
        
                              Deutscher Idealismus
   Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie
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                             Johann Gottlieb Fichte
   Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie
                            Vorrede zur ersten Ausgabe
    Der Verfasser dieser Abhandlung wurde durch das Lesen neuer Skeptiker,
besonders des Aenesidemus und der vortrefflichen Maimonschen Schriften völlig
von dem überzeugt, was ihm schon vorher höchst wahrscheinlich gewesen war: dass
die Philosophie, selbst durch die neuesten Bemühungen der scharfsinnigsten
Männer, noch nicht zum Range einer evidenten Wissenschaft erhoben sei. Er
glaubte den Grund davon gefunden, und einen leichten Weg entdeckt zu haben, alle
jene gar sehr gegründeten Anforderungen der Skeptiker an die kritische
Philosophie vollkommen zu befriedigen; und das dogmatische und kritische System
überhaupt in ihren streitenden Ansprüchen so zu vereinigen, wie durch die
kritische Philosophie die streitenden Ansprüche der verschiedenen dogmatischen
Systeme vereinigt sind.1 Nicht gewohnt von Dingen zu reden, die er noch zu tun
hat, würde er seinen Plan ausgeführt, oder auf immer von ihm geschwiegen haben;
wenn nicht die gegenwärtige Veranlassung ihm eine Aufforderung zu sein schiene,
von der bisherigen Anwendung seiner Musse, und von den Arbeiten, denen er die
Zukunft zu widmen gedenkt, Rechenschaft abzulegen.
    Die folgende Untersuchung hat auf keine andere Gültigkeit Anspruch zu
machen, als auf eine hypotetische. Daraus aber folgt gar nicht, dass der
Verfasser seinen Behauptungen überhaupt nichts anderes, als unerwiesene
Voraussetzungen zum Grunde zu legen vermöge; und dass sie nicht dennoch die
Resultate eines tiefer gehenden und festen Systems sein sollten. Freilich
verspricht er sich erst nach Jahren es dem Publicum in einer desselben würdigen
Gestalt vorlegen zu können; aber die Billigkeit, dass man nicht absprechen
werde, ehe man das Ganze geprüft habe, erwartet er schon jetzt.
    Die erste Absicht dieser Blätter war die, die studirenden Jünglinge der
hohen Schule, auf welche der Verfasser gerufen ist, in den Stand zu setzen, zu
urteilen, ob sie sich seiner Führung auf dem Wege der ersten unter den
Wissenschaften anvertrauen, und ob sie hoffen dürften, dass er so viel Licht
über dieselbe zu verbreiten vermöge, als sie bedürfen, um ihn ohne gefährliches
Straucheln zu gehen: die zweite, die Urteile seiner Gönner und Freunde über
sein Unternehmen einzuholen.
    Für diejenigen, die weder unter die ersten noch unter die zweiten gehören,
wenn ihnen diese Schrift in die Hände kommen sollte, sind folgende Anmerkungen.
    Der Verfasser ist bis jetzt innig überzeugt, dass kein menschlicher Verstand
weiter als bis zu der Grenze vordringen könne, an der Kant, besonders in seiner
Kritik der Urteilskraft, gestanden, die er uns aber nie bestimmt, und als die
letzte Grenze des endlichen Wissens angegeben hat. Er weiss es, dass er nie
etwas wird sagen können, worauf nicht schon Kant unmittelbar oder mittelbar,
deutlicher oder dunkler gedeutet habe. Er überlässt es den zukünftigen
Zeitaltern das Genie des Mannes zu ergründen, der von dem Standpuncte aus, auf
welchem er die philosophirende Urteilskraft fand, oft wie durch höhere
Eingebung geleitet, sie so gewaltig gegen ihr letztes Ziel hinriss. - Er ist
eben so innig überzeugt, dass nach dem genialischen Geiste Kants der Philosophie
kein höheres Geschenk gemacht werden konnte, als durch den systematischen Geist
Reinholds; und er glaubt den ehrenvollen Platz zu kennen, welchen die
Elementar-Philosophie des letzteren bei den weitern Vorschritten, die die
Philosophie, an wessen Hand es auch sei, notwendig machen muss, dennoch immer
behaupten wird. Es ist nicht in seiner Denkungsart irgend ein Verdienst
mutwillig zu verkennen, oder es verkleinern zu wollen; er glaubt einzusehen,
dass jede Stufe, die die Wissenschaft je bestiegen hat, erst bestiegen sein
musste, ehe sie eine höhere betreten konnte; er hält es wahrhaftig nicht für
persönliches Verdienst, durch einen glücklichen Zufall nach vortrefflichen
Arbeitern an die Arbeit gerufen zu werden; und er weiss, das alles Verdienst,
das etwa hierin Statt finden könnte, nicht auf dem Glücke des Findens, sondern
auf der Redlichkeit des Suchens beruht, über welche jeder nur selbst sich
richten und belohnen kann. Er sagte dies nicht um jener grossen Männer und um
derer Willen, die ihnen gleichen; sondern für andere nicht ganz so grosse
Männer. Wer überflüssig findet, dass er es sagte, der gehört nicht unter
diejenigen, für welche er es sagte.
    Ausser jenen ernstaften gibt es auch noch scherzhafte Männer, die den
Philosophen warnen, sich durch Übertriebene Erwartungen von seiner Wissenschaft
doch nicht lächerrlich zu machen. Ich will nicht entscheiden, ob alle recht aus
Herzensgrunde lachen, weil ihnen die Jovialität einmal angeboren ist; oder ob es
nicht welche unter ihnen gibt, die sich bloss zum Lachen zwingen, um dem
weltunklugen Forscher ein Unternehmen zu verleiden, das sie aus begreiflichen
Gründen nicht gern sehen2. Da ich, so viel mir bewusst ist, bis jetzt durch
Äusserung solcher hohen Erwartungen ihrer Laune noch keine Nahrung gegeben
habe: so ist es mir vielleicht am ersten erlaubt, sie, nicht um der Philosophen,
und noch weniger um der Philosophie, sondern um ihrer selbst Willen, zu bitten,
das Lachen so lange zu verhalten, bis das Unternehmen förmlich mislungen, und
aufgegeben ist. Mögen sie dann unseres Glaubens an die Menschheit, zu der sie
selbst gehören, und unserer Hoffnungen von den grossen Anlagen derselben
spotten; mögen sie dann ihren Trostspruch: Es ist der Menschheit einmal nicht zu
helfen; so war es, und so wird es immer sein, - wiederholen, so oft sie des
Trostes bedürfen!
 
                          Vorrede zur zweiten Ausgabe
    Diese kleine Schrift hatte sich vergriffen. Ich bedarf derselben, um in
meinen Vorlesungen mich darauf zu beziehen; auch ist sie, einige Aufsätze im
Philosophischen Journal einer Gesellschaft deutscher Gelehrten abgerechnet, bis
jetzt die einzige Schrift, in welcher über das Philosophiren in der
Wissenschaftslehre - selbst philosophirt wird, und die daher zu einer Einleitung
in dieses System dient. Diese Gründe haben mich bewogen, eine neue Ausgabe
derselben zu veranstalten.
    Sogar den Zweck und das Wesen dieser Schrift hat man, ohnerachtet ihres
bestimmten Titels und ihres Inhalts, häufig verkannt, und es wird bei der
zweiten Ausgabe nötig, was ich bei der ersten für völlig unnötig hielt, sich
über diese Puncte in einer Vorrede bestimmt zu erklären.
    Es kann nämlich über die Metaphysik, die nur nicht eine Lehre von den
vorgeblichen Dingen an sich sein muss, sondern eine genetische Ableitung dessen,
was in unserem Bewusstsein vorkommt, selbst wiederum philosophirt, - es können
Untersuchungen angestellt werden über die Möglichkeit, die eigentliche
Bedeutung, die Regeln einer solchen Wissenschaft; und es ist sehr vorteilhaft
für die Bearbeitung der Wissenschaft selbst, dass dies geschehe. Ein System von
dergleichen Untersuchungen heisst in philosophischer Hinsicht Kritik; wenigstens
sollte man nur das angegebene mit diesem Namen bezeichnen. Die Kritik ist nicht
selbst die Metaphysik, sondern liegt über sie hinaus: sie verhält sich zur
Metaphysik gerade so, wie diese sich verhält zur gewöhnlichen Ansicht des
natürlichen Verstandes. Die Metaphysik erklärt diese Ansicht, und sie selbst
wird erklärt in der Kritik. Die eigentliche Kritik kritisirt das philosophische
Denken: soll die Philosophie selbst auch kritisch heissen, so kann man von ihr
nur sagen, dass sie das natürliche Denken kritisire. Eine reine Kritik - die
Kantische z.B., die sich als Kritik ankündigte, ist nichts weniger als rein,
sondern grossenteils selbst Metaphysik; sie kritisirt bald das philosophische,
bald das natürliche Denken: welches ihr an sich gar nicht zum Tadel gereichen
würde, wenn sie nur die so eben gemachte Unterscheidung teils überhaupt
bestimmt angegeben, teils bei einzelnen Untersuchungen angedeutet hätte, auf
welchem Gebiete dieselben lägen: - eine reine Kritik, sage ich, entält keine
metaphysischen Untersuchungen beigemischt; eine reine Metaphysik - die
bisherigen Bearbeitungen der Wissenschaftslehre, die sich als Metaphysik
ankündigte, sind in dieser Absicht nicht rein, noch konnten sie es sein, indem
nur durch Hülfe der beigefügten kritischen Winke diese ungewöhnliche Denkart
sich einigen Eingang versprechen durfte - eine reine Metaphysik, sage ich,
entält keine fernere Kritik, als mit welcher man schon vor ihr vorher ins reine
gekommen sein soll.
    Das Gesagte bestimmt genau das Wesen der folgenden Schrift. Sie ist ein
Teil der Kritik der Wissenschaftslehre, keinesweges aber die Wissenschaftslehre
selbst, oder von ihr ein Teil.
    Sie ist ein Teil dieser Kritik, sagte ich. Sie beschäftigt sich besonders
damit, das Verhältnis der Wissenschaftslehre zu dem gemeinen Wissen, und zu den
auf dem Standpuncte desselben möglichen Wissenschaften, der Materie des Wissens
nach, darzustellen. Aber es gibt noch eine andere Betrachtung, welche sehr viel
beitragen kann, einen richtigen Begriff unseres Systems zu erzeugen, dasselbe
gegen Misverständnisse zu schützen, und ihm Eingang zu verschaffen; die - über
das Verhältnis des transscendentalen Denkens zu dem gemeinen der Form nach,
d.h. die Beschreibung des Gesichtspunctes, aus welchem der transscendentale
Philosoph alles Wissen erblickt, und seiner Gemütsstimmung in der Speculation.
Der Verf. glaubt über diese Puncte in seinen zwei Einleitungen zu einer neuen
Darstellung der Wissenschaftslehre (in dem oben genannten Journale, im Jahrgange
1797), besonders in der zweiten, sich mit einiger Deutlichkeit erklärt zu haben.
- Eine Wissenschaft, und die Kritik derselben, unterstützen und erklären sich
wechselseitig. Erst wenn die reine Darstellung der Wissenschaftslehre selbst
möglich sein wird, wird es leicht sein, systematisch und vollständig über das
Verfahren derselben Rechenschaft abzulegen. Verzeihe das Publicum dem Verf.
vorläufige und unvollständige Arbeiten, bis einst er selbst, oder ein anderer,
vollenden kann!
    In diesem neuen Abdrucke sind bloss mehrere Wendungen und Ausdrücke, die
nicht bestimmt genug waren, geändert, einige Anmerkungen unter dem Texte, welche
das System in Streitigkeiten verwickelten, deren es sich bis jetzt noch
überheben kann, und der ganze dritte Abschnitt (hypotetische Einteilung der
Wissenschaftslehre), der gleich bei seiner Abfassung nur einen temporären Zweck
hatte, und dessen Inhalt seitdem in der Grundlage der gesammten W. L.
ausführlicher und deutlicher vorgetragen ist, weggelassen worden.
    Indem ich eine Schrift, in welcher ich mein System zu allererst ankündigte,
wieder herausgebe, ist es vielleicht nicht unschicklich, einiges zur Geschichte
der Aufnahme beizubringen, welche dieses System bisher gefunden. Wenige
ergriffen die vernünftigere Maassregel, vorläufig stille zu schweigen und sich
erst ein wenig zu bedenken; die mehreren liessen ihr dummes Staunen über die
neue Erscheinung unverhohlen blicken, und empfingen sie mit blödsinnigem Gelach
und abgeschmacktem Spott; die gutmütigeren unter diesen wollten zur
Entschuldigung des Verfassers glauben, dass die ganze Sache bloss ein übel
ausgedachter Spass sei, während andere im Ernste nachsannen, wie man ihn bald
»im Innern gewisser milden Stiftungen« versorgen könne. - Es würde den
lehrreichsten Beitrag zur Geschichte des menschlichen Geistes abgeben, wenn man
erzählen könnte, wie gewisse Philosopheme bei ihrer ersten Erscheinung,
aufgenommen worden; es ist ein wahrer Verlust, dass man die in dem ersten
Erstaunen gefällten Urteile der Zeitgenossen Übel einige ältere Systeme nicht
mehr besitzt. In Rücksicht des Kantischen Systems ist es noch Zeit, eine
Sammlung der ersten Recensionen desselben, - die in der wohlberühmten
Göttingischen Gelehrten-Zeitung an der Spitze - zu veranstalten, und für die
künftigen Zeitalter als Seltenheiten aufzubewahren. Für die Wissenschaftslehre
will ich selbst dieses Geschäft übernehmen; und um einen Anfang zu machen, lege
ich dieser Schrift zwei der merkwürdigsten dahin einschlagenden Recensionen bei,
es versteht sich, ohne Bemerkungen hinzuzusetzen. Es bedarf für das
philosophische Publicum, welches gegenwärtig mit meinem Systeme besser bekannt
ist, solcher Bemerkungen nicht, und für die Urheber jener Recensionen ist es
Unglück genug, gesagt zu haben, was sie in denselben sagen.
    Ohnerachtet dieses abschreckenden Empfanges hat dennoch bald darauf dieses
System glücklichere Schicksale gehabt, als wohl irgend einem anderen zu Teile
geworden sein dürften. Mehrere junge geistreiche Kopfe haben es mit Feuer
ergriffen, und ein verdienst, voller Veteran in der philosophischen Literatur
hat ihm nach langer und reifer Prüfung seinen Beifall gegeben. Es lässt von den
vereinten Bemühungen so vieler vortrefflichen Köpfe sich erwarten, dass es bald
recht vielseitig dargestellt und ausgebreitet angewendet, die Umstimmung des
Philosophirens, und vermittelst desselben, des wissenschaftlichen Verfahrens
überhaupt bewirken werde, welche es beabsichtiget. Ohnerachtet der Aehnlichkeit
seiner ersten Aufnahme mit der Aufnahme des zunächst vorhergegangenen - -
anderen Systems, wie gute Kenner glauben - anderen Darstellung eben desselben
Systems, wie ich gleichfalls nicht ohne gute Gründe annehme (Über welchen Punct
jedoch weiter zu streiten ich feierlich aufgebe), ohnerachtet dieser
Aehnlichkeit, sage ich, - obschon, wie sich das von Kantianern versteht, die
Aufnahme der Wissenschaftslehre viel gröber und pöbelhafter ausfiel, als die der
Kantischen Schriften - werden doch hoffentlich beide - Systeme oder
Darstellungen, nicht den gleichen Erfolg haben, einen Haufen sclavischer und
brutaler Nachbeter zu bilden. Teils sollte man glauben, dass die Deutschen
durch die zunächst vorhergegangene traurige Begebenheit sich abschrecken lassen,
und nicht kurz hintereinander zweimal das Joch der Nachbeterei aufladen werden;
teils scheint sowohl der bis jetzt gewählte, einen festen Buchstaben
vermeidende Vortrag, als der innere Geist dieser Lehre sie gegen gedankenlose
Nachsprecher zu schützen; auch ist es von den Freunden derselben nicht zu
erwarten, dass sie eine solche Huldigung wohl aufnehmen werden.
    Für die Vollendung des Systems ist noch unbeschreiblich viel zu tun. Es ist
jetzt kaum der Grund gelegt, kaum ein Anfang des Baues gemacht; und der Verf.
will alle seine bisherigen Arbeiten nur für vorläufige gehalten wissen. Die
feste Hoffnung, die er nunmehr fassen kann, nicht, wie er vorher befürchtete,
auf gutes Glück, in der individuellen Form, in der es sich ihm zuerst darbot,
für irgend ein künftiges Zeitalter, das ihn verstehen dürfte, in todten
Buchstaben, sein System niederlegen zu müssen, sondern schon mit seinen
Zeitgenossen sich darüber zu verständigen und zu beraten, dasselbe durch
gemeinschaftliche Bearbeitung mehrerer eine allgemeinere Form gewinnen zu sehen,
und es lebendig im Geiste und der Denkart des Zeitalters zu hinterlassen, ändert
den Plan, den er sich bei der ersten Ankündigung desselben vorschrieb. Er wird
nämlich in der systematischen Ausführung des Systems vor jetzt nicht weiter
fortschreiten, sondern erst das bis jetzt Erfundene vielseitiger darstellen, und
vollkommen klar und jedem Unbefangenen evident zu machen suchen. Ein Anfang
dieser Arbeit ist schon in dem oben genannten Journale gemacht worden, und sie
wird fortgesetzt werden, so wie meine nächsten Geschäfte, als akademischer
Docent, es verstatten.
    Mehreren mir bekannt gewordenen Äusserungen zufolge ist durch jene Aufsätze
manchem ein Licht aufgegangen; und wenn die Denkart des Publicum über die neue
Lehre nicht allgemeiner umgestimmt worden, so kommt dies wohl mit daher, dass
jenes Journal nicht sehr verbreitet zu sein scheint. Zu demselben Zwecke werde
ich, sobald es meine Zeit erlaubt, einen neuen Versuch einer streng - und rein -
systematischen Darstellung der Grundlage der Wissenschaftslehre erscheinen
lassen. Jena, zur Michaelismesse 1798.
 
                                Erster Abschnitt
                                        
               Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre überhaupt
         § 1. Hypotetisch aufgestellter Begriff der Wissenschaftslehre
    Um geteilte Parteien zu vereinigen, geht man am sichersten von dem aus,
worüber sie einig sind.
    Die Philosophie ist eine Wissenschaft; - darüber sind alle Beschreibungen
der Philosophie so übereinstimmend, als sie in der Bestimmung des Objects dieser
Wissenschaft geteilt sind. Und wie, wenn diese Uneinigkeit daher gekommen wäre,
dass der Begriff der Wissenschaft selbst, für welche sie einmütig die
Philosophie anerkennen, nicht ganz entwickelt war? Wie wenn die Bestimmung,
dieses einzigen von allen zugestandenen Merkmals völlig hinreichte, den Begriff
der Philosophie selbst zu bestimmen?
    Eine Wissenschaft hat systematische Form; alle Sätze in ihr hängen in einem
einzigen Grundsatze zusammen, und vereinigen sich in ihm zu einem Ganzen - auch
dieses, gesteht man allgemein zu. Aber ist nun der Begriff der Wissenschaft
erschöpft?
    Wenn jemand auf einem grundlosen und unerweislichen Satze, z.B. auf dem,
dass es in der Luft Geschöpfe mit menschlichen Neigungen, Leidenschaften und
Begriffen, aber äterischen Körpern gebe, eine noch so systematische
Naturgeschichte dieser Luftgeister aufbaute, welches an sich recht wohl möglich
ist - würden wir ein solches System, so streng auch in demselben gefolgert
würde, und so innig auch die einzelnen Teile desselben unter einander verkettet
sein möchten, für eine Wissenschaft anerkennen? Hinwiederum, wenn jemand einen
einzelnen Lehrsatz anführt - etwa der mechanische Handwerker den Satz: dass eine
auf einer horizontalen Fläche in einem rechten Winkel aufgestellte Säule
perpendicular stehe, und ins unbedingte verlängert, nach keiner von beiden
Seiten hängen werde; welches er ehemals gehört, und in vielfältiger Erfahrung
als wahr befunden3; - so wird jedermann zugestehen, derselbe habe Wissenschaft
von dem gesagten; ob er gleich nicht den geometrischen Beweis seines Satzes von
dem ersten Grundsatze dieser Wissenschaft an systematisch führen kann. Warum
nennen wir nun jenes feste System, das auf einem unerwiesenen und unerweisbaren
Satze beruhet, nicht Wissenschaft; und warum nennen wir die Kenntnis des
zweiten, die in seinem Verstande mit keinem Systeme zusammenhängt, Wissenschaft?
    Ohne Zweifel darum, weil das erstere in aller seiner schulgerechten Form
doch nichts entält, das man wissen kann; und der letztere, ohne alle
schulgerechte Form, etwas sagt, das er wirklich weiss, und wissen kann.
    Das Wesen der Wissenschaft bestünde sonach, wie es scheint, in der
Beschaffenheit ihres Inhalts und dem Verhältnisse desselben zu dem Bewusstsein
desjenigen, von welchem gesagt wird, dass er wisse: und die systematische Form
wäre der Wissenschaft bloss zufällig; sie wäre nicht der Zweck derselben,
sondern bloss etwa das Mittel zum Zwecke.
    Dies liesse sich vorläufig so denken. Wenn etwa aus irgend einer Ursache der
menschliche Geist nur sehr wenig gewiss wissen, alles andere aber nur meinen,
mutmaassen, ahnen, willkürlich annehmen könnte, aber doch, gleichfalls aus
irgend einer Ursache, mit dieser engbeschränkten oder unsicheren Kenntnis sich
nicht wohl begnügen könnte, so würde ihm kein anderes Mittel übrig bleiben,
dieselbe auszubreiten und zu sichern, als dass er die ungewissen Kenntnisse mit
den gewissen vergliche, und aus der Gleichheit oder Ungleichheit - man verstatte
mir vorläufig diese Ausdrücke, bis ich Zeit erhalte, sie zu erklären - aus der
Gleichheit oder Ungleichheit der ersteren mit den letzteren, auf die Gewissheit
oder Ungewissheit derselben folgerte. Wären sie einem gewissen Satze gleich, so
könnte er sicher annehmen, dass sie auch gewiss seien; wären sie ihm
entgegengesetzt, so wüsste er nunmehro, dass sie falsch wären, und er wäre vor
längerer Täuschung durch sie gesichert. Er hätte, nicht Wahrheit, doch Befreiung
vom Irrtume gewonnen. -
    Ich mache mich deutlicher. Eine Wissenschaft soll Eins, ein Ganzes sein. Der
Satz, dass eine auf einer horizontalen Fläche in einem rechten Winkel
aufgestellte Säule perpendicular stehe4, ist für den, der keine zusammenhängende
Kenntnis von der Geometrie5 hat, ohne Zweifel ein Ganzes, und insofern eine
Wissenschaft.
    Aber wir betrachten auch die gesammte Geometrie6 als eine Wissenschaft, da
sie doch noch gar manches andere entält, als jenen Satz. - Wie und wodurch
werden nun eine Menge an sich höchst verschiedener Sätze zu Einer Wissenschaft,
zu Einem und eben demselben Ganzen?
    Ohne Zweifel dadurch, dass die einzelnen Sätze überhaupt nicht Wissenschaft
wären, sondern dass sie erst im Ganzen, durch ihre Stelle im Ganzen, und durch
ihr Verhältnis zum Ganzen es werden. Nie aber kann durch blosse Zusammensetzung
von Teilen ein etwas entstehen, das nicht in einem Teile des Ganzen
anzutreffen sei. Wenn Bar kein Satz unter den verbundenen Sätzen Gewissheit
hätte, so würde auch das durch die Verbindung entstandene Ganze keine haben.
    Mitin müsste wenigstens Ein Satz gewiss sein, der etwa den übrigen seine
Gewissheit mitteilte; so dass, wenn, und inwiefern dieser Eine gewiss sein
soll, auch ein Zweiter, und wenn, und inwiefern dieser Zweite gewiss sein soll,
auch ein Dritter u.s.f. gewiss sein muss. Und so würden mehrere, und an sich
viel. Leicht sehr verschiedene Sätze, eben dadurch, dass sie alle - Gewissheit,
und die gleich Gewissheit hätten, nur Eine Gewissheit gemein haben, und dadurch
nur Eine Wissenschaft werden. -
    Der von uns so eben schlechtin gewiss genannte Satz - wir haben nur einen
solchen angenommen - kann seine Gewissheit nicht erst durch die Verbindung mit
den übrigen erhalten, sondern muss sie vor derselben vorher haben; denn aus
Vereinigung mehrerer Teile kann nichts entstehen, was in keinem Teile ist.
Alle übrigen aber müssten die ihrige von ihm erhalten. Er müsste vor aller
Verbindung vorher gewiss und ausgemacht sein. Kein einziger von den übrigen aber
müsste vor der Verbindung es sein, sondern erst durch sie es werden.
    Hieraus erhellet zugleich, dass unsere obige Annahme die einzige richtige
ist, und dass in einer Wissenschaft nur Ein Salz sein kann, der vor der
Verbindung vorher gewiss und ausgemacht ist. Gäbe es mehrere dergleichen Sätze,
so wären sie entweder mit dem anderen gar nicht verbunden, und dann gehörten sie
nicht zu dem gleichen Ganzen, sondern machten Ein oder mehrere abgesonderte
Ganze aus; oder sie wären damit verbunden. Die Sätze sollen aber nicht anders
verbunden werden, als durch die Eine und gleiche Gewissheit: - wenn Ein Satz
gewiss ist, so soll auch ein anderer gewiss sein, und wenn der Eine nicht gewiss
ist, so soll auch der andere nicht gewiss sein; und lediglich dieses Verhältnis
ihrer Gewissheit zu einander soll ihren Zusammenhang bestimmen. Dies könnte von
einem Satze, der eine von den übrigen Sätzen unabhängige Gewissheit hätte, nicht
gelten; wenn seine Gewissheit unabhängig sein soll, so ist er gewiss, wenn auch
die anderen nicht gewiss sind. Mitin wäre er überhaupt nicht mit ihnen durch
Gewissheit verbunden. - Ein solcher vor der Verbindung vorher und unabhängig von
ihr gewisser Satz heisst ein Grundsatz. Jede Wissenschaft muss einen Grundsatz
haben; ja sie könnte ihrem inneren Charakter nach wohl gar aus einem einzigen,
an sich gewissen Satze bestehen, - der aber dann freilich nicht Grundsatz
heissen könnte, weil er nichts begründete. Sie kann aber auch nicht mehr als
Einen Grundsatz haben, weil sie sonst nicht Eine, sondern mehrere Wissenschaften
ausmachen würde.
    Eine Wissenschaft kann ausser dem vor der Verbindung vorher gewissen Satze
noch mehrere Satze entalten, die erst durch die Verbindung mit jenem überhaupt
als gewiss, und auf dieselbe Art und in demselben Grade gewiss wie jener erkannt
werden. Die Verbindung besteht, wie eben erinnert worden, darin, dass gezeigt
werde: wenn der Satz A gewiss sei, müsse auch der Salz B - und wenn dieser
gewiss sei, müsse auch der Satz C u.s.f. gewiss sein; und diese Verbindung
heisst die systematische Form des Ganzen, das aus den einzelnen Teilen
entsteht. - Wozu nun diese Verbindung? Ohne Zweifel nicht um ein Kunststück des
Verbindens zu machen, sondern um Sätzen Gewissheit zu geben, die an sich keine
hätten: und so ist die systematische Form nicht Zweck der Wissenschaft, sondern
sie ist das zufällige, nur unter der Bedingung, dass die Wissenschaft aus
mehreren Sätzen bestehen solle, anwendbare Mittel zur Erreichung ihres Zwecks.
Sie ist nicht das Wesen der Wissenschaft, sondern eine zufällige Eigenschaft
derselben. - Die Wissenschaft sei ein Gebäude; der Hauptzweck dieses Gebäudes
sei Festigkeit. Der Grund ist fest, und so wie dieser gelegt ist, wäre der Zweck
erreicht. Weil man aber im blossen Grunde nicht wohnen, durch ihn allein sich
weder gegen den willkürlichen Anfall des Feindes, noch gegen die unwillkürlichen
Anfälle der Witterung schützen kann, so führt man auf denselben Seitenwände, und
über diesen ein Dach auf. Alle Teile des Gebäudes werden mit dem Grunde, und
unter sich selbst zusammengefügt, und dadurch wird das Ganze fest, aber man baut
nicht ein festes Gebäude, damit man zusammenfügen könne, sondern man fügt
zusammen, damit das Gebäude fest werde; und es ist fest, in so fern alle Teile
desselben auf einem festen Grunde ruhen.
    Der Grund ist fest, und er ist auf keinen neuen Grund, sondern er ist auf
den festen Erdboden gegründet. - Worauf wollen denn wir den Grund unserer
wissenschaftlichen Gebäude aufführen? Die Grundsätze unserer Systeme sollen und
müssen vor dem Systeme vorher gewiss sein. Ihre Gewissheit kann in dem Umfange
derselben nicht erwiesen werden, sondern jeder in ihnen mögliche Beweis setzt
dieselbe schon voraus. Sind sie gewiss, so ist freilich alles, was aus ihnen
folgt, auch gewiss: aber aus was folgt denn ihre eigene Gewissheit?
    Und wenn wir auch diese Frage beantwortet hätten, drückt uns nicht eine
neue, von jener ersten ganz unterschiedene? - Wir wollen beim Aufbauen unserer
Lehrgebäude so folgern: Wenn der Grundsatz gewiss ist, so ist auch ein
bestimmter anderer Satz gewiss. Worauf gründet sich denn jenes So? Was ist es,
das den notwendigen Zusammenhang zwischen beiden begründet, vermöge dessen dem
einen eben die Gewissheit zukommen soll, die dem anderen zukommt? Welches sind
die Bedingungen dieses Zusammenhangs; und woher wissen wir, dass sie die
Bedingungen und die ausschliessenden Bedingungen und die einzigen Bedingungen
desselben sind? und wie kommen wir überhaupt dazu, einen notwendigen
Zusammenhang zwischen verschiedenen Sätzen, und ausschliessende, aber erschöpfte
Bedingungen dieses Zusammenhangs anzunehmen?
    Kurz, wie lässt sich die Gewissheit des Grundsatzes an sich; wie lässt sich
die Befugnis, auf eine bestimmte Art aus ihm die Gewissheit anderer Sätze zu
folgern, begründen?
    Dasjenige, was der Grundsatz selbst haben, und allen übrigen Sätzen, die in
der Wissenschaft vorkommen, mitteilen soll, nenne ich den inneren Gehalt des
Grundsatzes und der Wissenschaft überhaupt; die Art, wie er dasselbe den anderen
Sätzen mitteilen soll, nenne ich die Form der Wissenschaft. Die aufgegebene
Frage ist mitin die: Wie ist Gehalt und Form einer Wissenschaft überhaupt, d.h.
wie ist die Wissenschaft selbst möglich?
    Etwas, worin diese Frage beantwortet wurde, wäre selbst eine Wissenschaft,
und zwar die Wissenschaft von der Wissenschaft überhaupt.
    Es lässt vor der Untersuchung vorher sich nicht bestimmen, ob die
Beantwortung jener Frage möglich sein werde oder nicht, d.h. ob unser gesammtes
Wissen einen erkennbaren festen Grund habe, oder ob es, so innig unter sich
verkettet auch die einzelnen Teile desselben sein mögen, doch zuletzt auf
Nichts, wenigstens für uns auf Nichts beruhe. Soll aber unser Wissen für uns
einen Grund haben, so muss jene Frage sich beantworten lassen, und es muss eine
Wissenschaft geben, in der sie beantwortet wird; und gibt es eine solche
Wissenschaft, so hat unser Wissen einen erkennbaren Grund. Es lässt sich demnach
über die Gründlichkeit oder Grundlosigkeit unseres Wissens vor der Untersuchung
vorher nichts sagen; und die Möglichkeit der geforderten Wissenschaft lässt sich
nur durch ihre Wirklichkeit dartun.
    Die Benennung einer solchen Wissenschaft, deren Möglichkeit bis jetzt bloss
problematisch ist, ist willkürlich. Wenn sich jedoch zeigen sollte, dass der
Boden, der nach aller bisherigen Erfahrung für den Anbau der Wissenschaften
brauchbar ist, durch die ihm zugehörigen bereits besetzt sei, und dass sich nur
noch ein unangebautes Stück Land zeige, nämlich das für die Wissenschaft der
Wissenschaften überhaupt; - wenn sich ferner unter einem bekannten Namen (dem
der Philosophie) die Idee einer Wissenschaft vorfände, welche doch auch
Wissenschaft sein oder werden will, und welche über den Platz, wo sie sich
anbauen soll, mit sich nicht einig werden kann: so wäre es nicht unschicklich,
ihr den aufgefundenen leeren Platz anzuweisen. Ob man sich bisher bei dem Worte
Philosophie eben das gedacht habe oder nicht, tut überhaupt nichts zur Sache;
und dann würde diese Wissenschaft, wenn sie nur einmal Wissenschaft geworden
wäre, nicht ohne Fug einen Namen ablegen, den sie aus einer keinesweges
übertriebenen Bescheidenheit bisher geführt hat - den Namen einer Kennerei,
einer Liebhaberei, eines Dilettantism. Die Nation, welche diese Wissenschaft
erfinden wird, wäre es wohl wert, ihr aus ihrer Sprache einen Namen zu geben7;
und sie könnte dann schlechtin die Wissenschaft, oder die Wissenschaftslehre
heissen. Die bisher sogenannte Philosophie wäre demnach die Wissenschaft von
einer Wissenschaft überhaupt.
 
             § 2. Entwickelung des Begriffs der Wissenschaftslehre
    Man soll aus Definitionen nicht folgern das heisst entweder, man soll
daraus, dass man sich ohne Widerspruch in die Beschreibung eines Dinges, welches
ganz unabhängig von unserer Beschreibung existirt, ein gewisses Merkmal hat
denken können, nicht ohne weiteren Grund schliessen, dass dasselbe darum im
wirklichen Dinge anzutreffen sein müsse; oder man soll bei einem Dinge, das
selbst erst durch uns, nach einem davon gebildeten Begriffe, der den Zweck
desselben ausdrückt, hervorgebracht werden soll, aus der Denkbarkeit dieses
Zwecks noch nicht auf die Ausführbarkeit desselben in der Wirklichkeit
schliessen; aber nimmermehr kann es heissen, man solle sich bei seinen geistigen
oder körperlichen Arbeiten keinen Zweck aufgeben, und sich denselben, noch ehe
man an die Arbeit geht, ja nicht deutlich zu machen suchen, sondern es dem
Spiele seiner Einbildungskraft oder seiner Finger überlassen, was etwa
herauskommen möge. Der Erfinder der aërostatischen Bälle durfte wohl die Grösse
derselben, und das Verhältnis der darin eingeschlossenen Luft gegen die
atmosphärische, und daraus die Schnelligkeit der Bewegung seiner Maschine
berechnen; auch noch ehe er wusste, ob er eine Luftart finden würde, die um den
erforderlichen Grad leichter sei, als die atmosphärische: und Archimedes konnte
die Maschine, durch welche er den Erdball aus seiner Stelle bewegen wollte,
berechnen, ob er gleich sicher wusste, dass er keinen Platz ausserhalb der
Anziehungskraft derselben finden würde, von welchem aus er sie könnte wirken
lassen. - So unsere eben beschriebene Wissenschaft: Sie ist, als solche, nicht
etwas, das unabhängig von uns, und ohne unser Zutun existirte, sondern vielmehr
etwas, das erst durch die Freiheit unseres nach einer bestimmten Richtung hin
wirkenden Geistes hervorgebracht werden soll; - wenn es eine solche Freiheit
unseres Geistes gibt, wie wir gleichfalls noch nicht wissen können. Bestimmen
wir diese Richtung vorher; machen wir uns einen deutlichen Begriff davon, was
unser Werk werden soll. Ob wir es hervorbringen können oder nicht, das wird sich
erst daraus ergeben, ob wir es wirklich hervorbringen. Jetzt ist nicht davon die
Frage, sondern davon, was wir eigentlich machen wollen; und das bestimmt unsere
Definition.
    1) Die beschriebene Wissenschaft soll zuvörderst eine Wissenschaft der
Wissenschaft überhaupt sein. Jede mögliche Wissenschaft hat einen Grundsatz, der
in ihr nicht erwiesen werden kann, sondern vor ihr vorher gewiss sein muss. Wo
soll nun dieser Grundsatz erwiesen werden? Ohne Zweifel in derjenigen
Wissenschaft, welche alle möglichen Wissenschaften zu begründen hat. - Die
Wissenschaftslehre hätte in dieser Rücksicht zweierlei zu tun. Zuvörderst die
Möglichkeit der Grundsätze überhaupt zu begründen; zu zeigen, wie, inwiefern,
unter welchen Bedingungen, und vielleicht in welchen Graden etwas gewiss sein
könne, und überhaupt, was das heisse - gewiss sein; dann hätte sie insbesondere
die Grundsätze aller möglichen Wissenschaften zu erweisen, die in ihnen selbst
nicht erwiesen werden können.
    Jede Wissenschaft, wenn sie nicht ein einzelner abgerissener Satz, sondern
ein aus mehreren Sätzen bestehendes Ganze sein soll, hat systematische Form.
Diese Form, die Bedingung des Zusammenhangs der abgeleiteten Sätze mit dem
Grundsatze, und der Rechtsgrund, aus diesem Zusammenhange zu folgern, dass die
ersteren notwendig eben so gewiss sein müssen, als der letztere, lässt in der
besonderen Wissenschaft, wenn sie Einheit haben, und sich nicht mit fremden, in
sie nicht gehörigen Dingen beschäftigen soll, sich eben so wenig dartun, als in
ihr die Wahrheit ihres Grundsatzes dargetan werden kann, sondern wird zur
Möglichkeit ihrer Form schon vorausgesetzt. Eine allgemeine Wissenschaftslehre
hat also die Verbindlichkeit auf sich, für alle möglichen Wissenschaften die
systematische Form zu begründen.
    2) Die Wissenschaftslehre ist selbst eine Wissenschaft . Auch sie muss daher
zuvörderst einen Grundsatz haben, der in ihr nicht erwiesen werden kann, sondern
zum Behuf ihrer Möglichkeit als Wissenschaft vorausgesetzt wird. Aber dieser
Grundsatz kann auch in keiner anderen höheren Wissenschaft erwiesen werden; denn
dann wäre diese höhere Wissenschaft selbst die Wissenschaftslehre, und
diejenige, deren Grundsatz erst erwiesen werden müsste, wäre es nicht. Dieser
Grundsatz - der Wissenschaftslehre, und vermittelst ihrer aller Wissenschaften
und alles Wissens - ist daher schlechterdings keines Beweises fähig, d.h. er ist
auf keinen höheren Satz zurück zu führen, aus dessen Verhältnisse zu ihm seine
Gewissheit erhelle. Dennoch soll er die Grundlage aller Gewissheit abgeben; er
muss daher doch gewiss und zwar in sich selbst, und um sein selbst willen, und
durch sich selbst gewiss sein. Alle anderen Sätze werden gewiss sein, weil sich
zeigen lässt, dass sie ihm in irgend einer Rücksicht gleich sind; dieser Satz
muss gewiss sein, bloss darum, weil er sich selbst gleich ist. Alle andere Sätze
werden nur eine mittelbare und von ihm abgeleitete Gewissheit haben; er muss
unmittelbar gewiss sein. Auf ihn gründet sich alles Wissen, und ohne ihn wäre
überhaupt kein Wissen möglich; er aber gründet sich auf kein anderes Wissen,
sondern er ist der Satz des Wissens schlechtin. - - Dieser Satz ist schlechtin
gewiss, d.h. er ist gewiss, weil er gewiss ist8. Er ist der Grund aller
Gewissheit, d.h. alles was gewiss ist, ist gewiss, weil er gewiss ist; und es
ist nichts gewiss, wenn er nicht gewiss ist. Er ist der Grund alles Wissens,
d.h. man weiss, was er aussagt, weil man überhaupt weiss; man weiss es
unmittelbar, so wie man irgend etwas weiss. Er begleitet alles Wissen, ist in
allem Wissen entalten, und alles Wissen setzt ihn voraus.
    Die Wissenschaftslehre muss, insofern sie selbst eine Wissenschaft ist, -
wenn sie nur nicht aus ihrem blossen Grundsatze, sondern aus mehreren Sätzen
bestehen soll, (und dass es so sein werde, lässt sich darum voraussehen, weil
sie für andere Wissenschaften Grundsätze aufzustellen hat) - sie muss, sage ich,
systematische Form haben. Nun kann sie diese systematische Form von keiner
anderen Wissenschaft der Bestimmung nach entlehnen, oder der Gültigkeit nach auf
den Erweis derselben in einer anderen Wissenschaft sich berufen, weil sie selbst
für alle andere Wissenschaften nicht nur Grundsätze und dadurch ihren inneren
Gehalt, sondern auch die Form, und dadurch die Möglichkeit der Verbindung
mehrerer Sätze in ihnen, aufzustellen hat. Sie muss mitin diese Form in sich
selbst haben, und sie durch sich selbst begründen.
    Wir dürfen dies nur ein wenig zergliedern, um zu sehen, was dadurch
eigentlich gesagt werde. - Dasjenige, von dem man etwas weiss, heisse indes der
Gehalt, und das, was man davon weiss, die Form des Satzes. (In dem Satze: Gold
ist ein Körper, ist dasjenige, wovon man etwas weiss, das Gold und der Körper;
das, was man von ihnen weiss, ist, dass sie in einer gewissen Rücksicht gleich
seien und insofern eins statt des anderen gesetzt werden könne. Es ist ein
bejahender Satz, und diese Beziehung ist seine Form.)
    Kein Satz ist ohne Gehalt oder ohne Form möglich. Es muss etwas sein, wovon
man weiss, und etwas, das man davon weiss. Der erste Satz aller
Wissenschaftslehre muss demnach beides, Gehalt und Form haben. Nun soll er
unmittelbar und durch sich selbst gewiss sein, und das kann nicht anders
heissen, als dass der Gehalt desselben seine Form, und umgekehrt die Form
desselben seinen Gehalt bestimme. Diese Form kann nur zu jenem Gehalte, und
dieser Gehalt kann nur zu jener Form passen; jede andere Form zu diesem Gehalte
hebt den Satz selbst und mit ihm alles Wissen, und jeder andere Gehalt zu dieser
Form hebt gleichfalls den Satz selbst und mit ihm alles Wissen auf. Die Form des
absoluten ersten Grundsatzes der Wissenschaftslehre ist also durch ihn, den Satz
selbst, nicht nur gegeben, sondern auch als schlechtin gültig für den Gehalt
desselben aufgestellt. Sollte es ausser diesem einen absolut - ersten noch
mehrere Grundsätze der Wissenschaftslehre geben, die nur zum Teil absolut, zum
Teil aber durch den ersten und höchsten bedingt sein müssten9, weil es sonst
nicht einen einzigen Grundsatz gäbe - so könnte das absolut-erste in demselben
nur entweder der Gehalt oder die Form, und das bedingte gleichfalls nur entweder
der Gehalt oder die Form sein. Setzet, der Gehalt sei das unbedingte, so wird
der absolut-erste Grundsatz - der etwas in dem zweiten bedingen muss, weil er
sonst nicht absolut-erster Grundsatz wäre, - die Form desselben bedingen; und
demnach würde seine Form in der Wissenschaftslehre selbst, und durch sie und
durch ihren ersten Grundsatz bestimmt: oder setzet umgekehrt, die Form sei das
unbedingte, so wird durch den ersten Grundsatz notwendig der Gehalt dieser Form
bestimmt, mitin mittelbar auch die Form, insofern sie Form eines Gehaltes sein
soll; also auch in diesem Falle würde die Form durch die Wissenschaftslehre, und
zwar durch ihren Grundsatz bestimmt. - Einen Grundsatz aber, der weder seiner
Form, noch seinem Gehalte nach, durch den absolut-ersten Grundsatz bestimmt
würde, kann es nicht geben, wenn es einen absolut-ersten Grundsatz, und eine
Wissenschaftslehre, und ein System des menschlichen Wissens überhaupt geben
roll. Mitin könnte es auch nicht mehrere Grundsätze geben, als drei; einen
absolut und schlechtin durch sich selbst, sowohl der Form, als dem Gehalte nach
bestimmten; einen der Form nach durch sich selbst bestimmten, und einen dem
Gehalte nach durch sich selbst bestimmten.
    Giebt es noch mehrere Sätze in der Wissenschaftslehre, so müssen alle sowohl
der Form als dem Gehalte nach, durch den Grundsatz bestimmt sein. Eine
Wissenschaftslehre muss demnach die Form aller ihrer Sätze, insofern sie einzeln
betrachtet werden, bestimmen. Eine solche Bestimmung der einzelnen Sätze aber
ist nicht anders, als so möglich, dass sie sich selbst wechselseitig bestimmen.
Nun aber muss jeder Satz vollkommen bestimmt sein, d. i. seine Form muss nur zu
seinem Gehalte, und zu keinem anderen, und dieser Gehalt muss nur zu der Form,
in der er ist, und zu keiner anderen passen; denn sonst würde der Satz dem
Grundsatze, insofern er gewiss ist, (man erinnere sich an das so eben gefasste)
nicht gleich, und mitin nicht gewiss sein. - Wenn nun alle Sätze einer
Wissenschaftslehre an sich verschieden sein sollen - wie sie es denn sein
müssen, denn sonst waren es nicht mehrere Sätze, sondern ein und ebenderselbe
Satz mehreremale: - so kann kein Satz seine vollkommene Bestimmung anders, als
durch einen einzigen unter allen erhalten; und hierdurch wird denn die ganze
Reihe der Sätze vollkommen bestimmt, und es kann keiner an einer anderen Stelle
der Reihe stehen, als an der er steht. Jeder Satz in der Wissenschaftslehre
bekommt durch einen bestimmten anderen seine Stelle bestimmt, und bestimmt sie
selbst einem bestimmten dritten. Die Wissenschaftslehre bestimmt sich mitin
durch sich selbst die Form ihres Ganzen.
    Diese Form der Wissenschaftslehre hat notwendige Gültigkeit für den Gehalt
derselben. Denn wenn der absoluterste Grundsatz unmittelbar gewiss war, d. i.
wenn seine Form nur für seinen Gehalt, und sein Gehalt nur für seine Form
passte, - durch ihn aber alle möglichen folgenden Sätze, unmittelbar oder
mittelbar, dem Gehalte oder der Form nach, bestimmt werden; - wenn sie gleichsam
schon in ihm entalten liegen - so muss eben das von diesen gelten, was von
jenem gilt, dass ihre Form nur zu ihrem Gehalte, und ihr Gehalt nur zu ihrer
Form passe. Dies betrifft die einzelnen Sätze; die Form des Ganzen aber ist
nichts anderes, als die Form der einzelnen Sätze in Einem gedacht, und was von
jedem einzelnen gilt, muss von allen, als Eins gedacht, auch gelten.
    Die Wissenschaftslehre soll aber nicht nur sich selbst, sondern auch allen
möglichen übrigen Wissenschaften ihre Form geben, und die Gültigkeit dieser Form
für alle sicher stellen. Dieses lässt sich nun nicht anders denken, als unter
der Bedingung, dass alles, uns Satz irgend einer Wissenschaft sein soll, schon
in irgend einem Satze der Wissenschaftslehre entalten, und also schon in ihr in
seiner gehörigen Form aufgestellt sei. Und dieses eröffnet uns einen leichten
Weg, zum Gehalte des absolut-ersten Grundsatzes der Wissenschaftslehre zurück zu
gehen, von dem wir jetzt etwas mehr sagen können, als wir vorhin konnten.
    Man nehme an, gewiss wissen heisse nichts Anderes, als Einsicht in die
Unzertrennlichkeit eines bestimmten Gehalts von einer bestimmten Form haben,
(welches nichts weiter als eine Namenerklärung sein soll, indem eine
Realerklärung des Wissens schlechterdings unmöglich ist) so liesse sich schon
jetzt ungefähr einsehen, wie dadurch? dass der absolut-erste Grundsatz alles
Wissens seine Form schlechtin durch seinen Gehalt, und seinen Gehalt
schlechtin durch seine Form bestimmt, allem Gehalte des Wissens seine Form
bestimmt werden könne; wenn nämlich aller mögliche Gehalt in dem seinigen läge.
Mitin müsste, wenn unsere Voraussetzung richtig sein, und es einen
absolut-ersten Grundsatz alles Wissens geben sollte, der Gehalt dieses
Grundsatzes derjenige sein, der allen möglichen Gehalt in sich entielte, selbst
aber in keinem anderen entalten wäre. Es wäre der Gehalt schlechtin, der
absolute Gehalt.
    Es ist leicht zu bemerken, dass bei Voraussetzung der Möglichkeit einer
solchen Wissenschaftslehre überhaupt, so wie insbesondere der Möglichkeit ihres
Grundsatzes, immer vorausgesetzt werde, dass im menschlichen Wissen wirklich ein
System sei. Soll ein solches System darin sein, so lässt sich auch, unabhängig
von unserer Beschreibung der Wissenschaftslehre, erweisen, dass es einen solchen
absolut-ersten Grundsatz geben müsse.
    Soll es kein solches System geben, so lassen sich nur zwei Fälle denken.
Entweder, es sieht überhaupt nichts unmittelbar Gewisses; unser Wissen bildet
mehrere oder Eine unendliche Reihe, in der jeder Satz durch einen höheren, und
dieser wieder durch einen höheren u.s.f. begründet wird. Wir bauen unsere
Wohnhäuser auf den Erdboden, dieser ruht auf einem Elephanten, dieser auf einer
Schildkröte, diese - - wer weiss es auf was, und so ins unendliche fort. - Wenn
es mit unserem Wissen einmal so beschaffen ist, so können wir es freilich nicht
ändern, aber wir haben dann auch kein festes Wissen: wir sind vielleicht bis auf
ein gewisses Glied in der Reihe zurückgegangen, und bis auf dieses haben wir
alles fest gefunden; aber wer kann uns dafür einstehen, dass wir nicht, wenn wir
etwa noch tiefer gehen sollten, den Urgrund desselben finden, und es werden
aufgeben müssen? Unsere Gewissheit ist erbeten, und wir können ihrer nie auf den
folgenden Tag sicher sein.
    Oder - der zweite Fall - unser Wissen besteht aus endlichen Reihen, aber aus
mehreren, jede Reihe schliesst sich in einem Grundsatze, der durch keinen
anderen, sondern bloss durch sich selbst begründet wird; aber es gibt solcher
Grundsätze mehrere, welche, da sie sich alle durch sich selbst, und schlechtin
unabhängig von allen übrigen begründen, keinen Zusammenhang unter sich haben,
sondern völlig isolirt sind. Es gibt etwa mehrere angeborene Wahrheiten in uns,
die alle gleich angeboren sind, und in deren Zusammenhang wir keine weitere
Einsicht erwarten können, da derselbe über die angeborenen Wahrheiten hinaus
liegt; oder es gibt ein mannigfaltiges Einfaches in den Dingen ausser uns, das
uns durch den Eindruck, den dieselben auf uns machen, mitgeteilt wird, in
dessen Zusammenhang wir aber nicht eindringen können, da es über das einfachste
im Eindrucke kein noch einfacheres geben kann. - Wenn es sich so verhält; wenn
das menschliche Wissen an sich und seiner Natur nach solches Stückwerk ist, wie
das wirkliche Wissen so vieler Menschen; wenn ursprünglich eine Menge Fäden in
unserem Geiste liegen, die unter sich in keinem Puncte zusammenhängen, noch
zusammengehängt werden können: so vermögen wir abermals nicht gegen unsere Natur
zu streiten; unser Wissen ist, so weit es sich erstreckt, zwar sicher; aber es
ist kein einiges Wissen, sondern es sind viele Wissenschaften. - Unsere Wohnung
stünde dann zwar fest, aber es wäre nicht ein einiges zusammenhängendes Gebäude,
sondern ein Aggregat von Kammern, aus deren keiner wir in die andere übergehen
könnten; es wäre eine Wohnung, in der wir uns immer verirren, und nie
einheimisch werden würden. Es wäre kein Licht darin, und wir blieben bei allen
unseren Reichtümern arm, weil wir dieselben nie überschlagen, nie als ein
Ganzes betrachten, und nie wissen könnten, was wir eigentlich besässen; wir
könnten nie einen Teil derselben zur Verbesserung des übrigen anwenden, weil
kein Teil sich auf das übrige bezöge. Noch mehr, unser Wissen wäre nie
vollendet; wir müssten täglich erwarten, dass eine neue angeborene Wahrheit sich
in uns äussere, oder die Erfahrung uns ein neues Einfaches geben würde. Wir
müssten immer bereit sein, uns irgendwo ein neues Häuschen anzubauen. - Dann
wäre keine allgemeine Wissenschaftslehre nötig, um andere Wissenschaften zu
begründen. Jede wäre auf sich selbst gegründet. Es würde so viele Wissenschaften
geben, als es einzelne unmittelbar gewisse Grundsätze gebe.
    Sollen aber nicht etwa bloss ein oder mehrere Fragmente eines Systems, wie
im ersten Falle, oder mehrere Systeme, wie im zweiten, sondern soll ein
vollendetes und einiges System im menschlichen Geiste sein, so muss es einen
solchen höchsten und absolut-ersten Grundsatz geben. Verbreite von ihm aus sich
unser Wissen in noch so viele Reihen, von deren jeder wieder Reihen u.s.f.
ausgehen, so müssen doch alle in einem einzigen Ringe festängen, der an nichts
befestiget ist, sondern durch seine eigene Kraft sich und das ganze System hält.
- Wir haben nun einen durch seine eigene Schwerkraft sich haltenden Erdball,
dessen Mittelpunct alles, was wir nur wirklich auf dem Umkreise desselben, und
nicht etwa in die Luft, und nur perpendicular, und nicht etwa schiefwinklicht
angebaut haben, allmächtig anzieht, und kein Stäubchen aus seiner Sphäre sich
entreissen lässt.
    Ob es ein solches System, und - was die Bedingung desselben ist - einen
solchen Grundsatz gebe, darüber können wir vor der Untersuchung vorher nichts
entscheiden. Der Grundsatz lässt sich nicht nur als blosser Satz, er lässt sich
auch als Grundsatz alles Wissens nicht erweisen. Es kommt auf den Versuch an.
Finden wir einen Satz, der die inneren Bedingungen des Grundsatzes alles
menschlichen Wissens bat, so versuchen wir, ob er auch die äusseren habe; ob
alles, was wir wissen, oder zu wissen glauben, auf ihn sich zurückführen lasse.
Gelingt es uns, so haben wir durch die wirkliche Aufstellung der Wissenschaft
bewiesen, dass sie möglich war, und dass es ein System des menschlichen Wissens
gebe, dessen Darstellung sie ist. Gelingt es uns nicht, so ist entweder
überhaupt kein solches System, oder wir haben es nur nicht entdeckt, und müssen
die Entdeckung desselben glücklicheren Nachfolgern überlassen. Geradezu
behaupten, dass es überhaupt keines gebe, weil wir es nicht gefunden haben, ist
eine Anmaassung, deren Widerlegung unter der Würde der ernsten Betrachtung ist.
 
                               Zweiter Abschnitt
                                        
                 Erörterung des Begriffs der Wissenschaftslehre
                                      § 3
    Einen Begriff wissenschaftlich erörtern - und es ist klar, dass hier von
keiner anderen, als dieser höchsten aller Erörterungen die Rede sein kann -
nenne ich das, wenn man den Ort desselben im System der menschlichen
Wissenschaften überhaupt ansieht, d. i. zeigt, welcher Begriff ihm seine Stelle
bestimme, und welchem anderen sie durch ihn bestimmt werde. Nun aber kann der
Begriff der Wissenschaftslehre überhaupt im System aller Wissenschaften eben so
wenig einen Ort haben, als der des Wissens überhaupt: vielmehr ist er selbst der
Ort für alle wissenschaftlichen Begriffe, und weiset ihnen ihre Stellen in sich
selbst, und durch sich selbst an. Es ist klar, dass hier nur von einer
hypotetischen Erörterung geredet werde, d. i. die Frage ist die: vorausgesetzt,
dass es schon Wissenschaften gebe, und dass Wahrheit in ihnen sei (welches man
vor der allgemeinen Wissenschaftslehre vorher gar nicht wissen kann), wie
verhält sich die aufzustellende Wissenschaftslehre zu diesen Wissenschaften?
    Auch diese Frage ist durch den blossen Begriff derselben schon beantwortet.
Die letzteren verhalten sich zu der ersteren, wie das Begründete zu seinem
Grunde; sie weisen derselben ihre Stelle nicht an, aber jene weisen ihnen allen
ihre Stellen in sich selbst10 und durch sich selbst an. Demnach ist es hier
bloss um eine weitere Entwicklung dieser Antwort zu tun.
    1) Die Wissenschaftslehre sollte eine Wissenschaft aller Wissenschaften
sein. Hierbei entsteht zuvörderst die Frage: Wie kann sie verbürgen, dass sie
nicht nur alle bis jetzt bekannten und erfundenen, sondern auch alle erfindbaren
und möglichen Wissenschaften begründet, und dass sie das ganze Gebiet des
menschlichen Wissens vollkommen erschöpft habe? [Dies gegen Aenesidemus. Marg.
d. V.]
    2) Sie sollte in dieser Rücksicht allen Wissenschaften ihre Grundsätze
geben. Alle Sätze demnach, die in irgend einer besonderen Wissenschaft
Grundsätze sind, sind zugleich auch einheimische Sätze der Wissenschaftslehre;
ein und ebenderselbe Satz ist aus zwei Gesichtspuncten zu betrachten: als ein in
der Wissenschaftlehre entaltener Satz, und als ein an der Spitze einer
besonderen Wissenschaft stehender Grundsatz. Die Wissenschaftslehre folgert aus
dem Satze, als einem in ihr entaltenen, weiter; und die besondere Wissenschaft
folgert aus dem gleichen Satze, als ihrem Grundsatze, auch weiter. Also folgt
entweder in beiden Wissenschaften das gleiche; alle besondere Wissenschaften
sind nicht nur ihrem Grundsatze, sondern auch ihren abgeleiteten Sätzen nach in
der Wissenschaftslehre entalten; und es gibt gar keine besondere Wissenschaft,
sondern nur Teile einer und ebenderselben Wissenschaftslehre: oder es wird in
beiden Wissenschaften auf verschiedene Art gefolgert, welches auch nicht möglich
ist, da die Wissenschaftslehre allen Wissenschaften ihre Form geben soll: oder
es muss zu einem Satze der blossen Wissenschaftslehre noch Etwas, das freilich
nirgend anders her, als aus der Wissenschaftslehre entlehnt sein kann,
hinzukommen, wenn er Grundsatz einer besonderen Wissenschaft werden soll. Es
entsteht die Frage: welches ist das hinzukommende, oder - da dieses
hinzukommende die Unterscheidung ausmacht - welches ist die bestimmte Grenze
zwischen der Wissenschaftslehre überhaupt, und jeder besonderen Wissenschaft?
    3) Die Wissenschaftslehre sollte ferner in der gleichen Rücksicht allen
Wissenschaften ihre Form bestimmen. Wie das geschehen könne, ist schon oben
angezeigt. Aber es tritt eine andere Wissenschaft, unter dem Namen der Logik,
mit den gleichen Ansprüchen uns in den Weg. Zwischen beiden muss entschieden, es
muss untersucht werden, wie die Wissenschaftslehre sich zur Logik verhalte.
    4) Die Wissenschaftslehre ist selbst eine Wissenschaft, und was sie in
dieser Rücksicht zu leisten habe, ist oben bestimmt. Aber insofern sie blosse
Wissenschaft, ein Wissen, in formeller Bedeutung ist, ist sie Wissenschaft von
irgend Etwas; sie hat einen Gegenstand, und es ist aus dem obigen klar, dass
dieser Gegenstand kein anderer sei, als das System des menschlichen Wissens
überhaupt11. Es entsteht die Frage: wie verhält sich die Wissenschaft, als
Wissenschaft, zu ihrem Gegenstande, als solchem?
 
 § 4. Inwiefern kann die Wissenschaftslehre sicher sein, das menschliche Wissen
                         überhaupt erschöpft zu haben?
    Das bisherige wahre oder eingebildete menschliche Wissen ist nicht das
menschliche Wissen überhaupt. Gesetzt ein Philosoph hätte das erstere wirklich
umfasst, und könnte durch eine vollständige Induction den Beweis führen, dass es
in seinem Systeme entalten sei, so hätte er dadurch der Aufgabe der Philosophie
überhaupt noch bei weitem keine Genüge getan: denn wie wollte er durch seine
Induction aus der bisherigen Erfahrung erweisen, dass auch in der Zukunft keine
Entdeckung gemacht werden könne, die nicht unter sein System passe? - Nicht
gründlicher würde die Ausflucht sein, dass er etwa nur das in der gegenwärtigen
Sphäre der menschlichen Existenz mögliche Wissen habe erschöpfen wollen; denn
wenn seine Philosophie nur für diese Sphäre gilt, so kennt er keine mögliche
andere, er kennt demnach auch die Grenzen derjenigen nicht, die durch seine
Philosophie erschöpft werden soll; er hat willkürlich eine Grenze gezogen, deren
Gültigkeit er kaum durch etwas Anderes, als durch die bisherige Erfahrung
erweisen kann; welcher durch eine künftige Erfahrung, selbst innerhalb seiner
vorgegebenen Sphäre, immer widersprochen werden konnte. Das menschliche Wissen
überhaupt soll erschöpft werden, heisst, es soll unbedingt und schlechtin
bestimmt werden, was der Mensch nicht bloss auf der jetzigen Stufe seiner
Existenz, sondern auf allen möglichen und denkbaren Stufen derselben wissen
könne12.
    Dies ist nur unter folgenden Bedingungen möglich: zuvörderst, dass sich
zeigen lasse, der aufgestellte Grundsatz sei erschöpft; und dann, es sei kein
anderer Grundsatz möglich, als der aufgestellte.
    Ein Grundsatz ist erschöpft, wenn ein vollständiges System auf demselben
aufgebaut ist, d. i. wenn der Grundsatz notwendig auf alle aufgestellten Sätze
führt, und alle aufgestellten Sätze notwendig wieder auf ihn zurückfuhren. Wenn
kein Satz im ganzen System vorkommt, welcher wahr sein kann, wenn der Grundsatz
falsch ist - oder falsch, wenn der Grundsatz wahr ist, so ist dies der negative
Beweis, dass kein Satz zuviel in das System aufgenommen worden; denn derjenige,
der nicht in das System gehörte, würde wahr sein können, wenn der Grundsatz
falsch, - oder falsch, wenn auch der Grundsatz wahr wäre. Ist der Grundsatz
gegeben, so müssen alle Sätze gegeben sein; in ihm und durch ihn ist jeder
einzelne (besondere, Marg. d. V.) gegeben. Es ist aus dem, was wir oben über die
Verkettung, der einzelnen Sätze in der Wissenschaftslehre gesagt haben, klar,
dass diese Wissenschaft den angezeigten negativen Beweis unmittelbar in sich
selbst und durch sich selbst führe. Durch ihn wird erwiesen, dass die
Wissenschaft überhaupt systematisch sei, dass alle ihre Teile in einem einzigen
Grundsatze zusammenhängen. - Die Wissenschaft ist ein System, oder sie ist
vollendet, wenn weiter kein Satz gefolgert werden kann: und dies gibt den
positiven Beweis, dass kein Satz zu wenig13 in das System aufgenommen worden.
Die Frage ist nur die: wann und unter welchen Bedingungen kann ein Satz weiter
gefolgert werden; denn es ist klar, dass das bloss relative und negative
Merkmal: ich sehe nicht was weiter folgen könne, nichts beweist. Es könnte wohl
nach mir ein anderer kommen, welcher da, wo ich nichts sah, etwas sähe. Wir
bedürfen eines positiven Merkmals zum Beweise, dass schlechtin und unbedingt
nichts weiter gefolgert werden könne; und das könnte kein anderes sein, als das,
dass der Grundsatz selbst, von welchem wir ausgegangen wären, zugleich auch das
letzte Resultat sei. Dann wäre klar, dass wir nicht weiter gehen könnten, ohne
den Weg, den wir schon einmal gemacht, noch einmal zu machen. - Es wird sich bei
einstiger Aufstellung der Wissenschaft zeigen, dass sie diesen Kreislauf
wirklich vollendet, und den Forscher gerade bei dem Puncte verlässt, von welchem
sie mit ihm ausging; dass sie also gleichfalls den zweiten positiven Beweis in
sich selbst und durch sich selbst führt14.
    Aber, wenn auch der aufgestellte Grundsatz erschöpft, und auf ihn ein
vollständiges System aufgebaut ist, so folgt daraus noch gar nicht, dass durch
seine Erschöpfung das menschliche Wissen überhaupt erschöpft sei; wenn man nicht
schon voraussetzt, was erwiesen werden sollte, dass jener Grundsatz der
Grundsatz des menschlichen Wissens überhaupt sei. Zu jenem vollendeten Systeme
kann freilich nichts mehr weder dazu noch davon getan werden; aber, was
verhindert es denn, dass nicht etwa in der Zukunft, wenn auch bis jetzt sich
keine Spur davon zeigen sollte, durch die vermehrte Erfahrung, Sätze zu dem
menschlichen Bewusstsein gelangen könnten, die sich nicht auf jenen Grundsatz
gründen, die also einen oder mehrere andere Grundsätze voraussetzen kurz, warum
sollten neben jenem vollendeten Systeme nicht noch ein oder mehrere andere
Systeme im menschlichen Geiste bestehen können? Sie würden freilich weder mit
jenem ersten, noch unter sich selbst den geringsten Zusammenhang, den kleinsten
gemeinschaftlichen Punct haben; aber das sollen sie auch nicht, wenn sie nicht
ein einziges, sondern mehrere Systeme bilden. Es müsste also, wenn die
Unmöglichkeit solcher neuen Entdeckungen befriedigend dargetan werden sollte,
erwiesen werden, dass nur ein einziges System im menschlichen Wissen sein könne.
- Da dieser Satz, dass alles menschliche Wissen nur ein einziges, in sich selbst
zusammenhängendes Wissen ausmache, selbst ein Bestandteil des menschlichen
Wissens sein müsste, so könnte er sich auf nichts Anderes gründen, als auf den
als Grundsatz alles menschlichen Wissens aufgestellten Satz, und nirgendsher
bewiesen werden, als aus demselben. Hierdurch wäre nun, vor der. Hand
wenigstens, soviel gewonnen, dass ein anderer etwa einmal zum menschlichen
Bewusstsein gelangender Grundsatz nicht bloss ein anderer, und von dem
aufgestellten Grundsatze verschiedener, sondern auch ein demselben der Form nach
widersprechender sein müsste. Denn unter der obigen Voraussetzung müsste im
aufgestellten Grundsatze der Satz entalten sein: im menschlichen Wissen ist ein
einiges System. Jeder Satz nun, der nicht zu diesem einigen Systeme gehören
sollte, wäre von diesem Systeme nicht bloss verschieden, sondern widerspräche
ihm sogar, inwiefern jenes System das einige mögliche sein sollte, schon durch
sein blosses Dasein geradezu. Er widerspräche jenem abgeleiteten Satze der
Einigkeit des Systems; und - da alle Sätze jenes Systems unter sich
unzertrennlich zusammenhängen, wenn irgend einer wahr ist, notwendig alle wahr,
wenn irgend einer falsch ist, notwendig alle falsch sein sollen, - einem jeden
Satze desselben, und insbesondere auch dem Grundsatze. Vorausgesetzt, dass auch
dieser fremde Satz auf die oben beschriebene Weise systematisch im Bewusstsein
begründet wäre, so müsste das System, zu welchem er gehörte, um des bloss
formellen Widerspruchs seines Daseins willen, dem ganzen ersten Systeme auch
materialiter widersprechen, und auf einem dem ersten Grundsatze geradezu
entgegengesetzten Grundsatze beruhen; so dass, wenn der erstere z.B. der wäre:
Ich bin Ich, - der zweite sein müsste: Ich bin nicht Ich.
    Aus diesem Widerspruche soll und kann nun nicht geradezu die Unmöglichkeit
eines solchen zweiten Grundsatzes gefolgert werden. Wenn im ersten Grundsatze
der Satz liegt: das System des menschlichen Wissens sei ein einiges, so liegt
freilich auch der darin, dass diesem einigen Systeme nichts widersprechen müsse;
aber beide Sätze sind ja erst Folgerungen aus ihm selbst, und so wie die
absolute Gültigkeit alles dessen, was aus ihm folgt, angenommen wird, wird ja
schon angenommen, dass er absolut - erster und einziger Grundsatz sei, und im
menschlichen Wissen schlechtin gebiete. Also ist hier ein Cirkel, aus dem der
menschliche Geist nie herausgehen kann; und man tut recht wohl darauf, diesen
Cirkel bestimmt zuzugestehen, damit man nicht etwa einmal über die unerwartete
Entdeckung desselben in Verlegenheit gerate. Er ist folgender: Wenn der Satz X
erster, höchster und absoluter Grundsatz des menschlichen Wissens ist, so ist im
menschlichen Wissen ein einiges System; denn das letztere folgt aus dem Satze X:
Da nun im menschlichen Wissen ein einiges System sein soll, so ist der Satz X,
der wirklich (laut der aufgestellten Wissenschaft) ein System begründet,
Grundsatz des menschlichen Wissens überhaupt, und das auf ihn gegründete System
ist jenes einige System des menschlichen Wissens.
    Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu sein. Verlangen,
dass er gehoben werde, heisst verlangen, dass das menschliche Wissen völlig
grundlos sei, dass es gar nichts schlechtin Gewisses geben, sondern dass alles
menschliche Wissen nur bedingt sein, und dass kein Satz an sich, sondern jeder
nur unter der Bedingung gellen solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte,
mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmittelbare,
sondern nur vermittelte Wahrheit gebe - und ohne etwas, wodurch sie vermittelt
wird. Wer Lust dazu hat, mag immer untersuchen, was er wissen würde, wenn sein
Ich nicht Ich wäre, d. i. wenn er nicht existirte, und kein Nicht-Ich von seinem
Ich unterscheiden könnte.
 
   § 5. Welches ist die Grenze, die die allgemeine Wissenschaftslehre von der
            besonderen, durch sie begründeten Wissenschaft scheidet?
    Wir fanden oben (S. 3), dass ein und ebenderselbe Satz nicht in der gleichen
Beziehung ein Satz der allgemeinen Wissenschaftslehre, und ein Grundsatz irgend
einer besonderen Wissenschaft sein könne; sondern dass etwa noch etwas
hinzukommen müsse, wenn er das letztere sein soll. - Das, was hinzukommen muss,
kann nirgend anders her, als aus der allgemeinen Wissenschaftslehre entlehnt
sein, da in ihr alles mögliche menschliche Wissen entalten ist; aber es muss
dort nicht in eben dem Satze liegen, der jetzt durch den Zusatz diesselben zum
Grundsatze einer besonderen Wissenschaft erhoben werden soll; denn sonst wäre er
schon dort Grundsatz, und wir hätten keine Grenze zwischen der besonderen
Wissenschaft, und den Teilen der allgemeinen Wissenschaftslehre. Es muss
demnach etwa ein einzelner Satz der Wissenschaftslehre sein, der mit dem Satze,
der Grundsatz werden soll, vereinigt wird. - Da wir hier nicht einen
unmittelbaren aus dem Begriffe der Wissenschaftslehre selbst hervorgehenden,
sondern einen aus der Voraussetzung, dass es ausser ihr wirklich noch andere von
ihr getrennte Wissenschaften gebe, entspringenden Einwurf zu beantworten haben,
so können wir ihn nicht anders, als gleichfalls durch eine Voraussetzung
beantworten; und wir haben vor der Hand genug getan, wenn wir nur irgend eine
Möglichkeit der geforderten Begrenzung aufzeigen. Dass sie die wabre Grenze
angebe - ob es gleich wohl der Fall sein dürfte - können und sollen wir hier
nicht beweisen.
    Man setze demnach, die Wissenschaftslehre entalte diejenigen bestimmten
Handlungen des menschlichen Geistes, die er alle - sei es nun bedingt oder
unbedingt - gezwungen und notwendig vollbringt; sie stelle aber dabei, als
höchsten Erklärungsgrund jener notwendigen Handlungen überhaupt, ein Vermögen
desselben auf, sich schlechtin ohne Zwang und Nötigung zum Handeln überhaupt
zu bestimmen; so wäre durch die Wissenschaftslehre ein notwendiges und ein
nicht notwendiges oder freies Handeln gegeben. Die Handlungen des menschlichen
Geistes, insofern er notwendig handelt, wären durch sie bestimmt, nicht aber
insofern er frei handelt. - Man setze ferner: auch die freien Handlungen
sollten, aus irgend einem Grunde, bestimmt werden, so könnte das nicht in der
Wissenschaftslehre geschehen, müsste aber doch, da von Bestimmung die Rede ist,
in Wissenschaften, und also in besonderen Wissenschaften geschehen. Der
Gegenstand dieser freien Handlungen könnte nun kein anderer sein, als das durch
die Wissenschaftslehre überhaupt gegebene Notwendige, da nichts vorhanden ist,
das sie nicht gegeben hätte, und sie überall nichts gibt, als das Notwendige.
Demnach müsste im Grundsatze einer besonderen Wissenschaft eine Handlung, die
die Wissenschaftslehre frei gelassen hätte, bestimmt werden: die
Wissenschaftslehre gäbe dem Grundsatze das Notwendige und die Freiheit
überhaupt, die besondere Wissenschaft aber gäbe der Freiheit ihre Bestimmung;
und nun wäre die scharte Grenzlinie gefunden, und sobald eine an sich freie
Handlung eine bestimmte Richtung bekäme, schritten wir aus dem Gebiete der
allgemeinen Wissenschaftslehre auf das Feld einer besonderen Wissenschaft
hinüber. - Ich mache mich durch zwei Beispiele deutlich.
    Die Wissenschaftslehre gibt als notwendig den Raum, und den Punct als
absolute Grenze; aber sie lässt der Einbildungskraft die völlige Freiheit den
Punct zu setzen, wohin es ihr beliebt. Sobald diese Freiheit bestimmt wird, z.B.
ihn gegen die Begrenzung des unbegrenzten Raumes fortzubewegen, und dadurch eine
Linie15 zu ziehen, sind wir nicht mehr im Gebiete der Wissenschaftslehre,
sondern auf dem Boden einer besonderen Wissenschaft, welche Geometrie heisst.
Die Aufgabe überhaupt, den Raum nach einer Regel zu begrenzen, oder die
Construction in demselben, ist Grundsatz der Geometrie, und diese ist dadurch
von der Wissenschaftslehre scharf abgeschnitten.
    Durch die Wissenschaftslehre ist eine ihrem Sein und ihren Bestimmungen nach
als unabhängig von uns anzusehende Natur16, und die Gesetze, nach denen sie
beobachtet werden soll und muss17, als notwendig gegeben; aber die
Urteilskraft behält dabei ihre völlige Freiheit, diese Gesetze überhaupt
anzuwenden oder nicht; oder bei der Mannigfaltigkeit der Gesetze sowohl als der
Gegenstände, welches Gesetz sie will, auf einen beliebigen Gegenstand
anzuwenden, z.B. den menschlichen Körper als rohe oder organisirte oder als
animalisch belebte Materie zu betrachten. Sobald aber die Urteilskraft die
Aufgabe erhält, einen bestimmten Gegenstand nach einem bestimmten Gesetze zu
beobachten18, um zu sehen, ob und inwiefern er mit demselben übereinkomme oder
nicht, ist sie nicht mehr frei, sondern unter einer Regel, und wir sind demnach
nicht mehr in der Wissenschaftslehre, sondern auf dem Felde einer anderen
Wissenschaft, welche die Naturwissenschaft heisst. Die Aufgabe überhaupt, jeden
in der Erfahrung gegebenen Gegenstand an jedes in unserem Geiste gegebenes
Naturgesetz zu halten, ist Grundsatz der Naturwissenschaft: sie besteht
durchgängig aus Experimenten, (nicht aber aus dem leidenden Verhalten gegen die
regellosen Einwirkungen der Natur auf uns), die man sich willkürlich aufgibt,
und denen die Natur entsprechen kann oder nicht: und dadurch ist denn die
Naturwissenschaft genugsam von der Wissenschaftslehre überhaupt geschieden.
    Also sieht man schon hier - welches wir bloss im Vorbeigehen erinnern -
warum bloss die Wissenschaftslehre absolute Totalität haben, alle besondere
Wissenschaften aber unendlich sein werden. Die Wissenschaftslehre entält bloss
das Notwendige; ist dies in jeder Betrachtung notwendig, so ist es dasselbe
auch in Absicht der Quantität, d.h. es ist notwendig begrenzt. Alle übrigen
Wissenschaften gehen auf die Freiheit, sowohl die unseres Geistes als der von
uns schlechtin unabhängigen Natur. Soll dieses wirkliche Freiheit sein, und
soll sie schlechtin unter keinem Gesetze stehen, so lässt sich ihr auch kein
Wirkungskreis vorschreiben, welches ja durch ein Gesetz geschehen müsste. Ihr
Wirkungskreis ist demnach unendlich. - Man hat also von einer erschöpfenden
Wissenschaftslehre keine Gefahr für die ins Unendliche fortgehende
Perfectibilität des menschlichen Geistes zu besorgen; sie wird dadurch gar nicht
aufgehoben, sondern vielmehr völlig sicher und ausser Zweifel gesetzt, und es
wird ihr eine Aufgabe angewiesen, die sie in Ewigkeit nicht endigen kann.
 
§ 6. Wie verhält sich die allgemeine Wissenschaftslehre insbesondere zur Logik?
    Die Wissenschaftslehre soll für alle mögliche Wissenschaften die Form
aufstellen. - Nach der gewöhnlichen Neigung, an der wohl auch etwas Wahres sein
mag, tut die Logik das gleiche. Wie verhalten sich diese beiden Wissenschaften,
und wie verhalten sie sich insbesondere in Absicht jenes Geschäfts, das beide
sich anmaassen?
    Sobald man sich erinnert, dass die Logik allen möglichen Wissenschaften
bloss und allein die Form, die Wissenschaftslehre aber nicht die Form allein,
sondern auch den Gehalt geben solle, so ist ein leichter Weg eröffnet, um in
diese höchst wichtige Untersuchung einzudringen. In der Wissenschaftslehre ist
die Form vom Gehalte, oder der Gehalt von der Form nie getrennt; in jedem ihrer
Sätze ist beides auf das innigste vereinigt. Soll in den Sätzen der Logik die
blosse Form der möglichen Wissenschaften, nicht aber der Gehalt liegen, so sind
sie nicht zugleich Sätze der Wissenschaftslehre, sondern sie sind von ihnen
verschieden; und folglich ist auch die ganze Wissenschaft weder die
Wissenschaftslehre selbst, noch etwa ein Teil von ihr; sie ist, so sonderbar
dies auch bei der gegenwärtigen Verfassung der Philosophie jemandem vorkommen
möge, überhaupt keine philosophische, sondern sie ist eine eigene, abgesonderte
Wissenschaft, wodurch jedoch ihrer Würde gar kein Abbruch geschehen soll.
    Ist sie dies, so muss sich eine Bestimmung der Freiheil aufzeigen lassen,
mit welcher das wissenschaftliche Verfahren aus dem Gebiete der
Wissenschaftslehre auf das der Logik übertrete, und bei welcher sonach die
Grenze zwischen beiden Wissenschaften liege. Eine solche Bestimmung der Freiheit
ist denn auch leichtlich nachzuweisen. In der Wissenschaftslehre nämlich sind
Gehalt und Form notwendig vereinigt. Die Logik soll die blosse Form, vom
Gehalte abgesondert, aufstellen; diese Absonderung kann, da sie keine
ursprüngliche ist, nur durch Freiheit geschehen. Die freie Absonderung der
blossen Form vom Gehalte wäre es sonach, durch welche eine Logik zu Stande käme.
Man nennt eine solche Absonderung Abstraction; und demnach besteht das Wesen der
Logik in der Abstraction von allem Gehalte der Wissenschaftslehre.
    Auf diese Art wären die Sätze der Logik bloss Form, welches unmöglich ist;
denn es liegt im Begriffe des Satzes überhaupt, dass er beides, Gehalt sowohl
als Form, habe. (§ 1) Mitin müsste das, was in der Wissenschaftslehre blosse
Form ist, in der Logik Gehalt sein, und dieser Gehalt bekäme wieder die
allgemeine Form der Wissenschaftslehre, die aber hier bestimmt als Form eines
logischen Satzes gedacht würde. Diese zweite Handlung der Freiheit, durch welche
die Form (überhaupt, Marg.) zu ihrem eigenen Gehalte19 wird, und in sich selbst
zurückkehrt, heisst Reflexion. Keine Abstraction ist ohne Reflexion; und keine
Reflexion ohne Abstraction möglich. Beide Handlungen, von einander abgesondert
gedacht, und jede für sich betrachtet, sind Handlungen der Freiheit; wenn in
eben dieser Absonderung beide aufeinander bezogen werden, so ist unter Bedingung
der einen, die zweite notwendig; für das syntetische Denken aber sind beide
nur eine und ebendieselbe Handlung, angesehen von zwei Seiten.
    Hieraus ergibt sich das bestimmte Verhältnis der Logik zur
Wissenschaftslehre. Die erstere begründet nicht die letztere, sondern die
letztere begründet die erstere: die Wissenschaftslehre kann schlechterdings
nicht aus der Logik bewiesen werden, und man darf ihr keinen einzigen logischen
Satz, auch den des Widerspruchs nicht, als gültig vorausschicken; hingegen muss
jeder logische Satz, und die ganze Logik aus der Wissenschaftslehre bewiesen
werden; - es muss gezeigt werden, dass die in der letzteren aufgestellten
Formen, wirkliche Formen eines gewissen Gehaltes in der Wissenschaftslehre
seien. Also entlehnt die Logik ihre Gültigkeit von der Wissenschaftslehre, nicht
aber die Wissenschaftslehre die ihrige von der Logik.
    Ferner, die Wissenschaftslehre wird nicht durch die Logik, aber die Logik
wird durch die Wissenschaftslehre bedingt und bestimmt. Die Wissenschaftslehre
bekommt nicht etwa von der Logik ihre Form, sondern sie hat sie in sich selbst,
und stellt sie erst für die mögliche Abstraction durch Freiheit auf. Im
Gegenteil aber bedingt die Wissenschaftslehre die Gültigkeit und Anwendbarkeit
logischer Sätze. Die Formen, welche die letztere aufstellt, dürfen in dem
gewöhnlichen Geschäfte des Denkens und in den besonderen Wissenschaften auf
keinen anderen Gehalt angewendet werden, als auf denjenigen, den sie schon in
der Wissenschaftslehre in sich fassen - nicht notwendig auf den ganzen Gehalt,
den sie dort in sich fassen, denn dadurch würde keine besondere Wissenschaft
entstehen, sondern nur Teile der Wissenschaftslehre wiederholt werden, aber
doch notwendig auf einen Teil desselben, auf einen in und mit jenem Gehalt
begriffenen Gehalt. Ausser jener Bedingung ist die durch ein solches Verfahren
zu Stande gebrachte besondere Wissenschaft ein Luftgebäude, so logisch richtig
auch in derselben gefolgert sein möge20.
    Endlich, die Wissenschaftslehre ist notwendig - nicht eben als deutlich
gedachte, systematisch aufgestellte Wissenschaft, aber doch als Naturanlage -
die Logik aber ist ein künstliches Product des menschlichen Geistes in seiner
Freiheit. Ohne die erstere würde überhaupt kein Wissen und keine Wissenschaft
möglich sein; ohne die letztere würden alle Wissenschaften nur später haben zu
Stande gebracht werden können. Die erstere ist die ausschliessende Bedingung
aller Wissenschaft; die letztere ist eine höchst wohltätige Erfindung, um den
Fortgang der Wissenschaften zu sichern und zu erleichtern.
    Ich trage das hier systematisch abgeleitete in Beispielen vor:
    A = A ist ohne Zweifel ein logisch richtiger Satz, und insofern er das ist,
ist seine Bedeutung die: wenn A gesetzt ist, so ist A gesetzt. Es entstehen
hierbei die zwei Fragen: Ist denn A gesetzt? - und inwiefern und warum ist A
gesetzt, wenn es gesetzt ist - oder, wie hängt jenes Wenn und dieses So
überhaupt zusammen?
    Setzet: A im obigen Satze bedeute Ich, und habe also seinen bestimmten
Gehalt: so hiesse der Satz zuvörderst: Ich bin Ich: oder wenn ich gesetzt bin,
so bin ich gesetzt. Aber, weil das Subject des Satzes das absolute Subject, das
Subject schlechtin ist, so wird in diesem einzigen Falle, mit der Form des
Satzes zugleich sein innerer Gehalt gesetzt: Ich bin gesetzt, weil ich mich
gesetzt habe. Ich bin, weil ich bin. - Die Logik also sagt: Wenn A ist, ist A;
die Wissenschaftslehre: Weil A (dieses bestimmte A - Ich) ist, ist A. Und
hierdurch würde die Frage: Ist denn A (dieses bestimmte A) gesetzt? so
beantwortet: Es ist gesetzt, denn es ist gesetzt. Es ist unbedingt und
schlechtin gesetzt.
    Setzet: A in obigem Satze bedeute nicht das Ich, sondern irgend etwas
Anderes, so lässt sich aus dem obigen die Bedingung einsehen, unter welcher man
sagen könne: A ist gesetzt; und wie man berechtigt sei zu schliessen: Wenn A
gesetzt ist, so ist es gesetzt. - Nemlich der Satz: A = A gilt ursprünglich nur
vom Ich; er ist von dem Satze der Wissenschaftslehre: Ich bin Ich, abgezogen;
aller Gehalt also, worauf er anwendbar sein soll, muss im Ich liegen, und unter
ihm entalten sein. Kein A also kann etwas Anderes sein, als ein im Ich
gesetztes, und nun hiesse der Satz so: Was im Ich gesetzt ist, ist gesetzt; ist
A im Ich gesetzt, so ist es gesetzt, (insofern es nämlich gesetzt ist, als
möglich, wirklich oder notwendig) und so ist er unwidersprechlich wahr, wenn
das Ich Ich sein soll. - Ist ferner das Ich gesetzt, weil es gesetzt ist, so ist
alles, was im Ich gesetzt ist, gesetzt, weil es gesetzt ist; und wenn nur A
etwas im Ich Gesetztes ist, so ist es gesetzt, wenn es gesetzt ist; und die
zweite Frage ist auch beantwortet.
 
    § 7. Wie verhält sich die Wissenschaftslehre, als Wissenschaft, zu ihrem
                                 Gegenstande?21
    Jeder Satz in der Wissenschaftslehre hat Form und Gehalt: man weiss etwas;
und es ist etwas, wovon man weiss. Nun aber ist ja die Wissenschaftslehre selbst
die Wissensschaft von etwas; nicht aber dieses Etwas selbst. Mitin wäre
dieselbe überhaupt mit allen ihren Sätzen Form eines gewissen vor derselben
vorhandenen Gehaltes. Wie verhält sie sich zu diesem Gehalte, und was folgt aus
diesem Verhältnisse?
    Das Object der Wissenschaftslehre ist nach allem das System des menschlichen
Wissens. Dieses ist unabhängig von der Wissenschaft desselben vorhanden, wird
aber durch sie in systematischer Form aufgestellt. Was ist nun diese neue Form;
wie ist sie von der Form, die vor der Wissenschaft vorher vorhanden sein muss,
unterschieden; und wie ist die Wissenschaft überhaupt von ihrem Objecte
unterschieden?
    Was unabhängig von der Wissenschaft im menschlichen Geiste da ist, können
wir auch die Handlungen desselben nennen. Diese sind das Was, das vorhanden ist;
sie geschehen auf eine gewisse bestimmte Art; durch diese bestimmte Art
unterscheidet sich die eine von der anderen; und dieses ist das Wie. Im
menschlichen Geiste ist also ursprünglich vor unserem Wissen vorher Gehalt und
Form, und beide sind unzertrennlich verbunden; jede Handlung geschieht auf eine
bestimmte Art nach einem Gesetze, und dieses Gesetz bestimmt die Handlung. Es
ist, wenn alle diese Handlungen unter sich zusammenhängen, und unter
allgemeinen, besonderen und einzelnen Gesetzen stehen, für die etwanigen
Beobachter auch ein System vorhanden.
    Es ist aber gar nicht notwendig, dass diese Handlungen wirklich der
Zeitfolge nach in jener systematischen Form, in welcher sie als von einander
dependirend werden abgeleitet werden, eine nach der anderen, in unserem Geiste
vorkommen; dass etwa die, welche alle unter sich fasst, und das höchste,
allgemeinste Gesetz gibt, zuerst, sodann die, welche weniger unter sich fasst
u.s.f. vorkommen; ferner ist auch das gar nicht die Folge, dass sie alle rein
und unvermischt vorkommen, so dass nicht mehrere, die durch einen etwanigen
Beobachter gar wohl zu unterscheiden wären, als eine einzige erscheinen sollten.
Z.B. die höchste Handlung der Intelligenz sei die, sich selbst zu setzen, so ist
gar nicht notwendig, dass diese Handlung der Zeit nach die erste sei, die zum
deutlichen Bewusstsein komme; und eben so wenig ist notwendig, dass sie jemals
rein zum Bewusstsein komme, dass die Intelligenz je fähig; sei, schlechtin zu
denken: Ich bin, ohne zugleich etwas anderes zu denken, dass nicht sie selbst
sei.
    Hierin liegt nun der ganze Stoff einer möglichen Wissenschaftslehre, aber
nicht diese Wissenschaft selbst. Um diese zu Stande zu bringen, dazugehört noch
eine, unter jenen Handlungen allen nicht entaltene Handlung des menschlichen
Geistes, nämlich die, seine Handlungsart überhaupt zum Bewusstsein zu erheben.
Da sie unter jenen Handlungen, welche alle notwendig, und die notwendigen alle
sind, nicht entalten sein soll, so muss es eine Handlung der Freiheit sein. -
Die Wissenschaftslehre entsteht also, insofern sie eine systematische
Wissenschaft sein soll, gerade so, wie alle möglichen Wissenschaften, insofern
sie systematisch sein sollen, durch eine Bestimmung der Freiheit; welche
letztere hier insbesondere bestimmt ist, die Handlungsart der Intelligenz
überhaupt zum Bewusstsein zu erheben; und die Wissenschaftslehre ist von anderen
Wissenschaften nur dadurch unterschieden dass das Object der letzteren selbst
eine freie Handlung, das Object der ersteren aber notwendige Handlungen sind.
    Durch diese freie Handlung wird nun etwas, das schon an sich Form ist, die
notwendige Handlung der Intelligenz, als Gehalt in eine neue Form, die Form des
Wissens, oder des Bewusstseins aufgenommen, Und demnach ist jene Handlung eine
Handlung der Reflexion. Jene notwendigen Handlungen werden aus der Reihe, in
der sie etwa an sich vorkommen mögen, getrennt und von aller Vermischung rein
aufgestellt; mitin ist jene Handlung auch eine Handlung der Abstraction. Es ist
unmöglich zu reflectiren, ohne abstrahirt zu haben.
    Die Form des Bewusstseins, in welche die notwendige Handlungsart der
Intelligenz überhaupt aufgenommen werden soll, gehört ohne Zweifel selbst zu den
notwendigen Handlungsarten desselben; ihre Handlungsart wird in sie ohne
Zweifel gerade so aufgenommen, wie alles, was darin aufgenommen wird: es hätte
also an sich keine Schwierigkeit die Frage zu beantworten: woher denn zum Behuf
einer möglichen Wissenschaftslehre diese Form kommen sollte. Aber, überhebt man
sich der Frage über die Form, so fällt die ganze Schwierigkeit in die Frage über
den Stoff. - Soll die notwendige Handlungsart der Intelligenz an sich in die
Form des Bewusstseins aufgenommen werden, so müsste sie schon als solche bekannt
sein, sie müsste mitin in diese Form schon aufgenommen sein; und wir wären in
einem Cirkel eingeschlossen.
    Diese Handlungsart überhaupt, soll nach dem obigen durch eine reflectirende
Abstraction von allem, was nicht sie ist, abgesondert werden. Diese Abstraction
geschieht durch Freiheit, und die philosophirende Urteilskraft wird in ihr gar
nicht durch blinden Zwang geleitet. Die ganze Schwierigkeit ist also in der
Frage entalten: nach welchen Regeln verfährt die Freiheit in jener Absonderung?
wie weiss der Philosoph, was er als notwendige Handlungsweise der Intelligenz
aufnehmen und was er als ein zufälliges liegen lassen solle?
    Das kann er nun schlechterdings nicht wissen, wofern nicht etwa dasjenige,
was er erst zum Bewusstsein erheben soll, schon dazu erhoben ist; welches sich
widerspricht. Also gibt es für dieses Geschäft gar keine Regel, und kann keine
geben. Der menschliche Geist macht mancherlei Versuche; er kommt durch blindes
Herumtappen zur Dämmerung, und geht erst aus dieser zum hellen Tage über. Er
wird Anfangs durch dunkle Gefühle22 (deren Ursprung und Wirklichkeit die
Wissenschaftslehre darzulegen hat) geleitet; und wir hätten noch heute keinen
deutlichen Begriff, und wären noch immer der Erdkloss, der sich dem Boden
entwand, wenn wir nicht angefangen hätten, dunkel zu fühlen, was wir erst später
deutlich erkannten. - Dies bestätiget denn auch die Geschichte der Philosophie;
und wir haben jetzt den eigentlichen Grund angegeben, warum dasjenige, was doch
in jedem menschlichen Geiste offen da liegt, und was jeder mit Händen greifen
kann, wenn es ihm deutlich dargelegt wird, erst nach mannigfaltigem Herumirren
zum Bewusstsein einiger wenigen gelangte. Alle Philosophen sind auf das
aufgestellte Ziel ausgegangen, alle haben durch Reflexion die notwendige
Handlungsart der Intelligenz von den zufälligen Bedingungen derselben absondern
wollen, alle haben sie wirklich, nur mehr oder weniger rein, und mehr oder
weniger vollständig, abgesondert; im Ganzen aber ist die philosophirende
Urteilskraft immer weiter vorgerückt und ihrem Ziele näher gekommen.
    Da aber jene Reflexion, nicht insofern sie überhaupt vorgenommen wird oder
nicht, denn in dieser Rücksicht ist sie frei; sondern insofern sie nach Gesetzen
vorgenommen wird insofern unter der Bedingung, dass sie überhaupt statt finde,
die Art derselben bestimmt ist - auch zu den notwendigen Handlungsweisen der
Intelligenz gehört, so müssen die Gesetze derselben im System dieser
Handlungsweisen überhaupt vorkommen; und man kann hinterher, nach Vollendung der
Wissenschaft, allerdings einsehen, ob man denselben Genüge geleistet habe oder
nicht. Man dürfte also glauben, dass wenigstens hinterher ein evidenter Beweis
der Richtigkeit unseres wissenschaftlichen Systems als eines solchen möglich
wäre.
    Aber die Reflexionsgesetze, die wir im Gange der Wissenschaft als die
einzig-möglichen, durch welche eine Wissenschaftslehre zu Stande kommen könne,
finden, - wenn sie auch mit denen, die wir als Regel unseres Verfahrens
hypotetisch voraussetzten, Übereinstimmen, sind doch selbst das Resultat von
ihrer vorherigen Anwendung; und es entdeckt sich sonach hier ein neuer Cirkel:
Wir haben gewisse Reflexions gesetze vorausgesetzt, und finden jetzt im Verlaufe
der Wissenschaft die gleichen, als die einzig richtigen; also - haben wir in
unserer Voraussetzung ganz recht gehabt, und unsere Wissenschaft ist der Form
nach richtig. Wenn wir andere vorausgesetzt hätten, so würden wir ohne Zweifel
in der Wissenschaft auch andere als die einzig-richtigen gefunden haben; es
fragt sich nur, ob sie mit den vorausgesetzten übereingestimmt haben würden oder
nicht; hätten sie nicht mit ihnen übereingestimmt, so war allerdings sicher,
dass entweder die vorausgesetzten, oder die gefundenen, oder am
wahrscheinlichsten beide falsch waren. Wir können also in dem Beweise hinterher
nicht auf die angezeigte fehlerhafte Art im Cirkel schliessen; sondern wir
schliessen aus der Uebereinstimmung des Vorausgesetzten und des Gefundenen auf
die Richtigkeit des Systems. Dieses ist aber nur ein negativer Beweis, der
blosse Wahrscheinlichkeit begründet. Stimmen die vorausgesetzten und die
gefundenen Reflexionen nicht überein, so ist das System sicher falsch. Stimmen
sie überein, so kann es richtig sein. Aber es muss nicht notwendig richtig
sein; denn obgleich, wenn im menschlichen Wissen nur ein System ist, bei
richtigem Folgern eine solche Uebereinstimmung sich nur auf eine Art finden
kann, so bleibt doch immer der Fall möglich, dass die Uebereinstimmung von
ungefähr durch zwei oder mehrere, Uebereinstimmung bewirkende unrichtige
Folgerungen hervorgebracht sei. - Es ist, als ob ich die Probe der Division
durch die Multiplication mache. Bekomme ich nicht die begehrte Grösse als
Product, sondern irgend eine andere, so habe ich sicher irgendwo falsch
gerechnet; bekomm' ich sie, so ist wahrscheinlich, dass ich richtig gerechnet
habe, aber auch bloss wahrscheinlich; denn ich könnte in der Division und
Multiplication den gleichen Fehler gemacht haben, etwa in beiden gesagt haben 5
x 9 = 36; und so bewiese die Uebereinstimmung nichts. - So die
Wissenschaftslehre; sie ist nicht bloss die Regel, sondern sie ist zugleich die
Rechnung. Wer an der Richtigkeit unseres Products zweifelt, zweifelt nicht eben
an dem ewig gültigen Gesetze, dass man den einen Factor so vielmal setzen müsse,
als der andere Einheiten habe; es liegt ihm vielleicht eben so sehr am Herzen
als uns, und er zwei felt bloss daran, ob wir es wirklich beobachtet haben.
    Es bleibt demnach, selbst bei der höchsten Einheit des Systems, welches die
negative Bedingung seiner Richtigkeit ist, noch immer etwas übrig, das nie
streng erwiesen, sondern nur als wahrscheinlich angenommen werden kann, nämlich,
dass diese Einheit selbst nicht von ungefähr durch unrichtige Folgerung
entstanden sei. Man kann mehrere Mittel anwenden, um diese Wahrscheinlichkeit zu
erhöhen; man kann die Reihe der Sätze zu mehreren Malen, wenn sie unserem
Gedächtnis nicht mehr gegenwärtig sind, durchdenken; man kann den umgekehrten
Weg machen, und vom Resultate zum Grundsatze zurück gehen; man kann über seine
Reflexion selber wieder reflectiren u. s. f: die Wahrscheinlichkeit wird immer
grösser, aber nie wird Gewissheit, was blosse Wahrscheinlichkeit war. Wenn man
sich dabei nur bewusst ist, redlich geforscht23, und sich nicht schon die
Resultate vorgesetzt zu haben, die man finden wollte, so kann man sich mit
dieser Wahrscheinlichkeit gar wohl begnügen, und darf von jedem, der die
Zuverlässigkeit unseres Systems in Zweifel zieht, fordern, dass er uns die
Fehler in unseren Folgerungen nachweise; aber nie darf man auf Infallibilität
Anspruch machen. - Das System des menschlichen Geistes, dessen Darstellung die
Wissenschaftslehre sein soll, ist absolut gewiss und infallibel; alles was in
ihm begründet ist, ist schlechtin wahr; es irret nie, und was je in einer
Menschenseele notwendig gewesen ist oder sein wird, ist wahr. Wenn die Menschen
irrten, so lag der Fehler nicht im Notwendigen, sondern die reflectirende
Urteilskraft machte ihn in ihrer Freiheit, indem sie ein Gesetz mit einem
anderer verwechselte. Ist unsere Wissenschaftslehre eine getroffene Darstellung
dieses Systems, so ist sie schlechtin gewiss und infallibel, wie jenes; aber
die Frage ist eben davon, ob und inwiefern unsere Darstellung getroffen sei24;
und darüber können wir nie einen strengen, sondern nur einen Wahrscheinlichkeit
begründenden Beweis führen. Sie hat nur unter der Bedingung, und nur insofern
Wahrheit, als sie getroffen ist. Wir sind nicht Gesetzgeber des menschlichen
Geistes, sondern seine Historiographen; freilich nicht Zeitungsschreiber,
sondern pragmatische Geschichtsschreiber.
    Hierzu kommt noch der Umstand, dass ein System wirklich im Ganzen richtig
sein kann, ohne dass die einzelnen Teile desselben die völlige Evidenz haben.
Es kann hier und da unrichtig gefolgert, es können Mittelsätze übersprungen, es
können erweisbare Sätze ohne Beweis aufgestellt oder unrichtig bewiesen sein,
und die wichtigsten Resultate sind dennoch richtig. Dies scheint unmöglich; es
scheint, dass eine haarkleine Abweichung von der geraden Linie notwendig zu
einer sich ins unendliche vergrössernden Abweichung führen müsse: und so würde
es allerdings sein, wenn der Mensch alles, was er weiss, durch deutliches Denken
zu Stande bringen müsste; und nicht vielmehr ohne sein Bewusstsein die
Grundanlage der Vernunft in ihm waltete, und durch neue Verirrungen von der
geraden Bahn des formaliter und logisch richtigen Raisonnements ihn zu dem
materialiter einzig wahren Resultate wieder zurückleitete, zu welchem er durch
richtige Folgerung aus den unrichtigen Zwischensätzen nie wieder hätte gelangen
können; und wenn nicht oft das Gefühl durch Verursachung einer neuen Verirrung
von der geraden Bahn des Raisonnements die alten Verirrungen berichtigte, und
ihn nicht wieder dahin zurückleitete, wohin er durch richtige Folgerung nie
wieder zurückgekommen wäre.
    Also wird, wenn auch eine allgemein-geltende Wissenschaftslehre aufgestellt
werden sollte, die philosophirende Urteilskraft noch immer selbst in diesem
Felde an ihrer fortdauernden Vervollkommenung zu arbeiten, - sie wird noch immer
Lücken auszufüllen, Beweise zu schärfen, Bestimmungen noch näher zu bestimmen
haben.
    Noch habe ich zwei Anmerkungen hinzu zu setzen:
    Die Wissenschaftslehre setzt die Regeln der Reflexion und Abstraction als
bekannt und gültig voraus; sie muss dies notwendig tun, und sie hat sich
dessen nicht zu schämen, oder ein Geheimnis daraus zu machen und es zu
verstecken. Sie darf sich ausdrücken und Schlüsse machen, gerade, wie jede
andere Wissenschaft; sie darf alle logischen Regeln voraussetzen, und alle
Begriffe anwenden, deren sie bedarf. Diese Voraussetzungen geschehen aber bloss,
um sich verständlich zu machen; also ohne die mindeste Folge daraus zu ziehen.
Es muss alles Erweisbare erwiesen, - ausser jenem ersten und höchsten Grundsatze
müssen alle Sätze abgeleitet werden So ist z.B. weder der logische Satz der
Gegensetzung (des Widerspruchs, der alle Analyse begründet) noch der des Grundes
(nichts ist entgegengesetzt, das nicht in einem dritten gleich wäre, und nichts
ist gleich, das nicht in einem dritten entgegengesetzt wäre, welcher alle
Syntesis begründet) vom absolutersten Grundsatze, wohl aber von den beiden auf
ihm beruhenden Grundsätzen abgezogen. Die beiden letzteren sind zwar auch
Grundsätze, aber nicht absolute; es ist nur etwas in ihnen absolut. Diese Sätze
demnach, sowie die logischen Sätze, die auf ihnen beruhen, müssen zwar nicht
bewiesen, aber abgeleitet werden. - Ich mache mich noch deutlicher. - Das, was
die Wissenschaftslehre aufstellt, ist ein gedachter und in Worte gefasster Satz;
dasjenige im menschlichen Geiste, welchem dieser Satz correspondirt, ist irgend
eine Handlung desselben, die an sich gar nicht notwendig gedacht werden müsste.
Dieser Handlung muss nichts vorausgesetzt werden, als dasjenige, ohne welches
sie als Handlung unmöglich wäre; und das wird nicht stillschweigend
vorausgesetzt, sondern es ist das Geschäft der Wissenschaftslehre, es deutlich
und bestimmt, und als dasjenige aufzustellen, ohne welches die Handlung
unmöglich sein würde. Es sei z.B. die Handlung D die vierte in der Reihe, so
muss ihr die Handlung C vorhergehen, und als ausschliessende Bedingung ihrer
Möglichkeit (der Möglichkeit der Handlung C) erwiesen werden; und dieser muss
wiederum die Handlung B vorhergehen. Die Handlung A aber ist schlechtin
möglich, sie ist ganz unbedingt; und mitin darf und soll ihr gar nichts
vorausgesetzt werden.
    - Das Denken der Handlung A aber ist ganz eine andere Handlung, die weit
mehr voraussetzt. Setzet, dieses Denken sei in der Reihe der aufzustellenden
Handlungen D, so ist klar, dass zum Behuf desselben A B C vorausgesetzt, und
zwar, da jenes Denken das erste Geschäft der Wissenschaftslehre sein soll,
stillschweigend vorausgesetzt werden müssen. Erst im Satze D werden die
Voraussetzungen des ersten erwiesen werden; aber dann wird wieder mehreres
vorausgesetzt sein. Die Form der Wissenschaft eilt demnach ihrem Stoff beständig
vor; und das ist der oben angezeigte Grund, warum die Wissenschaft als solche
nur Wahrscheinlichkeit hat. Das Dargestellte und die Darstellung sind in zwei
verschiedenen Reihen. In der ersten wird nichts unerwiesenes vorausgesetzt; für
die Möglichkeit des zweiten muss notwendig vorausgesetzt werden, was sich erst
später erweisen lässt.
    Die Reflexion, welche in der ganzen Wissenschaftslehre, insofern sie
Wissenschaft ist, herrscht, ist ein Vorstellen; daraus aber folgt gar nicht,
dass alles, worüber reflectirt wird, auch nur ein Vorstellen sein werde. In der
Wissenschaftslehre wird das ich vorgestellt; es folgt aber nicht, dass es bloss
als vorstellend vorgestellt werde: es können sich noch wohl andere Bestimmungen
darin auffinden lassen. Das Ich als philosophirendes Subject ist unstreitig nur
vorstellend; das Ich als Object des Philosophirens könnte wohl noch etwas mehr
sein. Das Vorstellen ist die höchste und absolut-erste Handlung des Philosophen
als solchen; die absolut-erste Handlung des menschlichen Geistes könnte wohl
eine andere sein. Dass es so sein werde, ist vor aller Erfahrung vorher schon
darum wahrscheinlich, weil sich die Vorstellung vollkommen erschöpfen lässt, und
ihr Verfahren durchgängig notwendig ist; mitin einen letzten Grund seiner
Notwendigkeit haben muss, der als letzter Grund keinen höheren haben kann.
Unter dieser Voraussetzung könnte eine Wissenschaft, die auf den Begriff der
Vorstellung aufgebaut ist, zwar eine höchst nützliche Propädeutik der
Wissenschaft, aber sie könnte nicht die Wissenschaftslehre selbst sein. - So
viel aber folgt aus der obigen Angabe sicher, dass die gesammten Handlungsarten
der Intelligenz, welche die Wissenschaftslehre erschöpfen soll, nur in der Form
der Vorstellung - nur insofern, und sowie sie vorgestellt werden - zum
Bewusstsein gelangen.
 
                                    Fussnoten
1 Der eigentliche Streit, der zwischen beiden obwaltet, und in welchem die
Skeptiker sich mit Recht auf die Seite der Dogmatiker, und mit Ihnen des
gesunden Menschenverstandes, der zwar nicht als Richter, aber als ein nach
Artikeln zu vernehmender Zeuge gar sehr in Betrachtung kommt, geschlagen haben,
dürfte wohl der über den Zusammenhang unserer Erkenntnisse mit einem Dinge an
sich sein; und der Streit dürfte durch eine künftige Wissenschaftslehre wohl
dahin entschieden werden, dass unsere Erkenntnis zwar nicht unmittelbar durch
die Vorstellung, aber wohl mittelbar durch das Gefühl mit dem Dinge an sich
zusammenhange; dass die Dinge allerdings bloss als Erscheinungen vorstellt, dass
sie aber als Dinge an sich gefühlt werden; dass ohne Gefühl gar keine
Vorstellung möglich sein würde; dass aber die Dinge an sich nur subjectiv, d. i.
nur in wiefern sie auf unser Gefühl wirken, erkannt werden. [Anmerkung zur 1.
Ausgabe.]
2 Malis rident alienis.
3 Oder der unstudirte Bauer das Factum, dass der jüdische Geschichtsschreiber
Josephus zur Zeit der Zerstörung Jerusalem; gelebt habe: - [Zusatz zur 1.
Ausgabe.]
4 Oder dass Josephus zur Zeit der Zerstörung Jerusalems gelebt habe, [1.
Ausgabe.]
5 oder der Geschichte [1. Ausgabe.]
6 und Geschichte [1. Ausgabe.]
7 Sie wäre wohl auch wert, ihr die übrigen Kunstausdrücke aus ihrer Sprache zu
geben; und die Sprache selbst, so wie die Nation, welche dieselbe redete, würde
dadurch ein entschiedenes Uebergewicht über alle andere sprachen und Nationen
erhalten. [Anmerkung zur 1. Ausgabe.]
Es gibt sogar ein nach allen seinen abgeleiteten Teilen notwendiges, und als
notwendig zu erweisendes System der philosophischen Terminologie, vermittelst
der regelmässigen Fortschreitung nach den Gesetzen der metaphorischen
Bezeichnung transscendentaler Begriffe; bloss Ein Grundzeichen als willkürlich
vorausgesetzt, da ja notwendig jede Sprache von Willkür ausgeht. Dadurch wird
denn die Philosophie, die Ihrem Inhalte nach für alle Vernunft gilt, Ihrer
Bezeichnung nach ganz national; aus dem Innersten der Nation, die diese Sprache
redet, herausgegriffen, und wiederum die Sprache derselben bis zur höchsten
Bestimmteit vervollkommnend. Diese systematische National-Terminologie aber ist
nicht eher aufzustellen, ehe nicht das Vernunft-System selbst, sowohl nach
seinem Umfange, als in der gänzlichen Ausbildung aller seiner Teile, vollendet
da steht. Mit der Bestimmung dieser Terminologie endet die philosophirende
Urteilskraft ihr Geschäft; ein Geschäft, das in seinem ganzen Umfange für Ein
Menschenleben leicht zu gross sein dürfte.
Dies ist der Grund, warum der Verf. bis jetzt noch nicht ausgeführt, was er in
der obenstehenden Anmerkung zu versprechen scheint; sondern sich der Kunstwörter
bedient wie er sie eben vorgefunden, ob sie nun deutsch waren, oder lateinisch,
oder griechisch. Ihm ist alle Terminologie nur provisorisch, bis sie einst, möge
nun ihm dies Geschäft beschieden sein, oder einem anderen - allgemein, und auf
Immer gültig, festgesetzt worden kann. Auch mit um dieser Urasche willen hat er
auf seine Terminologie überhaupt weniger Sorgfalt gewendet, und eine feste
Bestimmung derselben vermieden; auch von einigen treffenden Bemerkungen anderer
über diesen Punct (z.B. von einer vorgeschlagenen Unterscheidung zwischen
Dogmatismus, und Dogmaticismus); die denn doch nur für den gegenwärtigen Zustand
der Wissenschaft treffend sind, für seine Person keinen Gebrauch gemacht Er wird
fortfahren, seinem Vortrage die jedesmal für seine Absicht erforderliche
Klarheit und Bestimmteit durch Umschreibungen und durch Mannigfaltigkeit der
Wendungen, zu geben. [Anmerkung zur 2. Ausgabe.]
8 Man kann ohne Widerspruch nach keinem Grunde seiner Gewissheit fragen.
9 Weil sie im ersten Falle nicht Grund -, sondern abgeleitete Sätze, weil es im
zweiten Falle sonst u.s.w.
10 - nicht eigentlich, in der Wissenschaftslehre, aber doch im Systeme des
Wissen, dessen Abbildung sie sein soll -.
11 Denn sie fragt: 1) Wie ist Wissenschaft überhaupt möglich? 2) Sie macht
Ansprüche darauf, das auf einen einzigen Grundsatz gebaute menschliche Wissen zu
erschöpfen.
12 Aus einen möglichen Einwurf, den aber nur ein Popular-Philosoph machen
könnte! [Zusatz zur 1. Ausgabe.] - Die eigentlichen Aufgaben des menschlichen
Geistes und freilich, sowohl ihrer Anzahl als ihrer Annäherung nach, unendlich;
ihre Auflösung wäre nur durch eine vollenden Annäherung zum Unendlichen möglich,
welche an sich unmöglich ist; aber die sind es nur darum, weil sie gleich ab
unendlich gegeben werden. Es sind unendlich viele Radien eines unendlichen
Cirkels, dessen Mittelpunct gegeben ist; und so wie der Mittelpunct gegeben ist,
ist ja wohl der ganze unendliche Cirkel, und die unendlich vielen Radien
desselben gegeben. Der eine Endpunct derselben liegt freilich in der
Unendlichkeit; aber der andere liegt im Mittelpunct, und derselbe ist allen
gemein. Der Mittelpunct ist gegeben; die Richtung der Linien ist auch gegeben,
denn es sollen gerade Linien sein: also sind alle Radien gegeben. (Einzelne
Radien aus der unendlichen Anzahl derselben werden durch allmählige Entwicklung
unserer ursprünglichen Begrenzteit bestimmt, als wirklich zu ziehende; aber
nicht gegeben; gegeben waren sie zugleich mit dem Mittelpuncte). Das menschliche
Wissen ist den Graden nach unendlich, aber der Art nach ist es durch seine
Gesetze vollständig bestimmt, und lässt sich gänzlich erschöpfen. Die Aufgaben
liegen da und sind zu erschöpfen; aber sie sind nicht gelöst und können nicht
gelöst werden.
13 Zu viel. [1. Ausgabe.]
14 Die Wissenschaftslehre hat also absolute Totalität. In ihr führt Eins zu
Allem, und Alles zu Einem. Sie ist aber die einzige Wissenschaft, welche
vollendet werden kann; Vollendung ist demnach ihr auszeichnender Charakter. Alle
andere Wissenschaften sind unendlich, und können nie vollendet werden; denn sie
laufen nicht wieder in ihren Grundsatz zurück. Die Wissenschaftslehre hat dies
für alle zu beweisen und den Grund davon anzugeben.
15 Eine Frage an die Matematiker! - Liegt nicht der Begriff des Geraden schon
im Begriffe der Linie? Giebt es andere Linien als gerade? und ist die sogenannte
krumme Linie etwas anderes, als eine Zusammenreihung unendlich vieler, unendlich
naher Puncte? Der Ursprung derselben, als Grenzlinie des unendlichen Raumes,
(von dem Ich als Mittelpuncte werden unendlich viele unendliche Radien gezogen,
denen aber unsere eingeschränkte Einbildungskraft doch einen Endpunct setzen
muss; diese Endpuncte als Eins gedacht sind die ursprüngliche Kreislinie)
scheint mir dafür zu bürgen; und es wird daraus klar, dass, und warum die
Aufgabe, als durch eine gerade Linie zu messen, unendlich ist, und nur in einer
vollendeten Annäherung zum Unendlichen erfüllt werden könnte. - Gleichfalls wird
daraus klar, warum die gerade Linie sich nicht definiren lässt. [Anmerkung zur
1. Ausgabe.]
16 Nicht-Ich. [1. Ausgabe.]
17 So sonderbar dies manchem Naturforscher vorkommen möge, so wird es sich doch
zu seiner Zeit zeigen, dass es sich streng erweisen lässt: dass er selbst erst
die Gesetze der Natur, die er durch Beobachtung von ihr zu lernen glaubt, in sie
hineingelegt habe, und dass sie sich, das kleinste, wie das grösste, der Bau des
geringfügigsten Grashalms, wie die Bewegung der Himmelskörper, vor alter
Beobachtung vorher aus dem Grundsatze alles menschlichen Wissens ableiten
lassen. Es ist wahr, dass kein Naturgesetz und überhaupt kein Gesetz zum
Bewusstsein kommt, wenn nicht ein Gegenstand gegeben wird, auf den es angewandt
werden kann; es ist wahr, dass nicht alle Gegenstände notwendig, und nicht alls
in dem gleichen Grade, damit übereinkommen müssen; es ist wahr, dass kein
einziger ganz und völlig mit ihnen übereinkommt, noch übereinkommen kann; aber
eben darum ist es wahr, dass wir sie nicht durch Beobachtung lernen, sondern als
aller Beobachtung zum Grunde legen, und dass es nicht sowohl Gesetze ihr die von
uns unabhängige Natur, als Gesetze für uns selbst sind, wie wir die Natur zu
beobachten haben. [Anmerkung zur 1. Ausgabe.]
18 Z.B. ob tierisches Leben sich aus dem bloss Unorganischen erklären lasse, ob
etwa Crystallisation der Uebergang von der chemischen Verbindung zur
Organisation sei, ob magnetische und elektrische Kraft im Wesen einerlei, oder
verschieden seien u.s.w.
19 Zur Form der Form, als ihres Gehaltes. [1. Ausgabe.]
20 So die vorkantischen dogmatischen Systeme, die einen falschen Begriff des
Dinges aufstellen.
21 Es ist zu merken, dass von dieser Frage bis jetzt völlig abstrahirt worden,
dass also alles Vorhergehende nach der Beantwortung derselben zu modificiren
ist.
22 Es erhellet daraus, dass der Philosoph der dunklen Gefühle des Richtigen oder
des Genie In keinem geringeren Grade bedürfe, als etwa der Dichter oder der
Künstler; nur in einer anderen Art. Der letztere bedarf des Schönheits-, jener
des Wahrheits-Sinnes; dergleichen es allerdings gibt. [Anmerkung zur 1.
Ausgabe.]
Es hat sich - Ich sehe nicht recht ein, wie und warum - ein sonst
achtungswürdiger philosophischer Schriftsteller über die unschuldige Äusserung
der obenstehenden Anmerkung ein wenig ereifert. »Man möge das leere Wort Genie
Seiltänzern, französischen Köchen - schönen Geistern, Künstlern u.s.w.
überlassen; und für solide Wissenschaften lieber also Teorie des Erfindens
aufstellen.« - Ja wohl sollte man das; und es wird ganz sicher geschehen, sobald
die Wissenschaft überhaupt bis zur Möglichkeit einer solchen Erfindung
vorgerückt sein wird. Aber inwiefern sieht denn die obige Äusserung mit einem
solchen Vorhaben in Widerspruch? - Und wie wird denn eine solche Teorie des
Erfindens selbst erfunden werden? Etwa durch eine Teorie der Erfindung einer
Teorie des Erfindens? Und diese? [Anmerkung zur 2. Ausgabe.]
23 Der Philosoph bedarf nicht bloss das Wahrheitssinnes, sondern auch der
Wahrheitsliebe. Ich rede nicht davon, dass er nicht durch seine
Sophisticationen, deren er sich selbst wohl bewusst ist, von denen er aber etwa
glaubt, dass sie keiner seiner Zeitgenossen entdecken werde, die schon
vorausgesetzten Resultate zu behaupten suchen solle; dann weiss er selbst, dass
er die Wahrheit nicht liebt. Doch ist hierüber jeder sein eigener Richter, und
kein Mensch hat ein Recht, einen anderen Menschen dieser Unlauterkeit zu
bezüchligen, wo die Anzeigen nicht ganz offen da liegen. Aber auch gegen die
unwillkürlichen Sophisticationen, denen kein Forscher mehr ausgesetzt ist, als
der Forscher des menschlichen Geistes, muss er aus seiner Hut sein: er muss es
nicht nur dunkel fühlen, sondern es zum klaren Bewusstsein und zu seiner
höchsten Maxime erheben, dass er nur Wahrheit suche, wie sie auch ausfalle und
dass selbst die Wahrheit, dass es überall keine Wahrheit gebe, ihm willkommen
sein würde, wenn sie nur Wahrheit wäre. Kein Satz, so trocken und so spitzfindig
er aussehe, muss ihm gleichgültig - alle müssen Ihm gleich heilig sein, weil sie
alle in das eine System der Wahrheit geboren, und jeder alle unterstützt. Er
muss nie fragen: was wird hieraus folgen? sondern seines Weges gerade fortgehen,
was auch immer folgen möge. Er muss keine Mühe scheuen, und sich dennoch
beständig in der Fähigkeit erhalten, die mühsamsten und tiefsinnigsten Arbeiten
aufzugeben, sobald ihm die Grundlosigkeit derselben entweder gezeigt wird, oder
er sie selbst entdeckt. Und wenn er sich denn auch verrechnet hätte, was wäre es
mehr? was träfe Ihn weiter, als das bis jetzt allen Denkern gemeinschaftliche
Loos?
24 Man hat die Bescheidenheit dieser Äusserung der nachherigen grossen -
Unbescheidenheit des Verf. entgegengestellt. Allerdings konnte derselbe
unmöglich voraussehen, mit welcherlei Einwürfen, und welchem Vortrage dieser
Einwürfe er es zu tun haben würde, und kannte die grössere Anzahl der
philosophischen Schriftsteller bei weitem nicht so wohl, als er sie seitdem
kennt; ausserdem würde er nicht verfehlt haben, sein betragen auch aus
diejenigen Fälle, die wirklich eingetreten sind, vorher zu sagen. Inzwischen
entält die obige Äusserung nichts, was mit seinem nachherigen Benehmen in
Widerspruch stünde. Er redet oben von Einwendungen gegen seine Folgerungen; aber
so weit sind bis jetzt die Gegner noch nicht gekommen: sie streiten noch über
den Grundsatz, d.h. über die ganze Ansicht, welche der Verf. der Philosophie
gibt; und darüber findet, seiner damaligen und gegenwärtigen innigsten
Ueberzeugung nach, Gar kein Streit statt, wenn man nur weiss, wovon die Rede
ist; und aus einen solchen Widerstreit hat et in der Tat nicht gerechnet Er
redet von Einwendungen, die sich wenigstens das Ansehen der Gründlichkeit, das
Ansehen, dass sie wirklich etwas beweisen, und nachweisen, geben; und
dergleichen sind ihm von denjenigen, die seine vorgebliche Unbescheidenheit
getroffen haben soll, nicht vorgekommen. - Hier ist die Erklärung, deren
Notwendigkeit der Verf. damals nicht voraussetzen durfte. Ein Geschwätz, dessen
Urheber die nötigen Vorerkenntnisse nicht erworben, und die nötigen Vorübungen
nicht angestellt haben, dem man es sogleich anhört, dass sie nicht wissen, wovon
die Rede ist, dass in einem bellenden und geifern den Tone vorgebracht wird,
dass da es unmöglich aus Ueberzeugung und aus Eifer für den Fortgang der
Wissenschaften hervorgehen kann, aus anderen nichtswürdigen Bewegungsgründen
(Eifersucht, Rachsucht, Ruhmsucht, Honorariensucht u. dergl.) entspringen muss,
- ein solches Geschwätz verdient nicht die geringste Schonung, und die
Entgegnung darauf gehört gar nicht unter die Regel wissenschaftlicher Streite.
Warum machen diese Ausleger aus diesen und ähnlichen Äusserungen nicht vielmehr
den Schluss - den einzigen, welcher Statt hat - dass der Ton, der ihnen so
misfällt, lediglich durch den ihrigen entstanden ist? [Anmerkung zur 2.
Ausgabe.]
 
    