
        
                              Deutscher Idealismus
                        Die Anweisung zum seligen Leben
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                             Johann Gottlieb Fichte
         Die Anweisung zum seligen Leben, oder auch die Religionslehre
                                     Vorrede
    Diese Vorlesungen, zusammengenommen mit denen, die unter dem Titel:
Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, soeben in derselben Buchhandlung
erschienen sind, und denen: über das Wesen des Gelehrten u.s.w. (Berlin, bei
Himburg), in welchen letztern die in diesen Vorträgen überhaupt herrschende
Denkart an einem besonderen Gegenstande sich entwickelt, machen ein Ganzes aus
von populärer Lehre, dessen Gipfel und hellsten Lichtpunct die gegenwärtigen
bilden: und sie sind insgesammt das Resultat meiner, seit sechs bis sieben
Jahren, mit mehr Musse und im reiferen Mannesalter unablässig fort gesetzten
Selbstbildung an derjenigen philosophischen Ansicht, die mir schon vor dreizehn
Jahren zu Teil wurde, und welche, obwohl sie, wie ich hoffe, manches an mir
geändert haben dürfte, dennoch sich selbst seit dieser Zeit in keinem Stücke
geändert hat. Die Entstehung solcher Aufsätze, sowie die äussere und innere
Form, welche in ihnen die Lehre er hielt, war von aussen veranlasst; und so hing
auch die Vollendung niemals von meinem eigenen Willen, sondern von der Zeit ab,
innerhalb deren sie für den Vortrag fertig sein mussten. Zu dem Abdrucke
derselben haben Freunde unter meinen Zuhörern, die nicht ungünstig von ihnen
dachten, mich, ich dürfte fast sagen, überredet; und für diesen Abdruck sie
nochmals umzuarbeiten, wäre, nach meiner Weise zu arbeiten, das sichere Mittel
gewesen, sie niemals zu vollenden. Diese mögen es nun verantworten, wenn der
Erfolg gegen ihre Erwartung ausfällt. Denn ich für meine Person bin durch den
Anblick der unendlichen Verwirrungen, welche jede kräftigere Anregung nach sich
zieht, auch des Dankes, der jedem, der das Rechte will, unausbleiblich zu Teil
wird, an dem grösseren Publicum also irre geworden, dass ich mir in Dingen
dieser Art nicht selber zu raten vermag, und nicht mehr weiss, wie man mit
diesem Publicum reden solle, noch, ob es überhaupt der Mühe wert sei, dass man
durch die Druckerpresse mit ihm rede.
    
    Berlin, im April 1806.
                                                                         Fichte.
 
                                Erste Vorlesung
    [Leben ist Liebe, und daher ist Leben und Seligkeit an und für sich Eins und
    ebendasselbe. Unterscheidung des wahrhaftigen Lebens vom blossen
    Scheinleben. - Leben und Sein ist auch wieder dasselbe. Das wahrhaftige Sein
    aber ist ewig mit sich selbst einig und unveränderlich, der Schein hingegen
    veränderlich. Das wahrhaftige Leben liebt jenes Eine oder Gott; das
    Scheinleben das Veränderliche oder die Welt. Der Schein selbst wird nur
    durch die Sehnsucht nach dem Ewigen Betragen und im Dasein erhalten: diese
    Sehnsucht wird nun im blossen Scheinleben nie befriedigt, und darum ist
    dasselbe unselig; dagegen die Liebe des wahrhaftigen Lebens immerfort
    befriedigt wird, und darum dieses Leben selig ist. Das Element des
    wahrhaftigen Lebens ist der Gedanke.]
    Ehrwürdige Versammlung,
    
    Die Vorlesungen, welche ich hiermit eröffne, haben sich angekündigt als die
Anweisung zu einem seligen Leben. Uns fügend der gemeinen und gewöhnlichen
Ansicht, welche man nicht berichtigen kann, ohne fürs erste an dieselbe
anzuknüpfen, konnten wir nicht umhin, uns also auszudrücken; ohnerachtet, der
wahren Ansicht nach, in dem Ausdrucke: seliges Leben, etwas Ueberflüssiges
liegt. Nemlich, das Leben ist notwendig selig, denn es ist die Seligkeit; der
Gedanke eines unseligen Lebens hingegen entält einen Widerspruch. Unselig ist
nur der Tod. Ich hätte darum, streng mich ausdrückend, die Vorlesungen, welche
zu halten ich mir vorgesetzt hatte, nennen sollen die Anweisung zum Leben, oder
die Lebenslehre - oder auch, den Begriff von der anderen Seite genommen, die
Anweisung zur Seligkeit, oder die Seligkeitslehre. Dass inzwischen bei weitem
nicht alles, was da als lebendig erscheint, selig ist, beruht darauf, dass
dieses Unselige in der Tat und Wahrheit auch nicht lebet, sondern, nach seinen
mehrsten Bestandteilen, in den Tod versenket ist, und in das Nichtsein.
    Das Leben ist selber die Seligkeit, sagte ich. Anders kann es nicht sein:
denn das Leben ist Liebe, und die ganze Form und Kraft des Lebens besteht in der
Liebe und entsteht aus der Liebe. - Ich habe durch das soeben Gesagte einen der
tiefsten Sätze der Erkenntnis ausgesprochen; der jedoch, meines Erachtens,
jeder nur wahrhaft zusammengefassten und angestrengten Aufmerksamkeit auf der
Stelle klar und einleuchtend werden kann. Die Liebe teilt das an sich todte
Sein gleichsam in ein zweimaliges Sein, dasselbe vor sich selbst hinstellend, -
und macht es dadurch zu einem Ich oder Selbst, das sich anschaut, und von sich
weiss; in welcher Ichheit die Wurzel alles Lebens ruhet. Wiederum vereiniget und
verbindet innigst die Liebe das geteilte Ich, das ohne Liebe nur kalt und ohne
alles Interesse sich anschauen würde. Diese letztere Einheit, in der dadurch
nicht aufgehobenen, sondern ewig bleibenden Zweiheit, ist nun eben das Leben;
wie jedem, der die aufgegebenen Begriffe nur scharf denken und aneinanderhalten
will, auf der Stelle einleuchten muss. Nun ist die Liebe ferner Zufriedenheit
mit sich selbst, Freude an sich selbst, Genuss ihrer selbst, und also Seligkeit;
und so ist klar, dass Leben, Liebe und Seligkeit schlechtin Eins sind und
dasselbe.
    Nicht alles, was als lebendig erscheine, sei lebendig in der Tat und
Wahrheit, sagte ich ferner. Es geht daraus hervor, dass, meines Erachtens, das
Leben aus einem doppelten Gesichtspuncte angesehen werden kann, und von mir
angesehen wird; nämlich teils aus dem Gesichtspuncte der Wahrheit, teils aus
dem des Scheins. Nun ist vor allem voraus klar, dass das letztere bloss
scheinbare Leben nicht einmal zu erscheinen vermöchte, sondern völlig und
durchaus in dem Nichts bleiben würde, wenn es nicht doch auf irgend eine Weise
von dem wahrhaftigen Sein gehalten und getragen würde; und wenn nicht, da nichts
wahrhaftig da ist, als das Leben, das wahrhaftige Leben auf irgend eine Weise in
das nur erscheinende Leben einträte, und mit demselben sich vermischte. Es kann
keinen reinen Tod geben, noch eine reine Unseligkeit; denn indem angenommen
wird, dass es dergleichen gebe, wird ihnen das Dasein zugestanden; aber nur das
wahrhaftige Sein und Leben vermag dazusein. Darum ist alles unvollkommene Sein
lediglich eine Vermischung des Todten mit dem Lebendigen. Auf welche Weise im
allgemeinen diese Vermischung geschehe, und welches, sogar in den niedrigsten
Stufen des Lebens, der unaustilgbare Stellvertreter des wahrhaftigen Lebens sei,
werden wir bald tiefer unten angeben. - Sodann ist anzumerken, dass auch dieses
nur scheinbaren Lebens jedesmaliger Sitz und Mittelpunct die Liebe ist.
Verstehen Sie mich also: Der Schein kann auf mannigfaltige und ins Unendliche
verschiedene Weisen sich gestalten; wie wir dieses bald näher ersehen werden.
Diese verschiedenen Gestaltungen des erscheinenden Lebens insgesammt nun leben
überhaupt, wenn man nach der Ansicht des Scheines redet; oder sie erscheinen als
lebend überhaupt, wenn man sich strenge nach der Wahrheit ausdrückt. Wenn aber
nun weiterhin die Frage entsteht: wodurch ist denn das allen gemeinsame Leben in
den besonderen Gestaltungen desselben verschieden; und was ist es denn, das
jedem Individuum den ausschliessenden Charakter seines besonderen Lebens gibt:
so antworte ich darauf: es ist die Liebe dieses besonderen und individuellen
Lebens. - Offenbare mir, was du wahrhaftig liebst, was du mit deinem ganzen
Sehnen suchest und anstrebest, wenn du den wahren Genuss deiner selbst zu finden
hoffest - und du hast mir dadurch dein Leben gedeutet. Was du liebest, das
lebest du. Diese angegebene Liebe eben ist dein Leben, und die Wurzel, der Sitz
und der Mittelpunct deines Lebens. Alte übrigen Regungen in dir sind Leben nur,
inwiefern sie sich nach diesem einzigen Mittelpunct hinrichten. Dass vielen
Menschen es nicht leicht werden dürfte, auf die vorgelegte Frage zu antworten,
indem sie gar nicht wissen, was sie lieben, beweiset nur, dass diese eigentlich
nichts lieben, und eben darum auch nicht leben, weil sie nicht lieben.
    So viel im Allgemeinen über die Einerleiheit des Lebens, der Liebe und der
Seligkeit. Jetzt zur scharfen Unterscheidung des wahrhaftigen Lebens von dem
blossen Scheinleben.
    Sein, - Sein, sage ich, und Leben ist abermals Eins und dasselbige. Nur das
Leben vermag, selbstständig, von sich und durch sich selber, dazusein; und
wiederum das Leben, so gewiss es nur Leben ist, führt das Dasein bei sich.
Gewöhnlich denkt man sich das Sein als ein stehendes, starres und todtes; selbst
die Philosophen fast ohne Ausnahme haben es also gedacht, sogar indem sie
dasselbe als Absolutes aussprachen. Dies kommt lediglich daher, weil man keinen
lebendigen, sondern nur einen todten Begriff zum Denken des Seins mit sich
brachte. Nicht im Sein an und für sich liegt der Tod, sondern im ertödtenden
Blicke des todten Beschauers. Dass in diesem Irrtume der Grundquell aller
übrigen Irrtümer liege, und durch ihn die Welt der Wahrheit und das
Geisterreich für immer dem Blicke sich verschliesse, haben wir wenigstens denen,
die es zu fassen fähig sind, an einem anderen Orte dargetan; hier ist die
blosse historische Anführung jenes Satzes hinreichend.
    Zum Gegensatze: - sowie Sein und Leben Eins ist und dasselbe, ebenso ist Tod
und Nichtsein Eins und dasselbe. Einen reinen Tod aber und reines Nichtsein
gibt es nicht, wie schon oben erinnert worden. Wohl aber gibt es einen Schein,
und dieser ist die Mischung des Lebens und des Todes, des Seins und des
Nichtseins. Es folgt daraus, dass der Schein, in Rücksicht desjenigen in ihm,
was ihn zum Scheine macht, und was in ihm dem wahrhaftigen Sein und Leben
entgegengesetzt ist, Tod ist und Nichtsein.
    Sodann und ferner: Das Sein ist durchaus einfach, nicht mannigfaltig; es
gibt nicht mehrere Sein, sondern nur Ein Sein. Dieser Satz, ebenso wie der
vorige, entält eine Einsicht, die gewöhnlich verkannt, oder gar nicht gekannt
wird; von deren einleuchtender Richtigkeit sich aber jeder, der nur einen
Augenblick ernstaft über die Aufgabe nachdenken will, überzeugen kann. Wir
haben hier weder die Zeit, noch den Vorsatz, mit den Anwesenden diejenigen
Vorbereitungen und gleichsam Einweihungen vorzunehmen, deren es für die
Möglichkeit jenes ernstaften Nachdenkens bei den meisten Menschen bedarf.
    Wir wollen hier nur die Resultate dieser Prämissen gebrauchen und vortragen,
welche Resultate wohl schon durch, sich selbst sich dem natürlichen
Wahrheitssinne empfehlen werden. In Absicht ihrer tieferen Prämissen müssen wir
uns begnügen, dieselben nur deutlich, bestimmt und Regen allen Misverstand
gesichert auszusprechen. So ist denn nun, in Absicht des zuletzt vorgetragenen
Satzes, unsere Meinung diese: Nur das Sein ist, keinesweges aber ist noch etwas
anderes, das kein Sein wäre und über das Sein hinausläge; welche letztere
Annahme jedem, der nur unsere Worte versteht, als eine handgreifliche
Ungereimteit einleuchten muss: ohnerachtet gerade diese Ungereimteit der
gewöhnlichen Ansicht des Seins dunkel und unerkannt zu Grunde liegt. Nach dieser
gewöhnlichen Ansicht nämlich soll zu irgend einem Etwas, das durch sich selber
weder ist, noch sein kann, das Dasein, das wiederum das Dasein von Nichts ist,
von aussen her zugesetzt werden; und aus der Vereinigung dieser beiden
Ungereimteiten soll alles Wabre und Wirkliche entstehen. Dieser gewöhnlichen
Meinung wird durch den ausgesprochenen Satz: nur das Sein, - nur dasjenige, was
durch und von sich selber ist, ist, - widersprochen. Ferner sagen wir: dieses
Sein ist einfach, sich selbst gleich, unwandelbar und unveränderlich: es ist in
ihm kein Entstehen, noch Untergehen, kein Wandel und Spiel der Gestaltungen,
sondern immer nur das gleiche ruhige Sein und Bestehen.
    Die Richtigkeit dieser Behauptung lässt sich in kurzem dartun: Was durch
sich selbst ist, das ist eben, und ist ganz, mit Einem Male dastehend, ohne
irgend einen Abbruch, und ebensowenig kann ihm etwas zugefügt werden.
    Und hierdurch haben wir uns denn den Weg zur Einsicht in den
charakteristischen Unterschied des wahrhaftigen Lebens, welches Eins ist mit dem
Sein, von dem blossen Scheinleben, welches, inwiefern es blosser Schein ist,
Eins ist mit dem Nichtsein, gebahnt und eröffnet. Das Sein ist einfach,
unveränderlich, und bleibt ewig sich selbst gleich; darum ist auch das
wahrhaftige Leben einfach, unveränderlich, ewig sich gleichbleibend. Der Schein
ist ein unaufhörlicher Wechsel, ein stetes Schweben zwischen Werden und
Vergehen; darum ist auch das blosse Scheinleben ein unaufhörlicher Wechsel,
immerfort zwischen Werden und Vergehen schwebend, und durch unaufhörliche
Veränderungen hindurchgerissen. Der Mittelpunct des Lebens ist allemal die
Liebe. Das wahrhaftige Leben liebt das Eine, Unveränderliche und Ewige; das
blosse Scheinleben versucht zu lieben, - wenn nur geliebt zu werden fähig wäre,
und wenn seiner Liebe nur Stand halten wollte - das Vergängliche in seiner
Vergänglichkeit.
    Jener geliebte Gegenstand des wahrhaftigen Lebens ist dasjenige, was wir mit
der Benennung Gott meinen, oder wenigstens meinen sollten; der Gegenstand der
Liebe des nur scheinbaren Lebens, das Veränderliche, ist dasjenige, was uns als
Welt erscheint, und was wir also nennen. Das wahrhaftige Leben lebet also in
Gott, und liebt Gott; das nur scheinbare Leben lebet in der Welt, und versucht
es, die Welt zu lieben. Von welcher besonderen Seite nun eben es die Welt
erfasse, darauf kommt nichts an; das, was die gemeine Ansicht moralisches
Verderben, Sünde und Laster heisst, mag wohl für die menschliche Gesellschaft
schädlicher sein und verderblicher, als manches andere, was diese gemeine
Ansicht gelten lässt, und wohl sogar löblich findet: vor dem Blicke der Wahrheit
aber ist alles Leben, welches seine Liebe auf das Zufällige richtet, und in
irgend einem anderen Gegenstande seinen Genuss sucht, ausser in dem Ewigen und
Unvergänglichen, lediglich darum und dadurch, dass es seinen Genuss in einem
anderen Gegenstande sucht, auf die gleiche Weise nichtig, elend und unselig.
    Das wahrhaftige Leben lebet in dem Unveränderlichen; es ist daher weder
eines Abbruches, noch eines Zuwachses fähig, ebensowenig, als das
Unveränderliche selber, in welchem es lebet, eines solchen Abbruches oder
Zuwachses fähig ist. Es ist in jedem Augenblicke ganz; - das höchste Leben,
welches überhaupt möglich ist; - und bleibt notwendig in aller Ewigkeit, was es
in jedem Augenblicke ist. Das Scheinleben lebet nur in dem Veränderlichen, und
bleibet darum in keinen zwei sich folgenden Augenblicken sich selber gleich;
jeder künftige Moment verschlinget und verzehrt den vorhergegangenen; und so
wird das Scheinleben zu einem ununterbrochenen Sterben, und lebt nur sterbend,
und im Sterben.
    Das wahrhaftige Leben ist durch sich selber selig, haben wir gesagt, das
Scheinleben ist notwendig elend und unselig. - Die Möglichkeit alles -
Genusses, Freude, Seligkeit, oder mit welchem Worte Sie das allgemeine
Bewusstsein des Wohlseins fassen wollen, - gründet sich auf Liebe, Streben,
Trieb. Vereinigt sein mit dem Geliebten und innigst mit ihm verschmolzen, ist
Seligkeit: getrennt von ihm sein und ausgestossen, indes man es doch nie lassen
kann, sich sehnend nach ihm hinzuwenden, ist Unseligkeit.
    Folgendes ist Oberhaupt das Verhältnis der Erscheinung, oder des Wirklichen
und Endlichen, zum absoluten Sein, oder zum Unendlichen und Ewigen. Das schon
Erwähnte, welches die Erscheinung tragen und im Dasein erhalten müsse, wenn sie
auch nur als Erscheinung dasein solle, und welches wir bald näher zu
charakterisiren versprachen, ist die Sehnsucht nach dem Ewigen. Dieser Trieb,
mit dem Unvergänglichen vereinigt zu werden und zu verschmelzen, ist die
innigste Wurzel alles endlichen Daseins, und ist in keinem Zweige dieses Daseins
ganz auszutilgen, falls nicht dieser Zweig versinken soll in völliges Nichtsein.
Ueber dieser Sehnsucht nun, worauf alles endliche Dasein ruht, und von ihr aus,
kommt es entweder zum wahrhaftigen Leben, oder es kommt nicht dazu. Wo es zum
Leben kommt, und dasselbe durchbricht, wird jene geheime Sehnsucht gedeutet und
verstanden als Liebe zu dem Ewigen: der Mensch erfährt, was er eigentlich wolle,
liebe und bedürfe. Dieses Bedürfnis ist nun immer und unter jeder Bedingung zu
befriedigen: unaufhörlich umgibt uns das Ewige und bietet sich uns dar, und wir
haben nichts weiter zu tun, als dasselbe zu ergreifen. Einmal aber ergriffen,
kann es nie wieder verloren werden. Der wahrhaftig Lebende hat es ergriffen, und
besitzt es nun immerfort, in jedem Momente seines Daseins ganz und ungeteilt,
in aller seiner Fülle, und ist darum selig in der Vereinigung mit dem Geliebten;
unerschütterlich fest überzeugt, dass er es in alle Ewigkeit also geniessen
werde, - und dadurch gesichert gegen allen Zweifel, Besorgnis oder Furcht. Wo
es zum wahrhaftigen Leben noch nicht gekommen ist, wird jene Sehnsucht nicht
minder gefühlt; aber sie wird nicht verstanden. Glückselig, ruhig, von ihrem
Zustande befriedigt möchten alle gern sein, aber worin sie diese Glückseligkeit
finden werden, wissen sie nicht; was eigentlich sie lieben und anstreben,
verstehen sie nicht. In dem, was ihren Sinnen unmittelbar entgegenkommt, und
sich ihnen darbietet, - in der Welt, meinen sie müsse es gefunden werden; indem
für diejenige Geistesstimmung, in der sie sich nun einmal befinden, allerdings
nichts anderes vorhanden ist, als die Welt. Mutig begeben sie sich auf diese
Jagd der Glückseligkeit, innig sich aneignend und liebend sich hingebend dem
ersten besten Gegenstande, der ihnen gefällt, und der ihr Streben zu befriedigen
verspricht. Aber sobald sie einkehren in sich selbst, und sich fragen: bin ich
nun glücklich? - wird es aus dem Innersten ihres Gemüts vernehmlich ihnen
entgegentönen: o nein, du bist noch ebenso leer und bedürftig als vorher!
Hierüber mit sich im Reinen, meinen sie, dass sie nur in der Wahl des
Gegenstandes gefehlt haben, und werfen sich in einen andern. Auch dieser wird
sie ebensowenig befriedigen, als der erste: kein Gegenstand wird sie
befriedigen, der unter Sonne oder Mond ist. Wollten wir, dass irgend einer sie
befriedigte? Gerade das ja, dass nichts Endliches und Hinfälliges sie
befriedigen kann, das ja gerade ist das einzige Band, wodurch sie noch mit dem
Ewigen zusammenhängen und im Dasein verbleiben; fänden sie einmal ein endliches
Object, das sie völlig zufriedenstellte, so wären sie eben dadurch
unwiederbringlich ausgestossen von der Gotteit, und hingeworfen in den ewigen
Tod des Nichtseins. So sehnen sie und ängstigen ihr Leben hin; in jeder Lage, in
der sie sich befinden, denkend, wenn es nur anders mit ihnen werden möchte, so
würde ihnen besser werden, und nachdem es anders geworden ist, sich doch nicht
besser befindend; an jeder Stelle, an der sie stehen, meinend, wenn sie nur
dort, auf der Anhöhe, die ihr Auge fasst, angelangt sein würden, würde ihre
Beängstigung weichen; - treu jedoch wiederfindend auch auf der Anhöhe ihren
alten Kummer. Gehen sie etwa bei reiferen Jahren, nachdem der frische Mut und
die fröhliche Hoffnung der Jugend geschwunden sind, mit sich zu Rate;
überblicken sie etwa ihr ganzes bisheriges Leben, und wagen eine entscheidende
Lehre daraus zu ziehen; wagen es etwa, sich zu gestehen, dass durchaus kein
irdisches Gut zu befriedigen vermöge: was tun sie nun? Sie leisten vielleicht
entschlossen Verzicht auf alle Glückseligkeit und allen Frieden; - das denn doch
fortdauernde unaustilgbare Sehnen ertödtend und abstumpfend, soviel sie
vermögen; und nennen nun diese Dumpfheit die einzige wahre Weisheit, dies
Verzweifeln am Heile das einzige wahre Heil, und die vermeinte Erkenntnis, dass
der Mensch gar nicht zur Glückseligkeit, sondern nur zu diesem Treiben im Nichts
um das Nichts bestimmt sei, den wahren Verstand. Vielleicht auch leisten sie
Verzicht auf Befriedigung nur für dieses irdische Leben; lassen sich aber
dagegen eine gewisse, durch Tradition auf uns gekommene, Anweisung auf eine
Seligkeit jenseits des Grabes gefallen. In welcher bejammernswerten Täuschung
befinden sie sich! Ganz gewiss zwar liegt die Seligkeit auch jenseits des
Grabes, für denjenigen, für welchen sie schon diesseits desselben begonnen hat,
und in keiner andern Weise und Art, als sie diesseits, in jedem Augenblicke,
beginnen kann; durch das blosse Sichbegrabenlassen aber kommt man nicht in die
Seligkeit; und sie werden im künftigen Leben, und in der unendlichen Reihe aller
künftigen Leben, die Seligkeit ebenso vergebens suchen, als sie dieselbe in dem
gegenwärtigen Leben vergebens gesucht haben, wenn sie dieselbe in etwas Anderem
suchen, als in dem, was sie schon hier so nahe umgibt, dass es denselben in der
ganzen Unendlichkeit nie näher gebracht werden kann, in dem Ewigen. - Und so
irret denn der arme Abkömmling der Ewigkeit, verstossen aus seiner väterlichen
Wohnung, immer umgeben von seinem himmlischen Erbteile, nach welchem seine
schüchterne Hand zu greifen bloss sich fürchtet, unstät und flüchtig in der
Wüste umher, allentalben bemüht sich anzubauen; zum Glück durch den baldigen
Einsturz jeder seiner Hütten erinnert, dass er nirgends Ruhe finden wird, als in
seines Vaters Hause.
    So, E. V., ist das wahrhaftige Leben notwendig die Seligkeit selber; und
das Scheinleben notwendig unselig.
    Und von nun an überlegen Sie mit mir folgendes: Ich sage: das Element, der
Aeter, die substantielle Form, so jemand den letzteren Ausdruck besser versteht
- das Element, der Aeter, die substantielle Form des wahrhaftigen Lebens, ist
der Gedanke. -
    Zuvörderst dürfte wohl niemand geneigt sein, im Ernste und in der
eigentlichen Bedeutung des Wortes Leben und Seligkeit einem anderen
zuzuschreiben, ausser demjenigen, das seiner selbst sich bewusst ist. Alles
Leben setzt daher Selbstbewusstsein voraus, und das Selbstbewusstsein allein ist
es, was das Leben zu ergreifen und es zu einem Gegenstande des Genusses zu
machen vermag.
    Sodann: das wahrhaftige Leben und die Seligkeit desselben besteht in der
Vereinigung mit dem Unveränderlichen und Ewigen: das Ewige aber kann lediglich
und allein durch den Gedanken ergriffen werden, und ist, als solches, auf keine
andere Weise uns zugänglich. Das Eine und Unveränderliche wird begriffen, als
der Erklärungsgrund unserer selbst und der Welt; als Erklärungsgrund in
doppelter Rücksicht: teils nämlich, dass in ihm gegründet sei, dass es
überhaupt da sei, und nicht im Nichtsein verblieben; teils, dass in ihm und
seinem inneren, nur auf diese Weise begreiflichen und auf jede andere Weise
schlechtin unbegreiflichen Wesen, begründet sei, dass es also und auf keine
andere Weise dasei, als es daseiend sich vorfindet. Und so besteht das
wahrhaftige Leben und seine Seligkeit im Gedanken, d.h. in einer gewissen
bestimmten Ansicht unserer selber und der Welt, als hervorgegangen aus dem
inneren und in sich verborgenen göttlichen Wesen: und auch eine Seligkeitslehre
kann nichts anderes sein, denn eine Wissenslehre, indem es überhaupt gar keine
andere Lehre gibt, ausser der Wissenslehre. Im Geiste, in der in sich selber
gegründeten Lebendigkeit des Gedankens, ruhet das Leben, denn es ist ausser dem
Geiste gar nichts wahrhaftig da. Wahrhaftig leben, heisst wahrhaftig denken und
die Wahrheit erkennen.
    So ist es: lasse keiner sich irre machen durch die Schmähungen, welche in
diesen letzten, ungöttlichen und geistlosen Zeiten über das, was sie Speculation
nannten, ergangen sind. Zum offenbar vorliegenden Wahrzeichen dieser Schmähungen
sind sie nur von solchen hergekommen, welche von der Speculation nichts wussten;
keiner aber hat dieselbe geschmäht, der sie kannte. Nur an den höchsten
Aufschwung des Denkens kommt die Gotteit, und sie ist mit keinem anderen Sinne
zu fassen: diesen Aufschwung des Denkens den Menschen verdächtig machen wollen,
heisst: sie auf immer von Gott und dem Genusse der Seligkeit scheiden wollen.
    Worin sollte denn das Leben und seine Seligkeit sonst sein Element haben,
wenn es dieselbe nicht im Denken hätte. Etwa in gewissen Empfindungen und
Gefühlen; in Rücksicht welcher es uns gar nichts verschlägt, ob es die gröbsten
sinnlichen Genüsse seien, oder die feinsten übersinnlichen Entzückungen? Wie
könnte ein Gefühl, das, als Gefühl, in seinem Wesen vom Ohngefähr abhängt, seine
ewige und unveränderliche Fortdauer verbürgen; und wie könnten wir, bei der
Dunkelheit, welche aus ebendemselben Grunde das Gefühl notwendig bei sich
führt, diese unveränderliche Fortdauer innerlich anschauen und geniessen? Nein:
nur die sich selbst durchaus durchsichtige und ihr ganzes Innere frei besitzende
Flamme der klaren Erkenntnis verbürgt, vermittelst dieser Klarheit, ihre
unveränderliche Fortdauer.
    Oder soll das selige Leben etwa in tugendhaften Taten und Handlungen
bestehen? Was diese Profanen Tugend nennen, dass man sein Amt und seinen Beruf
regelmässig verwalte, einem jeden das Seinige lasse, wohl noch überdies dem
Dürftigen etwas schenke: - diese Tugend werden fernerhin, so wie bisher, die
Gesetze erzwingen, und das natürliche Mitleid dazu bewegen. Aber zu der
wahrhaftigen Tugend, zu dem ächt göttlichen, das Wahre und Gute in der Welt aus
Nichts erschaffenden Handeln, wird sich nie einer erheben, der nicht im klaren
Begriffe die Gotteit liebend umfasst; wer sie aber also erfasst, wird, ohne all
seinen Dank und Wollen, anders handeln gar nicht können, denn also.
    Auch stellen wir an unserer Behauptung keinesweges eine neue Lehre über das
Geisterreich auf, sondern dies ist die alte, von aller Zeit her also
vorgetragene Lehre. So macht z.B. das Christentum den Glauben zur
ausschliessenden Bedingung des wahrhaftigen Lebens und der Seligkeit, und
verwirft alles ohne Ausnahme, als nichtig und todt, was nicht aus diesem Glauben
hervorgehe. Dieser Glaube aber ist ihm ganz dasselbe, was wir den Gedanken
genannt haben: die einzig wahre Ansicht unserer selbst und der Welt in dem
unveränderlichen göttlichen Wesen. Nur nachdem dieser Glaube, d.h. das klare und
lebendige Denken aus der Welt verschwunden, hat man die Bedingung des seligen
Lebens in die Tugend gesetzt, und so auf wildem Holze edle Früchte gesucht.
    Zu diesem, vorläufig im allgemeinen charakterisirten Leben ist nun hier
insbesondere die Anweisung versprochen: ich habe mich anheischig gemacht, die
Mittel und Wege anzugeben, wie man in dieses selige Leben hineinkomme, und es an
sich bringe. Diese Anweisung lässt sich nun in eine einzige Bemerkung
zusammenfassen: Es ist nämlich dem Menschen keinesweges angemutet, sich das
Ewige zu erschaffen, welches er auch niemals vermögen würde; dasselbe ist in ihm
und umgibt ihn unaufhörlich: der Mensch soll nur das Hinfällige und Nichtige,
mit welchem das wahrhaftige Leben nimmer sich zu vereinigen vermag, fahren
lassen; worauf sogleich das Ewige, mit aller seiner Seligkeit, zu ihm kommen
wird. Die Seligkeit erwerben können wir nicht, unser Elend aber abzuwerfen
vermögen wir, worauf sogleich durch sich selber die Seligkeit an desselben
Stelle treten wird. Seligkeit ist, wie wir gesehen haben, Ruhen und Beharren in
dem Einen: Elend ist Zerstreutsein über dem Mannigfaltigen und Verschiedenen;
sonach ist der Zustand des Seligwerdens die Zurückziehung, unserer Liebe aus dem
Mannigfaltigen auf das Eine. -
    Das über das Mannigfaltige Zerstreute ist zerflossen und ausgegossen und
umhergegossen, wie Wasser; ob der Lüsternheit, dieses und jenes und gar
mancherlei zu lieben, liebt es nichts; und weil es allentalben zu Hause sein
möchte, ist es nirgends zu Hause. Diese Zerstreuteit ist unsere eigentliche
Natur, und in ihr werden wir geboren. Aus diesem Grunde nun erscheint die
Zurückziehung des Gemütes auf das Eine, welches der natürlichen Ansicht nimmer
kommt, sondern mit Anstrengung hervorgebracht werden muss, als Sammlung des
Gemütes und Einkehr desselben in sich selber: und als Ernst, im Gegensatze des
scherzenden Spiels, welches das Mannigfaltige des Lebens mit uns treibt, und als
Tiefsinn, im Gegensatze des leichten Sinnes, der, indem er vieles zu fassen hat,
nichts festiglich fasst. Dieser tiefsinnende Ernst, diese strenge Sammlung des
Gemütes und Einkehr zu sich selber, ist die einzige Bedingung, unter welcher
das selige Leben an uns kommen kann; unter dieser Bedingung kommt es aber auch
gewiss und unfehlbar an uns.
    Allerdings ist es wahr, dass durch diese Zurückziehung unseres Gemütes von
dem Sichtbaren die Gegenstände unserer bisherigen Liebe uns verbleichen und
allmählig schwinden, so lange, bis wir sie in dem Aeter der neuen Welt, die uns
aufgeht, verschönert wiedererhalten; und dass unser ganzes altes Leben abstirbt,
so lange, bis wir es als eine leichte Zugabe des neuen Lebens, das in uns
beginnen wird, wiederbekommen. Doch ist dies das der Endlichkeit nie
abzunehmende Schicksal; nur durch den Tod hindurch dringt sie zum Leben. Das
Sterbliche muss sterben, und nichts befreit es von der Gewalt seines Wesens; es
stirbt in dem Scheinleben immerfort; wo das wahre Leben beginnt, stiebt es, in
dem Einen Tode, für immer und für alle die Tode in die Unendlichkeit hinaus, die
im Scheinleben seiner warten.
    Eine Anweisung zum seligen Leben habe ich zu erteilen versprochen! Aber in
welchen Wendungen und unter welchen Bildern, Formeln und Begriffen, soll man
diese an dieses Zeitalter und in diese Umgebungen bringen! Die Bilder und
Formeln der hergebrachten Religion, die dasselbe sagen, was allein auch wir
sagen können, und welche es überdies mit derselben Bezeichnung sagen, mit
welcher allein auch wir es sagen können, weil dies die passendste Bezeichnung
ist, - diese Bilder und Formeln sind zuerst ausgeleert, sodann laut verhöhnt,
und zuletzt der stillschweigenden und höflichen Verachtung hingegeben worden.
Die Begriffe und Schlussreihen des Philosophen sind, als verderblich für Land
und Leute und als zerrüttend die gesunde Besinnung, angeklagt - vor einem
Richterstuhle, wo weder Kläger noch Richter ans Licht tritt, was zu ertragen
wäre: was schlimmer ist, - von denselben Begriffen und Schlussreihen wird jedem,
der es glauben will, gesagt, er werde sie nimmer verstehen, - zu dem Zwecke
damit er die Worte nicht in ihrem natürlichen Sinne, und so wie sie vorliegen,
nehme, sondern noch irgend etwas besonderes und verborgenes hinter ihnen suche;
auf welche Weise denn auch das Misverständniss und die Verwirrung sicher
erfolgen wird.
    Oder, falls etwa auch Eingang findende Formeln und Wendungen für eine solche
Anweisung zu entdecken wären; wie sollte man die Begierde, auf dieselbe nur
einzugehen, erwecken, da, wo mit grösserem Beifalle, denn jemals, die
Verzweiflung am Heil als das einzig mögliche Heil, und die Einsicht, dass die
Menschen nichts seien, als das Spiel eines mutwilligen und launigen Gottes, als
die einzige Weisheit, herumgeboten wird; und wo derjenige, der noch an Sein,
Wahrheit, Feststehen und Seligkeit in diesen glaubt, als ein unreifer und mit
der Welt durchaus nicht bekannter Knabe verspottet wird?
    Verhalte dies sich inzwischen wie es wolle; wir haben Vorrat am Mute; und
für einen löblichen Zweck, sei es sogar vergebens, sich angestrengt zu haben,
ist auch der Mühe wert. - Ich sehe vor mir, und hoffe auch ferner also zu
sehen, Personen, denen die beste Bildung, welche unser Zeitalter zu geben
vermag, zu Teil wurde: zuerst des weiblichen Geschlechtes, welchem Geschlechte
die menschliche Einrichtung zunächst die Sorgfalt für die äusserlichen kleinen
Bedürfnisse oder auch die Decorationen des menschlichen Lebens anheimgab; - -
eine Sorgfalt, welche mehr zerstreut und vom klaren und ernsten Nachdenken mehr
abzieht, als irgend etwas anderes; indes ihnen zum Ersatze die vernünftige
Natur ein heisseres Sehnen nach dem Ewigen und einen feineren Sinn dafür
erteilte. Sodann sehe ich vor mir Geschäftsmänner, welche ihr Beruf durch das
mannigfaltigste und verschiedenste Geringfügige alle die Tage ihres Lebens
hindurch reisst, welches Geringfügige zwar freilich mit dem Ewigen und
Unvergänglichen zusammenhängt, aber also, dass nicht jeder auf den ersten Blick
das Glied des Zusammenhanges entdecken dürfte. Endlich sehe ich vor mir jüngere
Gelehrte, in denen die Gestalt, welche das Ewige in ihnen zu ergreifen bestimmt
ist, noch arbeitet an ihrer Ausbildung. Indem in Rücksicht der letzteren ich mir
vielleicht schmeicheln dürfte, dass einige meiner Winke einen Beitrag zu jener
Ausbildung liefern könnten, mache ich in Absicht der beiden ersten Klassen weit
bescheidenere Ansprüche. Ich ersuche sie bloss, von mir anzunehmen, was sie,
ohne Zweifel auch ohne meine Hülfe, ebensowohl würden haben können, was aber mir
nur mit leichterer Mühe zu Teile wird.
    Indes diese insgesammt durch die mannigfaltigen Gegenstände, über welchen
sie ihr Denken hin und her bewegen müssen, zerstreut und zersplittert werden,
geht der Philosoph, in einsamer Stille und in ungestörter Sammlung des Gemütes,
allein nach dem Guten. Wahren und Schönen; und ihm wird zum Tagewerke, wohin
jene nur zur Ruhe und Erquickung einkehren können. Dieses günstige Loos fiel
unter andern auch mir, und so trage ich denn Ihnen an, das gemein verständliche,
zum Guten und Schönen und Ewigen führende, was bei meinen speculativen Arbeiten
abfallen wird, hier Ihnen mitzuteilen, so gut ich es habe und es mitzuteilen
verstehe.
 
                                Zweite Vorlesung
    [Das hier vorzutragende sei zuletzt Metaphysik, und insbesondere Ontologie;
    und diese solle hier populär vorgetragen werden Widerlegung des Einwurfs von
    der Unmöglichkeit und Unratsamkeit eines solchen Vortrages, durch die
    Notwendigkeit, dass es versucht werden müsse; durch die Erörterung des
    eigentlichen Wesens des populären Vortrages im Gegensatze mit dem
    scientifischen, und durch den factischen Beweis, dass seit der Einführung
    des Christentums dieses Vorhaben immerfort wirklich gelungen sei. Zwar
    stehen in unserem Zeitalter einer solchen Verständigung grosse Hindernisse
    entgegen: indem teils die entschiedene Form gegen den Hang zur Willkür im
    Meinen und die Unentschlossenheit, welche sich Skepticismus betitle,
    verstosse; teils der Inhalt fremd und ungeheuer paradox erscheine; und
    endlich Unbefangene durch das Einreden der Fanatiker der Verkehrteit irre
    gemacht würden. Genetische Erklärung dieses Fanatismus. Die von demselben zu
    erwartende Anklage unserer Lehre als Mysticismus gedeutet. Was jedoch der
    eigentliche Zweck dieser und ähnlicher Anklagen sei.]
    Ehrwürdige Versammlung,
    
    Strenge Ordnung und Metode wird in das Ganze der Vorträge, welche ich hier
vor Ihnen zu halten gedenke, ohne alle weitere besondere Sorgfalt, ganz von
selber kommen, sobald wir nur den Eingang in sie gefunden haben und den Fuss auf
ihrem Gebiete festgesetzt haben werden. Jetzt haben wir es noch mit dem zuletzt
erwähnten Geschäfte zu tun; und hierbei ist es die Hauptsache, uns eine noch
klarere und noch freiere Einsicht in das Wesentliche, was in der vorigen Stunde
aufgestellt wurde, zu erwerben. Wir werden darum von der nächstkünftigen
Vorlesung an dasselbe damals gesagte nochmals sagen; lediglich ausgehend aus
einem anderen Standpuncte, und darum uns bedienend anderer Ausdrücke.
    Für heute aber ersuche ich Sie, auf folgende Vorerinnerungen mit mir
einzugehen.
    Eine klare Einsicht wollen wir in uns hervorbringen, sagte ich: die Klarheit
aber ist nur in der Tiefe zu finden, auf der Oberfläche liegt nie etwas anderes,
als Dunkelheit und Verwirrung. Wer Sie daher einladet zu klarer Erkenntnis, der
ladet Sie allerdings ein, mit ihm in die Tiefe herabzusteigen. Und so will ich
denn auch gar nicht läugnen, sondern es sogleich im Beginnen laut bekennen, dass
ich schon in der vorigen Stunde die tiefsten Gründe und Elemente aller
Erkenntnis, über welche hinaus es keine Erkenntnis gibt, vor Ihnen berührt
habe, und dass ich dieselben Elemente - in der Schulsprache die tiefste
Metaphysik und Ontologie - in der nächsten Stunde auf andere Weise, und zwar auf
eine populäre Weise auseinanderzusetzen mir vorgenommen.
    Gegen ein solches Vorhaben pflegt man nun gewöhnlich einzuwenden, entweder,
es se, unmöglich, Jene Erkenntnisse populär vorzutragen, oder auch, es sei
unratsam; und das letztere sagen zuweilen Philosophen, welche ihre Erkenntnisse
gern zu Mysterien machten: und ich muss vor, allen Dingen auf diese Einwendungen
antworten, damit ich nicht, ausser meinem Kampfe mit der Schwierigkeit der Suche
selbst, noch überdies mit Ihrer Ungeneigteit für die Sache zu kämpfen bekomme.
    Was nun zuvörderst die Möglichkeit anbetrifft, so weiss ich in der Tat
nicht, ob es irgend einem Philosophen, oder ob insbesondere, mir es jemals
gelungen ist oder jemals gelingen wird, solche, welche die Philosophie
systematisch studiren nicht wollen, oder nicht können, auf dem Wege des
populären Vortrages zum Verständnisse ihrer Grundwahrheiten zu erheben. Dagegen
aber weiss ich und erkenne ich mit absoluter Evidenz folgende zwei Wahrheiten.
Die erste: so jemand nicht zur Einsicht jener Elemente aller Erkenntnis, - -
deren künstliche und systematische Entwickelung allein, keinesweges aber ihr
Inhalt, ein Eigentum der wissenschaftlichen Philosophie geworden - so jemand,
sage ich, nicht zur Einsicht jener Elemente aller Erkenntnis kommt, so kommt
derselbe auch nicht zum Denken und zur wahren inneren Selbstständigkeit des
Geistes, sondern er bleibt anheimgegeben dem Meinen, und ist alle die Tage
seines Lebens hindurch gar kein eigener Verstand, sondern nur ein Anhang zu
fremdem Verstande; es mangelt ihm immerfort ein geistiges Sinnorgan, und zwar
das edelste, welches der Geist hat. Dass daher die Behauptung: es sei weder
möglich noch ratsam, diejenigen, welche die Philosophie nicht systematisch zu
studiren vermöchten, auf einem anderen Wege zur Einsicht in das Wesen der
geistigen Welt zu erheben, gleichbedeutend sein würde mit der folgenden es sei
unmöglich, dass jemand, der nicht schulmässig studire, je zum Denken komme und
zur Selbstständigkeit des Geistes; indem die Schule allein, und nichts ausser
ihr, die Erzeugerin und Gebärerin des Geistes sei, oder, falls es ja möglich
wäre, so wäre es nicht ratsam, die Ungelehrten je geistig frei zu machen,
sondern diese müssten stets unter der Vormundschaft der vermeinten Philosophen
und ein Anhang zu ihrem souveränen Verstande bleiben. - Uebrigens wird gleich zu
Anfange der nächstkünftigen Vorlesung der hier in Anregung gebrachte Unterschied
zwischen eigentlichem Denken und blossem Meinen völlig ins Reine und Klare
kommen.
    Zweitens weiss und erkenne ich mit derselben Evidenz folgendes: dass man nur
durch das eigentliche, reine und wahre Denken, und schlechtin durch kein
anderes Organ, die Gotteit und das aus ihr fliessende selige Leben ergreifen
und an sich bringen könne; dass daher die angeführte Behauptung der
Unmöglichkeit, die tiefere Wahrheit populär vorzutragen, auch gleichbedeutend
ist mit der folgenden: nur durch systematisches Studium der Philosophie könne
man sich zur Religion und zu ihren Segnungen erheben und jeder, der nicht
Philosoph sei, müsse ewig ausgeschlossen bleiben von Gott und seinem Reiche.
Alles, Ehrwürdige Versammlung, kommt bei diesem Beweise darauf an, dass der
wahre Gott und die wabre Religion nur durch reines Denken ergriffen werde, bei
welchem Beweise diese unsere Vorträge gar oft verweilen und ihn von allen Seiten
zu führen suchen werden. - Nicht darin besteht die Religion, worin die gemeine
Denkart sie setzt, dass man glaube, - dafür halte und sich gefallen lasse, weil
man nicht den Mut hat, es zu läugnen, auf Hörensagen und fremde Versicherung
hin: es sei ein Gott; denn dies ist eine abergläubische Superstition, durch
welche höchstens eine mangelhafte Polizei ergänzt wird, das Innere des Menschen
aber so schlecht bleibt, als vorher, oft sogar noch schlechter wird; weil er
diesen Gott sich bildet nach seinem Bilde, und ihn verarbeitet zu einer neuen
Stütze seines Verderbens. Sondern darin besteht die Religion, das man, in seiner
eigenen Person, und nicht in einer fremden, mit seinem eigenen geistigen Auge,
und nicht durch ein fremdes, Gott unmittelbar anschaue, habe und besitze. Dies
aber ist nur durch das reine und selbstständige Denken möglich; denn nur durch
dieses wird man eine eigene Person; und dieses allein ist das Auge, dem Gott
sichtbar werden kann. Das reine Denken ist selbst das göttliche Dasein; und
umgekehrt, das göttliche Dasein in seiner Unmittelbarkeit ist nichts anderes,
denn das reine Denken.
    Auch ist, die Sache historisch genommen, die Voraussetzung, dass schlechtin
alle Menschen ohne Ausnahme zur Erkenntnis Gottes kommen können, sowie das
Bestreben, alle zu dieser Erkenntnis zu erheben, die Voraussetzung und das
Bestreben des Christentums; und da das Christentum das entwickelnde Princip
und der eigentliche Charakter der neuen Zeit ist, ist jene Voraussetzung und
jenes Bestreben der eigentliche Geist der Zeit des neuen Testamentes. Nun
bedeutet: alle Menschen ohne Ausnahme erheben zur Erkenntnis Gottes, - oder,
die tiefsten Elemente und Gründe der Erkenntnis auf einem anderen Wege, als dem
systematischen, an die Menschen bringen, ganz und genau dasselbe. Es ist darum
klar, dass jeder, der nicht zurückkehren will in die alte Zeit des Heidentums,
die Möglichkeit sowohl, als die unerlassliche Pflicht zugeben muss, die tiefsten
Gründe der Erkenntnis auf einem gemeinfasslichen Wege an die Menschen zu
bringen.
    Aber, - dass ich endlich diese Argumentation für die Möglichkeit einer
populären Darstellung der allertiefsten Wahrheiten mit dem entscheidendsten
Beweise beschliesse, dem factischen: - Ist denn wohl dieselbe Erkenntnis,
welche wir durch diese Vorträge in denen, die sie noch nicht haben, zu
entwickeln, in anderen, die sie schon besitzen, zu verstärken und zu verklären,
uns vorgenommen haben, auch vor unserer Zeit in der Welt irgendwo vorhanden
gewesen, oder geben wir vor, etwas ganz Neues und bis jetzt nirgends da
Gewesenes einzuführen? Das letztere wollen wir von uns durchaus nicht gesagt
wissen, sondern wir behaupten, dass diese Erkenntnis, in aller der Lauterkeit
und Reinheit, welche auch wir auf keine Weise zu übertreffen vermögen, vom
Ursprunge des Christentums an, in jedem Zeitalter, wenn auch von der
herrschenden Kirche grösstenteils verkannt und verfolgt, dennoch hier und da,
im Verborgenen, gewaltet und sich fortgepflanzt habe. Wiederum nehmen wir von
der anderen Seite gar keinen Anstand zu behaupten, dass der Weg einer consequent
systematischen und wissenschaftlich klaren Ableitung, auf welchem wir unseres
Ortes zu derselben Erkenntnis gekommen, zwar nicht in Absicht der Versuche,
wohl aber in Absicht des Gelingens, vorher nie in der Welt gewesen; und, nächst
der Leitung des Geistes unseres grossen Vorgängers, grösstenteils unser eigenes
Werk sei. Ist also die wissenschaftlich philosophische Einsicht nie vorhanden
gewesen; auf welchem Wege ist denn Christus, - oder, falls bei diesem jemand
einen wunderbaren und übernatürlichen Ursprung annimmt, den ich hier nicht
bestreiten will, - auf welchem Wege sind denn Christi Apostel, - auf welchem
Wege sind denn alle folgenden, die bis auf unsere Zeiten hinab zu dieser
Erkenntnis kamen, - zu ihr gekommen? Unter den ersten, sowie unter den letzten,
sind sehr ungelehrte, der Philosophie ganz unkundige oder auch abgeneigte
Personen; die wenigen unter ihnen, welche auf das Philosophiren sich einliessen,
und deren Philosophie wir kennen, philosophiren also, dass der Kenner leicht
bemerkt, dass ihre Philosophie es nicht sei, der sie ihre Einsicht verdanken.
Sie erhielten es nicht auf dem Wege der Philosophie, heisst: sie erhielten es
auf einem populären Wege. Warum sollte denn nun das, was ehemals, in einer
ununterbrochenen Folge von fast zwei Jahrtausenden, möglich gewesen, nicht noch
heute möglich sein? Warum dasjenige, was mit sehr unvollkommenen Hülfsmitteln,
als noch nirgends allseitige Klarheit in der Welt sich befand, möglich war,
nicht mehr möglich sein, nachdem die Hülfsmittel vervollkommnet sind, und,
wenigstens in der Philosophie, die umfassende Klarheit angetroffen wird? Warum
dasjenige, was möglich war, als der religiöse Glaube und der natürliche Verstand
dennoch immer auf eine gewisse Weise im Streite waren, nun gerade unmöglich
werden, nachdem beide ausgesöhnt sind und aufgegangen in einander, und
freundschaftlich anstreben dasselbe Eine Ziel?
    Was aus dieser ganzen Betrachtung am entschiedensten folgt, ist die Pflicht
für jeden, der von jener hohen Erkenntnis ergriffen ist, alle seine Kräfte
anzustrengen, um dieselbe womöglich zu teilen mit dem ganzen verbrüderten
Geschlechte, jedem Einzelnen sie mitteilend in derjenigen Form, in der er
derselben am empfänglichsten ist, nie bei sich fragend, noch hin und her
zweifelnd, ob es auch wohl gelingen werde, sondern arbeitend, als ob es gelingen
müsste, und nach jeder vollendeten Arbeit mit neuer und frischer Kraft anhebend,
als ob nichts gelungen wäre: - von der anderen Seite, die Pflicht für jeden, der
diese Kenntnis noch nicht besitzt, oder der sie nicht in der gehörigen
Klarheit, Freiheit und als immer gegenwärtiges Eigentum besitzt; sich der ihm
dargebotenen Belehrung ganz und ohne Rückhalt hinzugeben, als ob sie eigentlich
für ihn sei und ihm gehöre, und er sie verstehen müsse; keinesweges aber
fürchtend und zagend: ach, werde ich es auch wohl verstehen; oder verstehe ich
es auch recht? Recht verstehen, in dem Sinne der völligen Durchdringung, will
viel sagen: in diesem Sinne vermag diese Vorträge nur derjenige zu verstehen,
der sie ebensowohl auch selbst hätte halten können. Auch verstanden aber, und
nicht unrecht verstanden, hat sie jeder, der durch dieselben ergriffen, über die
gemeine Ansicht der Welt hinweggehoben, und zu erhabenen Gesinnungen und
Entschlüssen begeistert worden ist. Die gegenseitige Verbindlichkeit zu den
beiden genannten Pflichten sei die Grundlage der Art von Vertrag, den wir zu
Anfange dieser Vorlesungen mit einander errichten, Ehrwürdige Versammlung. Ich
werde unermüdet sinnen auf neue Formeln, Wendungen und Zusammenstellungen,
gleich als ob es unmöglich wäre, sich Ihnen verständlich zu machen; gehen Sie
dagegen, d. i. diejenigen unter Ihnen, welche allhier Belehrung suchen, - denn
den übrigen gegenüber bescheide ich mich gern der Ratgebung, - - gehen Sie
dagegen mit dem Mute an die Sache, als ob Sie mich auf das halbe Wort verstehen
müssten; und auf diese Weise glaube ich, dass wir wohl zusammenkommen werden.
    Die ganze soeben vollendete Betrachtung über die Möglichkeit und
Notwendigkeit eines gemeinfasslichen Vortrages der tiefsten Elemente der
Erkenntnis, wird eine neue Deutlichkeit und überzeugende Kraft erhalten, wenn
man den eigentlichen Unterscheidungscharakter des populären Vortrages vom
wissenschaftlichen näher erwägt: eine Unterscheidung, welche meines Wissens auch
so gut als unbekannt und auch insbesondere denen, die so fertig von der
Möglichkeit und Unmöglichkeit des Popularisirens sprechen, verborgen ist. Der
wissenschaftliche Vortrag nämlich hebt die Wahrheit aus dem von allen Seiten und
in allen Bestimmungen ihr entgegengesetzten Irrtume heraus, und zeigt durch die
Vernichtung dieser ihr gegenüberstehenden Ansichten, als irrig und im richtigen
Denken unmöglich, die Wahrheit als das nach Abzug jener allein übrigbleibende
und darum einzigmögliche Richtige: und in dieser Aussonderung der Gegensätze,
und dieser Ausläuterung der Wahrheit aus dem verworrenen Chaos, in welchem
Wahrheit und Irrtum durcheinander liegen, besteht das eigentlich
charakteristische Wesen des wissenschaftlichen Vortrages. Dieser Vortrag lässt
die Wahrheit vor unseren Augen aus einer Welt voll Irrtum werden, und sich
erzeugen. Nun ist es offenbar, dass der Philosoph, schon vor diesem seinem
Beweise vorher, und um denselben auch nur entwerfen und anheben zu können, somit
unabhängig von seinem künstlichen Beweise, die Wahrheit schon haben und besitzen
müsse. Wie aber konnte er in den Besitz derselben kommen, ausser von dem
natürlichen Wahrheitssinne geführt; welcher, nur mit einer höheren Kraft, als
bei seinen übrigen Zeitgenossen, bei ihm heraustritt; somit, auf welchem anderen
Wege erlangt er sie zuerst, ausser auf dem kunstlosen und populären Wege? An
diesen natürlichen Wahrheitssinn nun, der, wie hier sich findet, sogar der
Ausgangspunct selbst der wissenschaftlichen Philosophie ist, wendet der populäre
Vortrag sich unmittelbar, ohne noch etwas anderes zu Hülfe zu ziehen; rein und
einfach aussprechend die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit, wie sie in sich,
keinesweges, wie sie dem Irrtume gegenüber ist; und rechnet auf die freiwillige
Bestimmung jenes Wahrheitssinnes. Beweisen kann dieser Vortrag nicht, wohl aber
muss er verstanden werden; denn nur das Verständnis ist das Organ, womit man
den Inhalt desselben empfängt, und ohne dieses ist er gar nicht an uns gelangt.
Der wissenschaftliche Vortrag rechnet auf Befangenheit im Irrtume, und auf eine
kranke und verbildete geistige Natur; der populäre Vortrag setzt Unbefangenheit
und eine an sich gesunde, nur nicht hinlänglich ausgebildete geistige Natur
voraus. Wie könnte nun, nach diesem allen, der Philosoph zweifeln, dass der
natürliche Wahrheitssinn hinlänglich sei um zur Erkenntnis der Wahrheit zu
leiten, da er selbst zuerst durch kein anderes Mittel, ausser diesem, zu dieser
Erkenntnis gekommen ist?
    Ohnerachtet nun die Erfassung der tiefsten Vernunfterkenntnisse durch das
Mittel einer populären Darstellung möglich ist, ohnerachtet ferner diese
Erfassung ein notwendiger Zweck der Menschheit ist, nach dessen Erreichung hin
aus allen Kräften gearbeitet werden soll; so müssen wir dennoch bekennen, dass
gerade in unserem Zeitalter einem solchen Vorhaben grössere Hindernisse sich
entgegenstellen, als in irgend einem der vorhergehenden. Zuvörderst verstösst
schon die blosse Form dieser höheren Wahrheit; - diese entschlossene, ihrer
selbst sichere, und schlechtin nichts an sich ändern lassende Form auf eine
doppelte Weise gegen die Bescheidenheit, welche dieses Zeitalter zwar nicht hat,
aber ihm gegenüber jedem, der es unternimmt, mit ihm zu handeln, anmutet. -
Wohl ist es nicht zu läugnen, dass diese Erkenntnis wahr sein will, und allein
wahr, und nur in dieser allseitigen Bestimmteit, in der sie sich ausspricht,
wahr; und dass schlechtin alles ihr Gegenüberstehende, ohne Ausnahme oder
Milderung, falsch sein soll; dass sie daher ohne Schonung zu unterjochen begehrt
allen guten Willen und alle Freiheit des Wahnes, und durchaus verschmäht, mit
irgend etwas ausser ihr sich in einen Vertrag einzulassen. Durch diese Strenge
finden die Menschen dieser Tage sich beleidiget, als geschähe ihnen die grösste
Beeinträchtigung; sie wollen doch auch gefragt und höflich darum begrüsst sein,
wenn sie etwas gelten lassen sollen, und auch ihrerseits ihre Bedingungen
machen, und es soll doch auch einiger Spielraum übrigbleiben für ihre
Kunststücke. Bei andern verdirbt es diese Form dadurch, dass sie anmutet,
Partei zu nehmen, für oder wider, und sich zu entscheiden auf der Stelle, für
das Ja oder Nein. Denn diese haben nicht Eile, Bescheid zu wissen über
dasjenige, was allein des Wissens wert ist, und mögen sich gern ihre Stimmen
offen behalten, wenn es etwa einmal noch ganz anders käme: auch ist es sehr
bequem, seinen Mangel an Verstande mit dem vornehm tönenden Namen des
Skepticismus zu bedecken, und da, wo es uns in der Tat an dem Vermögen gefehlt
hat, das vorliegende zu fassen, die Menschen glauben zu lassen, es sei bloss der
übergrosse Scharfsinn, der uns unerhörte und allen anderen Menschen
unerschwingliche Zweifelsgründe herbeiliefere.
    Sodann stellt in diesem Zeitalter unserem Vorhaben sich entgegen das
ungeheuer paradoxe, ungewöhnliche und fast unerhörte Aussehen unserer Ansichten,
indem dieselben gerade das zur Lüge machen, was dem Zeitalter bisher für die
teuersten Heiligtümer seiner Cultur und seiner Aufklärung gegolten hat. Nicht,
als ob unsere Lehre an sich neu wäre, und paradox. Unter den Griechen ist Plato
auf diesem Wege. Der Johanneische Christus sagt ganz dasselbe, was wir lehren
und beweisen; und sagt es sogar in derselben Bezeichnung, deren wir uns hier
bedienen; und selbst in diesen Jahrzehnden, unter unserer Nation, haben es
unsere beiden grössten Dichter in den mannigfaltigsten Wendungen und
Einkleidungen gesagt. Aber der Johanneische Christus ist überschrien, durch
seine weniger geistreichen Anhänger: Dichter aber vollends wollen, meint man,
gar nichts sagen, sondern nur schöne Worte und Klänge hervorbringen.
    Dass nun diese uralte und auch später, von Zeitalter zu Zeitalter, erneuerte
Lehre diesem Zeitalter so ganz neu und unerhört erscheint, kommt daher: - Seit
der Wiederherstellung der Wissenschaften im neuen Europa, und besonders, seitdem
durch die Kirchenreformation dem Geiste auch die Prüfung der höchsten und
religiösen Wahrheit frei gegeben wurde, bildete sich allmählig eine Philosophie,
die den Versuch machte, ob nicht das ihr unverständliche Buch der Natur und der
Erkenntnis einen Sinn bekommen möchte, wenn sie es verkehrt läse; wodurch nun
freilich alles ohne Ausnahme aus seiner natürlichen Lage auf den Kopf gestellt
wurde. Diese Philosophie bemächtigte sich, so wie alle geltende Philosophie es
notwendig tut, aller Quellen des öffentlichen Unterrichts, der Katechismen und
aller Schulbücher, der öffentlichen religiösen Vorträge, der gelesenen
Schriften. Unser aller jugendliche Bildung fällt in diese Epoche. Es ist daher
gar kein Wunder, wenn, nachdem die Unnatur uns zur Natur geworden, die Natur uns
erscheint als Unnatur; und wenn, nachdem wir alle Dinge zuerst auf dem Kopfe
stehend erblickt haben, wir glauben, die in ihre rechte Lage gerückten Dinge
ständen verkehrt. Dies ist nun ein Irrtum, der mit der Zeit wohl wegfallen
wird: denn wir, die wir den Tod aus dem Leben ableiten, und den Körper aus dem
Geiste, nicht aber umgekehrt, wie die Modernen - wir sind die eigentlichen
Nachfolger der Allen, Dur dass wir klar einsehen, was für sie dunkel blieb; die
vorher erwähnte Philosophie aber ist eigentlich gar kein Fortschritt in der
Zeit, sondern nur ein possenhaftes Zwischenspiel, als ein kleiner Anhang zur
völligen Barbarei.
    Endlich werden diejenigen, welche, sich selber überlassen, allenfalls noch
die erwähnten beiden Hindernisse überwänden, durch mancherlei gehässige und
boshafte Einreden von den Fanatikern der Verkehrteit zurückgeschreckt. Zwar
dürfte man sich wundern, wie die Verkehrteit, nicht zufrieden in sich selber
und in ihrer eigenen Person verkehrt zu sein, auch noch einen fanatischen Eifer
für die Aufrechtaltung und Verbreitung der Verkehrteit ausserhalb ihrer Person
hervorbringen kenne. Doch lässt auch dies sich wohl erklären; und zwar verhält
es sich damit also. Als diese in die Jahre der Selbstbesinnung und
Selbstkenntniss gekommen waren, und ihr Inneres durchforscht hatten, und nichts
in demselben gefunden, als den Trieb des persönlich sinnlichen Wohlseins; auch
nicht den mindesten Trieb hatten, noch etwas anderes in sich zu finden oder sich
zu erwerben; haben sie um sich geblickt auf die andern Wesen ihrer Gattung, und
zu beobachten geglaubt, dass auch in diesen nichts höheres anzutreffen sei, als
derselbe Trieb des persönlichen, sinnlichen Wohlseins. Hierauf haben sie bei
sich festgesetzt, dass darin das eigentliche Wesen Menschheit bestehe, und haben
dieses Wesen der Menschheit mit unablässigem Fleisse in sich zur möglichsten
Kunstfertigkeit ausgebildet; wodurch sie in ihren Augen zu höchstvorzüglichen
und ausgezeichneten Menschen werden mussten, indem sie ja in demjenigen, worin
allein der Wert der Menschheit besteht, der Virtuosität sich bewusst sind. So
haben sie, ein Leben hindurch, gedacht und gehandelt. Wenn sie nun aber in dem
erwähnten Obersatze ihres Syllogismus sich geirrt hätten, und wenn in andern
ihrer Gattung sich allerdings noch etwas anderes, und, auf diesen Fall, ein
unläugbar Höheres und Göttlicheres, zeigte, denn der blosse Trieb des persönlich
sinnlichen Wohlseins; so wären ja sie für ihre Person, die sie sich bisher für
vorzügliche Menschen hielten, Subjecte niederer Art, und statt, dass sie sich
bisher über alles achteten, müssten sie sich von nun an verachten und wegwerfen.
Sie können nicht anders, als jene sie beschämende Ueberzeugung von einem Höheren
im Menschen, und alle Erscheinungen, die diese Ueberzeugung bestätigen wollen,
wütend anfeinden; sie müssen alles mögliche tun, um diese Erscheinungen von
sich abzuhalten, und sie zu unterdrücken: sie kämpfen für ihr Leben, für die
eigenste und innigste Wurzel ihres Lebens, für die Möglichkeit, sich selber zu
ertragen. Aller Fanatismus und alle wütende Äusserung desselben ist vom
Anfange der Welt an, bis auf diesen Tag, ausgegangen von dem Princip: wenn die
Gegner recht hätten, so wäre ich ja ein armseliger Mensch. Vermag dieser
Fanatismus zu Feuer und Schwert zu gelangen, so greift er den verhassten Feind
an mit Feuer und Schwert; sind diese ihm unzugänglich, so bleibt ihm die Zunge,
welche, wenn sie auch den Feind nicht tödtet, doch sehr oft seine Tätigkeit und
Wirksamkeit nach aussen kräftig zu lähmen vermag. Eins der gebräuchlichsten und
beliebtesten Kunststücke mit dieser Zunge ist dieses, dass sie der, nur ihnen
verhassten Sache einen allgemein verhassten Namen beilegen, um dadurch sie zu
verschreien und verdächtig zu machen. Der stehende Schatz dieser Kunstgriffe und
dieser Benennungen ist unerschöpflich und wird immerfort bereichert, und es
würde vergeblich sein, hierbei einige Vollständigkeit anzustreben. Nur einer der
gewöhnlichsten verhassten Benennungen will ich hier gedenken; der, dass man
sagt: diese Lehre sei Mysticismus.
    Bemerken Sie hierbei, zuvörderst in Absicht der Form jener Beschuldigung,
dass, falls etwa ein Unbefangner darauf antworten wurde: nun wohl, lasst uns
annehmen, es sei Mysticismus; und der Mysticismus sei eine irrige und
gefährliche Lehre; so mag er darum doch immer seine Sache vortragen, und wir
wollen ihn anhören; ist er irrig und gefährlich, so wird das bei der Gelegenheit
wohl an den Tag kommen: - jene, der kategorischen Entscheidung gemäss, mit
welcher sie dadurch uns abgewiesen zu haben glauben, darauf antworten müssten:
da ist nichts mehr anzuhören, schon vorlängst, wohl seit andertalb
Menschenleben, ist der Mysticismus durch die einmütigen Beschlüsse aller
unserer Recensionsconcilien als Ketzerei decretirt, und mit dem Banne belegt.
    Sodann, um von der Form der Beschuldigung zu ihrem Inhalte zu kommen, - was
ist er denn nun selbst, dieser Mysticismus, dessen sie unsere Lehre
beschuldigen? Zwar werden wir von ihnen nie eine bestimmte Antwort erhalten;
denn so wie sie nirgends einen klaren Begriff haben, sondern nur auf
weitschallende Worte sinnen, so mangelt es ihnen auch hier am Begriffe: wir
werden uns selbst helfen müssen. Es gibt nämlich allerdings eine Ansicht des
Geistigen und Heiligen, welche, so richtig sie auch in der Hauptsache, dennoch
mit einem bösen Gebrechen behaftet ist, und dadurch verunreinigt und bösartig
gemacht wird. Ich habe in meinen vorjährigen Vorträgen im Vorbeigehen diese
Ansicht geschildert, und es wird vielleicht auch in den diesjährigen eine Stelle
sich finden, wo ich darauf zurückkommen muss. Diese, zum Teil sehr verkehrte
Ansicht durch die Benennung des Mysticismus von der wahrhaft religiösen Ansicht
zu unterscheiden, ist zweckmässig; ich für meine Person pflege diese
Unterscheidung, des erwähnten Namens mich bedienend, zu machen; von diesem
Mysticismus ist meine Lehre sehr entfernt und demselben sehr abgeneigt. So, sage
ich, nehme ich die Sache. Was aber wollen die Fanatiker? - Die erwähnte
Unterscheidung ist vor ihren Augen, so wie vor den Augen derjenigen Philosophie,
der sie folgen, völlig verborgen: laut der erwähnten einmütigen Beschlüsse
ihrer Recensionen, ihrer Abhandlungen, ihrer belustigenden Werke, aller ihrer
Äusserungen ohne Ausnahme, - welche nachsehen kann, wer es vermag, und die
übrigen mir indessen aufs Wort glauben können, - laut dieser einmütigen
Beschlüsse, ist es stets und immer - die wahre Religion, die Erfassung Gottes im
Geiste und in der Wahrheit, die sie Mysticismus nennen, und welche in der Tat
unter dieser Benennung ihr Bannstrahl trifft Ihre Warnung auch vor dieser Lehre,
als Mysticismus, heisst demnach mit einiger Umschreibung auch hier nichts
anderes, als folgendes: dort wird man euch sagen von dem Dasein eines
schlechtin in keinen äussern Sinn fallenden, sondern nur durch das reine Denken
zu erfassenden Geistigen; ihr wäret verlorne Leute, wenn ihr euch dessen
überreden liesset, denn es existirt durch aus nichts, als das, was man mit
Händen greifet, und man hat um nichts anderes sich Sorge zu machen; alles andere
sind blosse Abstractionen von dem mit Händen zu Greifenden, die durchaus keinen
Gehalt haben, und welche diese Schwärmer mit der greiflichen Realität
verwechseln. Man wird euch sagen von der Realität, der innern Selbstständigkeit
und der Schöpferkraft des Gedankens; ihr seid für das wirkliche Leben verdorben,
wenn ihr das glaubt; denn es existirt nichts, denn zuvörderst der Bauch, und
sodann das, was ihn trägt und ihm die Speise zuführt: und die aus ihm
aufsteigenden Dünste sind es, welche jene Schwärmer Ideen nennen. Wir geben die
ganze Beschuldigung zu, und gestehen, nicht ohne freudiges und erhebendes
Gefühl, dass in diesem Sinne des Worts unsere Lehre allerdings Mysticismus ist.
Mit jenen haben wir dadurch keinen neuen Streit bekommen, sondern befinden uns
in dem uralten, nie aufzulösenden oder zu vermittelnden Streite, dass sie sagen,
alle Religion, - es sei denn etwa die oben erwähnte abergläubische Superstition
- ist etwas höchst Verwerfliches und Verderbliches, und muss mit der Wurzel
ausgerottet werden von der Erde; und dabei bleibt es: wir aber sagen: die wahre
Religion ist etwas höchst Beseligendes, und dasjenige, was allein dem Menschen,
hienieden und in alle Ewigkeit, Dasein, Wert und Würde gibt, und es muss aus
allen Kräften gearbeitet werden, dass, wo möglich, diese Religion an alle
Menschen gelange; dies sehen wir ein mit absoluter Evidenz, und es bleibt daher
auch dabei.
    Dass jene inzwischen es mehr lieben, zu sagen das ist Mysticismus; als, wie
sie sollten, zu sagen: das ist Religion; hat neben noch andern, hierher nicht
gehörenden Gründen besonders noch folgende Gründe. Sie wollen durch diese
Benennung ganz unvermerkt die Furcht einflössen, dass durch, diese Ansicht
teils Intoleranz, Verfolgungssucht, Insubordination und bürgerliche Unruhen
würden herbeigeführt werden, und dass, mit einem Worte, diese Denkart gefährlich
sei für den Staat; teils aber und vorzüglich wollen sie die, welche auf
dergleichen Betrachtungen, wie die gegenwärtigen, sich einlassen sollten,
besorgt machen für die Fortdauer ihres gesunden Verstandes, und ihnen zu
verstehen geben, dass sie auf diesem Wege wohl dahin kommen könnten, Geister am
hellen Tage zu sehen, - welches ein besonders grosses Unglück sein würde. Was
das erste anbelangt, die Gefühl für den Staat, so vergreifen sie sich in der
Benennung dessen, von welchem Gefahr zu befürchten sei, und sie rechnen ohne
Zweifel sehr sicher darauf, dass niemand sich finden werde, der die
Verwechselung aufdecke; denn niemals hat weder das, was sie Mysticismus nennen,
die wahre Religion, noch auch das, was wir also nennen, - verfolgt, Intoleranz
gezeigt, bürgerliche Unruhen angerichtet; - durch die ganze Kirchen-, Ketzer und
Verfolgungsgeschichte hindurch stehen die Verfolgten jedesmal auf dem
verhältnissmässig höhern, und die Verfolger auf dem niedern Standpunkte; die
letzteren fechtend, so wie wir oben es angegeben, für ihr Leben. Nein!
intolerant, verfolgungssüchtig, Unruhen erregend im Staate, ist allein diejenige
Gabe, welche sie selbst besitzen, der Fanatismus der Verkehrteit; und wenn es
sonst ratsam wäre, so möchte ich wünschen, dass die Gefesselten noch heute
losgelassen würden, damit man sähe, was sie begönnen. Was das zweite betrifft,
die Erhaltung des gesunden Verslandes, so hängt diese zunächst von der
körperlichen Organisation ab; und gegen deren Einflüsse schützet notorisch
selbst die allertiefste Platteit und die allerniedrigste Gemeinheit des Geistes
keinesweges; - dass man sich also nicht in die Arme dieser zu werfen braucht, um
der gefürchteten Gefahr zu entgehen. So viel mir bekannt ist, und seitdem ich
lebe bekannt worden, sind sogar diejenigen, welche in den Betrachtungen, von
denen hier die Rede ist, leben, und in ihnen ihr ununterbrochenes Tagewerk
treiben, jenen Zerstreuungen keinesweges ausgesetzt, sehen keine Gespenster, und
sind an Leib und Seele so gesund, als andere. Dass sie im Leben zuweilen nicht
tun, was die meisten andern an ihrer Stelle getan haben würden, oder tun, was
die meisten andern an derselben Stelle unterlassen haben würden, kommt
keinesweges daher, weil es ihnen an Scharfsinn gefehlt hätte, die erste
Handelnsmöglichkeit oder die Folgen der zweiten zu sehen; wie derjenige, der in
ihrer Stelle das gewusste sicher getan hätte, nicht umhin kann, zu glauben, -
sondern - aus andern Gründen. - Mag es doch immer kränkliche geistige Naturen
geben, welche, sobald sie über ihre Haushaltungsbücher, oder was sie sonst
Reelles treiben, hinauskommen, sogleich in den Zustand der Irren geraten;
bleiben diese bei ihren Haushaltungsbüchern! - nur wünschte ich nicht, dass von
ihnen, die doch hoffentlich die kleinere Zahl und sicher die niedere Art sind,
die allgemeine Regel entlehnt, noch, dieweil es schwache und kranke unter den
Menschen gibt, das ganze Menschengeschlecht als schwach und krank behandelt
würde. Dass man sich auch der Taubstummen und der Blindgebornen annimmt, und
einen Weg sich ausgesonnen hat, um an sie Unterricht zu bringen, ist alles
Dankes wert; - von den Taubstummen nämlich und den Blindgebornen. Wenn man aber
diese Weise des Unterrichts zum allgemeinen Unterrichte auch für die
Gesundgebornen machen wollte, weil neben ihnen doch immer auch Taubstumme und
Blindgeborne vorhanden sein könnten, und man dann sicher wäre, für alle gesorgt
zu haben; wenn der Hörende, ohne alle Achtung für sein Gehör, ebenso mühsam
reden und die Worte auf den Lippen erkennen lernen sollte, als der Taubstumme;
und der Sehende, ohne alle Achtung für sein Sehen, die Buchstaben durch
Betastung lesen; so würde dies gar wenig Dank verdienen von den Gesunden;
ohnerachtet diese Einrichtung freilich sogleich getroffen werden würde, sobald
die Einrichtung des öffentlichen Unterrichts von dem Gutachten der Taubstummen
und Blindgebornen abhängig gemacht würde.
    Dies waren die vorläufigen Erinnerungen und Betrachtungen, welche ich Ihnen
heute mitzuteilen für ratsam erachtete. Ueber acht Tage werde ich die
Grundlage dieser Vorträge, welche zugleich die Grundlage der ganzen Erkenntnis
entält, ihnen von einer neuen Seite, und in einem neuen Lichte darzustellen
suchen, wozu ich Sie ehrerbietig einlade.
 
                                Dritte Vorlesung
    [Lösung des Zweifels, wie, - da ja das Leben ein organisches Ganzes sein
    müsse, - im wirklichen Leben ein Teil des notwendigen Lebens ermangeln
    könne, - sowie es, unserer Behauptung zufolge, mit dem Scheinleben sich
    verhalte, - durch die Bemerkung, dass das geistige Leben in der Wirklichkeit
    sich nur allmählig und gleichsam nach Stationen entwickle; anschaulich
    gemacht an dem auffallenden Beispiele, dass der grosse Haufen das Denken der
    äusseren Gegenstände aus der sinnlichen Wahrnehmung derselben ableitet, und
    nicht anders weiss, als dass alle unsere Erkenntnis sich auf Erfahrung
    gründe. Was, im Gegensatze mit diesem, auch nicht durch Wahrnehmung
    begründeten Denken äusserer Gegenstände, das eigentliche höhere Denken sei;
    und wie dieses vom blossen Meinen, mit welchem es in Absicht seiner Region
    übereinkomme, der Form nach sich unterscheide.
     Wirkliche Vollziehung dieses Denkens an den höchsten Elementen der
    Erkenntnis, wobei resultirt: das Sein sei weder geworden, noch sei in ihm
    etwas geworden, sondern es sei schlechtin Eins und mit sich einerlei; von
    ihm sei zu unterscheiden das Dasein desselben, das notwendig sei
    Bewusstsein desselben; welches Bewusstsein, zugleich notwendig
    Selbstbewusstsein - seinem eigenen Dasein überhaupt, sowie den besonderen
    realen Bestimmungen desselben nach, aus dem Sein sich selbst nicht genetisch
    ableiten, wohl aber im Allgemeinen begreifen könne, dass diese seine reale
    Bestimmteit im Wesen Eins sei mit dem inneren Wesen des Seins.]
    Ehrwürdige Versammlung,
    
    Im ersten dieser Vorträge behaupteten wir, dass bei weitem nicht alles, was
als lebendig erscheine, wirklich und in der Tat lebe; im zweiten haben wir
gesagt, dass ein grosser Teil der Menschen sein ganzes Leben hindurch gar nicht
zum wahren und eigentlichen Denken komme, sondern beim Meinen stehen bleibe. Es
könnte wohl sein, und ist auch aus anderen Behauptungen, die wir bei dieser
Gelegenheit gemacht haben, schon klar hervorgegangen, dass die beiden
Benennungen: Denken und Leben, - Nichtdenken und Todtsein, wohl ganz dasselbe
bedeuten dürften; indem schon früher das Element des Lebens in den Gedanken
gesetzt worden, somit wohl das Nichtdenken die Quelle des Todes sein dürfte.
    Es steht nur dieser Behauptung eine bedeutende Schwierigkeit entgegen, auf
welche ich Sie aufmerksam machen muss: - die folgende: Ist das Leben ein
organisches, durch ein ohne Ausnahme gültiges Gesetz bestimmtes Ganze, so
erscheint auf den ersten Blick es als unmöglich, dass irgend Ein zum Leben
gehöriger Teil abwesend sein könne, wenn andere da sind; oder, dass irgend ein
einzelner da sein könne, wenn nicht alle zum Leben gehörige Teile, und so das
ganze Leben in seiner vollendeten organischen Einheit stattfinde. Indem wir
diese Schwierigkeit lösen, werden wir Ihnen zugleich den Unterschied zwischen
dem eigentlichen Denken und dem blossen Meinen klar darlegen können; das schon
in der vorigen Stunde angekündigte erste Geschäft, ehe wir, wie das gleichfalls
unser Vorsatz auf die heutige Stunde ist, das eigentliche Denken selber an den
Elementen aller Erkenntnis mit einander beginnen.
    Die dargelegte Schwierigkeit wird also gelöset. Allerdings erfolgt
allentalben, wo geistiges Leben ist, alles ohne Ausnahme, was zu diesem Leben
gehört, ganz und ohne Abbruch, nach dem Gesetze: - aber alles dieses mit
absoluter, der mechanischen gleichender, Notwendigkeit erfolgende tritt gar
nicht notwendig ein im Bewusstsein, und es ist zwar Leben des Gesetzes,
keinesweges aber unser, das uns eigentümliche und angehörige Leben. Unser Leben
ist nur dasjenige, was aus jenem nach dem Gesetze zu Stande gekommenen, von uns
mit klarem Bewusstsein erfasst, und in diesem klaren Bewusstsein geliebt und
genossen wird. Wo die Liebe ist, da ist das individuelle Leben, sagten wir
einmal: die Liebe aber ist nur da, wo da ist das klare Bewusstsein.
    Mit der Entwickelung dieses unseres in diesen Vorträgen allein Leben zu
benennenden Lebens, - innerhalb des ganzen, nach dem Gesetze zu Stande
gekommenen Lebens, geht es gerade also zu, wie mit dem physischen Tode. So wie
dieser, in seinem natürlichen Gange, zuerst in den äussersten und vom
Mittelsitze des Lebens entferntesten Gliedmaassen beginnt, und von ihnen sich
weiter nach dem Mittelpuncte verbreitet, bis er endlich das Herz trifft; ebenso
beginnt das geistige, seiner sich bewusste, sich liebende und sich geniessende
Leben zuerst in den Extremitäten und entferntesten Aussenwerken des Lebens, bis
es, so Gott will, auch aufgeht in dem wahren Grundpuncte und Mittelsitze
desselben. - Ein alter Philosoph behauptete, dass die Tiere aus der Erde
gewachsen seien: so wie es im kleinen, setzte er hinzu, noch bis diesen Tag
geschehe, indem man in jedem Frühlinge, besonders nach einem warmen Regen - z.B.
Frösche beobachten könne, an denen einige Teile, etwa die Vorderfüsse, schon
recht gut sich entwickelt hätten, indes die übrigen Gliedmaassen noch ein roher
und unentwickelter Erdklumpen seien. Die Halbtiere dieses Philosophen,
ohnerachtet sie übrigens kaum beweisen dürften, was sie beweisen sollen, liefern
denn doch ein sehr treffendes Bild des geistigen Lebens der gewöhnlichen
Menschen. Die äusseren Gliedmaassen dieses Lebens sind an ihnen schon vollkommen
ausgebildet, und es fliesset schon warmes Blut in den Extremitäten; an der
Stelle des Herzens aber und der übrigen edlen Lebensteile, - welche Stellen an
sich, und zufolge des Gesetzes, freilich da sind, und notwendig da sein müssen,
indem ausserdem auch die äusseren Gliedmaassen nicht da sein könnten, - an
diesen Stellen, sage ich, sind sie noch ein gefühlloser Erdklumpen, und ein
eisiger Fels.
    Zuvörderst will ich Sie dessen an einem schlagenden Beispiele überführen;
worüber ich mich zwar mit der höchsten Klarheit aussprechen werde, jedoch, um
der Neuheit der Bemerkung willen, Ihre Aufmerksamkeit ganz besonders auffordere.
- Wir sehen, hören, fühlen - äussere Gegenstände; zugleich mit diesem Sehen
u.s.w. denken wir auch diese Gegenstände, und sind uns ihrer durch den innern
Sinn bewusst, so wie wir, durch denselben innern Sinn, uns auch unseres Sehens,
Hörens und Fühlens derselben bewusst werden Hoffentlich wird auch keiner, der
nur der allergewöhnlichsten Besinnung mächtig ist, behaupten wollen: er könne
einen Gegenstand sehen, hören, fühlen, ohne zugleich auch desselben Gegenstandes
und seines Sehens, Hörens, oder Fühlens desselben Gegenstandes, innerlich sich
bewusst zu werden; er könne bewusstlos etwas bestimmtes sehen, u.s.f. Dieses
Zugleichsein, - Zugleichsein sage ich, und diese Unabtrennlichkeit der äusseren
Sinneswahrnehmung und des inneren Denkens von einander, - dieses, und nicht
mehr, liegt in der factischen Selbstbeobachtung, der Tatsache des Bewusstseins;
keinesweges aber, ich bitte dies wohl zu fassen, - keinesweges liegt in dieser
Tatsache ein Verhältnis der beiden genannten Ingredientien - des äusseren
Sinnes und Des inneren Denkens, - ein Verhältnis der zweie zu einander, etwa
wie Ursache und Bewirktes, oder wie Wesentliches und Zufälliges. Würde nun etwa
doch ein solches Verhältnis der zweie angenommen, so geschähe dieses nicht
zufolge der factischen Selbstbeobachtung, und es läge nicht in der Tatsache;
welches das erste ist, das ich Sie zu begreifen und zu behalten bitte.
    Sollte nun zweitens, aus irgend einem anderen Grunde, als dem der factischen
Selbstbeobachtung welchen möglichen Grund wir an seinen Ort gestellt sein lassen
- sollte, sage ich, aus einem solchen Grunde denn doch ein solches Verhältnis
zwischen den beiden Ingredientien gesetzt und angenommen werden; so scheint es
auf den ersten Anblick, dass beide, als immer zugleich und unabtrennlich von
einander vorhanden, in den gleichen Rang gestellt werden müssten; und so das
innere Denken ebensowohl der Grund und das Wesentliche zu der äussern
Sinneswahrnehmung, als dem Begründeten und Zufälligen, sein könnte, als
umgekehrt; auf welche Weise ein unauflöslicher Zweifel zwischen den beiden
Annahmen entstehen müsste, der es nie zu einem Endurteile über jenes
Verhältnis kommen liesse. So, sage ich, auf den ersten Anblick: falls aber etwa
jemand liefer blickte, so würde dieser, - da ja das innere Bewusstsein den
äusseren Sinn zugleich mit umfasst; indem wir ja auch des Sehens, Hörens,
Fühlens selber uns bewusst werden, wir aber keinesweges auch umgekehrt das
Bewusstsein sehen, hören oder fühlen, und so schon in der unmittelbaren
Tatsache das Bewusstsein einen höheren Platz einnimmt: es würde dieser, sage
ich, weit natürlicher finden, das innere Bewusstsein zur Hauptsache, den
äusseren Sinn zur Nebensache zu machen, und den letzteren aus dem ersteren zu
erklären, durch das erstere zu controliren und zu bewähren, - nicht aber
umgekehrt. -
    Wie nun verfährt hierbei die gemeine Denkart? Ihr ist, ohne weiteres, der
äussere Sinn überall das erste und der unmittelbare Probirstein der Wahrheit;
was gesehen, gehört, gefühlt wird, das - ist, darum, weil es gesehen, gehört,
gefühlt wird u.s.w. Das Denken und das innere Bewusstsein der Gegenstände kommt
hinten nach, als eine leere Zugabe, die man kaum bemerkt, und die man ebenso
gern entbehrte, wenn sie sich nicht aufdränge; und überall wird nicht - gesehen
oder gehört, weil gedacht wird, sondern - es wird gedacht, weil gesehen oder
gehört wird, und unter der Regentschaft dieses Sehens und dieses Hörens. Die
letztin erwähnte, verkehrte und abgeschmackte moderne Philosophie, als der
eigentliche Mund und die Stimme der Gemeinheit, tritt hinzu; öffnet ihren Mund
und spricht, ohne zu erröten: der äussere Sinn allein ist die Quelle der
Realität, und alle unsere Erkenntnis gründet sich allein auf die Erfahrung; - -
als ob dies ein Axiom wäre, gegen welches etwas vorzubringen wohl keiner sich
unterstehen werde. Wie ist es denn nun dieser gemeinen Denkart und ihrem
Vormunde so leicht geworden, über die oben erwähnten Zweifelsgründe und
positiven Anleitungen zur Annahme des entgegengesetzten Verhältnisses sich
hinwegzusetzen, als ob sie gar nicht vorhanden wären? Warum blieb ihr denn die,
schon auf den ersten Anblick und noch ohne alle tiefere Forschung, als weit
natürlicher und wahrscheinlicher sich empfehlende, entgegengesetzte Ansicht,
dass die gesammten äusseren Sinne mit allen ihren Objecten, nur - im allgemeinen
Denken begründet seien; und dass eine sinnliche Wahrnehmung überhaupt nur im
Denken und als ein Gedachtes, als eine Bestimmung des allgemeinen Bewusstseins,
keinesweges aber von dem Bewusstsein getrennt, und an sich, möglich sei: - ich
meine, die Ansicht, dass es überhaupt nicht wahr sei, dass wir sehen, hören,
fühlen, schlechtweg; sondern, dass wir uns nur bewusst sind unseres Sehens,
Hörens, Fühlens, - warum blieb diese Ansicht, welcher z.B. wir zugetan sind,
und sie als die einzig richtige mit absoluter Evidenz begreifen, und das
Gegenteil als eine offenbare Ungereimteit einsehen; warum blieb diese der
gemeinen Denkart, sogar ihrer Möglichkeit nach, verborgen? Es lässt sich leicht
erklären: Das Urteil dieser Denkart ist der notwendige Ausdruck ihres
wirklichen Lebensgrades. Im äusseren Sinne, als der letzten Extremität des
beginnenden geistigen Lebens, sitzt ihnen vor der Hand noch das Leben; im
äusseren Sinne sind sie mit ihrer lebendigsten Existenz zugegen, fühlen sich in
ihm, lieben und geniessen sich in ihm; und so fällt denn notwendig auch ihr
Glaube dahin, wo ihr Herz ist; im Denken dagegen schiesst bei ihnen das Leben
erst an, nicht als lebendiges Fleisch und Blut, sondern als eine breiartige
Masse; und darum erscheint ihnen das Denken als ein fremdartiger, weder zu
ihnen, noch zur Sache gehöriger Dunst. Wird es einmal mit ihnen dahin kommen,
dass sie im Denken bei weitem kräftiger zugegen sein, und weit lebendiger sich
fühlen und geniessen werden, als im Sehen und Hören, so wird auch ihr Urteil
anders ausfallen.
    So herabgewürdigt und unwert ist der gemeinen Ansicht das Denken - sogar in
seiner niedrigsten Äusserung; weil diese gemeine Ansicht in das Denken noch
nicht den Sitz seines Lebens verlegt, noch seine geistigen Fühlhörner bis dahin
ausgestreckt hat. Das Denken in seiner niedrigsten Äusserung, sagte ich; denn
das, und nichts weiter, ist dieses Denken der äusseren Gegenstände, welches ein
- Gegenbild, und einen Mitbewerber um Wahrheit, an einer äusseren
Sinneswahrnehmung hat. Das eigentliche, höhere Denken ist dasjenige, welches
ohne alle Beihülfe des äusseren Sinnes, und ohne alle Beziehung auf diesen Sinn,
sein - rein geistiges Object schlechtin aus sich selber sich erschafft. Im
gewöhnlichen Leben kommt diese Art des Denkens vor, wenn z.B. gefragt wird nach
der Weise der Entstehung der Welt oder des Menschengeschlechtes, oder nach den
inneren Gesetzen der Natur; wo im ersten Falle klar ist, dass bei Schöpfung der
Welt und vor dem Beginnen des Menschengeschlechtes kein Beobachter zugegen
gewesen, dessen Erfahrung ausgesprochen werden solle, im zweiten Falle durchaus
nach keiner Erscheinung, sondern nach demjenigen, worin alle einzelne
Erscheinungen übereinkommen, gefragt wird: und keine in die Augen gefallene
Begebenheit, sondern eine Denknotwendigkeit herbeigeliefert werden soll, welche
denn doch sei, und also sei, und nicht anders sein könne; was ein lediglich aus
dem Denken selber hervorgehendes Object gibt, welchen ersten Punct ich wohl zu
fassen und einzusehen bitte.
    In Sachen dieses höheren Denkens verfahrt nun die gemeine Denkart also: Sie
lässt sich aussinnen durch andere, oder sinnet auch wohl, wo sie mehr Kraft hat,
sich selber aus, durch das freie und gesetzlose Denken, welches man Phantasie
nennt, Eine von mehreren Möglichkeiten, wie es zu dem in Frage gestellten
Wirklichen gekommen sein könne (eine Hypotese machen, nennt es die Schule):
fragt darauf an bei ihrer Neigung, Furcht, Hoffnung, oder von welcher
Leidenschaft sie eben regiert wird, und falls diese zustimmt, wird jene
Erdichtung festgesetzt als bleibende und unveränderliche Wahrheit. Eine von den
mehreren Möglichkeiten ersinnt sie sich, sagte ich; dies ist der Hauptcharakter
des beschriebenen Verfahrens; aber dieser Ausdruck muss richtig verstanden
werden. An sich nämlich ist es gar nicht wahr, dass irgend etwas auf mehrere
Weisen möglich sei, sondern alles, was da ist, ist nur auf eine einzige, in sich
selbst vollkommen bestimmte Weise möglich, wirklich und notwendig zugleich; und
schon darin liegt der Grundfehler dieses Verfahrens, dass es mehrere
Möglichkeiten annimmt, - von denen es nun noch dazu, einseitig und parteiisch,
nur Eine fasst, und diese durch nichts zu bewahrheiten vermag, als durch seine
Neigung. Dieses Verfahren ist es, was wir Meinen nennen, im Gegensatze mit dem
wirklichen Denken. Dies eigentliche und von uns also genannte Meinen hat, ebenso
wie das Denken, die Region jenseits aller sinnlichen Erfahrung zum Gebiete;
diese Region besetzt es nun mit den Ausgeburten fremder oder auch der eigenen
Phantasie, denen allein die Neigung Dauer und Selbstständigkeit gibt: und
dieses alles begegnet ihm also, bloss und lediglich deswegen, weil der Sitz
seines geistigen Lebens noch nicht höher, als in die Extremität der blinden
Zuneigung oder Abneigung fällt.
    Anders verfährt das wirkliche Denken in der Ausfüllung jener übersinnlichen
Region. Dieses - sinnt sich nicht aus, sondern ihm kommt von selber, nicht das -
neben und unter andern, sondern das allein Mögliche, Wirkliche und Notwendige;
und dieses bestätigt sich nicht etwa durch einen ausser ihm liegenden Beweis,
sondern es führt seine Bestätigung unmittelbar in sich selber, und leuchtet, so
wie es nur gedacht wird, diesem Denken selber ein, als das einzig mögliche,
schlechtin und absolut wahre; mit unerschütterlicher, schlechtin alle
Möglichkeit des Zweifels vernichtender Gewissheit und Evidenz die Seele
ergreifend. Da, wie gesagt, diese Gewissheit den lebendigen Act des Denkens
unmittelbar in seiner Lebendigkeit und auf der Tat ergreift, und allein an
diesen sich hält; so folgt, dass jeder, der der Gewissheit teilhaftig werden
wolle, eben selber und in eigener Person das Gewisse denken müsse, und keinen
anderen das Geschäft für sich könne verrichten lassen. Nur diese Vorerinnerung
wollte ich noch machen; indem ich nun zu der gemeinschaftlichen Vollziehung des
eigentlichen Denkens an den höchsten Elementen der Erkenntnis fortschreite.
    Die allererste Aufgabe dieses Denkens ist die: das Sein scharf zu denken;
und ich leite zu diesem Denken Sie also. - Ich sage: das eigentliche und wahre
Sein wird nicht, entsteht nicht, geht nicht hervor aus dem Nichtsein. Denn
allem, was da wird, sind Sie genötigt ein Seiendes vorauszusetzen, durch dessen
Kraft jenes erste werde. Wollten Sie nun etwa dieses zweite Seiende wiederum in
einer früheren Zeit geworden sein lassen, so müssen Sie auch ihm ein drittes
Seiendes voraussetzen, durch dessen Kraft es geworden: und falls Sie auch dieses
dritte entstehen lassen wollten, diesem ein viertes voraussetzen! und so in das
Unendliche fort. Immer müssen Sie zuletzt auf ein Sein kommen, das da nicht
geworden ist, und das ebendarum keines anderen für sein Sein bedarf, sondern das
da schlechtin durch sich selbst, von sich und aus sich selbst ist. In diesem
Sein, zu welchem Sie doch einmal von allem Werdenden sich erheben müssen, sollen
Sie nun, meiner Anforderung zufolge, gleich vonvornherein sich festsetzen; - und
so wird Ihnen denn, falls Sie nur die aufgegebenen Gedanken mit mir vollzogen
haben, einleuchten, dass Sie das wahrhaftige Sein denken können, nur als ein
Sein von sich selbst, aus sich selbst, durch sich selbst.
    Zweitens setze ich hinzu: auch innerhalb dieses Seins kann nichts neues
werden, nichts anders sich gestalten, noch wandeln und wechseln; sondern wie es
ist, ist es von aller Ewigkeit her, und bleibt es unveränderlich in alle
Ewigkeit. Denn da es durch sich selbst ist, so ist es ganz, ungeteilt und ohne
Abbruch alles, was es durch sich sein kann und sein muss. Sollte es in der Zeit
etwas neues werden, so müssie es entweder vorher, durch ein Sein ausser ihm,
verhindert worden sein, dies zu werden; oder auch, es müsste durch die Kraft
dieses Seins ausser ihm, welche erst jetzt anfinge auf dasselbe einzuwirken,
dieses neue werden: welche beide Annahmen der absoluten Unabhängigkeit und
Selbstständigkeit desselben geradezu widersprechen. Und so wird Ihnen denn,
falls Sie nur die aufgegebenen Gedanken selbst vollzogen haben, einleuchten,
dass das Sein schlechtin nur als Eins, nicht als mehrere; und dass es nur als
eine, in sich selbst geschlossene und vollendete und absolut unveränderliche
Einerleiheit zu denken sei.
    Durch ein solches Denken - welches unser Drittes wäre - kommen Sie bloss zu
einem in sich selber verschlossenen, verborgenen und aufgegangenen Sein: Sie
kommen aber noch keinesweges zu einem Dasein, ich sage Dasein, zu einer
Äusserung und Offenbarung dieses Seins. Ich wünschte sehr, dass Sie das gesagte
gleich auf der Stelle fassten: und Sie werden es ohne Zweifel; wenn Sie nur den
zuerst construirten Gedanken des Seins recht scharf gedacht haben; und jetzt
sich bewusst werden, was in diesem Gedanken liegt, und was nicht in ihm liegt.
Die natürliche Täuschung, welche Ihnen die begehrte Einsicht verdunkeln könnte,
werde ich sehr, bald tiefer unten aufdecken.
    Um dies weiter auseinanderzusetzen: Sie vernehmen, dass ich - Sein, inneres
und in sich verborgenes, vom - Dasein unterscheide, und diese zwei, als völlig
entgegengesetzte und gar nicht unmittelbar verknüpfte Gedanken, aufstelle. Diese
Unterscheidung ist von der höchsten Wichtigkeit; und nur durch sie kommt
Klarheit und Sicherheit in die höchsten Elemente der Erkenntnis. Was nun
insbesondere das Dasein sei, wird am besten durch die wirkliche Anschauung
dieses Daseins sich deutlich machen lassen. Ich nämlich sage: unmittelbar und in
der Wurzel ist - Dasein des Seins das - Bewusstsein, oder die Vorstellung des
Seins, wie sie an dem Worte: Ist, dasselbe von irgend einem Objecte, z.B. dieser
Wand, gebraucht, sich auf der Stelle klar machen können. Denn was ist nun dieses
Ist selber in dem Satze: die Wand ist? Offenbar ist es nicht die Wand selber,
und einerlei mit ihr; auch gibt es sich dafür gar nicht aus, sondern es
scheidet durch die dritte Person diese Wand, als ein unabhängig von ihm
Seiendes, aus von sich: es gibt sich also nur für ein äusseres Merkzeichen des
selbstständigen Seins, für ein Bild davon, oder, wie wir dies oben aussprachen,
und wie es am bestimmtesten auszusprechen ist, als das unmittelbare, äussere
Dasein der Wann, und als ihr Sein ausserhalb ihres Seins. (Dass das ganze
Experiment der schärfsten Abstraction und der lebendigsten inneren Anschauung
bedürfe, wird zugestanden; so wie als die Probe hinzugefügt wird dass keiner die
Aufgabe vollzogen hat, dem nicht, besonders der letzte Ausdruck als vollkommen
exact einleuchtet.)
    Zwar pflegt sogar dies von der gemeinen Denkart nicht bemerkt zu werden; und
es kann wohl sein, dass ich an dem Gesagten vielen etwas ganz Neues und
Unerhörtes gesagt habe. Der Grund davon ist der, dass ihre Liebe und ihr Herz
ohne Verzug nur sogleich zum Objecte eilt, und nur für dieses sich interessirt,
in dasselbe sich wirft und nicht Zeit hat, bei dem Ist betrachtend zu verweilen
und so dasselbe; gänzlich verliert. Daher kommt es, dass wir gewöhnlich, das
Dasein überspringend, in das Sein selber gekommen zu sein glauben; indes wir
doch immer und ewig nur in dem Vorhofe, in dem Dasein, verharren: und gerade
diese gewöhnliche Täuschung konnte den Ihnen oben angemuteten Satz fürs erste
verdunkeln! Hier liegt nun alles daran, dass wir dieses einmal einsehen, und es
uns von nun an merken für das Leben.
    Das Bewusstsein des Seins, das Ist zu dem Sein - ist unmittelbar das Dasein:
sagten wir, vorläufig den Anschein übriglassend, als ob das Bewusstsein etwa nur
eine - neben und unter anderen mögliche Form, und Art und Weise des Daseins
wäre, und als ob es auch noch mehrere, vielleicht unendliche Formen und Weisen
des Daseins geben könne. Dieser Anschein darf nicht übrigbleiben; zuvörderst, so
gewiss wir hier nicht - meinen, sondern wahrhaft denken wollen; sodann aber
würde, auch in Absicht der Folgen, neben dieser übriggelassenen Möglichkeit
nimmermehr unsere Vereinigung mit dem Absoluten, als die einzige Quelle der
Seligkeit, bestehen können; sondern es würde vielmehr daraus eine unermessliche
Luft zwischen ihm und uns, als die wahre Quelle aller Unseligkeit, fliessen und
hervorgehen.
    Wir haben sonach, welches unser Viertes wäre, im Denken darzutun, dass das
Bewusstsein des Seins, die einzigmögliche Form und Weise des Daseins des Seins,
somit selber ganz unmittelbar, schlechtin und absolut dieses Dasein des Seins
sei. Wir leiten Sie zu dieser Einsicht auf folgende Weise: Das Sein - als Sein,
und bleibend Sein, keinesweges aber etwa aufgebend seinen absoluten Charakter,
und mit dem Dasein sich vermengend und vermischend, soll dasein. Es muss darum
von dem Dasein unterschieden und demselben entgegengesetzt werden; und zwar, -
da ausser dem absoluten Sein schlechtin nichts anderes ist, als sein Dasein, -
diese Unterscheidung, und diese Entgegensetzung muss - in dem Dasein selber -
vorkommen; welches, deutlicher ausgesprochen, folgendes heissen wird: das Dasein
muss sich selber als blosses Dasein fassen, erkennen und bilden, und muss, sich
selber gegenüber, ein absolutes Sein setzen und bilden dessen blosses Dasein
eben es selbst sei: es muss durch sein Sein, einem anderen absoluten Dasein
gegenüber, sich vernichten; was eben den Charakter des blossen Bildes, der
Vorstellung oder des Bewusstseins des Seins gibt; wie Sie dieses alles gerade
also, schon in der obigen Erörterung des Ist gefunden haben. Und so leuchtet es
denn, falls wir nur die aufgegebenen Gedanken vollzogen haben, ein, dass das -
Dasein des Seins - notwendig ein - Selbstbewusstsein seiner (des Daseins)
selbst, als blossen Bildes, von dem absolut in sich selber seienden Sein, sein -
müsse, und gar nichts anderes sein könne.
    Dass es nun also sei, und das Wissen und Bewusstsein das absolute Dasein,
oder wenn Sie jetzt lieber wollen; die Äusserung und Offenbarung Des Seins sei
in seiner einzigmöglichen Form, - kann das Wissen sehr wohl begreifen und
einsehen, so wie, der Voraussetzung nach, wir alle es soeben eingesehen haben.
Keineswegs aber - welches unser Fünftes wäre, - kann dieses Wissen in ihm selber
begreifen und einsehen, wie es selber - entstehe, und wie aus dem innern und in
sich selber verborgenen Sein ein Dasein, eine Äusserung und Offenbarung
desselben, folgen möge, wie wir denn auch oben, beim Anknüpfen unseres dritten
Punctes, ausdrücklich eingesehen, dass eine solche notwendige Folge für uns
nicht vorhanden sei. Dies kommt daher, weil, wie schon oben gezeigt, das Dasein
gar nicht sein kann, ohne sich zu finden, zu fassen und vorauszusetzen, da ja
das Sichfassen unabtrennlich ist von seinem Wesen; und so ist ihm denn durch die
Absoluteit seines Daseins, und durch die Gebundenheit an dieses sein Dasein,
alle Möglichkeit, über dasselbe hinauszugehen, und jenseits desselben sich noch
zu begreifen und abzuleiten, abgeschnitten. Es ist, für sich und in sich, und
damit gut: allentalben wo es ist, findet es sich schon vor, und findet sich vor
auf eine gewisse Weise bestimmt, die es nehmen muss, so wie Sie sich ihm gibt,
keinesweges aber erklären kann, wie und wodurch sie also geworden. Diese
unabänderlich bestimmte, und lediglich durch unmittelbare Auffassung und
Wahrnehmung zu ergreifende Weise dazusein, des Wissens, ist das innere und
wahrhaft reale Leben an ihm.
    Ohnerachtet nun dieses wahrhaft reale Leben des Wissens - sich, in Absicht
seiner besonderen Bestimmteit, - - im Wissen nicht erklären lässt, so lässt es
sich denn doch in diesem Wissen im Allgemeinen deuten; und es lässt sich
verstehen, und mit absoluter Evidenz einsehen, was es seinem inneren und wahren
Wesen nach sei; - welches unser Sechstes wäre. Ich leite Sie zu dieser Einsieht
also: was wir oben, als unseren vierten Punct, folgerten, dass das Dasein
notwendig ein Bewusstsein sei, und alles andere, was damit zusammenhing, -
folgte aus dem blossen Dasein, als solchem, und seinem Begriffe. Nun ist dieses
Dasein selber auf sich ruhend und stehend; - vor allem seinem Begriffe von sich
selbst, und unauflöslich diesem seinem Begriffe von sich selbst; wie wir soeben
bewiesen, und dieses sein Sein, sein reales, lediglich unmittelbar
wahrzunehmendes: Leben genannt haben. Woher hat es nun dieses, von allem seinem,
aus seinem Begriffe von sich selbst folgenden Sein völlig unabhängiges,
demselben vielmehr vorhergehendes, und es selbst erst möglich machendes Sein?
Wir haben es gesagt: es ist dieses das lebendige und kräftige Dasein des
Absoluten selber, welches ja allein zu sein, und da zu sein vermag, und ausser
welchem nichts ist, noch wahrhaftig da ist. Nun kann das Absolute, so wie es nur
durch sich selbst sein kann, auch nur durch sich selber dasein: und da es
selbst, und kein fremdes an seiner Stelle, dasein soll, indem ja auch kein
fremdes ausser ihm zu sein und dazusein vermag; - es ist da, schlechtin so, wie
es in ihm selber ist, und ganz, ungeteilt und ohne Rückhalt, und ohne
Veränderlichkeit und Wandel, als absolute Einerleiheit, so wie es also auch
innerlich ist. Das reale Leben des Wissens ist daher, in seiner Wurzel, das
innere Sein und Wesen des Absoluten selber, und nichts anderes; und es ist
zwischen dem Absoluten oder Gott, und dem Wissen in seiner tiefsten
Lebenswurzel, gar keine Trennung, sondern beide gehen völlig ineinander auf.
    Und so wären wir denn schon heute bei einem Puncte angekommen, der unsere
bisherigen Behauptungen deutlicher macht, und Licht verbreitet über unseren
künftigen Weg. - Dass irgend ein lebendig Daseiendes - aber alles Daseiende ist,
wie wir gesehen haben, notwendig Leben und Bewusstsein, und das Todte und
Bewusstlose ist nicht einmal da - dass ein lebendig Daseiendes gänzlich von Gott
sich trenne, dagegen ist gesorgt, und es ist dieses schlechtin unmöglich; denn
nur durch das Dasein Gottes in ihm wird es im Dasein gehalten, und so Gott aus
ihm zu verschwinden vermöchte, würde es selbst aus dem Dasein schwinden. Nur
wird dieses göttliche Dasein auf den niederen Stufen des geistigen Lebens bloss
hinter trüben Hüllen, und in verworrenen Schattenbildern gesehen, welche aus dem
geistigen Sinnenorgane, mit dem man sich und das Sein anblickt, abstammen; klar
aber und unverhüllt, ausdrücklich als göttliches Leben und Dasein es erblicken,
und mit Liebe und Genuss in dieses also begriffene Leben sich eintauchen, ist
das wahrhaftige und das unaussprechlich selige Leben.
    Immer ist es, sagten wir, das Dasein des absoluten und göttlichen Seins, das
da ist in allem Leben; unter welchem allem Leben wir hier das, zu Anfange dieser
Stunde genannte allgemeine Leben nach dem Gesetze verstehen, welches insofern
gar nicht anders sein kann, als so, wie es eben ist. Nur geht, auf den niederen
Stufen des geistigen Lebens der Menschen, jenes göttliche Sein nicht als solches
dem Bewusstsein auf: in dem eigentlichen Grundpuncte aber des geistigen Lebens
gebt jenes göttliche Sein, ausdrücklich als solches, dem Bewusstsein auf, so wie
es, der Voraussetzung nach, soeben uns aufgegangen ist. Aber, es geht als
solches dem Bewusstsein auf, - kann nichts anderes heissen, als, es tritt ein in
die eben als notwendig abgeleitete Form des Daseins und Bewusstseins, in einem
Bilde und einer Abschilderung, oder einem Begriffe, der sich ausdrücklich nur
als Begriff, keinesweges aber als die Sache selbst gibt. Unmittelbar mit seinem
realen Sein, und bildlos, ist es von jeher eingetreten im wirklichen Leben des
Menschen, nur unerkannt, und fährt auch, nach erlangter Erkenntnis, ebenso fort
in ihm einzutreten, nur dass es noch überdies auch im Bilde anerkannt wird. Jene
bildliche Form aber ist das innere Wesen des Denkens; und insbesondere trägt das
hier betrachtete Denken, an seinem Beruhen auf sich selber, und seinem sich
selber Bewähren (was wir die innere Evidenz desselben nannten), den Charakter
der Absoluteit; und erprobt sich dadurch als reines, eigentliches und absolutes
Denken. Und so ist denn von allen Seiten erwiesen, dass nur im reinen Denken
unsere Vereinigung mit Gott erkannt werden könne.
    Schon ist erinnert, aber es muss noch ausdrücklich eingeschärft und Ihrer
Beachtung empfohlen werden, dass, ebenso wie das Sein nur ein einiges ist, und
nicht mehrere, und wie es, unwandelbar und unveränderlich, mit Einemmale ganz
ist, und so ein inneres absolutes Einerlei; - dass ebenso auch das Dasein oder
das Bewusstsein, da es ja ist nur durch das Sein, und nur dessen Dasein ist, ein
absolut ewiges, unwandelbares und unveränderliches Eins und Einerlei sei. So ist
es mit absoluter Notwendigkeit an sich; und so bleibt es - im reinen Denken. Es
ist durchaus nichts im Dasein, ausser dem unmittelbaren und lebendigen Denken: -
Denken sage ich, keinesweges aber etwa Denkendes, als ein todter Stoff, welchem
das Denken inhärire; mit welchem Nichtgedanken freilich der Nichtdenker sogleich
bei der Hand ist - ferner, das reale Leben dieses Denkens, das im Grunde das
göttliche Leben ist: welche beide, jenes Denken und dieses reale Leben, zu einer
inneren organischen Einheit zusammenschmelzen, so wie sie auch äusserlich eine
Einheit, eine ewige Einfachheit und unveränderliche Einerleiheit sind. Nun
entsteht jedoch, der letzteren äusseren Einheit zuwider, der Anschein einer
Mannigfaltigkeit im Denken, teils vermöge verschiedener denkender Subjecte, die
es geben soll, teils wegen der sogar unendlichen Reihe von Objecten, über
welche das Denken jener Subjecte in alle Ewigkeit fortlaufen soll. Dieser Schein
entsteht eben also auch dem reinen Denken, und dem in ihm seligen Leben, und es
vermag dieses das Vorhandensein dieses Scheins nicht aufzuheben; keinesweges
aber glaubt dieses Denken dem Scheine, noch liebt es ihn, noch versucht es, sich
selbst in ihm zu geniessen. Dagegen das niedere Leben, auf allen niederen
Stufen, irgend einem Scheine aus dem Mannigfaltigen und in dem Mannigfaltigen
glaubt, über diesem Mannigfaltigen sich zerstreut und versplittert, und in ihm
Ruhe und Selbstgenuss sucht, welchen es doch auf diesem Wege nie finden wird. -
Diese Bemerkung möge fürs erste die Schilderung, die ich in der ersten Vorlesung
vom wahrhaftigen Leben und von dem nur scheinbaren Leben machte, erläutern. Im
äusserlichen sind diese beiden entgegengesetzten Weisen des Lebens einander so
ziemlich gleich; beide laufen ab über dieselben gemeinschaftlichen Gegenstände,
die von beiden auf die gleiche Weise wahrgenommen werden; innerlich aber sind
beide gar sehr verschieden. Das wahre Leben nämlich glaubt gar nicht an die
Realität dieses Mannigfaltigen und Wandelbaren, sondern es glaubt ganz allein an
ihre unwandelbare und ewige Grundlage im göttlichen Wesen; mit allem seinem
Denken, seiner Liebe, seinem Gehorsame, seinem Selbstgenusse, unveränderlich
verschmolzen und aufgegangen in dieser Grundlage; dagegen das scheinbare Leben
gar keine Einheit kennt oder fasset, sondern das Mannigfaltige und Vergängliche
selbst für das wahre Sein hält, und es als solches sich gefallen lässt. Fürs
zweite stellt dieselbe Bemerkung die Aufgabe an uns, den eigentlichen Grund,
warum das, was nach uns an sich schlechtin Eins ist, und in dem wahrhaften
Leben und Denken Eins bleibt, in der Erscheinung, deren factische
Unaustilgbarkeit wir doch gleichfalls zugestehen, in ein Mannigfaltiges und
Veränderliches sich verwandle; den eigentlichen Grund dieser Verwandlung, sage
ich, wenigstens genau anzugeben und deutlich zu vermelden; falls etwa die klare
Demonstration dieses Grundes der populären Darstellung unzugänglich sein sollte.
Die Aufstellung dieses Grundes nun der Mannigfaltigkeit und Veränderlichkeit
soll, nebst, der weiteren Anwendung des heute Gesagten, den Inhalt unseres
künftigen Vortrages ausmachen, zu welchem ich Sie hierdurch ehrerbietigst
einlade.
 
                                Vierte Vorlesung
    [Was unentbehrlich sei zu einem seligen Leben; was dagegen nur unter
    Bedingungen notwendig? So sei die Beantwortung der Frage: wie, da das Sein
    ebenso dasei, wie es in sich selbst sei, - als Eines, - in dieses sein
    Dasein, oder das Bewusstsein, die Mannigfaltigkeit eintreten könne? - nur
    unter Bedingung notwendig. - Beantwortung dieser Frage. Das aus der
    lediglich im Dasein vorkommenden Unterscheidung folgende Als, oder die
    Charakteristik durch den Gegensatz, sei der absolute Gegensatz und das
    Princip aller anderen Trennung Es setze dieses Als ein stehendes Sein des
    Charakterisirten, wodurch das, was an sich inneres göttliches Leben sei, in
    eine ruhende Welt verwandelt werde. Diese Welt werde charakterisirt oder
    gestaltet durch das Factum jenes Als, welches Factum sei eine absolut freie
    Selbstständigkeit - ins unbedingte und unendliche fort.]
    Ehrwürdige Versammlung,
    
    Lassen Sie uns unsere heutige Betrachtung beginnen mit einem Ueberblicke
unserer eigentlichen Absicht sowohl, als des bisher für diese Absicht
Geleisteten.
    Meine Meinung ist: der Mensch sei nicht zum Elende bestimmt, sondern es
könne Friede, Ruhe und Seligkeit ihm zu Teil werden, - schon hienieden, überall
und immer, wenn er nur selbst es wolle; doch könne diese Seligkeit durch keine
äussere Macht, noch durch eine Wundertat dieser äusseren Macht ihm angefügt
werden, sondern er müsse sie selber mit seinen eigenen Händen in Empfang nehmen.
Der Grund alles Elendes unter den Menschen sei ihre Zerstreuteit in dem
Mannigfaltigen und Wandelbaren; die einzige und absolute Bedingung des seligen
Lebens sei die Erfassung des Einen und Ewigen mit inniger Liebe und Genusse:
wiewohl dieses Eine freilich nur im Bilde erfasst, keinesweges aber wir selber
in der Wirklichkeit zu dem Einen werden, noch in dasselbe uns verwandeln können.
    Diesen soeben ausgesprochenen Satz selbst nun wollte ich fürs erste an Ihre
klare Einsicht bringen, und Sie von der Wahrheit desselben überzeugen. - Wir
beabsichtigen hier Belehrung und Erleuchtung, welche allein auch dauernden Wert
hat; keinesweges eine flüchtige Rührung und Erweckung der Phantasie, welche
grösstenteils spurlos vergeht. Zu Erzeugung dieser beabsichtigten klaren
Erkenntnis gehören nun folgende Stücke: zuerst, dass man das Sein begreife als
schlechtin von und durch sich selber seiend; als Eins, und als in sich
unwandelbar und unveränderlich. Diese Erkenntnis des Seins ist nun keinesweges
ein ausschliessendes Eigentum der Schule, sondern jedweder Christ, der nur in
seiner Kindheit eines gründlichen Religionsunterrichts genossen, hat schon
damals, bei der Erklärung des göttlichen Wesens, - unseren Begriff vom Sein
erhalten. Zweitens gehörte zu dieser Einsicht die Erkenntnis, dass wir, die
verständigen Wesen in Rücksicht dessen, was wir an uns selbst sind, keinesweges
jenes absolute Sein sind, aber denn doch in der innersten Wurzel unseres Daseins
mit ihm zusammenhangen, indem wir ausserdem gar nicht vermöchten, dazusein.
Diese letztere Erkenntnis kann nun, besonders in Rücksicht des Wie dieses
unseres Zusammenhanges mit der Gotteit, mehr oder minder klar sein. Wir haben
dieselbe in der höchsten Klarheit, in welcher sie unseres Erachtens populär
gemacht werden kann, also hingestellt: - Es ist, ausser Gott, gar nichts
wahrhaftig und in der eigentlichen Bedeutung des Wortes da, denn - das Wissen:
und dieses Wissen ist das göttliche Dasein selber, schlechtin und unmittelbar,
und inwiefern wir das Wissen sind, sind wir selber in unserer tiefsten Wurzel
das göttliche Dasein. Alles andere, was noch als Dasein uns erscheint, - die
Dinge, die Körper, die Seelen, wir selber, inwiefern wir uns ein selbstständiges
und unabhängiges Sein zuschreiben, - ist gar nicht wahrhaftig und an sich da;
sondern es ist nur da im Bewusstsein und Denken, als Bewusstes und Gedachtes,
und durchaus auf keine andere Weise. Dies, sage ich, ist der klarste Ausdruck,
in welchem, meines Erachtens, jene Erkenntnis populär an die Menschen gebracht
werden kann. Falls nun aber etwa jemand selbst dies nicht begreifen könnte; ja,
falls er etwa über das Wie jenes Zusammenhanges gar nichts zu denken oder zu
begreifen vermöchte, so würde ihn dies noch gar nicht vom seligen Leben
ausschliessen, oder daran ihm Abbruch tun. Dagegen aber gehört, meiner
absoluten Ueberzeugung nach, zum seligen Leben notwendig folgendes: 1) Dass man
überhaupt stehende Grundsätze und Annahmen über Gott und unser Verhältnis zu
ihm habe; die nicht bloss als ein auswendig Gelerntes, ohne unsere Teilnahme,
im Gedächtnisse schweben, sondern die da für uns selber wahr, und in uns selber
lebendig und tätig sind. Denn darin eben besteht die Religion: und wer nicht
solche Grundsätze auf eine solche Weise hat, der hat eben keine Religion; und
eben darum auch kein Sein, noch Dasein, - noch wahrhaftiges Selbst in sich,
sondern er fliesset nur ab, wie ein Schatten, am Mannigfaltigen und
Vergänglichen. 2) Gehöret zum seligen Leben: dass diese lebendige Religion
wenigstens so weit gehe, dass man von seinem eigenen Nichtsein, und von seinem
Sein lediglich - in Gott und durch Gott - innigst überzeugt sei, und dass man
diesen Zusammenhang stets und ununterbrochen wenigstens fühle, und dass
derselbe, falls er auch etwa nicht deutlich gedacht und ausgesprochen würde,
dennoch die vorborgene Quelle und der geheime Bestimmungsgrund aller unserer
Gedanken, Gefühle, Regungen und Bewegungen sei. - Dass dies zu einem seligen
Leben unerlasslich erfordert werde, ist unsere absolute Ueberzeugung, sage ich;
und diese Ueberzeugung sprechen wir aus für solche, welche die Möglichkeit eines
seligen Lebens schon voraussetzen; welche seiner, oder der Bestärkung in ihm,
bedürfen, und darum eine Anweisung dazu zu vernehmen begehren. Dessenohnerachtet
können wir nicht nur sehr wohl leiden, dass jemand ohne Religion und ohne wahres
Dasein, ohne innere Ruhe und Seligkeit sich behelfe, und ohne sie vortrefflich
durchzukommen versichere, wie wahr sein kann: sondern wir sind auch erbötig,
einem solchen alle mögliche Ehre und Würdigkeit, welche er ohne die Religion an
sich zu bringen vermag, zuzugestehen, zu gönnen und zu lassen. Wir bekennen bei
jeder Gelegenheit freimütig, dass wir weder in der speculativen Form, noch auch
in der populären, irgend einen zu zwingen und unsere Erkenntnis ihm
aufzunötigen vermögen; noch würden wir das wollen, wenn wir es auch könnten.
    Das bestimmteste Resultat unserer vorigen Vorlesung, an welches wir heute
anzuknüpfen gedenken, war dieses: Gott ist nicht nur, innerlich und in sich
verborgen, sondern er ist auch da, und äussert sich; sein Dasein aber
unmittelbar ist notwendig Wissen, welche letztere Notwendigkeit im Wissen
selber sich einsehen lässt. In diesem seinem Dasein ist er nun - wie gleichfalls
notwendig ist, und einzusehen ist, als notwendig - also da, wie er schlechtin
in sich selber ist; ohne irgend sich zu verwandeln auf dem Uebergange vom Sein
zum Dasein, ohne eine zwischen beiden liegende Kluft oder Trennung, oder dess
etwas. Gott ist innerlich in sich selbst Eins, nicht mehrere; er ist in sich
selbst Einerlei, ohne Veränderung noch Wandel; da er nun da ist gerade also, wie
er in sich selber ist, so ist er auch da als Eins, ohne Veränderung noch Wandel;
und da das Wissen, oder - wir, - dieses göttliche Dasein selbst sind, so kann
auch in uns, inwiefern wir dieses Dasein sind, keine Veränderung oder Wandel,
kein Mehreres und Mannigfaltiges, keine Trennung, Unterscheidung noch
Zerspaltung, stattfinden. - So muss es sein, und es kann nicht anders sein:
darum ist es also.
    Nun aber findet sich dennoch jenes Mannigfaltige, jene Trennungen,
Unterscheidungen und Zerspaltungen des Seins, und in dem Sein, in der
Wirklichkeit, welche im Denken als schlechtin unmöglich einleuchten, und
hierdurch entsteht denn die Aufgabe, diesen Widerspruch zwischen der Wahrnehmung
der Wirklichkeit und dem reinen Denken zu vereinigen; zu zeigen, wie die
widerstreitenden Aussprüche beider dennoch neben einander bestehen, und so beide
wahr sein können; und diese Aufgabe besonders dadurch zu lösen, dass man
nachweise, woher denn nun eigentlich, und aus welchem Princip, jene
Mannigfaltigkeit in das an sich einfache Sein komme? -
    Zuvörderst und vor allen Dingen: Wer ist es, der die Frage nach dem Grunde
des Mannigfaltigen erhebt, und eine solche Einsicht in diesen Grund begehrt,
dass er das Mannigfaltige, aus demselben hervorgehend erblicke; und so eine
Einsicht in das Wie der Verwandlung und des Ueberganges erhalte? Keinesweges ist
es der unerschütterliche und feste Glaube. Dieser fasst sich kurz also: es ist
schlechtin nur das Eine, Unwandelbare und Ewige, und nichts ausser ihm; alles
Wandelbare und Veränderliche ist darum ganz gewiss nicht, und seine Erscheinung
ist ganz gewiss leerer Schein; dies weiss ich: ob ich nun diesen Schein zu
erklären vermöge, oder nicht zu erklären, so wird durch das erstere meine
Gewissheit ebensowenig fester, als sie durch das letztere wankender wird. Dieser
Glaube ruht unerschütterlich in dem Das seiner Einsicht, ohne des Wie zu
bedürfen. So beantwortet z.B. das Christentum, in dem Evangelium Johannis,
diese Frage in der Tat nicht; es berührt dieselbe nicht einmal, oder wundert
sich auch nur über das Vorhandensein des Vergänglichen, indem es eben jenen
festen Glauben hat, und voraussetzt, dass nur das Eine sei, und das Vergängliche
durchaus nicht sei. So nun jemand auch unter uns dieses festen Glaubens
teilhaftig ist, so erhebt auch Er nicht diese Frage; er bedarf daher auch nicht
unserer Beantwortung derselben, und es kann ihm zuletzt, in Beziehung auf das
selige Leben, gleichgültig sein, ob er unsere Beantwortung derselben fasse oder
sie nicht fasse.
    Wohl aber erhebt diese Frage, und muss durch eine Beantwortung derselben zu
den Einsichten, die die Erzeugung eines seligen Lebens bedingen, hindurchgehen,
- derjenige, welcher entweder bisher nur an das Mannigfaltige geglaubt und sich
zur Ahndung des Einen noch gar nicht erhoben, oder zwischen den beiden Ansichten
und der Unentschiedenheit, in welcher von beiden er fest fussen, und die
entgegengesetzte aufgeben solle, herumgeworfen worden. Für solche muss ich die
aufgegebene Frage beantworten; und ihnen ist es nötig, dass sie meine
Beantwortung derselben fassen.
    Die Sache steht so: Inwiefern das göttliche Dasein unmittelbar sein
lebendiges und kräftiges Daseien ist, - Daseien sage ich, gleichsam einen Act
des Daseins bezeichnend, - ist es dem inneren Sein gleich, und ist darum eine
unveränderliche, unwandelbare und der Mannigfaltigkeit durchaus unfähige Eins.
Darum kann - ich habe hier die doppelte Absicht, teils auf eine populäre Weise
die vorliegenden Erkenntnisse an einige erst zu bringen, teils für andere unter
den Anwesenden, welche diese Erkenntnisse anderwärts auf dem scientifischen Wege
schon erhalten haben, in einen einzigen Strahl und Lichtpunct zusammenzufassen,
was sie ehemals vereinzelt erblickt haben; darum drücke ich mich mit der
strengsten Präcision aus - darum kann, wollte ich sagen, das Princip der
Spaltung nicht unmittelbar in jenen Act des göttlichen Daseins fallen, sondern
es muss ausser denselben fallen; jedoch also, dass dieses Ausser einleuchte als
unmittelbar mit jenem lebendigen Acte verknüpft, und aus ihm notwendig folgend;
dass keinesweges aber etwa in diesem Puncte die Kluft zwischen uns und der
Gotteit, und unsere unwiederbringliche Ausstossung von ihr, befestiget werde.
Ich leite Sie zur Einsicht in dieses Princip der Mannigfaltigkeit also:
    1) Was das absolute Sein, oder Gott, ist, das Ist er schlechtin und
unmittelbar durch und von sich: nun ist er unter anderm auch da; äussert und
offenbaret sich: dieses Dasein - dies ist der Punct, auf den es ankommt - dieses
Dasein ist er daher auch von sich, und nur - im Vonsichsein unmittelbar, das ist
im unmittelbaren Leben und Werden. Er ist, in seinem Existiren, mit seiner
ganzen Kraft zu existiren dabei; und nur in diesem seinem kräftigen und
lebendigen Existiren besteht seine unmittelbare Existenz: und in dieser
Rücksicht ist sie ganz, eins, unveränderlich.
    2) Hierin nun ist Sein und Dasein völlig in einander aufgegangen, und mit
einander verschmolzen und vermischt; denn zu seinem Sein von sich und durch sich
gehört sein Dasein, und einen anderen Grund kann dieses Dasein nicht haben:
wiederum zu seinem Dasein gehört alles dasjenige, was er innerlich und durch
sein Wesen ist. Der ganze in der vorigen Stunde aufgezeigte Unterschied zwischen
Sein und Dasein, und der Nichtzusammenhang zwischen beiden, zeigt sich hier als
nur für uns, und nur als eine Folge unserer Beschränkung seiend: keinesweges
aber als an sich und unmittelbar in dem göttlichen Dasein seiend.
    3) Ferner sagte ich in der vorigen Vorlesung: das Sein darf in dem blossen
Dasein mit dem Dasein nicht vermischt, sondern beides muss von einander
unterschieden werden, damit das Sein als Sein, und das Absolute als Absolutes
heraustrete. Diese Unterscheidung, und dieses Als der beiden zu
Unterscheidenden, ist zunächst in sich selber absolute Trennung, und das Princip
aller nachmaligen Trennung und Mannigfaltigkeit, wie Sie auf folgende Weise in
Kurzem sich klar machen können.
    a. Zuvörderst das Als der beiden liefert nicht unmittelbar ihr Sein, sondern
es liefert nur was sie sind, ihre Beschreibung und Charakteristik: es liefert
sie im Bilde; und zwar liefert es - ein gemischtes, sich durchdringendes und
gegenseitig sich bestimmendes Bild beider; indem jedes von den beiden zu
begreifen und zu charakterisiren ist nur durch das zweite, dass es nicht sei,
was das andere ist, und umgekehrt, dass das andere nicht sei, was dieses ist. -
Mit dieser Unterscheidung hebt nun das eigentliche Wissen und Bewusstsein - wenn
Sie wollen und was dasselbe heisst: das Bilden, Beschreiben und Charakterisiren,
mittelbare Erkennen und Anerkennen, oben durch den Charakter und das Merkmal,
an, und in diesem Unterscheiden liegt das eigentliche Grundprincip des Wissens.
Es ist reine Relation; die Relation zweier liegt aber durchaus nicht weder in
dem einen, noch in dem anderen, sondern zwischen beiden, und als ein drittes,
welches die eigentliche Natur des Wissens, als ein vom Sein durchaus
verschiedenes, anzeigt.
    b. Dieses Unterscheiden geschieht nun im Dasein selber, und geht von ihm
aus; da nun das Unterscheiden sein Object nicht unmittelbar, sondern nur das Was
desselben und seinen Charakter fasset, so fasset auch das Dasein im
Unterscheiden, d. i. im Bewusstsein, nicht unmittelbar sich selbst, sondern es
fasset sich nur im Bilde und Repräsentanten. Es begreift sich nicht unmittelbar
wie es ist, sondern es begreift sich nur innerhalb der, im absoluten Wesen des
Begreifens liegenden Grenzen. Dies populär ausgedrückt: wir begreifen zu
allernächst und selber nicht, wie wir an sich sind: und dass wir das Absolute
nicht begreifen, davon liegt der Grund nicht in dem Absoluten, sondern er liegt
in dem Begriffe selber, der sogar sich nicht begreift. Vermöchte er nur sich zu
begreifen, so vermöchte er ebensowohl das Absolute zu begreifen; denn in seinem
Sein jenseits des Begriffes ist er das Absolute selber.
    c. Also das Bewusstsein, als ein Unterscheiden, ist es, in welchem das
ursprüngliche Wesen des göttlichen Seins und Daseins - eine Verwandlung erfährt.
Welches ist nun der absolut Eine und unveränderliche Grundcharakter dieser
Verwandlung? -
    Bedenken Sie folgendes: Das Wissen, als ein Unterscheiden, ist ein
Charakterisiren der Unterschiedenen; alle Charakteristik aber setzt durch sich
selbst das stehende und ruhende Sein und Vorhandensein des charakterisirt
werdenden voraus. Also, durch den Begriff wird zu einem stehenden und
vorhandenen Sein (die Schule würde hinzusetzen, zu einem Objectiven, welches
aber selbst aus dem ersten folgt, und nicht umgekehrt) dasjenige, was an sich
unmittelbar das göttliche Leben im Leben ist, und oben auch also beschrieben
wurde. Also: das lebendige Leben ist es, was da verwandelt wird; und ein
stehendes und ruhendes Sein ist die Gestalt, welche es in dieser Verwandlung
annimmt, oder: die Verwandlung des unmittelbaren Lebens in ein stehendes und
todtes Sein ist der gesuchte Grundcharakter derjenigen Verwandlung, welche der
Begriff mit dem Dasein vornimmt. - Jenes stellende Vorhandensein ist der
Charakter desjenigen, was wir die Welt nennen; der Begriff daher ist der
eigentliche Weltschöpfer, vermittelst der aus seinem inneren Charakter
erfolgenden Verwandlung des göttlichen Lebens in ein stehendes Sein, und nur für
den Begriff und im Begriffe ist eine Welt, als die notwendige Erscheinung des
Lebens im Begriffe; jenseits des Begriffes aber, d.h. wahrhaftig und an sich,
ist nichts und wird in alle Ewigkeit nichts, denn der lebendige Gott in seiner
Lebendigkeit.
    d. Die Welt hat in ihrem Grundcharakter sich gezeigt, als hervorgehend aus
dem Begriffe; welcher Begriff wiederum nichts ist, denn das Als zum göttlichen
Sein und Dasein. Wird nun etwa diese Welt im Begriffe, und der Begriff an ihr
noch eine neue Form annehmen? - es versteht sich mit Notwendigkeit, und also,
dass die Notwendigkeit einleuchte?
    Um diese Frage zu beantworten, überlegen Sie mit mir folgendes: Das Dasein
erfasset sich selber, sagte ich oben, im Bilde, und Mit einem dasselbe vom Sein
unterscheidenden Charakter. Dies tut es nun schlechtin durch und von sich
selbst, und durch seine eigene Kraft; auch erscheint diese Kraft der
gewöhnlichen Selbstbeobachtung in allem sich Zusammennehmen, Aufmerken und seine
Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand Richten (mit dem Kunstausdrucke nennt
man diese selbstständige Sicherfassung des Begriffs die Reflexion; und so wollen
auch wir es fernerhin nennen). Diese Kraftanwendung des Daseins und Bewusstseins
folgt daraus dass ein Als des Daseins sein soll: dieses Soll selbst aber ist
gegründet unmittelbar in dem lebendigen - Daseien Gottes. Der Grund der
Selbstständigkeit und Freiheit des Bewusstseins liegt freilich in Gott; aber
ebendarum und deswegen, weil er in Gott liegt, ist die Selbstständigkeit und
Freiheit wahrhaftig da, und keinesweges ein leerer Schein. Durch sein eigenes -
- Dasein, und zufolge des inneren Wesens desselben, stösst Gott zum Teil; d.h.
inwiefern es Selbstbewusstsein wird, sein Dasein aus von sich, und stellt es hin
wahrhaft selbstständig und frei; welchen Punct, als denjenigen, der das letzte
und tiefste Misverständniss der Speculation löst, ich hier nicht übergehen
wollte.
    Das Dasein erfasset sich mit eigener und selbstständiger Kraft: dies war das
Erste, was ich Ihnen hierbei bemerkbar machen wollte. Was entsteht ihm denn nun
in diesem Erfassen? Dies ist das Zweite, worauf ich Ihr Nachdenken zu richten
wünsche. Indem es fürs erste nur schlechtweg auf sich hinsieht in seinem
Vorhandensein, so entsteht ihm unmittelbar in dieser kräftigen Richtung auf sich
selbst die Ansicht, dass es das und das sei, den und den Charakter trage; also -
dies ist der allgemeine Ausdruck, den ich Sie wohl zu fassen bitte - also, in
der Reflexion auf sich selbst spaltet sich das Wissen durch sich selber und
seine eigene Natur, indem es nicht nur überhaupt - sich einleuchtet, welches
Eins wäre; sondern zugleich auch sich einleuchtet als das und das, welches zum
ersten das zweite gibt; - ein aus dem ersten gleichsam herausspringendes; so
dass die eigentliche Grundlage der Reflexion gleichsam in zwei Stücke zerfällt.
Dies ist das wesentliche Grundgesetz der Reflexion.
    e. Nun ist der erste und unmittelbare Gegenstand der absoluten Reflexion das
Dasein selber, welches, durch die schon oben erklärte Form des Wissens, aus
einem lebendigen Leben sich in ein stehendes Sein, oder in eine Welt verwandelt
hat: also der erste Gegenstand der absoluten Reflexion ist die Welt. Diese Welt
muss, zufolge der soeben abgeleiteten inneren Form der Reflexion, in dieser
Reflexion zerspringen und sich zerspalten also, dass die Welt oder das stehende
Dasein überhaupt, und im allgemeinen, mit einem bestimmten Charakter
heraustrete, und die allgemeine Welt in der Reflexion zu einer besonderen
Gestalt sich gebäre. Dies liegt, wie gesagt, in der Reflexion als solcher; die
Reflexion aber ist, wie gleichfalls gesagt worden, in sich selber absolut frei
und selbstständig. Wird daher nicht reflectirt, wie es denn zufolge der Freiheit
wohl unterlassen werden kann, so erscheint nichts; wird aber ins Unendliche fort
von Reflexion auf Reflexion reflectirt, wie zufolge derselben Freiheit wohl
geschehen kann, so muss jeder neuen Reflexion die Welt in einer neuen Gestalt
heraustreten, und so in einer unendlichen Zeit, welche gleichfalls nur durch die
absolute Freiheit der Reflexion erzeugt wird, ins Unendliche fort sich verändern
und gestalten, und hinfliessen als ein unendliches Mannigfaltige. - So wie der
Begriff überhaupt sich zeigte als Welterzeuger, so zeigt hier das freie Factum
der Reflexion sich als Erzeuger der Mannigfaltigkeit, und einer unendlichen
Mannigfaltigkeit, in der Welt; welche Welt jedoch, ohngeachtet jener
Mannigfaltigkeit, dieselbe bleibt darum, weil der Begriff überhaupt in seinem
Grundcharakter Einer und derselbe bleibt.
    f. Und nun fassen Sie das Gesagte also in einen Blick zusammen: das
Bewusstsein, oder auch wir selber, - ist das göttliche Dasein selber, und
schlechtin Eins mit ihm. In diesem Sein fasst es sich nun, und wird dadurch
Bewusstsein; und sein eigenes oder auch das göttliche wahrhaftige Sein, wird ihm
zur Wellt. Was ist denn nun in diesem Zustaude in seinem Bewusstsein? Ich denke,
jeder wird antworten: die Welt, und nichts denn die Welt. Oder, ist etwa in
diesem Bewusstsein auch das unmittelbare göttliche Leben? Ich denke, jeder wird
antworten: nein: denn das Bewusstsein kann schlechtin nicht anders, als jenes
unmittelbare Leben in eine Welt verwandeln, und so wie Bewusstsein gesetzt ist,
ist, diese Verwandlung als geschehen gesetzt; und das absolute Bewusstsein ist
eben durch sich selbst die unmittelbare, und darum nicht wieder bewusste
Vollziehung dieser Verwandlung. Nun aber, - wo ist denn jenes unmittelbare
göttliche Leben, welches in seiner Unmittelbarkeit das Bewusstsein ja sein soll,
- wo ist es denn hingeschwunden, da es laut unseres eigenen, durch unsere Sätze
durchaus notwendig gewordenen Geständnisses, - im Bewusstsein, seiner
Unmittelbarkeit nach, unwiederbringlich ausgetilgt ist? Wir antworten: es ist
nicht verschwunden, sondern es ist und bleibt da, wo es allein sein kann; im
verborgenen und dem Begriffe unzugänglichen - Sein des Bewusstseins; in dem, was
allein das Bewusstsein trägt und es im Dasein erhält, und es im Dasein möglich
macht. Im Bewusstsein verwandelt das göttliche Leben sich unwiederbringlich in
eine stehende Welt: ferner aber ist jedes wirkliche Bewusstsein ein
Reflexionsact; der Reflexionsact aber spaltet unwiederbringlich die Eine Welt in
unendliche Gestalten, deren Auffassung nie vollendet werden kann, von denen
daher immer nur eine endliche Reihe ins Bewusstsein eintritt. Ich frage: wo
bleibt denn also die Eine, in sich geschlossene und vollendete Welt, als das
eben abgeleitete Gegenbild des in sich selber geschlossenen göttlichen Lebens?
Ich antworte: sie bleibt da, wo allein sie ist - nicht in einer einzelnen
Reflexion, sondern in der absoluten und Einen Grundform des Begriffes; welche du
niemals im wirklichen unmittelbaren Bewusstsein, wohl aber in dem darüber sich
erhebenden Denken wiederherstellen kannst; ebenso wie du in demselben Denken das
noch weiter zurückliegende und noch tiefer verborgene göttliche Leben
wiederherstellen kannst. Wo bleibt denn nun in diesem, durch unaufhörliche
Veränderungen ablaufenden Strome der wirklichen Reflexion und ihrer
Weltgestaltung das Eine, ewige und unveränderliche, in dem göttlichen Dasein
aufgehende Sein des Bewusstseins? Es tritt in diesen Wechsel gar nicht ein,
sondern nur sein Repräsentant, das Bild, tritt darin ein.
    So wie schon dein sinnliches Auge ein Prisma ist, in welchem der an sich
durchaus sich gleiche, reine und farblose Aeter der sinnlichen Welt auf den
Oberflächen der Dinge in mannigfaltige Farben sich bricht; - du aber darum
keinesweges behaupten wirst, dass der Aeter an und für sich farbig sei, sondern
nur, dass er in und an deinem Auge, und mit diesem in Wechselwirkung stehend, zu
Farben sich breche: und du nun zwar nicht vermagst, den Aeter farblos zu -
sehen, wohl aber ihn farblos zu - denken; welchem Denken du, nachdem dir die
Natur deines sehenden Auges bekannt worden, allein Glauben beimissest: - so
verfahre auch in Sachen der geistigen Welt, und mit der Ansicht deines geistigen
Auges. Was du siehst, bist ewig du selbst; aber du bist es nicht, wie du es
siehst, noch siehest du es, wie du es bist. Du bist es unveränderlich, rein,
farben- und gestaltlos. Nur die Reflexion, welche gleichfalls du selber bist,
und du darum nie von ihr dich trennen kannst; - nur diese bricht es dir in
unendliche Strahlen und Gestalten. Wisse darum doch, dass es nicht an sich,
sondern, dass es nur in dieser deiner Reflexion, als deinem geistigen Auge,
wodurch allein du zu sehen vermagst, und in Wechselwirkung mit dieser Reflexion
gebrochen und gestaltet, und wie ein Mannigfaltiges gestaltet ist; erhebe über
diesen Schein, - der in der Wirklichkeit ebenso unaustilgbar ist, als die Farben
es in deinem sinnlichen Auge sind - erhebe über diesen Schein dich zum Denken;
lass von diesem dich ergreifen; und du wirst von nun an nur ihm Glauben
beimessen.
    Soviel als ich eben gesagt, soll, meines Erachtens, ein populärer Vortrag
beibringen zur Beantwortung der Frage: woher denn, da das Sein an sich doch
schlechtin nur Eines, und unwandelbar und unveränderlich sein müsse, und als
solches dem Denken auch einleuchte, dennoch die Veränderlichkeit und
Wandelbarkeit in dasselbe komme, die das wirkliche Bewusstsein darin antrifft.
Das Sein ist an sich allerdings Eins, das einige göttliche Sein: und dieses
allein ist das wahrhaft Reale in allem Dasein, und bleibt es in Ewigkeit. Dieses
Eine Sein wird durch die Reflexion, welche im wirklichen Bewusstsein mit jenem
unabtrennlich vereinigt ist, in einen unendlichen Wechsel von Gestalten
zerspaltet Diese Spaltung ist, wie gesagt, eine schlechtin ursprüngliche und im
wirklichen Bewusstsein niemals aufzuhebende, oder durch etwas anderes zu
ersetzende: die wirklichen Gestalten somit, welche durch diese Zerspaltung das
an sich Reale erhalten hat, lassen sich nur im wirklichen Bewusstsein, und so,
dass man sich demselben beobachtend hingebe, - leben und erleben; keinesweges
aber erdenken und a priori ableiten. Sie sind reine und absolute Erfahrung, die
nichts ist, denn Erfahrung; welche aufheben zu wollen wohl keiner Speculation,
die nur sich selber versteht, jemals einfallen wird: und zwar ist der Stoff
dieser Erfahrung an jedem Dinge das - absolut ihm allein zukommende, und es
individuell charakterisirende; das in dem unendlichen Ablaufe der Zeiten nie
wiederkommen, auch niemals vorher dagewesen sein kann. Wohl aber lassen sich, -
geradeso durch die Untersuchung der verschiedenen Gesetze der Reflexion, wie wir
soeben das Eine Grundgesetz davon aufgestellt haben, - die allgemeinen
Eigenschaften jener, durch die Spaltung entstandenen Gestalten des Einen Realen
- in Rücksicht welcher Eigenschaften übereinstimmende Klassen und Arten
entstehen - a priori ableiten; und eine systematische Philosophie soll und muss
das absolut erschöpfend und vollständig tun. So lässt sich die Materie im
Raume, so lässt sich die Zeit, so lassen sich geschlossene Systeme von Welten so
lässt sich, wie die das Bewusstsein fragende Substanz, welche an sich doch auch
nur Eine sein kann, in ein System von verschiedenen, auch als selbstständig
erscheinenden Individuen, sich zerspalten, - und alles von dieser Art - aus dem
Reflexionsgesetze völlig einleuchtend ableiten. Doch bedarf es dieser
Ableitungen mehr, um eine gründliche Einsicht in die besonderen Wissenschaften
hervor zubringen, als zur Erweckung eines gottseligen Lebens. Sie fallen darum
dem scientifischen Vortrage der Philosophie, als ausschliessendes Eigentum,
anheim, und sind der Popularität weder fähig, noch bedürftig. Hier sonach, in
dem erwähnten Puncte, liegt die Grenze zwischen strenger Scienz und Popularität.
Wir sind, wie Sie sehen, an dieser Grenze angekommen; und es lässt sich darum
wohl erwarten, dass von nun unsere Betrachtung allmählig sich zu denjenigen
Regionen herablassen werde, welche, wenigstens in Absicht der Gegenstände, uns
auch schon vorher bekannt waren, und die wir mit unserem Denken schon zuweilen
berührt haben.
    Ausser der heule abgeleiteten Spaltung der im Bewusstsein aus dem göttlichen
Leben entstandenen Welt in eine, in Absicht ihrer Gestaltung ins unendliche
veränderlichen Welt, vermittelst der Grundform der Reflexion, - gibt es noch
eine andere, mit der ersten Spaltung unabtrennlich verbundene Spaltung derselben
Welt, nicht in eine unendliche, sondern in eine fünffache Form ihrer möglichen
Ansicht. Wir müssen auch diese zweite Spaltung - wenigstens historisch
aufstellen und Ihnen bekannt machen; welches in der nächsten Stunde geschehen
wird. Erst nach diesen Vorbereitungen werden wir fähig sein, das innere Wesen
sowohl, als die äusseren Erscheinungen des wahrhaft seligen Lebens fürs erste zu
fassen, und, nachdem wir es also gefasst haben, einzusehen, dass es der
Seligkeit, und welcher Seligkeit es teilhaftig sei.
 
                                Fünfte Vorlesung
    [Princip einer neuen Spaltung im Wissen, nicht zunächst auf die Welt,
    sondern auf die Reflexion der Wett gehend, und darum nur gebend verschiedene
    Ansichten der Einen bleibenden Welt; welche letztere Spaltung jedoch mit der
    ersten innigst durchdrungen und verwachsen sei. Diese Spaltung, daher die
    aus ihr resultirende Verschiedenheit der Weltansicht sei fünffach. Die erste
    und niedrigste die Ansicht der herrschenden Zeitphilosophie, da man der
    Sinnenwelt, oder der Natur, Realität beimisst. Die zweite, da das Reale in
    ein, die vorhandene Welt ordnendes Gesetz an die Freiheit gesetzt wird: der
    Standpunct der objectiven Legalität, oder des kategorischen Imperativs. Die
    dritte, da dasselbe Reale in ein, - innerhalb der vorhandenen Welt, eine
    neue erschaffendes - Gesetz an die Freiheit gesetzt wird: der Standpunct der
    eigentlichen Sittlichkeit. Die vierte, da die Realität allein in Gott und in
    sein Dasein gesetzt wird: der Standpunct der Religiosität. Die fünfte,
    welche das Mannigfaltige in seinem Hervorgehen aus dem Einen Realen klar
    erblickt: der Standpunct der Wissenschaft. Jedoch sei wahrhafte Religiosität
    nicht als blosse Ansicht möglich, sondern sie sei nur da, wo sie mit einem
    wirklichen göttlichen Leben vereinigt sei; und ohne diese Vereinigung sei
    die blosse Ansicht leer, und Schwärmerei.]
    Ehrwürdige Versammlung,
    
    Nach dem, was wir bisher ersehen, besteht die Seligkeit in der Vereinigung
mit Gott, als dem Einen und absoluten. Wir aber sind in unserm unaustilgbaren
Wesen nur Wissen, Bild und Vorstellung; und selbst in jenem Zusammenfallen mit
dem Einen, kann jene unsere Grundform nicht verschwinden. Selbst in diesem
unserm Zusammenfallen mit ihm wird er nicht unser eigenstes Sein selber, sondern
er schwebt uns nur vor als ein fremdes und ausser uns befindliches, an das wir
lediglich uns hingeben und anschmiegen in inniger Liebe; er schwebt uns vor an
sich als gestaltlos und gehaltlos, für sich keinen bestimmten Begriff oder
Erkenntnis von seinem innern Wesen gebend, sondern nur als dasjenige, durch
welches wir uns und unsere Welt denken und vorstellen. Auch nach der Einkehrung
in ihn pellt die Welt uns nicht verloren; sie erhält nur eine andere Bedeutung;
und wird aus einem für sich selbstständigen Sein, für welches wir vorher sie
hielten, lediglich zur Erscheinung und Äusserung des in sich verborgenen
göttlichen Wesens in dem Wissen. - Fassen Sie dieses noch einmal im Ganzen also
zusammen. Das göttliche Dasein, - sein Dasein, sage ich, der früher gemachten
Unterscheidung zufolge seine Äusserung und Offenbarung, - ist schlechtin durch
sich, und schlechtin notwendig Licht: das inwendige nämlich, und das geistige
Licht. Dieses Licht, - sich selbst überlassen bleibend, - zerstreut und
zerspaltet sich in mannigfaltige und in unendliche Strahlen, und wird auf diese
Weise, in diesen einzelnen Strahlen, sich selber und seinem Urquelle entfremdet.
Aber dasselbe Licht vermag auch durch sich selbst aus dieser Zerstreuung sich
wieder zusammenzufassen und sich als Eines zu begreifen, und sich zu verstehen
als das, was es an sich ist, als - Dasein und Offenbarung Gottes; bleibend zwar
auch in diesem Verstehen das, was es in seiner Form ist - Licht; doch über in
diesem Zustande, und vermittelst dieses Zustandes selber, sich deutend als
nichts Reales für sich, sondern nur als Dasein und Sichdarstellung Gottes.
    Insbesondere war in den beiden letzten Vorlesungen, und ganz besonders in
der allerletzten, unser Bestreben dies: der Verwandlung des an sich einzig
möglichen und unveränderlichen Seins in ein anderes, und zwar in ein
mannigfaltiges und veränderliches Sein, zuzusehen; also, dass wir in den Punct
dieser Verwandlung eingeführt würden, und dieselbe vor unsern eigenen Augen vor
sich ginge. Wir fanden folgendes. Zuvörderst wurde durch den Charakter des
Wissens überhaupt, als eines blossen Bildes, eines von demselben unabhängig
vorhandenen und bestehenden Seins, das, was an sich, und in Gott lauter Tat und
Leben ist, in ein ruhendes Sein, oder in eine Welt überhaupt verwandelt.
Zweitens wurde noch überdies, durch das, von allem wirklichen Wissen
unabtrennbare Grundgesetz der Reflexion jene, für das blosse Wissen einfache
Welt weiter charakterisirt, gestaltet und zu einer besondern Welt gemacht; und
zwar zu einer ins unendliche verschiedenen, und in einem nie zu endenden Strome
neuer Gestaltungen ablaufenden Welt. Die hierdurch zu erzeugende Einsicht war,
unsers Erachtens, nicht bloss dem Philosophen, sondern auch der Gottseligkeit -
falls nämlich die letzte nicht bloss instinctartig und als ein dunkler Glaube in
dem Menschen wohnet, sondern über ihren eigenen Grund zugleich Rechenschaft sich
abzulegen begehrt, auf die gleiche Weise unentbehrlich.
    So weit waren wir in der vorigen Vorlesung fortgerückt, und äusserten zum
Beschlusse, dass mit dieser, auf das Eine Grundgesetz aller Reflexion sich
gründenden Spaltung der Welt ins unendliche, noch eine andere Spaltung
unzertrennlich verknüpft wäre, die wir an diesem Orte, wenn auch nicht
abzuleiten, denn doch historisch deutlich anzugeben und zu beschreiben hätten.
Ich fasse diese neue und zweite Spaltung im allgemeinen hier nicht tiefer, denn
so. Erstens ist sie, in ihrem innern Wesen, von der in der vorigen Stunde
abgeleiteten, hier soeben wieder erwähnten Spaltung also verschieden, - dass
jene die durch die Form des Wissens überhaupt aus dem göttlichen Leben
entstandene stehende Welt unmittelbar spaltet und teilt; dagegen die jetzt zu
betrachtende nicht unmittelbar das Object, sondern nur die Reflexion auf das
Object spaltet und teilt. Jene ist eine Spaltung und Einteilung in dem
Objecte selber: diese ist nur eine Spaltung und Einteilung in der Ansicht des
Objects, nicht, wie jene, gebend an sich verschiedene Objecte, sondern nur
verschiedene Weisen, die Eine bleibende Welt innerlich anzusehen, zu nehmen und
zu verstehen. Zweitens ist nicht ausser Acht zu lassen, dass diese beiden
Spaltungen - nicht etwa eine die Stelle der andern vertreten, und so sich
gegenseitig verdrängen können, sondern dass sie beide, - unabtrennlich, und so
in Einem Schlage sind, so wie nur die Reflexion, deren unveränderliche Formen
sie sind, überhaupt ist: - dass daher auch die Resultate der beiden
unabtrennlich sich begleiten und neben einander fortgehen. - Das Resultat der
ersten Spaltung ist, wie wir in der vorigen Rede zeigten, die Unendlichkeit; das
Resultat der zweiten ist, wie wir damals erwähnten, eine Fünffachheit: somit ist
die jetzt behauptete Unabtrennlichkeit beider Spaltungen also zu verstehen, dass
die ganze bleibende und nie aufzuhebende Unendlichkeit, in ihrer Unendlichkeit,
auf eine fünffache Weise angesehen werden könne; und wiederum, dass jede der
fünf möglichen Ansichten der Welt denn doch wieder die Eine Welt in ein
unendliches spalte. Und so fassen Sie denn alles bisjetzt Gesagte also in Einen
Ueberblick zusammen: Im geistigen Sehen wird das, was an sich göttliches Leben
ist, zu einem Gesehenen, d. i. zu einem vollendet Vorhandenen, oder zu einer
Welt. Welches das Erste wäre. Dieses Sehen ist nun immer ein Act, genannt
Reflexion, und durch diesen Act, teils als gehend auf sein Object, die Welt,
teils als gehend auf sich selber, wird jene Welt in ein unendliches Fünffaches,
oder, was dasselbe sagt, in eine fünffache Unendlichkeit gespalten. Was das
Zweite wäre. Um nun hier zunächst bei der zweiten Spaltung, als dem eigentlichen
Gegenstande unserer heutigen Betrachtung, stehen zu bleiben, machen wir über
dieselbe noch folgende allgemeine Bemerkungen.
    Es gibt diese Spaltung, wie schon erwähnt, nicht eine Einteilung im
Objecte, sondern nur eine Einteilung, Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit in
der Ansicht des Objects. - Es scheint sich der Gedanke aufzudringen, dass diese
Verschiedenheit, nicht des Objects, sondern der Ansicht desselben, allentalben
bleibenden Objects, nur in der Dunkelheit oder Klarheit, der Tiefe oder
Flachheit, der Vollständigkeit oder Unvollständigkeit dieser Ansicht, der Einen
bleibenden Welt, beruhen könne. Und so verhält es sich denn allerdings: oder,
dass ich an etwas hier schon vorgetragenes anknüpfe, und das vorliegende durch
jenes, sowie gegenseitig jenes durch das vorliegende verständlicher mache; - die
erwähnten fünf Weisen, die Welt zu nehmen, sind dasselbe, was ich in der dritten
Vorlesung die verschiedenen möglichen Stufen und Entwicklungsgrade des innern
geistigen Lebens nannte, - als ich sagte, dass es sich in der Regel mit dem
Fortschritte des, im eigentlichen Sinne uns angehörigen, freien und bewussten
geistigen Lebens so verhalte, wie mit dem Fortschritte des physischen Todes, und
dass das erstere, ebenso wie der letztere, in den entferntesten Gliedmaassen
beginne, und von ihnen aus nur allmählig fortrücke zum Mittelpuncte. Was ich in
dem damals gebrauchten Bilde die Aussenwerke des geistigen Lebens nannte, sind,
in der gegenwärtigen Darstellung, die niedrigsten, dunkelsten und
oberflächlichsten unter den fünf möglichen Weisen, die Welt zu nehmen; was ich
edlere Lebensteile und das Herz nannte, sind die höheren und klareren, und die
höchste und allerklarste, von diesen Weisen.
    Ohnerachtet aber, sowohl nach unserem damaligem Gleichnisse, als nach
unserer gegenwärtigen Darstellung, in dem gewöhnlichen Gange des Lebens und nach
der Regel, der Mensch nur, nachdem er in einer niedrigen Weise, die Welt zu
deuten, eine Zeitlang beruhet, zu einer höhern sich erhebt; so ist doch darum
fürs erste ja nicht zu läugnen, sondern ausdrücklich zu bedenken und
festzuhalten, dass jene vielfache Ansicht der Welt eine wahre und ursprüngliche
Spaltung sei, wenigstens in dem Vermögen des Menschen, die Welt zu nehmen.
Verstehen Sie mich also: jene Höhern Weltansichten entstehen nicht etwa erst in
der Zeit, und so, dass die ihnen durchaus entgegengesetzten sie erst erzeugten
und möglich machten; sondern sie sind von aller Ewigkeit in der Einheit des
göttlichen Daseins da, als notwendige Bestimmungen des Einen Bewusstseins;
gesetzt auch, kein Mensch erfasste sie; und keiner, der sie erfasst, kann sie
erdenken und durch Denken erzeugen, sondern er vermag nur sie zu finden, und
sich anzueignen. Zweitens aber ist jener allmählige Fortschritt auch nur der
gewöhnliche Gang und die Regel, welche durchaus nicht ohne Ausnahme gilt. Wie
durch ein Wunder finden, durch Geburt und Instinct, einige Begeisterte und
Begünstigte, ohne ihr eigenes Wissen, sich in einem höheren Standpuncte der
Weltansicht; welche nun von ihrer Umgebung ebensowenig begriffen werden, als von
ihrer Seite sie dieselbe zu begreifen vermögen. In diesem Falle befanden von
Anbeginn der Welt an sich alle Religiosen, Weisen, Heroen, Dichter, und durch
diese ist alles Grosse und Gute in die Welt gekommen, was in ihr sich befindet.
Wiederum sind andere Individuen, und, wo die Ansteckung recht gefährlich wird,
ganze Menschenalter, mit wenig Ausnahmen, - durch denselben nicht weiter zu
erklärenden Instinct - also in die gemeine Ansicht hineingebannt und
hineingewurzelt, dass selbst der allerklarste und einleuchtendste Unterricht sie
nicht dahin bringt, ihr Auge auch nur Einen Augenblick über den Boden zu
erheben, und irgend etwas anderes zu fassen, als was mit den Händen sich fassen
lässt.
    So viel im allgemeinen über die angegebene neue Einteilung in der Weise,
die Eine Welt anzusehen: und jetzt zur Aufstellung der einzelnen Glieder dieser
Einteilung!
    Die erste, niedrigste, oberflächlichste und verworrenste Weise, die Welt zu
nehmen, ist die, wenn man dasjenige für die Welt und das wirklich Daseiende
hält, was in die äusseren Sinne hallt: dies für das höchste? wahrhafte und für
sich bestehende. Diese Ansicht ist auch in diesen unseren Vorlesungen, besonders
in der dritten, sattsam geschildert, deutlich, wie es mir scheint,
charakterisirt, und schon damals durch einen selber nur auf der Oberfläche
liegenden Wink in ihrer Verwerflichkeit und Seichtigkeit hinlänglich dargestellt
worden. Dass es demohnerachtet die Ansicht unserer Weltweisen und des in ihrer
Schule gebildeten Zeitalters sei; ist gleichfalls zugestanden: sowie zugleich
gezeigt worden, dass diese Ansicht keinesweges in ihrer Logik liege, - indem
überhaupt aller Logik jene Ansicht ins Gesicht widerspricht, - sondern in ihrer
Liebe. Hiebei kann ich nun mich nicht länger aufhalten; denn auch in diesen
Vorlesungen müssen wir weiter kommen, und darum einiges, als nun für immer
abgetan, hinter uns lassen. Ob nun jemand auf seinem Sinne bestehe, und
fortfahre zu sagen; aber diese Dinge sind ja offenbar, wirklich und wahrhaftig
da; denn ich sehe sie ja, und höre sie u.s.w.: so wisse dieser, dass wir uns
durch seine dreiste Versicherung und seinen festen Glauben gar nicht irre machen
lassen, sondern dass es bei unserm kategorischen, unumwundenen und ganz nach den
Worten zu verstehenden: Nein, diese Dinge sind nicht, gerade darum, weil sie
sichtbar und hörbar sind, - auf einmal für immer verbleibt; und dass wir mit
einem solchen, als der Verständigung und Belehrung durchaus unfähig, gar nicht
weiter reden können.
    Die zweite, aus der ursprünglichen Spaltung möglicher Ansichten der Welt
hervorgehende Ansicht ist die, da man die Welt erfasset als ein Gesetz der
Ordnung und des gleichen Rechts in einem Systeme vernünftiger Wesen. Verstehen
Sie mich gerade also? wie die Worte lauten. Ein Gesetz, und zwar ein ordnendes
und gleichendes Gesetz für die Freiheit mehrerer, ist dieser Ansicht das
eigentliche Reale und für sich selber Bestehende; dasjenige mit weichem die Welt
anhebt, und worin sie ihre Wurzel hat. Falls hiebei jemand sich wundern sollte,
wie denn ein Gesetz, das da ja, wie ein solcher sich ausdrücken würde, ein
blosses Verhältnis und lediglich ein Abstractionsbegriff sei, für ein
Selbsständiges gehalten werden könne, so käme einem solchen die Verwunderung
lediglich daher, dass er nichts als real fassen könnte, ausser der sichtbaren
und fühlbaren Materie; und er gehörte sonach unter diejenigen, mit denen wir gar
nicht reden. Ein Gesetz, sage ich, ist für diese Weltansicht das Erste, was da
allein wahrhaftig ist, und durch welches alles andere, was da ist, erst da ist.
Freiheit und ein Menschengeschlecht ist ihr das Zweite, vorhanden lediglich,
weil ein Gesetz an die Freiheit notwendig Freiheit und freie Wesen setzt: und
der einige Grund und Beweis der Selbstständigkeit des Menschen ist in diesem
Systeme das in seinem Innern sich offenbarende Sittengesetz. Eine Sinnenwelt
endlich ist ihr das Dritte; diese ist lediglich die Sphäre des freien Handelns
der Menschen; vorhanden dadurch, dass ein freies Handeln Objecte dieses Handelns
notwendig setzt. In Absicht der aus dieser Ansicht hervorgehenden
Wissenschaften gehört hierher nicht bloss die Rechtslehre, als aufstellend die
juridischen Verhältnisse der Menschen, sondern auch die gewöhnliche Sittenlehre,
die nur darauf ausgeht, dass keiner dem andern Unrecht tue, und nur jeder das
Pflichtwidrige, ob es nun durch ein ausdrückliches Gesetz des Staats verboten
sei oder nicht, unterlasse. Beispiele zu dieser Ansicht der Welt lassen aus der
gewöhnlichen Ansicht des Lebens sich nicht beibringen, indem diese, in die
Materie gewurzelt, nicht einmal zu ihr sich erhebt; aber in der philosophischen
Literatur ist Kant, wenn man seine philosophische Laufbahn nicht weitet als bis
zur Kritik der praktischen Vernunft verfolgt, das getroffenste und
consequenteste Beispiel dieser Ansicht; - den eigentlichen Charakter dieser
Denkart, den wir oben so ausdrückten, dass die Realität und Selbstständigkeit
des Menschen nur durch das in ihm waltende Sittengesetz bewiesen, und dass er
lediglich dadurch etwas an sich werde, drückt Kant aus mit denselben Worten. -
Auch wir für unsere Person haben diese Weltansicht, niemals zwar als die
höchste, aber als den eine Rechtslehre und eine Sittenlehre begründenden
Standpunct in unserer Bearbeitung dieser beiden Disciplinen angegeben,
durchgeführt und, wie wir uns bewusst sind, nicht ohne Energie ausgesprochen: es
kann daher in unserem Zeitalter denen, welche für das Gesagte sich näher
interessiren, nicht an Exemplaren der beschriebenen zweiten Weltansicht fehlen.
Uebrigens gehört die reinmoralische innere Gesinnung, dass lediglich um des
Gesetzes willen gehandelt werde, die auch in der Sphäre der niederen Moralität
stattfindet, und deren Einschärfung weder von Kant, noch von uns vergessen
worden, nicht hierher, wo wir es allein mit den Objecten zu tun haben.
    Eine allgemeine Bemerkung, welche für alle folgende Gesichtspuncte mit gilt,
will ich gleich bei diesem, wo sie sich am klarsten machen lässt, beibringen.
Nemlich dazu, dass man überhaupt einen festen Standpunct seiner Weltansicht
habe, gehört, dass man das Reale, das Selbstständige und die Wurzel der Welt in
- Einen, bestimmten und unveränderlichen Grundpunct setze, aus welchem man das
übrige, als nur teilhabend an der Realität des ersten und nur mittelbar
gesetzt, durch jenes erste ableite: gerade so, wie wir oben, im Namen der
zweiten Weltansicht, das Menschengeschlecht als das Zweite, und die Sinnenwelt
als das Dritte aus dem ordnenden Gesetze, als dem Ersten, abgeleitet haben.
Keinesweges aber gilt es, dass man die Realitäten mische und menge, und etwa der
Sinnenwelt die ihrige zumessen, aber doch auch nebenbei der moralischen Welt die
ihrige nicht absprechen wolle; wie zuweilen die ganz Verworrenen diese Fragen
abzutun suchen. Solche haben gar keinen festen Blick, und gar keine gerade
Richtung ihres geistigen Auges, sondern sie schielen immerfort auf das
Mannigfaltige. Weit vorzüglicher, denn sie, ist der, der sich entschieden an die
Sinnenwelt hält, und alles übrige ausser ihr abläugnet; denn ob er schon ebenso
kurzsichtig ist als sie, so ist er doch nicht noch überdies ebenso feig und
mutlos. - In Summa: eine höhere Weltansicht duldet nicht etwa neben sich auch
die niedere, sondern jede höhere vernichtet ihre niedere, - als absolute und als
höchsten Standpunct, - und ordnet dieselbe sich unter.
    Die dritte Ansicht der Welt ist die aus dem Standpuncte der wahren und
höheren Sittlichkeit. Es ist nötig, über diesen, dem Zeitalter so gut als ganz
verborgenen Standpunct sehr bestimmte Rechenschaft abzulegen. - Auch ihm ist,
ebenso wie dem jetzt beschriebenen zweiten Standpuncte, ein Gesetz für die
Geisterwelt. das höchste, erste und absolut reale; und hierin kommen die beiden
Ansichten überein. Aber das Gesetz des dritten Standpunctes ist nicht, so wie
das des zweiten, lediglich ein das vorhandene ordnendes, sondern vielmehr ein
das neue und schlechtin nicht vorhandene, innerhalb des vorhandenen,
erschaffendes Gesetz. Jenes ist nur negativ, nur aufhebend den Widerstreit
zwischen den verschiedenen freien Kräften, und herstellend Gleichgewicht und
Ruhe: dieses begehret die dadurch in Ruhe gebrachte Kraft wieder auszurüsten mit
einem neuen Leben. Es strebt an, könnte man sagen, nicht bloss wie jenes, die
Form der Idee, sondern die qualitative und reale Idee selber. Sein Zweck lässt
sich kurz also angeben: es will die Menschheit in dem von ihm Ergriffenen, und
durch ihn in andern, in der Wirklichkeit zu dem machen, was sie ihrer Bestimmung
nach ist, - zum getroffenen Abbilde, Abdrucke und zur Offenbarung des inneren
göttlichen Wesens. - nie Ableitungsleiter dieser dritten Weltansicht, in Absicht
der Realität, ist daher diese: Das wahrhaft Reale und Selbstständige ist ihr das
Heilige, Gute, Schöne; das Zweite ist ihr die Menschheit, als bestimmt, jenes in
sich darzustellen; das ordnende Gesetz in derselben, als das Dritte, ist ihr
lediglich das Mittel, um, für ihre wahre Bestimmung, sie in innere und äussere
Ruhe zu bringen; endlich die Sinnenwelt, als das Vierte, ist ihr lediglich die
Sphäre, für die äussere und innere, niedere und höhere, Freiheit und Moralität:
- lediglich die Sphäre für die Freiheit, sage ich; was sie auf allen höheren
Standpuncten ist und bleibt, und niemals eine andere Realität an sich zu bringen
vermag.
    Exemplare dieser Ansicht finden sich in der Menschengeschichte, - freilich
nur für den, der ein Auge hat, sie zu entdecken. Durch höhere Moralität allein,
und durch die von ihr Ergriffenen, ist Religion, und insbesondere die
christliche Religion, - ist Weisheit und Wissenschaft, ist Gesetzgebung und
Cultur, ist die Kunst, ist alles Gute und Achtungswürdige, das wir besitzen, in
die Welt gekommen. In der Literatur finden sich, ausser in Dichtern zerstreut,
nur wenig Spuren dieser Weltansicht: unter den alten Philosophen mag Plato eine
Ahndung derselben haben, unter den neueren Jacobi zuweilen an diese Region
streifen.
    Die vierte Ansicht der Welt ist die aus dem Standpuncte der Religion;
welche, falls sie hervorgehet aus der dritten soeben beschriebenen Ansicht, und
mit ihr vereinigt ist, beschrieben werden müsste als die klare Erkenntnis, dass
jenes Heilige, Gute und Schöne keinesweges unsere Ausgeburt, oder die Ausgeburt
eines an sich nichtigen Geistes, Lichtes, Denkens, - sondern, dass es die
Erscheinung des inneren Wesens Gottes, in uns, als dem Lichte, unmittelbar sei,
- sein Ausdruck und sein Bild durchaus und schlechtin, und ohne allen Abzug
also, wie sein inneres Wesen herauszutreten vermag in einem Bilde. Diese, die
religiöse Ansicht, ist eben diejenige Einsicht, auf deren Erzeugung wir in den
bisherigen Vorlesungen hingearbeitet haben, und welche wir nun, in dem
Zusammenhange ihrer Grundsätze, schärfer und bestimmter also ausdrücken können.
1) Gott allein ist, und ausser ihm nichts: - ein, wie mir es scheint, leicht
einzusehender Satz, und die ausschliessende Bedingung aller religiösen Ansicht.
2) Indem wir nun auf diese Weise sagen: Gott ist; haben wir einen durchaus
leeren, über Gottes inneres Wesen schlechtin keinen Aufschluss gebenden
Begriff. Was wollten wir denn aus diesem Begriffe auf die Frage antworten: Was
denn nun Gott sei? - Der einzig mögliche Zusatz, dass er absolut sei von sich,
durch sich, in sich, ist selbst nur die an ihm dargestellte Grundform unsers
Verslandes, und sagt nichts weiter aus, als unsere Denkweise desselben; noch
dazu nur negativ, und wie wir ihn nicht denken sollen, d.h. wir sollen ihn nicht
von einem Andern ableiten, so wie wir, durch das Wesen unsers Verstandes
genötiget, mit andern Gegenständen unsers Denkens verfahren. Dieser Begriff von
Gott ist daher ein gehaltloser Schattenbegriff; und indem wir sagen: Gott ist,
ist er eben für uns innerlich nichts, und wird gerade, durch dieses Sagen
selber, zu nichts. 3) Nun aber tritt Gott dennoch, wie wir dies oben fleissig
auseinandergesetzt haben, ausser diesem leeren Schattenbegriffe, in seinem
wirklichen, wahren und unmittelbaren Leben in uns ein; oder strenger
ausgedrückt, wir selbst sind dieses sein unmittelbares Leben. - Wohl: von diesem
unmittelbaren göttlichen Leben aber - wissen wir nicht: und da, gleichfalls nach
unserer Äusserung, unser eigenes, uns angehöriges Dasein nur dasjenige ist, was
wir im Bewusstsein erfassen können, so bleibt jenes unser Sein in Gott,
ohnerachtet es in der Wurzel immer das unsrige sein mag, uns dennoch ewig fremd,
und so in der Tat und Wahrheit für uns selbst nicht unser Sein; wir sind durch
jene Einsicht um nichts gebessert, und bleiben von Gott ebenso entfernt, als je.
- Wir wissen von jenem unmittelbaren göttlichen Leben nichts, sagte ich: denn
mit dem ersten Schlage des Bewusstseins schon verwandelt es sich in eine todte
Welt, die sich noch überdies in fünf Standpuncte ihrer möglichen Ansicht teilt.
Mag es doch immer Gott selber sein, der hinter allen diesen Gestalten lebet; wir
sehen nicht ihn, sondern immer nur seine Hülle; wir sehen ihn als Stein, Kraut,
Tier, sehen ihn, wenn wir höher uns schwingen, als Naturgesetz, als
Sittengesetz, und alles dieses ist doch immer nicht Er. Immer verhüllet die Form
uns das Wesen; immer verdeckt unser Sehen selbst uns den Gegenstand, und unser
Auge selbst steht unserm Auge im Wege. - Ich sage dir, der du so klagest: erhebe
dich nur in den Standpunct der Religion, und alle Hüllen schwinden; die Welt
vergehet dir mit ihrem todten Princip, und die Gotteit selbst tritt wieder in
dich ein, in ihrer ersten und ursprünglichen Form, als Leben, als dein eigenes
Leben, das du leben sollst und leben wirst. Nur noch die Eine, unaustilgbare
Form der Reflexion bleibt, die Unendlichkeit dieses göttlichen Lebens in dir,
welches in Gott freilich nur Eins ist; aber diese Form drückt dich nicht; denn
du begehrst sie, und liebst sie nicht: sie irret dich nicht; denn du vermagst
sie zu erklären. In dem, was der heilige Mensch tut, lebet und liebt,
erscheint Gott nicht mehr im Schatten, oder bedeckt von einer Hülle, sondern in
seinem eigenen, unmittelbaren und kräftigen Leben; und die, aus dem leeren
Schattenbegriffe von Gott unbeantwortliche Frage: was ist Gott, wird hier so
beantwortet: er ist dasjenige, was der ihm Ergebene und von ihm Begeisterte tut
. Willst du Gott schauen, wie er in sich selber ist, von Angesicht zu Angesicht?
Suche ihn nicht jenseits der Wolken; du kannst ihn allentalben finden, wo du
bist. Schaue an das Leben seiner Ergebenen, und du schauest Ihn an; ergieb dich
selber ihm und du findest ihn in deiner Brust.
    Dies, E. V., ist die Ansicht der Welt und des Seins, vom Standpuncte der
Religion.
    Die fünfte und letzte Ansicht der Welt ist die aus dem Standpuncte der
Wissenschaft. Der Wissenschaft, sage ich, der Einen, absoluten und in sich
selber vollendeten. Die Wissenschaft erfasset alle diese Puncto der Verwandlung
des, Einen in ein Mannigfaltiges, und des Absoluten in ein Relatives,
vollständig, in ihrer Ordnung und in ihrem Verhältnisse zu einander;
allentalben, und von jedem einzelnen Standpuncte aus, zurückzuführen vermögend
nach dem Gesetze jedes Mannigfaltige auf die Einheil, oder aus der Einheit
abzuleiten vermögend jedes Mannigfaltige: so wie wir die Grundzüge dieser
Wissenschaft in dieser und in den letzten beiden Vorlesungen vor Ihren Augen
entwickelt haben. Sie, die Wissenschaft, geht über die Einsicht, dass
schlechtin alles Mannigfaltige in dem Einen gegründet und auf dasselbe
zurückzuführen sei, welche schon die Religion gewährt, hinaus zu der Einsicht
des Wie dieses Zusammenhanges: und für sie wird genetisch, was für die Religion
nur ein absolutes Factum ist. Die Religion ohne Wissenschaft, ist irgendwo ein
blosser, demohngeachtet jedoch unerschütterlicher Glaube: die Wissenschaft hebt
allen Glauben auf und verwandelt ihn in Schauen. - Da wir hier diesen
wissenschaftlichen Standpunct keinesweges als zu unserem eigentlichen Zwecke
gehörig, sondern nur um der Vollständigkeit willen angeben, so sei es genug,
über ihn nur folgendes hinzuzusetzen. Das gottselige und selige Leben ist durch
ihn zwar keinesweges bedingt; dennoch aber gehört die Anforderung, diese
Wissenschaft in uns und andern zu realisiren, in das Gebiet der höheren
Moralität. Der wahrhaftige und vollendete Mensch soll durchaus in sich selber
klar sein: denn die allseitige und durchgeführte Klarheit gehört zum Bilde und
Abdrucke Gottes. Von der anderen Seite aber kann freilich keiner diese
Anforderung an sich selber tun, an den sie nicht schon, ohne alles sein Zutun,
ergangen, und dadurch selbst ihm erst klar und verständlich geworden ist.
    Noch ist folgendes über die angezeigten fünf Standpuncte anzumerken, und
dadurch das Bild des Religiosen zu vollenden.
    Die beiden zuletzt genannten Standpuncte, der wissenschaftliche sowohl als
der religiöse, sind lediglich betrachtend und beschauend, keinesweges an sich
tätig und praktisch. Sie sind blosse stehende und ruhende Ansicht, die im
Innern des Gemütes bleibt, keinesweges aber zu einem Handeln treibende und in
demselben ausbrechende Ansicht. Dagegen ist der dritte Gesichtspunct, der der
höheren Moralität, praktisch und zu einem Handeln treibend. Und jetzt setze ich
hinzu: Die wahrhaftige Religion, ohnerachtet sie das Auge des von ihr
Ergriffenen zu ihrer Sphäre erhebt, hält dennoch sein Leben in dem Gebiete des
Handelns, und des ächt moralischen Handelns fest. Wirkliche und wahre
Religiosität ist nicht lediglich betrachtend und beschauend, nicht bloss brütend
über andächtigen Gedanken, sondern sie ist notwendig tätig. Sie besteht, wie
wir gesehen, in dem innigen Bewusstsein, dass Gott in uns wirklich lebe und
tätig sei, und sein Werk vollziehe. Ist nun in uns überhaupt kein wirkliches
Leben, und geht keine Tätigkeit und kein erscheinendes Werk von uns aus, so ist
auch Gott nicht in uns tätig. Unser Bewusstsein von der Vereinigung mit Gott
ist sodann täuschend und nichtig; ein leeres Schattenbild eines Zustandes,
welcher der unsrige nicht ist; vielleicht die allgemeine, aber todte Einsicht,
dass ein solcher Zustand möglich und in andern vielleicht wirklich sei, an
welchem wir jedoch nicht den geringsten Anteil haben. Wir sind aus dem Gebiete
der Realität geschieden, und wieder in den des leeren Schattenbegriffes
verbannt. Das letztere ist Schwärmerei und Träumerei, weil ihr keine Realität
entspricht; und diese Schwärmerei ist eines der Gebrechen des Mysticismus,
dessen wir früher erwähnten, und ihn der wahren Religion entgegensetzten; durch
lebendige Tätigkeit unterscheidet sich die wahre Religiosität von jener
Schwärmerei. Die Religion ist nicht blosses andächtiges Träumen, sagte ich: die
Religion ist überhaupt nicht ein für sich bestehendes Geschäft, das man
abgesondert von anderen Geschäften, etwa in gewissen Tagen und Stunden treiben
könnte; sondern sie ist der innere Geist, der alles unser, übrigens seinen Weg
ununterbrochen fortsetzendes, Denken und Handeln durchdringt, belebt und in sich
eintaucht. - Dass das göttliche Leben und Walten wirklich in uns lebe, ist
unabtrennlich von der Religion, sagte ich. Doch kommt es dabei, wie es nach dem
unter dem dritten Standpuncte Gesagten scheinen möchte, keinesweges an auf die
Sphäre, in welcher man handelt. Wen seine Erkenntnis zu den Objecten der
höheren Moralität erhebt, dieser wird freilich, falls ihn die Religion ergreift,
in dieser Sphäre leben und handeln, weil diese sein eigentümlicher Beruf ist.
Wer einen niederen hat, dem wird selbst dieser niedere durch die Religion
geheiliget, und erhält durch sie, wenn auch nicht das Materiale, dennoch die
Form der höheren Moralität; zu welcher nichts mehr gehört, als dass man sein
Geschäft, als den Willen Gottes an uns und in uns, erkenne und liebe. So jemand
in diesem Glauben sein Feld bestellt, oder das unscheinbarste Handgewerbe mit
Treue treibt, so ist dieser höher und seliger, als ob jemand, falls dies möglich
wäre, ohne diesen Glauben die Menschheit auf Jahrtausende hinaus beglückseligte.
    Dies daher ist das Bild und der innere Geist des wahrhaft Religiosen: - er
erfasset seine Welt, den Gegenstand seiner Liebe und seines Strebens, nicht als
irgend einen Genuss: keinesweges, als ob Trübsinn oder abergläubische Scheu ihm
den Genuss und die Freude als etwas Sündliches vorstellte, sondern weil er
weiss, dass kein Genuss ihm wirkliche Freude gewähren kann. Er erfasset seine
Welt als ein Tun, welches er eben darum, weil es seine Welt ist, allein lebt
und nur in ihm leben mag, und nur in ihm allen Genuss seiner selbst findet.
Dieses Tun will er nun wiederum nicht darum, damit sein Erfolg in der
Sinnenwelt wirklich werde; wie ihn denn in der Tat der Erfolg oder Nichterfolg
durchaus nicht kümmert, sondern er nun im Tun, rein als Tun, lebt: sondern er
will es darum, weil es der Wille Gottes in ihm, und sein eigener, eigentlicher
Anteil am Sein ist. Und so fliesset denn sein Leben ganz einfach und rein ab,
nichts anderes kennend, wollend oder begehrend, über diesen Mittelpunct nie
herausschwebend, durch nichts ausser ihm Liegendes gerührt oder getrübt.
    So ist sein Leben. Oh dies nun nicht notwendig die reinste und
vollkommenste Seligkeit sei, wollen wir zu einer anderen Zeit untersuchen.
 
                               Sechste Vorlesung
    [Beweis der früheren beiläufigen Behauptung, dass diese Lehre zugleich die
    Lehre des ächten Christentums sei, wie dieselbe beim Evangelisten Johannes
    sich vorfinde. Gründe, warum wir uns vorzüglich auf diesen Evangelisten
    berufen. Unser hermeneutisches Princip. - Es sei im Johannes zuvörderst zu
    unterscheiden, was an sich, und was nur für seinen temporären Standpunct
    wahr sein solle. Das erste sei entalten im Eingange des Evangeliums bis V.
    5. Würdigung dieses Einganges, nicht als unvorgreifliche Meinung des
    Evangelisten, sondern als unmittelbare Lehre Jesu. Erklärung desselben Das
    temporär Gültige sei der nicht metaphysische, sondern bloss historische
    Satz: dass das göttliche Dasein, rein und ohne alte individuelle
    Beschränkung, in Jesus von Nazaret sich dargestellt habe. Erklärung des
    Unterschiedes dieser beiden Ansichten, und Vereinigung derselben;
    gleichfalls und ausdrücklich auch nach der christlichen Lehre, Würdigung
    dieses historischen Dogmas. Auffassung des Inhalts des ganzen Evangeliums
    aus diesem Gesichtspuncte, nach den Fragen: Was lehret Jesus von sich und
    seinem Verhältnisse zu Gott; und was von seinen Anhängern und deren
    Verhältnisse zu ihm?]
    Ehrwürdige Versammlung,
    
    Unsere gesammte Lehre, als die Grundlage alles dessen, was wir hier noch
sagen können, und überhaupt alles desjenigen, was wir jemals sagen können, ist
nun deutlich und bestimmt aufgestellt, und lässt sich in einem Blicke übersehen.
- Es gibt durchaus kein Sein und kein Leben, ausser den, unmittelbaren
göttlichen Leben. Dieses Sein wird in dem Bewusstsein, nach den eigenen,
unaustilgbaren und in dem Wesen desselben gegründeten Gesetzen dieses
Bewusstseins, auf mannigfaltige Weise verhüllt und getrübt; frei aber von jenen
Verhüllungen, und nur noch durch die Form der Unendlichkeit modificirt, tritt es
wieder heraus in dem Leben und Handeln des gottergebenen Menschen. In diesem
Handeln handelt nicht der Mensch, sondern Gott selber in seinem ursprünglichen
inneren Sein und Wesen ist es, der in ihm handelt, und durch den Menschen sein
Werk wirket.
    Ich sagte in einer der ersten und einleitenden Vorlesungen: diese Lehre, so
neu und unerhört sie auch dem Zeitalter erscheinen möge, sei darum doch so alt,
als die Welt, und sie sei insbesondere die Lehre des Christentums, wie dies, in
seiner ächtesten und reinsten Urkunde, in dem Evangelium Johannis noch bis
diesen Augenblick vor unseren Augen liegt; und diese Lehre werde daselbst sogar
mit denselben Bildern und Ausdrücken vorgetragen, deren auch wir uns bedienen.
Es dürfte in mancherlei Rücksichten gut sein, diese Behauptung zu erhärten, und
wir wollen die heutige Stunde diesem Geschäfte widmen. - Es versteht sich wohl
auch ohne unsere ausdrückliche Erinnerung, dass wir durch den Erweis dieser
Uebereinstimmung unserer Lehre mit dem Christentume keinesweges erst die
Wahrheit dieser unserer Lehre zu beweisen, oder ihr eine äussere Stütze
unterzulegen gedenken. Sie muss schon in dem vorhergehenden sich selber bewiesen
und als absolut evident eingeleuchtet haben, und sie bedarf keiner weiteren
Stütze. Und ebenso muss das Christentum, eben als übereinstimmend mit der
Vernunft, und als reiner und vollendeter Ausdruck dieser Vernunft, ausser
welcher es keine Wahrheit gibt, sich selbst beweisen, wenn es auf irgend eine
Gültigkeit Anspruch machen will. Die Zurückführung in die Fessel der blinden
Autorität erwarten Sie nicht vom Philosophen.
    Dass ich insbesondere den Evangelisten Johannes allein als Lehrer des ächten
Christentums gelten lasse, dafür habe ich in den Vorlesungen des vorigen
Winters ausführlicher den Grund angegeben, dass der Apostel Paulus und seine
Partei, als die Urheber des entgegengesetzten christlichen Systems, halbe Juden
geblieben, und den Grundirrtum des Juden- sowohl als Heidentums, den wir
tiefer unten werden berühren müssen, ruhig stehen gelassen. Für jetzt möge
folgendes hinreichen. - Nur mit Johannes kann der Philosoph zusammenkommen, denn
dieser allein hat Achtung für die Vernunft, und beruft sich auf den Beweis, den
der Philosoph allein gelten lässt: den innern. »So jemand will den Willen tun
des, der mich gesandt hat, der wird inne werden, dass diese Lehre von Gott sei.«
Dieser Wille Gottes aber ist nach dem Johannes der, dass man Gott, und den er
gesandt hat, Jesum Christum recht erkenne. Die anderen Verkündiger des
Christentums aber bauen auf die äussere Beweisführung durch Wunder, welche, für
uns wenigstens, nichts beweiset. Ferner entält auch unter den Evangelisten
Johannes allein das, was wir suchen und wollen, eine Religionslehre: dagegen das
beste, was die übrigen geben, ohne Ergänzung und Deutung durch den Johannes,
doch nicht mehr ist, als Moral; welche bei uns nur einen sehr untergeordneten
Wert hat. - Wie es sich mit der Behauptung, dass Johannes die übrigen
Evangelien vor sich gehabt, und das von ihnen Uebergangene nur habe nachtragen
wollen, verhalten möge, wollen wir hier nicht untersuchen: nach unserem Erachten
wäre sodann der Nachtrag das Beste, und die Vorgänger hätten gerade das, worauf
es eigentlich ankommt, übergangen.
    Was mein Princip der Auslegung dieses, sowie aller Christlichen
Schriftsteller betrifft, so ist es das folgende: sie also zu verstehen, als ob
sie wirklich hätten etwas sagen wollen, und, so weit ihre Worte das erlauben,
das rechte und wahre gesagt hätten: - ein Princip, das der Billigkeit gemäss zu
sein scheint. Ganz abgeneigt aber sind wir dem hermeneutischen Princip einer
gewissen Partei, nach welchem sie die ernstesten und unumwundensten Äusserungen
dieser Schriftsteller für blosse Bilder und Metaphern hallen, und so lange an
und von ihnen herunter erklären, bis eine Platteit und Trivialität herauskommt,
wie diese Erklärer sie auch wohl selber hätten erfinden und vorbringen können.
Andere Mittel der Erklärung, als die in ihnen selbst liegenden, scheinen mir bei
diesen Schriftstellern, und ganz besonders beim Johannes, nicht stattzufinden.
Wo, wie bei den klassischen Profan-Scribenten, mehrere Zeitgenossen unter
einander, und diese wieder mit einem ihnen vorhergehenden und ihnen folgenden
Gelehrten-Publicum verglichen werden können, da finden diese äusseren
Hülfsmittel statt. Das Christentum aber, und ganz besonders Johannes, stehen
isolirt, als eine wunderbare und rätselhafte Zeiterscheinung, ohne Vorgang und
ohne eigentliche Folge, da.
    An dem von uns aufzustellenden Inhalte der Johanneischen Lehre wird
sorgfältig zu unterscheiden sein, was in derselben an sich, absolut und für alle
Zeiten gültig, wahr ist, von demjenigen, was nur für Johannes und des von ihm
aufgestellten Jesus Standpunct, und für ihre Zeit und Ansicht wahr gewesen. Auch
das letztere werden wir getreu aufstellen; denn eine andere Erklärungsweise ist
unredlich, und überdies verwirrend.
    Was im Evangelium Johannis zu allererst unsere Aufmerksamkeit auf sich
ziehen muss, ist der dogmatische Eingang desselben in der Hälfte des ersten
Capitels; gleichsam die Vorrede. Halten Sie diese Vorrede ja nicht für ein
eigenes und willkürliches Philosophem des Verfassers; gleichsam für eine
räsonnirende Verbrämung seiner Geschichts-Erzählung, von der man, rein an die
Tatsachen sich haltend, der eigenen Absicht des Verfassers nach denken könne,
wie man wolle; sowie einige diesen Eingang anzusehen scheinen. Es ist vielmehr
derselbe in Beziehung auf das ganze Evangelium zu denken, und nur im
Zusammenhange mit demselben zu begreifen. Der Verfasser führt, durch das ganze
Evangelium durch, Jesum ein, als auf eine gewisse Weise, die wir unten angeben
werden, von sich redend; und es ist ohne allen Zweifel Johannes Ueberzeugung,
dass Jesus gerade also, und nicht anders gesprochen habe, und dass er ihn also
reden - gehört habe: und sein ernster Wille, dass wir ihm dies glauben sollen.
Nun erklärt die Vorrede die Möglichkeit, wie Jesus also von sich habe denken und
reden können, wie er von sich redet: es ist daher notwendig die Voraussetzung
Johannis, dass nicht bloss er, dieser Johannes, für seine Person und seiner
geringen Meinung nach, Jesum also ansehen und sich erklären wolle, sondern dass
Jesus selber sich gleichfalls also gedacht und angesehen habe, wie er ihn
schildert. Die Vorrede ist anzusehen, als der Auszug und der allgemeine
Standpunct aller Reden Jesu: sie hat darum, der Absicht des Verfassers nach, die
gleiche Autorität, wie Jesus unmittelbare Reden. Auch die Vorrede ist, nach
Johannes Ansicht, nicht des Johannes, sondern Jesu Lehre; und zwar der Geist und
die innigste Wurzel von Jesu ganzer Lehre.
    Nachdem wir diesen nicht unbedeutenden Punct ins reine gebracht haben, gehen
wir durch folgende Vorerinnerung zur Sache.
    Aus Unkunde der im bisherigen von uns aufgestellten Lehre entsteht die
Annahme einer Schöpfung; als der absolute Grundirrtum aller falschen Metaphysik
und Religionslehre und insbesondere, als das Urprincip des Juden- und
Heidentums. Die absolute Einheit und Unveränderlichkeit des göttlichen Wesens
in sich selber anzuerkennen genötigt, - wiederum auch das selbstständige und
wahrhafte Dasein endlicher Dinge nicht aufgeben wollend, dessen sie die letzten
durch einen Act absoluter Willkür aus dem ersten hervorgehen: wodurch ihnen
zuvörderst der Begriff der Gotteit im Grunde verdarb, und mit einer Willkür
ausgestattet wurde, die durch ihr ganzes religiöses System hindurchging; sodann
die Vernunft auf immer verkehrt, und das Denken in ein träumendes Phantasiren
verwandelt wurde; - denn eine Schöpfung lässt sich gar nicht ordentlich denken -
das was man wirklich denken heisst - und es hat noch nie irgend ein Mensch sie
also gedacht. Insbesondere ist, in Beziehung auf die Religionslehre, das Setzen
einer Schöpfung das erste Kriterium der Falschheit; das Abläugnen einer solchen
Schöpfung, falls eine solche durch vor hergegangene Religionslehre gesetzt sein
sollte, das erste Kriterium der Wahrheit dieser Religionslehre. Das
Christentum, und insbesondere der gründliche Kenner desselben, von welchem wir
hier sprechen, Johannes, befand sich in dem letzten Falle: die vorhandene
jüdische Religion hatte eine solche Schöpfung gesetzt. Im Anfange - schuf Gott:
heben die heiligen Bücher dieser Religion an; nein, im directen Widerspruche,
und anhebend mit demselben Worte, und statt des zweiten falschen an derselben
Stelle das rechte setzend, um den Widerspruch herauszuheben, - nein, sagt
Johannes: im Anfange, in demselben Anfange, wovon auch dort gesprochen wird, d.
h ursprünglich und vor aller Zeit, schuf Gott nicht, und es bedurfte keiner
Schöpfung, - sondern es - war schon; es war das Wort - und durch dieses erst
sind alle Dinge gemacht.
    Im Anfange war das Wort, der Logos, im Urtexte; was auch hätte übersetzt
werden können, die Vernunft, oder, wie im Buche der Weisheit beinahe derselbe
Begriff bezeichnet wird, die Weisheit: was aber unseres Erachtens durch den
Ausdruck: Wort, der auch in der allerältesten lateinischen Uebersetzung, ohne
Zweifel auf Veranlassung einer Tradition der Johanneischen Schüler, also
vorkommt, am treffendsten übersetzt ist. Was ist nun, der Absicht des
Schriftstellers nach, dieser Logos oder dieses Wort? Vernünfteln wir doch ja
nicht über den Ausdruck; sondern sehen wir lieber unbefangen hin, was Johannes
von diesem Worte aussagt: - die dem Subjecte beigelegten Prädicate, besonders
wenn sie diesem Subjecte ausschliessend beigelegt werden, pflegen ja das Subject
selbst zu bestimmen. Es war im Anfange, sagt er; es war bei Gott; Gott selbst
war es; es war im Anfange bei Gott. Kann deutlicher ausgesprochen werden
dasselbe, was wir früher so ausgesprochen haben: Nachdem, ausser Gottes innerem
und in sich verborgenem Sein, das wir zu denken vermögen, er auch noch überdies
da ist, was wir bloss factisch erfassen können, so ist er notwendig durch sein
inneres und absolutes Wesen da: und sein, nur durch uns von seinem Sein
unterschiedenes Dasein, ist an sich und in ihm davon nicht unterschieden;
sondern dieses Dasein ist ursprünglich, vor aller Zeit und ohne alle Zeit, bei
dem Sein, unabtrennlich von dem Sein, und selber das Sein: - das Wort im
Anfange, - das Wort bei Gott, - das Wort im Anfange bei Gott, - Gott selbst das
Wort, und das Wort selbst Gott. Konnte schneidender und herausspringender der
Grund dieser Behauptung angegeben werden: in Gott, und aus Gott, wird nichts,
entsteht nichts; in ihm ist ewig nur das Ist, und was dasein soll, muss
ursprünglich bei ihm sein, und muss er selbst sein, Weg mit jenem verwirrenden
Phantasma, - hätte der Evangelist hinzusetzen können, wenn er viele Worte hätte
machen wollen, - weg mit jenem Phantasma eines Werdens aus Gott, dessen, was in
ihm nicht ist, und nicht ewig und notwendig war; einer Emanation, bei welcher
er nicht dabei ist, sondern sein Werk verlässt; einer Ausstossung und Trennung
von ihm, die uns in das öde Nichts wirft, und ihn zu einem willkürlichen und
feindseligen Oberherrn von uns macht. -
    Dieses - bei Gott Sein nun, nach unserem Ausdrucke dieses Dasein, wird
ferner Charakterisirt als Logos oder Wort. Wie könnte deutlicher ausgesprochen
werden, dass es die sich selbst klare und verständliche Offenbarung und
Manifestation, sein geistiger Ausdruck sei, - dass, wie wir dasselbe
aussprachen, das unmittelbare Dasein Gottes notwendig Bewusstsein, teils
seiner selbst, teils Gottes sei; wofür wir den strengen Beweis geführt haben.
    Ist nun erst dies klar, so ist nicht die mindeste Dunkelheit mehr in der
Behauptung: v. 3. »dass alle Dinge durch dasselbige Wort gemacht sind, und ohne
dasselbige nichts gemacht ist, was gemacht ist u.s.w..« - und es ist dieser Satz
ganz gleichgeltend mit dem von uns aufgestellten, dass die Welt und alle Dinge
lediglich im Begriffe, in Johannes Worte, und als begriffene, und bewusste, -
als Gottes Sich-Aussprechen seiner selbst, - da sind; und dass der Begriff, oder
das Wort, ganz allein der Schöpfer der Welt überhaupt, und, durch die in seinem
Wesen liegenden Spaltungen, der Schöpfer der mannigfaltigen und unendlichen
Dinge in der Welt sei.
    In Summa: ich würde diese drei Verse in meiner Sprache also ausdrücken.
Ebenso ursprünglich als Gottes inneres Sein ist sein Dasein, und das letztere
ist vom ersten unzertrennlich, und ist selber ganz gleich dem ersten: und dieses
göttliche Dasein ist in seiner eigenen Materie notwendig Wissen: und in diesem
Wissen allein ist eine Welt und alle Dinge, welche in der Welt sich vorfinden,
wirklich geworden.
    Ebenso klar werden nun auch die beiden folgenden Verse. In ihm, diesem
unmittelbaren göttlichen Dasein, war das Leben, der tiefste Grund alles
lebendigen, substantiellen, ewig aber dem Blicke verborgen bleibenden. Daseins;
und dieses Leben ward im wirklichen Menschen Licht, bewusste Reflexion; und
dieses Eine ewige Urlicht schien ewig fort in den Finsternissen der niedern und
unklaren Grade des geistigen Lebens, trug dieselben unerblickt, und erhielt sie
im Dasein, ohne dass die Finsternisse es begriffen.
    So weit als wir jetzt den Eingang des Johanneischen Evangeliums erklärt,
geht sein absolut Wahres und ewig Gültiges. Von da hebt an das nur für die Zeit
Jesu und der Stiftung des Christentums, und für den notwendigen Standpunct
Jesu und seiner Apostel Gültige der historische, keinesweges metaphysische Satz
nämlich, dass jenes absolut unmittelbare Dasein Gottes, das ewige Wissen oder
Wort, rein und lauter, wie es in sich selber ist, ohne alle Beimischung von
Unklarheit oder Finsternis, und ohne alle individuelle Beschränkung, in
demjenigen Jesus von Nazaret, der zu der und der bestimmten Zeit im jüdischen
Lande lehrend auftrat, und dessen merkwürdigste Äusserungen hier aufgezeichnet
seien, in einem persönlich sinnlichen und menschlichen Dasein sich dargestellt,
und in ihm, wie der Evangelist vortrefflich sich ausdrückt, Fleisch geworden.
Mit der Verschiedenheit sowohl, als der Uebereinstimmung dieser beiden
Standpuncte, des absolut und ewig wahren, und des bloss aus dem zeitigen
Gesichtspuncte Jesu und seiner Apostel wahren, verhält es sich also. Aus dem
ersten Standpuncte wird zu allen Zeiten, in jedem ohne Ausnahme, der seine
Einheit mit Gott lebendig einsieht, und der wirklich und in der Tat sein ganzes
individuelles Leben an das göttliche Leben in ihm hingibt, das ewige Wort, ohne
Rückhalt und Abbruch, ganz auf dieselbe Weise, wie in Jesu Christo, Fleisch, ein
persönlich sinnliches und menschliches Dasein. - Diese also ausgesprochene
Wahrheit, welche da redet lediglich von der Möglichkeit des Seins, ohne alle
Beziehung auf das Mittel des wirklichen Werdens, läugnet nun weder Johannes,
noch der von ihm redend eingeführte Jesus; sondern sie schärfen dieselbe
vielmehr, wie wir tiefer unten sehen werden, allentalben auf das
nachdrücklichste ein. Der dem Christentum ausschliessend eigene und nur für die
Schüler desselben geltende Standpunct sieht auf das Mittel des Werdens, und
lehrt hierüber also: Jesus von Nazaret sei eben schlechtin von und durch sich,
durch sein blosses Dasein, Natur, Instinct, ohne besonnene Kunst, ohne
Anweisung, die vollkommene sinnliche Darstellung des ewigen Wortes, sowie es vor
ihm schlechtin niemand gewesen; alle diejenigen aber, welche seine Jünger
würden, seien es eben darum, weil sie seiner bedürften, noch nicht, sondern
sollten es erst durch ihn werden. - Das soeben klar ausgesprochene ist das
Charakteristische Dogma des Christentums, als einer Zeiterscheinung, einer
zeitigen Anstalt zu religiöser Bildung der Menschen, welches Dogma ganz ohne
Zweifel Jesus und seine Apostel geglaubt haben: rein, lauter und in einem hohen
Sinne im Evangelium Johannis, welchem Johannes Jesus von Nazaret freilich auch
der Christus, der verheissene Beseliger der Menschheit ist, nur dass ihm dieser
Christus wieder für das Fleisch gewordene Wort gilt: vermischt mit jüdischen
Träumen von einem Sohne Davids und einem Aufheber eines alten Bundes, und
Abschliesser eines neuen, bei Paulus und den übrigen. Allentalben, und ganz
besonders beim Johannes, ist Jesus der Erstgeborene und Einige unmittelbar
geborene Sohn des Vaters, keinesweges als Emanation oder dess etwas - welche
vernunftwidrige Träume erst später entstanden sind - sondern, in dem oben
erklärten Sinne, in ewiger Einheit und Gleichheit des Wesens: und alle andern
können erst in ihm, und durch die Verwandlung in sein Wesen mittelbar Kinder
Gottes werden. Dies lassen Sie uns zuvörderst anerkennen; denn ausserdem würden
wir teils unredlich deuten, teils das Christentum gar nicht verstehen,
sondern durch dasselbe verworren werden. Sodann lassen Sie uns, gesetzt auch wir
wollten für unsere Person von jener Ansicht keinen Gebrauch machen, was einem
jeden freistehen muss, dieselbe wenigstens richtig nehmen und beurteilen Und so
erinnere ich denn in dieser Rücksicht: 1) Allerdings ist die Einsicht in die
absolute Einheit des menschlichen Daseins mit dem göttlichen die tiefste
Erkenntnis, welche der Mensch erschwingen kann. Sie ist vor Jesu nirgends
vorhanden gewesen: sie ist ja auch seit seiner Zeit, man möchte sagen, bis auf
diesen Tag, wenigstens in der profanen Erkenntnis, wieder so gut als
ausgerottet und verloren. Jesus aber Hat sie offenbar gehabt; wie wir, sobald
wir nur selbst sie haben, - wäre es auch nur im Evangelium Johannis,
unwidersprechlich finden werden. - Wie kam nun Jesus zu dieser Einsicht? Dass
jemand hinterher, nachdem die Wahrheit schon entdeckt ist, sie nacherfinde, ist
kein so grosses Wunder; wie aber der erste, von Jahrtausenden vor ihm und von
Jahrtausenden nach ihm durch den Alleinbesitz dieser Einsicht geschieden, zu ihr
gekommen sei, dies ist ein ungeheures Wunder. Und so ist denn in der Tat wahr,
was der erste Teil des Christlichen Dogmas behauptet, dass Jesus von Nazaret
der, - auf eine ganz vorzügliche, durchaus keinem Individuum ausser ihm
zukommende Weise, - eingeborene und erstgeborene Sohn Gottes ist: und dass alle
Zeiten, die nur fähig sind ihn zu verstehen, ihn dafür werden erkennen müssen.
2) Ob es nun schon wahr ist, dass jetzt ein jeder in den Schriften seiner
Apostel diese Lehre wiederfinden, und für sich selbst und durch eigene
Ueberzeugung sie für wahr anerkennen kann; ob es gleich, wie wir ferner
behaupten, wahr ist, dass der Philosoph - so viel er weiss, - ganz unabhängig
vom Christentume dieselben Wahrheiten findet, und sie in einer Consequenz und
in einer allseitigen Klarheit überblickt, in der sie vom Christentume aus an
uns wenigstens nicht überliefert sind; so bleibt es doch ewig wahr, dass wir mit
unserer ganzen Zeit und mit allen unseren philosophischen Untersuchungen auf den
Boden des Christentums niedergestellt sind, und von ihm ausgegangen: dass
dieses Christentum auf die mannigfaltigste Weise in unsere ganze Bildung
eingegriffen habe, und dass wir insgesammt schlechtin nichts von alle dem sein
würden, was wir sind, wenn nicht dieses mächtige Princip in der Zeit
vorhergegangen wäre. Wir können keinen Teil unsers, durch die früheren
Begebenheiten uns angeerbten Seins aufheben; und mit Untersuchungen, was da sein
würde, wenn nicht wäre, was da ist, gibt kein Verständiger sich ab. Und so
bleibt denn auch der zweite Teil des christlichen Dogmas, dass alle diejenigen,
die seit Jesu zur Vereinigung mit Gott gekommen, nur durch ihn und vermittelst
seiner dazu gekommen, gleichfalls unwidersprechlich wahr. Und so bestätiget es
sich denn auf alle Weise, dass bis an das Ende der Tage vor diesem Jesus von
Nazaret wohl alle Verständigen sich tief beugen, und alle, je mehr sie nur
selbst sind, desto demütiger die überschwengliche Herrlichkeit dieser grossen
Erscheinung anerkennen werden.
    Soviel, um diese für ihre Zeit gültige Ansicht des Christentums gegen
unrichtiges und unbilliges Urteil, da, wo sie natürlich sich vorfindet, zu
schützen; keinesweges aber etwa, um diese Ansicht jemandem aufzudringen, der
entweder seine Aufmerksamkeit nach jener historischen Seite gar nicht
hingerichtet hätte, oder der, selbst wenn er sie dahin richtete, das, was wir da
zu finden glauben, eben nicht entdecken könnte. Keinesweges nämlich haben wir
durch das Gesagte uns zur Partei jener Christianer schlagen wollen, für welche
die Sache nur durch ihren Namen Wert zu haben scheint. Nur das Metaphysische,
keinesweges aber das Historische, macht selig; das letztere macht nur
verständig. Ist nur jemand wirklich mit Gott vereinigt und in ihn eingekehrt, so
ist es ganz gleichgültig, auf welchem Wege er dazu gekommen; und es wäre eine
sehr unnütze und verkehrte Beschäftigung, anstatt in der Sache zu leben, nur
immer das Andenken des Weges sich zu wiederholen. Falls Jesus in die Welt
zurückkehren könnte, so ist zu erwarten, dass er vollkommen zufrieden sein
würde, wenn er nur wirklich das Christentum in den Gemütern der Menschen
herrschend Rinde, ob man nun sein Verdienst dabei preisete, oder es überginge;
und dies ist in der Tat das allergeringste, was von so einem Manne, der schon
damals, als er lebte, nicht seine Ehre suchte, sondern die Ehre des, der ihn
gesandt hatte, sich erwarten liesse.
    Nachdem wir an der Unterscheidung der beiden beschriebenen Standpuncte den
Schlüssel haben zu allen Äusserungen des Johanneischen Jesus; und das sichere
Mittel, das in einer Zeitform ausgesprochene auf reine und absolute Wahrheit
zurückzuführen, fassen wir den Inhalt dieser Äusserungen in die Beantwortung
der beiden Fragen zusammen: Zuvörderst was sagt Jesus über sich selbst in
Absicht seines Verhältnisses zur Gotteit? sodann, was sagt er über seine
Anhänger und Lehrlinge in Absicht des Verhältnisses derselben zuerst zu ihm, und
sodann vermittelst seiner zur Gotteit?
    Cap. 1, 18. »Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des
Vaters Schoss ist, der hat es verkündiget.« - Wie wir gesagt haben: In sich in
das göttliche Wesen verborgen: nur in der Form des Wissens tritt es heraus; und
zwar ganz wie es in sich ist.
    Cap. 5, 19. »Der Sohn kann nichts von ihm selber tun, denn was er sieht
den Vater tun; denn was derselbige tut, das tut gleich auch der Sohn.« -
Aufgegangen ist seine Selbstständigkeit in dem Leben Gottes, wie wir uns
ausgedrückt haben.
    Cap. 10, 28. »Ich gebe meinen Schaafen das ewige Leben, und niemand kann sie
aus meiner Hand reissen.« V. 29. »Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist
grösser denn alles und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reissen.« - Wer
ist es denn nun, der sie hält und trägt: Jesus oder der Vater? Die Antwort gibt
V. 30. »Ich und der Vater sind Eins.« - Einerlei gesagt in beiden identischen
Sätzen. - Sein Leben ist das meinige, das meinige das seinige. Mein Werk sein
Werk, und umgekehrt. Gerade also, wie wir in der vorigen Stunde uns ausgedrückt
haben.
    Soviel von den deutlichsten und zwingendsten Stellen. Auf diese Weise lehrt
über diesen Punct einmütig und gleichlautend das ganze Evangelium. Jesus redet
nie anders von sich. Ferner, wie redet er von seinen Anhängern und deren
Verhältnisse zu sich? Die beständige Voraussetzung ist, dass diese in ihrem
dermaligen Zustande gar nicht das rechte Dasein hätten, sondern, wie er Cap. 3
gegen Nikodemus sich äussert, ein so völlig anderes und ihrem bisherigen Dasein
entgegengesetztes Dasein erhalten müssten, als ob an ihrer Stelle ein ganz neuer
Mensch geboren würde: - oder, wo er am eindringendsten sich ausspricht: dass sie
eigentlich gar nicht existirten, noch lebten, sondern im Tode und Grabe sich
befänden, und dass Er erst das Leben ihnen erteilen müsse.
    Hören Sie darüber folgende entscheidende Stellen: Cap. 6, 53. »Werdet ihr
nicht essen mein Fleisch und trinken mein Blut (dieser Ausdruck wird tiefer
unten erklärt werden), so habt ihr kein Leben in euch.« Nur durch dieses Essen
meines Fleisches und Trinken meines Blutes kommt welches in euch; und ohne dies
ist keines.
    Und Cap. 5, 24. »Wer mein Wort höret, der hat das ewige Leben, und ist vom
Tode zum Leben hindurchgedrungen.« V. 25. »Es kommt die Stunde, und ist schon
jetzt, dass die Todten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie
hören werden, die werden leben. « - Die Todten! Wer sind diese Todten? etwa die,
die am jüngsten Tage in den Gräbern liegen werden? Eine rohsinnliche Deutung: -
im biblischen Ausdrucke, - eine Deutung nach dem Fleische, nicht nach dem
Geiste. Die Stunde war ja schon damals. Diejenigen waren diese Todten, welche
seine Stimme noch nicht gehört hatten, und eben darum todt waren.
    Und was für ein Leben ist dies, das Jesus den Seinigen zu geben verspricht?
    Cap. 8, 51. »So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen
ewiglich« - keinesweges, wie geistlose Ausleger dies nehmen; er wird wohl einmal
sterben, nur nicht auf ewig, sondern er wird am jüngsten Tage wieder auferweckt
werden; sondern, er wird nun und nimmermehr sterben; - - wie es denn auch die
Juden wirklich verstanden, und durch die Berufung auf Abrahams erfolgten Tod
Jesus widerlegen wollten, und er ihre Auslegung billigt indem er andeutet, dass
Abraham, - der Jesu Tag gesehen, - in seine Lehre, ohne Zweifel durch
Melchisedek, eingeweiht worden, - auch wirklich nicht gestorben sei.
    Oder noch einleuchtender: Cap. 11, 23. - »Dein Bruder soll auferstehen.«
Marta, die den Kopf eben auch mit jüdischen Grillen angefüllt hatte, sagte, ich
weiss wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am jüngsten Tage. -
Nein, sagt Jesus: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich gläubet,
der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und gläubet an mich, der
wird nimmermehr sterben.« - Die Vereinigung mit mir gibt die Vereinigung mit
dem ewigen Gott und seinem Leben, und die Gewissheit derselben; also, dass man
in jedem Momente die ganze Ewigkeit ganz hat und besitzt, und den täuschenden
Phänomenen einer Geburt und eines Sterbens in der Zeit durchaus keinen Glauben
beimisst, daher auch keiner Auferweckung, als der Rettung von einem Tode, den
man nicht glaubt, weiter bedarf.
    Und woher hat Jesus diese, seine Anhänger auf alle Ewigkeit belebende Kraft?
Aus seiner absoluten Identität mit Gott - Cap. 5, 26.: »Wie der Vater hat das
Leben in ihm selber, also hat er dem Sohne gegeben das Leben zu haben in ihm
selber.« Ferner, auf welche Weise werden die Anhänger Jesu dieser Identität
ihres Lebens mit dem göttlichen Leben teilhaftig? Jesus sagt dies in den
mannigfaltigsten Wendungen, von denen ich hier nur die allerstärkste und
deutlichste, und gerade um ihrer absoluten Klarheit willen den Zeitgenossen
sowohl, als auch den Nachkommen bis auf diesen Tag allerunverständlichste und
anstössigste anführen will. - Cap. 6, 53 bis 55. - »Werdet ihr nicht essen das
Fleisch des Menschensohnes, und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in
euch. Wer mein Fleisch isset, und trinket mein Blut, der hat das ewige Leben.
Mein Fleisch ist die rechte Speise, und mein Blut ist der rechte Trank.« Was
heisst dies? - Er erklärt es selber V. 56. »Wer mein Fleisch isset, und trinket
mein Blut, der - bleibet in, mir, und ich in ihm;« und umgekehrt, wer in mir
bleibet, und ich in ihm, der hat gegessen mein Fleisch u.s.w. Sein Fleisch
essen, und sein Blut trinken, heisst: ganz und durchaus er selber werden und in
seine Person, ohne Abbruch oder Rückhalt, sich verwandeln, - ihn in seiner
Persönlichkeit nur wiederholen, - transsubstantiirt werden mit ihm - so wie er
das zu Fleisch und Blut gewordene ewige Wort ist, ebenso zu seinem Fleische und
Blute, und, was nun daraus folgt und dasselbe ist, zu dem zu Fleisch und Blut
gewordenen ewigen Worte selber werden: denken durchaus und ganz wie er, und so,
als ob er selber dächte und nicht wir; leben durchaus und ganz wie er, und so,
als ob er selber lebte in unserer Stelle. So gewiss Sie nur, E. V., jetzt nicht
meine eigenen Worte herabziehen und herunterdeuten zu dem beschränkten Sinne,
dass man Jesum, als unerreichbares Muster, nur nachahmen solle stückweise und
aus der Ferne, so wie die menschliche Schwäche es erlaube; sondern dieselben so
nehmen, wie ich sie ausgesprochen habe, dass man Er selber ganz werden müsse: so
leuchtet Ihnen ein, dass Jesus nicht füglich anders sich ausdrücken konnte, und
dass er sich vortrefflich aussprach. Jesus war weit entfernt davon, sich als
unerreichbares Ideal hinzustellen, wozu erst die Dürftigkeit der Folgezeit ihn
gemacht hat; auch nahmen ihn seine Apostel nicht so: unter anderen auch nicht
Paulus, der da sagt: Ich lebe gar nicht mehr, sondern in mir lebt Jesus
Christus. Sondern Jesus wollte durch seine Anhänger ganz und ungeteilt in
seinem Charakter wiederholt werden, so wie er selber war; und zwar forderte er
dieses absolut, und als unerlässliche Bedingung: esset ihr nicht mein Fleisch
u.s.w., so bekommt ihr überhaupt kein Leben in euch, sondern ihr bleibet liegen
in den Gräbern, in denen ich euch angetroffen habe.
    Nur dieses Eine forderte er; nicht mehreres, und nicht weniger. Keinesweges
gedachte er sich zu begnügen mit dem blossen historischen Glauben, dass er das
Fleisch gewordene ewige Wort, und der Christus sei, für welchen er sich gab.
Allerdings fordert er auch bei Johannes als vorläufige Bedingung, - lediglich
damit man ihn nur anhöre und auf seine Reden eingehe, Glauben; d.h. die
vorläufige Voraussetzung der Möglichkeit, dass er wohl dieser Christus sein
könne, und verschmäht es auch gar nicht, diese Voraussetzung durch frappante und
wunderbare Taten, die er vollbringt, zu bestärken und zu erleichtern. Aber der
endliche und entscheidende Beweis, der durch die vorläufige Voraussetzung oder
den Glauben erst möglich gemacht werden soll, ist der: dass jemand nur wirklich
den Willen tue des, der Jesus gesandt hat, d.h. dass er, in dem erklärten
Sinne, sein Fleisch und sein Blut esse, wodurch er denn inne werden werde, dass
diese Lehre von Gott sei, und dass er nicht von sich selber rede. Ebensowenig
ist die Rede von einem Glauben an sein stellvertretendes Verdienst. Jesus ist
bei Johannes zwar ein Lamm Gottes, das der Welt Sünde wegträgt, keinesweges aber
ein solches, das sie mit seinem Blute einem erzürnten Gotte abbüsst. Erträgt sie
weg: Nach seiner Lehre existirt der Mensch ausser Gott und Ihm gar nicht,
sondern er ist todt und begraben; er tritt gar nicht ein in das geistige Reich
Gottes; wie könnte doch der arme, nichtseiende, in diesem Reiche etwas verwirren
und die göttlichen Plane stören? Wer aber in Jesum, und dadurch in Gott sich
verwandelt, der lebet nun gar nicht mehr, sondern in ihm lebet Gott; aber wie
könnte Gott gegen sich selbst sündigen? Den ganzen Wahn demnach von Sünde, und
die Scheu vor einer Gotteit, die durch Menschen sich beleidigt finden könnte,
hat er weggetragen und ausgetilgt. Endlich, so nun jemand auf diese Weise den
Charakter Jesu in dem seinigen wiederholt; was ist denn nach der Lehre Jesu der
Erfolg? - So ruft Jesus in Gegenwart seiner Jünger gegen seinen Vater aus! Cap.
17, 20. »Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort
an mich glauben werden, auf dass sie alle Eines seien; gleich wie du Vater in
mir, und ich in dir, dass auch sie in uns Eines seien,« - in uns - - - Eines
seien. Jetzt, nach der Vollendung, ist aller Unterschied aufgehoben: die ganze
Gemeine, der erstgeborene, zugleich mit den zuerst und mit den später
nachgeborenen fallen wieder zusammen in den Einen gemeinschaftlichen Lebensquell
Aller, die Gotteit. Und so fällt denn, wie wir oben behaupteten, das
Christentum, seinen Zweck als erreicht setzend, wieder zusammen mit der
absoluten Wahrheit, und behauptet selbst, dass jederman zur Einheit mit Gott
kommen, und das Dasein desselben selber, oder das ewige Wort, in seiner
Persönlichkeit werden könne und solle.
    Und so ist denn erwiesen, dass die Lehre des Christentums mit unserer, in
den bisherigen Reden Ihnen vorgetragenen und zu Anfange der heutigen in einen
einzigen Ueberblick zusammengefassten Lehre, sogar in dem Bildersystem von Leben
und Tod und allem, was daraus fliesset, genau übereinstimme.
    Hören Sie noch zum Beschlusse dasselbe, womit ich meine letzte Vorlesung
beschloss, mit denselben Worten desselben Johannes.
    So fasset er, ohne Zweifel in Beziehung auf sein Evangelium, das praktische
Resultat desselben, Ep. 1, Cap. 1. zusammen. »Das da von Anfang war, das wir
gehöret haben, das wir gesehen haben mit unseren Augen, das wir beschauet haben,
und unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens.« - Bemerken Sie, wie sehr
es ihm darum zu tun ist, in seinem Evangelium nicht als seine eigenen Gedanken
vortragend, sondern als blosser Zeuge von gehabten Wahrnehmungen zu erscheinen!
- »Das verkündigen wir euch, auf dass auch ihr - ganz im Geiste und auf dem
Grunde der zuletzt angeführten Worte Jesu - mit uns Gemeinschaft habet; und
unsere (die unsere, der Apostel, so wie die eurige, der Neu bekehrten)
Gemeinschaft sei - mit dem Vater, und mit seinem Sohne, Jesu Christo. - - So wir
sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in Finsternis (so wir
mit Gott vereinigt zu sein glauben, ohne dass in unserem Leben das göttliche
Wirken herausbricht), so lügen wir (und sind nur Phantasten und Schwärmer). So
wir aber im Lichte wandeln, so wie Er im Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft
untereinander; und das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes (keinesweges sein,
im metaphysischen Sinne, zur Abbüssung unserer Sünde vergossenes Blut, sondern
sein in uns eingetretenes Geblüt und Gemüt, sein Leben in uns)! macht uns rein
von aller Sünde,« - - und hebt uns weit weg über die Möglichkeit zu sündigen.
 
                               Siebente Vorlesung
    [Eine noch tiefere Schilderung des blossen Scheinlebens aus dem Princip
    desselben. - Zum Erweise der Seligkeit des religiösen Lebens gehört die
    erschöpfte Aufstellung aller möglichen Weisen, sich selbst und die Welt zu
    geniessen. Es gibt, da die eben aufgestellten fünf Weisen der Ansicht der
    Wett ebenso viele Weisen des Genusses derselben sind, ihrer fünf; von denen,
    nach Ausschliessung des wissenschaftlichen Standpunctes, hier nur vier in
    Betrachtung kommen Der Genuss überhaupt, als Befriedigung der Liebe, gründet
    sich auf Liebe; Liebe aber ist der Affect des Seins - Sinnlicher Genuss und
    die durch Phantasie vermittelten Affecte im ersten Standpuncte. Der Affect
    der Realität im zweiten Standpuncte, des Gesetzes, ist ein Befehl, aus
    welchem an sich ein uninteressirter Urteilsspruch erfolgen würde, der
    jedoch, mit dem Interesse für das Selbst zusammentretend, in
    Nicht-Selbstverachtung sich verwandelt. Durch diese Denkart werde im
    Menschen alle Liebe ertödtet, eben darum aber er auch über alle
    Bedürftigkeit hinweggesetzt. Stoicismus, als blosse Apatie in Beziehung auf
    Glückseligkeit und Seligkeit.]
    Ehrwürdige Versammlung,
    
    Unsere Teorie über Sein und Leben ist nun vollständig vorgetragen. Es ist,
keinesweges um die Teorie dadurch zu beweisen, sondern lediglich als eine
Nebenbemerkung, dargetan worden, dass die Teorie des Christentums über diese
Gegenstände ganz die gleiche sei. Ich ersuche in der letzten Beziehung hier nur
noch um die Erlaubnis, von diesem geführten Beweise den fortdauernden Gebrauch
zu machen, dass ich zuweilen an einen Ausdruck oder ein Bild aus den
Christlichen Schriften, in denen höchst ausdrucksvolle und vortreffliche
bezeichnende Bilder sich befinden, erinnere. Ich werde diese Erlaubnis nicht
misbrauchen. Es ist mir nicht unbekannt, dass man in unserem Zeitalter in keinen
nur ein wenig zahlreichen Cirkel aus den gebildeten Klassen treten kann, worin
sich nicht einzelne befinden sollten, bei denen die Erwähnung Jesu und der
Gebrauch biblischer Ausdrücke unangenehme Empfindungen anregt und den Verdacht,
dass der Redende eins von beiden, entweder ein Heuchler, oder ein beschränkter
Kopf sein müsse. Es ist ganz gegen meine Grundsätze, dieses jemandem zu
verdenken; wer kann es wissen, wie sehr sie von unberufenen Eiferern mit diesen
Gegenständen gequält, und welche vernunftwidrige Dinge ihnen als Bibellehre
aufgedrungen sein mögen, Wiederum aber weiss ich, dass in jeder gebildeten
Gesellschaft, und namentlich auch in der hier sich versammelnden, andere
Individuen sich befinden, welche es lieben, zu jenen Erinnerungen, und mit ihnen
zugleich zu ihren früheren jugendlichen Gefühlen zurück zukehren. Mögen diese
beiden Klassen hier sich gegenseitig einander gefällig fügen. Ich werde alles,
was ich zu sagen habe, zuerst in der gewöhnlichen Büchersprache sagen: mögen
diejenigen, denen das biblische Bild wehe tut, allein an den ersteren Ausdruck
sich Halten, und den zweiten ganz überhören.
    Der aufgestellten Teorie lebendiger Besitz nun, keinesweges aber ihr
trockenes und todtes, lediglich historisches Wissen ist, nach unserer
Behauptung, die höchste und die einzig mögliche Seligkeit. Dieses darzutun ist
von heute an unser Geschäft, und es machet dies eigentlich den zweiten
Hauptteil dieser ganzen Vorlesungen aus, welcher durch die episodische
Untersuchung der vorigen Stunde unter anderen auch von dem ersten geschieden
werden sollte.
    Die Klarheit gewinnt allentalben durch den Gegensatz. Indem wir im Begriffe
sind, die richtige und beseligende Denkweise tief zu erfassen und nach dem Leben
zu schildern, wird es gut sein, die ihr entgegengesetzte flache und unselige
Weise dazusein, welche wir, ebenso wie das Christentum, ein Nichtexistiren, ein
Todtsein und Begrabensein bei lebendigem Leibe nennen, gleichfalls noch tiefer
und anschaulicher zu charakterisiren, als es in der ersten Stunde, wo wir
allerdings sie schon beschrieben haben, geschehen konnte. Als Zerstreuung über
das Mannigfaltige, im Gegensatze mit der Zurückziehung und Zusammenziehung auf
das Eine, haben wir damals die unrichtige Denkweise im Gegensalze mit der
richtigen Charakterisirt: und dies ist und bleibt ihr wesentlicher Grundzug.
Anstatt aber, dass wir damals mehr auf die mannigfaltigen äusseren Objecte
sahen, über welche sie sich zerstreut, lassen Sie uns heute betrachten, wie
dieselbe, noch ohne alle Rücksicht auf das Object, in sich selber ein
ausgedehntes breites, flaches, und gleichsam ausgegossenes und umhergegossenes
ist.
    Alle innere geistige Energie erscheint im unmittelbaren Bewusstsein
derselben, als ein sich Zusammennehmen, Erfassen und Contrahiren seines
ausserdem zerstreuten Geistes in Einen Punct, und als ein sich Festalten in
diesem Einheitspuncte gegen das stets fortdauernde natürliche Bestreben, diese
Contraction aufzugeben, und sich wiederum auszudehnen. Also, sage ich, erscheint
schlechtin alle innere Energie; und nur in diesem sich Zusammennehmen ist der
Mensch selbstständig, und fühlt sich selbstständig. Ausser diesem Zustande der
Selbstcontraction verfliesst er eben und zerfliesst, und zwar keinesweges also,
wie er will und sich macht (denn alles sich dachen ist das Gegenteil des
Zerfliessens, die Contraction), sondern so wie er eben wird, und das gesetzlose
und unbegreifliche Ohngefähr ihn gibt. Er hat demnach in diesem letzteren
Zustande gar keine Selbstständigkeit, er existirt gar nicht als ein für sich
bestehendes Reales, sondern bloss als eine flüchtige Naturbegebenheit. Kurz, das
ursprüngliche Bild der geistigen Selbstständigkeit ist im Bewusstsein ein ewig
sich machender und lebendigst sich haltender, geometrischer Punct: das ebenso
ursprüngliche Bild der Unselbstständigkeit und des geistigen Nichtseins, eine
unbestimmt sich ergiessende Fläche. Die Selbstständigkeit kehrt der Welt eine
Spitze zu; die Unselbstständigkeit eine stumpf ausgebreitete Fläche.
    In dem ersten Zustande allein ist Kraft und Selbstgefühl der Kraft; darum
ist auch nur in ihm eine kräftige und energische Auffassung und Durchdringung
der Welt möglich. In dem zweiten Zustande ist keine Kraft: der Geist ist bei der
Weltauffassung gar nicht mit dabei und zu Hause, sondern er ist, wie in einer
alten Erzählung Baal, über Feld gegangen, oder dichtet oder schläft: wie
vermochte er im Objecte sich zu fühlen, und sich von ihm abzusondern? Er
verfliesset sich für sich selbst mit ihm, und so verblasset ihm seine Welt, und
er erhält statt des lebendigen Wesens, an welches er sein eigenes Leben setzen,
und dieses ihm entgegensetzen müsste, nur einen grauen Schatten und ein
Nebelgebilde. Auf solche passt, was ein alter Prophet von den Götzenbildern der
Heiden sagt: Sie haben Augen und sehen nicht: und haben Ohren und hören nicht. -
Sie sehen in der Tat nicht mit sehenden Augen; denn es ist ganz etwas anderes:
die sichtbare Gestalt, in ihrer bestimmten Begrenzung, also in das Auge und in
das Gemüt fassen, dass man sie von nun an jeden Augenblick mit absoluter
Freiheit gerade also, wie man sie gesehen hat, wieder vor das innere Auge
bringen könne; unter welcher Bedingung doch allein jemand sagen kann, er habe
gesellen; - als dies ist, eine wankende und formlose Erscheinung sich nur so
vorschweben lassen, bis sie eben verschwindet, und keine Spur ihres Daseins für
uns hinterlässt. Wer es noch nicht einmal zu dieser kräftigen Auflassung der
Gegenstände des äusseren Sinnes gebracht hat, der sei nur sicher, dass das
unendlich höhere innere Leben an ihn noch sobald nicht kommen wird.
    In diesem langen, breiten und vielfachen geistigen Sein lieget nun eine
Fülle von Gegensätzen und Widersprüchen ruhig und verträglich neben einander. In
ihm ist nichts geschieden und gesondert, sondern alles stehet gleich, und ist in
einander hineingewachsen. Sie halten nichts für wahr und nichts für falsch; sie
lieben nichts und hassen nichts. Beides zuvörderst darum, weil zur Anerkennung,
wobei es nun bleibe für immer, zur Liebe, zum Hasse und zu jedem Affecte gerade
jenes energische Sichzusammennehmen gehört, dessen sie nicht fähig sind; sodann
deswegen, weil dazu gehört, dass man das Mannigfaltige sondere und trenne, um
daraus den einigen Gegenstand seiner Anerkennung und seines Affects sich zu
wählen. Wie aber könnten diese irgend etwas als Wahrheit festsetzen; indem sie
ja sodann alles mögliche andere, das jenem ersten entgegengesetzt ist, als
falsch verwerfen und aufgeben müssten, wozu es ihre zärtliche Anhänglichkeit
auch an das letztere nie kommen lässt? Wie könnten sie irgend etwas mit ganzer
Seele lieben, da sie ja sodann das Gegenteil davon hassen müssten, was ihre
allgemeine Liebe und Verträglichkeit ihnen nimmer erlauben wird? Sie lieben gar
nichts, sagte ich, und interessiren sich für gar nichts; nicht einmal für sich
selbst. Wenn sie sich jemals die Frage vorlegten: habe ich denn nun recht, oder
habe ich unrecht, und bin ich denn recht, oder bin ich unrecht? was wird wohl
noch mit mir werden, und befinde ich mich wohl auf dem Wege zum Glocke oder zum
Elende so müssten sie sich antworten: was kümmerts mich, ich muss eben sehen,
was aus mir werden wird, und mich verbrauchen, wie ich werden werde; es wird
sich schon finden. So sind sie von sich selbst verschmäht, verlassen und
aufgegeben; und so mag ihr allernächster Besitzer, sie selber, sich nicht um sie
kümmern. Welcher andere ausser ihnen soll denn mehr Wert in sie setzen, als sie
selbst es tun? Hingegeben haben sie selbst sich dem blinden und gesetzlosen
Ohngefähr, aus ihnen zu machen, was eben werden will.
    So wie die rechte Denkart an sich recht und gut ist, und an und für sich
keiner guten Werke, die freilich auch nicht ausbleiben werden, zu Erhöhung ihres
Wertes bedarf, so ist die beschriebene Sinnesart an sich nichtswürdig und
verwerflich, und es braucht gar nicht etwa noch eine besondere Bösartigkeit dazu
zu kommen, damit sie verwerflich werde; auch darf keiner hiebei damit sich
trösten, dass er bei alledem doch nichts Böses, sondern vielleicht gar nach
seiner Weise, und was Er also nennt, Gutes tue. Das ist eben der wahrhaft
sündliche Hochmut bei dieser Sinnesart, dass sie denken, sie konnten auch
sündigen, wenn es ihnen beliebte, und man müsse ihnen noch grossen Dank dafür
wissen, wenn sie es unterdessen. Sie irren; sie können gar nichts tun, denn sie
sind gar nicht da, und es gibt gar keine solche Sie, wie es ihnen scheint;
sondern an ihrer Stelle lebet und wirket das blinde und gesetzlose Ohngefähr:
und dieses bricht aus, wie es sich nun trifft, hier als eine bösartige, dort als
eine äusserlich unbescholtene Erscheinung, ohne dass darum die Erscheinung, der
blosse Abdruck und Schatten der blind wirkenden Kraft, im ersten Falle Tadel, im
zweiten Lob verdiene. Ob sie als bösartige oder als gutartige Erscheinungen
ausfallen werden, müssen wir erwarten; und es kommt hierauf gar nicht an. Dass
sie auf alle Fälle ohne inneres geistiges Leben, und verworren und unzuverlässig
ausfallen werden, wissen wir sicher; denn das, was in ihnen waltet, die blinde
Naturkraft, kann gar nicht anders wirken, noch dieser Baum andere Früchte
tragen.
    Was diesen Zustand unheilbar macht, und ihn der Anregung zu einem bessern
und der Mitteilung von aussen verschliesst, ist das mit demselben verbundene,
fast totale Unvermögen, etwas über ihre Denkart hinausliegendes auch nur
historisch in seinem wahren Sinne zu nehmen. Sie würden gegen alle Menschenliebe
zu verstossen, und einem ehrlichen Manne das kränkendste Unrecht anzutun
glauben, wenn sie annähmen, dass, wie wunderlich er auch sich etwa ausdrücken
möge, er damit irgend etwas anderes meinen könne oder wolle, als dasselbe, was
sie eben auch meinen und sagen; und wenn sie bei irgend einer Mitteilung einen
andern Zweck voraussetzen, als den, sich von ihnen, in Rücksicht der alten und
bekannten Lection, überhören zu lassen, ob man diese Lection auch recht
auswendig gelernt habe. Verwahre man sich, wie man wolle, durch die
schneidendsten Gegensätze, erschöpfe man alle Geheimnisse der Sprache, um den
stärksten, frappantesten und in die Augen springendsten Ausdruck zu wählen; wie
er nur an ihr Ohr gelangt, verliert er seine Natur, und verwandelt sich in die
alte Trivialität; und ihre Kunst, alles herunterzudeuten und herabzuziehen, ist
überschwänglich vor aller andern Kunst. Darum sind sie auch jedem kräftigen,
energischen und besonders durch Bilder zum Verstehen zwingen wollenden Ausdrucke
höchst abgeneigt; und nach ihrer Regel müsste allentalben die allgemeinste,
nüchternste und abgezogenste, und eben darum matteste und kraftloseste
Bezeichnung gewählt werden, bei Strafe, als unfein und zudringlich zu erscheinen
So, wenn Jesus vom Essen seines Fleisches und Trinken seines Blutes redete,
fanden seine Jünger darin eine harte Rede; und wenn er der möglichen Vereinigung
mit Gott erwähnte, so hoben die Juden Steine auf, dass sie auf ihn würfen. Sie
haben zu allen Zeiten recht. Da nun einmal schlechtin nichts anderes gesagt
werden kann, noch soll, als dasjenige, was sie in ihrer Sprache so und so sagen:
wozu denn das wunderliche Bestreben, dasselbe Eine anders zu sagen? wodurch
ihnen nur die überflüssige Mühe gemacht wird, es wieder in ihre Sprache zurück
zu übersetzen.
    Diese Schilderung der geistigen Nichtexistenz, oder mit dem Bilde des
Christentums, des Todtseins und Begrabenseins bei lebendigem Leibe, wurde hier
gemacht, teils, um durch den Gegensatz damit das geistige Leben klarer
darzustellen, teils aber und zweitens ist sie selbst ein notwendiger
Bestandteil der Beschreibung des Menschen in Beziehung auf sein Verhältnis zum
Wohlsein; welche Beschreibung wir demnächst zu liefern haben. Zum Leitfaden
dieser Beschreibung besitzen wir und bedienen wir uns der oben in der fünften
Vorlesung aufgestellten fünf, oder, da der Standpunct der Wissenschaft von
populären Vorträgen auszuschliessen ist, der übrigbleibenden vier Standpuncte
der Weltansicht, als ebenso vieler Standpuncte des Genusses der Welt und seiner
selber. In ihren Zusammenhang gehört nicht einmal der jetzt beschriebene Zustand
der geistigen Nichtexistenz; dieser ist überhaupt gar kein mögliches positives
Etwas, sondern er ist ein reines Nichts; und so ist er auch uns negativ in
Beziehung auf Genuss und Wohlsein. In ihm ist keine Liebe, aller Genuss aber
gründet sich auf Liebe. Somit ist für jenen Zustand auch der Genuss durchaus
unmöglich, und in dieser Rücksicht war seine Beschreibung vorauszuschicken, als
die Beschreibung der absoluten Genusslosigkeit oder Unseligkeit; im Gegensatze
der einzelnen, jetzt aufzustellenden besonderen Weisen, die Welt, oder sich
selbst, wirklich zu geniessen.
    Aller Genuss aber gründet sich auf Liebe, sagte ich. Was ist nun Liebe? Ich
sage: Liebe ist der Affect des Seins. Sie sollen nämlich, E. V., also mit mir
argumentiren. Das Sein ist auf sich selbst ruhend, sich selber genügend, in sich
selbst vollendet und keines Seins ausser ihm bedürfend. Lassen Sie es nun also,
absolut sich bewusst, sich fühlen: was entsteht? Offenbar eben ein Gefühl dieses
Sichzusammenhaltens und Sichtragens, also eben einer Liebe zu sich selbst, und
wie ich sagte, Affect, Afficirtsein durch das Sein, d. i. eben Gefühl des Seins
als Seins. Setzen Sie ferner, dass dem endlichen, d. i., wie wir es oben
beschrieben haben, dem stets im Werden begriffenen Sein ein Urbild seines wahren
und ihm gebührenden Seins beiwohne, so liebt es eben dieses Urbild; und wenn
sein wirkliches, ihm fühlbares Sein mit diesem Urbilde übereinkommt, so ist
seine Liebe befriedigt und ihm ist wohl: stimmt hingegen sein wirkliches Sein
mit jenem dennoch lebendiggewordenen, und unaustilgbaren und ewig geliebten,
Urbilde nicht überein, so ist ihm unwohl, denn ihm mangelt das, was es sich
nicht entbrechen kann, doch über alles zu lieben, es sehnet sich und ängstigt
sich immerdar nach ihm hin. Wohlsein ist Vereinigung mit dem Geliebten; Schmerz
ist Getrennteit vom Geliebten. - Nur durch die Liebe gibt man sich der
Einwirkung des Wohlseins, so wie des Schmerzes hin; wer nicht liebt, der ist
gegen beides gleich gesichert. - Glaube jedoch keiner, dass der anfangs
geschilderte blasse und todtenähnliche Zustand, der, wie er ohne Liebe ist,
freilich auch ohne Schmerz ist, dem, dem Schmerze zugänglichen und durch ihn
verwundbaren Leben in der Liebe vorzuziehen sei. Zuvörderst fühlt man wenigstens
sich, und hat sich und besitzt sich auch im Gefühle des Schmerzes, und dies
allein beseliget schon durch sich selbst unaussprechlich vor jenem absoluten
Mangel des Selbstgefühls; sodann ist dieser Schmerz der heilsame Stachel, der
uns treiben soll, und der über kurz oder lang uns auch treiben wird, zur
Vereinigung mit dem Geliebten und zur Seligkeit in ihm. Wohl daher dem Menschen,
der auch nur zu trauern und Sehnsucht zu empfinden vermag!
    Auf dem ersten Standpuncte der Weltansicht, wo allein dem Gegenstande des
äusseren Sinnes Realität beigemessen wird, ist, in Beziehung auf den Genuss
seiner selbst und der Welt, der sinnliche Genuss das herrschende. Auch dieser
(was in wissenschaftlicher Absicht, und zur Erläuterung des erst hingestellten
Grundsatzes dieser ganzen Materie gesagt wird), auch dieser gründet sich auf den
Affect des Seins, hier, als eines organisirten sinnlichen Lebens, und auf die
Liebe zu diesem Sein, und zu den unmittelbar gefühlten (keinesweges etwa, wie
einige sich ausgedacht haben, durch einen geheimen Schluss eingesehenen),
befördernden und entwickelten Mittel dieses Seins. Eine Speise schmeckt uns
wohl, und eine Blume riecht uns angenehm, deswegen, weil sie unser organisches
Dasein erhöht und belebt; und der Wohlschmack so wie der Wohlgeruch ist gar
nichts anderes, als das unmittelbare Gefühl jener Erhöhung und Belebung.
Verweilen wir bei diesem, in das System des gesammten Lebens allerdings
mitgehörenden und darum nicht etwa vornehm zu verachtenden, nur der Betrachtung
und der ernsten Sorge nicht sehr werten Genusse nicht länger! - ohnerachtet ich
relativ und vergleichend freimütig bekenne, dass, meines Erachtens, dem
consequenten Philosophen derjenige, der auch nur mit ungeteiltem Sinne und ganz
in einen sinnlichen Genuss sich zu werfen vermag, weit mehr wert ist, als
derjenige, der vor lauter Flachheit, Zerstreuteit und Ausgeflossenheit nicht
einmal recht hinzuschmecken vermag oder hinzuriechen, wo es dem Schmecken oder
dem Riechen allein gilt.
    Im gesellschaftlichen Zustande treten zwischen diesen bloss sinnlichen
Appetit und die höheren Standpuncte zwischen ein die durch die Phantasie
vermittelten Affecte, welche aber zuletzt sich immer auf einen sinnlichen Genuss
beziehen und von ihm ausgehen. So unterwirft z.B. der Geizige allerdings sich
freiwillig dem gegenwärtigen Mangel, zu welchem er unmittelbar gar keinen
Appetit hat, aber lediglich aus Furcht vor dem künftigen Mangel, zu welchem er
noch weniger Appetit hat, und weil er nun einmal seine Phantasie so wunderlich
gewöhnt hat, dass ihn der in dieser abgebildete künftige Hunger weit mehr nagt,
als der reale Hunger, den er gegenwärtig wirklich fühlt. - Lassen Sie uns auch
bei diesen, sogar dem unmittelbaren sinnlichen Genusse gegenüber, ungründlichen,
seichten und grillenhaften Affecten - alles, was in diese Region fällt, ist
gleich seicht und grillenhaft - nicht länger verweilen!
    Der zweite Standpunct der Weltansicht war der der Rechtlichkeit, auf welchem
ganz allein Realität beigemessen wird einem das vorhandene ordnenden geistigen
Gesetze. Welches ist der Affect dieses Standpunctes? und demzufolge sein
Verhältnis zum Wohlsein? Ich will nebenbei für diejenigen, welche
philosophische Kenntnisse haben, in diese schon von Kant sehr gut behandelte
Materie durch scharfe Consequenz in einigen ganz kurzen? Bemerkungen ein neues
Licht bringen.
    Der Mensch auf diesem Standpuncte ist in der tiefsten Wurzel seines Seins
selbst das Gesetz. Dieses Gesetz ist das auf sich selbst ruhende, sich tragende
und durchaus keines anderen ausser sich bedürfende, oder ein solches auch nur
annehmen könnende Sein eines solchen Menschen: Gesetz, schlechtin um des
Gesetzes willen, und verschmähend durchaus jeden Zweck ausser ihm selber. -
    Zuvörderst, - also in dem Gesetze eingewurzelt, kann der Mensch allerdings
sein, denken und handeln. Der nur nicht ganz seichte Philosoph beweiset es a
priori, der auch nur nicht ganz rohe oder verworrene Mensch fühlt es ewig in
sich selbst, und beweiset es sich durch sein ganzes Leben und Denken. Auf jenes
berühmte Axiom, welches, nachdem in unserem Zeitalter der soeben ausgesprochene
Satz von Kant und anderen wieder angeregt worden, die entschiedene Majorität der
Teologen, Philosophen und Schöngeister der Zeit vorgebracht und bis zum Ekel
wiederholt hat, - das Axiom, dass es schlechtin unmöglich sei, dass der Mensch
ohne einen äusseren Zweck des von ihm Gewollten wolle, oder ohne eine äussere
Absicht seines Handelns handele; - auf dieses Axiom hat man sich Bar nicht
einzulassen, sondern es ist demselben lediglich kalt wegwerfende Verachtung
entgegenzusetzen. Woher wissen sie denn, was sie so kategorisch behaupten, und
wie gedenken sie denn ihr Axiom zu beweisen? Lediglich aus der Kenntnis ihrer
selbst wissen sie es; wie sie denn auch dem Gegner nichts anderes anmuten, als
dass er in seinen eigenen Busen greife und sich also finde, wie sie sind. Sie
können es nicht, und darum behaupten sie: kein Mensch könne es. Nochmals: Was
können sie nicht? wollen und handeln, ohne irgend eine Absicht noch ausser dem
Handeln. Was gibt es denn nun, das ausser dem Wollen und Handeln, und ausser
der Selbstständigkeit des Geistes in sich selbst liege? Durchaus nichts anderes,
als das sinnliche Wohlleben; denn dieses ist der einzige Gegensatz des ersteren:
sinnliches Wohlleben, sage ich, wie wunderlich man es auch etwa aussprechen, und
ob man auch etwa die Zeit und den Ort jenseits des Grabes verlegen möge. Was
also ist es, dass sie in jenem Bekenntnisse von sich selber bekannt haben?
Antwort: Sie könnten gar nicht denken, noch sich regen oder sich bewegen, wenn
sie nicht irgend eine Aussicht auf ein dadurch zu erlangendes Wohlleben hatten;
sie könnten sich selbst durchaus nicht anders ansehen ausser als Mittel und
Instrument eines sinnlichen Genusses, und ihrer unaustilgbaren Ueberzeugung nach
sei das Geistige in ihnen lediglich darum da, um das Tier zu nähren und zu
pflegen. Wer möchte ihnen denn ihre Selbstkenntniss abstreiten und ihnen in
demjenigen, was sie selbst am besten wissen müssen, und was in der Tat nur sie
wissen können, widersprechen wollen?
    Der Mensch, auf dem zweiten Standpuncte der Weltansicht, sei selber das
Gesetz, sagten wir; ein lebendiges, sich fühlendes, von sich selber afficirtes
Gesetz, versteht sich, oder ein Affect des Gesetzes. Der Affect des Gesetzes
aber, als Gesetzes und in dieser Form, ist, wie ich Sie auffordere selbst mit
mir einzusehen, ein absoluter Befehl, ein unbedingtes Soll, ein kategorischer
Imperativ; der gerade durch dieses Kategorische seiner Form alle Liebe und
Neigung zu dem Befohlenen durchaus abweist. Es soll sein, das ist alles:
lediglich es soll. Wenn du es wolltest, so brauchte es nicht zu sollen, und das
Soll käme zu spät und würde entlassen: umgekehrt, so gewiss du deines Ortes
sollst und sollen kannst, willst du nicht, das Wollen wird dir erlassen, und die
Neigung und Liebe ausdrücklich abgewiesen.
    Könnte nun der Mensch mit seinem ganzen Leben in diesem Affecte des Gesetzes
aufgehen: so würde es bei diesem kalten und strengen Soll, und, in Rücksicht der
Ansicht seiner selbst und der Welt, bei dem schlechtin uninteressirten, alle
Teilnahme und alles dem Wohlgefallen oder dem Misfallen ähnliche durchaus
ausschliessenden Urteilsspruche bleiben, dass etwas dem Gesetze gemäss sei oder
nicht; wie es denn da, wo der Mensch in jenem Affecte aufgeht, wirklich dabei
bleibt; und ein solcher wohl, bei seiner sehr richtigen Erkenntnis des
Gesetzes, ohne Reue oder Misfallen an sich selbst erklärt, er tue doch nicht
darnach und wolle auch nicht darnach tun, mit derselben Kälte, mit welcher er
anerkennen würde, dass tausend Jahre vor seiner Geburt in einem entfernten
Weltteile jemand nicht seine Schuldigkeit getan hätte. In der Regel aber
vereinigt sich mit jenem Affecte das Interesse für uns selbst und unsere Person;
welches letztere Interesse sodann die Natur des ersteren Affects annimmt, und
dadurch modificirt wird: also, dass die Ansicht unserer selbst zwar ein blosser
Urteilsspruch bleibt, was sie zufolge des ersteren sein muss, doch nicht ein
ganz uninteressirter Urteilsspruch; wir müssen uns verachten, wenn wir nicht
nach dem Gesetze einhergehen, und sind dieser Selbstverachtung entledigt, wenn
wir damit übereinstimmen; mögen uns jedoch weit lieber in dem letzteren Falle
befinden, als in dem ersteren.
    Das Interesse des Menschen für sich selbst, sagten wir, ist in jenem Affecte
des Gesetzes aufgegangen. Der Mensch will nur nicht genötigt sein, dem Gesetze
gegenüber sich selbst zu verachten. Sich nicht zu verachten, sage ich, negative:
keinesweges aber etwa kann er sich achten wollen, positive. Allentalben, wo man
von positiver Selbstachtung spricht, meint man nur, und kann man nur meinen, die
Abwesenheit der Selbstverachtung. Denn der Urteilsspruch, von welchem hier die
Rede ist, gründet sich auf das Gesetz, welches durchaus bestimmt ist und den
Menschen ganz in Anspruch nimmt. Man kann nur entweder demselben nicht
entsprechen, und dann muss man sich verachten, oder demselben entsprechen, und
dann hat man sich eben nur nichts vorzuwerfen: keinesweges aber kann man über
die Forderung desselben mit seiner Leistung noch hinausgehen, und etwas über
sein Gebot tun, was ja gerade ebendarum ohne Gebot getan, mitin ein
gesetzloses Tun wäre; man kann darum niemals positiv sich achten und ehren als
etwas vorzügliches.
    Des Menschen Interesse für sich selbst ist im Affecte des Gesetzes
aufgegangen; dieser Affect aber vernichtet alle Neigung, alle Liebe und alles
Bedürfnis. Der Mensch will sich nur nicht verachten müssen, weiter aber will er
nichts, und bedarf nichts und kann nichts brauchen. In jenem seinem einzigen
Bedürfnisse aber hängt er schlechtin von sich selbst ab, denn ein absolutes
Gesetz, in welchem der Mensch aufgeht, stellt ihn notwendig hin als durchaus
frei. Durch diese Denkart wird er nun über alle Liebe und Neigung und
Bedürftigkeit, und so über alles, was ausser ihm ist und nicht von ihm abhängt,
hinweggesetzt, für sich keines Dinges bedürfend, denn sich selber, und so, durch
Austilgung des Abhängigen in ihm, wahrhaft unabhängig, über alles erhaben und
gleich den seligen Göttern. - Nur unbefriedigtes Bedürfnis macht unglücklich;
bedürfe nur nichts als das, was du dir selbst gewähren kannst; - aber du kannst
dir nur das gewähren, dass du dir nichts vorzuwerfen habest, - und du bist auf
ewig unzugänglich dem Unglücke. Du bedarfst keines Dinges ausser dir; auch nicht
eines Gottes; du selbst bist dir dein Gott, dein Heiland und dein Erlöser.
    Es kann keinem, der auch nur die bei jedem Gebildeten vorauszusetzenden
historischen Kenntnisse hat, entgangen sein, dass ich soeben die Denkart und das
System des bei den Alten berühmten Stoicismus ausgesprochen. Ein ehrwürdiges
Bild dieser Denkart ist die Darstellung, die ein alter Dichter von dem
mytischen Prometeus macht, welcher, im Bewusstsein seiner gerechten und guten
Tat, des Donnerers über den Wolken und aller Qualen, die derselbe auf sein
Haupt häuft, lachet, und unerschrockenen Mutes die Trümmer der Welt über sich
zusammenstürzen sieht; und welcher bei einem unserer Dichter den Zeus also
anredet:
 Hier sitz ich, - forme Menschen
 Nach meinem Bilde;
 Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
 Zu leiden, zu weinen,
 Zu geniessen und zu freuen sich, -
 Und Dein nicht zu achten,
 Wie ich.
    Sie haben sattsam vernommen, E. V., dass für uns diese Denkart nur auf der
zweiten Stufe der möglichen Weltansicht steht, und nur die erste und niedrigste
des höheren geistigen Lebens ausmacht. Es sind Ihnen, schon in der vorigen Rede,
Andeutungen eines weit innigeren und vollkommeneren Lebens gegeben worden,
welche in den künftigen Reden weiter ausgeführt werden sollen. Dennoch ist es
nicht unsere Meinung, diese denn doch aller Ehren werte Denkart der vornehmen
Verachtung der geistigen Verwesung preiszugeben, noch dieser Verwesung irgend
einen Schlupfwinkel offen zu lassen. Ich setze in dieser Rücksicht folgendes
hinzu.
    Unwidersprechlich wahr ist es, dass diese Denkart nur durch Inconsequenz zur
Annahme eines Gottes kommen kann, und dass sie allentalben, wo sie consequent
ist, wenn auch etwa für teoretische Naturerklärung, doch sicher nicht für ihr
praktisches Bedürfnis jemals einen Gott brauche, wenigstens für ihr Herz keines
Gottes bedürfe, keines achte, und sich selber ihr Gott sei. Aber was ist dies
für ein Gott, den sie fallen lässt? Es ist kein anderer, und kann kein anderer
sein, weil auf diesem Standpuncte kein anderer möglich ist, als der oben
beschriebene willkürliche Ausspender des sinnlichen Wohlseins, dessen
Geneigteit man durch irgend ein Mittel, wenn auch dieses Mittel das
gesetzmässige Betragen wäre, sich erst erwerben muss. Diesen also gestalteten
Gott lässt sie nun mit allem Rechte fallen, er soll fallen, denn er ist nicht
Gott; und auch die höhere Ansicht erhält in dieser Gestalt Gott nicht wieder,
wie wir dies an seinem Orte klar einsehen werden. Der Stoicismus verwirft nicht
das Wahre, sondern nur die Lüge; zur Wahrheit kommt er überhaupt nicht, sondern
bleibt in Beziehung auf diese lediglich negativ; dies ist sein Fehler.
    Somit bleibt der Wahn eines gewissen, sich auch christlich nennenden
Systems, dass durch das Christentum die sinnliche Begier heilig gesprochen und
einem Gotte ihre Befriedigung aufgetragen und das Geheimnis gefunden werde,
gerade dadurch, dass man ihr fröhne, zugleich diesem Gotte zu dienen, ein
Irrtum. Die Glückseligkeit, die der sinnliche Mensch sucht, ist von der
Seligkeit, welche die Religion nicht - verheisset, sondern unmittelbar
darreichet, durch die Kluft der Unterwerfung unter ein heiliges Gesetz, vor dem
jede Neigung verstumme, unvereinbar abgetrennt; nicht bloss dem Grade, sondern
dem inneren Wesen nach verschieden. So machen diejenigen, welche dasselbe als
Philosophen aussprechen, und welche in den begeistertsten Ausrufungen uns zu
Gemüte führen, dass wir durch unsere Anforderungen den Grundzug der
menschlichen Natur ausrotten, und ihnen ihr Herz aus dem Leibe reissen wollen,
über ihre zugestandene Verächtlichkeit sich noch lächerrlich obendrein. Ebenso
befinden die Schöngeister, welche über die Vertilgung der Liebe durch den
Stoicismus Klage erheben - da sie unter dieser Liebe keinesweges die Flamme der
göttlichen Liebe, von welcher wir später reden werden, sondern nur die irdische
Liebe und Neigung verstehen, - und welche glauben, dass deswegen, weil ein Kind,
das unschuldig den kleinen Arm nach einem dargebotenen Leckerbissen ausdehnt,
ein wehmütig rührender und darum gefallender Anblick ist, auch der Erwachsene,
der auf dieselbe Weise sich beträgt, die - moralische Billigung des ernstaften
Beurteilers fordern könne; und dass überhaupt dasjenige, was dem Zuschauer ein
belustigendes ästetisches Schauspiel zu geben vermöge, deswegen auch in sich
edel und gut sei - diese, sage ich, befinden sich in der sonderbarsten
Verwirrung aller Begriffe.
    So viel hatte ich, in Beziehung auf Wohlsein, über den zweiten Standpunct
der Weltansicht, welcher in dieser Beziehung nur negativ und blosse Apatie ist,
zu sagen: und ich wollte dasselbe scharf und bestimmt herausheben, um durch
diese Apatie, als dem Zwischengliede, das Gemeine von dem Heiligen zu sondern,
und eine unübersteigliche Scheidewand zwischen beiden zu befestigen. Worin diese
Apatie beschränkt sei, und wie sie eben darum zur Entwickelung eines höheren
Lebens in der göttlichen Liebe hinauftreibe, davon in der folgenden Rede!
 
                                Achte Vorlesung
    [Tiefere Erfassung der hier vorgetragenen Seinslehre. - Alles, was aus dem
    blossen Dasein, als solchem, folge, durch die Benennung der Form
    zusammengefasst: - sei in der Wirklichkeit das Sein von der Form schlechtin
    unabtrennlich, und das Dasein der letzteren sei selbst in der inneren
    Notwendigkeit des göttlichen Wesens gegründet. Erläuterung dieses Satzes an
    dem einen Teile der Form, der Unendlichkeit. Anwendung desselben auf den
    zweiten Teil derselben Form, die Fünffachheit. Diese gibt ein freies und
    selbstständiges Ich, als den organischen Einheitspunct der ganzen Form. -
    Belehrung über das Wesen der Freiheit. - Affect des Ich für seine
    Selbstständigkeit, der da notwendig verschwinde, sobald, durch vollendete
    Freiheit, die einzelnen Standpuncte bloss möglicher Freiheit vernichtet
    werden; und so Beben denn die Anwesenheit oder Abwesenheit jener Liebe des
    Selbst zwei durchaus entgegengesetzte Hauptweisen, die Welt anzusehen und zu
    geniessen, Aus der ersten stamme zuvörderst der Trieb nach sinnlichem
    Genusse als die Liebe zu einem, auf eine gewisse Weise durch die Objecte
    bestimmten Selbst: sodann, in der Denkart der Gesetzmässigkeit, die Liebe zu
    bloss formaler Freiheit, nach aufgegebener Liebe objectiver
    Selbstbestimmung. Charakteristik der Liebe, aus der ein kategorischer
    Imperativ entspringt. Durch die Vernichtung jener Liebe des Selbst falle der
    Wille des Ich zusammen mit dem Leben Gottes; und es entstehe daraus
    zuvörderst der, oben als dritter aufgestellte, Standpunct der höheren
    Moralität. Verhältnis dieser Denkart zu den äusserlichen Umgebungen,
    besonders im Gegensalze mit der Superstition der sinnlichen Bedürftigkeit.]
    Ehrwürdige Versammlung.
    
    Der gesammte Zweck und Inhalt dieser ganzen Vorlesungen liesse sich kurz
also angeben. dass sie eine Beschreibung des wahren und eigentlichen, und eben
darum seligen Lebens entielten. Jede gute Beschreibung aber soll genetisch
sein, und sie muss das zu beschreibende allmählig vor den Augen des Zuschauers
entstehen lassen. Einer solchen genetischen Beschreibung ist nun das eigentliche
geistige Leben sehr wohl empfänglich; denn es entwickelt sich, wie wir schon vor
einiger Zeit, bildlich wie es schien, woraus aber hinterher sehr buchstäblicher
Ernst geworden ist, sagten - es entwickelt sich dieses Leben in der Regel nur
allmählig und nach und nach, und hält seine bestimmten Stationen. Als diese
Stationen des geistigen Lebens haben wir fünf Hauptstandpuncte der möglichen
Weltansicht kennen gelernt, und durch diese das Leben, anfangs nur als kalte und
uninteressirte Ansicht heraufgesteigert; in der vorigen Stunde aber haben wir
diese blosse Ansicht mit ihrem Affecte, ihrer Liebe und ihrem Selbstgenusse
versetzt, und dadurch die Form des Lebens erst vollendet. Dieses also bestimmte
Leben haben wir in der vorigen Rede durch den Zustand der Nullität, des blossen
Sinnengenusses, der strengen Rechtlichkeit und Gesetzmässigkeit
hindurchgeleitet.
    Wie eine solche Beschreibung des geistigen Lebens zu höheren Stufen
hinaufsteigt, wird sie begreiflicherweise für die Majorität eines gesunkenen
Zeitalters dunkler und schwerer zu verstehen, weil sie nun eintritt in derselben
fremde, weder durch eigene geistige Erfahrung, noch durch Hörensagen bekannte
Regionen. Dies leget dem, der es einmal unternommen über solche Gegenstände zu
reden, die Pflicht auf, wenigstens, falls er auch die Hoffnung aufgeben müsste,
von allen positiv verstanden zu werden, doch wenigstens vor jedem
selbstveranlassten Misverständnisse sich zu verwahren; und wenn er auch nicht an
alle das Wahre bringen könnte, dennoch zu verhüten, dass durch seine Schuld
keiner etwas Falsches erhalte; und wenigstens diejenigen, die das Vermögen wohl
hätten, ihn ganz zu fassen, also auszurüsten, dass sie selbst wieder in ihren
Cirkeln Rede und Antwort geben und Umdeutungen berichtigen können. Dies hat mich
zu dem Entschlusse gebracht, einen Teil dieser Stunde dazu anzuwenden, um die
hier zu behandelnde, und in der letzten Stunde auf ihrem Culminationspuncte
stehen gelassene Materie in ihrer Tiefe zu erschöpfen.
    Diejenigen unter den Anwesenden, welche in die Speculation schon eingeweiht
sind, sollen bei dieser Gelegenheit in den organischen Einheitspunct aller
Speculation also hineinversetzt werden, wie es, meines Wissens, noch niemals und
nirgends geschehen. Die übrigen, welche mit uns philosophiren entweder nicht
können oder nicht wollen, können die Veranlassung, dass vor ihren Augen
philosophirt wird, wenigstens dazu gebrauchen, um sich einen allgemeinen Begriff
von der Sache zu verschaffen, und um zu ersehen, dass, wenn es nur recht gemacht
wird, es dabei nicht so wunderbar und künstlich, als man gewöhnlich glaubt,
sondern ganz einfach und natürlich hergehe, und nicht mehr dazu gehöre, als nur
das Vermögen einer anhaltenden Aufmerksamkeit. Jedoch wird nötig sein, dass
auch die von der letzteren Klasse das zu sagende wenigstens historisch fassen,
weil noch vor dem Schlusse dieser Stunde etwas kommen wird, welches alle zu
verstehen begehren werden; das aber nicht verstanden werden kann, wenn man das
erstere nicht einmal historisch gefasst und als eine mögliche Hypotese gesetzt
hat.
    Wir haben eingesehen: das Sein ist - schlechtin, und es ist nie geworden,
noch ist etwas in ihm geworden. Dieses Sein ist ferner, wie sich nur finden,
keinesweges aber genetisch begreifen lässt, auch äusserlich da; und nachdem es
einmal als daseiend gefunden ist, so lässt sich nun wohl auch begreifen, dass
auch dieses Dasein nicht geworden, sondern in der innern Notwendigkeit des
Seins gegründet, und durch diese absolut gesetzt ist. Vermittelst dieses
Daseiens nun, und in diesem Dasein, wird das Sein, wie dies alles, als aus dem
Dasein notwendig erfolgend, sich einsehen lässt, zu einem Bewusstsein, und zu
einem auf mannigfaltige Weise gespalteten Bewusstsein.
    Alles, was an dem Sein aus dem Dasein folgt, zusammengefasst, wollen wir,
lediglich um nicht immer dieselbe Reihe von Worten zu wiederholen, die Form
nennen: welches Wort nun eben alles dasjenige bedeutet, was wir schon vorher als
- folgend aus dem Dasein eingesehen haben müssen. (So verhält es sich - dies
erinnere ich für die nicht mitphilosophirenden - mit aller philosophischen
Terminologie; die Ausdrücke derselben sind lediglich Redeabkürzungen, um an
etwas schon vorher in unmittelbarer Anschauung erblicktes in der Kürze zu
erinnern; und wer dieser Anschauung nicht teilhaftig geworden, für den, für ihn
aber auch allein, sind sie leere und nichts bedeutende Formeln.)
    Wir haben sonach die beiden Stücke; - das Sein, wie es innerlich und in sich
ist, und die Form, welche das erstere dadurch, dass es da ist, annimmt. - Wie
haben wir uns ausgedrückt? Was ist es, das eine Form annimmt? Antwort: Das Sein,
wie es in sich selber ist, ohne die mindeste Veränderung seines innern Wesens -
darauf eben kommt es mir an. Was also ist - in dem Dasein? Antwort: Durchaus
nichts anderes, als das Eine, ewige und unveränderliche Sein, ausser welchem gar
nichts zu sein vermag. Wiederum vermag denn dieses ewige Sein dazusein, ausser
gerade in dieser Formt Wie wäre es doch möglich, da diese Form nichts anderes
ist, als das Dasein selbst; somit die Behauptung: das Sein könne auch in einer
andern Form dasein, heissen würde: das Sein könne dasein, ohne doch dazusein.
Nennen Sie das Sein A, und die Form, die gesammte Form versteht sich, in ihrer
Einheit gedacht, B so ist das wirkliche Dasein A x B und B x A.
    A bestimmt durch B, und gegenseitig. - Bestimmt, sage ich, mit dem Accente,
so dass Sie mit Ihrem Denken nicht von einem der Endpuncte, sondern vom
Mittelpuncte ausgehen, und sich so verstehen; beide sind in der Wirklichkeit
verwachsen und gegenseitig von einander durchdrungen, so dass sie in der
Wirklichkeit, und ohne dass die Wirklichkeit des Daseins vernichtet werde, nicht
wieder getrennt werden können. - -Dieses nun ists, worauf mir alles ankommt;
dies der organische Einheitspunct aller Speculation; und wer in diesen
eindringt, dem ist das letzte Licht aufgegangen.
    Um es noch zu verstärken - Gott selbst, d. i. das innere Wesen des
Absoluten, welches nur unsere Beschränkteit von seinem äusseren Dasein
unterscheidet, kann jene absolute Verschmelzung des Wesens mit der Form nicht
aufheben; denn selbst sein Dasein, was nur dem ersten lediglich factischen
Blicke als factisch und zufällig erscheint, ist ja für das allein entscheidende
wahrhaftige Denken nicht zufällig, sondern, da es ist, und es ausserdem nicht
sein könnte, es muss notwendig folgen aus dem inneren Wesen. Zufolge Gottes
innerem Wesen demnach ist dieses innere Wesen mit der Form unabtrennlich
verbunden und durch sich selber eingetreten in die Form; welches für die, die es
zu fassen vermögen, die vom Anfange der Welt bis auf den heutigen Tag
obgewaltete höchste Schwierigkeit der Speculation leicht auflöst, und unsern
schon früher gelieferten Commentar der Johanneischen Worte verstärkt: der Worte:
Im Anfange, schlechtin unabhängig von aller Möglichkeit des Gegenteils, aller
Willkür, allem Zufalle, und darum aller Zeit, gegründet in der inneren
Notwendigkeit des göttlichen Wesens selber, war die Form; und diese war bei
Gott, liegend eben und gegründet in - und ihr Dasein hervorgehend aus der innern
Bestimmteit des göttlichen Wesens, und die Form war selbst Gott, Gott trat in
ihr also heraus, wie er in ihm selber ist.
    Z.B.: Ein Teil der Form war die ins unendliche gehende Fortgestaltung und
Charakterisirung des an sich ewig sich gleichbleibenden Seins = A. Ich stelle,
damit Sie hieran sich versuchen, Ihnen die Frage: Was ist denn nun in diesem
unendlichen Gestalten und Charakterisiren das realiter und tätig Gestaltende
und Charakterisirende selbst? Ist es etwa die Form? Diese ist ja an sich ganz
und gar nichts. Nein; das absolut Reale = A ist es, welches - sich gestaltet;
sich, sage ich, sich selbst, wie es innerlich ist, - gestaltet, sage ich, nach
dem Gesetze einer Unendlichkeit. Es gestaltet sich nicht Nichts, sondern es
gestaltet sich das innere göttliche Wesen.
    Fassen Sie aus dieser Unendlichkeit, wo Sie wollen, den Inhalt irgend eines
bestimmten Moments heraus. Es ist dieser Inhalt, wie sich versteht, durchgängig
bestimmt; derjenige, der er ist, und durchaus kein anderer. Ich frage: Warum ist
er der, der er ist, und wodurch wird er also bestimmt? Sie können nicht anders
antworten, denn also: durch zwei Factoren, zuvörderst dadurch, dass das Absolute
in seinem innern Wesen ist, wie es ist, sodann dadurch, dass dieses Absolute ins
unendliche sich gestaltet: nach Abzug desjenigen, was vom Inhalte aus dem innern
Wesen folgt, ist das übrige in diesem Momente, d.h. das, was in ihm rein und
lediglich Gestaltung ist, dasjenige, was aus der übrigen unendlichen Gestaltung
für diesen Moment übrig bleibt.
    Diese Unendlichkeit der Zerspaltung ist der eine Teil der Form, haben wir
gesagt; und dieses Teils bedienten wir uns als Beispiels, um an ihm unsern
Grundsatz klarer zu machen. Für unsern gegenwärtigen Zweck aber kommt es auf den
zweiten Teil der Form an. auf welchen wir den aufgestellten, und hoffentlich
nun eingesehenen Grundsatz bestimmend anwenden wollen; wofür ich Ihre
Aufmerksamkeit von neuem in Anspruch nehme.
    Dieser zweite Teil der Form ist eine Spaltung in fünf neben einander
liegende, und als herrschende Puncte gegenseitig sich ausschliessende
Ansichtspuncte der Realität. Neben einander liegende, als herrschend gegenseitig
sich ausschliessender darauf, dass dies im Auge behalten werde, kommt es hier an.
Bewiesen ist es übrigens schon oben; auch leuchtet es unmittelbar und auf den
ersten Blick ein. Nochmals: was ist es, das in dieser neuen Spaltung sich
spaltet? Offenbar das Absolute, wie es in sich selber ist; welches selbige
Absolute in derselben Ungeteilteit und Einheit der Form sich auch spaltet ins
unendliche. Darüber ist kein Zweifel. Aber, wie sind diese Puncte gesetzt: sind
sie als wirklich gesetzt, so wie die ganze in der Zeit ablaufende Unendlichkeit?
Nein, denn sie schliessen sich gegenseitig als herrschende in einem und
demselben Zeitmomente aus: darum sind sie insgesammt, in Beziehung auf
Ausfüllung aller Zeitmomente durch einen von ihnen nur als gleich mögliche
gesetzt: und das Sein tritt, in Beziehung auf jeden einzelnen, nicht als
notwendig so zu nehmen, oder als wirklich also genommen, sondern nur als
möglicherweise so zu nehmen ein. Specieller: Tritt denn nun das Eine, in eine
unendliche Zeit freilich unwiederbringlich gespaltene ein in der Weise von 1, -
oder in der von 2, u.s.w.? Schlechtin nicht; sondern es ist dieses Sein an und
durch sich völlig unbestimmt und völlig indifferent in Rücksicht dieses seines
Genommenwerdens. Das Reale geht in dieser Beziehung nur bis zur Möglichkeit, und
nicht weiter. Es setzt daher durch sein Dasein eine von ihm in seinem innern
Wesen völlig unabhängige Freiheit und Selbstständigkeit seines Genommenwerdens,
oder der Weise, wie es reflectirt werde; und nun dasselbe noch schärfer
ausgedrückt: das absolute Sein stellt in diesem seinem Dasein sich selbst bin,
als diese absolute Freiheit und Selbstständigkeit sich selber zu nehmen, und als
diese Unabhängigkeit von seinem eignen innern Sein; es erschafft nicht etwa eine
Freiheit ausser sich, sondern es ist selber, in diesem Teile der Form, diese
seine eigne Freiheit ausser ihm selber; und es trennt in dieser Rücksicht
allerdings sich in seinem Dasein - von sich in seinem Sein und stösst sich aus
von sich selbst, um lebendig wieder einzukehren in sich selbst. Nun ist die
allgemeine Form der Reflexion Ich: demnach ein selbstständiges und freies Ich
setzt es; oder auch: ein Ich, - und, was allein ein Ich gibt, ein
selbstständiges und freies Ich gehört zur absoluten Form = B, und ist der
eigentliche organische Einheitspunct der absoluten Form des absoluten Wesens;
indem ja auch die dermalen als zweiter Teil der Form bei Seite gelegte Spaltung
ins unendliche, unsrer eignen Ableitung nach, sich auf die Selbstständigkeit der
Reflexionsform gründet: und sie ist nach der obigen Bemerkung von der innern
Notwendigkeit des göttlichen Wesens unabtrennlich, so dass sie durch Gott
selbst nicht aufgehoben werden kann.
    Es ist leicht, im Vorübergehen folgende Sätze mit anzumerken. - 1) Freiheit
ist gewiss und wahrhaftig da, und sie ist selber die Wurzel des Daseins: doch
ist sie nicht unmittelbar real; denn die Realität geht in ihr nur bis zur
Möglichkeit. Die Paradoxie des letzteren Zusatzes wird sich von selbst lösen, so
wie unsere Untersuchung fortschreiten wird. 2) Freiheit innerhalb der Zeit, und
zu selbstständig zu bestimmender Ausfüllung der Zeit, ist nur in Beziehung auf
die angegebenen fünf Standpuncte des geistigen Lebens, und inwiefern sie aus
diesen erfolgt; aber sie ist keinesweges jenseits dieser fünffachen Spaltung;
denn da ist nur das innerlich bestimmte absolute Wesen in der ebenso
unabänderlich bestimmten Form der Unendlichkeit und der durch die Realität
selbst unmittelbar ausgefüllten Zeit; noch ist sie diesseits dieser Spaltung,
und das Ich in einem dieser Puncte ruhend gesetzt, sondern da ist wiederum
strenge Notwendigkeit und Folge aus dem Princip.
    Dies im Vorbeigehen wegen seiner anderweitigen Wichtigkeit; auch mit darum,
weil es nicht sonderlich bekannt zu sein scheint. Nicht im Vorbeigehen, sondern
unmittelbar zu unserem Zwecke gehörig, sagen wir folgendes, wozu ich von neuem
Ihre Aufmerksamkeit auffordere. 1) Da jene Selbstständigkeit und Freiheit des
Ich zum Sein desselben gehört, jedes Sein aber im unmittelbaren Bewusstsein
seinen Affect hat, so ist, inwiefern ein solches unmittelbares Bewusstsein der
eignen Freiheit stattfindet, notwendig auch ein Affect für diese
Selbstständigkeit, die Liebe derselben und der daraus folgende Glauben daran
vorhanden. - Inwiefern ein solches unmittelbares Bewusstsein der eignen Freiheit
stattfindet, sagte ich: denn 2) welches, als die Hauptsache dieser ganzen
Untersuchung und das eigentliche Ziel alles vorausgeschicktem, ich Sie wohl zu
fassen bitte - denn jene Freiheit und Selbstständigkeit ist ja nichts mehr, denn
die blosse Möglichkeit der Standpuncte des Lebens: diese Möglichkeit aber ist ja
auf die angezeigten fünf Weisen an der Zahl beschränkt; so daher jemand die
Auffassung nach diesem Schema vollendet, so hat er damit die Möglichkeit
vollendet und sie zur Wirklichkeit erhoben; er hat sein Vermögen erschöpft, und
das Maass seiner Freiheit verbraucht, es ist ihm in der Wurzel seines Daseins
keine Freiheit mehr übrig; mit dem Sein aber verschwindet notwendig auch der
Affect, und die Liebe und der Glaube, ohne Zweifel, um einer weit heiligeren
Liebe und einem weit beseligenderen Glauben Platz zu machen. So lange das Ich
noch durch ursprüngliche Selbsttätigkeit an seiner Selbsterschaffung zur
vollendeten Form der Realität zu arbeiten hat, bleibet in ihm freilich der Trieb
zur Selbsttätigkeit und der unbefriedigte Trieb als der heilsam forttreibende
Stachel und das innige Selbstbewusstsein der Freiheit, welches bei dieser Lage
der Sachen absolut wahr ist und ohne Täuschung; wie er sich aber vollendet,
fällt dieses Bewusstsein, das nun allerdings trügen würde, hinweg, und ihm
fliesst von nun an die Realität ruhig ab in der einzig übriggebliebenen und
unaustilgbaren Form der Unendlichkeit.
    Also, was ich als gemeinverständliches Resultat und nicht lediglich für den
speculirenden Teil der Anwesenden aufstelle - die Anwesenheit eines Affects,
einer Liebe und eines Glaubens an eigne Selbstständigkeit von einer, so wie die
Abwesenheit desselben Affectes von der andern Seite, sind die Grundpuncte zweier
- wie ich jetzt die bisherige Fünffachheit schärfer zusammenfasse, zweier
durchaus entgegengesetzter Ansichten und Genussweisen der Welt.
    Was zuvorderst den Zustand der Anwesenheit des Affectes für die eigne
Selbstständigkeit anbelangt, so hat auch dieser wiederum zwei verschiedene
Formen (Sie bemerken, dass dieses eine Unterabteilung in dem ersten Teile der
soeben aufgestellten Oberabteilung ist): - deren erste und niedrigere ich Ihnen
also klar mache. Das Ich, als das Subject der Selbstständigkeit, ist, wie Sie
wissen, die Reflexion. Diese ist, wie Sie gleichfalls wissen, in ihrer ersten
Function, gestaltend, weiter bestimmend, charakterisirend - die Welt. Innerhalb
dieser Gestalten und dieses Gestaltens nun ist das hier von uns zu beschreibende
besondere Ich ein eignes und selbstständiges Sein; welches sein bestimmtes Sein
es ebendarum mit Liebe umfasst, und so Trieb und Bedürfnis dieses also
bestimmten Seins erhält. Nochmals: was für ein Sein war dies? Sein in einer
bestimmten Gestaltung seines Lebens. Woher das Bedürfnis dieser Gestaltung? Aus
seiner Selbstliebe in diesem Standpuncte seiner Freiheit. Wenn das Bedürfnis
befriedigt würde, was würde dies geben? Genuss. Woraus würde dieser Genuss
entstehen? Aus einer gewissen Gestaltung seines Lebens durch die selbst
gestaltete, d. i. objective, geteilte und mannigfaltige Welt. Hier liegt der
Grundpunct der sinnlichen Begier des Menschen, und dieser ist der eigentliche
Schöpfer der Sinnenwelt. Also - es entsteht Begier und Bedürfnis einer gewissen
und bestimmten Gestalt - darauf kommt alles an, dieses ist der charakteristische
Grundzug. und diesen bitte ich zu bemerken - unseres Lebens. Trieb nach
Glückseligkeit in bestimmten und durch bestimmte Objecte. Dass die objective
Bestimmung dieses Glückseligkeitstriebes nicht auf nichts, sondern auf die in
dieser Form der Selbstständigkeit nun einmal stehen gebliebene Realität sich
gründe, versteht sich; ebenso wie dies, dass, da in dieser Form der
Fortgestaltung der Welt ein ununterbrochener Wandel stattfindet, auch das Ich
fortgehend sich verwandelt, und darum auch dasjenige, worin es seine
Glückseligkeit zu setzen genötigt ist, allmählig, sich verändert, und im
Fortgange die ersten Objecte der Begier verschmäht werden und andere ihre Stelle
einnehmen. Bei dieser absoluten Ungewissheit nun über das eigentlich
beglückseligende Object stellt man zuletzt einen, in dieser Rücksicht völlig
leeren und unbestimmten Begriff hin, der jedoch den Grundcharakter beibehält,
dass die Glückseligkeit aus irgend einem bestimmten Objecte kommen solle: - den
Begriff eines Lebens, in welchem alle unsere Bedürfnisse überhaupt, welche
dieses nun auch seien, auf der Stelle befriedigt werden, einer Abwesenheit alles
Schmerzes, aller Mühe und aller Arbeit, - die Inseln der Glückseligen und
elysischen Gefilde der Griechen, den Schoss Abrahams der Juden, den Himmel der
gewöhnlichen Christen. Die Freiheit und Selbstständigkeit auf dieser Stufe ist
material. Die zweite Weise der Anwesenheit des Affects für eigne Freiheit und
Selbstständigkeit ist die, da diese Freiheit nur überhaupt, und eben darum rein,
leer und formal gefühlt und geliebt wird, ohne durch sich irgend einen
bestimmten Zustand zu setzen und anzustreben. Dies gibt den zu Ende der vorigen
Stunde beschriebenen Standpunct der Gesetzmässigkeit, den wir, um an Bekanntes
zu erinnern, auch den des Stoicismus nannten. Dieser hält sich überhaupt für
frei, denn er nimmt an, dass er dem Gesetze auch nicht gehorchen könne; er
sondert sonach sich ab und stellt sich, als auch eine für sich bestehende Macht,
dem Gesetze oder was das nun eigentlich sein mag, das ihm als Gesetz erscheint,
gegenüber. Er vermag sich, sagte ich, nicht anders zu fassen und anzusehen, denn
als einen solchen, der dem Gesetze auch nicht gehorchen gar wohl könne. Jedoch
nach seiner ebenso notwendigen Ansicht soll er ihm gehorchen, und nicht seiner
Neigung; für ihn fällt darum allerdings die Berechtigung auf Glückseligkeit,
und, wenn die ausgesprochne Ansicht nur wirklich lebendig ist in ihm, auch das
Bedürfnis einer Glückseligkeit und eines beglückseligenden Gottes rein weg.
Durch jene erste Voraussetzung aber, seines Vermögens auch nicht zu gehorchen,
entsteht ihm erst überhaupt ein Gesetz, denn seine Freiheit, beraubt der
Neigung, ist nun leer und ohne alle Richtung. Er muss sie wieder binden; und
Band für die Freiheit oder Gesetz ist ja ganz dasselbe. Lediglich demnach durch
den, nach dem Aufgeben aller Neigung dennoch beibehaltenen Glauben an Freiheit
macht er ein Gesetz für sich möglich, und gibt für seine Ansicht dem wahrhaft
Realen die Form eines Gesetzes.
    Fassen Sie dies in der Tiefe, und darum in der Fülle der Klarheit also. 1)
In die sich gegenseitig ausschliessenden Puncte der Freiheit tritt das göttliche
Wesen nicht ganz und ungeteilt, sondern es tritt in diese nur einseitig ein:
jenseits dieser Puncte aber tritt es unverdeckt durch irgend eine Hülle, welche
nur in diesen Puncten gegründet ist, so wie es in sich selber ist, ein; sich
fortgestaltend ins Unendliche: in dieser Form des ewig fortfliessenden Lebens,
welche unabtrennlich ist von seinem an sich einfachen, innern Leben. Dieser
ewige Fortfluss des göttlichen Lebens ist nun die eigentliche innerste und
tiefste Wurzel des Daseins, - der oben genannten absolut unauflöslichen
Vereinigung des Wesens mit der Form. Offenbar führt nun dieses Sein des Daseins,
so wie alles Sein, bei sich seinen Affect; es ist der stehende, ewige und
unveränderliche Wille der absoluten Realität, so sich fort zu entwickeln, wie
sie notwendig sich entwickeln muss. 2) So lange nun aber irgend ein Ich noch in
irgend einem Puncte der Freiheit steht, hat es noch ein eigenes Sein, welches
ein einseitiges und mangelhaftes Dasein des göttlichen Daseins, mitin
eigentlich eine Negation des Seins ist, und ein solches Ich hat auch einen
Affect dieses Seins, und einen dermalen unveränderlichen und stehenden Willen,
dieses sein Sein zu behaupten. Sein immerfort vorhandener Wille ist daher gar
nicht Eins mit dem stehenden Affecte und Willen des vollendeten göttlichen
Daseins. 3) Sollte nun ein Ich auf diesem Standpuncte dennoch vermögen, jenem
ewigen Willen gemäss zu wollen, so könnte dies schlechtin nicht geschehen durch
seinen immer vorhandenen Willen sondern dieses Ich müsste durch ein drittes
dazwischentretendes Wollen, das man einen Willensentschluss nennt, diesen Willen
sich erst machen. - Ganz genau in diesem Falle befindet sich nun der Mann des
Gesetzes; und dadurch eben, dass er in diesem Falle sich befindet, wird er ein
Mann des Gesetzes. Indem er, welches die eigentliche Wurzel seiner Denkart ist,
bei welcher wir ihn erfassen müssen - indem er bekennt, dass er auch nicht
gehorchen könnte - welches, da ja hier vom physischen Vermögen, dessen
Abhängigkeit vom Wollen vorausgesetzt wird, nicht die Rede ist, offenbar so viel
heisst, dass er auch nicht gehorchen - wollen könnte; - welcher Versicherung,
als dem unmittelbaren Ausspruche seines Selbstbewusstseins, ohne Zweifel auch
Glauben beizumessen ist: bekennt er ja, dass es nicht sein herrschender und
immer bereiter Wille sei, zu gehorchen; denn wer könnte denn auch gegen seinen
Willen, und wer dächte hinaus über seinen stets fertigen und immer
bereitwilligen Willen? Keinesweges etwa, dass er dem Gehorchen abgeneigt sei;
denn dann müsste doch eine andere, und zwar sinnliche Neigung in ihm walten,
welches gegen die Voraussetzung ist, indem er sodann sogar nicht moralisch wäre,
sondern durch äussere Zwangsmittel in Zucht und Ordnung, gehalten werden müsste;
sondern nur, dass er ihn auch nicht geneigt ist, sondern überhaupt sich
indifferent dagegen verhält Durch diese Indifferenz seines eigenen stehenden
Willens nun wird ihm jener Wille zu einem fremden, den er sich erst als ein
Gesetz für seinen natürlich das nicht wollenden Willen hinstellt; und zu dessen
Befolgung er erst durch einen Willensentschluss den natürlich ihm ermangelnden
Willen hervorzubringen muss. Und so ist denn die bleibende Indifferenz gegen den
ewigen Willen, nach geschehender Verzichtleistung auf den sinnlichen Willen, die
Quelle eines kategorischen Imperativs im Gemüte; so wie ferner der beibehaltene
Glaube an unsere, wenigstens formale Selbstständigkeit die Quelle jener
Indifferenz ist.
    So Wie durch den höchsten Act der Freiheit und durch die Vollendung
derselben dieser Glaube schwindet, fällt das gewesene Ich hinein in das reine
göttliche Dasein, und man kann der Strenge nach nicht einmal sagen: dass der
Affect, die Liebe und der Wille dieses göttlichen Daseins die seinigen würden;
indem überhaupt gar nicht mehr Zweie, sondern nur Eins, und nicht mehr zwei
Willen, sondern überhaupt nur noch Einer und ebenderselbe Wille Alles in Allem
ist. So lange der Mensch noch irgend etwas selbst zu sein begehrt, kommt Gott
nicht zu ihm, denn kein Mensch kann Gott werden. Sobald er sich aber rein, ganz
und bis in die Wurzel vernichtet, bleibt allein Gott übrig, und ist Alles in
Allem. Der Mensch kann sich keinen Gott erzeugen; aber siel: selbst, als die
eigentliche Negation, kann er vernichten, und sodann versinket er in Gott.
    Diese Selbstvernichtung, ist der Eintritt in das höhere, dem niedern, durch
das Daseins eines Selbst bestimmten Leben, durchaus entgegengesetzte Leben; und
nach unserer ersten Weise zu zählen die Besitznehmung vom dritten Standpuncte
der Weltansicht; der reinen und höheren Moralität.
    Das eigentliche innere Wesen dieser Gesinnung, und die im Mittelpuncte
dieser Welt einheimische Seligkeit wollen wir in der künftigen Stunde
beschreiben. Jetzt wollen wir nur noch die Beziehung derselben auf die niedere
und sinnliche Welt angeben. - - - Ich hoffe oben den Grund so tief gelegt zu
haben, dass mir dabei der Nebenzweck, jener üblichen Verwirrung der Seligkeit
und Glückseligkeit alle Ausflüchte zu nehmen, gelingen könne. Diese Denkart,
welche, falls ein Ernstafter über sie kommt, lieber nicht gesagt haben möchte,
was sie doch ewig fortsagt, liebt sehr ein wohltätiges Helldunkel und eine
gewisse Unbestimmteit der Begriffe; uns dagegen ist es zuträglicher sie an das
klare Licht hervorzuziehen, und uns mit der schneidendsten Bestimmteit von ihr
abzusondern. Jene möchten sich gern vertragen; wir wissen es wohl: sie möchten
den Geist nicht gern ganz wegwerfen, - wir sind nicht so ungerecht, sie dessen
zu beschuldigen; - nur wollen sie auch vom Fleische nichts aufgeben. Wir aber
wollen weder, noch können wir uns vertragen; denn diese beiden Dinge sind
schlechterdings unvereinbar, und wer das eine will muss das andere lassen.
    Die Ansicht seiner selbst, als einer für sich bestehenden umhin einer
Sinnenwelt lebenden Person, bleibt dem auf dem dritten Standpuncte befindlichen
freilich, weil dieser in der unveränderlichen Form liegt; nur fällt dahin nicht,
mehr seine Liebe und sein Affect. Was wird ihm nun diese Person und die ganze
sinnliche Selbsttätigkeit? Offenbar nur Mittel für den Zweck das zu tun, was
er selber will und über alles liebt, den in ihm sich offenbarenden Willen
Gottes. - Ebenso, wie dieselbe Persönlichkeit auch dem Stoiker nur das Mittel
ist, um dem Gesetze zu gehorchen, und beide hierin ganz gleich sind und uns für
Eins gelten. Dem sinnlichen Menschen dagegen ist seine persönliche sinnliche
Existenz letzter und eigentlicher Zweck und alles andere, was er noch ausserdem
tut oder glaubt, ist ihm das Mittel für diesen Zweck.
    Es ist schlechtin unmöglich und ein absoluter Widerspruch, dass jemand
zweierlei liebe, oder zwei Zwecke habe. Die beschriebene Liebe Gottes tilgt
schlechtin die persönliche Selbstliebe aus. Denn nur durch die Vernichtung der
letzteren kommt man zur ersteren. Wiederum, wo die persönliche Selbstliebe da
ist, da ist nicht die Liebe Gottes; denn die letztere duldet keine andere Liebe
neben sich.
    Dies ist, wie schon oben erinnert worden, der Grundcharakter der sinnlichen
Selbstliebe, dass sie ein auf eine bestimmte Weise gestaltetes Leben und ihre
Glückseligkeit von irgend einem Objecte begehrt; dagegen die Liebe Gottes alle
Gestalt des Lebens und alle Objecte nur als Mittel betrachtet, und weiss, dass
durchaus alles, was gegeben wird, das rechte und notwendige Mittel ist; darum
durchaus und schlechtin kein auf irgend eine Weise bestimmtes Object will,
sondern alle nur nimmt, wie sie kommen.
    Was würde nun der sinnliche, eines objectiven Genusses bedürftige Mensch
tun, wenn er auch nur ein Mann wäre, und consequent? Ich sollte glauben, er
würde, auf sich selbst gestützt, alle Kraft anstrengen, um sich die Gegenstände
seines Genusses zu verschaffen; geniessen, was er hätte, und entbehren, was er
müsste. Was aber begegnet ihm, wenn er noch überdies ein abergläubisches Kind
ist? Er lässt sich sagen, die Objecte seines Genusses seien in der Verwahrung
eines Gottes, der sie ihm freilich ausliefern werde, der aber für diesen Dienst
auch etwas begehre; er lässt sich aufbinden, es sei hierüber ein Contract mit
ihm abgeschlossen; er lässt sich eine Sammlung von Schriften als die Urkunde
dieses vorgeblichen Contracts aufweisen.
    Wenn er nun eingeht in diese Vorstellung, wie steht es denn nun mit ihm?
Immer bleibt der Genuss sein eigentlicher Zweck, und der Gehorsam gegen seinen
eingebildeten Gott nur das Mittel zum Zwecke. Dies muss zugestanden werden, und
es gibt da schlechtin keine Ausflucht. Es seht nicht, dass man sage, wie man
wohl zu sagen pflegt: ich will den Willen Gottes um sein selbst willen; ich will
die Glückseligkeit nur - nebenbei. Abgesehen einen Augenblick von deinem
Nebenbei, gestehst du doch immer, die Glückseligkeit zu wollen, weil sie
Glückseligkeit ist, weil du glaubst, dass du dich bei ihr wohlbefinden wirst,
und weil du gern dich wohlbefinden möchtest. Dann aber willst du ganz sicher den
Willen Gottes um sein selbst willen, denn sodann könntest du die Glückseligkeit
gar nicht wollen, indem der erste Wille den zweiten aufhebt und vernichtet, und
es schlechtin unmöglich ist, dass das Vernichtete neben seinem Vernichtenden
stehe. Willst du nun, wie du sagst, den Willen Gottes auch, so kannst du diesen
nur wollen, weil du ausserdem zu dem, was du eigentlich willst, zur
Glückseligkeit, nicht kommen zu können glaubst, und weil dieser Wille dir durch
den, den du eigentlich hast, aufgelegt wird; du willst daher - den Willen Gottes
nur nebenbei, weil du musst; aus eigenem Antriebe aber, und gutwillig, willst du
nur die Glückseligkeit. -
    Es hilft auch nichts, dass man diese Glückseligkeit recht weit aus den Augen
bringe und sie in eine andere Welt jenseits des Grabes verlege; wo man mit
leichterer Mühe die Begriffe verwirren zu können glaubt. Was ihr über diesen
euren Himmel auch - sagen, oder vielmehr verschweigen möget, damit eure wahre
Meinung nicht an den Tag komme: so beweiset doch schon der einzige Umstand, dass
ihr ihn von der Zeit abhängig macht und ihn in eine andere Welt verlegt,
unwidersprechlich, dass er ein Himmel des sinnlichen Genusses ist. Hier ist der
Himmel nicht, sagt ihr: jenseits aber wird er sein. Ich bitte euch: was ist denn
dasjenige, das jenseits anders sein kann, als es hier ist? Offenbar nur die
objective Beschaffenheit der Welt, als der Umgebung unseres Daseins Die
objective Beschaffenheit der gegenwärtigen Welt demnach müsste es eurer Meinung
zufolge sein, welche dieselbe untauglich machte zum Himmel, und die objective
Beschaffenheit der zukünftigen das, was sie dazu tauglich machte; und so könnt
ihr es denn gar nicht weiter verhohlen, dass eure Seligkeit von der Umgebung
abhängt, und also ein sinnlicher Genuss ist. Suchtet ihr die Seligkeit da, wo
sie allein zu finden ist, rein in Gott und darin, dass er heraustrete,
keinesweges aber in der zufälligen Gestalt, in der er heraustrete; so brauchtet
ihr euch nicht auf ein anderes Leben zu verweisen: denn Gott ist schon heute,
wie er sein wird, in alle Ewigkeit. Ich versichere euch, und gedenket dabei
einst meiner, wenn es geschieht, - so ihr im zweiten Leben, zu dem ihr
allerdings gelangen werdet, euer Glück wiederum von den Umgebungen abhängig
machen werdet, werdet ihr euch ebenso schlecht befinden, wie hier; und werdet
euch sodann eines dritten Lebens trösten, und im dritten eines vierten, und so
ins unendliche - denn Gott kann weder, noch will er durch die Umgebungen selig
machen, indem er vielmehr sich selbst, ohne alle Gestalt, uns geben will.
    In Summa: diese Denkart, auf die Form eines Gebets gebracht, würde sich also
aussprechen: Herr! es geschehe nur mein Wille, und dies zwar in der ganzen, eben
deswegen seligen Ewigkeit; und dafür sollst du auch den deinigen haben, in
dieser kurzen und mühseligen Zeitlichkeit; - - und dies ist offenbar
Unmoralität, törichter Aberglaube, Irreligiosität und wahrhafte Lästerung des
heiligen und beseligenden Willens Gottes.
    Dagegen ist der Ausdruck der steten Gesinnung des wahrhaft Moralischen und
Religiösen das Gebet: Herr! es geschehe nur, dein Wille, So geschieht eben
dadurch der meinige; denn ich habe gar keinen anderen Willen, als den, dass dein
Wille geschehe. Dieser göttliche Wille geschieht nun notwendig immerfort;
zunächst in dem inwendigen Leben dieses ihm ergebenen Menschen, wovon in der
nächsten Stunde; sodann, was hierher zunächst gehört, in allem, was ihm
äusserlich begegnet. Alle diese Begegnisse sind ja nichts anderes, als die
notwendige und unveränderliche äussere Erscheinung des in seinem Inneren sich
vollziehenden göttlichen Werks; und er kann nicht wollen, dass irgend etwas in
diesen Begegnissen anders sei, als es ist, ohne zu wollen, dass das Innere, was
nur also erscheinen kann, anders sei; und ohne dadurch seinen Willen von Gottes
Willen abzusondern und ihm entgegenzusetzen. Er kann in diesen Dingen gar nicht
weiter eine Auswahl sich vorbehalten, sondern er muss alles gerade so nehmen,
wie es kommt; denn alles, was da kommt, ist der Wille Gottes mit ihm, und darum
das allerbeste, was da kommen konnte. Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge
zum besten dienen; schlechtin und unmittelbar.
    Auch an denjenigen, in denen Gottes Wille innerlich nicht geschieht, weil
gar kein Innerliches da ist, sondern sie überhaupt nur Aussendinge sind,
geschiehet dennoch äusserlich, wohin allein er zu langen vermag, der zuvörderst
ungnädige und strafende, im Grunde aber dennoch höchst gnädige und liebevolle
Wille Gottes; indem es ihnen schlimm geht, und immer schlimmer, und sie in dem
vergeblichen Haschen nach einem Gute, das immer vor ihnen schwebt und immer vor
ihnen flieht, sich abmatten, und sich verächtlich und lächerrlich machen, bis sie
dadurch getrieben werden, das Glück da zu suchen, wo es allein zu finden ist.
Denen, die Gott nicht lieben, müssen alle Dinge unmittelbar zur Pein und zur
Qual dienen, so lange, bis sie mittelbar, durch diese Qual selbst, ihnen zum
Heile gereichen.
 
                                Neunte Vorlesung
    [Die neue Welt, welche die höhere Moralität innerhalb der Sinnenwelt
    erschaffe, sei das unmittelbare Leben Gottes selbst in der Zeit; - an sich
    nur unmittelbar zu erleben; im allgemeinen nur durch das Merkmal, dass jede
    Gestaltung desselben schlechtin um ihrer selbst willen, und nicht als
    Mittel zu irgend einem Zwecks gefalle, zu Charakterisiren. Erläutert an den
    Beispielen der Schönheit, der Wissenschaft u.s.w. und an den Erscheinungen
    des natürlichen Talents für diese Dieses Handeln strebe denn doch einen
    Erfolg ausser sich an; so lange nun das Begehren des Erfolges mit der Freude
    am blossen Tun noch vermischt sei, sei selbst die höhere Moralität noch
    ausgesetzt der Möglichkeit des Schmerzes. Ausscheidung dieser beiden durch
    den Standpunct der Religiosität - Grund der Individualität. Jeder hat seinen
    eigentümlichen Anteil am göttlichen Leben. Erstes Grundgesetz der
    Moralität und des seligen Lebens, dass jeder diesen seinen Anteil ergreife.
    - Allgemeine äussere Charakteristik des moralisch-religiösen Willens
    inwiefern derselbe aus seinem eigenen innern Leben herausgeht nach aussen.]
    Ehrwürdige Versammlung;
    
    Folgendes waren die Resultate unserer letzten Vorlesung, und der Punct, wo
wir stehen blieben: So lange der Mensch noch etwas für sich selbst sein will,
kann das wahre Sein und Leben in ihm sich nicht entwickeln, und er bleibt eben
darum auch der Seligkeit unzugänglich; denn alles eigene Sein ist nur Nichtsein
und Beschränkung des wahren Seins; und eben darum, entweder auf dem ersten
Standpuncte der Sinnlichkeit, die ihr Glück von den Objecten erwartet, lauter
Unseligkeit, da durchaus kein Object den Menschen befriedigen kann, oder auf dem
zweiten, der bloss formalen Gesetzmässigkeit, zwar keine Unseligkeit, aber auch
ebensowenig Seligkeit, sondern reine Apatie, uninteressirte Kälte und absolute
Unempfänglichkeit für allen Genuss des Lebens. Wie hingegen der Mensch durch die
höchste Freiheit seine eigene Freiheit und Selbstständigkeit aufgibt und
verliert, wird er des einigen wahren, des göttlichen Seins und aller Seligkeit,
die in demselben entalten ist, teilhaftig. Wir gaben zuerst an, um von der
entgegengesetzten sinnlichen Denkart uns rein auszuscheiden und diese von nun an
liegen zu lassen, wie ein solcher zum wahren Leben Gekommener das äussere und
sinnliche Leben betrachte; und fanden, dass er sein ganzes persönliches Dasein
und alle äussere Ereignisse mit demselben ansehe, lediglich als Mittel für das
in ihm sich erfüllende göttliche Werk; und zwar alle, so wie sie sind, als
notwendig die besten und zweckmässigsten Mittel; daher er denn auch über die
objective Beschaffenheit jener Ereignisse durchaus keine Stimme oder Auswahl
haben wolle, sondern alles nur nehme, so wie es sich vorfinde. Dagegen behielten
wir die Beschreibung des eigentlichen und inneren Lebens eines solchen Menschen
der heutigen Rede vor: welche Beschreibung wir jetzt beginnen.
    Schon früher habe ich geäussert, dass der dritte Standpunct des geistigen
Lebens, - welcher ohne Zweifel zunächst es ist, bei dem wir angekommen sind, der
der höheren und eigentlichen Moralität, von dem zweiten, dem der bloss formalen
Gesetzmässigkeit, dadurch sich unterscheide, dass die erstere eine völlig neue
und wahrhaft übersinnliche Welt er schaffe, und in der sinnlichen, als ihrer
Sphäre, herausarbeite; dagegen das Gesetz des Stoicismus lediglich Gesetz einer
Ordnung in der sinnlichen Welt sei. Diese Behauptung ist es, welche ich zunächst
tiefer zu begründen, und durch diese Begründung zu erklären und näher zu
bestimmen habe.
    Die ganze, lediglich durch unsere Liebe und unseren Affect für ein
bestimmtes Dasein innerhalb der Objecte gesetzte Sinnenwelt wird auf diesem
Standpuncte bloss und lediglich Mittel; aber doch ohne Zweifel nicht Mittel für
nichts, unter welcher Voraussetzung, da ausser ihr nichts da wäre, sie nicht
Mittel würde, sondern als das einzige und absolute Dasein ewig fort Zweck
bliebe, sondern sie wird ohne Zweifel Mittel für ein wirkliches, wahres und
reales Sein. Was ist das für ein Sein! Wir wissen es aus dem obigen. Es ist das
innere Sein Gottes selber, wie es durch sich selbst und in sich selbst
schlechtin ist, unmittelbar, rein und aus der ersten Hand, ohne durch irgend
eine in der Selbstständigkeit des Ich liegende, und eben darum beschränkende
Form bestimmt, und dadurch verhüllt und getrübt zu sein; nur noch in der
unzerstörbaren Form der Unendlichkeit gebrochen. Da, wie schon in der vorigen
Stunde sehr scharf ausgesprochen wurde, dieses Sein nur durch das absolut in
sich gegründete göttliche Wesen von der einen, und durch die im wirklichen
Dasein nie aufzulösende oder zu endende Form der Unendlichkeit von der anderen
Seite, bestimmt ist, so ist klar, dass durchaus nicht mittelbar und aus einem
anderen, und so a priori, eingesehen werden könne, wie dieses Sein ausfallen
werde; sondern dass es nur unmittelbar erfasst und erlebt, und nur auf der Tat
seines lebendigen Ausströmens aus dem Sein in das Dasein ergriffen werden könne:
dass somit die eigentliche Erkenntnis dieser neuen und übersinnlichen Welt
nicht durch eine Beschreibung und Charakteristik an diejenigen gebracht werden
könne, die nicht selber darin leben. Der von Gott Begeisterte wird uns
offenbaren, wie sie ist, und sie ist, wie er es offenbaret, deswegen, weil Er es
offenbaret; ohne innere Offenbarung aber kann niemand darüber sprechen.
    Im allgemeinen aber, und durch ein äusseres und nur negatives Kennzeichen
lässt diese göttliche Welt sich sehr wohl Charakterisiren; und dies zwar auf
folgende Weise. Alles Sein führt seinen Affect bei sich und seine Liebe; und so
auch das in der Form der Unendlichkeit heraustretende unmittelbare göttliche
Sein. Nun ist dies, so wie es ist, nicht durch irgend ein anderes, und um irgend
eines anderen willen, sondern durch sich selbst und um sein selbst willen: und
wenn es eintritt und geliebt wird, wird es notwendig rein und lediglich um sein
selbst willen geliebt, und gefällt durch sich selbst, keinesweges aber um eines
anderen willen, und so nur als Mittel für dieses andere, als seinen Zweck. Und
so hätten wir denn das gesuchte äussere Kriterium der göttlichen Welt, wodurch
sie von der sinnlichen Welt durchaus ausgeschieden wird, gefunden. Was
schlechtin durch sich selber, und zwar in dem höchsten, allen anderen Grad des
Gefallens unendlich überwiegenden Grade gefällt, ist Erscheinung des
unmittelbaren göttlichen Wesens in der Wirklichkeit. - Als das in jedem
bestimmten Momente und unter den gegebenen Zeitbedingungen allervollkommenste
kann man es auch beschreiben; - wenn nur dabei nicht an eine durch einen
logischen Begriff gesetzte Vollkommenheit, die nicht mehr entält, als die
Ordnung und die Vollständigkeit des Mannigfaltigen, sondern an eine durch einen
unmittelbaren, auf ein bestimmtes Sein gehenden Affect gesetzte Vollkommenheit
gedacht wird.
    So weit gebt die mögliche Charakteristik der neuen, durch höhere Moralität
innerhalb der Sinnenwelt zu erschaffenden Welt. Sollten Sie, E. V., über diesen
Punct noch eine grössere Deutlichkeit von mir fordern, so würden Sie damit
keinesweges eine deutlichere Charakteristik fordern, welcher, so wie sie eben
gegeben worden, nichts zugesetzt werden kann, sondern Sie würden nur Beispiele
fordern. Gern will ich, in diesen gewöhnlichen Augen verborgenen Regionen mich
befindend, auch dieses Begehren befriedigen; einschärfend jedoch, dass es nur
einzelne Beispiele sind, was ich anführe, welche das allein durch Charakteristik
zu erschöpfende, und von uns wirklich erschöpfte, keinesweges durch sich
erschöpfen können; und welche selber nur vermittelst der Charakteristik richtig
gefasst werden.
    Ich sage: Gottes inneres und absolutes Wesen tritt heraus als Schönheit; es
tritt heraus als vollendete Herrschaft des Menschen über die ganze Natur; es
tritt heraus als der vollkommene Staat und Staatenverhältniss; es tritt heraus
als Wissenschaft: kurz, es tritt heraus in demjenigen, was ich die Ideen im
strengen und eigentlichen Sinne nenne und worüber ich sowohl in den im vorigen
Winter allhier gehaltenen Vorlesungen, als in anderen, welche vor einiger Zeit
im Drucke erschienen sind, mannigfaltige Nachweisung gegeben habe. Um hier an
der niedrigsten Form der Idee, über welche man noch am allerersten deutlich zu
werden hoffen darf, an der Schönheit, meinen Grundgedanken zu erläutern. - Da
reden sie, wohl von Verschönerung der umgehenden Welt, oder von Naturschönheiten
u. dergl., als ob, - wenn es nämlich die Absicht gewesen wäre, dass man diese
Worte streng nähme, - als ob das Schöne jemals an dem Vergänglichen und
Irdischen sich vorfinden oder auf dasselbe übertragen werden könnte. Aber die
Urquelle der Schönheit ist allein in Gott, und sie tritt heraus in dem Gemüte
der von ihm Begeisterten. Denken Sie sich z.B. eine heilige Frau, welche,
emporgehoben in die Wolken, eingeholt von den himmlischen Heerschaaren, die
entzückt in ihr Anschauen versinken, umgeben von allem Glanze des Himmels dessen
höchste Zierde und Wonne sie selbst wird - welche - allein unter allen - nichts
zu bemerken vermag von dem, was um sie vorgeht, völlig aufgegangen und
verflossen in die Eine Empfindung: Ich bin des Herrn Magd, mir geschehe
immerfort, wie er will; und gestalten Sie diese Eine Empfindung in dieser
Umgebung zu einem menschlichen Leibe, so haben Sie ohne Zweifel die Schönheit in
einer bestimmten Gestalt. Was ist es nun, das diese Gestalt schön macht? Sind es
ihre Gliedmaassen und Teile? Ist es nicht vielmehr ganz allein die Eine
Empfindung, welche durch alle diese Gliedmaassen ausgegossen ist. Die Gestalt
ist hinzugekommen lediglich, weil nur an ihr, und durch ihn Medium, der Gedanke
sichtbar wird; und mit Strichen und Farben ist sie aufgetragen auf die Fläche,
weil er nur also mitteilbar wird für andere. Vielleicht hätte dieser Gedanke
auch im harten und gefühllosen Steine oder in jeder andern Materie ausgedrückt
werden können. Würde denn dadurch der Stein schön geworden sein? Der Stein
bleibt ewig Stein, und ist eines solchen Prädicats durchaus unempfänglich; aber
die Seele des Künstlers war schön, als er sein Werk empfing, und die Seele jedes
verständigen Beschauers wird schön werden, der es ihm nachempfängt; der Stein
aber bleibt immerfort nur das, das äussere Auge begrenzende während jener
inneren geistigen Entwickelung.
    Dieses ideale Sein nun überhaupt und der erschaffende Affect desselben
tritt, als blosse Naturerscheinung, heraus als Talent für Kunst, für Regierung,
für Wissenschaft u.s.w. Es versteht sich von selber, und ist auch jedem, der nur
einige Erfahrung in Dingen dieser Art hat, durch diese eigene Erfahrung sattsam
bekannt, dass - da der natürliche Affect für solche Schöpfungen des Talents der
Grundaffect von dem Leben des Talents ist, in welchem sein ganzes übriges Leben
aufgeht; dass, sage ich, das wirkliche Talent sich gar nicht zu reizen und zu
treiben braucht, durch irgend einen kategorischen Imperativ, zum Fleisse in
seiner Kunst oder in seiner Wissenschaft, sondern dass ganz von selber alle
seine Kräfte sich auf diesen seinen Gegenstand richten: ferner, dass ihm, so
gewiss er Talent hat, sein Geschäft auch immer gut von statten geht, und die
Producte seiner Arbeit ihm wohl gefallen; und so er immer, innerlich und
äusserlich, vom Lieblichen und Wohlgefälligen umfangen wird: dass er endlich mit
dieser seiner Tätigkeit nichts ausser derselben sucht, noch dafür haben will:
indem ganz im Gegenteil er um keinen Preis in der Welt unterlassen würde, was
er allein tun mag, oder es anders machen würde, denn also, wie es ihm als recht
erscheint und ihm wohl gefallen kann; und dass er demnach seinen wahren und ihn
ausfüllenden Lebensgenuss nur in solchem Tun, rein und lediglich als Tun, und
um des Tuns willen, findet; und was er von der Welt etwa noch ausserdem
mitnimmt, ihn nicht ausfülle, sondern er es nur deswegen mitnehme, um, von
demselben erneuert und gestärkt, wieder in sein wahres Element zurückzukehren.
Und so erhebt schon das blosse natürliche Talent, sowie über die schimpfliche
Bedürftigkeit des Sinnlichen, ebenso über die genusslose Apatie des Stoikers
weit hinweg, und versetzt seinen Besitzer in eine ununterbrochene Reihe
höchstseliger Momente, für die er nur seiner selbst bedarf, und welche, ohne
alle lästige Anstrengung oder Mühe, ganz von selber aus seinem Leben
hervorblühen. Der Genuss einer einzigen, mit Glück in der Kunst oder in der
Wissenschaft verlebten Stunde überwiegt bei weitem ein ganzes Leben voll
sinnlicher Genüsse; und schon vor dieser Seligkeit Bilde würde der sinnliche
Mensch, falls es an ihn sich bringen liesse, in Neid und in Sehnsucht vergehen.
    Immer wird in der soeben vollendeten Betrachtung ein natürliches Talent, als
die eigentliche Quelle und Wurzel des geistigen Lebensgenusses, sowie der
Verschmähung des sinnlichen, vorausgesetzt: und an diesem einzelnen Beispiele
höherer Moralität und der Seligkeit aus ihr habe ich Sie nur erst heraufführen
wollen zum Allgemeinen. Dieses Talent, ohnerachtet sein Object an sich wahrhaft
übersinnlich und der reine Ausdruck der Gotteit ist, wie wir besonders am
Beispiele des Schönen gezeigt, will dennoch und muss wollen, dass dieses
geistige Object eine gewisse Hülle und tragende Gestalt in der Sinnenwelt
erhalte; das Talent will also in gewissem Sinne allerdings auch eine bestimmte
Gestalt seiner Welt und seiner Umgebung, - was wir in der vorigen Rede au der
Sinnlichkeit unbedingt verurteilt und verdammt haben; und würde nun der
Selbstgenuss des Talents von der zufälligen Realisation oder Nichtrealisation
jenes angestrebten äusseren Objects abhängig, so wäre es um die Ruhe und den
Frieden, selbst des Talentes, geschehen; und die höhere Moralität wäre allem
Elende der niedern Sinnlichkeit preisgegeben. Was nun insbesondere das Talent
betrifft, so gelingt ihm, so gewiss es Talent ist, der Ausdruck und die
Darstellung seiner Idee in dem angemessenen Medium allemal sicher; die begehrte
Gestalt und Umgebung kann darum nie aussen bleiben: sodann aber ist der
eigentliche Sitz seines Genusses unmittelbar nur die Tätigkeit, mit der es jene
Gestalt hervorbringt, und die Gestalt macht ihm nur mittelbar Freude, weil nur
in ihr die Tätigkeit erscheint: welches man besonders daraus abnehmen kann,
dass das wahre Talent nie lange verweilt bei dem, was ihm gelungen ist, noch im
wollüstigen Genusse desselben und seiner selbst in ihm beruhet, sondern
unaufhaltsam forteilt zu neuen Entwickelungen. Im allgemeinen aber, abgesehen
vom besonderen Talente, und gesehen auf alles mögliche Leben, in dem das
göttliche Sein rein heraustritt, stelle ich folgendes als Grundsatz auf: So
lange die Freude an dem Tun sich noch mit dem Begehren des äussern Products
dieses Tuns vermischt, ist selbst der höher moralische Mensch in sich selber
noch nicht vollkommen im Reinen und Klaren; und sodann ist in der göttlichen
Oekonomie das äussere Mislingen seines Tuns das Mittel, um ihn in sich selbst
hineinzutreiben, und ihn auf den noch höhern Standpunct der eigentlichen
Religiosität, d. i. des Verständnisses, was das eigentlich sei, das er liebe und
anstrebe, heraufzuerheben. Verstehen Sie dieses im Ganzen und nach seinem
Zusammenhange also:
    1) Das in der vorigen Rede deutlich genug abgeleitete und beschriebene Eine
freie Ich, welches als Reflexion auch ewig Eins bleibt, wird als Object, d. i.
als die lediglich in der Erscheinung vorkommende reflectirende Substanz,
gespalten; nach dem ersten Anblicke in eine Unendlichkeit; aus einem für diese
Vorlesungen zu tief liegenden Grunde aber in ein zu vollendendes System - von
Ichen oder Individuen. (Diese Spaltung ist ein Teil aus der zu mehrern Malen
sattsam beschriebenen Spaltung der objectiven Welt in der Form der
Unendlichkeit; gehört somit zur absoluten, durch die Gotteit selbst nicht
aufzuhebenden Grundform des Daseins: wie in ihr ursprünglich das Sein sich
brach, so bleibt es gebrochen in alle Ewigkeit; es kann daher kein durch diese
Spaltung gesetztes, d.h. kein wirklich gewordenes Individuum jemals untergehen;
welches nur im Vorbeigehen erinnert wird gegen diejenigen unter unsern
Zeitgenossen, welche, bei halber Philosophie und ganzer Verworrenheit, sich für
aufgeklärt hallen, wenn sie die Fortdauer der hier wirklichen Individuen in
höhern Sphären läugnen) In sie, diese in der Grundform begründete Individuen,
ist das ganze göttliche Sein, zu unendlicher Fortentwickelung aus ihnen selber
in der Zeit, gespalten, und an sie, nach der absoluten und im göttlichen Wesen
selbst gegründeten Regel einer solchen Verteilung, gleichsam ausgeteilt;
indes nun ferner jedes einzelne dieser Individuen, als eine Spaltung des Einen,
durch seine eigene Form bestimmten Ich, notwendig diese letztere Form ganz
trägt, d.h. laut unserer vorigen Rede frei und selbstständig ist in Beziehung
auf die fünf Standpuncte. Jedes Individuum hat daher in seiner freien, durch die
Gotteit selbst nicht aufzuhebenden Gewalt die Möglichkeit der Ansicht und des
Genusses aus jenen fünf Standpuncten seines, dasselbe als reales Individuum
charakterisirenden Anteils an dem absoluten Sein. So hat jedes Individuum
zuvörderst seinen bestimmten Anteil an dem sinnlichen Leben und seiner Liebe;
welches Leben ihm als das absolute und als letzter Zweck erscheinen wird, so
lange die im wirklichen Gebrauche befindliche Freiheit darin aufgeht. Wird es
sich aber, vielleicht durch die Sphäre der Gesetzmässigkeit hindurch, zur höhern
Moralität erheben, so wird ihm jenes sinnliche Leben zum blossen Mittel werden,
und es wird seiner Liebe sein Anteil an dem höhern, übersinnlichen und
unmittelbar göttlichen Leben aufgehen. Jeder ohne Ausnahme erhält notwendig
durch seiner, blossen Eintritt in die Wirklichkeit seinen Anteil an diesem
übersinnlichen Sein; denn ausserdem wäre er gar kein Resultat der gesetzmässigen
Spaltung des absoluten Seins, ohne welches gar keine Wirklichkeit ist, und er
wäre gar nicht wirklich geworden; nur kann, gleichfalls jedem ohne Ausnahme,
dieses sein übersinnliches Sein verdeckt bleiben, weil er sein sinnliches Sein
und seine objective Selbstständigkeit nicht aufgeben mag. Jeder ohne Ausnahme,
sage ich, erhält seinen ihm ausschliessend eigenen, und schlechtin keinem
andern Individuum ausser ihm also zukommenden Anteil am übersinnlichen Sein,
welcher Anteil nun in ihm in alle Ewigkeit fort sich also entwickelt, -
erscheinend als ein fortgesetztes Handeln, - wie er schlechtin in keinem andern
sich entwickeln kann; - was man kurz den individuellen Charakter seiner höhern
Bestimmung nennen könnte. Nicht etwa, dass das göttliche Wesen an sich selbst
sich zerteilte; in allen ohne Ausnahme ist gesetzt und kann auch, wenn sie sich
nur frei machen, wirklich erscheinen das Eine und unveränderliche göttliche
Wesen, wie es in sich selber ist; nur erscheint dieses Wesen in jedem in einer
andern, und ihm allein eigentümlichen Gestalt. (Das Sein, wie oben, gesetzt =
A, und die Form = B; so scheidet das in B absolut eingetretene A, absolut in
seinem Eintreten, nicht nach seinem Wesen, sondern nach seiner absoluten
Reflexionsgestalt sich in [b + b + b + ] ein System von Individuen: und jedes nb
hat in sich 1) das ganze und unteilbare A, 2) das ganze und unteilbare B, 3)
sein b, das da gleich in dem Reste aller übrigen Gestaltungen des A durch [b + b
+ b + ]).
    2) Diesen seinen eigentümlichen Anteil am übersinnlichen Sein kann nun
keiner sich erdenken oder aus einer andern Wahrheit durch Schlüsse ableiten,
oder von einem andern Individuum sich bekannt machen lassen, indem dieser
Anteil durchaus keinem andern Individuum bekannt zu sein vermag, sondern er
muss ihn unmittelbar in sich selber finden; auch wird er dies notwendig ganz
von selbst, sobald er nur allen eignen Willen und alle eignen Zwecke aufgegeben
und rein sich vernichtet hat. Es ist darum zuvörderst klar, dass über dies, nur
jedem in sich selbst aufgehen könnende nicht im allgemeinen gesprochen werden
kann, und ich hierüber notwendig abbrechen muss. Wozu könnte auch hier das
Sprechen dienen, selbst wenn es möglich wäre? Wem wirklich also seine
eigentümliche höhere Bestimmung aufgegangen ist, der weiss es, wie sie ihm
erscheint; und er kann nach der Analogie schliessen, wie es im allgemeinen mit
andern sich verhält, falls auch ihnen ihre höhere Bestimmung klar werde. Wem sie
nicht aufgegangen ist, dem ist hierüber keine Kunde beizubringen; und es dient
zu nichts, mit dem Blinden von Farben zu reden.
    Geht sie ihm auf, so ergreift sie ihn mit unaussprechlicher Liebe und mit
dem reinsten Wohlgefallen; sie, diese seine ihm eigentümliche Bestimmung,
ergreift ihn ganz und eignet sich an alles sein Leben. Und so ist es denn der
allererste Act der höhern Moralität, welcher auch unausbleiblich, wenn nur der
eigne Wille aufgegeben ist, sich findet, dass der Mensch seine ihm
eigentümliche Bestimmung ergreife, und durchaus nichts anderes sein wolle, als
dasjenige, was er, und nur Er, sein kann, was er, und nur Er, zufolge seiner
höhern Natur, d. i. des Göttlichen in ihm, sein soll: kurz, dass er eben gar
nichts wolle als das, was er recht im Grunde wirklich will. Wie könnte denn ein
solcher jemals mit Unlust etwas tun, da er nimmermehr etwas anderes tut, als
dasjenige, woran er die höchste Lust hat? Was ich oben von dem natürlichen
Talente sagte, gilt noch weit mehr von der durch vollendete Freiheit erzeugten
Tugend; denn diese Tugend ist die höchste Genialität; sie ist unmittelbar das
Wallen des Genius, d.h. derjenigen Gestalt, welche das göttliche Wesen in
unserer Individualität angenommen. Dagegen ist das Streben, etwas anderes sein
zu wollen, als das, wozu man bestimmt ist, so erhaben und gross auch dieses
andere erscheinen möge, die höchste Unmoralität, und aller der Zwang, den man
sich dabei antut, und alle die Unlust, die man darüber erduldet, sind selbst
Empörungen gegen die uns warnende göttliche Ordnung, und Auflehnungen unseres
Willens gegen den seinigen. Was ist es denn, das diesen, durch unsere Natur uns
nicht aufgegebenen Zweck gesetzt hat, ausser der eigne Wille, die eigne Wahl,
die eigne, sich selbst die Ehre gebende Weisheit? Wir sind also weit davon
entfernt, den eignen Willen aufgegeben zu haben. Auch ist dieses Bestreben
notwendig die Quelle des höchsten Unglücks. Wir müssen in dieser Lage uns
immerfort zwingen, nötigen, treiben, uns selbst verläugnen; denn wir werden nie
gern tun, was wir im Grunde nicht wollen können; auch wird uns die Ausführung
nie gelingen, denn wir können gar nicht tun dasjenige, dem unsere Natur sich
versagt. Dies ist die Werkheiligkeit aus eigner Wahl, vor der z.B. das
Christentum warnt. Es könnte einer Berge versetzen und seinen Leib brennen
lassen, ohne dass es ihm das Mindeste hülfe, wenn dies nicht seine Liebe wäre,
d.h. wenn es nicht sein eigentümliches geistiges Sein wäre, das notwendig
seinen Affect bei sich führt. - Wolle sein, - es versteht sich im
Uebersinnlichen, denn im Sinnlichen gibt es überhaupt kein Glück - wolle sein,
was du sein sollst, was du sein kannst, und was du eben darum sein willst, - ist
das Grundgesetz der höhern Moralität sowohl, als des seligen Lebens.
    3) Diese höhere Bestimmung des Menschen nun, welche derselbe, wie gesagt,
mit ganzer und ungeteilter Liebe umfasst, geht zunächst freilich auf sein
eigenes Handeln, vermittelst dessen aber zweitens auch auf einen gewissen Erfolg
in der Sinnenwelt. So lange der Mensch die eigentliche Wurzel und den einigen
Grundpunct seines Daseins noch nicht kennt, werden die genannten zwei Stücke,
sein eigentliches inneres Sein und der äussere Erfolg desselben, sich ihm
vermischen. Es gelinge ihm etwas nicht, und der angestrebte äussere Erfolg
bleibe aussen, welches zwar niemals an ihm selber liegen wird, denn er will nur,
was er kann, sondern an der äussern Umgebung, die seiner Einwirkung nicht
empfänglich ist: so wird durch dieses Mislingen seine Liebe, die noch einen
gemischten Gegenstand hat, nicht befriedigt, und eben dadurch seine Seligkeit
getrübt und gestört werden. Dies treibt ihn tiefer in sich selber hinein, sich
vollkommen klar zu machen, was es eigentlich sei, das er anstrebe, was dagegen
er in der Tat und Wahrheit nicht anstrebe, sondern ihm gleichgültig sei. Er
wird in dieser Selbstprüfung finden dasselbe, was wir oben deutlich
ausgesprochen haben, gesetzt auch, er spräche es nicht mit denselben Worten aus:
es sei die Entwickelung des göttlichen Seins und Lebens in ihm, diesem
bestimmten Individuum, die er zunächst und eigentlich anstrebe; und hierdurch
wird denn sein ganzes Sein und seine eigentliche Liebe ihm vollkommen klar
werden, und er von dem dritten Standpuncte der höhern Moralität, in welchem wir
ihn bisher festgehalten haben, sich erheben in den vierten der Religiosität.
Dieses göttliche Leben, wie es lediglich in ihm und seiner Individualität sich
entwickeln kann und soll, entwickelt sich immerfort ohne Hindernis und Anstoss;
dies allein ist es, was er eigentlich will; sein Wille geschieht daher
immerfort, und es ist schlechtin unmöglich, dass etwas gegen denselben erfolge.
Nun begehrt freilich dieses sein eigenes inwendiges Leben immerfort auch
auszuströmen in die Umgebungen, und diese nach sich zu gestalten; und nur in
diesem Streben nach aussen zeigt es sich als wahrhaftiges inneres Leben,
keinesweges als bloss todte Andacht; aber der Erfolg dieses Strebens nach aussen
hängt nicht von seinem isolirten individuellen Leben allein ab, sondern von der
allgemeinen Freiheit der übrigen Individuen ausser ihm: diese Freiheit kann Gott
selbst nicht vernichten wollen; darum kann auch der ihm ergebene und über ihn
ins Klare gekommene Mensch nicht wollen, dass sie vernichtet werde. Er wünscht
daher allerdings den äussern Erfolg, und arbeitet unablässig und mit aller
Kraft, weil er das gar nicht lassen kann und weil dieses sein eigenstes inneres
Leben ist, an der Beförderung desselben; aber er will ihn nicht unbedingt und
schlechtin, und es stört darum auch seinen Frieden und seine Seligkeit keinen
Augenblick, wenn derselbe dennoch aussen bleibt; seine Liebe und seine Seligkeit
kehrt zurück in sein eigenes Leben, wo sie immer und ohne Ausnahme sich
befriedigt findet. - So viel im allgemeinen. Uebrigens bedarf die soeben
berührte Materie einer weitern Auseinandersetzung, die wir der künftigen Rede
vorbehalten, um in der heutigen noch zu der allgemeine Klarheit über das Ganze
verbreitenden Schlussfolge zu kommen. - Nemlich:
    4) Alles, was dieser moralisch-religiöse Mensch will und unablässig treibt,
hat ihm nun keinesweges an und für sich Wert, - wie es denn auch an sich keinen
hat, und nicht an sich das Vollkommenste, sondern nur das in diesem Zeitmomente
Vollkommenste ist, das in der künftigen Zeit durch ein noch Vollkommeneres
verdrängt wird, - sondern es hat für ihn darum Wert, weil es die unmittelbare
Erscheinung Gottes ist, die er in ihm, diesem bestimmten Individuum, annimmt.
Nun ist ursprünglich Gott auch in jedem andern Individuum ausser ihm gleichfalls
in einer eigentümlichen Gestalt; ohnerachtet er in den mehreren, durch ihren
eigenen Willen und aus Mangel an höchster Freiheit, verdeckt bleibt, und so
weder ihnen selbst, noch in ihrem Handeln, anderen wirklich erscheint. In dieser
Lage ist nun der moralisch Religiöse, - von seiner Seite freilich eingekehrt in
seinen Anteil am wahren Sein, - von den Seiten anderer Individuen, von den zu
ihm gehörigen Bestandteilen des Seins abgeschnitten und getrennt, und es bleibt
in ihm ein wehmütiges Streben und Sehnen, sich zu vereinigen und
zusammenzuströmen mit den zu ihm gehörenden Hälften: nicht zwar, dass dieses
Sehnen seine Seligkeit störe, denn dies ist das fortdauernde Loos seiner
Endlichkeit und seiner Unterwürfigkeit unter Gott, welche letztere selbst mit
Liebe zu umfassen ein Teil seiner Seligkeit ist.
    Wodurch nun würde jenes verborgene innere Sein, wenn es in dem Handeln der
andern Individuen herausträte, Wert erhalten für den vorausgesetzten religiösen
Menschen? Offenbar nicht durch sich selbst, wie auch sein eigenes Wesen ihm
dadurch nicht Wert hat, sondern weil es ist die Erscheinung Gottes in diesen
Individuen. Ferner, wodurch wird er wollen, dass diese Erscheinung für diese
Individuen selbst Wert erhalte? Offenbar nur dadurch, dass es von ihnen als die
Erscheinung Gottes in ihnen anerkannt werde. Endlich, wodurch wird er wollen,
dass sein eigenes Tun und Treiben für jene Individuen Wert erhalte? Offenbar
nur dadurch, dass sie es für die Erscheinung Gottes in ihm erkennen.
    Und so haben wir denn nunmehr einen allgemeinen äusseren Charakter des
moralisch-religiösen Willens, inwiefern derselbe aus seinem innern, ewig in sich
verborgenen Leben herausgeht nach aussen Zuvörderst ist der Gegenstand dieses
Willens ewig nur die Geisterwelt der vernünftigen Individuen; denn die sinnliche
Welt der Objecte ist ihm hingst zur blossen Sphäre herabgesunken. Sein positiver
Wille aber an diese Geisterwelt ist der, dass in jedes Individuums Handeln rein
diejenige Gestalt erscheine, welche das göttliche Wesen in ihm angenommen, und
dass jeder Einzelne in aller übrigen Handeln Gott erkenne, wie er ausser ihm
erscheint, und alle übrigen in dieses Einzelnen Handeln gleichfalls Gott, wie er
ausser ihnen erscheint; dass daher immer und ewig fort, in aller Erscheinung,
Gott ganz heraustrete, und dass er allein lebe und walte, und nichts ausser ihm;
und allgegenwärtig, und nach allen Richtungen hin ewig nur Er erscheine dem Auge
des Endlichen.
    Also, wie das Christentum es als Gebet ausspricht: Es komme dein Reich;
eben der Weltzustand, da du allein noch bist und lebest und regierest dadurch,
dass dein Wille geschehe auf Erden, in der Wirklichkeit, vermittelst der von dir
selbst nicht aufzuhebenden Freiheit, so wie er ewig fort geschieht, und gar
nichts anderes geschehen kann im Himmel, in der Idee, in der Welt, wie sie an
sich und ohne Beziehung auf die Freiheit ist. -
    Z.B. Da bejammern sie nun, dass des Elendes in der Welt so viel ist, und
gehen mit an sich lobenswertem Eifer daran, desselben etwas weniger zu machen!
Ach! das dem Blicke zunächst sich entdeckende Elend ist leider nicht das wahre
Elend; da die Sachen einmal stehen, wie sie stehen, ist das Elend noch das
allerbeste von allem, das in der Welt ist, und da es trotz allem Elende doch
nicht besser wird in der Welt, möchte man fast glauben, dass des Elendes noch
nicht genug in ihr sei: dass das Bild Gottes, die Menschheit, besudelt ist und
erniedriget, und in den Staub getreten, das ist das wahre Elend in der Welt,
welches den Religiösen mit heiliger Indignation erfüllt. - Du linderst
vielleicht, soweit deine Hand reicht, Menschenleiden mit Aufopferung deiner
eigenen, liebsten Genüsse. Aber begegnet dir dies etwa nur darum, weil dir die
Natur ein so zartes und mit der übrigen Menschheit so harmonisch gestimmtes
Nervensystem gab, dass jeder erblickte Schmerz schmerzlicher in diesen Nerven
wiedertönt, so mag man dieser deiner zarten Organisation Dank bringen; in der
Geisterwelt geschieht deiner Tat keine Erwähnung. Hättest du die gleiche Tat
getan, - mit heiligem Unwillen, dass der Sohn der Ewigkeit, in welchem sicher
auch ein Göttliches wohnt, durch solche Nichtigkeiten geplagt werden, und von
der Gesellschaft so verlassen da liegen solle - mit dem Wunsche, dass ihm einmal
eine frohe Stunde zu Teil werde, in der er fröhlich und dankbar aufblicke zum
Himmel, - mit dem Zwecke, dass in deiner Hand ihm die rettende Hand der Gotteit
erscheine, und dass er inne werde, der Arm Gottes sei noch nicht verkürzt, und
er habe noch allentalben Werkzeuge und Diener genug, und dass ihm Glaube, Liebe
und Hoffnung aufgehen möchten; wäre daher der eigentliche Gegenstand, dem du
aufhelfen wolltest, nicht sein Äußeres, das immer ohne Wert bleibt, sondern
sein Inneres: so wäre die gleiche Tat mit moralisch-religiösem Sinne getan.
 
                                Zehnte Vorlesung
    [Erfassung des ganzen abgehandelten Gegenstandes aus seinem tiefsten
    Standpuncte. - Das in der Form der Selbstständigkeit des Ich, als der
    Reflexionsform, schlechtin sich selbst von sich selbst ausstossende Sein
    hänge, jenseits aller Reflexion, allein durch die Liebe mit der Form
    zusammen. Diese Liebe sei die Schöpferin des leeren Begriffs von Gott; die
    Quelle aller Gewissheit, das das Absolute unmittelbar und ohne alle
    Modification durch den Begriff im Leben erfassende; das die Reflexion, in
    deren Form nur die Möglichkeit der Unendlichkeit liege, wirklich zur
    Unendlichkeit ausdehnende; endlich die Quelle der Wissenschaft. In der
    lebendigen und realen Reflexion tritt diese Liebe unmittelbar heraus in der
    Erscheinung des moralischen Handelns Charakteristik der Menschenliebe des
    moralisch Religiösen. Bild seiner Seligkeit.]
    Ehrwürdige Versammlung,
    
    Fassen Sie heute nochmals die ganze hier vor Ihren Augen erzeugte
Abhandlung, jetzt, da wir sie zu beschliessen gedenken, in Einem Blicke
zusammen.
    Das Leben an sich ist Eines, bleibt ohne alle Wandelbarkeit sich selbst
gleich, und ist, da es die vollendete Ausfüllung der in ihm ruhenden Liebe des
Lebens ist, vollendete Seligkeit. Dieses wahre Leben ist im Grunde allentalben,
wo irgend eine Gestalt und ein Grad des Lebens angetroffen wird; nur kann es
durch Beimischung von Elementen des Todes und des Nichtseins verdeckt werden,
und sodann drängt es durch Qual und Schmerz und durch Abtödtung dieses
unvollkommenen Lebens seiner Entwickelung sich entgegen. Wir haben diese
Entwickelung des wahren Lebens aus dem unvollkommenen und Scheinleben, womit es
anfangs verdeckt sein kann, mit unsern Augen begleitet, und gedenken heute
dieses Leben einzuführen in seinen Mittelpunct, und es Besitz nehmen zu lassen
von aller seiner Glorie. Wir Charakterisirten in der letzten Rede das höchste
wirkliche Leben - d.h. - da die Wirklichkeit durchaus in einer Reflexionsform
stehen bleibt, die absolut unaustilgbare Form aber der Reflexion die
Unendlichkeit ist, - dasjenige Leben, das in der unendlichen Zeit abfliesset und
das persönliche Dasein des Menschen zu seinem Werkzeuge gebraucht, und darum als
ein Handeln erscheinet - unter der Benennung der höheren Moralität. Wir mussten
freilich gestehen, dass, wegen der durch das Reflexionsgesetz unabänderlich
gesetzten Trennung des Einen göttlichen Wesens in mehrere Individuen, jedes
besondern Individuums Handeln nicht umhin könne, einen von ihm allein nicht
abhängenden Erfolg ausser sich in der übrigen Welt der Freiheit anzustreben;
dass jedoch auch durch das Aussenbleiben dieses Erfolges die Seligkeit dieses
Individuums nicht gestört werde, falls es nur zum wahren Verständnisse dessen,
was es eigentlich unbedingt und zur Unterscheidung dieses ersten von dem, was es
nur unter Bedingung anstrebe, als zu der eigentlichen Religiosität, sich erhebe.
Besonders der letzte Punct war es, über welchen ich auf unsere heutige Rede
verwies, und in dieser eine tiefere Erörterung desselben versprach.
    Ich vorbereite diese Erörterung durch Erfassung unseres ganzen Gegenstandes
aus seinem tiefsten Standpuncte.
    Das Sein - ist da; und das Dasein des Seins ist notwendig Bewusstsein oder
Reflexion, nach bestimmten, in der Reflexion selber liegenden und aus ihr zu
entwickelnden Gesetzen: dieses ist der von allen Seiten nunmehr sattsam
auseinandergesetzte Grund unserer ganzen Lehre. Das Sein allein ist es, das da
ist in dem Dasein, und durch dessen Seien in ihm allein das Dasein ist, und das
da ewig bleibet in ihm, wie es in sich selber ist, und ohne dessen Sein in ihm
das Dasein in nichts schwände; niemand zweifelt daran, und niemand, der es nur
versteht, kann daran zweifeln. In dem Dasein aber als Dasein, oder in der
Reflexion, wandelt schlechtin unmittelbar das Sein seine durchaus unerfassbare,
höchstens als reines Leben und Tat zu beschreibende Form in ein Wesen in eine
stehende Bestimmteit; wie wir uns denn auch über das Sein nie anders
ausgesprochen haben, und nie jemand sich anders darüber aussprechen wird, als
so, dass wir von seinem inneren Wesen redeten. Ob nun gleich an sich unser Sein
ewigfort das Sein des Seins ist und bleibt, und nie etwas anderes werden kann,
so ist doch das, was wir selbst und für uns selbst sind, haben und besitzen, -
in der Form unserer selbst, des Ich, der Reflexion im Bewusstsein, - niemals das
Sein an sich, sondern das Sein in unserer Form als Wesen. Wie hängt denn nun
das, in die Form schlechtin nicht rein eintretende Sein dennoch mit der Form
zusammen? stösst dieselbe nicht unwiederbringlich aus von sich, und stellt nicht
hin ein zweites, durchaus neues Sein, welches neue und zweite Sein eben durchaus
unmöglich ist? Antwort: Setze nur statt alles Wie ein blosses Dass. Sie hängt
schlechtin zusammen: es gibt schlechtin ein solches Band, welches, höher denn
alle Reflexion, aus keiner Reflexion quellend und keiner Reflexion Richterstuhl
anerkennend - mit und neben der Reflexion ausbricht. In dieser Begleitung der
Reflexion ist dieses Band - Empfindung; und, da es ein Band ist, Liebe, und, da
es das Band des reinen Seins ist und der Reflexion, die Liebe Gottes. In dieser
Liebe ist das Sein und das Dasein, ist Gott und der Mensch Eins, völlig
verschmolzen und verflossen (sie ist der Durchkreuzungspunct des obengenannten A
und B); des Seins Tragen und Halten seiner selbst in dem Dasein, ist seine Liebe
zu sich; die wir nur nicht als Empfindung zu denken haben, da wir sie überhaupt
nicht zu denken haben. Das Eintreten dieses seines sich selbst Haltens neben der
Reflexion, d.h. die Empfindung dieses seines sich selbst Haltens, ist unsere
Liebe zu Ihm; oder, nach der Wahrheit, seine eigne Liebe zu sich selber in der
Form der Empfindung; indem wir ihn nicht zu lieben vermögen, sondern nur er
selbst es vermag, sich zu lieben in uns.
    Diese, nicht die seinige, noch die unsrige, sondern diese erst uns beide zu
zweien scheidende, so wie zu Einem bindende Wechselliebe, ist nun zuvörderst die
Schöpferin unseres oft erwähnten leeren Begriffs eines reinen Seins oder eines
Gottes. Was ist es denn, das uns hinausführt über alles erkennbare und bestimmte
Dasein, und über die ganze Welt der absoluten Reflexion? Unsere durch kein
Dasein auszufüllende Liebe ist es. Der Begriff tut dabei nur dasjenige, was er
eben allein kann, er deutet und gestaltet diese Liebe, rein ausleerend ihren
Gegenstand, der nur durch ihn zu einem Gegenstande wird, von allem, was diese
Liebe nicht befriedigt, nichts ihm lassend, als die reine Negation aller
Begreiflichkeit, nebst der ewigen Geliebteit. Was ist es denn, das uns Gottes
gewiss macht, ausser die schlechtin auf sich selbst ruhende und über allen nur
in der Reflexion möglichen Zweifel erhabene Liebe? Und was macht diese Liebe auf
sich selber ruhen, ausser das, dass sie unmittelbar das Sichtragen und
Sichzusammenhalten des Absoluten selber ist? - Nicht die Reflexion, E. V.,
welche vermöge ihres Wesens sich in sich selber spaltet, und so mit sich selbst
sich entzweit; nein, die Liebe ist die Quelle aller Gewissheit, und aller
Wahrheit und aller Realität.
    Der eben dadurch zu einem inhaltleeren Begriffe ausfallende Begriff von Gott
deutet die Liebe überhaupt, sagte ich. Im lebendigen Leben hingegen, - ich bitte
dieses zu bemerken, - ist diese Liebe nicht gedeutet, sondern sie ist, und sie
hat und hält das Geliebte keinesweges etwa im Begriffe, der ihr nie nachkommt,
sondern oben unmittelbar in der Liebe, und zwar also, wie es in sich selber ist,
weil sie ja nichts anderes ist, als das Sichselbstalten des absoluten Seins.
Dieser Gehalt und Stoff der Liebe nun ist es, welchen die Reflexion des Lebens
zuvörderst zu einem stehenden und objectiven Wesen macht, sodann, dieses also
entstandene Wesen in die Unendlichkeit fort wiederum spaltet und anders
gestaltet, und so ihre Welt erschafft. Ich frage: was gibt denn für diese Welt,
an der die Form des Wesens und die Gestalt offenbar das Product der Reflexion
sind, den eigentlichen Grundstoff her? Offenbar die absolute Liebe; die
absolute: - wie Sie nun sagen wollen - Gottes zu seinem Dasein, oder - des
Daseins zum reinen Gotte. Und was bleibt der Reflexion? - ihn objectiv
hinzustellen und ins unendliche fortzugestalten. Aber selbst in Absicht des
letzteren, was ist es, das die Reflexion nirgends stillstehen lässt, sondern sie
unaufhaltsam forttreibt von jedem Reflectirten, bei dem sie angekommen ist, zu
einem folgenden, und von diesem zu seinem folgenden? Die unaustilgbare Liebe ist
es zu dem, der Reflexion notwendig entfliehenden, hinter aller Reflexion sich
verbergenden, und darum notwendig in alle Unendlichkeit hinter aller Reflexion
aufzusuchenden, reinen und realen Absoluten; diese ist es, welche sie forttreibt
durch die Ewigkeit, und sie ausdehnt zu einer lebenden Ewigkeit. Die Liebe daher
ist höher, denn alle Vernunft, und sie ist selbst die Quelle der Vernunft und
die Wurzel der Realität, und die einzige Schöpferin des Lebens und der Zeit; und
ich habe dadurch, E. V., den höchsten realen Gesichtspunct einer Seins- und
Lebens- und Seligkeitslehre, d. i. der wahren Speculation, zu welchem wir bis
jetzt hinaufstiegen, endlich klar ausgesprochen.
    (Endlich, die Liebe ist, so wie überhaupt Quelle der Wahrheit und
Gewissheit, ebenso auch die Quelle der vollendeten Wahrheit in dem wirklichen
Menschen und seinem Leben. Vollendete Wahrheit ist Wissenschaft: das Element
aber der Wissenschaft ist die Reflexion. So wie nun diese letztere sich selbst
klar wird als Liebe des Absoluten, und dasselbe, wie sie nun notwendig muss,
erfasset als schlechtin über alle Reflexion hinausliegend und derselben in
jeder möglichen Form unzugänglich, geht sie erst ein in die reine, objective
Wahrheit; so wie sie eben dadurch allein auch fähig wird, die Reflexion, die
sich ihr vorher noch immer mit der Realität vermischte, rein auszuscheiden und
aufzufassen, und alle Producte derselben an der Realität erschöpfend
aufzustellen und so eine Wissenslehre zu begründen. - Kurz, die zu göttlicher
Liebe gewordene und darum in Gott sich selbst rein vernichtende Reflexion ist
der Standpunct der Wissenschaft; welchen ich bei dieser schicklichen Gelegenheit
im Vorbeigehen mit angeben wollte.)
    Um dies in einer leicht zu behaltenden Form Ihnen zu geben und an schon
geläufiges anzuknüpfen - Schon zweimal haben wir die Johanneischen Worte: Im
Anfang war das Wort u.s.w., in unsern, im unmittelbaren Gebrauche befindlichen
Ausdruck umgesetzt: zuerst also: im Anfange und schlechtin bei dem Sein war das
Dasein; sodann, nachdem wir die mannigfaltigen innern Bestimmungen des Daseins
näher erkannt und dieses Mannigfaltige unter der Benennung Form zusammengefasst
hatten, also: im Anfange, und schlechtin bei Gott oder dem Sein, war die Form.
Jetzt, nachdem wir das uns vorher für das wahre Dasein gegoltene Bewusstsein mit
seiner ganzen mannigfaltigen Form nur als das Dasein aus der zweiten Hand und
die blosse Erscheinung desselben; das wahre aber und absolute Dasein in seiner
eigentümlichen Form als Liebe erkennen: sprechen wir jene Worte also aus: im
Anfange: höher denn alle Zeit und absolute Schöpferin der Zeit, ist die Liebe,
und die Liebe ist in Gott, denn sie ist sein Sichselbsterhalten im Dasein: und
die Liebe ist selbst Gott, in ihr ist er und bleibet er ewig, wie er in sich
selbst ist. Durch sie, aus ihr, als Grundstoff, sind vermittelst der lebendigen
Reflexion alle Dinge gemacht, und ohne sie ist nichts gemacht, was gemacht ist;
und sie wird ewig fort in uns und um uns herum Fleisch, und wohnet unter uns,
und es hängt bloss von uns selbst ab, ihre Herrlichkeit, als eine Herrlichkeit
des ewigen und notwendigen Ausflusses der Gotteit, immerfort vor Augen zu
erblicken.
    Das lebendige Leben ist die Liebe, und hat und besitzt, als Liebe, das
Geliebte, umfasst und durchdrungen, verschmolzen und verflossen mit ihm: ewig
die Eine und dieselbe Liebe. Nicht die Liebe ist es, welche dasselbe äusserlich
vor sich hinstellt und es zerspaltet, sondern das tut nur die Reflexion.
Inwiefern daher der Mensch die Liebe ist, - und dies ist er in der Wurzel seines
Lebens immer und kann nichts anderes sein, obwohl er die Liebe seiner selbst
sein kann; - und inwiefern insbesondere er die Liebe Gottes ist, bleibt er immer
und ewig das Eine, Wahre, Unvergängliche, so wie Gott selbst, und bleibet Gott
selbst; und es ist nicht eine kühne Metapher, sondern es ist buchstäbliche
Wahrheit, was derselbe Johannes sagt: wer in der Liebe bleibet, der bleibet in
Gott, und Gott in ihm. Seine Reflexion nur ist es, welche dieses sein eignes,
keinesweges ein fremdes Sein ihm erst entfremdet, und in der ganzen
Unendlichkeit zu ergreifen sucht dasjenige, was er selbst, immer und ewig und
allgegenwärtig, ist und bleibt. Es ist daher nicht sein inneres Wesen, sein
eigenes, ihm selbst, keinem fremden angehöriges, das da ewig sich verwandelt,
sondern nur die Erscheinung dieses Wesens, welches im Wesen der Erscheinung ewig
unerschwinglich bleibt, ist es, was sich verwandelt. Das Auge des Menschen
verdeckt ihm Gott und spaltet das reine Licht in farbige Strahlen, haben wir zu
seiner Zeit gesagt; jetzt sagen wir: Gott wird durch des Menschen Auge ihm
verdeckt, lediglich darum, weil er selbst sich durch dieses sein Auge verdeckt
wird, und weil sein Sehen nie an sein eigenes Sein zu reichen vermag. Was er
sieht, ist ewig er selber; wie wir auch schon oben sagten: nur sieht er sich
nicht so wie er selber ist, denn sein Sein ist Eins, sein Sehen aber ist
unendlich.
    Die Liebe tritt notwendig ein in der Reflexion und erscheinet unmittelbar
als ein Leben, das eine persönlich sinnliche Existenz zu seinem Werkzeuge macht,
also als ein Handeln des Individuums; und zwar als ein Handeln in einer durchaus
ihr eignen, über alle Sinnlichkeit hinaus liegenden Sphäre, in einer völlig
neuen Welt. Wo die göttliche Liebe ist, da ist notwendig diese Erscheinung;
denn so erscheint die erstere durch sich, ohne ein dazwischentretendes neues
Princip; und wiederum, wo diese Erscheinung nicht ist, da ist auch die göttliche
Liebe nicht. Es ist durchaus vergeblich, dem, der nicht in der Liebe ist, zu
sagen: handle moralisch; denn nur in der Liebe geht die moralische Welt auf, und
ohne sie gibt es keine; und ebenso überflüssig ist es, dem, der da liebt, zu
sagen, handle: denn seine Liebe lebet schon durch sich selbst, und das Handeln,
und das moralische Handeln, ist bloss die stille Erscheinung dieses seines
Lebens. Das Handeln ist gar nichts an und für sich selbst, und es hat kein
eignes Princip; sondern es entfliesst still und ruhig der Liebe, so wie das
Licht der Sonne zu entfliessen scheint, und so wie der innern Liebe Gottes zu
sich selbst die Welt wirklich entfliesst. So jemand nicht handelt, so liebt er
auch nicht; und wer da glaubt zu lieben, ohne zu handeln, dessen Phantasie bloss
ist durch ein von aussen an ihn gebrachtes Bild der Liebe in Bewegung gesetzt,
welchem Bilde keine innere, in ihm selbst ruhende Realität entspricht. Wer da
sagt, ich liebe Gott, sagt derselbe Johannes, und, - nachdem er die Bruderliebe,
in einem gewissen sehr richtigen Sinne, selbst als die höhere Moralität
aufgestellt hatte, - und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner; oder wie wir
unsrer Zeit angemessener, jedoch gar nicht milder sagen würden, der ist ein
Phantast, - und hat nicht die Liebe Gottes in ihm bleibend - bleibend, realiter,
sie ist nicht die Wurzel seines wahren Lebens, sondern er mag sie sich höchstens
nur vorbilden.
    Die Liebe ist ewig ganz und in sich gedrungen, sagten wir; und sie hat in
sich, als Liebe, ewig die Realität ganz; bloss und lediglich die Reflexion ist
es, welche teilt und spaltet. Darum ist auch - hierdurch kommen wir zu dem
Puncte zurück, bei welchem wir in der vorigen Rede stehen blieben, - darum ist
auch die Spaltung des Einen göttlichen Lebens in verschiedene Individuen
keinesweges in der Liebe, sondern sie ist lediglich in der Reflexion. Das sich
unmittelbar als handelnd erscheinende Individuum sonach und alle ausser ihm
erscheinende Individuen sind lediglich die Erscheinung der Einen Liebe,
keinesweges aber die Sache selbst. In seinem eigenen Handeln soll die Liebe
erscheinen, ausserdem wäre sie nicht da: das moralische Handeln anderer aber ist
nicht die ihm unmittelbar zugängliche Erscheinung der Liebe; desselben Ermangeln
beweiset gar nicht unmittelbar die Abwesenheit der Liebe; darum wird, wie wir
schon in der vorigen Rede uns ausdrückten, die Moralität und Religiosität
anderer nicht unbedingt gewollt, sondern mit der Bescheidung in die Freiheit
anderer; und die Abwesenheit dieser allgemeinen Moralität stört nicht den
Frieden der durchaus auf sich selber ruhenden Liebe.
    Die Moralität und Religiosität des ganzen übrigen Geisterreichs hängt mit
dem Handeln jedes besondern Individuums zunächst zusammen, wie zu bewirkendes
mit seiner Ursache. Der moralisch Religiöse will Moralität und Religion
allgemein verbreiten. Die Absonderung aber zwischen seiner und der andern
Religiosität ist lediglich eine Absonderung in der Reflexion. Seine Affection
durch den Erfolg oder Nichterfolg muss daher nach dem Gesetze der Reflexion
erfolgen. Aber wie wir schon oben bei einer andern Gelegenheit ersehen haben,
der eigentümliche Affect der Reflexion ist Billigung oder Misbilligung, welche
freilich nicht eben kalt sein muss, sondern die um so leidenschaftlicher wird,
je liebender der Mensch überhaupt ist. Einen Affect aber führt die Reflexion auf
die Moralität anderer allerdings bei sich; denn diese Reflexion ist die
allerhöchste für den Religiösen und die eigentliche Wurzel der ganzen, mit
Affect zu umfassenden Welt ausser ihm, welche letztere für ihn rein und
lediglich eine Geisterwelt ist.
    Das soeben gesagte liefert uns die Principien, um die Gesinnung des
Religiösen gegen andere, oder dasjenige, was man seine Menschenliebe nennen
würde, tiefer zu charakterisiren, als es in der vorigen Rede geschehen konnte.
    Zuvörderst ist von dieser religiösen Menschenliebe nichts entfernter, als
jenes gepriesene gut sein und immer gut sein und alles gut sein Lassen. Die
letzte Denkart, weit entfernt die Liebe Gottes zu sein, ist vielmehr die in
einer frühern Rede sattsam geschilderte absolute Flachheit und innere
Zerflossenheit eines Geistes, der weder zu lieben vermag, noch zu hassen. - Den
religiösen Menschen kümmert nicht - es sei denn sein besonderer Beruf, für eine
würdige Subsistenz der Menschen Sorge zu tragen, - die sinnliche Glückseligkeit
des Menschengeschlechts, und er will kein Glück für dasselbe ausser in den Wegen
der göttlichen Ordnung. Durch die Umgebungen sie selig machen zu wollen, kann er
nicht begehren, ebensowenig, als es Gott begehren kann: denn Gottes Wille und
Ratschluss, auch über sein verbrüdertes Geschlecht, ist immer der seinige. So
wie Gott will, dass keiner Friede und Ruhe finde, ausser bei ihm, und dass jeder
bis zur Vernichtung seiner selbst und der Einkehrung in Gott, immerfort geplagt
und genagt sei: so will es auch der Gott ergebene Mensch. Wiederfindend ihr Sein
in Gott, wird er ihr Sein lieben; ihr Sein ausser Gott hasset er innig, und dies
ist eben seine Liebe zu ihrem eigentlichen Sein, dass er ihr beschränkendes Sein
hasset. Ihr wähnet, sagt Jesus, ich sei gekommen, Frieden zu bringen auf Erden,
- Frieden: eben jenes Gutseinlassen alles dessen, was da ist; - nein, da ihr nun
einmal seid, wie ihr seid, bringe ich euch das Schwert. Auch ist der religiöse
Mensch weit entfernt von dem gleichfalls bekannten und oft empfohlenen Bestreben
derselben erwähnten Flachheit, sich über die Zeitumgebungen etwas aufzubinden,
damit man eben in jener behaglichen Stimmung bleiben könne; sie umzudeuten und
ins Gut, eins Schöne hierüber zu erklären. Er will sie sehen, wie sie sind in
der Wahrheit, und er sieht sie so, denn die Liebe schärft auch das Auge; er
urteilt streng und scharf, aber richtig, und dringt in die Principien der
herrschenden Denkart.
    Sehend auf das, was die Menschen sein könnten, ist sein herrschender Affect
eine heilige Indignation über ihr unwürdiges und ehrloses Dasein: sehend darauf,
dass sie im tiefsten Grunde doch alle ihr Göttliches tragen, nur dass es in
ihnen nicht bis zur Erscheinung hindurchdringt; betrachtend, dass sie durch
alles, was man ihnen verargt, doch sich selbst den allergrössten Schmerz
zufügen, und dass dasjenige, was man geneigt ist, ihre Bosheit zu nennen, doch
nur der Ausbruch ihres eigenen tiefen Elendes ist; bedenkend, dass sie nur ihre
Hand ausstrecken dürften nach dem immerfort sie umgebenden Guten, um im
Augenblick würdig und selig zu sein, überfällt ihn die innigste Wehmut und der
tiefste Jammer. Seinen eigentlichen Hass erregt lediglich der Fanatismus der
Verkehrteit, welcher sich nicht damit begnügt, selbst in seiner eignen Person
nichtswürdig zu sein, sondern, soweit er zu reichen vermag, alles ebenso
nichtswürdig zu machen strebt, als er selbst ist, und den jeder Anblick eines
Bessern ausser ihm innig empört und zum Hasse aufreizt. Denn - indes das
erstbeschriebene nur armes Sünderwerk ist, ist das letzte Werk des Teufels; denn
auch der Teufel hasset das Gute, nicht schlechtin darum, weil es gut ist
wodurch derselbe völlig undenkbar würde: sondern aus Neid, und weil er selbst es
nicht an sich zu bringen vermag. So wie, unserer neulichen Schilderung zufolge,
der von Gott Begeisterte will, dass ihm und allen seinen Brüdern, von allen
Seiten und in allen Richtungen, ewig fort nur Gott entgegenstrahle, wie er ist
in ihm selber: so will umgekehrt der von sich selbst Begeisterte, dass ihm und
allen seinen Mitmenschen, von allen Seiten und in allen Richtungen, ewig fort
nur das Bild seiner eigenen Nichtswürdigkeit entgegenstrahle. Er überschreitet
durch dieses Heraustreten aus seiner Individualität die natürliche und
menschliche Grenze des Egoismus, und macht sich zum allgemeinen Ideale und
Gotte; welches alles eben also der Teufel auch tut.
    Endlich, ganz entschieden, unveränderlich und ewig sich gleich bleibend,
offenbaret im Religiösen die Liebe zu seinem Geschlechte sich dadurch, dass er
schlechtin nie und unter keiner Bedingung es aufgibt, an ihrer Veredlung zu
arbeiten, und, was daraus folgt, schlechtin nie und unter keiner Bedingung, die
Hoffnung von ihnen aufgibt. Sein Handeln ist ja die notwendige Erscheinung
seiner Liebe; wiederum aber geht sein Handeln notwendig nach aussen und setzt
ein Aussen für ihn, und setzt seinen Gedanken, dass in diesem Aussen etwas
wirklich werden solle. Ohne Vertilgung jener Liebe in ihm kann weder dieses
Handeln, noch dieser sein notwendiger Gedanke beim Handeln jemals wegfallen. So
oft er auch abgewiesen werde von aussen, ohne den gehofften Erfolg, wird er in
sich selbst zurückgetrieben, schöpfend aus der in ihm ewig fortfliessenden
Quelle der Liebe neue Lust und Liebe, und neue Mittel; und wird fortgetrieben
von ihr zu einem neuen Versuche, und wenn auch dieser mislänge, abermals zu
einem neuen; jedesmal voraussetzend, was bisher nicht gelungen sei, könne
diesmal gelingen, oder auch das nächstemal, oder doch irgend einmal, und falls
auch ihm überhaupt nicht, doch etwa, durch seine Beihülfe und zufolge seiner
Vorarbeiten, einem folgenden Arbeiter. So wird ihm die Liebe eine ewig
fortrinnende Quelle von Glauben und Hoffnung; nicht an Gott oder auf Gott: denn
Gott hat er allgegenwärtig in sich lebend, und er braucht nicht erst an ihn zu
glauben, und Gott gibt sich ihm ewig fort ganz, so wie er ist; und er hat darum
nichts von ihm zu hoffen, sondern von Glauben an Menschen und Hoffnung auf
Menschen. Dieser unerschütterliche Glaube nun und diese nie ermüdende Hoffnung
ist es, durch welche er sich über alle die Indignation oder den Jammer, mit
denen die Betrachtung der Wirklichkeit ihn erfüllen mag, hinwegsetzen kann,
sobald er will, und den sichersten Frieden und die unzerstörbarste Ruhe einladen
kann in seine Brust, sobald er ihrer begehrt. Blicke er hinaus über die
Gegenwart in die Zukunft! - und er hat ja für diesen Blick die ganze
Unendlichkeit vor sich, und kann Jahrtausende über Jahrtausende, die ihm nichts
kosten, daran setzen, so viele er will.
    Endlich - und wo ist denn das Ende? - endlich muss doch alles einlaufen in
den sichern Hafen der ewigen Ruhe und Seligkeit; endlich einmal muss doch
heraustreten das göttliche Reich, und seine Gewalt und seine Kraft und seine
Herrlichkeit.
    Und so hätten wir denn die Grundzüge zu dem Gemälde des seligen Lebens,
soweit ein solches Gemälde möglich ist, in einen Punct vereinigt. Die Seligkeit
selbst besteht in der Liebe und in der ewigen Befriedigung der Liebe, und ist
der Reflexion unzugänglich: der Begriff kann dieselbe nur negativ ausdrücken, so
auch unsere Beschreibung, die in Begriffen einhergeht. Wir können nur zeigen,
dass der Selige des Schmerzes, der Mühe, der Entbehrung frei ist; worin seine
Seligkeit selbst positiv bestehe, Lässt sich nicht beschreiben, sondern nur
unmittelbar fühlen.
    Unselig macht der Zweifel, der uns hierhin reisst und dortin, die
Ungewissheit, welche eine undurchdringliche Nacht, in der unser Fuss keinen
sichern Pfad findet, vor uns her verbreitet. Der Religiöse ist der Möglichkeit
des Zweifels und der Ungewissheit auf ewig entnommen. In jedem Augenblicke weiss
er bestimmt, was er will und wollen soll; denn ihm strömt die innerste Wurzel
seines Lebens, sein Wille unverkennbar ewig fort unmittelbar aus der Gotteit:
ihr Wink ist untrüglich, und für das, was ihr Wink sei, hat er einen
untrüglichen Blick. In jedem Augenblicke weiss er bestimmt, dass er in alle
Ewigkeit wissen wird, was er wolle und solle, dass in alle Ewigkeit die in ihm
aufgebrochene Quelle der göttlichen Liebe nicht versiegen, sondern unfehlbar ihn
festalten und ihn ewig fortleiten werde. Sie ist die Wurzel seiner Existenz;
sie ist ihm nun einmal klar aufgegangen, und sein Auge ist mit inniger Liebe auf
sie geheftet; wie könnte jene vertrocknen, wie könnte dieses wo andershin sich
wenden! Ihn befremdet nichts, was irgend um ihn herum vorgeht. Ob er es
begreife, oder nicht; dass es in der Welt Gottes ist, und dass in dieser nichts
sein kann, das nicht zum Guten abzwecke, weiss er sicher.
    In ihm ist keine Furcht über die Zukunft, denn ihn führt das absolut Selige
ewig fort derselben entgegen; keine Reue über das Vergangene, denn inwiefern er
nicht in Gott war, war er nichts, und dies ist nun vorbei, und erst seit seiner
Einkehr in die Gotteit ist er zum Leben geboren; inwiefern er aber in Gott war,
ist recht und gut, was er getan hat. Er hat nie etwas sich zu versagen, oder
sich nach etwas zu sehnen, denn er besitzt immer und ewig die ganze fülle alles
dessen, das er zu fassen vermag. Für ihn ist Arbeit und Anstrengung
verschwunden, seine ganze Erscheinung fliesst lieblich und leicht aus seinem
Innern, und löset sich ab von ihm ohne Mühe. Um es mit den Worten eines unsrer
grossen Dichter zu sagen:
 Ewig klar, und spiegelrein und eben,
 Fliesst das zephyrleichte Leben
 Im Olymp den Seligen dahin.
 Monde wechseln und Geschlechter fliehen -
 Ihrer Götterjugend Rosen blühen,
 Wandellos im ewigen Ruin
    So viel E. V., habe ich Ihnen in diesen Vorlesungen über das wahre Leben und
über die Seligkeit desselben mitteilen wollen. Es ist sehr wahr, dass man über
diesen Gegenstand noch lange fortreden könnte, und dass es besonders sehr
interessant sein würde, den moralisch-religiösen Menschen, nachdem man ihn im
Mittelpuncte seines Lebens kennen gelernt hat, von da aus zu begleiten in das
gewöhnliche Leben, bis auf die gemeinsten Angelegenheiten und Umgebungen, und da
ihn anzuschauen in seiner ganzen, wahrhaft rührenden Liebenswürdigkeit und
Heiterkeit. Aber ohne eine gründliche Erkenntnis jener ersten Grundpuncte
zerfliesst eine solche Beschreibung dem Zuhörer gar leicht, entweder in eine
leere Declamation, oder in ein nur ästetisch gefallendes, über keinen wahren
Grund seines Bestehens in sich tragendes Luftgebilde: und dies ist der Grund,
warum wir der Fortsetzung uns lieber entalten. Für die Principien haben wir
genug, vielleicht sogar zu viel gesagt.
    Um dem ganzen Werke seinen angemessenen Schluss anzufügen lade ich Sie nur
noch auf Eine Stunde ein.
 
                                Eilfte Vorlesung
    [Zur allgemeinen Nutzanwendung: von den Hinderungen einer innigen
    Mitteilung, dem Mangel völliger Hingebung, dem sogenannten Skepticismus,
    den gewöhnlichen äusseren Umgebungen in unserem Zeitalter. Tiefere
    Charakteristik dieser Umgebungen aus dem Princip der absoluten gegenseitigen
    Voraussetzung aller Menschen, als armer Sünder (der modernen Humanität) Wie
    der rechtliche Mensch über diese Umgebungen sich hinwegsetze.]
    Ehrwürdige Versammlung,
    
    Der Gegenstand unserer Untersuchung ist, so weit er hier erschöpft werden
sollte, durch unsere letzte Rede vollends erschöpft und ich habe dem Ganzen nur
noch die allgemeine Nutzanwendung hinzuzufügen; mich haltend, wie sich versteht,
innerhalb der Grenzen, welche das freie und liberale Verhältnis, das diese
Reden zwischen Ihnen, Ehrwürdige Versammlung, und mir geknüpft haben, und das
heute zu Ende geht, und die wohlbegründete gute Sitte mir setzen.
    Mein Wunsch war, mich Ihnen so innig als möglich mitzuteilen Sie zu
durchdringen, und von Ihnen, meinem Sinne nach, durchdrungen zu werden. - Ich
glaube auch wirklich, dass es mir gelungen ist, die Begriffe, welche hier zur
Sprache gebracht werden sollten, mit einer, wenigstens vorher nicht also
erreichten Klarheit auszusprechen: so wie auch diese Begriffe in ihrem
natürlichen Zusammenhange hinzustellen. Aber selbst bei der klarsten Darstellung
der Begriffe, und bei sehr richtiger Erfassung dieser Begriffe durch den
Zuhörer, kann noch immer eine grosse Kluft befestigt bleiben zwischen dem Geber
und dem Empfänger, und es kann der Mitteilung an ihrer möglichen Innigkeit gar
vieles abgehen; und man hat in diesem unserem Zeitalter auf diesen Mangel, als
auf die eigentliche Regel, von der das Gegenteil nur die Ausnahme ist, zu
rechnen.
    Dieser Mangel an Innigkeit des Empfangens der dargebotenen Belehrung in
unserem Zeitalter hat zwei Hauptgründe.
    Zuvörderst nämlich gibt man sich nicht, wie man sollte, mit ganzem Gemüte,
sondern etwa nur mit dem Verstande, oder mit der Phantasie, dem dargebotenen
Unterrichte hin. Man betrachtet es im ersten Falle lediglich mit Wissbegier oder
Neubegier, um zu sehen, wie sich das nun machen und gestalten möge; übrigens
indifferent gegen den Inhalt, ob er nun so, oder so ausfalle Oder man belustigt
im zweiten Falle sich bloss an der Reihe der Bilder, der Erscheinungen, der etwa
gefallenden Worte und Redensarten, die vor unserer Phantasie vorbeigeführt
werden; übrigens ebenso indifferent gegen den Inhalt. Man stellt es eben ausser
sich selbst, und von sich selbst abgesondert vor sich hin, und scheidet es ab
von sich; statt, wie man sollte, es zu versuchen an seiner wahrhaftigen Liebe,
und zu sehen, wie es dieser zusagen möge. Man setzt sodann leicht auch bei dem
Geber dieselbe Stimmung voraus, glaubend, dass es ihm lediglich darum zu tun
sei, speculirend die Zeit auf eine Art, die nicht unangenehm sein möge,
hinzubringen, seinen Scharfsinn und seine dialektische Kunst bewundern zu
lassen, schöne Phrasen zu machen und dergleichen. Durch die Aufwerfung der Frage
aber - - sei es auch nur in seinem eigenen Herzen, - ob wohl derselbe selbst
liebend und lebendig ergriffen sein möge von dem, was er sagt, und durch die
Voraussetzung, dass er auch wohl uns also zu ergreifen wünschte, wenn er es
vermöchte, - würden wir die Grenzen der individuellen Rechte zu überschreiten,
demselben eine Schmach zuzufügen, vielleicht gar ihn zum Schwärmer umzuwandeln
befürchten - - - Nun wird zwar, falls man die erwähnte Voraussetzung auch da
nicht macht, wo man sie doch machen könnte und sollte, dem Geber kein Schaden
zugefügt, indem dieser über dieses hinter seinen wahren Gesinnungen weit
zurückbleibende fremde Urteil sich leicht wird hinwegsetzen können; wohl aber
wird dem Empfänger ein Schade zugefügt, denn diesem fällt die erteilte
Belehrung allemal so aus, wie er sie nimmt, und sie erhält für ihn keine
Beziehung auf das Leben, wenn nicht er selber diese Beziehung ihr gibt. Jene
kalte und indifferente Beschauung durch den blossen Verstand ist der Charakter
der wissenschaftlichen Denkart, und alle wirkliche Entwickelung von Wissenschaft
hebt an mit dieser Indifferenz für den Inhalt, indem die Richtigkeit der Form
allein interessirt, bleibt auch bis zu ihrer vollständigen Erzeugung in dieser
Indifferenz beruhend, wie sie aber vollendet hat, strömt sie zurück in das
Leben, auf welches zuletzt doch alles sich bezieht. Unser Zweck bei den
gegenwärtigen Vorlesungen war zu, allernächst nicht wissenschaftlich,
ohnerachtet nebenbei mancherlei Rücksichten auf mir bekannte wissenschaftliche
Bedürfnisse meiner Zuhörer genommen wurden; sondern er war praktisch. Wir müssen
daher heule, am Beschlusse stehend, allerdings bekennen, dass wir nichts dagegen
haben dürften, falls jemand voraussetzte, dass es uns mit dem in diesen
Vorlesungen Vorgetragenen ganzer und völliger Ernst gewesen sei, dass die
aufgestellten Grundsätze bei uns auch mit vom Leben ausgegangen seien und in
dasselbige zurückgriffen, dass wir allerdings gewünscht hätten, dass sie auch
auf die Liebe und das Leben unserer Zuhörer einfliessen möchten; und dass wir
erst in dem Falle, dass dieses wirklich geschehen, unseren Zweck für vollkommen
erreicht halten und glauben würden, dass die Mitteilung so innig gewesen sei,
wie sie sein sollte.
    Ein zweites Hindernis inniger Mitteilung in unserem Zeitalter ist die
herrschende Maxime, keine Partei nehmen zu wollen, und sich nicht zu
entscheiden, für oder wider; welche Denkart sich Skepticismus nennt, und auch
noch andere vornehme Namen annimmt. Wir haben auch schon im Laufe dieser
Vorlesungen über dieselbe gesprochen. Ihr Grund ist absoluter Mangel an Liebe,
sogar an der allergewöhnlichsten zu sich selber; - der tiefste Grad der oben
beschriebenen Zerflossenheit des Geistes, da der Mensch nicht einmal über sein
eigenes Schicksal sich zu kümmern vermag, oder auch wohl die wahrhaft brutale
Meinung, dass Wahrheit kein Gut sei, und dass an der Erkenntnis derselben
nichts liege. Um über diesen, keinesweges Scharfsinn, sondern den allerhöchsten
Grad des Stumpfsinns verratenden Skepticismus hinauszukommen, muss man aufs
wenigste darüber mit sich einig werden, ob es überall Wahrheit gebe, ob sie
erreichbar sei für den Menschen, und ob sie ein Gut sei. Ich muss am Schlusse
dieser Reden bekennen, dass, falls jemand heule sogar über die eben genannten
Puncte noch nicht im Reinen wäre; - ja, sogar in dem Falle, dass er wenigstens
über die hier vorgetragenen Resultate sich noch Bedenkzeit zur Entscheidung
zwischen dem Ja oder Nein erbäte, und etwa, übrigens die Fertigkeit des
Vortrages billigend, ein Urteil über die Sache selber nicht zu haben bekennte,
- dass, sage ich, zwischen diesem und mir die Mitteilung und gegenseitige
Wechselwirkung am allerflächsten ausgefallen wäre; und dieser nur eine
Vermehrung seines stehenden Vorrats von möglichen Meinungen erhalten hätte,
indes ich ihm etwas vorzüglicheres zudachte. Mir ist, - nicht so gewiss, wie
die Sonne am Himmel, oder dieses Gefühl meines eigenen Körpers, sondern
unendlich gewisser, dass es Wahrheit, und dem Menschen zugängliche und von ihm
klar zu begreifende Wahrheit gebe; auch mag ich wohl überzeugt sein, dass auch
ich an meinem Teile diese Wahrheit, aus einem gewissen, mir eigentümlichen
Puncte und in einem gewissen Grade der Klarheit ergriffen habe, denn ausserdem
wurde ich ja wohl schweigen, und es vermeiden, mündlich und schriftlich zu
lehren; endlich mag ich auch wohl davon überzeugt sein, dass dasjenige, was ich
unter anderen auch hier vorgetragen, jene ewige, unwandelbare und alles ihr
Gegenüberstehende zur Unwahrheit machende Wahrheit sei; denn ausserdem würde ich
ja nicht das vorgetragen haben, sondern vielmehr das andere, welches ich für
Wahrheit hielte. - Man hat seit langer Zeit im grösseren lesenden und
schreibenden Publicum, gereimt und reimlos, den Verdacht auf mich zu bringen
gesucht, dass ich der zuletzt geäusserten sonderbaren Meinung zu sein scheine;
ich habe vielfältig auf demselben Wege des Drucks bekannt und eingestanden; -
aber der Buchstabe errötet nicht, scheint man zu denken, und zu verharren in
der guten Hoffnung von mir, dass ich schon noch einmal der Beschuldigung, die
man zu diesem Zwecke immerfort wiederholt, mich schämen werde; ich habe darum
einmal, Angesichts einer zahlreichen und ehrwürdigen Versammlung und derselben
ins Auge schauend, die Wahrheit jener Anklage gegen mich mündlich eingestehen
wollen. Auch ist es von jeher bei aller Mitteilung, und so auch bei der in
diesen Reden an Sie, Ehrwürdige Versammlung, alles Ernstes mein Zweck und meine
Absicht gewesen, das, was ich erkannt habe, den anderen zuvorderst durch alle in
meiner Gewalt stehende Mittel klar und verständlich zu machen, und, so viel an
mir liegt, sie zum Verstehen zu zwingen; wo sodann, - wie ich auch dessen sicher
war, - die Ueberzeugung von der Wahrheit und Richtigkeit des Vorgetragenen sich
von selbst einfinden werde; also ist es allerdings von jeher, und so auch jetzt,
mein Zweck gewesen, meine Ueberzeugung zu verbreiten, - Proselyten zu machen,
oder mit welchen Worten noch diejenigen, die sie hassen, jene Absicht, die ich
sehr freimütig zugestehe, ausdrücken wollen. Jene mir gar oft und auf alle
Weise empfohlene Bescheidenheit, zu sagen: sehen Sie da meine Meinung und wie
ich für meine Person die Sache ansehe indem ich freilich noch überdies der
Meinung bin, dass diese meine Meinung um nichts besser ist, als alle die übrigen
Meinungen, welche gehegt worden sind seit dem Anfange der Welt, und noch werden
gehegt werden bis an das Ende derselben, - jene Bescheidenheit, sage ich, kann
ich aus dem angeführten Grunde und überdies auch noch deswegen nicht an mich
bringen, weil ich diese Bescheidenheit als die grösste Unbescheidenheit erkenne,
und es für eine fürchterliche und des Abscheues würdige Arroganz halte, zu
glauben, es wolle jemand wissen, wie wir für unsere Person ein Ding ansehen; und
den Mund zur Lehre zu öffnen, so lange man nur noch seines Meinens, keinesweges
aber seines Wissens sich bewusst ist. Freilich muss ich hinterher, nachdem die
Sache geschehen ist, mich darein ergeben, dass man mich nicht verstanden hat,
und eben deswegen auch nicht überzeugt worden ist, weil es kein äusseres
logisches Zwangsmittel zum Verstehen gibt, sondern das Verständnis und die
Ueberzeugung nur aus den Innersten des Lebens heraus und seiner Liebe sich
entwickeln; aber schon im voraus in das Nichtverständniss mich ergeben, und
schon wahrend der Mitteilung, als auf etwas, das da erfolgen solle, darauf zu
rechnen, dieses kann ich nicht; und ich habe es nie, und auch bei diesen
Vorlesungen nicht getan.
    Die jetzt genannten Hinderungen einer innigeren und fruchtbareren Meinung
über ernstafte Gegenstände werden immerfort frisch erhalten und erneuert,
selbst bei denen, die wohl Lust und Kraft hätten, sich darüber zu erheben durch
die täglichen Umgebungen, welche man im Zeitalter antrifft. - Sie werden, E. V.,
so wie meine Meinung nur deutlicher heraustreten wird, finden, dass ich bisher
dieser Dinge weder geradezu erwähnt, noch indirect auf sie hingedeutet habe:
jetzt aber habe ich, sehr reifen Ueberlegungen und Erwägungen zufolge, mich
entschlossen, zum Beschlusse jene Umgebungen in ihrer Existenz anzuerkennen, sie
aus ihrem Princip zu würdigen, und durch diese tiefere Ansicht Sie, soviel ich
und soviel überhaupt eine fremde Kraft dies vermag, auf die Zukunft dagegen
auszurüsten.
    Es soll mich davon nicht abhalten der mir sehr wohl bekannte, fast
allgemeine Hass gegen das, was man Polemik nennt; denn dieser Hass geht selbst
aus jener Umgebung hervor, mit welcher ich den Streit aufnehme, und ist eins
ihrer vornehmsten Bestandteile. Wo er nicht etwas noch nichtswürdigeres ist,
wovon tiefer unten, da ist er aufs mindeste die krankhafte Abneigung vor aller
schärferen Unterscheidung und Auseinandersetzung, zu der jede Controverse
allerdings nötigt; und die unüberwindliche Liebe zu der ehemals sattsam
beschriebenen Verworrenheit und Verflossenheit aller Gegensätze.
    Ebensowenig soll mich davon abhalten die gar häufig sich vernehmen lassende
Vermahnung: man müsse über dergleichen Dinge sich hinwegsetzen und sie
verachten. Es ist nicht zu erwarten, dass in unserem Zeitalter irgend ein Mann
von klarer Erkenntnis und Charakter es an Verachtung werde fehlen lassen gegen
die Voraussetzung, er könne für seine Person durch Urteile aus jenen Umgebungen
heraus beleidigt und herabgesetzt werden; und jene Ermahner selbst mögen wohl
nicht bedenken, welche Fülle von Verachtung sie selber durch die Meinung, sie
erst müssten uns an die schuldige Verachtung erinnern, verdienen und oft auf der
Stelle erhalten.
    Es soll mich davon nicht abhalten die gewöhnliche Voraussetzung, dass man
lediglich darum widerspreche, streite und polemisire, um eine persönliche
Leidenschaftlichkeit zu befriedigen, und wiederum wehezutun dem, der uns etwa
wehegetan habe; - durch welche Voraussetzung eben schwache und von einer festen
Wahrheit und ihrem Werte nichts wissende Menschen sogar einen ehrenvollen Grund
zu erhalten glauben, um die ohnedies aus ihrer Behaglichkeit sie aufstörende
Polemik mit Fug zu hassen und zu verachten. Denn dass jemand glaube, nur aus
irgend einem persönlichen Interesse könne man sich gegen etwas setzen, beweiset
nichts mehr, als dass dieser für seine Person es lediglich aus diesem Grunde
könne, und dass, wenn er einmal polemisiren sollte, allerdings nur persönliche
Gehässigkeit die Triebfeder davon sein würde; und hier nehmen wir denn den oben
erteilten Rat, dergleichen Dinge zu verachten, gern an; denn dass ein solcher
ohne weiteren Beweis uns als seines gleichen festsetze, ist eine Beschimpfung,
die nur mit Verachtung erwiedert werden kann, und von jedem rechtlichen Menschen
es wird.
    Auch soll mich davon nicht abhalten, dass man sagt: es sind nur wenige, die
also sagen oder denken; denn diese Behauptung ist eben eine Unwahrheit, mit der
die tadelnswürdige Furchtsamkeit der Besseren sich etwas aufbindet. Milde
gerechnet denken neunundneunzig Hundertteile in den gebildeten Ständen in
Deutschland also; und in den höchsten Cirkeln, welche den Ton angeben, ist es am
ärgsten; und eben darum kann auch das angezeigte Verhältnis demnächst sich noch
nicht vermindern, sondern es wird sich vermehren; und wenn es auch nur wenige
Sprecher der Partei gibt und solche, die den Geist derselben gedruckt aussagen,
so kommt dies lediglich daher, weil allentalben die Sprecher die wenigeren
sind; was aber nicht drucken lässt, das liest und erquickt sich in der
geheimsten Stille seines Gemüts an dem getroffenen Abdrucke seiner wahren
Gesinnung. Dass das letztere in der Tat sich also verhalte und wir durch die
Beschuldigung dem Publicum gar nicht Unrecht tun, geht, so sorgfältig auch
dasselbe über seine Äusserungen wachen mag, so lange es seine Fassung behält,
dennoch sodann unwidersprechlich hervor, sobald es in Leidenschaft gebracht
wird: welches allemal erfolgt, wenn man einen seiner Sprecher und Vormünder
antastet. Sie stehen sodann alle auf, Mann für Mann, und vereinigen sich gegen
den gemeinschaftlichen Feind, als ob jeder Einzelne in seinem teuersten
Besitztum sich angegriffen glaubte.
    Wie man daher auch mit allen einzelnen uns bekanntgewordenen Personen dieser
Partei fertig werden und über sie hinwegkommen möge; so soll man doch über die
Sache selber mit der blossen Verachtung sich nicht hinwegsetzen; indem es die
Sache der entschiedenen Majorität, ja beinahe der allgemeinen Einstimmigkeit
ist, und noch lange es bleiben wird. Auch sieht diese sorgfältige Vermeidung
einer Berührung mit jenen Dingen und der Vorwand, man sei dazu zu vornehm, der
Feigheit nicht unähnlich, und es scheint, als ob man doch in jenen Winkeln sich
zu beflecken befürchtete; da ja vielmehr das kräftige Sonnenlicht jeder Höhle
Finsternis muss zerstreuen können, ohne darum die Finsternis in sich
aufzunehmen. Die Augen der Blinden in diesen Höhlen kann es freilich nicht
eröffnen, wohl aber kann es den Sehenden zeigen, wie es in diesen Höhlen
aussieht.
    In früheren Vorlesungen haben wir gezeigt, und auch in diesen von Zeit zu
Zeit berührt, dass die herrschende Denkart des Zeitalters die Begriffe von Ehre
und Schande geradezu umkehre, und das wahrhaft Entehrende sich zum Ruhme, die
wahre Ehre hingegen sich zur Schande anrechne. So ist, wie jedem, der nur ruhig
gehört hat, unmittelbar eingeleuchtet haben muss, der obenerwähnte Skepticismus,
den unter der Benennung des Scharfsinns das Zeitalter sich zur Ehre anzurechnen
pflegt, offenbarer Stumpfsinn, Flachheit und Schwäche des Verstandes. Ganz
besonders aber und vorzüglich gilt diese totale Verkehrteit des Zeitalters in
Bezug auf Religion. Ich müsste durchaus alle meine Worte an Ihnen verloren
haben, wenn ich Ihnen nicht wenigstens so viel einleuchtend gemacht hätte, dass
alle Irreligiosität auf der Oberfläche der Dinge und in dem leeren Scheine
befangen bleibt, und eben darum einen Mangel an Kraft und Energie des Geistes
voraussetzt, somit notwendig Schwäche, des Kopfes sowohl als des Charakters,
verrät; dagegen die Religion, als sich erhebend über den Schein und eindringend
in das Wesen der Dinge, notwendig den glücklichsten Gebrauch der Geisteskräfte,
den höchsten Tiefsinn und Scharfsinn, und die davon unabtrennliche höchste
Stärke des Charakters entdeckt; dass daher, nach den Principien aller Urteile
über Ehre, der Irreligiöse geringgeschätzt und verachtet, der Religiöse aber
hochgeachtet werden müsste. - Die herrschende Denkart des Zeitalters kehrt das
um. Nichts bringt bei der Majorität desselben unmittelbarer und sicherer
Schande, als wenn man sich auf einem religiösen Gedanken oder einer solchen
Empfindung ergreifen lässt; nichts kann, was daraus folgt, sicherer Ehre
bringen, als wenn man von dergleichen Gedanken und Empfindungen sich frei
erhält. Was bei dieser Gesinnung dem Zeitalter einige Beschönigungen zu geben
scheint, ist dies, dass es die Religion nur als Superstition zu denken vermag
und dass es ein Recht zu haben glaubt, diese Superstition, als etwas, worüber es
hinweg sei, und da sie und die Religion Eins seien, alle Religion zu verachten.
Hierin spielt nun dem Zeitalter sein Unverstand und seine unermessliche
Ignoranz, die aus diesem Unverstande stammt, zwei schlimme Streiche auf einmal.
Denn zuvörderst ist es gar nicht wahr, dass das Zeitalter über die Superstition
hinweg sei; das Zeitalter ist, wie man bei jeder Gelegenheit mit Augen sehen
kann, innerlich noch davon angefüllt, denn es erschrickt und zittert bei jeder
kräftigen Berührung der Wurzel des Aberglaubens: sodann aber, und was die
Hauptsache ist, ist die Superstition selbst der absolute Gegensatz zur Religion,
sie ist auch nur Irreligiosität, nur in einer anderen Form; sie ist die
schwermütige Irreligiosität, dagegen dasjenige, was das Zeitalter gern an sich
brächte, wenn es könnte, nur als Befreiung von jener Schwermütigkeit - die
leichtsinnige Irreligiosität sein würde. Nun lässt sich zwar wohl einsehen, wie
einem in der letzten Stimmung ein wenig wohler in seinem Mute sein könne, als
in der ersten; - und kann man auch diese kleine Verbesserung ihres Zustandes den
Menschen gönnen; wie aber durch diese Veränderung in der ausserwesentlichen Form
die im Wesen bleibende Irreligiosität verständig und achtungswürdig werde, wird
nie ein Verständiger begreifen.
    Also die Majorität des Zeitalters verachtet unbedingt die Religion. - Wie
macht sie es denn nun möglich, diese Verachtung zur Tat und Äusserung zu
bringen? Greift sie die Religion an mit Vernunftgründen? Wie könnte sie, da sie
von der Religion schlechtin gar nichts weiss? Oder etwa mit Spott? Wie könnten
sie, da der Spott schlechtin irgend einen Begriff von dem Verspotteten
voraussetzt, dergleichen diese doch durchaus nicht haben? Nein, sie sagen bloss
wörtlich wieder, dass da und da das und das gesagt sei, was etwa auf die
Religion sich beziehen könnte; und ohne weiter von dem ihrigen etwas hinzuzutun
lachen sie eben, und jeder Höfliche lacht zur Gesellschaft mit; keinesweges, als
ob der erste oder irgend einer seiner Nachfolger innerlich in seinem Gemüte von
einer lächerlichen Vorstellung, welches ja ohne einen Begriff durchaus unmöglich
ist, wirklich angeregt sei, sondern lediglich zufolge des allgemeinen Pactums;
und so lacht bald die ganze Gesellschaft, ohne dass irgend ein Einzelner eines
Grundes zum Lachen sich bewusst ist; jeder aber denkt, sein Nachbar möge wohl
einen solchen Grund haben.
    Um an der Gegenwart selber, ja unmittelbar an dem, was wir hier treiben, die
Illustration weiter fortzusetzen! - Die Erzählung, wie ich überhaupt darauf
gebracht worden, in dieser Stadt populäre philosophische Vorlesungen für ein
gemischtes Publicum zu halten, würde zu weit führen. Dies aber einmal gesetzt,
begreift jeder, der einige Kenntnisse von der Sache hat, dass, wenn der bloss
scientifische Zweck beiseite gesetzt wird, für ein gemischtes Publicum von der
Philosophie nichts allgemein interessantes und allgemein verständliches
übrigbleibt, als die Religion; dass dies, religiöse Gesinnungen zu wecken, der
eigentliche und wahre Zweck dieser Vorträge sei, hatte ich nun am Schlusse
meiner Vorlesungen vom vorigen Winter, welche nunmehr auch zum Nachlesen, und
zum Nachlesen für diesen Zweck, gedruckt sind, bestimmt ausgesprochen; ebenso
wie ich die Erläuterung hinzugefügt hatte, dass jene Vorlesungen nur eine
Vorbereitung dieses Geschäfts seien, dass wir in ihnen nur das Hauptsächlichste
von der Sphäre der Verstandesreligion durchmessen hätten, die ganze Sphäre der
Vernunftreligion aber unberührt geblieben sei. Es war von mir zu erwarten, dass,
falls ich diese Unterhaltungen jemals wieder aufnähme, ich sie da aufnehmen
würde, wo ich sie hatte fallen lassen. - Ich musste ferner einen Gegenstand für
populäre Vorlesungen auf eine populäre Weise bezeichnen; ich fand die Benennung:
Anweisung zu einem seligen Leben, würde diese Vorlesungen erschöpfend
Charakterisiren. Ich glaube auch noch bis heute, dass ich darin nicht
fehlgegriffen habe: und Sie selbst, E. V., können, nachdem Sie selbst die
Abhandlung bis zu Ende gehört haben, entscheiden, ob Sie eine Anweisung zum
seligen Leben gehört haben, und ob Sie etwas anderes gehört haben, als eine
solche Anweisung. Und so geschah es denn, dass eine solche Anweisung durch die
öffentlichen Zeitungen angekündigt wurde; sowie ich dies noch bis diesen
Augenblick ganz schicklich und natürlich finde.
    Gar nicht unerwartet aber würde mir gewesen sein, und ebenso natürlich würde
ich gefunden haben, dass einer Majorität, wie der beschriebenen, meine
Ankündigung und mein ganzes Unternehmen als unübertrefflich komisch erschienen
wäre, und dass sie darin eine reiche Quelle des Lachens für sich entdeckt
hätten. Ganz natürlich würde ich gefunden haben, wenn Zeitungsherausgeber und
Redactoren fliegender Blätter in meinem Hörsaale stehende Referenten angestellt
hätten, um die hier ergiebig fliessende Quelle des Lächerlichen auch in ihre
Blätter zu leiten, und um sie zur Aufheiterung ihrer Leser zu gebrauchen. -
»Anweisung zu einem seligen Leben!« Wir wissen zwar freilich nicht, was der Mann
durch Leben, und durch seliges Leben, verstehen möge, aber es ist doch immer
eine sonderbare Zusammensetzung von Worten, die also verbunden an unser Ohr noch
nicht getroffen sind; es lässt sich leicht absehen, dass dabei nichts als Dinge
herauskommen werden, von denen ein wohlgezogener Mann in guter Gesellschaft
nicht gern spricht; und auf alle Falle - hätte denn der Mann nicht voraussehen
können, dass wir über ihn lachen würden? Da er nun, falls er ein vernünftiger
Mensch wäre, dies um jeden Preis müsste vermeiden wollen, so ist seine
Ungeschickteit klar; wir wollen vorläufig lachen, zufolge des allgemeinen
Pactums; vielleicht, dass während dieses Lachens noch einem unter uns ein eigner
Einfall und Zusatz kommt, der dieses Lachen begründe.
    Es wäre nicht unmöglich, dass ein solcher Einfall käme. Z.B. könnte man
nicht sagen: »Wie selig ist doch der Mann selber zu preisen, der andern
Anweisung zum seligen Leben geben will !« Auf den ersten Blick scheint nun die
Wendung schon witziger; aber nehmen wir uns die Geduld, einen zweiten Blick auf
sie zu werfen. Den Fall wirklich gesetzt, dass der, von dem die Rede, bei der
klaren Einsicht seiner Grundsätze sich ganz wohl und ruhig befände, so hätte man
ihm wohl dadurch, dass man ihm so etwas nachsagt, eine rechte Schmach zugefügt?
- »Ja, aber so etwas von sich selber zu sagen, ist das nicht ein unverschämtes
Selbstlob?« - Geradezu von sich gesagt haben wird man es ohne Zweifel nicht;
denn ein gesetzter Mensch dürfte wohl ausser ihm selbst noch andere Gegenstände
haben, von denen er reden könnte, falls er reden will. Wenn aber in der
Behauptung: es gäbe eine gewisse Denkart, die Frieden und Ruhe über das Leben
verbreite, und in dem Versprechen, man wolle diese Denkart andern bekannt
machen, die Voraussetzung notwendig liegt, man habe diese Denkart selbst, und
habe, da sie nicht anders könne, denn Frieden geben, durch sie Frieden und Ruhe
gewonnen; und man vernünftigerweise das erste gar nicht sagen kann, ohne das
zweite stillschweigend anzuerkennen: so muss man freilich folgen lassen, was da
folgt. Und wäre denn das eine so grosse Unverschämteit, die ein unauslöschbares
Ridicüle gäbe, wenn man es, durch den Zusammenhang dazu genötigt, hätte merken
lassen, dass man sich für keinen Stümper, und für keinen schlechten und elenden
Menschen halte?
    Allerdings, E. V., ist gerade dies die einzige Unverschämteit und das
einzige Ridicüle bei der Majorität, von der wir reden; und wir liefern durch das
soeben Gesagte den innigsten Geist ihres Lebens zu Tage. Aller Verkehr unter den
Menschen soll nach dem, dieser Majorität vielleicht selbst verborgenen, dennoch
aber allen ihren Urteilen zu Grunde liegenden Princip sich gründen auf die
stillschweigende Voraussetzung, dass wir alle auf dieselbe Weise arme Sünder
sind: wer die andern ausser sich für etwas Besseres nimmt, der ist ein Tor; wer
sich selbst ihnen für etwas Besseres gibt, der ist ein anmessender Geck: beide
werden verlacht. - Arme Sünder: in Kunst und Wissenschaft; - wir können und
wissen freilich alle nichts, jeder will jedoch auch gern ein Wort mitsprechen:
das soll en wir gegenseitig einander demütig bekennen und verstatten, und reden
und reden lassen; wer es aber anders nimmt, und im Ernste tut, als ob er etwas
wüsste oder vermöchte, handelt gegen das Pactum, und ist anmaassend. Arme Sünder
im Leben: - der letzte Zweck von unser aller Regungen und Bewegungen ist der,
unsere äusserlichen Umstände zu verbessern; wer weiss das nicht? Freilich
erfordert die vertragsmässige Lebensart, dass man das dem andern nicht geradezu
unter die Augen sage, wie denn auch dieser nicht verbunden ist, es mit lauten
Worten zu gestehen, sondern hiebei gewisse Vorwände vertragsmässig verstattet
sind; aber stillschweigend voraussetzen muss es jeder lassen, und wer gegen die
stillschweigende Voraussetzung sich setzt, ist anmaassend, und ein Heuchler
obendrein.
    Aus dem aufgestellten Princip stammt die bekannte Klage gegen die wenigen
Bessern in der Nation, welche Klage man allentalben hören und allentalben
gedruckt lesen kann; die Klage: Wie, der Mann will uns mit dem Schönen und Edlen
unterhalten! Wie wenig kennt er uns! Gebe er in geschmacklosen Spässen uns das
treue Gegenbild unseres eigenen frivolen und trivialen Lebens; denn das gefällt
uns, und dann ist er unser Mann, und kennt auch sein Zeitalter. Wir sehen selbst
freilich wohl ein, dass jenes, was wir nicht mögen, vortrefflich, und das, was
uns gefällt, schlecht und elend ist; aber dennoch mögen wir nur das letzte, denn
- so einmal sind wir. - Aus diesem Princip stammen alle die Vorwürfe von
Arroganz und Unbescheidenheit, welche die Schriftsteller einander in offenem
Drucke, und die Weltleute einander in Worten machen; und die ganze Fülle des
stehenden und ausgeprägten Witzes, der sich im öffentlichen Umlaufe findet Ich
mache mich, wenn die Probe angestellt werden sollte, anheischig, den ganzen
Schatz von Spott in der Welt, - höchstens den tausendsten Teil davon
ausgenommen - entweder auf das Princip: er weiss noch nicht, dass die Menschen
arme Sünder sind, oder auf das, er glaubt besser zu sein, als wir andern alle,
oder auf beide zugleich, zurückzuführen. In der Regel sind beide Principien
vereinigt. So lag im Sinne jener Majorität das Ridicüle einer Anweisung zum
seligen Leben nicht bloss darin, dass ich glaubte, eine solche Anweisung geben
zu können, sondern auch darin, dass ich voraussetzte, Zuhörer, und in der
zweiten Stunde wiederkommende Zuhörer, für eine solche Anweisung zu finden, und
falls ich sie dennoch fände, darin, dass diese glaubten, es sei hier etwas für
sie zu holen.
    In jener Voraussetzung der gleichen Sündhaftigkeit aller lebt nun jene
Majorität immerfort; dieselbe Voraussetzung mutet sie immer jedwedem an; und
wer dagegen verstösst, über den lacht sie, wenn man sie bei guter Laune lässt,
oder erboset sich gegen ihn, wenn man sie in den Harnisch bringt; - welches
unter andern auch durch dergleichen tiefere Untersuchungen ihres wahren Wesens,
wie die gegenwärtige war, zu geschehen pflegt. Durch diese Voraussetzung nun
wird sie eben schlecht, profan, irreligiös, und dies immer mehr, je länger sie
darin verharrt. Ganz umgekehrt hält der gute und rechte Mensch, obwohl er seine
Mängel erkennt und an der Verbesserung derselben unablässig arbeitet, sich nicht
für radical schlecht und für einen substantiellen Sünder; denn wer sich in
seinem Wesen als solchen anerkennt, mitin sich dar ein ergibt, der ist es eben
deswegen, und bleibt es, Neben dem, was ihm fehlt, anerkennt der gute Mensch
auch, was er hat, und muss es anerkennen, denn das eben soll er ja brauchen.
Dass er dabei nicht sich selbst die Ehre gebe, versteht sich; denn wer noch ein
Selbst hat, an dem ist sicher gar nichts gutes. Ebensowenig setzt er, wie er
auch etwa teoretisch von seiner Umgebung denken möge, in seinem wirklichen
Verkehr mit den Menschen, diese als schlecht und als arme Sünder voraus, sondern
er setzt sie als gut voraus. Mit der Sündhaftigkeit in ihnen hat er nichts zu
tun, und an diese wende, er sich gar nicht, sondern er wendet sich an das in
ihnen dennoch gewiss verborgene Gute. Auf alles das, was in ihnen nicht sein
soll, rechnet er gar nicht, und verfährt, als ob es gar nicht da wäre: dagegen
rechnet er festiglich auf dasjenige, was nach den obwaltenden Umständen in ihnen
sein soll, als auf etwas, das da eben sein muss, das vorausgesetzt und unter
keiner Bedingung ihnen erlassen wird. Falls er z.B. lehrte, will er von der
Zerstreuteit nicht verstanden sein, sondern nur von der Aufmerksamkeit; denn
die Zerstreuteit soll nicht sein, und es kommt zuletzt weit mehr darauf an,
dass man aufmerken lerne, als dass man gewisse Sätze lerne. Die Scheu vor
gewissen Wahrheiten will er gar nicht schonen und zahm machen, sondern er will
ihr trotzen; denn diese Scheu soll nicht sein, und wer die Wahrheit nicht
ertragen kann der sott sie von ihm nicht erhalten; die Festigkeit des Charakters
dürfte zuletzt noch mehr wert sein, als irgend eine positive Wahrheit, und man
dürfte, ohne die erstere, etwas der letzteren ähnliches wohl überhaupt nicht an
sich bringen können. - Aber will er denn nicht gefallen und wirken? Allerdings;
aber nur durch das Rechte, und in den Wegen der göttlichen Ordnung; auf andere
Weise will er schlechtin nicht weder wirken noch gefallen. Es ist eine gar
gutmütige Voraussetzung jener Majorität, dass mancher sonst rechtliche Mann, -
sei es in Kunst, in Lehre oder in Leben, - ihnen gern gefallen wolle, dass er
dies nur nicht recht anzustellen wisse, weil er sie, diese tiefen Charaktere,
nicht recht kenne, dass sie also es ihm sagen müssten, wie sie es gern hätten.
Wie wäre es, wenn er sie unendlich tiefer durchschaute, als sie selbst es je
vermögen werden; aber von dieser seiner Erkenntnis für sein Handeln mit ihnen
Notiz nehmen nur nicht wollte, weil er sich eben nichts daraus macht, ihnen zu
Willen zu leben, und es ihnen nicht recht machen will, ehe nicht sie selber erst
ihm recht geworden sind?
    Und so habe ich Ihnen denn, E. V, neben der Schilderung der gewöhnlichen
Umgebung im Zeitalter, zugleich das Mittel angegeben, sich über dieselbe
gründlich hinwegzusetzen und sich von ihr auszuscheiden. Man schäme sich nur
nicht weise zu sein; sei man es auch allein, in einer Welt von Toren. Was ihren
Spott anbelangt, so habe man nur den Mut, nicht sogleich mitzulachen, sondern
einen Augenblick ernstaft zu bleiben, und das Ding ins Auge zu fassen: um das
Lachen kommt man darum nicht; der rechte Witz liegt bei solcher Gelegenheit im
Hintergrunde, und dieser ist für uns; und soweit der gute Mensch den schlechten
überhaupt überwiegt, soweit überwiegt auch sein Witz den des schlechten. Was
ihre Liebe und ihren Beifall betrifft, so habe man nur den Mut, entschieden
darauf Verzicht zu tun, denn man wird ohnedies, ohne selbst schlecht zu werden,
denselben nimmermehr erhalten; - und dieses allein ists, was selbst die Besseren
in unseren Tagen so lähmt und schwächt, und die gegenseitige Anerkennung
derselben und ihre Vereinigung so hindert, dass sie es nicht aufgeben wollen,
zwei unvereinbare Dinge, ihr eigenes Rechttun und den Beifall der Gemeinheit,
zu vereinigen, und sich nicht entschliessen mögen, das Schlechte als schlecht zu
erkennen. Hat man nur einmal über diese Hoffnung und dieses Bedürfnis sich
hinweggesetzt, so hat man nichts weiter zu fürchten; das Leben geht seinen
ordentlichen Gang fort, und jene können wohl hassen, aber sie können wenig
schaden; auch vermindert sich, nachdem auch sie von ihrer Seite die Hoffnung
aufgeben müssen, uns zu ihres Gleichen zu machen, um vieles ihr böser Wille, und
sie werden geneigter, uns zu verbrauchen, wie wir sind; und das äusserste
gesetzt, ist Ein guter Mensch, wenn er nur consequent ist und entschlossen,
stärker denn hundert schlechte.
    Und so glaube ich denn alles gesagt zu haben, was ich hier sagen wollte, und
beschliesse hiermit diese Vorlesungen; nicht unbedingt wünschend Ihren Beifall,
E. V., sondern, falls er mir zu Teil werden sollte, ihn also wünschend, dass er
Sie und mich ehren möge.
 
                         Beilage zur sechsten Vorlesung
    [Nähere Erklärung der in der sechsten Vorlesung gemachten Unterscheidung
    zwischen historischer und metaphysischer Erfassung; in Beziehung auf das
    Grunddogma des Christentums.]
    Die Hauptlehre des Christentums, als einer besonderen Anstalt, Religion im
Menschengeschlecht zu entwickeln: dass in Jesu zu allererst, und auf eine keinem
andern Menschen also zukommende Weise, das ewige Dasein Gottes eine menschliche
Persönlichkeit angenommen habe, dass alle übrigen nur durch ihn, und vermittelst
der Wiederholung seines ganzen Charakters in sich, zur Vereinigung mit Gott
kommen könnten; sei ein bloss historischer, keinesweges aber ein metaphysischer
Satz, heisst es im Texte (S. 482). Es ist vielleicht nicht überflüssig, die
Unterscheidung, auf welche die erwähnte Äusserung sich Gründet, hier noch
klarer auseinanderzusetzen; da ich bei dem grösseren Publicum, dem ich jetzt
dieselbe im Druck vorlege, nicht ebenso, wie bei der Mehrzahl meiner
unmittelbaren Zuhörer, voraussetzen darf, dass ihnen aus meinen übrigen Lehren
jene Unterscheidung geläufig sei.
    Wo die Ausdrücke streng genommen werden, ist das Historische und das
Metaphysische geradezu entgegengesetzt; und was nur wirklich historisch ist, ist
gerade deswegen nicht metaphysisch, und umgekehrt. Historisch nämlich und das
rein Historische an jeder möglichen Erscheinung, ist dasjenige, was sich nur
eben als blosses und absolutes Factum, rein für sich dastehend und abgerissen
von allem übrigen, auffassen, keinesweges aber aus einem höheren Grunde erklären
und ableiten lässt: metaphysisch dagegen und der metaphysische Bestandteil
jeder besondern Erscheinung, ist dasjenige, was aus einem höheren und
allgemeineren Gesetze notwendig folgt, und aus demselben abgeleitet werden
kann; somit gar nicht lediglich als Factum erfasst wird, und, der Strenge nach,
nur durch Täuschung für ein solches gehalten wird, da es in Wahrheit gar nicht
als Factum, sondern zufolge des in uns waltenden Vernunftgesetzes also erfasst
wird. Der letztgenannte Bestandteil der Erscheinung geht niemals bis zu ihrer
Wirklichkeit, und niemals geht die wirkliche Erscheinung in ihm vollständig auf;
und es sind darum in aller wirklichen Erscheinung diese beiden Bestandteile
unabtrennlich verknüpft.
    Es ist das Grundgebrechen aller ihre Grenzen verkennenden, vermeintlichen
Wissenschaft (des transscendenten Verstandesgebrauchs), wenn sie sich nicht
begnügen will, das Factum rein als Factum zu nehmen, sondern es metaphysicirt.
Da unter der Voraussetzung, dasjenige, was eine solche Metaphysik auf ein
höheres Gesetz zurückzuführen sich bemüht, sei in der Tat lediglich factisch
und historisch, es ein solches, wenigstens im gegenwärtigen Leben uns
zugängliches Gesetz nicht geben kann: so folgt daraus, dass die beschriebene
Metaphysik, willkürlich voraussetzend, es finde hier eine Erklärung statt, -
welches ihr erster Fehler ist, - sich noch überdies auf das Erdichten legen und
durch eine willkürliche Hypotese die vorhandene Kluft ausfüllen müsse, welches
ihr zweiter Fehler ist.
    In Beziehung auf den vorliegenden Fall nimmt man das Urfactum des
Christentums historisch und rein als Factum, wenn man nimmt, was am Tage liegt,
dass Jesus gewusst habe, was er eben weiss, früher als irgend ein andrer es
gewusst hat, und gelehrt und gelebt habe, wie er hat; - ohne noch weiter wissen
zu wollen, wie dieses alles ihm möglich gewesen: was man denn auch, zufolge
einleuchtender, nur hier nicht mitzuteilender Grundsätze, in diesem Leben
nimmermehr erfahren wird. Durch, das Factum überfliegenden, Verstandesgebrauch
aber metaphysicirt wird dasselbe Factum, wenn man es in seinem Grunde zu
begreifen strebt, und etwa zu diesem Behufe eine Hypotese, wie das Individuum
Jesus, als Individuum, aus dem göttlichen Wesen hervorgegangen sei, aufstellet.
- Als Individuum, habe ich gesagt: denn wie die ganze Menschheit aus dem
göttlichen Wesen hervorgehe, lässt sich begreifen, und hat durch die
vorstehenden Vorlesungen begreiflich gemacht werden soll en, und ist nach uns
der Inhalt des Einganges des Johanneischen Evangeliums.
    Nun kommt es uns insbesondre, die wir die Sache historisch nehmen, nicht
darauf an, auf welche von den beiden Weisen irgend jemand den aufgestellten Satz
nehmen wolle, sondern zunächst nur darauf, auf welche von den beiden Weisen
Jesus selber und sein Apostel Johannes ihn genommen haben, und die übrigen
befugt gewesen seien, ihn zu nehmen; und es ist allerdings der bedeutendste
Bestandteil unserer Behauptung, dass das Christentum selber, d. h zunächst
Jesus, jenen Satz durchaus nicht metaphysisch genommen habe.
    Wir bringen unsere Beweisführung auf folgende Sätze zurück.
    1) Jesus von Nazaret hat die allerhöchste und den Grund aller anderen
Wahrheiten entaltende Erkenntnis von der absoluten Identität der Menschheit
mit der Gotteit, in Absicht des eigentlichen Realen an der erstern, ohne
Zweifel besessen. - Ueber diesen, auch nur historischen Satz müsste zu allererst
ein jeder, für den der folgende Beweis etwas beweisen soll, mit mir
einverstanden sein; und ich ersuche mein Zeitalter, über diesen Punct sich ja
nicht zu übereilen. Meines Erachtens wird nicht leicht jemand, der nicht
dieselbe Erkenntnis von der Einen Realität schon vorher auf einem andern Wege
erhalten, und sie in sich lebendig werden lassen, sie da finden, wo ich sie,
auch erst hindurchgegangen durch jene Bedingung, gefunden habe. Hat aber jemand
nur erst diese Bedingung erfüllt, und sich dadurch erst das Organ verschafft,
mit welchem allein das Christentum aufgefasst werden kann: so wird er nicht nur
jene Grundwahrheit im Christentume klar wiederfinden, sondern es wird sich ihm
auch über die übrigen, oft sehr sonderbar scheinenden Äusserungen derselben
Schriften ein hoher und heiliger Sinn verbreiten.
    2) Die Art und Weise dieser Erkenntnis in Jesu Christo, welche der zweite
Punct ist, auf den es ankommt, Lässt sich am besten Charakterisiren durch den
Gegensatz mit der Art und Weise, auf welche der speculative Philosoph zu
derselben Erkenntnis kommt. Der letztere geht aus von der an sich der Religion
fremden und für sie profanen Aufgabe seiner Wissbegier, das Dasein zu erklären.
Die Aufgabe findet er allentalben; wo ein gelehrtes Publicum vorhanden ist,
schon durch andere ausgesprochen vor sich, und findet Mitarbeiter um die
Auflösung unter seinen Vorgängern und Zeitgenossen. Ihm kann es nicht einfallen,
um der blossen, ihm klar gewordenen Aufgabe will en sich für etwas besonderes
und ausgezeichnetes zu halten. Ferner spricht die Aufgabe, als Aufgabe, seinen
eignen Fleiss und seine ihm klar bewusste persönliche Freiheit an; seiner
Selbsttätigkeit gar klar sich bewusst, kann er sich ebensowenig für inspirirt
halten.
    Setzet endlich, dass die Lösung ihm gelinge, und ihm auf die einzig rechte
Weise durch das Religionsprincip, gelinge, so liegt sein Fund doch immer in
einer Reihe von vorbereitenden Untersuchungen, und ist auf diese Weise für ihn
ein natürliches Ereignis. Die Religion ist nur nebenbei, und nicht rein und
lediglich als Religion, sondern zugleich als das lösende Wort des Rätsels,
welches die Aufgabe seines Lebens ausmachte, an ihn gekommen.
    So verhielt es sich nicht mit Jesu. Er ist zuvörderst schlechtin nicht von
irgend einer speculativen Frage, welche durch die später und im Verlaufe der
Erforschung jener Frage ihm gekommene Religionserkenntniss nur gelöst worden
wäre, ausgegangen: denn - er erklärt durch sein Religionsprincip schlechtin
nichts in der Welt, und leitet nichts ab aus jenem Princip; sondern trägt ganz
allein und ganz rein nur dies vor, als das einzige des Wissens Würdige, liegen
lassend alles übrige, als nicht wert der Rede. Sein Glaube und seine
Ueberzeugung liess es über das Dasein der endlichen Dinge auch nicht einmal zur
Frage kommen. Kurz, sie sind eben gar nicht da für ihn, und allein in der
Vereinigung mit Gott ist Realität. Wie dieses Nichtsein denn doch den Schein des
Seins annehmen könne, von welcher Bedenklichkeit alle profane Speculation
ausgeht, wundert ihn nur nicht.
    Ebensowenig hatte er seine Erkenntnis durch Lehre von aussen und Tradition;
denn bei der wahrhaft erhabenen Aufrichtigkeit und Offenheit, die aus allen
seinen Äusserungen hervorleuchtet - hier setze ich freilich abermals bei meinem
Leser voraus, dass er durch seine eigne Verwandtschaft zu dieser Tugend, und
durch ein tieferes Studium der Lebensbeschreibung Jesu einen anschaulichen
Begriff von jener Aufrichtigkeit sich verschaffe - hätte er in diesem Falle das
gesagt, und seine Jünger nach seinen eigenen Quellen hingewiesen. - Daraus, dass
er selbst auf eine richtigere Religionskenntniss vor Abraham hindeutet, und
einer seiner Apostel bestimmt auf Melchisedek hinweiset, folgt nicht, dass Jesus
durch unmittelbare Tradition mit jenem Systeme zusammengehangen habe; sondern er
kann sehr füglich das ihm schon in ihm selber aufgegangene beim Studium Moses
nur wiedergefunden haben; indem auch aus einer Menge anderer Beispiele
hervorgeht, dass er die Schriften des alten Testaments unendlich tiefer
erfasste, als die Schriftgelehrten seiner Zeit und die Mehrzahl der unsrigen;
indem auch er ausging, wie es scheint, von dem hermeneutischen Princip, dass
Moses und die Propheten nicht nichts, sondern etwas hätten sagen wollen.
    Jesus hatte seine Erkenntnis weder durch eigne Speculation, noch durch
Mitteilung von aussen, heisst: er hatte sie eben schlechtin durch sein blosses
Dasein; sie war ihm erstes und absolutes, ohne irgend ein anderes Glied, mit
welchem sie zusammengehangen hätte; rein durch Inspiration, wie wir hinterher,
und im Gegensatze mit unserer Erkenntnis, uns darüber ausdrücken; er selbst
aber nicht einmal also sich ausdrücken konnte. - Und zwar, welche Erkenntnis
bette er auf diese Weise! Dass alles Sein nur in Gott gegründet sei: mitin, was
da unmittelbar folgt, dass auch sein eignes Sein mit dieser und in dieser
Erkenntnis in Gott gegründet sei, und unmittelbar aus ihm hervorgehe. Was da
unmittelbar folgt, sagte ich; denn für uns ist das letztere allerdings ein
Schluss vom Allgemeinen aufs Besondere, weil wir insgesammt erst unser vorher
vorhandenes persönliches Ich, als das hier vorkommende Besondere, an dem
Allgemeinen vernichten müssen: keinesweges aber eben also - was als die
Hauptsache ich zu bemerken bitte - bei Jesu. Da war kein zu vernichtendes
geistiges, forschendes oder lernendes Selbst; denn erst in jener Erkenntnis war
sein geistiges Selbst ihm aufgegangen. Sein Selbstbewusstsein war unmittelbar
die reine und absolute Vernunftwahrheit selber; seiend und gediegen, und blosses
Factum des Bewusstseins, keinesweges, wie bei uns andern allen, genetisch, aus
einem vorhergegangenen andern Zustande, und darum kein blosses Pactum des
Bewusstseins, sondern ein Schluss. In dem, was ich soeben bestimmt auszusprechen
mich bemühte, dürfte wohl der eigentliche persönliche Charakter Jesu Christi,
welcher, wie jede Individualität, nur einmal gesetzt sein kann in der Zeit, und
in derselben nie wiederholt werden, bestanden haben. Er war die zu einem
unmittelbaren Selbstbewusstsein gewordene absolute Vernunft, oder was dasselbe
bedeutet, Religion.
    3) In diesem absoluten Factum ruhte nun Jesus, und war in ihm aufgegangen;
er konnte nie es anders denken, wissen oder sagen, als dass er eben wisse, dass
es so sei, dass er es unmittelbar in Gott wisse, und dass er auch dies eben
wisse, dass er es in Gott wisse. Ebensowenig konnte er seinen Jüngern eine
andere Anweisung zur Seligkeit geben, ausser die, dass sie werden müssten wie
Er: denn dass seine Weise, da zu sein, beselige, wusste er an sich selber;
anders aber, ausser an sich selbst, und als seine Weise, da zu sein, kannte er
das beseligende Leben gar nicht, und konnte es darum auch nicht anders
bezeichnen. Er kannte es ja nicht im allgemeinen Begriffe, wie der speculirende
Philosoph es kennet und es zu bezeichnen vermag; denn er schöpfte nicht aus dem
Begriffe, sondern lediglich aus seinem Selbstbewusstsein. Er nahm es lediglich
historisch; und wer es so nimmt, wie wir soeben uns darüber erklärt haben, der
nimmt es, unsers Erachtens nach seinem Beispiele, auch nur historisch: es war zu
der und der Zeit im jüdischen Lande ein solcher Mensch; und damit gut. - Wer
aber nun noch ferner zu wissen begehrt, durch welche - entweder willkürliche
Veranstaltung Gottes, oder innere Notwendigkeit in Gott - ein solches
Individuum möglich und wirklich geworden, der überfliegt das Factum und begehrt
zu metaphysiciren das nur Historische.
    Für Jesus war eine solche Transscendenz schlechtin unmöglich; denn für
diesen Behuf hätte er sich in seiner Persönlichkeit von Gott unterscheiden, und
sich abgesondert hinstellen und sich über sich selber, als ein merkwürdiges
Phänomen, verwundern und sich die Aufgabe stellen müssen, das Rätsel der
Möglichkeit eines solchen Individuums zu lösen. Aber es ist ja der
allerhervorspringendste, immer auf dieselbe Weise wiederkommende Zug im
Charakter des Johanneischen Jesus, dass er von einer solchen Absonderung seiner
Person von seinem Vater gar nichts wissen will, und andern, welche sie zu machen
versuchen, sie ernstlich verweist; dass er immerfort annimmt, wer ihn sehe, sehe
den Vater, und wer ihn höre, höre den Vater, und das sei alles Eins; und dass er
ein Selbst an ihm, über dessen ungebührliche Erhebung der Misverstand ihm
Vorwürfe macht, unbedingt abläugnet und wegwirft. Ihm war nicht der Jesus Gott,
denn einen selbstständigen Jesus gab er nicht zu; wohl aber war Gott Jesus, und
erschien als Jesus. Von jener Selbstbeschauung aber und Verwunderung über sich
selber, war - ich will nicht sagen, ein Mann wie Jesus, in Beziehung auf welchen
wohl die blosse Lossprechung hievon eine Lästerung sein dürfte, - sondern der
ganze Realismus des Altertums sehr weit entfernt; und das Talent, immer nach
sich selber hinzusehen, wie es uns stehe, und sein Empfinden, und das Empfinden
seines Empfindens wieder zu empfinden, und aus langer Weile sich selber und
seine merkwürdige Persönlichkeit psychologisch zu erklären, war den Modernen
vorbehalten; aus weichen eben darum so lange nichts rechtes werden wird, bis sie
sich begnügen, eben einfach und schlechtweg zu leben, ohne wiederum in allerlei
Potenzirungen dieses Leben leben zu wollen; andern, die nichts besseres zu tun
haben, überlassend, dieses ihr Leben, wenn sie es der Mühe wert finden, zu
bewundern und begreiflich zu machen.
 
    