
        
                              Deutscher Idealismus
                   Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters
                       www.digitale-bibliotek.de/ebooks
 
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB002: Philosophie von Platon bis
Nietzsche mit der Software der Digitalen Bibliotek 5 erstellt und ist nur für
den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt. Bitte
beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten.
 
                             Johann Gottlieb Fichte
                   Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters
                                     Vorrede
    Die eigentliche Absicht und der letzte Zweck der folgenden Vorlesungen
spricht, wie ich glaube, sich selbst hinlänglich aus; und sollte sich doch
jemand finden, der eines deutlicheren Fingerzeiges bedürfte, so rate ich
diesem, die siebzehnte Vorlesung als eine Vorrede anzusehen. Ebenso muss die
Entschliessung zum Abdrucke und zur Mitteilung an ein grösseres Publicum selbst
für sich sprechen; und, falls sie dies nicht tut, ist alle andere Fürsprache
verloren. Ich habe darum bei der Herausgabe dieser Schrift dem Publicum nichts
weiter zu sagen, als dass ich ihm nichts zu sagen habe.
    Berlin, im März 1806.
                                                                         Fichte.
 
                                Erste Vorlesung
    [Der Zweck des Erdenlebens der Menschheit sei der, dass sie in demselben
    alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte; wodurch
    dieses Leben in fünf Hauptepochen zerfalle.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Wir heben hiermit an eine Reihe von Betrachtungen welche jedoch im Grunde
nur einen einzigen, durch sich selbst eine organische Einheit ausmachenden
Gedanken ausdrücken. Könnte ich diesen Einen Gedanken in derselben Klarheit, mit
der er mir beiwohnen musste, ehe ich an das Unternehmen ging, und mit welcher er
mich leiten muss bei jedem einzelnen Worte, das ich sagen werde, auch Ihnen
sogleich mitteilen: so würde von dem ersten Schritte au das vollkommenste Licht
sich verbreiten über den ganzen Weg, den wir miteinander zu machen haben. Aber
ich bin genötigt, diesen Einen Gedanken vor Ihren Augen erst allmählig aus
allen seinen Teilen aufzubauen, und aus allen seinen bedingenden Ingredientien
herauszuläutern: dies ist die notwendige Beschränkung, welche jedwede
Mitteilung drückt; und durch dieses ihr Grundgesetz allein wird zu einer Reihe
von Gedanken und Betrachtungen ausgedehnt und zerspalten, was an sich nur ein
einziger Gedanke gewesen wäre.
    Da dieses sich also verhält, so muss ich, zumal weil hier nicht alte
bekannte Sachen nur wiederholt, sondern neue Ansichten der Dinge gegeben werden
sollen, voraussetzen und darauf rechnen, dass es Sie nicht befremde, wenn im
Anfange nichts diejenige Klarheit hat, die es nach dem Grundgesetze aller
Mitteilung erst durch das nachfolgende erhalten kann: und ich muss Sie
ersuchen, die vollkommene Klarheit erst am Schlusse, und nachdem die Uebersicht
des Ganzen möglich geworden, zu erwarten. Dass jedoch jedweder Gedanke an seine
Stelle zu stehen komme, und diejenige Klarheit erhalte, die er an dieser ihm
gebührenden Stelle erhalten kann, - es versteht sich für diejenigen, die der
deutschen Büchersprache mächtig, und fähig sind einen zusammenhängenden Vortrage
zu folgen, - ist die Pflicht eines jeden, der es unternimmt etwas vorzutragen;
und ich werde mit ernster Mühe mich bestreben, diese Pflicht zu erfüllen.
    Lassen Sie uns jetzt, E. V., nach dieser ersten und einzigen Vorerinnerung,
ohne weiteren, Aufentalt an unser Geschäft gehen.
    Ein philosophisches Gemälde des gegenwärtigen Zeitalters ist es, was diese
Vorträge versprechen. Philosophisch aber kann nur diejenige Ansicht genannt
werden, welche ein vorliegendes Mannigfaltiges der Erfahrung auf die Einheit des
Einen gemeinschaftlichen Princips zurückführt und wiederum aus dieser Einheit
jedes Mannigfaltige erschöpfend erklärt und ableitet. - Der blosse Empiriker,
falls er an eine Beschreibung des Zeitalters ginge, würde manche auffallende
Phänomene desselben, so wie sie sich ihm in der zufälligen Beobachtung darböten,
auffassen und herzählen, ohne je sicher sein zu können, dass er sie alle erfasst
hätte, und ohne je einen andern Zusammenhang derselben angeben zu können, als
den, dass sie nun eben in Einer und derselben Zeit beisammen seien. Der
Philosoph, der sich die Aufgabe einer solchen Beschreibung setzte, würde
unabhängig von aller Erfahrung einen Begriff des Zeitalters, der als Begriff in
gar keiner Erfahrung vorkommen kann, aufsuchen, und die Weisen, wie dieser
Begriff in der Erfahrung eintritt, als die notwendigen Phänomene dieses
Zeitalters darlegen; und er würde in dieser Darlegung die Phänomene begreiflich
erschöpft, und sie in der Notwendigkeit ihres Zusammenhanges untereinander
vermittelst ihres gemeinsamen Grundbegriffs abgeleitet haben. Jener wäre der
Chronikenmacher des Zeitalters, dieser erst hätte einen Historiographen
desselben möglich gemacht.
    Zuvörderst: hat der Philosoph die in der Erfahrung möglichen Phänomene aus
der Einheit seines vorausgesetzten Begriffs abzuleiten, so ist klar, dass er zu
seinem Geschäfte durchaus keiner Erfahrung bedürfe, und dass er bloss als
Philosoph, und innerhalb seiner Grenzen streng sich haltend, ohne Rücksicht auf
irgend eine Erfahrung und schlechtin a priori, wie sie dies mit dem
Kunstausdrucke benennen, sein Geschäft treibe, und, in Beziehung auf unseren
Gegenstand, die gesammte Zeit und alle möglichen Epochen derselben a priori
müsse beschreiben können. Ganz eine andere Frage aber ist es, ob nun
insbesondere die Gegenwart durch diejenigen Phänomene, welche aus dem
aufgestellten Grundbegriffe fliessen, charakterisirt werde, und ob somit das vom
Redner geschilderte Zeitalter das gegenwärtige sei, falls er auch dieses
behaupten sollte, wie wir z.B. das behaupten werden. Hierüber hat ein jeder bei
sich selber die Erfahrungen seines Lebens zu befragen, und sie mit der
Geschichte der Vergangenheit, sowie mit seinen Ahnungen von der Zukunft zu
vergleichen: indem an dieser Stelle das Geschäft des Philosophen zu Ende ist,
und das des Welt- und Menschenbeobachters seinen Anfang nimmt. Wir unseres Ortes
gedenken hier nichts weiter zu sein, denn Philosophen, und haben uns zu nichts
anderem verbunden: die letztere Beurteilung wird daher, sobald wir zur Stelle
sein werden, ganz Ihnen anheimfallen. Jetzt bleiben wir bei unserem Vorhaben,
unsere Grundaufgabe erst recht festzusetzen und zu bestimmen.
    Sodann: jede einzelne Epoche der gesammten Zeit, deren wir soeben erwähnen,
ist Grundbegriff eines besonderen Zeitalter. Diese Epochen aber und
Grundbegriffe der verschiedenen Zeitalter können nur neben-und durcheinander,
vermittelst ihres Zusammenhanges zu der gesammten Zeit, gründlich verstanden
werden. Es ist daher klar, dass der Philosoph, um auch nur ein einziges
Zeitalter, und, falls er will, das seinige, richtig zu charakterisiren, die
gesammte Zeit und alle ihre möglichen Epochen schlechtin a priori verstanden
und innigst durchdrungen haben müsse.
    Dieses Verstehen der gesammten Zeit setzt, so wie alles philosophische
Verstehen, wiederum einen Einheitsbegriff dieser Zeit voraus, einen Begriff
einer vorher bestimmten, obschon allmählig sich entwickelnden Erfüllung dieser
Zeit, in welcher jedes folgende Glied bedingt sei durch sein vorhergehendes;
oder, um dies kürzer und auf die gewöhnliche Weise auszudrücken: es setzt voraus
einen Weltplan, der in seiner Einheit sich klär]ich begreifen, und aus welchem
die Hauptepochen des menschlichen Erdenlebens sich vollständig ableiten, und in
ihrem Ursprunge sowie in ihrem Zusammenhange untereinander sich deutlich
einsehen lassen. Der erstere, jener Weltplan, ist der Einheitsbegriff des
gesammten menschlichen Erdenlebens; die letzteren, die Hauptepochen dieses
Lebens, sind die eben erwähnten Einheitsbegriffe jedes besonderen Zeitalters,
aus denen wiederum desselben Phänomene abzuleiten sind.
    Wir haben folgendes: zuvörderst einen Einheitsbegriff des gesammten Lebens,
der sich spaltet in verschiedene Epochen, die nur neben- und durcheinander
begreiflich sind; sodann, jede dieser besonderen Epochen ist wiederum
Einheitsbegriff eines besonderen Zeitalters, und erscheint in mannigfaltigen
Phänomenen.
    Erdenleben der Menschheit gilt uns hier für das gesammte Eine Leben, und die
irdische Zeit für die gesammte Zeit; dies ist die Grenze, in welche die
beabsichtigte Popularität unseres Vortrages uns einschränkt; indem von dem
Ueberirdischen und Ewigen sich nicht gründlich reden lässt, und zugleich
populär. Hier, sage ich, in diesen Vorträgen, gilt sie uns dafür; denn an sich
und für den höheren Aufschwung der Speculation ist das menschliche Erdenleben
und die irdische Zeit selbst nur eine notwendige Epoche der Einen Zeit und des
Einen ewigen Lebens; und dieses Erdenleben, sammt seinen Nebengliedern, lässt
sich aus dem schon hienieden vollkommen möglichen Einheitsbegriffe des ewigen
Lebens ableiten. Bloss unsere dermalen freiwillige Beschränkung verbietet uns,
diese streng erweisende Ableitung zu unternehmen, und verstattet uns nur den
Einheitsbegriff des Erdenlebens deutlich anzugeben, mit der Anmutung au jeden
Zuhörer, diesen Begriff an seinem eigenen Wahrheitsgefühle zu erproben, und ihn
richtig zu finden, falls er es vermag. Erdenleben der Menschheit, haben wir
gesagt, und Epochen dieses Erdenlebens der Menschheit. Wir reden hier nur vom
Fortschreiten des Lebens der Gattung, keinesweges von dem der Individuen, -
welches letztere durch alle diese Vorträge hindurch an seinen Ort gestellt
bleibt, - und ich ersuche, dass Sie diesen Gesichtspunct sich nie verschwinden
lassen.
    Der Begriff eines Weltplans also wird unserer Untersuchung vorausgesetzt,
den ich, aus dem angegebenen Grunde, hier keinesweges abzuleiten, sondern nur
anzuzeigen habe. Ich sage daher, - und lege damit den Grundstein des
aufzuführenden Gebäudes - ich sage: der Zweck des Erdenlebens der Menschheit ist
der, dass sie in demselben alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft
einrichte.
    Mit Freiheit, habe ich gesagt, ihre eigene, der Menschheit Freiheit, diese
Menschheit als Gattung genommen; und diese Freiheit ist die erste
Nebenbestimmung, unseres aufgestellten Hauptbegriffs aus der ich zu folgern
gedenke, indes ich die übrigen Nebenbestimmungen, welche wohl ebenfalls einer
Erklärung bedürfen möchten, den folgenden Vorträgen überlasse. Diese Freiheit
soll in dem Gesammtbewusstsein der Gattung erscheinen! und eintreten als ihre
eigene Freiheit, als wabre wirkliche Tat und als Erzeugniss der Gattung in
ihrem Leben, und hervorgehend aus ihrem Leben; dass sonach die Gattung, als
überhaupt existirend, dieser ihr zuzuschreibenden Tat vorausgesetzt werden
müsste. (Soll eine genannte Person etwas getan haben, so wird vorausgesetzt,
dass sie vor der Tat um den Entschluss zu fassen, und während der Tat, um ihn
auszuführen, existirt habe; und jederman dürfte wohl den Beweis der
Nichtexistenz derselben zu der Zeit, zugleich für den Beweis des
Nichtgetanhabens zu derselben Zeit, gelten lassen. Gleichermassen - soll die
Menschheit, als Gattung, etwas getan haben und erscheinen, als es getanhabend,
so muss dieser Tat notwendig die Existenz der Gattung in einer Zeit, da sie es
noch nicht getan hatte, vorausgesetzt werden.)
    Durch diese Bemerkung zerfällt zuvörderst, nach dem aufgestellten
Grundbegriffe, das Erdenleben des Menschengeschlechts in zwei Hauptepochen und
Zeitalter: die eine, da die Gattung lebt und ist, ohne noch mit Freiheit ihre
Verhältnisse nach der Vernunft eingerichtet zu haben; und die andere, da sie
diese vernunftmässige Einrichtung mit Freiheit zu Stande bringt.
    Um unsere weitere Folgerung von der ersten Epoche anzuheben - daraus, dass
die Gattung noch nicht mit freier Tat ihre Verhältnisse nach der Vernunft
eingerichtet, folgt nicht, dass diese Verhältnisse überhaupt sich nicht nach ihr
richten; und es soll darum durch das erstere keineswegs das letztere zugleich
mitgesagt sein. Es wäre ja möglich, dass die Vernunft durch sich selber und ihre
eigene Kraft, ohne alles Zutun der menschlichen Freiheit, die Verhältnisse der
Menschheit bestimme und ordnete. Und so verhält es sich denn wirklich. Die
Vernunft ist das Grundgesetz des Lebens einer Menschheit, so wie alles,
geistigen Lebens; und auf diese, und keine andere Weise soll in diesen Vorträgen
das Wort Vernunft genommen werden. Ohne die Wirksamkeit dieses Gesetzes kann ein
Menschengeschlecht gar nicht zum Dasein kommen, oder, wenn es dazu kommen
könnte, es kann ohne diese Wirksamkeit keinen Augenblick im Dasein bestehen.
Demnach, wo, wie in der ersten Epoche, die Vernunft noch nicht vermittelst der
Freiheil wirksam sein kann, ist sie als Naturgesetz und Naturkraft wirksam; doch
also, dass sie im Bewusstsein, nur ohne Einsicht der Gründe, somit in dem
dunklen Gefühle (denn also nennen wir das Bewusstsein ohne Hinsicht der Gründe)
eintrete und sich wirksam erzeige.
    Kurz und auf die gewöhnliche Weise dieses ausgedrückt: der Vernunft wirkt
als dunkler Instinct, wo sie nicht durch die Freiheit wirken kann. So wirkt sie
in der ersten Hauptepoche des Erdenlebens der menschlichen Gattung; und
hierdurch wäre denn diese erste Epoche näher charakterisirt und genauer
bestimmt.
    Durch diese genauere Bestimmung der ersten Epoche ist, vermittelst des
Gegensatzes, zugleich auch die zweite Hauptepoche des Erdenlebens näher
bestimmt. Der Instinct ist blind, ein Bewusstsein ohne Einsicht der Gründe. Die
Freiheit, als der Gegensatz des Instinctes, ist daher sehend und sich deutlich
bewusst der Gründe ihres Verfahrens. Aber der Gesamtgrund dieses Verfahrens der
Freiheit ist die Vernunft; der Vernunft sonach ist sie sich bewusst, deren der
Instinct sich nicht bewusst war. Demnach tritt zwischen beides, die
Vernunfterrschaft durch den blossen Instinct, und die Herrschaft derselben
Vernunft durch die Freiheit, noch ein uns bis jetzt neues Mittelglied ein: das
Bewusstsein oder die Wissenschaft der Vernunft.
    Aber weiter: der Instinct, als blinder Trieb, schliesst die Wissenschaft
aus; darum setzt die Erzeugung der Wissenschaft die Befreiung von des Instincts
dringendem Einflusse als schon geschehen voraus, und es tritt zwischen die
Herrschaft des Vernunftinstincts und die Vernunftwissenschaft abermals ein
drittes Glied in die Mitte: die Befreiung vom Vernunftinstincte.
    Aber wie könnte doch die Menschheit von dem Gesetze ihres Lebens, welches
mit geliebter und verborgener Gewalt sie beherrscht, vom Vernunftinstincte sich
befreien auch nur wollen; oder wie könnte im menschlichen Leben die Eine
Vernunft, welche im Instincte spricht, und die im Triebe, sich von ihm zu
befreien gleichfalls tätig ist, mit sich selber in Streit und Zwiespalt
geraten? Offenbar nicht unmittelbar; es müsste daher abermals ein neues
Mittelglied eintreten zwischen die Herrschaft des Vernunftinstincts und den
Trieb, sich von ihm zu befreien. Dieses Mittelglied ergibt sich also: die
Resultate des Vernunftinstincts werden von den kräftigeren Individuen der
Gattung, in denen eben darum dieser Instinct sich am lautesten und
ausgedehntesten ausspricht, aus der so natürlichen, als voreilenden Begierde,
die ganze Gattung zu sich zu erheben, oder vielmehr sich selber als Gattung
aufzustellen, zu einer äusserlich gebietenden Autorität gemacht, und mit
Zwangsmitteln aufrecht erhalten; und nun erwacht bei den übrigen die Vernunft
zuvörderst in ihrer Form als Trieb der persönlichen Freiheit, welcher nie gegen
den sanften Zwang des eigenen Instincts, den er liebt, wohl aber gegen das
Aufdringen eines fremden Instincts, der in sein Recht eingreift, sich auflehnt;
und zerbricht bei diesem Erwachen die Fessel, nicht des Vernunftinstincts an
sich, sondern des zu einer äusseren Zwangsanstalt verarbeiteten
Vernunftinstincts fremder Individuen. Und so ist die Verwandlung des
individuellen Vernunftinstincts in eine zwingende Autorität das Mittelglied,
welches zwischen die Herrschaft des Vernunftinstincts und die Befreiung von
dieser Herrschaft in die Mitte tritt.
    Und um endlich diese Aufzählung der notwendigen Glieder und Epochen des
Erdenlebens unserer Gattung zu vollenden: - durch die Befreiung vom
Vernunftinstincte wird die Wissenschaft der Vernunft möglich, haben wir oben
gesagt. Nach den Regeln dieser Wissenschaft sollen nun durch die freie Tat der
Gattung alle ihre Verhältnisse eingerichtet werden. Aber es ist klar, dass zur
Ausführung dieser Aufgabe die Kenntnis der Regel, welche allein doch nur durch
die Wissenschaft gegeben werden kann, nicht hinreiche, sondern dass es dazu noch
einer eigenen Wissenschaft des Handelns, die nur durch Uebung zur Fertigkeit
sich bildet, mit Einem Worte, dass es dazu noch der Kunst bedürfe. Diese Kunst,
die gesammten Verhältnisse der Menschheit nach der vorher wissenschaftlich
aufgefassten Vernunft einzurichten (denn in diesem höheren Sinne werden wir uns
hier immer des Wortes Kunst, wenn wir es ohne Beisatz aussprechen, bedienen), -
diese Kunst wäre nun vollständig auf alle Verhältnisse der Menschheit anzuwenden
und durchzuführen, so lange bis die Gattung als ein vollendeter Abdruck ihres
ewigen Urbildes in der Vernunft dastände und sodann wäre der Zweck des
Erdenlebens erreicht, das Ende desselben erschienen, und die Menschheit beträte
die höheren Sphären der Ewigkeit.
    Wir haben soeben, E. V., das gesammte Erdenleben durch seinen Endzweck
begriffen, - eingesehen, warum unser Geschlecht überhaupt in dieser Sphäre sein
Dasein beginnen sollte, und so das gesammte dermalige Leben der Gattung
beschrieben; und dieses eben wollten wir, und es war unsere nächste Aufgabe. Es
gibt, zufolge dieser Auseinandersetzung, fünf Grundepochen des Erdenlebens;
deren jede, da sie doch immer von Individuen ausgehen, aber, um Epoche im Leben
der Gattung zu sein, allmählig alle er greifen und durchdringen muss, eine
geraume Zeit dauern, und so das Ganze zu sich scheinbar durchkreuzenden und zum
Teil nebeneinander fortlaufenden Zeitaltern ausdehnen wird. 1) Die Epoche der
unbedingten Herrschaft der Vernunft durch den Instinct: der Stand der Unschuld
des Menschengeschlechts. 2) Die Epoche, da der Vernunftinstinct in eine
äusserlich zwingende Autorität verwandelt ist: das Zeitalter positiver Lehr- und
Lebenssysteme, die nirgends zurückgehen bis auf die letzten Gründe, und deswegen
nicht zu überzeugen vermögen, dagegen aber zu zwingen begehren, und blinden
Glauben und unbedingten Gehorsam fordern: der Stand der anhebenden Sünde. 3) Die
Epoche der Befreiung, unmittelbar von der gebietenden Autorität, mittelbar von
der Botmässigkeit des Vernunftinstincts und der Vernunft überhaupt in jeglicher
Gestalt: das Zeitalter der absoluten Gleichgültigkeit gegen alle Wahrheit, und
der völligen Ungebundenheit ohne einigen Leitfaden: der Stand der vollendeten
Sündhaftigkeit. 4) Die Epoche der Vernunftwissenschaft: das Zeitalter, wo die
Wahrheit als das Höchste anerkannt, und am höchsten geliebt wird: der Stand der
anhebende Rechtfertigung. 5) Die Epoche der Vernunftkunst: das Zeitalter, da die
Menschheit mit sicherer und unfehlbarer Hand sich selber zum getroffenen
Abdrucke der Vernunft aufbauet: der Stand der vollendeten Rechtfertigung und
Heiligung. - Der gesammte Weg aber, den zufolge dieser Aufzählung die Menschheit
hienieden macht, ist nichts anderes, als ein Zurückgehen zu dem Puncte, auf
welchem sie gleich anfangs stand, und beabsichtigt nichts, als die Rückkehr zu
seinem Ursprunge. Nur soll die Menschheit diesen Weg auf ihren eigenen Füssen
gehen; mit eigener Kraft soll sie sich wieder zu dem machen, was sie ohne alles
ihr Zutun gewesen; und darum musste sie aufhören es zu sein. Könnte sie nicht
selber sich machen zu sich selber, so wäre sie eben kein lebendiges Leben; und
es wäre sodann überhaupt kein Leben wirklich geworden, sondern alles in todtem,
unbeweglichem und starrem Sein verharret. - Im Paradiese, - dass ich eines
bekannten Bildes mich bediene - im Paradiese des Rechttuns und Rechtseins ohne
Wissen, Mühe und Kunst, erwacht die Menschheit zum Leben. Kaum hat sie Mut
gewonnen, eigenes Leben zu wagen, so kommt der Engel mit dem feurigen Schwerte
des Zwanges zum Rechtsein, und treibt sie aus dem Sitze ihrer Unschuld und ihres
Friedens. Unstät und flüchtig durchirrt sie nun die leere Wüste, kaum sich
getrauend, den Fuss irgendwo festzusetzen, in Angst, dass jeder Boden unter
ihrem Fusstritte versinke. Kühner geworden durch die Not, baut sie sich endlich
dürftig an, und reutet im Schweisse ihres Angesichts die Dornen und Disteln der
Verwilderung aus dem Boden, um die geliebte Frucht des Erkenntnisses zu
erziehen. Vom Genusse derselben werden ihr die Augen aufgetan und die Hände
stark, und sie erbauet sich selber ihr Paradies nach dem Vorbilde des
verlorenen; der Baum des Lebens erwächst ihr, sie streckt aus ihre Hand nach der
Frucht und isst, und lebet in Ewigkeit.
    Dies, E. V., ist die für unseren Zweck hinreichende Schilderung des
Erdenlebens im Ganzen, und in allen seinen einzelnen Epochen. - So gewiss das
uns gegenwärtige Zeitalter ein Teil des Erdenlebens ist, was wohl keiner
bezweifeln wird; so gewiss ferner keine anderen Teile dieses Lebens möglich
sind, als die angegebenen fünf, wie ich dieses erwiesen habe: so gewiss steht
unser Zeitalter in einem der angegebenen Puncte. In welchem nun unter den
fünfen, wird meine Sache sein, nach meiner Weltkenntnis und Weltbeobachtung
anzuzeigen, und die notwendigen Phänomene des aufgestellten Princips zu
entwickeln; und die Ihrige, sich zu erinnern, und um sich zu blicken, ob Ihnen
nicht diese Phänomene ihr ganzes Leben hindurch innerlich Und äusserlich
aufgestossen sind und noch aufstossen; und dieses ist das Geschäft unserer
künftigen Vorträge.
    Das gegenwärtige Zeitalter im Ganzen meine ich; denn da oben bemerkt worden,
dass gar füglich ihrem geistigen Princip nach verschiedene Zeitalter in eine und
derselben chronologischen Zeit in mehreren Individuen sich durchkreuzen und
nebeneinander fortfliessen können: so lässt sich erwarten, dass dasselbe auch in
unserem Zeitalter der Fall sein möge, dass daher unsere, das apriorische Princip
auf die Gegenwart anwendende Welt- und Menschenbeobachtung nicht gerade alle
dermalen lebende Individuen, sondern nur diejenigen betreffen möge, die da
wirklich Producte ihrer Zeit sind, und in denen diese Zeit sich am klarsten
ausspricht. Es kann einer hinter seinem Zeitalter zurück sein, weil er während
seiner Bildung nie mit einer sattsamen Masse der allgemeinen Individualität in
Berührung gekommen, der enge Cirkel aber, in welchem er sich gebildet, noch ein
Ueberrest der alten Zeit ist. Es kann ein anderer seinem Zeitalter vorgeeilt
sein, und in seiner Brust schon den Anfang, der neuen Zeit tragen, indes rund
um ihn her die für ihn alle, in der Wahrheit aber wirkliche, dermalige und
gegenwärtige herrscht. Die Wissenschaft endlich setzt über alle Zeit und alle
Zeitalter hinweg, indem sie die Eine, sich selber gleiche Zeit als den höheren
Grund aller Zeitalter erfasst, und ihrer freien Betrachtung unterwirft. Von
allen dreien ist, in der Schilderung irgend einer gegenwärtigen Zeit, nicht die
Rede.
    Es ist nunmehr die Aufgabe unserer gesammten Vorträge, in diesem Winter und
in diesen Stunden, genau bestimmt, und, wie es mir scheint, klar ausgedrückt und
angekündigt; und dies war der Zweck unserer heutigen Rede. Bloss über die
äussere Form dieser Vorträge erlauben Sie mir noch einige Worte.
    Wie auch immer unser Urteil über das Zeitalter ausfallen möge, und in
welche Epoche wir auch dasselbe zu stellen uns gedrungen fühlen möchten, so
erwarten Sie doch hier weder den Ton der Klage, noch den der Satire, zumal der
persönliche. Nicht den der Klage: das ist eben die süsseste Belohnung der
philosophischen Betrachtung, dass, da sie alles in seinem Zusammenhange ansieht,
und nichts vereinzelt erblickt, sie alles notwendig, und darum gut findet, und
das, was da ist, sich gefallen lässt, so wie es ist, weil es, um des höheren
Zweckes willen, sein soll. Auch ist es unmännlich, mit Klagen über das
vorhandene Uebel eine Zeit zu verlieren, die man weiser anwendete, um, so viel
in unseren Kräften steht, das Gute und Schöne zu schaffen. Nicht den der Satire:
ein Gebrechen, das die ganze Gattung trifft, ist kein Gegenstand des Spottes
eines Individuums, das zu dieser Gattung gehört, und welches, wie es sich auch
stellen möge, doch einmal auch durch dieses Gebrechen hindurch gemusst hat.
Individuen aber verschwinden nun vollends vor dem Blicke des Philosophen, und
fallen ihm alle zusammen in die Eine grosse Gemeine. Seine Charakteristik fasst
jedes Ding in einer Schärfe und Consequenz auf, zu der es das ewige Schwanken in
der Wirklichkeit nie kommen lässt; sie trifft darum keine Person, und nie
herabfallend bis zum Porträt; bleibt sie in der Sphäre des idealisirten
Gemäldes. Ueber den Nutzen von Betrachtungen dieser Art wird es schicklicher
sein, Sie selber, besonders sodann, wenn Sie einen beträchtlichen Teil davon
schon hinter sich haben werden, urteilen zu lassen, als Ihnen im voraus vieles
darüber zu preisen. Niemand ist entfernter, als der Philosoph, von dem Wahne,
dass durch seine Bestrebungen das Zeitalter sehr merklich fortrücken werde.
Jeder, dem es Gott verlieh, soll freilich alle seine Kräfte für diesen Zweck
anstrengen, sei es auch nur um sein selbst willen, und damit er im Zeitenflusse
denjenigen Platz behaupte, der ihm angewiesen ist. Uebrigens geht die Zeit ihren
festen, ihr von Ewigkeit her bestimmten Tritt, und es lässt in ihr durch
einzelne Kraft sich nichts übereilen, oder erzwingen. Nur die Vereinigung,
aller, und besonders der inwohnende ewige Geist der Zeiten und der Welten vermag
zu fördern.
    Was meine gegenwärtigen Bestrebungen betrifft, so wird es mir ein
schmeichelhafter Lohn sein, wenn ein gebildetes und verständiges Publicum sich
während einiger Stunden dieses halben Jahres auf eine anständige und seiner
würdige Weise unterhalten, und so lange in eine über die Geschäfte so wie
Erholungen des gewöhnlichen Lebens erhebende, freiere und reinere Stimmung, und
in einen geistigeren Aeter sich hineinversetzt finden sollte. Durfte es sich
zumal zutragen, dass in irgend ein junges kräftiges Gemüt ein Funken fiele zu
fortdauerndem Leben, der aus meinen vielleicht schwachen Gedanken bessere und
vollkommenere entwickelte, und die rüstige Entschliessung, sie zu realisiren,
anzündete: so würde mein Lohn vollkommen sein.
    In diesem Geiste, E. V., habe ich es über mich vermocht, Sie auf Vorträge,
wie der gegenwärtige, einzuladen; in diesem Geiste beurlaube ich mich jetzt von
Ihnen, um es Ihrer eigenen Ueberlegung zu überlassen, ob Sie noch ferner
gemeinschaftlich mit mir zu denken begehren.
 
                                Zweite Vorlesung
    [In welche dieser Epochen die gegenwärtige Zeit fallen möge? Grundmaxime
    eines solchen Zeitalters. Der angeborne Verstand desselben, der ihm als
    Kriterium aller Realität dienet. Allgemeine Schilderung seines daraus
    erfolgenden Welt- und Glaubenssystems. Seine Erhebung der Erfahrung zum
    Höchsten, sein wissenschaftlicher Skepticismus, seine artistischen,
    politischen, moralischen und religiösen Grundsätze.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Zuvörderst einen gutmütigen Rückblick auf die vorige Stunde, der da
wünscht, mit so gutem Herzen aufgenommen zu werden, als er aus gutem Herzen
kommt. - Man will bemerkt haben, dass mehrere Mitglieder dieser Versammlung dem
grössten Teile desjenigen, was ich im Anfange des vorigen Vortrages gesagt,
nicht ganz haben folgen können. Inwiefern dies noch einen anderen Grund haben
sollte, als allein die Unbekanntschaft mit der Sprache, der Stimme, der Manier
des Vortragenden, und die Neuheit der ganzen Situation, welches alles durch
einige Minuten des Gewöhnens erst überwunden werden musste: so erlauben Sie mir
zur Beruhigung und zum Troste, wenn der Fall auch in der Zukunft wieder
vorkommen sollte, folgendes hinzuzufügen. - Gerade dasjenige, was diese
Mitglieder, jenen Nachrichten zufolge, nicht ganz gefasst, haben sollen, gehörte
weniger zur Sache, als es durch die Regeln der Kunst, die wir hier treiben, die
Kunst des Philosophirens, gefordert wurde. Es diente uns, um einen Eingang und
Anfang zu finden in dem Umkreise des übrigen gesammten Wissens, aus welchem wir
unsern Gegenstand herausheben; und um den Ort der Trennung aus diesem System des
Wissens genau zu bestimmen: es gehörte zu der Rechenschaft, welche wir Kennern
und Meistern über unser Verfahren schuldig waren. Jede andere Kunst, als die
Dichtkunst, Musik, Malerei, wird geübt, ohne dass die Ausübung zugleich die
Regeln angebe, nach welcher sie verfährt; nur die sich selbst schlechtin
durchsichtige Kunst des Philosophirens darf keinen Schritt tun, ohne zugleich
die Gründe anzugeben, warum sie also einherschreitet; und in ihr geht die
Teorie und die Ausübung Hand in Hand. So musste ich letztin verfahren, und so
werde ich bei ähnlichen Gelegenheiten wiederum verfahren müssen. So aber jemand
ohne weiteren Beweis voraussetzen will, dass ich wohl richtig und nach den
Regeln meiner Kunst verfahren werde, und so jemand das, was ich als Grundstein
des Gebäudes hingestellt, ruhig und unbefangen an seinem eigenen
Wahrheitsgefühle erproben will: so entgeht einem solchen durch den Verlust jener
zur Rechenschaft gehörigen Teile nichts Wesentliches; und es würde für seinen
Zweck vollkommen hinreichend sein, wenn er aus dem vorigen Vortrage folgendes
wohl verstanden und es wahr gefunden, und es im Gedächtnisse behalten hätte, um
das künftige daran zu knüpfen.
    Wenn er wohl verstanden, und wahr gefunden und im Gedächtnisse behalten
hätte folgendes: Das Leben der menschlichen Gattung hängt nicht ab vom blinden
Ohngefähr, noch ist es, wie die Oberflächlichkeit gar oft sich vernehmen lässt,
sich selbst allentalben gleich, so dass es immer gewesen wäre, so wie es jetzt
ist, und immer so bleiben werde: sondern es geht einher und rückt vorwärts nach
einem festen Plane, der notwendig erreicht werden muss, und darum sicher
erreicht wird. Dieser Plan ist der: dass die Gattung in diesem Leben mit
Freiheit sich zum reinen Abdruck der Vernunft ausbilde. Ihr gesammtes Leben
zerteilt sich, - gesetzt, dass man auch die strenge Ableitung dieser
Zerteilung nicht scharf gefasst oder vergessen hätte, - es zerteilt sich in
fünf Hauptepochen: diejenige, da die Vernunft als blinder Instinct herrscht;
diejenige, da dieser Instinct in eine äusserlich gebietende Autorität verwandelt
wird diejenige, da die Herrschaft dieser Autorität, und mit ihr der Vernunft
selber zerstört wird; diejenige, da die Vernunft und ihre Gesetze mit klarem
Bewusstsein begriffen werden; endlich diejenige, da durch fertige Kunst alle
Verhältnisse der Gattung nach jenen Gesetzen der Vernunft gerichtet und geordnet
werden; und um diese Stufenfolge auch durch ein sinnliches Mittel recht fest an
Ihr Gedächtnis zu knüpfen, bedienten wir uns des allbekannten Bildes vom
Paradiese. Ferner, auch wenn man noch folgendes wüsste: in irgend eine dieser
fünf Epochen muss unser gegenwärtiges Zeitalter, welchem eigentlich die ganze
angestellte Betrachtung gilt, fallen; der Grundbegriff dieser Epoche nun muss
vorzüglich vor dem der übrigen vier, die wir, ausser inwiefern wir ihrer zur
Erklärung der gewählten bedürfen, fallen lassen, herausgehoben, und aus ihm die
Phänomene des Zeitalters, als seine notwendigen Folgen, entwickelt werden, und
an dieser Stelle muss der zweite Vortrag anheben.
    Und so hebe er denn an, und zwar mit der Erklärung auf welchem Standpuncte
des gesammten Erdenlebens der Gattung, nach meinem Erachten, das uns
gegenwärtige Zeitalter stehe. - Ich für meine Person halte dafür, dass die
gegenwärtige Zeit gerade in dem Mittelpuncte der gesammten Zeit stehe; und falls
man die beiden ersten Epochen unserer früheren Aufzählung, in denen die Vernunft
zuerst unmittelbar durch den Instinct, sodann mittelbar als Instinct durch die
Autorität herrscht, als die Eine Epoche der blinden Vernunfterrschaft, und
ebenso die beiden letzter. derselben Aufzählung, in denen die Vernunft zuerst
ins Wissen, und sodann vermittelst der Kunst in das Leben eintritt, gleichfalls
als die Eine Epoche der sehenden Vernunfterrschaft charakterisiren wollte: - so
vereinigt die gegenwärtige Zeit die Enden zweier in ihrem Princip durchaus
verschiedener Wellen: der Welt der Dunkelheit und der der Klarheit, der Welt des
Zwanges und der der Freiheit, ohne doch einer von beiden zuzugehören. Oder auch,
die gegenwärtige Zeit steht meines Erachtens in der Epoche, welche nach meiner
früheren Aufzählung die drille war, und die ich mit folgenden Worten
charakterisirt habe: die Epoche der Befreiung, unmittelbar von der gebietenden
äusseren Autorität, mittelbar von der Botmässigkeit des Vernunftinstincts und
der Vernunft überhaupt in jeglicher Gestalt: das Zeitalter der absoluten
Gleichgültigkeit gegen alle Wahrheit, und der völligen Ungebundenheit ohne
einigen Leitfaden: der Stand der vollendeten Sündhaftigkeit. - Unsere Zeit steht
meines Erachtens in dieser Epoche; es versteht sich mit den Einschränkungen die
ich auch schon oben beigefügt, dass ich dadurch nicht alle dermalen lebende
Individuen, sondern nur diejenigen zu treffen begehre, welche Producte der Zeit
sind, und in denen ihr Zeitalter sich rein und klar ausspricht.
    Dies sei denn nun gesagt, und gesagt mit diesem Einenmale für immer. Einmal
sagen musste ich es, denn dieses mein erklärtes Erachten ist der einige Grund,
warum ich für meine Entwickelung gerade dasjenige Princip erfasse, welches ich
erfassen werde, liegen lassend die übrigen vier, da ich ausserdem entweder alle
fünf, oder doch wenigstens irgend ein anderes, als das gewählte, entwickeln
müsste. Auch konnte ich es nur sagen, keinesweges beweisen. Dieser Beweis liegt
ausserhalb des Gebiets des Philosophen, und fällt anheim dem Welt- und
Menschenkenner; und dieser begehre ich an dieser Stelle nicht zu sein. Gesagt
habe ich es mit diesem Einenmale für immer; ich gehe von nun an ruhig und
unbefangen, wie es dem Philosophen gebührt, an das als notwendiges Grundprincip
irgend eines Zeitalters schon oben aus dem Begriffe des irdischen Lebens
überhaupt abgeleitete, keinesweges aber von uns erdichtete höhere Princip, und
folgere aus demselben auf die Gestalt und die Phänomene eines Lebens aus diesem
Princip, was da folgen mag. Ob nun das Ihren Augen gegenwärtige wirkliche Leben
also aussieht, wie dasjenige, welches mir a priori, und geleitet lediglich durch
die Regeln des Schlusses, aus dem Princip erfolgt, diese Beurteilung fällt, wie
schon erinnert, Ihnen anheim, und Sie urteilen auf Ihre eigene Verantwortung;
und was sie darüber auch sagen mögen, oder nicht sagen mögen, so will ich
wenigstens keinen Teil daran haben. Habe ich es nach Ihrem Urteile getroffen,
so ist das recht und gut; habe ichs nichts getroffen, so haben wir doch
wenigstens philosophirt, und wenn auch nicht über das gegenwärtige, denn doch
immer über eins der möglichen und notwendigen Zeitalter philosophirt, und so
unsere Mühe nicht ganz verloren.
    Das gegenwärtige Zeitalter, habe ich gesagt, schlechtweg, und ohne weitere
Bestimmung; und es ist vorläufig ganz hinlänglich, wenn diese Worte also ohne
weitere Bestimmung eben nur von der Zeit verstanden werden, in der wir, die wir
dermalen leben, und mit einander denken und reden, da sind und leben. - Es ist
hier noch gar nicht meine Absicht, bestimmte Jahrhunderte, oder auch
Jahrtausende abzustecken seit denen etwa dasjenige, was ich für das gegenwärtige
Zeit-.
    alter halte, angebrochen sei. Offenbar lässt sich das Zeitalter nur an
denjenigen Nationen beurteilen und erkennen, die auf der Spitze der Cultur
ihrer Zeiten stellen; da aber die Cultur von Volk zu Volk gewandert ist, so
dürfte gar leicht mit dieser Cultur auch dasselbe Eine Zeitalter wandern von
Volk zu Volk bei aller Veränderung des Klimas und des Bodens bleibend in seinem
Princip unveränderlich Eins und dasselbe; und es dürfte also, vermöge des
Zwecks, alle Völker zu einer einzigen grossen Gemeine zu vereinigen, die Zeit
des Begriffs einen beträchtlichen Teil der chronologischen Zeit hindurch auf
derselben Stelle anhalten, und den Zeitenfluss gleichsam zum Stillstande
nötigen. Besonders dürfte das letztere der Fall sein mit einem Zeitalter, wie
das von uns zu beschreibende, in welchem durchaus widerwärtige Welten aneinander
treffen und sich bekämpfen, und langsam ein Gleichgewicht, und dadurch das
freiwillige Absterben der allen Zeit zu erringen streben. Hierüber das nötige
und vor Misverständnissen verwahrende aus der Geschichte der wirklichen Welt
beizutragen, wird erst sodann nützlich und zweckmässig sein, nachdem wir uns
erst mit dem Princip des Zeitalters genauer bekannt gemacht haben, und bei
dieser Gelegenheit gelernt haben werden, wie die Weltgeschichte eigentlich zu
befragen sei, und was wir in ihr zu suchen haben. Nicht, ob die oben von uns
gesagten Worte vor Jahrhunderten schon die Wirklichkeit geschildert haben
würden, falls sie damals jemand gesagt hätte, noch ob sie nach Jahrhunderten
ebenso die Wirklichkeit schildern werden; sondern nur, ob sie dieselbe beule
schildern, ist die Frage, worüber das Endurteil Ihnen angetragen wird. -
    So viel zur Vorerinnerung über unsere nächste Aufgabe, das Princip des
vorausgesetzten Zeitalters zu entwickeln; jetzt an die Lösung dieser Aufgabe.
Als Befreiung vom Zwange der blinden Autorität wozu der Vernunftinstinct
bearbeitet worden, habe ich dieses Princip angegeben: Befreiung, also der
Zustand da die Gattung sich erst allmählig frei macht, bald in diesem bald in
jenem Individuum, bald von diesem bald von jenem Objecte, in Rücksicht dessen
die Autorität sie in Fesseln legte, keinesweges aber schon durchaus frei ist;
sondern höchstens nur in denen es ist, oder sich wähnt, welche an der Spitze des
Zeitalters stehen, und die übrigen anführen, leiten und zu sich herauf zu
erheben suchen. Das Werkzeug dieser Befreiung von der Autorität ist der Begriff;
denn das Wesen des dem Begriffe entgegengesetzten Instincts besteht darin, dass
er blind ist, und das Wesen der Autorität, vermittelst welcher er im
vorhergegangenen Zeitalter herrschte, darin, dass sie blinden Glauben und
Gehorsam forderte. Demnach ist die Grundmaxime derer, die auf der Höbe des
Zeitalters stehen, und darum das Princip des Zeitalters selber, dieses: durchaus
nichts als seiend und bindend gelten zu lassen, als dasjenige, was man verstehe
und klärlich begreife.
    In Absicht dieser Grundmaxime, - dieselbe gerade so, wie wir sie
ausgesprochen haben, und ohne weitere Nebenbestimmung genommen, - ist dieses
dritte Zeitalter demjenigen, welches darauf folgen soll, dem vierten, dem
Zeitalter der Vernunftwissenschaft, vollkommen gleich, und arbeitet gerade durch
diese Gleichheit ihm vor. Auch vor der Wissenschaft ist durchaus nichts gültig,
als das Begreifliche. Nur ist in Absicht der Anwendung dieses Princips zwischen
den beiden Zeitaltern der Gegensatz, dass das dritte, welches wir nun in der
Kürze das der leeren Freiheit nennen wollen, sein stehendes und schon
vorhandenes Begreifen zum Maassstabe des Seins macht; hingegen das der
Wissenschaft umgekehrt das Sein zum Maassstabe, keinesweges des ihm schon
vorhandenen, sondern des ihm anzumutenden Begreifens. Jenem ist nichts, als
das, was es nun eben begreift; dieses will begreifen, und begreift - alles was
da ist. Dieses, das Zeitalter der Wissenschaft, durchdringt mit seinem Begriffe
schlechtin alles ohne Ausnahme, sogar das übrigbleibende absolut
unbegreifliche, als das unbegreifliche; das erste, das begreifliche, um danach
die Verhältnisse des Geschlechts zu ordnen; das zweite, das unbegreifliche, um
sicher zu sein, dass alles begreifliche erschöpft ist, indem es sich in den
Besitz der Grenzen des Begreiflichen gesetzt hat: jenes, das Zeitalter der
leeren Freiheit weiss nur nichts davon, dass man erst mit Mühe, Fleiss und Kunst
begreifen lernen müsse, sondern es hat ein gewisses Maass von Begriffen, und
einen bestimmten gemeinen Menschenverstand schon fertig und bei der Hand, die
ihm ohne die mindeste Arbeit eben angeboren sind, und braucht nun diese Begriffe
und diesen Menschenverstand als den Massstab des geltenden und seienden. Es hat
vor dem Zeitalter der Wissenschaft den grossen Vorteil, dass es alle Dinge
weiss, ohne je etwas gelernt zu haben, und über alles, was ihm vorkommt, sofort
und ohne weiteren Anstand urteilen kann, ohne jemals der vorhergehenden Prüfung
zu bedürfen. Was ich durch den unmittelbar mir beiwohnenden Begriff nicht
begreife, das ist nicht, sagt die leere Freiheil; was ich durch den absoluten
und in sich selber zu Ende gekommenen Begriff nicht begreife, das ist nicht,
sagt die Wissenschaft.
    Sie sehen, dass dieses Zeitalter auf einen vorhandenen Begriff und einen
angeborenen Verstand fusset, der ihm über sein ganzes Welt- und Glaubenssystem
unwiderruflich entscheidet; und wir müssten ohne Zweifel dieses sein
Glaubenssystem mit Einem Blicke übersehen, und dem vorausgesetzten Zeitalter den
innigsten Geist seines Lebens aus allen seinen Hüllen herausziehen, und ihn zur
Schau stellen können, wenn wir nur jenen angeborenen Begriff und Verstand, als
die Wurzel alles übrigen, gehörig erkennen. Diese Erkenntnis uns zu verschaffen
sei von jetzt an unsere Aufgabe, und ich lade Sie zu diesem Behuf ein zur
Auffassung eines tiefer liegenden Satzes.
    Nemlich das dritte Zeitalter befreit sich von dem, mit einem gebietenden
Zwange ihm aufgelegten Vernunftinstincte. Dieser Vernunftinstinct aber geht, wie
wir gleichfalls schon oben angemerkt haben, durchaus nur auf die Verhältnisse
und das Leben der Gattung als solcher, keinesweges auf das Leben des blossen
Individuums Auf das letztere geht der blosse Naturtrieb der Selbsterhaltung und
des persönlichen Wohlseins (welcher letztere aus dem ersten folgt). Demnach kann
einem Zeitalter, das von dem ersteren, dem Vernunftinstincte sich losmacht, ohne
die Vernunft in einer anderen Gestalt an die Stelle desselben zu bekommen,
durchaus nichts Reelles übrigbleiben, als das Leben des Individuums, und was
damit zusammenhängt und darauf sich bezieht. Setzen wir diese wichtige und für
das künftige entscheidende Folgerung weiter auseinander.
    Durchaus nur auf das Leben und die Verhältnisse der Gattung gehe der
Vernunftinstinct, und überhaupt die Vernunft in jeglicher Gestalt: haben wir
gesagt. Nemlich - dieses ist ein Salz, dessen Beweis hier nicht geführt werden
kann, sondern der aus der höheren Philosophie, wo er streng erwiesen wird, hier
nur als Lehnsatz herbeigezogen wird, - es ist nur Ein Leben, auch in Absicht des
Subjects, das da lebt, d.h. es ist überall nur Ein lebendiges, die Eine lebende
Vernunft: keinesweges also, wie man die Einheit der Vernunft auch wohl
gewöhnlich aussagt und zugesteht, dass die Vernunft sei die Eine, allentalben
sich selbst gleiche und mit sich selber übereinstimmende Kraft und Eigenschaft
vernünftiger Wesen, welche Wesen sodann doch für sich selbst bestehen sollen,
und zu deren Dasein jene Eigenschaft der Vernunft, als ein fremdes Ingrediens,
ohne welches sie allenfalls auch hätten bestehen können, nur hinzukommt; sondern
also, dass die Vernunft sei das einzig mögliche, auf sich selber beruhende und
sich selber tragende Dasein und Loben, wovon alles, was als daseiend und
lebendig erscheint, nur die weitere Modification, Bestimmung, Abänderung und
eigene Gestaltung ist. Ihnen, E. V., ist dieser Satz nicht einmal neu, sondern
er lag schon in der durch die vorige Vorlesung gegebenen Beschreibung der
Vernunft, worauf ich Sie besonders aufmerksam machte, und dieselbe bei sich
festzusetzen Sie ersuchte. - Dass ich diesen Satz noch weiter auseinandersetze,
um ihn wenigstens historisch klar zu machen, da ich ihn hier nicht beweisen
kann: - es ist der grösste Irrtum und der wahre Grund aller übrigen Irrtümer
welche mit diesem Zeitalter ihr Spiel treiben wenn ein Individuum sich
einbildet, dass es für sich selber dasein und leben, und denken und wirken
könne, und wenn einer glaubt er selbst, diese bestimmte Person, sei das Denkende
zu seinem Denken da er doch nur ein einzelnes Gedachtes ist aus dem Einen
allgemeinen und notwendigen Denken. Sollte ich mit dieser Behauptung ein
ungeheures Paradoxon ausgesprochen zu haben scheinen, so wird mich dieses
keinesweges befremden; ich weiss zu gut dass dieser Schein nur dadurch entstehen
könne, weil man vom gegenwärtigen Zeitalter nur zum gegenwärtigen Zeitalter
sprechen kann, dass darin eben, falls ich mich nicht irre, der Grundcharakter
desselben besteht, dass es jenen Sulz nicht weiss, oder denselben, falls er ihm
gesagt wird, höchst unglaublich und paradox findet. Widersprochen kann diesem
Satze schlechtin aus keinem anderen Grunde werden, als aus dem Grunde des
persönlichen Selbstgefühls, dessen Dasein, als einer Tatsache des Bewusstseins
wir keinesweges abläugnen, indem wir es eben so gut in uns empfinden, als irgend
ein anderer. Nur läugnen wir gar ernstlich ab die Gültigkeit dieses Gefühls da,
wo von Wahrheit und eigentlicher Existenz die Rede ist, in der festen
Ueberzeugung, dass über diese Fragen ganz etwas anderes entscheiden müsse. als
die durchaus läuschenden Tatsachen des Bewusstseins; und wir sind auf dem
angemessenen Standpuncte vollkommen fähig, diese unsere Abläugnung durch
entscheidende Gründe zu rechtfertigen. Sagen aber, und historisch mitteilen
mussten wir diesen Satz, weil wir nur vermittelst desselben über das Zeitalter
hinauskommen; keiner aber es charakterisiren, oder eine Charakteristik desselben
begreifen kann, der nicht darüber hinaus ist; und ersuchen muss ich Sie, und
denselben vorläufig zu leihen, bis ich auf eine populäre Weise Sie von Ihrer
eigenen stillschweigenden Voraussetzung desselben überführe, welches in der
nächsten Stunde geschehen soll.
    Dieses erwähnte Eine und sich selber gleiche Leben der Vernunft wird, -
wovon gleichfalls die höhere Philosophie den Grund, sowie die Art und Weise
angibt, - es wird, sage ich, lediglich durch die irdische Ansicht und in
derselben, zu verschiedenen individuellen Personen zerspaltet, welche Personen
nun durchaus nicht anders, als in dieser irdischen Ansicht und vermittelst
derselben, keinesweges aber an sich und unabhängig von der irdischen Ansicht, da
sind und existiren. Sehen Sie hier den wahren Ursprung der verschiedenen
individuellen Personen aus der Einen Vernunft, und den Grund der Notwendigkeit,
in dem Glauben an diese persönliche Existenz zu verharren für alle die, welche
nicht durch die Wissenschaft sich über die irdische Ansicht emporgehoben haben.
    (Damit ja nicht dieser Satz auf eine meinem Sinne ganz zuwiderlaufende Weise
misverstanden werde, setze ich, aber bloss im Vorbeigehen, und ohne allen
Zusammenhang mit meinem gegenwärtigen Vorhaben folgendes hinzu: die irdische
Ansicht dauert, als Grund und Träger des ewigen Lebens, wenigstens in der
Erinnerung auch ins ewige Leben fort, somit alles, was in dieser Ansicht liegt,
daher auch alle individuelle Personen, in welche durch diese Ansicht die Eine
Vernunft zerspaltet wurde; weit entfernt daher, dass aus meiner Behauptung etwas
gegen die individuelle Fortdauer folge, gibt diese Behauptung vielmehr den
einzigen haltbaren Beweis für sie her. Und dass ich es kurz zusammenfasse und
entschieden ausdrücke: die Personen dauern in alle Ewigkeit fort, wie sie hier
existiren, als notwendige Erscheinungen der irdischen Ansicht, aber sie können
in aller Ewigkeit nicht werden, was sie nie waren, oder sind, Wesen an sich.)
    Gehen wir nach dieser kurzen Ausbeugung zurück zu unserem Vorhaben. Das
erwähnte Eine und sieh selber gleiche Leben der Vernunft, welche in der
irdischen Ansicht sich spaltet in verschiedene Individuen, und darum im Ganzen
als Leben der Gattung erscheint, wird laut des obigen zu allererst durch den
Vernunftinstinct begründet, und also hingestellt, wie es seinem eigenen inneren
Gesetze zufolge sein soll: und dieses zwar so lange, bis die Wissenschaft
eintritt und jenes innere Gesetz in allen seinen Bestimmungen klar einsieht, und
es einleuchtend demonstrirt und construirt; und nach der Wissenschaft die Kunst
es wirklich also aufbauet. In diesem Grundgesetze liegen alle höheren, allein
auf das Eine, und so wie das Eine hier erscheint, die Gattung, gehenden Ideen;
welche Ideen über die Individualität hinwegsetzen, und eigentlich dieselbe im
Gründe und Boden vernichten. Wo aber dieses Grundgesetz nicht auf irgend eine
Weise waltet, da kann es zu dem Einen, oder zur Gattung gar nicht kommen,
sondern es bleibt lediglich die Individualität, als das allein vorhandene und
herrschende übrig. Ein Zeitalter, welches von jenem Vernunftinstincte, als dem
ersten Princip des Lebens der Gattung, sich befreit, und die Wissenschaft, als
das zweite Princip desselben Lebens, noch nicht besitzt, muss sich in diesem
Falle befinden; ihm kann durchaus nichts übrigbleiben, als die blosse nackte
Individualität. Die Gattung, gerade das einzige, was da wahrhaft existirt,
verwandelt sich ihm in eine blosse leere Abstraction, die da nicht existire,
ausser in dem durch die Kraft irgend eines Individuums künstlich gemachten
Begriffe dieses Individuums; und es hat gar kein anderes Ganzes, und ist kein
anderes zu denken fähig, ausser ein aus Teilen zusammengestücktes, keinesweges
aber ein in sich gerundetes organisches Ganze.
    Dieses, einem solchen Zeitalter allein übrigbleibende individuelle und
persönliche Leben ist bestimmt durch den Trieb der Selbsterhaltung und des
Wohlseins; weiter aber als bis zu diesem Triebe geht im Menschen die Natur
nicht. Sie, welche dem Tiere noch einen besonderen Instinct für die Mittel
seiner Erhaltung und seines Wohlseins gab, liess hierin den Menschen beinahe
ganz leer ausgehen, und verwies ihn darüber an seinen Verstand und seine
Erfahrung; und es konnte nicht fehlen, dass sich diese letzteren im Verlaufe der
Zeiten während der ersten beiden Epochen ausbildeten, und allmählig zu einer
stehenden Kunstfertigkeit erwuchsen, - nämlich der Kunstfertigkeit, die
Selbsterhaltung und das persönliche Wohlsein möglichst zu befördern. Diese Art
von Vernunft, E. V., diese Masse von Begriffen, nämlich die in dem allgemeinen
Zeitbewusstsein liegenden Resultate der Kunstfertigkeit dazusein, und
wohlzusein, werden es sein, welche das dritte Zeitalter vorfindet; diese Art von
Verstand wird der gemeine und gesunde Menschenverstand sein, der ihm ohne Arbeit
und Mühe, als ein väterliches Erbteil zukommt, und mit seinem Hunger und seinem
Durste zugleich ihm angeboren wird, und welchen es nun als den sicheren
Massstab alles seienden und geltenden anwendet.
    Unsere nächste Aufgabe ist gelöset, der Verstand des dritten Zeitalters ist,
so wie wirs versprachen, leibhaftig aus seiner Verhüllung hervorgezogen und an
den hellen Tag befördert, und es kann uns nun nicht fehlen, auch sein Welt- und
Glaubenssystem ihm nachzubauen, so bündig, als es selber dasselbe je aufbauen
mag. Zuvörderst ist die oben angegebene Grundmaxime des Zeitalters
weiterbestimmt; und es ist klar, dass es auf seine aufgestellte Prämisse: was
ich nicht begreife, das ist nicht, sofort folgern müsse: nun begreife ich
überall nichts, als was sich auf mein persönliches Dasein und Wohlsein bezieht;
darum ist auch nichts weiter; und die ganze Welt ist eigentlich nur darum da,
damit Ich dasein und wohlsein könne. Wovon ich nicht begreife, wie es sich auf
diesen Zweck beziehe, das ist nicht, und geht mich nichts an.
    Diese Denkart waltet nun entweder nur praktisch, als verborgene und nicht zu
deutlichem Bewusstsein erhobene, dennoch aber wirkliche und wahrhafte
Grundtriebfeder des gewöhnlichsten Handelns im Zeitalter; oder sie erhebt sich
zur Teorie. So lange sie nur das erste ist, kann man sie nicht recht fassen und
zum Geständnisse bringen, und sie behält allentalben Schlupfwinkel und
Ausflüchte genug; auch macht sie noch nicht eigentlich Epoche, sondern nur den
Anfang einer neuen Entwickelung. Sobald sie aber, teoretisch werdend, sich
selber begreift, und sich zugesteht und sich liebt und billigt, und stolz ist
auf sich selber, und für das höchste und einzig wahre gelten will, wird sie als
Epoche klar, spricht sich in allen ihren Phänomenen aus, und lässt sich bei
ihrem eigenen Bekenntnisse fassen. Wir lieben die Sachen an ihrem klarsten Ende
anzugreifen, und wollen daher von dem letzteren Puncte aus die Beschreibung des
dritten Zeitalters beginnen.
    Eben darum, weil, wie schon oben gesagt worden, dem Menschen nicht also wie
dem Tiere ein besonderer Instinct für die Mittel seiner Erhaltung und seines
Wohlseins gegeben worden, und weil ebensowenig aus Ideen a priori, die allein
auf das Eine und ewige Leben der Gattung sich beziehen, hierüber etwas
ausgemacht werden kann; so bleibt in diesem Gebiete nichts anderes übrig, als
dass man versuche, oder andere auf ihre eigene Unkosten versuchen lasse, was da
wohl bekommen werde, und was übel, und es sich für ein andermal merke. Es ist
daher aber ganz natürlich und notwendig, dass von einem Zeitalter, dessen
ganzes Weltsystem lediglich durch die Mittel der persönlichen Existenz erschöpft
wird, die Erfahrung, als die einzig mögliche Quelle aller Erkenntnis,
angepriesen werde, indem ja allerdings jene Mittel, welche allein dieses
Zeitalter erkennen will und kann, nur durch die Erfahrung erkannt werden. In der
blossen Erfahrung, - von welcher sodann sorgfältig die Beobachtung und das
Experiment unterschiedenen werden muss, denen sichs ein Begriff a priori,
nämlich dasjenige, wonach gefragt wird, beigemischt ist, - in der blossen
Erfahrung kommt nichts vor, als die Mittel der sinnlichen Erhaltung; und
umgekehrt, diese Mittel können allein durch die Erfahrung erkannt werden: daher
gibt allein die Erfahrung dem Zeitalter seine Welt, und wiederum deutet seine
Welt hin auf die Erfahrung, als ihren einigen Urquell, und so geht beides
durcheinander auf. Darum ist ein solches Zeitalter genötigt, alles von der
Erfahrung unabhängige Apriori, oder die Behauptung, dass schlechtin aus der
Erkenntnis selber, ohne alle Beimischung sinnlicher Gegenstände, neue
Erkenntnis quelle und fliessen, durchaus abzuläugnen und zu verlachen. Wären
ihm Ideen einer höheren Welt und ihrer Ordnung aufgegangen, so würde es leicht
begreifen, dass diese durchaus in keiner Erfahrung begründet seien, indem sie
über alle Erfahrung hinausgehen. Oder hätte es auch nur das Glück, ganz
tierisch zu sein, so hätte es nicht nötig, die Begriffe seiner Welt, d.h. die
Mittel seiner sinnlichen Erhaltung, erst mühsam durch die Erfahrung aufzusuchen,
sondern es hätte dieselben im tierischen Instincte a priori; indem in der Tat
der weidende Stier auf der Wiese diejenigen Gräser unberührt lässt, die seiner
Natur zuwider sind, ohne sie je gekostet und ihre Schädlichkeit durch die
Erfahrung gefunden zu haben, und die ihm zuträglichen gleichfalls ohne alles
vorhergehende Probiren zu sich nimmt: mitin wenn man ihm Erkenntnis zuschreiben
will, allerdings eine Erkenntnis schlechtin a priori und unabhängig von aller
Erfahrung besitzt. Nur in dem Mittelzustande zwischen Menschheit und Tierheit
wird dasjenige, worin unsere Gattung dem Tiere nachsteht, und über dessen
Entbehrlichkeit sie, ohne ihr Apriori für eine ewige Welt, das geringste Insect
beneiden müsste, - wird, sage ich, die Erfahrung zur Krone und zum Preise der
Menschheit herauferhoben, und kühn aus ausfordernd tritt ein solches Zeitalter
auf, und fragt: es möchte doch nur wissen, wie irgend eine Erkenntnis ausser
durch Erfahrung möglich sei - gleich als ob bei dieser Frage wohl ein jeder
erschrecken und in sich gehen, und keine andere Antwort geben würde als die
begehrte.
    Inwiefern dieses Zeitalter nun doch etwa inconsequenterweise, und weil
dergleichen Dinge ja auch in der Erfahrung vorhanden, und zufolge dieser
Erfahrung in den Schulen gelehrt werden, die Möglichkeit einiger über die
Kenntnis der blossen Körperwelt hinausliegenden Wissenschaft zugibt, wird es
ihm der Gipfel der Klugheit sein, an allem zu zweifeln, und bei keinem Dinge
über das Für oder das Wider Partei zu nehmen: in diese Neutralität, diese
unerschütterliche Parteilosigkeit, diese unbestechbare Gleichgültigkeit für alle
Wahrheit wird es die ächte und vollkommene Weltweisheit setzen, und die
Beschuldigung, dass jemand ein System habe, wird ihm als eine Schmach
erscheinen, wodurch die Ehre und der gute Name eines Menschen unwiederbringlich
zu Grunde gerichtet werde. Jene wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten sind ja nur
dazu erfunden, damit junge Leute niederen Standes, die nicht Gelegenheit daher,
die grosse Welt zu sehen, an ihnen spielend ihre Fähigkeiten für die künftige
Praktik des Lebens entwickeln; zu diesem Behuf ist jede Meinung und jede Tesis,
die affirmative so wie die negative, gleich gut, und es ist ein lächerlicher
Verstoss, Scherz für Ernst zu nehmen, und für irgend eine jener Tesen, als für
etwas bedeutendes, sich zu interessiren.
    In Absicht seiner Entwicklung auf die Natur, und des Gebrauches ihrer Kräfte
und Producte wird ein solches Zeitalter überall nur auf das unmittelbar und
materiell nützliche, zur Wohnung, Kleidung und Speise dienliche sehen, auf die
Wohlfeilheit, die Bequemlichkeit, und wo es am höchsten sich versteigt, auf die
Mode; jene höhere Herrschaft aber über die Natur, wodurch der widerstrebenden
das majestätische Gepräge der Menschheit als Gattung, ich meine das der Ideen,
aufgedrückt wird, und in welcher Herrschaft das eigentliche Wesen der schönen
Kunst besteht, wird es nicht kennen, oder, falls es durch einzelne geistvolle
Individuen daran gemahnt würde, sie verlachen, als eine Torheit und
Schwärmerei; und so wird sich ihm auch die etwa in ihrem mechanischen Teile
noch übriggebliebene Kunst zu einem neuen Gebiet für die Mode, und zum Werkzeug
eines wandelbaren, und darum keinesweges der Ewigkeit der Idee angemessenen
Luxus umschaffen. In Absicht der gesetzlichen Verfassung der Staaten und der
Regierung der Völker, wird ein solches Zeitalter entweder, von seinem Hasse
gegen das Alle getrieben, auf luftige und gehaltleere Abstractionen
Staatsverfassungen aufzubauen, und durch weitschallende Phrasen, ohne eine feste
und unerbittliche äussere Gewalt, entartete Geschlechter zu regieren
unternehmen; oder es wird, von seinem Abgotte, der Erfahrung, gehalten, bei
jedem grossen oder kleinen Vorfalle, schon im voraus überzeugt, dass es sich
selber nichts aussinnen könne, eilen, die Chronikenbücher der Vorwelt
nachzuschlagen, zu lesen, wie diese sich in ähnlichen Lagen benommen, und daher
das Gesetz seines Verfahrens sich holen; und auf diese Weise seine politische
Existenz aus den bunt aneinander gereihten Stücken verschiedener abgestorbener
Zeitalter zusammensetzen, laut dadurch bekennend sein eigenes klares
Selbstbewusstsein seiner Nullität. In Absicht der Sittlichkeit wird es das für
die einzige Tugend anerkennen, dass man seinen eigenen Nutzen befördere,
anfügend höchstens, entweder ehrenhalber oder aus Inconsequenz, den des anderen,
- es versteht sich, wenn er dem unseren nicht entgegen ist; und für das einzige
Laster, seines Vorteils zu verfehlen. Es wird behaupten, - und da es ihm nicht
schwerfallen kann, für jede mögliche Handlung eine unedle Triebfeder zu finden,
indem es ja das Edle durchaus nicht kennt, - es wird sogar beweisen, dass
wirklich alle Menschen, die jemals gelebt haben und leben, also gedacht und
gehandelt haben, und dass es überhaupt gar keinen anderen Antrieb im Menschen
gebe, als den des Eigennutzes, beklagend diejenigen, welche noch etwas anderes
in ihm annehmen - als arme Toren, welche die Welt und die Menschen nur noch
nicht kennen. Was endlich die Religion anbetrifft, so wird auch diese sich ihm
in eine blosse Glückseligkeitslehre verwandeln, bestimmt uns zu erinnern, dass
man mässig geniessen müsse, um recht lange und recht vieles zu geniessen; ein
Gott wird ihm nur dazu dasein Müssen, damit er unser Wohlsein besorge, und bloss
unsere Bedürftigkeit wird es sein, die ihn ins Dasein gerufen und ihn zu dem
Entschlusse gebracht, existiren zu wollen. Was es von dem übersinnlichen Inhalte
eines etwa vorhandenen Religionssystems allenfalls noch beibehalten will, wird
diese Schonung ganz allein dem Bedürfnisse eines Zaums für den ungezügelten
Pöbel, dessen der Gebildete nicht bedarf, und dem Mangel eines zweckmässigeren
Ergänzungsmittels der Polizei und des gerichtlichen Beweises verdanken. In
Summa, und um es mit Einem Worte auszusprechen: ein solches Zeitalter steht auf
seiner Höhe, wenn ihm nun klar geworden, dass die Vernunft, und mit ihr alles
über das blosse sinnliche Dasein der Person hinausliegende, lediglich eine
Erfindung sei gewisser müssiger Menschen, die man Philosophen nennt.
    So viel zu des dritten Zeitalters allgemeiner Schilderung, deren Grundzüge
wir in den späteren Betrachtungen einzeln aufstellen und weiter entwickeln
werden. Nur noch eine, die Form betreffende charakteristische Eigenheit
desselben darf hier nicht übergangen werden, die folgende: dieses Zeitalter wird
in seinen ächtesten Repräsentanten seiner Sache so sicher und so
unerschütterlich gewiss sein, dass es darin sogar von der eigentlichen
Wissenschaft nicht übertroffen zu werden vermag. Es wird mit unaussprechlichem
Mitleid und Bedauern herabsehen auf die früheren Zeitalter, in denen die
Menschen noch so blödsinnig waren, durch ein Gespenst von Tugend und durch den
Traum einer übersinnlichen Welt den ihnen schon vor dem Munde schwebenden Genuss
sich entreissen zu lassen; auf diese Zeitalter der Finsternis und des
Aberglaubens, als sie noch nicht gekommen waren, diese Repräsentanten der neuen
Zeit, und noch nicht die Tiefe des menschlichen Herzens von allen Seiten
durchsucht und erforscht hatten; und noch nicht die grosse überraschende
Entdeckung gemacht haben, und dieselbe noch nicht laut angekündigt und überall
verbreitet hatten, dass dieses Herz im Grunde und Boden nur Kot sei. Es wird
nicht widerlegen, sondern nur bemitleiden und gutmütig, belächeln diejenigen,
welche zu seiner Zeit nicht seiner Meinung sind, und sich nicht irre machen
lassen in der menschenfreundlichen Hoffnung, dass auch diese zu derselben
Ansicht sich noch einst emporschwingen dürfen, wie sie nur durch Alter und
Erfahrung gereift sein werden, oder wenn sie dasjenige, was die Repräsentanten
Geschichte nennen, ebenso ausführlich studirt haben werden. Nur darin, welches
für die Repräsentanten freilich verlorengeht, wird die Wissenschaft ihrer
Meister, dass sie die Denkart jener vollkommen versteht, sie nachconstruirt aus
ihren Teilen, sie wiederherstellen könnte, falls sie etwa unglücklicherweise
aus der Welt verlorenginge, und sogar dieselbe vollkommen richtig findet aus
ihrem Standpuncte. So kommt, falls wir im Namen der Wissenschaft reden sollen,
die abgeleitete Unerschütterlichkeit jener Denkart gerade daher, dass dieselbe
aus ihrem Standpuncte ganz richtig sieht, und so oft sie auch die Kette ihrer
Schlüsse wiederum durchsehen möge, doch niemals eine Lücke in derselben
entdecken wird. Ist überall all nichts, denn die sinnliche Existenz der
Personen, ohne alles höhere Leben der Gattung und der Einheit, so kann es ausser
der Erfahrung durch aus keine Quelle der Erkenntnis geben, denn offenbar werden
wir über die sinnliche Existenz allein durch die Erfahrung belehrt; und eben
darum muss auch jede andere angebliche Quelle, und was aus derselben abfliessen
soll, notwendig Traum sein und Hirngespinnst: - wobei nur noch bloss die
factische Möglichkeit, also zu träumen und aus dem Hirne herauszuspinnen, was in
dem Hirne keinesweges entalten ist, zu erklären übrigbliebe, welcher Erklärung
sie sich jedoch weislich entalten werden zufrieden mit der Erfahrung, dass nun
einmal also geträumt werde. Dass aber wirklich nichts sei ausser der sinnlichen
Existenz der Persönlichkeit, wissen sie ganz gewiss daher, weil sie, so oft sie
auch und so tief sie ihr eigenes Inneres ergründet, in demselben nie etwas
anderes wahrgenommen haben, als das Gefühl ihrer persönlich sinnlichen Existenz.
    Und sonach, und zufolge alles Gesagten, beruht diese Denkart keinesweges auf
einem Fehler des Denkens und des Urteilens, welchen man dadurch, dass man dem
Zeitalter den Fehlschluss, den es macht, nachweise, und es an diejenigen Regeln
der Logik, gegen die es etwa verstösst, erinnere, verbessern könnte; sondern
diese Denkart beruht auf dem ganzen mangelhaften Sein des Zeitalters und
derjenigen, in denen es zum Durchbruch gekommen. Nachdem jenes und diese einmal
sind, was sie sind, so müssen sie notwendig auch denken also, wie sie denken;
und sollten sie auf andere Weise denken, so müssten sie vor allem vorher etwas
anderes werden.
    Es ist, um mit der einzigen tröstenden Ansicht, die es dabei gibt, zu
beschliessen - es ist ein Glück, dass selbst die entschiedensten Verfechter
jener Denkart gegen ihren Dank und Willen in der Tat noch immer etwas besseres
sind, als wofür ihre Worte sie ausgeben; und dass der Funke des höheren Lebens
im Menschen, so unbeachtet er auch daliegen möge, doch nie erlischt, sondern mit
stiller geheimer Gewalt fortglimmt, bis ihm Stoff gegeben werde, an dem er sich
entzünde und in helle Flammen ausbreche. Diesen Funken des höheren Lebens
wenigstens zu reizen und, inwiefern es möglich ist, ihm Stoff zu geben, ist auch
einer der Zwecke der gegenwärtigen Vorträge, E. V.
 
                                Dritte Vorlesung
    [Im Gegensatze mit dem Leben eines solchen Zeitalters bestehe das
    vernunftmässige Leben darin, dass das Individuum sein Leben an den Zweck der
    Gattung, oder an die Idee setze. Versuch an den Gemütern der Zuhörer, ob
    sie sich entbrechen könnten, ein solches Leben zu billigen und zu bewundern;
    und was aus diesem Versuche, falls er gelingen sollte, folgen würde.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Nur allmählig kann Klarheit über unsere Untersuchung sich verbreiten - nur
nach und nach die dunklen Partien derselben beleuchten, so lange, bis der
Gegenstand als eine einzige Lichtflamme sich darstelle. Diese Beschränkung
liegt, wie schon in der ersten Rede erinnert worden, in dem unveränderlichen
Grundgesetze aller Mitteilung. Die Kunst des Vortragenden kann, ausser seiner
unerlasslichen Pflicht, dass er jeden Gedanken an seinen rechten Ort stelle,
dabei zur Erleichterung nur noch dies tun, dass sie bei den helleren Puncten,
welche im Verlaufe des Vortrages aufstossen, sorgfältiger verweile, und von
ihnen aus Licht über das vorhergegangene und nachfolgende verbreite.
    Bei Einem dieser helleren Puncte in unserer ganzen unternommenen
Untersuchung sind wir in der letzten Stunde angekommen; und es ist schicklich
und zweckmässig, diesen Punct heute vollständiger auseinanderzusetzen. - Dass
das Menschengeschlecht mit Freiheit alle seine Verhältnisse nach der Vernunft
einrichte, war als Zweck des gesammten Erdenlebens unserer Gattung hingestellt;
und der Charakter des von uns zu beschreibenden dritten Zeitalters wurde darein
gesetzt, dass es sich von der Vernunft in jeglicher Gestalt entledige. Was aber
Vernunft und insbesondere Leben nach der Vernunft, und welches die Verhältnisse
seien, die durch ein vernunftgemässes Leben nach dieser Vernunft eingerichtet
werden sollten, ist zwar vielseitig angedeutet, noch nirgends aber klar in das
Licht gesetzt worden. In der vorigen Stunde aber sagten wir: »Die Vernunft geht
auf das Eine Leben. das als Leben der Gattung erscheint. Wird die Vernunft aus
dem menschlichen Leben hinweggenommen, so bleibt lediglich die Individualität
und die Liebe derselben übrig.« Sonach besteht das vernünftige Leben darin, dass
die Person in der Gattung sich vergesse, ihr Leben an das Leben des Ganzen setze
und es ihm aufopfere; das vernunftlose hingegen darin, dass die Person nichts
denke, denn sich selber, nichts liebe, denn sich selber und in Beziehung auf
sich selber, und ihr ganzes Leben lediglich an ihr eigenes persönliches Wohlsein
setze: und falls das, was vernünftig ist, zugleich gut, und das, was
vernunftwidrig ist, zugleich schlecht zu nennen sein dürfte, - so gibt es nur
Eine Tugend, die - sich selber als Person zu vergessen und nur Ein Laster, das -
an sich selbst zu denken; dass daher die in der vorigen Stunde geschilderte
Sittenlehre des dritten Zeitalters auch hier, wie allentalben, die Sache gerade
umkehrt und zur einzigen Tugend macht, was in der Tat das einzige Laster ist,
und zum einzigen Laster, was in der Tat die einzige Tugend ist.
    Die soeben ausgesprochenen Worte sind genau zu nehmen, und nach der Strenge
so zu verstehen, wie sie lauten. Die Milderung, welche etwa hier versucht werden
könnte, dass man nur nicht an sich allein, sondern an die anderen zugleich mit
denken müsse, ist ganz dieselbe Sittenlehre, welche wir als die des dritten
Zeitalters aufgestellt haben, nur dass sie hier noch obendrein inconsequent ist,
und sich zu verhüllen strebt, da, wo sie noch nicht alle Scham überwunden. Wer
auch nur überhaupt an sieh als Person denkt, und irgend ein Leben und Sein, und
irgend einen Selbstgenuss begehrt, ausser in der Gattung und für die Gattung,
der ist im Grunde und Boden, mit welchen anderweitigen guten Werken er auch
seine Misgestalt zu verhüllen suche, dennoch nur ein gemeiner, kleiner,
schlechter und dabei unseliger Mensch: dieses, also, wie wir es ausgedruckt
haben, ist unsere Meinung, gegen welche auch wohl in alle Ewigkeit sich nichts
Gründliches wird vorbringen lassen.
    Was dieses Geschlecht, seitdem es existirt, dagegen vorgebracht hat, und
dagegen vorbringen wird, so lange es existiren wird, kommt zurück auf die
dreiste Versicherung, dass der Mensch sich selbst vergessen gar nicht könne, und
dass die persönliche Selbstliebe mit seiner Natur innigst verwachsen und
unaustilgbar in sie verweht sei. Ich frage diese Versicherer, woher sie denn
wissen, was der Mensch könne, und was er nicht könne? Offenbar kann diese ihre
Aussage durchaus auf nichts anderes sich gründen, als auf die Beobachtung ihrer
selber; und es mag wohl wahr sein, dass sie für ihre Person, nachdem sie nun
einmal sind, was sie sind, und wenn sie es bleiben wollen, sich selbst zu
vergessen nie vermögen werden. Aber was berechtigt sie denn, das Maass ihres
Vermögens oder Nichtvermögens zum allgemeinen Maassstabe des Vermögens der
Gattung zu erheben? Wohl kann der Edle wissen, wie dem Unedlen zu Mute ist,
denn wir alle werden im Egoismus erzeugt und geboren. und haben in ihm gelebt,
und es kostet Kampf und Mühe, diese alte Natur in uns zu ertödten; keinesweges
aber kann der Unedle wissen, wie dem Edlen zu Mute ist, indem er nie in dessen
Welt gekommen und durch sie den Durchgang gemacht hat, wie der Edle durch die
seinige allerdings hindurch musste. Der letztere umfasset beide Welten, der
erstere nur die Eine, die ihn gefangen hält; so wie der Wachende allerdings im
Wachen den Traum, und der Sehende allerdings die Finsternis zu denken vermag,
der Träumende aber im Traume keinesweges das Wachen, noch der Blindgeborene das
Licht. Erst nachdem sie in der höheren Welt angelangt sein und in ihr Besitz
genommen haben werden, werden sie können, was sie jetzt zu können läugnen und
werden vermittelst dieses Könnens zugleich wissen, dass der Mensch es könne.
    Darein also, dass das persönliche Leben gesetzt werde an das der Gattung,
oder dass man sich selber vergesse in anderen, haben wir das rechte und
vernunftmässige Leben gesetzt. Sich vergessen in anderen - es versteht sich,
diese anderen gleichfalls nicht als Person, wo es doch immer bei der
persönlichen Individualität bliebe, sondern als Gattung genommen. Verstehen Sie
mich also: die Sympatie, die uns treibt, den persönlichen Schmerz anderer zu
lindern und ihre Freude zu teilen und zu erhöhen, das Wohlwollen, das uns
kettet an Freunde und Verwandte, die Liebe, die uns hinzieht zum Gatten und zu
den Kindern, - alles dieses Bar oft mit beträchtlichen Aufopferungen an eigener
Bequemlichkeit und an eigenem Vergnügen, ist der erste stille und geheime Zug
des Vernunftinstincts, um vorläufig nur den hartesten und gröbsten Egoismus zu
brechen, und die Entwickelung einer sich verbreitenden und umfassenden Liebe
anzufangen. Doch geht diese Liebe immer nur auf individuelle Personen, weit
entfernt, dass sie die Menschheit schlechtin, ohne allen Unterschied der
Personen, und als Gattung umfassen sollte; und ohnerachtet sie allerdings den
Vorhof des höheren Lebens ausmacht, und wohl keiner den Eintritt in dasselbe
erhalten dürfte, der nicht erst in diesem Gebiete der sanfteren Triebe die Weihe
empfangen, so ist sie doch nicht selbst das höhere Leben. Dieses umfasst eben
die Gattung als Gattung. Das Leben der Gattung aber ist ausgedruckt in den Ideen
deren Grundcharakter sowohl, als die verschiedenen Arten derselben wir im
Verlaufe dieser Vorträge. sattsam werden kennen lernen. Die obige Formel: sein
Leben an die Gattung setzen, lasst daher sich auch also ausdrücken: sein Leben
an die Ideen setzen; denn die Ideen gehen eben auf die Gattung als solche, und
auf ihr Leben; und sonach besteht das vernunftmässige und darum rechte, gute und
wahrhaftige Leben darin, dass man sich selbst in den Ideen vergesse, keinen
Genuss suche noch kenne, als den in ihnen und in der Aufopferung alles anderen
Lebensgenusses für sie.
    Soweit diese Auseinandersetzung. Gehen wir nun an ein anderes Vorhaben.
    Ich sage: so gewiss nun etwa Sie selber, E. V., durch eine innere Gewalt
genötigt, sich nicht entbrechen könnten, ein Leben wie das beschriebene,
welches sich selbst den Ideen aufopfert, zu billigen, zu bewundern und zu
verehren, und es um so höher zu verehren, je sichtbarer und je grösser die Opfer
sind, welche den Ideen gebracht wurden: so würde aus dieser Ihrer Billigung zu
ersehen sein, dass hl Ihrem Gemüte unaustilgbar ein Princip läge, des Inhalts:
dass die Person der Idee zum Opfer gebracht werden solle, und dass dasjenige
Leben, in welchen dieses geschieht, das einzige wahre und rechte sei; demnach,
dass, wenn man die Sache nach der Wahrheit und wie sie; an sich ist ansehe, das
Individuum; gar nicht existire, da es nichts gelten, sondern zu Grunde geben
solle; dagegen die Gattung allein existire, indem sie allein als existent
betrachtet werden solle. Wir würden sonach auf diese Weise das Versprechen
halten, welches wir in der vorigen Stunde für die gegenwärtige von uns gaben -
das versprechen, Ihnen an sich selber auf eine populäre Weise zu zeigen, dass
sie den damals ausgesprochenen und fürs erste paradox erschienenen Satz selber
sehr wohl wüssten und zugeständen, und von jeher nicht anders als aus ihm heraus
geurteilt hätten, nur dass Sie sich desselben nicht so deutlich bewusst worden:
und es würden auf diese Weise die beiden Zwecke, welche ich mit dem
gegenwärtigen Vortrage habe, zugleich erreicht.
    Dass Sie wirklich in die Notwendigkeit versetzt werden, ein Leben wie das
beschriebene zu billigen und zu verehren, war das erste Glied, wovon alles
übrige abhängt, und woraus es von selber folgt, und dies ihrer eigenen
Ueberlegung anheimgestellt wird, ohne dass wir darauf zurückzukommen gedenken.
Es ist mir daher die Aufgabe eines an Ihnen und in Ihnen zu machenden
Experiments auflegt; und falls dieses gelingt, wie ich hoffe, so ist bewiesen,
was zu beweisen war.
    Ein Experiment will ich an Ihrem Gemüte anstellen, sonach allerdings einen
gewissen Affect in Ihnen erregen; aber keinesweges Sie überraschend, und
lediglich deswegen, damit er erregt sei und ich ihn einen Augenblick zu meinem
Vorteile gebrauchen könne, wie der Redner es tut, sondern mit Ihrem eigenen
hellen, klaren Bewusstsein, und dass er Ihnen sichtbar werde, und dass er nicht
durch seine blosse Existenz wirke, sondern damit er in dieser seiner Existenz
bemerkt und aus derselben weiter geschlossen werde.
    Der Philosoph ist schon durch die Regeln seiner Kunst genötigt, durchaus
redlich und offen zu verfahren; dagegen hat er die über alle sophistische
Rednerkünste weit hinausliegende Kraft, seinen Zuhörern vorher sagen zu können,
was er in ihnen erregen wolle, und es, falls sie ihn nur verstehen, dennoch ganz
sicher zu erregen.
    Dieser freie und offene Gebrauch dessen, was bewirkt werden soll, legt mir
zugleich die Verbindlichkeit auf, Ihnen die Natur des Affectes, den ich in Ihnen
darzustellen suche, näher zu beschreiben, und ich sende, damit wir
ununterbrochen in derselben Einen Klarheit bleiben, diese Beschreibung voraus.
Hierbei werde ich zunächst nur um die Festaltung einiger zuerst nicht ganz
deutlicher Ausdrücke und Formeln zu bitten haben, welche der Verfolg noch heute
vollkommen klarmachen wird.
    Das vernunftmässige Leben muss sich selber lieben; denn alles Leben, als
sich selbst vollkommen genügend und ausfüllend, ist Genuss seiner selber. So
gewiss nun im Menschen die Vernunftmässigkeit nicht ganz ausgetilgt werden kann,
so gewiss kann auch diese Liebe der Vernunftmässigkeit zu sich selber nicht
ausgetilgt werden; ja diese Liebe wird, als die tiefste Wurzel aller
vernünftigen Existenz und als der einzige übrigbleibende Funke, der den Menschen
noch in der Vernunftkette erhält, gerade dasjenige sein, worauf man bei jedem,
wenn er nur ehrlich und unbefangen sein will, sicher rechnen und ihn dabei
fassen kann.
    Nun liebt das vernunftwidrige Leben der blossen Individualität sich
gleichfalls, da es doch immer ein Leben ist, und alles Leben notwendig sich
liebt. Da aber beide Leben durchaus entgegengesetzt sind, so wird auch die Art
der Liebe und des Wohlgefallens beider an sich selber entgegengesetzt, ganz und
durchaus specifisch verschieden, und in dieser specifischen Verschiedenheit gar
leicht zu erkennen und von einander zu unterscheiden sein.
    Dass wir zuvörderst bei der Liebe des vernunftmässigen Lebens zu sich selber
anheben: auch zu diesem kann wiederum der Mensch in einem doppelten Verhältnisse
stehen, entweder also, dass er es nur in der Vorstellung und in einem schwachen
Bilde besitze und durch andere mitgeteilt erhalte, oder, dass er dieses Leben
selber wirklich und in der Tat sei und lebe. Dass der Mensch in dem letzteren
Verhältnisse auch wohl nicht stehen könne, indem sodann gar kein Egoismus und
gar kein drittes Zeitalter, aber auch keine wahre Freiheit stattfinden würde; ja
dass wir alle ausserhalb dieses Verhältnisse erzeugt und geboren werden, und
erst durch Mühe und Arbeit uns hineinsetzen müssen, ist schon oben zugestanden.
Demnach müsste es das erste Verhältnis sein, der Besitz oder die
Mitteilbarkeit des Vernunftlebens im Bilde, welches in der Menschheit niemals
ganz ausstirbt und an jederman zu bringen ist, und wobei alle sich erfassen
lassen.
    Die Liebe des vernunftwidrigen Lebens zu sich selber, die ja wohl jeder am
besten kennt, und bei der das Gespräch sich am leichtesten anknüpfen lässt,
stellt in ihrer specifischen Verschiedenheit, sowohl im allgemeinen als im
besonderen, sich dar: als Freude an der eigenen Klugheit, als kleinlicher
Hochmut und Eitelkeit auf seine Gewandteit und Vorurteilsfreiheit, und, um
eine unedle Sache mit einem ihrer würdigen unedlen Ausdrucke zu bezeichnen, als
ein sich Laben an seiner Pfiffigkeit. Darum stellte in der vorigen Stunde das
dritte Zeitalter in seinem Grundprincip sich hin, hochmütig herabsehend auf
diejenigen, die durch einen Traum von Tugend sich Genüsse entwinden lassen, und
seiner sich freuend, dass es aber solche Dinge hinweg sei und in dieser Weise
sich nichts aufbinden lasse, und - mit einem Worte, welches sein wahres Wesen
ganz vortrefflich bezeichnet, - als Auf- und Ausklärung. Ebendeswegen ist das
höchste und geistigste, was derjenige, der seinen Voltbeil wohl besorgt und
gegen manche Schwierigkeiten durchgesetzt bat, am Ende empfindet, die Freude,
dass er so schlau sei. Dagegen wird die Liebe des vernunftmässigen Lebens zu
sich selber, als eines gesetzmässig bestimmten und geordneten, in ihrer
specifischen Verschiedenheit sich darstellen nicht als unerwartete Freude,
sondern in der strengeren Gestalt der Billigung, der Hochachtung und Verehrung.
    Inwiefern auf die erste Weise des Vernunftleben lediglich im Bilde und als
ein uns fremder Zustand an uns gebracht wird, wird eben dieses Bild selber sich
liebend ergreifen und fassen, und mit Wohlgefallen auf sich selber ruhen; denn
insoweit wenigstens sind wir sodann in die Sphäre des Vernunftlebens
hineingekommen, dass wir eine Vorstellung besitzen, wie sie sein sollte. (Es
wird, was für die mit den Kunstausdrücken der Philosophie Bekannten angefügt
wird, ein ästetisches Wohlgefallen, was lediglich ein Wohlgefallen. an der
Vorstellung, ist, entstehen, und zwar das höchste ästetische Wohlgefallen,
welches es gibt.)
    Dieses Wohlgefallen jedoch und diese Billigung, als Billigung eines fremden,
und das wir selbst keinesweges sind, imponirt uns aus demselben Grunde und
flösset uns Achtung ein und Ehrfurcht - verknüpft bei dem Besseren mit einem
stillen nichtachtenden Rückblicke auf sich selbst und der geheimen Sehnsucht,
auch also zu werden, aus welcher Sehnsucht eben allmählig das höhere Leben sich
entwickelt. Inwiefern auf die zweite Weise das vernunftmässige Leben sich selber
als eigenes wirkliches wahrhaftes Dasein empfindet, überströmt es von einem
unaussprechlichen Genusse, vor dessen Bilde der Egoist in Neid vergehen würde,
wenn sich dieses Bild an ihn bringen liesse: es ist in dieser Liebe zu sich
selber die Seligkeit. Denn alle Empfindungen des Misfallenden und Widerwärtigen,
so wie die der Sehnsucht und der Leere sind nichts anderes, denn die
Geburtsschmerzen des seiner vollendeten Entwickelung entgegenringenden höheren
Lebens. Ist es entwickelt, so genügt es ganz ihm selber, und ist ausgefüllt von
ihm selber, keines anderen bedürfend - die höchste Freiheit und Leichtigkeit aus
ihm selber heraus und aus eigener Kraft. Versuchen wir in der heutigen Stunde
den ersten Zustand an uns selbst; in der nächsten werde ich eine schwache
Beschreibung des zweiten zu geben mich bestreben.
    Ich behaupte für unseren nächsten Zweck folgendes: Alles grosse und gute,
worauf unsere gegenwärtige Existenz sich stützet, wovon sie ausgeht, und unter
dessen alleiniger Voraussetzung unser Zeitalter sein Wesen treiben kann, wie es
dasselbe treibt, ist lediglich dadurch wirklich geworden, dass edle und kräftige
Menschen allen Lebensgenuss für Ideen aufgeopfert. haben; und wir selber mit
allem, was wir sind, sind das Resultat der Aufopferung aller früheren
Generationen, und besonders ihrer würdigsten Mitglieder. Keinesweges aber
gedenke ich diese Bemerkung also zu gebrauchen, dass ich Sie durch die
Betrachtung des Nutzens, den jene Opfer Ihnen bringen, zur Toleranz gegen jene
Vorgänger besteche; denn sodann würde ich in Ihnen gerade diejenige Denkart
wiederum erregen und sie zu meinem gegenwärtigen Zwecke gebrauchen, welche ich
ganz aus der Welt vertilgen würde, falls ich es vermöchte; auch würde ich sodann
die Antwort erwarten müssen: Gut für uns, dass jene Toren waren, die uns im
Schweisse ihres Angesichts Schätze sammelten, welche wir geniessen; wir werden,
so viel an uns liegt, vor ähnlicher Torheit uns hüten; mögen die künftigen
Generationen sehen, wie sie zurechtkommen werden wenn wir nicht mehr leben: -
und ich würde diese Antwort wenigstens als consequent rühmen müssen. Ist es doch
erlebt worden, dass bei Versuchen mit der Menschheit, welche, wenn sie nur sonst
in der Ordnung einhergegangen wären, von dieser Seite keinen Tadel verdient
hätten, man laut die Stimme erhoben und gefragt: ob es denn auch wohl recht sei,
dass die gegenwärtige Generation den künftigen so grosse Opfer bringe! worauf
man sich triumphirend umgesehen, als oh man etwas sehr tiefsinniges und vor
aller Gegenrede sicheres ausgesprochen hätte. Vielmehr möchte ich nur folgendes
wissen: oh Sie eine solche Denk- und Handelsweise, ganz unabhängig davon, ob Sie
dieselbe klug finden, worüber dermalen kein Urteil begehrt wird, - nicht doch
genötigt sind höchlichst zu respectiren und zu bewundern?
    Werfen Sie mit mir einen Blick auf die uns umgebende Welt. Sie wissen, dass
noch bis diesen Augenblick mehrere Striche des Erdbodens mit faulenden Morästen
und undurchdringlichen Waldungen bedeckt daliegen, deren kalte und dumpfe
Atmosphäre giftige Insecten erzeugt und verheerende Seuchen aushaucht, fast ganz
zum Wohnhause anheimgefallen dem Wilde und den wenigen menschlichen Gestalten,
welche da leben, bloss ein dumpfes und freudenloses Dasein, ohne Freiheit,
Geschicklichkeit und Würde, verstattend. Es ist aus der Geschichte bekannt, dass
der Boden, den wir dermalen bewohnen, ehemals grösstenteils dieselbe Gestalt
trug. Jetzt sind die Moräste ausgetrocknet und die Waldungen ausgehauen,
verwandelt in fruchttragende Ebnen und Rebenhügel, welche die Lüfte reinigen und
sie mit belebenden Düften schwängern; den Flüssen sind ihre Betten angewiesen
und dauernde Brücken über sie gelegt; Dörfer und Städte sind dem Boden
entstiegen, mit haltbaren bequemen und anständigen Wohnungen für die Menschen,
und mit öffentlichen Gebäuden, welche schon Jahrhunderten trotzten, zum
Gebrauche und zur Erhebung des Gemütes. Sie wissen, dass noch bis diesen
Augenblick wilde Stämme ungeheuere Wüsteneien durchstreifen, ihr kärgliches
Leben mit unreinen und ekelhaften Nahrungsmitteln, an denen es öfter gebricht,
fristend; doch, wie sie aneinanderstossen, sich bekriegend um diese dürftige
Nahrung und ihre ärmlichen Erwerbs- und Luxuswerkzeuge erstreckend die Wut der
Rache bis zum Verzehren des Mitmenschen. Es ist höchst wahrscheinlich, dass wir
insgesammt von dergleichen Stämmen herkommen, - wenigstens in einer der
Generationen unserer Vorväter durch diesen Zustand hindurchgegangen sind. Jetzt
sind die Menschen aus den Wäldern versammelt und zu Massen vereinigt. Wie in der
Wildnis jede Familie ihre mannigfaltigen Bedürfnisse selber unmittelbar zu
besorgen, zugleich die Erwerbswerkzeuge für jedes selber zu verfertigen hatte,
mit mannigfaltigem Verluste an Zeit und vergeudeter Kraft: so sind die
entstandenen Menschenmengen jetzt in Stände verteilt, deren jeder nur das Eine
treibt, dessen Erlernung und Uebung er sein Leben gewidmet, versorgend darin
alle übrigen Stände, und versorgt von ihnen mit allen seinen übrigen
Bedürfnissen; und so wird der Naturgewalt die möglichst grösste gebildete und
geordnete Masse von vereinigter Vernunftkraft gegenübergestellt. Ihrer Wut sich
gegenseitig zu bekriegen und zu berauben, bieten Gesetze und die Verwalter
derselben einen undurchdringlichen Damm; jeder Streit wird unblutig geschlichtet
und die Lust des Verbrechens durch harte Strafen in das innerste Dunkel des
Herzens zurückgeschreckt, und so ist der innere Friede geboren, und jeder bewegt
sich sicher innerhalb der ihm angewiesenen Grenzen. Ansehnlichen Massen von
Manschen, oft entsprungen aus sehr ungleichartigen Abstammungen, und vereinigt,
man weiss kaum wie, stehen ebenso ansehnliche Massen, ebenso wunderbar
vereinigt, gegenüber, und flössen, jede nicht recht bekannt mit der Krass der
anderen, sich gegenseitig Furcht ein, damit auch der äussere Friede von Zeit zu
Zeit die Menschen beglücke, oder, wenn es zum Kriege kommt, selbst die
überwiegende Macht an dem Widerstande der anderen gleichfalls beträchtlichen
ermatte und sich breche, und statt der insgeheim immer beabsichtigten Vertilgung
der Friede erfolge; und so hat selbst zwischen unabhängigen Völkern sich eine
Art von Völkerrecht, und aus getrennten Volkshaufen eine Art von Völkerrepublik
erzeuget. Sie wissen, wie noch bis jetzt den scheuen und mit sich selbst
unbekannten Wilden jede Naturkraft einengt oder tödtet. Uns ist durch die
Wissenschaft unsere eigene geistige Natur aufgedeckt, und dadurch die äussere
sinnliche Naturgewalt grössenteils uns unterworfen worden. Die Mechanik hat die
schwache menschliche Kraft beinahe ins unendliche vervielfältiget, und fährt
fort sie zu vervielfältigen. Die Chemie hat uns an mehreren Stellen in die
geheime Werkstätte der Natur eingeführt und uns fähig gemacht, manches ihrer
Wunder für unseren Zweck nachzutun und vor grossen Beschädigungen durch sie uns
zu schützen; die Astronomie hat den Himmel erobert und seine Bahnen gemessen.
Sie wissen, und die gesammte Geschichte des Altertums, so wie die Beschreibung
der noch vorhandenen Wildlinge bezeugen es Ihnen, dass jene Völker, selbst die
gebildetsten unter ihnen nicht ausgenommen, entronnen den Schrecknissen der
äusseren Natur und eingekehrt in die geheime Tiefe ihres Herzens, erst da das
furchtbarste Schreckniss fanden: die Gotteit, als ihren Feind. Durch kriechende
Demütigungen und Supplicationen, durch Aufopferung dessen, was ihnen am
liebsten war, durch freiwillig sich zugefügte Martern, durch Menschenopfer,
durch das Blut des eingeborenen Sohnes, wenn es galt, - suchten sie dieses auf
alles menschliche Wohlsein eifersüchtige, Wesen zu bestechen, mit ihren
unerwarteten Glücksfällen es auszusöhnen, sie ihm abzubitten.
    Dies ist die Religion de. alten Welt und der noch vorhandenen Wildlinge, und
ich fordere Jeden Geschichtsforscher auf, in diesem Gebiete eine andere
nachzuweisen. Uns ist jenes Schreckbild längst entschwunden, und die Erlösung,
und Genugtuung, von der in einem gewissen Systeme gesprochen wird, ist
offenbare Tatsache, wir mögen nun daran glauben oder nicht; und sie ist um So
mehr Tatsache, je weniger wir daran glauben wollen. Unser Zeitalter, weit
entfernt die Gotteit zu scheuen, hat in seinen Repräsentanten dieselbe sogar zu
ihrem Lustdiener bestallt. Wir unseres Orts, weit entfernt dasselbe über diesen
seinen Mangel au Gottesfurcht zu tadeln, rechnen denselben vielmehr unter seine
Vorzüge: und nachdem sie nun einmal zu dem rechten Genusse der Gotteit, sie zu
lieben, und in ihr zu leben und selig zu sein, nicht fähig sind, so mögen wir es
ihnen wohl gönnen, dass sie dieselbe nicht fürchten. Mögen sie, wenn sie wollen,
sich derselben ganz erledigen, oder mögen sie auch dieselbe sich also
verarbeiten, wie sie ihnen erfreulich werden kann.
    So wie ich zuerst sagte, E. V., war ehemals die Gestalt der Menschheit, und
ist es zum Teil noch; so wie ich zuletzt sagte, ist jetzt wenigstens unter uns
ihre Gestalt. Wie und durch wen, und auf welcherlei Antriebe ist denn diese neue
Schöpfung vollbracht worden?
    Wer hat denn zuvörderst, besonders den neu-europäischen Ländern, ihre
bewohnbare und gebildeter Menschen würdige Gestalt gegeben? Hierauf antwortet
die Geschichte: Religiose waren es, welche in dem festen Glauben, dass es Gottes
Wille sei, dass der scheue Flüchtling in den Wäldern zu einem gesitteten Leben,
und in ihm zu der beseligenden Erkenntnis der menschenliebenden Gotteit
gebracht werde, gebildete Länder, und alle die sinnlichen und geistigen Genüsse
derselben, und ihre Familien, Freunde und Verwandte verliessen, hinausgingen in
die öde Wildnis, übernahmen den bittersten Mangel und die härteste Arbeit, und
was mehr ist, die unermüdete Geduld, unartige Geschlechter, von denen sie
verfolgt und beraubt wurden, an sich zu ziehen und ihr Vertrauen zu gewinnen,
oft am Ziele eines durchgekümmerten Lebens des Märtyrertodes starben, von der
Hand derer, für die sie ihn starben, und für uns, derselben Enkel und Urenkel,
freudig in der Hoffnung, dass über ihrer Marterstätte eine würdigere Generation
aufblühen werde. Diese setzten ohne Zweifel ihr persönliches Leben und seinen
Genuss an ihre Idee, und in dieser Idee an die Gattung. Und so mir jemand
einwerfen dürfte: sie opferten das gegenwärtige Leben der Erwartung einer
unendlich höheren himmlischen Seligkeit auf, welche sie durch diese Entbehrungen
und Arbeiten zu verdienen hofften, - doch immer nur dem Genusse den Genuss, und
zwar den geringeren dem grösseren; so bitte ich einen solchen mit mir ernstaft
folgendes zu überlegen. Wie unangemessen sie sich auch etwa über diese Seligkeit
anderer Welten in Worten ausdrücken, und in welche sinnliche Bilder sie auch die
Beschreibung derselben einkleiden mochten, so wünschte ich nur das zu wissen:
wie sie denn zu dem festen Glauben an diese andere Welt, den sie durch ihr Opfer
documentirten, auch nur gekommen seien, und was dieser Glaube, als Act des
Gemüts, denn doch eigentlich sei? Opfert denn nicht das Gemüt, welches gläubig
eine andere Welt, als sicherlich vorhanden, ergreift, in diesem blossen
Bergreifen schon die gegenwärtige auf, und ist denn nicht dieser Glaube schon
selber das im Gemüte mit einem Male für immer vollendete und vollzogene Opfer,
welches sodann erst bei einzelnen Vorfällen im Leben als Erscheinung eintritt?
Mag es immer gar kein Wunder, sondern durchaus begreiflich und von dir selber,
der du diesen Einwurf machst, in derselben Lage nachzutun sein, dass sie alles
aufopferten, nachdem sie einmal an ein ewiges Leben glaubten: so ist dies das
Wunder, das, sie glaubten, welches der Egoist, der das gegenwärtige nie aus dem
Auge zu lassen fähig ist, ihnen nimmermehr nachtun, noch in dieselbe Lage
hineinkommen wird.
    Wer hat die rohen Stämme vereinigt, und die widerstrebenden in das Joch der
Gesetze und des friedlichen Lebens gezwungen, wer hat sie darin erhalten, und
die stehenden Staaten gegen Auflösung durch innere Unordnung und wegen
Zerstörung durch äussere Gewalt geschützt? - Welches auch ihre Namen sein mögen,
Heroen waren es, grosse Strecken ihrem Zeitalter zuvorgeeilt, niesen unter den
Umgebenden an körperlicher und geistiger Kraft. Sie unterwarfen ihrem Begriffe
von dem was da sein sollte, Geschlechter, von denen sie dafür gehasst und
gefürchtet wurden; schlaflos durchsannen sie, für diese Geschlechter sorgend,
die Nächte, rastlos stürzten sie sich von Schlachtfeld zu Schlachtfeld,
entsagend den Genüssen, die sie wohl hätten haben können, immer ihr Leben als
Beute darbietend, oft verspritzend ihr Blut. Und was suchten sie mit dieser
Mühe, und wodurch wurden sie dafür entschädigt? Ein Begriff, ein blosser Begriff
von einem durch sie hervorzubringenden Zustande, der aber schlechtin ohne allen
weiteren Zweck ausser ihm realisirt werden sollte, war es, der sie begeisterte;
und das unaussprechliche Wohlgefallen an diesem Begriffe war es, was sie
belohnte und für alle Mühe entschädigte; dieser Begriff war es, der die Wurzel
ihres inneren Lebens ausmachte, indes er das äussere in Schatten stellte,
verdunkelte, und als etwas des Andenkens unwürdiges aufgab; die Kraft dieses
Begriffs war es, die den durch die Geburt seiner Umgebung Gleichen zum
körperlichen und geistigen Riesen herausarbeitete; derselben Idee ists die
Person zum Opfer, durch welche sie erst zu einem würdigen Opfer ausgestattet
worden.
    Was treibt den König, der auf angeerbtem Trone sicher ruhen und des Markes
des Landes geniessen könnte, - was treibt, um an ein bekanntes Beispiel, das von
dem empfindelnden Zwerggeschlechte auch so oft gemisdeutet worden, meine Frage
anzuknüpfen, - was treibt den macedonischen Helden aus dem angeerbten, schon vom
Vater wohlgesicherten und reichlich versehenen Königreiche in einen fremden
Weltteil, den er unter ununterbrochenen Kämpfen durchzieht und erobert? Wollte
er dadurch satter werden und gesünder? Was heftet den Sieg an seine Fusssohlen,
und schreckt vor ihm her die ihm an Menge ungeheuer überlegenen Feinde? Ist dies
blosser Zufall? Nein, eine Idee ists, die den Zug beginnt und die ihn beglückt.
Weichliche Halbbarbaren hatten das damals geistreichst ausgebildete Volk unter
der Sonne wegen seiner kleineren Anzahl zu verachten und den Gedanken seiner
Unterjochung zu fassen gewagt; sie hatten in Asien wohnende verbrüderte Stämme
wirklich unterjocht, und das gebildete und freie den Gesetzen und den empörenden
Strafen roher und sklavischer Völkerschaften unterworfen. Dieser Frevel musste
nicht ungestraft verübt sein; auch musste umgekehrt das gebildete herrschen, und
das ungebildete dienen, wenn geschehen sollte, was Rechtens ist. Diese Idee
lebte schon seit langem in den edleren griechischen Gemütern, bis sie in
Alexander zur lebendigen Flamme wurde, welche sein individuelles Leben bestimmte
und aufzehrte. Rechne man mir nun nicht vor die Tausende, die auf seinem Zuge
fielen, erwähne man nicht seines eigenen frühzeitig erfolgten Todes: was konnte
er denn nun, nach Realisirung der Idee, noch grösseres tun, als sterben?
 
                                Vierte Vorlesung
    [Fortsetzung des Versuchs. Beschreibung des Genusses des Lebens in der Idee,
    falls jemand es selber lebt.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Der bestimmte Gegensatz des Lebensprincips des von uns zu charakterisirenden
dritten Zeitalters, nämlich das Princip des vernunftmässigen Lebens, hatte sich
in der vorigen Rede ergeben; - dieses: dass das persönliche Leben an das Leben
der Gattung, oder wie wir dies weiterhin bestimmten, an die Ideen gesetzt werde;
und wir fanden zweckmässig, bei diesem Puncte, als einem der helleren in unserer
ganzen Untersuchung, denkend zu verweilen. Ich wollte Ihnen zunächst an Ihnen
selber zeigen, dass Sie sich nicht entbrechen könnten, die Aufopferung des
persönlichen Lebensgenusses für die Realisirung einer Idee zu billigen, zu
bewundern und hochzuachten; dass daher in Ihnen selber ein Princip dieses Ihres
Urteils unaustilgbar liegen müsse, des Inhalts: dass das persönliche Leben an
die Idee gesetzt werden solle, und das persönliche Dasein eigentlich und in der
Wahrheit gar nicht sei, da es aufgegeben werden solle, dagegen das Leben in der
Idee allein sei, indem es allein behauptet und durchgesetzt werden solle. Ich
erklärte dieses bei Ihnen vorausgesetzte Gefühl der Billigung aus dem
Grundsatze: Alles Leben liebe notwendig sich selber, und so müsse auch das
vernunftgemässe Leben sich lieben, und als das wahre und rechte Leben sich
lieben über alle andere Liebe. Nun könne das vernunftgemässe Leben auf zweierlei
Weise für den Menschen dasein und an ihn gebracht werden: entweder im blossen
Bilde und als Beschreibung eines fremden Zustandes, oder dadurch, dass er es
unmittelbar selber sei. In dem ersten Falle liebt es sich selber und gefällt es
sich selber in dieser Vorstellung, weil diese wenigstens die des
Vernunftgemässen, und selber vernunftgemäss ist, und es entsteht die erwähnte
Billigung, Achtung und Bewunderung; im zweiten Zustande erfasst es sich in einem
unendlichen Selbstgenusse, welcher Seligkeit isl. Den ersten Zustand, den der
Billigung, wollte ich in der vorigen Stunde an Ihnen versuchen, für heute
versprechend eine schwache Beschreibung des letzteren. -
    Um für den ersten Zweck nicht ungebunden herumzuschweifen und blind in meine
Materialien hineinzugreifen, sondern meine Betrachtung unter einen ordnenden
Einheitspunct zu bringen, sagte ich: Alles grosse und gute! über welchem unsere
Zeit steht und da ist, ist allein durch die Aufopferung der Vorwelt für Ideen
wirklich geworden. Nach der Erinnerung, dass der Boden aus dem Zustande der
Wildheit zur Cultur, die Menschheit aus dem Stande des Krieges in den des
Friedens, dem der Unwissenheit zur Wissenschaft, dem der blinden Scheu vor der
Gotteit zur Furchtlosigkeit übergegangen, - zeigte ich, dass das erstere;
wenigstens für den Boden, den wir bewohnen, durch Religiose, das letztere
überall und allentalben durch Heroen bewirkt sei, welche, die einen so wie die
anderen, ihr Leben und allen Genuss desselben für ihre Ideen aufopferten. Indem
ich auf einen Einwurf, welcher in Absicht des letzteren Punctes gemacht werden
könnte, antworten wollte, brach der Ablauf der Zeit den Faden unseres Vortrages
ab, den ich gerade an derselben Stelle wieder auf nehme. - Die Ehre, dürfte man
nämlich sagen, die Ehre ist es, die den Helden begeistert; das brennende Bild
seines Ruhms bei der Welt und Nachwelt ist es, welches ihn durch Mühe und
Gefahren hindurchtreibt, und ein ganzes aufgeopfertes Leben ihm in derjenigen
Münze, der er nun einmal den höchsten Wert gegeben, reichlich bezahlt. Ich
antworte: wenn dies sich also verhielte, was ist denn diese Ehre selber? Woher
bekäme denn der Gedanke an das Urteil anderer über uns, besonders an das
Urteil künftiger Generationen, deren Tadel oder Lob, unvernommen von uns, über
unseren Gräbern verhallen wird, diese furchtbare Gewalt, mit der er das
persönliche Leben des Heroen verschlingen soll? Musste denn nicht offenbar
seiner Gesinnung das Princip zum Grunde liegen, dass sein Leben nur unter der
Bedingung Wert für ihn haben und ihm erträglich sein könne, inwiefern die
Stimme der gesammten Menschheit sich vereinigen müsse, demselben einen Wert
beizulegen? Wäre denn sonach nicht diese Gesinnung schon selber unmittelbar der
Gedanke der Gattung, und der Gedanke ihres Ausspruchs, als Gattung, über das
Individuum, und die Anerkennung, dass diese Gattung allein das Endurteil über
wahren Wert habe: wäre es nicht die Voraussetzung, dass dieses Endurteil auf
die Frage sich stützen werde, ob das Individuum der Gattung sich aufgeopfert,
und der stumm sich ergebende Respect vor diesem Urteile aus dieser Prämisse;
kurz, wäre diese Gesinnung nicht unmittelbar gerade dieselbe, in die wir das
vernunftmässige Leben gesetzt haben? Aber lassen Sie uns diesen Gegenstand noch
inniger durch. dringen.
    Der Held handelt, - ohne Zweifel denn doch auf eine bestimmte Weise, setze
ich hinzu, - um dadurch Ruhm bei Welt und Nachwelt zu erwerben, sagt man - ohne
Zweifel denn doch, setze ich abermals hinzu, ohne bei Welt und Nachwelt erst die
Herumfrage gehalten zu haben, ob sie ein Leben in dieser Weise loben wolle -
ohne, setze ich ferner hinzu, ohne über diesen Zweifel auf irgend eine Weise in
der Erfahrung sich Rats erholen zu können, indem seine Handelsweise, so gewiss
sie nach einer Idee einhergeht eine neue und bisher unerhörte, darum noch nie an
das menschliche Urteil gehaltene Handelsweise ist. Doch rechnet er bei dieser
Handelsweise so sicher auf Ruhm, sagt man, dass er auf die Richtigkeit dieser
Berechnung sein Leben daran setzt. Wie weiss er denn nun, dass er sich nicht
verrechne? So wie er an da. Handeln geht, und das Opfer seines Lebens schon mit
einem Male für immer im Gemüte vollendet hat, hat noch einzig und allen er
selber, und kein anderer ausser ihm, seine Handelsweise beurteilt und sie
gebilligt; wie weiss er denn nun, dass Mitwelt und Nachwelt sie billigen und mit
unsterblichem Ruhme belegen werde, und wie kommt er dazu, seinen eigenen
Massstab des Ehrewürdigen so kühn der ganzen Gattung anzumuten? Doch tut er
es, wie ihr sagt: und so erweiset diese einzige Bemerkung, dass er keinesweges
durch die Hoffnung ihres Rühmens bewogen tut, wie er tut, vielmehr durch seine
aus dem Urquell der Ehre vor sich selber rein hervorbrechende Tat ihnen
hinlegt, was sie billigen und ehren müssen, falls ihm an ihrem Urteile
überhaupt gelegen sein solle; verachtend bis zur Vernichtung sie selber und ihr
Urteil, falls es nicht der Wiederschein ist seines eigenen, für alle Ewigkeit
gefällten Urteils. Und so erzeuget nicht der Ehrgeiz grosse Taten, sondern
grosse Taten erzeugen erst im Gemüte den Glauben an eine Welt, von der man
geehrt sein mag. Die Ehre zwar, in derjenigen Gestalt, in welcher sie alle Tage
vorkommt und von der wir hier nicht reden, geht völlig auf in der Furcht vor der
Schande; ohne zu Taten zu treiben, hält sie bloss zurück von dem, was notorisch
verachtet wird, und verschwindet, sobald man hoffen darf, dass es niemand er.
fahren werde. Ein anderer Ehrgeiz, von welchem wir hier gleichfalls nicht reden,
der erst in alten Chronikenbüchern nachschlägt, was da gelobt worden, und es
nachzumachen strebt, um auch gelobt zu werden, und welcher, unfähig das neue zu
erschaffen, ausgetrocknete Mumien, die ehemals freilich kräftig leben mochten,
in sich zu wiederholen strebt, mag sich auch wohl aufopfern, aber das, wofür er
fällt, heisst nicht Idee, sondern es heisst Grille: und er verfehlt seines
Zwecks; denn das einmal gestorbene wird nie wieder lebendig, und, wenn auch
nicht von der vielleicht blöden und betäubten Mitwelt, doch sicherlich von der
Nachwelt, wird der Nachahmer der sich für einen Schöpfer hielt, verachtet.
    Diese hier lediglich in Beziehung auf den Heroismus beigebrachte Bemerkung
über die Ehre gelle auch für das folgende, wo von der Oberflächlichkeit
gleichfalls eines Ehrgeizes erwähnt zu werden pflegt, über dessen Wesen und
Möglichkeit nachzudenken sie nie die Kraft gehabt.
    Durch die Wissenschaft ist dem vorher scheuen und durch jede Naturgewalt
eingeengten Wilden seine innere Natur aufgedeckt, und die ihn umgebende äussere
unterworfen: sagten wir in der vorigen Stunde. Wer sind die, welche die
Wissenschaften erfanden und erweiterten; haben sie dieses ohne Mühe und
Aufopferung vermocht, was hat ihnen für diese Aufopferung gelohnt?
    Indes ihr Zeitalter um sie herum fröhlich seines Tages genoss, waren sie
verloren in einsames Nachdenken, um zu entdecken ein Gesetz, einen Zusammenhang,
der ihre Bewunderung erregt hatte und mit welchem sie durchaus nichts weiter
wollten, als ihn eben entdecken: aufopfernd Genüsse und Vermögen,
vernachlässigend ihre äusseren Angelegenheiten vergeudend die feinsten Geister
ihrer Existenz, verlacht vom Volke als Toren und Träumer. - Nun, ihre
Entdeckungen haben ja dem menschlichen Leben mannigfaltig genützt, wie wir
selbst erinnert. - Wohl, aber haben sie diese Früchte ihrer Mühen mit genossen;
haben sie dieselben im Auge gehabt, oder sie nur geahnet; haben sie nicht
vielmehr, wenn ihr geistiger Aufflug durch eine solche Ansicht anderer von ihrem
Geschäft unterbrochen wurde, über die Entweihung des Heiligen zu profanem
Gebrauche des Lebens, von welchem letzteren ihnen freilich verborgen blieb, dass
es gleichfalls geheiligt werden müsse, wahrhaft erhabene Klagen angestimmt? Erst
nachdem durch ihre Bemühung ihre Entdeckungen so fasslich gemacht und so
verbreitet waren, dass sie auch an weniger begeisterte Köpfe gebracht werden
konnten, wurden sie von diesen, - welche wir, auf einem ganz anderen Standpuncte
stehend, darüber keinesweges verachten, die es aber erkennen sollen, dass sie
nicht so edler Natur sind, als jene, - auf die Bedürfnisse des Lebens
angewendet, und so das Menschengeschlecht mit Uebermacht gegen die Natur
bewaffnet. Wenn also nicht einmal Anblick nicht einmal die Ahnung der
Nutzbarkeit ihrer Entdeckungen sie entschädigen konnte, was entschädigte sie
denn für die dargebrachten Opfer; und was entschädigt noch heute falls noch
heute jemand, mit denselben Aufopferungen, und ohne dafür etwas zu begehren,
unter dem Spotte und dem Hohngelächter des Pöbels rein sein Auge nach der ewig
neufliessenden Quelle der Wahrheit hinrichtet? - Das ist es; - sie sind in das
neue Lebenselement der geistigen Klarheit und Durchsichtigkeit hineingeraten,
wodurch das Leben in jede anderen Elemente durchaus ungeniessbar gemacht wird.
Eine höhere Welt, die uns zuerst, und die uns am innigsten durch das Licht,
welches in ihr einheimisch ist, ergreift, ist ihnen aufgegangen; dieses Licht
hat mit seinem wohltätigen und erquickenden Scheine ihre Augen ergriffen und
erfüllt, so dass sie ewig nach nichts anderem sich richten können, als Dach
jenen in tiefer Nacht allein erleuchteten Höhen; dieses Licht hält in diesen
ihren Augen ihr ganzes Leben gefesselt und gefangen, so dass alle ihre übrigen
Sinne ruhig ersterben. Sie bedürfen keiner Entschädigung; sie haben einen
unermesslichen Gewinn gemacht.
    Das furchtbare Schreckbild einer menschenfeindlichen Gotteit ist entflohen,
sagten wir, und dem Menschengeschlechte Ruhe und Freiheit von diesem
Schreckbilde erworben. Wer war es, der diesen allgemein verbreiteten und so tief
in allen Völkern eingewurzelten Wahn ausrottete; geschah es ohne Aufopferungen;
was hat für diese Opfer entschuldigt?
    Die christliche Religion ganz allein ist es, welche dieses Wunder
vollbracht, und durch jedes Opfer der ihr ergebenen und von ihr ergriffenen
durchgesetzt hat. Was diese, was der erhabene Stifter derselben, was seine
nächsten Zeugen, was deren nächste Nachfolger lange Reihen von Jahrhunderten
hindurch bis auch auf uns, als eine späte Geburt, ihr Wort kam, - gearbeitet,
und unter blödsinnigen und abergläubischen Völkern erduldet, - lediglich
begeistert von der beseligenden Wahrheit, die ihnen innerlich aufgegangen war,
und ihr Leben ergriffen hatte, - will ich nicht erinnern. Das Zeitalter erinnert
sich dessen sehr wohl. und bringt es häufig in Erwähnung, um ihrer Schwärmerei
zu spotten. Lediglich durch das Christentum, und durch das ungeheure Wunder,
wodurch dieses entstand und in die Welt eingeführt wurde, ist die Verwandlung
geschehen. Dass, nachdem die Wahrheit verkündigt und durch zahlreiche Anhänger
auch eine Autorität geworden, man ruhig denkend ihren Gründen nachforsche, sie
in seinem eigenen Verstand nachconstruire, und auf diese Weise sie
gewissermaassen nacherfinde, lässt sich erklären, und ist sehr begreiflich; aber
woher der erste den Mut bekam, dem allgemeinen und durch die bisherige
Uebereinstimmung des ganzen Geschlechts geheiligten Schreckbilde, dessen blosser
Gedanke schon lähmte, kühn in die Augen zu sehen, und zu finden, es sei nicht,
und statt seiner sei nur Liebe und Seligkeit: das war das Wunder. Was
insbesondere die Repräsentanten betrifft, so ist, nach den übrigen Proben ihrer
Erfindungskraft und ihres Witzes zu urteilen, ganz gewiss: dass sie es nicht
diesem Witze, sondern lediglich den von ihnen nur nicht geahneten Einflüssen
derselben Tradition, welche sie verlachen, allentalben, wo ihr stumpfes Auge
hinreicht, dieselbe zu bemerken, zu verdanken haben, dass sie nicht noch bis
diesen Tag ihr Gesicht zerschlagen vor hölzernen Götzen, und ihre Kinder durchs
Feuer gehen lassen dem Moloch.
    Ob Sie, E. V., sich entbrechen können, diese in allen diesen Beispielen sich
zeigende Aufopferung des persönlichen Lebensgenusses für Ideen zu billigen, ist
die Frage, deren Beantwortung nun Ihnen selbst überlassen wird; ebenso, wie
ihnen überlassen wird das Geschäft, aus diesem Phänomen die Folgerungen zu
ziehen, welche, nach unserer früheren Auseinandersetzung, sich daraus ergeben.
    Diese Billigung ist, nach derselben Auseinandersetzung, die unmittelbare
Wirkung der Betrachtung des Lebens in den Ideen, im blossen Bilde und als
fremden Zustandes: das eigene Sein dieses Lebens, setzten wir hinzu, gewährt
einen unendlichen Selbstgenuss, der die Seligkeit ist, und versprachen eine
Beschreibung dieses Zustandes, welche freilich nur schwach und verblasst
auszufallen vermag, wie jede Beschreibung des Lebendigen.
    Es ist hier der Ort, zuerst bestimmter zu erklären, was Idee, als Idee, in
ihrem eigentlichen Wesen sei; eine Erklärung, welche selber wir durch das
bisherige vorbereiten wollten.
    Ich sage: die Idee ist ein selbstständiger, in sich lebendiger und die
Materie belebender Gedanke.
    Zuvörderst ein selbstständiger Gedanke. - Darin eben besteht die verkehrte
Ansicht des dritten Zeitalters, und überhaupt alle verkehrte Ansicht, dass sie
die Selbstständigkeit, das auf sich selber Beruhen und in sich selber Bestehen,
dem todten und starren Sein beilegen; und diesem nun die sodann völlig
überflüssige Zugabe des Denkens, man weiss nicht warum und woher, hinzufügen.
Nein, das Denken selber ist das wahre und einige Selbstständig und auf sich
selbst Beruhende; nicht, wie sich versteht, dasjenige Denken, das eines
besonderen denkenden Individuums bedürfe, indem dieses ja nicht selbstständig
sein könnte, sondern das Eine und ewige Denken, in welchem alle Individuen nur
Gedachtes sind. Nicht der Tod ist die Wurzel der Welt, welcher Tod erst durch
allmählige Verringerung seines Grades zum Leben heraufgekünstelt werden müsste;
sondern vielmehr das Leben ist die Wurzel der Welt, und was da todt scheint, ist
nur ein geringerer Grad des Lebens. - Ein lebendiger Gedanke; wie unmittelbar
klar ist: denn das Denken ist seinem Wesen nach lebendig, ebenso wie das
Selbstständige seinem Wesen nach lebendig ist; und eben darum kann der Gedanke
nur als selbstständig gedacht, und die Selbstständigkeit nur in das Denken
gesetzt werden, weil beides das Leben mit sich führt. Ein die Materie belebender
Gedanke: dieses in doppelter Rücksicht. Alles Leben in der Materie ist Ausdruck
der Idee: denn die Materie selber in ihrem Dasein ist nur Wiederschein einer
unserem Auge verdeckten Idee, und daher kommt die ihr selber beiwohnende
Regsamkeit und Lebendigkeit. Bricht aber die Idee durch, offenbar und
begreiflich als Idee und reisst sich los zu eigenem, in ihr als Idee begründeten
Leben, so verschwindet der niedere Lebensgrad der verdeckten Idee, und geht auf
in dem höheren; welcher nun allein die Person erfüllt, und in ihr ihr eigenes
Leben treibt; und es entsteht mit Einem Worte, dasjenige Phänomen, welches in
allen unseren bisherigen Schilderungen sich zeigte: das Phänomen der Aufopferung
des persönlichen, d.h. des unbestimmt idealen Lebens an das Leben der bestimmten
und als Idee sich darstellenden Idee. - So sage ich, verhält es sich mit dem
Leben - nicht das Fleisch lebet sondern der Geist; und diese Grundwahrheit,
welche der speculative Philosoph auf dem Wege der Denknotwendigkeit erweiset,
hat jeder, in welchem die bestimmte Idee in irgend einer Form zum Leben
gekommen, an seinem eigenen Dasein bewährt und dargetan, gesetzt auch, dass er
sich dessen nicht deutlich bewusst werde. Diesen unmittelbaren Beweis am eigenen
Dasein zum Bewusstsein zu erheben, und jeden desselben zu überführen, ist das
Geschäft eines populär philosophischen Vortrags, und hier insbesondere das
meinige. -
    Wo die Idee als ein eigenes und selbstständiges Leben sich darstellt, geht
der niedere Grad des Lebens, das sinnliche, völlig in ihr auf, und wird in ihn
verschlungen und verzehrt, - sagten wir. Die Liebe dieses niederen Lebens zu
sich selber, und sein Interesse für sich selbst ist vernichtet. Aber alles
Bedürfnis entsteht nur aus dem Dasein dieses Interesse, und aller Schmerz nur
aus der Verletzung desselben. Das Leben in der Idee ist vor aller Verletzung auf
diesem Gebiete in Ewigkeit gesichert, denn es hat sich aus demselben
zurückgezogen. Für dieses Leben gibt es keine Selbstverläugnung mehr und keine
Aufopferung: das zu verläugnende Selbst, und die Objecte des Opfers sind seinem
Auge entrückt, und seiner Liebe verschwunden. Diese Verläugnung und diese Opfer
bewundert nur derjenige, für den die Gegenstände davon noch Wert haben, weil er
selbst sie noch nicht aufgegeben; wie man sie aufgibt, so verschwinden sie in
nichts, und es findet sich, dass man nichts verloren habe. Für dieses Leben in
der Idee ist das ernstgebietende Pflichtgebot aufgehoben, welches die Lust
voraussetzt, und nur dazu da ist, um anfangs die Begier in das dunkle des
Herzens zurückzuscheuchen, damit die Idee Platz gewinne, ihr Leben zu
entwickeln. Nur der erste Schritt ists, der da kostet. Ist man einmal hindurch,
so steht dasjenige, was erst als ernste Pflicht drohte, da als das, was man
allein noch treiben, und um dessen willen allein man noch leben möchte: als
einige Lust, Liebe und Seligkeit. Es ist daher Unkunde, wenn man einer tiefen
Philosophie zutraut, sie solle die finstere Sittenlehre der Selbstkreuzigung und
Ertödtung erneuern. O nein; einladen will sie, dass man hinwerfe was keinen
Genuss gewährt, damit dasjenige, was unendlichen Genuss verleiht, an uns kommen
und uns ergreifen könne.
    Die Idee ist selbständig, genügt ihr selbst, und geht auf in sich selber.
Sie will leben und dasein, schlechtin um dazusein, und verschmäht jeden Zweck
ihres Daseins, der ausserhalb ihrer selbst liege. Sie schätzt daher und liebt
ihr Leben keinesweges nach dem fremden Maassstabe irgend eines Erfolges, Nutzens
oder Vorteils, den dasselbe ertrage. Wie sie in der ganzen Gattung keinesweges
das Wohlsein, sondern nur die absolute Würde, - nicht etwa Würdigkeit der
Glückseligkeit, sondern Würde durchaus für sich - anstrebt: ebenso ist sie, wo
sie zum besonderen Leben gediehen, in sich selber durch diese Würde vollkommen
ersättigt, ohne des Erfolgs zu bedürfen. Die Unsicherheit desselben kann daher
ihre innere Klarheit nie trüben, noch der wirkliche Nichterfolg ihr jemals
Schmerz verursachen, da sie auf den Erfolg nicht rechnete, und ihn ebenso
aufgegeben hat, wie die sinnliche Begierde. Wie könnte in diesen in sich
geschlossenen Cirkel des Lebens Leid und Schmerz, oder Störung je eintreten?
    Die Idee ist durch sich selber sich selbst genug zum lebendigen, tätigen
Leben, das da ewig aus sich selber quillt, ohne eines anderen zu bedürfen, oder
ihm den Einfluss in sich zu verstatten. Das Selbstgefühl dieser ewig unmittelbar
gegenwärtigen Unabhängigkeit, und dieses sich selbst Genügens zu ewig und
ununterbrochcn aus ihm selber hervorgehender Tätigkeit, - die Gediegenheit
dieser ewig, an sich selber zehrenden, und in alle Ewigkeit mit gleichbleibender
Kraft sich erschwingenden Flamme, ist die Liebe des Vernunftlebens zu sich
selber, und der Selbstgenuss seiner Selbst, und die Seligkeit: - keinesweges ein
eitles Brüten über sich selber in Betrachtung und Anschauung seiner
Vortrefflichkeit denn die Betrachtung ist durch das Sein verschlungen, und zu
ihr lässt die rastlos fortbrennende Flamme des wirklichen Lebens weder Zeit noch
Anhalt, tödtend und in den Schoss der Vergessenheit versenkend alles
Vergangene, um in jedem Augenblicke neu sich zu gebären.
    Dergleichen Schilderungen nun und Beschreibungen Voll der Seligkeit des
Lebens in der Idee würden für jeden, in welchem nicht in irgend einer Form die
Idee zum Leben hindurchgebrochen wäre, völlig unverständlich, und Töne einer
anderen Welt sein, und - da ein solcher notwendig jede Welt ausser der seinigen
läugnet - Träume, Torheit und Schwärmerei. Aber lässt sich denn nicht in einer
gebildeten Gesellschaft mit einiger Sicherheit darauf rechnen, dass wohl jeder
auf irgend eine Weise mit Ideen in Berührung gekommen?
    So wie die Idee in ihrem Wesen, ebenso ist die Seligkeit des Lebens h1 der
Idee allentalben sich gleich und dieselbe: nämlich das unmittelbare Gefühl
ursprünglicher, rein und schlechtin aus sich selbst hervorgehender Tätigkeit.
Nur in Absicht der Gegenstände, in welche diese ursprüngliche Tätigkeit
innerhalb unseres Gefühls und Bewusstseins ausströmt und sich darstellt, gibt
es verschiedene Formen der Einen Idee; welche verschiedene Formen nun wohl auch
selber verschiedene Ideen genannt werden. Ich sage ausdrücklich: innerhalb
unseres Gefühls und unseres Bewusstseins; denn nur im Bewusstsein sind die
Äusserungen der Idee verschieden, jenseits desselben ist diese Äusserung nur
Eine.
    Die erste, unter der Menschheit am frühesten ausgebrochene, und dermalen am
weitesten verbreitete Art jenes Ausflusses der Urtätigkeit ist die in Materie
ausser uns vermittelst unserer eigenen materiellen Kraft: und in dieser Art des
Ausflusses besteht die schöne Kunst. Ausfluss der Urtätigkeit, habe ich gesagt,
- der nur aus sich selber strömenden und sich selbst genügenden, keinesweges der
auf Erfahrung und Beobachtung in der Aussenwelt sich stützenden; diese letztere
gibt nur das individuelle, und darum unedle und hässliche, welches schon um das
Einemal, da es in der Wirklichkeit da ist, zu viel da ist, durch dessen
Wiederholung sonach und Vervielfältigung durch die Kunst ein schlechter Dienst
geleistet werden würde. In Materie ausser uns, sagte ich, gleichgeltend in
welche; ob nun der körperliche Ausdruck des in eine Idee verlorenen Menschen -
denn nur dieser, nur als solcher ist Gegenstand der Kunst, - fixirt werde im
Marmor, gebildet werde auf der Fläche, u. dergl., oder ob die Bewegungen eines
begeisterten Gemüts in Tönen ausgedrückt werden, oder die Empfindungen und
Gedanken desselben Gemüts rein, wie sie sind, sich selber in Worten
aussprechen: immer ist es Ausströmen der Urtätigkeit in Materie.
    Gewiss zerfliesst der wahre Künstler, in dem Sinne, wie wir ihn nehmen, bei
Ausübung seiner Kunst in den höchsten Genuss der beschriebenen Seligkeit; denn
sein Wesen ist sodann aufgegangen in freie, sich selber genügende Urtätigkeit,
und in das Gefühl dieser Tätigkeit. Und wem wären denn alle Wege verschlossen,
sein Werk mit zu geniessen; und so auf einige Weise und in einem entfernten
Grade Mitschöpfer desselben zu sein, und wenigstens auf diese Weise inne zu
werden, dass es einen Genuss gebe, der jeden sinnlichen Genuss weit überwiegt.
    Eine andere und höhere, in weniger Individuen zum Leben hindurchgebrochene
Form der Idee ist das Ausströmen der Urtätigkeit in die gesellschaftlichen
Verhältnisse der Menschheit, - die Quelle der weltbürgerlichen Ideen; im Leben
die Erzeugerin des Heroismus, und die Urheberin alles Rechts und aller Ordnung
unter den Menschen. Mit welcher Kraft diese Idee ausstatte, ist schon gezeigt;
mit welcher Seligkeit sie das ihr ergebene Gemüt erfülle, folgt aus dem
Gesagten; und wer unter Ihnen Welt und Vaterland zu denken, und mit
Vergessenheit seiner selber ihnen zu dienen vermag, der weiss es aus eigener
Erfahrung.
    Eine dritte Form der Idee ist das Ausströmen der Urtätigkeit in die
Erfahrung und Nacherschaffung des gesammten Universums, rein aus sich selber, d.
i. aus dem Gedanken: oder die Wissenschaft; denn gerade das, was ich eben
gesagt, war in ihrem Wesen die Wissenschaft, wo sie jemals unter den Menschen
sich gezeigt hat, und das wird sie bleiben in alle Ewigkeit. Welchen hohen
Genuss diese Wissenschaft ihren Geweihten gewähre, ist schon oben beschrieben;
hier ist nur noch das hinzuzusetzen, dass der Genuss an ihr geistiger, und eben
darum durchdringender und höher ist, als jeder andere aus der Idee; indem hier
die Idee nicht nur ist, sondern selber als Idee, als innerer Gedanke aus sich
selber hervorquillend, gefühlt und genossen wird: und dass dieses ohne Zweifel
die höchste Seligkeit ist, welche der Sterbliche hienieden an sich zu bringen
vermag. Nur in Absicht ihres Einflusses nach aussen steht die Wissenschaft in
dem Nachteile gegen die schöne Kunst, dass diese durch einen verborgenen Zauber
von Sympatie im Geisterreiche auch den Nichtkünstler auf einige Augenblicke zu
sich zu erheben, und ihm einen Vorschmack ihres Genusses zu geben vermag,
dagegen das Geheimnis der Wissenschaft keiner empfahet, dem es nicht in ihm
selber aufgeht.
    Endlich, die umfassendste, alles in sich aufnehmende und durchaus an jedes
Gemüt zu bringende Form der Idee, das Hinströmen aller Tätigkeit und alles
Lebens, mit Bewusstsein, in den Einen, unmittelbar empfundenen Urquell des
Lebens, die Gotteit: oder - die Religion. Wem dieses Bewusstsein in seiner
Unmittelbarkeit und unerschütterlichen Gewissheit aufgeht, und ihm zur Seele
wird alles seines übrigen Wissens, Denkens und Sinnens, der ist eingegangen in
den Besitz nie zu trübender Seligkeit. Was ihm begegne, es ist Lebensform jenes
Urquells des Lebens, welches in jeglicher Gestalt heilig ist und gut, und
welches in jeglicher Gestalt zu lieben er sich nicht entbrechen kann; es ist,
falls er etwa mit anderen Worten sich ausdrückte, der Wille Gottes, mit welchem
sein Wille immer Eins ist. Was ihm zu tun vorkomme, so beschwerlich es sei,
oder so gering und unedel es erscheine - es ist Lebensform jenes Urquells des
Lebens in ihm, dessen Ausdruck zu sein seine Seligkeit ausmacht; es ist der
Wille Gottes an ihn, dessen Werkzeug zu sein ihn beglückt. Wer in diesem Glauben
und in dieser Liebe sein Feld ackert, ist unendlich edler und seliger, als wer
ohne diesen Glauben Berge versetzt.
    Dieses, E. V., sind die Materialien zum Bilde des Einen Vernunftlebens,
dessen Entwerfung wir die letzte und die gegenwärtige Rede gewidmet hatten.
Lassen Sie uns jetzt diese Materialien auf Einheit zurückführen.
    Die verschiedenen Gestalten, in welche das Bild der Einen ewigen
Urtätigkeit innerhalb unseres Bewusstseins sich bricht, und deren bedeutendste
wir angegeben haben, sind dennoch, jenseits dieses unmittelbaren Bewusstseins,
durchaus Eine und dieselbe Urtätigkeit, sagten wir. Allentalben, wo sie in
irgend einer dieser Gestalten in das Leben eintritt, umfasst sie in und kraft
dieser Gestalt sich dennoch ganz, und liebt sich ganz, und entwickelt sich ganz,
nur ohne ihr eigenes Wissen oder Willen, allentalben nicht verschieden, sondern
dieselbe Eine bloss wiederholt, und mehrmals gesetzt; allentalben dasselbe
Eine, aus sich selbst quellende Leben, rastlos in seiner Einheit sich neu
gebärend, und in seiner Bewegung abwindend den Einen Strom der Zeit. Diese Eine
Idee, in der Gestalt der schönen Kunst, drückt den uns umgebenden
Lebenselementen das äussere Gepräge der in die Idee verlorenen Menschheit auf -
sie wisse es oder nicht, lediglich darum, damit die künftigen Generationen
gleich bei ihrem Erwachen ins Leben das Würdige umfange, und durch eine gewisse
sympatetische Kraft den äusseren Sinn derselben erziehe, wodurch der Gestaltung
des Innern mächtig vorgearbeitet wird; also in jener einzelnen Gestalt strebt
die ganze Idee sich selbst ganz an, und arbeitet für sich als Ganzes. Oder,
dieselbe Eine Idee, hl der Gestalt der Religion, des Hinschwebens alles
irdischen Tuns und Treibens in den Einen ewigen, stets reinen, stets guten,
stets seligen Urquell des Lebens, was will sie? - Welcher Edle, nicht mehr
angezogen durch das irdische Leben, und eben darum völlig im Reinen, dass es
nichts sei, könnte es über sich gewinnen, dasselbe fortzutreiben, ohne jene
Beziehung auf das Eine, Ewige, Dauernde, welche die Religion ihm darbietet Und
so ist denn abermals die Eine ganze Idee, die in dieser Gestalt der Religion
sich selber und ihren letzten Boden trägt, und den sonst unauflöslichen
Widerspruch zwischen der Gesinnung, die sie einflösst, und zwischen den
Aufträgen, die sie zu erteilen sich nicht entbrechen kann, vollkommen löset.
Und so verhält es sich mit jeder von uns erwähnten besonderen Gestalt der Idee,
und mit jeder möglichen; wovon ich die Ausführung Ihrem eigenen Nachdenken
überlasse.
    So, sagte ich, windet die ewig sich selbst ganz erfassende, in sich selber
lebende, und aus sich selber lebende Eine Idee sich fort durch den Einen Strom
der Zeit. Und, setze ich hinzu, in jedem Momente dieses Zeitstroms erfasst sie
sich ganz, und durchdringt sich ganz, wie sie ist in dem ganzen unendlichen
Strome; ewig und immer sich selber allgegenwärtig. Was in ihr in jedem Momente
vorkommt, ist nur, inwiefern war, was vergangen ist, und weil da sein soll, was
in alle Ewigkeit werden wird. Nichts geht in diesem System verloren. Welten
gebären Welten, und Zeiten gebären neue Zeiten, welche letzteren betrachtend
über den ersteren stehen, und den verborgenen Zusammenhang der Ursachen und
Wirkungen in ihnen erhellen. Dann tut sich auf das Grab, - nicht das, was aus
Erdhügeln Menschen häuften, sondern das des undurchdringlichen Dunkels womit das
erste Leben uns umgibt, und es gehen aus ihm hervor die mächtigen Organe der
Ideen, und erblicken im neuen Liebte vollführt, was sie anfingen, ganz, was sie
einseitig erfassten; - geht hervor jede noch so unscheinbare Tat, die im
Glauben an das Ewige geschah; schwingt sich selbst das hier gefesselte und zum
Boden niedergezogene geheime Sehnen im neuen Aeter auf entwickelten Fittigen.
    Mit einem Worte: wie, wenn der Atem des Frühlings die Lüfte belebt, das
starrende Eis, wovon jedes Atom noch kurz vorher fest in sich selbst sich
verschloss, und jedes Nachbaratom streng von sich abhielt, sich nicht länger
hält, sondern zusammenströmt in eine einzige sich durchdringende, in sich
bewegliche und laue Flut; wie dann die vorher getrennten, und in dieser
Trennung nur Tod und Verwüstung darstellenden Naturkräfte einander
entgegenströmen, und sich umarmen und durchdringen, und in dieser Durchdringung
lebendigen Balsam darbieten allen Sinnen: also - zerfliesset nicht durch den
Liebeshauch der Geisterwelt, denn es ist in ihr kein Winter, sondern es ist und
bleibt in ihr ewig verflossen das Ganze. Nichts Einzelnes vermag zu leben in
sich und für sich, sondern alles lebt in dem Ganzen, und dieses Ganze selber in
unaussprechlicher Liebe stirbt unaufhörlich für sich selber, um neu zu leben.
Das ist einmal das Gesetz der Geisterwelt: alles, was zum Gefühle des Daseins
gekommen, falle zum Opfer dem ins unendliche fort zu steigernden Sein; und
dieses Gesetz waltet unaufhaltbar, ohne irgend eines Einwilligung zu erwarten.
Nur dies ist der Unterschied, ob man mit der Binde um das Haupt, wie ein Tier,
sich zur Schlachtbank wolle führen lassen; oder frei und edel, und im vollen
Vorgenusse des Lebens, das aus unserem Falle sich entwickeln wird, sein Leben am
Altare des ewigen Lebens zur Gabe darbringen.
    So ist es, E. V.; unter dieser heiligen Gesetzgebung, willig oder unwillig
gefragt oder nicht gefragt, stehen wir alle; und es ist nur ein schwerer
Fiebertraum, der die Stirn des Egoisten umzieht, wenn er glaubt, dass er für
sich allein zu leben vermöge; wodurch er die Sache nicht ändert und nur sich
selbst Unrecht tut. Möge die Schlummerer in der Wiege für das ewige Leben
zuweilen ein freudigerer Traum aus jenem Leben erquicken; mögen von Zeit zu Zeit
Verkündigungen an ihr Ohr treffen, dass es ein Licht gebe, und einen Tag!
 
                                Fünfte Vorlesung
    [Man müsse, um ein Zeitalter, wie das, der Voraussetzung nach, gegenwärtige,
    in seiner Wurzel zu erfassen, von der Beschreibung seines wissenschaftlichen
    Zustandes ausgehen. Form dieses Zustandes. Kraftlosigkeit in Bearbeitung und
    Mitteilung der Wissenschaft. Langeweile, die es durch Scherz, der ihm aber
    unzugänglich bleibt, auszufüllen sucht.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Wir schlagen, zurückkehrend von einer Unterbrechung, von welcher wir uns
Licht auf unserem Wege versprachen, wiederum ein die gerade Strasse unserer
Untersuchung. Lassen Sie uns die Aufgabe dieser Untersuchung nochmals im Ganzen
übersehen.
    Das ist der Zweck des Erdenlebens der menschlichen Gattung: alle seine
Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einzurichten. Soll dies mit
Freiheit, mit einer der Gattung bewussten und für ihre eigene freie Tat
angesehenen Freiheit geschehen, so wird in demselben Bewusstsein der Gattung ein
Zustand vorausgesetzt, in welchem diese Freiheit noch nicht eingetreten; - -
keinesweges also, dass die Verhältnisse der Gattung überhaupt nicht nach der
Vernunft geordnet seien, denn sodann vermöchte die Gattung gar nicht zu
bestehen, sondern dass diese Unterordnung nur nicht durch Freiheit, sondern
durch die Vernunft als blinde Kraft, d.h. durch den Vernunftinstinct,
durchgesetzt worden. Der Instinct ist blind; die ihm gegenüberstehende Freiheit
müsste daher sehend, d. i. eine Wissenschaft der Vernunftgesetze sein, nach
denen die Gattung mit freier Kunst ihre Verhältnisse zu ordnen hätte. Aber
sodann müsste zuvörderst die Gattung, um zur Vernunftwissenschaft und von dieser
aus zur Vernunftkunst kommen zu können, erst von dem blinden Antriebe des
Vernunftinstincts sich losgemacht haben. Diesen aber, inwiefern er als blinde
Kraft in der Menschheit selber waltet, kann sie nicht anders, als lieben, - weit
entfernt, dass sie von ihm sich losreissen auch nur wollen sollte. Er müsste
daher nicht in ihr selber, wenigstens nicht allgemein, walten, sondern ihr nur
als fremder Instinct einiger weniger Individuen, durch eine äussere Autorität
und Gewalt aufgedrungen werden, - gegen welche äussere Autorität nun sie sich
setzte, und unmittelbar von dieser - mittelbar aber mit ihr zugleich von der
Vernunft in der Gestalt des Instinctes, und da diese Vernunft in anderer Gestalt
noch gar nicht vorhanden ist, von der Vernunft in jeglicher Gestalt befreiete.
    Wir bekamen zufolge dieses Grundsatzes fünf einzig und allein mögliche, und
das ganze irdische Leben der menschlichen Gattung erschöpfende, Hauptepochen. 1)
Diejenige, da die menschlichen Verhältnisse ohne Zwang und Mühe durch den
blossen Vernunftinstinct geordnet werden. 2) Diejenige, da dieser Instinct,
schwächer geworden, und nur noch in wenigen Auserwählten sich aussprechend,
durch diese wenigen in eine zwingende äussere Autorität für Alle verwandelt
wird. 3) Diejenige, da diese Autorität und mit ihr die Vernunft in der einzigen
Gestalt, in der sie bis jetzt vorbanden, abgeworfen wird. 4) Diejenige, da die
Vernunft in der Gestalt der Wissenschaft allgemein in die Gattung eintritt. 5)
Diejenige, da zu dieser Wissenschaft sich die Kunst gesellt, um das Leben mit
sicherer und fester Hand nach der Wissenschaft zu gestalten; und da durch diese
Kunst die vernunftgemässe Einrichtung der menschlichen Verhältnisse frei
vollendet und der Zweck des gesammten Erdenlebens erreicht wird, und unsere
Gattung die höheren Sphären einer anderen Welt betrifft.
    Die soeben an der dritten Stelle erwähnte Epoche war es nun, deren
Charakteristik wir uns in diesen Reden zur Hauptaufgabe machten, auf unseren
zugestandenen Verdacht hin, dass die gegenwärtige Zeit gerade in dieser Epoche
stehe; über welches Verdachtes Grund oder Ungrund zu entscheiden ich übrigens
ganz allein Ihnen überliess.
    Als erklärter Gegner alles blinden Vernunftinstincts und aller Autorität
stellte dieses dritte Zeitalter die Maxime auf: schlechtin nichts gellen zu
lassen, als das, was es begreife, - es versteht sich unmittelbar, mit dem schon
vorhandenen und ohne alle seine Mühe und Arbeit ihm angeerbten gesunden
Menschenverstande. Ein genauer Abriss des gesammten Denk- und Meinungssystems
dieses Zeitalters musste sich ergeben, wenn wir diesen Verstand, der ihm als
Massstab alles seine Denkens und Meinens dienet, zu Tage fördern konnten.
    Dies ist uns nun also gelungen. Die Vernunft, in welcher Gestalt auch sie
sich darstelle, ob in der des Instinctes oder der der Wissenschaft, geht immer
auf das Leben der Gattung, als Gattung; die Vernunft aufgehoben und ausgetilgt,
bleib nichts übrig, als das blosse individuelle persönliche Leben; dem dritten
Zeitalter sonach, welches der Vernunft sich entlediget, bleibt nichts übrig, als
dieses letztere Leben; allentalben, wo es wirklich in sich selber
durchgebrochen und zur Consequenz und Klarheit gekommen, nichts, denn der
blosse, reine und nackte Egoismus; und hieraus folget denn ganz natürlich, dass
der angeborene und stehende Verstand des dritten Zeitalters durchaus kein
anderer sein und nichts weiter entalten könne, als die Klugheit, seinen
persönlichen Vorteil zu befördern.
    Die Mittel für die Erhaltung und das Wohlsein des persönlichen Lebens können
allein durch die Erfahrung gefunden werden, da weder ein tierischer Instinct,
wie beim Tiere, noch die allein das Leben der Gattung zum Zwecke habende
Vernunft hierüber belehrt; und daher kommt die Lobpreisung der Erfahrung für die
einzige Quelle des Wissens, als ein charakteristischer Grundzug eines solchen
Zeitalters.
    Daher entsteht ferner diejenige Ansicht der Wissenschaften, der Kunst, der
gesellschaftlichen Verhältnisse des Menschen, der Sittlichkeit und der Religion,
welche wir damals als gleichfalls herrschende Grundzüge eines solchen Zeitalters
ableiteten.
    Mit einem Worte: die bleibende Grundeigenschaft und der Charakter eines
solchen Zeitalters ist der, dass jedes ächte Product desselben alles, was es
denkt und tut, nur für sich und seinen eigenen Nutzen tue: ebenso wie das
entgegengesetzte Princip eines vernunftgemässen Lebens darin bestand, dass jeder
sein persönliches Leben dem Leben der Gattung aufopfere; oder, da sich später,
in fand, dass die Weise, wie das Leben der Gattung in das Bewusstsein einträte
und in dem Leben des Individuums Kraft und Trieb würde, Idee heisse, - dass
jeder sein persönliches Leben, und alle Kraft und allen Genuss desselben, an die
Ideen setze. Um durch diesen Gegensatz des vernunftgemässen Lebens unsere
fortgesetzte Charakteristik des dritten Zeitalters recht klar zu machen, haben
wir uns in den beiden vorigen Reden bei der näheren Beschreibung dieses
Vernunftlebens verweilt, und ich habe in dieser letzten Rücksicht nur noch
folgende Bemerkungen hinzuzusetzen.
    Zuvörderst hierin, in dem angegebenen Unterschiede, ob das Leben lediglich
an das Persönliche gesetzt werde und in demselben aufgehe, oder ob es der Idee
aufgeopfert werde, liegt der Unterschied zwischen dem vernunftwidrigen und dem
vernunftgemässen Leben überhaupt; und es macht dabei gar keinen Unterschied, ob,
was das letztere betrifft, diese Idee als dunkler Instinct in der ersten Epoche
innerlich sich offenbare, oder ob sie in der zweiten mit gebietender Autorität
von aussen angeregt werde, oder ob sie in der vierten hell und klar in der
Wissenschaft dastehe, oder in der fünften als ebenso klare Vernunftkunst walle;
und in dieser Rücksicht steht das dritte Zeitalter keinesweges einem der übrigen
insbesondere, sondern es stehet, als das dem Inhalte nach durchaus
vernunftwidrige, der gesammten übrigen Zeit, als der dem Inhalte nach auf die
gleiche Weise, nur jedesmal in einer anderen ausseren Form, vernunftgemässen
gegenüber.
    Die Idee, in den besonderen Äusserungen und Wirkungen, in denen wir sie in
den beiden vorigen Reden vorgeführt, ist allemal nur in der Gestalt des dunklen
Instincts erschienen; denn wir beschrieben ja die dem dritten Zeitalter
vorhergehende und dasselbe in seiner Existenz erst möglich machende Zeit: und
überhaupt ist die gesamten Zeit zur Darstellung der Idee im klaren Bewusstsein
dermalen noch gar nicht vorgerückt. Diese Unterscheidung sei daher zur
Vermeidung alles Misverständnisses hiermit festgestellt.
    Sodann - dass nun jemand die Schilderdung einer solchen, alles für Ideen
aufopfernden Denkart, und diese Denkart selber hasse, und innerlich über sie
ergrimme, dass er ihr einen bösen Leumund zu machen suche, dass er sie für
unnatürlich - es versteht sich immer für ihn selber, - und für eine tolle
Schwärmerei ausgebe: dagegen können wir nichts tun, und würden dagegen nichts
tun wollen, wenn wir es auch könnten. Je mehr, je lauter, je unverhohlener
dieses geschieht, desto bündiger entwickelt sich, und desto schneller windet
sich ab eine Denkart, durch welche die Menschheit denn doch einmal hindurch
muss; destomehr, könnte ich hinzusetzen, zeigt es sich, dass ich das rechte
getroffen Nur wünschte ich, dass dies wirklich recht rein und unverhohlen und
unzweideutig geschähe; und ich möchte, so viel mir möglich, jeden Vorwand
entfernen, unter dessen Decke man etwas anderes zu tun scheinen könnte, indem
man doch jenes täte. So möchte ich alles tun, und bin mir bewusst, bisher
alles getan zu haben, um den Vorwand abzuschneiden, dass man die Rede nur nicht
recht verstanden, und dass, wenn es nun so gemeint sein solle, man sich es
gefallen lasse. Diese Vorträge existiren ganz so, wie sie gehalten werden; die
Wortbedeutungen der deutschen Sprache, die Anordnung der Gedanken, die
allseitige Bestimmung jedes einzelnen durch die übrigen, - auf welchen Stücken
die Deutlichkeit eines Vortrages beruht, - haben ihre sehr bestimmten Regeln,
und es lässt sich auch hinterher noch immer sehr wohl ausmachen, ob diese Regeln
befolgt worden; und ich für meine Person glaube, dass ich hier nie etwas anderes
gesagt, als gerade dasjenige, was ich eben sagen wollte. Freilich muss ein
Vortrag, der wirklich etwas zu sagen unternimmt, vom Anfange bis zu Ende und in
allen seinen Teilen angehört werden. - Wo man überhören kann so viel man will,
und bei jedem neuen Hinhören doch immer wieder das Gesagte versteht, - da ist im
Ganzen sicherlich Bar kein Verstand, sondern es werden nur längst von allen
auswendig gelernte Redensarten abgewürfelt, wie Spreu auf der Tenne. Um dies an
ein paar auf gut Glück gewählten fingirten Beispielen klar zu machen. - Wenn nun
jemand, den Kopf voll von der leidigen, erst in der neueren Zeit entstandenen
Sprachverwirrung, nach welcher jedweder Gedanke zur beliebigen Abwechselung auch
Idee genannt werden kann, und gegen die Idee etwa eines Stuhles oder einer Bank
sich nichts einwenden lässt, - wenn ein solcher sich wunderte, wie man aus der
Aufopferung des Lebens für Ideen so grosses Wesen machen, und darauf die
Charakteristik zweier durchaus verschiedenen Menschenklassen bauen könne; indem
ja alles, was da nur irgend in einen menschlichen Sinn kommen könne, Idee sei:
so hätte dieser freilich von allem bisher Gesaglen nichts verstanden, aber ohne
unsere Schuld. Denn wir haben nicht ermangelt, die Begriffe, welche auf dem Wege
der Erfahrung in den Verstand des bloss sinnlichen Menschen kommen, von den
Ideen, welche schlechtin ohne alle Erfahrung durch das in sich selber
selbstständige Leben in dem Begeisterten sich entzünden, streng zu
unterscheiden.
    Oder falls etwa jemand über ein gewisses Stichwort, das nebst anderen der
Art, über welche es ihnen ebenso schwer sein würde Rechenschaft zu geben, von
Dunkel-Schöngeistern in Umlauf gebracht worden, - über das Stichwort von
Individualität, und schöner und liebenswürdiger Individualität, nicht
hinwegkommen, und mit dem, was zuletzt wahres an der Sache sein mag, unsere
unbedingte Verwerfung aller Individualität nicht vereinigen könnte: so wäre
diesem nur entgangen, dass wir unter Individualität lediglich die persönlich
sinnliche Existenz des Individuums verstehen, wie denn das Wort allerdings nur
dies bedeutet; keinesweges aber läugnen, sondern vielmehr ausdrücklich erinnern
und einschärfen, dass die Eine ewige Idee in jedem besonderen Individuum, in
welchem sie zum Leben durchdringt, sich durchaus in einer neuen, vorher nie
dagewesenen Gestalt zeige; und dieses zwar ganz unabhängig von der sinnlichen
Natur, durch sich selber und ihre eigene Gesetzgebung, mitin keinesweges
bestimmt durch die sinnliche Individualität, sondern diese vernichtend und rein
aus sich bestimmend die ideale Individualität, oder, wie es richtiger heisst,
die Originalität.
    Endlich und zuletzt in derselben Beziehung noch folgendes: Wir vermessen uns
hier keinesweges des strengen Lehrtons und der zwingenden Form der
Demonstration, sondern haben für Unbefangene uns auf die bescheidene Benennung
populärer Vorträge, und auf den mässigen Wunsch, diese Unbefangenen dadurch auf
eine anständige Weise zu unterhalten, beschränket. So aber jemand aus irgend
einem Grunde das Rechten und Beurteilen liebt, und es auch hier anwenden will:
dem sei unvorbehalten, dass wir ihn, trotz aller anscheinenden Leichtigkeit, mit
einer Kette umgeben haben, bei der er sich wohl bedenke, welches Glied derselben
er zuerst sprengen wolle. Hätte er Lust zu sagen: dieses ganze Setzen des Lebens
an Realisirung einer Idee sei eine von uns selber auf eigene Hand erdichtete
Chimäre: so haben wir historisch erwiesen, dass von jeher in und durch Ideen
gelebt worden sei, und dass alles grosse und gute, was dermalen in der Welt sich
befindet Product dieser Lebensweise sei. Oder hätte er Lust zu sagen: wenn es
auch geschehen sei, so sei dieses eine alte Torheit und Schwärmerei, über die
unser dermalen aufgeklärtes Zeitalter hinweg sei; so ist erwiesen, dass, falls
nur er sich selbst nicht entbrechen könne, sogar wider Willen eine solche
Handelsweise zu bewundern und zu achten, diesem seinem eigenen Urteile ein
Princip zum Grunde liegen müsse, des Inhalts: dass das persönliche Leben der
Idee aufgeopfert werden solle; dass daher seinem eigenen Mitgeständnisse zufolge
eine solche Handelsweise durch die Stimme der unmittelbar in unserem Innern sich
aussprechenden Vernunft gebilligt werde, und darum keinesweges Schwärmerei sei.
Diese beiden Fälle abgeschnitten, bliebe ihm nichts anderes übrig, als laut zu
bekennen, dass er ein solches specifisches Gefühl, wie das der Achtung und
Bewunderung, niemals in sich vorgefunden, und dass es ihm nie begegnet sei,
irgend etwas zu achten; erst sodann hätte er das, was hier unsere erste Prämisse
war, und mit ihr alle Folgen derselben aufgehoben, und wir wären mit ihm
vollkommen zufrieden.
    In der erweiterten Schilderung des dritten Zeitalters, welche nun meine
nächste Aufgabe ist, sollte ich vielleicht nach dem Urteile der meisten, die
etwa darüber nachdenken dürften, also verfahren, dass ich das Verhältnis dieses
Zeitalters zu den in der vorigen Stunde geschilderten besonderen Formen der
Einen Idee beschriebe; und ohngefähr nach dieser Regel ist auch die in der
zweiten Rede gelieferte allgemeine Charakteristik desselben einhergegangen.
    Aber es ist gleichfalls auch schon damals erinnert und heute wiederholt
worden: die Grundmaxime dieses Zeitalters sei, durchaus nichts gelten zulassen,
als das, was es begreife; der Punct auf den es fusset, ist sonach ein Begriff.
Auch ist schon damals gezeigt worden, dass es so lange noch nicht eigentlich
Epoche mache und sich als eine besondere Zeit hinstelle, so lange es nur dunkel
nach jener Maxime verfährt; sondern dass es erst alsdann wahrhaft erfasst werden
könne, wenn es sich in sich selber in jener Maxime klar wird und sich begreift,
und sich als das höchste hinstellt: dieses Zeitalter ist demnach in seinem
eigentlichen und abgesonderten Dasein Begriff des Begriffes, und trägt die Form
der Wissenschaft; freilich nur die leere Form derselben, da ihm dasjenige,
wodurch allein die Wissenschaft einen Gehalt bekommt, die Idee, gänzlich
abgehet. Wir müssen daher, um das Zeitalter in seiner Wurzel zu fassen, zuerst
von dem wissenschaftlichen Systeme desselben reden. In der Beschreibung dieses
Systemes werden sich dann auch seine Ansichten der Grundformen der Idee, als
notwendige Teile jenes Systemes, zugleich mit ergeben.
    Um Ihnen sogleich in dieser Stelle eine ausgebreitetere Aussicht auf das,
was Sie hier zu erwarten haben, zu öffnen, fuge ich folgenden, von Mir bisher
noch nicht erwähnten Einteilungsgrund hinzu. nichts gelten zu lassen, als was
es begreife, es versteht sich durch den blossen empirischen Erfahrungsbegriff,
ist die Maxime des Zeitalters; und dasselbe wird daher, wo es nur kräftig und
consequent genug auf sich selber fusset, diese Maxime auch als sein
wissenschaftliches Princip aufstellen, und nach ihr alles wissenschaftliche
Verfahren schätzen und beurteilen. Es kann aber nicht fehlen, dass andere,
weniger stark von dem waltenden Zeitalter ergriffen, ohne doch die
Morgendämmerung des neuen Zeitalters erblickt zu haben die unendliche Leerheit
und Platteit einer solchen Maxime fühlen, und nun, glaubend, dass man das
Falsche nur gerade umkehren müsse, um zum Wahren zu kommen, in das
Unbegreifliche und Unverständliche, als solches, die Weisheit setzen. Da auch
diese in ihrer ganzen Ansicht von dem Zeitalter ausgehen, und nichts sind, als
die Reaction desselben Zeitalters gegen sich selbst, so sind auch sie,
ohnerachtet des direct entgegengesetzten Princips, dennoch eben so gut als jene,
Producte des Zeitalters, - sie, welche unter anderen Bedingungen Ueberbleibsel
der alten Zeit sein würden; und wer die Wissenschaft des Zeitalters erfassen
will, bat beide Principien aufzustellen, und aus ihnen zu folgern? So wie wir es
tun werden.
    
    Es ist nur noch Eine allgemeine Bemerkung rückständig, welche ich der
Schilderung voranschicken muss, folgende: Ob das, was ich das drille Zeitalter
nenne, nun gerade das unserige sei, und ob die Phänomene, die ich aus seinem
Princip streng folgernd ableite, unter unseren Augen eintreten, - darüber habe
ich, wie mehrmals gesagt, einem jeden das Urteil selber überlassen. Nur wäre,
falls jemand hierin urteilen wollte, nötig, dass er nicht etwa so denke: nun,
gesetzt auch, es liesse sich nicht läugnen, dass es dermalen allerdings so sei,
so ist dies doch keinesweges ein Charakterzug unseres Zeitalters, indem es wohl
von jeher eben also gewesen se, möchte. In dieser Rücksicht werde ich bei
Phänomenen, über die man etwa so denken könnte, an Zeiten erinnern, in denen es
anders war.
    Wir heben die Beschreibung des wissenschaftlichen Zustandes des dritten
Zeitalters an mit der Schilderung seiner Form, d.h. der beständigen
Grundeigenschaften, in welche alles sein Wesen gleichsam eingetaucht ist und in
denselben sich bewegt, und leiten diese Grundeigenschaften also ab:
    Die Idee, wo sie zum Leben durchdringt, gibt eine unermessliche Kraft und
Stärke, und nur au, der Idee quillt Kraft; ein Zeitalter, das der Ideen
entbehret, wird daher ein schwaches und kraftloses Zeitalter sein, und alles,
was es noch treibt, und worin es Lebenszeichen von sich gibt, nur matt und
siechend, und ohne sichtbaren Kraftaufwand verrichten.
    Und - da wir hier insbesondere von der Wissenschaft desselben reden, - in
Absicht der Gegenstände wird es von keinem einzigen kräftig angezogen werden,
noch selbst ihn kräftig durchdringen; sondern heute an dem, morgen an dem, so
wie die augenblickliche Laune oder andere Leidenschaften es raten, etwas auf
der Oberfläche liegendes berichten, keinen aber zermalmen, und seinen Kern
entfalten. In Absicht seiner Meinungen über diese Gegenstände wird es durch den
blinden Hang der Ideenassociation bald dahin bald dortin gezogen werden, in
nichts sich gleichbleibend, als in dieser allgemeinen Oberflächlichkeit und
Wandelbarkeit, und in dem Grundprincip, dass in diesem Leichtnehmen eben die
rechte Weisheit bestehe. - So nicht der von der Wissenschaft in der Gestalt der
Idee Ergriffene. In Einem Puncte ist sie ihm aufgegangen, und in diesem Einen
Puncte hält sie sein ganzes Leben mit aller Kraft desselben gefesselt, so lange
bis dieser ihm vollkommen klar werde, und aus ihm heraus ein neues Licht sich
verbreite über das Universum des gesammten Wissens; und dass es wenigstens
ehemals dergleichen Männer gegeben, und die Wissenschaft nicht von jeher so
seicht und kraftlos getrieben worden sei, als das dritte Zeitalter sie
notwendig treiben müsste, beweiset aufs mindeste die Erfindung der Matematik
bei den Alten. In der Mitteilung endlich, sie sei nun mündlich oder
schriftlich, wird dieselbe Mittelmässigkeit und Kraftlosigkeit sich zeigen. Ein
organisches, in allen seinen Teilen aus Einem Mittelpuncte ausgehendes und auf
denselben wiederum zurück sich beziehendes Ganzes wird in dessen Darstellungen
nie erscheinen, sondern diese Darstellungen werden gleichen einem Wurfe Sandes,
in welchem jedes Körnchen für sich eben auch ein Ganzes ist, und alle nur durch
die leere Luft zusammengehalten werden. Ein Meisterfund für die Darstellung
eines solchen Zeitalters wäre es, wenn es darauf geriete, die Wissenschaften
nach der. Folge der Buchstaben im Alphabete vorzutragen. - Deswegen kann in
diesen Darstellungcn nie Klarheit sein; welche nun durch eine ermüdende
Deutlichkeit, die darin besteht, dass man dasselbe recht vielmal wiederhole,
ersetzt werden soll. Diese Darstellungsweise wird da, wo das Zeitalter recht zu
Kräften kommt, sich selbst sogar begreifen, und sich als mustermässig
hinstellen, so dass von nun an die Eleganz darein gesetzt werde: dass man dem
Leser nichts zu denken gebe, noch desselben eigene Tätigkeit auf irgend eine
Weise aufrege, was ja zudringlich wäre; und dass klassische Schriften diejenigen
seien, die jederman so, wie er eben ist, lesen, und nach deren Weglegung er
wiederum sein und ferner bleiben könne, wie er zuvor war Nicht so derjenige, der
Ideen mitzuteilen hat, und von ihnen zur Mitteilung getrieben wird. Nicht er
selber redet, sondern die Idee redet oder schreibt in ihm mit aller ihr
beiwohnenden Kraft; und nur das ist ein guter Vortrag, wo nicht der Vortragende
die Sache vortragen will, sondern die Sache sich selber ausspricht und in Worte
gestaltet durch das Organ des Vortragenden. Dass es wenigstens ehemals
dergleichen Vorträge gegeben, und dass man sich nicht von jeher gescheut, den
Leser oder Zuhörer anzuregen, beweisen die noch bis jetzt übrigen Schriften des
klassischen Altertums, - deren Studium das dritte Zeitalter, wo es consequent
ist, freilich abzuschaffen und das Erlernen ihrer Sprachen aus der Mode zu
bringen suchen wird, damit es in seinen Producten allein gelte und die Ehre
habe.
    Die Idee, und allein die Idee füllet aus, befriedigt und beseligt das
Gemüt; ein Zeitalter, das der Idee entbehrt, muss daher notwendig eine grosse
Leere empfinden, die sich als unendliche, nie gründlich zu hebende und immer
wiederkehrende Langeweile offenbart; es muss Langeweile so haben, wie machen. In
diesem unangenehmen Gefühle greift es nun nach dem, was ihm als das eigene
Gegenmittel dafür erscheint, nach dem Witze: entweder um ihn selber zu geniessen
oder um die Langeweile anderer, welche es durch seine Darstellungen zu erregen
sich wohl bewusst ist, dadurch von Zeit zu Zeit zu unterbrechen, und in die
langen Sandwüsten seines Ernstes hier und da ein Körnchen Scherz zu säen. Dieses
Vorhaben muss ihm zwar, in der Tat und Wahrheit, notwendig mislingen; denn
auch des Witzes ist nur derjenige tätig, welcher der Ideen fähig ist.
    Witz ist die Mitteilung der tiefen, d.h. der in der Region der Ideen
liegenden Wahrheit, in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit. - In ihrer
unmittelbaren Anschaulichkeit, sage ich, und insofern ist der Witz der
Mitteilung derselben Wahrheit in einer Kelte des bündigen Räsonnements
entgegengesetzt. Wenn z.B. der Philosoph eine Idee in allen ihren einzelnen
Bestandteilen Schritt vor Schritt zerlegt, jeden dieser Bestandteile, einen
nach dem andern, durch eines jeden eigentümlichen Grenzbegriff bestimmt, und
von ihm unterscheidet, so lange bis die ganze Idee erschöpft ist: so geht er den
Weg der metodischen Mitteilung, und beweiset mittelbar die Wahrheit seiner
Idee. Gelingt es ihm nun etwa noch zum Beschlusse das Ganze in seiner absoluten
Einheit in einen einzigen Lichtstrahl zu fassen, der es wie ein Blitz
durchleuchte und abgesondert hinstelle, und jeden verständigen Hörer oder Leser
ergreife, dass er ausrufen müsse: ja wahrhaftig so ist es, jetzt sehe ich es mit
einemmale ein; so ist dies die Darstellung der aufgegebenen Idee in ihrer
unmittelbaren Anschaulichkeit, oder die Darstellens derselben durch den Witz:
und hier zwar durch den directen oder positiven Witz. - Nun kann die Wahrheit
auch indirect bewiesen werden, dadurch, dass man die Torheit und Verkehrheit
ihres Gegenteils zeige; und wenn dies nicht metodisch und mittelbar, sondern
in unmittelbarer Anschaulichkeit geschieht, so ist dies der indirecte und, in
der Beziehung auf die Idee, negative Witz, der bei denen, die ihn fassen, Lachen
erregt: es ist der Witz als Quelle des Lächerlichen; denn die Verkehrteit in
ihrer unmittelbaren Anschauung ist lächerrlich.
    Nicht der Witz in der ersten Bedeutung, von welcher die Teorien desselben
schweigen, sondern der in der zweiten, - der in der Gestalt des Spottes, und als
Lachen erregend, ist es, nach welchem das Zeitalter hascht; indem das Lachen ein
durch den Naturinstinct selbst angewiesenes Mittel ist, um die durch viel
erlittene Langeweile erschöpften Lebensgeister wieder zu erfrischen, und durch
die wellenförmige Bewegung, in die es die stagnirenden Teile bringt, ein wenig
neu zu beleben. Aber auch in dieser Gestalt bleibt er ihm notwendig
unzugänglich; denn um das Verkehrte in seiner Anschaulichkeit frei zu handhaben
und hinzustellen, muss man nicht selbst verkehrt sein. Sie haben keinen Witz,
wohl aber hat sehr oft, und grösstenteils dann, wenn sie nach ihrer Weise sehr
witzig sind, der Witz sie: d.h. sie stellen sodann an ihren eigenen Personen,
ohne das mindeste Arg dabei zu ahnen, dem verständigeren Zuschauer die Torheit
und Verkehrteit in der höchsten Anschaulichkeit dar. Wer ihnen, um sie recht
nach dem Leben abzubilden, gewisse Dinge in den Mund gelegt hätte, die sie oft
ganz unerwartet selbst mit grosser Gravität aussprechen, der könnte sich rühmen
ein witziger Kopf zu sein.
    Wie wird es denn also verfahren, - dieses dritte Zeitalter, um seine Art von
witzigem Spotte und sein Maass des Lachens an sich zu bringen? Also: - es setzt
voraus, seine Wahrheit sei die rechte Wahrheit, und was dieser zuwider sei, sei
falsch; denn wenn man das Gegenteil annehmen wolle, so hätten sie ja unrecht,
welches absurd ist; hierauf setzen sie in frappanten Beispielen auseinander, wie
so ganz ungeheuer die entgegengesetzte Meinung von der ihrigen verschieden sei,
und in gar keinem Stücke sich mit ihr vereinigen lasse, - wie wahr sein mag;
lachen darauf zuerst, und es kann nicht fehlen, dass mitgelacht werde, wenn sie
sich nur an die rechten Personen gewendet haben. - Nach der beständigen Weise,
in wissenschaftlicher Form einherzugehen, wird auch dieses Princip vom Zeitalter
bald begriffen und dogmatisch aufgestellt werden, und es wird ein Lehrsatz
auftreten, des Inhalts: das Lächerliche sei der Probirstein der Wahrheit; und
dass etwas falsch sei, lasse sich, zu Ersparung anderweitiger Prüfung, gleich
daran erkennen, wenn man nach der angeführten Metode ihm einen Spass anfügen
könne.
    Sie sehen, welch ungeheuren Gewinn durch diesen anfangs geringscheinenden
Fund ein Zeitalter gemacht habe. Zuvörderst ist es dadurch eingesetzt in nie zu
störenden Besitz seiner Weisheit: denn an diese seinen Probirstein des
Lächerlichen zu halten, oder, falls er, wie wohl tunlich ist, durch andere
daran gehalten würde, mitzulachen, wird das Zeitalter sich hüten: sodann ist ihm
dadurch die doch immer einige Mühe kostende Prüfung dessen, was ihm zuwider
vorgebracht wird, auf immer erspart; es zeigt bloss, wie weit diese davon
entfernt seien, mit ihm übereinzustimmen und seine rechte Meinung getroffen zu
haben; macht sie dadurch lächerrlich, und, falls man es aus der guten Laune
bringt, - verdächtig und verhasst; endlich ist dieses Lachen schon an sich
selber eine ganz angenehme und gesunde Arbeit, bei der man der ausserdem so
drückenden Langeweile doch manchmal entledigt wird.
    Nein, E. V., Sie Anwesenden alle, ohne Ausnahme eines Einzigen, in denen ich
nicht Mitglieder des dritten Zeitalters anzureden glaube, mit denen ich nie zu
reden wünsche, noch Mitglieder irgend eines Zeitalters, sondern von denen ich
voraussetze, dass Sie, frei mit mir über alle Zeit erhaben, auf dieselbe
herabschauen; - nein, der Witz ist ein göttlicher Funke und steigt nie herab zu
der Torheit. Er wohnt ewig bei der Idee und lässet nie von ihr. In der ersten
Gestalt ist er der wunderbare Leiter des Lichtes in der Geisterwelt, durch
welchen die Weisheit von dem Einen Puncte, in welchem sie zuerst aufging, sich
verbreitet zu den übrigen Puncten, und sie ergreift. In der zweiten Gestalt ist
er der rächende Blitzstrahl der Idee, der jede Torheit, selbst in der Mitte
ihrer Befreundeten sicher tritt und zu Boden wirft. Absichtlich geschleudert
durch die Hand eines Einzelnen, oder auch nicht, trifft er auch im zweiten Falle
sicher, als verborgenes und unvermeidliches Schicksal. So wie die Freier der
Penelope, schon umstellt von dem ihnen bereiteten Untergange, tobten in den
dunklen Häusern und lachten mit fremden Backen: so lachen auch diese mit fremden
Backen; denn in ihrem Lachen lachet der ewige Witz des Weltgeistes ihrer selbst.
Wir insgesammt wollen ihnen dieses Vergnügen gönnen und lassen, und uns hüten,
die Binde von ihren Augen zu nehmen.
 
                               Sechste Vorlesung
    [Beschreibung des wissenschaftlichen Zustandes des vorausgesetzten
    Zeitalters in seiner Materie. Begriffe von der Freiheit und Publicität.
    Vielschreiberei und Vielleserei. Literaturzeitungen - Anhang über die Kunst
    zu lesen.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Das Princip des von uns zu beschreibenden dritten Zeitalters ist nun zur
Genüge bekannt: das, durchaus nichts als geltend anzuerkennen, als das, was es
begreife. Sein höchstes ist daher der Begriff; es ist darum der Form nach
wissenschaftlich: und eine gründliche Beschreibung desselben muss anheben von
der Beschreibung seines wissenschaftlichen Zustandes; indem hierin es sich
selber am klarsten und durchsichtigsten geworden, und aus diesem hellsten Puncte
alle seine übrigen Charakterzüge sich am besten ableiten lassen.
    Wir beschrieben in der letzten Rede diesen wissenschaftlichen Zustand
zuvörderst der Form nach, d.h. in gewissen allgemeinen Grundeigenschaften,
welche an allen seinen Erscheinungen sich zeigen würden, - ausgehend von dem
Grundcharakter desselben, dass es der Idee unfähig sei. Die Idee war die Quelle
der Kraft; dieses Zeitalter musste daher notwendig schwach und kraftlos sein:
die Idee war die Quelle der vollkommenen Befriedigung; dieses Zeitalter musste
daher Leere empfinden, - welche es durch Witz auszufüllen strebt, der aber ihm
ebenfalls unerschwinglich ist. Heute wollen wir ein gedrungenes Bild dieses
wissenschaftlichen Zustandes selber in seinem wirklichen selbstständigen Sein
und Walten aufstellen.
    Vor allem andern voraus: jedes mögliche Zeitalter strebt - wie dies schon
bei einer anderen Gelegenheit im Vorbeigehen erinnert, hier aber eingeschärft
und zum erstenmale angewendet wird - jedes mögliche Zeitalter strebt die ganze
Gattung zu umfassen und zu durchdringen; und nur, inwiefern ihm dieses gelingt,
hat es sich als Zeitalter dargestellt, da es ausserdem bloss die besondere
Gesinnung Einzelner geblieben wäre.
    So auch das dritte. Es ist in seinem Wesen Wissenschaft: und es muss streben
und arbeiten, schlechtin alle Menschen zur Wissenschaft zu erheben. Der
Begriff, als der höchste und entscheidende Richter, hat für dasselbe Wert, und
hat den höchsten, allen andern Wert erst bestimmenden Wert: der Mensch kann
ihm daher Wert haben lediglich insofern, inwiefern er die Begriffe leicht an
sich bringt oder gut lernt, und sie leicht anwendet, oder fertig urteilt; und
alles Bestreben des Zeitalters in der Bildung des Menschen kann nur auf diesen
Zweck sich hinrichten. Es verschlägt nichts, wenn auch einzelne Stimmen zuweilen
dazwischen rufen: handeln, handeln, das ist die Sache, was hilft uns das blosse
Wissen? - denn entweder ist mit diesem Handeln auch nur eine andere Weise des
Lernens gemeint, oder jene Stimme ist die Reaction des sich selber in seiner
Leerheit misfallenden Zeitalters gegen sich selbst, welcher Reaction wir schon
in der vorigen Rede gedacht haben, und von welcher dieses Zeitalter in allen
seinen besonderen Äusserungen begleitet zu werden pflegt. Das in der
Beurteilens dieses Punctes entscheidende ist die Erziehung, welche ein
besonderes Zeitalter den Kindern aus allen Ständen überhaupt, und insbesondere
aus dem Volke, zu Beben sucht. Findet sich, dass diese in jedem Stande zunächst
beabsichtige, dass die Kinder etwas lernen, und dass sie insbesondere beim Volke
zuletzt darauf hinausgehe, dass dasselbe fertig lese und, soweit dieses sich
erschwingen lässt, auch schreibe, und dass es überhaupt die Wissenschaft
desjenigen Standes inne habe, dem seine Erziehung anheimfiel - z.B. dass es
unter dem Namen des Katechismus eine systematische und tabellarische Dogmatik
inne habe, wenn seine Erziehung dem geistlichen Stande anvertraut wurde, -
findet sich, sage ich, dies: so bewährt sich in der Erfahrung, was wir eben
behaupteten. Werden auch hie und da andere Maximen der Volkserziehung
aufgestellt und zum Teil auch ausgeführt, so ist dieses nur die Reaktion; das
erstere aber ist die Grundregel, ohne welche es sogar nicht zur Reaction
gekommen wäre.
    Es ist unmöglich, dass diese von allen Seiten und in allen Richtungen auf
das Zeitalter einfliessenden Bestrebungen ganz mislingen sollten. Jeder, selbst
der Geringste und am wenigsten Gebildete, wird doch in irgend einem Maasse das
Selbstbegreifen an sich bringen, d.h. da die Aufklärung des Zeitalters durchaus
negativ ist, - er wird durch Selbstdenken über einiges sich hinweggesetzt haben,
das ihm in der Jugend beigebracht wurde, und manches sich nicht mehr aufbinden
lassen, das man früher ihm wohl aufbinden konnte. Und so hat denn Mann für Mann
selber gedacht und aus eigener Macht etwas begriffen, und das ganze Zeitalter
hat sich in ein stehendes Heerlager formaler Wissenschaft verwandelt, in welchem
freilich viele und sehr verschiedene Stufen des Ranges stattfinden, doch aber
jeder auf seine Weise die übliche Bewaffnung führt.
    Ich wünschte nicht, E. V., dass irgend einer unter Ihnen das Gesagte also
misverstände, als ob ich den angeführten Charakterzug des Zeitalters unbedingt
misbillige, und mich dadurch zu einer Partei schlage, die in mancherlei Hüllen,
und neuerlich auch in der der Philosophie erschienen ist; in jeder dieser Hüllen
aber mit Recht den Namen der Obscuranten getragen hat. Wäre nur sonst die
Wissenschaft des dritten Zeitalters innerlich von der rechten Art: - darüber,
dass es dieselbe schlechtin an alle Menschen zu bringen sich bestrebt, verdient
es keinen Tadel. Vielmehr zeigen diejenigen Repräsentanten desselben, welche
ihre Weisheit für sich behalten, und dieselbe besonders unter den grossen Haufen
nicht kommen lassen wollen, nur von einer neuen Seite ihre Inconsequenz. Auch
das dem dritten Zeitalter folgende vierte der wahren realen Wissenschaft wird
streben, allen sich mitzuteilen; denn sollen die Vernunftgesetze durch sichere
Kunst überall und in der ganzen Gattung ausgeführt werden, so muss jedes
Individuum der Gattung wenigstens einen Grad der Erkenntnis dieser Gesetze
besitzen, indem ein jeder durch eigene innere Kunst die äussere, welche auch an
ihm mit arbeitet, zu unterstützen hat. Alle ohne Ausnahme müssen über kurz oder
lang zur Vernunftwissenschaft kommen; darum müssen alle ohne Ausnahme erst von
dem blinden Autoritätsglauben losgerissen werden. Dieses beabsichtiget nun das
dritte Zeitalter, und es tut daran ganz recht.
    Das eigene Begreifen, als solches, sagte ich, hat für das Zeitalter Wert, -
und den höchsten. allen andern Wert erst bestimmenden Wert: auf ihm beruht die
Würde und das Verdienst der Person. Darum ist es vor diesem Zeitalter schon
Ehre, nur selbst gedacht zu haben; gesetzt auch, man hätte sich bloss etwas
ausgedacht: - nur etwas originelles vorgebracht zu haben; gesetzt auch, diese
Originalität sei eine offenbare Verkehrteit. Ein Endurteil fällen und durch
dieses Endurteil zur Wahrheit kommen, beider es nun bleibe auf immer und ewig,
will dieses Zeitalter nicht, denn dazu ist es zu verzagt: nur einen Reichtum
von Materialien der Meinung will es, unter denen es die Auswahl habe, falls es
etwa dermaleinst zum urteilen kommen sollte; und da ist ihm denn jeder
willkommen, der diesen Vorrat vermehrt. Dadurch geschieht es, dass der Einzelne
nicht nur ohne Scham, sondern sogar mit einer gewissen Selbstgefälligkeit
auftritt und verkündiget: sehet da meine Meinung, und wie ich für meine Person
mir die Sache denke, der ich übrigens sehr wohl zugebe, dass jeder andere sie
sich wiederum anders denken könne, und dass dieser Einzelne dabei noch sehr
bescheiden zu sein glaubt; indes vor der wahrhaft wissenschaftlichen Denkart es
die grösste Arroganz ist, zu glauben, dass unsere persönliche Meinung irgend
etwas bedeute und dass jemand interessirt sein könne, zu wissen, wie wir, diese
wichtigen Personen, etwas ansehen; und ohnerachtet vor dem Richterstuhle dieser
Denkart keiner das Recht hat, eher seinen Mund zu öffnen, ehe er nicht sicher
ist, dass sein Ausspruch nicht der seinige, sondern der der reinen Vernunft sei;
und dass schlechtin jeder, der ihn nur verstehe, und der den Rang des
vernünftigen Wesens behaupten wolle, diesen Ausspruch wahr und richtig finden
müsse.
    Das eigene Begreifen, als solches, ist dem Zeitalter das höchste; dieses
Begreifen hat daher Recht über alles, und wird das erste, ursprüngliche, durch
kein anderes Recht zu beschränkende Recht. Daher entspringen nun die alles sich
unterwerfenden Begriffe von Denkfreiheit und von Freiheit des Urteils der
Gelehrten und von der Publicität. Man zeigt dem einen, dass abgeschmackt,
lächerrlich, unsittlich und verderblich ist, was er vorgebracht hat: das tut
nichts, antwortet er, ich habe es ja doch gedacht, und ganz allein auf meine
eigene Hand mir es ausgedacht; und gedacht zu haben, ist immer ein Verdienst,
weil es doch immer einige Ruhe kostet; und der Mensch muss die Freiheit haben,
zu denken was er will: - und dagegen lässt nun freilich sich nichts weiteres
sagen Man zeigt einem anderen, dass er die allerersten Begriffe einer Kunst oder
einer Wissenschaft, über deren Producte er ein langes und breites geurteilt,
nicht kenne, und dass dieses ganze Gebiet für ihn völlig unsichtbar sei: - so,
antwortet er, will man etwa dadurch stillschweigend zu verstehen geben, dass ich
unter diesen Umständen gar nicht hätte urteilen sollen? Man muss doch gar
keinen Begriff von der Freiheit des Urteils der Gelehrten haben. Sollte man
allemal erst lernen und verstehen, worüber man urteilt, so würde ja dadurch die
unbedingte Freiheit des Urteils gar sehr bedingt und beschränkt; und es würden
sich sodann äusserst wenige finden, die da urteilen dürften, - da doch die
Freiheit des Urteils darin besteht, dass jederman schlechtin über alles
urteilen möge, ob er nun es verstehe oder nicht. - Es ist einem Manne,
vielleicht in einer Gesellschaft von wenig Freunden, eine Äusserung
entschlüpft, von der sie vermuten, dass er die Bekanntmachung derselben ungern
sehen werde. Nach einigen Wochen schwitzen die Druckerpressen, um vor Welt und
Nachwelt die merkwürdige Tatsache zu verkünden. Die Journale nehmen Partei -
für und wider: ausführlich auseinandersetzend und erforschend, ob er es gesagt
oder nicht, von welchen Personen eigentlich er es gesagt, wie die Worte in der
Tat gelautet, unter welchen Bedingungen er etwa noch halb angebrannt zu
entlassen, oder unwiderruflich zu verdammen sei. Der Schuldige muss sich eben
stellen, und er hat von Glück zu sagen, wenn nach einigen Jahren seine Sache
Ober einer andern vergessen wird. Man hüte sich, hiebei zu lächeln; denn man
würde dadurch nur zeigen, dass man gar keinen Sinn für den hohen Wert der
Publicität hätte. Falls aber gar jemand, der vor den Richterstuhl dieser
Publicität eingerufen ist es verschmähte sich zu stellen, so werden sie ganz
irre in ihren Begriffen, und sie werden sich über den widernatürlichen Mann, der
es über sich vermag, ihr Richteramt nicht zu respectiren, wundern bis an das
Ende ihrer Tage. Sie haben es ja gedacht, - was sie singen, wenigstens die Miene
angenommen, als ob sie es dächten. Wie könnte doch ein vernünftiger Mensch
diesem ihrem Denken die ehrfurchtsvolle Unterwerfung versagen?
    Allerdings, E. V., ist das Recht, frei von allen Banden der äusseren
Autorität mit seinem Denken zu dem Vernunftgesetze sich zu erheben, das höchste
und unveräusserliche Recht der Menschheit; dieses Recht ist die unveränderliche
Bestimmung des Erdenlebens der Gattung. Ohne Richtung aber innerhalb des leeren
Gebiets grundloser Meinungen herumzuschwärmen, hat eigentlich kein Mensch das
Recht; denn dieses Herumschwärmen hebt den eigentlichen Unterscheidungscharakter
der Menschheit, die Vernunft, völlig auf. Auch halle kein Zeitalter dieses
Recht, wenn nicht dieses freie Schweben zwischen der Autorität und dem leeren
Nichts eine notwendige Mittelstufe unserer Gattung ausmachte, auf welcher sie
erst vom blinden Zwange befreit, und späterhin durch das drückende Gefühl ihrer
Leerheit zur Vernunftwissenschaft getrieben werden sollte. Falls nun etwa jene
mit ihrem Anspruche auf unbedingte Denk- und Urteilsfreiheit und Publicität nur
so viel zu sagen begehren: kein Mensch solle sie hindern, sich zu prostituiren
und lächerrlich zu machen, so viel sie selber wollen, so muss man ihnen dies
zugeben. Wer sollte sie denn auch hindern wollen? - Nicht der Staat, -
wenigstens derjenige nicht, der seinen wahren Vorteil versteht. Der Staat hat
die Aufsicht über die äusserlichen Handlungen seiner Bürger, und fügt diese
Handlungen unter zwingende Gesetze, welche, wenn sie nur richtig auf die Nation
berechnet sind und ohne Ausnahme vollstreckt werden, ganz ohnfehlbar die
beabsichtigte Ordnung begründen und erhalten. Die Meinungen der Bürger sind
nicht Handlungen: seien diese Meinungen sogar gefährlich; wenn nur dem Vergehen
die angedrohte Strafe sicher ist, so wird, selbst der Meinung zuwider, das
Vergehen unterbleiben. Entweder will ein Staat die Meinung des Volks für seinen
Vorteil umändern, - so unternimmt er teils etwas unausführbares, teils zeigt
er, dass seine Gesetze nicht auf den stehenden Zustand der Nation, wozu ihr
Meinungssystem allerdings gehört, berechnet, oder auch, dass die Verwaltung und
Aufsicht unzulänglich ist, und er, keinesweges auf sich selbst zu ruhen
vermögend, einer fremden Stütze bedürfe, die ihm nicht einmal zu Teil werden
wird. Oder der Staat unternimmt, vielleicht in der reinsten Absicht und aus
wahrem Eifer seiner Verwalter für die Beförderung der Vernunfterrschaft, die
Bestreitung der herrschenden Meinungen durch äussere Gewalt: so unternimmt er
etwas, das ihm nie gelingen wird; denn alle Menschen fühlen, dass er sodann in
der Form Unrecht hat, - und die verfolgte Meinung, insofern in ihr Recht
eingesetzt, gewinnt durch das erlittene Unrecht neue Freunde, und durch das
Gefühl ihres Rechts stärkere Kraft zum Widerstande; und die Sache endigt sich
damit, dass der Staat nachgeben muss, wodurch er abermals nur seine Schwäche
zeigt. Ebensowenig werden die wenigen Verehrer der wahren Wissenschaft sie
hindern. Diese können es nicht, und wenn sie es könnten, würden sie nicht
wollen. Ihre Waffen sind keine andern, als Vernunftbeweise; ihre Anmutung an
alle Welt keine andere, als dass diese durch eigene freie Tätigkeit sich
überzeuge. Was sie nur irgend sagen mögen, soll als wahr, und als allein wahr
eingesehen werden; bloss historisch gelernt und auf Treue und Glauben
angenommen, soll nichts werden, was sie sagen; denn sodann wäre die Menschheit
doch wieder zur Autorität, bloss zu einer neuen zurückgeführt, und statt des
beabsichtigten Fortschritts wäre, nur auf andere Weise, ein Rückgang erfolgt.
Sähen es nun jene ein, so würden sie es ja zugestehen; - denn der Verkehrteit,
dass sie wider besseres Wissen ihre Ueberzeugung verläugnen, bezüchtigen wir sie
nicht. Aber gerade darum, weil sie es nicht einsehen, sind sie diejenigen, die
sie sind, und werden es bleiben, so lange sie es nicht einsehen: sie können,
nachdem sie nun einmal sind, was sie sind, unmöglich etwas anderes sein, und sie
sind zu tragen als integrirender Teil der unveränderlichen Notwendigkeit.
    Diese Denkart, sagte ich früher, wird streben, sich selbst allgemein zu
machen; es wird ihr in gewissem Maasse gelingen, und das ganze Zeitalter wird
sich in ein Heerlager von formaler Wissenschaft verwandeln. - Wer gebietet in
diesem Heerlager und führet die Haufen an? Offenbar, wird man sagen, die Helden
des Zeitalters, die Vorfechter, in denen der Zeitgeist am herrlichsten sich
offenbart hat. Aber wer sind diese, und woran sind sie auf den ersten Augenblick
zu kennen? Vielleicht an der Wichtigkeit der Untersuchungen, die sie auf die
Bahn bringen, oder an der Wahrheit, die aus ihren Behauptungen jedem
entgegenleuchtet? Wie wäre das möglich da das Zeitalter überhaupt über
Wichtigkeit oder Wahrheit nicht urteilt, sondern nur einen Reichtum von
Meinungen für ein künftiges Urteil sammelt. Also, wer nur gehörig meinte und
durch dieses sein Meinen zu jener grossen Niederlage des allgemeinen Meinens
seinen Beitrag lieferte, der wäre dadurch zum Anführer der Haufen geeignet.
Aber, wie schon erinnert, dadurch ist in diesem Zeitalter kein Vorrang zu
gewinnen; denn ein jeder, der nur in dieser Luft lebt, hat auch einmal etwas
sich ausgedacht und auf seine eigene Hand es gemeint. Leider aber wird diese
Fertigkeit des Meinens von dem Misgeschicke getroffen, dass sehr oft am Morgen
von aller Welt, - von dem tätig Meinenden selber, vergessen ist, was den Abend
vorher gemeint wurde; und diese neue Bereicherung des Reichs der Meinungen
verfliegt so in die leere Luft. Wenn daher nur ein Mittel erfunden wäre, durch
welches der Act des Meinens sowohl, als, soweit dies möglich ist, die Meinung
selber sich festalten und gegen den nächsten Morgenhauch sich schützen liesse;
also, dass jedem, der nur gesunde Augen hätte, documentirt werden könnte, dass
gemeint worden sei, und der Meinende selber ein stehendes, seiner
Vergesslichkeit nachhelfendes Andenken behielte, wie er gemeint habe, - wenn
z.B. die Schreibe und die Buchdruckerkunst erfunden wäre: so wäre das Zeitalter
aus der Verlegenheit gerissen. Wer nun also gemeint hätte, in stehendem Schwarz
auf stehendem Weiss, der würde unter die Helden des Zeitalters gehören, deren
erhabener Körper eine Republik der Wissenschaftskundigen, oder, wie sie lieber
hören werden, da ihr ganzes Wesen doch nur Empirie ist, eine Gelehrten-Republik
ausmachte.
    Das Zeitalter würde sich bei dieser Schätzung keinesweges irre machen lassen
durch die Betrachtung, dass der Eintritt in diesen glorreichen Senat des
Menschengeschlechts gewöhnlich durch den nächsten Buchdrucker eröffnet wird, der
noch weniger weiss, was er druckt, als der Schriftsteller, was er schreibt; und
der nichts mehr begehrt, als fremdes bedrucktes Papier gegen von ihm bedrucktes
Papier einzutauschen.
    Auf diese Weise kommt die Gelehrtenrepublik zusammen. Durch die Kraft der
Druckerpresse sondern diese sich ab vom Haufen, der nicht drucken lässt, und der
nun in dem Heerlager der formalen Wissenschaft dasteht als Leser. Es entstehen
daraus neue Verhältnisse und neue Beziehungen dieser zwei Hauptstände des
Heerlagers der formalen Wissenschaft auf einander.
    Die nächste Absicht beim Druckenlassen war freilich die, die
Selbstständigkeit seines Geistes öffentlich zu documentiren: - hieraus folgt im
Wissenschaftlichen Haschen nach neuen, oder neuscheinenden Meinungen, in den
Redekünsten Ringen nach neuen Formen. Wer diesen Zweck erreicht hat macht, ganz
ohne Rücksicht, ob im ersten Falle seine Meinung wahr, oder im zweiten seine
Form schön sei, sein Glück beim Leser. Nachdem aber einmal das Drucken recht in
Gang gekommen, wird sogar diese Neuheit erlassen, und das Druckenlassen schon an
und für sich selbst ist ein Verdienst: und nun entstehen im Wissenschaftlichen
die Compilatoren, welche das schon hundertmal Geschriebene wiederum, nur ein
wenig anders versetzt, drucken lassen; und in den Redekünsten die
Modeschriftsteller, die eine Form, welche Beifall gefunden hat, andern, oder
auch sich selber, so lange nachmachen, bis kein Mensch mehr etwas in dieser Form
sehen mag.
    Dieser Strom der Literatur wird nun, immer sich erneuernd, fortquellen, und
jede neue Welle wird die vorhergehende verdrängen; dass sonach der Zweck, um
dessen willen zuerst gedruckt wurde, vereitelt, und die Verewigung durch die
Presse aufgehoben würde. Es hilft nichts, in offenem Drucke gemeint zu haben,
wenn man nicht die Kunst besitzt, unaufhörlich fortzumeinen; denn alles
Vergangene wird vergessen. Wer sollte es denn im Gedächtnisse behalten? Nicht
die Schriftsteller, als solche; denn da jeder nur neu sein will, so hört keiner
auf den andern, sondern ein jeder geht seinen Weg und setzt seine Rede fort.
Ebensowenig der Leser; dieser, froh mit dem Alten zu Ende zu sein, eilt nach dem
Neuangekommenen, - in dessen Wahl er überdies grossenteils durch das Ohngefähr
geleitet wird. Es könnte bei dieser Lage der Sachen keiner, der etwas in den
Druck ausgehen lassen, sicher sein, dass ausser ihm und seinem Drucker noch
irgend ein anderer davon wisse. Es wird daher unumgänglich nötig, noch
besonders ein öffentliches und allgemeines Gedächtnis für die Literatur
anzulegen und einzurichten. Ein solches sind die Gelehrtenzeitungen und
Biblioteken; welche bekannt machen, was die Schriftsteller bekannt gemacht
haben, und von denen jeder Autor noch nach Verlauf eines halben Jahres sich kann
jeder sagen lassen, was er gesagt habe: bei welcher Gelegenheit es denn das
lesende Publicum, wenn es auch nur Gelehrtenzeitungen liest, zugleich mit
erfährt. Doch würde es gegen die Ehre der Verfasser von dergleichen Blättern
laufen, und dieselben zu tief unter andere Schriftsteller herabsetzen, wenn sie
bloss einfach berichteten; sie werden daher neben dem Berichte zugleich ihr
Selbstdenken documentiren indem sie über das Denken der ersten wiederum denken,
und ihr Urteil abgeben; die Hauptmaxime aber bei diesem Geschäft wird diese
werden, dass man an allem etwas auszusetzen finde, und jedes Ding besser wisse,
als der erste Autor.
    Bei den Schriften, wie sie gewöhnlich erscheinen, hat dies wenig zu bedeuten
es ist ein sehr kleines Unglück, dass etwas, das von vornherein schief war,
durch die neue Wendung des Recensenten, auf eine andere Seile hin, schief
gebogen werde. Schriften, die es wirklich verdienten, an das Licht zu kommen, -
sei es in der Wissenschaft, oder in den Redekünsten, sind allemal der Ausdruck
eines ganzen, auf eine völlig neue und originelle Weise der Idee gewidmeten
Lebens: und ehe dergleichen Schriften nicht das Zeitalter ergriffen und
durchdrungen, und nach sich umgebildet haben, ist ein Urteil über sie nicht
möglich; - es versteht sich daher von selber, dass keinesweges nach Verlauf
eines halben oder auch ganzen Jahres von dem ersten besten eine gründliche
Recension über sie beliefert werden könne. Dass die gewöhnlichen Bücherrichter
diesen Unterschied nicht machen, sondern alles, was ihnen unter die Augen kommt,
ohne Beistand aus freier Hand recensiren, versteht sich gleichfalls; sowie auch
dies, dass über wirklich originelle Schriften derselben Urteil am
allerverkehrtesten ausfällt. Aber sogar dieser Verstoss ist kein Unglück, ausser
für sie selber: - nichts wahrhaft Gutes geht in dem Strome der Zeiten verloren,
liege es noch so lange verschrien, verkannt, ungeachtet, - es kommt endlich doch
der Zeitpunct, wo es sich Bahn bricht; das Individuum aber, welches durch
verkehrte Ansichten seines Werks sich in seiner Person beleidigt glaubte, und
sich kränkte, statt mitleidig zu lächeln, würde dadurch nur beweisen, dass die
Gegner gewissermaassen recht hätten; - dass ihm sein Individuum noch nicht ganz
in der Idee, und in der Erkenntnis und Liebe der Wahrheit, aufgegangen sei;
dass darum diese Individualität wohl auch noch an seinem Werke erscheinen möge,
und dies um so misfälliger je reiner neben ihr sich die Idee abdrucke: und ein
solcher erhielte dadurch die dringendste Anforderung, in sich zu gehen und sich
vollkommen zu reinigen - Sehen sie die Sache unrichtig an, - denkt der in sich
selber aufs reine gekommene und Consequente, - so ist dies ihr Schade, nicht der
meinige: und dass sie unrichtig sehen, ist nicht die Schuld ihres bösen Willens,
sondern ihrer schwachen Augen; und sie würden selber froh sein, wenn sie zur
Wahrheit kommen könnten. - Noch ist zum Beschlusse der Vorteil aus Errichtung
des Recensirwesens zu erwähnen, dass derjenige, der nicht besondere Lust, oder;
ausserordentlich viel übrige Zeit hat, gar kein Buch weiter zu lesen braucht;
sondern, dass er durch die blosse Lectüre der Gelehrtenzeitungen die gesammte
Literatur des Zeitalters in seine Gewalt bekommt; und dass in diesem Systeme die
Bücher lediglich gedruckt werden, damit sie recensirt werden können, und es
überhaupt keiner Bücher bedürfen würde, wenn sich nur Recensionen ohne Bücher
machen liessen.
    Dies ist das Gemälde des tätigen Teils in diesem Heerlager formaler
Wissenschaft: der Schriftsteller. Nach diesem bildet sich nun wiederum der
empfangende Teil: das Corps der Leser, um ihr genaues Gegenbild zu werden. Wie
jene ohne Rast und Anhalt fortschreiben, so lesen diese fort ohne Anhalt; mit
aller Kraft strebend, sich auf irgend eine Weise emporzuhalten über der Flut
der Literatur, und fortzugehen, wie sie dies nennen, mit dem Zeitalter. Froh,
das alle notdürftig durchlaufen zu haben, greifen sie nach dem neuen, indem das
neueste schon ankommt, und es bleibt ihnen kein Augenblick übrig, jemals wieder
an das alte zu bedenken. Nirgends können sie in diesem rastlosen Fluge anhalten,
um mit sich selber zu überlegen, was sie denn eigentlich lesen, denn ihr
Geschäft ist dringend, und die Zeit ist kurz: und so bleibt es gänzlich dem
Ohngefähr überlassen, was und wie viel bei diesem Durchgange an ihnen hängen
bleibe, wie es auf sie wirke, welche geistige Gestalt es an ihnen gewinne.
    Nun ist diese Art des Lesens schon an und für sich selber eine von allen
anderen Gemütsstimmungen specifisch verschiedene Stimmung, die etwas höchst
angenehmes hat und gar leicht zum unentbehrlichen Bedürfnisse werden kann. So,
wie andere narkotische Mittel, versetzt es in den behaglichen Halbzustand
zwischen Schlafen und Wachen, und wiegt ein in süsse Selbstvergessenheit, ohne
dass man dabei irgend eines Tuns bedürfen. Mir hat es immer geschienen, dass es
am meisten Aehnlichkeit mit dem Tabakrauchen habe, und durch dieses sich am
besten erläutern lasse. Wer nur einmal die Süssigkeit dieses Zustandes
geschmeckt hat, der will sie immerfort geniessen, und mag im Leben nichts
anderes mehr tun; er liest nun, sogar ohne alle Beziehung auf Kenntnis der
Literatur und Fortgehen mit dem Zeitalter, lediglich, damit er lese und lesend
lebe, und stellt in seiner Person dar den reinen Leser.
    Und an diesem Puncte hat denn die Schriftstellerei und die Leserei ihr Ende
erreicht; sie ist in sich selbst zergangen und aufgegangen, und hat durch ihren
höchsten Effect ihren Effect vernichtet. An den beschriebenen reinen Leser ist
auf dem Wege des Lesens durchaus kein Unterricht mehr, noch irgend ein
deutlicher Begriff zu bringen, denn alles Gedruckte wiegt ihn alsbald ein in
stille Ruhe und in süsse Vergessenheit seiner selber. Auch sind ihm dadurch alle
andere Woge des Unterrichts abgeschnitten. - So hat die mündliche Mitteilung, -
durch fortgehende Rede oder wissenschaftliche Unterredung, - unendliche
Vorteile von der, durch den todten Buchstaben; das Schreiben ist bei den Alten
erfunden worden, lediglich um die mündliche, Mitteilung denen zu ersetzen, die
zu ihr keinen Zugang haben konnten alles Geschriebene war zuerst mündlich
vorgetragen, und war Abbildung des mündlichen Vortrags; nur bei den Neueren,
besonders seit Erfindung der Buchdruckerkunst, hat das Gedruckte begehrt, für
sich etwas selbstständiges zu sein, - wodurch unter anderen auch der Stil, dem
das lebendige Correctiv der Rede entging, in solchen Verfall geraten Aber
selbst für diese mündliche Miteilung ist ein Leser, wie der beschriebene, fürs
erste verdorben.
    Wie vermöchte Er, der absoluten Passivität des Hingebens gewohnt, den
Zusammenhang der ganzen Rede festzuhalten, welcher nur tätig ergriffen und
festgehalten werden kann? Wie vermöchte er auch nur, falls periodisch gesprochen
wird, wie es in jeder guten Rede soll, - den einzelnen Perioden in Eins zu
fassen und zu übersehen? Wenn er es nur, schwarz auf weiss gesetzt, an seine
Augen hallen könnte, dann, meint er, wäre ihm geholfen. Aber er täuscht sich.
Auch sodann würde er den Perioden nicht als Einheit geistig fassen; sondern nur
das Auge würde auf dem Umfange, den er einnimmt. ruhen, und ihn fortdauernd auf
dem Papiere, und vermittelst des Papiers, festalten, so dass er nur glaubte, er
fasse ihn.
    Bei diesem Puncte angekommen, sagte ich, hat das wissenschaftliche Streben
des Zeitalters sich selbst vernichtet, und das Geschlecht steht von einer Seite
in absoluter Ohnmacht, von der anderen mit der völligen Unfähigkeit, weiter
gebildet zu werden, da: das Zeitalter kann nicht mehr lesen, und darum ist alles
Schreiben vergeblich. Dann wird es hohe Zeit, etwas nettes zu beginnen. Dieses
Neue ist nun meines Erachtens dies, dass man von der einen Seite wiederum das
Mittel der mündlichen Mitteilung ergreife, und diese zur Fertigkeit und Kunst
ausbilde; von der anderen sich Empfänglichkeit für diese Art der Mitteilung zu
erwerben suche.
    Soll nun ja noch gelesen werden, so geschehe dies wenigstens auf eine andere
Weise, denn die gewöhnliche. damit ich die nicht gefällige Schilderung, welche
ich heute vor Ihre Augen zu bringen hatte, mit etwas gefälligerem beschliesse:
so erlauben Sie mir, E. V., Ihnen zu sagen, welche Art des Lesens ich für die
rechte halte.
    Was man auch in Buchstaben verfasstes lesen möge, so ist es entweder ein
wissenschaftliches Werk, oder ein Product der schönen Redekünste. Was keins von
beiden wäre, und ohne alle Beziehung auf das eine oder das äussere, bleibt besser
ungelesen, und es hätte auch immer ungeschrieben bleiben können.
    Was zuvörderst wissenschaftliche Werke betrifft, so ist der erste Zweck beim
Lesen derselben, sie zu verstehen und den eigentlichen wahren Sinn des
Verfassers historisch zu erkennen. Hierbei muss man nun nicht also zu Werke
gehen, dass man sich dem Autor leidend hingebe und ihn auf sich einwirken lasse,
wie Ohngefähr und gutes Glück es will: oder, dass man sich von ihm vorsagen
lasse, was er uns eben vorsagen will; und nun hingehe und es sich merke.
Sondern, wie in der Naturforschung die Natur den an sie gestellten Fragen des
Experimentators zu unterwerfen ist und zu nötigen, dass sie nicht in den Tag
hineinrede, sondern die vorgelegten Frage beantworte: ebenso ist der Autor zu
unterwerfen einem geschickten und wohlberechneten Experimente des Lesers.
    Dieses Experiment wird also angestellt: Nachdem man fürs erste das ganze
Buch cursorisch durchgelesen, um nur vorläufig einen ohngefähren Begriff von der
Absicht des Autors sich zu verschaffen, suche man den ersten Hauptsatz,
Hauptperioden, Hauptparagraph, oder in welche Form es gefasst sei, auf. Dieser
ist nun notwendig, auch nach der Absicht des Autors, nur bis auf einen gewissen
Grad bestimmt, im übrigen aber unbestimmt; denn wäre er schon durchgängig
bestimmt, so wäre mit ihm das Buch zu Ende, und es bedürftig nicht der
Fortsetzung, welche vernünftigerweise ja nur dazu da ist, um eben das unbestimmt
gebliebene weiter zu bestimmen. Nur inwieweit er bestimmt ist, ist er
verständlich; inwieweit er unbestimmt ist, ist er dermalen noch unverständlich.
Dieses Maass der Verständlichkeit und der Unverständlichkeit mache man sich
recht klar auf folgende Weise: »Der Begriff, von welchem der Autor redet, ist,
an sich und unabbängig von dem Autor, bestimmbar auf diese Weise, und diese,
u.s.f.« - Je weiter man vorläufig die Möglichkeit der Bestimmungen über. sieht,
desto besser ist man vorbereitet. - »Von diesen Möglichkeiten der Bestimmungen
berührt nun der Autor in diesem ersten Satze diese und diese; und zwar bestimmt
er in dieser Rücksicht so und so, - in diesem bestimmten Gegensatze gegen andere
Bestimmungsweisen, die hier auch noch möglich wären. So weit nun ist er mir
verständlich. Unbestimmt aber lässt er seinen Satz in dieser, dieser, dieser
Rücksicht; wie er es nun damit meine, weiss ich zur Zeit noch nicht. Ich stehe
fest in einem verständlichen Grundpuncte, umgeben von einer mir wohlbekannten
Sphäre des jetzt noch unverständlichen. Aber wie dies der Autor sich gedacht
habe, - gesetzt auch, er sagte es nicht einmal, - wird sieh ergeben aus der
Weise, wie er aus dem Vorausgesetzten folgert; der Gebrauch, den er von seinen
stillschweigenden Voraussetzungen macht, wird ihn schon verraten. Lese ich
weiter, bis der Autor weiter bestimmt! - ganz gewiss wird durch diese neue
Bestimmung ein Teil der vorigen Unbestimmteit wegfallen, der klare Punct sich
erweitern, die Sphäre des unverständlichen sich verengen. Mache ich mir dieses
dermalige Maass der Verständlichkeit wiederum recht klar, und präge es mir ein,
und lese fort, bis der Autor abermals neu bestimmt - und nach derselben Regel
immerfort, so lange, bis die Sphäre der Unbestimmteit und Unverständlichkeit
ganz verschwunden und aufgegangen ist im klaren Lichtpuncte; und ich das ganze
Denksystem des Autors, vorwärts und rückwärts, in jeder beliebigen Ordnung, und
alle Bestimmungen desselben ableitend aus jeder beliebigen einzelnen selber
erschaffen kann.« - Um in diesem eigenen Denken über den Autor streng über sich
selbst zu wachen, auch um das einmal festgesetzte und klare nicht wieder zu
verlieren, dürfte es sogar ratsam sein, diese ganze Operation mit der Feder in
der Hand auf dem Papiere vorzunehmen, - und sollten, wie es anfangs sich wohl
zutragen dürfte, über Einen gedruckten Bogen zwanzig andere beschrieben werden
müssen. Hier wäre das Erbarmen über das Papier an der unrechten Stelle: - nur
dass nicht etwa dieses Papier, unter dem Namen eines Commentars, zur Presse
eile! Dieser Commentar, als hervorgehend aus der Bildung, mit der ich zum
Studium des Autors ging, ist doch eigentlich nur der Commentar für mich: und
jeder andere, der wirklich die Sache verstehen wollte, müsste wiederum mit
meinem Commentar dieselbe Operation anstellen. Lassen wir ihn lieber, wie es
auch schicklicher ist, diese Operation am ersten Autor selber, wie auch ich es
musste, vollziehen.
    Es ist klar, dass man auf diese Weise, - besonders wenn man gleich anfangs
von einem noch klareren Begriffe ausging, als der Autor selber, - den
Schriftsteller oft noch weit besser verstehen werde, als er sich selber
verstand. Hier verwickelt er sich in seinem eigenen Räsonnement; dort macht er
einen falschen Schluss; dort versagt ihm der Ausdruck, und er schreibt etwas
ganz anderes nieder, als er schreiben will; - was verschlägt mir dies? - ich
weiss, wie er hat folgern und sagen sollen, denn ich habe sein Ganzes
durchdrungen. Jenes sind Fehler der menschlichen Schwäche, die, bei
entschiedenem Verdienste in der Hauptsache, der Edle nicht rügt.
    Es ist ebenso klar, dass bei dieser Weise zu lesen man bald entdecken werde,
wenn etwa der Autor selbst in der Wissenschaft, über welche er zu schreiben
begehrt, nicht zu Hause ist und die Höhe des Zeitalters in ihr gar nicht kennt;
oder, wenn er ein verworrener Kopf ist. In beiden Fällen Ideen man seine Schrift
ruhig hinlegen, und braucht sie gar nicht weiter zu lesen.
    Und so wäre denn der nächste Zweck, des Verstehens und historischen
Erkennens des Sinnes des Autors, erreicht. Ob nun dieser Sinn des Autors der
Wahrheit gemäss sei, - was der zweite Zweck des Lesens war, - zu beurteilen,
wird nach einem so durchdringenden Studium sehr leicht sein, wenn nicht, wie zu
erwarten, schon während des Studiums ein Urteil über diesen letzteren Punct
sich ergeben hat.
    Was zweitens das Lesen eines Redekunstwerks betrifft: so ist der eigentliche
Zweck dieses Lesens der, dass man der Belebung, Erhöhung und Bildung des Geistes
teilhaftig werde, welche das Werk zu gewähren vermag. Für diesen Zweck würde
nun die ruhige Hingebung völlig zureichen: denn die Quelle des ästetischen
Wohlgefallens Oberhaupt zu entdecken, und sogar in jedem einzelnen Falle sie zu
erspüren, ist nicht jedermans Ding; und die Kunst beruft zwar Alle zum
Mitgenusse, aber nur wenige zur Ausübung, oder auch nur zur Entdeckung ihrer
Geheimnisse. Aber, damit das Kunstwerk auch nur an uns komme und wir mit
demselben in Berührung treten, muss es vorläufig verstanden werden; d.h. wir
müssen die Absicht des Meisters, und was eigentlich er durch sein Werk habe
liefern wollen, vollkommen begreifen, und diese Absicht als den Geist des
Ganzen, aus allen Teilen des Werks, und diese wieder aus jenem,
herauszuconstruiren vermögen. Immer ist dies noch nicht das Kunstwerk selbst,
sondern nur der prosaische Teil davon; erst das, was uns bei der Ansicht des
Werks aus diesem Standpuncte gewaltig erfassen und ergreifen wird, ist das Wahre
der Kunst; aber doch müssen wir jenen Teil, das Durchdringen des Werks in
seiner organischen Einheit, erst an uns gebracht haben, um seines Genusses fähig
zu sein. Immer auch bleibt jene organische Einheil, wie alles genialische,
unendlich und unerschöpflich, aber es ist schon ein Genuss, sich ihr auch nur in
einer gewissen Entfernung angenähert zu haben. Wir werden zurückkehren zu
unseren ernsten Geschäften, und jener Anschauung vergessen; aber sie wird
insgeheim bleiben in unserem Inneren, und, uns unbewusst, sich fortbilden. Wir
werden nach einiger Zeit zurückkommen zu unserm Werke, und dasselbe in einer
anderen Gestalt erblicken; und so wird es uns nie alt werden, sondern bei jeder
neuen Beschauung sich uns zu einem neuen Leben verjüngen. Wir werden nicht mehr
uns sehnen nach etwas neuem, weil wir das Mittel gefunden haben, gerade das
allerälteste in das lebendigste und jüngste Neue umzuwandeln.
    Was nun jene organische Einheit eines Kunstwerks sei, die vor allen Dingen
erst verstanden und begriffen werden müsse, frage mich keiner, der es nicht
schon weiss, und dem ich durch das eben gesagte nicht entweder nur seinen
eigenen Gedanken wiederholt, oder wenigstens ihn bloss deutlicher ausgesprochen
habe. Ueber die Einheit eines wissenschaftlichen Werks konnte ich mich Ihnen
ganz klar machen, und habe es meines Wissens getan: nicht so über die Einheit
eines Kunstwerks. Wenigstens ist die Einheit, welche ich meine, nicht jene
Einheit der Fabel und der Zusammenhang ihrer Teile, und ihre
Wahrscheinlichkeit, und die psychologische Fruchtbarkeit und moralische Erbauung
derselben, von denen die üblichen Teorien und Kunstkritiken verlauten; -
Geschwätz von Barbaren, die sich gern Kunstsinn anlögen, für Barbaren, die sich
nur durch andere ihn anlügen lassen! - die Einheit, welche ich meine, ist eine
andere; höchstens durch Beispiele, durch wirkliche Zergliederung und
Zusammenfassung vorhandener Kunstwerke in jenem Geiste, würde es sich dem
Unkundigen deutlich machen lassen. Möchte sich doch bald ein Mann finden, der
sich dieses hohe Verdienst um die Menschheit erwürbe, und dadurch, wenigstens in
jungen Gemütern, den fast ganz erstorbenen Kunstsinn wieder anzündete; - nur
müsste derselbe nicht selber ein junges Gemüt, sondern ein vollkommen bewährter
und gereifter Mann sein. Bis nun dieses geschieht, können ja die anderen sich
des Lesens und des Anschauens wirklicher Kunstproducte, die ihnen wegen ihrer
unendlichen Tiefe unverständlich, und, da der Genuss derselben das Verstehen
voraussetzt, auch ungeniessbar sind, ruhig entalten. Sie werden bei Künstlern
anderer Art weit besser ihre Rechnung finden, welche die Lieblingstendenzen,
Paradoxien und Spielwerke des Zeitalters glücklich in Schutz nehmen, und
dasjenige, was alle zu leben begehren, und was sie wirklich, nur leider oft
unterbrochen, leben, in einen kurzen Zeitraum zusammendrängen. Und so wird es
denn auch wirklich, ob wir es ihnen nun erlaubt hätten oder nicht, fernerhin,
sowie bisher geschehen.
 
                               Siebente Vorlesung
    [Wie der Buchstabe den hohen Wert erhalten, den er im Zeitalter habe. -
    Wie, im Gegensatze mit einem solchen Zeitalter, der wissenschaftliche
    Zustand sein solle.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Bei Gemälden, wie das in der vorigen Rede Ihnen vorgelegte war, hat man
besonders zwei Einreden vorauszusehen und zu berücksichtigen; die erste: das
alles möge wohl in der menschlichen Natur überhaupt, keinesweges aber in der Art
eines bestimmten Zeitalters liegen, und darum von jeher ohngefähr eben also
gewesen sein; die zweite: diese ganze Ansicht sei einseitig, man habe nur das
Mangelhafte herausgehoben und in ein nachteiliges Licht gestellt, das Gute
aber, was doch auch an der Sache sei, verschwiegen. Der ersten Einrede wird am
besten begegnet, wenn man an Zeiten erinnert, wo es anders, gewesen und
historisch darlegt, wie und auf welche Veranlassungen es also geworden, wie es
jetzt ist. Die zweite Einrede kann, wenn man nur das Wesen unseres ganzen
dermaligen Vorhabens im Auge behält, uns gar nicht treffen. Wir haben ja
durchaus nichts zufolge der Erfahrung behauptet, sondern die aufgestellten
Bestandteile unseres Gemäldes rein aus dem Princip abgeleitet. Ist da nur
richtig und streng gefolgert, so fragen wir gar nicht, ob es sich in der
Wirklichkeit also verhalten möge, oder nicht. Verhält es sich nicht also, - nun,
so leben wir nicht im dritten Zeitalter. Die gebührende Gerechtigkeit dass auch
sie eine notwendige Bildungsstufe der Menschheit ausmachten, und dass unsere
Gattung eben auch da hindurch müsse, ist diesen Phänomenen keinesweges versagt
worden. Auch ist die schon früher gemachte allgemeine Bemerkung, dass
Bestandteile gar verschiedener Zeitalter in einer und derselben Zeit bei
einander sein und einander durchkreuzen und sich vermischen können, nicht aus
der Acht zu lassen; und zufolge dieser Bemerkung steht unsere Rechnung immer so:
wir haben ja nicht den literarischen Zustand unserer Tage, als solchen,
empirisch aufgefasst, sondern wir haben den des dritten Zeitalters
philosophirend abgeleitet: das von uns dargelegte folgte, keinesweges aber sein
Gegenteil; sonach haben wir allein davon zu sprechen. Liegen in derselben Zeit
noch andere Elemente, so sind dieses Ueberbleibsel vergangener, oder
Vorbedeutungen künftiger Zeitalter, von denen wir hier nicht reden.
    Um jedoch auf jede mögliche Weise vor Misverständnissen, und besonders vor
dem allerverhasstesten, dass unserer Zeit alles Gute abgesprochen werden solle,
uns zu verwahren; auch um die Scheidung dessen, was verschiedenen Zeitaltern
angehört, recht rein und scharf zu vollführen, - wird es in der letzten
Rücksicht zweckmässig sein, zu zeigen, wie der wissenschaftliche Zustand sein
solle. Beide Aufgaben, die letztere sowie die zuerst genannte, wollen wir in der
heutigen Rede lösen.
    Die erstgenannte: zu zeigen, dass es nicht immer so gewesen, wie wir es in
der letzten Rede schilderten, und anzugeben, wie es also geworden. Bei den
beiden klassischen Nationen unter den Alten, die wir näher kennen, den Griechen
und Römern, wurde um vieles weniger geschrieben und gelesen, als bei uns,
dagegen weit mehr gehört und Unterredung gepflogen. Fast alle ihre Schriften
waren zuerst mündlich vorgetragen, und darum ein Abbild gehaltener Rede für
diejenigen, welche der Rede selbst nicht hatten beiwohnen können: und, unter
anderen, auch aus diesem Umstande entsteht der grosse Vorzug, den die Alten im
Stile vor den meisten neueren haben, indem der letzteren Schriften etwas für
sich zu bedeuten begehren, und ihnen das Correctiv der lebendigen Rede
grösstenteils abgeht. Ein besonderes Interesse, das Volk wissenschaftlich zu
bilden, gab es nicht; wie denn auch die Bildung, die ihm noch zu Teil ward,
meist zufällig an dasselbe kam, und mehr Kunstbildung war als wissenschaftliche.
    Das Christentum trat in die Welt, und es entstand ein ganz neues Interesse
für allgemeine Bildung - um der Religion willen, zu der alle berufen waren. - Es
gibt nach unserem Erachten zwei höchst verschiedene Gestalten des Christentums
die im Evangelium Johannis und die beim Apostel Paulus, - zu welches letzteren
Partei auch die übrigen Evangelisten grossenteils, und ganz besonders Lucas
gehören. Der Johanneische Jesus kennt keinen anderen Gott, als den wahren, in
welchem wir alle sind, und leben und selig sein können, und ausser welchem nur
Tod ist und Nichtsein; und wendet, wie denn dieses Verfahren auch ganz richtig
ist, mit dieser Wahrheit sich nicht an das Räsonnement, sondern an den inneren,
praktisch zu entwickelnden Wahrheitssinn der Menschen, - gar nicht kennend einen
anderen Beweis, als diesen inneren. »So jemand will den Willen tun des, der
mich gesandt hat, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei,« erklärt er
sich. Was das historische anbelangt, ist ihm seine Lehre so alt als die Welt,
und die erste ursprüngliche Religion; das Judentum aber, als eine spätere
Ausartung, verwirft er unbedingt und ohne alle Milderung. »Euer Vater ist
Abraham; der meinige Gott,« sagt er den Juden gegenüber; »ehe denn Abraham war,
war ich; Abrabam war froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und
freuete sich.« Das letztere, dass Abraham Jesu Tag sah, geschah ohne Zweifel
damals, als Melchisedeck der Priester Gottes des Allerhöchsten; - welcher
allerhöchste Gott die ganzen ersten Capitel des ersten Buches Mosis hindurch dem
untergeordneten Gotte und Nachschöpfer, Jehovah, ausdrücklich entgegengesetzt
wird, - als, sage ich, dieser Priester des höchsten Gottes den Jehovahdiener
Abraham segnete, und von ihm den Zehnten nahm: aus welchem letzteren Umstande
der Verfasser des Briefes an die Hebräer sehr ausführlich und scharfsinnig das
höhere Alter und den vorzüglicheren Rang des Christentums vor dem Judentume
erweiset, und Jesum ausdrücklich einen Priester nach der Ordnung Melchisedecks
nennt, und so ihn als den Wiederhersteller der Melchisedecks-Religion
charakteristisch; - ohne Zweifel ganz in dem Sinne jener eigenen Äusserung Jesu
beim Johannes. Es bleibt auch bei diesem Evangelisten immer zweifelhaft, ob
Jesus aus jüdischem Stamme sei, oder, falls er es doch etwa wäre, wie es mit
seiner Abstammung sich eigentlich verhalte. Ganz anders verhält es sich mit
Paulus, durch den Johannes vom Anfange einer christlichen Kirche an verdrängt
worden. Paulus, ein Christ geworden, wollte dennoch nicht unrecht haben, ein
Jude gewesen zu sein: beide Systeme mussten daher vereinigt werden und sich
ineinander fügen. Dies wurde also bewerkstelliget; wie es denn auch nicht
füglich anders bewerkstelliget werden konnte: Er ging aus von dem starken,
eifrigen und eifersüchtigen Gotte des Judentums, demselben, den wir früher als
den Gott des gesammten Altertumes geschildert haben. Mit diesem Gotte hatten
nun, nach Paulus, die Juden einen Vertrags abgeschlossen, und das war ihr Vorzug
vor den Heiden: während der Gültigkeit dieses Vertrages hatten sie nur das
Gesetz zu halten, und sie waren vor Gott gerechtfertiget, d.h. sie hatten kein
weiteres Uebel von ihm zu befürchten. Durch die Ertödtung Jesu aber hatten sie
diesen Vertrag aufgehoben, und es konnte seitdem nichts mehr helfen, das Gesetz
zu halten; vielmehr trat seit dessen Tode ein neuer Vertrag ein, zu welchem
beide, Juden wie Heiden, eingeladen waren; beide hatten nach diesem neuen
Vertrage nur Jesum für den verheissenen Messias anzuerkennen, und waren dadurch
ebenso, wie vor Jesu Tod die Juden durch die Haltung des Gesetzes,
gerechtfertiget. Das Christentum wurde ein neues, erst in der Zeit entstandenes
und ein altes Testament ablösendes Testament oder Bund. Nun musste auch Jesus
freilich zum jüdischen Messias und, der Weissagung zufolge, zu einem Sohne
Davids gemacht werden; es fanden sich Geschlechtsregister ein, und eine
Geschichte seiner Geburt und seiner Kindheit, welche jedoch in den beiden
Gestalten, in denen sie in unseren Kanon gekommen sind, merkwürdig genug
einander widersprechen. - Ich sage nicht, dass in Paulus überhaupt das ächte
Christentum sich nicht finde; - wenn er gerade nicht an das Hauptproblem seines
Lebens, die Vereinigung der beiden Systeme, denkt, spricht er so vortrefflich
und richtig, und kennt den wahren Gott Jesu so innig, dass man einen ganz
anderen Mann zu hören glaubt. Allentalben aber, wo er auf sein Lieblingstema
kommt, fällt die Sache so aus, wie wir es oben vorgestellt.
    Die erste Folge dieses Paulinischen Systemes, - welches einen Einwurf, den
das vernünftelnde Räsonnement der Juden machte (welchem Räsonnement die erste
Prämisse, - dass das Judentum irgend einmal wahre Religion gewesen sei, die der
Johanneische Jesus rund abläugnete, - hier nicht abgeläugnet, sondern
zugestanden werden sollte) - welches, sage ich, einen solchen Einwurf zu lösen
unternahm, war die Folge: dass dieses System sich an das vernüftelnde
Räsonnement wenden und dasselbe zum Richter machen musste; und zwar, da das
Christentum sich für alle Menschen bestimmte, an das Räsonnement Aller. So tut
Paulus wirklich. er räsonnirt und disputirt trotz einem Meister, und rühmt sich
gefangen zu nehmen, d.h. zu überführen, alle Vernunft Ihm daher schon war der
Begriff höchster Richter; und er musste es in einem christlichen Systeme, dessen
Urheber Paulus war, notwendig im allgemeinen werden. Dadurch war denn aber auch
der Grund zur Auflösung des Christentumes schon gelegt. - Denn, da du selber
mich zum Räsonnement aufforderst, so räsonnire ich eben selber, mit deiner
eigenen guten Erlaubnis. Nun hast du freilich stillschweigend vorausgesetzt:
mein Räsonnement könne gar nicht anders ausfallen, als das deinige; wenn es nun
aber doch anders und dir widersprechend ausfiele, - wie ohne Zweifel geschelten
wird, wenn ich mit einer anderen herrschenden Zeitphilosophie an das Werk gehe,
- so ziehe ich das meinige dem deinigen vor, gleichfalls mit deiner eigenen
guten Erlaubnis, falls du consequent bist. - Dieser Erlaubnis bediente man
sich denn auch in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche sehr
fleissig, forträsonnirend immer über Dogmen, welche ganz allein dem Paulinischen
Vermittelungsgeschäft ihr Dasein verdankten: und es entstanden in der Einen
Kirche die allerverschiedensten Meinungen und Streitigkeiten - alle hervorgehend
aus der Maxime, dass der Begriff Richter sei; welches System im Christentume
ich, einmal für immer, Gnosticismus nennen will. - dabei konnte nun die Einheit
der Kirche nimmer bestehen; und da man weit entfernt war, die wabre Quelle des
Uebels in der ursprünglichen Abweichung von der Einfachheit des Christentumes
zu Gunsten des Judentumes zu entdecken, blieb nichts weiter übrig, als ein sehr
heroisches Mittel, dies: alles weitere Begreifen zu untersagen und festzusetzen,
dass in dem geschriebenen Worte, sowie in der vorhandenen mündlichen Tradition,
durch eine besondere Veranstaltung Gottes die Wahrheit niedergelegt sei, und
eben geglaubt werden müsse, ob man sie nun begreifen könne oder nicht; für
weiterhin nötige Fortbestimmung aber. dieselbe Unfehlbarkeit auf der
versammelten Kirche und der Stimmenmehrheit derselben ruhe, und an ihre
Satzungen ebenso unbedingt geglaubt werden müsse, als an das erstere. Von nun an
war es von Seiten des Christentums mit der Aufforderung zum Selbstdenken und
Selbstbegreifen zu Ende, vielmehr war das auf diesem Gebiete ein untersagtes und
mit allen Strafen der Kirche belegtes Unternehmen, das jeder, der es doch nicht
lassen konnte, nur auf seine eigene Gefahr trieb.
    In diesem Zustande blieben die Sachen lange, bis die Kirchenreformation
ausbrach, nachdem vorher das wichtigste Werkzeug dieser Reformation, die
Buchdruckerkunst, erfunden worden. Diese Reformation war ebensoweit entfernt,
als die zuerst sich constituirende Kirche, den wahren Grund der Ausartung des
Christentums zu entdecken; auch blieb sie in Absicht der Verwerfung des
Gnosticismus und in der Forderung des unbedingten Glaubens, wenn man es auch
nicht begreife, mit dieser Kirche einig: - nur, dass sie diesem Glauben ein
anderes Object gab, indem sie die Unfehlbarkeit der mündlichen Tradition und der
Conciliensatzungen verwarf und nur auf der des geschriebenen Wortes bestand. Die
Inconsequenz, dass die Autenticität dieses geschriebenen Wortes selber denn
doch abermals auf mündlicher Tradition und auf der Unfehlbarkeit des Conciliums,
welches unseren Kanon sammelte und schloss, beruhe, wurde übersehen. Und so war
denn, zum allererstenmale in der Welt, ganz förmlich ein geschriebenes Buch als
höchster Entscheidungsgrund aller Wahrheit und als der einzige Lehrer des Weges
zur Seligkeit aufgestellt.
    Aus dieser zum einigen Entscheidungsgrunde erhobenen Schrift nun bestritten
die Reformatoren das aus den beiden anderen Quellen geflossene: - hierin ganz
offenbar im Cirkel beweisend, und ihr vom Gegner eben abgeläugnetes Princip ihm
ohne weiteres anmutend; indem ja dieser sagt: ohne mündliche Tradition und
Kirchensatzungen kann man die Schrift gar nicht verstehen, denn diese sind ihre
autentische Interpretation. Bei diese. Beschaffenheit ihrer Sache und der
absoluten Unhaltbarkeit derselben für ein gelehrtes und mit dem eigentlichen
Streitpuncte bekanntes Publicum blieb ihnen nichts übrig, als an das Volk zu
appelliren. Diesem daher musste die Bibel, in seine Sprache übersetzt, in die
Hände gegeben werden; dieses musste aufgefordert werden, dieselbe zu lesen und
selber zu urteilen, ob nicht das, was die Reformatoren darin fanden, wirklich
ganz klar darin stehe. Dieses Mittel konnte nicht anders, denn gelingen; das
Volk fand sich durch das erteilte Recht geschmeichelt und bediente sich
desselben nach aller Möglichkeit; und ganz sicher würde durch dieses Princip die
Reformation das ganze christliche Europa ergriffen haben, wenn nicht die
Gewaltaber sich dagegen gesetzt und das einige sichere Gegenmittel getroffen
hätten, - dieses: die protestantischen Bibelübersetzungen und Schriften nicht in
die Hände des Volks kommen zu lassen.
    Lediglich durch diese vom Protestantismus angeregte Sorge für das
Christentum, auf dem Wege der Bibel, hat der Buchstabe den hohen und
allgemeinen Wert erhalten, den er seitdem hat; er wurde das fast unentbehrliche
Mittel zur Seligkeit, und ohne lesen zu können konnte man nicht länger füglich
ein Christ sein, noch in einem christlich-protestantischen Staate geduldet
werden. Daher nun die herrschenden Begriffe über Volkserziehung, daher die
Allgemeinheit des Lesens und Schreibens. Dass späterhin der eigentliche Zweck,
das Christentum, vergessen, und das, was erst nur Mittel war, selbst Zweck
wurde, darf uns nicht wundern: es ist dies das allgemeine Schicksal aller
menschlichen Einrichtungen, nachdem sie einige Zeit gedauert haben.
    Dieses Fallenlassen des Zweckes für das Mittel wurde noch besonders durch
einen Umstand befördert, den wir aus anderen Gründen nicht unberührt lassen
können: die altgläubige Kirche, wo sie nur gegen den ersten Anlauf der
Reformation stehen geblieben, erfand auch gegen diese neue Mittel, wodurch sie
aller Furcht vor derselben entledigt wurde; und dies umsomehr, da der
Protestantismus selbst ihr für diese Absicht in die Hände arbeitete. Es entstand
nämlich im Schoss des letzteren bald ein neuer Gnosticismus; - als
Protestantismus zwar sich haltend an die Bibel, als Gnosticismus aber das
Princip aufstellend, dass die Bibel vernünftig erklärt werden müsse: - dies
hiess nämlich, so vernünftig, als diese Gnostiker selbst es waren: sie aber
waren gerade so vernünftig, als das allerschlechteste philosophische System, das
Lockische. Sie brachten nichts weiter zu Tage, denn die Bestreitung einiger
Paulinischen Ideen von stellverlretender Genugtuung, seligmachendem Glauben an
diese Genugtuung, u. dergl.; ruhig stehen lassend den Hauptirrtum von einem
willkürlich handelnden, Verträge machenden und dieselben nach Zeit und Umständen
abändernden Gotte. Dennoch verlor dadurch der Protestantismus fast alle Gestalt
einer positiven Religion, und liess sich von der altgläubigen Kirche sehr
füglich für absolutes Unchristentum ausgeben. So gegen ihren Gegner sicher
gestellt, hatten sie sich vor Schriftstellerei und Leserei. nicht mehr so zu
fürchten, und dieselbe konnte nun auch in katolischen Staaten, immer von
Protestantischen aus, unter dem Namen des freien Philosophirens sich verbreiten.
    So viel, E. V., musste ich sagen, um die aufgeworfene Frage über die
eigentliche Entstehung des hohen Wertes des Buchstabens zu lösen. Ich habe
hierbei Dinge berühren müssen, welche für viele grossen Wert haben, da sie mit
dem, was absoluten Wert hat, mit der Religion, zusammenhängen; ich habe von
Katolicismus und Protestantismus also gesprochen, dass man sehen konnte, dass
ich in der Hauptsache beiden unrecht gebe; und ich möchte diese Materie nicht
gern verlassen, ohne meine wahre Meinung deutlich wenigstens ausgesprochen zu
haben.
    Meiner Ansicht nach stehen beide Parteien auf einem an sich völlig
unhaltbaren Grunde, - der Paulinischen Teorie, welche, um dem Judentume auch
nur für gewisse Zeit Gültigkeit beizumessen, von einem willkürlich handelnden
Gotte aussehen musste; und beide Parteien, über die Wahrheit jener Teorie
vollkommen einverstanden und hierüber nicht den mindesten Zweifel hegend,
streiten nur über das Mittel, diese Paulinische Teorie aufrecht zu erhalten. Da
ist nun an Vereinigung und Frieden nimmer zu gedenken; ja es wäre sogar schlimm,
wenn zu Gunsten jener Teorie ein Friede abgeschlossen wurde. Alsbald aber würde
Friede sein, wenn man diese ganze Teorie fallen liesse und zum Christentums in
seiner Urgestalt, wie es im Evangelium Johannis dasteht, zurückkehrte. Dort
findet kein anderer Beweis statt als der innere, am eigenen Wahrheitssinne und
geistlicher Erfahrung; wer Jesus selbst für seine Person gewesen oder nicht
gewesen sei, daran kann bloss dem Pauliner liegen, der ihn zum Aufkündiger eines
alten Bundes mit Gott, und Abschliesser eines neuen in desselben Namen machen
will; zu welchem Geschäfte es allerdings einer bedeutenden Legitimation bedürfen
würde: der reine Christ kennt gar keinen Bund noch Vermittelung mit Gott,
sondern bloss das alte, ewige und unveränderliche Verhältnis, dass wir in ihm
leben, weben und sind; und er fragt überhaupt nicht, wer etwas gesagt habe,
sondern was gesagt sei; selbst das Buch, worin dies niedergeschrieben sei mag,
gilt ihm nicht als Beweis, sondern nur als Entwickelungsmittel - den Beweis
trägt er in seiner eigenen Brust. Dies ist meine Ansicht der Sache, und ich habe
diese Ansicht, welche nichts gefährliches zu haben scheint, und die Grenzen der
unter Protestanten hergebrachten Freiheit, über religiöse Gegenstände zu
philosophiren, keinesweges überschreitet, mitgeteilt, damit Sie dieselbe an
Ihren eigenen Kenntnissen der Religion und ihrer Geschichte erproben, und
versuchen möchten, ob Ihnen dadurch Ordnung, Zusammenhang und Licht in das Ganze
komme; keinesweges aber will ich hierüber die Teologen zum Streit
herausgefordert haben. Ich bin - selber in den Schulen derselben gebildet - mit
ihren Waffen zu gut bekannt, und weiss, dass sie auf ihrem Boden unüberwindlich
sind; auch kenne ich meine eigene, soeben vorgetragene Teorie zu gut, als dass
es mir entgehen sollte, dass sie die ganze Teologie mit ihrer dermaligen
Ansprüchen rein aufhebe, und das, was an ihren Untersuchungen Wert hat, in das
Gebiet der historischen und der Sprachgelehrsamkeit, ohne allen Einfluss auf
Religiosität und Seligkeit, verweise: ich kann darum mit dem Teologen, der
Teologe bleiben und nicht etwa lieber Volkslehrer sein will, gar nicht zusammen
kommen.
    Soviel für unser erstes Vorhaben, historisch nachzuweisen, wie der Zustand
der Literatur, den wir als den des dritten Zeitalters geschildert, eigentlich
entstanden sei. Jetzt zu unserer zweiten Aufgabe: zu zeigen, wie der
wissenschaftliche Zustand sein solle.
    Zuvörderst: - alle jetzt bestehenden, erst im Zeitalter und durch das
Zeitalter der vollendeten Vernunftkunst aufzuhebenden Verhältnisse des
wirklichen Lebens erfordern, dass nur wenige ihr Leben der Wissenschaft, und
weit mehrere dasselbe anderen Zwecken widmen; dass daher die Scheidung der
Gelehrten, oder besser, der Wissenschaftskundigen und der Unkundigen noch lange
fortdauere. Zum Realen der Wissenschaft, der wirklich bestimmenden Vernunft,
haben beide sich zu erheben, und der Formalismus des blossen vernunftleeren
Begriffes muss ganz hinwegfallen. Das Volk insbesondere wird erhoben zum realen
d.h. reinen Christentume, wie es oben beschrieben worden, als dem einzigen
Mittel, durch welches fürs erste sich Ideen an dasselbe dürften bringen lassen.
Hierin also kommen beide Wissenschaftskundige und Unkundige, überein. Geschieden
sind sie durch folgendes: der Wissenschaftskundige findet die Vernunft und alle
ihre Bestimmungen in einem Systeme des zusammenhängenden Denkens; ihm entwickelt
sich, wie wir zu einer anderen Zeit uns ausdrückten, das Universum der Vernunft
rein aus dem Gedanken, als solchem. Das also Gefundene teilt er nun den
Unkundigen mit, keinesweges begleitet von dem strengen Beweise aus dem Systeme
des Denkens, - wodurch die Mitteilung selber gelehrt und schulgerecht wurde, -
sondern er bewährt es unmittelbar an ihrem eigenen Wahrheitssinne: gerade also,
wie wir in diesen Vorlesungen, die sich als populär ankündigten, verfahren sind.
Ich habe das hier Vorgetragene allerdings in einem zusammenhängenden Denken
gefunden, aber ich habe es hier nicht in dem Systeme dieses zusammenhängenden
Denkens mitgeteilt. In den ersten Reden forderte ich Sie auf, sich zu prüfen,
ob Sie sich entbrechen könnten, eine Denkart, wie die beschriebene, zu achten;
ob daher nicht in Ihnen selber die Vernunft unmittelbar zu Gunsten derselben
spräche: in den beiden letzten Reden stellte ich das Verkehrte in ein solches
Licht, dass es Ihnen in seiner Verkehrteit unmittelbar einleuchten musste, und
dass, so gewiss Sie mich nur verstanden, wenigstens Ihr Geist innerlich
lächelte. Andere Beweise habe ich hier nicht gegeben. Ich trage in
wissenschaftlich-philosophischen Vorlesungen dasselbe vor, aber ich versehe es
mit ganz anderen Beweisen. Ferner kündigten sich diese Vorlesungen an als
philosophisch populäre für ein gebildetes Publicum, darum hielt ich sie in der
bekannten Büchersprache und an dem Faden der Metapher, der dieser zu Grunde
liegt Ich hätte ganz dasselbe auch als Prediger von der Kanzel für das Volk
insbesondere vortragen können, nur hätte ich es sodann in der Bibelsprache tun
müssen; z.B. das, was ich hier nannte: sein Leben an die Idee setzen, sodann
nennen müssen: die Hingebung an den Willen Gottes in uns, oder: das
Getriebensein durch den Willen Gottes, u. dergl. - Diese populäre Mitteilung
des Gelehrten an den Ungelehrten kann nun mündlich geschehen, oder auch durch
den Druck, wenn nämlich die Ungelehrten wenigstens die Kunst zu lesen besitzen.
    Sodann und zweitens: in die Bearbeitung des gesammten Reichs der
Wissenschaften, und darum in die Verfassung der Gelehrtenrepublik, kommt Plan,
Ordnung und System. Von der reinen Vernunftwissenschaft oder der realen
Philosophie aus wird das ganze Gebiet der Wissenschaften vollständig übersehen,
und das, was jede einzelne leisten müsse, bestimmt. Im Besitze dieser reinen
Vernunftwissenschaft ist notwendig jeder, der Anspruch macht auf den Namen
eines Gelehrten; denn ausserdem möchte er in einer besonderen Wissenschaft sich
für noch so unterrichtet halten: - über den letzten Grund alles Wissens, wovon
seine eigene Wissenschaft abhängt, unwissend, sähe er ja sicher diese
Wissenschaft nicht ein in ihren letzten Gründen. und hätte sie in der Tat nicht
durchdrungen. Jeder kann daher bestimmt sehen, wo es im Gebiete der Wissenschaft
noch fehle, und was es eigentlich sei, das da fehle, und kann etwas dieser Art
sich zur Bearbeitung wählen. Dass er das schon Vollendete von neuem vollende,
wird ihm nicht einfallen.
    Alle Wissenschaft, die da rein a priori ist, kann vollendet und die
Untersuchung derselben abgeschlossen werden; und es wird, sobald nur die
Gelehrtenrepublik systematisch fortarbeitet, endlich zu diesem Abschlusse
kommen. Unendlich ist nur die Empirie: sowohl die des Stehenden, der Natur, in
der Physik, als die des Fliessenden, der Zeiterscheinungen des
Menschengeschlechts, in der Geschichte. Die erstere, die Physik, wird von der
Vernunftwissenschaft, die alle apriorischen Bestandteile von ihr ausscheidet,
und diese in ihren eigentümlichen Fächern vollendet und abgeschlossen
aufstellt, an das Experiment verwiesen, und erhält von ihr die Kunst, den Sinn
des gemachten Experiments richtig aufzufassen, und ein Regulativ, wie jedesmal
die Natur weiter zu befragen sei; der zweiten, der Geschichte, werden von
derselben Vernunftwissenschaft zuvörderst die Myten über die Uranfänge des
Menschengeschlechts, als zur Metaphysik gehörig, abgenommen, und sie erhält
einen bestimmten Begriff davon, wonach die Geschichte eigentlich frage und was
in sie gehöre, nebst einer Logik der historischen Wahrheit und so tritt selbst
in diesem unendlichen Gebiete das sichere Fortschreiten nach einer Regel an die
Stelle des Herumtappens auf gutes Glück.
    So wie der Inhalt aller Wissenschaft sein bestimmtes Gesetz hat, ebenso hat
die scientifische wie die populäre Darstellung derselben ihre bestimmte Regel.
Ist dagegen gefehlt worden, so lässt, vielleicht durch einen anderen, der Fehler
sich entdecken und durch ein neues Werk verbessern; ist Dicht gefehlt worden,
oder - kann ich wenigstens es nicht besser machen, warum sollte ich es denn
bloss anders machen? Bleibe in jeder Wissenschaft das beste scientifische, so
wie das beste populäre Werk das einzige, so lange bis ein wirklich besseres an
seine Stelle tritt; dann mag jenes verschwinden, und dieses das einzige sein.
Zwar das ungelehrte Publicum ist ein fliessendes, denn es ist ja vorauszusetzen,
dass desselben Mitglieder durch die zweckmässige Mitteilung der Gelehrten in
ihrer Bildung weiter kommen werden; - was sie aber schon wissen, das mögen sie
sich nicht ferner sagen lassen. Es ist daher wohl denkbar, dass ein populäres
Werk, welches für das Zeitalter seiner Erscheinung durchaus zweckmässig war,
späterhin, weil die Zeit sich verändert hat, nicht mehr passe, und durch ein
anderes ersetzt werden Messe: jedoch wird ohne Zweifel dieser Fortschritt nicht
so rasch vor sich gehen, dass das Publicum mit jeder Messe etwas neues haben
müsse.
    Von der Vernunftwissenschaft aus, sagten wir oben, lasse sich das ganze
Gebiet des Wissens übersehen: jeder Gelehrte müsse im Besitze dieser
Wissenschaft sein, sei es auch nur darum, um jedesmal den gegenwärtigen
stehenden Zustand des ganzen wissenschaftlichen Wesens zu erkennen und zu
wissen, wo etwa seine Arbeit von Nutzen sein könne. Nichts verhindert, dass
nicht dieser jedesmalige Zustand in einem besonderen fortlaufenden Werke
beobachtet, und die Uebersicht desselben, teils jedem Zeitgenossen zur
Nachricht, teils für die künftige Geschichte der Literatur, niedergelegt werde.
Etwas ähnliches unternahmen in unserer Schilderung des dritten Zeitalters die
Literaturzeitungen und Biblioteken. Wenn wir daher beschrieben, wie im
Zeitalter der Vernunftwissenschaft die erwähnte Uebersicht beschaffen sein
würde, so hätten wir dadurch zugleich angegeben, wie eine Literaturzeitung sein
müsse, falls sie überhaupt sein solle; und durch den Gegensatz ginge vielleicht
hervor, warum diese Zeitungen in der üblichen Form nichts taugen, und nichts
taugen können. Die Vollständigkeit des Gegensalzes zwischen unserer letzten Rede
und der heutigen verbindet uns fast, uns auf diese Beschreibung einzulassen.
    Nach der aufgestellten Idee soll allemal der wissenschaftliche Zustand des
jedesmaligen Zeitpunctes dargestellt werden; und die Voraussetzung ist: es
manifestire sich dieser Zustand in den Werken der Zeit. Diese liegen nun da vor
jedermans Augen, und jeder, den die obige Frage interessirt, kann sie sich aus
derselben Quelle ohne unser Zutun beantworten, aus der auch wir ohne sein
Zutun sie uns beantwortet haben. Es lässt sich nicht einsehen, wozu wir hier
nötig seien. Wollen wir aber uns notwendig machen, so müssen wir etwas tun,
das der andere entweder gar nicht zu tun vermag, oder es nicht zu tun vermag
ohne eine besondere Arbeit, der wir ihn überheben. Einmal, was der Autor gesagt
hat, können wir unserem Leser nicht nochmals sagen; denn das hat ja jener schon
gesagt, und unser Leser kann es in alle Wege von ihm erfahren. Gerade dasjenige,
was der Autor nicht sagt, wodurch er aber zu allem seinem Sagen kommt, müssen
wir ihm sagen; das, was der Autor selbst innerlich, vielleicht seinen eigenen
Augen verborgen, ist, und wodurch nun alles Gesagte ihm so wird, wie es ihm
wird, müssen wir aufdecken, - den Geist müssen wir herausziehen aus seinem
Buchstaben. Ist nur dieser Geist des Einzelnen zugleich der Geist der Zeit, und
wir haben denselben fürs erste an Einem Exemplare dieser Zeit, und, so Gott
will, an demjenigen, in welchem er sich am klarsten ausgesprochen, dargestellt:
so begreife ich nicht, warum wir nun dasselbe wiederum an anderen, die, bei
zufälligen äusseren Verschiedenheiten, innerlich jenem doch aufs Haar gleichen,
wiederholen und uns selber ausschreiben sollten. Wo Sempronius stehe, oder Cajus
oder Titus, davon war ja überhaupt nicht die Frage, sondern, wo das Zeitalter
stehe: das haben wir an Sempronius gezeigt, setzen wir höchstens die Bemerkung
hinzu, dass Cajus und Titus derselben Art sind, damit niemand erwarte, dass von
ihnen noch besonders geredet werde! - Ausser der wesentlichen und herrschenden
Weise des Zeitalters, zu sein, hat dasselbe vielleicht in der Wissenschaft noch
diese und jene charakteristischen Nebentendenzen. Fassen wir diese vollständig
auf, setzen wir jede einzelne an ihrem merkwürdigsten Exemplare gehörig ans
Licht; an die anderen zu derselben Klasse gehörigen verwenden wir höchstens die
oben angegebene Bemerkung.
    Nicht anders verhält es sich mit Schätzung des Zeitalters in Beziehung auf
die Kunst; worin wir uns hier lediglich auf die Redekünste beschränken. Der
Massstab des Wertes ist die Höhe der Klarheit, der äterischen
Durchsichtigkeit, der Ungetrübteit - durch Individualität oder irgend eine
Beziehung, die nicht rein Kunst ist. Haben wir diese in ihrem Grade an dem
grössten Meisterwerke der Zeit dargestellt: - was gehen uns nun die Bestrebungen
der Kunstjünger, - was gehen uns selber die Studien des Meisters an? - Es sei
denn, dass wir uns der letzteren bedienten, um durch sie die Individualität des
Künstlers, welche als solche nie eine sinnliche, sondern eine ideale ist, - und
vermittelst dieser Individualität das Werk desselben noch inniger zu verstehen
und zu durchdringen. Kurz, solche Uebersichten mussten durchaus nichts anderes
sein, noch zu sein begehren, denn Jahrbücher des wissenschaftlichen und des
Kunstgeistes. und was sich nicht als eine Veränderung und weitere Gestaltung des
Geistes selber ansehen liesse, wäre für sie keine Begebenheit, und träte nicht
ein in ihren Umkreis. Dass bei einer solchen Ansicht der Dinge nicht jeder Tag
im Kalender sein gedrucktes Blättchen bekommen würde; auch wohl nicht in jedem
Monate, und vielleicht nicht einmal zu jeder Messe ein Band erscheinen würde,
verschlägt nichts, und gereicht bloss zur Schonung des Papiers und des Lesers.
Bleibt die Fortsetzung aussen, so ist dies ein Zeichen, dass in der Region des
Geistes nichts neues sich zugetragen, sondern nur die alle Runde noch
durchgemacht werde: wird sich etwas neues zutragen, so werden die Jahrbücher
nicht ermangeln, es zu melden.
    Bloss in Absicht der Kunst könnte eine Ausnahme von der Strenge der oben
aufgestellten Regel verstattet werden. Von der Kunst nämlich ist die Menschheit
noch weit mehr entfernt, als von der Wissenschaft; und es wird einer weit
grösseren Reihe von Vorbereitungen bedürfen, dass sie zur ersten komme, als zu
der letzteren. In dieser Rücksicht könnten fürs erste, - zwar nicht als Teile
der Jahrbücher des Geistes, die für das lebendig fortschreitende zu beschreiben
haben, aber doch als populäre Hülfsmittel - selbst schwache Versuche, an
unvollkommenen Werken angestellt, diese Werke zu entwickeln und auf Einheit
zurückzuführen, - willkommen sein, damit dem grösseren Publicum nur erst die
Kunst ein Werk zu verstehen ein wenig geläufiger würde; und wenn die
gewöhnlichen Recensirinstitute auch nur zuweilen dergleichen Versuche lieferten,
so könnten sie sich immer einigen Dank erwerben. In Absicht der Wissenschaft
aber findet durchaus keine Ausnahme von der Strenge der Regel statt; denn für
Anfänger sind Schulen und Universitäten vorhanden.
 
                                Achte Vorlesung
    [Von der Reaction eines solchen Zeitalters gegen sich selber durch
    Aufstellung des Unbegreiflichen, als höchsten Princips. Woher, falls ein
    bestimmtes Unbegreifliches aufgestellt werde, dieses entstehe? Bestimmung
    des Begriffs der Schwärmerei, insbesondere der wissenschaftlichen.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Das dritte Zeitalter ist in seinem Grundzuge als ein solches, das nichts
gelten lasse als das, was es begreife, aufgestellt, und sein leitender Begriff
in diesem Begreifen, als der Begriff der blossen sinnlichen Erfahrung, sattsam
beschrieben. Es ist aus dieser Beschaffenheit des Zeitalters abgeleitet, dass es
in demselben einen Unterschied zwischen einem Gelehrtenstande und einem anderen
der Ungelehrten geben werde; und wie diese beiden Stände, sowohl jeder für sich
betrachtet, als in ihrem gegenseitigen Verhältnisse zu einander beschaffen sein
werden. Zum Ueberflusse ist in der vorhergehenden Rede historisch gezeigt
worden, dass dieses ganze Verhältnis nicht von jeher gewesen, sondern einmal
geworden, und wie und auf welchem Wege es geworden, und also geworden;
ingleichen, wie dasselbe Verhältnis im folgenden Zeitalter der
Vernunftwissenschaft sein werde.
    Nun haben wir schon viel früher in der Hauptübersicht dessen, was wir hier
abzuhandeln hätten, erinnert, dass ein solches Zeitalter des blossen nackten
Erfahrungsbegriffs und des leeren formalen Wissens schon durch sein Wesen zum
Widerstreite gegen sich reize, und in sich selber den Grund einer Reaction
seiner selbst gegen sich selbst trage. Lassen Sie uns in der heutigen Rede
diesen Wink aufnehmen und weiter verfolgen. Es kann nämlich nicht fehlen, dass
einzelne Individuen, entweder weil sie wirklich die dürre Oede und furchtbare
Leere der Resultate des aufgestellten Princips fühlen, oder aus blosser
Begierde, etwas durchaus neues auf die Bahn zu bringen, - welche Begierde wir ja
selber unter den Grundzügen des Zeitalters gefunden haben, - dass, sage ich,
diese Individuen, geradezu das Princip des Zeitalters umkehrend, das eben als
sein Verderben und als die Quelle seiner Irrtümer angeben, dass es alles
begreifen wolle; und dass sie dagegen als ihr eigenes Princip, als das einzige,
was not tut, und als die wahre Quelle aller Heilung und Genesung, das
Unbegreifliche, als solches und um seiner Unbegreiflichkeit willen, aufstellen.
- Auch dieses Phänomen, sagte ich damals, obwohl es dem dritten Zeitalter
geradezu entgegengesetzt zu sein scheint, gehört dennoch unter die notwendigen
Phänomene dieses Zeitalters, und ist in einer vollständigen Charakteristik
desselben nicht aus dem Auge zu lassen. - Es ist zuvörderst ein Widerspruch
gegen die Maxime, dass man alles, was als wahr anerkannt werden solle, müsse
begreifen können; welcher nicht getan und teoretisch aufgestellt werden kann,
ehe jene Maxime selber ausgesprochen worden, und welcher lediglich in der
Polemik gegen sie entsteht, - ein Widerspruch, der notwendig eintreten muss,
sobald nur jene Maxime eine Zeitlang geherrscht hat, und reiflich erwogen ist
und im hellen Lichte sich zeigt; dass selbst die Anhänger dieser Maxime
immerfort sehr vieles gelten lassen, was sie und ebensowenig diese ihre Gegner
nicht begreifen. Sodann, es ist jenes Aufstellen des Unbegreiflichen zum Princip
keinesweges Anfang und Bestandteil des neuen Zeitalters, das aus dem dritten
sich entwickeln soll, des Zeitalters der Vernunftwissenschaft: denn dieses
tadelt keinesweges jene Maxime der Begreiflichkeit an und für sich, - es erkennt
sie vielmehr an als ihre eigene; sondern es tadelt nur den schlechten und
untauglichen Begriff, der bei diesem Begreifen zum Grunde gelegt und zum
Maassstabe aller Gültigkeit gemacht wird; was aber das Begreifen selbst
anbelangt, stellt die Vernunftwissenschaft als Grundsatz auf, dass schlechtin
alles, und selber das Nichtbegreifen, als die Grenze des Begreifens und das
einzig mögliche Unterpfand, dass das Begreifen erschöpft sei, begriffen werden
müsse; und dass es zwar zu aller Zeit, und als den einzigen Träger der Zeit, ein
dermalen Nichtbegriffenes, und nur als nicht begriffen Begriffenes, -
keinesweges aber jemals ein absolut Unbegreifliches geben könne. Jenes Princip
der absoluten Unbegreiflichkeit widerstreitet sonach der Form der Wissenschaft
noch weit unmittelbarer, als selber das Princip der Begreiflichkeit aller Dinge
durch den blossen sinnlichen Erfahrungsbegriff. Endlich ist dieses Princip der
Unbegreiflichkeit, als solcher, auch nicht ein Nachlass der vorigen Zeit; wie
schon aus demjenigen, was wir über diese bis jetzt beigebracht haben,
hervorgeht. Das absolut Unbegreifliche des heidnischen und jüdischen Altertums,
- der willkürlich verfahrende, nie zu erratende, aber immer zu fürchtende Gott,
mit dem man sich nur auf gutes Glück abfinden konnte, drang sich, weit entfernt
dass sie ihn gesucht hätten, ihnen wider Willen auf, und sie wären desselben
gern entledigt gewesen. Das Unbegreifliche der christlichen Kirche aber wurde
als Wahrheit aufgestellt, nicht darum, weil es unbegreiflich war, sondern,
ohnerachtet es von ungefähr unbegreiflich ausgefallen war, deswegen, weil es in
dem geschriebenen Worte, der Tradition und den Kirchensatzungen lag. Die von uns
angeführte Maxime aber stellt das Unbegreifliche durchaus als Unbegreifliches,
und eben um seiner Unbegreiflichkeit willen als Höchstes auf; und ist deswegen
ein ganz neues und vorher nie also dagewesenes Phänomen des dritten Zeitalters.
    Inwiefern es nun bei dieser blossen Empfehlung des Unbegreiflichen überhaupt
sein Bewenden keinesweges hat, so dass jedem nun überlassen bleibe, sein
Unbegreifliches an sich zu bringen: - sondern, wenn noch überdies, wie von der
Dogmaticität des Zeitalters sich erwarten lässt, ein besonderes und bestimmtes
Unbegreifliches abgeliefert und mitgeteilt wird, - nun welchem Wege entsteht
dieses? Keinesweges aus der Quelle des alten Aberglaubens; denn diese ist für
das gebildete Publicum versiegt, und ihr Nachlass ist nur noch in der Teologie
vorhanden: - noch aus der Teologie; denn diese ist, wie wir ehemals gezeigt
haben, etwas anderes. Auf dem Wege der Einsicht in die Leerheit des vorhandenen
Systems also auf dem Wege des Räsonnements, ist das neue System entstanden;
durch Räsonnement und auf dem Wege des freien Denkens, welches aber hier ein
Erdenken und Dichten wird, muss es sein Unbegreifliches zu Stande bringen: - den
Namen der Philosophen werden die Urheber und die Vertreter dieses Systems
führen.
    Das Hervorbringen eines Unbegriffenen und Unbegreiflichen durch freies
Dichten ist von jeher Schwärmen genannt worden; wir werden daher dieses neue
System in seiner Wurzel fassen, wenn wir bestimmt erklären, was Schwärmerei sei,
und worin sie bestehe.
    Die Schwärmerei hat mit der ächten Vernunftwissenschaft das gemein, dass sie
die blossen sinnlichen Erfahrungsbegriffe nicht für das Höchste gelten lässt,
sondern über alle Erfahrung hinaus sich zu erheben strebt; und, da es über dem
Gebiete der Erfahrung nichts gibt, als die Welt des reinen Gedankens, - dass
sie, wie wir oben von der Vernunftwissenschaft sagten, das Universum rein aus
dem Gedanken aufbauen will. Die Verteidiger der Erfahrung, aus der einigen
Quelle der Wahrheit, treffen es daher, so gut sie können, und besser, als sie
vielleicht selber wissen, wenn sie jeden, der ihnen jede Alleingültigkeit,
gleichviel aus welchen Gründen, abläugnet, kurzweg einen Schwärmer nennen; denn
allerdings erhebt dasjenige, was sie vermittelst ihrer lebhaften Phantasie wohl
auch kennen mögen, und wogegen sie durch das Halten an der Erfahrung sich so
sorgfältig verwahrt haben, die Schwärmerei, sich über die Erfahrung: der andere
Weg aber, über sie sich emporzuschwingen, der der Wissenschaft, ist ihnen in
sich selbst nie vorgekommen, und sie haben von dieser Seite keine Versuchungen
zu bekämpfen gehabt.
    Darin also, in diesem festen Beruhen auf der Welt des Gedankens, als der
ersten und vornehmsten, sind beide, die Vernunftwissenschaft und die
Schwärmerei, vollkommen einig.
    Der Unterschied beider beruht bloss auf der Beschaffenheit des Gedankens,
von welchem jedes an seinem [heile ausgeht. Der Grundgedanke der Wissenschaft,
der eben darum, weil er Grundgedanke ist, schlechtin nur Einer und in sich
selber geschlossen ist, - ist dieser Wissenschaft durchaus klar und
durchsichtig; und sie sieht, in derselben unwandelbaren Klarheit, aus diesem
einen Gedanken alles mannigfaltige Denken und, da die Dinge ja nur im Denken
vorkommen können, alle mannigfaltigen Dinge unmittelbar hervorgehen, und
ergreift sie in diesem Hervorgehen auf der Tat; und dieses bis zur Grenze aller
Klarheit, welche Grenze, als notwendige Grenze, gleich. falls begriffen wird, -
bis zum Unbegriffenen. Auch kommt der Wissenschaft dieser Gedanke nicht von
selber, sondern sie muss ihm mit Mühe, Fleiss und Sorgfalt nachgehen; durchaus
sich nicht beruhigend bei irgend einem noch nicht durchaus begriffenen, sondern
immer höher steigend zu dem Erklärungsgrunde des letzteren, und zu dessen
Erklärungsgrunde, so lange, bis alles nur ein einziges gediegenes Licht sei. So
mit dem Gedanken der Wissenschaft. - Die Gedanken aber, von denen die
Schwärmerei ausgehen kann, - denn diese sind in verschiedenen ihr ergebenen
Individuen sehr verschieden, und oft in Einem und ebendemselben gar wandelbar -
diese Gedanken sind in Beziehung auf ihre höhern Gründe nie klar, und darum
sogar in sich selber nur bis zu einer gewissen Stufe klar, eben deswegen ein,
seinem Zusammenhange nach, absolut Unbegreifliches. Diese Gedanken können
deswegen nie bewiesen, oder über ihre schon in ihnen liegende Stufe der Klarheit
noch weiter klar gemacht werden, sondern sie werden postulirt, oder auch, falls
aus wahren Wissenschaft der Ausdruck schon dasein sollte - der Leser oder Hörer
wird an die intellectuelle Anschauung verwiesen; welche letztere jedoch in der
Wissenschaft ganz etwas anderes zu bedeuten hat, als in der Schwärmerei. Aus
demselben Grunde kann auch über den Weg, wie man diese Gedanken erfunden, nie
Rechenschaft abgelegt werden, weil sie in der Tat nicht, wie der Urgedanke der
Wissenschaft, durch ein systematisches Aufsteigen zu höherer Klarheit gefunden,
sondern blosse Einfälle sind von ohngefähr.
    Dieses Ohngefähr nun, obwohl derjenige, der in seinem Dienste steht, es nie
erklären wird, - was ist es denn im Grunde? - und wollen nicht wir wenigstens es
erklären? Es ist eine blinde Kraft des Denkens, welche, wie alle blinde Kraft,
zuletzt Naturkraft ist, von deren Botmässigkeit eben das klare Denken befreit; -
zusammenhängend mit allen anderen Naturbestimmungen: dem Gesundheitszustande,
dem Temperamente, dem geführten Leben, den gemachten Studien; und so sind denn
diese Schwärmer in ihrem entzücktesten Philosophiren, ohnerachtet ihres Stolzes,
sich über die Natur erhoben zu haben, und ihrer tiefen Verachtung für alle
Empirie, selber nur etwas sonderbare, empirische Erscheinungen, ohne das
geringste davon zu ahnen.
    Die Bemerkung, dass die Principien dieser Schwärmerei ohngefähre Einfälle
seien, macht es mir zur Pflicht, die Schwärmerei von einem anderen,
gewissermaassen ähnlichen Verfahren zu unterscheiden; und ich erhalte dadurch
Gelegenheit, sie selbst noch schärfer zu bestimmen. Nemlich auch auf dem Boden
der Physik sind die wichtigsten Experimente sowohl, als selbst durchgreifende
und umfassende Teorien von ohngefähr und, wie man nun wohl sagen kann, durch
einen Einfall entdeckt worden; und so wird es bleiben, bis die
Vernunftwissenschaft sattsam verbreitet und erweitert ist, und auch gegen die
Physik ihre, in der vorigen Rede genau bestimmte Schuldigkeit erfüllt hat. Aber
diese Männer gingen allemal von Phänomenen aus, nur suchend das Einheitsgesetz,
in welchem diese befasst werden könnten; und gingen, sowie sie ihren Gedanken
empfangen hatten, zu den Phänomenen zurück, um an ihnen den Gedanken zu prüfen;
- ohne Zweifel in der festen Ueberzeugung, dass er erst von der Erklärbarkeit
jener aus ihm seine Bestätigung erwarte, und in dem Entschlusse, ihn aufzugeben,
falls er sich nicht auf diese Weise bewährte. Er bewährte sich, und es fand sich
dadurch, dass sie nicht etwas willkürliches sich ausgedacht, sondern einen durch
die Natur selbst uns angemuteten Gedanken gefunden hätten; und darum ist ihre
Gabe keinesweges Schwärmerei, sondern sie ist Genie zu nennen. Ganz anders die
Schwärmerei: sie geht weder aus von der Empirie, noch bescheidet sie sich, die
Empirie als Richterin ihrer Einfälle an. zuerkennen, sondern sie fordert, dass
die Natur sich nach ihren Gedanken richte; - worin sie freilich recht haben
würde, wenn sie zuvörderst den rechten Gedanken hätte, und wenn sie ferner
wüsste, wieweit diese Bestimmung der Natur a priori gehe, und in welchem Gebiete
sie durchaus zu Ende sei und nur das Experiment entscheiden könne.
    Diese Einfälle der Schwärmerei, habe ich gesagt, sind weder in sich klar,
noch sind sie bewiesen, oder des teoretischen Beweises fähig, auf welchen ja
auch durch das Geständnis der Unbegreiflichkeit Verzicht getan wird; noch sind
sie wahr, und darum durch den natürlichen Wahrheitssinn zu bewähren, gesetzt
auch, sie fielen in dessen Gebiet. Nie ist es denn also möglich, dass auch nur
von den Urhebern selber an sie geglaubt wird? Ich bin schuldig, Ihnen vor allen
Dingen, und ehe wir weiter gehen, dieses Rätsel zu lösen.
    Diese Einfälle sind, wie wir oben gezeigt haben, im Grunde die Producte
einer blinden Naturkraft des Denkens, welche Kraft, unter diesen bestimmten
Umständen, in diesem bestimmten Individuum sich notwendig also äussern musste,
wie sie sich äussert, - musste, sage ich; es versteht sich, falls nicht etwa das
Individuum durch Erhebung zum freien und klaren Denken sich über alle blinde
Naturgewalt des Denkens erhob, und diese Quelle verstopfte. Falls es dieses
nicht tat, so ist folgendes notwendig: Jede blinde Naturkraft wirkt immerfort,
auch unsichtbar und unbewusst für den Menschen; es ist daher zu erwarten, dass
diese Gestalt des Denkens, als nun einmal das Grundwesen dieses Individuums, in
ihm schon in einer Menge von Zweigen auf- und angeschossen sei, die ihm von Zeit
zu Zeit durch den Kopf gefahren, ohne dass er ihr eigentliches Princip entdeckt,
oder einen entscheidenden Entschluss über ihre Annahme gefasst. Er geht also
leidend hin, oder behorcht auch wohl recht bedächtig die in ihm fortdenkende
Natur; es kommt endlich die wahre Wurzel zum Vorschein, und er erstaunt nicht
wenig, wie so auf einmal Einheit, Licht, Zusammenhang und Bestätigung über seine
vorherigen Einfälle insgesammt sich verbreitet; freilich nichts weniger ahnend,
als dass diese früheren Einfälle schon Zweige derselben, immerfort treibenden
und nur erst jetzt an das Tageslicht gekommenen Wurzel seien, mit welcher sie
darum auch ohne Zweifel übereinstimmen werden. Die Wahrheit des Ganzen bestätigt
sich ihm durch die Erklärbarkeit aller Teile aus dem Ganzen, da er nicht weiss,
dass es nur von diesem Ganzen, und durch dieses Ganze, Teile, und dass sie
überhaupt nur durch dieses Ganze da sind. Er hält die Erdichtung für Wahrheit,
weil sie mit so vielen früheren kleinen Erdichtungen übereinstimmt, welche ihm,
nur ohne sein Ahnen, aus derselben Quelle zugekommen.
    Da dieses Denken der Schwärmerei denkende Naturkraft ist, geht es wieder
zurück auf die Natur, hängt sich an den Boden derselben, und bestrebt eine
Wirksamkeit in ihr; mit einem Worte: alle Schwärmerei ist und wird notwendig
Naturphilosophie. - Es ist nötig, - auch um ein anderes, das von Unverständigen
oft auch für Schwärmerei gehalten wird, von ihr kräftig zu unterscheiden, - dass
wir diesen letzteren Gedanken sorgfältiger auseinandersetzen. Entweder die
sinnliche Begier, der Trieb der persönlichen Selbsterhaltung und des natürlichen
Wohlseins, ist die einzige Triebfeder des Denkens sowohl, als des Handelns des
Menschen: - so steht das Denken lediglich im Dienste der Begier, und ist nur
dazu da, um die Mittel zur Befriedigung jener sich zu merken und sich zu wählen;
oder, der Gedanke ist durch sich selber und aus eigener Kraft lebendig und
tätig. Auf den ersten Zustand gründete sich die ganze, bisher sattsam von uns
beschriebene Weisheit des dritten Zeitalters, - und hiervon reden wir hier nicht
weiter. Bei dem zweiten gibt es wiederum zwei oder, wenn man anders zählt, drei
Fälle. Entweder nämlich ist der durch sich selber lebendige und tätige Gedanke
denn doch nur die sinnliche Individualität des Menschen, bloss im Gedanken sich
darstellend demnach immer eine nur verdeckte und nicht dafür erkannte sinnliche
Lust, - und dann ist er die Schwärmerei: oder er ist der, ohne alle Begründung
in der Sinnlichkeit rein aus sich selber quellende Gedanke, der nie auf die
einzelne Person geht, sondern immer die Gattung umfasst, und den wir in unserer
zweiten, dritten und vierten Rede sattsam beschrieben haben: die Idee. Ist er
die Idee, so kann er sich wiederum, wie gleichfalls oben auseinandergesetzt
worden, auf zweierlei Weise äussern: entweder in einer seiner ursprünglichen
Zerspaltungen, die da oben angeführt wurden; und sodann treibt er unmittelbar
zum Handeln, strömt aus in das persönliche Leben des Menschen, vernichtend alle
seine sinnlichen Triebe und Begierden und der Mensch ist Künstler, Held,
Wissenschaftler, oder Religioser: oder derselbe reine Gedanke kann sich äussern
in seiner absoluten Einheit; so wird er klar eingesehen, und ist der Eine, in
sich selbst klare und durchsichtige Gedanke der Vernunftwissenschaft, der an und
für sich zu keinem Handeln in der Sinnenwelt treibt, sondern lediglich ein
freies Handeln in der Welt des reinen Gedankens, oder die wahre und ächte
Speculation ist. Im Gegensatze gegen das Leben in den Ideen wird die Schwärmerei
nicht unmittelbar handeln, sondern, dass zufolge derselben gehandelt werde, dazu
bedarf es noch eines besonderen Willensentschlusses, bestimmt durch die Lust;
die Schwärmerei bleibt sonach für sich Speculation; ferner geht sie nicht auf
die Gattung als solche, sondern auf die Person, weil sie lediglich von der
Person ausgeht, und auf dasjenige, worin das Leben der Person ruht, auf die
sinnliche Natur, und wird darum notwendig Naturspeculation. Das Leben in den
Ideen sonach, was der rohsinnliche Mensch wohl auch Schwärmerei zu nennen sich
untersteht, ist von der Schwärmerei sehr scharf geschieden. Von der
Vernunftwissenschaft aber, als der ächten Speculation, ist die Schwärmerei schon
in einem obigen Absatze der heutigen Rede sattsam unterschieden worden. Um in
Beziehung auf Naturphilosophie die ächte Speculation von der falschen, der
Schwärmerei, unterscheiden zu können, muss man selber im Besitze der ersteren,
oder der Vernunftwissenschaft sein; und dies ist keinesweges die Sache des
ungelehrten Publicums. Ueber diesen Gegenstand, sonach über die letzten Gründe
der Natur, diesem Publicum sich mitzuteilen, wird keinem ächten
Wissenschaftskundigen einfallen; die speculative Naturlehre setzt
wissenschaftliche Bildung voraus, und kann nur wissenschaftlich gefasst werden,
und der Ungelehrte bedarf ihrer niemals. In Rücksicht dessen aber, worüber der
Wissenschaftskundige sich dem grösseren Publicum mitteilen kann und soll, - in
Rücksicht der Ideen, gibt es selber für dieses Publicum ein unfehlbares
Kriterium: ob Schwärmerei sei, was man ihm vortrage, oder nicht; dieses: ob das
Vorgetragene auf das Handeln sich beziehe und davon rede, oder ob auf eine
stehende und ruhende Beschaffenheit der Dinge. So bezieht sich die Hauptfrage,
die ich Ihnen, E. V., vom Anfange dieser Reden an vorgelegt, und auf deren von
mir vorausgesetzte Beantwortung die ganze Fortsetzung derselben, als auf ihren
wahren Grundsatz baut, - die Frage: ob Sie selber sieh wohl entbrechen könnten,
ein ganz an die Idee hingeopfertes Leben zu billigen, hochzuachten und zu
bewundern, durchaus auf ein Handeln, und auf Ihr Urteil über dieses Handeln;
und darum wurden Sie zwar über alle sinnliche Erfahrungswelt hinaus erhoben,
keinesweges aber wurde geschwärmt. Um noch ein bestimmteres Beispiel anzuführen:
die Lehre von einem durchaus nicht willkürlich handelnden Gotte, in dessen
höherer Kraft wir alle leben, und in diesem Leben zu jeder Stunde selig sein
können und sollen; welche unverständige Menschen sattsam geschlagen zu haben
glauben, wenn sie sie Mysticismus nennen; - diese Lehre ist keinesweges
Schwärmerei; denn sie geht auf das Handeln, und zwar auf den innigsten Geist,
welcher alles unser Handeln beleben und treiben soll. Schwärmerei würde sie
werden nur dadurch, wenn das Vorgeben hinzugefügt würde, dass diese Einsicht aus
einem gewissen inneren geheimnisvollen Lichte quelle, welches nicht allen
Menschen zugänglich, sondern nur wenigen Auserwählten erteilt sei, - in welchem
Vorgeben der eigentliche Mysticismus besteht: denn dieses Vorgeben verrät eine
eigenliebige Betrachtung des eigenen Wertes und einen Hochmut auf die
sinnliche Individualität. Also - die Schwärmerei trägt ausser ihrem inneren, nur
von der ächten Speculation gründlich aufzudeckenden Kriterium auch noch das
äussere, dass sie niemals Moral- oder Religionsphilosophie ist, welche beide sie
vielmehr in ihrer wahren Gestalt inniglich hasset (was sie Religion nennt, ist
allemal eine Vergötterung der Natur): sondern dass sie immer Naturphilosophie
ist, d.h. dass sie gewisse innere, weiterhin unbegreifliche Eigenschaften in den
Gründen der Natur zu erforschen strebt, oder erforscht zu haben glaubt, durch
deren Gebrauch sie über den ordentlichen Lauf der Natur hinausgehende Wirkungen
hervorzubringen sucht. Dies, sage ich, ist die Schwärmerei notwendig ihrem
Princip zufolge, und dies ist sie auch von jeher wirklich gewesen. Man lasse
sich nicht dadurch irre machen, dass sie so oft uns in die Geheimnisse der
Geisterwelt einzuführen versprochen, und uns die Mittel, Engel und Erzengel,
oder wohl Gott selber zu binden und zu bannen, verraten wollen: immer geschah
dies, um diese Kenntnis zur Hervorbringung von Wirkungen in der Natur zu
gebrauchen; jene Geister wurden sonach nicht als Geister, sondern lediglich als
Naturkräfte gefasst. Der Hauptzweck war immer der, Zaubermittel auszufinden. -
Wenn man die Sache ganz streng nehmen will, wie ich es, um wenigstens durch
dieses Beispiel völlig klar zu werden, hier mit Bedacht tue: so ist selber das
in der vorigen Rede beschriebene Religionssystem, das von einem willkürlich
handelnden Gotte ausgeht, und eine Vermittelung, zwischen ihm und den Menschen
annimmt, und vermittelst eines abgeschlossenen Vertrags, entweder durch die
Beobachtung einiger willkürlichen und ihrem Zwecke nach unbegreiflichen
Satzungen, oder durch einen in seinem Zwecke eben so unbegreiflichen
historischen Glauben, sich von Gott gegen anderweitige Beschädigungen
loszukaufen glaubt, - selber dieses Religionssystem, sage ich, ist ein solches
schwärmerisches Zaubersystem, in welchem Gott nicht als der Heilige, von dem
getrennt zu sein schon allein und ohne weitere Folge das höchste Elend ist,
sondern als eine furchtbare, mit verderblichen Wirkungen drohende Naturkraft
betrachtet wird, in Beziehung auf welche man nun das Mittel gefunden, sie
unschädlich zu machen. oder wohl gar, sie nach unseren Absichten zu lenken.
    Dies, E. V. was wir beschrieben und, wie ich, glaube genau bestimmt und von
allem damit verwandten abgesondert haben, ist Schwärmerei überhaupt - und mit
den angegebenen Grundzügen muss sie allentalben sich äussern, wo sie sich
äussert; auf dem von uns gleichfalls angegebenen Wege kommt sie zu Stande, wo
sie blosse Natur ist. In demjenigen Falle, in welchem wir hier von ihr sprechen,
als Reaction des dritten Zeitalters gegen sich selber, ist sie nicht blosse
Natur, sondern grösstenteils Kunst. Sie geht aus von dem bedachten,
Widerstreben gegen das Princip des dritten Zeitalters; von dem Misfallen an der
deutlich eingesehenen Leere und Kraftlosigkeit desselben; von der Meinung dass
man gegen sie sich nur durch das Gegenteil der allgemeinen Begreiflichkeit, die
Unbegreiflichkeit, retten könne; und von dem dadurch entstandenen Entschlusse,
ein Unbegreifliches an sich zu bringen: auch ist überdies in des dritten
Zeitalters und in aller, die von demselben ausgehen, Natur nur sehr wenig Kraft
zum Schwärmen vorhanden. Wie machen es denn also diese, und ihr Unbegreifliches
und ihren Teil der Schwärmerei herbeizuschaffen? Sie machen es Also: sie setzen
sich hin, um über die verborgenen Grunde der Natur - denn dies ist ja die
unwandelbare Sitte der Schwärmerei, dass sie stets die Natur zu ihrem Objecte
mache - sich etwas auszudenken, lassen sich einfallen, was ihnen nun eben
einfallen will, und sehen sich nun um unter diesen Einfällen, welcher ihnen etwa
am besten gefalle begeistern sich auch, falls etwa die Einfälle nicht so recht
fliessen, durch physische Reizmittel, - die bekannte und hergebrachte
Unterstützung aller Künstler im Schwärmen alter und neuer Zeit unter rohen und
gebildeten Völkern; - ein Mittel, durch welches die Klarheit, Besonnenheit und
Freiheit der ächten Speculation, die den höchsten Grad der Nüchternheit
erfordert, ohnfehlbar aufgehoben wird, und aus dessen Gebrauche für das
Produciren schon lediglich und allein sich sicher schliessen lässt, dass nicht
speculirt, sondern geschwärmt werde. Will auch durch dieses Hülfsmittel die Ader
noch nicht ergiebig genug fliessen, so nehmen sie ihre Zuflucht zu den Schriften
ehemaliger Schwärmer, - je seltener und je verschriener diese Schriften sind,
desto lieber, nach ihrem Grundsatze, dass alles um so viel besser sei, je mehr
es vom herrschenden Zeitgeiste abweiche, - und zieren nun mit diesen fremden
Einfällen ihre eigenen aus, falls sie dieselben nicht gar für eigene geben. - Es
soll, dass ich dieses im Vorbeigehen anmerke, keinesweges geläugnet werden, dass
unter diesen Einfällen der alten verschrienen Schwärmer nicht mehrere
vortreffliche Gedanken und genialische Winke vorhanden seien; wie wir denn
selbst den neueren nicht abzusprechen gedenken, dass sie nicht manchen
trefflichen Fund machen; aber immer sind diese genialischen Funken von
Irrtümern umgeben, und nie sind sie klar: um diese Funken bei jenen
herauszufinden, muss man sie schon zu ihnen mitgebracht haben, und keiner wird
von ihnen etwas lernen der nicht schon klüger war, denn sie, da er an ihre
Lectüre ging.
    Alle Schwärmerei geht aus auf irgend eine Art von Zauberei: dies ist ihr
beständiger Charakter. Welche Art des Zaubers will denn die Schwärmerei, von der
wir hier reden, hervorbringen? Sie ist lediglich wissenschaftlich: wenigstens
reden wir hier nur von der wissenschaftlichen Schwärmerei des Zeitalters; ob
zwar wohl es noch eine andere für die Kunst, sowie für das Leben gehen dürfte,
die wir vielleicht zu einer anderen Zeit charakterisiren werden. Diese
wissenschaftliche Schwärmerei muss daher in der Wissenschaft etwas im
gewöhnlichen Naturgange unmögliches durch Zauberei bewerkstelligen wollen. Was
nun? Die Wissenschaft ist entweder a priori, oder em- pirisch. Um das
Apriorische, teils als erschaffend das Reich der Ideen, teils als bestimmend
die Natur, inwieweit es nämlich dieselbe bestimmt, zu erfassen, dazu bedarf es
des kalten, ruhigen, unaufhörlich mit sich selbst streitenden, sich
berichtigenden und aufklärenden Denkens; und es kostet Zeit und Mühe, und ein
halbes aufgewendetes Leben, um es darin zu etwas Bedeutendem zu bringen: - dies
ist zu bekannt, als dass hierbei jemand auf Zaubermittel denken sollte; sie
halten sich daher von diesem Fache entfernt, - und was sie etwa zur Einfassung
ihres eigenen Werkes brauchen, können sie ja von anderen borgen und auf ihre
Weise verarbeiten, so dass es niemand merke, und sie können noch um so eher auf
Verborgenheit rechnen, wenn sie auf die Geplünderten schimpfen, indes sie
dieselben plündern Es bleibt übrig das Empirische. Inwiefern dies nun, nach
Ausscheidung alles Apriorischen in der Natur, rein empirisch ist, ist die
gewöhnliche Meinung, welche auch wohl die richtige sein dürfte, dass sich dieses
nur durch angestellte Experimente erforschen lasse, und dass jeder mit dem
Vorhandenen sich zuvörderst historisch bekannt machen und es sorgfältig
nachversuchen müsse; und erst durch neue, auf eine geistvolle Uebersicht des
gesammten Vorrats der Erfahrung gebaute Versuche hoffen könne, selbst neu zu
werden. Auch dies geht viel zu langsam, und erfordert anhaltende Mühe und Zeit:
auch hat man der geschickten Mitarbeiter, die uns die Sachen vorweg erfinden
durften, zu viele, so dass man wohl bis an das Ende seines Lebens arbeiten
könnte, ohne ein Original zu werden. Hier wäre das Zaubermittel anwendbar, und
es täte not, eins zu haben. Suche man also kurz und gut durch Einfälle in das
Innere der Natur einzudringen, und sich dadurch des mühsamen Lernens und der
leidigen, gegen alle unsere vorgefassten Systeme ausfallen könnenden Versuche zu
überheben.
    Schon wegen des allgemeinen Hanges zum Wunderbaren in der menschlichen Natur
kann dieses Vorhaben nicht verfehlen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen und Hoffnung zu erregen. Mögen auch die Alten, welche jenen Weg des
mühsamen Erlernens schon zurückgelegt und vielleicht selbst glückliche und
fruchtbare Versuche angestellt haben, ein wenig scheel dazu sehen, dass sie
diese frucht- und ruhmlose Mühe übernommen, und dass die Entdeckungen ihrer
Versuche ihnen nun in ein paar Perioden a priori demonstrirt werden, welche sie
ja in alle Wege statt jener Experimente auch hätten finden können; und, dass die
Wunderlehre nicht schon damals erschien, als sie noch jung waren: - desto
willkommener wird den Jünglingen, welche jenen Weg noch nicht gemacht haben und
jetzt an der Stufe stehen, wo sie nach der alten Sitte ihn zu machen hätten, die
Verheissung sein, sie desselben lediglich durch eine Reihe von Paragraphen zu
überheben. Erfolgt auch, wie es das gewöhnliche Schicksal der Zauberkünste ist,
in der Tat kein Zauber; entstehen keine neuen empirischen Erkenntnisse, und
bleiben die Gläubigen gerade so wissend, oder so unwissend, als sie vorher
waren; - ist auch offenbar, oder könnte wenigstens jedem, der nicht blind ist,
offenbar sein, dass das Wesentliche der zum Beispiele angeführten empirischen
Kenntnisse durchaus nicht a priori deducirt, oder durch das ganze Räsonnement
auch nur berührt sei, sondern lediglich aus dem ehemals gemachten Versuche als
bekannt vorausgesetzt und nur in eine allegorische Form gezwängt werde, in
welcher Einzwängung nun eben die vorgebliche Deduction besteht; - wird auch der
Wundertäter der Anmutung, die man notwendig an ihn machen müsste, dass er
wenigstens durch Eine eingetroffene Prophezeiung seine höhere Sendung
documentire, nie genügen, noch, wie er sollte, in einer durch Schlüsse aus der
bisherigen Erfahrung unerreichbaren Region, ein, weder von ihm, noch von einem
anderen je gemachtes Experiment angeben und dessen Erfolg bestimmt vorhersagen,
so dass es bei der wirklichen Vollziehung des Experiments sich also fände,
sondern immer, wie alle falschen Propheten fortfahren, erst nach der Tat das
geschehene a priori zu prophezeien; - wird auch dieses alles ohne Zweifel sich
also verhalten: so wird dennoch der bekannte Glaube der Adepten nicht wanken; -
heute zwar ist der Prozess nicht gelungen, aber den nächsten siebenten oder
neunten Tag gelingt er gewiss.
    Es kommt zu diesem Reizmittel des Beifalls noch ein anderes, sehr tief
greifendes. Nemlich: der menschliche Geist, sich selbst überlassen und ohne
Zucht und Erziehung, mag weder müssig sein, noch geschäftig; wenn ein Mittelding
zwischen beiden erfunden würde, so wäre dies ihm das Rechte. Ganz müssig zu
gehen und nichts zu tun, macht doch zu grosse Langeweile, - und hat man
unglücklicherweise das Studiren zu seinem Geschäfte gemacht, so ist zu erwarten,
dass man nichts lernen werde, was, um der Folgen willen, abermals übel ist.
Wahrhaft nachdenken und speculiren ist lästig, und fördert nicht; etwas lernen
strengt Aufmerksamkeit und Gedächtnis gleichfalls an. Es trete die Phantasie
ins Mittel! Trifft es nun ein glücklicher Meister diese in Schwung zu bringen, -
und wie könnte es ihm fehlen, wenn er ein Schwärmer ist, da Schwärmerei die
Unbewachten und Unerfahrenen allemal sicher ergreift, - so geht die Phantasie
ohne alle weitere Mühe ihres Inhabers ihren Weg fort und regt sich, und lebt
bunt und immer bunter, und bildet die Erscheinung einer sehr raschen Tätigkeit,
ohne dass wir selber die geringste Mühe aufzuwenden haben; es wird in uns selbst
gar kühnlich selbst gedacht, ohne dass wir selbst zu denken nötig haben, - und
das Studiren ist in das lustigste Geschäft von der Welt verwandelt worden. - Und
nun zumal der herrliche Erfolg, - kaum der Schule entgangen, oder noch auf ihr
befindlich, den bewährtesten Männern in der Empirie mit Einfällen, die sie
freilich, mit der Natur ihrer Wissenschaft zu gut bekannt, nie haben konnten, in
den Weg zu treten, und über ihre augenblickliche Verlegenheit durch unser
absolutes Fehlgreifen, als über ein Geständnis ihrer eigenen Schwäche, die
Achseln zucken, und uns selber segnen und benedeien zu können!
    Es konnte uns während dieser Schilderung weder unbekannt sein, noch
entgehen, dass absolut unwissenschaftliche Menschen über die Bemühungen der
ächten Speculation und über die Freunde derselben ohngefähr eben also sich
vernehmen lassen. Wir geben diesen zu, dass, da sie alle Speculation für
Schwärmerei halten müssen, weil für sie überhaupt nichts denn Erfahrung
vorhanden ist, sie Dach ihrer Weise völlig recht haben; und von unserer Seite,
die wir ein über alle Erfahrung hinaus Liegendes, zugleich aber, und gerade um
des ersten willen und zufolge des ersten, auch Erfahrung, die durchaus Erfahrung
bleibe, behaupten, - von unserer Seite kann der auf eine ähnliche Verirrung
gehende Tadel, vermeinte Speculation da einzuführen, wo nur Erfahrung gilt,
nicht füglich sich anders ausdrücken, als ebenso. Auch kommt es überhaupt nicht
auf den Ausdruck an, sondern darauf, ob man verstehe, wovon die Rede sei, und
Rede zu stehen sich getraue einem jeden, der es auch versteht; worüber wir, sei
es auch nur durch das in der heutigen Rede Gesagte, uns wohl legitimirt zu haben
glauben. Oeffentlich stillzuschweigen über offenbaren Unsinn, der in unsere
nächsten Cirkel nicht eingreift, ist erlaubt; und wir würden auch in diesem
engeren Cirkel die wenigen, heute gesagten Worte nicht verloren haben, wenn
nicht die Vollständigkeit der ganzen versprochenen Abhandlung diese wenigen
Worte erfordert hätte.
    In Summa: dies dürfte wohl der Geist sein der bestimmten Periode unseres
Zeitalters, in welcher wir leben: Das System der allein geltenden nüchternen
Erfahrung dürfte im Ersterben begriffen sein, und dagegen das System einer
Schwärmerei, die durch eine vermeinte Speculation die Erfahrung selbst aus dem
Gebiete verdrängen wird, das ihr allein gehört, mit allen ihren Ordnung
zerstörenden Folgen, seine Herrschaft beginnen, um das Geschlecht, welches das
erste System sich gefallen liess, dafür grausam zu bestrafen. Mittel gegen
diesen Andrang vorzukehren, ist vergeblich; denn das ist nun einmal der Hang des
Zeitalters, welcher Hang noch überdies ausgerüstet ist mit allen übrigen
Lieblingstendenzen desselben. Wohl hierbei dem Weisen, der über sein Zeitalter
und über alle Zeit sich erhebt; der es weiss, dass die Zeit überhaupt nichts
ist, und dass eine höhere Leitung, durch alle scheinbaren Umwege ganz sicher
unsere Gattung ihrem wahren Ziele zuführt!
 
                                Neunte Vorlesung
    [Die zunächst zu berührenden Grundzüge jedes Zeitalters seien von der
    Ausbildung des Staates in demselben Zeitalter abhängig, darum sei zuvörderst
    diese letztere; im gegenwärtigen Zeitalter anzugeben. Könne nur durch
    Geschichte geschehen; weshalb wir zuvörderst über unsre Ansicht der
    Geschichte überhaupt Rechenschaft abzulegen hätten. Ablegung dieser
    Rechenschaft.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Die wissenschaftliche Verfassung des dritten Zeitalters ist teils in ihr
selber, teils durch ihre beiden angrenzenden Glieder in den vorigen Reden
sattsam beschrieben worden. Die übrigen Grundzüge und charakteristischen
Bestimmungen jedes Zeitalters beruhen auf der Beschaffenheit des
gesellschaftlichen Zustandes, und ganz besonders des Staates; und werden dadurch
bestimmt. Wir können daher unsere Schilderung nicht fortsetzen, ehe wir gesehen
haben, auf welcher Stufe der Staat, - es versteht sich, in den Ländern der
höchsten Cultur, - im dritten Zeitalter stehe; inwieweit der absolute Begriff
des Staates in ihm ausgedrückt und erreicht sei, und inwieweit nicht.
    In keinem der menschlichen Verhältnisse ist unser Geschlecht weniger frei
und mehr gebunden, als in der Einrichtung des Staats. Diese ist grösstenteils
bedingt durch den Zustand Aller: dem hellsten Kopfe und der unbeschränktesten
Gewalt bindet dieser die Hände und setzt der Ausführung seiner Plane eine
Grenze. Die Staatsverfassung eines bestimmten Zeitalters ist sonach das Resultat
seiner früheren Schicksale; denn diese bestimmen seinen gegenwärtigen Zustand,
welcher wiederum seine Staatsverfassung bestimmt: somit kann diese Verfassung in
der Weise, wie wir hier die unseres Zeitalters zu verstehen streben, nicht
verstanden werden, ausser durch die Geschichte desselben Zeitalters.
    Hier aber tritt eine neue Schwierigkeit uns entgegen. Unser Zeitalter
nämlich ist weit entfernt davon, über die Ansicht der Geschichte selbst unter
sich einig zu sein; und noch entfernter davon, mit derjenigen Ansicht einig zu
sein, aber sie auch nur zu kennen, welche wir, durch Vernunftwissenschaft
geleitet, von der Geschichte nehmen. Es ist daher unumgäng-lich nötig, diese
unsere Ansicht überhaupt erst aufzustellen und zu rechtfertigen, ehe wir sie,
wie in der Folge geschehen soll, anwenden: - und diesem Zwecke wollen wir unsere
heutige Rede widmen.
    Es ist umsomehr von uns zu fordern, dass wir auf diese Erörterung uns
einlassen, da ja die Geschichte ein Teil der Wissenschaft überhaupt, nämlich,
neben der Physik, der zweite Teil der Empirie ist, - und wir im Vorhergehenden
über das Wesen jeder dieser Wissenschaften uns bestimmt erklärt, der Geschichte
aber immer nur im Vorbeigehen gedacht haben. In dieser Beziehung gehörte unsere
heutige Rede noch zu demjenigen Teile des Ganzen, in welchem wir bisher eine
Schilderung des wissenschaftlichen Wesens überhaupt gegeben haben, beschlösse
diesen Teil und eröffnete uns den Uebergang zu einem neuen.
    Keinesweges etwa um Ihr eigenes Urteil im voraus zu fesseln, sondern um Sie
recht kräftig zum eigenen Urteilen aufzufordern, kündige ich an: dass ich
lauter Satze vortragen werde, die meines Erachtens unmittelbar klar sind und in
die Augen springen; und in Rücksicht welcher wohl Unkunde stattfinden kann,
keinesweges aber, nachdem sie nur einmal aufgestellt worden, Streit.
    Ich beginne meine Bestimmung des Wesens der Geschichte mit einem
metaphysischen Satze, - dessen in der Vernunftwissenschaft streng zu führenden
Beweis an diesem Orte die Popularität unseres Vortrages uns verbietet; welcher
Satz jedoch auch dem natürlichen Wahrheitssinne sich empfiehlt, und ohne dessen
Annahme wir überhaupt in dem gesammten Reiche des Wissens auf gar keinen festen
Boden kommen, - mit dem Satze: was da nur wirklich notwendig da ist, ist
schlechtin notwendig also da, wie es da ist; es könnte nicht auch nicht da
sein, noch könnte es auch anders da sein, als es da ist. In dem wahrhaft
Seienden ist daher an kein Entstehen, an keine Veränderlichkeit und an keinen
willkürlichen Grund zu gedenken. - Das Eine wahrhaft seiende und schlechtin
durch sich selber daseiende ist das, was alle Zungen Gott nennen. Gottes Dasein
ist nun nicht etwa der Grund, die Ursache, oder dess etwas; des Wissens, so dass
beides sich auch von einander trennen liesse, sondern es ist schlechtin das
Wissen selber; sein Dasein oder das Wissen ist durchaus Eins und ebendasselbe;
im Wissen ist er da, schlechtin wie er in sich selber ist, als absolut auf sich
ruhende Kraft; und - er ist da schlechtin, oder - das Wissen ist schlechtin
da, ist ganz dasselbe gesagt. Auch dieser hier nur als Resultat vorgetragene
Satz lässt sich in der höheren Speculation ganz anschaulich machen. - Nun ist
ferner eine Welt nur im Wissen da, und das Wissen selber ist die Welt: die Welt
ist daher mittelbar, und durch das Wissen eben vermittelt, das göttliche Dasein
selbst, so wie das Wissen dasselbe Dasein unmittelbar ist. Wenn daher jemand
sagt, dass die Welt auch nicht sein könne, dass sie einmal nicht gewesen, dass
sie zu einer anderen Zeit aus nichts geworden, dass sie durch einen
willkürlichen Act der Gotteit, den dieselbe auch hätte unterlassen können,
geworden: - so ist das ganz dasselbe, als ob er sagte: Gott könne auch nicht
sein, und er sei einmal nicht gewesen, und sei zu einer andern Zeit aus nichts
geworden, und habe sich selber durch einen Act der Willkür, den er auch hätte
unterlassen können, entschlossen, da zu sein. Dieses Sein nun, von dem wir
soeben geredet, ist das absolut zeitlose Sein: und was in diesem gesetzt ist,
ist nur a priori, in der Welt des reinen Gedankens, zu erkennen, und ist
unwandelbar und unveränderlich zu aller Zeit.
    Das Wissen ist, wie gesagt, Dasein, Äusserung, vollkommenes Abbild der
göttlichen Kraft. Es ist daher für sich selber: - das Wissen wird
Selbstbewusstsein; und es ist für sich selbst, in diesem Selbstbewusstsein,
eigene, auf sich selbst ruhende Kraft, Freiheit und Wirksamkeit, weil es ja
Abbild der göttlichen Kraft ist; alles dieses als Wissen, also in alle Ewigkeit
fort sich entwickelnd zu höherer innerer Klarheit des Wissens, an einem
bestimmten Gegenstande des Wissens, von welchem es ausgeht. Dieser Gegenstand
nun erscheint offenbar als ein bestimmtes Etwas das auch anders sein könnte,
weil er ist, und dennoch in seinem Urgrunde nicht begriffen ist, sondern das
Wissen in alle Ewigkeit an ihm zu begreifen und seine eigene innere Kraft zu
entwickeln hat: und mit dieser fortgehenden Entwickelung tritt erst die Zeit
ein. - Dieser Gegenstand tritt ein lediglich dadurch, dass das Wissen eben ist:
also innerhalb seines schon vorausgesetzten Seins; er ist daher Gegenstand der
blossen Wahrnehmung, und nur empirisch zu erkennen. Es ist, sage ich, der Eine,
in alle Ewigkeit sich gleichbleibende Gegenstand, da das Wissen alle Ewigkeit
hindurch an ihm zu begreifen hat; in dieser stehenden objectiven Einheit heisst
er Natur, und die regelmässig auf ihn gerichtete Empirie Physik. An ihm
entwickelt sich das Wissen in einer fortfliessenden Zeitreihe; die auf die
Erfüllung dieser Zeitreihe regelmässig gerichtete Empirie heisst Geschichte. Ihr
Gegenstand ist die zu aller Zeit unbegriffene Entwickelung des Wissens am
Unbegriffenen.
    Also: das zeitlose Sein und Dasein ist auf keine Weise zufällig; und es
lässt sich weder durch den Philosophen, noch durch den Historiker eine Teorie
seines Ursprunges geben: das factische Dasein in der Zeit erscheint als anders
seinkönnend, und darum zufällig; aber dieser Schein entspringt aus der
Unbegriffenheit: und der Philosoph kann zwar wohl im Allgemeinen sagen, dass das
Eine Unbegriffene, sowie das unendliche Begreifen an demselben, so ist, wie es
ist, eben, weil es in die Unendlichkeit fortbegriffen werden soll; er kann es
aber keinesweges aus diesem unendlichen Begreifen genetisch ableiten und
bestimmen, weil er sodann die Unendlichkeit erfasst haben müsste, was durchaus
unmöglich ist. Hier sonach ist seine Grenze, und er wird, falls er in diesem
Gebiete etwas zu wissen begehrt, an die Empirie gewiesen. Ebensowenig kann der
Historiker jenes Unbegriffene, als den Uranfang der Zeit, in seiner Genesis
angeben. Sein Geschäft ist: die factischen Fortbestimmungen des empirischen
Daseins aufzustellen. Das empirische Dasein selber und alle Bedingungen davon
setzt er daher voraus. Welches nun diese Bedingungen des empirischen Daseins
seien, - was daher für die blosse Möglichkeit einer Geschichte überhaupt
vorausgesetzt werde und vor allen Dingen sein müsse, ehe die Geschichte auch nur
ihren Anfang finden könne, - ist Sache des Philosophen, welcher dem Historiker
erst seinen Grund und Boden sichern muss. - Um darüber ganz populär zu reden: -
ist der Mensch einmal geschaffen worden, so war er, wenigstens mit seinem
Bewusstsein, nicht dabei, und hat nicht beobachten können, wie er aus dem
Nichtsein ins Dasein überging, noch es als Factum der Nachwelt überliefern. -
Nun, sagen sie wohl darauf, der Schöpfer hat es ihm offenbart. Ich antworte:
dann hätte der Schöpfer dasjenige, worauf die Existenz des Menschen für sich
selber beruht, das Unbegriffene, aufgehoben; den Menschen daher unmittelbar,
nachdem er ihn geschaffen hatte, wieder vernichtet; und, da das Dasein der Welt
und des Menschen vom göttlichen Dasein selbst unabtrennlich ist, - er hätte sich
selbst vernichtet; welches völlig gegen die Vernunft streitet.
    Ueber den Ursprung der Welt und des Menschengeschlechtes also hat weder der
Philosoph, noch der Historiker etwas zu sagen: denn es gibt überhaupt keinen
Ursprung, sondern nur das Eine zeitlose und notwendige Sein. Ueber die
Bedingungen des factischen Daseins aber, als eben hinausliegend über alles
factische Dasein und alle Empirie, hat der Philosoph Rechenschaft zu geben:
trifft aber etwa der Historiker in seinen Quellen auf dergleichen
Rechenschaftsablegungen, so wisse er, dass dies seinem Inhalte nach nicht
Geschichte ist, sondern Philosophem: - etwa in der alten einfachen Form der
Erzählung, in welcher Form man es Myte nennt: - er überlasse hierüber der
Vernunft, die in Sachen der Philosophie alleinige Richterin ist, ihr Richteramt,
und imponire uns nicht durch das Achtung gebietende Wort: Factum. Factum, - oft
höchst fruchtbares und unterrichtendes Factum - ist hierbei nur das, dass es
eine solche Myte gegeben.
    Nach dieser Grenzberichtigung gehe ich zuvörderst an das Geschäft, die
Bedingungen des empirischen Daseins, als das, was zur Möglichkeit aller
Geschichte vorausgesetzt wird, im allgemeinen zu bestimmen. - Das Wissen spaltet
sich im Selbstbewusstsein notwendig in ein Bewusstsein mannigfaltiger
Individuen und Personen; eine Spaltung, die in der höheren Philosophie streng
abgeleitet wird. So gewiss daher Wissen ist - und dieses ist, so gewiss Gott
ist; denn es ist selber sein Dasein, - so gewiss ist eine Menschheit, und zwar
als ein Menschengeschlecht von Mehreren; und, da die Bedingung des
gesellschaftlichen Zusammenlebens des Menschen die Sprache ist, mit einer
Sprache versehen. Keine Geschichte unternehme da. her, die Entstehung des
Menschengeschlechtes überhaupt, oder seines gesellschaftlichen Lebens, oder der
Sprache, erklären zu wollen. - Ferner, zu den inneren Bestimmungen der
Menschheit gehört es, dass sie in diesem ihrem ersten Erdenleben mit Freiheit
zum Ausdrucke der Vernunft sich erbaue. Aber zuvörderst: aus nichts wird nichts,
und die Vernunftlosigkeit kann nie zur Vernunft kommen; wenigstens in Einem
Puncte seines Daseins daher muss das Menschengeschlecht in seiner allerältesten
Gestalt rein vernünftig gewesen sein, ohne alle Anstrengung oder Freiheit.
Wenigstens in Einem Puncte seines Daseins, sage ich; denn der eigentliche Zweck
seines Daseins ist doch nicht das Vernünftigsein, sondern das Vernünftigwerden
durch Freiheit, und das erstere ist nur das Mittel und die unerlassliche
Bedingung des letzteren; wir sind daher zu keinem weitergehenden Schlusse
berechtigt, als zu dem, dass der Zustand der absoluten Vernünftigkeit nur
irgendwo vorhanden gewesen sein müsse. Wir werden von diesem Schlusse aus
getrieben zur Hinnahme eines ursprünglichen Normalvolkes, das durch sein blosses
Dasein, ohne alle Wissenschaft oder Kunst, sich im Zustande der vollkommenen
Vernunftcultur befunden habe. Nichts aber verhindert zugleich anzunehmen, dass
zu derselben Zeit über die ganze Erde zerstreut scheue und rohe erdgeborene
Wilde, ohne alle Bildung, ausser der dürftigen, für die Möglichkeit der
Erhaltung ihrer sinnlichen Existenz, gelebt haben; denn der Zweck des
menschlichen Daseins ist nur: das sich Bilden zur Vernunft, und dieses kann an
diesen erdgeborenen Wilden gar füglich von jenem Normalvolke aus vollbracht
werden.
    Diesem zufolge wolle keine Geschichte weder die Entstehung der Cultur
überhaupt, noch die Bevölkerung der verschiedenen Erdstriche erklären! - An den
mühsamen Hypotesen, welche besonders über den letzteren Punct in allen
Reisebeschreibungen aufgehäuft sind, ist unseres Erachtens Mühe und Arbeit
verloren. Vor nichts aber hüte - sowohl die Geschichte, als eine gewisse
Halbphilosophie - sich mehr, als vor der völlig unvernünftigen und allemal
vergeblichen Mühe, die Unvernunft durch allmählige Verringerung ihres Grades zur
Vernunft hinaufzusteigern; und, wenn man ihnen nur die hinlängliche Reihe von
Jahrtausenden gibt, von einem Orang-Outang zuletzt einen Leibnitz oder Kant
abstammen zu lassen!
    Die Geschichtserzählung hängt sich nur an das Neue, worüber sich einmal
einer gewundert; an das gegen vorhergehendes und nachfolgendes, Abstechende.
Darum gab es im Normalvolke, und es gibt von ihm keine Geschichtserzählung.
Unter der Leitung ihres Instinctes floss ihnen ein Tag ab wie der andere, und
Ein individuelles Leben wie jedes andere. Alles wuchs von selber in Ordnung und
Sitte hinein; und es konnte da nicht einmal eine Wissenschaft geben oder eine
Kunst, - ausser der Religion, die allein ihre Tage verschönte und dem
Einförmigen eine Beziehung gab auf das Ewige. Ebensowenig konnte es eine
Geschichtserzählung gellen unter den erdgeborenen Wilden; denn auch ihnen
verfloss ein Tag wie der andere; nur dadurch unterschieden, dass sie an diesem
Nahrung in Fülle fanden, an dem anderen leer ausgingen, niederfallend am ersten
vor Uebersättigung, wie am zweiten vor Entkräftung, um wiederum zum Kreislaufe,
der zu nichts führte, zu erwachen.
    Blieben die Sachen in dieser Verfassung, und die absolute, sich selbst nicht
für Cultur, sondern für Natur haltende Cultur, sowie die absolute Uncultur
voneinander geschieden: so konnte es teils zu keiner Geschichte kommen. teils,
was mehr ist, wurde der Zweck des Daseins des Menschengeschlechtes nicht
erreicht. Das Normalvolk musste daher durch irgend ein Ereignis aus seinem
Wohnplatze vertrieben und derselbe ihm verschlossen werden; und es musste
zerstreut werden über die Sitze der Uncultur. Nun erst konnte beginnen der
Prozess der freien Entwickelung des Menschengeschlechtes und die, das
Unerwartete und neue aufzeichnende Geschichte, die jenen Prozess begleitet: denn
erst jetzt wurden die zerstreuten Abkömmlinge des Normalvolkes bewundernd inne,
dass nicht alles so sein müsse, wie bei ihnen, sondern dass es ganz anders sein
könne, weil es eben anders sich fand; und die Erdgeborenen, nachdem sie zur
Besonnenheit gekommen waren, bekamen noch viel mehr Wunderbares zum Aufzeichnen.
Erst in diesem Conflicte der Cultur und der Rohheit entwickelten sich - ausser
der Religion, die so alt ist als die Welt, und von dem Dasein der Welt
unabtrennlich, - die Keime aller Ideen und aller Wissenschaften, als der Kräfte
und Mittel um die Rohheit zu Cultur zu führen.
    Alles soeben aufgezählte wird durch blosse Existenz einer Geschichte
vorausgesetzt; weit entfernt, dass diese über ihre eigene Geburtsstunde sich
noch eine Stimme anmaassen dürfte. Schlüsse aus dem factischen Zustande, bei
welchem sie anhebt, auf den vorhergegangenen; besonders Schlüsse aus den
factisch sich vorfindenden, und insofern selbst zu einem Factum werdenden
Myten, werden, besonders wenn sie der Logik gemäss sind, mit allem Danke
aufgenommen werden: nur wisse man, dass es Schlüsse sind keinesweges aber
Geschichte, und scheuche uns, falls wir etwa die Schlussform näher untersuchen,
nicht abermals mit dem Schreckworte: Factum, zurück. Dies sei die erste
beiläufige Bemerkung hierbei, und die zweite folgende: Jedem, der eine
Uebersicht hat über das Ganze der Geschichte, - welche überhaupt seltener ist,
als die Kenntnis einzelner Curiosen, - und der besonders das Allgemeine und
immer sich Gleichbleibende in ihr erfasst hat, dürfte hier ein Licht aufgehen
über die wichtigsten Probleme in der Geschichte, z.B.: wie die an Farbe und
Körperbau so verschiedenen Racen des Menschengeschlechtes möglich seien; warum
zu aller Zeit, bis auf den heutigen Tag, die Cultur immer nur durch fremde
Ankömmlinge verbreitet worden, welche mehr oder minder wilde Urbewohner der
Länder vorfinden; woher die Ungleichheit unter den Menschen entstanden, welche
wir allentalben, wo irgend eine Geschichte beginnt, antreffen u. dergl. mehr.
    Alles aufgestellte, sage ich, musste sein, wenn ein Menschengeschlecht sein
sollte; das letztere aber musste schlechtin sein, mitin müsste auch jenes
sein: - so weit reicht die Philosophie. Nun aber ist dieses alles nicht nur
überhaupt, sondern es ist auf eine weiter bestimmte Weise: z.B. - was die oben
aufgestellten Sätze betrifft, - das Normalvolk war nicht nur überhaupt da,
sondern es war auf einem gewissen Platze der Erde da, und auf keinem anderen,
auf welchem letzteren es, wie die Sache uns erscheint, doch auch hätte sein
können; es hatte eine Sprache, welche freilich durch die Grundregeln aller
Sprache bestimmt war, doch aber noch überdies einen Bestandteil hatte, der uns
als anders sein könnend und darum als willkürlich erscheint. Hier ist die
Philosophie zu Ende, weil das Begreifliche zu Ende ist und das im gegenwärtigen
Leben Unbegreifliche anhebt; hier sonach tritt Empirie ein, die an dieser Stelle
Geschichte heisst; die, nur im allgemeinen ihrem Wesen nach abgeleiteten,
näheren Bestimmungen wilden sich in dieser ihrer besonderen Beschaffenheit nun
als Facta ohne alle genetische Erklärung aufstellen lassen, wenn sie nicht noch
überdies aus anderweitigen Gründen der Geschichte notwendig verborgen wären.
    Soviel aber geht aus dem Gesagten hervor: die Geschichte ist blosse Empirie;
nur Facta hat sie zu liefern, und alle ihre Beweise können nur factisch geführt
werden. Ueber das zu erweisende Factum etwa zu einer Urgeschichte aufzusteigen,
oder darüber zu argumentiren, wie etwas hätte sein können, und nun anzunehmen,
es sei wirklich also gewesen, - ist eine Verirrung ausserhalb der Grenzen der
Historie; und gibt gerade eine solche Geschichte a priori, wie die in der
vorigen Rede erwähnte Naturphilosophie eine Physik a priori zu finden sich
bestrebt.
    Der factische Beweis geht einher nach folgender Form: zuvörderst, es ist ein
mit unseren Augen zu sehendes, mit unseren Ohren zu hörendes, mit unseren Händen
zu betastendes Factum bis auf unsere Tage herabgekommen. Dieses ist schlechtin
nur unter Voraussetzung eines anderen früheren Factums, welches für uns nicht
mehr wahrnehmbar ist, zu verstehen. Mitin ist das frühere Factum einst auch
wahrgenommen worden. Diese Regel, dass man nur soviel, als zum Verstehen des
noch vorhandenen Factums absolut erforderlich ist, als früheres Factum erwiesen
zu haben glaube, ist streng zu nehmen; nur dem Verstande, keinesweges aber der
Phantasie, ist in dem historischen Beweise Einfluss zu verstatten. Was sollte
uns denn nötigen, das frühere Factum weiter zu bestimmen und auszuführen, als
es die Erklärbarkeit der Gegenwart durch dasselbe schlechtin erfordert? In
jeder Wissenschaft, und ganz besonders in der Geschichte, ist es weit mehr
wert, genau zu wissen, was man nicht wisse, als mit Mutmaassungen und
Erdichtungen die Lücken auszufüllen. Z.B. Ich lese eine Schrift, die als von
Cicero herrührend sich ankündiget, und bisher auch allgemein dafür anerkannt
worden: dies ist das Factum der Gegenwart. Das aus ihm auszumittelnde frühere
Factum ist: ob Cicero, dieser aus der übrigen Geschichte bekannte und genau
bestimmte Cicero, sie wirklich geschrieben habe. Ich gehe die, durch die ganze
zwischen mir und Cicero liegende Zeit herablaufende Reihe von Zeugen durch; aber
ich weiss, dass hierin Irrtum und Täuschung möglich ist, und dieser äussere
Beweis der Autentie allein nicht entscheide. Ich wende mich daher zu den
inneren Kennzeichen: ist es die Sprache, die individuelle Denkart eines Mannes,
der zu jener Zeit, in diesem Range, mit diesen Begebenheiten lebte? Gesetzt, ich
finde: ja, so ist der Beweis geführt; es lässt sich Bar nicht denken, dass diese
Schrift, also wie sie existirt, existiren könne, wenn nicht Cicero sie
geschrieben; gerade er ist der einzige Mann, der sie also schreiben konnte;
darum hat er sie geschrieben.
    Ein anderer Fall. Ich lese die ersten Capitel des sogenannten ersten Buches
Mosis und, wie vorausgesetzt wird, verstehe sie wirklich. Ob Moses es sei, der
sie verfasst, und - da dies aus inneren Gründen wohl unmöglich sein dürfte, -
der sie nur aus mündlicher Tradition aufgeschrieben und in seine Sammlung
gebracht; oder ob erst Esra es sei, oder gar ein noch späterer, verschlägt mir
hier nichts; sogar, es verschlägt mir für diesen Fall nichts, ob je ein Moses
oder ein Esra in der Welt gewesen; es verschlägt mir nichts zu wissen, wie der
Aufsatz aufbehalten worden; zum Glück ist er es, - und das bleibt die
Hauptsache. Ich ersehe aus dem Inhalte, dass es eine Myte ist über das
Normalvolk im Gegensatze eines anderen, aus einem Erdkloss gemachten Volkes, und
über die Religion des Normalvolkes, und über die Zerstreuung desselben, und über
die Entstehung des Jehovahdienstes; - unter welches Jehovah Volk einst die
Urreligion des Normalvolkes wieder hervortreten, und von ihm aus über alle Welt
sich verbreiten sollte. - Ich schliesse aus diesem Inhalte der Myte, dass sie
älter sein müsse, als alle Geschichte, weil vom Anbeginn der Geschichte bis auf
Jesus keiner mehr fähig war sie auch nur zu verstehen, geschweige denn sie zu
erfinden; auch darum, weil ich dieselbe Myte als den mytischen Anfang der
Geschichte aller Völker, - nur fabelhafter und sinnlicher entartet! - bei allen
wiederfinde. Das Dasein dieser Myte vor aller anderen Geschichte vorher ist das
erste Factum der Geschichte und ihr eigentlicher Anfang, der ebendarum sich
nicht selber aus einem früheren Factum erklären kann: der Inhalt derselben ist
nicht Geschichte, sondern Philosophem; welches keinen weiter bindet, als
inwiefern es durch sein eigenes Philosophiren bestätigt wird.
    Das Normalvolk musste, sagten wir früher, wenn der eigentliche Zweck des
Daseins eines Menschengeschlechtes erreicht werden sollte, zerstreut werden über
die Sitze der Rohheit und Uncultur; und erst nun gab es etwas neues und
merkwürdiges, das das Andenken der Menschen reizte, es aufzubehalten; - erst
jetzt konnte beginnen die eigentliche Geschichte, die nichts weiter tun kann,
als durch blosse Empirie factisch auffassen die allmählige Cultivirung des
nunmehr durch Mischung der ursprünglichen Cultur und der ursprünglichen Uncultur
entstandenen, eigentlichen Menschengeschlechtes der Geschichte. Hier gilt nun
zuvörderst für die Ausmittelung der blossen Facten die historische Kunst, deren
Hauptregel wir oben hingestellt haben: den factischen Zustand der Gegenwart,
besonders inwiefern er auf frühere Facta leiten dürfte, rein und vollständig
aufzufassen, und scharf und bestimmt zu denken, unter Bedingung welcher früheren
Facten allein er sich verstehen lasse. Besonders wird hierbei nötig sein, dem
Wahnbegriffe von Wahrscheinlichkeit, der, in einer schwachen Philosophie
entsprungen, von ihr über alle Wissenschaften sich verbreitet und besonders in
der Historie eine stehende Herberge genommen hat, völlig den Abschied zu geben.
Das Wahrscheinliche ist ebendarum, weil es nur wahrscheinlich ist nicht wahr:
und warum sollen wir, soweit irgend Wissenschaft reicht, dem nicht wahren einen
Platz verstatten? Scharf angesehen ist das Wahrscheinliche ein solches, das wahr
sein würde, wenn noch diese und diese, dermalen uns abgehende Gründe, Zeugnisse?
Facta an das Licht gefördert werden könnten. Haben wir eine Aussicht, wie diese
ermangelnden Gründe etwa durch Auffindung verlorener Documente und durch
Ausgrabung verscharrter Bücher herbeigeliefert werden könnten; so mögen wir jene
Wahrscheinlichkeiten wohl, damit ihr Gedanke nicht verlorengehe, aufzeichnen,
aber ausdrücklich notirt mit dem Zeichen: blosse Wahrscheinlichkeit; und
versehen mit der Notiz, was erforderlich sei um sie wahr zu machen: keinesweges
mögen wir die Kluft zwischen ihr und der Wahrheit durch unseren rüstigen Glauben
und durch unseren Wunsch, dass irgend eine Hypotese bewiesen sei, die wir als
Historiker a apriori aufzustellen beliebten, ausfüllen.
    Die Geschichte dieser allmähligen Cultivirung des Menschengschlechtes als
eigentliches Geschichte hat wiederum zwei, innigst verflossene Bestandteile:
einen a apriorischen, und einen a posteriori. Der a priori ist der in der ersten
Rede in seinen allgemeinsten Grundzügen aufgestellte Weltplan, hindurchführend
die Menschheit durch die damals charakterisirten fünf Epochen. Ohne alle
historische Belehrung kann der Denker wissen, dass diese Epochen, die sie
charakterisirt sind, einander folgen müssen; wie er denn wirklich auch
diejenigen, die bis jetzt noch nicht factisch in die Historie eingetreten sind,
im allgemeinen zu charakterisiren verstellt. Nun tritt diese Entwickelung des
Menschengeschlechtes nicht überhaupt ein, wie der Philosoph in einem einzigen
Ueberblicke es schildert; sondern sie tritt allmählig, gestört durch ihr fremde
Kräfte, zu gewissen Zeiten, an gewissen Orten. unter gewissen besonderen
Umständen ein. Alle diese besonderen Umgebungen gehen aus dem Begriffe jenes
Weltplanes keinesweges hervor: sie sind das in ihm Unbegriffene, und, da er der
einzige Begriff dafür ist das überhaupt Unbegriffene; und hier tritt ein die
reine Empirie der Geschichte, ihr a posteriori: die eigentliche Geschichte in
ihrer Form.
    Der Philosoph, der als Philosoph sich mit der Geschichte befasst, geht jenem
a priori fortlaufenden Faden des Weltplanes nach, der ihm klar ist ohne alle
Geschichte; und sein Gebrauch der Geschichte ist keinesweges, um durch sie etwas
zu erweisen, da seine Sätze schon früher und unabhängig von aller Geschichte
erwiesen sind: sondern dieser sein Gebrauch der Geschichte ist nur erläuternd,
und in der Geschichte darlegend im lebendigen Leben, was auch ohne die
Geschichte sich versteht. Er sucht daher den ganzen Strom der Zeit hindurch nur
dasjenige auf, und beruft sich darauf, wo die Menschheit wirklich ihrem Zwecke
entgegen sich fördert, liegen lassend und verschmähend alles andere; und indem
er ja nicht erst historisch zu beweisen gedenkt, dass die Menschheit diesen Weg
machen müsse, sondern es schon philosophisch erwiesen hat, und nur zur
Erläuterung beifügt, bei welcher Gelegenheit sich dies auch in der Geschichte
zeige. Ganz anders verfährt freilich, und soll verfahren der Sammler der blossen
Facten, - dessen Geschäft uns, um dieses Gegensatzes gegen die Philosophie
willen, keinesweges geringfügig, sondern, wenn es nur recht getrieben wird,
höchst ehrwürdig ist. Dieser hat durchaus keinen Anhalt, keinen Leitfaden und
keinen festen Punct, als die äussere Folge der Jahre und Jahrhunderte, ohne alle
Rücksicht auf ihren Inhalt; und alles, was in einer dieser Zeitepochen
historisch auszumitteln ist, muss er angeben. Er ist Annalist. Entgeht ihm
irgend etwas dieser Art, so hat er gegen die Regeln seiner Kunst gefehlt, und
muss sich den Vorwurf der Unwissenheit oder der Flüchtigkeit gefallen lassen.
Nun liegen in jeder von diesen - lediglich durch ihre Aufeinanderfolge,
keinesweges aber durch ihren inneren Geist bestimmten - Epochen, wie ihm nur der
Philosoph, oder er sich selber, falls er einer ist, sagen kann, die
mannigfaltigsten Stoffe neben- und durcheinander: Ueberbleibsel der
ursprünglichen Rohheit, Ueberbleibsel der ursprünglichen, noch nicht zur
Mitteilbarkeit verflossenen Cultur, Ueberbleibsel oder Vorahnungen aller vier
Stufen der Cultivirung, endlich die wirklich fortschreitende und sich bewegende
Cultivirung selber. Der blosse empirische Historiker hat alle diese
Bestandteile, so wie sie da liegen, treu aufzufassen und
nebeneinanderzustellen; dem Philosophen, der sich der Geschichte zu derjenigen
Absicht, die wir hier haben, bedient, gehört nur der letzte Bestandteil an, die
Cultivirung in ihrer lebendigen Fortbewegung, und alles übrige lässt er fallen:
der empirische Historiker, der ihn nach den Regeln seiner eigenen Kunst
beurteilte und schlösse: er wisse nicht, was er eben nicht sagt, könnte sich
gleichwohl irren; denn ganz besonders dem Philosophen ist es anzumuten, dass er
nicht bei jeder Gelegenheit alles ausschütte, was er weiss, sondern nur
dasjenige sage, was zur Sache dient. - Um das wahre Verhältnis entschieden
auszusprechen, - der Philosoph bedient sich der Geschichte allerdings nur,
inwiefern sie zu seinem Zwecke dient, und ignorirt alles andere, was dazu nicht
dient; und ich künftige freimutig an, dass ich ihrer in den folgenden
Untersuchungen mich also bedienen werde. Dieses Verfahren, welches in der
blossen empirischen Geschichtsforschung durchaus tadelhaft sein und das Wesen
dieser Wissenschaft vernichten würde, ist es nicht an dem Philosophen; - wenn
und inwiefern er den Zweck, dem er die Geschichte unterwirft, unabhängig von der
Geschichte schon vorher erwiesen hat. Tadel würde er nur dann verdienen, wenn er
das sagte, was niemals gewesen; aber er stützt sich selbst auf die Resultate der
historischen Forschung; er gebraucht von ihr nur das allerallgemeinste, und es
wäre ein bedeutendes Unglück für jene Forschung selbst, wenn auch sogar dies
noch nicht ins reine gebracht wäre; aber er verdient nie Tadel, wenn er
verschweigt, was freilich auch gewesen ist. Er bestrebt sich, den inneren Sinn
und die Bedeutung der Weltbegebenheiten zu verstehen, und erinnert in Absicht
ihrer nur, dass sie waren; das Wie ihres Seins, das ohne Zweifel noch mancherlei
anderes Sein bei sich führt, überlässt er dem empirischen Historiker: dass er
aber, vielleicht bei beschränkterer Kenntnis der Umstände, ein Factum in seinem
Zusammenhange mit dem ganzen Weltplane vielleicht weit besser verstehe und
deute, als derjenige, der eine viel weiter ausgebreitete Kenntnis der
besonderen Umstände hat, wäre ihm, falls es sich nur wirklich also verhält,
keinesweges zu verkümmern; denn dazu eben ist er Philosoph. - Um alles
zusammenzufassen: die Notwendigkeit ist es, welche uns leitet und unser
Geschlecht; keinesweges aber eine blinde, sondern die sich selber vollkommen
klare und durchsichtige innere Notwendigkeit des göttlichen Seins: und erst
nachdem man unter diese sanfte Leitung gekommen, ist man wahrhaft frei geworden
und ist zum Sein hindurchgedrungen; denn ausser ihr ist nichts, denn Wahn und
Täuschung. Nichts ist, wie es ist, deswegen, weil Gott willkürlich es eben so
will, sondern weil er sich anders, als also, nicht äussern kann. Dies zu
erkennen, sich demütig darein zu bescheiden, und in dem Bewusstsein dieser
unserer Identität mit der göttlichen Kraft selig zu sein, ist Sache aller
Menschen: das allgemeine, absolute und ewig sich gleichbleibende in dieser
Führung des Menschengeschlechtes im klaren Begriffe aufzufassen, ist die Sache
des Philosophen: die stets veränderliche und wandelbare Sphäre, über welche
jener feste Gang fortgeht, factisch aufzustellen, ist Sache des Historikers, an
dessen Entdeckungen der erste nur beiläufig erinnert.
    Es versteht sich von selber, dass der Gebrauch, den wir hier von der
Geschichte teils schon gemacht haben, teils noch zu machen gedenken, nicht
anders sein kann und nicht anders anzusehen ist, als so, wie wir heute den
philosophischen Gebrauch derselben klar und bestimmt, wie ich hoffe, beschrieben
haben. Insbesondere haben wir es zufolge unserer heutigen Ankündigung zunächst
damit zu tun, dass wir darlegen: wie der vernunftgemässe Begriff des Staates
unter den Menschen allmählig realisirt worden, und auf welcher Stufe der
Entwickelung des absoluten Staates unser Zeitalter stehe. Um uns jedoch recht
sorgfältig auf den Boden unserer Wissenschaft zu beschränken, und von unserer
Seite den alten Streit zwischen Philosophie und Geschichte ja nicht anzuregen,
werden wir selbst das, was wir in dieser Art aufstellen, nicht für erwiesene
historische Data geben, sondern für Hypotesen und bestimmte Fragen für die
Geschichte, auf welche nun der Historiker in das Gebiet der Tatsachen inquirire
und zusehe, ob die Hypotese durch die letzteren bestätigt werde. Ist nun unsere
Ansicht auch nur bloss neu und interessant, so kann sie zu Untersuchungen
veranlassen, bei denen, falls auch nicht gerade das gehoffte, dennoch ein neues
und interessantes herauskommt, und wir unsere Mühe nicht gänzlich verloren
haben. Auf diesen bescheidenen Wunsch uns beschränkend, wird uns hoffentlich
auch des Historikers Zufriedenheit nicht entgehen.
 
                                Zehnte Vorlesung
    [Begriff des absoluten Staats. Drei mögliche Grundformen des wirklichen, zur
    Vollkommenheit fortschreitenden Staats. - Unterschied zwischen bürgerlicher
    und politischer Freiheit.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Zu zeigen, auf welcher Stufe seiner Ausbildung der Staat in unserem
Zeitalter stehe, ist unser in der vorigen Rede angekündigtes nächstes Geschäft.
Die Verständlichkeit dieser ganzen Darlegung hängt offenbar davon ab, dass wir
von einem genau bestimmten Begriffe des absoluten Staates ausgehen.
    Ueber nichts ist, ganz besonders in der Zeitepoche, die wir durchlebt, mehr
geschrieben, gelesen und gesprochen worden, als über den Staat; man kann daher
bei jedem nur gebildeten, wenngleich nicht eigentlich wissenschaftlichen
Publicum hier fast sicherer, als bei jedem anderen Gegenstande auf mancherlei
Vorkenntnisse und Vorkenntnisse rechnen. Was nun insbesondere das anbelangt, was
wir über denselben hier beizubringen gedenken, so müssen wir zuvörderst
anzeigen, dass wir, nur aus anderen und tiefer liegenden Gründen, zum Teil mit
sehr bekannten Schriftstellern zusammentreffen, von denen wir in anderen
bedeutenden Dingen wiederum abgehen: und dass die unter den deutschen
Philosophen verbreitetste Ansicht vom Staate, nach der er fast nur ein
juridisches Institut sein soll, uns nicht etwa unbekannt ist, sondern wir mit
sehr bewusster Besonnenheit uns ihr entgegensetzen. Sodann ist zu erinnern, dass
wir genötigt sind, mit einigen, ein sehr trockenes Ansehen habenden Sätzen
anzuheben, die ich zuvörderst nur in das Gedächtnis zu fassen bitte: diese
Sätze sollen noch vor Ende dieser Rede durch die weitere Fortbestimmung und
Anwendung hoffentlich ganz klar werden.
    Der absolute Staat in seiner Form ist nach uns eine künstliche Anstalt, alle
individuellen Kräfte auf das Leben der Gattung zu richten und in demselben zu
verschmelzen: also, die oben sattsam beschriebene Form der Idee überhaupt
äusserlich an den Individuen zu realisiren und darzustellen. Da hierbei auf das
innere Leben und die ursprüngliche Tätigkeit der Idee in den Gemütern der
Menschen nicht gerechnet wird, - von welcher letzten Art alles Leben in der Idee
war, das wir in unseren früheren Reden beschrieben; - da vielmehr die Anstalt
von aussenher wirkt auf Individuen, die gar keine Lust, sondern vielmehr ein
Widerstreben empfinden, ihr individuelles Leben der Gattung aufzuopfern, so
versteht es sich, dass diese Anstalt eine Zwangs-Anstalt sein werde. Für solche
Individuen, in denen die Idee ein eigenes inneres Leben bekommen hätte, und die
gar nichts anderes wollten und wünschten, als ihr Leben der Gattung zu opfern,
bedürfte es des Zwanges nicht, er fiele für diese weg: und der Staat bliebe in
Rücksicht dieser bloss nur noch diejenige Einheit, welche das Ganze stets
übersähe, den jedesmal ersten und nächsten Zweck der Gattung erklärte und
deutete, und die willige Kraft an ihren rechten Platz stellte. Er ist eine
künstliche Anstalt, haben wir gesagt: - in strengem Sinne, als Anstalt freier
und sich selber klarer Kunst freilich erst dann, nachdem im Zeitalter der
Vernunftwissenschaft sein gesammter Zweck und die Mittel für dessen Erreichung
wissenschaftlich durchdrungen, und das fünfte Zeitalter der Vernunftkunst schon
eingetreten ist: - aber es gibt auch einen zweckmässigen Gang in der höheren
Natur, d. i. in den Schicksalen des Menschengeschlechtes, durch welchen
dasselbe, ohne sein Wissen noch Wollen, seinem wahren Zwecke entgegengeführt
wird, welchen Gang man die Kunst der Natur nennen könnte; und in diesem Sinne
allein nenne ich in den ersten Zeitaltern des Menschengeschlechtes den Staat
eine künstliche Anstalt. - Was wir angegeben und ausgesprochen: - Richtung aller
individuellen Kräfte auf den Zweck der Gattung, - ist der absolute Staat seiner
Form nach, haben wir gesagt: d.h. bloss und lediglich darauf, dass nur die
individuelle Kraft einem Zwecke der Gattung aufgeopfert werde, welches auch nun
insbesondere dieser Zweck der Gattung sei, beruht es, ob überhaupt ein Staat
sei: ganz unentschieden aber und an seinen Ort gestellt bleibt durch diese
Bestimmung des Staates, wie mancherlei Zwecke der Gattung in den besonderen
Staaten gesetzt werden können; deren Erreichung jedoch allemal die individuelle
Kraft gewidmet wird: ebenso unentschieden bleibt durch dieselbe Bestimmung,
welches der absolute Zweck der Gattung sei; durch welche letztere Angabe die
Materie des Staates, der wahre innere Gehalt und Zweck desselben, beschrieben
wer den wurde.
    Um nun nach diesen vorläufigen Grenzbestimmungen den aufgestellten Begriff
naher zu erörtern - zuvörderst: der Staat, der eine notwendig endliche Summe
individueller Kräfte auf den gemeinschaftlichen Zweck zu richten hat, betrachtet
sich notwendig als ein geschlossenes Ganzes, und da sein Gesammtzweck der Zweck
der menschlichen Gattung ist, er betrachtet die Summe seiner Bürger als die
menschliche Gattung selbst. Es widerspricht diesem nicht, dass er dennoch Zwecke
haben kann, gerichtet auf andere, die nicht unter seine Bürger gehören; denn
immer sind dieses seine eigenen, lediglich um sein selbst willen unternommenen
Zwecke, auf deren Erreichung er die individuellen Kräfte seiner Bürger richtet;
- immer daher opfert er diese nur sich selber, und zwar als dem höchsten, als
der Gattung, auf. Es ist daher ganz einerlei, ob man sage wie oben: der Staat
richte alle individuelle Kräfte auf das Leben der Gattung, oder wie hier: er
richte sie auf sein eigenes Leben, als Staat; nur dass, wie wir bald schon
werden, dieser letztere Ausdruck erst durch jenen seine wahre Bedeutung erhält.
    Nochmals: darin, dass alle individuellen Kräfte gerichtet werden auf das
Leben der Gattung - als welche Gattung der Staat zunächst die geschlossene Summe
seiner Bürger aufstellt, - darin bestellt das Wesen des absoluten Staates. Es
wird dadurch gefordert: erstens, dass alle Individuen, durchaus ohne Ausnahme
eines einzigen in denselben Anspruch genommen werden; zweitens, dass jedes mit
allen seinen individuellen Kräften, ohne Ausnahme und Rückhalt einer einzigen,
in denselben Anspruch genommen werde. Dass in dieser Notfassung, wo alle als
Individuen der Gattung aufgeopfert sind, zugleich allen, ohne Ausnahme eines
einzigen, in allen ihren, als Bestandteile der Gattung ihnen zukommenden
Rechten, alle übrigen Individuen aufgeopfert sind, folgt aus dem ersten von
selbst. Denn worauf sind die Kräfte aller gerichtet? Auf die Gattung: was aber
ist dem Staate die Gattung? Alle seine Mitbürger, ohne Ausnahme eines einzigen.
Wären einige Individuen für den Gesammtzweck entweder gar nicht, oder nicht mit
allen ihren Kräften in Anspruch genommen, indes die übrigen es wären: so
genössen die ersteren alle Vorteile der Verbindung, ohne alle ihre Lasten mit
zu tragen, - und es wäre Ungleichheit. Nur da, wo alle ohne Ausnahme ganz in
Anspruch genommen sind, kann Gleichheit stattfinden. - Somit geht in dieser
Verfassung ganz und durchaus die Individualität aller auf in der Gattung aller;
und ein jeder erhält seinen Beitrag zur allgemeinen Kraft, durch die allgemeine
Kraft aller übrigen verstärkt, zurück. Der Zweck des isolirten Individuums ist
eigener Genuss; und er gebraucht seine Kräfte als Mittel desselben: der Zweck
der Gattung ist Cultur und derselben Bedingung würdige Subsistenz: im Staate
gebraucht jeder seine Kräfte unmittelbar gar nicht für den eigenen Genuss,
sondern für den Zweck der Gattung; und er erhält dafür zurück den gesammten
Culturstand derselben, ganz, und dazu seine eigene würdige Subsistenz. - Man
hüte sich nur, den Staat nicht zu denken, als ob er in diesen oder jenen
Individuen, oder als ob er überhaupt auf Individuen beruhe und aus ihnen
zusammengesetzt sei: - fast die einzige Weise, wie die gewöhnlichen Philosophen
ein Ganzes zu denken vermögen. - Er ist ein an sich unsichtbarer Begriff; gerade
so, wie in den ersten Reden die Gattung beschrieben worden: er ist - nicht die
Einzelnen, sondern ihr fortdauerndes Verhältnis zueinander, dessen immer
fortlebender und wandelnder Hervorbringer die Arbeit der Einzelnen ist, wie sie
im Raume existiren. So sind, um auch an einem Beispiele meinen Gedanken
klarzumachen, keinesweges die Regierenden der Staat, sondern sie sind Mitbürger
desselben, sowie alle übrigen; und es gibt im Staate überhaupt keine
Individuen, ausser Bürger. Die Regierenden sind so gut als alle übrigen mit
allen ihren individuellen Kräften in Anspruch genommen, um die Kräfte der
Regierten, die nun ebensowenig der Staat sind, auf den Gesammtzweck, so gut sie
denselben verstehen, immerfort zu richten, und die Widerstrebenden zu zwingen.
Erst das Resultat, was aus ihrer Leitung, und aus der geleiteten Kraft der
Regierten für alle insgesamt hervorgeht, nennen wir Staat, im strengen Sinne des
Worts.
    Nur Eine Einwendung ist hier vorauszusehen, welcher ich sogleich begegne.
Man dürfte nämlich sagen: warum sollen denn gerade alle Begriffe der Individuen
für den Staatszweck in Anspruch genommen werden? Wenn dieser Zweck etwa mit
geringerem Aufwande erreicht werden könnte: - würde es sodann für die
gleichfalls geforderte Gleichheit nicht hinreichen, dass dieser hinlängliche
Kraftaufwand nur auf alle Individuen gleich verteilt, die übrigbleibende Kraft
aber dem eigenen freien Gebrauche eines jeden anheimgestellt werde? Wir
antworten darauf: zuvörderst, der vorausgesetzte Fall, dass nicht die gesammte
Kraft der Individuen für den Staatszweck erforderlich sei, könne nie eintreten
und sei unmöglich. Zwar nicht alle, den Individuen vielleicht selbst nicht
bekannte, auch nicht alle, ihnen zwar, aber dem Staate nicht bekannte oder nicht
zugängliche, - sicherlich aber alle ihm bekannte und ihm zugängliche, Kraft der
Individuen ist dem Staate für die Beförderung seines Zwecks nötig: denn sein
Zweck ist die Cultur; und um sich auf dem Standpuncte derselben, den ein Staat
schon erschwungen, zu erhalten und sogar weiter zu kommen, bedarf es allemal der
Anstrengung aller Kraft. Denn nur durch die gesammte Kraft ist man auf diesen
Punct gekommen. Nimmt er sie nicht ganz in Anspruch, so kommt er zurück, statt
vorwärts zu kommen, und verliert seinen Rang in dem Reiche der Cultur: und was
hieraus noch weiter folge, werden wir zu einer anderen Zeit sehen. Zweitens
frage ich: was sollen denn die Bürger mit der ihnen zu freien Gebrauche
übriggebliebenen Kraft anfangen? Sollen sie müssig bleiben und diese Kraft ruhen
lassen? Dies ist gegen die Form aller Cultur, und schon selbst Barbarei; - der
gebildete Mensch kann nicht untätig sein, noch ruhen, - über die von seiner
sinnlichen Natur geforderte notwendige Ruhezeit, die ihm der Staat auf alle
Fälle gelassen haben wird. Oder sollen sie dieselbe für Beförderung ihrer
individuellen Zwecke anwenden? Aber es soll im vollkommenen Staate durchaus kein
gerechter individuelle, Zweck stattfinden, der nicht in die Berechnung des
Ganzen eingegangen, und für dessen Erreichung durch das Ganze nicht gesorgt sei.
Wollte man endlich sagen: diese Kraft solle verwendet werden, dass der Einzelne
sich selbst in stiller Ruhe bilde: so antworte ich: es gibt keine Art de,
Bildung, die nicht von de, Gesellschaft, d. i. vom Staate im strengsten Sinne,
ausgehe, und die nicht wieder in dieselbe zurückzulaufen streben müsse; diese
Bildung ist daher selbst Staatszweck. und der vollkommene Staat wird dessen
Beförderung, jedem nach seinem Maasse, schon ohnedies in Anschlag gebracht
haben. Dass dies in de, Anwendung nicht misgedeutet werde, dafür werden wir in
der Zukunft sorgen; hier reden wir vom vollkommenen Staate, und von ihm gilt das
Gesagte uneingeschränkt.
    Zu diesem absoluten Staate der Form nach, als einem durch die Vernunft
geforderten menschlichen Verhältnisse, sich allmählig mit Freiheit zu erheben,
ist die Bestimmung des menschlichen Geschlechts. Diese allmählige Erhebung kann
weder in Stande der Unschuld, unter dem Normalvolke, - noch kann sie in dem der
ursprünglichen Rohheit, unter den, Wilden, stattfinden.
    Nicht unter dem ersten: da, finden die Menschen sich ganz von selber in dem
vollkommensten gesellschaftlichen Verhältnisse, ohne dass sie eines Zwanges oder
einer Aufsicht bedürfen; jeder tut von selbe, das Rechte, dem Ganzen
Zuträgliche, ohne dass er selbst, oder dass für ihn einmal er dabei denke; und
ohne dass durch eigene Kunst oder irgend einen Naturfortgang dieses Verhältnis
erst hervorgebracht werde. Es ist hier überhaupt nicht genetisch. Ebensowenig
unter dem zweiten: da sorgt jeder nur für, sich, und zwar nur für seine ersten,
seine tierischen Bedürfnisse und zu dem, Begriffe eines höheren erhebt sich
keiner. Mitin konnte die Enwickelung des Staates nur in der Mischung beider
Grundstämme unseres Geschlechts, als dem eigentlichen Menschengeschlechte für
die Geschichte, anheben und fortgesetzt werden.
    Die allererste Bedingung eines Staates, und das erste wesentliche Merkmal
unseres oben aufgestellten Begriffs von ihm ist dies: dass nur erst Freie dem
Willen und der Aufsicht anderer unterworfen werden. Freie, sage ich, im
Gegensatze der Sklaven; und verstehe darunter solche, deren eigener Klugheit und
Ermessen die Sorge, sich und ihrer Familie die Mittel der Subsistenz zu
verschaffen, überlassen bleibt; welche demnach in ihrem Hause souveräne
Familienväter sind, und es auch nach ihrer Unterwerfung unter einen fremden
Willen, der auf andere Zwecke geht, fortdauernd bleiben. Sklav dagegen ist
derjenige, der nicht einmal die Sorge für seinen eigenen Unterhalt hat, sondern
der ernährt wird, dagegen alle seine Kräfte der Familie seines Herrn nach dessen
eigener Willkür unterworfen sind: der daher keinesweges Familienvater, sondern
Mitglied einer fremden Familie, und bis auf Leib und Leben verbunden ist, -
indem der Herr gar keinen anderen Grund hat, ihn zu erhalten, als inwiefern
seine Erhaltung ihm selber mehr nützt, als sein Untergang. Freie, sagte ich, als
solche, und in der Voraussetzung, dass sie frei bleiben sollten, mussten einem
fremden Willen unterworfen werden; und zwar sagte ich das deswegen: Zum Begriffe
eines Staates gehört es durchaus, dass die Unterworfenen selbst Zweck wenigstens
werden können, - und das können sie nur, wenn sie bei der Unterwerfung in einer
gewissen Sphäre frei bleiben, welche Sphäre hinterher, sowie der Staat zu
höherer Ausbildung schreitet, Zweck des Staats werde; der Sklav aber, als
solcher, und falls er etwa nicht freigelassen wird, kann nie Zweck werden,
sondern er ist höchstens, ebenso wie jedes Tier es auch ist, als Mittel für
seinen Herrn, diesem letzteren Zweck; keinesweges aber an und für sich. Bei
dieser Unterwerfung von Freien unter die Vorsicht und den Willen anderer Freien
sind nun folgende zwei, oder, wenn man anders zählt, drei Fälle möglich; und -
da diese Unterwerfung der Ursprung des Staats ist, - es sind ebenso viele
Grundformen des Staats möglich, durch welche derselbe zu seiner Vollendung
hindurchgeht; und ich ersuche, diese Grundformen, als das Gerüst, auf welches
wir alle unsere folgenden Erörterungen dieses Gegenstandes aufzuführen gedenken,
wohl zu bemerken und in das Gedächtnis zu fassen.
    Nemlich, - nach der geschehenen Unterwerfung die Summe von Individuen,
welche dadurch in Verbindung gekommen, als ein geschlossenes Ganzes betrachtet:
- entweder sind alle ohne Ausnahme allen, d. i. dem Gesammtzwecke, unterworfen,
wie es im vollkommenen Staate sein soll; oder es sind nicht alle allen
unterworfen. Findet der letztere Fall, dass nicht alle allen unterworfen sind,
statt, so lässt sich dies, - da die Unterworfenen wenigstens alle unterworfen
sind, nur so denken, dass die Unterwerfer nicht wiederum gegenseitig jenen, und
ihren notwendigen Zwecken, sich unterworfen haben. Die Unterwerfer haben sonach
die Unterworfenen nur ihrem eigenen, von ihnen allein beabsichtigten Zwecke
unterworfen; welcher, - da er doch nicht, wenigstens nicht durchaus, der des
eigenen sinnlichen Genusses sein kann, indem sie in diesem Falle sie gleich zu
Sklaven machen, und alle Freiheit derselben hätten vernichten müssen, - der
Zweck des Herrschens, um des Herrschens willen, sein muss. Dies wäre unser
erster Fall; sowie es in der Zeit die ursprünglichste Form des Staates ist - die
absolute Ungleichheit der Staatsglieder, welche in die Klasse der Herrscher und
Beherrschten zerfallen, die beim Fortbestande der Verfassung nie die Rollen
umtauschen können. - Es erhellet hier im Vorbeigehen: dass und warum ein solcher
Staat die Unterjochten seinem Zwecke nicht durchaus mit allen ihren Kräften
unterwerfen könne; so wie es der Staat mit einem besseren Zwecke allerdings
kann; der erstere müsste sie nämlich sodann ganz zu Sklaven machen, wodurch er
völlig aufhörte den Namen auch nur eines beginnenden Staates zu verdienen. -
Unser zweiter Fall war der: dass alle ohne Ausnahme allen unterworfen seien.
Dies ist wiederum auf zwei Weisen möglich; zuvörderst also: dass alle allen nur
negativ unterworfen seien; d.h. dass jedem ohne Ausnahme ein Zweck zugesichert
sei, in dessen Erreichung keiner, ohne irgend eine Ausnahme, ihn stören dürfe.
Ein solcher durch die Verfassung gegen jedweden gesicherter Zweck heisst ein
Recht; jeder daher in einer solchen Verfassung hat ein Recht, dem alle ohne
Ausnahme unterworfen sind. - Gleichheit des Rechts aller, als Rechts:
keinesweges noch der Rechte; denn die den verschiedenen Individuen zugesicherten
Zwecke können an Ausdehnung sehr verschieden sein, und meistenteils wird der,
als das Reich der Gesetze begann, vorhandene Besitzstand hierüber zum Maassstabe
angenommen werden. Es erhellet, dass der auf dieser Stufe befindliche Staat,
indem er einigen seiner Bürger Rechte erteilt, welche über die Rechte anderer,
die dabei doch auch bestehen können, hinausgehe, weit entfernt ist, alle Kräfte
dieser Begünstigten seinem Zwecke zu unterordnen; ja, - da er durch diese Rechte
der Begünstigten auch die übrigen in dem freien Gebrauche ihrer Kräfte stört, -
dass er sogar diese Kräfte für Zwecke von Individuen vergeudet; dass er daher,
bei aller Gleichheit des Rechts, noch weit entfernt ist sogar von der absoluten
Form des Staats. Der beschriebene Zustand wäre die zweite Grundform des Staats,
und die zweite Stufe, auf welcher unser Geschlecht im Fortschreiten zur
vollkommenen Staatsform sich befinden könnte. - Endlich, - alle sind allen
unterworfen kann auch heissen: sie sind nicht bloss negativ, sondern auch
positiv unterworfen, so dass durchaus kein einziger irgend einen Zweck sich
setzen und befördern könne, der bloss sein eigener, und nicht zugleich der Zweck
aller ohne Ausnahme sei. Es ist klar, dass in einer solchen Verfassung alle
Kräfte aller für den Gesammtzweck in Beschlag genommen sind; denn der
Gesammtzweck ist kein anderer, als der Zweck aller ohne Ausnahme, dieselben als
Gattung genommen; dass daher in dieser Verfassung die absolute Form des Staats
ausgedruckt ist, und Gleichheit der Rechte und des Vermögens aller eintritt.
Diese Gleichheit schliesst keinesweges aus den Unterschied der Stände, d.h. der
bestimmten Zweige menschlicher Kraftanwendung, die einigen ausschliessend
überlassen sind, indes dieselben die übrigen Zweige derselben Anwendung andern
ausschliessend überlassen. Nur soll durchaus kein Stand und keine
ausschliessende Kraftanwendung geduldet werden, die nicht auf das Ganze
berechnet und für das Ganze schlechtin notwendig sei, und deren Ertrag nicht
auch wirklich allen übrigen Ständen und allen Individuen derselben, nach aller
ihrer Fähigkeit, desselben zu geniessen, zu Teil werde. Dies wäre die dritte
Stufe des Staats, auf welcher er, wenigstens seiner Form nach, vollendet wäre. -
    Es dürfte sich finden, es dürfte vielleicht für den aufmerksameren und
vorbereiteteren Zuhörer sich von selber verstehen, dass der Staat erst durch
diese Vollendung seiner eigentümlichen Form sich in den Besitz seiner wahren
Materie, d. i. des ächten Zwecks der menschlichen Gattung, welche in ihm sich
vereinigt hat, setze: und nun noch manche Stufe seines Fortschreitens zu
durchlaufen haben möge, ehe er am Ziele stehe: - wir inzwischen reden dermalen
nur von der Form des Staats.
    Um anzugeben und zu zeigen, auf welcher Stufe in unserem Zeitalter der
Staat, es versteht sich immer, da, wo er am weitesten vorgerückt ist, sich
befinde, unternahmen wir alle diese Erörterungen. Ich erkläre indessen nur
vorläufig, dass er, meines Erachtens, dermalen noch an der Vollendung seiner
Form arbeite, - auf der in unserer Beschreibung als der zweiten aufgeführten
Stufe sich festgesetzt habe, und strebe, die dritte zu erringen; auch dieselbe
schon teilweise errungen habe, teilweise aber noch nicht. Dass in unserem
Zeitalter mehr als je zuvor jeder Bürger mit allen seinen Kräften dem Staate
untergeordnet, von ihm innerlich durchdrungen und sein Werkzeug sei, und dass
der Staat strebe, diese Unterwerfung allgemein und vollkommen zu machen: würde
daher, nach uns, den charakteristischen Grundzug des Zeitalters in bürgerlicher
Rücksicht ausmachen. Was wir damit eigentlich meinen, und dass es sich wirklich
also verhalte, wird sich am leichtesten ergeben, wenn wir Zeiten schildern, wo
es nicht also war, und historisch darlegen, wie und durch welchen Naturgang es
allmählig also geworden, wie es jetzt ist. Wir behalten diese historische
Ableitung nebst noch einigen anderen Erörterungen, die wir derselben
vorauszusenden haben, den folgenden Reden vor.
    Nur Einen, nicht unbedeutenden Punct dieser Materie lassen Sie uns noch
heute erörtern: den von der politischen Freiheit. - Selbst in der ersten Form
des Staats blieb der Unterworfene persönlich frei, er wurde nicht zum Sklaven;
und wären alle zu Sklaven gemacht worden, so wäre das Wesen des ganzen Instituts
verloren gegangen. Dennoch war in dieser Lage selbst die persönliche Freiheit
des Einzelnen nicht garantirt: er konnte von einem der Unterwerfer sogar in die
Sklaverei gebracht werden; er hatte daher gar keine bürgerliche Freiheit, d.h.,
wie wir oben uns erklärten, kein durch die Verfassung ihm zugesichertes Recht;
und er war in der Tat nicht Bürger, sondern nur Untertan; es versteht sich, da
er doch nicht Sklave war, nur in einem gewissen Grade, und jenseits des Grades
dieser seiner Untertänigkeit war er frei; - nicht durch das Gesetz, sondern
durch die Natur und das Ohngefähr. In der zweiten Form des Staates erhielt jeder
ohne Ausnahme einen Teil von Freiheit, d.h. nicht gerade von Willkür, sondern
von Selbstständigkeit, durch die er alle andere einen gewissen Zweck oder ein
Recht zu respectiren nötigte, durch die Staatsverfassung zurück; jeder hatte
daher seinen Grad von nicht bloss persönlicher, sondern gesicherter, und darum
bürgerlicher Freiheit; jenseits derselben aber war er Untertan, und, falls die
Rechte anderer, die ihn beschränkten, ausgedehnter waren als die seinigen, mehr
Untertan, denn Bürger. Il, der absoluten Form des Staats, wo alle Kräfte aller
für die notwendigen Zwecke aller in Tätigkeit gesetzt sind, verbindet jeder
alle anderen eben so weit, als er durch sie verbunden wird; alle haben gleiche
bürgerliche Rechte oder bürgerliche Freiheit, und jeder ist zugleich ganz Bürger
und ganz Untertan, - und alle sind es eben darum auf die gleiche Weise Will man
den, der in der Tat und Wahrheit und realiter dem Staate seinen Zweck aufgibt,
den Souverän nennen, - so gehört, in dieser zuletzt genannten Verfassung, jeder
Bürger auf dieselbe Weise und in demselben Grade zum Souverän; und will man nun
in dieser Rücksicht auch den Einzelnen souverän nennen, so lässt sich der eben
gesagte Satz auch so ausdrücken: jeder ist, in Absicht seines notwendigen
Zwecks, als Glied der Gattung ganz souverän, und in Absicht seines individuellen
Kraftgebrauchs ganz untertan; und alle sind eben darum beides auf die gleiche
Weise.
    So verhält es sich in Beziehung auf den Staat in strengerem Sinne, wie wir
ihn oben beschrieben haben, als eine Idee. Eine ganz andere, mit der ersten
Frage und Untersuchung durchaus nichts gemein habende Frage ist diese: Wer denn
nun den, allerdings realiter durch das Ganze aufgegebenen, aber verborgenen
Staatszweck einsehen und ermessen, und nach diesem seinem Ermessen die Kräfte
der Bürger leiten, und die allenfalls Widerstrebenden zwingen solle: oder mit
Einem Worte, wer denn regieren solle? - Da über die erwähnte Einsicht und das
Ermessen des an sich freilich durch das Ganze gesetzten Staatszwecks im Staate
selbst kein höheres Ermessen stattfinden kann, indem dem ersteren Ermessen ja
alle übrigen Staatskräfte und Einsichten unterworfen und danach geleitet werden:
- so ist dieses Ermessen äusserlich unabhängig oder frei, und zwar politische
Freiheit; wenn das griechische Wort, das diesem Ausdrucke zum Grunde liegt, für
ein tätiges und wirksames Staatmachen genommen wird. - Das erst vorgetragene
wäre die Untersuchung der Staatsverfassung, welche, wie sie sein soll,
schlechtin durch die Vernunft bestimmt ist; die jetzt in Anregung gebrachte
Frage ist die Frage über die Regierungsverfasssung.
    Offenbar sind in Absicht der letzteren nur zwei Fälle möglich. Entweder alle
Individuen ohne Ausnahme nehmen an jenem Ermessen und, vermittelst dessen, an
der Leitung aller Staatskräfte, dem Rechte nach, in völlig gleichem Maasse
Teil; so sind Alle Teilhaber der politischen Freiheit, und sind es in gleichem
Grade: oder dieses Ermessen, und die Leitung zufolge desselben, wird einer
Anzahl von Individuen ausschliessend überlassen; welches letztere nun unseren
obigen Erörterungen zufolge nichts weiter heisst, als soviel: ein besonderer
Stand wird künstlich errichtet, oder findet sich natürlich und historisch vor,
dem das Ermessen des Staatszwecks und das Regieren nach diesem Ermessen, als
ausschliessender Zweig seiner Kraftanwendung, überlassen wird, indes die
übrigen Stände die ihrige auf etwas anderes richten, und insgesammt, dem
Regierenden gegenüber, die Regierten sind. Hier ist die politische Freiheit nur
bei den Regierenden; die Regierten sind insgesammt ohne politische Freiheit, und
in Beziehung auf die Regierung nur Untertanen.
    Zuvörderst: durch eine Regierungsverfassung wie die letztere wird die
Staatsverfassung, wie sie zufolge der Vernunft sein soll, durchaus in keinem
Stücke geändert oder geschmälert. Der regierende Stand bleibt dem allgemeinen
Staatszwecke, der durch die Bedürfnisse aller bestimmt wird, unterworfen, und
hat unmittelbar auf dessen Erreichung alle seine Kraft ohne Ausnahme oder
Rückhalt zu verwenden, so gut wie die übrigen auf denselben Zweck mittelbar ihre
Arbeit zu richten haben; er ist daher, in Rücksicht auf diesen Zweck, ebenso
ganz und ungeteilt untertan, als alle übrigen es sind; derselbe Stand gehört,
als Bestandteil der Gattung, selber zum Staatszwecke: und die Erreichung seiner
Bedürfnisse als solchen Bestandteils, keinesweges als regierenden Standes, muss
gleichfalls gesichert sein; er ist daher ebenso ganz, aber in keinem höheren
Grade, als alle übrigen, Bürger.
    Sodann: nur die Form der Staatsverfassung ist durch die Vernunft bestimmt,
und ihre Realisirung schlechtin gefordert, keinesweges aber die der
Regierungsverfassung. Wird nur der Staatszweck so klar, als es in jedem
Zeitalter möglich ist, eingesehen, und auf die Realisirung dieser besten
Einsicht alle vorhandene Kraft aufgewendet: so ist die Regierung recht und gut,
ob sie nun in den Händen aller, oder in den Händen einzelner mehrerer, oder
endlich in der eines Einzigen ruhe; - das letzte in dem Sinne, dass dieser
Einzige nach eigenem Ermessen sich seine Gehülfen wähle, die ihm unterwürfig und
verantwortlich bleiben. Es soll schlechtin bürgerliche Freiheit, und zwar
Gleichheit derselben sein; der politischen Freiheit aber bedarf es höchstens nur
für Einen. Alle Untersuchungen, welche von jeher, und besonders in den letzten
Zeiten, über die beste Regierungsverfassung angestellt worden sind, haben
zuletzt die Absicht, ein Mittel zu finden, um die alle zwingende
Regierungsgewalt wiederum zu zwingen: - zuvörderst, da richtige Einsicht sich
nicht erzwingen lässt, wenigstens dazu, dass die bestmöglichste Einsicht
wirklich an die Regierung komme; sodann, dass diese bestmöglichste Einsicht
wirklich mit aller Kraft realisirt werde. So nützlich auch an sich diese
Untersuchungen sein mögen, und so möglich auch die teoretische Auflösung des
Problems, welches denn auch irgendwo wirklich gelöst sein möchte: - so dürften
dennoch unserem Geschlechte wohl noch Jahrtausende untergehen, ehe diese Lösung
in eine philosophische Charakteristik der gegenwärtigen Zeit gehören wird. Zu
unserem Glücke und unserer Beruhigung gibt es in der dermaligen Lage aller
cultivirten Staaten, und in dem ganzen gegenwärtigen Cuturzustande,
Nötigungsgründe in Menge für jede Regierung, nach der möglichst klaren Einsicht
in den wahren Staatszweck zu streben, und immer mit allen ihren Kräften nach
ihrer besten Einsicht zu verfahren.
    Wir werden im Verfolge unserer Untersuchung Gelegenheit haben, diese
Nötigungsgründe nachzuweisen. Könnte diese Nachweisung und die ganze Reihe der
Untersuchungen, die wir heute begonnen haben, etwas beitragen, um uns
insbesondere diejenige Verfassung, unter der wir leben, verständlicher, und eben
dadurch teurer und werter zu machen: so würde ein Zweck, der auch unter die
Zwecke dieser Vorlesungen gehört, dadurch zugleich mit erreicht werden.
 
                                Elfte Vorlesung
    [Materiale des absoluten Staats.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Zu bestimmen, auf welcher Stufe seiner Entwickelung der Staat im
gegenwärtigen Zeitalter stehe, ist unsere Aufgabe, für deren Lösung die zunächst
vorhergehenden Untersuchungen und Erörterungen unternommen wurden. Zuvorderst
war die blosse Form des Staats, d.h. was überhaupt dazu gehöre, dass man nur im
allgemeinen sagen könne, der Staat existire, anzugeben: und dieses ist in der
letzten Stunde geschehen. - Sollte Einzelnen diese Erörterung zu speculativ
geschienen haben, - so dass sie ihnen um deswillen entweder schon damals nicht
ganz klar geworden, oder dass sie ihnen nur jetzt nicht mehr ganz gegenwärtig
sei; - so könnte dies meines Erachtens nur daher kommen, dass bei Auffassung der
Staatsform der Blick über eine zu grosse Menge von Individuen, höchst
verschieden in Ansehung äusserlicher Eigenschaften, zerstreut wird, und diesem
Blicke dennoch angemutet, diese Menge von Individuen als ein unzertrennliches
organisches Ganzes zu fassen. Für den Verstand ist durch diese Menge und
Verschiedenheit der Einzelnen das Geschäft des Zusammenfassens nicht schwieriger
geworden; aber die Einbildungskraft, und noch mehr die gewöhnliche, nur auf den
Verschiedenheiten der Individuen und Stunde haftende Ansicht ermüdet, wenn sie
nicht schon einen gewissen Grad der Uebung erhalten hat. Um nun also denen, die
allenfalls in der vorigen Stunde uns nicht ganz verstanden hätten, heute unseren
Gedanken vollkommen klar zu machen, und anderen, denen das Ganze nur nicht mehr
völlig gegenwärtig ist, es in Einem Blicke wieder vor die Augen zu bringen: -
lassen Sie uns unsern Begriff an dem Beispiele einer kleineren Verbindung
darstellen, welche keinesweges selbst der Staat sei, der wir aber die Form
desselben, worauf allein es uns hier ankommt, lassen wollen.
    Denken Sie sich eine Vereinigung mehrerer natürlicher Familien zu einer
einzigen, die von nun an eine künstliche Familie wäre, - etwa durch einen
Vertrag entstanden. Ihr Zweck könnte kein anderer sein, als der: durch
gemeinschaftliche Arbeit ihr physisches Dasein, so gut es irgend möglich sei zu
erwerben und zu erhalten; und darum wäre die Verbindung durchaus kein Staat, der
keinesweges eine ökonomische Gesellschaft ist, und der einen ganz anderen Zweck
hat, als den der blossen physischen Erhaltung der Individuen. Doch soll diese
Familiengesellschaft im allgemeinen die Form des Staates tragen. Dies ist nur
möglich auf folgende drei Weisen. Entweder sind alle Mitglieder der Gesellschaft
verbunden, alle Kraft und Zeit lediglich auf Arbeit für die ganze Familie
aufzuwenden, so dass sie durchaus für nichts weiter sorgen können; dagegen aber
haben auch alle ohne Ausnahme an den Gütern und Genüssen des Ganzen den gleichen
Anteil: - es ist gar nichts im Hause, das nicht für alle sei, und das nicht
auch wirklich, falls nur die Bedingung eintritt, für jeden aufgewendet werde.
Dass jeder alle seine Kraft für die Familie aufwende, habe ich gesagt: es
versteht sich, soviel er an Kraft besitzt. Es ist nicht verstattet, dass der
Eine sage: ich bin stärker als alle übrigen, leiste darum dem Ganzen mehr, und
muss eben darum auch im Genusse etwas vor den übrigen voraus haben; denn die
Vereinigung und Verschmelzung aller zu einem Ganzen ist durchaus unbedingt; -
dass dieser eben der stärkste ist, ist zufällig; wäre er der schwächste, so
würde für ihn nicht weniger gesorgt sein; oder wird er durch Zufall einst
schwach oder krank, so dass er gar nichts mehr leisten könnte, so wird immer auf
dieselbe Weise für ihn gesorgt sein. - Wäre die vorausgesetzte
Familienverbindung also organisirt, so trüge sie die absolute Form des Staats,
sowie diese der Vernunft zufolge sein soll, bestehend in der Gleichheit der
Rechte aller.
    Oder die Errichtung der vorausgesetzten Gesellschaft könnte also sein, dass
zwar vielleicht, - denn wir können diesen Punct sogar unbestimmt lassen, - dass,
sage ich, vielleicht alle ohne Ausnahme alle ihre Kraft aufzuwenden hätten; auch
keiner sei, dem nicht der Mitgenuss eines Teils dessen, was durch die
gemeinschaftliche Arbeit gewonnen wird, zugesichert wäre; dennoch aber etwa das
Edelste und Kostbarste dieses Ertrages der gemeinschaftlichen Kraft nur einigen
welligen zu Teil würde, und die übrigen vom Mitgenusse desselben ausgeschlossen
blieben. Es würde sich in diesem Falle ergeben, dass die ausgeschlossenen bei
ihrer Kraftanwendung nur zum Teil für das Ganze, zum Teil aber nicht für
dasselbe, zu welchem sie ja auch gehören, sondern nur für die wenigen
Begünstigten gearbeitet hätten; und dass sie sonach, zwar nicht durchaus, aber
doch in dieser letzteren Rücksicht, blosses Mittel für den Zweck dieser anderen
wären. Diese Einrichtung würde die zweite mögliche Form des Staats vorstellen:
die Gleichheit zwar des Rechts aller, keinesweges aber ihrer Rechte. Endlich
konnte man sich die Verbindung also denken, dass mehrere Mitglieder mit allen
ihren Kräften arbeiteten, um einen stehenden und festen Vermögenszustand
hervorzubringen; einige andere aber weder selbst Hand anlegten, noch auch die
Arbeit jener leiteten, oder auf irgend eine Weise sich darum bekümmerten; - -
nur dass sie von Zeit zu Zeit kämen, und von den verarbeiteten Gütern so viel an
sich rissen, als ihnen etwa leicht zugänglich wäre und gelüstete; ganz nach
eigener Willkür, höchstens darauf sehend, dass die arbeitende Gesellschaft nicht
ganz zu Grunde ginge; zu welcher Vorsicht jedoch sie abermals keiner zwingen
könnte. Dieser Zustand der Gesellschaft trüge die Form der ersten Stufe der
Entwickelung des Staats: die absolute Untertänigheit der mehreren unter den
eigenliebigen Zweck der wenigeren, und die absolute Rechtslosigkeit aller. -
Dies wäre ein Bild der aufgezählten möglichen drei Grundformen der
Staatsverfassung.
    Von dieser Staatsverfassung, und der durch sie geforderten persönlichen und
bürgerlichen Freiheit, unterschieden wir streng die Regierungsverfassung, und
die mit ihr zusammenhängende politische Freiheit. Auch dasjenige, was wir über
das Letzte beibrachten, lässt an unserem aufgestellten Bilde sich deutlich
machen. - Nemlich alle durch die vorausgesetzte Familienverbindung vereinigten
Kräfte sollten auf Erreichung des gemeinsamen Zwecks der ganzen Verbindung
gerichtet werden. Dies kann nur dadurch geschehen, dass ein einiger Wille ihrer
aller Kraftanwendung leite, - bestimme, was für die Zwecke der Gesellschaft
jedesmal zuerst geschehen solle, und was hernach, was unausbleiblich geschehen
müsse, und was allenfalls, wenn Zeit und Kraft nicht hinreichten, unterlassen
werden könne: - ein Wille, welcher jeden an seinen Platz stelle, damit seine
Kraftanwendung die der übrigen nicht störe, sondern unterstütze; - ein Wille
endlich, dem jedes Individuum, in Rücksicht seiner Kraftanwendung für die Zwecke
der Gesellschaft, seinen eigenen Willen unbedingt unterwerfe. Woher soll nun
dieser Eine, den Willen Aller leitende Wille kommen? - Entweder alle nur
mündigen Mitglieder der Gesellschaft versammeln sich, so oft es einer neuen
Bestimmung über das Interesse der Gesellschaft bedarf; jeder ohne Ausnahme sagt,
so gut er es versteht, seine Meinung über die vorliegende Frage; und nach einer
hinreichenden allgemeinen Ueberlegung entscheidet die Mehrheit der Stimmen:
welcher Entscheidung von nun an jeder sein unseres Handeln unterwerfen muss, -
was er nun auch von der Richtigkeit derselben im Herzen denken möge. Ist die
Gesellschaft so eingerichtet, so hat, dem Rechte nach, jeder den gleichen
Anteil an dem Ermessen des gemeinsamen Zwecks, welches Ermessen im Staate die
Regierung heisst: und es ist sodann diejenige Freiheit, welche in Beziehung auf
den Staat die politische genannt wild, dem Rechte nach unter alle gleich
verteilt. - Dem Rechte nach, habe ich, sowie in der vorigen Rede in Beziehung
auf den Staat, so hier in Beziehung auf die fingirte Familienverbindung allemal
mich ausgedrückt: denn, falls etwa jemand wäre, der nie den übrigen
einleuchtende Gedanken über das Beste des Ganzen hätte, oder die, welche er
hätte, nur nicht darzustellen vermöchte: so würde er in der Wirklichkeit selten
oder nie Einfluss auf die Bestimmung des endlichen Beschlusses haben; aber er
wäre von diesem Einflusse keinesweges durch das Recht, sondern nur durch seine
eigene Unfähigkeit ausgeschlossen.
    Oder der zweite Fall: - die Gesellschaft hat einem Ausschusse von wenigen
Mitgliede, oder auch wohl einem einzigen Mitgliede, die Oberaufsicht und Leitung
des Ganzen übertragen; so folgt aus dieser Uebertragung: dass sie selbst alles
eigenen Ermessens und Urteilens über die Verwaltung - es versteht sich so, dass
nach diesem Ermessen wirklich gehandelt werde; denn bei sich selber denken, und
allenfalls auch reden, mögen sie was sie wollen - dass sie, sage ich, sich alles
eigenen Ermessens und Urteilens über die Verwaltung begeben, und dem Willen
ihres bevollmächtigten, Ausschusses oder einzelnen Mitgliedes, ihren wirklich
tätigen Willen unbedingt unterworfen haben. Bei dieser Verwaltungsweise des
Gesellschaftszweckes findet nun das, was im Staate politische Freiheit heisst,
durchaus nicht statt, sondern in dieser Rücksicht nur Untertänigkeit. Dennoch
ist, wenn nur alle ohne Ausnahme an allen Gütern der Gesellschaft den gleichen
Anteil haben, und wirklich nach der bestmöglichsten Einsicht alle Kräfte auf
diesen gemeinsamen Genuss aller, keinesweges aber auf irgend einen Privatgenuss
gerichtet werden, die Einrichtung der Gesellschaft völlig rechtsgemäss; und
diese Gesellschaft hat durch die Uebertragung der Verwaltung an wenige oder
Einen nichts verloren, sondern vielmehr gewonnen, indem so viele Mitglieder, die
ohnehin nichts zum gemeinen Nutzen taugliches in der Versammlung vorgebracht
haben würden, gar nicht mehr genötigt sind, mit Besuchung derselben ihre Zeit
zu verlieren, sondern statt dessen ruhig fortfahren können, dasjenige zu
treiben, was sie verstehen.
    Soviel als gegenwärtig durch das aufgestellte Bild erläutert werden sollte,
haben wir in der vorigen Rede über die Form des Staats, oder über die Frage, was
dazu gehöre, dass nur überhaupt ein Staat sei, beigebracht. Aber, setzten wir
damals hinzu, ein besonderer Staat, oder der Staat in einem besonderen Zeitalter
ist auch danach zu bestimmen, ob und inwiefern der wahre Zweck aller Staaten, -
oder, im Gegensatze mit der Form, ob und inwieweit das Materiale des Staats in
ihm erreicht werde. Auch dieses Materiale des Staats müssen wir weiter erörtern,
ehe wir die historische Ableitung beginnen können: wie der Staat allmählig auf
diejenige Stufe gekommen, auf der er, unseres Erachtens, gegenwärtig steht.
    Der Zweck des Staats ist, wie schon in der letzten Rede angezeigt worden,
kein anderer, als der der menschlichen Gattung selber: dass alle ihre
Verhältnisse nach dem Vernunftgesetze eingerichtet werden. Nun wird der Staat
erst nach dem Zeitalter der Vernunftwissenschaft, in dem der Vernunftkunst,
diesen Zweck mit klarem Bewusstsein sich denken. Bis dahin fördert er ihn
immerfort ohne sein eigenes wissen oder besonnenes Wollen; - getrieben durch das
Naturgesetz der Entwicklung unserer Gattung, und indes er einen ganz anderen
Zweck im Gesichte hat; an welchen seinen Zweck die Natur jenen ersten, den der
gesammten Gattung, unabtrennlich gebunden. Der erwähnte eigene und natürliche
Zweck des Staats in den früheren Epochen, vor dem Zeitalter der
Vernunftwissenschaft, ist, gerade wie bei einzelnen densellen der der
Selbsterhaltung; darum, da ja der Staat nur in der Gattung besteht, die
Erhaltung der Gattung, und, da die Gattung fortschreitend sich entwickelt, die
Erhaltung derselben auf jeder Stufe ihrer Entwickelung: beides zuletzt Genannte,
ohne dass der Staat es sich deutlich denkt. Mit Einem Worte: der Zweck des
Staats, sich selbst zu erhalten, und der Zweck der Natur, die menschliche
Gattung in die äusseren Bedingungen zu versetzen, in denen sie mit eigener
Freiheit sich zum getroffenen Nachbilde der Vernunft machen könne, fallen
zusammen; und indem auf die Erreichung des ersteren hingearbeitet wird, wird
zugleich der letztere erreicht.
    Lassen Sie uns dieses im Einzelnen zeigen.
    In der Mischung aus ursprünglicher Cultur und aus ursprünglicher Wildheit, -
aus welcher Mischung nach obigem die allein einer Entwickelung fähige
menschliche Gattung besteht, - ist der allererste und nächste Zweck der: dass
die Wilden cultivirt werden. Wiederum, wo es auch nur zu den ersten Anfängen
eines Staats gekommen, dass Freie anderen Freien auf Bestand und nach einer
Regel unterworfen werden, da ist schon Cultur: - künstliche nämlich, und durch
Cultivirung hervorgebrachte, keinesweges etwa die ursprüngliche des Normalvolks,
von der wir hier nicht reden; - und wir können deswegen den Staat, besonders den
in jedem Zeitalter als Staat vollkommensten, zugleich als den Sitz der höchsten
Cultur desselben Zeitalters betrachten. Mit den Zwecken dieser Cultur steht nun
die Wildheit allentalben, wo sie mit ihnen zusammentrifft, im Widerspruche und
bedroht unaufhörlich die Erhaltung des Staats; der Staat befindet sich demnach
schon durch den Zweck seiner Selbsterhaltung in natürlichem Kriege gegen die ihn
umgebende Wildheit, und ist genötigt, ihr soviel Abbruch zu tun, als er immer
kann; welches letztere gründlich nur dadurch möglich ist, dass er die Wilden
selber in Ordnung und unter Gesetz bringe, und insofern sie cultivire. Der Staat
befördert sonach, nichts denkend als sich selber, dennoch mittelbar den
allerersten Zweck der menschlichen Gattung. Dieser natürliche Krieg aller
Staaten gegen die sie umgebende Wildheit ist für die Geschichte sehr bedeutend;
fast er allein ist es, der ein lebendiges und fortschreitendes Princip in
dieselbe bringt; wir werden auf dieses Princip zurückkommen, und ich ersuche
daher, es zu merken. - Selbst alsdann, nachdem das allgemeine Reich der Cultur
so mächtig geworden, dass es von der auswärtigen Wildheit nichts mehr zu
befürchten hat - nachdem es vielleicht durch weite Meere davon getrennt ist -,
wird dennoch dieses Reich die Wilden, die zu ihm nicht mehr kommen können,
selber aufsuchen, getrieben durch seine eigene innere Bedürftigkeit - um die von
jenen nicht gebrauchten Producte ihrer Länder oder ihren Boden an sich zu
nehmen, oder selbst ihre Kräfte, teils unmittelbar durch Sklaverei, teils
mittelbar durch einen bevorteilenden Handel, sich zu unterwerfen. So ungerecht
diese Zwecke auch an sich erscheinen mögen, so wird dennoch dadurch der erste
Grundzug des Weltplans, die allgemeine Verbreitung der Cultur, allmählig
befördert; und nach derselben Regel wird es unablässig so fortgehen, bis das
ganze Geschlecht, das unsere Kugel bewohnt, zu einer einzigen Völkerrepublik der
Cultur zusammengeschmolzen sei.
    Ein zweiter notwendiger Zweck der menschlichen Gattung ist der: dass die
sie umgebene und auf ihre Existenz, so wie auf ihr Handeln, Einfluss habende
Natur ganz. und vollkommen unter die Botmässigkeit des Begriffs gebracht werde.
Keine Naturgewalt soll schaden, - soll die Zwecke der Cultur stören, oder die
Resultate solcher Zwecke vernichten können; jede ihrer Äusserungen soll sich im
voraus berechnen lassen, und es sollen Vorkehrungsmittel gegen die Verletzung
von ihnen vorhanden und bekannt sein. Alle brauchbare Naturkraft soll genötigt
werden können, ganz nach der Absicht der Menschen und zum Nutzen derselben sich
zu äussern. Die eigene Kraft des Menschen soll durch zweckmässige Verteilung
der nötigen Arbeitszweige unter mehrere, deren jeder nur Eines, aber dieses
recht lerne, durch Naturwissenschaft und Kunst durch schickliche Werkzeuge und
Maschinen bewaffnet und über alle Naturgewalt erhöhet werden: so dass ohne viel
Zeit- und Kraftaufwand alle irdischen Zwecke des Menschen erreicht werden, und
er Zeit übrig behalte, um seine Betrachtung in sein Inneres und auf das
Ueberirdische zu wenden. Dies ist der Zweck der menschlichen Gattung als
solcher.
    Der Staat, je grösser der Teil der Kraft und der Zeit seiner Bürger ist,
die er für seinen Zweck der Selbsterhaltung bedarf und in Anspruch nimmt, und je
inniger er seine Mitglieder zu durchdringen und sie zu seinen Werkzeugen zu
machen strebt; je mehr muss er, da er doch die physische Existenz seiner Bürger
wollen muss, die Mittel dieser Existenz durch Erhöhung der beschriebenen
Herrschaft über die Natur zu erweitern suchen: - er muss sonach alle die
vorhergenannten Zwecke der Gattung um seines eigenen Zweckes willen zu seinen
Zwecken machen. Er wird somit - wie man gewöhnlich diese Zwecke ausspricht, -
die Industrie zu beleben, die Landwirtschaft zu verbessern, Manufacturen,
Fabriken, das Maschinenwesen zu vervollkommnen, Erfindungen in den mechanischen
Künsten und in der Naturwissenschaft zu ermuntern suchen. Möge man immer
glauben, dass er dieses alles nur darum tue, um die Auflagen vermehren und eine
grössere Armee halten zu können; - mögen sogar die Regierenden selber,
wenigstens dem grösseren Teile nach, keines höheren Zwecks sich bewusst sein; -
dennoch befördert er ohne alles sein Wissen den angezeigten Zweck der
menschlichen Gattung, als Gattung.
    Der äussere Zweck jener Herrschaft der Gattung über die Natur ist, wie wir
schon in einer unserer ersten Reden erinnert, wiederum ein doppelter: entweder
nämlich soll die Natur bloss dem Zwecke unserer sinnlichen, leichteren und
angenehmeren Subsistenz unterworfen werden, - welches die mechanische Kunst
gibt; oder sie soll dem höheren geistigen Bedürfnisse des Menschen unterworfen,
und ihr das majestätische Gepräge der Idee aufgedrückt werden, - welches die
schöne Kunst gibt. Ein Staat, der noch für seine Selbsterhaltung vieles zu
fürchten hat und grosser Anstrengungen bedarf, um diese zu sichern, wird zwar,
wenn er auch nur zu den allerersten Einsichten in seinen wahren Vorteil
gekommen, die mechanische Kunst, in dem weiteren Sinne, den wir diesem Ausdrucke
oben gegeben, auf alle Weise befördern: da er aber dieses tut, lediglich, um
einen recht grossen Überschuss von Volkskraft für den Zweck seiner eigenen
Sicherheit zu Gebote zu haben, so wird er diesen Überschuss auch lediglich für
diesen Zweck anwenden, und für planmässige und allgemeine Beförderung der
schönen Kunst, - oder auch wohl noch höherer Zwecke der Menschheit, - gar wenig
übrig behalten. Erst nachdem der Staat, eben um seiner Selbsterhaltung willen,
seinen Bürgern die Natur für den mechanischen Gebrauch unterworfen, und diese
Bürger selbst im höchsten und gleichen Grade zu seinen Werkzeugen gemacht; -
nachdem ferner das gesammte Reich der Cultur zu dem der Wildheit, und die
besonderen Staaten in welche das erstere geteilt sein mag, zu einander in ein
solches Verhältnis gekommen sind, dass keiner mehr ängstlich um seine
äusserliche Sicherheit besorgt sein dürfe; - erst alsdann entsteht die Frage:
worauf der bei der mechanischen Bearbeitung der Natur entbehrliche Überschuss
von Volkskraft, der bisher der Sicherheit des Staats aufgeopfert wurde, und der,
sowie alle Bürger, gänzlich in der Botmässigkeit des Staats ist, gerichtet
werden solle? und es gibt keine andere Antwort auf diese Frage, als: dass er
der schönen Kunst geweiht werden solle. Während des Krieges vermag die Kunst
kaum aufzuleben, viel weniger aber unaustilgbar und nach einem sicheren Plane
fortzuschreiten: Krieg aber ist nicht nur, wenn Krieg geführt wird, sondern die
allgemeine Unsicherheit aller vor allen, und die daraus erfolgende immerwährende
Bereitschaft zum Kriege, ist auch Krieg, und hat. für das Menschengeschlecht
fast dieselben Folgen, als der geführte Krieg. Nur der wirkliche, d.h. der
ewige, Friede wird die Künste, so wie wir dieses Wort verstehen, gebären.
    Erst nachdem der Staat vollkommene äussere Sicherheit haben wird, sagte ich,
wird ihm die Frage entstehen: worauf die, für seine bisherigen Zwecke,
überflüssige Volkskraft gerichtet werden solle? Offenbar ist auch diese Frage
eine durch den Zweck seiner Selbsterhaltung ihm aufgenötigte Frage; in. dem er
von einer so beträchtlichen Kraft, welche ungeleitet und unberechnet wäre,
dennoch aber unmöglich ganz ruhen könnte, nur Störungen und Hindernisse in
seinen berechneten Planen, demnach die Aufhebung des bisher bestandenen inneren
Friedens zu erwarten hätte, - und so zeigt es sich denn: wie in allen
angeführten Rücksichten der Staat unter einer höheren, ihm vielleicht
verborgenen Leitung stehe, und wie er, indes er nur seinen eigenen Zweck der
Selbsterhaltung zu befördern glaubt, dennoch den höheren Zweck der Entwickelung
des Menschengeschlechtes befördere.
    Uebrigens haben wir den letzten Punct: wie und unter welchen äusseren
Bedingungen der Staat sogar durch die Sorge für seine Selbsterhaltung genötigt
werde, die allgemeine und allen seinen Mitgliedern zugängliche schöne Kunst sich
zum Zwecke zu machen, bloss um der Vollständigkeit willen angeführt; keinesweges
aber, als ob diese Betrachtung in die Charakteristik der gegenwärtigen Zeit,
oder irgend einer ihr vorhergegangenen Zeit gehöre. Sollte diese letzte
Äusserung jemanden, der an das viele Reden von Kunst, und von Beförderung der
Kunst auch durch unsere Grossen, gedächte, befremden, so bitten wir einen
solchen, zu bedenken: dass auch uns dieses Reden wohl nicht entgangen sein möge;
dass ebensowenig uns entgangen sein könne, dass zweimal, zuerst durch einen
besonderen Zusammenfluss von Umständen, worunter besonders einer, der nie wieder
eintreten kann; ein andermal von der christlichen Kirche aus, eine Morgenröte
für die Kunst angebrochen, deren Strahlen noch bis auf den heutigen Tag in
Nachbildungen fortleuchten; dass aber demohngeachtet das Wort: schöne Kunst, und
besonders über die ganze Nation und alle Arbeitszweige derselben zu verbreitende
schöne Kunst, bei uns eine andere Bedeutung haben dürfte, als die gewöhnliche: -
über welche Bedeutung die ausführliche Rechenschaft zu geben, die zum
Verständnisse erfordert würde, wir hier weder die Aufforderung haben, noch die
Zeit.
    Bis hierher und nicht weiter erstreckt sich die besonnene Beförderung des
Vernunftzweckes durch den Staat, indes er nur seinen eigenen Zweck zu befördern
scheint. Die höheren Zweige der Vernunftcultur: Religion, Wissenschaft, Tugend,
können nie Zwecke des Staates werden. Nicht die Religion: von der
abergläubischen Furcht vor der Gotteit. als einem menschenfeindlichen Wesen,
welche wohl die alten Völker auf den Gedanken brachte, dieselbe auch im Namen
der Nation zu versöhnen, und so Nationalreligionen zu errichten, - ist hier
nicht die Rede. Die wabre Religion ist so alt als die Welt, und darum älter als
irgend ein Staat. Es lag in den Veranstaltungen der über die Entwickelung
unseres Geschlechtes wachenden Vorsehung, dass diese wahre Religion zu rechter
Zeit aus der Verborgenheit, in der sie bisher aufbewahrt worden, wieder
hervorging und über das Reich der Cultur sich verbreitete; schon im voraus
versehen mit dem Anspruche, dass der Staat über sie keine Gewalt habe; und den
Regierenden als Bedingung ihrer Aufnahme in den Schoss dieser Religion
anmutend die Anerkenntniss, dass sie Gott unterworfen, und vor ihm mit jedem
ihrer Untertanen ganz gleich seien; anheimfallend in Rücksicht ihrer
Aufbewahrung und Verbreitung einer insofern vom Staate völlig unabhängigen
Gesellschaft, der Kirche. Hierbei muss es nun notwendig bleiben, eben weil die
Regierenden sich selber von dem Bedürfnisse der Religion nie ausschliessen
können: und hierbei wird es bleiben bis ans Ende der Tage. - Ebensowenig kann
die Wissenschaft jemals ein Zweck des Staates werden. Es ist in dieser Rücksicht
zuvörderst dasjenige, was Einzelne, Regierende oder Teilnehmer an der
Regierung, aus eigener Vertrauteit und Interesse an Wissenschaft oder Kunst für
dieselben tun, als Ausnahme von der Regel abzuziehen. Was aber den
fortdauernden Gang und die Regel anbetrifft, so muss dem Staate, je mehr er
seine Form verbessert und den Bürger vollständig zu seinem Werkzeuge macht, die
strenge Wissenschaft, - weit über das gewöhnliche Leben erhaben, und auf
dasselbe unmittelbar nicht einfliessend, - gerade umsomehr fremde werden, und
ihm sogar als unnütze Vergeudung einer Kraft und einer Zeit erscheinen, die in
seinem unmittelbaren Dienste weit besser angebracht würde; - und immermehr wird
die Benennung: blosse Speculation, das sichere Zeichen der Verwerfung werden.
Zwar würde sich leicht erweisen lassen, dass keiner ein überall brauchbarer und
allenfalls über das Hergebrachte auch zum Neuen herauszugehen vermögender
Staatsdiener sein könne, der nicht erst in der Schule der ernsten Wissenschaft
gebildet worden. Aber diese Einsicht setzt entweder den Besitz der Wissenschaft
selber, oder, falls es an diesem mangelt, eine Selbstverläugnung voraus, die
sich nicht füglich anmuten lässt. Bei dieser Tage der Sachen ist die strenge
Wissenschaft glücklich genug, wenn sie: entweder durch eine Inconsequenz, oder
durch die Hoffnung, dass über kurz oder lang die dürre Speculation doch zu
mancher nützlichen Erfindung fuhren werde, oder unter dem Schutze der Kirche,
oder etwa, da doch jederman gern lange leben und gesund sein will, unter dem
Schutze der Heilkunde, - vom Staate geduldet wird.
    Endlich, auch die Tugend kann kein Zweck des Staates sein. Die Tugend ist
der dauernde, ohne alle Ausnahme waltende gute Wille, die Zwecke der
menschlichen Gattung aus allen Kräften zu befördern, und besonders im Staate sie
auf die von ihm angewiesene Weise zu befördern; die Lust und Liebe zu solchem
Tun, und ein unüberwindlicher Widerwille gegen alles andere Handeln. Der Staat
aber, in seiner wesentlichen Eigenschaft als zwingende Gewalt, rechnet auf den
Mangel des guten Willens, sonach auf den Mangel der Tugend und auf das
Vorhandensein des bösen Willens; und will durch die Furcht vor der Strafe den
ersteren ersetzen den Ausbruch des letzteren unterdrücken. In dieser Sphäre
streng sich haltend, braucht er auf Tugend nie zu rechnen, noch dieselbe für
Erreichung seiner Zwecke in Anschlag zu bringen. Wären alle seine Mitglieder
tugendhaft, so verlöre er seinen Charakter als zwingende Gewalt gänzlich, und
würde bloss der Leiter, Führer und treue Rat der Willigen.
    Dennoch befördert der Staat, - und zwar ohne es sich deutlich gedacht oder
nur unter einer anderen Gestalt verdeckt, ausdrücklich zum Zwecke zu machen, -
durch sein blosses Dasein die Möglichkeit der allgemeinen Entwickelung der
Tugend unter dem Menschengeschlechte dadurch, dass er äussere gute Sitte und
Sittlichkeit, welche freilich noch lange nicht Tugend ist, hervorbringt. Unter
einer alle Vergebungen gegen das äussere Recht der Mitbürger streng und ohne
Ausnahme systematisch umfassenden Gesetzgebung und einer Verwaltung, welcher nie
oder höchst selten die wirkliche Vergebung verborgen und ohne die bestimmte,
durch das Gesetz angedrohte Strafe bleibt, wird jeder Gedanke der Vergebung, als
ohnedies vergeblich und zu nichts als zu gewisser Strafe führend, schon in der
Geburt erdrückt. Lebe die Nation nur eine Reihe von Menschenaltern hindurch in
Friede und Ruhe unter dieser Verfassung; werden neue Generationen, und die von
ihnen wiederum abstammenden Generationen, in derselben geboren, und wachsen auf
wachsend in sie hinein: so wird allmählig die Mode ganz ausgehen, zur
Ungerechtigkeit auch nur innerlich versucht zu werden; und die Menschen werden
ruhig und rechtlich ohne die äussere Erscheinung auch nur des mindesten bösen
Willens untereinander leben; gleich als ob alle von Herzen tugendhaft wären, -
da es doch vielleicht nur das dermalen freilich ruhende Gesetz ist, welches sie
bändigt, und wir im Momente, da dieses aufgehoben würde, ganz andere
Erscheinungen erblicken würden.
    Man befürchte nicht mit gewissen Vernünftlern, die sich auch wohl
Philosophen nennen, und welche die Tugend nur als einen blossen Gegensatz kennen
und nur dem Laster gegenüber sie zu denken vermögen, - dass in einem solchen
Zustande gar keine Tugend mehr möglich sein werde. Meinen diese die äussere
Handlung in der Gesellschaft, welche über das Gebot noch hinausgeht, und welche
vielleicht aus innerer Tugend, vielleicht auch aus anderen Quellen entspringen
kann; so haben sie ganz recht: im vollendeten Staate findet der Tugend. hafte
alles auf die Gesellschaft sich Beziehende, was er liebt und allein zu tun
begehrt, auch schon äusserlich geboten, und alles, was er verabscheut und nie
tun möchte, auch schon äusserlich verboten; in diesem Staate lässt sich über
das Gebotene nie hinausgehen, und es ist in ihm aus der äusseren Handlung nie zu
ermessen, ob jemand aus Liebe des Guten, oder ob er aus Furcht der Strafe und
mit Widerwillen recht handle. Aber dieser äusseren Anerkennung bedarf auch die
Tugend nicht; sie beruht in der Liebe zum Guten ohne alle Rücksicht darauf, dass
es geboten ist, und in dem Widerwillen gegen das Böse ohne alle Rücksicht
darauf, dass es verboten ist: sie genüget sich selbst, und ist im eigenen
Bewusstsein selig.
    Und so ist es denn immer zuzugestehen, dass durch die Vollendung aller
Verhältnisse der menschlichen Gattung, und insbesondere durch die Vollendung des
alle übrigen Verhältnisse umschliessenden Staates, alle freiwillige Aufopferung,
aller Heroismus, alle Selbstverläugnung, kurz alles, was wir an dem Menschen zu
bewundern pflegen, aufgehoben wird, und nur die Liebe des Guten, als das einige
Unvergängliche, übrigbleibt. Zu dieser Liebe kann der Mensch nur mit Freiheit
sich erheben; oder vielmehr, die Flamme derselben entzündet ganz von selbst sich
in jedem Gemüte, welches nur erst die Liebe des Bösen rein aus sich austilgte.
Der Staat kann die Entwickelung dieser Liebe dadurch, dass er die
entgegengesetzte Liebe des Bösen tief in das geheimste Innere der Brust
zurückscheucht und ihr durchaus keine Vorteile verstattet, sondern eitel
Nachteil ihr zuwiegt, - lediglich erleichtern. In wessen Gemüte diese Flamme
der himmlischen Liebe sich entzündet, der schwebet, so gebunden er auch
äusserlich erscheine, dennoch innerlich frei und selbstständig selbst über dem
Staate; nicht dieser gibt dem Willen desselben das Gesetz, sondern sein Gesetz
stimmt nur zufällig, und weil es das vollkommene Gesetz ist, mit dem Willen
desselben überein. Diese Liebe, so wie sie das einige Unvergängliche ist und die
einige Seligkeit, so ist sie auch die einige Freiheit; und nur durch sie wird
man der Fesseln des Staates, so wie aller anderen Fesseln, die uns hienieden
drängen und beengen, erledigt. Wohl den Menschen, dass sie für diese Liebe nicht
die nur langsam sich vorbereitende Vollendung des Staates zu erwarten haben,
sondern in jedem Zeitalter und unter allen Umständen jedes Individuum sich zu
ihr erheben kann!
 
                               Zwölfte Vorlesung
    [Wie der Staat in Mittelasien entstanden sei, und in Griechenland und Rom
    zur Gleichheit des, Rechts Aller, als seiner zweiten Grundform, sich
    heraufgebildet habe. Vereinigung aller vorhandenen Cultur zu Einem Staate im
    römischen Reiche.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Um die Lösung unseres eigentlichen Problems: auf welcher Stufe seiner
Ausbildung der Staat in unserem Zeitalter stehe? - vorzubereiten, ist in den
beiden vorigen Reden überhaupt im allgemeinen, und lediglich philosophirend
gezeigt worden, was der Staat seiner Form so wie seinem Materiale nach sei; auch
durch welche Stufen und Mittelglieder hindurch er allmählig zu seiner
Vollkommenheit vorwärtsschreite. Diese Schilderung konnte nicht anders, als
trocken sein, und nur in Beziehung auf ihren Zweck, - das Nachfolgende
verständlich zu machen, ein Interesse haben. Jetzt haben wir dieses allgemeine
Gemälde durch Erinnerung an wirkliche Begebenheiten zu beleben: alles in der
Absicht, um Sie dadurch zu leiten, dass Sie selber entdecken, was denn
eigentlich in der Einrichtung und Verwaltung der gegenwärtigen Staaten neu sei
und vorher nie dagewesen, und worin somit der politische Charakter unseres
Zeitalters vor allen anderen Zeitaltern bestehe. Ueber unsere Ansicht und
Behandlungsart der Geschichte haben wir schon früher in einer eigenen Rede uns
sattsam erklärt: aus welcher Rede wir hier nur dieses Eine wiederum in
Erinnerung zu bringen für nötig finden, dass unsere Bemerkungen über die
Geschichte keinesweges selbst historische Behauptungen zu sein begehren, sondern
sich bescheiden bloss Fragen und Aufgaben zu stellen an die wirklich historische
Untersuchung. Als neue Beschränkung, setzen wir nur noch hinzu, dass wir uns
lediglich an den einfachen, rein bis zu uns herablaufenden Faden der Cultur
halten werden; fragend eigentlich nur unsere Geschichte, die des cultivirten
Europas, als des dermaligen Reiches der Cultur, liegenlassend andere
Nebenzweige, die freilich von einer gemeinsamen Quelle mit uns ausgegangen sein
mögen, die aber dermalen nicht wieder zum gemeinschaftlichen Ursprunge
zurückgekehrt und auf uns unmittelbar eingeflossen sind, z.B. die Nebenzweige
der chinesischen und indischen Cultur.
    Als der erste Anfang aller Staatsverbindung wurde angegeben die Begebenheit,
da zuerst Freie dem Willen anderer Freien bis auf einen gewissen Grad und in
einer gewissen Rücksicht unterworfen wurden. Wie und auf welche Weise hat es nun
je auch nur zu dieser Unterwerfung kommen können? ist die erste Frage, die sich
hierbei uns aufdrängt. Diese Frage hängt zusammen mit der über die Entstehung
der Ungleichheit unter den Menschen, welche in unserem Zeitalter so berühmt
geworden, und die wir keinesweges so lösen werden, wie sie ein besonders dadurch
sehr berühmt gewordener Schriftsteller gelöset hat.
    Nach unserem früher aufgestellten und in der strengen Philosophie scharf zu
erweisenden Systeme gab es gleich ursprünglich die höchstmöglichste Ungleichheit
unter den Menschen: zwischen dem als reinem Abdrucke der Vernunft durch sein
blosses Dasein existirenden Normalvolke, und den wilden und rohen Stämmen. Auf
welche Weise diese beiden Grundingredientien unseres Menschengeschlechtes zuerst
gemischt worden, darüber wolle man in keiner Geschichte Nachricht suchen; denn
die Existenz einer Geschichte setzt die Mischung schon als geschehen voraus. Im
Zustande dieser Mischung erhält selbst der der Urcultur teilhaftige Abkömmling
des Normalvolkes die Anforderung und Aufgabe einer ganz neuen, und in jener
ersten Cultur nicht notwendig liegenden Cultivirung; nämlich, der Ausbildung
der Fähigkeit, seine Cultur mitzuteilen, und sich Einfluss und mächtige
Wirksamkeit zu verschaffen. Es folgt gar nicht, dass alle solche Abkömmlinge in
dieser ganz neuen Kunst die gleichen Fortschritte machen, oder auch nur alle
derselben fähig sein werden; sondern jeder Einzelne wird, wie es sein
individueller Charakter mit sich bringt, diese Kunst in sich entwickeln: es
folgt ebensowenig, dass diejenigen, welche hier zurückbleiben und ihrer Unschuld
und Unbefangenheit sich nicht so leicht erledigen können, deswegen schlechter
sind als jene andere, denen es leicht wird, in die Krümmungen und Irrwege
verdorbener Stämme hineinzugehen oder Gewalt gegen sie zu gebrauchen; aber das
folgt, dass die letzteren, und keinesweges die ersteren, raten, leiten und
herrschen werden, - sogar mit dem guten Willen der ersteren, die ihnen, bei der
einmal vorhandenen Lage der Dinge, dieses Vorrecht nicht beneiden, und sich
selbst in die Stille und Verborgenheit zurückziehen.
    Es kommt hierzu noch ein äusserer, unseres Erachtens in der Geschichte
höchst wichtiger Umstand: der Besitz der Metalle und der Kunst ihrer
zweckmässigsten Anwendung; - der Metalle, sage ich, und ersuche dabei doch ja
nicht an Geld zu denken. Wie die Kenntnis dieser Metalle zuerst entstanden, und
wie dieselben aus dem Schoss der Erde hervor und in die wohl nicht zu
erwartende neue Gestalt, die sie durch die Kunst annehmen, übergegangen seien,
darüber hat unseres Erachtens keine Geschichte in Nachdenken sich zu ermüden;
jene Kenntnis war ohne Zweifel eher als alle Geschichte, und so lange als die
Welt ein Besitz des Normalvolkes: welchen Besitz nur, nach der geschehenen
Vermischung der Geschicktere ganz anders zu gebrauchen wusste, als der
Unbefangene. Welchen Wert diese Metalle durch ihre Dauerhaftigkeit, durch ihre
Zweckmässigkeit, die schwache menschliche Kraft zu bewaffnen, - durch ihre
Verborgenheit erhalten mussten; und besonders, welche Furchtbarkeit in den
Händen dessen, der sie zuerst in tödtende Waffen umwandelte, leuchtet von selbst
ein. Sind doch Metalle vom Beginn der Geschichte an die allgemein gesuchte
Waare; sind sie doch bis diesen Tag das Kostbarste, was die Gesitteten den
Wilden bringen können; ist doch die Vervollkommnung der Waffen und die
Verfertigung zweckmässiger oder neuer Mordwerkzeuge aus Metallen das wahrhaft
entwickelnde Princip unserer ganzen Geschichte!
    Vermittelst dieser beiden aufgestellten Principien konnte nun in den
Ländern, durch welche zuerst das Normalvolk zerstreut wurde, - fürs erste noch
unvermischt mit den Wilden, obwohl von ihnen umgeben, - die Unterwerfung der
Einwohner unter Einen oder wenige Anführer entstehen. Wären sie auch anfangs
lediglich zum Kriegführen, mit dargebotenen Waffen gegen die wilden Tiere oder
wilde, den Zwecken der Cultur noch nicht unterworfene Menschen, vereinigt
worden; die Vereinigung blieb auf den Fall, dass das Bedürfnis eines solchen
Krieges wiederum eintrete. Der Regent hatte nicht nötig, für die Erhaltung der
Unterworfenen sonderliche Sorge zu tragen; diese, selber vom Stamme der Cultur
entsprossen, konnten, wenn sie nur äusserlichen Frieden hatten, durch sich
selbst bestehen: er hatte ebensowenig nötig, ihre Kraft und Arbeit sehr in
Anspruch zu nehmen, da die Verbindung nur einen vorübergehenden und leicht zu
erreichenden Zweck hatte. - Bald wurde dieses einfache Verhältnis
mannigfaltiger. Seine Fähigkeit, andere zu lenken, zu documentiren; besonders
sie durch wirkliche Beherrschung anderer zu documentiren, wurde ein Gegenstand
des Ehrgeizes: und sowie die zuerst willig sich Unterwerfenden ihre Fähigkeit
mehr entwickelten, mussten sie ihre Beherrschung durch andere mit neidischen
Augen anzusehen anfangen. So rissen sich durch gemeinschaftliche Abstammung und
Wohnsitze vereinigte Völkerschaften los vom Ganzen, und errangen auch wohl, wenn
es ihnen glückte, selber die Herrschaft über das Ganze.
    Auf diese Weise hat unseres Erachtens in dem mittleren Asien, als der Wiege
des Menschengeschlechtes für die Geschichte, der Staat begonnen. Wohl mag der
erste, der in diesem Weltteile den Willen Freier dem seinigen unterwarf, nach
dem Ausdrucke einer bekannten Urkunde, ein gewaltiger Jäger gewesen sein; nur
dass die einmal zusammengebrachte Menge hinterher noch zu anderen Zwecken, als
zu denen der Jagd gebraucht wurde. Später treten Assyrer, Meder, Perser auf, -
und welcher anderer Völkerschaften Namen noch verloren sein mögen, und
bemächtigen sich nacheinander der Oberherrschaft über ihre vorherigen
Beherrscher, sowie über die Mitbeherrschten. Von diesen herrschenden Stämmen
allein und derselben Oberhäuptern redet die Geschichte; von den Unterworfenen,
und welche nie zur Oberherrschaft gekommen, ihren Kenntnissen, ihren häuslichen
Verhältnissen, ihren Sitten, ihrer Cultur, schweigt sie: ihr Leben fliesst
verborgen und von der Staatsgeschichte ganz unbeachtet dahin. Dass aber
dieselben im wesentlichen keinesweges schlechter als ihre Herrscher, sondern
wahrscheinlich weit vorzüglicher gewesen sein mögen, beweiset die
Culturgeschichte der Juden, welche erst während ihrer Zerstreuung in diesen
Ländern ihres früheren rohen Aberglaubens erlediget und zu besseren Begriffen
über Gott und die Geisterwelt erhoben wurden; ferner die der Griechen, welche
das Erhabenste in ihrer Philosophie aus denselben Ländern erhalten zu haben
bekennen; endlich die Geschichte des Christentums, welches nach einer früher
gemachten Bemerkung, sich selbst asiatischen, nicht jüdischen Ursprung
zuschreibt. Auf die herrschenden Stämme fiel denn auch in jenem Reiche der
grösste Anteil an den öffentlichen Unternehmungen, eben so wie die Ehre
derselben; die Mitglieder der beherrschten Völker waren in der Regel
ausgeschlossen von allem Anteil an der Regierung; aber es fehlte auch viel,
dass die Regierung alle Kräfte der von ihr Beherrschten auch nur gekannt, und
noch weit mehr, dass sie dieselben ohne Rückhalt und Schonung für ihre Zwecke in
Anspruch genommen hätte. Dass der sogenannte grosse König der Perser,
Beherrscher dieses ungeheueren Landstriches und unzählbarer Nationen bei alle
dem doch ziemlich unbeholfen gewesen, beweiset die Reihe von Jahren, deren diese
Könige bedurften, um ihre Rüstung gegen Griechenland zu vollenden: und noch mehr
der beschämende Erfolg des Feldzuges.
    Diese Verfassung war unseres Erachtens der erste Anfang des Staates:
Unterwerfung freier Völker, - und für gewisse Zwecke eines herrschenden Volkes,
- doch nicht vollständige und nach irgend einer Regel einhergehende
Unterwerfung, sondern wie Bedürfnis, Leichtigkeit es zu nehmen, und ohngefähre
Gegenwart eines Satrapen oder Bassen, es an die Hand gaben; - übrigens bei
vollkommener Freiheit, allenfalls auch bei Anarchie der Untertanen, in ihren
übrigen Handlungen: mit einem Worte: Despotie, - deren Wesen keinesweges in der
Grausamkeit der Behandlung, sondern nur darin besteht, dass ein herrschender
Völkerstamm vorhanden, die beherrschten Völker von der Verwaltung
ausgeschlossen, und in Rücksicht der Weise ihrer Subsistenz ganz sich selber
überlassen seien; und dass in der Zuziehung derselben zu den Lasten der
Verbindung, sowie in der Verwaltung der Polizei und der Civilgesetzgebung, nur
Laune, keinesweges Regel herrsche, und was daraus folgt, nirgends ein
bestehendes Gesetz sei: Despotie, - so wie diese Verfassung noch in Europa am
türkischen Reiche dem Auge des Beobachters daliegt: welches Reich, bei allem
Fortschritte des Staates um dasselbe herum, noch bis diesen Augenblick in der
allerältesten Epoche der Staatsentwickelung steht.
    Einem anderen Zwecke entgegenstrebend begann der Staat in Europa: -
ursprünglich wohl nur dem Sitze der Wildheit. Nicht ganze Massen von
Abkömmlingen des Normalvolkes vermischten sich hier, sondern nur wenige, aus dem
Reiche der in Asien schon begonnenen Cultur vielleicht mit geringem Gefolge
vertrieben, und ohne Hoffnung der Rückkehr: wobei ich nur an die Namen Cekrops,
Kadmus, Pelops, und wie mancher Name noch untergegangen sein mag, erinnern will.
Mit allen Künsten und Wissenschaften der damaligen alten Welt im Oriente, mit
unverarbeitetem Metall, mit Waffen und Ackergerät, vielleicht mit brauchbaren
Sämereien, Pflanzen und Haustieren versehen, treten sie zunächst an des
nachmaligen Griechenlands Küste, unter blöde Wilde, die mit Mühe ihre Existenz
durchbrachten, die des Menschenfressens vielleicht noch nicht, der Menschenopfer
selbst nach historischen Nachrichten sicherlich noch nicht sich entwöhnt hatten;
- nur mit besseren Gesinnungen, übrigens auf dieselbe Weise, wie noch bis an
diesen Tag eine englische Colonie unter den Neuseeländern einen bleibenden
Wohnsitz nehmen könnte. Durch Geschenke, durch Mitteilung mannigfaltiger
Vorteile und Ackerwerkzeuge zur Gewinnung des Unterhaltes, durch Aufbewahrung
von Nahrungsmitteln für alle, von einer Erndte zur anderen, zogen sie diese
Wilden an sich und versammelten sie um sich her, erbauten durch sie Städte und
hielten in diesen sie zusammen, führten menschlichere Sitten ein und dauernde
Gewohnheiten, die allmählig zu Gesetzen wurden; und wurden so unvermerkt ihre
Regenten. Da diese fremden Abkömmlinge mit ihren Familien allein oder doch nur
schwach begleitet ankamen, so konnten sie keine sehr grossen Haufen übersehen
und um sich vereinigen; überdies kamen von Zeit zu Zeit andere ihresgleichen,
welche in anderen Gegenden auf dieselbe Weise Staaten errichteten; und so
geschah es, dass in diesem zuerst cultivirten Erdstriche von Europa nicht, wie
in Asien, ein grosses und ausgebreitetes Reich, sondern mehrere kleinere Staaten
nebeneinander entstanden. Der Krieg gegen die in ihren Bezirken noch
herumstreifenden und ihre Zwecke störenden Wilden konnte nicht ausbleiben: was
sich nicht hinausdrängen liess, wurde in die Knechtschaft gebracht; und so mag
in diesem Erdteile die Sklaverei entstanden sein.
    Die freien Untertanen dieser neuen Staaten, - gleich vom Anfange an gütig
behandelt, und hinterher sorgfältig unterrichtet und ausgebildet; unter der
Regierung nicht, wie in Asien, eines herrschenden Volkes, sondern grösstenteils
einer einzigen fremden Familie, welche überdies immer unter aller Augen lebte
und von allen beobachtet werden konnte: - diese Untertanen, sage ich, liessen
sich ohne Zweifel nicht alle Forderungen und Einrichtungen ihres Regenten
blindlings gefallen sondern sie wollten selbst einsehen, wie diese zum
allgemeinen Wohl abzweckten; darum musste der Regent sehr behutsam und sehr
rechtlich mit ihnen verfahren. Und aus diesen Umständen entwickelte sich denn
zuerst der scharfe Sinn für Recht: - unseres Erachtens der wahre Charakterzug
der europäischen Völkerschaften; im Gegensatze mit der religiösen Ergebung und
Erduldung, die dem Asiaten eigen ist.
    Diese regierenden Familien verloren endlich, über entlegene öffentliche
Unternehmungen, ihr Ansehen, oder sie starben aus oder wurden vertrieben: und so
konnten, da Rechtsbegriffe schon ziemlich allgemein verbreitet waren, Republiken
an die Stelle der bisherigen kleinen Königreiche treten. Die Regierungsform und
die politische Freiheit in diesen Staaten verschlägt uns hier nichts. Der
politische Volksglaube der Griechen selbst verwechselte das Wesentliche mit dem
Zufälligen, und den Zweck mit dem Mittel; ihm war König und Tyrann
gleichbedeutend, und das Andenken ihrer alten Herrscherfamilien wurde dem
Schrecken geweiht: eine Verwechselung, die bis auf uns, ihre spätesten
politischen Abkömmlinge, herabgekommen ist, und gegen welche wir hier durch die
obigen Unterscheidungen uns verwahrt haben. Dies, sage ich, verschlägt uns hier
nichts; was die Griechen eigentlich suchten, und was sie erhielten, war
Gleichheit des Rechts aller Bürger. In einem gewissen Sinne könnte man sogar
sagen: Gleichheit der Rechte, denn es gab durchaus keine durch die Constitution
begünstigte Abstammung; - aber es herrschte eine grosse Ungleichheit des
Vermögens, die zwar nur durch das Ohngefähr, keinesweges durch die Verfassung
herbeigeführt wurde, welcher aber die Verfassung nicht abzuhelfen vermochte; und
insofern war die Gleichheit der Rechte nicht.
    Auf diese Weise hat sich die oben als zweite Stufe des Staates aufgestellte
Gleichheit des Rechtes aller in Europa entwickelt, keinesweges erst
hindurchgegangen durch die erste Stufe, die der Despotie, sondern lediglich
dadurch, dass der Staat in Griechenland unter anderen Bedingungen entstand, als
unter denen er im mittleren Asien entstanden war.
    Noch in grösserem Umfange und unter höchst interessanten Umständen
entwickelte sich diese Gleichheit des Rechts in dem zweiten Lande Europens,
welches cultivirt wurde, in Italien. Hier waren unseres Erachtens die ersten
Stifter der Cultur nicht, wie in Urgriechenland, einzelne Familien, sondern
wirkliche Colonien, d.i. ein Zusammenfluss einer Menge von Familien, kommend aus
Altgriechenland. Blieben diese Colonien, sowie in Unteritalien geschah, für sich
allein, und bildeten sie aus ihren eigenen Bestandteilen geschlossene Staaten;
so war dies eben eine blosse Fortsetzung von Altgriechenland, keinesweges aber
etwas neues, und es gehört um deswillen nicht in unsere Untersuchung.
Vermischten sich aber jene Colonien mit den eingeborenen wilden Stämmen und
flossen mit ihnen zu Staaten zusammen, wie dies in Mittelitalien geschah; so
mussten daraus allerdings neue Phänomene erfolgen. Gerade durch dieselben
Mittel, wodurch die einzelnen neuen Ankömmlinge in Griechenland sich unbemerkt
der Herrschaft bemächtigten, erhielt auch hier der ganze Stamm der Colonisten
Ansehen und Gewalt unter den vereinigten Wilden, und es entstand, welche
Regierungsform auch diese Colonisten unter sich selbst eingeführt haben mochten,
dennoch in Beziehung auf die Eingeborenen eine aristokratische Regierung. Alte
einheimische Sitten, sogar bis auf die ursprüngliche Landessprache, wurden durch
die Ankömmlinge verdrängt. Die Colonisten wurden der herrschende Völkerstamm,
gerade so wie es im mittleren Asien herrschende Völker gab. Wohl hätte, ebenso
wie in Asien, daraus ein sehr ausgedehntes Reich erwachsen können, wenn nicht,
als kaum die Colonisten die zuerst unterworfenen Eingeborenen für ihre Zwecke
hinlänglich gebildet hatten, neue Colonien gekommen wären, die abermals einen
Teil der Eingeborenen sich unterwarfen. So lange nur die Aristokraten nicht zu
nahe unter den Augen der Unterworfenen wohnen mussten, - so lange nur nicht
durch Not die ersteren gedrängt wurden, den letzteren Lasten über ihr Vermögen
aufzulegen, und diese, durch dieselbe Not gedrängt, sich aufzulehnen, konnten
die Sachen in dieser Lage bleiben. Fielen diese Bedingungen weg, so musste ein
Streit beider Parteien gegeneinander ausbrechen. In einer Colonie eines aus
diesen beiden Ingredientien der mittelitalischen Völkerschaften bestehenden
Staates, in Rom nämlich, fielen die Bedingungen der Erträglichkeit jenes
Zustandes zuerst hinweg. Wir abstrahiren hier davon, dass Rom anfangs Könige
hatte: immer waren diese Könige aus den durch ganz Mittelitalien zerstreuten
aristokratischen Stämmen: sie waren im Grunde die Oberhäupter der Aristokraten,
und fielen, sobald sie an diesen sich vergriffen. Soviel aber ist klar, dass in
Rom von Anbeginn zwei Hauptklassen der Einwohner waren: die Patricier, oder die
Abkömmlinge aristokratischer Colonistenstämme, und das Volk, oder die
Abkömmlinge der Urbewohner Italiens. Diese beiden höchst ungleichen
Ingredientien sehen wir zusammengedrängt in den engen Bezirk einer Stadt, immer
einander unter den Augen bleibend; gegen die versuchte Verbreitung nach aussen
beengt durch den allgemeinen und wohl verdienten Hass der Nachbarstaaten; in
dieser Not die Aristokraten fest zusammenhaltend, begierig auf Kosten des
Volkes zu leben, das sie wie Sklaven behandeln; dieses Volk dagegen sich
auflehnend, jedoch, mit richtig europäischem Nationalsinne, nicht die
Unterdrückung der Unterdrücker, sondern nur Gleichheit des Rechts und des
Gesetzes begehrend; die Aristokraten wiederum der Kräfte desselben für die
Erhaltung des Staates gegen auswärtige Feinde bedürfend, darum im Gedränge der
Not nachgebend, was sie, wenn die Not vorüber, gern wieder zurücknahmen. Es
entstand dadurch ein viele Jahrhunderte dauernder Kampf zwischen beiden
Parteien: der damit anhob, dass die Aristokraten die Verschwägerung mit
Volksfamilien für enteiligende Befleckung erklärten, und dem Volke vermittelst
der Abläugnung seiner Fähigkeit zu den Auspicien allen Anteil an der Gotteit
absprachen; und damit endete, dass dieselben Aristokraten den Besitz der
höchsten Staatswürden mit Männern aus dem Volke teilen, und erleben mussten,
dass diese Würden von den letzteren ebenso glücklich und geschickt verwaltet
wurden, als von ihnen selber. Dennoch konnten die Aristokraten diese langen
Jahrhunderte hindurch ihre ehemaligen Vorzüge nicht vergessen, und liessen keine
Gelegenheit unbenutzt, um das Volk wiederum zu bevorteilen; welches von seiner
Seite fast nie ermangelte, auch dagegen ein Verwahrungsmittel zu finden: alles
dieses so lange, bis alle Gewalt in die Hände eines Einzigen fiel, und beide
Kämpfer auf die gleiche Weise unterjocht wurden. In diesem vielhundertjährigen
Streite des mit dem höchsten Witze versehenen Strebens nach Gleichheit des
Rechts, gegen die mit nicht geringerem Witze ausgerüstete Begierde nach
Ungleichheit, entstand eine Meisterschaft in der bürgerlichen Gesetzgebung und
in der inneren und äusseren Staatsverwaltung, und eine beinahe erschöpfende
Uebersicht aller möglichen Auswege, das Gesetz zu umgehen, wie sie vor den
Römern keine Nation besessen; so dass auch nach ihnen wir noch gar vieles in
diesem Fache von ihnen zu lernen hätten.
    Es war auch hier, und zwar auf eine höchst künstliche Weise gesichert,
Gleichheit des Rechts: keinesweges aber noch, teils wegen des rastlosen
Strebens der Aristokraten, teils durch den Zufall, den die Verfassung nicht
aufzuheben vermochte, fand Gleichheit der Rechte statt.
    Der Staat, haben wir in einer der vorigen Reden erinnert, - der Staat
betrachtet sich als das geschlossene Reich der Cultur, und steht in dieser
Qualität in natürlichem Kriege wider die Uncultur. So lange die Menschheit in
verschiedenen Staaten sich noch einseitig ausbildet, ist zu erwarten, dass jeder
besondere Staat seine eigene Cultur für die rechte und einzige hält und die
anderen Staaten geradezu für Uncultur und die Bewohner derselben für Barbaren
achtet, - und darum sich für berufen, dieselben zu unterjochen. Auf diese Weise
konnte es zwischen den drei von uns genannten Hauptstaaten der alten Zeit gar
leicht zum Kriege, und zwar zum wahren und eigentlichen Kriege, zum
Unterwerfungskriege, kommen. Was zuvörderst die griechischen Staaten betrifft,
so constituirten diese sehr bald sich als Griechen, d.h. als die durch diese
bestimmten Ansichten über Bürgerrecht und Staat, durch diese gemeinsame Sprache,
Feste und Orakel vereinigte Nation, vermittelst eines Völkerbundes und eines
unter ihnen allgemein geltenden Völkerrechtes, - zu einem einzigen Reiche der
Cultur, von welchem Reiche sie alle übrigen Völker durch den Namen der Barbaren
ausschlossen. Mochten sie auch ohnerachtet dieses Bundes in Kriege miteinander
geraten, immer doch wurden diese Kriege ganz anders geführt, als die gegen
Barbaren: mit Maass und Schonung, und nie bis zur Austilgung des Staatskörpers;
mochten auch späterhin die zwei Republiken, die den Vorrang behaupteten, sogar
in ihrer Politik in Beziehung auf das Ausland uneinig sein und sich darüber
befehden: dennoch wurden die Griechen, als sie ihre eigentliche Weltrolle
spielen sollten, durch Macedoniens Könige wiederum zu Einem Zwecke vereint. Ihre
Cultur war unmittelbar für den Staat und seine Zwecke: Gesetzgebung, Verwaltung,
Krieg zu Land und Wasser; und hierin übertrafen sie ohnstreitig ihren
natürlichen Gegner, das Reich in Asien, bei weitem. In dem letzteren wurde
verborgen, und vielleicht dem regierenden Volke selbst unbekannt, die wahre
Religion aufbewahrt: zu welcher wiederum die Griechen sich nicht zu erheben
vermochten. Was insbesondere die damals, als die Gegnerschaft zum Ausbruche kam,
herrschende Nation der Perser berechtigte, sich über die Griechen zu erheben,
ist nicht ganz klar: doch ist sicher, dass auch sie ihres Teils dieselben für
Barbaren gehalten, d.h. für solche, die an Staatskräften, und in der
Wissenschaft ihres Gebrauchs, tief unter ihnen ständen; indem ohne dies ihnen
nie hätte einfallen können, dieselben unterjochen zu wollen.
    Der Anfall erfolgte von Seiten der Griechen, und die asiatische Herrschaft
war vernichtet; welches denn auch der ersten Nation von wirklichen Bürgern
leicht sein musste, gegen ein Reich, in welchem eigentlich nur Ein Volk frei
war, und Bürger: - die übrigen blosse Untertanen, denen nach dem Falle ihrer
Vorfechter, die für die eigene Herrschaft stritten, es sehr gleichgültig sein
konnte, in wessen Hände nunmehr eine Obergewalt fiele, die sie für ihre Person
zu führen nicht gewohnt waren.
    Inzwischen hatte die errungene Oberherrschaft der Griechen über Asien
keinesweges die weiter eingreifenden Folgen, die man davon hätte erwarten
sollen: der Geist des Eroberers, der wohl allein fähig gewesen wäre, das grosse
Ganze zusammenzuhalten und nach griechischem Ideale zu gestalten, verliess seine
Hülle, und die Feldherren desselben teilten die Eroberung als einen Raub unter
sich. Da alle gleiches Recht, oder auch gleiches Unrecht, auf alles halten; so
entspannen sich endlose Kriege zwischen diesen neu entstandenen Reichen, -
abwechselnd mit Vertreibungen und Wiedereinsetzungen von Herrscherfamilien, -
wenig Zeit übriglassend für die Künste des Friedens - und entkräftend alle ohne
Ausnahme. Zugleich wurde das alte gemeinsame Vaterland, durch Auswanderung, der
jungen streitbaren Mannschaft in die Kriegsdienste dieser Könige, entvölkert und
für eigene Unternehmungen entkräftet: so dass, nach allem, der Anfang der
griechischen Oberherrschaft zugleich der Anfang des Verfalls dieses ganzen
Volkes wurde. Fast lässt kein bedeutendes Resultat dieser Begebenheit für die
Weltgeschichte sich aufstellen, als dies, dass dadurch die griechische Sprache
durch ganz Asien verbreitet wurde: - ein Haupterleichterungsmittel der
nachmaligen Verbreitung des Christentums durch Asien und von Asien aus; ferner,
dass durch diese Abschwächung in innerlichen Kriegen den Römern die Eroberung
und der ruhige Besitz aller dieser Länder sehr erleichtert wurde.
    Diese Römer nämlich waren es, welche wiederum alle bis jetzt durch die
Mischung hervorgebrachte Cultur in Einem Staate vereinigten, dadurch die ganze
alte Zeit vollendeten, und den bisher einfach herabgelaufenen Faden der
Cultivirung schlossen. In Absicht seines Einflusses auf die Weltgeschichte war
dieses Volk, mehr als ein anderes, blindes und bewusstloses Werkzeug in den
Händen des höheren Weltplans: nachdem es nur erst, durch seine eigenen oben
erwähnten innern Schicksale, zu einem sehr tüchtigen Werkzeuge sich gemacht
hatte. An Verbreitung der Cultur, bei der Unterwerfung anderer Völker, dachte es
nur nicht; seines nicht glänzenden Anfangs eingedenk, war es wohl sogar seines
wahren, aber nur allmählig und langsam entwickelten Vorzuges in der Staatskunst
sich kaum bewusst: - es begegnete den Römern wohl, dass sie ganz treuherzig sich
selbst Barbaren nannten, und die Künste und Sitten fremder Völker, mit denen sie
bekannt wurden, anzunehmen, so gut es ihre eigenen Umstände zuliessen, waren sie
stets bereit. Das Bedrängnis, anfangs von den benachbarten italiänischen
Staaten und Völkerschaften, sodann die Furcht vor den zu sehr gegen ihre Macht
vorgerückten Kartagern, hatte sie zu guten Kriegern gemacht; bei ihren innern
Händeln hatten sie schon früher die Politik gewonnen, mit der sie zum
Ueberflusse auch ihre Streitkräfte zu leiten und zu ordnen wussten. Nachdem
durch ihre Siege das Bedrängnis vom auswärtigen Feinde abgewehrt war, fingen
ihre Grossen an für sich selbst des Krieges zu bedürfen: um sich hervorzutun
und über die Menge zu erheben; um ihre in Festen für das zu beschäftigende Volk
erschöpften Schätze zu ersetzen; um die Augen der Bürger von den ununterbrochen
fortdauernden innern Machinationen der Aristokratie auf auswärtige Ereignisse
und auf Triumphzüge und gefangene Könige zu richten; der Krieg wurde fortdauernd
aus Not geführt, indem nur äusserer Krieg ihnen innern Frieden verschaffen
konnte. Auch gab es, nachdem die Eroberung des Reichs der allen Cultur durch die
Römer vollendet, neue Eroberungen aber unter Barbaren zu machen weit schwieriger
war: wirklich kein anderes Mittel, den Staat zu erhalten, als dass beide
innerlich kriegende Parteien der Herrschaft eines Einzigen unterworfen wurden. -
Es konnte den Römern nicht schwer fallen, die so sehr geschwächten und durch gar
kein Band an ihren Regenten hangenden Völkerschaften der ehemaligen
macedonischen Monarchie zu unterwerfen; und das nicht weniger geschwächte alte
Griechenland musste dem Sieger umsomehr zufallen, da derselbe alles an den
Griechen, selbst bis auf ihre Eitelkeit, schonte.
    Durch diese römische Regierung wurden zu allererst bürgerliche Freiheit,
Teil am Rechte für alle Freigebornen und Rechtsspruch nach einem Gesetze,
Finanzverwaltung nach Principien und wirkliche Sorge für die Existenz der
Regierten, mildere und menschlichere Sitten, Achtung für die Gebräuche, die
Religionen und die Denkart aller Völker, über die ganze cultivirte Welt -
wenigstens verfassungsgemäss - verbreitet: wenn auch zuweilen in der wirklichen
Verwaltung gegen jene Grundsätze verstossen wurde.
    Dies war die Blüte der allen Cultur: ein, wenigstens in der Form
rechtlicher Zustand; bis zu ihm musste die Menschheit sich erst erhoben haben,
ehe eine neue Entwicklung beginnen konnte. Kaum aber hatte sie sich dazu
erhoben, so begann diese neue Entwicklung. Die wahre Religion des Normalvolkes
ging aus ihrem, der Geschichte verborgenen Sitze, der sie bisher im Dunkeln
aufbewahrt hatte, hervor an das helle Licht, und verbreitete sich fast ungestört
durch das Reich der Cultur, welches zum Glück nun auch nur Ein Staat war. Es
gehörte schon zu den ursprünglichen Maximen dieses Staats, von den religiösen
Meinungen der unterworfenen Völker keine Kunde zu nehmen: diese Religion
vollends zu verstehen, und das von ihr aus ihm selber bevorstehende Schicksal
aus ihr sich zu prophezeien, - dazu war dieser Staat nicht gemacht; wäre diese
Religion nicht von ohngefähr mit der gebotenen huldigenden Verehrung der Bilder
der Imperatoren in Streit geraten, so wäre sie ohne Zweifel sehr lange Zeit
unbeachtet geblieben.
    In diesem also entsponnenen Kriege erhielt diese Religion endlich auch den
äussern Sieg: sie wurde die herrschende Staatsreligion. Aber selbst nicht
entsprungen aus diesem Staate, noch er aus ihr entsprungen: - blieb sie an ihm
nur fremde Zutat, mit welcher er nie innig sich durchdringen konnte. Diese
Religion wollte und sollte selbst schöpferisches Princip eines neuen Staates
werden; darum musste der alte, unfähig der Umschaffung, zu Grunde gehen: - wie
es scheint, ganz eigentlich dazu im Dunkel und entfernt von der Weltgeschichte
aufbewahrte Volkselemente mussten hervortreten: - und nun erst konnte die neue
Schöpfung, über welche wir inskünftige uns unterreden wollen, beginnen.
 
                              Dreizehnte Vorlesung
    [Zerstörung dieses Reichs und Erschaffung eines neuen Staats, so wie einer
    ganz neuen Zeit durch das Christentum.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Die einzig wahre Religion, oder das Christentum, wollte und sollte selbst
schöpferisches und leitendes Princip eines neuen Staates werden: äusserten wir
am Schlusse unsrer letzten Rede. Dieses ward sie wirklich, - und dadurch
entstand eine ganz neue Zeit.
    Der ganzen Untersuchung, die wir durch diese Äusserung vorbereiteten und
heute beginnen, ist eine bei aller Ansicht der Geschichte höchst wichtige
Bemerkung vorauszuschicken: - die, dass grosse Weltbegebenheiten nur äusserst
langsam sich entwickeln und in ihren Folgen in die Erscheinung eintreten. Der
Geschichtsforscher, der bei einem solchen Gegenstande nicht sogar der Erfahrung
vorzugreifen, und die noch ermangelnde durch Vorhersehung, mittelst des Gesetzes
der menschlichen Entwicklung überhaupt, zu ersetzen weiss, hat nur Bruchstücke
in seiner Hand, herausgerissen aus ihrem Zusammenhange: die er, aus Mangel eines
Begriffes von dem organischen Ganzen, zu welchem sie gehören, nimmer begreifen
wird. Dieses ist der Fall mit der ganzen Geschichte der neuen Zeit, deren wahres
Princip die Manifestation des Christentums ist. Dass die Vorzeit vergangen ist,
und wir, über den Gräbern derselben, unter dem wunderbaren und verworrenen
Andrange neuer Elemente stehen, kann jeder, der nur seine Augen eröffnet,
bemerken; was aber dieses Gedränge eigentlich wolle und bedeute, wird man
keinesweges durch das auswendige Auge, sondern nur durch einen innern Sinn
begreifen. Das Christentum ist unserer Meinung nach, welche wir auch schon zu
einer andern Zeit freimütig geäussert, in seiner Lauterkeit und seinem wahren
Wesen noch nie zu allgemeiner und öffentlicher Existenz gekommen, obwohl es in
einzelnen Gemütern hier und da von jeher ein Leben gewonnen. Diesem
widerspricht nicht die Behauptung, welche auch die unsere ist, dass es gewirkt
habe; nämlich, um nur erst sich selbst den Weg zu bahnen und die Bedingungen
seiner öffentlichen Existenz hervorzubringen. Wer nun bei der blossen
historischen Bekanntschaft mit diesen seinen vorläufigen Wirkungen nicht weiss,
was dasselbe innerlich ist und sucht, der verwechselt das Zufällige mit dem
Wesentlichen, und das Mittel mit dem Zwecke; und er wird es nie zum eigentlichen
Verständnisse selbst dieser vorläufigen Wirkungen bringen. Die Weltrolle des
Christentums, - denn von dieser allein ist hier die Rede - ist noch nicht
geschlossen; wer daher nicht in den Sinn des ganzen grossen Dramas einzugehen
vermag, der kann kein Urteil über sie sich anmaassen. Eben so ist, - dass ich
ein anderes, nahe verwandtes Beispiel anführe, die Weltrolle der
Kirchenreformation, über welche früher in einer sehr beschränkten Beziehung
geredet worden, auch noch keinesweges geschlossen.
    Gehen wir nach dieser Vorerinnerung, deren Anwendung sich bald ergeben wird,
an unser Vorhaben, - Das Christentum wollte und sollte selbst leitendes und
schöpferisches Princip des Staats der neuen Zeit werden. Wir haben zuvörderst zu
beantworten: auf welche Weise denn das Christentum dieses vermöge, und es
fordere? Ich sage, diese Wirksamkeit desselben kann auf eine doppelte Weise
angesehen werden: teils absolut, als die des wahren ächten Christentums,
teils zufällig und durch die Lage der Sachen bestimmt, indem es zuerst sich
selbst zu seiner Reinheit und Lauterkeit emporzuarbeiten strebt. - Was
zuvörderst die erste Ansicht dieser Wirksamkeit der wahren Religion betrifft: es
ist diese Religion ganz gleich der, zum Schlusse der vorigen Rede beschriebenen
Liebe zum Guten; welches Gute dem religiösen Sinne als das unmittelbare Werk
Gottes in uns, und wir, bei dem Vollbringen desselben, als göttliches Werkzeug
erscheinen. Es wurde damals über diese Liebe des Guten angemerkt, dass sie
selbst vom vollendeten Staate völlig befreie, und über ihn und seine
Zwangsanstalt durchaus hinwegsetze; und dasselbe gilt aus denselben Gründen auch
von der wahren Religion. Was der Gott ergebene Mensch um keinen Preis tun
möchte, dasselbe findet im vollkommnen Staate sich freilich auch äusserlich
verboten aber ohne alle Rücksicht auf das äussere Verbot hätte er es schon um
Gottes willen unterlassen. Was dieser Gott ergebene Mensch allein liebt und zu
tun begehrt, findet er in diesem Staate freilich auch äusserlich geboten; aber
er hätte es schon um Gottes willen getan. Soll nun diese religiöse Denkart im
Staate bestehen und nie mit demselben in Streit geraten, so ist der Staat eben
genötigt, mit der Vervollkommnung der religiösen Beurteilung seiner Bürger
stets fortzuschreiten, und durchaus nichts mehr zu gebieten, was wahre Religion
verbietet, nichts zu verbieten, was sie gebietet. In dieser Lage wird nie die
Anwendung des bekannten Satzes eintreten: man muss Gott mehr gehorchen, als den
Menschen; denn die Menschen befehlen sodann gar nichts anderes, als was Gott
auch befiehlt: und es bleibt den Gehorchenden nur die Wahl, ob sie es als
menschliches Machtgebot, oder als Gebot des Gottes, den sie über alles lieben,
vollbringen wollen. Ueberhaupt liegt in dieser völligen Freiheit und Erhabenheit
der Religion über den Staat die Anforderung an beide, sich absolut zu trennen,
und allen unmittelbaren Zusammenhang unter sich aufzuheben. Die Religion soll
nie die Zwangsanstalt des Staates für ihre Zwecke in Anspruch nehmen; denn die
Religion ist, so wie die Liebe des Guten, innerlich im Herzen und unsichtbar,
und sie erscheint nie in der äussern Handlung, welche, obwohl sie dem Gesetze
gemäss ist, aus ganz andern Triebfedern hervorgegangen sein kann: der Staat aber
vermag nur das zu richten, was vor Augen liegt; die Religion ist Liebe, der
Staat aber zwingt; und nichts ist verkehrter, als Liebe erzwingen zu wollen.
Ebensowenig soll der Staat sich der Religion für seine Zwecke bedienen wollen;
denn er würde sodann etwas in Rechnung bringen, das nicht in seiner Gewalt
steht, und welches eben darum auch wohl ermangeln könnte; in welchem Falle er
falsch gerechnet, und seines Zweckes verfehlt hätte: er muss erzwingen können,
was er begehrt, und nichts begehren, als das, was er erzwingen kann. - Dies ist
der negative Einfluss der Religion auf den Staat, oder vielmehr der negative
Wechseleinfluss beider auf einander: dass durch das Dasein der erstern der Staat
in seine Grenzen zurückgewiesen, und beide streng von einander abgesondert
werden.
    Dem Inhalte der wahren Religion und insbesondere dem des Christentums nach,
ist die Menschheit das Eine, äussere, kräftige, lebendige und selbstständige
Dasein Gottes; oder, wenn man mir diesen Ausdruck nicht misdeuten will, die Eine
Äusserung und der Ausfluss desselben; Ein ewiger Strahl, der nicht in der
Wahrheit, sondern nur in der irdischen Erscheinung sich in mehrere individuelle
Strahlen zerteilt. Alles daher, was Mensch ist, ist nach dieser Lehre im Wesen
durchaus Eins und sich durchaus gleich, und alles auf die gleiche Weise
bestimmt, in seinen Urquell liebend zurückzukehren und in ihm selig zu sein.
Diese durch die Religion aufgestellte Bestimmung darf der Staat nicht stören; er
muss daher allen den gleichen Zugang zu den vorhandnen Quellen der Bildung für
dieselbe gestatten und, als Verweser der Zwecke der menschlichen Gattung,
verschaffen. Dies ist nur möglich durch Errichtung absoluter Gleichheit, der
persönlichen sowie der bürgerlichen Freiheit aller, in Ansehung des Rechts und
der Rechte. Dasselbe daher, was schon als blosser Staat sein Zweck sein muss,
wird ihm durch die Religion von neuem zum Zwecke gemacht; und dieses ist der
positive Einfluss der Religion auf den Staat: nicht, dass sie ihm einen neuen
Zweck gebe, welches der soeben behaupteten Absonderung beider von einanander
widerspräche, sondern dass sie seinen eigenen Zweck ihm näher ans Herz legt, und
ihn treibt, die Erreichung desselben zu beschleunigen. Freilich werden beide
Entwickelungen, die der richtigen religiösen Ansichten und die der politischen
Einrichtungen, nur langsam fortschreiten und in gewissem Maasse gleichen Schritt
halten; nichts aber verhindert, dass nicht die erstern, wenigstens bei
Einzelnen, der zweiten zuvorkommen sollten, um sie zum Teil mit zu leiten.
    So verhält es sich mit der angegebenen Beziehung, wenn der Staat bloss als
in sich geschlossen, und lediglich im Verhältnisse zu seinen Mitbürgern, gedacht
wird. Sollte es sich aber noch überdies zutragen, dass mehrere in sich
geschlossene und souveräne Staaten im Bezirke der Einen wahren Religion neben
einander entständen; oder, was ganz dasselbe heisst, dass der Eine Staat der
Cultur und des Christentums in eine christliche Staatenrepublik zerfiele, deren
einzelne Staaten zwar von den übrigen nicht unmittelbar gezwungen, doch aber
unablässig beobachtet und beurteilt würden: - so wäre nun an der christlichen
Lehre ein allgemeingeltender Kanon niedergelegt für die Beurteilung: was, so im
Verkehr mit andern Staaten wie in der Behandlung der eignen Bürger, löblich sei,
was erträglich, was durchaus verwerflich; und der, übrigens unbeschränkte,
Souverän hätte, wenn er auch seine Bürger zum Schweigen brächte, dennoch das
Zeugnis und Urteil der Nachbarstaaten und der durch sie zu unterrichtenden
Nachwelt zu scheuen, falls Ehrgefühl einheimisch wäre; oder, falls er auch sogar
über dies sich hinwegsetzte, die Folgen des verlornen allgemeinen Vertrauens zu
fürchten. Es entstände durch diese Religion eine öffentliche Meinung des
gesammten Culturstaates, und an ihr ein nicht unbedeutender Souverän über die
Souveräne, der ihnen alle Freiheit liesse, das Gute zu tun, die Lust der
Uebeltat aber gar oft beschränkte.
    Dies ist die Wirksamkeit des Christentums auf den Staat: diese Religion und
ihre Wirksamkeit absolut genommen. Ein anderes ist die zufällige und durch die
Zeitbedingungen bestimmte Wirksamkeit, welche diese Religion haben könnte, indem
sie nur erst nach selbstständiger Existenz und angemessener Wirksamkeit
hinaufstrebte. Diese zufällige Wirksamkeit, die sie in der Tat gehabt, und zum
Teil noch bis diesen Augenblick hat, wurde bestimmt durch den Zustand der
Menschen, an die sie sich zuerst wandte. Die abergläubische Scheu vor der
Gotteit als einem feindseligen Wesen, so wie das Gefühl der eignen
Sündhaftigkeit, lastete damals schwerer als je, und allgemeiner auf den
Bewohnern des Culturbodens; und es gab ein geheimnisvolles Hindeuten nach dem
Oriente, und insbesondere nach Judäa, als ob von daher ein Versöhnungs- und
Entsündigungsmittel ausgehen sollte. Eine Menge in der Geschichte vorliegender
Umstände, die sogar bis in die Hauptstadt Rom ausgebreitete Neigung zu
orientalischen Mysterien, und die beträchtlichen Schätze, welche aus ganz Asien
und teils auch aus Europa Jerusalems Tempel zugeströmt waren, beweisen dies.
Das Christentum ist, wie wir zu seiner Zeit gezeigt haben, kein Aussöhnungs-
oder Entsündigungsmittel; der Mensch kann mit der Gotteit sich nie entzweien;
und inwiefern er sich mit derselben entzweit wähnt, ist er ein Nichts, das eben
darum auch nicht sündigen kann, sondern um dessen Stirn sich bloss der drückende
Wahn von Sünde legt, um ihn zum wahren Gotte zu führen. In den Händen solcher
Zeiten aber musste das Christentum notwendig in ein Versöhnungs- und
Entsündigungsmittel und in einen neuen Bund mit Gott sich verwandeln, weil diese
Zeiten gar kein Bedürfnis irgend einer Religion, und gar keine Empfänglichkeit
dafür hatten, als von dieser Seite. Und so ist denn dasjenige christliche
System, welches ich bei der Gelegenheit, als ich schon ehemals über diesen
Gegenstand redete, als eine Ausartung des Christentums aufgestellt, und
insbesondere den Apostel Paulus als den Urheber desselben angegebenen habe,
zugleich ein notwendiges Product des damaligen ganzen Zeitgeistes am
Christentume; und dass gerade dieser Mann diesen Zeitgeist zuerst aussprach,
ist zufällig; hätte Er es nicht getan, so hätte jeder andere, der nicht durch
innige Verschmelzung in das wahre Christentum über sein Zeitalter erhaben
gewesen, dasselbe getan: wie es denn noch bis auf den heutigen Tag jeder, der
den Kopf mit jenen Bildern angefüllt hat und von einer nötigen Mittlerschaft
zwischen Gott und den Menschen träumt, tut, und das Gegenteil nicht begreifen
kann.
    Nachdem das Christentum diese Gestalt angenommen, und insbesondere der
äusserliche Einweihungsact dazu, die Taufe, eine mysteriöse Sündenreinigung
geworden, welche unmittelbar von den ewigen Strafen derselben erledigte, und
ohne weiteres den Himmel öffnete: so konnte es nicht fehlen, dass die Verweser
dieses Mittels das höchste Ansehen unter den Menschen bekamen, dass die
Wachsamkeit über die Erhaltung derjenigen Reinheit, die sie durch das Sakrament
erteilt hatten, ihnen anheimfiel, und dass durchaus kein menschliches Geschäft
übrigblieb, das sie nicht unter diesem Vorwande beurteilt, gerichtet und
geleitet hätten. Ergriff nun endlich die Superstition die römischen Kaiser
selbst und ihre höchsten Staatsbedienten, so standen auch diese von nun an unter
der gemeinsamen Zucht der Geistlichkeit, welche durch die Lage notwendig
gereizt wurde, an diesen Personen ihr Amt mit einem ungemeinen und notorischen
Eifer zu verwalten, der die schädlichsten Folgen für das Ansehen und die
Freiheit der Regierung haben musste. Sie selbst, diese Geistlichen, waren durch
ihre Geistesrichtung von allen gesunden politischen Ansichten entfernt, und
hatten kaum einen andern Gesichtspunct für irdische Ereignisse, als den der
Verbreitung ihres Glaubens und der Erhaltung dessen, was sie seine Reinheit
nannten; sie vermochten daher nicht einmal die Herrscher, denen sie ihre
Freiheit genommen hatten, selber klüglich zu leiten und statt ihrer zu regieren;
und so konnte nichts anderes erfolgen, als die völlige Kraftlosigkeit und der
endliche Untergang des Reiches, in welchem sie herrschten.
    Sollte es jemals wieder zu einem Staate kommen, dem dieser schädliche
Einfluss unschädlich würde, und der gegen ihn sich erhielte, so musste dieser
Staat selbst, in seinen Principien, durch die Religion aufgebaut werden; um
dadurch einen Einfluss, der das ohne sein Zutun Existirende nur zerstören
konnte, zu versöhnen. Durch diese Notwendigkeit, zu den in ihr einheimischen
Principien eines Staats zurückzugehen, wurde die Religion zugleich genötigt,
auf ihre eignen Principien zurückzugehen, und so in sich selber sich zu
verbessern. - Sie musste zuvörderst die Grundelemente des beginnenden Staats zu
bekehren bekommen, damit Bürger und Regenten geistig ganz ihr Geschöpf wären. In
diesem Bekehrungsgeschäfte musste sie es nun nicht, so wie vorher, mit
abergläubischen, erschrockenen und aus angestammter Furcht vor den Göttern sich
ihr auf jede Bedingung in den Schoss werfenden Menschen zu tun bekommen; denn
gleiche Ursachen würden das zweitemal wieder die gleichen Wirkungen gehabt
haben: sondern mit solchen, die in ihrer Unbefangenheit und ihren einfachen
Verhältnissen - denn nur die Verwicklung der Verhältnisse bei halber Cultur
erzeugt grosse Verbrechen und Erschrecken vor innerer Sündhaftigkeit und Furcht
vor den Göttern, - welche, sage ich, in ihren einfachen Verhältnissen sich
bisher überhaupt nicht viel mit der Gotteit zu schaffen gemacht, und
insbesondere weit davon entfernt waren, dieselbe zu fürchten. Die Bekehrung
solcher Menschen gab der Kirche im Sinne der alten Zeit, als einer Entsündigerin
und Gottversöhnerin, eine ganz neue, vorher nie dagewesene Aufgabe: die
abergläubische Furcht vor der Gotteit und das Bedürfnis einer Versöhnung,
welches sie bei ihren zuerst Bekehrten schon vorfand, bei diesen zweiten erst
künstlich zu erregen und hervorzubringen. Ohne Zweifel war dieses letztere ein
weit schwereres Geschäft; und es ist dasselbe meines Erachtens, - von den
Ausnahmen einzelner Individuen, die sich besonders sündhaft fühlten, und einiger
Zeitepochen, die den Territionen der Geistlichen besonders günstig waren, wird
hierbei abstrahirt - bei den neueuropäischen Völkerschaften nie so vollkommen
und nie so allgemein gelungen, als es im römischen Reiche gelungen war; über
welches letztere man besonders in der Geschichte des byzantinischen Reichs
nachzusehen hat, weil in demselben die Geistlichkeit einen längern Zeitraum
hindurch ihre Rolle spielte. Die religiöse Superstition lässt sich dem
Neu-Europäer allenfalls durch unermüdetes Predigen anreden, und als ein fremder
Bestandteil anheften; aber so recht in das Herz wächst sie ihm nie, und wie
irgend ein anderes wichtiges Interesse entsteht, schüttelt er sie ab. Dies
beweist der ganze Fortgang der neuern Geschichte, und besonders das Zeitalter
seit der Kirchenreformation, in welchem der neueuropäische Nationalcharakter
sich freier entwickelt. Fast hat es die Kirche schon aufgegeben, jenen Satz zu
predigen; und wo sie es noch tut, tut sie es ohne Frucht, denn niemand nimmt
es zu Herzen.
    Die Grundelemente des beginnenden Staats mussten ferner den allgemeinen
europäischen Nationalcharakter, den scharfen Sinn und die Liebe des Rechts und
der Freiheit an sich fragen, damit sie nicht wieder zur asiatischen Despotie
zurückgingen, sondern die unter Griechen und Römern schon entwickelte Gleichheit
des Rechts aller bald unter sich aufnähmen. Sie mussten damit noch den besondern
Zug eines stechenden Ehrgefühls vereinigen, um dem oben erwähnten, sehr
rechtmässigen Einflusse des Christentums auf die öffentliche Meinung zugänglich
zu sein. Gerade solche Elemente nun wie die beschriebenen fanden sich, gleich
als ob sie für diese grossen Zwecke ausdrücklich aufbewahrt wären, an den
germanischen Völkerschaften. - Ich nenne nur diese; denn die verheerenden
Durchzüge anderer Stämme hatten keine Folgen von Dauer; und die der damaligen
europäischen Völkerrepublik einverleibten Reiche anderer Abstammung haben
Christentum und Cultur grösstenteils erst durch germanische Völkerschaften
erhalten. - Diese germanischen Stämme, wahrscheinlich von gleicher Abkunft und
von ehemaligem Zusammenhange mit den Griechen, wie eine tiefere Ansicht der
beiderseitigen Sprachen wohl unwidersprechlich beweisen dürfte, waren in ihren
Wäldern ohngefähr auf der Stufe der Cultur stehen geblieben, auf welcher wir die
Griechen in ihrem heroisohen Zeitalter finden. Wie mancher Hercules, Jason oder
Tesens mag in diesen Wohnsitzen, unbeachtet von der Geschichte, freiwillige
Gesellen um sich versammelt und mit ihnen wunderbare Abenteuer bestanden haben.
Ihre Gottesverehrung war sehr einfach, so wie ihre Sitten, und Scrupel über ihre
moralische Würdigkeit entstanden bei ihnen wohl kaum. Unabhängigkeit, Freiheit
und Gleichheit aller war ihnen durch den tausendjährigen Gebrauch zur Natur
geworden. Durch kühne Wagstücke die Augen der Menge auf sich zu richten und nach
dem Tode fortzuleben in den Liedern der Nachwelt, war das Bestreben der Edlern;
Treue bis in den Tod der freiwilligen Gefährten gegen die Anführer, der Ruhm und
die Ehre anderer; sein Wort nicht gehalten zu haben, ein so unerträglicher
Schandfleck für jeden, dass der jüngere und stärkere, der seine auf das Spiel
gesetzte Freiheit verlor, seine Person ohne Widerstreben dem ältern und
schwächern Gewinner übergab; - und zum Verkauf in fremde Sklavenfesseln. Dies
waren die Volkselemente, aus denen das Christentum seinen Staat aufzubauen
hatte. Trug es sich nun noch überdies zu, dass ohngefähr zu gleicher Zeit
mehrere Völkerschaften des verwandten Stammes auf demselben Boden des
Christentums und des alten Reichs neue Staaten errichteten; so waren diese
Staaten schon durch die gemeinsame Abkunft unter sich verbündeter, als mit
fremden; das erspriesslichste, was hiebei für beides, Religion und Staat,
vorfallen konnte, war, wenn die Religion in ihrer äussern politischen Gewalt
einen Centralpunct, und dieser einen unabhängigen Landessitz erhielte. Nicht,
wie vorher, im Reiche selbst sitzend, und dessen Verfahren unaufhörlich
meisternd, erhielt diese Centralgewalt nur die Aufgabe, die verschiedenen
Staaten des Einen christlichen Reichs von aussen zusammenzuhalten, und den
Schiedsrichter zwischen ihnen zu machen; sie ward durch ihre nunmehrige
Bestimmung weit mehr die Aufseherin über das Völkerrecht, als dass sie, wie
vorher, die Leiterin der innern Regierung gewesen wäre. Ihr selbst lag seitdem
weit mehr daran, dass das Reich des Christentums geteilt, und alle Teile
desselben in ihrem Gleichgewichte erhalten würden; weil man auf diesen Fall
ihrer bedurfte: als dass es wiederum in Einen Staat zusammenfliesse; welche
Begebenheit unter diesen, bei weitem noch nicht sattsam gezähmten Gemütern für
die geistliche Gewalt selbst gefährliche Folgen hätte haben mögen. So trug es
sich denn auch wirklich zu; und unter dem Schutze dieser Gewalt konnte denn
jeder einzelne christliche Staat mit einem beträchtlichen Grade von Freiheit
nach seinem individuellen Charakter sich entwickeln; und das durch diese Gewalt
entstandene und fort zusammengehaltene christliche Völkerreich konnte teils
durch die bewaffneten Eroberungen einzelner Staaten gegen das Gebiet des
Nichtchristentums, teils durch die friedlichen Eroberungen, vermittelst der
Bekehrung neuer Reiche zum Christentum, und - was daraus folgt, durch die
Unterwerfung derselben unter die geistliche Centralgewalt, sogar ausgebreitet
und erweitert werden.
    Die Grundprincipien dieses christlichen Reichs waren und sind grösstenteils
noch bis auf den heutigen Tag folgende: zuvörderst in Absicht des Völkerrechts:
ein Staat hat dadurch, dass er ein christlicher Staat ist, das Recht da zu sein
in dem Zustande, in welchem er sich vorfindet; er hat völlig unabhängige
Souveränität, und kein anderer christlicher Staat, - bloss die geistliche
Centralgewalt in dem, was ihres Amtes ist, ausgenommen, - darf einen Einfluss in
die inneren Angelegenheiten desselben begehren. Alle christliche Staaten stehen
gegen einander in dem Stande der wechselseitigen Anerkennung und des
ursprünglichen Friedens: - des ursprünglichen, sage ich, d.h. es kann kein Krieg
über die Existenz, wiewohl allerdings über die zufälligen Bestimmungen der
Existenz, entstehen. Durch dieses Princip ist der Ausrottungskrieg zwischen
christlichen Staaten unbedingt verboten. Nicht so mit nichtchristlichen Staaten:
diese haben nach demselben Princip keine anerkannte Existenz, und sie können
nicht nur, sondern sie sollen auch verdrängt werden aus dem Umkreise des
christlichen Bodens. Die Kirche gibt ihnen nie Frieden, und geben christliche
Mächte einen, so geschieht dies entweder aus Not, oder weil das christliche
Princip erloschen ist, und andere Triebfedern seine Stelle einnehmen. - Das
zweite Princip in Absicht auf das Bürgerrecht: vor Gott sind alle Menschen
gleich und frei; das Vermögen und die Gelegenheit sich zu Gott zu wenden muss in
jedem christlichen Staate jedem ohne Ausnahme verstattet werden, und er, in
dieser Rücksicht wenigstens, persönlich frei sein; woraus die ganze persönliche
Freiheit und die Sätze: kein Christ kann ein Sklave sein, christlicher Boden
macht frei, sehr bald erfolgen. Dagegen kann, nach demselben Princip, der
Nichtchrist gar wohl ein Sklave sein.
    Diese christliche Völkerrepublik noch näher zusammenzudrängen, sie zu
nötigen, dass sie sich als ein zu einander gehöriges Ganzes in ihrem eigenen
Bewusstsein reflectirte, gemeinsame Angelegenheiten erhielt und sogar als
christliche Republik gemeinsame Unternehmungen begann: diente noch ein äusseres
Ereignis, das zu merkwürdig ist, als dass wir es mit Stillschweigen übergehen
sollten. In Asien, - welches, abgerechnet dass es wahrscheinlich der Sitz des
Normalvolks war, übrigens der Menschheit weiter nichts geleistet, als dass aus
ihm die wahre Religion hervorging, - entstand ein zweiter jüngerer Zweig dieser
wahren Religion, der Muhamedismus offenbar aus Einer und ebenderselben Urquelle
mit dem Christentume: nur die gänzliche Aufhebung des alten Bundes mit Gott
keinesweges zugebend, darum aus dem Judentume behaltend, was irgend anwendbar
war, eben darum das Princip seines allmähligen Verderbens bei sich führend, und
die ewig fortfliessende Quelle der äusseren Vervollkommnung, welche das
Christentum in sich hat, nicht aufnehmend. Bekehrungssüchtig, so wie das
Christentum; des Schwerts wohl kundig, durch welches er vom Anfange an sich
verbreitet hatte; aufgeblasen dem Christentume gegenüber wegen eines an sich
wenig bedeutenden Vorzugs, dass er die Einheit Gottes mit klarem Worte
behauptete, welche im Christentume dem Wesen nach wohl auch vorausgesetzt
wurde, und nicht völlig so von grobem Aberglauben strotzte, als das damalige
Christentum; übrigens die ursprünglich asiatische stumme Ergebung und die
Despotie als politische Principien gleich dogmatisch hinstellend: geriet dieser
Muhamedismus in Krieg mit dem Christentume, und war siegreicher Angreifer.
Abgerechnet, dass er in einem beträchtlichen Länderstriche das Christentum
austilgte, und sich selbst zur herrschenden Religion machte, wurden diese Siege
dem Christentume durch den Umstand noch um so viel schmerzhafter, dass unter
die verlorenen Länder selbst dasjenige Land gehörte, wo das Christentum
entsprungen war, und nach welchem die romantische Frömmigkeit der neuen Christen
andächtig ihre Blicke richtete. Aus der Indignation entstand Tatbegier, und
freiwillig, wie sie es in ihren ursprünglichen Wäldern nur irgend hätten tun
können, nicht als Bürger dieses oder jenes Staats, sondern rein als Christen,
stürzten germanische Schaaren nach jenen Ländern, um sie dem Muhamedismus
abzukämpfen. So wenig genügend auch der Erfolg dieser Unternehmungen ausfiel, so
viel Böses auch diesen Kreuzzügen Beurteiler nachsagen, welche ihre Zeit nie zu
vergessen, sich in den Geist anderer Zeiten nie hineinzuversetzen, und ein
Ganzes nie zu übersehen vermögen: so bleiben sie doch immer die ewig denkwürdige
Kraftäusserung eines christlichen Ganzen, als christlichen Ganzen, völlig
unabhängig von der Einzelheit der Staaten, in die es zerfallen war. Die
Bekanntschaft mit manchen nicht zu verachtenden Eigenheiten dieser Feinde,
desgleichen die Notiz von den Lastern, deren sie nun beschuldigt wurden und
beschuldigten, war auch eine nicht zu verachtende Beute der Unternehmung.
    Später drang der Muhamedismus, der auch schon in den Zeiten des beginnenden
christlichen Staats in den Sitz, der dem Christentume ausschliessend bestimmt
zu sein schien, in Europa, eingedrungen und in demselben geschwächt und
vertrieben war, von einer anderen und gefährlicheren Seite, unter einer frischen
Nation, den Türken, ein in Europa mit dem nicht verhehlten Zwecke, unaufhaltbar
vorzudringen und das Ganze sich zu unterwerfen. Da erwachte zum letzten Male,
wenigstens in Reden und öffentlichen Schriften, die Besinnung, dass die Christen
nur Ein Staat seien, und nur Ein Interesse hätten; bis endlich der gefürchtete
Feind, in die Pläne der europäischen Politik verwickelt, in sich selber
veraltete, und seiner inneren Auflösung entgegenzuwelken anfing.
    Dies, E. V., sind meiner Ansicht zufolge die äusseren Bedingungen, unter
denen unser neu-europäisches christliches Staatensystem seine Entwickelung
begonnen und fortgesetzt hat. Wie nun unter diesen äussern Bedingungen, und
durch sie gehindert oder befördert, innerlich in den einzelnen Staaten die wahre
Staatsverfassung sich entwickelt, das schon in der Welt vorhandene in sich
aufgenommen und weiter fortgebildet habe, wollen wir in den folgenden Reden
sehen, falls wir hoffen dürfen, dass diese Untersuchungen einiges Interesse für
Sie haben, und den stehenden Stamm der alten Zuhörer anzuziehen und festzuhalten
vermögen.
 
                              Vierzehnte Vorlesung
    [Freiere Entwicklung des Staats seit dem Falle der geistlichen Centralgewalt
    in den besondern Reichen der Einen christlichen Völkerrepublik: garantirt
    durch die notwendige Sorge jedes einzelnen Staates für seine
    Selbsterhaltung innerhalb des sich immerfort bekämpfenden Ganzen.
    Gleichstellung aller in Ansehung der Rechte. Das Bestreben des Staates, den
    Bürger ganz zu seinem Werkzeuge zu machen, möge der politische Grundzug des
    Zeitalters sein.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Das Christentum war es, welches die Volkselemente einer neuen Zeit
versammelte und geistig wiedergebar; die Verweser dieses Christentums, zu einer
politisch-geistlichen Centralgewalt geworden, waren es, welche den neuen Staat,
der von ohngefähr in eine Staatenrepublik zerfallen war, in diesem Zustande der
Teilung erhielten, die wechselseitigen Verhältnisse der einzelnen Staaten
ordneten, bei äusseren Veranlassungen sie sogar zu einer einzigen handelnden
Macht zusammendrängten; und unter deren Schutze jeder besondere Staat seine
Unabhängigkeit und die Freiheit, sich selbstständig zu entwickeln und Kraft zu
gewinnen, besass und übte.
    Der Neueuropäer, teils, weil er doch nie von dem Princip, worauf die Macht
jener geistlichen Gewalt beruhte, - dass sie nämlich die Vermittlerin sei
zwischen Gott und Menschen, - ganz durchdrungen werden konnte: teils wegen
seiner uranfänglich angestammten Liebe zur politischen Unabhängigkeit, konnte
diese Bevormundung nur so lange ertragen, als die einzelnen Staaten noch an
ihrer inneren Befestigung arbeiteten, und im täglichen Gedränge der innerlich
kämpfenden Elemente gar nicht zum deutlichen Bewusstsein ihrer eigentümlichen
Kraft gelangen konnten.
    Dieser innere Kampf wurde durch eine Eigentümlichkeit in der früheren
Verfassung der germanischen Stämme, sowie durch ihren Nationalcharakter
angeregt, - und von der, die Bedingungen ihres Einflusses sehr wohl kennenden
geistlichen Centralgewalt sorgfältig unterhalten und benutzt. Das Festeste und
allein Bestand Bringende in die ausserdem stets schwankende und zerfliessende
Masse war bei den germanischen Stämmen ohne Zweifel die persönliche Verbindung
der freiwilligen Gefährten und Getreuen mit dem Anführer, den sie selbst sich
gegeben hatten.
    Die germanischen Eroberer und Staatenbegründer waren im Grunde solche
Anführer, und aus ihren persönlich auf Leben und Tod ihnen ergebenen Treuen
bestand die wabre Stärke ihrer Heeresmacht, an welche andere wandernde Massen
sich nur anschlossen. Ohnedies zur Erhaltung seiner Getreuen verbunden, gab der
Eroberer ihnen Ländereien, und übertrug auf den Besitz derselben das ehemals
persönliche Band; so dass Verbinden und Verbindlichkeit späterhin sogar vererbt
werden sollten. Das ehemals freiwillige und persönliche Band wurde ein dauerndes
politisches Band, und die Feudalverfassung war entstanden So konnte es nicht
bleiben. Freiwillig, aus Bewunderung für persönliche Vorzüge, mochte der
Germanier sich wohl unterwerfen, aber eine politische Unterwerfung duldete nicht
seine Liebe zur Unabhängigkeit. Die Vasallen strebten sich diese Unabhängigkeit
zu erkämpfen, die Herrscher widersetzten mit gutem Fuge sich diesem Bestreben,
und die geistliche Centralgewalt suchte, gleichfalls mit gutem Fuge, auch
zwischen diesen beiden inneren Parteien das Gleichgewicht zu erhalten, und auf
diese Weise den Kampf und damit zugleich das Bedürfnis ihrer Vermittelung und
die innere Unselbstständigkeit der einzelnen Staaten, - zu verewigen. Endete
dieser Kampf, so war die erste Vormauer ihres Reichs gestürzt. Er konnte auf
zweierlei Weise endigen entweder durch die Niederlage der Vasallen, wie es in
einem der Hauptstaaten des christlichen Reichs (Frankreich) geschahe; oder durch
die Niederlage der Staatsgewalt, wie es in einem anderen Hauptstaate
(Deutschland) geschah. Blieben im letzteren Falle nur beträchtliche Massen
vereinigt, so dass die vorherigen Vasallen nun selbst Staaten abgeben und ihre
Vasallen binden konnten, so erfolgte um deswillen noch gar nicht die allgemeine
Auflösung. Wie durch ein Wunder vereinigte sich im letzteren Staate mit diesem
siegreichen Beginnen die Kirchenreformation, und die zur Unabhängigkeit
Aufstrebenden erhielten an der letzteren einen neuen Bundesgenossen, den sie
vortrefflich zu gebrauchen wussten gegen die Reichsgewalt, - welche ihre
Unterdrückung, - und gegen die geistliche Macht, - welche zwar nicht ihre
Unterdrückung, aber ebensowenig ihre entschiedene Unabhängigkeit wollte.
    Die politischen Principien dieser Reformation, inwiefern sie gegen den
Einfluss der geistlichen Centralgewalt gerichtet waren, fanden selbst da
Eingang. wo sie nicht gegen die höchste Staatsgewalt gebraucht werden sollten,
und wo man die dogmatischen Principien derselben Reformation verwarf. Und
hiermit war denn das Ende der politischen Gewalt jener geistlichen Centralmacht
gekommen, und sie selbst behielt nur noch dogmatische und disciplinarische
Kirchengewalt da. wo man die Reformation nicht annahm.
    Durch diese totale Reform des Culturstaates erhielt zuvorderst das
Einheitsband desselben, als Einer und ungeteilter christlicher Republik, einen
ganz anderen Träger und Haller, und neue Modificationen. Es wurde diese Einheit
gar nicht mehr, wie vorher, deutlich gedacht und nach ihr, als Princip, mit
klarem Bewusstsein gehandelt, sondern sie wurde sammt den Grundbegriffen, die
aus ihr folgten, und die wir in der vorigen Stunde aufgestellt, mehr dunkler
Instinct: gewohnte Voraussetzung, die man macht, und nach der man handelt, ohne
es eigentlich zu wissen; und ihre Bewachung kam aus den Händen der Kirche in die
der öffentlichen Meinung, die der Geschichte, die der Autoren überhaupt.
    Zuvörderst: - es ist die notwendige Tendenz jedes cultivirten Staates, sich
allgemein zu verbreiten und alles vorhandene aufzunehmen in seine bürgerliche
Einheit. So fand es sich in der alten Geschichte. In der neuen Zeit wurde dieser
Tendenz durch die geistliche Centralmacht, deren Vorteil es war, dass der
Culturstaat geteilt bliebe, auch durch die innere Schwäche der Staaten, ein
Damm entgegengesetzt. Sowie die Staaten innerlich stärker wurden, und jene
fremde Gewalt sich brach, musste diese Tendenz zu einer Universalmonarchie über
den gesammten christlichen Staat zum Vorschein kommen; und dieses um so mehr, da
es nur die eine gemeinsame Cultur war, welche in den verschiedenen Staaten bloss
mit verschiedenen Modificationen sich entwickelt hatte, und, in Rücksicht dieser
besonderen Modificationen, alle zusammen nur einseitig cultivirt waren; in
diesem Zustande der einseitigen Cultur aber, wie wir schon oben bemerkt, jeder
Staat in Versuchung ist, die seinige für die rechte zu halten und zu glauben,
dass die Bewohner anderer Reiche sich sehr glücklich zu schätzen haben würden,
wenn sie Mitbürger seines Reichs würden.
    Diese Tendenz zur Universalmonarchie, sowie Eroberungen über andere
christliche Staaten waren in diesem Reiche des Christentums um so leichter, da
die Sitten der Europäer und ihre Verfassungen fast allentalben dieselben sind;
auch es eine oder zwei, den gebildeten Individuen unter allen Völkern gemeinsame
Sprachen gibt die nicht gemeinsamen aber im Falle der Not leicht gelernt
werden können, und um deswillen die Eroberten, unter der neuen Regierung so
ziemlich wiederfindend, was sie unter der alten hatten, wenig Interesse dabei
haben, wer ihr Beherrscher sei; die Eroberer aber in kurzer Zeit und mit wenig
Mühe die neuen Provinzen in die Form der alten giessen und sie ebenso brauchen
können wie jene. Zwar sind durch die Reformation mehrere Formen des Einen
Christentums und zwischen diesen zum Teil eine sehr feindselige Abneigung
entstanden. Dagegen aber hat jeder Staat das leichte Auskunftsmittel der
friedlichen Duldung aller bei gleichen Rechten; und so ist denn wiederum, sowie
früher im heidnischen römischen Reiche, religiöse Toleranz und Gefügigkeit in
das Besondere der Sitten jedes Volkes ein vortreffliches Mittel geworden,
Eroberungen zu machen und zu behaupten; sowie zugleich die Vereinigung mehrerer
Confessionen in Einen Staatskörper den in der vorigen Rede als absolut
aufgestellten Zweck des Christentums, die Religion und den Staat vollkommen zu
trennen, sehr tätig befördert, indem der Staat sodann gegen alle Confessionen
neutral und indifferent sein muss.
    Diese Tendenz zu einer christlich-europäischen Universalmonarchie hat sich
denn auch nacheinander in mehreren Staaten, welche darauf Anspruch machen
konnten, gezeigt, und ist seit dem Falle des Papsttums das eigentliche
belebende Princip unserer Geschichte geworden. Wir wollen dabei keinesweges
entscheiden, ob diese Universalmonarchie jemals als deutlicher Plan gedacht
worden; - es könnte sogar ein Historiker den negativen Beweis führen, dass nie
in irgend eines Menschen Verstande dieser Gedanke zur Klarheit gekommen, ohne
dass wir dadurch unsere obige Behauptung widerlegt finden würden. Ob nun
deutlich oder nicht, dunkel gewiss hat diese Tendenz den Unternehmungen mehrerer
Staaten in der neueren Geschichte zu Grunde gelegen; denn nur aus diesem Princip
lassen diese Unternehmungen sich erklären. Mehrere an sich schon übermächtige
Staaten, und fast umsomehr, je mächtiger sie waren, haben eine grosse Ländergier
gezeigt, und durch Verheiratungen, Testamente, Eroberungen neue Provinzen zu
erwerben gesucht; keinesweges auf dem Boden der Uncultur, welches der Sache ein
anderes Ansehen gäbe, sondern im Gebiete des Christentums. Wozu gedachten sie
denn nun diesen neuen Zuwachs von Kräften zu gebrauchen, und wozu gebrauchten
sie ihn wirklich, sobald sie ihn erlangt hatten ? Um abermals neue Besitzungen
zu erwerben. Und wo würde diese Progression ein Ende gehabt haben, wenn es
lediglich nach dem Willen dieser Staaten gegangen wäre? Nirgends als da, wo es
nichts mehr zu verschlingen für sie gegeben hätte. Mag nun auch keine einzige
Zeitepoche sich diesen Zweck denken; doch bleibt er der Geist, der durch alle
diese einzelnen Epochen hindurchgeht, und sie unsichtbar forttreibt.
    Gegen diesen Vergrösserungstrieb sind nun die minder mächtigen Staaten
gezwungen, auf ihre Selbsterhaltung zu denken, deren Bedingung zugleich die
Erhaltung der übrigen Staaten wird, damit der Zuwachs der Kraft der letzteren
unseren natürlichen Gegner nicht uns zum Nachteile verstärke; mit Einem Worte,
es entsteht für diese minder mächtigen Staaten die Aufgabe, das Gleichgewicht im
Gebiete des Christentums zu erhalten. Was wir selbst nicht verschlingen können,
soll auch kein anderer verschlingen, weil ausserdem seine Nacht gegen die
unsrige eine unverhältnissmässige Zulage bekäme; und so schützt die Sorge,
welche grössere Staaten für ihre eigene Selbsterhaltung tragen, auch die
schwachen; - oder können wir den andern nicht verhindern, sich zu vergrössern,
so müssen auch wir in demselben Maasse vergrössert werden.
    Dieses Gleichgewicht der Gewalt in der europäischen Völkerrepublik zu
erhalten, strebt nun kein Staat anders, als aus Mangel eines Besseren, und weil
er den Zweck der alleinigen Vergrösserung seiner selbst, und den ihm zu Grunde
liegenden Plan der Universalmonarchie noch nicht zu fassen vermag. Wird er nur
stärker werden, so wird er ihn ohne Zweifel fassen. Es strebt daher jeder Staat
entweder nach der christlichen Universalmonarchie, oder wenigstens nach dem
Vermögen danach streben zu können: nach Gleichgewicht, wenn ein anderer es
stören will, und ganz in der Stille nach dem Vermögen, es allenfalls selber zu
stören.
    Das ist der natürliche und notwendige Gang, man mag es gestehen, oder auch
man mag es sogar wissen, oder nicht, Dass selbst der unmittelbar auf dem Tun
des Gegenteils ergriffene feierlich seine Friedensliebe und die Abneigung,
seine Grenzen zu erweitern, versichere, ändert nichts; denn teils muss man also
sagen und seinen Zweck verstecken, wenn man ihn erreichen will, - und den
bekannten Satz: drohe mit Krieg, damit du Frieden habest, kann man auch so
umkehren: versprich Frieden, auf dass du mit Vorteil Krieg anfangen könnest; -
teils kann es ihnen mit jenen Versicherungen dermalen, so weit sie sich selber
kennen, ganzer Ernst sein; aber man lasse nur eine günstige Gelegenheit zur
Vergrösserung kommen, so werden die früheren guten Vorsätze vergessen. Und so
winden denn in diesen unaufhörlichen Kämpfen der christlichen Republik schwache
Staaten sich herauf, - zuerst zum Gleichgewichte der Macht, sodann zur
Uebermacht; indes andere, die vorher kühn zur Universalmonarchie vorschritten,
jetzt nur noch für die Erhaltung des Gleichgewichts kämpfen, und dritte, die
vielleicht ehemals auf den beiden der genannten Stufen standen, jetzt in
Beziehung auf die inneren Angelegenheiten frei und selbstständig geblieben, in
Absicht der äusseren, und in Absicht ihrer politischen Gewalt auf das übrige
Europa, nur natürliche Zugaben zu anderen mächtigeren Staaten geworden sind. Und
so strebt vermittelst dieses Wechsels die Natur nach Gleichgewicht, und stellt
es her gerade dadurch, dass die Menschen nach Uebergewicht streben.
    Ein minder mächtiger Staat vermag, eben weil er dies ist, nicht, durch
auswärtige Eroberungen sich zu vergrössern. Wie soll er denn also aus seinem
beschränkten Zustande heraus zu einem bedeutenderen Gewichte kommen? Es ist ihm
kein Mittel übrig, als die innere Verstärkung. Mag er auch fürs erste keinen
Fuss neuen Bodens gewinnen, - wird nur sein alter Boden bevölkerter und
ergiebiger in alle menschlichen Zwecke, so hat er, ohne Land zu gewinnen.
Menschen als den eigentlichen Nerv und die Stärke des Staats gewonnen; und,
falls dieselben aus anderen Staaten zu ihm gekommen, sie seinem natürlichen
Gegner abgewonnen. Dies ist die erste friedliche Eroberung, mit der jeder minder
mächtige Staat im christlichen Europa anfangen kann, sich emporzuarbeiten; da
die christlichen Europäer im Wesen alle nur Ein Volk sind, das gemeinsame Europa
für das Eine wahre Vaterland anerkennen, und von Einem Ende Europas bis an das
andere ohngefähr dasselbe suchen und dadurch angezogen werden. Sie suchen
persönliche Freiheit, Recht und Gesetz, das alles gleich sei, und welches, ohne
Ausnahme und Verzug jeden schütze, sie suchen Gelegenheit, durch Fleiss und
Arbeit ihr gutes Auskommen zu gewinnen, sie suchen religiöse Freiheit bei ihren
Confessionen, sie suchen die Freiheit, nach ihren religiösen und
wissenschaftlichen Principien zu denken, und sich laut damit zu äussern und
danach zu urteilen. Wo ihnen eines dieser Stücke abgeht, da sehnen sie sich
weg; wo sie ihnen gewährt werden, da strömen sie hin. Nun sind alle diese Stücke
schon ohnedies die notwendigen Zwecke des Staats, als solchen; im gegenwärtigen
Staatenverhältnisse werden sie ihm sogar durch die Notwendigkeit und durch die
Sorge für die Selbsterhaltung aufgedrungen: denn die Furcht verschlungen zu
werden, nötigt ihn sich zu vergrössern; er hat aber anfangs kein anderes
Vergrösserungsmittel, als das angezeigte.
    Noch zwar gibt es ein anderes Mittel, wenn auch nicht die Menschen, dennoch
die Kräfte dieser Menschen in den Nachbarstaaten an sich zu ziehen und sie sich
zinsbar zu machen; welches Mittel in der neuesten Weltgeschichte eine zu grosse
Rolle spielt, als dass wir es mit Stillschweigen übergehen sollten. Es besteht
darin: dass ein Staat sich des Weltandels bemächtige, sich in den
ausschliessenden Besitz der allgemein gesuchten Waaren und des überall geltenden
Tauschmittels, des Geldes, setze, von nun an die Preise bestimme, und so die
ganze christliche Völkerrepublik nötige, diejenigen Kriege, welche für die
Erhaltung dieser Unterwürfigkeit, somit gegen die ganze christliche Republik
geführt werden, zu bezahlen, und die Interessen einer Nationalschuld, welche für
den gleichen Zweck gemacht wurde, abzutragen. Es findet sich etwa in der
Rechnung, wenn der tausend Meilen entfernte Bewohner eines fremden Staats seine
tägliche Mahlzeit bezahlt hat, das er die Hälfte oder drei Viertel seiner
Tagesarbeit für jenen fremden Staat aufgewendet hat. - Ich gedenke dieses
Kunstmittels keinesweges, um dasselbe zu empfehlen; denn sein Gelingen gründet
sich lediglich auf den Blödsinn der übrigen Welt, und es würde verletzend sich
gegen den Erfinder kehren, wenn dieser Blödsinn wegfiele; sondern ich Bedenke
desselben lediglich darum, um das Gegenmittel anzugeben. Dieses Gegenmittel
besteht darin, jene Waaren nicht zu brauchen, und nicht länger zu glauben, dass
ihr Geld allein Geld sei, sondern zu begreifen, dass ein in mercantilischer
Rücksicht souverän gewordener Staat zu Gelde machen könne, was er nur wolle.
Jedoch über diesen Punct liegt auf dem Auge des Zeitalters eine Decke, welche
wegzuziehen unmöglich ist; und es ist vergebens hierüber Worte zu verlieren.
    Hat ein minder mächtiger Staat zuerst durch die angezeigten Künste sich
innerlich verstärkt, ist er vielleicht dadurch selbst zur Vergrösserung nach
aussen kräftig geworden und hat sie gewonnen: so kommt er dadurch nur in neue
Not; er hat allerdings das bisherige Gleichgewicht und den vorhandenen Zustand
gestört, und der neue Ankömmling erregt noch stärker, als die dem Auge schon
gewöhnlichen Nächte, die Eifersucht und das Mistrauen der übrigen. Er muss von
nun an stets auf seiner Hut sein, die vorhandene Staatskraft stets angespannt
und in Bereitschaft erhalten, und kein Mittel unbenutzt lassen, um dieselbe
wenigstens im Innern zu verstärken, wenn die Gelegenheit der Ausbreitung nach
aussen nicht günstig ist. Hierzu gehört, in Absicht der äusseren Politik,
zuvörderst, dass er die schwächeren Nachbarn in seinen Schutz nehme, und dadurch
das Interesse seiner eigenen Selbsterhaltung ihnen gleichfalls zu dem ihrigen
mache, so dass er bei allenfalls erfolgtem Kriege auf ihre Streitkräfte sowie
auf seine eignen zählen könne. Hierzu gehören, in Absicht der inneren Politik,
ausser den schon obengenannten Mitteln, neue Einwohner in das Land zu ziehen und
die alten darin zu erhalten, noch andere Sorgen: die Sorge für die Erhaltung und
Vermehrung der menschlichen Gattung durch Begünstigung der Ehe und der
Kindererzeugung, durch Gesundheitsanstalten u. dergl.; die oben sattsam
beschriebene Erhöhung der menschlichen Herrschaft über die Natur, durch
planmässig fortschreitende Verbesserung des Ackerbaues, der Gewerbe, des
Handels, und durch die Erhaltung des notwendigen Gleichgewichts zwischen diesen
drei Zweigen; kurz durch alles das, was im Begriffe der Staatswirtschaft, wenn
dieser Begriff gründlich gefasst wird, liegen möchte. Diejenigen, welche solcher
Bestrebungen unter dem Namen der Oekonomie spotten, bleiben an der äusseren
Schale hängen, und haben nicht das innere Wesen und die eigentliche Bedeutung
dieser Geschäfte durchdrungen. - Man hat unter anderen Fragen wohl auch die
aufgeworfen: ob die Bevölkerung in einem Staate nicht zu gross werden könne?
Unseres Erachtens ist zwar der faule und untätige Bürger, bei jedem Stande der
Bevölkerung allemal überflüssig, und um sich selber zuviel da; wenn aber mit
zunehmender Bevölkerung in demselben Maasse Ackerbau, Gewerbe und Handel in
richtigem Gleichmaasse zu einander ebenfalls zunehmen, so kann das Land wohl nie
zuviel Bewohner haben; denn die Ergiebigkeit der Natur bei zweckmässiger
Behandlung dürfte sich unendlich finden.
    Alle die soeben angegebenen Sorgen sind, wie wir schon oben gezeigt,
ohnedies Zwecke des Staats; in dem dermaligen Staatensysteme aber werden sie ihm
sogar durch die Notwendigkeit aufgedrungen. Es ist wohl möglich, dass wir an
dem soeben aufgestellten lediglich das ausgesprochen haben, was gegenwärtige
Staaten, die Anspruch auf höhere Cultur machen, in der Tat tun und treiben;
aber wir haben es noch in einem andern Sinne ausgesprochen. Wir haben gesehen,
dass sie es nicht nur zufälligerweise tun, sondern dass sie es mit
Notwendigkeit tun müssen; wir haben dadurch auf die Garantie hingewiesen, dass
sie es noch ferner tun und es immer vollkommener tun werden müssen, wenn sie
nicht im Fortgedränge mit den übrigen Staaten ihren Rang verlieren und endlich
ganz zu Grunde gehen wollen.
    Endlich wird in dem gegenwärtigen europäischen Staatensysteme durch dieselbe
Notwendigkeit dem Staate auch noch die bisher noch nirgends in der Welt
realisirte Gleichstellung der Rechte aller, und die allmählige Aufhebung der im
christlichen Europa noch als Rest der Feudalverfassung bestehenden Ungleichheit
dieser Rechte zum Zwecke gemacht. - Ohne Scheu berühre ich diesen Gegenstand in
der Umgebung, in welcher ich mich befinde; ja ich würde glauben, die Ehrwürdige
Versammlung, zu welcher ich rede, durch den leisesten Zweifel an ihrer
Willigkeit, auch ihn behandelt zu sehen, zu beleidigen. Wer unter uns allen, der
sich über das Volk erhaben glaubt, hat nicht, mittelbar oder unmittelbar, selbst
mit von jenen Vorzügen Gewinn gezogen? und es ist ganz in der Ordnung, dass man
annimmt, was unser Zeitalter uns bietet, und sich bescheidet es nicht länger zu
begehren, wenn die Zeit es nicht weiter trägt.
    Die erwähnte Notwendigkeit tritt für den Staat also ein: gezwungen stets
und in der Regel, so viele Kraft seiner minder begünstigten Bürger aufzubieten
und sich anzueignen, als dieselben nur irgend aufzubringen vermögen, wenn sie
dabei noch persönlich frei bleiben und subsistiren sollen; kann er, wenn das
Bedürfnis einer noch grösseren Anstrengung eintritt, von jenen ersteren
durchaus nicht mehr sich leisten lassen, als sie schon bisher leisteten. Es
bleibt ihm darum kein anderer Ausweg übrig, als die begünstigten Stämme und
Stände in Anspruch zu nehmen. Möchte dies auch allenfalls zuerst nur bei einem
vorübergehenden Notfalle geschehen sein; der Wunsch, - die Kraft, die er einmal
besessen, immer und in der Regel zu besitzen, wird sehr leicht eintreten, und
der einmal gefundene Weg auch leicht zum zweiten Male wiedergefunden werden.
Hierzu kommt, dass selbst die Nichtbegünstigten dem Staate unmittelbar weit mehr
würden leisten können, wenn sie nicht den Begünstigten leisten müssten. Ein auf
Vergrösserung seiner inneren Kraft unablässig hinarbeitender Staat ist darum
genötigt, die allmählige Aufhebung aller Begünstigungen zu wollen; somit die
Rechte Aller vollkommen gleichzustellen, damit nur er, der Staat selber, in sein
wahres Recht eingesetzt werde, in das Recht, den gesammten Überschuss aller
Kräfte seiner Staatsbürger ohne Ausnahme für Seine Zwecke zu verwenden. - Die
fruchtbarste und wahrste Ansicht aller jener Privilegien wäre daher unseres
Erachtens folgende: sie sind ein öffentlicher Schatz, den der beginnende, seine
ganze Kraft weder kennende, noch sie bedürfende Staat indessen in die Hände
seiner gebildeteren Stämme niederlegte, damit diese nach ihrem besten Ermessen
frei, zu Beförderung freier Cultur, damit wucherten. Je zweckmässiger und
geschickter sie dieses getan haben, desto mehr ist durch ihren Dienst die
innere Kraft des Staats allmählig angewachsen, und desto länger können sie im
Besitze des treuverwalteten Gutes gelassen werden. Kommt die Zeit, da es dieser
freien Cultur nicht mehr bedarf, sondern die künstliche und nach Gesetzen
einherschreitende beginnt, und da der Staat unmittelbar und zu eigenen Händen
jenes niedergelegten Capitals bedarf: so fordert er es, doch also, dass nicht
eine zu plötzliche Umwandlung der bisherigen Verhältnisse erfolge, mitin
allmählig zurück: der wahrhaft Freie und Edle gibt es gern, als ein Opfer auf
dem Altare des Vaterlandes; wer sich zwingen lässt, beweiset dadurch nur, dass
er nie würdig war die anvertraute Gabe zu besitzen.
    Dass ich, um allem Misverständnisse über diesen Punct vorzubauen, sogleich
das höchste Princip meiner Ansichten über Gleichheit der Rechte aller hinstelle:
die gewöhnliche und triviale Teorie lässt dem Staate einen eingebildeten
gesetzlosen Naturzustand vorhergehen, in welchem die Gewalt Meister gewesen; der
Stärkere habe da an sich gerissen soviel er irgend vermocht, und der Schwächere
sei leer ausgegangen. Das Resultat dieses gesetzlosen Zustandes befestige nun
seitdem das Gesetz, mache rechtmässig, was absolut unrechtmässig war; und der
Staat sei dazu da, dem Gewaltigen den auf irgend eine Weise einmal
zusammengebrachten Haufen zu bewachen, und zu verhindern, dass der, welcher bei
der Teilung leer ausgegangen, jemals zu einem Besitze komme. Abgerechnet dass
diese Ansicht, wenigstens in Beziehung auf neue Geschichte, völlig unhistorisch
ist, und in dieser alles Eigentum erst auf dem Boden des schon errichteten
Staats entstanden, ist sie auch vernunftwidrig; und die Vernunftwidrigkeit
leuchtet in dem Ausdrucke, den wir ihr oben gegeben, unmittelbar ein. Seinen
Rechtsanspruch auf Eigentum hat jeder als Mensch; dieser Rechtsanspruch aller
ist gleich: das vorhandene, zum Eigentum zu machende, musste daher von
Rechtswegen unter alle gleich geteilt werden; diese gleiche Teilung dessen,
was Natur und Zufall ungleich verteilt hat, allmählig zu vollziehen, treibt
unter der Leitung derselben Natur den Staat die Not und die Sorge für seine
Selbsterhaltung.
    Alles jetzt nach einander Angegebene, E. V., ist die innige Durchdringung
des Bürgers vom Staate, die ich oben als den politischen Charakterzug unseres
Zeitalters aufgestellt habe; und es ist nun Ihr Geschäft zu beurteilen, ob es,
wenigstens da, wo der Staat zur höchsten Cultur, d.h. zur grössten inneren
Macht. und zu dem angemessenen gebietendsten Einflusse auf die christliche
Völkerrepublik gekommen, sich wirklich also verhalte. Dass hier diese innige
Durchdringung des Bürgers vom Staate und die Verwandlung aller seiner äusseren
Kraftanwendung in ein Werkzeug des Staates keinesweges, wie von jenem
schwärmerischen Streben nach Ungebundenheit, das sich zuweilen wohl auch
Philosophie nennt, getadelt, sondern als ein notwendiger Zweck des Staats und
der Natur hingestellt werde, ist wohl unzweideutig genug erklärt und vor allem
Misverständnisse sicher gestellt worden. Wir wollen freilich Freiheit und sollen
sie wollen, aber wahre Freiheit entsteht nur vermittelst des Durchganges durch
die höchste Gesetzmässigkeit. Wie sie dadurch notwendig sich erzeuge, ist von
uns in diesen Reden zu zwei verschiedenen Malen einleuchtend, wie ich glaube,
dargetan worden. Auch ist nicht vergessen worden zu zeigen, dass der Staat die
einmal zu seinem Eigentume gewordene Volkskraft, die er freilich nie loslassen
wird, nicht immer für den, denn doch engherzigen und nur durch die Schuld der
Zeiten ihm aufgedrungenen Zweck seiner blossen Selbsterhaltung verwenden,
sondern dass er sie, wie nur der ewige Friede, zu dem es endlich einmal doch
kommen muss, geboren worden, für würdigere Zwecke brauchen werde.
    Der cultivirteste Staat in der europäischen Völkerrepublik ist, in jedem
Zeitalter ohne Ausnahme, der strebendste; und am kräftigsten strebt jeder in der
Epoche, da er nicht mehr unmittelbar nach seiner Erhaltung im Gleichgewichte,
sondern vielmehr nach der Kraft ringt, dieses Gleichgewicht selbst zu leiten und
zu modificiren; welche letztere Kraft nicht möglich ist ohne die erste: - oder
dasselbe Gleichgewicht, falls es ihm beliebte, allenfalls auch zu stören. Und
dieses Streben wird um so erspriesslicher für die Cultur, je weniger ein solcher
Staat durch den Zufall begünstigt war, und je mehr er, eben deswegen, der weisen
Kunst der inneren Verstärkung und Kraftanstrengung bedurfte und fortwährend
bedarf. Einem Staate, der noch zu ängstlich für Gleichgewicht ringen muss, fehlt
es an innerer Freiheit und Selbstständigkeit, und er muss zu oft auf die Zwecke
der Nachbarstaaten in seinen Schritten Bedacht nehmen. Ein Staat, der in
sicherem und unbestrittenem Besitze des Uebergewichts sich fühlt, wird
leichtlich sorglos, verliert, von aufstrebenden Nachbarn umgeben, sein
Uebergewicht, und es wird vielleicht schmerzlicher Verluste bedürfen, um ihn
wieder zur Selbstbesinnung zu bringen.
    In allen diesen Eigenheiten unserer Zeit zusammengenommen liegt wiederum die
oben erwähnte Gewährleistung, welche die Natur selber uns für die fortdauernde
Güte unserer Regierungen gibt; und der Zwang, welchen dieselbe ohne unser
Zutun über die uns zwingenden Regierungsgewalten zu unserem Vorteile ausübt.
    Ueber das ganze christliche Europa strebt fast jeder selbstständige Staat,
so kräftig als er es vermag; und die Mittel der inneren, sowie der äusseren
Vergrösserung sind auch nicht unbekannt. In diesem allgemeinen Ringen der Kräfte
will es not tun, keinen Vorteil aus der Hand zu lassen; denn der Nachbar wird
ihn sogleich ergreifen, und, ausser, dass wir ihn nun nicht haben, ihn auch noch
gegen uns gebrauchen; - keine einzige Maxime einer guten Regierung und keinen
möglichen Zweig der Verwaltung zu vernachlässigen; denn dem Nachbar ist es
wiederum Maxime, den möglichst höchsten Vorteil für sich aus unserer
Vernachlässigung zu ziehen. Wer hier nicht vorwärts schreitet, kommt zurück, und
kommt immer mehr zurück, bis er endlich seine politische Selbstständigkeit
verliert, und fürs erste Zugabe an einen anderen Staat in der Wage des
Gleichgewichts wird, und später in Provinzen fremder Staaten zerfällt. Auf jeden
politischen Fehlgriff steht, wenn nur die Nachbarstaaten nicht ebenso unweise
sind, die Strafe des endlichen Unterganges; und will der Staat nicht untergehen,
so muss er Fehlgriffe vermeiden.
    Aber wenn er nun doch unweise wäre, und fehlgriffe? Ich frage zurück:
welches ist denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christlichen
Europäers? Im allgemeinen ist es Europa, insbesondere ist es in jedem Zeitalter
derjenige Staat in Europa, der auf der Höhe der Cultur steht. Jener Staat, der
gefährlich fehlgreift, wird mit der Zeit freilich untergehen, demnach aufhören
auf der Höhe der Cultur zu stehen Aber eben darum, weil er untergeht und
untergehen muss, kommen andere, und unter diesen Einer vorzüglich herauf, und
dieser steht nunmehr auf der Hohe, auf welcher zuerst jener stand. Mögen dann
doch die Erdgebornen, welche in der Erdscholle, dem Flusse, dem Berge, ihr
Vaterland erkennen, Bürger des gesunkenen Staates bleiben; sie behalten, was sie
wollten und was sie beglückt: der sonnenverwandte Geist wird unwiderstehlich
angezogen werden und hin sich wenden, wo Licht ist und Recht. Und in diesem
Weltbürgersinne können wir denn über die Handlungen und Schicksale der Staaten
uns vollkommen beruhigen, für uns selbst und für unsere Nachkommen, bis an das
Ende der Tage.
 
                              Fünfzehnte Vorlesung
    [Der Charakter der allgemeinen und öffentlichen Sitte des Zeitalters.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Wir heben diese Rede an mit einer Bemerkung, welche die in der vorigen Rede
geendete Untersuchung erst recht eigentlich schliesst, die heute zu führende
eröffnet, und so den Uebergangspunct zwischen beiden ausmacht; einer Bemerkung,
deren Inhalt wir immer in der Stille vorausgesetzt haben, jetzt aber ihn
deutlich und bestimmt aussprechen wollen.
    Vom Christentume haben wir den ganzen Charakter der neuen Zeit und die Art
und Weise der Entwickelung dieses Charakters der Zeit abgeleitet. Aber alles,
was Princip der Erscheinung wird, geht ebendarum in der Erscheinung verloren,
und wird, dem äusseren Sinne unsichtbar, nur noch bemerklich dem schärferen
Nachdenken. Inwiefern daher das Christentum wahrhaft Princip geworden, kommt es
im deutlichen Bewusstsein der Zeitgenossen gar nicht mehr vor; hingegen
dasjenige, was sie sich etwa als Christentum denken, ist gerade um deswillen
noch nicht Princip geworden, - noch ist es aufgenommen in das eigene innere
selbstständige Leben der Zeit. Christentum war uns gleichbedeutend mit einig
wahrer Religion; und von den zufälligen Modificationen, welche. diese wahre
Religion durch die Zeit ihres ersten Eintrittes in die Welt erhielt, haben wir
abstrahirt. Inwiefern nun die Folgen dieser zufälligen Modificationen in dem
stehenden Zustande der ganzen Menschheit sich festgesetzt haben, - wie wir dies
an der ganzen dermaligen Verfassung der europäischen Staatenrepublik dargetan,
- entdeckt man die Quelle nicht mehr, und schreibt z.B. dem Zufalle zu, was doch
des Christentums ist.
    Nicht anders mag es wohl mit anderen Verhältnissen der menschlichen Gattung
beschaffen sein, welche über den Staat hinausliegen. Um gleich das höchste nach
der Religion zu nennen, die Wissenschaft, und von dieser denjenigen Zweig, der
immer den entscheidendsten Einfluss auf die Gestalt der gesammten Wissenschaft
gehabt, und, stillschweigend wenigstens, wahrscheinlich nicht mit Unrecht sich
die Gesetzgebung über sie angemaasst, die Philosophie: - wodurch wurde denn in
der neuen Zeit die Liebe zur Philosophie entzündet, ausser durch das
Christentum: was war denn die höchste und letzte Aufgabe der Philosophie, als
die, die christliche Lehre recht zu ergründen, oder auch sie zu berichtigen:
wodurch hatte denn die Philosophie in allen ihren Gestalten den allgemeinsten
Einfluss, und auf welchem Wege floss sie denn aus dem engeren Umkreise ihrer
Geweihten wieder herab auf die ganze menschliche Gattung, ausser vermittelst der
Vorstellungen von Religion, und der Mitteilung dieser Religion an das Volk? In
der ganzen neuen Zeit ist die jedesmalige Geschichte der Philosophie die noch
künftige der religiösen Vorstellungen; beide schreiten miteinander fort zu
höherer Reinheit und zu ihrer ursprünglichen Einigkeit, und der religiöse
Volkslehrer ist der beständige Vermittler des gelehrten und des ungelehrten
Publicums. So ist die ganze neuere Philosophie unmittelbar, und vermittelst
ihrer die Gestalt der gesammten Wissenschaft mittelbar, durch das Christentum
erschaffen: eben also wird es sich auch mit anderen Dingen verhalten; und so
möchte es sich finden, dass das einzige, in dem ewigen Fortflusse der neuen Zeit
bestehende und unwandelbare das Christentum sei in seiner reinen, selbst
unwandelbaren Gestalt, und dass dieses allein es bleiben werde bis an das Ende
der Tage.
    Wir haben, unserem früher vorgezeichneten Plane zufolge, heute den Charakter
der allgemeinen und öffentlichen Sitte im gegenwärtigen Zeitalter anzugeben; es
wird Sie nach dem Gesagten nicht wundern, wenn wir auch hier wieder zum
Christentume, als dem Principe aller Sitte in der neuen Zeit, zurückzugehen
genötiget sind.
    Was heisst zuvörderst Sitte, und in welchem Sinne bedienen wir uns dieses
Wortes? Es bedeutet uns, und bedeutet unseres Erachtens in jedem
Sprachgebrauche, der sich selbst recht versteht, die angewöhnten und durch den
ganzen Stand der Cultur zur anderen Natur gewordenen, und ebendarum im
deutlichen Bewusstsein durchaus nicht vorkommenden Principien der Wechselwirkung
der Menschen untereinander. Die Principien, sagten wir; darum nicht etwa das
zufällige, und vielleicht durch zufällige Gründe bestimmte wirkliche Verfahren,
sondern den verborgenen, sich immer gleichbleibenden Grund, den mau bei dem nur
sich selbst Überlassenen Menschen voraussetzen, und aus ihm das Verfahren,
welches erfolgen wird, so ziemlich sicher vorher berechnen kann. Die zur Natur
gewordenen, und darum im deutlichen Bewusstsein nicht vorkommenden Principien,
sagte ich: es sind daher alle auf Freiheit sich stützende Antriebe und
Bestimmungsgründe dieses allgemeinen Betragens, - der innere der Sittlichkeit,
der Moralität, sowie der äussere des Gesetzes, abzurechnen; was der Mensch erst
bedenken und frei beschliessen muss, ist ihm nicht Sitte, und inwiefern einem
Zeitalter eine Sitte zugeschrieben wird, wird es betrachtet als bewusstloses
Werkzeug des Zeitgeistes.
    Schon oben schrieben wir der Einführung der Gleichheit aller vor dem Rechte
und vor einer bestimmten, jedes Vergehen sicher entdeckenden und auf die
angedrohte Weise bestrafenden Gesetzgebung, - welche Gesetzgebung in der neueren
Zeit wiederum lediglich auf Andrang des Christentums eingeführt worden - wir
schrieben, sage ich, einer solchen Gesetzgebung einen höchst vorteilhaften
Einfluss zu auch auf die Sitte der Bürger. Wird, so ohngefähr drückten wir uns
aus - wird jedwede innere Versuchung zur Ungerechtigkeit gegen andere, durch das
sichere Bewusstsein, dass dabei nichts als unausbleibliche Strafe und Verlust zu
erwarten sei, gleich in der Geburt erdrückt: so kommt es ganz aus der Gewohnheit
eines solchen Volkes, ungerechte Gedanken sich auch nur einfallen zu lassen,
oder sie in der mindesten Äusserung zu zeigen. Alle erscheinen als tugendhaft;
obwohl es noch immerfort das drohende Gesetz sein mag, welches die böse Lust in
den geheimsten Winkel des Herzens zurückscheucht; das Andenken au die Drohung
des Gesetzes ist zur Sitte geworden, und macht es zur Sitte, keinem ungerechten
Gedanken den Ausbruch zu verstatten. Diese Sitte, als lediglich zurückhaltend
vom bösen, keinesweges aber noch treibend zum guten Betragen, wäre negative
gute, d.h. nur nicht böse Sitte; und ihre Erzeugung wäre der negative Einfluss
der Gesetzgebung, und vermittelst derselben des Christentums, auf die
öffentliche Sitte.
    Dieser Einfluss der Gesetzgebung auf die Sitte ist notwendig und unfehlbar:
- ist in keinem Falle aus der Ungerechtigkeit Gewinn, sondern allemal nur
Verlust zu erwarten, so kann keiner, wenn er nur sich selber liebt und sein
eigenes Wohlsein will, ungerecht sein wollen. Sollte nun etwa unter einer
wirklich zweckmässigen Gesetzgebung dieser Einfluss auf die Sitten sich
keinesweges in dem zu erwartenden Grade zeigen, so wäre nur zu untersuchen, ob
dieser Mangel nicht etwa auf die stattfindende Ungewissheit über die Vollziehung
des Gesetzes sich gründete: entweder weil der Schuldige mit grosser
Wahrscheinlichkeit hoffen kann unentdeckt zu bleiben, oder weil der Rechtsgang
und die gerichtliche Untersuchung und Beweisführung dunkel und verworren ist,
und Auswege zum Entschlüpfen darbietet. Sodann argumentirt der Versuchte dem
Staate gegenüber also: zehn etwa oder mehr um mich herum haben dasselbe getan
und sind ungestraft geblieben, warum sollte gerade ich, der Eilfte, entdeckt
werden; oder auch, - ich selber habe es schon zehnmal unentdeckt getan, wage
ich es noch dieses eilftemal! Würde ich zum Unglück entdeckt, so habe ich den
Gewinn von zehn gegen den Verlust von eins voraus: - und es lässt gegen seine
Rechnung sich nichts einwenden. Im ersten Falle, der Wahrscheinlichkeit der
Nichtanklage, wäre trotz der guten Gesetzgebung dennoch Mangel an Aufsicht im
zweiten Falle, der Hoffnung, selbst angeklagt der Ueberweisung zu entgehen,
Mangel an der gehörigen Anzahl scharfsinniger Richter. In beiden Fällen wurde es
Aufgabe, den Grund des Mangels zu entdecken: z.B. ob er nicht selber aus der
oben beschriebenen Not des Staates, der alle seine Kraft unmittelbar zur
äusseren Selbstverteidigung brauchte, entspringe; und ob etwa ein solcher
Staat, falls ihm die Verbesserung der Polizei oder die Schärfung der
gerichtlichen Untersuchung angemutet würde, dagegen sich beklagte, dass er dazu
die Kosten nicht aufzubringen vermöge. Es wäre einer solchen Regierung in diesem
Falle vorzustellen, dass die innere Sicherheit und Stärke noch bedeutender ist,
als die äussere, und dass die erstere der letzteren zur Grundlage diene, und
dass die Kosten für die erste zuerst berichtigt sein müssen, ehe es an den
zweiten Gegenstand nur kommen dürfe; und es wäre, falls man etwa dieser
Regierung keine Vorstellungen machen dürfte, und da man noch weniger irgend eine
Regierung zwingen kann, ihr zu wünschen, dass die aufs höchste gestiegene innere
Unordnung, und die Vereitelung sogar ihrer deutlich gedachten Absicht durch
diese Unordnung, sie zwingen möge.
    Es wäre ihr in Absicht des Processes vorzustellen: dass, so viel Achtung
auch das Bestreben verdiene, durchaus keinen Unschuldigen zu verurteilen, und
so wenig auch die Resultate dieses Bestrebens aufgegeben werden müssen, dennoch
das entgegengesetzte, durchaus keine Schuldigen unentdeckt und unbestraft zu
lassen, eine nicht weniger bedeutende Aufgabe sei; dass der Lösung beider
zugleich gar nichts im Wege stehe, und dass ohne die letztere Lösung selber die
erstere nicht gelöst sei, und der Staat seinem eigenen Zwecke entgegenhandle.
    Es ist hier der Ort, E. V., wo ich für mich kein Wort weiter sagen kann,
sondern wo Sie selber zu beurteilen haben: wie es in Absicht dieser Wirksamkeit
der Gesetzgebung auf die Sitte in Europa überhaupt, und insbesondere da, wo der
Staat am gebildetsten ist, stehe, worin, falls es da fehlen möge, der Fehler
eigentlich liege, und wie daher die neue Zeit weiter fortzuschreiten habe.
    Verhalte es sich inzwischen mit diesem Maasse des Einflusses der
Gesetzgebung auf die negative öffentliche Sitte wie es wolle, in jedem Falle
fliesst diese Sitte, wenn sie nur überhaupt vorhanden, wiederum wechselwirkend
ein auf den Staat und die Art und Weise seiner Gesetzgebung. Dieses, wie wir es
sogleich erweisen werden, vorausgesetzt, ist ein solches Verfahren des Staates
in seiner Gesetzgebung, da es aus der Sitte der Bürger herkommt, und durch sie,
keinesweges durch die Gesetzgebung, als solche, bedingt ist, selbst nur Sitte;
und da es den Staat nicht etwa nur von Ungerechtigkeit abhält, welche ohnedies
mit der Gesetzgebung nie besteht, sondern diese Gesetzgebung nur zu einem
anderen Verfahren leitet, positive Sitte des Staates. Die positive gute Sitte
aber besteht darin, dass man in jedem Individuum die menschliche Gattung
anerkenne und ehre. Diese Sitte, sagte ich, wird dem Staate in der Weise seiner
Gesetzgebung durch die negative gute Sitte der Bürger möglich gemacht - Es lässt
sich nämlich als beständiger Grundsatz der Strafgesetzgebung folgendes
aufstellen: je sicherer es ist, dass die Strafe erfolgt, und jemehr durch diese
Gewissheit die Sitte der Nation gebildet ist, desto milder und menschlicher
können die Strafen sein. Diese Milderung gilt aber nicht eigentlich dem
Verbrecher, gegen welchen, als solchen, der Staat keine weiteren Rücksichten
hat, sondern sie gilt der Gattung, deren Bildnis er doch immer in seiner Person
trägt.
    Zum Beispiel. Wer die Sache nicht einseitig, sondern in ihren tiefsten
Gründen zu betrachten gewohnt ist, wird ohne Zweifel zugeben, dass ein
Individuum so gefährlich für die Gesellschaft werden könne, dass der Staat
dieselbe vor ihm durchaus nicht zu sichern vermöge, ohne ihn aus der Welt zu
schaffen. Er wird aber zugleich, wenn er nur nicht von dem barbarischen
mosaischen Grundsatze: Auge um Auge, und Zahn um Zahn, ausgeht, zugeben, dass
der Staat nur in dem äussersten Notfalle und nur, wenn wirklich kein anderes
Mittel übrigbleibt, dieses wählen solle; denn der Verbrecher bleibt doch immer
ein Mitglied der Gattung, und hat als solches das Recht, zu leben so lange er
kann, um sich zu bessern. Dass aber, dieses für den einzelnen Fall zugegeben,
die Regierung etwa noch überdies mit der Ausführung des Verurteilten ein
pomphaftes Gepränge treibe, den Tod durch Martern schärfe, den Leichnam zur
ekelhaften Schau aufstelle, ist höchstens nur da zu entschuldigen, wo die Nation
recht häufig solcher schreckhaften Anblicke bedarf, damit nicht alle bei jeder
Gelegenheit zu Gräueltaten hingerissen werden. In einem gesitteten und zum
Blutvergiessen nicht geneigten Zeitalter wäre es unseres Erachtens hinlänglich,
wenn das Todesurteil nur öffentlich gesprochen, aber in geheimer Stille
vollzogen, und darauf nur der Leichnam vorgezeigt würde, damit ein jeder, der
wollte, von der Gewissheit der geschehenen Vollziehung sich überzeugen könnte.
Kurz, je gesitteter ein Volk wird, desto seltener und desto milder müssen unter
ihm die Lebensstrafen, und überhaupt alle Strafen werden.
    Diese allmählige Milderung der Strafgesetzgebung, sagten wir, wird dem
Staate durch die Verbesserung der öffentlichen Sitte möglich gemacht. Was soll
ihn aber nach eingetretener Möglichkeit antreiben und bewegen, wirklich zu tun,
was ihm bloss möglich geworden? Ich antworte: die allgemeine Meinung, sowohl des
gesammten Europas, als insbesondere die seines Volkes. So lange es noch nicht
Sitte geworden, in jedem menschlichen Individuum die Gattung anzuerkennen und zu
ehren, ist das Volk noch zu Gewalttätigkeiten geneigt, und muss durch harte und
zum Teil schauderhafte Strafen im Zaume gehalten werden; nachrlem jene Ansicht
Sitte, und darum die Gewalttätigkeit seltener geworden, kann es niemand mehr
dulden, dass irgend einer, der menschliches Antlitz trägt, was er auch sonst
begangen habe, gleichsam zur Schau gequält werde; der Gebildete entzieht mit
Ekel sein Auge dem Anblicke, und die ganze Welt verachtet eine Regierung und
eine Nation, unter der es noch sehr harte Strafen gibt, als barbarisch; und so
wird die Regierung durch ihre eigene und der Nation Ehrliebe getrieben, die
Strafgesetzgebung dem Geiste der Zeit angemessen zu erhalten, und hierin selbst
gute Sitte anzunehmen.
    Und so ist denn hier abermals ein Punct, E. V., wo ich Ihr eigenes Urteil
aufrufen muss, - und es Ihnen selber überlassen, in dieser Rücksicht die Vorzeit
mit der gegenwärtigen zu vergleichen, und zu ermessen, wo die letztere stehe,
und auf welche Weise sie etwa noch ferner vorzuschreiten habe.
    Wir haben bei Gelegenheit der soeben geendeten Betrachtung zugleich im
Vorbeigehen gefunden und angezeigt, worin die positiv gute öffentliche Sitte
bestehe. Sie besteht in der Gewohnheit, jedes Individuum ohne Ausnahme als ein
Mitglied der Gattung anzusehen, und von ihm also angesehen sein zu wollen; es so
zu behandeln, und von ihm also behandelt sein zu wollen. Anzusehen und angesehen
zu sein, behandeln und behandelt zu sein, habe ich gesagt: denn beides ist
unzertrennlich vereint, und wer das letzte nicht will, tut auch nicht das
erste. Wem es gleichgültig ist, was der andere von ihm denke, und in Dingen,
worüber das Recht nichts vorschreibt, ihn behandele, verachtet diesen anderen,
und wirft ihn weg als ein Nichts; weit entfernt davon, dass er sein Urteil als
ein Urteil der Gattung solle gelten lassen. Nun bleibt es ewig wahr, dass
jemand durch eigene schlechte Sitte andere gegen sich in die Lage setzen könne,
dass ihnen nichts übrig sei, als die entschiedenste Verachtung für ihn, und dass
sie daran ganz recht haben: nur muss diese Verachtung nicht ursprüngliche Sitte
sein, sondern sie muss veranlasst und verdient werden; und sodann hebt der
deutliche Begriff hinweg über die Sitte.
    Die Hauptbestimmung in unserem aufgestellten Begriffe der guten Sitte ist
die: dass schlechtin jedes Individuum, bloss als solches, und dadurch, dass es
menschliches Angesicht trägt, ohne Ausnahme eines einzigen, - fürs erste, und
falls es nicht durch eigene Handlungen dieses Urteil verwirkt, - für ein
Mitglied der Gattung und einen Repräsentanten derselben anerkannt werde; das
heisst mit anderen Worten: dass die ursprüngliche Gleichheit aller Menschen die
herrschende und allem Verkehr mit Menschen zu Grunde liegende Ansicht sei. Nun
ist dieselbe Gleichheit aller Menschen das eigentliche Princip des
Christentums; die allgemeine bewusstlose Herrschaft dieses Christentums, und
die Verwandlung desselben in das eigentliche treibende Princip des öffentlichen
Lebens, wäre daher zugleich der Grund der guten Sitte, oder vielmehr selbst und
unmittelbar die gute Sitte. Die bewusstlose Herrschaft, habe ich gesagt; es wird
nicht mehr ausgesprochen: das und das lehrt das Christentum, sondern die Sache
selbst ist da, und lebt wahrhaftig und in der Tat verborgen im Gemüte der
Menschen, und äussert sich in allem ihrem Tun.
    Nun ist diese Voraussetzung allerdings da in der Welt seit dem Ursprünge des
Christentums, und niemand handelt dagegen, weil es keiner vermag. Vor Gott sind
wir alle gleich, sagt mancher, und lässt sichs gefallen, dass wir in jenem Leben
wirklich werden gleichgestellt werden, weil er es nicht ändern kann; der doch in
diesem Leben auf die Ungleichheit der Menschen sich stützt, sie aus allen
Kräften aufrecht erhält und von ihr den höchstmöglichsten Vorteil zu ziehen
sucht. Jenes Princip der Gleichheit müsste daher auf die irdischen Verhältnisse
der Menschen angewendet werden, wenn es zu wahrhaftig lebendiger, guter Sitte
werden sollte. Dies wird es nun durch den vollendeten Staat, der alle auf
gleiche Weise, jeden an seinem Platze, durchdringt, und sie zu seinen Werkzeugen
macht. Nicht die bloss ideale Herrschaft des Christentums sonach, sondern die
durch den Staat hindurchgegangene und in ihm realisirte Herrschaft dieses
Christentumes ist die wahre gute Sitte; und der Begriff dieser guten Sitte ist
nun weiter also bestimmt: jedes Individuum wird als Mitglied der Gattung
anerkannt, wenn wir es als Werkzeug des Staates ansehen, und von ihm angesehen
sein wollen, es so behandeln, und von ihm also behandelt sein wollen. - So
angesehen und so behandelt sein wollen; nun aber können wir ihm keinen Irrtum
anmuten; wir müssen darum wirklich Werkzeug des Staates sein, und sein wollen,
und obwohl vielleicht in einer anderen Sphäre, dennoch in demselben Maasse es
sein wollen, als er es ist.
    Die vollkommene Durchdringung aller vom Staate, und mit ihr die Gleichheit
aller im Staate, tritt erst ein durch die vollkommene Gleichstellung der Rechte
aller: die vollkommene gute Sitte besteht sonach darin, dass man diese
Gleichheit der Rechte aller voraussetze, wenigstens als etwas, zu dem es kommen
solle und müsse, und jedweden also behandle, als ob es dazu kommen müsse; auch
von ihm nicht anders, als nach dieser Voraussetzung behandelt sein wolle. Es ist
eben daraus klar, dass die Ungleichheit der Rechte die eigentliche Quelle der
schlechten Sitte, und die stillschweigende Voraussetzung, dass es bei dieser
Ungleichheit bleiben müsse, die schlechte Sitte selbst ist.
    Um dies durch nähere Auseinandersetzung ganz klar zu machen. - Da stehen
fürs erste einander gegenüber der vermögendere und gebildetere Bürgerstand, und
die privilegirten Stämme. An dem ersteren ist es schlechte Sitte: entweder, von
der einen Seile, die Auszeichnungen der letzteren zu hoch anzuschlagen, und
ausser den, durch die Convenienz gebotenen Ehrenbezeugungen, die jeder
Verständige mitmacht, ein sklavisch unterwürfiges und kriechendes Betragen gegen
sie anzunehmen; oder, von der anderen Seite, ihnen ihre Auszeichnungen zu
beneiden, mit Bitterkeit sich dawider zu äussern, und diese Auszeichnungen,
entweder aus Hass oder aus Mangel an reifem Nachdenken, in ein falsches und
gehässiges Licht zu stellen. Diese schlechte Sitte des einen Teils bringt gar
leicht andere schlechte Sitte beim anderen Teile hervor: indem er entweder die
nicht gebührenden Huldigungen nicht mit der gehörigen Indignation abweist,
sondern es sich gefallen lässt, gering zu schätzen, was sich ihm zur
Geringschätzung darbietet; oder den anderen Stand streng von sich abhält, und
sich vor ihm und seiner Berührung enge verschliesst.
    Wie sollen nun diese beiden entfremdeten Teile desselben Staates friedlich
sich vereinigen und zusammenstimmen zu Einer und derselben guten Sitte? Das
erspriesslichste wäre, wenn die Wissenschaft sie verbände; und zwar also, dass
der Bürgerstand zuerst im Besitze derselben sich befände, und die Mitteilung
von ihm ausginge. - Wäre sie anfangs bei den privilegirten Stämmen, so wäre zu
befürchten, dass diese sich in dem alleinigen Besitze davon zu erhalten suchten,
und so zu einer Begünstigung des Zufalles noch den weit bedeutenderen Vorzug des
wahren Wertes ausschliessend hinzufügten. Von dem wahrhaft wissenschaftlich
ausgebildeten Bürger ist zu erwarten, dass er jene Privilegien in ihrer
eigentlichen Bedeutung und Werte - ohngefähr also, glaube ich, wie dieselben in
der vorigen Rede angegeben worden - verstehe und begreife, und ebendarum so weit
davon entfernt sein werde, sie zu überschätzen, als davon, sie zu beneiden. Der
wissenschaftlich ausgebildete Mann von privilegirtem Stande erhält einen
eigenen, neuen und persönlichen Wert, der ihn sehr geneigt machen wird, dem
Lichte, welches dieselbe Wissenschaft auf sein durch Zufall ihm angeborenes
Privilegium wirft, das Auge zu öffnen. Ihnen beiden wird der Unterschied im
Geringeren vor ihrer Gleichheit im Höheren, das sie beide über alles schätzen,
gar leicht verschwinden.
    Beide Stände, durch dieses Band nunmehr vereinigt, stehen nur noch gegenüber
dem grossen Volke, welches die mechanische und körperliche Arbeit tut, und
dabei fast allgemein des vollständigen Unterrichtes, dessen es bedürfte,
entbehrt. Seine täglichen Lasten fühlt es; dass die höheren Stände, bei
reichlicherem und bequemerem Lebensgenusse, seine mechanischen Arbeiten nicht
teilen, sieht es; wie diese in anderen Sphären ihre Muhe und Arbeit gleichfalls
haben: wozu sie im Ganzen nützlich, nötig, und für das Volk selbst
unentbehrlich sind; und insbesondere, welchen herrlichen Gewinn selbst diese
ihre, der niederen Volksklassen, Arbeit dem Ganzen gewährt, wissen und begreifen
sie nicht. Es ist unter diesen Umständen nicht anders möglich, als dass bei
ihnen die schlechte Sitte zur anderen Natur werde, die höheren Stände bloss für
Bedrücker zu halten, die von ihrem Schweisse zehren; und bei jedem Antrage, der
von ihnen kommt, sogleich herumzudenken, welchen neuen Vorteil wohl jene
wiederum hierbei suchen mögen. Es kann diesen durchaus durch nichts geholfen,
noch ihre arge Sitte verbessert werden, ausser durch die lebendige Einsicht,
dass sie durchaus nicht der Willkür eines Einzelnen, sondern dem Ganzen dienen,
und diesem nur so weit, als das Ganze ihres Dienstes bedarf; und dass jedweder
ihrer Mitbürger, welches Standes er sei, ohne Ausnahme ganz dasselbe Schicksal
trage; aber damit sie es einsehen können, muss es sich auch in der Tat also
verhalten; denn man hoffe doch ja nicht, die niederen Stände in Sachen, die
ihren Vorteil betreffen, zu täuschen! Die Gleichheit der Rechte müsste daher
entweder wirklich eingeführt sein, oder der Begünstigte müsste immerfort
öffentlich und vor den Augen aller handeln, als ob sie eingeführt wäre. Auf
diesen Zustand müsste sie nun der Vermittler zwischen ihnen und den höheren
Ständen, der Volkslehrer, der die Verkettung ihrer Begriffe und ihre Sprache
kennen soll, aufmerksam und denselben ihnen einleuchtend machen; mit einem
Worte, das Volk sollte nicht bloss in der Religion, sondern auch über den Staat
und seinen Zweck und seine Gesetze Unterricht, und zwar gründlichen und bündigen
Unterricht, erhalten.
    Um meinen Gedanken an einem bestimmten Beispiele klar zu machen: der grosse
Güterbesitzer müsste, seinen Bauern gegenüber, mit Grunde der Wahrheit und dem
täglichen Zeugnisse ihrer eignen Augen gemäss so sagen können, oder ihnen durch
den Volkslehrer sagen lassen können: obwohl ich soviel besitze, als vielleicht
hundert oder tausend von euch, so kann ich doch darum nicht für hundert oder
tausend essen, trinken und schlafen. Die Unternehmungen, die ihr mich täglich
machen seht, die Proben im Grossen mit neuen Arten der Bewirtschaftung, die
Einführung neuer edlerer Tierarten, neuer Pflanzen und Sämereien aus entlegnen
Ländern, ihre noch ungewohnte und erst zu erlernende Behandlung, bedürfen
grosser Auslagen und Vorschüsse, und des Vermögens, das mögliche Mislingen zu
übertragen. Ihr vermögt dies nicht, darum wird es euch nicht angemutet; aber
was mir gelungen ist, das lernt von mir und macht es nach; was mir mislungen
ist, das lasset, denn ich habe schon für euch das Wagnis bestanden. Aus meinen
Heerden wird allmählig das nun schon einheimisch gewordene edlere Zuchtvieh
durch die euren, von meinen Aeckern die schon an das Klima gewöhnte
einträglichere Frucht sich über eure, nebst der auf meine Unkosten erlernten und
bewährten Kunst der Wartung, verbreiten. Es ist wahr, dass meine Speicher mit
Vorräten aller Art vollgepfropft sind; wem unter euch aber habe ich jemals sie
verschlossen, der meiner bedurfte? Wer unter allen ist jemals in einer Not
gewesen, da ich ihm nicht beigestanden? Was ihr nicht bedürft, wird auf den
ersten Wink des Staats in die erste vaterländische Provinz strömen, die der
Mangel drückt. Beneidet mir nicht das Geld, das ich dafür ziehe. Es wird eben so
angewendet werden, wie ich noch Alles, das ich hatte, vor euren Augen angewendet
habe; es soll mit meinem Willen kein Heller davon ohne Gewinn für höhere Cultur
ausgegeben werden. dabei bin ich in jedem Augenblicke bereit, wenn der Staat
meiner Gelder für Besoldung seiner Armeen oder Unterstützung seiner Provinzen,
der Zerschlagung meiner Güter für Unterbringung einer grösseren Volksmenge
bedarf, sie ihm verabfolgen zu lassen. Ich stehe euch dafür, dass ihr mich keine
Miene verziehen sehen sollt. Bedarf er ihrer nicht, und soll ich sie meinen
Kindern hinterlassen; so habe ich diese erzogen, dass sie handeln werden wie
ich, und ihre Nachkommen erziehen werden, zu handeln wie ich, bis an das Ende
der Tage.
    Dies, E. V., ist die öffentliche und allgemeine gute Sitte. Wie weit es nun
in unserm Zeitalter da, wo der Staat und seine Bewohner auf der Spitze der
Cultur stehen, in Vergleich mit den frühern Zeiten mit der Herrschaft dieser
Sitte gekommen, in welchen Stücken es noch ermangle, und wie daher unsre Gattung
in dieser Rücksicht zunächst fortzuschreiten habe: - überlasse ich hier umsomehr
der eignen Beurteilung derjenigen unter Ihnen, welche Gelegenheit haben, über
diesen Gegenstand Beobachtungen anzustellen, da ich diese Gelegenheit,
besonders, was das Verhältnis der gebildeten Stände zum Volke betrifft, seit
einer langen Reihe von Jahren nicht mehr, und in gewissen Ländern niemals gehabt
habe. Ich hatte nichts mehr zu tun, als nur im allgemeinen die Principien für
ein solches. Urteil aufzustellen. - Dass ich es nochmals kurz zusammenfasse:
Darin besteht eines jeglichen Bestimmung und Wert, dass er mit allem, was er
ist, hat und vermag, sich an den Dienst der Gattung, - und da und inwiefern der
Staat die Art des Dienstes, welchen diese Gattung in der Regel bedarf, bestimmt,
- an den Dienst des Staates setze. Auf welche von ihm selbst gewählte, oder vom
Staate ihm angewiesene Art jemand dies tue, darauf kommt es nicht an; sondern
nur darauf, dass er es tue: und jeder ist zu ehren, nicht nach dieser Art,
sondern nach dem Grade, in welchem er es in seiner Art tut. Selbst der, der es
nicht täte, oder es höchst unvollkommen täte, ist wenigstens als ein solcher,
der es tun sollte, der es tun könnte, und der es vielleicht einst noch tun
wird, zu achten und nach dieser Ansicht zu behandeln. - Ebenso hat keiner von
den übrigen Ehre und Achtung für sich zu fordern, als lediglich aus diesem
Grunde, und keinen Anspruch auf irgend ein Gelten vor ihnen zu machen, als
allein in dieser Rücksicht. Und so würde denn aller Einfluss des
Standesunterschieds auf die gegenseitige Behandlung rein ausgetilgt sein, und
alle Bürger des Staats und zuletzt das gesammte Menschengeschlecht sich
vereinigen zu gleicher gegenseitiger Achtung und achtender Behandlung: weil
diese Behandlung auf einem gleichen und allen auf dieselbe Weise gemeinsamen
Grunde beruhte.
 
                             Sechszehnte Vorlesung
    [Religiöser Charakter des Zeitalters.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Nach unserm früher dargelegten Plane haben wir heute die Principien
aufzustellen für die Beantwortung der Frage: auf welchem Standpuncte das
gegenwärtige Zeitalter in Absicht der allgemeinen und öffentlichen Religiosität
stehe.
    Schon seit langem haben wir die wahre Religion oder das Christentum, welde
beide Ausdrücke uns bekanntlich ganz gleichbedeutend sind, als den eigentlichen
und letzten Grund der Erscheinungen, welche unser Zeitalter charakterisiren,
betrachtet: und so wäre denn die ganze bestimmte Zeit nichts anderes, als dieser
bestimmte Standpunct der Religiosität. Diese soeben aufgeworfene Frage wäre
demnach entweder durch alles Vorherige schon beantwortet, oder falls sie dadurch
nicht beantwortet sein und noch einer besondern Antwort bedürfen sollte: so
müsste hier das Wort Religion und Religiosität in einem andern Sinne genommen
werden, als bisher.
    Das Letztere ist der Fall. Bisher ward die wahre Religion als verborgenes
Princip der Erscheinungen betrachtet; heute wird sie durchaus nicht als solches,
sondern als auf sich ruhendes, selbstständiges Wesen angesehen. Bisher wurde
sie, eben weil sie Princip der Erscheinungen war, als bewusstloses Princip
hingestellt: und nicht das hiess uns in diesem Zusammenhange Religion, was man
ausspricht, sondern dasjenige, was zum innern Leben selber, - zum Grunde alles
Tuns und alles Sprechens geworden ist. Heute wird sie als im klaren Bewusstsein
vorkommend betrachtet; denn das selbstständige Dasein der Religion ist keine
Sache, noch äussert es sich in irgend einer Sache, sondern es ist ein
Bewusstsein, und zwar ein durchaus in sich selber geschlossenes Bewusstsein.
    In demselben Sinne wird das Wort Religion auch genommen in dem dem Zeitalter
gewöhnlichen Urteilsspruche von sich selber in Absicht der Religiosität: in der
bekannten und fast auf allen Zungen befindlichen Klage über den Verfall der
Religiosität, besonders unter dem Volke. Zwar sollte man meinen, dass das blosse
Dasein dieser Klage - dem, was geklagt wird, widerspräche: denn die Klagenden
zeigen ja eben dadurch, dass sie klagen, ihre Liebe und Achtung für die
Religion: - wenn nur nicht der verdächtige Beisatz wäre, aus welchem
hervorzugehen scheint, dass sie keinesweges ihre eigene Irreligiosität beklagen,
und nicht etwa sich selber, sondern nur andern, und insbesondere dem Volke,
Religiosität wünschen; bei welchem Wunsche sie vielleicht noch eine andere
Absicht für sich selbst im Hinterhalte haben. Verhalte es sich damit, wie es
wolle; lassen Sie uns diese Klage selber prüfen und an diese Prüfung unsere
eigene Untersuchung anknüpfen.
    Ohne dadurch in der Beobachtung der Erscheinungen Ihnen in dieser Rücksicht
vorzugreifen, können wir dennoch wohl als Grundsatz aufstellen, dass ohne
Zweifel wahr sein und in der Erscheinung sich vorfinden werde, was aus den im
Zeitalter vorhandenen Principien für die öffentliche Religiosität notwendig
erfolgen muss. Nun sind, wie in den vorigen Reden im Vorbeigehen gezeigt worden,
die Principien für die öffentliche Religion eines Zeitalters der Zustand der
Wissenschaft, und insbesondere der der Philosophie in dem nächst vorhergehenden
Zeitalter. In diesen Schulen wird der Volkslehrer, der Volksschriftsteller, die
öffentliche Meinung der cultivirten Klassen gebildet, und strömt aus diesen
Behältern, durch Lehre und Beispiel, herab zum Volke. Dieser philosophisch
wissenschaftliche Zustand ist nun gleich zu Anfange dieser Vorlesungen also
angegeben worden: das Princip sei, durchaus nichts gelten zu lassen, als das,
was man begreife (worin das Zeitalter recht habe); ferner: als Massstab des
Begreiflichen den bloss sinnlichen Erfahrungsbegriff mitzubringen und anzulegen
(worin des Zeitalter unrecht habe). Es ist ganz klar, dass durch die Herrschaft
dieser Principien schlecht hin alles Unbegreifliche und Geheimnisvolle in der
Religion wegfallen müsse; und - da zugleich die Furcht vor Gott gegründet ist in
dieser Unbegreiflichkeit und Unerforschlichkeit des göttlichen Ratschlusses und
der Mittel, ihn zu versöhnen, welche Mittel er uns eben deswegen unmittelbar
offenbaren musste, -so muss, sage ich, durch das Erste zugleich alles Furchtbare
in der Religion, so wie die blinde Gläubigkeit und Folgsamkeit in ihren
Angelegenheiten, völlig wegfallen. Ein Zeitalter daher, welches nach diesen
Grundsätzen durchaus gebildet und von ihnen durchdrungen wäre, würde sich vor
Gott nicht weiter fürchten, noch von den angeblichen Mitteln, ihn zu versöhnen,
Gebrauch machen.
    Ist denn nun aber diese Furcht vor Gott und dieses Streben, ihn durch
mysteriöse Künste zu versöhnen, Religion und Christentum? Keinesweges;
Aberglaube ist es und Rest des Heidentums, das mit dem Christentume sich
mischte, und bisher von ihm noch nicht rein ausgestossen war: die Philosophie
des Zeitalters vernichtet, wenn man sie nur gehen lässt, diesen Ueberrest
gänzlich. Freilich muss sie dabei notwendig - man kann nicht sagen, vernichten
- das wahre Christentum; denn dieses ist, ausser in Individuen, öffentlich und
als Weltzustand noch gar nicht da gewesen; aber sie muss unfähig sein, dasselbe
zu fassen und es in die Welt einzuführen.
    Beklagt man nun etwa diesen Sturz des Aberglaubens als Verfall der
Religiosität, so vergreift man sich sehr im Ausdrucke, und beklagt, worüber man
sich freuen sollte, und was ein glänzender Beweis unserer Fortschritte ist. Und
warum beklagt man denn diesen Verfall? - Da die verfallene Sache in sich selbst
nichts Empfehlendes hat, so können es nur die äussern Folgen ihres Verfalls
sein, welche beklagt werden. Inwiefern diese Klagen nicht von den Priestern
selbst - in diesem Zusammenhange heissen sie Priester - herkommen, deren Schmerz
über den Verlust ihrer Herrschaft über die Gemüter der Menschen sich begreifen
lässt, sondern von Politikern; so dürfte die ganze Klage sich darauf
zurückführen lassen, dass das Regieren dadurch weit schwerer und kostspieliger
geworden. Die Furcht vor den Göttern war ein trefflicher Beistand für eine
unvollkommene Regierung; es war bequem, die Untertanen durch diese beobachten
zu lassen, wo man selbst sie nicht beobachten konnte oder wollte; es ersparte
dem Richter den Aufwand des eigenen Scharfsinns, wenn er durch die Androhung der
unabbittlichen Verdammnis den Beklagten dahin bringen konnte, dass er
freiwillig berichtete, was der Richter gern wissen wollte; der böse Geist
leistete unbezahlt die Dienste, für welche seitdem Polizeibeamte und Richter
besoldet werden müssen.
    Dass wir auch hier freimütig sagen, was wir als wahr einsehen, - selbst
wenn die Aufrechtaltung eines solchen Erleichterungsmittels des Regierens
erlaubt wäre, was sie doch nicht ist; so ist schon an sich jene Erschwerung des
Regierens gar kein Uebel, sondern ein edles Gut, dessen die Menschheit über kurz
oder lang teilhaftig werden musste. Denn das Regieren selbst ist eine auf
Vernunftgesetze sich gründende Kunst, welche nicht bloss, so wie sichs trifft,
getrieben, sondern recht und aus dem Grunde gelernt werden soll: zu diesem
gründlichen Erlernen aber treibt lediglich die Not, und zwar erst dann, wenn
mit der Seichtigkeit nicht länger auszureichen ist.
    Also, die Philosophie und wissenschaftliche Ansicht des Zeitalters richtet
den Aberglauben, als ein deutlich gedachtes und bewusstes, zu Grunde; die wahre
Religion an seine Stelle im Bewusstsein zu setzen, vermag sie nicht. Es würde
daher in einem solchen Zeitalter gar kein deutlicher Gedanke einer
übersinnlichen Welt, weder der falsche, noch der wahre, anzutreffen sein.
    Gesetzt nun dies verhielte sich also, und würde durch die Beobachtung,
welche ich auch hier Ihnen allein überlasse, bestätigt: würde daraus, dass das
Uebersinnliche auf keine Weise deutlich gedacht würde, folgen, dass darum auch
das undeutliche Gefühl davon, das Ringen und Streben nach demselben, mit einem
Worte, dass mit der Religion zugleich der Sinn für die Religion, oder die
Religiosität verloren gegangen sei? Nimmermehr. Es lässt sich als
unwidersprechlicher Grundsatz aufstellen: wo noch gute Sitten sind und Tugenden:
Verträglichlichkeit, Menschenliebe, Mitleid, Wohltätigkeit, häusliche Zucht und
Ordnung, Treue und sich aufopfernde Anhänglichkeit der Gatten gegen einander,
und der Eltern und Kinder, - da ist noch Religion, ob man es nun wisse, oder
nicht; und da ist noch Fähigkeit, zum Bewusstsein derselben gebracht zu werden.
Den Aberglauben freilich mögen sie nicht weiter, dessen Reich ist verflossen;
aber man versuche es nur, und rege wahre und klare Religionsbegriffe in ihnen
an, und man wird alsbald sehen, dass sie dadurch ergriffen werden, wie durch
nichts anderes. Und ist denn dies nicht auch in den neuesten Zeiten zuweilen
geschehen, und hat man dabei nicht bemerken können, dass Menschen aus allen
Ständen, die für jeden andern geistigen Reiz so gut als abgestorben waren,
hierdurch angezogen und aufgeregt worden? Weit entfernt daher, in die Klage über
den Verfall der Religiosität in unserm Zeitalter einzustimmen, halle ich dies
vielmehr für den Charakter des Zeitalters; dass es der wahren Religion
bedürftiger und empfänglicher sei, als ein anderes, wenn diese nur an dasselbe
gebracht würde. Das leere und unerquickliche freigeisterische Geschwätz hat Zeit
gehabt, auf alle Weise sich auszusprechen; es hat sich ausgesprochen, und wir
haben es vernommen, und es wird von dieser Seile nichts Neues und nichts besser
gesagt werden, als es gesagt ist. Wir sind desselben müde; wir fühlen seine
Leerheit und die völlige Nullität, welche es uns, in Beziehung auf den doch
einmal nicht ganz auszurottenden Sinn für das Ewige, gibt. Er bleibet dieser
Sinn und fordert dringend ein Geschäft für sich. Eine männlichere Philosophie
hat seitdem ihn dadurch zu beschwichtigen gesucht, dass sie einen andern Sinn in
Anspruch nahm, den für absolute Moralität, unter dem Namen des kategorischen
Imperativs. Manches kräftige Gemüt hat daran sich aufgerichtet und gestählt;
aber dies konnte nur eine Zeitlang dauern; gerade dadurch, dass ein verwandter
Sinn gebildet wird, fühlt der unbefriedigte um so stärker seine
Nichtbefriedigung. Wird nur endlich das Wahre an ihn kommen, so wird er, gerade
darum, weil er geruhet und an mancherlei Unrichtigem sich versucht hat, dieses
Wahre um so schärfer unterscheiden, und um so inniger es sich aneignen. Dass es
an ihn kommen wird, lässt sich sicher vorhersehen, denn schon wird es im Dunkel
der Formel, in den Werkstätten der Philosophie bereitet; und in den Urkunden des
Christentums liegt es, nur unverstanden, schon da. Wie und wodurch es in die
Welt werde eingeführt werden, müssen wir ruhig erwarten, und nicht sogleich die
Ernte sehen wollen, indes noch gesäet wird.
    Worin besteht denn also die wahre Religion? Vielleicht kann ich sie am
deutlichsten beschreiben, wenn ich zeige, was sie leistet, und dieses durch
dasjenige erkläre, was sie nicht leistet. Alle bis jetzt angegebenen äusseren
Bestimmungen des Christentums brachten die Menschen, insbesondere die Völker
und Staaten, dahin, dass sie manches taten, was sie ausserdem unterlassen haben
würden, und manches unterliessen, was sie ausserdem getan haben würden; und
insbesondere trieb der Aberglaube die Untertanen, manches Schädliche zu
unterlassen, und manches Nützliche zu tun. Mit einem Worte: diese äussern
Bestimmungen wurden Gründe des Daseins mehrerer Erscheinungen und Begebenheiten,
zu denen es ausserdem nie gekommen wäre. So verhält es sich nicht mit der
innern, wahren Religiosität: sie tritt durchaus nicht in die Erscheinung ein,
und treibt den Menschen schlechterdings zu nichts, was er nicht ausserdem getan
hätte. Aber sie vollendet ihn innerlich in sich selbst, macht ihn durchaus einig
mit sich selbst, und durchaus frei, und durchaus klar und selig; mit Einem
Worte, sie vollendet seine Würde.
    Betrachten Sie mit mir das Höchste, was der Mensch besitzen kann, wenn er
der Religion entbehrt: die reine Sittlichkeit. Er gehorcht dem Pflichtgebote in
seiner Brust, schlechtin, weil es gebietet, und tut, was sich als seine
Pflicht offenbart, schlechtin darum, weil es Pflicht ist. Versteht er sich denn
nun aber dabei? Weiss er, was diese Pflicht, der er alle Augenblicke sein ganzes
Sein aufopfert, an sich selber sei, und was sie eigentlich wolle? Er weiss
dieses so wenig, dass er laut erklärt, es solle sein, schlechtin, weil es sein
solle; und dass er gerade diese Unwissenheit und Unverständlichkeit selber,
diese absolute Abstraction von der Bedeutung des Gesetzes und den Folgen der
Tat zu einem Hauptkennzeichen des ächten Gehorsams machen muss.
    Zuvörderst - man wiederhole hier nicht die unverschämte Beteurung, dass ein
solcher Gehorsam, ohne Rücksicht auf irgend eine Folge, und ohne etwas dafür zu
begehren, an sich unmöglich sei und gegen die menschliche Natur laufe. Was weiss
denn der sinnliche Egoist, der nur ein halber Mensch ist, von dem Vermögen der
menschlichen Natur? Dass es möglich ist, weiss man nur dadurch, dass man es
wirklich macht: und ehe man nicht auf diese Weise die Möglichkeit erkannt, und
in seiner eignen Person zur reinen Sittlichkeit sich erhoben, hat man in das
Gebiet der wahren Religion gar keinen Eintritt; denn auch die Religion macht die
Folgen der einzelnen pflichtmässigen Tat keinesweges sichtbar. - So viel, um
den Einen Teil des Irrtums, der auf eine Lästerung der reinen Sittlichkeit
hinausläuft, abzuhalten.
    Sodann - der rein dem Pflichtgebote als solchem folgende versteht nicht, was
die Pflicht Überhaupt wolle. Es ist klar, dass, da er ohngeachtet dieses
Nichtverstehens doch allemal unbedingt gehorcht, da ferner auch das
Pflichtgebot, selbst unverstanden, immerfort und ohne Fehl in ihm redet, in
desselben Handeln durch dieses Nichtverstehen kein Unterschied gemacht werde; -
aber eine andere Frage ist die: ob dieses Nichtverstehen seiner Würde, als
vernünftigen Wesens, angemessen sei? Er folgt zwar nicht mehr dem verborgenen
Gesetze des Ganzen, oder dem blinden Naturhange, sondern einem Begriffe, und ist
insofern edler; aber dieser Begriff selber ist ihm nicht klar, sondern er für
denselben blind; sein Gehorsam daher bleibt ein blinder Gehorsam; und - zwar
durch ein edleres Mittel, aber noch immer mit verbundenem Auge - wird er zu
seiner Bestimmung geführt. Ist nun dieser Zustand, so wie er es ohne Zweifel
ist, gegen die Würde der Vernunft; liegt daher in der Vernunft selbst ein
Vermögen, und eben darum ein Trieb hindurchzudringen zur Bedeutung des
Pflichtgebots: so wird er durch diesen Trieb unaufhörlich gereizt und beunruhigt
werden, und es wird ihm, wenn er doch auf blindem Gehorsam besteht, nichts
übrigbleiben, als gegen jenen geheimen Zug sich zu verstocken. So vollkommen
auch alles sein Tun d. i. seine äussere Erscheinung ist, so ist doch innerlich,
in der Wurzel seines Wesens, noch Zwiespalt, Unklarheit, Unfreiheit, und darum
Mangel an absoluter Würde. - Dies ist die Gestalt selbst des Reinsittlichen,
wenn er im Lichte der Religion betrachtet wird. Wie misfällig muss in diesem
Lichte erst der Anblick desjenigen ausfallen, der es nicht einmal zur
Sittlichkeit gebracht hat, sondern dem Naturtriebe folgt! Auch er wird durch das
ewige Gesetz des Ganzen geleitet, aber mit ihm spricht es nicht einmal seine
Sprache, noch würdigt ihn des Anredens; sondern es führt ihn stumm, so wie das
Tier oder die Pflanze gleichfalls, fort - braucht ihn als Sache, ohne seinen
Willen im geringsten zu befragen, und in einer Region, wo es mit blossen
Maschinen getan ist.
    Die Religion eröffnet dem Menschen die Bedeutung des Einen ewigen Gesetzes,
das als Pflichtgebot dem freien und edlen, und als Naturgesetz dem unedleren
Werkzeuge gebietet. Der Religiöse begreift dieses Gesetz, und fühlt es in sich
lebendig als das Gesetz der ewigen Fortentwickelung des Einen Lebens. Wie jeder
einzelne Moment dieses Lebens in jener ewigen Entwickelung des Einen göttlichen
Grundlebens entalten sei, begreift er zwar nicht, weil das Unendliche nie zu
Ende ist, und darum nie von ihm erfasst werden kann; aber dass alle diese
Momente schlechtin nur in jener Entwickelung des Einen Lebens liegen, weiss er
unmittelbar, und durchschaut es klar. Was dem moralischen Menschen Pflichtgebot
war, ist ihm die innere Fortschreitung des Einen Lebens, welches unmittelbar als
Leben sich darstellt; was andern Naturgesetz ist, ist ihm die Entwickelung des
als ertödtet erscheinenden Trägers des ersten Lebens.
    Dieses Eine, klar erkannte Leben hält nun im Religiösen in sich selber
zusammen, und ruht auf sich, sich selber genügend und in sich selig, mit
unaussprechlicher Liebe: mit unnennbarem Entzücken taucht sein Auge in den
Urquell alles Lebens, und fliesset, von ihm unabtrennlich, mit ihm fort im
ewigen Strome. Was der moralische Mensch Pflicht nannte und Gebot, was ist es
ihm? Die geistigste Blüte des Lebens, sein Element, in welchem allein er atmen
kann. Er will und mag nichts anderes, denn dies, und alles andere ist ihm Tod
und Verdammnis. Für ihn kommt also das gebietende Soll zu spät; ehe es
gebietet, will er schon, und kann nicht anders wollen. Wie vor der Moralität
alles äussere Gesetz verschwindet, so verschwindet vor der Religiosität selbst
das innere; der Gesetzgeber in unserer Brust schweigt, denn der Wille, die Lust,
die Liebe, die Seligkeit, hat das Gesetz in sich aufgenommen. Dem moralischen
Menschen wird es oft schwer, seine Pflicht zu tun, und das Opfer seiner
tiefsten Neigungen und liebsten Gefühle wird von ihm gefordert. Er tut es
demohngeachtet; es muss sein; er unterdrückt seine Gefühle und betäubt seinen
Schmerz. Die Frage: warum es nun gerade dieses Schmerzes bedürfe, und woher
dieser Zwiespalt zwischen seiner, ihm doch auch eingepflanzten Neigung und der
ebenso unabweislichen Forderung des Gesetzes komme? darf er sich nicht erlauben;
er muss stumm und blind sich opfern, denn nur unter der Bedingung dieser stummen
Aufopferung ist das Opfer ächt. Dem Religiösen ist diese Frage mit Einemmale für
ewig gelöst. Das, was da widerstrebt und nicht sterben mag, ist unvollkommneres
Leben, das eben darum, weil es doch Leben ist, nach Fortbestehen ringt: das aber
aufgegeben werden muss, wenn das höhere und edlere Leben in das Dasein eintreten
soll. Jene Neigungen, die ich aufopfern soll, denkt der Religiöse, sind gar
nicht meine Neigungen, sondern es sind Neigungen, die gegen mich und mein
höheres Dasein gerichtet sind; sie sind meine Feinde, die nicht zu früh sterben
können. Der Schmerz, der mir zugefügt wird, ist nicht mein Schmerz, sondern der
Schmerz einer gegen mich verschwornen Natur; es sind nicht die Zuckungen des
Sterbens, sondern die Wehen einer neuen Geburt, welche herrlich sein wird über
alle meine Erwartungen.
    Es würde die Beschreibung der Religiosität herabwürdigen, wenn wir noch
besonders erinnerten und heraussetzten, dass es für dieselbe durchaus nichts
misfälliges und ungestaltetes mehr in der Welt gebe, sondern dass alles ohne
Ausnahme ihr Quelle der reinsten Seligkeit sei. Was da ist, so wie es ist und
weil es ist, strebt und arbeitet für das ewige Leben, und es musste in dem
System dieser Entwickelung also sein. Irgend etwas anders wünschen, wollen oder
lieben, würde heissen, gar kein Leben wollen, oder dasselbe, in einem niederen
Grade der Vollendung wollen.
    Die Religion erhebt ihren Geweihten absolut über die Zeit als solche, und
über die Vergänglichkeit, und versetzt ihn unmittelbar in den Besitz der Einen
Ewigkeit. In dem Einen göttlichen Grundleben ruht sein Blick und wurzelt seine
Liebe: was noch ausser diesem Einen Grundleben ihm erscheine, ist nicht ausser
ihm, sondern in ihm, und bloss eine zeitige Gestalt seiner Entwickelung nach
einem absoluten Gesetze, das da gleichfalls in ihm selber ist: er erblickt alles
nur in dem Einen, und vermittelst desselben; dann erblickt er aber auch zugleich
in jedem Einzelnen das ganze unendliche All. Sein Blick ist daher immer der
Blick der Ewigkeit, und was er erblickt, erblickt er als ewig und in der
Ewigkeit: nichts kann wahrhaftig sein, das nicht eben darum ewig wäre. Jene
Befürchtungen vom Untergange im Tode, und jene Bestrebungen, einen künstlichen
Beweis für die Unsterblichkeit der Seele zu finden, liegen darum tief unter ihm.
In jedem Momente hat und besitzt er das ewige Leben mit aller seiner Seligkeit
unmittelbar und ganz und was er allgegenwärtig hat und fühlt, braucht er sich
nicht erst anzuvernünfteln. Giebt es irgend einen schlagenden Beweis, dass die
Erkenntnis der wahren Religion unter den Menschen von jeher sehr selten
gewesen, und dass sie insbesondere den herrschenden Systemen fremd sei, so ist
es der: dass sie die ewige Seligkeit erst jenseits des Grabes setzen, und nicht
ahnen, dass jeder, der nur will, auf der Stelle selig sein könne.
    Dies, E. V., ist die wahre Religion. Was wir oben behaupteten, dass diese
Religion durchaus nicht äusserlich erscheine, oder in irgend einem aus ihr
Erfolgenden sich dar. stelle, sondern nur innerlich den Menschen vollende, hat
sich in unserer Beschreibung unmittelbar ergeben. Der Religiöse tut freilich
ohne Ausnahme dasselbe, was das Pflichtgebot heischt, aber das tut er nicht als
Religiöser, sondern er muss es sogar unabhängig von aller Religion, schon als
rein moralischer Mensch getan haben; er tut als Religiöser dasselbe, nur tut
er es mit edlerem, freierem Sinne. Durch reine Sittlichkeit muss aber der Mensch
notwendig hindurch, ehe er zur Religion kommen kann; denn die Religion ist die
Liebe des göttlichen Lebens und Willens, wer aber diesen Willen ungern
vollbringt, der kann ihn nimmer lieben. Durch Sittlichkeit gewöhnt man sich erst
an den Gehorsam: und dem geübten Gehorsam erst geht die Liebe auf, als seine
süsseste Frucht und Belohnung.
    Wie soll nun das arme herumgetriebene Menschengeschlecht jemals zu dieser
Religion kommen, und vermittelst derselben in diesen Hafen sicherer Ruhe
eingeführt werden? Bedingungen, die vorläufig zu Stande gekommen sein müssen,
lassen sich wohl angeben. Zuvörderst muss der gesetzliche Zustand des Staats und
die innere und äussere Ruhe fest gegründet sein, das Reich der guten Sitte muss
begonnen haben, der Staat muss nicht mehr so ängstlich mit seiner eigenen Not
zu ringen und dieselbe den Bürgern aufzulegen haben, damit auch Musse gewonnen
werde. Alles dieses ist nach dem Inhalte unserer bisherigen Reden durch das
Christentum, als Grundprincip der neuen Zeit, bisher geschehen, und es liegen
in demselben Gründe, dass es noch fernerhin und noch vollkommener geschehen
wird. In dieser Rücksicht hätte nun das Christentum, durch seine äusseren
Umgebungen, sich erst die Welt aufgebaut und den Schauplatz bereitet, auf
welchem es mit seiner ganzen inneren Herrlichkeit hervorzubrechen bestimmt ist:
und unsere ganze Ansicht der neuen Zeit hätte dadurch eine neue Rundung und ein
festeres Schlussglied bekommen.
    In diesem Zustande der Ordnung und Ruhe nun müssen die Menschen, wenigstens
ein grosser Teil derselben, sich emporheben zuvörderst zu reiner Moralität.
Schon an dieser Grenze hat die Gewalt des Staats und die bewusstlose Wirksamkeit
des Christentums in seinen äusseren Umgebungen ein Ende. Der Staat kann, wie
wir gesehen haben, durch die Gesetzgebung und Aufsicht zu der negativ guten, und
durch die Gleichstellung der Rechte aller zu der positiv guten Sitte treiben,
und dadurch die kräftigsten Hindernisse der Entwicklung der Sittlichkeit
wegräumen; aber zur Sittlichkeit selbst zu treiben vermag er nicht, denn der
Quell dieser ist innerlich in den Gemütern der Menschen und in ihrer Freiheit.
    Wie viel weniger daher steht es in der Gewalt des Staats, aus dieser
allgemeinen Sittlichkeit wiederum das Höhere - die allgemeine, oder wenigstens
über einen grossen Teil der Bürger verbreitete, wahre Religiosität zu
entwickeln? Was auch in der Zukunft einzelne Gewaltige, deren Herz kräftig von
der Religion ergriffen wäre, als kräftige Einzelne für die Verbreitung derselben
tun möchten: der Staat, als solcher, muss sich nie diesen Zweck setzen, denn
seine Bemühungen würden ihm notwendig mislingen, und ganz etwas anderes, als
das Beabsichtigte, hervorbringen. Ja, setze ich hinzu, es wird auch kein Staat
sich diesen Zweck setzen, denn die so. eben aufgestellte Maxime wird in einiger
Zeit allgemein anerkannt sein.
    Wie soll denn also ein Antrieb auf die Menschen zur Anerkennung und
Verbreitung wahrer Religion geschehen? Ich antworte: auf dieselbe Art, wie bis
auf diesen Tag alle Verbesserungen der religiösen Begriffe zu Stande gebracht
sind; durch einzelne Individuen, welche, bisher einseitig von irgend einem
Puncte der Religion angezogen, erwärmt und begeistert wurden, und die Gabe
besassen, ihre Begeisterung mitzuteilen So waren im Anfange der neuesten Zeit
die Reformatoren; so standen nach ihnen, als fast die ganze Religion in die
Aufrechtaltung des ortodoxen Lehrbegriffs gesetzt und die innere
Herzensreligion vernachlässigt wurde, die sogenannten pietistischen Lehrer auf,
und erhielten den unstreitigen Sieg; denn was ist denn die ganze moderne, die
Bibel zu ihrer dachen Vernunft bekehrende Teologie anderes, als die Ausartung
der erstgenannten Ansicht, beibehaltend die Geringschätzung des ortodoxen
Lehrbegriffs, und aufgebend die Heiligkeit des Sinnes durch welche jene geleitet
wurden? Und so werden auch in unserem Zeitalter, wenn es sich von den mancherlei
Verirrungen, unter denen es herumgetrieben worden, ein wenig erholt und gesetzt
haben wird, begeisterte Männer aufstehen, welche demselben geben werden, was ihm
not tut.
    Wir haben unsere übernommene Aufgabe gelöst, E. V., und den Charakter des
Zeitalters nach den wesentlichen Ansichten aller Zeit, kurz und gedrängt, wie es
unsere Absicht war, geschildert. Es bleibt nichts weiter übrig, als dem Ganzen
seinen Beschluss zu geben. Erlauben Sie, dass ich für diesen Zweck Sie noch auf
ein einziges Mal einlade.
 
                              Siebzehnte Vorlesung
    [Schlussrede über den eigentlichen Zweck und möglichen Erfolg dieser
    Vorlesungen.]
    Ehrwürdige Versammlung!
    
    Wir haben in den vorhergehenden Reden die gegenwärtige Zeit, als einen
notwendigen Bestandteil des grossen Weltplans mit unserem Geschlechte im
Erdenleben, gedeutet, und ihren verborgenen Sinn aufgeschlossen; wir haben
gesucht, die Erscheinungen der Gegenwart aus jenem Begriffe zu verstehen, sie
als notwendige Folgen aus der Vergangenheit abzuleiten, ihre eigenen nächsten
Folgen für die Zukunft vorherzusehen, und haben, falls uns dieses gelungen ist.
unsere Zeit begriffen. Wir haben in diese Betrachtung uns verloren, ohne unserer
selbst zu gedenken. Die Speculation warnt, und mit gutem Grunde, jeden
Untersucher vor dieser Selbstvergessenheit. Um in unserem Falle die Richtigkeit
dieser Warnung zu zeigen: war etwa unsere Ansicht der gegenwärtigen Zeit selbst
nur eine Ansicht von dem Augpuncte dieser Zeit aus, und war während dieser
Ansicht unser Auge selbst Product dieser Zeit, so zeugte das Zeitalter eben von
sich selbst, welches Zeugnis durchaus verwerflich ist; und wir hätten, weit
entfernt den Sinn des Zeitalters zu erforschen, lediglich die Anzahl der
Phänomene desselben um ein sehr entbehrliches und zu nichts führendes vermehrt.
Ob wir uns nun in diesem Falle befinden oder nicht lässt sich nur dadurch
entscheiden, dass wir unser Untersuchen und Denken selbst wiederum denken,
welches nicht anders möglich ist, als also: dass wir es zu einem Factum in der
Zeit machen, und zwar in derjenigen Zeit, in welche es fiel, in der
gegenwärtigen.
    So unerlässlich aber es ist, bei jedem geistigen Geschäft an sich selbst zu
denken, ebenso schwer ist es auch, dieses zu tun, besonders es laut zu tun,
d.h. von sich zu sprechen. Nicht zwar als ob ich es besonders schwer fände, von
mir, dieser meiner Person, zu sprechen. In der Einleitungsrede, als ich eine
Versammlung erst anzuknüpfen und zu errichten suchte, habe ich mit grosser
Leichtigkeit von mir selber gesagt, was meines Wissens niemand mir verdacht hat,
und was mich nicht reut; aber jetzt, zum Beschlusse, wüsste ich gar kein, auch
nur des Aussprechens würdiges Wort über mich vorzubringen. Von mir ist nicht die
Rede, nicht ich habe untersuchen und denken wollen; - wenn darauf überhaupt
etwas ankäme, so hätte ich es tun können, ohne irgend einem Menschen etwas
davon zu sagen ; - aber es kommt überhaupt der Welt gar nichts darauf an und
macht gar keine Begebenheit in der Zeit, was der Einzelne denkt oder nicht
denkt; sondern Wir, als eine in den Begriff verlorene, und mit der absoluten
Vergessenheit unserer individuellen Personen zur Einheit des Denkens verflossene
Gemeine, wie wir die äussere Erscheinung davon oft gegeben haben, und sie in
diesem Augenblicke geben, wir haben denken und untersuchen wollen: und dieses
Wir, keinesweges mich, meine ich, wenn ich von dem denkenden Rückblick auf uns
selber und von der Schwierigkeit rede, denselben laut und sprechend zu
vollziehen. Es sucht sich dann so manches zur Sprache zu drängen, was
schicklicher jeder bei sich selbst denkt; der Unvorsichtige kann verleitet
werden zu berühren, was die zartere Scham vor sich selbst und anderen lieber
unberührt lässt, und mit Vorstellungen an die Gemüter zu dringen, welche nicht
an sich, sondern dadurch, dass sie in der Voraussetzung ausgesprochen werden,
man könne sie sich nicht selbst machen, dem gebildeten Sinne lästig sind.
Nachdem ich, meines Wissens, bisher von dieser Art der Beredtsamkeit, welche man
nur noch Einem Stande, zu dem ich nicht gehöre, erlaubt, mich frei erhalten, so
hoffe ich nicht, gerade zum Schlusse in sie zu verfallen.
    Wir wollen, habe ich gesagt, heule über unser bisheriges Denken - unseres,
nicht meines, in dem Sinne, den ich angegeben, - wiederum denken; besonders um
sicher zu werden, dass es nicht selbst ein Product der in ihrem Einflusse
unserem Auge bloss verborgen gebliebenen Gegenwart gewesen. Ich behaupte
hierbei: es ist dieses Denken gewiss nicht Product unserer Zeit, wenn es
zuvörderst überhaupt nicht Product irgend einer Zeit ist, sondern über alle Zeit
hinausliegt; sodann, da es in diesem Falle gar wohl überhaupt leer und nichts
bedeutend sein und in die leere und nichtige Zeit fallen könnte, wenn es Grund
und Princip eines lebendigen Lebens in einer neuen Zeit wird.
    Um über das erste, ob unser hier vollzogenes Denken über alle Zeit
hinausliege, Auskunft zu erhalten, lassen Sie uns sehen: was für ein Denken
dasselbe seinem Inhalte nach gewesen, und unter welche Hauptgattung des
menschlichen Denkens wir es zu bringen hätten? - Ich antworte: es war ein
religiöses Denken; alle unsere Betrachtungen, waren religiöse Betrachtungen und
unsere Ansicht und unser eigenes Auge in dieser Ansicht religiös.
    Religion besteht zufolge des, in allen unseren bisherigen Reden dunkler oder
deutlicher, mittelbarer oder unmittelbarer angeregten und in der letzten
Vorlesung von allen Seiten betrachteten Gedankens darin: dass man alles Leben
als notwendige Entwickelung des Einen, ursprünglichen, vollkommen guten und
seligen Lebens betrachte und anerkenne. Nun ists fürs erste ganz klar, dass
diese Ansicht nicht in der blossen Wahrnehmung und beobachtenden Anschauung des
Lebens, oder irgend eines Dinges liege, noch aus ihr zu entspringen vermöge.
Durch die sorgfältigste Beobachtung des Daseienden wird man nie weiter kommen
als zu wissen: so und so ist nun eben das Ding; keinesweges aber dazu, diese
blosse Erscheinung überhaupt nicht gellen zu lassen, sondern eine höhere
Bedeutung derselben anzunehmen. Die religiöse Ansicht kann sich daher nie aus
der blossen Beobachtung der Welt erzeugen, indem sie ja vielmehr in der sich uns
aufdringenden Maxime besteht: die gesammte Welt und alles Leben in der Zeit gar
nicht für das wahre und eigentliche Dasein gellen zu lassen, sondern noch ein
anderes, höheres Dasein jenseits der Welt anzunehmen. Diese Maxime muss sich
rein aus dem Gemüte, als ein absolut ihm eingepflanzter Grundzug entwickeln,
und durch die blosse empirische Wahrnehmung gelangt man nie zu ihr, indem sie
eben die empirische Wahrnehmung, als höchsten Entscheidungsgrund alles Gültigen,
völlig aufhebt. Es ist klar, dass diese Maxime dem von uns aufgestellten Princip
des deutlichen Denkens des Zeitalters widerspricht dass dieses nie zu ihr kommen
kann, und dass durch die erste religiöse Ahnung eines höheren, denn die Welt
ist, man Über ein solches Zeitalter sich erhebt, und aufhört ein Product
desselben zu sein. Kurz, nicht das blosse Wahrnehmen, sondern das Denken aus
sich selber heraus ist das erste Element der Religion. Mit dem bekannten
Ausdrucke der Schule: Metaphysik, zu Deutsch: Uebersinnliches, ist das Element
der Religion. Vom Anbeginn der Welt an bis auf diesen Tag war die Religion, in
welcher Gestalt sie auch erscheinen mochte, Metaphysik; und wer die Metaphysik,
lateinisch: alles Apriori, - verachtet und verspottet, der weiss entweder gar
nicht, was er will, oder er verachtet und verspottet die Religion.
    Ist man nun aus dieser Gefangenheit und Befangenheit in den Erscheinungen
erlöset, so ist das zweite, um zur wahren Religion zu gelangen, die Maxime: den
Grund der Welt weder in das Ohngefähr zu setzen, welches mit anderen Worten
heisst, einen Grund der Welt annehmen, und doch auch nicht annehmen; noch in
blinde Notwendigkeit, welches mit anderen Worten heisst, einen schlechtin
unbegreiflichen und in sich todten Grund der Welt und des Lebens in ihr
annehmen; noch in eine lebendige, aber böse, menschenfeindliche und eigensinnige
Ursache, wie es der Aberglaube seit allen Zeiten in höherem oder niederem Grade
getan hat; sondern in das Eine, absolut gute und ewig gut bleibende göttliche
Dasein. So wie die erste Maxime, das zeitliche Dasein überhaupt nicht für das
wahre gelten zu lassen, sondern jenseits desselben ein höheres anzunehmen, -
ebenso muss auch die zweite, dieses höhere als Leben, und als gutes und seliges
Leben zu fassen, rein aus dem Gemüte, als ein absolut in ihm liegender Grundzug
kommen. Von aussen kann dem Einzelnen höchstens die Hülfe gereicht werden, dass
man ihm diese Ansicht mitteile und ihn auffordere, sie an seinem eigenen
Wahrheitssinne zu erproben, welcher, wenn er nur recht befragt wird, und wenn
die Masse der schon vorhandenen Irrtümer und Vorurteile nicht gar zu mächtig
ist, ohne Zweifel beistimmen wird. Ein eigentlich logisches Erzwingungsmittel
der Einsicht gibt es nicht, - denn selbst die allerplatteste und roheste
Denkart des blossen Egoismus ist in sich consequent, und wer hartnäckig darauf
besteht, sie nicht zu verlassen, kann nicht dazu genötigt werden.
    In Summa - wie wir auch schon in der letzten Rede es deutlich ausgesprochen
haben: In der religiösen Ansicht wer. den schlechtin alle Erscheinungen in der
Zeit eingesehen als notwendige Entwickelungen des Einen, in sich seligen,
göttlichen Grundlebens, mitin jede einzelne als die notwendige Bedingung eines
höheren und vollkommneren Lebens in der Zeit, das aus ihr entspriessen soll. Nun
ist, - dieses ist wohl zu bemerken, - diese Eine, ewig sich gleichbleibende
Einsicht der Religion in aller Zeit, selber, ihrer Form nach, wiederum
verschieden und eine doppelte. Nemlich, es wird entweder bloss im Allgemeinen
eingesehen, dass, da alles in der Zeit erscheinende Leben nur Entwickelung des
Einen Lebens sein könne, auch die besondere, nun eben eintretende Erscheinung
notwendig dasselbe sei, - dass sie es sei, sage ich, ohne dass sich verstehen
lässt, wie und auf welche Weise sie es sei; und in dieser Gestalt können wir die
Religion nennen: blosse Vernunftreligion, - hinausliegend über allen Verstand
und allen Begriff, ohne dass dadurch ihrer Klarheit und Gewissheit der geringste
Abbruch geschieht - Vernunftreligion nennen wir sie, denn sie ist blosses
Vernehmen des Dass, ohne Verstehen des Wie. - Oder, was der zweite Fall wäre, es
lässt sich sogar begreifen und verstehen, wie und auf welche Weise die in
Untersuchung gezogene Erscheinung Entwicklung eines höheren Lebens sei; das
vollkommenere, das daraus hervorgehen soll, lässt sich wirklich angeben, und die
vorliegende Erscheinung, als notwendiger Grund des bestimmten Besseren, im
deutlichen Begriffe erhärten. In dieser letzteren Gestalt könnte man die
Religion nennen: Verstandesreligion. Durch die Sphären beider ist das ganze
Gebiet der Religion umfasst, so dass die Vernunftreligion die beiden äussersten
Enden desselben umschliesst, die Verstandesreligion das in der Mitte Liegende
einnimmt. Wie jedes menschliche Individuum, als solches, und die besonderen
Schicksale desselben auf das Ewige sich beziehen, als das tiefste Ende des
Religionsgebietes, lässt sich nicht begreifen; und ebensowenig, wie, dieses
ganze gegenwärtige und erste Leben unseres Geschlechts sich zu der unendlichen
Reihe künftiger Leben verhalte, und durch sie bestimmt werde, - als das höchste
Ende desselben Gebietes; dass sie aber insgesammt gut seien, und durchaus
notwendig für das vollkommenste Leben, sieht der Religiose klar ein. Was
hingegen das erste Erdenleben der Gattung, für sich allein und ohne Beziehung
auf andere Leben gedacht, als blosses Gattungs-, keinesweges als individuelles
Leben bedeute, als die mittlere Sphäre jenes religiösen Gebiets: lässt sich
begreifen, und ist von uns begriffen worden; und aus demselben Grunde lässt sich
begreifen, wie jede der notwendigen Epochen dieses Erdenlebens sich zum Ganzen
verhalte, und was sie in demselben beabsichtige. Hier daher liegt der Boden der
Verstandesreligion; und diesen hat unsere Untersuchung, - hinstellend die
Epoche, in welcher wir leben, als ihren hellsten Punct, - durchmessen.
    Die Frage: was unsere ganze Untersuchung eigentlich gewesen? ist
beantwortet. Folgendes nämlich haben wir getan: wir haben uns erhoben in den
Aeter der Religion auf dem Wege, der für unser Zeitalter der betretenste und
der geläufigste ist, auf dem Wege des Verslandes. So gewiss unsere Untersuchung
religiös war, schwebte sie, weit entfernt, ein Product unserer Zeitepoche zu
sein, über allen Zeitepochen und aller Zeit; so gewiss sie an das in unserer
Zeit herrschende Princip anknüpfte, erhob sie sich recht eigentlich aus unserer
Zeit heraus über die Zeit. Die kräftigste Verhinderung des Nachdenkens liegt
darin: wenn man an gar nichts mehr Anstoss nimmt, über nichts sich weiter
wundert, noch einen Aufschluss begehrt. Was jeden, diesem Zustande noch so Nahen
noch immer am leichtesten anregt, weil es auf sein eigenes Wohl und Wehe
unmittelbaren Einfluss hat, sind die ihm am nächsten liegenden
Zeitbegebenheiten. Welcher Gebildete hat nicht wenigstens beim Anblicke dieser
sich zuweilen gewundert, nach einer Bedeutung dieser sonderbaren Erscheinungen
gefragt und Aufschluss gewünscht? Ohne auf Kleinigkeiten uns einzulassen, die
sehr oft in das Gebiet des absolut Unverständlichen fallen, oder, selbst falls
sie verständlich wären, nie zu etwas Grossem fuhren, haben wir die Zeit im
Grossen und Ganzen gedeutet; doch also, dass wohl nicht leicht Eins der
Mitglieder dieser Versammlung dasjenige ganz übergangen finden dürfte, was ihn
am vorzüglichsten interessirt. Wir haben sie gedeutet mit verständig religiösem
Sinne, alles begreifend als notwendig in diesem Ganzen, und als sicher führend
zum Edleren und Vollkommneren.
    Es ist daher kein Zweifel, dass unsere Untersuchung über alle Zeit hinaus
sich erhoben habe. Dies allein aber genügt uns noch nicht. Ist sie kein Product,
keine Lieblingsmeinung, keine Einseitigkeit unseres Zeitalters, so ist das recht
gut: aber ist sie nicht vielleicht überhaupt Nichts, ein leerer Schimmer und
Traum, fallend in die leere Zeit, und für die wahre und wirkliche Zeit gar nicht
vorhanden? Wir haben die Principien für die Beantwortung dieser zweiten Frage
anzugeben.
    In diese leere Zeit fällt etwas, wenn es zum blossen Zeitvertreibe dient,
oder, was dem ganz gleich ist, zur blossen Befriedigung einer auf keine
ernstafte Wissbegierde gegründeten Neugierde. Der Zeitvertreib ist ganz
eigentlich eine leere Zeit, welche zwischen die durch ernstafte Beschäftigungen
ausgefüllte Zeit in die Mitte gesetzt wird. Als ich diese Reden er. öffnete,
nahm ich nichts weiter auf mich, als dass ich Sie wenige Stunden dieses Winters
auf eine nicht unschickliche und Ihrer nicht unanständige Weise unterhalten
wollte; mehr konnte ich, auf mich allein rechnend, nicht versprechen: und sogar
dieses ganz unbedingt zu versprechen wäre gewagt gewesen; denn das Unterhallen
setzt von der anderen Seile Unterhaltbarkeit, und eine bestimmte Unterhaltung,
einen gewissen Grad und Art von Unterhaltbarkeit voraus. - Hätten Sie nun,
insgesammt und alle ohne Ausnahme, mich bei diesem Worte gefasst, so könnten Sie
heute insgesammt rühmen, dass Sie diesen Winter über sechszehn bis siebzehn
Stunden Langeweile durch ein neues Mittel losgeworden; welches denn immer auch
etwas Gutes, Erspriessliches und Gesundes wäre, wogegen ich nichts haben dürfte.
Etwas ganz Gewisses aber wäre es auch, dass diese sechszehn bis siebzehn Stunden
nicht in Ihre wirkliche, sondern in Ihre leere Zeit gefallen seien.
    In die wahre und wirkliche Zeit fällt etwas, wenn es Princip wird,
notwendiger Grund und Ursache, neuer und vorher nie dagewesener Erscheinungen
in der Zeit. Dann erst ist ein lebendiges Leben geworden, das anderes Leben aus
sich erzeugt. Das, was durch diese Untersuchungen Princip geworden sein könnte,
wäre die herrschende Tendenz und Gewohnheit, alle Erscheinungen ohne Ausnahme
aus dem religiösen Standpuncte anzusehen. Nun ist es unmöglich, dass durch diese
unsere, hier in einigen Stunden dieses Winters angestellten Betrachtungen dieses
Princip uns erst habe eingepflanzt werden können. Teils lässt es sich überhaupt
nicht, wie schon oben erinnert worden, von aussen in den Menschen hineinbringen,
sondern es muss ursprünglich in seinem Wesen sein, und ist es ohne Ausnahme;
teils haben wir hier bei weitem nicht alle die Mittel, welche es gibt, um
dasselbe zu wecken und anzuregen, anzuwenden vermocht. Das ganze künstliche
Verfahren der Schule, das systematische Aufsteigen und Abschneiden jedes
Einwandes, die regelmässige Abgrabung der Wurzel des Irrtums in jedem ihrer
Aeste, - ferner, das tiefe und langwierige Studium, und die künstliche
Entwickelung der Denkkraft, welche beide das erstere voraussetzt, - konnte und
durfte hier nicht angebracht werden; eingepflanzt demnach, oder auch nur
ursprünglich geweckt und angeregt, konnte hier der religiöse Sinn nicht werden.
Es wurde vorausgesetzt, dass er in allen hier mitwaltenden Gemütern schon
ehemals warm und kräftig herausgetreten und sich geäussert, und jetzt nur etwa,
durch die übrigen ununterbrochenen Geschäfte und Zerstreuungen des Lebens und
seine gewöhnlichen Umgebungen verdeckt, schlummere. Diesen nur entschlummerten,
keinesweges erstorbenen, konnten wir ansprechen; gerade wie jeder es mit sich
selbst allein ebensogut hätte vollziehen können, wenn er die Zeit und Fertigkeit
der Meditation in Angelegenheiten dieser Art gehabt hätte; mir fiel das Geschäft
zu, einen Teil meiner Zeit auf Ermessung und Berechnung einer Rede zu wenden,
welche jeder eben also an sich hätte halten können, und die er zuletzt auch
wirklich an sich halten und sie an seinem eigenen Gefühle versuchen musste, wenn
sie überhaupt an ihn gerichtet sein sollte. Höchstens konnte ich von dem
meinigen das hinzutun, dass ich den Gegensatz zwischen Ihrer damaligen
Geistesbildung, als der religiöse Sinn zuerst in Ihnen lebendig wurde, und ihrer
dermaligen aufhob und diesen, an sich selber ewig sich gleichbleibenden Sinn von
den etwanigen anderweitigen Beschränkungen, die seine erste Entwickelung
umgaben, kräftigst abtrennte und ihn in Ihren gegenwärtigen Culturzustand
hineinversetzte.
    Fürs erste gibt es nun schon zur vorläufigen Beurteilung der angeregten
Frage, ob die hier angestellten Betrachtungen für uns bloss leere Worte und
Gedankenspiele waren - höchstens dienlich, um eine müssige Stunde hinzubringen -
oder, ob sie etwas in uns selber Lebendes angesprochen, ein gutes Kriterium:
wenn es uns nämlich zu Mute war, als ob hier nur unsere eigenen, von jeher
gehegten Ahnungen und Gefühle deutlich ausgesprochen würden, und als ob wir
selber uns von jeher die Sache ohngefähr ebenso gedacht hätten, wie sie hier
dargestellt worden: so ist sicher etwas in uns Liegendes angesprochen. Dies,
sage ich, ist ein nur vorläufiges und selbst nur halb entscheidendes Kriterium.
Das letztere deswegen: es kann einer aus voller Seele beistimmen, bei dem doch
nur ein flüchtiges wissenschaftliches, oder ästetisches Wohlgefallen erregt
ist, das da wohl in einer consequenteren Ansicht der Welt, oder in
begeisterteren Kunstproducten sich zeigen, nie aber einfliessen wird auf die
innere Tiefe des Gemütes. Es kann ein anderer widersprechen, weil er mit
wissenschaftlichen Vorurteilen an die Betrachtung ging; und gerade um so
heftiger widersprechen, jemehr das geheime Einverständnis seines eigenen
Gemütes mit demjenigen, was seiner Teorie zufolge Irrtum sein muss, ihn reizt
und peinigt; - der doch im Grunde einstimmt, und bei welchem die Einstimmigkeit
allmählig die ganze Denkart und den Charakter ergreifen, und sein Verfahren in
Widerspruch setzen wird mit seiner Teorie, - bis endlich diese selbst, da aus
dem Herzen ihr keine weitere Nahrung zufliesst, verwelken wird und abfallen wie
dürres Laub.
    Aber das sichere und völlig entscheidende Kriterium, ob etwas in uns schon
Lebendes angesprochen, und so kräftig angesprochen sei, dass es nicht wieder von
neuem entschlummern könne, - in welchem Falle das dermalige Erwachen eines
neuen, künftigen, immer nicht sicher zu erwartenden Erweckens bedürfte, und nur
für dieses von einigem Werte sein könnte, ohne dieses aber gleichfalls in die
leere Zeit fiele; - das sichere und völlig entscheidende Kriterium dieser Frage,
sage ich, ist dies: ob dieses angeregte Leben unaufhörlich sich weiter
ausbreite, und Grund und Quell neuen Lebens werde?
    Schon in der vorigen Rede ist deutlich dargetan worden, dass die Religion
überhaupt sich gar nicht äusserlich darstelle, und den Menschen durchaus nicht
treibe, irgend etwas zu tun das er nicht ohne sie ebensowohl getan hätte,
sondern dass sie ihn nur innerlich vollende zu seinem wahrhaften Sein und
Dasein. Sie ist gar kein Tun, noch Tätiges, - sondern sie ist eine Ansicht;
sie ist Licht, und das einige wahre Licht, welches alles Leben und alle
Gestaltungen des Lebens in sich trägt, und sie in ihrem innersten Kerne
durchdringt. Einmal ausgebrochen, quillt es aus sich selber ewig fort und
verbreitet sich ohne Aufhören; und es ist so vergeblich, ihm zu sagen: leuchte,
als es vergeblich wäre, dies der irdischen Sonne zu sagen. wenn sie am Himmel
steht. Es tut dies ohne alles unser Gebot; und leuchtet es nicht, so ist es
eben nicht angebrochen. Wie es anbricht, so verschwinden die Finsternisse und
die Traumgestalten und Gespenster, welche im Schoss derselben sich erzeugten,
von selbst. Es ist vergeblich, den Finsternissen zu sagen: werdet Licht! Sie
können kein Licht aus sich hervorgehen lassen, denn sie haben keines in sich.
Ebenso vergebens ist es, dem in Vergänglichkeit verlorenen Menschen zu sagen:
erhebe dein Auge zum Ewigen! Er hat für das Ewige kein Auge; das Auge, das er
hat, ist selbst vergänglich, und ist die Vergänglichkeit, und gebiert
Vergänglichkeit aus sich heraus. Lasset aber das Licht erst ausbrechen, so wird
die Finsternis sichtbar, und weicht und zieht sich zurück, wie Schatten über
die Flur. Die Finsternis ist die Gedankenlosigkeit, die Frivolität, der
Leichtsinn der Menschen. Wo das Licht der Religion aufgegangen ist, hat man den
Menschen vor diesen nicht weiter zu warnen, noch er mit ihnen zu kämpfen; sie
sind zerflossen, und man kennt nicht mehr ihre Stätte. Sind sie noch da, so ist
das Licht der Religion sicher noch nicht aufgegangen, und alles Warnen und
Vermahnen ist verloren.
    Demnach, - das aufgestellte Kriterium zuvörderst negativ angewendet, - wird
die Beantwortung der Frage, ob diese Betrachtungen in die leere oder wahre Zeit
gefallen, davon abhängen, ob die Gedankenlosigkeit, die Frivolität, der
Leichtsinn aus unserem Leben verschwinden, und immer mehr verschwinden werden.
    Die reine Gedankenlosigkeit, d.h. das stumme und blinde Hinfliesse mit dem
Strome der Erscheinungen ohne auch nur den Gedanken einer Einheit in ihm und
eines Grundes davon zu denken, ist tierisch, und erhält dadurch wieder eine
gewisse Naturgemässheit, die man gelten lassen muss. Selten ist der Mensch so
glücklich, dass sie ihm zu Teil werde. Jene Frage nach der Einheit stellt sich
ein und fordert ihre Beantwortung. Wer sich der dadurch aufgegebenen Forschung
nicht unterwerfen mag, dem bleibt nichts übrig, als sich gegen jenen Andrang zu
verstocken, die absolute Gedankenlosigkeit, die ihm, als natürlichen Zustand,
seine Natur versagte, mit Freiheit zu seiner Maxime zu machen, und in sie die
rechte, wahre Weisheit zu setzen. An vornehmen Benennungen, als da sind: wahrer,
gesunder Menschenverstand, Skepticismus, Kampf gegen Schwärmerei und
Aberglauben, wird es nicht gebrechen. Nach ihnen ist das Tier der geborene
Weise und Philosoph; dem Menschen aber ist die Narrheit zu Teil geworden,
welche darin besteht, dass man einen Grund der Erscheinungen sucht. Diese
Narrheit, nach einem Grunde zu fragen, unterdrückt der Weise soviel er vermag,
und macht so durch Kunst sich wieder zum Tiere. Lässt sich nun etwa durch diese
Maxime und alle die ihr beigelegten vornehmen Namen jener Trieb, sicheren Boden
zu finden, noch nicht unterdrücken, so sucht man durch andere Mittel ihn zum
Schweigen zu bringen. Man versucht, sich selbst mit jenem Streben aufzuziehen
und lächerrlich zu machen, indem man überhaupt es lächerrlich zu machen sucht; um
an sich selbst Rache dafür zu nehmen, dass man sich doch einmal überraschen und
ergreifen liess, auch, damit ja die anderen einer solchen Schwachheit uns nicht
für fähig halten. Man flieht keine Gesellschaft ärger, als die seiner selbst,
und um nie mit sich selbst allein zu sein, sucht man alle Teile des Lebens, die
uns von den, uns ohnedies von uns selbst entfernenden Geschäften übrigbleiben,
in ein Spiel zu verwandeln. - Dieser Zustand ist nicht natürlich. Kinder mögen
von Natur gern spielen, weil ihre Kräfte ernstafteren Geschäften noch nicht
gewachsen sind: wenn aber Erwachsene nichts mögen, als spielen, so geschieht es
nicht um des Spieles willen, sondern weil sie über dem Spiele etwas anderes
vergessen wollen. Oder es kömmt dir ein ernster Gedanke in den Weg den du nicht
magst: so lass ihn liegen und setze deinen angefangenen Weg fort! Das aber tust
du nicht, sondern du wendest dich gegen ihn und bietest alle Gewalt deines
Witzes auf, um ihn in ein lächerliches Licht zu setzen. Warum giebst du dir denn
die Mühe? Du musst doch den Gedanken in seiner ersten ernstaften Gestalt gar
nicht ertragen können, da du nicht eher Ruhe hast, bis du ihn in eine andere,
dir gefälligere Form gebracht. Leichtsinn und Frivolität - und zwar, je höher
sie steigen, desto mehr - sind untrügliche Kennzeichen, dass im Innern des
Herzens etwas ist, das nagt, und welchem man gern entfliehen möchte; und sie
sind gerade dadurch unverwerfliche Beweise, dass die edlere Natur in diesen noch
nicht ganz ausgestorben. Wer es vermag, einen tiefen Blick in solche Gemüter zu
werfen, dem geht der schmerzlichste Jammer auf über ihren Zustand und über die
unaufhörliche Lüge, in der sie sich befinden; indem sie alle glauben machen
wollen, dass sie höchst glücklich und vergnügt seien, und von ihnen wieder die
Bestätigung erwarten, indes sie bei sich selbst niemals Glauben finden; -
zugleich mit einem wehmütigen Lächeln über ihr Bestreben, schlimmer zu
scheinen, als sie wirklich sind.
    Sind diese Phänomene uns gänzlich verschwunden, scheuen wir nicht mehr den
Ernst und das Nachdenken, sondern fangen nun schon an, es über alles zu lieben:
so sind unsere Betrachtungen nicht in die leere, sondern in die wirkliche Zeit
gefallen.
    Hat das Licht der Religion sich in uns entzündet, so vertreibt es nicht nur
die Finsternisse, sondern es ist auch für sich selber und als solches da, indem
es ausserdem die Finsternisse nicht vertreiben könnte; verbreitet sich, bis es
unsere ganze Welt umfasst, und wird so Quelle eines neuen Lebens. - Im Beginn
dieser Reden haben wir alles Grosse und Edle im Menschen darauf zurückgeführt,
dass er seine Person in der Gattung verliere und an die Sache dieser Gattung
sein Leben setze, für sie arbeite, entbehre, dulde und, sich opfernd, sterbe.
Immer waren es Taten, immer, was heraustreten konnte in der äusseren
Erscheinung, worauf wir sahen. dabei mussten wir anknüpfen mit dem Zeitalter.
Jetzt, beim Durchgehen durch diese Ansicht veredelt, wie ich voraussetze, sagen
wir nicht mehr also. Das einzige wahrhaft Edle im Menschen, die höchste Form der
in sich selbst klar gewordenen Idee ist die Religion; aber die Religion ist gar
kein Aeusserliches, und erscheint nie in irgend einer Äusserung, sondern sie
vollendet bloss innerlich den Menschen. Sie ist Licht und Wahrheit im Geiste.
Das richtige Handeln findet sich dann von selber, denn die Wahrheit kann nicht
anders handeln, als nach der Wahrheit; aber dieses richtige Handeln ist kein
Opfer mehr, noch ein Dulden und Entbehren, sondern es ist selber die Ausübung
und Ausströmung der höchsten inneren Seligkeit. Wer mit Widerwillen und im
Streite mit seiner inneren Finsternis dennoch nach der Wahrheit handelt, den
bewundere man, und preise seinen Heldenmut; wem es innerlich klar geworden, der
ist unserer Bewunderung und Verwunderung entwachsen: es ist in seinem Wesen gar
kein Anstoss weiter, noch Unbegreifliches, sondern alles ist die eine, aus sich
selbst fortfliessende klare Quelle.
    Folgendermaassen drückten wir uns damals aus: wie, wenn der Odem des
Frühlings die Lüfte belebt, das starre Eis, wovon noch kurz vorher jedes Atom
fest in sich selber sich verschloss, und kalt jedes Nachbaratom von sich
abhielt, sich nun nicht länger hält, sondern zusammenströmt in eine einige, sich
durchdringende und erquickende laue Flut; also verfliesset durch den
Liebeshauch der Geisterwelt, und ist durch ihn ewig verflossen, das Ganze der
Geisterwelt. Heute setzen wir hinzu: und dieser Hauch der Geisterwelt, das sie
schaffende und bindende Element, ist das Licht; dieses das ursprüngliche; die
Wärme, falls sie nicht wieder verfliegen, sondern einige Dauer in sich tragen
soll, ist bloss die erste Äusserung des Lichtes. In der Finsternis der
irdischen Ansicht stehen alle Gegenstände getrennt da; jeder einzelne in sich
selber zusammengehalten durch die dunkle und kalte Materie, die in ihm sich
hinzieht; aber es gibt in dieser Finsternis kein Ganzes. Das Licht der
Religion beginne! - und alles geht auf und tritt heraus nebeneinander,
gegenseitig sich haltend und ordnend, und insgesammt schwimmend in dem Einen
fortgehenden und umfassenden Lichtstrahle.
    Dieses Licht ist sanft, stillerquickend und wohltätig dem Auge. In der
Dämmerung der irdischen Ansieht werden gefürchtet die verworren beleuchteten
Gestalten, und werden darum gehasst. In der Beleuchtung der Religion ist alles
gefällig, und strahlet Frieden aus und Ruhe. In ihr ist die Misgestalt
verschwunden, und alles schwimmt in rosenfarbenem Aeter. Nicht, dass man an
einen hohen Willen des Schicksals, der nun einmal nicht zu ändern ist, sich
ergebe; für die Religion gibt es kein Schicksal, sondern eitel Weisheit und
Güte, in die man sich nicht notgedrungen ergibt, sondern die man mit
unendlicher Liebe umfasst. - In diesen hier angestellten Betrachtungen sollte
diese freundliche und gefällige Ansicht zunächst über unser Zeitalter und über
das ganze Erdenleben unserer Gattung verbreitet werden. Je inniger diese Milde
uns ergriffen hat, je liefer sie eingedrungen ist in alle unsere Ansichten: mit
einem Worte, jemehr Frieden Mit aller Welt und Freude an jeglichem Dasein für
uns gewonnen ist, desto sicherer können wir sagen, dass die hier angestellten
Betrachtungen nicht in die leere, sondern in die wirkliche Zeit gefallen.
    Dieses Licht verbreitet sich aus sich selber und erweitert seine Sphäre, bis
es zuletzt unsere ganze Welt durchdringt. Wie, wenn das irdische Licht in einem
Puncte beginnt, die Sehalten zurückweichen, die Grenzen des Tages und der Nacht
sich scheiden, und zwar die Finsternis selbst sichtbar wird, noch aber nicht
die in sie gehüllten Gegenstände: ebenso verhält es sich mit dem Lichte der
Religion. In Einer Sphäre, in der Ansicht unseres Erdenlebens, sollte dieses
Licht hier uns aufgeben. Ist es uns nur wirklich da aufgegangen, so wissen wir
schon fest und sicher, dass auch jenseits dieser Sphäre nur Weisheit herrsche
und Gute, weil überhaupt nichts anderes zur Herrschaft kommen kann aber wir
verstehen noch nicht, wie sie da herrsche, und was es sei, das sie dort
beabsichtige. In Rücksicht des Dass durchdrungen von felsenfester Ueberzeugung
und Einsicht, bleibt jenseits dieser Sphäre in Rücksicht des Wie uns doch nur
der Glaube übrig. Unsere Sphäre ist beleuchtet durch in sich selber
verständliches und klares Licht: die Gegend jenseits ist allerdings auch schon
umfasst vom Lichte, noch aber ruht Dunkel auf den übersinnlichen Gegenständen,
die sie entält. Aber das verständliche und in sich selbst klare Licht bleibt
nicht eingeschlossen in seine ersten Grenzen, sondern wie es nur in sich selber
heller wird, ergreift es zugleich die nächsten Umgebungen, und von ihnen aus
abermals die nächsten; die Sphäre der Verstandesreligion erweitert sich, und
nimmt einen Teil der Sphäre des Glaubens nach dem andern in sich auf. Werden
wir daher immer verständiger werden in dem Einen, das des Verstehens wert ist,
in den Planen der göttlichen Weisheit und Güte: so ist dies ein sicherer Beweis,
dass die hier angestellten Untersuchungen nicht in die leere Zeit gefallen sind,
sondern in die wirkliche.
    Mit einem Worte: allein unser künftiges Wachstum an innerem Frieden und
Seligkeit, sowie an innerem Verständnisse, kann den Beweis geben, dass die
Lehre, welche hier gedacht worden, wahr sei, und dass sie an uns wirklich
gekommen und ein Leben in uns gewonnen habe.
    Sie sehen, Ehrwürdige Versammlung, dass dieser Beweis nicht äusserlich
erscheint; dass keiner für den anderen, sondern nur jeder für sich, aus seiner
eigenen Seele heraus, antworten kann, und am besten tut, wenn er auch nur
lediglich in seine eigene Seele hinein antwortet. Sie sehen, dass in keinem
Falle heute oder morgen die aufgeworfenen Fragen sich beantworten lassen,
sondern dass die Beantwortung auf eine sehr unbestimmte Zeit hinaus sich
verschiebt. Sie sehen, dass wir heute, am Beschlusse unserer Arbeit stehend,
durchaus nicht wissen können, ob wir Etwas oder Nichts getan haben; und dass
wir auch hierüber an das blosse Bewusstsein unserer redlichen Absicht, falls wir
dieses zu fassen vermögen, und aus der Region des Verstandes in die des Glaubens
und der Hoffnung verwiesen werden.
    Und gesetzt, wir könnten diese Fragen beantworten, und könnten sie unserem
Wunsche gemäss beantworten: was ist diese Versammlung auch nur gegen diese
volkreiche Stadt; und was ist diese Stadt gegen das gesammte Reich der Cultur?
Ein Tropfen Wasser vielleicht in einem mächtigen Strome. Würde nicht der vom
neuen Lebenselemente durchdrungene Tropfen - falls er nämlich wirklich
durckdrungen ist, - mit dem Strome sich mischen und in ihm verschwinden, so dass
gar bald im Ganzen keine Spur des ihm erteilten Elementes übrigbliebe? - Auch
hier bleibt uns nichts, als die Hoffnung, dass, falls Wahrheit war, was hier
gedacht wurde, und falls sie in einer gerade unser Zeitalter ansprechenden
Gestalt erschien, dieselbe Wahrheit, in derselben Gestalt, ohne alles unser
Wissen auch wohl anderwärts durch andere Organe das Zeitalter ansprechen werde;
so dass mehrere Tropfen in dem grossen Strome von demselben Lebenselemente
durchdrungen würden und allmählig zusammenflössen, und auf diese Weise nach und
nach dem Ganzen ihr Element erteilten.
    Dieses lassen Sie uns hoffen, und mit dieser freudigen Hoffnung im Blicke,
E. V., lassen Sie uns scheiden!
 
    