
        
                              Deutscher Idealismus
                    Abhandlung über den Ursprung der Sprache
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                            Johann Gottfried Herder
                   Abhandlung über den Ursprung der Sprache,
                               welche den von der
 Königl. Akademie der Wissenschaften für das Jahr 1770 gesetzten Preis erhalten
                                      hat
                                                      Vocabula sunt notae rerum.
                                                                            Cic.
 
                                  Erster Teil
   Haben die Menschen, ihren Naturfähigkeiten überlassen, sich selbst Sprache
                                erfinden können?
                                Erster Abschnitt
    Schon als Tier hat der Mensch Sprache. Alle heftigen, und die heftigsten
unter den heftigen, die schmerzhaften Empfindungen seines Körpers, alle starke
Leidenschaften seiner Seele äussern sich unmittelbar in Geschrei, in Töne, in
wilde, unartikulierte Laute. Ein leidendes Tier sowohl als der Held Philoktet,
wenn es der Schmerz anfället, wird wimmern! wird ächzen! und wäre es gleich
verlassen, auf einer wüsten Insel, ohne Anblick, Spur und Hoffnung eines
hülfreichen Nebengeschöpfes. Es ist, als ob's freier atmete, indem es dem
brennenden, geängstigten Hauche Luft gibt: es ist, als ob's einen Teil seines
Schmerzes verseufzte und aus dem leeren Luftraum wenigstens neue Kräfte zum
Verschmerzen in sich zöge, indem es die tauben Winde mit Ächzen füllet. So wenig
hat uns die Natur als abgesonderte Steinfelsen, als egoistische Monaden
geschaffen! Selbst die feinsten Saiten des tierischen Gefühls (ich muss mich
dieses Gleichnisses bedienen, weil ich für die Mechanik fühlender Körper kein
besseres weiss!), selbst die Saiten, deren Klang und Anstrengung gar nicht von
Willkür und langsamen Bedacht herrühret, ja deren Natur noch von aller
forschenden Vernunft nicht hat erforscht werden können, selbst die sind in ihrem
ganzen Spiele, auch ohne das Bewusstsein fremder Sympatie, zu einer Äusserung auf
andre Geschöpfe gerichtet. Die geschlagne Saite tut ihre Naturpflicht: sie
klingt! Sie ruft einer gleichfühlenden Echo; selbst wenn keine da ist, selbst
wenn sie nicht hoffet und wartet, dass ihr eine antworte.
    Sollte die Physiologie je so weit kommen, dass sie die Seelenlehre
demonstrierte, woran ich aber sehr zweifle, so würde sie dieser Erscheinung
manchen Lichtstrahl aus der Zergliederung des Nervenbaues zuführen; sie
vielleicht aber auch in einzelne, zu kleine und stumpfe Bande verteilen. Lasset
sie uns jetzt im Ganzen, als ein helles Naturgesetz annehmen: »Hier ist ein
empfindsames Wesen, das keine seiner lebhaften Empfindungen in sich einschliessen
kann; das im ersten überraschenden Augenblick, selbst ohne Willkür und Absicht
jede laut äussern muss.« Das war gleichsam der letzte, mütterliche Druck der
bildenden Hand der Natur, dass sie allen das Gesetz auf die Welt mitgab:
»Empfinde nicht für dich allein: sondern dein Gefühl töne!«, und da dieser
letzte schaffende Druck auf alle von einer Gattung einartig war: so wurde dies
Gesetz Segen: »deine Empfindung töne deinem Geschlecht einartig und werde also
von allen, wie von einem, mitfühlend vernommen!« Nun rühre man es nicht an, dies
schwache, empfindsame Wesen! so allein und einzeln und jedem feindlichen Sturme
des Weltalls es ausgesetzt scheinet, so ist's nicht allein: es steht mit der
ganzen Natur im Bunde! Zartbesaitet; aber die Natur hat in diese Saiten Töne
verborgen, die, gereizt und ermuntert, wieder andre gleichzart gebaute Geschöpfe
wecken und wie durch eine unsichtbare Kette einem entfernten Herzen Funken
mitteilen können, für dies ungesehene Geschöpf zu fühlen. - Diese Seufzer, diese
Töne sind Sprache: es gibt also eine Sprache der Empfindung, die unmittelbares
Naturgesetz ist.
    Dass der Mensch sie ursprünglich mit den Tieren gemein habe, bezeugen jetzt
freilich mehr gewisse Reste als volle Ausbrüche; allein auch diese Reste sind
unwidersprechlich. Unsre künstliche Sprache mag die Sprache der Natur so
verdränget, unsre bürgerliche Lebensart und gesellschaftliche Artigkeit mag die
Flut und das Meer der Leidenschaften so gedämmet, ausgetrocknet und abgeleitet
haben, als man will; der heftigste Augenblick der Empfindung, wo und wie selten
er sich finde, nimmt noch immer sein Recht wieder und tönt in seiner
mütterlichen Sprache unmittelbar durch Akzente. Der auffahrende Sturm einer
Leidenschaft; der plötzliche Überfall von Freude oder Frohheit; Schmerz und
Jammer, wenn sie tiefe Furchen in die Seele graben; ein übermannendes Gefühl von
Rache, Verzweiflung, Wut, Schrecken, Grausen usw., alle kündigen sich an, und
jede nach ihrer Art verschieden an. So viel Gattungen von Fühlbarkeit in unsrer
Natur schlummern, so viel auch Tonarten - - Ich merke also an, dass je weniger
die menschliche Natur mit einer Tierart verwandt; je ungleichartiger sie mit ihr
am Nervenbaue ist: desto weniger ist ihre Natursprache uns verständlich. Wir
verstehen, als Erdentiere, das Erdender besser als das Wassergeschöpf, und auf
der Erde das Herdetier besser als das Waldgeschöpf; und unter den Herdetieren
die am meisten, die uns am nächsten kommen. Nur dass freilich auch bei diesen
Umgang und Gewohnheit mehr oder weniger tut. Es ist natürlich, dass der Araber,
der mit seinem Pferde nur ein Stück ausmacht, es mehr versteht als der, der zum
erstenmal ein Pferd beschreitet; fast so gut, als Hektor in der Iliade mit den
seinigen sprechen konnte. Der Araber in der Wüste, der nichts Lebendiges um sich
hat als sein Kamel und etwa den Flug umirrender Vögel, kann leichter jenes Natur
verstehen und das Geschrei dieser zu verstehen glauben als wir in unsern
Behausungen. Der Sohn des Waldes, der Jäger, versteht die Stimme des Hirsches,
und der Lappländer seines Rentiers - - doch alles das folgt oder ist Ausnahme.
Eigentlich ist diese Sprache der Natur eine Völkersprache für jede Gattung unter
sich, und so hat auch der Mensch die seinige -
    Nun sind freilich diese Töne sehr einfach, und wenn sie artikuliert und als
Interjektionen aufs Papier hinbuchstabiert werden, so haben die
entgegengesetztesten Empfindungen fast einen Ausdruck. Das matte Ach! ist sowohl
Laut der zerschmelzenden Liebe als der sinkenden Verzweiflung; das feurige Oh!
sowohl Ausbruch der plötzlichen Freude als der auffahrenden Wut; der steigenden
Bewunderung als des zuwallenden Bejammerns; allein, sind denn diese Laute da, um
als Interjektionen aufs Papier gemalt zu werden? Die Träne, die in diesem
trüben, erloschnen, nach Trost schmachtenden Auge schwimmt - wie rührend ist sie
im ganzen Gemälde des Antlitzes der Wehmut; nehmet sie allein, und sie ist ein
kalter Wassertropfe! bringt sie unters Mikroskop, und - ich will nicht wissen,
was sie da sein mag! Dieser ermattende Hauch, der halbe Seufzer, der auf der vom
Schmerz verzognen Lippe so rührend stirbt - sondert ihn ab von allen seinen
lebendigen Gehülfen, und er ist ein leerer Luftstoss. Kann's mit den Tönen der
Empfindung anders sein? In ihrem lebendigen Zusammenhange, im ganzen Bilde der
würkenden Natur, begleitet von so vielen andern Erscheinungen, sind sie rührend
und gnugsam; aber von allen getrennet, herausgerissen, ihres Lebens beraubet,
freilich nichts als Ziffern. Die Stimme der Natur ist gemalter, verwillkürter
Buchstabe. - - Wenig, sind dieser Sprachtöne freilich, allein die empfindsame
Natur, sofern sie bloss mechanisch leidet, hat auch weniger Hauptarten der
Empfindung, als unsre Psychologien der Seele, als Leidenschaften, anzählen oder
andichten. Nur, jedes Gefühl ist in solchem Zustande, je weniger in Fäden
zerteilt, ein um so mächtiger anziehendes Band: die Töne reden nicht viel, aber
stark. Ob der Klageton über Wunden der Seele oder des Körpers wimmere, ob dieses
Geschrei von Furcht oder Schmerz ausgepresst werde, ob dies weiche Ach sich mit
einem Kuss oder einer Träne an den Busen der Geliebten drücke, alle solche
Unterschiede zu bestimmen, war diese Sprache nicht da. Sie sollte zum Gemälde
hinrufen; dies Gemälde wird schon vor sich selbst reden! sie sollte tönen, nicht
aber schildern! - Überhaupt grenzen nach jener Fabel des Sokrates Schmerz und
Wollust: die Natur hat in der Empfindung ihre Enden zusammengeknüpft, und was
kann also die Sprache der Empfindung anders, als solche Berührungspunkte zeigen?
- - - Jetzt darf ich anwenden.
    In allen Sprachen des Ursprungs tönen noch Reste dieser Naturtöne; nur
freilich sind sie nicht die Hauptfäden der menschlichen Sprache. Sie sind nicht
die eigentlichen Wurzeln, aber die Säfte, die die Wurzeln der Sprache beleben.
    In einer feinen, späterfundnen metaphysischen Sprache, die von der
ursprünglichen wilden Mutter des menschlichen Geschlechts eine Abart vielleicht
im vierten Gliede, und nach langen Jahrtausenden der Abartung selbst wieder
Jahrhunderte ihres Lebens hindurch verfeinert, zivilisiert und humanisiert
worden: eine solche Sprache, das Kind der Vernunft und Gesellschaft, kann wenig
oder nichts mehr von der Kindheit ihrer ersten Mutter wissen; allein die alten,
die wilden Sprachen, je näher zum Ursprünge, entalten davon desto mehr. Ich
kann hier noch nicht von der geringsten menschlichen Bildung der Sprache reden,
sondern nur rohe Materialien betrachten. Noch existiert für mich kein Wort,
sondern nur Töne zum Wort einer Empfindung; aber sehet! in den genannten
Sprachen, in ihren Interjektionen, in den Wurzeln ihrer Nominum und Verborum wie
viel aufgefangene Reste dieser Töne! Die ältesten morgenländischen Sprachen sind
voll von Ausrufen, für die wir spätergebildeten Völker oft nichts als Lücken
oder stumpfen, tauben Missverstand haben. In ihren Elegien tönen, wie bei den
Wilden auf ihren Gräbern, jene Heul- und Klagetöne, eine fortgehende
Interjektion der Natursprache; in ihren Lobpsalmen das Freudengeschrei und die
wiederkommenden Hallelujahs, die Shaw aus dem Munde der Klageweiber erkläret und
die bei uns so oft feierlicher Unsinn sind. Im Gang, im Schwünge ihrer Gedichte
und der Gesänge andrer alten Völker tönet der Ton, der noch die Krieges- und
Religionstänze, die Trauer- und Freudengesänge aller Wilden belebet, sie mögen
am Fusse der Cordilleras oder im Schnee der Irokoesen, in Brasilien oder auf den
Karaiben wohnen. Die Wurzeln ihrer einfachsten, würksamsten, frühesten Verben
endlich sind jene ersten Ausrufe der Natur, die erst später gemodelt wurden, und
die Sprachen aller alten und wilden Völker sind daher in diesem innern,
lebendigen Tone für Fremde ewig unaussprechlich!
    Ich kann die meisten dieser Phänomene im Zusammenhange erst später erklären;
hier stehe nur eins. Einer der Verteidiger des göttlichen Ursprunges der Sprache
1 findet darin göttliche Ordnung zu bewundern, dass sich die Laute aller uns
bekannten Sprachen auf etliche zwanzig Buchstaben bringen lassen. Allein das
Faktum ist falsch und der Schluss noch unrichtiger. Keine einzige lebendigtönende
Sprache lässt sich vollständig in Buchstaben bringen, und noch weniger in zwanzig
Buchstaben: dies zeugen alle Sprachen sämtlich und sonders. Die Artikulationen
unsrer Sprachwerkzeuge sind so viel, ein jeder Laut wird auf so mannigfaltige
Weise ausgesprochen, dass z. E. Herr Lambert im zweiten Teil seines »Organon« mit
Recht hat zeigen können, wie weit weniger wir Buchstaben als Laute haben und wie
unbestimmt also diese von jenen ausgedrückt werden können. Und das ist doch nur
aus der deutschen Sprache gezeiget, die die Vieltönigkeit und den Unterschied
ihrer Dialekte noch nicht einmal in eine Schriftsprache aufgenommen hat: viel
weniger, wo die ganze Sprache nichts als solch ein lebendiger Dialekt ist? Woher
rühren alle Eigenheiten und Sonderbarkeiten der Ortographie als wegen der
Unbehülflichkeit zu schreiben, wie man spricht? welche lebendige Sprache lässt
sich ihren Tönen nach aus Bücherbuchstaben lernen? und welche tote Sprache daher
aufwecken? Je lebendiger nun eine Sprache ist, je weniger man daran gedacht hat,
sie in. Buchstaben zu fassen, je ursprünglicher sie zum vollen, unausgesonderten
Laute der Natur hinaufsteigt, desto minder ist sie auch schreibbar, desto minder
mit zwanzig Buchstaben schreibbar; ja oft für Fremdlinge ganz unaussprechlich.
Der P. Rasles, der sich zehn Jahr unter den Abenakiern in Nordamerika
aufgehalten, klagt hierüber so sehr, dass er mit aller Aufmerksamkeit doch oft
nur die Hälfte des Worts wiederholet und sich lächerrlich gemacht - wie weit
lächerlicher hätte er solchen Ausdruck mit seinen französischen Buchstaben
beziffert? Der P. Chaumont, der 50 Jahr unter den Huronen zugebracht und sich an
eine Grammatik ihrer Sprache gewagt, klagt demohngeachtet über ihre
Kehlbuchstaben und ihre unaussprechlichen Akzente: »oft hätten zwei Wörter, die
ganz aus einerlei Buchstaben bestünden, die verschiedensten Bedeutungen«.
Garcilaso di Vega beklagt sich über die Spanier, wie sehr sie die peruanische
Sprache im Laute der Wörter verstellet, verstümmelt, verfälscht und aus blossen
Verfälschungen den Peruanern das schlimmste Zeug angedichtet. De la Condamine
sagt von einer kleinen Nation am Amazonenfluss: »ein Teil von ihren Wörtern
könnte nicht, auch nicht einmal sehr unvollständig geschrieben werden. Man müsste
wenigstens neun oder zehn Silben dazu gebrauchen, wo sie in der Aussprache kaum
drei auszusprechen scheinen.« La Loubère von der siamschen Sprache: »unter zehn
Wörtern, die der Europäer ausspricht, versteht ein geborner Siamer vielleicht
kein einziges: man mag sich Mühe geben, soviel man will, ihre Sprache mit unsern
Buchstaben auszudrücken«. Und was brauchen wir Völker aus so entlegnen Enden der
Erde? Unser kleine Rest von Wilden in Europa, Estländer und Lappen usw. haben
oft ebenso halbartikulierte und unschreibbare Schälle als Huronen und Peruaner.
Russen und Polen, so lange ihre Sprachen geschrieben und schriftgebildet sind,
aspirieren noch immer so, dass der wahre Ton ihrer Organisation nicht durch
Buchstaben gemalt werden kann. Der Engländer, wie quälet er sich, seine Töne zu
schreiben, und wie wenig ist der noch, der geschriebnes Englisch versteht, ein
sprechender Engländer? Der Franzose, der weniger aus der Kehle hinaufholet, und
der Halbgrieche, der Italiener, der gleichsam in einer höhern Gegend des Mundes,
in einem feinem Äter spricht, behält immer noch lebendigen Ton. Seine Laute
müssen innerhalb der Organe bleiben, wo sie gebildet worden: als gemalte
Buchstaben sind sie, so bequem und einartig sie der lange Schriftgebrauch
gemacht habe, immer nur Schatten!
    Das Faktum ist also falsch und der Schluss noch falscher: er kommt nicht auf
einen göttlichen, sondern gerad umgekehrt auf einen tierischen Ursprung. Nehmet
die sogenannte göttliche, erste Sprache, die hebräische, von der der grösste Teil
der Welt die Buchstaben geerbet: dass sie in ihrem Anfange so lebendig-tönend, so
unschreibbar gewesen, dass sie nur sehr unvollkommen geschrieben werden konnte,
dies zeigt offenbar der ganze Bau ihrer Grammatik, ihre so vielfachen
Verwechselungen ähnlicher Buchstaben, ja am allermeisten der völlige Mangel
ihrer Vokale. Woher kommt die Sonderbarkeit, dass ihre Buchstaben nur Mitlauter
sind und dass eben die Elemente der Worte, auf die alles ankommt, die
Selbstlauter, ursprünglich gar nicht geschrieben wurden? Diese Schreibart ist
dem Lauf der gesunden Vernunft so entgegen, dass Unwesentliche zu schreiben und
das Wesentliche auszulassen, dass sie den Grammatikern unbegreiflich sein müsste,
wenn Grammatiker zu begreifen gewohnt wären. Bei uns sind die Vokale das Erste
und Lebendigste und die Türangeln der Sprache; bei jenen werden sie nicht
geschrieben - warum? - weil sie nicht geschrieben werden konnten. Ihre
Aussprache war so lebendig und feinorganisiert, ihr Hauch war so geistig und
äterisch, dass er verduftete und sich nicht in Buchstaben fassen liess. Nur erst
bei den Griechen wurden diese lebendige Aspirationen in förmliche Vokale
aufgefädelt, denen doch noch Spiritus usw. zu Hülfe kommen mussten; da bei den
Morgenländern die Rede gleichsam ganz Spiritus, fortgehender Hauch und Geist des
Mundes war, wie sie sie auch so oft in ihren malenden Gedichten benennen. Es war
Otem Gottes, wehende Luft, die das Ohr aufhaschete, und die toten Buchstaben,
die sie hinmaleten, waren nur der Leichnam, der lesend mit Lebensgeist beseelet
werden musste. Was das für einen gewaltigen Einfluss auf das Verständnis ihrer
Sprache hat, ist hier nicht der Ort zu sagen; dass dies Wehende aber den Ursprung
ihrer Sprache verrate, ist offenbar. Was ist unschreibbarer als die
unartikulierten Töne der Natur? und wenn die Sprache, je näher ihrem Ursprunge,
desto unartikulierter ist - was folgt, als dass sie wohl nicht von einem höhern
Wesen für die vierundzwanzig Buchstaben und diese Buchstaben gleich mit der
Sprache erfunden, dass diese ein weit späterer, nur unvollkommener Versuch
gewesen, sich einige Merkstäbe der Erinnerung zu setzen, und dass jene nicht aus
Buchstaben der Grammatik Gottes, sondern aus wilden Tönen freier Organe
entstanden sei2. Es wäre doch sonst artig, dass eben die Buchstaben, aus denen
und für die Gott die Sprache erfunden, mit Hülfe derer er den ersten Menschen
die Sprache beigebracht, eben die allerunvollkommensten in der Welt wären, die
gar nichts vom Geist der Sprache sagten und in ihrer ganzen Bauart offenbar
bekennen, dass sie nichts davon sagen wollen.
    Es verdiente diese Buchstabenhypotese freilich ihrer Würde nach nur einen
Wink; aber ihrer Allgemeinheit und mannigfaltigen Beschönigung wegen musste ich
ihren Ungrund entblössen und in ihm sie zugleich erklären, wie mir wenigstens
keine Erklärung bekannt ist. Zurück auf unsre Bahn:
    Da unsre Töne der Natur zum Ausdrucke der Leidenschaft bestimmt sind: so
ist's natürlich, dass sie auch die Elemente aller Rührung werden! Wer ist's, dem
bei einem zuckenden, wimmernden Gequälten, bei einem ächzenden Sterbenden, auch
selbst bei einem stöhnenden Vieh, wenn seine ganze Maschine leidet, dies Ach
nicht zu Herzen dringe? wer ist der fühllose Barbar? Je harmonischer das
empfindsame Saitenspiel selbst bei Tieren mit andern Tieren gewebt ist: desto
mehr fühlen selbst diese miteinander; ihre Nerven kommen in eine gleichmässige
Spannung, ihre Seele in einen gleichmässigen Ton, sie leiden würklich mechanisch
mit. Und welche Stählung seiner Fibern! welche Macht, alle Öffnungen seiner
Empfindsamkeit zu verstopfen, gehört dazu, dass ein Mensch hiegegen taub und hart
werde! - - Diderot3 meint, dass ein Blindgeborner gegen die Klagen eines
leidenden Tiers unempfindlicher sein müsste als ein Sehender; allein ich glaube,
unter gewissen Fällen das Gegenteil. Freilich ist ihm das ganze rührende
Schauspiel dieses elenden, zuckenden Geschöpfs verhüllet; allein alle Beispiele
sagen, dass eben durch diese Verhüllung das Gehör weniger zerstreut, horchender
und mächtig eindringender werde. Da lauschet er also im Finstern, in der Stille
seiner ewigen Nacht, und jeder Klageton geht ihm, um so inniger und schärfer,
wie ein Pfeil zum Herzen! Nun nehme er noch das tastende, langsamumspannende
Gefühl zu Hülfe, taste die Zuckungen, erfühle den Bruch der leidenden Maschine
sich ganz - Grausen und Schmerz fährt durch seine Glieder: sein innrer Nervenbau
fühlt Bruch und Zerstörung mit: der Todeston tönet. Das ist das Band dieser
Natursprache!
    Überall sind die Europäer, trotz ihrer Bildung und Missbildung! von den rohen
Klagetönen der Wilden heftig gerührt worden. Lery erzählt aus Brasilien, wie
sehr seine Leute von dem herzlichen, unförmlichen Geschrei der Liebe und
Leutseligkeit dieser Amerikaner bis zu Tränen sein erweicht worden. Charlevoix
und andre wissen nicht gnug den grausenden Eindruck auszudrücken, den die
Krieges- und Zauberlieder der Nordamerikaner machen. Wenn wir später Gelegenheit
haben werden zu bemerken, wie sehr die alte Poesie und Musik von diesen
Naturtönen sei belebet worden: so werden wir auch die Würkung philosophischer
erklären können, die z. E. der älteste griechische Gesang und Tanz, die alte
griechische Bühne und überhaupt Musik, Tanz und Poesie noch auf alle Wilde
machen. Und auch selbst bei uns, wo freilich die Vernunft oft die Empfindung und
die künstliche Sprache der Gesellschaft die Töne der Natur aus ihrem Amt setzet,
kommen nicht noch oft die höchsten Donner der Beredsamkeit, die mächtigsten
Schläge der Dichtkunst und die Zaubermomente der Aktion dieser Sprache der Natur
durch Nachahmung nahe? Was ist's, was dort im versammleten Volke Wunder tut,
Herzen durchbohrt und Seelen umwälzet? Geistige Rede und Metaphysik? Gleichnisse
und Figuren? Kunst und kalte Überzeugung? Sofern der Taumel nicht blind sein
soll, muss vieles durch sie geschehen, aber alles? Und eben dies höchste Moment
des blinden Taumels, wodurch wurde das? - Durch ganz eine andre Kraft! Diese
Töne, diese Gebärden, jene einfachen Gänge der Melodie, diese plötzliche
Wendung, diese dämmernde Stimme - was weiss ich mehr? Bei Kindern und dem Volk
der Sinne, bei Weibern, bei Leuten von zartem Gefühl, bei Kranken, Einsamen,
Betrübten würken sie tausendmal mehr, als die Wahrheit selbst würken würde, wenn
ihre leise, feine Stimme vom Himmel tönte. Diese Worte, dieser Ton, die Wendung
dieser grausenden Romanze usw. drangen in unsrer Kindheit, da wir sie das
erstemal hörten, ich weiss nicht mit welchem Heere von Nebenbegriffen des
Schauders, der Feier, des Schreckens, der Furcht, der Freude, in unsre Seele.
Das Wort tönet, und wie eine Schar von Geistern stehen sie alle mit einmal in
ihrer dunkeln Majestät aus dem Grabe der Seele auf: sie verdunkeln den reinen,
hellen Begriff des Worts, der nur ohne sie gefasst werden konnte. Das Wort ist
weg, und der Ton der Empfindung tönet. Dunkles Gefühl übermannet uns: der
Leichtsinnige grauset und zittert - nicht über Gedanken, sondern über Silben,
über Töne der Kindheit, und es war Zauberkraft des Redners, des Dichters, uns
wieder zum Kinde zu machen. Kein Bedacht, keine Überlegung, das blosse
Naturgesetz lag zum Grunde: »Ton der Empfindung soll das sympatetische Geschöpf
in denselben Ton versetzen!«
    Wollen wir also diese unmittelbaren Laute der Empfindung Sprache nennen: so
finde ich ihren Ursprung allerdings sehr natürlich. Er ist nicht bloss nicht
übermenschlich: sondern offenbar tierisch: das Naturgesetz einer empfindsamen
Maschine.
    
    Aber ich kann nicht meine Verwunderung bergen, dass Philosophen, das ist
Leute, die deutliche Begriffe suchen, je haben auf den Gedanken kommen können,
aus diesem Geschrei der Empfindungen den Ursprung menschlicher Sprache zu
erklären: denn ist diese nicht offenbar ganz etwas anders? Alle Tiere bis auf
den stummen Fisch tönen ihre Empfindung; deswegen aber hat doch kein Tier,
selbst nicht das vollkommenste, den geringsten, eigentlichen Anfang zu einer
menschlichen Sprache. Man bilde und verfeinere und organisiere dies Geschrei,
wie man wolle; wenn kein Verstand dazu kommt, diesen Ton mit Absicht zu
brauchen: so sehe ich nicht, wie nach dem vorigen Naturgesetze je menschliche,
willkürliche Sprache werde? Kinder sprechen Schälle der Empfindung wie die
Tiere; ist aber die Sprache, die sie von Menschen lernen, nicht ganz eine andre
Sprache?
    Der Abt Condillac4 ist in dieser Anzahl. Entweder er hat das ganze Ding
Sprache schon vor der ersten Seite seines Buchs erfunden vorausgesetzt: oder ich
finde auf jeder Seite Dinge, die sich gar nicht in der Ordnung einer bildenden
Sprache zutragen konnten. Er setzt zum Grunde seiner Hypotese »zwei Kinder, in
eine Wüste, ehe sie den Gebrauch irgendeines Zeichens kennen«. Warum er nun dies
alles setze: »zwei Kinder«, die also umkommen oder Tiere werden müssen: »in eine
Wüste«, wo sich die Schwürigkeit ihres Unterhalts und ihrer Erfindung noch
vermehret: »vor dem Gebrauch jedes natürlichen Zeichens, und gar vor aller
Kenntnis desselben«, ohne welche doch kein Säugling nach wenigen Wochen seiner
Geburt ist - warum, sage ich, in eine Hypotese, die dem Naturgange menschlicher
Kenntnisse nachspüren soll, solche unnatürliche, sich wiedersprechende Data zum
Grunde gelegt werden müssen, mag ihr Verfasser wissen; dass aber auf sie keine
Erklärung des Ursprungs der Sprache gebauet sei, getraue ich mich zu erweisen.
Seine beiden Kinder kommen ohne Kenntnis jedes Zeichens zusammen, und - siehe
da! im ersten Augenblicke (§ 2) sind sie schon im gegenseitigen Kommerz. Und
doch bloss durch dies gegenseitige Kommerz lernen sie erst, »mit dem Geschrei der
Empfindungen die Gedanken zu verbinden, deren natürliche Zeichen jene sind«.
Natürliche Zeichen der Empfindung durch das Kommerz lernen? lernen, was für
Gedanken damit zu verbinden sind? und doch gleich im ersten Augenblick der
Zusammenkunft, noch vor der Kenntnis dessen, was das dümmste Tier kennet,
Kommerz haben, lernen können, was mit gewissen Zeichen für Gedanken zu
verknüpfen sind? - davon begreife ich nichts. »Durch das Wiederkommen ähnlicher
Umstände (§ 3) gewöhnen sie sich, mit den Schällen der Empfindungen und den
verschiednen Zeichen des Körpers Gedanken zu verbinden. Schon bekommt ihr
Gedächtnis Übung. Schon können sie über ihre Einbildung walten, und schon - sind
sie so weit, das mit Reflexion zu tun, was sie vorher bloss durch Instinkt taten«
(und doch, wie wir eben gesehen, vor ihrem Kommerz nicht zu tun wussten) - davon
begreife ich nichts. »Der Gebrauch dieser Zeichen erweitert die Würkungen der
Seele (§ 4), und diese vervollkommen die Zeichen: Geschrei der Empfindungen
war's also (§ 5), was die Seelenkräfte entwickelt hat; Geschrei der
Empfindungen, das ihnen die Gewohnheit gegeben, Ideen mit willkürlichen Zeichen
zu verbinden (§ 6); Geschrei der Empfindungen, das ihnen zum Muster diente, sich
eine neue Sprache zu machen, neue Schälle zu artikulieren, sich zu gewöhnen, die
Sachen mit Namen zu bezeichnen« - ich wiederhole alle diese Wiederholungen, und
begreife von ihnen nichts. Endlich, nachdem der Verfasser auf diesen kindischen
Ursprung der Sprache die Prosodie, Deklamation, Musik, Tanz und Poesie der alten
Sprachen gebauet und mitunter gute Anmerkungen vorgetragen, die aber zu unserm
Zwecke nichts tun: so fasst er den Faden wieder an: »Um zu begreifen (§ 80), wie
die Menschen unter sich über den Sinn der ersten Worte eins geworden, die sie
brauchen wollten, ist gnug, wenn man bemerkt, dass sie sie in Umständen
aussprachen, wo jeder verbunden war, sie mit den nämlichen Ideen zu verbinden
usw.« Kurz, es entstanden Worte, weil Worte da waren, ehe sie da waren - mich
dünkt, es lohnt nicht, den Faden unsres Erklärers weiter zu verfolgen, da er
doch - an nichts geknüpft ist.
    Condillac, weiss man, gab durch seine hohle Erklärung von Entstehung der
Sprache Gelegenheit, dass Rousseau5 in unserm Jahrhundert die Frage nach seiner
Art in Schwung brachte, das ist, bezweifelte. Gegen Condillacs Erklärung Zweifel
zu finden, war eben kein Rousseau nötig; nur aber deswegen sogleich alle
menschliche Möglichkeit der Spracherfindung zu leugnen - dazu gehörte freilich
etwas Rousseauscher Schwung oder Sprung, wie man's nennen will. Weil Condillac
die Sache schlecht erklärt hatte; ob sie also auch gar nicht erklärt werden
könne? Weil aus Schällen der Empfindung nimmermehr eine menschliche Sprache
wird, folgt daraus, dass sie nirgend anderswoher hat werden können?
    Dass es nur würklich dieser verdeckte Trugschluss sei, der Rousseau verführet,
zeigt offenbar sein eigner Plan6: »wie, wenn doch allenfalls Sprache hätte
menschlich entstehen sollen, wie sie hätte entstehen müssen?« Er fängt, wie sein
Vorgänger, mit dem Geschrei der Natur an, aus dem die menschliche Sprache werde.
Ich sehe nie, wie sie daraus geworden wäre, und wundre mich, dass der Scharfsinn
eines Rousseau sie einen Augenblick daraus habe können werden lassen?
    Maupertuis' kleine Schrift ist mir nicht bei Händen; wenn ich aber dem
Auszuge eines Mannes7 trauen darf, dessen nicht kleinstes Verdienst Treue und
Genauigkeit war, so hat auch er den Ursprung der Sprache nicht gnug von diesen
tierischen Lauten abgesondert und geht also mit den Vorigen auf einer Strasse.
    Diodor endlich und Vitruv, die zudem den Menschenursprung der Sprache mehr
geglaubt als hergeleitet, haben die Sache am offenbarsten verdorben, da sie die
Menschen, erst Zeitenlang, als Tiere, mit Geschrei in Wäldern schweifen und sich
nachher, weiss Gott, woher? und weiss Gott, wozu? Sprache erfinden lassen - -
    Da nun die meisten Verfechter der menschlichen Sprachwerdung aus einem so
unsichern Ort stritten, den andre, z. E. Süssmilch, mit so vielem Grunde
bekämpften: so hat die Akademie diese Frage, die also noch ganz unbeantwortet
ist und über die sich selbst einige ihrer gewesnen Mitglieder geteilt, einmal
ausser Streit wollen gesetzt sehen.
    Und da dies grosse Tema so viel Aussichten in die Psychologie und
Naturordnung des menschlichen Geschlechts, in die Philosophie der Sprachen und
aller Kenntnisse, die mit. Sprache erfunden werden, verspricht - wer wollte sich
nicht daran versuchen?
    Und da die Menschen für uns die einzigen Sprachgeschöpfe sind, die wir
kennen, und sich eben durch Sprache von allen Tieren unterscheiden: wo finge der
Weg der Untersuchung sichrer an als bei Erfahrungen über den Unterschied der
Tiere und Menschen? - Condillac und Rousseau mussten über den Sprachursprung
irren, weil sie sich über diesen Unterschied so bekannt und verschieden irrten:
da jener8 die Tiere zu Menschen und dieser9 die Menschen zu Tieren machte. Ich
muss also etwas weit ausholen.
    
    Dass der Mensch den Tieren an Stärke und Sicherheit des Instinkts weit
nachstehe, ja dass er das, was wir bei so vielen Tiergattungen angeborne
Kunstfähigkeiten und Kunsttriebe nennen, gar nicht habe, ist gesichert; nur so
wie die Erklärung dieser Kunsttriebe bisher den meisten und noch zuletzt einem
gründlichen Philosophen10 Deutschlands missglücket ist, so hat auch die wahre
Ursach von der Entbehrung dieser Kunsttriebe in der menschlichen Natur noch
nicht ins Licht gesetzt werden können. Mich dünkt, man hat einen
Hauptgesichtspunkt verfehlt, aus dem man, wo nicht vollständige Erklärungen, so
wenigstens Bemerkungen in der Natur der Tiere machen kann, die, wie ich für
einen andern Ort hoffe, die menschliche Seelenlehre sehr aufklären können.
Dieser Gesichtspunkt ist die Sphäre der Tiere.
    Jedes Tier hat seinen Kreis, in den es von der Geburt an gehört, gleich
eintritt, in dem es lebenslang bleibet, und stirbt: nun ist es aber sonderbar,
dass je schärfer die Sinne der Tiere und je wunderbarer ihre Kunstwerke sind,
desto kleiner ist ihr Kreis: desto einartiger ist ihr Kunstwerk. Ich habe diesem
Verhältnisse nachgespüret, und ich finde überall eine wunderbar beobachtete
umgekehrte Proportion zwischen der mindern Extension ihrer Bewegungen, Elemente,
Nahrung, Erhaltung, Paarung, Erziehung, Gesellschaft und ihren Trieben und
Künsten. Die Biene in ihrem Korbe bauet mit der Weisheit, die Egeria ihrem Numa
nicht lehren konnte; aber ausser diesen Zellen und ausser ihrem
Bestimmungsgeschäft in diesen Zellen ist sie auch nichts. Die Spinne webet mit
der Kunst der Minerve; aber alle ihre Kunst ist auch in diesen engen Spinnraum
verwebet; das ist ihre Welt! Wie wundersam ist das Insekt, und wie enge der
Kreis seiner Würkung!
    Gegenteils. Je vielfacher die Verrichtungen und Bestimmung der Tiere, je
zerstreuter ihre Aufmerksamkeit auf mehrere Gegenstände, je unsteter ihre
Lebensart, kurz je grösser und vielfältiger ihre Sphäre ist: desto mehr sehen wir
ihre Sinnlichkeit sich verteilen und schwächen. Ich kann es mir hier nicht in
Sinn nehmen, dies grosse Verhältnis, was die Kette der lebendigen Wesen
durchläuft, mit Beispielen zu sichern; ich überlasse jedem die Probe, oder
verweise auf eine andre Gelegenheit und schliesse fort:
    Nach aller Wahrscheinlichkeit und Analogie lassen sich also alle Kunsttriebe
und Kunstfähigkeiten aus den Vorstellungskräften der Tiere erklären, ohne dass
man blinde Determinationen annehmen darf (wie auch noch selbst Reimarus
angenommen, und die alle Philosophie verwüsten). Wenn unendlich feine Sinne in
einen kleinen Kreis, auf ein Einerlei eingeschlossen werden und die ganze andre
Welt für sie nichts ist: wie müssen sie durchdringen! Wenn Vorstellungskräfte in
einen kleinen Kreis eingeschlossen und mit einer analogen Sinnlichkeit begabt
sind, was müssen sie würken! Und wenn endlich Sinne und Vorstellungen auf einen
Punkt gerichtet sind, was kann anders als Instinkt daraus werden? Aus ihnen also
erkläret sich die Empfindsamkeit, die Fähigkeiten und Triebe der Tiere nach
ihren Arten und Stufen.
    Und ich darf also den Satz annehmen: Die Empfindsamkeit, Fähigkeiten und
Kunsttriebe der Tiere nehmen an Stärke und Intensität zu im umgekehrten
Verhältnisse der Grosse und Mannigfaltigkeit ihres Würkungskreises. Nun aber -
    Der Mensch hat keine so einförmige und enge Sphäre, wo nur eine Arbeit auf
ihn warte: eine Welt von Geschäften und Bestimmungen liegt um ihn.
    Seine Sinne und Organisation sind nicht auf eins geschärft: er hat Sinne für
alles und natürlich also für jedes Einzelne schwächere und stumpfere Sinne.
    Seine Seelenkräfte sind über die Welt verbreitet; keine Richtung seiner
Vorstellungen auf ein Eins: mitin kein Kunsttrieb, keine Kunstfertigkeit - und,
das eine gehört hier näher her, keine Tiersprache.
    Was ist doch das, was wir, ausser der vorher angeführten Lautbarkeit der
empfindenden Maschine, bei einigen Gattungen Tiersprache nennen, anders als ein
Resultat der Anmerkungen, die ich zusammengereihet? ein dunkles sinnliches
Einverständnis einer Tiergattung untereinander über ihre Bestimmung, im Kreise
ihrer Würkung.
    Je kleiner also die Sphäre der Tiere ist: desto weniger haben sie Sprache
nötig. Je schärfer ihre Sinne, je mehr ihre Vorstellungen auf eins gerichtet, je
ziehender ihre Triebe sind, desto zusammengezogner ist das Einverständnis ihrer
etwanigen Schälle, Zeichen, Äusserungen. Es ist lebendiger Mechanismus,
herrschender Instinkt, der da spricht und vernimmt. Wie wenig darf er sprechen,
dass er vernommen werde!
    Tiere von dem engsten Bezirke sind also sogar gehörlos; sie sind für ihre
Welt ganz Gefühl, oder Geruch, und Gesicht: ganz einförmiges Bild, einförmiger
Zug, einförmiges Geschäfte; sie haben also wenig oder keine Sprache.
    Je grösser aber der Kreis der Tiere: je unterschiedner ihre Sinne - doch was
soll ich wiederholen? mit dem Menschen ändert sich die Szene ganz. Was soll für
seinen Würkungskreis, auch selbst im dürftigsten Zustande, die Sprache des
redendsten, am vielfachsten tönenden Tiers? Was soll für seine zerstreuten
Begierden, für seine geteilte Aufmerksamkeit, für seine stumpfer witternden
Sinne auch selbst die dunkle Sprache aller Tiere? Sie ist für ihn weder reich
noch deutlich: weder hinreichend an Gegenständen noch für seine Organe - also
durchaus nicht seine Sprache: denn was heisst, wenn wir nicht mit Worten spielen
wollen, die eigentümliche Sprache eines Geschöpfs, als die seiner Sphäre von
Bedürfnissen und Arbeiten, der Organisation seiner Sinne, der Richtung seiner
Vorstellungen und der Stärke seiner Begierden angemessen ist - und welche
Tiersprache ist so für den Menschen?
    Jedoch es bedarf auch die Frage nicht. Weiche Sprache (ausser der vorigen
mechanischen) hat der Mensch so instinktmässig als jede Tiergattung die ihrige in
und nach ihrer Sphäre? - Die Antwort ist kurz: keine! und eben diese kurze
Antwort entscheidet.
    Bei jedem Tier ist, wie wir gesehen, seine Sprache eine Äusserung so starker
sinnlicher Vorstellungen, dass diese zu Trieben werden: mitin ist Sprache, so
wie Sinne und Vorstellungen und Triebe, angeboren und dem Tier unmittelbar
natürlich. Die Biene sumset, wie sie sauget; der Vogel singt, wie er nistet -
aber wie spricht der Mensch von Natur? gar nicht, so wie er wenig oder nichts
durch völligen Instinkt, als Tier tut. Ich nehme bei einem neugebornen Kinde das
Geschrei seiner empfindsamen Maschine aus; sonst ist's stumm; es äussert weder
Vorstellungen noch Triebe durch Töne, wie doch jedes Tier in seiner Art; bloss
unter Tiere gestellet, ist's also das verwaisetste Kind der Natur. Nackt und
bloss, schwach und dürftig, schüchtern und unbewaffnet, und was die Summe seines
Elendes ausmacht, aller Leiterinnen des Lebens beraubt. Mit einer so
zerstreueten, geschwächten Sinnlichkeit, mit so unbestimmten, schlafenden
Fähigkeiten, mit so geteilten und ermatteten Trieben geboren, offenbar auf
tausend Bedürfnisse verwiesen, zu einem grossen Kreise bestimmt - und doch so
verwaiset und verlassen, dass es selbst nicht mit einer Sprache begabt ist, seine
Mängel zu äussern - Nein! ein solcher Widerspruch ist nicht die Haushaltung der
Natur. Es müssen statt der Instinkte andre verborgne Kräfte in ihm schlafen!
stumm geboren; aber -
 
                               Zweiter Abschnitt
    Doch ich tue keinen Sprung. Ich gebe dem Menschen nicht gleich plötzlich
neue Kräfte, keine sprachschaffende Fähigkeit, wie eine willkürliche qualitas
occulta. Ich suche nur in den vorherbemerkten Lücken und Mängeln weiter.
    Lücken und Mängel können doch nicht der Charakter seiner Gattung sein: oder
die Natur war gegen ihn die härteste Stiefmutter, da sie gegen jedes Insekt die
liebreichste Mutter war. Jedem Insekt gab sie, was und wieviel es brauchte:
Sinne zu Vorstellungen, und Vorstellungen in Triebe gediegen; Organe zur
Sprache, soviel es bedorfte, und Organe, diese Sprache zu verstehen. Bei dem
Menschen ist alles in dem grössten Missverhältnis - Sinne und Bedürfnisse, Kräfte
und Kreis der Würksamkeit, der auf ihn wartet, seine Organe und seine Sprache -
Es muss uns also ein gewisses Mittelglied fehlen, die so abstehende Glieder der
Verhältnis zu berechnen.
    Fänden wir's: so wäre nach aller Analogie der Natur diese Schadloshaltung
seine Eigenheit, der Charakter seines Geschlechts: und alle Vernunft und
Billigkeit foderte, diesen Fund für das gelten zu lassen, was er ist, für
Naturgabe, ihm so wesentlich als den Tieren der Instinkt.
    Ja fänden wir eben in diesem Charakter die Ursache jener Mängel, und eben in
der Mitte dieser Mängel, in der Hoble jener grossen Entbehrung von Kunsttrieben
den Keim zum Ersatze: so wäre diese Einstimmung ein genetischer Beweis, dass hier
die wahre Richtung der Menschheit liege und dass die Menschengattung über den
Tieren nicht an Stufen des Mehr oder Weniger stehe, sondern an Art.
    Und fänden wir in diesem neugefundnen Charakter der Menschheit sogar den
notwendigen genetischen Grund zu Entstehung einer Sprache für diese neue Art
Geschöpfe, wie wir in den Instinkten der Tiere den unmittelbaren Grund zur
Sprache für jede Gattung fanden: so sind wir ganz am Ziele. In dem Falle würde
die Sprache dem Menschen so wesentlich, als - er ein Mensch ist. Man sieht, ich
entwickle aus keinen willkürlichen oder gesellschaftlichen Kräften, sondern aus
der allgemeinen tierischen Ökonomie.
    Und nun folgt, dass wenn der Mensch Sinne hat, die für einen kleinen Fleck
der Erde, für die Arbeit und den Genuss einer Weltspanne den Sinnen des Tiers,
das in dieser Spanne lebet, nachstehen an Schärfe: so bekommen sie eben dadurch
Vorzug der Freiheit; eben weil sie nicht für einen Punkt sind, so sind sie
allgemeinere Sinne der Welt.
    Wenn der Mensch Vorstellungskräfte hat, die nicht auf den Bau einer
Honigzelle und eines Spinngewebes bezirkt sind und also auch den
Kunstfähigkeiten der Tiere in diesem Kreise nachstehen: so bekommen sie eben
damit weitere Aussicht. Er hat kein einziges Werk, bei dem er also auch
unverbesserlich handle; aber er hat freien Raum, sich an vielem zu üben, mitin
sich immer zu verbessern. Jeder Gedanke ist nicht ein unmittelbares Werk der
Natur, aber eben damit kann's sein eigen Werk werden.
    Wenn also hiermit der Instinkt wegfallen muss, der bloss aus der Organisation
der Sinne und dem Bezirk der Vorstellungen folgte und keine blinde Determination
war, so bekommt eben hiemit der Mensch mehrere Helle. Da er auf keinen Punkt
blind fällt und blind liegenbleibt: so wird er freistehend, kann sich eine
Sphäre der Bespiegelung suchen, kann sich in sich bespiegeln. Nicht mehr eine
unfehlbare Maschine in den Händen der Natur, wird er sich selbst Zweck und Ziel
der Bearbeitung.
    Man nenne diese ganze Disposition seiner Kräfte, wie man wolle. Verstand,
Vernunft, Besinnung usw. Wenn man diese Namen nicht für abgesonderte Kräfte oder
für blosse Stufenerhöhungen der Tierkräfte annimmt: so gilt's mir gleich. Es ist
die ganze Einrichtung aller menschlichen Kräfte; die ganze Haushaltung seiner
sinnlichen und erkennenden, seiner erkennenden und wollenden Natur; oder
vielmehr - Es ist die einzige positive Kraft des Denkens, die, mit einer
gewissen Organisation des Körpers verbunden, bei den Menschen so Vernunft beisst,
wie sie bei den Tieren Kunstfähigkeit wird: die bei ihm Freiheit beisst und bei
den Tieren Instinkt wird. Der Unterschied ist nicht in Stufen oder Zugabe von
Kräften, sondern in einer ganz verschiedenartigen Achtung und Auswickelung aller
Kräfte. Man sei Leibnizianer oder Lockianer, Search oder Knowall11, Idealist
oder Materialist, so muss man bei einem Einverständnis über die Worte, zufolge
des Vorigen, die Sache zugeben, einen eignen Charakter der Menschheit, der
hierin und in nichts anders bestehet.
    Alle die dagegen Schwürigkeit gemacht, sind durch falsche Vorstellungen und
unaufgeräumte Begriffe hintergangen. Man hat sich die Vernunft des Menschen als
eine neue, ganz abgetrennte Kraft in die Seele hineingedacht, die dem Menschen
als eine Zugabe vor allen Tieren zu eigen geworden und die also auch, wie die
vierte Stufe einer Leiter nach den drei untersten, allein betrachtet werden
müsse; und das ist freilich, es mögen es so grosse Philosophen sagen, als da
wollen, philosophischer Unsinn. Alle Kräfte unsrer und der Tierseelen sind
nichts als metaphysische Abstraktionen, Würkungen! sie werden abgeteilt, weil
sie von unserm schwachen Geiste nicht auf einmal betrachtet werden konnten: sie
stehen in Kapiteln, nicht, weil sie so kapitelweise in der Natur würkten,
sondern ein Lehrling sie sich vielleicht so am besten entwickelt. Dass wir
gewisse ihrer Verrichtungen unter gewisse Hauptnamen gebracht haben z. E. Witz,
Scharfsinn, Phantasie, Vernunft, ist nicht, als wenn je eine einzige Handlung
des Geistes möglich wäre, wo der Witz oder die Vernunft allein würkt: sondern
nur, weil wir in dieser Handlung am meisten von der Abstraktion entdecken, die
wir Witz oder Vernunft nennen, z. E. Vergleichung oder Deutlichmachung der
Ideen: überall aber würkt die ganze unabgeteilte Seele. Konnte ein Mensch je
eine einzige Handlung tun, bei der er völlig wie ein Tier dachte: so ist er auch
durchaus kein Mensch mehr, gar keiner menschlichen Handlung mehr fähig. War er
einen einzigen Augenblick ohne Vernunft: so sähe ich nicht, wie er je in seinem
Leben mit Vernunft denken könne: oder seine ganze Seele, die ganze Haushaltung
seiner Natur ward geändert.
    Nach richtigern Begriffen ist die Vernunftmässigkeit des Menschen, der
Charakter seiner Gattung, etwas anders, nämlich, die gänzliche Bestimmung seiner
denkenden Kraft im Verhältnis seiner Sinnlichkeit und Triebe. Und da konnte es,
alle vorigen Analogien zu Hülfe genommen, nichts anders sein, als dass -
    wenn der Mensch Triebe der Tiere hätte, er das nicht haben könnte, was wir
jetzt Vernunft in ihm nennen; denn eben diese Triebe rissen ja seine Kräfte so
dunkel auf einen Punkt hin, dass ihm kein freier Besinnungskreis ward. Es musste
sein, dass -
    wenn der Mensch Sinne der Tiere, er keine Vernunft hätte; denn eben die
starke Reizbarkeit seiner Sinne, eben die durch sie mächtig andringenden
Vorstellungen müssten alle kalte Besonnenheit ersticken. Aber umgekehrt musste es
auch nach ebendiesen Verbindungsgesetzen der haushaltenden Natur sein, dass -
    wenn tierische Sinnlichkeit und Eingeschlossenheit auf einen Punkt wegfiele:
so wurde ein ander Geschöpf, dessen positive Kraft sich in grösserm Raume, nach
feinerer Organisation, heller, äusserte: das abgetrennt und frei nicht bloss
erkennet, will und würkt, sondern auch weiss, dass es erkenne, wolle und würke.
Dies Geschöpf ist der Mensch und diese ganze Disposition seiner Natur wollen
wir, um den Verwirrungen mit eignen Vernunftkräften usw. zu entkommen,
Besonnenheit nennen. Es folgt also nach eben diesen Verbindungsregeln, da alle
die Wörter Sinnlichkeit und Instinkt, Phantasie und Vernunft doch nur
Bestimmungen einer einzigen Kraft sind, wo Entgegensetzungen einander aufheben,
dass -
    wenn der Mensch kein instinktmässiges Tier sein sollte, er vermöge der freier
würkenden positiven Kraft seiner Seele ein besonnenes Geschöpf sein musste. - - -
Wenn ich die Kette dieser Schlüsse noch einige Schritte weiter ziehe, so bekomme
ich damit vor künftigen Einwendungen einen den Weg sehr kürzenden Vorsprung.
    Ist nämlich die Vernunft keine abgeteilte, einzelnwürkende Kraft, sondern
eine seiner Gattung eigne Richtung aller Kräfte: so muss der Mensch sie im ersten
Zustande haben, da er Mensch ist. Im ersten Gedanken des Kindes muss sich diese
Besonnenheit zeigen, wie bei dem Insekt, dass es Insekt war. - - Das hat nun mehr
als ein Schriftsteller nicht begreifen können, und daher ist die Materie, über
die ich schreibe, mit den rohesten, ekelhaftesten Einwürfen angefüllet - aber
sie konnten es nicht begreifen, weil sie es missverstanden. Heisst denn vernünftig
denken, mit ausgebildeter Vernunft denken? heisst's, der Säugling denke mit
Besonnenheit, er räsoniere wie ein Sophist auf seinem Kateder oder der
Staatsmann, in seinem Kabinett? Glücklich und dreimal glücklich, dass er von
diesem ermattenden Wust von Vernünfteleien noch nichts wusste! Aber sieht man
denn nicht, dass dieser Einwurf bloss einen so und nicht anders, einen mehr oder
minder gebildeten Gebrauch der Seelenkräfte, und durchaus kein Positives einer
Seelenkraft selbst leugne? und welcher Tor wird da behaupten, dass der Mensch im
ersten Augenblick des Lebens so denke wie nach einer vieljährigen Übung - es sei
denn, dass man zugleich das Wachstum aller Seelenkräfte leugne und sich eben
damit selbst für einen Unmündigen bekenne? - So wie doch aber dies Wachstum in
der Welt nichts bedeuten kann als einen leichtern, stärkern, vielfachern
Gebrauch; muss denn das nicht schon da sein, was gebraucht werden? muss es nicht
schon Keim sein, was da wachsen soll? und ist also nicht im Keime der ganze Baum
entalten? - Sowenig das Kind Klauen wie ein Greif und eine Löwenmähne hat:
sowenig kann es, wie Greif und Löwe, denken; denkt es aber menschlich, so ist
Besonnenheit, das ist die Mässigung aller seiner Kräfte auf diese Hauptrichtung,
schon so im ersten Augenblicke sein Los, wie sie es im letzten sein wird. Die
Vernunft äussert sich unter seiner Sinnlichkeit schon so würklich, dass der
Allwissende, der diese Seele schuf, in ihrem ersten Zustande schon das ganze
Gewebe von Handlungen des Lebens sähe, wie etwa der Messkünstler nach gegebner
Klasse aus einem Gliede der Progression das ganze Verhältnis derselben findet.
    »Aber so war doch diese Vernunft damals mehr Vernunftfähigkeit (réflexion en
puissance) als würkliche Kraft?« Die Ausnahme sagt kein Wort. Blosse, nackte
Fähigkeit, die auch ohne vorliegendes Hindernis keine Kraft, nichts als
Fähigkeit sei, ist so ein tauber Schall als plastische Formen, die da formen,
aber selbst keine Formen sind. Ist mit der Fähigkeit nicht das geringste
Positive zu einer Tendenz da: so ist nichts da - so ist das Wort bloss
Abstraktion der Schule. Der neuere französische Philosoph12, der diese réflexion
en puissance, diesen Scheinbegriff so blendend gemacht, hat, wie wir sehen
werden, immer nur eine Luftblase blendend gemacht, die er eine Zeitlang vor sich
hertreibt, die ihm selbst aber unvermutet auf seinem Wege zerspringt. Und ist in
der Fähigkeit nichts da, wodurch soll es denn je in die Seele kommen? ist im
ersten Zustande nichts Positives von Vernunft in der Seele, wie wird's bei
Millionen der folgenden Zustände würklich werden? Es ist Worttrug, dass der
Gebrauch eine Fähigkeit in Kraft, etwas bloss Mögliches in ein Würkliches
verwandeln könne: ist nicht schon Kraft da, so kann sie ja nicht gebraucht und
angewandt werden. Zudem endlich, was ist beides, eine abgetrennte
Vernunftfähigkeit und Vernunftkraft in der Seele? Eines ist so unverständlich
als das andre. Setzet den Menschen, als das Wesen, was er ist, mit dem Grade von
Sinnlichkeit, und der Organisation ins Universum: von allen Seiten, durch alle
Sinne strömt dies in Empfindungen auf ihn los; durch menschliche Sinne? auf
menschliche Weise? so wird also, mit den Tieren verglichen, dies denkende Wesen
weniger überströmt? Es hat Raum, seine Kraft freier zu äussern? und dieses
Verhältnis heisst Vernunftmässigkeit - wo ist da blosse Fähigkeit? wo abgesonderte
Vernunftkraft? Es ist die positive einzige Kraft der Seele, die in solcher
Anlage würket - mehr sinnlich, so weniger vernünftig; vernünftiger, so minder
lebhaft, heller, so minder dunkel - das versteht sich ja alles! Aber der
sinnlichste Zustand des Menschen war noch menschlich, und also würkte in ihm
noch immer Besonnenheit, nur im minder merklichen Grade; und der am wenigsten
sinnliche Zustand der Tiere war noch tierisch, und also würkte bei aller
Klarheit ihrer Gedanken nie Besonnenheit eines menschlichen Begriffs. Und weiter
lasset uns nicht mit Worten spielen! -
    Es tut mir leid, dass ich so viele Zeit verloren habe, erst blosse Begriffe zu
bestimmen und zu ordnen; allein der Verlust war nötig, da dieser ganze Teil der
Psychologie in den neuem Zeiten so jämmerlich verwüstet daliegt: da französische
Philosophen über einige anscheinende Sonderbarkeiten in der tierischen und
menschlichen Natur alles so über- und untereinander geworfen und deutsche
Philosophen die meisten Begriffe dieser Art mehr für ihr System, und nach ihrem
Sehepunkt, als darnach ordnen, damit sie Verwirrungen im Sehepunkt der
gewöhnlichen Denkart vermeiden. Ich habe auch mit diesem Aufräumen der Begriffe
keinen Umweg genommen: sondern wir sind mit einemmal am Ziele! Nämlich:
    
    Der Mensch, in den Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und
diese Besonnenheit (Reflexion) zum erstenmal frei würkend, hat Sprache erfunden.
Denn was ist Reflexion? was ist Sprache?
    Diese Besonnenheit ist ihm charakteristisch eigen, und seiner Gattung
wesentlich: so auch Sprache und eigne Erfindung der Sprache.
    Erfindung der Sprache ist ihm also so natürlich, als er ein Mensch ist!
Lasset uns nur beide Begriffe entwickeln! Reflexion und Sprache -
    Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei würket,
dass sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sie durch, alle Sinnen
durchrauschet, eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die
Aufmerksamkeit auf sie richten und sich bewusst sein kann, dass sie aufmerke. Er
beweiset Reflexion, wenn er aus dem ganzen schwebenden Traum der Bilder, die
seine Sinne vorbeistreichen, sich in ein Moment des Wachens sammlen, auf einem
Bilde freiwillig verweilen, es in helle, ruhigere Obacht nehmen und sich
Merkmale absondern kann, dass dies der Gegenstand und kein andrer sei. Er
beweiset also Reflexion, wenn er nicht bloss alle Eigenschaften lebhaft oder klar
erkennen, sondern eine oder mehrere als unterscheidende Eigenschaften bei sich
anerkennen kann: der erste Aktus dieser Anerkenntnis13 gibt deutlichen Begriff;
es ist das erste Urteil der Seele - und -
    wodurch geschahe die Anerkennung? Durch ein Merkmal, was er absondern, musste
und was, als Merkmal der Besinnung, deutlich in ihn fiel. Wohlan! lasset uns ihm
das heurêka zurufen! Dies erste Merkmal der Besinnung war Wort der Seele! Mit
ihm ist die menschliche Sprache erfunden! Lasset jenes Lamm, als Bild, sein Auge
vorbeigehn: ihm wie keinem andern Tiere. Nicht wie dem hungrigen, witternden
Wolfe! nicht wie dem blutleckenden Löwen - die wittern und schmecken schon im
Geiste! die Sinnlichkeit hat sie überwältigt! der Instinkt wirft sie darüber
her! - Nicht wie dem brünstigen Schafmanne, der es nur als den Gegenstand seines
Genusses fühlt, den also wieder die Sinnlichkeit überwältigt und der Instinkt
darüber herwirft! - Nicht wie jedem andern Tier, dem das Schaf gleichgültig ist,
das es also klar-dunkel vorbeistreichen lässt, weil ihn sein Instinkt auf etwas
anders wendet! - Nicht so dem Menschen! Sobald er in die Bedürfnis kommt, das
Schaf kennenzulernen: so störet ihn kein Instinkt: so reisst ihn kein Sinn auf
dasselbe zu nahe hin oder davon ab: es steht da, ganz wie es sich seinen Sinnen
äussert. Weiss, sanft, wollicht - seine besonnen sich übende Seele sucht ein
Merkmal, - das Schaf blöket! sie hat Merkmal gefunden. Der innere Sinn würket.
Dies Blöken, das ihr am stärksten Eindruck macht, das sich von allen andern
Eigenschaften des Beschauens und Betastens losriss, hervorsprang, am tiefsten
eindrang, bleibt ihr. Das Schaf kommt wieder. Weiss, sanft, wollicht - sie sieht,
tastet, besinnet sich, sucht Merkmal - es blökt, und nun erkennet sie's wieder!
»Hai du bist das Blökende!« fühlt sie innerlich, sie hat es menschlich erkannt,
da sie's deutlich, das ist, mit einem Merkmal erkennet und nennet. Dunkler? so
wäre es ihr gar nicht wahrgenommen, weil keine Sinnlichkeit, kein Instinkt zum
Schafe ihr den Mangel des Deutlichen durch ein lebhafteres Klare ersetzte.
Deutlich unmittelbar, ohne Merkmal? so kann kein sinnliches Geschöpf ausser sich
empfinden: da es immer andre Gefühle unterdrücken, gleichsam vernichten, und
immer den Unterschied von Zween durch ein Drittes erkennen muss. Mit einem
Merkmal also? und was war das anders, als ein innerliches Merkwort! Der Schall
des Blökens, von einer menschlichen Seele als Kennzeichen des Schafs
wahrgenommen, ward, Kraft dieser Besinnung, Name des Schafs, und wenn ihn nie
seine Zunge zu stammeln versucht hätte. Er erkannte das Schaf am Blöken: es war
gefasstes Zeichen, bei welchem sich die Seele an eine Idee deutlich besann - was
ist das anders als Wort? und was ist die ganze menschliche Sprache als eine
Sammlung solcher Worte? Käme er also auch nie in den Fall, einem andern Geschöpf
diese Idee zu geben und also dies Merkmal der Besinnung ihm mit den Lippen
vorblöken zu wollen oder zu können; seine Seele hat gleichsam in ihrem
Inwendigen geblökt, da sie diesen Schall zum Erinnerungszeichen wählte, und
wiedergeblökt, da sie ihn daran erkannte - die Sprache ist erfunden! ebenso
natürlich und dem Menschen notwendig erfunden, als der Mensch ein Mensch war.
    Die meisten, die über den Ursprung der Sprache geschrieben, haben ihn nicht
da, auf dem einzigen Punkt gesucht, wo er gefunden werden konnte; und vielen
haben also so viel dunkle Zweifel vorgeschwebt: ob er irgendwo in der
menschlichen Seele zu finden sei? Man hat ihn in der bessern Artikulation der
Sprachwerkzeuge gesucht; als ob je ein Orang-Utan mit ebenden Werkzeugen eine
Sprache erfunden hätte? Man hat ihn in den Schällen der Leidenschaft gesucht;
als ob nicht alle Tiere diese Schälle besässen, und irgendein Tier aus ihnen
Sprache erfunden hätte? Man hat ein Prinzipium angenommen, die Natur und also
auch ihre Schälle nachzuahmen; als wenn sich bei einer solchen blinden Neigung
was gedenken liesse? und als wenn der Affe mit eben dieser Neigung, die Amsel,
die die Schälle so gut nachäffen kann, eine Sprache erfunden hätten? Die meisten
endlich haben eine blosse Konvention, einen Einvertrag, angenommen, und dagegen
hat Rousseau am stärksten geredet; denn was ist's auch für ein dunkles,
verwickeltes Wort, ein natürlicher Einvertrag der Sprache? Diese so vielfache,
unerträgliche Falschheiten, die über den menschlichen Ursprung der Sprache
gesagt worden, haben endlich die gegenseitige Meinung beinahe allgemein gemacht
- ich hoffe nicht, dass sie es bleiben werde. Hier ist es keine Organisation des
Mundes, die die Sprache machet: denn auch der zeitlebens Stumme, war er Mensch,
besann er sich: so lag Sprache in seiner Seele! Hier ist's kein Geschrei der
Empfindung: denn nicht eine atmende Maschine, sondern ein besinnendes Geschöpf
erfand Sprache! Kein Prinzipium der Nachahmung in der Seele; die etwanige
Nachahmung der Natur ist bloss ein Mittel zu einem und dem einzigen Zweck, der
hier erklärt werden soll. Am wenigsten ist's Einverständnis, willkürliche
Konvention der Gesellschaft; der Wilde, der Einsame im Walde hätte Sprache für
sich selbst erfinden müssen; hätte er sie auch nie geredet. Sie war
Einverständnis seiner Seele mit sich und ein so notwendiges Einverständnis, als
der Mensch Mensch war. Wenn's andern unbegreiflich war, wie eine menschliche
Seele hat Sprache erfinden können, so ist's mir unbegreiflich, wie eine
menschliche Seele, was sie ist, sein konnte, ohne eben dadurch, schon ohne Mund
und Gesellschaft, sich Sprache erfinden zu müssen.
    Nichts wird diesen Ursprung deutlicher entwickeln als die Einwürfe der
Gegner. Der gründlichste, der ausführlichste Verteidiger des göttlichen
Ursprunges der Sprache14 wird, eben weil er durch die Oberfläche drang, die nur
die andern berühren, fast ein Verteidiger des wahren menschlichen Ursprungs. Er
ist unmittelbar am Rande des Beweises stehengeblieben; und sein Haupteinwurf,
bloss etwas richtiger erkläret, wird Einwurf gegen ihn selbst und Beweis von
seinem Gegenteile, der Menschenmöglichkeit der Sprache. Er will bewiesen haben,
»dass der Gebrauch der Sprache zum Gebrauch der Vernunft notwendig sei!« Hätte er
das, so wüsste ich nicht, was anders damit bewiesen wäre, »als dass, da der
Gebrauch der Vernunft dem Menschen natürlich sei, der Gebrauch der Sprache es
ebenso sein müsste!« Zum Unglück aber hat er seinen Satz nicht bewiesen. Er hat
bloss mit vieler Mühe dargetan, dass so viel feine, verflochtne Handlungen, als
Aufmerksamkeit, Reflexion, Abstraktion usw., nicht füglich ohne Zeichen
geschehen können, auf die sich die Seele stütze; allein dies nicht füglich,
nicht leicht, nicht wahrscheinlich erschöpfet noch nichts. So wie wir mit
wenigen Abstraktionskräften nur wenige Abstraktion ohne sinnliche Zeichen denken
können: so können andre Wesen mehr darohne denken; wenigstens folgt daraus noch
gar nicht, dass an sich selbst keine Abstraktion ohne sinnliches Zeichen möglich
sei. Ich habe erwiesen, dass der Gebrauch der Vernunft nicht etwa bloss füglich,
sondern dass nicht der mindeste Gebrauch der Vernunft, nicht die einfachste,
deutliche Anerkennung, nicht das simpelste Urteil einer menschlichen
Besonnenheit ohne Merkmal möglich sei: denn der Unterschied von Zween lässt sich
nur immer durch ein Drittes erkennen. Eben dies Dritte, dies Merkmal, wird
mitin inneres Merkwort: also folgt die Sprache aus dem ersten Aktus der
Vernunft ganz natürlich. - Herr Süssmilch will dartun15, dass die höhern
Anwendungen der Vernunft nicht ohne Sprache vor sich gehen könnten, und führt
dazu Wolffs Worte an, der aber auch nur von diesem Falle in Wahrscheinlichkeiten
redet. Der Fall tut eigentlich nichts zur Sache: denn die höhern Anwendungen der
Vernunft, wie sie in den spekulativen Wissenschaften Platz finden, waren ja
nicht zu dem ersten Grundstein der Sprachenlegung nötig - Und doch ist auch
dieser leicht zu erweisende Satz von Hr. S. nur erläutert; da ich erwiesen zu
haben glaube, dass selbst die erste, niedrigste Anwendung der Vernunft nicht ohne
Sprache geschehen konnte. Allein wenn er nun folgert: kein Mensch kann sich
selbst Sprache erfunden haben, weil schon zur Erfindung der Sprache Vernunft
gehöret, folglich schon Sprache hätte dasein müssen, ehe sie da war: so halte
ich den ewigen Kreisel an, besehe ihn recht, und nun sagt er ganz was anders:
ratio et oratio! Wenn keine Vernunft dem Menschen ohne Sprache möglich war:
wohl! so ist die Erfindung dieser dem Menschen so natürlich, so alt, so
ursprünglich, so charakteristisch, als der Gebrauch jener.
    Ich habe Süssmilchs Schlussart einen ewigen Kreisel genannt: denn ich kann ihn
ja ebensowohl gegen ihn, als er gegen mich drehen: und das Ding kreiselt immer
fort. Ohne Sprache hat der Mensch keine Vernunft, und ohne Vernunft keine
Sprache. Ohne Sprache und Vernunft ist er keines göttlichen Unterrichts fähig;
und ohne göttlichen Unterricht hat er doch keine Vernunft und Sprache - wo
kommen wir da je hin? Wie kann der Mensch durch göttlichen Unterricht Sprache
lernen, wenn er keine Vernunft hat? und er hat ja nicht den mindsten Gebrauch
der Vernunft ohne Sprache. Er soll also Sprache haben, ehe er sie hat und haben
kann? oder vernünftig werden können ohne den mindesten eignen Gebrauch der
Vernunft? Um der ersten Silbe im göttlichen Unterricht fähig zu sein, musste er
ja, wie Hr. Süssmilch selbst zugibt, ein Mensch sein, das ist, deutlich denken
können, und bei dem ersten deutlichen Gedanken war schon Sprache in seiner Seele
da, sie war also aus eignen Mitteln und nicht durch göttlichen Unterricht
erfunden. - - Ich weiss wohl, was man bei diesem göttlichen Unterricht meistens
im Sinne hat, nämlich den Sprachunterricht der Eltern an die Kinder; allein man
besinne sich, dass das hier gar nicht der Fall ist. Eltern lehren die Kinder nie
Sprache, ohne dass diese nicht immer selbst mit erfänden: jene machen diese nur
auf Unterschiede der Sachen, mittelst gewisser Wortzeichen, aufmerksam, und so
ersetzen sie ihnen nicht etwa, sondern erleichtern und befördern ihnen nur den
Gebrauch der Vernunft durch die Sprache. Will man solche übernatürliche
Erleichterung aus andern Gründen annehmen: so geht das meinen Zweck nichts an;
nur alsdenn hat Gott durchaus für die Menschen keine Sprache erfunden, sondern
diese haben immer noch mit Würkung eigner Kräfte, nur unter höherer
Veranstaltung, sich ihre Sprache finden müssen. Um das erste Wort als Wort, d.i.
als Merkzeichen der Vernunft auch aus dem Munde Gottes empfangen zu können, war
Vernunft nötig, und der Mensch musste dieselbe Besinnung anwenden, dies Wort, als
Wort, zu verstehen, als hätte er's ursprünglich ersonnen. Alsdenn fechten alle
Waffen meines Gegners gegen ihn selbst; er musste würklichen Gebrauch der
Vernunft haben, um göttliche Sprache zu lernen: den hat immer ein lernendes Kind
auch, wenn es nicht wie ein Papagei bloss Worte ohne Gedanken sagen soll - was
wären aber das für würdige Schüler Gottes, die so lernten? - Und wenn die ewig
so gelernt hätten, wo hätten wir denn unsre Vernunftsprache her?
    Ich schmeichle mir, dass wenn mein würdiger Gegner noch lebte, er einsähe,
dass sein Einwurf, etwas mehr bestimmt, selbst der stärkste Beweis gegen ihn
werde und dass er also unwissend in seinem Buche selbst Materialien zu seiner
Widerlegung zusammengetragen. Er würde sich nicht hinter das Wort
»Vernunftfähigkeit, die aber noch nicht im mindsten Vernunft ist« verstecken:
denn man kehre, wie man wolle, so werden Widersprüche! Ein vernünftiges Geschöpf
ohne den mindsten Gebrauch der Vernunft; oder ein Vernunft gebrauchendes
Geschöpf ohne - Sprache! Ein vernunftloses Geschöpf, dem Unterricht Vernunft
geben kann; oder ein unterrichtfähiges Geschöpf, was doch ohne Vernunft ist! Ein
Wesen ohne den mindsten Gebrauch der Vernunft; - und doch Mensch! Ein Wesen, das
seine Vernunft aus natürlichen Kräften nicht brauchen konnte, und doch beim
übernatürlichen Unterricht natürlich brauchen lernte! Eine menschliche Sprache,
die gar nicht menschlich war, d.i. die durch keine menschliche Kraft entstehen
konnte; und eine Sprache, die doch so menschlich ist, dass sich ohne sie keine
seiner eigentlichen Kräfte äussern kann! Ein Ding, ohne das er nicht Mensch war,
und doch ein Zustand, da er Mensch war und das Ding nicht hatte, das also da
war, ehe es da war, sich äussern musste, ehe es sich äussern konnte usw. - - alle
diese Widersprüche sind offenbar, wenn Mensch, Vernunft und Sprache für das
Würkliche genommen werden, was sie sind, und das Gespenst von Worte »Fähigkeit«
(Menschenfähigkeit, Vernunftfähigkeit, Sprachfähigkeit) in seinem Unsinn
entlarvt wird.
    »Aber die wilden Menschenkinder unter den Bären, hatten die Sprache? und
waren sie nicht Menschen?«16 Allerdings! nur zuerst Menschen in einem
widernatürlichen Zustande! Menschen in Verartung! Legt den Stein auf diese
Pflanze; wird sie nicht krumm wachsen? und ist sie nicht demungeachtet ihrer
Natur nach eine aufschiessende Pflanze? und hat sich diese geradschiessende Kraft
nicht selbst da geäussert, da sie sich dem Steine krumm umschlang? Also zweitens,
selbst die Möglichkeit dieser Verartung zeigt menschliche Natur. Eben weil der
Mensch keine so hinreissende Instinkte hat als die Tiere: weil er zu so
mancherlei und zu allem schwächer fähig - kurz! weil er Mensch ist: so konnte er
Verarten. Würde er wohl so bärähnlich haben brummen und so bärähnlich haben
kriechen lernen, wenn er nicht gelenksame Organe, wenn er nicht gelenksame
Glieder gehabt hätte? Würde jedes andre Tier, ein Affe und Esel es so weit
gebracht haben? Würkte also nicht würklich seine menschliche Natur dazu, dass er
so unnatürlich werden konnte? Aber drittens blieb sie deswegen noch immer
menschliche Natur: denn brummte, kroch, frass, witterte er völlig wie ein Bär?
oder wäre er nicht ewig ein strauchelnder, stammlender Menschenbär und also ein
unvollkommenes Doppelgeschöpf geblieben? Sowenig sich nun seine Haut und sein
Antlitz, seine Füsse und seine Zunge in völlige Bärengestalt ändern und wandeln
konnten: sowenig, lasset uns nimmer zweifeln! konnte es die Natur seiner Seele.
Seine Vernunft lag unter dem Druck der Sinnlichkeit, der bärartigen Instinkte
begraben: aber sie war noch immer menschliche Vernunft, weil jene Instinkte
nimmer völlig bärmässig waren. Und dass das so gewesen, zeugt ja endlich die
Entwicklung der ganzen Szene. Als die Hindernisse weggewälzet, als diese
Bärmenschen zu ihrem Geschlecht zurückgekehrt waren, lernten sie nicht
natürlicher aufrechtgehen und sprechen, als sie dort, immer unnatürlich,
kriechen und brummen gelernt hatten? Dies konnten sie immer nur bärähnlich,
jenes lernten sie in weniger Zeit ganz menschlich. Welcher ihrer vorigen
Mitbrüder des Waldes lernte das mit ihnen? Und weil es kein Bär lernen konnte,
weil er nicht Anlage des Körpers und der Seele dazu besass, musste der Menschenbär
diese nicht noch immer im Zustande seiner Verwilderung erhalten haben? Hätte sie
ihm bloss Unterricht und Gewohnheit gegeben, warum nicht dem Bären? Und was hiesse
es doch, jemand durch Unterricht Vernunft und Menschlichkeit geben, der sie
nicht schon hat? Vermutlich hat alsdenn diese Nadel dem Auge die Sehkraft
gegeben, dem sie die Starhaut wegschaffet - - Was wollen wir also aus dem
unnatürlichsten Falle von der Natur schliessen? Gestehen wir aber ein, dass er ein
unnatürlicher Fall sei - wohl! so bestätigt er die Natur!
    Die ganze Rousseausche Hypotese von Ungleichheit der Menschen ist,
bekannterweise, auf solche Fälle der Abartung gebauet, und seine Zweifel gegen
die Menschlichkeit der Sprache betreffen entweder falsche Ursprungsarten oder
die beregte Schwürigkeit, dass schon Vernunft zur Spracherfindung gehört hätte.
Im ersten Fall haben sie recht; im zweiten sind sie widerlegt und lassen sich ja
aus Rousseaus Munde selbst wiederlegen. Sein Phantom, der Naturmensch, dieses
entartete Geschöpf, das er auf der einen Seite mit der Vernunftfähigkeit
abspeiset, wird auf der andern mit der Perfektibilität, und zwar mit ihr als
Charaktereigenschaft, und zwar mit ihr in so hohem Grade belehnet, dass er
dadurch von allen Tiergattungen lernen könne - und was hat nun Rousseau ihm
nicht zugestanden! Mehr, als wir wollen und brauchen! Der erste Gedanke »siehe!
das ist dem Tier eigen! der Wolf heult! der Bär brummt!« - schon der ist (in
einem solchen Lichte gedacht, dass er sich mit dem zweiten verbinden könnte »Das
habe ich nicht!«) würkliche Reflexion; und nun der dritte und vierte »Wohl! das
wäre auch meiner Natur gemäss! das könnte ich nachahmen! das will ich nachahmen!
dadurch wird mein Geschlecht vollkommner!«, welche Menge von feinen,
fortschliessenden Reflexionen! da das Geschöpf, das nur die erste sich
auseinandersetzen konnte, schon Sprache der Seele haben musste! schon die Kunst
zu denken besass, die die Kunst zu sprechen schuf. Der Affe äffet immer nach,
aber nachgeahmt hat er nie: nie mit Besonnenheit zu sich gesprochen: »Das will
ich nachahmen, um mein Geschlecht vollkommner zu machen!«, denn hätte er das je,
hätte er eine einzige Nachahmung sich zu eigen gemacht, sie in seinem Geschlecht
mit Wahl und Absicht verewigt, hätte er auch nur ein einziges Mal eine einzige
solche Reflexion denken können - denselben Augenblick war er kein Affe mehr! In
aller seiner Affengestalt, ohne einen Laut seiner Zunge war er inwendig
sprechender Mensch, der sich über kurz oder lang seine äusserliche Sprache
erfinden musste - welcher Orang-Utan aber hat je mit allen menschlichen
Sprachwerkzeugen ein einziges menschliches Wort gesprochen?
    Es gibt freilich noch Negerbrüder in Europa, die da sagen: »ja vielleicht -
wenn er nur sprechen wolltet - oder in Umstände käme! - oder könnte!« - -
Könnte! das wäre wohl das beste, denn die beiden vorigen Wenn sind durch die
Tiergeschichte gnugsam widerlegt; und durch die Werkzeuge wird, wie gesagt, bei
ihm das Können nicht aufgehalten! Er hat einen Kopf von aussen und innen wie wir;
hat er aber je geredet? Papagei und Star haben gnug menschliche Schälle
gelernet; aber auch ein menschliches Wort gedacht? - Überhaupt gehen uns hier
noch die äussern Schälle der Worte nicht an; wir reden von der innern,
notwendigen Genesis eines Worts, als das Merkmal einer deutlichen Besinnung -
wenn aber hat das je eine Tierart, auf welche Weise es sei, geäussert? Abgemerkt
müsste dieser Faden der Gedanken, dieser Diskurs der Seele immer werden können,
er äussere sich, wie er wolle, wer hat das aber je? Der Fuchs hat tausendmal so
gehandelt, als ihn Äsop handeln lässt; er hat aber nie in Äsops Sinne gehandelt,
und das erstemal, dass er das kann, wird Meister Fuchs sich seine Sprache
erfinden und über Äsop so fabeln können als Äsop jetzt über ihn. Der Hund hat
viele Worte und Befehle verstehen gelernt; aber nicht als Worte, sondern als
Zeichen, mit Gebärden, mit Handlungen verbunden; verstünde er je ein einziges
Wort im menschlichen Sinne: so dienet er nicht mehr, so schaffet er sich selbst
Kunst und Republik und Sprache. Man sieht, wenn man einmal den Punkt der
genauen Genese verfehlt, so ist das Feld des Irrtums zu beiden Seiten
unermesslich gross! da ist die Sprache bald so übermenschlich, dass sie Gott
erfinden muss, bald so unmenschlich, dass jedes Tier sie erfinden könnte, wenn es
sich die Mühe nähme. Das Ziel der Wahrheit ist nur ein Punkt! auf den
hingestellet, sehen wir aber auf alle Seiten: warum kein Tier Sprache erfinden
kann, kein Gott Sprache erfinden darf und der Mensch, als Mensch, Sprache
erfinden kann und muss.
    Weiter mag ich aus der Metaphysik die Hypotese des göttlichen
Sprachenursprunges nicht verfolgen, da psychologisch ihr Ungrund darin gezeigt
ist, dass, um die Sprache der Götter im Olymp zu verstehen, der Mensch schon
Vernunft, folglich schon Sprache haben müsse. Noch weniger kann ich mich in ein
angenehmes Detail der Tiersprachen einlassen: da sie doch alle, wie wir gesehen,
total und inkommensurabel von der menschlichen Sprache abstehen. Dem ich am
ungernsten entsage, wären hier die mancherlei Aussichten, die von diesem
genetischen Punkt der Sprache in der menschlichen Seele in die weiten Felder der
Logik, Ästetik und Psychologie, insonderheit über die Frage gehen: wie weit
kann man ohne - was muss man mit der Sprache denken? - eine Frage, die sich
nachher in Anwendungen fast über alle Wissenschaften ausbreitet. Hier sei es
gnug, die Sprache als den würklichen Unterscheidungscharakter unsrer Gattung von
aussen zu bemerken, wie es die Vernunft von innen ist.
    In mehr als einer Sprache hat also auch Wort und Vernunft, Begriff und Wort,
Sprache und Ursache einen Namen, und diese Synonymie entält ihren ganzen
genetischen Ursprung. Bei den Morgenländern ist's der gewöhnlichste Idiotismus
geworden, das Anerkennen einer Sache Namengebung zu nennen: denn im Grunde der
Seele sind beide Handlungen eins. Sie nennen den Menschen das redende Tier und
die unvernünftigen Tiere die Stummen: der Ausdruck ist sinnlich
charakteristisch: und das griechische alogos fasset beides. Es wird sonach die
Sprache ein natürliches Organ des Verstandes, ein solcher Sinn der menschlichen
Seele, wie sich die Sehekraft jener sensitiven Seele der Alten das Auge und der
Instinkt der Biene seine Zelle bauet.
    Vortrefflich, dass dieser neue, selbstgemachte Sinn des Geistes gleich in
seinem Ursprunge wieder ein Mittel der Verbindung ist - Ich kann nicht den
ersten menschlichen Gedanken denken, nicht das erste besonnene Urteil reihen,
ohne dass ich in meiner Seele dialogiere oder zu dialogieren strebe; der erste
menschliche Gedanke bereitet also seinem Wesen nach, mit andern dialogieren zu
können! Das erste Merkmal, was ich erfasse, ist Merkwort für mich, und
Mitteilungswort für andre!
 - Sic verba, quibus voces sensusque notarent,
 Nominaque invenere - -
                                                                          Horat.
 
                               Dritter Abschnitt
    Der Brennpunkt ist ausgemacht, auf welchem Prometeus' himmlischer Funke in
der menschlichen Seele zündet - beim ersten Merkmal ward Sprache; aber welches
waren die ersten Merkmale zu Elementen der Sprache?
                                    1. Töne
    Cheseldens Blinder17 zeigt, wie langsam sich das Gesicht entwickle, wie
schwer die Seele zu den Begriffen von Raum, Gestalt und Farbe komme, wie viel
Versuche gemacht, wie viel Messkunst erworben werden muss, um diese Merkmale
deutlich zu gebrauchen: das war also nicht der füglichste Sinn zu Sprache. Zudem
waren seine Phänomene so kalt und stumm: die Empfindungen der gröbern Sinne
wiederum so undeutlich und ineinander, dass nach aller Natur entweder nichts oder
das Ohr der erste Lehrmeister der Sprache wurde.
    Da ist z. E. das Schaf. Als Bild schwebet es dem Auge mit allen
Gegenständen, Bildern und Farben auf einer grossen Naturtafel vor - wie viel, wie
mühsam zu unterscheiden! Alle Merkmale sind fein verflochten, nebeneinander -
alle noch unaussprechlich! Wer kann Gestalten reden? wer kann Farben tönen? Er
nimmt das Schaf unter seine tastende Hand - das Gefühl ist sicherer und voller;
aber so voll, so dunkel ineinander - wer kann, was er fühlt, sagen? Aber horch!
das Schaf blöket! Da reisst sich ein Merkmal von der Leinwand des Farbenbildes,
worin so wenig zu unterscheiden war, von selbst los: ist tief und deutlich in
die Seele gedrungen. »Hai« sagt der lernende Unmündige, wie jener Blindgewesene
Cheseldens: »nun werde ich dich wiederkennen - du blökst!« Die Turteltaube
girrt! der Hund bellet! da sind drei Worte, weil er drei deutliche Ideen
versuchte, diese in seine Logik, jene in sein Wörterbuch! Vernunft und Sprache
taten gemeinschaftlich einen furchtsamen Schritt, und die Natur kam ihnen auf
halbem Wege entgegen - durchs Gehör. Sie tönte das Merkmal nicht bloss vor,
sondern tief in die Seele hinein! es klang! die Seele haschte - da hat sie ein
tönendes Wort!
    Der Mensch ist also als ein horchendes, merkendes Geschöpf zur Sprache
natürlich gebildet, und selbst ein Blinder und Stummer, sieht man, müsste
Sprache erfinden, wenn er nur nicht fühllos und taub ist. Setzet ihn gemächlich
und behaglich auf eine einsame Insel: die Natur wird sich ihm durchs Ohr
offenbaren: tausend Geschöpfe, die er nicht sehen kann, werden doch mit ihm zu
sprechen scheinen, und, bliebe auch ewig sein Mund und sein Auge verschlossen,
seine Seele bleibt nicht ganz ohne Sprache. Wenn die Blätter des Baumes dem
armen Einsamen Kühlung herabrauschen, wenn der vorbeimurmelnde Bach ihn in den
Schlaf wieget und der hinzusäuselnde West seine Wangen fächelt - das blökende
Schaf gibt ihm Milch, die rieselnde Quelle Wasser, der rauschende Baum Früchte -
Interesse gnug, die wohltätigen Wesen zu kennen, Dringnis gnug, ohne Augen und
Zunge in seiner Seele sie zu nennen. Der Baum wird der Rauscher, der West
Säusler, die Quelle Riesler heissen - da liegt ein kleines Wörterbuch fertig und
wartet auf das Gepräge der Sprachorgane. Wie arm und sonderbar aber müssten die
Vorstellungen sein, die dieser Verstümmelte mit solchen Schällen verbindet!18
    Nun lasset dem Menschen alle Sinne frei: er sehe und taste und fühle
zugleich alle Wesen, die in sein Ohr reden - Himmel! welch ein Lehrsaal der
Ideen und der Sprache! Führet keinen Merkur und Apollo als Opernmaschinen von
den Wolken herunter - die ganze, vieltönige, göttliche Natur ist Sprachlehrerin
und Muse! Da führet sie alle Geschöpfe bei ihm vorbei: jedes trägt seinen Namen
auf der Zunge und nennet sich, diesem verhülleten sichtbaren Gotte! als Vasall
und Diener. Es liefert ihm sein Merkwort ins Buch seiner Herrschaft wie einen
Tribut, damit er sich bei diesem Namen seiner erinnere, es künftig rufe und
geniesse. Ich frage, ob je diese Wahrheit: »Eben der Verstand, durch den der
Mensch über die Natur herrschet, war der Vater einer lebendigen Sprache, die er
aus Tönen schallender Wesen zu Merkmalen der Unterscheidung sich abzog!«, ich
frage, ob je diese trockne Wahrheit auf morgenländische Weise edler und schöner
könne gesagt werden als: »Gott führte die Tiere zu ihm, dass er sähe, wie er sie
nennete! und wie er sie nennen würde, so sollten sie heissen!« Wo kann es auf
morgenländische, poetische Weise bestimmter gesagt werden: der Mensch erfand
sich selbst Sprache! - aus Tönen lebender Natur! - zu Merkmalen seines
herrschenden Verstandes! - Und das ist, was ich beweise.
    Hätte Engel oder himmlischer Geist die Sprache erfunden: wie anders, als dass
ihr ganzer Bau ein Abdruck von der Denkart dieses Geistes sein müsste: denn woran
könnte ich ein Bild, von einem Engel gemalt, kennen, als an dem Englischen,
Überirdischen seiner Züge? Wo findet das aber bei unsrer Sprache statt? Bau und
Grundriss, ja selbst der erste Grundstein dieses Palastes verrät Menschheit!
    In welcher Sprache sind himmlische, geistige Begriffe die ersten? jene
Begriffe, die auch nach der Ordnung unsres denkenden Geistes die ersten sein
müssten - Subjekte, notiones communes, die Samenkörner unsrer Erkenntnis, die
Punkte, um die sich alles wendet und alles zurückführt - sind diese lebende
Punkte Elemente der Sprache? Die Subjekte müssten doch natürlicherweise vor dem
Prädikat, und die einfachsten Subjekte vor den zusammengesetzten; was da tut und
handelt, vor dem, was es handelt, das Wesentliche und Gewisse vor dem
Ungewissen, Zufälligen, vorhergegangen sein - Ja, was man nicht alles schliessen
könnte, und - in unsern ursprünglichen Sprachen findet durchgängig das offenbare
Gegenteil statt. Ein hörendes, aufhorchendes Geschöpf ist kennbar, aber kein
himmlischer Geist: denn -
    tönende Verba sind die ersten Machtelemente. Tönende Verba? Handlungen, und
noch nichts, was da handelt? Prädikate und noch kein Subjekt? Der himmlische
Genius mag sich dessen zu schämen haben, aber nicht das sinnliche menschliche
Geschöpf: denn was rührte dies, wie wir gesehen, inniger als diese tönenden
Handlungen? Und was ist also die ganze Bauart der Sprache anders, als eine
Entwicklungsweise seines Geistes, eine Geschichte seiner Entdeckung! Der
göttliche Ursprung erklärt nichts und lässt nichts aus sich erklären; er ist, wie
Baco von einer andern Sache sagt, heilige Vestalin - gottgeweihet, aber
unfruchtbar, fromm, aber zu nichts nütze!
    Das erste Wörterbuch war also aus den Lauten aller Welt gesammlet. Von jedem
tönenden Wesen klang sein Name: die menschliche Seele prägte ihr Bild drauf,
dachte sie als Merkzeichen - wie anders, als dass diese tönenden Interjektionen
die ersten wurden, und so sind z. E. die morgenländischen Sprachen voll Verba
als Grundwurzeln der Sprache. Der Gedanke an die Sache selbst schwebte noch
zwischen dem Handelnden und der Handlung: der Ton musste die Sache bezeichnen, so
wie die Sache den Ton gab; aus den Verbis wurden also Nomina und nicht Verba aus
den Nominibus. Das Kind nennet das Schaf als Schaf nicht: sondern als ein
blökendes Geschöpf und macht also die Interjektion zu einem Verbo. Im
Stufengange der menschlichen Sinnlichkeit wird diese Sache erklärbar, aber nicht
in der Logik des höhern Geistes.
    Alle alte, wilde Sprachen sind voll von diesem Ursprunge, und in einem
philosophischen Wörterbuch der Morgenländer wäre jedes Stammwort mit seiner
Familie, recht gestellet und gesund entwickelt, eine Charte vom Gange des
menschlichen Geistes, eine Geschichte seiner Entwicklung, und ein ganzes solches
Wörterbuch die vortrefflichste Probe von der Erfindungskunst der menschlichen
Seele - ob aber auch von der Sprach- und Lehrmetode Gottes? ich zweifle!
    Indem die ganze Natur tönt, so ist einem sinnlichen Menschen nichts
natürlicher, als dass sie lebt, sie spricht, sie handelt. Jener Wilde sähe den
hohen Baum mit seinem prächtigen Gipfel und bewunderte: der Gipfel rauschte! das
ist webende Gotteit! der Wilde fällt nieder und betet an! Sehet da die
Geschichte des sinnlichen Menschen, das dunkle Band, wie aus den Verbis Nomina
werden - und den leichtesten Schritt zur Abstraktion! Bei den Wilden von
Nordamerika z.B. ist noch alles belebt: jede Sache hat ihren Genius, ihren
Geist, und dass es bei Griechen und Morgenländern ebenso gewesen, zeugt ihr
ältestes Wörterbuch und Grammatik - sie sind, wie die ganze Natur dem Erfinder
war, ein Panteon! ein Reich belebter, handelnder Wesen!
    Indem der Mensch aber alles auf sich bezog: indem alles mit ihm zu sprechen
schien und würklich für oder gegen ihn handelte: indem er also mit oder dagegen
teilnahm, liebte oder hasste und sich alles menschlich vorstellte; alle diese
Spuren der Menschlichkeit drückten sich auch in die ersten Namen! Auch sie
sprachen Liebe oder Hass, Fluch oder Segen, Sanftes oder Widrigkeit, und
insonderheit wurden aus diesem Gefühl in so vielen Sprachen die Artikel! Da
wurde alles menschlich, zu Weib und Mann personifiziert: überall Götter,
Göttinnen, handelnde, bösartige oder gute Wesen! Der brausende Sturm, und der
süsse Zephir, die klare Wasserquelle und der mächtige Ozean - ihre ganze
Mytologie liegt in den Fundgruben, den Verbis und Nominibus der alten Sprachen,
und das älteste Wörterbuch war so ein tönendes Panteon, ein Versammlungssaal
beider Geschlechter, als den Sinnen des ersten Erfinders die Natur. Hier ist die
Sprache jener alten Wilden ein Studium in den Irrgängen menschlicher Phantasie
und Leidenschaften, wie ihre Mytologie. Jede Familie von Wörtern ist ein
verwachsnes Gebüsche um eine sinnliche Hauptidee, um eine heilige Eiche, auf der
noch Spuren sind, welchen Eindruck der Erfinder von dieser Dryade hatte. Die
Gefühle sind ihm zusammengewebt: was sich beweget, lebt: was da tönet, spricht -
und da es für oder wider dich tönt, so ist's Freund, oder Feind: Gott oder
Göttin: es handelt aus Leidenschaften, wie du!
    Ein menschliches, sinnliches Geschöpf liebe ich über diese Denkart: ich sehe
überall den schwachen, schüchternen Empfindsamen, der lieben oder hassen, trauen
oder fürchten muss und diese Empfindungen aus seiner Brust über alle Wesen
ausbreiten möchte. Ich sehe überall das schwache und doch mächtige Geschöpf, das
das ganze Weltall nötig hat und alles mit sich in Krieg und Frieden verwickelt;
das von allem abhangt, und doch über alles herrschet - Die Dichtung und die
Geschlechterschaffung der Sprache sind also Interesse der Menschheit, und die
Genetalien der Rede gleichsam das Mittel ihrer Fortpflanzung. Aber nun - wenn
sie ein höherer Genius aus den Sternen hinuntergebracht - wie? wurde dieser
Genius aus den Sternen auf unsrer Erde unter dem Monde in solche Leidenschaften
von Liebe und Schwachheit, von Hass und Furcht verwickelt? dass er alles in
Zuneigung und Hass verflocht, dass er alle Worte mit Furcht und Freude
bezeichnete, dass er endlich alles auf Begattungen bauete? Sähe und fühlte er,
wie ein Mensch sieht, dass sich ihm die Nomina in Geschlechter und Artikel
paaren mussten, dass er die Verba tätig und leidend zusammengab, ihnen so viel
echte und Doppelkinder zuerkannte, kurz, dass er die ganze Sprache auf das Gefühl
menschlicher Schwachheiten bauete? - sähe und fühlte er so?
    Einem Verteidiger des übernatürlichen Ursprunges ist's göttliche Ordnung der
Sprache, »dass die meisten Stammwörter einsilbig, die Verba meistens zweisilbig
sind und also die Sprache nach dem Masse des Gedächtnisses eingeteilt sei«. Das
Faktum ist nicht genau und der Schluss unsicher. In den Resten der für die
älteste angenommenen Sprache sind die Wurzeln alle zweisilbige Verba; welches
ich nun aus dem vorigen sehr gut erklären kann, da die Hypotese des Gegenteils
keinen Grund findet. Diese Verba nämlich sind unmittelbar auf die Laute und
Interjektionen der tönenden Natur gebauet, die oft noch in ihnen tönen, hie und
da auch noch als Interjektionen aufbehalten sind; meistens aber mussten sie, als
halbinartikulierte Töne, verlorengehen, da sich die Sprache formte. In den
morgenländischen Sprachen fehlen also diese ersten Versuche der stammelnden
Zunge; aber dass sie fehlen und nur ihre regelmässigen Reste in den Verbis tönen,
das eben zeigt von der Ursprünglichkeit und - Menschlichkeit der Sprache. Sind
diese Stämme Schätze und Abstraktionen aus dem Verstande Gottes oder die ersten
Laute des horchenden Ohrs? die ersten Schälle der stammelnden Zunge? Das
Menschengeschlecht in seiner Kindheit hat sich ja eben die Sprache geformet, die
ein Unmündiger stammlet: es ist das lallende Wörterbuch der Ammenstube - wo
bleibt das im Munde der Erwachsnen?
    Was so viele Alten sagen und so viel Neuere ohne Sinn nachgesagt, nimmt
hieraus sein sinnliches Leben: »dass nämlich Poesie älter gewesen als Prosa!«;
denn was war diese erste Sprache als eine Sammlung von Elementen der Poesie?
Nachahmung der tönenden, handelnden, sich regenden Natur! Aus den Interjektionen
aller Wesen genommen und von Interjektion menschlicher Empfindung belebet! Die
Natursprache aller Geschöpfe, vom Verstande in Laute gedichtet, in Bilder von
Handlung, Leidenschaft und lebender Einwürkung! Ein Wörterbuch der Seele, was
zugleich Mytologie und eine wunderbare Epopee von den Handlungen und Reden
aller Wesen ist! Also eine beständige Fabeldichtung mit Leidenschaft und
Interesse! - Was ist Poesie anders? -
    Ferner. Die Tradition des Altertums sagt, die erste Sprache des menschlichen
Geschlechts sei Gesang gewesen, und viele gute musikalische Leute haben
geglaubt, die Menschen könnten diesen Gesang wohl den Vögeln abgelernt haben. -
Das ist freilich viel geglaubt! Eine grosse, wichtige Uhr mit allen ihren
scharfen Rädern und neugespannten Federn und Zentnergewichten kann wohl ein
Glockenspiel von Tönen machen; aber den neugeschaffnen Menschen mit seinen
würksamen Triebfedern, mit seinen Bedürfnissen, mit seinen starken Empfindungen,
mit seiner fast blind beschäftigten Aufmerksamkeit und endlich mit seiner rohen
Kehle dahinsetzen, um die Nachtigall nachzuäffen und sich von ihr eine Sprache
zu ersingen, ist, in wie vielen Geschichten der Musik und Poesie es auch stehe,
für mich unbegreiflich. Freilich wäre eine Sprache durch musikalische Töne
möglich (wie auch Leibniz19 auf den Gedanken gekommen!), aber für die ersten
Naturmenschen war diese Sprache nicht möglich, so künstlich und fein sie ist. In
der Reihe der Wesen hat jedes Ding seine Stimme und eine Sprache nach seiner
Stimme. Die Sprache der Liebe ist im Nest der Nachtigall süsser Gesang wie in der
Höhle des Löwen Gebrüll, im Forste des Wildes wiehernde Brunst und im Winkel der
Katze Zetergeschrei; jede Gattung redet die ihrige, nicht für den Menschen,
sondern für sich und für sich so angenehm als Petrarchs Gesang an seine Laura!
Sowenig also die Nachtigall singt, um den Menschen, wie man sich einbildet,
vorzusingen: sowenig wird der Mensch sich dadurch je Sprache erfinden wollen,
dass er der Nachtigall nachtrillert - und was ist's doch für ein Ungeheuer, eine
menschliche Nachtigall in einer Höhle oder im Walde der Jagd?-
    War also die erste Menschensprache Gesang: so war's Gesang, der ihm so
natürlich, seinen Organen und Naturtrieben so angemessen war als der
Nachtigallengesang ihr selbst, die gleichsam eine schwebende Lunge ist, und das
war - eben unsre tönende Sprache. Condillac, Rousseau und andre sind hier halb
auf den Weg gekommen, indem sie die Prosodie und den Gesang der ältesten
Sprachen vom Geschrei der Empfindung herleiten, und ohne Zweifel belebte
Empfindung freilich die ersten Töne und erhob sie; so wie aber aus den blossen
Tönen der Empfindung nie menschliche Sprache entstehen konnte, die dieser Gesang
doch war, so fehlt noch etwas, ihn hervorzubringen: und das war eben die
Namennennung eines jeden Geschöpfs nach seiner Sprache. Da sang und tönte also
die ganze Natur vor: und der Gesang des Menschen war ein Konzert aller dieser
Stimmen, sofern sie sein Verstand brauchte, seine Empfindung fasste, seine Organe
sie ausdrücken konnten - Es ward Gesang, aber weder Nachtigallenlied noch
Leibnizens musikalische Sprache, noch ein blosses Empfindungsgeschrei der Tiere:
Ausdruck der Sprache aller Geschöpfe, innerhalb der natürlichen Tonleiter der
menschlichen Stimme!
    Selbst da die Sprache später mehr regelmässig, eintönig und gereihet wurde,
blieb sie noch immer eine Gattung Gesang, wie es die Akzente so vieler Wilden
bezeugen; und dass aus diesem Gesange, nachher veredelt und verfeinert, die
älteste Poesie und Musik entstanden, hat jetzt schon mehr als einer bewiesen.
Der philosophische Engländer20, der sich in unserm Jahrhunderte an diesen
Ursprung der Poesie und Musik gemacht, hätte am weitsten kommen können, wenn er
nicht den Geist der Sprache von seiner Untersuchung ausgeschlossen und minder
auf sein System ausgegangen wäre, Poesie und Musik auf einen Vereinigungspunkt
einzuschliessen, auf welchem keine sich recht zeigen kann, als auf den Ursprung
von beiden aus der ganzen Natur des Menschen. Überhaupt da die besten Stücke der
alten Poesie Reste dieser sprachsingenden Zeiten sind: so sind die
Misskenntnisse, die Veruntreuungen und die schiefen Geschmacksfehler ganz
unzählig, die man aus dem Gange der ältesten Gedichte, der griechischen
Trauerspiele und Deklamationen herausbuchstabiert hat. Wie viel hätte hier noch
ein Philosoph zu sagen, der unter den Wilden, wo noch dies Zeitalter lebt, den
Ton gelernt hätte, diese Stücke zu lesen! Sonst und gewöhnlich sieht man immer
nur Gewebe des verkehrten Teppichs! disiecti membra poetae! - - Doch ich verlöre
mich in ein unermessliches Feld, wenn ich mich in einzelne Sprachanmerkungen
einlassen wollte - also zurück auf den ersten Erfindungsweg der Sprache!
    
    Wie aus Tönen zu Merkmalen, vom Verstande geprägt, Worte wurden, war sehr
begreiflich; aber nicht alle Gegenstände tönen, woher nun für diese Merkworte,
bei denen die Seele sie nenne? woher dem Menschen die Kunst, was nicht Schall
ist, in Schall zu verwandeln? Was hat die Farbe, die Rundheit mit dem Namen
gemein, der aus ihr so entstehe wie der Name Blöken aus dem Schafe? - Die
Verteidiger des übernatürlichen Ursprungs wissen hier gleich Rat: »willkürlich!
wer kann's begreifen und im Verstande Gottes nachsuchen, warum grün, grün und
nicht blau heisst? Ohne Zweifel hat's ihm so beliebt!«, und damit ist der Faden
abgeschnitten! Alle Philosophie über die Erfindungskunst der Sprache schwebt
also willkürlich in den Wolken, und für uns ist jedes Wort eine qualitas
occulta, etwas Willkürliches! - Nun mag man's nicht übelnehmen, dass ich in
diesem Falle das Wort willkürlich nicht begreife. Eine Sprache willkürlich und
ohne allen Grund der Wahl aus dem Gehirn zu erfinden, ist wenigstens für eine
menschliche Seele, die zu allem einen, wenn auch nur einigen Grund haben will,
solch eine Qual, als für den Körper, sich zu Tode streicheln zu lassen. Bei
einem rohen, sinnlichen Naturmenschen überdem, dessen Kräfte noch nicht fein
gnug sind, um ins Unnütze hinzuspielen, der, ungeübt und stark, nichts ohne
dringende Ursache tut und nichts vergebens tun will, bei dem ist die Erfindung
einer Sprache aus schaler, leerer Willkür der ganzen Analogie seiner Natur
entgegen: und es ist überhaupt der ganzen Analogie aller menschlichen
Seelenkräfte entgegen, eine aus reiner Willkür ausgedachte Sprache.
    Also zur Sache. Wie hat der Mensch, seinen Kräften überlassen, sich auch
                   2. eine Sprache, wo ihm kein Ton vortönte,
    erfinden können? Wie hängt Gesicht und Gehör, Farbe und Wort, Duft und Ton
zusammen?
    Nicht unter sich in den Gegenständen; aber was sind denn diese Eigenschaften
in den Gegenständen? Sie sind bloss sinnliche Empfindungen in uns, und als
solche, fliessen sie nicht alle in eins? Wir sind ein denkendes sensorium
commune, nur von verschiednen Seiten berührt - da liegt die Erklärung.
    Allen Sinnen liegt Gefühl zum Grunde, und dies gibt den verschiedenartigsten
Sensationen schon ein so inniges, starkes, unaussprechliches Band, dass aus
dieser Verbindung die sonderbarsten Erscheinungen entstehen. Mir ist mehr als
ein Beispiel bekannt, da Personen natürlich, vielleicht aus einem Eindruck der
Kindheit, nicht anders konnten, als unmittelbar durch eine schnelle Anwandelung
mit diesem Schall jene Farbe, mit dieser Erscheinung jenes ganz verschiedne,
dunkle Gefühl verbinden, was durch die Vergleichung der langsamen Vernunft mit
ihr gar keine Verwandtschaft hat: denn wer kann Schall und Farbe, Erscheinung
und Gefühl vergleichen? Wir sind voll solcher Verknüpfungen der verschiedensten
Sinne; nur wir bemerken sie nicht anders als in Anwandlungen, die uns aus der
Fassung setzen, in Krankheiten der Phantasie oder bei Gelegenheiten, wo sie
ausserordentlich merkbar werden. Der gewöhnliche Lauf unsrer Gedanken geht so
schnell; die Wellen unsrer Empfindungen rauschen so dunkel ineinander: es ist
auf einmal so viel in unsrer Seele, dass wir in Absicht der meisten Ideen wie im
Schlummer an einer Wasserquelle sind, wo wir freilich noch das Rauschen jeder
Welle hören, aber so dunkel, dass uns endlich der Schlaf alles merkbare Gefühl
nimmt. Wäre es möglich, dass wir die Kette unsrer Gedanken anhalten und an jedem
Gliede seine Verbindung suchen könnten - welche Sonderbarkeiten! welche fremde
Analogien der verschiedensten Sinne, nach denen doch die Seele geläufig handelt!
Wir wären alle für ein bloss vernünftiges Wesen jener Gattung von Verrückten
ähnlich, die klug denken, aber sehr unbegreiflich und albern verbinden!
    Bei sinnlichen Geschöpfen, die durch viele verschiedne Sinne auf einmal
empfinden, ist diese Versammlung von Ideen unvermeidlich; denn was sind alle
Sinne anders als blosse Vorstellungsarten einer positiven Kraft der Seele? Wir
unterscheiden sie; aber wieder nur durch Sinne; also Vorstellungsarten durch
Vorstellungsarten. Wir lernen mit vieler Mühe sie im Gebrauche trennen - in
einem gewissen Grunde aber würken sie noch immer zusammen. Alle Zergliederungen
der Sensation bei Buffons, Condillacs und Bonnets empfindendem Menschen sind
Abstraktionen: der Philosoph muss einen Faden der Empfindung liegenlassen, indem
er den andern verfolgt - in der Natur aber sind alle die Fäden ein Gewebe! - Je
dunkler nun die Sinne sind, desto mehr fliessen sie ineinander; und je ungeübter,
je weniger man noch gelernt hat, einen ohne den andern zu brauchen, mit Adresse
und Deutlichkeit zu brauchen; desto dunkler! - Lasst uns dies auf den Anfang der
Sprache anwenden! Die Kindheit und Unerfahrenheit des menschlichen Geschlechts
hat sie erleichtert!
    Der Mensch trat in die Welt hin; von welchem Ozean wurde er auf einmal
bestürmt! mit welcher Mühe lernte er unterscheiden! Sinne erkennen! erkannte
Sinne allein gebrauchen! Das Sehen ist der kälteste Sinn, und wäre er immer so
kalt, so entfernt, so deutlich gewesen, als er's uns durch eine Mühe und Übung
vieler Jahre geworden ist: so sehe ich freilich nicht, wie man, was man sieht,
hörbar machen könne? Allein die Natur hat dafür gesorgt und den Weg näher
angezogen: denn selbst dies Gesiebt war, wie Kinder und Blindgewesene zeugen,
anfangs nur Gefühl. Die meisten sichtbaren Dinge bewegen sich; viele tönen in
der Bewegung: wo nicht, so liegen sie dem Auge in seinem ersten Zustande
gleichsam näher, unmittelbar auf ihm, und lassen sich also fühlen. Das Gefühl
liegt dem Gehör so nahe: seine Bezeichnungen, z. E. hart, rauh, weich, wollicht,
sammet, haaricht, starr, glatt, schlicht, borstig usw., die doch alle nur
Oberflächen betreffen und nicht einmal tief einwürken, tönen alle, als ob man's
fühlte: die Seele, die im Gedränge solcher zusammenströmenden Empfindungen und
in der Bedürfnis war, ein Wort zu schaffen, griff und bekam vielleicht das Wort
eines nachbarlichen Sinnes, dessen Gefühl mit diesem zusammenfloss - so wurden
für alle und selbst für den kältesten Sinn Worte. Der Blitz schallet nicht: wenn
er nun aber ausgedrückt werden soll, dieser Bote der Mitternacht!
Der jetzt im Nu entüllet Himml und Erd
 Und eh ein Mensch noch sagen kann: Sieh da!
 Schon in den. Schlund der Finsternis hinab ist -
    natürlich wird's ein Wort machen, das durch Hülfe eines Mittelgefühls dem
Ohr die Empfindung des Urplötzlichschnellen gibt, die das Auge hatte - Blitz! -
Das Wort: Duft, Ton, süss, bitter, sauer usw. tönen alle, als ob man fühlte: denn
was sind ursprünglich alle Sinne anders als Gefühl? - Wie aber Gefühl sich in
Laut äussern könne, das haben wir schon im ersten Abschnitte als ein
unmittelbares Naturgesetz der empfindenden Maschine angenommen, das wir weiter
nicht erklären mögen!
    Und so führen sich alle Schwürigkeiten auf folgende zwo erwiesene deutliche
Sätze zurück.
    1. Da alle Sinne nichts als Vorstellungsarten der Seele sind: so habe sie
nur deutliche Vorstellung: mitin Merkmal, mit dem Merkmal hat sie innere
Sprache.
    2. Da alle Sinne, insonderheit im Zustande der menschlichen Kindheit, nichts
als Gefühlsarten einer Seele sind, alles Gefühl aber nach einem
Empfindungsgesetz der tierischen Natur unmittelbar seinen Laut Bat; so werde
dies Gefühl nur zum Deutlichen eines Merkmals erhöht: so ist das Wort zur äussern
Sprache da. Hier kommen wir auf eine Menge sonderbarer Betrachtungen, wie die
Weisheit der Natur den Menschen durchaus dazu organisiert hat, um sich selbst
Sprache zu erfinden. Hier ist die Hauptbemerkung:
    »Da der Mensch bloss durch das Gehör die Sprache der lehrenden Natur empfängt
und ohne das die Sprache nicht erfinden kann: so ist Gehör auf gewisse Weise der
Mittlere seiner Sinne, die eigentliche Tür zur Seele und das Verbindungsband der
übrigen Sinne geworden.« Ich will mich erklären!
    1. Das Gehör ist der mittlere der menschlichen Sinne, an Sphäre der
Empfindbarkeit von aussen. Gefühl empfindet alles nur in sich und in seinem
Organ; das Gesicht wirft uns grosse Strecken weit aus uns hinaus: das Gehör steht
an Grad der Mitteilbarkeit in der Mitte. Was das für die Sprache tut? Setzet ein
Geschöpf, selbst ein vernünftiges Geschöpf, dem das Gefühl Hauptsinn wäre (im
Fall dies möglich ist!), wie klein ist seine Welt! und da es diese nicht durchs
Gehör empfindet, so wird es sich wohl vielleicht wie das Insekt ein Gewebe, aber
nicht durch Töne eine Sprache bauen! Wiederum ein Geschöpf, ganz Auge - wie
unerschöpflich ist die Welt seiner Beschauungen! wie unermesslich weit wird es
aus sich geworfen! in welche unendliche Mannigfaltigkeit zerstreuet! Seine
Sprache (wir haben davon keinen Begriff!) würde eine Art unendlich feiner
Pantomime; seine Schrift eine Algebra durch Farben und Striche werden - aber
tönende Sprache nie! Wir hörende Geschöpfe stehn in der Mitte: wir sehen, wir
fühlen; aber die gesehene, gefühlte Natur tönet! Sie wird Lehrmeisterin zur
Sprache durch Töne! Wir werden gleichsam Gehör durch alle Sinne!
    Lasset uns die Bequemlichkeit unsrer Stelle fühlen - dadurch wird jeder Sinn
sprachfähig. Freilich gibt Gehör nur eigentlich Töne, und der Mensch kann nichts
erfinden, sondern nur finden, nur nachahmen; allein auf der einen Seite liegt
das Gefühl nebenan: auf der andern ist das Gesicht der nachbarliche Sinn: die
Empfindungen vereinigen sich und kommen also alle der Gegend nahe, wo Merkmale
zu Schällen werden. So wird, was man sieht, so wird, was man fühlt, auch tönbar.
Der Sinn zur Sprache ist unser Mittel-und Vereinigungssinn geworden; wir sind
Sprachgeschöpfe.
    2. Das Gehör ist der mittlere unter den Sinnen an Deutlichkeit und Klarheit;
und also wiederum Sinn zur Sprache. Wie dunkel ist das Gefühl! es wird
übertäubt! es empfindet alles ineinander. Da ist mit Mühe ein Merkmal der
Anerkennung abzusondern: es wird unaussprechlich!
    Wiederum das Gesicht ist so helle und überglänzend, es liefert eine solche
Menge von Merkmalen, dass die Seele unter der Mannigfaltigkeit erliegt und etwa
eins nur so schwach absondern kann, dass die Wiedererkennung daran schwer wird.
Das Gehör ist in der Mitte. Alle ineinander fallende dunkle Merkmale des Gefühls
lässt's liegen! alle zu feine Merkmale des Gesichts auch! aber da reisst sich vom
betasteten, betrachteten Objekt ein Ton los? In den sammlen sich die Merkmale
jener beiden Sinne - der wird Merkwort! Das Gehör greift also von beiden Seiten
um sich: macht klar, was zu dunkel, macht angenehmer, was zu helle war: bringt
in das dunkel Mannigfaltige des Gefühls mehr Einheit und in das zu hell
Mannigfaltige des Gesichts auch: und da diese Anerkennung des Mannigfaltigen
durch eins, durch ein Merkmal, Sprache wird, ist's Organ der Sprache.
    3. Das Gehör ist der mittlere Sinn in Ansehung der Lebhaftigkeit und also
Sinn der Sprache. Das Gefühl überwältigt; das Gesicht ist zu kalt und
gleichgültig; jenes dringt zu tief in uns, als dass es Sprache werden könnte;
dies bleibt zu ruhig vor uns. Der Ton des Gehörs dringt so innig in unsre Seele,
dass er Merkmal werden muss; aber noch nicht so übertäubend, dass er nicht klares
Merkmal werden könnte - das ist Sinn der Sprache.
    Wie kurz, ermüdend und unausstehlich wäre die Sprache jedes gröbern Sinnes
für uns! wie verwirrend und kopfleerend für uns die Sprache des zu feinen
Gesichts! Wer kann immer schmecken, fühlen und riechen, ohne nicht bald, wie
Pope sagt, einen aromatischen. Tod zu sterben? und wer immer mit Aufmerksamkeit
ein Farbenklavier begaffen, ohne nicht bald zu erblinden? Aber hören, gleichsam
hörend Worte denken, können wir länger und fast immer - das Gehör ist für die
Seele, was die grüne, die Mittelfarbe, fürs Gesiebt ist. Der Mensch ist zum
Sprachgeschöpfe gebildet.
    4. Das Gehör ist der mittlere Sinn in Betracht der Zeit, in der es würkt,
und also Sinn der Sprache. Das Gefühl wirft alles auf einmal in uns hin: es regt
unsre Saiten stark, aber kurz und springend; das Gesicht stellt uns alles auf
einmal vor, und schreckt also den Lehrling durch die unermessliche Tafel des
Nebeneinander ab. Durchs Gehör, sehet! wie uns die Lehrmeisterin der Sprache
schonet! Sie zählt uns nur einen Ton nach dem andern in die Seele. gibt und
ermüdet nie, gibt und hat immer mehr zu geben - sie übet also das ganze
Kunststück der Metode: sie lehret progressiv! Wer könnte da nicht Sprache
fassen? sich Sprache erfinden?
    4. Das Gehör ist der mittlere Sinn in Absicht des Bedürfnisses, sich
auszudrücken, und also Sinn der Sprache. Das Gefühl würkt unaussprechlich
dunkel; allein um so weniger darf's ausgesprochen werden - es geht so sehr unser
Selbst an! es ist so eigennützig und in sich gesenkt! - - Das Gesicht ist für
den Spracherfinder unaussprechlich; allein was braucht's sogleich ausgesprochen
zu werden? Die Gegenstände bleiben! sie lassen sich durch Winke zeigen! Die
Gegenstände des Gehörs aber sind mit Bewegung verbunden: sie streichen vorbei;
eben dadurch aber tönen sie auch. Sie werden aussprechlich, weil sie
ausgesprochen werden müssen, und dadurch, dass sie ausgesprochen werden müssen,
durch ihre Bewegung, werden sie aussprechlich - welche Fähigkeit zur Sprache!
    6. Das Gehör ist der mittlere Sinn in Absicht seiner Entwicklung, und also
Sinn der Sprache. Gefühl ist der Mensch ganz: der Embryon in seinem ersten
Augenblick des Lebens fühlet wie der Junggeborne: das ist Stamm der Natur, aus
dem die zartem Aste der Sinnlichkeit wachsen, und der verflochtne Knäuel, aus
dem sich alle feinere Seelenkräfte entwickeln. Wie entwickeln sich diese? wie
wir gesehen, durchs Gehör, da die Natur die Seele zur ersten deutlichen
Empfindung durch Schälle wecket - also gleichsam aus dem dunkeln Schlaf des
Gefühls wecket: und zu noch feinerer Sinnlichkeit reifet. Wäre z.B. das Gesicht
schon vor ihm entwickelt da oder wäre es möglich, dass es anders als durch den
Mittelsinn des Gehörs aus dem Gefühl erwecket wäre - welche weise Armut! welche
hellsehende Dummheit! Wie schwürig würde es einem solchen Geschöpf, ganz Auge!,
wenn es doch Mensch sein sollte, das, was es sähe, zu benennen! das kalte
Gesicht mit dem warmem Gefühl, mit dem ganzen Stamme der Menschheit zu
einverbinden! - Doch die Instanz selbst wird widersprechend: der Weg zu
Entwicklung der menschlichen Natur - ist besser und einzig! Da alle Sinne
zusammenwürken, sind wir durchs Gehör gleichsam immer in der Schule der Natur,
lernen abstrahieren und zugleich sprechen; das Gesicht verfeinert sich mit der
Vernunft: Vernunft und die Gabe der Bezeichnung, und so, wenn der Mensch zu der
feinsten Charakteristik sichtlicher Phänomene kommt - welch ein Vorrat von
Sprache und Sprachähnlichkeiten liegt schon fertig! Er nahm den Weg aus dem
Gefühl in den Sinn seiner Phantasmen nicht anders als über den Sinn der Sprache
und hat also gelernt tönen, sowohl was er sieht als was er fühlte.
    Könnte ich nun hier alle Enden zusammennehmen und mit einmal das Gewebe
sichtbar machen, was menschliche Natur heisst: durchaus ein Gewebe zur Sprache.
Dazu, sahen wir, war dieser positiven Denkkraft Raum und Sphäre erteilet: dazu
ihr Stoff und Materie abgewogen: dazu Gestalt und Form geschaffen: dazu endlich
Sinne organisiert und gereihet - zu Sprache! Darum denkt der Mensch nicht
heller, nicht dunkler; darum sieht und fühlt er nicht schärfer, nicht länger,
nicht lebhafter : darum hat er diese, nicht mehr und nicht andre Sinne - alles
wiegt gegeneinander! ist ausgespart und ersetzt! mit Absicht angelegt und
verteilt! Einheit und Zusammenhang! Proportion und Ordnung! Ein Ganzes! Ein
System! ein Geschöpf von Besonnenheit und Sprache, von Besinnung und
Sprachschaffung! Wollte jemand, nach allen Beobachtungen, noch diese Bestimmung
zum Sprachgeschöpfe leugnen, der müsste aus dem Beobachter der Natur erst ihr
Zerstörer werden! alle angezeigte Harmonien in Misstöne zerreissen, das ganze
Prachtgebäude der menschlichen Kräfte in Trümmern schlagen, seine Sinnlichkeit
verwüsten und statt des Meisterstücks der Natur ein Geschöpf fühlen, voll Mängel
und Lücken, voll Schwächen und Konvulsionen! Und wenn denn nun auf der andern
Seite die Sprache auch genauso ist, wie sie nach dem Grundriss und der Wucht des
vorigen Geschöpfes hat entstehen müssen? -
    - - - Ich gehe das letzte zu beweisen, obgleich hier mir noch ein sehr
angenehmer Spaziergang vorläge, es nach den Regeln der Sulzerschen Teorie des
Vergnügens zu berechnen, was eine Sprache durchs Gehör für uns für Vorzüge und
Annehmlichkeiten für der Sprache andrer Sinne hätte? - - Der Spaziergang führte
aber zu weit; und man muss ihm entsagen, wenn noch die Hauptstrasse zu sichern und
zu berichtigen weit vorliegt. - Also erstlich
    I. »Je älter und ursprünglicher die Sprachen sind: desto mehr wird diese
Analogie der Sinne in ihren Wurzeln merklich!«
    Wenn wir in spätern Sprachen den Zorn schon als Phänomenen des Gesichts oder
als Abstraktum in den Wurzeln charakterisieren, z. E. durch das Funkeln der
Augen, das Glühen der Wangen usw., und ihn also nur sehen oder denken: so höret
ihn der Morgenländer! Höret ihn schnauben! höret ihn brennenden Rauch und
stürmende Funken sprühen! Das ward Stamm des Worts: die Nase Sitz des Zorns: das
ganze Geschlecht der Zornwärter und Zornmetaphern schnauben ihren Ursprung.
    Wenn uns das Leben sich durch Pulsschlag, durch Wallen und feine Merkmale
auch in der Sprache äussert: so offenbarte es sich jenem laut otmend. Der Mensch
lebte, da er hauchte; starb, da er aushauchte: und man hört die Wurzel des Worts
wie den ersten belebten Adam hauchen.
    Wenn wir das Gebären nach unsrer Art charakterisieren: so hört jener auch in
den Benennungen Geschrei der Mutterangst oder bei Tieren das Ausschütteln eines
Fruchtschlauches: um diese Mittelidee - wenden sich seine Bilder!
    Wenn wir im Wort Morgenröte etwa das Schöne, Glänzende, Frische dunkel
hören: so fühlt der harrende Wandrer in Orient auch in der Wurzel des Worts den
ersten, schnellen, erfreulichen Lichtstrahl, den unsereiner vielleicht nie
gesehen, wenigstens nie mit dem Gefühl gefühlet. - Die Beispiele aus den alten
und wilden Sprachen werden unzählig, wie herzlich und starkempfindend sie aus
Gehör und Gefühl charakterisieren, und ein Werk von der Art, was so recht das
Grundgefühl solcher Ideen bei verschiednen Völkern aufsuchte, wäre eine völlige
Demonstration für meinen Satz und für die menschliche Erfindung der Sprache.
    II. »Je älter und ursprünglicher die Sprachen sind, desto mehr durchkreuzen
sich auch die Gefühle in den Wurzeln der Wörter!«
    Man schlage das erste beste morgenländische Wörterbuch auf, und man wird den
Drang sehen, sich ausdrücken zu wollen! Wie der Erfinder Ideen aus einem Gefühl
hinausriss und für ein anderes borgte! wie er bei den schwersten, kältesten,
deutlichsten Sinnen am meisten borgte! wie alles Gefühl und Laut werden musste,
um Ausdruck zu werden! Daher die starken kühnen Metaphern in den Wurzeln der
Worte! daher die Übertragungen aus Gefühl in Gefühl, so dass die Bedeutungen
eines Stammworts und noch mehr seiner Abstammungen, gegeneinander gesetzt, das
buntscheckigste Gemälde werden. Die genetische Ursache liegt in der Armut der
menschlichen Seele und im Zusammenfluss der Empfindungen eines rohen Menschen.
Man sieht sein Bedürfnis, sich auszudrücken, so deutlich: man sieht's in immer
grösserm Mass, je weiter die Idee vom Gefühl und Ton in der Empfindung weglag, dass
man nicht mehr an der Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache zweifeln darf.
Denn wie wollen die Verfechter einer andern Entstehung diese Durchwebung der
Ideen in den Wurzeln der Wörter erklären? War Gott so ideen- und wortarm, dass er
zu dergleichen verwirrendem Wortgebrauch seine Zuflucht nehmen musste? oder war
er so sehr Liebhaber von Hyperbolen, ungereimten Metaphern, dass er diesen Geist
bis in die Grundwurzeln seiner Sprache prägte?
    Die sogenannte göttliche Sprache, die ebräische, ist von diesen Kühnheiten
ganz geprägt, so dass der Orient auch die Ehre hat, sie mit seinem Namen zu
bezeichnen; allein dass man doch ja nicht diesen Metapherngeist asiatisch nenne,
als wenn er sonst nirgend anzutreffen wäre! In allen wilden Sprachen lebt er;
nur freilich in jeder nach Mass der Bildung der Nation und nach Eigenheit ihrer
Denkart. Ein Volk, das seine Gefühle nicht viel und nicht scharf unterschied:
ein Volk, das nicht Herz gnug hatte, sich auszudrücken und Ausdrücke mächtig zu
rauben - wird auch wegen Nuancen des Gefühls weniger verlegen sein oder sich mit
schleichenden Halbausdrücken behelfen. Eine feurige Nation offenbart ihren Mut
in solchen Metaphern, sie mag in Orient oder Nordamerika wohnen; die aber in
ihrem tiefsten Grunde die meisten solcher Verpflanzungen zeigt, deren Sprache
ist voraus die ärmste, die älteste, die ursprünglichste gewesen, und die war
ohne Zweifel in Orient.
    Man sieht, wie schwer bei einer solchen Sprache ein wahres Etymologikon
sein müsse? Die so verschiedne Bedeutungen eines Radicis, die in einer
Stammtafel abgeleitet und auf ihren Ursprung zurückgeführt werden sollen, sind
nur durch so dunkle Gefühle, durch flüchtige Nebenideen, durch Mitempfindungen
verwandt, die aus dem Grunde der Seele steigen und wenig in Regeln gefasset
werden können! Ihre Verwandtschaften sind ferner so national, so sehr nach der
eignen Denk- und Sehart des Volks, des Erfinders, in dem Lande, in der Zeit, in
den Umständen, dass sie von einem Nord- und Abendländer unendlich schwer zu
treffen sind und in langen, kalten Umschreibungen unendlich leiden müssen. Da
sie ferner von der Not erzwungen und im Affekt, im Gefühl, in der Verlegenheit
des Ausdrucks erfunden wurden - welch ein Glück gehört dazu, dasselbe Gefühl zu
treffen? und endlich, da im Wörterbuche von der Art die Wörter und die
Bedeutungen eines Worts aus so verschiednen Zeiten, Anlässen und Denkarten
gesammlet werden sollen und sich also diese augenblickliche Bestimmungen ins
Unendliche vermehren - wie vervielfältigt sich da die Mühe! Welch ein
Scharfsinn, in diese Umstände und Bedürfnisse einzudringen, und welche Mässigung,
bei den Auslegungen verschiedner Zeiten darin masszuhalten! Welche Kenntnis und
Biegsamkeit der Seele gehört dazu, sich so ganz diesen rohen Witz, diese kühne
Phantasie, dies Nationalgefühl fremder Zeiten zu geben und es nach den unsrigen
zu modernisieren! Aber eben damit würde auch nicht bloss in die Geschichte,
Denkart und Literatur des Landes, sondern überhaupt in die dunkle Gegend der
menschlichen Seele eine Fackel getragen, wo sich die Begriffe durchkreuzen und
verwickeln! wo die verschiedenste Gefühle einander erzeugen; wo eine dringende
Gelegenheit alle Kräfte der Seele aufbietet und die ganze Erfindungskunst, der
sie fähig ist, zeigt. Jeder Schritt wäre in einem solchen Werk Entdeckung! und
jede neue Bemerkung der vollständigste Beweis von der Menschlichkeit des
Ursprungs der Sprache.
    Schultens hat sich an der Entwicklung einiger solchen Originum der
hebräischen Sprache Ruhm erworben: jede Entwicklung ist eine Probe meiner Regel:
ich glaube aber, vieler Ursachen wegen, nicht, dass die Origines der ersten
menschlichen Sprache, wenn es auch die Hebräische wäre, je vollständig
entwickelt werden können - -
    Ich folgre noch eine Anmerkung, die zu allgemein und wichtig ist, um
übergangen zu werden. Der Grund der kühnen Wortmetaphern lag in der ersten
Empfindung; aber wie? wenn spät nachher, wenn schon alles Bedürfnis weggefallen
ist, aus blosser Nachahmungssucht oder Liebe zum Altertum dergleichen Wort- und
Bildergattungen bleiben? und gar noch ausgedehnt und erhöhet werden? Denn, o
denn wird der erhabne Unsinn, das aufgedunsne Wortspiel daraus, was es im Anfang
eigentlich nicht war. Dort war's kühner, männlicher Witz, der denn vielleicht am
wenigsten spielen wollte, wenn er am meisten zu spielen schien! es war rohe
Erhabenheit der Phantasie, die solch Gefühl in solchem Worte herausarbeitete;
aber nun im Gebrauche schaler Nachahmer, ohne solches Gefühl, ohne solche
Gelegenheit - ach! Ampullen von Worten ohne Geist! und das ist das Schicksal
aller derer Sprachen in spätern Zeiten gewesen, deren erste Formen so kühn
waren. Die spätern französischen Dichter können sich nicht versteigen, weil die
ersten Erfinder ihrer Sprache sich nicht verstiegen haben: ihre ganze Sprache
ist Prose der gesunden Vernunft und hat ursprünglich fast kein poetisches Wort,
das dem Dichter eigen wäre; aber die Morgenländer? die Griechen? die Engländer?
und wir Deutschen?
    Daraus folgt: dass je älter eine Sprache ist, je mehr solcher Kühnheiten in
ihren Wurzeln ist, hat sie lange gelebt, sich lange fortgebildet, um so weniger
muss man auf jede Kühnheit des Ursprungs losdringen, als wenn jeder dieser sich
durchkreuzenden Begriffe auch jedesmal in jedem späten Gebrauch mitgedacht
worden wäre. Die Metapher des Anfangs war Drang zu sprechen; nimmt man's nachher
in jedem Fall, wo das Wort schon geläufig geworden war und seine Schärfe
abgenutzt hatte, für Fruchtbarkeit und Energie, als solche Sonderbarkeiten zu
verbinden - was für klägliche Beispiele wimmern da in ganzen Schulen der
morgenländischen Sprachen!
    Noch eins. Wenn gar an solchen kühnen Wortkämpfen, an solchen Versetzungen
der Gefühle in einen Ausdruck, an solchen Durchkreuzungen der Ideen ohne Regel
und Richtschnur - gewisse feine Begriffe eines Dogma, eines Systems kleben -
oder daran geheftet werden - oder daraus untersucht werden sollen; - Himmel! wie
wenig waren diese Wortversuche einer werdenden oder frühgewordnen Sprache
Definitionen eines Systems, und wie oft kommt man in den Fall, Wortidole zu
schaffen, an die der Erfinder oder der spätere Gebrauch nicht dachte! - - Doch
solche Anmerkungen wären unendlich: ich gehe zu einem neuen Kanon:
    III. »Je ursprünglicher eine Sprache ist, je häufiger solche Gefühle sich in
ihr durchkreuzen, desto weniger können diese sich genau und logisch
untergeordnet sein. Die Sprache ist reich an Synonymen: bei aller wesentlichen
Dürftigkeit hat sie den grössten unnötigen Überfluss.«
    Die Verteidiger des göttlichen Ursprunges, die in allem göttliche Ordnung zu
finden wissen, können ihn hier schwerlich finden und leugnen die Synonyme21 -
Sie leugnen? wohlan nun, lass es sein, dass unter den 50 Wörtern, die der Araber
für den Löwen, unter den 200, die er für die Schlange, unter den 80, die er für
den Honig, und mehr als 1000, die er fürs Schwert hat, sich feine Unterschiede
finden oder gefunden hätten, die aber verlorengegangen wären - warum waren sie
da, wenn sie verlorengehen mussten? Warum erfand Gott einen unnötigen Wortschatz,
den nur, wie die Araber sagen, ein göttlicher Prophet in seinem ganzen Umfange
fassen konnte? erfand er ins Leere der Vergessenheit? Vergleichungsweise aber
sind diese Worte doch immer Synonymen, in Betracht der vielen andern Ideen, für
die Wörter gar mangeln - nun entwickle man doch darin göttliche Ordnung, dass Er,
der den Plan der Sprache übersah, für den Stein 70 Wörter erfand und für alle
so nötige Ideen, innerliche Gefühle, und Abstraktionen keine? dass er dort mit
unnötigem Überfluss überhäufte, hier in der grössten Dürftigkeit liess, zu stehlen,
Metaphern zu usurpieren, halben Unsinn zu reden usw.
    Menschlich erklärt sich die Sache von selbst. So uneigentlich schwere,
seltne Ideen ausgedrückt werden mussten: so häufig konnten's die vorliegenden und
leichten. Je unbekannter man mit der Natur war; von je mehrern Seiten man sie
aus Unerfahrenheit ansehen und kaum wiedererkennen konnte; je weniger man a
priori, sondern nach sinnlichen Umständen erfand: desto mehr Synonyme! Je
mehrere erfanden, je umherirrender und abgetrennter sie erfanden, und doch nur
meistens in einem Kreise für einerlei Sachen erfanden; wenn sie nachher
zusammenkamen, wenn ihre Sprachen in einen Ozean von Wörterbuch flossen: desto
mehr Synonyme! Verworfen konnten alle nicht werden; denn welche sollten's? sie
waren bei diesem Stamm, bei dieser Familie, bei diesem Dichter bräuchlich; es
ward also, wie jener arabische Wörterbuchschreiber sagt, da er 400 Wörter von
Elend aufgezählt hatte, das vierhunderterste Elend, die Wörter des Elends
aufzählen zu müssen. Eine solche Sprache ist reich, weil sie arm ist, weil ihre
Erfinder noch nicht Plan gnug hatten, arm zu werden - und der müssige Erfinder
eben der unvollkommensten Sprache wäre Gott?
    Die Analogien aller wilden Sprachen bestätigen meinen Satz: jede ist auf
ihre Weise verschwenderisch und dürftig: nur jede auf eigne Art. Wenn der Araber
für Stein, Kamel, Schwert, Schlange (Dinge, unter denen er lebt!) so viel Wörter
hat, so ist die ceilanische Sprache, den Neigungen ihres Volks gemäss, reich an
Schmeicheleien, Titeln und Wortgepränge. Für das Wort »Frauenzimmer« hat sie
nach Stand und Range zwölferlei Namen, da selbst wir unhöfliche Deutsche z. E.
hierin von unsern Nachbarn borgen müssen. Nach Stand und Range wird das Du und
Ihr auf achterlei Weise gegeben, und das sowohl vom Tagelöhner als vom Hofmanne:
der Wust ist Form der Sprache. In Siam gibt es achterlei Manieren, ich und wir
zu sagen, nachdem der Herr mit dem Knechte oder der Knecht mit dem Herrn redet.
Die Sprache der wilden Kariben ist beinahe in zwo Sprachen, der Weiber und
Männer verteilt, und die gemeinsten Sachen: Bette, Mond, Sonne, Bogen benennen
beide anders; welch ein Überfluss von Synonymen! Und doch haben ebendiese Kariben
nur vier Wörter für die Farben, auf die sie alle andre beziehen müssen - welche
Armut! - Die Huronen haben jedesmal ein doppeltes Verbum für eine beseelte und
unbeseelte Sache: so dass Sehen bei »einen Stein sehen« und Sehen bei »einen
Menschen sehen« immer zween verschiedne Ausdrücke sind - man verfolge das durch
die ganze Natur - welch ein Reichtum! »Sich seines Eigentums bedienen« oder »des
Eigentums dessen, mit dem man redet« hat immer zwei verschiedne Wörter - welch
ein Reichtum! - In der peruanischen Hauptsprache nennen sich die Geschlechter so
sonderbar abgetrennt, dass die Schwester des Bruders und die Schwester der
Schwester, das Kind des Vaters und der Mutter ganz verschieden heisst, und doch
hat ebendiese Sprache keinen wahren Pluralis! - Jede dieser Synonymien hängt so
sehr mit Sitte, Charakter und Ursprung des Volks zusammen; überall aber
charakterisiert sich der erfindende menschliche Geist. - Ein neuer Kanon:
    IV. »So wie die menschliche Seele sich keiner Abstraktion aus dem Reiche der
Geister erinnern kann, zu der sie nicht durch Gelegenheiten und Erweckungen der
Sinne gelangte: so hat auch keine Sprache ein Abstraktum, zu dem sie nicht durch
Ton und Gefühl gelangt wäre. Und je ursprünglicher die Sprache, desto weniger
Abstraktionen, desto mehr Gefühle.« Ich kann in diesem unermesslichen Felde
wieder nur Blumen brechen:
    Der ganze Bau der morgenländischen Sprachen zeuget, dass alle ihre Abstrakta
voraus Sinnlichkeiten gewesen: der Geist war Wind, Hauch, Nachtsturm! Heilig
hiess abgesondert, einsam; die Seele hiess der Otem; der Zorn das Schnauben der
Nase usw. Die allgemeinem Begriffe wurden ihr also erst später durch
Abstraktion, Witz, Phantasie, Gleichnis, Analogie usw. angebildet - im tiefsten
Abgrunde der Sprache liegt keine einzige!
    Bei allen Wilden findet dasselbe nach Mass der Kultur statt. In der Sprache
von Barantola wusste man nicht heilig und bei den Hottentotten nicht das Wort
Geist zu finden. Alle Missionarien in allen Weltteilen klagen über die
Schwürigkeit, christliche Begriffe den Wilden in ihren Sprachen mitzuteilen, und
doch dürften diese Mitteilungen ja nimmer eine scholastische Dogmatik, sondern
nur die gemeinen Begriffe des gemeinen Verstandes sein. Wenn man hie und da
Proben dieses Vertrages unter den Wilden, auch nur unter den ungebildeten
Sprachen Europens, z. E. der lappländischen, finnischen, estnischen, übersetzt
lieset und die Sprachlehren und Wörterbücher dieser Völker sieht: so werden die
Schwürigkeiten offenbar.
    Will man den Missionarien nicht glauben: so lese man die Philosophen, de la
Condamine in Peru und am Amazonenstrome, Maupertuis in Lappland usw. Zeit,
Dauer, Raum, Wesen, Stoff, Körper, Tugend, Gerechtigkeit, Freiheit,
Erkenntlichkeit - sind im Munde der Peruaner nicht, wenn sie gleich mit ihrer
Vernunft oft zeigen, dass sie nach diesen Begriffen schliessen, und mit ihren
Taten zeigen, dass sie die Tugenden haben. Solange sie die Idee nicht als Merkmal
sich deutlich gemacht: so haben sie dazu kein Wort.
    Wo also solche Worte in die Sprache hineingekommen, sieht man ihnen
offenbar ihren Ursprung an. Die Kirchensprache der russischen Nation ist
meistens griechisch: die christlichen Begriffe der Letten sind deutsche Worte,
oder deutsche Begriffe lettisiert. Der Mexikaner, der seinen armen Sünder
ausdrücken will, malt ihn wie einen Knienden, der Ohrenbeicht ableget, und seine
Dreieinigkeit wie drei Gesichte mit Scheinen. Man weiss, auf welchen Wegen die
meisten Abstraktionen in unsre wissenschaftliche Sprache gekommen sind, in
Teologie und Rechtsgelehrsamkeit, in Philosophie und andre. Man weiss, wie oft
Scholastiker und Polemiker nicht einmal mit Worten ihrer Sprache streiten
konnten, und also Streitgewehr (Hypostasis und Substanz, homoousios und
homoiousios) aus denen Sprachen herüberholen mussten, in denen die Begriffe
abstrahiert, in denen das Streitgewehr geschärft war! Unsre ganze Psychologie,
so verfeinert und bestimmt sie ist, hat kein eigentliches Wort.
    Dies ist so wahr, dass es sogar Schwärmern und Entzückten nicht möglich ist,
ihre neue Geheimnisse aus der Natur, aus Himmel und Hölle anders als durch
Bilder und sinnliche Vorstellungen zu charakterisieren. Schwedenborg konnte
seine Engel und Geister nicht anders als aus allen Sinnen zusammenwittern, und
der erhabne Klopstock - jenem die grösseste Antitese! - seinen Himmel und Hölle
nicht anders als aus sinnlichen Materialien bauen. Der Neger wittert sich seine
Götter vom Gipfel der Bäume herunter, und der Chingulese erhört sich seinen
Teufel aus dem Geklatsche der Wälder. Ich bin einigen dieser Abstraktionen unter
verschiednen Völkern, in verschiednen Sprachen nachgeschlichen und habe die
sonderbarsten Erfindungskunstgriffe des menschlichen Geistes wahrgenommen; der
Gegenstand ist viel zu gross; der Grund ist immer derselbe. Wenn der Wilde denkt,
dass dies Ding einen Geist hat: so muss ein sinnliches Ding dasein, aus dem er
sich den Geist abstrahiert. Nur hat die Abstraktion ihre sehr verschiedne Arten,
Stufen und Metoden. Das leichteste Beispiel, dass keine Nation in ihrer Sprache
mehr und andre Wörter habe, als sie abstrahieren gelernt, sind die ohne Zweifel
sehr leichte Abstraktionen, die Zahlen. Wie wenige haben die meisten Wilden, so
reich, vortrefflich und ausgebildet ihre Sprachen sein mögen! nie mehr, als sie
brauchten. Der handelnde Phönizier war der erste, der die Rechenkunst erfand;
der seine Herde überzählende Hirte lernt auch zählen; die Jagdnationen, die nie
vielzählige Geschäfte haben, wissen eine Armee nicht anders zu bezeichnen als
wie Haare auf dem Haupt! wer mag sie zählen? wer, der nie so weit hinauf gezählt
hat, hat dazu Worte?
    Ist's möglich, von allen diesen Spuren des wandelnden, sprachschaffenden
Geistes wegzusehen und Ursprung in den Wolken zu suchen? Was hat man für einen
Beweis von einem einzigen Worte, was nur Gott erfinden konnte? Existiert in
irgendeiner Sprache nur ein einziger reiner, allgemeiner Begriff, der dem
Menschen vom Himmel gekommen? wo ist er auch nur möglich?22 - Und was für
1000000 Gründe und Analogien und Beweise von der Genesis der Sprache in der
menschlichen Seele, nach den menschlichen Sinnen und Seharten! Was für Beweise
von der Fortwandrung der Sprache mit der Vernunft und ihrer Entwicklung aus
derselben unter allen Völkern, Weltgürteln und Umständen! welches Ohr ist, das
diese allgemeine Stimme der Nationen nicht höre?
    Und doch seh ich mit Verwundrung, dass Hr. Süssmilch sich wieder mit mir
begegne und auf dem Wege göttliche Ordnung finde, wo ich die allermenschlichste
entdecke.23 »Dass man noch zur Zeit keine Sprache entdeckt hat, die ganz zu
Künsten und Wissenschaften ungeschickt gewesen«, was zeugt denn das anders, als
dass keine Sprache viehisch, dass sie alle menschlich sind? Wo hat man denn einen
Menschen entdeckt, der ganz zu Künsten und Wissenschaften ungeschickt wäre, und
war das ein Wunder? oder nicht eben die gemeinste Sache, weil er Mensch war?
»Alle Missionarien haben mit den wildesten Völkern reden und sie überzeugen
können: das konnte ohne Schlüsse und Gründe nicht geschehen: ihre Sprachen
mussten also terminos abstractos entalten usw.« Und wenn das, so war's göttliche
Ordnung? oder war es nicht eben die menschlichste Sache, sich Worte zu
abstrahieren, wo man sie brauchte? Und welches Volk hat je eine einzige
Abstraktion in seiner Sprache gehabt, die es sich nicht selbst erworben? Und
waren denn bei allen Völkern gleich viel? Konnten die Missionarien sich überall
gleich leicht ausdrucken, oder hat man nicht das Gegenteil aus allen Weltteilen
gelesen? Und wie druckten sie sich denn aus, als dass sie ihre neuen Begriffe der
Sprache nach Analogie derselben anbogen? Und geschähe dies überall auf gleiche
Art? - Über das Faktum wäre so viel, so viel zu sagen! der Schluss sagt gar das
Gegenteil. Eben weil die menschliche Vernunft nicht ohne Abstraktion sein kann
und jede Abstraktion nicht ohne Sprache wird: so muss die Sprache auch in jedem
Volk Abstraktionen entalten, das ist, ein Abdruck der Vernunft sein, von der
sie ein Werkzeug gewesen. Wie aber jede nur soviel entält, als das Volk hat
machen können, und keine einzige, die ohne Sinne gemacht wäre, als welches ihr
ursprünglich sinnlicher Ausdruck zeigt: so ist nirgends göttliche Ordnung zu
sehen, als - sofern die Sprache durchaus menschlich ist.
    V. Endlich: »da jede Grammatik nur eine Philosophie über die Sprache und
eine Metode ihres Gebrauchs ist, so muss, je ursprünglicher die Sprache, desto
weniger Grammatik in ihr sein, und die älteste ist bloss das vorangezeigte
Wörterbuch der Natur!« Ich reisse einige Steigerungen ab.
    1. Deklinationen und Konjugationen sind nichts anders als Verkürzungen und
Bestimmungen des Gebrauchs der Nominum und Verborum nach Zahl, Zeit und Art und
Person. Je roher also eine Sprache, desto unregelmässiger ist sie in diesen
Bestimmungen und zeigt bei jedem Schritte den Gang der menschlichen Vernunft.
Hintenan ohne Kunst des Gebrauchs ist sie simples Wörterbuch.
    2. Wie Verba einer Sprache eher sind als die von ihnen rund abstrahierten
Nomina: so auch anfangs um so mehr Konjugationen, je weniger man Begriffe
untereinander zu ordnen gelernt hat. Wie viel haben die Morgenländer! und doch
sind's eigentlich keine, denn was gibt's noch immer für Verpflanzungen und
Umwerfungen der Verborum aus Konjugation in Konjugation! Die Sache ist ganz
natürlich. Da nichts den Menschen so angeht und wenigstens so sprachartig ihn
trifft, als was er erzählen soll. Taten, Handlungen, Begebenheiten: so müssen
sich ursprünglich eine solche Menge Taten und Begebenheiten sammeln, dass fast
für jeden Zustand ein neues Verbum wird. »In der huronischen Sprache wird alles
konjugiert. Eine Kunst, die nicht kann erkläret werden, lässt darin von den
Zeitwörtern die Nenn-, die Für-, die Zuwörter unterscheiden. Die einfachen
Zeitwörter haben eine doppelte Konjugation, eine für sich und eine, die sich auf
andre Dinge beziehet. Die dritten Personen haben die beiden Geschlechter. Was
die Tempora anbetrifft, findet man die feinen Unterschiede, die man z. E. im
Griechischen bemerket; ja wenn man die Erzählung einer Reise tun will, so drückt
man sich verschieden aus, wenn man sie zu Lande und zu Wasser getan hat. Die
Activa vervielfältigen sich so oft, als es Sachen gibt, die unter das Tun
kommen; das Wort essen verändert sich mit jeder essbaren Sache. Das Tun einer
beseelten Sache wird anders ausgedrückt als einer unbeseelten. Sich seines und
des Eigentums dessen bedienen, mit dem man redet, hat zweierlei Ausdruck usw.«
Man denke sich alle diese Vielheit von Verbis, Modis, Temporibus, Personen,
Zuständen, Geschlechtern usw., welche Mühe und Kunst, das einigermassen
untereinander zu bringen? aus dem, was ganz Wörterbuch war, einigermassen
Grammatik zu machen? - Des P. Lery Grammatik der Topinambuer in Brasilien zeigt
ebendasselbe! - Denn wie das erste Wörterbuch der menschlichen Seele eine
lebendige Epopee der tönenden, handelnden Natur war: so war die erste Grammatik
fast nichts als ein philosophischer Versuch, diese Epopee zur regelmässigem
Geschichte zu machen. Sie zerarbeitet sich also mit lauter Verbis und arbeitet
in einem Chaos, was für die Dichtkunst unerschöpflich; mehr geordnet, sehr reich
für die Bestimmung der Geschichte; am spätsten aber für Axiome und
Demonstrationen brauchbar ist.
    3. Das Wort, was unmittelbar auf den Schall der Natur, nachahmend, folgte:
folgte schon einem Vergangnen: Präterita sind also die Wurzeln der Verborum,
aber Präterita, die noch fast für die Gegenwart gelten. A priori ist das Faktum
sonderbar und unerklärlich, da die gegenwärtige Zeit die erste sein müsste, wie
sie es auch in allen spätergebildeten Sprachen geworden; nach der Geschichte der
Spracherfindung konnte es nicht anders sein. Die Gegenwart zeigt man; aber das
Vergangne muss man erzählen. Und da man dies auf so viel Art erzählen konnte und
anfangs im Bedürfnis, Worte zu finden, es so vielfältig tun musste: so wurden in
allen alten Sprachen viel Präterita, aber nur ein oder kein Präsens. Dessen
hatte sich nun in den gebildetem Zeiten Dichtkunst und Geschichte sehr, die
Philosophie aber sehr wenig zu erfreuen, weil die keinen verwirrenden Vorrat
liebt. - Hier sind wieder Huronen, Brasilianer, Morgenländer und Griechen
gleich: überall Spuren vom Gange des menschlichen Geistes!
    4. Alle neuere philosophische Sprachen haben das Nomen feiner, das Verbum
weniger, aber regelmässiger modifiziert: denn die Sprache erwuchs mehr zur kalten
Beschauung dessen, was da ist und was gewesen ist, als dass sie noch ein
unregelmässig stammelndes Gemisch von dem, was etwa gewesen ist, geblieben wäre.
Jenes gewöhnte man sich, nacheinander zu sagen, und also durch Numeros und
Artikel und Kasus usw. zu bestimmen; die alten Erfinder wollten alles auf einmal
sagen, nicht bloss, was getan wäre, sondern wer es getan, wenn, wie und wo es
geschehen.24 Sie brachten also in die Nomina gleich den Zustand: in jede Person
des Verbi gleich das Genus: sie unterschieden gleich durch Prä- und Afformativa:
durch Af- und Suffixa: Verbum und Adverbium, Verbum und Nomen, alles floss
zusammen. Je später, desto mehr wurde unterschieden und hergezählt: aus den
Hauchen wurden Artikel, aus den Ansätzen Personen, aus den Vorsätzen Modi oder
Adverbia: die Teile der Rede flossen auseinander: nun ward allmählich Grammatik.
So ist diese Kunst zu reden, diese Philosophie über die Sprache erst langsam und
Schritt vor Schritt, Jahrhunderte und Zeiten hinab gebildet, und der erste Kopf,
der an eine wahre Philosophie der Grammatik, an »die Kunst zu reden!« denkt, muss
gewiss erst die Geschichte derselben durch Völker und Stufen hinab überdacht
haben. Hätten wir doch eine solche Geschichte! Sie wäre mit allen Fortgängen und
Abweichungen eine Charte von der Menschlichkeit der Sprache.
    5. Aber wie hat eine Sprache ganz ohne Grammatik bestehen können? ein blosser
Zusammenfluss von Bildern und Empfindungen ohne Zusammenhang und Bestimmung? -
Für beide war gesorgt: es war lebende Sprache. Da gab die grosse Einstimmung der
Gebärden gleichsam den Takt und die Sphäre, wohin es gehörte; und der grosse
Reichtum der Bestimmungen, der im Wörterbuch selbst lag, ersetzte die Kunst der
Grammatik. Sehet die alte Schrift der Mexikaner! sie malen lauter einzelne
Bilder; wo kein Bild in die Sinne fällt, haben sie sich über Striche vereinigt,
und den Zusammenhang zu allem muss die Welt geben, in die es gehört, aus der es
geweissagt wird. Diese Weissagungskunst, aus einzelnen Zeichen Zusammenhang zu
erraten - wie weit können sie noch nur einzelne Stumme und Taube treiben! und
wenn diese Kunst selbst mit zur Sprache gehört, von Jugend auf, als Sprache,
mitgelernt wird; wenn sie sich mit der Tradition von Geschlechtern immer mehr
erleichtert und vervollkommet: so sehe ich nichts Unbegreifliches. - - - Je mehr
sie aber erleichtert wird, desto mehr nimmt sie ab; desto mehr wird Grammatik -
und das ist Stufengang des menschlichen Geistes!
    Proben davon sind z. E. des la Loubère Nachrichten von der siamischen
Sprache: wie ähnlich ist sie noch dem Zusammenhange der Morgenländer,
insonderheit ehe durch spätere Bildung noch mehr von ihm hineinkam. Der Siamer
will sagen: »Wäre ich zu Siam, so wäre ich vergnügt!«, und sagt: »Wenn ich sein
Stadt Siam; ich wohl Herz viel!« - Er will das Vaterunser beten: und muss sagen:
»Vater, uns sein Himmel! Namen Gottes wollen heiligen aller Ort« usw. - wie
morgenländisch und ursprünglich ist das? geradeso zusammenhangend als eine
Mexikanische Bilderschrift oder das Stammeln der Ungelehrigen aus fremden
Sprachen!
    6. Ich muss hier noch eine Sonderbarkeit erklären, die ich auch in Herrn
Süssmilchs göttlicher Ordnung missverstanden sehe: »nämlich die Mannigfaltigkeit
der Bedeutungen eines Worts nach dem Unterschiede kleiner Artikulationen!« Ich
finde diesen Kunstgriff fast unter allen Wilden, wie ihn z. E. Garcilaso di Vega
von den Peruanern, Condamine von den Brasilianern, la Loubère von den Siamesen,
Resnel von den Nordamerikanern anführt. Ich finde ihn ebenso bei den alten
Sprachen, z. E. der chinesischen und den morgenländischen, vorzüglich der
hebräischen, wo ein kleiner Schall, Akzent, Hauch die ganze Bedeutung ändert,
und ich finde doch nichts als etwas sehr Menschliches in ihm, Dürftigkeit und
Bequemlichkeit der Erfinder! Sie hatten ein neues Wort nötig; und da das müssige
Erfinden aus leerem Kopf so schwer ist: so nahmen sie ein ähnliches mit der
Veränderung vielleicht nur eines Hauchs. Das war Gesetz der Sparsamkeit, ihnen
anfangs bei ihren sich durchwebenden Gefühlen sehr natürlich und bei ihrer
mächtigern Aussprache der Wörter noch ziemlich bequem; aber für einen Fremden,
der sein Ohr nicht von Jugend auf daran gewöhnt hat und dem die Sprache jetzt
mit Phlegma, wo der Schall halb im Munde bleibt, vorgezischt wird, macht dies
Gesetz der Sparsamkeit und Notdurft die Rede unvernehmlich und unaussprechlich.
Je mehr eine gesunde Grammatik in die Sprachen Haushaltung eingeführt, desto
minder wird diese Kargheit nötig - also gerade das Gegenteil als Kennzeichen
göttlicher Erfindung, wo der Erfinder sich gewiss sehr schlecht zu helfen gewusst,
wenn er so etwas nötig hatte.
    7. Am offenbarsten wird endlich der Fortgang der Sprache durch die Vernunft
und der Vernunft durch die Sprache, wenn diese schon einige Schritte getan, wenn
in ihr schon Stücke der Kunst, z.B. Gedichte, existieren, wenn Schrift erfunden
ist, wenn sich eine Gattung der Schreibart nach der andern ausbildet. Da kann
kein Schritt getan, kein neues Wort erfunden, keine neue glückliche Form in Gang
gebracht werden, wo nicht Abdruck der menschlichen Seele liege. Da kommen durch
Gedichte Silbenmasse, Wahl der stärksten Worte und Farben, Ordnung und Schwung
der Bilder, da kommt durch Geschichte Unterschied der Zeiten, Genauigkeit des
Ausdrucks, da kommt endlich durch die Redner die völlige Rundung des Perioden in
die Sprache. So wie nun vor jedem solchen Zusatz nichts dergleichen vorher in
der Sprache da lag, aber alles durch die menschliche Seele hineingebracht wurde
und hineingebracht werden konnte: wo will man dieser Hervorbringung, dieser
Fruchtbarkeit Grenzen setzen? wo will man sagen: hier fing die menschliche Seele
zu würken an, aber eher nicht? Hat sie das Feinste, das Schwerste erfinden
können, warum nicht das Leichteste? Konnte sie zustande bringen, warum nicht
Versuche machen, warum nicht anfangen? Denn was war doch der Anfang als die
Produktion eines einzigen Worts, als Zeichen der Vernunft, und das musste sie,
blind und stumm in ihrem Innern, so wahr sie Vernunft besass.
    
    Ich bilde mir ein, das Können der Erfindung menschlicher Sprache sei mit
dem, was ich gesagt, von innen aus der menschlichen Seele, von aussen aus der
Organisation des Menschen und aus der Analogie aller Sprachen und Völker, teils
in den Bestandteilen aller Rede, teils im ganzen grossen Fortgange der Sprache
mit der Vernunft so bewiesen, dass wer dem Menschen nicht Vernunft abspricht,
oder, was ebensoviel ist, wer nur weiss, was Vernunft ist; wer sich ferner je um
die Elemente der Sprache philosophisch bekümmert; wer dazu die Beschaffenheit
und Geschichte der Sprachen auf dem Erdboden mit dem Auge des Beobachters in
Rücksicht genommen, der kann nicht einen Augenblick zweifeln, wenn ich auch
weiter kein Wort mehr hinzusetzte. Die Genesis in der menschlichen Seele ist so
demonstrativ als irgendein philosophischer Beweis, und die äussere Analogie aller
Zeiten, Sprachen und Völker solch ein Grad der Wahrscheinlichkeit, als bei der
gewissesten Sache der Geschichte möglich ist. Indessen um auf immer allen
Einwendungen vorzubeugen und den Satz gleichsam auch äusserlich so gewiss zu
machen, als eine philosophische Wahrheit sein kann: so lasset uns noch aus allen
äussern Umständen und aus der ganzen Analogie der menschlichen Natur beweisen:
dass der Mensch sich seine Sprache hat erfinden müssen, und unter welchen
Umständen er sie sich am füglichsten habe erfinden können.
 
                                  Zweiter Teil
Auf welchem Wege der Mensch sich am füglichsten hat Sprache erfinden können und
                                     müssen
    Die Natur gibt keine Kräfte umsonst. Wenn sie also dem Menschen nicht bloss
Fähigkeiten gab, Sprache zu erfinden, sondern auch diese Fähigkeit zum
Unterscheidungscharakter seines Wesens und zur Triebfeder seiner vorzüglichen
Richtung machte: so kam diese Kraft nicht anders als lebend aus ihrer Hand, und
so konnte sie nicht anders, als in eine Sphäre gesetzt sein, wo sie würken
musste. Lasset uns einige dieser Umstände und Anliegenheiten genauer betrachten,
die sogleich den Menschen, da er mit der nächsten Anlage, sich Sprache zu
bilden, in die Welt trat, sogleich zur Sprache veranlassten, und da dieser
Anliegenheiten viel sind, so bringe ich sie unter gewisse Hauptgesetze seiner
Natur und seines Geschlechts:
                               Erstes Naturgesetz
    Der Mensch ist ein frei denkendes, tätiges Wesen, dessen Kräfte in
Progression fortwürken; darum sei er ein Geschöpf der Sprache!
    Als nacktes, instinktloses Tier betrachtet, ist der Mensch das elendeste der
Wesen. Da ist kein dunkler, angeborner Trieb, der ihn in sein Element und in
seinen Wirkungskreis, zu seinem Unterhalt und an sein Geschäfte zeucht. Kein
Geruch und keine Witterung, die ihn auf die Kräuter hinreisse, damit er seinen
Hunger stille! Kein blinder, mechanischer Lehrmeister, der für ihn sein Nest
baue! Schwach und unterliegend, dem Zwist der Elemente, dem Hunger, allen
Gefahren, den Klauen aller starkem Tiere, einem tausendfachen Tode überlassen,
stehet er da! einsam und einzeln! ohne den unmittelbaren Unterricht seiner
Schöpferin und ohne die sichre Leitung ihrer Hand, von allen Seiten also
verloren - - -
    Doch so lebhaft dies Bild ausgemalt werde: so ist's nicht das Bild des
Menschen - es ist nur eine Seite seiner Oberfläche, und auch die stehet im
falschen Licht. Wenn Verstand und Besonnenheit die Naturgabe seiner Gattung ist:
so musste diese sich sogleich äussern, da sich die schwächere Sinnlichkeit und
alle das Klägliche seiner Entbehrungen äusserte. Das instinktlose, elende
Geschöpf, was so verlassen aus den Händen der Natur kam, war auch vom ersten
Augenblicke an das freitätige vernünftige Geschöpf, das sich selbst helfen
sollte, und nicht anders als konnte. Alle Mängel und Bedürfnisse, als Tier,
waren dringende Anlässe, sich mit allen Kräften als Mensch zu zeigen: so wie
diese Kräfte der Menschheit nicht etwa bloss schwache Schadloshaltungen gegen die
ihm versagten grössern Tiervollkommenheiten waren, wie unsre neue Philosophie,
die grosse Gönnerin der Tiere! will: sondern sie waren ohne Vergleichung und
eigentliche Gegeneinandermessung seine Art. Der Mittelpunkt seiner Schwere, die
Hauptrichtung seiner Seelenwürkungen fiel so auf diesen Verstand, auf
menschliche Besonnenheit hin, wie bei der Biene sogleich aufs Saugen und Bauen.
    Wenn es nun bewiesen ist, dass nicht die mindeste Handlung seines Verstandes
ohne Merkwort geschehen konnte: so war auch das erste Moment der Besinnung
Moment zu innerer Entstehung der Sprache.
    Man lasse ihm zu dieser ersten deutlichen Besinnung so viel Zeit, als man
will: man lasse nach Buffons Manier (nur philosophischer als er) dies gewordne
Geschöpf sich allmählich sammlen: man vergesse aber nicht, dass es gleich vom
ersten Momente an kein Tier, sondern ein Mensch, zwar noch kein Geschöpf von
Besinnung, aber schon von Besonnenheit ins Universum erwache. Nicht wie eine
grosse, schwerfällige, unbehülfliche Maschine, die gehen sollte und mit starren
Gliedern nicht gehen kann, die sehen, hören, kosten sollte, und mit starren
Säften im Auge, mit verhärtetem Ohr und mit versteinter Zunge nichts von alle
diesem kann - Leute, die Zweifel der Art machen, sollten doch bedenken, dass
dieser Mensch nicht aus Platons Höhle, aus einem finstern Kerker, wo er von
seinem ersten Augenblick des Lebens, eine Reihe von Jahren hin, ohne Licht und
Bewegung sich mit öffnen Augen blind und mit gesunden Gliedern ungelenk
gesessen, sondern dass er aus den Händen der Natur, im frischesten Zustande
seiner Kräfte und Säfte und mit der besten, nächsten Anlage kam, vom ersten
Augenblicke sich zu entwickeln. Über die ersten Momente der Sammlung muss
freilich die schaffende Vorsicht gewaltet haben - - doch das ist nicht Werk der
Philosophie, das Wunderbare in diesen Momenten zu erklären, sowenig sie seine
Schöpfung erklären kann. Sie nimmt ihn im ersten Zustande der freien Tätigkeit,
im ersten vollen Gefühl seines gesunden Daseins und erklärt also diese Momente
nur menschlich.
    Nun kann ich mich auf das vorige beziehen. Da hier keine metaphysische
Trennung der Sinne stattfindet, da die ganze Maschine empfindet und gleich vom
dunkeln Gefühl heraufarbeitet zur Besinnung, da dieser Punkt, die Empfindung des
ersten deutlichen Merkmals, eben auf das Gehör, den mittlern Sinn zwischen Auge
und Gefühl trifft: so ist die Genesis der Sprache ein so inneres Dringnis wie
der Drang des Embryons zur Geburt bei dem Moment seiner Reife. Die ganze Natur
stürmt auf den Menschen, um seine Kräfte, um seine Sinne zu entwickeln, bis er
Mensch sei. Und wie von diesem Zustande die Sprache anfängt, so
    ist die ganze Kette von Zuständen in der menschlichen Seele von der Art, dass
jeder die Sprache fortbildet -
    Dies grosse Gesetz der Naturordnung will ich ins Licht stellen.
    Tiere verbinden ihre Gedanken, dunkel oder klar, aber nicht deutlich. So wie
freilich die Gattungen, die nach Lebensart und Nervenbau dem Menschen am
nächsten stehen, die Tiere des Feldes, oft viel Erinnerung, viel Gedächtnis und
in manchen Fällen ein stärkeres als der Mensch zeigen: so ist's nur immer
sinnliches Gedächtnis; und keines hat die Erinnerung je durch eine Handlung
bewiesen, dass es für sein ganzes Geschlecht seinen Zustand verbessert und
Erfahrungen generalisiert hätte, um sie in der Folge zu nutzen. Der Hund kann
freilich die Gebärde erkennen, die ihn geschlagen, und der Fuchs den unsichern
Ort, wo ihm nachgestellt wurde, fliehen; aber keins von beiden sich eine
allgemeine Reflexion aufklären, wie es dieser schlagdrohenden Gebärde und dieser
Hinterlist der Jäger je auf immer entgehen könnte. Es blieb also nur immer bei
dem einzelnen sinnlichen Falle hangen, und sein Gedächtnis wurde eine Reihe
dieser sinnlichen Fälle, die sich produzieren und reproduzieren - aber nie durch
Überlegung verbunden: ein Mannigfaltiges ohne deutliche Einheit: ein Traum sehr
sinnlicher, klarer, lebhafter Vorstellungen, ohne ein Hauptgesetz des hellen
Wachens, das diesen Traum ordne.
    Freilich ist unter diesen Geschlechtern und Gattungen noch ein grosser
unterschied. Je enger der Kreis, je stärker die Sinnlichkeit und der Trieb, je
einförmiger die Kunstfähigkeit und das Werk des Lebens ist: desto weniger ist,
wenigstens für uns, die geringste Progression durch Erfahrung merklich. Die
Biene bauet in ihrer Kindheit so wie im hohen Alter und wird zu Ende der Welt so
bauen als im Beginn der Schöpfung. Sie sind einzelne Punkte, leuchtende Funken
aus dem Licht der Vollkommenheit Gottes, die aber immer einzeln leuchten. Ein
erfahrner Fuchs hingegen unterscheidet sich schon sehr von dem ersten Lehrlinge
der Jagd: er kennet schon viele Kunstgriffe voraus und sucht ihnen zu entweichen
- - aber woher kennt er sie? und wie sucht er ihnen zu entweichen? weil er sie
voraus unmittelbar erfahren und weil unmittelbar aus solcher Erfahrung das
Gesetz dieser Handlung folget. In keinem Falle würkt deutliche Reflexion, denn
werden nicht immer die klügsten Füchse noch jetzt so berückt wie vom ersten
Jäger in der Welt? Bei dem Menschen waltet offenbar ein andres Naturgesetz über
die Sukzession seiner Ideen, Besonnenheit: sie waltet noch selbst im
sinnlichsten Zustande, nur minder merklich. Das unwissendste Geschöpf, wenn er
auf die Welt kommt; aber sogleich wird er Lehrling der Natur auf eine Weise wie
kein Tier: Ein Tag nicht bloss lehrt den andern: sondern jede Minute des Tages
die andre: jeder Gedanke den andern. Der Kunstgriff ist seiner Seele wesentlich,
nichts für diesen Augenblick zu lernen, sondern alles entweder an das zu reihen,
was sie schon wusste, oder für das, was sie künftig daran zu knüpfen gedenkt: sie
berechnet also ihren Vorrat, den sie gesammlet oder noch zu sammlen gedenkt: und
so wird sie eine Kraft, unverrückt zu sammlen. Solch eine Kette geht bis an den
Tod fort: gleichsam nie der ganze Mensch: immer in Entwicklung, im Fortgange, in
Vervollkommung. Eine Würksamkeit hebt sich durch die andre: eine baut auf die
andre: eine entwickelt sich aus der andren. Es werden Lebensalter, Epochen, die
wir nur nach den Stufen, der Merklichkeit benennen, die aber, weil der Mensch
nie fühlt, wie er wächset, sondern nur immer wie er gewachsen ist, sich in ein
unendlich Kleines teilen lassen. Wir wachsen immer aus einer Kindheit, so alt
wir sein mögen, sind immer im Gange, unruhig, ungesättigt: das Wesentliche
unsres Lebens ist nie Genuss, sondern immer Progression, und wir sind nie
Menschen gewesen, bis wir - zu Ende gelebt haben; dahingegen die Biene Biene
war, als sie ihre erste Zelle bauete.
    Zu allen Zeiten würkt freilich dies Gesetz der Vervollkommung, der
Progression durch Besonnenheit, nicht gleich merklich: ist aber das minder
Merkliche deswegen nicht da? Im Traume, im Gedankentraume, denkt der Mensch
nicht so ordentlich und deutlich als wachend: deswegen aber denkt er noch immer
als ein Mensch - als Mensch in einem Mittelzustande; nie als ein völliges Tier.
Bei einem Gesunden müssen seine Träume so gut eine Regel der Verbindung haben
als seine wachenden Gedanken; nur dass es nicht dieselbe Regel sein, oder diese
so einförmig würken kann; selbst diese Ausnahmen zeugen also von der Gültigkeit
des Hauptgesetzes, und die offenbaren Krankheiten und unnatürlichen Zustände,
Ohnmachten, Verrückungen usw. zeugen es noch mehr. Nicht jede Handlung der Seele
ist unmittelbar eine Folge der Besinnung; jede aber eine Folge der Besonnenheit:
keine, so wie sie beim Menschen geschiehet, könnte sich äussern, wenn der Mensch
nicht Mensch wäre und nach solchem Naturgesetz dächte.
    Konnte nun der erste Zustand der Besinnung des Menschen nicht ohne Wort der
Seele würklich werden: so werden alle Zustände der Besonnenheit in ihm sprach
mässig: seine Kette von Gedanken wird eine Kette von Worten.
    Will ich damit sagen, dass der Mensch jede Empfindung seines dunkelsten
Gefühls zu einem Worte machen oder sie nicht anders als mittelst eines Worts
empfinden könne? - Unsinn wäre es, dies zu sagen, da gerade umgekehrt bewiesen
ist: was sich bloss durchs dunkle Gefühl empfinden lässt, ist keines Worts für uns
fähig, weil es keines deutlichen Merkmals fähig ist. Die Basis der Menschheit
ist also, wenn wir von willkürlicher Sprache reden, unaussprechlich. - - Aber
ist denn Basis die ganze Figur? Fussgestelle die ganze Bildsäule? Ist der Mensch
seiner ganzen Natur nach denn eine bloss dunkel fühlende Auster? Lasset uns also
den ganzen Faden seiner Gedanken nehmen; da er von Besonnenheit gewebt ist; da
sich in ihm kein Zustand findet, der, im ganzen genommen, nicht selbst Besinnung
sei oder doch in Besinnung aufgeklärt werden könne: da bei ihm das Gefühl nicht
herrschet, sondern die ganze Mitte seiner Natur auf feinere Sinne, Gesicht und
Gehör, fällt und diese ihm immerfort Sprache geben: so folgt, dass, im ganzen
genommen, »auch kein Zustand in der menschlichen Seele sei, der nicht wortfähig
oder würklich durch Worte der Seele bestimmt werde«.
    Es müsste der dunkelste Schwärmer oder ein Vieh, der abstrakteste Götterseher
oder eine träumende Monade sein, der ganz ohne Worte dächte. Und in der
menschlichen Seele ist, wie wir selbst in Träumen und bei Verrückten sehen, kein
solcher Zustand möglich. So kühn es klinge, so ist's wahr: der Mensch empfindet
mit dem Verstande und spricht, indem er denket. - - Und indem er nun immer so
fortdenket und, wie wir gesehen, jeden Gedanken in der Stille mit dem vorigen
und der Zukunft zusammenhält: so muss »jeder Zustand, der durch Reflexion so
verkettet ist, besser denken, mitin auch besser sprechen«.
    Lasset ihm den freien Gebrauch seiner Sinne: da der Mittelpunkt dieses
Gebrauchs in Gesicht und Gehör fällt, wo jenes ihm Merkmal und dieses Ton zum
Merkmale gibt: so wird mit jedem leichtern, gebildetem Gebrauch dieser Sinne ihm
Sprache fortgebildet. Lasset ihm den freien Gebrauch seiner Seelenkräfte. Da der
Mittelpunkt ihres Gebrauchs auf Besonnenheit fällt, mitin nicht ohne Sprache
ist, so wird mit jedem leichtern, gebildetem Gebrauch der Besonnenheit ihm
Sprache mehr gebildet. Folglich wird die Fortbildung der Sprache dem Menschen so
natürlich als seine Natur selbst.
    Wer ist nun, der den Umfang der Kräfte einer Menschenseele kenne, wenn sie
sich zumal in aller Anstrengung gegen Schwürigkeiten und Gefahren äussern? Wer
ist, der den Grad der Vollkommenheit abwiege, zu dem sie durch eine beständige,
innigverwickelte, so vielfache Fortbildung gelangen kann? Und da alles auf
Sprache hinausläuft, wie ansehnlich, was ein einzelner Mensch zur Sprache
sammlen muss! Musste sich schon der Blinde und Stumme auf seinem einsamen Eilande
eine dürftige Sprache schaffen; der Mensch, der Lehrling aller Sinne! der
Lehrling der ganzen Welt! wie weit reicher muss er werden! Was soll er geniessen?
Sinne, Geruch, Witterung für die Kräuter, die ihm gesund, Abneigung für die, so
ihm schädlich sind, hat die Natur ihm nicht gegeben; er muss also versuchen,
schmecken, wie die Europäer in Amerika den Tieren absehen, was essbar sei? sich
also Merkmale der Kräuter, mitin Sprache sammlen! Er hat nicht Stärke gnug, um
dem Löwen zu begegnen; er entweiche also ferne von ihm, kenne ihn von fern an
seinem Schalle, und um ihm menschlich und mit Bedacht entweichen zu können,
lerne er ihn und hundert andre schädliche Tiere deutlich erkennen, mitin sie
nennen! Je mehr er nun Erfahrungen sammlet, verschiedne Dinge und von
verschiednen Seiten kennenlernt, desto reicher wird seine Sprache! Je öfter er
diese Erfahrungen sieht und die Merkmale bei sich wiederholet, desto fester und
geläufiger wird seine Sprache. Je mehr er unterscheidet und untereinander
ordnet, desto ordentlicher wird seine Sprache! Dies Jahre durch, in einem
muntern Leben, in steten Abwechselungen, in beständigem Kampf mit Schwürigkeiten
und Notdurft, mit beständiger Neuheit der Gegenstände fortgesetzt: ist der
Anfang zur Sprache unbeträchtlich? Und siehe! es ist nur das Leben eines
einzigen Menschen!
    Ein stummer Mensch, in dem Verstaute, wie es die Tiere sind, der auch nicht
in seiner Seele Worte denken könnte, wäre das traurigste, sinnloseste,
verlassenste Geschöpf der Schöpfung: und der grösseste Widerspruch mit sich
selbst! Im ganzen Universum gleichsam allein; an nichts geheftet und für alles
da, durch nichts gesichert, und durch sich selbst noch minder, muss der Mensch
entweder unterliegen oder über alles herrschen, mit Plan einer Weisheit, deren
kein Tier fähig ist, von allem deutlichen Besitz nehmen, oder umkommen! Sei
nichts, oder Monarch der Schöpfung durch Verstand! Zertrümmere oder schaffe dir
Sprache. Und wenn sich nun in diesem andringenden Kreise von Bedürfnissen alle
Seelenkräfte sammlen: wenn die ganze Menschheit, Mensch zu sein, kämpfet - wie
viel kann erfunden, getan, geordnet werden!?
    Wir gesellschaftlichen Menschen denken uns in einen solchen Zustand nur
immer mit Zittern hinein: »Ei, wenn der Mensch sich gegen alles auf so langsame,
schwache, unhinreichende Art erst retten soll« - durch Vernunft, durch
Überlegung? wie langsam überlegt diese! und wie schnell, wie andringend sind
seine Bedürfnisse? seine Gefahren! - - Es kann dieser Einwurf freilich mit
Beispielen sehr ausgeschmückt werden; er streitet aber immer gegen eine ganz
andre Spitze, als die wir verteidigen. Unsre Gesellschaft, die viele Menschen
zusammengebracht, dass sie mit ihren Fähigkeiten und Verrichtungen eins sein
sollen, muss also von Jugend auf Fähigkeiten verteilen und Gelegenheiten
ausspenden, dass eine für der andern gebildet werde. So wird der eine Mensch für
die Gesellschaft gleichsam ganz Algebra, ganz Vernunft, so wie sie am andern
bloss Herz, Mut und Faust braucht: der nutzt ihr, dass er kein Genie und viel
Fleiss; jener, dass er Genie in einem, und in allem andern nichts habe. Jedes
Triebrad muss sein Verhältnis und Stelle haben: sonst machen sie kein Ganzes
einer Maschine - Aber dass man diese Verteilung der Seelenkräfte, da man alle
andre merklich erstickt, um in einer andre zu übertreffen, nicht in den Zustand
eines natürlichen Menschen übertrage. Setzet einen Philosophen, in der
Gesellschaft geboren und erzogen, der nichts als seinen Kopf zu denken und seine
Hand zum Schreiben geübet, setztet ihn mit einmal aus allem Schutz und
gegenseitigen Bequemlichkeiten, die ihm die Gesellschaft für seine einseitigen
Dienste leistet, hinaus: er soll sich selbst in einem unbekannten Lande
Unterhalt suchen und gegen die Tiere kämpfen und in allem eigner Schutzgott sein
- wie verlegen! er hat dazu weder Sinne noch Kräfte, noch Übung in beiden!
Vielleicht hat er in den Irrgängen seiner Abstraktion Geruch und Gesicht und
Gehör und rasche Erfindungsgabe - und gewiss jenen Mut, jene schnelle
Entschliessung verloren, die sich nur unter Gefahren bildet und äussert, die in
steter, neuer Würksamkeit sein will, oder sie entschläft. Ist er nun in Jahren,
wo der Lebensquell seiner Geister schon stillesteht oder zu vertrocknen anfängt:
so wird es freilich ewig zu spät sein, ihn in diesen Kreis hineinbilden zu
wollen - aber ist denn das der gegebne Fall? Alle die Versuche zur Sprache, die
ich anführe, werden durchaus nicht gemacht, um philosophische Versuche zu sein:
die Merkmale der Kräuter nicht ausgefunden, wie sie Linné klassifizieret: die
ersten Erfahrungen sind nicht kalte, vernunftlangsame, sorgsam abstrahierende
Experimente, wie sie der müssige einsame Philosoph macht, wenn er der Natur in
ihrem verborgnen Gange nachschleicht und nicht mehr wissen will, dass, sondern
wie sie würke. Daran war eben dem ersten Naturbewohner am wenigsten gelegen.
Musste es ihm demonstriert werden, dass das oder jenes Kraut giftig sei? War er
denn so mehr als viehisch, dass er hierin nicht einmal dem Vieh nachahmte? und
war's nötig, dass er vom Löwen angefallen würde, um sich vor ihm zu fürchten? Ist
seine Schüchternheit, mit seiner Schwachheit, und seine Besonnenheit, mit aller
Feinheit seiner Seelenkräfte verbunden, nicht gnug, ihm einen behaglichen
Zustand von selbst zu verschaffen, da die Natur selbst sie dazu für gnugsam
erkannt? Da wir also durchaus keinen schüchternen, abstrakten Stubenphilosophen
zum Erfinder der Sprache brauchen; da der rohe Naturmensch, der noch seine Seele
so ganz, wie seinen Körper, aus einem Stück fühlet, uns mehr als alle
sprachschaffende Akademien und doch nichts minder als ein Gelehrter ist - was
wollen wir diesen, denn zum Muster nehmen? Wollen wir einander Staub in die
Augen streuen, um bewiesen zu haben, der Mensch könne nicht sehen?
    Süssmilch ist hier wieder der Gegner, mit dem ich kämpfe. Er hat einen ganzen
Abschnitt25 darauf verwandt, um zu zeigen, »wie unmöglich sich der Mensch eine
Sprache hat fortbilden können, wenn er sie auch durch Nachahmung erfunden
hätte!« Dass das Erfinden durch blosse Nachahmung ohne menschliche Seele Unsinn
sei, ist bewiesen, und wäre der Verteidiger des göttlichen Ursprungs dieser
Sache demonstrativ gewiss gewesen, dass es Unsinn sei, so traue ich ihm zu, dass er
gegen ihn nicht eine Menge von halbwahren Gründen zusammengetragen hätte, die
jetzt gegen eine menschliche Erfindung der Sprache durch Verstand sämtlich
nichts beweisen. Ich kann unmöglich den ganzen Abschnitt, so verflochten mit
willkürlich angenommenen Heischesätzen und falschen Axiomen über die Natur der
Sprache er ist, hier ganz auseinandersetzen, weil der Verfasser immer in einem
gewissen Licht erschiene, in dem er hier nicht erscheinen soll - ich nehme also
nur soviel heraus, als nötig ist, nämlich, dass in seinen Einwürfen die Natur
einer sich fortbildenden menschlichen Sprache und einer sich fortbildenden
menschlichen Seele durchaus verkannt sei.
    »Wenn man annimmt, dass die Einwohner der ersten Welt nur aus etlichen
tausend Familien bestanden hätten, da das Licht des Verstandes durch den
Gebrauch der Sprache schon so helle geschienen, dass sie eingesehen, was die
Sprache sei und dass sie also an die Verbesserung dieses herrlichen Mittels haben
können anfangen zu denken: so - -«26 Aber von allen diesen Vordersätzen nimmt
niemand nichts an. Musste man's erst in tausend Generationen einsehen, was
Sprache sei? Der erste Mensch sähe es ein, da er den ersten Gedanken dachte.
Musste man erst in tausend Generationen so weit kommen, es einzusehen, dass die
Sprache zu verbessern gut sei? Der erste Mensch sähe es ein, da er seine ersten
Merkmale besser ordnen, berichtigen, unterscheiden und zusammensetzen lernte,
und verbesserte jedesmal unmittelbar die Sprache, da er so etwas von neuem
lernte. Und denn, wie hätte sich doch durch tausend Generationen hin das Licht
des Verstandes durch die Sprache so helle aufklären können, wenn im Ablauf
dieser Generationen sich nicht schon Sprache aufgeklärt hätte. Also Aufklärung
ohne Verbesserung! und hinter einer Verbesserung tausend Familien hinunter noch
der Anfang zu einer Verbesserung unmöglich? Das ist geradezu widersprechend. - -
-
    »Würde aber nicht als ein ganz unentbehrlich Hülfsmittel dieses
philosophischen und philologischen Collegii Schrift müssen angenommen werden?«
Nein! denn es war durchaus kein philosophisch und philologisch Collegium, diese
erste natürliche, lebendige, menschliche Fortbildung der Sprache; und was kann
denn der Philosoph und Philolog in seinem toten Museum an einer Sprache
verbessern, die in aller ihrer Würksamkeit lebt?
    »Sollen denn nun alle Völker auf gleiche Weise mit der Verbesserung zu Werke
gegangen sein?« Ganz auf gleiche Weise, denn sie gingen alle menschlich: so dass
wir uns hier in den wesentlichen Rudimenten der Sprache einen für alle
anzunehmen getrauen. Wenn das aber das grösste Wunder sein soll, dass alle
Sprachen acht partes orationis haben27: so ist wieder das Faktum falsch und der
Schluss unrichtig. Nicht alle Sprachen haben von allen Zeiten herunter achte
gehabt: sondern der erste philosophische Blick in die Bauart einer Sprache
zeigt, dass diese achte sich auseinander entwickelt. In den ältesten sind Verba
eher gewesen als Nomina, und vielleicht Interjektionen eher als selbst
regelmässige Verba. In den spätern sind Nomina mit Verbis gleich zusammen
abgeleitet; allein selbst von der griechischen sagt's Aristoteles, dass auch in
ihr dies anfangs alle Redeteile gewesen und die andern sich nur später durch die
Grammatiker aus jenen entwickelt. Von der huronischen habe ich ebendasselbe
gelesen, und von den morgenländischen ist's offenbar - - ja was ist's denn
endlich für ein Kunststück, die willkürliche und zum Teil unphilosophische
Abstraktion der Grammatiker in acht partes orationis? Ist die so regelmässig und
göttlich als die Form einer Bienenzelle? Und wenn sie's wäre, ist sie nicht
durchaus aus der menschlichen Seele erklärbar und als notwendig gezeigt?
    »Und was sollte die Menschen zu dieser höchst sauren Arbeit der Verbesserung
gereizet haben?« O durchaus keine saure, spekulative Stubenarbeit! durchaus
keine abstrakte Verbesserung a priori! und also auch gewiss keine Anreizungen
dazu, die nur in unserm Zustande der verfeinerten Gesellschaft stattfinden. Ich
muss hier meinen Gegner ganz verlassen. Er nimmt an, dass »die ersten Verbesserer
recht gute philosophische Köpfe gewesen sein müssten, die gewiss weiter und tiefer
gesehen, als die meisten Gelehrte jetzt in Ansehung der Sprache und ihrer innern
Beschaffenheit zu tun pflegen«. Er nimmt an, dass »diese Gelehrte überall erkannt
haben müssten, dass ihre Sprache unvollkommen und dass sie einer Verbesserung nicht
nur fähig, sondern auch bedürftig sei«. Er nimmt an, dass »sie den Zweck der
Sprache haben gehörig beurteilen müssen usw., dass die Vorstellung dieses zu
erlangenden Gutes hinlänglich, stark und lebhaft gnug gewesen sein müsse, um ein
Bewegungsgrund zur Übernehmung dieser schweren Arbeit zu werden«. Kurz, der
Philosoph unsres Zeitalters wollte sich nicht einen Schritt auch aus allem
Zufälligen desselben hinauswagen, und wie konnte er denn nach solchem
Gesichtspunkt von der Entstehung einer Sprache schreiben? Freilich in unserm
Jahrhundert hätte sie so wenig entstehen können, als sie entstehen darf!
    Aber kennen wir denn nicht jetzt schon die Menschen in so verschiednen
Zeitaltern, Gegenden und Stufen der Bildung, dass uns dies so veränderte grosse
Schauspiel nicht sichrer auf die erste Szene schliessen lehrte? Wissen wir denn
nicht, dass eben in den Winkeln der Erde, wo noch die Vernunft am wenigsten in
die feine, gesellschaftliche, vielseitige, gelehrte Form gegossen ist, noch
Sinnlichkeit und roher Scharfsinn und Schlauheit und mutige Würksamkeit! und
Leidenschaft und Erfindungsgeist - die ganze ungeteilte menschliche Seele am
lebhaftesten würke? am lebhaftesten würke, weil sie noch auf keine langweilige
Regeln gebracht, immer in einem Kreise von Bedürfnissen, von Gefahren, von
andringenden Erfordernissen ganz lebt und sich also immer neu und ganz fühlt.
Da, nur da zeigt sie Kräfte, sich Sprache zu bilden und fortzubilden! Da hat sie
Sinnlichkeit und gleichsam Instinkt gnug, um den ganzen Laut und alle sich
äussernde Merkmale der lebenden Natur so ganz zu empfinden, wie wir nicht mehr
können: und wenn die Besinnung alsdenn eins derselben lostrennet, es so stark
und innig zu nennen, als wir's nicht nennen würden. Je minder die Seelenkräfte
noch entwickelt und jede zu einer eignen Sphäre abgerichtet ist: desto stärker
würken alle zusammen: desto inniger ist der Mittelpunkt ihrer Intensität; nehmet
aber diesen grossen unzerbrechlichen Pfeilbund auseinander, und ihr könnt sie
alle zerbrechen, und denn lässt sich gewiss nicht mit einem Stabe das Wunder tun,
gewiss nicht mit der einzigen kalten Abstraktionsgabe der Philosophen je Sprache
erfinden - war das aber unsre Frage? Drang jener Weltsinn nicht tiefer? Und
waren bei dem beständigen Zusammenstrom aller Sinne, in dessen Mittelpunkt immer
der innere Sinn wachte, nicht immer neue Merkmale, Ordnungen, Gesichtspunkte,
schnelle Schlussarten gegenwärtig, und also immer neue Bereicherungen der
Sprache? Und empfing also zu dieser, wenn man nicht auf acht partes orationis
rechnen will, die menschliche Seele nicht ihre besten Eingebungen, solange sie
noch ohne alle Anreizungen der Gesellschaft sich nur selbst desto mächtiger
anreizte, sich alle die Tätigkeit der Empfindung und des Gedankens gab, die sie
sich nach innerm Drang und äussern Erfordernissen geben musste - da gebar sich
Sprache mit der ganzen Entwicklung der menschlichen Kräfte.
    Es ist für mich unbegreiflich, wie unser Jahrhundert so tief in die
Schatten, in die dunkeln Werkstätten des Kunstmässigen sich verlieren kann, ohne
auch nicht einmal das weite, helle Licht der uneingekerkerten Natur erkennen zu
wollen. Aus den grössesten Heldentaten des menschlichen Geistes, die er nur im
Zusammenstoss der lebendigen Welt tun und äussern konnte, sind Schulübungen im
Staube unsrer Lehrkerker, aus den Meisterstücken menschlicher Dichtkunst und
Beredsamkeit Kindereien geworden, an welchen greise Kinder und junge Kinder
Phrases lernen und Regeln klauben. Wir haschen ihre Formalitäten und haben ihren
Geist verloren; wir lernen ihre Sprache und fühlen nicht die lebendige Welt
ihrer Gedanken. Derselbe Fall ist's mit unsern Urteilen über das Meisterstück
des menschlichen Geistes, die Bildung der Sprache überhaupt. Da soll uns das
tote Nachdenken Dinge lehren, die bloss aus dem lebendigen Hauche der Welt, aus
dem Geiste der grossen würksamen Natur den Menschen beseelen, ihn aufrufen und
fortbilden konnten. Da sollen die stumpfen, späten Gesetze der Grammatiker das
göttlichste sein, was wir verehren, und vergessen die wahre göttliche
Sprachnatur, die sich in ihrem Herzen mit dem menschlichen Geiste bildete: so
unregelmässig sie auch scheine. Die Sprachbildung ist in die Schatten der Schule
gewichen, aus denen sie nichts mehr für die lebendige Welt würket: drum soll
auch nie eine helle Welt gewesen sein, in der die ersten Sprachenbilder leben,
fühlen, schaffen und dichten mussten. - Ich berufe mich auf das Gefühl derer, die
den Menschen im Grunde seiner Kräfte, und das Kräftige, Mächtige, Grosse in den
Sprachen der Wilden, und Wesen der Sprache überhaupt nicht verkennen - daher
fahre ich fort:
 
                              Zweites Naturgesetz
    Der Mensch ist in seiner Bestimmung ein Geschöpf der Herde, der
Gesellschaft: die Fortbildung einer Sprache wird ihm also natürlich, wesentlich,
notwendig.
    Das menschliche Weib hat keine Jahrszeit der Brunst wie die Tierweiber; und
die Zeugungskraft des Mannes ist nicht so ungebändigt, aber fortwährend. Wenn
nun Störche und Tauben Ehen haben: so wüsste ich nicht, warum sie der Mensch aus
mehrern Ursachen nicht hätte?
    Der Mensch, gegen den struppichten Bär und den borstigten Igel gesetzt, ist
ein schwächeres, dürftigeres, nackteres Tier: es hat Höhlen nötig, und diese
werden, mit den vorigen Veranlassungen, sehr natürlich gemeinschaftliche Höhlen.
    Der Mensch ist ein schwächeres Tier, was in mehrern Himmelsgegenden sehr
übel den Jahrszeiten ausgesetzt wäre: das menschliche Weib hat also, als
Schwangere, als Gebärerin, einer gesellschaftlichen Hülfe mehr nötig als der
Strauss, der seine Eier in die Wüste leget.
    Endlich insonderheit das menschliche Junge, der auf die Welt gesetzte
Säugling, wie sehr ist er ein Vasall menschlicher Hülfe und geselliger
Erbarmung. Aus einem Zustande, wo er als Pflanze am Herzen seiner Mutter hing,
wird er auf die Erde geworfen - das schwächste, hülfloseste Geschöpf unter allen
Tieren, wenn nicht mütterliche Brüste da wären, ihn zu nähren, und väterliche
Knie entgegenkämen, ihn als Sohn aufzunehmen. Wem wird hiemit nicht Haushaltung
der Natur zur Gesellung der Menschheit vorleuchtend? und zwar die so
unmittelbar, so nahe am Instinkt, als es bei einem besonnenen Geschöpf sein
konnte! -
    Ich muss den letzten Punkt mehr entwickeln, denn in ihm zeigt sich das Werk
der Natur am augenscheinlichsten, und mein Schluss wird hieraus nur desto
schneller. Wenn man alles, wie unsre groben Epikureer, aus blinder Wollust oder
unmittelbarem Eigennutz erklären will - wer kann das Gefühl der Eltern gegen
Kinder erklären? und die starken Bande, die dadurch bewürkt werden? Siehe!
dieser arme Erdbewohner kommt elend auf die Welt, ohne zu wissen, dass er elend
sei: er ist der Erbarmung bedürftig, ohne dass er sich ihrer im mindsten wert
machen könnte: er weinet - aber selbst dies Weinen müsste so beschwerlich werden
als das Geheul des Philoktet, der doch so viel Verdienste hatte, den Griechen,
die ihn der wüsten Insel übergaben. Hier müssten also eben nach unsrer kalten
Philosophie die Bande der Natur am ehesten reissen, wo sie am stärksten würken!
Die Mutter hat sich der Frucht, die ihr so viel Ungemach machte, endlich mit
Schmerzen entledigt: kommt's bloss auf Vergnügen und neue Wollust an: so wirft
sie sie weg. Der Vater hat in wenigen Minuten seine Brunst gekühlet - was soll
er sich weiter um Mutter und Kind als Gegenstände seiner Mühe, bekümmern: er
läuft, wie Rousseaus Manntier, in den Wald und sucht sich einen andern
Gegenstand seines tierischen Vergnügens. Wie ganz umgekehrt ist hier die Ordnung
der Natur bei Tieren und Menschen und wie weiser! Eben die Schmerzen und
Ungemächlichkeiten vermehren die mütterliche Liebe! eben das Bejammerns- und
nicht Liebenswürdige des Säuglings, das Schwache, Hinfällige seines
Temperaments, die beschwerliche, verdriessliche Mühe der Erziehung verdoppelt die
Regungen seiner Eltern! Die Mutter sieht den Sohn mit wärmerer Wallung an, der
ihr die meisten Schmerzen gekostet, der ihr am öftersten mit seinem Abschiede
gedrohet, auf den ihre meisten Zähren des Kummers flossen. Der Vater sieht den
Sohn mit wärmerer Wallung an, den er frühe aus einer Gefahr riss, den er mit der
grössten Mühwaltung erzog, der ihm in Unterricht und Bildung das meiste kostete.
Und so weiss auch im Ganzen des Geschlechts die Natur aus der Schwachheit Stärke
zu machen. Ebendeswegen kommt der Mensch so schwach, so dürftig, so verlassen
von dem Unterricht der Natur, so ganz ohne Fertigkeiten und Talente auf die
Welt, wie kein Tier, damit er, wie kein Tier, eine Erhebung geniesse, und das
menschliche Geschlecht, wie kein Tiergeschlecht, ein innigverbundnes Ganze
werde!
    Die jungen Enten entschlupfen der Henne, die sie ausgebrütet, und hören,
vergnügt in dem Elemente plätschernd, in das sie der Ruf der mütterlichen Natur
hinzog, die warnende rufende Stimme ihrer Stiefmutter nicht, die am Ufer
jammert. So würde es das Menschenkind auch machen, wenn es mit dem Instinkt der
Ente auf die Welt käme. Jeder Vogel bringt die Geschicklichkeit, Nester zu
bauen, aus seinem Ei und nimmt sie auch, ohne sie fortzupflanzen, in sein Grab:
die Natur unterrichtet für ihn. Alles bleibt also einzeln, das unmittelbare Werk
der Natur, und so wird keine Progression der Seele des Geschlechts, kein Ganzes,
wie es die Natur am Menschen wollte. Den band sie also durch Not und einen
zuvorkommenden Elterntrieb, für den die Griechen das Wort sorgê hatten,
zusammen, und so wurde ein Band des Unterrichts und der Erziehung ihm
wesentlich. Da hatten Eltern den Kreis ihrer Ideen nicht für sich gesammlet; er
war zugleich da, um mitgeteilt zu werden, und der Sohn hat den Vorteil, den
Reichtum ihres Geistes schon frühe, wie im Auszuge, zu erben. Jene tragen die
Schuld der Natur ab, indem sie lehren; diese füllen das ideenlose Bedürfnis
ihrer Natur aus, indem sie lernen: so wie sie nachher wieder ihre Schuld der
Natur abtragen werden, diesen Reichtum mit Eignem zu vermehren und ihn wieder
weiter fortzupflanzen. Kein einzelner Mensch ist für sich da; er ist in das
Ganze des Geschlechts eingeschoben, er ist nur eins für die fortgebende Folge.
    Was dies auf die ganze Kette für Würkung tue, sehen wir später; hier
schränken wir uns nur auf den Zusammenhang der ersten zween Ringe ein! auf die
Bildung einer Familiendenkart durch den Unterricht der Erhebung und -
    da der Unterricht der eignen Seele, der Ideenkreis der Eltern Sprache ist:
so wird die Fortbildung des menschlichen Unterrichts durch den Geist der
Familie, durch den die Natur das ganze Geschlecht verknüpft hat, auch
Fortbildung der Sprache.
    Warum hängt dieser Unmündige so schwach und unwissend an den Brüsten seiner
Mutter, an den Knien seines Vaters? Damit er lehrbegierig sei und Sprache lerne.
Er ist schwach, damit sein Geschlecht stark werde. Nun teilt sich ihm mit der
Sprache die ganze Seele, die ganze Denkart seiner Erzeuger mit; aber eben
deswegen teilen sie es ihm gerne mit, weil es ihr Selbstgedachtes,
Selbstgefühltes, Selbsterfundenes ist, was sie mitteilen. Der Säugling, der die
ersten Worte stammlet, stammlet die Gefühle seiner Eltern wieder und schwört mit
jedem frühen Stammten, nach dem sich seine Zunge und Seele bildet, diese Gefühle
zu verewigen, so wahr er sie Vater- oder Muttersprache nennet. Lebenslang werden
diese ersten Eindrücke seiner Kindheit, diese Bilder aus der Seele und dem
Herzen seiner Eltern in ihm leben und würken: mit dem Wort wird das ganze Gefühl
wiederkommen, was damals frühe seine Seele überströmte: mit der Idee des Worts
alle Nebenideen, die ihm damals bei diesem neuen frühen Morgenausblick in das
Reich der Schöpfung vorlagen - sie werden wiederkommen und mächtiger würken als
die reine, klare Hauptidee selbst. Das wird also Familiendenkart, und mitin
Familiensprache. Da steht nun der kalte Philosoph28 und fragt: »durch welches
Gesetz denn wohl die Menschen ihre willkürlich erfundne Sprache einander hätten
aufdringen, und den andern Teil hätten veranlassen können, das Gesetz
anzunehmen?« Diese Frage, über die Rousseau so patetisch und ein andrer
Schriftsteller so lange predigt, beantwortet sich, wenn wir einen Blick in die
Ökonomie der Natur des menschlichen Geschlechts tun, von selbst, und wer kann
nun die vorigen Predigten aushalten?
    Ist's denn nicht Gesetz und Verewigung gnug, diese Familienfortbildung der
Sprache? Das Weib, in der Natur so sehr der schwächere Teil, muss es nicht von
dem erfahrnen, versorgenden, sprachbildenden Manne Gesetz annehmen? Ja, heisst's
Gesetz, was bloss milde Wohltat des Unterrichts ist? Das schwache Kind, das so
eigentlich ein Unmündiger heisst, muss es nicht Sprache annehmen, da es mit ihr
die Milch seiner Mutter und den Geist seines Vaters geniesst? Und muss diese
Sprache nicht verewigt werden, wenn etwas verewigt wird? O die Gesetze der Natur
sind mächtiger als alle Konventionen, die die schlaue Politik schliesset und der
weise Philosoph aufzählen will! Die Worte der Kindheit - diese unsre frühen
Gespielen in der Morgenröte des Lebens! mit denen sich unsre ganze Seele
zusammen bildete - wenn werden wir sie verkennen? wenn werden wir sie vergessen?
Unsre Muttersprache war ja zugleich die erste Welt, die wir sahen, die ersten
Empfindungen, die wir fühlten, die erste Würksamkeit und Freude, die wir
genossen! Die Nebenideen von Ort und Zeit, von Liebe und Hass, von Freude und
Tätigkeit, und was die feurige, heraufwallende Jugendseele sich dabei dachte,
wird alles mit verewigt - nun wird die Sprache schon Stamm!
    Und je kleiner dieser Stamm ist, desto mehr gewinnt er an innerer Stärke.
Unsre Väter, die nichts selbst gedacht, nichts selbst erfunden; die alles
mechanisch gelernt haben - was bekümmern sich die um Unterricht ihrer Söhne? um
Verewigung dessen, was sie ja selbst nicht besitzen? Aber der erste Vater, die
ersten dürftigen Spracherfinder, die fast an jedem Worte die Arbeit ihrer Seele
hingaben, die überall in der Sprache noch den warmen Schweiss fühlten, den er
ihrer Würksamkeit gekostet - welchen Informator konnten die bestellen? Die ganze
Sprache ihrer Kinder war ein Dialekt ihrer Gedanken, ein Loblied ihrer Taten,
wie die Lieder Ossians auf seinen Vater Fingal.
    Rousseau und andre haben so viel Paradoxien über den Ursprung und das
Anrecht des ersten Eigentums gemacht; und hätte der erste nur die Natur seines
geliebten Tiermenschen befragt: so hätte der ihm geantwortet. Warum gehört diese
Blume der Biene, die auf ihr sauget? Die Biene wird antworten: weil mich die
Natur zu diesem Saugen gemacht hat! mein Instinkt, der auf diese und keine andre
Blume hinfällt, ist mir Diktator gnug, der mir sie und ihren Garten zum Eigentum
anweise! Und wenn wir nun den ersten Menschenfragen: »Wer hat dir das Recht auf
diese Kräuter gegeben?«, was kann er antworten als: die Natur, die mir Besinnung
gab! Diese Kräuter habe ich mit Mühe kennen gelernt! mit Mühe habe ich sie mein
Weib und meinen Sohn kennen gelehrt! Wir alle leben von ihnen! Ich habe mehr
Recht daran als die Biene, die darauf summet, und das Vieh, das darauf weidet;
denn die haben alle die Mühe des Kennenlernens und Kennenlehrens nicht gehabt!
Jeder Gedanke also, den ich darauf gezeichnet, ist ein Siegel meines Eigentums,
und wer mich davon vertreibet, der nimmt mir nicht bloss mein Leben, wenn ich
diesen Unterhalt nicht wieder finde, sondern würklich auch den Wert meiner
verlebten Jahre, meinen Schweiss, meine Mühe, meine Gedanken, meine Sprache - ich
habe sie mir erworben! Und sollte für den Erstling der Menschheit eine solche
Signatur der Seele auf eine Sache, durch Kennenlernen, durch Merkmal, durch
Sprache, nicht mehr Recht des Eigentums sein als ein Stempel in der Münze?
    Wieviel Ordnung und Ausbildung bekommt die Sprache also schon eben damit,
dass sie väterliche Lehre wird! Wer lernt nicht, indem er lehret? Wer versichert
sich nicht seiner Ideen, wer mustert nicht seine Worte, indem er sie andern
mitteilt und sie so oft von den Lippen des Unmündigen stammlen höret? Hier
gewinnt also schon die Sprache eine Form der Kunst, der Metode! Hier wurde die
erste Grammatik, die ein Abdruck der menschlichen Seele und ihrer natürlichen
Logik war, schon durch eine scharfprüfende Zensur berichtigt.
    Rousseau, der hier, wie gewöhnlich nach seiner Art, aufruft: »Was hatte denn
die Mutter ihrem Kinde viel zu sagen? hatte das Kind nicht seiner Mutter mehr zu
sagen? woher lernte denn dies schon Sprache, sie seine Mutter zu lehren?«, macht
aber auch hier, wie nach seiner Art gewöhnlich, ein panisches Feldgeschrei.
Allerdings hatte die Mutter mehr das Kind zu lehren, als das Kind die Mutter -
weil jene es mehr lehren konnte und der mütterliche Instinkt, Liebe und
Mitleiden, den Rousseau aus Barmherzigkeit den Tieren zugibt und aus Grossmut
seinem Geschlecht versagt, sie zu diesem Unterricht, wie der Überfluss der Milch
zum Säugen, zwang. Sehen wir denn nicht selbst an manchen Tieren, dass die Eltern
ihre Jungen zu ihrer Lebensart gewöhnen? und wenn denn nun ein Vater seinen Sohn
von früher Jugend an zur Jagd gewöhnte, ging dies ohne Unterricht und Sprache
ab? »Ja! ein solches Wörterdiktieren zeigt schon eine gebildete Sprache an, die
man lehrt; nicht eine, die sich erst bildet.« Und ist das wieder ein
Unterschied, der Ausnahme mache? Freilich war die Sprache schon im Vater und in
der Mutter gebildet, die sie die Kinder lehrten, aber dorfte deswegen schon die
Sprache ganz gebildet sein, auch selbst die, die sie sie nicht lehrten? Und
konnten denn die Kinder in einer neuen, weitem, feinem Welt nichts mehr
dazuerfinden? Und ist denn eine zum Teil gebildete, sich weiter fortbildende
Sprache ein Widerspruch? Wenn ist die französische, durch Akademien und Autoren
und Wörterbücher so gebildete Sprache denn so zu Ende gebildet, dass sie sich
nicht mit jedem neuen originalen Autor, ja mit jedem Kopfe, der neuen Ton in die
Gesellschaft bringt, neu bilden oder missbilden müsste? - Mit solchen Paralogismen
sind die Verfechter der gegenseitigen Meinung behangen - man urteile, ob es
lohne, sich auf jede Kleinigkeit ihrer Einwürfe einzulassen.
    Ein andrer z.B. sagt: »wie doch die Menschen wohl je aus Notdurft ihre
Sprache hätten fortbilden wollen, wenn sie Lukrezens mutum et turpe pecus
gewesen wären?«, und lässt sich auf eine Menge halbwahrer Instanzen der Wilden
ein. Ich antworte bloss: Niemals! Niemals hätten sie es wollen und können, wenn
sie ein mutum pecus gewesen: denn da hatten sie ja keine Sprache? Sind aber die
Wilden von der Art? ist denn die barbarischte menschliche Nation ohne Sprache?
Und ist's denn je der Mensch als in der Abstraktion der Philosophen und also in
ihrem Gehirn gewesen?
    Er fragt: »ob denn wohl, da alle Tiere Zwang scheuen und alle Menschen
Faulheit lieben, es je von den Orenocs des Condamine erwartet werden könne, dass
sie ihre langgedehnte, achtsilbige, schwere und höchstbeschwerliche Sprache
ändern und verbessern sollten?« Und ich antworte: zuerst ist wieder das Faktum
unrichtig, wie fast alle, die er anführt.29 Ihre langgedehnte, achtsilbige
Sprache? Das ist sie nicht. Condamine sagt bloss, sie sei so unaussprechlich und
eigenorganisiert, dass, wo sie drei oder vier Silben aussprechen, wir 7 bis 8
schreiben müssten, und doch hätten wir sie noch nicht ganz geschrieben - heisst
das: sie ist langgedehnt, achtsilbigt? Und schwer, höchstbeschwerlich? Für wen
ist sie dies anders als für Fremde? Und für die sollen sie sie ausbessern? für
einen kommenden Franzosen, der je kaum eine Sprache, als die seinige, ohne sie
zu verstümmeln, lernt, sie verbessern, sie also franzisieren? Haben aber
deswegen die Orenocer noch nichts in ihrer Sprache gebildet? ja sich noch gar
keine Sprache gebildet, weil sie nicht den Genius, der ihnen so eigen ist, für
einen herabschiffenden Fremdling vertauschen mögen? Ja, gesetzt, sie bildeten
auch nichts mehr in ihrer Sprache, auch nicht für sich - ist man denn nie
gewachsen, wenn man nicht mehr wächst? Und haben denn die Wilden nichts getan,
weil sie nichts gern ohne Not tun? -
    Und welcher Schatz ist Familiensprache für ein werdendes Geschlecht! Fast in
allen kleinen Nationen aller Weltteile, sowenig gebildet sie auch sein mögen,
sind Lieder von ihren Vätern, Gesänge von den Taten ihrer Vorfahren der Schatz
ihrer Sprache und Geschichte und Dichtkunst, ihre Weisheit und ihre
Aufmunterung, ihr Unterricht und ihre Spiele und Tänze. Die Griechen sangen von
ihren Argonauten, von Herkules und Bacchus, von Helden und Trojabezwingern; und
die Kelten von den Vätern ihrer Stämme, von Fingal und Ossian! Unter Peruanern
und Nordamerikanern, auf den Karaibisschen und Marianischen Inseln herrscht noch
dieser Ursprung der Stammessprache in den Liedern ihrer Stämme und Väter, so wie
fast in allen Teilen der Welt Vater und Mutter ähnliche Namen haben. Nur lässt
sich auch eben hier anmerken, warum unter so manchen Völkern, von denen wir
Beispiele angeführt, das männliche und weibliche Geschlecht fast zwo verschiedne
Sprachen haben, nämlich weil beide nach den Sitten der Nation als das edle und
unedle Geschlecht fast zwei ganz abgetrennte Völker ausmachen, die nicht einmal
zusammen speisen. Nach dem nun die Erziehung väterlich oder mütterlich war: so
musste auch die Sprache Vater- oder Muttersprache werden, so wie nach der Sitte
der Römer es gar lingua vernacula wurde.
 
                              Drittes Naturgesetz
    So wie das ganze menschliche Geschlecht unmöglich eine Herde bleiben konnte:
so konnte es auch nicht eine Sprache behalten. Es wird also eine Bildung
verschiedner Nationalsprachen.
    Im eigentlichen metaphysischen Verstande ist schon nie eine Sprache bei Mann
und Weib, Vater und Sohn, Kind und Greis möglich. Man gehe z.E. unter den
Morgenländern die langen und kurzen Vokale, die mancherlei Hauche und
Kehlbuchstaben, die leichte und so mannigfaltige Verwechselung der Buchstaben
von einerlei Organ, die Ruhe- und Sprachzeichen, mit allen Verschiedenheiten,
die sich schriftlich so schwer ausdrücken lassen; durch: Ton und Akzent:
Vermehrung und Verringerung desselben und hundert andre zufällige Kleinigkeiten
in den Elementen der Sprache: und bemerke auf der andern Seite die
Verschiedenheit der Sprachwerkzeuge bei beiderlei Geschlecht, in der Jugend und
im Alter, auch nur bei zween gleichen Menschen nach so manchen Zufällen und
Einzelnheiten, die den Bau dieser Organe verändern, bei so manchen Gewohnheiten,
die zur zweiten Natur werden usw. Sowenig als es zween Menschen ganz von
einerlei Gestalt und Gesichtszügen, sowenig kann es zwo Sprachen, auch nur der
Aussprache nach, im Munde zweener Menschen geben, die doch nur eine Sprache
wären.
    Jedes Geschlecht wird in seine Sprache Haus-und Familienton bringen: das
wird, der Aussprache nach, verschiedne Mundart.
    Klima, Luft und Wasser, Speise und Trank, werden auf die Sprachwerkzeuge und
natürlich auch auf die Sprache einfliessen.
    Die Sitte der Gesellschaft und die mächtige Göttin der Gewohnheit werden
bald nach Gebärden und Anstand diese Eigenheiten und jene Verschiedenheiten
einführen - ein Dialekt. - - Ein philosophischer Versuch über die verwandten
Spracharten der Morgenländer wäre der angenehmste Beweis dieser Sätze.
    Das war nur Aussprache. Aber Worte selbst, Sinn, Seele der Sprache - welch
ein unendliches Feld von Verschiedenheiten. Wir haben gesehen, wie die ältesten
Sprachen voller Synonyme haben werden müssen, und wenn nun von diesen Synonymen
dem einen dies, dem andern jenes geläufiger, seinem Sehepunkt angemessner, seinem
Empfindungskreise ursprünglicher, in seiner Lebensbahn öfter vorkommend, kurz
von mehrerm Eindruck auf ihn wurde, so gab's Lieblingsworte, eigne Worte,
Idiotismen, ein Idiom der Sprache.
    Bei jenem ging jenes Wort aus; das blieb. Jenes ward durch einen
Nebengesichtspunkt von der Hauptsache weggebogen; hier veränderte sich mit der
Zeitfolge der Geist des Hauptbegriffs selbst - da wurden also eigne Biegungen,
Ableitungen, Veränderungen, Vor- und Zusätze und Versetzungen und Wegnahmen von
ganzen und halben Bedeutungen - ein neues Idiom! Und das alles so natürlich, als
Sprache dem Menschen Sinn seiner Seele ist.
    Je lebendiger eine Sprache, je näher sie ihrem Ursprunge und also noch in
den Zeiten der Jugend und des Wachstums ist: desto veränderlicher. Ist sie nur
in Büchern da, wo sie nach Regeln gelernt, nur in Wissenschaften und nicht im
lebendigen Umgange gebraucht wird, wo sie ihre bestimmte Zahl von Gegenständen
und von Anwendungen hat, wo also ihr Wörterbuch geschlossen, ihre Grammatik
geregelt, ihre Sphäre fixiert ist - eine solche Sprache kann noch eher im
Merklichen unverändert bleiben, und doch auch da nur im Merklichen - -Allein
eine im wilden freien Leben, im Reich der grossen, weiten Schöpfung, noch ohne
förmlich geprägte Regeln, noch ohne Bücher und Buchstaben und angenommene
Meisterstücke; so dürftig und unvollendet, um noch täglich bereichert werden zu
müssen, und so jugendlich gelenkig, um es noch täglich auf den ersten Wink der
Aufmerksamkeit, auf den ersten Befehl der Leidenschaft und Empfindung werden zu
können - sie muss sich verändern in jeder neuen Welt, die man sieht, in jeder
Metode, nach der man denkt und fortdenkt. Ägyptische Gesetze der Einförmigkeit
können hier nicht das Gegenteil bewürken.
    Nun ist offenbar der ganze Erdboden für das Menschengeschlecht und dies für
den ganzen Erdboden gemacht - (ich sage nicht, jeder Bewohner der Erde, jedes
Volk ist plötzlich durch den raschesten Übersprung für das entgegengesetzteste
Klima und so für alle Weltzonen; sondern das ganze Geschlecht für den ganzen
Erdkreis). Wo wir uns umhersehen, da ist der Mensch so zu Hause wie die
Landtiere, die ursprünglich für diese Gegend bestimmet sind. Er dauret in
Grönland unter dem Eise und bratet sich in Guinea unter der senkrechten Sonne,
ist auf seinem Felde, wenn er in Lappland mit dem Rentier über den Schnee
schlüpft und wenn er die arabische Wüste mit dem durstigen Kamel durchtrabet.
Die Höhle der Troglodyten und die Bergspitzen der Kabylen, der Rauchkamin der
Ostjaken und der goldne Palast des Moguls entält - Menschen. Für die ist die
Erde am Pol geplättet und am Äquator erhöhet: für die wälzt sie sich so und
nicht anders um die Sonne: für die sind ihre Zonen und Jahreszeiten und
Veränderungen - und diese sind wieder für die Zonen, für die Jahreszeiten und
Veränderungen der Erde. Das Naturgesetz ist also auch hier sichtbar: Menschen
sollen überall auf der Erde wohnen, da jede Tiergattung bloss ihr Land und engere
Sphäre haben: der Erdbewohner wird sichtbar. Und ist das, so wird auch seine
Sprache Sprache der Erde. Eine neue in jeder neuen Welt; Nationalsprache in
jeder Nation - ich kann alle vorige Bestimmungsursachen der Veränderung nicht
wiederholen - die Sprache wird ein Proteus auf der runden Oberfläche der Erde.
    Manche neue Modephilosophen haben diesen Proteus so wenig fesseln und in
seiner wahren Gestalt erblicken können, dass es ihnen wahrscheinlicher
vorgekommen, dass die Natur in jeden grossen Erdstrich so gut ein paar Menschen zu
Stammeltern habe hinschaffen können wie in jedes Klima eigne Tiere. Diese hätten
sich sodann solch eine eigne Land- und Nationalsprache erfunden, wie ihr ganzer
Bau nur für dies Land sei gemacht worden. Der kleine Lappländer mit seiner
Sprache und mit seinem dünnen Bart, mit seinen Geschicklichkeiten und seinem
Temperament sei ein so ursprünglich lappländisches Menschentier als sein
Rentier; und der Neger mit seiner Haut, mit seiner Tintblasenschwärze, mit
seinen Lippen und Haar und Trutühnersprache und Dummheit und Faulheit sei ein
natürlicher Bruder der Affen desselben Klimas. Es sei sowenig Ähnlichkeit
zwischen den Sprachen der Erde auszuträumen als zwischen den Bildungen der
Menschengattungen; und es hiesse sehr unweise von Gott gedacht, nur ein Paar
Menschen als Stammeltern für die ganze Erde so schwach und schüchtern, zum Raube
der Elemente und Tiere in einen Erdewinkel dahingesetzt und einem tausendfachen
Ungefähr von Gefahren überlassen zu haben - -
    Wenigstens, fährt eine weniger behauptende Meinung fort, wäre die Sprache
eine natürliche Produktion des menschlichen Geistes, die sich nur allmählich mit
dem Menschengeschlecht nach fremden Klimaten hingezogen hätte: so müsste sie sich
auch nur allmählich verändert haben. Man müsste die Abändrung, den Fortzug und
die Verwandschaft der Völker im Verhältnisse fortgeben sehen und sich überall
nach kleinen Nuancen von Denk- und Mund- und Lebensart genaue Rechenschaft geben
können. Wer aber kann das? Findet man nicht in demselben Klima, ja dicht
aneinander in allen Weltteilen kleine Völker, die in einerlei Kreise so
verschiedne und entgegengesetzte Sprachen haben, dass alles ein böhmischer Wald
wird? Wer Reisebeschreibungen von Nord- und Südamerika, von Afrika und Asien
gelesen, dem dörfen nicht die Stämme dieses Waldes vorgerechnet werden - Hier,
schliessen diese Zweifler, hört also alle menschliche Untersuchung auf.
    Und weil diese letzten bloss zweiflen, so will ich versuchen, zu zeigen, dass
hier die Untersuchung nicht aufhöre, sondern dass sich diese Verschiedenheit
dicht aneinander ebenso natürlich erklären lasse als die Einheit der
Familiensprache in einer Nation.
    Die Trennung der Familien in abgesonderte Nationen geht gewiss nicht nach den
langweiligen Verhältnissen von Entfernung, Wanderung, neuer Beziehung und
dergl., wie der müssige kalte Philosoph, den Zirkel in der Hand, auf der
Landkarte abmisst und wie nach diesem Masse grosse Bücher von Verwandschaften der
Völker geschrieben worden, an denen alles, nur die Regel nicht wahr ist, nach
der alles berechnet wurde. Tun wir einen Blick in die lebendige, würksame Welt,
so sind Triebfedern da, die die Verschiedenheit der Sprache unter den nahen
Völkern sehr natürlich veranlassen müssen, nur man wolle den Menschen nach
keinem Lieblingssystem umzwingen. Er ist kein Rousseauscher Waldmann: er hat
Sprache. Er ist kein Hobbesischer Wolf: Er hat eine Familiensprache. Er ist aber
auch in andern Verhältnissen kein unzeitiges Lamm: Er kann sich also
entgegengesetzte Natur, Gewohnheit und Sprache bilden - kurz! der Grund von
dieser Verschiedenheit so naher, kleiner Völker in Sprache, Denk- und Lebensart
ist - gegenseitiger Familien- und Nationalhass.
    Ohne alle Verschwärzung und Verketzerung der menschlichen Natur können zween
oder mehrere nahe Stämme, wenn wir uns in ihre Familiendenkart setzen, nicht
anders, als bald Gegenstände des Zwistes finden. Nicht bloss, dass ähnliche
Bedürfnisse sie bald in einen Streit, wenn ich so sagen darf, des Hungers und
Durstes verwickeln, wie sich z. E. zwo Rotten von Hirten über Brunnen und Weide
zanken und nach Beschaffenheit der Weltgegenden oft sehr natürlich zanken
dörfen; ein viel heisserer Funke glimmt ihr Feuer an - Eifersucht, Gefühl der
Ehre, Stolz auf ihr Geschlecht und ihren Vorzug. Dieselbe Familienneigung, die,
in sich selbst gekehrt. Stärke der Eintracht eines Stammes gab, macht, ausser
sich gekehrt, gegen ein andres Geschlecht, Stärke der Zwietracht, Familienhass:
dort zog's viele zu einem desto fester zusammen; hier macht's aus zwei Parteien
gleich Feinde. Der Grund dieser Feindschaft und ewigen Kriege ist in solchem
Falle mehr edle menschliche Schwachheit als niederträchtiges Laster.
    Da die Menschheit auf dieser Stufe der Bildung mehr Kräfte der Würksamkeit
als Güter des Besitzes hat: so ist auch der Stolz auf jene mehr Ehrenpunkt als
das leidige Besitztum der letzten wie in spätern nervenlosen Zeiten. Ein braver
Mann zu sein und einer braven Familie zugehören war aber im damaligen Zeitalter
fast eins, da der Sohn in vielem Betracht noch eigentlicher als bei uns seine
Tugend und Tapferkeit vom Vater erbte, lernte, und der ganze Stamm überhaupt bei
allen Gelegenheiten für einen braven Mann stand. Es ward also bald das Wort
natürlich: Wer nicht mit und aus uns ist, der ist unter uns! Der Fremdling ist
schlechter als wir, ist Barbar. In diesem Verstande war Barbar das Losungswort
der Verachtung: ein Fremder und zugleich ein Unedlerer, der uns an Weisheit oder
Tapferkeit, oder was der Ehrenpunkt des Zeitalters sei, nicht gleichkommt.
    Nun ist dies freilich, wie ein Engländer richtig anmerkt, wenn es bloss auf
Eigennutz und Sicherheit des Besitzes ankommt, kein Grund zum Hasse, dass der
Nachbar nicht so tapfer als wir ist: sondern wir sollten uns in der Stille
darüber freuen. Allein, eben weil diese Meinung nur Meinung und von beiden
Teilen, die gleiches Gefühl des Stammes haben, gleiche Meinung ist: so ist eben
damit die Trompete des Krieges geblasen! Das gilt die Ehre; das weckt den Stolz
und Mut des ganzen Stammes! von beiden Seiten Helden und Patrioten! Und weil
jeden die Ursache des Krieges traf, und jeder sie einsehen und fühlen konnte, so
wurde der Nationalhass in ewigen, bittern Kriegen verewigt, und da war die zweite
Synonyme fertig: wer nicht mit mir ist, ist gegen mich. Barbar und Gehässiger!
Fremdling, Feind! wie bei den Römern ursprünglich das Wort hostis!30
    Das dritte folgte unmittelbar, völlige Trennung und Absonderung. Wer wollte
mit einem solchen Feinde, dem verächtlichen Barbar, was gemein haben? keine
Familiengebräuche, kein Andenken an einen Ursprung, und am wenigsten Sprache: da
Sprache eigentlich Merkwort des Geschlechts, Band der Familie, Werkzeug des
Unterrichts, Heldengesang von den Taten der Väter und die Stimme derselben aus
ihren Gräbern war. Die konnte also unmöglich einerlei bleiben, und so schuf
dasselbe Familiengefühl, das eine Sprache gebildet hatte, da es Nationalhass
wurde, oft Verschiedenheit, völlige Verschiedenheit der Sprache. Er ist Barbar,
er redet eine fremde Sprache - die dritte, so gewöhnliche Synonyme.
    So umgekehrt die Etymologie dieser Worte scheine, so beweiset doch die
Geschichte aller kleinen Völker und Sprachen, über die die Frage gilt, völlig
ihre Wahrheit; die Absätze der Etymologie sind auch nur Abstraktionen, nicht
Trennungen in der Geschichte. Alle solche nahen Polyglotten sind zugleich die
grimmigsten, unversöhnlichsten Feinde: und zwar alle nicht aus Raub und
Habsucht, da sie meistens nicht plündern, sondern nur töten und verwüsten und
dem Schatten ihrer Väter opfern. Schatten der Väter sind die Gotteiten und die
einzigen unsichtbaren Maschinen der ganzen blutigen Epopee, wie in den Gesängen
Ossians. Sie sind's, die den Anführer in Träumen wecken und beleben und denen er
seine Nächte wacht: sie sind's, deren Namen seine Begleiter in Schwüren und
Gesängen nennen: sie sind's, denen man die Gefangnen in allen Martern weihet,
und sie sind's auch gegenteils, die den Gemarterten in seinen Gesängen und
Todesliedern stärken. Verewigter Familienhass ist also die Ursache ihrer Kriege,
ihrer so eifersüchtigen Abtrennungen in Völker, die oft kaum nur Familien
gleichen, und nach aller Wahrscheinlichkeit auch der völligen Unterschiede ihrer
Gebräuche und Sprachen.
    Eine morgenländische Urkunde über die Trennung der Sprachen31 (die ich hier
nur als ein poetisches Fragment zur Archäologie der Völkergeschichte betrachte)
bestätigt durch eine sehr dichterische Erzählung, was so viel Nationen aller
Weltteile durch ihr Beispiel bestätigen. Nicht allmählich verwandelten sich die
Sprachen, wie sie der Philosoph durch Wanderungen vervielfältigt; die Völker
vereinigten sich, sagt das Poem, zu einem grossen Werke; da floss über sie der
Taumel der Verwirrung und der Vielheit der Sprachen - dass sie abliessen und sich
trennten - was war dies als eine schnelle Verbittrung und Zwietracht, zu der
eben ein solches grosses Werk den reichsten Anlass gab? Da wachte der vielleicht
bei einer kleinen Gelegenheit beleidigte Familiengeist auf: Bund und Absicht
zerschlug sich: der Funke der Uneinigkeit schoss in Flammen: sie flogen
auseinander: und taten das jetzt um so heftiger, dem sie durch ihr Werk hatten
zuvorkommen wollen: sie verwirrten das eine ihres Ursprungs, ihre Sprache. So
wurden verschiedne Völker, und da, sagt der spätere Bericht, heissen noch die
Trümmer: Verwirrung der Völker! - wer den Geist der Morgenländer in ihren oft so
umhergeholten Einkleidungen und episch-wunderbaren Geschichten kennet (ich will
hier für die Teologie keine höhere Veranstaltung ausschliessen), der wird
vielleicht den sinnlich gemachten Hauptgedanken nicht verkennen, dass
Veruneinigung über einer grossen gemeinschaftlichen Absicht und nicht bloss die
Völkerwandrung mit eine Ursache zu so vielen Sprachen geworden.
    Dies morgenländische Zeugnis (was ich doch überdem hier nur als Poem
anführen wollte) dahingestellet, sieht man, dass die Vielheit der Sprachen
keinen Einwurf gegen das Natürliche und Menschliche der Fortbildung einer
Sprache abgeben könne. Hier und da können freilich Berge durch Erdbeben
hervorgehoben sein; allein folgt denn daraus, dass die Erde im Ganzen mit ihren
Gebürgen und Strömen und Meeren nicht ihre Gestalt aus Wasser könne gewonnen
haben? - - Nur freilich wird auch eben damit den Etymologisten und
Völkerforschern ein nützlicher Stein der Behutsamkeit auf die Zunge gelegt, aus
den Sprachunähnlichkeiten nicht zu despotisch auf ihre Abstammung zu schliessen.
Es können Familien sehr nahe verwandt sein und doch Ursache gehabt haben, die
Verwandschaft der Wappen zu unterdrücken. Der Geist solcher kleinen Völker gibt
dazu Ursache gnug.
 
                              Viertes Naturgesetz
    So wie nach aller Wahrscheinlichkeit das menschliche Geschlecht ein
progressives Ganze von einem Ursprunge in einer grossen Haushaltung ausmacht: so
auch alle Sprachen, und mit ihnen die ganze Kette der Bildung.
    Der sonderbare charakteristische Plan ist bemerkt, der über einen Menschen
waltet: seine Seele ist gewohnt, immer das, was sie sieht, zu reihen mit dem,
was sie sähe, und durch Besonnenheit wird also ein progressives eins aller
Zustände des Lebens - mitin Fortbildung der Sprache.
    Der sonderbare charakteristische Plan ist bemerkt, der über ein
Menschengeschlecht waltet, dass durch die Kette des Unterrichts Eltern und Kinder
eins werden und jedes Glied also nur von der Natur zwischen zwei andre
hingeschoben wird, um zu empfangen und mitzuteilen - dadurch wird Fortbildung
der Sprache.
    Endlich geht dieser sonderbare Plan auch aufs ganze Menschengeschlecht fort;
und dadurch wird eine Fortbildung im höchsten Verstande, die aus den beiden
vorigen unmittelbar folgt.
    Jedes Individuum ist Mensch, folglich denkt er die Kette seines Lebens fort.
Jedes Individuum ist Sohn oder Tochter: ward durch Unterricht gebildet: folglich
bekam es immer einen Teil der Gedankenschätze seiner Vorfahren frühe mit und
wird sie nach seiner Art weiterreichen - also ist auf gewisse Weise kein
Gedanke, keine Erfindung, keine Vervollkommung, die nicht weiter, fast ins
Unendliche reiche. So wie ich keine Handlung tun, keinen Gedanken denken kann,
der nicht auf die ganze Unermesslichkeit meines Daseins natürlich hinwürke, so
nicht ich und kein Geschöpf meiner Gattung, was nicht mit jedem auch für die
ganze Gattung und für das fortgehende Ganze der ganzen Gattung würke. Jedes
treibt immer eine grosse oder kleine Welle: jedes verändert den Zustand der
einzelnen Seele, mitin das Ganze dieser Zustände; würkt immer auf andre;
verändert auch in diesen etwas - der erste Gedanke in der ersten menschlichen
Seele hängt mit dem letzten in der letzten menschlichen Seele zusammen.
    Wäre Sprache dem Menschen so angeboren als den Bienen der Honigbau, so
zerfiele mit einmal dies grösseste prächtigste Gebäude in Trümmern! Jeder brächte
sich sein wenig Sprache auf die Welt, oder, da doch das Auf-die-Welt-Bringen für
eine Vernunft nichts heisst als sie sich gleich erfinden - welch ein trauriges
Einzelne wird jeder Mensch! Jeder erfindet seine Rudimente, stirbt über ihnen,
und nimmt sie ins Grab, wie die Biene ihren Kunstbau: der Nachfolger kommt,
quält sich über denselben Anfängen, kommt ebensoweit oder ebensowenig weit,
stirbt - und so geht's ins Unendliche. Man sieht, der Plan, der über die Tiere
geht, die nichts erfinden, kann nicht über Geschöpfe gehen, die erfinden müssen,
oder es wird ein planloser Plan! Erfindet jedes für sich allein, so wird unnütze
Mühe ins Unendliche verdoppelt und der erfindende Verstand seines besten Preises
beraubt, zu wachsen.
    Was für Grund hätte ich nun, irgendwo in der Kette stillezustehen und nicht,
solange ich denselben Plan wahrnehme, auch auf die Sprache hinaufzuschliessen?
Kam ich auf die Welt, um sogleich in den Unterricht der Meinigen eintreten zu
müssen, so mein Vater, so der erste Sohn des ersten Stammvaters auch, und wie
ich meine Gedanken um mich und in meine Abfolge breite, so mein Vater, so sein
Stammvater; so der erste aller Väter. Die Kette reicht fort und steht nur bei
einem, dem ersten, stille: so sind wir alle seine Söhne: von ihm fängt sich
Geschlecht, Unterricht, Sprache an. Er hat zu erfinden angefangen; wir alle
haben ihm nacherfunden, bilden und missbilden. Kein Gedanke in einer menschlichen
Seele war verloren; nie aber war auch eine Fertigkeit dieses Geschlechts auf
einmal ganz da wie bei den Tieren: zufolge der ganzen Ökonomie war sie immer im
Fortschritte, im Gange: nichts Erfundnes wie der Bau einer Zelle, sondern alles
im Erfinden, im Fortwürken, strebend. In diesem Gesichtspunkt, wie gross wird die
Sprache! Eine Schatzkammer menschlicher Gedanken, wo jeder auf seine Art etwas
beitrug! eine Summe der Würksamkeit aller menschlichen Seelen.
    Höchstens - tritt hier die vorige Philosophie, die den Menschen gern als ein
Land- und Domänengut betrachten möchte, dazwischen -, höchstens dürfte diese
Kette doch wohl nur bis an jeden einzelnen ersten Stammvater eines Landes
reichen, von dem sich sein Geschlecht wie seine Landsprache erzeugte.32 Ich
wüsste nicht, warum sie nur bis dahin und nicht weiter reichen sollte? warum
diese Landesväter nicht wieder unter sich einen Erdenvater könnten gehabt haben,
da die ganze fortgehende Ähnlichkeit der Haushaltung dieses Geschlechts es so
fordert, »Ja«, hörten wir den Einwurf, »als wenn's weise gewesen wäre, ein
schwaches, elendes Menschenpaar in einen Winkel der Erde zum Raube der Gefahr
auszustellen?« - und als wenn's weiser gewesen wäre, viele solche schwache
Menschenpaare einzeln in verschiedene Winkel der Erde zum Raube zehnfach ärgerer
Gefahren zu machen? Der Fall wagender Unvorsichtigkeit ist nicht bloss überall
derselbe, sondern er wird auch mit jeder Vervielfältigung unendlich vermehrt.
Ein Menschenpaar, irgendwo, im besten, bequemsten Klima der Erde, wo die
Jahreszeit ihrer Nackteit am wenigsten strenge ist, wo der fruchtbare Boden den
Bedürfnissen ihrer Unerfahrenheit von selbst zustatten kommt, wo gleichsam alles
umhergelagert ist wie eine Werkstätte, um der Kindheit ihrer Künste zu Hülfe zu
kommen - ist dies Paar nicht weiser versorgt als jedes andre menschliche
Landtier, was unter dem unfreundlichsten Himmel in Lappland oder Grönland, mit
der ganzen Dürftigkeit der nackten, erfrornen Natur umgeben, den Klauen ebenso
dürftiger, hungriger und um so grausamerer Tiere, mitin unendlich mehrern
Ungemächlichkeiten ausgesetzt ist? Die Sicherheit der Erhaltung nimmt also ab,
je mehr die ursprünglichen Erdemenschen verdoppelt werden. Und denn, wie lange
bleibt das Paar im seligem Klima ein Paar? Es wird bald Familie, bald kleines
Volk, und wenn es sich nun, als Volk, ausbreitet: es kommt in ein ander Land -
es kommt schon als Volk hinein - wie weiser! wie sichrer! Viel an Anzahl, mit
gehärteten Körpern, mit versuchten Seelen, ja mit dem ganzen Schatze von
Erfahrungen ihrer Vorfahren beerbt - wie vielfach also verstärkte und
verdoppelte Seelen! Nun sind sie fähig, sich bald zu Landgeschöpfen dieser
Gegend zu vervollkommen! Sie werden in kurzem so eingeboren als die Tiere des
Klima mit Lebensart, Denkart und Sprache - beweiset nicht aber ebendies den
natürlichen Fortgang des menschlichen Geistes, der sich aus einem gewissen
Mittelpunkt zu allem bilden kann? Es kommt nie auf eine Menge blosser Zahlen,
sondern auf die Gültigkeit und Progression ihrer Bedeutung: nie auf eine Menge
schwacher Subjekte, sondern auf Kräfte an, mit denen sie würken. Diese würken
eben im simpelsten Verhältnis am stärksten; und nur die Bande umfangen also das
ganze Geschlecht, die von einem Punkte der Verknüpfung ausgehen.
    Ich lasse mich in keine weitere Gründe dieses einstämmigen Ursprungs ein:
dass z. E. noch keine wahren Data von neuen Menschengattungen, die diesen Namen,
wie die Tiergattungen, verdienten, aufgefunden sind; dass die offenbar
allmähliche und fortgehende Bevölkerung der Erde gerade das Gegenteil von
eingebornen Landtieren zeige; dass die Kette der Kultur und ähnlicher
Gewohnheiten es auch, nur dunkler, zeige usw.; ich bleibe bei der Sprache. Wären
die Menschen Nationaltiere, wo jedes die seinige sich ganz unabhängig und
abgetrennt von andern selbst erfunden hätte: so müsste diese gewiss eine
Verschiedenartigkeit zeigen, als vielleicht die Einwohner des Saturns und der
Erde gegeneinander haben mögen - und doch gebt bei uns offenbar alles auf einem
Grunde fort. Auf einem Grunde nicht bloss, was die Form, sondern was würklich den
Gang, des menschlichen Geistes betrifft: denn unter allen Völkern der Erde ist
die Grammatik beinahe auf einerlei Art gebaut. Die einzige chinesische macht,
meines Wissens, eine wesentliche Ausnahme, die ich mir aber als Ausnahme sehr zu
erklären getraue - wie viel Chinesergrammatiken, und wie viele Arten derselben
müssten sein, wenn die Erde voll spracherfindender Landtiere gewesen wäre!
    Woher kommt's, dass so viel Völker ein Alphabet haben, und doch fast nur ein
Alphabet auf dem Erdboden sei? Der sonderbare, und schwere Gedanke, sich aus den
Bestandteilen der willkürlichen Worte, aus Lauten, willkürliche Zeichen zu
bilden, ist so springend, so verwickelt, so sonderbar, dass es gewiss unerklärlich
wäre, wie viele und so viele auf den einen so entfernten Gedanken, und alle ganz
auf eine Art auf ihn gefallen wären. Dass sie alle die weit natürlichem Zeichen,
die Bilder von Sachen vorbeiliessen und Hauche malten, unter allen möglichen
dieselben zwanzig malten und sich gegen die übrigen fehlenden dürftig behalfen,
dass zu diesen zwanzig so viele dieselben willkürlichen Zeichen nahmen - wird
hier nicht Überlieferung sichtbar? Die morgenländischen Alphabete sind im Grunde
eins: das griechische, lateinische, runische, deutsche usw. Ableitungen: das
deutsche hat also noch mit dem koptischen Buchstaben gemein, und Irländer sind
kühn gnug gewesen, den Homer für eine Übersetzung aus ihrer Sprache zu erklären.
Wer kann, so wenig oder viel er drauf rechne, im Grunde der Sprachen
Verwandschaft ganz verkennen? Wie eilt Menschenvolk nur auf der Erde wohnet, so
auch nur eine Menschensprache: wie aber diese grosse Gattung sich in so viele
kleine Landarten nationalisiert hat: so ihre Sprachen nicht anders.
    Viele haben sich mit den Stammlisten dieser Sprachengeschlechter versucht;
ich versuche es nicht - denn wie viele, viele Nebenursachen konnten in dieser
Abstammung und in der Kenntlichkeit dieser Abstammung Veränderungen machen, auf
die der etymologisierende Philosoph nicht rechnen kann und die seinen Stammbaum
trügen. Zudem sind unter den Reisebeschreibern und selbst Missionarien so wenig
wahre Sprachphilosophen gewesen, die uns von dem Genius und dem
charakteristischen Grunde ihrer Völkersprachen hätten Nachricht geben können
oder wollen, dass man im allgemeinen hier noch in der Irre geht. Sie geben
Verzeichnisse von Wörtern - und aus dem Schällenkrame soll man schliessen! Die
Regeln der wahren Sprachdeduktion sind auch so fein, dass wenige - - doch das ist
alles nicht mein Werk! Im Ganzen bleibt das Naturgesetz sichtbar: Sprache
pflanze und bilde sich mit dem menschlichen Geschlechte fort; in diesem Gesetze
zähle ich nur Hauptarten auf, die verschiedne Dimension geben.
    I. Jeder Mensch hat freilich alle Fähigkeiten, die sein ganzes Geschlecht,
und jede Nation die Fähigkeiten, die alle Nationen haben; es ist indessen doch
wahr, dass eine Gesellschaft mehr als ein Mensch und das ganze menschliche
Geschlecht mehr als ein einzelnes Volk erfinde; und das zwar nicht bloss nach
Menge der Köpfe, sondern nach vielfach- und innigvermehrtern Verhältnissen. Man
sollte denken, dass ein einsamer Mensch, ohne drängende Bedürfnisse, mit aller
Gemächlichkeit der Lebensart z.E. viel mehr Sprache erfinden, dass seine Musse ihn
dazu antreiben werde, seine Seelenkräfte zu üben, mitin immer etwas Neues zu
erdenken usw.; allein das Gegenteil ist klar. Er wird ohne Gesellschaft immer
auf gewisse Weise verwildern und bald in Untätigkeit ermatten, wenn er sich nur
erst in den Mittelpunkt gesetzt hat, seine nötigsten Bedürfnisse zu befriedigen.
Er ist immer eine Blume, die, aus ihren Wurzeln gerissen, von ihrem Stamm
gebrochen, daliegt und welkt. - - Setzt ihn in Gesellschaft und mehrere
Bedürfnisse: er habe für sich und andre zu sorgen; man sollte denken, diese neue
Lasten nehmen ihm die Freiheit, sich emporzuheben; dieser Zuwachs von
Peinlichkeiten die Musse, zu erfinden; aber gerade umgekehrt. Das Bedürfnis
strengt ihn an: die Peinlichkeit weckt ihn: die Rastlosigkeit hält seine Seele
in Bewegung: er wird desto mehr tun, je wundersamer es wird, dass er's tue. So
wächst also die Fortbildung einer Sprache von einem einzelnen bis zu einem
Familienmenschen schon in sehr zusammengesetztem Verhältnis. Alles andre
abgerechnet, wie wenig würde doch der Einsame, selbst der einsame
Sprachenphilosoph auf seiner wüsten Insel erfinden! wie viel mehr und stärker
der Stammvater, der Familienmann: die Natur hat also diese Fortbildung gewählet.
    II. Eine einzelne, abgetrennte Familie, denkt man, wird ihre Sprache bei
Bequemlichkeit und Musse mehr ausbilden können, als bei Zerstreuungen, Krieg
gegen einen andern Stamm usw.; allein nichts weniger. Je mehr sie gegen andre
gekehrt ist, desto stärker wird sie in sich zusammengedrängt: desto mehr setzt
sie sich auf ihre Wurzel, macht die Taten ihrer Vorfahren zu Liedern, zu
Aufrufungen, zu ewigen Denkmalen: erhält dieses Sprachandenken um desto reiner
und patriotischer - die Fortbildung der Sprache, als Mundart der Väter, gebt
desto stärker fort: darum hat die Natur diese Fortbildung gewählet.
    III. Mit der Zeit aber setzt sich dieser Stamm, wenn er in eine kleine
Nation angewachsen ist, auch in seinen Zirkel fest. Er hat seinen gemessnen Kreis
von Bedürfnissen und für diese auch Sprache. Weiter geht er nicht, wie wir an
allen kleinen sogenannten barbarischen Nationen sehen. Mit ihren Notwendigkeiten
abgeteilt, können sie jahrhundertelang in der sonderbarsten Unwissenheit
bleiben, wie jene Inseln ohne Feuer und so viel andre Völker ohne die
leichtesten mechanischen Künste. Es ist, als ob sie nicht Augen hätten, zu
sehen, was ihnen vorliegt. Daher alsdenn das Geschrei andrer Völker auf solche
als auf dumme, unmenschliche Barbaren; da wir alle doch vor weniger Zeit
ebendieselben Barbaren waren und diese Kenntnisse nur von andern Völkern
bekamen! Daher auch das Geschrei so mancher Philosophen über diese Dummheit als
die unbegreiflichste Sache, da doch nach der Analogie der ganzen Haushaltung mit
unsrem Geschlecht nichts begreiflicher ist als sie! - Hier hat die Natur eine
neue Kette geknüpft, die Überlieferung von Volk zu Volk! So haben sich Künste,
Wissenschaften, Kultur und Sprache in einer grossen Progression Nationen hin
verfeinert - das feinste Band der Fortbildung, was die Natur gewählet.
    Wir Deutsche würden noch ruhig, wie die Amerikaner, in unsern Wäldern leben,
oder vielmehr noch in ihnen rauh kriegen und Helden sein, wenn die Kette fremder
Kultur nicht so nah an uns gedrängt und mit der Gewalt ganzer Jahrhunderte uns
genötigt hätte, mit einzugreifen. Der Römer holte so seine Bildung aus
Griechenland, der Grieche bekam sie aus Asien und Ägypten, Ägypten aus Asien,
China vielleicht aus Ägypten - so geht die Kette von einem ersten Ringe fort und
wird vielleicht einmal über die Erde reichen. Die Kunst, die einen griechischen
Palast bauete, zeigt sich bei dem Wilden schon im Bau einer Waldhütte; wie die
Malerei Mengs' und Dietrichs schon im rohesten Grunde auf dem rotbemalten
Schilde Hermanns glänzte. Der Eskimo vor seinem Kriegsheere hat schon alle Keime
zu einem künftigen Demosten und jene Nation von Bildhauern am Amazonenstrome33
vielleicht tausend künftige Phidias. Lasset nur andre Nationen vor- und jene
umrücken: so ist alles, wenigstens in den gemässigten Zonen, wie in der alten
Welt. Ägypter und Griechen, und Römer und Neuere taten nichts als fortbauen;
Perser, Tartaren, Goten und Pfaffen kommen dazwischen und machen Trümmern; desto
frischer bauet sich's aus und nach und auf solchen alten Trümmern weiter. Die
Kette einer gewissen Vervollkommung der Kunst geht über alles fort (obgleich
andre Eigenschaften der Natur wiederum dagegen leiden) und so auch über die
Sprache. Die arabische ist ohne Zweifel hundertmal feiner als ihre Mutter im
ersten rohen Anfange: unser Deutsch ohne Zweifel feiner als das alte Keltische:
die Grammatik der Griechen konnte besser sein und werden als die
morgenländische, denn sie war Tochter: die römische philosophischer als die
griechische, die französische als die römische: - ist der Zwerg auf den
Schultern des Riesen nicht immer grösser als der Riese selbst?
    Nun sieht man auf einmal, wie trüglich der Beweis für die Göttlichkeit der
Sprache aus ihrer Ordnung und Schönheit werde - Ordnung und Schönheit sind da,
aber wenn, wie und woher gekommen? Ist denn diese so bewunderte Sprache die
Sprache des Ursprungs? oder nicht schon das Kind ganzer Jahrhunderte und vieler
Nationen? Siehe! an diesem grossen Gebäude haben Nationen und Weltteile und
Zeitalter gebauet; und darum konnte jene arme Hütte nicht der Ursprung der
Baukunst sein? darum musste gleich ein Gott die Menschen solchen Palast bauen
lehren? weil Menschen gleich solchen Palast nicht hätten bauen können - welch
ein Schluss! und welch ein Schluss überhaupt ist's: diese grosse Brücke zwischen
zwo Bergen begreife ich nicht ganz, wie sie gebauet sei - folglich hat sie der
Teufel gebauet! Es gehört ein grosser Grad Kühnheit oder Unwissenheit dazu, zu
leugnen, dass sich nicht die Sprache mit dem menschlichen Geschlecht nach allen
Stufen und Veränderungen fortgebildet: das zeigt Geschichte und Dichtkunst,
Beredsamkeit und Grammatik, ja, wenn alles nicht, so Vernunft. Hat sie sich nun
ewig so fortgebildet und nie zu bilden angefangen? oder immer menschlich
gebildet, so dass Vernunft nicht ohne sie, und sie ohne Vernunft nicht gehen
konnte - und mit einmal ist ihr Anfang anders? und das so ohne Sinn und Grund
anders, wie wir anfangs gezeigt? In allen Fällen wird die Hypotese eines
göttlichen Ursprungs in der Sprache - versteckter, feiner Unsinn!
    Ich wiederhole das mit Bedacht gesagte, harte Wort Unsinn! und will mich zum
Schluss erklären. Was heisst ein göttlicher Ursprung der Sprache als entweder: ich
kam die Sprache aus der menschlichen Natur nicht erklären: folglich ist sie
göttlich - ist Sinn in dem Schlusse? Der Gegner sagt: ich kann sie aus der
menschlichen Natur und aus ihr vollständig erklären - wer hat mehr gesagt? Jener
versteckt sich hinter eine Decke und ruft hervor: Hier ist Gott! Dieser stellt
sich sichtbar auf den Schauplatz, handelt - »sehet! ich bin ein Mensch!«
    oder ein höherer Ursprung sagt: weil ich die menschliche Sprache nicht aus
der menschlichen Natur erklären kann: so kann durchaus keiner sie erklären - sie
ist durchaus unerklärbar: ist in dem Schlusse Folge? Der Gegner sagt: mir ist
kein Element der Sprache in ihrem Beginn und in jeder ihrer Progression aus der
menschlichen Seele unbegreiflich: ja die ganze menschliche Seele wird mir
unerklärbar, wenn ich in ihr nicht Sprache setze, das ganze menschliche
Geschlecht bleibt nicht das Naturgeschlecht mehr, wenn's nicht die Sprache
fortbildet - wer hat mehr gesagt? - wer sagt Sinn?
    oder endlich die höhere Hypotese sagt gar: nicht bloss keiner kann die
Sprache aus der menschlichen Seele begreifen: sondern ich sehe auch deutlich die
Ursache, warum sie ihrer Natur und der Analogie ihres Geschlechts nach durchaus
für Menschen unerfindbar war. Ja ich sehe in der Sprache und im Wesen der
Gotteit die Ursache deutlich, warum keiner als Gott sie erfinden konnte. Nun
bekäme zwar der Schluss Folge; aber nun wird er auch der grässlichste Unsinn. Er
wird so beweisbar, als jener Beweis der Türken von der Göttlichkeit des Korans:
»wer anders, als der Prophet Gottes konnte so schreiben?« Und wer anders als ein
Prophet Gottes kann auch wissen, dass nur der Prophet Gottes so schreiben konnte?
Niemand als Gott konnte die Sprache erfinden! Niemand als Gott kann aber auch
einsehen, dass niemand als Gott sie erfinden konnte! Und welche Hand kann es
wagen, nicht bloss etwa Sprache und die menschliche Seele, sondern Sprache und
Gotteit auszumessen?
    Ein höherer Ursprung hat nichts für sich, selbst nicht das Zeugnis der
morgenländischen Schrift, auf die er sich beruft : denn diese gibt offenbar der
Sprache einen menschlichen Anfang durch Namennennung der Tiere. Die menschliche
Erfindung hat alles für und durchaus nichts gegen sich: Wesen der menschlichen
Seele und Element der Sprache; Analogie des menschlichen Geschlechts und
Analogie der Fortgänge der Sprache - das grosse Beispiel aller Völker, Zeiten und
Teile der Welt!
    Der höhere Ursprung ist, so fromm er scheine, durchaus ungöttlich: Bei jedem
Schritte verkleinert er Gott durch die niedrigsten, unvollkommensten
Antropomorphien. Der menschliche zeigt Gott im grössesten Lichte: sein Werk,
eine menschliche Seele, durch sich selbst eine Sprache schaffend und
fortschaffend, weil sie sein Werk, eine menschliche Seele ist. Sie bauet sich
diesen Sinn der Vernunft als eine Schöpferin, als ein Bild seines Wesens. Der
Ursprung der Sprache wird also nur auf eine würdige Art göttlich, sofern er
menschlich ist.
    Der höhere Ursprung ist zu nichts nütze, und äusserst schädlich. Er zerstört
alle Würksamkeit der menschlichen Seele, erklärt nichts und macht alles, alle
Psychologie und alle Wissenschaften unerklärlich - denn mit der Sprache haben ja
die Menschen alle Samen von Kenntnissen von Gott empfangen? Nichts ist also aus
der menschlichen Seele? Der Anfang jeder Kunst, Wissenschaft und Kenntnis also
ist immer unbegreiflich? Der menschliche lässt keinen Schritt tun ohne Aussichten
und die fruchtbarsten Erklärungen in allen Teilen der Philosophie und in allen
Gattungen und Vorträgen der Sprache. Der Verfasser hat einige hier geliefert und
kann davon eine Menge liefern. - - - -
    Wie würde er sich freuen, wenn er mit dieser Abhandlung eine Hypotese
verdränge, die, von allen Seiten betrachtet, dem menschlichen Geist nur zum
Nebel und zur Unehre ist, und es zu lange dazu gewesen! Er hat eben deswegen das
Gebot der Akademie übertreten und keine Hypotese geliefert: denn was wär's,
wenn eine Hypotese die andre auf- oder gleichwöge? und wie pflegt man, was die
Form einer Hypotese hat, zu betrachten als wie philosophischen Roman -
Rousseaus, Condillacs und andrer? Er befliss sich lieber, feste Data aus der
menschlichen Seele, der menschlichen Organisation, dem Bau aller alten und
wilden Sprachen und der ganzen Haushaltung des menschlichen Geschlechts zu
sammlen und seinen Satz so zu beweisen, wie die festeste philosophische Wahrheit
bewiesen werden kann. Er glaubt also mit seinem Ungehorsam den Willen der
Akademie eher erreicht zu haben, als er sich sonst erreichen liess - - -
 
                                    Fussnoten
1 Süssmilchs »Beweis, dass der Ursprung der menschlichen Sprache göttlich sei«,
Berlin 1766, S. 21.
2 Die beste Schrift für diese noch zum Teil unausgearbeitete Materie ist
Wachteri »Naturae et scripturae concordia«, Hafn. 1752, die sich von den
Kircherschen und soviel andern Träumen wie Altertumsgeschichte von Märchen
unterscheidet.
3 »Lettre sur les aveugles à l'usage de ceux qui voyent« etc.
4 »Essai sur l'origine des connoissances humanes«. Vol. II.
5 »Sur l'inégalité parmi les hommes« etc., Part. I.
6 Ebendaselbst.
7 Süssmilch, »Beweis für die Göttlichkeit« etc., Anhang 3, S. 110.
8 »Traité sur les animaux«.
9 »Sur l'origine de l'inégalité« etc.
10 »Reimarus über die Kunsttriebe der Tiere: S. Betrachtungen drüber in den
Briefen, die neueste Litteratur betreffend« etc.
11 Eine in einem neuen metaphysischen Werke beliebte Einteilung (Search's »Light
of Nature Pursued«, Lond. 68).
12 Rousseau, »Über die Ungleichheit« etc.
13 Eine der schönsten Abhandlungen, das Wesen der Apperzeption aus physischen
Versuchen, die so selten die Metaphysik der Seele erläutern! ins Licht zu
setzen, ist die in den Schriften der Berlinschen Akademie von 1764.
14 Süssmilch, angef. Schr., Abschn. 2.
15 Ebendas., S. 49.
16 Süssmilch, S. 48.
17 Philos. Transact. - Abridgment - auch in Cheseldens Anatomy, in
Smit-Kästners Optik, in Buffons Naturgeschichte, Encyklopädie und zehn kleinen
französischen Wörterbüchern unter »Aveugle«.
18 Diderot ist in seinem ganzen Briefe »Sur les sourds et muets« kaum auf diese
Hauptmaterie gekommen, da er sich nur bei Inversionen und hundert andern
Kleinigkeiten aufhält.
19 »OEuvres philosophiques«, publitées p. Raspe, p. 232.
20 Brown.
21 Süssmilch, § 9.
22 Die beste Abhandlung, die ich über diese Materie kenne, ist eines Engländers;
»Tings Divine and Supernatural Conceived by Analogy wit Tings Natural and
Human«, Lond. 1755. By the autor of »Te Procedure, Extent und Limits of Human
Understanding«.
23 Süssmilch, § 11.
24 Rousseau hat diesen Sitz in seiner Hypotese diviniert, den ich hier bestimme
und beweise.
25 Abschnitt 3.
26 S. 80, 81.
27 31, 34.
28 Rousseau.
29 Süssmilch [S. 92].
30 Voss., »Etymol [ogicum linguae latinae]«.
31 I. Mos. II.
32 Philosophie de l'historie etc., etc.
33 de la Condamine.
 
    