sähen in jedem Teil
und Gliede desselben den Beitrag der lebendigen Kräfte desselben zum Gefühl, zum
Erkennen und Empfinden: wir oft würden wir unter dem Diaphragma Ursachen des und
jenen moralisch-psychologischen Zustandes finden, die wir jetzt im Kopf suchen!
Hier hat die Seele stumpfe, schwache, zerrüttete Werkzeuge solcher, dort andrer
Art. Hier ist Nervengebäude schwach, dort die Muskeln kraftlos: hier wird das
Otemholen schwer: dort ist der Lauf des Blutes stockend. Hier war der Geruch
vom ersten Otemzuge dumpfig: dort das Gesicht schwach und dämmernd, hier
schwieg das Gehör usw. Die Seele schreibt schwach, oder falsch, wenn der Körper
ihr schwach oder falsch diktieret.
    Man ist gemeindlich geneigt, das nur immer bei dem einen Sinn oder Ort des
Mangels so bleiben zu lassen und zu glauben, das übrige sei unvollständig oder
gar um so vollständiger; man vergisst aber eins, dass die Seele nach dieser
Analogie auch in andern Fällen, wo sie richtiger handeln könnte, doch
fortandelt: denn alle Empfindungen sind Formeln ihrer Übung im Erkennen. Wer
also im Einmaleins eine falsche Kombination der Zahlen sich angewöhnte, der
bringt diese in allen Exempeln an und verwirret sie alle. Jeder Irrtum ist nicht
bloss an dem Orte der Wahrheit hinderlich, sondern überall, wo der Schloss der
Schatte seiner Analogie wird. Hat jemand sich einmal den Kopf mit einer
Hypotese von Lieblingswahn verrückt: so wird ihn weder Logik noch Matematik
flugs davon befreien. Er bringt in diese seinen falschen Kalkül mit hinein und
verwirrt sie, wo er sie nur verwirren kann - in der Anwendung. Barocci, sagt
Winckelmann, malte selbst der Anlage nach grünes Fleisch, weil sein Auge
vermutlich grünes Fleisch sah. Guido und Guercino zeichneten und färbten nach
dem Temperamente, was auf ihrem Gesichte herrschet. Durch Künste, Handlungen und
Denkart hält diese Ähnlichkeit stich - jeder erkennt nur nach seiner Empfindung.
Er stellt sich das Weltall nur nach den Formeln vor, die ihm sein Körper
zubrachte. Er empfindet nur im beständigen Horizont seines Körpers. Der
künstliche, veränderliche Horizont wirkt nach ebender Ähnlichkeit weiter.
Welchen Bildern ein Mensch begegnet, welche Erziehungsweise er genossen, wie
sich die Bilder bei ihm gemischet, wie lang er jedem Bilde, jeder Leidenschaft
nachgehangen - alles muss Spuren lassen, wie das Wasser in einer steinbildenden
Höhle. Es sollte das heilige pytagoreische Tagwerk, zumal an unsern Jahrstagen,
sein, zu untersuchen: wie auch nun die Seele Gestalt genommen? und auf welche
Weise sie gleichsam aus ihrer Kindheit erwachsen? Was jede Hauptsituation des
Lebens auf sie gewürket? An welchen Nebeln sich ihre Felder und Vorurteile
zusammengezogen und festgesetzet haben? usw. Wie in einen Abgrund sieht man bei
Untersuchung dieser Tiefe! Alles hängt aneinander, erinnert aneinander,
entwickelt sich auseinander, wie ein grosser Knäul: Natur und Kunst spielt
durcheinander. Das war die Ahndung, auf die jener Physiognom bei Sokrates traf
und nicht traf; es gibt aber auch hier wenige Sokrate. Die meisten Menschen gehn
im Traum des Lebens so mechanisch fort, als das Salz Kristalle anschiesst. Ihre
Denkart ist durch Empfindungen des Zufalls gebildet wie ein Stück
florentinischer Marmor.
    Und umgekehrt könnten und sollten doch die Erkenntnisse ebensosehr auf die
Empfindungen zurückwürken, als diese auf jene: denn wenn die Seele ihrer
Bestimmung folgt, so ist sie immer in dem Kreise, den ihr der Sinn vorhält und
gleichsam verzäunet, der Natur überlegen, d.i. das Phänomenon kann und soll nur
auf sie würken, sofern es mit ihrer Natur analogisieret, zur Wahrheit und Güte
durch Reiz und Schönheit - Aber wir wollen noch ohne moralischen Ton physisch
fortfahren:
    Wenn keine zwei Dinge in der Welt gleich sind, so sind's gewiss auch keine
zwo Seelen: selbst, wenn man noch gar nicht ihre Empfindungswerkzeuge zu Rat
ziehen dörfte. Nach der Stelle also, die die Seele im Geisterreiche hat, gibt
sie auch auf das, was ihr von aussen vorgestellt wird, jedesmal Druck, d.i. sie
analysiert's in die Gestalt ihres Wesens. Die innere Kraft gibt dem ganzen
Symbol von Empfindung von sich selbst aus Richtung, Dauer, Zweck, Fortleitung:
denn nicht der äussere Körper ist's, der in meine Seele kommt (er bleibt immer
auf seiner Stelle), sondern der Geist, das Bild von ihm, das vermittelst meines
Organs mir analog war. Wie sich also die Gestalt der Seele formt, so fängt sie
auch an, über die äussern Vorstellungen zu herrschen, gibt der Aufmerksamkeit
Richtung, diesem Bilde ihrer Natur gemäss Innigkeit und Tiefe, jenem Ausbreitung,
Dauer, Fülle. Sie und was sie zu sich rechnet, Leidenschaft oder Vernunft, gibt
dem ganzen Horizonte unsrer Empfindungen nach ihrem Augpunkte Farbe, Umkreis und
Höhe. Wir leben immer in einer Welt, die wir uns selbst bilden.
    Hier ist's nun, wo die Sittenlehre zu uns tritt, unserm schwebenden Schiffe
Steuer und Kompass zu geben, dass uns unsere Fahrt nicht gereue. Nachdem jemand
innere Stärke hatte, seine Empfindungen stets zur Wahrheit und Vollkommenheit zu
erhellen und aufzuklären, nachdem ward er weise. Wer seiner Phantasie nicht
unterlag, wen die Leidenschaft nicht lange fortriss, oder wer sich, im Strudel
fortgerissen, mit desto mehr Stärke wappnete und ans Land trat: ohne Zweifel ist
das ein andrer Mann, als wes, ohne mit Begierden zu kämpfen, ewig unter Rosen
schlummerte, eine Menschenauster war an Verstand und Empfindung. Diese schwache
Seele hat sich an wenig Sinnlichkeiten geübt, jene zerfloss auf der Oberfläche
und brachte es nie zur Fertigkeit, zum Resultate. Jener im Gegenteil zog die
Zügel der Neugierde stark an, empörte Empfindung gegen Empfindung, bis Stille
wurde - - Und so geht's ins Unendliche fort. Die Empfindungen liefern der Seele
rohe Materialien, Beute: sie prägt ihr Bild darauf nach ihrer Natur und bisher
erworbnen Übung. So hängen beide Fähigkeiten voneinander ab: so fliessen sie
ineinander.
    Es wird daher widrig, Erscheinungen der einen Fähigkeit leugnen oder
untergraben zu sehen, sobald man sie aus seinem engen System nicht deutlich
herzuleiten vermag. Die Würkungen der Einbildungskraft bei den Muttermälern z.E.
mögen diesmal, statt hundert andern Sachen, die Probe sein. Wenn's über sie
einmal offenbar Fakta gibt: so, dünkt mich, sollte es verlacht werden, wenn der
Verlacher sagt: Wie hat das aber durch die Nabelschnur dahin kommen können? Wäre
von einem mechanischen Druck die Rede, da Stirn auf Stirn, Rücke auf Rücke, Form
auf Form sich stossen sollte, wie man zwei Marmortafeln aufeinanderpresst, so
könnte der mechanische Philosoph so fragen. Nun aber, dünkt mich, ist von
Würkungen der Seele, die keine Marmortafel ist, die Rede: die kann nur in den
Körper, als ob es nicht Körper sei, d.i. auf die einfachen Kräfte, gleichsam auf
das empfindende Geisterreich desselben würken: und nun messe der erhabne
Philosoph diesen den Raum aus, wie und wieviel derselben durch die Nabelschnur
würken können? Mich wundert's sehr, wie noch kein scharfsinniger Kopf darauf
gekommen ist, die Generation des Menschen zu leugnen, weil - sie keiner
begreift. Begreift doch niemand einmal, wie die künftige Hülle des Embryons an
seinen Ort der Bildung komme, und geschieht's deswegen nicht? Nichts dünkt mich
überhaupt elender, als die Würkungen der Seele durch nichts als Hieb und Stoss zu
erklären: das kleinste Aufheben des Arms, ja nur die Erscheinungen des Lichts,
der Schwere, der Elektrizität, des Magneten usw. (und das sind doch die einigen
Kräfte der Natur, die wir kennen) sollte uns etwas anders lehren. Wie würkt die
Scham, der Zorn, die Wollust plötzlich vom Auge in die entferntesten
Körperteile? Durch Hieb oder durch Stoss? Und so allgegenwärtig gleichsam sind
doch alle Eindrücke und Empfindungen der Seele: Geist würkt immer auf Geist, auf
Kraft und nicht aufs hölzerne Phänomenon, den Körper.
    Ebenso roh und mechanisch sind meistens die Begriffe und Schwürigkeiten, die
sich viele vom Ursprunge der Seele und vom Abscheiden derselben, wenn die
Empfindungen des Körpers aufhören, gemacht haben. Man dachte sich unter der
schaffenden Kraft Gottes gewiss was sehr Besondres, wenn man sie in gewissen
Tagen sich an menschlichen Seelen erschöpfen liess, die, ich weiss nicht, in
welchem Limbus, so lange müssig auf die Schöpfung ihres Körpers harren. Eine
menschliche Seele ohne menschliche Organe! und so lange müssig! und nun
hinzugeführt, da das Dach fertig ist, unter dem sie hause! Ist göttliche Kraft
da, die aus zween eins bilde: warum sollte nicht auch göttliche Kraft dasein,
die einer dunkler bisher empfindenden Substanz, die gewiss nicht müssig war,
sondern auf dem Wege der Kontinuität fortklimmte, jetzt den Grad Helle, Kraft,
Deutlichkeit gebe, dass sie menschliche Seele werde und über das Aggregat ihrer
neuen Organe herrsche? Dies letzte, das Aggregat solcher Organe, begreifen wir
gewiss (wenn wir nicht wieder mechanische Keime oder moules zu Hülfe nehmen
wollen) gewiss weit weniger als jenes, die Schöpfung oder vielmehr Fortrückung zu
einer menschlichen Seele. Sobald man sich einmal denkt, dass die geistige, wahre
Kräftenwelt eine andre ist als die körperliche, die wir mit dunkeln Sinnen in
ungeheuren Massen und Verwirrungen sehen: sobald man sich denkt, dass die ganze
Natur in jedem Punkt und Zeitpunkt nichts als der allwürkende Gott sei, der
nichts unordentlich, nichts im Sprunge tun kann: so bald verschwinden uns
dergleichen Zweifel, aus den Halbbegriffen der Sinnlichkeit geschöpft, aus den
Augen. Wo wir das Empfindungsvermögen von aussen sich bilden sehen, da muss innig
gewiss der Erkenntnisgrund dasein, zu dem es sich bilde. Die menschliche Seele
schwebt in einem Reich andrer Kräfte, als das unser Auge sieht, und so ist auch,
wenn das äussere Phänomenon ihrer Empfindungen zerstört wird, ihr supponierter
mechanischer Tod dies unbegreiflichste Unding, was mit einer Phrase genannt
werden kann. Wird denn eine einige Kraft des Körpers vernichtigt? und haben wir
wohl von einer vernichtigten Kraft, die aus allen Kräften des Weltalls
vernichtigt werden könne, d.i. die jetzt sei und jetzt nicht sei, und doch nicht
seiend als gewesene Kraft gedacht werde, einen Begriff? Solchen Nutzen hat's,
sich nur das Verhältnis und den innern Begriff des Erkennens und Empfindens
recht zu denken. Wenn für meine erkennende und empfindende Kraft diese Organe
zerstört, d.i. aufgelöst werden: so erkenne und empfinde ich nicht durch diese
Organe, ich löse ihre Formeln nicht mehr auf - das begreife ich wohl; aber
keinen Schritt weiter. Dass eine Kraft sterben, und zwar durch körperlichen Stoss
und Hieb sterben soll, ist, als ob das Ding plötzlich ein Unding werden soll,
und zwar durch die Würkung eines Undinges, das auf jenes nicht würken kann. Von
dem allen begreife ich nichts.
    Auch über die Einförmigkeit und Verschiedenheit unsrer Erkenntnisse und
Empfindungen lässt sich aus der gegebnen Abhängigkeit Schluss fassen, darüber man
sich so heftig veruneinet. Wer ins Tollhaus geht, wird sich keinen Augenblick
wundern, dass alle Narren auf ganz verschiedne Weise rasen, und dass Menschen auf
so verschiedne Weise denken und empfinden, darüber wundert man sich oft. Sowenig
aber zwei menschliche Angesichte, zwei Körper einander gleich sind: sowenig
können's zwo Seelen sein, die hinter so verschiednen Organen und Symbolen des
Weltalls lauschen. Der tiefste Grund der Empfindungen ist allemal individuell;
er liegt aber auch so tief, dass er nicht mitgeteilt werden kann noch soll. Er
ist das innigste Gewebe meiner einzelnen Hülle - wer weiss und soll's wissen, wie
sich meine Seele in ihm fühle? Auch der dunkelste Grund der Sensationen ist ganz
einzeln, wie man, meistens nur im Übermass der Leidenschaft und Narrheit, aus
sehr sonderbaren Fällen sieht. Würde jedermann die innigste Seite seiner
Gefühle und Liebhabereien, seiner Träume, Einbildungen und Gedankenfahrten
ausdrucken können: wir bekämen Sonderbarkeiten zu lesen und zu hören, die uns
ungeheuer dünkten, und sie sind doch wahr. Da wir in solchem Falle uns immer
allein zur Regel nehmen, so verdammen wir jede Abweichung, die wir nicht aus
unserm Mechanismus erklären, ohne zu bedenken, mit wie ungleich weitern Kräften
die Natur würke. Die neuere mechanische Philosophie will es mit der Herkunft des
Menschengeschlechts ausdrücklich nicht ohne schwarzen und roten Adam abgehen
lassen: hätte der Stachelschweinmann, der schon einen Sohn nach seinem Bilde
zeugte, sein Geschlecht fortgesetzt, so hätte gewiss ein Stachelschwein-Adam mit
allen Keimen zukünftiger Menschen der Art erdacht werden müssen, oder er wäre
unerklärt geblieben. Die mechanische Philosophie betrachtet die Natur als
abgestorben, tot, die bloss aus alten, abgelebten Keimen würke, und (noch
grösseres Wunder!) zugleich als ein mechanisches Automat, das doch aus innern
Kräften selbst würke. Und freilich wird alsdenn Erkennen und Empfinden das
fremdeste Unding in der Welt, das allein in all seinen Kräften und reichen
Erscheinungen erklärt werden kann, wenn in jedem Punkt innige Kraft Gottes
würket.
    Aber so mannigfalt nun das Universum auf jeden Punkt ströme, so ist doch
überall, was daraus gesammlet wird, eins und dasselbe. Woran die Seele sich übe
und durch welche Sinne sie würke, was sie daher erbeutet, ist Wahrheit: mit
welchen Leidenschaften sie strebe, was sie sucht, ist Glückseligkeit,
Vollkommenheit, Gutes. Alle Menschen arbeiten an einem Produkt, nur aus
verschiednen Aufgaben und Zahlen und jeder auf seine Weise. Je mehr die Menschen
sich aus der Region von Empfindungen zum Erkennen, zur Vernunft erheben, desto
mehr sind sie eins. Empfindungen sind die Farben; Erkenntnis der Sonnenstrahl;
jene brechen sich verschieden, dieses ist überall eins. Hier haben nun alle
endliche Geschöpfe einerlei Gang: unten am Berge sind vielgestaltige Nebel, oben
am Gipfel scheint's helle. Jeder läutre seine Aufgabe zum hellen Resultat.
    Traurig ist's also, wenn die Menschen den Mitteln unterliegen und die Zwecke
darüber vergessen. Alle Empfindungen sind nur Mittel, Materialien, Symbole,
woraus sich etwas entwickeln soll, was bleibt! Je mehr sie zufahren, desto
schöner; aber um so reiner und besser und schneller suche auch zu läutern und
die Schlacken dahinten zu lassen, dass du in die Gegend des Lichts kommest. Wer
mit Empfindungen als Zwecken und umgekehrt mit Erkenntnissen, mit Abstraktionen
als blossen Symbolen spielt, zeigt, dass er in beiderlei Fällen noch ein Kind sei
und Schatten statt der Wahrheit hasche. Den edelsten endlichen Geist können wir
uns nicht ohne Sinnlichkeit gedenken; seine Sinnlichkeit ist aber auch voll
Geistes: er umfasst ein Universum, das er sich aufs klärste und tätigste
auflöset.
    Das Hauptgesetz also des Einflusses und der Abhängigkeit beider Kräfte liegt
in der Natur des eingeschränkten, endlichen Wesens. Durch Empfinden lernt's
nämlich erkennen: Sinne und Gefühl sind ihm der reichste, leichtste und
angenehmste Ausdruck des Guten und Wahren. Es steht an einem noch unentzifferten
Weltall und lernt's entziffern, die allgemeinen Eigenschaften desselben, die
göttlicher Natur sind, in seine Natur auflösen. - - Wir treten jetzt ins reiche
Feld der Gattungen und Arten.
 
 III. Grundsätze, die da zeigen,wie das Genie und der Charakter eines Menschen
                        von dem Grade der Stärke und der
  Lebhaftigkeit und des Fortgangs einer und der andern dieser Fähigkeiten und
                    deren Verhältnisse untereinander abhängt
    Mit Scharfsinn ist über diese Frage schon viel gearbeitet. Alle
Schriftsteller vom Genie und von den menschlichen Charakteren, unter denen,
damit ich Deutsche nicht nenne, Huarte, Addison, Helvétius und soviel andre zum
Teil grosse Namen stehen, haben im einzelnen viel Vortreffliches bemerkt; die
Akademie fodert nicht Wiederholung oder Sammlung desselben, sondern erste
Grundsätze aus den zwo Hauptquellen. Sie will den Strahl in seine Farben geteilt
sehen, ohne zu fragen, wie sich nachher jedes Gefäss in jedem Tageslichte gefärbt
zeige.
    Wir legen also aus dem Vorigen zuerst voraus, dass, da Erkennen und Empfinden
sich im Grunde nicht entgegenstehen, es nur apparent sein müsse, wenn sich die
Genies und Charaktere beider Fähigkeiten zu einem Grade trennen. Sie müssen sich
einander wieder nähern, und zuletzt das Empfinden doch wieder als Hülle des
Erkennens erkannt werden. Um also von der Mannigfaltigkeit dieser Farbenbrechung
nicht verwirret zu werden, nehmen wir noch selbst die beiden Fähigkeiten des
vermischten Geschöpfs für eins und unterscheiden an ihnen nur Innigkeit und
Ausbreitung. Ein Mensch existiert z.E. entweder stark in seinem Ich, an Erkennen
und am Empfinden, oder ist weit ausser sich verteilt: jenen wollen wir das tiefe
, dies das reiche Genie in weitestem Verstande, oder praktisch jenes den starken
, dies den schnellen und hellen Charakter nennen.
    Ein Mensch mit innigem Empfindungsvermögen fühlt sich in jeden Gegenstand
tief hinein und empfindet also Weniges, aber viel. Er hat nur seine ihm ähnliche
Situationen, auf denen er aber lange ruhet und seine Seele ihnen einzuverleiben
scheinet. Kommt's also zum Erkennen: so erkennet er tief und innig; kommt's zum
Handeln, so würkt er stark, aus dem Grunde der Seele. Der Ausdruck folgt beidem
als Übergang und Naturgemälde.
    Die Natur hat solche Menschen meistens schon von aussen durch simple,
tiefgeprägte Züge und Glieder bezeichnet. Man sieht kein unstetes Auge, keinen
kleinen, fliegenden Blick, nicht verwirrte, halbentworfne Mienen; sondern, was
die Bildung sagt: saget sie wohl.
    Ein Mensch, der sich nun durch alle Teile und Glieder, Nerven und Muskeln
also innig und ganz fühlet, ein völliger, gesunder, in starker Wahrheit alles
empfindende Mensch, hat offenbar die Anlage zum weisen und glücklichen Menschen.
Nicht nur gegen andringende Übel hat ihn die Natur gewappnet, sondern ihm auch
mit seinen gesunden, richtigen Sinnen Summen von Güte und Wahrheit vorgelegt,
mit denen er zugleich den Druck erhält, sie wohl anzuwenden. Von welchen
Vorurteilen kann er frei sein, da er die Gegenstände wahr und tief sieht und
mit jedem Sinn eine Probe vollständiger Empfindungen empfängt, nach deren
Ähnlichkeit er sich weiter übe.
    Ein Mensch von vollständigen Trieben und Empfindungen wird also nie aus
Schwachheit träge, menschenfeindlich und grausam sein können. Er strebt zur Tat
mit dem Bewusstsein des Rufs und der Stärke; und warum sollte er also andre mit
kleinmütigem Neide, mit List und üppigem Hochmut hintergehen? Er kennet die
kleine Triebfedern nicht, weil er nur durch eine grosse handelt: er sieht nicht
einmal auf sich zurück, um sich doch selbst seine Grösse zu entwickeln, sondern
ist im Gegenstande, im Geschäft, mit Kraft und Seele. Das Herz voll grosser Tat
und Wahrheit kann mit nichts, also am wenigsten mit sich selbst tändeln.
    Hohes Ideal der Menschheit! aber es kann nicht oft existieren. Die Natur
arbeitet ins Mannigfalte, ins Unendliche; sie verändert mit allen Graden und
kann also selten diese Tiefe über alle Organe erstrecken. Indem sie nun an
einigen würkt und, von äussern Hindernissen überwältigt, bei andern nachlässt: so
wird dem Scheine nach Unförmlichkeit. Ein Zug ist tiefer ausgedrückt und steht
hervor; die Empfindung wird mehr auf diese als jene Seite gezogen; das ist nun
der Grund zu dem, was man grosse Leidenschaften, Charaktere nennet. Da dringen
von Kind auf gleich Umstände herzu, mehr diese als andre Seiten der Existenz zu
nähren, oder wenn sie nicht da sind, ruft sie die Natur: das Genie schlägt sich
durch, und der Charakter assimiliert, was er kann, in sich. Wir sehn, wenn ein
Glied des Körpers verstümmelt wird, dass sich die Säfte wohl nach dem andern,
nachbarlichen, ihm homogenen hinziehen und es ungewöhnlich verstärken; so geht's
mit diesem Genie an Empfindungen und Trieben. Die von der Natur versäumten und
im Verfolg ungebrauchten Organe dorren, andre nehmen zu sehr überhand. Je mehr
also die Kunst der Teilanlage der Natur fortilft und durch vielfältige Anlässe
den Menschen auf eine Seite, zu einem Zweck hinreisset, um so mehr kann er unter
Tausenden Genie und Held seiner Art werden bis zur Tollheit. Die meisten, die in
den Tollhäusern liegen, sind Genies; nur sie sind die wenigsten: die meisten
ihrer Brüder laufen frei umher.
    In diesem Ursprunge liegt auch die Ursache, über die so oft geklagt wird,
dass die Natur nur selten grosse Genies bildet. Wie man's meistens nimmt, ist's
aus ebendem Grunde, als warum sie wenig Höcker bildet. Die Natur hält Mass, oder
wenn sie hie und da Übermass im einzelnen hervorbringt, so gehört auch eine grosse
Menge äusserer Umstände dazu, diesem Übermass fortzuhelfen. Das geschieht nun
minder in simplen Naturzuständen als im Zusammentreffen der Kunst, in grossen
Gesellschaften. Hier, wo alle Gelegenheiten, Anlässe und Berufsarten verteilt,
und lauter kleine Zähler zu einem grossen Nenner sind: da kann's oft Punkte
geben, wo Bildung und Ruf von aussen mit dem innern Ruf zusammentrifft, nun eben
dieser Keim zum Übermasse gereizt, gelockt, genährt, gebildet wird, und das gibt
alsdenn die sogenannten grossen Männer und Leidenschaften in Partikularsphären,
von denen Helvétius, nur viel zu mechanisch, wie mich dünkt, und ungründlich
gesprochen. Die andern grossen Leute im Keime können's oder wollen's nicht
vollenden. Hier würkt der einen Leidenschaft, die Triebfeder zum Ungewöhnlichen
werden soll, eine andre Leidenschaft durch Anlässe von aussen oder moralische
Übung entgegen. Jene fühlen unbestimmt und dunkel; es ist aber nichts, was das
dunkle Gefühl wecke. Einem andern tritt der Engel des Herrn, die Notwendigkeit,
entgegen; und später sieht er, dass er und die Welt dabei gewonnen und nicht
verloren. Überhaupt ist auch darin die grösste Weisheit der Natur sichtbar, dass
sie grosse Männer nur so selten und einzeln, wie Sterne in dunkler Nacht,
streuet; mit mehrern könnte die menschliche Gesellschaft nicht bestehen.
    Im gegebnen Standpunkte wird offenbar, wiefern und warum es sei, dass solchen
Leidenschaften und teilweise ausgeprägten zu starken Charakteren oft Vernunft
und Tugend entgegenstehe, worauf Helvétius so viel bauet und beide gar als
unvereinbar betrachtet. Im Grunde wären sie's nicht. Empfindung ist der Vernunft
gar nicht entgegen, sondern, wohlgeordnet, bloss das sinnliche Schema und Organ
derselben. Ein tiefes Empfindungsvermögen muss also auch immer eine Quelle tiefer
Erkenntnisse sein, wie wir noch immer mitten unter den Ruinen missratner oder
teilweise nur geratener grosser Seelen sehen. Wenn bei ihnen die gute Natur
zurückkehret, sehen wir hinter allen Ausschweifungen eine Anlage zu würklich
grossen Eigenschaften, für denen wir oft verstummen und erstaunen. Das zeigt
immer, dass das Gepräge der Natur, das in dem einen tief würkte, auch an der
andern Stelle gewürkt hätte, wenn es dahin geleitet wäre. Der grosse Mann, der
alle seine grosse Leidenschaften zu lenken, zu ordnen, zu wägen weiss und durch
alle Vernunft zeigt, muss gewiss eine so tiefere Vernunft in Einsicht und
Tätigkeit zeigen, als kein Pygmäe und Flatterer von Empfindung je mit seiner
Vernunft, als einer ausschliessenden Eigenschaft, je erreicht hat. Überhaupt ist
Vernunft und Tugend keine Abstraktion in der Luft, wo alles selig ruhet; sie
wird im Kampfe geboren und erzeigt sich eben mit unter Leidenschaften und
Trieben durch Königskraft und Ordnung, die selbst die stärkste, reinste
Leidenschaft werden kann und soll.
    Es sind also nur immer Ungeheuer, auf die der vorige menschenfeindliche Satz
passet. Wo die Natur so ungleich ausgebildet ist, dass hier Leidenschaft wie ein
wildes Tier fodert, dort alles in Dörre schläft: wo also auch die Vernunft, die
nur immer der Abglanz und Gegenschein der sinnlichen Kräfte ist, so ungleiche
Tiefen und Untiefen hat und keine Gegenkräfte empören kann, sich dem Ungeheuer
zu widersetzen - freilich, da ist obgedachte Halbphilosophie nur zu wahr; aber
leider! Die Politik und Kunst kann freilich solche Menschen, wenn sie zu ihren
Zwecken einstimmen, vortrefflich brauchen, wie sie ja auch Löwen und wilde Tiere
braucht; deswegen aber fodert das Ideal von Grösse, Würde und Stärke der
Menschheit mitnichten solche Übung. Die Lehre der Tugend und Glückseligkeit
will, dass nichts also vorgebildet werde, damit das Gleichgewicht der
Leidenschaften, Vernunft und stille, starke Würksamkeit, d.i. Handlung,
unmöglich sei, und selbst Politik und Kunst kann die letztere nie ganz
ausschliessen. Selbst alle wilden Tiere, die sie braucht, muss doch Vernunft
regieren. Und da ist's die schädlichste Unwahrheit, zu glauben, dass ein
Temperament grosser Eigenschaften und Leidenschaften Tugend verhindern müsse.
Freilich geschieht's oft, und es kann durch Übung so weit kommen, dass es fast
nicht anders mehr sein kann; das ist aber nur immer Missbildung auf der Stelle.
Wo diese starke Leidenschaft möglich war, musste auch eine andre möglich sein,
die ihr das Gegengewicht leiste, oder vielmehr selbst diese Leidenschaft
entielt, nur recht angegriffen und geläutert, ein Resultat ebenso tiefer,
herrlicher Vernunft in sich, und diese, in Tätigkeit gesetzt, war Leidenschaft
ebenso tiefer Tugend. Die stärkste Seele hat auch zur stärksten Tugend Anlage,
wenn sie die Empfindungen gehörig erschöpft und ordnet. Sie hat in jeder
Empfindung viel zu entwickeln, sie hat aber auch viel Entwickelungskraft und
intensive Ruhe. Was sie hervorgräbt, ist Gold an Wert und Schwere. Seelen von
der Art sollte man allein gross nennen, weil sie's auch allein sind. Miltons
Teufel baute das Pandämonium und schlug eine Brücke übers Chaos; er ward aber
mit beidem weder glücklicher noch grösser. Alle Stärke ohne Vernunft und Güte ist
entweder Abenteuer, sublime Narrheit oder Abscheulichkeit, die sich in beiderlei
Falle selbst straft; und auch je vollkommner die Verfassungen der Menschen
werden, desto mehr müssen sie Abenteurer verlachen und Abscheulichkeiten, mit
Lumpen der Grösse behangen, hassen und verachten. Wahrhaftig grosse Seelen sind
tief eingedrückte Kraftpunkte, Pole, um die sich ein ganzes Firmament drehet.
Ihre riefe Empfindung reifte zur tiefen Vernunft und erhabnen Güte.
    2. Die andre Art der Empfindungen und Erkenntnisse, Lebhaftigkeit, Schnelle
mit Ausbreitung verbunden, hat die Sprache schon mit einem ziemlich angemessnen
Ausdruck Geister (esprits), im weitern Umfange, bezeichnet. Dort war der
Lichtstrahl unzerteilt; hier spielen schon alle Farben, die freilich, in eins
vereinigt, vielleicht gerade den vorigen Lichtstrahl ausmachen würden. Ihr
Verstand, ihre Tugend ist wiederum ihren Empfindungen gemäss.
    Die Anlage dieser Subjekte ist ein verbreitetes Empfindungsvermögen, das
leicht gleitet und also schwächer auf jedem Punkte würket. Schon ihre Bildung
zeigt's oft, die beseelt ist, Physiognomie hat, in Munterkeit webet. Ihr Feuer
ist aber nicht gediegene Glut, sondern Lichtstrahl, Schimmer, der wenn nicht
wärmet, so weit umher leuchtet. Ihre Triebe sind nicht Leidenschaft, sondern
Phantasie; ihre Taten mehr Flug, Anlage zum Handeln. Sie sind fliegende Boten,
den Tätern nach- oder vorhergesandt, zum Entwerfen oder zum Lobpreisen, zum
Verkündigen, zum Zeigen.
    Leute dieser Gattung haben einen grossen Kreis der Würkung; sie würken aber
in jedem Punkte nicht viel. Sie sind zu vielem geschickt, und in keinem gross.
Das tiefe Genie hatte Ausbreitung nötig, damit es unter einer Empfindung nicht
erläge. Das lebhafte Genie hat Innigkeit nötig, damit es im Schönen der weiten
Oberfläche nicht gar zerfliesse.
    Wenn der starkfühlende Kopf ausschweift, so sind's grosse Leidenschaften und
Laster; wenn die muntre Seele irrt, sind's ewig kleine Fehler, bei denen sie
doch nie zur Besinnung kommt, dass die Vernunft herrsche.
    Trifft ein Genie dieser Art in eine gute Sphäre, so kann's mit seiner
schnellen Vieltätigkeit auch auf leichte Art viel Angenehmes und Nützliches
verrichten: es wird ein Triebrad der Gesellschaft. Gerät's aber unter
Frivolitäten, so wird der feine Geist, der spielende Kopf. der Kleinmeister, das
Gesellschaftsmännchen daraus und hundert bekannte Erscheinungen mehr. Die
Komödie und guten Wochenblätter haben sich meistens mit Fehlern der Art
beschäftigt, und eine grosse Reihe witziger Schriften und witziger Köpfe zeigen
sie tätig.
    Kommt der leichte, lebhafte Geist auch zum Ziele, das uns die Natur in allem
vorsteckt, zur Richtigkeit und Wohlordnung: so wird bei ihm die leichte, aber
weitverbreitete Tugend und Wahrheit den Mangel der Stärke und Intensität
erstatten. Er Endet also auch auf seiner Wurzel Gang zur Vollkommenheit,
Glückseligkeit und Ruhe. Die Natur bedorfte handelnde Wesen in beider Gattung
und erzeigt sich beiden auf verschiedne Weise gleich gütig. Das Genie und die
tiefe Leidenschaft ist der Mittelpunkt; der aufgeklärte und aufklärende Geist
sind die Strahlen und Radien umher. So wird der grosse Zirkel der Welt.
    Lasset uns nun sehen, welchen Fortgang beide Gattungen Kräfte nehmen, nach
den Gegenständen, an denen sie sich üben; wir bleiben aber nur, der Aufgabe
gemäss, bei Grundsätzen, aus denen die reiche Ernte der Anwendung folget.
    Es gibt einen Zustand der simpeln sinnlichen Empfindungen, den man nun
einmal den ungekünstelten Naturzustand zu nennen gewohnt ist, obgleich in jedem
Zustande Natur würket. Alle feinere Fäden stecken hier noch in einem Knäul und
wirken in einem starken Seile. Die Vernunft existiert hier noch bloss in
Handlungen ohne Raffinement: die Leidenschaften sind Naturtriebe und
Gewohnheiten ohne Geschwätz und Nachschmeckerei. Hier übt sich also die Seele
nicht überhelle, aber sehr fest, stark und tätig.
    In diesem Zustande ist's, wo alles gleichsam noch Übung ist: Gedanke liegt
in der Empfindung, Teorie in der Praxis begraben. Die ersten Genies, die das
Menschengeschlecht bildeten, waren alles, Dichter, Philosophen, Messkünstler,
Gesetzgeber, Musiker, Krieger; aber alles nur im Keime zu ihrer neu sich
bildenden Gesellschaft, d.i. sie waren vorzüglich grosse, tätige und gute
Menschen. Sobald eine Wissenschaft auch auf ihre Simplizität zurückgeht: so wird
sie ganz praktisch, wie die Philosophie des Sokrates, wie die Politik und
Redekunst im Sinne der Alten. Spekulation, die auch in ihren Folgen ganz und gar
nicht praktisch ist, ist auch nie wahr, wie das Geschwätz der Scholastiker in
den mittlern Zeiten gnug zeigt. Die vollständige Wahrheit ist immer nur Tat;
das Erkenntnis- und Empfindungsvermögen ist im Grunde der Seele und war auch bei
den Urvätern unsrer Bildung eins. Alles wuchs aus einer Wurzel zur
Glückseligkeit und Wahrheit.
    Wie sich aber nun die menschliche Gesellschaft teilte, so glaubte man sich
auch in diese Fähigkeiten teilen zu können: der eine sollte denken, der andre
wollte empfinden oder handeln. Es wurden also teoretische und praktische Genies
in allen Klassen und Arten. Man teilte sich in die Linie, die sonst einer
durchlief; jeder lief von einem gegebnen Punkt auf seine verschiedne Seite, und
da konnte er nun allerdings jeden Punkt gründlicher erforschen. Im Grunde aber
bleibt's immer noch eine und dieselbe Linie. Von jedem Punkt eines Endes müssen
sich Halbkreise zum andern Ende ziehen lassen. Genies und überwiegende Kräfte
kehren sich auch an die Grenze nicht und laufen, nachdem sie Standpunkt haben,
ins gegenüberstehende Ende über. Was die ganze Wissenschaft umfasset, muss
notwendig Teorie und Praxis gleich anschauend umfassen, wie Erkennen und
empfinden würklich nur eins ist. Nur also zum bessern, leichtern Anbau teilte
man sich in die Sphäre; man ward zum grössern Nenner ein kleinerer Zähler, je
nachdem man selbst kein Ganzes mehr sein konnte.
    Nun fanden sich also die Halbdenker und Halbempfinder. Moralisten, die keine
Täter, Heldensänger, die keine Helden, Redner, die keine Geschäftführer,
Regelngeber, die keine Künstler waren u.dgl. Was vorher Sensation war, war jetzt
Sentiment, vor- oder nachgeschmeckte Handlung. So schlimm das für jeden
einzelnen war, der halb untätig war und sich am Schatten begnügte: so gut war's
für die Gesellschaft. Je mehr die Köpfe sich teilten, desto mehr ward alles
durchsucht und jeder Punkt bebauet. So sind die Teorien gestiegen, bis endlich
die höchste Philosophie wieder gebietet, zur Praxis zurückzukehren, und die
bessere Politik wird ihr zeitig gnug helfen. Jede Wissenschaft wird so
simplifiziert werden, dass sie wieder Tat werden muss. Es werden Zeiten kommen, da
wieder Erkenntnis in der geläuterten, eigengefühlten Empfindung wohne. In
weitere Klassifikationen lässt man sich nicht ein; weil sie schon häufig in
andern Büchern, Huarte, Helvétius, den Abhandlungen vom Genie, kritischen und
Wochenblättern stehen und die Aufgabe nur eigentlich Grund- und Hauptgesetze
begehrte.
    Die Natur, sehn wir, würkt hieher mit all ihren Operationen. Sobald eine
Erkenntnis Anschauung geworden, so wird sie gleichsam als Fertigkeit verwahrt
und nachher immer als taube, zusammengehüllte Erkenntnis, als symbolische
Empfindung angewandt: wir handeln mit vorher erlangten Erkenntnissen wie mit
Zeichen der Algebra, bei denen wir die Bedeutung vergessen dörfen, so dass sie
doch das Resultat geben. Sooft diese Abkürzungsformel angeklagt wird und soviel
Schaden sie bei Menschen, die nie von den Symbolen ab und zur Erkenntnis der
Wahrheit wollen, stiftet: so weise ist der Gang der Natur, uns auf die kürzeste
Weise zu neuen Kenntnissen und Empfindungen fortzutreiben. Das ist die Unruhe
(uneasiness), die Leibniz so vortrefflich aus den unmerklichen Vorstellungen,
die zur Helle dringen, aus den Empfindungen, die befriedigt sein wollen,
erkläret. Die Natur rjetzt uns immer mit diesen sanften Stacheln: wir sind ganz:
der grösste Teil von uns ist in der dunkeln Zukunft. Was wir erkannt und genossen
haben, ist der unendlich kleinste Teil gegen das, was noch auf uns wartet.
    Hierin sind der Wilde und der Gebildete einander gleich; jeder in seinem
Kreise. Mit feinen oder groben Kenntnissen und Empfindungen übt jeder sich in
beiden und alle auf eine Weise; was dem einen an Helle und Schnelle abgeht, wird
ihm durch Stärke und Dauer ersetzt. Alle suchen auf ihrem Punkte Genuss der Welt
durch Empfindungen und Erkenntnisse, soviel sie deren zu einer Art sanft
fortschreitenden Würkung aus ihrem Mittelpunkt der Ruhe brauche. Überall keimt
Same zur Glückseligkeit und Tugend!
    Vortrefflich ist die Aussicht, die jedes endliche Geschöpf da in seine ewige
Dauer hat. Sein Gang ist immer fortschreitend: das Weltall muss ihm immer mehr
und tiefere und hellere Phänomene des Wahren und Guten liefern: mit jeder
Entüllung derselben zum Erkennen und zum vollständigen Erkennen der Tat muss
seine innere Kraft wachsen. Er strebt hinauf zur Gotteit und wird höherer
Glückseligkeit fähig. Denken wir uns im ganzen Universum diese, jede auf ihrer
Stelle, durch Empfindung erkennende, sich entwickelnde, fortstrebende Geschöpfe,
so wird unser Blick in ein Unendliches der Weisheit und Güte verschlungen, und
wir freun uns, dass uns ein solches, nie zu raubendes, ewig glückseliges und in
der Glückseligkeit steigendes Los ward. In jeder entülleten Empfindung erkennen
und geniessen wir Gott!
 
    