
        
                                   Hugo Ball
                            Tenderenda der Phantast
                                     Roman
  O vous, messeigneurs et mes dames,
 Qui contemplez ceste painture,
 Plaise vous prier pour les âmes
 De ceulx qui sont en sepulture.
                                                                   Saint Bernard
                                       I
                            Der Aufstieg des Sehers
Man findet sich in die Aufregungen einer imaginären Stadt versetzt. Ein neuer
Gott wird erwartet. Donnerkopf (der im Roman nicht weiter hervortritt) hat
seinen Wohnsitz auf einen Turm verlegt und gibt von dort buntscheckige Bulletins
aus, die über den Fortgang der Angelegenheit unterrichten sollen. Ein lauer
Abend bricht an. Auftreten eines Scharlatans, der auf dem Marktplatz eine
Himmelfahrt in Aussicht stellt. Er hat sich dazu eine eigene Teorie ausgedacht,
die er weitläufig vorträgt. Scheitert jedoch an der Skepsis des Publikums. Was
das für Folgen hat.
An diesem Tage war Donnerkopf verhindert, dem Festakte beizuwohnen. Siehe, er
sass vor Atlanten und Zirkeln und kündete Weisheit der oberen Sphären. Lange
Papyrusrollen liess er, mit Zeichen und Tieren bemalt, vom Turme herab und warnte
damit das Volk, das unter den Nestern stand, vor den kreischenden Scharen der
Engel, die wütend den Turm umflogen. Jemand aber trug an diesem Tage an langer
Stange ein Schild durch die Stadt, darauf stand:
Talita kumi, Mägdlein steh auf;
Du bist es, du wirst es sein.
Gossentochter, Jubelmutter,
Die Erhangenen und die Verbannten,
Die Gefangenen und die Verbrannten
Rufen nach dir.
Befreie, o benedeie,
Du Unbekannte,
Tritt herfür!
Mit Fasten und Purgativen bereitete sich die Stadt auf eines neuen Gottes
Erscheinen vor, und tauchten schon aus der Menge etliche auf, die im Gedränge
Ihm wollten begegnet sein. Eine Warnung ward ausgegeben, besagend, dass, wer die
Glockenräder und Lumpentürme besichtige oder betrete und ohne Ermächtigung
abgefasst würde, bei lebendem Leibe solle des Todes sein. Frisch aufgeblasen ward
der Kausalnexus und sichtbar vor aller Blicke den heiligen Spinnen zum Frass
ausgesetzt. Mit Klappern und Dudelsäcken bewegten sich händeringend die Bitt-
und Kaffeeprozessionen der Künstlerschaft und der Gelehrten. Aus allen Lüften
und Luken aber hingen die Wasserzeichen und ragten die gläsernen Spritzen. Da,
über den Marktplatz, wie auf Verabredung, schritt violetten Gesichtes der Seher,
gebot den lachenden Häusern, den Sternen, dem Mond und der Menge und sprach:
    »Zitronengelb stehen die Himmel. Zitronengelb stehen die Felder der Seele.
Den Kopf haben wir schief zur Erde geneigt und die Ohren weit aufgetan. Die
Schürzen und Kutten haben wir ausgespannt und der Rücken aus Knallporzellan
blinkt im Gefüge.
    Wahrlich ich sage euch: meine Demut geht nicht euch an, sondern GOTT. Jeder
suchet ein Glück, für das er nicht ausreicht. Keiner hat Feinde, soviele er
haben kann. Eine Schimäre ist der Mensch, ein Wunder, ein göttliches Ungefähr,
voll Tücke und Zwielist.
    Eines Tages kannt ich mich selbst nicht mehr aus Neugier und Argwohn. Siehe,
da kehrte ich um und hielt Einkehr. Siehe, da brannte die Kerze und tropfte auf
meinen eigenen Schädel. Meine erste Erkenntnis aber war: klein und gross, das ist
Aberwitz. Gross und klein, das ist Relativismus. Siehe, da schnellte mein Finger
hervor und verbrannte sich an der Sonne. Siehe, da ritzte der Zeiger der Turmuhr
den Boden der Strasse auf. Ihr aber glaubt zu fühlen und werdet gefühlt.«
    
    Er machte eine Pause, um sich das Ohr zu scheuern, und warf einen Blick in
das fünfte Stockwerk des vierten Gebäudes. Dort ragte Lünettes rosaseidenes Bein
aus dem Fenster. Darauf sassen zwei geflügelte Wesen, die saugten Blut.
    Und der Seher fuhr fort:
    »Wahrlich, kein Ding ist so, wie es aussieht. Sondern es ist besessen von
einem Lebgeist und Kobold, der steht still, alslang man ihn anschaut. So man ihn
aber entlarvet, verändert er sich und wird ungeheuer. Jahrelang trug ich die
Last der Dinge, die ihre Befreiung wollten. Bis ich erkannte und sah ihre
Dimension. Da hob mich die Inbrunst. Entsetzliches Leben! Da breitete ich meine
Arme, zur Abwehr, und flog, flog pfeilgerad über die Dächer.«
    Hier konnte man sehen, dass der Seher, vom Brausen der eigenen Worte betört,
nicht hatte unhaltbare Versprechungen ausgelassen. Mit beiden Händen laut
flatternd, erhob er sich, flog wie zum Versuch ein gutes Stück Wegs in den
Abend, neigte dann aber die Kurve und kam, unter einigem Hüpfen, leichtin
wieder zu Stand.
    Der Pöbel, der bis zu den Hüften allseits des Markts aus den Fenstern hing,
war erschrocken, schüttelte aber, da ihn das Schauspiel befremdete, ungläubigen
Missbehagens den Kopf, schwenkte aus Leibeskräften die Salztrompeten und
mitgebrachten Papierlaternen und schrie: »Das Vergrösserungsglas! Das
Vergrösserungsglas!«
    Es war nämlich bekannt geworden, dass der Seher bei seinen Gängen des öfteren
sich eines solchen Glases bediente, und so glaubte man denn nichts anders, als
dass das Ganze nur ein Schwindel des Sehers sei, der mit solchem Instrument seine
Schliche bemäntle. Auch gab es ein Intermezzo, indem eine neugierige Frau, die
heftig an einer Fahnenstange geflattert hatte, abriss und vom Abendwind über die
Dächer nach Osten getrieben wurde. Item: es flog ein Hahn mit zerfederter Sichel
hoch über die Fächer der Damen, das galt als Zeichen anschlägiger Eitelkeit.
    In der Tat zog der Seher, bestürzt und entmutigt, den Vergrösserungsspiegel
aus der Tasche. Einen Spiegel beiläufig vom Umfange einer russischen Schaukel,
wie sie auf Jahrmärkten zu sehen sind. Ausserordentlich fein geschliffen das
Glas, silbern gefasst und an langem Holzstiele zierlich befestigt. Er hielt
diesen Spiegel in tragischer Pose hoch über sich, stob plötzlich empor,
zersprengte den Spiegel, die Trümmer klirrten, und er entschwand in die gelben
Meere des Abends.
    Die Glasscherben des zerbrochenen Wunderspiegels aber zerschnitten die
Häuser, zerschnitten die Menschen, das Vieh, die Seiltänzereien, die
Fördergruben und alle Ungläubigen, so dass sich die Zahl der Verschnittenen
mehrte von Tag zu Tag.
 
                           Das Karussellpferd Johann
Man schreibt den Sommer 1914. Eine phantastische Dichtergemeinde wittert Unrat
und fasst den Entschluss, ihr symbolisches Steckenpferd Johann rechtzeitig in
Sicherheit zu bringen. Wie Johann sich erst sträubt und dann einwilligt.
Irrfahrten und Hindernisse unter Führung eines gewissen Benjamin. In fernen
Ländern begegnet man dem Häuptling Feuerschein, der sich jedoch als
Polizeispitzel entpuppt. Daran geknüpft historiologische Bemerkung über die
Niederkunft einer Polizeihündin in Berlin.
»Eines ist gewiss«, sprach Benjamin, »Intelligenz ist Dilettantismus. Intelligenz
blufft uns nicht mehr. Sie schauen hinein, wir schauen heraus. Sie sind Jesuiten
der Nützlichkeit. Intelligent wie Savonarola, das gibt es nicht. Intelligent wie
Manasse, das gibt es. Ihre Bibel ist das bürgerliche Gesetzbuch.«
    »Du hast recht«, sagte Jopp, »Intelligenz ist verdächtig: Scharfsinn
verblühter Reklamechefs. Der Asketenverein Zum hässlichen Schenkel hat die
platonische Idee erfunden. Das Ding an sich ist heute ein Schuhputzmittel. Die
Welt ist kess und voll Epilepsie.«
    »Genug«, sprach Benjamin, »mir wird übel, wenn ich von Gesetz höre und von
Kontrast und von also und folglich. Warum soll der Zebu ein Kolibri sein? Ich
hasse die Addition und die Niedertracht. Man soll eine Möwe, die in der Sonne
ihre Schwingen putzt, auf sich beruhen lassen und nicht also zu ihr sagen, sie
leidet darunter.«
    »Also«, sprach Stiselhäher, »lasset uns das Karussellpferd Johann in
Sicherheit bringen und einen Kantus singen auf das Fabelhafte.«
    »Ich weiss nicht«, sprach Benjamin, »wir sollten doch lieber das
Karussellpferd Johann in Sicherheit bringen. Es sind Anzeichen vorhanden, dass
Schlimmes bevorsteht.«
    In der Tat waren Anzeichen vorhanden, dass Schlimmes bevorstand. Ein Kopf war
gefunden worden, der schrie »Blut! Blut!« unstillbar, und Petersilien wuchsen
ihm über die Backenknochen. Die Termometer standen voll Blut, und die
Muskelstrecker funktionierten nicht mehr. In den Bankhäusern diskontierte man
die Wacht am Rhein.
    »Wohl, wohl«, sagte Stiselhäher, »lasset uns das Karussellpferd Johann in
Sicherheit bringen. Man weiss nicht, was kommen mag.«
    Auf himmelblauer Tenne, mit grossen Augen, ganz in Schweiss gebadet, stand das
Karussellpferd Johann. »Nein, nein«, sagte Johann, »hier bin ich geboren, hier
will ich auch sterben.« Das war aber eine Unwahrheit. Denn Johanns Mutter
stammte aus Dänemark, der Vater war Ungar. Man wurde sich aber doch einig und
floh noch in selber Nacht.
    »Parbleu«, sagte Stiselhäher, »hier hat die Welt ein Ende. Hier ist eine
Wand. Hier geht es nicht weiter.« In der Tat gab es da eine Wand. Die stieg
senkrecht zum Himmel.
    »Lachhaft«, sagte Jopp, »wir haben, die Fühlung verloren. Liessen uns da in
die Nacht hinein und haben vergessen, Gewichtsteine an uns zu hängen. Natürlich
schweben wir nun in der Luft.«
    »Paperlapp«, sagte Stiselhäher, »hier müffelt's. Ich gehe nicht weiter. Hier
liegen Fischköpfe. Hier waren die Seekatzen am Werk. Hier hat man die
Wellenböcke gemolken.«
    »Weiss der Teufel«, sprach Runzelmann, »auch mir ist nicht recht geheuer. Man
wird uns die Scharlatanenhemden über die Ohren ziehen!« Er schlotterte heftig.
    »Das Ganze halt!« befahl Benjamin. »Was steht da? Ein Zeiserlwagen? Grün und
mit Gitterfenstern? Was wächst da? Agaven, Fächerpalmen und Tamarinden? Jopp,
sieh im Zeichenbuch nach, was das zu bedeuten hat.«
    »Fatale Sache«, sprach Stiselhäher, »Ein Zeiselwagen zwischen Agaven. Schon
faul. Weiss Gott, wo wir stecken.«
    »Unsinn«, rief Benjamin, »wenn es nicht dunkel wäre, könnte man genau sehen
was los ist. Der Quacksalber von Rossarzt hat uns den falschen Weg gezeigt.«
    »Tatsache«, sprach Jopp, »wir stehen vor einer Wand. Hier geht es nicht
weiter. Gundelfleck, steck die Laterne an.« Gundelfleck kramte in seiner Tasche,
zog aber nur eine mächtige hellblaue Orgelpfeife hervor. Die trug er immerhin
bei sich.
    »Kommen Sie näher, meine Herren«, liess sich plötzlich eine Stimme vernehmen,
»Sie sind auf dem Holzwege.« Es war der Häuptling Feuerschein. »Wo tappen Sie
nächtlicherweile herum? Und in welchem Aufzug? Nehmen Sie die Zelluloidnasen ab!
Demaskieren Sie sich! Man kennt Sie! Was sind das für Schellenbäume, die Sie da
bei sich tragen?«
    »Das sind Pritschen und Klingelstöcke und Narrenpeitschen, mit Verlaub.«
    »Was ist das für ein Blasinstrument?«
    »Das ist der Nürnberger Trichter.«
    »Und was ist das für ein Watteklumpen da an der Leine?«
    »Das ist das Karussellpferd Johann, bestens in Watte verpackt.«
    »Larifari. Was wollen Sie mit dem Karussellpferd hier in der lybisschen
Wüste? Wo haben Sie das Pferd her?«
    »Es ist gewissermassen ein Symbol, Herr Feuerschein. Wenn Sie gestatten. Sie
sehen nämlich in uns den sterilisierten Phantastenklub Blaue Tulpe.«
    »Symbol hin, Symbol her. Sie haben das Pferd dem Heeresdienst entzogen. Wie
heissen Sie?« »Das ist ja ein entsetzlicher Kerl!« sprach Jopp, »das ist ja die
glatte Robinsonade.«
    »Mumpitz«, sprach Stiselhäher, »er ist eine Fiktion. Das hat dieser Benjamin
angerichtet. Er denkt sich das aus, und wir haben zu leiden darunter ...« »Sehr
geehrter Herr Feuerschein! Ihr konföderiertes Naturburschentum, Ihre
Latwergfarbe, das imponiert uns nicht. Noch Ihre entliehene Kinodramatik! Aber
ein Wort zur Aufklärung: Wir sind Phantasten. Wir glauben nicht mehr an die
Intelligenz. Wir haben uns auf den Weg gemacht, um dieses Tier, dem unsere ganze
Verehrung gilt, vor dem Mob zu retten«
    »Ich kann Sie verstehen«, sprach Feuerschein, »aber ich bin ausserstande,
Ihnen zu helfen. Steigen Sie ein in den Zeiserlwagen.
    Auch das Pferd, was Sie da bei sich haben. Vorwärts marsch, keine Umstände.
Eingestiegen!«
    Die Hündin Rosalie lag schwer in den Wochen. Fünf junge Polizeihunde
erblickten das Licht der Welt. Auch fing man um diese Zeit in einem Spreekanal
zu Berlin einen chinesischen Kraken. Das Tier wurde auf die Polizeiwache
gebracht.
                          Der Untergang des Machetanz
Wie schon sein Name besagt, ist Machetanz ein Wesen, das Tänze macht und
Sensationen liebt. Er ist einer jener verzweifelten Typen ohne seelische
Haltung, die sich dem leisesten Eindruck nicht zu entziehen vermögen. Daher auch
sein trauriges Ende. Der Dichter hat das mit besonderem Nachdruck hierher
gesetzt. Wir sehen, wie Machetanz Schritt für Schritt der Besessenheit, dann
einer tiefen Apatie erliegt. Bis er schliesslich nach fruchtlosen Versuchen,
sich ein Alibi zu schaffen, in jene religiös gefärbte Paralyse versinkt, die,
mit Exzessen verbunden, seinen völligen physischen und moralischen Ruin
besiegelt.
Da spürte Machetanz plötzlich einen Druck an den Schläfen. Die
Produktionsströme, die seinen Körper gewärmt und gewickelt hatten, starben ab
und hingen wie lange Safrantapeten von seinem Leib. Ein Wind bog ihm Hände und
Füsse um. Sein Rücken, ein kreischendes Drehgewinde, stob als Spirale zum Himmel.
Machetanz, hämisch, ergriff einen Stein, der eckwärts aus einem Gebäude schrie,
und setzte sich blindlings zur Wehr. Blaue Gesellen zerstürmten ihn. Hell brach
ein Himmel zusammen. Ein Luftschacht legte sich quer. Über den Himmel hinweg
flog eine Kette geflügelter Wöchnerinnen.
    Die Gasanstalten, die Bierbrauereien und die Ratauskuppeln gerieten ins
Wanken und dröhnten im Paukengeschnatter. Dämonen, bunten Gefieders,
beklackerten sein Gehirn, zerzausten und rupften es. Über den Marktplatz, der in
die Sterne versank, ragte mit ungeheurer Sichel der grünliche Rumpf eines
Schiffes, das senkrecht auf seiner Spitze stand.
    Machetanz fuhr sich mit beiden Zeigefingern ins Ohrgehäuse und scharrte
daraus den letzten schäbigen Rest von Sonne, der sich darin verkrochen hatte.
Apokalyptischer Glanz brach aus. Die blauen Gesellen bliesen auf
Muscheltrompeten. Sie stiegen auf Lichtbalustraden und stiegen herab ins
Glänzige.
    Übelkeit überkam Machetanz. Ein Würgen am falschen Gott. Er rannte mit
hochgeschwungenen Armen, stürzte und fiel aufs Gesicht. Eine Stimme schrie aus
seinem Rücken. Er schloss die Augen und fühlte sich in drei mächtigen Sätzen über
die Stadt geschnellt. Saugrohre schlürften die Kraft der mystischen Behälter.
Machetanz sank in die Knie, saladigen Messgewandes, und bleckte die Zähne zum
Himmel. Häuserfronten sind Gräberreihen, übereinandergetürmt. Kupferne Städte am
Rande des Monds. Kasematten, die auf dem Stiel einer Sternschnuppe schwanken bei
Nacht. Eine aufgeklebte Kultur blättert ab und wird von Knäden zu Fetzen
gerissen. Machetanz tobt, vom Veitstanz befallen. Eins, zwei, eins, zwei: Mittel
zur Fleischabtötung. »Pankatolizismus«, schrie er in seiner Verblendung. Er
gründet ein Generalkonsulat für öffentliche Anfechtung und legt dort als erster
Protest ein. Kinodramatisch erläutert er die Zwangsphänomene seiner Exzesse und
Wachtraummonomanien. In einer magnetischen Flasche wird er umhergewirbelt. Er
brennt in den unterirdischen Röhren eines Kanalsystems. Eine schöne Narbe ziert
Machetanz' Auge mit weissem Glanz.
    In zickzackfarbigem Hemd balanciert er auf ragendem Äterturm. Er mietet den
grossen Schwung und rattert im Aufstieg zerbrechend durch das Gespeiche
imaginärer Gigantenräder. Es drohen ihm die Gesichter des raschen Entschlusses,
der rührigen Kopfhaut, der meckernden Skepsis. Mit zerbrochenen Lungenflügeln
hüpft er aus der Hand eines Kobolds.
    Die Freunde verlassen ihn. »Machetanz, Machetanz!« kräht er von einem Kamin
herab. Er entstürzt dem Konnex. Er zieht als Segment einer Sonnenfinsternis über
schief hängende Kuppeln und Türme betrunkener Städte. Schlaflos und in ein
Kinderwägelchen eingebettet wird er über die Strasse gezogen. Es überschatten ihn
die Landschaften des Errötens, der Trauer, der bräutlichen Seligkeit.
    Machetanz faselt sich Dekadenzen zurecht. Er deponiert umfassende
Angstkomplexe. Instrumentiert sich Hemmungen dazwischen. Falschmünzereien von
seelischen Katarakten und Sensationen. Er rollt sich des Nachts zusammen im Leib
einer Dirne. Die Angstaut steht ihm steil hinter den Ohren. »Meint ihr
vielleicht, ihr Tröpfe -« und schlägt auf den Boden, Schaum vor dem Mund, eine
blaue Wolke. Er kriecht hervor in die Sonne. Er will das Erlebnis haben. Gras
wächst missgünstig und treibt ihn zurück in die Finsternis. Vorhänge blähen sich
auf und ein Haus entschwebt. Das ist die Katalepsie der Zerstörung. Zungen
prallen in rotem Pfeilregen schräg gegen das Pflaster.
    Gagny, die Bleierne, muss ihm den Scheitel kämmen, damit er nachdenken kann.
Dagny, die Fischbraut, pflegt ihn, auf ihrer rechten Seite schillernd von
Musikon. Machetanz hat einen Hauptmann erschlagen mit einem Gesangbuch. Er hat
eine künstlich schwimmende Insel erfunden. Er stengelt in Bittprozessionen und
verehrt Vagabunden-Jesus. Er hält die Laterne beim Totenamt, und so er sein
Wasser abschlägt: es ist essigsaure Tonerde.
    Aber es hilft ihm nichts. Diesen Turbulenzen, Detonationen und Radiumfeldern
ist er nicht gewachsen. »Quantität ist alles«, schreit er, »Syphilis ist eine
schwere Geschlechtskrankheit.« Er nimmt ein Salzsäurebad, um seinen gefiederten
Leib loszuwerden. Übrig bleiben: ein Hühnerauge, eine goldene Brille, ein
künstliches Gebiss und ein Amulett. Und die Seele: eine Ellipse. Machetanz
lächelt bitter: »Originalität ist ein Luftblasenkatarrh. Schmerzlich und
unwahrscheinlich. Einen Mord begehen. Ein Mord ist etwas, was nicht geleugnet
werden kann. Nie und nimmer. Schön Wetter machen. Immer die Armen lieben. Schon
haben wir Gott als Supplement. Das ist fester Boden.« Und er blies Musikon ins
Genick. Da zerwölkte sie sich.
    Und er machte sein Testament. Mit Urintinte. Andere hatte er nicht. Denn er
sass im Gefängnis. Er verwünschte darin: die Phantasten, Dagny, das
Karussellpferd Johann, seine arme Mutter und viele andere Leute. Dann starb er.
Auf einer Sodasuppe erwuchs ein Palmenwald. Ein Pferd bewegte die Beine und kam
voran. Eine Trauerfahne wehte auf einem Krankenhaus.
 
                                Die roten Himmel
Landschaftsbild aus dem oberen Inferno. Ein Konzert heilloser Geräusche, das
selbst die Tiere in Erstaunen setzt. Die Tiere treten zum Teil als Musikanten
(sogenannte Katzenmusik), zum Teil in ausgestopftem Zustand und als Staffage
auf. Die Tanten aus der siebenten Dimension beteiligen sich in obszöner Weise am
Hexensabbat.
Die roten Himmel, mimul mamei,
Gehen im Magenkrampf mitten entzwei.
Die rotem Himmel fallen in den See,
Mimulli mamei, und haben Magenweh.
Die blauen Katzen, fofolli mamei,
An einem rotzackigen Wellblech kratzen.
O lalalo lalalo lalala!
Da ist auch die schnurrende Tante da.
Die schnurrende Tante hebt aus Schnee
Ihre trällernden Hosen und Röcke in d'Höh.
O lalalo lalalo lalalo!
Da sagte der Flötenbock: »Sowieso.«
Die tönerne Tuba fällt vom Dach.
Der doppelte Johann springt ihr nach.
O lalalo und mimulli mamei!
Auf eisernen Geigen kratzen zwei.
Das Pferd und der Esel schauten schief
Auf den Schneehahn, der aus der Tiefe rief.
Die blaue Tuba krachte sich eins -
Da sangen sie alle das Einmaleins.
O lalalo lalalo lalalo,
Der Kopf ist aus Glas und die Hände aus Stroh.
O lalalo lalalo lalalo!
Zinnoberzack, Zeter und Mordio!
 
                                  Satanopolis
Eine mystische Begebenheit, die sich in der untersten Tintenhölle ereignet.
Tenderenda erzählt die Geschichte vor einem Publikum von Gespenstern und
Abgeschiedenen, von satanopolitanischen Eingeweihten und Habitués. Er setzt eine
Kenntnis der Personen und des Lokals, eine Vertrauteit mit unterirdischen
Einrichtungen voraus.
Ein Journalist war entkommen. In grauer Gestalt überschattete er die Weideplätze
von Satanopolis. Man beschloss, gegen ihn zu Felde zu ziehen. Das
Revolutionstribunal versammelte sich. Man zog gegen ihn zu Felde, der sich in
grauer Gestalt tummelte auf den Weideplätzen von Satanopolis. Aber man fand ihn
nicht. Er hatte sich unterschiedlichen Unfug zuschulden kommen lassen, aber er
weidete vergnügt und ass die spitzen Köpfe der Disteln, die blühten auf den
Wiesen von Satanopolis. Da ward sein Haus ausfindig gemacht. Es lag auf dem 26
1/2. Hügel, wo die Pfanne der Dreieinigkeit steht. Mit Stocklaternen umstellten
sie das Haus. Ihre Mondhörner leuchteten falb in die Nacht. Alle liefen hinzu,
Vogelkäfige in der Hand.
    »Sie haben da einen schönen Kanidklopfer«, sagte Herr Schmidt zu Herrn
Schulze. »Spinöser Affront!« sagte Herr Meyer zu Herrn Schmidt, setzte sich auf
seine Schindmähre, die seine Krankheit war, und ritt verdrossen davon.
    Unterdessen standen viele strickende Guillotinenfurien da, und man beschloss,
den Journalisten zu stürmen. Das Haus, das er besetzt hielt, war das Mondhaus
genannt. Er hatte es verbarrikadiert mit Matratzen aus Äterwellen und hatte die
Pfanne oben aufs Dach gesetzt, so dass er unter dem ganz besonderen Schutze des
Himmels stand. Er nährte sich von Kalmus, Kefir und Konfekt. Auch hatte er um
sich die Leichname der Abgeschiedenen, die in grossen Mengen von der Erde durch
seinen Schornstein herniederfielen. So dass er für einige Wochen bequem es
aushalten konnte. Er sorgte sich deshalb nicht sehr. Fühlte sich wohl und
studierte zum Zeitvertreib die 27 verschiedenen Arten des Sitzens und Spukens.
Er hiess Lilienstein.
    Eine Sitzung fand statt auf dem Rataus des Teufels. Der Teufel trat auf mit
Kis de Paris und Ridikül, sprach einiges unwirsches Zeug und sang den Rigoletto.
Man rief ihm hinauf, er sei ein gespreizter Einfaltspinsel, er möge die Spässe
lassen. Und man beriet, ob man das Haus, das Lilienstein mit dem Kneifer besetzt
hielt, durch Tanz einäschern oder aber von Flöhen und Wanzen verzehren lassen
sollte.
    Der Teufel auf dem Balkon bekam das Beineschwingen und meinte: »Der
Unterleib Matats endete in einem Dolch. Er hat die Matratzen aus Äterwellen vor
seinem Hause, und die Lügentürme schwanken um ihn im Gebläue ihres Fundamentes.
Er hat sich mit Leichenfett eingerieben und sich unempfindlich gemacht. Ziehet
in Horden von Leuten mit je einer Trommel am Gurte noch einmal hin. Vielleicht
... und dass es gelingen möge.« Des Teufels Gattin war schlank, blond, blau. Sie
sass auf einer Eselin und hielt ihm zur Seite.
    Da machte man kehrt und marschierte zurück und sang zu der Trommel. Und sie
kamen zurück an das Mondhaus und sahen die Matratzen aus Äterwellen und den
Lilienstein, wie er bei voller Beleuchtung einherspazierte. Und der Rauch seines
Mittagessens stieg oben aus seinem Schornstein.
    Und er hatte ein grosses Plakat angebracht. Darauf stand:
»Qui hic mixerit aut cacarit
Habeat deos inferos et superos iratos.«
(Das hatte er aber nicht selber erfunden, sondern es stammte von Luter.)
    Und ein zweites Plakat. Darauf stand:
»Wer sich furcht, der ziehe ein Pantzer an.
Helpts, so helpts.
Denn es lebt und bleibt leben der Scheblimini.
Sedet at dexteris meis. Da steckts.«
Ich kann euch sagen, das wurmte sie mächtig. Und wussten nicht, wie sie den
Lilienstein sollten herausbekommen. Doch sie kamen auf einen Gedanken:
Hundekraut und Honig warfen sie über das Haus des Liliensteins. Da musste er
heraus. Und sie verfolgten ihn.
    Hinweg stolperte er über die Schlafkarren, die auf der Strasse standen, der
Schlafkrankheit wegen. Hinweg stolperte er über die Beine des Petroleums, das
sass an der Ecke und rieb sich den Magen. Hinweg über die Bude der Schutzgöttin
der Aborte, die kinderspeiend an langen Schnüren die etwa 72 Sterne des Guten
und die 36 Sterne des Bösen tanzen liess. Und sie verfolgten ihn.
    Eine Apoplexie wälzt sich in himmelblauen Bändern. Blaudurstige Schecken
kriechen. Wer diesen Phallus gesehen hat, kennt alle andern. Vorbei hetzte er an
dem Tintenfisch, der die griechische Grammatik lernt und Veloziped fährt. Vorbei
an den Lampentürmen und Hochöfen, in denen die Leichen der toten Soldaten
flammen bei Nacht. Und er entkam.
    In den Gartenwirtschaften des Teufels verlas man ein Manifest. Eine
Belohnung von 6000 Francs war ausgesetzt für jeden, der über den Verbleib des
nach Satanopolis geratenen Journalisten Lilienstein etwas Zuverlässiges zu
bekunden oder Angaben zu machen habe, die auf die Spur des Unholds zu führen
vermöchten. Bei den Klängen eines Posaunenchors ward es verlesen. Aber umsonst.
    Schon hatte man ihn vergessen und ging seiner Wege, da fand man ihn auf dem
Corso des Italiens. Auf himmelblauen Pferdchen ritt man dort aus, und die Damen
trugen langstielige Sonnenschirme, denn es war heiss.
    Auf dem Sonnenschirm einer Dame bemerkte man ihn. Er hatte sich dort ein
Nest gebaut und war dabei brütend befunden worden. Er fletschte die Zähne und
schrillte in einem durchdringenden Ton: »Zirrizittig-Zirritig.« Aber es half ihm
nicht. Man zerrte die Dame, auf deren Sonnenschirm er flanierte, hin und her.
Man beschimpfte, bespie und beschuldigte sie. Man erteilte ihr einen Stoss ins
Gesäss, denn man hielt sie für eine Spitzelin. Da fiel er heraus aus dem Nest und
die Eier mit ihm, und ein Johlen erhob sich.
    Aber man riss ihm nur seinen Papieranzug vom Leib. Er selber entkam und
retirierte in das Gestänge der Bahnhofshalle, oben hinauf, wo sich der Rauch
aufhält. Dort war es ganz offenbar, dort oben könne er sich nicht lange halten.
    In der Tat kam er herunter nach fünf Tagen und ward vor den Richter
gestellt. Jämmerlich war er anzusehen. Das Gesicht geschwärzt von Kohlenruss und
die Hände besudelt von Tintendreck. In der Hosentasche trug er einen Revolver.
In der Brusttasche neben dem Portefeuille das Handbuch der Kriminalpsychologie
von Ludwig Rubiner. Noch immer fletschte er die Zähne »Zirritig-Zirrizittig«. Da
kamen die Tintenfische aus ihren Löchern und lachten. Da kamen die Zackopadoren
und schnupperten an ihm. Da schwirrten die Zauberdrachen und Seepferdchen
überlings um seinen Kopf.
    Und man machte ihm den Prozess: »In grauer Gestalt ruiniert zu haben die
Weideplätze der Mystiker. Durch mancherlei Unfug Aufsehen erregt zu haben. Aber
der Teufel machte sich zu seinem Anwalt und verteidigte ihn. »Afterreden und
Schläfrigkeit«, sprach der Teufel, »was wollt ihr von ihm? Sehet, da stehet ein
Mensch. Wollt ihr, dass ich meine Hände in Unschuld wasche, oder soll er
geschunden werden?« Und die Armen und Bettler sprangen herfür und riefen: »Herr,
hilf uns, wir haben Fieber.« Aber er schob sie zurück mit der flachen Hand und
sagte: »Bitte, nachher.« Und der Prozess wurde vertagt.
    Am nächsten Tag aber kamen sie wieder, viel Volks, brachten Rasiermesser und
schrieen: »Gib ihn heraus. Er hat Gott und den Teufel gelästert. Er ist ein
Journalist. Er hat unser Mondhaus befleckt und sich ein Nest gebaut auf dem
Sonnenschirm einer Dame.«
    Und der Teufel sagte zu Lilienstein: »Verteidige dich.« Und ein Herr aus dem
Publikum rief mit erhobener Stimme: »Dieser Herr hat keine Gemeinschaft mit der
Aktion.«
    Und Lilienstein fiel auf die Knie, beschwor die Sterne, den Mond und die
Menge und rief: »Autolax ist das beste. Aus weichem Holz und Bast gebundene
trichterähnliche Zapfen kennt schon das Altertum. Der Soxletapparat ist eine
Erfindung der Neuzeit. Das beste Abführmittel ist Autolax. Es besteht aus
Pflanzenextrakten. Hören Sie mich: aus Pflanzenextrakten! Es braucht kaum
erwähnt zu werden, dass es sich um ein Erzeugnis der deutschen Industrie
handelt«, stammelte er in seiner Not. »Nehmet hin dieses Rezept. Ich beschwöre
Euch. Lasset mich laufen dafür. Was habe ich Euch getan, dass ihr mich also
verfolget? Siehe, ich bin der König der Juden.«
    Da brachen sie in ein unbändiges Gelächter aus. Und der Teufel sagte:
»Sapperment, sapperment, sollte man das für möglich halten.« Und der Herr aus
dem Publikum schrie: »Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!«
    Und er ward verurteilt, sein knopfig Selbstgedrehtes aufzuessen. Und der
Tuifelemaler Meideles porträtierte ihn, ehe er dem Schinder überliefert wurde.
Und alle Fahnen tropften von Hohn und Lauge.
 
                                       II
                             Grand Hotel Metaphysik
Die Geburt des Dadaismus. Mulche-Mulche, die Quintessenz der Phantastik, gebiert
den jungen Herrn Fötus, hoch oben in jenem Bereich, der von Musik, Tanz, Torheit
und göttlicher Familiarität umgeben, sich klärlich genug vom Gegenteil abhebt.
    Über keine Rede der Herren Clemenceau und Lloyd George, über keinen
Büchsenschuss Ludendorffs regte man sich so auf wie über das schwankende Häuflein
dadaistischer Wanderpropheten, die die Kindlichkeit auf ihre Weise verkündeten.
In einem Fahrstuhl aus Tulpen und Hyazinten begab sich Mulche-Mulche auf die
Plattform des Grand Hotel Metaphysik. Oben harreten ihrer: der
Zeremonienmeister, der die astronomischen Geräte zu ordnen hatte, der Jubelesel,
der gierig aus einem Kübel voll Himbeersaft sich erlabte, und Musikon, unsere
liebe Frau, aufgebaut ganz aus Passacaglien und Fugen.
    Das schlanke Bein Mulche-Mulches war mit Chrysantemen ganz umwickelt, so
dass sie beim Gehen nur spärlich ausschreiten konnte. Die rosenblätterne Zunge
stiess flatternd ein wenig über die Zähne hervor. Goldregen hing ihr vom Auge
herab und die schwarze Decke des Himmelbetts, das ihr bereitet stand, war bemalt
mit silbernen Hunden.
    Das Hotel war aus Gummi erbaut und porös. Die oberen Stockwerke hingen mit
Firsten und Kanten weit vornüber. Als Mulche-Mulche entkleidet war und der Glanz
ihrer Augen die Himmel färbte -: eija, da hatte der Jubelesel sich satt
getrunken. Eija, da schrie er mit weitin vernehmlicher Stimme Willkomm. Der
Zeremonienmeister verbeugte sich weitinvielmals und rückte das Fernrohr näher
zur Brüstung, um die Cölestographie zu studieren. Musikon aber, als Goldflamme
stets um das Himmelbett tanzend, hob plötzlich die Arme, und siehe, von Violinen
schattete es über die Stadt.
    Mulche-Mulches Augen verflammten. Ein Anfüllen ihres Leibes vollzog sich mit
Korn, Weihrauch und Myrrhen, dass sich die Decken des Bettes hoben und wölbten.
Mit allerlei Samen und Frucht stieg die Fracht ihres Leibes, das knatternd die
Wickel zersprangen, darein er gebunden war.
    Da machte sich alles rachitische Volk der Umgebung auf, die Geburt zu
verhindern, die dem verödetem Lande drohte mit Fruchtbarkeit.
    P.T. Bridet, die Totenblume am Hut, wuchs zeternd auf seinem Holzbein.
Giftlache prägte sich auf seiner Backe. Aus der Stube der Abgeschiedenen eilte
er grimmig herbei, dem Unerhörten erbost zu begegnen.
    Und da war Pimperling mit dem Abschraubekopf. Das Trommelfell hing ihm zu
beiden Seiten zerknüllt aus den Ohren. Ein Stirnband aus Nordlicht trug er,
neuesten Datums. Typus des schlammüberfluteten Massengräblers, der, mit Vanille
bepudert, aus Jalousien sehr schlimmer Dünste sich aufmacht, die Ehre zu retten.
    Und da war Toto, der diesen Namen hatte, sonst nichts. Sein eiserner
Adamsapfel schnurrte geölt im Winde, beim Laufen der Bise entgegen. Die
Jerichobinde hatte er sich um den Leib geschnallt, damit seiner Eingeweide
flatternde Lappen nicht sollten verloren gehen. Marseillaise, sein Schobbolet,
strahlte ihm rot von der Brust.
    Und sie zernierten die Gärten, stellten die Wachen aus und beschossen mit
Filmkanonen die Plattform. Das donnerte Tag und Nacht. Als Versuchsballon liessen
sie aufsteigen die violettausstrahlende »Kartoffelseele«. Auf ihren
Leuchtraketen stand: »God save the King« oder »Wir treten zum Beten.« Durch ein
Schallrohr aber liessen sie auf die Plattform rufen: »Die Angst vor der Gegenwart
verzehrt uns.« Dort oben derweilen versuchte der Gotteit geschäftiger Finger
vergebens, den jungen Herrn Fötus hervorzulocken aus Mulche-Mulches rumorendem
Leibe. Schon war es an dem, dass er vorsichtig lugte aus ragendem Muttertore.
Aber mit schlauerem Fuchsgesicht zog er sich blinzelnd wieder zurück, als er die
viere, Jopp, Musikon, Gotteit und Jubelesel mit Schmetterlingsnetzen, Stöcken
und Stangen und einem nassen Waschlappen vereinigt sah, ihn zu empfangen. Und
herrischer Schweiss brach aus Mulches gerötetem Körper mit Spritzen und Strahlen,
dass alle Umgebung davon übergossen war.
    Da wurden die unten ganz ratlos ob ihrer verrosteten Filmartillerie und
wussten nicht, was sie beginnen sollten, ob abziehen oder verweilen. Und zogen
die »Kartoffelseele« zu Rat und beschlossen, das liebliche Schauspiel des Grand
Hotel Metaphysik mit Gewalt zu erstürmen.
    Als ersten der Katapulte rollten sie heran: den Modegötzen. Das ist ein mit
Similisteinen und mit orientalischem Trödel beladener funkelnder Spitzkopf mit
niedriger Stirne. Dieweil er vom Kopf bis zu den Füssen aus hölzernen Lügen
gedrechselt ist und auf der Brust als Berlocke ein Eisenherz trägt, kann man ihn
nennen den Spasslosen Götzen.
    Schwarzhalsig ragt er mit Schellen behangen, die Stimmgabel des Lasters hoch
in der erhobenen Rechten. Aber mit Schriftzeichen über und über bemalt der
Kabbala und des Talmud, schaut er doch gutmütig drein aus Kinderpupillen. Mit
sechshundert selbstgelenkigen Armen verdreht er die Tatsachen und die
Geschichte. Am hintersten Rückenwirbel ist auch ein Blechkasten angebracht mit
Knallgebläse. Und so die ölgesalbte Entleerung stattfindet, entstürzen ihm
afterling Generäle und Bandenführer, menschenunähnlich und mit den Gesichtern im
Kote schleifend.
    Doch senkt ihm von oben Jopp mit Musikons Hilfe die Zündschnur tief in den
Magen, und da er mit Hespar, Salfurio, Akunit und Schwefelsäure geladen ist, so
sprengen sie ihn und vereiteln den Anschlag.
    Als zweiten Götzen bringt man den »Bärtigen Hund«, dass er mit urchigem
Brüllen und Geifer die zärtliche Anekdote wegspüle von der Plattform des Grand
Hotel Metaphysik. Mit Stemmeisen lüpft man das Pflaster der Religionen, damit
sich ein Weg und Geleise eröffne. Die Ideologischen Überbau-Aktien fallen rapid.
»Oh Niederbruch in die Tierheit!« jammert Bridet. »Die magischen Druckereien des
heiligen Geistes genügen nicht mehr, den Untergang aufzuhalten.«
    Und schon faucht er heran, vorgespannt einer auf Rollrädern laufenden
Kirche, hinter deren Gardinen ängstliche Priester, Prälaten, Dekane und Summi
Episcopi Ausschau halten. Fünfgrätige Rückenwirbel schleppen sein räudiges Fell,
in das Truppen hineintätowiert sind. Auf fliehender Stirne tront Abbild von
Golgata. Gefüttert mit einem Häcksel auf Kraftlinien stand er bislang im Stalle
der Allegorie. Nun rollt er heran, sein Erstaunen zu pusten wider die
Klangstimme Musikons.
    Doch seine Wut überschlägt sich. Noch ehe sein Atem den Dachfirst erreichen
kann, krümmt er den Rücken und lässt seiner Mannbarkeit Samen aus, der duftet
nach Jasmin und Wasserrosen. Entkräftet zittern des Ungetüms Knie. Es leget das
Haupt auf die Pfoten, demütig winselnd. Mit seinem eigenen Schweife zerschlägt
es die wackelnde Ferienkirche der Volksvormünder, die es herangezogen. Und auch
dieser Ansturm versaget.
    Und während auf luftiger Plattform Musikons Goldflamme tanzet, umbala weia,
da bringt man den letzten der Götzen heran: Puppe Tod aus Stuck, im Auto lang
ausgestreckt, um ihn an Stricken hinaufzuziehen. »Hoch lebe der Skandal!« ruft
Pimperling zum Empfang. »Poetischer Freund«, so Toto, »ein krank verstümmelter
Leichnam ist um Euren Kopf. Kobaltblau sind Eure Augen gefärbt, lichtockergelb
Eure Stirne. Reichet den Handkoffer her. Sela.« Und Bridet: »Wahrlich,
verschwiegener Meister, Ihr duftet nicht schlecht für Euer Alter. Das wird einen
Heidenspass geben. Lasset uns jeder das Tanzbein schwingen, das er dem andern
entrissen hat. Lasset uns einen Triumphbogen bauen, und wo Ihr den Fuss
hinsetzet, begleite Euch Segen und Heil!«
    Da nickte der Tod und nahm ihnen ihre Erlebnisse ab, wie man ein
Huldigungsschreiben entgegennimmt, und bot seinen Hals für die Schlinge, womit
er zur Hölle sollte befördert werden. Und sie hakten die Spulen ein, drehten den
Hebel und lotseten ihn. Doch die Last war zu schwer. Dreiviertel der Höhe hatte
er baumelnd und schaukelnd erreicht und belebte sich schon, um den First zu
erklimmen. Da strafften die Seile sich härter, sangen und sausten. Da krähte der
Draht, und aus schwindelnder Höhe stürzte er nieder und traf mit der ganzen
Wucht seiner Last den kreuzbraven Pimperling, der solcher Anrempelung sich
mitnichten versah. Dreimal gestorben und fünfmal erschlagen trugen sie ihn, in
ein Nastuch gehüllt, abseits des Weges und trachteten heiss, das verschobene
Gebälk seines Hinterkopfes wieder zurechtzurücken. Doch da war nicht zu helfen.
Und auch der Tod ging entzwei bei Pimperlings Tod durch den Tod.
    Da stiess Mulche-Mulche plötzlich zwölf gellende Schreie aus, hart
nacheinander. Ihr Zirkelbein hob sich zum Rande des Himmels. Und sie gebar.
Zuerst ein klein Jüdlein, das trug ein klein Krönlein auf purpurnem Haupte und
schwang sich sogleich auf die Nabelschnur und begann dort zu turnen. Und Musikon
lachte, als sei sie die Base.
    Und vierzig Tage vergingen, dass Mulche kreidigen Angesichts stand an der
Brüstung. Da hob sie zum zweiten Male das Zirkelbein, hoch in den Himmel. Und
diesmal gebar sie viel Spülicht, Geröll, Schutt, Schlamm und Gerümpel. Das
prasselte, klirrte und polterte über die Brüstung hinab und begrub alle Lüste
und Leichen der Sohlengänger. Da freute sich Jopp, und die Gotteit senkte das
Schmetterlingsnetz und schaute verwundert.
    Und abermals vierzig Tage vergingen, da Mulche nachdenklich stand und mit
grossen verschlingenden Augen. Da hob sie zum dritten Male das Bein und gebar den
Herrn Fötus, als welcher beschrieben steht Pagina 28, Ars magna. Konfutse hat
ihn gerühmt. Eine Glanzkante läuft ihm über den Rücken. Sein Vater ist
Plimplamplasko, der hohe Geist, liebtrunken über die Massen und wundersüchtig.
 
                     Bulbos Gebet und der gebratene Dichter
In dem Masse, in dem sich das Grauen verstärkt, verstärkt sich das Lachen. Die
Gegensätze treten grell hervor. Der Tod hat magische Gestalt angenommen. Sehr
bewusst wird dagegen das Leben verteidigt, die Helle, die Freude. Die hohen
Gewalten treten persönlich in die Schranken. Gott tanzt gegen den Tod.
Nun hätte man meinen können, der Tod selber sei gestorben, aber weit gefehlt.
Kaum intonierten die grossen Gespenster auf den Zementröhren die Totenklage, da
kam, von solchem Rhytmus gehoben und in Bewegung gesetzt, der Tod lebhaft
wieder herfür und begann auf eisernem Schenkel zu tanzen. Die Fäuste nach innen
geballt, schlug er den Boden und stampfte mit dröhnenden Hufen.
    Und die grossen Gespenster lachten, und die Sargdeckel ihrer Backenknochen
knackten. Denn das grosse Sterben war wieder da. Da sank Bulbo auf seine Knie,
warf die Arme zum Himmel und schrie:
    »Erlöse uns, o Herr, von der Verzauberung. Ziehe uns, o Herr, unsere
versottenen Münder aus den Schmutzeimern, Rinnsalen und Abfallgruben, in die wir
verrannt sind. Erbarme dich, o Herr, unseres Aufentaltes in Sud und Latrine.
Unsere Ohren sind mit Jodoformgaze umwickelt, in unseren Lungenflügeln weidet
die Schar der Weinschröter und Engerlinge. Ins Reich der Spulwürmer und Abgötter
sind wir verschlagen. Der Schrei nach der Auflösung nimmt überhand.
    Mit feurigen Stöcken prügeln sie deine Erzengel. Sie locken deine Engel auf
die Erde und machen sie dick und gebrauchsunfähig. Wo die Hölle ans Paradies
grenzt, wälzen sie ihre Betrunkenen in dein gelobtes Land, und es erschallet der
Wagnerjodel, wigalaweia, in Germano panta rei.
    Ein Haus des Gespöttes ist deine Kirche geworden, ein Schandhaus. Lästerer
nennen sie uns und krötige Gnostiker. Unter der Fleischesfülle jedoch erscheinen
ihre Apachen und Tiergesichter. Wie soll man sie lieben? In den Schiebladen
mehrt sich die Zahl der gefundenen Fötusse, und in den Bettern lottert der
Speckmatz.
    Nicht mehr gewahren sie die Mumie in der Hängematte, das einbalsamierte
Gliedergerümpel und die Cholerabazillen in der Bassgeigennaht. Nicht mehr die
Grütze, die aus dem Rauchfang tropft, und den Familienvater verwesten Gemütes.
Schon im Mutterleibe verkaufen sie einander das ewige Leben.
    Sie verschieben das Weizenmehl, das für deine heilige Hostie bestimmt ist,
und gurgeln sich den Hals mit dem Krätzer, der dein heiliges Blut darstellen
sollte. Du aber vergibst uns unsere Schlechtigkeit, wie auch wir versprechen,
dass wir die unsrige tun.
    Ich könnte mich ja in einer anderen Zeit aufhalten. Was nützte es mir, o
Herr? Siehe, ich bewurzele mich bewusst in diesem Volke. Als Hungerkünstler nähre
ich mich von Askese. Aber die Relativitätsteorie genügt nicht, noch die
Philosophie als ob. Unsere Pamphlete verfangen nicht mehr. Die Erscheinungen von
expansivem Marasmus mehren sich. Alle sechzig Millionen Seelen meines Volkes
quillen aus meinen Poren. Rattenschweiss ist es vor dir, o Herr. Doch erlöse uns,
hilf uns, pneumatischer Vater!«
    Da quoll aus Bulbos Mund ein schwarzer Ast, der Tod. Und man warf ihn in der
Gespenster Mitte. Und der Tod exerzierte und tanzte auf ihm.
    Der Herr aber sprach: »Mea res agitur. Er vertritt eine Ästetik sinnlicher
Assoziationen, die an Ideen anknüpfen. Eine Moralphilosophie in Grotesken. Seine
Doktorei geht süss ein.« Und er entschloss sich, gleichfalls zu tanzen, weil das
Gebet ihm gefallen hatte.
    Da tanzte Gott mit dem Gerechten gegen den Tod. Drei Erzengel drehten seiner
Frisur turmhohes Toupet. Und der Leviatan hing sein Hinterteil über die
Himmelsmauer herunter und sah dabei zu. Über der Frisur des Herrn aber
schwankte, aus den Gebeten der Israeliter geflochten, die turmhohe Krone.
    Und ein Wirbelsturm erhob sich, und der Teufel kroch in das heimliche Gemach
hinter dem Tanzplatz und schrie: »Graue Sonne, graue Sterne, grauer Apfel,
grauer Mond.« Da fielen Sonne, Sterne, Apfel und Mond auf den Tanzplatz. Die
Gespenster aber verspeisten sie.
    Da sagte der Herr: »Aulum babaulum, Feuer!« Und Sonne, Sterne, Apfel und
Mond stoben aus den Kaldaunen der Gespenster und nahmen ihren Platz wieder ein.
    Da hänselte der Tod: »Ecce homo logicus!« und flog auf die oberste Stufe.
Und tat seine Grossduftei auf, um seine Autorität zu beweisen.
    Da schlug ihm Gott die Kategorientafel auf den Kopf, dass sie zerschellte,
und tanzte weiter mit männlichen Schnörkeln und hurtigen Schleifen. Die
Kategorientafel aber zerstampfte der Tod, die Gespenster aber verspeiseten sie.
    Da machte der Tod einen Aschenregen aus dem Schwarzsauer der Hobelspäne, die
für die Särge bestimmt sind, und schrie: »Chaque confrère une blague, et la
totalité des blagues: humanité.« Und knackte dazu mit den Sargdeckeln seiner
Backenknochen. Die Späne aber fielen ringsum hernieder, die Gespenster aber
verzehreten sie.
    Da senkte Gott die Trompete nach unten und rief: »Satana, Satana,
ribellione!« Und es erschien der rote Mann, die falsche Majestät und erschlug
den Tod, dass kein Mensch ihn fürdermehr erkennen konnte. Und die Gespenster
verspeiseten ihn.
    Aber siehe, da wurden sie sehr mächtig und schrieen: »Man reiche uns einen
gebratenen Dichter!«
    »Kuh, du bist unser!« sprach der Teufel.
    »Freiheit, Verbrüderung, Himmel, du bist unser.«
    »Unserigkeit und Knauserigkeit«, sprach der Teufel, »was soll nun dieses
heissen?«
    Da überliess ihnen der Herr den gebratenen Dichter. Die Gespenster aber
hockten sich nieder im Kreis, entkeimten ihn, pellten die Kruste ab und den
Federflaum und verspeiseten ihn. Da stellte sich heraus, dass Oblaten seine
Hosenknöpfe waren, ungegoren der Kehlkopf, duftig das Gehirn, aber schief
genabelt. Und der Gespenster jüngstes hielt ihm die Totenrede:
    »Dieser war ein Psychofakt«, begann die Rede, »kein Mensch. Hermaphrodit vom
Kopf bis zur Sohle. Spitz stachen die geistigen Schultern durch die Achselstücke
seines Cutaway. Sein Kopf eine Wunderzwiebel der Geistigkeit. Blind beherrscht
vom Drange, sich bruchlos zu bekennen, war sein Beginn, sein Ende und Anfang von
solch jungfräulicher, völlig kompromissloser Seelensauberkeit, das wir
Nachwachsenden den Zweifel an der Pflicht zu revolutionär sittlichkeitsbildender
Mutterschaft unserem annoch kraftlosen Streben nach einem Kosmos von Flugwillen
und Erdüberwinderschaft als ein zwar unerlässliches, aber süsses Problem
binnentragisch einzuordnen nicht können.
    Herrliches liegt hier verschüttet in einem Wust unvergorener, abstrakt
verbliebener Rednerei. Subjetivistische Ekstatik vermochte nicht immer
teatralischem Selbstzweck sich zu enteben. Stämmiger Schwärmer und fakirhafter
Erlösungssucher, Hoherpriester und Seher, Queller und Sporn dityrambisschen
Schwunges fügt seinem löblichen Vorbild herbe Beeinträchtigung der einzige
Umstand, dass Max Reinhardt, dessen schöpferische Regie den Aufriss der einzelnen
Visionen befruchtete, sein Können dem Könner erst lange nach dessen Hingang hat
spenden dürfen. Requiescat in pace.«
    Und sie verspeiseten ihn; den Leichenredner aber verspeiseten sie ebenfalls.
Und die Teller verspeiseten sie. Und die Gabeln verspeiseten sie. Und den
Tanzplatz ebenfalls. Oh, wie gut war es, dass der Herr sich der Szene vorher
entoben hatte. Sie hätten auch ihn verspeist.
 
                                    Hymnus 1
Zu sagen ist nichts mehr. Vielleicht, dass etwas noch gesungen werden kann. »Du
magisch Quadrat, jetzt ist es zu spat.« So spricht einer, der zu schweigen
versteht. »Ambriosanischer Stier«: gemeint ist der ambrosianische Lobgesang.
Eine Hinwendung zur Kirche zeigt sich an in Vokabeln und Vokalen. Der Hymnus
beginnt mit militärischen Reminiszenzen und schliesst mit einer Anrufung Salomos,
jenes grossen Magiers, der sich tröstete, indem er die ägyptische Königstochter
an sein Herz zog. Die ägyptische Königstochter ist die Magie.
Du Herr der Vögel, Hunde und Katzen, der Geister und Leiber, Gespenster und
    Fratzen,
Du Oben und Unten, Rechtsum und Linksum, Geradeaus, Kehrteuch und Haltwerda,
Der Geist ist in dir und du bist in ihm, und ihr seid in euch und wir sind in
    uns.
Der Auferstandene bist du, der überwunden war.
Der Entfesselte, der seine Ketten zerriss.
Der Allmächtige bist du, Allnächtige, Prächtige, mit einem brennenden Topf auf
    dem Kopf. In alle Sprachen und Windrichtungen ist dir der Donner im Kasten
    zersprungen.
In Vernunft und Unvernunft, im toten und lebenden Reiche raget dein Blechhals
    und saust deine Speiche.
Mit grossem Brüllen kamst du, Sturmhaube der Rebellion, Krähtrompete, Völkersohn.
In Feuerschlünden und Kugelsaat, in Sterbegewinsel und endlosem Fluche,
In Blasphemien sonder Zahl, in Schwaden von Druckerschwärze, Oblaten und Kuchen.
So sahen wir dich, so hielten wir dich, in Gesichterregen, geschnitzt aus Achat.
Auf umgestürzten Tronen, zerspellten Kanonen, auf Zeitungsfetzen, Devisen und
    Akten,
Bunt aufgeputzte Puppe, hobst du das Richtschwert über die Vertrackten.
Du Gott der Verwünschungen und der Kloaken, Dämonenfürst, Gott der Besessenen.
Du Mannequin mit Veilchen, Strumpfbändern, Parfums und mit einem Hurenkopfe
    bemalt.
Deine sieben Jungen blecken die Zungen, deine Grosstanten werden zuschanden, eine
    rote Kugel ist deine Gugel.
Du Fürst der Krankheiten und Medikamente, Vater der Bulbo und Tenderende,
Der Arsenike und Salvarsäne, der Revolver, eingeseiften Stricke und Gashähne,
Du Löser aller Bindungen, Kasuist aller Windungen,
Du Gott der Lampen und der Laternen, du nährst dich von Lichtkegeln, Dreieck und
    Sternen.
Du Folterrad, russische Schaukel der Qual, Homozentaurus, in Flügelhosen
    schwebend durch den Krankensaal,
Du Holz, Kupfer, Bronze, Turm, Zinke und Blei, als Eisengockel schwirrst du
    geölt vorbei.
Du magisch Quadrat, jetzt ist es zu spat, du mystisch Quartier ambrosianischer
    Stier,
Herr unserer Entblössung, deine fünf Finger sind das Fundament der Erlösung.
Herr unseres Jäger- und Küchenlateins, Lamentotrommel unseres Daseins,
    Äternist, Kommunist, Antichrist, oh! Hochweisige Weisheit des Salomo!
 
                                    Hymnus 2
Man beachte, wie sich in dieses Hymnusses zweiter Hälfte aus der Buffonade eine
Litanei loslöst. Die liturgischen Formeln nehmen überhand. Die Stimmen und
Parteien streiten zwar noch, und demgemäss ist der Gegenstand umstritten, von dem
erlöst werden soll.
Der unsere Ehrenjungfrauen beiseite schob, unsere Blumensträusse und Parfumerien
    und unsere berauschenden Drogen,
Mit Bombardon, Pfeifen und Schellen, mit hellen Tschinellen und Redeschwällen
    grüssen wir dich.
Der unsere Mondkälber auf die Strassen warf, unsere Kochbücher und Astrologien,
Der aufschrie mit den Stimmen von zehntausend Wechselbälgern,
Der herankam und seinen Einzug hielt, lachender Kinderdrachen und Triumphator,
Mit Ersatzscheinen, Blech-, Email-, Papier- und Knopfgeld grüssen wir dich.
Der in den Backentaschen seines gehörnten Hauptes skrofulöse Kinder und Zebras
    verwahrt,
Für eine Mark haben sich hingegeben der tändelnde Dichter, der warme Prolet, der
    Zeitungsmann und der Priester.
Lege den Ring deiner Allmacht uns in die Nase und einen Zaun in den Kinnbacken,
    zähme du unsere Herrlichkeit.
Einen grossen Tanz führen wir auf in Kleidern aus Lumpen und Papier, aus
    Fensterglas, Dachpappe und Zement.
Unsere alldeutschen Knotenstöcke schwingen wir, bemalt mit Runen und
    Hakenkreuzen. Vom Nabel bis zu den Knieen dauert dein Reich, und der
    luteranische Kabeljau bellt.
Von den Nachstellungen der Ketzer und Utopisten, der Widersacher und Propheten
    erlöse uns, o Herr.
Von den Anmassungen der Teoretikaster und Liturgiker, von den vereinigten
    Glockenspielern erlöse uns, o Herr.
Aus diesem Lande der Pflichtenkäfer, der nasskalten Kuchen und der mit
    Totenscheinen gepflasterten Orte führe uns weg, o Herr.
Höre auf zu klappern mit Holz, Kupfer, Bronze, Elfenbein, Stein und den andern
    gewaltigen Trommeln.
Höre auf, unsere Toten erscheinen zu lassen und unsere Wärme zu stören, darum
    bitten wir dich, o Herr.
Höre auf, die Gespenster uns auf den Tisch, die Gespenster uns in die
    Kaffeetassen zu setzen, und kein Inkubus rassle im Treppengebälk.
 
                                      III
                             Der Verwesungsdirigent
In diesem Kapitel wird angenommen, dass ein Fleischwarenhändler der letzte sein
wird, den man begräbt. Späterhin stellt sich jedoch heraus, dass noch einige
andere das grosse Sterben überdauert haben. Die Leidtragenden sind Revenants und
Dreimonatsleichen. Das Begräbnis gestaltet sich zu einem Festzug ähnlich
demjenigen, der bei den eleusinischen Mysterien stattfand. Zur Rechten des
Schauplatzes wird eine drückend empfundene Finsternis in Kisten verpackt. Zur
Linken zeigt sich ein gleichfalls überlebender Dichtklub eifrig damit
beschäftigt, die Verwesung zu registrieren und die phantastische Wirklichkeit
zweckmässig abzuschwächen.
Schon waren alle sich einig, da reichte der Verwesungsdirigent sein
Rücktrittsgesuch ein. Es war just an dem Tage, an dem das letzte Begräbnis
stattfand. Die Abgeschiedenen hatten sich vollzählig versammelt. Sie
unterdrückten notdürftig ihren Geruch, schnallten sich die Unterkiefer fest und
reichten Parfum herum. Den Pferdekadaver, der die Begräbniskutsche zu ziehen
hatte, hüllten sie ein in ein Messgewand, damit seine wurmreiche Blösse nicht
aufdringlich möchte zu sehen sein.
    Und der Zeremonienmeister des finsteren Vorganges erhob seine Stimme und las
aus dem Festprogramm:
»Gott, dem Allmächtigen,
hat es gefallen,
unsere Urahne, Grossmutter, Mutter und Kind,
Herrn Gottlieb Zwischenzahn,
von der Firma Zwischenzahn, Kiefer & Co.,
Wurst- und Fleischwaren en gros,
zu sich abzuberufen.«
»Hei schied er hen, dau schied er hen«, brummte der Chor.
    »Des Verblichenen Hinschied ist mustergiltig. Allzeit war er ein treuer
Diener der Kirche. Ihn begleitet die Kundgebung unseres unflätigen Beileids, die
tief empfundene Schmerzovation seiner Verwandten und Freunde, die in richtiger
Erkenntnis der windigen Situation sich vor ihm bei Zeit aus dem Staube machten.
Und bleibt noch hinzuzufügen, dass unter der Leitung des Verstorbenen die
Wurstfabrik, die jetzt brachliegt, ehedem wurde ins Leben gerufen.«
    Da setzte der Trauerzug sich in Bewegung, und der Verwesungsdirigent stieg
auf das Podium und dirigierte zum letzten Mal. Und sein Famulus machte den
Donner, auf einem Kuchenblech. Und während der duftende Zug in den Strassen
verschwand, vernahm man die Worte der Chorybanten:
»Der da spät im Hafen landelt,
Abgebrüht und ganz verschandelt,
Mit dem Barte, dem vielgreisen
Lederportefeuille, stets auf Reisen -
Der da Schaf und Schwein getötet,
Umeinand' geschwerenötet,
Hin und her und selbst geschoben,
Abgesetzt und aufgehoben -
Fürchtet jetzt des Gauches Seele,
Dass die Dividende fehle?
Wird sein Geist im Geist erröten?
Er ging flöten, er ging flöten.«
Und der Pfarrherr stocherte mit dem Kirchenkreuz die Überbleibsel im Sarg
zurecht, während der Famulus donnerte und der Verwesungsdirigent dirigierte:
»Bringen ihn allhier getragen
Platt auf einem Leichenwagen,
Dass der Korpus, der geschäft'ge
Nahrung sauge und sich kräft'ge.
Legen ihn auf Himmelsboden
Eingewickelt ganz in Quoten.
Knüpfen ihm die Weste leichter,
Seinem Hosenbein entsteigt er.
Salben ihm die Augen linde
Mit reichsdeutscher Adlertinte.
Über seinem müden Haupte
Schweb, was er zusammenklaubte.«
Siehe, da konnte man wahrnehmen, dass sich zur Rechten versammelt hatten die
Kirchendiener der unteren Himmel. Sie trugen Kutten aus tolerantem Kaschmir und
hohe Kappen aus Asche und waren damit beschäftigt, alle verfügbare
Sonnenfinsternis einzupacken in Kisten. Denn die Luft war überladen damit, und
man bekam Kopfweh. Einige auch dieser Dienstleute der schwarzen Schicht hatten
den Kopf nicht bedeckt. Ihre Blechaugen schielten. Ihr Kopfhaar aus Zündholz
klapperte, wenn sich beim Bücken der Wind darin fing.
    Zur Linken aber hatte der Dichtklub »Üppiger Schenkel« seine
Vibrationsmaschine aufgestellt, mächtige Katapulte, mit denen die leiseste
Schwingung des Seelenlebens und der Verwesung aufzufangen und zu berechnen war.
    Aber sie hatten auch die Waschmaschine der Banalisierung dabei, in die man
von oben die Wirklichkeit stopfte, um sie mit Zahnrad und Quirl zu entwerten.
Und da die Finsternis aller Augen blendete, nahmen einige die Gelegenheit wahr,
ein wüstes erotisches Treiben zu entfalten. Schlamm, Mörtel und Steine
schleppten sie herbei und buken daraus eine gigantische Vulva, Geburtsteil der
Göttin Ta-hu-re.
    Da hob der Verwesungsdirigent die Arme um drei Stufen höher, wies auf das
hitzige Treiben und sprach: »Man nenne mir Namen und Herkunft dieser Gesellen.«
    Und der Famulus hob das Kuchenblech als eine schwarze Sonne und sprach:
»Habet Nachsicht, Herr, es sind Idealisten. Ihr merkt's an dem glühenden
Seelenleben. Sie sind aus dem Zwielicht geboren und haben vergessen zu sterben.
Jetzt dichten sie um den nackten Punkt.«
    Und der Verwesungsdirigent hob die Arme abermals um drei Stufen höher,
schneuzte sich, spuckte zur Rechten und Linken und sprach: »Sind Dekadente
darunter? Transzendente Dekadente?«
    »Nein«, sagte der Famulus, »es sind Nachtbuben darunter. Sie klettern auf
das Denkmal des Dichtervaters Gleim und ruinieren die Aussicht.«
    Und der Verwesungsdirektor sah genauer hin und sprach: »Sie scheinen es mit
der Aktivität zu tun zu haben.«
    »Ja, Herr«, sagte der Famulus, »sie sind sehr geschäftig mit ihrer Spille.«
Er meinte aber damit die Waschmaschine der Banalisierung. In diesem Augenblick
aber verliess auch schon einer der vielen Gesellen den Bannkreis, kam näher
heran, hielt die Opferbüchse hin und schrie: »Menschlichkeit in Wort und
Schrift! Kostenlose Menschlichkeit!« Und andere drängten hinzu, rangen die
nassen Tücher aus, die sie sich um die Köpfe gebunden hatten, und rezitierten
ihre soeben erfundenen Sprüche und Spässe.
    Der Eine: »Sternenstirne meiner Dulderkrone«, und »Lampenkönig aus
Jerusalem«. Der Andere: »Ich möchte eine Bemerkung machen: schon wenn du die
steile Treppe betrittst ... Tritte betreppst ... Trette betrippst ...« Der
Dritte: »Tapp tapp, mein Astma, fahre hin, du Kutsche« und: »Hinter unseren
Stirnen glühen die grossen Abszesse.«
    »Sie übertreiben, Herr«, versetzte der Famulus. »Ist im Grunde ein harmloses
Völkchen. Musst sie nicht deines Ärgers würdigen.«
    Als aber einer ganz hinten, bei den Gerüsten, die Pfeife rauchte und sein
Essay vorzulesen begann: »Von der Schönheit der ungelegten Eier«, da überkam den
Verwesungsmeister die Ungeduld und er rief: »Grob, ungeschlacht und
herausfordernd sind sie. Es passt ihnen nicht, dass sie schuften sollen. Sie
wollen den Platz an der Sonne. Gib ihnen einen Groschen für ihre Kollekte und
einen Groschen für jenen dort, der das Klagelied bläst auf der Speiseröhre.
Scheuch sie heraus, Serpent, aus ihren Löchern. Es schmerzt mich, sie so sitzen
zu sehen.«
    Da protestierten sie. Und entmutigt sagte der Famulus: »Sie wollen hier
sitzen bleiben und ihre Grossgehirnrinde verzehren. Mehr wollen sie nicht. Auch
haben sie keine Beinkleider mehr. Sie haben alles geopfert bis auf das Hemd.«
    »Wirf ihnen Abdul Hamids braune Hose zu!« resignierte der Meister, »und lass
uns weitergehen. Da ist nicht zu helfen. Wahrlich, es könnte bei einiger
Überreizung ihres Gemütes der Fall eintreten, dass sie mit Drohungen kommen, die
Plempe uns an den Magen zu setzen, weil wir nicht Anstalten machen, ihre
Erlebnisse aufzukaufen. Bei Gott, ein verwegener Menschenschlag!«
 
                      Jolifanto Bambla ô Falli Bambla ...
Schilderung einer Elefantenkarawane aus dem weltberüchtigten Zyklus »gadij beri
bimba«. Der Verfasser zelebrierte diesen Zyklus als Novität zum ersten Mal 1916
im Cabaret Voltaire. Das Bischofskostüm aus Glanzpapier, das er damals trug, mit
ragendem, blau-weiss gestreifeltem Schamanenhut wird noch heute von den sanften
Bewohnern Haways als Fetisch verehrt.
jolifanto bambla ô falli bambla
grossiga m'pfa habla horem
égiga goramen
higo bloiko russula huju
hollaka hollala
anlogo bung
blago bung
blago bung
bosso fataka
ü üü ü
schampa wulla wussa ólobo
hej tatta gôrem
eschige zunbada
wulubu ssubudu ulu wassubada
tumba ba-umf
kusa gauma
ba-umf
 
                                    Hymnus 3
Tenderenda seinerseits gibt die Huldigung seinem verschwiegenen Weihe-Oberhaupt
weiter. Der Urvater der Hymnologen wird in diesem Hymnus unter anderem
»Chaldäischer Erzengel«, »Koralle des Jenseits« und »Flüssiger Meister« genannt.
Der Narrentanz dieses Büchleins wird ihm aufgeopfert: »Wir Fratzenschneider, im
Feuermantel tanzend ums Wasserfass.« Die letzten Verse insonderheit verraten eine
vollkommene Hingabe. Tenderendan hat das grosse Heimweh gepackt. Er sagt sich die
Verse in tristen Stunden zu seiner Erbauung vor.
Chaldäischer Erzengel, Asternkönig, purpurner
Mann mit den Händen, die Schlaf bedeuten,
Du lässest die Tiere in uns erscheinen,
Du heftest uns an den klingenden Magierorden,
Du schliesst uns an die Gestirne an,
Die uns zerschneiden und teilen.
Aller Heiligen, aller Toten Meister,
Violenglas, darin wir entblühten,
Kreuzweise und in die Länge sterben wir,
Den letzten Husten bekommen wir,
Hinsinken wir in den ewigen Raum, Laurentius -
Tränen, leuchtend und schwärmend.
Du Zonenchef, schwarzer Chef,
Fallsüchtig sind wir wie sehr, sterbsüchtig wie sehr!
Der heilige Arzt Kosmas kann uns nicht helfen.
Wir sterben dir ab und zu, wir sterben dir gänzlich.
In dir ist alles gemeinsam.
Den grossen Bären tragen wir als Geschwür am Arm,
Eine Sonne aus Terra siena am Herzen.
Besitzend von dir besessen, lösen wir uns.
Wir Zackentrompete, flatternd im Kristallwind,
Wir tragischer Pfau, zerbrechend auf allen Stufen,
Wir Fratzenschneider, im Feuermantel tanzend ums Wasserfass.
Du Gürtel der Sterne, du Kugelwand, rollende Finsternis.
Du morgenländisches Volk, abendländisches Volk,
Kriegsmärsche in Moll murmelnd, Schaum um den Turm Deiner Gnade.
Du Zymbalum mundi, Koralle des Jenseits,
flüssiger Meister,
Laut weinet die Skala der Menschen und Tiere.
Laut jammert das Volk der Städte aus Feuer und Rauch.
Da deine Wunderhörner auftauchten, da du dein
Tönernes Spielzeug ansahst, da du dein Reich
Inspiziertest und uns, die Beamten deines Katasters.
Denn die Schminke brach. Denn die Würfel zersetzten sich.
Denn nirgends war solche Sünde wie hier.
Du Angesicht aus Metaphern gestückt,
Faschingsgedichtpuppe
Unserer Angst. Du Duft weissen Papiers!
Blatt, Tinte, Schreibzeug und Zigarette,
Alles lassen wir liegen. Kleinlaut folgen wir dir.
Aus den Zahlen, die uns gebannt hielten, lösen sich unsere Füsse.
Aus den Massen, die in uns gebrannt waren, strömt Süsse.
Rares eintauschen wir gegen Bares, Wahres gegen Unklares,
Eins gegen zwei, und die Nachtauptstadt gegen Benares.
 
                             Laurentius Tenderenda
Unverblümter Ausbruch oder Expektoration des Titelhelden. Der Autor nennt ihn
einen Phantasten, er selbst nennt sich in seiner verstiegenen Weise Kirchenpoet.
Auch als Ritter aus Glanzpapier bezeichnet er sich, was auf den donquichotischen
Aufzug hinweist, in dem Tenderenda bei Lebzeiten sich zu bewegen liebte. Er
gesteht, seiner Fröhlichkeit müde zu sein und erfleht sich den Segen des
Himmels. Besonderes Lob verdient die Benediktionsformel, deren heiteres
Tongefälle dem himmeltänzlerischen Wesen Tenderendas gerecht wird. Da er
Chimären in den Stall bringt, könnte man ihn für einen Exorzisten halten. Die
Nachstellungen des Teufels, auf die der Segensspruch hinweist, sind jene
Phantasmata, über die schon der heilige Ambrosius klagt, und deren Abschwörung
ein anderer Heiliger als Bedingung nennt für den Eintritt in den Mönchsstand.
Ansonsten ist Tenderendas Situation elegisch und massenscheu. Die Wortspiele,
Wunder und Abenteuer haben ihn mürbe gemacht. Er sehnt sich nach Frieden, Stille
und nach lateinischer Abwesenheit.
Mit einem Dröhnen hub es an: Laurentius Tenderenda, der Kirchenpoet, eine
Halluzinade in drei Teilen. Laurentius Tenderenda, oder der Tollmätcher der
Zwangsläufigkeit. Laurentius Tenderenda, die Wesensessenz der Astralkanonade.
Das sollte ein Schabernack sein für delektierbare Zwerchfelle. Aber es ward ein
Trauerspiel des gesunden Menschenverstandes und eine Gimpelei für die Modepinsel
und Wortflagellanten.
    Ein Gebetbuchfabrikant sprach den Prolog, und das Teater schwankte vom
Kreisel der Menschenfülle. Mit Hutnadeln waren die Giebel befestigt, und von den
Balkonen hingen die hungrigen Bandwürmer, elomen. Der Dispositionsleib des
Goliat wurde geöffnet, zehn Stockwerke fielen heraus. Die Klapperschlangen
wurden ins Türmlein gebracht und das Bockshorn blies zum Fünfuhrtee.
    Oh dieses Jahrhundert aus Glühlicht und Stacheldraht, Urkraft und Abgrund!
Was sollten hier Dokumente der Qual? Vor einem Kriegervolk, vor versammeltem
Chorus der Versredakteure? Laurentius Tenderenda, oder der Missionar unter den
Schweissfüssen und Rotäuten der Akademie für Leibesübungen. Ein Bekenntnisbuch
und ein Hustenturm. Ich will die Materie wohlgefüttert vortragen. Das
Stubenfechten liegt mir nicht. Wäre nur nicht dieses beständige schwefelchlore
Todesröcheln. Keinen Schritt mehr, oder ich röchle.
    Jetzt sind sie gegangen, ihr dreisitziges Grautier in Galopp zu versetzen.
Granate, Zitron und venedisch Blau Rauch ihrer Zackenhüte. Jetzt brütet die
Henne im Hochamt, und sie jagen nach ihr mit dem Klingelbeutel. In Zinksalbe
kochen sie ihre Taschenuhren und den Nostradamus überpinseln sie mit Heliotrop.
    Das ist mir die richtige Satansparfümerie. Ein bisschen riechts auch nach
Knüllpfeffer und Zipfeldraht. Im zweiten Teil aber werden die Leidtragenden sich
Koransprüche als Leibbinden umschnallen. Die Kunst als Schnalle. Kapuzinade in
drei Fortsetzungen. Oder der enzyklopädische Gebetszylinder. Oder das abgründig
fahndende Schauen in die infernale Welt des Schnauzbartklamauks.
    Ich wäre mir ja ein Feiner, wenn ich das nicht begriffe. Ein Feiner wäre ich
mir, wenn ich dem Biest nicht wollte mit Stiefelknechten zuleibe gehen. Das
Frauenideal des deutschen Volkes wohnt nicht im öffentlichen Hause der Lust. Der
Kakadu ist in das Gift gefallen. Der Blaue Reiter ist nicht der Rote Radler. Und
ich dachte, ich hätte die Chose auf Flaschen gezogen.
    Sie haben den Tintenfisch mir auf das Bett gesetzt. Und ihre Zahnwurzeln
reichten sie mir zur Speise. Den Baldrian hab ich gekostet und die
Kirchturmspitze mit Glaspapier abgerieben. Und ich weiss nicht, ob ich zu denen
oben oder zu denen unten gehöre. Denn das Unglaubliche, niemals Erlaubliche wird
hier Ereignis.
    Ohne Präambel: von Haus aus bin ich ein Kind der Leidenschaft. Mein Mons
puberis kann sich sehen lassen. Vierzig Tage habe ich im Natron gelegen. Den
Gottlosen werden die Zähne lang aus dem Kiefer wachsen.
    Ich könnte das Pönital rezitieren und das heilige Kreuzzeichen machen. Wem
wäre gedient damit? Ich könnte meine Locken mit Öl der Sonnenblume salben und
die davidische Harfe ergreifen? Cui bono? Die Herren Hausseure und Färbemeister
des neuen Jerusalems portätierend -: was nützte es mir?
    Dies ist der Parabasen elfte und letzte. Der Ritter aus Glanzpapier ist
seiner Fröhlichkeit müde. Die Orgel hat seinen Abgang gelockert. Die Chimären
sind in den Stall gebracht, und der Kirchenvater Origines sonnt seine Glatze im
Abendrot. Ewigen Samen verleihe uns, o Herr, einen guten Cordial Medoc, und das
Orchester der dreimal geschnäbelten Wasserpfeifen verstumme einen Augenblick.
    Benedicat the Tenderendam, dominus, et custodiat the ab omnibus insidiis
diaboli. O Huelsenbeck, o Huelsenbeck, quelle fleur tenez-vous dans le bec? Die
Wurzeln begatten einander in den Heiligtümern. Detektive sind unser Hutschmuck,
und das »gadji beri bimba« verrichten wir als Nachtgebet.
    Tenderenda den Kreuzschläger werden sie mich nennen. Auf der Sedia
gestatoria werden sie meine Gebeine zeigen. Mit Weihwasser werden sie nach mir
spritzen. Vollmönch der Präservation und Filtriertuch der Unsauberkeiten werden
sie mich nennen. Eselskönig und Schismatikaster. In nomine patris et filii et
spiritus sancti.
    Ein Glück nur, dass mir die Pfingstlaune durch gar zu krasse Aussenseiter
nicht gestört wird. Ein Glück, dass ich gut in Form bleiben kann. Hätte ich ein
Notizbuch zur Hand, oder böte sich sonst eine Occasion, so würde ich
aufschreiben, was mir mehr einfällt. Die ganze Zeit fällt ja mir ein. Es ist ein
grosser Einfall und Hinfall, den ich mit hinfälliger Einfalt festalten möchte.
 
                            Baubo Sbugi Ninga Gloffa
Eine Zauberformel aus dem erwähnten Zyklus »gadij beri bimba«. Sie gilt den zwei
mystischen Tieren Tenderendas, dem Pfau und der Katze. Zwei hochmütigen und
verschwiegenen Tieren, dem Jeremias und der Klagefrau unter den Tieren. Es
empfiehlt sich, den Spruch nur leichtin zu sagen und nicht allzulange dabei zu
verweilen. Er ist auch nur als eine Art Agraffe gedacht, die die zwei letzten
Prosatexte verbindet.
baubo sbugi ninga gloffa
siwi faffa
sbugi faffa
ôkofa
fafâmo
faufo halja finj
sirgi ninga banja sbugi
halja hanja golja biddin
mâ mâ
piaûpa
mjâma
pâwapa
baungo
sbugi
ninga
gloffâlor
 
                             Herr und Frau Goldkopf
Ein astrales Märchen. Eine Art himmlischen Puppenspiels. Drei Teile lassen sich
deutlich unterscheiden. Der erste: ein mystisches Erlebnis der Eheleute
Goldkopf. Eine weisse Lawine kommt bei ihnen zu Besuch, eine sich steigernde
Reinheit und Helle wächst ihnen zu. Ihr Haus liegt über dem Abgrund und an der
Fabelwiese, auf der der Buchstabenbaum einhergeht. Das ist jener Baum, von dem
die poetischen Adams und Evas essen. Zärtliche Allegorien in Tiergestalt treten
auf. Traumhaft die Notenständer des Lachens, die Tenderenda bei Lebzeiten
verteilte. Der zweite Teil ist die Ballade von Koko dem grünen Gott. Das ist der
Phantastengott. Von ihm kommt alle Glückseligkeit, solange er in Freiheit die
Flügel schwingt. Setzt man ihn aber gefangen, so rächt er sich durch
Verzauberung derer, die ihm am nächsten sind. Der dritte Teil ist ein Epilog des
Ehepaares Goldkopf. Es schüttelt den Staub seiner Zeit von den Füssen und
prophezeit ein Ende der Gottlosen und der Verzauberung. Den Kehraus macht, wie
es recht und billig ist, ein Vers des Herrn Dichterfürsten Johann von Goete.
Herr und Frau Goldkopf begegnen sich auf der blauen Wand. Herrn Goldkopf hängt
eine Sternschnuppe aus der Nase. Frau Goldkopf hat einen grünen Federwisch am
Hut. Herr Goldkopf macht einen Kratzfuss. Frau Goldkopf hat eine Hand wie eine
fünfzinkige Gabel.
    Eine Lawine kommt die Treppe herauf. Hart hinter der Nacht. Eine weisse
Lawine die wacklige Treppe. Frau Goldkopf verbeugt sich. Herr Goldkopf tippt
sich an die Stirn. Eine weisse Fontäne entspringt seinem Kopfe. In keinem
Jahrhundert ward solches gesehen. In keinem Jahrhundert.
    Die Feuer- und Schneehähne stieben entsetzt aus der Tiefe. Die heiseren Kühe
putzen einander die Nasen. Auf der Smaragdwiese wandelt der Buchstabenbaum. Auf
der Smaragdwiese: sodaseifener Wurm gigampfet aufgezäumt. Sein Reiter stürzt ab
und verteilt die Notenständer des Lachens. Er steigt in die Morgen- und
Abendschaukel, wiegt sich und schwingt sich und hüpfet ins Jenseits. Da kommen
der Flötenbock, Puderbock, Tulpenbock, recken die Hälse. Da stehet im
Hintergrund ein Vogelhaus. Drin sitzt der Kaduderhahn und schäumt Sterne.
    Spricht Herr Goldkopf verwundert: »Die Tulpe ist eine Gartenblume, schön,
aber geruchlos. Auf einer Höllenmaschine kann man nicht Kaffee kochen.«
    Spricht Frau Goldkopf: »In gremio matris sedet sapientia patris. So ist's
mit der Tulpe. In der Erde hat sie eine Zwiebel. Darum ist sie eine
Zwiebelpflanze.«
    Spricht Herr Goldkopf: »Epileptiker fallen allhier von den Bäumen. Das blaue
Pfeifen mächtiger Syphone lockt. Das Bild sakrosankter Dreieinigkeit glüht über
dem Buchstabenbaum. Erstaunet Sie nicht, Frau Goldkopf, die hohe Kindlichkeit
aller Begebenheiten?«
    Spricht Frau Goldkopf: »Oh Sie mit Ihren fanatischen weltstürmenden
Gedanken! Tanzende Tiere sind wir in ragendem Kopfputz. Wir ringen um
Nüchternheit. Wahrlich vergebens. Wer von wem weiss was?«
    Und Herr Goldkopf: »Doch erinnern Sie sich: Sambuco? Fünf Häuser auf einer
grünen Wand. Der Boden, auf dem Sie da stehen: dreieckiger Glasscherben im
Weltenraum. Koko, der grüne Gott, hat uns verzaubert.«
    Und Frau Goldkopf: »Koko - das ist: unser Sohn? Warum wollen Sie Weltschmerz
spielen? Ihre Distanz und Melancholie, ihre Altklugheit und Erfahrung: bedenken
Sie nur! Mund, Stirne und Augenhöhlen verschüttet von Safran. Was führen Sie
Klage?«
                                    Strophe
Koko, der grüne Gott, einst schwirrte in Freiheit
Über dem Marktplatz im Reiche Sambuco.
Da fing man ihn ein und setzte ihm Gitter aus grobem Draht,
Und fütterte ihn mit Pomade und mit den Unterröcken der alten Weiber.
Er gab nicht Antwort auf höhnische Fragen nach seinem Befinden.
Er weissagte nicht mehr die Schicksale der nächsten und übernächsten Welt
Traurig und einsam sass er auf seinem Holzpflock.
Die Segnungen seiner Gegenwart gediehen nicht mehr.
Das verschrumpfte Gesicht einer alten Frau Eule bekam er
Und führte ein absolut logisches Dasein voll Lähmung.
Gerüttelt des Nachts von der Sterne einwirkendem Irrsinn
Rächte er sich durch Verzauberung derer, die ihm die nächsten waren.
                                  Antistrophe
Das himmelschreiende Licht leuchte ihm!
Sonne des Todes blähe die Giebel der
schmutzigen Bumbuleute, die ihn gefangennahmen.
Man spiele seine Ballade auf allen Mundharmoniken der Neuzeit.
Man bereite gepolsterte Strassen für ihn, wenn er zurückkehrt.
Die zwölf Zeichen des Tierkreises mögen leben von seinem Ruhm.
Der Oberbonze darf eine Nacht bei seiner Schwägerin schlafen zum Lohn.
Menschen und Tiere werfen die Kleider des Leibes und Leides ab,
Wenn er wiederkehrt aus der Haft der o-beinigen Räuber.
Seine Mutter ist für ihn auf den Talon gegangen im Diesseits und Jenseits
Sein Vater wiegte für ihn auf der Hand die Geister des Bösen.
Er hat uns verworfen und lebende Bilder gestellt aus unserer Qual.
Er wird die Verzauberung lösen, die uns besessen hält.
Frau Goldkopf: »So geschehe es.«
    Herr Goldkopf: »Wenn Metatron stampfend die Firmamente durchschreitet.«
    Frau Goldkopf: »Die Erde wird er an den vier Enden fassen und die Gottlosen
daraus schütteln.«
    Herr Goldkopf: »Beruhigen Sie sich, Madame, wenn ich bitten darf. Lassen Sie
uns auf den farbigen Esel steigen und über den Abgrund gemächlich
hinunterreiten.«
    Frau Goldkopf: »Einen Moment nur, wenn es gefällig ist. Damit ich die Sonne,
dies Eitergeschwür, mit der Feuerzange anpacke und ihm den gesteigerten Weg
zuweise.«
                               Chorus Seraphicus
Das Voll und Ganze wird hier Ereignis.
Im Totentanze strebt es zum Gleichnis.
Das Unerhörte - hier tritt es ein.
In grellem Lichte: Verworfensein.
 
    