
        
                              Deutscher Idealismus
             [Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus]
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                         Georg Wilhelm Friedrich Hegel
             [Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus]
 - eine Etik. Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt - wovon Kant
mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts
erschöpft hat -, so wird diese Etik nichts anderes als ein vollständiges System
aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein. Die erste
Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien
Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt - aus
dem Nichts hervor - die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts. - Hier
werde ich auf die Felder der Physik herabsteigen; die Frage ist diese: Wie muss
eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer
langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel
geben.
    So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können
wir endlich die Physik im Grossen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern
erwarte. Es scheint nicht, dass die jetzige Physik einen schöpferischen Geist,
wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne.
    Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran,
will ich zeigen, dass es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas
Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was
Gegenstand der Freiheit ist, heisst Idee. Wir müssen also auch über den Staat
hinaus! - Denn jeder Staat muss freie Menschen als mechanisches Räderwerk
behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören. Ihr seht von selbst,
dass hier alle die Ideen, vom ewigen Frieden u.s.w. nur untergeordnete Ideen
einer höheren Idee sind: Zugleich will ich hier die Prinzipien für eine
Geschichte der Menschheit niederlegen und das ganze elende Menschenwerk von
Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung bis auf die Haut entblössen. Endlich
kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gotteit, Unsterblichkeit, -
Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings
Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst. - Absolute Freiheit aller Geister,
die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit
ausser sich suchen dürfen.
    Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in
höherem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, dass der höchste Akt
der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfasst, ein ästetischer Akt ist und dass
Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muss
ebensoviel ästetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne
ästetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes
ist eine ästetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst
über Geschichte kann man nicht geistreich raisonnieren - ohne ästetischen Sinn.
Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine
Ideen verstehen - und treuherzig genug gestehen, dass ihnen alles dunkel ist,
sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.
    Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was
sie am Anfang war - Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie,
keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften
und Künste überleben.
    Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der grosse Haufen müsse eine sinnliche
Religion haben. Nicht nur der grosse Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer.
Monoteismus der Vernunft und des Herzens, Polyteismus der Einbildungskraft und
der Kunst, dies ist's, was wir bedürfen!
    Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiss, noch in
keines Menschen Sinn gekommen ist - wir müssen eine neue Mytologie haben, diese
Mytologie aber muss im Dienste der Ideen stehen, sie muss eine Mytologie der
Vernunft werden.
    Ehe wir die Ideen ästetisch, d. h. mytologisch machen, haben sie für das
Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mytologie vernünftig ist, muss sich
der Philosoph ihrer schämen. So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte
sich die Hand reichen, die Mytologie muss philosophisch werden und das Volk
vernünftig, und die Philosophie muss mytologisch werden, um die Philosophen
sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der
verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und
Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen
sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann
herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister! - Ein höherer Geist,
vom Himmel gesandt, muss diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das
letzte, grösste Werk der Menschheit sein.
 
    