
        
                      
                             Johann Gottlieb Fichte
                          Die Bestimmung des Menschen
                                     Vorrede
    Was ausser der Schule brauchbar ist von der neueren Philosophie, sollte den
Inhalt dieser Schrift ausmachen, vorgetragen in derjenigen Ordnung, in der es
sich dem kunstlosen Nachdenken entwickeln müsste: Die tieferen Zurüstungen,
welche gegen Einwürfe und Ausschweifungen des verkünstelten Verstandes gemacht
werden, das, war nur Grundlage für andere positive Wissenschaften ist, endlich,
was bloss für die Pädagogik im weitesten Sinne, d. h. für die bedachte und
willkürliche Erziehung des Menschengeschlechtes gehört, sollte aus dem Umfange
derselben ausgeschlossen bleiben. Jene Einwürfe macht der natürliche Verstand
nicht; die positive Wissenschaft aber überlässt er seinen Gelehrten, und die
Erziehung des Menschengeschlechtes, inwiefern sie vom Menschen abhängt, seinen
Volkslehrern und Staatsbeamten.
    Das Buch ist sonach nicht für Philosophen von Profession bestimmt, und diese
werden nichts in demselben finden, was nicht schon in anderen Schriften
desselben Verfassers vorgetragen wäre. Es sollte verständlich sein für alle
Leser, die überhaupt ein Buch zu vorstehen vermöchten. Von denjenigen, die nur
schon ehemals auswendiggelernte Redensarten in einer etwas veränderten Ordnung
wiederholen wollen, und dieses Geschäft des Gedächtnisses für das Verstehen
halten, wird es ohne Zweifel unverständlich befunden werden.
    Es sollte anziehen und erwärmen, und den Leser kräftig von der Sinnlichkeit
zum Uebersinnlichen fortreissen; wenigstens ist der Verfasser sich bewusst,
nicht ohne Begeisterung an die Arbeit gegangen zu sein. Oft verschwindet während
der Mühe der Ausführung das Feuer, mit welchem man den Zweck ergriff; ebenso ist
man im Gegenteil unmittelbar nach der Arbeit in Gefahr, über diesen Punct sich
selbst Unrecht zu tun. Kurz, ob diese Absicht gelungen sei, oder nicht, kann
nur aus der Wirkung entschieden werden, welche die Schrift auf die Leser machen
wird, denen sie bestimmt ist, und der Autor hat hierüber keine Stimme.
    Noch habe ich - für wenige zwar, zu erinnern, dass der Ich, welcher im Buche
redet, keinesweges der Verfasser ist, sondern dass dieser wünscht, sein Leser
möge es werden; - dieser möge nicht bloss historisch fassen, was hier gesagt
wird, sondern wirklich und in der Tat während des Lesens mit sich selbst reden,
hin und her überlegen, Resultate ziehen, Entschliessungen fassen, wie sein
Repräsentant im Buche, und durch eigene Arbeit und Nachdenken, rein aus sich
selbst, diejenige Denkart entwickeln, und sie in sich aufbauen, deren blosses
Bild ihm im Buche vorgelegt wird.
 
                                  Erstes Buch
                                    Zweifel
    So wohl glaube ich nunmehr einen guten Teil der Welt, die mich umgibt, zu
kennen; und ich habe in der Tat Mühe und Sorgfalt genug darauf verwendet. Nur
der übereinstimmenden Aussage meiner Sinne, nur der beständigen Erfahrung, habe
ich Glauben zugestellt; ich habe betastet, was ich erblickt, ich habe zerlegt,
was ich betastet hatte; ich habe meine Beobachtungen wiederholt, und mehrmals
wiederholt; ich habe die verschiedenen Erscheinungen unter einander verglichen;
und nur, nachdem ich ihren genauen Zusammenhang einsah, nachdem ich eine aus der
anderen erklären und ableiten, und den Erfolg im Voraus berechnen konnte, und
die Wahrnehmung des Erfolges meiner Berechnung entsprach, habe ich mich
beruhigt. Dafür bin ich nun auch der Richtigkeit dieses Teiles meiner
Erkenntnisse so sicher, als meines eigenen Daseins, schreite mit festem Tritte
in der mir bekannten Sphäre meiner Welt einher, und wage in jedem Augenblicke
Dasein und Wohlsein auf die Untrüglichkeit meiner Ueberzeugungen.
    Aber, - was bin ich selbst, und was ist meine Bestimmung?
    Ueberflüssige Frage! Es ist schon lange her, dass meine Belehrung über
diesen Gegenstand geschlossen ist, und es würde Zeit erfordern, um alles das,
was ich hierüber ausführlich gehört, gelernt, geglaubt habe, mir zu wiederholen.
    Und auf welchem Wege bin ich denn zu diesen Kenntnissen gelangt, welche zu
besitzen ich mich dunkel erinnere? Habe ich, getrieben durch eine brennende
Wissbegier, mich hindurchgearbeitet durch Ungewissheit, durch Zweifel und
Widersprüche? Habe ich so wie etwas Glaubliches sich mir darbot, meinen Beifall
aufgehalten, das Wahrscheinliche geprüft, und wieder geprüft, und geläutert und
verglichen, - bis eine innere Stimme unverkennbar und unwiderstehlich mir
zurief: So, nur so ists, so wahr du lebest und bist? - Nein, ich er innere mich
keines solchen Zustandes. Jene Belehrungen wurden mir entgegengebracht, ehe ich
ihrer begehrte; es wurde mir geantwortet, ehe ich die Frage aufgeworfen hatte.
Ich hörte zu, weil ich es nicht vermeiden konnte; es blieb in meinem
Gedächtnisse hängen, soviel als der Zufall fügte; ohne Prüfung und ohne
Teilnahme liess ich alles an seinen Ort gestellt sein.
    Wie könnte ich sonach mich überreden, dass ich in der Tat Erkenntnisse über
diesen Gegenstand des Nachdenkens besitze? Wenn ich nur dasjenige weiss, und von
ihm überzeugt bin, was ich selbst gefunden, - - nur dasjenige wirklich kenne,
was ich selbst erfahren habe, so kann ich in der Tat nicht sagen, dass ich über
meine Bestimmung das geringste wisse; ich weiss bloss, was andere darüber zu
wissen behaupten; und das einzige, was ich hierin wirklich versichern kann, ist
dies, dass ich so oder so über diese Gegenstände sprechen gehört.
    Ich habe sonach bisher, indes ich mit genauer Sorgfalt das minderwichtige
selbst untersuchte, in Ansehung des wichtigsten auf die Treue und die Sorgfalt
Fremder mich verlassen. Ich habe anderen eine Teilnahme für die höchsten
Angelegenheiten der Menschheit, einen Ernst, eine Genauigkeit zugetraut, die ich
in mir selbst keinesweges gefunden hatte. Ich habe sie unbeschreiblich höher
geachtet, als mich selbst.
    Was sie etwa wahres wissen, woher können sie es wissen, ausser durch
eigenes. Nachdenken? Und warum sollte ich durch dasselbe Nachdenken nicht
dieselbe Wahrheit finden, da ich ebensoviel bin als sie? Wie sehr habe ich
bisher mich selbst herabgesetzt und verachtet!
    Ich will, dass es nicht länger so sei! Mit diesem Augenblicke will ich in
meine Rechte eintreten, und Besitz nehmen von der mir gebührenden Würde. Alles
Fremde sei aufgegeben. Ich will selbst untersuchen. Sei es, dass geheime
Wünsche, wie die Untersuchung endigen möge, dass eine vorliebende Neigung für
gewisse Behauptungen in mir sich rege; ich vergesse und verläugne sie, und ich
werde ihr keinen Einfluss auf die Richtung meiner Gedanken verstatten. Ich will
mit Strenge und Sorgfalt zu Werke gehen, ich will mir alles aufrichtig bekennen
- Was ich als Wahrheit finde, wie es auch immer laute, soll mir willkommen sein.
Ich will wissen. Mit derselben Sicherheit, mit welcher ich darauf rechne, dass
dieser Boden mich tragen wird, wenn ich darauf trete, dass dieses Feuer mich
verbrennen würde, wenn ich mich ihm näherte, will ich darauf rechnen können, was
ich selbst bin, und was ich sein werde. Und sollte man etwa dies nicht können,
so will ich wenigstens das wissen, dass man es nicht kann. Und selbst diesem
Ausgange der Untersuchung will ich mich unterwerfen, wenn er sich mir als
Wahrheit entdeckt. - Ich eile meine Aufgabe zu lösen.
    
    Ich ergreife die forteilende Natur in ihrem Fluge, und halte de einen
Augenblick an, fasse den gegenwärtigen Moment fest ins Auge, und denke nach über
ihn! - über diese Natur, an welcher bisher meine Denkkraft entwickelt und für
die Schlüsse, die auf ihrem Gebiete gelten, gebildet wurde. -
    Ich bin von Gegenständen umgeben, die ich als für sich bestehende, und
gegenseitig, von einander geschiedene Ganze anzusehen mich genötigt fühle: ich
erblicke Pflanzen, Bäume, Tiere. Ich schreibe jedem Einzelnen Eigenschaften und
Merkmale zu, woran ich sie von einander unterscheide, dieser Pflanze eine solche
Form, der anderen eine andere, diesem Baume solche, dem anderen anders
gestaltete Blätter.
    Jeder Gegenstand hat seine bestimmte Anzahl von Eigenschaften, keine
darüber, noch darunter. Auf jede Frage, ob er dieses sei, und jenes, ist für
den, der ihn durchaus kennt, ein entscheidendes Ja möglich, oder ein
entscheidendes Nein, das allem Schwanken zwischen Sein und Nichtsein ein Ende
macht, Alles; was da ist! ist etwas, oder es ist dieses etwas nicht; ist gefärbt
oder nicht gefärbt; hat eine gewisse Farbe, oder hat diese Farbe nicht, ist
schmackhaft oder nicht schmackhaft; ist fühlbar oder nicht fühlbar, und so in
das unbestimmte fort.
    Jeder Gegenstand besitzt jede dieser Eigenschaften in einem bestimmten Grade
. Giebt es einen Massstab für eine gewisse Eigenschaft, und vermag ich ihn
anzulegen, so findet sich ein bestimmtes Maass derselben, welches sie nicht um
das mindeste überschreitet, noch unter ihm zurückbleibt. - Messe ich die Höhe
dieses Baumes; sie ist bestimmt, und er ist um keine Linie höher oder niedriger,
als er ist. Betrachte ich das Grün seiner Blätter; es ist ein bestimmtes Grün,
nicht um das mindeste dunkler oder heller; frischer oder verblichener, als es
ist; ob es mir gleich am Maassstabe und am Worte für diese Bestimmung fehlt.
Werfe ich meinen Blick auf diese Pflanze: sie steht auf einer bestimmten Stufe
zwischen ihrem Entkeimen und ihrer Reife; beiden nicht um das mindeste näher
oder entfernter, als sie es ist. - Alles was da ist, ist durchgängig bestimmt;
es ist was es ist, und schlechtin nichts anderes.
    Nicht etwa, dass ich überhaupt nichts zwischen widersprechenden Bestimmungen
in der Mitte schwebendes zu denken vermöchte. Ich denke allerdings unbestimmte
Gegenstände, und mehr als die Hälfte meines Denkens besteht aus dergleichen
Gedanken. Ich denke einen Baum überhaupt. Hat dieser Baum überhaupt, Früchte
oder nicht, Blätter oder nicht, und falls er welche hat, welches ist ihre
Anzahl? Zu welcher Gattung von Bäumen gehört er? Wie gross ist er? und so
weiter. Alle diese Fragen bleiben unbeantwortet, und mein Denken ist hierüber
unbestimmt, so gewiss ich nicht einen besonderen Baum, sondern den Baum
überhaupt zu denken mir vornahm. Nur spreche ich diesem Baume überhaupt - das
wirkliche Dasein ab, eben darum, weil er unbestimmt ist. Alles wirkliche hat
seine bestimmte Anzahl von allen möglichen Eigenschaften des wirklichen
überhaupt, und hat jede derselben in einem bestimmten Maasse, so gewiss es
wirklich ist; ob ich mich gleich bescheide, vielleicht nicht Eines Gegenstandes
Eigenschaften durchaus erschöpfen, und den Massstab an dieselben anlegen zu
können. -
    
    Aber die Natur eilt fort in ihrer stäten Verwandlung: und indes ich noch
rede über den aufgefassten Moment, ist er entflohen, und alles hat sich
verändert; und ehe ich ihn auffasste, war gleichfalls alles anders. Wie es war,
und wie ich es auffasste, war es nicht immer gewesen, es war so geworden.
    Warum nun und aus welchem Grunde war es gerade so Geworden, wie es geworden
war; warum hatte die Natur unter den unendlich mannigfaltigen Bestimmungen, die
sie annehmen kann, in diesem Momente gerade diese angenommen, die sie wirklich
angenommen hatte, und keine andere?
    Deswegen, weil ihnen gerade diejenigen vorhergingen, die ihnen vorhergingen,
und keine möglichen anderen; und weil die gegenwärtigen gerade ihnen, und kehlen
möglichen anderen folgten. Wäre im vorhergehenden Momente irgend etwas um das
mindeste anders gewesen, als es war, so würde auch im gegenwärtigen irgend etwas
anders sein, als es ist. - Und aus welchem Grunde war im vorhergehenden Momente
alles so, wie es war? Deswegen, weil es in dem, der diesem vorherging, so war,
wie es in ihm war. Und dieser hing wieder ab von dem, der ihm vorherging; dieser
letzte abermals von seinem vorhergehenden; - und so aufwärts ins unbestimmte
fort. Ebenso wird in dem zunächstfolgenden Momente die Natur bestimmt sein, wie
sie es sein wird, deswegen, weil sie im gegenwärtigen so bestimmt ist, wie sie
es ist; und es würde notwendig in diesem zunächstfolgenden Momente irgend etwas
anders sein, als es sein wird, wenn im gegenwärtigen nur das mindeste anders
wäre, als es ist. Und in dem Momente, der diesem folgen wird, wird alles so
sein, wie es sein wird, deswegen, weil in dem zunächstfolgenden Momente alles so
sein wird, wie es sein wird; und so wird sein nachfolgender wieder von ihm
abhängen, wie er von seinem vorhergehenden abhängen wird; und so abwärts in das
unbestimmte fort.
    Die Natur schreitet durch die unendliche Reihe ihrer mög- lichen
Bestimmungen ohne Anhalten hindurch; und der Wechsel dieser Bestimmungen ist
nicht gesetzlos, sondern streng gesetzlich. Was da ist in der Natur, ist
notwendig so, wie es ist, und es ist schlechtin unmöglich, dass es anders sei.
Ich trete ein in eine geschlossene Kette der Erscheinungen, - da jedes Glied
durch sein vorhergehendes bestimmt wird und sein nachfolgendes bestimmt; in
einen festen Zusammenhang, - da ich aus jedem gegebenen Momente alle mögliche
Zustände des Universums durch blosses Nachdenken würde finden können, aufwärts,
wenn ich den gegebenen Moment erklärte, abwärts, wenn ich aus ihm ableitete;
wenn ich aufwärts die Ursachen, durch welche allein er wirklich werden konnte,
abwärts die Folgen, die er notwendig haben muss, aufsuchte. Ich empfange in
jedem Teile das Ganze, weil jeder Teil nur durch das Ganze ist, was er ist,
durch dieses aber notwendig das ist.
    
    Was ist es denn also eigentlich, das ich soeben gefunden habe? Wenn ich
meine Behauptungen im Ganzen übersehe, so finde ich dies als den Geist
derselben: Jedem Werden ein Sein vorauszusetzen, woraus und wodurch es geworden
ist, jedem Zustaude einen anderen Zustand, jedem Sein ein anderes Sein
vorauszudenken, und schlechtin nichts aus dem Nichts entstehen zu lassen.
    Verweile ich hierbei länger, entwickle und mache mir vollkommen klar, was
darin liegt! - Denn es könnte leicht sein, dass von meiner klaren Einsicht in
diesen Punct meines Nachdenkens das ganze Glück meiner ferneren Untersuchung
abhinge.
    Warum, und aus welchem Grunde sind denn nun die Bestimmungen der Gegenstände
in diesem Momente gerade diejenigen, die sie sind, - hub ich an zu fragen. Ich
setzte sonach ohne weiteren Beweis, und ohne die mindeste Untersuchung, als ein
an sich bekanntes, unmittelbar wahres und schlechtin gewisses voraus, - wie es
denn auch ist, und wie ich es noch jetzt finde, und stets finden werde - ich
setzte; sage ich, voraus, dass sie einen Grund hätten; - dass sie nicht durch
sich selbst, sondern durch etwas ausser ihnen liegendes, Dasein und Wirklichkeit
hätten. Ich fand ihr Dasein für ihr eigenes Dasein nicht hinlänglich, und fühlte
mich genötigt, um ihrer selbst willen noch ein anderes Dasein ausser ihnen
anzunehmen. Warum nun wohl fand ich das Dasein jener Beschaffenheiten oder
Bestimmungen nicht hinlänglich, warum fand ich es als ein unvollständiges
Dasein? Was mag es sein in ihnen, das mir einen Mangel verrät? Dies ohne
Zweifel ist es; zuvorderst sind jene Beschaffenheiten gar nichts an und für
sich, sie sind nur etwas an einem anderen; Beschaffenheiten eines Beschaffenen,
Formen eines Geformten, und ein solches die Beschaffenheit annehmende und
tragende, - ein Substrat derselben, nach dem Ausdrucke der Schule, - wird für
die Denkbarkeit derselben immer vorausgesetzt. Ferner, dass ein solches Substrat
eine bestimmte Beschaffenheit habe, drückt einen Zustand der Ruhe, und des
Stillestehens seiner Verwandlungen, ein Anhalten seines Werdens aus. Versetze
ich es in Veränderung, so ist in ihm keine Bestimmteit mehr sondern ein
Uebergeben aus einem Zustande in den entgegengesetzten anderen durch
Unbestimmteit hindurch. Der Zustand der Bestimmteit des Dinges ist sonach
Zustand und Ausdruck eines blossen Leidens, und ein blosses Leiden ist ein
unvollständiges Dasein. Es bedarf einer Tätigkeit, die diesem Leiden
entspreche, aus welcher sich dasselbe erklären durch, und vermittelst welcher es
sich erst denken lasse; oder, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, die den Grund
dieses Leidens entalte.
    Was ich dachte und zu denken genötigt war, war daher keinesweges dies, dass
die verschiedenen auf einander folgenden Bestimmungen der Natur, als solche,
einander bewirken, - dass die gegenwärtige Beschaffenheit sich selbst vernichte,
und in dem künftigen Momente, da sie selbst nicht mehr ist, eine andere, die
nicht sie selbst ist, und die in ihr nicht liegt, an ihrer Stelle hervorbringe,
welches völlig undenkbar ist. Die Beschaffenheit bringt weder sieh selbst, noch
etwas anderes ausser ihr hervor.
    Eine tätige, dem Gegenstande eigentümliche und sein eigentliches Wesen
ausmachende Kraft ist es, welche ich dachte und denken musste, um die allmählige
Entstehung und den Wechsel jener Bestimmungen zu begreifen.
    Und wie denke ich mir diese Kraft, welches ist ihr Wesen und die Art ihrer
Äusserung? Keine andere, als die, dass sie unter diesen bestimmten Umständen,
durch sich selbst, und um ihrer selbst willen diese bestimmte Wirkung, - und
schlechtin keine andere - diese aber auch ganz sicher und unfehlbar,
hervorbringe.
    Das Princip der Tätigkeit, des Entstehens und Werdens an und für sich, ist
rein in ihr selbst, so gewiss sie Kraft ist, und in nichts ausser ihr; die Kraft
wird nicht getrieben oder in Bewegung gesetzt, sie setzt sich selbst in
Bewegung. Der Grund davon, dass sie gerade auf diese bestimmte Weise sich
entwickelt, liegt teils, in ihr selbst, weil sie diese Kraft ist und keine
andere, teils ausser ihr selbst, in den Umständen, unter denen sie sich
entwickelt. Beides, die innere Bestimmung der Kraft durch sich selbst, und ihre
äussere, durch die Umstände, muss sich vereinigen, um eine Veränderung
hervorzubringen. Was das erste anbelangt: die Umstände, das ruhende Sein und
Bestehen der Dinge, bringen kein Werden hervor, denn in ihnen selbst liegt das
Gegenteil alles Werdens, das ruhige Bestehen. Was das zweite betrifft: jene
Kraft ist, so gewiss sie denkbar sein soll, eine durchgängig bestimmte; aber
ihre Bestimmteit wird vollendet durch die Umstände, unter denen sie sich
entwickelt. - Eine Kraft denke ich nur; eine Kraft ist für mich nur inwiefern
ich eine Wirkung wahrnehme; eine unwirksame Kraft, die doch eine Kraft sein
sollte und kein ruhendes Ding, ist völlig undenkbar. Jede Wirkung aber ist
bestimmt, und da die Wirkung nur der Abdruck, nur eine andere Ansicht des
Wirkens selbst ist, - die wirkende Kraft ist im Wirken bestimmt, und der Grund
dieser ihrer Bestimmteit liegt teils in ihr selbst, weil sie ausserdem gar
nicht als ein besonderes und für sich bestehendes gedacht würde, teils ausser
ihr, weil ihre eigene Bestimmteit nur als eine bedingte gedacht werden kann.
    Es ist hier eine Blume dem Boden entwachsen, und ich schliesse daraus auf
eine bildende Kraft in der Natur. Eine solche bildende Kraft ist für mich
überhaupt da lediglich, inwiefern es für mich diese Blume und andere, und
Pflanzen überhaupt, und Tiere gibt; ich kann diese Kraft nur durch ihre
Wirkung beschreiben, und sie ist für mich schlechtin nichts weiter, als - das -
eine solche Wirkung Hervorbringende; das - Blumen und Pflanzen und Tiere, und
überhaupt organische Gestalten Erzeugende. Ich werde ferner behaupten, es habe
an diesem Platze eine Blume, und diese bestimmte Blume entspriessen können,
lediglich inwiefern alle Umstände sich vereinigten, um dieselbe möglich zu
machen. Durch diese Vereinigung, aller Umstände für ihre Möglichkeit aber ist
mir die Wirklichkeit der Blume noch keinesweges erklärt; und ich bin genötigt,
noch eine besondere, durch sich selbst wirkende, ursprüngliche Naturkraft
anzunehmen: und zwar bestimmt eine Blumen hervorbringende; denn eine andere
Naturkraft würde vielleicht unter denselben Umständen ganz etwas anderes
hervorgebracht haben. Ich erhalte sonach folgende Ansicht des Universums.
    Es ist, wenn ich die sämmtlichen Dinge als Eins, als Eine Natur ansehe, Eine
Kraft; es sind, wenn ich sie als Einzelne betrachte, mehrere Kräfte, - die nach
ihren inneren Gesetzen sich entwickeln, und durch alle möglichen Gestalten;
deren sie fähig sind, hindurchgehen; und alle Gegenstände in der Natur sind
nichts anderes, als jene Kräfte selbst in einer gewissen Bestimmung. Die
Äusserung jeder einzelnen Naturkraft wird bestimmt, - wird zu derjenigen, die
sie ist, - teils durch ihr inneres Wesen, teils durch ihre eigenen bisherigen
Äusserungen, teils durch die Äusserungen aller übrigen Naturkräfte, mit denen
sie in Verbindung steht; aber sie steht, da die Natur ein zusammenhängendes
Ganzes ist, mit allen in Verbindung. - Sie wird durch dieses alles
unwiderstehlich bestimmt. Nachdem sie nun einmal ihrem inneren Wesen nach
diejenige ist, die sie ist, und unter diesen Umständen sich äussert, fällt ihre
Äusserung notwendig so aus, wie sie ausfällt, und es ist schlechterdings
unmöglich, dass sie um das mindeste anders sei, als sie ist.
    In jedem Momente ihrer Dauer ist die Natur ein zusammenhängendes Ganze; in
jedem Momente muss jeder einzelne Teil derselben so sein, wie er ist, weil alle
übrigen sind, wie sie sind; und du könntest kein Sandkörnchen von seiner Stelle
verrücken, ohne dadurch, vielleicht unsichtbar für deine Augen, durch alle
Teile des unermesslichen Ganzen hindurch etwas zu verändern. Aber jeder Moment
dieser Dauer ist bestimmt durch alle abgelaufenen Momente, und wird bestimmen
alle künftigen Momente; und du kannst in dem gegenwärtigen keines Sandkornes
Lage anders denken, als sie ist, ohne dass du genötigt würdest, die ganze
Vergangenheit ins unbestimmte hinauf, und die ganze Zukunft ins unbestimmte
herab dir anders zu denken. Mache, wenn du willst, den Versuch mit diesem
Körnchen Flugsandes, das du erblickst. Denke es dir um einige Schritte weiter
landeinwärts liegend. Dann müsste der Sturmwind, der es vom Meere hertrieb,
stärker gewesen sein, als er wirklich war. Dann müsste aber auch die
vorhergehende Witterung, durch welche dieser Sturmwind und der Grad desselben
bestimmt wurde, anders gewesen sein, als sie war, und die ihr vorhergehende,
durch die sie bestimmt wurde; und du erhältst in das unbestimmte und unbegrenzte
hinauf eine ganz andere Temperatur der Luft, als wirklich stattgefunden hat, und
eine ganz andere Beschaffenheit der Körper, welche auf diese Temperatur Einfluss
haben, und auf welche sie Einfluss hat. - Auf Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit
der Länder, vermittelst dieser und selbst unmittelbar auf die Fortdauer der
Menschen, bat sie unstreitig den entscheidendsten Einfluss. Wie kannst du
wissen, - denn da es uns nicht vergönnt ist, in das Innere der Natur
einzudringen, so reicht es hier hin Möglichkeiten aufzuzeigen, - wie kannst du
wissen, ob nicht bei derjenigen Witterung des Universums, deren es bedurft
hätte, um dieses Sandkörnchen weiter landeinwärts zu treiben, irgend einer
deiner Vorväter vor Hunger oder Frost oder Hitze würde umgekommen sein, ehe er
den Sohn erzeugt hatte, von welchem du abstammest?
    - dass du sonach nicht sein würdest, und alles, was du in der Gegenwart und
für die Zukunft zu wirken wähnest, nicht sein würde, weil - ein Sandkörnchen an
einer anderen Stelle liegt.
    
    Ich selbst mit allem, was ich mein nenne, bin ein Glied in dieser Kette der
strengen Naturnotwendigkeit. Es war eine Zeit, - so sagen, mir andere, die in
dieser Zeit lebten, und ich selbst bin durch Folgerungen genötigt, eine solche
Zeit, deren ich nicht unmittelbar mir bewusst bin, anzunehmen - es war eine
Zeit, in der ich noch nicht war, und ein Moment, in welchem ich entstand. Ich
war nur für andere, noch nicht für mich. Seitdem hat allmählig mein
Selbstbewusstsein sich entwickelt, und ich habe in mir gewisse Fähigkeiten und
Anlagen, Bedürfnisse und natürliche Begierden gefunden. - Ich bin ein bestimmtes
Wesen, das zu irgend einer Zeit entstanden ist.
    Ich bin nicht durch mich selbst entstanden. Es wäre die höchste
Ungereimteit anzunehmen, dass ich gewesen sei, ehe ich war, um mich selbst zum
Dasein zu bringen. Ich bin durch eine andere Kraft ausser mir wirklich worden.
Und durch welche wohl, als durch die allgemeine Naturkraft, da ich ja ein Teil
der Natur bin? Die Zeit meines Entstehens, und die Eigenschaften, mit denen ich
entstand, waren durch diese allgemeine Naturkraft bestimmt; und alle die
Gestalten, unter denen sich diese mir angeborenen Grundeigenschaften seitdem
geäussert haben, und äussern werden, so lange ich sein werde, sind durch
dieselbe Naturkraft bestimmt. Es war unmöglich, dass statt meiner ein anderer
entstände; es ist unmöglich, dass dieser nunmehr Entstandene in irgend einem
Momente seines Daseins anders sei, als er ist und sein wird.
    Dass meine Zustände nun eben von Bewusstsein begleitet werden, und einige
derselben, - Gedanken, Entschliessungen und dergleichen - sogar nichts anderes
zu sein scheinen, als Bestimmungen eines blossen Bewusstseins: darf mich in
meinen Folgerungen nicht irre machen. Es ist die Naturbestimmung der Pflanze,
sich regelmässig auszubilden, die des Tieres, sich zweckmässig zu bewegen, die
des Menschen, zu denken. Warum sollte ich Anstand nehmen, das letzte ebenso für
die Äusserung einer ursprünglichen Naturkraft anzuerkennen, als das erste und
zweite? Nichts, als das Erstaunen, könnte mich daran verhindern; indem das
Denken allerdings eine weit höhere und künstlichere Naturwirkung ist, als die
Bildung der Pflanzen, oder die eigentümliche Bewegung der Tiere; aber wie
könnte ich jenem Affecte Einfluss verstatten auf eine ruhige Untersuchung?
Erklären kann ich freilich nicht, wie die Naturkraft den Gedanken hervorbringe;
aber kann ich denn besser erklären, wie sie die Bildung einer Pflanze, die
Bewegung eines Tieres hervorbringe? Aus blosser Zusammensetzung der Materie das
Denken abzuleiten, - auf dieses verkehrte Unternehmen werde ich freilich nicht
verfallen; könnte ich denn daraus auch nur die Bildung des einfachsten Mooses
erklären? - Jene ursprünglichen Naturkräfte sollen überhaupt nicht erklärt
werden, noch können sie erklärt werden; denn sie selbst sind es, aus denen alles
Erklärbare zu erklären ist. Das Denken ist nun einmal, es ist schlechtin, so
wie die Bildungskraft der Natur nun einmal ist, und schlechtin ist. Es ist in
der Natur; denn das Denkende entsteht und entwickelt sich nach Naturgesetzen: es
ist sonach durch die Natur. Es gibt eine ursprüngliche Denkkraft in der Natur,
wie es eine ursprüngliche Bildungskraft gibt.
    Diese ursprüngliche Denkkraft des Universums schreitet fort, und entwickelt
sich in allen möglichen Bestimmungen, deren sie fähig ist, so wie die übrigen
ursprünglichen Naturkräfte fortschreiten, und alle mögliche Gestalten annehmen.
Ich bin eine besondere Bestimmung der bildenden Kraft, wie die Pflanze; eine
besondere Bestimmung der eigentümlichen Bewegungskraft, wie das Tier; und
überdies noch eine Bestimmung der Denkkraft: und die Vereinigung dieser drei
Grundkräfte zu Einer Kraft, zu Einer harmonischen Entwickelung, macht das
unterscheidende Kennzeichen meiner Gattung aus; so wie es die Unterscheidung der
Pflanzengattung ausmacht, lediglich Bestimmung der bildenden Kraft zu sein.
    Gestalt, eigentümliche Bewegung, Gedanke in mir hängen nicht etwa
voneinander ab, und folgen auseinander: so dass ich meine, und mit ihr die mich
umgebenden Gestalten und Bewegungen so dächte, weil sie so sind; oder dass
umgekehrt sie so würden, weil ich sie so dächte, sondern sie sind allzumal und
unmittelbar die harmonirenden Entwickelungen einer und ebenderselben Kraft,
deren Äusserung notwendig zu einem mit sich innig zusammenstimmenden Wesen
meiner Gattung wird, und die man menschenbildende Kraft nennen könnte. Es
entsteht in mir ein Gedanke schlechtin, und ebenso schlechtin die ihm
entsprechende Gestalt, und ebenso schlechtin die beiden entsprechende Bewegung.
Ich bin nicht, was ich bin, weil ich es denke oder will; noch denke oder will
ich es, weil ich es bin, sondern ich bin und denke, - beides schlechtin; beides
aber stimmt aus einem höheren Grunde zusammen.
    So gewiss jene ursprünglichen Naturkräfte etwas für sich sind, und ihre
eigenen inneren Gesetze und Zwecke haben, so gewiss müssen die einmal zur
Wirklichkeit gekommenen Äusserungen derselben, falls nur die Kraft sich selbst
überlassen bleibt, und nicht durch eine fremde ihr überlegene unterdrückt wird,
eine Zeitlang dauern, und einen gewissen Umfang von Verwandlungen beschreiben.
Was in demselben Augenblicke verschwindet, da es entstand, ist gewiss nicht
Äusserung einer Grundkraft, sondern nur Folge von der Zusammenwirkung mehrerer.
Kräfte. Die Pflanze, eine besondere Bestimmung der bildenden Naturkraft, geht
sich selbst überlassen von ihrem ersten Entkeimen bis zur Reife des Saamens. Der
Mensch, eine besondere Bestimmung aller Naturkräfte in ihrer Vereinigung, geht
sich selbst überlassen von der Geburt fort zum Tode vor Alter. Daher die
Lebensdauer der Pflanze, wie des Menschen, und die verschiedenen Bestimmungen
dieses ihres Lebens.
    Diese Gestalt, diese eigentümliche Bewegung, dieses Denken, in Harmonie mit
einander, - diese Fortdauer aller jener wesentlichen Eigenschaften unter
mancherlei ausserwesentlichen Verwandlungen, kommen mir zu, inwiefern ich ein
Wesen meiner Gattung bin. - Aber die menschenbildende Naturkraft hat sich schon
dargestellt, ehe ich entstand, unter mancherlei äusseren Bedingungen und
Umständen. Diese äusseren Umstände sind es, welche die besondere Weise ihrer
gegenwärtigen Wirksamkeit bestimmen, in denen sonach der Grund liegt, dass
gerade ein solches Individuum meiner Gattung wirklich wird. Dieselben Umstände
können nie zurückkehren, weil dann das Natur-Ganze selbst zurückkehren, und zwei
Naturen statt Einer entstehen würden: es können daher diejenigen Individuen nie
wieder wirklich werden, die es Schon einmal waren. - Ferner, die
menschenbildende Naturkraft stellt sich dar in derselben Zeit, da auch ich bin,
unter allen in dieser Zeit möglichen Umständen. Keine Vereinigung solcher
Umstände ist derjenigen vollkommen gleich, durch welche ich wirklich wurde, wenn
nicht das Ganze sich in zwei vollkommen gleiche, und untereinander nicht
zusammenhängende Welten teilen soll. Es können zu derselben Zeit nicht zwei
vollkommen gleiche Individuell wirklich sein. Dadurch ist denn bestimmt, was
ich, ich, diese bestimmte Person, sein musste; und das Gesetz, nach welchem ich
der wurde, der ich bin, ist im Allgemeinen gefunden. Ich bin dasjenige, was die
menschenbildende Kraft, - nachdem sie gewesen ist, was sie war - nachdem sie
noch ausser mir ist, was sie ist, - nachdem sie in diesem bestimmten
Verhältnisse zu anderen ihr wider streitenden Naturkräften sich befindet -
werden konnte; und, weil in ihr selbst kein Grund liegen kann, sich zu
beschränken, da sie es konnte, notwendig werden musste. Ich bin, der ich bin,
weil in diesem Zusammenhange des Naturganzen nur ein solcher und schlechtin
kein anderer möglich war; und ein Geist, der das Innere der Natur vollkommen
übersähe, würde aus der Erkenntnis eines einzigen Menschen bestimmt angeben
können, welche Menschen von jeher gewesen, und welche zu jeder Zeit sein würden;
in Einer Person würde er alle wirkliche Personen erkennen. Dieser mein
Zusammenhang mit dem Naturganzen ist es denn, der da bestimmt, alles was ich
war, was ich bin, und was ich sein werde: und derselbe Geist würde aus jedem
möglichen Momente meines Daseins unfehlbar folgern können, was ich vor demselben
gewesen sei, und was ich nach demselben sein werde. Alles was ich je bin und
werde, bin ich und werde ich schlechtin notwendig, und es ist unmöglich, dass
ich etwas anderes sei.
    
    Zwar bin ich meiner selbst, als eines selbstständigen und in mehreren
Begebenheiten meines Lebens freien Wesens, mir innigst bewusst; aber dieses
Bewusstsein lässt aus den aufgestellten Grundsätzen sich sehr wohl erklären, und
mit den soeben gezogenen Folgerungen sich vollkommen vereinigen. Mein
unmittelbares Bewusstsein, die eigentliche Wahrnehmung, geht nicht über mich
selbst und meine Bestimmungen hinaus, ich weiss unmittelbar nur von mir selbst;
was ich darüber hinaus zu wissen vermag, weiss ich nur durch Folgerung, - auf
die Weise, wie ich soeben auf ursprüngliche Naturkräfte geschlossen habe, die
doch keinesweges in den Umkreis meiner Wahrnehmungen fallen. Ich aber, das, was
ich mein Ich, meine Person nenne, bin nicht die menschenbildende Naturkraft
selbst, sondern nur eine ihrer Äusserungen: und nur dieser Äusserung bin ich
mir, als meines Selbst, bewusst, nicht jener Kraft, auf welche ich nur durch die
Notwendigkeit mich selbst zu erklären schliesse. Diese Äusserung, aber ist,
ihrem wirklichen Sein nach allerdings etwas aus einer ursprünglichen und
selbstständigen Kraft hervorgehendes, und muss im Bewusstsein als solches
gefunden werden. Deswegen finde ich mich überhaupt als ein selbstständiges
Wesen. - Aus eben diesem Grunde erscheine ich mir als frei in einzelnen
Begebenheiten meines Lebens, wenn diese Begebenheiten Äusserungen der
selbstständigen Kraft sind, die mir für mein Individuum zu Teil geworden; als
zurückgehalten und eingeschränkt, wenn durch eine Verkettung äusserer Umstände,
die in der Zeit entstehen, nicht aber in der ursprünglichen Beschränkung meines
Individuums liegen, ich nicht einmal das kann, was ich meiner individuellen
Kraft nach wohl könnte; als gezwungen, wenn diese individuelle Kraft durch die
Uebermacht anderer ihr entgegengesetzten, sogar ihrem eigenen Gesetze zuwider,
sich zu äussern genötigt wird.
    Gieb einem Baume Bewusstsein, und lass ihn ungehindert wachsen, sehe Zweige
verbreiten, die seiner Gattung eigentümlichen Blätter, Knospen, Blüten,
Früchte hervorbringen. Er wird sich wahrhaftig nicht dadurch beschränkt finden,
dass er nun gerade ein Baum ist, und gerade von dieser Gattung, und gerade
dieser Einzelne in dieser Gattung; er wird sich frei finden, weil er in allen
jenen Äusserungen nichts tut, als was seine Natur fordert; er wird nichts
anderes tun wollen, weil er nur wollen kann, was diese fordert. Aber lass sein
Wachstum durch ungünstige Witterung, durch Mangel an Nahrung, oder durch andere
Ursachen zurückgehalten werden: er wird sich begrenzt und gehindert fühlen, weil
ein Trieb, der wirklich in seiner Natur liegt, nicht befriedigt wird. Binde
seine frei umherstrebenden Aeste an ein Geländer, nötige ihm durch Einpfropfung
fremde Zweige auf: er wird sich zu einem Handeln gezwungen fühlen; seine Aeste
wachsen allerdings fort, aber nicht nach der Richtung, die die sich selbst
überlassene Kraft genommen haben würde; er bringt allerdings Früchte, aber nicht
die, die seine ursprüngliche Natur forderte. - Im unmittelbaren
Selbstbewusstsein erscheine ich mir als frei; durch Nachdenken über die ganze
Natur finde ich, dass Freiheit schlechterdings unmöglich ist: das erstere muss
dem letzteren untergeordnet werden, denn es ist selbst durch das letztere sogar
zu erklären.
    
    Welche hohe Befriedigung gewährt dieses Lehrgebäude meinem Verstande! Welche
Ordnung, welcher feste Zusammenhang, welche leichte Uebersicht kommt dadurch in
das Ganze meiner Erkenntnisse! Das Bewusstsein ist hier nicht mehr jener
Fremdling in der Natur, dessen Zusammenhang mit einem Sein so unbegreiflich ist;
es ist einheimisch in derselben, und selbst eine ihrer notwendigen
Bestimmungen. Die Natur erhebt sich allmählig in der bestimmten Stufenfolge
ihrer Erzeugungen. In der rohen Materie ist sie ein einfaches Sein; in der
organisirten geht sie in sich selbst zurück, um auf sich innerlich zu wirken, in
der Pflanze, sich zu gestalten, im Tiere, sich zu bewegen; im Menschen, als
ihrem höchsten Meisterstücke, kehrt sie in sich zurück, um sich selbst
anzuschauen und zu betrachten: sie verdoppelt sich gleichsam in ihm und wird aus
einem blossen Sein, Sein und Bewusstsein in Vereinigung.
    Wie ich von meinem eigenen Sein, und den Bestimmungen desselben wissen
müsse, ist in diesem Zusammenhange leicht zu erklären. Mein Sein und mein Wissen
hat denselben gemeinschaftlichen Grund: meine Natur überhaupt. Es ist kein Sein
in mir, das nicht eben darum, weil es mein Sein ist, zugleich von sich wisse. -
Ebenso begreiflich wird das Bewusstsein der körperlichen Gegenstände ausser mir.
Die Kräfte, aus deren Äusserung meine Persönlichkeit besteht, die bildende, die
sich selbst bewegende, die denkende Kraft in mir, sind nicht diese Kräfte in der
Natur überhaupt, sondern nur ein bestimmter Teil derselben; und dass sie nur
dieser Teil sind, kommt daher, weil ausser mir noch so und so viel anderes Sein
stattfindet. Aus dem ersten lässt sich das letztere berechnen, aus der
Beschränkung das Beschränkende. Weil ich dieses oder jenes, das doch in den
Zusammenhang des gesammten Seins gehört, nicht bin, darum muss dasselbe ausser
mir sein; so folgert und berechnet die denkende Natur in mir. Meiner
Beschränkung bin ich mir unmittelbar bewusst, weil sie ja zu mir selbst gehört,
und nur durch sie ich überhaupt da bin; das Bewusstsein des Beschränkenden,
dessen, was ich nicht selbst bin, ist durch das erstere vermittelt, und fliesst
aus ihm. -
    Weg also mit jenen vorgegebenen Einflüssen und Einwirkungen der äusseren
Dinge auf mich, durch die sie mir eine Erkenntnis von sich einströmen sollen,
die in ihnen selbst nicht ist, und von ihnen nicht ausströmen kann. Der Grund,
warum ich etwas ausser mir annehme, liegt nicht ausser mir, sondern in mir
selbst, in der Beschränkteit meiner eigenen Person; vermittelst dieser
Beschränkteit geht die denkende Natur in mir - heraus aus sich selbst, und
erhält eine Uebersicht ihrer selbst im Ganzen; jedoch in jedem Individuum aus
einem eigenen Gesichtspunkte. -
    Auf dieselbe Weise entsteht mir der Begriff von denkenden Wesen meines
Gleichen. Ich, oder die denkende Natur in mir, denkt Gedanken, die aus ihr
selbst, als individueller Naturbestimmung, sich entwickelt haben sollen, andere,
die sich nicht aus ihr selbst entwickelt haben sollen. Und so ist es dann in der
Tat. Die ersteren sind allerdings mein eigentümlicher, individueller Beitrag
zu dem Umfange des allgemeinen Denkens in der Natur; die letzteren sind aus den
ersteren nur gefolgert, als solche, welche in diesem Umfange allerdings auch
stattfinden müssen, aber da sie nur gefolgert sind, nicht in mir, sondern in
anderen denkenden Wesen: und von hieraus schliesse ich erst auf denkende Wesen
ausser mir. - Kurz: die Natur wird in mir ihrer selbst im Ganzen sich bewusst;
aber nur so, dass sie von dem individuellen Bewusstsein meiner anhebe, und von
ihm aus fortgehe zum Bewusstsein des allgemeinen Seins, durch Erklärung nach dem
Salze des Grundes: das heisst, dass sie die Bedingungen denke, unter denen
allein eine solche Gestalt, solche Bewegung, ein solches Denken, aus welchen
meine Person besteht, möglich wurde. Der Satz des Grundes ist der Punct des
Ueberganges von dem Besonderen, das sie selbst ist, zu dem Allgemeinen, das
ausser ihr ist; das unterscheidende Kennzeichen beider Arten der Erkenntnis ist
dies, dass die erste - unmittelbare Anschauung, die letzte - Folgerung ist.
    In jedem Individuum erblickt die Natur sich selbst aus einem besonderen
Gesichtspuncte. Ich nenne mich ich, und dich du; du nennest dich ich, und mich
du; ich liege für dich ausser dir, wie du für mich ausser mir liegst. Ich
begreife ausser mir zuerst, was mich zunächst begrenzt; du was dich zunächst
begrenzt: von diesem Puncte aus gehen wir durch seine nächsten Glieder hindurch
weiter, - aber wir beschreiben sehr verschiedene Reihen, die sich wohl hier und
da durchschneiden, aber nirgends nach derselben Richtung neben einander
fortlaufen. - Es werden alle möglichen Individuen, sonach auch alle möglichen
Gesichtspuncte des Bewusstseins wirklich. Dieses Bewusstsein aller Individuen
zusammengenommen macht das vollendete Bewusstsein des Universums von sich selbst
aus: und es gibt kein anderes, denn nur im Individuum ist vollendete
Bestimmteit und Wirklichkeit.
    Die Aussage des Bewusstseins eines jeden Individuums ist untrüglich, wenn es
nur wirklich das bis jetzt beschriebene Bewusstsein ist; denn dieses Bewusstsein
entwickelt sich aus dem ganzen gesetzmässigen Laufe der Natur; aber die Natur
kann nicht sich selbst widersprechen. Ist irgendwo irgend eine Vorstellung, so
muss es wohl auch ein derselben entsprechendes Sein geben, denn die
Vorstellungen werden nur mit der Erzeugung des ihnen entsprechenden Seins
zugleich erzeugt. - Jedem Individuum ist sein besonderes Bewusstsein durchaus
bestimmt, denn dasselbe geht aus seiner Natur hervor: keiner kann andere
Erkenntnisse, und einen anderen Grad ihrer Lebhaftigkeit haben, als er wirklich
hat. Der Inhalt seiner Erkenntnisse wird bestimmt durch den Standpunct, welchen
er im Universum einnimmt; die Deutlichkeit und Lebhaftigkeit derselben durch die
höhere oder geringere Wirksamkeit, welche die Kraft der Menschheit in seiner
Person zu äussern vermag. Gieb der Natur eine einzige Bestimmung einer Person,
scheine sie so geringfügig als sie wolle, sei es der Lauf eines einzigen
Muskels, die Biegung eines Haares, und sie sagt dir, wenn sie ein allgemeines
Bewusstsein hätte, und dir antworten könnte alle Gedanken, welche diese Person,
die ganze Zeit ihres Bewusstseins hindurch denken wird.
    Ebenso begreiflich wird in diesem Lehrgebäude die bekannte Erscheinung in
unserem Bewusstsein, die wir Willen nennen. Ein Wollen ist das unmittelbare
Bewusstsein der Wirksamkeit einer unserer inneren Naturkräfte. Das unmittelbare
Bewusstsein eines Strebens dieser Kräfte, das noch nicht Wirksamkeit ist, weil
es durch gegenstrebende Kräfte gehemmt wird, ist im Bewusstsein Neigung, oder
Begierde; der Kampf der streitenden Kräfte, Unentschlossenheit; der Sieg der
einen, Willens-Entschluss. Ist die strebende Kraft bloss diejenige, die uns mit
der Pflanze, oder dem Tiere gemein ist; so ist in unserem inneren Wesen schon
eine Trennung und Herabsetzung erfolgt, das Begehren ist unserem Range in der
Reihe der Dinge nicht gemäss, sondern unter demselben, und kann nach einem
gewissen Sprachgebrauche sehr wohl ein niederes genannt werden. Ist jenes
Strebende die ganze ungeteilte Kraft der Menschheit; so ist das Begehren
unserer Natur gemäss, und kann ein höheres genannt werden. Das Streben der
letzteren überhaupt gedacht, lässt sich füglich ein sittliches Gesetz nennen.
Eine Wirksamkeit der letzteren ist ein tugendhafter Wille, und die daraus
erfolgende Handlung Tugend. Ein Sieg der ersteren ohne Harmonie mit der
letzteren ist Untugend; ein Sieg derselben über die letztere und gegen ihren
Widerstreit ist Laster.
    Die Kraft, welche jedesmal siegt, siegt notwendig; ihr Uebergewicht ist
durch den Zusammenhang des Universums bestimmt; sonach ist durch denselben
Zusammenhang auch die Tugend, die Untugend und das Laster jedes Individuums
unwiderruflich bestimmt. Gieb der Natur nochmals den Lauf eines Muskels, die
Biegung eines Haares an einem bestimmten Individuum, und sie wird dir, wenn sie
im Ganzen denken und dir antworten könnte, daraus alle gute Taten und alle
Untaten seines Lebens von Anbeginn bis an sein Ende angeben. Aber darum hört
die Tugend nicht auf Tugend, und das Laster Laster zu sein. Der Tugendhafte ist
eine edle, der Lasterhafte eine unedle und verwerfliche, jedoch aus dem
Zusammenhange des Universums notwendig erfolgende Natur.
    Es gibt Reue, und sie ist das Bewusstsein des fortdauernden Strebens der
Menschheit in mir, auch nachdem dasselbe besiegt worden, verbunden mit dem
unangenehmen Gefühle, dass es besiegt worden: ein beunruhigendes, aber doch
köstliches Unterpfand unserer edleren Natur. Aus diesem Bewusstsein unseres
Grundtriebes entsteht auch das Gewissen, und die grössere oder geringere Schärfe
und Reizbarkeit bis zu dem absoluten Mangel desselben bei verschiedenen
Individuen. Der Unedlere ist der Reue nicht fähig, weil die Menschheit in ihm
auch nicht einmal soviel Kraft hat, um niedere Triebe zu bestreiten. Belohnung
und Strafe sind die natürlichen Folgen der Tugend und des Lasters zur
Hervorbringung neuer Tugend und neuen Lasters. Durch häufige bedeutende Siege
nämlich wird unsere eigentümliche Kraft ausgebreitet und verstärkt; durch
Mangel an aller Wirksamkeit oder durch häufige Niederlagen wird sie immer
schwächer. - Nur die Begriffe: Verschuldung und Zurechnung haben keinen Sinn,
ausser den für das äussere Recht. Verschuldet hat sich derjenige, und ihm wird
sein Vergehen zugerechnet, der die Gesellschaft nötigt, künstliche äussere
Kräfte anzuwenden, um die Wirksamkeit seiner der allgemeinen Sicherheit
nachteiligen Triebe zu verhindern.
    
    Heine Untersuchung ist geschlossen, und meine Wissbegier befriedigt. Ich
weiss, was ich überhaupt bin, und worin das Wesen meiner Gattung bestellt. Ich
bin eine durch das Universum bestimmte Äusserung einer durch sich selbst
bestimmten Naturkraft. Meine besonderen persönlichen Bestimmungen vermittelst
ihrer Gründe einzusehen, ist unmöglich, denn ich kann in das Innere der Natur
nicht eindringen. Aber ich werde mir derselben unmittelbar bewusst. Ich weiss ja
wohl, was ich in dem gegenwärtigen Momente bin, ich kann mich grösstenteils
erinnern, was ich ehemals war, und ich werde ja erfahren, was ich sein werde,
dann, wenn ich es sein werde.
    Von dieser Entdeckung Gebrauch für mein Handeln zu machen, kann mir nicht
einfallen, denn ich handle ja überhaupt nicht, sondern in mir handelt die Natur;
mich zu etwas anderem zu machen, als wozu ich durch die Natur bestimmt bin, dies
kann ich mir nicht vornehmen wollen, denn ich mache mich gar nicht, sondern die
Natur macht mich selbst und alles was ich werde. Ich kann bereuen, und mich
freuen, und gute Vorsätze fassen; - ohnerachtet ich der Strenge nach auch dies
nicht einmal kann, sondern alles mir von selbst kommt, wenn es mir zu kommen
bestimmt ist; - aber ich kann ganz sicher durch alle Reue, und durch alle
Vorsätze nicht das geringste an dem ändern, was ich nun einmal werden muss. Ich
stehe unter der unerbittlichen Gewalt der strengen Notwendigkeit; bestimmt sie
mich zu einem Toren und Lasterhaften, so werde ich ohne Zweifel ein Tor und
ein Lasterhafter werden; bestimmt sie mich zu einem Weisen und Guten, so werde
ich ohne Zweifel ein Weiser und Guter werden. Es ist nicht ihre Schuld noch
Verdienst, noch das meinige. Sie steht unter ihren eigenen Gesetzen, ich unter
den ihrigen: es wird, nachdem ich dies einsehe, das Beruhigendste sein, auch
meine Wünsche ihr zu unterwerfen da ja mein Sein ihr völlig unterworfen ist.
    
    O, diese widerstrebenden Wünsche! Denn warum sollte ich mir länger die
Wehmut, den Abscheu, das Entsetzen verhehlen, welche, so wie ich einsah, wie
die Untersuchung endigen werde, mein Inneres ergriffen? Ich hatte es mir heilig
versprochen, dass die Neigung keinen Einfluss auf die Richtung meines
Nachdenkens haben sollte; und ich habe ihr in der Tat mit Bewusstsein keinen
verstattet. Aber darf ich es mir darum am Ende nicht gestehen, dass dieser
Ausgang meinen tiefsten innersten Ahndungen, Wünschen, Forderungen widerspreche?
Und wie kann ich, trotz der Richtigkeit und der schneidenden Schärfe der
Beweise, die mir in dieser Ueberlegung zu sein scheint, an eine Erklärung meines
Daseins glauben, die der innigsten Wurzel meines Daseins, die dem Zwecke, um
dessen willen ich allein sein mag, und ohne welchen ich mein Dasein verwünsche,
so entscheidend widerstreitet?
    Warum muss mein Herz trauern und zerrissen werden von dem, was meinen
Verstand so vollkommen beruhigt? Da nichts in der Natur sich widerspricht, ist
nur der Mensch ein widersprechendes Wesen? - Oder, vielleicht nicht der Mensch,
sondern nur ich und diejenigen, welche mir gleichen! Hätte ich vielleicht
hingehen sollen in dem freundlichen Wahne, der mich umgab, mich in dem Umfange
des unmittelbaren Bewusstseins meines Seins erhalten, und die Frage nach den
Gründen desselben, deren Beantwortung mich jetzt elend macht, nie erheben
sollen, Aber wenn diese Beantwortung recht hat, so musste ich jene Frage
erheben; ich erhob sie nicht, sondern die denkende Natur in mir erhob sie. - Ich
war zum Elende bestimmt, und ich beweine vergebens die verlorene Unschuld meines
Geistes, welche nie zurückkehren kann.
    
    Aber Mut gefasst! Verlasse mich alles andere, wenn nur dieser mich nicht
verlässt. - Um der blossen Neigung willen, und liege sie noch so tief in meinem
Inneren, und erscheine sie noch so heilig, kann ich freilich nicht aufgeben, was
aus unwidersprechlichen Gründen folgt; aber vielleicht habe ich in der
Untersuchung geirrt, vielleicht habe ich die Quellen, aus denen sie geführt
werden musste, nur halb aufgefasst und einseitig angesehen. Ich sollte die
Untersuchung von dem entgegengesetzten Ende aus wiederholen; damit ich nur einen
Anfangspunct für sie habe. - Was ist es denn doch, das in jener Entscheidung
mich so gewaltig zurückstösst und beleidigt? Was ist es, das ich statt derselben
gefunden zu haben wünschte? Mache ich mir nur vor allen Dingen jene Neigung
recht klar, auf welche ich mich berufe!
    Dass ich bestimmt sein sollte, ein Weiser und Guter, oder ein Tor und
Lasterhafter, zu sein, dass ich an dieser Bestimmung nichts ändern, von dem
ersteren kein Verdienst, und an dem letzteren keine Schuld haben sollte, - dies
war es, was mich mit Abscheu und Entsetzen erfüllte. Jener Grund meines Seins,
und der Bestimmungen meines Seins ausser mir selbst, dessen Äusserung wiederum
durch andere Gründe ausser ihm bestimmt wurde, - er war es, der mich so heftig
zurückstiess. Jene Freiheit, die gar nicht meine eigene, sondern die einer
fremden Kraft ausser mir, und selbst an dieser nur eine bedingte, nur eine halbe
Freiheit war, - sie war es, die mir nicht genügte. Ich selbst, dasjenige, dessen
ich mir als meiner selbst, als meiner Person bewusst bin, und welches in jenem
Lehrgebäude als blosse Äusserung eines höheren erscheint, - ich selbst will
selbstständig, - nicht an einem anderen, und durch ein anderes, sondern für mich
selbst Etwas sein; und will, als solches, selbst der letzte Grund meiner
Bestimmungen sein. Den Rang, welchen in jenem Lehrgebäude jede ursprüngliche
Naturkraft einnimmt, will ich selbst einnehmen; nur mit dem Unterschiede, dass
die Weise meiner Äusserungen nicht durch fremde Kräfte bestimmt sei. Ich will
eine innere eigentümliche Kraft haben, mich auf unendlich mannigfaltige Weise
zu äussern, ebenso wie jene Naturkräfte: und die sich nun gerade so äussere, wie
sie sich äussert, schlechtin aus keinem anderen Grunde, als weil sie sich so
äussert; nicht aber, wie jene Naturkräfte, weil es gerade unter diesen äusseren
Bedingungen geschieht.
    Welches soll nun diesem meinem Wunsche zufolge der eigentliche Sitz und
Mittelpunct jener eigentümlichen Kraft des Ich sein? Offenbar nicht mein
Körper: den ich, wenigstens seinem Sein nach, wenn auch nicht nach seinen
weiteren Bestimmungen, für eine Äusserung der Naturkräfte gern gelten lasse;
auch nicht meine sinnlichen Neigungen, die ich für eine Beziehung dieser Kräfte
auf mein Bewusstsein halte: - sonach mein Denken und Wollen. Ich will nach einem
frei entworfenen Zweckbegriffe mit Freiheit wollen, und dieser Wille, als
schlechtin letzter, durch keinen möglichen höheren bestimmter Grund soll
zunächst meinen Körper, und vermittelst desselben die mich umgebende Welt
bewegen und bilden. Meine tätige Naturkraft soll nur unter der Botmässigkeit
des Willens stehen, und schlechtin durch nichts anderes in Bewegung zu setzen
sein, ausser durch ihn. - So soll es sich verhalten: - es soll ein Bestes geben
nach geistigen Gesetzen; dieses mit Freiheit zu suchen, bis ich es finde, es
dafür zu erkennen, wenn ich es gefunden habe, soll ich das Vermögen haben, und
es soll meine Schuld sein, wenn ich es nicht gefunden. Dieses Beste soll ich
wollen können schlechtin weil ich es will; und wenn ich statt desselben etwas
Anderes will, soll ich die Schuld haben. Aus diesem Willen soll meine Handlung
erfolgen, und ohne ihn soll Überhaupt durch mich keine Handlung erfolgen, indem
es gar keine mögliche andere Kraft meiner Handlungen geben soll, als meinen
Willen. Erst jetzt soll meine durch den Willen bestimmte, und in seiner
Botmässigkeit stehende Kraft in die Natur eingreifen. Ich will der Herr der
Natur sein, und sie soll mein Diener sein; ich will einen meiner Kraft gemässen
Einfluss auf sie haben, sie aber soll keinen haben auf mich.
    
    Dies ist der Inhalt meiner Wünsche und Forderungen. Völlig gegen diese hat
eine Untersuchung gesprochen, die meinen Verstand befriedigt. Wenn ich der
ersten zufolge unabhängig sein soll von der Natur, und überhaupt von irgend
einem Gesetze, das ich mir nicht selbst gebe, so bin ich nach der zweiten ein
durchaus bestimmtes Glied in der Kette der Natur. Ob nun eine solche Freiheit,
wie ich sie wünsche, auch nur denkbar ist, und wenn sie es sein sollte, ob nicht
in einem durchgeführten und vollständigen Nachdenken selbst Gründe liegen, die
mich nötigen, dieselbe als wirklich anzunehmen, und mir sie zuzuschreiben, -
wodurch sonach der Ausgang der vorigen Untersuchung widerlegt würde, davon ist
die Frage.
    Ich will frei sein, auf die angegebene Weise, heisst: ich selbst will mich
machen zu dem, was ich sein werde. Ich müsste sonach, - dies ist das
höchstbefremdende, und dem ersten Anscheine nach völlig widersinnige, was in
diesem Begriffe liegt, - ich müsste, was ich werden soll, in gewisser Rücksicht
schon sein, ehe ich es bin, um mich dazu auch nur machen zu können; ich müsste
eine doppelte Art des Seins haben, von denen das erste den Grund einer
Bestimmung des zweiten entielte. Beobachte ich nun hierüber mein unmittelbares
Selbstbewusstsein im Wollen, so finde ich folgendes. Ich habe die Kenntnis
mannigfaltiger Handelsmöglichkeiten, unter denen allen, wie es mir scheint, ich
auswählen kann, welche ich will. Ich durchlaufe den Umkreis derselben, erweitere
ihn, kläre mir das einzelne auf, vergleiche es gegeneinander, und wäge ab. Ich
wähle endlich eins unter allen, bestimme darnach meinen Willen, und es erfolgt
aus dem Willensentschlusse eine demselben gemässe Handlung. Hier bin ich nun
allerdings im blossen Denken meines Zweckes vorher, was ich hernach, und zufolge
dieses Denkens, durch Wollen und Handeln wirklich bin; ich bin vorher als
Denkendes, was ich kraft des Denkens späterhin als Handelndes bin. Ich mache
mich selbst: mein Sein durch mein Denken; mein Denken schlechtin durch das
Denken. - Man kann auch dem bestimmten Zustande einer Äusserung der blossen
Naturkraft, als etwa einer Pflanze, einen Zustand der Unbestimmteit
vorausdenken, in welchem ein reichhaltiges Mannigfaltiges von Bestimmungen
gegeben ist, die sie, sich selbst überlassen, annehmen könnte. Dieses
mannigfaltige Mögliche ist nun allerdings in ihr, in ihrer eigentümlichen Kraft
gegründet; aber es nicht für sie, weil sie der Begriffe nicht fähig ist, sie
kann nicht wählen, sie kann nicht durch sich selbst der Unbestimmteit ein Ende
machen; äussere Bestimmungs-Gründe müssen es sein, welche sie auf das Eine von
allen möglichen einschränken, worauf sie selbst sich nicht einschränken kann. In
ihr kann ihre Bestimmung nicht vor ihrer Bestimmung vorher stattfinden, denn sie
hat nur Eine Weise bestimmt zu sein, - die ihrem wirklichen Sein nach. Daher kam
es auch wohl, dass ich mich oben genötigt fand, zu behaupten, dass die
Äusserung jeder Kraft ihre vollendete Bestimmung von aussen erhalten müsse. Ich
dachte ohne Zweifel nur an solche Kräfte, die sich lediglich durch ein Sein
äussern, aber des Bewusstseins unfähig sind. Von ihnen gilt denn auch die obige
Behauptung ohne die mindeste Einschränkung; bei Intelligenzen findet der Grund
dieser Behauptung nicht statt, und es scheint sonach übereilt, auch über diese
sie auszudehnen.
    Freiheit, wie sie oben gefordert wurde, ist nur in Intelligenzen denkbar, in
ihnen aber ist sie es ohne Zweifel. Auch unter dieser Voraussetzung, ist der
Mensch sowohl, als die Natur vollkommen begreiflich. Mein Leib; und mein
Vermögen in der Sinnen-Welt zu wirken, ist ebenso, wie in dem obigen Systeme,
Äusserung beschränkter Naturkräfte; und meine natürlichen Neigungen sind die
Beziehungen dieser Äusserung auf mein Bewusstsein. Die blosse Erkenntnis
dessen, was ohne mein Zutun da ist, entsteht unter dieser Voraussetzung einer
Freiheit gerade so, wie in jenem Systeme; und bis auf diesen Punct kommen beide
überein. Nach jenem aber, - und hier hebt der Widerstreit beider Lehrgebäude an
- nach jenem bleibt das Vermögen meiner sinnlichen Wirksamkeit unter der
Botmässigkeit der Natur, wird fortdauernd durch dieselbe Kraft in Bewegung
gesetzt, die es auch hervorbrachte, und der Gedanke hat dabei überall nur das
Zusehen; nach dem gegenwärtigen fällt dieses Vermögen, nachdem es nur einmal
vorhanden ist, unter die Botmässigkeit einer über alle Natur erhabenen, und von
den Gesetzen derselben gänzlich befreiten Kraft, der Kraft der Zweckbegriffe,
und des Willens. Der Gedanke hat nicht mehr bloss das Zusehen, sondern von ihm
geht die Wirkung selbst aus. Dort sind es äussere, mir unsichtbare Kräfte, die
meiner Unentschlossenheit ein Ende machen, und meine Wirksamkeit, so wie das
unmittelbare Bewusstsein derselben, meinen Willen, auf Einen Punct beschränken:
ebenso wie die durch sich selbst unbestimmte Wirksamkeit der Pflanze beschränkt
wird: hier bin Ich es selbst, unabhängig und frei vom Einflusse aller äusseren
Kräfte, der seiner Unentschlossenheit ein Ende macht, und durch die frei in sich
hervorgebrachte Erkenntnis des Besten sich bestimmt.
    
    Welche von beiden Meinungen soll ich ergreifen? Bin ich frei und
selbstständig, oder bin ich nichts an mir selbst, und lediglich Erscheinung
einer fremden Kraft? Es ist mir soeben klar geworden, dass keine von beiden
Behauptungen hinlänglich begründet ist. Für die erste spricht nichts als ihre
blosse Denkbarkeit; für die letzte dehne ich einen an sich und in seinem Gebiete
ganz wahren Satz weiter aus, als sein eigentlicher Grund reicht. Ist die
Intelligenz blosse Natur-Äusserung, so tue ich ganz Recht daran, jenen Satz
auch über sie auszudehnen; aber, ob sie es sei, davon ist eben die Frage; und
diese soll durch Folgerung aus anderen Sätzen beantwortet, nicht aber eine
einseitige Antwort schon beim Anfange der Untersuchung vorausgesetzt, und aus
dieser wieder abgeleitet werden, was ich selbst erst in sie hineinlegte. Kurz,
aus Gründen zu erweisen, ist keine von den beiden Meinungen.
    Ebensowenig entscheidet in dieser Sache das unmittelbare Bewusstsein. Weder
der äusseren Kräfte, die in dem Systeme der allgemeinen Notwendigkeit mich
bestimmen, noch meiner eigenen Kraft, durch welche in dem der Freiheit ich mich
selbst bestimme, kann ich mir je bewusst werden. Welche von beiden Meinungen ich
sonach ergreifen möge, ergreife ich sie immer schlechtin darum, weil ich sie
nun einmal ergreife.
    Das System der Freiheit befriedigt, das entgegengesetzte tödtet und
vernichtet mein Herz. Kalt und todt dastehen, und dem Wechsel der Begebenheiten
nur zusehen, ein träger Spiegel der vorüberfliehenden Gestalten - dieses Dasein
ist mir unerträglich, ich verschmähe und verwünsche es. Ich will lieben, ich
will mich in Teilnahme verlieren, mich freuen und mich betrüben. Der höchste
Gegenstand dieser Teilnahme für mich bin ich selbst; und das einzige an mir,
womit ich dieselbe fortdauernd ausfüllen kann, ist mein Handeln. Ich will alles
aufs beste machen; will mich meiner freuen, wenn ich recht getan habe; will
mich über mich betrüben, wenn ich unrecht tat; und sogar diese Betrübnis soll
mir süss sein; denn es ist Teilnahme an mir selbst, und Unterpfand der
künftigen Besserung. - In der Liebe nur ist das Leben, ohne sie ist Tod und
Vernichtung.
    Aber kalt und frech tritt das entgegengesetzte System hin, und spöttelt
dieser Liebe. Ich bin nicht und ich handle nicht, wenn ich dasselbe höre. Der
Gegenstand meiner innigsten Zuneigung ist ein Hirngespinnst, eine greiflich
nachzuweisende grobe Täuschung. Statt meiner ist und handelt eine fremde mir
ganz unbekannte Kraft; und es wird mir völlig gleichgültig, wie diese sich
entwickle. Beschämt stehe ich da mit meiner herzlichen Neigung, und mit meinem
guten Willen; und erröte vor dem, was ich für das Beste an mir erkenne, und um
wessen willen ich allein sein mag, als vor einer lächerlichen Torheit. Nein
Heiligstes ist dem Spotte preisgegeben.
    Ohne Zweifel war es die Liebe dieser Liebe, das Interesse für dieses
Interesse, welches mich ohne mein Bewusstsein trieb, ehemals, ehe ich die
Untersuchung erhob, die mich jetzt verwirrt und zur Verzweiflung führt, ohne
weiteres mich für frei und für selbstständig zu halten: ohne Zweifel war es
dieses Interesse, wodurch ich eine Meinung, die nichts für sich hat, als ihre
eigene Denkbarkeit und die Unerweislichkeit ihres Gegenteils, bis zur
Ueberzeugung ergänzte; war es dieses Interesse, wodurch ich bis jetzt vor dem
Unternehmen bewahrt wurde, mich selbst und mein Vermögen weiter erklären zu
wollen.
    Das entgegengesetzte System, trocken und herzlos, aber unerschöpflich im
Erklären, erklärt selbst dieses mein Interesse für Freiheit, diesen meinen
Abscheu gegen die widerstreitende Meinung. Es erklärt alles, was ich aus meinem
Bewusstsein gegen dasselbe anführe, und so oft ich sage, dass es so und so sich
verhalte, antwortet es mir immer gleich trocken und unbefangen; dasselbe sage
ich auch, und ich sage dir noch überdies die Gründe, wodurch es notwendig so
wird. Du stehst, wird es mir auf alle meine Klagen antworten, indem du von
deinem Herzen, deiner Liebe, deinem Interesse sprichst im Standpuncte des
unmittelbaren Bewusstseins deines Selbst; und du gestehst dies, indem du sagst,
dass du selbst der höchste Gegenstand deines Interesse seist. Und hierüber ist
denn bekannt, und schon oben auseinandergesetzt, dass dieses Du, wofür du dich
so lebhaft interessirst, inwiefern es nicht Wirksamkeit, denn doch wenigstens
Trieb deiner eigentümlichen inneren Natur ist; es ist bekannt, dass jeder
Trieb, so gewiss er dies ist, in sich selbst zurückkehrt, und sich zur
Wirksamkeit antreibt; und es ist sonach begreiflich, wie dieser Trieb sich im
Bewusstsein als Liebe und Interesse für ein freies, und eigentümliches Wirken
notwendig äussern müsse. Versetzest du dich aus diesem engen Gesichtspuncte des
Selbstbewusstseins, in den höheren Standpunct der Uebersicht des Universums, den
du einzunehmen dir ja versprochen hast, so wird dir klar, dass, was du deine
Liebe nanntest, nicht deine Liebe ist, sondern eine fremde Liebe: - das
Interesse der ursprünglichen Naturkraft in dir, sich selbst als eine solche zu
erhalten. - Und so berufe dich denn nicht weiter auf deine Liebe; denn wenn
dieselbe auch ausserdem etwas beweisen könnte, so ist hier sogar die
Voraussetzung derselben unrichtig. Du liebst dich nicht, denn du bist überhaupt
nicht; es ist die Natur in dir, die für ihre eigene Erhaltung sich interessirt.
Dass, ohnerachtet in der Pflanze ein eigentümlicher Trieb ist, zu wachsen und
sich zu bilden, die bestimmte Wirksamkeit dieses Triebes dennoch von ausser ihr
liegenden Kräften abhänge, giebst du ohne Widerstreit zu. Leihe dieser Pflanze
auf einen Augenblick Bewusstsein, so wird sie ihren Trieb zu wachsen mit
Interesse und Liebe in sich fühlen. Ueberzeuge sie durch Vernunftgründe, dass
dieser Trieb für sich nicht das geringste auszurichten vermag, sondern dass ihm
das Maass seiner Äusserung immer durch etwas ausser ihm bestimmt wird; sie wird
vielleicht gerade so reden! als du eben geredet hast; sie wird sich geberden,
wie es einer Pflanze zu verzeihen ist, dir aber, als einem höheren, das Ganze
der Natur denkenden Naturproducte, keinesweges ansteht.
    Was kann ich gegen diese Vorstellung einwenden? Begebe ich mich auf ihren
Grund und Boden, auf den so gerühmten Standpunct einer Uebersicht des
Universums, so muss ich ohne Zweifel mit Erröten verstummen. Es ist also die
Frage, ob ich überhaupt auf diesen Standpunct mich stellen, oder in dem Umfange
des unmittelbaren Selbst-Bewusstseins mich halten; ob der Erkenntnis die Liebe,
oder der Liebe die Erkenntnis untergeordnet werden solle. Das letztere steht in
üblem Rufe bei verständigen Leuten, das erstere macht mich unbeschreiblich
elend, indem es mich selbst aus mir selbst vertilgt. Ich kann das letztere nicht
tun, ohne mir selbst als unüberlegt und töricht zu erscheinen; ich kann das
erstere nicht, ohne mich selbst zu vernichten.
    Unentschieden kann ich nicht bleiben: an der Beantwortung dieser Frage hängt
meine ganze Ruhe, und meine ganze Würde. Ebenso unmöglich ist es mir, mich zu
entscheiden; ich habe schlechtin keinen Entscheidungs-Grund, weder für das Eine
noch für das Andere.
    Unerträglicher Zustand der Ungewissheit und der Unentschlossenheit! Durch
den besten und den mutigsten Entschluss meines Lebens musste ich in dich
geraten! Welche Macht kann mich von dir, welche Macht kann mich von mir selbst
retten?
 
                                  Zweites Buch
                                     Wissen
    Unmut und Angst nagte an meinem Innern. Ich verwünschte die Erscheinung des
Tages, der mich zu einem Leben rief, dessen Wahrheit und Bedeutung mir
zweifelhaft worden war. Ich erwachte die Nächte aus beunruhigenden Träumen. Ich
suchte ängstlich nach einem Lichtschimmer, um aus diesen Irrgängen des Zweifels
zu entkommen. Ich suchte, und fiel stets tiefer in das Labyrint.
    Einst um die Stunde der Mitternacht schien eine wunderbare Gestalt vor mir
vorüberzugehen, und mich anzureden: Armer Sterblicher, hörte ich sagen: du
häufest Fehlschlüsse auf Fehlschlüsse, und dünkest dich weise.
    Du erbebst vor Schreckbildern die du dir selbst erst mit Mühe geschaffen
hast. Erkühne dich wahrhaft weise zu werden. - Ich bringe dir keine neuen
Offenbarungen. Was ich dich lehren kann, das weisst du längst und du sollst dich
jetzt desselben nur erinnern. Ich kann dich nicht täuschen: denn du selbst wirst
mir in allem Recht geben und würdest du doch getäuscht, so würdest du es durch
dich. Ermanne dich; höre mich, beantworte meine Fragen. - -
    Ich fasste Mut. - Er beruft sich auf meinen eigenen Verstand. Ich will es
darauf wagen. Er kann nichts in mich hineindenken; was ich denken soll, das muss
ich selbst denken, eine Ueberzeugung, die ich fassen soll, muss ich selbst in
mir erzeugen. - Rede, rief ich, was du auch seist, wunderbarer Geist, ich will
hören: frage, ich will antworten.
    Der Geist. Du nimmst doch an, dass diese Gegenstände da, und jene dort,
wirklich ausser dir vorhanden sind!
    Ich. Allerdings nehme ich das an.
    D. G. Und woher weisst du, dass sie vorhanden sind?
    Ich. Ich sehe sie, ich werde sie fühlen, wenn ich sie betaste, ich kann
ihren Ton hören; sie offenbaren sich mir durch alle meine Sinne.
    D. G. So! - Du wirst vielleicht weiterhin die Behauptung, dass du die
Gegenstände sehest und fühlest und hörest, zurücknehmen. Jetzt will ich reden,
so wie du redest, als ob du wirklich vermittelst deines Sehens, Fühlens u.s.w.
Gegenstände wahrnehmest - aber auch nur vermittelst deines Sehens, Fühlens, und
deiner übrigen äusseren Sinne. Oder ist es nicht so: nimmst du anders wahr,
ausser durch die Sinne; und gibt es für dich irgend einen Gegenstand ausser
dadurch, dass du ihn siehest oder fühlest u.s.w.?
    Ich. Keinesweges.
    D. G. Also, es sind wahrnehmbare Gegenstände für dich vorhanden, lediglich
zufolge einer Bestimmung deines äusseren Sinnes: du weisst von ihnen lediglich
vermittelst deines Wissens von dieser Bestimmung deines Sehens, Fühlens u.s.f.
Deine Aussage: es sind Gegenstände ausser mir, stützt sich auf die, ich sehe,
höre, fühle u.s.f.
    Ich. Dies ist meine Meinung.
    D. G. Nun, und wie weisst du denn wieder, dass du siehst, hörst fühlst?
    Ich. Ich verstehe dich nicht. - Deine Frage scheint mir sogar sonderbar.
    D. G. Ich will das Verständnis derselben erleichtern. - Siehst du etwa
wieder dein Sehen, und fühlst dein Fühlen; oder auch, hast du etwa noch einen
besonderen höheren Sinn, durch den du deine äusseren Sinne, und die Bestimmungen
derselben wahrnimmst!
    Ich. Keinesweges. Dass ich sehe und fühle, und was ich sehe und fühle, weiss
ich unmittelbar und schlechtin; ich weiss es, indem es ist, und dadurch, dass
es ist, ohne Vermittelung und Durchgang durch einen anderen Sinn. - Darum kam
mir eben deine Frage sonderbar vor, weil sie diese Unmittelbarkeit des
Bewusstseins in Zweifel zu setzen schien.
    D. G. Dies war nicht ihre Absicht; sie sollte dich nur veranlassen, dir
selbst diese Unmittelbarkeit recht klar zu machen. Also du hast ein
unmittelbares Bewusstsein deines Sehens und Fühlens?
    Ich. Ja.
    D. G. Deines Sehens und Fühlens, sagte ich. Du bist dir sonach das Sehende
im Sehen, das Fühlende im Fühlen; und indem du des Sehens dir bewusst bist, bist
du dir einer Bestimmung oder Modification deiner selbst bewusst?
    Ich. Ohne Zweifel.
    D. G. Du hast ein Bewusstsein deines Sehens, Fühlens u.s.w. und dadurch
nimmst du den Gegenstand wahr. Könntest du ihn nicht wahrnehmen auch ohne dieses
Bewusstsein? Könntest du nicht etwa einen Gegenstand erkennen durch das Gesicht,
oder durch das Gehör, ohne zu wissen, dass du sähest oder hörest?
    Ich. Keinesweges.
    D. G. Sonach wäre das unmittelbare Bewusstsein deiner selbst und deiner
Bestimmungen die ausschliessende Bedingung alles anderen Bewusstseins, und du
weisst etwas, nur inwiefern du weisst - dass du dieses etwas weisst: - es kann
in dem letzteren nichts vorkommen was nicht in dem ersteren liegt.
    Ich. So meine ich es.
    D. G. Also, dass Gegenstände sind, weisst du nur dadurch, dass du sie
siehst, fühlst u.s.w., und dass du siehst oder fühlst, weisst du nur dadurch,
dass du es eben weisst, dass du es unmittelbar weisst. Was du nicht unmittelbar
wahrnimmst, das nimmst du überhaupt nicht wahr?
    Ich. Ich sehe das ein.
    D. G. In aller Wahrnehmung nimmst du zunächst nur dich selbst, und deinen
eigenen Zustand wahr; und was nicht in dieser Wahrnehmung liegt, wird überhaupt
nicht wahrgenommen?
    Ich. Du wiederholst, was ich dir schon zugegeben habe.
    D. G. Und ich würde nicht müde werden, es in allen Wendungen zu wiederholen,
wenn ich befürchten müsste, dass du es noch nicht begriffen, dir noch nicht
unvertilgbar eingeprägt hättest. - Kannst du sagen: ich bin mir äusserer
Gegenstände bewusst?
    Ich. Keinesweges, wenn ich es genau nehme: denn das Sehen und Fühlen u.s.w.,
womit ich die Dinge umfasse, ist nicht das Bewusstsein selbst, sondern nur
dasjenige, dessen ich mir am ersten und unmittelbarsten bewusst bin. Der Strenge
nach könnte ich nur sagen: ich bin mir meines Sehens oder Fühlens der Dinge
bewusst.
    D. G. Nun, so vergiss denn nie wieder, was du jetzt klar eingesehen hast. In
aller Wahrnehmung nimmst du lediglich deinen eigenen Zustand wahr. Aber ich will
deine Sprache fortreden, weil sie die gewöhnliche ist. Du siehst, fühlst, hörst
die Dinge, sagtest du. Wie, das heisst, mit welchen Eigenschaften siehst oder
fühlst du dieselben?
    Ich. Ich sehe jenen Gegenstand rot, diesen blau; ich werde, wenn ich sie
betaste, diesen glatt, jenen rauh, diesen kalt, jenen warm fühlen.
    D. G. Du weisst sonach, was das ist: rot, blau, glatt, rauh, kalt, warm?
    Ich. Ohne Zweifel weiss ich es.
    D. G. Willst du mir es nicht beschreiben?
    Ich. Das lässt sich nicht beschreiben. - Siehe, richte dein Auge nach diesem
Gegenstande; was du durch das Gesicht empfinden wirst, indem du ihn siehst, dies
nenne ich rot. Betaste die Fläche dieses anderen Gegenstandes; was du dann
fühlen wirst, dies nenne ich glatt. Auf dieselbe Weise bin ich zu dieser
Kenntnis gelangt, und es gibt keine andere! sie zu erwerben.
    D. G. Aber kann man denn nicht wenigstens aus einigen schon durch die
unmittelbare Empfindung bekannten Eigenschaften andere von ihnen verschiedene
durch Schlüsse finden? Wenn z.B. jemand zwar die rote, grüne, gelbe, aber nie
die blaue Farbe gesehen, zwar das Saure, Süsse, Salzige, aber nie das Bittere
geschmeckt hätte, würde dieser nicht durch blosses Nachdenken und Vergleichung
erkennen können, was blau oder bitter sei, ohne etwas der Art zu sehen oder zu
schmecken?
    Ich. Keinesweges. Was Sache der Empfindung ist; lässt sich nur empfinden,
nicht denken; es ist kein abgeleitetes, sondern ein schlechtin unmittelbares.
    D. G. Sonderbar: du rühmst dich einer Erkenntnis, von welcher du mir nicht
angeben kannst, wie du zu ihr gelangt seist. Denn siehe, du behauptest dieses am
Gegenstande zu sehen, ein anderes zu fühlen, ein drittes zu hören; du musst
sonach das Sehen vom Fühlen, und beides vom Hören zu unterscheiden vermögen?
    Ich. Ohne Zweifel.
    D. G. Du behauptest ferner diesen Gegenstand rot, jenen blau zu sehen,
diesen glatt, jenen rauh zu fühlen. Du musst sonach rot von blau, glatt von
rauh unterscheiden können?
    Ich. Ohne Zweifel.
    D. G. Nun hast du diesen Unterschied nicht durch Nachdenken und Vergleichung
dieser Empfindungen in dir selbst gelernt, wie du soeben versichert. Aber
vielleicht hast du in Vergleichung der Gegenstände ausser dir durch ihre rote
oder blaue Farbe, durch ihre glatte oder rauhe Oberfläche, gelernt, was du in
dir selbst als rot oder blau, als glatt oder rauh zu empfinden habest?
    Ich. Dies ist unmöglich; denn die Wahrnehmung der Gegenstände geht von der
Wahrnehmung meines eigenen Zustandes aus, und wird durch diese bedingt, nicht
aber umgekehrt. Gegenstände unterscheide ich erst dadurch, dass ich meine
eigenen Zustände unterscheide. Dass diese bestimmte Empfindung, mit dem völlig
willkürlichen Zeichen rot, und jene mit dem Zeichen blau, glatt, rauh,
bezeichnet werde, kann ich lernen; nicht aber, dass und wie sie als Empfindungen
unterschieden seien. Dass sie verschieden sind, weiss ich schlecht- hin dadurch,
dass ich von mir selbst weiss, dass ich mich fühle, und dass ich in beiden mich
anders fühle. Wie sie verschieden sind, kann ich nicht beschreiben; aber ich
weiss es, sie sind so verschieden, wie mein Selbstgefühl in beiden verschieden
ist; und diese Unterscheidung der Gefühle ist eine unmittelbare, keinesweges
eine erlernte und abgeleitete Unterscheidung.
    D. G. - Die du unabhängig von aller Erkenntnis der Dinge machen kannst?
    Ich. Die ich unabhängig von ihr machen muss, denn diese Erkenntnis ist
selbst von jener Unterscheidung unabhängig.
    D. G. Die dir sonach unmittelbar durch das blosse Selbstgefühl gegeben ist?
    Ich. Nicht anders.
    D. G. Aber dann solltest du dich begnügen, zu sagen: ich fühle mich afficirt
auf diejenige Weise, die ich rot, blau, glatt, rauh, nenne; du solltest diese
Empfindungen lediglich in dich selbst versetzen: nicht aber sie auf einen
gänzlich ausser dir liegenden Gegenstand übertragen, und für Eigenschaften
dieses Gegenstandes ausgeben, was doch nur deine eigene Modification ist.
    Oder sage mir: nimmst du, wenn du den Gegenstand rot zu sehen, glatt zu
fühlen glaubst, mehr und etwas anderes wahr, als dass du auf eine gewisse Weise
afficirt bist?
    Ich. Ich habe im Vorhergehenden klar eingesehen, dass ich in der Tat nicht
mehr wahrnehme, als du sagst; und jene Uebertragung dessen, was nur in mir ist,
auf etwas ausser mir, deren ich mich doch nicht entalten kann, scheint jetzt
mir selbst höchst sonderbar.
    Ich empfinde in mir selbst, nicht im Gegenstande, denn ich bin ich selbst,
und nicht der Gegenstand; ich empfinde sonach nur mich selbst, und meinen
Zustand, nicht aber den Zustand des Gegenstandes. Wenn es ein Bewusstsein des
Gegenstandes gibt, so ist dasselbe wenigstens nicht Empfindung, oder
Wahrnehmung; so viel ist klar.
    D. G. Du folgerst rasch. Lass uns die Sache von allen Seiten überlegen,
damit ich mich sicher setze, dass du nicht einst das jetzt freigebig
Zugestandene wieder zurücknehmest.
    Giebt es denn an dem Gegenstande, wie du dir ihn gewöhnlich denkst, noch
etwas anderes, ausser seiner roten Farbe, seiner glatten Fläche und
dergleichen, kurz, noch etwas, ausser den Merkmalen die du durch die
unmittelbare Empfindung erhältst?
    Ich. Ich glaube ja: ausser diesen Eigenschaften ist noch das Ding, welches
dieselben an sich hat: der Träger der Eigenschaften.
    D. G. Diesen Träger der Eigenschaften, durch welchen Sinn magst du ihn wohl
wahrnehmen? Siehst du ihn, oder fühlst du ihn, hörst ihn u.s.w., oder gibt es
etwa für ihn noch einen besonderen Sinn?
    Ich. Nein -, ich denke, ich sehe ihn und fühle ihn.
    D. G. In der Tat? Dies lass uns doch näher untersuchen! Bist du jemals
deines Sehens überhaupt dir bewusst, oder immer nur eines bestimmten Sehens?
    Ich. Ich habe allemal eine bestimmte Gesichtsempfindung.
    D. G. Und welches war diese bestimmte Gesichtsempfindung in Hinsicht des
Gegenstandes da?
    Ich. Die der roten Farbe.
    D. G. Und dieses Rot ist etwas positives, eine einfache Empfindung, ein
bestimmter Zustand deiner selbst?
    Ich. Dies habe ich begriffen.
    D. G. Du solltest sonach das Rote schlechtweg als einfaches sehen, als
matematischen Punct, und siehst es auch wohl nur als solchen. In dir
wenigstens, als deine Affection, ist es doch offenbar ein einfacher bestimmter
Zustand, ohne alle Zusammensetzung, den man als matematischen Punct bilden
müsste. Oder findest du es anders?
    Ich. Ich muss dir Recht geben.
    D. G. Nun aber verbreitest du dieses einfache Rot über eine breite Fläche,
die du ohne Zweifel nicht siehst, da du ja nur rot schlechtweg siehst. Wie
magst du zu dieser Fläche kommen?
    Ich. Es ist allerdings sonderbar. - Doch, ich glaube die Erklärung gefunden
zu haben Ich sehe die Fläche freilich nicht, aber ich fühle sie, indem ich mit
meiner Hand über sie hinweggleite. Meine Empfindung durch das Gesicht bleibt
während dieses Fühlens fortdauernd dieselbe; und darum dehne ich die rote Farbe
über die ganze Fläche aus, welche ich fühle, indes ich immer dasselbe Rot
sehe.
    D. G. So könnte es sich verhalten, wenn du nur die Fläche fühltest. Aber
lass uns sehen, ob dies möglich ist. Du fühlst doch nie überhaupt, fühlst dein
Fühlen, und bist nun desselben dir bewusst?
    Ich. Keinesweges. Jede Empfindung, ist eine bestimmte. Es wird nie nur bloss
gesehen, oder gefühlt, oder gehört, sondern immer etwas Bestimmtes, die rote,
grüne, blaue Farbe, das Kalte, Warme, Glatte, Rauhe, der Schall der Violine, die
Stimme des Menschen, und dergleichen, gesehen, gefühlt, gehört. - Lass das unter
uns abgemacht sein.
    D. G. Gern. - Du fühlst sonach, indem du die Fläche zu fühlen vorgiebst,
unmittelbar doch nur - glatt, oder rauh oder des etwas?
    Ich. Allerdings.
    D. G. Dieses Glatte oder Rauhe ist nun doch wohl eben so, wie die rote
Farbe, ein Einfaches, ein Punct in dir, dem Empfindenden? - Und ich frage mit
demselben Rechte, warum du das Einfache eines Fühlens über eine Fläche
verbreitest, mit welchem ich fragte, warum du mit einem Einfachen des Gesichts
so verfuhrest?
    Ich. Aber diese glatte Fläche ist vielleicht nicht in allen Puncten gleich
glatt, sondern in jedem in einem anderen Grade glatt, nur dass es mir an
Fertigkeit, diese Grade bestimmt von einander zu unterscheiden, und an
Wortzeichen gebricht, sie zu behalten und anzugeben. Doch unterscheide ich etwa,
mir selbst unbewusst, setze dieses Unterschiedene neben einander, und so
entsteht mir die Fläche.
    D. G. Kannst du in demselben ungeteilten Momente auf entgegengesetzte Art
empfinden - auf eine sich gegenseitig aufhebende Weise afficirt sein?
    Ich. Keinesweges.
    D. G. Jene verschiedenen Grade der Glätte, die du annehmen willst, um zu
erklären, was du nicht erklären kannst, sind doch wohl, inwiefern sie
verschieden sind, entgegengesetzte Empfindungen, die in dir auf einander folgen?
    Ich. Ich kann dies nicht läugnen.
    D. G. Du solltest sie sonach, wie du sie wirklich empfindest, als
nacheinander folgende Veränderungen desselben matematischen Punctes setzen, wie
du auch bei anderen Gelegenheiten wirklich verführst; keinesweges aber
nebeneinander, als gleichzeitige Eigenschaften mehrerer Puncte in einer Fläche.
    Ich. Ich sehe dies ein, und finde, dass durch meine Voraussetzung nichts
erklärt ist. - Aber - meine Hand, mit der ich den Gegenstand berühre und ihn
bedecke, ist ja selbst eine Fläche, und dadurch nehme ich den Gegenstand als
Fläche wahr; und als grössere Fläche, denn meine Hand, indem ich diese mehrmals
über ihn verbreiten kann.
    D. G. Deine Hand ist eine Fläche? Wie weisst du denn das? Wie kommst du
überhaupt zum Bewusstsein deiner Hand ? Giebt es eine andere Weise als die, dass
du entweder durch sie etwas anderes fühlest, dass sie Werkzeug ist, oder dass du
sie selbst vermittelst eines anderen Teiles deines Leibes fühlest, dass sie
Gegenstand ist?
    Ich. Nein, es gibt keine andere. Ich fühle durch meine Hand etwas
Bestimmtes, oder ich fühle sie durch einen anderen Teil meines Leibes. Ein
unmittelbares absolutes Gefühl meiner Hand überhaupt habe ich nicht, ebensowenig
als meines Sehens oder Fühlens überhaupt.
    D. G. Bleiben wir gegenwärtig bei dem Falle stehen, da deine Hand Werkzeug
ist, indem dieser auch für den zweiten mit entscheidet! - In der unmittelbaren
Wahrnehmung derselben kann in diesem Falle nichts weiter liegen, als was zum
Fühlen gehört, was dich und hier insbesondere deine Hand, als das Betastende im
Betasten, das Fühlende im Fühlen vorstellt. Nun fühlst du entweder einerlei; so
sehe ich nicht, warum du diese einfache Empfindung über eine fühlende Fläche
verbreitest, und nicht an einem fühlenden Puncte dich begnügest; oder du fühlst
verschiedenes, so fühlst du dasselbe doch nacheinander, und ich sehe abermals
nicht ein, warum du diese Gefühle nicht in einem und ebendemselben Puncte
einander folgen lässt. - Dass dir deine Hand als Fläche erscheint, ist ebenso
unerklärlich, als dass dir überhaupt eine Fläche ausser dir erscheint. Bediene
dich sonach nicht des ersten zur Erklärung, des zweiten, ehe du nicht das erste
selbst erklärt hast. - Der zweite Fall, da deine Hand, oder welches Glied deines
Körpers du willst, selbst Gegenstand eines Gefühls ist, ist aus dem ersten
leicht zu beurteilen. Du fühlst dieses Glied vermittelst eines anderen welches
dann das fühlende ist. Ich erhebe über dieses letztere dieselben Fragen, welche
ich soeben über deine Hand erhol, und du wirst sie mir ebensowenig beantworten
können, als du diese beantworten konntest.
    So verhält es sich mit der Fläche deiner Augen, und mit jeder Fläche an
deinem Leibe. Es mag wohl sein, dass das Bewusstsein einer Ausdehnung ausser dir
von dem Bewusstsein deiner eigenen Ausdehnung, als materiellen Leibes, ausgeht,
und dadurch bedingt ist. Aber dann hast du nur zunächst diese Ausdehnung deines
materiellen Leibes zu erklären.
    Ich. Es ist genug. Ich sehe scholl klärlich ein, dass ich die
Flächen-Ausdehnung der Eigenschaften an den Körpern weder sehe, noch fühle, noch
durch irgend einen anderen Sinn fasse: ich sehe ein, dass es mein beständiges
Verfahren ist, zu verbreiten, was doch eigentlich in der Empfindung nur ein
Punct ist; nebeneinander zu stellen, was ich doch eigentlich nacheinander setzen
sollte, indem in der blossen Empfindung schlechtin kein nebeneinander, sondern
nur ein nacheinander stattfindet. Ich entdecke, dass ich in der Tat ebenso
verfahre, wie der Geometer mich seine Figuren construiren lässt, und den Punct
zur Linie, die Linie zur Fläche ausdehne. Es nimmt mich Wunder, wie ich dazu
komme.
    D. G. Du tust noch mehr und noch wunderbareres. Diese Oberfläche, die du am
Körper annimmst, kannst du freilich weder sehen, noch fühlen, noch durch irgend
einen Sinn wahrnehmen; aber man kann doch in einem gewissen Zusammenhange sagen,
dass du auf ihr die rote Farbe erblickst, oder die Glätte fühlst. Aber du
führst nun selbst diese Oberfläche fort, und dehnst sie aus zum matematischen
Körper; wie du eben zugestanden hast, dass du die Linie zur Fläche ausdehnst. Du
nimmst noch ein daseiendes Inwendiges des Körpers hinter seiner Oberfläche an.
Sage mir, kannst du denn hinter dieser Oberfläche etwas sehen, oder fühlen, oder
durch irgend einen Sinn wahrnehmen?
    Ich. Keinesweges; der Raum hinter der Oberfläche ist mir undurchsichtig, und
undurchgreifbar, und fällt in keinen meiner Sinne.
    D. G. Und doch nimmst du ein solches Inwendiges an, das du schlechtin nicht
wahrnimmst.
    Ich. Ich gestehe es, und meine Verwunderung vermehrt sich.
    D. G. Was ist denn nun das, was du hinter der Oberfläche denkst?
    Ich. Nun, - ich denke etwas der Oberfläche Aehnliches; etwas Empfindbares.
    D. G. Wir müssen dies bestimmt wissen. - Kannst du die Masse, aus welcher
dir nun der Körper besteht, teilen?
    Ich. Ich kann sie, versteht sich nicht mit Instrumenten, sondern in
Gedanken, ins Unendliche teilen. Kein möglicher Teil ist der kleinste, so dass
er nicht wieder geteilt werden könnte.
    D. G. Kommst du in dieser Teilung auf irgend einen Teil, von dem du
dächtest, dass er an sich nicht mehr wahrnehmbar, nicht sichtbar, nicht fühlbar
u.s.w. sei - an sich, sage ich, wenn er es auch etwa für deine Sinnenwerkzeuge
sein sollte?
    Ich. Keinesweges.
    D. G. Sichtbar, fühlbar überhaupt? - oder mit einer bestimmten Eigenschaft,
Farbe, Glätte, oder Rauhheit oder dergleichen?
    Ich. Auf die letzte Weise. Es gibt nichts Sichtbares oder Fühlbares
überhaupt, weil es kein Sehen oder Fühlen überhaupt gibt.
    D. G. Du verbreitest sonach die Empfindbarkeit, und zwar deine eigene, die
dir bekannte Empfindbarkeit, die Sichtbarkeit als gefärbt, die Fühlbarkeit als
rauh oder glatt u.s.w. durch die ganze Masse hindurch; und diese selbst ist
überall nichts Anderes, als das Empfindbare selbst. Oder findest du es anders?
    Ich. Keinesweges; was du sagst, folgt aus dem, was ich soeben eingesehen und
dir zugestanden habe.
    D. G. Und doch empfindest du wirklich hinter der Oberfläche nichts, und hast
hinter ihr nichts empfunden?
    Ich. Wenn ich sie durchbreche, werde ich empfinden.
    D. G. Das weisst du sonach im voraus. - Und die Teilung ins Unendliche, in
welcher du nie auf ein schlechtin Unempfindbares stossen zu können behauptest,
hast du doch nie ausgeführet, noch kannst du sie ausführen?
    Ich. Ich kann sie nicht ausführen.
    D. G. Du denkst sonach zu einer Empfindung, die du wirklich gehabt, eine
andere hinzu, die du nicht gehabt!
    Ich. - Ich empfinde nur, was ich auf die Oberfläche setze; ich empfinde
nicht, was hinter derselben liegt, und nehme doch auch da ein Empfindbares an. -
Ja ich muss dir Recht geben.
    D. G. Die wirkliche Empfindung kommt zum Teil mit dem, was du über sie vor
ihr voraus vorhersagtest, überein?
    Ich. - Wenn ich die Oberfläche des Körpers durchbreche, finde ich hinter
derselben in der Tat ein Empfindbares, wie ich es vorhersagte. - Ja ich muss
dir auch hierin Recht geben.
    D. G. Zum Teil aber sagst du etwas über die Empfindung aus, was in gar
keiner wirklichen Wahrnehmung vorkommen kann.
    Ich. - Ich sage aus, dass ich bei einer Teilung der körperlichen blasse ins
Unendliche doch nie auf einen Teil stossen würde, der an sich unempfindbar sei,
da ich doch mich bescheide, die Masse nicht ins Unendliche teilen zu können. -
Ja ich muss dir auch hierin Recht geben.
    D. G. Also, es bleibt nichts an deinem Gegenstande übrig, als das
Empfindbare - das was Eigenschaft ist; dieses Empfindbare nun verbreitest du
durch einen zusammenhängenden ins Unendliche teilbaren Raum, und der wahre
Träger der Eigenschaften des Dinges, den du suchtest, wäre sonach der Raum, den
es einnimmt?
    Ich. Ohnerachtet ich mich nicht dabei beruhigen kann, sondern innerlich
fühle, dass ich ausser diesem Empfindbaren und diesem Raume noch etwas Anderes
am Gegenstande denken muss, so kann ich dieses Andere dir doch nicht aufzeigen,
und muss dir daher zugestehen, dass ich bis jetzt als Träger nichts finde, denn
den Raum selbst.
    D. G. - Gestehe immer, was du eben jetzt einsiehst. Die noch vorhandenen
Dunkelheiten werden sich allmählig aufklären, und das Unbekannte wird bekannt
werden. - Der Raum selbst aber wird nicht wahrgenommen, und du begreifst nicht,
wie du zu demselben gelangst, und wie du dazu kommst, ein Empfindbares durch ihn
auszubreiten?
    Ich. So ists.
    D. G. Ebensowenig begreifst du, wie du überhaupt zur Annahme eines
Empfindbaren ausser dir gelangst, da du doch nur deine eigene Empfindung in dir,
nicht als Eigenschaft eines Dinges, sondern als Affection deiner selbst
wahrnimmst?
    Ich. So ists. Ich sehe klar ein, dass ich nur mich selbst meinen eigenen
Zustand schlechtin, aber nicht den Gegenstand wahrnehme; dass ich diesen nicht
sehe, nicht fühle, nicht höre u.s.w., sondern dass vielmehr gerade da, wo der
Gegenstand sein soll, alles Sehen, Fühlen u.s.w. ein Ende hat.
    Aber ich habe eine Ahnung. Empfindungen, als Affectionen meiner selbst, sind
schlechtin nichts Ausgedehntes, sondern ein Einfaches; und verschiedene sind
nicht neben einander im Raume, sondern sie folgen nach einander in der Zeit. Nun
aber verbreite ich dennoch dieselben durch einen Raum. Wie wäre es, wenn gerade
durch diese Verbreitung, und unmittelbar mit ihr, das, was eigentlich nur
Empfindung ist, sich mir in ein Empfindbares verwandelte, und wenn es gerade
dieser Punct wäre, von welchem aus ein Bewusstsein des Gegenstandes ausser mir
entstände?
    D. G. Deine Ahnung dürfte sich bewähren. - Aber wir würden, wenn wir auch
unmittelbar sie zur Ueberzeugung zu erheben vermöchten, dadurch noch immer keine
vollständige Einsicht erhalten, denn es würde stets die noch höhere Frage zu
beantworten übrig bleiben: wie kommst du denn nun erst dazu, die Empfindung
durch einen Raum zu verbreiten? Fassen wir daher gleich diese Frage; und fassen
wir sie - ich habe meine Gründe dazu - gleich allgemeiner auf folgende Weise:
wie magst du überhaupt dazu kommen, mit deinem Bewusstsein, das doch unmittelbar
nur Bewusstsein deiner selbst ist, aus dir herauszugehen, und zu der Empfindung,
die du wahrnimmst, ein Empfundenes und Empfindbares hinzuzusetzen, das du nicht
wahrnimmst?
    
    Ich. Süss, oder bitter; ebenso übel- oder wohlriechend, ebenso rauh oder
glatt, kalt oder warm am Dinge bedeutet, was einen solchen Geschmack und Geruch,
und ein solches Gefühl in mir erregt. Ebenso ist es mit den Tönen. Immer wird
eine Beziehung auf mich bezeichnet, und es fällt mir nicht ein, dass der süsse
oder bittere Geschmack, der Wohlgeruch oder der üble u.s.w. in dem Dinge sei; er
ist in mir, und wird meiner Ansicht nach durch das Ding nur erregt. Zwar scheint
es mit den Empfindungen durchs Gesicht, mit den Farben, welche nicht reine
Empfindung, sondern ein Mittelding sein mögen, sich anders zu verhalten; wenn
ich es aber genau überlege, so bedeutet rot und dergleichen doch gleichfalls
dasjenige, was eine gewisse bestimmte Gesichtsempfindung in mir hervorbringt.
Und dies leitet mich zur Einsicht, wie ich überhaupt zu einem Dinge ausser mir
kommen möge. Ich bin afficirt, dies weiss ich schlechtin: diese meine Affection
muss einen Grund haben: in mir liegt dieser Grund nicht, sonach ausser mir. So
schliesse ich schnell, und mir unbewusst; und setze einen solchen Grund, den
Gegenstand. Dieser Grund muss ein solcher sein, aus dem sich gerade diese
bestimmte Affection erklären lasse; ich bin auf die Weise afficirt, welche ich
den süssen Geschmack nenne; der Gegenstand muss sonach von der Art sein, dass er
süssen Geschmack errege, oder mit einer Redeverkürzung, er muss selbst süss
sein. Dadurch erhalte ich die Bestimmung des Gegenstandes:
    D. G. Es dürfte an dem, was du sagst, einiges Wahre sein, ohnerachtet es
nicht alles Wahre ist, was darüber zu sagen wäre. Wie es sich hiermit verhalte,
werden wir ohne Zweifel zu seiner Zeit finden. Da du jedoch in anderen Fällen
ganz unstreitig zufolge des Satzes vom Grunde - ich will die Behauptung, die du
soeben machtest, dass etwas, hier deine Affection, einen Grund haben müsse, den
Satz vom Grunde nennen, - da du, sage ich, in anderen Fällen unstreitig zufolge
dieses Satzes dir etwas erdenkst, so kann es nicht überflüssig sein, dieses
Verfahren genau kennen zu lernen, und uns völlig klar zu machen, was du
eigentlich tust, indem du es anwendest. Setzen wir vorläufig voraus, dass deine
Erklärung vollkommen richtig sei, und dass du durch einen unvermerkten Schluss
vom Begründeten auf den Grund überhaupt erst zur Annahme eines Dinges kommest -
was war es - dessen du dir als deiner Wahrnehmung bewusst warest ?
    Ich. Dass ich auf eine bestimmte Weise afficirt sei.
    D. G. Aber eines dich afficirenden Dinges warest du, wenigstens als einer
Wahrnehmung, dir nicht bewusst?
    Ich. Keinesweges, ich habe dir dies schon zugestanden.
    D. G. Du setzest sonach, vermittelst des Satzes vom Grunde, zu einem Wissen
das du hast, ein anderes, das du nicht hast?
    Ich. Du drückst dich sonderbar aus.
    D. G. Vielleicht gelingt es mir, diese Sonderbarkeit zu heben. Uebrigens
lass du meine Ausdrücke dir sein, was sie dir sein können. Sie sollen dich nur
leiten, dass du denselben Gedanken innerlich in dir erzeugst, den ich selbst in
mir erzeugt habe, nicht aber dir zur Vorschrift dienen, wie du zu reden habest.
Hast du den Gedanken einmal fest und klar ergriffen, dann drücke ihn selbst aus,
wie du willst, und so mannigfaltig, als du willst, du bist sicher dass du ihn
immer gut ausdrücken wirst.
    Wie und wodurch weisst du von der Affection deiner selbst?
    Ich. Es wird mir schwer, meine Antwort in Worte zu fassen: - Weil mein
Bewusstsein als subjectives, als Bestimmung meiner, inwiefern ich überhaupt
Intelligenz bin, unmittelbar auf diese Affection, als ihr Bewusstes geht, und
damit unzertrennlich vereinigt ist; weil ich überhaupt Bewusstsein nur habe,
inwiefern ich von einer solchen Affection weiss; von ihr weiss, so wie ich von
mir überhaupt weiss.
    D. G. Du hast sonach gleichsam ein Organ, das Bewusstsein selbst, womit du
deine Affection fassest?
    Ich. Ja.
    D. G. Aber ein Organ, mit welchem du den Gegenstand fassest, hast du nicht?
    Ich. Seitdem du mich überzeugt hast, dass ich den Gegenstand weder sehe noch
fühle, noch durch irgend einen äusseren Sinn fasse, finde ich mich genötigt, zu
gestehen, dass ich kein solches Organ habe.
    D. G. Bedenke dich hierbei wohl. Es könnte dir verübelt werden, dass du mir
dies zugestehst. - Was ist denn dein äusserer Sinn überhaupt, und wie kannst du
ihn einen äusseren nennen, wenn er sich nicht auf äussere Gegenstände bezieht,
und das Organ für dieselben ist?
    Ich. Ich will Wahrheit, und kümmere mich wenig darum, was man mir verübeln
werde. - Ich unterscheide schlechtin, weil ich es unterscheide, grün, süss,
rot, glatt, bitter, Wohlgeruch, rauh. Violinenschall, Uebelgeruch, Klang der
Trompete. Unter diesen Empfindungen setze ich nun einige in gewisser Rücksicht
ebenso schlechtin gleich, wie ich sie in anderer Rücksicht schlechtin
unterscheide; so empfinde ich grün und rot unter sich, süss und bitter unter
sich, glatt und rauh unter sich u.s.w. als gleich, und diese Gleichheit empfinde
ich als sehen, schmecken, fühlen u.s.w. Sehen, Schmecken u. s. w sind ja nicht
selbst wirkliche Empfindungen, denn ich sehe oder schmecke nie schlechtweg, wie
du schon vorhin bemerkt hast, sondern sehe immer rot oder grün u.s.w., schmecke
immer süss oder bitter u.s.w. Sehen, Schmecken und dergleichen, sind nur höhere
Bestimmungen wirklicher Empfindungen, sind Klassen, denen ich die letzteren,
jedoch nicht willkürlich, sondern durch die unmittelbare Empfindung selbst
geleitet, unterordne. Ich sehe sonach in ihnen überall keine äusseren Sinne,
sondern nur besondere Bestimmungen des Objects, des inneren Sinnes, meiner
Affectionen. Wie sie mir zu äusseren Sinnen werden, oder genauer, wie ich darauf
komme, sie dafür zu halten, und so zu nennen, davon ist jetzt eben die Frage. -
Ich nehme mein Geständnis, dass ich kein Organ für den Gegenstand habe, nicht
zurück.
    D. G. Nun redest du doch von Gegenständen, als oh du wirklich von ihnen
wüsstest, und ein Organ des Wissens für sie hättest?
    Ich. Ja.
    D. G. Und dies tust du, deiner obigen Voraussetzung nach, zufolge des
Wissens, das du wirklich hast, und wofür du ein Organ hast, und um dieses
Wissens willen.
    Ich. So ists.
    D. G. Dein wirkliches Wissen, - das von deinen Affectionen, - ist dir
gleichsam ein unvollständiges Wissen, das, deiner Behauptung nach, durch ein
anderes ergänzt werden muss. Dieses andere neue denkst du dir, beschreibst du
dir, nicht als ein solches, das du hast, denn du hast es keinesweges, sondern
als ein solches, das du eigentlich noch über dein wirkliches haben solltest, und
haben würdest, wenn du ein Organ dafür hättest. Du scheinst gleichsam zu sagen:
von den Dingen weiss ich freilich nichts; aber es müssen doch Dinge sein, und -
wenn ich sie nur finden könnte, so würden sie sich finden. Du denkst dir ein
anderes Organ, welches freilich das Deinige nicht ist, und dieses beziehst du
auf sie, damit fassest du sie auf, - immer nur in Gedanken, wie sich vorsteht.
Du hast der Strenge nach kein Bewusstsein der Dinge, sondern nur ein (eben durch
das Herausgehen aus deinem wirklichen Bewusstsein vermittelst des Satzes vom
Grunde erzeugtes) Bewusstsein von einem (seinsollenden und an sich notwendigen,
wenngleich dir nicht zukommenden) Bewusstsein der Dinge: und jetzt wirst du
einsehen, dass du deiner Voraussetzung nach allerdings zu einem Wissen das du
hast, ein anderes hinzufügst, das du nicht hast.
    Ich. Ich muss es zugeben.
    D. G. Nennen wir von nun an dieses zweite, zufolge eines anderen angenommene
Wissen ein vermitteltes , und das erste das unmittelbare Wissen - Eine gewisse
Schule nennt das soeben beschriebene Verfahren, inwiefern wir es nämlich
beschrieben haben, eine Syntesis; wobei du dir wenigstens hier nur kein
Verknüpfen zweier schon vor dem Verknüpfen vorher vorhandenen Glieder, sondern
ein Anknüpfen und Hinzutun eines ganz neuen, erst durch das Anknüpfen
entstehenden Gliedes, an ein anderes, unabhängig von demselben vorhandenes, zu
denken hast.
    
    Also das erste Bewusstsein findest du fertig, so wie du dich selbst findest,
und du findest dich nicht ohne dasselbe; das zweite erzeugst du erst zufolge des
ersten.
    Ich. Nur nicht in der Zeit nach dem ersten; denn ich bin mir des Dinges in
demselben ungeteilten Momente bewusst, da ich mir meiner selbst bewusst werde.
    D. G. Von einer solchen Folge rede ich keinesweges, sondern, meine ich, wenn
du hinterher über jenes ungeteilte Bewusstsein deiner selbst und des Dinges
nachdenkst, beide unterscheidest, und nach ihrem Zusammenhange fragst, so
findest du, dass das letztere durch das erstere bedingt, - nur unter
Voraussetzung des ersteren als möglich zu denken sei, nicht aber umgekehrt?
    Ich. So finde ichs; und wenn du nur das sagen wolltest, so gebe ich dir
deine Behauptung zu, und habe sie dir schon zugegeben.
    D. G. Du erzeugst, sage ich, das zweite Bewusstsein: du bringst es durch
einen wirklichen Act deines Geistes hervor. Oder findest du es anders?
    Ich. Ich habe, dir freilich mittelbar auch schon dies zugegeben. Ich setze
zu dem Bewusstsein, das ich finde, so wie ich mich selbst finde, ein anderes
hinzu, das ich keinesweges in mir finde; ich ergänze und verdopple gleichsam
mein wirkliches Bewusstsein, und dies ist denn allerdings ein Act. Aber ich
gerate in Versuchung entweder mein Geständnis, oder meine ganze Voraussetzung
zurückzunehmen. Der Acte meines Geistes nämlich bin ich als solcher mir sehr
wohl bewusst: ich weiss es, wenn ich einen allgemeinen Begriff bilde, oder in
zweifelhaften Fällen eine von den möglichen Handelsweisen, die vor mir liegen,
wähle; des Acts aber, durch welchen ich deiner Behauptung nach die Vorstellung
eines Gegenstandes ausser mir hervorbringen soll, bin ich mir auf keine Weise
bewusst.
    D. G. Lass dich dadurch nicht irre machen. Der Acte deines Geistes wirst du
dir nur bewusst, inwiefern du durch einen Zustand der Unbestimmteit und
Unentschlossenheit hindurchgehest, dessen du dir gleichfalls bewusst wirst, und
welchem jene Acte ein Ende machen. Eine solche Unentschiedenheit findet in
unserem Falle nicht statt: der Geist braucht nicht erst zu beratschlagen,
welchen Gegenstand er zu seiner bestimmten Empfindung hinzuzusetzen habe, es
kommt ihm von selbst. Man hat auch dafür eine Unterscheidung in der
philosophischen Sprache. Ein Act des Geistes, dessen wir uns als eines solchen
bewusst werden, heisst Freiheit. Ein Act, ohne Bewusstsein des Handelns, blosse
Spontaneität. Bemerke wohl, dass ich dir ein unmittelbares Bewusstsein des
Actes, als eines solchen, keinesweges anmute, sondern nur dies, dass, wenn du
hinterher darüber nachdenkst, du findest, es müsse ein Act sein. - Die höhere
Frage, was es sei, das eine solche Unentschlossenheit und das Bewusstsein
unseres Handelns nicht aufkommen lasse, wird sich ohne Zweifel tiefer unten von
selbst lösen.
    Man nennt diesen Act deines Geistes denken, welches Wortes ich mich auch
bisher, mit deiner Beistimmung, bedient habe; und man sagt, dass das Denken mit
Spontaneität geschehe, zum Unterschiede von der Empfindung, welche blosse
Receptivität sei. Wie kommst du nun in deiner obigen Voraussetzung dazu, zu der
Empfindung, die du allerdings hast, noch einen Gegenstand hinzuzudenken, von
welchem du nichts weisst?
    Ich. Meine Empfindung muss einen Grund haben: setze ich voraus, und folgere
nun weiter.
    D. G. Willst du mir nicht zuvörderst sagen, was dies heisse, ein Grund?
    Ich. Ich finde etwas so oder so bestimmt. Ich kann mich nicht damit
begnügen, zu wissen, dass es so ist: und nehme an, es sei so geworden, und zwar
nicht durch sich selbst sondern durch eine fremde Kraft. Diese fremde Kraft, die
es so machte, entält den Grund und die Äusserung, durch welche sie es so
machte, ist der Grund dieser Bestimmung des Dinges. Meine Empfindung hat einen
Grund, heisst, sie ist durch eine fremde Kraft in mir hervorgebracht.
    D. G. Diese fremde Kraft denkst du nun zu deiner Empfindung, der du dir
unmittelbar bewusst bist, hinzu, und so soll dir die Vorstellung eines
Gegenstandes entstehen? - Es sei.
    Nun bemerke wohl: wenn die Empfindung einen Grund haben muss so gebe ich dir
die Richtigkeit deines Schlusses zu, und sehe ein, mit welchem vollkommenen
Rechte du Gegenstände ausser dir annimmst, ohnerachtet du von ihnen nichts
weisst, noch wissen kannst. Aber wie weisst du denn, und wie denkst du mir denn
zu erweisen, dass sie einen Grund haben müssen? Oder in der Allgemeinheit, in
der du den Satz oben aufstelltest: warum kannst du dich denn nicht damit
begnügen, zu wissen dass etwas so ist; warum nimmst du denn an, dass es so
geworden sei; oder, wenn ich dir das übersehen wollte, dass es durch eine fremde
Kraft so geworden sei? Ich bemerke, dass du dies immer nur voraussetzest.
    Ich. Ich bekenne es. Aber ich kann in der Tat nicht anders, als so denken.
- Es scheint ich weiss es unmittelbar.
    D. G. Was diese Antwort, du wissest es unmittelbar, bedeuten könne, wollen
wir sehen, wenn wir auf dieselbe, als die einzig mögliche, zurückgebracht werden
sollten. Jetzt wollen wir erst alle andere mögliche Wege versuchen, um jene
Behauptung, dass etwas einen Grund haben müsse, abzuleiten.
    Weisst du es etwa durch unmittelbare Wahrnehmung?
    Ich. Wie könnte ich, da in der Wahrnehmung immer nur liegt, dass in mir
etwas sei, eigentlich wie ich bestimmt sei: nie aber dass es geworden sei, noch
viel weniger, dass es durch eine fremde, ausser aller Wahrnehmung liegende Kraft
geworden sei?
    D. G. Oder ist es ein Satz, den du durch Beobachtung der Dinge ausser dir,
deren Grund du stets ausser ihnen selbst findest, dir gebildet und zur
Allgemeinheit erhoben hast, und jetzt nun auch auf dich selbst und deinen
Zustand anwendest?
    Ich. Behandle mich nicht wie ein Kind, und mute mir nicht greifliche
Absurditäten an. Ich gelange durch den Satz des Grundes erst zu Dingen ausser
mir; wie kann ich denn hinwiederum erst durch sie, diese Dinge ausser mir, zu
diesem Satze gelangt sein? Ruht die Erde auf dem grossen Elephanten, und der
grosse Elephant - wiederum auf der Erde?
    D. G. Oder ist etwa jener Satz Folgesatz ans einer anderen allgemeinen
Wahrheit?
    Ich. - Welche hinwiederum weder in der unmittelbaren Wahrnehmung, noch in
der Beobachtung der äusseren Dinge begründet sein könnte, und nach deren
Ursprung du abermals Frage erheben würdest? Ich könnte diese vorausgesetzte
Grund-Wahrheit doch auch nur unmittelbar wissen Besser, ich sage sogleich
dasselbe von dem Satze des Grundes, und bleibe über deine Mutmaassung
unentschieden.
    D. G. Es sei: wir erhielten sonach, ausser dem ersten unmittelbaren Wissen
durch Empfindung unseres Zustandes, noch ein zweites unmittelbares Wissen, das
auf allgemeine Wahrheiten geht.
    Ich. So scheint es.
    D. G. Das besondere Wissen, von welchem hier die Rede ist: dass deine
Affectionen einen Grund haben müssen; ist völlig unabhängig von der Erkenntnis
der Dinge?
    Ich. Freilich; diese wird ja selbst erst durch jenes vermittelt.
    D. G. Und du hast es schlechtin in dir selbst?
    Ich. Schlechtin: denn erst vermittelst desselben gehe ich aus mir selbst
heraus.
    D. G. Du schreibst sonach aus dir selbst und durch dich selbst? und durch
dein unmittelbares Wissen dem Sein und dem Zusammenhange desselben Gesetze vor?
    Ich. Wenn ich es recht bedenke, so schreibe ich nur meinen Vorstellungen
über das Sein und seinen Zusammenhang Gesetze vor, und es wird vorsichtiger
sein, diesen Ausdruck zu wählen.
    D. G. Es sei. - Wirst du dir nun wohl dieses Gesetzes auf eine andere Weise
bewusst, als indem du darnach verfährst?
    Ich. - Mein Bewusstsein hebt an mit der Empfindung meines Zustandes;
unmittelbar damit verknüpfe ich die Vorstellung eines Gegenstandes nach dem
Gesetze des Grundes; beides, das Bewusstsein meines Zustandes, und die
Vorstellung eines Gegenstandes, sind unzertrennlich vereint, es fällt zwischen
sie kein Bewusstsein, es fällt vor diesem Einen unteilbaren Bewusstsein kein
anderes Bewusstsein. - Nein, es ist unmöglich, dass ich dieses Gesetzes eher und
anders mir bewusst werde, als indem ich darnach verfahre.
    D. G. Also du verfährst darnach, ohne dir desselben besonders bewusst zu
sein; du verfährst unmittelbar und schlechtin darnach. - Soeben aber warst du
dir desselben bewusst, und drücktest es als allgemeinen Satz aus. Wie magst du
zu diesem besonderen Bewusstsein gelangen?
    Ich. Ohne Zweifel so: ich beobachte mich späterhin, und werde inne, dass ich
so verfahre, und fasse dieses Gemeinsame meines Verfahrens in einen allgemeinen
Satz.
    D. G. Du kannst dir also deines Verfahrens bewusst werden?
    Ich. Ohne Zweifel. - Ich errate die Absicht deiner Fragen; - hier liegt die
oben erwähnte zweite Art des unmittelbaren Bewusstseins, das meines Tuns, so
wie die Empfindung die erste Art ist, das Bewusstsein meines Leidens.
    D. G. Richtig. - Du kannst, sagte ich, deines Verfahrens dir bewusst werden
hinterher, durch freie Beobachtung deiner selbst, und Reflexionen über dich
selbst; aber du musst dir dessen nicht bewusst werden: - du wirst dir dessen
nicht unmittelbar bewusst, so wie du nur innerlich handelst?
    Ich. Ich muss mir desselben doch ursprünglich bewusst werden, denn ich bin
mir ja der Vorstellung des Gegenstandes unmittelbar mit der Empfindung zugleich
bewusst. - - Ich habe die Auflösung gefunden: Ich werde mir meines Tuns
unmittelbar bewusst; nur nicht als eines solchen, sondern es schwebt mir vor als
ein gegebenes. Dieses Bewusstsein ist Bewusstsein des Gegenstandes. Hinterher,
durch freie Reflexion kann ich mir desselben auch als eines Tuns bewusst
werden.
    Mein unmittelbares Bewusstsein ist zusammengesetzt aus zwei Bestandteilen,
dem Bewusstsein meines, Leidens, der Empfindung; und dem meines Tuns, in
Erzeugung eines Gegenstandes nach dem Satze des Grundes; welches letztere an die
erstere sich unmittelbar anschliesst. Das Bewusstsein des Gegenstandes ist nur
ein nicht dafür erkanntes Bewusstsein meiner Erzeugung einer Vorstellung vom
Gegenstande. Um diese Erzeugung weiss ich schlechtin dadurch, dass ich es
selbst bin, der da erzeugt. Und so ist alles Bewusstsein nur ein unmittelbares,
ein Bewusstsein meiner selbst, und ist nunmehr vollkommen begreiflich. Folgere
ich dir so recht?
    D. G. Unvergleichlich. Aber woher die Notwendigkeit und Allgemeinheit, mit
der du deine Sätze, so wie hier den Satz vom Grunde, aussagst?
    Ich. Aus dem unmittelbaren Gefühle, dass ich nicht anders verfahren kann, so
gewiss ich Vernunft habe, und kein vernünftiges Wesen ausser mir anders
verfahren kann, so gewiss es ein vernünftiges Wesen ist. Alles Zufällige,
dergleichen hier meine Affection war, hat einen Grund, heisst: ich habe von
jeher einen Grund hinzugedacht, und jeder, der nur denken wird, wird gleichfalls
genötigt sein, einen Grund hinzuzudenken.
    D. G. Du siehst, sonach ein, dass alles Wissen lediglich ein Wissen von dir
selbst ist, dass dein Bewusstsein nie über dich selbst hinausgeht, und dass
dasjenige, was du für ein Bewusstsein des Gegenstandes hältst, nichts ist als
ein Bewusstsein deines Setzens eines Gegenstandes, welches du nach einem inneren
Gesetze deines Denkens mit der Empfindung zugleich notwendig vollziehst?
    
    Ich. Folgere nur mutig fort: ich habe dich nicht stören wollen, und habe
sogar selbst geholfen, die beabsichtigten Schlüsse zu entwickeln. - Jetzt aber
ernstaft: ich nehme meine ganze Voraussetzung, dass ich vermittelst des Satzes
vom Grunde auf Dinge ausser mir komme, zurück; und habe sie innerlich
zurückgenommen, sobald wir dadurch auf eine greifliche Unrichtigkeit gestossen
waren.
    Nemlich auf diese Weise würde ich mir auch nur einer blossen Kraft ausser
mir, und dieser als eines nur Gedachten bewusst werden; so wie ich etwa zur
Erklärung der magnetischen Erscheinungen eine magnetische, zur Erklärung der
elektrischen Erscheinungen eine elektrische Kraft in der Natur denke.
    Als ein solcher blosser Gedanke, und Gedanke einer blossen Kraft, erscheint
mir nun meine Welt nicht. Sie ist etwas Ausgedehntes; etwas durch und durch,
nicht wie die Kraft nur durch ihre Äusserung, sondern an sich, Empfindbares;
sie bringt nicht, wie diese, hervor, sondern sie hat Eigenschaften; ich bin mir
ihres Auffassens innerlich ganz anders bewusst, als ich eines blossen Denkens
mir bewusst werde, es erscheint mir als Wahrnehmung, unerachtet bewiesen ist,
dass es keine sei, und es mir schwer fallen dürfte, diese Art des Bewusstseins
zu beschreiben, und von den anderen Arten zu sondern.
    D. G. Du musst denn doch eine solche Beschreibung versuchen; ausserdem
verstehe ich dich nicht, und wir kommen nie ins Klare.
    Ich. Ich will versuchen, mir einen Weg zu derselben zu bahnen. - Ich bitte
dich, Geist, wenn dein Organ dem meinigen gleich ist, so hefte dein Auge auf den
roten Gegenstand da vor uns, gieb dich unbefangen dem Eindrucke hin, und
vergiss indessen deine Schlüsse; und nun sage mir aufrichtig, was in dir
vorgeht.
    D. G. Ich kann mich in die Weise deines Organes völlig hineinversetzen; und
es ist nicht meine Sache, irgend einen nur wirklich vorhandenen Eindruck
abzuläugnen. Sage mir nur, was in mir vorgehen soll.
    Ich. Uebersiehst und fassest du nicht die Fläche, ich sage, die Fläche,
unmittelbar mit einem Blicke; steht sie nicht auf einmal ganz vor dir da? Bist
du nur auf die entfernteste, dunkelste Weise dir dieses Ausdehnens eines
einfachen roten Punctes zu einer Linie, und dieser Linie zu einer Fläche
bewusst, wovon du oben redetest? Hinterher erst teilst du diese Fläche, und
denkst dir auf ihr Puncte und Linien. Würdest du nicht, und würde nicht jeder,
der sich nur unbefangen beobachtet, unabhängig von deinen obigen Schlüssen,
behaupten und darauf bestehen, dass er wirklich eine Fläche, eine so und so
gefärbte Fläche, sehe?
    D. G. Ich gebe dir alles zu; und finde mich in der Selbstbeobachtung gerade
so, wie du es beschreibst.
    Aber zuvörderst hast du doch nicht vergessen, dass es nicht unsere Absicht
ist, einander zu erzählen, was im Bewusstsein vorkommt, wie in einer Zeitung des
menschlichen Geistes; sondern die verschiedenen Begebenheiten desselben im
Zusammenhange zu denken, und eine durch die andere zu erklären und aus der
anderen abzuleiten: dass sonach keine deiner Beobachtungen, die freilich nicht
geläugnet, sondern erklärt werden müssen, keinen meiner richtigen Schlüsse
umstossen können?
    Ich. Ich werde dies nie aus den Augen lassen.
    D. G. Dann übersiehe nicht über der merklichen Aehnlichkeit dieses
Bewusstseins der Körper ausser dir, welches du noch nicht benennen kannst, mit
der wirklichen Wahrnehmung, die grosse Verschiedenheit, die denn doch auch
zwischen beiden stattfindet.
    Ich. Ich war soeben im Begriffe, die Verschiedenheit anzugeben. Beides
erscheint allerdings als ein unmittelbares, nicht erlerntes oder erzeugtes
Bewusstsein. Aber die Empfindung ist Bewusstsein meines Zustandes. Nicht so das
Bewusstsein des Dinges, in welchem zunächst schlechtin keine Beziehung auf mich
liegt. Ich weiss, dass es ist, und damit gut; mich geht es nicht an. Wenn ich in
der ersten mir erscheine als ein weicher Ton, der bald so bald so geformt, und
gedrückt! und gepresst wird; erscheine ich mir in zweiten als ein Spiegel, vor
welchem die Gegenstände bloss vorübergehen, ohne dass er selbst im mindesten
dadurch verändert wird.
    Aber dieser Unterschied spricht für mich. Ich scheine um so mehr ein
besonderes, von der Empfindung meines Zustandes völlig unabhängiges Bewusstsein
von einem Sein, - ich sage von einem Sein, - ausser mir wirklich zu haben, da
dieses letztere sich von dem ersteren auch der Art nach verschieden findet.
    D. G. Du beobachtest gut; übereile dich nur nicht im Schliessen.
    Wenn das, worüber wir oben uns einverstanden haben, wahr bleibt, - und du
unmittelbar nur deiner selbst dir bewusst sein kannst; wenn das Bewusstsein, von
welchem hier die Rede ist, ein Bewusstsein deines Leidens nicht ist, ein
Bewusstsein deines Tuns nicht sein soll, könnte es denn nicht etwa ein nur
nicht dafür erkanntes Bewusstsein deines eigenen Seins sein? - Deines Seins
inwiefern du wissend, oder Intelligenz bist?
    Ich. Ich verstehe dich nicht, aber hilf mir nach, denn ich wünschte dich zu
verstehen.
    D. G. Ich muss deine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, denn ich bin
genötigt, hier tiefer zu gehen als je, und weit auszuholen.
    Was bist du?
    Ich. Um dir deine Frage auf das allgemeinste zu beantworten: ich bin Ich,
ich selbst.
    D. G. Ich bin mit dieser Antwort sehr wohl zufrieden. - Was bedeutet das,
wenn du sagst Ich: was liegt in diesem Begriffe, und wie bringst du ihn zu
Stande?
    Ich. Ich kann mich hierüber nur durch Entgegensetzung deutlich machen. - Das
Ding soll etwas sein ausser mir, dem Wissenden. Ich bin das Wissende selbst,
Eins mit dem Wissenden. - Es entsteht über das Bewusstsein des ersteren die
Frage: wie kann, da das Ding nicht von sich weiss, ein Wissen vom Dinge
entstehen; wie kann, da ich nicht selbst das Ding bin, noch irgend eine seiner
Bestimmungen, da alle diese Bestimmungen desselben lediglich in den Umkreis
seines eigenen Seins fallen, keinesweges aber in den des meinigen, ein
Bewusstsein des Dinges in mir entstehen? Wie kommt das Ding herein in mich?
Welches ist das Band zwischen dem Subjecte, mir, und dem Objecte meines Wissens,
dem Dinge! Diese Frage findet hl Absicht meiner nicht statt. Ich habe das Wissen
in mir selbst, denn ich bin Intelligenz. Was ich bin, davon weiss ich, weil ich
es bin, und wovon ich unmittelbar dadurch weiss, dass ich überhaupt nur bin, das
bin ich, weil ich unmittelbar davon weiss. Es bedarf hier keines Bandes zwischen
Subject und Object; mein eigenes Wesen ist dieses Band. Ich bin Subject und
Object: und diese Subject-Objectivität, dieses Zurückkehren des Wissens in sich
selbst, ist es, die ich durch den Begriff Ich bezeichne, wenn ich dabei
überhaupt etwas bestimmtes denke.
    D. G. Also, Identität beider, des Subjects und Objects, wäre dein Wesen, als
Intelligenz?
    Ich. Ja.
    D. G. Kannst du nun diese, die Identität, das, was weder Subject, noch
Object ist, sondern beiden zum Grunde liegt, aus dem erst beides wird, - kannst
du es fassen, desselben dir bewusst werden?
    Ich. Keinesweges. Es ist Bedingung, alles meines Bewusstseins, dass das
Bewusstseiende und das Bewusste als zweierlei erscheine. Ein anderes Bewusstsein
kann ich mir nicht einmal denken. Wie ich mich finde, finde ich mich als Subject
und Object, welche beide aber unmittelbar verbunden sind.
    D. G. Kannst du des Momentes, da das unbegreifliche Eine sich in diese beide
trennt, bewusst werden?
    Ich. Wie könnte ich, da ja mein Bewusstsein erst mit, und durch ihre
Trennung möglich wird; da mein Bewusstsein selbst es eigentlich ist, welches sie
trennt? Aber über das Bewusstsein hinaus gibt es kein Bewusstsein.
    D. G. Diese Getrennteit sonach wäre dasjenige, was du notwendig in dir
findest, so wie du deiner dir bewusst wirst? Sie wäre dein eigentliches
ursprüngliches Sein?
    Ich. So ists.
    D. G. Und worin wäre dieselbe gegründet?
    Ich. Ich bin Intelligenz, und habe das Bewusstsein in mir selbst. Jene
Getrennteit ist Bedingung, sie ist Resultat des Bewusstseins überhaupt. Sie ist
sonach in mir selbst gegründet, wie dieses.
    D. G. Du bist Intelligenz, sagtest du, wenigstens ist hier allein davon die
Rede; und du wirst dir als solche Object. Dein Wissen sonach als objectives
stellt sich vor dich selbst, vor dein Wissen als subjectives hin, und schwebt
demselben vor; freilich, ohne dass du dieses Hinstellens dir bewusst werden
kannst?
    Ich. So ists.
    D. G. Kannst du nicht etwas zur genaueren Charakteristik des Subjectiven und
des Objectiven, nämlich so wie dasselbe im Bewusstsein erscheint, beibringen?
    Ich. Das Subjective erscheint, als in sich selbst entaltend den Grund eines
Bewusstseins der Form nach, keinesweges aber in Rücksicht des bestimmten
Inhalts. Dass ein Bewusstsein, ein inneres Schauen und Bilden da ist, davon
liegt der Grund in ihm selbst; dass gerade dies geschaut wird, darin hängt es
von dem Objectiven ab, darauf es geheftet ist, und durch welches es gleichsam
fortgerissen wird. Das Objective im Gegenteil entält den Grund seines Seins in
sich selbst, es ist an und für sich, ist, wie es ist, weil es nun einmal so ist.
- Das Subjective erscheint als der leidende und stillhaltende Spiegel des
Objectiven; das letztere schwebt dem ersten vor. - Dass das erstere abspiegelt,
davon liegt der Grund in ihm selbst. Dass gerade dies und nichts anderes in ihm
abgespiegelt wird, davon liegt der Grund im letzteren.
    D. G. Das Subjective überhaupt, seiner inneren Natur nach, wäre sonach
gerade so beschaffen, wie du oben insbesondere das Bewusstsein eines Seins
ausser dir beschriebst?
    Ich. Es ist wahr: und diese Uebereinstimmung ist merkwürdig. Ich fange an
zur Hälfte glaublich zu finden, dass aus den inneren Gesetzen meines
Bewusstseins selbst die Vorstellung von einem ohne mein Zutun ausser mir
stattfindenden Sein hervorgehen, und diese Vorstellung doch im Grunde nichts
anderes sein könne, als die Vorstellung dieser Gesetze selbst.
    D. G. Warum nur zur Hälfte?
    Ich. Weil ich noch nicht einsehe, warum es gerade zu einer solchen
Vorstellung ihrem Inhalte nach, zu einer Vorstellung von einer durch den
zusammenhängenden Raum ausgedehnten Masse, ausfalle.
    D. G. Dass es denn doch nur deine Empfindung sei, die du durch den Raum
verbreitest, hast du schon oben eingesehen; dass diese in ein Empfindbares
gerade durch ihre Ausdehnung in dem Raume sich verwandeln möge, hast du geahnet.
Wir hätten es sonach vor der Hand lediglich mit dem Raume selbst zu tun, und
nur dessen Entstehung aus dem blossen Bewusstsein begreiflich zu machen.
    Ich. So ist es.
    D. G. So lass uns den Versuch anstellen. Ich weiss, dass du dir deiner
intelligenten Tätigkeit nicht als solcher bewusst werden kannst, inwiefern sie
ursprünglich und unveränderlich auf Eins geheftet bleibt; in diesem Zustande,
der mit ihrem Sein anhebt, und der nicht vertilgt werden kann, ohne dass ihr
Sein mit vertilgt werde, und ein solches Bewusstwerden werde ich dir sonach
nicht anmuten. Aber du kannst dir ihrer bewusst werden, inwiefern sie von einem
veränderlichen Zustande innerhalb des unveränderlichen fortschwebt zu einem
anderen veränderlichen. Wenn du sie nun in dieser Verrichtung vor dich
hinstellst; wie erscheint sie dir - diese innere Agilität deines Geistes?
    Ich. Mein geistiges Vermögen scheint sich innerlich hin und her zu bewegen,
schnell von einem auf das andere zu fahren; kurz, es erscheint mir als ein
Linienziehen. - Ein bestimmtes Denken macht einen Punct in dieser Linie.
    D. G. Warum nun gerade als ein Linienziehen?
    Ich. Soll ich Gründe angeben für dasjenige, aus dessen Umkreise ich nicht
herausgehen kann, ohne aus meinem eigenen Dasein herauszugehen? - Es ist
schlechtin so.
    D. G. So demnach erscheint dir ein besonderer Act deines Bewusstseins. Wie
wird dir nun dein, nicht hervorgebrachtes, sondern angestammtes Wissen
überhaupt, von welchem alles besondere Denken nur die Erneuerung und weitere
Bestimmung ist - wie wird es dir im Bilde erscheinen?
    Ich. Offenbar als ein solches, in welchem man nach allen Richtungen hin
Linien ziehen, und Puncte machen kann: also als - Raum.
    D. G. Und nun wird dir vollkommen klar sein, wie etwas, das doch aus dir
selbst hervorgeht, dir als ein Sein ausser dir erscheinen könne, ja notwendig
erscheinen müsse.
    Du bist zur wahren Quelle der Vorstellungen von Dingen ausser dir
hindurchgedrungen. Diese Vorstellung ist nicht Wahrnehmung, du nimmst nur dich
selbst wahr; sie ist ebensowenig Gedanke; die Dinge erscheinen dir nicht, als
ein bloss gedachtes. Sie ist wirklich, und in der Tat absolut unmittelbares
Bewusstsein eines Seins ausser dir, ebenso wie die Wahrnehmung unmittelbares
Bewusstsein deines Zustandes ist. - Lass dich nicht durch Sophisten und
Halbphilosophen übertäuben: die Dinge erscheinen dir nicht durch einen
Repräsentanten; des Dinges, das da ist und sein kann, wirst du dir unmittelbar
bewusst; und es gibt kein anderes Ding, als das, dessen du dir bewusst wirst.
Du selbst bist dieses Ding; du selbst bist durch den innersten Grund deines
Wesens, deine Endlichkeit, vor dich selbst hingestellt, und aus dir selbst
herausgeworfen; und alles, was du ausser dir erblickst, bist immer du selbst.
Man hat dieses Bewusstsein sehr passend Anschauung genannt. In allem Bewusstsein
schaue ich mich selbst an; denn ich bin Ich: für das Subjective, das Bewusst
seiende, ist es Anschauung. Und das Objective, das Angeschaute und Bewusste, bin
abermals ich selbst, dasselbe Ich, welches auch das anschauende ist, - nur eben
objectiv, vorschwebend dem Subjectiven. In dieser Rücksicht ist dieses
Bewusstsein - ein tätiges Hinschauen, dessen, was ich anschaue; ein
Herausschauen meiner selbst aus mir selbst: Heraustragen meiner selbst aus mir
selbst durch die einige Weise des Handelns, die mir zukommt, durch das Schauen.
Ich bin ein lebendiges Sehen. Ich sehe - Bewusstsein - sehe mein Sehen -
bewusstes.
    Darum ist auch dieses Ding dem Auge deines Geistes durchaus durchsichtig,
weil es dein Geist selbst ist. Du teilst, du begrenzest, du bestimmst die
möglichen Formen der Dinge, und die Verhältnisse dieser Formen von aller
Wahrnehmung vorher. Kein Wunder; du begrenzest und bestimmst dadurch immer nur
dein Wissen selbst, wovon du ohne Zweifel weisst. Darum wird ein Wissen vom
Dinge möglich. Es ist nicht im Dinge, und strömt nicht von ihm aus. Es strömt
von dir aus, indem es ist, und dessen eigenes Wesen es ist.
    Es gibt keinen äusseren Sinn, denn es gibt keine äussere Wahrnehmung. Wohl
aber gibt es eine äussere Anschauung - nicht des Dinges - sondern diese äussere
Anschauung - dieses, ausserhalb des subjectiven und ihm als vorschwebend
erscheinende, Wissen - ist selbst das Ding, und es gibt kein anderes. Durch
diese äussere Anschauung hindurch wird nun auch selbst die Wahrnehmung als eine
äussere, und die Sinne, als äussere, erblickt. Es bleibt ewig wahr, denn es ist
erwiesen: Ich sehe oder fühle immer die Fläche: wohl aber schaue ich an mein
Sehen, oder Fühlen, als Sehen oder Fühlen einer Fläche. Der erleuchtete,
durchsichtige, durchgreifbare und durchdringliche Raum, das reinste Bild meines
Wissens, wird nicht gesehen, sondern angeschaut, und in ihm wird mein Sehen
selbst angeschaut. Das Licht ist nicht ausser mir, sondern in mir, und ich
selbst bin das Licht. Du antwortetest oben auf meine Frage: wie du von deinem
Sehen, Fühlen u.s.w., überhaupt von deinem Empfinden wissest: du wissest
unmittelbar davon. Jetzt wirst du mir vielleicht dieses unmittelbare Bewusstsein
deines Empfindens näher bestimmen können.
    Ich. Es muss ein doppeltes sein. Die Empfindung ist selbst ein unmittelbares
Bewusstsein; ich empfinde mein Empfinden. Dadurch entsteht mir nun keinesweges
irgend eine Erkenntnis eines Seins, sondern nur das Gefühl meines eigenen
Zustandes. Aber ich bin ursprünglich nicht bloss empfindend, sondern auch
anschauend; denn ich bin nicht bloss ein praktisches Wesen, sondern auch
Intelligenz. Ich schaue mein Empfinden auch an; und so entsteht mir aus mir
selbst und meinem Wesen die Erkenntnis eines Seins. Die Empfindung verwandelt
sich in ein Empfindbares; meine Affection, Rot, Glatt und dergleichen, in ein
Rotes, Glattes u.s.w. ausser mir: welches - und dessen Empfindung, ich im Raume
anschaue, weil mein Anschauen selbst der Raum ist. So wird auch klar, warum ich
Flächen zu sehen oder zu fühlen glaube, die ich doch in der Tat weder sehe noch
fühle. Ich schaue nur an mein Sehen oder Fühlen, als Sehen oder Fühlen einer
Fläche.
    D. G. Du hast mich, oder eigentlicher dich selbst, wohl verstanden.
    
    Ich. Aber dann entsteht mir das Ding gar nicht, weder bemerkt noch unbemerkt
durch einen Schluss vermittelst des Satzes vom Grunde; sondern es schwebt mir
unmittelbar vor, und steht schlechtin vor meinem Bewusstsein, ohne irgend eine
Folgerung. Ich kann nicht, wie ich soeben tat, sagen, dass die Empfindung sich
in ein Empfindbares verwandle. Das Empfindbare, als solches, ist im Bewusstsein
das erste. Nicht von einer Affection, die da rot, glatt und dergleichen,
sondern von einem Roten, Glatten u.s.w. ausser mir, hebt das Bewusstsein an.
    D. G. Wenn du mir nun aber erklären sollst, was das sei, Rot, Glatt und
dergleichen; wirst du mir anders antworten können, als, es sei, was dich auf
eine gewisse Weise afficire, die du rot, glatt und dergleichen nennest?
    Ich. Wohl - wenn du mich fragst, und ich auf deine Frage, und auf das
Erklären überhaupt mich einlasse. Ursprünglich aber fragt mich Niemand, und ich
selbst frage mich nicht. - Ich vergesse mich selbst gänzlich, und verliere mich
in der Anschauung; werde mir meines Zustandes gar nicht, sondern nur eines Seins
ausser mir, bewusst. Das Rote, Grüne und dergleichen ist eine Eigenschaft des
Dinges, es ist eben rot oder grün, und damit gut. Es wird nicht weiter erklärt;
ebensowenig, als, unserer obigen Uebereinkunft nach, dasselbe als Affection
weiter erklärt werden kann. - Bei der Gesichtsempfindung ist dies am
auffallendsten. Die Farbe erscheint ausser mir, und der sich selbst überlassene,
nicht weiter über sich nachdenkende Menschenverstand möchte wohl schwerlich
darauf geraten, Rot oder Grün zu erklären, als dasjenige; was eine bestimmte
Affection in ihm errege.
    D. G. Ohne Zweifel aber auch süss oder sauer? - Es gehört nicht hierher zu
untersuchen, ob der Eindruck durchs Gesicht überhaupt reine Empfindung, - ob er
nicht vielmehr ein Mittelding zwischen Empfindung und Anschauung, und das
Verbindungsmittel beider in unserem Geiste sei. - Aber ich gebe dir deine
Bemerkung vollkommen zu, und sie ist mir höchst willkommen. Du kannst allerdings
dir selbst in der Anschauung verschwinden; und ohne eine besondere
Aufmerksamkeit auf dich selbst, oder ohne Interesse für irgend ein äusseres
Handeln, verschwindest du dir sogar natürlich und notwendig. - Dies ist die
Bemerkung, auf welche die Verteidiger eines vorgeblichen Bewusstseins an sich
ausser uns vorhandener Dinge sich berufen, wenn man ihnen zeigt, dass der Satz
des Grundes, durch welchen auf sie geschlossen werden könnte, doch nur in uns
sei; sie läugnen dann, dass überhaupt ein Schluss gemacht werde; und dies muss
man ihnen, inwiefern sie von dem wirklichen Bewusstsein in gewissen Fallen
reden, ja nicht abstreiten wollen: - dieselben Verteidiger, welche, wenn man
ihnen nun die Natur der Anschauung aus den eigenen Gesetzen der Intelligenz
erklärt, selbst wiederum den Schluss machen; und nicht müde werden zu
wiederholen, dass denn doch etwas ausser uns sein müsse, welches uns nötige,
gerade so vorzustellen.
    Ich. Ereifere dich jetzt nicht über diese, sondern belehre mich. Ich habe
keine vorgefasste Meinung, sondern will die wahre Meinung erst suchen.
    D. G. Dennoch geht die Anschauung notwendig aus von der Wahrnehmung deines
eigenen Zustandes, nur dass du dieser Wahrnehmung dir nicht immer deutlich
bewusst wirst, wie du oben durch Schlüsse eingesehen hast. Auch ist sogar in
demjenigen Bewusstsein, da du im Objecte dich selbst verlierst, stets etwas, das
nur durch ein unvermerktes Denken an dich selbst, und genaues Beobachten deines
eigenen Zustandes, möglich ist.
    Ich. - Dass sonach stets, und allgegenwärtig das Bewusstsein des Seins
ausser mir von dem, nur nicht bemerkten, Bewusstsein meiner selbst begleitet
würde?
    D. G. Nicht anders.
    Ich. - Das erstere durch das letztere bestimmt würde; - so würde, wie es
ist?
    D. G. So meine ichs.
    Ich. Zeige mir dies, so genügt mir.
    D. G. Setzest du die Dinge überhaupt nur im Raume, oder setzest du jedes als
ausfüllend einen bestimmten Teil des Raumes!
    Ich. Das letztere, jedes Ding hat seine bestimmte Grösse.
    D. G. Und die verschiedenen Dinge, fallen sie dir in dieselben Teile des
Raumes?
    Ich. Keinesweges; sie schliessen einander aus. Sie sind neben, über und
unter, hinter und vor einander; mir näher, oder von mir entfernter.
    D. G. Und wie kommst du zu diesem Messen und Ordnen derselben im Raume? Ist
es Empfindung?
    Ich. Wie könnte es, da der Raum selbst keine Empfindung ist.
    D. G. Oder Anschauung?
    Ich. Dies kann nicht sein. Die Anschauung ist unmittelbar und untrüglich.
Was in ihr liegt, erscheint nicht als hervorgebracht, und kann nicht täuschen.
Aber über dem nach Gutdünken Schätzen und Ermessen und Ueberlegen der Grösse
eines Gegenstandes, seiner Entfernung, seiner Lage zu anderen Gegenständen,
betreffe ich mich sogar; und es ist eine jedem Anfänger bekannte Bemerkung, dass
wir ursprünglich die Gegenstände alle in derselben Linie nebeneinander
erblicken, dass wir erst lernen müssen, ihre grössere Entfernung oder Nähe zu
schätzen, dass das Kind nach dem entfernten Gegenstande greift, als ob derselbe
unmittelbar vor seinen Augen liege, und dass der Blindgeborene, der plötzlich
das Gesicht erhielte, dasselbe tun würde. Jene Vorstellung ist sonach ein
Urteil; keine Anschauung, sondern ein Ordnen meiner mannigfaltigen Anschauungen
durch den Verstand. - Auch kann ich in dieser Schätzung der Grösse, Entfernung
u.s.w. irren; und die sogenannten Gesichtstäuschungen scheinen gar nicht
Täuschungen durch das Gesicht, sondern irrige Urteile zu sein über die Grösse
des Gegenstandes, über die Grösse seiner Teile im Verhältnis gegeneinander,
und was daraus folgt, über seine wahre Figur, über seine Entfernung von mir und
anderen Gegenständen. Im Raume überhaupt, indem ich ihn anschaue, ist er
wirklich, und die Farbe, die ich an ihm sehe, sehe ich gleichfalls wirklich; und
hierin befindet sich keine Täuschung.
    D. G. Und welches mag wohl das Princip dieser Beurteilung - dass ich den
bestimmtesten und leichtesten Fall setze, - der Beurteilung der Nähe oder
Entfernung der Gegenstände von dir sein? wonach magst du sie schätzen, diese
Entfernung?
    Ich. Ohne Zweifel nach der grösseren Stärke oder Schwäche übrigens
gleichartiger Eindrücke. - Ich erblicke vor mir zwei Gegenstände von demselben
Rot. Der, dessen Farbe ich deutlicher sehe, ist mir näher; der dessen Farbe ich
schwächer erblicke, entfernter, und um soviel entfernter, als ich sie schwächer
erblicke.
    D. G. Also nach dem Maasse der Stärke oder Schwäche beurteilst du die
Entfernung: und diese Stärke oder Schwäche selbst beurteilst du? -
    Ich. Offenbar nur; inwiefern ich auf meine Affectionen als solche merke, und
noch dazu auf einen sehr feinen Unterschied in denselben merke. - Du hast mich
besiegt. Alles Bewusstsein des Gegenstandes ausser mir ist durch das klare,
genaue Bewusstsein meines eigenen Zustandes bestimmt, und es wird in demselben
immer ein Schluss vom Begründeten in mir auf einen Grund ausser mir gemacht.
    D. G. Du giebst dich bald besiegt, und ich muss nun selbst statt deiner den
Streit gegen mich fortführen. - Mein Beweis kann doch nur gelten für diejenigen
Fälle, da ein eigentliches Erwägen und Ueberlegen der Grösse, der Entfernung,
der Lage des Gegenstandes stattfindet, und du dir dessen bewusst wirst. Du wirst
aber gestehen, dass dies das Gewöhnliche nicht ist, dass du vielmehr
meistenteils unmittelbar in demselben ungeteilten Momente, da du dir des
Gegenstandes bewusst wirst, dir zugleich seiner Grösse, Entfernung u.s.w.
bewusst wirst.
    Ich. Wenn einmal die Entfernung des Gegenstandes nur nach der Stärke des
Eindruckes beurteilt wird, so ist dieses schnelle Urteil lediglich die Folge
des ehemaligen Erwägens. Ich habe durch lebenslängliche Uebung gelernt, schnell
die Stärke des Eindruckes zu bemerken, und die Entfernung darnach zu
beurteilen. Es ist ein schon ehemals durch Arbeit Zusammengesetztes aus
Empfindung, Anschauung und ehemaligem Urteil, - von welchem meine gegenwärtige
Vorstellung ausgeht; welcher letzteren allein ich mir bewusst werde. Ich fasse
nicht mehr überhaupt das Rot, Grün und dergleichen ausser mir, sondern ein Rot
oder Grün, von dieser, und dieser, und dieser Entfernung auf; dieser letzte
Zusatz aber ist blosse Erneuerung eines schon ehemals durch Ueberlegung zu
Stande gebrachten Urteils.
    D. G. Ist dir nun nicht zugleich klar geworden, ob du das Ding ausser dir
anschauest, oder ob du es denkest, oder ob du beides tust, und inwiefern jedes
von beiden?
    Ich. Vollkommen; und ich glaube jetzt die vollständigste Einsicht in die
Entstehung der Vorstellung von einem Gegenstande ausser mir erlangt zu haben.
    1) Ich bin schlechtin, weil Ich Ich bin, meiner selbst mir bewusst, und
zwar teils als eines praktischen Wesens, teils als einer Intelligenz. Das
erste Bewusstsein ist Empfindung, das zweite die Anschauung, der unbegrenzte
Raum.
    2) Unbegrenztes kann ich nicht fassen, denn ich bin endlich. Ich begrenze
daher durch Denken einen gewissen Raum im allgemeinen Raume, und setze den
ersten zum letzten in ein gewisses Verhältnis.
    3) Der Massstab dieses begrenzten Raumes ist das Maass meiner eigenen
Empfindung; nach einem Satze, den man sich etwa denken und so ausdrücken könnte:
was mich in dem und dem Maasse afficirt, ist im Raume in dem und dem
Verhältnisse zu dem übrigen mich Afficirenden zu setzen.
    Die Eigenschaft des Dinges stammt aus der Empfindung meines eigenen
Zustandes; der Raum, den es erfüllt, aus der Anschauung. Durch Denken wird
beides verknüpft, die erstere auf den letzteren übertragen. Es ist allerdings
so, wie wir oben sagten: dadurch, dass es in den Raum gesetzt wird, wird mir
Eigenschaft des Dinges, was eigentlich nur mein Zustand ist; aber es wird in dem
Raum gesetzt nicht durch Anschauen, sondern durch Denken, durch messendes und
ordnendes Denken. Ein Erdenken, Erschaffen durch Denken, liegt jedoch in diesem
Acte nicht, sondern lediglich ein Bestimmen des durch Empfindung und Anschauung,
unabhängig vom Denken, Gegebenen.
    D. G. Was mich in dem und dem Maasse afficirt, ist in dem und dem
Verhältnisse zu setzen; folgerst du beim Begrenzen und Ordnen der Gegenstände im
Raume. Liegt nun der Behauptung, dass dich etwas in einem gewissen Maasse
afficire, nicht die Voraussetzung zum Grunde, dass es dich Überhaupt afficire?
    Ich. Ohne Zweifel.
    D. G. Und ist irgend eine Vorstellung eines äusseren Gegenstandes möglich,
der nicht auf diese Weise im Raume begrenzt und geordnet werde?
    Ich. Nein; kein Gegenstand ist überhaupt im Raume, sondern jeder ist in
einem bestimmten Raume.
    D. G. Sonach wird in der Tat, ob du dir nun dessen bewusst werdest, oder
nicht, jeder äussere Gegenstand vorgestellt, als dich afficirend; so gewiss er
vorgestellt wird, als einen bestimmten Raum einnehmend.
    Ich. Das folgt allerdings.
    D. G. Und welche Art von Vorstellung ist die von einem dich afficirenden?
    Ich. Offenbar ein Denken; und zwar ein Denken nach dem oben erörterten Satze
des Grundes. - Ich sehe jetzt noch bestimmter ein, dass das Bewusstsein des
Gegenstandes auf zweierlei Art an mein Selbstbewusstsein gleichsam angeheftet
ist, teils durch die Anschauung, teils durch das Denken nach dem Satze des
Grundes. Der Gegenstand ist, so sonderbar dies scheine, beides: unmittelbares
Object meines Bewusstseins, und erschlossen.
    D. G. Beides wohl in verschiedener Rücksicht und Ansicht. - Du musst dieses
Denkens des Gegenstandes dir doch bewusst werden können?
    Ich. Ohne Zweifel; unerachtet ich desselben gewöhnlich nicht bewusst werde.
    D. G. Du erdenkst dir sodann zu dem Leiden in dir, deiner Affection, eine
Tätigkeit ausser dir hinzu, so wie du oben das Denken nach dem Satze des
Grundes beschriebest?
    Ich. Ja.
    D. G. Und mit derselben Bedeutung und Gültigkeit, als du es oben
beschriebest. Du denkst nun einmal so, und musst so denken, du kannst es nicht
ändern, und kannst weiter nichts wissen, als dass du so denkest?
    Ich. Nicht anders. Wir haben alles dies im Allgemeinen schon
auseinandergesetzt.
    D. G. Du erdenkst dir den Gegenstand, sagte ich: inwiefern er das Gedachte
ist, ist er Product lediglich deines Denkens?
    Ich. Allerdings; denn so folgt es aus dem Obigen.
    D. G. Und was ist nun dieser gedachte, dieser nach dem Satze des Grundes
erschlossene Gegenstand?
    Ich. Eine Kraft ausser mir.
    D. G. Die weder du empfindest, noch anschauest?
    Ich. Keinesweges. Ich bleibe mir immer sehr wohl bewusst, dass ich sie
schlechtin nicht unmittelbar, sondern nur vermittelst ihrer Äusserungen fasse;
ungeachtet ich ihr ein Dasein unabhängig von mir zuschreibe. Ich werde afficirt,
denke ich; es muss sonach doch etwas geben, das mich afficirt.
    D. G. Sonach sind allerdings das angeschaute Ding, und das gedachte Ding,
zwei sehr verschiedene Dinge. Das dir wirklich unmittelbar vorschwebende, und
durch den Raum verbreitete, ist das angeschaute; die innere Kraft in demselben,
die dir gar nicht vorschwebt, sondern deren Dasein du nur durch einen Schluss
behauptest, ist das gedachte Ding.
    Ich. Die innere Kraft in demselben, sagtest du; und ich bedenke mir eben,
dass du Recht hast. Ich setze diese Kraft selbst auch in den Raum, trage sie auf
die denselben ausfüllende angeschaute Masse über.
    D. G. Wie sollen denn, deiner notwendigen Ansicht nach, diese Kraft und
diese Masse sich gegen einander selbst verhalten?
    Ich. So: Die Masse mit ihren Eigenschaften ist selbst Wirkung und Äusserung
der inneren Kraft. Diese Kraft hat zwei Wirkungen; eine, wodurch sie sich selbst
erhält, und sich diese bestimmte Gestalt gibt, in der sie erscheint; eine
andere auf mich, da sie mich auf eine bestimmte Weise afficirt.
    D. G. Du suchtest vorhin noch einen anderen Träger der Eigenschaften, als
den Raum, in welchem sie sich befinden; noch ein anderes dauerndes in dem
Wechsel der Veränderungen, als ihn, diesen Raum?
    Ich. Wohl, und dieses dauernde ist gefunden. Es ist die Kraft selbst. Sie
bleibt bei allem Wechsel ewig dieselbe, und sie ists, welche Eigenschaften
annimmt und trägt.
    D. G. Jetzt einen Blick auf alles bis jetzt Gefundene. Du fühlst dich in
einem gewissen Zustande, den du rot, glatt, süss u.s.w. nennest. Du weisst
darüber nichts, als dass du dich eben fühlst, und dich so fühlst, oder weisst du
mehr? - Liegt im blossen Gefühle noch etwas anderes, als - das blosse Gefühl?
    Ich. Nein.
    D. G. Es ist ferner die Bestimmung deiner selbst als Intelligenz, dass dir
ein Raum vorschwebt. Oder weisst du hierüber mehr?
    Ich. Keinesweges.
    D. G. Zwischen jenem gefühlten Zustande, und diesem dir vorschwebenden Raume
ist nun nicht der geringste Zusammenhang; ausser, dass nun einmal beides in
deinem Bewusstsein vorkommt. Oder siehst du etwa noch einen anderen
Zusammenhang?
    Ich. Ich sehe keinen.
    D. G. Nun aber bist du auch denkend, ebenso schlechtin, wie du fühlend und
anschauend bist; und du weisst darüber nichts weiter, als, dass du es eben bist.
Du fühlst deinen Zustand nicht bloss, sondern du denkst ihn auch; aber er gibt
dir keinen vollständigen Gedanken; du bist genötigt, im Denken noch etwas
anderes zu ihm hinzusetzen, einen Grund desselben ausser dir, eine fremde Kraft.
Weisst du nun hierüber mehr, als - dass du eben so denkst, und eben genötigt
bist, so zu denken?
    Ich. Ich kann darüber nicht mehr wissen. Ich kann mir nichts ausser meinem
Denken denken; denn dadurch, dass ich es denke, wird es ja mein Denken, und
fallt unter die unvermeidlichen Gesetze desselben.
    D. G. Durch dieses Denken entsteht dir nun erst ein Zusammenhang zwischen
deinem Zustande, den du fühlst, und dem Raume, den du anschauest, du denkst in
den letzteren den Grund des ersteren hinein. Oder ist es nicht so?
    Ich. Es ist so. Dass ich den Zusammenhang beider in meinem Bewusstsein nur
durch mein Denken hervorbringe, und dass dieser Zusammenhang weder gefühlt, noch
angeschaut wird, hast du klärlich nachgewiesen. Von einem Zusammenhange ausser
meinem Bewusstsein aber kann ich nicht reden, einen solchen kann ich auf keine
Weise darstellen; denn eben, indem ich davon rede, weiss ich ja davon, und, da
dieses Bewusstsein nur ein Denken sein kann, denke ich ihn ja; und es ist ganz
derselbe Zusammenhang, der in meinem gemeinen natürlichen Bewusstsein vorkommt,
und kein anderer. Ich bin über dieses Bewusstsein um Keines Haares Breite
hinausgekommen; ebensowenig, als ich je über mich selbst hinwegspringen kann.
Alle Versuche, einen solchen Zusammenhang an sich, ein Ding an sich, das mit dem
Ich an sich zusammenhängt, zu denken, sind lediglich ein Ignoriren unseres
eigenen Denkens, ein sonderbares Vergessen, dass wir keinen Gedanken haben
können, ohne ihn - eben zu denken. Jenes Ding an sich ist ein Gedanke; der - ein
stattlicher Gedanke sein soll, und welchen doch niemand gedacht haben will.
    D. G. Von dir also habe ich keine Einwendungen zu fürchten gegen die
entschlossene Aufstellung des Satzes, dass das Bewusstsein eines Dinges ausser
uns absolut nichts weiter ist, als das Product unseres eigenen
Vorstellungsvermögens, und dass wir über das Ding nichts weiter wissen, als was
wir darüber - eben wissen, durch unser Bewusstsein setzen, - dadurch, dass wir
überhaupt Bewusstsein, und ein so bestimmtes, unter solchen Gesetzen stehendes
Bewusstsein haben, hervorbringen?
    Ich. Ich kann nichts dagegen einwenden; es ist so.
    D. G. - Keine Einwendungen gegen den kühnern Ausdruck desselben Satzes: dass
wir bei dem, was wir Erkenntnis und Betrachtung der Dinge nennen, immer und
ewig nur uns selbst erkennen und betrachten und in allem unserem Bewusstsein
schlechterdings von nichts wissen, als von uns selbst, und unseren eigenen
Bestimmungen?
    Ich sage: auch dagegen wirst du nichts einwenden können; denn wenn einmal
das Ausseruns überhaupt uns nur durch unser Bewusstsein selbst entsteht, so kann
ohne Zweifel auch das Besondere und Mannigfaltige dieser Aussenwelt auf keinem
anderen Wege entstehen; und wenn der Zusammenhang dieses Ausseruns mit uns
selbst nur ein Zusammenhang in unseren Gedanken ist, so ist der Zusammenhang der
mannigfaltigen Dinge unter einander selbst ohne Zweifel kein anderer. Ich könnte
die Gesetze, nach denen dir ein Mannigfaltiges von Gegenständen entsteht, die
doch unter sich zusammenhängen, mit eiserner Notwendigkeit einander gegenseitig
bestimmen, und auf diese Weise ein Weltsystem bilden, wie du es dir selbst sehr
wohl beschrieben hast - ich könnte diese Gesetze dir eben so klar in deinem
eigenen Denken nachweisen, als ich jetzt die Entstehung eines Gegenstandes
überhaupt und seines Zusammenhanges mit dir selbst dir darin nachgewiesen habe;
und ich überhebe mich dieses Geschäftes lediglich darum, weil ich finde, dass du
mir das Resultat, worauf allein es mir ankommt, ohne dies zugeben musst.
    Ich. Ich sehe alles ein, und muss dir alles zugeben.
    D. G. Und mit dieser Einsicht, Sterblicher, sei frei, und auf ewig erlöset
von der Furcht, die dich erniedrigte und quälte. Du wirst nun nicht länger vor
einer Notwendigkeit zittern, die nur in deinem Denken ist, nicht länger
fürchten von Dingen unterdrückt zu werden, die deine eigenen Producte sind,
nicht länger dich, das Denkende, mit dem aus dir selbst hervorgehenden Gedachten
in Eine Klasse stellen. So lange du glauben konntest, dass ein solches System
der Dinge, wie du es dir beschrieben, unabhängig von dir ausser dir wirklich
existire, und dass du selbst ein Glied in der Kette dieses Systems sein
möchtest, war diese Furcht gegründet. Jetzt nachdem du eingesehen hast, dass
alles dies nur in dir selbst und durch dich selbst ist, wirst du ohne Zweifel
nicht vor dem dich fürchten, was du für dein eigenes Geschöpf erkannt hast.
    Von dieser Furcht nur wollte ich dich befreien. Jetzt bist du von ihr
erlöst, und ich überlasse dich dir selbst.
    
    Ich. Halt, betrüglicher Geist. Ist dies die Weisheit ganz, zu der du mir
Hoffnung gemacht hast, und rühmst du, dass du so mich befreiest? - Du befreiest
mich, es ist wahr: du sprichst mich von aller Abhängigkeit los; indem du mich
selbst in Nichts, und alles um mich herum, wovon ich abhängen könnte, in Nichts
verwandelst. Du hebst die Notwendigkeit auf, dadurch, dass du alles Sein
aufhebst und rein vertilgst.
    D. G. Sollte die Gefahr so gross sein?
    Ich. Du kannst noch spotten? - Nach deinem Systeme? -
    D. G. Meinem Systeme? Worüber wir übereingekommen sind, haben wir
gemeinschaftlich mit einander erzeugt: wir haben beide daran gearbeitet, und du
hast alles so wohl eingesehen, als ich selbst, meine wahre vollständige Denkart
aber erraten zu wollen, möchte vor der Hand noch dir schwerlich anstehen.
    Ich. Nenne deine Gedanken, wie du willst; kurz, nach allem bisherigen ist
nichts, absolut nichts als Vorstellungen, Bestimmungen eines Bewusstseins, als
blossen Bewusstseins. Die Vorstellung aber ist mir nur Bild, nur Schatten einer
Realität; sie kann mir an sich selbst nicht genügen, und ist an sich selbst
nicht von dem geringsten Werte. Ich könnte mir gefallen lassen, dass diese
Körperwelt ausser mir in eine blosse Vorstellung verschwände, und in Schatten
sich auflösete; an ihr hängt mein Sinn nicht; aber nach allem Bisherigen
verschwinde ich selbst nicht minder denn sie; gehe ich selbst über in ein
blosses Vorstellen ohne Bedeutung und ohne Zweck. Oder sage mir selbst, ist es
anders?
    D. G. Ich sage gar nichts in meinem Namen. Untersuche selbst, hilf dir
selbst.
    Ich. Ich schwebe mir selbst vor als Körper im Raume, mit Sinnenwerkzeugen,
Handelswerkzeugen, als physische Kraft, bestimmbar durch einen Willen. Du wirst
von allem diesem sagen, was du oben überhaupt von Gegenständen ausser mir, dem
Denkenden, sagtest, dass es ein zusammengesetztes Product aus meinem Empfinden,
Anschauen, Denken sei.
    D. G. Ohne Zweifel werde ich das. Ich werde dir sogar, wenn du es verlangst,
Schritt vor Schritt die Gesetze aufzeigen, nach denen du dir in deinem
Bewusstsein zu einem organischen Leibe, mit solchen Sinnen, zu einer physischen
Kraft u.s.w. wirst, und du wirst gezwungen werden, mir in allem Recht zu geben.
    Ich. Das sehe ich voraus. Wie ich zugeben musste, dass das Süsse, Rote,
Harte und dergleichen nichts sei, als mein eigener innerer Zustand, und dass es
nur durch die Anschauung und das Denken aus mir heraus in den Raum versetzt, und
als Eigenschaft eines unabhängig von mir existirenden Dinges betrachtet werde;
ebenso werde ich zugeben müssen, dass dieser Leib mit seinen Werkzeugen nichts
ist, als eine Versinnlichung meiner selbst, des innerlich Denkenden, zu einer
bestimmten Raumerfüllung; werde zugeben müssen, dass Ich, das Geistige, die
reine Intelligenz, und Ich, dieser Leib in der Körperwelt, ganz und gar Eins
sind und ebendasselbe; - nur angesehen von zwei Seiten, - nur aufgefasst durch
zwei verschiedene Vermögen, die erste durch das reine Denken, der zweite durch
die äussere Anschauung.
    D. G. So würde das Resultat einer angestellten Untersuchung allerdings
ausfallen.
    Ich. Und jenes denkende, geistige Wesen, jene Intelligenz, die durch die
Anschauung in einen irdischen Leib verwandelt wird, was kann sie selbst nach
diesen Grundsätzen sein, als ein Product meines Denkens, etwas bloss und
lediglich - Erdachtes, weil ich nun einmal, nach einem mir unbegreiflichen, von
nichts ausgehenden, - und zu nichts hingehenden Gesetze - gerade so erdichten
muss.
    D. G. Wohl möglich.
    Ich. Du wirst kleinlaut und einsylbig. Es ist nicht nur möglich: es ist nach
diesen Grundsätzen notwendig.
    Jenes vorstellende, denkende, wollende, intelligente Wesen, oder wie du es
nennen magst, welches das Vermögen vorzustellen, zu denken u.s.w. hat, in
welchem dieses Vermögen ruht, oder wie du etwa diesen Gedanken fassen willst -
wie gelange ich denn dazu? Werde ich desselben mir unmittelbar bewusst? Wie
könnte ich? Nur des wirklichen bestimmten Vorstellens, Denkens, Wollens, als
einer bestimmten Begebenheit, in mir, werde ich mir unmittelbar bewusst,
keinesweges aber des Vermögens dazu, und noch weniger eines Wesens, in dem
dieses Vermögen ruhen soll. Ich schaue unmittelbar an dieses bestimmte Denken,
das ich im gegenwärtigen Momente vornehme, und dieses und dieses in anderen
Momenten; und hierbei hat diese innere intellectuelle Anschauung, dieses
unmittelbare Bewusstsein sein Ende. Dieses innerlich angeschaute Denken denke
ich nun selbst wieder; aber dasselbe ist nach den Gesetzen, unter denen nun
einmal mein Denken steht, ein Halbes und Unvollständiges für mein Denken; eben
so wie oben das Denken meines blossen Zustandes in der Empfindung nur ein halber
Gedanke war. Wie ich oben zu dem Leiden unvermerkt eine Tätigkeit hinzudachte,
so denke ich hier zu dem bestimmten (meinem wirklichen Denken oder Wollen) ein
bestimmbares (ein unendlich mannigfaltiges mögliches Denken oder Wollen) hinzu:
weil ich muss, und aus demselben Grunde, ohne meines Hinzudenkens, als eines
solchen, mir bewusst zu werden. Dieses mögliche Denken fasse ich weiter als ein
bestimmtes Ganze auf; abermals weil ich muss, da ich nichts Unbestimmtes fassen
kann, und so wird es mir ein endliches Vermögen zu denken; und sogar, da durch
dieses Denken mir etwas unabhängig von dem Denken Vorhandenes vorgestellt wird,
ein Sein und Wesen, das dieses Vermögen hat.
    Doch: es lässt sich aus höheren Principien noch anschaulicher machen, wie
dieses denkende Wesen bloss durch sein eigenes Denken sich erzeugt. - Mein
Denken ist überhaupt genetisch: - eine Erzeugung des unmittelbar Gegebenen
voraussetzend, und dieselbe beschreibend. Die Anschauung liefert das nackte
Factum, und nichts weiter. Das Denken erklärt dieses Factum, und knüpft es an
ein anderes, in der Anschauung keinesweges liegendes, sondern rein durch das
Denken selbst erzeugtes, aus welchem es (dieses Factum) hervorgehe. So hier. Ich
bin mir eines bestimmten Denkens bewusst; so weit und nicht weiter das
anschauende Bewusstsein. Ich denke dieses bestimmte Denken; das heisst, ich
lasse es aus einer, jedoch bestimmbaren, Unbestimmteit hervorgehen. - So
verfahre ich mit jedem Bestimmten, das im unmittelbaren Bewusstsein vorkommt,
und daher entstehen mir alle diese Reihen von Vermögen und von Wesen, die diese
Vermögen besitzen, welche ich annehme.
    D. G. Du bist dir sonach, auch in Absicht deiner selbst, nur bewusst, dass
du diesen oder jenen bestimmten Zustand empfindest, so bestimmt anschauest, so
bestimmt denkest?
    Ich. Dass Ich empfinde, Ich anschaue, Ich denke? - als Realgrund das
Empfinden, Anschauen, Denken hervorbringe? - Keinesweges. Auch nicht so viel
lassen mir deine Grundsätze übrig.
    D. G. Auch wohl möglich!
    Ich. Auch notwendig, denn siehe nur selbst: Alles, was ich weiss, ist mein
Bewusstsein selbst. Jedes Bewusstsein ist entweder ein unmittelbares, oder ein
vermitteltes. Das erstere ist Selbstbewusstsein, das zweite, Bewusstsein dessen,
was nicht ich selbst ist. Was ich Ich nenne, ist sonach schlechtin nichts
Anderes, als eine gewisse Modification des Bewusstseins, welche Modification Ich
heisst, eben weil sie ein unmittelbares, ein in sich zurückgehendes, und nicht
nach aussen gerichtetes Bewusstsein ist. - Da alles Bewusstsein nur unter
Bedingung des unmittelbaren Bewusstseins möglich ist, so versteht sich, dass das
Bewusstsein Ich alle meine Vorstellungen begleitet, in ihnen, wenn auch nicht
immer von mir deutlich bemerkt, notwendig liegt, und ich in jedem Momente
meines Bewusstseins sage: Ich, Ich, Ich, und immer Ich - nämlich Ich, und nicht
das bestimmte in diesem Momente gedachte Ding ausser mir. - Auf diese Weise
würde mir das Ich in jedem Momente verschwinden und wieder neu werden; zu jeder
neuen Vorstellung würde ein neues Ich entstehen; und Ich würde nie etwas Anderes
bedeuten, als Nichtding.
    Dieses zerstreute Selbstbewusstsein wird nun durch das Denken, durch das
blosse Denken, sage ich, in der Einheit des - erdichteten Vermögens
vorzustellen, zusammengefasst. Alle Vorstellungen, die von dem unmittelbaren
Bewusstsein meines Vorstellens begleitet werden, sollen, zufolge dieser
Erdichtung, aus Einem und demselben Vermögen, das in Einem und demselben Wesen
ruht, hervorgehen; und so erst entsteht mir der Gedanke von Identität und
Persönlichkeit meines Ich und von einer wirkenden und reellen Kraft dieser
Person; notwendig eine blosse Erdichtung, da jenes Vermögen und jenes Wesen
selbst nur erdichtet ist.
    D. G. Du folgerst richtig.
    Ich. Und du hast deine Freude daran? - Ich kann sonach wohl sagen: es wird
gedacht - doch: kaum kann ich auch dies sagen - also, vorsichtiger, es erscheint
der Gedanke: dass ich empfinde, anschaue, denke; keinesweges aber: ich empfinde,
schaue an, denke. Nur das erstere ist Factum; das zweite ist hinzu erdichtet.
    D. G. Wohl ausgedrückt!
    Ich. Es gibt überall kein Dauerndes, weder ausser mir, noch in mir, sondern
nur einen unaufhörlichen Wechsel. Ich weiss überall von keinem Sein, und auch
nicht von meinem eigenen. Es ist kein Sein. - Ich selbst weiss überhaupt nicht,
und bin nicht. Bilder sind: sie sind das Einzige, was da ist, und sie wissen von
sich, nach Weise der Bilder: - Bilder, die vorüberschweben, ohne dass etwas sei,
dem sie vorüberschweben; die durch Bilder von den Bildern zusammenhängen,
Bilder, ohne etwas in ihnen Abgebildetes, ohne Bedeutung und Zweck. Ich selbst
bin eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern nur ein
verworrenes Bild von den Bildern. - Alle Realität verwandelt sich in einen
wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen
Geist, dem da träumt; in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst
zusammenhängt. Das Anschauen ist der Traum; das Denken, - die Quelle alles Seins
und aller Realität, die ich mir einbilde, meines Seins, meiner Kraft, meiner
Zwecke, - ist der Traum von jenem Traume.
    D. G. Du hast alles sehr gut gefasst. Bediene dich immer der schneidendsten
Ausdrücke und Wendungen, um dieses Resultat verhasst zu machen, wenn du dich ihm
nur unterwerfen müsst. Und dies musst du. Du hast klar eingesehen, dass es nun
einmal nicht anders ist. Oder - möchtest du etwa dein Geständnis zurücknehmen,
und diese Zurücknahme mit Gründen rechtfertigen?
    Ich. Keinesweges. Ich habe eingesehen, und sehe klar ein, dass es so ist;
ich kann es nur nicht glauben.
    D. G. Du siehst es ein; und kannst es nur nicht glauben? Das ist ein
anderes.
    Ich. Du bist ein ruchloser Geist: deine Erkenntnis selbst ist Ruchlosigkeit
und stammt aus Ruchlosigkeit, und ich kann es dir nicht danken, dass du mich auf
diesen Weg gebracht hast.
    D. G. Kurzsichtiger! Das nennen deines Gleichen Ruchlosigkeit, wenn man sich
getraut, zu sehen, was da ist, und so weit sieht, als sie selbst; und dann auch
noch weiter. - Ich habe dich nach Wohlgefallen die Resultate unserer
Untersuchung ziehen, auseinandersetzen, in gehässige Ausdrücke fassen lassen.
Glaubtest du denn, dass diese Resultate mir weniger bekannt wären, und dass ich
nicht so wohl begriffe, als du, wie durch jene Grundsätze alle Realität durchaus
vernichtet, und in einen Traum verwandelt würde? Hast du mich denn für einen
blinden Verehrer und Lobredner dieses Systems, als vollständigen Systems des
menschlichen Geistes, gehalten?
    Du wolltest wissen, und hattest dafür einen sehr falschen Weg eingeschlagen;
du suchtest das Wissen da, wohin kein Wissen reicht, und hattest dich schon
überredet, etwas einzusehen, das gegen das innere Wesen aller Einsicht streitet.
Ich fand dich in diesem Zustande. Ich wollte dich von deinem falschen Wissen
befreien; keinesweges aber dir das wahre beibringen.
    Du wolltest wissen von deinem Wissen. Wunderst du dich, dass du auf diesem
Wege auch nichts weiter erfuhrst, als - wovon du wissen wolltest, von deinem
Wissen selbst; und möchtest du, dass es anders sei? Was durch das Wissen, und
aus dem Wissen entsteht, ist nur ein Wissen Alles Wissen aber ist nur Abbildung,
und es wird in ihm immer etwas gefordert, das dem Bilde entspreche. Diese
Forderung kann durch kein Wissen befriedigt werden; und ein System des Wissens
ist notwendig ein System blosser Bilder, ohne alle Realität, Bedeutung und
Zweck. Hast du etwas Anderes erwartet? Willst du das innere Wesen deines Geistes
ändern, und deinem Wissen anmuten mehr zu sein, denn ein Wissen?
    Die Realität, die du schon erblickt zu haben glaubtest, eine unabhängig von
dir vorhandene Sinnenwelt, deren Sklav du zu werden fürchtetest, ist dir
verschwunden; denn diese ganze Sinnenwelt entsteht nur durch das Wissen, und ist
selbst unser Wissen; aber Wissen ist nicht Realität, eben darum, weil es Wissen
ist. Du hast die Täuschung eingesehen, und kannst, ohne deine bessere Einsicht
zu verläugnen, dich nie derselben wieder hingeben. Und dies ist denn das einige
Verdienst, das ich an dem Systeme, das wir soeben mit einander gefunden, rühme:
es zerstört und vernichtet den Irrtum. Wahrheit geben kann es nicht; denn es
ist in sich selbst absolut leer. Nun suchst du denn doch etwas, ausser dem
blossen Bilde liegendes Reelles - mit deinem guten Rechte, wie ich wohl weiss -
und eine andere Realität, als die soeben vernichtete, wie ich gleichfalls weiss.
Aber du würdest dich vergebens bemühen, sie durch dein Wissen, und aus deinem
Wissen zu erschaffen, und mit deiner Erkenntnis zu umfassen. Hast du kein
anderes Organ, sie zu ergreifen, so wirst du sie nimmer finden.
    Aber du hast ein solches Organ. Belebe es nur, und erwärme es; und du wirst
zur vollkommensten Ruhe gelangen. Ich lasse dich mit dir selbst allein.
 
                                  Drittes Buch
                                     Glaube
    Deine Unterredung hat mich niedergeschmettert, furchtbarer Geist. Aber du
verweisest mich an mich selbst. Und was wäre ich auch, wenn irgend etwas ausser
mir mich unwiederbringlich niederschlagen könnte? Ich werde, o ich werde sicher
deinem Rate folgen.
    Was suchest du doch, mein klagendes Herz? Was ist es, das dich gegen ein
Lehrgebäude empört, dem mein Verstand nicht die geringste Einrede entgegensetzen
kann?
    Dies ist es: Ich verlange etwas ausser der blossen Vorstellung Liegendes,
das da ist, und war, und sein wird, wenn auch die Vorstellung nicht wäre; und
welchem die Vorstellung lediglich zusieht, ohne es hervorzubringen, oder daran
das Geringste zu ändern. Eine blosse Vorstellung sehe ich für ein trügendes Bild
an; meine Vorstellungen sollen etwas bedeuten, und wenn meinem gesammten Wissen
nichts ausser dem Wissen entspricht, so finde ich mich um mein ganzes Leben
betrogen. - Es ist überall nichts ausser meiner Vorstellung - ist dem
natürlichen Sinne ein lächerlicher törichter Gedanke, den kein Mensch in vollem
Ernste äussern könne, und der keine Widerlegung bedürfe Er ist dem
unterrichteten Urteile, welches die liefen, durch blosses Raisonnement
unwiderlegbaren Gründe desselben kennt, ein niederschlagender und vernichtender
Gedanke.
    Und welches ist denn dieses ausser der Vorstellung Liegende, das ich mit
meinem heissesten Sehnen umfasse? Welches die Gewalt, mit der es sich mir
aufdringt? Welches ist der Mittelpunct in meiner Seele, an welchen es sich hängt
und anheftet - nur zugleich mit ihr selbst vertilgbar?
    Nicht blosses Wissen, sondern nach deinem Wissen Tun ist deine Bestimmung:
so ertönt es laut im Innersten meiner Seele, sobald ich nur einen Augenblick
mich sammle und auf mich selbst merke. Nicht zum müssigen Beschauen und
Betrachten deiner selbst, oder zum Brüten über andächtigen Empfindungen, - nein,
zum Handeln bist du da; dein Handeln und allein dein Handeln bestimmt deinen
Wert.
    Diese Stimme führet mich ja aus der Vorstellung, aus dem blossen Wissen
heraus auf etwas ausser demselben Liegendes und ihm völlig Entgegengesetztes;
auf etwas, das da mehr und höher ist, denn alles Wissen, und den Endzweck des
Wissens selbst in sich entält. Wenn ich handeln werde, so werde ich ohne
Zweifel wissen, dass ich handle, und wie ich handle; aber dieses Wissen wird
nicht das Handeln selbst sein, sondern ihm nur zusehen. - Diese Stimme also
kündigt mir gerade das an, was ich suchte; ein ausser dem Wissen Liegendes, und
seinem Sein nach von ihm völlig Unabhängiges.
    So ist es, ich weiss es unmittelbar. Aber ich habe mit der Speculation mich
einmal eingelassen; die Zweifel, welche sie in mir erregt hat, werden insgeheim
fortdauern, und mich beunruhigen. Nachdem ich nun in diese Lage mich gesetzt
habe, kann ich keine vollkommene Befriedigung erhalten, ehe nicht alles, was ich
annehme, selbst vor dem Richterstuhle der Speculation gerechtfertigt ist. Ich
habe mich sonach zu fragen: wie wird es so? Woher entsteht jene Stimme in meinem
Innern, welche mich aus der Vorstellung herausweist?
    Es ist in mir ein Trieb zu absoluter, unabhängiger Selbsttätigkeit. Nichts
ist mir unausstehlicher, als nur an einem anderen, für ein anderes, und durch
ein anderes zu sein: ich will für und durch mich selbst etwas sein und werden.
Diesen Trieb fühle ich, sowie ich nur mich selbst wahrnehme; er ist
unzertrennlich vereinigt mit dem Bewusstsein meiner selbst.
    Ich mache mir das Gefühl desselben durch das Denken deutlich, und setze
gleichsam dem an sich blinden Triebe Augen ein, durch den Begriff. Ich soll,
zufolge dieses Triebes, als ein schlechtin selbstständiges Wesen handeln; so
fasse und übersetze ich jenen Trieb. Ich soll selbstständig sein. - Wer bin Ich?
Subject und Object in Einem, das allgegenwärtig Bewusstseiende und Bewusste,
Anschauende und Angeschaute, Denkende und Gedachte zugleich. Als beides soll ich
durch mich selbst sein, was ich bin, schlechtin durch mich selbst Begriffe
entwerfen, schlechtin durch mich selbst einen ausser dem Begriffe liegenden
Zustand hervorbringen. Aber wie ist das letztere möglich? Schlechtin an Nichts
kann ich kein Sein anknüpfen; aus Nichts wird nimmer Etwas; mein objectives
Denken ist notwendig vermittelnd. Ein Sein aber, das an ein anderes Sein
angeknüpft wird, wird eben dadurch durch dieses andere Sein begründet, und ist
kein erstes ursprüngliches und die Reihe anhebendes, sondern ein abgeleitetes
Sein. Anknüpfen muss ich; an ein Sein kann ich nicht anknüpfen.
    Nun aber ist mein Denken und Entwerfen eines Zweckbegriffes seiner Natur
nach absolut frei - und etwas aus dem Nichts hervorbringend. An ein solches
Denken müsste ich mein Handeln anknüpfen, wenn es als frei und als schlechtin
aus mir selbst hervorgehend soll betrachtet werden können.
    Auf folgende Weise also denke ich meine Selbstständigkeit als Ich. Ich
schreibe mir das Vermögen zu, schlechtin einen Begriff zu entwerfen, weil ich
ihn entwerfe, diesen Begriff zu entwerfen, weil ich diesen entwerfe, aus
absoluter Machtvollkommenheit meiner selbst als Intelligenz. Ich schreibe mir
ferner das Vermögen zu, diesen Begriff durch ein reelles handeln ausser dem
Begriffe darzustellen; schreibe mir zu eine reelle, wirksame, ein Sein
hervorbringende Kraft, die ganz etwas Anderes ist, als das blosse Vermögen der
Begriffe. Jene Begriffe, Zweckbegriffe genannt, sollen nicht wie die
Erkenntnissbegriffe, Nachbilder eines Gegebenen, sondern vielmehr Vorbilder
eines hervorzubringenden sein; die reelle Kraft soll ausser ihnen liegen, und
als solche für sich bestehen; sie soll von ihnen nur ihre Bestimmung erhalten,
und die Erkenntnis soll ihr zusehen. Eine solche Selbstständigkeit mute ich
mir, zufolge jenes Triebes, wirklich an.
    Hier, scheint es, liegt der Punct, an welchen das Bewusstsein aller Realität
sich anknüpft; die reelle Wirksamkeit meines Begriffes, und die reelle
Tatkraft, die ich mir zufolge jener zuzuschreiben genötigt bin, ist dieser
Punct. Verhalte es sich indes mit der Realität einer Sinnenwelt ausser mir wie
es wolle: Realität habe ich, und fasse ich: sie liegt in mir, und ist in mir
selbst einheimisch.
    Ich denke diese meine reelle Tatkraft, aber ich erdenke sie nicht. Es liegt
diesem Gedanken das unmittelbare Gefühl meines Triebes zur Selbsttätigkeit zu
Grunde; der Gedanke tut nichts als dieses Gefühl abbilden, und es aufnehmen in
seine eigene Form, die Form des Denkens. Dieses Verfahren scheint vor dem
Richterstuhle der Speculation bestehen zu können.
    
    Wie? will ich abermals wissentlich und absichtlich mich selbst täuschen?
Dieses Verfahren kann vor jenem strengen Gerichte schlechterdings nicht
bestehen.
    Ich fühle in mir ein Treiben und Streben weiter hinaus; dieses scheint wahr
zu sein, und das einzige Wahre, was an der Sache ist. Da Ich es bin, der dieses
Treiben fühlt, und da ich über mich selbst, weder mit meinem ganzen Bewusst;
sein, noch insbesondere mit meinem Gefühle hinaus kann, da dieses - Ich selbst
das letzte bin, wo ich jenes Treiben erfasse, so erscheint es mir freilich als
ein in mir selbst gegründetes Treiben zu einer in mir selbst gegründeten
Tätigkeit. Könnte es nicht aber doch, nur von mir unbemerkt, das Treiben einer
mir unsichtbaren fremden Kraft, und jene Meinung von Selbstständigkeit lediglich
Täuschung meines auf mich selbst eingeschränkten Gesichtskreises sein? Ich habe
keinen Grund dies anzunehmen; aber ebensowenig einen Grund, es zu läugnen. Ich
muss mir bekennen, dass ich darüber schlechtin nichts weiss, noch wissen kann.
    Fühle ich denn etwa auch jene reelle Tatkraft, die ich mit - wunderbar
genug - anmute, ohne etwas von ihr zu wissen? Keinesweges; sie ist das nach dem
wohlbekannten Gesetze des Denkens, wodurch alle Vermögen und alle Kräfte zu
Stande kommen, zu dem Bestimmten, der gleichfalls erdichteten reellen Handlung,
hinzu erdichtete Bestimmbare.
    Ist jenes Herausverweisen aus dem blossen Begriffe auf eine vermeinte
Realisirung desselben etwas Anderes, als das gewöhnliche und wohlbekannte
Verfahren alles objectiven Denkens, da es kein blosses Denken sein, sondern noch
etwas ausser dem Denken bedeuten will, Durch welche Unredlichkeit soll dieses
Verfahren hier mehr gelten, als anderwärts; - soll es bedeutender sein, wenn zu
dem Gedanken eines Denkens noch eine Wirklichkeit dieses Denkens hinzugesetzt
wird, als wenn zu dem Gedanken dieses Tisches noch ein wirklicher Tisch
hinzugesetzt würde? - »Der Zweckbegriff, eine besondere Bestimmung der
Begebenheiten in mir, erscheint doppelt, teils als ein Subjectives, ein Denken,
teils als ein Objectives, ein Handeln,« - welche Vernunftgründe könnte ich
aufbringen gegen diese Erklärung, die ohne Zweifel auch einer genetischen
Deduction nicht ermangeln würde?
    Ich fühle nun einmal jenes Treiben, sage ich: das sage ich denn doch wohl
selbst, und denke es, indem ich es sage? Fühle ich denn nun auch wirklich, oder
denke ich etwa nur zu fühlen: ist nicht etwa alles, was ich Gefühl nenne,
lediglich durch mein objectivirendes Denken vor mich hingestellt, und etwa der
eigentliche erste Durchgangspunct alles Objectivirens? Und denke ich denn auch
wirklich oder denke ich nur zu denken? Und denke ich wirklich zu denken, oder
denke ich etwa nur ein Denken des Denkens? Was kann die Speculation verhindern,
so zu fragen, und so fortzufragen ins Unendliche? Was kann ich ihr antworten,
und wo ist ein Punct, da ich ihren Fragen Stillestand gebieten könnte? - Ich
weiss allerdings, und muss der Speculation gestehen, dass man auf jede
Bestimmung des Bewusstseins wieder reflectiren, und ein neues Bewusstsein des
ersten Bewusstseins erzeugen könne, dass man dadurch das unmittelbare
Bewusstsein stets um eine Stufe höher rückt, und das erste verdunkelt und
zweifelhaft macht, und dass diese Leiter keine höchste Stufe bat. Ich weiss,
dass alle Skepsis auf dieses Verfahren, ich weiss, dass jenes Lehrgebäude, das
mich so gewaltig erschüttert hat, auf die Durchführung und auf das deutliche
Bewusstsein dieses Verfahrens sich gründet.
    Ich weiss, dass, wenn ich mit diesem Lehrgebäude nicht bloss eine Andere
verwirrendes Spiel treiben, sondern nach demselben wirklich verfahren will, ich
jener Stimme in meinem Innern den Gehorsam versagen muss. Ich kann nicht bandeln
wollen, denn ich kann nach jenem Lehrgebäude nicht wissen, ob ich handeln kann;
ich kann nie glauben, dass ich wirklich handle; das, was mir als meine Handlung
erscheint, muss mir völlig unbedeutend und als ein bloss trügliches Bild
vorkommen. Aller Ernst und alles Interesse ist dann rein aus meinem Leben
vertilgt, und dasselbe verwandelt sich, eben so wie mein Denken, in ein blosses
Spiel, das von nichts ausgeht und auf nichts hinausläuft.
    Soll ich jener inneren Stimme den Gehorsam versagen? - Ich will es nicht
tun. Ich will jene Bestimmung mir freiwillig geben, die der Trieb mir anmutet;
und will in diesem Entschlusse zugleich den Gedanken an seine Realität und
Wahrhaftigkeit, und an die Realität alles dessen, was er voraussetzt, ergreifen.
Ich will in dem Standpuncte des natürlichen Denkens mich halten, auf welchen
dieser Trieb mich versetzt, und aller jener Grübeleien und Klügeleien mich
entschlagen, welche nur seine Wahrhaftigkeit mir zweifelhaft machen könnten.
    Ich verstehe dich jetzt, erhabener Geist. Ich habe das Organ gefunden, mit
welchem ich diese Realität, und mit dieser zugleich wahrscheinlich alle andere
Realität ergreife. Nicht das Wissen ist dieses Organ; kein Wissen kann sich
selbst begründen und beweisen; jedes Wissen setzt ein noch Höheres voraus, als
seinen Grund, und dieses Aufsteigen hat kein Ende. Der Glaube ist es; dieses
freiwillige Beruhen bei der sich uns natürlich darbietenden Ansicht, weil wir
nur bei dieser Ansicht unsere Bestimmung erfüllen können; er ist es, der dem
Wissen erst Beifall gibt, und das, was ohne ihn blosse Täuschung sein könnte,
zur Gewissheit und Ueberzeugung erhebt. Er ist kein Wissen, sondern ein
Entschluss des Willens, das Wissen gelten zu lassen.
    So halte ich denn auf immer an diesem Ausdrucke fest, was keine blosse
Unterscheidung in den Ausdrücken, sondern eine wahre, tiefgegründete
Unterscheidung ist, von der wichtigsten Folge für meine ganze Gesinnung. Alle
meine Ueberzeugung ist nur Glaube, und sie kommt aus der Gesinnung, nicht aus
dem Verstande. Nachdem ich dies weiss, werde ich mich auf Disputiren nicht
einlassen, indem ich voraussehe, dass damit nichts gewonnen werden kann; ich
werde mich durch dasselbe nicht irre machen lassen, weil die Quelle meiner
Ueberzeugung höher liegt, als aller Dispüt: ich werde mir nicht einfallen
lassen, einem anderen diese Ueberzeugung durch Vernunftgründe aufdringen zu
wollen, und nicht betreten werden, wenn ein solches Unternehmen mislingt. Ich
habe meine Denkart zunächst für mich selbst angenommen, nicht für andere, und
will sie auch nur vor mir selbst recht fertigen. Wer meine Gesinnung hat, den
redlichen guten Willen, der wird auch meine Ueberzeugung erhalten: ohne jenen
aber ist diese auf keine Weise hervorzubringen. - Nachdem ich dieses weiss,
weiss ich, von welchem Puncte alle Bildung meiner selbst und anderer ausgehen
müsse: von dem Willen, nicht von dem Verstande. Ist nur der erstere unverrückt
und redlich auf das Gute gerichtet, so wird der letztere von selbst das Wahre
fassen. Wird lediglich der letztere geübt, indes der erstere vernachlässigt
bleibt, so entsteht nichts weiter, als eine Fertigkeit, ins unbedingt Leere
hinaus zu grübeln und zu klügeln. - Ich vermag, nachdem ich dieses weiss, alles
falsche Wissen, das sich gegen meinen Glauben erheben könnte, niederzuschlagen.
Ich weiss, dass jede vorgebliche Wahrheit, die durch das blosse Denken
herausgebracht, nicht aber auf den Glauben gegründet sein soll, sicherlich
falsch und erschlichen ist, indem das durchaus durchgeführte, blosse und reine
Wissen lediglich zu der Erkenntnis führt, dass wir nichts wissen können; weiss,
dass ein solches falsches Wissen nie etwas Anderes findet, als was es erst durch
den Glauben in Seine Vordersätze gelegt hat, aus welcher es vielleicht weiter
hin unrichtig schliesst. - Ich besitze, nachdem ich dieses weiss, den Prüfstein
aller Wahrheit und aller Ueberzeugung. Aus dem Gewissen allein stammt die
Wahrheit: was diesem, und der Möglichkeit und dem Entschlusse, ihm Folge zu
leisten, widerspricht, ist sicher falsch, und es ist keine Ueberzeugung davon
möglich; wenn ich auch etwa die Trugschlüsse, durch die es zu Stande gebracht
ist, nicht entdecken könnte.
    Nicht anders verhält es sich mit allen Menschen, welche je das Licht der
Welt erblickt haben. Auch ohne sich dessen bewusst zu sein, fassen sie alle
Realität, welche für sie da ist, lediglich durch den Glauben; und dieser Glaube
dringt sich ihnen auf mit ihrem Dasein zugleich, ihnen insgesammt angeboren. Wie
könnte es auch anders sein? Liegt im blossen Wissen, im blossen Hinschauen und
Hindenken, einmal kein Grund, unsere Vorstellungen für mehr zu halten, als für
blosse, jedoch mit Notwendigkeit sich aufdringende, Bilder, warum halten wir
sie denn alle für mehr, und legen ihnen etwas unabhängig von aller Vorstellung
Vorhandenes zu Grunde? Haben wir alle das Vermögen und den Trieb, über unsere
erste natürliche Ansicht hinauszugehen, warum gehen denn so wenige darüber
hinaus, und wehren sich sogar mit einer Art von Erbitterung, wenn man sie dazu
zu veranlassen sucht? Was hält sie doch in jener ersten natürlichen Ansicht
befangen! Vernunftgründe sind es nicht, denn es gibt keine dieser Art; das
Interesse für eine Realität ists, die sie hervor bringen wollen; - der Gute,
schlechtin um sie hervorzubringen, der Gemeine und Sinnliche, um sie zu
geniessen. Von diesem Interesse kann keiner scheiden, der da lebt; und
ebensowenig von dem Glauben, den dasselbe mit sich führt. Wir werden alle im
Glauben geboren; wer da blind ist, folgt blind dem geheimen und
unwiderstehlichen Zuge; wer da sieht, folgt sehend; und glaubt, weil er glauben
will.
    
    Welche Einheit und Vollendung in sich selbst, welche Würde der menschlichen
Natur! Unser Denken ist nicht in sich selbst, unabhängig von unseren Trieben und
Neigungen, gegründet; der Mensch besteht nicht aus zwei nebeneinander
fortlaufenden Stücken, er ist absolut Eins. Unser gesammtes Denken ist durch
unseren Trieb selbst begründet; und wie des Einzelnen Neigungen sind, so ist
seine Erkenntnis. Dieser Trieb nötigt uns eine gewisse Denkart auf, nur so
lange als wir den Zwang nicht erblicken; aber der Zwang verschwindet, so bald er
gesehen wird; und es ist nun nicht mehr der Trieb, der durch sich, sondern wir
selbst sind es, die zufolge des Triebes unsere Denkart bilden.
    Aber ich soll die Augen eröffnen; soll mich selbst durchaus kennen lernen;
ich soll jenen Zwang erblicken; dies ist meine Bestimmung. Ich soll sonach, und
werde unter jener Voraussetzung notwendig mir meine Denkart selbst bilden.
Absolut selbstständig, und durch mich selbst vollendet und fertig stehe ich dann
da. Die Urquelle alles meines übrigen Denkens und meines Lebens, dasjenige, aus
dem alles, was in mir, und für mich und durch mich sein kann, herfliesst, der
innerste Geist meines Geistes, ist nicht ein fremder Geist, sondern er ist
schlechtin durch mich selbst im eigentlichsten Sinne hervorgebracht. Ich bin
durchaus mein eigenes Geschöpf. Ich hätte blind dem Zuge meiner geistigen Natur
folgen können. Ich wollte nicht Natur, sondern mein eigenes Werk sein; und ich
bin es geworden, dadurch dass ich es wollte. Ich hätte durch unbegrenzte
Klügelei die natürliche Ansicht meines Geistes zweifelhaft machen und verdunkeln
können. Ich habe mich ihr mit Freiheit hingegeben, weil ich mich ihr hingeben
wollte Die Denkart, welche ich habe, habe ich mit Bedacht und Absicht und
Ueberlegung aus anderen möglichen Denkarten ausgewählt, weil ich sie für die
einzige meiner Würde und meiner Bestimmung angemessene erkannt habe. Ich habe
mit Freiheit und Bewusstsein mich selbst in den Standpunct zurückversetzt, auf
welchem auch meine Natur mich verlassen hatte. Ich nehme dasselbe an, was auch
sie aussagt; aber ich nehme es nicht an, weil ich muss, sondern ich glaube es,
weil ich will.
    Mit Ehrfurcht erfüllt mich die erhabene Bestimmung meines Verstandes. Er ist
nicht mehr jener spielende und leere Bildner von Nichts, und zu Nichts: er ist
mir zu einem grossen Zweck verliehen. Seine Bildung für diesen Zweck ist mir
anvertraut; sie steht in meiner Hand, und wird von meiner Hand gefordert werden.
- Sie steht in meiner Hand. Ich weiss unmittelbar, und mein Glaube beruht bei
dieser Aussage meines Bewusstseins ohne weitere Klügelei; - ich weiss, dass ich
nicht genötigt bin, meine Gedanken blind und zwecklos herumflattern zu lassen,
sondern dass ich meine Aufmerksamkeit willkürlich zu erwecken und zu richten,
sie von diesem Gegenstande wegzuwenden, und auf einen anderen zu heften vermag;
weiss, dass es nur bei mir steht, von der Erforschung dieses Gegenstandes nicht
abzulassen, bis ich ihn ganz durchdrungen habe, und bis die vollendetste
Ueberzeugung aus ihm mir entgegenstrahlt; weiss, dass es weder eine blinde
Notwendigkeit ist, die mir ein gewisses System des Denkens aufdringt, noch ein
leeres Ohngefähr, das mit meinem Denken spielt, sondern dass Ich es bin, der da
denkt, und dass ich bedenken kann, was ich bedenken will. So eben durch
Nachdenken habe ich noch mehr gefunden; habe gefunden, dass lediglich ich selbst
durch mich selbst meine ganze Denkweise und die bestimmte Ansicht, die ich von
Wahrheit überhaupt habe, hervorbringe; indem es bei mir steht, durch Grübelei
mich alles Sinnes für Wahrheit zu berauben, oder durch gläubigen Gehorsam mich
derselben hinzugeben. Meine ganze Denkweise und die Bildung, welche mein
Verstand erhält, sowohl, als die Gegenstände, auf welche ich ihn richte, hängen
ganz von mir ab. Richtige Einsicht ist Verdienst; Verbildung meines
Erkenntnissvermögens, Gedankenlosigkeit; Verfinsterung, Irrtum und Unglaube ist
Verschuldung.
    Es gibt nur Einen Punct, auf welchen ich unablässig alles mein Nachdenken
zu richten habe: was ich tun solle, und wie ich dieses Gebotene am
zweckmässigsten ausführen könne. Auf mein Tun muss alles mein Denken sich
beziehen, muss sich als, wenn auch entferntes, Mittel für diesen Zweck
betrachten lassen; ausserdem ist es ein leeres zweckloses Spiel, ist es Kraft
und Zeitverschwendung und Verbildung eines edlen Vermögens, das mir zu einer
ganz anderen Absicht gegeben ist.
    Ich darf hoffen, ich darf mir sicher versprechen, ein solches Nachdenken mit
Erfolg zu treiben. Die Natur, in welcher ich zu handeln habe, ist nicht ein
fremdes, ohne Rücksicht auf mich zu Stande gebrachtes Wesen, in welches ich nie
eindringen könnte. Sie ist durch meine eigenen Denkgesetze gebildet, und muss
wohl mit denselben übereinstimmen; sie muss wohl mir überall durchaus
durchsichtig, und erkennbar, und durchdringbar sein bis in ihr Inneres. Sie
drückt überall nichts aus als Verhältnisse und Beziehungen meiner selbst zu mir
selbst und so gewiss ich hoffen kann, mich selbst zu erkennen, so gewiss darf
ich mir versprechen, sie zu erforschen. Suche ich nur, was ich zu suchen habe:
ich werde finden; frage ich nur, wonach ich zu fragen habe: ich werde Antwort
erhalten.
                                       I.
    Jene Stimme in meinem Innern, der ich glaube, und um deren willen ich alles
Andere glaube, was ich glaube, gebietet mir nicht überhaupt nur zu tun. Dieses
ist unmöglich; alle diese allgemeinen Sätze werden nur durch meine willkürliche
Aufmerksamkeit und Nachdenken über mehrere Tatsachen gebildet, drücken aber nie
selbst eine Tatsache aus. Sie, diese Stimme meines Gewissens, gebietet mir in
jeder besonderen Lage meines Daseins, was ich bestimmt in dieser Lage zu tun,
was ich in ihr zu meiden habe: sie begleitet mich, wenn ich nur aufmerksam auf
sie höre, durch alle Begebenheiten meines Lebens, und sie versagt mir nie ihre
Belohnung, wo ich zu handeln habe. Sie begründet unmittelbar Ueberzeugung, und
reisst unwiderstehlich meinen Beifall hin: es ist mir unmöglich, gegen sie zu
streiten.
    Auf sie zu hören, ihr redlich und unbefangen ohne Furcht und Klügelei zu
gehorchen, dies ist meine einzige Bestimmung, dies der ganze Zweck meines
Daseins. - Mein Leben hört auf ein leeres Spiel ohne Wahrheit und Bedeutung zu
sein. Es soll schlechtin etwas geschehen, weil es nun einmal geschehen soll:
dasjenige, was das Gewissen nun eben von mir, von mir, der ich in diese Lage
komme, fordert; dass es geschehe, dazu, lediglich dazu bin ich da; um es zu
erkennen, habe ich Verstand; um es zu vollbringen, Kraft.
    Durch diese Gebote des Gewissens allein kommt Wahrheit und Realität in meine
Vorstellungen. Ich kann jenen die Aufmerksamkeit und den Gehorsam nicht
verweigern, ohne meine Bestimmung aufzugeben.
    Ich kann daher der Realität, die sie herbeiführen, den Glauben nicht
versagen, ohne gleichfalls meine Bestimmung zu verläugnen. Es ist schlechtin
wahr, ohne weitere Prüfung und Begründung, es ist das erste Wahre, und der Grund
aller anderen Wahrheit und Gewissheit, dass ich jener Stimme gehorchen soll: es
wird mir sonach in dieser Denkweise alles wahr und gewiss, was durch die
Möglichkeit eines solchen Gehorsams als wahr und gewiss vorausgesetzt wird.
    Es schweben mir vor Erscheinungen im Raume, auf welche ich den Begriff
meiner selbst übertrage: ich denke sie mir als Wesen meines Gleichen. Eine
durchgeführte Speculation hat mich ja belehrt, oder wird mich belehren, dass
diese vermeinten Vernunftwesen ausser mir nichts sind, als Producte meines
eigenen Vorstellens, dass ich nun einmal, nach aufzuweisenden Gesetzen meines
Denkens, genötigt bin, den Begriff meiner selbst ausser mir selbst
darzustellen, und dass, nach denselben Gesetzen, dieser Begriff nur auf gewisse
bestimmte Anschauungen übertragen werden kann. Aber die Stimme meines Gewissens
ruft mir zu: was diese Wesen auch an und für sich seien, du sollst sie
behandeln, als für sich bestehende, freie, selbstständige, von dir ganz und gar
unabhängige Wesen. Setze als bekannt voraus, dass sie ganz unabhängig von dir
und lediglich durch sich selbst sich Zwecke setzen können, störe die Ausführung
dieser Zwecke nie, sondern befördere sie vielmehr nach allem deinem Vermögen.
Ehre ihre Freiheit: ergreife mit Liebe ihre Zwecke, gleich den deinigen. - So
soll ich handeln; auf dieses Handeln soll, - auf dieses Handeln wird und muss
notwendig, wenn ich auch nur den Vorsatz gefasst habe, der Stimme meines
Gewissens zu gehorchen, - alles mein Denken gerichtet sein. Ich werde sonach
jene Wesen stets als für sich bestehende unabhängig von mir vorhandene, Zwecke
fassende und ausführende Wesen betrachten; ich werde sie in diesem Standpuncte
nicht anders betrachten können, und jene Speculation wird wie ein leerer Traum
vor meinen Augen verschwinden. - Ich denke sie als Wesen meines Gleichen, sagte
ich soeben; aber der Strenge nach ist es nicht der Gedanke, durch welchen sie
mir zuerst als solche dargestellt werden. Die Stimme des Gewissens ist es, das
Gebot: hier beschränke deine Freiheit, hier vermute und ehre fremde Zwecke -
dieses ist es, das erst in den Gedanken: hier ist gewiss und wahrhaftig, und für
sich bestehend ein Wesen meines Gleichen, übersetzt wird. Um sie anders
anzusehen, muss ich erst die Stimme meines Gewissens - im Leben - verläugnen -
in der Speculation - von ihr wegsehen.
    Es schweben mir vor andere Erscheinungen, die ich nicht für Wesen meines
Gleichen halte, sondern für vernunftlose Sachen. Es macht der Speculation keine
Schwierigkeit, nachzuweisen, wie die Vorstellung solcher Sachen sich lediglich
aus meinem Vorstellungsvermögen und dessen notwendigen Handlungsweisen
entwickle. Aber ich umfasse dieselben Dinge auch durch Bedürfnis und Begierde
und Genuss. Nicht durch den Begriff, nein durch Hunger und Durst und Sättigung,
wird mir etwas zu Speise und Trank. Ich werde wohl genötigt an die Realität
dessen zu glauben, das meine sinnliche Existenz bedroht, oder allein sie zu
erhalten vermag. Das Gewissen tritt hinzu, indem es diesen Naturtrieb zugleich
heiliget und beschränket. Du sollst dich selbst und deine sinnliche Kraft
erhalten, üben, stärken, denn es ist im Plane der Vernunft auf diese Kraft
mitgerechnet. Aber du kannst sie nur erhalten durch zweckmässigen, durch einen
den eigenen inneren Gesetzen dieser Sachen angemessenen Gebrauch. Und ausser dir
sind noch mehrere deines Gleichen, auf deren Kraft gerechnet ist, wie auf die
deinige, und die lediglich auf die gleiche Weise, wie die deinige, erhalten
werden kann. Verstatte ihnen denselben Gebrauch an ihrem Teile, der dir an dem
deinigen geboten ist. Ehre, was ihnen zukommt, als ihr Eigentum; behandle, was
dir zukommt, zweckmässig als das deinige. -
    So soll ich handeln; diesem Handeln gemäss muss ich denken. Ich werde sonach
genötigt, diese Dinge zu betrachten, als stehend unter ihren eigenen, von mir
unabhängigen, obwohl durch mich zu erkennenden Naturgesetzen; ihnen sonach
allerdings ein von mir unabhängiges Dasein zuzuschreiben. Ich werde genötigt,
an solche Gesetze zu glauben, es wird mir Aufgabe, sie zu erforschen, und jene
leere Speculation verschwindet, gleichwie der Nebel, sobald die erwärmende Sonne
erscheint.
    Kurz, es gibt überhaupt kein blosses reines Sein für mich, das mich nicht
anginge, und welches ich anschaute, lediglich um des Anschauens willen; nur
durch seine Beziehung auf mich ist, was überhaupt für mich da ist. Aber es ist
überall nur Eine Beziehung auf mich möglich, und alle andere sind nur Unterarten
von dieser: meine Bestimmung, sittlich zu handeln. Meine Welt ist - Object und
Sphäre meiner Pflichten, und absolut nichts Anderes; eine andere Welt, oder
andere Eigenschaften meiner Welt gibt es für mich nicht; mein gesammtes
Vermögen und alles Vermögen der Endlichkeit reicht nicht hin, eine andere Welt
zu fassen. Alles was für mich da ist, dringt nur durch diese Beziehung seine
Existenz und Realität mir auf, und nur durch diese Beziehung fasse ich es - und
für eine andere Existenz fehlt es mir gänzlich am Organ.
    Auf die Frage: ob denn nun in der Tat eine solche Welt vorhanden sei, wie
ich sie mir vorstelle, kann ich nichts Gründliches, nichts über alle Zweifel
Erhabenes antworten als dies: ich habe gewiss und wahrhaftig diese bestimmten
Pflichten, welche sich mir als Pflichten gegen solche und in solchen Objecten
darstellen; diese bestimmten Pflichten, die ich mir nicht anders vorzustellen,
und sie nicht anders auszuführen vermag, als innerhalb einer solchen Welt, wie
ich mir eine vorstelle. - Selbst demjenigen, der seine eigene sittliche
Bestimmung sich nie gedacht hätte, wenn es einen solchen geben könnte - oder
der, wenn er sie sich überhaupt gedacht hätte, nicht den leisesten Vorsatz
hegte, sie irgend einmal in einer unbestimmten Zukunft zu erfüllen - selbst ihm
entsteht seine Sinnenwelt und sein Glaube an die Realität derselben auf keinem
anderen Wege, als aus seinem Begriffe von einer moralischen Welt. Umfasst er
dieselbe auch nicht durch den Gedanken seiner Pflichten, so tut er es doch
sicher durch die Forderung seiner Rechte. Was er sich selbst vielleicht nie
anmutet, mutet er doch gewiss anderen gegen sich an: - dass sie ihn mit
Besonnenheit und Ueberlegung und Zweckmässigkeit, nicht als ein vernunftloses
Ding, sondern als ein freies und selbstständiges Wesen behandeln; und so wird er
allerdings, damit sie nur diese Anforderung erfüllen können, genötigt, auch
sie, als besonnen, und frei, und selbstständig, und unabhängig von blosser
Naturgewalt zu denken. Setzt er sich auch etwa beim Gebrauche und Genusse der
ihn umgebenden Objecte nie einen anderen Zweck, als den, sie zu geniessen, so
fordert er doch wenigstens diesen Genuss, als ein Recht, in dessen Besitze
andere ihn ungestört lassen müssen; und umfasst sonach auch die vernunftlose
Sinnenwelt durch einen sittlichen Begriff. Diesen Ansprüchen auf Achtung für
seine Vernünftigkeit und Selbstständigkeit und Erhaltung kann keiner entsagen,
der mit Bewusstsein lebt; und an diese Ansprüche wenigstens knüpft sich in
seiner Seele Ernstaftigkeit und Verläugnung des Zweifels, und Glauben an eine
Realität, wenn sie sich nicht an die Anerkennung eines sittlichen Gesetzes in
seinem Innern anknüpft. - Greife nur den, der seine eigene sittliche Bestimmung,
und deine Existenz, und die Existenz einer Körperwelt anders, als zum blossen
Versuche, was die Speculation vermöge, abläugnet - greife ihn nur tätlich an;
führe nur seine Grundsätze ins Leben ein, und handle, als ob er entweder gar
nicht vorhanden, oder ein Stück rohe Masse sei, - er wird bald des Scherzes
vergessen, und ernstaft unwillig über dich werden; es dir ernstaft verweisen,
dass du ihn so behandelst; behaupten, dass du dies gegen ihn nicht sollest, noch
dürfest: dir sonach durch die Tat zugestehen, dass du allerdings auf ihn zu
handeln vermögest, dass er sei, und du seist, und ein Medium deiner Einwirkung
auf ihn sei, und dass du wenigstens Pflichten gegen ihn habest.
    Also nicht die Einwirkung vermeinter Dinge ausser uns, welche ja für uns,
und für welche ja wir nur insofern sind, inwiefern wir schon von ihnen wissen;
ebensowenig ein leeres Bilden durch unsere Einbildungskraft und unser Denken,
deren Producte ja wirklich als solche Producte, als leere Bilder, erscheinen
würden, - nicht diese sind es, sondern der notwendige Glaube an unsere Freiheit
und Kraft, an unser wirkliches Handeln, und an bestimmte Gesetze des
menschlichen Handelns ist es, welcher alles Bewusstsein einer ausser uns
vorhandenen Realität begründet - ein Bewusstsein, das selbst nur ein Glaube ist,
da es auf einen Glauben sich gründet, aber ein aus jenem notwendig erfolgender
Glaube. Wir sind genötigt anzunehmen, dass wir überhaupt handeln, und dass wir
auf eine gewisse Weise handeln sollen; wir sind genötigt, eine gewisse Sphäre
dieses Handelns anzunehmen: diese Sphäre ist die wirklich und in der Tat
vorhandene Welt, so wie wir sie antreffen; und umgekehrt - diese Welt ist
absolut nichts Anderes, als jene Sphäre, und erstreckt auf keine Weise sich über
sie hinaus. Von jenem Bedürfnisse des Handelns gebt das Bewusstsein der
wirklichen Welt aus, nicht umgekehrt vom Bewusstsein der Welt das Bedürfnis des
Handelns; dieses ist das erste, nicht jenes, jenes ist das abgeleitete. Wir
handeln nicht, weil wir erkennen, sondern wir erkennen, weil wir zu handeln
bestimmt sind; die praktische Vernunft ist die Wurzel aller Vernunft. Die
Handelsgesetze für vernünftige Wesen sind unmittelbar gewiss: ihre Welt ist
gewiss nur dadurch, dass jene gewiss sind. Wir können den ersteren nicht
absagen, ohne dass uns die Welt, und mit ihr wir selbst in das absolute Nichts
versinken; wir erheben uns aus diesem Nichts, und erhalten uns über diesem
Nichts lediglich durch unsere Moralität.
                                      II.
    Ich soll schlechtin Etwas tun, damit es geschehe, etwas unterlassen, damit
es unterbleibe. - Aber kann ich handeln, ohne einen Zweck ausser dem Handeln im
Auge zu haben; ohne auf Etwas, das durch mein Handeln, und allein dadurch, erst
möglich werden kann und soll, meine Absicht zu richten! Kann ich wollen, ohne
Etwas zu wollen? Nimmermehr! dies widerspräche gänzlich der Natur meines
Geistes. An jede Handlung knüpft in meinem Denken unmittelbar und nach den
blossen Gesetzen des Denkens sich an, ein in der Zukunft liegendes Sein, ein
Zustand, zu dem das Handeln sich verhält wie das Wirkende zu dem Bewirkten. Nur
soll dieser Zweck meines Handelns nicht für sich, etwa durch das
Naturbedürfniss, mir gesetzt sein, und nach diesem Zwecke hinterher erst die
Handelsweise bestimmt werden: ich soll nicht einen Zweck haben, weil ich ihn nun
einmal habe, und erst nachher suchen, wie ich handeln müsse, um diesen Zweck zu
erreichen; meine Handlung soll nicht vom Zwecke abhängen: sondern ich soll
schlechtin auf eine gewisse Weise handeln, weil ich es einmal soll; dies ist
das erste. Aus dieser Handelsweise erfolgt Etwas, sagt mir die Stimme in meinem
Innern. Dieses Etwas wird mir nun notwendig Zweck, weil ich die Handlung
vollziehen soll, die dazu, und nur dazu das Mittel ist. Ich will, dass Etwas
wirklich werde, weil ich handeln soll, dass es wirklich werde; - gleichwie ich
nicht hungere weil Speise für mich vorhanden ist, sondern etwas mir zur Speise
wird, weil ich hungere; ebenso handle ich nicht so, wie ich handle, weil mir
Etwas Zweck ist, sondern es wird mir Etwas Zweck, weil ich so handeln soll. Ich
habe den Punct, nach welchem hin ich meine Linie ziehen will, nicht schon vorher
im Auge, und lasse nun durch seine Lage die Richtung der Linie, und den Winkel,
welchen sie machen wird, bestimmen; sondern ich ziehe meine Linie schlechtin in
einen rechten Winkel, und dadurch werden die Puncte bestimmt, in welche meine
Linie treffen muss. Der Zweck bestimmt nicht den Inhalt des Gebotes, sondern
umgekehrt, der unmittelbar gegebene Inhalt des Gebotes bestimmt den Zweck.
    Ich sage, das Gebot des Handelns selbst ist es, welches durch sich selbst
mir einen Zweck setzt: dasselbe in mir, was mich nötigt; zu denken, dass ich so
bandeln solle, nötigt mich, zu glauben, dass aus diesem Handeln Etwas erfolgen
werde; es eröffnet dem Auge meines Geistes die Aussicht auf eine andere Welt;
die da allerdings Welt ist, ein Zustand ist, und kein Handeln, aber eine andere
und bessere Welt, als die für mein sinnliches Auge vorhandene; es macht, dass
ich diese bessere Welt begehre, sie mit allen meinen Trieben umfasse und
ersehne, nur in ihr lebe, und nur an ihr mich befriedige. Jenes Gebot bürgt mir
durch sich selbst für die sichere Erreichung dieses Zweckes. Dieselbe Gesinnung,
mit der ich mein ganzes Denken und Leben auf dieses Gebot richte und hefte, und
nichts sehe ausser ihm, führt zugleich die unerschütterliche Ueberzeugung bei
sich, dass die Verheissung desselben wahr und gewiss sei, und hebt die
Möglichkeit auf, das Gegenteil auch nur zu denken. Wie ich im Gehorsam lebe,
lebe ich zugleich in der Anschauung seines Zweckes; lebe ich in der besseren
Welt, die er mir verheisset.
    
    Auch schon in der blossen Betrachtung der Welt, wie sie ist, abgesehen vom
Gebote, äussert sich in meinem Innern der Wunsch, das Sehnen, - nein, kein
blosses Sehnen, - die absolute Forderung einer besseren Welt. Ich werfe einen
Blick auf das gegenwärtige Verhältnis der Menschen gegen einander selbst, und
gegen die Natur; auf die Schwäche ihrer Kraft, auf die Starke ihrer Begierden
und Leidenschaften. Es ertönt unwiderstehlich in meinem Innern: So kann es
unmöglich bleiben sollen; es muss, o es muss alles anders und besser werden.
    Ich kann mir die gegenwärtige Lage der Menschheit schlechtin nicht denken
als diejenige, bei der es nun bleiben könne; schlechtin nicht denken als ihre
ganze und letzte Bestimmung. Dann wäre alles Traum und Täuschung; und es wäre
nicht der Mühe wert, gelebt, und dieses stets wiederkehrende, auf nichts
ausgehende, und nichts bedeutende Spiel mit getrieben zu haben. Nur inwiefern
ich diesen Zustand betrachten darf, als Mittel eines besseren, als
Durchgangspunct zu einem höheren und vollkommneren, erhält er Wert für mich;
nicht um sein selbst sondern um des Besseren willen, das er vorbereitet, kann
ich ihn tragen, ihn achten, und in ihm freudig das Meinige vollbringen. In dem
Gegenwärtigen kann mein Gemüt nicht Platz fassen, noch einen Augenblick ruhen;
unwiderstehlich wird es von ihm zurückgestossen; nach dem Künftigen und Besseren
strömt unaufhaltsam hin mein ganzes Leben.
    Ich ässe nur und tränke, damit ich wiederum hungern und dürsten, und essen
und trinken könnte, solange, bis das unter meinen Füssen eröffnete Grab mich
verschlänge, und ich selbst als Speise dem Boden entkeimte? Ich zeugte Wesen
meines Gleichen, damit auch sie essen und trinken, und sterben, und Wesen ihres
Gleichen hinterlassen könnten, die dasselbe tun werden, was ich schon tat?
Wozu dieser unablässig in sich selbst zurückkehrende Cirkel, dieses immer von
neuem auf dieselbe Weise wieder angehende Spiel, in welchem alles wird, um zu
vergehen, und vergeht, um nur wieder werden zu können, wie es schon war; dieses
Ungeheuer, unaufhörlich sich selbst verschlingend, damit es sich wiederum
gebären könne, sich gebärend, damit es sich wiederum verschlingen könne?
    Nimmermehr kann dies die Bestimmung sein meines Seins, und alles Seins. Es
muss etwas geben, das da ist, weil es geworden ist; und nun bleibt, und nimmer
wieder werden kann, nachdem es einmal geworden ist; und dieses Bleibende muss im
Wechsel des Vergänglichen sich erzeugen, und in ihm fortdauern, und unversehrt
fortgetragen werden auf den Wogen der Zeit.
    Noch erringet mit Mühe unser Geschlecht seinen Unterhalt und seine Fortdauer
von der widerstrebenden Natur. Noch ist die grössere Hälfte der Menschen ihr
Leben hindurch unter harte Arbeit gebeugt, um sich und der kleinen Hälfte, die
für sie denkt, Nahrung zu verschaffen; sind unsterbliche Geister genötigt,
alles ihr Dichten und Trachten, und ihre ganze Anstrengung auf den Boden zu
heften, der ihre Nahrung trägt. Noch ereignet es sich oft, dass, wenn nun der
Arbeiter vollendet hat, und für seine Mühe sich seine und seiner Mühe Fortdauer
verspricht, eine feindselige. Witterung in einem Augenblicke zerstört, was er
Jahrelang langsam und wohlbedächtig verbreitete, und den fleissigen und
sorgfältigen Mann, unverschuldet, dem Hunger und dem Elende Preis gibt; noch
immer oft genug, dass Wasserfluten, Sturmwinde, Vulkane, ganze Länder
verheeren, und Werke, die das Gepräge eines vernünftigen Geistes tragen, mit
ihren Werkmeistern zugleich dem wilden Chaos des Todes und der Zerstörung
vermischen. Noch raffen Krankheiten die Menschen ins unzeitige Grab, Männer in
der Blüte ihrer Kräfte, und Kinder, deren Dasein ohne Frucht und Folge
vorübergeht; noch ziehen Seuchen durch blühende Staaten, lassen die wenigen, die
ihnen entgehen, verwaist und des gewohnten Beistandes ihrer Genossen beraubt,
einsam dastehen, und tun alles, was an ihnen ist, um das Land der Wildnis
zurückzugeben, welches der Fleiss der Menschen sich schon zum Eigentume
errungen hatte. - So ist es: so kann es nicht immerdar bleiben sollen. Kein
Werk, das das Gepräge der Vernunft trägt, und unternommen wurde, um die Macht
der Vernunft zu erweitern, kann rein verloren sein im Fortgange der Zeiten. Die
Opfer, welche die unregelmässige Gewalttätigkeit der Natur von der Vernunft
zieht, müssen jene Gewalttätigkeit wenigstens ermüden, ausfüllen, und
versöhnen. Die Kraft, welche ausser der Regel geschadet hat, kann es auf diese
Weise nicht mehr sollen, sie kann nicht bestimmt sein, sich zu erneuern, sie
muss durch Einen Ausbruch von nun an auf ewig verbraucht sein. Alle jene
Ausbrüche der rohen Gewalt, vor welchen die menschliche Macht in Nichts
verschwindet, jene verwüstenden Orkane, jene Erdbeben, jene Vulkane können
nichts Anderes sein, denn das letzte Sträuben der wilden Masse gegen den
gesetzmässig fortschreitenden, belebenden und zweckmässigen Gang, zu welchem sie
ihrem eigenen Triebe zuwider gezwungen wird - nichts, denn die letzten
erschütternden Striche der sich erst vollendenden Ausbildung unseres Erdballes.
Jener Widerstand muss allmählig schwächer, und endlich erschöpft werden, da in
dem gesetzmässigen Gange nichts liegen kann, das seine Kraft erneuere; jene
Ausbildung muss endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden.
Die Natur muss allmählig in die Lage eintreten dass sich auf ihren
gleichmässigen Schritt sicher rechnen und zählen lasse, und dass ihre Kraft
unverrückt ein bestimmtes Verhältnis mit der Macht halte, die bestimmt ist, sie
zu beherrschen, - mit der menschlichen. - Inwiefern dieses Verhältnis schon
ist, und die zweckmässige Ausbildung der Natur schon festen Fuss gewonnen hat,
soll das Menschenwerk selbst, durch sein blosses Dasein, und durch seine, von
der Absicht seines Wertmeisters unabhängigen Wirkungen wiederum in die Natur
eingreifen, und ein neues belebendes Princip in ihr darstellen. Angebaute Länder
sollen den trägen und feindseligen Dunstkreis der ewigen Wälder, der Wüsteneien,
der Sümpfe beleben und mildern; geordneter und mannigfaltiger Anbau soll rund um
sich her neuen Lebens-und Befruchtungs-Trieb in die Lüfte verbreiten, und die
Sonne soll ihre belebendsten Strahlen in diejenige Atmosphäre ausströmen, in
welcher ein gesundes, arbeitsames und kunstreiches Volk atmet. - Im Andrange
der Not zuerst geweckt, soll späterhin besonnener und ruhig die Wissenschaft
eindringen in die unverrückbaren Gesetze der Natur, die ganze Gewalt dieser
Natur übersehen, und ihre möglichen Entwicklungen berechnen lernen soll eine
neue Natur im Begriffe sich bilden, und an die lebendige und tätige eng sich
anschmiegen, und auf dem Fusse ihr folgen. Und jede Erkenntnis, welche die
Vernunft der Natur abgerungen, soll aufbehalten werden im Laufe der Zeiten, und
Grundlage neuer Erkenntnis werden für den gemeinsamen Verstand unseres
Geschlechts. So soll uns die Natur immer durchschaubarer, und durchsichtiger
werden bis in ihr geheimstes Innere, und die erleuchtete und durch ihre
Erfindungen bewaffnete menschliche Kraft soll ohne Mühe dieselbe beherrschen,
und die einmal gemachte Eroberung friedlich behaupten. Es soll allmählig keines
grösseren Aufwandes an mechanischer Arbeit bedürfen, als ihrer der menschliche
Körper bedarf zu seiner Entwicklung, Ausbildung und Gesundheit, und diese Arbeit
soll aufhören Last zu sein; - denn das vernünftige Wesen ist nicht zum
Lastträger bestimmt.
    Aber es ist nicht die Natur, es ist die Freiheit selbst, die die meisten und
die fürchterlichsten Unordnungen unter unserem Geschlechte verursacht, des
Menschen grausamster Feind ist der Mensch. Noch durchirren gesetzlose Horden von
Wilden ungeheure Wüsteneien; sie begegnen sich in der Wüste, und werden einander
zur festlichen Speise; oder, wo die Cultur die wilden Haufen endlich unter das
Gesetz zu Völkern vereinigte, greifen die Völker einander an mit der Macht, die
ihnen die Vereinigung gab und das Gesetz. Den Mühseligkeiten und dem Mangel
trotzend, durchziehen die Heere friedlich Wald und Feld; sie erblicken einander,
und der Anblick von ihres Gleichen ist des Mordes Losung. Mit dem Höchsten, was
der menschliche Verstand ersonnen, ausgerüstet, durchschneiden die Kriegsflotten
den Ocean; durch Sturm und Wellen hindurch drängen sich Menschen, um auf der
einsamen unwirtbaren Fläche Menschen zu suchen; sie finden sie, und trotzen der
Wut der Elemente, um mit eigener Hand sie zu vertilgen. Im Innern der Staaten
selbst, wo die Menschen zur Gleichheit unter dem Gesetze vereinigt zu sein
scheinen, ist es grossen Teils noch immer Gewalt und List, was unter dem
ehrwürdigen Namen des Gesetzes herrscht; hier wird der Krieg um so schändlicher
geführt, weil er sich nicht als Krieg ankündigt, und dem Befehdeten sogar den
Vorsatz raubt, sich gegen ungerechte Gewalt zu verteidigen. Kleinere
Verbindungen freuen sich laut der Unwissenheit, der Torheit, des Lasters und
des Elendes, in welche die grösseren Haufen ihrer Mitbrüder versunken sind,
machen es sich laut zum angelegensten Zwecke, sie darin zu erhalten, und sie
tiefer hineinzustürzen, damit sie dieselben ewig zu Sklaven behalten; - und
jeden zu verderben, der es wagen sollte, sie zu erleuchten und zu verbessern.
Noch kann überall kein Vorsatz irgend einer Verbesserung gefasst werden, der
nicht ein Heer der mannigfaltigsten, selbstsüchtigen Zwecke aus ihrer Ruhe
aufrege, und zum Kriege reize; der nicht die verschiedensten und einander
widersprechendsten Denkarten zum einmütigen Kampfe gegen sich verbinde. Das
Gute ist immer das schwächere, denn es ist einfach, und kann nur um sein selbst
willen geliebt werden; das Böse lockt jeden Einzelnen mit der Versprechung, die
für ihn die verführendste ist, und die Verkehrten, unter sich selbst im ewigen
Kampfe, schliessen Waffenstillstand, sobald das Gute sich blicken lässt, um
diesem mit der vereinigten Kraft ihres Verderbens entgegenzugehen. Jedoch, kaum
bedarf es ihres Widerstandes; denn noch immer bekämpfen aus Misverstand und
Irrtum, aus Mistrauen, aus geheimer Eigenliebe die Guten einander selbst, - oft
um so heftiger, je ernstlicher jeder von seiner Seite, was er fürs Beste
erkennt, durchzusetzen strebt; und reiben eine Kraft, die vereinigt kaum dem
Bösen die Wage halten würde, im Streite gegeneinander selbst auf: Da tadelt
einer den anderen, dass er mit stürmischer Ungeduld alles übereile, und nicht
erwarten könne, bis der gute Erfolg gehörig vorbereitet sei; während der andere
diesen beschuldigt, dass er aus Zaghaftigkeit und Feigheit nichts ausführen,
gegen seine bessere Ueberzeugung alles lassen wolle, wie es ist, und dass für
ihn die Stunde des Handelns wohl nie anbrechen werde: und nur der Allwissende
könnte sagen, ob einer, und welcher von beiden in diesem Streite Recht habe. Da
hält fast jeder das Geschäft, dessen Notwendigkeit ihm gerade am meisten
einleuchtet, und zu dessen Ausführung er sich die meiste Fertigkeit erworben,
für das wichtigste und angelegenste für den Punct, von welchem alle andere
Verbesserung ausgehen müsse; fordert alte Guten auf, ihre Kräfte mit ihm zu
vereinigen und sie ihm für die Ausführung seines Zweckes zu unterordnen, und
hält es für Verrat an der guten Sache, wenn sie sich dessen weigern; indes die
anderen von ihrer Seite dieselben Ansprüche an ihn machen, und ihn desselben
Verrates beschuldigen, wenn Er sich weigert. So scheinen alle guten Vorsätze
unter den Menschen in leere Bestrebungen zu verschwinden, die keine Spur ihres
Daseins hinter sich lassen; indessen alles so gut oder so schlecht geht, als es
ohne diese Bestrebungen durch den blinden Naturmechanismus gehen kann, und ewig
fortgehen wird.
    
    Ewig fortgehen wird? Nimmermehr; wenn nicht das ganze menschliche Dasein ein
zweckloses und nichts bedeutendes Spiel ist. - Jene wilden Stämme können nicht
immer wild bleiben sollen: es kann kein Geschlecht erzeugt sein mit allen
Anlagen zur vollkommenen Menschheit, das da bestimmt wäre, diese Anlagen nie zu
entwickeln, und nie mehr zu werden, als das, wozu die Natur eines künstlicheren
Tieres völlig hinreichte. Jene Wilden sind bestimmt, die Stammväter kräftiger,
gebildeter und würdiger Generationen zu sein; ausserdem liesse sich kein Zweck
ihres Daseins denken, noch die Möglichkeit dieses Daseins in einer vernünftig
eingerichteten Welt begreifen. Wilde Stämme können cultivirt werden, denn sie
sind es schon geworden, und die cultivirtesten Völker der neuen Welt stammen
selbst von Wilden ab. Ob nun die Bildung unmittelbar aus der menschlichen
Gesellschaft sich natürlich entwickle, oder ob sie immer durch Unterricht und
Beispiel von aussen kommen müsse; und die erste Quelle aller menschlichen Cultur
in einem übermenschlichen Unterrichte zu suchen sei: - auf demselben Wege, auf
welchem die ehemaligen Wilden nunmehr zur Cultur gelangt sind, werden allmählig
auch die gegenwärtigen sie erhalten. Sie werden allerdings durch dieselben
Gefahren und Verderbnisse der ersten bloss sinnlichen Cultur hindurchgehen, von
welchen gegenwärtig die gebildeten Völker gedrückt sind; aber sie werden dadurch
denn doch in Vereinigung mit dem grossen Ganzen der Menschheit treten, und fähig
werden, an den weiteren Fortschritten desselben Anteil zu nehmen. -
    Es ist die Bestimmung unseres Geschlechtes, sich zu einem einigen, in allen
seinen Teilen durchgängig mit sich selbst bekannten, und allentalben auf die
gleiche Weise ausgebildeten Körper zu vereinigen. Die Natur, und selbst die
Leidenschaften und Laster der Menschen haben von Anfang an gegen dieses Ziel
hingetrieben; es ist schon ein grosser Teil des Weges zu ihm zurückgelegt, und
es lässt sich sicher darauf rechnen, dass dasselbe, die Bedingung der weiteren
gemeinschaftlichen Fortschritte, zu seiner Zeit erreicht sein werde. Befrage man
doch die Geschichte nicht, ob die Menschen im Ganzen rein sittlicher geworden!
Zu ausgedehnter, umfassender, gewaltiger Willkür sind sie herangewachsen; aber
beinahe wurde es notwendig durch ihre Lage, dass sie diese Willkür fast nur zum
Bösen anwendeten. Befrage man sie ebensowenig, ob die auf einige wenige Puncte
zusammengedrängte ästetische Bildung und Verstandes-Cultur der Vorwelt nicht
die der neueren Welt dem Grade nach übertroffen haben möchte! Es könnte kommen,
dass man eine beschämende Antwort erhielte, und dass in dieser Rücksicht das
Menschengeschlecht durch sein Alter nicht vorgerückt, sondern zurückgekommen zu
sein schiene. Aber befrage man sie, diese Geschichte, in welchem Zeitpuncte die
vorhandene Bildung am weitesten ausgebreitet, und unter die mehrsten Einzelnen
verteilt gewesen; und man wird ohne Zweifel finden, dass vom Anfange der
Geschichte an bis auf unsere Tage die wenigen lichten Puncte der Cultur sich von
ihrem Mittelpuncte aus erweitert, und einen Einzelnen nach dem anderen, und ein
Volk nach dem anderen ergriffen haben, und dass diese weitere Verbreitung der
Bildung unter unseren Augen fortdauere. - Und dies war das erste Ziel der
Menschheit auf ihrer unendlichen Bahn. Bis dieses erreicht, bis die vorhandene
Bildung jedes Zeitalters über den ganzen bewohnten Erdball verteilt, und unser
Geschlecht der uneingeschränktesten Mitteilung mit sich selbst fähig ist, muss
eine Nation die andere, ein Weltteil den anderen auf der gemeinschaftlichen
Bahn erwarten, und jeder dem allgemeinen Bunde, um dessen willen allein sie
selbst da sind, seine Jahrhunderte des scheinbaren Stillstandes, oder Rückganges
zum Opfer bringen. Nachdem jenes erste Ziel erreicht sein wird, nachdem alles
Nützliche, was an einem Ende der Erde gefunden worden, sogleich Allen bekannt
und mitgeteilt werden wird, dann wird ununterbrochen, ohne Stillstand und
Rückgang, mit gemeinschaftlicher Kraft, und mit Einem Schritte die Menschheit zu
einer Bildung sich erheben, für welche es uns an Begriffen mangelt.
    Im Innern jener sonderbaren Verbindungen, die das vernunftlose Ohngefähr
zusammengebracht, und welche man Staaten nennt, erhält; nachdem sie nur eine
Zeitlang ruhig bestanden haben, der gegen die noch neue Unterdrückung gereizte
Widerstand erschlafft ist, und die Gährung der verschiedenen Kräfte sich gesetzt
hat, - der Misbrauch durch seine Fortdauer, und durch die allgemeine Duldung
eine Art von fester Form, und die herrschenden Stände, im unbestrittenen Genusse
ihrer errungenen Vorrechte, haben nichts mehr zu tun, als dieselben zu
erweitern, und auch der Erweiterung dieselbe feste Form zu geben. Durch ihre
Unersättlichkeit getrieben, werden sie dieselben von Geschlecht zu Geschlecht
erweitern, und nimmer sagen: Hier ists genug; bis endlich die Unterdrückung das
höchste Maass erreicht hat, und völlig unerträglich geworden ist, und die
Unterdrückten von der Verzweiflung die Kraft zurückerhalten werden, die ihnen
ihr schon seit Jahrhunderten ausgetilgter Mut nicht geben konnte. Sie werden
dann nicht länger irgend einen unter sich dulden, der sich nicht begnügt, allen
gleich zu sein und zu bleiben. Um vor gegenseitiger Gewalttätigkeit
untereinander selbst, und vor neuer Unterdrückung sich zu schützen, werden sie
alle unter einander sich die gleichen Verbindlichkeiten auflegen. Ihre
Verabredungen, in welchen jeder über sich selbst beschliesst, was er
beschliesst, und nicht über einen Untergebenen, dessen Leiden ihm selbst nie weh
tun, und dessen Schicksal ihn selbst nie treffen wird: diese Verabredungen,
nach denen keiner hoffen kann, dass Er es sein werde, der die verstattete
Ungerechtigkeit ausüben, sondern jeder befürchten muss, dass er sie erdulden
werde, - diese Verabredungen, welche allein den Namen einer Gesetzgebung
verdienen, die ganz etwas Anderes ist, als jene Verordnungen der verbündeten
Herren an die zahllosen Heerden ihrer Sklaven, diese Verabredungen werden
notwendig gerecht sein, und einen wahren Staat begründen, in welchem jeder
Einzelne durch die Sorge für seine eigene Sicherheit unwiderstehlich gezwungen
wird, die Sicherheit aller Anderen ohne Ausnahme zu schonen, da, zufolge der
getroffenen Einrichtung, jede Beschädigung, die er dem anderen zufügen will,
nicht den anderen trifft, sondern unfehlbar auf ihn selbst zurückfällt.
    Durch die Errichtung dieses einigen wahren Staates, diese feste Begründung
des innerlichen Friedens, ist zugleich der auswärtige Krieg, wenigstens mit
wahren Staaten, seiner Möglichkeit nach abgeschnitten. Schon um seines eigenen
Vorteils willen, schon um in seinem eigenen Bürger keinen Gedanken an Unrecht,
Raub und Gewalttätigkeit aufkommen, und ihm keine Möglichkeit des Gewinnes
übrig zu lassen, ausser durch Fleiss und Arbeitsamkeit in der vom Gesetze
angewiesenen Sphäre, muss jeder Staat die Verletzung eines Bürgers des
benachbarten Staates ebenso streng verbieten, so sorgfältig verhindern, so genau
ersetzen lassen, und so hart bestrafen, als ob sie an dem eigenen Mitbürger
ausgeübt wäre. Dieses Gesetz über die Sicherheit der Nachbaren ist notwendiges
Gesetz jedes Staates, der kein Räuberstaat ist. Und hierdurch ist dann die
Möglichkeit jeder gerechten Klage eines Staates gegen den anderen, und jeder
Fall der Notwehr unter den Völkern völlig aufgehoben. Es gibt nicht notwendig
und fortdauernd unmittelbare Verhältnisse der Staaten, als solcher, zu einander,
über die sie in Streit geraten könnten; es gibt in der Regel nur Beziehungen
der einzelnen Mitbürger eines Staates auf die einzelnen Mitbürger des anderen;
nur in der Person eines seiner Bürger könnte ein Staat verletzt werden; aber
diese Verletzung wird auf der Stelle ersetzt, und so der beleidigte Staat
befriedigt. - Es gibt zwischen solchen Staaten keinen Rang, der da beleidigt,
keinen Ehrgeiz, der da verletzt werden könnte; zur Einmischung in die inneren
Angelegenheiten eines fremden Staates ist kein Beamter bevollmächtigt, noch kann
er dazu versucht werden, indem ihm für seine Person nicht der geringste Vorteil
aus einem solchen Einflusse entstehen könnte. Dass eine ganze Nation
beschliessen solle, des Raubes halber ein benachbartes Land mit Kriege zu
überziehen, ist unmöglich, indem in einem Staate, in welchem alle gleich sind,
der Raub nicht die Beute einiger Wenigen werden, sondern unter alle sich gleich
verteilen müsste, dieser Anteil des Einzelnen aber ihm nimmermehr die Mühe des
Krieges lohnen würde. Nur da, wo der Vorteil den wenigen Unterdrückern zu Teil
wird, der Nachteil aber, die Mühe, die Kosten, auf das zahllose Heer der
Sklaven fällt, ist ein Raubkrieg möglich und begreiflich. - Nicht von Staaten
ihres Gleichen könnten diese Staaten Krieg Zu befürchten haben; lediglich von
Wilden oder Barbaren, die die Ungeschicklichkeit, durch Arbeit sich zu
bereichern, zum Raube reizte, oder von Sklavenvölkern, die durch ihre Herren auf
einen Raub ausgetrieben würden, von welchem sie selbst nie etwas geniessen
werden. Gegen die ersteren ist ohne Zweifel schon jeder einzelne Staat durch die
Künste der Kultur der stärkere; gegen die letzteren durch Verbindung sich zu
stärken, heischt der gemeinsame Vorteil aller. Kein freier Staat kann
Verfassungen, deren Oberherren Vorteile davon haben, wenn sie benachbarte
Völker unterjochen, und die daher durch ihr blosses Dasein die Ruhe der
Nachbaren unaufhörlich bedrohen, vernünftigerweise neben sich dulden; die Sorge
für ihre eigene Sicherheit nötigt alle freie Staaten, alles um sich herum
gleichfalls in freie Staaten umzuschaffen, und so um ihres eigenen Wohles willen
das Reich der Cultur über die Wilden, das der Freiheit über die Sklavenvölker
rund um sich her zu verbreiten. Bald werden die durch sie gebildeten oder
befreiten Völker mit ihren noch barbarischen oder sklavischen Nachbaren in
dieselbe Lage geraten, in welcher die früher freien vor Kurzem noch mit ihnen
selbst waren, und genötigt sein, dasselbe für diese zu tun, was soeben für sie
geschah: und so wird denn, nachdem nur einige wahrhaft freie Staaten entstanden,
notwendig das Gebiet der Cultur und der Freiheit, und mit ihm des allgemeinen
Friedens, allmählig den ganzen Erdball umschlingen.
    So erfolgt notwendig aus der Errichtung einer rechtlichen Verfassung im
Innern, und aus der Befestigung des Friedens zwischen den Einzelnen
Rechtlichkeit im äusseren Verhältnisse der Völker gegen einander, und
allgemeiner Friede der Staaten. Jene Errichtung einer rechtlichen Verfassung im
Innern aber, und die Befreiung des ersten Volkes, das da wahrhaftig frei wird,
erfolgt notwendig aus dem stets wachsenden Drucke der herrschenden Stände auf
die beherrschten, so lange, bis er unleidlich wird; - ein Fortschritt, welchen
man den Leidenschaften und der Verblendung jener Stände, auch wenn sie gewarnt
werden, sehr ruhig überlassen kann.
    In diesem einzig wahren Staate wird überhaupt alle Versuchung zum Bösen, ja
sogar die Möglichkeit, vernünftigerweise eine böse Handlung zu beschliessen,
rein abgeschnitten sein, und es wird dem Menschen so nahe gelegt werden, als es
ihm gelegt werden kann, seinen Willen auf das Gute zu richten.
    Es ist kein Mensch, der das Böse liebe, weil es böse ist; er liebt in ihm
nur die Vorteile und Genüsse, die es ihm verheisset, und die es ihm in der
gegenwärtigen Lage der Menschheit mehrenteils wirklich gewährt. So lange diese
Lage fortdauert, so lange ein Preis auf das Laster gesetzt ist, ist eine
gründliche Vorbesserung der Menschen im Ganzen kaum zu hoffen. Aber in einer
bürgerlichen Verfassung, wie sie sein soll, wie sie durch die Vernunft gefordert
wird, wie der Denker leicht sie beschreibt, ohnerachtet er bis jetzt sie
nirgends findet, und wie sie sich unter dem ersten Volke, das sich wahrhaftig
befreit, notwendig bilden wird - in einer solchen Verfassung zeigt das Böse
keine Vorteile, sondern vielmehr die sichersten Nachteile, und durch die
blosse Selbstliebe wird die Ausschweifung der Selbstliebe in ungerechte
Handlungen unterdrückt. Nach der untrüglichen Einrichtung in einem solchen
Staate ist jede Bevorteilung und Unterdrückung des anderen, jede Vergrösserung
auf desselben Kosten nicht nur sicher vergeblich, und alle Mühe dabei verloren,
sondern sie kehrt sich sogar gegen ihren Urheber; und ihn selbst trifft
unausbleiblich das Uebel, das er dem anderen zufügen wollte. In seinem Staate,
ausser seinem Staate, auf dem ganzen Erdboden trifft er keinen, den er
ungestraft beleidigen könne. Aber es ist nicht zu erwarten, dass jemand Böses
beschliessen werde, bloss um Böses zu beschliessen, ohnerachtet er es nie
ausführen kann, und nichts daraus erfolgt, als sein eigener Schade. Der Gebrauch
der Freiheit zum Bösen ist aufgehoben; der Mensch muss sich entschliessen, diese
seine Freiheit entweder gänzlich aufzugeben, und geduldig ein leidendes Rad in
der grossen Maschine des Ganzen zu werden, oder dieselbe auf das Gute zu wenden.
Und so wird dem auf dem so vorbereiteten Boden leicht das Gute gedeihen. Nachdem
keine selbstsüchtige Absichten mehr die Menschen zu teilen, und ihre Kräfte im
Kampfe untereinander selbst aufzureiben vermögen, bleibt ihnen nichts übrig, als
ihre vereinigte Macht gegen den einigen gemeinschaftlichen Gegner zu richten,
der ihnen noch übrig ist, die widerstrebende, ungebildete Natur; nicht mehr
getrennt durch Privatzwecke, verbinden sie sich notwendig zu dem einigen,
gemeinsamen Zwecke, und es entsteht ein Körper, den allentalben derselbe Geist
und dieselbe Liebe belebt.. Jeder Nachteil des Einzelnen ist nun, da er nicht
mehr Vorteil für irgend einen anderen sein kann, Nachteil für das Ganze, und
für jedes einzelne Glied desselben, und wird in jedem Gliede mit demselben
Schmerze empfunden, und mit derselben Tätigkeit ersetzt; jeden Fortschritt, den
ein Mensch gemacht hat, hat die ganze menschliche Natur gemacht. Hier wo das
kleine, enge Selbst der Personen schon durch die Verfassung vernichtet ist,
liebt jeder jeden anderen wahrhaft als sich selbst, als Bestandteil jenes
grossen Selbst, das allein für seine Liebe übrig bleibt, und von dem auch er
nichts mehr ist, als ein blosser Bestandteil, der nur mit dem Ganzen zugleich
gewinnen oder verlieren kann. Hier ist der Widerstreit des Bösen gegen das Gute
aufgehoben, denn es kann kein Böses mehr aufkommen. Der Streit der Guten
untereinander, selbst über das Gute, verschwindet, nun es ihnen erleichtert ist,
das Gute wahrhaft um sein selbst, nicht um ihrer selbst willen, als der Urheber
davon, zu lieben; nun es ihnen nur noch darum zu tun sein kann, dass es
geschehe, dass die Wahrheit gefunden, dass die nützliche Tat ausgeführt werde,
nicht aber, durch Wen es geschehe. Hier ist jeder immer in Bereitschaft, seine
Kraft an die Kraft des anderen anzuschliessen, und sie der des anderen
unterzuordnen; wer nach dem Urteile aller das Beste am besten ausführen wird,
den werden alle unterstützen, und des Gelingens mit gleicher Freude geniessen.
    
    Dieses ist der Zweck unseres irdischen Lebens, den uns die Vernunft
aufstellt, und für dessen unfehlbare Erreichung sie bürgt. Es ist dies kein
Ziel, nach dem wir nur zu streben hätten, um unsere Kräfte an etwas Grossem zu
üben, dessen Wirklichkeit aber wir etwa aufgeben müssten: es soll, es muss
wirklich werden, es muss in irgend einer Zeit erreicht sein sollen dieses Ziel;
so gewiss eine Sinnenwelt ist, und ein vernünftiges Geschlecht in der Zeit, bei
welchem ausser jenem Zwecke sich Bar nichts Ernstaftes und Vernünftiges denken
lässt, und dessen Dasein allein durch jenen Zweck begreiflich wird. Soll nicht
das ganze menschliche Leben sich verwandeln in ein Schauspiel für einen
bösartigen Geist, der den Armen dieses unaustilgbare Streben nach dem
Unvergänglichen einpflanzte, bloss um sich an ihrem unaufhörlichen Ringen nach
dem, was sie unaufhörlich flieht, an ihrem jedesmal wiederholten Haschen nach
dem, was ihnen abermals entschlüpfen wird, an ihrem rastlosen Herumtreiben im
stets wiederkehrenden Kreise zu belustigen, und ihres Ernstes beim
abgeschmackten Possenspiel zu lachen; soll nicht der Weise, der dieses Spiel
bald durchschauen, und den es verdriessen wird, seine Rolle in demselben
fortzuführen, das Leben von sich werfen, und der Augenblick des Erwachens zur
Vernunft der Augenblick des irdischen Todes werden: - so muss jener Zweck
erreicht werden sollen. O, er ist erreichbar im Leben und durch das Leben, denn
die Vernunft gebietet mir zu leben; er ist erreichbar, denn - ich bin.
                                      III.
    Aber wenn er nun erreicht sein, und die Menschheit am Ziele stehen wird, was
wird sie dann tun? Es gibt über jenen Zustand keinen höheren auf Erden; das
Geschlecht, das ihn zuerst erreichte, kann nichts weiter tun, als in demselben
verharren, und ihn kräftigst behaupten, sterben und Nachkommen hinterlassen, die
dasselbe tun werden, was sie schon taten, und die abermals Nachkommen
hinterlassen werden, welche dasselbe tun. Die Menschheit stünde dann still auf
ihrer Bahn; darum kann ihr irdisches Ziel nicht ihr höchstes Ziel sein. Dieses
irdische Ziel ist begreiflich, und erreichbar und endlich. Denken wir immer die
vorhergehenden Generationen, als Mittel für die letzte vollendete; wir entgehen
dadurch nicht der Frage der ernsten Vernunft, wozu denn nun wiederum diese
letzte sei. Nachdem einmal ein Menschengeschlecht auf der Erde da ist, soll es
freilich kein vernunftwidriges, sondern ein vernünftiges Dasein haben, und zu
allem werden, wozu es auf der Erde werden kann; aber warum sollte es denn
überhaupt da sein, dieses Menschengeschlecht, und warum blieb es nicht
ebensowohl im Schoss des Nichts? Die Vernunft ist nicht um des Daseins,
sondern das Dasein ist um der Vernunft willen. Ein Dasein, das nicht durch sich
selbst die Vernunft befriedigt, und alle ihre Fragen löset, ist unmöglich das
wahre Sein.
    Und dann, sind denn auch wirklich die durch die Stimme des Gewissens, durch
diese Stimme, über deren Aussage ich nicht klügeln darf, sondern ihr stumm
gehorchen muss - sind die durch sie gebotenen Handlungen auch wirklich die
Mittel, und die einigen Mittel, den irdischen Zweck der Menschheit
herbeizuführen? Dass ich nicht anders kann, als sie auf diesen Zweck beziehen,
und keine andere Absicht mit ihnen haben darf, als diese, ist unstreitig; aber
wird denn diese meine Absicht immer erreicht? Bedarf es nichts weiter, als das
Beste zu wollen, damit es geschehe? O, die meisten guten Entschliessungen gehen
für diese Welt völlig verloren, und andere scheinen sogar dem Zwecke
entgegenzuwirken, den man sich bei ihnen vorsetzte. Dagegen führen sehr oft die
verächtlichsten Leidenschaften der Menschen, ihre Laster und ihre Untaten, das
Bessere sicherer herbei, als die Bemühungen des Rechtschaffenen, der nie Böses
tun will, damit Gutes daraus erfolge; und es scheint, dass das Welt-Beste, ganz
unabhängig von allen menschlichen Tugenden oder Lastern, nach seinem eigenen
Gesetze, durch eine unsichtbare und unbekannte Kraft, wachse und gedeihe, ebenso
wie die Himmels-Körper, unabhängig von allen menschlichen Bemühungen, ihre
angewiesene Bahn durchlaufen; und dass diese Kraft alle menschliche Absichten,
gute und böse, in ihren eigenen höheren Plan mit fortreisse, und, was für andere
Zwecke unternommen wurde, übermächtig für ihren eigenen Zweck gebrauche.
    Wenn also auch die Erreichung jenes irdischen Zieles die Absicht unseres
Daseins sein könnte, und der Vernunft dabei keine Fragen übriggelassen würden,
so wäre dieser Zweck wenigstens nicht der unserige, sondern der jener
unbekannten Kraft. Wir wissen keinen Augenblick, was diesen Zweck befördert; uns
bliebe nichts übrig, als jener Kraft durch unsere Handlungen irgend einen Stoff,
ganz gleich welchen, hinzugeben, und es ihr zu überlassen, dass sie denselben
ihrem Ziele gemäss bearbeite. Es würde zur höchsten Weisheit, uns nicht um Dinge
zu bemühen, die uns nicht angehen; zu leben, wie es uns jedesmal anwandelte, und
den Erfolg ruhig jener Kraft zu überlassen. Das Sittengesetz in unserem Innern
würde leer und überflüssig, und passte schlechtin nicht in ein Wesen, das nicht
mehr vermöchte, und zu nichts Höherem bestimmt wäre. Um mit uns selbst einig zu
werden, müssten wir der Stimme desselben den Gehorsam versagen, und sie, als
eine verkehrte und törichte Schwärmerei in uns, unterdrücken.
    
    Nein, ich will ihr den Gehorsam nicht versagen, so wahr ich lebe und bin,
ich will ihr gehorchen, schlechtin weil sie gebietet. Dieser Entschluss sei das
Erste und Höchste in meinem Geiste, dasjenige, wonach alles Andere sich richte,
der aber sich selbst nach keinem anderen richte, noch von ihm abhänge; er sei
das innerste Princip meines geistigen Lebens.
    Aber schlechtin für nichts und um nichts kann ich als vernünftiges Wesen,
dem durch seinen blossen Entschluss schon ein Zweck hingestellt wird, nicht
handeln. Soll ich jenen Gehorsam für vernünftig anzuerkennen vermögen, soll es
wirklich die mein Wesen bildende Vernunft, nicht eine selbst erdichtete, oder
eine irgend woher angeworfene Schwärmerei sein, welche mir den Gehorsam
gebietet, so muss dieser Gehorsam doch irgend einen Erfolg haben, und zu irgend
etwas dienen. Er dient offenbar nicht für den Zweck der irdischen Welt; es muss
sonach eine überirdische Welt geben, für deren Zweck er diene.
    
    Der Nebel der Verblendung fällt von Meinem Auge; ich erhalte ein neues
Organ, und eine neue Welt geht in demselben mir auf. Sie geht mir auf, lediglich
durch das Vernunftgebot, und schliesst nur an dieses in meinem Geiste sich an.
Ich umfasse diese Welt - ich muss wohl, durch meine sinnliche Ansicht
beschränkt, das Unnennbare so benennen - ich umfasse diese Welt lediglich in dem
Zwecke und unter dem Zwecke, den mein Gehorsam haben muss; sie ist ganz und gar
nichts Anderes, als dieser notwendige Zweck selbst, den meine Vernunft dem
Gebote hinzufügt.
    Wie könnte ich auch, alles übrige abgerechnet, glauben, dass dieses Gesetz
für die Sinnenwelt berechnet sei, und der ganze Zweck des Gehorsams, den
dasselbe fordert, in ihr liege; da dasjenige, worauf es bei diesem Gehorsam
allein ankommt, in ihr überhaupt zu nichts dient, nie Ursache werden, noch
Folgen haben kann. In der Sinnenwelt, die an der Kette der materiellen Ursachen
und Wirkungen fortläuft; in welcher das, was erfolgt, von dem abhängt, was
vorher geschahe, kommt es nie darauf an, wie, mit welchen Absichten und
Gesinnungen eine Tat unternommen würde, sondern nur, welches diese Tat sei.
    Wäre das die ganze Absicht unseres Daseins, einen irdischen Zustand unseres
Geschlechtes hervorzubringen, so bedürfte es lediglich eines unfehlbaren
Mechanismus, der unser äusseres Handeln bestimmte, und wir brauchten nichts mehr
zu sein, als der ganzen Maschine wohleingepasste Räder. Die Freiheit wäre dann
nicht bloss vergebens, sondern sogar zweckwidrig; der gute Wille vollkommen
überflüssig. Die Welt wäre höchst ungeschickt eingerichtet, und ginge mit
Verschwendung und durch Umwege zu ihrem Ziele. Hättest du, mächtiger Weltgeist,
diese Freiheit, die du nur mit Mühe und durch eine andere Veranstaltung deinen
Planen anpassen musst, uns lieber genommen, und uns geradezu genötigt zu
handeln, wie wir für deine Plane handeln sollten! du kämst dann auf dem
kürzesten Wege zum Ziele, wie der geringste der Bewohner deiner Welten dir sagen
kann. - Aber ich bin frei; und darum kann ein solcher Zusammenhang der Ursachen
und Wirkungen, in welchem die Freiheit absolut überflüssig und zwecklos ist,
meine ganze Bestimmung nicht erschöpfen. Ich soll frei sein; denn nicht die
mechanisch hervorgebrachte Tat, sondern die freie Bestimmung der Freiheit
lediglich um des Gebotes, und schlechtin um keines anderen Zweckes willen - so
sagt uns die innere Stimme des Gewissens - diese allein macht unseren wahren
Wert aus. Das Band, mit welchem das Gesetz mich bindet, ist ein Band für
lebendige Geister: es verschmäht, über den todten Mechanismus zu herrschen, und
wendet sich allein an das Lebendige und Selbsttätige. Diesen Gehorsam verlangt
es; dieser Gehorsam kann nicht überflüssig sein.
    
    Und hiermit geht die ewige Welt heller vor mir auf, und das Grundgesetz
ihrer Ordnung steht klar vor dem Auge meines Geistes. In ihr ist rein und bloss
der Wille, wie er im geheimen Dunkel meines Gemüts vor allen sterblichen Augen
verschlossen liegt, erstes Glied einer Kette von Folgen, die durch das ganze
unsichtbare Reich der Geister hindurchläuft; so wie in der irdischen Welt die
Tat, eine gewisse Bewegung der Materie, erstes Glied einer materiellen Kette
wird, die das ganze System der Materie durchfliesset. Der Wille ist das Wirkende
und Lebendige der Vernunftwelt, so wie die Bewegung das Wirkende und Lebendige
der Sinnenwelt ist. Ich stehe im Mittelpuncte zweier gerade entgegengesetzter
Welten, einer sichtbaren, in der die Tat, einer unsichtbaren und schlechtin
unbegreiflichen, in der der Wille entscheidet; ich bin eine der Urkräfte für
beide Welten. Mein Wille ist es, der beide umfasst. Dieser Wille ist schon an
und für sich selbst Bestandteil der übersinnlichen Welt; so wie ich ihn durch
irgend einen Entschluss bewege, bewege und verändere ich etwas in dieser Welt,
und meine Wirksamkeit fliesst fort über das Ganze, und bringt Neues, ewig
Dauerndes hervor, das da nun ist, und nicht mehr gemacht zu werden bedarf.
Dieser Wille bricht aus in eine materielle Tat, und diese Tat gehört der
Sinnenwelt an, und wirkt in derselben, was sie wirken kann.
    Nicht erst, nachdem ich aus dem Zusammenhange der irdischen Welt gerissen
sein werde, werde ich den Eintritt in die überirdische erhalten; ich bin und
lebe schon jetzt in ihr, weit wahrer, als in der irdischen; schon jetzt ist sie
mein einziger fester Standpunct, und das ewige Leben, das ich schon längst in
Besitz genommen, ist der einige Grund, warum ich das irdische noch fortführen
mag. Das, was sie Himmel nennen, liegt nicht jenseits des Grabes; es ist schon
hier um unsere Natur verbreitet, und sein Licht geht in jedem reinen Herzen auf.
Mein Wille ist mein, und er ist das einige, das ganz mein ist, und vollkommen
von mir selbst abhängt, und durch ihn bin ich schon jetzt ein Mitbürger des
Reiches der Freiheit und der Vernunfttätigkeit durch sich selbst. Welche
Bestimmung meines Willens - des einzigen, wodurch ich vom Staube herauf in
dieses Reich eingreife, - in die Ordnung desselben passe, sagt mir in jedem
Augenblicke mein Gewissen, das Band, an welchem jene Welt unablässig mich hält
und mit sich verknüpft; und es hängt ganz von mir selbst ab, mir die gebotene
Bestimmung zu geben. Ich bearbeite dann mich selbst für diese Welt, arbeite
sonach in ihr, und für sie, indem ich eines ihrer Glieder bearbeite; verfolge in
ihr, und nur in ihr, ohne Wanken und Zweifel nach einer festen Regel meinen
Zweck, - des Erfolges sicher, indem da keine fremdartige Macht meinem Willen
entgegensteht - Dass in der Sinnenwelt mein Willen sofern er nur wirklich Wille
ist, wie er soll, auch noch zur Tat wird, ist lediglich das Gesetz dieser
sinnlichen Welt. Ich wollte nicht so die Tat, wie den Willen; nur der letztere
war ganz und rein mein Werk, und er war auch alles, was rein aus mir selbst
hervorging. Es bedurfte nicht noch eines besonderen Actes von meiner Seite, um
an ihn die Tat anzuknüpfen: sie knüpfte sich selbst an ihn an, nach dem Gesetze
der zweiten Welt, mit welcher ich durch meinen Willen zusammenhänge, und in
welcher dieser Wille gleichfalls Urkraft ist, wie in der ersten. - Ich bin
freilich, wenn ich den durch das Gewissen mir gebotenen Willen, als Tat, und
als wirkende Ursache in der Sinnenwelt ansehe, genötigt, ihn auf jenen
irdischen Zweck der Menschheit als Mittel zu beziehen: nicht, als ob ich dann
den Weltplan erst übersehen, und nach dieser Einsicht berechnen müsste, was ich
zu tun hätte; sondern das unmittelbar durch das Gewissen mir gebotene bestimmte
Handeln stellt sich mir ohne weiteres dar, als dasjenige, wodurch allein in
meiner Lage ich zur Erreichung jenes Zwecks beitragen könne. Ob es mir nun nach
der Tat scheine, als ob durch sie der Zweck nicht befördert, ja, als ob er
sogar gehindert worden wäre; reuen kann mich die Tat darum nicht, an mir selbst
darüber irre werden kann ich nicht, so wahr ich nur meinem Gewissen gehorchte,
indem ich sie vollzog; welche Folgen sie auch für diese Welt haben möge, für die
andere Welt kann nichts Anderes, denn Gutes aus ihr folgen. Und selbst für diese
Welt gebietet mir nun, eben, weil die Tat für ihren Zweck verloren zu sein
scheint, mein Gewissen, dieselbe zweckmässiger zu wiederholen, oder, weil sie
denselben gehindert zu haben scheint, das Nachteilige aufzuheben, und das dem
Erfolge Widerstrebende zu vernichten. Ich will, wie ich soll; und die neue Tat
erfolgt. Es kann geschehen, dass die Folgen dieser neuen Tat in der Sinnenwelt
mir nicht erspriesslicher erscheinen, als die der ersteren; aber ich bleibe
ebenso ruhig über sie in Rücksicht der anderen Welt, und für die gegenwärtige
ist es mir nun aufgelegt, durch neues Wirken das Vorhergehende zu verbessern.
Und so möchte es immer scheinen, dass ich durch mein ganzes irdisches Leben das
Gute in dieser Welt nicht um eines Haares Breite weiter bringe, auf geben darf
ich es doch nicht; nach jedem mislungenen Schritte muss ich glauben, dass doch
der nächste gelingen könne; für jene Welt aber ist kein Schritt verloren. -
Kurz, den irdischen Zweck befördere ich nicht lediglich um sein selbst willen,
und als letzten Endzweck; sondern darum, weil mein wahrer letzter Zweck,
Gehorsam gegen das Gesetz, in der gegenwärtigen Welt sich mir nicht anders
darstellt, denn als Beförderung jenes Zweckes. Ihn dürfte ich aufgeben, wenn ich
nur jemals dem Gesetze den Gehorsam verweigern dürfte, oder, wenn sich dasselbe
mir in diesem Leben jemals anders darstellen könnte, denn als ein Gebot, diesen
Zweck in meiner Lage zu befördern; ihn werde ich wirklich aufgegeben haben in
einem anderen Leben, in welchem das Gebot mir einen anderen hienieder völlig
unbegreiflichen Zweck setzen wird. In diesem Leben muss ich ihn befördern wollen
, weil ich gehorchen muss; ob er durch die Tat, die aus diesem gesetzmässigen
Wollen erfolgt, wirklich befördert werde, ist nicht meine Sorge; ich bin nur für
den Willen, der hienieden freilich nur auf den irdischen Zweck gehen kann, nicht
aber für den Erfolg verantwortlich. Vor der Tat kann ich diesen Zweck nie
aufgeben; die Tat aber kann ich, nachdem sie vollbracht ist, wohl aufgeben, und
sie wiederholen, oder verbessern. Ich lebe und wirke sonach scholl hier, meinem
eigentlichsten Wesen und meinem nächsten Zwecke nach, nur für die andere Welt,
und die Wirksamkeit für dieselbe ist die einzige, der ich ganz sicher bin; für
die Sinnenwelt wirke ich nur um der anderen willen, und darum, weil ich für die
andere gar nicht wirken kann, ohne für diese wenigstens wirken zu wollen.
    
    Ich will mich festsetzen, ich will mich einheimisch machen in dieser mir
ganz neuen Ansicht meiner Bestimmung. - Das gegenwärtige Leben lässt sich
vernünftigerweise nicht als die ganze Absicht meines Daseins, und des Daseins
eines Menschengeschlechts überhaupt denken; es ist in mir Etwas, und es wird von
mir Etwas gefordert, das in diesem ganzen Leben keine Anwendung findet, und für
das Höchste, was auf der Erde hervorgebracht werden kann, völlig zwecklos und
überflüssig ist. Der Mensch muss sonach einen über dieses Leben hinausliegenden
Zweck haben Soll aber das gegenwärtige Leben, welches ihm dennoch aufgelegt
wird, und das lediglich zur Entwickelung der Vernunft bestimmt sein kann, indem
ja die schon erwachte Vernunft uns gebietet, dasselbe zu erhalten, und den
höchsten Zweck desselben aus allen Kräften zu befördern - soll dieses Leben
nicht völlig vergebens und unnütz sein in der Reihe unseres Daseins, so muss es
sich zu einem künftigen Leben wenigstens verhalten, wie Mittel zum Zwecke. Nun
gibt es in diesem gegenwärtigen Leben nichts, dessen letzte Folgen nicht auf
der Erde blieben, nichts, wodurch es mit einem künftigen Leben zusammenhängen
könnte, ausser dem guten Willen; welcher hinwiederum in dieser Welt, zufolge des
Grundgesetzes derselben, an sich nichts fruchtet. Der gute Wille nur kann es
sein, er muss es sein, durch den wir für ein anderes Leben, und für das erst
dort uns aufzustellende nächste Ziel desselben arbeiten; die uns unsichtbaren
Folgen dieses guten Willens sind es, durch die wir in jenem Leben erst einen
festen Standpunct, von welchem aus wir dann weiter in ihm fortrücken können, uns
erwerben.
    
    Dass unser guter Wille an und für und durch sich selbst Folgen haben müsse,
wissen wir schon in diesem Leben, denn die Vernunft kann nichts Zweckloses
gebieten; welches aber diese Folgen seien, ja wie es nur möglich sei, dass ein
blosser Wille etwas wirken könne, darüber können wir auch nicht einmal etwas
denken, so lange wir noch in dieser materiellen Welt befangen sind, und es ist
Weisheit, eine Erforschung, von der wir schon vorher wissen können, dass sie uns
mislingen werde, gar nicht zu unternehmen. In Rücksicht der Beschaffenheit
dieser Folgen ist also das gegenwärtige Leben in Beziehung auf ein künftiges ein
Leben im Glauben. Im künftigen Leben werden wir diese Folgen besitzen, denn wir
werden mit unserer Wirksamkeit von ihnen ausgehen, und auf sie fortbauen; dieses
andere Leben wird sonach in Beziehung auf die Folgen unseres guten Willens im
gegenwärtigen ein Leben des Schauens sein. Wir werden auch in diesem andern
Leben ein nächstes Ziel für dasselbe aufgestellt erhalten, wie wir es im
gegenwärtigen hatten; denn wir müssen fort tätig sein. Aber wir bleiben
endliche Wesen - und für endliche Wesen ist jede Tätigkeit eine bestimmte; und
bestimmte Tat bat ein bestimmtes Ziel. Wie im gegenwärtigen Leben zum Ziele
desselben sich verhält die vorhanden gefundene Welt, die zweckmässige
Einrichtung dieser Welt für die uns gebotene Arbeit, die schon erreichte Cultur
und Güte unter den Menschen, und unsere eigenen sinnlichen Kräfte: so worden im
künftigen Leben zum Ziele desselben sich verhalten die Folgen unseres guten
Willens im gegenwärtigen. Das gegenwärtige ist der Anfang unserer Existenz; es
wird uns eine Ausstattung für dasselbe und ein fester Boden in ihm frei
geschenkt: das künftige ist die Fortsetzung dieser Existenz; für dasselbe müssen
wir einen Anfang, und einen bestimmten Standpunct uns selbst erwerben.
    Und nun erscheint das gegenwärtige Leben nicht mehr als unnütz und
vergeblich; dazu, und nur allein dazu, um diesen festen Grund in einem künftigen
Leben zu gewinnen, ist es uns gegeben, und allein vermittelst dieses Grundes
hängt es mit unserem ganzen ewigen Dasein zusammen. - Es ist sehr möglich, dass
auch dieses zweiten Lebens nächstes Ziel durch endliche Kräfte mit Sicherheit
und nach einer Regel eben so unerreichbar sei, als das Ziel des gegenwärtigen
Lebens es ist; und dass auch dort der gute Wille als überflüssig und zwecklos
erscheine. Aber verloren kann er dort ebensowenig sein, als er es hier sein
kann, denn es ist das notwendig fortdauernde, und von ihr unabtrennliche Gebot
der Vernunft. Seine notwendige Wirksamkeit würde sonach in diesem Falle uns auf
ein drittes Leben hinweisen, in welchem die Folgen des guten Willens aus dem
zweiten sich zeigen würden, und welches folgende Leben in diesem zweiten auch
nur geglaubt würde; zwar mit festerer und unerschütterlicher Zuversicht, nachdem
wir die Wahrhaftigkeit der Vernunft schon durch die Tat erfahren, und die
Früchte eines reinen Herzens in einem schon vollendeten Leben treu aufbewahrt
wiedergefunden hätten.
    Wie in dem gegenwärtigen Leben allein aus dem Gebote einer bestimmten
Handlung unser Begriff eines bestimmten Zieles, und aus diesem die ganze
Anschauung der uns gegebenen Sinnenwelt entsteht, eben so wird im künftigen auf
ein ähnliches, jetzt für uns völlig undenkbares Gebot der Begriff eines nächsten
Ziels für dieses Leben, und auf dieses die Anschauung einer Welt, in der uns die
Folgen unseres guten Willens im gegenwärtigen Leben vorausgegeben sind, sich
gründen. Die gegenwärtige Welt ist überhaupt nur durch das Pflichtgebot für uns
da; die andere wird uns gleichfalls nur durch ein anderes Pflichtgebot
entstehen: denn auf eine andere Weise gibt es für kein vernünftiges Wesen eine
Welt.
    
    Dies sonach ist meine ganze erhabene Bestimmung, mein wahres Wesen. Ich bin
Glied zweier Ordnungen; einer rein geistigen, in der ich durch den blossen
reinen Willen herrsche, und einer sinnlichen, in der ich durch meine Tat wirke
Der ganze Endzweck der Vernunft ist reine Tätigkeit derselben, schlechtin
durch sich selbst und ohne eines Werkzeuges ausser sich zu bedürfen, -
Unabhängigkeit von allem, das nicht selbst Vernunft ist, absolute Unbedingteit.
Der Wille ist das lebendige Princip der Vernunft, ist selbst die Vernunft, wenn
sie rein und unabhängig aufgefasst wird; die Vernunft ist durch sich selbst
tätig, heisst: der reine Wille, bloss als solcher, wirkt und herrscht.
Unmittelbar und lediglich in dieser rein geistigen Ordnung lebt nur die
unendliche Vernunft. Der Endliche, der nicht die Vernunftwelt selbst, sondern
nur ein einzelnes unter mehreren Gliedern derselben ist, lebt notwendig
zugleich in einer sinnlichen Ordnung, das heisst, in einer solchen, die ihm noch
ein anderes Ziel, ausser der reinen Vernunfttätigkeit, darstellt: einen
materiellen Zweck, - zu befördern durch Werkzeuge und Kräfte, die zwar unter der
unmittelbaren Botmässigkeit des Willens stehen, deren Wirksamkeit aber auch noch
durch ihre eigenen Naturgesetze bedingt ist. Doch muss, so gewiss die Vernunft
Vernunft ist, der Wille schlechtin durch sich selbst, unabhängig von den
Naturgesetzen, durch welche die Tat bestimmt wird, wirken; und darum deutet
jedes sinnliche Leben des Endlichen auf ein höheres, in das ihn der Wille bloss
durch sich selbst einführe, und ihm in demselben Besitz verschaffe - ein Besitz,
der sich uns freilich wieder sinnlich darstellen wird, als ein Zustand,
keinesweges als ein blosser Wille.
    Diese zwei Ordnungen, die rein geistige und die sinnliche, welche letztere
aus einer unübersehbaren Reihe von besonderen Leben bestehen mag, sind von dem
ersten Augenblicke der Entwickelung einer tätigen Vernunft an in mir, und
laufen neben einander fort. Die letztere Ordnung ist nur eine Erscheinung für
mich selbst, und für diejenigen, die mit mir in dem gleichen Leben sich
befinden; die erstere allein gibt dem letzteren Bedeutung, Zweckmässigkeit und
Wert. Ich bin unsterblich, unvergänglich, ewig, sobald ich den Entschluss
fasse, dem Vernunftgesetze zu gehorchen; ich soll es nicht erst werden. Die
übersinnliche Welt ist keine zukünftige Welt; sie ist gegenwärtig; sie kann in
keinem Puncte des endlichen Daseins gegenwärtiger sein, als in dem andern; nach
einem Dasein von Myriaden Lebenslängen nicht gegenwärtiger sein, als in diesem
Augenblicke. Andere Bestimmungen meiner sinnlichen Existenz sind zukünftig; aber
diese sind ebensowenig das wahre Leben, als die gegenwärtige Bestimmung es ist.
Ich ergreife durch jenen Entschluss die Ewigkeit, und streife das Leben im
Staube und alle andere sinnliche Leben, die mir noch bevorstehen können, ab, und
versetze mich hoch über sie. Ich werde mir selbst zur einigen Quelle alles
meines Seins und meiner Erscheinungen; und habe von nun an, unbedingt durch
etwas ausser mir, das Leben in mir selbst. Mein Wille, den ich selbst, und kein
Fremder, in die Ordnung jener Welt füge, ist diese Quelle des wahren Lebens und
der Ewigkeit.
    Aber auch nur mein Wille ist diese Quelle; nur dadurch, dass ich diesen
Willen für den eigentlichen Sitz der sittlichen Güte erkenne, und zu dieser Güte
ihn wirklich erhebe, erhalte ich die Gewissheit und den Besitz jener
übersinnlichen Welt.
    Ohne Aussicht auf irgend einen begreiflichen und sichtbaren Zweck, ohne
Untersuchung, ob aus meinem Willen irgend etwas Anderes erfolge; als das Wollen
selbst, soll ich gesetzmässig wollen. Mehl Wille steht allein da, abgesondert
von allem, was er nicht selbst ist, bloss durch sich, und für sich selbst seine
Welt; nicht bloss, dass er absolut Erstes sei, und dass es vor ihm kein anderes
Glied gebe, das in ihn eingreife, und ihn bestimme; sondern auch, dass aus ihm
kein denkbares und begreifliches Zweites folge, und dadurch seine Wirksamkeit
unter ein fremdes Gesetz falle. Ginge aus ihm ein Zweites, aus diesem ein
Drittes u.s.f. hervor in einer uns denkbaren, der geistigen Welt
entgegengesetzten Sinnenwelt: so würde durch den Widerstand der in Bewegung zu
setzenden selbstständigen Glieder einer solchen Welt seine Kraft gebrochen; die
Art der Wirksamkeit entspräche nicht mehr ganz dem durch das Wollen
ausgedrückten Zweckbegriffe, und der Wille bliebe nicht frei, sondern er würde
zum Teil durch die eigentümlichen Gesetze seiner heterogenen Wirkungssphäre
beschränkt. - So muss ich auch wirklich in der gegenwärtigen, mir allein
bekannten sinnlichen Welt den Willen ansehen. Ich bin freilich genötigt, zu
glauben, das heisst, zu handeln, als ob ich dächte - dass durch mein Wollen
meine Zunge, meine Hand, mein Fuss in Bewegung gesetzt werden könnten; wie aber
ein blosser Hauch, ein Druck der Intelligenz auf sich selbst, wie der Wille es
ist, Princip einer Bewegung in der schweren irdischen Masse sein könne, darüber
kann ich nicht nur nichts denken, sondern selbst die blosse Behauptung ist vor
dem Richterstuhle des betrachtenden Verstandes reiner baarer Unverstand; und auf
diesem Gebiete muss die Bewegung der Materie sogar in mir selbst, rein aus
inneren Kräften der blossen Materie erklärt werden.
    Eine Ansicht von meinem Willen, wie die beschriebene, aber erhalte ich nur
dadurch, dass ich in mir selbst innewerde, derselbe sei nicht etwa bloss
höchstes tätiges Princip für diese Welt, welches er allerdings ohne alle
eigentliche Freiheit durch den blossen Einfluss des gesammten Weltsystems werden
könnte, ohngefähr so, wie wir uns die bildende Kraft in der Natur denken müssen:
sondern er verschmähe schlechtin alle irdische, und überhaupt alle ausser ihm
liegende Zwecke, und stelle sich selbst um sein selbst willen als letzten Zweck
hin. Aber lediglich durch eine solche Ansicht von meinem Willen werde ich in
eine übersinnliche Ordnung hinüber gewiesen, in welcher der Wille rein durch
sich selbst, ohne alles ausser ihm liegende Werkzeug, in einer ihm gleichen,
rein geistigen, von ihm durchaus durchdringbaren Sphäre, Ursache werde. - Dass
das gesetzmässige Wollen schlechtin um sein selbst willen gefordert werde -
eine Kenntnis, die ich nur als Tatsache in meinem Innern finden, und welche
auf keinem anderen Wege an mich gelangen kann - dies war das erste Glied meines
Denkens. Dass diese Forderung vernunftmässig, und die Quelle und Richtschnur
alles, anderen Vernunftmässigen sei, dass sie nach nichts sich richte, alles
Andere aber nach ihr sich richten und von ihr abhängig werden müsse - eine
Ueberzeugung, zu welcher ich abermals nicht von aussen, sondern nur innerlich
gelangen kann, durch den unerschütterlichen Beifall, den ich, mit Freiheit,
jener Forderung gebe - dies war das zweite Glied meines Denkens. Und erst von
diesen Gliedern aus kam ich zum Glauben an eine übersinnliche, ewige Welt. Hebe
ich die ersteren auf, so kann vom letzteren nicht weiter die Rede sein. Eben,
wenn es sich so verhielte, wie Viele sagen, und es ohne weiteren Beweis als von
selbst sich verstehend voraussetzen, und es als den höchsten Gipfel der
Lebensweisheit anpreisen, dass alle menschliche Tugend stets nur einen
bestimmten äusseren Zweck vor sich haben, und dass sie der Erreichbarkeit dieses
Zweckes erst sicher sein müsse, ehe sie handeln könne, und ehe sie Tugend sei -
dass sonach die Vernunft gar nicht in sich selbst ein Princip und eine
Richtschnur ihrer Tätigkeit entielte, sondern diese Richtschnur erst von
aussen her durch die Betrachtung der ihr fremden Welt erhalten müsste - wenn es
so sich verhielte, dann wäre hienieden der Endzweck unseres Daseins; die
menschliche Natur wäre durch unsere irdische Bestimmung vollkommen erschöpft und
durchaus erklärbar, und es gäbe keinen vernünftigen Grund, mit unseren Gedanken
über das gegenwärtige Leben hinauszugehen.
    
    Aber, wie ich soeben mit mir selbst gesprochen, kann jeder Denker; der jene
ersten Glieder irgendwoher historisch, etwa aus Sucht nach dem Neuen und
Ungewöhnlichen, angenommen, und nun von ihnen aus nur richtig weiter fort
folgern kann, reden und lehren. Er trägt uns dann die Denkart eines fremden
Lebens vor, nicht die seines eigenen; alles schwebt ihm leer und bedeutungslos
vorüber, weil es ihm am Sinne mangelt, wodurch man die Realität desselben
ergreift; er ist ein Blinder, der auf einige historisch gelernte wahre Sätze von
den Farben eine durchaus richtige Teorie derselben gebaut hat, ohnerachtet es
für ihn gar keine Farbe gibt; er kann sagen, wie es unter gewissen Bedingungen
sein müsse; aber ihm ist es nicht so, weil er unter diesen Bedingungen nicht
steht. Den Sinn, mit welchen man das ewige Leben ergreift, erhält man nur
dadurch, dass man das Sinnliche und die Zwecke desselben wirklich aufgibt und
aufopfert für das Gesetz, das lediglich unseren Willen in Anspruch nimmt, und
nicht unsere Taten; es aufgibt, mit der festen Ueberzeugung, dass dieses
Verfahren vernunftmässig, und das einzige Vernunftmässige sei. Erst durch diese
Verzichtleistung auf das Irdische tritt der Glaube an das Ewige hervor in
unserer Seele, und wird isolirt hingestellt, als die einige Stütze, an die wir
uns noch halten können, nachdem wir alles Andere aufgegeben, - als das einige
belebende Princip, das unseren Busen noch hebt und unser Leben noch begeistert.
Wohl muss man, nach den Bildern einer heiligen Lehre, der Welt erst absterben
und wiedergeboren werden, um in das Reich Gottes eingehen zu können.
    Ich sehe, o ich sehe nun klar vor mir liegen den Grund meiner ehemaligen
Achtlosigkeit und Blindheit über geistliche Dinge. Von irdischen Zwecken
angefüllt, und in sie mit allem Dichten und Trachten verloren, nur durch den
Begriff eines Erfolges, der ausser uns wirklich werden soll, durch die Begier
darnach, und das Wohlgefallen daran, in Bewegung gesetzt und getrieben,
unempfindlich und todt für den reinen Antrieb der durch sich selbst
gesetzgebenden Vernunft, die uns einen rein geistigen Zweck aufstellt, bleibt
die unsterbliche Psyche angeheftet an den Boden, und ihre Fittige gebunden.
Unsere Philosophie wird die Geschichte unseres eigenen Herzens und Lebens, und
wie wir uns selbst finden, denken wir den Menschen überhaupt und seine
Bestimmung. Nie anders als durch die Begierde nach dem; was in dieser Welt
wirklich werden kann, getrieben, gibt es für uns keine wahre Freiheit, - keine
Freiheit, die den Grund ihrer Bestimmung absolut und durchaus in sich selbst
hätte. Unsere Freiheit ist höchstens die der sich selbst bildenden Pflanze;
nicht ihrem Wesen nach höher, nur im Erfolge künstlicher, nur nicht eine Materie
hervorbringend mit Wurzeln, Blättern, Blüten, sondern ein Gemüt mit Trieben,
Gedanken, Handlungen. Von der wahren Freiheit vermögen wir schlechterdings
nichts zu vernehmen, weil wir nicht im Besitze derselben sind; wir ziehen, wenn
von ihr geredet wird, die Worte zu unserer Bedeutung herab, oder schelten die
Rede kurz und gut für Unsinn. Mit der Erkenntnis der Freiheit geht uns zugleich
der Sinn für eine andere Welt verloren. Alles von dieser Art schwebt vor uns
vorüber, wie Worte, die an uns gar nicht gerichtet sind, wie ein aschgrauer
Schatten, ohne Farbe und Bedeutung, den wir an keinem Ende anzufassen und
festzuhalten vermögen. Wir lassen, ohne die geringste Teilnahme alles an seinen
Ort gestellt. Oder treibt uns ein rüstigerer Eifer, dasselbe jemals ernstlich zu
betrachten, so sehen wir klar ein und können beweisen, dass alle jene Ideen
unhaltbare und gehaltlose Schwärmereien sind, die der verständige Mann wegwirft;
und wir haben nach den Voraussetzungen, von denen wir ausgehen, und die aus
unserer eigenen innersten Erfahrung geschöpft sind vollkommen Recht, und sind
unwiderlegbar und unbelehrbar, so lange wir diejenigen bleiben, die wir sind.
Die mitten unter unserem Volke mit einer besonderen Autorität versehenen
vortrefflichen Lehren über Freiheit, Pflicht und ewiges Leben verwandeln sich
für uns in abenteuerliche Fabeln, ähnlich denen vom Tartarus und den elysäischen
Feldern, ohne dass wir gerade unsere wahre Herzensmeinung entdecken, indem wir
es geraten finden, durch diese Bilder den Pöbel bei der äusseren Ehrbarkeit zu
erhalten; oder sind wir weniger nachdenkend und selbst noch durch die Bande der
Autorität gefesselt, so sinken wir selbst zum wahren Pöbel herab, indem wir
glauben, was so verstanden nur läppische Fabel wäre, und in jenen rein geistigen
Hindeutungen das Versprechen finden, dasselbe erbärmliche Wesen, das wir
hienieden treiben, in alle Ewigkeit fortzusetzen.
    Um mir Alles in Einem zu sagen: - nur durch die gründliche Verbesserung
meines Willens geht ein neues Licht über mein Dasein und meine Bestimmung mir
auf; ohne sie ist, so viel ich auch nachdenken, und mit so vorzüglichen
Geistesgaben ich auch ausgestattet sein mag, eitel Finsternis in mir und um
mich. Nur die Verbesserung des Herzens führt zur wahren Weisheit. Nun so ströme
denn unaufhaltsam mein ganzes Leben auf diesen Einen Zweck hin!
                                      IV.
    Mein gesetzmässiger Wille, bloss als solcher, an und durch sich selbst, soll
Folgen haben, sicher und ohne Ausnahme; jede pflichtmässige Bestimmung meines
Willens, ob aus ihr auch keine Tat erfolgte, soll wirken in einer mir
unbegreiflichen anderen Welt, und ausser dieser pflichtmässigen
Willensbestimmung soll in ihr nichts wirken. - Was denke ich doch, indem ich
dies denke, was setze ich voraus?
    Offenbar ein Gesetz, eine schlechtin ohne Ausnahme geltende Regel, nach
welcher der pflichtmässige Wille Folgen haben muss; eben so, wie ich in der
irdischen Welt, die mich umgibt, ein Gesetz annehme, nach welchem diese Kugel,
wenn sie durch meine Hand mit dieser bestimmten Kraft in dieser bestimmten
Richtung angestossen wird, notwendig in einer solchen Richtung mit einem
bestimmten Maasse von Schnelligkeit sich fortbewegt, etwa eine andere Kugel mit
diesem Maasse von Kraft anstösst, welche nun selbst mit einer bestimmten
Schnelligkeit sich fortbewegt, - und so weiter ins Unbestimmte. Wie ich hier
schon in der blossen Richtung und Bewegung meiner Hand alle auf sie folgenden
Richtungen und Bewegungen erkenne und umfasse, mit derselben Sicherheit, als ob
sie schon gegenwärtig vorhanden und von mir wahrgenommen wären: ebenso umfasse
ich in meinem pflichtmässigen Willen eine Reihe von notwendigen und
unausbleiblichen Folgen in der geistigen Welt, als ob sie schon gegenwärtig
wären; nur dass ich sie nicht wie die Folgen in der materiellen Welt bestimmen
kann, - das heisst, dass ich lediglich weiss, dass, nicht aber wie sie sein
werden; - und eben, indem ich dieses tue, denke ich ein Gesetz der geistigen
Welt, in welcher mein reiner Wille eine der bewegenden Kräfte ist, gleichwie
meine Hand eine der bewegenden Kräfte in der materiellen Welt ist. Jene
Festigkeit meiner Zuversicht, und der Gedanke dieses Gesetzes einer geistigen
Welt sind ganz Eins und ebendasselbe; nicht zwei Gedanken, deren einer durch den
andern vermittelt wurde, sondern ganz derselbe Gedanke; eben so, wie die
Sicherheit, mit welcher ich auf eine gewisse Bewegung rechne, und der Gedanke
eines mechanischen Naturgesetzes dasselbe sind. - Der Begriff: Gesetz, drückt
überhaupt nichts Anderes aus, als das feste unerschütterliche Beruhen der
Vernunft auf einem Satze, und die absolute Unmöglichkeit, das Gegenteil
anzunehmen.
    Ich nehme an ein solches Gesetz einer geistigen Welt, das nicht mein Wille
gibt, noch der Wille irgend eines endlichen Wesens, noch der Wille aller
endlichen Wesen zusammengenommen, sondern, unter dem mein Wille, und der Wille
aller endlichen Wesen selbst steht. Weder ich, noch irgend ein endliches, und
eben darum auf irgend eine Weise sinnliches Wesen vermag, auch nur zu begreifen,
wie ein blosser reiner Wille Folgen haben, und wie diese Folgen beschaffen sein
können, indem darin eben das Wesentliche ihrer Endlichkeit besteht, dass sie das
zu begreifen nicht vermögen; - zwar den blossen Willen als solchen rein in ihrer
Gewalt haben, die Folgen desselben aber durch ihre Sinnlichkeit notwendig als
Zustände erblichen; - wie könnte denn also ich, oder irgend ein endliches Wesen
dasjenige, was wir alle schlechtin nicht denken noch begreifen können, sich als
Zweckbegriff setzen, und es dadurch wirklich machen? - Ich kann nicht sagen,
dass in der materiellen Welt meine Hand, oder irgend ein Körper, der in dieser
Welt mit begriffen und durch das allgemeine Grundgesetz der Schwere bestimmt
ist, das Naturgesetz der Bewegung gebe; dieser Körper steht selbst unter diesem
Naturgesetze, und vermag einen anderen Körper zu bewegen, lediglich diesem
Gesetze gemäss, und inwiefern er zufolge desselben an der allgemeinen bewegenden
Kraft in der Natur Teil hat. Ebensowenig gibt ein endlicher Wille der
übersinnlichen Welt, die kein endlicher Geist umfasst, das Gesetz; sondern alle
endliche Willen stehen unter dem Gesetze derselben, und können in dieser Welt
etwas hervorbringen, nur inwiefern dieses Gesetz schon vorhanden ist und sie
selbst, nach dem Grundgesetze derselben für endliche Willen, durch
Pflichtmässigkeit unter die Bedingung desselben sich fügen, und in die Sphäre
seiner Wirksamkeit eintreten; durch Pflichtmässigkeit, sage ich, das einige
Band, das sie an diese Welt bindet, der einige Nerv, der aus ihr zu ihnen
herabgeht, und das einige Organ, durch welches sie in dieselbe zurückzuwirken
vermögen. Wie die allgemeine Anziehungskraft alle Körper hält, und mit sich und
dadurch untereinander vereinigt, und nur unter ihrer Voraussetzung Bewegung des
Einzelnen möglich ist, so vereinigt und hält in sich, und ordnet unter sich
jenes übersinnliche Gesetz alle endliche Vernunftwesen. - - Mein Wille, und der
Wille aller endlichen Wesen kann angesehen werden aus einem doppelten
Gesichtspuncte: teils als blosses Wollen, ein innerer Act auf sich selbst; und
insofern ist der Wille in sich selbst vollendet, und durch den blossen Act
geschlossen; teils als Etwas, ein Factum. Das letztere wird er zunächst für
mich, inwiefern ich ihn als vollendet ansehe; aber er soll es auch werden ausser
mir; in der Sinnenwelt, bewegendes Princip etwa meiner Hand, aus deren Bewegung
wieder andere Bewegungen erfolgen; in der übersinnlichen Welt, Princip einer
Reihe von geistigen Folgen, von denen ich keinen Begriff habe. In der ersteren
Ansicht, als blosser Act, steht er ganz in meiner Gewalt; dass er das letztere
überhaupt wird, und es als erstes Princip wird, hängt nicht von mir ab, sondern
von einem Gesetze, unter welchem ich selbst stehe, dem Naturgesetze in der
Sinnenwelt, einem übersinnlichen Gesetze in der übersinnlichen Welt.
    Was ist denn nun dies für ein Gesetz der geistigen Welt, das ich denke? -
Ich will mir nämlich diesen Begriff, der nun da steht, fest und gebildet, und
welchem ich nichts hinzutun kann oder darf, nur erklären und auseinandersetzen.
- Offenbar kein solches, wie in meiner, oder in irgend einer möglichen
Sinnenwelt, dem etwas Anderes, als ein blosser Wille, dem ein bestehendes,
ruhendes Sein, aus welchem sich etwa durch den Anstoss eines Willens eine innere
Kraft loswickelte, vorausgesetzt würde. Denn - dies ist ja der Inhalt meines
Glaubens - mein Wille soll schlechtin durch sich selbst, ohne alles seinen
Ausdruck schwächende Werkzeug, in einer ihm völlig gleichartigen Sphäre, als
Vernunft auf Vernunft, als Geistiges auf Geistiges, wirken; - in einer Sphäre,
der er jedoch das Gesetz des Lebens, der Tätigkeit, des Fortlaufens nicht gebe,
sondern, die es in sich selbst habe; also auf selbsttätige Vernunft. Aber
selbsttätige Vernunft ist Wille. Das Gesetz der übersinnlichen Welt wäre sonach
ein Wille.
    Ein Wille, der rein und bloss als Wille wirkt, durch sich selbst,
schlechtin ohne alles Wertzeug, oder sinnlichen Stoff seiner Einwirkung, der
absolut durch sich selbst zugleich Tat ist und Product, dessen Wollen
Geschehen, dessen Gebieten Hinstellen ist; in welchem sonach die Forderung der
Vernunft, absolut frei und selbsttätig zu sein, dargestellt ist. Ein Wille, der
in sich selbst Gesetz ist, der nicht nach Launen und Einfällen, nach vorherigem
Ueberlegen, Wanken und Schwanken sich bestimmt, sondern der ewig und
unveränderlich bestimmt ist, und auf den man sicher und unfehlbar rechnen kann,
so wie der Sterbliche sicher auf die Gesetze seiner Welt rechnet. Ein Wille, in
welchem der gesetzmässige Wille endlicher Wesen unausbleibliche Folgen hat; aber
auch nur dieser ihr Wille; indem er für alles Andere unbeweglich, und alles
Andere für ihn so gut als gar nicht vorhanden ist.
    Jener erhabene Wille geht sonach nicht abgesondert von der übrigen
Vernunftwelt seinen Weg für sich. Es ist zwischen ihm und allen endlichen
vernünftigen Wesen ein geistiges Band, und er selbst ist dieses geistige Band
der Vernunftwelt. - Ich will rein und entschieden meine Pflicht, und Er will
sodann, dass es mir, in der geistigen Welt wenigstens, gelinge. Jeder
gesetzmässige Willensentschluss des Endlichen geht ein in ihn, und - bewegt und
bestimmt ihn, nach unserer Weise zu reden, - nicht zufolge eines
augenblicklichen Wohlgefallens, sondern zufolge des ewigen Gesetzes seines
Wesens. Mit überraschender Klarheit tritt er jetzt vor meine Seele, der Gedanke,
der mir bisher noch mit Dunkelheit umringt war, der Gedanke: dass mein Wille,
bloss als solcher, und durch sich selbst Folgen habe. Er hat Folgen, indem er
durch einen anderen ihm verwandten Willen, der selbst Tat, und das einige
Lebens-Princip der geistigen Welt ist, unfehlbar und unmittelbar vernommen wird;
in ihm hat er seine erste Folge, und erst durch ihn auf die übrige Geisterwelt,
welche überall nichts ist, als ein Product jenes unendlichen Willens.
    So fliesse Ich, - der Sterbliche muss sich der Worte aus seiner Sprache
bedienen - so fliesse Ich ein auf jenen Willen; und die Stimme des Gewissens in
meinem Innern, die in jeder Lage meines Lebens mich unterrichtet, was ich in ihr
zu tun habe, ist es, durch welche Er hinwiederum auf mich einfliesst. Jene
Stimme ist das - nur durch meine Umgebung versinnlichte, und durch mein
Vernehmen in meine Sprache übersetzte Orakel aus der ewigen Welt, das mir
verkündiget, wie ich an meinem Teile in die Ordnung der geistigen Welt, oder in
den unendlichen Willen, der ja selbst die Ordnung dieser geistigen Welt ist,
mich zu fügen habe. Ich überschaue und durchschaue jene geistige Ordnung nicht,
und ich bedarf dessen nicht; ich bin nur ein Glied in ihrer Kette, und kann über
das Ganze ebensowenig urteilen, als ein einzelner Ton im Gesange über die
Harmonie des Ganzen urteilen könnte. Aber was ich selbst sein solle in dieser
Harmonie der Geister, muss ich wissen; denn nur ich selbst kann mich dazu
machen, und es wird mir unmittelbar offenbaret durch eine Stimme, die aus jener
Welt zu mir herübertönt. So stehe ich mit dem Einen, das da ist, in Verbindung,
und nehme Teil an seinem Sein. Es ist nichts wahrhaft Reelles, Dauerndes,
Unvergängliches all mir, als diese beiden Stücke: die Stimme meines Gewissens
und mein freier Gehorsam. Durch die erste neigt die geistige Welt sich zu mir
herab, und umfasst mich, als eins ihrer Glieder; durch den zweiten erhebe ich
mich selbst in diese Welt, ergreife sie und wirke in ihr. Jener unendliche Wille
aber ist der Vermittler zwischen ihr und, mir; denn er selbst ist der Urquell
von ihr und von mir. - Dies ist das einzige Wahre und Unvergängliche, nach
welchem hin meine Seele aus ihrer innersten Tiefe sich bewegt; alles Andere ist
blosse Erscheinung, und schwindet, und kehrt in einem neuen Scheine zurück.
    
    Dieser Wille verbindet mich mit sich selbst; derselbe verbindet mich mit
allen endlichen Wesen meines Gleichen, und ist der allgemeine Vermittler
zwischen uns allen. Das ist das grosse Geheimnis der unsichtbaren Welt, und ihr
Grundgesetz, inwiefern sie Welt oder System von mehreren einzelnen Willen ist:
jene Vereinigung und unmittelbare Wechselwirkung mehrerer selbstständiger und
unabhängiger Willen miteinander; ein Geheimnis, das schon im gegenwärtigen
Leben klar vor aller Augen liegt, ohne dass es eben jemand bemerke, oder es
seiner Verwunderung würdige. - Die Stimme des Gewissens, die jedem seine
besondere Pflicht auflegt, ist der Strahl, an welchem wir aus dem Unendlichen
ausgehen, und als einzelne, und besondere Wesen hingestellt werden; sie zieht
die Grenzen unserer Persönlichkeit; sie also ist unser wahrer Urbestandteil,
der Grund und der Stoff alles Lebens, welches wir leben. Die absolute Freiheit
des Willens, die wir gleichfalls aus dem Unendlichen mit herabnehmen in die Welt
der Zeit, ist das Princip dieses unseres Lebens. - Ich handle. Die sinnliche
Anschauung, durch welche allein ich zu einer persönlichen Intelligenz werde,
vorausgesetzt, - lässt sich sehr wohl begreifen, wie ich von diesem meinem
Handeln notwendig wissen müsse; ich weiss es, weil ich selbst es bin, der da
handelt; - es lässt sich begreifen, wie vermittelst dieser sinnlichen Anschauung
mein geistiges Handeln mir erscheine als Tat in einer Sinnenwelt, und wie
umgekehrt, durch dieselbe Versinnlichung, das an sich rein geistige Pflichtgebot
mir erscheine, als Gebot einer solchen Tat; - es lässt sich begreifen, wie eine
vorliegende Welt, als Bedingung dieser Tat, und zum Teil, als Folge und
Product derselben, mir erscheine. Ich bleibe hierbei immer nur in mir selbst,
und auf meinem eigenen Gebiete; alles, was für mich da ist, entwickelt sich rein
und lediglich aus mir selbst; ich schaue überall nur mich selbst an, und kein
fremdes wahres sein ausser mir. - - Aber in dieser meiner Welt nehme ich
zugleich an: Wirkungen anderer Wesen, die von mir unabhängig und selbstständig
sein sollen, ebenso, wie ich selbst es bin. Wie diese Wesen für sich selbst von
den Wirkungen, die aus ihnen selbst hervorgehen, wissen können, lässt sich
begreifen; sie wissen davon auf dieselbe Weise, wie ich von den meinigen weiss.
Aber wie ich davon wissen könne, ist schlechtin unbegreiflich, ebenso, wie es
unbegreiflich ist, wie sie von meiner Existenz und von meinen Äusserungen
wissen können, welches ich ihnen ja doch anmute. Wie fallen sie in meine Welt,
und ich in die ihrige? - da ja das Princip, nach welchem das Bewusstsein unseres
Selbst, und unserer Wirkungen, und der sinnlichen Bedingungen derselben sich aus
uns entwickelt - dass nämlich jede Intelligenz unstreitig wissen müsse, was sie
tue - da dieses Princip hier schlechterdings nicht anwendbar ist? Wie haben
freie Geister Kunde von freien Geistern? - nachdem wir wissen, dass freie
Geister das einige Reelle sind, und an eine selbstständige Sinnenwelt, durch
welche sie aufeinander einwirkten, gar nicht mehr zu denken ist. Oder willst du
mir doch sagen: ich nehme die vernünftigen Wesen meines Gleichen wahr durch die
Veränderungen: die sie in der Sinnenwelt hervorbringen; so frage ich dich
hinwiederum, wie du denn diese Veränderungen selbst wahrzunehmen vermagst? Ich
begreife sehr wohl, wie du Veränderungen wahrnimmst, die durch den blossen
Naturmechanismus bewirkt werden; denn das Gesetz dieses Mechanismus ist nichts
Anderes, als dein eigenes Denkgesetz, nach welchem du die mit einem Male
gesetzte Welt dir weiter entwickelst. Aber die Veränderungen, von denen wir hier
reden, sollen ja nicht durch den Naturmechanismus, sondern durch einen über alle
Natur erhabenen freien Willen bewirkt sein, und lediglich, inwiefern du sie
dafür ansiehst, schliesst du von ihnen aus auf freie Wesen deines Gleichen.
Welches wäre denn nun das Gesetz in dir, nach dem du die Bestimmungen anderer
von dir absolut unabhängiger Willen dir entwickeln könntest? - Kurz, diese
gegenseitige Erkenntnis und Wechselwirkung freier Wesen schon in dieser Welt
ist nach Natur- und Denkgesetzen völlig unbegreiflich, und lässt sich erklären
lediglich durch das Eine, in dem sie zusammenhängen, nach dem sie für sich
getrennt sind, durch den unendlichen Willen, der alle in seiner Sphäre hält und
trägt. Nicht unmittelbar von dir zu mir, und von mir zu dir strömt die
Erkenntnis, die wir von einander haben; wir für uns sind durch eine
unübersteigliche Grenzscheidung abgesondert. Nur durch unsere gemeinschaftliche
geistige Quelle wissen wir von einander; nur in ihr erkennen wir einander, und
wirken wir auf einander. - Hier achte das Bild der Freiheit auf der Erde, hier
ein Werk, das derselben Gepräge trägt: ruft innerlich die Stimme jenes Willens
mir zu, die mit mir redet, nur inwiefern sie mir Pflichten auflegt; und dies
allein ist das Princip, durch welches hindurch ich dich und dein Werk anerkenne,
indem das Gewissen mir gebietet, dasselbe zu achten.
    Dann, woher denn unsere Gefühle, unsere sinnliche Anschauung, unsere
discursiven Denkgesetze, - auf welches alles sich die Sinnenwelt gründet, die
wir erblichen, und in der wir auf einander einzufliessen glauben? In Absicht der
beiden letzteren, der Anschauung und der Denkgesetze, antworten: es seien dies
die Gesetze der Vernunft an und für sich, - hiesse keine befriedigende Antwort
geben. Für uns freilich, die wir auf das Gebiet derselben gebannt sind, ist es
sogar unmöglich, andere zu denken, oder eine Vernunft, welche unter anderen
steht. Aber das eigentliche Gesetz der Vernunft an sich ist nur das praktische
Gesetz, das Gesetz der übersinnlichen Welt, oder jener erhabene Wille. - Und
wenn man dieses einen Augenblick unerörtert lassen wollte, woher denn unser
aller Uebereinstimmung über Gefühle, die doch etwas Positives, Unmittelbares,
Unerklärbares sind? Von dieser Uebereinstimmung über Gefühl, Anschauung und
Denkgesetze aber hängt es ab, dass wir alle dieselbe Sinnenwelt erblicken.
    Es ist dies eine übereinstimmende unbegreifliche Beschränkung der endlichen
Vernunftwesen unserer Gattung, und eben dadurch, dass diese übereinstimmend
beschränkt sind, werden sie zu Einer Gattung, - antwortet die Philosophie des
blossen reinen Wissens, und muss dabei; als bei ihrem Höchsten, stehen bleiben.
Aber, was könnte die Vernunft beschränken, ausser, was selbst Vernunft ist; -
und alle endliche Vernunft beschränken, ausser der unendlichen? Diese
Uebereinstimmung unser aller über die zum Grunde zu legende, gleichsam
vorausgegebene Sinnenwelt, als Sphäre unserer Pflicht, welche, die Sache genau
angesehen, ebenso unbegreiflich ist, als unsere Uebereinstimmung über die
Producte unserer gegenseitigen Freiheit, - diese Uebereinstimmung ist Resultat
des Einen, ewigen unendlichen Willens. Unser Glaube an sie, den ich oben
betrachtete, als Glauben an unsere Pflicht, ist eigentlich Glauben an Ihn, an
Seine Vernunft und an Seine Treue. - Was ist denn nun doch das eigentlich und
rein Wahre, das wir in der Sinnenwelt annehmen, und an welches wir glauben!
Nichts anderes, als dass aus unserer treuen und unbefangenen Vollbringung der
Pflicht in dieser Welt ein unsere Freiheit und Sittlichkeit förderndes Leben in
alle Ewigkeit sich entwickeln werde. Findet dies statt, dann hat unsere Welt
Wahrheit, und die einzige für endliche Wesen mögliche; es muss stattfinden, denn
diese Welt ist Resultat des ewigen Willens in uns; aber dieser Wille kann
zufolge der Gesetze seines Wesens keinen anderen Endzweck mit Endlichen haben,
als den angegebenen.
    Jener ewige Wille ist also allerdings Weltschöpfer, so wie er es allein sein
kann, und wie es allein einer Schöpfung bedarf; in der endlichen Vernunft.
Diejenigen, welche ihn aus einer ewigen trägen Materie eine Welt bauen lassen,
die dann auch nur träge und leblos sein könnte, wie durch menschliche Hände
verfertigte Geräte - und kein ewiger Fortgang, einer Entwickelung aus sich
selbst, oder die es sich anmuten, das Hervorgehen eines materiellen Etwas aus
dem Nichts zu denken, kennen weder die Welt, noch Ihn. Es ist überall Nichts,
wenn nur die Materie Etwas sein soll, und es bleibt überall und in alle Ewigkeit
Nichts. Nur die Vernunft ist; die unendliche an sich, die endliche in ihr und
durch sie. Nur in unseren Gemütern erschafft er eine Welt, wenigstens das,
voraus wir sie entwickeln, und das, wodurch wir sie entwickeln: - den Ruf zur
Pflicht; und übereinstimmende Gefühle, Anschauung und Denkgesetze. Es ist sein
Licht, durch welches wir das Licht, und alles was in diesem Lichte uns
erscheint, erblicken. In unseren Gemütern bildet er fort diese Welt, und greift
ein in dieselbe, indem er in unsere Gemüter durch den Ruf der Pflicht
eingreift, sobald ein anderes freies Wesen etwas in derselben verändert. In
unseren Gemütern erhält er diese Welt, und dadurch unsere endliche Existenz,
deren allein wir fähig sind; indem er fortdauernd aus unseren Zuständen andere
Zustände entstehen lässt. Nachdem er seinem höheren Zwecke gemäss uns sattsam
für unsere nächste Bestimmung geprüft, und wir für dieselbe uns gebildet haben
werden, wird er durch das, was wir Tod nennen dieselbe für uns vernichten, und
uns in eine neue, das Product unseres pflichtmässigen Handelns in dieser,
einführen. Alles unser Leben ist Sein Leben. Wir sind in seiner Hand, und
bleiben in derselben, und niemand kann uns daraus reissen. Wir sind ewig, weil
Er es ist.
    Erhabener lebendiger Wille, den kein Name nennt, und kein Begriff umfasst,
wohl darf ich mein Gemüt zu dir erheben; denn du und ich sind nicht getrennt.
Deine Stimme ertönt in mir, die meinige tönt in dir wieder; und alle meine
Gedanken, wenn sie nur wahr und gut sind, sind in dir gedacht. - In dir, dem
Unbegreiflichen, werde ich mir selbst, und wird mir die Welt vollkommen
begreiflich, alle Rätsel meines Daseins werden gelöst, und die vollendetste
Harmonie entsteht in meinem Geiste.
    Am besten fasset dich die kindliche, dir ergebene Einfalt. Du bist ihr der
Herzenskündiger, der ihr Inneres durchschaut, der allgegenwärtige treue Zeuge
ihrer Gesinnungen, der allein weiss, dass sie es redlich meint, und der allein
sie kennt, ob sie auch von aller Welt miskannt würde. Du bist ihr der Vater, der
es immer gut mit ihr meint, und der alles zu ihrem Besten wenden wird. In deine
gütigen Beschlüsse gibt sie sich ganz mit Leib und Seele. Tue mit mir, wie du
willst, sagt sie, ich weiss, dass es gut sein wird, so gewiss Du es bist, der es
tut. Der grübelnde Verstand, der nur von dir gehört, nie aber dich gesehen hat,
will uns dein Wesen an sich kennen lehren, und stellt ein widersprechendes
Misgeschöpf hin, das er für dein Bild ausgibt, lächerrlich dem bloss
Verständigen, verhasst und abscheulich dem Weisen und Guten.
    Ich verhülle vor dir mein Angesicht, und lege die Hand auf den Mund. Wie du
für dich selbst bist, und dir selbst erscheinest, kann ich nie einsehen, so
gewiss ich nie du selbst werden kann. Nach tausendmal tausend durchlebten
Geisterleben werde ich dich noch ebensowenig begreifen als jetzt, in dieser
Hütte von Erde. - Was ich begreife, wird durch mein blosses Begreifen zum
Endlichen; und dieses lässt auch durch unendliche Steigerung und Erhöhung sich
nie ins Unendliche umwandeln. Du bist vom Endlichen nicht dem Grade, sondern der
Art nach verschieden. Sie machen dich durch jene Steigerung nur zu einem
grösseren Menschen, und immer zu einem grösseren; nie aber zum Gotte, zum
Unendlichen, der keines Maasses fähig ist. - Ich habe nur dieses discursiv
fortschreitende Bewusstsein, und kann kein anderes mir denken. Wie dürfte ich
dieses dir zuschreiben? In dem Begriffe der Persönlichkeit liegen Schranken. Wie
könnte ich jenen auf dich übertragen, ohne diese?
    Ich will nicht versuchen, was mir durch das Wesen der Endlichkeit versagt
ist, und was mir zu nichts nützen würde; wie du an dir selbst bist, will ich
nicht wissen. Aber deine Beziehungen und Verhältnisse zu mir, dem Endlichen, und
zu allen Endlichen, liegen offen vor meinem Auge: werde ich was ich sein soll! -
und sie umgeben mich in hellerer Klarheit, als das Bewusstsein meines eigenen
Daseins. Du wirkest in mir die Erkenntnis von meiner Pflicht, von meiner
Bestimmung in der Reihe der vernünftigen Wesen; wie, das weiss ich nicht, noch
bedarf ich es zu wissen. Du weisst und erkennst, was ich denke und will; wie du
wissen kannst; - durch welchen Act du dieses Bewusstsein zu Stande bringst,
darüber verstehe ich nichts; ja ich weiss sogar sehr wohl, dass der Begriff
eines Actes, und eines besonderen Actes des Bewusstseins nur von mir gilt, nicht
aber von dir, dem Unendlichen. Du willst, denn du willst, dass mein freier
Gehorsam Folgen habe in alle Ewigkeit; den Act deines Willens begreife ich
nicht, und weiss nur soviel, dass er nicht ähnlich ist dem meinigen. Du tust,
und dein Wille selbst ist Tat; aber deine Wirkungsweise ist der, die ich allein
zu denken vermag, geradezu entgegengesetzt. Du lebest und bist, denn du weisst,
willst und wirkest, allgegenwärtig der endlichen Vernunft; aber du bist nicht,
wie ich alle Ewigkeiten hindurch allein ein Sein werde denken können.
    
    In der Anschauung dieser deiner Beziehungen zu mir, dem Endlieben, will ich
ruhig und selig sein. Ich weiss unmittelbar nur, was ich soll. Dieses will ich
unbefangen, freudig und ohne Klügelei tun; denn es ist deine Stimme, die es mir
befiehlt, die Verordnung des geistigen Weltplans an mich; und die Kraft, mit der
ich es ausrichte, ist deine Kraft. Was durch jene mir geboten, was durch diese
ausgerichtet wird, ist in jenem Plane gewiss und wahrhaftig gut. Ich bin ruhig
bei allen Ereignissen in der Welt, - denn sie sind in deiner Welt. Nichts kann
mich irren oder befremden, oder zaghaft machen, so gewiss du lebst, und ich dein
Leben schaue. Denn in dir, und durch dich hindurch, o Unendlicher, erblicke ich
selbst meine gegenwärtige Welt in einem anderen Lichte. Natur und Naturerfolg in
den Schicksalen und Wirkungen freier Wesen, wird dir gegenüber zu einem leeren,
nichts bedeutenden Worte. Es ist keine Natur mehr; du, nur du bist. - Es
erscheint mir nicht mehr, als Endzweck der gegenwärtigen Welt, dass nur jener
Zustand des allgemeinen Friedens unter den Menschen und ihrer unbedingten
Herrschaft über den Natur Mechanismus hervorgebracht werde, bloss damit er sei,
sondern, dass er durch die Menschen selbst hervorgebracht werde; und da er auf
alle berechnet ist dass er durch alle, als Eine grosse, freie, moralische
Gemeine hervorgebracht werde. Nichts Neues und Besseres für einen Einzelnen,
ausser durch seinen pflichtmässigen Willen; nichts Neues und Besseres für die
Gemeine, ausser durch den gemeinschaftlichen pflichtmässigen Willen: ist
Grundgesetz des grossen, sittlichen Reiches, wovon das gegenwärtige Leben ein
Teil ist. Darum ist der gute Wille des Einzelnen für diese Welt so oft
verloren, weil er nur noch der des Einzelnen ist, und der Wille der Mehrheit mit
ihm nicht zusammenstimmt; und seine Folgen fallen bloss in eine zukünftige Welt.
Darum scheinen sogar die Leidenschaften und Laster der Menschen zur Erreichung
des Besseren mitzuwirken; - nicht an und für sich; in diesem Sinne kann aus dem
Bösen nie Gutes hervorgehen, sondern, indem sie den entgegengesetzten Lastern
das Gleichgewicht halten, und endlich durch ihr Übermass diese, und mit ihnen
zugleich sich selbst vernichten. Die Unterdrückung hätte nie die Oberhand
gewinnen können, wenn nicht Feigheit, Niederträchtigkeit und gegenseitiges
Mistrauen der Menschen untereinander ihr den Weg geebnet hätten. Sie wird so
lange steigen, bis sie die Feigheit und den Sklavensinn ausrottet, und
Verzweiflung den verlorenen Mut wieder weckt. Dann werden die beiden
entgegengesetzten Laster einander vernichtet haben, und das Edelste in allen
menschlichen Verhältnissen, dauernde Freiheit, wird aus ihnen hervorgegangen
sein.
    Die Handlungen freier Wesen haben der Strenge nach nur auf andere freie
Wesen Folgen: denn in diesen und für diese allein ist eine Welt; und dasjenige,
worüber alle übereinstimmen, ist eben die Welt. Aber sie haben Folgen in ihnen
nur durch den unendlichen, alle Einzelne vermittelnden Willen. Aber ein Ruf,
eine Bekanntmachung dieses Willens an uns ist stets eine Aufforderung zu einer
bestimmten Pflicht. Also - sogar das in der Welt, was wir böse nennen, die Folge
des Misbrauchs der Freiheit, ist nur durch ihn: und sie ist für alle, für die
sie ist, nur, indem ihnen dadurch Pflichten aufgelegt werden. Wäre es nicht in
dem ewigen Plane unserer sittlichen Bildung, und der Bildung unseres ranzen
Geschlechts, dass gerade diese Pflichten uns aufgelegt werden sollten, so wurden
sie uns nicht aufgelegt und dasjenige, wodurch sie uns aufgelegt werden, und was
wir das Böse nennen, wäre gar nicht erfolgt. Insofern ist alles gut, was da
geschieht, und absolut zweckmässig. Es ist nur Eine Welt möglich, eine durchaus
gute. Alles, was in dieser Wett sich ereignet, dient zur Verbesserung und
Bildung der Menschen, und vermittelst dieser zur Herbeiführung ihres irdischen
Zieles. Dieser höhere Weltplan ist es, was wir Natur nennen, wenn wir sagen: die
Natur führet den Menschen durch Mangel zum Fleisse, durch die Uebel der
allgemeinen Unordnung zu einer rechtlichen Verfassung, durch die Drangsale ihrer
unaufhörlichen Kriege zum endlichen ewigen Frieden. Dein Wille, Unendlicher,
deine Vorsehung allein ist diese höhere Natur. - Am besten fasset auch dieses
die kunstlose Einfalt, wenn sie dieses Leben für eine Prüfungs- und
Bildungs-Anstalt, für eine Schule zur Ewigkeit anerkennt; wenn sie in allen
Schicksalen, von denen sie betroffen wird, den geringfügigsten, wie den
wichtigsten, deine Fügungen erblickt, die sie zum Guten führen sollen; wenn sie
fest glaubt, dass denen, die ihre Pflicht lieben, und dich kennen, alle Dinge
zum Besten dienen müssen.
    
    O, wohl habe ich die vergangenen Tage meines Lebens mich im Finstern
befunden; wohl habe ich Irrtümer auf Irrtümer aufgebaut, und mich für weise
gehalten. Jetzt erst verstehe ich ganz die Lehre, welche mich so sehr
befremdete, aus deinem Munde, wunderbarer Geist, ohnerachtet mein Verstand ihr
nichts entgegenzusetzen hatte; denn erst jetzt übersehe ich sie in ihrem ganzen
Umfange, in ihrem tiefsten Grunde, und nach allen ihren Folgen.
    Der Mensch ist nicht Erzeugniss der Sinnenwelt; und der Endzweck seines
Daseins kann in derselben nicht erreicht werden. Seine Bestimmung geht über Zeit
und Raum, und alles Sinnliche hinaus. Was er ist, und wozu er sich machen soll,
davon muss er wissen; wie seine Bestimmung erhaben ist, so muss auch sein
Gedanke schlechtin über alle Schranken der Sinnlichkeit sich erheben können. Er
muss es sollen; wo sein Sein einheimisch ist, da ist es notwendig auch sein
Gedanke; und die wahrhaft menschlichste, ihm allein anständige Ansicht, die,
wodurch seine ganze Denk-Kraft dargestellt wird, ist diejenige, wodurch er sich
über jede Schranken erhebt, und wodurch alles Sinnliche sich ihm rein in Nichts
verwandelt, in einen blossen Wiederschein des allein bestehenden Unsinnlichen in
sterbliche Augen.
    Viele sind ohne künstliches Denken, lediglich durch ihr grosses Herz und
durch ihren rein sittlichen Instinct zu dieser Ansicht erhoben worden, weil sie
überhaupt vorzüglich nur mit dem Herzen und in der Gesinnung lebten. Sie
verläugneten durch ihr Verfahren die Wirksamkeit und Realität der Sinnenwelt,
und liessen in Bestimmung ihrer Entschliessungen und Massregeln sie für Nichts
gelten, wovon sie sich freilich durch Denken nicht deutlich gemacht hatten, dass
es selbst für die Denkkraft Nichts sei. Diejenigen, die da sagen durften: Unser
Bürgerrecht ist im Himmel, wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die
zukünftige suchen wir; diejenigen, deren Hauptgrundsatz es war; der Welt
abzusterben, von neuem geboren zu werden, und schon hier in ein anderes Leben
einzugehen, - setzten ohne Zweifel in alles Sinnliche nicht den mindesten Wert,
und waren, um des Ausdruckes der Schule mich zu bedienen, praktisch
transcendentale Idealisten.
    Andere, welche ausser der uns allen angeborenen sinnlichen Handlungsweise
auch noch durch ihr Denken in der Sinnlichkeit sich bestärkt und in sie
verwickelt haben, und mit ihr gleichsam zusammengewachsen sind, können nur durch
fortgeführtes und bis zu Ende gebrachtes Denken sich dauerhaft und vollkommen
über sie erheben; ausserdem würden sie selbst bei der reinsten sittlichen
Gesinnung immer wieder durch ihren Verstand herabgezogen werden, und ihr ganzes
Wesen würde ein stets fortgesetzter unauflöslicher Widerspruch bleiben. Für
diese wird jene Philosophie, die ich erst jetzt durchaus verstehe, die erste
Kraft, welche Psychen die Raupenhülle abstreife, und ihre Flügel entfalte, auf
denen sie zunächst über sich selbst schwebt, und noch einen Blick auf die
verlassene Hülle wirft, um sodann in höheren Sphären zu leben und zu walten.
    
    Gesegnet sei mir die Stunde, da ich zum Nachdenken über mich selbst und
meine Bestimmung mich entschloss. Alle meine Fragen sind gelöst; ich weiss, was
ich wissen kann, und ich bin ohne Sorge über das, was ich nicht wissen kann. Ich
bin befriedigt; es ist vollkommene Uebereinstimmung und Klarheit in meinem
Geiste, und eine neue herrlichere Existenz desselben beginnt.
    Meine ganze vollständige Bestimmung begreife ich nicht; was ich werden soll,
und was ich sein werde, übersteigt alles mein Denken. Ein Teil dieser
Bestimmung ist mir selbst verborgen - nur einem, dem Vater der Geister,
sichtbar, dem sie anvertraut ist. Ich weiss nur, dass sie mir sicher, und dass
sie ewig und herrlich ist, wie er selbst. Denjenigen Teil derselben aber, der
mir selbst anvertrauet ist, kenne ich, kenne ich durchaus, und er ist die Wurzel
aller meiner übrigen Erkenntnisse. Ich weiss in jedem Augenblicke meines Lebens
sicher, was ich in ihm tun soll: und dies ist meine ganze Bestimmung, inwiefern
dieselbe von mir abhängt. Hiervon, da mein Wissen nicht darüber hinausreicht,
soll ich nicht abgehen; ich soll darüber hinaus nichts wissen wollen; ich soll
in diesem einigen Mittelpuncte feststehen, und darin einwurzeln. Auf ihn soll
alles mein Dichten und Trachten, und mein ganzes Vermögen gerichtet sein, er
soll mein ganzes Dasein in sich verweben.
    Ich soll meinen Verstand ausbilden und mir Kenntnisse erwerben, so viel ich
irgend vermag; aber in dem einigen Vorsatze, um dadurch der Pflicht in mir einen
grösseren Umfang und eine weitere Wirkungssphäre zu bereiten; ich soll Vieles
haben wollen, damit viel von mir gefordert werden könne. Ich soll meine Kraft
und Geschicklichkeit in jeder Rücksicht üben, aber lediglich, um an mir der
Pflicht ein tauglicheres und geschickteres Werkzeug zu verschaffen; denn so
lange, bis das Gebot aus meiner ganzen Person heraus in die äussere Welt
eintritt, bin ich meinem Gewissen dafür verantwortlich. Ich soll in mir die
Menschheit in ihrer ganzen Fülle darstellen, so weit als ich es vermag, aber
nicht um der Menschheit selbst willen; diese Ist an sich nicht von dem
geringsten Werte, sondern, um hinwiederum in der Menschheit die Tugend, welche
allein Wert an sich hat, in ihrer höchsten Vollkommenheit darzustellen. Ich
soll mit Leib und Seele, und allem, was an und in mir ist, mich nur betrachten,
als Mittel für die Pflicht, und soll nur dafür sorgen, dass ich diese
vollbringe, und dass ich sie vollbringen könne, so viel es an mir liegt. Sobald
aber das Gebot, - wenn es nur wirklich das Gebot ist dem ich gehorcht habe, und
wenn ich nur wirklich der einigen reinen Absicht, ihm zu gehorchen mir bewusst
bin - sobald das Gebot aus meiner Person heraus in die Welt eintritt, habe ich
nicht mehr zu sorgen, dem, es tritt von da an ein in die Hand des ewigen
Willens. Von nun an weiter zu sorgen, wäre vergebliche Qual, die ich mir selbst
zufügte; wäre Unglaube und Mistrauen gegen jenen Willen. Es soll mir nie
einfallen, statt Seiner die Welt regieren zu wollen, die Stimme meiner
beschränkten Klugheit statt seiner Stimme in meinem Gewissen zu hören, und den
einseitigen Plan eines kurzsichtigen Einzelnen an die Stelle seines Planes, der
über das Ganze sich erstreckt, zu setzen. Ich weiss, dass ich dadurch notwendig
aus seiner Ordnung, und aus der Ordnung aller geistigen Wesen herausfallen
würde.
    So wie ich diese höhere Fügung durch Ruhe und Ergebung ehre, ebenso soll ich
die Freiheit anderer Wesen ausser mir in meinem Handeln ehren. Es ist nicht
davon die Frage: was sie nach meinen Begriffen tun sollen, sondern davon, was
ich tun darf, um sie zu bewegen, dass sie es tun. Aber ich kann unmittelbar
nur auf ihre Ueberzeugung und auf ihren Willen wirken wollen, soweit die Ordnung
der Gesellschaft und ihre eigene Einwilligung es verstattet; keinesweges aber
ohne ihre Ueberzeugung und ohne ihren Willen auf ihre Kräfte und Verhältnisse.
Sie tun auf ihre eigene Verantwortung, was sie tun, wo ich es nicht ändern
kann, oder nicht darf, und der ewige Wille wird alles zum Besten lenken. Mir ist
mehr daran gelegen, dass ich ihre Freiheit ehre, als, dass ich verhindern oder
aufhebe, was mir beim Gebrauche derselben böse scheint.
    
    Ich erhebe mich in diesen Standpunct, und bin ein neues Geschöpf, und mein
ganzes Verhältnis zur vorhandenen Welt ist verwandelt. Die Fäden, durch welche
bisher mein Gemüt an diese Welt angeknüpft war, und durch deren geheimen Zug es
allen Bewegaugen in ihr folgte, sind auf ewig zerschnitten, und ich stehe frei,
und selbst meine eigene Welt, ruhig und unbewegt da. Nicht mehr durch das Herz,
nur durch das Auge ergreife ich die Gegenstände, und hänge zusammen mit ihnen,
und dieses Auge selbst verklärt sich in der Freiheit, und blickt hindurch durch
den Irrtum und die Misgestalt bis zum Wahren und Schönen, so wie auf der
unbewegten Wasserfläche die Formen rein und in einem milderen Lichte sich
abspiegeln.
    Mein Geist ist auf ewig verschlossen für die Verlegenheit und Verwirrung,
für die Ungewissheit, den Zweifel und die Aengstlichkeit; mein Herz für die
Trauer, für die Reue, für die Begier. Nur Eins ist, das ich wissen mag: was ich
tun soll, und dies weiss ich stets unfehlbar. Ueber alles Andere weiss ich
nichts, und weiss es, dass ich darüber nichts weiss, und wurzle fest ein in
dieser meiner Unwissenheit, und entalte mich, zu meinen, zu mutmaassen, mit
mir selbst mich zu entzweien über das, wovon ich nichts weiss. Kein Ereignis in
der Welt kann durch Freude, keins durch Betrübnis mich in Bewegung setzen; kalt
und ungerührt sehe ich auf alle herab, denn ich weiss, dass ich kein einziges zu
deuten, noch seinen Zusammenhang mit dem, woran allein mir gelegen ist,
einzusehen vermag. Alles, was geschieht, gehört in den Plan der ewigen Welt, und
ist gut in ihm, soviel weiss ich; was in diesem Plane reiner Gewinn, oder was
nur Mittel sei, nm ein vorhandenes Uebel hinwegzuschaffen, was daher mich mehr
oder weniger erfreuen solle, weiss ich nicht. In seiner Welt gedeihet Alles;
dieses genügt mir, und in diesem Glauben steh' ich fest, wie ein Fels; was aber
in seiner Welt nur Keim, was Blüte, was die Frucht selbst ist, weiss ich nicht.
    Das Einige, woran mir gelegen sein kann, ist der Fortgang der Vernunft und
Sittlichkeit im Reiche der vernünftigen Wesen; und zwar lediglich um sein
selbst, um des Fortganges willen. Ob ich das Werkzeug dazu bin, oder ein anderer
; ob es Meine Tat ist, die da gelingt, oder gehindert wird, oder, ob die eines
anderen, gilt mir ganz gleich. Ich betrachte mich überall nur als eins der
Werkzeuge des Vernunftzweckes, und achte und liebe mich, und nehme Anteil an
mir nur als solches, und wünsche das Gelingen meiner Tat nur, inwiefern sie auf
diesen Zweck gellt. Ich betrachte daher alle Weltbegebenheiten ganz auf die
gleiche Weise nur in Rücksicht auf diesen einigen Zweck; ob sie nun von mir
ausgehen, oder von anderen, unmittelbar auf mich sich beziehen, oder auf andere.
Für Verdruss über persönliche Beleidigungen und Kränkungen, für Erhebung auf
persönliches Verdienst ist meine Brust verschlossen; denn meine gesammte
Persönlichkeit ist mir schon längst in der Anschauung des Zieles verschwunden
und untergegangen.
    Mag es immer scheinen, als ob nun die Wahrheit völlig zum Schweigen
gebracht, und die Tugend ausgetilgt werden sollte, als ob die Unvernunft und das
Laster diesmal alle Kräfte aufgeboten hätten, und sich schlechtin nicht davon
würden abbringen lassen, für Vernunft und wabre Weisheit zu gelten; mag es
gerade, indem alle Guten hofften, dass es besser mit dem Menschengeschlechte
werden sollte, so schlimm mit ihm werden, als nie; mag das wohl und glücklich
angehobene Werk, worauf mit fröhlicher Hoffnung das Auge des Gutgesinnten ruhte,
plötzlich und unversehens in das schändlichste sich umwandeln: das soll mich
ebensowenig aus der Fassung bringen, als ein andermal der Anschein, dass nun auf
einmal die Erleuchtung wachse und gedeihe, dass Freiheit und Selbstständigkeit
sich mächtig verbreiten, dass mildere Sitten, Friedlichkeit, Nachgiebigkeit,
allgemeine Billigkeit unter den Menschen zunehmen, - mich träge und nachlässig
und sicher machen soll, als ob nun alles gelungen wäre. - So erscheint es mir;
oder auch es ist so, es ist wirklich so, für mich; und ich weiss in beiden
Fällen, wie überhaupt in allen möglichen Fällen, was ich nun weiter zu tun
habe. Ueber alles Uebrige bleibe ich in der vollkommensten Ruhe, denn ich weiss
nichts über alles Uebrige. Jene mir so traurigen Ereignisse können in dem Plane
des Ewigen das nächste Mittel sein für einen sehr guten Erfolg; jener Kampf des
Bösen gegen das Gute kann der letzte bedeutende Kampf desselben sein sollen, und
es kann ihm diesmal vergönnt sein, alle seine Kräfte zu versammeln, um sie zu
verlieren, und in seiner ganzen Ohnmacht sich in das Licht zu stellen. Jene mir
erfreulichen Erscheinungen können auf sehr verdächtigen Gründen beruhen; es kann
vielleicht nur Vernünftelei und Abneigung gegen alle Ideen sein, was ich für
Erleuchtung; Lüsternheit und Zügellosigkeit, was ich für Selbstständigkeit;
Ermattung und Schlaffheit, was ich für Milde und Friedlichkeit gehalten habe.
Ich weiss dies zwar nicht, aber so könnte es sein, und ich hätte dann
ebensowenig Grund über das erstere mich zu betrüben, als des letzteren mich zu
erfreuen. Das aber weiss ich, dass ich in der Welt der höchsten Weisheit und
Güte mich befinde, die ihren Plan ganz durchschaut, und ihn unfehlbar ausführt;
und in dieser Ueberzeugung ruhe ich und bin selig.
    Dass es freie, zur Vernunft und Sittlichkeit bestimmte Wesen sind, welche
gegen die Vernunft streiten, und ihre Kräfte zur Beförderung der Unvernunft und
des Lasters aufbieten, kann mich ebensowenig aus meiner Fassung bringen, und der
Gewalt des Unwillens und der Entrüstung mich hingeben. Die Verkehrteit, dass
sie das Gute hassten, weil es gut ist, und das Böse beförderten, aus reiner
Liebe zum Bösen, als solchem, welche allein meinen gerechten Zorn reizen könnte,
- diese Verkehrteit schreibe ich keinem zu, der menschliches Angesicht trägt;
denn ich weiss, dass dieselbe nicht in der menschlichen Natur liegt. Ich weiss,
dass es für alle, die so handeln, inwiefern sie so handeln, überhaupt kein Böses
oder Gutes, sondern lediglich ein Angenehmes oder Unangenehmes gibt; dass sie
überhaupt nicht unter ihrer eigenen Botmässigkeit, sondern unter der Gewalt der
Natur stehen, und dass nicht sie selbst es sind, sondern diese Natur in ihnen,
die das erstere mit aller ihrer Macht sucht, und das letztere flieht, ohne
Rücksicht, ob es übrigens gut oder böse sei. Ich weiss, dass sie, nachdem sie
nun einmal sind, was sie sind, nicht um das Mindeste anders handeln können, als
sie handeln; und ich bin weit entfernt, gegen die Notwendigkeit mich zu
entrüsten, oder mit der blinden und willenlosen Natur zu zürnen. Allerdings
liegt darin eben ihre Schuld und ihre Unwürde, dass sie sind, was sie sind, und
dass sie, anstatt frei, und etwas für sich zu sein, sich dem Strome der blinden
Natur hingeben.
    Dies allein könnte es sein, das meinen Unwillen erregte; aber ich falle hier
mitten in das absolut Unbegreifliche hinein. Ich kann ihnen ihren Mangel an
Freiheit nicht zurechnen, ohne sie schon vorauszusetzen als frei, um sich frei
zu machen. Ich will mich über sie erzürnen, und finde keinen Gegenstand für
meinen Zorn. Was sie wirklich sind, verdient diesen Zorn nicht; was ihn
verdiente, sind sie nicht, und sie würden ihn abermals nicht verdienen, wenn sie
es wären. Mein Unwille träfe ein offenbares Nichts. - Zwar muss ich sie stets
behandeln und mit ihnen reden, als ob sie wären, wovon ich sehr wohl weiss, dass
sie es nicht sind; ich muss ihnen gegenüber stets voraussetzen, wodurch allein
ich ihnen gegenüber zu stehen kommen, und mit ihnen zu handeln haben kann. Die
Pflicht gebietet mir einen Begriff von ihnen für das Handeln, dessen Gegenteil
mir durch die Betrachtung gegeben wird. Und so kann es allerdings geschehen,
dass ich mit einer edlen Entrüstung, als ob sie frei wären, gegen sie mich
kehre, um sie selbst mit dieser Entrüstung gegen sich selbst zu entzünden; eine
Entrüstung, die ich selbst in meinem Innern vernünftigerweise nie empfinden
kann. Nur der handelnde Mensch der Gesellschaft in mir ist es, der der
Unvernunft und dem Laster zürnt, nicht der auf sich selbst ruhende und in sich
selbst vollendete, betrachtende Mensch.
    Körperliche Leiden. Schmerz und Krankheit, wenn sie mich treffen sollten,
werde ich nicht vermeiden können zu fühlen, denn sie sind Ereignisse meiner
Natur, und ich bin und bleibe hienieden Natur; aber sie sollen mich nicht
betrüben. Sie treffen auch nur die Natur, mit der ich auf eine wunderbare Weise
zusammenhänge, nicht Mich selbst, das über alle Natur erhabene Wesen. Das
sichere Ende alles Schmerzes und alle Empfänglichkeit für den Schmerz ist der
Tod; und unter allem, was der natürliche Mensch für ein Uebel zu halten pflegt,
ist es mir dieser am wenigsten. Ich werde überhaupt nicht für mich sterben,
sondern nur für andere - für die Zurückbleibenden, aus deren Verbindung ich
gerissen werde; für mich selbst ist die Todesstunde Stunde der Geburt zu einem
neuen herrlicheren Leben.
    Nachdem so mein Herz aller Begier nach dem Irdischen verschlossen ist,
nachdem ich in der Tat für das Vergängliche gar kein Herz mehr habe, erscheint
meinem Auge das Universum in einer verklärten Gestalt. Die todte lastende Masse,
die nur den Raum ausstopfte, ist verschwunden, und an ihrer Stelle fliesst und
woget und rauscht der ewige Strom von Leben und Kraft und Tat - vom
ursprünglichen Leben; von Deinem Leben, Unendlicher: denn alles Leben ist Dein
Leben, und nur das religiöse Auge dringt ein in das Reich der wahren Schönheit.
    Ich bin dir verwandt, und was ich rund um mich herum erblicke, ist Mir
verwandt; es ist alles belebt und beseelt, und blickt aus hellen Geister-Augen
mich an, und redet mit Geister-Tönen an mein Herz. Auf das mannigfaltigste
zerteilt und getrennt schaue in allen Gestatten ausser mir ich selbst mich
wieder, und strahle mir aus ihnen entgegen, wie die Morgensonne in tausend
Tautropfen mannigfaltig gebrochen sich selbst entgegenglänzt.
    Dein Leben, wie es der Endliche zu fassen vermag, ist sich selbst
schlechtin durch sich selbst bildendes und darstellendes Wollen; dieses Leben
fliesst, - im Auge des Sterblichen mannigfach versinnlicht, - durch mich
hindurch herab in die ganze unermessliche Natur. Hier strömt es als sich selbst
schaffende und bildende Materie durch meine Adern und Muskeln hindurch, und
setzt ausser mir seine Fülle ab im Baume, in der Pflanze, im Grase. Ein
zusammenhängender Strom, Tropfen an Tropfen, fliesst das bildende Leben in allen
Gestalten, und allentalben, wohin ihm mein Auge zu folgen vermag; und blickt
mich an, - aus jedem Puncte des Universums anders, - als dieselbe Kraft, durch
die es in geheimem Dunkel meinen eigenen Körper bildet. Dort woget es frei, und
hüpft und tanzet als sich selbst bildende Bewegung im Tiere, und stellt in
jedem neuen Körper sich dar, als eine andere eigene für sich bestehende Welt:
dieselbe Kraft, welche, mir unsichtbar, in meinen eigenen Gliedmaassen sich
reget und bewegt. Alles was sich regt folgt diesem allgemeinen Zuge, diesem
einigen Princip aller Bewegung, das von einem Ende des Universums zum anderen
die harmonische Erschütterung fortleitet: das Tier ohne Freiheit; ich, von
welchem in der sichtbaren Welt die Bewegung ausgeht, ohne dass sie darum in mir
gegründet sei, mit Freiheit.
    Aber rein und heilig, und deinem eigenen Wesen so nahe, als im Auge des
Sterblichen etwas ihm sein kann, fliesset dieses dein Leben hin als Band, das
Geister mit Geistern in Eins verschlingt, als Luft und Aeter der Einen
Vernunftwelt; undenkbar und unbegreiflich, und doch offenbar da liegend vor dem
geistigen Auge. In diesem Lichtstrome fortgeleitet schwebt der Gedanke,
unaufgehalten und derselbe bleibend von Seele zu Seele, und kommt reiner und
verklärt zurück aus der verwandten Brust. Durch dieses Geheimnis findet der
Einzelne sich selbst, und versteht und liebt sich selbst nur in einem anderen;
und jeder Geist wickelt sich los nur von anderen Geistern, und es gibt keinen
Menschen, sondern nur eine Menschheit, kein einzelnes Denken und Lieben und
Hassen, sondern nur ein Denken und Lieben und Hassen in und durch einander.
Durch dieses Geheimnis strömt die Verwandtschaft der Geister in der
unsichtbaren Welt fort bis in ihre körperliche Natur, und stellt sich dar in
zwei Geschlechtern, die, wenn auch jedes geistige Band zerreissen könnte, schon
als Naturwesen genötigt sind, sich zu lieben; fliesst aus in die Zärtlichkeit
der Eltern und Kinder und Geschwister, gleich als ob die Seelen ebenso aus Einem
Blute entsprossen wären, wie die Leiber, und die Gemüter Zweige und Blüten
desselben Stammes wären; und umfasset von da aus in engeren oder weiteren
Kreisen die ganze empfindende Welt. Selbst ihrem Hasse liegt der Durst nach
Liebe zum Grunde, und es entsteht keine Feindschaft, ausser aus versagter
Freundschaft.
    Dieses ewige Leben und Regen in allen Adern der sinnlichen und geistigen
Natur erblickt mein Auge durch das, was Anderen todte Masse scheint, hindurch;
und sieht dieses Leben stets steigen und wachsen, und zum geistigeren Ausdrucke
seiner selbst sich verklären. Das Universum ist mir nicht mehr jener in sich
selbst zurücklaufende Cirkel, jenes unaufhörlich sich wiederholende Spiel, jenes
Ungeheuer, das sich selbst verschlingt, um sich wieder zu gebären, wie es schon
war; es ist vor meinem Blicke vergeistiget, und trägt das eigene Gepräge des
Geistes: stetes Fortschreiten zum Vollkommeneren in einer geraden Linie, die in
die Unendlichkeit geht.
    Die Sonne geht auf und gebet unter, und die Sterne versinken und kommen
wieder, und alle Sphären halten ihren Cirkeltanz; aber sie kommen nie so wieder,
wie sie verschwanden, und in den feuchtenden Quellen des Lebens ist selbst Leben
und Fortbilden. Jede Stunde, von ihnen herbeigeführt, jeder Morgen und jeder
Abend sinkt mit neuem Gedeihen herab auf die Welt; neues Leben und neue Liebe
entträufelt den Sphären, wie die Tautropfen der Wolke, und umfängt die Natur,
wie die kühle Nacht die Erde.
    Aller Tod in der Natur ist Geburt, und gerade im Sterben erscheint sichtbar
die Erhöhung des Lebens. Es ist kein tödtendes Princip in der Natur, denn die
Natur ist durchaus lauter Leben; nicht der Tod tödtet, sondern das lebendigere
Leben, welches, hinter dem alten verborgen, beginnt und sich entwickelt. Tod und
Geburt ist bloss das Ringen des Lebens mit sich selbst, um sich stets verklärter
und ihm selbst ähnlicher darzustellen. Und mein Tod könnte etwas Anderes sein -
meiner, der ich überhaupt nicht eine blosse Darstellung und Abbildung des Lebens
bin, sondern das ursprüngliche, allein wabre und wesentliche Leben in mir selbst
trage? - Es ist gar kein möglicher Gedanke, dass die Natur ein Leben vernichten
solle, das aus ihr nicht stammt; die Natur, um deren willen nicht ich, sondern
die selbst nur um meinetwillen lebt.
    Aber selbst mein natürliches Leben, selbst diese blosse Darstellung des
inneren unsichtbaren Lebens vor dem Blicke des Endlichen, kann sie Dicht
vernichten, weil sie sonst sich selbst müsste vernichten können; sie, die bloss
für mich, und um meinetwillen da ist, und nicht ist, wenn ich nicht bin. Gerade
darum weil sie mich tödtet, muss sie mich neu beleben; es kann nur mein in ihr
sich entwickelndes höheres Leben sein, vor welchem mein gegenwärtiges
verschwindet; und das, was der Sterbliche Tod nennt, ist die sichtbare
Erscheinung einer zweiten Belebung. Stürbe kein vernünftiges Wesen auf der Erde,
das da nun einmal ihr Licht erblickt hätte, so wäre kein Grund da, eines neuen
Himmels und einer neuen Erde zu harren: die einzig mögliche Absicht dieser
Natur, Vernunft darzustellen und zu erhalten, wäre schon hienieden erfüllt, und
ihr Umkreis wäre geschlossen. Aber der Act, durch den sie ein freies
selbstständiges Wesen tödtet, ist ihr feierliches, aller Vernunft kundbares
Hinüberschreiten über diesen Act, und über die ganze Sphäre, die sie dadurch
beschliesst; die Erscheinung des Todes ist der Leiter, an welchem mein geistiges
Auge zu dem neuen Leben meiner selbst, und einer Natur für mich hinübergleitet.
    Jeder meines Gleichen, der aus der irdischen Verbindung heraustritt, und der
meinem Geiste nicht für vernichtet gelten kann - denn er ist meines Gleichen -
zieht meinen Gedanken mit sich hinüber; er ist noch, und ihm gebührt eine
Stätte. Indes wir hienieden um ihn trauern, so wie Trauer sein würde, wenn sie
könnte im dumpfen Reiche der Bewusstlosigkeit, wenn sich ihm ein Mensch zum
Lichte der Erdensonne entreisst, ist drüben Freude, dass der Mensch zu ihrer
Welt geboren wurde, so wie wir Erdenbürger die unserigen mit Freude empfangen.
Wenn ich einst ihnen folgen werde, wird für mich nur Freude sein; denn die
Trauer bleibt in der Sphäre zurück, die ich verlasse.
    Es verschwindet vor meinem Blicke und versinkt die Welt, die ich noch soeben
bewunderte. In aller Fülle des Lebens; der Ordnung und des Gedeihens, welche ich
in ihr schaue, ist sie doch nur der Vorhang, durch die eine unendlich
vollkommenere mir verdeckt wird, und der Keim, aus dem diese sich entwickeln
soll. Mein Glaube tritt hinter diesen Vorhang, und erwärmt und belebt diesen
Keim. Er sieht nichts Bestimmtes, aber er erwartet mehr, als er hienieden fassen
kann, und je in der Zeit wird fassen können.
    
    So lebe und so bin ich, und so bin ich unveränderlich, fest und vollendet
für alle Ewigkeit; denn dieses Sein ist kein von aussen angenommenes, es ist
mein eigenes, einiges wahres Sein und Wesen.
 
    