
        
                              
                             Johann Gottlieb Fichte
                          Reden an die deutsche Nation
                                     Vorrede
    Die folgenden Reden sind zu Berlin im Winter 1807-8 in einer Reihe von
Vorlesungen, und als Fortsetzung der im Winter 1804-5 eben daselbst
vorgetragenen Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (in derselben
Verlagshandlung abgedruckt 1806) gehalten worden. Was bei ihnen und durch sie
dem Publicum zu sagen war, ist in ihnen selbst ausgesprochen, und es bedurfte
sonach keiner Vorrede. Da inzwischen durch die Weise des Abdrucks dieser Reden
ein auszufüllender leerer Raum sich ergeben hat, so fülle ich denselben mit
etwas zum Teil schon anderwärts die Censur passirtem und abgedrucktem, an
welches die Veranlassung der entstandenen Lücke erinnert, und das im allgemeinen
auch hier Anwendung finden dürfte, indem ich im besonderen noch an den,
denselben Gegenstand betreffenden Schluss der zwölften Rede verweise.
    Berlin, im April 1808.
                                                                         Fichte.
 
   Aus einer Abhandlung über Macchiavelli als Schriftsteller, und Stellen aus
                                seinen Schriften
                                       1.
                      Aus dem Beschlusse jener Abhandlung
    Zunächst fallen uns zwei Gattungen von Menschen ein, gegen die wir uns
verwahren möchten, wenn wir es könnten. Zuvörderst solche, welche, so wie sie
selbst mit ihren Gedanken niemals über die neueste Zeitung hinauskommen,
annehmen, dass dies auch kein anderer könne; dass demnach alles, was geredet
oder geschrieben werde, eine Beziehung auf diese Zeitung habe, und derselben zum
Commentar dienen solle. Diese bitte ich zu bedenken, dass keiner sagen könne:
siehe, da ist dieser gemeint, und dieser! - der nicht vorher bei sich selbst
geurteilt habe, dass dieser, und dieser wirklich und in der Tat also sei, dass
er hier gemeint sein könne; dass daher keiner einen im allgemeinen bleibenden
Schriftsteller, der in der alle Zeit umfassenden Regel jede besondere Zeit
vergisst, der Satire beschuldigen könne, ohne erst selbst, als ursprünglicher
und selbstständiger Urheber, diese Satire gemacht zu haben, und so höchst
törichterweise seine eignen geheimsten Gedanken zu verraten.
    Sodann gibt es solche, die vor keinem Dinge Scheu haben, wohl aber vor den
Worten zu den Dingen, und vor diesen eine unmässige. Du magst sie unter die
Füsse treten und alle Welt mag zusehen; dabei ist für sie weder Schande noch
Uebel: wenn aber darauf ein Gespräch erhoben würde vom Treten mit Füssen, so
wäre dies ein unleidliches Ärgernis, und nun erst höbe das Uebel an; da doch
auch überdies kein Vernünftiger und Wohlwollender ein solches Gespräch erheben
wird aus Schadenfreude, sondern lediglich um die Mittel ausfindig zu machen,
dass der Fall nicht wieder eintrete. Ebenso mit den zukünftigen Uebeln: sie
wollen nicht gestört sein in ihrem süssen Traume, und schliessen darum fest zu
ihr Auge vor der Zukunft. Da aber dadurch andre, welche die Augen offenbehalten,
nicht verhindert werden zu sehen, was herannaht, und in Versuchung kommen
könnten zu sagen und mit Namen zu benennen! was sie sehen: so dünkt ihnen gegen
diese Gefahr das sicherste Mittel dieses, dass sie den Sehenden dieses Sagen und
Benennen verkümmern; als ob nun, in umgekehrter Ordnung mit der Wirklichkeit,
aus dem Nichtsagen das Nichtsehen, und aus dem Nichtsehen das Nichtsein erfolgen
würde. So schreitet der Nachtwandler einher am Rande des Abgrundes; aus
Barmherzigkeit ruft ihm nicht zu, jetzt sichert ihn sein Zustand, wenn er aber
erwacht, so stürzt er herab. Möchten nur auch die Träume jener die Gabe, die
Vorrechte und die Sicherheit des Nachtwandelns mit sich führen, damit es ein
Mittel gäbe, sie zu retten, ohne ihnen zuzurufen, und sie zu erwecken. So sagt
man, dass der Strauss die Augen vor dem auf ihn zukommenden Jäger verschliesse,
eben auch, als ob die Gefahr, die ihm nicht mehr sichtbar sei, überhaupt nicht
mehr da sei. Der wäre kein Feind des Strausses, der ihm zuriefe: öffne deine
Augen, siehe, da kommt der Jäger, fliehe nach jener Seite hin, damit du ihm
entrinnest.
                                       2.
         Grosse Schreibe- und Pressfreiheit in Macchiavelli's Zeitalter
    Es dürfte auf Veranlassung des vorigen Abschnittes, und indem vielleicht
einer oder der andere unsrer Leser sich wundert, wie dem Macchiavelli das soeben
Gemeldete habe hingehen können, der Mühe wert sein, zu Anfange des 19ten
Jahrhunderts aus den Ländern, die sich der höchsten Denkfreiheit rühmen, einen
Blick zu werfen auf die Schreibe- und Pressfreiheit, die zu Anfange des 16ten
Jahrhunderts in Italien und in dem päpstlichen Sitze Rom stattfand. Ich führe
von tausenden nur Ein Beispiel an. Macchiavellis florentinische Geschichte ist
auf die Aufforderung des Papstes Clemens VII. geschrieben und an denselben
überschrieben. In derselben befindet sich gleich im ersten Buche folgende
Stelle: »So wie bis auf diese Zeit keine Meldung geschehen ist von Nepoten oder
Verwandten irgend eines Papstes, so wird von nun an von solchen die Geschichte
voll sein, bis wir sodann auch auf die Söhne kommen werden; und so ist denn den
künftigen Päpsten keine Steigerung mehr übrig, als dass sie, so wie sie bisher
diese ihre Söhne in Fürstentümer einzusetzen gesucht haben, denselben auch den
päpstlichen Stuhl erblich hinterlassen.«
    Dieser florentinischen Geschichte, nebst dem Buche vom Fürsten und den
Discursen, stellt derselbe Clemens, honesto Antonii (so hiess der Drucker)
desiderio annuere volens, ein Privilegium aus, in welchem allen Christen bei
Strafe der Excommunication, den päpstlichen Untertanen noch überdies bei
Confiscation der Exemplare und 25 Ducaten Strafe, verboten wird, diese Schriften
nachzudrucken.
    Zu erklären ist dies allerdings. Die Päpste und die Grossen der Kirche
betrachteten selber ihr ganzes Wesen lediglich als ein Blendwerk für den
niedrigsten Pöbel und, wenn es sein könnte, für die Ultramontanen, und sie waren
liberal genug, jedem feinen und gebildeten italiänischen Manne zu erlauben, dass
er über diese Dinge ebenso dächte, redete und schriebe, wie sie selbst unter
sich darüber redeten. Den gebildeten Mann wollten sie nicht betrügen, und der
Pöbel las nicht. Eben so leicht ist zu erklären, warum späterhin andere
Massregeln nötig wurden. Die Reformatoren lehrten das deutsche Volk lesen, sie
beriefen sich auf solche Schriftsteller, die unter den Augen der Päpste
geschrieben hatten, das Beispiel des Lesens wurde ansteckend für die andern
Länder, und jetzt wurden die Schriftsteller eine furchtbare, und eben darum
unter strengere Aufsicht zu nehmende Macht.
    Auch diese Zeiten sind vorüber, und es werden dermalen, zumal in
protestantischen Staaten, manche Zweige der Schriftstellerei, z.B.
philosophische Aufstellung allgemeiner Grundsätze jeder Art, gewiss nur darum
der Censur unterworfen, weil es so hergebracht ist. Da sich nun hierbei findet,
dass denen, welche nichts zu sagen wissen, als das, was jederman auch schon
auswendig weiss, in alle Wege erlaubt wird, so viel Papier zu verwenden, als sie
irgend wollen; wenn aber einmal wirklich etwas neues gesagt werden soll, der
Censor, der das nicht sogleich zu fassen vermag, und vermeinend, es könne doch
ein nur ihm verborgen bleibendes Gift darin liegen, um ganz sicher zu gehen, es
lieber unterdrücken möchte: so wäre es vielleicht manchem Schriftsteller vom
Anfange des 19ten Jahrhunderts in protestantischen Ländern nicht zu verdenken,
wenn er sich einen schicklichen und bescheidenen Teil von derjenigen
Pressfreiheit wünschte, welche die Päpste zu Anfange des 16ten ohne Bedenken
allgemein zugestanden haben.
                                       3.
       Aus der Vorrede zu einigen ungedruckt gebliebenen Gesprächen über
                       Vaterlandsliebe und ihr Gegenteil
    Innerhalb dieser Beschränkungen nun, welche die Gerechtigkeit und die
Billigkeit erfordern, könnten uns, sollte ich denken, jene sehr wohl erlauben,
dass wir ohne Scheu sagen, was sie selber sich nicht scheuen in wirklicher Tat
zu tun; indem ja offenbar die Tat, welche auch ohne unser Sagen ohne Zweifel
in die Augen fallen wird, ein weit grösseres Ärgernis anrichtet, als unser
nachheriges Sagen von der Tat. Und obgleich durchaus nichts verhindert, dass
diejenigen, welche von Amtswegen die Aufsicht über den öffentlichen Bücherdruck
führen, für ihre Personen zu einer von den beiden dermalen im Streite liegenden
Hauptparteien in der Geisterwelt gehören: so können sie doch das Interesse
dieser ihrer Partei nur sodann wahrnehmen, wenn sie etwa selbst einmal als
Schriftsteller auftreten sollten; als öffentliche Personen aber haben sie gar
keine Partei, und sie müssen dem Verstande, der ohnedies weit seltner bei ihnen
das Wort nachsucht, denn der Unverstand, dasselbe ebensowohl geben, wie sie dem
letztern täglich erlauben, nach aller Lust seiner Notdurft zu pflegen;
keinesweges aber sind sie befugt, irgend einem Tone deswegen zu verwehren, laut
zu werden, weil er an ihre Ohren fremd und paradox anschlägt.
    Geschrieben zu Berlin, im Julius 1806.
 
                                   Erste Rede
                   Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen
    Als eine Fortsetzung der Vorlesungen, die ich im Winter vor drei Jahren
allhier an derselben Stätte gehalten, und welche unter dem Titel: Grundzüge des
gegenwärtigen Zeitalters, gedruckt sind, habe ich die Reden, die ich hiermit
beginne, angekündigt. Ich hatte in jenen Vorlesungen gezeigt, dass unsere Zeit
in dem dritten Hauptabschnitte der gesammten Weltzeit stehe, welcher Abschnitt
den blossen sinnlichen Eigennutz zum Antriebe aller seiner lebendigen Regungen
und Bewegungen habe; dass diese Zeit in der einzigen Möglichkeit des genannten
Antriebes sich selbst auch vollkommen verstehe und begreife; und dass sie durch
diese klare Einsicht ihres Wesens in diesem ihrem lebendigen Wesen tief
begründet und unerschütterlich befestiget werde.
    Mit uns geht, mehr als mit irgend einem Zeitalter, seitdem es eine
Weltgeschichte gab, die Zeit Riesenschritte. Innerhalb der drei Jahre, welche
seit dieser meiner Deutung des laufenden Zeitabschnitts verflossen sind, ist
irgendwo dieser Abschnitt vollkommen abgelaufen und beschlossen. Irgendwo hat
die Selbstsucht durch ihre vollständige Entwickelung sich selbst vernichtet,
indem sie darüber ihr Selbst und dessen Selbstständigkeit verloren; und ihr, da
sie gutwillig keinen andern Zweck, denn sich selbst, sich setzen wollte, durch
äusserliche Gewalt ein solcher anderer und fremder Zweck aufgedrungen worden.
Wer es einmal unternommen hat, seine Zeit zu deuten, der muss mit seiner Deutung
auch ihren Fortgang begleiten, falls sie einen solchen Fortgang gewinnt; und so
wird es mir denn zur Pflicht, vor demselben Publicum, vor welchem ich etwas als
Gegenwart bezeichnete, dasselbe als vergangen anzuerkennen, nachdem es aufgehört
hat, die Gegenwart zu sein.
    Was seine Selbstständigkeit verloren hat, hat zugleich verloren das Vermögen
einzugreifen in den Zeitfluss, und den Inhalt desselben frei zu bestimmen; es
wird ihm, wenn es in diesem Zustande verharret, seine Zeit, und es selber mit
dieser seiner Zeit, abgewickelt durch die fremde Gewalt, die über sein Schicksal
gebietet; es hat von nun an gar keine eigene Zeit mehr, sondern zählt seine
Jahre nach den Begebenheiten und Abschnitten fremder Völkerschaften und Reiche.
Es könnte sich erheben aus diesem Zustande, in welchem die ganze bisherige Welt
seinem selbsttätigen Eingreifen entrückt ist, und in dieser ihm nur der Ruhm
des Gehorchens übrigbleibt, lediglich unter der Bedingung, dass ihm eine neue
Welt aufginge, mit deren Erschaffung es einen neuen und ihm eigenen Abschnitt in
der Zeit begönne, und mit ihrer Fortbildung ihn ausfüllte; doch müsste, da es
einmal unterworfen ist fremder Gewalt, diese neue Welt also beschaffen sein,
dass sie unvernommen bliebe jener Gewalt und ihre Eifersucht auf keine Weise
erregte, ja, dass diese durch ihren eigenen Vorteil bewegt würde, der
Gestaltung einer solchen kein Hindernis in den Weg zu legen. Falls es nun eine
also beschaffene Welt, als Erzeugungsmittel eines neuen Selbst und einer neuen
Zeit, geben sollte für ein Geschlecht, das sein bisheriges Selbst, und seine
bisherige Zeit und Welt verloren hat: so käme es einer allseitigen Deutung
selbst der möglichen Zeit zu, diese also beschaffene Welt anzugeben.
    Nun halte ich meines Orts dafür, dass es eine solche Welt gebe; und es ist
der Zweck dieser Reden, Ihnen das Dasein und den wahren Eigentümer derselben
nachzuweisen, ein lebendiges Bild derselben vor Ihre Augen zu bringen, und die
Mittel ihrer Erzeugung anzugeben. In dieser Weise demnach werden diese Reden
eine Fortsetzung der ehemals gehaltenen Vorlesungen über die damals gegenwärtige
Zeit sein, indem sie entüllen werden das neue Zeitalter, das der Zerstörung des
Reichs der Selbstsucht durch fremde Gewalt unmittelbar folgen kann und soll.
    Bevor ich jedoch dieses Geschäft beginne, muss ich Sie ersuchen
vorauszusetzen, also, dass es Ihnen niemals entfalle, und einverstanden zu sein
mit mir, wo und inwiefern dies nötig ist, über die folgenden Puncte:
    1) Ich rede für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg, nicht
anerkennend, sondern durchaus bei Seite setzend und wegwerfend alle die
trennenden Unterscheidungen, welche unselige Ereignisse seit Jahrhunderten in
der einen Nation gemacht haben. Sie, E. V., sind zwar meinem leiblichen Auge die
ersten und unmittelbaren Stellvertreter, welche die geliebten Nationalzüge mir
vergegenwärtigen, und der sichtbare Brennpunct, in welchem die Flamme meiner
Rede sich entzündet; aber mein Geist versammelt den gebildeten Teil der ganzen
deutschen Nation, aus allen den Ländern, über welche er verbreitet ist, um sich
her, bedenkt und beachtet unser aller gemeinsame Lage und Verhältnisse, und
wünschet, dass ein Teil der lebendigen Kraft, mit welcher diese Reden
vielleicht Sie ergreifen, auch in dem stummen Abdrucke, welcher allein unter die
Augen der Abwesenden kommen wird, verbleibe und aus ihm atme und an allen Orten
deutsche Gemüter zu Entschluss und Tat entzünde. Bloss von Deutschen und für
Deutsche schlechtweg, sagte ich. Wir werden zu seiner Zeit zeigen, dass jedwede
andere Einheitsbezeichnung oder Nationalband entweder niemals Wahrheit und
Bedeutung hatte, oder falls es sie gehabt hätte, dass diese Vereinigungsproducte
durch unsere dermalige Lage vernichtet und uns entrissen sind, und niemals
wiederkehren können; und dass es lediglich der gemeinsame Grundzug der
Deutschheit ist, wodurch wir den Untergang unsrer Nation im Zusammenfliessen
derselben mit dem Auslande abwehren, und worin wir ein auf ihm selber ruhendes
und aller Abhängigkeit durchaus unfähiges Selbst wiederum gewinnen können. Es
wird, so wie wir dieses letztere einsehen werden, zugleich der scheinbare
Widerspruch dieser Behauptung mit anderweitigen Pflichten und für heilig
gehaltenen Angelegenheiten, den vielleicht dermalen mancher fürchtet, vollkommen
verschwinden.
    Ich werde darum, da ich ja nur von Deutschen überhaupt rede, manches, das
von den allhier versammelten nicht zunächst gilt, aussprechen als dennoch von
uns geltend, so wie ich anderes, das zunächst nur von uns gilt, aussprechen
werde als für alle Deutsche geltend. Ich erblicke in dem Geiste, dessen Ausfluss
diese Reden sind, die durcheinander verwachsene Einheit, in. der kein Glied
irgend eines anderen Gliedes Schicksal für ein ihm fremdes Schicksal hält, die
da entstehen soll und muss, wenn wir nicht ganz zu Grunde gehen sollen, - ich
erblicke diese Einheit schon als entstanden, vollendet und gegenwärtig
dastehend.
    2) Ich setze voraus solche deutsche Zuhörer, welche nicht etwa mit allem,
was sie sind, rein aufgehen in dem Gefühle des Schmerzes über den erlittenen
Verlust, und in diesem Schmerze sich wohlgefallen und an ihrer Untröstlichkeit
sich weiden, und durch dieses Gefühl sich abzufinden gedenken mit der an sie
ergehenden Aufforderung zur Tat; sondern solche, die selbst über diesen
gerechten Schmerz zu klarer Besonnenheit und Betrachtung sich schon erhoben
haben, oder wenigstens fähig sind, sich dazu zu erheben. Ich kenne jenen
Schmerz, ich habe ihn gefühlt wie einer, ich ehre ihn; die Dumpfheit, welche
zufrieden ist, wenn sie Speise und Trank findet und kein körperlicher Schmerz
ihr zugefügt wird, und für welche Ehre, Freiheit, Selbstständigkeit leere Namen
sind, ist seiner unfähig; aber auch er ist lediglich dazu da, um zu Besinnung,
Entschluss und Tat uns anzuspornen; dieses Endzwecks verfehlend, beraubt er uns
der Besinnung und aller uns noch übriggebliebenen Kräfte, und vollendet so unser
Elend; indem er noch überdies, als Zeugnis von unsrer Trägheit und Feigheit,
den sichtbaren Beweis gibt, dass wir unser Elend verdienen. Keinesweges aber
gedenke ich Sie zu erheben über diesen Schmerz durch Vertröstungen auf eine
Hülfe, die von aussenher kommen solle, und durch Verweisungen auf allerlei
mögliche Ereignisse und Veränderungen, die etwa die Zeit herbeiführen könne:
denn, falls auch nicht diese Denkart, die lieber in der wankenden Welt der
Möglichkeiten schweifen, als auf das Notwendige sich heften mag, und die ihre
Rettung lieber dem blinden Ohngefähr, als sich selber verdanken will, schon an
sich von dem sträflichsten Leichtsinne und der tiefsten Verachtung seiner selbst
zeugte, so wie sie es tut, so haben auch noch Überdies alle Vertröstungen und
Verweisungen dieser Art durchaus keine Anwendung auf unsere Lage. Es lässt sich
der strenge Beweis führen, und wir werden ihn zu seiner Zeit führen, dass kein
Mensch und kein Gott, und keines von allen im Gebiete der Möglichkeit liegenden
Ereignissen uns helfen kann, sondern dass allein wir selber uns helfen müssen,
falls uns geholfen werden soll. Vielmehr werde ich Sie zu erheben suchen über
den Schmerz durch klare Einsicht in unsere Lage, in unsere noch übriggebliebene
Kraft, in die Mittel unserer Rettung. Ich werde darum allerdings einen gewissen
Grad der Besinnung, eine gewisse Selbsttätigkeit und einige Aufopferung
anmuten, und rechne darum auf Zuhörer, denen sich soviel anmuten lässt.
Uebrigens sind die Gegenstände dieser Anmutung insgesammt leicht, und setzen
kein grösseres Maass von Kraft voraus, als man, wie ich glaube, unserem
Zeitalter zutrauen kann; was aber die Gefahr betrifft, so ist dabei durchaus
keine.
    3) Indem ich eine klare Einsicht der Deutschen, als solcher, in ihre
gegenwärtige Lage hervorzubringen gedenke: setze ich voraus Zuhörer, die da
geneigt sind, mit eigenen Augen die Dinge dieser Art zu sehen, keinesweges aber
solche, die es bequemer finden, ein fremdes und ausländisches Sehwerkzeug, das
entweder absichtlich auf Täuschung berechnet ist, oder das auch natürlich, durch
seinen andern Standpunct und durch das geringere Maass von Schärfe, niemals auf
ein deutsches Auge passt, bei Betrachtung dieser Gegenstände sich unterschieben
zu lassen. Ferner setze ich voraus, dass diese Zuhörer in dieser Betrachtung mit
eigenen Augen den Mut haben, redlich hinzusehen auf das, was da ist, und
redlich sich zu gestehen, was sie sehen, und dass sie jene häufig sich zeigende
Neigung, über die eigenen Angelegenheiten sich zu täuschen und ein weniger
unerfreuliches Bild von denselben, als mit der Wahrheit bestehen kann, sich
vorzuhalten, entweder schon besiegt haben, oder doch fähig sind, sie zu
besiegen. Jene Neigung ist ein feiges Entfliehen vor seinen eigenen Gedanken und
kindischer Sinn, der da zu glauben scheint, wenn er nur nicht sehe sein Elend,
oder wenigstens sich nicht gestehe, dass er es sehe, so werde dieses Elend
dadurch auch in der Wirklichkeit aufgehoben, wie es aufgehoben ist in seinem
Denken. Dagegen ist es mannhafte Kühnheit, das Uebel fest ins Auge zu fassen, es
zu nötigen, Stand zu halten, es ruhig, kalt und frei zu durchdringen und es
aufzulösen in seine Bestandteile. Auch wird man nur durch diese klare Einsicht
des Uebels Meister, und geht in der Bekämpfung desselben einher mit sicherem
Schritte, indem man, in jedem Teile das Ganze übersehend, immer weiss, wo man
sich befinde, und durch die einmal erlangte Klarheit seiner Sache gewiss ist;
dagegen der andere, ohne festen Leitfaden und ohne sichere Gewissheit, blind und
träumend herumtappt.
    Warum sollten wir denn auch uns scheuen vor dieser Klarheil? Das Uebel wird
durch die Unbekanntschaft damit nicht kleiner, noch durch die Erkenntnis
grösser; es wird nur heil bar durch die letztere; die Schuld aber soll hier gar
nicht vorgerückt werden. Züchtige man durch bittere Strafrede, durch beissenden
Spott, durch schneidende Verachtung die Trägheit und die Selbstsucht, und reize
sie, wenn auch zu nichts besserem, doch wenigstens zum Hasse und zur Erbitterung
gegen den Erinnerer selbst, als doch auch einer kräftigen Regung, an, - so lange
die notwendige Folge, das Uebel, noch nicht vollendet ist, und von der
Besserung noch Rettung oder Milderung sich erwarten lässt. Nachdem aber dieses
Uebel also vollendet ist, dass es uns auch die Möglichkeit auf diese Weise
fortzusündigen benimmt, wird es zwecklos und sieht aus wie Schadenfreude, gegen
die nicht mehr zu begehende Sünde noch ferner zu schelten; und die Betrachtung
fällt sodann aus dem Gebiete der Sittenlehre in das der Geschichte, für welche
die Freiheit vorüber ist und die das Geschehene als notwendigen Erfolg aus dem
Vorhergegangenen ansieht. Es bleibt für unsere Reden keine andere Ansicht der
Gegenwart übrig, als diese letzte, und wir werden darum niemals eine andere
nehmen.
    Diese Denkart also, dass man sich als Deutschen schlechtweg denke, dass man
nicht gefesselt sei selbst durch den Schmerz, dass man die Wahrheit sehen wolle,
und den Mut habe ihr ins Auge zu blicken, setze ich voraus und rechne auf sie
bei jedem Worte, das ich sagen werde, und so jemand eine andere in diese
Versammlung mitbrächte, so würde derselbe die unangenehmen Empfindungen, die ihm
hier gemacht werden könnten, lediglich sich selbst zuzuschreiben haben. Dies sei
hiermit gesagt für immer, und abgetan; und ich gehe nun an das andere Geschäft,
Ihnen den Grundinhalt aller folgenden Reden in einer allgemeinen Uebersicht
vorzulegen.
    Irgendwo, sagte ich im Eingange meiner Rede, habe die Selbstsucht durch ihre
vollständige Entwickelung sich selbst vernichtet, indem sie darüber ihr selbst
und das Vermögen, sich selbstständig ihre Zwecke zu setzen, verloren habe. Diese
nunmehr erfolgte Vernichtung der Selbstsucht war der von mir angegebene Fortgang
der Zeit, und das durchaus neue Ereignis in derselben, das nach mir eine
Fortsetzung meiner ehemaligen Schilderung der Zeit so möglich wie notwendig
machte; diese Vernichtung wäre somit unsere eigentliche Gegenwart, an welche
unser neues Leben in einer neuen Welt, deren Dasein ich gleichfalls. behauptete,
unmittelbar angeknüpft werden müsste, sie wäre daher auch der eigentliche
Ausgangspunct meiner Reden; und ich hätte vor allen Dingen zu zeigen, wie und
warum eine solche Vernichtung der Selbstsucht aus ihrer höchsten Entwickelung
notwendig erfolge.
    Bis zu ihrem höchsten Grade entwickelt ist die Selbstsucht, wenn, nachdem
sie erst mit unbedeutender Ausnahme die Gesammteit der Regierten ergriffen, sie
von diesen aus sich auch der Regierenden bemächtigt und deren alleiniger
Lebenstrieb wird. Es entsteht einer solchen Regierung zuvörderst nach aussen die
Vernachlässigung aller Bande, durch welche ihre eigene Sicherheit an die
Sicherheit anderer Staaten geknüpft ist, das Aufgeben des Ganzen, dessen Glied
sie ist, lediglich darum, damit sie nicht aus ihrer trägen Ruhe aufgestört
werde, und die traurige Täuschung der Selbstsucht, dass sie Frieden habe, so
lange nur die eigenen Grenzen nicht angegriffen sind; sodann nach innen jene
weichliche Führung der Zügel des Staats, die mit ausländischen Worten sich
Humanität, Liberalität und Popularität nennt, die aber richtiger in deutscher
Sprache Schlaffheit und ein Betragen ohne Würde zu nennen ist.
    Wenn sie auch der Regierenden sich bemächtigt, habe ich gesagt. Ein Volk
kann durchaus verdorben sein, d. i. selbstsüchtig, denn die Selbstsucht ist die
Wurzel aller andern Verderbteit, - und dennoch dabei nicht nur bestehen,
sondern sogar äusserlich glänzende Taten verrichten, wenn nur nicht seine
Regierung eben also verdirbt; ja die letztere sogar kann auch nach aussen
treulos und pflicht- und ehrvergessen handeln, wenn sie nur nach innen den Mut
hat, die Zügel des Regiments mit straffer Hand anzuhalten, und die grössere
Furcht für sich zu gewinnen. Wo aber alles ebengenannte sich vereinigt, da geht
das gemeine Wesen bei dem ersten ernstlichen Angriffe, der auf dasselbe
geschieht, zu Grunde, und so wie es selbst erst treulos sich ablöste von dem
Körper, dessen Glied es war, so lösen jetzt seine Glieder, die keine Furcht vor
ihm hält, und die die grössere Furcht vor dem Fremden treibt, mit derselben
Treulosigkeit sich ab von ihm, und gehen hin, ein jeder in das Seine. Hier
ergreift die nun vereinzelt stehenden abermals die grössere Furcht, und sie
geben in reichlicher Spende und mit erzwungen fröhlichem Gesichte dem Feinde,
was sie kärglich und äusserst unwillig dem Verteidiger des Vaterlandes gaben;
bis späterhin auch die von allen Seiten verlassenen und verratenen Regierenden
genötigt werden, durch Unterwerfung und Folgsamkeit gegen fremde Plane ihre
Fortdauer zu erkaufen; und so nun auch diejenigen, die im Kampfe für das
Vaterland die Waffen wegwarfen, unter fremden Panieren lernen, dieselben gegen
das Vaterland tapfer zu fuhren. So geschieht es, dass die Selbstsucht durch ihre
höchste Entwicklung vernichtet, und denen, die gutwillig keinen andern Zweck,
denn sich selbst, sich setzen wollten, durch fremde Gewalt ein solcher anderer
Zweck aufgedrungen wird.
    Keine Nation die in diesen Zustand der Abhängigkeit herabgesunken, kann
durch die gewöhnlichen und bisher gebrauchten Mittel sich aus demselben erheben.
War ihr Widerstand fruchtlos, als sie noch im Besitze aller ihrer Kräfte war,
was kann derselbe sodann fruchten nachdem sie des grössten Teils derselben
beraubt ist? Was vorher hätte helfen können, nämlich wenn die Regierung
derselben die Zügel kräftig und straff angehalten hätte, ist nun nicht mehr
anwendbar, nachdem diese Zügel nur noch zum Scheine in ihrer Hand ruhen, und
diese ihre Hand selbst durch eine fremde Hand gelenkt und geleitet wird. Auf
sich selbst kann eine solche Nation nicht länger rechnen, und ebensowenig kann
sie auf den Sieger rechnen. Dieser müsste ebenso unbesonnen und ebenso feige und
verzagt sein, als jene Nation selbst erst war, wenn er die errungenen Vorteile
nicht festielte und sie nicht auf alle Weise verfolgte. Oder wenn er einst im
Verlauf der Zeiten doch so unbesonnen und feige würde, so würde er zwar eben
also zu Grunde gehen wie wir, aber nicht zu unserem Vorteile, sondern er würde
die Beute eines neuen Siegers, und wir würden die sich von selbst verstehende,
wenig bedeutende Zugabe zu dieser Beute. Sollte eine so gesunkene Nation dennoch
sich retten können, so müsste dies durch ein ganz neues, bisher noch niemals
gebrauchtes Mittel, vermittelst der Erschaffung einer ganz neuen Ordnung der
Dinge, geschehen. Lassen Sie uns also sehen, welches in der bisherigen Ordnung
der Dinge der Grund war, warum es mit dieser Ordnung irgend einmal notwendig
ein Ende nehmen musste, damit wir an dem Gegenteile dieses Grundes des
Unterganges das neue Glied finden, welches in die Zeit eingefügt werden müsste,
damit an ihm die gesunkene Nation sich aufrichte zu einem neuen Leben.
    Man wird in Erforschung jenes Grundes finden, dass in allen bisherigen
Verfassungen die Teilnahme am Ganzen geknüpft war an die Teilnahme des
Einzelnen an sich selbst, vermittelst solcher Bande, die irgendwo so gänzlich
zerrissen, dass es gar keine Teilnahme für das Ganze mehr gab, - durch die
Bande der Furcht und Hoffnung für die Angelegenheit des Einzelnen aus dem
Schicksale des Ganzen, in einem künftigen und in dem gegenwärtigen Leben.
Aufklärung des nur sinnlich berechnenden Verstandes war die Kraft, welche die
Verbindung eines künftigen Lebens mit dem gegenwärtigen durch Religion aufhob,
zugleich auch andere Ergänzungs- und stellvertretende Mittel der sittlichen
Denkart, als da sind Liebe zu Ruhm und Nationalehre, als täuschende Trugbilder
begriff; die Schwäche der Regierungen war es, welche die Furcht für die
Angelegenheiten des Einzelnen aus seinem Betragen gegen das Ganze, selbst für
das gegenwärtige Leben, durch häufige Straflosigkeit der Pflichtvergessenheit
aufhob, und ebenso auch die Hoffnung unwirksam machte, indem sie dieselbe gar
oft, ohne alle Rücksicht auf Verdienste um das Ganze, nach ganz anderen Regeln
und Bewegungsgründen befriedigte. Bande solcher Art waren es, die irgendwo
gänzlich zerrissen, und durch deren Zerreissung das gemeine Wesen sich auflöste.
    Immerhin mag von nun an der Sieger das, was allein auch er kann, emsiglich
tun, nämlich den letzten Teil des Bindungsmittels, die Furcht und Hoffnung für
das gegenwärtige Leben, wiederum anknüpfen und verstärken; damit ist nur ihm
geholfen, keinesweges aber uns: denn so gewiss er seinen Vorteil versteht,
knüpft er an dieses erneute Band zu allererst nur seine Angelegenheit, die
unsrige aber nur insoweit, inwiefern die Erhaltung unserer, als Mittel für seine
Zwecke, ihm selbst zur Angelegenheit wird. Für eine so verfallene Nation ist von
nun an Furcht und Hoffnung völlig aufgehoben, indem deren Leitung ihrer Hand
entfallen ist, und sie zwar selber zu fürchten hat und zu hoffen, vor ihr aber
von nun an kein Mensch sich weiter fürchtet, oder von ihr etwas hofft; und es
bleibt ihr nichts übrig, als ein ganz anderes und neues, über Furcht und
Hoffnung erhabenes Bindungsmittel zu finden, um die Angelegenheit ihrer
Gesammteit an die Teilnahme eines jeden aus ihr für sich selber anzuknüpfen.
    Ueber den sinnlichen Antrieb der Furcht oder Hoffnung hinaus, und zunächst
an ihn angrenzend, liegt der geistige Antrieb der sittlichen Billigung oder
Misbilligung, und der höhere Affect des Wohlgefallens oder Misfallens an unserer
und anderer Zustande. So wie das an Reinlichkeit und Ordnung gewöhnte äussere
Auge durch einen Flecken, der ja unmittelbar dem Leibe keinen Schmerz zufügt,
oder durch den Anblick verworren durcheinander liegender Gegenstände dennoch
gepeinigt und geängstet wird, wie vom unmittelbaren Schmerze, indes der des
Schmutzes und der Unordnung Gewohnte sich in denselben recht wohl befindet; eben
also kann auch das innere geistige Auge des Menschen so gewöhnt und gebildet
werden, dass der blosse Anblick eines verworrenen und unordentlichen, eines
unwürdigen und ehrlosen Daseins seiner selbst und seines verbrüderten Stammes,
ohne Rücksicht auf das, was davon für sein sinnliches Wohlsein zu fürchten oder
zu hoffen sei, ihm innig wehe tue, und dass dieser Schmerz dem Besitzer eines
solchen Auges, abermals ganz unabhängig von sinnlicher Furcht oder Hoffnung,
keine Ruhe lasse, bis er, soviel an ihm ist, den ihm misfälligen Zustand
aufgehoben und den, der ihm allein gefallen kann, an seine Stelle gesetzt habe.
Im Besitzer eines solchen Auges ist die Angelegenheit des ihn umgebenden Ganzen,
durch das treibende Gefühl der Billigung oder Misbilligung, an die Angelegenheit
seines eigenen erweiterten Selbst, das nur als Teil des Ganzen sich fühlt und
nur im gefälligen Ganzen sich ertragen kann, unabtrennbar angeknüpft; die
Sichbildung zu einem solchen Auge wäre somit ein sicheres und das einzige
Mittel, das einer Nation, die ihre Selbstständigkeit und mit ihr allen Einfluss
auf die öffentliche Furcht und Hoffnung verloren hat, übrigbliebe, um aus der
erduldeten Vernichtung sich wieder ins Dasein zu erheben, und dem entstandenen
neuen und höheren Gefühle ihre Nationalangelegenheiten, die seit ihrem
Untergange kein Mensch und kein Gott weiter bedenkt, sicher anzuvertrauen. So
ergibt sich denn also, dass das Rettungsmittel, dessen Anzeige ich versprochen,
bestehe in der Bildung zu einem durchaus neuen und bisher vielleicht als
Ausnahme bei Einzelnen, niemals aber als allgemeines und nationales Selbst
dagewesenen Selbst, und in der Erziehung der Nation, deren bisheriges Leben
erloschen und Zugabe eines fremden Lebens geworden, zu einem ganz neuen Leben,
das entweder ihr ausschliessendes Besitztum bleibt, oder, falls es auch von ihr
aus an andere kommen sollte, ganz und unverringert bleibt bei unendlicher
Teilung; mit Einem Worte, eine gänzliche Veränderung des bisherigen
Erziehungswesens ist es, was ich, als das einzige Mittel die deutsche Nation im
Dasein zu erhalten, in Vorschlag bringe.
    Dass man den Kindern eine gute Erziehung geben müsse, ist auch in unserem
Zeitalter oft genug gesagt und bis zum Ueberdrusse wiederholt worden, und es
wäre ein geringes, wenn auch wir unseres Ortes dies gleichfalls einmal sagen
wollten. Vielmehr wird uns, so wir ein anderes zu vermögen glauben, obliegen,
genau und bestimmt zu untersuchen, was eigentlich der bisherigen Erziehung
gefehlt habe, und anzugeben, welches durchaus neue Glied die veränderte
Erziehung der bisherigen Menschenbildung hinzufügen müsse.
    Man muss nach einer solchen Untersuchung der bisherigen Erziehung
zugestehen, dass sie nicht ermangelt, irgend ein Bild von religiöser,
sittlicher, gesetzlicher Denkart und von allerhand Ordnung und guter Sitte vor
das Auge ihrer Zöglinge zu bringen, auch dass sie hier und da dieselben
getreulich ermahnt habe, jenen Bildern in ihrem Leben einen Abdruck zu geben;
aber mit höchst seltenen Ausnahmen, die somit nicht durch diese Erziehung
begründet waren, indem sie sodann an allen durch diese Bildung
Hindurchgegangenen, und als die Regel, hätten eintreten müssen, sondern die
durch andere Ursachen herbeigeführt worden, - mit diesen höchst seltenen
Ausnahmen, sage ich, haben die Zöglinge dieser Erziehung insgesammt nicht jenen
sittlichen Vorstellungen und Ermahnungen, sondern sie haben den Antrieben ihrer,
ihnen natürlich und ohne alle Beihülfe der Erziehungskunst erwachsenden
Selbstsucht gefolgt; zum unwidersprechlichen Beweise, dass diese Erziehungskunst
zwar wohl das Gedächtnis mit einigen Worten und Redensarten, und die kalte und
teilnehmungslose Phantasie mit einigen matten und blassen Bildern anzufüllen
vermocht, dass es ihr aber niemals gelungen, ihr Gemälde einer sittlichen
Weltordnung bis zu der Lebhaftigkeit zu steigern, dass ihr Zögling von der
heissen Liebe und Sehnsucht dafür, und von dem glühenden Affecte, der zur
Darstellung im Leben treibt, und vor welchem die Selbstsucht abfällt wie welkes
Laub, ergriffen worden; dass somit diese Erziehung weit davon entfernt gewesen
sei, bis zur Wurzel der wirklichen Lebensregung und Bewegung durchzugreifen und
diese zu bilden, indem diese vielmehr, unbeachtet von der blinden und
ohnmächtigen Erziehung, allentalben wild aufgewachsen sei, wie sie gekonnt
habe, zu guter Frucht bei wenigen durch Gott Begeisterten, zu schlechter bei der
grossen Mehrzahl. Auch ist es dermalen vollkommen hinlänglich, diese Erziehung
durch diesen ihren Erfolg zu zeichnen, und kann man für unsern Behuf sich des
mühsamen Geschäfts überheben, die inneren Säfte und Adern eines Baumes zu
zergliedern, dessen Frucht dermalen vollständig reif ist und abgefallen, und vor
aller Welt Augen liegt, und höchst deutlich und verständlich ausspricht die
innere Natur ihres Erzeugers. Der Strenge nach wäre dieser Ansicht zufolge die
bisherige Erziehung auf keine Weise die Kunst der Bildung zum Menschen gewesen,
wie sie sich denn dessen auch eben nicht gerühmt, sondern gar oft ihre Ohnmacht
durch die Forderung, ihr ein natürliches Talent oder Genie als Bedingung ihres
Erfolgs vorauszugeben, freimütig gestanden; sondern es wäre eine solche Kunst
erst zu erfinden, und die Erfindung derselben wäre die eigentliche Aufgabe der
neuen Erziehung. Das ermangelnde Durchgreifen bis in die Wurzel der Lebensregung
und Bewegung hätte diese neue Erziehung der bisherigen hinzuzufügen, und wie die
bisherige höchstens etwas am Menschen, so hätte diese den Menschen selbst zu
bilden, und ihre Bildung keinesweges wie bisher zu einem Besitztum, sondern
vielmehr zu einem persönlichen Bestandteile des Zöglings zu machen.
    Ferner wurde bisher diese also beschränkte Bildung nur an die sehr geringe
Minderzahl der eben daher gebildet genannten Stände gebracht, die grosse
Mehrzahl aber, auf welcher das gemeine Wesen recht eigentlich ruht, das Volk,
wurde von der Erziehungskunst fast ganz vernachlässigt und dem blinden Ohngefähr
übergeben. Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer
Gesammteit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern getrieben und belebt
sei durch dieselbe Eine Angelegenheit; so wir aber etwa hierbei abermals einen
gebildeten Stand, der etwa durch den neu entwickelten Antrieb der sittlichen
Billigung belebt würde, absondern wollten von einem ungebildeten, so würde
dieser letzte, da Hoffnung und Furcht, durch welche allein noch auf ihn gewirkt
werden könnte, nicht mehr für uns sondern gegen uns dienen, von uns abfallen und
uns verlorengehen. Es bleibt sonach uns nichts übrig, als schlechtin an alles
ohne Ausnahme, was deutsch ist, die neue Bildung zu bringen, so dass dieselbe
nicht Bildung eines besonderen Standes, sondern dass sie Bildung der Nation
schlechtin als solcher, und ohne alle Ausnahme einzelner Glieder derselben,
werde, in welcher, in der Bildung zum innigen Wohlgefallen am Rechten nämlich,
aller Unterschied der Stände. der in anderen Zweigen der Entwickelung auch
fernerhin stattfinden mag, völlig aufgehoben sei und verschwinde; und dass auf
diese Weise unter uns keinesweges Volkserziehung, sondern eigentümliche
deutsche Nationalerziehung entstehe.
    Ich werde Ihnen dartun, dass eine solche Erziehungskunst, wie wir sie
begehren, wirklich schon erfunden ist und ausgeübt wird, so dass wir nichts mehr
zu tun haben, als das sich uns darbietende anzunehmen, welches, sowie ich dies
oben von dem vorzuschlagenden Rettungsmittel versprach, ohne Zweifel kein
grösseres Maass von Kraft erfordert, als man bei unserem Zeitalter billig
voraussetzen kann. Ich fügte diesem Versprechen noch ein anderes bei, dass
nämlich, was die Gefahr anbelange, bei unserem Vorschlage durchaus keine sei,
indem es der eigene Vorteil der über uns gebietenden Gewalt erfordere, die
Ausführung jenes Vorschlags eher zu befördern, als zu hindern. Ich finde
zweckmässig, sogleich in dieser ersten Rede über diesen Punct mich deutlich
auszusprechen.
    Zwar sind, so in alter wie in neuer Zeit, gar häufig die Künste der
Verführung und der sittlichen Herabwürdigung der Unterworfenen als ein Mittel
der Herrschaft mit Erfolg gebraucht worden; man hat durch lügenhafte
Erdichtungen und durch künstliche Verwirrung der Begriffe und der Sprache die
Fürsten vor den Völkern, und diese vor jenen verleumdet, um die Entzweiten
sicherer zu beherrschen; man hat alle Antriebe der Eitelkeit und des Eigennutzes
listig aufgereizt und entwickelt, um die Unterworfenen verächtlich zu machen,
und so mit einer Art von gutem Gewissen sie zu zertreten: aber man würde einen
sicher zum Verderben führenden Irrtum begehen, wenn man mit uns Deutschen
diesen Weg einschlagen wollte. Das Band der Furcht und der Hoffnung abgerechnet,
beruht der Zusammenhang desjenigen Teils des Auslandes, mit dem wir dermalen in
Berührung gekommen, auf den Antrieben der Ehre und des Nationalruhms; aber die
deutsche Klarheit hat vorlängst bis zur unerschütterlichen Ueberzeugung
eingesehen, dass dieses leere Trugbilder sind, und dass keine Wunde und keine
Verstümmelung des Einzelnen durch den Ruhm der ganzen Nation geheilt wird; und
wir dürften wohl, so nicht eine höhere Ansicht des Lebens an uns gebracht wird,
gefährliche Prediger dieser sehr begreiflichen und manchen Reiz bei sich
führenden Lehre werden. Ohne darum noch neues Verderben an uns zu nehmen, sind
wir schon in unserer natürlichen Beschaffenheit eine unheilbringende Beute; nur
durch die Ausführung des gemachten Vorschlages können wir eine heilbringende
werden: und so wird denn, so gewiss das Ausland seinen Vorteil versteht,
dasselbe, durch diesen selbst bewegt, uns lieber auf die letzte Weise haben
wollen, denn auf die erste.
    Insbesondere nun wendet mit diesem Vorschlage meine Rede sich an die
gebildeten Stände Deutschlands, indem sie diesen noch am ersten verständlich zu
werden hofft, und trägt zu allernächst ihnen an, sich zu den Urhebern dieser
neuen Schöpfung zu machen, und dadurch teils mit ihrer bisherigen Wirksamkeit
die Welt auszusöhnen, teils ihre Fortdauer in der Zukunft zu verdienen. Wir
werden im Fortgange dieser Reden ersehen, dass bis hierher alle Fortentwickelung
der Menschheit in der deutschen Nation vom Volke ausgegangen, und dass an dieses
immer zuerst die grossen Nationalangelegenheiten gebracht, und von ihnen besorgt
und weiter befördert worden; dass es somit jetzt zum erstenmale geschieht, dass
den gebildeten Ständen die ursprüngliche Fortbildung der Nation angetragen wird,
und dass, wenn sie diesen Antrag wirklich ergriffen, auch dies das erstemal
geschehen wurde. Wir werden ersehen, dass diese Stände nicht berechnen können,
auf wie lange Zeit es noch in ihrer Gewalt stehen werde, sich an die Spitze
dieser Angelegenheit zu stellen, indem dieselbe bis zum Vortrage an das Volk
schon beinahe vorbereitet und reif sei, und an Gliedern aus dem Volke geübt
werde, und dieses nach kurzer Zeit ohne alle unsere Beihülfe sich selbst werde
helfen können; woraus für uns bloss das erfolgen werde, dass die jetzigen
Gebildeten und ihre Nachkommen zum Volke werden, aus dem bisherigen Volke aber
ein anderer höher gebildeter Stand emporkomme.
    Nach allem ist es der allgemeine Zweck dieser Reden, Mut und Hoffnung zu
bringen in die Zerschlagenen, Freude zu verkündigen in die tiefe Trauer, übel
die Stunde der grössten Bedrängnis leicht und sanft hinüberzuleiten. Die Zeit
erscheint mir wie ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein
Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert, und seinen Blick
nicht loszureissen vermag von der ehedem so geliebten Hülle, und verzweifelnd
alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen.
Zwar haben schon die belebenden Lüfte der andern Welt, in die die abgeschiedene
eingetreten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit warmem Liebeshauche,
zwar begrüssen sie schon freudig heimliche Stimmen der Schwestern und heissen
sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach
allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu
entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese
Stimmen, oder wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren
Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt. Was ist
mit ihr zu tun? Auch die Morgenröte der neuen Welt ist schon angebrochen, und
vergoldet schon die Spitzen der Berge, und bildet vor den Tag, der da kommen
soll. Ich will, so ich es kann, die Strahlen dieser Morgenröte fassen und sie
verdichten zu einem Spiegel, in welchem die trostlose Zeit sich erblicke, damit
sie glaube, dass sie noch da ist, und in ihm ihr wahrer Kern sich ihr darstelle,
und die Entfaltungen und Gestaltungen desselben in einem weissagenden Gesichte
vor ihr vorübergehen. In diese Anschauung hinein wird ihr denn ohne Zweifel auch
das Bild ihres bisherigen Lebens versinken und verschwinden, und der Todte wird
ohne übermässiges Wehklagen zu seiner Ruhestätte gebracht werden können.
 
                                  Zweite Rede
                  Vom Wesen der neuen Erziehung im Allgemeinen
    Das von mir vorgeschlagene Erhaltungsmittel einer deutschen Nation
überhaupt, zu dessen klarer Einsicht diese Reden zunächst Sie, und nebst Ihnen
die ganze Nation führen möchten, geht als ein solches Mittel hervor aus der
Beschaffenheit der Zeit sowie der deutschen Nationaleigentümlichkeiten, sowie
dieses Mittel wiederum eingreifen soll in Zeit und Bildung der
Nationaleigentümlichkeiten. Es ist somit dieses Mittel nicht eher vollkommen
klar und verständlich gemacht, als bis es mit diesen und diese mit ihm
zusammengehalten, und beide in vollkommener gegenseitiger Durchdringung
dargestellt sind, welche Geschäfte einige Zeit erfordern, und so die vollkommene
Klarheit nur am Ende unserer Reden zu erwarten ist. Da wir jedoch bei irgend
einem einzelnen Teile anfangen müssen, so wird es am zweckmässigsten sein,
zuvörderst jenes Mittel selbst, abgesondert von seinen Umgebungen in Zeit und
Raum, für sich in seinem inneren Wesen zu betrachten und so soll denn diesem
Geschäfte unsere heutige und nächstfolgende Rede gewidmet sein.
    Das angegebene Mittel war eine durchaus neue und vorher noch nie also bei
irgend einer Nation dagewesene Nationalerziehung der Deutschen. Diese neue
Erziehung wurde schon in der vorigen Rede zur Unterscheidung von der bisher
üblichen also bezeichnet: die bisherige Erziehung habe zu guter Ordnung und
Sittlichkeit höchstens nur ermahnt, aber diese Ermahnungen seien unfruchtbar
gewesen für das wirkliche Leben, welches nach ganz anderen, dieser Erziehung
durchaus unzugänglichen Gründen sich gebildet habe. Im Gegensatze mit dieser
müsse die neue Erziehung die wirkliche Lebensregung und Bewegung ihrer Zöglinge
nach Regeln sicher und ohnfehlbar bilden und bestimmen können.
    So nun etwa hierauf jemand also gesagt hätte, wie denn auch wirklich
diejenigen, welche die bisherige Erziehung leiten, fast ohne Ausnahme also
sagen: wie könnte man denn auch irgend einer Erziehung mehr anmuten, als dass
sie dem Zöglinge das Rechte zeige und ihn getreulich zu demselben anmahne; ob er
diesen Ermahnungen folgen wolle, das sei seine eigene Sache und, wenn er es
nicht tue, seine eigene Schuld; er habe freien Willen, den keine Erziehung ihm
nehmen könne: so würde ich hierauf, um die von mir gedachte neue Erziehung noch
schärfer zu bezeichnen, antworten: dass gerade in diesem Anerkennen, und in
diesem Rechnen auf einen freien Willen des Zöglings der erste Irrtum der
bisherigen Erziehung und das deutliche Bekenntnis ihrer Ohnmacht und
Nichtigkeit liege. Denn indem sie bekennt, dass nach aller ihrer kräftigsten
Wirksamkeit der Wille dennoch frei, d. i. unentschieden schwankend zwischen
gutem und bösem bleibe, bekennt sie, dass sie den Willen, und da dieser die
eigentliche Grundwurzel des Menschen selbst ist, den Menschen selbst zu bilden,
durchaus weder vermöge, noch wolle oder begehre, und dass sie dies überhaupt für
unmöglich halte. Dagegen würde die neue Erziehung gerade darin bestehen müssen,
dass sie auf dem Boden, dessen Bearbeitung sie übernähme, die Freiheit des
Willens gänzlich vernichtete, und dagegen strenge Notwendigkeit der
Entschliessungen und die Unmöglichkeit des entgegengesetzten in dem Willen
hervorbrächte auf welchen Willen man nunmehr sicher rechnen und auf ihn sich
verlassen könnte.
    Alle Bildung strebt an die Hervorbringung eines festen, bestimmten und
beharrlichen Seins, das nun nicht mehr wird, sondern ist, und nicht anders sein
kann, denn so, wie es ist. Strebte sie nicht an ein solches Sein, so wäre sie
nicht Bildung, sondern irgend ein zweckloses Spiel; hätte sie ein solches Sein
nicht hervorgebracht, so wäre sie eben noch nicht vollendet. Wer sich noch
ermahnen muss, und ermahnt werden, das Gute zu wollen, der hat noch kein
bestimmtes und stets bereitstehendes Wollen: sondern er will sich dieses erst
jedesmal im Falle des Gebrauches machen; wer ein solches festes Wollen hat, der
will, was er will, für alle Ewigkeit, und er kann in keinem möglichen Falle
anders wollen, denn also, wie er eben immer will; für ihn ist die Freiheit des
Willens vernichtet und aufgegangen in der Notwendigkeit. Dadurch eben hat die
bisherige Zeit gezeigt, dass sie von Bildung zum Menschen weder einen rechten
Begriff, noch die Kraft hatte, diesen Begriff darzustellen: dass sie durch
ermahnende Predigten die Menschen bessern wollte, und vedriesslich ward und
schalt, wenn diese Predigten nichts fruchteten. Wie konnten sie doch fruchten?
Der Wille des Menschen hat schon vor der Ermahnung vorher, und unabhängig von
ihr, seine feste Richtung; stimmt diese zusammen mit deiner Ermahnung, so kommt
die Ermahnung zu spät, und der Mensch hätte auch ohne dieselbe getan, wozu du
ihn ermahnest; steht sie mit derselben im Widerspruche, so magst du ihn
höchstens einige Augenblicke betäuben; wie die Gelegenheit kommt, vergisst er
sich selbst und deine Ermahnung, und folgt seinem natürlichen Hange. Willst du
etwas über ihn vermögen, so musst du mehr tun, als ihn bloss anreden, du musst
ihn machen, ihn also machen, dass er gar nicht anders wollen könne, als du
willst, dass er wolle. Es ist vergebens zu sagen, fliege dem der keine Flügel
hat, und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte über den Boden
emporkommen; aber entwickele, wenn du kannst, seine geistigen Schwungfedern, und
lasse ihn dieselben Üben und kräftig machen, und er wird ohne alle dein Ermahnen
gar nicht anders mehr wollen oder können, denn fliegen.
    Diesen festen und nicht weiter schwankenden Willen muss die neue Erziehung
hervorbringen nach einer sicheren und ohne Ausnahme wirksamen Regel; sie muss
selber mit Notwendigkeit erzeugen die Notwendigkeit, die sie beabsichtiget.
Was bisher gut geworden ist, ist gut geworden durch seine natürliche Anlage,
durch welche die Einwirkung der schlechten Umgebung überwogen wurde; keinesweges
aber durch die Erziehung, denn sonst hatte alles durch dieselbe
Hindurchgegangene gut werden müssen: was da verdarb, verdarb ebensowenig durch
die Erziehung, denn sonst hätte alles durch sie Hindurchgehende verderben
müssen, sondern durch sich selber und seine natürliche Anlage; die Erziehung war
in dieser Rücksicht nur nichtig, keinesweges verderblich, das eigentliche
bildende Mittel war die geistige Natur. Aus den Händen dieser dunklen und nicht
zu berechnenden Kraft nun soll hinführo die Bildung zum Menschen unter die
Botmässigkeit einer besonnenen Kunst gebracht werden, die an allem ohne
Ausnahme, was ihr anvertraut wird, ihren Zweck sicher erreiche, oder, wo sie ihn
etwa nicht erreichte, wenigstens weiss, dass sie ihn nicht erreicht hat, und
dass somit die Erziehung noch nicht geschlossen ist Eine sichere und besonnene
Kunst, einen festen und unfehlbaren guten Willen im Menschen zu bilden, soll
also die von mir vorgeschlagene Erziehung sein, und dieses ist ihr erstes
Merkmal.
    Weiter - der Mensch kann nur dasjenige wollen, was er liebt; seine Liebe ist
der einzige, zugleich auch der unfehlbare Antrieb seines Wollens und aller
seiner Lebensregung und Bewegung. Die bisherige Staatskunst, als selbst
Erziehung des gesellschaftlichen Menschen, setzte als sichere und ohne Ausnahme
geltende Regel voraus, dass jederman sein eigenes sinnliches Wohlsein liebe und
wolle, und sie knüpfte an diese natürliche Liebe durch Furcht und Hoffnung
künstlich den guten Willen, den sie wollte, das Interesse für das gemeine Wesen.
Abgerechnet, dass bei dieser Erziehungsweise der äusserlich zum unschädlichen
oder brauchbaren Bürger gewordene dennoch innerlich ein schlechter Mensch
bleibt, denn darin eben besteht die Schlechtigkeit, dass man nur sein sinnliches
Wohlsein liebe, und nur durch Furcht oder Hoffnung für dieses, sei es nun im
gegenwärtigen oder in einem künftigen Leben, bewegt werden könne; - dieses
abgerechnet, haben wir schon oben ersehen, dass diese Maassregel für uns nicht
mehr anwendbar ist, indem Furcht und Hoffnung nicht mehr für uns, sondern gegen
uns dienen, und die sinnliche Selbstliebe auf keine Weise in unseren Vorteil
gezogen werden kann. Wir sind daher sogar durch die Not gedrungen, innerlich
und im Grunde gute Menschen bilden zu wollen, indem nur in solchen die deutsche
Nation noch fortdauern kann, durch schlechte aber notwendig mit dem Auslande
zusammenfliesst. Wir müssen darum an die Stelle jener Selbstliebe, an welche
nichts gutes für uns sich länger knüpfen lässt, eine andere Liebe, die
unmittelbar auf das Gute, schlechtweg als solches und um sein selbst willen
gehe, in den Gemütern aller, die wir zu unserer Nation rechnen wollen, setzen
und begründen.
    Die Liebe für das Gute schlechtweg als solches, und nicht etwa um seiner
Nützlichkeit willen für uns selber, trägt, wie wir schon ersehen haben, die
Gestalt des Wohlgefallens an demselben: eines so innigen Wohlgefallens, dass man
dadurch getrieben werde, es in seinem Leben darzustellen. Dieses innige
Wohlgefallen also wäre es, was die neue Erziehung als festes und unwandelbares
Sein ihres Zöglings hervorbringen müsste; worauf denn dieses Wohlgefallen durch
sich selbst den unwandelbar guten Willen desselben Zöglings als notwendig
begründen würde.
    Ein Wohlgefallen, das da treibet, einen gewissen Zustand der Dinge, der in
der Wirklichkeit nicht vorhanden ist, hervorzubringen in derselben, setzt voraus
ein Bild dieses Zustandes, das vor dem wirklichen Sein desselben vorher dem
Geiste vorschwebt, und jenes zur Ausführung treibende Wohlgefallen auf sich
ziehet. Somit setzt dieses Wohlgefallen in der Person, die von ihm ergriffen
werden soll, voraus das Vermögen, selbsttätig dergleichen Bilder, die
unabhängig seien von der Wirklichkeit, und keinesweges Nachbilder derselben,
sondern vielmehr Vorbilder, zu entwerfen. Ich habe jetzt zu allernächst von
diesem Vermögen zu sprechen, und ich bitte, während dieser Betrachtung ja nicht
zu vergessen, dass ein durch dieses Vermögen hervorgebrachtes Bild eben als
blosses Bild, und als dasjenige, worin wir unsere bildende Kraft fühlen,
gefallen könne, ohne doch darum genommen zu werden als Vorbild einer
Wirklichkeit, und ohne in dem Grade zu gefallen, dass es zur Ausführung treibe;
dass dies letztere ein ganz anderes, und unser eigentlicher Zweck ist, von dem
wir später zu reden nicht unterlassen werden, jenes nächste aber lediglich die
vorläufige Bedingung entält zur Erreichung des wahren letzten Zweckes der
Erziehung.
    Jenes Vermögen, Bilder, die keinesweges blosse Nachbilder der Wirklichkeit
seien, sondern die da fähig sind, Vorbilder derselben zu werden, selbsttätig zu
entwerfen, wäre das erste, wovon die Bildung des Geschlechtes durch die neue
Erziehung ausgehen müsste. Selbsttätig zu entwerfen, habe ich gesagt, und also,
dass der Zögling durch eigene Kraft sie sich erzeuge, keinesweges etwa, dass er
nur fähig werde, das durch die Erziehung ihm hingegebene Bild leidend
aufzufassen, es hinlänglich zu verstehen, und es, also wie es ihm gegeben ist,
zu wiederholen, als ob es nur um das Vorhandensein eines solchen Bildes zu tun
wäre Der Grund dieser Forderung der eignen Selbsttätigkeit in diesem Bilden ist
folgender: nur unter dieser Bedingung kann das entworfene Bild das tätige
Wohlgefallen des Zöglings an sich ziehen. Es ist nämlich ganz etwas anderes,
sich etwas nur gefallen zu lassen, und nichts dagegen zu haben, dergleichen
leidendes Gefallenlassen allein höchstens aus einem leidenden Hingeben entstehen
kann; wiederum aber etwas anderes, von dem Wohlgefallen an etwas also ergriffen
werden, dass dasselbe schöpferisch werde, und alle unsere Kraft zum Bilden
anrege. Von dem ersten, das in allewege in der bisherigen Erziehung wohl auch
vorkam, sprechen wir nicht, sondern von dem letzten. Dieses letzte Wohlgefallen
aber wird allein dadurch angezündet, dass die Selbsttätigkeit des Zöglings zu
gleich angereizt und an dem gegebenen Gegenstande ihm offenbar werde, um so
dieser Gegenstand nicht bloss für sich, sondern zugleich auch als ein Gegenstand
der geistigen Kraftäusserung gefalle, welche letztere unmittelbar, notwendig
und ohne alle Ausnahme wohlgefällt.
    Diese im Zöglinge zu entwickelnde Tätigkeit des geistigen Bildens ist ohne
Zweifel eine Tätigkeit nach Regeln, welche Regeln dem Tätigen kund werden, bis
zur Einsicht ihrer einzigen Möglichkeit in unmittelbarer Erfahrung an sich
selber; also diese Tätigkeit bringt hervor Erkenntnis, und zwar, allgemeiner
und ohne Ausnahme geltender Gesetze. Auch in dem von diesem Puncte aus sich
anhebenden freien Fortbilden ist unmöglich, was gegen das Gesetz unternommen
wird, und es erfolgt keine Tat, bis das Gesetz befolgt ist; wenn daher auch
diese freie Fortbildung anfangs von blinden Versuchen ausginge, so müsste sie
doch enden mit erweiterter Erkenntnis des Gesetzes. Diese Bildung ist daher in
ihrem letzten Erfolge Bildung des Erkenntnissvermögens des Zöglings, und zwar
keinesweges die historische an den stehenden Beschaffenheiten der Dinge, sondern
die höhere und philosophische, an den Gesetzen, nach denen eine solche stehende
Beschaffenheit der Dinge notwendig wird. Der Zögling lernt.
    Ich setze hinzu: der Zögling lernt gern und mit Lust, und er mag, so lange
die Spannung der Kraft vorhält, gar nichts lieber tun, denn lernen; denn er ist
selbsttätig, indem er lernt, und dazu hat er unmittelbar die allerhöchste Lust.
Wir haben hieran ein äusseres, teils unmittelbar ins Auge fallendes, teils
untrügliches Kennzeichen der wahren Erziehung gefunden, dies, dass ohne alle
Rücksicht auf die Verschiedenheit der natürlichen Anlagen und ohne alle Ausnahme
jedweder Zögling, an den diese Erziehung gebracht wird, rein um des Lernens
selbst willen, und aus keinem anderen Grunde, mit Lust und Liebe lerne. Wir
haben das Mittel gefunden, diese reine Liebe zum Lernen anzuzünden, dies, die
unmittelbare Selbsttätigkeit des Zöglings anzuregen, und diese zur Grundlage
aller Erkenntnis zu machen, also, dass an ihr gelernt werde, was gelernt wird.
    Diese eigene Tätigkeit des Zöglings in irgend einem uns bekannten Puncte
nur erst anzuregen, ist das erste Hauptstück der Kunst. Ist dieses gelungen, so
kommt es nur noch darauf an, die angeregte von diesem Puncte aus immer im
frischen Leben zu erhalten, welches allein durch regelmässiges Fortschreiten
möglich ist, und wo jeder Fehlgriff der Erziehung auf der Stelle durch Mislingen
des Beabsichtigten sich entdeckt. Wir haben also auch das Band gefunden, wodurch
der beabsichtigte Erfolg unabtrennlich angeknüpft wird an die angegebene
Wirkungsweise, das ewige und ohne alle Ausnahme waltende Grundgesetz der
geistigen Natur des Menschen, dass er geistige Tätigkeit unmittelbar anstrebe.
    Sollte jemand, durch die gewöhnliche Erfahrung unserer Tage irregeleitet,
sogar gegen das Vorhandensein eines solchen Grundgesetzes Zweifel hegen, so
merken wir für einen solchen zum Ueberflusse an, dass der Mensch von Natur
allerdings bloss sinnlich und selbstsüchtig ist, so lange die unmittelbare Not
und das gegenwärtige sinnliche Bedürfnis ihn treibt, und dass er durch kein
geistiges Bedürfnis oder irgend eine schonende Rücksicht sich abhalten lässt,
dieses zu befriedigen; dass er aber, nachdem nur diesem abgeholfen ist, wenig
Neigung hat, das schmerzhafte Bild desselben in seiner Phantasie zu bearbeiten
und es sich gegenwärtig zu erhalten, sondern dass er es weit mehr liebt, den
losgebundenen Gedanken auf die freie Betrachtung dessen, was die Aufmerksamkeit
seiner Sinne reizt, zu richten, ja dass er auch einen dichterischen Ausflug in
ideale Welten gar nicht verschmäht, indem ihm von Natur ein leichter Sinn
beiwohnt für das Zeitliche, damit sein Sinn für das Ewige einigen Spielraum zur
Entwickelung erhalte. Das letzte wird bewiesen durch die Geschichte aller alten
Völker und die mancherlei Beobachtungen und Entdeckungen, die von ihnen auf uns
gekommen sind; es wird bewiesen bis auf unsere Tage durch die Beobachtung der
noch übrigen wilden Völker, falls nämlich sie von ihrem Klima nur nicht gar zu
stiefmütterlich behandelt werden, und durch die unserer eigenen Kinder; es wird
sogar bewiesen durch das freimütige Geständnis unserer Eiferer gegen Ideale,
welche sich beklagen, dass es ein weit verdrüsslicheres Geschäft sei, Namen und
Jahreszahlen zu lernen, denn aufzufliegen in das, wie es ihnen vorkommt, leere
Feld der Ideen, welche sonach selber, wie es scheint, lieber das zweite täten,
wenn sie sichs erlauben dürften, denn das erste. Dass an die Stelle dieses
naturgemässen Leichtsinns der schwere Sinn trete, wo auch dem Gesättigten der
künftige Hunger, und die ganzen langen Reihen alles möglichen künftigen Hungers,
als das einzige seine Seele füllende, vorschweben, und ihn immerfort stacheln
und treiben, wird in unserem Zeitalter durch Kunst bewirkt, beim Knaben durch
Züchtigung seines natürlichen Leichtsinnes, beim Manne durch das Bestreben für
einen klugen Mann zu gelten, welcher Ruhm nur demjenigen zu Teil wird, der
jenen Gesichtspunct keinen Augenblick aus den Augen lässt; es ist daher dies
keinesweges Natur, auf die wir zu rechnen hätten, sondern ein der
widerstrebenden Natur mit Mühe aufgedrungenes Verderben, das da wegfällt, sowie
nur jene Mühe nicht mehr angewendet wird.
    Diese unmittelbar die geistige Selbsttätigkeit des Zöglings anregende
Erziehung erzeugt Erkenntnis, sagten wir oben; und dies gibt uns Gelegenheit,
die neue Erziehung im Gegensatze mit der bisherigen noch tiefer zu bezeichnen.
Eigentlich nämlich und unmittelbar geht die neue Erziehung nur auf Anregung
regelmässig fortschreitender Geistestätigkeit. Die Erkenntnis ergibt sich,
wie wir oben gesehen haben, nur nebenbei und als nicht aussenbleibende Folge. Ob
es daher nun zwar wohl diese Erkenntnis ist, in welcher allein das Bild für das
wirkliche Leben, das die künftige ernstliche Tätigkeit unseres zum Manne
gewordenen Zöglings anregen soll, erfasst werden kann; die Erkenntnis daher
allerdings ein wesentlicher Bestandteil der zu erlangenden Bildung ist: so kann
man dennoch nicht sagen, dass die neue Erziehung diese Erkenntnis unmittelbar
beabsichtige, sondern die Erkenntnis fällt derselben nur zu. Im Gegenteile
beabsichtigte die bisherige Erziehung geradezu Erkenntnis und ein gewisses
Maass eines Erkenntnissstoffes. Ferner ist ein grosser Unterschied zwischen der
Art der Erkenntnis, welche der neuen Erziehung nebenbei entsteht, und
derjenigen, welche die bisherige Erziehung beabsichtigte. Jener entsteht die
Erkenntnis der die Möglichkeit aller geistigen Tätigkeit bedingenden Gesetze
dieser Tätigkeit. Z. B. wenn der Zögling in freier Phantasie durch gerade
Linien einen Raum zu begrenzen versucht, so ist dies die zuerst angeregte
geistige Tätigkeit desselben. Wenn er in diesen Versuchen findet, dass er mit
weniger denn drei geraden Linien keinen Raum begrenzen könne, so ist dieses
letztere die nebenbei entstehende Erkenntnis einer zweiten ganz anderen
Tätigkeit des das zuerst angeregte freie Vermögen beschränkenden
Erkenntnissvermögens. Dieser Erziehung entsteht sonach gleich bei ihrem Beginnen
eine wahrhaft über alle Erfahrung erhabene, übersinnliche, streng notwendige
und allgemeine Erkenntnis, die alle nachher mögliche Erfahrung schon im voraus
unter sich befasst. Dagegen ging der bisherige Unterricht in der Regel nur auf
die stehenden Beschaffenheiten der Dinge, wie sie eben, ohne dass man dafür
einen Grund angeben könne, seien, und geglaubt und gemerkt werden müssten; also
auf ein bloss leidendes Auffassen durch das lediglich im Dienste der Dinge
stehende Vermögen des Gedächtnisses, wodurch es überhaupt gar nicht zur Ahnung
des Geistes, als eines selbstständigen und uranfänglichen Principes der Dinge
selber, kommen konnte. Es vermeine die neuere Pädagogik ja nicht, durch die
Berufung auf ihren oft bezeugten Abscheu gegen mechanisches Auswendiglernen und
auf ihre bekannten Meisterstücke in sokratischer Manier, gegen diesen Vorwurf
sich zu decken; denn hierauf hat sie schon längst wo anders den gründlichen
Bescheid erhalten, dass diese sokratischen Räsonnements gleichfalls nur
mechanisch auswendig gelernt werden, und dass dies ein um so gefährlicheres
Auswendiglernen ist, da es dem Zöglinge, der nicht denkt, dennoch den Schein
gibt, dass er denken könne; dass dies bei dem Stoffe, den sie zur Entwickelung
des Selbstdenkens anwenden wollte, nicht anders erfolgen konnte, und dass man
für diesen Zweck mit einem ganz anderen Stoffe anheben müsse. Aus dieser
Beschaffenheit des bisherigen Unterrichts erhellet, teils warum in der Regel
der Zögling bisher ungern, und darum langsam und spärlich lernte, und in
Ermangelung des Reizes aus dem Lernen selber fremdartige Antriebe untergelegt
werden mussten, teils geht daraus hervor der Grund von bisherigen Ausnahmen von
der Regel. Das Gedächtnis, wenn es allein, und ohne irgend einem anderen
geistigen Zwecke dienen zu sollen, in Anspruch genommen wird, ist vielmehr ein
Leiden des Gemüts, als eine Tätigkeit desselben, und es lässt sich einsehen,
dass der Zögling dieses Leiden höchst ungern übernehmen werde. Auch ist die
Bekanntschaft mit ganz fremden und nicht das mindeste Interesse für ihn habenden
Dingen und mit ihren Eigenschaften ein schlechter Ersatz für jenes ihm zugefügte
Leiden; deswegen musste seine Abneigung durch die Vertröstung auf die künftige
Nützlichkeit dieser Erkenntnisse, und dass man nur vermittelst ihrer Brot und
Ehre finden könne, und sogar durch unmittelbar gegenwärtige Strafe und Belohnung
überwunden werden; - dass somit die Erkenntnis gleich von vornherein als
Dienerin des sinnlichen Wohlseins aufgestellt wurde, und diese Erziehung, welche
in Absicht ihres Inhalts oben als bloss unkräftig für Entwicklung einer
sittlichen Denkart aufgestellt wurde, um nur an den Zögling zu gelangen, das
moralische Verderben desselben sogar pflanzen und entwickeln, und ihr Interesse
an das Interesse dieses Verderbens anknüpfen musste. Man wird ferner finden,
dass das natürliche Talent, welches, als Ausnahme von der Regel, in der Schule
dieser bisherigen Erziehung gern lernte, und deswegen gut, und durch diese in
ihm waltende höhere Liebe das moralische Verderben der Umgebung überwand und
seinen Sinn rein erhielt, durch seinen natürlichen Hang jenen Gegenständen ein
praktisches Interesse abgewann, und dass es, von seinem glücklichen Instincte
geleitet, vielmehr darauf ausging, dergleichen Erkenntnisse selbst
hervorzubringen, denn darauf, sie bloss aufzufassen; sodann, dass in Absicht der
Lehrgegenstände, mit denen, als Ausnahme von der Regel, es dieser Erziehung noch
am allgemeinsten und glücklichsten gelang, dieses insgesammt solche sind, die
sie tätig ausüben liess, so wie z.B. diejenige gelehrte Sprache, in der bis
aufs Schreiben und Reden derselben ausgegangen wurde, beinahe allgemein ziemlich
gut, dagegen diejenige andere, in der die Schreibe- und Redeübungen
vernachlässigt wurden, in der Regel sehr schlecht und oberflächlich gelernt und
in reiferen Jahren vergessen worden. Dass daher auch aus der bisherigen
Erfahrung hervorgeht, dass es allein die Entwicklung der geistigen Tätigkeit
durch den Unterricht sei, die da Lust an der Erkenntnis, rein als solcher,
hervorbringe, und so auch das Gemüt der sittlichen Bildung offen erhalte,
dagegen das bloss leidende Empfangen ebenso die Erkenntnis lähme und tödte, wie
es ihr Bedürfnis sei, den sittlichen Sinn in Grund und Boden hinein zu
verderben.
    Um wieder zurückzukehren zum Zöglinge der neuen Erziehung: es ist klar, dass
derselbe, von seiner Liebe getrieben, viel, und, da er alles in seinem
Zusammenhange fasst und das gefasste unmittelbar durch ein Tun übt, dieses
viele richtig und unvergesslich lernen werde. Doch ist dieses nur Nebensache.
Bedeutender ist, dass durch diese Liebe sein Selbst erhöhet und in eine ganz
neue Ordnung der Dinge, in welche bisher nur wenige von Gott Begünstigte von
ohngefähr kamen, besonnen und nach einer Regel eingeführt wird. Ihn treibt eine
Liebe, die durchaus nicht auf irgend einen sinnlichen Genuss ausgeht, indem
dieser als Antrieb für ihn gänzlich schweigt, sondern auf geistige Tätigkeit,
um der Tätigkeit willen, und auf das Gesetz derselben, um des Gesetzes willen.
Ob nun zwar nicht diese geistige Tätigkeit überhaupt es ist, auf welche die
Sittlichkeit geht, sondern dazu noch eine besondere Richtung jener Tätigkeit
kommen muss, so ist dennoch jene Liebe die allgemeine Beschaffenheit und Form
des sittlichen Willens; und so ist denn diese Weise der geistigen Bildung die
unmittelbare Vorbereitung zu der sittlichen; die Wurzel der Unsittlichkeit aber
rottet sie, indem sie den sinnlichen Genuss durchaus niemals Antrieb werden
lässt, gänzlich aus. Bisher war dieser Antrieb der erste, der da angeregt und
ausgebildet wurde, weil man ausserdem den Zögling gar nicht bearbeiten und
einigen Einfluss auf denselben gewinnen zu können glaubte; sollte hinterher der
sittliche Antrieb entwickelt werden, so kam derselbe zu spät und fand das Herz
schon eingenommen und angefüllt von einer anderen Liebe. Durch die neue
Erziehung soll umgekehrt die Bildung zum reinen Wollen das erste werden, damit,
wenn späterhin doch die Selbstsucht innerlich erwachen oder von aussen angeregt
werden sollte, diese zu spät komme und in dem schon von etwas anderm
eingenommenen Gemüte keinen Platz für sich finde.
    Wesentlich ist schon für diesen ersten, so wie für den demnächst
anzugebenden zweiten Zweck, dass der Zögling von Anbeginn an ununterbrochen und
ganz unter dem Einflusse dieser Erziehung stehe, und dass er von dem Gemeinen
gänzlich abgesondert und vor aller Berührung damit verwahrt werde. Dass man um
seiner Erhaltung und seines Wohlseins willen im Leben sich regen und bewegen
könne, muss er gar nicht hören, und ebensowenig, dass man um deswillen lerne,
oder dass das Lernen dazu etwas helfen könne. Es folgt daraus, dass die geistige
Entwickelung, in der oben angegebenen Weise, die einzige sein müsse, die an ihn
gebracht werde, und dass er mit derselben ohne Unterlass beschäftigt werden
müsse, dass aber keinesweges diese Weise des Unterrichts mit demjenigen, der des
entgegengesetzten sinnlichen Antriebes bedarf, abwechseln dürfe.
    Ob nun aber wohl diese geistige Entwickelung die Selbstsucht nicht zum Leben
kommen lässt und die Form eines sittlichen Willens gibt, so ist dies doch darum
noch nicht der sittliche Wille selbst; und falls die von uns vorgeschlagene neue
Erziehung nicht weiter ginge, so würde sie höchstens treffliche Bearbeiter der
Wissenschaften erziehen, deren es auch bisher gegeben hat, und deren es nur
wenige bedarf, und die für unsern eigentlichen menschlichen und nationalen Zweck
nicht mehr vermögen würden, als dergleichen Männer auch bisher vermocht haben:
ermahnen und wieder ermahnen, und sich anstaunen und nach Gelegenheit schmähen
zu lassen. Aber es ist klar, und ist auch schon oben gesagt, dass diese freie
Tätigkeit des Geistes in der Absicht entwickelt worden, damit der Zögling mit
derselben frei das Bild einer sittlichen Ordnung des wirklich vorhandenen Lebens
entwerfe, dieses Bild mit der in ihm gleichfalls schon entwickelten Liebe fasse,
und durch diese Liebe getrieben werde, dasselbe in und durch sein Leben wirklich
darzustellen. Es fragt sich, wie die neue Erziehung sich den Beweis führen
könne, dass sie diesen ihren eigentlichen und letzten Zweck an ihrem Zöglinge
erreicht habe?
    Zuvörderst ist klar, dass die schon früher an andern Gegenständen geübte
geistige Tätigkeit des Zöglings angeregt werden müsse, ein Bild von der
gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, so wie dieselbe nach dem
Vernunftgesetze schlechtin sein soll, zu entwerfen. Ob dieses vom Zöglinge
entworfene Bild richtig sei, ist von einer Erziehung, die mir selbst im Besitze
dieses richtigen Bildes sich befindet, am leichtesten zu beurteilen; ob
dasselbe durch die eigne Selbsttätigkeit des Zöglings entworfen, keinesweges
aber nur leidend aufgefasst, und der Schule gläubig nachgesagt werde, ferner, ob
es zur gehörigen Klarheit und Lebhaftigkeit gesteigert sei, wird die Erziehung
auf dieselbe Weise beurteilen können, wie sie früher in derselben Richtung bei
anderen Gegenständen ein treffendes Urteil gefällt hat. Alles dies ist noch
Sache der blossen Erkenntnis und verbleibt auf dem in dieser Erziehung sehr
zugänglichen Gebiete dieser. Eine ganz andere aber und höhere Frage ist die: ob
der Zögling also von brennender Liebe für eine solche Ordnung der Dinge
ergriffen sei, dass es ihm, der Leitung der Erziehung entlassen und
selbstständig hingestellt, schlechterdings unmöglich sein werde, diese Ordnung
nicht zu wollen, und nicht aus allen seinen Kräften für die Beförderung
derselben zu arbeiten? über welche Frage ohne Zweifel nicht Worte und in Worten
anzustellende Prüfungen, sondern allein der Anblick von Taten entscheiden
können.
    Ich löse die durch diese letzte Betrachtung uns gestellte Aufgabe also: Ohne
Zweifel werden doch die Zöglinge dieser neuen Erziehung, obwohl abgesondert von
der schon erwachsenen Gemeinheit, dennoch untereinander selbst in Gemeinschaft
leben, und so ein abgesondertes und für sich selbst bestehendes Gemeinwesen
bilden, das seine genau bestimmte, in der Natur der Dinge gegründete und von der
Vernunft durchaus geforderte Verfassung hatte. Das allererste Bild einer
geselligen Ordnung, zu dessen Entwerfung der Geist des Zöglings angeregt werde,
sei dieses der Gemeine, in der er selber lebt, also, dass er innerlich gezwungen
sei, diese Ordnung Punct für Punct gerade also sich zu bilden, wie sie wirklich
vorgezeichnet ist, und dass er dieselbe in allen ihren Teilen, als durchaus
notwendig, aus ihren Gründen verstehe. Dies ist nun abermals blosses Werk der
Erkenntnis. In dieser gesellschaftlichen Ordnung muss nun im wirklichen Leben
jeder Einzelne um des Ganzen willen immerfort gar vieles unterlassen, was er,
wenn er sich allein befände, unbedenklich tun könnte; und es wird zweckmässig
sei, dass in der Gesetzgebung und in dem darauf zu bauenden Unterrichte über die
Verfassung jedem Einzelnen alle die übrigen mit einer zum Ideal gesteigerten
Ordnungsliebe vorgestellt werden, welche also vielleicht kein einziger wirklich
hat, die aber alle haben sollten; und dass somit diese Gesetzgebung einen hohen
Grad von Strenge erhalte, und der Unterlassungen gar viele auflege. Diese, als
etwas, das schlechtin sein muss und auf welchem das Bestehen der Gesellschaft
beruht, sind auf den Notfall sogar durch Furcht vor gegenwärtiger Strafe zu
erzwingen; und muss dieses Strafgesetz schlechtin ohne Schonung oder Ausnahme
vollzogen werden. Der Sittlichkeit des Zöglings geschieht durch diese Anwendung
der Furcht, als eines Triebes, gar kein Eintrag, indem hier ja nicht zum Tun
des Guten, sondern nur zur Unterlassung des in dieser Verfassung Bösen getrieben
werden soll; überdies muss im Unterrichte über die Verfassung vollkommen
verständlich gemacht werden, dass der, welcher der Vorstellung von der Strafe,
oder wohl gar der Anfrischung dieser Vorstellung durch die Erduldung der Strafe
selbst doch bedürfe, auf einer sehr niedrigen Stufe der Bildung stehe. Jedennoch
ist bei allem diesem klar, dass, da man niemals wissen kann, ob da, wo gehorcht
wird, aus Liebe zur Ordnung oder aus Furcht vor der Strafe gehorcht werde, in
diesem Umkreise der Zögling seinen guten Willen nicht äusserlich dartun, noch
die Erziehung ihn ermessen könne.
    Dagegen ist der Umkreis, wo ein solches Ermessen möglich ist, der folgende.
Die Verfassung muss nämlich ferner also eingerichtet sein, dass der Einzelne für
das Ganze nicht bloss unterlassen müsse, sondern dass er für dasselbe auch tun
und handelnd leisten könne. Ausser der geistigen Entwicklung im Lernen finden in
diesem Gemeinwesen der Zöglinge auch noch körperliche Uebungen und die
mechanischen, aber hier zum Ideale veredelten Arbeiten des Ackerbaues, und die
von mancherlei Handwerken statt. Es sei Grundregel der Verfassung, dass jedem,
der in irgend einem dieser Zweige sich hervortut, zugemutet werde, die anderen
darin unterrichten zu helfen und mancherlei Aufsichten und Verantwortlichkeiten
zu übernehmen; jedem, der irgend eine Verbesserung findet, oder die von einem
Lehrer vorgeschlagene zuerst und am klarsten begreift, dieselbe mit eigner Mühe
auszuführen, ohne dass er doch darum von seinen ohnedies sich verstehenden
persönlichen Aufgaben des Lernens und Arbeitens losgesprochen sei; dass jeder
dieser Anmutung freiwillig genüge, und nicht aus Zwang, indem es dem
Nichtwollenden auch freisteht, sie abzulehnen; dass er dafür keine Belohnung zu
erwarten habe, indem in dieser Verfassung alle in Beziehung auf Arbeit und
Genuss ganz gleich gesetzt sind, nicht einmal Lob, indem es die herrschende
Denkart ist in der Gemeinde, dass daran jeder eben nur seine Schuldigkeit tue,
sondern dass er allein geniesse die Freude an seinem Tun und Wirken für das
Ganze, und an dem Gelingen desselben, falls ihm dieses zu Teil wird. In dieser
Verfassung wird sonach aus erworbener grösserer Geschicklichkeit, und aus der
hierauf verwendeten Mühe, nur neue Mühe und Arbeit folgen, und gerade der
Tüchtigere wird oft wachen müssen, wenn andere schlafen, und nachdenken müssen,
wenn andere spielen.
    Die Zöglinge, welche, ohnerachtet ihnen dieses alles vollkommen klar und
verständlich ist, dennoch fortgesetzt und also, dass man mit Sicherheit auf sie
rechnen könne, jene erste Mühe und die aus ihr folgenden weiteren Mühen freudig
übernehmen, und in dem Gefühle ihrer Kraft und Tätigkeit stark bleiben und
stärker werden, - diese kann die Erziehung ruhig entlassen in die Welt; an ihnen
hat sie diesen ihren Zweck erreicht; in ihnen ist die Liebe angezündet und
brennt bis in die Wurzel ihrer lebendigen Regung hinein, und sie wird von nun an
weiter alles ohne Ausnahme ergreifen, was an diese Lebensregung gelangen wird;
und sie werden in dem grösseren Gemeinwesen, in das sie von nun an eintreten,
niemals etwas anderes zu sein vermögen, denn dasjenige, was sie in dem kleinen
Gemeinwesen, das sie jetzt verlassen, unverrückt und unwandelbar waren.
    Auf diese Weise ist der Zögling vollendet für die nächsten und ohne Ausnahme
eintretenden Anforderungen der Welt an ihn, und es ist geschehen, was die
Erziehung im Namen dieser Welt von ihm verlangt. Noch aber ist er nicht in sich
und für sich selber vollendet, und es ist noch nicht geschehen, das er selbst
von der Erziehung fordern kann. So wie auch diese Forderung erfüllt wird, wird
er zugleich tüchtig, den Anforderungen, die eine höhere Welt im Namen der
gegenwärtigen in besondern Fällen an ihn machen dürfte, zu genügen.
 
                                  Dritte Rede
                Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung
    Das eigentliche Wesen der in Vorschlag gebrachten neuen Erziehung, inwiefern
dieselbe in der vorigen Rede beschrieben worden, bestand darin, dass sie die
besonnene und sichere Kunst sei, den Zögling zu reiner Sittlichkeit zu bilden.
Zu reiner Sittlichkeit, sagte ich; die Sittlichkeit, zu der sie erziehet, stehet
als ein erstes, unabhängiges und selbstständiges da, das aus sich selber lebet
sein eigenes Leben; keinesweges aber, so wie die bisher oft beabsichtigte
Gesetzmässigkeit, angeknüpft ist und eingeimpft einem andern nicht sittlichen
Triebe, dessen Befriedigung es diene. Sie ist die besonnene und sichere Kunst
dieser sittlichen Erziehung, sagte ich. Sie schreitet nicht planlos und auf
gutes Glück, sondern nach einer festen und ihr wohlbekannten Regel einher, und
ist ihres Erfolges gewiss. Ihr Zögling geht zu rechter Zeit als ein festes und
unwandelbares Kunstwerk dieser ihrer Kunst hervor, das nicht etwa auch anders
gehen könne, denn also, wie es durch sie gestellt worden, und das nicht etwa
einer Nachhülfe bedürfe, sondern das durch sich selbst nach seinem eignen
Gesetze fortgeht.
    Zwar bildet diese Erziehung auch den Geist ihres Zöglings; und diese
geistige Bildung ist sogar ihr erstes, mit welchem sie ihr Geschäft anhebt. Doch
ist diese geistige Entwicklung nicht erster und selbstständiger Zweck, sondern
nur das bedingende Mittel, um sittliche Bildung an den Zögling zu bringen.
Inzwischen bleibt auch diese nur gelegentlich erworbene geistige Bildung ein aus
dem Leben des Zöglings unaustilgbarer Besitz, und die ewig fortbrennende Leuchte
seiner sittlichen Liebe. Wie gross auch, oder wie geringfügig die Summe der
Erkenntnisse sein möge, die er aus der Erziehung mitgebracht: einen Geist, der
sein ganzes Leben hindurch jedwede Wahrheit, deren Erkenntnis ihm notwendig
wird, zu fassen vermag, und welcher ebenso der Belehrung durch andere
empfänglich, als des eignen Nachdenkens fähig ohn' Unterlass bleibt, hat er von
derselben sicherlich mit davon gebracht.
    Soweit waren wir in der Beschreibung dieser neuen Erziehung in der vorigen
Rede gekommen. Wir bemerkten am Schlusse derselben, dass durch dieses alles sie
dennoch noch nicht vollendet sei, sondern noch eine andere, von den bis jetzt
aufgestellten verschiedene Aufgabe zu lösen habe; und wir gehen jetzt an das
Geschäft, diese Aufgabe näher zu bezeichnen.
    Der Zögling dieser Erziehung ist ja nicht bloss Mitglied der menschlichen
Gesellschaft hier auf dieser Erde, und für die kurze Spanne Lebens, die ihm auf
derselben vergönnt ist, sondern er ist auch, und wird ohne Zweifel von der
Erziehung anerkannt für ein Glied in der ewigen Kette eines geistigen Lebens
überhaupt, unter einer höhern gesellschaftlichen Ordnung. Ohne Zweifel muss auch
zur Einsicht in diese höhere Ordnung eine Bildung, die sein ganzes Wesen zu
umfassen sich vorgenommen hat, ihn anfahren, und so wie sie ihn leitete, ein
Bild jener sittlichen Weltordnung, die da niemals ist, sondern ewig werden soll,
durch eigne Selbsttätigkeit sich vorzuzeichnen, eben so muss sie ihn leiten,
ein Bild jener übersinnlichen Weltordnung, in der nichts wird, und die auch
niemals geworden ist, sondern die da ewig nur ist, in dem Gedanken zu entwerfen,
mit gleicher Selbsttätigkeit und also, dass er innigst verstehe und einsehe,
dass es nicht anders sein könne. Er wird, richtig geleitet, mit den Versuchen
eines solchen Bildes zu Ende kommen, und an diesem Ende finden, dass nichts
wahrhaftig dasei, ausser das Leben und zwar das geistige Leben, das da lebet in
dem Gedanken; und dass alles übrige nicht wahrhaftig dasei, sondern nur dazusein
scheine, welches Scheines aus dem Gedanken hervorgehenden Grund er gleichfalls,
sei es auch nur im allgemeinen, begreifen wird. Er wird ferner einsehen, dass
jenes allein wahrhaft daseiende geistige Leben, in den mannigfaltigen
Gestaltungen, die es nicht durch ein Ohngefähr, sondern durch ein in Gott selber
gegründetes Gesetz erhielt, wiederum Eins sei, das göttliche Leben selber,
welches göttliche Leben allein in den lebendigen Gedanken da ist und sich
offenbar macht. So wird er sein Leben, als ein ewiges Glied in der Kelte der
Offenbarung des göttlichen Lebens, und jedwedes andere geistige Leben, als eben
ein solches Glied, erkennen und heilig halten lernen; und nur in der
unmittelbaren Berührung mit Gott, und dem nicht vermittelten Ausströmen seines
Lebens aus jenem, Leben und Licht und Seligkeit; in jeder Entfernung aber aus
der Unmittelbarkeit Tod, Finsternis und Elend finden. Mit Einem Worte: diese
Entwickelung wird ihn zur Religion bilden; und diese Religion des Einwohnens
unsers Lebens in Gott soll allerdings auch in der neuen Zeit herrschen und in
derselben sorgfältig gebildet werden. Dagegen soll die Religion der alten Zeit,
die das geistige Leben von dem göttlichen abtrennte, und dem erstern nur
vermittelst eines Abfalls von dem zweiten das absolute Dasein zu verschaffen
wusste, das sie ihm zugedacht hatte, und welche Gott als Faden brauchte, um die
Selbstsucht noch über den Tod des sterblichen Leibes hinaus in andere Welten
einzuführen, und durch Furcht und Hoffnung in diesen die für die gegenwärtige
Welt schwach gebliebene zu verstärken, - diese Religion, die offenbar eine
Dienerin der Selbstsucht war, soll allerdings mit der alten Zeit zugleich zu
Grabe getragen werden; denn in der neuen Zeit bricht die Ewigkeit nicht erst
jenseits des Grabes an, sondern sie kommt ihr mitten in ihre Gegenwart hinein,
die Selbstsucht aber ist sowohl des Regiments, als des Dienstes entlassen, und
zieht demnach auch ihre Dienerschaft mit ihr ab.
    Die Erziehung zur wahren Religion ist somit das letzte Geschäft der neuen
Erziehung. Ob in der Entwerfung eines hiezu erforderlichen Bildes der
übersinnlichen Weltordnung der Zögling wahrhaft selbsttätig verfahren sei, und
ob das entworfene Bild allentalben richtig und durchaus klar und verständlich
sei, wird die Erziehung leicht, auf dieselbe Weise wie bei den übrigen
Gegenständen der Erkenntnis beurteilen können; denn auch dies bleibt auf dem
Gebiete der Erkenntnis.
    Bedeutender aber ist auch hier die Frage: wie die Erziehung ermessen und
sich die Gewährschaft leisten könne, dass diese Religionskenntnisse nicht todt
und kalt bleiben, sondern dass sie sich ausdrücken werden im wirklichen Leben
ihres Zöglings? welcher Frage die Beantwortung einer andern Frage
vorauszuschicken ist, der folgenden: wie, und auf welche Weise zeigt sich die
Religion überhaupt im Leben?
    Unmittelbar, im gewöhnlichen Leben und in einer wohlgeordneten Gesellschaft,
bedarf es der Religion durchaus nicht, um das Leben zu bilden, sondern es reicht
für diese Zwecke die wahre Sittlichkeit vollkommen hin. In dieser Rücksicht ist
also die Religion nicht praktisch, und kann und soll gar nicht praktisch werden,
sondern sie ist lediglich Erkenntnis: sie macht bloss den Menschen sich selber
vollkommen klar und verständlich, beantwortet die höchste Frage, die er
aufwerfen kann, löset ihm den letzten Widerspruch auf, und bringt so vollkommne
Einigkeit mit sich selbst und durchgeführte Klarheit in seinen Verstand. Sie ist
seine vollständige Erlösung und Befreiung von allem fremden Bande; und so ist
sie ihm denn die Erziehung, als etwas, das ihm schlechtweg und ohne weitern
Zweck gebührt, schuldig. Ein Gebiet, um als Antrieb zu wirken, erhält die
Religion nur entweder in einer höchst unsittlichen und verdorbenen Gesellschaft,
oder wenn die Wirkungssphäre des Menschen nicht innerhalb der gesellschaftlichen
Ordnung, sondern über dieselbe hinausliegt und dieselbe vielmehr immerfort neu
zu erschaffen und zu erhalten hat, wie beim Regenten, welcher in vielen Fällen
ohne Religion sein Amt gar nicht mit gutem Gewissen führen könnte. Von dem
letztern Falle ist in einer auf alle und auf die ganze Nation berechneten
Erziehung nicht die Rede. Wo in der ersten Rücksicht bei klarer Einsicht des
Verstandes in die Unverbesserlichkeit des Zeitalters dennoch unablässig
fortgearbeitet wird an demselben; wo mutig der Schweiss des Säens erduldet wird
ohne einige Aussicht auf eine Ernte; wo wohlgetan wird auch den Undankbaren,
und gesegnet werden mit Taten und Gütern diejenigen, die da fluchen, und in der
klaren Vorhersicht, dass sie abermals fluchen werden; wo nach hundertfältigem
Mislingen dennoch ausgeharret wird im Glauben und in der Liebe: da ist es nicht
die blosse Sittlichkeit, die da treibt, denn diese will einen Zweck, sondern es
ist die Religion, die Ergebung in ein höheres uns unbekanntes Gesetz, das
demütige Verstummen vor Gott, die innige Liebe zu seinem in uns ausgebrochenen
Leben, welches allein und um sein selbst willen gerettet werden soll, wo das
Auge nichts anderes zu retten sieht.
    Auf diese Weise kann die erlangte Religionseinsicht der Zöglinge der neuen
Erziehung in ihrem kleinen Gemeinwesen, in dem sie zunächst aufwachsen, nicht
praktisch werden, noch soll sie es auch. Dieses Gemeinwesen ist wohlgeordnet,
und in ihm gelingt das geschickt Unternommene immer; auch soll das noch zarte
Alter des Menschen erhalten werden in der Unbefangenheit und im ruhigen Glauben
an sein Geschlecht. Die Erkenntnis seiner Tücken bleibe vorbehalten der eignen
Erfahrung des gereiften und befestigtem Alters.
    Nur in diesem gereifteren Alter sonach und in dem ernstlich gemeinten Leben,
nachdem die Erziehung längst ihn sich selber überlassen hat, könnte der Zögling
derselben, falls seine gesellschaftlichen Verhältnisse aus der Einfachheit zu
höhern Stufen fortschreiten sollten, seiner Religionskenntniss, als eines
Antriebes, bedürfen. Wie soll nun die Erziehung, welche über diesen Punct den
Zögling, so lange er unter ihren Händen ist, nicht prüfen kann, dennoch sicher
sein können, dass, wenn nur dieses Bedürfnis eintreten werde, auch dieser
Antrieb ohnfehlbar wirken werde? Ich antworte: dadurch, dass ihr Zögling
überhaupt so gebildet ist, dass keine Erkenntnis, die er hat, in ihm todt und
kalt bleibt, wenn die Möglichkeit eintritt, dass sie ein Leben bekomme, sondern
jedwede notwendig sogleich eingreift in das Leben, so wie das Leben derselben
bedarf. Ich werde diese Behauptung sogleich noch tiefer begründen, und dadurch
den ganzen in dieser und der vorigen Rede behandelten Begriff erheben und
einfügen in ein grösseres Ganzes der Erkenntnis, welchem grösseren Ganzen
selber ich aus diesem Begriffe ein neues Licht und eine höhere Klarheit geben
werde, nachdem ich nur vorher das wahre Wesen der neuen Erziehung, deren
allgemeine Beschreibung ich soeben geschlossen habe, bestimmt werde angegeben
haben.
    Diese Erziehung erscheint nun nicht mehr, so wie im Anfange unsrer heutigen
Rede, bloss als die Kunst, den Zögling zu reiner Sittlichkeit zu bilden, sondern
sie leuchtet vielmehr ein als die Kunst, den ganzen Menschen durchaus und
vollständig zum Menschen zu bilden. Hierzu gehören zwei Hauptstücke: zuerst in
Absicht der Form, dass der wirkliche lebendige Mensch, bis in die Wurzel seines
Lebens hinein, keinesweges aber der blosse Schatten und Schemen eines Menschen
gebildet werde; sodann in Absicht des Inhalts, dass alle notwendigen
Bestandteile des Menschen ohne Ausnahme und gleichmässig ausgebildet werden.
Diese Bestandteile sind Verstand und Willen; und die Erziehung hat zu
beabsichtigen die Klarheit des ersten und die Reinheit des zweiten. Zur Klarheit
des ersten aber sind zu erheben zwei Hauptfragen: zuerst, was es sei, das der
reine Wille eigentlich wolle, und durch welche Mittel dieses Gewollte zu
erreichen sei, durch welches Hauptstück die übrigen dem Zöglinge beizubringenden
Erkenntnisse befasst werden; sodann, was dieser reine Wille in seinem Grunde und
Wesen selber sei, wodurch die Religionserkenntniss befasst wird. Die genannten
Stücke nun, entwickelt bis zum Eingreifen ins Leben, fordert die Erziehung
schlechtweg und gedenkt keinem das mindeste davon zu erlassen, denn jeder soll
eben ein Mensch sein; was jemand nun noch weiter werde, und welche besondre
Gestalt die allgemeine Menschheit in ihm annehme oder erhalte, geht die
allgemeine Erziehung nichts an, und liegt ausserhalb ihres Kreises. - Ich gehe
jetzt fort zu der versprochenen tiefern Begründung des Satzes, dass im Zöglinge
der neuen Erziehung gar keine Erkenntnis todt bleiben könne, und zu dem
Zusammenhange, in den ich alles Gesagte erheben will, vermittelst folgender
Sätze.
    1) Es gibt zufolge des Gesagten zwei durchaus verschiedene und völlig
entgegengesetzte Klassen unter den Menschen in Absicht ihrer Bildung. Gleich
zuvörderst ist alles, was Mensch ist, und so auch diese beiden Klassen, darin,
dass den mannigfaltigen Äusserungen ihres Lebens ein Trieb zum Grunde liegt,
der in allem Wechsel unverändert beharret und sich selbst gleich bleibt. - Im
Vorbeigehen: das Sichverstehen dieses Triebes und die Uebersetzung desselben in
Begriffe erzeugt die Welt, und es gibt keine andere Welt, als diese, auf diese
Weise in dem, jedoch keinesweges freien, sondern notwendigen Gedanken sich
erzeugende Welt. Dieser, immer in ein Bewusstsein zu übersetzende Trieb, worin
somit abermals die beiden Klassen einander gleich sind, kann nun auf eine
doppelte Weise, nach den zwei verschiedenen Grundarten des Bewusstseins, in
dasselbe übersetzt werden, und in dieser Weise der Uebersetzung und des sich
selbst Verstehens sind die beiden Klassen verschieden.
    Die erste, zu allererst der Zeit nach sich entwickelnde Grundart des
Bewusstseins ist die des dunklen Gefühls. Mit diesem Gefühle wird am
gewöhnlichsten und in der Regel der Grundtrieb erfasst als Liebe des Einzelnen
zu sich selbst, und zwar gibt das dunkle Gefühl dieses Selbst zunächst nur als
ein solches, das da leben will und wohl sein. Hieraus entsteht die sinnliche
Selbstsucht als wirklicher Grundtrieb und entwickelnde Kraft eines solchen, in
dieser Uebersetzung seines ursprünglichen Grundtriebes befangenen Lebens. So
lange der Mensch fortfährt also sieh zu verstehen, so lange muss er
selbstsüchtig handeln, und kann nicht anders; und diese Selbstsucht ist das
einige Beharrende, sich Gleichbleibende und sicher zu Erwartende in dem
unaufhörlichen Wandel seines Lebens. Als aussergewöhnliche Ausnahme von der
Regel kann dieses dunkle Gefühl auch das persönliche Selbst überspringen und den
Grundtrieb erfassen, als ein Verlangen nach einer dunkel gefühlten anderen
Ordnung der Dinge. Hieraus entspringt das, an anderen Orten von uns sattsam
beschriebene Leben, das da, erhaben über die Selbstsucht, durch Ideen, die zwar
dunkel sind, aber dennoch Ideen, getrieben wird, und in welchem die Vernunft als
Instinct waltet. Dieses Erfassen des Grundtriebes überhaupt nur im dunkelen
Gefühle ist der Grundzug der ersten Klasse unter den Menschen, die nicht durch
die Erziehung, sondern durch sich selbst gebildet wird, und welche Klasse
wiederum zwei Unterarten in sich fasst, die durch einen unbegreiflichen, der
menschlichen Kunst durchaus unzugänglichen Grund geschieden werden.
    Die zweite Grundart des Bewusstseins, welche in der Regel sich nicht von
selbst entwickelt, sondern in der Gesellschaft sorgfältig gepflegt werden muss,
ist die klare Erkenntnis. Würde der Grundtrieb der Menschheit in diesem
Elemente erfasst, so würde dies eine zweite, von der ersteren ganz verschiedene
Klasse von Menschen geben. Eine solche, die Grundliebe selbst erfassende
Erkenntnis lässt nun nicht, wie eine andere Erkenntnis dies wohl kann, kalt
und unteilnehmend, sondern der Gegenstand derselben wird geliebt über alles, da
dieser Gegenstand ja nur die Deutung und Uebersetzung unserer ursprünglichen
Liebe selbst ist. Andere Erkenntnis erfasst fremdes, und dieses bleibt fremd
und lässt kalt; diese erfasst den Erkennenden selbst und seine Liebe, und diese
liebt er. Ohnerachtet es nun bei beiden Klassen dieselbe ursprüngliche, nur in
anderer Gestalt erscheinende Liebe ist, die sie treibt, so kann man dennoch, von
jenem Umstande absehend, sagen, dass dort der Mensch durch dunkle Gefühle, hier
durch klare Erkenntnis getrieben werde.
    Dass nun eine solche klare Erkenntnis unmittelbar antreibend werde im
Leben, und man hierauf sicher zählen könne, hängt, wie gesagt, davon ab, dass es
die wirkliche und wahre Liebe des Menschen sei, die durch dieselbe gedeutet
werde, auch dass ihm unmittelbar klar werde, dass es also sei, und mit der
Deutung zugleich das Gefühl jener Liebe in ihm angeregt und von ihm empfunden
werde, dass daher niemals die Erkenntnis in ihm entwickelt werde, ohne dass
zugleich die Liebe es werde, indem im entgegengesetzten Falle er kalt bleiben
würde, und niemals die Liebe, ohne dass die Erkenntnis zugleich es werde, indem
im Gegenteile sein Antrieb ein dunkles Gefühl werden würde; dass daher mit
jedem Schritte seiner Bildung der ganze vereinigte Mensch gebildet werde. Ein
von der Erziehung also als ein unteilbares Ganzes immerfort behandelter Mensch
wird es auch fernerhin bleiben, und jede Erkenntnis wird ihm notwendig
Lebensantrieb werden.
    2) Indem auf diese Weise statt des dunkelen Gefühls die klare Erkenntnis zu
dem allerersten, und zu der wahren Grundlage und Ausgangspuncte des Lebens
gemacht wird, wird die Selbstsucht ganz übergangen und um ihre Entwickelung
betrogen Denn nur das dunkle Gefühl gibt dem Menschen sein Selbst, als ein
Genussbedürftiges und Schmerzscheuendes; keinesweges aber gibt es ihm also der
klare Begriff, sondern dieser zeigt es als Glied einer sittlichen Ordnung, und
es gibt eine Liebe dieser Ordnung, welche bei der Entwicklung des Begriffs
zugleich mit angezündet und entwickelt wird. Mit der Selbstsucht bekommt diese
Erziehung gar nichts zu tun, weil sie die Wurzel derselben, das dunkle Gefühl,
durch Klarheit erstickt; sie bestreitet sie nicht, ebensowenig als sie dieselbe
entwickelt, sie weiss gar nicht von ihr. Wäre es möglich, dass diese Sucht
später dennoch sich regen sollte, so würde sie das Herz schon angefüllt finden
von einer höheren Liebe, die ihr den Platz versagt.
    3) Dieser Grundtrieb des Menschen nun, wenn er in klare Erkenntnis
übersetzt wird, geht nicht auf eine schon gegebene und vorhandene Welt, welche
ja nur leidend genommen werden kann, wie sie eben ist, und in der eine zu
ursprünglich schöpferischer Tätigkeit treibende Liebe keinen Wirkungskreis für
sieh fände; sondern er geht, zur Erkenntnis gesteigert, auf eine Welt, die da
werden soll, eine apriorische, eine solche, die da zukünftig ist, und ewigfort
zukünftig bleibt. Das aller Erscheinung zu Grunde liegende göttliche Leben tritt
darum niemals ein als ein stehendes und gegebenes Sein, sondern als etwas, das
da werden soll, und nachdem ein solches, das da werden sollte, geworden ist,
wird es abermals eintreten als ein werden sollendes in alle Ewigkeit, dass daher
jenes göttliche Leben niemals eintritt in den Tod des stehenden Seins, sondern
immerfort bleibt in der Form des fortfliessenden Lebens. Die unmittelbare
Erscheinung und Offenbarung Gottes ist die Liebe; erst die Deutung dieser Liebe
durch die Erkenntnis setzt ein Sein, und zwar ein solches, das ewigfort nur
werden soll, und dieses als die einige wahre Welt, inwiefern an einer Welt
überhaupt Wahrheit ist. Dagegen ist die zweite gegebene und von uns als
vorhanden vorgefundene Welt nur der Schatten und Schemen, aus welchem die
Erkenntnis ihrer Deutung der Liebe eine feste Gestalt und einen sichtbaren Leib
erbaut; diese zweite Welt das Mittel und die Bedingung der Anschaulichkeit der
für sich selbst unsichtbaren höheren Welt. Nicht einmal in diese letztere höhere
Welt tritt Gott unmittelbar ein, sondern auch hier nur vermittelt durch die
Eine, reine, unwandelbare und gestaltlose Liebe, in welcher Liebe allein er
unmittelbar erscheint. Zu dieser Liebe tritt hinzu die anschauende Erkenntnis,
welche aus sich selber ein Bild mitbringt, in das sie den an sich unsichtbaren
Gegenstand der Liebe kleidet; widersprochen jedoch jedesmal von der Liebe, und
darum fortgetrieben zu neuer Gestaltung, welcher abermals eben also
widersprochen wird; wodurch allein nun die Liebe, welche rein für sich Eins ist,
des Fortfliessens, der Unendlichkeit und der Ewigkeit durchaus unfähig, in
dieser Verschmelzung mit der Anschauung auch ein Ewiges und Unendliches wird, so
wie diese. Das soeben erwähnte aus der Erkenntnis selbst hergegebene Bild, -
dasselbe für sich allein und noch ohne Anwendung auf die deutlich erkannte Liebe
genommen, - ist die stehende und gegebene Welt, oder die Natur. Der Wahn, dass
in diese Natur Gottes Wesen auf irgend eine Weise unmittelbar und anders, als
durch die angegebenen Zwischenglieder vermittelt, eintrete, stammt aus
Finsternis im Geiste und aus Unheiligkeit im Willen.
    4) Dass nun das dunkle Gefühl, als Auflösungsmittel der Liebe, in der Regel
ganz übersprungen und an die Stelle desselben die klare Erkenntnis als das
gewöhnliche Auflösungsmittel gesetzt werde, kann, wie schon erinnert, nur durch
eine besonnene Kunst der Erziehung des Menschen geschehen, und ist bisher nicht
also geschehen. Da nun, wie wir gleichfalls ersehen haben, auf die letzte Weise
eine von den bisherigen gewöhnlichen Menschen durchaus verschiedene Menschenart
eingeführt und als die Regel gesetzt wird, so würde durch eine solche Erziehung
allerdings eine ganz neue Ordnung der Dinge und eine neue Schöpfung beginnen. Zu
dieser neuen Gestalt würde nun die Menschheit sich selber durch sich selbst,
eben indem sie als gegenwärtiges Geschlecht sich selbst als zukünftiges
Geschlecht erzieht, erschaffen; auf die Weise, wie sie allein dies kann, durch
die Erkenntnis, als das einzige gemeinschaftliche und frei mitzuteilende, und
das wahre, die Geisterwelt zur Einheit verbindende Licht und Luft dieser Welt.
Bisher wurde die Menschheit, was sie eben wurde und werden konnte; mit diesem
Werden durch das Ohngefähr ist es vorbei; denn da, wo sie am allerweitesten sich
entwickelt hat, ist sie zu nichts worden. Soll sie nicht bleiben in diesem
Nichts, so muss sie von nun an zu allem, was sie noch weiter werden soll, sich
selbst machen. Dies sei die eigentliche Bestimmung des Menschengeschlechts auf
der Erde, sagte ich in den Vorlesungen, deren Fortsetzung diese sind, dass es
mit Freiheit sich zu dem mache, was es eigentlich ursprünglich ist. Dieses
Sichselbstmachen, im allgemeinen mit Besonnenheit und nach einer Regel, muss nun
irgendwo und irgendwann im Raume und in der Zeit einmal anheben, wodurch ein
zweiter Hauptabschnitt der freien und besonnenen Entwickelung des
Menschengeschlechtes an die Stelle des ersten Abschnittes einer nicht freien
Entwickelung treten würde. Wir sind der Meinung, dass, in Absicht der Zeit,
diese Zeit eben jetzt sei, und dass dermalen das Geschlecht in der wahren Mitte
seines Lebens auf der Erde, zwischen seinen beiden Hauptepochen stehe; in
Absicht des Raumes aber glauben wir, dass zu allernächst den Deutschen es
anzumuten sei, die neue Zeit, vorangehend und vorbildend für die übrigen, zu
beginnen.
    5) Dennoch wird auch sogar diese ganz neue Schöpfung nicht durch einen
Sprung erfolgen aus dem vorhergehenden, sondern sie ist die wahre natürliche
Fortsetzung und Folge der bisherigen Zeit, ganz besonders unter den Deutschen.
Sichtbar und, wie ich glaube, allgemein zugestanden, ging ja alles Regen und
Streben der Zeit darauf, die dunklen Gefühle zu verbannen, und allein der
Klarheit und der Erkenntnis die Herrschaft zu verschaffen. Dieses Streben ist
auch insofern vollkommen gelungen, dass das bisherige Nichts vollkommen entüllt
ist. Keinesweges soll nun dieser Trieb nach Klarheit ausgerottet oder das dumpfe
Beruhen beim dunklen Gefühle wieder herrschend werden; jener Trieb soll nur noch
weiter entwickelt und in höhere Kreise eingeführt werden, also, dass nach der
Entüllung des Nichts auch das Etwas, die bejahende und wirklich etwas setzende
Wahrheit, ebenfalls offenbar werde. Die aus dem dunkeln Gefühle stammende Welt
des gegebenen und sich durch sich selbst machenden Seins ist versunken, und sie
soll versunken bleiben; dagegen soll die aus der ursprünglichen Klarheit
stammende Welt des ewigfort aus dem Geiste zu entbindenden Seins aufstrahlen und
anbrechen in ihrem ganzen Glanze.
    Zwar dürfte die Weissagung eines neuen Lebens in solchen Formen der Zeit
sonderbar dünken, und es dürfte diese kaum den Mut haben, diese Verheissung
sich zuzueignen, wenn sie lediglich auf den ungeheuren Abstand ihrer
herrschenden Meinungen über die soeben zur Sprache gebrachten Gegenstände von
dem, was als Grundsätze der neuen Zeit ausgesprochen worden, sehen sollte. Ich
will von der Bildung, welche jedoch, als ein nicht gemein zu machendes Vorrecht,
bisher in der Regel nur die höheren Stände erhielten, die von einer
übersinnlichen Welt ganz schwieg und lediglich einige Geschicklichkeit für die
Geschäfte der sinnlichen zu bewirken strebte, als von der offenbar schlechteren,
nicht reden; sondern nur auf diejenige sehen, welche Volksbildung war, und in
einem gewissen sehr beschränkten Sinne auch Nationalerziehung genannt werden
könnte, die über eine übersinnliche Welt nicht durchaus Stillschweigen
beobachtete. Welches waren die Lehren dieser Erziehung? Wenn wir als allererste
Voraussetzung der neuen Erziehung aufstellen, dass in der Wurzel des Menschen
ein reines Wohlgefallen am Guten sei, und dass dieses Wohlgefallen so sehr
entwickelt werden könne, dass es dem Menschen unmöglich werde, das für gut
erkannte zu unterlassen, und statt dessen das für bös erkannte zu tun; so hat
dagegen die bisherige Erziehung nicht bloss angenommen, sondern auch ihre
Zöglinge von früher Jugend an belehrt, teils, dass dem Menschen eine natürliche
Abneigung gegen Gottes Gebote beiwohne, teils, dass es ihm schlechtin
unmöglich sei, dieselben zu erfüllen. Was lässt von einer solchen Belehrung,
wenn sie für Ernst genommen wird und Glauben findet, anderes sich erwarten, als
dass jeder Einzelne sich in seine nun einmal nicht abzuändernde Natur ergebe,
nicht versuche zu leisten, was ihm nun als einmal unmöglich vorgestellt ist, und
nicht besser zu sein begehre, denn er und alle übrigen zu sein vermögen; ja,
dass er sich sogar die ihm angemutete Niederträchtigkeit gefallen lasse, sich
selbst in seiner radicalen Sündhaftigkeit und Schlechtigkeit anzuerkennen, indem
diese Niederträchtigkeit vor Gott ihm als das einzige Mittel vorgestellt wird,
mit demselben sich abzufinden: und dass er, falls etwa eine solche Behauptung
wie die unserige an sein Ohr trifft, nicht anders denken könne, als dass man
bloss einen schlechten Scherz mit ihm treiben wolle, indem er allgegenwärtig
fühlt in seinem Innern, und mit den Händen greift, dass dieses nicht wahr,
sondern das Gegenteil davon allein wahr sei? Wenn wir eine von allem gegebenen
Sein ganz unabhängige und vielmehr diesem Sein selbst das Gesetz gebende
Erkenntnis annehmen, und in diese gleich vom Anbeginn jedes menschliche Kind
eintauchen, und es von nun an in dem Gebiete derselben immerfort erhalten
wollen, wogegen wir die nur historisch zu erlernende Beschaffenheit der Dinge
als eine geringfügige Nebensache, die von selbst sich ergibt, betrachten; so
treten die reifsten Früchte der bisherigen Bildung uns entgegen, und erinnern
uns, dass es ja bekanntermaassen gar keine apriorische Erkenntnis gebe, und
dass sie wohl wissen möchten, wie man erkennen könne, ausser durch Erfahrung.
Und damit diese übersinnliche und apriorische Welt auch sogar an derjenigen
Stelle sich nicht verrate, wo es gar nicht zu vermeiden schien - an der
Möglichkeit einer Erkenntnis von Gott, und selbst an Gott nicht die geistige
Selbsttätigkeit sich erhebe, sondern das leidende Hingeben alles in allem
bleibe, hat gegen diese Gefahr die bisherige Menschenbildung das kühne Mittel
gefunden, das Dasein Gottes zu einem historischen Factum zu machen, dessen
Wahrheit durch ein Zeugenverhör ausgemittelt wird.
    So verhält es sich wohl freilich; dennoch aber wolle das Zeitalter darum
nicht an sich selber verzagen. Denn diese und alle andere ähnliche Erscheinungen
sind selber nichts Selbstständiges, sondern nur Blüten und Früchte der wilden
Wurzel der alten Zeit. Gebe nur das Zeitalter sich ruhig hin der Einimpfung
einer neuen edleren und kräftigeren Wurzel, so wird die alte ersticken, und die
Blüten und Früchte derselben, denen aus jener keine weitere Nahrung zugeführt
wird, werden von selbst verwelken und abfallen. Jetzt vermag es das Zeitalter
noch gar nicht unseren Worten zu glauben, und es ist notwendig, dass ihm
dieselben vorkommen wie Mährchen. Wir wollen auch diesen Glauben nicht; wir
wollen nur Raum zum Schaffen und Handeln. Nachmals wird es sehen, und es wird
glauben seinen eigenen Augen.
    So wird z.B. jederman, der mit den Erzeugungen der letzten Zeit bekannt ist,
schon längst bemerkt haben, dass hier abermals die Sätze und Ansichten
ausgesprochen werden, welche die neuere deutsche Philosophie seit ihrer
Entstehung geprediget hat, und wiederum geprediget, weil sie eben nichts weiter
vermochte, denn zu predigen. Dass diese Predigten fruchtlos verhallet sind in
der leeren Luft, ist nun hinlänglich klar, auch ist der Grund klar, warum sie
also verhallen mussten. Nur auf Lebendiges wirkt Lebendiges; in dem wirklichen
Leben der Zeit aber ist gar keine Verwandtschaft zu dieser Philosophie, indem
diese Philosophie ihr Wesen treibet in einem Kreise, der für jene noch gar nicht
aufgegangen, und für Sinnenwerkzeuge, die jener noch nicht erwachsen sind. Sie
ist gar nicht zu Hause in diesem Zeitalter, sondern sie ist ein Vorgriff der
Zeit, und ein schon im voraus fertiges Lebenselement eines Geschlechtes, das in
demselben erst zum Lichte erwachen soll. Auf das gegenwärtige Geschlecht muss
sie Verzicht tun, damit sie aber bis dahin nicht müssig sei, so übernehme sie
dermalen die Aufgabe, das Geschlecht, zu welchem sie gehört, sich zu bilden.
Erst wie dies ihr nächstes Geschäft ihr klar geworden, wird sie friedlich und
freundlich zusammenleben können mit einem Geschlechte, das übrigens ihr nicht
gefällt. Die Erziehung, die wir bisher beschrieben haben, ist zugleich die
Erziehung für sie; wiederum kann in einem gewissen Sinne nur sie die Erzieherin
sein in dieser Erziehung; und so musste sie ihrer Verständlichkeit und
Annehmbarkeit zuvoreilen. Aber es wird die Zeit kommen, in der sie verstanden
und mit Freuden angenommen werden wird; und darum wolle das Zeitalter nicht an
sich selbst verzagen.
    Höre dieses Zeitalter ein Gesicht eines alten Sehers, das auf eine wohl
nicht weniger beklagenswerte Lage berechnet war. So sagt der Seher am Wasser
Chebar, der Tröster der Gefangenen nicht im eigenen, sondern im fremden Lande:
»Des Herrn Hand kam über mich, und führte mich hinaus im Geiste des Herrn, und
stellte mich auf ein weit Feld, das voller Gebeine lag, und er führte mich
allentalben herum, und siehe, des Gebeines lag sehr viel auf dem Felde, und
siehe, sie waren sehr verdorret. Und der Herr sprach zu mir: du Menschenkind,
meinst du wohl, dass diese Gebeine werden wieder lebendig werden? Und ich
sprach: Herr, das weissest nur du wohl. Und er sprach zu mir: Weissage von
diesen Gebeinen, und sprich zu ihnen: ihr verdorrten Gebeine, höret des Herrn
Wort. So spricht der Herr von euch verdorrten Gebeinen: ich will euch durch
Flechsen und Sehnen wieder verbinden, und Fleisch lassen über euch wachsen; und
euch mit Haut überziehen, und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig
werdet, und ihr sollet erfahren, dass ich der Herr sei. Und ich weissagte, wie
mir befohlen war, und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und regte sich,
und die Gebeine fügten sich wieder aneinander, ein jegliches an seinen Ort, und
es wuchsen darauf Adern und Fleisch, und er überzog sie mit Haut; noch aber war
kein Odem in ihnen. Und der Herr sprach zu mir: Weissage zum Winde, du
Menschenkind, und sprich zum Winde: so spricht der Herr: Wind komm herzu aus den
vier Winden, und blase an diese Getödteten, dass sie wieder lebendig werden. Und
ich weissagete, wie er mir befohlen hatte. Da kam Odem in sie, und sie wurden
wieder lebendig, und richteten sich auf ihre Füsse, und ihrer war ein sehr
grosses Heer.« Lasset immer die Bestandteile unseres höheren geistigen Lebens
ebenso ausgedorret, und ebendarum auch die Bande unserer Nationaleinheit ebenso
zerrissen, und in wilder Unordnung durcheinander zerstreut herumliegen, wie die
Todtengebeine des Sehers; lasset unter Stürmen, Regengüssen und sengendem
Sonnenscheine mehrerer Jahrhunderte dieselben gebleicht und ausgedorrt haben: -
der belebende Odem der Geisterwelt hat noch nicht aufgehört zu wehen. Er wird
auch unseres Nationalkörpers erstorbene Gebeine ergreifen und sie
aneinanderfügen, dass sie herrlich dastehen in neuem und verklärtem Leben.
 
                                  Vierte Rede
Hauptverschiedenheit zwischen den Deutschen und den übrigen Völkern germanischer
                                    Abkunft
    Das in diesen Reden vorgeschlagene Bildungsmittel eines neuen
Menschengeschlechtes müsse zu allererst von Deutschen an Deutschen angewendet
werden, und es komme dasselbe ganz eigentlich und zunächst unserer Nation zu,
ist gesagt worden. Auch dieser Satz bedarf eines Beweises, und wir werden auch
hier, so wie bisher, anheben von dem höchsten und allgemeinsten, zeigend, was
der Deutsche an und für sich, unabhängig von dem Schicksale, das ihn dermalen
betrogen hat, in seinem Grundzuge sei, und von jeher gewesen sei, seitdem er
ist; und darlegend, dass schon in diesem Grundzuge die Fähigkeit und
Empfänglichkeit einer solchen Bildung, ausschliessend vor allen anderen
europäischen Nationen, liege.
    Der Deutsche ist zuvörderst ein Stamm der Germanier überhaupt, Über welche
letztere hier hinreicht die Bestimmung anzugeben, dass sie da waren, die im
alten Europa errichtete gesellschaftliche Ordnung mit der im alten Asien
aufbewahrten wahren Religion zu vereinigen, und so an aus sich selbst eine neue
Zeit, im Gegensatze des untergegangenen Altertums, zu entwickeln. Ferner reicht
es hin, den Deutsche insbesondere nur im Gegensatye mit den anderen, neben ihm
entstandenen germanischen Völkstämmen zu bezeichnen; indem andere neueuropäische
Nationen, als z.B. die von slavischer Abstammung, sich vor dem übrigen Europa
noch nicht so klar entwickelt zu haben scheinen, dass eine bestimmte Zeichnung
von ihnen möglich sei, andere aber von der gleichen germanischen Abstammung, von
denen der sogleich anzuführende Hauptunterscheidungsgrund nicht gilt, wie die
Scandinavier, hier unbezweifelt für Deutsche genommen werden, und unter allen
den allgemeinen Folgen unserer Betrachtung mit begriffen sind.
    Vor allem voraus aber ist der jetzt insbesondere anzustellenden Betrachtung
folgende Bemerkung voranzusenden. Ich werde als Grund des erfolgten Unterschieds
in dem ursprünglich Einen Grundstamme eine Begebenheit angeben, die bloss als
Begebenheit klar und unwidersprechlich vor aller Augen liegt; ich werde sodann
einzelne Erscheinungen dieses erfolgten Unterschieds aufstellen, welche als
bloss Begebenheiten wohl einleuchtend dürften gemacht werden können. Was aber
die Verknüpfung der letzteren, als Folgen, mit dem ersten, als ihrem Grunde, und
die Ableitung der Folge aus dem Grunde betrifft, kann ich im allgemeinen nicht
auf dieselbe Klarheit und überzeugende Kraft für alle rechnen. Zwar spreche ich
auch in dieser Rücksicht nicht eben ganz neue und bisher unerhörte sätze aus,
sondern es gibt unter uns viele einzelne, die für eine solche Ansicht der Sache
entweder sehr gut vorbereitet, oder auch wohl mit derselben schon vertraut sind.
Unter der Mehrheit aber sind über den anzuregenden Gegenstand Begriffe im
Umlaufe, die von den unserigen sehr abweichen, und welche zu berichtigen, und
alle, von solchen, die keinen geübten Sinn für ein Ganzes haben, aus einzelnen
Fällen beizubringende Einwürfe zu widerlegen, die Grenze unserer Zeit und
unseres Planes bei weitem überschreiten würde. Den letzteren muss ich mich
begnügen das in dieser Rücksicht zu sagende, das in meinem gesammten Denken
nicht so einzeln und abgerissen, und nicht ohne Begründung bis in die Tiefe des
Wissens, dastehen dürfte, wie es hier sich gibt, nur als Gegenstand ihres
weiteren Nachdenkens hinzulegen. Ganz übergehen durfte ich es, noch abgerechnet
die für das Ganze nicht zu erlassende Gründlichkeit, auch schon nicht in
Rücksicht der wichtigen Folgen daraus, die sich im späteren Verlaufe unserer
Reden ergeben werden, und die ganz eigentlich zu unserem nächsten Vorhaben
gehören.
    Der zu allererst und unmittelbar der Betrachtung sieh darbietende
Unterschied zwischen den Schicksalen der Deutschen und der übrigen aus derselben
Wurzel erzeugten Stämme ist der, dass die ersten in den ursprünglichen
Wohnsitzen des Stammvolkes blieben, die letzten in andere Sitze auswanderten,
die ersten die ursprüngliche Sprache des Stammvolkes behielten und fortbildeten,
die letzten eine fremde Sprache annahmen, und dieselbe allmählig nach ihrer
Weise umgestalteten. Aus dieser frühesten Verschiedenheit müssen erst die später
erfolgten, z.B. dass im ursprünglichen Vaterlande, angemessen germanischer
Ursitte, ein Staatenbund unter einem beschränkten Oberhaupte blieb, in den
fremden Ländern mehr auf bisherige römische Weise die Verfassung in Monarchien
überging, u. dergl. erklärt werden, keinesweges aber in umgekehrter Ordnung.
    Von den angegebenen Veränderungen ist nun die erste, die Veränderung der
Heimat, ganz unbedeutend. Der Mensch wird leicht unter jedem Himmelsstriche
einheimisch, und die Volkseigentümlichkeit, weit entfernt durch den Wohnort
sehr verändert zu werden, beherrscht vielmehr diesen und verändert ihn nach
sieh. Auch ist die Verschiedenheit der Natureinflüsse in dem von Germaniern
bewohnten Himmelsstriche nicht sehr gross. Ebensowenig wolle man auf den Umstand
ein Gewicht legen, dass in den eroberten Ländern die germanische Abstammung mit
den früheren Bewohnern vermischt worden; denn Sieger, und Herrscher und Bildner
des aus der Vermischung entstehenden neuen Volkes waren doch nur die Germanen.
Ueberdies erfolgte dieselbe Mischung, die im Auslande mit Galliern, Cantabriern
u.s.w. geschah, im Mutterlande mit Slaven wohl nicht in geringerer Ausdehnung;
so dass es keinem der aus Germaniern entstandenen Völker heutzutage leichtfallen
dürfte, eine grössere Reinheit seiner Abstammung vor den übrigen darzutun.
    Bedeutender aber, und wie ich dafürhalte, einen vollkommenen Gegensatz
zwischen den Deutschen und den übrigen Völkern germanischer Abkunft begründend,
ist die zweite Veränderung, die der Sprache; und kommt es dabei, welches ich
gleich zu Anfange bestimmt aussprechen will, weder auf die besondere
Beschaffenheit derjenigen Sprache an, welche von diesem Stamme beibehalten, noch
auf die der anderen, welche von jenem anderen Stamme angenommen wird, sondern
allein darauf, dass dort eigenes behalten, hier fremdes angenommen wird; noch
kommt es an auf die vorige Abstammung derer, die eine ursprüngliche Sprache
fortsprechen, sondern nur darauf, dass diese Sprache ohne Unterbrechung
fortgesprochen werde, indem weit mehr die Menschen von der Sprache gebildet
werden, denn die Sprache von den Menschen.
    Um die Folgen eines solchen Unterschiedes in der Völkererzeugung, und die
bestimmte Art des Gegensatzes in den Nationalzügen, die aus dieser
Verschiedenheit notwendig erfolgt, klar zu machen, soweit es hier möglich und
nötig ist, muss ich Sie zu einer Betrachtung über das Wesen der Sprache
überhaupt einladen.
    Die Sprache überhaupt, und besonders die Bezeichnung der Gegenstände in
derselben durch das Lautwerden der Sprachwerkzeuge, hängt keinesweges von
willkürlichen Beschlüssen und Verabredungen ab, sondern es gibt zuvörderst ein
Grundgesetz, nach welchem jedweder Begriff in den menschlichen Sprachwerkzeugen
zu diesem, und keinem anderen Laute wird. So wie die Gegenstände sich in den
Sinnenwerkzeugen des Einzelnen mit dieser bestimmten Figur, Farbe u.s.w.
abbilden, so bilden sie sich im Werkzeuge des gesellschaftlichen Menschen, in
der Sprache, mit diesem bestimmten Laute ab. Nicht eigentlich redet der Mensch,
sondern in ihm redet die menschliche Natur, und verkündiget sich anderen seines
Gleichen. Und so müsste man sagen: die Sprache ist eine einzige und durchaus
notwendige.
    Nun mag zwar, welches das zweite ist, die Sprache in dieser ihrer Einheit
für den Menschen schlechtweg, als solchen, niemals und nirgend hervorgebrochen
sein, sondern allentalben weiter geändert und gebildet durch die Wirkungen,
welche der Himmelsstrich und häufigerer oder seltenerer Gebrauch auf die
Sprachwerkzeuge, und die Aufeinanderfolge der beobachteten und bezeichneten
Gegenstände auf die Aufeinanderfolge der Bezeichnung hatten. Jedoch findet auch
hierin nicht Willkür oder Ohngefähr, sondern strenges Gesetz statt; und es ist
notwendig, dass in einem durch die erwähnten Bedingungen also bestimmten
Sprachwerkzeuge nicht die Eine und reine Menschensprache, sondern dass eine
Abweichung davon, und zwar, dass gerade diese bestimmte Abweichung davon
hervorbreche.
    Nenne man die unter denselben äusseren Einflüssen auf das Sprachwerkzeug
stehenden, zusammenlebenden und in fortgesetzter Mitteilung ihre Sprache
fortbildenden Menschen ein Volk, so muss man sagen: die Sprache dieses Volkes
ist notwendig so wie sie ist, und nicht eigentlich dieses Volk spricht seine
Erkenntnis aus, sondern seine Erkenntnis selbst spricht sich aus aus
demselben.
    Bei allen im Fortgange der Sprache durch dieselben oben erwähnten Umstände
erfolgten Veränderungen bleibt ununterbrochen diese Gesetzmässigkeit; und zwar
für alle, die in ununterbrochener Mitteilung bleiben, und wo das von jedem
Einzelnen ausgesprochene Neue an das Gehör aller gelangt, dieselbe Eine
Gesetzmässigkeit. Nach Jahrtausenden, und nach allen den Veränderungen, welche
in ihnen die äussere Erscheinung der Sprache dieses Volkes erfahren hat, bleibt
es immer dieselbe Eine, ursprünglich also ausbrechenmüssende lebendige
Sprachkraft der Natur, die ununterbrochen durch alle Bedingungen herabgeflossen
ist, und in jeder so werden musste, wie sie ward. am Ende derselben so sein
musste, wie sie jetzt ist, und in einiger Zeit also sein wird, wie sie sodann
müssen wird. Die reinmenschliche Sprache zusammengenommen zuvörderst mit dem
Organe des Volkes, als sein erster Laut ertönte; was hieraus sich ergibt,
ferner zusammengenommen mit allen Entwickelungen, die dieser erste Laut unter
den gegebenen Umständen gewinnen musste, gibt als letzte Folge die gegenwärtige
Sprache des Volkes. Darum bleibt auch die Sprache immer dieselbe Sprache. Lasset
immer nach einigen Jahrhunderten die Nachkommen die damalige Sprache ihrer
Vorfahren nicht verstehen, weil für sie die Uebergänge verlorengegangen sind,
dennoch gibt es vom Anbeginn an einen stätigen Uebergang ohne Sprung, immer
unmerklich in der Gegenwart, und nur durch Hinzufügung neuer Uebergänge
bemerklich gemacht, und als Sprung erscheinend. Niemals ist ein Zeitpunct
eingetreten, da die Zeitgenossen aufgehört hätten sich zu verstehen, indem ihr
ewiger Vermittler und Dollmetscher die aus ihnen allen sprechende gemeinsame
Naturkraft immerfort war und blieb. So verhält es sich mit der Sprache als
Bezeichnung der Gegenstände unmittelbar sinnlicher Wahrnehmung, und dieses ist
alle menschliche Sprache anfangs. Erhebt von dieser das Volk sich zu Erfassung
des Uebersinnlichen, so vermag dieses Uebersinnliche zur beliebigen Wiederholung
und zur Vermeidung der Verwirrung mit dem Sinnlichen für den ersten Einzelnen,
und zur Mitteilung und zweckmässigen Leitung für andere, zuvörderst nicht
anders festgehalten zu werden, denn also, dass ein Selbst als Werkzeug einer
übersinnlichen Welt bezeichnet, und von demselben Selbst, als Werkzeug der
sinnlichen Welt, genau unterschieden werde - eine Seele, Gemüt und dergl. einem
körperlichen Leibe entgegengesetzt werde. Ferner könnten die verschiedenen
Gegenstände dieser übersinnlichen Welt, da sie insgesammt nur in jenem
übersinnlichen Werkzeuge erscheinen, und für dasselbe da sind, in der Sprache
nur dadurch bezeichnet werden, dass gesagt werde, ihr besonderes Verhältnis zu
ihrem Werkzeuge sei also, wie das Verhältnis der und der bestimmten sinnlichen
Gegenstände zum sinnlichen Werkzeuge, und dass in diesem Verhältnisse ein
besonderes übersinnliches einem besonderen sinnlichen gleichgesetzt, und durch
diese Gleichsetzung sein Ort im übersinnlichen Werkzeuge durch die Sprache
angedeutet werde. Weiter vermag in diesem Umkreise die Sprache nichts; sie gibt
ein sinnliches Bild des Uebersinnlichen bloss mit der Bemerkung, dass es ein
solches Bild sei; wer zur Sache selbst kommen will, muss nach der durch das Bild
ihm angegebenen Regel sein eigenes geistiges Werkzeug in Bewegung setzen. - Im
allgemeinen erhellet, dass diese sinnbildliche Bezeichnung des Uebersinnlichen
jedesmal nach der Stufe der Entwickelung des sinnlichen Erkenntnissvermögens
unter dem gegebenen Volke sich richten müsse; dass daher der Anfang und Fortgang
dieser sinnbildlichen Bezeichnung in verschiedenen Sprachen sehr verschieden
ausfallen werde, nach der Verschiedenheit des Verhältnisses, das zwischen der
sinnlichen und geistigen Ausbildung des Volkes, das eine Sprache redet,
stattgefunden, und fortwährend stattfindet.
    Wir beleben zuvörderst diese in sich klare Bemerkung durch ein Beispiel.
Etwas, das zufolge der in der vorigen Rede erklärten Erfassung des Grundtriebes
nicht erst durch das dunkle Gefühl, sondern sogleich durch klare Erkenntnis
entsteht, dergleichen jedesmal ein übersinnlicher Gegenstand ist, heisst mit
einem griechischen, auch in der deutschen Sprache häufig gebrauchten Worte eine
Idee, und dieses Wort gibt genau dasselbe Sinnbild, was in der deutschen das
Wort Gesicht, wie dieses in folgenden Wendungen der luterischen
Bibelübersetzung: ihr werdet Gesichte sehen, ihr werdet Träume haben, vorkommt.
Idee oder Gesicht in sinnlicher Bedeutung wäre etwas, das nur durch das Auge des
Leibes, keinesweges aber durch einen anderen Sinn, etwa der Betastung, des
Gehörs u.s.w. erfasst werden könnte, so wie etwa ein Regenbogen, oder die
Gestalten, welche im Traume vor uns vorübergehen. Dasselbe in übersinnlicher
Bedeutung hiesse zuvörderst, zufolge des Umkreises, in dem das Wort gellen soll,
etwas, das gar nicht durch den Leib, sondern nur durch den Geist erfasst wird;
sodann, das auch nicht durch das dunkle Gefühl des Geistes, wie manches andere,
sondern allein durch das Auge desselben, die klare Erkenntnis, erfasst werden
kann. Wollte man nun etwa ferner annehmen, dass den Griechen bei dieser
sinnbildlichen Bezeichnung allerdings der Regenbogen, und die Erscheinungen der
Art, zum Grunde gelesen, so müsste man gestehen, dass ihre sinnliche Erkenntnis
schon vorher sich zur Bemerkung des Unterschiedes zwischen den Dingen, dass
einige sich allen oder mehreren Sinnen, einige sich bloss dem Auge offenbaren,
erhoben haben müsse, und dass ausserdem sie den entwickelten Begriff, wenn er
ihnen klar geworden wäre, nicht also, sondern anders hätten bezeichnen müssen.
Es würde sodann auch ihr Vorzug in geistiger Klarheit erhellen etwa vor einem
anderen Volke, das den Unterschied zwischen sinnlichem und übersinnlichem nicht
durch ein aus dem besonnenen Zustande des Wachens hergenommenes Sinnbild habe
bezeichnen können, sondern zum Traume seine Zuflucht genommen, um ein Bild für
eine andere Welt zu finden; zugleich würde einleuchten, dass dieser Unterschied
nicht etwa durch die grössere oder geringere Stärke des Sinnes fürs
Uebersinnliche in den beiden Völkern, sondern dass er lediglich durch die
Verschiedenheit ihrer sinnlichen Klarheit, damals, als sie Uebersinnliches
bezeichnen wollten, begründet sei.
    So richtet alle Bezeichnung des Uebersinnlichen sich nach dem Umfange und
der Klarheit der sinnlichen Erkenntnis desjenigen, der da bezeichnet. Das
Sinnbild ist ihm klar und drückt ihm das Verhältnis des Begriffenen zum
geistigen Werkzeuge vollkommen verständlich aus, denn dieses Verhältnis wird
ihm erklärt durch ein anderes unmittelbar lebendiges Verhältnis zu seinem
sinnlichen Werkzeuge. Diese also entstandene neue Bezeichnung, mit aller der
neuen Klarheit, die durch diesen erweiterten Gebrauch des Zeichens die sinnliche
Erkenntnis selber bekommt, wird nun niedergelegt in der Sprache; und die
mögliche künftige übersinnliche Erkenntnis wird nun nach ihrem Verhältnisse zu
der ganzen in der gesammten Sprache niedergelegten Übersinnlichen und sinnlichen
Erkenntnis bezeichnet; und so geht es ununterbrochen fort; und so wird denn die
unmittelbare Klarheit und Verständlichkeit der Sinnbilder niemals abgebrochen,
sondern sie bleibt ein stätiger Fluss. - Ferner, da die Sprache nicht durch
Willkür vermittelt, sondern als unmittelbare Naturkraft aus dem verständigen
Leben ausbricht, so hat eine ohne Abbruch nach diesem Gesetze fortentwickelte
Sprache auch die Kraft, unmittelbar einzugreifen in das Leben und dasselbe
anzuregen. Wie die unmittelbar gegenwärtigen Dinge den Menschen bewegen, so
müssen auch die Worte einer solchen Sprache den bewegen, der sie versteht, denn
auch sie sind Dinge, keinesweges willkürliches Machwerk. So zunächst im
Sinnlichen. Nicht anders jedoch auch im Uebersinnlichen. Denn obwohl in
Beziehung auf das letztere der stätige Fortgang der Naturbeobachtung durch freie
Besinnung und Nachdenken unterbrochen wird, und hier gleichsam der unbildliche
Gott eintritt, so versetzt dennoch die Bezeichnung durch die Sprache das
Unbildliche auf der Stelle in den stätigen Zusammenhang des Bildlichen zurück;
und so bleibt auch in dieser Rücksicht der stätige Fortgang der zuerst als
Naturkraft ausgebrochnen Sprache ununterbrochen, und es tritt in den Fluss der
Bezeichnung keine Willkür ein. Es kann darum auch dem übersinnlichen Teile
einer also stätig fortentwickelten Sprache seine Leben anregende Kraft auf den,
der nur sein geistiges Werkzeug in Bewegung setzt, nicht entgehen. Die Worte
einer solchen Sprache in allen ihren Teilen sind Leben und schaffen Leben. -
Machen wir auch in Rücksicht der Entwickelung der Sprache für das Uebersinnliche
die Voraussetzung, dass das Volk dieser Sprache in ununterbrochener Mitteilung
geblieben, und dass, was Einer gedacht und ausgesprochen, bald an alle gekommen,
so gilt, was bisher im allgemeinen gesagt worden, für alle, die diese Sprache
reden. Allen, die nur denken wollen, ist das in der Sprache niedergelegte
Sinnbild klar; allen, die da wirklich denken, ist es lebendig und anregend ihr
Leben.
    So verhält es sich, sage ich, mit einer Sprache, die von dem ersten Laute
an, der in derselben ausbrach, ununterbrochen aus dem wirklichen gemeinsamen
Leben eines Volkes sich entwickelt hat, und in die niemals ein Bestandteil
gekommen, der nicht eine wirklich erlebte Anschauung dieses Volkes, und eine mit
allen übrigen Anschauungen desselben Volkes im allseitig eingreifenden
Zusammenhange stehende Anschauung ausdrückte. Lasset dem Stammvolke dieser
Sprache noch so viel Einzelne anderen Stammes und anderer Sprache einverleibt
werden; wenn es diesen nur nicht verstattet wird, den Umkreis ihrer Anschauungen
zu dem Standpuncte, von welchem von nun an die Sprache sich fortentwickele, zu
erheben: so bleiben diese stumm in der Gemeine, und ohne Einfluss auf die
Sprache, so lange, bis sie selbst in den Umkreis der Anschauungen des
Stammvolkes hineingekommen sind, und so bilden nicht sie die Sprache, sondern
die Sprache bildet sie.
    Ganz das Gegenteil aber von allem bisher Gesagten erfolgt alsdann, wenn ein
Volk, mit Aufgebung seiner eigenen Sprache eine fremde, für Übersinnliche
Bezeichnung schon sehr gebildete annimmt; und zwar nicht also, dass es sich der
Einwirkung dieser fremden Sprache ganz frei hingebe, und sich bescheide,
sprachlos zu bleiben, so lange, bis es in den Kreis der Anschauungen dieser
fremden Sprache hineingekommen; sondern also, dass es seinen eigenen
Anschauungskreis der Sprache aufdringe, und diese, von dem Standpuncte aus, wo
sie dieselbe fanden, von nun an in diesem Anschauungskreise sich fortbewegen
müsse. In Absicht des sinnlichen Teils der Sprache zwar ist diese Begebenheit
ohne Folgen. In jedem Volke müssen ja ohnedies die Kinder diesen Teil der
Sprache, gleich als ob die Zeichen willkürlich wären, lernen, und so die ganze
frühere Sprachentwickelung der Nation hierin nachholen; jedes Zeichen aber in
diesem sinnlichen Umkreise kann durch die unmittelbare Ansicht oder Berührung
des Bezeichneten vollkommen klar gemacht werden. Höchstens würde daraus folgen,
dass das erste Geschlecht eines solchen, seine Sprache ändernden Volkes als
Männer wieder in die Kinderjahre zurückzugehen genötigt gewesen; mit den
nachgeborenen aber und an den künftigen Geschlechtern war alles wieder in der
alten Ordnung. Dagegen ist diese Veränderung von den bedeutendsten Folgen in
Rücksicht des übersinnlichen Teils der Sprache. Dieser hat zwar für die ersten
Eigentümer der Sprache sich gemacht auf die bisher beschriebene Weise; für die
späteren Eroberer derselben aber entält das Sinnbild eine Vergleichung mit
einer sinnlichen Anschauung, die sie entweder schon längst, ohne die beiliegende
geistige Ausbildung, übersprungen haben, oder die sie dermalen noch nicht gehabt
haben, auch wohl niemals haben können. Das höchste, was sie hierbei tun können,
ist, dass sie das Sinnbild und die geistige Bedeutung desselben sich erklären
lassen, wodurch sie die flache und todte Geschichte einer fremden Bildung,
keinesweges aber eigene Bildung erhalten, und Bilder bekommen, die für sie weder
unmittelbar klar, noch auch lebenanregend sind, sondern völlig also willkürlich
erscheinen müssen, wie der sinnliche Teil der Sprache. Für sie ist nun, durch
diesen Eintritt der blossen Geschichte, als Erklärerin, die Sprache in Absicht
des ganzen Umkreises ihrer Sinnbildlichkeit todt, abgeschlossen, und ihr
stätiger Fortfluss abgebrochen; und obwohl über diesen Umkreis hinaus sie nach
ihrer Weise, und inwiefern dies von einem solchen Ausgangspuncte aus möglich
ist, diese Sprache wieder lebendig fortbilden mögen; so bleibt doch jener
Bestandteil die Scheidewand, an welcher der ursprüngliche Ausgang der Sprache,
als einer Naturkraft aus dem Leben, und die Rückkehr der wirklichen Sprache in
das Leben ohne Ausnahme sich bricht. Obwohl eine solche Sprache auf der
Oberfläche durch den Wind des Lebens bewegt werden, und so den Schein eines
Lebens von sich geben mag, so hat sie doch tiefer einen todten Bestandteil, und
ist, durch den Eintritt des neuen Anschauungskreises und die Abbrechung des
alten, abgeschnitten von der lebendigen Wurzel.
    Wir beleben das soeben Gesagte durch ein Beispiel; indem wir zum Behufe
dieses Beispieles noch beiläufig die Bemerkung machen, dass eine solche im
Grunde todte und unverständliche Sprache sich auch sehr leicht verdrehen und zu
allen Beschönigungen des menschlichen Verderbens misbrauchen lässt, was in einer
niemals erstorbenen nicht also möglich ist. Ich bediene mich als solchen
Beispieles der drei berüchtigten Worte: Humanität, Popularität, Liberalität.
Diese Worte, vor dem Deutschen, der keine andere Sprache gelernt hat,
ausgesprochen, sind ihm ein völlig, leerer Schall, der an nichts ihm schon
bekanntes durch Verwandtschaft des Lautes erinnert, und so aus dem Kreise seiner
Anschauung und aller möglichen Anschauung ihn vollkommen herausreisst. Reizt nun
doch etwa das unbekannte Wort durch seinen fremden, vornehmen und wohltönenden
Klang seine Aufmerksamkeit, und denkt er, was so hoch töne, müsse auch etwas
hohes bedeuten; so muss er sich diese Bedeutung ganz von vornherein, und als
etwas ihm ganz neues, erklären lassen, und kann dieser Erklärung eben nur blind
glauben, und wird so stillschweigend gewöhnt, etwas für wirklich daseiend und
würdig anzuerkennen, das er, sich selbst überlassen, vielleicht niemals des
Erwähnens wertgefunden hätte. Man glaube nicht, dass es sich mit den
neulateinischen Völkern, welche jene Worte vermeintlich als Worte ihrer
Muttersprache aussprechen, viel anders verhalte. Ohne gelehrte Ergründung des
Altertums und seiner wirklichen Sprache verstehen sie die Wurzeln dieser Wörter
ebensowenig, als der Deutsche. Hätte man nun etwa dem Deutschen statt des Wortes
Humanität das Wort Menschlichkeit, wie jenes wörtlich übersetzt werden muss,
ausgesprochen, so hätte er uns ohne weitere historische Erklärung verstanden;
aber er hätte gesagt: da ist man nicht eben viel, wenn man ein Mensch ist, und
kein wildes Tier. Also aber, wie wohl nie ein Römer gesagt hätte, würde der
Deutsche sagen, deswegen, weil die Menschheit überhaupt in seiner Sprache nur
ein sinnlicher Begriff geblieben, niemals aber wie bei den Römern zum Sinnbilde
eines übersinnlichen geworden; indem unsere Vorfahren vielleicht lange vorher
die einzelnen menschlichen Tugenden bemerkt und sinnbildlich in der Sprache
bezeichnet, ehe sie darauf gefallen, dieselben in einem Einheitsbegriffe, und
zwar als Gegensatz mit der tierischen Natur, zusammenzufassen, welches denn
auch unseren Vorfahren den Römern gegenüber zu gar keinem Tadel gereicht. Wer
nun den Deutschen dennoch dieses fremde und römische Sinnbild künstlich in die
Sprache spielen wollte, der würde ihre sittliche Denkart offenbar
herunterstimmen, indem er ihnen als etwas vorzügliches und lobenswürdiges
hingäbe, was in der fremden Sprache auch wohl ein solches sein mag, was er aber,
nach der unaustilgbaren Natur seiner Nationaleinbildungskraft, nur fasst als das
bekannte, das gar nicht zu erlassen ist. Es liesse sich vielleicht durch eine
nähere Untersuchung dartun, dass dergleichen Herabstimmungen der frühern
sittlichen Denkart durch unpassende und fremde Sinnbilder den germanischen
Stämmen, die die römische Sprache annahmen, schon zu Anfange begegnet; doch wird
hier auf diesen Umstand nicht gerade das grösste Gewicht gelegt.
    Würde ich ferner dem Deutschen statt der Wörter Popularität und Liberalität
die Ausdrücke Haschen nach Gunst beim grossen Haufen, und Entfernung vom
Sklavensinn, wie jene wörtlich übersetzt werden müssen, sagen, so bekäme
derselbe zuvörderst nicht einmal ein klares und lebhaftes sinnliches Bild,
dergleichen der frühere Römer allerdings bekam. Dieser sah alle Tage die
schmiegsame Höflichkeit des ehrgeizigen Candidaten gegen alle Welt, so wie
Ausbrüche des Sklavensinns vor Augen, und jene Worte bildeten sie ihm wieder
lebendig vor. Durch die Veränderung der Regierungsform und die Einführung des
Christentums waren schon dem spätern Römer diese Schauspiele entrissen; wie
denn überhaupt diesem, besonders durch das fremdartige Christentum, das er
weder abzuwehren, noch sich einzuverleiben vermochte, die eigne Sprache guten
Teils abzusterben anfing im eignen Munde. Wie hätte diese, schon in der eignen
Heimat halbtodte Sprache lebendig überliefert werden können an ein fremdes
Volk? Wie sollte sie es jetzt können an uns Deutsche? Was ferner das in jenen
beiden Ausdrücken liegende Sinnbild eines Geistigen betrifft, so liegt in der
Popularität schon ursprünglich eine Schlechtigkeit, die durch das Verderben der
Nation und ihrer Verfassung in ihrem Munde zur Tugend verdreht wurde. Der
Deutsche geht in diese Verdrehung, so wie sie ihm nur in seiner eignen Sprache
dargeboten wird, nimmer ein. Zur Uebersetzung der Liberalität aber dadurch, dass
ein Mensch keine Sklavenseele, oder, wenn es in die neue Sitte eingeführt wird,
keine Lakaiendenkart habe, antwortet er abermals, dass auch dies sehr wenig
gesagt heisse.
    Nun hat man aber noch ferner in diese, schon in ihrer reinen Gestalt bei den
Römern auf einer tiefen Stufe der sittlichen Bildung entstandenen, oder geradezu
eine Schlechtigkeit bezeichnenden Sinnbilder in der Fortentwicklung der
neulateinischen Sprachen den Begriff von Mangel an Ernst über die
gesellschaftlichen Verhältnisse, den des sich Wegwerfens, den der gemütlosen
Lockerheit, hineingespielt, und dieselben auch in die deutsche Sprache gebracht,
um durch das Ansehen des Altertums und des Auslandes, ganz in der Stille und
ohne dass jemand so recht deutlich merke, wovon die Rede sei, die letztgenannten
Dinge auch unter uns in Ansehen zu bringen. Dies ist von jeher der Zweck und der
Erfolg aller Einmischung gewesen: zuvörderst, aus der unmittelbaren
Verständlichkeit und Bestimmteit, die jede ursprüngliche Sprache bei sich
führt, den Hörer in Dunkel und Unverständlichkeit einzuhüllen; darauf, an den
dadurch erregten blinden Glauben desselben sich mit der nun nötig gewordenen
Erklärung zu wenden, in dieser endlich Laster und Tugend also durcheinander zu
rühren, dass es kein leichtes Geschäft ist, dieselben wieder zu sondern. Hätte
man das, was jene drei ausländischen Worte eigentlich wollen müssen, wenn sie
überhaupt etwas wollen, dem Deutschen in seinen Worten und in seinem
sinnbildlichen Kreise also ausgesprochen: Menschenfreundlichkeit, Leutseligkeit,
Edelmut, so hätte er uns verstanden; die genannten Schlechtigkeiten aber hätten
sich niemals in jene Bezeichnungen einschieben lassen. Im Umfange deutscher Rede
entsteht eine solche Einhüllung in Unverständlichkeit und Dunkel entweder aus
Ungeschickteit oder aus böser Tücke; sie ist zu vermeiden, und die Uebersetzung
in rechtes wahres Deutsch liegt als stets fertiges Hülfsmittel bereit. In den
neulateinischen Sprachen aber ist diese Unverständlichkeit natürlich und
ursprünglich, und sie ist durch gar kein Mittel zu vermeiden, indem diese
überhaupt nicht im Besitze irgend einer lebendigen Sprache, woran sie die todte
prüfen könnten, sich befinden, und, die Sache genau genommen, eine Muttersprache
gar nicht haben.
    Das an diesem einzelnen Beispiele Dargelegte, was gar leicht durch den
ganzen Umkreis der Sprache sich würde hindurchführen lassen und allentalben
also sich wieder finden würde, soll Ihnen das bis hieher Gesagte so klar machen,
als es hier werden kann. Es ist vom übersinnlichen Teile der Sprache die Rede,
vom sinnlichen zunächst und unmittelbar gar nicht. Dieser übersinnliche Teil
ist in einer immerfort lebendig gebliebenen Sprache sinnbildlich,
zusammenfassend bei jedem Schritte das Ganze des sinnlichen und geistigen, in
der Sprache niedergelegten Lebens der Nation in vollendeter Einheit, um einen,
ebenfalls nicht willkürlichen, sondern aus dem ganzen bisherigen Leben der
Nation notwendig hervorgehenden Begriff zu bezeichnen, aus welchem, und seiner
Bezeichnung, ein scharfes Auge die ganze Bildungsgeschichte der Nation
rückwärtsschreitend wieder müsste herstellen können. In einer todten Sprache
aber, in der dieser Teil, als sie noch lebte, dasselbige war, wird er durch die
Ertödtung zu einer zerrissenen Sammlung willkürlicher und durchaus nicht weiter
zu erklärender Zeichen ebenso willkürlicher Begriffe, wo mit beiden sich nichts
weiter anfangen lässt, als dass man sie eben lerne.
    Somit ist unsre nächste Aufgabe, den unterscheidenden Grundzug des Deutschen
vor den andern Völkern germanischer Abkunft zu finden, gelöst. Die
Verschiedenheit ist sogleich bei der ersten Trennung des gemeinschaftlichen
Stammes entstanden, und besteht darin, dass der Deutsche eine bis zu ihrem
ersten Ausströmen aus der Naturkraft lebendige Sprache redet, die übrigen
germanischen Stämme eine nur auf der Oberfläche sich regende, in der Wurzel aber
todte Sprache. Allein in diesen Umstand, in die Lebendigkeit und in den Tod,
setzen wir den Unterschied; keinesweges aber lassen wir uns ein auf den übrigen
innern Wert der deutschen Sprache. Zwischen Leben und Tod findet gar keine
Vergleichung statt, und das erste hat vor dem letzten unendlichen Wert; darum
sind alle unmittelbare Vergleichungen der deutschen und der neulateinischen
Sprachen durchaus nichtig, und sind gezwungen von Dingen zu reden, die der Rede
nicht wert sind. Sollte vom innern Werte der deutschen Sprache die Rede
entstehen, so müsste wenigstens eine von gleichem Range, eine ebenfalls
ursprüngliche, als etwa die griechische, den Kampfplatz betreten; unser
gegenwärtiger Zweck aber liegt tief unter einer solchen Vergleichung.
    Welchen unermesslichen Einfluss auf die ganze menschliche Entwicklung eines
Volks die Beschaffenheit seiner Sprache haben möge, der Sprache, welche den
Einzelnen bis in die geheimste Tiefe seines Gemüts bei Denken und Wollen
begleitet, und beschränkt oder beflügelt, welche die gesammte Menschenmenge, die
dieselbe redet, auf ihrem Gebiete zu einem einzigen gemeinsamen Verstande
verknüpft, welche der wahre gegenseitige Durchströmungspunct der Sinnenwelt und
der der Geister ist, und die Enden dieser beiden also in einander verschmilzt,
dass gar nicht zu sagen ist, zu welcher von beiden sie selber gehöre: wie
verschieden die Folge dieses Einflusses ausfallen möge, da, wo das Verhältnis
ist, wie Leben und Tod, lässt sich im allgemeinen erraten. Zunächst bietet sich
dar, dass der Deutsche ein Mittel hat, seine lebendige Sprache durch
Vergleichung mit der abgeschlossenen römischen Sprache, die von der seinigen im
Fortgange der Sinnbildlichkeit gar sehr abweicht, noch tiefer zu ergründen, wie
hinwiederum jene auf demselben Wege klarer zu verstehen, welches dem
Neulateiner, der im Grunde in dem Umkreise derselben Einen Sprache gefangen
bleibt, nicht also möglich ist; dass der Deutsche, indem er die römische
Stammsprache lernt, die abgestammten gewissermaassen zugleich mit erhält, und
falls er etwa die erste gründlicher lernen sollte, denn der Ausländer, welches
er aus dem angeführten Grunde gar wohl vermag, er zugleich auch dieses
Ausländers eigene Sprachen weit gründlicher verstehen und weit eigentümlicher
besitzen lernt, denn jener selbst, der sie redet; dass daher der Deutsche, wenn
er sich nur aller seiner Vorteile bedient, den Ausländer immerfort übersehen
und ihn vollkommen, sogar besser, denn er sich selbst, verstehen, und ihn nach
seiner ganzen Ausdehnung übersetzen kann; dagegen der Ausländer, ohne eine
höchst mühsame Erlernung der deutschen Sprache, den wahren Deutschen niemals
verstehen kann, und das ächt Deutsche ohne Zweifel unübersetzt lassen wird. Was
in diesen Sprachen man nur vom Ausländer selbst lernen kann, sind meistens aus
Langeweile und Grille entstandene neue Moden des Sprechens, und man ist sehr
bescheiden, wenn man auf diese Belehrungen eingeht. Meistens würde man statt
dessen ihnen zeigen können, wie sie, der Stammsprache und ihrem
Verwandlungsgesetze gemäss, sprechen sollten, und dass die neue Mode nichts
tauge und gegen die altergebrachte gute Sitte verstosse. - Jener Reichtum an
Folgen überhaupt, sowie die besondere zuletzt erwähnte Folge ergeben sich, wie
gesagt, von selbst.
    Unsere Absicht aber ist es, diese Folgen insgesammt im Ganzen, nach ihrem
Einheitsbande und aus der Tiefe zu erfassen, um dadurch eine gründliche
Schilderung des Deutschen im Gegensatze mit den übrigen germanischen Stämmen zu
gehen. Ich gebe diese Folgen vorläufig in der Kürze also an: 1) Beim Volke der
lebendigen Sprache greift die Geistesbildung ein ins Leben; beim Gegenteile
geht geistige Bildung und Leben, jedes seinen Gang für sich fort. 2) Aus
demselben Grunde ist es einem Volke der ersten Art mit aller Geistesbildung
rechter eigentlicher Ernst, und es will, dass dieselbe ins Leben eingreife;
dagegen einem von der letztern Art diese vielmehr ein genialisches Spiel ist,
mit dem sie nichts weiter wollen. Die letztern haben Geist; die erstern haben
zum Geiste auch noch Gemüt. 3) Was aus dem zweiten folgt: die erstern haben
redlichen Fleiss und Ernst in allen Dingen und sind mühsam, dagegen die letztern
sich im Geleite ihrer glücklichen Natur gehen lassen. 4) Was aus allem zusammen
folgt: in einer Nation von der ersten Art ist das grosse Volk bildsam, und die
Bildner einer solchen erproben ihre Entdeckungen an dem Volke, und wollen auf
dieses einfliessen; dagegen in einer Nation von der zweiten Art die gebildeten
Stände vom Volke sich scheiden, und des letztern nicht weiter, denn als eines
blinden Werkzeugs ihrer Pläne achten. Die weitere Erörterung dieser angegebenen
Merkmale behalte ich der folgenden Stünde vor.
 
                                  Fünfte Rede
                  Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit
    Zum Behuf einer Schilderung der Eigentümlichkeit der Deutschen ist der
Grundunterschied zwischen diesen und den andern Völkern germanischer Abkunft
angegeben worden: dass die erstern in dem ununterbrochenen Fortflusse einer aus
wirklichem Leben sich fortentwickelnden Ursprache geblieben, die letztern aber
eine ihnen fremde Sprache angenommen, die unter ihrem Einflusse ertödtet worden.
Wir haben zu Ende der vorigen Stunde andre Erscheinungen an diesen also
verschiedenen Volksstämmen angegeben, welche aus jenem Grundunterschiede
notwendig erfolgen mussten, und werden heute diese Erscheinungen weiter
entwickeln und fester auf ihrem gemeinsamen Boden begründen.
    Eine Untersuchung, die sich der Gründlichkeit befleissiget, kann manches
Streites und der Erregung von mancherlei Scheelsucht sich überheben. Wie wir
ehemals in der Untersuchung, von der die gegenwärtige die Fortsetzung ist,
taten, so werden wir auch hier tun. Wir werden Schritt vor Schritt ableiten,
was aus dem aufgestellten Grundunterschiede folgt, und nur darauf sehen, dass
diese Ableitung richtig sei. Ob nun die Verschiedenheit der Erscheinungen, die
dieser Ableitung zufolge sein sollte, in der wirklichen Erfahrung eintrete oder
nicht: dies zu entscheiden, will ich lediglich Ihnen und jedem Beobachter
überlassen. Zwar werde ich, was insbesondere den Deutschen betrifft, zu seiner
Zeit darlegen, dass er sich wirklich also gezeigt habe, wie er unsrer Ableitung
zufolge sein musste. Was aber den germanischen Ausländer betrifft, so werde ich
nichts dagegen haben, wenn einer unter ihnen wirklich versteht, wovon eigentlich
hier die Rede sei, und wenn diesem hernach auch der Beweis gelingt, dass seine
Landsleute eben auch dasselbe gewesen seien, was die Deutschen, und wenn er sie
von den entgegengesetzten Zügen völlig loszusprechen vermag. Im allgemeinen wird
unsre Beschreibung auch in diesen gegenteiligen Zügen keinesweges in das
Nachteilige und Grelle hin zeichnen, was den Sieg leichter macht denn
ehrenvoll, sondern nur das notwendig Erfolgende angeben, und dieses so ehrbar
ausdrücken, als es mit der Wahrheit bestehen kann.
    Die erste Folge von dem aufgestellten Grundunterschiede, die ich angab, war
die: beim Volke der lebendigen Sprache greife die Geistesbildung ein in das
Leben; beim Gegenteile gehe geistige Bildung und Leben, jedes für sich, seinen
Gang fort. Es wird nützlich sein, zuvörderst den Sinn des aufgestellten Satzes
tiefer zu erklären. Zuvörderst, indem hier vom Leben und von dem Eingreifen der
geistigen Bildung in dasselbe geredet wird, so ist darunter zu verstehen das
ursprüngliche Leben und sein Fortfluss aus dem Quell alles geistigen Lebens, aus
Gott, die Fortbildung der menschlichen Verhältnisse nach ihrem Urbilde, und so
die Erschaffung eines neuen und vorher nie dagewesenen; keinesweges aber ist die
Rede von der blossen Erhaltung jener Verhältnisse auf der Stufe, wo sie schon
stehen, gegen Herabsinken, und noch weniger vom Nachhelfen einzelner Glieder,
die hinter der allgemeinen Ausbildung zurückgeblieben. Sodann, wenn von
geistiger Bildung die Rede ist, so ist darunter zu allererst die Philosophie, -
wie wir dies mit dem ausländischen Namen bezeichnen müssen, da die Deutschen
sich den vorlängst vorgeschlagenen deutschen Namen nicht haben gefallen lassen,
- die Philosophie, sage ich, ist zu allererst darunter zu verstehen; denn diese
ist es, welche das ewige Urbild alles geistigen Lebens wissenschaftlich
erfasset. Von dieser und von aller auf sie gegründeten Wissenschaft wird nun
gerühmt, dass beim Volke der lebendigen Sprache sie einfliesse in das Leben. Nun
aber ist, in scheinbarem Widerspruche mit dieser Behauptung, oftmals und auch
von den unsern gesagt worden, dass Philosophie, Wissenschaft, schöne Kunst und
dergleichen, Selbstzwecke seien und dem Leben nicht dienten, und dass es
Herabwürdigung derselben sei, sie nach ihrer Nützlichkeit in diesem Dienste zu
schätzen. Es ist hier der Ort, diese Ausdrücke näher zu bestimmen und vor aller
Misdeutung zu verwahren. Sie sind wahr in folgendem doppelten, aber beschränkten
Sinne: zuvörderst, dass Wissenschaft oder Kunst dem Leben auf einer gewissen
niedern Stufe, z.B. dem irdischen und sinnlichen Leben, oder der gemeinen
Erbaulichkeit, wie einige gedacht haben, nicht müsse dienen wollen; sodann, dass
ein Einzelner, zufolge seiner persönlichen Abgeschiedenheit vom Ganzen einer
Geisterwelt, in diesen besondern Zweigen des allgemeinen göttlichen Lebens
völlig aufgehen könne, ohne eines ausser ihnen liegenden Antriebes zu bedürfen,
und volle Befriedigung in ihnen finden könne. Keinesweges aber sind sie wahr in
strenger Bedeutung, denn es ist eben so unmöglich, dass es mehrere Selbstzwecke
gebe, als es unmöglich ist, dass es mehrere Absolute gebe. Der einige
Selbstzweck, ausser welchem es keinen andern geben kann, ist das geistige Leben.
Dieses äussert sich nun zum Teil und erscheint als ein ewiger Fortfluss aus ihm
selber, als Quell, d.i. als ewige Tätigkeit. Diese Tätigkeit erhält ewig fort
ihr Musterbild von der Wissenschaft, die Geschicklichkeit, nach diesem Bilde
sich zu gestalten, von der Kunst, und insoweit könnte es scheinen, dass
Wissenschaft und Kunst daseien als Mittel für das tätige Leben, als Zweck. Nun
aber ist in dieser Form der Tätigkeit das Leben selber niemals vollendet und
zur Einheit geschlossen, sondern es geht fort ins Unendliche. Soll nun doch das
Leben als eine solche geschlossene Einheit dasein, so muss es also dasein in
einer andern Form. Diese Form ist nun die des reinen Gedankens, der die in der
dritten Rede beschriebene Religionseinsicht gibt; eine Form, die als
geschlossene Einheit mit der Unendlichkeit des Tuns schlechtin
auseinanderfällt, und in dem letztern, dem Tun, niemals vollständig ausgedrückt
werden kann. Beide demnach, der Gedanke so wie die Tätigkeit, sind nur in der
Erscheinung auseinanderfallende Formen, jenseits der Erscheinung aber sind sie,
eine wie die andere, dasselbe Eine absolute Leben; und man kann gar nicht sagen,
dass der Gedanke um des Tuns, oder das Tun um des Gedankens willen sei und
also sei, sondern dass beides schlechtin sein solle, indem auch in der
Erscheinung das Leben ein vollendetes Ganzes sein solle, also, wie es dies ist
jenseits aller Erscheinung. Innerhalb dieses Umkreises demnach und zufolge
dieser Betrachtung ist es noch viel zu wenig gesagt, dass die Wissenschaft
einfliesse aufs Leben; sie ist vielmehr selber, und in sich selbstbeständiges
Leben. - Oder, um dasselbe an eine bekannte Wendung anzuknüpfen. Was hilft alles
Wissen, hört man zuweilen sagen, wenn nicht darnach gehandelt wird? In diesem
Ausspruche wird das Wissen als Mittel für das Handeln, und dieses letztere als
der eigentliche Zweck angesehen. Man könnte umgekehrt sagen: wie kann man doch
gut handeln, ohne das Gute zu kennen? und es würde in diesem Ausspruche das
Wissen als das Bedingende des Handelns betrachtet. Beide Aussprüche aber sind
einseitig; und das Wahre ist, dass beides, Wissen so wie Handeln, auf dieselbe
Weise unabtrennliche Bestantdteile des vernünftigen Lebens sind.
    In sich selbstbeständiges Leben aber, wie wir soeben uns ausdrückten, ist
die Wissenschaft nur alsdann, wenn der Gedanke der wirkliche Sinn und die
Gesinnung des Denkenden ist, also dass er, ohne besondere Mühe und sogar ohne
dessen sich klar bewusst zu sein, alles andre, was er denkt, ansieht,
beurteilt, zufolge jenes Grundgedankens ansieht und beurteilt, und falls
derselbe aufs Handeln einfliesst, nach ihm eben so notwendig handelt.
Keinesweges aber ist der Gedanke Leben und Gesinnung, wenn er nur als Gedanke
eines fremden Lebens gedacht wird; so klar und vollständig er auch als ein
solcher bloss möglicher Gedanke begriffen sein mag, und so hell man sich auch
denken möge, wie etwa jemand also denken könne. In diesem letztern Falle liegt
zwischen unserm gedachten Denken und zwischen unserm wirklichen Denken ein
grosses Feld von Zufall und Freiheit, welche letzte wir nicht vollziehen mögen;
und so bleibt jenes gedachte Denken von uns abstehend, und ein bloss mögliches
und ein von uns frei gemachtes und immerfort frei zu wiederholendes Denken. In
jenem ersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durch sich selbst unser Selbst
ergriffen und es zu sich selbst gemacht, und durch diese also entstandene
Wirklichkeit des Gedankens für uns geht unsre Einsicht hindurch zu dessen
Notwendigkeit. Dass nun das letztere also erfolge, kann, wie eben gesagt, keine
Freiheit erzwingen, sondern es muss eben sich selbst machen, und der Gedanke
selber muss uns ergreifen und uns nach sich bilden.
    Diese lebendige Wirksamkeit des Gedankens wird nun sehr befördert, ja, wenn
das Denken nur von der gehörigen Tiefe und Stärke ist, sogar notwendig gemacht
durch Denken und Bezeichnen in einer lebendigen Sprache. Das Zeichen in der
letzten ist selbst unmittelbar lebendig und sinnlich und wieder darstellend das
ganze eigene Leben, und so dasselbe ergreifend und eingreifend in dasselbe; mit
dem Besitzer einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart
sich ihm, wie ein Mann dem Manne. Dagegen regt das Zeichen einer todten Sprache
unmittelbar nichts an; um in den lebendigen Fluss desselben hineinzukommen, muss
man erst historisch erlernte Kenntnisse aus einer abgestorbenen Welt sich
wiederholen, und sich in eine fremde Denkart hineinversetzen. Wie
überschwänglich wohl müsste der Trieb des eignen Denkens sein, wenn er in diesem
langen und breiten Gebiete der Historie nicht ermattete, und nicht zuletzt auf
dem Felde dieser bescheiden sich begnügte! So eines Besitzers der lebendigen
Sprache Denken nicht lebendig wird, so kann man einen solchen ohne Bedenken
beschuldigen, dass er gar nicht gedacht, sondern nur geschwärmt habe. Den
Besitzer einer todten Sprache kann man in demselben Falle dessen nicht sofort
beschuldigen; gedacht mag er allerdings haben nach seiner Weise, die in seiner
Sprache niedergelegten Begriffe sorgfältig entwickelt; er hat nur das nicht
getan, was, falls es ihm gelänge, einem Wunder gleich zu achten wäre.
    Es erhellet im Vorbeigehen, dass beim Volke einer todten Sprache im Anfange,
wie die Sprache noch nicht allseitig klar genug ist, der Trieb des Denkens noch
am kräftigsten walten und die scheinbarsten Erzeugnisse hervorbringen werde;
dass aber dieser, so wie die Sprache klarer und bestimmter wird, in den Fesseln
derselben immermehr ersterben, und dass zuletzt die Philosophie eines solchen
Volks mit eignem Bewusstsein sich bescheiden wird, dass sie nur eine Erklärung
des Wörterbuchs, oder, wie undeutscher Geist unter uns dies hochtönender
ausgedrückt hat, eine Metakritik der Sprache sei; zu allerletzt, dass ein
solches Volk etwa ein mittelmässiges Lehrgedicht über die Heuchelei in
Komödienform für ihr grösstes philosophisches Werk anerkennen wird.
    In dieser Weise, sage ich, fliesst die geistige Bildung, und hier
insbesondere das Denken in einer Ursprache nicht ein in das Leben, sondern es
ist selbst Leben des also Denkenden. Doch strebt es notwendig aus diesem also
denkenden Leben einzufliessen auf anderes Leben ausser ihm, und so auf das
vorhandene allgemeine Leben, und dieses nach sich zu gestalten. Denn eben weil
jenes Denken Leben ist, wird es gefühlt von seinem Besitzer mit innigem
Wohlgefallen, in seiner belebenden, verklärenden und befreienden Kraft. Aber
jeder, dem Heil aufgegangen ist in seinem Innern, will notwendig, dass allen
andern dasselbe Heil widerfahre, und er ist so getrieben und muss arbeiten, dass
die Quelle, aus der ihm sein Wohlsein aufging, auch über andre sich verbreite.
Anders derjenige, der bloss ein fremdes Denken als ein mögliches begriffen hat.
So wie ihm selber dessen Inhalt weder Wohl noch Wehe gibt, sondern es nur seine
Musse angenehm beschäftigt und unterhält: so kann er auch nicht glauben, dass es
einem Andern Wohl oder Wehe machen könne, und hält es zuletzt für einerlei,
woran jemand seinen Scharfsinn übe und womit er seine müssigen Stunden ausfülle.
    Unter den Mitteln, das Denken, das im einzelnen Leben begonnen, in das
allgemeine Leben einzuführen, ist das vorzüglichste die Dichtung; und so ist
denn diese der zweite Hauptzweig der geistigen Bildung eines Volkes. Schon
unmittelbar der Denker, wie er seinen Gedanken in der Sprache bezeichnet,
welches nach obigem nicht anders denn sinnlich geschehen kann, und zwar über den
bisherigen Umkreis der Sinnbildlichkeit hinaus neu erschaffend, ist Dichter; und
falls er dies nicht ist, wird ihm schon beim ersten Gedanken die Sprache, und
beim Versuche des zweiten das Denken selber ausgehen. Diese durch den Denker
begonnene Erweiterung und Ergänzung des sinnbildlichen Kreises der Sprache durch
dieses ganze Gebiet der Sinnbilder zu verflössen, also, dass jedwedes an seiner
Stelle den ihm gebührenden Anteil von der neuen geistigen Veredlung erhalte,
und so das ganze Leben bis auf seinen letzten sinnlichen Boden herab in den
neuen Lichtstrahl getaucht erscheine, wohlgefalle und in bewusstloser Täuschung
wie von selbst sich veredle: dieses ist das Geschäft der eigentlichen Dichtung.
Nur eine lebendige Sprache kann eine solche Dichtung haben, denn nur in ihr ist
der sinnbildliche Kreis durch erschaffendes Denken zu erweitern, und nur in ihr
bleibt das schon Geschaffene lebendig und dem Einströmen verschwisterten Lebens
offen. Eine solche Sprache fuhrt in sich Vermögen unendlicher, ewig zu
erfrischender und zu verjüngender Dichtung, denn jede Regung des lebendigen
Denkens in ihr eröffnet eine neue Ader dichterischer Begeisterung; und so ist
ihr denn diese Dichtung das vorzüglichste Verflössungsmittel der erlangten
geistigen Ausbildung in das allgemeine Leben. Eine todte Sprache kann in diesem
höhern Sinne gar keine Dichtung haben, indem alle die angezeigten Bedingungen
der Dichtung in ihr nicht vorhanden sind. Dagegen kann eine solche auf eine
Zeitlang einen Stellvertreter der Dichtung haben auf folgende Weise. Die in der
Stammsprache vorhandenen Ausflüsse der Dichtkunst werden die Aufmerksamkeit
reizen. Zwar kann das neu entstandene Volk nicht fortdichten auf der angehobenen
Bahn, denn diese ist ihrem Leben fremd, aber sie kann ihr eignes Leben und die
neuen Verhältnisse desselben in den sinnbildlichen und dichterischen Kreis, in
welchem ihre Vorwelt ihr eignes Leben aussprach, einführen, und z.B. ihren
Ritter ankleiden als Heros, und umgekehrt, und die alten Götter mit den neuen
das Gewand tauschen lassen. Gerade durch diese fremde Einhüllung des
Gewöhnlichen wird dasselbe einen dem Idealisirten ähnlichen Reiz erhalten, und
es werden, ganz wohlgefällige Gestalten hervorgehen. Aber beides, sowohl der
sinnbildliche und dichterische Kreis der Stammsprache, als die neuen
Lebensverhältnisse, sind endliche und beschränkte Grössen, ihre gegenseitige
Durchdringung ist irgendwo vollendet; da aber, wo sie vollendet ist, feiert das
Volk sein goldnes Zeitalter, und der Quell seiner Dichtung ist versiegt.
Irgendwo gibt es notwendig einen höchsten Punct des Anpassens der
geschlossenen Wörter an die geschlossenen Begriffe, und der geschlossenen
Sinnbilder an die geschlossenen Lebensverhältnisse. Nachdem dieser Punct
erreicht ist, kann das Volk nicht mehr, denn entweder seine gelungensten
Meisterstücke verändert wiederholen, also, dass sie aussähen, als ob sie etwas
Neues seien, da sie doch nur das wohlbekannte Alte sind; oder, wenn sie durchaus
neu sein wollen, zum Unpassenden und Unschicklichen ihre Zuflucht nehmen, und
ebenso in der Dichtkunst das Hässliche mit dem Schönen zusammenmischen, und sich
auf die Carricatur und das Humoristische legen, wie sie in der Prosa genötigt
sind, die Begriffe zu verwirren und Laster und Tugend mit einander zu vermengen,
wenn sie in neuen Weisen reden vollen.
    Indem auf diese Weise in einem Volke geistige Bildung und Leben, jedes für
sich seinen besondern Gang fortgehen: so erfolgt von selbst, dass die Stände,
die zu der ersten keinen Zugang haben, und an die auch nicht einmal, wie in
einem lebendigen Volke, die Folgen dieser Bildung kommen sollen, gegen die
gebildeten Stände zurückgesetzt und gleichsam für eine andere Menschenart
gehalten werden, die an Geisteskräften ursprünglich und durch die blosse Geburt
den ersten nicht gleich seien; dass darum die gebildeten Stände gar keine
wahrhaft liebende Teilnahme an ihnen und keinen Trieb haben, ihnen gründlich zu
helfen, indem sie eben glauben, dass ihnen wegen ursprünglicher Ungleichheit gar
nicht zu helfen sei, und dass die Gebildeten vielmehr gereizt werden, dieselben
zu brauchen, wie sie sind, und sie also brauchen zu lassen. Auch diese Folge der
Ertödtung der Sprache kann beim Beginnen des neuen Volkes durch eine
menschenfreundliche Religion und durch den Mangel an eigner Gewandteit der
höhern Stände gemildert werden, im Fortgange aber wird diese Verachtung des
Volkes immer unverhohlner und grausamer. Mit diesem allgemeinen Grunde des
Sicherhebens und Vornehmtuns der gebildeten Stände hat noch ein besonderer sich
vereinigt, welcher, da er auch selbst auf die Deutschen einen sehr verbreiteten
Einfluss gehabt, hier nicht übergangen werden darf. Nemlich die Römer, welche
anfangs den Griechen gegenüber, sehr unbefangen jenen nachsprechend, sich selbst
Barbaren und ihre eigene Sprache barbarisch nannten, gaben nachher die auf sich
geladene Benennung weiter, und fanden bei den Germaniern dieselbe gläubige
Treuherzigkeit, die erst sie selbst den Griechen gezeigt hatten. Die Germanier
glaubten der Barbarei nicht anders los werden zu können, als wenn sie Römer
würden. Die auf ehemaligem römischen Boden Eingewanderten wurden es nach allem
ihrem Vermögen. In ihrer Einbildungskraft bekam aber barbarisch gar bald die
Nebenbedeutung gemein, pöbelhaft, tölpisch, und so ward das Römische im
Gegenteil gleichgeltend mit vornehm. Bis in das Allgemeine und Besondere ihrer
Sprachen geht dieses hinein, indem, wo Anstalten zur besonnenen und bewussten
Bildung der Sprache getroffen wurden, diese darauf gingen, die germanischen
Wurzeln auszuwerfen, und aus römischen Wurzeln die Wörter zu bilden, und so die
Romance, als die Hof- und gebildete Sprache zu erzeugen; im Besonderen aber,
indem fast ohne Ausnahme bei gleicher Bedeutung zweier Worte das aus
germanischer Wurzel das Unedle und Schlechte, das aus römischer Wurzel aber das
Edlere und Vornehmere bedeutet.
    Dieses, gleich als ob es eine Grundseuche des ganzen germanischen Stammes
wäre, fällt auch im Mutterlande den Deutschen an, falls er nicht durch hohen
Ernst dagegen gerüstet ist. Auch unseren Ohren tönt gar leicht römischer Laut
vornehm, auch unseren Augen erscheint römische Sitte edler, dagegen das Deutsche
gemein; und da wir nicht so glücklich waren, dieses alles aus der ersten Hand zu
erhalten, so lassen wir es uns auch aus der zweiten, und durch den
Zwischenhandel der neuen Römer recht wohl gefallen. So lange wir deutsch sind,
erscheinen wir uns als Männer, wie andere auch; wenn wir halb oder auch über die
Hälfte undeutsch reden, und abstechende Sitten und Kleidung an uns tragen, die
gar weit herzukommen scheinen, so dünken wir uns vornehm; der Gipfel aber
unseres Triumphs ist es, wenn man uns gar nicht mehr für Deutsche, sondern etwa
für Spanier oder Engländer hält, jenachdem nun einer von diesen gerade am
meisten Mode ist. Wir haben recht. Naturgemässheit von deutscher Seite,
Willkürlichkeit und Künstelei von der Seite des Auslandes sind die
Grundunterschiede; bleiben wir bei der ersten, so sind wir eben, wie unser
ganzes Volk; dieses begreift uns, und nimmt uns als seines Gleichen: nur wie wir
zur letzten unsere Zuflucht nehmen, werden wir ihm unverständlich, und es hält
uns für andere Naturen. Dem Auslande kommt diese Unnatur von selbst in sein
Leben, weil es ursprünglich und in einer Hauptsache von der Natur abgewichen;
wir müssen sie erst aufsuchen, und an den Glauben, dass etwas schön, schicklich
und bequem sei, das natürlicherweise uns nicht also erscheint, uns erst
gewöhnen. Von diesem allen ist nun beim Deutschen der Hauptgrund sein Glaube an
die grössere Vornehmigkeit des romanisirten Auslandes, nebst der Sucht, ebenso
vornehm zu tun, und auch in Deutschland die Kluft zwischen den höheren Ständen
und dem Volke, die im Auslande natürlich erwuchs, künstlich aufzubauen. Es sei
genug, hier den Grundquell dieser Ausländerei unter den Deutschen angegeben zu
haben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und dass alle die Uebel, an denen wir
jetzt zu Grunde gegangen, ausländischen Ursprungs sind, welche freilich nur in
der Vereinigung mit deutschem Ernste und Einfluss aufs Leben das Verderben nach
sich ziehen mussten, werden wir zu einer anderen Zeit zeigen.
    Ausser diesen beiden aus dem Grundunterschiede erfolgenden Erscheinungen,
dass geistige Bildung ins Leben eingreife, oder nicht, und dass zwischen den
gebildeten Ständen und dem Volke eine Scheidewand bestehe, oder nicht, führte
ich noch die folgende an, dass das Volk der lebendigen Sprache Fleiss und Ernst
haben und Mühe anwenden werde, in allen Dingen, dagegen das der todten Sprache
die geistige Beschäftigung mehr für ein genialisches Spiel halte, und im Geleite
seiner glücklichen Natur sich gehen lasse. Dieser Umstand ergibt aus dem oben
Gesagten sich von selbst. Beim Volke der lebendigen Sprache geht die
Untersuchung aus von einem Bedürfnisse des Lebens, welches durch sie befriedigt
werden soll, und erhält so alle die nötigenden Antriebe, die das Leben selbst
bei sich führt. Bei dem der todten will sie weiter nichts, denn die Zeit auf
eine angenehme und dem Sinne fürs Schöne angemessene Weise hinbringen, und sie
hat ihren Zweck vollständig erreicht, wenn sie dies getan hat. Bei den
Ausländern ist das letzte fast notwendig; beim Deutschen, wo diese Erscheinung
sich einstellt, ist das Pochen auf Genie und glückliche Natur eine seiner
unwürdige Ausländerei, die, sowie alle Ausländerei, aus der Sucht vornehm zu
tun entsteht. Zwar wird in keinem Volke der Welt ohne einen ursprünglichen
Antrieb im Menschen, der, als ein Uebersinnliches, mit dem ausländischen Namen
mit Recht Genius genannt wird, irgend etwas Treffliches entstehen. Aber dieser
Antrieb für sich allein regt nur die Einbildungskraft an und entwirft in ihr
über dem Boden schwebende, niemals vollkommen bestimmte Gestalten. Dass diese
bis auf den Boden des wirklichen Lebens herab vollendet und bis zur Haltbarkeit
in diesem bestimmt werden, dazu bedarf es des fleissigen, besonnenen und nach
einer festen Regel einhergehenden Denkens. Genialität liefert dem Fleisse den
Stoff zur Bearbeitung, und der letzte würde ohne die erste entweder nur das
schon Bearbeitete, oder nichts zu bearbeiten haben. Der Fleiss aber führet
diesen Stoff, der ohne ihn ein leeres Spiel bleiben würde, ins Leben ein; und so
vermögen beide nur in ihrer Vereinigung etwas, getrennt aber sind sie nichtig.
Nun kann Überdies im Volke einer todten Sprache gar keine wahrhaft erschaffende
Genialität zum Ausbruche kommen, weil es ihnen am ursprünglichen
Bezeichnungsvermögen fehlt, sondern sie können nur schon Angehobenes fortbilden,
und in die ganze schon vorhandene und vollendete Bezeichnung verflössen.
    Was insbesondere die grössere Mühe anbelangt, so ist natürlich, dass diese
auf das Volk der lebendigen Sprache falle. Eine lebendige Sprache kann in
Vergleichung mit einer anderen auf einer hohen Stufe der Bildung stehen, aber
sie kann niemals in sich selber diejenige Vollendung und Ausbildung erhalten,
die eine todte Sprache gar leichtlich erhält. In der letzten ist der Umfang der
Wörter geschlossen, die möglichen schicklichen Zusammenstellungen derselben
werden allmählig auch erschöpft, und so muss der, der diese Sprache reden will,
sie eben reden, so wie sie ist; nachdem er dieses aber einmal gelernt hat, redet
die Sprache in seinem Munde sich selbst, und denkt und dichtet für ihn. In einer
lebendigen Sprache aber, wenn nur in ihr wirklich gelebt wird, vermehren und
verändern die Worte und ihre Bedeutungen sich immerfort, und eben dadurch werden
neue Zusammenstellungen möglich, und die Sprache, die niemals ist, sondern ewig
fort wird, redet sich nicht selbst, sondern wer sie gebrauchen will, muss eben
selber nach seiner Weise und schöpferisch für sein Bedürfnis sie reden. Ohne
Zweifel erfordert das letzte weit mehr Fleiss und Uebungen, denn das erste.
Ebenso gehen, wie schon oben gesagt, die Untersuchungen des Volks einer
lebendigen Sprache bis auf die Wurzel der Ausströmung der Begriffe aus der
geistigen Natur selbst; dagegen die einer todten Sprache nur einen fremden
Begriff zu durchdringen und sich begreiflich zu machen suchen, und so in der
Tat nur geschichtlich und auslegend, jene ersten aber wahrhaft philosophisch
sind. Es begreift sich, dass eine Untersuchung von der letzten Art eher und
leichter abgeschlossen werden möge, denn eine von der ersten.
    Nach allem wird der ausländische Genius die betretenen Heerbahnen des
Altertums mit Blumen bestreuen, und der Lebensweisheit, die leicht ihm für
Philosophie gelten wird, ein zierliches Gewand weben; dagegen wird der deutsche
Geist neue Schachten eröffnen, und Licht und Tag einführen in ihre Abgründe, und
Felsmassen von Gedanken schleudern, aus denen die künftigen Zeitalter sich
Wohnungen erbauen. Der ausländische Genius wird sein ein lieblicher Sylphe, der
mit leichtem Fluge über den, seinem Boden von selbst entkeimten Blumen
hinschwebt, und sich niederlässt auf dieselben, ohne sie zu beugen, und ihren
erquickenden Tau in sich zieht; oder eine Biene, die aus denselben Blumen mit
geschäftiger Kunst den Honig sammelt, und ihn in regelmässig gebauten Zellen
zierlich geordnet niederlegt; der deutsche Geist ein Adler, der mit Gewalt
seinen gewichtigen Leib emporreisst, und mit starkem und vielgeübtem Flügel viel
Luft unter sich bringt, um sich näher zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn
entzückt.
    Um alles bisher Gesagte in Einen Hauptgesichtspunct zusammenzufassen. In
Beziehung auf die Bildungsgeschichte überhaupt eines Menschengeschlechtes, das
historisch in ein Altertum und in eine neue Welt zerfallen ist, werden zur
ursprünglichen Fortbildung dieser neuen Welt im grossen und ganzen die beiden
beschriebenen Hauptstämme sich also verhalten. Der ausländisch gewordene Teil
der frischen Nation hat durch seine Annahme der Sprache des Altertums eine weit
grössere Verwandtschaft zu diesem erhalten. Es wird diesem Teile anfangs weit
leichter werden, die Sprache desselben auch in ihrer ersten und unveränderten
Gestalt zu erfassen, in die Denkmale ihrer Bildung einzudringen, und in
dieselben ohngefähr so viel frisches Leben zu bringen, dass sie sich an das
entstandene neue Leben anfügen können. Kurz, es wird von ihnen das Studium des
klassischen Altertums über das neuere Europa ausgegangen sein. Von den ungelöst
gebliebenen Aufgaben desselben begeistert, wird es dieselben fortbearbeiten,
aber freilich nur also, wie man eine, keinesweges durch ein Bedürfnis des
Lebens, sondern durch blosse Wissbegier gegebene Aufgabe bearbeitet, leicht sie
nehmend, nicht mit ganzem Gemüte, sondern nur mit der Einbildungskraft sie
erfassend, und lediglich in dieser zu einem luftigen Leibe sie gestaltend. Bei
dem Reichtume des Stoffs, den das Altertum hinterlassen, bei der Leichtigkeit,
mit der in dieser Weise sich arbeiten lässt, werden sie eine Fülle solcher
Bilder in den Gesichtskreis der neuen Welt einführen. Diese schon in die neue
Form gestalteten Bilder der alten Welt, angekommen bei demjenigen Teile des
Urstammes, der durch beibehaltene Sprache im Flusse ursprünglicher Bildung
blieb, werden auch dessen Aufmerksamkeit und Selbsttätigkeit reizen, sie,
welche vielleicht, wenn sie in der alten Form geblieben wären, unbeachtet und
unvernommen vor ihm vorübergegangen wären. Aber er wird, so gewiss er sie nur
wirklich erfasst, und nicht etwa nur sie weiter gibt von Hand in Hand,
dieselben erfassen gemäss seiner Natur, nicht im blossen Wissen eines fremden,
sondern als Bestandteil seines Lebens; und so sie aus dem Leben der neuen Welt
nicht nur ableiten, sondern sie auch in dasselbe wiederum einführen, verkörpernd
die vorher bloss luftigen Gestalten zu gediegenen und im wirklichen
Lebenselemente haltbaren Leibern.
    In dieser Verwandlung, die das Ausland selbst ihm zu geben niemals vermocht
hätte, erhält nun dieses es von ihnen zurück, und vermittelst dieses Durchganges
allein wird eine Fortbildung des Menschengeschlechts auf der Bahn des
Altertums, eine Vereinigung der beiden Hauptälften, und ein regelmässiger
Fortfluss der menschlichen Entwickelung möglich. In dieser neuen Ordnung der
Dinge wird das Mutterland nicht eigentlich erfinden, sondern im kleinsten, wie
im grössten, wird es immer bekennen müssen, dass es durch irgend einen Wink des
Auslandes angeregt worden, welches Ausland selbst wieder angeregt wurde durch
die Alten; aber das Mutterland wird ernstaft nehmen und ins Leben einführen,
was dort nur obenhin und flüchtig entwarfen wurde. An treffenden und
tiefgreifenden Beispielen dieses Verhältnis darzulegen, ist, wie schon oben
gesagt, hier nicht der Ort, und wir behalten es uns vor auf die künftige Rede.
    Beide Teile der gemeinsamen Nation blieben auf diese Weise Eins, und nur in
dieser Trennung und Einheit zugleich sind sie ein Pfropfreis auf dem Stamme der
altertümlichen Bildung, welche letztere ausserdem durch die neue Zeit
abgebrochen sein, und die Menschheit ihren Weg von vorn wieder angefangen haben
würde. In diesen ihren, beim Ausgangspuncte verschiedenen, am Ziele
zusammenlaufenden Bestimmungen müssen nun beide Teile, jeder sich selbst und
den anderen, erkennen, und denselben gemäss einander benutzen; besonders aber
jeder den anderen zu erhalten und in seiner Eigentümlichkeit unverfälscht zu
lassen sich bequemen, wenn es mit allseitiger und vollständiger Bildung des
Ganzen einen guten Fortgang haben soll. Was diese Erkenntnis anbelangt, so
dürfte dieselbe wohl vom Mutterlande, als welchem zunächst der Sinn für die
Tiefe verliehen ist, ausgehen müssen. Wenn aber in seiner Blindheit für solche
Verhältnisse, und fortgerissen von oberflächlichem Scheine, das Ausland jemals
darauf ausgehen sollte. sein Mutterland der Selbstständigkeit zu berauben, und
es dadurch zu vernichten und aufzunehmen in sieh: so würde dasselbe, wenn ihm
dieser Vorsatz gelange, dadurch für sich selbst die letzte Ader zerschneiden,
durch die es bisher noch zusammenhing mit der Natur und dem Leben, und es würde
gänzlich anheimfallen dem geistigen Tode, der ohnedies im Fortgange der Zeiten
immer sichtbarer als sein Wesen sich offenbart hat; sodann wäre der bisher noch
stätig fortgegangene Fluss der Bildung unseres Geschlechts in der Tat
beschlossen, und die Barbarei müsste wieder beginnen und ohne Rettung
fortschreiten, so lange, bis wir insgesammt wieder in Höhlen lebten, wie die
wilden Tiere, und gleich ihnen uns untereinander aufzehrten. Dass dies wirklich
also sei, und notwendig also erfolgen müsse, kann freilich nur der Deutsche
einsehen, und er allein soll es auch: dem Ausländer, der, da er keine fremde
Bildung kennt, unbegrenztes Feld hat sich in der seinigen zu bewundern, muss es
und mag es immer erscheinen, als eine abgeschmackte Lästerung der schlecht
unterrichteten Unwissenheit.
    Das Ausland ist die Erde, aus welcher fruchtbare Dünste sich absondern und
sich emporheben zu den Wolken, und durch welche auch noch die in den Tartarus
verwiesenen alten Götter zusammenhängen mit dem Umkreise des Lebens. Das
Mutterland ist der jene umgebende ewige Himmel, an welchem die leichten Dünste
sich verdichten zu Wolken, die, durch des Donnerers aus anderer Welt stammenden
Blitzstrahl geschwängert, herabfallen als befruchtender Regen, der Himmel und
Erde vereinigt, und die im ersten einheimischen Gaben auch dem Schoss der
letzteren entkeimen lässt. Wollen neue Titanen abermals den Himmel erstürmen? Er
wird für sie nicht Himmel sein, denn sie sind Erdgeborene; es wird ihnen bloss
der Anblick und die Einwirkung des Himmels entrückt werden, und nur ihre Erde
als eine kalte, finstere und unfruchtbare Behausung ihnen zurückbleiben. Aber
was vermöchte, sagt ein römischer Dichter, was vermöchte ein Typhoeus, oder der
gewaltige Mimas, oder Porphyrion in drohender Stellung, oder Rhoetus, oder der
kühne Schleuderer ausgerissener Baumstämme, Enceladus, wenn sie sich stürzen
gegen der Pallas tönenden Schild. Dieser selbige Schild ist es, der ohne Zweifel
auch uns decken wird, wenn wir es verstehen, uns unter seinen Schutz zu begeben.
                              Anmerkung zu S. 336.
    Auch über den grösseren oder geringeren Wohllaut einer Sprache, sollte,
unseres Erachtens, nicht nach dem unmittelbaren Eindrucke, der von so vielen
Zufälligkeiten abhängt, entschieden werden, sondern es müsste sich auch ein
solches Urteil auf feste Grundsätze zurückführen lassen. Das Verdienst einer
Sprache in dieser Rücksicht würde ohne Zweifel darein zu setzen sein, dass sie
zuvörderst das Vermögen des menschlichen Sprachwerkzeugs erschöpfte und
umfassend darstellte, sodann, dass sie die einzelnen Laute desselben zu einer
naturgemässen und schicklichen Verfliessung in einander verbände. Es geht schon
hieraus hervor, dass Nationen, die ihre Sprachwerkzeuge nur halb und einseitig
ausbilden, und gewisse Laute oder Zusammensetzungen unter Vorwand der
Schwierigkeit oder des Uebelklanges vermeiden, und denen leichtlich nur das, was
sie zu hören gewohnt sind und hervorbringen können, wohlklingen dürfte, bei
einer solchen Untersuchung keine Stimme haben.
    Wie nun, jene höheren Grundsätze vorausgesetzt, das Urteil über die
deutsche Sprache in dieser Rücksicht ausfallen werde, mag hier unentschieden
bleiben. Die römische Stammsprache selbst wird von jeder neueuropäischer Nation
ausgesprochen nach derselben eigenen Mundart, und Ihre wahre Aussprache dürfte
sich nicht leicht wiederherstellen lassen. Es bliebe demnach nur die Frage
übrig, ob denn, den neulateinischen Sprachen gegenüber, die deutsche so übel,
hart und rauh töne, wie einige zu glauben geneigt sind?
    Bis einmal diese Frage gründlich entschieden werde, mag wenigstens vorläufig
erklärt werden, wie es komme, dass Ausländern und selbst Deutschen auch wenn sie
unbefangen sind, und ohne Vorliebe oder Hass, dieses also scheine. - Ein noch
ungebildetes Volk von sehr regsamer Einbildungskraft, bei grosser Kindlichkeit
des Sinnes und Freiheit von Nationaleitelkeit (die Germanier scheinen dieses
alles gewesen zu sein), wird angezogen durch die Ferne, und versetzt gern in
diese, in entlegene Länder und ferne Inseln, die Gegenstände seiner Wünsche und
die Herrlichkeiten die es ahnet. Es entwickelt sich in ihm ein romantischer Sinn
(das Wort erklärt sich selbst und konnte nicht passender gebildet sein). Laute
und Töne aus jenen Gegenden treffen nun auf diesen Sinn und regen seine ganze
Wunderwelt auf, und darum gefallen sie.
    Daher mag es kommen, dass unsere ausgewanderten Landsleute so leicht die
eigene Sprache für die fremde aufgaben, und dass noch bis jetzt uns, ihren sehr
entfernten Anverwandten, jene Töne so wunderbar gefallen.
 
                                  Sechste Rede
              Darlegung der deutschen Grundzüge in der Geschichte
    Welche Hauptunterschiede sein würden zwischen einem Volke, das in seiner
ursprünglichen Sprache sich fortgebildet, und einem solchen, das eine fremde
Sprache angenommen, ist in der vorigen Rede auseinandergesetzt. Wir sagten bei
dieser Gelegenheit: was das Ausland betreffe, so wollten wir dem eigenen
Urteile jedweden Beobachters die Entscheidung überlassen, ob in demselben
diejenigen Erscheinungen wirklich eintreten, die zufolge unserer Behauptungen
darin eintreten müssten; was aber die Deutschen betrifft, machten wir uns
anheischig darzulegen, dass diese sich wirklich also geäussert, wie unseren
Behauptungen zufolge das Volk einer Ursprache sich äussern müsse. Wir gehen
heute an die Erfüllung unseres Versprechens, und zwar legen wir das zu
Erweisende zunächst daran der letzten grossen, und in gewissem Sinne vollendeten
Welttat des deutschen Volkes, an der kirchlichen Reformation.
    Das aus Asien stammende und durch seine Verderbung erst recht asiatisch
gewordene, nur stumme Ergebung und blinden Glauben predigende Christentum war
schon für die Römer etwas Fremdartiges und Ausländisches, es wurde niemals von
ihnen wahrhaft durchdrungen und angeeignet, und teilte ihr Wesen in zwei nicht
an einander passende Hälften; wobei jedoch die Anfügung des fremden Teiles
durch den angestammten schwermütigen Aberglauben vermittelt wurde. An den
eingewanderten Germaniern erhielt diese Religion Zöglinge, in denen keine
frühere Verstandesbildung ihr hinderlich war, aber auch kein angestammter
Aberglaube sie begünstigte, und so wurde sie denn an dieselben gebracht, als ein
zum Römer, das sie nun einmal sein wollten, eben auch gehöriges Stück, ohne
sonderlichen Einfluss auf ihr Leben. Dass diese christlichen Erzieher von der
altrömischen Bildung und dem Sprachverständnisse, als dem Behälter derselben,
nicht mehr an diese Neubekehrten kommen liessen, als mit ihren Absichten sich
vertrug, versteht sich von selbst; und auch hierin liesst ein Grund des Verfalls
und der Ertödtung der römischen Sprache in ihrem Munde. Als späterhin die ächten
und unverfälschten Denkmale der alten Bildung in die Hände dieser Völker fielen,
und dadurch der Trieb, selbsttätig zu denken und zu begreifen, in ihnen
angeregt wurde: so musste, da ihnen teils dieser Trieb neu und frisch war,
teils kein angestammtes Erschrecken vor den Göttern ihm das Gegengewicht hielt,
der Widerspruch eines blinden Glaubens und der sonderbaren Dinge, welche im
Verlaufe der Zeiten zu Gegenständen desselben geworden waren, dieselben weit
harter treffen, denn sogar die Römer, als an diese zuerst das Christentum kam.
Einleuchten des vollkommenen Widerspruches aus demjenigen, woran man bisher
treuherzig geglaubt hat, erregt Lachen; die, welche das Rätsel gelöst hatten,
lachten und spotteten, und die Priester selbst, die es ebenfalls gelöst halten,
lachten mit, gesichert dadurch, dass nur sehr wenigen der Zugang zur
altertümlichen Bildung, als dem Lösungsmittel des Zaubers, offen stehe. Ich
deute hiermit vorzüglich auf Italien, als den damaligen Hauptsitz der
neurömischen Bildung, hinter welchem die übrigen neurörmischen Stämme in jeder
Rücksicht noch sehr weil zurückwaren.
    Sie lachten des Truges, denn es war kein Ernst in ihnen, den er erbittert
hätte; sie wurden durch diesen ausschliessenden Besitz einer ungemeinen
Erkentniss um so sicherer ein vornehmer und gebildeter Stand, und mochten es
wohl leiden, dass der grosse Haufe, für den sie kein Gemüt hatten, dem Truge
ferner preisgegeben und so auch für ihre Zwecke folgsamer erhalten bliebe. Also
nun, dass das Volk betrogen werde, der Vornehmere den Betrug nütze und sein
lache, konnte es fortbestehen; und es würde wahrscheinlich, wenn in der neuen
Zeit nichts vorhanden gewesen wäre, ausser Neurömer, also fortbestanden haben
bis ans Ende der Tage.
    Sie sehen hier einen klaren Beleg zu dem, was früher über die Fortsetzung
der alten Bildung durch die neue, und über den Anteil, den die Neurömer daran
zu haben vermögen, gesagt wurde. Die neue Klarheit ging aus von den Alten, sie
fiel zuerst in den Mittelpunct der neurömischen Bildung, sie wurde daselbst nur
zu einer Verstandeseinsicht ausgebildet, ohne das Leben zu ergreifen und anders
zu gestalten.
    Nicht länger aber konnte der bisherige Zustand der Dinge bestehen, sobald
dieses Licht in ein in wahrem Ernste und bis auf das Leben herab religiöses
Gemüt fiel, und wenn dieses Gemüt von einem Volke umgeben war, dem es seine
ernstere Ansicht der Sache leicht mitteilen konnte, und dieses Volk Häupter
fand, welche auf sein entschiedenes Bedürfnis etwas gaben. So tief auch das
Christentum herabsinken mochte, so bleibt doch immer in ihm ein
Grundbestandteil, in dem Wahrheit ist, und der ein Leben, das nur wirkliches
und selbstständiges Leben ist, sicher anregt: die Frage: was sollen wir tun,
damit wir selig werden? War diese Frage auf einen erstorbenen Boden gefallen, wo
es entweder überhaupt an seinen Ort gestellt blieb, ob wohl so etwas, wie
Seligkeit im Ernste möglich sei, oder, wenn auch das erste angenommen worden
wäre, dennoch gar kein fester und entschiedener Wille, selbst auch selig zu
werden, vorhanden war: so hatte auf diesem Boden die Religion gleich anfangs
nicht eingegriffen in Leben und Willen, sondern sie war nur als ein schwankender
und blasser Schatten im Gedächtnisse und in der Einbildungskraft behangen
geblieben; und so mussten natürlich auch alle ferneren Aufklärungen über den
Zustand der vorhandenen Religionsbegriffe gleichfalls ohne Einfluss auf das
Leben bleiben. War hingegen jene Frage in einen ursprünglich lebendigen Boden
gefallen, so dass im Ernste geglaubt wurde, es gebe eine Seligkeit, und der
feste Wille da war, selig zu werden, und die von der bisherigen Religion
angegebenen Mittel zur Seligkeit mit innigem Glauben und redlichem Ernste in
dieser Absicht gebraucht worden waren: so musste, wenn in diesen Boden, der
gerade durch sein Ernstnehmen dem Lichte über die Beschaffenheit dieser Mittel
sich länger verschloss, dieses Licht zuletzt dennoch fiel, ein grässliches
Entsetzen sich erzeugen vor dem Betruge um das Heil der Seele, und die treibende
Unruhe, dieses Heil auf andere Weise zu retten, und was als in ewiges Verderben
stürzend erschien, konnte nicht scherzhaft genommen werden. Ferner konnte der
Einzelne, den zuerst diese Ansicht ergriffen, keinesweges zufrieden sein, etwa
nur seine eigene Seele zu retten, gleichgültig über das Wohl aller übrigen
unsterblichen Seelen, indem er, seiner tieferen Religion zufolge, dadurch auch
nicht einmal die eigene Seele gerettet hätte; sondern mit der gleichen Angst,
die er um diese fühlte, musste er ringen, schlechtin allen Menschen in der Welt
das Auge zu öffnen über die verdammliche Täuschung.
    Auf diese Weise nun fiel die Einsicht, die lange vor ihm sehr viele
Ausländer wohl in grösserer Verstandesklarheit gehabt hatten, in das Gemüt des
deutschen Mannes, Luter. An altertümlicher und feiner Bildung, an
Gelehrsamkeit, an anderen Vorzügen übertrafen ihn nicht nur Ausländer, sondern
sogar viele in seiner Nation. Aber ihn ergriff ein allmächtiger Antrieb, die
Angst um das ewige Heil, und dieser ward das Leben in seinem Leben, und setzte
immerfort das Letzte in die Wage, und gab ihm die Kraft und die Gaben, die die
Nachwelt bewundert. Mögen andere bei der Reformation irdische Zwecke gehabt
haben, sie hätten nie gesiegt, hätte nicht an ihrer Spitze ein Anführer
gestanden, der durch das Ewige begeistert wurde; dass dieser, der immerfort das
Heil aller unsterblichen Seelen auf dem Spiel stehen sah, allen Ernstes allen
Teufeln in der Hölle furchtlos entgegenging, ist natürlich und durchaus kein
Wunder. Dies ist nun ein Beleg von deutschem Ernst und Gemüt.
    Dass Luter mit diesem rein menschlichen, und nur durch jeden selbst zu
besorgenden Anliegen an alle, und zunächst an die Gesammteit seiner Nation sich
wendete, lag, wie gesagt, in der Sache. Wie nahm nun sein Volk diesen Antrag
auf? Blieb es in seiner dumpfen Ruhe, gefesselt an den Boden durch irdische
Geschäfte, und ungestört fortgehend den gewohnten Gang, oder erregte die nicht
alltägliche Erscheinung gewaltiger Begeisterung bloss sein Gelächter?
Keinesweges, sondern es wurde wie durch ein fortlaufendes Feuer ergriffen von
derselben Sorge für das Heil der Seele, und diese Sorge eröffnete schnell auch
ihr Auge der vollkommenen Klarheit, und sie nahmen auf im Fluge das ihnen
Dargebotene. War diese Begeisterung nur eine augenblickliche Erhebung der
Einbildungskraft, die im Leben, und gegen dessen ernstafte Kämpfe und Gefahren
nicht Stand hielt? Keinesweges, sie entbehrten alles und trugen alle Martern,
und kämpften in blutigen zweifelhaften Kriegen, lediglich damit sie nicht wieder
unter die Gewalt des verdammlichen Papsttums gerieten, sondern ihnen und ihren
Kindern fort das allein seligmachende Licht des Evangeliums schiene; und es
erneuten sich an ihnen in später Zeit alle Wunder, die das Christentum bei
seinem Beginnen an seinen Bekennern darlegte. Alle Äusserungen jener Zeit sind
erfüllt von dieser allgemein verbreiteten Besorgteit um die Seligkeit. Sehen
Sie hier einen Beleg von der Eigentümlichkeit des deutschen Volkes. Es ist
durch Begeisterung zu jedweder Begeisterung und jedweder Klarheit leicht zu
erheben, und seine Begeisterung hält aus für das Leben und gestaltet dasselbe
um.
    Auch früher und anderwärts hatten Reformatoren Haufen des Volkes begeistert,
und sie zu Gemeinen versammelt und gebildet; dennoch erhielten diese Gemeinen
keinen festen und auf dem Boden der bisherigen Verfassung gegründeten Bestand,
weil die Volkshäupter und Fürsten der bisherigen Verfassung nicht auf ihre Seile
traten. Auch der Reformation durch Luter schien anfangs kein günstigeres
Schicksal bestimmt. Der weise Churfürst, unter dessen Augen sie begann, schien
mehr im Sinne des Auslandes, als in dem deutschen weise zu sein; er schien die
eigentliche Streitfrage nicht sonderlich gefasst zu haben, einem Streite
zwischen zwei Mönchsorden, wie ihm es schien, nicht viel Gewicht beizulegen, und
höchstens bloss um den guten Ruf seiner neu errichteten Universität besorgt zu
sein. Aber er hatte Nachfolger, die, weit weniger weise denn er, von derselben
ernstlichen Sorge für ihre Seligkeit ergriffen wurden, die in ihren Völkern
lebte, und vermittelst dieser Gleichheit mit ihnen verschmolzen bis zu
gemeinsamem Leben oder Tod, Sieg oder Untergange.
    Sehen Sie hieran einen Beleg zu dem oben angegebenen Grundzuge der
Deutschen, als einer Gesammteit, und zu ihrer durch die Natur begründeten
Verfassung. Die grossen National- und Weltangelegenheiten sind bisher durch
freiwillig auftretende Redner an das Volk gebracht worden, und bei diesem
durchgegangen. Mochten auch ihre Fürsten anfangs aus Ausländerei und aus Sucht,
vornehm zu tun und zu glänzen, wie jene, sich absondern von der Nation, und
diese verlassen oder verraten, so wurden sie doch später leicht wieder
fortgerissen zur Einstimmigkeit mit derselben, und erbarmten sich ihrer Völker.
Dass das Erste stets der Fall gewesen sei, werden wir tiefer unten noch an
anderen Belegen dartun; dass das Letztere fortdauernd der Fall bleiben möge,
können wir nur mit heisser Sehnsucht wünschen.
    Ohnerachtet man nun bekennen muss, dass in der Angst jenes Zeitalters um das
Heil der Seelen eine Dunkelheit und Unklarheit blieb, indem es nicht darum zu
tun war, den äusseren Vermittler zwischen Gott und den Menschen nur zu
verändern, sondern gar keines äusseren Mittlers zu bedürfen, und das Band des
Zusammenhanges in sich selber zu finden: so war es doch vielleicht notwendig,
dass die religiöse Ausbildung der Menschen im Ganzen durch diesen Mittelzustand
hindurchginge. Lutern selbst hat sein redlicher Eifer noch mehr gegeben, denn
er suchte, und ihn weit hinausgeführt über sein Lehrgebäude. Nachdem er nur die
ersten Kämpfe der Gewissensangst, die ihm sein kühnes Losreissen von dem ganzen
bisherigen Glauben verursachte, bestanden halle, sind alle seine Äusserungen
voll eines Jubels und Triumphs über die erlangte Freiheit der Kinder Gottes,
welche die Seligkeit gewiss nicht mehr ausser sich und jenseits des Grabes
suchten, sondern der Ausbruch des unmittelbaren Gefühls derselben waren. Er ist
hierin das Vorbild aller künftigen Zeitalter geworden, und hat für uns alle
vollendet. - Sehen Sie auch hier einen Grundzug des deutschen Geistes. Wenn er
nur sucht, so findet er mehr, als er suchte; denn er gerät hinein in den Strom
lebendigen Lebens, das durch sich selbst fortrinnt, und ihn mit sich fortreisst.
    Dem Papsttume, dieses nach seiner eigenen Gesinnung genommen und
beurteilt, geschahe durch die Weise, wie die Reformation dasselbe nahm, ohne
Zweifel unrecht. Die Äusserungen desselben waren wohl grösstenteils aus der
vorliegenden Sprache blind herausgegriffen, asiatisch rednerisch übertreibend,
gelten sollend, was sie könnten, und rechnend, dass mehr als der gebührende
Abzug wohl ohnedies werde gemacht werden, niemals aber ernstlich ermessen,
erwogen oder gemeint. Die Reformation nahm mit deutschem Ernste sie nach ihrem
vollen Gewichte; und sie halte recht, dass man Alles also nehmen solle, unrecht,
wenn sie glaubte, jene hätten es also genommen, und sie noch anderer Dinge, denn
ihrer natürlichen Flachheit und Ungründlichkeit, bezüchtigte. Ueberhaupt ist
dies die stets sich gleichbleibende Erscheinung in jedem Streite des deutschen
Ernstes gegen das Ausland, ob dieses sich nun ausser Landes oder im Lande
befinde, dass das letztere gar nicht begreifen kann, wie man über so
gleichgültige Dinge, als Worte und Redensarten sind, ein so grosses Wesen
erheben möge, und dass sie, aus deutschem Munde es wiederhörend, nicht gesagt
haben wollen, was sie doch gesagt haben und sagen, und immerfort sagen werden,
und über Verleumdung, die sie Consequenzmacherei nennen, klagen, wenn man ihre
Äusserungen in ihrem buchstäblichen Sinne und als ernstlich gemeint nimmt, und
dieselben betrachtet als Bestandteile einer folgebeständigen Denkreihe, die man
nun rückwärts nach ihren Grundsätzen, und vorwärts nach ihren Folgen herstellt;
indes man doch vielleicht sehr entfernt ist, ihnen für die Person klares
Bewusstsein dessen, was sie reden, und Folgebeständigkeit beizumessen. In jener
Anmutung, man müsse eben jedwedes Ding nehmen, wie es gemeint sei, nicht aber
etwa noch darüber hinaus das Recht zu meinen und laut zu meinen in Frage ziehen,
verrät sich immer die noch so tief versteckte Ausländerei.
    Dieser Ernst, mit welchem das alle Religionslehrgebäude genommen wurde,
nötigte dieses selbst zu einem grösseren Ernste, als es bisher gehabt halte,
und zu neuer Prüfung, Umdeutung, Befestigung der alten Lehre, sowie zu grösserer
Behutsamkeit in Lehre und Leben für die Zukunft: und dieses, sowie das
zunächstfolgende, sei Ihnen ein Beleg von der Weise, wie Deutschland auf das
übrige Europa immer zurückgewirkt hat. Hierdurch erhielt für das Allgemeine die
alte Lehre wenigstens diejenige unschädliche Wirksamkeit, die sie, nachdem sie
nun einmal nicht aufgegeben werden sollte, haben konnte; insbesondere aber ward
sie für die Verteidiger derselben Gelegenheit und Aufforderung zu einem
gründlicheren und folgegemässeren Nachdenken, als bisher stattgehabt hatte.
Davon, dass die in Deutschland verbesserte Lehre auch in das neulateinische
Ausland sich verbreitet, und daselbst denselben Erfolg höherer Begeisterung
hervorgebracht, wollen wir hier, als von einer vorübergehenden Erscheinung
schweigen: wiewohl es immer merkwürdig ist, dass die neue Lehre in keinem
eigentlich neulateinischen Lande zu einem vom Staate anerkannten Bestand
gekommen; indem es scheint, dass es deutscher Gründlichkeit bei den Regierenden
und deutscher Gutmütigkeit beim Volke bedurft habe, um diese Lehre verträglich
mit der Obergewalt zu finden, und sie also zu machen.
    In einer anderen Rücksicht aber, und zwar nicht auf das Volk, sondern auf
die gebildelen Stände, hat Deutschland durch seine Kirchenverbesserung einen
allgemeinen und dauernden Einfluss auf das Ausland gehabt; und durch diesen
Einfluss dieses Ausland wieder zum Vorgänger für sich selbst, und zu seinem
eigenen Anreger zu neuen Schöpfungen sich zubereitet. Das freie und
selbsttätige Denken, oder die Philosophie, war schon in den vorhergehenden
Jahrhunderten unter der Herrschaft der alten Lehre häufig angeregt und geübt
worden, keinesweges aber, um aus sich selbst Wahrheit hervorzubringen, sondern
nur, um zu zeigen, dass und auf welche Weise die Lehre der Kirche wahr sei.
Dasselbe Geschäft in Beziehung auf ihre Lehre erhielt zunächst die Philosophie
auch bei den deutschen Protestanten, und ward bei diesen Dienerin des
Evangeliums, sowie sie bei den Scholastikern die der Kirche gewesen war. Im
Auslande, das entweder kein Evangelium hatte, oder das dasselbe nicht mit
unvermischt deutscher Andacht und Tiefe des Gemüts gefasst hatte, erhob das
durch den erhaltenen glänzenden Triumph angefeuerte freie Denken sich leichter
und höher, ohne die Fessel eines Glaubens an Uebersinnliches; aber es blieb in
der sinnlichen Fessel des Glaubens an den natürlichen, ohne Bildung und Sitte
aufgewachsenen Verstand; und weit entfernt, dass es in der Vernunft die Quelle
auf sich selbst beruhender Wahrheit entdeckt hätte, wurden für dasselbe die
Aussprüche dieses rohen Verstandes dasjenige, was für die Scholastiker die
Kirche, für die ersten protestantischen Teologen das Evangelium war; ob sie
wahr seien, darüber regte sich kein Zweifel, die Frage war bloss, wie sie diese
Wahrheit gegen bestreitende Ansprüche behaupten könnten.
    Indem nun dieses Denken in das Gebiet der Vernunft, deren Gegenstreit
bedeutender gewesen sein würde, gar nicht hineinkam, so fand es keinen Gegner,
ausser der historisch vorhandenen Religion, und wurde mit dieser leicht fertig,
indem es sie an den Massstab des vorausgesetzten gesunden Verstandes hielt, und
sich dabei klar zeigte, dass sie demselben eben widerspräche; und so kam es
denn, dass, sowie dieses Alles vollkommen ins Reine gebracht wurde, im Auslande
die Benennung des Philosophen und die des Irreligiösen und Gottesläugners
gleichbedeutend wurden, und zu gleicher ehrenvoller Auszeichnung gereichten.
    Die versuchte gänzliche Erhebung über allen Glauben an fremdes Ansehen,
welche in diesen Bestrebungen des Auslandes das Richtige war, wurde den
Deutschen, von denen sie vermittelst der Kirchenverbesserung erst ausgegangen
war, zu neuer Anregung. Zwar sagten untergeordnete und unselbstständige Köpfe
unter uns diese Lehre des Auslandes eben nach - lieber die des Auslandes, wie es
scheint, als die ebenso leicht zu habende ihrer Landsleute, darum, weil ihnen
das erste vornehmer dünkte - und diese Köpfe suchten, so gut es gehen wollte,
sich selber davon zu überzeugen; wo aber selbstständiger deutscher Geist sich
regte, da genügte das Sinnliche nicht, sondern es entstand die Aufgabe, das,
freilich nicht auf fremdes Ansehen zu glaubende, Uebersinnliche in der Vernunft
selbst aufzusuchen, und so erst eigentliche Philosophie zu erschaffen, indem
man, wie es sein sollte, das freie Denken zur Quelle unabhängiger Wahrheit
machte. Dahin strebte Leibnitz, im Kampfe mit jener ausländischen Philosophie;
dies erreichte der eigentliche Stifter der neuen deutschen Philosophie, nicht
ohne das Geständnis, durch eine Äusserung des Auslandes, die inzwischen tiefer
genommen worden, als sie gemeint gewesen, angeregt worden zu sein. Seitdem ist
unter uns die Aufgabe vollständig gelöst und die Philosophie vollendet worden,
welches man indessen sich begnügen muss zu sagen, bis ein Zeitalter kommt, das
es begreift. Dies vorausgesetzt, so wäre abermals durch Anregung des durch das
neurömische Ausland hindurchgegangenen Altertums im deutschen Mutterlande die
Schöpfung eines vorher durchaus nicht dagewesenen Neuen erfolgt.
    Unter den Augen der Zeitgenossen hat das Ausland eine andere Aufgabe der
Vernunft und der Philosophie an die neue Welt, die Errichtung des vollkommenen
Staates, leicht und mit feuriger Kühnheit ergriffen, und kurz darauf dieselbe
also fallen lassen, dass es durch seinen jetzigen Zustand genötiget ist, den
blossen Gedanken der Aufgabe als ein Verbrechen zu verdammen, und alles anwenden
müsste, um, wenn es könnte, jene Bestrebungen aus den Jahrbüchern seiner
Geschichte auszutilgen. Der Grund dieses Erfolges liegt am Tage: der
vernunftgemässe Staat lässt sich nicht durch künstliche Vorkehrungen aus jedem
vorhandenen Stoffe aufbauen, sondern die Nation muss zu demselben erst gebildet
und herauferzogen werden. Nur diejenige Nation, welche zuvörderst die Aufgabe
der Erziehung zum vollkommenen Menschen durch die wirkliche Ausübung gelöst
haben wird, wird sodann auch jene des vollkommenen Staates lösen.
    Auch die zuletztgenannte Aufgabe der Erziehung ist seit unserer
Kirchenverbesserung vom Auslande geistvoll, aber im Sinne seiner Philosophie
mehrmals in Anregung gebracht worden, und diese Anregungen haben unter uns fürs
erste Nachtreter und Uebertreiber gefunden. Bis zu welchem Puncte endlich in
unseren Tagen abermals deutsches Gemüt diese Sache gebracht, werden wir zu
seiner Zeit ausführlicher berichten.
    Sie haben an dem Gesagten eine klare Uebersicht der gesammten
Bildungsgeschichte der neuen Welt, und des sich immer gleichbleibenden
Verhältnisses der verschiedenen Bestandteile der letzten zur ersten. Wahre
Religion, in der Form des Christentums, war der Keim der neuen Welt, und ihre
Gesammtaufgabe die, diese Religion in die vorhandene Bildung des Altertums zu
verflössen, und die letzte dadurch zu vergeistigen und zu heiligen. Der erste
Schritt auf diesem Wege war, das die Freiheit raubende äussere Ansehen der Form
dieser Religion von ihr abzuscheiden, und auch in sie das freie Denken des
Altertums einzuführen. Es regte an zu diesem Schritte das Ausland, der Deutsche
tat ihn. Der zweite, der eigentlich die Fortsetzung und Vollendung des ersten
ist, der, diese Religion und mit ihr alle Weisheit in uns selber aufzufinden; -
auch ihn vorbereitete das Ausland und vollzog der Deutsche. Der dermalen in der
ewigen Zeit an der Tagesordnung sich befindende Fortschritt ist die vollkommene
Erziehung der Nation zum Menschen. Ohne dies wird die gewonnene Philosophie nie
ausgedehnte Verständlichkeit, vielweniger noch allgemeine Anwendbarkeit im Leben
finden; sowie hinwiederum ohne Philosophie die Erziehungskunst niemals zu
vollständiger Klarheit in sich selbst gelangen wird. Beide greifen daher
ineinander, und sind, eins ohne das andere, unvollständig und unbrauchbar. Schon
allein darum, weil der Deutsche bisher alle Schritte der Bildung zur Vollendung
gebracht, und er eigentlich dazu aufbewahrt worden ist in der neuen Welt, kommt
ihm dasselbe auch mit der Erziehung zu; wie aber diese einmal in Ordnung
gebracht ist, wird es sich mit den übrigen Angelegenheiten der Menschheit leicht
ergeben.
    In diesem Verhältnisse also hat wirklich die deutsche Nation zur Fortbildung
des menschlichen Geschlechtes in der neuen Zeit bisher gestanden. Noch ist über
eine schon zweimal fallengelassene Bemerkung über den naturgemässen Hergang, den
diese Nation hierbei genommen, dass nämlich in Deutschland alle Bildung vom
Volke ausgegangen, mehr Licht zu verbreiten. Dass die Angelegenheit der
Kirchenverbesserung zuerst an das Volk gebracht worden, und allein dadurch, dass
es desselben Angelegenheit geworden, -gelungen sei, haben wir schon ersehen.
Aber es ist ferner darzutun, dass dieser einzelne Fall nicht Ausnahme, sondern
dass er die Regel gewesen.
    Die im Mutterlande zurückgebliebenen Deutschen hatten alle Tugenden, die
ehemals auf ihrem Boden zu Hause waren, beibehalten: Treue, Biederkeit, Ehre,
Einfalt; aber sie hatten von Bildung zu einem höheren und geistigen Leben nicht
mehr erhalten, als das damalige Christentum und seine Lehrer an
zerstreutwohnende Menschen bringen konnten. Dies war wenig, und sie standen so
gegen ihre ausgewanderten Stammverwandten zurück, und waren in der Tat zwar
brav und bieder, aber dennoch halb Barbaren. Es entstanden unter ihnen indessen
Städte, die durch Glieder aus dem Volke errichtet wurden. In diesen entwickelte
sich schnell jeder Zweig des gebildeten Lebens zur schönsten Blüte. In ihnen
entstanden, zwar auf Kleines berechnete, dennoch aber treffliche bürgerliche
Verfassungen und Einrichtungen, und von ihnen aus verbreitete sich ein Bild von
Ordnung und eine Liebe derselben erst über das übrige Land. Ihr ausgebreiteter
Handel half die Welt entdecken. Ihren Bund fürchteten Könige. Die Denkmäler
ihrer Baukunst dauern noch, haben der Zerstörung von Jahrhunderten getrotzt, die
Nachwelt steht bewundernd vor ihnen und bekennt ihre eigene Ohnmacht.
    Ich will diese Bürger der deutschen Reichsstädte des Mittelalters nicht
vergleichen mit den anderen ihnen gleichzeitigen Ständen, und nicht fragen, was
indessen der Adel tat und die Fürsten; aber in Vergleich mit den übrigen
germanischen Nationen, einige Striche Italiens abgerechnet, hinter welchen
selbst jedoch in den schönen Künsten die Deutschen nicht zurückblieben, in den
nützlichen sie übertrafen und ihre Lehrer wurden, - diese abgerechnet, waren nun
diese deutschen Bürger die gebildeten, und jene die Barbaren. Die Geschichte
Deutschlands, deutscher Macht, deutscher Unternehmungen, Erfindungen, Denkmale,
Geistes, ist in diesem Zeitraume lediglich die Geschichte dieser Städte, und
alles Uebrige, als da sind Länderverpfändungen und Wiedereinlösungen und
dergleichen, ist nicht des Erwähnens wert. Auch ist dieser Zeitpunct der
einzige in der deutschen Geschichte, in der diese Nation glänzend und ruhmvoll,
und mit dem Range, der ihr als Stammvolk gebührt, dasteht; so wie ihre Blüte
durch die Habsucht und Herrschsucht der Fürsten zerstört und ihre Freiheit
zertreten wird, sinkt das Ganze allmählig immer tiefer herab, und geht entgegen
dem gegenwärtigen Zustande; wie aber Deutschland herabsinkt, sieht man das
übrige Europa eben also sinken, in Rücksicht dessen, was das Wesen betrifft, und
nicht den blossen äusseren Schein.
    Der entscheidende Einfluss dieses in der Tat herrschenden Standes auf die
Entwickelung der deutschen Reichsverfassung, auf die Kirchenverbesserung und auf
alles, was jemals die deutsche Nation bezeichnete, und von ihr ausging in das
Ausland, ist allentalben unverkennbar, und es lässt sich nachweisen, dass
alles, was noch jetzt Ehrwürdiges ist unter den Deutschen, in seiner Mitte
entstanden ist.
    Und mit welchem Geiste brachte hervor und genoss dieser deutsche Stand diese
Blüte? Mit dem Geiste der Frömmigkeit, der Ehrbarkeit, der Bescheidenheit, des
Gemeinsinnes. Für sich selbst bedurften sie wenig, für öffentliche
Unternehmungen machten sie unermesslichen Aufwand. Selten steht irgendwo ein
einzelner Name hervor und zeichnet sich aus, weil alle gleichen Sinnes waren,
und gleicher Aufopferung für das Gemeinsame. Ganz unter denselben äusseren
Bedingungen, wie in Deutschland, waren auch in Italien freie Städte entstanden.
Man vergleiche die Geschichten beider; man halte die fortwährenden Unruhen, die
inneren Zwiste, ja Kriege, den beständigen Wechsel der Verfassungen und der
Herrscher in den ersten, gegen die friedliche Ruhe und Eintracht in den
letzteren. Wie konnte klarer sich aussprechen, dass ein innerlicher Unterschied
in den Gemütern der beiden Nationen gewesen sein müsse? Die deutsche Nation ist
die einzige unter den neueuropäischen Nationen, die es an ihrem Bürgerstande
schon seit Jahrhunderten durch die Tat gezeigt hat, dass sie die
republikanische Verfassung zu ertragen vermöge.
    Unter den einzelnen und besonderen Mitteln, den deutschen Geist wieder zu
heben, würde es ein sehr kräftiges sein, wenn wir eine begeisternde Geschichte
der Deutschen aus diesem Zeitraume hätten, die da National- und Volksbuch würde,
so wie Bibel oder Gesangbuch es sind, so lange, bis wir selbst wiederum etwas
des Aufzeichnens Wertes hervorbrächten. Nur müsste eine solche Geschichte nicht
etwa chronikenmässig die Taten und Ereignisse aufzählen, sondern sie müsste
uns, wunderbar ergreifend und ohne unser eigenes Zutun oder klares Bewusstsein,
mitten hineinversetzen in das Leben jener Zeit, so dass wir selbst mit ihnen zu
gehen, zu gehen, zu beschliessen, zu handeln schienen, und dies nicht durch
kindische und tändelnde Erdichtung, wie es so viele historische Romane getan
haben, sondern durch Wahrheit; und aus diesem ihrem Leben müsste sie die Taten
und Ereignisse, als Belege desselben, hervorblühen lassen. Ein solches Werk
könnte zwar nur die Frucht von ausgebreiteten Kenntnissen sein, und von
Forschungen, die vielleicht noch niemals angestellt sind, aber die Ausstellung
dieser Kenntnisse und Forschungen müsste uns der Verfasser ersparen, und nur
lediglich die gereifte Frucht uns vorlegen in der gegenwärtigen Sprache, auf
eine jedwedem Deutschen ohne Ausnahme verständliche Weise. Ausser jenen
historischen Kenntnissen würde ein solches Werk auch noch ein hohes Maass
philosophischen Geistes erfordern, der ebensowenig sich zur Schau ausstellte;
und vor allem ein treues und liebendes Gemüt.
    Jene Zeit war der jugendliche Traum der Nation in beschränkten Kreisen von
künftigen Taten, Kämpfen und Siegen: und die Weissagung, was sie einst bei
vollendeter Kraft sein würde. Verführerische Gesellschaft und die Lockung der
Eitelkeit hat die heranwachsende fortgerissen in Kreise, die nicht die ihrigen
sind, und indem sie auch da glänzen wollte, steht sie da mit Schmach bedeckt,
und ringend sogar um ihre Fortdauer. Aber ist sie denn wirklich veraltet und
entkräftet? Hat ihr nicht auch seitdem immerfort und bis auf diesen Tag die
Quelle des ursprünglichen Lebens fortgequollen, wie keiner anderen Nation?
Können jene Weissagungen ihres jugendlichen Lebens, die durch die Beschaffenheit
der übrigen Völker und durch den Bildungsplan der ganzen Menschheit bestätigt
werden, - können sie unerfüllt bleiben? Nimmermehr. Bringe man diese Nation nur
zuvörderst zurück von der falschen Richtung, die sie ergriffen, zeige man ihr in
dem Spiegel jener ihrer Jugendträume ihren wahren Hang und ihre wahre
Bestimmung, bis unter diesen Betrachtungen sich ihr die Kraft entfalte, diese
ihre Bestimmung mächtig zu ergreifen Möchte diese Aufforderung etwas dazu
beitragen, dass recht bald ein dazu ausgerüsteter deutscher Mann diese
vorläufige Aufgabe löse!
 
                                 Siebente Rede
    Noch tiefere Erfassung der Ursprünglichkeit und Deutschheit eines Volkes
    Es sind in den vorigen Reden angegeben und in der Geschichte nachgewiesen
die Grundzüge der Deutschen als eines Urvolkes, und als eines solchen, das das
Recht hat, sich das Volk schlechtweg, im Gegensatze mit anderen von ihm
abgerissenen Stämmen zu nennen, wie denn auch das Wort Deutsch in seiner
eigentlichen Wortbedeutung das soeben Gesagte bezeichnet. Es ist zweckmässig,
dass wir bei diesem Gegenstande noch eine Stunde verweilen, und uns auf den
möglichen Einwurf einlassen, dass, wenn dies deutsche Eigentümlichkeit sei, man
werde bekennen müssen, dass dermalen unter den Deutschen selber wenig Deutsches
mehr übrig sei. Indem auch wir diese Erscheinung keinesweges läugnen können,
sondern sie vielmehr anzuerkennen und in ihren einzelnen Teilen sie zu
übersehen gedenken, wollen wir mit einer Erklärung derselben anheben.
    Das war im Ganzen das Verhältnis des Urvolkes der neuen Welt zum Fortgange
der Bildung dieser Welt, dass das erstere durch unvollständige und auf der
Oberfläche verbleibende Bestrebungen des Auslandes erst angeregt werde zu
tieferen, aus seiner eigenen Mitte herauszuentwickelnden Schöpfungen. Da von der
Anregung bis zur Schöpfung es ohne Zweifel seine Zeit dauert, so ist klar, dass
ein solches Verhältnis Zeiträume herbeiführen werde, in welchem das Urvolk fast
ganz mit dem Auslande verflossen, und demselben gleich erscheinen müsse, weil es
nämlich gerade im Zustande des blossen Angeregtseins sich befindet, und die
dabei beabsichtigte Schöpfung noch nicht zum Durchbruche gekommen ist. In einem
solchen Zeitraume befindet sich nun gerade jetzt Deutschland in Absicht der
grossen Mehrzahl seiner gebildeten Bewohner, und daher rühren die durch das
ganze innere Wesen und Leben dieser Mehrzahl verflossenen Erscheinungen der
Ausländerei. Die Philosophie, als freies, von allen Fesseln des Glaubens an
fremdes Ansehen erledigtes Denken, sei es, wodurch dermalen das Ausland sein
Mutterland anrege, haben wir in der vorigen Rede ersehen. Wo es nun von dieser
Anregung aus nicht zur neuen Schöpfung gekommen, welches, da die letzte von der
grossen Mehrzahl unvernommen geblieben, bei äusserst wenigen der Fall ist: da
gestaltet sich teils noch jene schon früher bezeichnete Philosophie des
Auslandes selber zu anderen und anderen Formen; teils bemächtiget sich der
Geist derselben auch der übrigen, an die Philosophie zunächst grenzenden
Wissenschaften, und sieht an dieselben aus seinem Gesichtspuncte; endlich, da
der Deutsche seinen Ernst und sein unmittelbares Eingreifen in das Leben doch
niemals ablegen kann, so fliesst diese Philosophie ein auf die öffentliche
Lebensweise und auf die Grundsätze und Regeln derselben. Wir werden dies Stück
für Stück dartun.
    Zuvörderst und vor allen Dingen: der Mensch bildet seine wissenschaftliche
Ansicht nicht etwa mit Freiheit und Willkür, so oder so, sondern sie wird ihm
gebildet durch sein Leben, und ist eigentlich die zur Anschauung gewordene
innere und übrigens ihm unbekannte Wurzel seines Lebens selbst. Was du so recht
innerlich eigentlich bist, das tritt heraus vor dein äusseres Auge, und du
vermöchtest niemals etwas anderes zu sehen. Solltest du anders sehen, so
müsstest du erst anders werden. Nun ist das innere Wesen des Auslandes, oder der
Nichtursprünglichkeit, der Glaube an irgend ein Letztes, Festes, umveränderlich
Stehendes, an eine Grenze, diesseits welcher zwar das freie Leben sein Spiel
treibe, welche selbst aber es niemals zu durchbrechen, und durch sich flüssig zu
machen und sich in dieselbe zu verflössen vermöge. Diese undurchdringliche
Grenze tritt ihm darum irgendwo notwendig auch vor die Augen, und es kann nicht
anders denken oder glauben, ausser unter Voraussetzung einer solchen, wenn nicht
sein ganzes Wesen umgewandelt, und sein Herz ihm aus dem Leibe gerissen werden
soll. Es glaubt notwendig an den Tod, als das Ursprüngliche und Letzte, den
Grundquell aller Dinge, und mit ihnen des Lebens.
    Wir haben hier nur zunächst anzugeben, wie dieser Grundglaube des Auslandes
unter den Deutschen dermalen sich ausspreche.
    Er spricht sich aus zuvörderst in der eigentlichen Philosophie. Die
dermalige deutsche Philosophie, inwiefern dieselbe hier der Erwähnung wert ist,
will Gündlichkeit und wissenschaftliche Form, ohnerachtet sie dieselbe nicht zu
erschwingen vermag, sie will Einheit, auch nicht ohne früheren Vorgang des
Auslandes, sie will Realität und Wesen - nicht blosse Erscheinung, sondern eine
in der Erscheinung erscheinende Grundlage dieser Erscheinung, und hat in allen
diesen Stücken recht, und übertrifft sehr weit die herrschenden Philosophien des
dermaligen auswärtigen Auslandes, indem sie in der Ausländerei weit gründlicher
und folgebeständiger ist, denn jenes. Diese der blossen Erscheinung
unterzulegende Grundlage ist ihnen nun, wie sie sie auch etwa noch fehlerhafter
weiterbestimmen mögen, immer ein festes Sein, das da ist, was es eben ist, und
nichts weiter, in sich gefesselt und an sein eigenes Wesen gebunden; und so
tritt denn der Tod und die Entfremdung von der Ursprünglichkeit, die in ihnen
selbst sind, auch heraus vor ihre Augen. Weil sie selbst nicht zum Leben
schlechtweg, aus sich selber heraus, sich aufzuschwingen vermögen, sondern für
freien Aufflug stets eines Trägers und einer Stütze bedürfen, darum kommen sie
auch mit ihrem Denken, als dem Abbilde ihres Lebens, nicht über diesen Träger
hinaus: das, was nicht Etwas ist, ist ihnen notwendig Nichts, weil zwischen
jenem in sich verwachsenen Sein und dem Nichts ihr Auge nichts weiter sieht, da
ihr Leben da nichts weiter hat Ihr Gefühl, worauf auch allein sie sich berufen
können, erscheint ihnen als untrüglich; und so jemand diesen Träger nicht
zugibt, so sind sie weit entfernt von der Voraussetzung, dass er mit dem Leben
allein sich begnüge, sondern sie glauben, dass es ihm nur an Scharfsinn fehle,
den Träger, der ohne Zweifel auch ihn trage, zu bemerken, und dass er der
Fähigkeit, sich zu ihren hohen Ansichten aufzuschwingen, ermangele. Es ist darum
vergeblich und unmöglich, sie zu belehren; machen müsste man sie, und anders
machen, wenn man könnte. In diesem Teile ist nun die dermalige deutsche
Philosophie nicht deutsch, sondern Ausländerei.
    Die wahre, in sich selbst zu Ende gekommene und über die Erscheinung hinweg
wahrhaft zum Kerne derselben durchgedrungene Philosophie hingegen geht aus von
dem Einen, reinen, göttlichen Leben, - als Leben schlechtweg, welches es auch in
alle Ewigkeit, und darin immer Eines bleibt, nicht aber als von diesem oder
jenem Leben; und sie sieht, wie lediglich in der Erscheinung dieses Leben
unendlich fort sich schliesse und wiederum öffne, und erst diesem Gesetze
zufolge es zu einem Sein und zu einem Etwas überhaupt komme. Ihr entsteht das
Sein, was jene sich vorausgeben lässt. Und so ist denn diese Philosophie recht
eigentlich nur deutsch, d. i. ursprünglich; und umgekehrt, so jemand nur ein
wahrer Deutscher würde, so würde er nicht anders denn also philosophiren können.
    Jenes, obwohl bei der Mehrzahl der deutsch Philosophirenden herrschende,
dennoch nicht eigentlich deutsche Denksystem greift, ob es nun mit Bewusstsein
als eigentliches philosophisches Lehrgebäude aufgestellt sei, oder ob es nur
unbewusst unserem übrigen Denken zum Grunde liege, - es greift, sage ich, ein in
die übrigen wissenschaftlichen Ansichten der Zeit; wie denn dies ein
Hauptbestreben unserer durch das Ausland angeregten Zeit ist, den
wissenschaftlichen Stoff nicht mehr bloss, wie wohl unsere Vorfahren taten, in
das Gedächtnis zu fassen, sondern denselben auch selbstdenkend und
philosophirend zu bearbeiten In Absicht des Bestrebens überhaupt hat die Zeit
recht; wenn sie, aber, wie dies zu erwarten ist, in der Ausführung dieses
Philosophirens von der todtgläubigen Philosophie des Auslandes ausgeht, wird sie
unrecht haben. Wir wollen hier nur auf die unserem ganzen Vorhaben am nächsten
liegenden Wissenschaften einen Blick werfen, und die in ihnen verbreiteten
ausländischen Begriffe und Ansichten aufsuchen.
    Dass die Errichtung und Regierung der Staaten als eine freie Kunst angesehen
werde, die ihre festen Regeln habe, darin hat ohne Zweifel das Ausland, es
selbst nach dem Muster des Altertums, uns zum Vorgänger gedient. Worein wird
nun ein solches Ausland, das schon an dem Elemente seines Denkens und Wollens,
seiner Sprache, einen festen, geschlossenen und todten Träger hat, und alle, die
ihm hierin folgen, diese Staatskunst setzen? Ohne Zweifel in die Kunst, eine
gleichfalls feste und todte Ordnung der Dinge zu finden, aus welchem Tode das
lebendige Regen der Gesellschaft hervorgehe, und also hervorgehe, wie sie es
beabsichtigt: alles Leben in der Gesellschaft zu einem grossen und künstlichen
Druck- und Räderwerke zusammenzufügen, in welchem jedes Einzelne durch das Ganze
immerfort genötigt werde, dem Ganzen zu dienen; ein Rechenexempel zu lösen aus
endlichen und benannten Grössen zu einer nennbaren Summe, aus der Voraussetzung,
jeder wolle sein Wohl, zu dem Zwecke eben dadurch jeden wider seinen Dank und
Willen zu zwingen, das allgemeine Wohl zu befördern. Das Ausland hat vielfältig
diesen Grundsatz ausgesprochen, und Kunstwerke jener gesellschaftlichen
Maschinenkunst geliefert; das Mutterland hat die Lehre angenommen, und die
Anwendung derselben zu Hervorbringung gesellschaftlicher Maschinen weiter
bearbeitet, auch hier, wie immer, umfassender, tiefer, wahrer, seine Muster bei
weitem übertreffend. Solche Staatskünstler wissen, falls es etwa mit dem
bisherigen Gange der Gesellschaft stockt, dies nicht anders zu erklären, als
dass etwa eines der Räder derselben ausgelaufen sein möge, und kennen kein
anderes Heilungsmittel denn dies die schadhaften Räder herauszuheben und neue
einzusetzen. Je eingewurzelter jemand in diese mechanische Ansicht der
Gesellschaft ist, jemehr er es versteht, diesen Mechanismus zu vereinfachen,
indem er alle Teile der Maschine so gleich als möglich macht, und alle als
gleichmässigen Stoff behandelt, für einen desto grösseren Staatskünstler gilt
er, mit Recht in dieser unserer Zeit; - denn mit den unentschieden schwankenden,
und gar keiner festen Ansicht fähigen ist man noch übler daran.
    Diese Ansieht der Staatskunst prägt durch ihre eiserne Folgegemässheit und
durch einen Anschein von Erhabenheit, der auf sie fällt, Achtung ein; auch
leistet sie, besonders, wo alles nach monarchischer und immer reiner werdender
monarchischer Verfassung drängt, bis auf einen gewissen Punct gute Dienste.
Angekommen aber bei diesem Puncte, springt ihre Ohnmacht in die Augen. Ich will
nämlich annehmen, dass ihr eurer Maschine die von euch beabsichtigte
Vollkommenheit durchaus verschafft hättet, und dass in ihr jedwedes niedere
Glied unausbleiblich und unwiderstehlich gezwungen werde durch ein höheres, zum
Zwingen gezwungenes Glied, und sofort bis an den Gipfel; wodurch wird denn nun
euer letztes Glied, von dem aller in der Maschine vorhandene Zwang ausgeht, zu
seinem Zwingen gezwungen? Ihr sollt schlechtin allen Widerstand, der aus der
Reibung der Stoffe gegen jene letzte Triebfeder entstehen könnte, überwunden,
und ihr eine Kraft gegeben haben, gegen welche alle andere Kraft in nichts
verschwinde, was allein ihr auch durch Mechanismus könnt, und sollt also die
allerkräftigste monarchische Verfassung erschaffen haben; wie wollt ihr denn nun
diese Triebfeder selbst in Bewegung bringen, und sie zwingen, ohne Ausnahme das
Rechte zu sehen und zu wollen? Wie wollt ihr denn in euer, zwar richtig
berechnetes und gefügtes, aber stillstehendes Räderwerk das ewig Bewegliche
einsetzen? Soll etwa, wie ihr dies auch zuweilen in eurer Verlegenheit äussert,
das ganze Werk selbst zurückwirken und seine erste Triebfeder anregen? Entweder
geschieht dies durch eine selbst aus der Anregung der Triebfeder stammende
Kraft, oder es geschieht durch eine solche Kraft, die nicht aus ihr stammt,
sondern die in dem Ganzen selbst, unabhängig von der Triebfeder, stattfindet;
und ein Drittes ist nicht möglich. Nehmet ihr das erste an, so befindet ihr euch
in einem alles Denken und allen Mechanismus aufhebenden Cirkel; das ganze Werk
kann die Triebfeder zwingen, nur, inwiefern es selbst von jener gezwungen ist,
sie zu zwingen, also, inwiefern die Triebfeder, nur mittelbar, sich selbst
zwingt; zwingt sie aber sich selbst nicht, welchem Mangel wir ja eben abhelfen
wollten, so erfolgt überhaupt keine Bewegung. Nehmt ihr das zweite an, so
bekennt ihr, dass der Ursprung aller Bewegung in eurem Werke von einer in eurer
Berechnung und Anordnung Bar nicht eingetretenen und durch euren Mechanismus gar
nicht gebundenen Kraft ausgehe, die ohne Zweifel, ohne euer Zutun, nach ihren
eigenen euch unbekannten Gesetzen wirkt, wie sie kann. In jedem der beiden Fälle
müsst ihr euch als Stümper und ohnmächtige Prahler bekennen.
    Dies hat man denn auch gefühlt, und in diesem Lehrgebäude, das, auf seinen
Zwang rechnend, um die übrigen Bürger unbesorgt sein kann, wenigstens den
Fürsten, von welchem alle gesellschaftliche Bewegung ausgeht, durch allerlei
gute Lehre und Unterweisung erziehen wollen. Aber, wie will man sich denn
versichern, dass man auf eine der Erziehung zum Fürsten überhaupt fähige Natur
treffen werde; oder, falls man auch dieses Glück hätte, dass dieser, den kein
Mensch nötigen kann, gefällig und geneigt sein werde, Zucht annehmen zu wollen?
    Eine solche Ansicht der Staatskunst ist nun, ob sie auf ausländischem oder
deutschem Boden angetroffen werde, immer Ausländerei. Es ist jedoch hierbei zur
Ehre deutschen Geblütes und Gemütes anzumerken, dass, so gute Künstler wir auch
in der blossen Lehre dieser Zwangsberechnungen sein mochten, wir dennoch, wenn
es zur Ausübung kam, durch das dunkle Gefühl, es müsse nicht also sein, gar sehr
gehemmt wurden, und in diesem Stücke gegen das Ausland zurückblieben. Sollten
wir also auch genötigt werden, die uns zugedachte Wohltat fremder Formen und
Gesetze anzunehmen: so wollen wir uns dabei wenigstens nicht über die Gebühr
schämen, als ob unser Witz unfähig gewesen wäre, diese Höhen der Gesetzgebung
auch zu erschwingen. Da, wenn wir bloss die Feder in der Hand haben, wir auch
hierin keiner Nation nachstehen, so möchten für das Leben wir wohl gefühlt
haben, dass auch dies noch nicht das Rechte sei, und so lieber das Alte haben
stehen lassen wollen, bis das Vollkommene an uns käme, anstatt bloss die alte
Mode mit einer neuen, ebenso hinfälligen Mode zu vertauschen.
    Anders die ächt deutsche Staatskunst Auch sie will Festigkeit, Sicherheit
und Unabhängigkeit von der blinden und schwankenden Natur, und ist hierin mit
dem Auslande ganz einverstanden. Nur will sie nicht, wie diese, ein festes und
gewisses Ding, als das erste, durch welches der Geist, als das zweite Glied,
erst gewiss gemacht werde, sondern sie will gleich von vornherein, und als das
allererste und einige Glied, einen festen und gewissen Geist. Dieser ist für sie
die aus sich selbst lebende und ewig bewegliche Triebfeder, die das Leben der
Gesellschaft ordnen und fortbewegen wird. Sie begreift, dass sie diesen Geist
nicht durch Strafreden an die schon verwahrloste Erwachsenheit, sondern nur
durch Erziehung des noch unverdorbenen Jugendalters hervorbringen könne; und
zwar will sie mit dieser Erziehung sich nicht, wie das Ausland, an die schroffe
Spitze, den Fürsten, sondern sie will sich mit derselben an die breite Fläche,
an die Nation wenden, indem ja ohne Zweifel auch der Fürst zu dieser gehören
wird. So wie der Staat an den Personen seiner erwachsenen Bürger die
fortgesetzte Erziehung des Menschengeschlechtes ist, so müsse, meint diese
Staatskunst, der künftige Bürger selbst erst zur Empfänglichkeit jener höheren
Erziehung herauferzogen werden. Hierdurch wird nun diese deutsche und
allerneueste Staatskunst wiederum die allerälteste; denn auch diese bei den
Griechen gründete das Bürgertum auf die Erziehung, und bildete Bürger, wie die
folgenden Zeitalter sie nicht wieder gesehen haben. In der Form dasselbe, in dem
Gehalte mit nicht engherzigem und ausschliessendem, sondern allgemeinem und
weltbürgerlichem Geiste, wird hinführo der Deutsche tun.
    Derselbe Geist des Auslandes herrscht bei der grossen Mehrzahl der Unsrigen,
auch in ihrer Ansicht des gesammten Lebens eines Menschengeschlechtes, und der
Geschichte, als dem Bilde jenes Lebens. Eine Nation, die eine geschlossene und
erstorbene Grundlage ihrer Sprache hat, kann es, wie wir zu einer anderen Zeit
gezeigt haben, in allen Redekünsten nur bis zu einer gewissen, von jener
Grundlage verstatteten Stufe der Ausbildung bringen, und sie wird ein goldenes
Zeitalter erleben. Ohne die grösste Bescheidenheit und Selbstverläugnung kann
eine solche Nation von dem ganzen Geschlechte nicht füglich höher denken, denn
sie selbst sich kennt; sie muss daher voraussetzen, dass es auch für dieses ein
letztes, höchstes und niemals zu übertreffendes Ziel der Ausbildung geben werde.
So wie das Tiergeschlecht der Biber oder Bienen noch jetzt also baut, wie es
vor Jahrtausenden gebaut hat, und in diesem langen Zeitraume in der Kunst keine
Fortschritte gemacht hat, eben so wird es nach diesen sich mit dem
Tiergeschlechte, Mensch genannt, in allen Zweigen seiner Ausbildung verhalten.
Diese Zweige, Triebe und Fähigkeiten werden sich erschöpfend übersehen, ja
vielleicht an ein paar Gliedmaassen sogar dem Auge darlegen lassen, und die
höchste Entwickelung einer jeden wird angegeben werden können. Vielleicht wird
das Menschengeschlecht darin noch weit übler daran sein, als das Biber- oder
Bienengeschlecht, dass das letztere, wie es zwar nichts zulernt, dennoch auch in
seiner Kunst nicht zurückkommt, der Mensch aber, wenn er auch einmal den Gipfel
erreichte, wiederum zurückgeschleudert wird, und nun Jahrhunderte oder Tausende
sich anstrengen mag, um wiederum in den Punct hineinzugeraten, in welchem man
ihn lieber gleich hätte lassen sollen. Dergleichen Scheitelpuncte seiner Bildung
und goldene Zeitalter wird, diesen zufolge, das Menschengeschlecht ohne Zweifel
auch schon erreicht haben; diese in der Geschichte aufzusuchen, und nach ihnen
alle Bestrebungen der Menschheit zu beurteilen und auf sie sie zurückzuführen,
wird ihr eifrigstes Bestreben sein. Nach ihnen ist die Geschichte längst fertig,
und ist schon mehrmals fertig gewesen; nach ihnen geschieht nichts Neues unter
der Sonne, denn sie haben unter und über der Sonne den Quell des ewigen
Fortlebens ausgetilgt, und lassen nur den immer wiederkehrenden Tod sich
wiederholen und mehreremale setzen.
    Es ist bekannt, dass diese Philosophie der Geschichte vom Auslande aus an
uns gekommen ist, wiewohl sie dermalen auch in diesem verhallet und fast
ausschliessend deutsches Eigentum geworden ist. Aus dieser tieferen
Verwandtschaft erfolgt es denn auch, dass diese unsere Geschichtsphilosophie die
Bestrebungen des Auslandes, - welches, wenn es auch diese Ansicht der Geschichte
nicht mehr häufig ausspricht, noch mehr tut, indem es in derselben handelt, und
abermals ein goldenes Zeitalter verfertigt, - so durch und durch zu verstehen
und ihnen sogar weissagend den ferneren Weg vorzuzeichnen, und sie so aufrichtig
zu bewundern vermag, wie es der deutschdenkende nicht eben also von sich rühmen
kann. Wie könnte er auch? Goldene Zeitalter in jeder Rücksicht sind ihm eine
Beschränkteit der Erstorbenheit. Das Gold möge zwar das edelste sein im
Schoss der erstorbenen Erde, meint er, aber des lebendigen Geistes Stoff sei
jenseits der Sonne, und jenseits aller Sonnen, und sei ihre Quelle. Ihm wickelt
sich die Geschichte, und mit ihr das Menschengeschlecht, nicht ab nach dem
verborgenen und wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes, sondern nach ihm macht
der eigentliche und rechte Mensch sie selbst, nicht etwa nur wiederholend das
schon Dagewesene, sondern in die Zeit hineinerschaffend das durchaus Neue. Er
erwartet darum niemals blosse Wiederholung, und wenn sie doch erfolgen sollte,
Wort für Wort, wie es im alten Buche steht, so bewundert er wenigstens nicht.
    Auf ähnliche Weise nun verbreitet der ertödtende Geist des Auslandes, ohne
unser deutliches Bewusstsein, sich über unsere übrigen wissenschaftlichen
Ansichten, von denen es hinreichen möge, die angeführten Beispiele beigebracht
zu haben; und zwar erfolgt dies deswegen also, weil wir gerade jetzt die vom
Auslande früher erhaltenen Anregungen nach unserer Weise bearbeiten, und durch
einen solchen Mittelzustand hindurchgehen. Weil dies zur Sache gehörte, habe ich
diese Beispiele beigebracht; nebenbei auch noch darum, damit niemand glaube,
durch Folgesätze aus den angeführten Grundsätzen den hier geäusserten
Behauptungen widersprechen zu können. Weit entfernt, dass etwa jene Grundsätze
uns unbekannt geblieben wären, oder dass wir zu der Höhe derselben uns nicht
aufzuschwingen vermocht hätten, kennen wir sie vielmehr recht gut, und dürften
vielleicht, wenn wir überflüssige Zeit hätten, fähig sein, dieselben in ihrer
ganzen Folgemässigkeit rückwärts und vorwärts zu entwickeln; wir werfen sie nur
eben gleich vonvornherein weg, und so auch alles, was aus ihnen folgt, dessen
mehreres ist in unserem hergebrachten Denken, als der oberflächliche Beobachter
leicht glauben dürfte.
    Wie in unsre wissenschaftliche Ansicht, eben so fliesst dieser Geist des
Auslandes auch ein in unser gewöhnliches Leben und die Regeln desselben; damit
aber dieses klar und das vorhergehende noch klarer werde, ist es nötig,
zuvörderst das Wesen des ursprünglichen Lebens oder der Freiheit mit tieferem
Blicke zu durchdringen.
    Die Freiheit, im Sinne des unentschiedenen Schwankens zwischen mehreren
gleich Möglichen genommen, ist nicht Leben, sondern nur Vorhof und Eingang zu
wirklichem Leben. Endlich muss es doch einmal aus diesem Schwanken heraus zum
Entschlusse und zum Handeln kommen, und erst jetzt beginnt das Leben.
    Nun erscheint unmittelbar und auf den ersten Blick jedweder
Willensentschluss als Erstes, keinesweges als Zweites und Folge aus einem
Ersten, als seinem Grunde - als schlechtin durch sich daseiend, und so
daseiend, wie er es ist; welche Bedeutung, als die einzig mögliche verständige,
des Worts Freiheit wir festsetzen wollen. Aber es sind, in Absicht auf den
innern Gehalt eines solchen Willensentschlusses, zwei Fälle möglich: entweder
nämlich erscheint in ihm nur die Erscheinung abgetrennt vom Wesen, und ohne dass
das Wesen auf irgend eine Weise in ihrem Erscheinen eintrete, oder das Wesen
tritt selbst erscheinend ein in dieser Erscheinung eines Willensentschlusses;
und zwar ist hiebei sogleich mit anzumerken, dass das Wesen nur in einem
Willensentschlusse, und durchaus in nichts Anderem, zur Erscheinung werden kann,
wiewohl umgekehrt es Willensentschlüsse geben kann, in denen keinesweges das
Wesen, sondern nur die blosse Erscheinung heraustritt. Wir reden zunächst von
dem letzten Falle.
    Die blosse Erscheinung, bloss als solche, ist durch ihre Abtrennung und
durch ihren Gegensatz mit dem Wesen, so dann dadurch, dass sie fähig ist, selbst
auch zu erscheinen und sich darzustellen, unabänderlich bestimmt, und sie ist
darum notwendig also, wie sie eben ist und ausfällt. Ist daher, wie wir
voraussetzen, irgend ein gegebener Willensentschluss in seinem Inhalte blosse
Erscheinung, so ist er insofern in der Tat nicht frei, erstes und
ursprüngliches, sondern er ist notwendig, und ein zweites, aus einem höhern
ersten, dem Gesetze der Erscheinung überhaupt, also wie es ist, hervorgehendes
Glied. Da nun, wie auch hier mehrmals erinnert worden, das Denken des Menschen
denselben also vor ihn selber hinstellt, wie er wirklich ist, und immerfort der
treue Abdruck und Spiegel seines Innern bleibt: so kann ein solcher
Willensentschluss, obwohl er auf den ersten Blick, da er ja ein
Willensentschluss ist, als frei erscheint, dennoch dem wiederholten und tiefern
Denken keinesweges also erscheinen, sondern er muss in diesem als notwendig
gedacht werden, wie er es denn wirklich und in der Tat ist. Für solche, deren
Willen sich noch in keinen höhern Kreis aufgeschwungen hat, als in den, dass an
ihnen ein Wille bloss erscheine, ist der Glaube an Freiheit allerdings Wahn und
Täuschung eines flüchtigen und auf der Oberfläche behangen bleibenden
Anschauens; im Denken allein, das ihnen allentalben nur die Fessel der strengen
Notwendigkeit zeigt, ist für sie Wahrheit.
    Das erste Grundgesetz der Erscheinung, schlechtin als solcher (den Grund
anzugeben unterlassen wir um so füglicher, da es anderwärts zur Genüge geschehen
ist), ist dieses, dass sie zerfalle in ein Mannigfaltiges, das in einer gewissen
Rücksicht ein Unendliches, in einer gewissen andern Rücksicht ein geschlossenes
Ganzes ist, in welchem geschlossenen Ganzen des Mannigfaltigen jedes einzelne
bestimmt ist durch alle übrige, und wiederum alle übrige bestimmt sind durch
dieses einzelne. Falls daher in dem Willensenischlusse des Einzelnen nichts
weiter herausbricht in die Erscheinung, als die Erscheinbarkeit, Darstellbarkeit
und Sichtbarkeit überhaupt, die in der Tat die Sichtbarkeit von nichts ist: so
ist der Inhalt eines solchen Willensentschlusses bestimmt durch das geschlossene
Ganze aller möglichen Willensentschlüsse dieses und aller möglichen übrigen
einzelnen Willen, und er entält nichts weiter, und kann nichts weiter
entalten, denn dasjenige, was nach Abziehung aller jener möglichen
Willensentschlüsse zu wollen übrig bleibt. Es ist darum in der Tat in ihm
nichts selbstständiges, ursprüngliches und eigenes, sondern er ist die blosse
Folge, als zweites, aus dem allgemeinen Zusammenhange der ganzen Erscheinung in
ihren einzelnen Teilen, wie er denn dafür auch stets von allen, die auf dieser
Stufe der Bildung sich befanden, dabei aber gründlich dachten, erkannt worden,
und diese ihre Erkenntnis auch mit denselben Worten, deren wir uns soeben
bedienten, ausgesprochen worden ist: alles dieses aber darum, weil in ihnen
nicht das Wesen, sondern nur die blosse Erscheinung eintritt in die Erscheinung.
    Wo dagegen das Wesen selber unmittelbar und gleichsam in eigner Person,
keinesweges durch einen Stellvertreter, eintritt in der Erscheinung eines
Willensentschlusses, da ist zwar alles das oben erwähnte, aus der Erscheinung,
als einem geschlossenen Ganzen erfolgende, gleichfalls vorhanden, denn die
Erscheinung erscheint ja auch hier; aber eine solche Erscheinung geht in diesem
Bestandteile nicht auf und ist durch denselben nicht erschöpft, sondern es
findet sich in ihr noch ein Mehreres, ein anderer, aus jenem Zusammenhange nicht
zu erklärender, sondern nach Abzug des erklärbaren übrigbleibender Bestandteil.
Jener erste Bestandteil findet auch hier statt, sagte ich; jenes Mehr wird
sichtbar, und vermittelst dieser seiner Sichtbarkeit, keinesweges vermittelst
seines innern Wesens, tritt es unter das Gesetz und die Bedingungen der
Ersichtlichkeit überhaupt; aber es ist noch mehr denn dieses aus irgend einem
Gesetze hervorgehendes, und darum notwendiges und zweites, und es ist in
Absicht dieses Mehr durch sich selbst, was es ist, ein wahrhaftig erstes,
ursprüngliches und freies, und da es dieses ist, erscheint es auch also dem
tiefsten und in sich selber zu Ende gekommenen Denken. Das höchste Gesetz der
Ersichtlichkeit ist wie gesagt dies, dass das Erscheinende sich spalte in ein
unendliches Mannigfaltiges. Jenes Mehr wird sichtbar, jedesmal als mehr denn das
nun und eben jetzt aus dem Zusammenhange der Erscheinung hervorgehende, und so
ins unendliche fort; und so erscheint denn dieses Mehr selber als ein
unendliches. Aber es ist ja sonnenklar, dass es diese Unendlichkeit nur dadurch
erhält, dass es jedesmal sichtbar und denkbar und zu entdecken ist, allein durch
seinen Gegensatz mit dem ins unendliche fort aus dem Zusammenhange Erfolgenden,
und durch sein Mehrsein denn dies. Abgesehen aber von diesem Bedürfnisse des
Denkens desselben ist es ja dieses Mehr, denn alles ins unendliche fort sich
darstellen mögende Unendliche, von Anbeginn in reiner Einfachheit und
Unveränderlichkeit, und es wird in aller Unendlichkeit nicht mehr, denn dieses
Mehr, noch wird es minder; und nur seine Ersichtlichkeit, als mehr denn das
Unendliche, - und auf andere Weise kann es in seiner höchsten Reinheit nicht
sichtbar werden, - erschafft das Unendliche, und alles, was in ihm zu erscheinen
scheint. Wo nun dieses Mehr wirklich als ein solches ersichtliches Mehr
eintritt, - aber es vermag nur in einem Wollen einzutreten, - da tritt das Wesen
selbst? das allein ist und allein zu sein vermag, und das da ist von sich und
durch sich, das göttliche Wesen, ein in die Erscheinung, und macht sich selbst
unmittelbar sichtbar; und daselbst ist eben darum wahre Ursprünglichkeit und
Freiheit, und so wird denn auch an sie geglaubt.
    Und so findet denn auf die allgemeine Frage, ob der Mensch frei sei oder
nicht, keine allgemeine Antwort statt; denn eben weil der Mensch frei ist, in
niederm Sinne: weil er bei unentschiedenem Schwanken und Wanken anhebt, kann er
frei sein, oder auch nicht frei, im höhern Sinne des Worts. In der Wirklichkeit
ist die Weise, wie jemand diese Frage beantwortet, der klare Spiegel seines
wahren inwendigen Seins. Wer in der Tat nicht mehr ist, als ein Glied in der
Kette der Erscheinungen, der kann wohl einen Augenblick sich frei wähnen, aber
seinem strengern Denken hält dieser Wahn nicht Stand; wie er aber sich selbst
findet, eben also denkt er notwendig sein ganzes Geschlecht. Wessen Leben
dagegen ergriffen ist von dem wahrhaftigen, und Leben unmittelbar aus Gott
geworden ist, der ist frei, und glaubt an Freiheit in sich und andern.
    Wer an ein festes, beharrliches und todtes Sein glaubt, der glaubt nur darum
daran, weil er in sich selbst todt ist; und, nachdem er einmal todt ist, kann er
nicht anders, denn also glauben, sobald er nur in sich selbst klar wird. Er
selbst und seine ganze Gattung von Anbeginn bis ans Ende wird ihm ein zweites,
und eine notwendige Folge aus irgend einem vorauszusetzenden ersten Gliede.
Diese Voraussetzung ist sein wirkliches, keinesweges ein bloss gedachtes Denken,
sein wahrer Sinn, der Punct, wo sein Denken unmittelbar selbst Leben ist; und
ist so die Quelle alles seines übrigen Denkens und Beurteilens seines
Geschlechts, in seiner Vergangenheit, der Geschichte, seiner Zukunft, den
Erwartungen von ihm, und seiner Gegenwart, im wirklichen Leben an ihm selber und
andern.
    Wir haben diesen Glauben an den Tod, im Gegensatze mit einem ursprünglich
lebendigen Volke, Ausländerei genannt. Diese Ausländerei wird somit, wenn sie
einmal unter den Deutschen ist, sich auch im wirklichen Leben derselben zeigen:
als ruhige Ergebung in die nun einmal unabänderliche Notwendigkeit ihres Seins,
als Aufgeben aller Verbesserung unsrer selbst oder andrer durch Freiheit, als
Geneigteit, sich selbst und alle so zu verbrauchen, wie sie sind, und aus ihrem
Sein den möglichst grössten Vorteil für uns selbst zu ziehen; kurz, als das in
allen Lebensregungen immerfort sich abspiegelnde Bekenntnis des Glaubens an die
allgemeine und gleichmässige Sündhaftigkeit aller, den ich an einem andern Orte
hinlänglich geschildert habe,1 welche Schilderung selbst nachzulesen, auch zu
beurteilen, inwiefern dieselbe auf die Gegenwart passe, ich Ihnen überlasse.
Diese Denk- und Handelsweise entsteht der inwendigen Erstorbenheit, wie oft
erinnert worden, nur dadurch, dass sie über sich selbst klar wird, dagegen sie,
so lange sie im Dunkeln bleibt, den Glauben an Freiheit, der an sich wahr und
nur in Anwendung auf ihr dermaliges Sein Wahn ist, beibehält. Es erhellet hier
deutlich der Nachteil der Klarheit bei innerer Schlechtigkeit. So lange diese
Schlechtigkeit dunkel bleibt, wird sie durch die fortdauernde Anforderung an
Freiheit immerfort beunruhigt, gestachelt und getrieben, und bietet den
Versuchen sie zu verbessern einen Angriffspunct dar. Die Klarheit aber vollendet
sie, und rundet sie in sich selbst ab; sie fügt ihr die freudige Ergebung, die
Ruhe eines guten Gewissens, das Wohlgefallen an sich selber hinzu; es geschieht
ihnen, wie sie glauben, sie sind von nun an in der Tat unverbesserlich, und
höchstens, um bei den Besseren den unbarmherzigen Abscheu gegen das Schlechte,
oder die Ergebung in den Willen Gottes rege zu erhalten, und ausserdem zu keinem
Dinge in der Welt nütze.
    Und so trete denn endlich in seiner vollendeten Klarheil heraus, was wir in
unsrer bisherigen Schilderung unter Deutschen verstanden haben. Der eigentliche
Unterscheidungsgrund liegt darin: ob man an ein absolut Erstes und
Ursprüngliches im Menschen selber, an Freiheit, an unendliche Verbesserlichkeit,
an ewiges Fortschreiten unsers Geschlechts glaube, oder ob man an alles dieses
nicht glaube, ja wohl deutlich einzusehen und zu begreifen vermeine, dass das
Gegenteil von diesem allen stattfinde. Alle, die entweder selbst, schöpferisch
und hervorbringend das Neue, leben, oder die, falls ihnen dies nicht zu Teil
geworden wäre, das Nichtige wenigstens entschieden fallen lassen und aufmerkend
dastehen, ob irgendwo der Fluss ursprünglichen Lebens sie ergreifen werde, oder
die, falls sie auch nicht so weit wären, die Freiheit wenigstens ahnen, und sie
nicht hassen, oder vor ihr erschrecken, sondern sie lieben: alle diese sind
ursprüngliche Menschen, sie sind, wenn sie als ein Volk betrachtet werden, ein
Urvolk, das Volk schlechtweg, Deutsche. Alle, die sich darein ergeben ein
zweites zu sein und Abgestammtes, und die deutlich sich also kennen und
begreifen, sind es in der Tat, und werden es immer mehr durch diesen ihren
Glauben sie sind ein Anhang zum Leben, das vor ihnen, oder neben ihnen, aus
eignem Triebe sich regle, ein vom Felsen zurücktönender Nachhall einer schon
verstummten Stimme; sie sind, als Volk betrachtet, ausserhalb des Urvolks, und
für dasselbe Fremde und Ausländer. In der Nation, die bis auf diesen Tag sich
das Volk schlechtweg oder Deutsche nennt, ist in der neuen Zeit wenigstens bis
jetzt Ursprüngliches an den Tag hervorgebrochen, und Schöpferkraft des Neuen hat
sich gezeigt; jetzt wird endlich dieser Nation durch eine in sich selbst klar
gewordene Philosophie der Spiegel vorgehalten, in welchem sie mit klarem
Begriffe erkenne, was sie bisher ohne deutliches Bewusstsein durch die Natur
ward, und wozu sie von derselben bestimmt ist; und es wird ihr der Antrag
gemacht, nach diesem klaren Begriffe und mit besonnener und freier Kunst,
vollendet und ganz, sich selbst zu dem zu machen, was sie sein soll, den Bund zu
erneuern, und ihren Kreis zu schliessen. Der Grundsatz, nach dem sie diesen zu
schliessen hat, ist ihr vorgelegt; was an Geistigkeit und Freiheit dieser
Geistigkeit glaubt, und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit
will, das, wo es auch geboren sei und in welcher Sprache es rede, ist unsers
Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun. Was an Stillstand,
Rückgang und Cirkeltanz glaubt, oder gar eine todte Natur an das Ruder der
Weltregierung setzt, dieses, wo auch es geboren sei und welche Sprache es rede,
ist undeutsch und fremd für uns, und es ist zu wünschen, dass es je eher je
lieber sich gänzlich von uns abtrenne.
    Und so trete denn bei dieser Gelegenheit, gestützt auf das oben über die
Freiheit Gesagte, endlich auch einmal vernehmlich heraus, und wer noch Ohren hat
zu hören, der höre, was diejenige Philosophie, die mit gutem Fuge sich die
deutsche nennt, eigentlich wolle, und worin sie jeder ausländischen und
todtgläubigen Philosophie mit ernster und unerbittlicher Strenge sich
entgegensetze; und zwar trete dieses heraus keinesweges darum, damit auch das
Todte es verstehe, was unmöglich ist, sondern damit es diesem schwerer werde,
ihr die Worte zu verdrehen, und sich das Ansehen zu geben, als ob es selbst eben
auch ohngefähr dasselbe wolle und im Grunde meine. Diese deutsche Philosophie
erhebt sich wirklich und durch die Tat ihres Denkens, keinesweges prahlt sie es
bloss, zufolge einer dunklen Ahnung, dass es so sein müsse, ohne es jedoch
bewerkstelligen zu können, - sie erhebt sich zu dem unwandelbaren »Mehr denn
alle Unendlichkeit,« und findet allein in diesem das wahrhafte Sein. Zeit und
Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie in ihrer Entstehung aus dem Erscheinen
und Sichtbarwerden jenes Einen, das an sich schlechtin unsichtbar ist, und nur
in dieser seiner Unsichtbarkeit erfasst, richtig erfasst wird. Schon die
Unendlichkeit ist nach dieser Philosophie nichts an sich, und es kommt ihr
durchaus kein wahrhaftes Sein zu: sie ist lediglich das Mittel, woran das
Einzige, das da ist, und das nur in seiner Unsichtbarkeit ist, sichtbar wird,
und woraus ihm ein Bild, ein Schemen und Schatten seiner selbst, im Umkreise der
Bildlichkeit erbaut wird. Alles, was innerhalb dieser Unendlichkeit der Bilder
Welt noch weiter sichtbar werden mag, ist nun vollends ein Nichts des Nichts,
ein Schatten des Schattens, und lediglich das Mittel, woran jenes erste Nichts
der Unendlichkeit und der Zeit selber sichtbar werde, und dem Gedanken der
Auflug zu dem unbildlichen und unsichtbaren Sein sich eröffne.
    Innerhalb dieses einzig möglichen Bildes der Unendlichkeit tritt nun das
Unsichtbare unmittelbar heraus nur als freies und ursprüngliches Leben des
Sehens, oder als Willensentschluss eines vernünftigen Wesens; und kann durchaus
nicht anders heraustreten und erscheinen. Alles als nicht geistiges Leben
erscheinende beharrliche Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener,
vielfach durch das Nichts vermittelter, leerer Schatten, im Gegensatze mit
welchem, und durch dessen Erkenntnis als vielfach vermitteltes Nichts, das
Sehen selbst sich eben erheben soll zum Erkennen seines eignen Nichts, und zur
Anerkennung des Unsichtbaren, als des einzigen Wahren.
    In diesen Schatten von den Schatten der Schatten bleibt nun jene
todtgläubige Seinsphilosophie, die wohl gar Naturphilosophie wird, die
erstorbenste von allen Philosophien, behangen, und fürchtet und betet an ihr
eigenes Geschöpf.
    Dieses Beharren nun ist der Ausdruck ihres wahren Lebens und ihrer Liebe,
und in diesem ist dieser Philosophie zu glauben. Wenn sie aber noch weiter sagt,
dass dieses von ihr als wirklich seiendes vorausgesetzte Sein und das Absolute
Eins sei und ebendasselbe, so ist ihr hierin, so vielmal sie es auch beteuern
mag, und wenn sie auch manchen Eidschwur hinzufügte, nicht zu glauben; sie weiss
dies nicht, sondern sie sagt es nur auf gutes Glück hin, einer andern
Philosophie, der sie dies nicht abzustreiten wagt, es nachbetend. Sollte sie es
wissen, so müsste sie nicht von der Zweiheit, die sie durch jenen Machtspruch
nur aufhebt, und dennoch stehen lässt, als einer unbezweifelten Tatsache
ausgehen, sondern sie müsste von der Einheit ausgehen, und aus dieser die
Zweiheit, und mit ihr alle Mannigfaltigkeit, verständlich und einleuchtend
abzuleiten vermögen. Hierzu bedarf es aber des Denkens, der durchgeführten und
mit sich selbst zu Ende gekommenen Reflexion. Die Kunst dieses Denkens hat sie
teils nicht gelernt und ist derselben überhaupt unfähig, sie vermag nur zu
schwärmen, teils ist sie diesem Denken feind und mag es gar nicht versuchen,
weil sie dadurch in der geliebten Täuschung gestört werden würde.
    Dies ist es nun, worin unsere Philosophie sich jener Philosophie ernstlich
entgegensetzt, und dies haben wir bei dieser Veranlassung einmal so vernehmlich
als möglich aussprechen und bezeugen wollen.
 
                                   Achte Rede
 Was ein Volk sei, in der höhern Bedeutung des Worts, und was Vaterlandsliebe?
    Die vier letzten Reden haben die Frage beantwortet: was ist der Deutsche, im
Gegensatze mit andern Völkern germanischer Abkunft? Der Beweis, der durch dieses
alles für das Ganze unsrer Untersuchung geführt werden soll, wird vollendet,
wenn wir noch die Untersuchung der Frage hinzufügen: was ist ein Volk? welche
letztere Frage gleich ist einer andern, und zugleich mit beantwortet diese
andere, oft aufgeworfene und auf sehr verschiedene Weisen beantwortete Frage,
diese: was ist Vaterlandsliebe, oder, wie man sich richtiger ausdrücken würde,
was ist Liebe des Einzelnen zu seiner Nation?
    Sind wir bisher im Gange unsrer Untersuchung richtig verfahren, so muss
hiebei zugleich erhellen, dass nur der Deutsche - der ursprüngliche, und nicht
in einer willkürlichen Satzung erstorbene Mensch, wahrhaft ein Volk hat, und auf
eins zu rechnen befugt ist, und dass nur er der eigentlichen und
vernunftgemässen Liebe zu seiner Nation fähig ist.
    Wir bahnen uns den Weg zur Lösung der gestellten Aufgabe durch folgende,
fürs erste ausser dem Zusammenhange des Bisherigen zu liegen scheinende
Bemerkung.
    Die Religion, wie wir dies schon in unsrer dritten Rede angemerkt haben,
vermag durchaus hinwegzuversetzen über alle Zeit, und über das ganze
gegenwärtige und sinnliche Leben, ohne darum der Rechtlichkeit, Sittlichkeit und
Heiligkeit des von diesem Glauben ergriffenen Lebens den mindesten Abbruch zu
tun. Man kann, auch bei der sichern Ueberzeugung, dass alles unser Wirken auf
dieser Erde nicht die mindeste Spur hinter sich lassen und nicht die mindeste
Frucht bringen werde, ja, dass das Göttliche sogar verkehrt und zu einem
Werkzeuge des Bösen und noch tieferer sittlicher Verderbnis werde gebraucht
werden, dennoch fortfahren in diesem Wirken, lediglich, um das in uns
ausgebrochene göttliche Leben aufrecht zu erhalten, und in Beziehung auf eine
höhere Ordnung der Dinge in einer künftigen Welt, in welcher nichts in Gott
geschehenes zu Grunde geht. So waren z.B. die Apostel, und überhaupt die ersten
Christen, durch ihren Glauben an den Himmel schon im Leben gänzlich über die
Erde hinweggesetzt, und die Angelegenheiten derselben, der Staat, irdisches
Vaterland und Nation, waren von ihnen so gänzlich aufgegeben, dass sie dieselben
auch sogar ihrer Beachtung nicht mehr würdigten. So möglich dieses nun auch ist,
und so leicht auch dem Glauben, und so freudig auch man sich darein ergeben
muss, wenn es einmal unabänderlich der Wille Gottes ist, dass wir kein irdisches
Vaterland mehr haben, und hienieden Ausgestossene und Knechte seien: so ist dies
dennoch nicht der natürliche Zustand und die Regel des Weltganges, sondern es
ist eine seltne Ausnahme; auch ist es ein sehr verkehrter Gebrauch der Religion,
der unter andern auch sehr häufig vom Christentume gemacht worden, wenn
dieselbe gleich von vornherein, und ohne Rücksicht auf die vorhandenen Umstände,
darauf ausgeht, diese Zurückziehung von den Angelegenheiten des Staates und der
Nation als wahre religiöse Gesinnung zu empfehlen. In einer solchen Lage, wenn
sie wahr und wirklich ist, und nicht etwa bloss durch religiöse Schwärmerei
herbeigeführt, verliert das zeitliche Leben alle Selbstbeständigkeit, und es
wird lediglich zu einem Vorhofe des wahren Lebens, und zu einer schweren
Prüfung, die man bloss aus Gehorsam und Ergebung in den Willen Gottes erträgt;
und dann ist es wahr, dass, wie es von vielen vorgestellt worden, unsterbliche
Geister nur zu ihrer Strafe in irdische Leiber, als in Gefängnisse, eingetaucht
sind. In der regelmässigen Ordnung der Dinge hingegen soll das irdische Leben
selber wahrhaftig Leben sein, dessen man sich erfreuen, und das man, freilich in
Erwartung eines höhern, dankbar geniessen könne; und obwohl es wahr ist, dass
die Religion auch der Trost ist des widerrechtlich zerdrückten Sklaven, so ist
dennoch vor allen Dingen dies religiöser Sinn, dass man sich gegen die Sklaverei
stemme, und, so man es verhindern kann, die Religion nicht bis zum blossen
Troste der Gefangenen herabsinken lasse. Dem Tyrannen steht es wohl an,
religiöse Ergebung zu predigen, und die, denen er auf Erden kein Plätzchen
verstatten will, an den Himmel zu verweisen; wir andern müssen weniger eilen,
diese von ihm empfohlne Ansicht der Religion uns anzueignen, und, falls wir
können, verhindern, dass man die Erde zur Hölle mache, um eine desto grössere
Sehnsucht nach dem Himmel zu erregen.
    Der natürliche, nur im wahren Falle der Not aufzugebende Trieb des Menschen
ist der, den Himmel schon auf dieser Erde zu finden, und ewig dauerndes zu
verflössen in sein irdisches Tagewerk; das Unvergängliche im Zeitlichen selbst
zu pflanzen und zu erziehen, - nicht bloss auf eine unbegreifliche Weise, und
allein durch die, sterblichen Augen undurchdringbare Kluft mit dem Ewigen
zusammenhängend, sondern auf eine dem sterblichen Auge selbst sichtbare Weise.
    Dass ich bei diesem gemeinfasslichen Beispiele anhebe: Welcher Edeldenkende
will nicht und wünscht nicht, in seinen Kindern, und wiederum in den Kindern
dieser, sein eigenes Leben von neuem auf eine verbesserte Weise zu wiederholen,
und in dem Leben derselben veredelt und vervollkommnet, auch auf dieser Erde
noch fortzuleben, nachdem er längst gestorben ist; den Geist, den Sinn und die
Sitte, mit denen er vielleicht in seinen Tagen abschreckend war für die
Verkehrteit und das Verderben, befestigend die Rechtschaffenheit, aufmunternd
die Trägheit, erhebend die Niedergeschlagenheit, der Sterblichkeit zu
entreissen, und sie, als sein bestes Vermächtnis an die Nachwelt, niederzulegen
in den Gemütern seiner Hinterlassenen, damit auch diese sie einst eben also
verschönert und vermehrt wieder niederlegen? Welcher Edeldenkende will nicht
durch Tun oder Denken ein Saamenkorn streuen zu unendlicher immerfortgehender
Vervollkommnung seines Geschlechts, etwas Neues und vorher nie Dagewesenes
hineinwerfen in die Zeit, das in ihr bleibe, und nie versiegende Quelle werde
neuer Schöpfungen; seinen Platz auf dieser Erde, und die ihm verliehene kurze
Spanne Zeit bezahlen mit einem auch hienieden ewig dauernden, so dass er, als
dieser Einzelne, wenn auch nicht genannt durch die Geschichte ( denn Durst nach
Nachruhm ist eine verächtliche Eitelkeit), dennoch in seinem eignen Bewusstsein
und seinem Glauben offenbare Denkmale hinterlasse, dass auch er da gewesen sei?
Welcher Edeldenkende will das nicht, sagte ich; aber nur nach den Bedürfnissen
der also Denkenden, als der Regel, wie alle sein sollen, ist die Welt zu
betrachten und einzurichten, und um ihrer willen allein ist eine Welt da Sie
sind der Kern derselben und die anders Denkenden sind, als selbst nur ein Teil
der vergänglichen Welt, so lange sie also denken, auch nur um ihrer willen da,
und müssen sich nach ihnen bequemen, so lange, bis sie geworden sind wie sie.
    Was könnte es nun sein, das dieser Aufforderung und diesem Glauben des Edlen
an die Ewigkeit und Unvergänglichkeit seines Werkes die Gewähr zu leisten
vermöchte? Offenbar nur eine Ordnung der Dinge, die er für selbst ewig und für
fähig, ewiges in sich aufzunehmen, anzuerkennen vermöchte. Eine solche Ordnung
aber ist die, freilich in keinem Begriffe zu erfassende, aber dennoch wahrhaft
vorhandene, besondere geistige Natur der menschlichen Umgebung, aus welcher er
selbst mit allem seinem Denken und Tun und mit seinem Glauben an die Ewigkeit
desselben hervorgegangen ist, das Volk, von welchem er abstammt, und unter
welchem er gebildet wurde, und zu dem, was er jetzt ist, heraufwuchs. Denn so
unbezweifelt es auch wahr ist, dass sein Werk, wenn er mit Recht Anspruch macht
auf dessen Ewigkeit, keinesweges der blosse Erfolg des geistigen Naturgesetzes
seiner Nation ist, und mit diesem Erfolge rein aufgeht, sondern dass es ein
Mehreres ist, denn das, und insofern unmittelbar ausströmt aus dem
ursprünglichen und göttlichen Leben; so ist es dennoch ebenso wahr, dass jenes
mehrere, sogleich bei seiner ersten Gestaltung zu einer sichtbaren Erscheinung,
unter jenes besondere geistige Naturgesetz sich gefügt, und nur nach demselben
sich einen sinnlichen Ausdruck gebildet hat. Unter dasselbe Naturgesetz nun
werden, so lange dieses Volk besteht, auch alle ferneren Offenbarungen des
Göttlichen in demselben eintreten und in ihm sich gestalten. Dadurch aber, dass
auch er da war und so wirkte, ist selbst dieses Gesetz weiter bestimmt, und
seine Wirksamkeit ist ein stehender Bestandteil desselben geworden. Auch
hiernach wird alles Folgende sich fügen, und an dasselbe sich anschliessen
müssen. Und so ist er denn sicher, dass die durch ihn errungene Ausbildung
bleibt in seinem Volke, so lange dieses selbst bleibt, und fortdauernder
Bestimmungsgrund wird aller ferneren Entwickelung desselben.
    Dies nun ist in höherer, vom Standpuncte der Ansicht einer geistigen Welt
überhaupt genommener Bedeutung des Wortes, ein Volk: das Ganze der in
Gesellschaft mit einander fortlebenden und sich aus sich selbst immerfort
natürlich und geistig erzeugenden Menschen, das insgesammt unter einem gewissen
besonderen Gesetze der Entwickelung des Göttlichen aus ihm steht. Die
Gemeinsamkeit dieses besonderen Gesetzes ist es, was in der ewigen Welt, und
eben darum auch in der zeitlichen, diese Menge zu einem natürlichen und von sich
selbst durchdrungenen Ganzen verbindet. Dieses Gesetz selbst, seinem Inhalte
nach, kann wohl im Ganzen erfasst werden, so wie wir es an den Deutschen, als
einem Urvolke, erfasst haben; es kann sogar durch Erwägung der Erscheinungen
eines solchen Volkes noch näher in manchen seiner weiteren Bestimmungen
begriffen werden; aber es kann niemals von irgend einem, der ja selbst immerfort
unter desselben ihm unbewussten Einflusse bleibt, ganz mit dem Begriffe
durchdrungen werden, obwohl im allgemeinen klar eingesehen werden kann, dass es
ein solches Gesetz gebe. Es ist dieses Gesetz ein Mehr der Bildlichkeit, das mit
dem Mehr der unbildlichen Ursprünglichkeit in der Erscheinung unmittelbar
verschmilzt; und so sind denn, in der Erscheinung eben, beide nicht wieder zu
trennen. Jenes Gesetz bestimmt durchaus und vollendet das, was man den
Nationalcharakter eines Volks genannt hat; jenes Gesetz der Entwickelung des
Ursprünglichen und Göttlichen. Es ist aus dem letzteren klar, dass Menschen,
welche, so wie wir bisher die Ausländerei beschrieben haben, an ein
Ursprüngliches, und an eine Fortentwickelung desselben gar nicht glauben,
sondern bloss an einen ewigen Kreislauf des scheinbaren Lebens, und welche durch
ihren Glauben werden, wie sie glauben, im höheren Sinne gar kein Volk sind, und
da sie in der Tat eigentlich auch nicht da sind, ebensowenig einen
Nationalcharakter zu haben vermögen.
    Der Glaube des edeln Menschen an die ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit auch
auf dieser Erde gründet sich demnach auf die Hoffnung der ewigen Fortdauer des
Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat, und der Eigentümlichkeit
desselben, nach jenem verborgenen Gesetze; ohne Einmischung und Verderbung durch
irgend ein Fremdes und in das Ganze dieser Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese
Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem er die Ewigkeit seiner selbst und seines
Fortwirkens anvertraut, die ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt;
ihre Fortdauer muss er wollen, denn sie allein ist ihm das entbindende Mittel,
wodurch die kurze Spanne seines Lebens hienieden zu fortdauerndem Leben
hienieden ausgedehnt wird. Sein Glaube und sein Streben, Unvergängliches zu
pflanzen, sein Begriff, in welchem er sein eigenes Leben als ein ewiges Leben
erfasst, ist das Band, welches zunächst seine Nation, und vermittelst ihrer das
ganze Menschengeschlecht innigst mit ihm selber verknüpft, und ihrer aller
Bedürfnisse, bis ans Ende der Tage, einführt in sein erweitertes Herz. Dies ist
seine Liebe zu seinem Volke, zuvörderst achtend, vertrauend, desselben sich
freuend, mit der Abstammung daraus sich ehrend. Es ist Göttliches in ihm
erschienen, und das Ursprüngliche hat dasselbe gewürdigt, es zu seiner Hülle und
zu seinem unmittelbaren Verflössungsmittel in die Welt zu machen; es wird darum
auch ferner Göttliches aus ihm hervorbrechen. Sodann tätig, wirksam, sich
aufopfernd für dasselbe. Das Leben, bloss als Leben, als Fortsetzen des
wechselnden Daseins, hat für ihn ja ohnedies nie Wert gehabt, er hat es nur
gewollt als Quelle des Dauernden; aber diese Dauer verspricht ihm allein die
selbstständige Fortdauer seiner Nation; um diese zu retten, muss er sogar
sterben wollen, damit diese lebe, und er in ihr lebe das einzige Leben, das er
von je gemocht hat.
    So ist es. Die Liebe, die wahrhaftig Liebe sei, und nicht bloss eine
vorübergehende Begehrlichkeit, haftet nie auf Vergänglichem, sondern sie erwacht
und entzündet sich und ruht allein in dem Ewigen. Nicht einmal sich selbst
vermass der Mensch zu lieben, es sei denn, dass er sich als Ewiges erfasse;
ausserdem vermag er sich sogar nicht zu achten, noch zu billigen. Noch weniger
vermag er etwas ausser sich zu lieben, ausser also, dass er es aufnehme in die
Ewigkeit seines Glaubens und seines Gemüts, und es anknüpfe an diese. Wer nicht
zuvörderst sich als ewig erblickt, der hat überhaupt keine Liebe, und kann auch
nicht lieben ein Vaterland, dergleichen es für ihn nicht gibt. Wer zwar
vielleicht sein unsichtbares Leben, nicht aber eben also sein sichtbares Leben,
als ewig erblickt, der mag wohl einen Himmel haben, und in diesem sein
Vaterland; aber hienieden hat er kein Vaterland, denn auch dieses wird nur unter
dem Bilde der Ewigkeit, und zwar der sichtbaren und versinnlichten Ewigkeit
erblickt, und er vermag daher auch nicht sein Vaterland zu lieben. Ist einem
solchen keins überliefert worden, so ist er zu beklagen; wem eines überliefert
worden ist, und in wessen Gemüte Himmel und Erde, Unsichtbares und Sichtbares
sich durchdringen, und so erst einen wahren und gediegenen Himmel erschaffen,
der kämpft bis auf den letzten Blutstropfen, um den teuren Besitz ungeschmälert
wiederum zu überliefern an die Folgezeit.
    So ist es auch von jeher gewesen, ohnerachtet es nicht von jeher mit dieser
Allgemeinheit und mit dieser Klarheit ausgesprochen worden. Was begeisterte die
Edeln unter den Römern, deren Gesinnungen und Denkweise noch in ihren Denkmalen
unter uns leben und atmen, zu Mühen und Aufopferungen, zum Dulden und Tragen
fürs Vaterland? Sie sprechen es selbst oft und deutlich aus. Ihr fester Glaube
war es an die ewige Fortdauer ihrer Roma, und ihre zuversichtliche Aussicht, in
dieser Ewigkeit selber ewig mit fortzuleben im Strome der Zeit. Inwiefern dieser
Glaube Grund hatte, und sie selbst, wenn sie in sich selber vollkommen klar
gewesen wären, denselben gefasst haben würden, hat er sie auch nicht getäuscht.
Bis auf diesen Tag lebet das, was wirklich ewig war in ihrer ewigen Roma, und
sie mit demselben in unserer Mitte fort, und wird in seinen Folgen fortleben bis
ans Ende der Tage.
    Volk und Vaterland in dieser Bedeutung, als Träger und Unterpfand der
irdischen Ewigkeit, und als dasjenige, was hienieden ewig sein kann, liegt weit
hinaus über den Staat, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, - über die
gesellschaftliche Ordnung, wie dieselbe im blossen klaren Begriffe erfasst, und
nach Anleitung dieses Begriffes errichtet und erhalten wird. Dieser will
gewisses Recht, innerlichen Frieden, und dass jeder durch Fleiss seinen
Unterhalt und die Fristung seines sinnlichen Daseins finde, so lange Gott sie
ihm gewähren will. Dieses alles ist nur Mittel, Bedingung und Gerüst dessen, was
die Vaterlandsliebe eigentlich will, des Aufblühens des Ewigen und Göttlichen in
der Welt, immer reiner, vollkommener und getroffener im unendlichen Fortgange.
Eben darum muss diese Vaterlandsliebe den Staat selbst regieren, als durchaus
oberste, letzte und unabhängige Behörde, zuvörderst, indem sie ihn beschränkt in
der Wahl der Mittel für seinen nächsten Zweck, den innerlichen Frieden. Für
diesen Zweck muss freilich die natürliche Freiheit des Einzelnen auf mancherlei
Weise beschränkt werden, und wenn man gar keine andere Rücksicht und Absicht mit
ihnen hätte, denn diese, so würde man wohl tun, dieselbe so eng, als immer
möglich, zu beschränken, alle ihre Regungen unter eine einförmige Regel zu
bringen, und sie unter immerwährender Aufsicht zu erhalten. Gesetzt, diese
Strenge wäre nicht nötig, so könnte sie wenigstens für diesen alleinigen Zweck
nicht schaden. Nur die höhere Ansicht des Menschengeschlechts und der Völker
erweitert diese beschränkte Berechnung. Freiheit, auch in den Regungen des
äusserlichen Lebens, ist der Boden, in welchem die höhere Bildung keimt; eine
Gesetzgebung, welche diese letztere im Auge behält, wird der ersteren einen
möglichst ausgebreiteten Kreis lassen, selber auf die Gefahr hin, dass ein
geringerer Grad der einförmigen Ruhe und Stille erfolge, und dass das Regieren
ein wenig schwerer und mühsamer werde.
    Um dies an einem Beispiele zu erläutern: man hat erlebt, dass Nationen ins
Angesicht gesagt worden, sie bedürften nicht so vieler Freiheit, als etwa manche
andere Nation. Diese Rede kann sogar eine Schonung und Milderung entalten,
indem man eigentlich sagen wollte, sie könnte so viele Freiheit gar nicht
ertragen, und nur eine hohe Strenge könne verhindern, dass sie sich nicht unter
einander selber aufrieben. Wenn aber die Worte also genommen werden, wie sie
gesagt sind, so sind sie wahr unter der Voraussetzung, dass eine solche Nation
des ursprünglichen Lebens, und des Triebes nach solchem, durchaus unfähig sei.
Eine solche Nation, falls eine solche, in der auch nicht wenige Edlere eine
Ausnahme von der allgemeinen Regel machten, möglich sein sollte, bedürfte in der
Tat gar keiner Freiheit, denn diese ist nur für die höheren, über den Staat
hinausliegenden Zwecke; sie bedarf bloss der Bezähmung und Abrichtung, damit die
Einzelnen friedlich nebeneinander bestehen, und damit das Ganze zu einem
tüchtigen Mittel für willkürlich zu setzende ausser ihr liegende Zwecke
zubereitet werde. Wir können unentschieden lassen, ob man irgend einer Nation
dies mit Wahrheit sagen könne; so viel ist klar, dass ein ursprüngliches Volk
der Freiheit bedarf, dass diese das Unterpfand ist seines Beharrens als
ursprünglich, und dass es in seiner Fortdauer einen immer höher steigenden Grad
derselben ohne alle Gefahr erträgt. Und dies ist das erste Stück, in Rücksicht
dessen die Vaterlandsliebe den Staat selbst regieren muss.
    Sodann muss sie es sein, die den Staat darin regiert, dass sie ihm selbst
einen höheren Zweck setzt, denn den gewöhnlichen der Erhaltung des inneren
Friedens, des Eigentums, der persönlichen Freiheit, des Lebens und des
Wohlseins aller. Für diesen höheren Zweck allein, und in keiner anderen Absicht,
bringt der Staat eine bewaffnete Macht zusammen. Wenn von der Anwendung dieser
die Rede entsteht, wenn es gilt, alle Zwecke des Staates im blossen Begriffe:
Eigentum, persönliche Freiheit, Leben und Wohlsein, ja die Fortdauer des
Staates selbst auf das Spiel zu setzen; ohne einen klaren Verstandesbegriff von
der sicheren Erreichung des Beabsichtigten, dergleichen in Dingen dieser Art nie
möglich ist, ursprünglich und Gott allein verantwortlich zu entscheiden: dann
lebt am Ruder des Staates erst ein wahrhaft ursprüngliches und erstes Leben, und
an dieser Stelle erst treten ein die wahren Majestätsrechte der Regieruns,
gleich Gott um höheren Lebens willen das niedere Leben daran zu wagen. In der
Erhaltung der hergebrachten Verfassung, der Gesetze, des bürgerlichen
Wohlstandes, ist gar kein rechtes eigentliches Leben und kein ursprünglicher
Entschluss. Umstände und Lage, längst vielleicht verstorbene Gesetzgeber, haben
diese erschaffen die folgenden Zeitalter gehen gläubig fort auf der angetretenen
Bahn, und leben so in der Tat nicht ein eigenes öffentliches Leben, sondern sie
wiederholen nur ein ehemaliges Leben. Es bedarf in solchen Zeiten keiner
eigentlichen Regierung. Wenn aber dieser gleichmässige Fortgang in Gefahr
gerät, und es nun gilt, über neue, nie also dagewesene Fälle zu entscheiden:
dann bedarf es eines Lebens, das aus sich selber lebe. Welcher Geist nun ist es,
der in solchen Fällen sich an das Ruder stellen dürfe, der mit eigener
Sicherheit und Gewissheit, und ohne unruhiges Hin und Herschwanken, zu
entscheiden vermöge, der ein unbezweifeltes Recht habe, jedem, den es treffen
mag, ob er nun selbst es wolle oder nicht, gebietend anzumuten, und den
Widerstrebenden zu zwingen, dass er Alles, bis auf sein Leben, in Gefahr setze?
Nicht der Geist der ruhigen bürgerlichen Liebe zu der Verfassung und den
Gesetzen, sondern die verzehrende Flamme der höheren Vaterlandsliebe, die die
Nation als Hülle des Ewigen umfasst, für welche der Edle mit Freuden sich
opfert, und der Unedle, der nur um des ersten willen da ist, sich eben opfern
soll. Nicht jene bürgerliche Liebe zur Verfassung ist es; diese vermag dies gar
nicht, wenn sie bei Verstande bleibt. Wie es auch ersehen möge, da nicht umsonst
regiert wird, so wird sich immer ein Regent für sie finden. Lasset den neuen
Regenten sogar die Sklaverei wollen (und wo ist Sklaverei, ausser in der
Nichtachtung und Unterdrückung der Eigentümlichkeit eines ursprünglichen
Volkes, dergleichen für jenen Sinn nicht vorhanden ist?) - lasset ihn auch die
Sklaverei wollen, - da aus dem Leben der Sklaven, ihrer Menge, sogar ihrem
Wohlstande sich Nutzung ziehen lässt: so wird, wenn er nur einigermassen ein
Rechner ist, die Sklaverei unter ihm erträglich ausfallen. Leben und Unterhalt
wenigstens werden sie immer finden. Wofür sollten sie denn also kämpfen? Nach
jenen beiden ist es die Ruhe, die ihnen über alles geht. Diese wird durch die
Fortdauer des Kampfes nur gestört. Sie werden darum alles anwenden, dass dieser
nur recht bald ein Ende nehme, sie werden sich fügen, sie werden nachgeben, und
warum sollten sie nicht? Es ist ihnen ja nie um mehr zu tun gewesen, und sie
haben vom Leben nie etwas Weiteres gehofft, denn die Fortsetzung der Gewohnheit
dazusein unter erleidlichen Bedingungen. Die Verheissung eines Lebens auch
hienieden über die Dauer des Lebens hienieden hinaus, - allein diese ist es, die
bis zum Tode fürs Vaterland begeistern kann.
    So ist es auch bisher gewesen Wo da wirklich regiert worden ist, wo
bestanden worden sind ernstafte Kämpfe, wo der Sieg errungen worden ist gegen
gewaltigen Widerstand, da ist es jene Verheissung ewigen Lebens gewesen, die da
regierte und kämpfte und siegte. Im Glauben an diese Verheissung kämpften die in
diesen Reden früher erwähnten deutschen Protestanten. Wussten sie etwa nicht,
dass auch mit dem alten Glauben Völker regiert und in rechtlicher Ordnung
zusammengehalten werden könnten, und dass man auch bei diesem Glauben seinen
guten Lebensunterhalt finden könne? Warum beschlossen denn also ihre Fürsten
bewaffneten Widerstand, und warum leisteten ihn mit Begeisterung die Völker? -
Der Himmel war es und die ewige Seligkeit, für welche sie willig ihr Blut
vergossen. - Aber welche irdische Gewalt hätte denn auch in das innere
Heiligtum ihres Gemüts eindringen, und den Glauben, der ihnen ja nun einmal
aufgegangen war, und auf welchen allein sie ihrer Seligkeit Hoffnung gründeten,
darin austilgen können? Also, auch ihre eigene Seligkeit war es nicht, für die
sie kämpfen; dieser waren sie schon versichert: die Seligkeit ihrer Kinder,
ihrer noch ungeborenen Enkel und aller noch ungeborenen Nachkommenschaft war es;
auch diese sollten auferzogen werden in derselben Lehre, die ihnen als allein
heilbringend erschienen war, auch diese sollten teilhaftig werden des Heiles,
das für sie angebrochen war; diese Hoffnung allein war es, die durch den Feind
bedroht wurde: für sie, für eine Ordnung der Dinge, die lange nach ihrem Tode
über ihren Gräbern blühen sollte, versprjetzten sie mit dieser Freudigkeit ihr
Blut. Geben wir zu, dass sie sich selbst nicht ganz klar waren, dass sie in der
Bezeichnung des Edelsten, was in ihnen war, mit Worten sich vergriffen, und mit
dem Munde ihrem Gemüte unrecht taten; bekennen wir gern, dass ihr
Glaubensbekenntnis nicht das einige und ausschliessende Mittel war, des Himmels
jenseits des Grabes teilhaftig zu werden: so ist doch dies ewig wahr, dass mehr
Himmel diesseits des Grabes, ein mutigeres und fröhlicheres Emporblicken von
der Erde und eine freiere Regung des Geistes, durch ihre Aufopferung, in alles
Leben der Folgezeit gekommen ist, und die Nachkommen ihrer Gegner ebensowohl,
als wir selbst, ihre Nachkommen, die Früchte ihrer Mühen bis auf diesen Tag
geniessen.
    In diesem Glauben setzten unsere ältesten gemeinsamen Vorfahren, das
Stammvolk der neuen Bildung, die von den Römern Germanier genannten Deutschen,
sich der herandringenden Welterrschaft der Römer mutig entgegen. Sahen sie
denn nicht vor Augen den höheren Flor der römischen Provinzen neben sich, die
feineren Genüsse in denselben, dabei Gesetze, Richterstühle, Rutenbündel und
Beile in Überfluss? Waren die Römer nicht bereitwillig genug, sie an allen
diesen Segnungen Teil nehmen zu lassen? Erlebten sie nicht an mehreren ihrer
eigenen Fürsten, die sich nur bedeuten liessen, dass der Krieg gegen solche
Wohltäter der Menschheit Rebellion sei, Beweise der gepriesenen römischen
Clemenz, indem sie die Nachgiebigen mit Königstiteln, mit Anführerstellen in
ihren Heeren, mit römischen Opferbinden auszierten, ihnen, wenn sie etwa von
ihren Landsleuten ausgetrieben wurden, einen Zufluchtsort und Unterhalt in ihren
Pflanzstädten gaben? Hatten sie keinen Sinn für die Vorzüge römischer Bildung,
z.B. für die bessere Einrichtung ihrer Heere, in denen sogar ein Arminius das
Kriegshandwerk zu erlernen nicht verschmähte? Keine von allen diesen
Unwissenheiten oder Nichtbeachtungen ist ihnen aufzurücken. Ihre Nachkommen
haben sogar, sobald sie es ohne Verlust für ihre Freiheit konnten, die Bildung
derselben sich angeeignet, inwieweit es ohne Verlust ihrer Eigentümlichkeit
möglich war. Wofür haben sie denn also mehrere Menschenalter hindurch gekämpft
im blutigen, immer mit derselben Kraft sich wieder erneuernden Kriege? Ein
römischer Schriftsteller lässt es ihre Anführer also aussprechen: »ob ihnen denn
etwas Anderes übrig bleibe, als entweder die Freiheit zu behaupten, oder zu
sterben, bevor sie Sklaven würden.« Freiheit war ihnen, dass sie eben Deutsche
blieben, dass sie fortführen, ihre Angelegenheiten selbstständig und
ursprünglich, ihrem eigenen Geiste gemäss, zu entscheiden, und diesem
gleichfalls gemäss auch in ihrer Fortbildung vorwärts zu rücken, und dass sie
diese Selbstständigkeit auch auf ihre Nachkommenschaft fortpflanzten: Sklaverei
hiessen ihnen alle jene Segnungen, die ihnen die Römer antrugen, weil sie dabei
etwas Anderes, denn Deutsche, weil sie halbe Römer werden müssten. Es verstehe
sich von selbst, setzten sie voraus, dass jeder, ehe er dies werde, lieber
sterbe, und dass ein wahrhafter Deutscher nur könne leben wollen, um eben
Deutscher zu sein und zu bleiben, und die Seinigen zu eben solchen zu bilden.
    Sie sind nicht alle gestorben, sie haben die Sklaverei nicht gesehen, sie
haben die Freiheit hinterlassen ihren Kindern. Ihrem beharrlichen Widerstande
verdankt es die ganze neue Welt, dass sie da ist, so wie sie da ist. Wäre es den
Römern gelungen, auch sie zu unterjochen, und, wie dies der Römer allentalben
tat, sie als Nation auszurotten, so hätte die ganze Fortentwickelung der
Menschheit eine andere, und man kann nicht glauben erfreulichere Richtung
genommen. Ihnen verdanken wir, die nächsten Erben ihres Bodens, ihrer Sprache
und ihrer Gesinnung, dass wir noch Deutsche sind, dass der Strom ursprünglichen
und selbstständigen Lebens uns noch trägt, ihnen verdanken wir Alles, was wir
seitdem als Nation gewesen sind, ihnen, falls es nicht etwa jetzt mit uns zu
Ende ist, und der letzte von ihnen abgestammte Blutstropfen in unseren Adern
versiegt ist, ihnen werden wir verdanken Alles, was wir noch ferner sein werden.
Ihnen verdanken selbst die übrigen, uns jetzt zum Auslande gewordenen Stämme, in
ihnen unsere Brüder, ihr Dasein; als jene die ewige Roma besiegten, war noch
keins aller dieser Völker vorhanden; damals wurde zugleich auch ihnen die
Möglichkeit ihrer künftigen Entstehung mit erkämpft.
    Diese, und alle andere in der Weltgeschichte, die ihres Sinnes waren, haben
gesiegt, weil das Ewige sie begeisterte, und so siegt immer und notwendig diese
Begeisterung über den, der nicht begeistert ist. Nicht die Gewalt der Arme, noch
die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, welche Siege
erkämpft. Wer ein begrenztes Ziel sich setzt seiner Aufopferungen, und sich
nicht weiter wagen mag, als bis zu einem gewissen Puncte, der gibt den
Widerstand auf, sobald die Gefahr ihm an diesen durchaus nicht aufzugebenden,
noch zu entbehrenden Punct kommt. Wer gar kein Ziel sich gesetzt hat, sondern
alles, und das Höchste, was man hienieden verlieren kann, das Leben, daransetzt,
gibt den Widerstand nie auf, und siegt, so der Gegner ein begrenzteres Ziel
hat, ohne Zweifel. Ein Volk, das da fähig ist, sei es auch nur in seinen
höchsten Stellvertretern und Anführern, das Gesicht aus der Geisterwelt,
Selbstständigkeit, fest ins Auge zu fassen, und von der Liebe dafür ergriffen zu
werden, wie unsere ältesten Vorfahren, siegt gewiss über ein solches, das nur
zum Werkzeuge fremder Herrschsucht und zu Unterjochung selbstständiger Völker
gebraucht wird, wie die römischen Heere; denn die ersteren haben alles zu
verlieren, die letzteren bloss einiges zu gewinnen. Ueber die Denkart aber, die
den Krieg als ein Glücksspiel ansieht, um zeitlichen Gewinn oder Verlust, und
bei der schon, ehe sie das Spiel anfängt, fest steht, bis zu welcher Summe sie
auf die Charten setzen wolle, siegt sogar eine Grille. Denken Sie sich z.B.
einen Mahomet, - nicht den wirklichen der Geschichte, über welchen ich kein
Urteil zu haben bekenne, sondern den eines bekannten französischen Dichters, -
der sich einmal fest in den Kopf gesetzt habe, er sei eine der ungemeinen
Naturen, die da berufen sind, das dunkele, das gemeine Erdenvolk zu leiten, und
dem, zufolge dieser ersten Voraussetzung, alle seine Einfälle, so dürftig und so
beschränkt sie auch in der Tat sein mögen, dieweil es die seinigen sind,
notwendig erscheinen müssen als grosse und erhabene und beseligende Ideen, und
alles, was denselben sich widersetzt, als dunkeles gemeines Volk, Feinde ihres
eigenen Wohls, Uebelgesinnte und Hassenswürdige; der nun, um diesen seinen
Eigendünkel vor sich selbst als göttlichen Ruf zu rechtfertigen, und ganz
aufgegangen in diesem Gedanken mit all seinem Leben, alles daran setzen muss und
nicht ruhen kann, bis er alles, das nicht ebenso gross von ihm denken will, denn
er selbst, zertreten hat, und bis aus der ganzen Mitwelt sein eigener Glaube an
seine göttliche Sendung ihm zurückstrahle: ich will nicht sagen, wie es ihm
ergehen würde, falls wirklich ein geistiges Gesicht, das da wahr ist und klar in
sich selbst, gegen ihn in die Kampfhahn träte, aber jenen beschränkten
Glücksspielern gewinnt er es sicher ab, denn er setzt alles gegen sie, die nicht
alles setzen; sie treibt kein Geist, ihn aber treibt allerdings ein
schwärmerischer Geist, - der seines gewaltigen und kräftigen Eigendünkels.
    Aus allem geht hervor, dass der Staat, als blosses Regiment des im
gewöhnlichen friedlichen Gange fortschreiten den menschlichen Lebens, nichts
Erstes und für sich selbst Seiendes, sondern dass er bloss das Mittel ist für
den höheren Zweck der ewig gleichmässig fortgehenden Ausbildung des rein
Menschlichen in dieser Nation; dass es allein das Gesicht und die Liebe dieser
ewigen Fortbildung ist, welche immerfort auch in ruhigen Zeitläuften die höhere
Aufsicht über die Staatsverwaltung führen soll, und welche, wo die
Selbstständigkeit des Volkes in Gefahr ist, allein dieselbe zu retten vermag.
Bei den Deutschen, unter denen, als einem ursprünglichen Volke, diese
Vaterlandsliebe möglich und, wie wir fest zu wissen glauben, bis jetzt auch
wirklich war, konnte dieselbe bis jetzt mit einer hohen Zuversicht auf die
Sicherheit ihrer wichtigsten Angelegenheit rechnen. Wie nur noch bei den
Griechen in der alten Zeit, war bei ihnen der Staat und die Nation sogar von
einander gesondert, und jedes für sich dargestellt, der erste in den besonderen
deutschen Reichen und Fürstentümern, die letzte sichtbar im Reichsverbande,
unsichtbar, nicht zufolge eines niedergeschriebenen, aber eines in aller
Gemüter lebenden Rechtes geltend, und in ihren Folgen allentalben in das Auge
springend in einer Menge von Gewohnheiten und Einrichtungen. So weit die
deutsche Zunge reichte, konnte jeder, dem im Bezirke derselben das Licht
anbrach, sich doppelt betrachten als Bürger, teils seines Geburtsstaates,
dessen Fürsorge er zunächst empfohlen war, teils des ganzen gemeinsamen
Vaterlandes deutscher Nation. Jedem war es verstattet, über die ganze Oberfläche
dieses Vaterlandes hin sich diejenige Bildung, die am meisten Verwandtschaft zu
seinem Geiste halte, oder den demselben angemessensten Wirkungskreis
aufzusuchen, und das Talent wuchs nicht hinein in seine Stelle, wie ein Baum,
sondern es war ihm erlaubt, dieselbe zu suchen. Wer durch die Richtung, die
seine Bildung nahm, mit seiner nächsten Umgebung entzweit wurde, fand leicht
anderwärts willige Aufnahme, fand neue Freunde statt der verlorenen, fand Zeit
und Ruhe, um sich näher zu erklären, vielleicht die erzürnten selbst zu gewinnen
und zu versöhnen, und so das Ganze zu einigen. Kein deutschgeborener Fürst hat
es je über sich vermocht, seinen Untertanen das Vaterland innerhalb der Berge
oder Flüsse, wo er regierte, abzustecken, und dieselben zu betrachten, als
gebunden an die Erdscholle. Eine Wahrheit, die an einem Orte nicht laut werden
durfte, durfte es an einem anderen, an welchem vielleicht im Gegenteile
diejenigen verboten waren, die dort erlaubt wurden; und so fand denn, bei
manchen Einseitigkeiten und Engherzigkeiten der besonderen Staaten, dennoch in
Deutschland, dieses als ein Ganzes genommen, die höchste Freiheit der
Erforschung und der Mitteilung statt, die jemals ein Volk besessen; und die
höhere Bildung war und blieb allentalben der Erfolg aus der Wechselwirkung der
Bürger aller deutschen Staaten, und diese höhere Bildung kam denn in dieser
Gestalt auch allmählig herab zum grösseren Volke, das somit immer fortfuhr, sich
selber durch sich selbst im Grossen und Ganzen zu erziehen. Dieses wesentliche
Unterpfand der Fortdauer einer deutschen Nation schmälerte, wie gesagt, kein am
Ruder der Regierung sitzendes deutsches Gemüt; und wenn auch in Absicht anderer
ursprünglichen Entscheidungen nicht immer geschehen sein sollte, was die höhere
deutsche Vaterlandsliebe wünschen musste, so ist wenigstens der Angelegenheit
desselben nicht geradezu entgegengehandelt worden, man hat nicht gesucht, jene
Liebe zu untergraben, sie auszurotten, und eine entgegengesetzte Liebe an ihre
Stelle zu bringen.
    Wenn nun aber etwa die ursprüngliche Leitung sowohl jener höheren Bildung,
als der Nationalmacht, die allein für jene und ihre Fortdauer als Zweck
gebraucht werden darf, die Verwendung deutschen Gutes und deutschen Blutes, aus
der Botmässigkeit deutschen Gemütes in eine andere kommen sollte: was würde
sodann notwendig erfolgen müssen?
    Hier ist der Ort, wo es der in unserer ersten Rede in Anspruch genommenen
Geneigteit, sich über die eigenen Angelegenheiten nicht täuschen zu wollen, und
des Mutes, die Wahrheit sehen zu wollen, und sie sich zu gestehen, vorzüglich
bedarf; auch ist es, so viel mir bekannt, noch immer erlaubt, in deutscher
Sprache mit einander vom Vaterlande zu reden, wenigstens zu seufzen; und wir
würden, glaube ich, nicht wohl tun, wenn wir aus unserer eigenen Mitte heraus
ein solches Verbot verfrühten, und dem Mute, der ohne Zweifel über das Wagnis
schon vorher mit sich zu Rate gegangen sein wird, die Fessel der Zaghaftigkeit
Einzelner anlegen wollten.
    Malen Sie sich also die vorausgesetzte neue Gewalt so gütig und so
wohlwollend vor, als Sie irgend wollen, machen Sie sie gut, wie Gott; werden Sie
ihr auch göttlichen Versland einsetzen können? Mag sie alles Ernstes das höchste
Glück und Wohlsein aller wollen, wird das höchste Wohlsein, das sie zu fassen
vermag, wohl auch deutsches Wohlsein sein? So hoffe ich über den Hauptpunct, den
ich Ihnen heute vorgetragen, von Ihnen recht wohl verstanden worden zu sein, ich
hoffe, dass mehrere hiebei gedacht und gefühlt haben: ich drücke nur deutlich
aus und spreche aus mit Worten, wie es Ihnen von jeher im Gemüte gelegen; ich
hoffe, dass es auch mit den übrigen Deutschen, die einst dieses lesen werden,
sich also verhalten werde; auch haben vor mir mehrere Deutsche ohngefähr
dasselbe gesagt; und dem immerfort bezeugten Widerstreben gegen eine bloss
mechanische Einrichtung und Berechnung des Staates hat dunkel jene Gesinnung zum
Grunde gelegen. Und nun fordere ich alle, die mit der neuen Literatur des
Auslandes bekannt sind, auf, mir nachzuweisen, welcher neuere Weise, Dichter,
Gesetzgeber derselben eine diesem ähnliche Ahnung, die das Menschengeschlecht
als ein ewig fortschreitendes betrachte, und alles sein Regen in der Zeit nur
auf diesen Fortschritt beziehe, jemals verraten habe; ob irgend einer, selbst
in dem Zeitpuncte, als sie am kühnsten zu politischer Schöpfung sich
emporschwangen, mehr, als nur nicht Ungleichheit, inneren Frieden, äusseren
Nationalruhm und, wo es aufs Höchste getrieben wurde, häusliche Glückseligkeit
vom Staate gefordert habe? Ist, wie man aus allen diesen Anzeigen schliessen
muss, dieses ihr Höchstes, so werden sie auch uns keine höheren Bedürfnisse und
keine höheren Forderungen an das Leben beimessen, und, immer jene wohltätigen
Gesinnungen gegen uns und die Abwesenheit alles Eigennutzes und aller Sucht,
mehr sein zu wollen denn wir, vorausgesetzt, trefflich für uns gesorgt zu haben
glauben, wenn wir alles das finden, was sie allein als begehrungswürdig kennen;
dasjenige aber, warum der Ediere unter uns allein leben mag, ist sodann
ausgetilgt aus dem öffentlichen Leben, und das Volk, das für die Anregungen des
Edieren sich stets empfänglich gezeigt hat, und welches man sogar nach seiner
Mehrheit zu jenem Adel emporzuheben hoffen durfte, ist, so wie es behandelt
wird, wie jene behandelt sein wollen, herabgesetzt unter seinen Rang,
entwürdigt, ausgetilgt aus der Reihe der Dinge, indem es zusammenfliesst mit dem
von niederer Art.
    In wem nun jene höheren Anforderungen an das Leben, nebst dem Gefühle ihres
göttlichen Rechtes, dennoch lebendig und kräftig bleiben, der fühlt mit tiefem
Unwillen sich zurückgedrängt in jene ersten Zeiten des Christentums, zu denen
gesagt ist: »Ihr sollt nicht widerstreben dem Uebel, sondern, so dir jemand
einen Streich siebt auf den rechten Backen, dem biete den anderen auch dar, und
so jemand deinen Rock nehmen will, dem lass auch den Mantel«; mit Recht das
letzte, denn so lange er noch einen Mantel an dir sieht, sucht er einen Handel
an dich, um dir auch diesen zu nehmen, erst wie du ganz nackend bist, entgehest
du seiner Aufmerksamkeit und hast vor ihm Ruhe. Eben sein höherer Sinn, der ihn
ehrt, macht ihm die Erde zur Hölle und zum Ekel; er wünscht, nicht geboren zu
sein, er wünscht, dass sein Auge je eher je lieber sich dem Anblicke des Tages
verschliesse, unversiegbare Trauer bis an das Grab erfasst seine Tage; dem, was
ihm lieb ist, kann er kehle bessere Gabe wünschen, denn einen dumpfen und
genügsamen Sinn damit es mit weniger Schmerz einem ewigen Leben jenseits des
Grabes entgegenlebe.
    Diese Vernichtung jeder etwa ins künftige unter uns ausbrechenden edieren
Regung, und diese Heruntersetzung unserer ganzen Nation, durch das einzige,
nachdem die anderen vergeblich angewendet worden sind, noch übrigbleibende
Mittel zu verhindern, tragen Ihnen diese Reden an. Sie tragen Ihnen an, die
wahre und allmächtige Vaterlandsliebe, in der Erfassung unseres Volkes als eines
ewigen, und als Bürgen unserer eigenen Ewigkeit, durch die Erziehung in aller
Gemüter recht tief und unauslöschlich zu begründen. Welche Erziehung dies
vermöge, und auf welche Weise, werden wir in den folgenden Reden ersehen.
 
                                  Neunte Rede
An welchen in der Wirklichkeit vorhandenen Punct die neue Nationalerziehung der
                           Deutschen anzuknüpfen sei
    Durch unsere letzte Rede sind mehrere schon in der ersten versprochene
Beweise geführt und vollendet worden. Es sei dermalen nur davon die Rede, sagten
wir, und dies sei die erste Aufgabe, das Dasein und die Fortdauer des Deutschen
schlechtweg zu retten; alle andere Unterschiede seien dem höheren Ueberblicke
verschwunden; und es würde durch jenes den besonderen Verbindlichkeiten, die
etwa jemand zu haben glaube, kein Eintrag geschehen. Es ist, wenn uns nur der
gemachte Unterschied zwischen Staat und Nation gegenwärtig bleibt, klar, dass
auch schon früher die Angelegenheiten dieser beiden niemals in Widerstreit
geraten konnten. Die höhere Vaterlandsliebe für das gemeinsame Volk der
deutschen Nation musste und sollte ja ohnedies die oberste Leitung in jedem
besonderen deutschen Staate fuhren; keiner von ihnen durfte ja diese höhere
Angelegenheit aus den Augen verlieren, ohne alles Edle und Tüchtige von sich
abwendig zu machen, und so seinen eigenen Untergang zu beschleunigen: jemehr
daher jemand von jener höheren Angelegenheit ergriffen und belebt war, ein desto
besserer Bürger war er auch für den besonderen deutschen Staat, in den sein
unmittelbarer Wirkungskreis fiel. Deutsche Staaten konnten mit deutschen Staaten
in Streit geraten, über besondere hergebrachte Gerechtsame. Wer die Fortdauer
des hergebrachten Zustandes wollte, und jeder Verständige ohne Zweifel musste um
der ferneren Folgen willen diese wollen, der musste wünschen, dass die gerechte
Sache siege, in wessen Händen sie auch sein möchte. Höchstens hätte ein
besonderer deutscher Staat darauf ausgehen können, die ganze deutsche Nation
unter seiner Regierung zu vereinigen, und statt der hergebrachten Völkerrepublik
Alleinherrschaft einzuführen. Wenn es wahr ist, wie ich z.B. es allerdings
dafürhalte, dass gerade diese republikanische Verfassung bisher die
vorzüglichste Quelle deutscher Bildung und das erste Sicherungsmittel ihrer
Eigentümlichkeit gewesen, so wäre! falls die vorausgesetzte Einheit der
Regierung nicht etwa selbst die republikanische, sondern die monarchische Form
getragen hätte, in der es dem Gewaltaber doch möglich gewesen wäre, irgend
einen Spross ursprünglicher Bildung über den ganzen deutschen Boden hinweg für
seine Lebenszeit zu zerdrücken; - wenn dieses wahr ist, sage ich, so wäre in
diesem Falle es allerdings ein grosses Misgeschick für die Angelegenheit
deutscher Vaterlandsliebe gewesen, wenn dieser Vorsatz gelungen wäre, und jeder
Edle über die ganze Oberfläche des gemeinsamen Bodens hinweg hätte dagegen sich
stemmen müssen. Dennoch auch in diesem schlimmsten Falle wären es doch immer
Deutsche geblieben, die über Deutsche regiert und ihre Angelegenheiten
ursprünglich geleitet hätten, und wenn auch auf eine vorübergehende Zeit der
eigentümliche deutsche Geist vermisst worden wäre: so wäre doch die Hoffnung
geblieben, dass er wieder erwachen werde, und jedes kräftigere Gemüt über den
ganzen Boden hinweg hätte sich versprechen können, Gehör zu finden, und sich
verständlich zu machen; es wäre doch immer eine deutsche Nation im Dasein
verblieben, und hätte sich selbst regiert, und sie wäre nicht untergegangen in
einem anderen von niederer Ordnung.
    Immer bleibt hier das Wesentliche in unserer Berechnung, dass die deutsche
Nationalliebe selbst an dem Ruder des deutschen Staates entweder sitze, oder
doch mit ihrem Einflusse dahingelangen könne. Wenn aber, zufolge unserer
früheren Voraussetzung, dieser deutsche Staat, - ob er nun als einer oder
mehrere erscheine, tut nichts zur Sache, in der Tat ist es dennoch Einer, -
überhaupt aus deutscher Leitung in fremde fiele, so ist sicher, und das
Gegenteil davon wäre gegen alle Natur und schlechterdings unmöglich; es ist
sicher, sage ich, dass von nun an nicht mehr deutsche Angelegenheit, sondern
eine fremde entscheiden wurde. Wo die gesammte Nationalangelegenheit der
Deutschen bisher ihren Sitz hatte und dargestellt wurde am Ruder des Staates, da
wäre sie verwiesen. Soll sie nun hiermit nicht ganz ausgetilgt sein von der
Erde, so muss ihr ein anderer Zufluchtsort bereitet werden, und zwar in dem, was
allein übrigbleibt, bei den Regierten, in den Bürgern. Wäre sie aber bei diesen
und ihrer Mehrheit schon, so wären wir in den Fall, über welchen wir uns dermals
beratschlagen, gar nicht gekommen; sie ist daher nicht bei ihnen, und muss erst
in sie hineingebracht werden: das heisst mit anderen Worten, die Mehrheit der
Bürger muss zu diesem vaterländischen Sinne erzogen werden, und, damit man der
Mehrheit sicher sei, diese Erziehung muss an der Allheit versucht werden. Und so
ist denn zugleich unumwunden und klar der gleichfalls ehemals versprochene
Beweis geführt worden, dass es schlechtin nur die Erziehung, und kein anderes
mögliches Mittel sei, das die deutsche Selbstständigkeit zu retten vermöge; und
es wäre ohne Zweifel nicht unsere Schuld, wenn man selbst bis jetzt noch nicht
den eigentlichen Inhalt und die Absicht dieser unserer Reden, und den Sinn, in
welchem alle unsere Äusserungen zu nehmen sind, zu fassen vermöchte.
    Um es noch kürzer zu fassen: immer unter unserer Voraussetzung, sind den
Unmündigen ihre väterlichen und blutsverwandten Vormünder abgegangen, und Herren
an ihre Stelle getreten; sollen jene Unmündige nicht gar Sklaven werden, so
müssen sie eben der Vormundschaft entlassen und damit sie dieses können,
zuallererst zur Mündigkeit erzogen werden. Die deutsche Vaterlandsliebe hat
ihren Sitz verloren; sie soll einen anderen breiteren und tieferen erhalten in
welcher sie in ruhiger Verborgenheit sich begründe und stähle, und zu rechter
Zeit in jugendlicher Kraft hervorbreche, und auch dem Staate die Verlorene
Selbstständigkeit wiedergebe. Wegen des letzteren können nun sowohl das Ausland,
als die kleinlichen und engherzigen Trübseligkeiten unter uns selbst in Ruhe
verbleiben; man kann zu ihrer aller Troste sie versichern, dass sie es
insgesammt nicht erleben werden, und dass die Zeit, die es erleben wird, anders
denken wird, denn sie.
    Ob nun, so streng auch die Glieder dieses Beweises aneinanderschliessen
mögen, derselbe auch andere ergreifen und sie zur Tätigkeit aufregen werde,
hängt zuallererst davon ab, ob es so etwas, wie wir deutsche Eigentümlichkeit
und deutsche Vaterlandsliebe geschildert haben, überhaupt gebe, und ob diese der
Erhaltung und des Strebens dafür wert sei, oder nicht. Dass der - auswärtige
oder einheimische - Ausländer diese Frage mit Nein beantwortet, versteht sich;
aber dieser ist auch nicht mit zur Beratschlagung berufen. Uebrigens ist
hierbei anzumerken, dass die Entscheidung über diese Frage keinesweges auf einer
Beweisführung durch Begriffe beruht, welche hierin zwar klarmachen, keinesweges
aber über wirkliches Dasein oder Wert Auskunft zu geben vermögen, sondern dass
die letzteren lediglich durch eines jeglichen unmittelbare Erfahrung an ihm
selber bewährt werden können. In einem solchen Falle mögen Millionen sagen: es
sei nicht, so kann dadurch niemals mehr gesagt sein denn dass es nur in ihnen
nicht sei, keinesweges, dass es überhaupt nicht sei, und wenn ein Einziger gegen
diese Millionen auftritt und versichert, dass es sei, so behält er gegen sie
Alle recht. Nichts verhindert, dass, da ich nun gerade rede, ich in dem
angegebenen Falle dieser Einzige sei, der da versichert, dass er aus
unmittelbarer Erfahrung an sich selbst wisse, dass es so etwas, wie deutsche
Vaterlandsliebe gebe, dass er den unendlichen Wert des Gegenstandes derselben
kenne, dass diese Liebe allein ihn getrieben habe, auf jede Gefahr zu sagen, was
er gesagt hat und noch sagen wird, indem uns dermalen gar nichts übriggeblieben
ist, denn das Sagen, und sogar dieses auf alle Weise gehemmt und verkümmert
wird. Wer dasselbe in sich fühlt, der wird überzeugt werden; wer es nicht fühlt,
kann nicht überzeugt werden, denn allein auf jene Voraussetzung stützt sich mein
Beweis; an ihm habe ich meine Worte verloren, aber wer wollte nicht etwas so
geringfügiges, als Worte sind, auf das Spiel setzen?
    Diejenige bestimmte Erziehung, von der wir uns die Rettung der deutschen
Nation versprechen, ist in unserer zweiten und dritten Rede im allgemeinen
beschrieben worden. Wir haben sie als eine gänzliche Umschaffung des
Menschengeschlechtes bezeichnet, und es wird passend sein, an diese Bezeichnung
eine wiederholte Uebersicht des Ganzen anzuknüpfen.
    In der Regel galt bisher die Sinnenwelt für die recht eigentliche, wahre und
wirklich bestehende Welt, sie war die erste, die dem Zöglinge der Erziehung
vorgeführt wurde; von ihr erst wurde er zum Denken, und zwar meist zu einem
Denken über diese, und im Dienste derselben angeführt. Die neue Erziehung kehrt
diese Ordnung geradezu um. Ihr ist nur die Welt, die durch das Denken erfasst
wird, die wahre und wirklich bestehende Welt; in diese will sie ihren Zögling,
sogleich wie sie mit derselben beginnt, einführen. An diese Welt allein will sie
seine ganze Liebe und sein ganzes Wohlgefallen binden, so dass ein Leben allein
in dieser Welt des Geistes bei ihm notwendig entstehe und hervorkomme. Bisher
lebte in der Mehrheit allein das Fleisch, die Materie, die Natur; durch die neue
Erziehung soll in der Mehrheit, ja gar bald in der Allheit, allein der Geist
leben und dieselbe treiben; der feste und gewisse Geist, von welchem früher, als
von der einzigmöglichen Grundlage eines wohleingerichteten Staates, gesprochen
worden, soll im Allgemeinen erzeugt werden.
    Durch eine solche Erziehung wird ohne Zweifel der Zweck, den wir zunächst
uns vorgesetzt haben, und von dem unsere Reden ausgegangen sind, erreicht. Jener
zu erzeugende Geist führt die höhere Vaterlandsliebe, das Erfassen seines
irdischen Lebens, als eines ewigen, und des Vaterlandes, als des Trägers dieser
Ewigkeit, und, falls er in den Deutschen aufgebauet wird, die Liebe für das
deutsche Vaterland, als einen seiner notwendigen Bestandteile unmittelbar in
sich selber; und aus dieser Liebe folgt der mutige Vaterlandsverteidiger, und
der ruhige und rechtliche Bürger von selbst. Es wird durch eine solche Erziehung
sogar noch mehr erreicht, als dieser nächste Zweck; wie das allemal der Fall
ist, wo ein grosses Ziel durch ein durchgreifendes Mittel gewollt wird; der
ganze Mensch wird nach allen seinen Teilen vollendet, in sich selbst
abgerundet, nach aussen zu allen seinen Zwecken in Zeit und Ewigkeit mit
vollkommener Tüchtigkeit ausgestattet. Mit unserer Genesung für Nation und
Vaterland hat die geistige Natur unsere vollkommene Heilung von allen Uebeln,
die uns drücken, unzertrennlich verknüpft.
    Mit der stumpfen Verwunderung, dass eine solche Welt des blossen Gedankens
behauptet, und sogar als die einzigmögliche Welt behauptet, dagegen die
Sinnenwelt ganz weggeworfen werde, sowie mit der Abläugnung der ersteren
entweder überhaupt, oder nur der Möglichkeit, dass selbst die Mehrheit des
grossen Volkes in dieselbe eingeführt werden könne, haben wir es hier nicht mehr
zu tun, sondern haben dieselben schon früher gänzlich von uns weggewiesen. Wer
noch nicht weiss, dass es eine Welt des Gedankens gebe, der mag indessen
anderwärts durch die vorhandenen Mittel sich davon belehren, wir haben hier zu
dieser Belehrung nicht Zeit; wie aber sogar die Mehrheit des grossen Volkes zu
derselben emporgehoben werden könne, dies wollen wir eben zeigen.
    Indem nun, unserem eigenen wohlbedachten Sinne nach, der Gedanke einer
solchen neuen Erziehung keinesweges als ein blosses zur Uebung des Scharfsinnes
oder der Streitfertigkeit aufgestelltes Bild zu betrachten ist, sondern derselbe
vielmehr zur Stunde ausgeübt und ins Leben eingeführt werden soll: so kommt uns
zuvörderst zu, anzugeben, an welches in der wirklichen Welt schon vorliegende
Glied diese Ausführung sich anknüpfen solle.
    Wir geben auf diese Frage zur Antwort: an den von Johann Heinrich Pestalozzi
erfundenen, vorgeschlagenen, und unter dessen Augen schon in glücklicher
Ausübung befindlichen Unterrichtsgang soll sie sich anschliessen. Wir wollen
diese unsere Entscheidung tiefer begründen und näher bestimmen.
    Zuvörderst, wir haben die eigenen Schriften des Mannes gelesen und
durchdacht, und aus diesen unseren Begriff seiner Unterrichts- und
Erziehungskunst uns gebildet; gar keine Kunde aber haben wir genommen von dem,
was die gelehrten Neuigkeitsblätter darüber berichtet und gemeint, und über die
Meinungen wieder gemeint haben. Wir Merken dies darum an, um jedem, der über
diesen Gegenstand gleichfalls einen Begriff zu haben begehrt, denselben Weg, und
die durchgängige Vermeidung des entgegengesetzten, zu empfehlen. Ebensowenig
haben wir bis jetzt etwas von der wirklichen Ausübung sehen wollen, keinesweges
aus Nichtachtung, sondern weil wir uns erst einen festen und sicheren Begriff
von der wahren Absicht des Erfinders, hinter welcher die Ausübung oft
zurückbleiben kann, verschaffen wollten, aus diesem Begriffe aber der Begriff
von der Ausübung und dem notwendigen Erfolge, ohne alles Probiren, sich von
selbst ergibt, und man, nur mit diesem ausgestattet, die Ausübung wahrhaftig
verstehen und richtig beurteilen kann. Sollte, wie einige glauben, auch dieser
Unterrichtsgang schon hier und da in ein blindes empirisches Zutappen, und in
leere Spielerei und Schauauslegerei ausgeartet sein, so ist meines Erachtens der
Grundbegriff des Erfinders wenigstens daran ganz unschuldig.
    Für diesen Grundbegriff nun bürgt mir zuerst die Eigentümlichkeit des
Mannes selber, wie er diese in seinen Schriften mit der treusten und
gemütvollsten Offenheit darlegt. An ihm hätte ich ebensogut, wie an Luter,
oder, falls es noch andere diesen gleichende gegeben hat, an irgend einem
anderen, die Grundzüge des deutschen Gemütes darlegen, und den erfreuenden
Beweis fuhren können, dass dieses Gemüt in seiner ganzen wunderwirkenden Kraft
in dem Umkreise der deutschen Zunge noch bis auf diesen Tag walte. Auch er hat
ein mühvolles Leben hindurch, im Kampfe mit allen möglichen Hindernissen, von
innen mit eigener hartnäckiger Unklacheit und Unbeholfenheit, und selbst höchst
spärlich ausgestattet mit den gewöhnlichsten Hülfsmitteln der gelehrten
Erziehung, äusserlich mit anhaltender Verkennung, gerungen nach einem bloss
geahnten, ihm selbst durchaus unbewussten Ziele, aufrecht gehalten und getrieben
durch einen unversiegbaren und allmächtigen und deutschen Trieb, die Liebe zu
dem armen verwahrlosten Volke. Diese allmächtige Liebe hatte ihn, ebenso wie
Lutern, nur in einer anderen und seiner Zeit angemesseneren Beziehung, zu ihrem
Werkzeuge gemacht, und war das Leben geworden in seinem Leben, sie war der ihm
selbst unbekannte feste und unwandelbare Leitfaden dieses seines Lebens, der es
hindurchführte durch alle ihn umgebende Nacht, und der den Abend desselben -
denn es war unmöglich, dass eine solche Liebe unbelohnt von der Erde abtrete -
krönte mit seiner wahrhaft geistigen Erfindung, die weit mehr leistete, denn er
je mit seinen kühnsten Wünschen begehrt hatte. Er wollte bloss dem Volke helfen;
aber seine Erfindung, in ihrer ganzen Ausdehnung genommen, hebt das Volk, hebt
allen Unterschied zwischen diesem und einem gebildeten Stande auf, gibt statt
der gesuchten Volkserziehung Nationalerziehung, und hätte wohl das Vermögen, den
Völkern und dem ganzen Menschengeschlechte aus der Tiefe seines dermaligen
Elendes emporzuhelfen.
    Dieser sein Grundbegriff steht in seinen Schriften mit vollkommener Klarheit
und unverkennbarer Bestimmteit da. Zuvörderst will er in Absicht der Form nicht
die bisherige Willkür und das blinde Herumtappen, sondern er will eine feste und
sicher berechnete Kunst der Erziehung, wie auch wir es wollen, und wie deutsche
Gründlichkeit es notwendig wollen muss; und er erzählt sehr unbefangen, wie
eine französische Phrase, dass er nämlich die Erziehung mechanisiren wolle, ihm
über diesen seinen Zweck aus dem Traume geholfen habe. In Absicht des Inhaltes
ist es der erste Schritt der von mir beschriebenen neuen Erziehung dass sie die
freie Geistestätigkeit des Zöglings, sein Denken, in welchem späterhin die Welt
seiner Liebe ihm aufgehen soll, anrege und bilde; mit diesem ersten Schritte
beschäftigen sich Pestalozzi's Schriften vorzüglich, und auf diesen Gegenstand
geht unsere Prüfung seines Grundbegriffes zuallererst. In dieser Rücksicht ist
nun desselben Tadel des bisherigen Unterrichtes? dass derselbe den Schüler nur
in Nebel und Schatten eingetaucht, und denselben niemals zur wirklichen Wahrheit
und Realität habe gelangen lassen gleichbedeutend mit dem unserigen, dass dieser
Unterricht nicht vermocht habe in das Leben einzugreifen, noch die Wurzel
desselben zu bilden; und Pestalozzi's dagegen vorgeschlagenes Hülfsmittel, den
Zögling in die unmittelbare Anschauung einzuführen, ist gleichbedeutend mit dem
unserigen, die Geistestätigkeit desselben zum Entwerfen von Bildern anzuregen,
und nur an diesem freien Bilden ihn lernen zu lassen alles, was er lernt: denn
nur von dem Freientworfenen ist Anschauung möglich. Dass der Erfinder es
wirklich also meint, und keinesweges unter Anschauung jene blindtappende und
betastende Wahrnehmung versteht, beweist die nachher angegebene Ausübung.
Gleichfalls ganz richtig wird dieser Anregung der Anschauung des Zöglings durch
die Erziehung das allgemeine und sehr tief eingreifende Gesetz gegeben, hierin
mit dem Anfange und Fortschritte der zu entwickelnden Kräfte des Kindes genau
Schritt zu halten.
    Dagegen haben die gesammten Misgriffe dieses Pestalozzischen
Unterrichtsplans in Ausdrücken und Vorschlägen die Eine gemeinschaftliche
Quelle, dass der dürftige und begrenzte Zweck, auf welchen anfangs ausgegangen
wurde, äusserst vernachlässigten Kindern aus dem Volke, unter der Voraussetzung,
dass das Ganze bliebe, so wie es ist, die notdürftigste Hilfe zu leisten, von
einer Seite, - und von der andern, das zu einem weit höhern Zwecke führende
Mittel in Vermengung und Widerstreit mit einander geraten sind; und man wird
vor allem Irrtume gesichert, und erhält einen mit sich vollkommen
übereinstimmenden Begriff, wenn man das erstere, und alles, was aus dessen
Beachtung gefolgt ist, fallen lässt, und sich bloss an das letztere hält und es
folgegemäss durchführt. Ohne Zweifel entstand lediglich aus dem Wunsche, jene
Kinder der äussersten Armut sobald als möglich aus der Schule zum Broterwerb zu
entlassen, und dennoch sie mit einem Mittel zu versehen, wodurch sie den
abgebrochenen Unterricht nachholen könnten, in Pestalozzi's liebendem Gemüte
die Ueberschätzung des Lesens und Schreibens, die Aufstellung dieser beinahe als
Ziel und Gipfel des Volksunterrichts, sein unbefangener Glaube an die Aussage
der abgelaufenen Jahrtausende, dass dieses die besten Hülfsmittel der Belehrung
seien; da er ja ausserdem gefunden haben würde, dass gerade dieses Lesen und
Schreiben bisher die eigentlichen Werkzeuge gewesen, um die Menschen in Nebel
und Schatten einzuhüllen, und sie überklug zu machen. Daher auch rühren ohne
Zweifel mehrere andere, mit seinem Grundsatze der unmittelbaren Anschauung im
Widerspruche stehende Vorschläge und besonders seine durchaus irrige Ansicht der
Sprache, als eines Mittels, unser Geschlecht von dunkler Anschauung zu
deutlichen Begriffen zu erheben. Wir unsers Orts haben nicht von Erziehung des
Volks im Gegensatze höherer Stände geredet, indem wir Volk in diesem Sinne,
niedern und gemeinen Pöbel, gar nicht länger haben wollen, noch er für die
deutschen Nationalangelegenheiten ferner ertragen werden kann, sondern wir haben
von Nationalerziehung geredet. Soll es jemals zu dieser kommen, so muss der
armselige Wunsch, dass die Erziehung doch ja recht bald vollendet sein, und das
Kind wieder hinter die Arbeit gestellt werden möge, gar nicht mehr zu Odem
kommen, sondern sogleich an der Schwelle der Beratung über diese Angelegenheit
abgelegt werden. Zwar wird meines Erachtens diese Erziehung nicht kostspielig
sein, die Anstalten werden guten Teils sich selbst erhalten können, und es wird
der Arbeit kein Eintrag geschehen; und ich werde meine Gedanken hierüber zu
seiner Zeit darlegen; aber wenn dies auch nicht so wäre, so muss unbedingt und
auf jede Gefahr der Zögling in der Erziehung so lange bleiben, bis sie vollendet
ist und vollendet sein kann; jene halbe Erziehung ist um nichts besser, denn gar
keine; sie lässt es eben beim Alten, und wenn man dies will, so erspare man sich
lieber auch das Halbe und erkläre gleich von vornherein geradezu, dass man nicht
wolle, dass der Menschheit geholfen werde. Unter jener Voraussetzung nun kann in
der blossen Nationalerziehung, so lange dieselbe dauert, Lesen und Schreiben zu
nichts nützen, wohl aber kann es sehr schädlich werden, indem es von der
unmittelbaren Anschauung zum blossen Zeichen, und von der Aufmerksamkeit, die da
weiss, dass sie nichts fasse, wenn sie es nicht jetzt und zur Stelle fasst, zur
Zerstreuteit, die sich ihres Niederschreibens tröstet, und irgend einmal vom
Papiere lernen will, was sie wahrscheinlich nie lernen wird, und überhaupt zu
der den Umgang mit Buchstaben so oft begleitenden Träumerei leichtlich verleiten
könnte, so wie es dieses auch bisher getan hat. Erst am völligen Schlusse der
Erziehung, und als das letzte Geschenk derselben mit auf den Weg, könnten diese
Künste mitgeteilt, und der Zögling geleitet werden durch Zergliederung der
Sprache, die er schon längst vollkommen besitzt, die Buchstaben zu erfinden und
zu gebrauchen; welches ihm bei der übrigen Bildung, die er schon erlangt hat,
ein Spiel sein würde.
    So in der blossen und allgemeinen Nationalerziehung. Etwas anderes ist es
mit dem künftigen Gelehrten. Dieser soll einst nicht bloss über das
Allgemeingeltende sich aussprechen, wie es ihm ums Herz ist, sondern er soll
auch im einsamen Nachdenken die verborgene und ihm selber unbewusste
eigentümliche Tiefe seines Gemüts in das Licht der Sprache erheben, und er
muss darum früher an der Schrift das Werkzeug dieses einsamen und dennoch lauten
Denkens in die Hände bekommen und bilden lernen; doch wird auch mit ihm weniger
zu eilen sein, als es bisher geschehen. Es wird dies zu seiner Zeit bei der
Unterscheidung der blossen Nationalerziehung von der gelehrten deutlicher
erhellen.
    In Gemässheit dieser Ansicht ist alles, was der Erfinder über Schall und
Wort, als Entwicklungsmittel der geistigen Kraft spricht, zu berichtigen und zu
beschränken. In das Einzelne zu gehen, erlaubt mir nicht der Plan dieser Reden.
Nur noch die folgende tief in das Ganze greifende Bemerkung. Die Grundlage
seiner Entwicklung aller Erkenntnis entält sein Buch für Mütter; indem er
unter andern gar sehr auf häusliche Erziehung rechnet. Was zuvorderst diese, die
häusliche Erziehung, selbst anbelangt, so wollen wir zwar mit ihm keinesweges
über die Hoffnungen, die er sich von den Müttern macht, streiten; was aber
unsern höhern Begriff einer Nationalerziehung anbelangt, so sind wir fest
überzeugt, dass diese, besonders bei den arbeitenden Ständen, im Hause der
Eltern, und überhaupt ohne gänzliche Absonderung der Kinder von ihnen, durchaus
weder angefangen, noch fortgesetzt oder vollendet werden kann. Der Druck, die
Angst um das tägliche Auskommen, die kleinliche Genauigkeit und Gewinnsucht, die
sich hierzu fugt, würde die Kinder notwendig anstecken, herabziehen und sie
verhindern, einen freien Aufflug in die Welt des Gedankens zu nehmen. Dies ist
auch eine der Vor aussetzungen, die bei der Ausführung unsers Plans unbedingt
ist und auf keine Weise zu erlassen. Was daraus wird, wenn die Menschheit im
Ganzen in jedem folgenden Zeitalter sich also wiederholt, wie sie im
vorhergehenden war, haben wir nun zur Genüge ersehen; soll eine gänzliche
Umbildung mit derselben vorgenommen werden, so muss sie einmal ganz losgerissen
werden von sich selber, und ein trennender Einschnitt gemacht werden in ihr
hergebrachtes Fortleben. Erst nachdem ein Geschlecht durch die neue Erziehung
hindurchgegangen sein wird, wird sich beratschlagen lassen, welchen Teil von
der Nationalerziehung man dem Hause anvertrauen wolle. - Dies nun abgerechnet
und das Pestalozzische Buch für die Mütter lediglich als erste Grundlage des
Unterrichts betrachtet, ist auch der Inhalt desselben, der Körper des Kindes,
ein vollkommener Misgriff. Er geht von dem sehr richtigen Salze aus, der erste
Gegenstand der Erkenntnis des Kindes müsse das Kind selbst sein, aber ist denn
der Körper des Kindes das Kind selbst? Wäre, wenn es doch ein menschlicher
Körper sein sollte, der Körper der Mutter ihm nicht weit näher und sichtbarer?
und wie kann doch das Kind eine anschauliche Erkenntnis von seinem Körper
bekommen, ohne zuerst gelernt zu haben, denselben zu gebrauchen? Jene Kenntnis
ist keine Erkenntnis, sondern ein blosses Auswendiglernen von willkürlichen
Wortzeichen, das durch die Ueberschätzung des Redens herbeigeführt wird. Die
wahre Grundlage des Unterrichts und der Erkenntnis wäre, um es in der
Pestalozzischen Sprache zu bezeichnen, ein ABC der Empfindungen. Wie das Kind
anfangt Sprachtöne zu vernehmen und selbst notdürftig zu bilden, müsste es
geleitet werden, sich vollkommen deutlich zu machen: ob es hungere oder
schläfrig sei, ob es die mit dem oder dem Ausdrucke bezeichnete ihm gegenwärtige
Empfindung sehe, oder ob es vielmehr dieselbe höre u.s.f., oder ob es wohl gar
etwas bloss hinzudenke; wie die verschiedenen durch besondere Wörter
bezeichneten Eindrücke auf denselben Sinn, z.B. die Farben die Schälle der
verschiedenen Körper u.s.f. verschieden seien, und in welchen Abstufungen; alles
dies in richtiger und das Empfindungsvermögen selbst regelmässig entwickelnder
Folge. Hierdurch erhält das Kind erst ein Ich, das es im freien und besonnenen
Begriffe absondert, und mit demselben durchdringt, und gleich bei seinem
Erwachen ins Leben wird dem Leben ein geistiges Auge eingesetzt, das von nun an
wohl nicht wieder von demselben lassen wird. Hiedurch erhalten auch für die
nachfolgenden Uebungen der Anschauung die an sich leeren Formen des Maasses und
der Zahl ihren deutlich erkannten innern Gehalt, der bei der Pestalozzischen
Verfahrungsweise doch nur durch dunklen Hang und Zwang ihnen hinzugesetzt werden
kann. Es kommt in den Pestalozzischen Schriften ein in dieser Rücksicht
merkwurdiges Geständnis eines seiner Lehrer vor, der in dieses Verfahren
eingeweiht anfing nur noch ausgeleerte geometrische Körper zu erblicken. So
müsste es allen Zöglingen dieses Verfahrens ergehen, wenn nicht unvermerkt die
geistige Natur dagegen sicherte. Hier auch, bei diesem deutlichen Erfassen
dessen, was eigentlich empfunden wird, ist der Ort, wo zwar nicht das
Sprachzeichen, aber das Reden selbst und das Bedürfnis sich für andere
auszusprechen, den Menschen bildet, und ihn aus der Dunkelheit und Verworrenheit
zur Klarheit und Bestimmteit erhebt. Auf das zuerst zum Bewusstsein erwachende
Kind dringen alle Eindrücke der dasselbe umgebenden Natur zugleich ein, und
vermischen sich zu einem dumpfen Chaos, in welchem nichts einzelnes aus dem
allgemeinen Gewühl hervorsteht. Wie soll es jemals herauskommen aus dieser
Dumpfheit? Es bedarf der Hülfe anderer; es kann diese Hülfe auf keine andere
Weise an sich bringen, denn dadurch, dass es sein Bedürfnis bestimmt
ausspreche, mit den Unterscheidungen von ähnlichen Bedürfnissen, die schon in
der Sprache niedergelegt sind. Es wird genötigt, nach Anleitung jener
Unterscheidungen mit Zurückziehung und Sammlung auf sich zu merken, das, was es
wirklich fühlt, zu vergleichen und zu unterscheiden von anderem das es wohl auch
kennt, aber gegenwärtig nicht fühlt. Hierdurch sondert sich erst ab in ihm ein
besonnenes und freies Ich. Diesen Weg nun, den Not und Natur mit uns anhebt,
soll die Erziehung mit besonnener und freier Kunst fortsetzen.
    Im Felde der objectiven Erkenntnis, die auf äussere Gegenstände geht, fugt
die Bekanntschaft mit dem Wortzeichen der Deutlichkeit und Bestimmteit der
innern Erkenntnis für den Erkennenden selbst durchaus nichts hinzu, sondern sie
erhebt dieselbe bloss in den völlig verschiedenen Kreis der Mitteilbarkeit für
andere. Die Klarheit jener Erkenntnis beruht gänzlich auf der Anschauung, und
dasjenige, was man nach Belieben in allen seinen Teilen, gerade so wie es
wirklich ist, in der Einbildungskraft wiedererzeugen kann, ist vollkommen
erkannt, ob man nun dazu ein Wort habe oder nicht. Wir sind sogar der
Ueberzeugung, dass jene Vollendung der Anschauung der Bekanntschaft mit dem
Wortzeichen vorausgehen müsse, und dass der umgekehrte Weg gerade in jene
Schatten- und Nebelwelt, und zu dem frühen Maulbrauchen, welche beide Pestalozzi
mit Recht so verhasst sind, führe, ja dass der, der nur je eher je lieber das
Wort wissen will, und der seine Erkenntnisse für vermehrt hält, sobald er es
weiss, eben in jener Nebelwelt lebt, und bloss um deren Erweiterung bekümmert
ist. Des Erfinders Denkgebäude im Ganzen erfassend, glaube ich, dass es gerade
dieses ABC der Empfindung war, was er, als erste Grundlage der geistigen
Entwicklung und als Inhalt seines Buchs der Mütter, anstrebte, und was ihm
dunkel bei allen seinen Äusserungen über die Sprache vorschwebte, und dass
allein der Mangel an philosophischer. Studien ihn verhinderte, in diesem Puncte
sich selber vollkommen klar zu werden.
    Diese Entwicklung nun des erkennenden Subjects selbst an der Empfindung
vorausgesetzt und der Nationalerziehung, die wir beabsichtigen, als allererste
Grundlage untergelegt, ist das Pestalozzische ABC der Anschauung, die Lehre von
den Zahl- und Maassverhältnissen, die vollkommen zweckmässige und vortreffliche
Folge. An diese Anschauung kann ein beliebiger Teil der Sinnenwelt geknüpft
werden, sie kann eingeführt werden in das Gebiet der Matematik, so lange, bis
an diesen Vorübungen der Zögling hinlänglich gebildet sei, um zur Entwerfung
einer gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, und zur Liebe dieser Ordnung, als
dem zweiten und wesentlichen Schritte seiner Bildung, angeführt zu werden.
    Noch ist gleich beim ersten Teile der Erziehung ein anderer von Pestalozzi
gleichfalls in Anregung gebrachter Gegenstand nicht zu übergehen: die
Entwicklung der körperlichen Fertigkeit des Zöglings, die mit der geistigen
notwendig Hand in Hand gehend fortschreiten muss. Er fordert ein ABC der Kunst,
d.h. des körperlichen Könnens. Seine hervorstechendsten Äusserungen hierüber
sind folgende: »Schlagen, Tragen, Werfen, Stossen, Ziehen, Drehen, Ringen,
Schwingen u.s.f. seien die einfachsten Uebungen der Kraft. Es gebe eine
naturgemässe Stufenfolge von den Anfängen in diesen Uebungen bis zu ihrer
vollendeten Kunst, d. i. bis zum höchsten Grade des Nerventactes, der Schlag und
Stoss, Schwung und Wurf, in hundertfachen Abwechselungen sichere, und Hand und
Fuss gewiss mache.« Alles kommt hiebei auf die naturgemässe Stufenfolge an, und
es reicht nicht hin, dass man mit blinder Willkür hineingreife und irgend eine
Uebung einführe, damit doch von uns gesagt werden könne, wir hätten auch, etwa
wie die Griechen, körperliche Erziehung. In dieser Rücksicht ist nun noch alles
zu tun, denn Pestalozzi hat kein ABC der Kunst geliefert. Dieses müsste erst
geliefert werden, und zwar bedarf es dazu eines Mannes, der, in der Anatomie des
menschlichen Körpers und in der wissenschaftlichen Mechanik auf gleiche Weise zu
Hause, mit diesen Kenntnissen ein hohes Maass philosophischen Geistes verbände,
und der auf diese Weise fähig wäre, in allseitiger Vollendung diejenige Maschine
zu finden, zu der der menschliche Körper angelegt ist, und anzugeben, wie diese
Maschine allmählig, also, dass jeder Schritt in der einzig möglichen richtigen
Folge geschähe, durch jeden alle künftigen vorbereitet und erleichtert, und
dabei die Gesundheit und Schönheit des Körpers und die Kraft des Geistes nicht
nur nicht gefährdet, sondern sogar gestärkt und erhöht würde, - wie, sage ich,
auf diese Weise diese Maschine aus jedem gesunden menschlichen Körper entwickelt
werden könne. Die Unerlasslichkeit dieses Bestandteils für eine Erziehung, die
den ganzen Menschen zu bilden verspricht, und die besonders für eine Nation sich
bestimmt, welche ihre Selbstständigkeit wiederherstellen und fernerhin erhalten
soll, fällt ohne weitere Erinnerung in die Augen.
    Was für nähere Bestimmung unsers Begriffs von deutscher Nationalerziehung
noch ferner zu sagen ist, behalten wir vor: der nächstkünftigen Rede.
 
                                  Zehnte Rede
             Zur nähern Bestimmung der deutschen Nationalerziehung
    Die Anführung des Zöglings, zuerst seine Empfindungen, sodann seine
Anschauungen sich klar zu machen, mit welcher eine folgegemässe Kunstbildung
seines Körpers Hand in Hand gehen muss, ist der erste Hauptteil der neuen
deutschen Nationalerziehung. Was die Bildung der Anschauung betrifft, haben wir
eine zweckmässige Anleitung von Pestalozzi; die noch ermangelnde zur Bildung des
Empfindungsvermögens wird derselbe Mann und seine Mitarbeiter, die zur Lösung
dieser Aufgabe zunächst berufen sind, leicht geben können. Eine Anweisung zur
folgegemässen Ausbildung der körperlichen Kraft fehlt noch: es ist angegeben,
was zu Lösung dieser Aufgabe erfordert werde, und es ist zu hoffen, dass, wenn
die Nation Begierde nach dieser Lösung bezeigen sollte, dieselbe sich finden
werde. Dieser ganze Teil der Erziehung ist nur Mittel und Vorübung zu dem
zweiten wesentlichen Teile derselben, der bürgerlichen und religiösen
Erziehung. Was hier, über im allgemeinen zu sagen dermalen not tut, ist in
unserer zweiten und dritten Rede schon beigebracht, und wir haben in dieser
Rücksicht nichts hinzuzusetzen. Eine bestimmte Anweisung zur Kunst dieser
Erziehung zu geben, ist, - immer, wie sich versteht, in Beratung und
Rücksprache mit der Pestalozzischen eigentlichen Erziehungskunst - die Sache
derselben Philosophie, die eine deutsche Nationalerziehung überhaupt in
Vorschlag bringt; und diese Philosophie wird, wenn nur erst das Bedürfnis einer
solchen Anweisung durch vollendete Ausübung des ersten Teils eintritt, nicht
säumen, dieselbe zu liefern. Wie es möglich sein werde, dass jedweder Zögling,
auch aus dem niedrigsten Stande geboren, indem der Stand der Geburt wahrhaftig
keinen Unterschied in den Anlagen macht, den Unterricht über diese Gegenstände,
der allerdings, wenn man so will, die allertiefste Metaphysik entält und die
Ausbeute der abgezogensten Speculation ist, und welche zu fassen dermalen sogar
Gelehrten und selbst speculirenden Köpfen so unmöglich fallt, fassen, und sogar
leicht fassen werde; darüber ermüde man sich nur vorläufig nicht im Hin- und
Herzweifeln; wenn man nur in Absicht der ersten Schritte folgen will, so wird
dies späterhin die Erfahrung lehren. Nur darum, weil unsre Zeit überhaupt in der
Welt der leeren Begriffe gefesselt, und an keiner Stelle in die Welt der
wahrhaftigen Realität und Anschauung, hineingekommen ist, ist es ihr nicht
anzumuten, dass sie gerade bei der allerhöchsten und geistigsten Anschauung und
nachdem sie schon über alles Maass klug ist, das Anschauen anfange. Ihr muss die
Philosophie anmuten, ihre bisherige Welt aufzugeben und eine ganz andere sich
zu verschaffen, und es ist kein Wunder, wenn eine solche Anmutung ohne Erfolg
bleibt. Der Zögling unserer Erziehung aber ist gleich von Anbeginn an
einheimisch geworden in der Welt der Anschauung und hat niemals eine andere
gesehen; er soll seine Welt nicht verändern, sondern sie nur steigern, und
dieses ergibt sich von selbst. Jene Erziehung ist zugleich, wie wir schon oben
darauf deuteten, die einzig mögliche Erziehung für Philosophie, und das einige
Mittel, diese letztere allgemein zu machen.
    Mit dieser bürgerlichen und religiösen Erziehung nun ist die Erziehung
beschlossen und der Zögling zu entlassen, und so wären wir denn fürs erste in
Absicht des Inhalts der vorgeschlagenen Erziehung im Reinen.
    Es müsse niemals das Erkenntnissvermögen des Zöglings angeregt werden, ohne
dass die Liebe für den erkannten Gegenstand es zugleich werde, indem ausserdem
die Erkenntnis todt, und eben so niemals die Liebe, ohne dass sie der
Erkenntnis klar werde, indem ausserdem die Liebe blind bleibe: ist einer der
Hauptgrundsätze der von uns vorgeschlagenen Erziehung, mit welchem auch
Pestalozzi seinem ganzen Denkgebäude zufolge einverstanden sein muss. Die
Anregung und Entwicklung dieser Liebe nun knüpft sich an den folgegemässen
Lehrgang am Faden der Empfindung und der Anschauung von selbst und kommt ohne
allen unsern Vorsatz oder Zutun Das Kind hat einen natürlichen Trieb nach
Klarheit und Ordnung; dieser wird in jenem Lehrgange immerfort befriedigt, und
erfüllt so das Kind mit Freude und Lust; mitten in der Befriedigung aber wird es
durch die neuen Dunkelheiten, die Run zum Vorschein kommen, wiederum angeregt
und so ferner befriediget, und so geht das Leben hin in Liebe und Lust am
Lernen. Dies ist die Liebe, wodurch jeder einzelne an die Welt des Gedankens
geknüpft wird, das Band der Sinnen- und Geisterwelt überhaupt. Durch diese Liebe
entsteht, in dieser Erziehung sicher und berechnet, so wie bisher durch das
Ohngefähr bei wenigen vorzüglich begünstigten Köpfen, die leichte Entwicklung
des Erkenntnissvermögens und die glückliche Bearbeitung der Felder der
Wissenschaft.
    Noch aber gibt es eine andere Liebe, diejenige, welche den Menschen an den
Menschen bindet, und alle Einzelne zu einer einigen Vernunftgemeine der gleichen
Gesinnung verbindet. Wie jene die Erkenntnis, so bildet diese das handelnde
Leben, und treibt an, das Erkannte in sich und andern darzustellen. Da es für
unsern eigentlichen Zweck wenig helfen würde, bloss die Gelehrtenerziehung zu
verbessern, und die von uns beabsichtigte Nationalerziehung zunächst nicht
darauf ausgeht, Gelehrte, sondern eben Menschen zu bilden, so ist klar, dass
neben jener ersten auch die Entwicklung der zweiten Liebe unerlassliche Pflicht
dieser Erziehung ist.
    Pestalozzi redet2 von diesem Gegenstande mit herzerhebender Begeisterung;
dennoch aber müssen wir bekennen, dass alles dieses uns nicht im mindesten klar
geschienen hat, und am allerwenigsten so klar, dass es einer kunstmässigen
Entwickelung jener Liebe zur Grundlage dienen könne. Es ist darum nötig, dass
wir unsere eigenen Gedanken zu einer solchen Grundlage mitteilen.
    Die gewöhnliche Annahme, dass der Mensch von Natur selbstsüchtig sei, und
auch das Kind mit dieser Selbstsucht geboren werde, und dass es allein die
Erziehung sei, die demselben eine sittliche Triebfeder einpflanze, gründet sich
auf eine sehr oberflächliche Beobachtung, und ist durchaus falsch. Da aus nichts
sich nicht etwas machen lässt, die noch so weit fortgesetzte Entwickelung eines
Grundtriebes aber ihn doch niemals zu dem Gegenteile von sich selbst machen
kann: wie sollte doch die Erziehung vermögen, jemals Sittlichkeit in das Kind
hineinzubringen, wenn diese nicht ursprünglich und vor aller Erziehung vorher in
demselben wäre? So ist sie es denn auch wirklich in allen menschlichen Kindern,
die zur Welt geboren werden; die Aufgabe ist bloss, die ursprünglichste und
reinste Gestalt, in der sie zum Vorschein kommt, zu ergründen.
    Durchgeführte Speculation sowohl, als die gesammte Beobachtung stimmen
überein, dass diese ursprünglichste und reinste Gestalt der Trieb nach Achtung
sei, und dass diesem Triebe erst das Sittliche, als einzig möglicher Gegenstand
der Achtung, das Rechte und Gute, die Wahrhaftigkeit, die Kraft der
Selbstbeherrschung, in der Erkenntnis aufgehe. Beim Kinde zeigt sich dieser
Trieb zuerst als Trieb auch geachtet zu werden von dem, was ihm die höchste
Achtung einflösst; und es richtet sich dieser Trieb, zum sicheren Beweise, dass
keinesweges aus der Selbstsucht die Liebe stamme, in der Regel weit stärker und
entschiedener auf den ernsteren, öfter abwesenden und nicht unmittelbar als
Wohltäter erscheinenden Vater, denn auf die mit ihrer Wohltätigkeit stets
gegenwärtige Mutter. Von diesem will das Kind bemerkt sein, es will seinen
Beifall haben; nur inwiefern dieser mit ihm zufrieden ist, ist es selbst mit
sich zufrieden: dies ist die natürliche Liebe des Kindes zum Vater; keinesweges
als zum Pfleger seines sinnlichen Wohlseins, sondern als zu dem Spiegel, aus
welchem ihm sein eigener Wert oder Unwert entgegenstrahlt; an diese Liebe kann
nun der Vater selbst schweren Gehorsam und jede Selbstverläugnung leicht
anknüpfen: für den Lohn seines herzlichen Beifalls gehorcht es mit Freuden.
Wiederum ist dies die Liebe, die es vom Vater begehrt: dass dieser bemerke sein
Bestreben, gut zu sein, und es anerkenne, dass er sich merken lasse, es mache
ihm Freude, wenn er billigen könne, und tue ihm herzlich wehe, wenn er
misbilligen müsse, er wünsche nichts mehr, als immer mit demselben zufrieden
sein zu können, und alle seine Forderungen an dasselbe haben nur die Absicht,
das Kind selbst immer besser und achtungswürdiger zu machen; deren Anblick
wiederum die Liebe des Kindes fortdauernd belebt und verstärkt, und ihm zu allen
seinen ferneren Bestrebungen neue Kraft gibt. Dagegen wird diese Liebe ertödtet
durch Nichtbeachtung, oder anhaltendes unbilliges Verkennen, ganz besonders aber
erzeugt sogar Hass, wenn man in der Behandlung desselben Eigennützigkeit blicken
lässt, und z.B. einen durch die Unvorsichtigkeit desselben verursachten Verlust
als ein Hauptverbrechen behandelt. Es sieht sich sodann als ein blosses Wertzeug
betrachtet, und dies empört sein zwar dunkles, aber dennoch nicht abwesendes
Gefühl, dass es durch sich selbst einen Wert haben müsse.
    Um dies an einem Beispiele zu belegen. Was ist es doch, das dem Schmerze der
Züchtigung beim Kinde noch die Scham hinzufügt, und was ist diese Scham?
Offenbar ist sie das Gefühl der Selbstverachtung, die es sich zufügen muss, da
ihm das Misfallen seiner Eltern und Erzieher bezeugt wird. Daher denn auch in
einem Zusammenhange, wo die Bestrafung von keiner Scham begleitet wird, es mit
der Erziehung zu Ende ist, und die Bestrafung erscheint als eine
Gewalttätigkeit, über die der Zögling mit hohem Sinne sich hinwegsetzt und
ihrer spottet.
    Dies also ist das Band, was die Menschen zur Einheit des Sinnes verknüpft,
und dessen Entwickelung ein Hauptbestandteil der Erziehung zum Menschen ist, -
keinesweges sinnliche Liebe, sondern Trieb zu gegenseitiger Achtung. Dieser
Trieb gestaltet sich auf eine doppelte Weise: im Kinde, ausgehend von
unbedingter Achtung für die erwachsene Menschheit ausser sich, zu dem Triebe,
von dieser geachtet zu werden, und an ihrer wirklichen Achtung, als seinem
Maassstabe, abzunehmen, inwiefern es auch selbst sich achten dürfe. Dieses
Vertrauen auf einen fremden und ausser uns befindlichen Massstab der
Selbstachtung ist auch der eigentümliche Grundzug der Kindheit und
Unmündigkeit, auf dessen Vorhandensein ganz allein die Möglichkeit aller
Belehrung und aller Erziehung der nachwachsenden Jugend zu vollendeten Menschen
sich gründet. Der mündige Mensch hat den Massstab seiner Selbstschätzung in ihm
selber, und will von anderen geachtet sein, nur inwiefern sie selbst erst seiner
Achtung sich würdig gemacht haben; und bei ihm nimmt dieser Trieb die Gestalt
des Verlangens an, andere achten zu können, und achtungewürdiges ausser sich
hervorzubringen. Wenn es nicht einen solchen Grundtrieb im Menschen gäbe: woher
käme doch die Erscheinung, dass es dem auch nur erträglich guten Menschen wehe
tut, die Menschen schlechter zu finden, als er sie sich dachte, und dass es ihn
tief schmerzt, sie verachten zu müssen; da es ja der Selbstsucht im Gegenteile
wohl tun müsste, über andere sich hochmütig erheben zu können? Diesen letzten
Grundzug der Mündigkeit nun soll der Erzieher darstellen, sowie auf den ersten
bei dem Zöglinge sicher zu rechnen ist. Der Zweck der Erziehung in dieser
Rücksicht ist es eben, die Mündigkeit, in dem von uns angegebenen Sinne,
hervorzubringen, und nur, nachdem dieser Zweck erreicht ist, ist die Erziehung
wirklich vollendet und zu Ende gebracht. Bisher sind viele Menschen ihr ganzes
Leben hindurch Kinder geblieben: diejenigen, welche zu ihrer Zufriedenheit des
Beifalls der Umgebung bedurften, und nichts Rechtes geleistet zu haben glaubten,
als wenn sie dieser gefielen. Ihnen hat man entgegengesetzt, als starke und
kräftige Charaktere, die wenigen, die über fremdes Urteil sich zu erheben und
sich selbst zu genügen vermochten, und hat diese in der Regel gehasst, indes
man jene zwar nicht achtete, aber dennoch sie liebenswürdig fand.
    Die Grundlage aller sittlichen Erziehung ist es, dass man wisse, es sei ein
solcher Trieb im Kinde, und ihn festiglich voraussetze, sodann, dass man ihn in
seiner Erscheinung erkenne, und ihn durch zweckmässige Aufregung und durch
Darreichung eines Stoffes, woran er sich befriedige, allmählig immer mehr
entwickele. Die allererste Regel, dass man ihn auf den ihm allein angemessenen
Gegenstand richte, auf das Sittliche, keinesweges aber etwa in einem ihm
fremdartigen Stoffe ihn abfinde. Das Lernen z.B. führt seinen Reiz und seine
Belohnung in sich selber; höchstens könnte angestrengter Fleiss als eine Uebung
der Selbstüberwindung Beifall verdienen; aber dieser freie und über die
Forderung hinausgehende Fleiss wird wenigstens in der blossen, allgemeinen
Nationalerziehung kaum eine Stelle finden. Dass daher der Zögling lerne, was er
soll, muss betrachtet werden als etwas, das sich eben von selbst versteht, und
wovon nicht weiter geredet wird; selbst das schnellere und bessere Lernen des
fähigeren Kopfes muss betrachtet werden eben als ein blosses Naturereigniss, das
ihm selber zu keinem Lobe oder Auszeichnung dient, am allerwenigsten aber andere
Mängel verdeckt. Nur im Sittlichen soll diesem Triebe sein Wirkungskreis
angewiesen werden; aber die Wurzel aller Sittlichkeit ist die
Selbstbeherrschung, die Selbstüberwindung, die Unterordnung seiner
selbstsüchtigen Triebe unter den Begriff des Ganzen. Nur durch diese, und
schlechtin durch nichts anderes, sei es dem Zöglinge möglich, den Beifall des
Erziehers zu erhalten, dessen für seine eigene Zufriedenheit zu bedürfen er von
seiner geistigen Natur angewiesen, und durch die Erziehung gewöhnt ist. Es
gibt, wie wir schon in unserer zweiten Rede erinnert haben, zwei sehr
verschiedene Weisen jener Unterordnung des persönlichen Selbst unter das Ganze.
Zuvörderst diejenige, die schlechtin sein muss, und keinem in keinem Stücke
erlassen werden kann, die Unterwerfung unter das, um der blossen Ordnung des
Ganzen willen entworfene, Gesetz der Verfassung. Wer gegen dieses sich nicht
vergeht, den trifft nur nicht Misfallen, keinesweges aber wird ihm Beifall zu
Teil; sowie den, der sich dagegen verginge, wirkliches Misfallen und Tadel
treffen würde, der da, wo öffentlich gefehlt worden, auch öffentlich ergehen
müsste, und, wo er fruchtlos bliebe, sogar durch hinzugefügte Strafe geschärft
werden könnte. Sodann gibt es eine Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze,
die nicht gefordert, sondern nur freiwillig geleistet werden kann: dass man
durch eigene Aufopferung den Wohlstand desselben steigere und vermehre. Um das
Verhältnis der blossen Gesetzmässigkeit und dieser höheren Tugend zu einander
den Zöglingen gleich von Jugend auf recht einzuprägen, wird es zweckmässig sein,
nur demjenigen, gegen den einen gewissen Zeitraum hindurch in der ersten
Rücksicht keine Klage gewesen, solche freiwillige Aufopferungen, gleichsam als
den Lohn der Gesetzmässigkeit, zu gestalten, dem aber, der in Regelmässigkeit
und Ordnung seiner selbst noch nicht ganz sicher ist, die Erlaubnis dazu zu
versagen. Die Gegenstände solcher freiwilligen Leistungen sind im allgemeinen
schon oben angezeigt, und werden tiefer unten sich noch näher ergeben. Dieser
Art der Aufopferung werde zu Teil tätige Billigung, wirkliche Anerkennung
ihrer Verdienstlichkeit, keinesweges zwar öffentlich, als Lob, was das Gemüt
verderben und eile machen, und es von der Selbstständigkeit ableiten könnte,
sondern in geheim und mit dem Zöglinge allein. Diese Anerkennung soll nichts
mehr sein, als das eigene, dem Zöglinge auch äusserlich dargestellte, gute
Gewissen desselben, und die Bestätigung seiner Zufriedenheit mit sich selbst,
seiner Selbstachtung, und die Ermunterung, sich auch ferner zu vertrauen: Die
hiebei beabsichtigten Vorteile würde folgende Einrichtung vortrefflich
befördern. Wo mehrere Erzieher und Erzieherinnen sind, wie wir denn dies als die
Regel voraussetzen, da wähle jedes Kind, frei, und so wie sein Vertrauen und
sein Gefühl dasselbe treibt, einen darunter zum besonderen Freunde und gleichsam
Gewissensrate. Bei diesem suche es Rat, in allen Fällen, wo es ihm schwer
wird, recht zu tun; er helfe ihm durch freundliche Zusprache nach; er sei der
Vertraute der freiwilligen Leistungen, die es übernimmt; und er sei endlich
derjenige, der das Treffliche mit seinem Beifalle krönt. In den Personen dieser
Gewissensräte nun müsste die Erziehung, jedem einzelnen nach seiner Weise,
folgegemäss zu immer grösserer Stärke in der Selbstüberwindung und
Selbstbeherrschung emporhelfen; und so wird allmählig Festigkeit und
Selbstständigkeit entstehen, durch deren Erzeugung die Erziehung sich selbst
abschliesst, und für die Zukunft aufhebt. Durch eigenes Tun und Handeln
schliesst sich uns am klarsten der Umfang der sittlichen Welt auf, und wem sie
also aufgegangen ist, dem ist sie wahrhaftig aufgegangen. Ein solcher weiss nun
selbst, was in ihr entalten ist, und bedarf keines fremden Zeugnisses mehr über
sich, sondern vermag es, selbst ein richtiges Gericht über sich zu halten, und
ist von nun an mündig.
    Wir haben durch das soeben Gesagte eine Lücke, die in unserem bisherigen
Vortrage blieb, geschlossen, und unseren Vorschlag erst wahrhaftig ausführbar
gemacht. Das Wohlgefallen am Rechten und Guten um sein selbst willen soll durch
die neue Erziehung an die Stelle der bisher gebrauchten sinnlichen Hoffnung oder
Furcht gesetzt werden und dieses Wohlgefallen soll, als einzig vorhandene
Triebfeder, alles künftige Leben in Bewegung setzen: dies ist die Hauptsache
unseres Vorschlages. Die erste hiebei sich aufdringende Frage ist; aber, wie
soll denn nun jenes Wohlgefallen selbst erzeugt werden? Erzeugt werden, im
eigentlichen Sinne des Wortes, kann es nun wohl nicht; denn der Mensch vermag
nicht aus nichts etwas zu machen. Es muss, wenn unser Vorschlag irgend
ausführbar sein soll, dieses Wohlgefallen ursprünglich vorhanden sein, und
schlechtin in allen Menschen ohne Ausnahme vorhanden sein und ihnen angeboren
werden. So verhält es sich denn auch wirklich. Das Kind ohne alle Ausnahme will
recht und gut sein, keinesweges, will es, sowie ein junges Tier, bloss wohl
sein. Die Liebe ist der Grundbestandteil des Menschen; diese ist da, sowie der
Mensch da ist, ganz und vollendet, und es kann ihr nichts hinzugefügt werden;
denn diese liegt hinaus über die fortwachsende Erscheinung des sinnlichen Lebens
und ist unabhängig von ihm. Nur die Erkenntnis ist es, woran sich dieses
sinnliche Leben knüpft, und welche mit demselben entsteht und fortwächst. Diese
entwickelt sich nur langsam und allmählig, im Fortlaufe der Zeit. Wie soll nun,
so lange, bis ein geordnetes Ganzes von Begriffen des Rechten und Guten
entstehe, an welches das treibende Wohlgefallen sich knüpfen könne, jene
angeborene Liebe, über die Zeiten der Unwissenheit hinwegkommen, sich entwickeln
und üben? Die vernünftige Natur hat ohne alles unser Zutun der Schwierigkeit
abgeholfen. Das dem Kinde in seinem Inneren abgehende Bewusstsein stellt sich
ihm äusserlich und verkörpert daran dem Urteile der erwachsenen Welt. Bis in
ihm selbst ein verständiger Richter sich entwickele, wird es durch einen
Naturtrieb an diese verwiesen, und so ihm ein Gewissen ausser ihm gegeben, bis
in ihm selber sich eins erzeuge. Diese bis jetzt wenig bekannte Wahrheit soll
die neue Erziehung anerkennen, und sie soll die ohne ihr Zutun vorhandene Liebe
auf das Rechte leiten. Bis jetzt ist in der Regel diese Unbefangenheit und diese
kindliche Gläubigkeit der Unmündigen an die höhere Vollkommenheit der
Erwachsenen zum Verderben derselben gebraucht worden; ihre Unschuld gerade, und
ihr natürlicher Glauben an uns, machte es uns möglich, ihnen statt des Guten,
das sie innerlich wollten, unser Verderbnis, das sie verabscheut haben würden,
wenn sie es zu erkennen vermocht hätten, einzupflanzen, noch ehe sie Gutes und
Böses unterscheiden konnten.
    Dies ist eben die allergrösste Vergehung, die unserer Zeit zur Last fällt;
und es wird hierdurch auch die täglich sich darbietende Erscheinung erklärt,
dass in der Regel der Mensch um so schlechter, selbstsüchtiger, für alle guten
Regungen er storbener, und zu jedem rechten Werke untauglicher wird, je mehrere
Jahre er zählt, und um je weiter daher er sich von den ersten Tagen seiner
Unschuld, die fürs erste noch immer in einigen Ahnungen des Guten leise
nachklingen, entfernt hat; es wird dadurch ferner bewiesen, dass das
gegenwärtige Geschlecht, wenn es nicht einen durchaus trennenden Abschnitt in
sein Fortleben macht, eine noch verdorbenere Nachkommenschaft, und diese eine
abermals verdorbenere, notwendig hinterlassen werde. Von solchen sagt ein
verehrungswürdiger Lehrer des Menschengeschlechtes mit treffender Wahrheit, dass
es besser sei, wenn ihnen bei Zeiten ein Mühlstein an den Hals gehängt würde,
und sie ersäuft wurden im Meere, da wo es am tiefsten ist. Es ist eine
abgeschmackte Verleumdung der menschlichen Natur, dass der Mensch als Sünder
geboren werde; wäre dies wahr, wie könnte doch jemals an ihn auch nur ein
Begriff von Sünde kommen, der ja nur im Gegensatze mit einer Nichtsünde möglich
ist? Er lebt sich zum Sünder; und das bisherige menschliche Leben war in der
Regel eine im steigenden Fortschritte begriffene Entwickelung der
Sündhaftigkeit.
    Das Gesagte zeigt in einem neuen Lichte die Notwendigkeit, ohne Verzug
Anstalt zu einer wirklichen Erziehung zu machen. Könnte nur die nachwachsende
Jugend ohne alle Berührung mit den Erwachsenen und völlig ohne Erziehung
aufwachsen, so möchte man ja immer den Versuch machen, was sich hieraus ergeben
würde. Aber, wenn wir sie auch nur in unserer Gesellschaft lassen, macht ihre
Erziehung, ohne allen unseren Wunsch oder Willen, sich von selbst; sie selbst
erziehen sich an uns: unsere Weise zu sein dringt sich ihnen auf, als ihr
Muster, sie eitern uns nach, auch ohne dass wir es verlangen, und sie begehren
nichts anderes, denn also zu werden, wie wir sind. Nun aber sind wir, in der
Regel und nach der grossen Mehrheit genommen, durchaus verkehrt, teils ohne es
zu wissen und indem wir selbst, ebenso unbefangen wie unsere Kinder, unsere
Verkehrteit für das Rechte halten; oder, wenn wir es auch wüssten, wie
vermöchten wir doch in der Gesellschaft unserer Kinder plötzlich das, was ein
langes Leben uns zur zweiten Natur gemacht hat, abzulegen, und unseren ganzen
alten Sinn und Geist mit einem neuen zu vertauschen? In der Berührung mit uns
müssen sie verderben, dies ist unvermeidlich; haben wir einen Funken Liebe für
sie, so müssen wir sie entfernen aus unserem verpestenden Dunstkreise, und einen
reineren Aufentalt für sie errichten, wir müssen sie in die Gesellschaft von
Männern bringen, welche, wie es auch übrigens um sie stehen möge, dennoch durch
anhaltende Uebung und Gewöhnung wenigstens die Fertigkeit sich erworben haben,
sich zu besinnen, dass Kinder sie beobachten und das Vermögen, wenigstens so
lange sich zusammenzunehmen, und die Kenntnis, wie man vor Kindern erscheinen
muss; wir müssen aus dieser Gesellschaft in die unsrige sie nicht eher wieder
zurücklassen, bis sie unser ganzes Verderben gehörig verabscheuen gelernt haben,
und vor aller Ansteckung dadurch völlig gesichert sind.
    So viel haben wir über die Erziehung zur Sittlichkeit im allgemeinen hier
beizubringen für nötig erachtet.
    Dass die Kinder in gänzlicher Absonderung von den Erwachsenen mit ihren
Lehrern und Vorstehern allein zusammenleben sollen, ist mehrmals erinnert. Es
versteht sich ohne unser besonderes Bemerken, dass beiden Geschlechtern diese
Erziehung auf dieselbe Weise zu Teil werden müsse. Eine Absonderung dieser
Geschlechter in besondere Anstalten für Knaben und Mädchen wurde zweckwidrig
sein, und mehrere Hauptstücke der Erziehung zum vollkommenen Menschen aufheben.
Die Gegenstände des Unterrichtes sind für beide Geschlechter gleich; der in den
Arbeiten stattfindende Unterschied kann, auch bei Gemeinschaftlichkeit der
übrigen Erziehung, leicht beobachtet werden. Die kleinere Gesellschaft, in der
sie zu Menschen gebildet werden, muss, ebenso wie die grössere, in die sie einst
als vollendete Menschen eintreten sollen, aus einer Vereinigung beider
Geschlechter bestehen; beide müssen erst gegenseitig in einander die gemeinsame
Menschheit anerkennen und lieben lernen, und Freunde haben und Freundinnen, ehe
sich ihre Aufmerksamkeit auf den Geschlechtsunterschied richtet, und sie Gatten
und Gattinnen werden. Auch muss das Verhältnis der beiden Geschlechter zu
einander im Ganzen, starkmütiger Schutz von der einen, liebevoller Beistand von
der anderen Seite, in der Erziehungsanstalt dargestellt, und in den Zöglingen
gebildet werden.
    Wenn es zur Ausführung unseres Vorschlages kommen sollte, würde das erste
Geschäft sein, ein Gesetz für die innere Verfassung dieser Erziehungsanstalten
zu entwerfen. Wenn der von uns aufgestellte Grundbegriff nur gehörig
durchdrungen ist, so ist dies eine sehr leichte Arbeit, und wir wollen uns hier
dabei nicht aufhalten.
    Ein Haupterforderniss dieser neuen Nationalerziehung ist es, dass in ihr
Lernen und Arbeiten vereinigt sei, dass die Anstalt durch sich selbst sich zu
erhalten den Zöglingen wenigstens scheine, und dass jeder in dem Bewusstsein
erhalten werde, zu diesem Zwecke nach aller seiner Kraft beizutragen. Dies wird,
durchaus noch ohne alle Beziehung auf den Zweck der äusseren Ausführbarkeit und
der Sparsamkeit hiebei, die man unserem Vorschlage ohne Zweifel anmuten wird,
schon unmittelbar durch die Aufgabe der Erziehung selbst gefordert: teils
darum, weil alle, die bloss durch die allgemeine Nationalerziehung
hindurchgehen, zu den arbeitenden Ständen bestimmt sind, und zu deren Erziehung
die Bildung zum tüchtigen Arbeiter ohne Zweifel gehört; besonders aber darum,
weil das gegründete Vertrauen, dass man sich stets durch eigene Kraft werde
durch die Welt bringen können, und für seinen Unterhalt keiner fremden
Wohltätigkeit bedürfe, zur persönlichen Selbstständigkeit des Menschen gehört,
und die sittliche, weit mehr als man bis jetzt zu glauben scheint, bedingt.
Diese Bildung würde einen anderen, bis jetzt auch in der Regel dem blinden
Ohngefähr preisgegebenen Teil der Erziehung abgeben, den man die
wirtschaftliche Erziehung nennen könnte, und der keinesweges aus der dürftigen
und beschränkten Ansicht, über welche einige unter Benennung der Oekonomie
spotten, sondern aus dem höheren sittlichen Standpuncte angesehen werden muss.
Unsere Zeit stellt es oft als einen über alle Gegenrede erhabenen Grundsatz auf,
dass man eben schmeicheln, kriechen, sich zu allem gebrauchen lassen müsse, wenn
man leben wolle, und dass es auf keine andere Weise angehe. Sie besinnt sich
nicht, dass; wenn man sie auch mit dem heroischen, aber durchaus wahren
Gegenspruche verschonen wollte, dass, wenn es so ist, sie eben nicht leben,
sondern sterben solle, noch die Bemerkung übrig bleibt, dass sie hätte lernen
sollen, mit Ehren leben zu können. Man erkundige sich nur näher nach den
Personen, die durch ehrloses Betragen sich auszeichnen; immer wird man finden,
dass sie nicht arbeiten gelernt haben, oder die Arbeit scheuen, und dass sie
noch überdies üble Wirtschafter sind. Darum soll der Zögling unserer Erziehung
an Arbeitsamkeit gewöhnt werden, damit er der Versuchung zur Unrechtlichkeit
durch Nahrungssorgen überhoben sei, und tief, und als allererster Grundsatz der
Ehre, soll es in sein Gemut geprägt werden, dass es schändlich sei, seinen
Lebensunterhalt einem anderen, denn seiner Arbeit verdanken zu wollen.
    Pestalozzi will während des Lernens zugleich allerlei Handarbeiten treiben
lassen. Indem wir die Möglichkeit dieser Vereinigung unter der von ihm
angegebenen Bedingung, dass das Kind die Handarbeit schon vollkommen fertig
könne, nicht läugnen wollen, scheint uns dennoch dieser Vorschlag aus der
Dürftigkeit des ersten Zweckes hervorzugehen. Der Unterricht muss, meines
Erachtens, als so heilig und ehrwürdig dargestellt werden, dass er der ganzen
Aufmerksamkeit und Sammlung bedürfe, und nicht neben einem anderen Geschäfte
empfangen werden könne. Sollen in Jahreszeilen, welche die Zöglinge ohnedies ins
Zimmer einschliessen, in den Arbeitsstunden dergleichen Arbeiten, als da ist
Stricken, Spinnen u. dergl. getrieben werden, so wird es, damit der Geist in
Tätigkeit bleibe, sehr zweckmässig sein, gemeinschaftliche Geistesübungen unter
Aufsicht damit zu verknüpfen; dennoch ist jetzt die Arbeit die Hauptsache, und
diese Uebungen sind nicht zu betrachten als Unterricht, sondern bloss als ein
erheiterndes Spiel.
    Alle Arbeiten dieser niederen Art müssen überhaupt nur als Nebensache,
keinesweges als die Hauptarbeit vorgestellt werden. Diese Hauptarbeit ist die
Ausübung des Acker- und Gartenbaues, der Viehzucht und derjenigen Handwerke,
deren sie in ihrem kleinen Staate bedürfen. Es verstellt sich, dass der Anteil
hieran, der einem zugemutet wird, mit der körperlichen Kraft seines Alters in
Gleichgewicht zu bringen und die abgehende Kraft durch neu zu erfindende
Maschinen und Werkzeuge zu ersetzen ist. Die Hauptrücksicht hiebei ist die, dass
sie, so weit möglich, in seinen Gründen verstehen müssen, was sie treiben, dass
sie die zu ihren Geschäften nötigen Kenntnisse von der Erzeugung der Pflanzen,
von den Eigenschaften und Bedürfnissen des tierischen Körpers, von den Gesetzen
der Mechanik, schon erhalten haben. Auf diese Art wird teils ihre Erziehung
schon ein folgegemässer Unterricht über die Gewerbe, die sie künftig zu treiben
haben, und es wird der denkende und verständige Landwirt in unmittelbarer
Anschauung gebildet, teils wird schon jetzt ihre mechanische Arbeit veredelt
und vergeistiget, sie ist in eben dem Grade Beleg in der freien Anschauung
dessen, was sie begriffen haben, als sie Arbeit um den Unterhalt ist, und auch
in Gesellschaft mit dem Tiere und der Erdscholle bleiben sie dennoch im
Umkreise der geistigen Welt, und sinken nicht herab zu den letzteren.
    Das Grundgesetz dieses kleinen Wirtschaftsstaates sei dieses, dass in ihm
kein Artikel zu Speise, Kleidung u.s.w. noch, so weit dies möglich ist, irgend
ein Werkzeug gebraucht werden dürfe, das nicht in ihm selbst erzeugt und
verfertigt sei. Bedarf diese Haushaltung einer Unterstützung von aussen, so
werden ihr die Gegenstände in Natur, aber keine anderer Art, als die sie auch
selbst hat, gereicht, und zwar, ohne dass die Zöglinge erfahren, dass ihre
eigene Ausbeute vermehrt worden, oder, dass sie, wo das letztere zweckmässig
ist, es nur als Darlehn erhalten, und es zu bestimmter Zeit wieder
zurückerstatten. Für diese Selbstständigkeit und Selbstgenügsamkeit des Ganzen
arbeite nun jeder Einzelne aus aller seiner Kraft, ohne dass er doch mit
demselben abrechne, oder für sich auf irgend ein Eigentum Anspruch mache. Jeder
wisse, dass er sich dem Ganzen ganz schuldig ist, und geniesse nur, oder darbe,
wenn es sich so fügt, mit dem Ganzen. Dadurch wird die ehrgemässe
Selbstständigkeit des Staates und der Familie, in die er einst treten soll, und
das Verhältnis ihrer einzelnen Glieder zu ihnen, der lebendigen Anschauung
dargestellt, und wurzelt unaustilgbar ein in sein Gemüt.
    Hier, bei dieser Anführung zur mechanischen Arbeit, ist der Ort, wo die in
der allgemeinen Nationalerziehung liegende und auf sie gestützte
Gelehrtenerziehung von der ersteren sich absondert, und wo von derselben zu
sprechen ist. Die in der allgemeinen Nationalerziehung liegende
Gelehrtenerziehung, habe ich gesagt. Ob es nicht auch fernerhin jedem, der
eigenes Vermögen genug zu haben glaubt, um zu studiren, oder der sich aus irgend
einem Grunde zu den bisherigen höheren Ständen rechnet, frei stehen werde, den
bisher üblichen Weg der Gelehrtenerziehung zu beschreiten, lasse ich
dahingestellt sein; wie, wenn es nur einmal zur Nationalerziehung kommen sollte,
die Mehrheit dieser Gelehrten, ich will nicht sagen, gegen den in der neuen
Schule gebildeten Gelehrten, sondern sogar gegen den aus ihr hervorgehenden
gemeinen Mann, mit ihrer erkauften Gelehrsamkeit bestehen werde, wird die
Erfahrung lehren: ich aber will jetzt nicht davon, sondern von der
Gelehrtenerziehung in der neuen Weise reden.
    In den Grundsätzen derselben muss auch der künftige Gelehrte durch die
allgemeine Nationalerziehung, hindurchgegangen sein, und den ersten Teil
derselben, die Entwickelung der Erkenntnis an Empfindung, Anschauung und dem,
was an die letztere geknüpft wird, vollständig und klar erhalten haben. Nur dem
Knaben, der eine vorzügliche Gabe zum Lernen, und eine hervorstechende
Hinneigung nach der Welt der Begriffe zeigt, kann die neue Nationalerziehung
erlauben, diesen Stand zu ergreifen; jedem aber, der diese Eigenschaften zeigt,
wird sie es ohne Ausnahme, und ohne Rücksicht auf einen vorgeblichen Unterschied
der Geburt, erlauben müssen; denn der Gelehrte ist es keinesweges zu seiner
eigenen Bequemlichkeit, und jedes Talent dazu ist ein schätzbares Eigentum der
Nation, das ihr nicht entrissen werden darf.
    Der Ungelehrte ist bestimmt, das Menschengeschlecht auf dem Standpuncte der
Ausbildung, die es errungen hat, durch sich selbst zu erhalten, der Gelehrte,
nach einem klaren Begriffe und mit besonnener Kunst dasselbe weiter zu bringen.
    Der letztere muss mit seinem Begriffe der Gegenwart immer voraus sein, die
Zukunft erfassen, und dieselbe in die Gegenwart zu künftiger Entwickelung
hineinzupflanzen vermögen. Dazu bedarf es einer klaren Uebersicht des bisherigen
Weltzustandes, einer freien Fertigkeit im reinen und von der Erscheinung
unabhängigen Denken, und, damit er sich mitteilen könne, des Besitzes der
Sprache bis in ihre lebendige und schöpferische Wurzel hinein. Alles dieses
erfordert geistige Selbsttätigkeit ohne alle fremde Leitung und einsames
Nachdenken, in welchem darum der künftige Gelehrte von der Stunde an, da sein
Beruf entschieden ist, geübt werden muss, keinesweges bloss, wie beim
Ungelehrten, ein Denken unter dem Auge des stets gegenwärtigen Lehrers; es
erfordert eine Menge Hülfskenntnisse, die dem Ungelehrten für seine Bestimmung
durchaus unbrauchbar sind. Die Arbeit des Gelehrten und das Tagwerk seines
Lebens wird eben jenes einsame Nachdenken sein; zu dieser Arbeit ist er nun
sogleich anzuführen, die andere mechanische Arbeit ihm dagegen zu erlassen.
Indes also die Erziehung des künftigen Gelehrten zum Menschen überhaupt mit der
allgemeinen Nationalerziehung wie bisher fortginge, und er dem dahin
einschlagenden Unterrichte mit allen übrigen beiwohnte, würden ihm nur
diejenigen Stunden, die für die anderen Arbeitsstunden sind, gleichfalls zu
Lehrstunden gemacht werden müssen in demjenigen, was sein einstiger Beruf
eigentümlich erfordert; und dieses wäre der ganze Unterschied. Die allgemeinen
Kenntnisse des Ackerbaues, anderer mechanischen Künste und der Handgriffe dabei,
die schon dem blossen Menschen anzumuten sind, wird er ohne Zweifel schon bei
seinem Durchgange durch die erste Klasse gelernt haben, oder diese Kenntnisse
wären, falls dies nicht der Fall sein sollte, nachzuholen. Dass er, weit weniger
denn irgend ein anderer, von den eingeführten körperlichen Uebungen
losgesprochen werden könne, versteht sich von selbst. Die besonderen
Lehrgegenstände aber, die in den gelehrten Unterricht fallen würden, sowie den
dabei zu beobachtenden Lehrgang noch anzugeben, liegt ausserhalb des Planes
dieser Reden.
 
                                  Eilfte Rede
         Wem die Ausführung dieses Erziehungsplanes anheimfallen werde
    Der Plan der neuen deutschen Nationalerziehung ist für unseren Zweck
hinreichend dargelegt. Die nächste Frage, die sich nun aufdringt, ist die: wer
soll sich an die Spitze der Ausführung dieses Planes stellen, auf wen ist dabei
zu rechnen, und auf wen haben wir gerechnet?
    Wir haben diese Erziehung als die höchste und dermalen sich einzig
aufdringende Angelegenheit der deutschen Vaterlandsliebe aufgestellt, und wollen
an diesem Bande die Verbesserung und Umschaffung des gesammten
Menschengeschlechtes zuerst in die Welt einführen. Jene Vaterlandsliebe aber
soll zunächst den deutschen Staat, allentalben wo Deutsche regiert werden,
begeistern, und den Vorsitz haben, und die treibende Kraft sein bei allen seinen
Beschlüssen. Der Staat also wäre es, auf welchen wir zuerst unsere erwartenden
Blicke zu richten hätten.
    Wird dieser unsere Hoffnungen erfüllen? Welches sind die Erwartungen, die
wir, immer wie sich versteht, auf keinen besonderen Staat, sondern auf ganz
Deutschland sehend, nach dem bisherigen von ihm fassen können?
    Im neueren Europa ist die Erziehung ausgegangen nicht eigentlich vom Staate,
sondern von derjenigen Gewalt, von der die Staaten meistens auch die ihrige
hatten, von dem himmlisch-geistigen Reiche der Kirche. Diese betrachtete sich
nicht sowohl als ein Bestandteil des irdischen Gemeinwesens, sondern vielmehr
als eine demselben ganz fremde Pflanzstatt aus dem Himmel, die abgesandt sei,
diesem auswärtigen Staate allentalben, wo sie Wurzel fassen konnte, Bürger
anzuwerben; ihre Erziehung ging auf nichts Anderes, denn dass die Menschen in
der anderen Welt keinesweges verdammt, sondern selig würden. Durch die
Reformation wurde diese kirchliche Gewalt, die übrigens fortfuhr sich ebenso
anzusehen wie bisher, mit der weltlichen Macht, mit der sie bisher gar oft sogar
im Widerstreite gelegen hatte, nur vereinigt; dies war der ganze Unterschied,
der in dieser Rücksicht aus jener Begebenheit erfolgte. Es blieb daher auch die
alte Ansicht des Erziehungswesens. Auch in den neuesten Zeiten, und bis auf
diesen Tag, ist die Bildung der vermögenderen Stände betrachtet worden als eine
Privatangelegenheit der Eltern, die sie nach eigenem Gefallen einrichten
möchten, und die Kinder dieser wurden in der Regel nur dazu angeführt, dass sie
sich selbst einst nützlich würden; die einzige öffentliche Erziehung aber, die
des Volkes, war lediglich Erziehung zur Seligkeit im Himmel; die Hauptsache war
ein wenig Christentum und Lesen, und falls es zu erschwingen war, Schreiben,
alles um des Christentums willen. Alle andere Entwickelung der Menschen wurde
dem ohngefähren und blindwirkenden Einflusse der Gesellschaft, in welcher sie
aufwuchsen, und dem wirklichen Leben selbst überlassen. Sogar die Anstalten zur
gelehrten Erziehung waren vorzüglich auf die Bildung von Geistlichen berechnet;
dies war die Hauptfacultät, zu der die übrigen nur den Anhang bildeten, und
meistens auch nur den Abgang von jener abgetreten erhielten.
    So lange diejenigen, die an der Spitze des Regimentes standen, über den
eigentlichen Zweck desselben im Dunkeln blieben, und selbst für ihre eigene
Person ergriffen waren von jener gewissenhaften Sorge für ihre und anderer
Seligkeit, konnte man auf ihren Eifer für diese Art der öffentlichen Erziehung
und auf ihre ernstlichen Bemühungen dafür sicher rechnen. Sobald sie aber über
den ersten ins Klare kamen, und begriffen, dass der Wirkungskreis des Staates
innerhalb der sichtbaren Welt liege, so musste ihnen einleuchten, dass jene
Sorge für die ewige Seligkeit ihrer Untertanen ihnen nicht zur Last fallen
könne, und dass, wer da selig werden wolle, selbst sehen möge, wie er es mache.
Sie glaubten von nun an genug zu tun, wenn sie nur die aus gottseligeren Zeiten
herrührenden Stiftungen und Anstalten ihrer ersten Bestimmung fernerhin
überliessen; so wenig angemessen und ausreichend dieselben auch für die ganz
veränderten Zeiten sein mochten, ihnen mit Ersparung an ihren anderweitigen
Zwecken selbst zuzulegen, hielten sie sich nicht für verbunden, tätig
einzugreifen, und das zweckmässige Neue an die Stelle des Veralteten und
Unbrauchbaren zu setzen, nicht für berechtigt, und auf alle Vorschläge dieser
Art war die stets fertige Antwort: hiezu habe der Staat kein Geld. Wurde ja
einmal eine Ausnahme von dieser Regel gemacht, so geschah es zum Vorteile der
höheren Lehranstalten, die einen Glanz weitumher verbreiten, und ihren
Beförderern Ruhm bereiten; die Bildung derjenigen Klasse aber, die der
eigentliche Boden des Menschengeschlechtes ist, aus welcher die höhere Bildung
sich immerfort ergänzt, und auf welche die letztere fortdauernd zurückwirken
muss, die des Volkes, blieb unbeachtet, und befindet sich seit der Reformation
bis auf diesen Tag im Zustande des steigenden Verfalles.
    Sollen wir nun für die Zukunft, und von Stund an, für unsere Angelegenheit
vom Staate eine bessere Hoffnung fassen können, so wäre nötig, dass derselbe
den Grundbegriff vom Zwecke der Erziehung, den er bisher gehabt zu haben
scheint, mit einem ganz anderen vertauschte; dass er einsehe, er habe mit seiner
bisherigen Ablehnung der Sorge für die ewige Seligkeit seiner Mitbürger
vollkommen recht, indem es für diese Seligkeit gar keiner besonderen Bildung
bedürfe, und eine solche Pflanzschule für den Himmel, wie die Kirche, deren
Gewalt zuletzt ihm übertragen worden, gar nicht stattfinde, aller tüchtigen
Bildung nur im Wege stehe und des Dienstes entlassen werden müsse; dass es
dagegen gar sehr bedürfe der Bildung für das Leben auf der Erde, und dass aus
der gründlichen Erziehung für dieses sich die für den Himmel, als eine leichte
Zugabe, von selbst ergebe. Der Staat scheint bisher, je aufgeklärter er zu sein
meinte, desto fester geglaubt zu haben, dass er, auch ohne alle Religion und
Sittlichkeit seiner Bürger, durch die blosse Zwangsanstalt, seinen eigentlichen
Zweck erreichen könne, und dass in Absicht jener diese es halten möchten, wie
sie könnten. Möchte er aus den neuen Erfahrungen wenigstens dies gelernt haben,
dass er das nicht vermag, und dass er gerade durch den Mangel der Religion und
der Sittlichkeit dahingekommen ist, wo er sich dermalen befindet.
    Möchte man ihn, in Absicht seines Zweifels, ob er auch wohl das Vermögen
habe, den Aufwand einer Nationalerziehung zu bestreiten, überzeugen können, dass
er durch diese einzige Ausgabe seine meisten übrigen auf die wirtschaftlichste
Weise besorgen, und dass, wenn er diese nur übernimmt, er bald nur diese einzige
Hauptausgabe haben werde. Bis jetzt ist der bei weitem grösste Teil der
Einkünfte des Staates auf die Unterhaltung stehender Heere gewendet worden. Den
Erfolg dieser Verwendung haben wir gesehen, dies reicht hin; denn tiefer in die
besonderen Gründe dieses Erfolges aus der Einrichtung dieser Heere
hineinzugehen, liegt ausserhalb unseres Planes. Dagegen würde der Staat, der die
von uns vorgeschlagene Nationalerziehung allgemein einführte, von dem
Augenblicke an, da ein Geschlecht der nachgewachsenen Jugend durch sie
hindurchgegangen wäre, gar keines besonderen Heeres bedürfen, sondern er hätte
an ihnen ein Heer, wie es noch keine Zeit gesellen. Jeder einzelne ist zu jedem
möglichen Gebrauche seiner körperlichen Kraft vollkommen geübt, und begreift sie
auf der Stelle, zu Ertragung jeder Anstrengung und Mühseligkeit gewöhnt, sein in
unmittelbarer Anschauung aufgewachsener Geist ist immer gegenwärtig und bei sich
selbst, in seinem Gemüte lebt die Liebe des Ganzen, dessen Mitglied er ist, des
Staates und des Vaterlandes, und vernichtet jede andere selbstische Regung. Der
Staat kann sie rufen und sie unter die Waffen stellen, sobald er will, und kann
sicher sein, dass kein Feind sie schlägt. Ein anderer Teil der Sorgfalt und der
Ausgaben in weise regierten Staaten ging bisher auf die Verbesserung der
Staatswirtschaft, im ausgedehntesten Sinne und in allen ihren Zweigen, und es
ist hierbei, durch die Ungelehrigkeit und Unbehülflichkeit der niederen Stände,
manche Sorgfalt und mancher Aufwand vergebens gemacht worden, und die Sache hat
allentalben nur geringen Fortgang gehabt. Durch unsere Erziehung erhält der
Staat arbeitende Stände, die des Nachdenkens über ihr Geschäft von Jugend auf
gewohnt sind, und die schon sich selbst durch sich selbst zu helfen Vermögen und
Neigung haben; vermag nun noch überdies der Staat ihnen auf eine zweckmässige
Weise unter die Arme zu greifen, so werden sie ihn auf das halbe Wort verstehen,
und seine Belehrung sehr dankbar aufnehmen. Alle Zweige der Haushaltung werden
ohne viele Mühe in kurzer Zeit einen Flor gewinnen, den auch noch keine Zeit
gesehen hat, und dem Staate wird, wenn er ja rechnen will, und wenn er etwa bis
dahin nebenbei auch noch den wahren Grundwert der Dinge kennen lernen sollte,
seine erste Auslage tausendfältige Zinsen tragen. Bisher hat der Staat für
Gerichts- und Polizeianstalten vieles tun müssen, und doch niemals genug für
sie tun können; Zucht-und Verbesserungshäuser haben ihm Ausgaben gemacht, die
Armenanstalten endlich erforderten, jemehr auf sie gewendet wurde, einen um so
grösseren Aufwand, und erschienen in der ganzen bisherigen Lage eigentlich als
Anstalten Arme zu machen. Die ersteren werden in einem Staate, der die neue
Erziehung allgemein macht, sehr verringert werden, die letzteren gänzlich
wegfallen. Frühe Zucht sichert vor der späteren sehr mislichen Zucht und
Verbesserung; Arme aber gibt es unter einem also erzogenen Volke gar nicht.
    Möchte der Staat und alle, die denselben beraten, es wagen, seine
eigentliche dermalige Lage ins Auge zu fassen und sie sich zu gestehen; möchte
er lebendig einsehen, dass ihm durchaus kein anderer Wirkungskreis übriggelassen
ist, in welchem er als ein wirklicher Staat, ursprünglich und selbstständig,
sich bewegen und etwas beschliessen könne, ausser diesem, der Erziehung der
kommenden Geschlechter; dass, wenn er nicht überhaupt nichts tun will, er nur
noch dieses tun kann; dass man aber such dieses Verdienst ihm ungeschmälert und
unbeneidet überlassen werde! Dass wir es nicht mehr vermögen, tätigen
Widerstand zu leisten, ist, als in die Augen springend und von jederman
zugestanden, schon früher von uns vorausgesetzt worden. Wie können wir nun die
Fortdauer unseres dadurch verwirkten Daseins gegen den Vorwurf der Feigheit und
einer unwürdigen Liebe zum Leben rechtfertigen? Auf keine andere Weise, als wenn
wir uns entschliessen, nicht für uns selbst zu leben, und dieses durch die Tat
dartun; wenn wir uns zum Saamenkorne einer würdigeren Nachkommenschaft machen,
und lediglich um dieserwillen uns so lange erhalten wollen, bis wir sie
hingestellt haben. Jenes ersten Lebenszweckes verlustig, was könnten wir denn
noch anderes tun? Unsere Verfassungen wird man uns machen, unsere Bündnisse und
die Anwendung unserer Streitkräfte wird man uns anzeigen, ein Gesetzbuch wird
man uns leihen, selbst Gericht und Urteilsspruch, und die Ausübung derselben,
wird man uns zuweilen abnehmen; mit diesen Sorgen werden wir auf die nächste
Zukunft verschont bleiben. Bloss an die Erziehung hat man nicht gedacht; suchen
wir ein Geschäft, so lasst uns dieses ergreifen! Es ist zu erwarten, dass man in
demselben uns ungestört lassen werde. Ich hoffe, - vielleicht täusche ich mich
selbst darin, aber da ich nur um dieser Hoffnung willen noch leben mag, so kann
ich es nicht lassen, zu hoffen; - ich hoffe, dass ich einige Deutsche überzeugen
und sie zur Einsicht bringen werde, dass es allein die Erziehung sei, die uns
retten könne von allen Uebeln, die uns drücken. Ich rechne besonders darauf,
dass die Not uns zum Aufmerken und zum ernsten Nachdenken geneigter gemacht
habe. Das Ausland hat anderen Trost und andere Mittel; es ist nicht zu erwarten,
dass es diesem Gedanken, falls er je an dasselbe kommen sollte, einige
Aufmerksamkeit schenken, oder einigen Glauben beimessen werde; ich hoffe
vielmehr, dass es zu einer reichen Quelle von Belustigung für die Leser ihrer
Journale gedeihen werde, wenn sie je erfahren, dass sich jemand von der
Erziehung so grosse Dinge verspreche.
    Möge der Staat und diejenigen, die denselben beraten, sich nicht lässiger
machen lassen in Ergreifung dieser Aufgabe, durch die Betrachtung, dass der
gehoffte Erfolg in der Entfernung liege. Wollte man unter den Mannigfaltigen und
höchst verwickelten Gründen, die unser dermaliges Schicksal zur Folge gehabt
haben, das, was allein und eigentümlich den Regierungen zur Last fällt,
absondern, so würde sich finden, dass diese, die vor allen anderen verbunden
sind, die Zukunft ins Auge zu fassen und zu beherrschen, beim Andrange der
grossen Zeitbegebenheiten auf sie immer nur gesucht, sich aus der unmittelbar
gegenwärtigen Verlegenheit zu ziehen, so gut sie es vermocht; in Absicht der
Zukunft aber nicht auf ihre Gegenwart, sondern auf irgend einen Glückszufall,
der den stätigen Faden der Ursachen und Wirkungen abschneiden sollte, gerechnet
haben. Aber dergleichen Hoffnungen sind betrüglich. Eine treibende Kraft, die
man einmal in die Zeit hineinkommen lassen, treibt fort und vollendet ihren Weg,
und nachdem ein mal die erste Nachlässigkeit begangen worden, kann die zu spät
kommende Besinnung sie nicht aufhalten. Des ersten Falles, bloss die Gegenwart
zu bedenken, hat fürs nächste unser Schicksal uns überhoben; die Gegenwart ist
nicht mehr unser. Mögen wir nur nicht den zweiten beibehalten, eine bessere
Zukunft von irgend etwas anderem zu hoffen, denn von uns selber. Zwar kann
keinen unter uns, der zum Leben noch etwas mehr bedarf denn Nahrung, die
Gegenwart über die Pflicht zu leben trösten; die Hoffnung einer besseren Zukunft
allein ist das Element, in dem wir noch atmen können. Aber nur der Träumer kann
diese Hoffnung auf etwas Anderes gründen, denn auf ein solches, das er selbst
für die Entwickelung einer Zukunft in die Gegenwart zu legen vermag. Vergönnen
diejenigen, die über uns regieren, dass wir ebenso gut auch von ihnen denken,
als wir unter uns von einander denken, und als der Bessere sich fühlt; stellen
sie sich an die Spitze des auch uns ganz klaren Geschäfts, damit wir noch vor
unseren Augen dasjenige entstehen sehen, was die dem deutschen Namen vor unseren
Augen zugefügte Schmach einst von unserem Andenken abwaschen wird!
    Uebernimmt der Staat die ihm angetragene Aufgabe, so wird er diese Erziehung
allgemein machen, über die ganze Oberfläche seines Gebietes, für jeden seiner
nachgeborenen Bürger ohne alle Ausnahme; auch ist es allein diese Allgemeinheit,
zu der wir des Staates bedürfen, indem zu einzelnen Anfängen und Versuchen hier
und da auch wohl das Vermögen von wohlgesinnten Privatpersonen hinreichen würde.
Nun ist allerdings nicht zu erwarten, dass die Eltern allgemein willig sein
werden, sich von ihren Kindern zu trennen, und sie dieser neuen Erziehung, von
der es schwer sein wird ihnen einen Begriff beizubringen, zu überlassen sondern
es ist nach der bisherigen Erfahrung darauf zu rechnen, dass jeder, der noch
etwa das Vermögen zu haben glaubt, seine Kinder im Hause zu nähren, gegen die
öffentliche Erziehung, und besonders gegen eine so scharf trennende und so lange
dauernde öffentliche Erziehung sich setzen wird. In solchen Fällen ist man nun,
bei zu erwartender Widersetzlichkeit, von den Staatsmännern bisher gewohnt, dass
sie den Vorschlag mit der Antwort abweisen der Staat habe nicht das Recht, für
diesen Zweck Zwang anzuwenden. Indem sie nun warten wollen, bis die Menschen im
allgemeinen den guten willen haben, ohne Erziehung aber es niemals zu
allgemeinem guten willen kommen kann, so sind sie dadurch gegen alle
Verbesserung geschützt, und können hoffen, dass es beim Alten bleiben wird bis
an das Ende der Tage. Inwiefern dies nun etwa solche sind, welche entweder
überhaupt die Erziehung für einen entbehrlichen Luxus halten, in Rücksicht
dessen man sich so spärlich einrichten müsse als möglich, oder die in unserem
Vorschlage nur einen neuen wagenden Versuch mit der Menschheit erblicken, der da
gelingen könne, oder auch nicht, ist ihre Gewissenhaftigkeit zu loben; solchen,
die von der Bewunderung des bisherigen Zustandes der öffentlichen Bildung, und
von dem Entzücken, zu welcher Vollkommenheit dieselbe unter ihrer Leitung
emporgewachsen sei, eingenommen sind, lässt sich nun vollends gar nicht
anmuten, dass sie auf etwas, das sie nicht auch schon wissen, eingehen sollten;
mit diesen insgesammt ist für unseren Zweck nichts zu tun, und es wäre zu
beklagen, wenn die Entscheidung über diese Angelegenheit ihnen anheimfallen
sollte. Möchten sich aber Staatsmänner finden und hierbei zu Rate gezogen
werden, welche vor allen Dingen durch ein tiefes und gründliches Studium der
Philosophie und der Wissenschaft überhaupt Sich selbst Erziehung gegeben haben,
denen es ein rechter Ernst ist mit ihrem Geschäfte, die einen festen Begriff vom
Menschen und seiner Bestimmung besitzen, die da fähig sind, die Gegenwart zu
verstehen, und zu begreifen, was eigentlich der Menschheit dermalen
unausbleiblich not tut; hätten diese aus jenen Vorbegriffen etwa selbst
eingesehen, dass nur Erziehung vor der, ausserdem unaufhaltsam über uns
hereinbrechenden Barbarei und Verwilderung uns retten könne, schwebte ihnen ein
Bild vor von dem neuen Menschengeschlechte, das durch diese Erziehung entstehen
würde, wären sie selbst innig überzeugt von der Unfehlbarkeit und Untrüglichkeit
der vorgeschlagenen Mittel: so liesse von solchen sich auch erwarten? dass sie
zugleich begriffen, der Staat, als höchster Verweser der menschlichen
Angelegenheiten, und als der Gott und seinem Gewissen allein verantwortliche
Vormund der Unmündigen, habe das vollkommene Recht, die letzteren zu ihrem Heile
auch zu zwingen. Wo gibt es denn dermalen einen Staat, der da zweifle, ob er
auch wohl das Recht habe, seine Untertanen zu Kriegsdiensten zu zwingen, und
den Eltern für diesen Behuf die Kinder wegzunehmen, ob nun eins von beiden, oder
beide wollen oder nicht wollen? Und dennoch ist dieser Zwang, zu Ergreifung
einer dauernden Lebensart wider den eigenen Willen, weit bedenklicher, und
häufig von den nachteiligsten Folgen für den sittlichen Zustand, und für
Gesundheit und Leben der Gezwungenen; da hingegen derjenige Zwang, von dem wir
reden, nach vollendeter Erziehung die ganze persönliche Freiheit zurückgibt,
und gar keine anderen, denn die heilbringendsten Folgen haben kann. Wohl hat man
früher auch die Ergreifung der Kriegsdienste dem freien Willen überlassen;
nachdem sich aber gefunden, dass dieser für den beabsichtigten Zweck nicht
ausreichend war, hat man kein Bedenken getragen ihm durch Zwang nachzuhelfen;
darum weil die Sache uns wichtig genug war und die Not den Zwang gebot. Möchten
nur auch in dieser Rücksicht uns die Augen aufgehen über unsere Not, und der
Gegenstand uns gleichfalls wichtig werden, so würde jene Bedenklichkeit von
selbst wegfallen; da, zumal es nur in dem ersten Geschlechte des Zwanges
bedürfen, und derselbe in den folgenden, selber durch diese Erziehung
hindurchgegangenen, hinwegfällt, auch jener erste Zwang zum Kriegsdienste
dadurch aufgehoben wird, indem die also Erzogenen alle gleich willig sind, die
Waffen für das Vaterland zu führen. Will man ja, um anfangs des Geschreies nicht
zu viel zu haben diesen Zwang zur öffentlichen Nationalerziehung auf dieselbe
Weise beschränken, wie bisher der Zwang zum Kriegsdienste beschränkt gewesen,
und die von den letzteren befreiten Stände auch von jenem ausnehmen, so ist dies
von keinen bedeutenden nachteiligen Folgen. Die verständigen Eltern unter den
ausgenommenen werden freiwillig ihre Kinder dieser Erziehung übergeben; die,
gegen das Ganze unbedeutende Anzahl der Kinder unverständiger Eltern aus diesen
Ständen mag immer auf die bisherige Weise aufwachsen und in das zu erzeugende
bessere Zeitalter hineinreichen, brauchbar lediglich als ein merkwürdiges
Andenken der alten Zeit, und um die neue zur lebhaften Erkenntnis ihres höheren
Glückes anzufeuern.
    Soll nun diese Erziehung Nationalerziehung der Deutschen schlechtweg sein,
und soll die grosse Mehrheit aller, die die deutsche Sprache reden, keinesweges
über etwa nur die Bürgerschaft dieses oder jenes besonderen deutschen Staates,
dastehen als ein neues Menschengeschlecht, so müssen alle deutsche Staaten,
jeder für sich und unabhängig von allen anderen, diese Aufgabe ergreifen. Die
Sprache, in der diese Angelegenheit zuerst in Anregung gebracht worden, in der
die Hülfsmittel verfasst sind und ferner werden verfasst werden, in der die
Lehrer geübt werden, der durch alles dieses hindurchgehende. Eine Gang der
Sinnbildlichkeit ist allen Deutschen gemeinsam. Ich kann mir kaum denken, wie
und mit welchen Umwandlungen diese Bildungsmittel insgesammt, besonders in
derjenigen Ausdehnung, die wir dem Plane gegeben haben, in irgend eine Sprache
des Auslandes übertragen werden könnten, also, dass es nicht als fremdes und
übersetztes Ding, sondern als einheimisch und aus dem eigenen Leben ihrer
Sprache hervorgehend erschiene. Für alle Deutsche ist diese Schwierigkeit auf
die gleiche Weise gehoben; für sie ist die Sache fertig, und sie dürfen nur
dieselbe ergreifen.
    Wohl uns hierbei, dass es noch verschiedene und von einander abgetrennte
deutsche Staaten gibt! Was so oft zu unserem Nachteile gereicht hat, kann bei
dieser wichtigen Nationalangelegenheit vielleicht zu unserem Vorteile dienen.
Vielleicht kann Nacheiferung der mehreren und die Begierde, einander
zuvorzukommen, bewirken, was die ruhige Selbstgenügsamkeit des einzelnen nicht
hervorgebracht hätte; denn es ist klar, dass derjenige unter allen deutschen
Staaten, der in dieser Sache den Anfang machen wird, an Achtung, an Liebe, an
Dankbarkeit des Ganzen für ihn, den Vorrang gewinnen wird, dass er dastehen wird
als der höchste Wohltäter und der eigentliche Stifter der Nation. Er wird den
übrigen Mut machen, ihnen ein belehrendes Beispiel geben, und ihr Muster
werden; er wird Bedenklichkeiten, in denen die anderen hängen blieben,
beseitigen; aus seinem Schoss werden die Lehrbücher und die ersten Lehrer
ausgehen und den anderen geliehen werden; und wer nach ihm der zweite sein wird,
wird den zweiten Ruhm erwerben. Zum erfreulichen Zeugnisse, dass unter den
Deutschen ein Sinn für das Höhere noch nie ganz ausgestorben, haben bisher
mehrere deutsche Stämme und Staaten mit einander um den Ruhm grösserer Bildung
gestritten: diese haben ausgedehntere Pressfreiheit, freiere Hinwegsetzung über
die hergebrachte Meinung, andere besser eingerichtete Schulen und Universitäten,
andere ehemaligen Ruhm und Verdienste, andere etwas Anderes für sich angeführt
und der Streit hat nicht entschieden werden können. Bei der gegenwärtigen
Veranlassung wird er es werden. Diejenige Bildung allein, die da strebt, und die
es wagt, sich allgemein zu machen und alle Menschen ohne Unterschied zu
erfassen, ist ein wirkliches Bestandteil des Lebens, und ist ihrer selbst
sicher. Jede andere ist eine fremde Zutat, die man bloss zum Prunk anlegt, und
die man nicht einmal mit recht gutem Gewissen an sich trägt. Es wird sich bei
dieser Gelegenheit verraten müssen, wo etwa die Bildung, deren man sich rühmt,
nur bei wenigen Personen des Mittelstandes stattfindet, die dieselbe in
Schriften darlegen, dergleichen Männer alle deutsche Staaten aufzuweisen haben;
und wo hingegen dieselbe auch zu den höheren Ständen, welche den Staat beraten,
hinaufgestiegen sei. Es wird sich sodann auch zeigen, wie man den hier und da
gezeigten Eifer für die Errichtung und den Flor höherer Lehranstalten zu
beurteilen habe, und ob demselben reine Liebe zur Menschenbildung, die ja wohl
jedweden Zweig, und besonders die allererste Grundlage derselben, mit dem
gleichen Eifer ergreifen würde, oder ob ihm bloss Sucht zu glänzen, und
vielleicht dürftige Finanzspeculationen, zu Grunde gelegen haben.
    Welcher deutsche Staat in Ausführung dieses Vorschlags der erste sein wird,
der wird den grössten Ruhm davon haben, sagte ich. Aber ferner, es wird dieser
deutsche Staat nicht lange allein stehen, sondern ohne allen Zweifel bald
Nachfolger und Nacheiferer finden. Dass nur der Anfang gemacht werde, ist die
Hauptsache. Wäre es auch nichts Anderes, so wird Ehrgefühl, Eifersucht, die
Begierde auch zu haben, was ein anderer hat, und, wo möglich, es noch besser zu
haben, einen nach dem andern treiben, dem Beispiele zu folgen. Auch werden
sodann die oben von uns beigebrachten Betrachtungen über den eignen Vorteil des
Staats, die vielleicht dermalen manchem zweifelhaft vorkommen dürften, in der
lebendigen Anschauung bewährt, einleuchtender werden.
    Wäre zu erwarten, dass sogleich jetzt und von Stund an alle deutsche Staaten
ernstliche Anstalt machten, jenen Plan auszuführen, so könnte schon nach fünf
und zwanzig Jahren das bessere Geschlecht, dessen wir bedürfen, dastehen, und
wer hoffen dürfte, noch so lange zu leben könnte hoffen, es mit seinen Augen zu
sehen.
    Sollte aber, wie wir denn freilich auch auf diesen Fall rechnen müssen,
unter allen dermalen bestehenden deutschen Staaten kein einziger sein, der unter
seinen höchsten Beratern einen Mann hätte, der da fähig wäre, alles das oben
Vorausgesetzte einzusehen und davon ergriffen zu werden, und in welchem die
Mehrheit der Berater diesem einen sich wenigstens nicht widersetzte: so würde
freilich diese Angelegenheit wohlgesinnten Privatpersonen anheimfallen, und es
wäre nun von diesen zu wünschen, dass sie einen Anfang mit der vorgeschlagenen
neuen Erziehung machten. Zuvörderst haben wir hiebei im Auge grosse
Gutsbesitzen, die auf ihren Landgütern dergleichen Erziehungsanstalten für die
Kinder ihrer Untertanen errichten könnten. Es gereicht Deutschland zum Ruhme
und zur sehr ehrenvollen Auszeichnung vor den übrigen Nationen des neuern
Europa, dass es unter dem genannten Stande immerfort hier und da mehrere gegeben
hat, die sichs zum ernstlichen Geschäfte machten, für den Unterricht und die
Bildung der Kinder auf ihren Besitzungen zu sorgen, und die gern das Beste, was
sie wussten, dafür tun wollten. Es ist von diesen zu hoffen, dass sie auch
jetzt geneigt sein werden, über das Vollkommene, das ihnen angetragen wird, sich
zu belehren und das Grössere und Durchgreifende ebenso gern zu tun, als sie
bisher das Kleinere und. Unvollständige taten. Wohl mag hier und da die
Einsicht dazu beigetragen haben, dass es vorteilhafter für sie selbst sei,
gebildete Untertanen zu haben, denn ungebildete. Wo etwa der Staat durch
Aufhebung des Verhältnisses der Untertänigkeit diesen letzten Antrieb
weggenommen hat, - möge er da desto ernstlicher seine unterlassliche Pflicht
bedenken, nicht zugleich das einzige Gute, das bei Wohldenkenden an dieses
Verhältnis geknüpft wurde, mit aufzuheben, und möge er in diesem Falle ja nicht
versäumen zu tun, was ohnedies seine Schuldigkeit ist, nachdem er diejenigen,
die es freiwillig statt seiner taten, dessen erledigt hat. Wir richten ferner,
in Absicht der Städte, hiebei unsre Augen auf freiwillige Verbindungen
gutgesinnter Bürger für diesen Zweck. Der Hang zur Wohltätigkeit ist noch
immer, so weit ich habe blicken können, unter keinem Drucke der Not in
deutschen Gemütern erloschen. Durch eine Anzahl von Mängeln in unsern
Einrichtungen, die sich insgesammt unter der Einheit der vernachlässigten
Erziehung würden zusammenfassen lasen, hilft diese Wohltätigkeit der Not
dennoch selten ab, sondern scheint oft sie noch zu vermehren. Möchte man jenen
trefflichen Hang endlich vorzüglich auf diejenige Wohltat richten, die aller
Not und aller fernern Wohltätigkeit ein Ende macht, auf die Wohltat der
Erziehung. - Noch aber bedürfen wir, und rechnen auf eine Wohltat und
Aufopferung anderer Art, die nicht im Geben, sondern im Tun und Leisten
besteht. Möchten angehende Gelehrte, denen es ihre Lage verstattet, den
Zeitraum, der ihnen zwischen der Universität und ihrer Anstellung in einem
öffentlichen Amte übrig bleibt, dem Geschäfte, über diese Lehrweise an diesen
Anstalten sich zu belehren und an denselben selbst zu lehren, widmen!
Abgerechnet, dass sie sich hierdurch höchst verdient um das Ganze machen werden,
kann man ihnen noch überdies versichern, dass sie selbst den allerhöchsten
Gewinn davon tragen werden. Ihre gesammten Kenntnisse, die sie aus dem
gewöhnlichen Universitätsunterrichte oft so erstorben mit hinwegtragen, werden
im Elemente der allgemeinen Anschauung, in welches sie hier hineinkommen,
Klarheit und Lebendigkeit erhalten, sie werden lernen dieselben mit Fertigkeit
wieder zugeben und zu gebrauchen, sie werden sich, da im Kinde die ganze Fülle
der Menschheit unschuldig und offen da liegt, einen Schatz von der wahren
Menschenkenntnis, die allein diesen Namen verdient, erwerben, sie werden zu der
grossen Kunst des Lebens und Wirkens angeleitet werden, zu welcher in der Regel
die hohe Schule keine Anweisung gibt.
    Lässt der Staat die ihm, angetragene Aufgabe liegen, so ist es für die
Privatpersonen welche dieselbe aufnehmen, ein desto grösserer Ruhm. Fern sei es
von uns, der Zukunft durch Mutmaassungen vorzugreifen, oder den Ton des
Zweifels und des Mangels an Vertrauen selber anzuheben; worauf unsere Wünsche
zunächst gehen, haben wir deutlich ausgesprochen; nur dies sei uns erlaubt
anzumerken: dass, wenn es wirklich also kommen sollte, dass der Staat und die
Fürsten die Sache Privatpersonen überliessen, dies dem bisherigen, schon oben
angemerkten und mit Beispielen belegten Gange der deutschen Entwicklung und
Bildung gemäss sein, und dieser bis ans Ende sich gleichbleiben wurde. Auch in
diesem Falle würde der Staat zu seiner Zeit nachfolgen fürs erste wie ein
Einzelner, der den auf seinen Teil fallenden Beitrag eben auch leisten will,
bis er sich etwa später besinnt, dass er kein Teil, sondern das Ganze sei, und
dass das Ganze zu besorgen er so Pflicht als Recht habe. Von Stund an fallen
alle selbstständige Bemühungen der Privatpersonen weg und unterordnen sich dem
allgemeinen Plane des Staats.
    Sollte die Angelegenheit diesen Gang nehmen, so wird es mit der
beabsichtigen Verbesserung unsers Geschlechts freilich nur langsam, und ohne
eine sichere und feste Uebersicht und mögliche Berechnung des Ganzen,
vorwärtsschreiten. Aber lasse man sich ja dadurch nicht abhalten, einen Anfang
zu machen! Es liegt in der Natur der Sache selbst, dass sie niemals untergehen
könne, sondern, nur einmal ins Werk gesetzt, durch sich selbst fortlebe, und
immer weiter um sich greifend sich verbreite. Jeder, der durch diese Bildung
hindurchgegangen ist, wird ein Zeuge für sie und ein eifriger Verbreiter; jeder
wird den Lohn der erhaltenen Lehre dadurch abtragen, dass er selbst wieder
Lehrer wird, und so viele Schüler, die einst auch wieder Lehrer werden, macht,
als er kann; und dies geht notwendig so lange fort, bis das Ganze ohne alle
Ausnahme ergriffen sei.
    Im Falle der Staat sich mit der Sache nicht befassen sollte, so haben
Privatunternehmungen zu befürchten, dass alle nur irgend vermögende Eltern ihre
Kinder dieser Erziehung nicht überlassen werden. Wende man sich sodann in Gottes
Namen und mit voller Zuversicht an die armen Verwaisten, an die im Elende auf
den Strassen Herumliegenden, an Alles, was die erwachsene Menschheit
ausgestossen und weggeworfen hat! So wie bisher, besonders in denjenigen
deutschen Staaten, in denen die Frömmigkeit der Vorfahren die öffentlichen
Erziehungsanstalten sehr vermehrt und reichlich ausgestattet halle, eine Menge
von Eltern den Ihrigen den Unterricht angedeihen liessen, weil sie dabei
zugleich, wie bei keinem andern Gewerbe, den Unterhalt fanden: so lasst es uns
notgedrungen umkehren, und Brot geben denen, denen kein anderer es gibt, damit
sie mit dem Brote zugleich auch Geistesbildung annehmen. Befürchten wir nicht,
dass die Armseligkeit und die Verwilderung ihres vorigen Zustandes unserer
Absicht hinderlich sein werde! Reissen wir sie nur plötzlich und gänzlich heraus
aus demselben und bringen sie in eine durchaus neue Welt; lassen wir nichts an
ihnen, das sie an das Alte erinnern könnte: so werden sie ihrer selbst
vergessen, und dastehen als neue, soeben erst erschaffene Wesen. Dass in diese
frische und reine Tafel nur das Gute eingegraben werde, dafür muss unser
Unterrichtsgang bürgen und unsre Hausordnung. Es wird ein für alle Nachwelt
warnendes Zeugnis sein über unsre Zeit, wenn gerade diejenigen, die sie
ausgestossen hat, durch diese Ausstossung allein das Vorrecht erhalten, ein
besseres Geschlecht anzuheben; wenn diese den Kindern derer, die mit ihnen nicht
zusammen sein mochten, die beseligende Bildung bringen, und wenn sie die
Stammväter werden unsrer künftigen Helden, Weisen, Gesetzgeber, Heilande der
Menschheit.
    Für die erste Errichtung bedarf es zuvorderst tauglicher Lehrer und
Erzieher. Dergleichen hat die Pestalozzische Schule gebildet und ist stets
erbötig, mehrere zu bilden. Ein Hauptaugenmerk wird anfangs sein, dass jede
Anstalt der Art sich zugleich betrachte als eine Pflanzschule für Lehrer, und
dass ausser den schon fertigen Lehrern um diese herum sich eine Menge junger
Männer versammle, die das Lehren lernen und ausüben zu gleicher Zeit, und in der
Ausübung es immer besser lernen. Dies wird auch, falls diese Anstalten anfangs
mit der Dürftigkeit zu ringen haben sollten, die Erhaltung der Lehrer sehr
erleichtern. Die meisten sind doch in der Absicht gegenwärtig, um selbst zu
lernen; dafür mögen sie denn auch ohne anderweitige Entschädigung das Gelernte
eine Zeitlang zum Vorteil der Anstalt, wo sie es lernten, anwenden.
    Ferner bedarf eine solche Anstall Dach und Fach, die erste Ausstattung und
ein hinlängliches Stück Land. Dass im weitern Fortgange dieser Einrichtungen,
wenn die verhältnissmässige Menge von schon herangewachsener Jugend in den
Jahren, wo sie nach der bisherigen Einrichtung als Dienstboten nicht bloss ihren
Unterhalt, sondern zugleich auch ein Jahrlohn erwerben, sich in diesen Anstalten
befinden wird, diese die schwächere Jugend übertragen, und bei der ohnedies
notwendigen Arbeitsamkeit und weisen Wirtschaft diese Anstalten sich
grösstenteils selbst werden erhalten können, scheint einzuleuchten. Fürs erste,
so lange die erstgenannte Art der Zöglinge noch nicht vorhanden ist, dürften
dieselben grösserer Zuschüsse bedürfen. Es ist zu hoffen, dass man sich zu
Beiträgen, durch Ende mau absieht, williger finden werde. Sparsamkeit, die dem
Zwecke Eintrag tut, bleibe fern von uns; und ehe wir diese uns erlauben, ist es
weit besser, dass wir gar nichts tun.
    Und so halte ich denn dafür, dass, bloss guten Willen vorausgesetzt, bei der
Ausführung dieses Plans keine Schwierigkeit ist, die nicht durch die Vereinigung
mehrerer, und durch die Richtung aller ihrer Kräfte auf diesen einigen Zweck,
leichtlich sollte überwunden werden können.
 
                                  Zwölfte Rede
Ueber die Mittel, uns bis zur Erreichung unsers Hauptzwecks aufrecht zu erhalten
    Diejenige Erziehung, die wir den Deutschen zu ihrer künftigen
Nationalerziehung vorschlagen, ist nun sattsam beschrieben. Wird das Geschlecht,
das durch dieselbe gebildet ist, nur einmal dastehen, dieses lediglich durch
seinen Geschmack am Rechten und Guten, und schlechtin durch nichts Anderes,
getriebene, dieses mit einem Verstande, der für seinen Standpunct ausreichend
das Rechte allemal sicher erkennt, versehene, dieses mit jeder geistigen und
körperlichen Kraft, das Gewollte allemal durchzusetzen, ausgerüstete Geschlecht:
so wird alles, was wir mit unsern kühnsten Wünschen begehren können, aus dem
Dasein desselben von selbst sich ergeben, und aus ihm natürlich hervorwachsen.
Diese Zeit bedarf unserer Vorschriften so wenig, dass wir vielmehr von derselben
zu lernen haben wurden.
    Da inzwischen dieses Geschlecht noch nicht gegenwärtig ist, sondern erst
herauferzogen werden soll, und, wenn auch alles über unser Erwarten trefflich
gehen sollte, wir dennoch eines beträchtlichen Zwischenraums bedürfen werden, um
in jene Zeit hinüberzukommen, so entsteht die näherliegende Frage: wie sollen
wir uns auch nur durch diesen Zwischenraum hindurchbringen? Wie sollen wir, da
wir nichts Besseres können, uns erhalten, wenigstens als den Boden, auf dem die
Verbesserung vorgehen, und als den Ausgangspunct, an welchen dieselbe sich
anknüpfen könne? Wie sollen wir verhindern, dass, wenn einst das also gebildete
Geschlecht aus seiner Absonderung hervor unter uns träte, es nicht an uns eine
Wirklichkeit vor sich finde, die nicht die mindeste Verwandtschaft habe zu der
Ordnung der Dinge, welche es als das Rechte begriffen, und in welcher niemand
dasselbe verstehe, oder den mindesten Wunsch und Bedürfnis einer solchen
Ordnung der Dinge hege, sondern das Vorhandene als das ganz Natürliche und das
einzig Mögliche ansehe? Würden nicht diese eine andere Welt im Busen Tragenden
gar bald irre werden, und würde so nicht die neue Bildung eben so unnütz für die
Verbesserung des wirklichen Lebens verhallen, wie die bisherige Bildung verhallt
ist?
    Geht die Mehrheit in ihrer bisherigen Unachtsamkeit, Gedankenlosigkeit und
Zerstreuteit so ferner hin, so ist gerade dieses, als das notwendig sich
Ergebende, zu erwarten. Wer sieh ohne Aufmerksamkeit auf sich selbst gehen
lässt, und von den Umständen sich gestalten, wie sie wollen, der gewöhnt sich
bald an jede mögliche Ordnung der Dinge. So sehr auch sein Auge durch etwas
beleidiget werden mochte, als er es das erstemal erblickte, lasst es nur täglich
auf dieselbe Weise wiederkehren, so gewöhnt er sich daran, und findet es
späterhin natürlich und als eben so sein müssend, gewinnt es zuletzt gar lieb,
und es würde ihm mit der Herstellung des erstern bessern Zustandes wenig gedient
sein, weil dieser ihn aus seiner nun einmal gewohnten Weise zu sein herausrisse.
Auf diese Weise gewöhnt man sich sogar an Sklaverei, wenn nur unsre sinnliche
Fortdauer dabei ungekränkt bleibt, und gewinnt sie mit der Zeit lieb; und dies
ist eben das Gefährlichste an der Unterworfenheit, dass sie für alle wahre Ehre
abstumpft und sodann ihre sehr erfreuliche Seite hat für den Trägen, indem sie
ihn mancher Sorge und manches Selbstdenkens überhebt.
    Lasst uns auf der Hut sein gegen diese Ueberraschung der Süssigkeit des
Dienens, denn diese raubt sogar unsern Nachkommen die Hoffnung künftiger
Befreiung. Wird unser äusseres Wirken in hemmende Fesseln geschlagen, lasst uns
desto kühner unsern Geist erheben zum Gedanken der Freiheit, zum leben in diesem
Gedanken, zum Wünschen und Begehren nur dieses einigen. Lasst die Freiheit auf
einige Zeit verschwinden aus der sichtbaren Welt; geben wir ihr eine Zuflucht im
Innersten unserer Gedanken, so lange, bis um uns herum die neue Welt
emporwachse, die da Kraft habe, diese Gedanken auch äusserlich darzustellen.
Machen wir uns mit demjenigen, was ohne Zweifel unserm Ermessen frei bleiben
muss, mit unserm Gemüte, zum Vorbilde, zur Weissagung, zum Bürgen desjenigen,
was nach uns Wirklichkeit werden wird. Lassen wir nur nicht mit unserm Körper
zugleich auch unsern Geist niedergebeugt und unterworfen und in die
Gefangenschaft gebracht werden!
    Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist darauf die einzige, alles
in sich fassende Antwort diese: wir müssen eben zur Stelle werden, was wir
ohnedies sein sollten Deutsche. Wir sollen unsern Geist nicht unterwerfen: so
müssen wir eben vor allen Dingen einen Geist uns anschaffen, und einen festen
und gewissen Geist; wir müssen ernst werden in allen Dingen, und nicht
fortfahren bloss leichtsinnigerweise und nur zum Scherze dazusein; wir müssen
uns haltbare und unerschütterliche Grundsätze bilden, die allem unserm übrigen.
Denken und unserm Handeln zur festen Richtschnur dienen Leben und Denken muss
bei uns aus einem Stücke sein, und ein sich durchdringendes und gediegenes
Ganzes; wir müssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemäss werden und die
fremden Kunststücke von uns werfen; wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen,
uns Charakter anschaffen; denn Charakter haben und deutsch sein, ist ohne
Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unsrer Sprache keinen besondern
Namen, weil sie eben, ohne alles unser Wissen und Besinnung, aus unserm Sein
unmittelbar hervorgehen soll.
    Wir müssen zuvörderst über die grossen Ereignisse unsrer Tage, ihre
Beziehung auf uns, und das, was wir von ihnen zu erwarten haben, mit eigner
Bewegung unsrer Gedanken nachdenken, und uns eine klare und feste Ansicht von
allen diesen Gegenständen, und ein entschiedenes und unwandelbares Ja oder Nein
über die hieherfallenden Fragen verschaffen; jeder, der den mindesten Anspruch
auf Bildung macht, soll das. Das tierische Leben des Menschen läuft in allen
Zeitaltern ab nach denselben Gesetzen, und hierin ist alle Zeit sich gleich.
Verschiedene Zeiten sind da nur für den Verstand, und nur derjenige, der sie mit
dem Begriffe durchdringt, lebt sie mit, und ist da zu dieser seiner Zeit; ein
andres Leben ist nur ein Tier- und Pflanzenleben. Alles, was da geschieht,
unvernommen an sich vorübergehen zu lassen, gegen dessen Andrang wohl gar
geflissentlich Auge und Ohr zu verstopfen, sich dieser Gedankenlosigkeit wohl
gar noch als grosser Weisheit zu rühmen, mag anständig sein einem Felsen, an den
die Meereswellen schlagen, ohne dass er es fühlt, oder einem Baumstamme, den
Stürme hin und her reissen, ohne dass er es bemerkt, keinesweges aber einem
denkenden Wesen. - Selbst das Schweben in höhern Kreisen des Denkens spricht
nicht los von dieser allgemeinen Verbindlichkeit, seine Zeit zu verstehen. Alles
Höhere muss eingreifen wollen auf seine Weise in die unmittelbare Gegenwart, und
wer wahrhaftig in jenem lebt, lebt zugleich auch in der letztern, lebte er nicht
auch in dieser, so wäre dies der Beweis, dass er auch in jenem nicht lebte,
sondern in ihm nur träumte. Jene Achtlosigkeit auf das, was unter unsern Augen
vorgeht, und die künstliche Ableitung der allenfalls entstandenen Aufmerksamkeit
auf andere Gegenstände, wäre das Erwünschteste, was einem Feinde unsrer
Selbstständigkeit begegnen könnte. Ist er sicher, dass wir uns bei keinem Dinge
etwas denken, so kann er eben, wie mit leblosen Werkzeugen, alles mit uns
vornehmen, was er will; die Gedankenlosigkeit eben ist es, die sich an Alles
gewöhnt: wo aber der klare und umfassende Gedanke, und in diesem das Bild
dessen, was da sein sollte, immerfort wachsam bleibt, da kommt es zu keiner
Gewöhnung.
    Diese Reden haben zunächst Sie eingeladen, und sie werden einladen die ganze
deutsche Nation, inwieweit es dermalen möglich ist, dieselbe durch den
Bücherdruck um sich zu versammeln, bei sich selbst eine feste Entscheidung zu
fassen, und innerlich mit sich einig zu werden über folgende Fragen: 1) ob es
wahr sei, oder nicht wahr, dass es eine deutsche Nation gebe, und dass deren
Fortdauer in ihrem eigentümlichen und selbstständigen Wesen dermalen in Gefahr
sei? 2) ob es der Mühe wert sei, oder nicht wert sei, dieselbe zu erhalten? 3)
ob es irgend ein sicheres und durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gebe, und
welches dieses Mittel sei?
    Vorher war die hergebrachte Sitte unter uns diese, dass, wenn irgend ein
ernstaftes Wort, mündlich oder im Drucke, sich vernehmen liess, das tägliche
Geschwätz sich desselben bemächtigte, und es in einen spasshaften
Unterhaltungsstoff seiner drückenden Langeweile verwandelte. Zunächst um mich
herum habe ich dermalen, nicht, so wie ehemals bemerkt, dass man von Meinen
gegenwärtigen Vorträgen denselben Gebrauch gemacht hätte; von dem zeitigen Tone
aber der geselligen Zusammenkünfte auf dem Boden des Bücherdrücks, ich meine die
Literaturzeitungen und anderes Journalwesen, habe ich keine Kunde genommen, und
weiss nicht, ob von diesem sich Scherz oder Ernst erwarten lassen. Wie dies sich
verhalten möge, meine Absicht wenigstens ist es nicht gewesen zu scherzen, und
den bekannten Witz den unser Zeitalter besitzt, wieder in den Gang zu bringen.
    Tiefer unter uns eingewurzelt, fast zur andern Natur geworden, und das
Gegenteil beinahe unerhört, war unter den Deutschen die Sitte, dass man alles,
was auf die Bahn gebracht wurde, betrachtete als eine Aufforderung an jeden, der
einen Mund hätte, nur geschwind und auf der Stelle sein Wort auch dazuzugeben
und uns zu berichten, ob er auch derselben Meinung sei, oder nicht; nach welcher
Abstimmung denn die ganze Sache vorbei sei, und das öffentliche Gespräch zu
einem neuen Gegenstande eilen müsse. Auf diese Weise hatte sich aller
literarische Verkehr unter den Deutschen verwandelt, sowie die Echo der alten
Fabel, in einen blossen reinen Laut, ohne allen Leib und körperlichen Gehalt.
Wie in den bekannten schlechten Gesellschaften des persönlichen Verkehrs, so kam
es auch in dieser nur darauf an, dass die Menschenstimme fortalle, und dass
jeder ohne Stocken sie aufnehme, und sie dem Nachbar zuwerfe, keinesweges aber
darauf, was da ertönte. Was ist Charakterlosigkeit und Undeutschheit, wenn es
das nicht ist? Auch dies ist nicht meine Absicht gewesen, dieser Sitte zu
huldigen, und nur das öffentliche Gespräch rege zu erhalten. Ich habe, eben
auch, indem ich etwas Anderes wollte, meinen persönlichen Anteil zu dieser
öffentlichen Unterhaltung schon vorlängst hinlänglich abgetragen, und man könnte
mich endlich davon lossprechen. Ich will nicht gerade auf der Stelle wissen, wie
dieser oder jener über die in Anregung gebrachten Fragen denke, d.h. wie er
bisher darüber gedacht, oder auch nicht gedacht habe. Er soll es bei sich selbst
überlegen und durchdenken, so lange bis sein Urteil fertig ist und vollkommen
klar, und soll sich die nötige Zeit dazu nehmen; und gehen ihm etwa die
gehörigen Vorkenntnisse, und der ganze Grad der Bildung, der zu einem Urteile
in diesen Angelegenheiten erfordert wird, noch ab, so soll er sich auch dazu die
Zeit nehmen, sich dieselben zu erwerben. Hat nur einer auf diese Weise sein
Urteil fertig und klar, so wird nicht gerade verlangt, dass er es auch
öffentlich abgebe; sollte dasselbe mit dem hier Gesagten übereinstimmen, so ist
dieses eben schon gesagt, und es bedarf nicht eines zweiten Sagens, nur wer
etwas Anderes und Besseres sagen kann, ist aufgefordert zu reden; dagegen aber
soll es jeder in jedem Falle nach seiner Weise und Lage wirklich leben und
treiben.
    Am allerwenigsten endlich ist es meine Absicht gewesen, an diesen Reden
unseren deutschen Meistern in Lehre und Schrift eine Schreibeübung vorzulegen,
damit sie dieselbe verbessern, und ich bei dieser Gelegenheit erfahre, was sich
etwa von mir hoffen lässt. Auch in dieser Rücksicht ist guter Lehre und Rates
schon sattsam an mich gewendet worden, und es müsste sich schon jetzt gezeigt
haben, wenn Besserung zu erwarten wäre.
    Nein, das war zunächst meine Absicht, aus dem Schwarme von Fragen und
Untersuchungen, und aus dem Heere widersprechender Meinungen über dieselben, in
welchem die Gebildeten unter uns bisher herumgeworfen worden sind, so viele
derselben ich könnte, auf einen Punct zu führen, bei welchem sie sich selbst
Stand hielten, und zwar auf denjenigen, der uns am allernächsten liegt, den
unserer eigenen gemeinschaftlichen Angelegenheiten; in diesem einigen Puncte sie
zu einer festen Meinung, bei der es nun unverrückt bleibe, und zu einer
Klarheit, in der sie wirklich sich zurechtfinden, zu bringen; so viel anderes
auch zwischen ihnen streitig sein möge, wenigstens über dieses Eine sie zur
Einmütigkeit des Sinnes zu verbinden; auf diese Weise endlich einen festen
Grundzug des Deutschen hervorzubringen, den, dass er es gewürdigt habe, sich
über die Angelegenheit der Deutschen eine Meinung zu bilden; dagegen derjenige,
der über diesen Gegenstand nichts hören und nichts denken möchte, von nun an mit
Recht angesehen werden könnte, als nicht zu uns gehörend.
    Die Erzeugung einer solchen festen Meinung, und die Vereinigung und das
gegenseitige sich Verstehen mehrerer über diesen Gegenstand, wird, sowie es
unmittelbar die Rettung ist unseres Charakters aus der unserer unwürdigen
Zerflossenheit, zugleich auch ein kräftiges Mittel werden, unseren Hauptzweck,
die Einführung der neuen Nationalerziehung zu erreichen. Besonders darum, weil
wir selber, sowohl jeder mit sich, als alle untereinander, niemals einig waren,
heute dieses und morgen etwas Anderes wollten, und jeder anders hinein schrie in
das dumpfe Geräusch, sind auch unsere Regierungen, die allerdings, und oft mehr
als ratsam war, auf uns hörten, irre gemacht worden, und haben hin und her
geschwankt, ebenso wie unsere Meinung. Soll endlich einmal ein fester und
gewisser Gang in die gemeinsamen Angelegenheiten kommen: was verhindert, dass
wir zunächst bei uns selbst anfangen, und das Beispiel der Entschiedenheit und
Festigkeit geben! Lasse sich nur einmal eine übereinstimmende und sich
gleichbleibende Meinung hören, lasse ein entschiedenes und als allgemein sich
ankündigendes Bedürfnis sich vernehmen, das der Nationalerziehung, wie wir
voraussetzen; ich halte dafür, unsere Regierungen werden uns hören, sie werden
uns helfen, wenn wir die Neigung zeigen, uns helfen zu lassen. Wenigstens würden
wir im entgegengesetzten Falle sodann erst das Recht haben, uns über sie zu
beklagen; dermalen, da unsere Regierungen ohngefähr also sind, wie wir sie
wollen, steht uns das Klagen übel an.
    Ob es ein sicheres und durchgreifendes Mittel gebe zur Erhaltung der
deutschen Nation, und welches dieses Mittel sei, ist die bedeutendste unter den
Fragen, die ich dieser Nation zur Entscheidung vorgelegt habe. Ich habe diese
Frage beantwortet, und die Gründe meiner Art der Beantwortung dargelegt,
keinesweges um das Endurteil vorzuschreiben, was zu nichts helfen könnte, indem
jeder, der in dieser Sache Hand anlegen soll, in seinem eigenen Inneren durch
eigene Tätigkeit sich überzeugt haben muss, sondern nur, um zum eigenen
Nachdenken und Urteilen anzuregen. Ich muss von nun an jeden sich selbst
überlassen. Nur warnen kann ich noch, dass man durch seichte und oberflächliche
Gedanken, die auch über diesen Gegenstand sich im Umlaufe befinden, sich nicht
täuschen, vom tieferen Nachdenken sich nicht abhalten und durch nichtige
Vertröstungen sich nicht abfinden lasse.
    Wir haben z.B. schon lange vor den letzten Ereignissen, gleichsam auf den
Vorrat, hören müssen, und es ist uns seitdem häufig wiederholt worden, dass,
wenn auch unsere politische Selbstständigkeit verloren sei, wir dennoch unsere
Sprache behielten und unsere Literatur, und in diesen immer eine Nation blieben,
und damit über alles Andere uns leichtlich trösten könnten.
    Worauf gründet sich denn zuvörderst die Hoffnung, dass wir auch ohne
politische Selbstständigkeit dennoch unsere Sprache behalten werden? Jene, die
also sagen, schreiben doch wohl nicht ihrem Zureden und ihren Ermahnungen, auf
Kind und Kindeskind hinaus und auf alle künftigen Jahrhunderte, diese
wunderwirkende Kraft zu? Was von den jetztlebenden und gemachten Männern sich
gewöhnt hat, in deutscher Sprache zu reden, zu schreiben, zu lesen, wird ohne
Zweifel also fortfahren; aber was wird das nächstkünftige Geschlecht tun, und
was erst das dritte? Welches Gegengewicht gedenken wir denn in diese
Geschlechter hineinzulegen, das ihrer Begierde, demjenigen, bei welchem aller
Glanz ist, und das alle Begünstigungen austeilt, auch durch Sprache und Schrift
zu gefallen, die Wage halte? Haben wir denn niemals von einer Sprache gehört,
welche die erste der Welt ist, ohnerachtet bekannt wird, dass die ersten Werke
in derselben noch zu schreiben sind, und sehen wir nicht schon jetzt unter
unseren Augen, dass Schriften, durch deren Inhalt man zu gefallen hofft, in ihr
erscheinen? Man beruft sich auf das Beispiel zweier anderen Sprachen, eine der
alten, eine der neuen Welt, welche, ohnerachtet des politischen Unterganges der
Völker, die sie redeten, dennoch als lebendige Sprachen fortgedauert. Ich will
in die Weise dieser Fortdauer nicht einmal hineingehen; so viel aber ist auf den
ersten Blick klar, dass beide Sprachen etwas in sich hatten, das die unsrige
nicht hat, wodurch sie vor den Ueberwindern Gnade fanden, welche die unsrige
niemals finden kann. Hätten diese Vertröster besser um sich geschaut, so würden
sie ein anderes, unseres Erachtens hier durchaus passendes Beispiel gefunden
haben, das der wendischen Sprache. Auch diese dauert seit der Reihe von
Jahrhunderten, dass das Volk derselben seine Freiheit verloren hat, noch immer
fort, in den ärmlichen Hütten des an die Scholle gebundenen Leibeigenen nämlich,
damit er in ihr, unverstanden von seinem Bedrücker, sein Schicksal beklagen
könne.
    Oder setze man den Fall, dass unsere Sprache lebendig und eine
Schriftstellersprache bleibe, und so ihre Literatur behalte; was kann denn das
für eine Literatur sein, die Literatur eines Volkes ohne politische
Selbstständigkeit? Was will denn der vernünftige Schriftsteller, und was kann er
wollen? Nichts Anderes, denn eingreifen in das allgemeine und öffentliche Leben,
und dasselbe nach seinem Bilde gestalten und umschaffen; und wenn er dies nicht
will, so ist alles sein Reden leerer Laut, zum Kitzel müssiger Ohren. Er will
ursprünglich und aus der Wurzel des geistigen Lebens heraus denken, für
diejenigen, die ebenso ursprünglich wirken, d. i. regieren. Er kann deswegen nur
in einer solchen Sprache schreiben, in der auch die Regierenden denken, in einer
Sprache, in der regiert wird, in der eines Volkes, das einen selbstständigen
Staat ausmacht. Was wollen denn zuletzt alle unsere Bemühungen selbst um die
abgezogensten Wissenschaften? Lasset sein, der nächste Zweck dieser Bemühungen
sei der, die Wissenschaft fortzupflanzen von Geschlecht zu Geschlecht, und in
der Welt zu erhalten; warum soll sie denn auch erhalten werden? Offenbar nur, um
zu rechter Zeit das allgemeine Leben und die ganze menschliche Ordnung der Dinge
zu gestalten. Dies ist ihr letzter Zweck; mittelbar dient sonach, sei es auch
erst in einer späteren Zukunft, jede wissenschaftliche Bestrebung dem Staate.
Giebt sie diesen Zweck auf, so ist auch ihre Würde und ihre Selbstständigkeit
verloren. Wer aber diesen Zweck hat, der muss schreiben in der Sprache des
herrschenden Volkes.
    Wie es ohne Zweifel wahr ist, dass allentalben, wo eine besondere Sprache
angetroffen wird, auch eine besondere Nation vorhanden ist, die das Recht hat,
selbstständig ihre Angelegenheiten zu besorgen und sieh selber zu regieren; so
kann man umgekehrt sagen, dass, wie ein Volk aufgehört hat, sich selbst zu
regieren, es eben auch schuldig sei, seine Sprache aufzugeben und mit den
Ueberwindern zusammenzufliessen, damit Einheil, innerer Friede und die gänzliche
Vergessenheit der Verhältnisse, die nicht mehr sind, entstehe. Ein nur
halbverständiger Anführer einer solchen Mischung muss hierauf dringen, und wir
können uns sicher darauf verlassen, dass in unserem Falle darauf gedrungen
werden wird. Bis diese Verschmelzung erfolgt sei, wird es Uebersetzungen der
verstatteten Schulbücher in die Sprache der Barbaren geben, d. i. derjenigen,
die zu ungeschickt sind, die Sprache des herrschenden Volkes zu lernen, und die
eben dadurch von allem Einflusse auf die öffentlichen Angelegenheiten sich
ausschliessen und sich zur lebenslänglichen Unterwürfigkeit verdammen; auch wird
es diesen, die zur Stummheit über die wirklichen Begebenheiten sich selbst
verurteilt haben, verstattet werden an erdichteten Weitändeln ihre
Redefertigkeit zu üben, oder ehemalige und alte Formen sich selber nachzuahmen,
wo man für das erste an der zum Beispiel angeführten alten, für das letztere an
der neuen Sprache die Belege aufsuchen mag. Eine solche Literatur möchten wir
vielleicht noch auf einige Zeit behalten, und mit derselben mag sich trösten
der, der keinen besseren Trost hat; dass aber auch solche, die wohl fähig wären,
sich zu ermannen, die Wahrheit zu sehen und aufgeschreckt zu werden durch ihren
Anblick zu Entschluss und Tat, durch solchen nichtigen Trost, mit welchem einem
Feinde unserer Selbstständigkeit recht eigentlich gedient sein würde, in dem
trägen Schlummer erhalten werden: dieses möchte ich verhindern, wenn ich es
könnte.
    Man verheisst uns also die Fortdauer einer deutschen Literatur auf die
künftigen Geschlechter. Ihn die Hoffnungen, die wir hierüber fassen können,
näher zu beurteilen, würde es sehr zuträglich sein, sich umzusehen ob wir denn
auch nur bis auf diesen Augenblick eine deutsche Literatur im wahren Sinne des
Wortes noch haben. Das edelste Vorrecht und das heiligste Amt des
Schriftstellers ist dies, seine Nation zu versammeln, und mit ihr über ihre
wichtigsten Angelegenheiten zu beratschlagen; ganz besonders aber ist dies von
jeher das ausschliessende Amt des Schriftstellers gewesen in Deutschland, indem
dieses in mehrere abgesonderte Staaten zertrennt war, um! als gemeinsames Ganzes
fast nur durch das Werkzeug des Schriftstellers, durch Sprache und Schrift,
zusammengehalten wurde; am eigentlichsten und dringendsten wird es sein Amt in
dieser Zeit, nachdem das letzte äussere Band, das die Deutschen vereinigte, die
Reichsverfassung, auch zerrissen ist. Sollte es sich nun etwa zeigen - wir
sprechen hieran nicht etwa aus, was wir wüssten oder befürchteten, sondern nur
einen möglichen Fall, auf den wir jedoch ebenfalls im voraus Bedacht nehmen
müssen - sollte es sich, sage ich, etwa zeigen, dass schon jetzt Diener
besonderer Staaten von Angst, Furcht und Schrecken so eingenommen wären, dass
sie solchen, eine Nation eben noch als daseiend voraussetzenden und an dieselbe
sich wendenden Stimmen, zuerst das Lautwerden, oder durch Verbote die
Verbreitung versagten: so wäre dies ein Beweis, dass wir schon jetzt keine
deutsche Schriftstellerei mehr hätten, und wir wüssten, wie wir mit den
Aussichten auf eine künftige Literatur daran wären. -
    Was könnte es doch sein, dass diese fürchteten? Etwa, dass dieser und jener
dergleichen Stimmen nicht gern hören werde? Sie würden für ihre zarte
Besorgteit wenigstens die Zeit übel gewählt haben. Schmähungen und
Herabwürdigungen des Vaterländischen, abgeschmackte Lobpreisungen des
Ausländischen, können sie ja doch nicht verhindern; seien sie doch nicht so
strenge gegen ein dazwischen tönendes vaterländisches Wort! Es ist wohl möglich,
dass nicht alle alles gleich gern hören; aber dafür können wir zur Zeit nicht
sorgen, uns treibt die Not, und wir müssen eben sagen, was diese zu sagen
gebietet. Wir ringen ums Leben; wollen sie, dass wir unsere Schritte abmessen,
damit nicht etwa durch den erregten Staub irgend ein Staatskleid bestäubt werde?
Wir gehen unter in den Fluten; sollen wir nicht um Hülfe rufen, damit nicht
irgend ein schwachnerviger Nachbar erschreckt werde?
    Wer sind denn diejenigen, die es nicht gern hören könnten, und unter welcher
Bedingung könnten sie es denn nicht gern hören? Allentalben ist es nur die
Unklarheit und die Finsternis, die da schreckt. Jedes Schreckbild verschwindet,
wenn man es fest ins Auge fasst. Lasset uns mit derselben Unbefangenheit und
Unumwundenheit, mit der wir bisher jeden in diese Vorträge fallenden Gegenstand
zerlegt haben, auch diesem Schrecknisse unter die Augen treten.
    Man nimmt an, entweder, dass das Wesen, dem dermalen die Leitung eines
grossen Teiles der Weltangelegenheiten anheimgefallen ist, ein wahrhaft grosses
Gemüt sei, oder man nimmt das Gegenteil an, und ein Drittes ist nicht möglich.
Im ersten Falle: worauf beruht denn alle menschliche Grösse, ausser auf der
Selbstständigkeit und Urspünglichkeit der Person, und dass sie nicht sei ein
erkünsteltes Gemachte ihres Zeitalters, sondern ein Gewächs aus der ewigen und
ursprünglichen Geisterwelt, ganz so wie es ist hervorgewachsen, dass ihr eine
neue und eigentümliche Ansicht des Weltganzen aufgegangen sei, und dass sie
festen Willen habe, und eiserne Kraft, diese ihre Ansicht einzufahren in die
Wirklichkeit? Aber es ist schlechtin unmöglich, dass ein solches Gemüt nicht
auch ausser sich, an Völkern und Einzelnen, ehre, was in seinem Inneren seine
eigene Grösse ausmacht, die Selbstständigkeit, die Festigkeit, die
Eigentümlichkeit des Daseins. So gewiss es sich in seiner Grösse fühlt und
derselben vertraut, verschmäht es über armseligen Knechtssinn zu herrschen, und
gross zu sein unter Zwergen; es verschmäht den Gedanken, dass es die Menschen
erst herabwürdigen müsse, um über sie zu gebieten; es ist gedrückt durch den
Anblick des dasselbe umgebenden Verderbens, es tut ihm weh, die Menschen nicht
achten zu können; alles aber, was sein verbrüdertes Geschlecht erhebt, veredelt,
in ein würdigeres Licht setzt, tut wohl seinem selbst edeln Geiste, und ist
sein höchster Genuss. Ein solches Gemüt sollte ungern vernehmen, dass die
Erschütterungen, die die Zeiten herbeigeführt haben, benutzt werden, um eine
alte ehrwürdige Nation, den Stamm der mehrsten Volker des neuen Europa, und die
Bildnerin aller, aus dem tiefen Schlummer aufzuregen, und dieselbe zu bewegen,
dass sie ein sicheres Verwahrungsmittel ergreife, um sich zu erheben aus dem
Verderben, welches dieselbe zugleich sichert, nie wieder herabzusinken, und mit
sich selbst zugleich alle übrige Völker zu erheben? Es wird hier nicht angeregt
zu ruhestörenden Auftritten; es wird vielmehr vor diesen, als sicher zum
Verderben führend, gewarnt, es wird eine feste unwandelbare Grundlage angegeben,
worauf endlich in einem Volke der Welt die höchste, reinste und noch niemals
also unter den Menschen gewesene Sittlichkeit aufgebaut, für alle folgende
Zeiten gesichert, und von da aus über andere Völker verbreitet werde; es wird
eine Umschaffung, des Menschengeschlechtes angegeben, aus irdischen und
sinnlichen Geschöpfen zu reinen und edeln Geistern. Durch einen solchen
Vorschlag, meint man, könne ein Geist, der selbst rein ist und edel und gross,
oder irgend jemand, der nach ihm sich bildet, beleidigt werden?
    Was würden dagegen diejenigen, welche diese Furcht hegten und dieselbe durch
ihr Handeln zugeständen, annehmen, und laut vor aller Welt bekennen, dass sie es
annehmen? Sie würden bekennen, dass sie glaubten, dass ein menschenfeindliches
und ein sehr kleines und niedriges Princip über uns herrsche, dem jede Regung
selbstständiger Kraft bange mache, der von Sittlichkeit, Religion, Veredlung der
Gemüter nicht ohne Angst hören könne, indem allein in der Herabwürdigung der
Menschen, in ihrer Dumpfheit und ihren Lastern für ihn Heil sei, und Hoffnung,
sich zu erhalten. Mit diesem ihrem Glauben, der unseren anderen Leben noch die
drückende Schmach hinzufügen würde, von einem solchen beherrscht zu sein, sollen
wir nun ohne weiteres und ohne die vorhergegangene einleuchtende Beweisführung
einverstanden sein, und in demselben handeln?
    Den schlimmsten Fall gesetzt, dass sie recht hätten, keinesweges aber wir,
die wir das Erstere durch unsere Tat annehmen: soll denn nun wirklich, einem zu
gefallen, dem damit gedient ist, und ihnen zu gefallen, die sich fürchten, das
Menschengeschlecht herabgewürdigt werden und versinken, und soll keinem, dem
sein Herz es gebietet, erlaubt sein, sie vor dem Verfalle zu warnen? Gesetzt,
dass sie nicht bloss recht hätten, sondern dass man sich auch noch entschliessen
sollte, im Angesichte der Mitwelt und der Nachwelt ihnen recht zu geben, und das
eben hingelegte Urteil über sich selbst laut auszusprechen: was wäre denn nun
das Höchste und Letzte, das für den unwillkommenen Warner daraus erfolgen
könnte? Kennen sie etwas Höheres, denn den Tod? Dieser erwartet uns ohnedies
alle, und es haben vom Anbeginn der Menschheit an Edle um geringerer
Angelegenheit willen - denn wo gab es jemals eine höhere, als die gegenwärtige?
- der Gefahr desselben getrotzt. Wer hat das Recht zwischen ein Unternehmen, das
auf diese Gefahr begonnen ist, zu treten?
    Sollte es, wie ich nicht hoffe, solche unter uns Deutschen geben, so würden
diese ungebeten, ohne Dank, und, wie ich hoffe, zurückgewiesen, ihren Hals dem
Joche der geistigen Knechtschaft darbieten; sie würden, bitter schmähend indem
sie staatsklug zu schmeicheln glauben, weil sie nicht wissen, wie wahrer Grösse
zu Mute ist, und die Gedanken derselben nach denen ihrer eigenen Klarheit
messen, - sie würden die Literatur, mit der sie nichts Anderes anzufangen
wissen, gebrauchen, um durch die Abschlachtung derselben als Opfertier ihren
Hof zu machen. Wir dagegen preisen durch die Tat unseres Vertrauens und unseres
Mutes weit mehr, denn Worte es je vermöchten, die Grösse des Gemütes, bei dem
die Gewalt ist. Ueber das ganze Gebiet der ganzen deutschen Zunge hinweg, wo
irgend hin unsere Stimme frei und unaufgehalten ertönt, ruft sie durch ihr
blosses Dasein den Deutschen zu: niemand will eure Unterdrückung, euren
Knechtssinn, eure sklavische Unterwürfigkeit, sondern eure Selbstständigkeit,
eure wahre Freiheit, eure Erhebung und Veredlung will man, denn man hindert
nicht, dass man sich öffentlich mit euch darüber beratschlage, und euch das
unfehlbare Mittel dazu zeige. Findet diese Stimme Gehör und den beabsichtigten
Erfolg, so setzt sie ein Denkmal dieser Grösse und unseres Glaubens an dieselbe
ein in den Fortlauf der Jahrhunderte, welches keine Zeit zu zerstören vermag,
sondern das mit jedem neuen Geschlechte höher wachst, und sieh weiter
verbreitet. Wer darf sich gegen den Versuch setzen, ein solches Denkmal zu
errichten?
    Anstatt also mit der zukünftigen Blüte unserer Literatur über unsere
verlorene Selbstständigkeit uns zu trösten, und von der Aufsuchung eines
Mittels, dieselbe wieder herzustellen, uns durch dergleichen Trost abhalten zu
lassen, wollen wir lieber wissen, ob diejenigen Deutschen, denen eine Art von
Bevormundung der Literatur zugefallen ist, den übrigen selbst schreibenden oder
lesenden Deutschen eine Literatur im wahren Sinne des Wortes noch bis diesen Tag
erlauben, und ob sie dafür halten, dass eine solche Literatur dermalen in
Deutschland noch erlaubt sei, oder nicht; wie sie aber wirklich darüber denken,
das wird sich demnächst entscheiden müssen.
    Nach allem ist das nächste, was wir zu tun haben, um bis zur völligen und
gründlichen Verbesserung unseres Stammes uns auch nur aufzubehalten, dies, dass
wir uns Charakter anschaffen, und diesen zunächst dadurch bewahren, dass wir uns
durch eigenes Nachdenken eine feste Meinung bilden über unsere wahre Lage und
über das sichere Mittel, dieselbe zu Verbessern. Die Nichtigkeit des Trostes aus
der Fortdauer unserer Sprache und Literatur ist gezeigt. Noch aber gibt es
andere, in diesen Reden Doch nicht erwähnte Vorspiegelungen, welche die Bildung
einer solchen festen Meinung verhindern. Es ist zweckmässig, dass wir auch auf
diese Rücksicht nehmen; jedoch behalten wir dieses Geschäft vor der nächsten
Stunde.
 
                      Inhaltsanzeige der dreizehnten Rede3
                    Fortsetzung der angefangenen Betrachtung
    Es sei noch ein mehreres von nichtigen Gedanken und täuschenden
Lebrgebäuden über die Angelegenheilen der Völker unter uns im Umlaufe, welches
die Deutschen verhindere, eine ihrer Eigentümlichkeit gemässe feste Ansicht
über ihre gegenwärtige Lage zu fassen, äusserten wir am Ende unserer vorigen
Rede. Da diese Traumbilder gerade jetzt mit grösserem Eifer zur öffentlichen
Verehrung herumgeboten werden, und, nachdem so vieles Andere wankend geworden,
von manchem lediglich zur Ausfüllung der entstandenen leeren Stellen aufgefasst
werden könnten: so scheint es zur Sache zu gehören, dieselben mit grösserem
Ernste, als ausserdem ihre Wichtigkeit verdienen dürfte, einer Prüfung zu
unterwerfen.
    Zuvörderst und vor allen Dingen: - die ersten, ursprünglichen und wahrhaft
natürlichen Grenzen der Staaten sind ohne Zweifel ihre inneren Grenzen. Was
dieselbe Sprache redet, das ist schon vor aller menschlichen Kunst vorher durch
die blosse Natur mit einer Menge von unsichtbaren Banden aneinander geknüpft; es
versteht sich untereinander, und ist fähig, sich immerfort klarer zu
verständigen, es gehört zusammen, und ist natürlich Eins und ein
unzertrennliches Ganzes. Ein solches kann kein Volk anderer Abkunft und Sprache
in sich aufnehmen und mit sich vermischen wollen, ohne wenigstens fürs erste
sich zu verwirren, und den gleichmässigen Fortgang seiner Bildung mächtig zu
stören. Aus dieser inneren, durch die geistige Natur des Menschen selbst
gezogenen Grenze ergibt sich erst die äussere Begrenzung der Wohnsitze, als die
Folge von jener, und in der natürlichen Ansicht der Dinge sind keinesweges die
Menschen, welche innerhalb gewisser Berge und Flüsse wohnen, um deswillen. Ein
Volk, sondern umgekehrt wohnen die Menschen beisammen, und wenn ihr Glück es so
gefügt hat, durch Flüsse und Berge gedeckt, weil sie schon früher durch ein weit
höheres Naturgesetz Ein Volk waren.
    So sass die deutsche Nation, durch gemeinschaftliche Sprache und Denkart
sattsam unter sich vereinigt, und scharf genug abgeschnitten von den anderen
Völkern, in der Mitte von Europa da als scheidender Wall nicht verwandter
Stämme, zahlreich und tapfer genug, um ihre Grenzen gegen jeden fremden Anfall
zu schützen, sich selbst überlassen und durch ihre ganze Denkart wenig geneigt,
Kunde von den benachbarten Völkerschaften zu nehmen, in derselben
Angelegenheiten sich zu mischen, und durch Beunruhigungen sie zur Feindseligkeit
aufzureizen. Im Verlaufe der Zeiten bewahrte sie ihr günstiges Geschick vor dem
unmittelbaren Anteile am Raube der anderen Welten; dieser Begebenheit, durch
welche vor allen anderen die Weise der Fortentwicklung der neueren
Weltgeschichte, die Schicksale der Völker, und der grösste Teil ihrer Begriffe
und Meinungen begründet worden sind. Seit dieser Begebenheit erst zerteilte
sich das christliche Europa, das vorher auch ohne sein eigenes deutliches
Bewusstsein Eins gewesen war, und als solches in gemeinschaftlichen
Unternehmungen sich gezeigt halte, in mehrere abgesonderte Teile; seit jener
Begebenheit erst war eine gemeinschaftliche Beute aufgestellt, nach der jeder
auf die gleiche Weise begehrte, weil alle sie auf die gleiche Weise brauchen
konnten, und die jeder mit Eifersucht in den Händen des anderen erblickte; erst
nun war ein Grund vorhanden zu geheimer Feindschaft und Kriegslust aller gegen
alle. Auch wurde es nun erst zum Gewinne für Völker, Völker auch anderer Abkunft
und Sprachen durch Eroberung, oder, wenn dies nicht möglich wäre, durch
Bündnisse sich einzuverleiben und ihre Kräfte sich zuzueignen. Ein der Natur
treugebliebenes Volk kann, wenn seine Wohnsitze ihm zu enge werden, dieselben
durch Eroberung des benachbarten Bodens erweitern wollen, um mehr Raum zu
gewinnen, und es wird sodann die früheren Bewohner vertreiben; es kann einen
rauhen und unfruchtbaren Himmelsstrich gegen einen milderen und gesegneteren
vertauschen wollen, und es wird in diesem Falle abermals die früheren Besitzer
austreiben; es kann, wenn es auch ausartet, blosse Raubzüge unternehmen, auf
denen es, ohne des Bodens oder der Bewohner zu begehren, bloss alles Brauchbaren
sich bemächtigt, und die ausgeleerten Länder wieder verlässt; es kann endlich
die früheren Bewohner des eroberten Bodens, als eine gleichfalls brauchbare
Sache, wie Sklaven der Einzelnen unter sich verteilen: aber dass es die fremde
Völkerschaft, so wie dieselbe besteht, als Bestandteile des Staates sich
anfüge, dabei hat es nicht den geringsten Gewinn, und es wird niemals in
Versuchung kommen, dies zu tun. Ist aber der Fall der, dass einem gleich
starken, oder wohl noch stärkeren Nebenbuhler eine reizende gemeinschaftliche
Beute abgekämpft werden soll, so steht die Rechnung anders. Wie auch übrigens
sonst das überwundene Volk zu uns passen möge, so sind wenigstens seine Fäuste
zur Bekämpfung des von uns zu beraubenden Gegners brauchbar, und jederman ist
uns, als eine Vermehrung der öffentlichen Streitkraft, willkommen. So nun irgend
einem Weisen, der Friede und Ruhe gewünscht hätte, über diese Lage der Dinge die
Augen klar aufgegangen wären, wovon hätte derselbe Ruhe erwarten können?
Offenbar nicht von der natürlichen Beschränkung der menschlichen Habsucht
dadurch, dass das Ueberflüssige keinem nütze; denn eine Beute, wodurch alle
versucht werden, war vorhanden: und ebensowenig hätte er sie erwarten können von
dem sich selbst eine Grenze setzenden Willen, denn unter solchen, von denen
jedweder alles an sich reisst, was er vermag, muss der sich selbst Beschränkende
notwendig zu Grunde gehen. Keiner will dem Anderen teilen, was er dermalen zu
eigen besitzt; jeder will dem anderen das seinige rauben, wenn er irgend kann.
Ruht einer, so geschieht dies nur darum, weil er sich nicht für stark genug
hält, Streit anzufangen; er wird ihn sicher anfangen, sobald er die
erforderliche Stärke in sich verspürt. Somit ist das einzige Mittel die Ruhe zu
erhalten dieses, dass niemals einer zu der Macht gelange, dieselbe stören zu
können, und dass jedweder wisse, es sei auf der anderen Seite gerade so viel
Kraft zum Widerstande, als auf seiner Seite sei zum Angriffe; dass also ein
Gleichgewicht und Gegengewicht der gesammten Macht entstehe, wodurch allein,
nachdem alle andere Mittel verschwunden sind, jeder in seinem gegenwärtigen
Besitzstande und alle in Ruhe erhalten werden. Diese beiden Stücke demnach:
einen Raub, auf den kein Einziger einiges Recht habe, alle aber nach ihm die
gleiche Begierde, sodann die allgemeine, immerfort tätig sich regende wirkliche
Raubsucht, setzt jenes bekannte System eines Gleichgewichtes der Nacht in Europa
voraus; und unter diesen Voraussetzungen würde dieses Gleichgewicht freilich das
einzige Mittel sein, die Ruhe zu erhalten, wenn nur erst das zweite Mittel
gefunden wäre, jenes Gleichgewicht hervorzubringen, und es aus einem leeren
Gedanken in ein wirkliches Ding zu verwandeln.
    Aber waren denn auch jene Voraussetzungen allgemein, und ohne alle Ausnahme
zu machen? War nicht im Mittelpuncte von Europa die übermächtige deutsche Nation
rein geblieben von dieser Beute, und von der Ansteckung mit der Lust darnach,
und fast ohne Vermögen, Anspruch auf dieselbe zu machen? Wäre nur diese zu Einem
gemeinschaftlichen Willen und Einer gemeinschaftlichen Kraft vereinigt
geblieben; hätten doch dann die übrigen Europäer sich morden mögen in allen
Meeren und auf allen Inseln und Küsten: in der Mitte von Europa hätte der feste
Wall der Deutschen sie verhindert aneinanderzukommen, - hier wäre Friede
geblieben, und die Deutschen hätten sich, und mit sich zugleich einen Teil der
übrigen europäischen Völker in Ruhe und Wohlstand erhalten.
    Es war dem nur den nächsten Augenblick berechnenden Eigennutze des Auslandes
nicht gemäss, dass es also bliebe. Sie fanden die deutsche Tapferkeit brauchbar,
um durch sie ihre Kriege zu führen, und die Hände derselben, um mit ihnen ihren
Nebenbuhlern die Beute zu entreissen; es musste ein Mittel gefunden werden, um
diesen Zweck zu erreichen, und die ausländische Schlauheit siegte leicht über
die deutsche Unbefangenheit und Verdachtlosigkeit. Das Ausland war es, welches
zuerst der über Religionsstreitigkeiten entstandenen Entzweiung der Gemüter in
Deutschland sich bediente, um diesen Inbegriff des gesammten christlichen Europa
im Kleinen aus der innig verwachsenen Einheit ebenso in abgesonderte und für
sich bestehende Teile künstlich zu zertrennen, wie erst jenes über einen
gemeinsamen Raub sich natürlich zertrennt hatte; das Ausland wusste diese also
entstandenen besonderen Staaten im Schoss der Einen Nation, die keinen Feind
hatte, denn das Ausland selbst, und keine Angelegenheit, denn die gemeinsame,
gegen die Verführungen und die Hinterlist dieses mit vereinigter Kraft sich zu
setzen, - es wusste diese einander gegenseitig vorzustellen als natürliche
Feinde, gegen die jeder immerfort auf der Hut sein müsse, sich selbst dagegen
darzustellen als die natürlichen Verbündeten gegen diese von den eigenen
Landsleuten drohende Gefahr; als die Verbündeten, mit denen allein sie selbst
ständen oder fielen, und die sie daher gleichfalls in ihren Unternehmungen mit
aller ihrer Macht unterstützen müssten. Nur durch dieses künstliche
Bindungsmittel wurden alle Zwiste, die über irgend einen Gegenstand in der alten
oder neuen Welt sich entspinnen mochten, zu eigenen Zwisten der deutschen Stämme
untereinander; jeder aus irgend einem Grunde entstandene Krieg musste auf
deutschem Boden und mit deutschem Blute ausgefochten werden, jede Verrückung des
Gleichgewichtes in derjenigen Nation, der der ganze Urquell dieser Verhältnisse
fremd war, ausgeglichen werden, und die deutschen Staaten, deren abgesondertes
Dasein schon gegen alle Natur und Vernunft stritt, mussten, damit sie doch etwas
wären, zu Zulagen gemacht werden zu den Hauptgewichten in der Wage des
europäischen Gleichgewichtes, deren Zuge sie blind und willenlos folgten. So wie
man in manchem ausländischen Staate die Bürger bezeichnet dadurch, dass sie von
dieser oder einer anderen fremden Partei seien, und für dieses oder jenes
auswärtige Bündnis stimmten, solche aber, die von der vaterländischen Partei
seien, nicht namhaft zu machen weiss; so waren die Deutschen schon längst nur
für irgend eine fremde Partei, und man traf selten auf einen, der die Partei der
Deutschen gehalten, und gemeint hätte, dass dieses Land sich mit sich selbst
verbünden sollte.
    Dies also ist der wahre Ursprung und die Bedeutung, dies der Erfolg für
Deutschland und für die Welt von dem berüchtigten Lehrgebäude eines künstlich zu
erhaltenden Gleichgewichtes der Macht unter den europäischen Staaten. Wäre das
christliche Europa Eins geblieben, wie es sollte, und wie es ursprünglich war,
so hätte man nie Veranlassung gehabt, einen solchen Gedanken zu erzeugen; das
Eine ruht auf sich selbst und trägt sich selbst, und zerteilt sich nicht in
streitende Kräfte, die mit einander in ein Gleichgewicht gebracht werden
müssten; nur für das unrechtlich gewordene und zerteilte Europa erhielt jener
Gedanke eine notdürftige Bedeutung. Zu diesem unrechtlich gewordenen und
zerteilten Europa gehörte Deutschland nicht. Wäre nur wenigstens dieses Eins
geblieben, so hätte es auf sich selbst geruht im Mittelpuncte der gebildeten
Erde, so wie die Sonne im Mittelpuncte der Welt; es hätte sich in Ruhe erhalten,
und durch sich seine nächste Umgebung, und hätte, ohne alle künstliche
Vorkehrung, durch sein blosses natürliches Dasein, allem das Gleichgewicht
gegeben. Nur der Trug des Auslandes mischte dasselbe in seine Unrechtlichkeit
und seine Zwiste, und brachte ihm jenen hinterlistigen Begriff bei, als eins der
wirksamsten Mittel, dasselbe über seinen wahren Vorteil zu täuschen, und es in
der Täuschung zu erhalten. Dieser Zweck ist nun hinlänglich erreicht, und der
beabsichtigte Erfolg liegt vollendet da vor unseren Augen. Können wir nun auch
diesen nicht aufheben warum sollen wir nicht wenigstens die Quelle desselben in
unserem eigenen Verstande, der fast noch das Einzige ist, das unserer
Botmässigkeit überlassen geblieben, austilgen? Warum soll das alte Traumbild
noch immer uns vor die Augen gestellt werden, nachdem das Uebel uns aus dem
Schlafe geweckt hat? Warum sollen wir nicht wenigstens jetzt die Wahrheit sehen,
und das einzige Mittel, das uns hätte retten können, erblicken - ob vielleicht
unsere Nachkommen tun möchten, was wir einsehen; so wie wir jetzt leiden, weil
unsere Väter träumten. Lasset uns begreifen, dass der Gedanke eines künstlich zu
erhaltenden Gleichgewichtes zwar für das Ausland ein tröstender Traum sein
konnte bei der Schuld und dem Uebel, welche dasselbe drückten; dass er aber, als
ein durchaus ausländisches Erzeugniss, niemals in dem Gemüte eines Deutschen
hätte Wurzel fassen, und die Deutschen niemals in die Lage hätten kommen sollen,
dass er bei ihnen Wurzel fassen gekonnt hätte, dass wir wenigstes jetzt in
seiner Nichtigkeit ihn durchdringen, und dass wir einsehen müssen, dass nicht
bei ihm sondern allein bei der Einigkeit der Deutschen unter sich selber das
allgemeine Heil zu finden sei.
    Ebenso fremd ist dem Deutschen die in unseren Tagen so häufig gepredigte
Freiheit der Meere; ob nun wirklich diese Freiheit, oder ob bloss das Vermögen,
dass man selbst alle anderen von derselben ausschliessen könne, beabsichtiget
werde. Jahrhunderte hindurch, während des Wetteifers aller anderen Nationen, hat
der Deutsche wenig Begierde gezeigt, an derselben in einem ausgedehnten Masse
Teil zu nehmen, und er wird es nie. Auch bedarf er derselben nicht. Sein
reichlich ausgestattetes Land und sein Fleiss gewährt ihm alles, dessen der
gebildete Mensch zum Leben bedarf; an Kunstfertigkeit dasselbe für den Zweck zu
verarbeiten, gebricht es ihm auch nicht: und um den einigen wahrhaften Gewinn,
den der Weltandel mit sich führt, die Erweiterung der wissenschaftlichen
Kenntnis der Erde und ihrer Bewohner, an sich zu bringen, wird es sein eigener
wissenschaftlicher Geist ihm nicht an einem Tauschmittel fehlen lassen. - O
möchte doch nur den Deutschen sein günstiges Geschick ebenso vor dem mittelbaren
Anteile an der Beule der anderen Welten bewahrt haben, wie es ihn vor dem
unmittelbaren bewahrte! Möchte Leichtgläubigkeit und die Sucht, auch fein und
vornehm zu leben, wie die anderen Völker, uns nicht die entbehrlichen Waaren,
die in fremden Wellen erzeugt werden, zum Bedürfnisse gemacht haben; möchten wir
in Absicht der weniger entbehrlichen lieber unserem freien Mitbürger erträgliche
Bedingungen haben machen, als von dem Schweisse und Blute eines armen Sklaven
jenseits der Meere Gewinn ziehen wollen: so hätten wir wenigstens nicht selbst
den Vorwand geliefert zu unserem dermaligen Schicksale, und würden nicht
bekriegt als Abkäufer, und zu Grunde gerichtet als ein Marktplatz Fast vor einem
Jahrzehend, ehe irgend jemand voraussehen konnte, was seitdem sich ereignet, ist
den Deutschen geraten worden, vom Weltandel sich unabhängig zu machen und als
Handelsstaat sich zu schliessen. Dieser Vorschlug verstiess gegen unsere
Gewöhnungen, besonders aber gegen unsere abgöttische Verehrung der ausgeprägten
Metalle, und wurde leidenschaftlich angefeindet und bei Seite geschoben. Seitdem
lernen wir, durch fremde Gewalt genötigt und mit Unehre, das und noch weit mehr
entbehren, was wir damals mit Freiheit und zu unserer höchsten Ehre nicht
entbehren zu können versicherten. Möchten wir diese Gelegenheit, da der Genuss
wenigstens uns nicht besticht, ergreifen, um auf immer unsere Begriffe zu
berichtigen! Möchten wir endlich einsehen, dass alle jene schwindelnden
Lehrgebäude über Weltandel und Fabrication für die Welt zwar für den Ausländer
passen, und gerade unter die Waffen desselben gehören, womit er von jeher uns
bekriegt hat, dass sie aber bei den Deutschen keine Anwendung haben, und dass,
nächst der Einigkeit dieser unter sich selber, ihre innere Selbstständigkeit und
Handelsunabhängigkeit das zweite Mittel ist ihres Heils, und durch sie des Heils
von Europa.
    Wage man es endlich auch noch das Traumbild einer Universalmonarchie, das an
die Stelle des seit einiger Zeit immer unglaublicher werdenden Gleichgewichtes
der öffentlichen Verehrung dargeboten zu werden anfängt, in seiner
Hassenswürdigkeit und Vernunftlosigkeit zu erblicken! Die geistige Natur
vermochte das Wesen der Menschheit nun in höchst mannigfaltigen Abstufungen an
Einzelnen, und an der Einzelnheit im Grossen und Ganzen, an Völkern,
darzustellen. Nur wie jedes dieser letzten, sich selbst überlassen, seiner
Eigenheit gemäss, und in jedem derselben jeder Einzelne jedem gemeinsamen, so
wie seiner besonderen Eigenheit gemäss, sich entwickelt und gestaltet, tritt die
Erscheinung der Gotteit in ihrem eigentlichen Spiegel heraus, so wie sie soll;
und nur der, der entweder ohne alle Ahnung für Gesetzmässigkeit und göttliche
Ordnung, oder ein verstockter Feind derselben wäre, könnte einen Eingriff in
jenes höchste Gesetz der Geisterwelt wagen wollen. Nur in den unsichtbaren und
den eigenen Augen verborgenen Eigentümlichkeiten der Nationen, als demjenigen,
wodurch sie mit der Quelle ursprünglichen Lebens zusammenhängen, liegt die
Bürgschaft ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Würde, Tugend, Verdienstes;
werden diese durch Vermischung und Verreibung abgestumpft, so entsteht
Abtrennung von der geistigen Natur aus dieser Flachheit, aus dieser die
Verschmelzung aller zu dem gleichmässigen und aneinanderhängenden Verderben.
Sollen wir es den Schriftstellern, die über alle unsere Uebel uns mit der
Aussicht trösten, dass wir dafür auch Untertanen der beginnenden neuen
Universalmonarchie sein werden, glauben, dass irgend jemand eine solche
Zerreibung aller Keime des Menschlichen in der Menschheit beschlossen habe, um
den zerfliessenden Teig in irgend eine Form zu drücken; und dass eine so
ungeheuere Rohheit oder Feindseligkeit gegen das menschliche Geschlecht in
unserem Zeitalter möglich sei? Oder wenn wir uns auch entschliessen wollten,
dieses durchaus Unglaubliche fürs erste zu glauben: durch welches Werkzeug soll
denn ferner ein solcher Plan ausgeführt werden; welche Art von Volk soll es denn
sein, die bei dem gegenwärtigen Bildungszustande von Europa für irgend einen
neuen Universalmonarchen die Welt erobere? Schon seit einer Reihe von
Jahrhunderten haben die Völker Europens aufgehört, Wilde zu sein und einer
zerstörenden Tätigkeit um ihrer selbst willen sich zu freuen. Alle suchen
hinter dem Kriege einen endlichen Frieden; hinter der Anstrengung die Ruhe
hinter der Verwirrung die Ordnung; und alle wollen ihre Laufbahn mit dem Frieden
eines häuslichen und stillen Lebens gekrönt sehen. Auf eine Zeitlang mag selbst
ein nur vorgebildeter Nationalvorteil sie zum Kriege begeistern; wenn die
Aufforderung immer auf dieselbe Weise zurückkehrt, verschwindet das Traumbild
und die Fieberkraft, die dasselbe gegeben hat; die Sehnsucht nach ruhiger
Ordnung kehrt zurück, und die Frage: für welchen Zweck tue und trage ich denn
nun dies alles? erhebt sich. Diese Gefühle alle müsste zuvörderst ein
Welteroberer unserer Zeit austilgen, und in dieses Zeitalter, das durch seine
Natur ein Volk von Wilden nicht gibt, mit besonnener Kunst eins hineinbilden.
Aber noch mehr. Dem von Jugend auf an einen gebildeten Anbau der Länder, an
Wohlstand und Ordnung gewöhnten Auge tut, wenn man den Menschen nur ein wenig
zur Ruhe kommen lässt, der Anblick derselben allentalben, wo er ihn antrifft,
wohl, indem er ihm den Hintergrund seiner eigenen, doch niemals ganz
auszurottenden Sehnsucht darstellt, und es schmerzt ihn selbst, denselben
zerstören zu müssen. Auch gegen dieses, dem gesellschaftlichen Menschen tief
eingeprägte Wohlwollen, und gegen die Weltmut über die Uebel, die der Krieger
über die eroberten Länder bringt, muss ein Gegengewicht gefunden werden. Es
gibt kein anderes, denn die Raubsucht. Wird es zum herrschenden Antriebe des
Kriegers, sich einen Schatz zu machen, und wird er gewöhnt, bei Verheerung
blühender Länder an nichts Anderes mehr zu denken, denn daran, was er für seine
Person bei dem allgemeinen Elende gewinnen könne, so ist zu erwarten, dass die
Gefühle des Mitleids und des Erbarmens in ihm verstummen. Ausser jener
barbarischen Rohheit müsste demnach ein Welteroberer unserer Zeit die Seinigen
auch noch zur kühlen und besonnenen Raubsucht bilden; er müsste Erpressungen
nicht bestrafen, sondern vielmehr aufmuntern. Auch müsste die Schande, die
natürlich auf der Sache ruht, erst wegfallen, und Rauben müsste für ein
ehrenvolles Zeichen eines feinen Verstandes gelten, zu den Grosstaten gezählt
werden, und den Weg zu allen Ehren und Würden bahnen. Wo ist eine Nation im
neueren Europa also ehrlos, dass man sie auf diese Weise abrichten könnte? Oder
setzet, dass ihm selbst diese Umbildung gelänge, so wird nun gerade durch sein
Mittel die Erreichung seines Zweckes vereitelt werden. Ein solches Volk erblickt
von nun an in eroberten Menschen, Ländern und Kunsterzeugungen nichts mehr, denn
ein Mittel, in höchster Eile Geld zu machen, um weiterzugehen und abermals Geld
zu machen; es erpresst schnell, und wirft das Ausgesogene weg auf jedes mögliche
Schicksal; es haut ab den Baum, zu dessen Früchten es gelangen will: wer mit
solchen Werkzeugen handelt, dem werden alle Künste der Verführung, der
Ueberredung und des Truges vereitelt; nur aus der Entfernung können sie
täuschen, wie man sie in der Nähe erblickt, fällt die tierische Rohheit und die
schamlose und freche Raubsucht selbst dem Blödsinnigsten in die Augen, und der
Abscheu des ganzen menschlichen Geschlechtes erklärt sich laut. Mit solchen kann
man die Erde zwar ausplündern und wüste machen, und sie zu einem dumpfen Chaos
zerreiben, nimmermehr aber sie zu einer Universalmonarchie ordnen.
    Die genannten Gedanken, und alle Gedanken dieser Art, sind Erzeugnisse eines
bloss mit sich selber spielenden und in seinem Gespinnste zuweilen auch
hängenbleibenden Denkens, unwert deutscher Gründlichkeit und Ernstes. Höchstens
sind einige dieser Bilder, wie z.B. das eines politischen Gleichgewichtes,
taugliche Hülfslinien, um in einem ausgedehnten und verworrenen Mannigfaltigen
der Erscheinung sich zurechtzufinden und es zu ordnen; aber an das natürliche
Vorhandensein dieser Dinge zu glauben, oder ihre Verwirklichung anzustreben, ist
ebenso, als ob jemand die Pole, die Mittagslinie, die Wendekreise, durch die
seine Betrachtung auf der Erde sich zurechtfindet, an der wirklichen Erdkugel
ausgedrückt und bezeichnet aufsuchte. Möchte es Sitte werden in unserer Nation,
nicht bloss zum Scherze und gleichsam versuchend, was dabei herauskommen werde,
zu denken, sondern also; als ob wahr sein solle und wirklich gelten im Leben,
was wir denken: so wird es überflüssig werden, vor solchen Truggestalten einer
ursprünglich ausländischen und die Deutschen bloss berückenden Staatsklugheit zu
warnen.
    Diese Gründlichkeit, Ernst und Gewicht unserer Denkweise wird, wenn wir sie
einmal besitzen, auch hervorbrechen in unserem Leben. Besiegt sind wir; ob wir
nun zugleich auch verachtet und mit Recht verachtet sein wollen, ob wir zu allem
anderen Verluste auch noch die Ehre verlieren wollen: das wird noch immer von
uns abhängen. Der Kampf mit den Waffen ist beschlossen; es erhebt sich, so wir
es wollen, der neue Kampf der Grundsätze, der Sitten, des Charakters.
    Geben wir unseren Gästen ein Bild treuer Anhänglichkeit an Vaterland und
Freunde, unbestechlicher Rechtschaffenheit und Pflichtliebe, aller bürgerlichen
und häuslichen Tugenden als freundliches Gastgeschenk mit in ihre Heimat, zu
der sie doch wohl endlich einmal zurückkehren werden. Hüten wir uns, sie zur
Verachtung gegen uns einzuladen; durch nichts aber würden wir es sicherer, als
wenn wir sie entweder übermässig fürchteten, oder unsere Weise dazusein
aufzugeben, und in der ihrigen ihnen ähnlich zu werden strebten. Fern zwar sei
von uns die Ungebühr, dass der Einzelne die Einzelnen herausfordere und reize;
übrigens aber wird es die sicherste Maassregel sein, allentalben unseren Weg
also fortzugehen als ob wir mit uns selber allein wären, und durchaus kein
Verhältnis anzuknüpfen, das uns die Notwendigkeit nicht schlechtin auflegt;
und das sicherste Mittel hierzu wird sein dass jeder sich mit dem begnüge, was
die alten vaterländischen Verhältnisse ihm zu leisten vermögen, die
gemeinschaftliche Last nach seinen Kräften mit trage jede Begünstigung aber
durch das Ausland für eine entehrende Schmach halte. Leider ist es beinahe
allgemeine europäische, und so auch deutsche Sitte geworden, dass man im Falle
der Wahl lieber sich wegwerfen, denn als das erscheinen wolle, was man
imponirend nennt, und es dürfte vielleicht das ganze Lehrgebäude der
angenommenen guten Lebensart auf die Einheit jenes Grundsatzes sich zurückführen
lassen. Möchten wir Deutsche bei der gegenwärtigen Veranlassung lieber gegen
diese Lebensart, denn gegen etwas Höheres verstossen! Möchten wir, obwohl dies
ein solcher Verstoss sein durfte, bleiben, so wie wir sind, ja, wenn wir es
vermöchten, noch stärker und entschiedener werden, also wie wir sein sollen!
Möchten will der Ausstellungen, die man uns zu machen pflegt, dass es uns gar
sehr an Schnelligkeit und leichter Fertigkeit gebreche, und dass wir über allem
zu ernst, zu schwer und zu gewichtig werden, uns so wenig schämen, dass wir uns
vielmehr bestrebten, sie immer mit grösserem Rechte und in weiterer Ausdehnung
zu verdienen! Es befestige uns in diesem Entschlusse die leicht zu erlangende
Ueberzeugung, dass wir mit aller unserer Mühe dennoch niemals jenen recht sein
werden, wenn wir nicht ganz aufhören wir selber zu sein, was dem überhaupt gar
nicht mehr Dasein gleich gilt. Es gibt nämlich Volker, welche, indem sie selbst
ihre Eigentümlichkeit beibehalten, und dieselbe geehrt wissen wollen, auch den
anderen Völkern die ihrigen zugestehen, und sie ihnen gönnen und verstatten; zu
diesen gehören ohne Zweifel die Deutschen, und es ist dieser Zug in ihrem ganzen
vergangenen und gegenwärtigen Weltleben so tief begründen, dass sie sehr oft, um
gerecht zu sein, sowohl gegen das gleichzeitige Ausland, als gegen das
Altertum, ungerecht gewesen sind gegen sich selbst. Wiederum gibt es andere
Völker, denen ihr eng in sich selbst verwachsenes Selbst niemals die Freiheit
gestaltet, sich zu kälter und ruhiger Betrachtung des fremden allzusondern, und
die daher zu glauben genötigt sind, es gebe nur eine einzige mögliche Weise als
gebildeter Mensch zu bestehen, und dies sei jedesmal die, welche in diesem
Zeitpuncte gerade ihnen irgend ein Zufall angeworfen; alle übrigen Menschen in
der Welt hätten keine andere Bestimmung, denn also zu werden, wie sie sind, und
sie hätten ihnen den grössten Dank abzustatten, wenn sie die Mühe über sich
nehmen wollten, sie also zu bilden. Zwischen Völker der ersten Art findet eine
der Ausbildung zum Menschen überhaupt höchst wohltätige Wechselwirkung der
gegenseitigen Bildung und Erziehung statt, und eine Durchdringung, bei welcher
dennoch jeder, mit dem guten Willen des anderen sich selbst gleich bleibt.
Völker von der zweiten Art vermögen nichts zu bilden, denn sie vermögen nichts
in seinem vorhandenen Sein anzufassen; sie wollen nur alles Bestehende
vernichten, und ausser sich allentalbe eine leere Stätte hervorbringen, in der
sie nur immer die eigene Gestalt wiederholen können; selbst ihr anfängliches
scheinbares Hineingehen in fremde Städte ist nur die gutmütige Herablassung des
Erziehers zum jetzt noch schwachen, aber gute Hoffnung gebenden Lehrlinge;
selbst die Gestalten der vollendeten Vorwelt gefallen ihnen nicht, bis sie
dieselben in ihr Gewand gehüllt haben, und sie würden, wenn sie könnten,
dieselben aus den Gräbern aufwecken, um sie nach ihrer Weise zu erziehen. Fern
zwar bleibe von mir die Vermessenheit, irgend eine vorhandene Nation im Ganzen
und ohne Ausnahme jener Beschränkteit zu beschuldigen. Lasst uns vielmehr
annehmen, dass auch hier, diejenigen, die sich nicht äussern, die besseren sind.
Soll man aber die, die unter uns erschienen sind und sich geäussert haben, nach
diesen ihren Äusserungen beurteilen, so scheint zu folgen, dass sie in die
geschilderte Klasse zu setzen sind. Eine solche Äusserung scheint eines Beleges
zu bedürfen, und ich führe, von den übrigen Ausflüssen dieses Geistes, die vor
den Augen von Europa liegen, schweigend, nur den einigt Umstand an, den
folgenden: - wir haben miteinander Krieg geführt; wir unseres Teils sind die
Ueberwundenen jene die Sieger; dies ist wahr und wird zugestanden. Damit nun
könnten jene ohne Zweifel sich begnügen. Ob nun etwa jemand unter uns fortführe,
dafürzuhalten, wir hätten dennoch die gerechte Sache für uns gehabt und den Sieg
verdient, und es sei zu beklagen, dass er nicht uns zu Teile geworden: wäre
denn dies so übel und könnten es uns denn jene, die ja von ihrer Seite
gleichfalls denken mögen, was sie wollen, so sehr verargen? Aber nein, jenes zu
denken, sollen wir uns nicht unterstehen. Wir sollen zugleich erkennen, welch
ein Unrecht es sei, jemals anders zu wollen, denn sie, und ihnen zu widerstehen;
wir sollen unsere Niederlagen als das heilsamste Ereignis für uns selbst, und
sie als unsere grössten Wohltäter segnen. Anders kann es ja nicht sein, und man
hat diese Hoffnung zu unserem guten Verstande! - Doch was spreche ich länger
aus, was beinahe vor zweitausend Jahren mit vieler Genauigkeit z.B. in den
Geschichtsbüchern des Tacitus ausgesprochen worden ist? Jene Ansicht der Römer
von dem Verhältnisse der bekriegten Barbaren gegen sie, welche Ansicht bei
diesen denn doch auf einen einige Entschuldigung verdienenden Schein sich
gründete, dass es verbrecherische Rebellion und Auflehnung gegen göttliche und
menschliche Gesetze sei, ihnen Widerstand zu leisten, und dass ihre Waffen den
Völkern nichts Anderes zu bringen vermöchten, denn Segen, und ihre Kellen nichts
Anderes, denn Ehre - diese Ansicht ist es, die man in diesen Tagen von uns
gewonnen, und mit sehr vieler Gutmütigkeit uns selbst angemutet und bei uns
vorausgesetzt hat. Ich gebe dergleichen Äusserungen nicht für übermütigen Hohn
aus; ich kann begreifen, wie man bei grossem Eigendünkel und Beschränkteit im
Ernste also glauben und dem Gegenteile ehrlich denselben Glauben zutrauen
könne, wie ich denn z.B. dafürhalte, dass die Römer wirklich so glaubten; aber
ich gebe nur zu bedenken, ob diejenigen unter uns, denen es unmöglich fällt,
jemals zu jenem Glauben sich zu bekehren, auf irgend eine Ausgleichung rechnen
können.
    Tief verächtlich machen wir uns dem Auslande, wenn wir vor den Ohren
desselben uns, einer den anderen, deutsche Stämme, Stände, Personen, über unser
gemeinschaftliches Schicksal anklagen, und einander gegenseitige bittere und
leidenschaftliche Vorwürfe machen. Zuvörderst sind alle Anklagen dieser Art
grösstenteils unbillig, ungerecht, ungegründet. Welche Ursachen es sind, die
Deutschlands letztes Schicksal herbeigeführt haben, haben wir oben angegeben;
diese sind seit Jahrhunderten bei allen deutschen Stämmen ohne Ausnahme auf die
gleiche Weise einheimisch gewesen; die letzten Ereignisse sind nicht die Folgen
irgend eines besonderen Fehltrittes eines einzelnen Stammes oder seiner
Regierung, sie haben sich lange genug vorbereitet, und hätten, wenn es bloss auf
die in uns selbst liegenden Gründe angekommen wäre, schon vor langem uns
ebensowohl treffen können. Hierin ist die Schuld oder Unschuld aller wohl gleich
gross, und die Berechnung ist nicht wohl mehr möglich. Bei der Herbeieilung des
endlichen Erfolges hat sich gefunden, dass die einzelnen deutschen Staaten nicht
einmal sieh selbst, ihre Kräfte und ihre wahre Lage kannten: wie könnte denn
irgend einer sich anmassen, aus sich selbst herauszutreten und über fremde
Schuld ein auf gründliche Kenntnis sich stützendes Endurteil zu fällen?
    Mag es sein, dass über alle Stämme des deutschen Vaterlandes hinweg einen
gewissen Stand ein gegründeterer Vorwurf trifft, nicht, weil er eben auch nicht
mehr eingesehen oder vermocht, als die anderen alle, was eine gemeinschaftliche
Schuld ist, sondern weil er sich das Ansehen gegeben, als ob er mehr einsähe und
vermöchte, und alle übrigen von der Verwaltung der Staaten verdrängt. Wäre nun
auch ein solcher Vorwurf gegründet: wer soll ihn aussprechen, und wozu ist es
nötig, dass er gerade jetzt lauter und bitterer, denn je, ausgesprochen und
verhandelt werde? Wir sehen, dass Schriftsteller es tun. Haben diese nun
ehemals, als bei jenem Stande noch alle Macht und alles Ansehen, mit der
stillschweigenden Einwilligung der entschiedenen Mehrheit des übrigen
Menschengeschlechtes, sich befand, eben also geredet, wie sie jetzt reden: wer
kann es ihnen verdenken, dass sie an ihre durch die Erfahrung sehr bestätigte
ehemalige Rede erinnern? Wir hören auch, dass sie einzelne genannte Personen,
die ehemals an der Spitze der Geschäfte standen, vor das Volksgericht führen,
ihre Untauglichkeit, ihre Trägheit, ihren bösen Willen darlegen und klar
dartun, dass aus solchen Ursachen notwendig solche Wirkungen hervorgehen
mussten. Haben sie schon ehemals, als bei den Angeklagten noch die Gewalt war,
und die aus ihrer Verwaltung notwendig erfolgen müssenden Uebel noch abzuwenden
waren, eben dasselbe eingesehen, was sie jetzt einsehen, und es ebenso laut
ausgesprochen; haben sie schon damals ihre Schuldigen mit derselben Kraft
angeklagt, und kein Mittel unversucht gelassen, das Vaterland aus ihren Händen
zu erretten, und sind sie bloss nicht gehört worden: so tun sie sehr recht, an
ihre damals verschmähte Warnung zu erinnern. Haben sie aber etwa ihre dermalige
Weisheit nur aus dem Erfolge gezogen, aus welchem seitdem alles Volk mit ihnen
ebendieselbe gezogen hat: warum sagen jetzt eben sie, was alle anderen nun
ebensowohl wissen? Oder haben sie vielleicht gar damals aus Gewinnsucht
geschmeichelt, oder aus Furcht geschwiegen vor dem Stande und den Personen, über
die jetzt, nachdem sie die Gewalt verloren haben, ungemässigt ihre Strafrede
hereinbricht: o so vergessen sie künftig nicht unter den Quellen unserer Uebel,
neben dem Adel und den untauglichen Ministern und Feldherren, auch noch die
politischen Schriftsteller anzuführen, die erst nach gegebenem Erfolge wissen,
was da hätte geschehen sollen, sowie der Pöbel auch, und die den Gewaltabern
schmeicheln die Gefallenen aber schadenfroh verhöhnen!
    Oder rügen sie etwa die Irrtümer der Vergangenheit, die freilich durch alle
ihre Rüge nicht vernichtet werden kann, nur darum, damit man sie in der Zukunft
nicht wieder begehe; und ist es bloss ihr Eifer, eine gründliche Verbesserung
der menschlichen Verhältnisse zu bewirken, der sie über die Rücksichten der
Klugheit und des Anstandes so kühn hinwegsetzt? Gern möchten wir ihnen diesen
guten Willen zutrauen, wenn nur die Gründlichkeit der Einsicht und des
Verstandes sie berechtigte, in diesem Fache guten Willen zu haben. Nicht sowohl
die einzelnen Personen, die von ohngefähr auf den höchsten Plätzen sich befunden
haben, sondern die Verbindung und Verwickelung des Ganzen: der ganze Geist der
Zeit, die Irrtümer, die Unwissenheit, Seichtigkeit, Verzagteit, und der von
diesen unabtrennliche unsichere, Schritt, die gesammten Sitten der Zeit sind es,
die unsere Uebel herbeigeführt haben; und so sind es denn weit weniger die
Personen, welche gehandelt haben, denn die Plätze, und jederman, und die
heftigen Tadler selbst, können mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sie,
an demselben Platze sich befindend, durch die Umgebungen ohngefähr zu demselben
Ziele würden hingedrängt worden sein. Träume man weniger von überlegter Bosheit
und Verrat! Unverstand und Trägheit reichen fast allentalben aus, um die
Begebenheiten zu erklären; und dies ist eine Schuld, von der keiner ohne tiefe
Selbstprüfung sich ganz lossprechen sollte; da zumal, wo in der ganzen Masse
sich ein sehr hohes Maass von Kraft der Trägheit befindet, dem Einzelnen, der da
durchdringen sollte, ein sehr hoher Grad von Kraft der Tätigkeit beiwohnen
müsste. Werden daher auch die Fehler der Einzelnen noch so scharf ausgezeichnet,
so ist dadurch der Grund des Uebels noch keinesweges entdeckt, noch wird er
dadurch, dass diese Fehler in der Zukunft vermieden werden, gehoben. Bleiben die
Menschen fehlerhaft, so können sie nicht anders, denn Fehler machen; und wenn
sie auch die ihrer Vorgänger fliehen, so werden in dem unendlichen Raume der
Fehlerhaftigkeit gar leicht sich neue finden. Nur eine gänzliche Umschaffung,
nur das Beginnen eines ganz neuen Geistes kann uns helfen. Werden sie auf
desselben Entwickelung mit hinarbeiten, dann wollen wir ihnen neben dem Ruhme
des guten Willens auch noch den des rechten und heilbringenden Verstandes gern
zugestehen.
    Diese gegenseitigen Vorwürfe sind, sowie sie ungerecht sind und unnütz,
zugleich äusserst unklug, und müssen uns tief herabsetzen in den Augen des
Auslandes, dem wir zum Ueberflusse die Kunde derselben auf alle Weise
erleichtern und aufdringen. Wenn wir nicht müde werden, ihnen vorzuerzählen, wie
verworren und abgeschmackt alle Dinge bei uns gewesen seien, und in welchem
hohen Grade wir elend regiert worden: müssen sie nicht glauben, dass, wie auch
irgend sie sich gegen uns betragen möchten, sie doch noch immer viel zu gut für
uns seien, und niemals uns zu schlecht werden könnten? Müssen sie nicht glauben,
dass wir, bei unserer grossen Ungeschickteit und Unbeholfenheit, mit dem
demütigsten Danke jedwedes Ding aufzunehmen haben, das sie aus dem reichen
Schatze ihrer Regierungs-, Verwaltungs- und Gesetzgebungskunst uns schon
dargereicht haben, oder noch für die Zukunft uns zudenken? Bedarf es von unserer
Seite dieser Unterstützung ihrer ohnedies nicht unvorteilhaften Meinung von
sich selbst, und der geringfügigen von uns? Werden nicht dadurch gewisse
Äusserungen, die man ausserdem für bitteren Hohn halten müsste, als, dass sie
erst deutschen Ländern, die vorher kein Vaterland gehabt hätten, eins brächten,
oder, dass sie eine sklavische Abhängigkeit der Personen als solcher von anderen
Personen, die bei uns gesetzlich gewesen wäre, abschaften, zur Wiederholung
unserer eigenen Aussprüche und zum Nachhalle unserer eigenen Schmeichelworte? Es
ist eine Schmach, die wir Deutsche mit keinem der anderen europäischen Völker,
die in den übrigen Schicksalen uns gleich geworden sind, teilen, dass wir,
sobald nur fremde Waffen unter uns geboten, gleich als ob wir schon lange auf
diesen Augenblick gewartet hätten, und uns schnell, ehe die Zeit vorüberginge,
ehe Güte tun wollten, in Schmähungen uns ergossen über unsere Regierungen,
unsere Gewaltaber, denen wir vorher auf eine geschmacklose Weise geschmeichelt
hatten, und über alles Vaterländische.
    Wie wenden wir Anderen, die wir unschuldig sind, die Schmach ab von unserem
Haupte und lassen die Schuldigen allein stehen? Es gibt ein Mittel. Es werden
von dem Augenblicke an keine Schmähschriften mehr gedruckt werden, sobald man
sicher ist, dass keine mehr gekauft werden, und sobald die Verfasse, und
Verleger derselben nicht mehr auf Leser rechnen können, die durch Müssiggang,
leere Neugier und Schwatzsucht, oder durch die Schadenfreude, gedemütigt zu
sehen, was ihnen einst das schmerzhafte Gefühl der Achtung entflösste, angelockt
werden. Geben jeder, der die Schmach fühlt, eine ihm zum Lesen dargebotene
Schmähschrift mit der gebührenden Verachtung zurück; tue er es, obwohl er
glaubt, er sei der einzige, der also handelt, bis es Sitte unter uns wird, dass
jeder Ehrenmann also tut; und wir werden, ohne gewaltsame Bücherverbote, gar
bald dieses schmachvollen Teiles unserer Literatur erledigt werden.
    Am allertiefsten endlich erniedriget es uns vor dem Auslande, wenn wir uns
darauf legen, demselben zu schmeicheln. Ein Teil von uns hat schon früher sich
sattsam verächtlich, lächerrlich und ekelhaft gemacht, indem sie den
vaterländischen Gewaltabern bei jeder Gelegenheit groben Weihrauch darbrachten,
und weder Vernunft, noch Anstand, gute Sitte und Geschmack verschonten, wo sie
glaubten, eine Schmeichelrede anbringen zu können. Diese Sitte ist binnen der
Zeit abgekommen, und diese Lobeserhebungen haben sich zum Teil in Scheltworte
verwandelt. Wir gaben indessen unseren Weihrauchwolken, gleichsam damit wir
nicht aus der Uebung kämen, eine andere Richtung, nach der Seile hin, wo jetzt
die Gewalt ist. Schon das Erste, sowohl die Schmeichelei selbst, als dass sie
nicht verbeten wurde, musste jeden ernstaft denkenden Deutschen schmerzen; doch
blieb die Sache unter uns. Wollen wir jetzt auch das Ausland zum Zeugen machen
dieser unserer niedrigen Sucht, sowie zugleich der grossen Ungeschicklichkeit,
mit welcher wir uns derselben entledigen, und so der Verachtung unserer
Niedrigkeit auch noch den lächerlichen Anblick unserer Ungelenkigkeit
hinzufügen? Es fehlt uns nämlich in dieser Verrichtung an aller dem Ausländer
eigenen Feinheit; um doch ja nicht überhört zu werden, werden wir plump und
übertreibend und heben mit Vergötterungen und Versetzungen unter die Gestirne
gleich an. Dazu kommt, dass es bei uns das Ansehen hat, als ob es vorzüglich das
Schrecken und die Furcht sei, die unsere Lobeserhebungen uns auspressen; aber es
ist kein Gegenstand lächerlicher, denn ein Furchtsamer, der die Schönheit und
Anmut desjenigen lobpreist, was er in der Tat für ein Ungeheuer hält, das er
durch diese Schmeichelei nur bestechen will, ihn nicht zu verschlingen.
    Oder sind vielleicht diese Lobpreisungen nicht Schmeichelei, sondern der
wahrhafte Ausdruck der Verehrung und Bewunderung, die sie dem grossen Genie, das
nach ihnen die Angelegenheiten der Menschen leitet, zu zollen genötigt sind?
Wie wenig kennen sie auch hier das Gepräge der wahren Grösse! Darin ist dieselbe
in allen Zeitaltern und unter allen Völkern sich gleich gewesen, dass sie nicht
eitel war, sowie umgekehrt von jeher sicherlich klein war und niedrig, was
Eitelkeit zeigte. Der wahrhaften, auf sich selber ruhenden Grösse gefallen nicht
Bildsäulen von der Mitwelt errichtet, oder der Beiname des Grossen, und der
schreiende Beifall und die Lobpreisungen der Menge; vielmehr weiset sie diese
Dinge mit gebührender Verachtung von sich weg, und erwartet ihr Urteil über
sich zunächst von dem eigenen Richter in ihrem Innern, und das laute von der
richtenden Nachwelt. Auch hat mit derselben immer der Zug sich beisammen
gefunden, dass sie das dunkele und rätselhafte Verhängnis ehrt und scheuet,
des stets rollenden Rades des Geschickes eingedenk bleibt, und sich nicht gross
oder selig preisen lasst vor ihrem Ende. Also sind jene Lobredner im
Widerspruche mit sich selbst, und machen durch die Tat ihrer Worte den Inhalt
derselben zur Lüge. Hielten sie den Gegenstand ihrer vorgegebenen Verehrung
wirklich für gross, so würden sie sich bescheiden, dass er über ihren Beifall
und ihr Lob erhaben sei, und ihn durch ehrfurchtsvolles Stillschweigen ehren.
Indem sie sich ein Geschäft daraus machen, ihn zu loben, so zeigen sie dadurch,
dass sie ihn in der Tat für klein und niedrig hallen, und für so eitel, dass
ihre Lobpreisungen ihm gefallen könnten, und dass sie dadurch irgend ein Uebel
von sich zu wenden, oder irgend ein Gut sich zu verschaffen vermöchten.
    Jener begeisterte Ausruf: welch' ein erhabenes Genie, welch' eine tiefe
Weisheit, welch' ein umfassender Plan! - was sagt er denn nun zuletzt aus, wenn
man ihn recht ins Auge fasst? Er sagt aus, dass das Genie so gross sei, dass
auch wir es vollkommen begreifen, die Weisheit so lief, dass auch wir sie
durchschauen, der Plan so umfassend, dass auch wir ihn vollständig nachzubilden
vermögen. Er sagt demnach aus, dass der Gelobte ohngefähr von demselben Maasse
der Grösse sei, wie der Lobende, jedoch nicht ganz, indem ja der letzte den
ersten vollkommen versteht und übersieht, und sonach über demselben steht, und,
falls er sich nur recht anstrengte, wohl noch etwas Grösseres leisten könnte.
Man muss eine sehr gute Meinung von sich selbst haben, wenn man glaubt, dass man
also auf eine gefällige Weise seinen Hof machen könne; und der Gelobte muss eine
sehr geringe von sich haben, wenn er solche Huldigungen mit Wohlgefallen
aufnimmt.
    Nein, biedere, ernste, gesetzte, deutsche Männer und Landsleute, fern bleibe
ein solcher Unverstand von unserm Geiste, und eine solche Besudelung von unsrer,
zum Ausdrucke des Wahren gebildeten Sprache! Ueberlassen wir es dem Auslande,
bei jeder neuen Erscheinung mit Erstaunen aufzujauchzen; in jedem Jahrzehende
sich einen neuen Massstab der Grösse zu erzeugen und neue Götter zu erschallen;
und Gotteslästerugen zu reden, um Menschen zu preisen. Unser Massstab der
Grösse bleibe der alte: dass gross sei nur dasjenige, was der Ideen, die immer
nur Heil über die Völker bringen fähig sei, und von ihnen begeistert; über die
lebenden Menschen aber lasst uns das Urteil der richtenden Nachwelt überlassen!
                              Anmerkung zu S. 459.
    Nachdem ich eine Reihe von Wochen die Handschrift dieser dreizehnten Rede,
die bei meiner Censurbehörde eingereicht war, zurückerwartet hatte, erhalte ich
endlich statt derselben das folgende Schreiben:
    »Das Manuscript der dreizehnten Rede des Herrn Professor Fichte ist, nachdem
    derselben schon das Imprimatur erteilt worden, durch irgend einen Zufall
    verlorengegangen, und hat aller Bemühungen ohnerachtet nicht wieder
    aufgefunden werden können.
    Um nun den Verleger etc. Reimer beim Abdruck nicht aufzuhalten, ersuche ich
    des Herrn Professor Fichte Wohlgeboren, diese Rede aus Ihren Heften zu
    ergänzen und mir zum Imprimatur zuzuschicken.
    Berlin, den 13. April 1808.
                                                                     v. Scheve.«
    Das, was dieses Schreiben unter Heften verstehen mag, halte ich nicht und
was etwa bei der Ausarbeitung des Textes auf Nebenblättern angelegt und
vorbereitet war, wurde bei einer in dieser Zeit vorgefallenen Veränderung der
Wohnung den Flammen übergeben. Ich war darum genötiget, darauf zu bestehen,
dass die Handschrift, die verloren sein - nicht sollte, wieder herbeigeschaft
würde. Dieses ist, wie man versichert hat, auch durch das sorgfältgste
Nachsuchen nicht möglich gewesen; es ist wenigstens nicht geschehen, und ich
habe die Lücke ausfüllen müssen, wie ich gekonnt.
    Indem ich zu meiner eigenen Rechtfertigung genötigt bin, diesen Vorfall zur
Kunde des auswärtigen Publicums zu bringen, bitte ich jedoch dasselbe, zu
glauben, dass die Erscheinungen, die man sowohl in dem Vorfalle selbst, als in
dem obenstehenden Schreiben darüber finden dürfte, allhier bei uns keinesweges
allgemeine Sitte sind, sondern dass dieser Vorfall nur eine höchst seltene, und
vielleicht nie also dagewesene Ausnahme macht, und dass sich erwarten lässt, es
werden Vorkehrungen getroffen werden, damit ein solcher Fall nicht wieder
eintreten könne.
 
                                Vierzehnte Rede
                              Beschluss des Ganzen
                                       .
    Die Reden, welche ich hierdurch beschliesse, haben freilich ihre laute
Stimme zunächst an Sie gerichtet, aber sie haben im Auge gehabt die
ganze-deutsche Nation, und sie haben in ihrer Absicht alles, was, so weil die
deutsche Zunge reicht, fähig wäre, dieselben zu verstehen, um sich herum
versammelt in den Raum, in dem Sie sichtbarlich atmen. Wärt es mir gelungen, in
irgend eine Brust, die hier unter meinem Auge geschlagen hat, einen Funken zu
werfen, der da fortglimme und das Leben ergreife, so ist es nicht meine Absicht,
dass diese allein und einsam bleiben, sondern ich möchte, über den ganzen
gemeinsamen Boden hinweg, ähnliche Gesinnungen und Entschlüsse zu ihnen sammlen
und an die ihrigen anknüpfen, so dass über den vaterländischen Boden hinweg, bis
an dessen ferneste Grenzen, aus diesem Mittelpuncte heraus eine einzige
fortfliessende und zusammenhängende Flamme vaterländischer Denkart sich
verbreite und entzünde. Nicht zum Zeitvertreibe müssiger Ohren und Augen haben
sie sich diesem Zeitalter bestimmt, sondern ich will endlich einmal wissen, und
jeder Gleichgesinnte soll es mit mir wissen, oh auch ausser uns etwas ist, das
unserer Denkart verwandt ist. Jeder Deutsche, der noch glaubt, Glied einer
Nation zu sein, der gross und edel von ihr denkt, auf sie hofft, für sie wagt,
duldet und trägt, soll endlich herausgerissen werden aus der Unsicherheit seines
Glaubens; er soll klar sehen, ob er recht habe oder nur ein Tor und Schwärmer
sei, er soll von nun an entweder mit sicherem und freudigem Bewusstsein seinen
Weg fortsetzen, oder mit rüstiger Entschlossenheit Verzicht tun auf ein
Vaterland hienieden, und sich allein mit dem himmlischen trösten. Ihnen, nicht
als diesen und diesen Personen in unserm täglichen und beschränkten Leben,
sondern als Stellvertretern der Nation, und hindurch durch Ihre Gehörswerkzeuge
der ganzen Nation, rufen diese Reden also zu:
    Es sind Jahrhunderte herabgesunken, seitdem ihr nicht also zusammenberufen
worden seid, wie heute; in solcher Anzahl; in einer so grossen, so dringenden,
so gemeinschaftlichen Angelegenheit; so durchaus als Nation und Deutsche. Auch
wird es euch niemals wiederum also geboten werden. Merket ihr jetzt nicht auf
und geht in euch, lasset ihr auch diese Reden wieder als einen leeren Kitzel
der Ohren, oder als ein wunderliches Ungetüm an euch vorübergehen, so wird kein
Mensch mehr auf euch rechnen. Endlich einmal höret, endlich einmal besinnt euch.
Geht nur dieses Mal nicht von der Stelle, ohne einen festen Entschluss gefasst
zu haben; und jedweder, der diese Stimme vernimmt, fasse diesen Entschluss bei
sich selbst und für sich selbst, gleich als ob er allein da sei, und alles
allein tun müsse. Wenn recht viele einzelne so denken, so wird bald ein grosses
Ganzes dastehen, das in eine einige engverbundene Kraft zusammenfliesse. Wenn
dagegen jedweder, sich selbst ausschliessend, auf die übrigen hofft, und den
andern die Sache überlässt; so gibt es gar keine anderen, und alle zusammen
bleiben, so wie sie vorher waren. - Fasset ihn auf der Stelle, diesen
Entschluss. Saget nicht, lass uns noch ein wenig ruhen, noch ein wenig schlafen
und träumen, bis etwa die Besserung von selber komme. Sie wird niemals von
selbst kommen. Wer, nachdem er einmal das Gestern versäumt hat, das noch
bequemer gewesen wäre zur Besinnung, selbst heute noch nicht wollen kann, der
wird es morgen noch weniger können. Jeder Verzug macht uns nur noch träger, und
wiegt uns nur noch liefer ein in die freundliche Gewöhnung an unsern elenden
Zustand. Auch können die äussern Antriebe zur Besinnung niemals stärker und
dringender werden. Wen diese Gegenwart nicht aufregt, der hat sicher alles
Gefühl verloren. - Ihr seid zusammenberufen, einen letzten und festen Entschluss
und Beschluss zu fassen; keinesweges etwa zu einem Befehle, einem Auftrage,
einer Anmutung an Andere, sondern zu einer Anmutung an euch selber. Eine
Entschliessung sollt ihr fassen, die jedweder nur durch sich selbst und in
seiner eignen Person ausführen kann. Es reicht hiebei nicht hin jenes müssige
Vorsatznehmen, jenes Wollen, irgend einmal zu wollen, jenes träge
Sichbescheiden, dass man sich darein ergeben wolle, wenn man etwa einmal von
selber besser würde; sondern es wild von euch gefordert ein solcher Entschluss,
der zugleich unmittelbar Leben sei und inwendige Tai, und der da ohne Wanken
oder Erkältung fortdaure und fortwalte, bis er am Ziele sei.
    Oder ist vielleicht in euch die Wurzel, aus der ein solcher in das Leben
eingreifender Entschluss allein hervorwachsen kann; völlig ausgerottet und
verschwunden? Ist wirklich und in der Tat euer ganzes Wesen verdünnet und
zerflossen zu einem hohlen Schatten, ohne Saft und Blut und eigene Bewegkraft;
und zu einem Traume, in welchem zwar bunte Gesichter sich erzeugen und
geschäftig einander durchkreuzen, der Leib aber todtähnlich und erstarrt
daliegen bleibt? Es ist dem Zeitalter seit langem unter die Augen gesagt, und in
jeder Einkleidung ihm wiederholt worden, dass man ohngefähr also von ihm denke.
Seine Wortführer haben geglaubt, dass man dadurch nur schmähen wolle, und haben
sich für aufgefordert gehalten, auch von ihrer Seite wiederum zurück zu
schmähen, wodurch die Sache wieder in ihre natürliche Ordnung komme. Im übrigen
hat nicht die mindeste Aenderung oder Besserung sich spüren lassen. Habt ihr es
vernommen, ist es fähig gewesen, euch zu entrüsten; nun, so strafet doch
diejenigen, die so von euch denken und retten geradezu durch eure Tat der Luge:
zeigt euch anders vor aller Welt Augen, und jene sind vor aller Welt Augen der
Unwahrheit überwiesen. Vielleicht, dass sie gerade in der Absicht, von euch also
widerlegt zu werden, und weil sie an jedem andern Mittel, euch aufzuregen,
verzweifelten, also hart von euch geredet haben. Wie viel besser hätten sie es
sodann mit euch gemeint, als diejenigen, die euch schmeichelt, damit ihr
erhalten werdet in der trägen Ruhe, und in der nichts achtenden
Gedankenlosigkeit!
    So schwach und so kraftlos ihr auch immer sein möget, man hat in dieser Zeit
euch die klare und ruhige Besinnung so leicht gemacht, als sie vorher niemals
war. Das, was eigentlich in die Verworrenheit über unsre Lage, in unsre
Gedankenlosigkeit, in unser blindes Gehenlassen, uns stürzte, war die süsse
Selbstzufriedenheit mit uns, und unsrer Weise da zu sein. Es war bisher
gegangen, und ging eben so fort; wer uns zum Nachdenken aufforderte, dem zeigten
wir, statt einer andern Widerlegung, triumphirend unser Dasein und Fortbestehen,
das sich ohne alles unser Nachdenken ergab. Es ging aber nur darum, weil wir
nicht auf die Probe gestellt wurden. Wir sind seitdem durch sie
hindurchgegangen. Seit dieser Zeit sollten doch wohl die Täuschungen, die
Blendwerke, der falsche Trost, durch die wir alle uns gegenseitig verwirrten,
zusammengestürzt sein? - Die angebornen Vorurteile, welche, ohne von hier oder
da auszugehen, wie ein natürlicher Nebel über alle sieh verbreiteten, und alle
in dieselbe Dämmerung einhüllen, sollten doch wohl nun verschwunden sein? Jene
Dämmerung hält nicht mehr unsre Augen; sie kann uns aber auch nicht ferner zur
Entschuldigung dienen. Jetzt stehen wir da, rein, leer, ausgezogen von allen
fremden Hüllen und Umhängen, bloss als das, was wir selbst sind. Jetzt muss es
sich zeigen, was dieses Selbst ist, oder nicht ist.
    Es dürfte jemand unter euch hervortreten, und mich fragen: was gibt gerade
Dir, dem einzigen unter allen deutschen Männern und Schriftstellern, den
besondern Auftrag, Beruf und das Vorrecht, uns zu versammeln und auf uns
einzudringen? hätte nicht jeder unter den tausenden der Schriftsteller
Deutschlands ebendasselbe Recht dazu, wie du; von denen keiner es tut, sondern
du allein dich hervordrängst? Ich antworte, dass allerdings jeder dasselbe Recht
gehabt hätte, wie ich, und dass ich gerade darum es tue, weil keiner unter
ihnen es vor mir getan hat; und dass ich schweigen würde, wenn ein anderer es
früher getan hätte. Dies war der erste Schritt zu dem Ziele einer
durchgreifenden Verbesserung; irgend einer musste ihn tun. Ich war der, der es
zuerst lebendig einsah; darum wurde ich der, der es zuerst tat. Es wird nach
diesem irgend ein anderer Schritt der zweite sein; diesen zu tun haben jetzt
alle dasselbe Recht; wirklich tun aber wird ihn abermals nur ein einzelner.
Einer muss immer der erste sein, und wer es sein kann, der sei es eben!
    Ohne Sorge über diesen Umstand verweilet ein wenig mit eurem Blicke bei der
Betrachtung, auf die wir schon früher euch geführt haben, in welchem
beneidenswürdigen Zustande Deutschland sein würde, und in welchem die Welt, wenn
das erstere das Glück seiner Lage zu benutzen, und seinen Vorteil zu erkennen
gewusst hätte. Heftet darauf euer Auge auf das, was beide nunmehro sind, und
lasset euch durchdringen von dem Schmerz und dem Unwillen, der jeden Edlen
hiebei erfassen muss. Kehret dann zurück zu euch selbst, und sehet, dass ihres
seid, die die Zeit von den Irrtümern der Vorwelt lossprechen, von deren Augen
sie den Nebel hinwegnehmen will, wenn ihr es zulasst; dass es euch verliehen
ist, wie keinem Geschlechte vor euch, das Geschehene ungeschehen zu machen, und
den nicht ehrenvollen Zwischenraum auszutilgen aus dem Geschichtsbuche der
Deutschen.
    Lasset vor euch vorübergehen die verschiedenen Zustände, zwischen denen ihr
eine Wahl zu treffen habt. Gehet ihr ferner so hin in eurer Dumpfheit und
Achtlosigkeit, so erwarten euch zunächst alle Uebel der Knechtschaft:
Entbehrungen, Demütigungen, der Hohn und Übermut des Ueberwinders; ihr werdet
herumgestossen worden in allen Winkeln, weil ihr allentalben nicht recht, und
im Wege seid, so lange, bis ihr, durch Aufopferung eurer Nationalität und
Sprache, euch irgend ein untergeordnetes Plätzchen erkauft, und bis auf diese
Weise allmählig euer Volk auslöscht. Wenn ihr euch dagegen ermannt zum
Aufmerken, so findet ihr zuvörderst eine erträgliche und ehrenvolle Fortdauer,
und sehet noch unter euch und um euch herum ein Geschlecht aufblühen, das euch
und den Deutschen das rühmlichste Andenken verspricht. Ihr sehet im Geiste durch
dieses Geschlecht den deutschen Namen zum glorreichsten unter allen Völkern
erheben, ihr sehet diese Nation als Wiedergebärerin und Wiederherstellerin der
Welt.
    Es hängt von euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die letzten eines nicht
achtungswürdigen und bei der Nachwelt gewiss sogar über die Gebühr verachteten
Geschlechtes, bei dessen Geschichte die Nachkommen, falls es nämlich in der
Barbarei, die da beginnen wird, zu einer Geschichte kommen kann, sich freuen
werden, wenn es mit ihnen zu Ende ist, und das Schicksal preisen werden, dass es
gerecht sei; oder ob ihr der Anfang sein wollt und der Entwicklungspunct einer
neuen, über alle eure Vorstellungen herrlichen Zeit, und diejenigen, von denen
an die Nachkommenschaft die Jahre ihres Heils zähle. Bedenket, dass ihr die
letzten seid, in deren Gewalt diese grosse Veränderung steht. Ihr habt doch noch
die Deutschen als Eins nennen hören, ihr habt ein sichtbares Zeichen ihrer
Einheit, ein Reich und einen Reichsverstand gesehen, oder davon vernommen, unter
euch haben noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hören lassen, die von dieser
höhern Vaterlandsliebe begeistert waren. Was nach euch kommt, wird sich an
andere Vorstellungen gewöhnen, es wird fremde Formen, und einen andern
Geschäfts- und Lebensgang annehmen; und wie lange wird es noch dauern, dass
keiner mehr lebe, der Deutsche gesehen, oder von ihnen gehört habe?
    Was von euch gefordert wird, ist nicht viel. Ihr sollt es nur über euch
erhalten, euch auf kurze Zeit zusammenzunehmen und zu denken über das, was euch
unmittelbar und offenbar vor den Augen liegt. Darüber nur sollt ihr euch eine
feste Meinung bilden, derselben treu bleiben und sie in eurer nächsten Umgebung
auch äussern und aussprechen. Es ist die Voraussetzung, es ist unsere sichere
Ueberzeugung, dass der Erfolg dieses Denkens bei euch allen auf die gleiche
Weise ausfallen werde, und dass, wenn ihr nur wirklich denket, und nicht hingeht
in der bisherigen Achtlosigkeit, Ihr übereinstimmend denken werdet; dass, wenn
ihr nur überhaupt Geist euch anschaffet, und nicht in dem blossen Pflanzenleben
verharren bleibt, die Einmütigkeit und Eintracht des Geistes von selbst kommen
werde. Ist es aber einmal dazu gekommen, so wird alles übrige, was uns nötig
ist, sich von selbst ergeben.
    Dieses Denken aber wird denn auch in der Tat gefordert von jedem unter
euch, der da noch denken kann, über etwas, offen vor seinen Augen liegendes, in
seiner eignen Person. Ihr habt Zeit dazu; der Augenblick will euch nicht
übertäuben und überraschen; die Acten der mit euch gepflogenen Unterhandlungen
bleiben unter euren Augen liegen. Legt sie nicht aus den Händen, bis ihr einig
geworden seid mit euch selbst. Lasset, o lasset euch ja nicht lässig machen
durch das Verlassen auf andere, oder auf irgend etwas, das ausserhalb eurer
selbst liegt; noch durch die unverständige Weisheit der Zeit, dass die Zeitalter
sich selbst machen, ohne alles menschliche Zutun, vermittelst irgend einer
unbekannten Kraft. Diese Reden sind nicht müde geworden, euch einzuschärfen,
dass euch durchaus nichts helfen kann, denn ihr euch selber, und sie finden
nötig, es bis auf den letzten Augenblick zu wiederholen. Wohl mögen Regen und
Tau, und unfruchtbare oder fruchtbare Jahre, gemacht werden durch eine uns
unbekannte und nicht unter unsrer Gewalt stehende Macht; aber die ganz
eigentümliche Zeit der Menschen, die menschlichen Verhältnisse, machen nur die
Menschen sich selber und schlechtin keine ausser ihnen befindliche Macht. Nur
wenn sie alle insgesammt gleich blind und unwissend sind, fallen sie dieser
verborgenen Macht anheim: aber es steht bei ihnen, nicht blind und unwissend zu
sein. Zwar in welchem höhern oder niedern Grade es uns übelgehen wird, dies mag
abhängen teils von jener unbekannten Macht, ganz besonders aber von dem
Verstande und dem guten Willen derer, denen wir unterworfen sind. Ob aber jemals
es uns wieder wohlgehen soll, dies hängt ganz allein von uns ab; und es wird
sicherlich nie wieder irgend ein Wohlsein an uns kommen, wenn wir nicht selbst
es uns verschaffen: und insbesondre, wenn nicht jeder Einzelne unter uns in
seiner Weise tut und wirket, als ob er allein sei, und als ob lediglich auf ihm
das Heil der künftigen Geschlechter beruhe.
    Dies ists, was ihr zu tun habt; dies ohne Säumen zu tun, beschwören euch
diese Reden.
    Sie beschwören euch Jünglinge. Ich, der ich schon seit geraumer Zeit
aufgehört habe zu euch zu gehören, halte dafür, und habe es auch in diesen Reden
ausgesprochen, dass ihr noch fähiger seid eines jeglichen über das Gemeine
hinausliegenden Gedankens und erregbarer für jedes Gute und Tüchtige, weil euer
Alter noch näher liegt den Jahren der kindlichen Unschuld und der Natur. Ganz
anders sieht diesen Grundzug an euch an die Mehrheit der ältern Welt. Diese
klaget euch an der Anmaassug, des vorschnellen, vermessenen und eure Kräfte
überfliegenden Urteils, der Rechtaberei, der Neuerungssucht. Jedoch lächelt
sie nur gutmühig dieser euer Fehler. Alles dieses, meint sie, sei begründet
lediglich durch euren Mangel an Kenntnis der Welt, d.h. des allgemeinen
menschlichen Verderbens, denn für etwas anderes an der Welt haben sie nicht
Augen. Jetzt nur, weil ihr gleichgesinnte Gehülfen zu finden hofftet, und den
grimmigen und hartnäckigen Widerstand, den man euren Entwürfen des Bessern
entgegensetzen werde, nicht kenntet, hättet ihr Mut. Wenn nur das jügendliche
Feuer eurer Einbildungskraft einmal verflogen sein werde, wenn ihr nur die
allgemeine Selbstsucht, Trägheit und Arbeitsscheu wahrnehmen würdet, wenn ihr
nur die Süssigkeit des Fortgehens in dem gewohnten Geleise selbst einmal recht
würdet geschmeckt haben: so werde euch die Lust, besser und klüger sein zu
wollen, denn die andern alle, scholl vergehen. Sie greifen diese gute Hoffnung
von euch nicht etwa aus der Luft; sie haben dieselbe an ihrer eigenen Person
bestätigt gefunden. Sie müssen bekennen, dass sie in den Tagen ihrer
unverständigen Jugend eben so von Weltverbesserung geträumet haben, wie ihr
jetzt; dennoch seien sie bei zunehmender Reife so zahm und ruhig geworden, wie
ihr sie jetzt sähet. Ich glaube ihnen; ich habe selbst schon in meiner nicht
sehr langwierigen Erfahrung erlebt, dass Jünglinge, die erst andere Hoffnung
erregten, dennoch späterhin jenen wohlmeinenden Erwartungen dieses reifen Alters
vollkommen entsprachen. Tut dies nicht länger, Jünglinge, denn wie könnte sonst
jemals ein besseres Geschlecht beginnen? Der Schmelz der Jugend zwar wird von
euch abfallen, und die Flamme der Einbildungskraft wird aufhören, sich aus sich
selber zu ernähren; aber fasset diese Flamme und verdichtet sie durch klares
Denken, macht euch zu eigen die Kunst dieses Denkens, und ihr werdet die
schönste Ausstattung des Menschen, den Charakter, noch zur Zugabe bekommen. An
jenem klaren Denken erhaltet ihr die Quelle der ewigen Jugendblüte; wie auch
euer Körper altere oder eure Kniee wanken, euer Geist wird in stets erneuerter
Frischheit sich wiedergebären und euer Charakter feststehen und ohne Wandel.
Ergreift sogleich die sich hier euch darbietende Gelegenheit; denkt klar über
den euch zur Beratung vorgelegen Gegenstand; die Klarheit, die in Einem Puncte
für euch angebrochen ist, wird sich allmählig auch über alle übrige verbreiten.
    Diese Reden beschwören euch Alte. So wie ihr eben gehört habt, denkt man von
euch, und sagt es euch unter die Augen; und der Redner setzt in seiner eigenen
Person freimütig hinzu, dass? die freilich auch nicht selten vorkommenden und
um so verehrungswürdigeren Ausnahmen abgerechnet, in Ansicht der grossen
Mehrheit unter euch man vollkommen recht hat. Gehe man durch die Geschichte der
letzten zwei oder drei Jahrzehende; alles ausser ihr selbst stimmt überein,
sogar ihr selbst, jeder in dem Fache, das ihn nicht unmittelbar trifft, stimmt
mit überein, dass, immer die Ausnahmen abgerechnet und nur auf die Mehrheit
gesehen, in allen Zweigen, in der Wissenschaft sowie in den Geschäften des
Lebens, die grössere Untauglichkeit und Selbstsucht sich bei dem höheren Alter
gefunden habe. Die ganze Mitwelt hat es mit angesehen, dass jeder, der das
Bessere und Vollkommnere wollte, ausser dem Kampfe mit seiner eigenen Unklarheit
und den übrigen Umgebungen, noch den schwersten Kampf mit euch zu führen hatte;
dass ihr des festen Vorsatzes waret, es müsse nichts aufkommen, was ihr nicht
ebenso gemacht und gewusst hättet; dass ihr jede Regung des Denkens für eine
Beschimpfung eures Verstandes ansaht und dass ihr keine Kraft ungebraucht
liesset, um in dieser Bekämpfung des Besseren zu siegen, wie ihr denn gewöhnlich
auch wirklich siegtet. So waret ihr die aufhaltende Kraft aller Verbesserungen,
welche die gütige Natur aus ihrem stets jugendlichen Schoss uns darbot, so
lange, bis ihr versammelt wurdet zu dem Staube, der ihr schon vorher waret, und
das folgende Geschlecht, im Kriege mit euch, euch gleich geworden war und eure
bisherige Verrichtung übernahm. Ihr dürft nur auch jetzt bandeln, wie ihr bisher
bei allen Anträgen zur Verbesserung gehandelt habt, ihr dürft nur wiederum eure
eitle Ehre, dass zwischen Himmel und Erde nichts sein solle, das ihr nicht schon
erforscht hättet, dem gemeinsamen Wohle vorziehen: so seid ihr durch diesen
letzten Kampf alles ferneren Kämpfens überhoben; es wird keine Verbesserung
erfolgen, sondern Verschlimmerung auf Verschlimmerung, so dass ihr noch manche
Freude erleben könnt.
    Man wolle nicht glauben, dass ich das Alter als Alter verachte und
herabsetze. Wird nur durch Freiheit die Quelle des ursprünglichen Lebens und
seiner Fortbewegung aufgenommen in das Leben, so wächst die Klarheit, und mit
ihr die Kraft, so lange das Leben dauert. Ein solches Leben lebt sich besser,
die Schlacken der irdischen Abkunft fallen immer mehr ab, und es veredelt sich
herauf zum ewigen Leben, und blüht ihm entgegen. Die Erfahrung eines solchen
Alters söhnt nicht aus mit dem Bösen, sondern sie macht nur die Mittel klarer
und die Kunst gewandter, um dasselbe siegreich zu bekämpfen. Die Verschlimmerung
durch zunehmendes Alter ist lediglich die Schuld unserer Zeit, und allentalben,
wo die Gesellschaft sehr verdorben ist, muss dasselbe erfolgen. Nicht die Natur
ist es, die uns verdirbt, diese erzeugt uns in Unschuld, die Gesellschaft ists.
Wer nun der Einwirkung derselben einmal sich übergibt, der muss natürlich immer
schlechter werden, je länger er diesem Einflusse ausgesetzt ist. Es wäre der
Muhe wert, die Geschichte anderer sehr verdorbener Zeitalter in dieser
Rücksicht zu untersuchen und zu sehen, ob nicht z.B. auch unter der Regierung
der römischen Imperatoren das, was einmal schlecht war, mit zunehmendem Alter
immer schlechter geworden.
    Euch Alte sonach und Erfahrene, die ihr die Ausnahme macht, euch zuvörderst
beschwören diese Reden: bestätigt, bestärkt, beratet in dieser Angelegenheit
die jüngere Welt, die ehrfurchtsvoll ihre Blicke nach euch richtet. Euch andere
aber, die ihr in der Regel seid, beschwören sie: helfen sollt ihr nicht, störet
nur dieses einzigemal nicht, stellt euch nicht wieder, wie bisher immer, in den
Weg mit eurer Weisheit und euren tausend Bedenklichkeiten. Diese Sache, sowie
jede vernünftige Sache in der Welt, ist nicht tausendfach, sondern einfach,
welches auch unter die tausend Dinge gehört, die ihr nicht wisst. Wenn eure
Weisheit retten könnte, so würde sie uns ja früher gerettet haben, denn ihr seid
es ja, die uns bisher beraten haben. Dies ist nun, sowie alles andere,
vergeben, und soll euch nicht weiter vorgerückt werden. Lernt nur endlich einmal
euch selbst erkennen, und schweiget.
    Diese Reden beschworen euch Geschäftsmänner. Mit wenigen Ausnahmen waret ihr
bisher dem abgezogenen Denken und aller Wissenschaft, die für sich selbst etwas
zu sein begehrte, von Herzen feind, obwohl ihr euch die Miene gabet, als ob ihr
dieses alles nur vornehm verachtetet; ihr hieltet die Männer, die dergleichen
trieben, und ihre Vorschläge, so weit von euch weg, als ihr irgend konntet; und
der Vorwurf des Wahnsinnes, oder der Rat, sie ins Tollhaus zu schicken, war der
Dank, auf den sie bei euch am gewöhnlichsten rechnen konnten. Diese hinwiederum
getrauten sich zwar nicht über euch mit derselben Freimütigkeit sich zu
äussern, weil sie von euch abhingen, aber ihres inneren Herzens wahrhafte
Meinung war die: dass ihr mit wenigen Ausnahmen seichte Schwätzer seiet und
aufgeblasene Prahler, Halbgelehrte, die durch die Schule nur hindurchgelaufen,
blinde Zutapper und Fortschleicher im alten Geleise, und die sonst nichts
wollten oder könnten. Straft sie durch die Tat der Lüge, und ergreifet hierzu
die jetzt euch dargebotene Gelegenheit; legt ab jene Verachtung für gründliches
Denken und Wissenschaft, lasst euch bedeuten, und höret und lernet, was ihr
nicht wisst; ausserdem behalten eure Ankläger recht.
    Diese Reden beschwören euch Denker, Gelehrte, Schriftsteller, die ihr dieses
Namens noch wert seid. Jener Tadel der Geschäftsmänner an euch war in gewissem
Sinne nicht ungerecht. Ihr ginget oft zu unbesorgt im Gebiete des blossen
Denkens fort, ohne euch um die wirkliche Welt zu bekümmern, und nachzusehen, wie
jenes an diese angeknüpft werden könne; ihr beschriebet euch eure eigene Welt,
und liesset die wirkliche zu verachtet und verschmähet auf der Seite liegen.
Zwar muss alle Anordnung und Gestaltung des wirklichen Lebens ausgehen vom
höheren ordnenden Begriffe, und das Fortgehen im gewohnten Geleise tuts ihm
nicht; dies ist eine ewige Wahrheit, und drückt in Gottes Namen mit
unverhohlener Verachtung jeglichen nieder, der es wagt, sich mit den Geschäften
zu befassen, ohne dieses zu wissen. Zwischen dem Begriffe jedoch und der
Einführung desselben in jedwedes besondere Leben liegt eine grosse Kluft. Diese
Kluft auszufüllen ist sowohl das Werk des Geschäftsmannes, der freilich schon
vorher so viel gelernt haben soll, um euch zu verstehen, als auch das eurige,
die ihr über der Gedankenwelt das Leben nicht vergessen sollt. Hier trefft ihr
beide zusammen. Statt über die Kluft hinüber einander scheel anzusehen und
herabzuwürdigen, beeifere sich vielmehr jeder Teil von seiner Seite dieselbe
auszufüllen, und so den Weg zur Vereinigung zu bahnen. Begreift es doch endlich,
dass ihr Beide untereinander euch also notwendig seid, wie Kopf und Arm sich
notwendig sind.
    Diese Reden beschwören noch in anderen Rücksichten euch Denker, Gelehrte,
Schriftsteller, die ihr dieses Namens noch wert seid. Eure Klagen über die
allgemeine Seichtigkeit, Gedankenlosigkeit und Verflossenheit, über den
Klugdünkel und das unversiegbare Geschwätz, über die Verachtung des Ernstes und
der Gründlichkeit in allen Ständen mögen wahr sein, wie sie es denn sind. Aber
welcher Stand ist es denn, der diese Stände insgesammt erzogen hat, der ihnen
alles Wissenschaftliche in ein Spiel verwandelt, und von der frühesten Jugend an
zu jenem Klugdünkel und jenem Geschwätze sie angeführt hat? Wer ist es denn, der
auch die der Schule entwachsenen Geschlechter noch immerfort erzieht? Der in die
Augen fallendste Grund der Dumpfheit des Zeitalters ist der, dass es sich dumpf
gelesen hat an den Schriften, die ihr geschrieben habt. Warum lasst ihr dennoch
immerfort euch so angelegen sein, dieses müssige Volk zu unterhalten,
ohnerachtet ihr wisst, dass es nichts gelernt hat und nichts lernen will; nennt
es Publicum, schmeichelt ihm als eurem Richter, hetzt es auf gegen eure
Mitbewerber, und sucht diesen blinden und verworrenen Haufen durch jedes Mittel
auf eure Seite zu bringen; gebt endlich selbst in euren Recensiranstalten und
Journalen ihm so Stoff wie Beispiel seiner vorschnellen Urteilerei, indem ihr
da ebenso ohne Zusammenhang und so aus freier Hand in den Tag hineinurteilt,
meist ebenso abgeschmackt, wie es auch der letzte eurer Leser könnte? Denkt ihr
nicht alle so, gibt es unter euch noch Bessergesinnte, warum vereinigen sich
denn nicht diese Bessergesinnten, um dem Unheile ein Ende zu machen? Was
insbesondere jene Geschäftsmänner anbelangt; diese sind bei euch durch die
Schule gelaufen, ihr sagt es selbst. Warum habt ihr denn diesen ihren Durchgang
nicht wenigstens dazu benutzt, um ihnen einige stumme Achtung für die
Wissenschaften einzuflössen, und besonders dem hochgeborenen Jünglinge den
Eigendünkel bei Zeiten zu brechen, und ihm zu zeigen, dass Stand und Geburt in
Sachen des Denkens nichts fördert? Habt ihr ihm vielleicht schon damals
geschmeichelt, und ihn ungebührlich hervorgehoben, so traget nun, was ihr selbst
veranlasst habt!
    Sie wollen euch entschuldigen, diese Reden, mit der Voraussetzung, dass ihr
die Wichtigkeit eures Geschäftes nicht begriffen hättet; sie beschwören euch,
dass ihr euch von Stund an bekannt macht mit dieser Wichtigkeit, und es nicht
länger als ein blosses Gewerbe treibt. Lernt euch selbst achten, und zeigt in
eurem Handeln, dass ihr es tut, und die Welt wird euch achten. Die erste Probe
davon werdet ihr ablegen durch den Einfluss, den ihr auf die angetragene
Entschliessung euch geben, und durch die Weise, wie ihr euch dabei benehmen
werdet.
    Diese Reden beschwören euch Fürsten Deutschlands. Diejenigen, die euch
gegenüber so tun, als ob man euch gar nichts sagen dürfte, oder zu sagen hätte,
sind verächtliche Schmeichler, sie sind arge Verleumder eurer selbst; weiset sie
weit weg von euch. Die Wahrheit ist, dass ihr ebenso unwissend geboren werdet,
als wir anderen alle, und dass ihr hören müsst und lernen, gleichwie auch wir,
wenn ihr herauskommen sollt aus dieser natürlichen Unwissenheit. Euer Anteil an
der Herbeiführung des Schicksals, das euch zugleich mit euren Völkern betroffen
hat, ist hier auf die mildeste und, wie wir glauben, auf die allein gerechte und
billige Weise dargelegt worden, und ihr könnt euch, falls ihr nicht etwa nur
Schmeichelei, niemals aber Wahrheit hören wollt, über diese Reden nicht
beklagen. Dies alles sei vergessen, sowie wir anderen alle auch wünschen, dass
unser Anteil an der Schuld versessen werde. Jetzt beginnt, sowie für uns alle,
also auch für euch, ein neues Leben. Möchte doch diese Stimme durch alle die
Umgebungen hindurch, die euch unzugänglich zu machen pflegen, bis zu euch
dringen! Mit stolzem Selbstgefühl darf sie euch sagen: ihr beherrschet Völker,
treu, bildsam, des Glückes würdig, wie keiner Zeit und keiner Nation Fürsten sie
beherrscht haben. Sie haben Sinn für die Freiheit und sind derselben fähig; aber
sie sind euch gefolgt in den blutigen Krieg gegen das, was ihnen Freiheit
schien, weil ihr es so wolltet. Einige unter euch haben späterhin anders
gewollt, und sie sind euch gefolgt in das, was ihnen ein Ausrottungskrieg
scheinen musste gegen einen der letzten Reste deutscher Unabhängigkeit und
Selbstständigkeit; auch weil ihr es so wolltet. Sie dulden und tragen seitdem
die drückende Last gemeinsamer Uebel; und sie hören nicht auf, euch treu zu
sein, mit inniger Ergebung an euch zu hangen und euch zu lieben, als ihre ihnen
von Gott verliehene Vormünder. Möchtet ihr sie doch, unbemerkt von ihnen,
beobachten können; möchtet ihr doch, frei von den Umgebungen, die nicht immer
die schönste Seite der Menschheit euch darbieten, herabsteigen können in die
Häuser des Bürgers, in die Hütten des Landmannes, und dem stillen und
verborgenen Leben dieser Stände, zu denen die in den höheren Ständen seltener
gewordene Treue und Biederkeit ihre Zuflucht genommen zu haben scheint,
betrachtend folgen können; gewiss, o gewiss würde euch der Entschluss ergreifen,
ernstlicher denn jemals nachzudenken, wie ihnen geholfen werden könne. Diese
Reden haben euch ein Mittel der Hülfe vorgeschlagen, das sie für sicher,
durchgreifend und entscheidend hallen Lasset eure Räte sich beratschlagen, ob
sie es auch so finden, oder ob sie ein besseres wissen, nur, dass es ebenso
entscheidend sei. Die Ueberzeugung aber, dass etwas geschehen müsse, und auf der
Stelle geschehen müsse, und etwas Durchgreifendes und Entscheidendes geschehen
müsse, und dass die Zeit der halben Massregeln und der Hinhaltungsmittel
vorüber sei: diese Ueberzeugung möchten sie gern, wenn sie könnten, bei euch
selbst hervorbringen, indem sie zu eurem Biedersinne noch das meiste Vertrauen
hegen.
    Euch Deutsche insgesammt, welchen Platz in der Gesellschaft ihr einnehmen
möget, beschwören diese Reden, dass jeder unter euch, der da denken kann,
zuvörderst denke über den angeregten Gegenstand, und dass jeder dafür tue, was
gerade ihm an seinem Platze am nächsten liegt.
    Es vereinigen sich mit diesen Reden und beschwören euch eure Vorfahren.
Denket, dass in meine Stimme sich mischen die Stimmen eurer Ahnen aus der grauen
Vorwelt, die mit ihren Leibern sich entgegengestemmt haben der heranströmenden
römischen Welterrschaft, die mit ihrem Blute erkämpft haben die Unahhängigkeit
der Berge, Ebenen und Ströme, welche unter euch den Fremden zur Beute geworden
sind. Sie rufen euch zu: vertretet uns, überliefert unser Andenken ebenso
ehrenvoll und unbescholten der Nachwelt, wie es auf euch gekommen ist, und wie
ihr euch dessen und der Abstammung von uns gerühmt habt. Bis jetzt galt unser
Widerstand für edel und gross und weise, wir schienen die Eingeweihten zu sein
und die Begeisterten des göttlichen Weltplans. Gehet mit euch unser Geschlecht
aus, so verwandelt sich unsere Ehre in Schimpf, und unsere Weisheit in Torheit.
Denn sollte der deutsche Stamm einmal untergehen in das Römertum, so war es
besser, dass es in das alte geschähe, denn in ein neues. Wir standen jenem und
besiegten es; ihr seid verstäubt worden vor diesem. Auch sollt ihr nun, nachdem
einmal die Sachen also stehen, sie nicht besiegen mit leiblichen Waffen; nur
euer Geist soll sich ihnen gegenüber erheben und aufrecht stehen. Euch ist das
grössere Geschick zu Teil geworden, überhaupt das Reich des Geistes und der
Vernunft zu begründen, und die rohe körperliche Gewalt insgesammt, als
Beherrschendes der Welt, zu vernichten. Werdet ihr dies tun, dann seid ihr
würdig der Abkunft von uns.
    Auch mischen in diese Stimmen sich die Geister euerer späteren Vorfahren,
die da fielen im heiligen Kampfe für Religions- und Glaubensfreiheit. Rettet
auch unsere Ehre, rufen sie euch zu. Uns war nicht ganz klar, wofür wir
stritten; ausser dem rechtmässigen Entschlusse, in Sachen des Gewissens durch
äussere Gewalt uns nicht gebieten zu lassen, trieb uns noch ein höherer Geist,
der uns niemals sich ganz entüllte. Euch ist er entüllt, dieser Geist, falls
ihr eine Sehkraft habt für die Geisterwelt, und blickt euch an mit hoben klaren
Augen. Das bunte und verworrene Gemisch der sinnlichen und geistigen Antriebe
durcheinander soll überhaupt der Welterrschaft entsetzt werden, und der Geist
allein, rein und ausgezogen von allen sinnlichen Antrieben, soll an das Ruder
der menschlichen Angelegenheiten treten. Damit diesem Geiste die Freiheit werde,
sich zu entwickeln und zu einem selbstständigen Dasein emporzuwachsen, dafür
floss unser Blut. An euch ists, diesem Opfer seine Bedeutung und seine
Rechtfertigung zu geben, indem ihr diesen Geist einsetzt in die ihm bestimmte
Welterrschaft. Erfolgt nicht dieses, als das letzte, worauf alle bisherige
Entwickelung unserer Nation zielte, so werden auch unsere Kämpfe zum
vorüberrauschenden leeren Possenspiele, und die von uns erfochtene Geistes- und
Gewissensfreiheit ist ein leeres Wort, wenn es von nun an überhaupt nicht länger
Geist oder Gewissen geben soll.
    Es beschwören euch eure noch ungeborene Nachkommen. Ihr rühmt euch eurer
Vorfahren, rufen sie euch zu, und schliesst mit Stolz euch an an eine edle
Beide. Sorget, dass bei euch die Kelte nicht abreisse: machet, dass auch wir uns
eurer rühmen können, und durch euch, als untadeliges Mittelglied, hindurch uns
anschliessen an dieselbe glorreiche Reihe. Veranlasset nicht, dass wir uns der
Abkunft von euch schämen müssen, als einer niederen, barbarischen, sklavischen,
dass wir unsere Abstammung verbergen, oder einen fremden Namen und eine fremde
Abkunft erlügen müssen, um nicht sogleich, ohne weitere Prüfung, weggeworfen
oder zertreten zu werden Wie das nächste Geschlecht, das von euch ausgehen wird,
sein wird, also wird euer Andenken ausfallen in der Geschichte: ehrenvoll, wenn
dieses ehrenvoll für euch zeugt; sogar über die Gebühr schmählich, wenn ihr
keine laute Nachkommenschaft habt, und der Sieger eure Geschichte macht. Noch
niemals hat ein Sieger Neigung oder Kunde genug gehabt, um die Ueberwundenen
gerecht zu beurteilen. Je mehr er sie herabgewürdigt, desto gerechter steht er
selbst da. Wer kann wissen, welche Grosstaten, welche treffliche Einrichtungen,
welche edle Sitten manches Volkes der Vorwelt in Vergessenheit geraten sind,
weil die Nachkommen unterjocht wurden, und der Ueberwinder, seinen Zwecken
gemäss, unwidersprochen Bericht über sie erstattete.
    Es beschwöret euch selbst das Ausland, inwiefern dasselbe nur noch im
mindesten sich selbst verstellt und noch ein Auge hat für seinen wahren
Vorteil. Ja, es gibt noch unter allen Völkern Gemüter, die noch immer nicht
glauben können, dass die grossen Verheissungen eines Reiches des Rechtes, der
Vernunft und der Wahrheit an das Menschengeschlecht eitel und ein leeres
Trugbild seien, und die daher annehmen, dass die gegenwärtige eiserne Zeit nur
ein Durchgang sei zu einem besseren Zustande. Diese, und in ihnen die gesammte
neuere Menschheit, rechnet auf euch. Ein grosser Teil derselben stammt ab von
uns, die übrigen haben von uns Religion und jedwede Bildung erhalten. Jene
beschwören uns bei dem gemeinsamen vaterländischen Boden, auch ihrer Wiege, den
sie uns frei hinterlassen haben; diese bei der Bildung, die sie von uns als
Unterpfand eines höheren Glückes bekommen haben, - uns selbst auch für sie, und
um ihrer willen zu erhalten, so wie wir immer gewesen sind, aus dem
Zusammenhange des neu entsprossenen Geschlechtes nicht dieses ihm so wichtige
Glied herausreissen zu lassen, damit, wenn sie einst unseres Rates, unseres
Beispiels, unserer Mitwirkung gegen das wahre Ziel des Erdenlebens hin bedürfen
sie uns nicht schmerzlich vermissen.
    Alle Zeitalter, alle Weise und Gute! die jemals auf dieser Erde geatmet
haben, alle ihre Gedanken und Ahnungen eines Höheren, mischen sich hl diese
Stimmen und umringen euch, und heben flehende Hände zu euch auf; selbst, wenn
man so sagen darf, die Vorsehung und der göttliche Weltplan bei Erschaffung
eines Menschengeschlechtes, der ja nur da ist, um von Menschen gedacht und durch
Menschen in die Wirklichkeit eingeführt zu werden, beschwöret euch, seine Ehre
und sein Dasein zu retten. Ob jene, die da glaubten, es müsse immer besser
werden mit der Menschheit, und die Gedanken einer Ordnung und einer Würde
derselben seien keine leeren Träume, sondern die Weissagung und das Unterpfand
der einstigen Wirklichkeit, recht behalten sollen, oder diejenigen, die in ihrem
Tier- und Pflanzenleben hinschlummern, und jedes Auffluges in höhere Welten
spotten: - darüber ein letztes Endurteil zu begründen, ist euch anheimgefallen.
Die alte Welt mit ihrer Herrlichkeit und Grösse, sowie mit ihren Mängeln, ist
versunken durch die eigene Unwürde und durch die Gewalt eurer Väter. Ist in dem,
was in diesen Reden dargelegt worden, Wahrheit, so seid unter allen neueren
Völkern ihr es, in dellen der Keim der menschlichen Vervollkommnung am
entschiedensten liegt, und denen der Vorschritt in der Entwickelung derselben
aufgetragen ist. Gehet ihr in dieser eurer Wesenheit zu Grunde, so gebet mit
euch zugleich alle Hoffnung, des gesammten Menschengeschlechtes auf Rettung aus
der Tiefe seiner Uebel zu Grunde. Hoffet nicht und tröstet euch nicht mit der
aus der Luft gegriffenen, auf blosse Wiederholung der schon eingetretenen Fälle
rechnenden Meinung, dass ein zweitesmal, nach Untergang der alten Bildung, eine
neue, auf den Trümmern der ersten, aus einer halb barbarischen Nation
hervorgehen werde. In der alten Zeit war ein solches Volk, mit allen
Erfordernissen zu dieser Bestimmung ausgestattet, vorhanden, und war dem Volke
der Bildung recht wohl bekannt und ist von ihnen beschrieben; und diese selbst,
wenn sie den Fall ihres Unterganges zu setzen vermocht hätten, würden an diesem
Volke das Mittel der Wiederherstellung haben entdecken können. Auch uns ist die
gesammte Oberfläche der Erde recht wohl bekannt, und alle die Volker, die auf
derselben leben. Kennen wir denn nun ein solches, dem Stammvolke der neuen Welt
ähnliches Volk, von welchem die gleichen Erwartungen sich fassen liessen? Ich
denke, jeder, der nur nicht bloss schwärmerisch meint und hofft, sondern
gründlich untersuchend denkt, werde diese Frage mit Nein beantworten müssen. Es
ist daher kein Ausweg: wenn ihr versinkt, so versinkt die ganze Menschheit mit,
ohne Hoffnung einer einstigen Wiederherstellung.
    Dies war es, E. V., was ich Ihnen, als meinen Stellvertretern der Nation,
und durch Sie der gesammten Nation, am Schlusse dieser Reden noch einschärfen
wollte und sollte.
 
                                    Fussnoten
1 M. s. die Anweisung zum seligen Leben, 11. Vorlesung.
2 Ansichten, Erfahrungen und Mittel zur Beförderung einer der Menschennatur
angemessenen Erziehungsweise. Leipzig 1807, bei Gräff.
3 Warum von dieser Rede nur die Inhaltsanzeige, nicht aber die Rede selbst
geliefert werde, darüber sehe man die am Ende dieser Anzeige befindliche
Anmerkung.
 
    