
        
                             Hugo von Hofmannstal
                                    Andreas
                             Die wunderbare Freundin
 Es hat in unsrer Mitte Zauberer
 Und Zauberinnen, aber niemand weiss sie.
                                                                          Ariost
»Das geht gut«, dachte der junge Herr Andreas von Ferschengelder, als der
Barkenführer ihm am 7. September 1778 seinen Koffer auf die Steintreppe gestellt
hatte und wieder abstiess, »das wird gut, lässt mich der stehen, mir nichts dir
nichts, einen Wagen gibts nicht in Venedig, das weiss ich, ein Träger, wie käme
da einer her, es ist ein öder Winkel, wo sich die Füchse gute Nacht sagen. Als
liesse man einen um sechs Uhr früh auf der Rossauerlände oder unter den
Weissgärbern aus der Fahrpost aussteigen, der sich in Wien nicht auskennt. Ich
kann die Sprache, was ist das weiter, deswegen machen sie doch aus mir was sie
wollen! Wie redt man denn wildfremde Leute an, die in ihren Häusern schlafen -
klopf ich an, und sag: Herr Nachbar?« Er wusste, er würde es nicht tun, - indem
kamen Schritte näher, scharf und deutlich in der Morgenstille auf dem steinernen
Erdboden; es dauerte lange, bis sie näher kamen, da trat aus einem Gässchen ein
Maskierter hervor, wickelte sich fester in seinen Mantel, nahm ihn mit beiden
Händen zusammen und wollte quer über den Platz gehen. Andreas tat einen Schritt
vor und grüsste, die Maske lüftete den Hut und zugleich die Halblarve, die innen
am Hut befestigt war. Es war ein Mann, der vertrauenswürdig aussah, und nach
seinen Bewegungen und Manieren gehörte er zu den besten Ständen. Andreas wollte
sich beeilen, es dünkte ihn unartig, einen Herrn, der nach Hause ging, zu dieser
Stunde lang aufzuhalten, er sagte schnell, dass er ein Fremder sei, eben vom
festen Land herübergekommen, aus Wien über Villach und Görz. Sogleich erschien
ihm überflüssig, dass er dies erwähnt hatte, er wurde verlegen und verwirrte sich
im Italienischreden.
    Der Fremde trat mit einer sehr verbindlichen Bewegung näher und sagte, dass
er ganz zu seinen Diensten sei. Von dieser Gebärde war vorne der Mantel
aufgegangen, und Andreas sah, dass der höfliche Herr unter dem Mantel im blossen
Hemde war, darunter nur Schuhe ohne Schnallen und herabhängende Kniestrümpfe,
die die halbe Wade bloss liessen. Schnell bat er den Herrn, doch ja bei der kalten
Morgenluft sich nicht aufzuhalten und seinen Weg nach Hause fortzusetzen, er
werde schon jemanden finden, der ihn nach einem Logierhaus weise oder zu einem
Wohnungsvermieter. Der Maskierte schlug den Mantel fester um die Hüften und
versicherte, er habe durchaus keine Eile. Andreas war tödlich verlegen im
Gedanken, dass der andere nun wisse, er habe sein besonderes Negligé gesehen;
durch die alberne Bemerkung von der kalten Morgenluft und vor Verlegenheit wurde
ihm ganz heiss, so dass er unwillkürlich auch seinerseits den Reisemantel vorne
auseinanderschlug, indessen der Venezianer aufs höflichste vorbrachte, dass es
ihn besonders freue, einem Untertan der Kaiserin und Königin Maria Teresia
einen Dienst zu erweisen, um so mehr, als er schon mit mehreren Österreichern
sehr befreundet gewesen sei, so mit dem Baron Reischach, Obersten der
kaiserlichen Panduren, und mit dem Grafen Esterhazy. Diese wohlbekannten Namen,
von dem Fremden hier so vertraulich ausgesprochen, flössten Andreas grosses
Zutrauen ein. Freilich kannte er selber so grosse Herren nur vom Namenhören und
höchstens vom Sehen, denn er gehörte zum Klein-oder Bagatelladel.
    Als der Maskierte versicherte, er habe, was der fremde Kavalier brauche, und
das ganz in der Nähe, so war es Andreas ganz unmöglich, etwas Ablehnendes
vorzubringen. Auf die beiläufig schon im Gehen gestellte Frage, in welchem Teil
der Stadt sie hier seien, erhielt er die Antwort, zu Sankt Samuel. Und die
Familie, zu der er geführt werde, sei eine gräflich patrizische und habe
zufällig das Zimmer der ältesten Tochter zu vergeben, die seit einiger Zeit
ausser Hause wohne. Indem waren sie auch schon in einer sehr engen Gasse vor
einem sehr hohen Hause angelangt, das wohl ein vornehmes, aber recht verfallenes
Ansehen hatte und dessen Fenster anstatt mit Glasscheiben alle mit Brettern
verschlagen waren. Der Maskierte klopfte ans Tor und rief mehrere Namen, hoch
oben sah eine Alte herunter, fragte nach dem Begehren, und die beiden
parlamentierten sehr schnell. Der Graf selbst wäre schon ausgegangen, sagte der
Maskierte zu Andreas, er gehe immer so früh aus, um das Nötige für die Küche zu
besorgen. Aber die Gräfin sei zu Hause; so werde man wegen des Zimmers
unterhandeln und auch gleich Leute nach dem zurückgelassenen Gepäck schicken
können.
    Der Riegel am Tor öffnete sich, sie kamen in einen engen Hof, der voll
Wäsche hing, und stiegen eine offene und steile Steintreppe empor, deren Stufen
ausgetreten waren wie Schüsseln. Das Haus gefiel Andreas nicht, und dass der Herr
Graf so früh ausgegangen war, um das Nötige für die Küche zu besorgen,
verwunderte ihn, aber dass es der Freund der Herren von Reischach und Esterhazy
war, der ihn einführte, machte einen hellen Schein über alles und liess keine
Traurigkeit aufkommen.
    Oben stiess die Treppe an ein ziemlich grosses Zimmer, in dem an einem Ende
der Herd stand, an dem anderen ein Alkoven abgeteilt war. An dem einzigen
Fenster sass ein junges halberwachsenes Mädel auf einem niedrigen Stuhl, und eine
nicht mehr junge, aber noch ganz hübsche Frau war bemüht, aus dem schönen Haar
des Kindes einen höchst künstlichen Chignon aufzutürmen. Als Andreas und sein
Führer das Zimmer betraten und die Hüte abnahmen, stob das Kind laut
aufschreiend davon ins Nebenzimmer und liess Andreas ein mageres Gesicht mit
dunklen reizend gezeichneten Augenbrauen gewahren, indessen der Maskierte sich
an die Frau Gräfin wandte, die er als Cousine anredete, und ihr seinen jungen
Freund und Schützling vorstellte.
    Es gab ein kurzes Gespräch, die Dame nannte einen Preis für das Zimmer, den
Andreas ohne weiteres zugestand. Er hätte um alles gern gewusst, ob es ein Zimmer
nach der Gasse hin sei, oder ein Hofzimmer, denn in einem solchen seine Zeit in
Venedig zu verbringen hätte ihm traurig geschienen, auch ob er hier in der
inneren Stadt sei oder in der Vorstadt. Aber er fand nicht den Augenblick für
seine Frage, denn das Gespräch zwischen den beiden anderen ging immer weiter,
und das verschwundene junge Geschöpf wippte mit der Tür und rief energisch von
innen heraus, da müsste sofort der Zorzi aus dem Bett herausgebracht werden, denn
er liege oben und habe seinen Magenkrampf. Darauf hiess es, die Herren sollten
nur hinaufgehen; den unnützen Menschen aus dem Zimmer zu entfernen, das würden
schon die Buben besorgen. Er werde auf der Stelle ausziehen und das Gepäck des
Ankömmlings dafür hinaufgeschaft werden. Sie bat entschuldigt zu sein, wenn sie
den Herrn nicht selbst hinaufbegleite, sondern dies dem Cousin überlasse, denn
sie habe alle Hände voll zu tun, weil sie die Zustina zurichten müsse, um mit
ihr die Besuche wegen der Lotterie zu machen. Es müssten heute sämtliche
Protektoren der Liste nach im Laufe des Vor- und Nachmittags besucht werden.
    Andreas hätte nun wieder gerne gewusst, was es mit diesen Protektoren und der
Lotterie auf sich habe, doch da sein Mentor die Sache mit lebhaftem und
beifälligem Nicken als bekannt hinzunehmen schien, fand er keine schickliche
Gelegenheit zu einer Frage, und man stieg hinter den zwei halbwüchsigen Jungen,
die Zwillinge sein mussten, die steile Holztreppe hinauf nach Fräulein Ninas
Zimmer.
    Vor der Tür machten die Knaben halt, und als ein mattes Stöhnen herausdrang,
sahen sie einander mit den flinken Eichhörnchenaugen an und schienen sehr
befriedigt. Auf dem Bett, dessen Vorhänge zurückgeschlagen waren, lag ein
bleicher junger Mensch. Ein Holztisch an der Wand und ein Stuhl waren mit
schmutzigen Pinseln und Farbtöpfchen besetzt, eine Palette hing an der Wand.
Gegenüber hing ein klarer sehr hübscher Spiegel, sonst war der Raum leer, aber
licht und freundlich. »Ist dir besser?« sagten die Knaben. - »Besser«, stöhnte
der Liegende. - » So kann man den Stein wegheben?« - »Ja, ihr könnt ihn
wegheben.« - »Wenn einer Magenkrampf hat, muss man ihm den Stein auf den Magen
heben, dann wird er gesund«, meldete der eine der beiden Knaben, indes der
zunächst Dabeistehende den Stein, den abzuheben kaum ihre angespannten vereinten
Kräfte hinreichten, von dem Kranken wälzte.
    Andreas war es greulich, dass man einen leidenden Menschen so um seinetwillen
aus dem Bette warf. Er trat ans Fenster und schlug den halbangelehnten Laden
vollends zurück: unten war Wasser, und kleine besonnte Wellen schlugen an die
breiten Stufen eines recht grossen Gebäudes gerade gegenüber, und an einer Mauer
tanzte ein Netz von Lichtkringeln. Er beugte sich hinaus, da war noch ein Haus,
dann noch eins, dann mündete die Gasse in eine grosse breite Wasserstrasse, auf
der die volle Sonne lag. An dem Eckhaus sprang ein Balkon vor, mit einem
Oleanderbaum darauf, dessen Zweige der Wind bewegte, auf der anderen Seite
hingen Tücher und Teppiche aus luftigen Fenstern. Über dem grossen Wasser drüben
stand ein Palast mit schönen Steinfiguren in Nischen.
    Er trat ins Zimmer zurück, da war der im Domino verschwunden, der junge
Mensch stand auf und beaufsichtigte die Buben, die von dem einzigen Tisch und
Stuhl des Zimmers eifrig Farbentöpfchen und Bündel schmutziger Pinsel
wegräumten. Er war blass und ein wenig verwahrlost, aber wohlgestaltet; in seinem
Gesicht nichts Hässliches als eine schiefe Unterlippe nach einer Seite
herabgezogen, das gab ihm einen hämischen Ausdruck. - »Haben Sie bemerkt«,
wandte er sich an Andreas, »dass er unter dem Domino nichts anhat als sein Hemd?
Auch die Schnallen an den Schuhen weggeschnitten. So geht es ihm alle Monat
einmal. Nun, Sie verstehen wohl, was wirds sein? Er ist ein verzweifelter
Spieler. Was sonst? Sie hätten ihn gestern sehen sollen. Er hatte einen
gestickten Rock, eine Weste mit Blumen, zwei Uhren mit Berloquen daran, eine
Dose, Ringe an jedem Finger, hübsche silberne Schuhschnallen. So ein Kujon!« Und
er lachte, aber sein Lachen war nicht hübsch. - »Sie werden ein bequemes Zimmer
haben. Wenn Sie sonst noch etwas brauchen, ich bin stets zu Ihrer Verfügung. Ich
kann Ihnen ein Kaffeehaus zeigen, hier nahebei, wo man Sie anständig bedienen
wird, wenn ich Sie einführe. Sie können dort Ihre Briefe schreiben, Ihre
Bekannten hinbestellen und alles abmachen, ausser dem, was man lieber hinter
geschlossenen Türen abmacht.« - Hier lachte er wieder, und die beiden Buben
fanden den Witz vortrefflich und lachten laut, dabei strengten sie alle Kräfte
an, um den schweren Stein aus dem Zimmer zu schleppen; ihre Gesichter sahen der
Schwester unten ähnlich.
    »Wenn Sie eine Kommission haben, die einen vertrauenswürdigen Menschen
erfordert«, fuhr der Maler fort, »so wird es mir eine Ehre sein, wenn Sie mir
sie übergeben. Wenn ich nicht zur Hand bin, so nehmen Sie nur einen Furlaner,
das sind die einzig verlässlichen Dienstmänner. Sie finden ihrer am Rialto und an
jedem grösseren Platz und werden sie an der bäurischen Tracht erkennen. Es sind
zuverlässige Leute und verschwiegen, merken sich Namen und erkennen auch eine
Maske, an ihrem Gang und an den Schuhschnallen. Wenn Sie von da drüben etwas
brauchen, so sagen Sie es mir, ich bin Maler des Hauses und habe freien Zutritt
zu allen Räumen.«
    Andreas verstand, dass er von dem grauen Gebäude gegenüber sprach, das ihm zu
gross für ein Bürgerhaus, zu dürftig für einen Palast erschienen war und vor
dessen Tor breite Steinstufen ins Wasser führten. »Ich spreche vom Teater zu
Sankt Samuel, dem Haus hier gegenüber. Ich dachte, Sie wüssten das längst. Wir
sind alle da drüben beschäftigt. Ich, wie gesagt, bin Dekorationsmaler und
Feuerwerker, Ihre Hausfrau ist Logenschliesserin, der Alte ist Lichtputzer.« -
»Welcher?« - »Der Graf Prampero, bei dem Sie wohnen, wer sonst? Zuerst war die
Tochter Schauspielerin, die hat sie alle hineingebracht - nicht diese, die Sie
gesehen haben - die Ältere, Nina. Diese ist der Mühe wert, und ich werde Sie
heute nachmittag zu ihr führen. Die Kleine tritt im nächsten Karneval auf. Die
Buben machen dringende Wege. - Jetzt will ich mich aber nach Ihrem Gepäck
umsehen.«
    Andreas blieb allein, schlug die Fensterläden zurück und hakte sie ein. Von
dem einen war der Haken zerbrochen, er nahm sich vor, ihn sogleich richten zu
lassen. Dann räumte er was noch von Farbtöpfen und Büchsen herumstand vor die
Tür und reinigte mit einem Lappen Leinwand, der unter dem Bett lag, seinen Tisch
von den Farbenflecken, bis die polierte Fläche sauber glänzte; dann trug er den
bunten Lappen hinaus, suchte ein Eck, ihn zu verstecken, und fand dort einen
Reisbesen, mit dem er sein Zimmer kehrte. Als dies geschehen war, rückte er den
hübschen kleinen Spiegel lotrecht, streifte die Bettvorhänge zurück und setzte
sich auf den einzigen Stuhl am Fussende des Bettes, das Gesicht dem Fenster
zugewandt. Die freundlich bewegte Luft kam herein, berührte sein junges Gesicht
mit leisem Geruch von Algen und Meeresfrische.
    Er dachte an seine Eltern und den Brief, den er im Kaffeehaus an sie
schreiben müsste. Er nahm sich vor, beiläufig zu schreiben: »Verehrungswürdigste,
gnädige Eltern, - ich melde, dass ich in Venedig glücklich eingetroffen. Ich
bewohne ein freundliches, sehr reines und luftiges Zimmer bei einer adeligen
Familie, die es zufällig zu vergeben hat. Das Zimmer geht auf die Gasse, aber
anstatt des Erdbodens ist unten Wasser, und die Leute fahren in Gondeln oder das
arme Volk in grossen Trabakeln, ähnlich wie Donauzillen; die sind statt der
Lastträger. Daher werde ichs auch sehr ruhig haben. Peitschenknall oder Geschrei
hört man nicht.« Er dachte noch zu erwähnen, dass es hier Dienstmänner gäbe, die
so findig seien, dass sie im Stand wären, eine Maske am Gang und an den
Schuhschnallen wiederzuerkennen. Das würde seinem Vater Vergnügen machen zu
erfahren, denn er war sehr darauf aus, das Besondere und Kuriose fremder Länder
und Gebräuche zu sammeln. Zweifelhaft war ihm, ob er berichten solle, dass er
ganz nahe einem Teater wohne. Das war in Wien immer sein sehnsüchtiger Wunsch
gewesen. Vor vielen Jahren, als er zehn oder zwölf Jahre alt war, hatte er zwei
Freunde, die im Blauen Freihaus auf der Wieden wohnten, auf der gleichen Treppe
im vierten Hof, wo in einer Scheune das »beständige Teater« errichtet war. Er
erinnerte sich des Wunderbaren, bei denen gegen Abend zu Besuch zu sein,
Dekorationen heraustragen zu sehen: eine Leinwand mit einem Zaubergarten, ein
Stück von einer Dorfschenke drinnen, der Lichtputzer, das Summen der Menge, die
Mandorlettiverkäufer. Stärker als alles das Durcheinanderspielen aller
Instrumente beim Stimmen, das ging ihm durchs Herz noch heute, wie er sich
erinnerte. Der Bühnenboden war uneben: der Vorhang an einigen Stellen zu kurz,
Ritterstiefel kamen und gingen. Zwischen dem Hals einer Bassgeige und dem Kopf
eines Musikanten sah man einmal einen himmelblauen Schuh mit Flitter bestickt.
Der himmelblaue Schuh war wunderbarer als alles. - Später stand ein Wesen da,
das diesen Schuh anhatte, er gehörte zu ihr, war eins mit ihrem blau und
silbernen Gewand: sie war eine Prinzessin, Gefahren umgaben sie, ein Zauberwald
nahm sie auf, Stimmen tönten aus den Zweigen, aus Früchten, die von Affen
hergerollt wurden, sprangen holdselige Kinder, leuchteten. Die Prinzessin sang,
Hanswurst war ihr nahe und doch meilenfern, alles das war schön, aber es war
nicht das zweischneidige Schwert, das durch die Seele drang, von zartester
Wollust und unsäglicher Sehnsucht bis zu Weinen, Bangen und Beglückung, wenn der
blaue Schuh allein unter dem Vorhang da war.
    Er beschloss bei sich, dass er die Nähe des Teaters nicht erwähnen würde,
auch nicht den sonderbaren Aufzug des Herren, der ihn eingeführt hatte. Er hätte
sagen müssen, dass er ein Spieler war, der alles bis aufs Hemd verspielt hatte,
oder diesen Umstand auf künstliche Weise verschweigen. So konnte er freilich
nicht von Esterhazy erzählen, das hätte die Mutter gefreut. Den Mietpreis wollte
er gern erwähnen, zwei Zechinen monatlich, das war auch nach seinem Gelde nicht
viel. - Aber was nützte das, wenn er doch durch eine einzige Torheit in einer
einzigen Nacht mehr als die Hälfte seines Reisegeldes eingebüsst hatte. Dies
würde er den Eltern nie eingestehen dürfen, wozu also prahlen, dass er sparsam
wohne. Er schämte sich vor sich selber und wollte einmal an die drei
unheilvollen Tage in Kärnten nicht denken, aber da stand schon das Gesicht des
schurkischen Bedienten vor ihm, und ob er wollte oder nicht, musste er sich an
alles erinnern, haarklein und von Anfang an: so kam es über ihn, jeden Tag
einmal, früh oder abends.
Er war wieder in der Herberge »Zum Schwert« in Villach nach einem scharfen
Reisetag und wollte zu Bett gehen. Da, schon auf der Treppe, präsentierte sich
ihm ein Mensch als Bedienter oder Leibjäger. Er: er brauche keinen, reise
allein, besorge sich tagsüber sein Pferd selber, nachts täte das schon der
Hausknecht. Der andere drauf lässt ihn nicht los, steigt Stufe für Stufe mit,
immer quer in Frontstellung bis an die Tür, tritt dann in der Tür quer auf die
Schwelle, dass sie Andreas nicht zumachen kann: dass es nicht schicklich wäre für
einen jungen Herrn von Adel, ohne Bedienten zu reisen, in Italien gäbe das ein
miserables Ansehen, da seien sie höllisch proper in diesem Punkt. Und wie er
fast lebenslang nichts anderes getan habe als mit jungen Herrn über Land zu
reiten, zuletzt mit dem Freiherrn Edmund auf Petzenstein, früher mit dem
Domherrn Graf Lodron, die werde der Herr von Ferschengelder doch wohl kennen.
Wie er bei diesen als Reisemarschall vorausgereist sei, alles bestellt, alles
eingerichtet, dass der Herr Graf vor Staunen nicht habe auskönnen: »niemals zuvor
sei er so billig gereist«, und es waren die besten Quartiere. Wie er das Wälsche
spräche und das Ladinische und Italienisch natürlich mit aller Geläufigkeit und
die Münzen kenne, und die Streiche der Wirte und der Postillons, da käme ihm
keiner auf, jeder sage nur: » gegen den Herren, den Ihr da habt, könne man nicht
an, der sei wohlbehütet«. Und wie er Rosskaufen verstände, dass er jeden
Rosstäuscher übers Ohr hauen könne, auch einen ungarischen, das seien die
gefinkeltsten, geschweige denn einen deutschen und wällischen. Und was die
persönliche Bedienung beträfe, da sei er Leiblakei und Friseur und
Perückenmacher, Kutscher und Jäger und Piqueur, Büchsenspanner, er verstehe die
hohe wie die niedrige Jagd, die Korrespondenz, die Registratur, das Vorlesen und
Billettschreiben in vier Sprachen und könne dienen als Dolmetscher oder, wie man
im Türkischen spräche, als Dragoman. Es sei ein Wunder, dass ein Mensch wie er
frei wäre, auch habe der Freiherr von Petzenstein ihn à tout prix wollen seinem
Herrn Bruder zuschanzen, aber er habe es sich in den Kopf gesetzt, den Herrn von
Ferschengelder zu bedienen. Nicht um des Lohnes willen, der sei ihm Nebensache.
Aber das stünde ihm an, einem solchen jungen Herrn, der seine erste Reise
machte, behilflich zu sein und sich ihm lieb und wert zu machen. Das Zutrauen
sei es, worauf sein Sinn stünde, das wäre der Lohn, den ein Diener wie er im
Auge habe. Um herrschaftliches Zutrauen diene er, und nicht um Geld. Deswegen
habe er es auch nicht bei den kaiserlichen Reitern aushalten können, denn dort
regiere der Stock und die Angeberei und nicht das Zutrauen. - Hier fuhr er sich
mit der Zunge über die feuchte dicke Lippe wie eine Katze.
    Nun brachte Andreas hervor: er danke ihm schön für den Dienstwillen, aber er
wolle hier keinen Diener nehmen. Später vielleicht in Venedig einen
Lohnbedienten - und damit wollte er die Tür zumachen -, aber der letzte Satz war
schon zuviel, die kleine Vornehmtuerei, denn er hatte nie daran gedacht, in
Venedig einen Lakaien zu nehmen, die strafte sich. Da spürte der andere am
unsicheren Ton, wer in diesem Handel der Stärkere war, und stemmte seinen Fuss
gegen die Tür, und wie das kam, fand dann Andreas nie mehr heraus, dass der Kerl
dann schon gleich, als wäre das zwischen ihnen abgemachte Sache, von seiner
Berittenmachung sprach: da wäre heute Gelegenheit, die käme nie wieder. Diese
Nacht zöge ein Pferdehändler hier durch, den kenne er noch vom Domherrn aus,
ausnahmsweise kein Jüdl, der habe ein ungarisches Pferdchen zu verkaufen, das
stünde ihm wie angegossen. Wenn er das zwischen die Schenkel bekäme, das täte
den Spanischen Tritt binnen heute und einer Woche. Das Bräundl koste, glaube er,
neunzig Gulden für jeden andern, aber für ihn siebzig. Das schriebe sich aus den
grossen Pferdekäufen her, die er für den Domherrn gemacht habe, doch müsse er
noch heute vor Mitternacht den Handel gutmachen, der Händler sei ein
Frühaufsteher. So möge der gnädige Herr ihm das Geld gleich aus dem Leibgurt
geben, oder ob er hinuntergehen sollte und gar den Mantelsack oder den Sattel
heraufholen? da wäre sicherlich ein Kapital in Dukaten eingenäht, denn bei sich
trüge ein solcher Herr ja nur das Nötigste.
    Wie der Mensch von Geld sprach, war sein Gesicht widerlich, unter den
frechen, schmutzig blauen Augen zuckten kleine Fältchen im sommersprossigen
Fleisch wie kleine Wasserwellen. Er kam Andreas ganz nah, und über die
aufgeworfenen nassen dicken Lippen rochs nach Branntwein. Jetzt schob Andreas
ihn über die Schwelle hinaus - da fühlte der Kerl, dass der junge Herr stark war,
und sagte nichts. Aber Andreas sagte wieder ein Wort zu viel, weil ihm das zu
grob war, dass er den Zudringlichen so unsanft angerührt hatte, - er meinte, so
etwas Grobes, Handgreifliches würde der Graf Lodron nie getan haben, - und so
fügte er noch gewissermassen zum Abschied bei, er wäre halt heute zu müde, morgen
vormittag könnte man ja sehen. Jedenfalls sei vorläufig zwischen ihnen nichts
abgemacht.
    Morgen mit dem frühesten gedachte er ohne weiteres abzureiten. Damit aber
drehte er sich den Strick, denn am andern Morgen, noch ehe es recht hell und
Andreas wach war, stand der Kerl schon an der Tür und meldete, er habe bereits
für den gnädigen Herrn bare fünf Gulden verdient, dem Rosstäuscher das
Prachtpferd um fünfundsechzig abgehandelt, es stünde unten im Hof, und jeder
Gulden unter fünfundsechzig, den der Herr von Ferschengelder verlöre, wenn er
das Pferd in Venedig losschlüge, der möge ihm von seinem Lohn abgezogen werden.
    Andreas sah schlaftrunken vom Fenster aus ein mageres, aber munteres
Pferdchen im Hof stehen. Da packte ihn die Eitelkeit an, dass es doch was anderes
wäre, mit einem Bedienten hinter sich in die Städte und Gastöfe einzureiten. An
dem Pferd konnte er nichts verlieren, das war ein gesicherter Handel. Der
kurzhalsige, sommersprossige Bursch hatte doch nichts weiter als ein handfestes
und gewitzigtes Ansehen, und wenn der Freiherr zu Petzenstein und der Graf
Lodron ihn in ihrem Dienste gehabt hätten, so könne er schon nicht der erste
beste sein. Denn eine unbegrenzte Ehrfurcht vor den Personen des hohen Adels
hatte Andreas mit der wienerischen Luft im Elternhaus in der Spiegelgasse
eingesogen, und was in dieser höheren Welt vorging, das war wie Amen im Gebet.
    So hatte denn Andreas einen Bedienten, der hinter ihm ritt und seinen
Mantelsack übergeschnallt hatte, ehe er es recht wusste und wollte. Den ersten
Tag ging alles gut, aber trotzdem zog auch der jetzt als trüb und hässlich an
Andreas vorüber, und es wäre ihm lieber gewesen, ihn nicht wieder durchzumachen.
Aber da fruchtete kein Wollen.
    Andreas hatte wollen auf Spittal und dann durchs Tirol hinarbeiten, der
Bediente aber ihn beschwätzt, links abzubiegen und im Kärntnerischen zu bleiben.
Da seien die Strassen weit besser und die Unterkünfte gar ohne Vergleich, auch
mit den Leuten ein ganz anderes Leben als mit den Tiroler Schädeln. Die
kärntnerischen Wirtstöchter und Müllerinnen seien apart, die rundesten,
festesten Busen von ganz Deutschland seien ihre, das sei sprichwörtlich, und
Lieder gingen darauf mehr als eins. Ob denn dies dem Herrn von Ferschengelder
nicht bekannt sei?
    Andreas schwieg, ihm war heiss und kalt neben dem Menschen da, der nicht gar
so viel älter war als er, leicht um fünf Jahre; - wenn der gewusst hätte, dass er
noch nie ein Weib hatte ohne ihre Kleider gesehen, geschweige angerührt, so
hätte es einen frechen Spott gegeben, eine Rede, wie er sie gar nicht aussinnen
konnte, dann aber auch Andreas ihn vom Pferd gerissen, wild auf ihn
dreingeschlagen, das fühlte er, und das Blut schlug ihm gegen die Augen.
    Sie ritten schweigend durch ein breites Tal, es war ein regnichter Tag,
grasige Berglehnen links und rechts, hie und da ein Bauernhof, ein Heustadl,
hoch oben Wald, auf dem faul die Wolken lagen. Nach dem Mittagessen war der
Gottelff redselig, ob der junge Herr die Wirtin angeschaut hätte? Jetzt wäre
freilich nicht mehr so viel an ihr, aber Anno 69, also vor jetzt neun Jahren, da
wäre er sechzehnjährig gewesen, da hätte er die Frau gehabt, jede Nacht, einen
Monat lang. Da wäre das wohl der Mühe wert gewesen. Schwarze Haare hätte sie
gehabt, bis unter die Kniekehlen. dabei trieb er sein Pferdchen an und ritt ganz
dicht an Andreas, dass der ihn mahnen musste, er solle achtaben, nicht
aufzureiten, sein Fuchs vertrüge das nicht. Am Schluss habe die einen rechten
Denkzettel gekriegt, das sei ihr recht geschehen. Da habe er es mit einer
bildsauberen gräflichen Kammerjungfer gehalten, und davon habe der Wirtin was
geschwant, und sie sei vor Eifersucht darüber ganz abgemagert und hohläugig
geworden wie ein kranker Hund. Er sei damals nämlich Leibjäger gewesen, beim
Grafen Porzia, das sei sein erster Dienst gewesen, und verwundert genug hätte
man sich in ganz Kärnten darüber, dass der Graf ihn mit sechzehn Jahren zum
Leibjäger machte und zum Vertrauten noch dazu. Aber der Herr Graf habe schon
gewusst, was er tue und auf wen er sich verlassen könnte, und da wäre auch
Diskretion nötig gewesen, denn der Herr Graf hatte mehr Liebschaften als Zähne
im Mund, und mehr als ein Ehemann wäre gewesen, der hätte ihm den Tod
geschworen, unter den Herrschaften und auch unter den Bauern, den Müllern und
Jägern. Damals habe es der Graf mit der pormbergischen jungen Gräfin gehabt, die
wäre verliebt gewesen wie eine Füchsin, und gerade so wie sie in den Herrn
Grafen, so die Kammerjungfer, eine blonde slowenische, in ihn, den Gottelff.
Da, wenn zu Pormberg beim Ehemann die Treibjagd war, hätte sich die Gräfin
heimlich zum Stand des Grafen Porzia geschlichen, ja auf allen vieren wäre sie
dortin gekrochen, und indessen hätte der Graf ihm die Büchse in die Hand
gegeben und ihm befohlen, an seiner Statt zu schiessen, dass man nichts bemerke.
Und da hätte man auch nichts bemerkt, denn er sei ein ebenso guter Schütze
gewesen wie der Herr Graf. Da habe er einmal mit Rehposten auf einen starken
Bock geschossen, vierzig Schritt so beiläufig und durch Jungholz, gerade das
Blatt habe er im Dämmern wahrnehmen können. Da sei das Wild im Feuer
zusammengebrochen, aber zugleich da aus dem Unterholz ein kläglicher Schrei
gekommen als wie von einem Weib. Gleich nachher seis aber still geworden, als
habe das verwundete Weib sich selber den Mund zugehalten. Da habe er seinen
Stand natürlich nicht verlassen können, die nächste Nacht aber die Wirtin
aufgesucht und sie im Bett gefunden mit Wundfieber. Da sei er flink
dahintergekommen, dass die Eifersucht sie in den Wald getrieben habe, weil sie
gemeint hatte, die Kammerjungfer wäre mit und sie fände die beiden im Unterholz
miteinander. Er habe sich den Buckel voll lachen müssen, dass sie den Denkzettel
erwischt habe von seiner Hand, und habe ihm doch keinen Vorwurf machen können,
vielmehr seinen gesalzenen Spott ruhig hinnehmen und den Mund halten müssen vor
jedermann und sich gegen jedermann geradlügen, wie sie sei in die Sichel
gefallen und habe sich oberm Knie einen Schnitt getan.
    Andreas ritt schneller, der andere auch, sein Gesicht dicht hinter Andreas
war rot vor wilder frecher Lust wie ein Fuchs in der rage. Andreas fragte, ob
die Gräfin noch lebe. Oh die habe noch manchen glücklich gemacht und sähe heut
noch aus wie fünfundzwanzig. Das sei eine, von der wisse er manches Stückl zu
erzählen, - und überhaupt die vornehmen Weiber hier auf den Schlössern, wenn man
die nur richtig zu nehmen wisse, wo eine Bäuerin den kleinen Finger gäbe, da
gäben die gleich die ganze Hand und das übrige auch dazu. Nun ritt er ganz dicht
neben Andreas, anstatt dahinter, aber Andreas achtete es nicht. Der Bursch war
ihm widerlich wie eine Spinne, aber von dem Gerede war sein
zweiundzwanzigjähriges Blut aufgeregt, und seine Gedanken gingen woanders hin.
Er dachte, wenn er diesen Abend ankäme auf dem Pormbergischen Schloss und wäre
erwartet und andere Gäste auch. Am Abend nach einer Jagd, und er der beste
Schütz, wo er hinzielt, fällt was. Die schöne Gräfin in seiner Nähe, wie er
schiesst, spielt ihr Blick so mit ihm wie er mit dem Leben der Waldtiere. - Dann
sind sie auf einmal allein, ein ganz einsames Gemach, er mit der Gräfin allein,
klafterdicke Mauern, totenstill. Ihm graust, dass es ein Weib ist und nicht mehr
eine Gräfin, auch nicht der junge Kavalier, nichts Galantes, Ehrbares mehr, auch
nichts Schönes, sondern ein wildes Tun, ein Morden im Dunkeln. Der Kerl ist
dicht daneben und schiesst mit aufgerissenem Maul seine Büchse auf ein Weib, das
im Hemd zu ihm geschlichen ist. Er will mit der Gräfin wieder in den Speisesaal
zurück, dortin wo alles fröhlich ist und ehrbar, reisst seine Gedanken zurück -
da spürt er, dass er sein Pferd pariert hat, und zugleich stolpert dem Bedienten
sein Gaul. Der flucht Himmelsakrament, als wäre das vorn nicht sein Herr,
sondern einer, mit dem er lebenslang die Säu gefüttert habe. Andreas verweists
ihm nicht. Er ist jetzt zu schlapp, das breite Tal ist ihm widerlich, die Wolken
hängen da wie Säcke. Er möchte, das wäre alles längst vorüber, möchte älter sein
und schon Kinder haben, und das wäre sein Sohn, der nach Venedig ritte. Aber ein
ganz andrer Kerl als er, ein rechter Mann, und alles rein und freundlich wie an
einem Sonntagmorgen, wenn man die Glocken hört.
    Den nächsten Tag ging die Strasse bergauf. Das Tal zog sich zusammen,
steilere Abhänge, hoch oben manchmal eine Kirche, ein paar Häuser, tief drunten
ein rauschendes Wasser. Die Wolken waren bewegt, manchmal fuhr ein Sonnblick wie
ein Schuss bis hinab an den Fluss, zwischen Weide und Haseln leuchteten die Steine
fahl weiss auf, das Wasser grün. Dann wieder Dunkelheit, leichter Regen. Nach den
ersten hundert Schritt lahmte das frisch gekaufte Pferd, seine Augen waren trüb,
der Kopf viel älter, das ganze Tier sah aus wie ausgewechselt. Der Gottelff zog
los, das wäre kein Wunder, wenn abends, wo die Pferde müde in den Beinen wären,
einer seinen Gaul auf der halbdunklen Landstrasse ohne Grund zusammenrisse, mir
nichts dir nichts, dass der hintere Reiter ins Stolpern kommen müsse. So eine
Manier sei ihm noch nicht vorgekommen, bei den kaiserlichen Reitern werde das
mit Krummschliessen gestraft.
    Andreas verwies es ihm wieder nicht, der Mensch versteht was von Pferden,
dachte er, dünkt sich verantwortlich für den Braunen, davon geht ihm die Galle
über. - Aber dem Freiherrn von Petzenstein hätte ers doch nicht in dem Ton
gesagt. Geschieht mir recht. Da ist halt ein gewisses Ding um einen solchen
grossen Herrn, vor dem hat ein Lakai Respekt. Bei mir ists nichts, wollte ichs da
erzwingen, es stünde mir nicht an. Bis Samstag nehme ich ihn mit, dann verkaufe
ichs Pferd, mag auch das halbe Geld dabei verloren sein, lohn ihn ab, ein Bursch
wie der findet sich zehn Dienste für einen, aber er braucht eine andere Hand
über sich.
    Bald mussten sie Schritt reiten; sah des Pferdes Kopf trübselig und
abgefallen aus, so des Gottelff Gesicht gedunsen und grimmig. Er zeigte auf
einen grossen Bauernhof vor ihnen, seitlich der Strasse: dort wird abgesessen,
einen stockkrummen Gaul reite ich keinen Schritt weiter.
Das Gehöft war mehr als stattlich. Ums Ganze lief eine steinerne Mauer im
Viereck, an jeder Ecke ein starker Turm, das Tor in Stein gefasst, darüber ein
Wappenschild. Andreas dachte, es müsse ein Herrensitz sein. Sie stiegen ab.
Gottelff nahm die beiden Pferde in die Hand, den Braunen musste er durch das Tor
mehr ziehen als führen. Im Hof war niemand als ein schöner grosser Hahn auf dem
Mist mit vielen Hennen, auf der anderen Seite lief ein kleines Wasser vom
Brunnen ab, hatte einen Abzug unter der Mauer zwischen Nesseln und Brombeeren,
da schwammen kleine Enten. Eine ganz kleine Kapelle stand da; Blumen daran
hinten in Holzgittern, das alles innerhalb der Mauer. Der mittlere Weg durch den
Hof war gepflastert, die Hufe der Pferde klapperten darauf. Der Weg führte
mitten durchs Haus, ein mächtig gewölbter Torweg, die Stallungen mussten hinterm
Haus sein.
    Jetzt kamen zwei Knechte herzu, auch eine junge Magd, dann der Bauer selber,
ein Hochgewachsener, dem Anschein nach kaum viel über vierzig, dabei schlank und
mit einem schönen Gesicht. Den Fremden wurde ein Stall gewiesen für die Pferde,
dem Andreas eine freundliche Stube im Oberstock, alles in der Art eines
wohlhabenden Hauses, wo man nicht verlegen ist, wenn auch ungemeldete Gäste
kommen. Der Bauer warf einen Blick auf den kleinen Braunen, dann trat er hin,
sah dem Pferd zwischen den Vorderbeinen durch, sagte nichts. Die beiden Fremden
wurden geheissen, gleich zum Mittagstisch zu kommen.
    Die Stube war stattlich gewölbt, an der Wand ein geschnitzter Heiland am
Kreuz, mächtig gross. In der einen Ecke der Tisch, die Mahlzeit schon
aufgetragen. Die Knechte und Mägde, schon den Löffel in der Hand, zuoberst die
Bäuerin, eine grosse Frau mit einem geraden Gesicht, aber nicht so schön und
freudig wie der Mann, und daneben die Tochter, so gross wie die Mutter, aber doch
noch wie ein Kind, ebenmässig die Züge wie die der Mutter, aber alles freudig bei
jedem Atemzug aufleuchtend wie beim Vater.
    An der Mahlzeit, die jetzt kam, würgte Andreas in Erinnerung wie an einem
argen Bissen, der doch den Schlund hinunter musste. Die Leute so gut, so
zutraulich, alles so ehrbar und sittlich, arglos, das Tischgebet schön
vorgesprochen vom Bauer, die Bäuerin sorglich zu dem fremden Gast wie zu einem
Sohn, die Knechte und Mägde bescheiden und ohne Verlegenheit, ein freundliches
offenes Wesen hin und her. Dazwischen hinein aber der Gottelff, wie der Bock im
jungen Kraut, frech und oben herab mit seinem Herrn, unflätig und herrisch mit
den Knechtsleuten, ein Hineinfressen, Angeben, Prahlen. Andreas schnürt es die
Kehle, alles was der Kerl sich vergibt und nach links und rechts sich überhebt
mit Frechheit und Albernheit, geht ihm zehnfach durch den Leib. Er spürts, als
fasse seine Seele jeden der Knechte und Bauer und Bäuerin dazu. Der Bauer
scheint ihm so still um die Stirn, der Bäuerin Gesicht streng und hart geworden
- er möchte auf und dem Gottelff so tun, die Fäuste ums Gesicht schlagen, dass
der blutend zusammenfiele, man ihn aus dem Zimmer schleppen müsste, die Füsse
voraus.
    Endlich ist es so weit, das Danksprüchel gebetet, wenigstens heisst er ihn
gleich in Stall und nach dem kranken Pferd schauen, zuvor Mantelsack und
Felleisen auf sein Zimmer tragen, und das so scharf und bestimmt, dass der
Bediente ihn erstaunt anschaut, und wenn schon mit einem schiefen Maul und bösem
Blick, doch sich sogleich aus dem Zimmer hebt. Andreas ging auf seine Stube -
wollte hinunter nach dem Pferd sehen, wollte es auch sein lassen, nur dass er den
Gottelff nicht zu sehen brauche. Stand im Torweg, unterdem ging eine angelehnte
Tür, trat das Mädchen Romana hervor, fragte ihn, wo er hinginge. Er: er wisse es
nicht, sich die Zeit vertreiben, auch nach dem Pferd sehen müsse er, ob man
morgen werde abreiten können. Sie: »Müsst Ihr euch die vertreiben? mir vergeht
sie schnell genug, oft ist mir angst.« - Ob er schon im Dorf gewesen sei? die
Kirche sei gar schön, sie wolle sie ihm zeigen. Dann, wenn sie heimkämen, könne
er nach dem Pferd sehen, dem habe sein Reitknecht unterdessen Umschläge gemacht,
von frischem Kuhmist.
    Dann gingen sie hinten zum Hof hinaus, da war zwischen dem Kuhstall und der
Mauer ein Weg, und neben dem einen Eckturm führte ein kleines Pförtchen ins
Freie. Auf dem kleinen Fussweg durch die Wiesen aufwärts sprachen sie viel. Sie
fragte ihn, ob seine Eltern noch am Leben, ob er Geschwister gehabt? - da täte
er ihr leid, so ganz allein, sie habe zwei Brüder, sonst wären ihrer neun, wenn
nicht sechse gestorben wären, die wären alle als unschuldige Kinder im Paradies.
Die Brüder wären mit zwei Knechten oben in dem Klosterwald holzmachen, da wäre
es lustig in der Holzhütte leben, eine Magd wäre auch mit, da dürfe nächstes
Jahr sie hin, es sei ihr von den Eltern versprochen.
    Indem waren sie ans Dorf gekommen. Die Kirche lag seitwärts, sie waren
eingetreten, sprachen leise. Romana zeigte ihm alles, einen Schrein mit einem
Fingerglied der heiligen Radegundis in goldener Kapsel, die Kanzel mit
pausbackigen Engeln, die silberne Trompeten bliesen, ihren Platz und der Eltern
und Geschwister, die waren in der vordersten Bank und seitlich der Bank ein
metallenes Schildchen, darauf stand: Vorrecht des Geschlechts Finazzer. Nun
wusste er den Namen.
    Zu einer anderen Seite traten sie aus der Kirche hinaus, da war man auf dem
Kirchhof. Romana ging zwischen den Gräbern um wie zu Hause, sie führte Andreas
zu einem Grabhügel, da waren mehrere Kreuze hintereinander eingesteckt. »Hier
liegen meine kleinen Geschwister, Gott hab sie selig«, sagte sie und bückte sich
und jätete zwischen den schönen Blumen das wenige Unkraut. Dann nahm sie das
kleine Weihwasserbecken vom vordersten Kreuz ab und sagte: »Ich muss ihm frisches
Weihwasser eintun; die Vögel setzen sich fleissig drauf und schmeissens um.«
Indessen las Andreas die Namen ab: da waren die unschuldigen Knaben Aegydius,
Achaz und Romuald Finazzer, das unschuldige Mädchen Sabina und die unschuldigen
Zwillingskinder Mansuet und Liberata. Andreas schauderte in sich, dass sie so
früh hatten hinwegmüssen, keiner auch nur ein Jahr hier geweilt, der eine nur
einen Sommer, einen Herbst gelebt. Er dachte an das warmblütige freudige Gesicht
des Vaters und begriff, dass der Mutter ihr ebenmässiges Gesicht härter und
blässer war. Da kam Romana mit Weihwasser in der Hand aus der Kirche zurück, sie
trug das kleine Becken mit ehrfürchtiger Achtsamkeit, keinen Tropfen zu
verschütten. Gerade in ihrem bedachten Ernst war sie ein Kind, im Unbewussten
aber und in der Lieblichkeit und Grösse eine Jungfrau. - »Hierum liegen lauter
meinige Verwandte«, sagte sie und sah mit den leuchtenden braunen Augen über die
Gräber: es war ihr wohl, hier zu sein, wie ihr wohl war, bei Tisch zwischen
Vater und Mutter zu sitzen und den Löffel in den wohlgeformten Mund zu führen.
Sie schaute, wo Andreas hinsah; ihr Blick konnte so fest sein wie eines Tieres
und den Blick eines anderen, wo der hinschweifte, gleichsam nehmen.
    In der Kirchenmauer hinter den Finazzergräbern war ein grosser rötlicher
Grabstein eingelassen, darauf die Gestalt eines Ritters, gewappnet von Kopf zu
Fuss, den Helm im Arm, zu seinen Füssen ein kleiner Hund, so lebendig als schliefe
er nur, dessen Pfoten rührten an ein Wappenschild. Sie zeigte ihm das Hundel,
das Eichkatzel mit Krone in den Pfoten und selber gekrönt, als Helmzier. »Das
ist unser Urahn«, sagte Romana, »derselbig ist ein Ritter gewesen und von
Wälschtirol hierher angesessen.« - »So seid ihr adelig, und das Wappen, das ob
der Sonnenuhr ans Haus gemalt ist, ist euer?« sagte Andreas. - »Schon«, sagte
Romana und nickte, »daheim ist im Buch alles abgemalt, und das heisst man den
Kärntnerischen Ehrenspiegel. Das ist aus der Zeit vom Kaiser Maximilian dem
Ersten, das kann ich Ihnen zeigen, wenn Sie es sehen wollen.«
    Daheim zeigte sie ihm das Buch, und ihre Freude war gross wie die eines
wahrhaften Kindes über die vielen schönen Helmzierden. Die Flügel, springende
Böcklein, Adler, Hahn und ein wilder Mann - nichts entging ihr, aber das eigene
Wappen war das schönste: das Eichhörnchen mit der Krone in der Hand; es ist
nicht das schönste, aber es ist ihr das liebste. Sie drehte Blatt für Blatt für
ihn um und liess ihm Zeit, »Schaun jetzt das!« rief sie jedes Mal. »Der Fisch
sieht zornig aus wie eine frischgefangene Forelle - der Bock ist arg.«
    Dann brachte sie ein anderes dickes Buch, da waren die Höllenstrafen
verzeichnet: die Martern der Verdammten waren angeordnet nach den sieben
Todsünden, alles in Kupfern. Sie erklärte Andreas die Bilder und wie jede Strafe
aus der Sünde genau hervorgehe; sie wusste alles und sprach alles aus, ohne Arg
und ohne Umschweif; es war Andreas, als schaue er in einen Kristall, in dem lag
die ganze Welt, aber in Unschuld und Reinheit.
    Sie sassen miteinander in der grossen Stube auf der Bank, die ins Eckfenster
hineingebaut war, da horchte Romana auf, als könnte sie durch die Wand hören:
»Jetzt sind die Geissen daheim, kommen Sie, sie anschaun.« Sie nahm Andreas bei
der Hand, der Geissbub hatte den Milchkübel hingestellt, die Geissen drängten sich
um ihn, jede wollte das volle Euter über dem Kübel haben. Es waren ihrer
fünfzig, der Bub war ganz fest eingeschlossen von ihnen. Romana kannte jede, zu
ihr wandten sie sich um, unschlüssig, ob dahin oder dortin. Sie zeigte Andreas
die bösartigste und die guterzigste, die langhaarigste und die am meisten Milch
gab, die Geissen kannten auch sie und kamen willig zu ihr. An der Mauer dort war
ein grasiger Fleck, das Mädchen legte sich flink auf den Boden, so stand eine
Geiss sogleich über ihr, sie trinken lassen, und wollte nicht ungesogen von ihr
fort, bis Romana hinter einen Leiterwagen sprang und Andreas bei der Hand
mitzog. Die Geiss fand nicht den Weg und meckerte kläglich hinter ihr drein.
    Indem stiegen Romana und Andreas in dem einen Turm, der gegens Gebirge hin
stand, die Wendeltreppe empor. Oben war ein kleines rundes Gemach, da hockte auf
einer Stange ein Adler. Über sein versteintes Gesicht, in dem die Augen wie
erstorben lagen, flog ein Licht, er hob in matter Freude die Schwingen und
hüpfte zur Seite, Romana setzte sich zu ihm und legte eine Hand auf seinen Hals.
Den habe der Grossvater heimgebracht, noch fast nackt. Denn Adlerhorst ausnehmen,
das sei dem Grossvater sein Sach gewesen, sonst habe er bereits nichts getrieben,
aber oft weit reiten, dann herumsteigen, Horst aufspüren wo im Gewänd, die Leut
von dort aufbieten, Senner und Jäger, die längsten Kirchenleitern
aneinanderbinden lassen, hinauf und ein Nest ausnehmen, oder an einem Strick
sich herablassen kirchturmtief. Das sei sein Sach gewesen und schöne Frauen
heiraten. Das habe er viermal getan, und nach jeder Tod allemal eine noch
schönere und allemal aus der Blutsfreundschaft, denn, habe er gesagt, übers
Finazzersche Blut gehe ihm nichts. Wie er den Adler da gefangen, sei er schon
vierundfünfzig gewesen und an vier Kirchenleitern neun Stunden über dem
schrecklichsten Abgrund gehangen, darauf aber seine letzte Frau gefreit. Die
wäre eines Vetters junge Witwe gewesen und hätte immer nach dem Grossvater
gelangt, niemanden anders angeschaut als diesen und sich fast gefreut, wie - vor
einem scheuen Ochsen - ihr Mann sich totfiel, von dem sie ein schönes kleines
Mädl hatte, eine hochschwanger gehende Frau damals. So waren der Vater und die
Mutter zusammengebrachte Kinder gewesen, die Mutter ein Jahr älter als der
Vater. Darum hingen sie auch gar so sehr aneinander, weil sie vom gleichen Blut
waren und von Kindheit an miteinander aufgewachsen. Wenn der Vater verritte,
nach Spittal oder ins Tirol hinüber, Vieh einkaufen, und wäre es auch nur auf
zwei oder drei Nächte, so liesse ihn die Mutter kaum los, da weinte sie allemal
und jedesmal wieder, hing lang an ihm, küsste ihm den Mund und die Hände und
hörte nicht auf mit Winken und Nachschauen und Segennachsprechen. So wollte sie
auch einmal mit ihrem Mann zusammenleben, anders wollte sies nicht.
    Indem waren sie über den Hof gegangen, neben der Hoftür war eine Holzbank
inner der Mauer, dort zog sie ihn hin und hiess ihn neben sie setzen. Andreas war
es wunderbar, wie das Mädchen so ungehemmt alles zu ihm redete, als ob er ihr
Bruder wäre. Indessen war Abend geworden, das graue Gewölk auf einer Seite aufs
Gebirg herabgesunken, auf der andern Seite eine durchdringende Helligkeit und
Reinheit, einzelne goldene Flocken da und dort am Himmel, alles in Bewegung auf
dem dunkelblauen Himmel, der Tümpel mit den aufgeregten Enten wie sprühendes
Feuer und Gold, der Efeu drüben an der Mauer der Kapelle wie Smaragd, ein
Zaunschlüpfer oder Rotkehlchen glitt aus dem grünen Dunkel hervor, überschlug
sich mit einem süssen Laut in der webend leuchtenden Luft. Das Schönste waren
Romanas Lippen, die waren von leuchtendem durchsichtigem Purpurrot, und ihre
eifrig arglosen Reden kamen dazwischen heraus wie eine Feuerluft, in der ihre
Seele hervorschlug, zugleich aus den braunen Augen ein Aufleuchten bei jedem
Wort.
    Auf einmal sah Andreas drüben im Haus, in einem ausgebauchten Fenster im
Oberstock, die Mutter stehen und auf sie herabschauen. Er sagte es zu Romana.
Durchs bleigefasste Fenster schien ihm das Gesicht der Frau trüb und streng, er
meinte, sie müssten jetzt aufstehen und ins Haus gehen, die Mutter würde sie
brauchen, oder sie wollte nicht, dass sie so beisammen hier sässen. Romana nickte
nur froh und frei, zog ihn an der Hand, er solle sitzen bleiben, die Mutter
nickte dazu und ging vom Fenster weg. Das war Andreas fast unbegreiflich, er
wusste nichts anderes gegenüber Eltern und Respektspersonen als gezwungenes und
ängstliches Betragen; er konnte nicht denken, dass der Mutter ein solcher freier
Umgang anders als missfällig wäre, wenn sie es schon nicht ausspräche. Er setzte
sich nicht wieder, sondern sagte, er müsse doch jetzt nach dem Pferde sehen.
    Als sie in den Stall kamen, hockte die junge Magd bei einem Feuer, ihr Haar
hing in Strähnen über die erhitzen Backen, der Bediente mehr auf ihr als neben
ihr, sie schien in einem eisernen Topf was zu brauen. »Soll ich noch um
Salpeter, Herr Wachtmeister«, sagte die Dirne und kicherte, als stecke da was
Grosses dahinter. - Als Andreas eintrat und Romana hinter ihm, nahm der Lümmel
mit Not eine manierliche Stellung an. Andreas hiess ihn, den Mantelsack, der noch
im Stroh lag, gleich auf sein Zimmer tragen und das Felleisen auch. »Schon gut«,
sagte der Gottelff, »erst muss das da fertig sein. Das wird ein Trank, der kann
ein krankes Ross gesund und einen gesunden Hund krank machen.« dabei drehte er
sich gegen Andreas um und sah ihm recht frech in die Augen. - »Was ist mit dem
Pferd«, sagte Andreas und tat einen Schritt in den Stand hinein, stockte aber,
ehe er den zweiten Schritt tat, weil er wusste, er verstands nicht, und der Braun
trübselig dreinschaute. - »Was soll sein, morgen früh ist er gesund und
abgeritten wird«, erwiderte der Bursch und drehte sich wieder zum Feuer, aber
hinten im Maul lachte er dabei.
    Andreas nahm den Mantelsack und tat, als hätte er vergessen, was er dem
Burschen anbefohlen hatte. Er grübelte selber, vor wem er so tat, vor sich, vor
dem Kerl oder vor Romana. Diese ging hinter ihm drein die Treppe hinauf. Er liess
die Stubentür hinter sich offen, warf den Mantelsack zur Erde, das Mädchen trat
herein, sie trug das Felleisen und legte es auf den Tisch.
    »Das ist meiner Grossmutter ihr Bett, darin hat sie Kindbett gehalten. Sehen,
wie schön das gemalt ist, aber meiner Mutter und Vater ihr Bett ist noch schöner
und weit grösser, da sind oberkopf der heilige Jakob und Stefan draufgemalt und
unterfuss noch schöne Blumenkränz. Dies ist das kürzere, weil die Grossmutter kein
grosses Weib war. Ich weiss nicht, obs für Sie die Länge haben wird, ist gar kurz.
Wir sind in der Länge gleich, müssen probieren, ob eins da ausgestreckter
schlafen kann. Schief und quer schlafen ist kein Schlafen. Das meinige ist lang
und breit, hätten zwei Platz.«
    Flink schwang sie die grossen leichten Glieder in das Bett und lag der Länge
nach darin und berührte mit der Fussspitze einen Leisten der unteren Bettstatt.
Andreas war über sie gebeugt. So fröhlich und arglos lag sie unter ihm, wie sie
sich auch unter die Geiss hingestreckt hatte. Andreas sah auf ihren halboffenen
Mund, sie streckte die Arme nach ihm aus und zog ihn leise an sich, dass seine
Lippen die ihren berührten. Er hob sich auf, es durchfuhr ihn, dass es der erste
Kuss in seinem Leben war. Sie liess ihn und zog ihn wieder sanft zu sich und nahm
und gab wieder einen Kuss und dann auf die gleiche Weise zum dritten und vierten
Mal. Der Wind bewegte die Tür, Andreas war es, als habe wer hereingeschaut. Er
ging hin, trat auf den Gang hinaus; da war niemand. Romana kam gleich hinter ihm
drein, er ging die Treppe hinunter, ohne ein Wort zu sprechen, sie ebenso hinter
ihm her, ganz leicht und unbeschwert.
    Unten stand ihr Vater und gab dem Altknecht Befehl, wie das letzte Grummet
einzufahren sei, wo zuerst was trocknet. Sie lief zutraulich zu ihm hin, lehnte
sich an ihn; der schöne Mann stand neben dem grossen Kind wie ein Bräutigam.
    Andreas ging nach dem Stall, als hätte er dort wichtig zu tun. Der Knecht
kam eilfertig aus dem Halbdunkel heraus, stiess fast an ihn, rief »Oha«, als
hätte er seinen Herrn nicht erkannt, und gleich sprudelte ihm Rede vom feuchten
Mund. Das sei ein prächtiges Mensch, die helfe ihm fleissig das Pferd kurieren.
Die sei auch nicht von hier, sondern aus dem Unterland und habe die Bauersleut
alle im Sack. Aber dem Herrn brauche er nichts zu erzählen, der verstehe die
Sache ganz wohl, der habe sich eine junge und saubere ausgesucht. Ja, so sei es
eben in Kärnten, das sei ein Leben! Da seien sie schon mit fünfzehn keine
Jungfrauen mehr, da lasse des Grossbauern Tochter ihre Kammertür ebenso gern
unverriegelt, wie die Kuhmagd die ihre, heute dem, morgen jenem, so komme ein
jeder auf seine Rechnung. - Dem Andreas war eine Hitze in der Brust und stieg
gewaltsam die Kehle herauf, aber keine Rede löste sich ihm von der Zunge; er
hätte dem mit der Faust ums Maul schlagen wollen - warum tat er es nicht? Der
andere spürte was und trat einen halben Schritt zurück. Aber Andreas war
woanders, seine Augäpfel zitterten, er sah Romana im Hemd im Finstern auf ihrem
reinen Bett sitzen, die nackten Füsse hinaufgezogen und auf die Klinke schauen.
Sie hatte ihm ihre Kammertür gezeigt und dass daneben ein leeres Zimmer war, und
von ihrem Bett geredet, das alles ging vor ihm hin, wie ein Bergnebel. Er wollte
den Gedanken nicht nachhängen, sich davon abwenden - unwillkürlich kehrte er dem
Kerl nun den Rücken, und da hatte der wieder gewonnenes Spiel.
    Beim Nachtmahl wars Andreas wie nie im Leben, alles wie zerstückt: das
Dunkel und das Licht, die Gesichter und die Hände. Der Bauer griff gegen ihn
nach dem Mostkrügel, Andreas erschrak ins Innerste, als suche eine richtende
Hand die Ader seines Herzens. Unten am Tisch gluckste die Magd ihr »Herr
Wachtmeister« heraus, Andreas fragte bös und herrisch, »was ist das für ein
Mann?« Die Stimme schien ihm so fremd, und ihm war wie einem Träumenden, der aus
dem Traum spricht. Von weit her starrte der Bediente ihn an, weiss und struppig,
- verbissen.
    Später war Andreas allein in seinem Zimmer. Er stand am Tisch, schnürte an
seinem Mantelsack herum, Feuerzeug lag da, er brauchte keine Kerze, der Mond
fiel stark durchs Fenster, alles zerschied sich in schwarz und weiss. Er horchte
auf die Geräusche im Haus, die Reitstiefel hatte er ausgezogen - er wusste nicht,
auf was er wartete. Und wusste es doch und stand auf einmal draussen im Gang vor
einer Zimmertür. Er hielt den Atem an: zwei Menschen, die beisammen im Bett
lagen, sprachen miteinander gedämpft und zutraulich. Seine Sinne waren
geschärft, er konnte hören, dass die Bäuerin unterm Reden ihr Haar flocht und
zugleich, wie unten der Hofhund gierig an etwas frass. Wer füttert jetzt in der
Nacht den Hund, dachte es in ihm, und zugleich war ihm zumut, als müsse er
nochmals zurück in seine Knabenzeit, als er noch das kleine Zimmer neben den
Eltern hatte und sie durch den in die Wand eingelassenen Kleiderschrank musste
abends reden hören, er mochte wollen oder nicht. Er wollte auch jetzt nicht
horchen, und hörte doch, dazwischen aber hörte er auch seine Eltern reden, die
waren freilich älter als der Bauer und die Bäuerin, doch nicht viel, zehn Jahr
etwa. Ist das so viel - dachte er -, sind sie dem Tod so viel näher, abgelebt?
Es ist bei jedem Wort, als könnts auch ungeredet bleiben, eine Rede, eine
Gegenrede, und das wahre Leben vorbei. Bei den Zweien da drin alles so
zutraulich und warmblütig wie bei ganz Neuvermählten.
    Auf einmal traf es ihn, wie wenn ihm ein kalter Tropfen mitten aufs Herz
gefallen wäre. Sie sprachen von ihm und dem Mädchen, aber auch das war arglos.
Was immer das Kind täte, sagte die Frau, sie liesse ihrs angehen, denn sie wüsste,
hinterm Rücken löffeln würde ihr das Kind nie. Dazu sei sie zu freimütig, das
habe sie von ihm, wie er allezeit ein feuriger Freund und glückliebender Mensch
gewesen, so sei es jetzt durch Gottes Güte das Kind geworden. - Nein, sagte der
Mann, das habe sie von ihr, weil sie dieser Mutter Kind sei, darum könne nichts
Falsches und Verstohlenes an ihr sein. - Da habe er aber jetzt ein altes Weib an
ihr, wo schon die Tochter einem fremden Mann nachgehe, da müsse er sich bald
schämen, zu ihr zu sein wie ein Liebhaber. - Nein, da bewahre Gott, ihm sei sie
alleweil die gleiche, nein vielmehr immer die Liebere und keine Stund noch hätte
es ihn gereut diese achtzehn Jahre. - So auch sie keine Stund noch. Ihr sei nur
um ihn; und, gab seine schöne Stimme zurück, ihm sei nur um sie und die Kinder,
das wäre ein Einziges mit ihr zusammen - die welche da seien und die anderen. So
seien doch die zwei alten Leut glücklich zu preisen, die der angeschwollene
Schwarzbach im April mitgenommen habe. Zusammen seien sie auf einer Bettstatt
dahingeschwommen, hielten einander bei den Händen, und mitsammen hätt sies in
einen Tobel hinuntergerissen und ihr weisses Haar hätte geleuchtet wie Silber
unter den Weiden. Das gebe Gott halt denen, die er ausgewählt hätte; das sei
jenseits von Wünschen und Bitten.
    Indem wurde es ganz still im Zimmer, man hörte ein leises Sichbewegen in den
Betten, ihm war, als küssten sich die beiden. Er wollte weg und getraute sichs
nur nicht, um der vollkommenen Stille willen. Es legte sich schwer auf ihn, dass
es zwischen seinen Eltern nicht so schön war, kein so inniger Umgang zwischen
ihnen, obwohl doch jeder stolz war auf den andern und sie gegen die Welt fest
zusammenstanden und empfindlich jedes des anderen Ehre und allgemeine Achtung
wahrten. Er konnte sichs nicht auflösen, was seinen Eltern fehlte; da fingen die
beiden drinnen an, mitsammen das Vaterunser zu beten, Andreas schlich sich fort.
    Jetzt zog es ihn erst recht zu Romanas Tür, unwiderstehlich, aber anders als
früher, alles war auseinandergetreten in Weiss und Schwarz. Er sagte sich, das
ist einmal mein Haus, meine Frau, so lieg ich neben ihr und rede von unseren
Kindern. Er war jetzt sicher, dass sie ihn erwartete, ganz in der gleichen Weise
wie er jetzt zu ihr ging, für viele unschuldige feurige Umarmungen und ein
heimliches Verlöbnis.
    Er ging mit sicheren schnellen Schritten bis zu der Tür, sie war nur
angelehnt: gab seinem Druck lautlos nach. Ihm war, als sässe sie wachend im
Dunkeln, glühte vor Erwartung. Er stand schon mitten im Zimmer, da merkte er,
sie regte sich nicht. Ihr Atem ging so lautlos, dass er den seinigen anhalten
musste in gespanntem Horchen und nicht wusste, ob sie wach war oder schlief. Sein
Schatten lag wie festgewurzelt auf dem Fussboden, fast hätte er vor Ungeduld den
Namen geflüstert, kam dann keine Antwort, sie mit Küssen geweckt - da durchfuhr
es ihn wie ein kaltes Messer. In einem anderen Bett, über das ein grosser Schrank
schwarzen Schatten warf, regte sich ein anderer Schläfer, seufzte auf, suchte
eine andere Stelle. Der Kopf kam dem Mondlicht nahe, weisse gesträhnte Haare, es
war die alte Magd, die Ausgeherin. Nun musste er hinaus, zwischen jedem Schritt
und dem nächsten lag eine endlose Zeit. Betrogen ging er leise, wie träumend den
langen mondhellen Gang hinweg in seine Stube.
    Ihm war so heimlich, so wohnlich wie nie in seinem Leben. Er sah auf den
rückwärtigen Hof hinaus, über dem Stall hing der Vollmond, es war eine
spiegelhelle Nacht. Der Hund stand mitten im Licht, er hielt den Kopf sonderbar
ganz schief, drehte sich in dieser Stellung immerfort um sich selber. Es war,
als erduldete das Tier ein grosses Leiden, vielleicht war er alt und dem Tode
nah. Andreas fiel eine dumpfe Traurigkeit an, ihm war unmässig betrübt zumut über
das Leiden der Kreatur, wo er doch so glücklich war, als werde er in diesem
Anblick an den nahe bevorstehenden Tod seines Vaters gemahnt.
    Er trat vom Fenster weg, nun konnte er wieder an seine Romana denken, nur
jetzt noch wahrer und feierlicher, da er eben in solcher Weise an seine Eltern
gedacht hatte. Er war schnell ausgezogen und zu Bett, und in seiner Einbildung
schrieb er an seine Eltern. Die Gedanken strömten ihm, alles, was ihm einfiel,
war unwiderleglich, einen solchen Brief hatten sie von ihm noch nie bekommen.
Sie mussten fühlen, dass er nun kein Knabe war, sondern ein Mann. Wäre er eine
Tochter statt eines Sohnes - so beiläufig fing er an -, so wäre ihnen schon
lange das Glück zuteil gewesen, in noch rüstigen Jahren Enkel zu umarmen und
Kinder ihrer Kinder heranwachsen zu sehen, - durch ihn hätten sie auf dieses
Glück allzulange warten müssen, das doch einer der reinsten aller Glücksfälle
des Lebens sei und gewissermassen selber ein erneutes Leben. - Die Eltern hätten
immer zu wenig Freude an ihm gehabt - er dachte dies so lebhaft, als wären sie
tot und er müsste sich auf sie legen, sie mit seinem Leib erwärmen. - Nun hätten
sie ihn auf eine kostspielige Reise in fremdes Land ausgeschickt - wozu? um
fremde Menschen kennenzulernen, fremde Landesgebräuche zu beobachten, um sich in
den Manieren zu vervollkommnen. Dies alles aber sind nur Mittel und abermals
Mittel zum Zweck. Wie viel besser stünde es, wenn sich dieser höchste Zweck
selber, der nichts anderes sei als das Glück des Lebens, mit einem raschen
Schritt für immer erreichen lasse. Nun habe er ja durch Gottes plötzliche Fügung
das Mädchen gefunden, die Lebensgefährtin, die sein Glück verbürge. Von jetzt an
gebe es für ihn nur ein Trachten: an der Seite dieser durch die eigene
Zufriedenheit auch die Eltern zufriedenzustellen.
    Der Brief, den er in Gedanken schrieb, war weit über dieser dürftigen
Inhaltsangabe, die beweglichsten Worte kamen ihm ungesucht, die schönen
Wendungen hingen sich kettenweise aneinander. Er redete von dem schönen Besitz
der Familie Finazzer und von ihrer altadeligen Abstammung, ohne Prahlerei, auf
eine Weise, die ihn selbst zufriedenstellte, nebenhin und doch mit Nachdruck.
Hätte er nur ein Tintenfass und eine Feder zur Hand gehabt, er wäre aus dem Bett
gesprungen, und der Brief wär in einem Schwung geschrieben. So aber fing die
Müdigkeit an, ihm die schöne Kette auseinanderzulösen, andere Vorstellungen
drängten sich dazwischen, und lauter widerwärtige und ängstliche.
    Es mochte Mitternacht vorüber sein. Er sank in einen wüsten Traum und aus
einem in den anderen. Alle Demütigungen, die er je im Leben erfahren hatte,
alles Peinliche und Ängstigende war zusammengekommen, durch alle schiefen und
queren Situationen seines Kindes- und Knabenlebens musste er wieder hindurch.
dabei floh Romana vor ihm, in seltsamen halb bäurischen, halb städtischen
Kleidern, blossfüssig unterm schwarz gefältelten Brokatrock, und es war in Wien in
der menschenbelebten Spiegelgasse, ganz nahe dem Haus seiner Eltern. Angstvoll
musste er ihr nach und musste doch dies Nacheilen wieder ängstlich verbergen. Sie
drängte sich durch die Menschen durch und wandte ihm ihr Gesicht zu, das hölzern
und verzogen war. Wie sie weiterhastete, waren ihr die Kleider unordentlich vom
Leibe gerissen. Auf einmal verschwand sie in einem Durchhaus, er ihr nach,
soweit es der linke Fuss erlaubte, der unendlich schwer war und sich immer wieder
in Spalten des Pflasters verfing. Nun war er endlich auch in dem Durchhaus, aber
er hatte langsam zu gehen, und hier blieb ihm keine schreckliche Begegnung
erspart. Ein Blick, den er als Knabe gefürchtet hatte wie keinen zweiten, der
Blick seines ersten Katecheten, schoss durch ihn hindurch, und die gefürchtete
kleine feiste Hand fasste ihn an. Das widerwärtige Gesicht eines Knaben, der ihm
in dämmernder Abendstunde auf der Hintertreppe erzählt hatte, was er nicht hören
wollte, presste sich gegen seine Wange, und wie er dieses mit Anstrengung zur
Seite schob, lag vor der Tür, durch die er jetzt Romana nach musste, ein Wesen
und setzte sich gegen ihn in Bewegung: es war die Katze, der er einmal mit einer
Wagendeichsel das Rückgrat abgeschlagen hatte, und die solange nicht hatte
sterben können. So war sie noch nicht gestorben, nach soviel Jahren! kriechend
mit gebrochenem Kreuz, wie eine Schlange kommt sie ihm entgegen, und er fürchtet
über alles ihre Miene, wenn sie ihn ansieht. Es hilft nichts, er muss über sie
weg. Den schweren linken Fuss hebt er mit unsäglicher Qual über das Tier, dessen
Rücken in Windungen unaufhörlich auf und nieder geht, da trifft ihn der Blick
des verdrehten Katzenkopfes von unten, die Rundheit des Katzenkopfes aus einem
zugleich katzenhaften und hündischen Gesicht, erfüllt mit Wollust und Todesqual
in grässlicher Vermischung - er will schreien, indem schreit es auch drin im
Zimmer: er muss sich durch den Wandschrank winden, der voll von den Kleidern der
Eltern ist. Immer grässlicher schreit es drin, wie ein lebendes Wesen, das ein
Mörder abtut. Es ist Romana, und er kann ihr nicht helfen. Es sind der
abgetragenen Kleider zu viel, die Kleider von den vielen Jahren, die nicht
weggegeben worden sind: schweisstriefend windet er sich durch - mit klopfendem
Herzen lag er wach in seinem Bett. Es war schon halb hell, aber noch vor Tag.
    Unruhe war im Haus, Türen gingen, im Hof war ein Geräusch von laufenden und
einander zurufenden Menschen. Da setzte der Schrei aufs neue ein, der seine
träumende Seele aus der Tiefe des Traums an das fahle Licht emporgezogen hatte.
Es war das durchdringende Weinen und Klagen einer Frauenstimme, ein gellendes
Jammern, unaufhörlich stossweise sich erneuernd. Andreas war aus dem Bett und zog
sich an, aber dabei war ihm zumut, wie einem Verurteilten, den das Rufen des
Henkers geweckt hat; der Traum hing noch zu sehr an ihm, die gestrige Nacht -
ihm war, als habe er etwas Schweres begangen und nun komme alles ans Licht.
    Er lief die Treppe hinab, der Stimme nach, die im ganzen Haus grässlich
hallte. Wenn er dachte, es könne Romana sein, so erstarrte ihm das Blut. Dann
war ihm wieder, solche Töne könnten aus ihr nicht herauskommen, auch wenn sie
als eine Märtyrerin auf dem Rost liege.
    Unten im Erdgeschoss lief ein kleiner Gang seitlich, der stand voller Knechte
und Mägde, die zur offenen Tür einer Kammer hineinstarrten. Andreas trat unter
sie, und sie liessen ihn durch. Auf der Schwelle zu der Kammer blieb er stehen.
Rauch und Gestank von Angebranntem schlug ihm entgegen. An den Bettpfosten war
eine fast nackte Weibsperson gebunden, aus deren Mund die unaufhörlichen
gellenden Klagen oder Anklagen hervorbrachen, die mit einem Klang wie aus der
höllischen Verdammnis bis in die Tiefe von Andreas' Traum hinuntergelangt
hatten. Der Bauer war um die Tobende, die Bäuerin halb angekleidet, der
Altknecht schnitt mit dem Taschenmesser den verknoteten Strick durch, der ihre
Fussknöchel mit dem Bett verband. Die Handfesseln, schon durchschnitten, und ein
Knebel lagen auf der Erde. Die Obermagd goss Wasser aus einem Krug auf die
glosende Matratze und die hinteren verkohlten Bettpfosten und trat die
glimmenden Funken in dem Stroh und Reisig aus, das vor dem Bett aufgehäuft war.
    Nun erkannte Andreas in der schreienden Gebundenen die junge Magd, die sich
gestern mit seinem Bedienten gemein gemacht hatte, und nun ahnte er einen
grässlichen Zusammenhang, dass es ihn heiss und kalt überlief. Das Schreien liess
nach, der Zuspruch des Bauern und der Bäuerin schien allmählich auf das vor
Angst halb wahnsinnige Geschöpf zu wirken. Zuckend lag sie der Obermagd im
Schoss, die sie mit einer Pferdedecke umwickelte. Sie fing an, auf die Fragen des
Bauern Antwort zu geben, das verschwollene Gesicht nahm einen menschlichen
Ausdruck an, aber jede Antwort wurde wieder zu einem die Seele zerreissenden
Schreien, das aus dem aufgerissenen Mund drang und durchs Haus hin schallte. Ob
der Mensch sie durch einen Schlag oder sonstwie betäubt habe und dann ihr erst
den Knebel in den Mund getan habe, fragte der Bauer, welcher Art das Gift
gewesen sei, das er für den Hund zusammengemischt habe, und ob zwischen diesem
und dem Augenblick, da sie den Knebel aus dem Mund kriegen und schreien konnte,
eine kurze oder lange Zeit verstrichen sei, - aber aus dem Mund des Geschöpfes
kam nichts andres heraus, als dass das Entsetzen sie heulen liess, damit ein
strafender Gott es höre: sie so angebunden und vor ihren sehenden Augen das
Feuer angemacht, und dann hinausgegangen und sie von aussen eingeriegelt, und
durchs Fenster auf sie hereingegrinst und ihrer in ihrer Todesangst gespottet.
Hinein mischte sie flehentliche Bitten, ihr die schwere Sünde zu verzeihen. Ein
Name wurde nicht genannt, aber Andreas wusste nur zu gut, von wem die Rede war.
Traumartig, als hätte er nun hier gesehen was er wollte, ging er durch die
Knechte und Mägde durch, die ihm stillschweigend Platz machten; da stand hinter
allen, in eine Türnische geduckt, Romana, halb angezogen, mit blossen Füssen und
zitternd. Fast so, wie ich sie im Traum gesehen habe, sagte es in ihm. Als sie
ihn gewahr wurde, nahm ihr Gesicht den Ausdruck masslosen Schreckens an.
    Er trat in den Stall, ein junger Knecht war leise hinter ihm dreingegangen,
vielleicht aus Misstrauen. Der Stand, worin gestern Andreas' Fuchs gestanden
hatte, war leer, der Braun stand auf den Beinen und sah jämmerlich drein. Der
hochgewachsene junge Knecht, der ein offenes Gesicht hatte, sah Andreas an, und
dieser entschloss sich zu fragen: »Hat er sonst noch was mitgehen lassen?« -
»Derzeit scheints nicht«, sagte der Knecht, »es sind ihm unser etliche nach,
aber sein Pferd ist wohl das schnellere, und er mag leicht zwei Stunden
Vorsprung haben.« Andreas sagte nichts. Sein Pferd war dahin und mehr als die
Hälfte seines Reisegeldes, das in den Sattel eingenäht war. Das aber schien ihm
das geringere vor der Schmach, wie er jetzt dastünde vor den Bauersleuten, denen
er dies scheussliche Greuel ins Haus gebracht hatte. Das Sprichwort »Wie der Herr
so der Knecht« fiel ihm ein, und blitzschnell die Umkehrung, dass er wie von Blut
übergossen vor dem ehrlichen Gesicht des Burschen dastand. - »Das Pferd da ist
auch bei uns gestohlen«, sagte dieser und zeigte auf den Braun, »der Herr hats
gleich gewusst, aber er hats Ihnen vorerst nicht sagen wollen.«
    Andreas antwortete nicht, er ging die Treppe hinauf, und ohne das Geld zu
zählen, das ihm geblieben war, nahm er so viel zu sich, als ihm nötig schien, um
dem Finazzer sein gestohlenes Gut wieder zu erstatten. Und da er keinen Anhalt
hatte, wieviel ein Klepper wie der Braun unter den Bauern wert sein könnte, so
steckte er auf jeden Fall so viel zu sich, als er in Villach dafür bezahlt
hatte. Dann stand er eine ganze Weile in unbewussten Gedanken vor dem Tisch in
seinem Zimmer, und endlich ging er hinunter, das Geschäft abzumachen.
    Er musste warten, bis er mit dem Bauern reden konnte, denn es waren eben die
drei Knechte eingeritten und berichteten, was sie ausgespäht und was sie von
begegnenden Hirten und Landhegern in Erfahrung gebracht hatten; aber es gab
wenig Aussicht, dass man des Halunken werde habhaft werden können. Der Bauer war
freundlich und gelassen, Andreas um so verlegener. - »Wollen Sie denn das Pferd
behalten«, fragte er, »und mir aufs neue abkaufen? denn ich weiss wohl, dass Sie
ehrlich bezahlt haben werden.« - Andreas verneinte. - »Wenn nicht, wie soll ich
von Ihnen Geld nehmen«, sagte er, »Sie haben mir ein gestohlenes Gut ins Haus
zurückgebracht und mich überdies ein schlechtes Stallmensch kennengelehrt, dass
ich sie aus dem Haus und vor die Gerichte bringen kann, bevor sie mir Ärgeres
anstellt. Sie sind ein unerfahrener junger Herr, und unser Herrgott hat sichtbar
seine Hand über Sie gehalten: die Magd hat eingestanden, sie hat beim
Zusammensein auf der Schulter des Halunken ein Brandmal gesehen, und sie meint,
hätte er ihren Blick nicht aufgefangen, über den er im Augenblick bleicher wurde
als die Wand, so hätte er ihr nicht so viehisch mitgespielt. Danken Sie Ihrem
Schöpfer, dass er Sie davor bewahrt hat, mit diesem entsprungenen Mordbuben eine
Nacht im Wald zu verbringen. Wenn Sie weiter nach Italien wollen, wie Sie
gestern gesagt haben, so kommt heute abend ein Fuhrmann hier durch, der bringt
Sie bis Villach, und von dort findet sich eine Gelegenheit ins Venezianische
hinunter, einen Tag über den anderen.«
Der Fuhrmann kam erst den nächsten Abend, und so verbrachte Andreas noch zwei
Tage auf dem Finazzerhof. - Es war ihm schlimm, dass er dem Bauern nach dieser
Sache noch zu Last liegen musste, ihm war zumut wie einem Gefangenen. Er schlich
im Haus herum, die Leute gingen ihrer Arbeit nach, auf ihn achtete niemand. Den
Bauern sah er von weitem durchs Fenster aufsitzen und wegreiten, die Bäuerin kam
ihm nicht zu Gesicht. Er ging aus dem Haus und die Wiese hinan, hinterm Gehöft.
Die Wolken hingen regungslos ins Tal hinein, alles war trüb und schwer, öde wie
am Ende der Welt. Er wusste nicht, wohin gehen, setzte sich auf einen Stoss
geschichteter Balken, die da lagen. Er wollte sich ein anderes Wetter denken,
ihm war, als könne dies Tal hier nur so aussehen. Und doch war ich gestern hier
so glücklich, sagte er und wollte sich Romanas Gesicht hervorrufen, konnte es
nicht und liess es auch gleich sein. So etwas kann nur dir passieren, hörte er
die Stimme seines Vaters sagen, so scharf und deutlich, als wäre es ausser ihm.
Er stand auf, tat ein paar träge Schritte, die Stimme sagte es noch einmal. Er
blieb stehen, er wollte sich dagegen auflehnen. Warum glaub ich es selbst,
grübelte er und ging langsam mit widerstrebendem Fuss den Pfad hinauf, und doch
war es ihm fürchterlich, weil er ihn gestern gegangen war. Darin war kein
Gedanke an Romana, nur das unerträglich scharfe Gefühl des Gestern, der
Nachmittagsstunde, auf die dann der Abend, die Nacht und diese Morgenstunde
gefolgt waren. »Warum weiss ichs selber, dass mir das hat passieren müssen«,
darüber grübelte er, und hie und da warf er auf die bewaldeten Abhänge drüben,
an denen der Nebel herumhing, einen Blick wie ein Gefangener auf die Wände
seines Kerkers.
    Zwischen diesem dumpfen Grübeln zählte er die Ausgaben der vier Reisetage
von Wien bis Villach zusammen, die ihm jetzt ausser allen Massen gross erschienen,
dann die Ausgabe für das zweite Pferd und den gestohlenen Betrag. Dann rechnete
er die übrige Summe aus österreichischem in venezianisches Geld um: in Zechinen
erschien sie ihm dürftig genug, aber in Dublonen gar so bettelhaft, dass er
verzagt stehenblieb und vor sich hinsann, ob er umkehren sollte oder
weiterreisen. Nach dem wie ihm zumute war, wäre er umgekehrt, aber das hätten
die Eltern nicht vergeben: so viel Geld war ausgegeben und für nichts und wieder
nichts. Er meinte zu fühlen, dass es den Eltern nicht um ihn ging und dass es ihm
Freude machte, sondern um die Repräsentation und das Ansehen. Die Gesichter der
Bekannten und Verwandten tauchten ihm auf, es waren hämische und aufgeblasene
darunter und gleichgültige und auch freundliche, aber nicht eines, bei dem ihm
die Brust weiter geworden wäre.
    Der Grossvater Ferschengelder fiel ihm ein, der Andreas geheissen hatte wie
er, und wie der einst einmal vom väterlichen Hof weg die Donau hinab gegen Wien
marschiert war, mit nicht mehr als einem Silbersechser im Schnupftuch und es zum
kaiserlichen Leiblakai und zum »Edlen von« brachte. Es war ein schöner Mann
gewesen, und der Andreas, hiess es, hätte von ihm die Statur, aber bei weitem
nicht das Auftreten. Der Vorwurf fiel ihm ein, vom Grossvater, auf dem der Stolz
der Familie ruhte, habe er wenig an sich, aber der Onkel Leopold schlage ihm ins
Genick. Der sei auch als Kind grausam gegen die Tiere gewesen und habe sich dann
zu einem gewalttätigen unglückseligen Menschen ausgewachsen, der das Vermögen
verringerte, die Familienehre nicht zu wahren wusste und über alle, die mit ihm
zu tun hatten, nichts als Kummer und Beschwerden brachte.
    Die stämmige Figur des Onkel Leopold stand vor ihm, das rote Gesicht, die
kugeligen Augen; er sah ihn aufgebahrt auf dem Totenbett liegen, und das
Ferschengelderwappen, auf ein Holz gemalt, lehnte zu Füssen des Bettes. Bei der
einen Tür, die der Bediente aufriss, trat die kinderlose rechte Frau herein, die
geborene della Spina, ein Taschentuch in ihren schönen vornehmen Händen, bei der
anderen halb offenen Tür drückte sich die andere, illegitime herein, die
bäurische mit dem runden Gesicht und dem hübschen Doppelkinn, hinter der ihre
sechs Kinder einander bei der Hand hielten und ängstlich an der Mutter vorbei
auf ihren toten Herrn Vater hinschauten. - Und wie es Betrübten und
Verfinsterten zu gehen pflegt, in der Erinnerung beneidete Andreas den Toten.
    Im Herabgehen fing er wieder zu rechnen an, um wieviel das
Ferschengelderische Anteil sich geschmälert hatte, er rechnete nach, welchen
Teil vom jetzigen Jahreseinkommen seine Reise verschlinge, und machte sich
hypochondrische Gedanken. Am Mittagstisch fand er seinen Platz bereit, aber
zuoberst sass heute die alte weisshaarige Magd und teilte aus, nicht nur der Bauer
fehlte, auch die Bäuerin und Romana. Andreas war, er habe es immer gewusst, und
er fühlte, dass er Romana nicht mehr sehen werde. Er ass schweigend, die
Dienstleute redeten untereinander, aber keiner berührte das Geschehnis der Nacht
mit einem Wort. Nur dass der Bauer auf Villach geritten sei, um bei dem
Gerichtshalter vorzusprechen, wurde erwähnt. Der Altknecht sagte, indem er
aufstand, über den Tisch zu Andreas, der Bauer lasse ihm sagen, es sei möglich,
dass der Fuhrmann auch erst morgen durchkäme, in diesem Fall möge sich Andreas so
lange gedulden und vorliebnehmen.
    Es war ein trüber, stiller Nachmittag. Andreas hätte was gegeben für einen
einzigen Windstoss. Aus dem Nebel hatten sich grosse und kleine Wolken geballt,
sie hingen da, regungslos, wie von Ewigkeit zu Ewigkeit. Andreas ging wieder den
Pfad hinauf gegen das Dorf. Hinunterzugehen ekelte ihn, den Rückweg berghinauf,
den Finazzerhof vor sich, hätte er nicht ertragen. Auf der anderen Talseite
wusste er keinen Weg. Hätte er einen Gefährten gehabt, nur einen Bauernhund oder
irgendein Tier. Das habe ich mir für alle Zeiten verwirkt, dachte er. Ihm kam
kein anderer Gedanke als ein quälender. Er sah sich als zwölfjährigen Knaben,
sah das Hündlein, das ihm zugelaufen war, ihm auf Schritt und Tritt folgte. Die
Demut, mit der es in ihm, dem ersten Begegnenden, seinen Herrn erblickte, war
unbegreiflich, die Freude, die Seligkeit, mit der es sich bewegte, wenn er es
nur ansah. Meinte es, sein Herr zürne, so warf es sich auf den Rücken, zog die
Beinchen angstvoll an sich, gab sich ganz preis, mit einem unbeschreiblichen
Blick von unten her. Eines Tages sah es Andreas in der gleichen Stellung vor
einem grossen Hund, die er geglaubt hatte, es nehme sie einzig gegen ihn ein, um
seinen Zorn zu beschwichtigen und sich seiner Gnade zu empfehlen. Die Wut stieg
in ihm auf, er rief das Hündlein zu sich. Schon auf zehn Schritte wurde es seine
zornige Miene gewahr. Und es kam kriechend heran, den zitternden Blick auf
Andreas' Gesicht geheftet. Er schmähte es eine niedrige und feile Kreatur, unter
der Schmähung kam es näher und näher. Ihm war, da habe er den Fuss gehoben und
traf das Rückgrat von oben mit dem Schuhabsatz. Das Hündlein gab einen kurzen
Schmerzenslaut und knickte zusammen, aber es wedelte ihm zu. Er drehte sich jäh
um und ging weg, das Hündlein kroch ihm nach, das Kreuz war gebrochen, trotzdem
schob es sich seinem Herrn nach wie eine Schlange, bei jedem Schritt
einknickend. Er blieb endlich stehen, da heftete das Hündlein einen Blick auf
ihn und verschied wedelnd. Ihm war unsicher, ob er es getan hatte oder nicht; -
aber es kommt aus ihm. So rührt ihn das Unendliche an. Die Erinnerung war
martervoll, trotzdem wandelte ihn ein Heimweh an nach dem zwölfjährigen Knaben
Andreas, der das begangen hatte. Alles schien ihm gut, was nicht hier war, alles
lebenswert ausser der Gegenwart. Er sah unten einen Kapuziner die Strasse wandeln.
An einem Kreuz kniete er nieder. Wie wohl musste dieser unbeschwerten Seele sein.
Er flüchtete mit seinen Gedanken in die Gestalt, bis sie ihm an einer Wendung
der Strasse entschwand. Dann war er wieder allein.
    Das Tal war ihm unerträglich, er kletterte zum Wald empor. Zwischen den
Stämmen war ihm wohler, feuchte Zweige schlugen ihm ins Gesicht, er sprang
dahin, auf dem Boden unter ihm knackten morsche Äste. Er richtete seine Sprünge
so ein, dass er sich jedesmal hinter starke Stämme verbarg, zwischen den Tannen
waren schöne alte Laubbäume, Buchen und Ahorn, hinter jedem dieser versteckte er
sich, dann sprang er weiter - endlich war er sich selber entsprungen wie einem
Gefängnis. Er stürmte in Sprüngen dahin, er wusste nichts von sich als den
Augenblick. Bald meinte er, er wäre der Onkel Leopold, der wie ein Faun im Wald
sprang, einer Bauerndirn nach, bald, er wäre ein Verbrecher und ein Mörder wie
der Gottelff, dem die Häscher nachsetzten. Aber er verstand sich zu retten -
ein Fussfall vor der Kaiserin ...
    Auf einmal fühlte er, dass wirklich ein Mensch in der Nähe war, der ihn
beobachtete. Auch das wurde vergällt! er duckte sich hinter einen Haselstrauch
und blieb regungslos wie ein Tier. Der Mensch auf der kleinen Waldblösse, fünfzig
Schritt vor ihm, spähte in den Wald hinein. Als er eine Weile nichts hörte, fuhr
er in seiner Arbeit fort. Er grub. Andreas sprang ihn an, von Baum zu Baum. Wenn
ein Zweig knackte, sah der draussen von seiner Arbeit auf, aber Andreas kam ihm
schliesslich ganz nah. Es war einer von den Knechten aus Castell Finazzer. Er
begrub den Hofhund, warf dann die Erde wieder in das Grab, glättete es mit der
Schaufel und ging weg.
    Andreas warf sich auf das Grab und blieb lange liegen in dumpfen Gedanken.
Hier! sagte er vor sich hin, hier! das viele Herumlaufen ist unnütz, man lauft
sich selber nicht davon. Bald ziehts einen dortin, bald zerrts einen dahin,
mich haben sie diesen weiten Weg geschickt, endlich endet er auf irgendeinem
Fleck, halt auf diesem! - Zwischen ihm und dem toten Hund war was, er wusste nur
nicht was, so auch zwischen ihm und Gottelff, der schuld an dem Tod des Tieres
war, - andrerseits zwischen dem Hofhund und jenem anderen. Das lief alles so hin
und her, daraus spann sich eine Welt, die hinter der wirklichen war, und nicht
so leer und öd wie die. - Dann staunte er über sich: wo komme ich her? - und ihm
war, da läge ein anderer, in den müsste er hinein, habe aber das Wort verloren.
    Der Abend war eingefallen ohne einen Streifen Rot am Himmel, ohne irgendein
Zeichen, in dem die Schönheit der wechselnden Tageszeit sich auswirkt. Aus den
hängenden Wolken trat ein ödes schwärzliches Dunkel hervor, und es fing aus der
Nebelluft still auf den Daliegenden zu regnen an. Ihn fror, er hob sich auf und
ging hinab.
    In seinem Traum der gleichen Nacht schien die Sonne, er ging tiefer und
tiefer in den hohen Wald hinein und fand Romana. Der Wald leuchtete je tiefer je
mehr, im mittelsten, wo alles am dunkelsten und leuchtendsten war, fand er sie
sitzen auf einer kleinen Inselwiese, die von leuchtendem Wasser umronnen war.
Sie war im Heuen eingeschlafen, Sichel und Rechen lagen nah bei ihr. Als er über
das Wasser stieg, sass sie auf und sah ihn an, aber fremd. Er rief sie an:
»Romana, siehst du mich?« - so leer ging ihr Blick. »O ja, freilich«, sagte sie
mit einem sonderbaren Blick, »weisst du, ich weiss nicht, wo der Hund begraben
liegt.« - Ihm war seltsam, er musste lachen über ihre Rede, so witzig schien sie
ihm. Sie ging ängstlich vor ihm zurück, übertrat sich mit den Füssen ins
aufgehäufte Heu und sank halb zu Boden, wie ein verwundetes Reh. Er war dicht
bei ihr und fühlte, sie hielt ihn für den bösen Gottelff und doch wieder nicht
für den Gottelff. Ganz sicher war auch ihm nicht, wer er war. Sie flehte zu
ihm, er solle sie doch nicht nackt vor allen Leuten ans Bett binden und sich
nicht davonmachen auf gestohlenem Pferd. Er fasste sie, er nannte sie zärtlich
beim Namen, ihre Angst war grässlich. Er liess sie los, da rutschte sie auf den
Knien ihm nach. »Komm nur wieder«, rief sie flehentlich, »ich gehe mit dir, und
wärs unter den Galgen. Der Vater will mich einsperren, die Mutter hält mich, die
toten Brüder und Schwestern wollen sich auch anhängen, aber ich mache mich los,
ich lasse sie alle und komme zu dir.« Er wollte zu ihr, da war sie verschwunden.
    Verzweifelnd stürzte er in den Wald, da kam sie ihm entgegen, zwischen zwei
schönen Ahornbäumen, fröhlich und freundlich, als wäre nichts geschehen. Ihre
Augen leuchteten seltsam, ihre nackten Füsse glänzten auf dem Moos und der Saum
ihres Rockes war nass. »Was bist du denn für eine«, rief er ihr staunend
entgegen. - »So eine halt«, sagt sie und hält ihm den Mund hin, »nein, so eine«,
ruft sie, wie er sie umfassen will, und schlägt mit dem Rechen nach ihm. Sie
traf ihn an der Stirn, es gab einen scharfen hellen Schlag wie gegen eine
Glasscheibe - er fuhr auf und war wach.
    Er wusste, dass er geträumt hatte, aber die Wahrheit in dem Traum durchfuhr
ihn mit Glück bis in die letzte Ader. Romanas ganzes Wesen hatte sich ihm
angekündigt mit einem Leben, das über der Wirklichkeit war. Alles Schwere war
weggeblasen. In ihm oder ausser ihm, er konnte sie nicht verlieren. Er hatte das
Wissen, noch mehr, er hatte den Glauben, dass sie für ihn lebte. Er trat in die
Welt zurück wie ein Seliger. Ihm war, sie stand vielleicht unten, hatte einen
Stein an die Glasscheibe geworfen, ihn dadurch geweckt. Er lief ans Fenster, da
war ein Sprung in der Scheibe, im Fensterrahmen lag ein toter Vogel. Er ging
langsam zurück, den Vogel in der Hand, den er auf sein Kopfkissen legte. Der
kleine Leichnam durchströmte seinen Puls mit Wonne, ihm war, er hätte leicht dem
Tier das Leben zurückgeben können, wenn er es nur an sein Herz genommen hätte.
Er sass auf dem Bette in tausend strömenden Gedanken: er war glücklich. Sein Leib
war ein Tempel, in dem Romanas Wesen wohnte, und die verrinnende Zeit umflutete
ihn und spielte an den Stufen des Tempels. -
    Im Haus war zuerst alles still im grauenden Morgen, und der Regen fiel. Als
er aus seiner träumenden Entrückteit hervorstieg, war es hoch am Tag und hell.
Im Haus war alles geschäftig. Er ging hinunter, liess sich ein Stück Brot geben
und trank am Brunnen. Er strich im Haus herum, niemand beachtete ihn. Wo er ging
und stand, war ihm wohl: seine Seele hatte einen Mittelpunkt. Er ass mit den
Leuten, der Bauer war noch nicht zurück, von der Bäuerin und Romana redete
niemand. Nachmittags kam der Fuhrmann, er war bereit, Andreas mitzunehmen, aber
nach dem Gang seiner Geschäfte musste er noch vor Abend aufbrechen; übernachten
würden sie im nächsten Dorf talab.
    Ein frischer Wind blies zum Tal herein, schöne grosse Wolken zogen querüber,
und draussen gegens Land war es leuchtend hell. Ein Knecht trug den Mantelsack
und das Felleisen hinunter zum Wagen, Andreas folgte ihm. Unten an der Treppe
kehrte er wieder um, und eine Stimme sagte ihm, jetzt stünde Romana wartend oben
in seinem leeren Zimmer. Als er über die Schwelle trat und sie nicht da war,
konnte er es kaum begreifen, er sah in alle Ecken, als könnte sie sich in der
getünchten Wand verborgen haben. Mit gesenktem Kopf ging er wieder hinunter.
Unten stand er lange unschlüssig und horchte: draussen redeten die Knechte, die
dem Fuhrmann einspannen halfen. Andreas fühlte ein Engerwerden um die Brust.
Ohne seinen Willen trugen ihn die Füsse in den Stall. Der Braun stand da und frass
mit trübseligem Gesicht und zurückgelegten Ohren, ein paar von den Bauernpferden
drehten sich in ihrem Stand nach dem Eintretenden um. Andreas stand eine
unbestimmte Zeit in dem dämmernden Raum und horchte auf ein Zwitschern - da fuhr
durch das kleine vergitterte Fenster ein goldener Strahl schräg hindurch bis
gegen die Stalltür und blieb so, eine Schwalbe glitt aufleuchtend hindurch, und
hinter ihr Romanas Mund, offen, feucht und zuckend vor unterdrücktem Weinen.
Kaum begriff er, dass sie jetzt leibhaftig vor ihm stand; aber er begriff es
doch, und die Überfülle lähmte alle seine Glieder. Sie war blossfüssig, die Zöpfe
hinunterhängend, als wäre sie aus dem Bett gesprungen, zu ihm gelaufen. Er
konnte und er wollte nicht fragen, nur seine Arme hoben sich ihr halb entgegen.
Sie kam nicht auf ihn zu, sie wich ihm auch nicht aus, sie war ihm so nah, als
wäre sie in ihm, dabei schien es wieder, als sähe sie ihn gar nicht. Jedenfalls
blickte sie ihn nicht an; auch er tat nichts, um sich ihr zu nähern. Aus ihrem
Mund wollte ein Wort hervor, aus ihren Augen die Tränen. Sie riss unablässig an
ihrer dünnen silbernen Halskette, als ob sie sich erdrosseln wollte, und entzog
sich ihm dabei völlig; es war, als ob der Schmerz jetzt mit ihr ein Spiel
spielte, darüber sie die Nähe Andreas' gar nicht fühlte. Endlich riss die Kette,
ein Stück glitt ihr ins offene Hemd, das andere blieb ihr in der Hand. Dieses
drückte sie Andreas von oben her auf den Handrücken, ihr Mund zuckte, als müsste
ein Schrei heraus und könnte nicht, sie lehnte sich gegen ihn, ihr Mund, der
feucht und zuckend war, küsste den seinen - da war sie davon.
    Das Stück silberne Kette war von Andreas' Hand hinabgeglitten. Er hob es aus
dem Stroh - er wusste nicht, sollte er ihr nach, alles ging in der Welt vor und
zugleich mitten in seinem Herzen, wo noch nie ein Fremdes ihn durchschnitten
hatte, - da hörte er, die draussen suchten ihn, wer wurde nach ihm die Treppe
hinaufgeschickt. Nun musste sich alles entscheiden. Jetzt alles umstossen, dachte
er blitzschnell, sagen, ich bleibe da, das Gepäck abnehmen lassen, die Knechte
bedeuten, ich habe mich anders besonnen? Wie war denn das möglich? und wie
konnte er vor den Finazzer, auch nur vor die Bäuerin hintreten? mit welcher
Rede, mit was an Begründung? Wer hätte er sein müssen, um sich eine solche
Handlungsweise zu erlauben und sich dann in einer solchen blitzartig veränderten
Lage zu behaupten?
    Er sass schon auf dem Frachtwagen, die Pferde zogen an, er wusste nicht wie.
Eine Zeit muss vergehen, hierbleiben kann ich nicht, aber wiederkommen kann ich,
dachte er, und bald, als der Gleiche und als ein Anderer. Er fühlte die Kette
zwischen seinen Fingern, die ihn versicherte, dass alles wirklich war und kein
Traum.
    Der Wagen rollte bergab, vor ihm war die Sonne und das erleuchtete weite
Land, hinter ihm das enge Tal mit dem einsamen Gehöft, das schon im Schatten
lag. Seine Augen sahen nach vorn, aber mit einem leeren kurzen Blick, die Augen
des Herzens schauten mit aller Kraft nach rückwärts. Die Stimme des Fuhrmannes
reisst ihn aus sich, der mit der Peitsche nach oben zeigte, wo in der reinen
Abendluft ein Adler kreiste. Nun wurde Andreas erst gewahr, was vor seinen Augen
lag. Die Strasse hatte sich aus dem Bergtal herausgewunden und jäh nach links
hingewandt; hier war ein mächtiges Tal aufgetan, tief unten wand sich ein Fluss,
kein Bach mehr, dahin, darüber aber jenseits der mächtigste Stock des Gebirges,
hinter dem, noch hoch oben, die Sonne unterging. Ungeheure Schatten fielen ins
Flusstal hinab, ganze Wälder in schwärzlichem Blau starrten an dem zerrissenen
Fuss des Berges, verdunkelte Wasserfälle schossen in den Schluchten hernieder,
oben war alles frei, kahl, kühn emporsteigend, jähe Halden, Felswände, zuoberst
der beschneite Gipfel, unsagbar leuchtend und rein.
    Andreas war zumut wie noch nie in der Natur. Ihm war, als wäre dies mit
einem Schlag aus ihm selber hervorgestiegen: diese Macht, dies Empordrängen,
diese Reinheit zuoberst. Der herrliche Vogel schwebte oben allein noch im Licht,
mit ausgebreiteten Fittichen zog er langsame Kreise, der sah alles von dort, wo
er schwebte, sah noch ins Finazzertal hinein, und der Hof, das Dorf, die Gräber
von Romanas Geschwistern waren seinem durchdringenden Blick nahe wie diese
Bergschluchten, in deren bläuliche Schatten er hinabäugte, nach einem jungen Reh
oder einer verlaufenen Ziege. Andreas umfing den Vogel, ja er schwang sich auf
zu ihm mit einem beseligten Gefühl. Nicht in das Tier hinein zwang es ihn
diesmal, nur des Tieres höchste Gewalt und Gabe fühlte er auch in seine Seele
fliessen. Jede Verdunklung, jede Stockung wich von ihm. Er ahnte, dass ein Blick
von hoch genug alle Getrennten vereinigt und dass die Einsamkeit nur eine
Täuschung ist. Er hatte Romana überall - er konnte sie in sich nehmen wo er
wollte. Jener Berg, der vor ihm aufstieg und dem Himmel entgegenpfeilerte, war
ihm ein Bruder und mehr als ein Bruder. Wie jener in gewaltigen Räumen das zarte
Reh hegte, mit Schattenkühle es deckte, mit bläulichem Dunkel es vor dem
Verfolger barg, so lebte in ihm Romana. Sie war ein lebendes Wesen, ein
Mittelpunkt und um sie ein Paradies, nicht unwirklicher, als dort jenseits des
Tales sich entgegentürmte. Er sah in sich hinein und sah Romana niederknien und
beten: sie bog ihre Knie wie das Reh, wenn es sich zur Ruhe bettet, die zarten
Ständer kreuzt, und die Gebärde war ihm unsagbar. Kreise lösten sich ab. Er
betete mit ihr, und wie er hinübersah, war er gewahr, dass der Berg nichts
anderes war als sein Gebet. Eine unsagbare Sicherheit fiel ihn an: es war der
glücklichste Augenblick seines Lebens.
Als er zu seinen Hausleuten herunterkam, fand er das Mädchen Zustina in eifrigem
Handel mit einem kleinen Mann in mittleren Jahren, dessen Gesicht durch eine
fast halbmondförmig gekrümmte Nase ein verwegenes und besonderes Aussehen
erhielt, und der in einem baumwollenen Schnupftuch etwas in der Hand trug, wovon
das Zimmer mit Fischgeruch erfüllt war. »Nein, es geht wirklich nicht, was Sie
sich von den Leuten aufschwätzen lassen«, hörte er sie sagen. »Wenn es ein
anderer Tag wäre, würde ich es vor der Mutter verantworten. Aber heute müssen
Sie mir wieder herunter. Und vergessen Sie dann auch den Tapezierer nicht.
Verhandeln Sie es mit ihm Punkt für Punkt, genau so wie ich gesagt habe.
Tapezierer sind verschlagene Leute und ohne Gewissen, aber ein Mann, der sich
auszudrücken versteht, wie Sie sind, muss jedem gewachsen sein. Die Ziehung ist
genau eine Woche nach Mariä Geburt, also muss am Abend vorher der Altar geliefert
sein. Fehlt das geringste, so wird ihm ein halber Silberdukaten abgezogen. Genau
wie einen Fronleichnamsaltar will ichs haben, vorne eine Draperie mit Girlanden,
und in die Mitte zwischen frischen Blumenarrangements kommt die Urne, aus der
die Lose gezogen werden. Für die Aufstellung darf er nichts separat rechnen. Er
hats ins Haus zu liefern, beim Zurichten und Dekorieren muss Zorzi helfen. Jetzt
gehen Sie und richten es so aus, dass man Sie beglückwünschen muss, und lassen Sie
mir Ihr Ausgabenbuch da, ich werde es durchsehen.«
    Der Alte entfernte sich, als Andreas eintrat. »Da sind Sie ja«, sagte
Zustina. »Ihr Gepäck liegt schon unten. Zorzi wird Leute holen, die es
heraufschaffen. Dann wird er Ihnen ein gutes Kafeehaus zeigen und Sie, wenn Sie
wollen, zu meiner Schwester begleiten, die sich sehr freuen wird, Ihre
Bekanntschaft zu machen. - Zu solchen Diensten ist er gut«, setzte sie hinzu,
»im übrigen ist es durchaus nicht nötig, dass Sie gleich Ihren Vertrauten aus ihm
machen. Das ist übrigens Ihre Sache, es gibt allerlei Menschen auf der Welt, und
jeder muss sehen, wie er sich durchfindet. Ich sage, man muss die Welt nehmen wie
sie ist.« Sie lief zum Herd, sah in der Röhre nach, begoss den Braten; ein paar
Kleidungsstücke, die der Mutter und dem Bruder zu gehören schienen, verschwanden
in einem grossen Schrank. Sie jagte die Katze vom Speisebrett und besorgte einen
Vogel, der im Fenster hing. »Eines wollte ich Ihnen auch sagen«, fuhr sie fort
und blieb einen Augenblick vor Andreas stehen, »ich weiss nicht, ob Sie eine
grössere Summe Geldes bei sich haben oder einen Brief an einen Herrn Bankier.
Wenn es das erstere ist, so geben Sie es einem Geschäftsfreund oder wen immer
Sie hier in der Stadt kennen zum Aufheben. Nicht als ob es unehrliche Leute im
Hause gäbe, aber ich will keine Verantwortung haben. Ich habe genug zu tun, das
Haus in Ordnung zu halten, meine zwei Brüder zu unterrichten und für meinen
Vater zu sorgen; denn meine Mutter ist meist auswärts beschäftigt. Auch können
Sie denken, dass mir die Vorbereitung für die Lotterie Mühe und Denken genug
kostet. Wie leicht beleidigt man ... - Sie müssen entschuldigen, dass es uns
nicht möglich ist, Ihnen ein Los anzubieten, obwohl Sie bei uns wohnen, aber Sie
sind ein Fremder, und in einem solchen Punkt sind unsere Protektoren sehr genau.
Der zweite Preis ist auch sehr anständig, es ist eine goldene emaillierte Dose;
ich werde sie Ihnen zeigen, sobald der Juwelier sie abliefert.«
    Sie rechnete unterweilen stehend das kleine Ausgabenbuch nach und bediente
sich dazu eines winzigen Bleistifts, den sie in irgendeiner Locke ihres Toupets
verborgen gehabt hatte; denn sie war frisiert wie zu einem Ball mit einem hohen
Toupet und trug Tuchpantoffel, einen Taffetrock mit Silberspitzen, oben aber
eine karierte Hausjacke, die ihr viel zu weit war und den reizenden schlanken,
aber gar nicht kindlichen Hals völlig zeigte. Ihre Augen gingen unterm
halblauten Rechnen, mit dem sie ihre Rede unterbrach, bald auf Andreas, bald auf
den Herd, bald auf die Katze. Auf einmal schoss ihr etwas durch den Kopf, sie
flog ans Fenster, bog sich weit hinaus und rief durchdringend hinunter: »Graf
Gasparo! Graf Gasparo! Hören Sie mich noch! Ich möchte Ihnen noch etwas sagen.«
    »Hier bin ich«, sagte der Herr mit der Hakennase und den Fischen und trat
unvermutet durch die Tür ins Zimmer. »Was schreist du nach mir durchs Fenster? -
hier stehe ich«, und er wandte sich zu Andreas: »ich habe soeben unten erst
vernommen, dass Sie der ansehnliche junge Fremde sind, den ich die Ehre habe, als
meinen Gast zu begrüssen. Ich wünsche Ihnen und uns, es möge Ihnen unter unserem
bescheidenen Dache wohlergehen. Sie bewohnen die Zimmer meiner Tochter Nina. Sie
kennen sie noch nicht, und so können Sie den Beweis der Hochschätzung und des
Vertrauens noch nicht ermessen, den wir Ihnen geben, indem wir dieses
Appartement zu Ihrer Verfügung stellen. Das Zimmer eines solchen Menschen ist
wie das Kleid eines Heiligen, an dem Kräfte haften. Was immer Sie in dieser
Stadt erleben werden - und Sie sind hergekommen, um Erlebnisse und Erfahrungen
zu sammeln -, in diesen Wänden wird die Ruhe des Gemüts und das Gleichgewicht
der Seele Ihnen zurückkehren. Die Luft selber in diesen Zimmern atmet, wie soll
ich sagen, eine unüberwindliche Tugend. Lieber zu sterben als diese Tugend zu
opfern, war der eherne Vorsatz meines Kindes. Ich, mein Herr«, er berührte
Andreas mit seiner Hand, die weiss und ausserordentlich wohlgeformt, nur zu klein
für einen Mann und dadurch unerfreulich war, »war weder imstande, meine Tochter
in einer solchen Gesinnung zu bestärken, noch sie dafür zu belohnen. Ich bin
eine gescheiterte Existenz, herabgestürzt in Stürmen von der Höhe meiner
Familie.« Er trat zurück und liess die Hand mit einer unnachahmlichen Gebärde
sinken. Mit einer Verneigung verliess er das Zimmer.
    Zustinas Gesicht strahlte vor Bewunderung über die Rede des Grafen. Wirklich
war die Art, wie er die wenigen Sätze vorgebracht hatte, ein Meisterwerk von
Anstand und Abstufung: Würde mischte sich in ihr mit Menschlichkeit, Ernst und
Erfahrung war durch Zutrauen gemildert. Der Ältere sprach zum Jüngeren, der
Hausherr zu seinem Gast, der vom Leben geprüfte Greis väterlich zum ungeprüften
Jüngling und ein venezianischer Edelmann zum Edelmann: - das alles war darin.
»Was sagen Sie dazu, wie mein Vater sich ausdrückt?« fragte sie. Über dem
aufrichtigen und kindlichen Vergnügen, das sie empfand, schien sie vergessen zu
haben, dass sie den Vater um irgendeiner Sache willen zurückgerufen hatte. »So
findet er in jeder Lage«, rief sie mit leuchtenden Augen, »das richtige Wort. Er
hat viel Unglück gehabt und viele Feinde, aber seine grossen Talente kann ihm
niemand abstreiten.« War sie früher quecksilbern und eifrig gewesen, aber dabei
trocken, so war sie nun erst ganz belebt von innen heraus, ihre Augen
leuchteten, und ihr Mund bewegte sich mit einem unbeschreiblichen, kindhaften
Eifer. Etwas in ihr liess an ein Eichhörnchen denken, doch war sie eine resolute
brave kleine Frau.
    »Nun kennen Sie also auch meinen Vater, und ehe eine Stunde vergeht, werden
Sie meine Schwester kennenlernen und sicher auch einige ihrer Freunde. Der
vornehmste darunter ist der Herzog von Camposagrado, der spanische Gesandte. Er
ist ein so grosser Herr, dass, wenn der König von Spanien mit ihm spricht, so
setzt er seinen Hut auf. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie ihn sehen, er sieht aus
wie ein wildes Tier, aber er ist ein sehr grosser Herr. Da hat sie einen unter
ihren Freunden, der mir selbst gefiele, - aber wozu von mir sprechen. Es ist ein
österreichischer Hauptmann, ein Slawonier, das heisst, er besitzt ein
österreichisches Hauptmannspatent und hat Privilegien, die Vieheinfuhr für
ungarische und steirische Ochsen über Triest, ein schönes Geschäft, und er ist
auch ein schöner Mann und in Nina verliebt über alle Begriffe. Denken Sie, dass
er nie von Tisch aufsteht ohne auf ihr Wohl zu trinken und dass er dann jedesmal
sein Glas durch die Scheiben in den Kanal oder gegen die Mauer wirft, wenn es
aber ein besonderer Tag ist, so zerschlägt er in der gleichen Weise alles Glas
was auf dem Tisch ist, und alles Nina zu Ehren. Natürlich bezahlt er dann die
Gläser. Ist das nicht eine Bestialität? - aber in seinem Land ist das grösste
Höflichkeit. Er ist ein grosser Spieler - nun, Sie werden ihn selbst kennenlernen
und werden leben wie die andern. Wäre er mein Mann, würde ich ihms schon
abgewöhnen. Eines aber«, fuhr sie fort und sah ihn ernstaft und wichtig an, mit
einem reizenden Ausdruck, »wenn Sie Händel bekommen, Missverständnisse, Zank und
Streit, so setzen Sie Ihren Willen durch. Lassen Sie sich nicht durch Tränen
herumkriegen, weder durch die Tränen von Weibern noch von Männern. Das ist eine
läppische Schwachheit, die ich nicht leiden kann. Aber ich spreche nicht von
Ninas Tränen. Ninas Tränen sind echt wie Gold. Wenn sie weint, da ist sie wie
ein kleines Kind. Man hat nicht das Herz, ihr zu versagen, was sie sich wünscht,
denn sie hat ein zehnmal besseres Herz als ich, obwohl sie schon einundzwanzig
ist und ich noch nicht sechzehn. Aber was kann das Sie interessieren«, setzte
sie mit einem schelmischen Blick hinzu, indem sie den Vogel am Fenster
versorgte, »mich über mich reden zu hören - dazu sind Sie nicht nach Venedig
gekommen. Gehen Sie hinunter, Zorzi wird unten stehen und auf Sie warten.«
    Andreas war schon auf der Treppe, als sie ihm nachkam. »Noch eins - es ist
mir nur so durch den Kopf gegangen. Sie sehen gutmütig aus, und einen Guten muss
man beim ersten Schritt warnen. Lassen Sie sich niemals von einem andern Wechsel
zum Akzeptieren aufschwätzen, wenn er Ihnen auch zur Deckung andere zugleich
anbietet, die vor den seinigen fällig sind, -niemals, verstehen Sie mich.« Einen
Augenblick legte sie ihre Hand leicht auf Andreas' Arm - es war ganz die gleiche
Gebärde, die vorhin der Vater gehabt hatte, aber wie wahr ist das Sprichwort,
wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. Es war eine so reizende kleine
Hand und die mütterliche, frauenhafte Gebärde bezaubernd. - Sie war schon wieder
drin, und als Andreas die Treppe hinabging, hörte er sie auf der andern Seite
durchs Fenster Zorzi zurufen.
    »Ist sie nicht eine allerliebste kleine Frau«, sagte Zorzi, der unten stand,
als hätte er erraten, womit sich Andreas' Gedanken beschäftigten. - »Aber was
hat es mit der Lotterie auf sich«, fragte Andreas nach den ersten Schritten,
»wer gibt die Preise aus, und was hat die Familie damit zu schaffen? es sieht ja
aus, als wären sie selber die Veranstalter.« Der Maler antwortete nicht
sogleich. »Das sind sie auch«, sagte er, indem er seine Schritte an einer
Strassenecke verlangsamte und Andreas an sich herankommen liess. »Warum soll ich
es Ihnen nicht sagen? die Lotterie geht in einem kleinen Kreise von vornehmen
und reichen Herren vor sich, und der erste Preis ist die Kleine selber.« - »Wie,
sie selber?« - »Nun, ihre Jungfernschaft, wenn Sie ein anderes Wort wollen. Sie
ist ein gutes Geschöpf und hat sich in den Kopf gesetzt, ihren Leuten aus dem
Elend zu helfen. Sie sollten hören, wie schön sie über die Sache redet und
welche Mühe sie sich mit der Subskription gegeben hat. Denn bei ihr muss alles
nett und ordentlich zugehen. Ein grosser Herr, der ein alter Gönner der Familie
ist, hat das Protektorat übernommen«, hier dämpfte er die Stimme, » - es ist der
Patrizier Herr Sacramozo, der zuletzt Gouverneur von Korfu war. Ein Los kostet
nicht weniger als vierundzwanzig Zechinen, und es ist kein Name auf die
Subskriptionsliste gesetzt worden, der nicht von Herrn Sacramozo gebilligt
worden wäre.«
    Andreas war plötzlich heftig errötet, so dass die Sehkraft seiner Augen durch
ein Flimmern geschwächt war und er über einen zertretenen Paradeisapfel, der vor
seinen Füssen lag, fast ausgeglitten wäre. Der andere sah ihn im Gehen von der
Seite an. »Eine solche Sache«, fuhr er fort, »kann sich im Kreis von vornehmen
Leuten abspielen, und die den Anstand haben, nichts davon verlauten zu lassen;
andernfalls würde die Behörde sich dreinmischen. So wird von den hiesigen Herren
nicht gern ein Fremder in eine Verabredung dieser Art hineingezogen. Wenn Ihnen
aber sehr viel daran liegt, so will ich mir Mühe geben, und vielleicht kann ich
Ihnen indirekt ein Los verschaffen, ich meine in der Weise, dass einer der
Subskribenten Ihnen gegen eine Abfindung, die nicht wenig sein wird, seine
Chance abtritt, ohne dass Ihr Name genannt wird.« Andreas wusste nicht, was er
antworten sollte, und ging schnell auf etwas anderes über, indem er sein
Erstaunen darüber aussprach, dass die ältere Tochter keinen besseren Weg wüsste,
ihrer Familie beizuspringen, und es der kleinen Schwester überliess, sich in
dieser ungewöhnlichen Weise aufzuopfern.
    »Nun, etwas so Ungewöhnliches ist es ja nicht, was sie tut«, erwiderte der
andere, »und von Nina ist nicht viel zu erwarten, das weiss die Kleine selber am
besten. Nina ist keine Wirtschafterin, und was Sie ihr heute schenken, zergeht
ihr morgen zwischen den Fingern. Sie ist eine Schönheit, aber an Kopf kann sie
sich mit Zustina nicht messen. Schaun Sie wie sie ist: einmal will ich ihr einen
reichen vornehmen Herrn aus Wien vorstellen, den Grafen Grassalkowicz, - der
Name wird Ihnen nicht fremd sein. Und Sie werden wissen, was es bedeutet, die
Bekanntschaft dieses Herrn zu machen, der, wie Sie wissen, zwei Palais in Wien
und eins in Prag hat, und dessen Güter in Kroatien so gross sind als der ganze
Besitz der Republik. Wie heisst der Mensch, sagt sie und lässt sich den Namen
wiederholen, dabei zieht sie die Nasenflügel nach oben; wenn sie das tut, ist
bei ihr nichts zu machen, so wenig wie bei einem stützigen Pferd. Der Name, sagt
sie, klingt wie ein recht gemeiner Fluch, und wie der Name, so wird auch der
Träger sein. Führe ihn wohin du willst, ich mag nichts von ihm wissen. Da haben
Sie die ganze Nina.«
    Andreas dachte, es sei keine so ungewöhnlich grosse Auszeichnung, als er
bisnun angenommen hatte, durch diesen Freund bei Fräulein Nina eingeführt zu
werden, aber er behielt seine Gedanken bei sich.
    Sie waren auf einem freien Platz angekommen: vor einer kleinen Kaffeebutik
standen im Freien hölzerne Tischchen und Strohstühle; an einem schrieb ein Herr,
der ganz in Schwarz gekleidet war, Briefe. An einem andern sass ein plumper Mann
mit bläulicher Rasur in mittleren Jahren, der einen fremdartigen langen Rock mit
Verschnürung trug, und hörte in bequemer Stellung und mit unbewegter Miene einem
jungen Mann zu, der in ihn hineinredete, dabei nicht wagte, seinen Stuhl an den
Tisch zu ziehen, ja sich kaum wirklich niederzusitzen getraute, dass Andreas ihn
nicht ansehen konnte, ohne Mitleid und Unruhe zu spüren.
    »Sehen Sie dort die zwei«, flüsterte Zorzi und schob die Schokolade an sich,
die Andreas für ihn hatte kommen lassen. »Es ist ein reicher Grieche und sein
Neffe. Der Alte ist Millionär und der arme Bursch sein einziger Verwandter. Aber
er ist mit ihm unzufrieden, weil der Junge gegen seinen Willen geheiratet hat,
und er erlaubt ihm nicht einmal, sein Haus zu betreten. Dem Jungen geht das
Wasser bis an den Hals, und er ist in den Händen von jüdischen und christlichen
Wucherern und läuft dem Onkel auf Schritt und Tritt nach. Sehen Sie unauffällig
hin: der Alte würdigt ihn kaum eines Blickes, geschweige denn einer Antwort. Er
raucht und lässt ihn reden - bemerken Sie, wie der unglückselige Bettler sich
krümmt, nichts von dem Rauch mitzurauchen. Und nach einer Weile, merken Sie auf,
- er wird seinen Kaffee zahlen und fortgehen, am Schluss wird der Junge vor ihm
auf die Knie fallen, der Alte wird so wenig darauf achten, als wenn es ein Hund
wäre. Er wird sich an sein Gewand hängen, der Alte wird ihn abschütteln und
seines Weges gehen, als wenn er allein wäre. Dasselbe Schauspiel können Sie
mehrmals im Tag sehen, morgens vor der Börse, hier, und abends auf der Riva. Ist
es nicht unterhaltend, wie bestialisch die Menschen einander mitspielen und wie
beharrlich sie in ihrer Bosheit sein können!«
    Andreas hörte kaum zu, so sehr beschäftigte ihn die Erscheinung des
schreibenden Herrn. Es war ein überlanger, schmaler Körper, der sich schreibend
über das kleine Tischchen bog, unter welchem die langen Beine keinen Platz
fanden als durch Bescheidenheit, überlange Arme, die sich notdürftig
unterbringen konnten, überlange Finger, die den schlechten, ächzenden Federkiel
führten. Die Stellung war unbequem und beinahe lächerrlich, aber nichts hätte das
Wesentliche des Mannes schöner entüllen können als diese Unbequemlichkeit und
wie er sie ertrug, besiegte, ihrer nicht gewahr wurde. Er schrieb hastig, die
Zugluft zerrte an dem Blatt, er hätte müssen ungeduldig sein, und doch war eine
Beherrschung in allen seinen Gliedern, eine - so seltsam das Wort klingen mag -
Verbindlichkeit gegen die toten Gegenstände, die ihm so mangelhaft zu Dienst
standen, ein Hinwegsehen über die Unbequemlichkeit der Lage, das unvergleichlich
war. Ein starker Luftzug warf eines der Blätter zu Andreas hinüber. Andreas fuhr
auf und beeilte sich, dem Fremden das Blatt zu reichen, der sich selbst ohne
Hast seitlich gebückt hatte, mit einer halben Neigung das gereichte in Empfang
nahm, wobei Andreas der Blick seiner dunklen Augen traf, die ihm schön schienen,
obwohl sie in einem Gesicht sassen, das niemand für schön halten konnte. Der Kopf
war bei weitem zu klein für die Gestalt und die gelbliche, etwas leidende Miene
so seltsam verzogen, dass Andreas der ungereimte Gedanke an das vertrocknete
Gesicht einer toten Kröte durch den Sinn fuhr.
    Er hätte mögen viel von diesem Manne wissen - aber gerade nichts durch
Zorzi, der sich zu ihm herüberlehnte und ihm zuwisperte: »Ich werde Ihnen sagen,
wer das ist, sobald er weggegangen ist. Ich will jetzt den Namen nicht nennen.
Er ist der Bruder eben - des grossen Herrn, den ich Ihnen vorhin als Protektor
der Familie, bei der Sie wohnen, genannt habe. Sie verstehen mich, als den,
unter dessen Ägide die Lotterie vor sich geht. Es ist ein Malteser«, fuhr er
dann fort, hielt aber sogleich inne, als der Schreibende den Kopf hob, » - trägt
aber, wie Sie sehen, auf seinen Kleidern nicht das Kreuz, das zu tragen er nicht
nur berechtigt, sondern auch verpflichtet ist. Er hat grosse Reisen gemacht, man
sagt, er sei im Innersten von Ostindien oder gar an der Chinesischen Mauer
gewesen, und soll nach den Reden der einen im Dienst der Jesuiten stehen, nach
den andern nicht viel anderes als ein Freimaurer sein.«
    Der reiche Grieche und sein bettelarmer Neffe standen auf - die plumpe
Herzenshärte des einen, die hündische Demut des anderen waren abscheulich. In
beiden schien die Menschennatur entwürdigt. Für Andreas war es ausser der
Begreiflichkeit, dass ein so gemeines Schauspiel sich in solcher Nähe eines
Wesens, wie der Ritter ihm dünkte, abspielen konnte; ja als nun beide
gegeneinander, in einer Art von Fauchen der eine und Winseln der andere, ihre
Stimmen erhoben, meinte er dazwischenspringen und sie mit dem Stock zur Ruhe
bringen zu müssen. Einen Augenblick sah der Malteser auf, aber er blickte über
die beiden Menschen hinweg, als wären sie nicht da, und nickte, im Aufstehen den
Brief verschliessend, einem jungen Burschen zu, der nun vorsprang und mit einer
Verbeugung den Brief in Empfang nahm und damit abging, indessen der Ritter sich
nach der anderen Seite entfernte.
    Als er um die Ecke verschwunden war, schien Andreas der Platz verödet. Zorzi
bückte sich und brachte unter dem Tisch ein gefaltetes Briefblatt hervor: »Da
hat uns der Wind etwas von der Korrespondenz des Herrn Ritter Sacramozo unter
die Füsse geworfen«, sagte er, »entschuldigen Sie mich für einen Augenblick, ich
will dem Ritter es nachtragen.« - »Lassen Sie mich es ihm zurückgeben«, fuhr es
aus Andreas' Mund; ihm war, als hätte seine Zunge es aus eigener Macht gesagt,
und schon hatte er das Blatt angefasst. Ihm lag unendlich an der Erfüllung dieses
Wunsches, er zog das Papier dem andern aus den Fingern und lief in einem engen
Gässchen hinter dem Malteser drein.
    Es war mehr als Grazie, eine wahre unnachahmliche Vornehmheit, mit der der
Ritter ihn anhörte und das Blatt entgegennahm, und Andreas glaubte niemals eine
wunderbarere Übereinstimmung zwischen der Haltung eines Menschen und dem Klang
seiner Stimme wahrgenommen zu haben. Die Worte »Sie sind sehr freundlich, mein
Herr«, kamen deutsch und in der besten Aussprache von seinen Lippen. Sein
herzenswarmes und zugleich seelenvolles Gesicht schien eine tiefe, aus der Seele
dringende Freundlichkeit auszudrücken. In der Spanne eines Augenblickes fühlte
sich Andreas mit Wohlwollen empfangen, in eine jede Fiber seines Wesens
erhöhende Atmosphäre aufgenommen und wieder verabschiedet. Er stand vor dem
Fremden wie entseelt, sein Körper kam ihm plump und seine Haltung bäurisch vor.
Aber jedes Glied seines Körpers wusste um jedes Glied und führte das Bild der
hohen, in nachlässiger Bestimmteit, in herablassender Verbindlichkeit sich
leicht gegen ihn neigenden Gestalt ins Innere, wie eine Flamme auf Flamme bebte.
    Er ging zurück und war schon in sich dumpf bemüht, den Ausdruck dieser
Augen, den Klang dieser Stimme festzuhalten, als wäre es für die Ewigkeit ein
Verlorenes, - fragte sich: hab ich den schon früher gesehen? wie könnte mir
sonst das Bild im Augenblick so tief eingedrückt sein? von mir selbst kann ich
über ihn erfahren! - Wie staunte er aber, als er einen schnell und leicht ihm
nacheilenden Schritt mehr fühlte als hörte, der kein anderer als der des
Maltesers sein konnte, als er sich eingeholt sah und ihm mit der gleichen
einnehmenden Stimme in der verbindlichsten Weise bedeutet wurde, er müsse sich
geirrt haben. »Der Brief, den Sie so gütig waren, mir zu geben, ist weder von
meiner Hand, mein Herr, noch ist er an mich gerichtet. Er muss Ihnen selbst
gehören - jedenfalls muss ich Sie bitten, darüber zu verfügen!«
    Andreas war verlegen und verwirrt, einige undeutliche Gedanken kreuzten sich
in ihm, die Furcht, zudringlich zu erscheinen, durchfuhr ihn wie eine heisse
Nadel. In der Verwirrung schien es ihm leichter, welches Bestimmte immer zu
sagen, als etwas Unbestimmtes, für das er niemals die Wendung gefunden hätte, -
er errötete über eine unbeherrschte Gebärde seiner Hände, die schon nach dem
Briefblatt wieder gegriffen hatten; um so entschiedener beteuerte er nun, dass
der Brief ganz sicher nicht ihm gehöre, er in keiner Weise darüber zu verfügen
habe. Die Miene, mit welcher der Malteser sich sogleich zufrieden gab, war mehr
die eines Mannes, der sich unter keiner Bedingung aufdrängt, als die eines von
einem Irrtum Überzeugten, und der unmerkliche Schimmer eines Lächelns überflog
sein Gesicht oder nur seine Augen, als er nochmals mit Verbindlichkeit grüsste
und sich abkehrte.
    »Es ist Zeit«, rief Zorzi, »wenn Sie wünschen, die schöne Nina heute
kennenzulernen. Sie wird auf sein und, wenn wir Glück haben, noch keinen Besuch
bei sich haben. Später fährt sie aus, oder sie hat ihre Freunde zu Tisch. -
Nun«, fragte er im Gehen, »haben Sie die Bekanntschaft des Ritters gemacht und
ihm seinen Brief zurückgegeben? Denken Sie, der Narr schreibt täglich zwei und
drei solche Briefe von zehn Seiten an ein und dieselbe Person, und dabei sieht
er sie fast jeden Tag und ist trotz allem, glaub ich, nicht einmal ihr
Liebhaber. Denn sie ist eine Halbnärrin und liegt entweder krank im Bett oder
auf ihren Knien in irgendeiner Kirche. Sie hat weder einen Mann noch einen
Verwandten. Der Ritter ist der einzige Mensch, der zu ihr kommt, und da sie
nicht unter die Leute geht, hat er nicht einmal den Spass, für ihren Kavalier zu
gelten. dabei versteckt er aber die Geschichte vor jedermann, als ginge es um
ein junges Mädchen oder eine Nonne.« - »Wie kommen Sie dazu, die Geheimnisse
aller Leute zu wissen«, fragte Andreas verwundert. - »Ach, man erfährt
allerlei«, gab der andere zurück, mit dem gleichen Lachen, das Andreas schon so
missfallen hatte, » - aber hier ist das Haus. Wir gehen einfach hinauf, oder
warten Sie lieber eine Minute, ich springe hinauf und sehe, wie es steht und ob
man Sie vorlassen will.«
    Es verging nun eine Spanne Zeit, deren Dauer Andreas nicht hätte mit
Sicherheit bestimmen können. Vielleicht blieb der Maler nur so lange aus, als es
natürlicherweise bedurfte, um die Treppen hinaufzusteigen, sich selber anmelden
zu lassen und einen Besuch anzukündigen, vielleicht hatte man ihn oben warten
lassen, und es verfloss eine viel längere Zeit.
    Andreas entfernte sich ein paar Schritte von dem Haus, durch dessen Tür
Zorzi verschwunden war, und ging bis ans Ende der ziemlich engen Gasse. Sie
endete in einem Schwibbogen, unter diesem aber führte seltsamerweise eine
Steinbrücke über einen Kanal auf einen kleinen eiförmigen Platz hinüber, auf dem
eine kleine Kirche stand. Andreas ging wieder zurück und war ärgerlich, dass er
nun schon nach wenigen Minuten unter den ziemlich einfachen und gleichartigen
Häusern das richtige nicht wiedererkennen konnte. Die Tür des einen, dunkelgrün,
mit einem bronzenen Türklopfer in Gestalt eines Delphins, schien ihm die zu
sein, durch welche Zorzi verschwunden war, doch war die Tür geschlossen und
Andreas meinte jenen noch vor sich zu sehen, wie er durch eine offene Tür in
einen Hausflur trat. Immerhin war keine Gefahr, dass sie einander verfehlten,
wenn Andreas nochmals bis an die Brücke vorging und den kleinen Platz mit der
Kirche in Augenschein nahm. Gasse und Platz waren völlig menschenleer, man musste
einen Schritt hören, geschweige einen Ruf oder wiederholte Rufe, wenn Zorzi ihn
suchte. So überschritt er die Brücke; unter ihr hing auf dem dunklen Wasser eine
kleine Barke angebunden, nirgend war ein Mensch zu sehen oder zu hören: der
ganze kleine Platz hatte etwas Verlorenes und Verlassenes.
    Die Kirche war aus Backsteinen, niedrig und alt; vorn gegen den Platz zu
hatte sie einen Aufgang, der wenig zu ihr passte: breite Stufen trugen eine
Kolonnade aus weissem Marmor, einen antiken Giebel mit einer Inschrift. An den
lateinischen Worten waren einzelne der vergoldeten Buchstaben gross. Andreas
versuchte, sich daraus eine Jahreszahl zusammenzusetzen.
    Als er die Augen wieder senkte, stand in beträchtlicher Entfernung von ihm,
seitlich neben der Kirche, eine Frau, die ihn ansah. Er konnte sich nicht recht
erklären, wo sie hergekommen war; aus einer Seitentür der Kirche konnte sie
nicht wohl hervorgetreten sein, denn sie stand so, als wollte sie vielmehr auf
die Kirche zu und wäre unschlüssig oder wie erschrocken über Andreas' Gegenwart
stehengeblieben. Tritte eines den Platz Überschreitenden oder Herankommenden
hatte er nicht gehört. Und er fand sich nachdenkend, ob sie zu ihrer anständigen
einfachen Tracht Hausschuhe trug, die ihre Schritte lautlos gemacht hatten, und
er verwunderte sich selbst, dass ihn dieser Gedanke beschäftigte. Denn es war
doch nichts weiter als eine anscheinend junge Frau aus den bescheidenen Ständen,
mit dem schwarzen Tuch über Kopf und Schultern, aus deren ziemlich blassem, aber
wie es schien recht hübschem Gesicht zwei dunkle Augen allerdings mit
sonderbarer, wenn die Entfernung nicht trog, ängstlicher Spannung unverwandt auf
den Fremden gerichtet waren - mit der gleichen Spannung, das fühlte er, ob er
sich nun das Ansehen gab, die Kapitelle der korintischen Säulen zu betrachten,
oder ob er den Blick erwiderte. Immerhin war kein Grund, hier zu verharren, und
schon setzte er den Fuss auf die unterste Steintreppe und war nun aus dem
Gesichtsfeld der Stehenden verschwunden.
    Aber als er den schweren Vorhang hebend in die Kirche eintrat, so war die
Frau zu gleicher Zeit durch eine Seitentür eingetreten und ging auf einen
Betstuhl zu, der vorn gegen den Altar zu stand. Nun kam von ihr für Andreas der
bestimmte Eindruck, es handle sich um eine durch Krankheit sei es am Leibe, sei
es an der Seele bedrückte Frauensperson, welche hier im Gebete Linderung ihrer
Leiden suche.
    Er wünschte jetzt nichts anderes, als die Kirche so leise als möglich wieder
zu verlassen, denn es schien ihm, die Frau sehe sich manchmal ängstlich nach ihm
um, als nach einem ungewünschten Zeugen ihrer schmerzvollen Einsamkeit. Nun war
in der Kirche, verglichen mit dem Platz, auf dem der grelle Sonnenschein lag,
Halbdunkel; auch hing in der kühlen eingeschlossenen Luft noch ein wenig
Weihrauchduft, und Andreas hielt seinen Blick, da er um alles nicht beobachten,
sondern nur den Raum verlassen wollte, sicher nicht völlig scharf, nicht spähend
auf die Betende gerichtet - aber abgesehen davon, das ist sicher, er hätte
geschworen, sie habe sich nun mit gerungenen, flehentlich erhobenen Händen nicht
gegen den Altar, sondern nirgend anders als gegen ihn hin gewandt, ja sich auf
ihn zuzubewegen gestrebt, mit einer Hemmung aber, als wäre ihr Körper von den
Hüften hinab mit schweren Ketten umwunden. Zugleich glaubte er ein Stöhnen, wenn
auch leise, doch ausser jeder Sinnestäuschung, deutlich gehört zu haben. Im
nächsten Augenblick freilich musste er wenn nicht die Gebärde, so doch jeden
Bezug auf seine Person als Einbildung ansehen. Denn die Fremde war nun wieder in
dem Betstuhl zusammengesunken und blieb völlig still.
    Er tat lautlos die wenigen Schritte, die ihn vom Ausgang trennten, und
bestrebte sich, den Vorhang so wenig zu heben, dass kein Strahl vom grellen Licht
hineindringend die heilige Dämmerung, in welcher er die Bekümmerte zurückliess,
verstörte. dabei ging sein Blick unwillkürlich noch zum Betstuhl zurück, und was
er nun wahrnahm, erstaunte ihn freilich so, dass er in den Falten des Vorhangs
selber, und atemlos, stehenblieb: - dort sass jetzt, genau an der gleichen
Stelle, eine andere Person, sass nicht mehr, sondern war im Betstuhl
aufgestanden, kehrte dem Altar den Rücken und spähte auf Andreas hinüber, duckte
sich nach vom und sah sich dann wieder verstohlen nach ihm um. In ihrem Anzug
unterschied sich diese Person nicht allzusehr von der früheren, welche sich mit
einer fast unbegreiflichen Schnelle und Lautlosigkeit entfernt haben musste. Auch
die Neue trug sich in den gleichen bescheidenen dunklen Farben - so hatte
Andreas auf dem Wege die kleinen Bürgersfrauen und Mädchen in einer anständigen
Gleichförmigkeit sich kleiden sehen -, aber diese hier hatte kein Kopftuch. Ihr
schwarzes Haar hing in Locken zu seiten des Gesichtes, und ihr Gehaben war von
der Art, dass es nicht möglich war, sie mit dem gedrückten und bekümmerten Wesen
zu verwechseln, dessen Platz sie plötzlich und geräuschlos eingenommen hatte. Es
war etwas Freches und fast Kindisches in der Art, wie sie sich mehrmals unwillig
umblickte und dann geduckt über die Schulter die Wirkung ihres zornigen
Umblickens ausspähte. Sie konnte ebenso im Sinn haben, einen Neugierigen
fortzuscheuchen als einen Gleichgiltigen neugierig zu machen, ja als sich
Andreas nun wirklich wegwandte, um zu gehen, so war ihm, sie habe hinter seinem
Rücken her mit offenen Armen ihm zugewinkt.
    Er stand auf dem Platz, ein wenig geblendet, da kam jemand hinter ihm aus
der Kirche herausgetreten und streifte mit schnellen Schritten so dicht an ihm
vorbei, dass er den Luftzug fühlte. Er sah die eine Seite eines jungen blassen
Gesichtes, das sich jäh von ihm abkehrte, die Locken flogen dabei, dass sie fast
seine Wangen streiften, in dem Gesicht zuckte es wie von verhaltenem Lachen. Der
rasche, fast laufende Gang, dies dichte Vorüberstreifen und jähe Abwenden, alles
war viel zu gewaltsam, um nicht absichtlich zu sein, aber schien viel mehr der
Übermut eines Kindes als die Frechheit einer erwachsenen Person. Dennoch war es
die Gestalt einer solchen, ja so seltsam die kecke Freiheit des Körpers, als sie
nun die schlanken Beine werfend, dass die Röcke flogen, vor Andreas auf die
Brücke zusprang, dass Andreas einen Augenblick dachte, er habe mit einem
verkleideten jungen Mann zu tun, der mit ihm, als einem augenscheinlich Fremden,
seinen Übermut treibe. Doch sagte ihm dann weiter ein Etwas über allem Zweifel,
dass er ein Mädchen oder eine Frau in dem Wesen vor sich habe, das nun auf der
kleinen Brücke selber standhielt, wie um ihn zu erwarten. In dem Gesicht, das
ihm hübsch genug schien, glaubte er einen frechen Zug zu sehen, das ganze
Betragen schien ihm völlig dirnenhaft, und doch war etwas dabei, das ihn mehr
anzog als abstiess. Er wollte der jungen Person nicht auf der schmalen Brücke
begegnen, einen andern Weg zurück in das Gässchen hatte er nicht. So drehte er
sich jäh um und stieg in die Kirche zurück und dachte damit dem Frauenzimmer ein
entschiedenes Zeichen der Abwehr gegeben zu haben und sie los zu sein. Sonderbar
genug war es ihm, dass er nun in der stillen Kirche die andere Person nicht
wieder vorfand. Er ging ganz vorn bis an den Altar, warf einen Blick in die
kleinen Kapellen links und rechts, sah hinter die Pfeiler - nirgends eine Spur:
es war, als hätte der Steinboden sich geöffnet und die Bekümmerte eingesogen, an
ihrer Stelle aber jenes andere sonderbare Geschöpf hervorgelassen.
    Als Andreas wieder auf den Platz heraustrat, sah er zu seiner Erleichterung,
dass die Brücke frei war. Er ging in das Gässchen zurück und fragte sich, ob er
nicht doch indessen Zorzis Heraustreten versäumt habe und dieser ihn nicht etwa
in der Richtung, aus welcher sie gekommen waren, suchen gegangen sei. Ein
reinliches Haus neben dem mit dem messingnen Türklopfer schien ihm nun das
richtige, weil hier die Tür offen stand. Er trat ein, wollte an irgendeiner Tür
im Erdgeschoss klopfen und nach Fräulein Nina fragen, dann selbst hinaufgehen und
sich nach dem Verbleib des Malers erkundigen. Dieses alles tat er um so rascher,
als ihm gewesen war, als habe, etwa vom zweiten Haus nach Überschreiten der
Brücke an, sich ein leichter Schritt und die Bewegung eines Kleides wieder an
seine Fersen geheftet. Vom Hausflur führte die Treppe nach oben, doch liess
Andreas diese noch unbetreten und trat in den Hof, nach der Wohnung des
Hausmeisters oder sonst eines lebenden Wesens zu suchen. Der Hof war klein,
zwischen Mauern und in eine ziemliche Höhe ganz mit Weinlaub überrankt: die
schönsten reifen Trauben von einer dunkelrötlichen Sorte hingen herein, starke
Holzpfeiler stützten das lebendige Dach, an einen derselben war ein Nagel
geschlagen, an welchem ein Vogelbauer hing. An einer Stelle war in dem Rebendach
eine Lücke, gross genug, um ein Kind durchklettern zu lassen. Von hier aus fiel
der Abglanz des strahlenden Droben in den Raum, und die schöne Form der
Weinblätter zeichnete sich scharf auf dem Ziegelboden ab. Der nicht grosse Raum,
halb Saal, halb Garten, war erfüllt von lauer Wärme und Traubenduft und tiefer
Stille, dass man das ruhelose Hüpfen des Vogels hörte, der unbekümmert um
Andreas' Hinzutreten von einer Sprosse zur andern sprang.
    Plötzlich fuhr der zutrauliche Vogel in jähem Schreck gegen eine Seite
seines Käfigs, die Tragbalken des Rebendachs wankten, die Öffnung hatte sich jäh
verfinstert, und es blickte in Manneshöhe über Andreas' Kopf ein menschliches
Gesicht herein. Schwarze Augen, an denen das Weisse blitzend hervortrat, starrten
von oben in seinen erschrockenen Blick, ein Mund, halboffen vor Anstrengung,
Erregung, - dunkle Locken drangen zu einer Seite zwischen den Trauben herab. Das
ganze blasse Gesicht drückte eine wilde Gespannteit aus und eine
augenblickliche, fast kindisch unverhohlene Befriedigung. Der Körper lag
irgendwie über dem leichten Lattendach, vielleicht hingen die Füsse an einem
Haken der Mauer, die Fingerspitzen an dem Ende eines der Pfeiler. Nun veränderte
sich der Ausdruck des Gesichtes in einer rätselhaften Weise: mit einer
unendlichen Teilnahme, ja Liebe ruhten die Augen auf Andreas. Die eine Hand
drang durch das Blattwerk, als wollte sie seinen Kopf erreichen, sein Haar
streicheln. Die vier Finger waren an der Spitze blutig, die Hand erreichte
Andreas nicht, ein Blutstropfen fiel auf seine Stirn, das Gesicht droben
erblasste, »ich falle«, rief der Mund, ... die unsäglichste Anstrengung hatte nur
diesen einen Augenblick erkauft. Das blasse Gesicht riss sich weg, der leichte
Körper schnellte sich nach oben, glitt dann über die Mauer zurück - wie er
jenseits den Boden erreichte, konnte Andreas nicht mehr hören, er lief schon
nach vorne, der Rätselhaften den Weg abzuschneiden. Das Haus zur Rechten musste
es sein, entweder sie kam dort heraus, oder sie verbarg sich in dem Hof, in
welchen sie hinabgesprungen war. Er stand vor der Haustür, es war die mit dem
Delphin, sie war verschlossen und gab seinem Druck nicht nach.
    Schon hob er den Türklopfer, da glaubte er drinnen Schritte zu hören, die
sich näherten; sein Herz pochte, man hätte es durch die Tür hören müssen. Ihm
war zumute wie kaum je im Leben, zum erstenmal bezog sich ein Unerklärliches aus
jeder Ordnung heraustretend auf ihn, er fühlte, er werde sich nie über dieses
Geheimnis beruhigen können, er sah das Mädchen die kahlen Mauern emporklimmen,
mit den Spitzen der Finger sich in den Fugen emporreissen, um zu ihm zu gelangen,
er sah sie mit blutigen Händen, in einen Winkel des Hofes gedrückt, vor ihm
fliehen wollen, er ihr nach ... weiter reichten seine Gedanken nicht, ein
schneller Schritt, der auf die Tür zuging, raubte ihm fast die Besinnung. Die
Tür ging auf, es war Zorzi, der vor ihm stand.
    »Sagen Sie mir um alles in der Welt, wen habe ich gesehen«, rief ihm Andreas
entgegen und lief, ehe Zorzi antworten, ehe er fragen konnte, an ihm vorüber ans
Ende des Flurs. - »Wohin wollen Sie?« fragte ihn Zorzi. - »In den Hof - lassen
Sie mich.« - »Das Haus hat keinen Hof; hier stösst ihm eine Feuermauer entgegen,
dahinter fliesst der Kanal, daran grenzt der Garten des Redemptoristenklosters.«
- Andreas begriff nichts. Die Lokalität verwirrte sich ihm, er erzählte und sah,
dass er nichts erzählen konnte, dass er das Entscheidende von dem, was er erlebt
hatte, nicht zu erzählen verstand. - »Wer immer diese Person ist«, sagte Zorzi,
»seien Sie sicher, wenn sie sich noch einmal in diesem Stadtviertel blicken
lässt, ich kriege heraus, wer sie ist, sie entgeht mir nicht, ob es nun ein
verkleideter Mann ist oder eine öffentliche Person, die sich einen Spass gemacht
hat.«
    Wie gut wusste Andreas, dass weder das eine noch das andere der Wahrheit
nahekam. Er konnte sich nichts erklären, und doch wies er im Innersten jede
Erklärung zurück. Wie gerne wäre er noch einmal in die Kirche zurückgeeilt:
seine geheimnisvolle Feindin und Freundin vielleicht nicht, die unbändige
seltsame, die an Mauern emporkletterte, sich von oben herab auf ihre Beute warf,
- ihre Gefährtin musste zu finden sein. Denn jetzt schien es ihm unmöglich, dass
die beiden Wesen, von denen eines an der Stelle des anderen aufgetaucht war, wie
das Glas mit rotem und mit gelbem Wein aus der Hand des Taschenspielers, dass sie
nichts voneinander wissen sollten. Er war sich selber unbegreiflich, dass er an
diesen Zusammenhang nicht früher gedacht hatte. Ihm war, er habe die Kirche
leichtsinnig durchsucht, er hätte eine Spur finden müssen, eine Mauerspalte,
eine Falltür - wie gern wäre er wieder dahin zurückgekehrt, wäre er allein
gewesen. Der Zwang, suchen und finden zu müssen, hätte ihn jetzt und dann ein
drittes und viertes Mal zurückgetrieben; war es ihm nicht oft so gegangen: ein
verlegter Brief, ein Schlüssel, von dem wir wissen, wir haben ihn ..., aber
Zorzi liess ihn nicht aus: »Lassen Sie jetzt Ihr kletterndes Mannweib - in
Venedig werden Ihnen noch ganz andere Dinge begegnen -, und kommen Sie schnell
zu Nina, sie erwartet Sie. Was da oben wieder passiert ist, lässt sich gar nicht
sagen. Der Herzog von Camposagrado, ihr Protektor, hat in einem Anfall von Wut
und Eifersucht einen seltenen Singvogel, den ihr der jüdische Verehrer Herr
dalle Torre tags zuvor geschickt hatte, lebendig in den Mund gesteckt und den
Kopf abgebissen. Den ungarischen Hauptmann hat er, auf den er Ninas wegen einen
Verdacht hatte, halb totprügeln lassen, und zwar, wie es scheint, aus Versehen
einen Unrichtigen, so dass jetzt die Sbirren hinter ihm her sind und bei ihr
alles durchsucht haben. Kurz, es geht alles drunter und drüber, das ist gerade
der richtige Augenblick, wo bei ihr immer ein Ankömmling sein Glück macht.«
    Andreas hörte alles nur mit halbem Ohr. Die Treppe war eng und dunkel, bei
jeder Wendung glaubte, hoffte er die Unbekannte irgendwo hervortreten zu sehen,
noch oben vor Ninas Tür erwartete er, sie würde vorüberhuschen. Jetzt erschien
es ihm über jeden Zweifel sicher, dass zwischen beiden Gebärden ein
geheimnisvoller Bezug geherrscht hatte: auch der flehentlich wie beschwörend
gehobene Arm der Bekümmerten ihm ebenso wie der Wink der Jungen gegolten hatte.
Die Spannung, die Ungeduld, dieses unbegreifliche Wesen zu entziffern, war kaum
erträglich; nur eines beruhigte ihn: sie hatte, um einen Augenblick mit ihm
allein zu sein, auf eine unbegreifliche Weise den Weg gefunden, eine hohe Mauer,
unter der vielleicht das Wasser dahinfloss, hatte sie nicht abgehalten, das zu
machen, was ausser einer Katze jedem Geschöpf versagt schien, und aus ihren
Fingern das Blut fliessen zu lassen war ihr nicht zu viel gewesen. Sie würde ihn
an jedem Ort und zu jeder Stunde wieder zu finden wissen.
    Sie fanden Fräulein Nina auf einem Sofa in einer sehr bequemen und hübschen
Stellung. Alles an ihr war hell und von einer allerliebsten zarten Rundheit. Ihr
Haar war hellblond wie verblichenes Gold, und sie trug es ungepudert. Drei
Dinge, die in reizender Weise gekrümmt waren und ganz zueinander gehörten: ihre
Augenbrauen, ihr Mund und ihre Hand hoben sich mit dem Ausdruck von gelassener
Neugierde und grosser Liebenswürdigkeit dem eintretenden Gast entgegen.
    Ein Bild ohne Rahmen lehnte verkehrt an der Wand, durch die Leinwand lief
ein Schnitt wie von einem Messer. Zorzi nahm es vom Boden auf und besah es
kopfschüttelnd. »Wie finden Sie übrigens die Ähnlichkeit?« fragte er und hielt
Andreas, der sich zu Ninas Füssen auf ein Taburett niedergesetzt hatte, das
Gemälde hin. Das Bild war, was ein grobes Auge sprechend ähnlich finden mochte:
es waren Ninas Züge, aber kalt, gemein. Ihre leicht nach oben gekrümmten Brauen
waren darum so reizend, weil sie in einem fast zu weichen Gesichtchen sassen;
ihren Hals hätte ein strenger Beurteiler zu wenig schlank finden können - aber
wie der Kopf auf ihm sass, war ein bezauberndes Ich-weiss-nicht-was von
Hilflosigkeit und Frauenhaftigkeit. Auf dem Porträt waren die Augenbrauen von
einer gemeinen Bestimmteit, der Hals, den der Messerstich durchschnitt, üppig
und dirnenhaft. Die Augen hafteten mit frechem kaltem Feuer auf dem Beschauer.
Es war eines von jenen peinlichen Porträts, von denen man sagen kann, dass sie
das Inventarium eines Gesichtes entalten, aber die Seele des Malers verraten.
Andreas wandelte ein innerlicher Schauder an.
    »Räum es mir aus den Augen«, sagte Nina, »es erinnert mich nur an Ärger und
Brutalität.« - »Ich werde dieses wieder herstellen«, sagte Zorzi, »und ein
zweites machen und es nicht in der venezianischen Art sondern in der flämischen
untermalen. Es wird noch besser werden, und ich werde es mir von den beiden
Herren zweimal bezahlen lassen. Ich müsste ein Vieh sein, wenn es mir nicht
gelingen sollte, es mir von beiden bezahlen zu lassen.«
    »Nun, wie finden Sie es?« fragte sie, als der Maler mit seinem Werk
verschwunden war. - »Ich finde es recht ähnlich und recht hässlich«, sagte
Andreas. - »Da machen Sie mir ein schönes Kompliment.« - Er schwieg. - »Nun sind
Sie erst einen Augenblick bei mir und haben mir schon etwas Unfreundliches
gesagt. Meinen Sie denn auch, dass den Männern ihre grössere Kraft, ihr schärferer
Verstand, ihre stärkere Stimme nur gegeben sind, um uns armen Weibern das Leben
schwer zu machen?«
    » So meine ich es nicht«, beeilte sich Andreas zu sagen, »wenn ich Sie malen
sollte, so käme ein anderes Bild heraus, das dürfen Sie mir glauben.« - Er sagte
es und hätte gerne viel mehr gesagt, denn sie schien ihm unsäglich reizend. Aber
der Gedanke, dass Zorzi jeden Augenblick wieder ins Zimmer treten werde, machte
ihn befangen, und er schwieg. Vielleicht hatte er genug gesagt, aber er wusste es
nicht. Denn es kommt nicht auf die Worte an, sondern auf einen Ton, einen Blick.
    Nina sah wie zerstreut über ihn hin; auf ihrer Oberlippe, die geschwungen
war wie ihre Augenbrauen und gleichsam wie in etwas, das kommen würde, ergeben,
schwebte die Andeutung eines Lächelns und schien auf einen Kuss zu warten.
Andreas neigte sich unbewusst vor und sah benommen auf diese halboffenen Lippen.
Das Bauernmädchen Romana tauchte herauf, um sich gleich wieder in Luft
aufzulösen. Er fühlte, wie etwas Entzückendes, zugleich Bangmachendes sich sanft
auf sein Herz niedersenkte, sich dort zu lösen.
    » Nun sind wir allein«, sagte er, » aber wer weiss wie lange.« Er griff nach
ihrer Hand und nahm sie doch nicht, denn er glaubte Zorzis Hand in der Türklinke
zu fühlen. Er stand auf und trat ans Fenster.
    Andreas sah durchs Fenster und gewahrte unter sich einen hübschen kleinen
Dachgarten. Auf einer flachen Terrasse standen Orangen in Kübeln, Lilien und
Rosen wuchsen aus hölzernen Behältern, und Kletterrosen bildeten einen Gang und
eine kleine Laube. Ein Feigenbaum in der Mitte trug sogar einige reife Früchte.
Er fragte: »Gehört der Garten Ihnen?« - »Er gehört nicht mir, wie gerne möchte
ich ihn mieten«, gab Nina zurück, »aber ich kann den geldgierigen Leuten nicht
so viel geben, als sie haben wollen. Hätte ich ihn, so liesse ich ein Bassin und
einen kleinen Springbrunnen machen - Zorzi sagt, man kann das - und eine Laterne
in die Laube.«
    Andreas sah sich bei den Nachbarsleuten eintreten, das Geld für die Miete
auf den Tisch zählen, er sah sich dann mit dem Mietskontrakt zu Fräulein Nina
zurückkommen. In seiner Phantasie gab er schon die Anordnung, das Gitter um den
Dachgarten zu erhöhen: Kletterrosen und Winden liefen an leichten Stäben
aufwärts und machten den kleinen Raum wie ein lebendes Zimmer, in das von oben
die Sterne hereinblickten. Der leichte Nachtwind trat spielend hindurch, die
zudringlichen Blicke der Nachbarn waren abgehalten. Auf kleinen Tischchen
standen Früchte in Schalen, zwischen Lichtern unter Glasglocken; Nina lag in
einem leichten Umhang auf einem Sofa, fast so wie sie hier wirklich vor ihm lag.
Aber wie anders stand er dort vor ihr - traumartig fühlte er jenes andere
Selbst: er war kein zufälliger Besuch, den jedes Knarren einer Tür aufschreckte,
dem eine ungewisse zerstreute Viertelstunde zugewiesen war, er war der
berechtigte Freund, der Herr dieses Zaubergartens und der Herr seiner Herrin. Er
verlor sich in ein unbestimmtes Gefühl von Beglückung, als schlüge der Ton einer
Äolsharfe durch ihn hindurch. - Er wusste nicht, wie wenig es eines solchen
Umweges bedurfte, ja dass der nächste Moment ihm vielleicht das Glück geschenkt
hätte.
    »Was haben Sie«, fragte Nina, und in ihrer Stimme lag der Ausdruck einer
leichten Verwunderung, die ihr so nah lag. Die Stimme zog ihn ins Bewusstsein
zurück. Ihm fiel ein, dass man von dem Dachgarten aus müsste auf jenes Dach aus
Weinlaub hinabschauen können, das sich von einer Feuermauer zur andern spannte,
auf den Kanal, der sich zwischen jenem Hof und dem Garten des
Redemptoristenklosters hinzog. Der Gedanke an seine Unbekannte fiel ihn an, aber
wie ein Schreck. Dieses Wesen war in der Welt, darin lag etwas, das
unentfliehbar war. Die Brust wurde ihm enger, ihm war, als müsse er Schutz
suchen, er trat ins Zimmer zurück, er stützte sich auf die Lehne des Sofas und
beugte sich über Nina. Ihre Oberlippe, die zart gekrümmt war wie ihre
Augenbrauen, hob sich in leichtem Erstaunen nach oben.
    »Ich habe daran gedacht, dass ich in Ihren früheren Zimmern wohne, und dass
ich allein dort wohne - und dass Sie hier wohnen«, sagte er, aber die Worte
wurden ihm schwer. »Wenn Sie den kleinen Garten da drunten hätten und die Laube
mit der Lampe drin, so möchte ich dort mit jemandem wohnen - aber schon recht
gern -, freilich nicht mit der, die der da hinausgetragen hat. Mit der möchte
ich in keinem Haus, in keiner Laube und auf keiner Insel wohnen. Und Sie haben
ja keine Laube und keine Lampe drin!«
    Er wäre gerne vor ihr niedergekniet und hätte seinen Kopf in ihren Schoss
gelegt, aber er sagte alles und insbesondere den letzten Satz in einem kalten
und beinahe finsteren Ton, denn er glaubte, dass eine Frau alles erraten müsse,
was in ihm vorging. Wenn er nun hart und spöttisch von jener Nina auf dem Bild
sprach, so musste sie wissen, dass eine andere ihn näher und er ihr näher war, als
sich mit Worten sagen liess, und dass alles an ihm bereit war, die Umstände
herbeizuführen, deren Nichtvorhandensein er hart und trocken hervorhob. Zugleich
aber überkam ihn eine sonderbare und trübe Vorstellung: es war die Erinnerung an
alte, wie ihm in diesem Augenblick schien, und bis zum Ekel oft geträumte
Kinderträume: hungrig hatte er sich in die Vorratskammer geschlichen, sich ein
Stück Brot abzuschneiden, er hatte den Laib Brot an sich gedrückt, das Messer in
der Hand, aber schnitt es wieder und wieder an dem Brot vorbei ins Leere.
    Seine Hand hatte ohne Verwegenheit, ja ohne Hoffnung Ninas Hand erfasst, die
reizend ohne Magerkeit und zart war, ohne klein zu sein. Sie liess sie ihm, ja er
glaubte zu fühlen, wie sich die Finger mit einem leichten beharrenden Druck um
die seinigen zusammenschlossen. Ihr Blick verschleierte sich, und das Innere
ihrer blauen Augen schien dunkler zu werden; die Ahnung eines Lächelns lag noch
auf ihrer Oberlippe, aber ein vergehendes, beinah angstvolles Lächeln schien
einen Kuss dortin zu rufen. Nichts konnte ihn tiefer und jäher erschrecken als
diese Zeichen, die einen andern vielleicht kühn, ja frech gemacht hätten. Er war
verwirrt über die Massen. Wie konnte er fassen, was so einfach und so nahe war!
Er dachte nicht an die, über die er gebeugt war, sondern an ihr Leben.
Blitzschnell sah er die Mutter, den Vater, die Schwester, die Brüder; er sah den
jähzornigen Herzog aus der Kulisse um das Sofa auftauchen, den blutigen Kopf
eines Papageien in der Hand, daneben schob sich der Kopf eines jüdischen
Verehrers lautlos hindurch, er sah aus wie der Bediente, aber ohne Perücke, und
der ungarische Hauptmann, dessen Haar in Zöpfe geflochten war, hob mit wilder
Gebärde ein krummes Messer. Er fragte sich, ob seine ganze Barschaft hinreichen
würde, Fräulein Nina völlig von all diesen Gestalten loszumachen, - und er musste
sich sagen: vielleicht für eine Woche, für drei Tage. Und was war ein einmaliges
Geschenk, wenn es ihn auch zum Bettler machte, wo, wie es ihm schien, der
Anstand es verlangte, eine Rente auszusetzen, ja, vielleicht eine Wohnung oder
gar ein Haus neu einzurichten, Dienerschaft herbeizuschaffen, zumindest -
überschlug er - eine Jungfer und Diener. Die Miene des Bedienten Gottelff
grinste ihm entgegen, der schöne Moment war zerronnen. Er fühlte, dass er Ninas
Hand auslassen müsste, er tat es mit einem sanften Druck. Sie sah ihn an, ihrem
Ausdruck war wieder etwas wie Verwunderung beigemischt, aber kühler als vorhin.
Er hatte Abschied genommen und wusste nicht wie, und hatte um die Erlaubnis
gebeten, wiederzukommen.
    Drunten fand er Zorzi, der das Bild, in ein Papier gehüllt, unterm Arm hatte
und auf ihn zu warten schien. Er verabschiedete sich schnell, es reute ihn sehr,
dass er diesem Menschen von der Unbekannten gesprochen hatte; er war froh, dass
Zorzi nicht davon anfing, um alles hätte er gerade ihn nicht dürfen auf diese
Spur bringen, von dessen Blick er sich und alles belauert fühlte. Er sagte ihm,
dass er Fräulein Nina demnächst wieder besuchen werde, - er glaubte selbst nicht
daran. Kaum dass Zorzi mit seinem Bild sich entfernt hatte, ging Andreas durch
das Gässchen unter dem Schwibbogen durch über die Brücke, nach der Kirche.
    Der Platz lag menschenleer da, wie vorhin; unter der Brücke hing regungslos
die leere Barke, und Andreas glaubte darin ein Zeichen zu sehen, das ihn
ermutigte. Er ging wie im Traum und zweifelte eigentlich nicht, er dachte nichts
anderes, als dass die Bekümmerte dasitzen, und wie er hereinträte, die Arme
angstvoll und wie flehend gegen ihn heben würde. Dann würde er zurücktreten und
wissen, dass in seinem Rücken die andere sich von dem gleichen Betstuhl erhob, um
ihm zu folgen. Dies Geheimnisvolle war für ihn nichts Vergangenes sondern ein
Etwas, das sich kreisförmig wiederholte, und es lag nur an ihm, in den Kreis
zurückzutreten, dass es wieder Gegenwart würde.
    Er trat in die Kirche, es war niemand da. Er ging wieder zurück auf den
Platz, er stand auf der Brücke und sah in jedes Haus und fand niemanden. Er
entfernte sich, durchstreifte ein paar Gassen, kam nach einer Weile wieder auf
den Platz zurück, trat durch die Seitentür in die Kirche, ging durch den
Schwibbogen zurück und fand niemanden.
 
              Venezianisches Reisetagebuch des Herrn von N. (1779)
Ich erinnere mich an die Dinge ganz genau, hatte immer sehr gutes Gedächtnis,
bekam bei den Schulbrüdern das grosse Fleisskreuz, weil ich die österreichischen
Regenten vor- und rückwärts aufsagen konnte. Auch alle Dienstmädchen meiner
Mutter habe ich mir gemerkt und alle Mineralien meines Grossvaters und die Namen
des Sternbilds Orion.
    Gründe der Bildungsreise. Maler, grosse Namen. Paläste, Sitten im Salon,
Entréegespräche. Scheinen, Gefallen. Vorher von Venedig gewusst: Onkel hatte
Bekannten, dessen Verwandte in oubliettes gestürzt (mit Nägeln und Rasiermesser)
...
    Ankunft: Morgengrauen. hungrig. kühl. will sich um Unterkunft umschauen.
Schauspielergesellschaft am Strand wartend. Eine kokettiert mit ihm vom Schoss
ihres Kollegen herab.
    Gehe durch ein paar Gassen. der halbnackte Herr, er hat einen Hut mit Maske
und grobem Spitzenschleier überm Arm. ein feines, aber sehr gestückeltes Hemd.
er begrüsst ihn, sagt, er kennt Wien, nennt ein paar Namen. erklärt, er habe
alles beim Spiel verloren. Ich leihe ihm meinen Mantel; er spricht sehr schön
von Freigebigkeit, von vergangenen Zeiten. der Herr erzählt, wie er eine galante
Dame beim Grassalkovich vorgestellt habe, habe sie gesagt, »brutto nome, pare
una bestemmia« und ihn nicht zum Liebhaber haben wollen. (Wie er angezogen ist,
hat er einen viel gesellschaftlicheren Ton, viel weniger gehoben.)
    Speisengeruch. der Fremde will ihn nicht hier frühstücken lassen,
verspricht, ihm eine Wohnung bei einem Edelmann zu verschaffen, geht mit ihm.
    Die Edelfrau, der Edelmann, der Alte. Ich gebe Geld, damit ein Frühstück
kommt. Bekomme das Zimmer der abgereisten Tochter. Alle sind mit dem Teater
zusammenhängend. Stöhnen von oben; der Maler hat Magenkrämpfe. gehe mit hinauf,
der Stein wird abgehoben; indessen bringt der Edelmann im Schnupftuch der
Tochter die kleinen Fische. essen ein echt venezianisches Gebackenes (frittura).
    Nochmals hinauf zum Maler, er zeigt mir ein Bild einer schönen Person (für
dalle Torre), verspricht, mich zu ihr zu führen. Erzählt auf dem Weg die
Geschichte der zwei Bilder des Herzogs Camposagrado: wie die Brüder ihm das
ihrige schicken, lacht er unmässig und weist eine Summe Geld an, damit sie ihm
den Goya schicken, die Tintorettos copieren. Maler verspricht, mich dem Herzog
vorzustellen.
    Kommen zu der schönen Dame. Vogel im Käfig, schönes Porzellan, vorne
Hyazinten. Camposagrado. gegenwärtig, Details über das Pyrenäendorf, wo der
Herzog Gerichtsherr.
    Die junge Dame mit ihm im anderen Zimmer. Camposagrado sehr zornig,
verschlingt den Vogel und geht. Ich werde eingeführt, benehme mich
zurückhaltend. Die Alte supponiert mir, ein Geschenk zu machen. Ich ziehe mich
zurück, habe keine Leichtigkeit. Jetzt müsste man entweder ein alles-vergessender
Lump sein oder ein geschickter Schwindler. Ich lade sie zum Nachtmahl ein.
    Gehe auf die Piazza. Versäume einen Aufzug, sehe einen Patrizier, der eben
ein Harlekingewand anzieht. gehe ins Teater, die verschleierte (maskierte)
Dame. Brief auf der Piazzetta empfangen.
    Der Ritter Sacramozo setzt sich zu mir. seine Erscheinung. der Diener mit
dem Brief. Der Diener scheint den Ritter zu kennen. Sage dem Ritter, dass ich die
Courtisane eingeladen. Er ist erstaunt, dass es wieder stimmt. - Gehe schlafen.
Mücken.
    Nächster Morgen: rendez-vouz mit dem Cavalier. zu der Dame, die bei der
Morgentoilette. werde zunächst in ein Nebenzimmer gelassen, indessen sich die
Dame mit dem Cavalier zurückzieht, die Dame kommt, entschuldigt sich etwas
cavaliermässig. Der Ritter geht mit mir frühstücken, erzählt mir seine Auffassung
der Liebe. die frühere Passion für die Courtisane. sein Selbstmordversuch.
    Nachmittag kommt der Edelmann zurück, meinen Mantel bringen; führt mich zum
Notar.
    Abends in der Nähe der Madonna dell'orto. Die schöne Dame an einem Fenster.
    In der Kirche Camposagrado mit Dienern, die ihm leuchten; geht allein
zurück, ein Hund geht ihn an. Er besteht den Hund mit den Zähnen.
 
                  Das venezianische Erlebnis des Herrn von N.
Andreas' zwei Hälften, die auseinanderklaffen. - Andreas' Charakter nicht
vorneherein feststehend; er muss sich in diesen Situationen erst finden. seine
Scheu, sein Stolz, - alles noch unerprobt. - Ungewissheit über einige Zustände,
immer zu viel - zu wenig. Zweifel, ob er jenes Verbrechen an dem Hund wirklich
begangen.
    Andreas, Hauptrichtung: Mut, - der Mut, den die Atmosphäre Venedigs
inkorporiert, Mut in der Sturmnacht. Moral Mut.
    Schuld an der Reise der berechnende snobism des Vaters.
    Wie Andreas das Leben grosser Herren sieht (aus den Erzählungen des
grossväterlichen Kammerdieners, auch aus eigenen Erfahrungen): von der
Hirschbrunft ins Schloss, umkleiden, frisieren lassen, eine Maitresse abholen in
die Oper Armida.
    Andreas geht hauptsächlich (wenn er auf den Grund geht) darum nach Venedig,
weil dort die Leute fast immer maskiert sind. Nach dem Abenteuer mit der
hochmütigen Gräfin auf dem Land, die ihn wie einen Bedienten behandelt hatte,
ist in ihm, halb geträumt, die Vorstellung entstanden, dass dies Abenteuer
herrlich gewesen wäre, wenn er maskiert gewesen wäre. Überhaupt quält ihn jetzt
der Unterschied zwischen Sein und Erscheinung, zum Beispiel wenn er
Strohmanderln sieht, die wie Bäuerinnen mit Hüten oder wie Mönche ausschauen und
ihn unheimlich und feierlich impressionieren und doch eigentlich nichts
Gescheites sind. Kapiteleinteilung (provisorisch): I. Castell Finazzer II.
Ankunft III. Drei Bekanntschaften IV. Der Malteser V. Doppeltes Leben VI. Ein
Gespräch VII. Dämonie VIII. Abreise.
    Kap. I. Ende: Die Berggegend: - er verlangt sich nicht, hier zu wohnen, er
hat mehr als der Ersteiger, mehr als der Bewohner in diesem Augenblick; er
braucht keinen Bezug auf Romana, - es ist ganz Selbstgenuss, aber nur durch sie
möglich. War es da, - so war auch der Besitz Romanas verbürgt.
    Camposagrado: ein breiter Mensch, an einem Ohr einen Perltropfen, worin ein
Stückchen von der Hostie. Kapitel V: Der neue Freund (Der Malteser)
    Andreas war in einen Zustand geraten, der nichts Erfreuliches hatte. Der
Gedanke an die Heimat vergällte ihm das Hier; das Hier machte ihn traurig an die
Heimat denken.
    Er gab den Brief ab und hörte, die Herrschaft wäre tot. Der Geschäftsfreund
verreist. Er fragte nach seinem Koffer, und es ist Sehnsucht, von zuhaus etwas
zu erfahren. Das Brot schmeckt ihm nicht. Carossen und Elégance gehen ihm ab,
die Leute ihm so gleichgiltig, verglichen mit Graben und Kohlmarkt; das
Aussteigen einer Dame in Wien.
    Er versucht es, Nina zu sehen, ohne rechte Hoffnung. (Zorzi sagt ihm, der
Malteser wolle seinen Namen wissen; fragt ob er Wünsche habe. Andreas lehnt ab)
- Das was in ihm zu ihr will, gefällt ihm nicht. Er wird abgewiesen.
    Abends Gespräch mit Zustina, auf der Treppe. Er fragt sie, warum sie nicht
heiraten wollte. Wie konnte sie ahnen, dass er von sich sprach. Sie weist ihn
zurück. Ihre Rechtfertigung, »es sind vornehme Leute, ein jeder wird etwas Gutes
sein. Die Mutter von einem Dummen hat für ihn ein Los genommen.«
    Er eifersüchtig auf Glückliche. Er sagt, er werde wahrscheinlich abreisen.
Es lässt sie kalt. - Ihr Weltbild: Familientyrannen oder Spieler aller Art. Sie
entfernt sich von ihm.
    Verschiedentlich Besuche bei Nina, ein zweites Mal den übernächsten Tag,
darauf ein drittes Mal, - aber immer Hindernisse. Einmal jemand bei ihr, ein
andermal sie ausgegangen oder krank, - einmal wird er vorgelassen, hört sie im
Nebenzimmer: sie hat aber ausgehen müssen. Er wird aber immer aufgefordert,
wiederzukommen. - Die Sache wird ganz unlösbar dadurch, dass Zustina ihm sagt,
»Nina tut es so leid, dass Sie sie vernachlässigen.« - Gefühl der Ohnmacht.
    Sehenswürdigkeiten. Gerichtsverhandlung. Prozession. Jesuiten. Kirchen.
Bilder; Tintoretto: Vornehmheit, Kühnheit, Selbstgefühl.
    Neid gegen alle Menschen, Hypochondrie, wachsende Unlust an Menschen, zuviel
Menschen, er hätte sie wollen von sich wegstreifen. Sehnsucht nach Bäumen (einen
Baum umarmen), Hinüberblicken nach Bergen. Rückdenken an jenen Augenblick.
Melancholie. Er wird unordentlicher und unreinlicher in seinem Denken.
    Meerungeheuer für zehn soldi aus Creta, seltsames Interieur. Um die Leere
seines Innern auszufüllen, tritt er nicht in die Kirche, sondern in die Bude.
Die Spanierin (die Maske).
    Der Meermann: »welch Schauspiel, - aber ach ein Schauspiel nur!« gibt ihm
alles was das Teater ihm schuldig geblieben, obwohl er ein Tier, kaum ein
wirkliches. Andreas' Schmerz, dass der Meermann ihm mehr Eindruck macht als ein
wirkliches Teater.
    Die Maske. ihr Arm liegt auf seinem; zärtliches Reden der Maske: »unsere
erste Begegnung war ein schönes Fest. Ich war gerade angekommen von einem recht
hässlichen Aufentalt; Ihr Gesicht war das erste, wie hätte es mir nicht gefallen
sollen, - ich war zu allem frei, hätte mich von oben herabschwingen mögen,
sicher, fliegen zu können. Ahnen Sie denn, was es heisst, gefangen liegen?« - (er
denkt an die Bleidächer).
    Er zweifelt. Sie: »ich rede vom Wirklichen, spüren Sie es nicht?« (ihr
Händedruck) - Er versichert, damals bei Nina habe er nur an sie gedacht. - »und
bei den späteren Besuchen?«
    Zärtliches Reden der Maske. sie redet von Nina; er kombiniert, »sie ists« -
das Blut strömt ihm zum Herzen.
    Die Maske: »ich habe eine gewisse Person gezwungen, nach Ihrem Namen zu
fragen. Seit heute und damals liegt ein ganzes Leben.«
    Andreas beschliesst Zustina Verschiedenes zu fragen, um sich über die Familie
aufzuklären. tuts wieder nicht: es ist ihm zu mühsam.
    Im Haus: »Ihre gute Bekannte hat nach Ihnen gefragt« - ein Weinblatt mit
einem Blutstropfen.
    Einsamer hier unter Menschen als dort auf dem Grab des Hundes.
    Eine Maske will ihn wohin führen, wo gespielt wird. Er verweigerts, kehrt im
Vorzimmer noch um, will wenigstens wissen, wer sie ist und wohin sie ihn bringen
will. Die Maske hat ihm erzählt, es gäbe verschiedene Leute, die sich hier für
ihn interessierten, ausser dem Malteser, - mindestens zwei Personen. Woher weiss
sie das? - Auf der Treppe glaubt er zu sehen, es wäre jene Spanierin oder
sonstige junge Person aus Ninas Haus (sie weiss auch von seinen Besuchen bei
Nina).
    Eintritt in eine Kirche. hofft die Spanierin zu sehen. wird gehoben in
traumartige Höhe, aber nur kurz. Jemand kniet hinter ihm und seufzt; als wäre
das ein ihm ausgeliefertes Wesen. das Wesen lehnt am Rand der Stufe, sieht in
die Ferne.
Am nächsten Tage abermals nach der Dogana. Brief über den Zustand der Kaiserin,
Missbehagen, Alles so arg puppenhaft.
    Jemand in einer Gondel fährt ihm nach, erreicht ihn: der Malteser. Dieser
sagt, er habe ihn in dem kleinen Caféhaus gesucht. Dem Malteser wurde ein
ähnlicher Brief wie jener erste ins Haus geworfen. »Sollten Sie davon nicht
wissen? wenn ich Sie bitten dürfte, über die Personen nachzudenken, mit denen
Sie gesellschaftlich zusammengekommen sind. Es gibt nichts Einzelnes, Alles
vollzieht sich in Kreisen. Vieles entgeht uns, und doch ist es in uns, und wir
müssten es nur hervorzuarbeiten verstehen. Eine Person, der ich sehr ergeben bin,
ist in grosser Aufregung über diese Sache. Ich will Ihnen sagen, was in dem
Briefe stand. Haben Sie Verwandte in Italien?« (Verwandtschaftsfluidum) Andreas:
»Ich wollte Ihnen gern so viel Kenntnis meiner Person verschaffen, dass Ihr
Verdacht erlischt« - sonderbarer Mangel an Selbstgefühl, dass ihm selbst sein
Wort nicht hinzureichen scheint! zugleich eine Todesangst, wenn jener Verdacht
erloschen, werde er dem Malteser gänzlich uninteressant sein. Wie wohl war ihm,
als der Mann bei ihm sass. Staunen, dass auch dieser Mann von etwas gequält wird.
    Behagliches Schlendern dann nachher. Malteser: »versäumen Sie nicht, nach
Murano zu fahren; man hört die beste Musik. Ihr Gesandter ist auch oft dort.«
    Indes bringt der Einarmige einen Brief für Andreas. »Von wem?« - »der Herr
weiss es.« - Staunen des Maltesers wegen Coincidenz. Er bittet den Malteser,
mitzugehen. Malteser lehnts ab. Ist ägriert, nimmt an, Andreas habe sich lustig
gemacht: »Sie empfangen den Sendboten, von dem ich Ihnen spreche.«
Erster Anblick des Maltesers: ein geahnter harmonischer Kontrast zwischen
Erscheinung und Geist. Etwas Witziges um ihn, eben dieser Kontrast.
    Im Anfang ist Andreas' Haupteinwand gegen den Chevalier: die Zufälligkeit
der Bekanntschaft, »der kann doch nichts Rechtes sein, dass er gerade Zeit hätte,
sich mit mir abzugeben. «
    Die Stunden mit Sacramozo waren das Leuchtende in seinen Tagen. Wie war er
erstaunt, als dieser ihn angeredet hatte. Es ärgerte ihn dann, dass der Chevalier
dadurch verblasste.
    Wie der Chevalier für ihn immer schöner wird aus einem hässlichen und er
allmählich ahnt, dass das Wesen dieses Menschen ganz Liebe, oder ganz Form ist.
Das Doppelte seiner Natur: wenn er von mystischen Gegenständen spricht - wozu
für ihn im richtigen Zusammenhang alles auf der Welt, auch die gewöhnlichsten
Bezüge und Verrichtungen gehören können -, ist er offen, der Vereinigung
zugänglich, nur menschlich, von sich mitteilend, durch Entusiasmus zugänglich.
    Wenn er sich in gewöhnlichen Verhältnissen findet, ist er durch Höflichkeit
völlig abgesondert; undenkbar, dass er zu berühren, zu beeinflussen, zu erreichen
wäre. Es ist unmöglich, wenn er in diesem Zustande ist, ihn an den andern
erinnern zu wollen. Er übt hier eine ebenso starke coercitive Kraft aus, wie
andererseits eine inducierende. Manchmal erscheint er Andreas in der weltlichen
verschlossenen Verfassung noch merkwürdiger; der Begriff »Kraft der
Verzweiflung« auf ihn in dieser Situation anzuwenden.
    Begegnungen mit dem Malteser. Dieser allein concentriert ihn; zugleich
verwirrt er ihn: durch sein Zuhausesein in dieser Welt, durch seine Diskretion,
alles als selbstverständlich Nehmen. - Andreas' Angst in unvollkommenen
Momenten: an Sacramozo sei alles nur Fassade.
    Malteser lädt ihn nicht zu sich; scheint als selbstverständlich anzunehmen,
dass er Bekannte hat, dass er weiss, wo die Bilder zu sehen sind usw.
    Sein Wesen: die Geheimnisse; deutet sie durch minus dicere nicht durch plus
dicere an. Sein Wesen ein Wissen um das Geheimnis der menschlichen Organisation.
Gespräche mit Sacramozo:
    Andreas steckt voller Vorurteile; die schlimmsten gegen sich selber; die
Geldvorurteile, die Vorurteile inbezug auf die Welt, - auf sich selbst: meint
sein Glück verscherzt zu haben, alles wird schlechter, alles ist schon
vorgegessen Brot. - Sacramozo: »Sie sind reich an verborgenen Kräften. - Sie
schliessen das Ausserordentliche aus, - Sie haben Unrecht. Sie reden von Glück:
wie vermöchten Sie es zu geniessen, - fragen Sie sich noch mehr: wer ist es, ders
geniesst.« Sacramozo lehrt ihn an Ariost die Funktion der Poesie erkennen: die
Poesie hat es ganz und gar nicht mit der Natur zu tun. Die Durchdringung der
Natur (des Lebens) beim Dichter ist Voraussetzung.
    Gelegentlich Ariost: das Unmögliche ist das eigentliche Gebiet der Poesie
(der Jüngling, dessen Leib sich durch den Harnisch durchbewegte).
    Poesie als Gegenwart. Das mystische Element der Poesie: die Überwindung der
Zeit. -
    Das Hohe erkennt man an den Übergängen. Alles Leben ist ein Übergang. -
    Man muss alles nach Vorbildern tun; das ist das Grosse am Christentum. -
Ungeistige Christen betrügen Gott: Schmutz hinterm Altar. -
    Sein Element kennen: man lebt wirklich nur unterm Auge des uns Liebenden.
Sacramozo: »Aufmerksamkeit ist soviel wie Liebe. - Ich bitte Sie, dass Sie meine
Seele mit Aufmerksamkeit behandeln. Wer ist aufmerksam? der Diplomat, der
Beamte, der Arzt, der Priester ...? - keiner genug. Jenes Wort ich habe nichts
vernachlässigt - wer darf es von sich mit gutem Gewissen sagen.«
    Woran man wirklich teilzunehmen vermag, dem ist man schon zur Hälfte
vereinigt. Sacramozo über Teilnahme von Negern an Freude ihres Herrn: er hat
gefunden was er suchte, - er hat einen Brief erhalten.
    Sacramozo erklärt den Abscheu der Seele vor dem vor kurzem Gelebten.
    Inwiefern einem Menschen wie Sacramozo nichts mehr Furcht macht, doch alle
Schrecken nahe sind, durch das Leiseste heraufberufbar; was Angst, Schreck,
Ängstlichkeit bedeuten.
    Inwiefern für Sacramozo jede Materie die Materie zu Göttlichem. - Andreas
grübelt: »warum gerade mit mir?« - darüber muss Andreas hinweg, - Sacramozo:
»überall ist Alles, aber nur im Augenblick.«
    Inwiefern jemanden um Verzeihung bitten zu können, eine erreichte hohe Stufe
bedeutet.
    Wozu ein Mann wie Sacramozo von nun ab unfähig ist, darin liegt seine
Herrlichkeit.
    Sacramozo beanstandet Wort und Begriff »in die Tiefe dringen«, - man sollte
es ersetzen durch »gewahr werden« - »sich erinnern«.
    Der Geist ist einerlei. Im Geistigen gibt es keine Stufen, nur Grade der
Durchdringung. Der Geist ist ein Tun, vollkommen oder minder vollkommen. Sie
halten die Welt an einem Teil auf, zu denken. Die Menschen sind die Leiden und
Taten des Geistes.
    Durch Sacramozo erkennt Andreas: er liebe Romana Finazzer.
    Sacramozo glaubt an die Zweizahl. So erzählt er die zwei ausschlaggebenden
Erlebnisse seines Lebens; »man muss eine sehr geniale Natur sein (wie Franz von
Assisi), um durch ein einziges Erlebnis für immer bestimmt zu werden. Der
gewöhnliche Mensch wird sich, wenn eine furchtbare Erfahrung ihm den Weg nach
einer Seite verlegt, nach der anderen Seite hinziehen ...« - auch pflegen wir
ein Individuum aus einem Typus hervorzubringen, indem wir eine zweite Reihe ihn
durchkreuzen lassen: Narciss ist ein Lump, aber ein ordentlicher Musiker (cf.
Goete, »Anmerkung«)
    Malteser: »Sie erwähnen sehr oft Ihren Onkel in einer gewissen Weise, - er
muss Ihnen wichtig sein.« (mehr Aufforderung ist bei Sacramozo undenkbar) -
Andreas wurde rot. Die Geschichte vom Onkel Leopold und die beiden
Entscheidungstage. Im Sterbezimmer: die Witwe, die zweite Familie, Bauernjungen
(Zehenter). Die della Sphina, »wir beide haben viel verloren, liebe Frau.« -
indem Andreas erzählt, kommt ihm Castell Finazzer, jener traurige Tag zurück. -
der Malteser (mit einem warmen Blick) »Sie haben das schön erzählt.
Menschenleben ist in Ihnen gediegen entalten und löst sich schön ab.« - Sein
Vorschlag zum Besuch.
    Kap. VI. Ein Besuch.
    »Wer kennt sein eigenes Element?«
    In der Gesellschaft des Maltesers, ja nur durch einen Bezug auf diesen,
verfeinert und sammelt sich Andreas' Existenz. Begegnet er diesem, so kann er
sicher sein, nachher etwas Merkwürdiges oder wenigstens Unerwartetes zu erleben.
Seine Sinne verfeinern sich, er fühlt sich fähiger, im andern das Individuum zu
geniessen, fühlt sich selber mehr und höheres Individuum. Liebe und Hass sind ihm
näher. Die Bestandteile der eigenen Natur sind ihm interessanter, er ahnt hinter
ihnen das Schöne. In dem Malteser ahnt er eine Meisterschaft im Spiel von dessen
eigener Rolle. Es gibt keine Situation, in der er ihn sich nicht vorstellen
könnte. An dem Malteser tritt ihm die höchste Empfänglichkeit für eigene Natur
entgegen.
    Er sagt sich das alles selbst, aber in hypochondrischen Selbstvorwürfen:
»was bin ich für ein Mensch, der erste beste vornehmere Mensch wirkt so stark
auf mich.«
    Anfang: Malteser kommt ihm nach auf der Riva dei Schiavoni, »wie gut, dass
ich Sie finde.« (Andreas hat ein unbestimmtes Gefühl dortin getrieben) »Fast
hätte ich nach Ihnen geschickt. Man will Sie sehen ...«
    Geheimnis um Maria: beim ersten Besuch Andreas' macht sie eine ganz kleine
hilflose Bewegung nach einer dunklen Ecke hinter ihrem Sofa, mit einer
Unfreiheit um die Mitte des Leibes, - und in diesem Augenblick ahnt Andreas, dass
es ein für ihn unauflösliches Geheimnis hier gibt, dass er diese Frau nie kennen
wird, und fühlt, dass ihn hier die Unendlichkeit mit einem schärferen Pfeil
getroffen als je ein bestimmter Schmerz; er hat drei oder vier Erinnerungen, die
alle diese pointe acérée de l'infini in sich tragen (die Begegnung mit der alten
Frau und dem Kind am ersten Morgen), - fühlt diesen ungefühlten Schmerz, ohne zu
wissen, dass er in diesem Augenblicke liebt.
    Beim ersten Besuch sagt Maria: »Man wird Ihnen wieder schreiben.« Einmal
bekommt er einen Brief von Maria, der leidenschaftlich, ja beinahe cynisch ist;
er eilt hin, findet sie nicht. Später findet er sie. Sie ist verstört: »man hat
mich von dem Brief unterrichtet ...« - sie muss sich zu einem halben Geständnis
entschliessen: »meine Hand ist verhext, sie handelt gegen meinen Willen. Ich bin
nahe daran, mich zu verstümmeln, aber das ist gegen das fünfte Gebot ...« (-
Problem: inwiefern bin ich für meine Hand verantwortlich ...)
    Elégance und Vornehmheit, die Phantome, denen Andreas nachgelaufen ist, sind
in Maria in ihrer höchsten Form verkörpert: als seelischer Adel. Jetzt kommen
ihm die Wiener Gräfinnen nur als Marionetten vor, deren Bewegendes die Rasse
ist.
    Sacramozos Verhältnis zu Maria ist dies, dass er sie unterhalten will, um sie
im Leben zu erhalten, weil sie allein ihm noch das Leben lebenswert macht (- so
wenig er im übrigen von ihr fordert, erwartet) Sacramozo hat zu Maria »Religion
nicht Liebe« (Novalis) - der Chevalier: »ich fand sie in Genua; schlechte
Menschen behaupteten Anrechte auf sie zu haben. Ich schützte sie, - und ich
vermochte sie hierher zu bringen. Ja, aber ich stehe ihr darum nicht näher als
Sie. Ich halte jeden Tag für den letzten. Ich denke von Tag zu Tag, sie wird dir
entschwinden!« - Andreas: »Meinen Sie, sie wird in ein Kloster gehen?« -
Chevalier: »Sie war nahe daran. Aber sie scheint es aufgegeben zu haben. Sie
sagte mir, sie habe Briefe bekommen, die sie davon abgebracht hätten.«
    Maria mit dreizehn Jahren einem bösen Mann vermählt. Sie ist Witwe; ihr Mann
war grausam. - Die religiöse Krise, die Schuld an der Spaltung Marias war. Ein
Gebet (dies erzählt Sacramozo dem Andreas) - Maria betrachtet es als Strafe
dafür, dass sie Christus als Helfer für ihre Liebesabenteuer herabgefleht und
dadurch gelästert habe. - Seiter Maria von Ekel erfüllt vor dem eigentlichen
Akt; sie hat die vage Ermüdung, ein ihr entsetzliches physisches Wissen von der
Sache.
    Ihr Astralleib, bestehend aus ihren Gedanken, Ängsten, Aspirationen, der oft
mit immenser Sensibilität von etwas was einer sagt, ja von einer blossen
Nachricht, einem »stummen Niederfallen ferner Sterne« tangiert wird -: dies
Ganze empfindet sie als ihr Ich; dies Ganze muss selig werden, dies Ganze wäre
nie fähig gewesen, sich in der Liebe hinzugeben, dies Ganze kann Andreas niemals
umklammern, dies Ganze ist ihre Last und ihr Leiden.
    Ein mittlerer Aspekt von Maria, - wo sie am meisten als Dame wirkt: dass in
ihr noch nicht alles zusammengekommen ist, dass sie weder resigniert noch
erschöpft ist, dass die Möglichkeiten des Märtyrertodes ebenso wie des Erstarrens
in aristokratischer morgue vor ihr liegen.
    Sacramozo weiss aus Confidenzen, dass sich Maria zuweilen verliert. Seine
Vermutungen über den Zustand.
Die Dame (Maria) und die Cocotte (Mariquita) sind beide Spanierinnen; sie sind
Spaltungen ein und derselben Person, die sich gegenseitig trucs spielen. Die
Cocotte schreibt ihm die Briefe. Die Cocotte hasst den Sacramozo und die ganze
sentimentale Tuerei. Einmal begegnet Andreas der Cocotte, wie er die Dame
verlässt; einmal verwandelt sich die gute Dame vor dem Spiegel in die böse
Cocotte. Die Cocotte fürchtet sich vor Sacramozo, glaubt, er hat den bösen Blick
(auch fürchtet sie, er könne sie umbringen, wirklich rennt er mit dem Messer
hinter ihr her) - Dadurch wird Andreas viel verliebter in die Dame und begreift
den Platonismus des Sacramozo gar nicht mehr. Einmal schläft er bei der Cocotte:
in der Früh ist das Bett leer, er hört ein Aufstöhnen, und mit den Zeichen
grässlichster Verwirrung läuft die andere fort. Während dieser wirren Zeit findet
er einmal in seinem Felleisen das Brusttuch der kleinen Finazzer. - Die Cocotte
gibt an, sie müsse zeitweise zu einem reichen Alten.
    Porträt von Maria und Mariquita im Tagebuch: mit Maria zu sein, heisst dem
feinsten und tiefsten Begriff des Individuums nachgehen: nach dieser Richtung
ist Marias religiöser Ästetismus orientiert. Ihr kommt es auf die Einheit, auf
die Einzigkeit der Seele an, - aber an dem Leib wird sie zuschanden. Es wäre
unmöglich, ihr ein Kompliment über ihre Schönheit oder ein Detail ihrer Gestalt
zu machen. Sie hält daran, dass kein Baum, keine Wolke ihresgleichen haben. Ihr
graut vor der Liebe, welche mit Verwechslung arbeitet (sie erinnert an die
Prinzessin im »Tasso«).
    An Mariquita ist es jedes körperliche Detail, was einzig und ewig scheint:
das Knie, die Hüfte, das Lächeln. Sonst kümmert sie sich wenig um Einzigkeit;
sie glaubt nicht an die Unsterblichkeit der Seele. Ihr Reden, ihr Argumentieren,
ihr Denken selbst ist ganz Pantomime, ganz potentielle Erotik, kein Wort darin
über den Moment hinaus gemeint, - sie buhlt immerfort mit allem was sie umgibt.
    Durch einen kleinen kurzatmigen King Charles-Hund, namens Fidèle, ein
misstrauisches und hochmütiges Tier, der im Hause von Maria immer versteckt ist
bis auf einmal, hängen Maria und Mariquita zusammen (es ist wiederum das
Grundproblem von »Gestern«: Treue, Beharren und Wechsel) - Dunkel ahnt Maria das
Chaotische in sich, das was sie mit Mariquita gemein hat. So haben sie das
Hündchen gemein.
    ad Maria und Mariquita: die Ansicht des Franziskanerpaters über den Fall;
die Ansichten des Medicus materialistisch (La Mettrie, Condillac); die Anekdote
von dem Mann, der durch einen Unfall zerstört, durch den anderen
wiederhergestellt wurde, - »was folgern Sie daraus?« fragte der Malteser.
    Maria immer in Halbhandschuhen, immer kalte Hände; Mariquitas Hände immer
wie von flüssigem Feuer durchströmt.
    Hemmungslosigkeit das Wesen von Mariquita, Hemmung das Wesen der Gräfin. Die
Gräfin spricht von den hundertpfundschweren Ketten, mit denen der Himmel die
Seinigen prüfe. Man ist für mehr als sich selbst verantwortlich. - Das
Beschwerte in den Liebesbriefen der Gräfin.
    Bei Maria lernt Andreas die Freiheit des Wesens preisen, bei Mariquita
graust ihm vor der absoluten Freiheit. Bei Mariquita muss er sich nach dem
universalen Bindemittel sehnen, bei Maria nach dem Lösungsmittel: so muss ihm
seine eigene Natur offenbart werden.
    Maria ist fabelhaft gut angezogen, Mariquita liebt Schmutz und Unordnung.
    Maria verträgt Blumenduft sehr schlecht; eines Tages findet Andreas sie halb
ohnmächtig und umgeben von stark riechenden Blumen, diese Blumen hat Mariquita
morgens auf dem Gemüsemarkt gekauft und durch einen Furlaner an Maria geschickt.
    Maria ist Christin mit mystischen molinistischen penchants; Sacramozo ist
indifferent (Galiani); Mariquita ist Heidin, sie glaubt an den Moment, an sonst
nichts.
    Mariquitas Ansichten über Maria (gelegentlich brieflich oder in Monologen):
sie hasst sie, sieht alles Unvollkommene an ihr, findet sie feig (so wie
Michelangelo sich feig findet im Gegensatz zu Savonarola), und doch ist sie ihr
eigenster, der einzige interessante Gegenstand. Sie beneidet sie um ihre
Distinktion, ohne sich recht klar zu werden, was diese Distinktion ist, was das
ist, das jeder von Marias Handlungen einen königlichen unrealen Wert gibt
(gleich dem Horn auf der Stirn des Einhorns, wie ein Turm im Mond), ja sie
versucht, Maria selbst diesen ihren Vorrang verdächtig zu machen, sie in das
Gemeine unterzutauchen (wodurch sie freilich selbst am unglücklichsten werden
würde), - sie schreibt ihr: »deine gestrige Träumerei, dass es das Gemeine nicht
gibt, dass dies alles völlig überwunden werden kann, dass man in einem ewigen élan
leben kann, ohne jenes Danebenhocken in der Ecke, - das ist eine Vorspiegelung
deiner bodenlosen Eitelkeit, deiner stupiden Unfähigkeit, das Wirkliche zu
erkennen.«
    Mariquitas Erzählungen (über Maria): bald, als wäre sie eine alte Hexe,
dann: » das war nur figürlich zu nehmen. Man muss die Menschen überhaupt nur
figürlich nehmen. Sie ist eine ganz hübsche Person, aber ein rechter Teufel ist
sie doch. Gerade darum weil sie für einen Engel gehalten werden will. Aber das
kann ich sagen: so durchschaut wird auf der Welt keine Frau, wie ich die
durchschaue. Meine Blicke gehen unter die Haut.«
Mariquita: die verschiedenen Aspekte des Dämons: intrigant, scharfsinnig,
cynisch, ruhelos, gottlos, frech libertine Angst vor Kirchen. neugierig ohne
Mass. geistreich ingénue. durchgehends Vergesslichkeit.
    Das Zusammenhängende in allen ihren Phasen, etwas Aktives,
Gliedermännisches. Sie will etwas vorwärtsbringen; die Ruhe, das Versinken ist
ihr verhasst, - da fürchtet sie, sich in die andere aufzulösen.
    Einmal rutscht es Mariquita zu der Duenna heraus (- Andreas stellt sich
schlafend): »die Verfluchte! sie möchte mich ins Kloster sperren, weil ich es
ihr zu bunt treibe! ich muss ihr durch den da ein bisschen zusetzen lassen ...« -
Duenna: »könntest du ihr nicht etwas eingeben, dass sie ganz verschwindet?« -
Mariquita: »sie hat eine verfluchte Kraft, nicht nur wenn sie betet, sondern
auch sonst, eine Art sich innerlich zu erheben, da fühl ich mich, wie wenn mir
übel würde, und ich bin ganz schwach gegen sie.« - Duenna: »könntest du nicht
machen, dass, während sie betet, ihr eine von deinen stärksten Stellungen
einfiele?« - Mariquita: »dann fühlt sie mich kommen und drückt mich hinunter,
das sind meine widerwärtigsten Momente. Da hass ich sie, wie der ewig Verdammte
Gott hassen muss.«
    Mariquita macht über ihr Verhältnis zu Maria erst ganz allmähliche
Erfahrungen; im Anfang hofft sie, bald ganz freizukommen.
    Scene, wo Mariquita, sehr aufgeregt darüber, dass Maria ins Kloster gehen
will, von Andreas verlangt, dass er Maria verführe; - ihr unheimlicher hündischer
Blick bei dieser Scene. In Andreas der Verdacht, dass die Zauberin etwas mit
Experimenten zu tun habe ähnlich jenen, welche zu den »Moreau horros« geführt
haben; dass sie etwa Lieferantin für einen solchen Experimentator sei.
    Indem Andreas in Mariquita die Seele zu wecken verlangt, gefährdet er
Mariquita in ihrem Leben, ihrem Sonderdasein, wovon sie ängstliche Andeutungen
macht. So schliesst sie ihn einmal in die Arme und erklärt sich, Tränen im Auge,
bereit, sich dem Glück, das er mit einer anderen finden könnte, aufzuopfern. Er
fühlt, dass sie es in Wahrheit meint.
    Mariquita dämonisch bis zum Hexenhaften. Succubus. Schläft einmal mit zwei
Männern zugleich, sie sagt: »wenn ich mit einem einen Tag, sechs Stunden, zwei
Stunden, eine halbe Stunde, zehn Minuten nach dem anderen geschlafen hätte? ...
na also!«
    Mariquita hasst den Begriff »die Wahrheit« - »wenn ich nur das dumme Wort
nicht hören müsste! wenn ihr mich nur mit eurer Philosophie verschonen wolltet, -
da die Welt doch sozusagen essbar ist.«
    Ihr düsteres Bild von dem Malteser; seine Lebenschiffre flösst ihr Grausen
ein. Wenn sie von ihm spricht, verfärbt sich ihr Gesicht.
    Mariquita schreibt nie, schickt immer nur mündliche Posten; das Schreiben
ist nur zu embrouillieren und compromittieren.
    Die Wohnung Mariquitas in einem halbverfallenen Palast, in zwei Zimmern in
grösster Unordnung. In einem grossen Hinterzimmer haust die Duenna, eine alte
Hexe. Das helle Zimmer, offen wie ein Vogelhaus, wo Mariquita badet, isst und
empfängt. Draussen ein Gärtchen. der reiche jüdische Verehrer dalle Torre.
Mariquita behandelt Andreas zuerst schlecht, dann lädt sie ihn sogleich wieder
ein in einem Brief voll Anspielungen auf Maria, wie sie bemerkt, dass Maria ihn
gerne sieht; sie hofft, mit ihm Maria endlich zu verführen.
    Am selben Tage, wo Andreas den einladenden Brief bekommt, bekommt Sacramozo
einen insultierenden Brief: man sei seiner müde und werde sich um einen anderen
Freund umtun.
    Mariquita bei dem ersten Besuch, obwohl sie ihn schlecht behandelt, spielt
buhlerisch mit seiner Hand und sagt: »schöne Hand, schade dass du einem kalten
geizigen Herrn gehörst.« Sie sagt ihm, warum man ihn liebt: sein schweres
zurückhaltendes Wesen, man ahnt nicht, wie er sein wird, man kann nie sicher
sein, ihn ganz zu haben.
    Mariquita: eine Art Schwindel des Daseins; sie unternimmt mit Andreas nachts
eine Eilpostfahrt. Embrouilleuse, alles geht schief; das Undurchblickbare,
heillos Verwickelte aller Dinge, eine ganze Kette von unglücklichen
Einteilungen, alles stimmt nicht. Café in Mestre, im Wagen ist sie eine andere.
Hier tut sie als hielte sie ihn für einen Casanova, imputiert ihm Zusammenkünfte
mit der Gräfin (mit allem Detail psychologisch und realistisch), dann endlich:
»verzeih mir!« dann heftig: »und warum denn nicht? warum nimmst du sie nicht?«
Er will sich losreissen, da deutet sie auf ein Geheimnis, verspricht, bald ihre
Seele zu offenbaren.
    Mit Mariquita ein Abenteuer in einer Sturmnacht. Sie will den betäubten,
durch Andreas' Schlag betäubten Gondolier ins Wasser werfen.
    Die Courtisane will den Waldmenschen verführen, zu diesem Zweck wird eine
Landpartie unternommen. Andreas' ganz verschiedene Gefühle in Gegenwart der zwei
Frauen: Marias Nähe beglückt ihn, macht ihm die Welt schöner; Mariquita macht
ihn finster, sich anspannend, wild, - nachher verdrossen, ermüdet.
    Es erscheint undenkbar, die Hand von Maria in einer wollüstigen Bewegung zu
sehen, zu fühlen. Der Fuss von Mariquita erwidert den Druck wie eine Hand,
umrankt, presst wie eine weiche blindere, noch wollüstigere Hand.
    Andreas: sein Gefühl für Maria wachsend, so dass ihm schwindlig wird bei dem
Gedanken an eine Intimität (- nur die Hand auf ihrem Knie zu haben), ja bei dem
blossen intensiven Denken daran, dass sie eine Frau ist: er wird eifersüchtig auf
Sacramozo. Indem er dringend wird, ermöglicht er die Erscheinung von Mariquita.
    Andreas und der Begriff »elegant«: die eleganten Menschen sind ihm was dem
Michelangelo der Savonarola oder ein in sich verschlossener junger Edelmann war.
Die Liebe der eleganten Dame: das ist ihm zunächst sein Ziel; er glaubt darin
umgewandelt zu werden, wie sein Grossvater durch die Gunst der Erzherzogin. Er
sagt sich, »wenn ich ihr Liebhaber wäre ...« - aber er kann sich noch nicht
recht hineindenken, es ist ihm, als ob er dann ein anderer wäre (einen
Augenblick glaubt er, der Chevalier hielte ihn für den Liebhaber) ... allmählich
ahnt ihm, dass Maria für ihn in der Sphäre des Unberührbaren steht, und es ahnt
ihm, dass hier sein Schicksal liegt, dass er gleichsam hier vor etwas steht, von
dessen Spitze er immer etwas abbrechen muss. Er ahnt, dass Marias Liebe sich auf
etwas beziehen muss, was ihm selbst in sich unerreichbar, seiner Eitelkeit wie
seiner Unruhe wie seinem Bewusstsein ganz entrückt ist.
    Andreas ist Maria gegenüber von der äussersten Schüchternheit, so vollkommen
ist ihre Gesprächsführung. Bei dem blossen Gedanken sie etwas Intimes zu fragen
(z.B. ob sie von der Existenz der illegitimen Schwester etwas wisse) ist ihm so
wie bei dem Gedanken, dass es möglich sei, die Heimlichkeit ihres Leibes zu
berühren, - der Kopf dreht sich ihm. Bei Maria ist die Seele wie ein Schleier
über dem Leib.
    Seine Beziehung zu Maria ist schliesslich die, dass er auf die
»gegenstandslose« Freundschaft Sacramozos qualvoll eifersüchtig ist.
    Sein Staunen, dass es Menschen dieser Art gibt: alles ist weicher und härter,
alles hässlicher und gewissenhafter, alles im Grossen gefasster, im Einzelnen
feinfühliger. - Ihm ist, als müssten ihm neue Sinne entstehen, um dies zu
begreifen. Dass unseren Sinnen etwas Zufälliges anhaftet, ahnt ihm. - Ihm wird
bewusst, wie er sich nur durchtreibt: wie ein Schwein in einem hochgehenden
Wasser.
    Er fühlt, wie der Malteser ihn trägt und hebt, jedes Wort von ihm releviert,
er kommt sich ganz als Geschöpf Sacramozos vor, aber ohne Gedrückteit. Er weiss
nicht, ob er sich über diese Frau mehr erstaunen soll als über diesen Mann.
Letztes Buch.
    Was Sacramozo fehlt, um diese Frau zu gewinnen, ist hohe Selbstliebe,
Religion zu sich selbst.
    Sacramozo schreibt sich den Tod einer geliebten Person zu; Mariquita
behauptet direkt, er habe eine vergiftet. Sacramozo gibt sich schuld an der
Geisteszerstörung einer liebenswürdigen jungen Person, die nun wie ein
genäschiges Tier dahinlebt.
    In ihren Augen die »andere« zu sehen, - das hat ihn zum Philosophen gemacht.
Ebenso war sein Vater kurz vor seinem Tode so merkwürdig verändert. So kommt er
darauf, die Masken das Unterscheidende zu finden. In diesem Sinne sagt er, dass
weder Goldoni noch Molière einen Charakter im Individuum geschaffen haben.
    Er wirft sich besonders vor, dass er mit der Person, wie sie schon »eine
Irrsinnige« war, noch geschlafen hat. Möchte sie eine Muschel besitzen, in der
die Stimme ihres toten Geliebten entalten wäre? auch die Doppelheit der Schrift
von Maria kommt in diesem Zusammenhang zur Sprache.
    Beim Sacramozo: Bild der Sternkreuzordensdame: Gräfin Welsberg (seine
Mutter). - Sacramozo über die Worte seiner deutschen Mutter: er verbietet sich,
sich ihrer zu erinnern; später wird er sich ihrer um so völliger erinnern
dürfen. - Sacramozo hat die Fügung mit der Wiederkehr des Vetters verstanden und
hat sich exilieren gelernt: in Welsberg hätte seine niedrige Natur prävaliert,
die höhere Entwicklung seiner Natur wäre gehindert gewesen. - Sacramozo wollte
die Burg Welsberg kaufen. Sein Übernachten in dem Zimmer, an dessen Wand die
Lebenspyramide gemalt ist (seine Gedanken vielfach über die Lebensalter, sein
93jähriger Oheim) - Sacramozo nimmt als selbstverständlich an, dass von zwei
Träumen der spätere den früheren aufklärt, - so verhält sich alles Spätere zu
allem Früheren, - nach allen Richtungen. - Der Welsberger Traum: im zweiten ist
er Landpfleger, als solcher unerkannt: der an allem schuld ist, der das
Todesurteil verhängen musste usw.
    Sacramozo: Glaube und Aberglaube in der Zeit: in Stunden der Exaltation ist
er sicher, nur er habe den wahren Schlüssel der Welt, alle anderen gleiten an
dem Geheimschloss vorbei, - alles dient ihm, auch eine einmal gesehene
Landschaft, ein Pfuhl dunklen Wassers in Westindien. Er wäre wahnwitzig, wenn er
nicht recht hätte. Er hat in allem recht, auch dass er der Gräfin den Andreas
zubrachte. Seine Kenntnisse: er weiss, dass der Körper nichts vergisst (ebenso der
Weltkörper, der grosse Körper) - Er kennt Marias Leben, wie nicht die
Beichtväter. - Sacramozos Geschick: der Schlüssel Salomonis in Hebbels Epigramm.
    Das Symbolische an den Rosenkreuzern ist ihm sympatisch, der unbedingt
symbolische, also die Welt überspringende Wortgebrauch. Denn in der Seele, sagt
er, ist alles: alles Beschwörende, auch alles zu Beschwörende. »Jedes Wort ist
eine Beschwörung: ein welcher Geist ruft, ein solcher erscheint.« (Novalis)
    So ist ihm das Eigentliche der Poesie fassbar: das Magische der
Zusammenstellungen. Goldoni (= die Welt Zustinas, das völlig Unmetaphysische)
ist ihm furchtbar, Molière bedeutet ihm nicht viel, der Mimus ist ihm
gleichgiltig, auf die incantatio kommt es ihm an. Die wahre Poesie ist das
arcanum, das uns mit dem Leben vereinigt, uns vom Leben absondert. Das Sondern -
durch Sondern erst leben wir -, sondern wir, so ist auch der Tod noch
erträglich, nur das Gemischte ist grausig (eine schöne reine Todesstunde wie die
Stillings) - aber wie das Sondern ist auch das Vereinigen unerlässlich, -: die
aurea catena Homeri. - » separabis terram ab igne, subtile a spisso, suaviter
magno cum ingenio« (Tabula smaragdina Hermetis)
    Sacramozo kennt die Gewalt des Schöpferischen. »Wir wissen nur insoweit wir
machen. Wir kennen die Schöpfung nur, inwiefern wir selbst Gott sind, wir kennen
sie nicht, insofern wir selbst Welt sind« (Novalis). Sacramozo weiss: die Dinge
sind nichts anderes, als wozu die Macht einer menschlichen Seele sie immerfort
macht. Die unaufhörliche Creation. Die Beziehungen zwischen zwei Wesen als von
ihnen geborene Sylphe (Rosencreuzer)
    Er sucht das Leben dort, wo es zu finden ist: im Zartesten, in den Falten
der Dinge.
    Der Abgrund in einem Menschen wie Sacramozo: die Verzweiflung des
Beschauenden, der sich fragen muss: »bin ich überhaupt, wenn ich hinweg muss, -
werde ich gewesen sein? hab ich Hass-Liebe gekannt?? - oder war alles nichts.«
    Was will ein Mensch wie Sacramozo? ... ein rasender Zorn der Impotenz, -
»Dero Hochunvermögen«.
    Er lässt es geschehen, dass die Sylphe, geboren aus Andreas und der Gräfin,
als die mächtigere, die schwächere tötet, deren Vater er ist.
    Sacramozo über die mystischen Glieder des Menschen, an die nur zu denken,
die schweigend zu bewegen, schon Wollust ist (Traum der Maria).
    Über die Mächte: der welcher zu beten vermag. »Vermöchte die Gräfin zu
beten, wäre sie geheilt.« Sacramozos mystische Liebe zum Kind, als welches
Mensch, nicht Mann noch Frau, sondern beides in einem.
    Andreas hat vom Malteser zu lernen: das Erkennen des Wesenhaften, die
Überwindung des Gemeinen (- alles Österreichische gemein: die Masse der
Kämmerer, Häufung in allem. In Wien kommt es jedem darauf an, etwas
vorzustellen). Sacramozos pessimistische Auffassung: ob ich ein Christ oder ein
Ateist, ein Fatalist oder ein Skeptiker bin, darüber werde ich mich
entscheiden, sobald ich weiss, wer ich bin, wo ich bin und wo ich zu sein
aufhöre.
    Sacramozo: »die Hoffnung und die Begierde des Menschen, in seinen früheren
Zustand zurückzukehren, ist wie die Gier der Motte nach dem Licht.« (Lionardo)
Der Blick, den er auf seine Jugendbekannten heftet. Frauen unterhalten ihn mehr,
Männer rühren ihn tiefer. Sacramozo - das ist sein Frevel - hält es für möglich,
ein zweites Leben zu führen, worin alles Versäumte eingeholt, alles Verfehlte
verbessert wird. - »Vierzig Jahre: ich habe nichts mehr zu gewinnen, aber ich
darf nichts mehr verlieren.«
    Sacramozo erkennt den Moment, welcher der Vereinigung Andreas' mit Maria
günstig ist: diesen Moment wählt er für den freiwilligen Tod, - seiner
Wiederkunft und Vereinigung mit der umgewandelten Maria sicher (er weiss, dass
auch Elemente sich verwandeln.) Dass Andreas ihm dann wird weichen müssen - in
welcher Weise, darüber denkt er absichtlich nicht nach -, erfüllt ihn für diesen
mit wehmütigem Mitleid.
    Er hat immer gewusst, dies werde ihm in seinem vierzigsten Lebensjahre
begegnen. Er teilt sein Leben so ein: drei Perioden zu zwölf; die erste:
Erfüllung, Offenbarung; die zweite: Verwirrung; die dritte: Verdammnis oder
Prüfung. Dann drei Jahre des Operierens, dann das vierzigste: annus mirabilis.
»Der echte philosophische Akt ist Selbsttötung« (Novalis) - Selbsttötung
einerseits als der sublimste Akt des Selbstgenusses, das wahrhaftige Disponieren
des Geistes über den Körper, zweitens als die sublimste Kommunion mit der Welt,
endlich kontrastierende Übereinstimmung mit dem letzten Wort östlicher
Philosophie (Neuplatoniker über den Selbstmord).
    Nur im Kleinsten, im zartesten Detail, wie der Körper zu überreden: darin
liegt das Geheimnis und die Schwierigkeit. Anknüpfend die Aufmerksamkeit und
Verehrung des Nicht-Wiederkehrenden.
    »Den Satz des Widerspruchs zu vernichten, ist vielleicht die höchste Aufgabe
der höheren Logik« (Novalis) - »Allmähliche Vermehrung des inneren Reizes ist
also die Hauptsorge des Künstlers der Unsterblichkeit« (Novalis)
    Gespräch mit Maria über den Selbstmord: » ... vor allem müsste man sicher
sein, sich ganz zu zerstören.« - Hier lächelt Sacramozo.
    Sacramozo: »Jeden Morgen geht die Sonne über Millionen Menschen auf, aber wo
ist unter Millionen das eine Herz, das ihr rein entgegenklingt wie die
Memnonssäule? - ich stand mit Zehntausenden auf einem Hügel, eine Wallfahrt etc.
- aber mein Herz war von den ihren abgetrennt. - Wann hat mich die Morgensonne
wirklich beschienen? einmal vielleicht, in jenem kurzen Traum. Aber ich werde
dortin gehen, wo mich ein jungfräuliches Licht an jungfräulichen Ufern treffen
wird.« - » Aller Anfang ist heiter. Heil dem, der stets aufs neue anzufangen
versteht!«
Sacramozos Todestag:
    Die Vorbereitung. Fasten. Aspekt der Welt. Anwandlung von Zweifel.
Ängstlichkeit, der Entschluss wankend, wieder befestigt.
    Letztes Gespräch mit Maria: Abschied und Wiedersehen. die Kraft dieses
Gespräches über sie.
    Der letzte Nachmittag, Abend. - Die Gedanken währenddem. Die Tropfen; das
Wissen, von Tropfen zu Tropfen innehalten zu können. Auflösende Wollust, - wie
sie fahl wird unter dem Gedanken des Innehaltens. der Aspekt der Welt zwischen
Leben und Tod: die Heiligung der Wollust durch das Definitive. Ein ungeheures
Ehren Gottes in seinen Geschöpfen: ein Eingehen in den Tempel Gottes. Anwandlung
von Todesfurcht: Paroxysmus. Verklärung.
    Vor dem Tode: hört ein Wasser rauschen, hätte jedes Wasser, das er jemals
rauschen gehört, nun heraufrufen mögen.
    Stadien der Auflösung: ein wunderbares Nahekommen jedem Wesen, das ein
sanfter leuchtender Strom ihm hervorbringt; die Wesen kommen wie Schwimmer aus
einem heiligen Wasser: er weiss, dass er nichts im Leben umsonst getan. Die
Nahekommenden einzeln, wie ein auflösender Kuss der Seele, - die Bläue eines
Gewandes, der Hauch einer Lippe, eine Vogelstimme - (die Objekte im Zimmer:
himmelblauer Stoff, eine Maske, silberne Leuchter, Blumen, Früchte,
Wasserschalen) - er nimmt es für ein Vorgefühl einer unaussprechlichen
Vereinigung und weiss nun, er kann nicht mehr zurück.
    Das Sterbezimmer des Maltesers mit Alabasterlampen und Blumen. Sein
beseligter Abschiedsbrief: All-Liebe. Ihm scheints kein vages Zerfliessen,
sondern sublimstes Wahren der Person.
Zur selben Zeit gewinnt Andreas Zustina in der Lotterie. Sie will sich ihm
geben, hofft ihn so zu gewinnen, dass er ihr Mann bleibt. Gesteht ihre List, ihn
gewinnen zu machen, die sehr gut erfunden war. Ihre Tränen und ihre Fassung;
Evidenz, dass auch Nina in ihn verliebt ist. - Nachricht von Romana. - Zustina
spricht über die Art von Ninas Liebe im Gegensatz zu der ihrigen, leitet beide
sehr scharf und zart aus dem physischen Naturell ab. In dieser Stunde ist
Zustina ausserordentlich schön. Zustina: »wenn Nina verliebt ist, so hört sich
für ihre Seele alles auf: die ganze Welt ist anders, - sie begreift nicht, wie
sie gestern hat leben können. Ich war bisher nicht verliebt, - und wenn es kein
anderes Verliebtsein gibt als Ninas, so kenne ich bis heute die Liebe nicht.
Denn die Welt bleibt für mich immer die Welt, obwohl sie ein Wesen entält, dem
zu begegnen köstlich ist.«
Letztes Kapitel:
    Wie Andreas flüchtet und wieder bergauf fährt, ist ihm, als ob zwei Hälften
seines Wesens, die auseinandergerissen waren, wieder in eins zusammengingen.
    In St. Vito findet er einen Knecht, der nachts heimfährt. Wie er den
nächsten Tag nach Castell Finazzer kommt, ist Romana nicht da. Allmählich hört
er, sie sei seinetwegen auf die Alpe geflohen; dann: sie habe ein furchtbares
Fieber gehabt, immer von ihm gesprochen, dann habe sie gelobt, ihn nie mehr zu
sehen, er komme denn von Wien, sie als Frau heimzuholen (die Scham nun so ins
Unendliche gesteigert, wie damals die Unbefangenheit).
    Er hinterlässt einen entscheidenden Brief für Romana. Letztes Kapitel: er
geht bei Tagesgrauen. Bei Sonnenaufgang kommen sie an. Mit der Mutter hinauf
nach der Alm. Romana verkriecht sich in den letzten Winkel, droht endlich von
droben nach aussen hinabzuspringen.
 
                           Die Dame mit dem Hündchen
Übersicht (ungefähr) 12. IX. 1912, Aussee
    I. Ankunft. Wohnung. Lotterie. Besuch bei der Cocotte. Erste Begegnung. II.
Der Malteser. Gespräch. Besuch bei der Gräfin, vorher noch einmal bei Nina. III.
Entwicklung der Dinge mit der Witwe. Zärtliche Freundschaft mit der Gräfin.
Eifersucht auf den Malteser. IV. Die Gräfin gerührt: ihre Geschichte. Die Witwe:
feurigste Gegenwart, koboldhaft, Wissen um die »Andere«. V. Beginnendes
Zurückziehen der Gräfin (Wechsel der Beichtväter), Abendbesuch. Der Zettel mit
der Drohung. VI .... VII .... Abendbesuch; beim Hinaufgehen in Andreas das
Gefühl, wie völlig er verwandelt sei. Das Schwergewicht des Erlebens: nichts
davon könnte ungeschehen bleiben.
Andreas. - Grund, ihn auf die Reise zu schicken: schwierige schleppende
Rekonvaleszenz nach einer seelischen Krise, Spuren von Anhedonia, von Verlust
des Wertgefühles, Verwirrung der Begriffe.
    Einfluss eines Pater Aderkast, der für Andreas das Leben aufgehoben,
illusorisch gemacht hat (Aufführungen von Calderon) - Die Begegnung mit dem
Pater Aderkast (der süsslich auf ihn losgeht, - ihm ist, als ginge seine ganze
Vergangenheit unentrinnbar auf ihn los) verflochten mit einem Abenteuer mit
Mariquita: je zerstreuter Andreas durch die wiederholten Begegnungen mit Pater
Aderkast, dessen Dringlichkeit er sich kaum erklären kann, umso reizender
scheint er für Mariquita zu sein.
    Andreas glaubt nicht recht an seine Erlebnisse, das, was er, gerade er
erlebt, wird doch nichts sein; er ist masslos, einerseits nach dem Sinnlichen,
andererseits nach dem Idealen. - Er nimmt immer an, man müsse wissen, was in ihm
vorgeht. - Er verlangte leise und nicht dringend und war mit Wenigem zufrieden.
    Andreas' Lehrzeit: das Dasein des Höheren erkennen, den Gehalt des Lebens
erkennen.
    In den Erinnerungen der Kinderzeit bleibt etwas peinlich Verwickeltes, das
aufzulösen kaum das ganze Leben hinreicht. Mit seiner Kindheit versöhnt sterben.
(Tagebuch, »ich möchte mit meiner Kindheit versöhnt sterben«)
    Der Grossvater Fährknecht bei Spitz, herabgestiegen aus dem Waldviertel.
Überfahrt der Prinzessin Braunschweig, die ihn bemerkt und statt eines
Erkrankten als Reitknecht annimmt. Der Kaiser reitet ihr mit hundert Kavalieren
entgegen, lässt sich ihr unter dem Incognito Graf Falkenstein als letzter
vorstellen, drückt ihr aber beim Handkuss die Hand, worüber sie vor Schreck
aufspringt, ihm in die Arme fällt, er ihr nun abwechselnd beide Hände küsst.
(dies 1716, der Grossvater geboren 1699, Andreas' Vater geboren 1731, jetzt 48
Jahre alt) - Spanisches Wesen aus diesen Erzählungen.
Als Abschluss der Reisekapitel: Begegnung mit der »Frau an der Aar« - das
Abenteuer der untröstlichen Witwe.
    Abschied vom Finazzerhof: er glaubt sich nicht, er bildet die Gestalt eines
andern in sich aus, der wiederkommen wird. Erschrocken nun in dem Haus am Fluss,
wo ihm die trauernde Witwe entgegentritt mit ihrem »Du selber! du bist es
selbst! dir entrinnst du nicht!« - Die Stimmung höchster Gehobenheit anhaltend
von dem Moment mit dem Berg durch mehrere Tage, umschlagend bei jenem Abenteuer
mit der Witwe (die Hand der Witwe nachts auf seiner Brust).
    Eine deutschredende Witwe aus dem Tiefstgelegenen der Sette Communi. Das auf
Papier gemalte Bild des Unglücks, daran der Ehering. Schickt ihr 16 jähriges
Mädchen an den Strom knien und weinen. Ihr Husten (hysterisch von ihr selbst
gesteigert), - zuweilen erzählt sie es ausführlicher. Das Bild ist ihr Gebetbuch
und alles. - Eindruck auf Andreas, » ein Augenblick!« - von hier aus vermag er
zu beten, das trifft ihn. (dazwischen: Kaufmannsdiener, Aufmerksamkeit auf sein
Gepäck, jäh vom Gebet weg. Ein eitles leeres Schwätzen mit einem Mitreisenden
über den Adel der terra ferma) - Die Klagen und Selbstgespräche der Witwe,
unablässig seit l7 Jahren; die ungerührte Art der Tochter, es ganz kalt zu
detaillieren, zu sagen in schleppendem müden Ton, »nichts freut sie, die Welt
ist ihr wie ein Sarg« - wo die Mutter das Gleiche sagt, aber in a raving way,
wodurch doch in der Qual etwas vom Hauch Gottes bleibt, von der
Unerschöpflichkeit der Natur und des Lebens. Wogegen an der Tochter schon die
Körperhaltung furchtbar, das gleichgiltige sich-Hinschleppen neben der Mutter,
gleichgiltig Antworten »ja, ja« - nach der Seite Hinsehen, gleichgiltig Sagen
»nun ist der Vater schon seit achtzehn Jahren tot, und sie hört nicht auf, sie
wird nie herauskommen, als bis sie in der Erde liegt.« - Hier wird Andreas
aufmerksam darauf, welch ein geheimnisvolles Verhältnis zwischen dem Augenblick
und dem Jahr, ja dem Augenblick und dem ganzen Leben obwaltet; wie ein
Augenblick etwa ein ganzes Leben in sich hineinschlingen kann (- etwas Ähnliches
dann im Schicksal der Gräfin).
    Er hört sie reden, vom Weinen unterbrochen, sie will ins Wasser. Die Tochter
hart, über ihre Jahre. Ihm ahnt, dass auf einem gesunden Selbstgefühl das ganze
Dasein ruht, wie der Berg Kaf auf einem Smaragd. - Nach allen diesen
Vorstellungen fühlt er sich mit Romana untrennbar verbunden, wahrhaft vermählt.
    Die Szene wo die Tochter die Mutter wegzerren will, damit sie den Fremden
nicht belästige, indem sie der Mutter, die an der Brust des Fremden hängt, die
bittersten, eisigsten Wahrheiten sagt, »das ist ein fremder Mensch; der Zufall,
den er verwünschen wird, hat ihn hier übernachten gemacht. Was dir widerfahren
ist, ist ihm gleichgiltig, er verwünscht den Aufentalt und dein Geschrei, das
ihm in den Ohren gellt. Kaum ist seine Chaise um die Ecke, so hat er dich und
mich vergessen wie Ungeziefer in einer unreinen Herberge.« - Andreas' furchtbar
zerrissenes Gefühl, innerstes Nichtgenügen vor diesem Jammer, diesem schlechtin
Unendlichen; - er verachtet sich um jeder Bequemlichkeit willen ... - hier
brechen die Reiseerinnerungen jäh ab.
    Er dachte nicht an jedes Einzelne dieser Erlebnisse, und doch waren sie alle
in ihm gegenwärtig, jedes war irgendwie immerfort da, sein Inneres war wie eine
zitternde Magnetnadel: alle diese Dinge lenkten sie fortwährend vom Pol ab; er
war leer und überlastet. Sehnlich bedurfte seine Natur der Leidenschaft, die
uns, indem sie uns mitfortreisst, die Last unseres Selbst abnimmt.
    Das Haus an dem Fluss mit der untröstbaren Witwe, in allen Räumen, Schuppen
etc. ihn völlig umfangend. - In ihrem verhärmten Gesicht ein plötzliches
Lichtwerden, die Augen freundlich, der Mund hübsch, das Reinste und Wahrste des
Natürlichen an ihr. - Gedanke, ob die Existenz seiner Eltern nicht eine
verkappte Hölle.
    Andreas' schwermütiges Herumgehen, diese ganz kleinen Details: das Aufnehmen
eines Zweiges, zärtlich ihn wegwerfen, aber sanft, nicht weit von sich, ihn noch
fühlen, wie er dort liegt. Ablecken von Halmen vor Freude.
    Er hat der Witwe in anderer Weise zugehört als alle anderen Leute seit
langem; darum kommt sie in der Nacht zu ihm, rührt seine Brust an -: wo sie
einmal wieder nach langer Frist menschliches Fühlen spürt, wache und lebe etwas
von ihrem Verlorenen.
    Abends beim Nachtmahl: ihr Auf- und Abgehen, phantasierend von dem
Verstorbenen. Die Tochter sagt, »es ist Südwind.« - Sie nimmt den Fremden bei
der Hand, »o nehmen Sie das, nur das von mir, dass ich es aus voller Absicht
getan habe, aus ganzem Bewusstsein heraus; - stehe ich nicht wie der Stein in der
Mauer, alles möchte stürzen, gerade dadurch muss es bleiben! - können Sie mich
fassen? Mordlust (imp of the perverse) ist nichts dagegen, - aus starrem Grausen
über die Welt habe ich es getan!« (- gleich sich widersprechend, sich der
teuflischen Selbstsucht anklagend) - Furchtbare Stockung, wo alles bleibt, alles
starrt, auch die Bewegung. - Die Tochter drängt sie weg, »dem Herrn sein
Nachtmahl ist gerichtet, lass ihn in Ruh!« - wie jung die Mutter aussieht im
gequältesten Moment. - die Tochter: der Pfarrer weist sie aus dem Beichtstuhl
als eine halsstarrig verzweifelte.
    Andreas: bei einem allgemein plumpen dumpfen Zustand gewisse Subtilitäten,
gewisse unwahrscheinliche Lieblingszusammenstellungen, denen der Geist immer
wieder nachgeht, die er als das Eigentliche empfindet, wogegen er das übrige
Leben niemals entmischt gewahr wird. Ein solches Anwandeln des Eigensten an
jenem Abend an dem Flusse, wo das Haus der betrübten Witwe steht; seltsames
Erlebnis dann nachts, wie die Halbirre auf seiner Brust kniet. Er identifiziert
sich vorher mit jenem Toten, ihm ist, er hätte jenen Blick geworfen. Im Bette
heftiges Denken an Romana.
    Er setzt, später die Rollen vertauschend, sich an die Stelle der
unglücklichen Mörderin, Romana an die Stelle des Mannes. Er ist hypochondrisch
genug, sich das Herabstossen vorzustellen. Aller Kleinheitswahn fliesst hier
zusammen; er malt sich aus, was in Romana er alles zerstört, er lässt sie nicht
ganz tot sein, sondern als einen freudlosen Geist fortleben, - dadurch erst wird
ihm der Reichtum ihres Lebens klar, er fühlt sich mit ihr verbunden wie nie
zuvor, der Gehalt des Lebens geht ihm auf, - er ist selig. - »Wodurch werden wir
bewegt? von welcher Kraft, von welchem Punkt aus?« fragt er sich, und ihm graut
vor der Unbekanntschaft mit der Macht, die über allem ist.
    Die beständige Erhöhung der Materie Romana durch alles was sich begibt: er
kann Romana erst besitzen, wenn er sie glaubt.
    Im Hause der Witwe. Am Fenster bei Sonnenaufgang, Wolken überm Fluss.
Stärkstes Erlebnis: Ahnung aller und keiner Liebe in sich selbst, Ahnung: es
kann dir nichts geschehen, du kannst nicht zu kurz kommen. Vorher stufenweise
stärkste Anfechtungen; hauptsächliche Apprehension, um das Eigentliche, um den
Gehalt des Lebens betrogen zu werden. - Zu sich, »wer immer du bist, fromm oder
unfromm, Kind oder Vater, - du kannst nicht verworfen werden, dich hält etwas.«
Er meint, er kann dies Etwas fassen. Wessen er sich nicht würdigte, was er nicht
für möglich hielt, wozu er hypochondrisch die Möglichkeit sich absprach, - in
der Vergangenheit erschien es ihm möglich, im Traum war es sein eigenster
Besitz. - Ihm war eines vor allem schwer: zu sich selber zu gelangen, und an
dieser Schwere erfüllte sich sein Wesen.
Andreas' Weg: zuerst liebesfähig werden, dann lernen, dass Geist und Körper eines
sind. Er hat an dem Dualismus fortwährend gelitten, bald war ihm das eine, bald
das andere an ihm selbst nichts wert. Nun lernt er hinter dem einen das andere,
immer das eine als Träger des anderen fühlen.
    Wie Romana in ihm zu leben anfängt: einzelne Züge, ein Lächeln wie im
Einverständnis mit ihm. Dies ihr Aufleben in ihm ist immer mit Ängstigungen
verbunden, die wieder mit Heiterkeiten abwechseln. Einmal glaubt er sie an der
Riva auf einem Koffer sitzen zu sehen, sie schickt sich an, auszupacken. Er wagt
nicht heranzutreten.
    Kapitel I, Schluss: Andreas auf dem Bett sitzend, es könne ein Kamel eher
durch ein Nadelöhr gehen, als er zu einer richtigen Liebschaft kommen mit der
Spanierin, der Zustina, der Nina, - jeder andere könne es eher. - Jetzt, in
Gedanken an Romana, schön aufleuchtend: der Spaziergang. Vier Luftschlösser, in
denen er mit jeder von den vieren wohnt.
    Episode der Bürgersfrau. - zur gleichen Zeit Entfremdung mit dem Malteser.
Die Frau eines Schneiders, die mit ihm verheiratet sein möchte. Der
Flickschneider sieht ihr durch die Finger. Niedrig bürgerliche Welt, voll
Adelsklatsch, auch bezüglich Durchreisender. Antrag, ihm zu willen zu sein und
auch andere ihm zu verschaffen, zugleich höchste Achtung für die Tugend. Ganz
elementarisches Volksdasein, der niederen Antike gleich. Die Schneidersfrau hat
16 Geschwister. Freundliche Augen und ein hübscher Mund, accomodant, bei der
ersten Begegnung nimmt sie ihn für einen grossen Herrn, dann mehr für
ihresgleichen. Der Mann stirbt. Die Kinder der Frau: der ernste Knabe, wie er
ihn anschaut, dabei sich selbst zu vergessen scheint, das anschmiegende Mädchen
mit etwas falschem Blick.
    Hier ist Andreas gewissermassen zuhause, bei der Gräfin ist ihm, als lebte er
nicht, sondern träumte nur, er fragt sich, ob er jemals gelebt habe. Durch
dieses Leben in dem Bürgerhause, wovon er gegen niemand Erwähnung tut, glaubt er
ein Lügner und Verräter zu sein. - In dieser Zeit sitzt Andreas dem Zorzi zu
einem Porträt, bricht tückisch ab. Zorzi macht ihm Angst vor Intervention der
Behörden. Die Katastrophe durch den Tod des Mannes, die Veränderung der Kinder
gegen ihn, ihre Bitterkeit, Selbstvorwürfe Andreas', »darf ich sagen: ich stehe
bei jemand?« - die Bilder in den Kirchen ihm unleidlich, sie demütigen ihn durch
die Mannhaftigkeit der dargestellten Figuren. Ihn ekelt über seine Fähigkeit,
sich in alle, sogar den Spion Zorzi, dann einen alten buckligen Zubringer etc.
mit Verständnis hineinzufühlen. Er will dem Malteser das Geständnis dieser
Selbstverachtung machen, unterlässt es wieder; der Malteser durchblickt seinen
Zustand, erkennt an einer veränderten, wegwerfenden Art zu reden, dass er mit
sich zerfallen sei.
    Der Malteser gibt ihm den Ariost zu lesen, um der wunderbaren »Welt«, welche
darin ist. Er liest ihn nicht in rokokomässigem Sinn. Er versteht die Bemerkung
des Maltesers, dass es nichts Vergangenes gäbe; alles, was existiert, ist
gegenwärtig, ja wird im Augenblick geboren (Gefühl beim Anhören Bachscher Musik)
    (Für Andreas:) Im Einzelsten vollzieht sich das Geschick, im Einzelsten
sitzt die Macht. Nichts was magisch wirken soll, ist irgend vag, allgemein,
sondern Besonderstes, Augenblicklichstes. Liebe, - entzündet durch einen
drolligen Zwischengedanken, eine Ungeschicklichkeit, eine Zögerung, wie durch
eine Gebärde des Mutes, der Freiheit. Das gewöhnliche »Ich« eine unbedeutende
Aufrichtung, eine Vogelscheuche.
    Andreas und die beiden Frauen: »das Wesen der Welt erschöpft sich in
Polarität und Steigerung« (Goete achtzigjährig) - einerseits von jeder von
beiden sich von Mal zu Mal mehr verlangend, - wohin? (der Takt im Wesen des
Maltesers verkörpert) - andererseits: Ahnung der Polarität, in jeder liebt er
die andere aufs zarteste und reinste, wird dadurch gewiesen, in der Welt nichts
Unbedingtes zu suchen.
    Andreas' Angst, in Maria oder Mariquita das andere Wesen wahrzunehmen,
darüber das Einzige des geliebten Wesens zu verlieren. Er ist nahe daran,
Mariquita töten zu wollen, um Maria für sich zu retten. (die Versuchungen, denen
seine Schwäche hier ausgesetzt ist, - »lerne zu leben!«)
    Andreas' bescheidener Wunsch, mit Mariquita ehelich verbunden zu sein,
allmähliches Hervorkommen der Unmöglichkeit dessen; Brief an die Eltern im Kopf
gewälzt, diesen Plan anzukündigen.
Maria und Mariquita. - Novalis, »alles Übel und Böse ist isoliert und
isolierend, es ist das Princip der Trennung« - durch Verbindung wird die
Trennung aufgehoben und nicht aufgehoben, aber das Böse (Übel) als scheinbare
Trennung und Verbindung wird in der Tat durch wahrhafte Trennung und
Vereinigung, die nur wechselseitig bestehen, aufgehoben.
Maria Mariquita
wünscht sich, eine hat Furcht vor dem
Greisin zu sein, Altwerden,
stellt sich gern Furcht vor dem Tod,
als gestorben vor
(hierin trifft sie
sich mit Sacramozos
Überwindung der Zeit)
liebt alte Leute sieht nicht gern alte Leute
hat Furcht vor Kindern zieht Kinder um sich
Marias Rührung über eine alte Frau, deren Haut zu berühren niemand begehrt.
    Mariquita gourmande und Kochkünstlerin, Maria isst auch gern gut, unterdrückt
es aber und versteht nichts von der Küche. Mariquitas Begierde, zu erleben,
masslose Neugier, den Fuss überallhin zu setzen, in alle möglichen Situationen zu
kommen, alle Spelunken zu betreten. Alles was Andreas vorbringt (von der
Schönheit fliessenden Wassers usw.), nimmt sie gesteigert auf. Sie hört, wovon
die Leute reden, wo jetzt etwas los ist, etwas zu sehen ist (der Gemüsemarkt
gegen Morgen, der Fischmarkt, Kellerphantasien, Postfahrten auf dem festen
Lande, Episode der Seiltänzer).
    Mariquita: eine ganz ungreifbare Person. sie lässt sich küssen, mehr nicht,
lässt durchblicken, sie sei eine anständige Frau, aber einen Geliebten habe sie
wohl. - Er führt sie in Spielsäle, in andere Unterhaltungsorte, manchmal ist sie
ihm plötzlich vom Arm verschwunden, manchmal wird sie krampfhaft starr, sieht
ihn dann plötzlich mit dem Gesicht Marias an. - Bei der Gräfin kommt es ihm als
etwas Ungeheures, gar nicht im Ernst zu Denkendes vor, dass sie sich geben könne,
bei Mariquita als etwas Ungeheuerliches, dass sie es nicht tut. In beidem geht er
zu weit, beides sind Trichter, durch die er hinaus ins Bodenlose fällt. Er sehnt
sich, mit dem Malteser darüber zu sprechen, begegnet statt dessen dem Herzog,
der sich mit den Hunden herumbeisst.
    Mariquita zu Andreas, »ich bin in dich vernarrt, weil du der erste warst,
den ich bei meiner Befreiung gesehen habe. Ich weiss, dass du nichts so Besonderes
bist, aber ich seh dich immer noch mit so verzückten Augen, - es ist halt alles
Zufall.« - »an jenem Tage war ich zum ersten Mal ganz heraussen; - vorher
verstand ich schon Briefe zu schreiben.« - die Kraft, Abenteuer anzuknüpfen,
weil sie unbedingt frei ist.
    Mariquita empfängt in einer sonderbaren Wohnung, angeblich ihrer Herrschaft,
die sie sich unter erlogenen Vorwänden ausgeliehen hat; sie fingiert,
Gesellschafterin zu sein oder was immer. Andreas' Gewissenskonflikt, sie zu
heiraten, da er ihrer, allerdings reizenden Fehler gewahrwird. - Das
Absichtslose manchmal an ihrem Schwätzen, das Verträumte, - »werd ich dich ganz
haben?« fragt Andreas, - »Ganz, und noch eine dazu.«
    Wie Mariquita ihre Bekanntschaften macht: als Gouvernante sich vorstellend,
sammelnd für religiöse Werke. Immerfort Ausflüge, sie hat immer was erkundet.
Auf den Ausfahrten bringt sie Andreas in allerlei Gesellschaft, wo er Spott und
Hohn zu leiden hat, auch verwirrt, übertölpelt und beschämt wird, »Ihr wollt ein
Beamter werden?« - Mariquita lässt sich gern die Geschichte vom Onkel Leopold
erzählen. - Sie führt Andreas unter anderen zu einem Irren, dessen Nichte oder
Haushälterin sie zu sein vorgibt; der kommt herein, redet für sich, ohne die
Anwesenden zu sehen. - Einmal weiss sie sich nichts Besseres, als ihm die Andere
in ein sonderbares Haus locken, ihn dann mit der verwirrten beschämten anderen
nach Hause gehen zu lassen. Die Andere spricht kein Wort, scheint zu Tode
beschämt und geängstigt, so dass Andreas sie verlässt.
    Ihre schönsten Augenblicke: ihre Fähigkeit, auch im scheinbar Hässlichen die
reinen Elemente zu gewahren, auf dem Fischmarkt, auf dem Gemüsemarkt, beim
Einkaufen einer Mahlzeit. - Er will mit Mariquita eine Reise machen nach dem
Hause der Witwe; dazu kommt es nicht mehr nach langen Komplikationen. Sie will
kein Mal wieder mit ihm nach demselben Ort, wo sie das frühere Mal zusammen
waren. Dadurch trennt sie das Gewebe jedesmal wieder auf. - Andreas, »wenn ich
nur um deine Einsamkeit wüsste? wie bist du denn da?«
    Mariquita fragt gerne Andreas über den Malteser aus, es ist fast, als
schwanke sie manchmal zwischen beiden; »was würde er da sagen oder tun? ah, ist
er so? - bewundern Sie ihn sehr? würde er mich mögen?«
    Mariquita sieht den Malteser, während er mit Maria verliebt und bewegt
spricht. Sie (ihr Widerstrebendes) hindert Maria, den Malteser wahrhaft zu
lieben.
    Mariquita behauptet, alles von der Gräfin zu wissen, bis in ihr erstes
Lebensjahr zurück; so erzählt sie einen Teil der Biographie, - nie ihre eigene.
Andreas fragt, »und was war mit dir, wie du Kind warst?«
    Mariquita, einmal durch einen Schrecken ohnmächtig geworden, verwandelt sich
in Maria, - bei dem Sturmabenteuer, am Quai, in einem fremden Hause, wo er sie
hineingetragen hat. Sie war an diesem Tage müde, unausgeschlafen; ein schöner
Sonnenuntergang, dann Gewitter.
Geschichte Marias: nach massloser Liebe verlassen. heiratet einen ungeliebten
Mann, der sie nur einmal besitzt; der wird schwer krank, sie pflegt ihn auf der
Landstrasse in einem Wirtshaus, - da kommt der Treulose ans Fenster. -
Grundgedanke Marias: das Unendliche, - wie ist es möglich, einen mit einem
anderen zu vertauschen.
    Das Seelenleiden datiert von dem Tag, wo sie, ihren ungeliebten Mann
pflegend, nach dem Tode ihres Kindes, des Geliebten, Ungetreuen unerwartet
ansichtig wurde. »Mich hat das Leben auseinandergerissen, nur Gott im Himmel
kann mich wieder zusammensetzen.«
    Das Erlebnis: sie beantwortet allmählich doch einige Briefe des Liebhabers,
geht darauf ein, ihm einmal zu begegnen. Sie denkt dabei nicht über die Wollust
des Begegnens hinaus, - in diese aber stürzt sie sich hinein ohne Grenzen: es
ist ihr anders als jenes häufige ihn vorbeigehen Sehen, die Begegnung ist ihr
wie das Plastische gegenüber dem Visuellen, ein Mehr. Dagegen wird ihr der Mann
immer mehr flächenhaft. Kurz vor jener Begegnung hält sie inne, kehrt um, geht
nach Hause. Ihr ist, als sässe der Mann an ihrem Stickrahmen, wartete auf sie,
träfe sie mit seinem Blick. Wie sie nach Hause geht, fühlt sie den Liebhaber
sich im Rücken, wendet sich aber nicht, hat die Kraft, bis an die Schwelle zu
kommen. Sie geht die Treppe hinauf, öffnet die Tür, da sitzt der Mann wirklich
am Stickrahmen, den Blick auf sie, aber tot.
    In der Ehe hatte sie eine Anwandlung vom Absterben des Wertgefühls. Die
Gräfin einmal allein, sieht im Spiegel, wie sie sich verwandelt, nachdem alles
in ihren Gedanken (Vergangenheit, Gott, Reinheit) ein anderes Gesicht angenommen
hat. Der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht kämpft mit dem triumphierenden, dann
erhebt sich Mariquita und schleicht die Treppe hinab.
    Einmal während Maria zu Andreas und dem Malteser spricht (von spanischen
Titeln und Sukzessionen, bewusst langweilig, weil sie sich nicht erregen will)
verliert sie sich: das andere Gesicht tritt hervor, sie spricht in einem ganz
anderen Ton, ihre Augen schwimmen, ein feuriger Blick trifft Andreas, - dann ist
es wieder vorbei, sie wird totenblass, findet mühsam den Faden. Während dieses
Aufglühens sagt sich Andreas, »ich bin besessen, meine Einbildungskraft spiegelt
mir die andere vor«, - er wird rot vor Scham und hat Tränen in den Augen. - Auf
die Gleichheit der Hände gestattet sich Andreas nicht einzugehen: er will einen
Unterschied finden.
    In Maria subliminares Grauen vor allem auf der Gasse sich Zutragenden,
zunehmende Unlust, auszufahren, die der Malteser zu bekämpfen sucht.
Purifikation, Einäscherung des Herzens, Verherrlichung der Abtötung, Interesse
für den Platonismus des Maltesers, Neigung zum Molinismus.
    Die Predigt, die sie an diesem Nachmittag gehört hat über die Tätigkeit der
Würmer am menschlichen Leichnam und gleichzeitig das Vergessenwerden auch von
den nächsten Angehörigen; wie dagegen keine Rettung sei, als bei Gott.
    Beichtvater: Spanier. zu diesem hat Mariquita ein sonderbares Verhältnis,
sie schreibt auch an ihn, sie droht ihm, Maria auf einen anderen Weg zu bringen.
Sie widersteht seinem Blick. - Starke Wünsche von Mariquita empfindet Maria als
Impulse.
    Mariquita über Maria: sie wollte keine rechte Frau sein, - wollte nicht
Christus vergessen.
    Andreas - Maria: es kommt bis zum Mieten eines Zimmers; seine Furcht davor,
sie zu besitzen, - ihm selbst unbewusst. - Maria fühlt sich durch eine Stimme
gewarnt, spricht tonlos nach, was vermeintlich die Stimme ihr vorsagt, »tus
nicht, tus nicht.«
    Geständnisse der Kranken (scheinbar fiebernd, doch fiebert sie nicht), wie
Mariquita ihr die Füsse vom Leib gehauen und sie versteckt habe. - Andreas stürzt
bei der Erzählung aus dem Zimmer. Er bekommt jetzt unaufhörlich Briefe von den
beiden. Schliesslich geht die Dame ins Kloster.
Der Malteser. - Er bewegt sich in einer Zeit, die nicht völlig Gegenwart, und an
einem Ort, der nicht völlig das Hier ist. - Für ihn Venedig Fusion der Antike
und des Orients, Unmöglichkeit, von hier ins Kleinliche, Nichtige
zurückzusinken. Morosin Peloponnesiaco sein Urgrossvater. Besitz einiger Antiken,
darunter ein früher Torso.
    Mehrere Menschen in ihm: wenn er Gärtnerei treibt, draussen an der Brenta, in
Hemdärmeln, bürgerlich 1840 anticipiert; die Ahnung für Andreas, wie auch seine
eigenen Enkel existieren werden.
    Verbundenheit. Alleinsein mit dem Kind, Aufschauen des Kindes, »aus der
Substanz, die ich nicht suchen darf - denn ich habe sie -, bauen sich alle
Himmel und Höllen aller Religionen auf, - deren Wegwerfen die finsterste Nacht
wäre. - Der Blick des Kindes verbindet mich, die Worte in meinem Mund, mit
diesen Mauern, deren Schutz und dem Selbstverständlichen. « - »Impavidum ferient
ruinae« - eine Interpretation, ein Hinaufrufen innerer Kräfte, sich- auf
Ressourcen, nur das Kataklysma offenbart höchste Wollust.
    Sacramozos zwei Träume in der Amtsstube in Bruneck am Schreibtisch. I) Er
wohnt allein im Schloss. Hahnenschrei, ein zweiter, ein Läuten. Er steht auf,
blossfüssig, fühlt durch die Fusssohlen alles bis hinunter in den Berg. Die
Müllerstochter am Tor, macht Feuer an, tränkt das Vieh im Rittersaal, - lauter
symbolische Zeremonien. Er vermählt sie dann in der Laube mit seinem Sohn.
Gegenüber aus der Bergwand treten silberne Ahnen, so schön, dass er träumend
ausruft: ich träume. -
    II) Alles zweideutig: er ist Landpfleger, aber niemand darf es wissen. Im
Hausflur ein Feuer, Mägde: an die Wand gekettet der Gefangene. Verleugnen.
Jedesmal dazwischen durchfliegt er die Landschaft: Bäche, Friedhöfe, - dahin,
dortin. Schon matten Fluges glaubt er, muss er finden, wer der andere ist, - es
ist wie ein verlegter Schlüssel. Der Gefangene, »kennst du mich denn?« nun kräht
der Hahn. Er weiss, es ist zum dritten Mal, und weiss, er hat seinen Heiland
verraten. - Der wirkliche Pfleger herantretend, »ich muss Ihnen die seltsamste
Begebenheit erzählen: der Graf von Welsberg ist zurück aus dem Türkenkrieg.« -
man glaubte ihn bei der Veteranischen Höhle gefangen, geköpft von Janitscharen.
    Seine Hypochondrie, unsagbare Abhängigkeit von der Luftbeschaffenheit; sein
Hochmut diesen Dingen gegenüber, Verschlossenheit. - Antipatie gegen rohes
Geschrei, Hundegebell.
    Das Streben nach Vollkommenheit muss fromm machen. Seine Erklärung, was ihn
gelehrt habe, das sinnlich Vollkommene, obwohl er dafür sensibel sei, gering zu
achten (- jenes sinnlich Vollkommene, wie es sich beim Veronese im Verhalten
eines vollkommenen Weiss zu einer entblössten Kehle ausspricht, desgleichen beim
Correggio) -: der Zustand des Verfalls von Venedig hat ihn die Eitelkeit aller
Dinge gelehrt.
    Perfektomanie: Ausdenken prunkvoller Feste führt dazu, kein Fest vollkommen
zu finden als das Begräbnis eines Kartäusermönches.
    Sein Schlüssel, dass er die Gesinnung der Menschen zu durchschauen vermag,
die Natur: wie für einen Frommen alles abgetan ist, wenn er den andern gottlos
weiss, unfähig Gott zu suchen, so ist bei ihm alles erledigt, wo er kein
unbeteiligtes und einheitliches Streben nach oben fühlt; er hält sich an das was
er das Menschliche nennt, er durchblickt mit Raschheit das nur Partielle - » was
nützt ein verworrenes Bestreben, eine vereinzelte gute Eigenschaft? - das Fass
der Danaiden, das Rad des Sisyphus halt ich mir vom Leibe.«
    Sacramozos Interpretation des Schriftwortes »suchet erst das Reich Gottes,
und alles andere wird euch zugegeben werden« - hier in den Geschöpfen sucht er
das Reich Gottes. »das Ergon«, sagt die Fama, »ist die Heiligung des inneren
Menschen, die Goldmacherkunst ist das Parergon« - solve et coagula. das
universelle Bindemittel: Gluten; das universelle Lösemittel: Alkahest; - in der
Liebe ist beides. In der Liebe: immer sublimieren, verflüchtigen, das Leben, den
Moment aufopfern für das daraus herzustellende Höhere, Reinere, - dieses Höhere,
Reinere zu fixieren suchen.
    Malteser, ein Motto: »le plus grand plaisir de tous les plaisirs est de
sortir de soi-même« in »Amours d'Eumène et de Flora« (bei v. Waldberg,
»Geschichte des Romans«). Die ganz schlimme Stimmung, die bei ihm einer Krise
vorausgeht, er ist dann ganz unangenehm, eigentlich unausstehlich, sogar
unhöflich. Der Blick der Verachtung auf alles, auch auf Andreas, der
vernichtende Spott über Andreas: er annulliert ihn förmlich (sowie sich selber);
die verzehrende Ironie und quälende Unruhe, die ihn umhertreibt. In einem
solchen Zustand coinzidiert seine Krise mit einer entscheidenden Krise von
Maria: Mariquita spricht plötzlich zu ihm, verhöhnt ihn. Er läuft fort, hat eine
Krise tiefster Selbsterniedrigung, aus der er sich zur höchsten Reinheit und
freudigen Überwindung erhebt. Vorher läuft er an verschiedene Orte (auch zu
Nina), wo er Rückschläge und Demütigungen erleidet. - »Wie kann«, fragt er sich,
»aus der unwerten Substanz die würdige Substanz werden, aus dem Chamäleon der
Adler, aus dem Unflat der Edelstein?«
    Malteser: der völlige Zusammenbruch des Mannes von vierzig Jahren. Er kann
nicht mehr erwarten, dass noch Aufklärung, rettende Offenbarungen kommen, und
kann nicht bei den älteren als er selbst ressourcen vermuten, die ihm
vorbehalten sind; er darf niemandem bittend, zutraulich-schülerhaft nahen; an
ihm ist das der Erlösung Fähige sein Werk (der junge Mann da vor ihm) - Er ist
selber die oberste Instanz; im Leben steht er nicht mehr mit Neugierde, sehr
viele Verhältnisse sind nicht mehr möglich. Dies alles erkannt, hypochon-drisch
gesteigert; er findet sich nicht recht drein in dem Alter, das er wirklich hat.
Zu der Gräfin steht er schülerhaft, diese Aufgabe geht über seine Kräfte: alles
was er ihr tut, ist ein Schein-Tun; furchtbarste Zweifel hier, die jedesmal
abzubrechen und im Tun fortzufahren er den Anstand hat. - Sein Schatz: das
Wissen um die Einzigkeit. Das ist der heroischeste aller menschlichen Zustände
(siehe Friedrich II.).
    Wer könnte ihn masslos weinend, masslos werbend denken? - ihm fehlt jener
Beisatz von Schauspielerwesen, der dem Priester, dem Propheten nötig, ohne den
dieser nicht bestehen kann. Wie überhaupt jede Kraft zu ihrer Existenz den in
ihr latenten Gegensatz zu sich selber nötig hat; der unsagbare Reiz der
Schamhaften, zu denken, wie sie die Scham überwinden, der Hochmütigen, Kühlen,
sie sich erglühend vorzustellen. - So in jedem Reiz zum Nehmen der tiefe Anreiz
zum Nichtnehmen (das Geheimnis in Grillparzers Verhältnis zu Kati) - die
Zweiheit Person geworden in Maria und Mariquita. - Mit Aufschlüssen ähnlicher
Art verwirrt Sacramozo gelegentlich Andreas, so einmal nach einem gemeinsamen
Ausgehen (Souper, Casino), wo Sacramozo viele Leute begrüsste.
    Sacramozos Form zu erzählen, - anstatt, »ich war einmal in Japan mit Pilgern
...« sagt er, »gehen Sie nach Japan; Sie werden drei, fünf Tage mit einem
Pilgerzug wandern ... - die Frage ist, ob Sie die Sonne werden rein aufgehen
sehen ...«
    Malteser: »beachten Sie, dass jeder an dem andern nur das ihm selbst Gemässe
eigentlich gewahr wird; wir formen rings Statuen nach unseren Massen. Problem:
worin liegt Vereinigung mit einem Wesen? im Erkennen? im Besitz? im Ansprechen?
...« (Hauch indischer Spekulation).
    Malteser zu Andreas, »weiss denn ein junger Mensch, was er fordert, was er
sich wünscht?« - »die vielen Beziehungen, - und ob sie zu etwas führen, - hiezu
bedarf es einer Führung von oben.« - Malteser hat den Begriff der Gewalt inne,
den Andreas erst erwerben muss.
    Der Malteser und Andreas - verglichen. - Andreas: Autoritätsglaube durch und
durch bis ins Äusserste des peripherischen Daseins verästelt, dass er alles, was
er erlebt, analog einem Eigentlichen, aber diesem nicht identisch, empfindet, so
auch sein Tun -: wo anders sind die richtig Tuenden; ihm eigen seine Hemmungen,
ihm eigen die Naivetät dem Leben gegenüber. Malteser: zweifelt nicht an sich,
sondern an seinem Schicksal. Er hatte im Genuss, im Leiden das Ganze, Zweiseitige
beisammen, aber alles blieb ihm partiell, wogegen Andreas die Ahnung hat, wie
alles zusammenkommt, nur nicht the grasp to get it. Malteser weiss: mein Befehl
ist Befehl, mein Lächeln hat werbende Kraft im allgemeinen, - aber was nützt es
en somme? - beim Malteser nicht das Flackernde, wie bei Andreas, nicht die
Zweifel, Anwandlungen, nicht der »schlechte Film« - er ist der Resultate sicher,
aber er kann leicht mit ihnen im luftleeren Raum sich finden: »eh bien? was
weiter?« sagt der Doppelgänger, »aha! na ja, was weiter!«
    Andreas' aufdämmernder Gedanke, dass für den Malteser, der mit jedem Menschen
zu reden weiss, vor dem sich alle Schranken öffnen, es doch auch eine Hemmung
gibt. Dieser Gedanke hat fast etwas zu Tränen Rührendes für ihn.
    Die Briefsache. Kapitel V. - Zorzi, »hier hat der Malteser einen Brief
liegen lassen.« Andreas, »lassen Sie mich ihn zurückgeben« - fast als hätte es
seine Zunge selbstmächtig gesagt; ihm lag unendlich an der Erfüllung dieser
Bitte. Läuft nach. Malteser steckt ihn ein, unvergesslicher hastiger Gang.
Malteser kommt nach ein paar Minuten, »Sie irren, der Brief gehört nicht mir.« -
Andreas, »bestimmt mir nicht.« - Kapitel VI. nach paar Tagen: Malteser fährt ihm
nach, »ich muss Sie bitten, mir zu sagen, was Sie bewegen konnte, mir damals
jenen Brief zu geben. Es gibt Zusammenhänge, die einen nicht ruhen lassen. Der
gefaltete Brief hatte aussen eine andere Schrift als innen; ich glaubte, er
gehörte mir« - er errötete bei dieser Rede; Andreas schwört sich, die Worte
schön und hässlich mit Vorsicht zu gebrauchen.
    Malteser winkt einer Gondel, um den Brief zu lesen, fängt an, indessen der
Gondolier die Gondel richtet, vergisst einzusteigen. Der Gondolier wagt nicht,
ihn aufmerksam zu machen. Er steht schnell auf und steckt schnell den Brief ein.
Steigt ein, versucht über den Brief hinwegzukommen. Begeht einige Irrtümer in
Wohnungen, fühlt sich dann masslos unheimlich in der eigenen Wohnung, will den
Brief verbrennen. - Ahnung des Todes durch diesen Brief.
    Er glaubt, dass der eine oder der andere seiner beiden Diener den Brief
weggeschafft haben muss, - aus welchem Grunde etwa? der Alte, um ihn zu schützen?
der Junge, um den Alten zu schädigen? - Endlich findet er den Brief, überlistet
ihn. er findet ihn unter Reiseaufzeichnungen, wohin seine Hand ihn
schlafwandelnd gelegt, an einer besonderen Stelle, bei einer Aufzeichnung
bedeutungsvoller Art aus Japan. - Sein Grad des Mitgefühls und dadurch
Verstehens seiner beiden Diener. Es ist ihm unmöglich, den älteren Diener, bei
dem Verwandtenbesuch ist, zu stören; deshalb ist er die vordere Treppe
hinaufgegangen, fällt ihm dann ein. Er denkt selbst darüber nach, seine Diener
in Japan fallen ihm dabei ein, wo er ihrer vierzehn hatte, Männer und Frauen. Er
bemerkt flüchtig, dass er in sich eine ganze Gedankenkette ausbildet, die sich
ständig mit diesem Diener beschäftigt. - sein alter Diener: zwischen ihm und dem
Diener stimmt es nie. der junge Diener, der mit dem alten immer im Streit liegt.
- Der Malteser sperrt den Brief ein und sucht ihn gleich darauf.
    Nach dem Brief: der Malteser sucht seinen inneren Aufruhr durch Vernunft zu
durchblicken, die entfesselten Assoziationen (nach Lockes System) zu ordnen; er
offenbart in sich selber Courtoisie, Grazie, Schamhaftigkeit. Die
unerschöpflichen inneren Kräfte, - vertrauensvoll - Engelsscharen, die er
heraufruft. Eines Menschen ganzes Wesen muss bei einem solchen Kampf mit innerer
Zerrüttung an den Tag kommen: die gewohnten Bahnungen, die
Lieblingsassoziationen. -Subtile Assoziation an eine Reiseerinnerung: Wallfahrt
mit Japanern, Gewahrwerden des Lichtes. Er hatte sich vorgenommen, jeden Tag das
Kommen der Sonne zu feiern, - warum kann er es nicht immer feiern? - er versucht
jetzt die Assoziationen auf etwas Hohes und Reines hinaus zu ordnen, er weiss,
dass nur Unzulänglichkeit dem Kosmos entgegensteht. Er kniet nieder, betet zu dem
höchsten Wesen. Das Chaos, der Tod weht ihn an, dem Erliegen nah gleicht er dem
zarten Knaben, der er war, mit einer fliegenden Röte auf den Wangen.
Eine Begegnung zwischen dem Malteser und Andreas auf einem vor Anker liegenden
Schiff. Einladungen ziemlich geheimnisvoll durch den Kapitän. Courtisanen, auch
eine völlig verschleierte (Mariquita). Sacramozo sichtlich verlegen gemacht
durch die Verschleierte; er führt zwar mit Sicherheit die Konversation, ihn
interessiert sehr ein Inder, der teilnimmt, aber abseits isst. - Alles auf
Mariquitas Betreiben, »ich wollte euch einmal miteinander sehen«. Dies ist das
einzige Mal, wo Mariquita und Sacramozo zusammen sind. Beim Nachhausefahren
sprechen sie nichts über die ganze Sache, nichts über die Einladung. Andreas
fühlt, dass der Malteser es für möglich hält, es könne die Gräfin gewesen sein.
Ihr Gespräch dreht sich um Schicksal und Tod. In dieser Nacht zum ersten Mal
lädt Sacramozo den Andreas ein, ihn zu besuchen.
    Das Fest: eine feierlich symbolische Veranstaltung, Andreas' Einweihung. Es
bleibt geheim, in welcher Gestalt Sacramozo selbst an dem Feste teilgenommen
habe. Anklang Verhältnis Hafis zu dem Knaben-Schenken, den er aus Flammen seiner
Liebe zu Suleika heraus beglückt. - Mittelpunkt des Festes eine Art Begegnung
von Maria und Mariquita oder Transmutation von Maria, die im magnetischen Schlaf
hereingebracht wird: es geht schlimm aus.
    Dem Malteser vorschwebend: »der grösste Zauberer ist der, welcher sich
zugleich selbst zu bezaubern vermöchte.« [Novalis] Dies als Ziel, da ihn
bedroht: Verworrenheit, nicht mehr Verstehen des Nächsten, Verlieren der Welt
und seiner selbst, - dies alles in seinem Verhältnis zu Maria. - Maria nährt
aber zugleich unwillkürlich in ihm das Wissen jener anderen Seite der Welt, -
nämlich Mariquita hat es sich vorgesetzt, dadurch den Malteser von Maria
wegzulocken, dass sie ihn die Seite von Maria ahnen lässt, die Andreas zugekehrt
ist. (Dieses Spiel hält sie vor Andreas durchaus verborgen) Denn Mariquita
fürchtet den Malteser als den stärksten Halt Marias im Leben.
    Malteser: »eigentlich weiss man nur, wenn man wenig weiss; mit dem Wissen
wächst der Zweifel« (Goete) - »es gibt Menschen, die ihr Gleiches lieben und
aufsuchen, und wieder solche, die ihr Gegenteil lieben und diesem nachgehen«
(Goete) - aber sind denn Menschen wie der Malteser in dem Falle, ein Gleiches
und ein Gegenteil zu haben? - dass er alle Menschen nicht mehr versteht - (je
weniger er versteht, desto mehr fühlt er, wie Andreas' Fühlen, Ahnen und
Erkennen sich erweitert), - dem entgegen das arcanum: er hat einen gefunden, der
liebend verstehen wird. So wird sein Rückzug lieblich, wie der in den Spiegel
geht, sich mit seinem Bruder zu vereinigen. Der Kreis wird ihm bedeutungsvoll.
Das Vorwalten des Kreises in den Werken und Aufzeichnungen Lionardos. - Wenn die
Sonne tief steht, leben wir mehr in unserem Schatten als in uns selbst.
    Das Allomatische; das Dürftige des irdischen Erlebnisses. An der Gräfin
zieht ihn an, dass das Andere in ihr für sie so bedeutend sei, - er vermutet eine
auf dem Weg der Verwandlung weit vorgeschrittene Seele. An Andreas ist ihm
anziehend, dass dieser von den Andern so beeinflussbar, der andern Leben ist in
ihm so rein und stark vorhanden, wie wenn man einen Tropfen Blutes oder
ausgehauchte Luft eines andern in einer Glaskugel dem starken Feuer aussetzt, -
so in Andreas die fremden Geschicke. Andreas ist wie der Kaufmannssohn [im
»Märchen der 672. Nacht«]: der geometrische Ort fremder Geschicke. (Die Lucerna
oder Lebenslampe: eine Kugel aus Alabaster, worin das Blut eines ferne
Abwesenden, das durch Bewegungen und Leuchten anzeigt, wie es diesem ergehe, bei
Unglück aufwallt oder finster glüht, beim Tode erlischt oder das Gefäss
zersprengt).
    Sacramozo und Andreas: das allmähliche an seine Stelle Setzen des andern;
dies anknüpfend an Andreas' Widerwillen, sich des Erlebnisses mit Gottilff
immer wieder zu erinnern. Vor dem Zurückliegenden graust nur dem, der auf
niedriger Stufe stehend annimmt, es hätte anders kommen können. »War ich, als
jenes Wesen mich zuerst küsste, irgend einer, - so wird alles schal; war ich der
Einzige (mit Anticipation aller Stunden bis zum Tode), so ist es erhaben.« Liebe
ist Vorwegnahme des Endes im Anfang, daher Sieg über das Vergehen, über die
Zeit, also über den Tod. - Bemerkung von Novalis über die mystischen Kräfte der
Selbstschöpfung, die wir den Frauen zutrauen, dass wir ihnen zumuten, den ersten
besten lieben zu können (Tema der »Sobeide« und auch des »Tor und Tod«) - Liebe
ist die Anziehung, welche jene belebten Gegenstände auf uns ausüben, mit denen
wir zu operieren berufen sind. Operieren heisst, einen belebten Organismus durch
Verwandlung zur Vollkommenheit führen. - in Bezug auf Maria: die Kraft finden,
die Kette der Erlebnisse von sich aus als notwendig zu empfinden: egozentrisch
der höheren Stufe.
    Der Malteser hofft nicht mehr, mit Maria Kinder zu haben, Andreas könnte ihm
ein Sohn ohne Mutter werden.
    Sacramozo sagt von Maria, »es bestand wohl die irdische Möglichkeit, dass sie
sich mit mir vermählt hätte, aber nicht die höhere«. Für ihn ist Maria
Mitarbeiterin durch die Lauterkeit ihres Wesens. Das Zusammenführende in ihm: er
will Andreas und Maria zusammenführen. Diese sollen jetzt ein Paar sein, - dann
die wiedergeborene Maria mit dem wiedergeborenen Sacramozo (in welchem auch
Andreas ist) - Er muss die Wahrheit wissen: so weiss er das Leben Marias, - aber
von Wert für ihn ist nur das Lebensgeheimnis jedes Wesens. Da nun das Leben an
der Oberfläche und in der Tiefe ist, so kann das Lebensgeheimnis nur durch die
Vereinigung beider erfasst werden.
    In allem mag er es versehen haben, seine Haltung rechtfertigt ihn. -
Selbstgenuss, höchster, reinster, - Sacramozo sucht ihn: die Vereinigung mit sich
selbst, Identität, völlige Übereinstimmung von Sich-Wollen und Sich-Wissen. Er
sucht diesen Zustand Andreas zu vermitteln; diesem hilft die Liebe. Die Gräfin
ist dieses Zustandes, freilich aus patologischen Ursachen, teilhaftig: jeder
Anstoss, der von Mariquita ausgeht, ist für Maria durchtränkt von der Atmosphäre
der in Geheimniszustand erhobenen Selbsteit, - ebenso ist Maria für Mariquita
das einzig Erlebenswerte (sie liebt und hasst sie). Marias Geständnis, welche
Wollust sie aus dem Versinken in die »andere«, ja aus dem blossen Anklingen
dieses Zustandes schöpfe (das erstere ist ihr eine mit Grauen gemischte Wollust,
- dass ihr dies das Leben des Lebens sei, ja dass jede Süssigkeit, jedes Vorgefühl
der Vereinigung mit Gott sie in diesen Zustand hinüberzuführen drohe. (Gespräch
mit dem spanischen Beichtvater hierüber, unter Selbstvorwürfen. Sie fühlt sich
verantwortlich für mehr als sich selbst. Der Jesuit beruhigt sie.) ad Sacramozo:
»quod petis in the est, ne quaesiveris extra« - Herr unseres Selbst sein, hiesse
alles, auch das Subliminare, präsent haben.
    Ein Wesen mit stärkster Präsenz kann nie Furcht empfinden, ausser in der
realen Gefahr, weil Furcht immer sonst etwas Eingezwängtes, nicht Präsentes
voraussetzt. Magier, der ein unsichtbares Glied zu regen meint. Was ist dies,
als seinen Willen spüren, sich zusehend als einen Wollenden spüren, nicht in der
Materie (wie Napoleon), sondern im Geist.
    Sacramozo: »das heiligste Verhältnis ist das zwischen der Erscheinung und
der Wesenheit, - und wie unablässig wird es verletzt! man kann denken, Gott habe
es unter Stacheln und Dornen verborgen. - Wir besitzen ein Arsenal von
Wahrheiten, welches stark genug wäre, die Welt in einen Sternennebel
zurückzuverwandeln, aber es ist jedes Arkanum im eisernen Tiegel verschlossen, -
durch unsere Starrheit und Dummheit, unsere Vorurteile, unsere Unfähigkeit, das
Einmalige zu fassen.«
    Der Malteser und die Welt: zu denken, dass Alles, Alles verhüllt ist. Das
verschleierte Bild von Sais steht überall. sein brennendes Verlangen nach der
Reinheit aller Dinge.
    Sein anderes Gesicht, das nur er sieht: so kindisch, auch schwach,
unzulänglich. möchte sich aus dem Dasein wegwischen. fühlt sich von Maria
geprüft, durchschaut. Ihre Hemmung, - darin sieht er seine Unzulänglichkeit.
Einsamkeit und Vermischung mit den Menschen sind eins.
    Die Antinomie von Sein und Haben: für ihn im Geistigen, wo es sich um
Führerschaft, Auserwählung handelt, wie für Andreas im Menschlichen. Seine grosse
Liebe zu einer der schönsten Frauen, die er besass.
    In Sacramozo fester und fester der Glaube, sein Scheindasein als Sacramozo
hindere die letzte Entfaltung von Andreas zum kühnen Liebenden, von Maria, um
die er das »Andere« wie eine Aura herumschweben sieht, zur seligen Geliebten.
    Malteser: »knien? - wie einer kniet, um von einem göttergleichen verehrten
Lehrer Belehrung zu empfangen, - diese Gebärde, ich werde gestorben sein, ohne
sie auf meinem Lebensweg gefunden zu haben. Wird dieser Junge der sein, der zu
knien vermag?« - er führt die Figur durch alle Situationen durch, die ihm den
Weltinhalt erschöpfen, »und werde ich den Weg finden, er zu sein? - dies nicht,
indem ich seine Unzulänglichkeit umgehe, sondern indem ich sie absorbiere.«
    Über das Sterben: »aus dem Teater fort müssen, bevor der Vorhang einmal
aufgegangen war.«
    Die angestrebte Auflösung ist die Beruhigung über das eigene Sein, über Gross
oder Klein, Beschränkt oder Mächtig, Aufgenommen oder Ausgeschlossen, - worin
zugleich die Beruhigung über die eigene Lebenszeit und die Zeitepochen und das
symbolisch-Sehen, auch die Beruhigung über das Dasein der Armen und Elenden.
    Der Malteser gross in seinem allseitigen Unterliegen, ein Wesen, das um sein
Schicksal ringt: er findet in Andreas' Vereinigung mit der verwandelten Maria
alles in einem: Glaube, Liebe, Erfüllung.
    Andreas, vor dem Bett, worin die Leiche Sacramozos ruht, muss ahnen, jener
könne in einem höchsten Sinn recht gehabt haben.
Andreas. - Resultat des venezianischen Aufentaltes: er fühlt mit Schaudern, dass
er in die eingeschränkte Wiener Existenz gar nicht zurück kann, er ist ihr
entwachsen. Aber der gewonnene Zustand beängstigt ihn mehr als er ihn erfreut,
es scheint ihm ein Zustand, in welchem nichts bedingt, nichts erschwert, dadurch
aber auch nichts vorhanden ist. Alles erinnert nur an Verhältnisse, es sind
keine. Alles ist schon vorgekostet, nirgends ist etwas zu suchen, dadurch kann
auch nichts gefunden werden. - Gedanke, ob sich diese Steinchen im Kaleidoskop
neu ordnen können. Neidvolles Zurückdenken an die Ausfahrt des Grossvaters
donauabwärts, die ersten Stellen, Erfolg durch Gesundheit und Mut, Frömmigkeit,
Treue, dabei eine gewisse gesunde Selbstsucht und Schlauheit. Andreas'
Rückreise. - Er war, was er sein konnte und doch niemals, kaum jemals war. Er
sieht den Himmel, kleine Wölkchen über einem Walde, er sieht die Schönheit, wird
gerührt, - aber ohne das Gefühl des Selbst, auf welchem, wie auf einem Smaragd,
die Welt ruhen muss; - mit Romana, sagt er sich, könnte es sein Himmel sein.
 
    