
        
                               Artur Schnitzler
                                    Terese
                           Chronik eines Frauenlebens
                                        1
Zu der Zeit, da der Oberstleutnant Hubert Fabiani nach erfolgter Pensionierung
aus seinem letzten Standort Wien - nicht wie die meisten seiner Berufs-und
Schicksalsgenossen nach Graz, sondern - nach Salzburg übersiedelte, war Terese
eben sechzehn Jahre alt geworden. Es war im Frühling, die Fenster des Hauses, in
dem die Familie Wohnung nahm, sahen über die Dächer weg den bayrischen Bergen
zu; und Tag für Tag, beim Frühstück schon, pries es der Oberstleutnant vor Frau
und Kindern als einen besonderen Glücksfall, dass es ihm in noch rüstigen Jahren,
mit kaum sechzig, gegönnt war, erlöst von Dienstespflichten, dem Dunst und der
Dummheit der Grossstadt entronnen, sich nach Herzenslust dem seit Jugendtagen
ersehnten Genuss der Natur hingeben zu dürfen. Terese und manchmal auch ihren um
drei Jahre älteren Bruder Karl nahm er gern auf kleine Fusswanderungen mit; die
Mutter blieb daheim, mehr noch als früher ins Lesen von Romanen verloren, um das
Hauswesen wenig bekümmert, was schon in Komorn, Lemberg und Wien Anlass zu
manchem Verdruss gegeben, und hatte bald wieder, man wusste nicht wie, zur
Kaffeestunde zwei- oder dreimal die Woche einen Kreis von schwatzenden Weibern
um sich versammelt, Frauen oder Witwen von Offizieren und Beamten, die ihr den
Klatsch der kleinen Stadt über die Schwelle brachten. Der Oberstleutnant, wenn
er zufällig daheim war, zog sich dann stets in sein Zimmer zurück, und beim
Abendessen liess er es an hämischen Bemerkungen über die Gesellschaften seiner
Gattin nicht fehlen, die diese mit unklaren Anspielungen auf gewisse gesellige
Vergnügungen des Gatten in früherer Zeit zu erwidern pflegte. Oft geschah es
dann, dass der Oberstleutnant sich stumm erhob und die Wohnung verliess, um erst
in später Nachtstunde mit dumpf über die Treppe hallenden Schritten
zurückzukehren. Wenn er gegangen war, pflegte die Mutter zu den Kindern in
dunkler Weise von den Enttäuschungen zu reden, die zwar keinem Menschen erspart
blieben, insbesondere aber vom Dulderlos der Frauen; erzählte wohl auch,
beispielsweise, mancherlei aus den Büchern, die sie eben gelesen; doch all das
in so verworrener Art, dass man glauben konnte, sie menge den Inhalt
verschiedener Romane durcheinander, - und Terese stand nicht an, eine solche
Vermutung gelegentlich scherzhaft auszusprechen. Dann schalt die Mutter sie
vorlaut, wandte sich gekränkt dem Sohne zu und streichelte ihm wie zur Belohnung
für sein geduldig-gläubiges Zuhören Haar und Wangen, ohne zu bemerken, wie er
verschlagen zu der in Ungnade gefallenen Schwester hinüberblinzelte. Terese
aber nahm ihre Handarbeit wieder vor oder setzte sich an das immer verstimmte
Pianino, um die Studien weiter zu treiben, die sie in Lemberg begonnen und in
der Grossstadt unter der Leitung einer billigen Klavierlehrerin fortgeführt
hatte.
    Die Spaziergänge mit dem Vater nahmen noch vor Einbruch des Herbstes ein
nicht ganz unerwartetes Ende. Schon geraume Zeit hindurch hatte Terese gemerkt,
dass der Vater die Wanderungen eigentlich nur fortsetzte, um sich und seine
Sehnsucht nicht Lügen zu strafen. Stumm beinahe, jedenfalls ohne die Ausrufe des
Entzückens, in die die Kinder früher hatten einstimmen müssen, wurde der
vorgesetzte Weg zurückgelegt, und erst zu Hause, im Angesicht der Gattin,
versuchte der Oberstleutnant wie in einem Frage- und Antwortspiel den Kindern
die einzelnen Momente des eben erledigten Spaziergangs mit verspäteter
Begeisterung zurückzurufen. Aber auch das nahm bald ein Ende; der
Touristenanzug, den der Oberstleutnant seit seiner Pensionierung alltäglich
getragen, wurde in den Schrank gehängt, und ein dunkler Strassenanzug trat an
seine Stelle.
    Eines Morgens aber erschien Fabiani zum Frühstück plötzlich wieder in
Uniform, mit so strengem und abweisendem Blick, dass sogar die Mutter jede
Bemerkung über diese plötzliche Veränderung lieber unterliess. Wenige Tage darauf
langte aus Wien eine Büchersendung an die Adresse des Oberstleutnants, eine
andere aus Leipzig folgte, ein Salzburger Antiquar sandte gleichfalls ein Paket;
und von nun an verbrachte der alte Militär viele Stunden an seinem Schreibtisch,
vorerst ohne irgendwen in die Natur seiner Arbeit einzuweihen; - bis er eines
Tages mit geheimnisvoller Miene Terese in sein Zimmer rief und ihr aus einem
sorgfältig geschriebenen, geradezu kalligraphierten Manuskript mit eintöniger,
heller Kommandostimme eine vergleichende strategische Abhandlung über die
bedeutendsten Schlachten der Neuzeit vorzulesen begann. Terese hatte Mühe, dem
trockenen und ermüdenden Vortrag mit Aufmerksamkeit oder auch nur mit
Verständnis zu folgen; doch da ihr der Vater seit einiger Zeit ein stetig
wachsendes Mitleid erregte, versuchte sie, zuhörend, ihren schläfrigen Augen
einen Schimmer der Teilnahme zu verleihen, und als der Vater endlich für heute
unterbrach, küsste sie ihn wie mit gerührtem Dank auf die Stirn. Noch drei Abende
in gleicher Art folgten, ehe der Oberstleutnant mit seiner Vorlesung zu Ende
war; dann trug er persönlich das Manuskript auf die Post. Von nun an verbrachte
er seine Zeit in verschiedenen Gast- und Kaffeehäusern. Er hatte in der Stadt
mancherlei Bekanntschaften angeknüpft, meist mit Männern, die die Arbeit ihres
Lebens hinter sich und ihren Beruf aufgegeben hatten: pensionierte Beamte,
gewesene Advokaten, auch ein Schauspieler war darunter, der an dem Teater der
Stadt alt geworden war und nun Deklamationsunterricht erteilte, wenn es ihm
gelang, einen Schüler zu finden. Aus dem früher ziemlich verschlossenen
Oberstleutnant Fabiani wurde in diesen Wochen ein gesprächiger, ja lärmender
Tischgenosse, der über politische und soziale Zustände in einer Weise herzog,
die man bei einem ehemaligen Offizier immerhin sonderbar finden durfte. Aber da
er dann wieder einzulenken pflegte, als wäre eigentlich alles nur Spass gewesen,
und sogar ein höherer Polizeibeamter, der zuweilen an der Unterhaltung teilnahm,
vergnügt mitlachte, liess man ihn gewähren.
 
                                       2
Am Weihnachtsabend, wie zum Angebinde, lag für den Oberstleutnant unter den
andern, übrigens recht bescheidenen Gaben, mit denen die Familienmitglieder sich
gegenseitig beschenkten, ein wohlverschnürtes Postpaket unter dem Baum. Es
entielt das Manuskript mit einem ablehnenden Schreiben der militärischen
Zeitschrift, an die der Verfasser es einige Wochen vorher abgesandt hatte.
Fabiani, zorngerötet bis an die Haarwurzeln, beschuldigte seine Gattin, dass sie
eine offenbar schon vor einigen Tagen eingelangte Sendung gerade heute ihm wie
zum Hohn unter den Baum gelegt, warf ihr die von ihr gespendete Zigarrentasche
vor die Füsse, schlug die Türe hinter sich zu und verbrachte die Nacht, wie man
später erfuhr, in einem der verfallenen Häuser nahe dem Petersfriedhof bei einer
der Frauenspersonen, die dort Knaben und Greisen ihren welken Leib feilboten.
Nachdem ersieh dann für Tage in sein Kabinett verschlossen, ohne an irgend
jemanden das Wort zu richten, trat er eines Nachmittags ganz unerwartet in
Paradeuniform in das Zimmer seiner zuerst erschrockenen Frau, bei der eben ihre
Kaffeegesellschaft versammelt war. Doch er überraschte die anwesenden Damen
durch die Liebenswürdigkeit und den Humor seiner Unterhaltung und hätte als
vollendeter Weltmann wie in seiner besten Zeit erscheinen können, wenn er sich
nicht beim Abschied, im halbdunklen Vorzimmer, gegen einige der Damen
unbegreifliche Zudringlichkeiten herausgenommen hätte.
    Er verbrachte von nun an noch mehr Zeit ausser Hause, zeigte sich aber daheim
umgänglich und harmlos; und man war daran, sich in sein so erfreulich
aufgeheitertes Wesen aufatmend zu finden, als er eines Abends die Seinen mit der
Frage überraschte, was sie wohl dazu meinen würden, wenn man die langweilige
Kleinstadt wieder mit Wien vertauschte, worauf er weitere Andeutungen von einer
bald zu erwartenden grossartigen Umgestaltung ihrer Lebensverhältnisse vernehmen
liess. Teresen klopfte das Herz so heftig, dass sie jetzt erst erkannte, wie sehr
sie sich nach der Stadt zurücksehnte, in der sie die letzten drei Jahre verlebt
hatte; obzwar ihr von den Annehmlichkeiten, die das Dasein in einer Grossstadt
Begüterten bietet, nur wenig vergönnt gewesen war. Und sie wünschte sich nichts
Besseres, als wieder einmal wie damals planlos in den Strassen umherzuspazieren
und sich womöglich zu verirren, was ihr zwei- oder dreimal begegnet war und sie
jedesmal mit einem bebenden, aber köstlichen Schauer erfüllt hatte. Noch
leuchteten ihre Augen in der Erinnerung, da sah sie plötzlich ihres Bruders
Blick missbilligend von der Seite auf sich gerichtet; - ganz mit dem gleichen
Ausdruck wie vor wenigen Tagen, da sie zu ihm ins Zimmer getreten war, als er
eben mit seinem Schulkollegen Alfred Nüllheim die matematischen Aufgaben
durchnahm. Und nun erst ward es ihr bewusst, dass er immer so missbilligend
dreinblickte, wenn sie selbst heiter schaute und in ihre Augen jenes freudige
Leuchten kam, wie es jetzt eben wieder geschehen war. Ihr Herz zog sich
zusammen. Früher einmal, als Kinder, ja vor einem Jahre noch, waren sie so
vortrefflich zueinander gestanden, hatten zusammen gescherzt und gelacht; -
warum war dies anders geworden? Was hatte sich denn ereignet, dass auch die
Mutter, der sie freilich niemals besonders nahe gewesen, sich immer
verdrossener, feindselig beinahe von ihr abwandte? Unwillkürlich richtete sie
nun den Blick auf die Mutter hin, und der böse Ausdruck erschreckte sie, mit dem
jene den Gatten anstarrte, der eben mit dröhnender Stimme erklärte, dass die Tage
der Genugtuung nicht fern seien und dass ein Triumph ohnegleichen ihm binnen
kurzem bevorstünde. Böser noch und hasserfüllter als sonst erschien Teresen
heute der Mutter Blick, als hätte sie dem Gatten noch immer nicht verziehen, dass
er vor der Zeit pensioniert worden war - als könnte sie es noch immer nicht
vergessen, dass sie vor vielen Jahren auf dem elterlichen Gut in Slavonien als
kleine Baronesse in einem urwalddichten eigenen Park auf feurigem Pony
umhergesprengt war.
    Plötzlich sah der Vater auf die Uhr, erhob sich vom Tisch, sprach von einer
wichtigen Verabredung und eilte davon.
    Er kam nicht wieder heim in dieser Nacht. Aus dem Wirtshaus, wo er teils
unverständliche, teils unflätige Reden gegen das Kriegsministerium und das
Kaiserhaus geführt hatte, wurde er auf die Wachstube und am Morgen, nach
ärztlicher Untersuchung, in die Irrenanstalt gebracht. Später wurde bekannt, dass
er kürzlich an das Ministerium ein Gesuch um Wiedereinstellung in den Dienst mit
gleichzeitiger Ernennung zum General gerichtet hatte. Daraufhin war von Wien aus
der Auftrag ergangen, ihn unauffällig beobachten zu lassen, und es hatte kaum
mehr des peinlichen Auftrittes im Wirtshaus bedurft, um seine Einlieferung in
eine Anstalt zu rechtfertigen.
 
                                       3
Seine Gattin besuchte ihn dort vorerst alle acht Tage. Terese erhielt erst nach
einigen Wochen die Erlaubnis, ihn zu sehen. In einem weitläufigen, von einer
hohen Mauer umgebenen Garten, durch eine von hohen Kastanien beschatteten Allee,
in einem verwitterten Offiziersmantel, eine Militärmütze auf dem Kopf, kam ihr
ein alter Mann entgegen mit fast weissem, kurzem Vollbart, am Arm eines
käsebleichen, in einen schmutziggelben Leinenanzug gekleideten Wärters. »Vater«,
rief sie tiefbewegt und doch beglückt, ihn endlich wiederzusehen. Er ging an ihr
vorbei, anscheinend ohne sie zu kennen, und murmelte unverständliche Worte vor
sich hin. Terese blieb fassungslos stehen, dann merkte sie, dass der Wärter
ihrem Vater irgend etwas klarzumachen versuchte, worauf dieser zuerst den Kopf
schüttelte, dann aber sich umwandte, den Arm des Wärters losliess und auf seine
Tochter zueilte. Er nahm sie in die Arme, hob sie vom Boden auf, als wäre sie
noch ein kleines Kind, starrte sie an, begann bitterlich zu weinen, liess sie
wieder los; endlich, wie in brennender Scham, verbarg er das Gesicht in den
Händen und eilte davon, dem düster-grauen Gebäude zu, das durch die Bäume
herschimmerte. Der Wärter folgte ihm langsam. Die Mutter hatte dem ganzen
Vorgang von einer Bank aus teilnahmslos zugesehen. Als Terese wieder auf sie
zukam, erhob sie sich gelangweilt, wie wenn sie hier eben nur auf die Tochter
gewartet hätte, und verliess mit ihr den Park.
    Sie standen auf der breiten, weissen Landstrasse im grellen Sonnenschein. Vor
ihnen, an den Felsen mit der Feste Hohensalzburg gelehnt, in einer Viertelstunde
zu erreichen und doch unendlich weit, lag die Stadt. Die Berge ragten in den
Mittagsdunst, ein Leiterwagen mit schlafendem Kutscher knarrte vorbei, aus einem
Bauernhof jenseits der Felder sandte ein Hund sein Gebell in die stumme Welt.
Terese wimmerte: »Mein Vater.« Die Mutter sah sie böse an. »Was willst du? Er
selbst ist schuld daran.« Und schweigend gingen sie die besonnte Strasse weiter,
der Stadt entgegen.
    Bei Tisch bemerkte Karl: »Alfred Nüllheim sagt, dass solche Krankheiten viele
Jahre dauern können. Acht, zehn, zwölf.« Terese riss entsetzt die Augen auf,
Karl verzog die Lippen und sah von ihr fort an die Wand.
 
                                       4
Seit dem Herbst besuchte Terese die vorletzte Lyzealklasse. Sie fasste rasch
auf, Fleiss und Aufmerksamkeit liessen zu wünschen übrig. Die Oberlehrerin brachte
ihr ein gewisses Misstrauen entgegen; obwohl sie in der Religionslehre nicht
schlechter beschlagen war als ihre Mitschülerinnen und alle religiösen Übungen
in Kirche und Schule nach Vorschrift mitmachte, stand sie im Verdacht, der
wahren Frömmigkeit zu ermangeln. Und als sie eines Abends in Gesellschaft des
jungen Nüllheim, dem sie zufällig begegnet war, von der Lehrerin gesehen wurde,
benützte diese die Gelegenheit zu boshaften Anspielungen auf gewisse
grossstädtische Angewohnheiten und Sitten, die sich nun auch in der Provinz
einzubürgern schienen, wobei sie einen nicht misszuverstehenden Blick auf Terese
warf. Terese empfand dies um so ungerechter, als man von viel schlimmeren
Dingen, die mancher Schulkameradin nachgesagt wurden, keinerlei Aufhebens
machte.
    Der junge Nüllheim kam indes öfter in das Haus Fabiani, als es für das
gemeinsame Studium mit Karl notwendig gewesen wäre, ja, ein oder das andere Mal
auch, wenn Karl nicht daheim war. Dann sass er bei Teresen im Zimmer und
bewunderte ihre geschickten Hände, die farbige Blumen auf einen graulila Kanevas
stickten, oder hörte ihr zu, wenn sie auf dem verstimmten Pianino schlecht und
recht ein Chopinsches Nocturno spielte. Einmal fragte er sie, ob sie immer noch,
wie sie gelegentlich geäussert, Lehrerin zu werden beabsichtige. Sie wusste nicht
recht darauf zu antworten. Eines nur war gewiss, dass sie hier in diesen Räumen,
in dieser Stadt keineswegs mehr lange wohnen würde; sobald als möglich wollte,
vielmehr musste sie einen Beruf ergreifen; lieber anderswo als hier. Die
häuslichen Umstände begannen sich zusehends zu verschlechtern, das konnte auch
für Alfred kein Geheimnis sein; doch nach wie vor - davon sprach sie nicht -
empfing die Mutter ihre Freundinnen oder die sie so nannte, ein oder das andere
Mal fanden sich auch Herren ein, und zuweilen dehnten sich die Gesellschaften
bis in den späten Abend aus. Terese kümmerte sich wohl wenig darum; doch
entfremdete sie sich ihrer Mutter immer mehr. Der Bruder aber zog sich sowohl
von ihr als auch von der Mutter völlig zurück; bei den Mahlzeiten wurden nur die
unumgänglichsten Worte gewechselt, und manchmal war es Teresen, als würde sie,
gerade sie, ohne dass sie sich einer Schuld bewusst gewesen wäre, in unfassbarer
Weise für den Niedergang des Hauses verantwortlich gemacht.
 
                                       5
Der nächste Besuch in der Anstalt, vor dem Terese sich beinahe gefürchtet
hatte, liess sich anfangs tröstlich, ja beruhigend für sie an. Der Vater
plauderte mit ihr wie in früheren Zeiten, harmlos, beinahe heiter, führte sie in
den weitläufigen Alleen des Anstaltsparkes hin und her wie einen willkommenen
Gast; und erst beim Abschied machte er alle Hoffnungen Teresens wieder zunichte
durch die Äusserung, dass er sie bei ihrem nächsten Besuch voraussichtlich schon
in Generalsuniform werde empfangen dürfen.
    Als sie tags darauf Alfred Nüllheim von ihrem Besuch in der Anstalt
berichtete, erbot er sich, sie bei nächster Gelegenheit zu dem Kranken zu
begleiten. Er beabsichtigte, was Teresen bekannt war, Medizin zu studieren und
sich zum Nervenarzt und Psychiater auszubilden. So trafen sie einander ein paar
Tage später, wie zu einem geheimen Stelldichein, ausserhalb der Stadt und nahmen
gemeinsam den Weg nach der Anstalt, wo der Oberstleutnant Alfred wie einen
erwünschten, ja erwarteten Besuch begrüsste. Er erzählte heute von den
Garnisonsorten seiner Jugendzeit, auch von dem kroatischen Gut, wo er seine Frau
kennengelernt hatte, von dieser selbst aber in einer Art, als wenn sie längst
nicht mehr am Leben wäre; und dass er einen Sohn hatte, schien ihm überhaupt
völlig entfallen zu sein. Alfred wurde auch dem ordinierenden Arzte vorgestellt,
der ihn sehr liebenswürdig, fast wie einen jungen Kollegen behandelte. Es
berührte Terese sonderbar, fest schmerzlich, dass Alfred auf dem Heimweg von dem
erledigten Besuch ohne jede Traurigkeit, eher in angenehm erregter Weise, wie
von einem merkwürdigen, für ihn gewissermassen bedeutungsvollen Erlebnis sprach
und die Tränen nicht merkte, die ihr über die Wangen rannen.
 
                                       6
In diesen Tagen fiel es Teresen auf, dass ihre Mitschülerinnen ihr gegenüber ein
verändertes Benehmen zur Schau trugen. Man zischelte, man brach plötzlich ein
Gespräch ab, wenn sie in die Nähe kam, und die Lehrerin richtete überhaupt kein
Wort und keine Frage mehr an sie. Auf dem Nachhausewege von der Schule schloss
sich keines der Mädchen ihr an, und in den Augen von Klara Traunfurt, der
einzigen, der sie ein wenig nähergekommen war, glaubte sie etwas wie Mitleid
schimmern zu sehen. Durch sie erfuhr Terese auch endlich von dem Gerücht, dass
die Abendgesellschaften bei der Mutter in der letzten Zeit nicht mehr ganz
harmloser Natur wären, ja, es wurde sogar behauptet, dass Frau Fabiani neulich
zur Polizei vorgeladen und dort verwarnt worden sei, und nun fiel es Teresen
auch auf, dass in der Tat seit zwei oder drei Wochen jene Abendgesellschaften zu
Hause ein Ende genommen hatten.
    Als sie heute nach Klaras Aufschlüssen mit Mutter und Bruder beim Essen sass,
merkte sie, dass Karl sich kein einziges Mal mit einer Frage oder Antwort an die
Mutter wandte; und nun ward ihr auch bewusst, dass es schon mindestens eine Woche
her nicht anders war. Sie atmete erlöst auf, als Karl sich erhob und gleich
darauf die Mutter sich in ihr Zimmer zurückzog, doch als sie nun plötzlich
allein an dem noch nicht abgedeckten Tische sass, auf den durchs offene Fenster
die Frühlingssonne fiel, sass sie eine Weile erstarrt wie in einem bösen Traum.
    In derselben Nacht noch geschah es ihr, dass sie durch ein Geräusch im
Vorzimmer plötzlich erwachte. Sie hörte, wie die Türe vorsichtig geöffnet und
wieder verschlossen wurde; und nachher leise Schritte auf der Treppe. Sie erhob
sich aus dem Bett, ging zum Fenster und sah hinab. Nach wenigen Minuten wurde
das Haustor geöffnet, sie sah ein Paar heraustreten, einen Herrn in Uniform mit
aufgestelltem Kragen und eine verhüllte Frauengestalt, die beide rasch um die
Ecke verschwanden. Terese nahm sich vor, von ihrer Mutter Aufklärung zu
verlangen. Aber als die Gelegenheit dazu erschien, fehlte ihr der Mut. Sie
fühlte wieder, wie unzugänglich und fremd ihr die Mutter geworden war; ja, es
schien in der letzten Zeit, als wenn die alternde Frau ihr schrullenhaftes Wesen
wie mit Absicht ins Unheimliche steigerte; sie hatte sich einen sonderbar
schlürfenden Gang angewöhnt, rumorte sinnlos in der Wohnung umher, murmelte
unverständliche Worte und sperrte sich gleich nach dem Essen für Stunden in ihr
Zimmer ein, wo sie auf grosse Bogen Papier mit kratzender Feder zu schreiben
anfing. Terese nahm zuerst an, dass ihre Mutter mit dem Entwurf einer auf jene
polizeiliche Vorladung bezüglichen Verteidigungs- oder Anklageschrift
beschäftigt sei, dann dachte sie, ob die Mutter nicht vielleicht ihre
Lebenserinnerungen aufzeichne, von welcher Absicht sie früher manchmal
gesprochen hatte; doch bald stellte sich heraus - Frau Fabiani erwähnte es
einmal bei Tische wie eine bekannte und eigentlich selbstverständliche Tatsache
-, dass sie daran sei, einen Roman zu verfassen. Terese warf unwillkürlich einen
verwunderten Blick zu ihrem Bruder hin; der sah an ihr vorbei auf die
Sonnenkringel an der Wand.
 
                                       7
Anfang Juli legten Karl Fabiani und Alfred Nüllheim ihre Maturitätsprüfung ab.
Alfred bestand sie als Bester unter seinen Kollegen, Karl mit eben genügendem
Erfolge. Tags darauf trat er eine Fussreise an, nachdem er von Mutter und
Schwester so kühl und flüchtig Abschied genommen, als wenn er abends wieder zu
Hause sein wollte. Alfred, der einem früheren Plan nach ihn auf der Wanderung
hätte begleiten sollen, nahm eine leichte Erkrankung seiner Mutter zum Vorwand,
um vorläufig in der Stadt zu bleiben. Er kam auch weiterhin fast täglich in das
Haus Fabiani, zuerst um Bücher und Hefte abzuholen, ein nächstes Mal, um
Erkundigungen über Karl einzuziehen; und es fugte sich, dass sich an diese
Nachmittagsbesuche an den schönen Sommerabenden Spaziergänge mit Terese
anschlössen, die sich immer länger ausdehnten.
    Eines Abends auf einer Bank in den Anlagen des Mönchsbergs sprach er wieder
einmal davon, dass er im Herbst die Wiener Universität beziehen werde, um Medizin
zu studieren, was Teresen freilich wie das meiste, was er ihr sagte, nicht neu
war, und gestand ihr, was sie auch nicht überraschte, dass er nur deshalb auf
eine Ferialreise verzichtet habe, um diese paar letzten Monate in ihrer Nähe zu
verbringen. Sie blieb ungerührt, ja wurde eher ärgerlich, denn ihr war nicht
anders, als ob dieser junge Mensch, dieser Knabe in all seiner Bescheidenheit
ihr eine Art von Schuldschein vorzuweisen sich unterfing, den einzulösen sie
wenig Lust verspürte.
    Zwei Offiziere gingen vorbei, der eine war Teresen vom Sehen längst
bekannt, wie die meisten Herren von den hier garnisonierenden Regimentern; die
Erscheinung des andern aber war ihr neu; es war ein glattrasierter,
dunkelhaariger, schlanker Mensch, der, was ihr besonders auffiel, die Kappe in
der Hand hielt.
    Seine Augen streiften Terese ganz flüchtig, aber als Nüllheim und der
andere Offizier einander grüssten, grüsste auch er, und zwar, da er barhaupt war,
nur durch ein lebhaftes Neigen seines Kopfes, und richtete einen lebhaften,
beinahe lachenden Blick auf Terese. Doch er wandte sich nicht nach ihr um, wie
sie eigentlich erwartet hätte, und verschwand mit seinem Begleiter bald in einer
Biegung der Allee. Die Unterhaltung zwischen Terese und Alfred wollte nicht
wieder in Fluss geraten, beide erhoben sich und gingen langsam in der Dämmerung
nach abwärts.
 
                                       8
Karls Heimkehr wurde für Anfang August erwartet; statt seiner aber kam ein
Brief, dass er nach Salzburg nicht mehr zurückzukehren gedenke und den ihm
monatlich zugesicherten kleinen Betrag von jetzt an nach Wien zu senden bitte,
wo es ihm bereits gelungen sei, sich durch ein Zeitungsinserat eine Lektion bei
einem Mittelschüler zu verschaffen. Eine beiläufige Frage nach dem Befinden des
Vaters und Grüsse an Mutter und Schwester beschlossen den Brief, in dem nicht das
leiseste Bedauern über eine doch wahrscheinlich endgültige Trennung mitzuzittern
schien. Der Mutter machte Inhalt und Ton des Briefs keinen sonderlichen
Eindruck; Terese aber, so kühl auch ihre Beziehungen zu dem Bruder sich
allmählich gestaltet hatten, kam sich nun zu ihrer eigenen Verwunderung völlig
verlassen vor. Sie nahm es Alfred übel, dass er nicht der Mensch war, ihr über
dieses Gefühl des Alleinseins wegzuhelfen, und seine Schüchternheit begann ihr
etwas lächerrlich zu erscheinen. Als er aber einmal auf einem Spaziergang
ausserhalb der Stadt ihren Arm nahm und ihn leise drückte, machte sie sich mit
übertriebener Heftigkeit von ihm los und verhielt sich noch beim Abschiednehmen
am Haustor kalt und abweisend gegen ihn.
    Eines Tages machte die Mutter ihr den Vorwurf, dass sie sich überhaupt nicht
mehr um sie bekümmere und nur mehr für Herrn Alfred Nullheim Zeit zu haben
scheine. In derselben Stunde noch schloss sich Terese ihrer Mutter zu einem
Spaziergang durch die Stadt an, bei welcher Gelegenheit sie merken konnte, dass
Frau Fabiani von zwei Damen, die früher im Hause verkehrt hatten, nicht gegrüsst
wurde. Eine Promenade tags darauf führte sie weiter hinaus bis ausserhalb der
Stadt; jenseits des Felsentors kam ihnen ein älterer Herr mit grauem Schnurrbart
entgegen, der anscheinend an ihnen vorbeigehen wollte; plötzlich aber blieb er
stehen und bemerkte in einer etwas affektiert klingenden Sprache: »Frau
Oberstleutnant Fabiani, wenn ich nicht irre?« - Frau Fabiani sprach ihn als Graf
an, stellte ihm ihre Tochter vor; er erkundigte sich nach dem Befinden des Herrn
Oberstleutnants und erzählte ungefragt von seinen beiden Söhnen, die, nach dem
kürzlich erfolgten Tod seiner Frau, in einem französischen Konvikt erzogen
wurden. Als er sich verabschiedet hatte, bemerkte Frau Fabiani: »Graf Benkheim,
der frühere Bezirkshauptmann. Hast du ihn denn nicht erkannt?« Terese wandte
sich unwillkürlich nach ihm um. Seine Hagerkeit fiel ihr auf, der elegante,
etwas zu helle Anzug, den er trug, sowie der jugendlich rasche, absichtlich
federnde Schritt, mit dem er sich rascher entfernte, als er herangekommen war.
 
                                       9
Am Tag nach dieser Begegnung erwartete Terese daheim Alfred Nüllheim, der ihr
Bücher bringen und sie zu einem Spaziergang abholen sollte. Es war ihr
eigentlich lästig; lieber wäre sie allein spazieren gegangen, trotzdem sie in
der letzten Zeit öfters von Herren verfolgt und etliche Male auch schon
angesprochen worden war. Wie immer zu dieser Jahreszeit, gab es viele Fremde in
der Stadt. Terese hatte seit jeher einen offenen, neugierigen Blick für alles,
was nach Vornehmheit und Eleganz aussah; als Zwölfjährige schon in Lemberg hatte
sie für einen hübschen jungen Erzherzog geschwärmt, der im Regiment des Vaters
als Leutnant diente, und sie bedauerte manchmal, dass Alfred, der doch aus
wohlhabendem Hause war, trotz seiner guten Figur und seines feinen Gesichts sich
gar nicht nach der Mode, ja geradezu kleinstädtisch zu kleiden pflegte. Die
Mutter trat ins Zimmer, äusserte ihre Verwunderung, dass Terese bei dem schönen
Wetter noch zu Hause sei, und fing wie beiläufig vom Grafen Benkheim zu sprechen
an, den sie heute zufällig wieder getroffen hatte. Er interessiere sich für die
kriegswissenschaftliche Bibliotek des Vaters, die er gelegentlich besichtigen
wolle, um sie vielleicht käuflich zu erwerben. »Das ist nicht wahr«, sagte
Terese, und ohne Gruss verliess sie das Zimmer. Sie nahm Hut und Jacke, lief die
Treppe hinab. Im Hausflur begegnete ihr Alfred. »Endlich«, rief sie. Er
entschuldigte sich; er war zu Hause aufgehalten worden. Schon dämmerte es. Was
ihr denn wäre, fragte Alfred, sie sehe so erregt aus. »Nichts«, erwiderte sie.
Übrigens habe sie ihm einen komischen Einfall anzuvertrauen. Wie wär's, wenn sie
heute zusammen in einem der grossen, schönen Hotelgärten zu Abend essen würden?
Er und sie ganz allein unter lauter fremden Leuten? Er errötete. Oh, wie gern,
wie gern; aber - leider - gerade heute sei es vollkommen unmöglich. Er habe
nämlich kein Geld bei sich; jedenfalls zu wenig für ein gemeinsames Souper in
einem der vornehmen Hotels, an die sie denke. Sie lächelte, sie sah ihn an. Er
war noch tiefer errötet und rührte sie ein wenig. - »Das nächste Mal«, bemerkte
er schüchtern. Sie nickte. Dann gingen sie weiter durch die Strassen, bald waren
sie ausserhalb der Stadt und nahmen ihren Lieblingsweg durch die Felder. Der
Abend war schwül, die Stadt wich immer weiter hinter ihnen zurück, sternenlos
hing über ihnen der dämmernde Himmel. Sie wandelten zwischen hochstehenden
Ähren; Alfred hielt Teresens Hand gefasst und fragte nach Karl. Sie zuckte die
Achseln. »Er schreibt beinahe nie«, erwiderte sie. »Ich habe überhaupt noch
nichts von ihm gehört,« sagte Alfred, »seit er fort ist.« Dann kam er wieder auf
seine eigene, bald bevorstehende Abreise zu reden. Terese schwieg und sah an
ihm vorbei. Ob sie ihm wenigstens nach Wien schreiben werde?
    »Was sollte ich Ihnen schreiben?« erwiderte sie ungeduldig. »Was gibt es von
hier zu erzählen? Ein Tag wird sein wie der andere.« - »Auch jetzt ist ein Tag
wie der andere,« erwiderte er, »und man hat sich doch immer was zu erzählen.
Aber ich will auch zufrieden sein, wenn Sie mir nur manchmal einen Gruss senden.«
    Aus dem wogenden Feld waren sie wieder auf die Strasse hinausgetreten. Die
Pappeln ragten hoch; als dunkle Wand in scharf gezogenen Linien schloss der
Nonnberg mit seinen düsteren Festungsmauern das Bild ab. »Sie werden Heimweh
haben«, sagte Terese plötzlich mild. - »Nur nach dir«, antwortete er. Es war
das erste Du, das er an sie richtete, und sie war ihm dankbar dafür, »Warum
eigentlich bleibst du mit der Mutter in Salzburg? Was hält euch hier?« - »Was
zieht uns anderswo hin?« - »Es wäre am Ende auch möglich, deinen Vater in eine
andere Anstalt zu überfuhren - in der Nähe von Wien.« »Nein, nein«, entgegnete
sie heftig. - »Du hattest ja die Absicht - du sprachst von einem Beruf, einer
Stellung -« - »Das geht nicht so rasch. Ich habe noch eine Lyzealklasse vor mir,
auch müsste ich wohl eine Lehrerinnenprüfung machen.« Sie schüttelte heftig den
Kopf, denn es war ihr, als sei sie an den Ort, an die Gegend geheimnisvoll
gefesselt. Und ruhiger fügte sie hinzu: »Du bist doch zu Weihnachten jedenfalls
wieder hier, schon wegen deiner Familie?« - »Bis dahin ist es lang, Terese.« -
»Du wirst gar keine Zeit haben, an mich zu denken. Du hast ja zu studieren. Du
wirst neue Menschen kennenlernen, auch Frauen, Mädchen.« Sie lächelte, sie
fühlte keine Eifersucht, sie fühlte nichts.
    Plötzlich sagte er: »In weniger als sechs Jahren bin ich Doktor. Willst du
so lange auf mich warten?« - Sie sah ihn an. Sie verstand ihn anfangs nicht,
dann aber musste sie wieder lächeln, diesmal gerührt. Um wieviel älter erschien
sie sich doch als er. Sie wusste schon in diesem Augenblick, dass sie beide nur
Kindereien redeten und dass aus der Sache niemals etwas werden könnte. Aber sie
nahm seine Hand und streichelte sie zärtlich. Als sie später vor ihrem Haustor
von ihm Abschied nahm, im Dunkel, erwiderte sie lange, leidenschaftlich beinahe,
mit geschlossenen Augen seinen Kuss.
 
                                       10
Abend für Abend wandelten sie nun draussen vor der Stadt auf wenig begangenen
Feldwegen und plauderten von einer Zukunft, an die Terese nicht glaubte.
Tagsüber daheim stickte sie, bildete sich weiter im Französischen aus, übte
Klavier, las in dem und jenem Buch, die meisten Stunden aber verbrachte sie
trag, beinahe gedankenlos, und sah zum Fenster hinaus. So sehnsüchtig sie den
Abend und Alfreds Erscheinen erwartete: - meist schon nach der ersten
Viertelstunde ihres Beisammenseins verspürte sie Regungen der Langeweile. Und
als er wieder einmal auf einem Spaziergang von seiner immer näher heranrückenden
Abreise sprach, merkte sie mit leisem Schreck, dass sie diesen Tag eher
herbeiwünschte. Er fühlte, dass der Gedanke einer baldigen Trennung sie nicht
besonders schmerzlich berührte, gab ihr seine Empfindung zu verstehen, sie
erwiderte ausweichend, ungeduldig; der erste kleine Streit hob zwischen ihnen
an, stumm schritten sie auf dem Heimweg nebeneinander her und schieden ohne Kuss.
    In ihrem Zimmer war ihr öd und schwer ums Herz. Sie sass im Dunkel auf ihrem
Bett und sah durchs offene Fenster in die schwüle, schwarze Nacht hinaus. Dort
drüben, nicht weit, unter dem gleichen Himmel, wusste sie das traurige Gebäude,
wo ihr wahnsinniger Vater seinem vielleicht noch fernen Ende entgegensiechte. Im
Nebenzimmer, ihr fremder von Tag zu Tag, mit ruheloser Feder, auch einem Wahn
anheimgefallen, wachte die Mutter in den grauen Morgen. Keine Freundin suchte
Terese auf, auch Klara längst nicht mehr; und Alfred war ihr nichts, weniger
als nichts, denn er wusste nichts von ihr. Er war edel, er war rein, und sie
spürte dunkel, dass sie es nicht war, nicht einmal sein wollte. Sie verspottete
ihn innerlich, dass er sich ihr gegenüber nicht gewandter und verwegener
anstellte, und wusste doch, dass sie sich keinen Versuch solcher Art hätte
gefallen lassen. Sie dachte anderer junger Leute, die ihr flüchtig oder gar nur
vom Sehen bekannt waren, und gestand sich ein, dass ihr mancher von diesen besser
gefiel als Alfred, ja, dass sie sich sonderbarerweise manchem sogar vertrauter,
näher, verwandter fühlte als ihm; und so ward sie sich bewusst, dass zuweilen ein
Blick, rasch auf der Strasse gewechselt, zwei Menschen verschiedenen Geschlechts
enger aneinander zu knüpfen vermochte als ein stundenlanges, inniges, von
Zukunftsgedanken durchwebtes Zusammensein. Mit einem angenehmen Schauer
erinnerte sie sich des jungen Offiziers, der an einem Sommerabend in den Anlagen
des Mönchsbergs mit einem Kameraden, die Kappe in der Hand, an ihr
vorbeigegangen war. Seine Augen waren den ihren begegnet und hatten aufgeglüht,
er war weitergegangen und hatte sich nicht einmal nach ihr umgewandt; - und doch
war ihr in diesem Augenblick, als wüsste der mehr, viel mehr von ihr, als Alfred
wusste, der sich mit ihr verlobt glaubte, sie viele Male geküsst hatte und mit
ganzer Seele an ihr hing. Hier war irgend etwas nicht in Ordnung, das fühlte
sie. Aber ihre Schuld war es nicht.
 
                                       11
Am nächsten Morgen kam ein Brief von Alfred. Er habe die Nacht über kein Auge
zugetan; sie möge ihm verzeihen, wenn er sie gestern gekränkt, eine Wolke auf
ihrer Stirn verdüstere ihm den heitersten Tag. Vier Seiten lang ging es in
diesem Tone fort. Sie lächelte, war etwas gerührt, drückte den Brief wie
mechanisch an die Lippen, liess ihn dann halb absichtlich, halb zufällig aus der
Hand auf ihr Nähtischchen gleiten. Sie war froh, dass sie nicht verpflichtet war,
ihn zu beantworten; - heute abend traf man einander ja ohnehin am gewohnten Orte
des Stelldicheins.
    Gegen Mittag trat ihre Mutter zu ihr ins Zimmer mit süsslichem Lächeln: der
Graf Benkheim sei hier und habe eben die Bibliotek des Vaters zum zweitenmal -
von einem ersten Besuch hatte die Mutter nichts erwähnt - eingehender
Besichtigung unterzogen. Er sei bereit, sie zu einem sehr anständigen Preis zu
erwerben, und habe sich herzlich nach dem Befinden des Vaters, übrigens auch
nach Teresen erkundigt. Als Terese mit gepressten Lippen stumm sitzen blieb und
weiterstickte, trat die Mutter näher an sie heran und flüsterte: »Komm - wir
sind ihm Dank schuldig, auch du. Es wäre eine Unhöflichkeit. Ich verlange es von
dir.« Terese erhob sich und trat mit ihrer Mutter ins Nebenzimmer, wo der Graf
eben im Begriffe war, einen grossen illustrierten Oktavband, der neben anderen
auf dem Tische lag, zu durchblättern. Er erhob sich sofort und äusserte seine
Freude, Terese wieder einmal guten Tag sagen zu dürfen. Im Laufe einer
höflichen und durchaus unverfänglichen Unterhaltung fragte er die Damen, ob sie
nicht vielleicht gelegentlich seinen Wagen zu einem Besuch in der Anstalt beim
Herrn Oberstleutnant benützen wollten; auch zu einer Spazierfahrt nach Hellbrunn
oder wo immer hin stelle er ihn gerne zur Verfügung; doch schweifte er gleich
wieder ab, als er in Teresens Mienen Befremden und Widerstand gewahrte, und
entfernte sich bald mit der Bemerkung, dass er nach einer kurzen, aber
unaufschiebbaren Reise gleich wieder seine Aufwartung machen werde, um die
Biblioteksangelegenheit in Ordnung zu bringen. Zum Abschied küsste er sowohl der
Mutter als der Tochter die Hand.
    Als sich die Türe hinter ihm geschlossen hatte, war zuerst ein dumpfes
Schweigen; Terese schickte sich an, wortlos das Zimmer zu verlassen, da hörte
sie die Stimme ihrer Mutter hinter sich: »Du hättest wohl etwas freundlicher
sein können.« Terese wandte sich von der Türe her um: »Ich war es viel zu
sehr«, und wollte gehen. Nun begann die Mutter ganz unvermittelt, als hätte sich
seit Tagen oder Wochen der Groll in ihr gestaut, mit bösen Worten Terese wegen
ihres unmanierlichen, ja frechen Benehmens mit Vorwürfen zu überhäufen. Ob der
Graf nicht mindestens ein so feiner Herr sei wie der junge Nüllheim, mit dem das
Fräulein Tochter überall in Stadt und Umgebung und zu jeder Tages- und Nachtzeit
zu sehen sei? Ob es nicht hundertmal anständiger sei, sich einem soliden,
gesetzten, vornehmen Herrn gegenüber mit einiger Zuvorkommenheit zu benehmen,
als sich einem Studiosus an den Hals zu werfen, der mit ihr doch nur seinen Spass
treibe? Und immer unzweideutiger, mit schonungslosen Worten, gab sie der Tochter
zu verstehen, welches Wandels sie sie schon längst verdächtige, und ohne Scham
sprach sie aus, was sie darum um so mehr von ihr zu erwarten und zu fordern sich
für berechtigt halte. »Denkst du, es geht so fort? Wir hungern, Terese. Bist du
so verliebt, dass du es nicht merkst? Und der Graf würde für dich sorgen, - für
uns alle, für den Vater auch. Und niemand müsste es wissen, nicht einmal dein
junger Herr Nüllheim.« Sie hatte sich näher an die Tochter gedrängt, Terese
spürte ihren Atem im Gesicht, machte sich los, eilte zur Türe. Die Mutter rief
ihr nach: »Bleibe, das Essen ist fertig.« »Ich brauche keines, da wir doch
hungern«, höhnte Terese und verliess das Haus.
    Es war Mittagszeit, die Strassen fast menschenleer. Wohin? fragte sich
Terese. Zu Alfred, der im Hause seiner Eltern wohnte? Ach, der war nicht Manns
genug, sich ihrer anzunehmen, sie zu beschützen vor Gefahr und Schande. Und die
Mutter, die sich einbildete, er sei ihr Geliebter! Es war zum Lachen,
wahrhaftig. Wohin also? Hätte sie nur Geld genug gehabt, sie wäre einfach zum
Bahnhof gelaufen, davongereist wo immer hin, am liebsten gleich nach Wien. Dort
gab es Gelegenheit genug, sich auf anständige Weise durchzubringen, auch wenn
man nicht die letzte Lyzealklasse gemacht hat. Die Schwester einer
Schulkameradin zum Beispiel war neulich sechzehnjährig als Kinderfräulein bei
einem Hof- und Gerichtsadvokaten in Wien in Stellung getreten, und es ging ihr
vortrefflich. Man müsste sich die Sache nur angelegen sein lassen. War es denn
nicht längst ihr Plan gewesen? Unverzüglich kaufte sie eine Wiener Zeitung, liess
sich auf einer beschatteten Bank des Mirabellgartens nieder und las die kleinen
Anzeigen. Sie fand manche Angebote, die für ihre Zwecke in Betracht kamen.
Jemand suchte eine Bonne zu einem fünfjährigen Mädchen, ein anderer eine zu zwei
Knaben, ein dritter zu einem geistig etwas zurückgebliebenen Mädchen, in dem
einen Hause wurde etwas Kenntnis des Französischen, in einem anderen Fertigkeit
in Handarbeiten, in einem dritten Anfangsgründe des Klavierspiels gewünscht. Mit
all dem konnte sie dienen. Man war nicht verloren, Gott sei Dank, und bei der
nächsten Gelegenheit würde sie einfach ihre Sachen packen und davonfahren.
Vielleicht liesse es sich sogar so einrichten, dass sie zugleich mit Alfred nach
Wien reiste. Sie lächelte vor sich hin. Ihm vorher gar nichts sagen und einfach
in den gleichen Zug einsteigen - ins selbe Coupé, wäre das nicht lustig?! Aber
da ertappte sie sich auch schon bei dem Gedanken, dass sie eigentlich lieber
allein, ja, lieber sogar mit irgendwem andern diese Reise unternehmen würde, mit
einem Unbekannten, mit dem eleganten Fremden zum Beispiel - es war wohl ein
Italiener oder Franzose - der ihr früher auf der Salzachbrücke so unverschämt
ins Gesicht gestarrt hatte. Und, zerstreut weiterblätternd, las sie in der
Zeitung von einem Feuerwerk im Prater, von einem Eisenbahnzusammenstoss, von
einem Unfall in den Bergen, und plötzlich kam sie auf eine Überschrift, die sie
fesselte: Mordversuch am Geliebten. Da war die Geschichte von einer ledigen
Mutter erzählt, die den treulosen Geliebten angeschossen und schwer verletzt
hatte. Maria Meitner, so hiess das arme Geschöpf. Ja, auch dergleichen konnte
einem passieren ... Nein, ihr nicht. Keiner, die klug war. Man musste keinen
Liebhaber nehmen, man musste kein Kind haben, man musste überhaupt nicht
leichtsinnig sein und vor allem: man durfte keinem Manne trauen.
 
                                       12
Langsam ging sie nach Hause, sie war ruhig, und in ihrem Herzen kein Zorn gegen
die Mutter mehr. Das karge Mittagessen war wann gehalten worden, die Mutter
stellte es ihr wortlos auf den Tisch und langte nach der Zeitung, die Terese
auf den Tisch gelegt hatte. Sie suchte nach der Romanfortsetzung und las mit
gierigen Augen. Terese nahm nach dem Essen ihre Stickerei zur Hand, setzte sich
ans Fenster und dachte an das Fräulein Maria Meitner, das nun im Gefängnis sass.
Ob sie wohl Eltern gehabt hatte? Ob sie eine Verstossene war? Ob sie am Ende auch
andere Männer in der Tiefe ihres Herzens lieber gehabt hatte als ihren
Geliebten? Und warum hatte sie ein Kind bekommen? Es gab ja so viele Frauen, die
ihr Leben genossen und keine Kinder bekamen. Allerlei fiel ihr ein, was sie im
Lauf der letzten zwei oder drei Jahre in der Residenz und hier von
Schulkolleginnen erfahren hatte. Der Inhalt so manchen unanständigen Gesprächs,
wie sie dergleichen Unterhaltungen zu nennen pflegten, wurde in ihr lebendig,
und ein plötzlicher Widerwille stieg in ihr auf gegen alles, was mit dergleichen
Dingen zusammenhing. Sie erinnerte sich, dass sie schon vor zwei oder drei
Jahren, zu einer Zeit also, da sie fast noch ein Kind gewesen, mit zwei
Freundinnen zusammen beschlossen hatte, ins Kloster zu gehen, und in diesem
Augenblick war ihr, als regte sich in ihr eine ganz ähnliche Sehnsucht wie
damals. Nur dass diese Sehnsucht heute etwas anderes und mehr bedeutete: Unruhe,
Angst - als gäbe es nirgendwo als hinter Klostermauern Sicherheit vor all den
Gefahren, die das Leben in der Welt mit sich brachte.
    Doch wie nun die Schwüle allmählich wich und über die Häuserwände bis in den
vierten Stock hinauf die Abendschatten zogen, da schwand ihre Angst und ihre
Traurigkeit, und sie freute sich dem Zusammensein mit Alfred entgegen wie noch
nie.
    Sie traf ihn draussen vor der Stadt wie gewöhnlich. Seine Augen glänzten
mild, und ein solcher Adel schien von seiner Stirn zu strahlen, dass ihr ganz weh
ums Herz wurde. Sie fühlte sich ihm in schmerzlicher Weise überlegen, weil sie
um soviel mehr vom Leben wusste oder ahnte als er; und zugleich seiner nicht ganz
würdig, weil er aus so viel reineren Lüften kam als sie. In Gestalt und Haltung
glich er seinem Vater, dem sie oft genug in den Strassen der kleinen Stadt
begegnet war, ohne dass er ihrer geachtet oder auch nur gewusst hätte, wer sie
war. Auch Alfreds Mutter, die grosse blonde Frau, und seine beiden Schwestern
kannte sie von Angesicht; die mochten wohl etwas vermuten; denn neulich einmal,
bei einer zufälligen Begegnung, hatten sie sich beide zugleich neugierig nach
ihr umgewandt. Sie waren zwanzig und neunzehn und würden wohl bald beide
heiraten. Die Familie war wohlhabend und hochgeachtet. Ja, die hatten es leicht.
Und dass der Dr. Sebastian Nüllheim, Arzt in den besten Familien der Stadt, je
ins Narrenhaus kommen könnte, das war ein völlig unfassbarer Gedanke. - Alfred
merkte, dass Terese mit ihren Gedanken wo anders war, er fragte sie, was ihr
sei, sie schüttelte nur den Kopf und drückte innig Alfreds Hand. Die Tage waren
schon kurz, es begann zu dunkeln. Alfred und Terese sassen auf einer Bank im
Grünen; weit dehnte sich die Ebene, die Berge waren fern, ein dumpfes Rauschen
klang aus der Stadt herbei, der Pfiff einer Lokomotive hallte lang und leise,
jenseits der Wiese, über die Landstrasse, rollte ab und zu ein Wagen, Fussgänger
schatteten vorüber. Alfred und Terese hielten einander umschlungen, Teresens
Herz schwoll vor Zärtlichkeit; und wenn sie später dieser ersten Liebe dachte,
war es immer wieder diese Abendstunde, die in ihrem Gedächtnis aufschwebte: sie
und er auf einer Bank zwischen Feldern und Wiesen, auf weitingedehnter Ebene,
darüber die Nacht, die sich von Berg zu Berg spannte, verklingende Pfiffe aus
der Ferne und von einem unsichtbaren Teich her Fröschegequak.
 
                                       13
Manchmal sprachen sie von der Zukunft. Alfred nannte Terese seine Liebste,
seine Braut. Sie müsse auf ihn warten, in sechs Jahren spätestens sei er Doktor,
und dann würde sie sein Weib. Und als wäre nun ein geheimnisvoller Schutz um
sie, wie ein Heiligenschein um die Stirn - in diesen Tagen bekam sie von der
Mutter kein böses Wort zu hören, ja, diese verhielt sich geradezu liebevoll zu
ihr.
    Eines Morgens trat sie zu Teresen ans Bett mit flimmernden Augen, reichte
ihr ein Zeitungsblatt hin; da war auf dem für dergleichen vorbehaltenen Raum der
Beginn eines Romans abgedruckt: »Der Fluch des Magnaten, von Julie
Fabiani-Halmos«. Und sie setzte sich auf den Bettrand, während Terese für sich
zu lesen begann. Die Geschichte fing an wie hundert andere, und jeder Satz
erschien Teresen, als hätte sie ihn schon hundertmal gelesen. Als sie fertig
war und der Mutter wie in Bewunderung, doch wortlos, zunickte, nahm diese die
Zeitung zur Hand und las nun das Ganze laut, wichtig und ergriffen vor. Dann
sagte sie: »Drei Monate lang wird der Roman laufen. Die Hälfte habe ich schon
bezahlt bekommen - fast so viel wie eine halbjährige Oberstleutnantspension.«
    Als Terese am Abend dieses Tages mit Alfred zusammentraf, war er zu ihrer
angenehmen Überraschung sorgfältiger, geradezu elegant gekleidet, ja, man hätte
ihn für einen der vornehmen Reisenden nehmen können, wie zu dieser Zeit so viele
in der Stadt zu sehen waren. Alfred freute sich der Befriedigung, die er in
Teresens Augen las, und eröffnete ihr mit scherzhafter Förmlichkeit, dass er
sich die Ehre gebe, sie für heute zu einem Abendessen im Hotel Europe
einzuladen. Vergnügt nahm sie an, und bald sassen sie beide in dem hell
erleuchteten, parkartigen Garten an einem köstlich gedeckten Tisch, für sich
allein, unter vielen unbekannten Menschen, wie ein vornehmes Paar auf der
Hochzeitsreise. Der Kellner nahm etwas herablassend Alfreds Bestellung entgegen;
ein vortreffliches Mahl wurde aufgetragen, und an ihrem Appetit merkte Terese,
dass sie sich tatsächlich seit längerer Zeit nicht so eigentlich satt gegessen
hatte. Auch der milde, süsse Wein schmeckte ausgezeichnet, und während sie
anfangs etwas eingeschüchtert sich kaum recht umzusehen gewagt hatte, liess sie
nun die Augen immer lebhafter und unbefangener im Kreise gehen. Von da und dort
richteten sich Blicke auf sie, nicht nur von jüngeren und älteren Herren, auch
von Damen, Blicke des Wohlgefallens, ja der Bewunderung. Alfred war sehr
aufgeräumt, redete allerlei galantes, ziemlich törichtes Zeug, wie es sonst
seine Art gar nicht war, und Terese lachte manchmal in einer unnatürlich
grellen Weise dazu auf. Als Alfred sie zum dritten- oder viertenmal im
Flüsterton fragte - er hatte eben keinen Überfluss an lustigen Einfallen -, wofür
man sie beide wohl halten möchte: für ein durchgegangenes Liebespärchen auf der
Flucht oder für ein junges Ehepaar aus Frankreich auf der Hochzeitsreise -,
gingen einige Offiziere am Tisch vorbei, unter denen Terese sofort jenen
schwarzhaarigen mit den gelben Aufschlägen erkannte, dessen sie in den letzten
Wochen allzuviel hatte denken müssen. Auch der Offizier erkannte sie gleich; sie
wusste es, obwohl er nichts dergleichen tat, sondern wohlanständig seinen Blick
wieder abwandte und sich nicht, wie sie erwartet, an einem benachbarten, sondern
in Gesellschaft seiner Kameraden an einem ziemlich entfernten Tische niederliess.
Mit Alfreds guter Laune war es plötzlich vorbei. Es war ihm nicht entgangen, dass
Teresens Augen aufgeleuchtet hatten, und er fühlte mit der eifersüchtigen
Ahnung des Liebenden, dass etwas Verhängnisvolles geschehen war. Als er ihr das
Glas wieder vollschenkte, drückte sie ihm wie schuldbewusst die Hand, und
zugleich ihre Ungeschicklichkeit fühlend, sagte sie plötzlich: »Wollen wir nicht
gehen?« »Die Mutter wird unruhig sein«, setzte sie hinzu, obzwar sie wusste, dass
sie das nicht zu befürchten hatte. »Und was hast denn du zu Hause gesagt,
Alfred?« Er errötete. »Du weisst ja,« erwiderte er, »meine Familie ist verreist.«
- »Ach ja«, sagte sie. Darum also war er heute so kühn gewesen, sie hätte sich's
denken können. Und wie linkisch er sich jetzt erhob, nachdem er die Rechnung
beglichen! Und statt dass er ihr den Vortritt liess, wie es die Sitte erforderte,
ging er vor ihr einher, und da merkte sie, dass er eigentlich doch nicht anders
aussah als ein Schuljunge im Sonntagsgewand. Sie aber in ihrem einfachen,
blauweissen Foulardkleid spazierte zwischen den Tischen dem Ausgang zu, wie eine
junge Dame, die gewohnt wäre, jeden Abend unter vornehmen Fremden in einem
grossen Hotel zu speisen. Ja, ihre Mutter war eben doch eine Baronin, war in
einem Schloss aufgewachsen, hatte ein wildes Pony geritten; und zum erstenmal
in ihrem Leben war Terese ein wenig stolz darauf.
    Sie gingen schweigend durch die stillen Gassen, Alfred nahm Teresens Arm,
drückte ihn an den seinen. »Was würdest du dazu sagen,« bemerkte er in einem
leichten Ton, der ihm nicht wohl anstand, »wenn man noch in ein Kaffeehaus
ginge?« Sie lehnte ab. Es sei schon zu spät. - Ach ja, ein Schulbub! Er hätte
nun wohl etwas anderes verlangen dürfen als eine Abschiedsstunde im Kaffeehaus.
Warum zum Beispiel rief er nicht dort den Kutscher an, der auf dem Bock schlief,
um mit ihr zusammen in die schöne, milde Sommernacht hinauszufahren? Wie hätte
sie sich in seinen Arm geschmiegt, wie heiss ihn geküsst, wie lieb hätte sie ihn
gehabt. Aber dergleichen kluge Einfälle durfte sie von Alfred nicht erwarten. -
Bald standen sie vor Teresens Haustor. Die Strasse war völlig dunkel. Alfred zog
Terese an sich, heftiger als er es je getan, sie gab ihre Lippen den seinen mit
Inbrunst hin, und mit geschlossenen Augen wusste sie, wie edel und rein seine
Stirne war. Als sie die Treppen hinaufstieg, war sie voll Sehnsucht und
Traurigkeit. Leise sperrte sie die Wohnungstüre auf, damit die Mutter nicht
aufwache, dann lag sie noch lange im Bette wach und dachte, dass es heute abend
doch nicht das Rechte gewesen war.
 
                                       14
Am nächsten Tag, während sie mit der Mutter bei Tische sass, brachte man aus der
Blumenhandlung wundervolle weisse Rosen in einem schlanken, geschliffenen Kelch.
Ihr erster Gedanke war: der Offizier, ihr nächster: Alfred. Doch auf dem
Kärtchen stand zu lesen: »Graf Benkheim bittet das liebe kleine Fräulein Terese
die mitfolgenden bescheidenen Blumen freundlichst entgegennehmen zu wollen.« Die
Mutter sah vor sich hin, als ginge sie das Ganze nichts an. Terese stellte das
Glas mit den Blumen auf die Kommode, vergass, sich wieder an den Tisch zu setzen,
nahm ein Buch zur Hand und liess sich in den Schaukelstuhl am Fenster sinken. Die
Mutter ass allein weiter, sprach kein Wort und verliess dann mit schlürfendem
Schritt das Zimmer.
    Am gleichen Abend, auf dem Weg zum Bahnhof, in dessen Nähe Terese für heute
eine Zusammenkunft mit Alfred verabredet hatte - sie wählten beinahe täglich
einen anderen Punkt -, begegnete Terese dem Offizier. Er grüsste mit vollendeter
Höflichkeit, ohne die Tatsache ihrer geheimen Vertrauteit auch nur durch ein
Lächeln unzart zu betonen. Sie dankte unwillkürlich, dann aber beschleunigte sie
ihre Schritte, so dass sie fast ins Laufen geriet, und war froh, dass Alfred, der
sie schon erwartete, ihre Erregung nicht merkte. Er schien verlegen, verstimmt.
Sie gingen die staubige, etwas langweilige Strasse gegen Maria Plain weiter in
einem mühseligen Gespräch, darin des gestrigen Abends mit keinem Worte gedacht
wurde, kehrten bald wieder um, da ein Gewitter drohte, und trennten sich früher
als sonst.
    Die nächsten Abende aber, in all ihrer Traurigkeit, waren schön. Der
Abschied war nah. In den ersten Septembertagen sollte Alfred nach Wien fahren,
um dort vorerst mit seinem Vater zusammenzutreffen. Terese wurde es schwer ums
Herz, wenn Alfred von der bevorstehenden Trennung redete, sie immer wieder
beschwor, ihm Treue zu bewahren und der Mutter zu möglichst baldiger
Übersiedelung nach Wien dringend zuzureden. Sie hatte ihm erzählt, dass die
Mutter vorläufig nichts davon wissen wolle; vielleicht, dass es ihr gelänge, im
Laufe des kommenden Winters sie allmählich dazu zu bestimmen. Von all dem war
nichts wahr. Vielmehr befestigte sich in Teresen der Vorsatz immer mehr, das
Elternhaus allein zu verlassen, ohne dass dabei der Gedanke an Alfred überhaupt
eine Rolle spielte.
    Es war längst nicht mehr die einzige Unaufrichtigkeit, die sie sich ihm
gegenüber vorzuwerfen hatte. Wenige Tage nach jener Begegnung in der Nähe des
Bahnhofs hatte sie den jungen Offizier wiedergesehen: er war ihr auf dem
Domplatz entgegengetreten, als sie eben die Kirche verliess, die sie manchmal zu
dieser Stunde nicht so sehr aus Frömmigkeit als aus einer Sehnsucht nach
friedlichem Alleinsein in dem hohen, kühlen Raum zu betreten pflegte. Und er,
als wäre es die natürlichste Sache von der Welt, war vor ihr stehengeblieben,
hatte sich vorgestellt - sie verstand nur den Vornamen Max - und hatte sie um
Entschuldigung gebeten, dass er diese Gelegenheit, auf geraume Zeit hinaus die
letzte, zu benützen sich die Freiheit nehme, um Terese endlich persönlich
kennenzulernen. Denn nun gehe er mit dem Regiment, dem er seit einem Monat
zugeteilt sei, auf Manöver für drei Wochen, - und während dieser drei Wochen,
das wünschte er sich so sehr, sollte doch das Fräulein Terese - oh,
selbstverständlich kenne er ihren Namen, Fräulein Terese Fabiani sei durchaus
keine unbekannte Persönlichkeit in Salzburg, und von der Frau Mama stehe ja
jetzt ein Roman im Tageblatt; - nun, er wünsche, dass Fräulein Terese an ihn
während seiner Abwesenheit wie an einen guten Bekannten denke, wie an einen
Freund, einen stillen, schwärmerischen, geduldig hoffenden Freund. Und dann
hatte er ihre Hand genommen und geküsst - und war auch schon verschwunden. Sie
hatte sich rings umgesehen, ob irgend jemand von dieser Begegnung etwas bemerkt
hätte. Doch der Domplatz lag fast menschenleer im grellen Sonnenschein, nur
drüben gingen ein paar Frauen, die ihr natürlich vom Sehen bekannt waren - wen
kannte man nicht in der kleinen Stadt -, aber von denen würde Alfred wohl nie
erfahren, dass ein Offizier mit ihr gesprochen und ihr die Hand geküsst hatte. Er
erfuhr ja überhaupt nichts, er wusste auch nicht, dass der Graf Benkheim ins Haus
kam, nichts von den ersten Rosen, die der Graf ihr geschickt, nichts von den
andern, die heute morgen gekommen waren, auch nichts von dem veränderten
Benehmen der Mutter, die nun immer so freundlich und sanft zu ihr war, als könne
sie der weiteren Entwicklung der Dinge mit Beruhigung entgegensehen. Und Terese
hatte es auch ruhig geschehen lassen, dass allerlei Neues für sie angeschafft
worden war. Nicht eben viel und Kostbares, aber immerhin manches, was sie wohl
brauchen konnte: Wäsche, zwei Paar neue Schuhe, ein englischer Stoff für ein
Strassenkleid; sie merkte auch, dass das Essen daheim besser geworden war, und
konnte sich wohl zusammenreimen, dass all dies nicht von dem Romanhonorar
bestritten würde, der nun Tag für Tag in der Zeitung weiterlief. Aber das war
auch alles ganz gleichgültig. Es dauerte ja nicht mehr lange. Sie war fest
entschlossen, das Haus zu verlassen, und am klügsten, dachte sie, wäre es wohl,
über alle Berge zu sein, ehe der Leutnant von den Manövern wieder zurückkehrte.
Von all dem, von Tatsachen wie von Erwägungen, wusste Alfred nichts. Er nannte
sie weiter Liebste und Braut und redete wie von etwas durchaus Möglichem, ja
geradezu Selbstverständlichem, dass er in sechs Jahren als Doktor der gesamten
Heilkunde Fräulein Terese Fabiani zum Altar führen werde. Und wenn sie abends,
wie es immer wieder geschah, auf jener Bank im Felde seinen Liebesworten
lauschte und sie manchmal sogar erwiderte, glaubte sie beinahe selbst alles, was
er, und manches von dem, was sie selbst sagte.
 
                                       15
Eines Morgens - nach einem Abend, der gewesen war wie so viele andere vorher -
kam ein Brief von ihm. Nur ein paar Worte. Wenn sie sie läse, so schrieb er,
sässe er schon im Zug nach Wien; er hätte es nicht übers Herz gebracht, ihr das
gestern abend zu sagen, sie möge es verstehen und verzeihen, er liebe sie
unsagbar, er wisse es in diesem Moment stärker als je, dass diese Liebe ewig
währen würde. - Sie liess das Blatt sinken, sie weinte nicht, aber sie war sehr
unglücklich. Aus. Sie wusste, dass es aus war für immer. Und es war mehr
unheimlich als traurig, dass sie das wusste und er nicht. - Die Mutter kam aus der
Stadt zurück. Sie war auf dem Markt gewesen, einkaufen. »Weisst du, wer heute
früh«, fragte sie vergnügt, »mit Koffer und Tasche an mir vorbeigefahren ist zur
Bahn? Dein Seladon. Ja, nun ist er fort, hast du nicht gesehen.« Es war ihre
Art, solche verblassten, aus der Mode gekommenen Romanphrasen ins Gespräch
einzustreuen. Die Aufgeräumteit der Mutter liess deutlich erkennen, dass sie nun
das schwerste, ja, das einzige Hindernis ihrer Pläne für beseitigt hielt.
Terese aber dachte im gleichen Augenblick: Fort, nur fort. Heute noch, gleich,
ihm nach. Die paar Gulden für die Reise borg' ich mir aus - Klara hoffentlich
...
    Sie verliess das Haus, bald stand sie unter den Fenstern, hinter denen ihre
Freundin wohnte, aber sie konnte sich kein Herz fassen, die Treppen
hinaufzugehen. Übrigens waren die Vorhänge heruntergelassen, vielleicht waren
Traunfurts aus der Sommerfrische noch nicht zurück. Doch da trat Klara aus dem
Haustor, hübsch und adrett gekleidet wie immer, hold und unschuldig anzusehen,
begüsste Terese mit übertriebener Herzlichkeit und war gleich bei den Temen,
die sie am meisten liebte. Ohne etwas Bedenkliches oder gar Unanständiges in
Worten auszudrücken, spielte unter dem, was sie sagte, eine ununterbrochene
Welle zweideutiger Gedanken. Nachdem sie beiläufig bedauert, dass man jetzt so
gar nicht mehr zusammenkomme, erwähnte sie gleich die Familie Nüllheim, in einem
Ton, der Terese nicht zweifeln liess, dass die Freundin ihre Beziehungen zu
Alfred für anders geartet hielt, als sie in Wirklichkeit waren. Terese, nicht
verletzt, sondern nur im Gefühl ihrer Unschuld, klärte Klara auf, worauf diese
einfach und fast etwas verächtlich bemerkte: »Wie kann man so dumm sein.« Eine
bekannte Dame näherte sich, und Klara verabschiedete sich auffallend rasch von
Teresen. -
    Abends zu der Stunde, in der Terese sonst mit Alfred zusammenzukommen
pflegte, versuchte sie ihm zu schreiben. Sie wunderte sich, wie schwer es ihr
von der Hand ging, und so liess sie sich an ein paar flüchtigen Worten genügen:
dass sie noch viel unglücklicher sei als er, dass sie keinen anderen Gedanken habe
als ihn allein und dass sie hoffe, Gott werde alles zum Guten wenden. - Sie trug
den Brief auf die Post, ach, sie wusste, dass es ein dummer und unaufrichtiger
Brief war, ging gleich wieder heim, vermochte nichts Rechtes anzufangen, nahm
eine Handarbeit vor, versuchte zu lesen, spielte Skalen und Läufe, endlich,
unruhig und gelangweilt zugleich, blätterte sie in den Zeitungsnummern, die den
Roman ihrer Mutter entielten. Was war das für eine abgeschmackte Geschichte,
und mit welch hochtrabenden Worten war sie erzählt. Es war der Roman einer
adeligen Familie. Der Vater war ein harter, strenger, aber doch grossherziger
Magnat mit dicken Augenbrauen, von denen immer wieder die Rede war, die Mutter
sanft, wohltätig und kränklich, der Sohn ein Spieler, Duellant, Verführer, die
Tochter engelrein und blond, eine wahre Märchenprinzessin, wie sie auch immer
wieder genannt wurde; ein düsteres Familiengeheimnis harrte der Lösung, und
irgendwo im Park, ein uralter Diener wusste das, lag von der Türkenzeit her ein
Schatz vergraben. Es gab auch manches sinnige Wort über Frömmigkeit und Tugend
in dem Werk zu lesen, und kein Mensch hätte der Schreiberin zutrauen können, dass
sie es darauf angelegt hatte, ihre Tochter an einen alten Grafen zu verkuppeln.
 
                                       16
Am nächsten Tag kam wieder ein Brief von Alfred, und so weiter Tag für Tag. Er
berichtete, wie der Vater ihn am Bahnhof erwartet, ihm ein Zimmer in der
Alservorstadt, in der Nähe der medizinischen Lehranstalten, gemietet habe, mit
ihm Museen und Teater besuche; und wie aus des Vaters ganzem Benehmen
hervorgehe, dass er etwas zu ahnen scheine. So habe er einmal während des
Abendessens im Restaurant davon gesprochen, dass sich junge Leute gern allerlei
in den Kopf setzten, was am Ende doch nicht durchzuführen sei, auch er habe in
der Jugend dergleichen durchgemacht und natürlich überwunden; was allem
vorangehe, das sei eben die Arbeit, der Beruf, der Ernst des Lebens. Terese
fand, dass Alfred das nicht so ausführlich hätte berichten müssen. Wollte er etwa
schon jetzt die Verantwortung von sich abwälzen? Sie hatte ja nichts von ihm
verlangt. Er mochte tun, was er wollte. Es war schwer, ihm etwas Rechtes zu
erwidern, wie es überhaupt nicht leicht war, Stoff für die Briefe zu finden, die
sie ihm täglich schreiben sollte, da doch hier in der kleinen Stadt, wie sie
entschuldigend und etwas übellaunig betonte, alles seinen gewohnten,
langweiligen Gang weiterlief. Und was sich wirklich ereignete, das, ja gerade
das konnte sie dem liebsten natürlich nicht erzählen. Nichts von dem letzten
Besuch des Grafen Benkheim, bei welchem er sehr unterhaltend und ohne allzu
deutliche Anspielung auf seine eigentlichen Zwecke allerlei aus seinem Leben,
insbesondere von seinen Reisen im Orient - er war in Persien als junger Mensch
Gesandtschaftsattaché gewesen - erzählt hatte. Und für die nächste Zeit hätte er
wieder eine Reise vor, eine Art Weltreise sogar. Und dabei hatte er Terese
ernst und bedeutungsvoll ins Auge geblickt. Sie hatte dazu keine Miene verzogen.
Ja, eine Weltreise, das wäre schon etwas nach ihrem Geschmack gewesen; - aber
dann mit einem andern als mit einem alten Grafen. Auch von ihrem Vater hatte er
gesprochen, nicht ohne Mitgefühl und mit Respekt, und bemerkt, dass es gewiss
gekränkter Ehrgeiz gewesen war, der den verdienten Offizier um den Verstand
gebracht habe. Terese, in Beschämung darüber, dass sie schon ganze drei Wochen
sich um ihren wahnsinnigen Vater überhaupt nicht gekümmert hatte, war am Tage
darauf in die Anstalt geeilt und hatte den Oberstleutnant in völligem geistigen
Verfalle wiedergefunden. Doch gab er jetzt viel auf sein Äusseres. Seit seinen
gesunden Tagen hatte er sich nicht so sorgfältig und fein getragen. Aber die
Tochter erkannte er nicht mehr und sprach zu ihr wie zu einer Fremden.
    Von diesem Besuch berichtete sie an Alfred in Ausdrücken innerster
Anteilnahme, ja töchterlichen Schmerzes, die, wie sie wohl fühlte, ihren
tatsächlichen Empfindungen kaum entsprachen; - so wenig wie die Worte der
Zärtlichkeit und Sehnsucht, die sie an den fernen Geliebten richtete. Aber was
blieb ihr übrig? Sie konnte ihm unmöglich die Wahrheit schreiben; - nicht dass
sie manchmal geradezu vergeblich versuchte, sich seine Züge vorzustellen, dass
sie den Ton seiner Stimme zu vergessen begann, dass oft Stunden vergingen, in
denen sie seiner gar nicht dachte; - viel öfter aber eines andern, an den sie
eigentlich nicht hätte denken sollen und dürfen.
    Eines Abends, als sie eben dabei war, ihm auf einen wehmütigen Brief zu
antworten, mühselig, geradezu in Verzweiflung, erschien der Graf Benkheim. Er
fragte, ob er nicht störe, sie war froh, nicht weiter schreiben zu müssen, und
so kam sie ihm freundlicher entgegen, als es sonst ihre Art war. Er schien dies
misszuverstehen, rückte näher an sie heran und sprach zu ihr in einer Weise, die
ihr völlig ungewohnt war. Ganz ohne Umschweife, ja, als wenn irgendwelche
Gespräche zwischen ihnen stattgefunden hätten, die ihn zu solchem Ton ermutigen
durften, begann er: »Also, wie denkt das kleine Fräulein über die Weltreise?
Übrigens müssten wir weder nach Indien noch nach Afrika.« Er nahm ihre beiden
Hände und nannte einen Ort an einem italienischen See, wo er vor Jahren einmal
den Herbst verbracht hatte, in einer reizenden kleinen Villa mit einem
herrlichen Park. Marmorstufen führten geradenwegs in den See. Bis in den
November hinein konnte man baden. In der Villa nebenan, so erzählte er weiter,
wohnten drei junge Damen. Die stiegen am hellen Mittag von ihrer Terrasse aus
ins Wasser, alle drei, vorher aber liessen sie ihre Mäntel fallen, unter denen
sie nichts weiter anhatten. Ja, ganz nackt schwammen sie in den See hinaus. - Er
rückte näher an Terese heran und wurde so zudringlich, dass sie, von Angst und
Ekel erfasst, sich ihm zu entwinden suchte. Sie sprang endlich auf, der Tisch mit
der Lampe geriet ins Wanken; - die Türe öffnete sich, ein Lichtschein fiel
herein, die Mutter stand da, als wäre sie eben nach Hause gekommen, den Hut
schief auf der wirren Frisur, in ihrer schwarzen, altmodischen Mantille mit
Perlfransen. Sie begrüsste den Grafen, bat ihn, der sich gleichfalls erhoben
hatte, doch Platz zu behalten, und liess den Blick von der Tochter rasch wieder
abgleiten, da sie deren Verwirrung so wenig bemerken wollte, als sie von dem
polternden Geräusch des Tisches Kenntnis genommen hatte. Ein gleichgültiges
Gespräch war rasch in Gang gebracht, und da der Graf irgendeine harmlose Frage
an Terese richtete, blieb dieser nichts übrig, als in gleich harmloser Weise zu
antworten, was ihr ohne sonderliche Mühe gelang.
    Als der Graf sich entfernte, hatte er allen Anlass, zu glauben, dass ihm
verziehen worden war, und konnte nicht ahnen, dass Teresens scheinbare Ruhe nur
in dem festen Entschluss die Ursache hatte, ihre Reise-und Fluchtpläne ohne
weiteren Verzug ins Werk zu setzen.
    In Erwiderung auf Zeitungsannoncen schrieb sie nach Graz, Klagenfurt, Brünn,
für alle Fälle auch nach Wien und erbat sich die Antworten postlagernd. Sie
erhielt keine, ausser von Vermittlungsbureaus in Wien und Graz, die aber vor
allem eine Anzahlung verlangten. Schon dachte sie aufs Geratewohl davonzufahren,
aber da geschah es ihr, dass sie, anfangs zu ihrer eigenen Verwunderung, sich zu
Hause besser zu behagen anfing. Die Mutter verhielt sich freundlich, es fehlte
im Haushalt an nichts, und vom Grafen Benkheim war eine Art von
Entschuldigungsschreiben eingelangt, liebenswürdig, nicht ohne Humor, sogar
etwas rührend; und bei seinem nächsten Besuch benahm er sich so tadellos, als
wenn er in einer anständigen, bürgerlichen Familie, ja, bei seinesgleichen zu
Gaste wäre. Immerhin meldete sich Terese noch einige Male auf Anzeigen hin, in
denen ein Kindermädchen oder eine Erzieherin gesucht wurde, aber im ganzen
betrieb sie die Angelegenheit mit einiger Lässigkeit. Was sie in Wahrheit in
Salzburg noch festielt, - das gestand sie sich nicht ein.
 
                                       17
An einem Regentag im Abenddämmer stand Terese in der Einfahrt des Postgebäudes
und las den eben an sie gelangten Antwortbrief einer Dame aus Wien, als sie
jemanden hinter sich sagen hörte: »Guten Abend, mein Fräulein.« Sie hatte die
Stimme gleich erkannt; ein köstlicher Schauer floss ihr durch den Leib, und ohne
das Wort auszusprechen, es nur zu denken, fühlte sie mit ihrem ganzen Wesen:
Endlich. Sie wandte sich langsam um, lächelte dem Leutnant entgegen wie einem
längst Erwarteten, und es war zu spät, als sie sich besann, dass sie lieber nicht
so glückselig hätte lächeln sollen. »Ja, da bin ich«, sagte der Leutnant
leichtin, ergriff Teresens Hand und küsste sie gleich ein paarmal
hintereinander. »Seit einer Stunde bin ich zurück, und das erste menschliche
Geschöpf, das mir begegnet, sind Sie, Fräulein Terese. Wenn das nicht ein Wink
des Schicksals ist« ... und er behielt ihre Hand fest in der seinen. - »Also
schon aus, die Manöver?« fragte Terese, »das ist aber geschwind gegangen.« -
»Eine Ewigkeit war ich fort«, sagte der Leutnant. »Sollten Sie das gar nicht
gemerkt haben?« - »Wahrhaftig, nein, es können doch höchstens acht Tage gewesen
sein.« - »Einundzwanzig Tage und einundzwanzig Nächte, und in jeder habe ich von
Ihnen geträumt. Bei Tag übrigens auch. Soll ich Ihnen erzählen, was?« - »Ich bin
nicht neugierig.« - »Aber ich bin's im höchsten Grade. Und daher möchte ich für
mein Leben gern wissen, was in dem Brieferl da steht, das man sich so
geheimnisvoll von der Post abgeholt hat.«
    Sie hielt den Brief noch in der Hand, nun knitterte sie ihn zusammen,
verbarg ihn in der Tasche ihres Regenmantels und blickte dem Leutnant
lustig-verschlagen ins Auge. »Aber hier, glaube ich,« sagte der Offizier, »ist
nicht der rechte Ort, um sich miteinander auszuplaudern. Wollen das gnädige
Fräulein nicht einen armen verregneten Leutnant unter Ihre Fittiche nehmen?« Er
nahm ihr den Schirm ohne weiteres ab, spannte ihn über sie beide, schob seinen
Arm unter den ihren, trat mit ihr ins Freie und ging mit ihr im strömenden Regen
weiter und begann zu erzählen. Er sprach von seinen Manövererlebnissen, vom
Kampieren im Freien auf dreitausend Meter Höhe, von dem Sturm auf einen
Dolomitengipfel, von der Gefangennehmung einer gegnerischen Patrouille - er war
selbstverständlich bei der siegreichen Armee gewesen; - und indes gingen sie
immer weiter durch die menschenleeren, schwach beleuchteten Strassen, bis sie in
einer engen Gasse vor einem alten Hause standen, wo er ihr wieder, als sei daran
gar nichts Besonderes, vorschlug, bei ihm, um nicht vor Nässe am Ende krank zu
werden, eine Tasse Tee mit recht viel Rum zu trinken. Aber da kam sie zur
Besinnung. Wofür er sie denn eigentlich halte? Und ob er vollkommen verrückt
sei? Und als er seinen Arm um sie legte, wie wenn er sie mit sich ziehen wollte,
blitzte sie ihn an: ob er denn Lust habe, es sich ein für allemal mit ihr zu
verscherzen? Da liess er sie los und versicherte sie, er wisse wohl, ja, er habe
es gleich bemerkt, dass sie ein ganz besonderes Geschöpf sei. Und seit er sie
gesehen, habe er an kein anderes weibliches Wesen mehr denken, ja, überhaupt
kein anderes mehr ansehen können. Und auf die Gefahr hin, sich lächerrlich zu
machen: er würde von nun an Abend für Abend Punkt sieben Uhr hier vor dem Tore
stehen und warten. Warten so lange, bis sie käme. Und wenn er zehn Jahre lang
hier jeden Abend stehen müsste. Ja, das schwöre er hoch und heilig bei seiner
Offiziersehre. Und wo immer er ihr in der Stadt begegnete, er würde mit einem
höflichen Gruss an ihr vorbeigehen, aber keineswegs das Wort an sie richten, es
sei denn, sie selbst gäbe ihm durch ein Zeichen die Erlaubnis dazu. Nur hier, am
Tor, werde er stehen - sie solle sich für alle Fälle die Hausnummer merken,
siebenundsiebzig, - Abend für Abend, Punkt sieben Uhr. Er habe ja nichts anderes
zu tun. Seine Kameraden, es waren ja ganz liebe Kerle darunter, aber sie konnten
ihm alle gestohlen werden. Eine Freundin habe er nicht, oh, schon lange nicht
mehr, setzte er auf Teresens ungläubiges Lächeln hinzu; und wenn sie, - wenn
sie nicht um sieben Uhr zur Stelle sein sollte, so würde er eben auf sein Zimmer
gehen, dort oben im zweiten Stock, - er wohnte ganz allein bei einer alten Frau,
die überdies ganz taub sei, und dort oben, in seinem gemütlichen Zimmer, würde
er seinen Tee trinken, ein Butterbrot essen und Zigaretten rauchen - und weiter
hoffen - bis zum nächsten Abend. - »Ja, hoffen Sie nur bis zum jüngsten Tag«,
rief Terese allzu hell, und da es eben neun Uhr von den Türmen schlug, wandte
sie sich und eilte davon, ohne ihm nur die Hand zu reichen.
    Am nächsten Abend aber huschte sie am Tor vorüber, genau um sieben; er stand
da, im Flur, eine Zigarette rauchend, die Kappe in der Hand, wie an jenem Tag,
da sie ihn zum erstenmal gesehen, und die gelben Aufschläge seines Waffenrocks
leuchteten so hell, als wären es die schönsten Farben in der ganzen Welt. Und
auch seine Augen, sein ganzes Gesicht leuchtete auf. Hatte er ihren Namen
geflüstert oder nicht? - sie wusste es kaum. Jedenfalls nickte sie, trat zu ihm
ins Tor, und in seinen Arm geschmiegt ging sie die enge, gewundene Steintreppe
mit ihm hinauf bis zu einer breiten, dunkelbraunen Holztüre, die nur angelehnt
war, hinter ihnen beiden aber, wie durch einen Zauber, geräuschlos sich schloss.
 
                                       18
Sie hielten ihr Glück geheim. Niemand in der Stadt wusste, dass Terese Abend für
Abend über die dämmerige Treppe in die Wohnung des Leutnants schlich, niemand
sah sie ein paar Stunden darauf das Haus wieder verlassen; und wer sie etwa
gesehen, erkannte die Verschleierte nicht. Auch die Mutter, in ihre Arbeit
völlig eingesponnen, merkte nichts oder wollte nichts merken. Frau Fabiani war
von einem grossen illustrierten Journal in Deutschland aufgefordert worden, einen
Roman zu liefern, was sie Teresen mit stolzer Genugtuung mitteilte, und sass nun
ganze Tage und halbe Nächte lang unablässig schreibend hinter versperrter Türe.
Die Sorge um die bescheidene, jetzt wieder fast ärmliche Wirtschaft blieb
Teresen allein überlassen; doch Mutter und Tochter legten zu dieser Zeit auf
die Befriedigung äusserlicher Bedürfnisse noch weniger Wert als sonst.
    Von Alfred kamen indes Tag für Tag Briefe voll Zärtlichkeit und
Leidenschaft, die Terese auch ihrerseits viel zärtlicher und leidenschaftlicher
beantwortete, als sie früher überhaupt fähig gewesen wäre. Sie war sich dabei
keiner Lüge bewusst, denn sie liebte Alfred um nichts weniger als vorher, ja,
manchmal wollte ihr scheinen, mehr als zur Zeit, da er ihr noch nahe gewesen
war. Die Worte, die zwischen ihnen brieflich hin und her gingen, hatten mit dem,
was Terese zu gleicher Zeit wirklich erlebte, so gar nichts zu tun, dass sie
sich sowohl dem einen als dem anderen Liebenden gegenüber von jeder Schuld frei
fühlte.
    Im übrigen liess Terese ihre Tage nicht ungenützt verstreichen und bildete
sich, ihrer Zukunftspläne keineswegs vergessend, weiter im Französischen, im
Englischen und im Klavierspiel aus. Abends besuchte sie öfters auf Karten, die
ihr Max zu schenken pflegte, das Teater, meist in Gesellschaft ihrer Mutter,
die sich um die Herkunft der Billetts nicht kümmerte. Max nahm an solchen
Abenden gewöhnlich seinen Platz in der ersten Reihe ein, und getreu der
getroffenen Abmachung sandte er Teresen, die mit der Mutter weiter rückwärts zu
sitzen pflegte, nicht einmal einen Gruss. Nur manchmal lächelte er mit
halbgeschlossenen Spitzbubenaugen über sie hin, und sie wusste, dass dieses
Lächeln eine Erinnerung an den vorigen oder ein Versprechen für den nächsten
Abend zu bedeuten hatte.
    Für Terese waren diese Teaterbesuche eine willkommene Zerstreuung, für die
Mutter eine Quelle von Anregungen und Erregungen der verschiedensten Art. Es
geschah ihr nicht nur, dass sie in den vorgeführten Dramen zufällige
Ähnlichkeiten mit eigenen Erlebnissen oder solchen, die sich in ihrer Nähe
zugetragen, zu erkennen glaubte; sie entdeckte auch offenbare Anspielungen, die
der ihr vollkommen unbekannte oder auch schon verstorbene Autor in sein Werk
hatte einfliessen lassen oder die vielleicht sogar von der Teaterdirektion mit
Rücksicht auf die berühmte Romanschriftstellerin eingefügt worden waren; und sie
verfehlte nicht, bei solcher Gelegenheit die neben ihr sitzende Terese durch
verständnisheischende Blicke auf solche merkwürdige Zufälle, die es für sie
keineswegs waren, aufmerksam zu machen.
    Der Graf Benkheim hatte seine Besuche im Hause Fabiani indes vollkommen
eingestellt. Es fiel Teresen nicht weiter auf, und sie erinnerte sich seiner
erst wieder, als sie ihn eines Abends in der Proszeniumsloge mit einer Dame
erblickte, die ihr tags zuvor in einer französischen Posse nicht so sehr durch
schauspielerisches Talent als durch die Extravaganz der Toilette aufgefallen
war.
 
                                       19
Eines Abends, kurz nach ihrem Eintritt in Maxens Zimmer, während sie eben Hut
und Schleier ablegte, wurde an die Türe geklopft, zu ihrer Verwunderung rief Max
ohne weiteres »Herein«, und einer seiner Kameraden, ein langer blonder Mensch,
trat ein in Begleitung einer jungen Dame, die Teresen gleich als eine der
Darstellerinnen aus einer neulich gesehenen Operette erkannte. »Ah, welche
Überraschung!« rief Max aus, ohne Terese auch nur einen Moment darüber täuschen
zu können, dass diese Überraschung zwischen den Kameraden verabredet war. Der
Oberleutnant erwies sich als ein liebenswürdiger und höflicher Gesellschafter,
und die Schauspielerin, ganz im Gegensatz zu Teresens Erwartung, befliss sich
einer besonderen Zurückhaltung und Einsilbigkeit, die zu bewahren man ihr
offenbar um Teresens willen besonders eingeschärft hatte. Zu ihrem Begleiter
sagte sie »Herr Oberleutnant« und »Sie«, überdies erwähnte sie, dass ihre ältere
Schwester mit einem Advokaten verheiratet sei, und endlich, dass gegen
Weihnachten ihre Mutter, die Witwe eines höheren Beamten aus Wien, hieher
übersiedeln werde. Man sprach über die letzten Teatervorstellungen, bald
darauf, da die künstlerischen Urteile über Stücke und Darsteller rasch erledigt
waren, über das Verhältnis des Direktors mit der Sentimentalen und das des
Grafen Benkheim mit der Salondame; und man beschloss den Abend im Gastof bei
einer Flasche Wein, wo sich die Unterhaltung in einer etwas lebhaften, aber für
Terese nicht sonderlich anregenden Weise fortsetzte. Ein paar Offiziere an
anderen Tischen grüssten höflich, ohne von der Gesellschaft weiter Notiz zu
nehmen. In früher Stunde, kurz nach zehn Uhr, empfahl sich Terese, bestand
darauf, dass Max noch mit den andern bleibe; und in einer ziemlich trüben, leicht
beschämten Stimmung begab sie sich nach Hause.
    Bei der nächsten Zusammenkunft in Maxens Wohnung ging es erheblich heiterer
zu. Der Oberleutnant hatte kalten Aufschnitt und Backwerk mitgebracht, und schon
nach der ersten Flasche Wein stellte es sich heraus, was für Terese natürlich
keine Überraschung bedeutete, dass der Oberleutnant und die Schauspielerin auf
vertrauterem Fusse miteinander standen, als sie das letztemal hatten verraten
wollen. Immerhin hielt sie sich noch ein wenig zurück, sprach bald wieder von
ihrer Mutter, die zwar zu Weihnachten nicht kommen könne, sie aber am
Palmsonntag von hier abholen werde; und später, als die kleine Gesellschaft in
einem Kaffeehaus sass und aus einer Ecke der Komiker des Teaters mit kordialem
Winken ein »Servus Lintscherl!« herüberrief, dankte sie kaum und bemerkte nur:
»Was der freche Bengel sich einbild't!«
    In einer ungestörten Stunde bald darauf bat Terese ihren Max, von diesen
Zusammenkünften zu viert doch lieber abzusehen; sie fühle sich wohler mit ihm
allein. Er lächelte zwar wie geschmeichelt, aber dann wurde er verdriesslich und
schalt sie zuerst gelinde, dann immer heftiger wegen ihres »Hochmuts« und ihrer
»Fadaise«. Sie weinte ein wenig; der Abend wurde trübselig und langweilig; - und
als ein paar Tage darauf der Oberleutnant mit seiner Freundin wieder an Maxens
Türe klopfte, war Terese im Grunde froh darüber. Nachher im Gastaus und an den
folgenden Abenden schien sie, wenn nicht die lustigste, doch die lebhafteste von
allen und war es auch in grösserer Gesellschaft, wie sie sich nun immer öfter an
ihrem Tische zusammenfand.
 
                                       20
Der Winter war spät, doch gleich mit heftigen Schneefällen hereingebrochen; die
Stadt, die ganze Landschaft hüllte sich in wohltuend mildes Weiss; und als
infolge von Verwehungen Verkehrsstörungen auf der Eisenbahnstrecke eintraten,
überkam Terese das beruhigende Gefühl eines umfriedeten und gesicherten
Daseins, wodurch sie erst inne ward, dass unablässig auf dem Grund ihrer Seele
die Angst vor einem plötzlichen Eintreffen Alfreds geschlummert hatte.
    Die Schneefälle hörten auf, sonnige Wintertage kamen, und Terese unternahm
mit Max an Sonntagen Schlittenpartien ins Gebirgsland, nach Berchtesgaden und
zum Königssee; anfangs zu zweit, dann auch in Gesellschaft von anderen
Offizieren und deren Freundinnen, die fast alle dem Teater angehörten; und Max
liess es ohne Eifersucht geschehen, wenn in rauchigen Wirtshausstuben bei
dampfendem Punsch von den Kameraden auch Teresen gegenüber die Grenzen einer
noch erlaubten Galanterie nicht eben streng eingehalten wurden.
    Die Nacht vom ersten zum zweiten Weihnachtsfeiertag verbrachte Terese mit
Max in einem Gastof am Königssee. Und als am nächsten Mittag der Schlitten sie
vor ihrem Wohnhaus abgesetzt hatte und sie doch in einiger Besorgnis vor dem
Unwillen der Mutter die Treppe hinaufgegangen war, überreichte ihr jene wortlos
mit vorwurfsvoller Miene einen eingeschriebenen Expressbrief, der, wie sie
strafend bemerkte, schon am Abend vorher eingelangt sei. Terese erkannte
Alfreds Schrift. Noch ohne zu öffnen, wusste sie, was der Brief entielt, und so
las sie ihn ohne sonderliche Verwunderung. Er schäme sich in tiefster Seele,
schrieb Alfred, jemals seine Gefühle an sie verschwendet zu haben, und wünsche
von Herzen, sie möge an der Seite des Herrn Leutnant das Glück finden, das er,
Alfred, ihr zu geben leider nicht imstande gewesen sei. Der verhältnismässig
ruhige Ton des Schreibens beschämte Terese zuerst; - doch nach anfänglicher
Niedergeschlagenheit atmete sie auf und war froh, sich weiterhin auch nicht den
geringsten Zwang mehr auferlegen zu müssen. Sie war nun mit ihrem Liebhaber
überall, auch im Teater und auf der Eisbahn, öffentlich zu sehen und liess sich
endlich sogar gefallen, was sie bisher mit Entschiedenheit, ja beinahe gekränkt
zurückgewiesen, dass ihr Max kleine Geschenke machte, darunter ein kleines
Kettchen mit einem Medaillon, das sie von nun an stets um den Hals tragen musste,
ein halbes Dutzend Taschentücher und ein Paar Hausschuhe, rotledern mit weissem
Schwan besetzt, das Zwillingspaar zu einem andern, das die Freundin des
Oberleutnants bei Gelegenheit auf der Bühne getragen hatte.
    Kurz nach Neujahr war es, dass Terese vor dem Hause des Leutnants Klara
begegnete, ihrer alten Freundin, die sich eben auf dem Heimweg von der Eisbahn
befand. Sie begrüssten einander, und Klara, als hätte sie nur die Gelegenheit
abgewartet, begann Teresen lebhafte Vorwürfe zu machen, nicht etwa wegen ihres
Lebenswandels, sondern wegen ihrer Unbedachtsamkeit. »Was hast du davon,« sagte
sie, »dass man soviel von dir spricht. Schau' mich an. Ich halt' schon beim
Vierten, und kein Mensch hat eine Ahnung. Und wenn du's überall herum
erzähltest, - kein Mensch möcht's dir glauben.« Und lachend versprach sie
Teresen, sie in den nächsten Tagen zu besuchen und ausführlicher von ihren
Abenteuern zu berichten, wonach sie eine wahre Sehnsucht verspüre. Terese sah
der Davoneilenden mit vielfach gemischten Gefühlen nach; von allen das
lebhafteste war dies: völlig allein zu sein. Immer kam diese Erkenntnis über
sie, wenn irgendwer sich ihr gegenüber besonders aufgeschlossen und
vertrauensvoll zu geben vermeint hatte.
    Alfreds Brief - so sehr er ein Abschiedsbrief geschienen - blieb nicht der
letzte. Ein paar Wochen hatte er geschwiegen, nun aber kamen plötzlich Briefe in
einem ganz neuen Ton; mit Vorwürfen, mit Beschimpfungen; er gebrauchte Worte,
von denen Terese nicht geahnt, dass ein Mensch wie Alfred sie jemals zu Papier
bringen könnte, und die ihr die Schamröte ins Gesicht trieben. Sie nahm sich
vor, die nächsten Briefe ungelesen zu verbrennen, doch wenn ein paar Tage lang
keiner kam, geriet sie in eine eigentümliche Unruhe und war erst wieder
beruhigt, wenn ein neuer eintraf. Sie selbst erwiderte kein Wort. Nachdem sie
ungefähr ein Dutzend solcher Briefe erhalten, setzten sie vollkommen aus.
Hingegen stand in einem der sehr seltenen Berichte, die der Bruder nach Hause
sandte, von einer Begegnung mit Alfred zu lesen, den er neulich wohlgelaunt,
vortrefflich aussehend und sehr elegant gekleidet (was er ausdrücklich erwähnte)
in der Stadt getroffen haben wollte. Daraufhin erschienen Teresen jene
zornerfüllten Briefe Alfreds als komödiantisch und verlogen, sie steckte eine
Anzahl in den Ofen und sah zu, wie sie langsam zu Asche verbrannten.
    Klaras Besuch liess ziemlich lange auf sich warten. Erst an einem späten
Februartage, als der Schnee zu schmelzen begann und durch das mittags
offenstehende Fenster die ersten Frühlingslüfte in Teresens Zimmer wehten, trat
die Freundin bei Teresen ein; - aber statt, wie versprochen, einen Bericht
ihrer Abenteuer zu liefern, teilte sie mit, dass sie mit einem Ingenieur verlobt
sei, dass ihr Geplapper von neulich nur kindische Grosssprecherei gewesen sei, aus
Ärger über das zögernde Verhalten des Bräutigams, und dass sie darauf rechne,
Terese werde niemals etwas davon verlauten lassen. Dann schwärmte sie von ihrem
Verlobten und von dem stillen Glück, das ihr in dem Frieden des kleinen
Gebirgsdorfs bevorstehe, wohin er als Leiter eines Eisenbahnbaues berufen sei.
Sie blieb kaum eine Viertelstunde, umarmte Terese flüchtig zum Abschied und lud
sie nicht zur Hochzeit ein.
 
                                       21
In diesen trügerischen Vorfrühlingstagen fühlte Terese ohne eigentlichen
Schmerz, wie ihre Zärtlichkeit für Max sich allmählich zu verflüchtigen begann,
und die Leere, die Aussichtslosigkeit ihres Daseins kamen ihr immer bedrückender
zu Bewusstsein. Die Anstalt, in der ihr Vater weilte, hatte sie seit Monaten
nicht mehr betreten. Als nicht unwillkommener Vorwand für diese Versäumnis hatte
ihr eine Bemerkung des Assistenzarztes anlässlich ihres letzten Besuches gedient:
dass nämlich der Vater von ihren Besuchen nicht den geringsten Gewinn hätte, dass
sich aber für sie sein Bild immer nur nach der traurigeren Seite hin verändern
und eine Erinnerung, die ihr tröstlich und verehrungswürdig sein müsste, ihr als
eine quälende und gespenstische durch ihr ganzes ferneres Leben nachgehen würde.
Nun aber kam plötzlich ein Brief aus der Anstalt, dass sich der Oberstleutnant,
wie es bei dieser Krankheit zuweilen der Fall sei, auffallend besser befinde und
den Wunsch ausgesprochen habe, seine Tochter wiederzusehen. Terese aber empfand
diese Weisung bedeutungsvoller, als sie gemeint war, so etwa, als könnte ihr aus
den Worten, vielleicht schon aus der Stimme des Vaters Trost, Erleuchtung, zum
mindesten Beruhigung kommen. Und so wanderte sie an einem trüben, föhnigen Tag
auf der Landstrasse, über die der geschmolzene Schnee in kleinen schmutzigen
Bächen floss, in schwerer und doch nicht hoffnungsloser Stimmung der Anstalt zu.
    Als sie zu ihrem Vater in das zellenartige kleine Zimmer trat, sass er an
einem Tisch mit Landkarten und Büchern vor sich, wie Terese ihn so oft zu
früherer Zeit gesehen, und er wandte sich zu ihr mit einem Blick, in dem es wie
früher von Vernunft, ja von Lebensfreude zu blitzen schien. Aber kaum hatte sein
Blick ihre Erscheinung erfasst, ob er sie nun erkannt hatte oder nicht - dies
sollte ihr niemals klar werden -, so verzerrte sich der Ausdruck seines
Gesichtes; seine Finger krampften sich zusammen, und plötzlich ergriff er einen
der dicken Bände, als wollte er ihn der Tochter an den Kopf schleudern. Der
Wärter fiel ihm in die Hände. Im selben Augenblick trat der Arzt ein, und sich
durch einen raschen Blick mit Teresen verständigend, sagte er: »Es ist Ihre
Tochter, Herr Oberstleutnant. Sie haben gewünscht, sie zu sehen. Nun ist sie da.
Sie wollten ihr gewiss etwas sagen. - So beruhigen Sie sich doch«, fügte er
hinzu, da es dem Wärter kaum möglich war, des Wütenden Herr zu werden. Nun erhob
der Oberstleutnant die rechte, freigewordene Hand, und gebieterisch wies er nach
der Türe. Als Terese nicht sofort Miene machte, diesem Wink Folge zu leisten,
nahm sein Auge einen so drohenden Ausdruck an, dass der Arzt selbst Terese an
den Schultern fasste und rasch aus dem Zimmer zog, dessen Türe der Wärter sofort
hinter ihr schloss. »Sonderbar,« sagte der Arzt auf dem Gang zu Terese, »auch
wir Ärzte lassen uns doch immer wieder täuschen. Als ich ihm heute morgen von
Ihrem bevorstehenden Besuch Mitteilung machte, schien er höchst erfreut. Man
hätte ihm die Landkarten und Bücher nicht geben sollen.«
    Beim Tor drückte er Teresen die Hand in einer anderen Weise, als es sonst
seine Art zu sein pflegte, und bemerkte: »Vielleicht, Fräulein, versuchen Sie es
in den nächsten Tagen doch noch einmal; ich werde - mit ihm reden; und vor allem
werde ich dafür sorgen, dass er die gefährlichen Bücher nicht mehr in die Hände
bekommt. Diese Lektüre scheint allerlei wieder in ihm aufzuwühlen. Schreiben Sie
mir ein Wort, Fräulein, wann Sie kommen wollen; ich werde Sie am Tor erwarten.«
Er sah sie seltsam an, drückte ihre Hand fester, und sie fühlte, dass es nicht
gerade ihr Besuch bei dem Vater war, auf den es ihm ankam. Sie nickte ein Ja und
wusste, dass sie niemals wiederkommen würde.
    Langsam ging sie der Stadt zu. Er weiss alles, dachte sie. Darum hat er mich
hinausgejagt. Was soll nun mit mir werden -? Und plötzlich, in ihre Bedrückteit
leuchtend wie ein Blitz, kam ihr der Einfall, dass Max, wenn er seinen Abschied
nehme, um in das Fabrikunternehmen seines Oheims einzutreten, wovon er in der
letzten Zeit manchmal sprach, sie heiraten könnte, ja, eigentlich müsste. Einer
seiner Kameraden hatte erst vor wenigen Wochen den Dienst quittiert, um ein
Mädchen von ziemlich zweifelhaftem Ruf zu ehelichen; während Max Terese doch
als anständiges Mädchen kennengelernt und, wie nun einmal der Ausdruck lautete,
verfuhrt hatte. Zum erstenmal auch stellte sich ihr das, was zwischen ihm und
ihr vorgegangen war, im Klange dieses Wortes dar, und sie lehnte sich auf. War
sie nicht die Tochter eines hohen Offiziers? und, wenn auch unbemittelt, aus
guter Familie? Stammte die Mutter nicht sogar aus einem alten Adelsgeschlecht?
Max war es ihr einfach schuldig, sie zu seiner Frau zu machen.
    Schon bei ihrem nächsten Zusammentreffen mit Max, ohne eine passende
Gelegenheit abzuwarten, wagte sie eine Anspielung; Max verstand zuerst nicht
recht oder wollte nicht verstehen, und Terese lächelte und küsste ihm seine üble
Laune fort; - beim nächsten Mal wurde sie deutlicher, es kam zu Verstimmung,
Zank und Streit; Terese, wenn auch ohne eigentliche Zärtlichkeit für Max, doch
immer noch recht verliebt in ihn, gab ihre Versuche so plötzlich auf, als sie
sie begonnen, und liess die Dinge weitergehen, wie sie gehen wollten.
 
                                       22
Der Frühling nahte, die Teatersaison ging ihrem Ende zu. Es wäre Teresen kaum
aufgefallen, dass Max in der letzten Zeit öfters dienstlich verhindert war, sie
bei sich zu empfangen, auch nicht, dass er einmal auf ein paar Tage, gleichfalls
in einer angeblich dienstlichen Angelegenheit, hatte verreisen müssen -, wenn
nicht eines Abends, als am Gastaustisch der Name einer in der Stadt sehr
beliebten Schauspielerin ausgesprochen wurde, ein Kamerad Max zugelächelt und
dieser mit einer unwilligen Gebärde das verräterische Lächeln gleichsam
abgewehrt hätte. Bei dem nächsten Teaterbesuch konnte es Teresen, die nun
einmal misstrauisch geworden war, nicht entgehen, dass die junge Dame, zum
Aktschluss mit den übrigen Darstellern hervorgerufen, ihren Blick auf Max
verweilen liess, der in der ersten Reihe sass, und dass dieser ihr leise zunickte.
Terese liess ihre Mutter unter irgendeinem Vorwand allein nach Hause gehen und
passte den Leutnant ab, der davon sehr unangenehm berührt schien. Ihr Anerbieten,
ihn in seine Wohnung zu begleiten, wies er mit der Begründung zurück, dass er mit
Kameraden verabredet sei. Er wurde dann plötzlich sehr liebenswürdig, erbot sich
seinerseits, Terese bis zu ihrem Haus zu begleiten, nahm ihren Arm, führte sie
tatsächlich bis zu ihrem Tor und verwünschte seine Verabredung mit scheinbar so
ungeheucheltem Ärger, dass sich Terese für diesmal beruhigen liess.
    Als sie die Türe zu ihrem Zimmer rasch öffnete, sah sie zu ihrem Staunen
ihre Mutter, die vor der Kommode kniete und sich an der untersten Lade zu
schaffen machte. Nun, da Terese eintrat, schrak die Mutter heftig zusammen und
stammelte: »Ich wollte nur nachsehen - deine Sachen in Ordnung bringen; du hast
ja nie Zeit.« - »Mitten in der Nacht meine Sachen in Ordnung bringen -? was du
nicht sagst!« - »Rege dich nicht auf, Kind, ich hab' es wahrhaftig nicht bös
gemeint.« Und verlegen setzte sie hinzu: »Du kannst ja nachschauen, ob dir was
fehlt.« Sie ging, und Terese kniete sofort vor die geöffnete Lade hin. Nachdem
sie Alfreds Briefe zum Teil verbrannt hatte, waren in grösseren Abständen noch
drei oder vier gekommen, nicht mehr von Beschimpfungen erfüllt, wie die
früheren, sondern eher etwas sentimental und düster gehalten, wie wenn sich ein
Gewitter allmählich in der Ferne verzöge. Von diesen Briefen fehlten etliche,
und auch von den flüchtigen Billetts, die Max manchmal an sie zu schreiben
pflegte, waren nicht alle mehr vorhanden. Was wollte die Mutter damit? Hatte sie
etwa Erpressungsgedanken? War es einfach Neugier? Oder ein unlauteres Bedürfnis,
das alternde Herz an der Vorstellung fremder Liebesabenteuer zu wärmen? Wie
immer es sein mochte, Terese wusste, dass sie nicht länger mit ihrer Mutter unter
einem Dache wohnen konnte. Sie begriff nicht, warum sie ihren Plan, Max zu einer
Heirat zu bestimmen, so rasch aufgegeben, und beschloss, morgen ohne weiteres mit
ihrer Forderung vor ihn hinzutreten. Dieser Entschluss, der ja eine Entscheidung
und jedenfalls Klarheit herbeiführen musste, beruhigte sie so sehr, dass sie in
einer dumpfen Müdigkeit einschlief und es am nächsten Morgen über sich brachte,
die Mutter freundlich und mit Vermeidung jeder Anspielung auf den nächtlichen
Zwischenfall zu begrüssen. Da es überdies ein wunderschöner Märztag war, der
schon in den Farben des Frühlings spielte, und vielleicht auch darum, weil
morgen Palmsonntag war und tags darauf die ganze Teatergesellschaft
auseinanderstieben sollte, sah Terese dem für heute abend verabredeten
Zusammensein mit Max in einem guten Vorgefühl entgegen.
    Als sie in früher Abendstunde sein Zimmer betrat, war Max, wie es zuweilen
vorkam, noch nicht daheim. Ein Gedanke, der ihr bisher stets fremd gewesen war,
flog ihr, wie in der Erinnerung an etwas gestern Erlebtes, durch den Sinn:
einmal einen Blick in den Schrank und in die Laden ihres Geliebten zu tun; und
um sich dieser hässlichen Versuchung zu entziehen, nahm sie eines der Bücher zur
Hand, die auf dem Tisch lagen. Max pflegte zu lesen, was ihm eben der Zufall ins
Haus wehte: Romane, ab und zu ein Teaterstück, das meiste in abgegriffenen
Exemplaren, da es schon durch manche Hände gegangen zu sein pflegte, ehe es in
die seinen geriet. Terese schlug ein Buch auf, die illustrierte Ausgabe eines
Hackländerschen Romans, warf dann einen zerstreuten Blick in ein
umfangreicheres, mit Karten versehenes Generalstabswerk, ohne sich um dessen
Inhalt zu kümmern, und als sie es unwillkürlich wegschob, merkte sie, dass
darunter, wie mit Absicht verborgen, das gedruckte Bühnenmanuskript eines
neueren Stückes lag, das sie erst vor wenigen Tagen hier hatte spielen sehen.
Sie durchblätterte das Exemplar und merkte, dass immer derselbe weibliche Name,
Beate, rot unterstrichen war. Beate -? Hatte so nicht in dem neulich gesehenen
Stück der Name einer Person gelautet, die von der Dame gespielt worden war, mit
der in Beziehungen zu stehen sie Max schon seit einigen Tagen verdächtigte?
Beate - natürlich. Der Zusammenhang war klar. Nach einer solchen Entdeckung
hielt sie sich zu weiteren Nachforschungen durchaus berechtigt und nahm diese in
plötzlich erwachender Eifersucht so rücksichtslos und erfolgreich vor, dass Max,
der, eben eintretend, sie vor seinem offenen Schranke fand, Briefe, Schleier,
verdächtige Spitzenwäsche zu ihren Füssen, sich jedes Leugnen füglich ersparen
durfte. Er stürzte auf sie los, fiel ihr in den Arm, sie machte sich frei,
schrie ihm ins Gesicht: »Schuft!« und ohne Erwiderung, Entschuldigung,
Rechtfertigung abzuwarten, wollte sie das Zimmer verlassen. Er ergriff sie bei
den Schultern: »Bist ja ein Kind«, sagte er. Sie sah ihn nur gross an. - »Sie ist
ja gar nicht mehr da!« Und da sie ihn weiter verständnislos anstarrte: »Mein
Ehrenwort! Ich hab' sie soeben selber auf die Bahn gebracht.« Jetzt verstand
sie, lachte hart auf und ging. Er eilte ihr nach. Auf der dunklen Treppe ergriff
er sie wieder beim Arm. »Willst du mich gefälligst loslassen«, stiess sie mit
zusammengepressten Zähnen hervor. - »Aber fallt mir ja nicht im Schlaf ein«,
sagte er. »Du bist ja eine Närrin. Hör' doch zu. Ich kann ja gar nichts dafür.
Sie ist mir nachgelaufen. Kannst fragen, wen du willst. Bin ja todfroh, dass sie
fort ist. Heut hätte ich dir sowieso die ganze G'schichte erzählt, Ehrenwort.«
Er zog sie heftig an sich. Sie weinte. »Kind«, wiederholte er. Und mit der einen
Hand noch immer fest ihr Handgelenk umspannend, streichelte er mit der andern
ihre Haare, ihre Wange, ihren Arm. »Übrigens hast du auch deinen Hut oben
gelassen«, sagte er. »Also beruhige dich doch endlich. Lass dir wenigstens
erklären, dann kannst du ja noch immer machen, was du willst.«
    Sie folgte ihm wieder auf sein Zimmer. Er riss sie auf seine Knie nieder und
schwor, dass er sie und immer nur sie geliebt habe und »so was« nie wieder
passieren werde. Sie glaubte ihm kein Wort, aber sie blieb. Als sie gegen Morgen
nach Hause kam, schloss sie sich in ihr Zimmer ein; müd und angeekelt packte sie
ihre Sachen, liess ein paar kühle Abschiedsworte für ihre Mutter zurück, und mit
dem Mittagszug fuhr sie nach Wien. -
 
                                       23
Die erste Nacht ihres Wiener Aufentaltes verbrachte Terese in einem
unansehnlichen Gastof nahe dem Bahnhof, und am nächsten Morgen, nach einem
vorgesetzten und genau überlegten Programm, machte sie sich vor allem auf den
Weg nach der inneren Stadt. Es war ein heller Vorfrühlingstag; schon wurden
Veilchen ausgeboten, viele Frauen trugen Frühjahrskleider; Teresen aber war es
auch in ihrem einfachen, gutsitzenden Winterkostüm ganz wohl und sicher zumute,
und sie war froh, aus Salzburg fort und allein zu sein.
    Aus der Zeitung hatte sie sich Adressen aufgeschrieben, wo ein
Kinderfräulein oder eine Erzieherin gesucht wurde, und wanderte nun den ganzen
Tag, mit einer kurzen Mittagspause in einem wohlfeilen Restaurant, von Haus zu
Haus, öfters wurde sie zu jung befunden, öfters abgewiesen, weil sie noch nicht
in der Lage war, Zeugnisse vorzuzeigen; einige Male benagten ihr selbst die
Leute nicht, bei denen sie hätte Aufnahme finden können, endlich, in der
Müdigkeit des heranbrechenden Abends, entschloss sie sich, in einer
Beamtenfamilie mit vier Kindern von drei bis sieben Jahre Stellung zu nehmen.
    Im Verhältnis zu dem, was sie hier erfahren sollte, war das Leben daheim
auch in der schlimmsten Zeit immer noch geradezu üppig gewesen. Die Kinder,
stets hungrig, brachten in die armselige Wohnung nur Lärm, aber keine
Fröhlichkeit; die Eltern waren verdrossen und bösartig; Terese, genötigt, mit
eigenem Geld ihre Nahrung aufzubessern, war nach wenigen Wochen mit ihrer
Barschaft zu Ende, und unfähig, den üblen Ton der Leute weiter zu ertragen,
verliess sie das Haus.
    In ihrer nächsten Stellung bei einer Witwe mit zwei Kindern behandelte man
sie wie einen Dienstboten, in einer dritten war es die unleidliche
Unreinlichkeit der Umgebung, in einer vierten die freche Zudringlichkeit des
Hausherrn, die Terese bald wieder vertrieb. So wechselte sie ihre Stellung noch
einige Male, nicht ohne zu fühlen, dass zuweilen ihre eigene Ungeduld, ein
gewisser Hochmut, der wie anfallsweise über sie kam, eine ihr selbst unerwartete
Gleichgültigkeit gegenüber den Kindern, die ihrer Obhut anvertraut waren,
Mitschuld an ihrer Unfähigkeit trugen, sich unter einem fremden Dache
einzuleben. Es war eine so mühe- und sorgenvolle Zeit, dass Terese kaum jemals
zu einem richtigen Sichbesinnen gelangte; doch manchmal, wenn sie etwa in einem
schmalen Bett an einer kalten Mauer liegend durch das Weinen eines ihrer
Pfleglinge mitten in der Nacht geweckt wurde, oder wenn im Morgengrauen
Stiegenlärm und Dienstbotengeschwätz sie aus dem Schlafe störten, oder wenn sie
in einem traurigen, kleinen Garten vor der Linie mit fremden Rangen, die ihr
gleichgültig oder widerwärtig waren, müde auf einer Bank sass, oder wenn sie,
gelegentlich allein im Kinderzimmer zurückbleibend, unerwünschte Musse hatte,
über ihr Los nachzudenken, da ward ihr dessen ganze Kläglichkeit wie in einer
plötzlichen Erleuchtung klar genug.
    Die wenigen freien Nachmittage, die ihr vergönnt waren, pflegte sie
erschöpft, wie sie war, meist an ihrem Dienstort zu verbringen, insbesondere,
nachdem der einmalige Versuch eines gemeinsamen Spazierganges mit einem
Kinderfräulein aus der Nachbarschaft in peinlicher Weise missglückt war. Diese
Person, die bisher immer von allerlei Anfechtungen zu erzählen gewusst hatte,
denen sie in ihren verschiedenen Stellungen von Seiten der Hausväter oder
Haussöhne ausgesetzt gewesen und die sie siegreich abgeschlagen; - an diesem
Sonntagnachmittag im Prater hatte sie sich auch die frechste Anrede von jungen
Leuten jeder Art gefallen lassen und sich am Ende in ihren Antworten so wenig
Zwang angetan, dass Terese in einem unbeobachteten Augenblick, von einem
plötzlichen Ekel erfasst, verschwunden und allein nach Hause gegangen war.
 
                                       24
Die Nachrichten aus Salzburg waren in dieser ganzen Zeit spärlich gewesen; sie
selbst hatte bei ihrer fluchtartigen Abreise eine Adresse natürlich nicht
angegeben, und die erste Antwort, die sie endlich nach Monaten an ein
Stellungsbureau erbeten hatte, fiel so flüchtig aus, wie es ihre eigenen
Abschiedsworte gewesen waren. Klang aber anfangs in den Briefen der Mutter noch
ein Ton der Verletzteit durch, so hätte man aus den späteren schliessen können,
dass Terese eigentlich im besten Einvernehmen mit ihr das Haus verlassen hatte.
Und waren auch Teresens Briefe bei aller Zurückhaltung so abgefasst, dass eine
mitfühlende Seele immerhin die Jämmerlichkeit und das Elend ihrer Existenz aus
ihnen hätte herauslesen können - die Mutter schien dergleichen nicht zu
bemerken, und es kam sogar vor, dass sie ihrer Genugtuung über Teresens
Wohlbefinden Ausdruck gab. Doch was Hohn hatte scheinen können, war nichts
anderes als Zerstreuteit. Oft genug kamen in diesen Briefen völlig
gleichgültige, ja Teresen unbekannte Namen vor. Vom Vater hiess es nur, dass sein
Zustand »im ganzen unverändert« sei, und vom Bruder war überhaupt keine Rede,
bis plötzlich eine Karte eintraf, die nichts anderes entielt als den im Ton
eines leisen Vorwurfs geäusserten Wunsch, Terese möge sich doch einmal nach Karl
umsehen, von dem sie, die Mutter, seit Wochen überhaupt nichts höre und den sie
während der Ferien in Salzburg vergeblich erwartet habe.
    Die Adresse war angegeben, und so machte sich Terese an einem freien
Spätsommernachmittag auf den Weg zu ihm. In einem ärmlichen, doch ordentlich
gehaltenen Zimmer sass sie ihm gegenüber, durch dessen Fenster nichts zu sehen
war als eine nackte Mauer mit Luken, hinter denen die Treppe eines benachbarten
Hauses hinanstieg. Wie Terese aus Karls Fragen entnahm, wähnte er sie erst vor
kurzer Zeit hier angekommen, fand es höchst vernünftig, dass sie sich auf eigene
Füsse gestellt habe, äusserte sich bedauernd zum Siechtum des Vaters, das sich
noch über Jahre hinziehen könne, und tat der Mutter überhaupt keine Erwähnung.
Er erzählte ferner, dass er die zwei Söhne eines klinischen Professors gegen ein
sehr mässiges Entgelt viermal wöchentlich drei Stunden lang unterrichte, was ihm
für später immerhin manchen Vorteil bringen könnte, und sprach mit auffallender
Lebhaftigkeit von allerlei Missständen an der hiesigen Universität, von der
Protektionswirtschaft, von der Bevorzugung der Professorensöhne, insbesondere
aber von der Verjudung der Hochschule, die einem den Aufentalt in den Hörsälen
und Laboratorien geradezu verleiden könne. Nach einiger Zeit entschuldigte er
sich, dass er nun leider fort müsse, da jeden Sonntagabend eine Zusammenkunft
gleichgesinnter Kollegen in einem Kaffeehaus stattfinde, bei der er als
Schriftwart nicht fehlen dürfe. Er begleitete Terese die Treppe hinunter und
verabschiedete sich von ihr schon am Haustor mit einem flüchtigen: »Lass bald
wieder von dir hören.« Sie blickte ihm nach, er schien ihr gewachsen, sein
Gewand sass ordentlich, aber etwas schlotternd, er trug einen steifen braunen Hut
und erschien ihr mit seinem ungewohnt hastigen Gang in seiner ganzen so
veränderten Erscheinung wie ein fremder Mensch. Entmutigt und wie neuerdings
vereinsamt, denn nun merkte sie erst, dass sie sich von diesem Besuche irgend
etwas erwartet hatte, nahm sie wieder den Weg nach Hause.
 
                                       25
Seit einigen Wochen war sie in Stellung im Hause eines Reisenden, wo sie das
einzige fünfjährige Söhnchen zu betreuen hatte. Den Vater hatte sie nur zweimal
flüchtig zu sehen bekommen, als einen kleinen, immer eiligen, vergrämten Mann,
die Frau verhielt sich mit einer gewissen gleichgültigen Freundlichkeit ihr
gegenüber, den Buben, ein hübsches blondes Kind, hatte sie beinahe liebgewonnen,
und so hoffte sie, dass ihr in diesem Haus endlich ein längeres Verweilen gegönnt
sein würde. Als sie an einem Sonntagabend früher als erwartet heimkam, fand sie
das Kind schon zu Bette gebracht, aus dem benachbarten Zimmer hörte sie
flüsternde Stimmen; nach einer kurzen Weile trat die Frau heraus in einem
flüchtig umgeworfenen Morgenkleide, verlegen und ärgerlich, ersuchte sie, in der
Nähe etwas kalten Aufschnitt zu besorgen, und als Terese wieder heimkehrte,
fand sie die Frau sorgfältig angekleidet am Bett des Kindes sitzen, mit ihm ein
Bilderbuch durchblätternd. Gegenüber Teresen zeigte sie sich heiter und
unbefangen, plauderte ungewohnterweise mit ihr über häusliche Angelegenheiten;
am nächsten Morgen aber, unter einem nichtigen Vorwand, erteilte sie ihr die
Kündigung. Wieder stand Terese auf der Strasse. Zum erstenmal kam ihr der
Gedanke, wieder heimzureisen. Aber ihr Geld reichte kaum für das Billett, und so
begab sie sich mit ihrem kleinen Handkoffer wieder einmal auf den Weg in das
alte Vorstadtaus auf der Wieden mit den vielen Höfen und Stiegen, wo sie bei
der Witwe Kausik schon etliche Male in den Pausen zwischen einer Stellung und
der andern übernachtet hatte. Sie schlief dort in einem elenden Zimmer zusammen
mit der Frau und den Kindern; im ganzen Hause roch es nach Petroleum und
schlechtem Fett, auf dem Hof gab es schon um drei Uhr morgens den Lärm von
knarrenden Rädern, wieherden Pferden und rohen Männerstimmen, der sie immer vor
der Zeit, auch diesmal wieder, aus dem Schlafe weckte. Die Stunden des ruhigen,
allmählichen Erwachens, wie sie ihr noch vor kurzer Zeit in der Heimat vergönnt
gewesen waren, kamen ihr in wehmütige Erinnerung, zum erstenmal fasste sie mit
Schrecken die Tiefe ihres Abstiegs und die Geschwindigkeit, mit der er sich
vollzog. Und mit vollkommen klarer Besinnung erwog sie zum erstenmal die
Möglichkeit, von ihrer Jugendfrische, von ihren körperlichen Reizen, wie es so
viele andere in ihrer Lage taten, Nutzen zu ziehen und sich einfach zu
verkaufen. Jene andere Möglichkeit: geliebt zu werden, wieder einmal glücklich
zu sein, hatte sie seit ihrer ersten Enttäuschung nicht mehr in Betracht
gezogen, und die täppischen und widerlichen Annäherungsversuche, die sie im
Laufe der letzten Monate von Diensterren, Fleischhauergehilfen, Handlungskommis
hatte erdulden müssen, waren nicht angetan gewesen, sie zu Abenteuern zu
verlocken. So bot sich ihrer ermüdeten und enttäuschten Seele von allen Formen
der Liebe gerade die gewerbsmässige als die reinlichste und anständigste dar. Sie
gab sich noch eine Frist von einer Woche. Fand sich bis dahin keine gute
Stellung, dann, so schien es ihr in dieser trüben Morgendämmerstunde, blieb ihr
nur mehr die Strasse übrig.
 
                                       26
Die Witwe Kausik, die sich als Bedienerin ihr kärgliches Brot verdiente,
übrigens eine gutmütige, wenn auch oft übellaunige Person, pflegte um fünf Uhr
früh aufzustehen. Bald darauf erhoben sich auch die Kinder, und die öde Unruhe,
die den Tag in der armseligen Stube einleitete, trieb auch Terese aus dem Bett.
In einer weissen, an den Rändern gesprungenen, unförmigen Tasse bekam sie ihren
Frühstückskaffee, später begleitete sie die Kinder der Frau Kausik, einen Buben
und ein Mädchen von neun und acht Jahren, die ihr sehr anhänglich waren, zur
Schule, und eine Stunde drauf, nach einem Spaziergang durch den Stadtpark,
dessen frühsommerliches Blühen ihre Stimmung ein wenig aufheiterte, sprach sie
in einem Stellungsbureau vor, wo sie als eine Person, die es nirgends lange
aushielt, ohne Freundlichkeit behandelt wurde. Immerhin gab man ihr wieder
einige Adressen an, und nach einigen missglückten Versuchen stieg sie endlich um
die Mittagsstunde mit recht herabgestimmten Hoffnungen die Treppe eines
vornehmen Ringstrassenhauses hinan, wo für zwei Mädchen von dreizehn und elf
Jahren eine Erzieherin gesucht wurde. Die Frau des Hauses, hübsch und ein wenig
geschminkt, schickte sich eben zum Fortgehen an und schien zuerst ungeduldig,
als sie sich aufgehalten sah. Doch liess sie Terese eintreten und verlangte ihre
Zeugnisse zu sehen. Einer plötzlichen Eingebung folgend erwiderte Terese, dass
sie noch keine vorweisen könne, da sie zum erstenmal eine Stellung anzunehmen
gedenke. Zuerst von ablehender Haltung, schien die Dame im weiteren Verlauf des
Gesprächs an Teresen Gefallen zu finden, insbesondere von dem Umstand angenehm
berührt zu sein, dass die Bewerberin aus einer Offiziersfamilie zu stammen
erklärte, und beschied sie schliesslich für den nächsten Tag für eine Stunde her,
zu welcher die beiden Mädchen aus der Schule schon zurück sein würden. Im
Hausflur las Terese auf einer schwarzen Tafel unter Glas mit goldenen
Buchstaben: Dr. Gustav Eppich, Hof- und Gerichtsadvokat, Verteidiger in
Strafsachen.
    Am nächsten Tag um ein Uhr trat Terese in den Salon, wo sie die Dame des
Hauses in Gesellschaft ihrer Töchter fand, und Terese glaubte an dem
freundlichen Benehmen der beiden wohlerzogenen Kinder zu merken, dass sie von der
Mutter günstig gestimmt worden waren. Bald darauf trat auch der Herr des Hauses
ein; im Ton eines leichten Vorwurfs bemerkte er, dass er die Kanzlei früher
verlassen habe als sonst; auch er schien bereits für Terese voreingenommen,
insbesondere ihre Abstammung aus einer Offiziersfamilie hatte auch auf ihn ihre
Wirkung nicht verfehlt, und als Terese auf eine Frage erwiderte, dass ihr Vater
vor ungefähr einem Jahre aus Kränkung über seine vorzeitige Pensionierung
gestorben sei, lag es auf den Mienen sämtlicher Familienmitglieder wie
persönliches Mitgefühl. Der ihr gebotene Monatsgehalt war zwar geringer, als sie
erwartet, trotzdem konnte sie ihre Freude kaum verbergen, als sie mit dem
Bedeuten entlassen wurde, am nächsten Tage ihre Stellung im Hause anzutreten.
    Bei Frau Kausik fand sie einen Brief der Mutter vor mit der Mitteilung, dass
der Vater gestorben sei. Sie hatte einen leisen Schauer, fast ein Schuldgefühl
zu überwinden, dann erst kam sie zum Bewusstsein ihres Schmerzes. Ihrer ersten
Eingebung folgend nahm sie ihren Weg zum Bruder, der von dem traurigen Ereignis
noch nicht in Kenntnis gesetzt war. Er schien nicht sonderlich betroffen, ging
schweigend im Zimmer hin und her, endlich blieb er vor Teresen stehen, die
sich, da auf den beiden Stühlen Bücher lagen, auf den Bettrand gesetzt hatte,
und küsste sie, wie einer Verpflichtung nachkommend, flüchtig auf die Stirn.
»Hörst du sonst etwas von Hause?« fragte er dann. Terese berichtete das Wenige,
was sie wusste, unter anderm, dass die Mutter die Wohnung verlassen, die Möbel
verkauft und ein möbliertes Zimmer bezogen habe. »Die Möbel verkauft?!«
wiederholte Karl mit einem sauern Lächeln. »Sie hätte uns eigentlich fragen
müssen.« Und auf Teresens verwunderten Blick: »Du und ich, wir sind doch
gewissermassen Mitbesitzer des Mobiliars.« - »Ja, richtig,« sagte Terese, »sie
schreibt auch etwas davon, dass man uns in der nächsten Zeit einen gewissen
Betrag ausbezahlen wird.« - »Einen gewissen - hm, da wird man sich wohl etwas
genauer darum kümmern müssen.« Er begann wieder auf und ab zu gehen, schüttelte
den Kopf, und mit einem raschen Blick auf Terese sagte er vor sich hin: »Ja,
nun hat er es überstanden, unser armer Vater.« Terese wusste nichts darauf zu
sagen, fühlte sich noch unbehaglicher, als sie es sich erklären konnte, und
verabschiedete sich von ihrem Bruder, ohne ihm, wie sie es eigentlich gewollt,
von ihrer neuen Stellung zu erzählen. Karl hielt sie nicht zurück.
    Auf dem Heimweg trat sie in eine Kirche und verweilte dort längere Zeit,
ohne zu beten, doch andächtig, ja inbrünstig des Verstorbenen gedenkend, der ihr
nun in einer früheren Gestalt vor Augen stand, so, wie sie ihn als Kind gekannt
und geliebt hatte. Sie erinnerte sich der fröhlichen, lauten Art, mit der er
damals ins Zimmer zu treten, sie vom Boden, wo sie gespielt, emporzuheben, an
sich zu drücken und zu herzen gepflegt hatte, und sofort gesellte sich dieser
Erscheinung auch die damalige ihrer Mutter bei, hell und jugendlich, ja, so
strahlend, wie sie sie in Wirklichkeit eigentlich niemals gesehen. Und wieder
kam jener Schauer über sie, den sie heute schon einmal gefühlt hatte, wenn sie
daran dachte, in welch kurzer Frist diese beiden Menschen sich so völlig hatten
verändern können, dass sie ihr nun beide wie längst Dahingeschiedene, längst
Begrabene erschienen, die mit dem eben verstorbenen, wahnsinnigen Oberstleutnant
und mit der unordentlichen, boshaften und etwas unheimlichen alternden
Romanschreiberin in Salzburg überhaupt nicht das geringste gemein hatten.
 
                                       27
Am nächsten Tag trat Terese ihre neue Stellung an. Durch besondere
Liebenswürdigkeit versuchte man, ihr über die Verlegenheit des ersten
Mittagstisches hinwegzuhelfen, an dem sie auch den Sohn des Hauses, George, wie
man seinen Namen französisch aussprach, kennenlernte, einen leidlich hübschen
Burschen von achtzehn Jahren, der als Student der Rechte an der Universität
inskribiert war.
    Eine Tageseinteilung für Terese ergab sich von selbst. Beide Mädchen
besuchten die Schule, von Teresen wurden sie hinbegleitet und wieder abgeholt,
sie war ihnen bei den Aufgaben behilflich, auf Regelmässigkeit der Spaziergänge
wurde von Frau Eppich besonderer Wert gelegt. Das Verhalten beider Eltern blieb
weiterhin freundlich, wenn sich auch Terese bald über die vollkommene innere
Gleichgültigkeit ihr gegenüber keiner Täuschung hingeben konnte. Man machte es
ihr leicht, sich an den Gesprächen während der Mahlzeiten zu beteiligen,
zuweilen wurden politische Temen angeschlagen, und mit unverkennbarer Absicht
gab bei solcher Gelegenheit Dr. Eppich höchst liberale Ansichten zum besten,
gegen die sich niemand wandte als sein eigener Sohn, der dem Vater allzu
weitgehenden Idealismus vorwarf, was dieser nicht ungern, fast geschmeichelt zu
hören schien. Was Frau Eppich anbelangt, so gab es Tage, an denen sie nicht nur
für ihre Töchter, sondern auch für wirtschaftliche Angelegenheiten des Hauses
das lebhafteste Interesse zeigte, bald in diesem, bald in jenem Zimmer
unerwartet auftauchte und Anordnungen traf; - und andere, an denen sie sich um
Haus, Wirtschaft und Kinder nicht im geringsten kümmerte und für Terese ausser
bei den Mahlzeiten unsichtbar blieb. George machte sich im Zimmer seiner
Schwestern öfter zu schaffen, als unumgänglich notwendig war, seine Blicke, bald
schüchtern, bald unverschämt, verrieten Teresen bald, dass er in ihrer Nähe
Wünsche und vielleicht Hoffnungen hegte, von denen sie aber, vollkommene
Zurückhaltung bewahrend, nichts zu merken schien. Das ältere der beiden Mädchen
schien manchmal geneigt, sich Teresen mit Herzlichkeit an- und aufzuschliessen,
hielt sich aber, wenn dies an irgendeinem Tage fast geschehen war, an den
darauffolgenden wie mit Absicht nur noch ferner von ihr. Die jüngere war von
einer gleichmässigen, noch durchaus kindlichen Heiterkeit, und beide Töchter
hingen an der Mutter mit grosser Zärtlichkeit, die, wie Terese manchmal zu
merken glaubte, von dieser nicht in gleicher Weise und oft nur zerstreut, ja
ungeduldig erwidert wurde.
    Für sich selbst hatte Terese wenig Zeit übrig. An jedem zweiten Sonntag
hatte sie »Ausgang«, wie der Ausdruck lautete, doch wusste sie kaum, was sie mit
ihren freien Stunden anfangen sollte, und benutzte sie ohne rechte Lust zu
Spaziergängen und, selten, zu einem Teaterbesuch. Über die Behandlung im Hause
hatte sie sich auch weiterhin kaum zu beklagen, trotzdem kam allmählich eine
gewisse Unruhe, ja beinahe ein Gefühl von Unsicherheit über sie, als dessen
Ursache sie die sonderbar wechselnden Stimmungen innerhalb der Familie zu
erkennen glaubte, in die sie selbst unwillkürlich einbezogen wurde, ohne recht
zu wissen wie. Kein Wesen war da, dem sie sich anvertrauen konnte oder wollte.
Nur eine französische Erzieherin, nach Teresens Auffassung kaum mehr ganz jung
zu nennen, obwohl sie die Dreissig noch nicht überschritten hatte, war ihr etwas
sympatischer, und sie benützte die Gelegenheit, durch Unterhaltungen mit ihr
sich in der französischen Konversation zu vervollkommnen. Sylvie war amüsant,
vertraute Teresen, wenn auch mit einiger Zurückhaltung, allerlei nicht
unbedenkliche Geschichten aus ihrer Vergangenheit an und versuchte auch Terese
zu persönlichen Mitteilungen zu ermuntern. Diese, von Natur verschlossen,
erzählte nicht viel mehr als sie auch dem fremdesten Wesen hätte sagen dürfen,
merkte aber, dass Mademoiselle Sylvie an ihre Unverdorbenheit nicht recht glauben
wollte. Terese wunderte sich manchmal selbst, dass sich ihr Herz, ja, dass sich
kaum ihre Sinne mehr jener verflossenen Seligkeiten in den Armen des Leutnants
zu erinnern vermochten. Die Enttäuschung über seinen Betrug war ja längst
verschmerzt, trotzdem war ihr, als könne sie niemals mehr einem Manne Glauben
schenken, und manchmal war sie darüber froh. Es schmeichelte ihr auch ein wenig,
dass sie sich eines vortrefflichen Rufs erfreute und dass Frau Eppich gegenüber
den Bekannten des Hauses Teresens Abstammung aus einer alten österreichischen
Offiziersfamilie nicht ungern erwähnte.
 
                                       28
Der Frühling kam heran, und am zweiten Osterfeiertage, früh am Nachmittag,
erwartete Terese auf dem Stefansplatz die Gouvernante eines den Eppichs
befreundeten Hauses, eine gutmütige, ziemlich verblühte Person, für die sie vom
ersten Augenblick an nicht so sehr Freundschaft als Mitleid empfunden hatte. Das
Fräulein liess auf sich warten, und Terese vergnügte sich indes damit, die
Vorübergehenden zu betrachten, die an diesem milden blauen Feiertag, alle wie
von Sorgen befreit, irgendeinem heiteren Ziele zuzustreben schienen. An
Liebespaaren war kein Mangel; Terese, ohne dass sich gerade Neid in ihr regte,
empfand es als etwas lächerrlich, dass sie hier nicht einen Liebhaber, sondern
eine ältliche Gouvernante erwartete, mit der sie durch keinerlei Gemeinsamkeit
als durch die Ähnlichkeit des Berufs verbunden war; und es wurde ihr vor dem
bevorstehenden, voraussichtlich langweiligen Nachmittag, den sie mit ihr
verbringen sollte, beinahe ängstlich zumut. Da schon eine halbe Stunde über die
verabredete Zeit verstrichen war, beschloss sie, sich allein ins Freie zu wagen.
Noch einmal aus Gewissenhaftigkeit sah sie sich nach allen Seiten um, ob die
andere nicht doch vielleicht von irgendwoher noch käme; dann aber verliess sie
eiligst den Platz des Stelldicheins, tauchte im Strome der Spaziergänger unter
und freute sich ihres Alleinseins, ihrer Freiheit und auch der Rätselhaftigkeit,
von der jede nächste Stunde leuchtet, die keinen vorbestimmten Inhalt birgt. Es
fügte sich, dass sie von der Menge geschoben und zugleich geführt den Weg gegen
den Prater zu nahm und sich endlich in der Hauptallee fand, deren Bäume alle
noch kahl standen, während der Erdboden schon nach Frühling duftete. Die
Fahrbahn war von Wagen belebt und wurde belebter von Minute zu Minute, da in
Fiakern und Equipagen das Publikum eben von den Rennen in der Freudenau
zurückgefahren kam. Gleich vielen anderen stellte sich auch Terese für eine
Weile am Wegrand hin; mancher Blick streifte sie, mancher wandte sich nach ihr
zurück, unter anderen der eines jungen Offiziers, der, Max ein wenig ähnlich,
ihr doch vornehmer, geradezu edler als ihr Verführer auszusehen schien. Übrigens
war sie sich längst klar darüber, dass sie sich damals weggeworfen hatte, und sie
versprach sich, ein nächstes Mal klüger zu sein.
    Sie ging die dicht belebte Allee weiter und war nun im Bereich der
Musikkapellen, die in den überfüllten Restaurationsgärten nicht nur für die
Gäste an den Tischen spielten. Hunderte, Tausende wandelten vorüber, blieben
stehen, drängten sich an die Zäune, und Terese freute sich, wie die Orchester
einander ablösten und ineinandergriffen, wie in die sanfte Weise des einen nahen
plötzlich von einem entfernteren her ein wüster Trommelschlag oder
Tschinellenklang tönte und wie das Traben der Pferde, das Flüstern, Reden,
Lachen der Menge, ja, wie die Lokomotivpfiffe vom Eisenbahnviadukt her
gleichfalls an dem grossen Festkonzert zum Empfange des Frühlings mitwirkten. -
    Bisher hatte ihre dunkle, schlichte Kleidung und ihre unbewegte, fast
gewohnheitsmässig strenge Miene jede Zudringlichkeit von ihr ferngehalten. Nur
als sie früher für eine kurze Weile an der Umzäunung eines Gastausgartens
stehengeblieben war, hatte ein junger Mensch sich allzu nah an sie
herangedrängt, war aber auf eine heftig abwehrende Armbewegung von ihr wieder
verschwunden, ohne dass sie nur seine Züge deutlich wahrgenommen hätte. Als sie
nun unter den noch laublosen Bäumen, vom Lärm und von der Musik sich entfernend,
weiterging, merkte sie, dass sie sich jener absichtlichen Berührung nicht gerade
mit Widerwillen erinnerte. Rasch, beinahe fliehenden Schrittes eilte sie weiter.
Der Menschenstrom versickerte allmählich; auf einer Bank, der ersten, die
unbesetzt war, dachte Terese für eine Weile auszuruhen. Ein junger Mensch kam
an ihr vorüber, der ihr schon von weitem durch seine Erscheinung aufgefallen
war: ein frisch gebügelter, doch schlecht sitzender, lächerrlich heller Anzug
schlotterte um seine hagere, schlanke Gestalt, er tänzelte mehr als er ging,
beide Hände in den Hosentaschen; in der rechten, lose zwischen zwei Fingern,
hielt er überdies seinen weichen braunen Hut. Er streifte Terese mit einem
kindlichen und doch etwas tückischen Blick, nickte ihr zu, freundlich, herzlich
beinahe, keineswegs frech, so dass sie den Gruss fast erwidert hätte und
unwillkürlich lächelte. Nach ein paar Schritten machte er plötzlich kehrt,
schritt rasch auf sie zu und nahm ohne weiteres neben ihr Platz. Sie wollte
aufstehen, da hatte er auch schon zu reden angefangen, als hätte er ihre
Bewegung nicht bemerkt, sprach von dem schönen Frühlingswetter, dem
Pferderennen, dem er beigewohnt, dem Sturz eines Jockeis bei der Steeplechase,
scherzte über ein auffallend gekleidetes Paar, das eben vorbeiging, fragte
endlich Terese, ob sie den Wagen der Erzherzogin Josefa und den Viererzug des
Barons Springer vorbeifahren gesehen habe und ob es nicht hübsch sei, die Musik
von ganz ferne herklingen zu hören wie aus einer anderen Welt. Terese, von dem
Schwall seiner Worte ein wenig benommen, erwiderte kurz, nicht eben
unfreundlich; plötzlich aber erhob sie sich, grüsste flüchtig, - da stand auch er
ohne weiteres auf, ging neben ihr einher und plauderte weiter. Er begann zu
raten, wer sie eigentlich sein könnte; eine Wienerin keineswegs. O nein. Und als
sie lächelte -: vielleicht eine Reichsdeutsche? sie spräche so gebildet. Ah,
eine gebürtige Italienerin sei sie! Ja, gewiss. Die dunklen Haare, der glühende,
verheissungsvolle Blick; eine Italienerin, gewiss! - Fast erschrocken sah sie zu
ihm auf. Er lachte. Nun jedenfalls stamme sie aus dem Süden, ihre Eltern, ihre
Ahnen jedenfalls, dass sie selbst eine Wienerin sei, das höre man ja ganz genau,
trotzdem sie so wenig rede - und eigentlich hochdeutsch. War sie etwa eine
Schauspielerin? eine Sängerin? eine Primadonna? oder etwa eine Hofdame? Jawohl,
eine Hofdame, die es lockte, sich einmal das Treiben des Volkes in der Nähe zu
besehen, - wenn nicht gar eine Prinzessin oder eine Erzherzogin? Natürlich, eine
Erzherzogin!
    Davon war er nicht mehr abzubringen, und er tat sogar, als wenn es ihm ganz
ernst damit wäre. Alles stimme dafür: die unauffällige, aber, wie er sich
ausdrückte, hochdistinguierte Kleidung, die Haltung, der Gang, der Blick, - und
er blieb hinter ihr stehen, liess sie ein paar Schritte vorausgehen, um Haltung
und Gang von rückwärts zu bewundern. »Hoheit,« sagte er plötzlich, als sie
wieder in den Bereich der Musikkapellen gelangt waren, »es wäre mir eine
besondere Ehre, Hoheit zu einem Souper einzuladen, aber die Wahrheit zu sagen -
Armut ist keine Schande und Reichtum kein Unglück -, mein Vermögen beläuft sich
leider nur auf einen Gulden netto. Das würde kein sehr fürstliches Mahl werden.
Also müssten sich Hoheit Ihr Nachtmahl selber zahlen.«
    Sie fragte ihn lachend, ob er verrückt sei. »Nichtsdestoweniger«, erwiderte
er ernstaft.
    Sie beschleunigte ihre Schritte. Es sei spät, sie müsse nach Hause. Nun, so
würde sie ihm doch wenigstens gestatten, dass er sie bis zur Hofequipage
begleite, die sicher irgendwo auf sie warte. Beim Schweizerhaus -? beim
Preuscherschen Museum? Oder beim Viadukt? Sie waren indes auf einen Seitenweg
gelangt; in einem einfacheren Wirtsgarten hinter einem grünen Staketzaun bei
Bier, Salami und Käse liess ein geringeres Publikum sich's behaglich sein und an
der Musik genügen, die in abgerissenen Klängen aus benachbarten und ferneren
Gärten herübertönte. Und bald, zu ihrem eigenen Staunen, sass Terese mit ihrem
Begleiter an einem ziemlich wackeligen Tisch mit rotgeblümter Decke, und beide
verzehrten mit Appetit, was ihnen der schwitzende, in einen fettglänzenden Frack
gekleidete Kellner vorsetzte. - »Oh, Herr Swoboda«, sprach ihn Teresens
Begleiter an, als kennte er ihn längst, und stellte allerlei spasshafte Fragen an
ihn. »Was macht der Herr Grosspapa? Noch immer Wahrsager? Und das Fräulein
Tochter? Immer noch Dame ohne Unterleib?« Dann überbot er sich in komischen
Entschuldigungen, dass er es gewagt, die Prinzessin in ein so unmögliches Lokal
zu bringen. Aber hier sei auch weniger Gefahr, dass ihr Inkognito gelüftet werde.
Dann lenkte er ihre Aufmerksamkeit auf einzelne Figuren; auf den Herrn im
dunklen Überzieher und dem in die Stirn gedrückten steifen Hut - sicher ein
Defraudant auf der Flucht -, auf die zwei Soldaten mit ihren Liebsten, die,
jedes Paar gemeinsam, aus je einem Krügel ihr Bier tranken, auf den glotzäugigen
Familienvater mit der dicken Frau und den vier Kindern, auf den uralten,
glattrasierten Herrn, der unter der Laterne sass und vor sich hin brummte, und
endlich entdeckte er mit gutgespieltem Schreck in einem Winkel des Gartens einen
Herrn in Schwarz, mit Zylinder sonderbarerweise, der natürlich nur ein
Geheimpolizist sein konnte. Offenbar zur Bewachung der Prinzessin hier anwesend.
-
    Alles, was er so zum besten gab, war nicht im geringsten witzig und im
Ausdruck ziemlich trivial; und Terese fühlte das wohl. Aber nach den langen
Monaten, in deren Verlauf niemand ein harmlos-lustiges Wort zu ihr gesprochen,
in dieser stets drückenden Atmosphäre von Unfreiheit und Anstand, hatte sich in
Teresen unbewusst eine solche Sehnsucht nach Fröhlichkeit aufgespart, dass sie
jetzt, an der Seite eines Menschen, den sie vor einer Stunde noch nicht gekannt,
unbeobachtet, frei, überdies von zwei rasch genossenen Gläsern Wein leicht
benommen, begierig die erste armselige Gelegenheit ergriff, selbst ein wenig
fröhlich zu sein und zu lachen. Flüchtig überlegte sie, was ihr Begleiter
eigentlich sein mochte. Maler vielleicht? oder Schauspieler? Nun, was immer -
jedenfalls war er jung und unbekümmert, und ganz bestimmt war es lustiger heute,
als es damals in Salzburg in dem vornehmen Hotelgarten mit Alfred gewesen war.
Und sie fragte ihren Begleiter, ob er Salzburg kenne. Salzburg? aber natürlich
war er dort gewesen. Auch in Tirol, auch in Italien, auch in Spanien -; bis
Malta sei er gekommen. Ob sie denn noch nicht erraten habe, dass er ein
Handwerksbursche sei, ein patentierter Handwerksbursche, der mit dem Ränzel
durch die Welt wandere? Gestern erst sei er wieder hier angelangt, eigentlich
mit der Absicht, morgen wieder sein Bündel zu schnüren. Aber wenn er die
Hoffnung hegen dürfe, ihre Hoheit wiederzusehen, so sei er bereit, ein paar Tage
zuzugeben, und Nächte, setzte er beiläufig hinzu.
    Der Zahlkellner stand da, sie beglichen, jeder für sich, ihre Zeche, dann
verliessen sie den Garten; der Unbekannte nahm Teresens Arm und liess ihn nicht
los. Zwischen Buden, Schiessstätten, Wirtshäusern, Ringelspielen, während überall
der Feiertagslärm allmählich zu verklingen begann, schritten sie dem Ausgang zu.
Mit einem Ausrufer, der in böhmischem Dialekt zum Besuche eines magischen
Kabinetts mit pikanten Überraschungen einlud, liess sich Teresens Begleiter, den
Dialekt nachahmend, zur Erheiterung der Umstehenden in eine Unterhaltung ein.
Das behagte Teresen wenig, sie löste ihren Arm aus dem seinen, wollte gehen,
doch er war gleich wieder bei ihr. Bei einem Wagenstand stellte er sich an, als
wenn er nach einer Hofequipage suchte und untröstlich sei, sie nicht zu finden.
»Nun ist der Spass zu Ende,« sagte sie, »und ich glaube, es ist das Beste, wir
sagen uns Adieu.«
    »Nun, wenn der Spass zu Ende ist,« sagte er mit einem unerwarteten Ernst, »so
schickt es sich wohl, dass ich mich in aller Form vorstelle: Kasimir Tobisch.
Früher einmal«, setzte er mit Selbstironie hinzu, »von Tobisch, aber«, so
erklärte er gleich, es habe wenig Sinn, den Adel zu fuhren, wenn man ein armer
Schlucker sei. Und nun sollte die Gnädigste einmal raten, was er ausserdem noch
sei. - »Maler«, sagte sie, ohne sich lange zu bedenken. - Er nickte rasch. Es
stimmte. Er wäre Maler und Musiker, je nachdem. Ob die Gnädigste nicht einmal
sein Atelier besichtigen wolle? Als sie darauf nicht einmal antwortete, begann
er wieder von seinen Reisen zu reden. Oh, nicht nur in Italien sei er gewesen,
auch in Paris, auch in Madrid und in England, als Maler und Musiker.
Orchestermusiker, er spiele so ziemlich alle Instrumente, von der Flöte bis zur
grossen Trommel. Ach, was war Madrid für eine Stadt, geheimnisvoll und
romantisch. Aber Rom, das ging doch über alles. Die Katakomben zum Beispiel:
eine Million Skelette und Totenköpfe rief unter der Erde, - es war nicht
gemütlich, dort unten herumzuspazieren. Wenn man sich verirrte, war man
verloren. Einem seiner Freunde war es passiert, aber er wurde noch gerettet. -
Und das Colosseum - ein Riesenzirkus, hunderttausend Menschen hatten Platz
darin. Jetzt war es verfallen, und der Mond stand darüber. Natürlich nur bei
Nacht. Haha!
    Sie näherten sich dem Hause, in dem Terese wohnte, sie ersuchte ihn
zurückzubleiben, auf seine Bitte gab sie ihm Namen und Adresse; - und überdies
ein Stelldichein für heute in zwei Wochen. Sie merkte, dass er ihr in einiger
Entfernung folgte und an der Ecke stehenblieb, bis sie im Tor verschwunden war.
 
                                       29
Innerhalb dieser vierzehn Tage kamen drei Briefe von ihm. Der erste war höflich
und galant, der zweite in lustigerem Ton gehalten, er nannte Terese
»Prinzessin« und »Eure Hoheit« und unterschrieb sich Kasimir, grosser Trommler,
Flötist und patentierter Handwerksbursche. Der dritte Brief aber hatte schon
einen Hauch von Zärtlichkeit, und unterschrieben war er, wie in Zerstreuteit,
mit den Initialen C.v.T.
    Sie trafen einander, wie bestimmt war, am Praterstern. Es regnete in
Strömen. Kasimir erschien ohne Schirm, im romantischen Faltenwurf eines
Radmantels. Er hatte Billetts für die Nachmittagsvorstellung des Karlteaters in
der Tasche. Oh, sie kosteten nichts, er war gut bekannt mit dem Direktor, auch
mit einigen Mitgliedern. Man traf zuweilen in Restaurants, auf Atelierfesten
zusammen. Nun, Fest, das musste man nicht so wörtlich nehmen. Aber die Wahrheit
zu sagen, es ging manchmal recht fidel dabei zu, wenn auch lange nicht so fidel
wie zum Beispiel in Paris bei ähnlichen Gelegenheiten, zum mindesten nicht so
ungeniert. Dort gab es einen Künstlerball, bei dem die Modelle völlig
unbekleidet tanzten, manche, was vielleicht noch schlimmer war, nur in
durchsichtige, rote, blaue, grüne Schleier gehüllt. - So unterhielt er sie auf
dem kurzen Weg zum Teater. Dann sassen sie dritte Galerie, zweite Reihe; man gab
eine Operette, wie Terese solche auch in Salzburg nicht viel besser oder
schlechter aufgeführt gesehen hatte. Auf der Bühne geriet manches ganz lustig,
aber was ihr Kasimir dazwischen ins Ohr flüsterte, machte sie bald lachen, bald
erröten, und als er in dem verdunkelten Zuschauerraum allzu zärtlich wurde,
musste sie sich's endlich verbitten. Nun war er wie ausgewechselt und hielt sich
anständig und still auf seinem Sitze bis zum Schluss, antwortete nicht einmal auf
ihre Fragen, was freilich wieder nur eine Art von Spass war.
    Als sie am Schluss der Vorstellung auf die Strasse traten, war es noch hell,
und der Regen dauerte fort. Sie begaben sich in ein naheliegendes Kaffeehaus,
sassen in einer Fensternische; Terese blätterte in illustrierten Zeitungen,
Kasimir sah interessiert einer Billardpartie zu, gab den Spielern Ratschläge und
versuchte selber einen Stoss, der missglückte, woran er dem schlechten Queue
Schuld gab. Terese fand es sonderbar, dass er sich so wenig um sie kümmerte, und
als er sich doch wieder einmal ihr zuwandte, bemerkte sie, dass man nun
eigentlich gehen könnte. Er half ihr in die Jacke, schlug seinen Radmantel
verwegen um die Schultern, auf der Strasse spannte er den Schirm über sie, aber
nahm nicht ihren Arm. Er war zurückhaltend, fast melancholisch, und sie hatte
ein wenig Mitleid mit ihm. Als sie vor einem hell erleuchteten Restaurant
vorbeikamen, warf er einen so hungrigen Blick durch die hohen Spiegelscheiben,
dass Terese beinahe Lust bekam, ihn zu einem Souper an einem der lockenden, weiss
gedeckten Tische einzuladen, doch sie fürchtete, dass sie ihn damit verletzen,
und vielleicht noch mehr, dass er ihre Einladung annehmen könnte. Schweigend
gingen sie nebeneinander her, doch beim Abschied, an einer Strassenecke, erklärte
er mit plötzlicher Lebhaftigkeit, dass er bis zum nächsten Wiedersehen unmöglich
ganze vierzehn Tage warten könne. Sie zuckte die Achseln. Es ginge nun einmal
nicht anders. Er gab nicht nach. Sie sei doch keine Sklavin. Warum sollte man
einander nicht an irgendeinem der nächsten Abende auf ein Stündchen sehen
dürfen? - Sklavin sei sie freilich nicht, erwiderte sie, aber sie sei in
Stellung, habe Pflichten. - Pflichten? Gegen wen? Gegen fremde Leute, die sie
ausnützten! Es sei doch um nichts besser als Sklaverei. Nein, er wollte unter
keiner Bedingung vierzehn Tage warten. Einen freien Abend, ausnahmsweise, auch
in der Woche, den dürfte man ihr doch nicht verweigern! Sie blieb äusserlich
fest, aber innerlich gab sie ihm recht.
    Am nächsten Abend schon schickte er ihr ein Zettelchen hinauf, dass er an der
Strassenecke warte, er müsse sie dringend sprechen. Die Frau des Hauses war
zugegen und sah Terese rot werden. Es sei keine Antwort nötig, bedeutete
Terese dem Boten. Nun liess Kasimir bis zum Tage des schon verabredeten
Stelldicheins nichts von sich hören.
 
                                       30
Terese wartete am Eingang des Stadtparks. Gegenüber, vor einem
Ringstrassen-Café, sassen die Gäste im Freien und sonnten sich. Ein blasses Kind
bot Teresen Veilchen zum Kauf an. Sie nahm einen kleinen Strauss. Ein
Vorübergehender flüsterte ihr etwas ins Ohr, eine völlig unverblümte
Aufforderung in so unverschämten Worten, dass sie nicht einmal wagte, sich
umzuwenden. Sie wurde blutrot, aber nicht aus Zorn allein. War sie nicht
verrückt, dass sie wie ein Sklavin - wie eine Nonne lebte? Wie alle sie nur
ansahen! Mancher wandte sich nach ihr um, einer, ein hübscher, eleganter Mensch,
ging ein paarmal an ihr vorüber, wartete offenbar ab, wie lange sie noch allein
bleiben würde. Es war vielleicht ganz gut, dass Kasimir nicht kam. Ein armer
Teufel und ein Narr dazu - und gerade der? - warum denn? Sie hatte ja die Wahl.
    Doch da kam er heran in einem ganz lichten Sommeranzug, nicht eben vom
besten Schneider, wie man wohl bemerken konnte, aber er sass ihm ganz gut; den
weichen Hut in der Hand, wie gewöhnlich, die andere Hand in der Hosentasche,
ging er frei und leicht. Sie lächelte und war froh. Er küsste ihr die Hand, sie
wandelten im Stadtpark hin und her, Arm in Arm, standen am Teich, sahen den
Kindern zu, die die Schwäne futterten, Kasimir erzählte von einem Pariser Park
und von einem Teich, darin er eines Abends herumgerudert war und im Kahn, im
Schatten eines künstlichen Felsens, übernachtet hatte. »Wohl nicht allein?«
meinte sie. Er legte die Hand beteuernd aufsein Herz. »Ich weiss nicht mehr.
Vergangene Dinge.« - Terese wollte Von Paris und Rom und all den fernen Städten
nichts mehr hören. Wenn er sich dahin sehne, so solle er doch lieber gleich
wieder davonreisen. Er drückte ihren Arm fest an den seinen und lud sie ein, auf
der Terrasse des Kursalons mit ihm eine Jause zu nehmen. An einem kleinen
Tischchen liessen sie sich nieder, und Terese bekam plötzlich eine lächerliche
Angst, dass man sie hier mit Kasimir sehen und darüber »ihrer Herrschaft«
berichten könnte. Unter diesem Wort, das ihr durch den Sinn fuhr, beugte sie
unwillkürlich den Kopf, und Kasimir, der sehr vornehm dasass, mit überschlagenen
Beinen, eine Zigarette rauchend, sagte ihr geradezu ins Gesicht, was in ihr
vorginge. Sie schüttelte leise den Kopf, aber die Tränen waren ihr nahe. »Armes
Kind«, sagte Kasimir, und mit Entschiedenheit fugte er hinzu: »Das soll anders
werden.« Er rief nach dem Kellner, zahlte, die Geldstücke klapperten grossartig
und etwas lächerrlich auf der Marmorplatte, dann stieg er mit Terese die breiten
Stufen in den Park hinab. Er erzählte ihr, wie sehr er sich nach ihr gesehnt
habe. Nur in der Arbeit habe er einige Ruhe gefunden. Er sprach von einem Bild,
das er eben male, einer phantastischen Landschaft, »tropisch-utopisch«, und von
anderen, die er fast fertig im Kopfe trage »Heimatsbilder«. - »Heimatsbilder?« -
Ja, denn sonderbarerweise habe er auch so etwas wie eine Heimat. Und er sprach
von dem kleinen deutsch-böhmischen Städtchen, in dem er geboren war, von seiner
Mutter, die heute noch als Witwe nach einem Notar dort wohne, von den bunten
Blumenbeeten in dem kleinen Vorgarten, darin er als Kind gespielt hatte. Nun
erzählte auch Terese von ihrer Familie, von dem Vater, der sich als General aus
gekränktem Ehrgeiz erschossen, von der Mutter, die unter einem fremden Namen für
grosse Zeitungen Romane schreibe, von ihrem Bruder, dem Couleurstudenten. Und sie
selbst, ja, warum solle sie es nicht gestehen, sei einmal verlobt gewesen mit
einem Offizier, dessen Eltern die Heirat mit einem armen Mädchen nicht zugeben
wollten, - aber davon wolle sie lieber nicht reden, das sei eine zu traurige
Erinnerung. Kasimir drang nicht in sie.
    Sie spazierten durch Vorstadtstrassen, die Terese nicht kannte. Sie dachte
ihres Kindertraums: sich auf fremden Wegen verlieren, von irgendwo wieder
zurückkehren, wo einen niemand vermutet hatte. »Hier wären wir«, sagte Kasimir
einfach. Sie blickte auf. Sie standen vor einem Zinshaus, das aussah wie hundert
andere, er hielt ihren Arm fest, trat mit ihr ins Tor, sie gingen die Treppe
hinauf, vorbei an Türen mit angenagelten Visitenkarten oder Messingschildern, an
Gangfenstern, hinter denen gleichgültige Schatten huschten, und endlich ganz
oben unter dem Dach öffnete Kasimir mit knarrendem Schlüssel eine Tür. In dem
ziemlich geräumigen Vorzimmer stand nichts als eine Wäscherolle, die Wände waren
fast kahl, an einer hing ein Abreisskalender. Durch die nächste Tür traten sie
ins Atelier. Das riesige Fenster war fast zu zwei Drittel durch einen
dunkelgrünen Vorhang verhängt, so dass es auf der einen Seite beinahe Tag, auf
der anderen beinahe Nacht war. Im Dunkel stand eine grosse Staffelei mit einem
durch ein schmutziges Tuch verhängten Bild. Auf einer alten Kommode lagen
Bücher, auf einer länglichen Kiste eine Palette mit verschmierten Farben,
daneben ein bläulicher Samtmantel. Auf dem Fussboden, halb gefüllt, standen
kleinere und grössere trübe Fläschchen und Flaschen. Es roch nach Terpentin,
getranten Stiefeln und einem süsslichen Parfüm. Aus einem Winkel heraus leuchtete
die Lehne eines roten Fauteuils. Kasimir warf seinen Hut kühn in eine Ecke, trat
auf Terese zu, nahm ihren Kopf in beide Hände, guckte ihr vergnügt und etwas
schielend in die Augen, umfasste sie, zog sie zu dem Fauteuil hin und auf seinen
Schoss nieder. Da der eine Fuss des Fauteuils nachzugeben schien, schrie sie
leicht auf. Er beruhigte sie, dann begann er sie zu küssen, langsam, wie mit
Bedacht. Sein Schnurrbart roch nach einer Resedapomade, eigentlich nach einem
Friseurladen, aus dem sie als Kind ihren Vater einmal abgeholt hatte. Seine
Lippen waren feucht und kühl. -
 
                                       31
Um Kasimir öfters als alle vierzehn Tage nur einmal zu sehen, musste Terese zu
allerlei Ausreden ihre Zuflucht nehmen; - bald schützte sie einen Teaterbesuch
mit einer Freundin, bald eine unerlässliche Zusammenkunft mit ihrem Bruder vor,
um gelegentlich auch abends das Haus verlassen zu können. Da sie im übrigen ihre
Pflichten als Erzieherin gewissenhaft erfüllte, schien man ihr diese kleinen
Unregelmässigkeiten nicht weiter übelzunehmen.
    Der Freund Kasimirs, mit dem er seiner Angabe nach das Atelier gemeinsam
bewohnte, war unerwartet, so erzählte Kasimir, von einer Reise zurückgekehrt und
die Alleinbenützung des Raumes für ihn fraglich und unsicher geworden. So war
das Liebespaar, wenn es ungestört sein wollte, darauf angewiesen, in übeln
Gastofzimmern flüchtig einzukehren, deren Miete, wenn Kasimir nicht eben bei
Kasse war, von Terese bezahlt werden musste. Sie tat es nicht ungern, ja, es
bereitete ihr eine gewisse Genugtuung. Freilich hatten seine ständigen
Geldverlegenheiten zur Folge, dass er häufig recht missgestimmt war; und einmal
geschah es, dass er Terese ohne jeden ersichtlichen Grund in der heftigsten
Weise anfuhr. Aber als sie, dieses Tones ungewohnt, wortlos von seiner Seite
aufstand, sich rasch ankleidete und Miene machte, sich zu entfernen, warf er
sich vor ihr auf die Kniee und erflehte ihre Verzeihung, die sie ihm, allzu
rasch, wie sie fühlte, zu gewähren bereit war.
    In den ersten Julitagen sollte die Familie des Advokaten nach Ischl aufs
Land ziehen. Terese dachte daran, ihre Stellung zu wechseln, nur um Kasimir
nahebleiben zu können. Er selbst aber riet ihr ab und versprach ihr, sie im
Sommer zu besuchen, sich vielleicht nah von ihr, in einem Bauernhaus,
einzumieten oder, wenn's nicht anders ging, irgend etwas Abenteuerliches zu
unternehmen, nur um bald wieder mit ihr beisammen zu sein.
    Am letzten Sonntag, vor der Übersiedlung nach Ischl, machten sie einen
Ausflug in den Wiener Wald. Am späten Nachmittag sassen sie in einem Wirtsgarten
auf einem Wiesenhang, ringsum stand wehender Wald. An den Tischen tranken,
sangen, lachten die Leute, Kinder liefen und stürzten auf und ab, drin in der
Wirtsstube beim offenen Fenster sass ein dicker Mensch in Hemdärmeln und spielte
auf einer Harmonika. Kasimir hatte heute Geld, er liess es sich und Teresen an
nichts fehlen. In ihrer Nähe sass ein Ehepaar mit zwei Kindern, Kasimir begann
ein Gespräch mit den Eltern, in dem er die herrliche Aussicht zur Donauebene
pries, trank ihnen zu, fand das »Weinderl« nicht übel, berichtete von köstlichen
ausländischen Sorten, die er auf seinen Reisen getrunken, vom Veltliner, vom
Santa Maura, vom Lacrimae Christi und vom Xeres de la Frontera. Dann erzählte er
Geschichten von Räuschen, die er mit angesehen, zur Belustigung der Gesellschaft
äffte er das Torkeln und Lallen eines Betrunkenen nach, und endlich begann er zu
den Klängen der Harmonika eine komisch-trübselige Melodie zu singen. Man
klatschte ringsum in die Hände, und Kasimir dankte mit scherzhaften
Verbeugungen. - Terese fühlte sich immer trauriger werden. Wenn sie nun
unversehens aufstände und verschwände, - würde er's nur merken? Und wenn sie
plötzlich ganz aus seinem Leben fort wäre, würde er sie vermissen und sich
darüber Gedanken machen? Und selbst erschreckt von dieser plötzlichen
Erleuchtung, fragte sie sich, ob sie nicht gut daran getan hätte, ihm eine
gewisse Besorgnis, zu der sie Ursache zu haben glaubte und die auch ihm eine
bedeuten müsste, schon auf dem Herwege mitzuteilen. Nun würde sie es gewiss nicht
mehr über sich bringen. Wozu auch? Und morgen schon konnte sich ihre Sorge als
überflüssig erweisen.
    Die Sonne war lange fort, der Wald stand schwarz und still. Aus der Ebene
stieg sanft der Abend. Quer über den Hang, am Wirtshaus vorbei, marschierten
Studenten mit roten Kappen. Unwillkürlich sah Terese hin, ob ihr Bruder nicht
unter ihnen wäre. Aber der trug ja keine Kappe. Dass er bei einer Couleur war,
das hatte sie ja auch nur gelogen, wie so vieles andere. Was Karl wohl dazu
sagen würde, wenn ihre Angst sich als begründet erwiese? Ach, was ginge es ihn
an! Ihn so wenig wie andere. Wem war sie Rechenschaft schuldig? Niemandem, nur
sich selbst.
    Es war beinahe dunkel, als sie sich mit Kasimir auf den Rückweg machte. Er
schlang den Arm um sie, sie gingen den Wiesenhang abwärts, den Wald entlang. An
einer abschüssigeren Stelle gerieten sie ins Laufen, fast fiel sie hin, sie
lachten wie Kinder. Er umschlang sie fester, sie fühlte sich wieder wohl. Allzu
rasch waren sie in der Ebene; und durch die belebten Strassen, zwischen Gärten
und Villen in lustigem Marschschritt wanderten sie weiter. In einem überfüllten
Strassenbahnwagen fuhren sie der Stadt zu. Terese wurde es plötzlich wieder
unbehaglich zumute, Kasimir aber, im Gedränge zwischen müden Weibern, lachenden
Kindern, angeheiterten Männern, fühlte sich sichtlich so wohl, als wäre dies
sein eigentliches Element. Sofort beteiligte er sich an dem albernen Geschwätz,
das zwischen den Fahrgästen hin und her ging, spielte den Galanten, bedeutete
einem dicken Herrn, er müsse sofort aufstehen, um einem hübschen, jungen Mädel
seinen Sitzplatz einzuräumen, und bot ringsum von den Zigaretten an, die er oben
im Wirtshaus erstanden hatte. Terese war froh, als die Fahrt zu Ende war. Bis
zu ihrem Wohnhaus war es nah, vor dem Tor wurde noch rasch ein Rendezvous für
das Ende der Woche verabredet, und Kasimir schien es plötzlich mit dem Abschied
eilig zu haben. Sie sah ihm nach, bis das Tor sich hinter ihr schloss. Er hatte
sich nicht einmal mehr nach ihr umgewandt.
 
                                       32
Sie konnte das nächste Wiedersehen kaum erwarten. Zweimal schrieb sie ihm in
dieser Zeit, kurze, zärtliche Briefe, und erhielt keine Antwort. Eine
unbestimmte Angst durchbebte sie, die aber geradezu in Seligkeit dahinschmolz,
als er ihr am Samstagabend am gewöhnlichen Treffort an der Stadtparkecke heiter,
strahlend und jung entgegenkam. Warum er ihr nicht geantwortet habe. -
Geantwortet? Wieso? Er hatte keinen Brief bekommen. Wohin hatte sie ihm denn
geschrieben? Ins Atelier? Aber hatte sie denn vergessen, dass er übersiedelt war?
- Übersiedelt -? - Aber ganz bestimmt hatte er ihr's neulich gesagt. Der Freund
war abgereist, nach München, man musste das Atelier aufgeben; und so hatte er
vorläufig ein kleines Zimmer bezogen, als Übergang gewissermassen und dafür
jedenfalls gut genug.
    Sie hatten nicht weit zu gehen; bis zu einem sehr alten Haus in einer engen,
schwach beleuchteten Gasse der inneren Stadt. Eine schmale Treppe hinauf stiegen
sie in das vierte Stockwerk, Kasimir öffnete die Wohnungstür, das Vorzimmer war
dunkel, aus der Küche, durchs Schlüsselloch, schimmerte ein Licht, und es roch
nach Petroleum. Sie traten ins Zimmer. In der Fensteröffnung stand finster der
Rauchfang des gegenüberliegenden Hauses, Das Dach war so nahe, dass man es fast
mit Händen greifen konnte. Aber wenn Terese ihren Blick seitlich sandte,
erblickte sie über Dächer und Rauchfänge hinweg einen weiten Ausschnitt der
abendlichen Stadt. Kasimir erklärte Teresen die Vorzüge seiner neuen Wohnung -
Ausblick, Ungestörteit, Wohlfeilheit. Vielleicht würde er sich entschliessen,
sie auf ein Jahr zu mieten. »Kann man denn hier malen?« fragte Terese. -
»Kleinere Bilder schon«, bemerkte er beiläufig. Kasimir hatte die Kerze noch
nicht angezündet, und in dem matten Nachtschein, der von dem klaren, blauen
Himmel in den engen Raum fiel, sah der hohe, alte Schrank, das schmale Bett,
dessen Kopfende in die Fensterecke gerückt war, und insbesondere der grosse
Kachelofen anheimelnd genug aus. Kasimir betonte, dass sie sich in einem der
ältesten Häuser von Wien befanden, in einem einstigen kleinen Palais; - und ein
Teil der Möbel sei alter gräflicher Besitz. Terese wollte einen Blick in den
Schrank tun. Kasimir liess es nicht zu; er habe noch nicht Ordnung gemacht. Er
sei doch erst heute früh hier eingezogen. Wie - heute erst -? und hatte ihre
Briefe ins Atelier nicht bekommen!? Sonderbar, dachte sie, aber sie sprach es
nicht aus. - Übrigens habe er ihr ein Geständnis zu machen. Nämlich, er war
genötigt gewesen, seinem Freund, demselben, mit dem er bisher das Atelier
bewohnt hatte, aus einer Verlegenheit zu helfen, und hatte nicht einmal genug
zurückbehalten, um für ein Abendessen zu sorgen. Sie reichte ihm ihre Geldbörse,
er eilte davon. Sie blieb allein in dem dunklen Zimmer zurück und seufzte. Ach
Gott, warum log er nur so viel, als wär's eine Schande, ein armer Teufel zu
sein, und war doch manchmal wieder geradezu stolz darauf! Und alle seine Lügen
hingen doch nur mit seiner Armut zusammen. Sie wollte ihn bitten, dass er ihr von
nun an alles rückhaltlos anvertraue, was ihn bedrücke. Es stand ja nun so, dass
sie wahrhaftig kein Geheimnis voreinander haben durften. Auch sie nicht vor ihm.
Noch heute sollte er wissen, dass sie ein Kind erwarte.
    Kasimir blieb lange aus. Der Gedanke durchfuhr sie, dass er vielleicht gar
nicht zurückkommen würde. Wieder kam ihr der Einfall, den Schrank zu öffnen,
aber er hatte, ohne dass sie es gemerkt, den Schlüssel abgezogen. Ein kleiner
Koffer stand unter der Bettstelle. Sie zog ihn hervor, er war unversperrt, ein
paar armselige geflickte Wäschestücke lagen darin und eine ausgefranste
Krawatte. Sie schloss wieder zu und schob den Koffer an seinen Platz zurück. Sie
war erschüttert. Kasimirs Armut schnitt ihr ins Herz, tiefer, als eigenes Elend
es je getan. Sie fühlte eine Zusammengehörigkeit mit ihm wie nie zuvor; nicht
anders, als wenn sie beide vom Schicksal füreinander bestimmt wären. Wie vieles
könnte man einander tragen helfen!
    Als er nun eintrat, ein kleines Päckchen und eine Flasche Wein in der Hand,
fiel sie ihm stürmisch um den Hals, und er liess ihre Zärtlichkeiten mit
Herablassung über sich ergehen. Ob es nur der Wein war, der ihr die Seele leicht
machte und die Zunge löste, oder dieses Einandernahesein, wie sie es noch
niemals empfunden, - plötzlich, sie wusste nicht wie, in seine Arme geschmiegt,
gestand sie ihm, was sie nun seit Tagen schon in der Brust verschlossen trug. Er
wollte es nicht recht ernst nehmen. Er war überzeugt, dass sie sich irrte. Man
müsste doch noch einige Zeit abwarten, dann würde man ja weiter sehen. Und er
sagte mancherlei Dinge, die sie geschmerzt hätten, wenn sie sie völlig hätte
verstehen, ja, nur recht hätte anhören wollen.
    Als sie miteinander die Treppe hinuntergingen, war zwischen ihnen alles so,
als wenn sie ihm überhaupt nichts gesagt hätte. Mitternacht war lange vorbei,
als sie vor Teresens Haustor Abschied nahmen. Er hatte es heute wieder
besonders eilig; es war ja auch alles verabredet, seine Adresse kannte sie, er
die ihre, und vielleicht in wenigen Wochen schon würde man wieder beisammen sein
- im Grünen unter dem Sternenhimmel.
 
                                       33
Die Ischler Villa lag vornehm in einem grossen Garten. Vom Balkon aus sah man das
Kur- und Badepublikum auf der Esplanade hin und her wandeln. Die Stimmung im
Hause Eppich, dessen männliche Mitglieder noch in der Stadt verblieben waren,
schien wie befreit, die beiden Mädchen fröhlich, wie Terese sie noch niemals
gesehen, und die Mutter freundlicher, liebenswürdiger zu ihr, als sie es in der
Stadt zu sein pflegte. An Besuchen fehlte es nicht. Ein eleganter junger Mann
mit einer kleinen Glatze der in der Stadt manchmal, auch mit anderen Gästen, bei
Eppichs zu Mittag gespeist hatte, erschien beinahe täglich, und in der Dämmerung
sass er mit der Frau des Hauses rückwärts im Garten. Terese unternahm mit den
beiden Mädchen längere Spaziergänge, jüngere und ältere Freundinnen mit ihren
Erzieherinnen, ziemlich erwachsene Knaben, auch junge Herren schlössen sich an,
zuweilen fuhr man an einen nahen See zu kleinen Ruderpartien, und daheim gab es
harmlose Gesellschaftsspiele, an denen auch Terese sich beteiligte; das ältere
Mädchen, Berta, schloss sich Teresen mit einer unerwarteten Innigkeit an,
machte sie zur Vertrauten unschuldiger Herzensgeheimnisse, zuweilen gingen sie,
abgesondert von den andern, Arm in Arm. Die Anmut der Landschaft, die
sommerliche Luft, der Aufentalt im Freien, die Abwechslung, all das tat Terese
sehr wohl; und da jeden zweiten Tag kurze Briefchen von Kasimir eintrafen, so
war ihr Gemüt von Unruhe ziemlich frei. Plötzlich aber blieben seine Briefe aus.
Terese geriet in heftige Erregung, ihr Zustand, an dessen Tatsächlichkeit sie
immer wieder zu zweifeln begonnen und den sie manchmal wieder fast als
beglückend empfunden hatte, kam ihr in seinem ganzen ungeheueren Ernst zu
Bewusstsein. Sie sandte einen Expressbrief an Kasimir, in dem sie sich rückhaltlos
über ihre Besorgnisse aussprach. Keine Antwort von ihm; dagegen ein Brief ihrer
Mutter, ob Terese, die ja jetzt nur wenige Stunden von ihr entfernt sei, sie
nicht gelegentlich besuchen wollte. Terese erwähnte Frau Eppich gegenüber fast
absichtslos dieser Einladung, und als hätte man eine Anregung solcher Art nur
erwartet, wurde ein Ausflug nach Salzburg in grösserer Gesellschaft beschlossen.
    Schon tags darauf reiste Terese in Begleitung der Damen Eppich, einer
befreundeten Dame mit Sohn und Töchter und des eleganten jungen Mannes mit der
kleinen Glatze nach Salzburg. Gleich am Bahnhof trennte sich Terese von den
übrigen und eilte zu ihrer Mutter, die in ein geräumiges, lichtes Erkerzimmer in
einem neuen Haus übersiedelt war. Frau Fabiani empfing ihre Tochter mit ruhiger
Herzlichkeit; jenes fahrig-unheimliche Wesen der letzten Jahre war beinahe
verschwunden, doch schien sie plötzlich eine ganz alte Frau geworden. Sie freute
sich, zu hören, dass es ihrer Tochter gut ginge; auch sie habe sich
glücklicherweise nicht zu beklagen. Sie verdiene, was sie brauche, und etwas
darüber; und das Alleinsein, sie gestand es gerne, kam ihrer Arbeit in jeder
Hinsicht zustatten. Sie liess sich von Teresen über ihre jetzige Stellung und
über ihre früheren allerlei berichten, und Terese war beinahe gerührt über das
Interesse, das ihr die Mutter entgegenbrachte. Doch während des Mittagsmahls,
das aus einem benachbarten Gastof besorgt und an dem kleinen Tischchen im Erker
aufgetragen wurde, fing die Unterhaltung zu stocken an, und Terese empfand mit
Unbehagen, dass sie bei einer zerstreuten, alten, fremden Frau zu Gaste war.
    Während die Mutter auf dem Diwan ihre Nachmittagsruhe hielt, blickte Terese
durch das Erkerfenster auf die Strasse hinab, die sie weit verfolgen konnte, bis
zur Brücke über den Fluss, dessen Rauschen herdrang. Sie dachte an die Leute, mit
denen sie hiehergefahren war und die nun im Hotel bei der Mittagstafel sitzen
mochten, sie dachte an Max, an Alfred und endlich an den Fremdesten unter all
diesen Fremden, an Kasimir, von dem sie ein Kind unter dem Herzen trug und der
ihre letzten Briefe nicht beantwortet hatte. Aber wenn er ihr auch weniger fremd
gewesen wäre, was konnte er ihr helfen? Mit seiner Liebe und ohne seine liebe -
sie war in gleicher Weise allein.
    Sie entfernte sich leise, ohne die Mutter aufzuwecken, und wandelte eine
Weile in den Strassen der Stadt umher, die zu dieser heissen
Sommernachmittagsstunde still und verlassen waren. Zuerst war sie versucht
gewesen, allerlei Stellen aufzusuchen, die mit Erinnerungen für sie verknüpft
waren; aber diese Erinnerungen schienen ihr nun ohne Glanz. Und sie selbst
fühlte sich so müde, so ausgelöscht, als wenn das Leben für sie zu Ende wäre. So
begab sie sich bald, ohne inneren Anlass, fast mechanisch, in das Hotel, wo ihre
Reisegesellschaft abgestiegen war; diese aber hatte einen Ausflug unternommen,
und Terese in der kühlen Halle durchblätterte illustrierte Zeitungen; und als
ihr Blick durch die Glastüre zufällig in das Schreibzimmer fiel, kam ihr der
Gedanke, nochmals einen Brief an Kasimir zu richten. Sie schrieb in Worten einer
heissen Zärtlichkeit, die gemeinsame Stunden der Lust in seinem Gedächtnis neu
erwecken sollten, schilderte ihm verlockend die Möglichkeit eines Zusammenseins
nachts im Garten der Villa oder im Wald und erwähnte mit Absicht nichts von dem,
was sie eigentlich bewegte.
    Als sie den Brief geendet, verliess sie etwas erleichtert das Hotel, und es
blieb ihr nichts anderes übrig, als sich wieder in die Wohnung ihrer Mutter zu
begeben. Diese sass schon bei ihrer Arbeit, Terese nahm von der Bücherstellage
einen Band, der ihr eben in die Hand geriet; es war zufällig ein Kriminalroman,
von dem sie bis in die Dämmerung hinein vollkommen gefangen blieb. Nun legte
auch die Mutter ihre Arbeit beiseite und lud Terese zu einem kleinen
Spaziergang ein; schweigsam gingen die beiden Frauen in der kühlen Abendluft den
Fluss entlang und sassen endlich in einem bescheidenen, von Reisenden kaum je
besuchten Wirtsgarten, wo Frau Fabiani vom Wirt als Stammgast begrüsst wurde und
zu Teresens Verwunderung drei Krügel Bier trank. Zur Nacht musste sich Terese,
so gut es ging, auf dem Diwan behelfen. Sie wachte auf wie zerschlagen; obwohl
sie erst mittags mit den andern an der Bahn zusammentreffen sollte,
verabschiedete sie sich bald von ihrer Mutter, die in einem durch Vorhänge
abgeschlossenen Alkoven zu Bette lag, und war froh, als sie die Treppe wieder
unten war.
    Der Morgen war hold und hell, Terese sass im Mirabellgarten im Farbenglanz
und Duft von tausend Blumen. Zwei junge Mädchen, Schulkolleginnen von einst,
kamen vorüber, von denen sie nicht gleich erkannt wurde, aber bald wandten sie
sich wieder nach ihr um, kamen auf sie zu, und ein Grüssen und Fragen ging hin
und her. Terese erzählte, sie sei Gesellschafterin in einem vornehmen Wiener
Hause und habe hier ihre Mutter besucht, dann erkundigte sie sich, was es in der
kleinen Stadt Neues gäbe. Aber da sie sich weder nach Max, noch nach Alfred zu
fragen getraute, hörte sie nur lauter Klatsch, der sie nicht im geringsten
anging. Es war ihr, als sei sie den beiden Schulkameradinnen, die im gleichen
Alter mit ihr waren, um Jahre voraus; sie hatte mit ihnen, mit dieser Stadt
nichts mehr zu schaffen und war froh, als sie eine Stunde später auf dem Bahnhof
mit ihrer Ischler Gesellschaft zusammentraf, um abzureisen.
 
                                       34
Die nächsten Tage in der Ischler Villa erwartete sie fieberig eine Nachricht von
Kasimir. Vergebens. Ihr erregtes Wesen begann aufzufallen, es wurde ihr klar,
dass sie irgend etwas unternehmen, dass sie zum mindesten mit irgend jemandem
sprechen musste. Wem aber sollte sie sich anvertrauen? Am nächsten fühlte sie
sich der fünfzehnjährigen Berta, die jeden Tag in einen andern verliebt war und
sich vor dem Schlafengehen an Teresens Herz auszuweinen pflegte. Gerade dieses
Kind, so schien es ihr, hätte sie am besten verstehen und trösten können. Aber
bald sah sie die Unsinnigkeit ihres Einfalls ein, und sie schwieg. Unter den
Erzieherinnen und Gesellschafterinnen, denen das sommerliche Beisammensein sie
näher gebracht hatte, war keine, zu der sie sich hingezogen fühlte. Manche von
ihnen mochte wohl ihre persönlichen Erfahrungen haben, doch Terese fürchtete
Spott, Indiskretion, Verrat. Sie wusste natürlich, dass es Mittel und Wege gäbe,
ihr zu helfen, doch es war ihr auch nicht unbekannt, dass dergleichen mit Gefahr
verbunden war, dass man krank werden, sterben oder auch in den Kerker kommen
konnte. Und irgendeine halb vergessene Geschichte, die sich vor zwei oder drei
Jahren in Salzburg ereignet und ein tragisches Ende genommen hatte, wachte dumpf
in ihrem Gedächtnis auf.
    Sie gab sich eine letzte Frist von acht Tagen, um eine Nachricht von Kasimir
zu erwarten. Während dieser Zeit fand sie in den Zerstreuungen des
Landaufentalts immerhin einige trügerische Ablenkung und Beruhigung. Als die
acht Tage verstrichen waren, erbat sie sich drei Tage Urlaub. Sie hätte wegen
der Verlassenschaft von ihrem Vater her mit ihrem Bruder dringend persönlich zu
sprechen. Der Urlaub wurde ohne weiteres gewährt.
 
                                       35
Sie kam in Wien zur Mittagsstunde an und fuhr geradeswegs nach dem Wohnhause
Kasimirs. Sie eilte die Treppen hinauf. Eine alte Frau öffnete. Hier wohnte kein
Herr Kasimir Tobisch, hier hatte nie ein Herr dieses Namens gewohnt. Vor einigen
Wochen allerdings hatte ein junger Mann dieses Zimmer bezogen, eine kleine
Angabe geleistet, doch schon am nächsten Tag war er wieder verschwunden, ohne
sich polizeilich gemeldet zu haben. Terese ging betroffen und beschämt. Beim
Hausbesorger erfuhr sie, dass einige Briefe an einen Herrn Kasimir Tobisch im
Hause eingelaufen seien; der erste sei auch abgeholt worden, die andern waren
unbehoben. Terese sah sie vor sich, erkannte ihre eigene Schrift. Sie bat, dass
man sie ihr ausfolge. Der Hausbesorger weigerte sich. Sie entfernte sich glührot
im Gesicht und fuhr nach dem Hause, wo Kasimir das Atelier bewohnt hatte. Hier
war der Name Tobisch dem Hausbesorger völlig unbekannt. Vielleicht, dass die zwei
Maler etwas wüssten, die jetzt im Atelier oben wohnten? Terese eilte hinauf. Ein
älterer Mensch in einem weissen, farbenbeschmutzten Kittel öffnete ihr. Er wusste
nichts von einem Herrn namens Kasimir Tobisch; vor ihm selbst hätte ein
Ausländer hier gewohnt, ein Rumäne, der abgereist sei, ohne den Rest der Miete
zu bezahlen. Terese stammelte einen Dank für die Auskunft, in den Augen des
Malers schimmerte es wie Mitleid. Als sie die Treppe hinunterging, fühlte sie
seinen Blick im Nacken. Nun stand sie auf der Strasse. Trotz allem glaubte sie
nicht, dass Kasimir Wien verlassen habe. Sie musste ja nicht gleich zurück, sie
konnte auch ein paar Tage lang in den Strassen herumwandern, so lange, bis er ihr
endlich in die Arme laufen musste. Und wenn sie auch im Innern die Lächerlichkeit
ihres Beginnens spürte, sie begann tatsächlich in der Stadt hin und her zu
irren, die Kreuz und die Quer, stundenlang, bis endlich Müdigkeit und Hunger sie
in ein Gastaus trieben. Es war eine ungewohnte Speisestunde; so sass sie allein
in dem geräumigen, anmutlosen Lokal, und wie im Fieber zählte sie, während sie
auf das Essen wartete, unablässig die weissgedeckten Tische, von denen an, die in
der Helligkeit der Fensternischen standen, bis zu den letzten, die im Dämmer des
unbeleuchteten Hintergrundes verschwanden. Ihr Blick fiel auf ihre Handtasche,
die sie beim Eintritt auf einen Stuhl gelegt hatte, und jetzt erst besann sie
sich, dass sie die ganze Zeit über mit diesem Gepäckstück in den Strassen
umhergeirrt und dass sie noch obdachlos war. Das Restaurant, in dem sie sass,
gehörte zu einem Vorstadtgastof minderen Rangs, sie beschloss, hier Quartier zu
nehmen.
    Als sie sich in ihrem Zimmer vom Staub der Reise und des Umherlaufens
gereinigt, war noch lange der Abend nicht da. Von ihrem Fenster im vierten Stock
blickte sie in den Dunst der Strasse, aus der das Rauschen und Rattern eintönig
und feindselig zu ihr heraufdrang. Wenn hier unten Kasimir vorüberginge, fragte
sie sich, und sie geschwind die Treppe hinabliefe - könnte sie ihn noch
erreichen? - Ja, würde sie ihn überhaupt erkennen von hier oben aus? Die
Gesichter da unten verschwammen ihr alle. Vielleicht ging er wirklich eben
vorüber, und sie wusste es nicht. Sie beugte sich hinab, es wurde ihr schwindlig;
sie trat vom Fenster zurück und setzte sich an den Tisch. Der Strassenlärm
dämpfte sich ab, ihre Einsamkeit, ihre Losgelösteit, das Bewusstsein, dass in
diesem Augenblick niemand ahnte, wo sie sich befinde, gab ihr für kurze Zeit
eine merkwürdige Ruhe, fast ein Wohlgefühl. Warum war ihr denn nur in den
letzten Tagen und Wochen so schlimm zumute gewesen, als wenn irgendeine
wirkliche Gefahr sie bedrohte? Was hatte sie denn zu furchten im Grunde? Wem war
sie Rechenschaft schuldig? Ihrer Mutter? Ihrem Bruder vielleicht? Die sich doch
beide nicht um sie kümmerten? Den Leuten, bei denen sie in Stellung war, von
denen sie bezahlt wurde und von denen sie in jedem Fall, ob nach Jahren oder
nach Monaten, wenn es ihnen gerade passte, wie irgendeine Fremde an die Luft
gesetzt werden würde? Was gingen sie alle diese Leute an? Überdies besass sie,
wie sie neulich in Salzburg von der Mutter erfahren, aus der Erbschaft eine
etwas grössere Summe, als sie bisher gedacht, mit der man ein paar Monate wohl
sein Auslangen finden konnte; sie hing also von niemandem ab. Und so traf es
sich vielleicht ganz gut, dass sie Kasimir nicht begegnet war, dass sie mit ihm
überhaupt nichts mehr zu schaffen hatte. Der wäre am Ende auch imstande gewesen,
sie um die paar Gulden zu bringen, die ihr über die schwere Zeit hinweghelfen
konnten und sollten. Warum war sie denn nur nach Wien gefahren? Was wollte sie
von ihm? Ach, wozu die Frage! Sie wusste es ja. Ihn wollte sie, ihn selbst, seine
Küsse und seine Umarmungen. Und nun mit einemmal nach einer kurzen, trügerischen
Beruhigung kam es wieder wie Verzweiflung über sie. Seinetwegen war sie nach
Wien gefahren, hoffnungsvoll, sehnsüchtig und doch schon in Angst, dass sie ihn
nicht finden würde; und nun wusste sie, über allem Zweifel, dass er fort war, dass
er sich davongemacht hatte, einfach davon, um sich jeder Verantwortung, ja,
jeder Unannehmlichkeit zu entziehen. Wie töricht von ihm! Sie hätte ja keine
Forderungen an ihn gestellt. Hatte er das nicht gewusst? Warum hatte sie es ihm
nicht von allem Anfang an gesagt? Er hatte ja keinerlei Verpflichtungen gegen
sie. Sie war kein unerfahrenes, unschuldiges Mädchen gewesen, als sie die Seine
wurde. Und sie hatte ja immer gewusst, dass er ein armer Teufel war. Nie hätte sie
von ihm etwas gefordert. Und das Kind? Das war ihre Angelegenheit ihre ganz
allein.
    Es war im Zimmer ganz dunkel geworden. Vor dem offenen Fenster lag der trübe
Lichtschein der abendlichen Stadt. Was nun? Hinunter auf die Strasse? Ziellos hin
und her? Und dann die Nacht? Und morgen? Sie würde ihm ja doch nicht begegnen,
auch wenn er da war. Was hatte sie hier noch zu tun? Und erlösend kam ihr der
Entschluss, in dieser Stunde noch, mit dem Nachtzug, nach Ischl zurückzufahren.
Sie klingelte, beglich ihre Rechnung, lief die Treppen hinab, fuhr mit ihrer
Handtasche zur Bahn und verfiel in ihrer Coupéecke in einen so tiefen Schlaf,
dass sie erst eine Viertelstunde vor dem Ziele aufwachte.
 
                                       36
Terese wurde im Hause Eppich mit viel Rücksicht behandelt, auch die Gäste kamen
ihr mit Höflichkeit entgegen, wie einem zwar mit Glücksgütern weniger
gesegneten, aber sonst gleichberechtigten Mitglied der Familie. Ein junger
Rechtsanwalt, unansehnlich, kurzsichtig, mit feinen, etwas leidenden Zügen,
bemühte sich um sie, sprach von seiner trüben Jugend, seinen Studien, seinen
Erfahrungen als Lehrer und Hofmeister, und sie fühlte, dass er sie ein wenig
überschätzte, ja, sie wohl für eine andere Art von Wesen hielt, als sie war.
Auch sie erzählte ihm mancherlei: von den Eltern, dem Bruder, von Alfred, ihrer
»Jugendliebe« - in der etwas beiläufigen und öfters unwahren, dem
augenblicklichen Zuhörer etwas angepassten Art, die sie sich angewöhnt hatte;
über Max schwieg sie völlig; von ihrem Abenteuer mit Kasimir berichtete sie
wohl, aber so, als wenn es ein ganz harmloses gewesen und als wenn sie nach
jenem ersten Praterabend nur ein paarmal freundschaftlich mit ihm
spazierengegangen wäre. Am letzten Tage seines Urlaubs, im Wald, da sie beide
hinter der übrigen Gesellschaft ein wenig zurückgeblieben waren, versuchte der
junge Anwalt in etwas ungeschickter Weise sie zu umarmen. Sie stiess ihn zuerst
heftig zurück, dann verzieh sie ihm und erlaubte ihm, ihr zu schreiben. Sie
hörte niemals wieder von ihm.
    Ende August kam der junge Herr Eppich an. Seine Schwestern, die sich in der
Stadt nicht sonderlich mit ihm vertrugen, waren glückselig über sein Kommen,
ihre Freundinnen waren alle in ihn verliebt. Er hatte sich, wie es jetzt Mode
war, sein kleines Schnurrbärtchen abrasieren lassen, und man fand, dass er einem
sehr bekannten Schauspieler und Frauenliebling ähnlich sehe. Gegenüber Teresen
benahm er sich anfangs zurückhaltend; doch eines Nachmittags, auf der Stiege bei
einer zufälligen Begegnung, liess er sie wie zum Scherz nicht vorbei, und sie
setzte seinen Zudringlichkeiten nicht so viel Widerstand entgegen, als sie sich
vorgenommen hatte. Sie versperrte die Türe hinter sich und sah bald von ihrem
Fenster aus, wie der junge Herr unten aus dem Gartentor schritt, eine Zigarette
zwischen den Lippen, ohne sich auch nur umzuwenden.
    Indes war Dr. Eppich zwei Tage lang hier gewesen; zwischen ihm und seiner
Gattin schien etwas Ärgerliches vorgefallen zu sein, wie alle merkten; und er
war ohne Abschied wieder abgereist. Die jüngere Tochter ging am nächsten Tag
verweint herum, und Terese merkte bald, dass diese Zwölfjährige von den Dingen,
die sich rings um sie abspielten, mehr wusste und dass sie sie schmerzlicher
fühlte als die andern.
    In einer Nacht schreckte Terese plötzlich auf, es war ihr, als hätte sie
ein Geräusch an der Tür gehört. Der Gedanke kam ihr, dass vielleicht George sich
bei ihr Einlass verschaffen wollte. Aber statt Angst empfand sie vielmehr eine
angenehme Erregung, und als es dann weiterhin stille blieb, eine unzweifelhafte
Enttäuschung. Was ihr seit jener Begegnung auf der Stiege schon einige Male
flüchtig durch den Sinn gegangen war, wurde ihr in dieser schlaflosen Nacht zu
einer Art von Plan: sie wollte es darauf anlegen, sich in George eines Vaters
für ihr Kind zu versichern. Freilich war es die höchste Zeit. Aber als hätte der
junge Mann ihre Absichten erraten - er hielt sich von nun an völlig fern von
ihr, und Terese, zuerst verwundert, hatte bald entdeckt, dass sich im Laufe der
letzten Tage zwischen ihm und einer jungen Frau, die im Hause verkehrte, ein
Liebesverhältnis angeknüpft hatte. Eifersucht verspürte sie in keiner Weise. Ihr
Zorn über sich selbst wandte sich bald in Scham, sie erschien sich wie eine
Verworfene, und immer tiefer empfand sie die Peinlichkeit ihres Zustands und die
Gefahr ihrer Lage, insbesondere der Gedanke, ihrem Bruder zu begegnen, erfüllte
sie neuerdings mit einer fast lächerlichen Angst. Zugleich aber war sie von der
Überzeugung durchdrungen, dass die meisten weiblichen Personen, die sie kannte,
besonders aber manche ihrer Berufsgenossinnen, schon Ähnliches durchgemacht wie
sie und zur rechten Zeit Abhilfe zu schaffen gewusst hatten. Man konnte freilich
nicht geradezu fragen, aber es musste doch möglich sein, das Gespräch so zu
wenden, dass man etwas Zweckdienliches erfahren konnte. Unter den Bonnen und
Erzieherinnen ihrer Bekanntschaft gab es zwei, mit denen sie zuweilen in eine
leichtere und freiere Unterhaltung geraten war, ohne dass jemals ein wirklich
delikates Tema berührt worden wäre. Die eine war ein hageres, blasses,
verblühtes und sanft scheinendes Wesen, das sich nicht nur über die Familie, wo
sie in Stellung war, sondern auch über alle dort verkehrenden Personen in der
boshaftesten Weise zu äussern pflegte. Man wusste, dass sie Witwe oder geschieden
war, doch wurde sie immer als Fräulein angesprochen. Die andere war eine
Brünette, noch nicht dreissig, von fröhlichem Temperament, der man eine ganze
Menge Liebschaften zumutete, ohne ihr auch nur eine einzige nachweisen zu
können. Dies war das Geschöpf, bei dem Terese glaubte sich am ehesten Rat holen
zu dürfen. Und so begann sie an einem regnerischen Nachmittag Mitte September
auf einem Spaziergang, während die Zöglinge vorausgingen, nach einem
zurechtgemachten Plan und in etwas ungeschickter Weise von dem Kinderreichtum im
Hause des Bankdirektors zu sprechen, wo Fräulein Rosa in Stellung war. Aber da
sie sich scheute, eine direkte Frage an sie zu richten, erfuhr sie nichts, als
was sie ohnehin schon wusste: dass es gefällige Frauen gab, auch Ärzte, die für
dergleichen zu haben seien, und dass die Gefahren im allgemeinen nicht allzu gross
waren. Dieses oberflächliche Gespräch beruhigte Terese sonderbarerweise, da ihr
durch die heitere, fast spasshafte Art, in der die andere das Tema behandelte,
allerlei, das ihr vorher gefahrvoll und grauenhaft erschienen war, nicht so
schwer, ja gewissermassen selbstverständlich vorkam. Das Ganze war ein
Zwischenfall, wie er sich im Leben mancher Frau ereignete, ohne weitere Spuren
zu hinterlassen; für sie sollte es auch nichts anderes bedeutet haben.
 
                                       37
Das Herbstwetter brach an, man übersiedelte in die Stadt, und Terese studierte
in den Zeitungen, wie früher die Stellenangebote, andere, die ihr augenblicklich
von Nutzen sein konnten. Eines Nachmittags stieg sie in einem alten Haus der
inneren Stadt eine winkelige Treppe hinauf und sass wenige Minuten später einer
freundlichen Dame von mittleren Jahren gegenüber, die von der Farbe der
Fenstervorhänge in blassrötliches Licht gebadet war. Der behagliche, in der Art
eines bürgerlichen Salons ausgestattete Raum liess den Beruf der Mieterin in
keiner Weise ahnen, und Terese brachte ohne Scheu, wenn auch mit einiger
Vorsicht, ihr Anliegen vor. Die freundliche Dame erwähnte, dass vor kaum einer
halben Stunde eine junge Baronesse in gleicher Angelegenheit bei ihr
vorgesprochen habe, und zwar schon zum zweitenmal in diesem Jahr. Sie erzählte
weiteres von ihrem vornehmen Kundenkreis, der sich bis in die allernächste Nähe
des Hofes zu erstrecken schien, scherzte mild über den Leichtsinn der jungen
Mädchen, kam dann ziemlich unvermittelt auf einen steinreichen Fabrikanten zu
sprechen, der neulich mit einer Schauspielerin hier gewesen sei, und trug
Teresen an, zwischen ihr und dem Fabrikanten, der seiner Geliebten schon müde
sei, eine Bekanntschaft zu vermitteln. Terese empfahl sich mit dem Bemerken,
dass sie sich die Sache überlegen und morgen wiederkommen wolle. Als sie aus dem
Tor trat, stand ein Herr da in dunklem Überzieher mit schwarzem, abgeschabtem
Samtkragen und einer Aktentasche und musterte Terese von oben bis unten. Das
Herz klopfte ihr bis in den Hals hinauf, schon sah sie sich verhaftet,
angeklagt, verurteilt, im Gefängnis - und erst als sie wieder in der Menge
untergetaucht war, beruhigte sie sich allmählich.
    Diese erste Erfahrung entmutigte sie übrigens nicht, und schon am Abend
darauf begab sie sich zu einer Frau, die gleichfalls in der Zeitung Damen Rat
und Hilfe angeboten, doch ihre Adresse erst auf briefliche Anfrage angegeben
hatte. In einer vorstädtischen Hauptstrasse, im dritten Stockwerk eines
neugebauten Hauses, stand auf einer Tafel in goldenen Lettern der Name Gottfried
Ruhsam zu lesen. Das nett gekleidete Stubenmädchen führte Terese in einen
kleinen, beinahe eleganten Salon, wo sie eine Weile wartete und in einem
Photographiealbum mit allerlei Familienporträts und Bildern bekannter
Bühnenkünstler blätterte. Endlich trat ein Herr ein, der flüchtig grüsste und
durch eine andere Tür wieder verschwand. Nach wenigen Sekunden schon kam er in
Begleitung einer schlanken, nicht mehr ganz jungen Dame in bequemem, aber gut
fallendem Hauskleid zurück, murmelte ein leises Pardon und verschwand wieder.
Terese sah noch, wie Frau Ruhsam einen zärtlichen Blick der Türe zusandte, die
er hinter sich geschlossen hatte. »Mein Mann«, sagte sie, und wie entschuldigend
setzte sie hinzu: »Er ist meistens auf Reisen. Also, womit kann ich dienen, mein
liebes Kind?« Terese drückte sich noch vorsichtiger aus, als sie es gestern
getan; doch die Frau verstand sie ohne weiteres und fragte sie einfach, wann sie
die Wohnung bei ihr zu beziehen gedächte. Als sie aus Teresens Erwiderung
entnahm, dass diese keineswegs plante, hier ihre Entbindung abzuwarten, wurde sie
etwas steif und erklärte, dass sie sich zu dem, was Terese offenbar wünschte,
nur in den seltensten Fällen zu entschliessen pflege, und nannte dann sofort
einen Betrag, für den sie ausnahmsweise das Risiko auf sich zu nehmen bereit
sei. Er war unerschwinglich für Terese. Daraufhin riet ihr Frau Ruhsam, doch
lieber keine Dummheiten zu machen, erzählte ihr von einem Herrn, der ein junges
Mädchen erst geheiratet hatte, nachdem er erfahren, dass es von einem andern Mann
ein Kind gehabt hatte, warnte Terese vor den annoncierenden Damen und erwähnte
zwei, die erst in den letzten Tagen verhaftet worden seien.
    Terese ging, hochrot und verwirrt. Wie traumbefangen wandelte sie unter
einem lauen Herbstregen durch die Strassen der Stadt. Zufällig kam sie an dem
Hause vorüber, in dem sie zuletzt mit Kasimir zusammengewesen war. Einem
plötzlichen Einfall nachgebend, fragte sie beim Hausbesorger nach, ob Herr
Tobisch vielleicht indes Briefe hier abgeholt habe, und erfuhr zu ihrem
Erstaunen, dass es tatsächlich, und zwar erst gestern, der Fall gewesen war. Eine
neue Hoffnung durchzuckte sie. Im nächstgelegenen Kaffeehaus schrieb sie an
Kasimir einen Brief, der keinerlei Vorwürfe entielt, nur leidenschaftliche
Versicherungen ihrer unwandelbaren Liebe. Sie wolle nicht fragen, sie wisse ja,
dass es im Leben eines Künstlers immer geheimnisvolle Dinge gäbe, ihr selbst gehe
es vorzüglich, und sie sehne sich unendlich, ihn wiederzusehen, wo immer es sei,
wäre es auch nur für eine Viertelstunde. Sie hinterlegte den Brief bei dem
Hausbesorger, schlief in dieser Nacht ruhig und erwachte mit einem
unklar-wohligen Gefühl, als wenn ihr gestern etwas Angenehmes begegnet sei.
 
                                       38
Die nächste Zeit verstrich, ohne dass Terese irgend etwas unternommen hätte. Kam
nach peinlichst erfüllter Tagespflicht die abendliche Ruhe des Alleinseins über
sie, so geschah es manchmal, dass ihr, während sie schlaflos im Bette lag, nicht
nur ihr gegenwärtiger Zustand - dass ihr ganzes Leben, die Vergangenheit bis zum
heutigen Tage, ihr so fern und fremd erschien, als wenn es gar nicht die ihre
wäre. Ihr Vater, ihre Mutter, Alfred, Max, Kasimir schwebten wie unwirklich
durch ihre Erinnerung, und wie das Unwirklichste, ja, wie das Unmöglichste von
allem empfand sie es, dass in ihrem Schösse sich etwas Neues, etwas Lebendiges,
etwas Wirkliches bilden sollte, ohne dass sie selbst auch nur das geringste davon
spürte; dass in ihrem stummen, fühllosen Schösse ihr Kind heranwuchs, ihrer Eltern
Enkelkind, ein Geschöpf, das zu Schicksalen bestimmt war, zu Jugend und Alter,
zu Glück und Unglück, zu Liebe, Krankheit, Tod, wie andere Menschen, wie sie
selbst. Und da sie es durchaus nicht zu verstehen vermochte, war es ihr immer
wieder, als wenn es überhaupt niemals sein könnte, - als wenn sie sich - trotz
allem - täuschen müsste.
    Eine flüchtige, gutgemeinte, aber nicht misszuverstehende Bemerkung des
Dienstmädchens brachte ihr zu Bewusstsein, dass man ringsum zu vermuten begann,
wie es mit ihr stünde. In einem plötzlichen herzlähmenden Schrecken empfand sie
wieder einmal den Ernst ihrer Lage, und noch am gleichen Tag machte sie sich auf
einen Weg, den sie schon zweimal vergeblich gegangen war. Diesmal hatte sie es
mit einer Frau zu tun, die ihr sofort Vertrauen einflösste. Sie sprach sachlich
und beinahe gütig zu ihr, betonte, dass sie sich über das Ungesetzliche ihrer
Tätigkeit keiner Täuschung hingebe, dass die grausamen Gesetze aber auf die
sozialen Verhältnisse keine Rücksicht nähmen, und schloss mit dem philosophischen
Satz, dass es für die meisten Menschen überhaupt am besten sei, nicht geboren zu
werden. Der Betrag, den sie forderte, war nicht übermässig hoch, und es wurde
bestimmt, dass Terese sich am übernächsten Tage zu gleicher Stunde hier
einfinden sollte.
    Terese war wie erlöst. Die ruhige Stimmung, in der sie die ihr gesetzte
Frist verbrachte, liess ihr wieder zu Bewusstsein kommen, wie angstvoll und
bedrückt bei eingebildeter Ruhe sie die letzten Wochen verlebt hatte. Ihr
Zustand erschien ihr vollkommen natürlich und beinahe unbedenklich. Die
Unannehmlichkeiten oder gar die Gefahren, die sie gefürchtet, hörten auf zu
bestehen, alles war ohne Grauen.
    Doch als sie zur bestimmten Stunde die Treppe hinaufschritt, war es mit
ihrer Ruhe plötzlich wieder vorbei. Sie klingelte rasch, um nicht versucht zu
sein, die Treppe hinunterzueilen und die Flucht zu ergreifen. Das Dienstmädchen
teilte ihr mit, dass ihre Herrin zu einer Kundschaft aufs Land gefahren sei und
erst in einigen Tagen wiederkommen werde. Terese atmete befreit auf, so, aus
wäre nun eine peinliche Angelegenheit nicht etwa aufgeschoben, sondern ein für
allemal erledigt. Im ersten Stockwerk, an einer halb offenen Gangtür, standen
zwei Frauen im Gespräch, brachen es plötzlich ab und betrachteten Terese mit
einem sonderbaren, hinterhältigen Lächeln. Unten vor dem Tor stand ein Fiaker.
Der ihr unbekannte Kutscher grüsste so devot, als wollte er sie zum besten
halten. Auf dem Heimweg hatte sie ein Gefühl, als ob man sie verfolgte; sie
erkannte freilich bald, dass das nur eine Täuschung gewesen war, fand es nun auch
nicht mehr auffallend, dass jener Kutscher sie höflich gegrüsst, und nicht
bedrohlich, dass zwei Weiber im Stiegenhaus mit hinterhältigem Blick sie gemessen
hatten; trotzdem war sie sich klar darüber, dass sie diesen Weg unmöglich noch
einmal gehen oder auch bei einer anderen gefälligen Dame ihr Glück versuchen
könne. Es kam ihr der Einfall, nach Salzburg zu ihrer Mutter zu fahren und ihr
alles zu gestehen. Die musste doch begreifen, musste irgendeine Hilfe für die
Tochter wissen. In ihren Romanen kamen doch viel schlimmere Dinge vor, und am
Schlüsse ging alles gut aus. Und in dem Salzburger Haus, was waren da für
verdächtige Geschichten passiert! Waren nicht nachts Offiziere und verschleierte
Damen aus dem Tor auf die Strasse geschlichen? Und hatte die Mutter nicht sie
selbst an einen alten Grafen verkuppeln wollen? Aber bei all dem - wie sollte
die Mutter ihr helfen? Sie verwarf den Plan wieder. Dann dachte sie aufs
Geratewohl irgendwohin zu reisen, wo man sie nicht kannte, in der Fremde das
Kind auf die Welt zu bringen, es einem kinderlosen Ehepaar zur Pflege zu
überlassen oder zu schenken oder einfach nachts vor eine Türe zu legen und zu
fliehen. Endlich fiel ihr ein, ob sie nicht Alfred aufsuchen, sich ihm
anvertrauen, seinen Rat erbitten könnte. Solche Einfalle und noch andere mehr,
die sie gleich wieder verwarf, gingen ihr durch den Kopf, nicht nur nachts oder
wenn sie sonst allein mit sich war; auch während sie mit der Familie Eppich bei
Tische sass, mit den Mädchen spazieren ging, ja, sogar während sie ihnen bei den
Aufgaben half. Und sie war schon so gewohnt, ihre Berufspflichten mechanisch und
seelenlos zu erfüllen, dass wirklich niemand zu merken schien, was mit ihr und in
ihr vor sich ging.
    Indes musste die Frau, bei der sie zuletzt Rat und Hilfe gesucht hatte,
längst vom Lande zurückgekehrt sein, und an irgendeinem Morgen sagte sich
Terese, dass sie nichts Vernünftigeres tun konnte, als doch noch einmal den Weg
zu ihr zu gehen. Schriftlich, ohne ihren Namen zu nennen, aber mit deutlicher
Bezugnahme auf die neulich stattgehabte Unterredung, kündigte sie sich für den
nächsten Tag an.
 
                                       39
Wenige Stunden vor dem beabsichtigten Besuch kam ein Brief von Kasimir. Er war
daheim gewesen, so schrieb er ihr, daheim bei seiner Mutter, wundere sich, dass
er aus Ischl nichts von Terese gehört habe, heute erst, soeben, hatte er ihren
Brief bei dem Portier des Hauses vorgefunden, - »wo wir einst so selig gewesen
sind«. Ja, so stand wörtlich zu lesen, und es schwindelte Teresen. Er müsse sie
wiedersehen, so endete sein Schreiben, und wenn sein Leben auf dem Spiel stünde.
    Sie wusste, dass er log. Er war sicher gar nie fort gewesen, er hatte auch
gewiss alle ihre Briefe erhalten, nicht diesen letzten nur; aber auch seine Lügen
gehörten zu ihm, ja gerade die waren es, die ihn so liebenswert und
Verführerisch machten. Und sie fühlte ihre eigene Liebe zu ihm so stark, dass sie
sich vermessen wollte, ihn von nun an halten, ihn für alle Ewigkeit an sich
fesseln zu können. Und vorerst, solange es eben noch möglich war - oh, es war
noch lange möglich - noch viele Wochen lang, sollte er von ihrem Zustand nichts
erfahren. Was sie ihm früher davon erzählt, das hatte er gewiss längst vergessen.
Oder, wenn er sich erinnerte und sie nichts davon sprach, so würde er eben gerne
annehmen, dass sie sich geirrt hatte. Nur wieder zu ihm, endlich wieder in seinen
geliebten Armen ruhen.
    Sie trafen einander beim Stadtpark, wie in jenen fernen schönen Zeiten. Es
war ein kalter unfreundlicher Herbstabend, und Kasimir wartete schon, als sie
kam. Er schien ihr noch schlanker, hagerer geworden; trug keinen Havelock,
sondern einen ziemlich kurzen, allzu leichten, hellen Überzieher mit
aufgestelltem Kragen. Er begrüsste sie, als hätten sie einander tags zuvor zum
letztenmal gesehen. Ja, wie kam es nur, fragte er, dass sie ihm gar nicht
geschrieben hatte? Aber sie habe es doch getan, versicherte sie schüchtern, und
die Briefe seien auch abgeholt worden. Wie? Abgeholt? Offenbar von einem
Unberufenen! Ungeheuerlich! Er würde dem Portier schon einen Tanz machen. Sie
fragte ihn, warum er ihr denn nicht einfach nach Ischl geschrieben, dass er zu
seiner Mutter gefahren sei? - Ja, damit habe sie freilich nicht unrecht. Aber
wenn sie eine Ahnung hätte von den Zuständen daheim. Ein Bruder seiner Mutter
habe Selbstmord verübt, und er wies leicht auf den schwarzen Flor, den er um
seinen grauen weichen Hut trug. Aber er wollte heute lieber nichts von den
Dingen erzählen, die er daheim erfahren hatte. »Davon, Geliebte, ein andermal.«
So drückte er sich aus. Jetzt sei ja alles wieder gut. Er habe sogar Aussicht
auf eine fixe Anstellung bei einer illustrierten Zeitung, ausserdem habe ein
Kunständler einige seiner Bilder zum Verkauf übernommen.
    Im Gastofzimmer - ach, sie kannte es von früher her - und es war seiter
nicht freundlicher geworden - war er zärtlich wie noch nie und lustig, wie in
jenen allerersten Tagen. Er fragte nach ihren Sommererlebnissen und erkundigte
sich scherzhaft, ob sie ihm denn auch treu geblieben sei. Sie starrte ihn nur an
und begriff seine Frage wirklich so wenig, als hätten gewisse verworfene Pläne
bei ihr niemals bestanden. Sie erzählte von ihren Spaziergängen, ihren
Ausflügen, ihrer Reise nach Salzburg, den Anforderungen ihres Berufs, die sie
ein wenig übertrieb. Kasimir schüttelte unzufrieden den Kopf. Unwürdig sei es,
er blieb dabei, in solcher Sklaverei zu leben. Aber das sollte nicht lange mehr
dauern. Jedenfalls müsse sie das Haus der Familie Eppich verlassen und sich
lieber durch Lektionen fortzubringen suchen. Da habe sie doch mehr Freiheit. Er
würde ja auch bald sein fixes Einkommen haben, sie könnten eine gemeinsame
Wohnung beziehen, und warum - alles wohl erwogen - sollte man eigentlich nicht
heiraten? Wäre es nicht das Vernünftigste, sogar praktisch in gewissem Sinn? Es
half nichts, sie fühlte sich bereit, ihm zu glauben. Leichte Zweifel wollten
zwar in ihr aufsteigen, aber sie duldete nicht, dass sie Macht über sie gewannen.
Trotzdem aber hütete sie sich, Kasimir etwas von ihrem Zustand zu verraten. Der
rechte Augenblick dazu war noch nicht gekommen. Wer weiss, wie bald ihm das
Geständnis nur reine Freude bereiten würde!
    Schon drei Tage darauf, an einem Sonntagnachmittag, waren sie wieder
beisammen. Er hatte ihr, das erstemal seit ihrer Bekanntschaft, ein paar Blumen
gebracht, und was sie am meisten ergriff, er bot ihr einen ganz kleinen Betrag
als Rückzahlung eines Teils seiner Schuld an. Sie lehnte ab; er drang in sie,
und sie erklärte sich endlich bereit, das Geld von seinem ersten fixen
Monatsgehalt anzunehmen, aber früher in keinem Fall. Damit gab er sich zufrieden
und steckte das Geld wieder ein. Und nun hatte er sie noch um Entschuldigung zu
bitten wegen einer Sache, von der er ihr noch nichts verraten und die er ihr nun
nicht länger verhehlen wollte. Die Einleitung machte sie ängstlich; aber wie bat
sie ihm ab, als er ihr nichts anderes zu gestehen hatte -, als dass er diesmal
mit seiner Mutter von ihr gesprochen. Warum auch nicht? Wie bald sollten sich
die beiden Frauen von Angesicht zu Angesicht kennen- und lieben lernen. Teresen
standen die Tränen im Auge. Und nun wollte auch sie kein Geheimnis mehr vor ihm
haben. Er hörte sie ruhig, ernst, ja mit offenbarer Rührung an. Er hatte es ja
geahnt; und im Grunde war es ein Zeichen, dass sie füreinander bestimmt seien,
dass sie ewig zusammenbleiben sollten; ein wahres Schicksalszeichen. Aber er
hielt es für seine Pflicht, sie vor Übereilung zu warnen. Sie solle vorläufig
ihre Stelle im Hause Eppich doch lieber nicht aufgeben; man sehe ihr ja nicht
das geringste an, vor Neujahr müsse sie das Haus keineswegs verlassen, bis dahin
seien es noch zwei Monate, was könnte indessen alles geschehen, insbesondere, da
seine, Kasimirs, Angelegenheiten sich sichtlich zum Besseren wendeten. Sie
schied beruhigt, beinahe glücklich aus seinen Armen, in zwei bis drei Tagen
spätestens wollte er wieder von sich hören lassen.
    Doch sie musste auf die versprochene Nachricht eine Woche lang warten; und
als sie kam, war es eine bittere Enttäuschung, denn Kasimir hatte in der
leidigen Erbschaftsangelegenheit unvermutet nach Hause reisen müssen. Sie
schrieb ihm sofort an die Adresse, die er ihr angegeben; schrieb ein zweites,
ein drittes Mal; es kam keine Antwort. Endlich entschloss sie sich auf das
Kuvert, was sie bisher nicht getan, ihren Namen und ihre Adresse zu setzen; -
drei Tage darauf nahm sie persönlich von dem Postboten den Brief wieder in
Empfang mit dem Vermerk: Adressat hierorts unbekannt. Ihre Erschütterung war
nicht so tief, als sie erwartet hätte; sie war ja im Innersten auf dergleichen
vorbereitet gewesen. Aber sie wusste nun auch, dass es keinen Ausweg mehr für sie
gab als den einen längst beschlossenen, wie immer die Sache enden sollte.
Dennoch verschob sie die Ausführung des Entschlusses von Tag zu Tag; ihre
angstvolle Unruhe wuchs. In der Nacht quälten sie böse Träume. Der Zufall wollte
überdies, dass eben wieder in der Zeitung von einem Prozess gegen einen Arzt wegen
Verbrechens gegen das keimende Leben zu lesen war, und plötzlich war Terese
völlig überzeugt davon, dass es ihr sicherer Tod wäre, wenn sie den gefürchteten
Eingriff an sich vornehmen liesse. Und als sie sich entschieden hatte, nichts zu
unternehmen und den Dingen ihren Lauf zu lassen, kam eine seltsame, ihr zugleich
unheimliche und sie doch beglückende Ruhe über sie.
 
                                       40
Als sie einmal mit ihren Zöglingen durch die innere Stadt ging, trat sie mit
ihnen halb zufällig, halb absichtlich in die Stefanskirche. Seit jenem
Sommertag, an dem ihr die Kunde vom Tod ihres Vaters geworden war, hatte sie
kein Gotteshaus betreten. Sie standen vor einem Seitenaltar fast im Dunkel. Das
jüngere Mädchen, das zu Frömmigkeit neigte, liess sich auf die Knie nieder und
schien zu beten. Das ältere liess ihre Blicke gleichgültig und etwas gelangweilt
umherschweifen. Terese fühlte ihr Herz in wachsendem Vertrauen der eigenen
Zukunft entgegenschwellen. Sie war niemals im eigentlichen Sinne gläubig
gewesen. Als Kind und junges Mädchen hatte sie an allen vorgeschriebenen
Religionsübungen mit Beflissenheit, aber ohne tieferes Ergriffensein
teilgenommen. Heute zum erstenmal beugte sie aus einem inneren Drang das Haupt,
faltete die Hände in wortlosem Gebet und verliess die Kirche mit dem Vorsatz,
bald und oft wiederzukehren. Und wirklich ergriff sie von nun an jede
Gelegenheit, entweder allein oder mit den beiden Mädchen, wenn auch nur auf
Minuten, in irgendeine Kirche zu treten, die eben auf dem Wege lag, um eine
kurze Andacht zu verrichten. Bald genügte ihr das nicht mehr, und am ersten
Dezembersonntag erbat sie sich von Frau Eppich, die nicht verwundert schien,
Urlaub zur Frühmesse. Dort, ob es nun morgendliche Ermüdung war oder Mangel an
wahrer Frömmigkeit, wie sie sich selbst vorwarf - unter den vielen Menschen,
trotz Orgelklang und weihevoller Zeremonie, blieb sie unberührt, und als sie in
den kalten Wintermorgen hinaustrat, war ihr öder ums Herz als sonst. Mit um so
tieferer Inbrunst betete sie nun jeden Abend daheim, wie sie es in verflossenen
Kinderzeiten getan. Und so, wie sie damals mit selbstgefundenen Worten für sich,
die Eltern, die Lehrerinnen, die Freundinnen, ja sogar für ihre Puppen die Gnade
des Himmels erfleht hatte, so erflehte sie jetzt göttliche Nachsicht und
Verzeihung nicht nur für sich, sondern auch für ihre Mutter, die sie als eine
verirrte und verwirrte Seele erkannte, für das Kind, dessen erste Lebensregungen
sie nun in ihrem Schösse zu fühlen begann, ja sogar für Kasimir, der, was er nun
immer sonst sein mochte, dieses Kind gezeugt hatte und vielleicht doch später
einmal zu ihm und auch zu ihr zurückfinden würde. Und einmal geschah es ihr, dass
sie auch für ihres Vaters ewige Seligkeit ein Gebet emporschickte und nachher
inbrünstige befreiende Tränen in ihre Kissen weinte.
    Wenige Tage vor Weihnachten bat Frau Eppich Terese zu sich ins Zimmer und
eröffnete ihr, dass man sie nun leider nicht länger im Hause behalten könne.
Eigentlich habe sie erwartet, dass Terese selbst rechtzeitig ihren Abschied
nehmen werde; da diese sich aber offenbar einer in solchen Fällen nicht seltenen
Täuschung hingebe, müsse sie schon mit Rücksicht auf die beiden Mädchen darauf
bestehen, dass Terese heute, spätestens morgen das Haus verlasse. »Morgen«,
wiederholte Terese tonlos. Frau Eppich nickte kurz. »Man ist im Hause schon
vorbereitet. Ich habe erzählt, dass Ihre Mutter in Salzburg erkrankt sei.« -
Leise und wie mechanisch erwiderte Terese: »Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre
Güte, gnädige Frau«, begab sich in ihr Zimmer und packte ihre Sachen.
    Der Abschied ging rasch und ohne besondere Rührung vonstatten. Doktor Eppich
äusserte die Hoffnung, dass ihre Mutter sich bald wieder erholen werde, die
Mädchen glaubten oder taten so, als glaubten sie an eine baldige Rückkehr
Teresens; in dem spöttischen Blick des jungen Herrn George aber las sie
deutlich: Oh, wie bin ich klug gewesen!
 
                                       41
Sie übernachtete wieder einmal bei Frau Kausik. Doch schon am nächsten Morgen
sah sie ein, dass in diesen trübselig-dürftigen Verhältnissen ihres Bleibens
nicht mehr sein konnte. Sie machte einen Überschlag. Da der Rest des kleinen
väterlichen Erbteils an sie ausbezahlt worden war, hoffte sie bei einiger
Sparsamkeit wohl ein Jahr lang auszulangen. Vor allem galt es, eine Zuflucht für
die nächste schwere Zeit zu finden; aber was dann, fragte sie sich, wenn es sich
nicht mehr um sie allein handeln würde? Gedanke und Atem stockten ihr, als wäre
ihr nun erst, was ihr bevorstand, mit völliger Klarheit zu Bewusstsein gekommen.
Und plötzlich, als wäre dies das einzige Wesen, bei dem sie Verständnis nicht
nur für ihre äussere Lage, sondern auch für ihren Seelenzustand finden könnte,
fiel ihr Frau Ruhsam ein, deren freundliche Erscheinung in ihrer Erinnerung wie
eine neue Hoffnung auftauchte, und sie machte sich auf den Weg zu ihr, ohne sich
einzugestehen, dass auch noch eine andere Hoffnung sie dortin zog als die, für
die Dauer der schwersten Zeit ein Heim bei ihr zu finden.
    Frau Ruhsam schien gar nicht erstaunt, Terese wiederzusehen. Als diese
zögernd und ungeschickt mit ihren Fragen hervorrückte, liess Frau Ruhsam einige
Ungeduld merken, nahm offenbar an, dass ihr zu der eigentlich beabsichtigten
Frage nur der Mut fehle, kam ihr zu Hilfe und erklärte sich bereit, ihr einen
Arzt zu empfehlen, der die kleine Operation hier im Hause vornehmen könne. Die
Kosten freilich - Terese unterbrach sie. Nicht darum war sie gekommen, an
dergleichen denke sie nicht mehr. »Also, wegen der Wohnung«, meinte Frau Ruhsam.
»Das wäre dann - sie mass Terese mit prüfenden Blicken - für Mitte oder Ende
März.« Allerdings hätte sie einige Vormerkungen gerade für diese Zeit, aber sie
wolle sehen, was sich machen liesse. Terese hatte zwar auch daran nicht gedacht,
aber das Anerbieten lockte sie. Hier gab es Ruhe, Freundlichkeit, vielleicht
sogar Güte; - alles, wonach es ihr so sehr verlangte. Sie erkundigte sich nach
den Bedingungen; - ein Aufentalt von drei Wochen hätte Teresens ganzes
Vermögen aufgezehrt. »Es ist wirklich nicht übertrieben«, meinte Frau Ruhsam.
»Vielleicht kommt die Dame einmal mit dem Herrn Gemahl herauf, und der Herr
Gemahl schaut sich selber alles an!« Die Herrschaften würden gewiss nichts
Besseres finden und überdies die absoluteste Diskretion. Sogar was die
polizeiliche Meldung anbelange - auch in dieser Hinsicht habe man seine
Verbindungen. Terese erwiderte, dass sie die Sache »mit ihrem Gemahl« besprechen
werde, und ging.
    So entschloss sie sich denn, vorläufig weiter bei Frau Kausik zu wohnen, und
schickte sich bald wieder in die kleinen Verhältnisse, die sie dort vorfand.
Frau Kausik war den ganzen Tag ausser Haus; um so mehr war Terese mit den
Kindern zusammen, und es war ihr lieb, indem sie ihnen bei den Aufgaben half und
mit ihnen spielte, ihre eigenen erzieherischen Talente anfangs in einer gewissen
Übung zu erhalten. Überdies empfand sie sich hier ausserhalb jeder
Entdeckungsmöglichkeit, wie in einer fremden Stadt, wie in einem anderen Land
beinahe. Und allmählich, nicht nur in ihrer äusseren Existenz, auch in ihrer
Redeweise, ja fast im Dialekt, passte sie sich dem Ton der Leute an, unter denen
sie jetzt lebte. Auf ihre Kleidung verwandte sie von Tag zu Tag weniger
Sorgfalt, und die rasch fortschreitende Veränderung ihrer Gestalt förderte sie
in einer Nachlässigkeit, die gleichfalls angetan war, sie von ihrer früheren
Welt, von ihrem früheren Dasein gleichsam abzuschliessen.
    Um sich die Langeweile zu vertreiben, die sie oftmals überkam, nahm sie in
einer vorstädtischen Leihbibliotek ein Abonnement, und wahllos, aber immer
gespannt und oft ganz versunken in eine phantastisch-triviale Welt, durchflog
sie ganze Bände während der zahlreichen Stunden, die sie allein in ihrer
trübseligen Kammer verbrachte. Gelegentliche Unterhaltungen gab es nur, meist im
Stiegenhaus, mit den kleinbürgerlichen Nachbarsfamilien, und wenn von
irgendeiner Seite eine Bemerkung über Teresens Zustand fiel, so geschah das
beiläufig, gutmütig, scherzhaft, ohne dass irgendwer in diesen Kreisen an
Teresens Schwangerschaft etwas Besonderes gefunden oder gar daran Anstoss
genommen hätte.
    Doch gab es Augenblicke, besonders am frühen Morgen, wenn sie noch zu Bette
lag, in denen sie, aus ihrer Dumpfheit erwachend, ihr ganzes Dasein als
unbegreiflich und beinahe als unwürdig empfand. Aber kaum war sie wieder, meist
schon nach der ersten unwillkürlichen Bewegung, zum Bewusstsein ihrer
Körperlichkeit gelangt, da war ihr, als flute von dem neuen Leben, das sich in
ihr entwickelte, durch alle ihre Glieder wie aus einem verborgenen Quell ein
Strom süssen Erschlaffens, in dem ihr ganzes Wesen, einem naturhaften Geschick
angstlos und demütig hingegeben, sich wundersam löste. Von all den Beschwerden,
die die Schwangerschaft so vielen Frauen zu bringen pflegt, blieb sie vollkommen
frei, ja eher befand sie sich in einem Zustand erhöhten Wohlseins. Nur eine
gewisse körperliche Trägheit steigerte sich von Tag zu Tag, und es begegnete
ihr, dass sie des Morgens, während sie auf dem Bett sitzend sich kämmte,
minutenlang wie erstarrt blieb, den Kamm in den Haaren, und das fremde Gesicht
anblickte, das ihr aus dem holzgerahmten Spiegel an der im übrigen kahlen Wand
entgegensah -, ein bleiches, feistes, beinahe gedunsenes Gesicht mit halb
offenen, etwas bläulichen Lippen und grossen, staunenden, leeren Augen. Dann, aus
ihrer Erstarrung zu sich kommend, schüttelte sie wohl den Kopf, kämmte sich
weiter, sang leise vor sich hin, erhob sich schwer und trat näher zum Spiegel
hin, so dass ihr Bild für eine kurze Weile im Hauch ihres Atems verschwand. Wenn
es dann wieder erschien, lag eine seltsame Traurigkeit darin, von der Terese
früher nichts geahnt hatte.
    An einem klaren Febertag hatte die Lektüre eines Romankapitels, darin
grossstädtisches Treiben in abendlich erleuchteten Strassen verlockend geschildert
war, die Sehnsucht in ihr wachgerufen, selbst wieder einmal etwas so Fröhliches
und Leuchtendes zu schauen; und es fiel ihr ein, dass nichts leichter war, als
diese Sehnsucht zu befriedigen. Es genügte, das Gesicht hinter einem Schleier zu
verbergen; an ihrer Gestalt, dessen konnte sie sicher sein, würde sie niemand
erkennen. Am späten Nachmittag verliess sie das Haus, verspürte anfangs eine
beträchtliche Schwere in den Beinen, die aber wie durch einen Zauber verschwand,
als Terese auf eine Hauptstrasse geraten war, deren lange wohlbeleuchtete Zeile
ihr schon einen Gruss aus noch helleren und prächtigeren Regionen zuzuwinken
schien. Sie fuhr mit der Trambahn bis zur Oper, liess sich von der Menge
weitertreiben, blieb da und dort vor Auslagen stehen und war von Licht, Lärm und
Gedränge beunruhigt und beglückt zugleich. Sie besorgte einige kleine, längst
notwendig gewordene Einkäufe, und es berührte sie merkwürdig, dass man sie zum
erstenmal in ihrem Leben als »gnädige Frau« ansprach. Als sie das Geschäft
verliess, überfiel sie eine grosse Müdigkeit, sie eilte heimzukommen und legte
sich sofort zu Bett. Frau Kausik stellte beiläufig die Frage an sie, was sie
denn eigentlich für die nächste Zeit für Absichten habe. Hier könne sie ja doch
nicht bleiben, und es wäre hohe Zeit für sie, sich um ein geeignetes Quartier
umzusehen. Frau Kausik liess das Wort Findelhaus fallen. Terese erschrak, davon
wollte sie nichts wissen, und am nächsten Morgen machte sie sich auf ein Zimmer
zu suchen.
 
                                       42
Das Unternehmen war schwieriger, als sie gedacht hatte. Jedes Quartier hatte
seine Unzukömmlichkeiten, die sich nicht immer im ersten Augenblick erkennen
liessen, und so war Terese innerhalb von wenigen Wochen dreimal genötigt zu
übersiedeln, bis sie endlich bei einer ältlichen Frau in einem vierten Stockwerk
ein Zimmer fand, das reinlich und nett gehalten war - und in dessen
Nachbarschaft nicht ein halbes Dutzend Kinder schrien und lärmten oder ein
betrunkener Mann seine Frau prügelte. Die Vermieterin, Frau Nebling, schien nach
Aussehen und Redeweise besseren Kreisen anzugehören. Sie trug zu Hause ein
abgetragenes, aber gutgeschnittenes Morgenkleid aus rosa Samt, und beim
Aufräumen, das sie selbst besorgte, hatte sie lange, freilich vielfach gestopfte
Handschuhe über die Finger gezogen. In den ersten Tagen sprach sie nur wenig mit
Teresen und besorgte ihr das bescheidene Mittagessen, ja nahm auch zuweilen
daran teil, ohne sich mit ihr in längere Unterhaltungen einzulassen. Nachmittags
entfernte sie sich und kam erst am späten Abend oder nachts wieder nach Hause.
    So war Terese viel allein und machte gern von dem ihr eingeräumten Recht
Gebrauch, sich im sogenannten Salon aufzuhalten, der mit seinen hellen Vorhängen
und den Ölbildern an den Wänden freundlicher erschien als das schmucklose
Kabinett, in dem Terese wohnte. Nach den vielen Umzügen der letzten Wochen
fühlte sie sich so müde, so schwer, dass sie sich kaum entschliessen konnte, das
Haus zu verlassen. Sie las keine Bücher mehr, immer nur die Zeitung, diese aber
vom ersten bis zum letzten Wort, ganz mechanisch, ohne am Ende eigentlich zu
wissen, was darin stand. Dann versuchte sie sich wohl die verschiedenen Menschen
in ihre Erinnerung zurückzurufen, die bisher in ihrem Leben bedeutungsvoll
gewesen waren. Aber es gelang ihr selten, die Gedanken auch nur für kurze Zeit
fest an eine bestimmte Gestalt zu heften; jede entschwebte ihr gleich wieder,
und so geisterten sie alle durcheinander, traumhaft, fremd und fern. Mit sich
selbst erging es ihr kaum anders. Wieder einmal kam sie sich gleichsam abhanden,
sie fasste ihr Schicksal, sie fasste ihr Wesen nicht mehr; - dass der unförmliche
Leib, an dem sie herunterblickte, dass die Hände, die verschlungen auf ihren
Knien lagen, ihr zugehörten, - dass ihr Vater im Irrenhaus gestorben war, dass sie
die Geliebte eines Leutnants gewesen, dass irgendwo in einem mährischen oder
böhmischen Nest oder weiss Gott wo in der Welt ein Mensch lebte, von dem sie ein
Kind bekommen sollte ... all das war ebenso unwirklich für sie, als es dieses
Kind selbst war, das sich doch seit vielen Wochen schon mit unerbittlichen
Zeichen seines Daseins in ihr regte und dessen Herz sie gleichsam in ihrem
eigenen klopfen fühlte. Es war ihr, als hätte sie dieses noch ungeborene Kind
früher einmal geliebt; sie wusste nicht recht wann, und ob stunden- oder
tagelang; aber jetzt spürte sie von dieser Liebe nichts in sich und weder
Staunen noch Reue darüber, dass es sich so verhielt. Mutter ... Sie wusste, dass
sie es werden sollte, dass sie es war, aber es ging sie eigentlich nichts an. Sie
fragte sich wohl, ob es anders wäre, wenn sie ihr Frauenlos in einer anderen, in
einer schöneren Weise hätte erleben dürfen, als ihr nun einmal beschieden war,
wenn sie, wie andere Mütter, in einer wenigstens äusserlich gefestigten Beziehung
zu dem Vater des Kindes, oder wenn sie gar als Ehefrau innerhalb eines
geordneten Hausstandes die Stunde der Geburt hätte erwarten dürfen. Aber all das
war ihr so unvorstellbar, dass sie es sich auch nicht als ein Glück vorstellen
konnte.
    Und ein oder das andere Mal kam ihr wieder der Einfall - da sie jetzt so gar
keine Regung von Mütterlichkeit in sich verspürte, keine Sehnsucht nach, kaum
ein Wissen von dem Kinde -, ob nicht doch alles nur ein Schein, nur ein Irrtum
sein könnte? Sie hatte einmal gehört oder gelesen, dass es gewisse Zustände gebe,
die eine Schwangerschaft nur vortäuschten. War es nicht denkbar, da ihre Seele
so gar nichts von diesem Kinde wusste und wissen wollte, dass das, was sie in
diesen letzten Monaten körperlich erlebte, nichts anderes war als Reue,
schlechtes Gewissen, Angst - die sie vor sich selbst ableugnen wollte - und die
von ihrem Vorhandensein auf diese Weise Kunde gaben? Das seltsamste aber war,
dass sie sich nach dem Ende dieser Zeit gar nicht sehnte, ja, eher empfand sie
eine gewisse Scheu davor, wieder in die Welt zurück zu müssen, die sie
verlassen. Würde sie sich jemals wieder in den geordneten Gang des Lebens zu
finden verstehen, jemals wieder mit gebildeten Menschen reden, sich einer
regelmässigen Tätigkeit widmen, eine Frau unter anderen Frauen sein können? Sie
war jetzt ausserhalb alles Seins und alles Tuns gestellt; und es bestand
eigentlich keine Beziehung für sie als die zu dem unendlich fernen bläulichen
Stück Himmel, in das ihr Blick versank, wenn sie in der Ecke des Diwans lehnte.
So verschwebte, so irrte, so träumte Teresens Sinn sich ins Leere und verlor
sich gerne darin, als wenn ihr ahnte, dass, sobald sie sich in die Wirklichkeit
zurückfand, doch nur Sorge und Kummer zum Empfang bereitstehen würden.
    Was Terese zuweilen sonderbar berührte, das war, dass Frau Nebling von ihrem
Zustand überhaupt nichts zu bemerken schien, jedenfalls in keiner Weise die
geringste Notiz davon nahm. Mittags assen die beiden Frauen gemeinsam,
nachmittags verliess Frau Nebling das Haus und kam nach wie vor erst in später
Stunde wieder. Zuweilen überfiel Terese das Gefühl ihrer Einsamkeit drohend,
wie ein plötzlicher Schreck. Da kam ihr einmal der Einfall, Sylvie mittelst
eines kurzen Billetts zu sich zu bitten. Doch als diese tatsächlich am
darauffolgenden Sonntag nach ihr fragte, liess Terese ihr durch Frau Nebling
bestellen, dass sie schon wieder, unbekannt wohin, übersiedelt sei.
    Eines Tages, als sie zum Fenster hinausblickte, sah sie ihren Bruder um die
Ecke biegen, hatte eben noch Zeit, rasch ins Zimmer zurückzutreten, und
ängstigte sich ein paar Minuten lang, dass er sie gesehen haben, ins Haus treten
und nach ihr fragen könnte. Dann wieder schämte sie sich dieser lächerlichen
Angst in der Erwägung, dass sie doch keinem Menschen auf der Welt weniger
Rechenschaft schuldig sei als gerade ihm. Im übrigen befand sie sich wohl und
sicher; Frau Nebling hatte mit keinem Worte darauf angespielt, dass ihr ein
weiterer Aufentalt Teresens unbequem oder gar peinlich sein könne, an
Geldmitteln mangelte es ihr vorläufig nicht -, wenn es not tat, konnte sie auch
einen Arzt holen lassen, der in jedem Fall zur Diskretion verpflichtet war; dass
Frau Nebling sie etwa mit dem Kind von heute auf morgen aus dem Hause jagen
würde, hielt sie für undenkbar, und in jedem Fall würde sich von hier aus alles
weitere ohne Übereilung in Ordnung bringen lassen.
    In diesen Tagen spielte sie auch manchmal mit dem Gedanken, an Alfred zu
schreiben. Sie wusste zwar, dass sie es doch nicht tun würde; aber sie spann den
Gedanken gerne fort, stellte sich vor, dass er zu ihr hereinträte, von ihrem
Schicksal ergriffen, ja erschüttert wäre; - und sie träumte weiter: er liebte
sie noch immer, ganz gewiss, auch ihr Kind würde er lieben; er nahm sie zur Frau;
er war Arzt auf dem Lande, sie lebten zusammen in einer schönen Gegend, sie
bekam zwei Kinder von ihm, drei; - und war er denn nicht eigentlich auch der
Vater dieses ersten, das sie erwartete? Jener Kasimir Tobisch, existierte denn
der wirklich? Hatte er nicht immer etwas Gespenstisches an sich gehabt? Ja, war
er nicht vielleicht der Satan selber gewesen? Alfred war ihr Freund, ihr
einziger Freund, ja ihr Geliebter, auch wenn er nichts davon wusste. Und seine
Erscheinung veränderte sich wundersam in der Erinnerung ihres Herzens. Sein
sanftes, allzu sanftes Antlitz veredelte sich, so dass es beinahe dem eines
Heiligen glich; seine Stimme klang ihr dunkel und süss durch Zeitenfernen, und
wenn sie sich in rückgewandten Gedanken mit ihm auf jener weiten abendlichen
Ebene zärtlich umschlungen sah, so war es ihr zugleich, als schwebte sie mit ihm
vom Erdboden langsam empor dem Himmel zu.
 
                                       43
In einer Aprilnacht, wohl zehn Tage früher, als sie erwartet, wurde sie von den
Wehen überrascht. Sie sprang aus dem Bett, klopfte an die Türe der Frau Nebling,
die aber noch nicht zu Hause war, dachte daran, die Stiegen hinunterzueilen oder
wenigstens im Treppenhaus nach der Hausbesorgerin zu rufen; aber an der
Wohnungstüre hielt sie inne; die Schmerzen hatten nachgelassen; sie begab sich
in ihr Zimmer zurück und legte sich zu Bett. Doch nach wenigen Minuten schon
setzten die Schmerzen wieder ein. Ob nicht noch Zeit wäre, ins Krankenhaus zu
fahren - ob sie nicht vom Fenster aus nach einem Wagen rufen sollte? Konnte sie
nicht auch zu Fuss hingehen? Es war ja nicht gar weit. Wieder erhob sie sich,
öffnete den Schrank, begann Kleidungsstücke und Wäsche herauszunehmen, dann,
ermüdet, liess sie die Hände sinken und setzte sich wieder hin. Nach kurzer Zeit,
in neuen, immer furchtbareren Schmerzen, lief sie im Zimmer hin und her, dann in
den Vorraum, ins Zimmer zurück, legte sich hin, stöhnte, schrie; sie liess es
darauf ankommen, dass man sie hörte. Warum sollte man sie nicht hören? War es
denn eine Schande, was ihr geschah? Niemand im Hause wusste, wer sie war. Der
Name selbst bedeutete ja nicht viel. Warum aber hatte sie den richtigen
angegeben? Warum war sie überhaupt in Wien geblieben? Hätte sie sich nicht
irgendwo auf dem Land verbergen können? War es denn möglich!? Sie bekam ein
Kind? Sie, Terese Fabiani, die Tochter eines Oberstleutnants und einer
Adeligen, bekam ein Kind? Nun sollte es wirklich wahr werden, dass sie ein
uneheliches Kind bekam?
    Frau Nebling stand plötzlich in der offenen Tür mit erschrockenen Augen. Nun
ja, bis ins Stiegenhaus hatte sie Terese schreien gehört. Wie, sie hatte
geschrien? Oh, es war nichts. Es konnte ja auch noch nichts sein. Frühestens in
zehn Tagen. Sie war nur aus einem bösen Traum aufgefahren. Frau Nebling
entfernte sich wieder. Terese hörte das Möbelrücken, das Huschen im
Nebenzimmer, wie sie es allnächtlich gewohnt war; ein Fenster wurde aufgemacht
und wieder geschlossen. Sie begann einzuschlafen. Plötzlich weckte der Schmerz
sie von neuem auf. Sie verbiss ihn in ungeheuerer Überwindung, presste ihr
Taschentuch zwischen die Zähne, krampfte die Hände in die Bettkissen. Bin ich
verrückt? fragte sie sich. Was tu' ich denn, was will ich denn? Ach, könnte ich
sterben. Vielleicht sterbe ich, dann wäre alles gut. - Was soll ich mit einem
Kinde anfangen? Was würde mein Bruder dazu sagen? Alle Scham ihrer Mädchenjahre
war in ihr erwacht. Es kam ihr unfassbar vor, wie ein böser Traum, dass es dahin
mit ihr gelangt war, dass so schreckliche Dinge, wie sie doch sonst nur andern
passierten, wie man sie manchmal in der Zeitung oder in Romanen las -, dass sich
die an ihr, an Terese Fabiani erfüllen sollten. War es nicht jetzt noch Zeit,
allem ein Ende zu machen? »Hilfe! Hilfe!« schrie sie plötzlich auf. Wieder
sprang sie aus dem Bett, schleppte sich durch das Nebenzimmer vor die Türe der
Frau Nebling, horchte, klopfte, alles blieb still. Sie erholte sich wieder. Was
wollte sie denn von Frau Nebling? Sie brauchte sie nicht. Niemanden brauchte
sie. Allein wollte sie sein, auch weiterhin, wie sie es die ganze Zeit über
gewesen war. Es war besser so. Dann, auf ihrem Bett, lag sie wieder still, bis
die Schmerzen plötzlich mit einer so ungeheueren Macht über sie kamen, dass sie
nicht einmal mehr zu schreien vermochte. Nun war es wohl auch zu spät,
irgendeine Hilfe zu holen. Nein, keine Hilfe, nein. Sie wollte ja zugrunde
gehen. Es war das beste, wenn sie zugrunde ginge, - sie und das Kind und mit ihr
die ganze Welt.
 
                                       44
Die Erlösung war da. In todestiefer und doch beglückender Ermattung lag Terese.
Eine Kerze auf dem Tisch brannte durch die Nacht. Wann nur hatte sie jene
angezündet? Sie wusste es nicht mehr. Und da war das Kind. Mit halboffenen,
blinzelnden Augen, mit einem verrunzelten, hässlichen Greisengesicht lag es da
und rührte sich nicht. Es war wohl tot. Gewiss war es tot. Und wenn es nicht tot
war, - in der nächsten Sekunde würde es sterben. Und das war gut. Denn auch sie,
die Mutter, die es geboren, musste sterben. Sie hatte nicht die Kraft, den Kopf
zu wenden, die Lider fielen ihr immer wieder zu, und sie atmete flach und rasch.
    Mit einem Male war ihr, als regte sich etwas in den Zügen des Kindes; auch
die Ärmchen und Beinchen bewegten sich, der Mund aber verzog sich wie zum
Weinen, und ein leises klägliches Wimmern klang an ihr Ohr. Terese erschauerte.
Nun, da das Kind Zeichen seines Lebens gab, wurde ihr sein Dasein unheimlich, ja
bedrohlich. Mein Kind, dachte sie. Und dieses Kind war ein selbständiges, ganz
für sich allein bestehendes Wesen, hatte Atem, Blick und ein Stimmchen, ein ganz
kleines, wimmerndes Stimmchen, das aber doch aus einer neuen lebendigen Seele
kam. Und es war ihr Kind. Aber sie liebte es nicht. Warum liebte sie es nicht,
da es doch ihr Kind war? Ach, das kam wohl daher, dass sie müde war, viel zu
müde, um irgend etwas auf der Welt lieben zu können. Und es war ihr, als wenn
sie aus dieser Müdigkeit ohnegleichen nie wieder völlig erwachen könnte. »Was
willst du in der Welt?« sprach sie in der Tiefe ihres Herzens zu dem leise
wimmernden, verrunzelten Geschöpf, während sie zugleich den rechten Arm darnach
ausstreckte und es an sich zu ziehen versuchte. Was sollst du ohne Vater und
Mutter auf der Welt, und was soH ich mit dir? Es ist gut, dass du gleich sterben
wirst. Ich werde allen sagen, dass du überhaupt nie gelebt hast. Wer wird sich
darum kümmern? Warst du denn nicht schon tot? War ich denn nicht bei drei Frauen
oder vieren, nur damit du nie auf die Welt kämest? Was soll ich denn jetzt mit
dir? Soll ich mit dir in der Welt herumziehen? Ich habe mich ja nur um andere
Kinder zu sorgen; - ich müsste dich ja doch weggeben; ich hätte dich ja gar
nicht. Und ich habe dich ja schon drei- oder viermal umgebracht, bevor du da
warst. Was soll ich denn mit einem toten Kind ein ganzes Leben lang? Tote Kinder
gehören ins Grab. Ich will's ja nicht zum Fenster hinauswerfen oder ins Wasser
oder in den Kanal ... Gott behüte. Ich will dich nur fest anschauen, damit du
weisst, dass du tot bist. Wenn du weisst, dass du tot bist, dann wirst du gleich
einschlafen und eingehen ins ewige Leben. Es dauert ja nicht lang, so komm' ich
nach. Oh, das viele, viele Blut!! Frau Nebling, Frau Nebling!!! Ach, warum ruf'
ich sie denn? Sie werden mich schon finden. Komm, Kinderl, komm, kleiner Kasimir
... Nicht wahr, du willst kein so böser Mensch werden wie dein Vater. Komm, da
liegst du gut. Ich deck' dich gut zu, dass dir nichts weh tun wird. Da unter dem
Kissen schläft sich's gut, stirbt sich's gut. Noch ein Kissen, dass dir wärmer
wird ... Adieu, mein Kind. Eins von uns zweien wacht nimmer auf- oder wir beide
nimmermehr. Ich mein's dir ja gut, mein süsses Kinderl. Ich bin nicht die rechte
Mutter für dich. Ich verdien' dich ja gar nicht. Du darfst nicht leben. Ich bin
ja für andere Kinder da. Ich hab' keine Zeit für dich. Gute Nacht, gute Nacht
...
    Sie wachte auf wie aus einem furchtbaren Traum. Sie wollte schreien, aber
sie vermochte es nicht. Was war denn nur geschehen? Wo war das Kind? Hatte man
es ihr weggenommen? War es tot? War es begraben? Was hatte sie denn mit dem Kind
getan? Da sah sie die Kissen hoch aufgeschichtet neben sich. Sie schleuderte sie
fort. Und da lag das Kind. Mit weit offenen Augen lag es da, verzog die Lippen,
die Nasenflügel, bewegte die Finger und nieste. Terese atmete tief, fühlte sich
lächeln und hatte Tränen im Aug'. Sie zog den Knaben nah an sich heran, nahm ihn
in die Arme, presste ihn an ihre Brust. Er drängte sich an sie und trank. Terese
seufzte tief auf, sie schaute um sich, es war ein Erwachen wie nie zuvor.
Morgenschein schwebte durch den Raum, Geräusche des Tages drangen herauf, die
Welt war wach. Mein Kind, fühlte Terese, mein Kind! Es lebt, lebt, lebt! Aber
wer wird es an die Brust nehmen, wenn ich tot bin? Denn sie selbst wollte ja,
musste ja sterben. Doch in ihrer Todessehnsucht war eine Wonne ohnegleichen. Das
Kind trank ihr das Leben aus der Seele fort, es schlürfte ihr Leben in sich ein,
Zug für Zug, und ihre eigenen Lippen wurden dürr und trocken. Sie streckte den
Arm nach der Teetasse aus, die noch von gestern abend her auf dem Nachtkästchen
stand, aber sie fürchtete, das Kind zu stören, und so zögerte sie eine Weile.
Das Kind aber, als könnte es verstehen, liess von ihrer Brust ab, so vermochte
Terese die Teeschale zu ergreifen, hatte sogar die Kraft, sich ein wenig
aufzurichten und die Tasse an die Lippen zu fuhren. Mit dem andern Arm aber
hielt sie das Kind, hielt es fest; und eine ferne Stunde stieg gespenstisch in
ihrer Erinnerung auf, eine Stunde in einem kleinen trübseligen Gastofzimmer,
darin sie eines fremden Manns Geliebte gewesen war und dieses Kind empfangen
hatte. Jene Stunde - und diese; - jene Nacht - und dieser Morgen; - jener Rausch
- und diese Klarheit ohnegleichen ... standen die wirklich in irgendeinem
Zusammenhang? Fester drückte sie den Knaben an sich und wusste, dass er ihr allein
gehörte.
 
                                       45
Als Frau Nebling eintrat, zeigte sie sich über das Vorgefallene nicht im
geringsten erstaunt. Sofort, ohne sich mit Bemerkungen oder Fragen aufzuhalten,
mit der Geschicklichkeit einer gelernten Hebamme, sorgte sie für alles, was der
Augenblick erforderte, und es erwies sich nun, dass sie in jeder Hinsicht auch
trefflich vorgesorgt hatte. Ein Arzt erschien, ein freundlicher älterer Herr,
auch etwas altmodisch gekleidet, setzte sich an Teresens Bett, nahm, soweit es
nötig, seine Untersuchungen vor, gab Verordnungen und Ratschläge und tätschelte
beim Abschied Teresens Wangen väterlich und zerstreut.
    An diesem ersten Tage und an den nächstfolgenden befand sich Terese in so
guter Hut und Pflege, dass es auch einer glücklichen jungen Ehefrau im Wochenbett
eines wohlgeordneten Heims nicht besser hätte ergehen können. Frau Nebling
selbst aber schien seit der Geburt des Kindes geradezu eine andere geworden. Die
früher so schweigsam gewesen, plauderte mit Terese wie eine alte Freundin, und
ohne auch nur fragen zu müssen, erfuhr Terese allerlei aus ihrem Leben, unter
anderm, dass sie an einer Operettenbühne für ältere Rollen engagiert sei, wo sie
zufällig gerade in diesen Wochen unbeschäftigt sei, dass sie dreimal Mutter
gewesen war und alle ihre Kinder sich am Leben, jedoch in der Fremde befanden.
Ob sie jemals verheiratet gewesen, ob die Kinder alle von demselben Vater
stammten, davon sprach sie nichts, so wenig es Teresen einfiel, von dem Vater
ihres eigenen Kindes und den Begleitumständen ihres traurigen Abenteuers zu
erzählen; und soviel auch von Mutterschaft und Mutterglück die Rede war, von
Liebesglück und -leid hatten die beiden Frauen einander so wenig mitzuteilen,
als hätten diese Dinge mit Mutterleid und Mutterglück überhaupt nicht das
geringste zu tun. Der Arzt erschien noch etliche Male zu eher freundschaftlichen
Besuchen; es stellte sich heraus, dass er Teaterarzt war und mit Frau Nebling
auf gutem Fusse stand; gelegentlich erzählte er mit einem gewissen trockenen
Humor spasshafte Geschichten aus seiner Welt, Anekdoten, auch Zweideutigkeiten,
die ihm Terese nicht übel nahm. Ein anderer Besuch stellte sich gleichfalls
öfters ein: der einer jungen Frau, die im gleichen Hause wohnte; die kinderlose
Gattin eines kleinen Angestellten, der den ganzen Tag auswärts im Amte war. Sie
sass am Bette Teresens und starrte mit feuchten Augen auf den Buben, den die
Wöchnerin an der Brust liegen hatte.
    Nach einer Woche besann sich Terese, dass es nun wohl an der Zeit sei, sich
um die Zukunft zu kümmern, und es zeigte sich, dass Frau Nebling auch in dieser
Hinsicht nicht untätig gewesen war. Eines Tages meldete sich eine wohlgenährte
ländlich gekleidete Frau, die sich bereit erklärte, das Kind gegen einen
verhältnismässig geringen Monatsbetrag in Pflege zu nehmen. Ihr eigenes Kind, ein
achtjähriges Mädchen, Agnes, hatte sie mitgebracht, das vertrauenerweckend
rotbäckig aussah und unmerklich schielte. Sie hatte schon öfters Kinder in
Pflege gehabt, erzählte sie. Das letzte sei erst kürzlich aus ihrem Hause
geschieden, da die Eltern geheiratet und das Kleine zu sich genommen hätten.
Dies erwähnte sie freundlich lächelnd, als müsste es auch für Terese als gute
Vorbedeutung gelten. Und ein paar Tage darauf sass Terese, ihren Kleinen im Arm,
mit Frau Nebling in einem Einspänner, der sie zum Bahnhof führte. Bald, nachdem
sie das Haus verlassen, an einer Strassenecke, überquerte ein Fussgänger die
Fahrbahn und warf einen zufälligen Blick in den Wagen. Terese hatte sich schon
früher vorsichtshalber unter das aufgespannte Dach gelehnt, doch ein Aufleuchten
in dem Blick des Fussgängers verriet ihr, dass er sie gesehen und erkannt hatte,
gerade so wie sie ihn. Es war Alfred, dem nach so langer Zeit zum erstenmal und
unter solchen Umständen zu begegnen, Terese im tiefsten berührte. Ein Zufall,
der ihr nicht unangenehm war, hatte es gefugt, dass in der Sekunde vorher Frau
Nebling das Kind für eine Weile aus Teresens Armen in die ihren genommen hatte.
»Das war er«, sagte Terese, wie vor sich hin, mit einem glücklichen Lächeln.
Frau Nebling beugte sich aus dem Wagen, sah nach rückwärts, wandte sich zurück
zu Terese: »Der junge Mensch mit dem grauen Hut?« Terese nickte. »Er steht
noch immer da«, sagte Frau Nebling bedeutungsvoll. Und jetzt erst war es
Teresen klar, dass nach ihrem Ausruf Frau Nebling den jungen Menschen mit dem
grauen Hut wohl für den Vater des Kindes halten musste. Terese klärte sie nicht
auf. Es war ihr eigentlich ganz recht so, und in lächelndem Schweigen verharrte
sie bis zum Bahnhof.
 
                                       46
Nach einer Fahrt von kaum zwei Stunden im Bummelzug waren sie an ihrem
Bestimmungsort angelangt. Die Bäuerin, Frau Leutner, erwartete sie an der
Station, und zwischen freundlichen, meist noch unbewohnten kleinen Villen
wanderten sie langsam durch den Ort, bis ein schmalerer Seitenweg gelinde
aufwärts zu einem von blühenden Obstbäumen umstandenen, nicht unansehnlichen
Gehöft führte, von dem aus, trotz der geringen Hohe, sich eine ausgebreitete
Rundsicht bot. Das Dorf, zugleich eine bescheidene Sommerfrische, lag ihnen zu
Füssen, das Bahngeleise lief ins Weite; die Landstrasse verlor sich zwischen
Hügeln in den Wald. Hinter dem Gehöft zog sich die Wiese bis an einen nahen
Steinbruch, dessen oberer Rand von Sträuchern überwachsen war. In einem reinlich
gehaltenen, etwas muffig riechenden niederen Raum setzte die Bäuerin ihren
Besuchern Milch, Brot und Butter vor, fing gleich an, sich mit Teresens Kind zu
beschäftigen, erklärte weitläufig, wie sie es mit der Ernährung und Pflege
halten wolle; dann, während Frau Nebling bei dem Kleinen blieb, wies sie
Teresen das Haus in allen seinen Räumen, den Garten, den Hühnerhof, die
Scheune. Der Bauer, hochaufgeschossen, gebeugten Ganges, mit hängendem
Schnurrbart, kam vom Felde heim, machte nicht viel Worte, betrachtete das Kind
mit glasigen Augen, nickte ein paarmal, schüttelte Teresen die Hand und ging
wieder. - Agnes, die Achtjährige, kam aus der Schule, schien erfreut, dass wieder
ein Kleines im Hause war, nahm es in die Arme, und ihr ganzes Verhalten zeigte,
dass auch sie es schon vortrefflich verstand, mit kleinen Kindern umzugehen. Frau
Nebling lag indessen auf ihrem Regenmantel unter einem Ahornbaum, der vereinzelt
etwas abseits vom Hause stand und an dessen Stamm unter Glas und Rahmen, von
einem welken Kranz umgeben, ein Marienbild befestigt war.
    Die Stunden flogen dahin; erst als der Augenblick des Scheidens nahte, kam
es Teresen zu Bewusstsein, dass sie nun von ihrem Kind fort sollte, fort musste
und dass ein merkwürdiger und bei allen Sorgen schöner Abschnitt ihres Lebens ein
für allemal abgeschlossen war. Auf der Heimfahrt sprach sie kein Wort mit Frau
Nebling, und als sie ihr Zimmer wieder betrat, in dem sie noch alles an den
Buben erinnerte, war ihr kaum anders zumute, als käme sie von einem Begräbnis
nach Hause.
    Das Erwachen am nächsten Morgen war so traurig, dass sie am liebsten gleich
wieder nach Enzbach hinausgefahren wäre. Ein plötzlich einbrechender Regenguss
hinderte sie daran; auch am nächsten Tage regnete und stürmte es, und am
übernächsten erst konnte sie wieder bei ihrem Kinde sein. Es war mildes
Frühlingswetter, man sass im Freien unter einem stillen blassblauen Himmel, der
sich in den Augen des Kindes widerspiegelte. Frau Leutner sprach viel mit
Terese, über allerlei häusliche und ländliche Angelegenheiten und allerlei
Erfahrungen, die sie im Laufe der Jahre mit ihren Pflegekindern gemacht hatte;
der Bauer gesellte sich diesmal für etwas länger zu ihnen, im übrigen verhielt
er sich so schweigsam wie das erstemal. Agnes liess sich nur beim Mittagessen
sehen, kümmerte sich heute wenig um das Kind und tollte gleich wieder davon.
Terese nahm beruhigter und minder traurig Abschied als das vorige Mal.
 
                                       47
Am Abend dieses Tages bemerkte sie zu Frau Nebling, dass es nun hohe Zeit wäre,
sich nach einer neuen Stellung umzusehen. Auch darum hatte sich Frau Nebling in
ihrer umsichtigen Weise schon gekümmert und hielt eine ganze Anzahl von
geeigneten Adressen bereit. Schon am Tage darauf sprach Terese in einigen
Häusern vor, hatte am Abend die Wahl zwischen dreien und entschied sich für
eines, wo sie nur ein siebenjähriges Mädchen zu betreuen hatte. Der Vater war
ein wohlhabender Kaufmann, die Mutter eine gutmütige, etwas phlegmatische Frau,
das Kind lenksam und hübsch, und Terese fühlte sich sofort in ihrer neuen
Umgebung ausnehmend wohl. Für jeden zweiten Sonntag und für einen Nachmittag in
jeder zweiten Woche hatte sie sich Ausgang bedungen, bis tief in den Sommer
hinein bereitete man ihr keinerlei Schwierigkeiten, bis am Morgen eines schönen
Julisonntags die Mutter aus irgendeinem Grunde Terese ersuchte, für diesmal auf
den Urlaub zu verzichten und sich dafür einen beliebigen Tag der kommenden Woche
zu wählen. Terese aber hatte sich so unbändig auf das Wiedersehen mit ihrem
Kind gefreut, dass sie ganz gegen ihre sonstige Art, unwirsch beinahe, auf ihrem
Recht bestand, das ihr schliesslich auch zugebilligt wurde; doch blieb ihr nichts
übrig, als nach der üblichen Kündigungsfrist das Haus zu verlassen.
    Rasch fand sie eine neue Stellung als Erzieherin im Haus eines Arztes zu
zwei Mädchen und einem Knaben. Die beiden Mädchen, zehn und acht Jahre alt,
besuchten die Schule, eine Französin und ein Klavierlehrer erteilten häuslichen
Unterricht; der sechsjährige Knabe war völlig Teresens Obhut anvertraut. Es war
ein musterhafter Haushalt: Wohlhabenheit ohne Überfluss, das beste Verhältnis
zwischen den Ehegatten, die Kinder alle gutartig, wohlerzogen; und trotz der
angestrengten Tätigkeit, aus der der Arzt immer heimkam, gab es niemals ein Wort
der Ungeduld oder gar der Ungute, nie Übellaune oder gar Zank, wie sie das von
so manchen andern Familien her kannte.
    Gegen Mitte August durfte sie drei volle Tage bei ihrem Kind verbringen.
Unglücklicherweise waren zwei Regentage darunter, und es gab ein paar Stunden,
in denen sich, während sie mit den Bauersleuten in der muffigen Stube sass, ein
Gefühl der Langeweile und Ödigkeit ihrer zu bemächtigen anfing. Als ihr das
deutlicher bewusst wurde, eilte sie, wie von einem inneren Vorwurf getrieben, zu
ihrem Kinde hin, das ruhig schlafend in der Wiege lag. In der trüben Beleuchtung
dieses Regentages erschien ihr das kleine rundliche Antlitz seltsam blass, schmal
und fremd. Erschrocken beinahe hauchte sie auf die Lider des Kindes, das nun den
Mund verzog wie zum Weinen und dann, da es das bekannte Gesicht der Mutter über
sich gebeugt sah, zu lächeln anfing. Terese, neu beseligt, nahm das Kind in die
Arme, herzte und liebkoste es und weinte vor Glück. Die Bäuerin, anscheinend
gerührt, prophezeite ihr allerlei Gutes und ganz besonders einen braven Vater
für das Kind. Aber Terese schüttelte den Kopf. Sie habe nicht die geringste
Lust, erklärte sie, ihr geliebtes Kleines mit irgend jemandem zu teilen. Es
gehörte ihr - und sollte weiter ihr ganz allein gehören.
    Nach diesen drei Tagen war die Trennung dreifach schwer. Und als Terese auf
dem Semmering ankam, wo Frau Regan mit den Kindern Sommeraufentalt genommen
hatte, konnte der bekümmerte Ausdruck ihrer Mienen der Mutter ihrer Zöglinge
nicht verborgen bleiben. In ihrer milden freundlichen Art, ohne irgendeine Frage
zu stellen, sprach Frau Regan die Hoffnung aus, dass Terese in der frischen
Bergluft sich bald wieder wohl fühlen würde. Unwillkürlich küsste ihr Terese wie
gerührt die Hand, nahm sich aber gleich vor, nichts von ihrem Geheimnis zu
verraten. In der Tat erholte sie sich rascher, als sie gedacht, gewann Farbe und
Laune wieder, Spaziergänge, auch grössere Ausflüge wurden unternommen, und der
sommerlich leichte Verkehrston brachte es mit sich, dass Terese gelegentlich
jüngere und ältere Herren kennenlernte, die ihr Wohlgefallen und ihre Wünsche zu
verbergen sich keine Mühe nahmen. Doch Terese blieb jedem Annäherungsversuch
gegenüber gleichgültig, und als man schon in den ersten Septembertagen wieder in
die Stadt zog, bedauerte sie das nicht im mindesten und war nur froh, dass sie
nun wieder ihrem Kind näher sein durfte.
    Die wenigen Stunden, die sie alle acht bis vierzehn Tage draussen in Enzbach
verbrachte, bedeuteten ihr immer von neuem das reinste Glück. Und jenes Gefühl
der Ödigkeit und Leere, das einmal an einem sommerlichen Regentage sie draussen
überkommen hatte, stellte sich auch in den trübsten Herbststunden nicht wieder
ein. Vor den winterlichen Fahrten hatte sie sich ein wenig gefürchtet, doch in
dieser Hinsicht erfuhr sie die angenehmste Enttäuschung. Nichts Köstlicheres als
wenn das Gehöft rings im Schnee lag und sie aus dem wohlgeheizten Zimmer, ihr
Kind im Arm, durch die angelaufenen Fensterscheiben auf die weissverdämmernde
Landschaft mit ihren schlafenden Landhäusern und auf den kleinen Bahnhof
hinuntersah, von dem aus die dunklen Linien der Geleise in die durchfrostete
Ferne hinausliefen. Später kamen wundervolle Sonnentage, an denen sie, den
Nebeln der Stadt entflohen, draussen nicht nur Helligkeit und Weite, sondern auch
frühlingshafte Wärme fand und sich auf der Bank vor dem Hause mit ihrem Buben in
Sonnenglanz baden konnte.
    Als das Frühjahr wiederkam, glaubte sie einen tiefen Zusammenhang zwischen
der Entwicklung ihres Kindes und dem Erblühen der Natur zu verspüren. Für sie
war der Tag der ersten Kirschblüten zugleich derjenige, an dem ihr der Bub von
der Haustüre aus ein paar Schritte ohne alle Hilfe entgegenlief; der Tag, an dem
im Garten der weissen Villa »Gute Rast« in der Bahnhofstrasse die Rosenstöcke von
der Strohumhüllung befreit wurden, der gleiche, an dem Franz den zweiten
Schneidezahn bekam; und als an einem der letzten Apriltage - denn es war diesmal
ein langer Winter gewesen - die Landschaft mit ihren Gärten, Wäldern, Hügeln sie
in sprossendem Grün empfing, war es derselbe Tag, an dem ihr Bub am offenen
Fenster, von der Bäuerin festgehalten, in die Händchen klatschte, da er die
Mutter, mit kleinen Päckchen in der Hand - denn immer hatte sie etwas
mitzubringen - über die Wiese herankommen sah. Und an dem Junitag, da sie
draussen die ersten Kirschen pflückte, hatte der Bub zum erstenmal ein paar
zusammenhängende Worte gesprochen.
 
                                       48
Drei Jahre folgten, so gleichmässig in ihrem Verlauf, dass sie später in Teresens
Erinnerung immer ein Frühjahr ins andere, Sommer in Sommer, Herbst in Herbst,
Winter in Winter gleichsam zusammenflössen; - trotzdem sie oder weil sie eine
Art von Doppelleben führte: das eine als Erzieherin in der Familie Regan, das
andere als die Mutter eines kleinen Jungen, der draussen auf dem Lande bei
Bauersleuten in Pflege war.
    Wenn sie in Enzbach den Tag verbrachte, ja schon auf der Fahrt hinaus,
versank alles, was sie in der Stadt zurückliess, das Ehepaar Regan und die
Kinder, versank für sie das Haus, das Zimmer, das sie bewohnte, die ganze Stadt
in einen grauen Dunst von Unvorstellbarkeit, aus dem alles, wenn sie aus dem
Zuge stieg, und oft erst, wenn sie die Wohnung betrat, wieder zur Wirklichkeit
emportauchte.
    Wenn sie aber mit der Familie Regan bei Tische sass, mit den Kindern lernte
oder spazieren ging oder abends nach erfüllter Berufspflicht ermüdet sich ins
Bett strecken durfte, dann erschien ihr wieder die Enzbacher Landschaft, in
Sommerglanz oder in Winterstarre - das Gehöft auf dem Hügel in Grün oder in Weiss
gebettet - der Ahornbaum mit dem umkränzten Marienbild - das Bauernpaar auf der
Bank vor dem Haus oder in dem niederen Wohnraum am Ofen -, wie eine
unwahrscheinliche, gleichsam märchenhafte Welt; und immer war es ein Wunder,
wenn sie den mählich ansteigenden Weg zum Leutnerhof emporschritt und alles da
war, wie sie es vor Tagen oder Wochen verlassen, und sie ihren Buben, immer
denselben und doch von einemmal zum andern ein neues Geschöpf, in ihren Armen,
auf ihrem Schösse halten durfte; und manchmal geschah es, wenn sie für eine Weile
die Augen geschlossen hatte und sie dann wieder auftat, dass ein anderes Kind in
ihren Armen lag, als sie es sich mit geschlossenen Augen vorgestellt hatte.
    Nicht immer war ihr draussen so wohl, als ihre Sehnsucht es ihr vorgespiegelt
hatte. Herr Leutner hatte zuweilen seine bösen Tage, auch die Bäuerin, meist
wohlgelaunt und allzu schwatzhaft, war manchmal wie ausgewechselt, unfreundlich,
feindselig geradezu, und wenn Terese sich nur im geringsten unzufrieden zeigte,
widersprach sie heftig, schalt über die Plage, die sie mit dem Buben habe und
die man ihr nicht genügend danke und lohne. Auch nach wiederholter Erhöhung des
Kostgeldes gab es Missstimmungen aller Art. Einmal hatte man verabsäumt, Terese
von einer allerdings leichten Erkrankung des Kindes zu verständigen, dann wieder
wurden Ausgaben für Arzneimittel angerechnet, die offenbar nicht ganz stimmen
konnten, und immer wieder glaubte Terese an dem oder jenem Anzeichen zu merken,
dass Frau Leutner sich keineswegs so sehr um den Buben kümmerte, wie es ihre
Pflicht war. Andere Male wieder gab es Eifersüchteleien nicht nur zwischen
Terese und der Bäuerin, sondern auch zwischen Terese und der kleinen Agnes;
und dann beklagte sich Terese geradezu, dass Frau Leutner und ihre Tochter das
Kind so verzärtelten, als wenn sie es ihr abspenstig machen wollten. Auch
gelegentliches schlechtes Wetter war nicht angetan, die Launen und das
Einvernehmen zu fördern. Es war zu ärgerlich, wenn man mit nassen Füssen in dem
kalten oder überheizten Räume sitzen musste und es nach schlechtem Tabak roch,
der in die Augen biss und gewiss auch dem Kind schadete. - Nicht ganz selten
ertappte sich Terese auf dem Wunsch, nicht nach Enzbach hinausfahren zu müssen,
und sie liess einen und den andern freien Sonntag hingehen, ohne ihr Kind zu
sehen. Andere Male wieder glaubte sie es vor Sehnsucht gar nicht aushalten zu
können, und in ihrer Sehnsucht war so viel Angst, dass sie die Nächte in bösen
Träumen hinbrachte.
    Im ganzen aber war es doch eine schöne Zeit. Und oftmals dachte Terese, dass
sie eigentlich besser dran sei als manche Mutter, die ihr Kind immer bei sich
haben durfte und dieses Glück nicht zu würdigen verstand, während für sie,
Terese, ein solches Zusammensein, wenigstens in der Vorfreude, stets einen
Festtag zu bedeuten hatte.
    Im Hause Regan fühlte sie sich auch weiterhin recht zufrieden. Der Doktor,
in seiner Tüchtigkeit von Selbstgefälligkeit nicht ganz frei, blieb immer
liebenswürdig, trotz angestrengtester Berufstätigkeit, Frau Regan erwies sich
auch weiterhin zwar als sehr genaue, aber doch nie launenhafte und stets
gerechte Hausfrau, die Mädchen waren lebhaft, doch fleissig und gehorsam und
ihrer Erzieherin sehr zugetan, der Knabe war von stillerer Art, sehr
musikalisch, so dass er schon in seinem achten Jahr an musikalischen
Familienabenden den Klavierpart in Haydn- und Mozartschen Quartetten
durchzuführen imstande war; Terese spielte öfters vierhändig mit ihm und
heimste an solchen Abenden ihren bescheidenen Anteil am Beifall für sich ein. In
der Atmosphäre von Tätigkeit, Ordnung und Beständigkeit, die sie hier umgab, war
sie selbst mehr als zuvor auf ihre eigene Fortbildung bedacht und fand Zeit,
ihre Klavier- und Sprachstudien in beschränktem Masse weiter zu betreiben.
    In diesem wohlgeordneten Dasein gab es kleine Ereignisse, die den gewohnten
Lauf der Tage unterbrachen. Etliche Male geschah es, dass Frau Fabiani nach Wien
kam, um persönlich mit Redakteuren und Verlegern zu verhandeln, und die Familie
Regan bestand liebenswürdigerweise darauf, die Mutter des Fräuleins zu Tische
einzuladen, bei welchen Gelegenheiten Frau Fabiani ein tadelloses, geradezu
vornehmes Benehmen zur Schau trug und auch ihres Sohnes Erwähnung tat, des
Medicinae-Studiosus, der trotz seiner Jugend an der Universität bereits eine
politische Rolle zu spielen beginne und neulich anlässlich eines Kommersabends
eine aufsehenerregende Rede gehalten habe.
    Nach einem dieser mütterlichen Besuche traf Terese den Bruder, den sie
wieder einige Monate lang nicht gesehen hatte, in der Stadt, und sie redeten von
der Mutter, über deren letzten, in einer Wiener Zeitung laufenden Roman Karl
sich in spöttischabschätziger Weise äusserte. Terese fühlte sich
sonderbarerweise verletzt; die Geschwister nahmen kühlen Abschied; an der
nächsten Ecke wandte Terese sich nach dem Bruder um, und es fiel ihr auf, wie
sehr er sich im Laufe weniger Jahre nicht eben zu seinem Vorteil verändert
hätte. Er trug sich wohl sorgfältiger als früher, doch die leicht gesenkte
Haltung des Kopfes, die etwas zu langen, schlecht geschnittenen, den Kragen
streifenden Haare, der rasche, fast hüpfende Gang verliehen seinem ganzen Wesen
für Terese etwas Unvornehmes, Unsicheres, Subalternes, wovon sie sich
abgestossen fühlte.
    Anfangs hatte sie auch einige Male die Verpflichtung verspürt, Frau Nebling
aufzusuchen, und eines Abends wohnte sie einer Operettenvorstellung bei, zu der
ihr die Schauspielerin ein Billett geschenkt hatte. Mit schriller, fremder
Stimme sang und spielte sie ein ältliches, männersüchtiges, aufgeputztes Weib
und betrug sich in einer Weise, dass Terese sich für sie beinahe schämte und bei
dem Gedanken schauerte, einer der Söhne könne aus der Fremde zurückkehren und
die eigene Mutter in so unanständigem Aufzug, scharlachrot geschminkt, mit
lüsternen Gebärden und Bücken, zum Gespötte selbst der Mitspielenden, wie
Terese deutlich merkte, auf der Bühne umherspringen sehen.
    Einmal auf der Strasse war ihr, als käme ihr Kasimir Tobisch entgegen. Doch
sie hatte sich getäuscht, eine Ähnlichkeit zwischen dem Vater ihres Kindes und
dem an ihr vorbeistreifenden Herrn war kaum vorhanden, und als ihr in kurzen
Zwischenräumen solche Irrtümer noch zwei- oder dreimal begegneten und sie immer
die gleiche peinliche Erregung verspürte, erkannte sie, dass sie im Grunde Angst
hatte, Kasimir Tobisch wiederzusehen; ungefähr so, als wenn er, gerade er, von
ihrer weiteren Existenz, insbesondere aber von dem Dasein des Kindes, seines
Kindes, nie und nimmer etwas erfahren dürfe. Das Bild eines andern aber, den sie
gerne wiedergesehen hätte, Alfred, täuschte ihr auch kein zufällig Begegnender
vor. Ihn, von dem sie bestimmt wusste, dass er in derselben Stadt lebte wie sie,
führte nie ein freundlicher Zufall ihr entgegen.
    Auch die Sommerwochen mit der Familie Regan, obwohl sie jedesmal an einem
anderen Gebirgsort verbracht wurden, flossen später für Terese in sonderbarer
Weise wie in einen Sommeraufentalt zusammen, und die jüngeren und älteren
Herren, die sich ihr auf dem Lande zu nähern versuchten, unterschieden sich
später in der Erinnerung wenig voneinander. Dass ihr von all diesen keiner
wirklich nähertrat, lag vielleicht nicht so sehr an ihrem eigenen Widerstand, an
ihrer Vorsicht, an ihrer Kühle - denn im Gegensatz zu manchen früheren und
manchen späteren Epochen ihres Lebens schienen in jenen Jahren ihre Sinne fast
in Schlummer zu liegen - als vielmehr an der in ihrer Stellung begründeten
Unfreiheit, durch die immer wieder die entschiedene Fortführung einer im
Entstehen begriffenen, der Abschluss einer etwas weiter gediehenen Beziehung
vereitelt wurde. Und so geschah es zuweilen, dass sich in ihr der Neid auf andere
regte, die es glücklicher getroffen als sie - auf manche der Damen, die an lauen
Sommerabenden, wenn das Fräulein sich mit den Kindern schon auf ihre Zimmer
zurückgezogen, auf dem grossen erleuchteten Platz vor dem Hotel umherspazieren
konnten, solange und mit wem es ihnen beliebte, oder auch im Dunkel
verschwanden. Sie sah und hörte, was ihr freilich nichts Neues mehr war, wie
Frauen, Mütter, junge Mädchen mit Herren vieldeutige Blicke wechselten,
verfängliche Reden führten, und wusste, wie sich solche Anfange weiter zu
entwickeln pflegten. Frau Regan selbst, obzwar immer noch eine hübsche, ja
begehrenswerte Frau, war eine von den wenigen, die von der Atmosphäre ringsum so
gut wie gar nicht berührt schien, wodurch Terese ihrerseits sich auch beruhige,
behütet, ja vielleicht bewahrt fühlte. -
    Nichts deutete auf eine kommende Veränderung hin; Doktor Regan und seine
Frau kamen ihr nach wie vor mit Freundlichkeit, ja mit Herzlichkeit entgegen,
zwischen ihr und den Mädchen, besonders dem älteren, hatte sich fast eine Art
von Freundschaft herausgebildet, und das Vierhändigspiel mit dem begabten Knaben
war ihr eine liebe Gewohnheit geworden, - als eines Morgens im Juni, kurz bevor
man aufs Land ziehen sollte, Frau Regan sie zu sich ins Zimmer rief und ihr,
gewiss in einiger Verlegenheit, aber doch recht gefasst und kühl, ankündigte, dass
man sich entschlossen habe, eine Französin ins Haus zu nehmen, und man sich
daher - freilich mit dem grössten Bedauern - genötigt sehe, sie, Terese, ziehen
zu lassen. Natürlich eile das nicht im geringsten, man gab ihr Wochen, Monate
lang Frist, bis sie eine geeignete Stellung gefunden, und was die nächste Zeit
anbelange, so stehe es ganz in Teresens Belieben, ob sie die Familie Regan in
die Dolomiten begleiten oder, was ihr unter diesen Umständen vielleicht lieber
sein würde, die ganzen Ferien ungestört zu ihrer Verfügung haben wolle.
    Terese stand blass, ins Herz getroffen, erklärte aber sofort - ohne von
ihrer Bewegung etwas zu verraten -, von dem Entgegenkommen der Frau Regan
keinerlei Gebrauch zu machen und womöglich noch vor Ablauf der üblichen vierzehn
Tage das Haus verlassen zu wollen. Seltsam erschien es ihr selbst, dass ihre
Erschütterung nicht andauerte, ja, dass sie noch in der gleichen Stunde eine
gewisse Befriedigung, wenn nicht gar Freude über die bevorstehende Veränderung
in sich aufsteigen fühlte. Sie gestand sich bald, dass sie in diesem Hause
keineswegs so glücklich gewesen war, als sie sich manchmal hatte einbilden
wollen, und in einem zufällig in diesen Tagen stattfindenden Gespräch mit
Fräulein Steinbauer, der Erzieherin in einem mit dem Reganschen befreundeten
Hause, einem ältlichen, verbitterten Geschöpf, liess sie sich unschwer
überzeugen, dass sie im Hause Regan einfach ausgenützt und dann auf die Strasse
gesetzt worden sei, wie es eben ihrer aller sich immer wiederholendes Schicksal
sei. Die gleichmässige Liebenswürdigkeit der Frau Regan erschien ihr nun als ein
Gemisch von Temperamentlosigkeit und Falschheit, das selbstzufriedene und von
sich eingenommene Wesen des beliebten Arztes war ihr, wie sie nun wusste, immer
in der Seele zuwider gewesen, der Knabe, wenn auch ein grosses musikalisches
Talent, war geistig zurückgeblieben, die beiden Mädchen, wenn man ihnen auch
Fleiss nicht absprechen konnte, waren doch nur recht mässig begabt, das jüngere
schon ein wenig verdorben, das ältere nicht ohne Tücke; und dass Frau Regan die
beiden Mädchen längst in die geplante Veränderung eingeweiht hatte, darüber
konnte ein Zweifel kaum bestehen. Falschheit und Hinterlist überall.
    Sie verliess das Haus mit Bitterkeit im Herzen und schwor sich zu, es niemals
wieder zu betreten.
 
                                       49
Die nächsten Wochen verbrachte sie in Enzbach bei ihrem Kind. Die ländliche
Atmosphäre beruhigte, ja beglückte sie anfangs so sehr, dass ihr der Gedanke kam,
sich vorläufig um Lektionen bei den Sommerparteien zu bemühen und sich später
vielleicht in dem Orte ansässig zu machen. Es war ihr diesmal, als müsste sie
sich innerhalb der einfachen und ihr gegenüber meist freundlichen Menschen immer
viel wohler fühlen können als in der Stadt unter den Leuten, deren Kinder sie
aufziehen musste und die sie dann vor die Türe setzten.
    Es gab unter den Einheimischen gar manche, mit denen sie zuweilen zu reden
pflegte und die ihr wie auch ihrem Buben eine gewisse Sympatie
entgegenbrachten. Schon vor längerer Zeit hatte sie einen Vetter der Frau
Leutner kennengelernt, Sebastian Stoitzner, einen noch ziemlich jungen Menschen,
der vor kurzem Witwer geworden war. Er sah nicht übel aus, war wohl gewachsen,
befand sich in auskömmlichen Verhältnissen und suchte nach einer zweiten Gattin,
die seinem Hof und seinem Hauswesen vorstehen könnte. Es fugte sich, nicht eben
zufällig, dass er öfters bei den Leutners vorsprach und auf Terese durch seine
ungezwungene, manchmal humorvolle Art erfrischend wirkte und sich auch mit dem
Buben in einer ungeschickten und dabei rührenden Weise beschäftigte. Seine
wachsende Neigung zu Terese war unverkennbar; Frau Leutner liess es an
überdeutlichen Anspielungen nicht fehlen, und es gab Stunden, in denen Terese
ernstlich eine Verbindung mit ihm in Erwägung zog. Aber je öfter er sich sehen
Hess und je unverhohlener er seine Gefühle zum Ausdruck brachte, insbesondere,
als er sie einmal auf einem Spaziergang mit unerwartet brutaler Leidenschaft an
sich riss, fühlte sie, dass es hier eine dauernde Gemeinschaft niemals geben
könne, und sie liess es ihn so deutlich merken, dass er seine Bemühungen ein für
allemal einstellte. Als nun nach seinem Verzicht wieder die Langeweile über sie
kam, machte sie sich anfangs Vorwürfe darüber, dass das Beisammensein mit ihrem
Kind nicht vermochte, ihr Dasein völlig auszufüllen. Aber bald sagte sie sich,
dass sie bei aller Liebe zu dem Buben einfach nicht fähig war, die Untätigkeit
länger zu ertragen, dass sie überdies gar nicht das Recht hatte, ein müssiges
Leben auf dem Lande zu fuhren, ohne an ihren Beruf und vor allem ohne ans
Geldverdienen zu denken.
 
                                       50
Und so war der Sommer noch lange nicht zu Ende, als sie neuerlich eine Stellung
annahm, und zwar in einem, dem ersten Anschein nach, ziemlich vornehmen Haus als
Erzieherin oder Gesellschafterin bei der vierzehnjährigen Tochter. Schon wenige
Tage nach ihrem Eintritt reiste sie mit Mutter und Kind in einen kleinen
steiermärkischen Kurort, wo man in einem schlecht geführten, nicht einmal ganz
reinlichen Gastof Wohnung nahm, während der Gatte, ein höherer Staatsbeamter,
in Wien zurückgeblieben war. Die Baronin war höflich gegenüber Teresen, ohne je
ein überflüssiges Wort an sie zu richten. Es gab in dem Ort fast nur alte, meist
gichtkranke Leute; ein hagerer, schlecht angezogener sechzigjähriger Herr, der
zu Teresens Verwunderung den Namen eines grossen, alten ungarischen
Adelsgeschlechtes trug, mit einem Krückstock, liess sich manchmal nach dem
Mittagessen an dem Tisch der Damen nieder, unterhielt sich mit ihnen in seiner
Muttersprache, sonst verkehrte man mit niemandem. Im übrigen sparte man bei den
Mahlzeiten so sehr, dass sich Terese an die traurigsten Tage ihrer Jugend
erinnert fühlte. Zuweilen, wenn sie mit der jungen Baronesse allein war,
versuchte sie mit ihr irgendeine Art von Gespräch einzuleiten, indem sie an
Begegnungen auf der Promenade und im Kurpark, an eine oder die andere
lächerliche Erscheinung mit einem heiteren Wort anknüpfte. Das Mädchen aber war
offenbar unfähig, irgendeinen harmlosen Scherz auch nur zu verstehen, und eine
belanglose, wenn nicht alberne Antwort war alles, was Terese zu erreichen
imstande war.
    In der schlimmsten Sommerhitze zog man nach Wien zurück, und die Mahlzeiten
gestalteten sich keineswegs unterhaltender dadurch, dass der Hausherr daran
teilnahm, der an Terese überhaupt niemals das Wort richtete. Als Terese zum
erstenmal wieder Gelegenheit hatte, nach Enzbach zu fahren, atmete sie auf, wie
wenn sie einem Gefängnis entronnen wäre. In der Entfernung erschien ihr das Haus
der Baronin, in dem sie nun zu leben verdammt war, noch unleidlicher als sonst,
ja geradezu unheimlich, und sie verstand kaum, dass sie es so lange dort
ausgehalten hatte. Aus einer gewissen Trägheit, vielleicht auch ein wenig
bestochen durch den Klang des adeligen Namens, schob sie ihren Abschied immer
wieder hinaus, bis endlich, als man sie zu Weihnachten mit einem beschämend
niedrigen Geldgeschenk abfand, ihre Geduld zu Ende war und sie kündigte.
 
                                       51
Doch nun kam eine schlimme Zeit für sie. Es war, als hätte es das Schicksal
darauf angelegt, sie alle Widerwärtigkeiten und Hässlichkeiten bürgerlicher
Familienverhältnisse in der Nähe sehen zu lassen. Oder war es nur, dass
allmählich ihre Augen sich weiter aufgetan hatten als bisher? Dreimal
hintereinander sah sie in verwüstete Ehen. Zuerst waren es zwei noch junge
Eheleute, die, ohne Rücksicht auf ihre zwei Kinder von sechs und acht Jahren und
ohne die geringste Rücksicht auf Terese, einander während der Mahlzeiten so
furchtbare Dinge ins Gesicht sagten, dass sie glaubte vor Scham vergehen zu
müssen. Bei dem asten Streit, den sie miterleben musste, stand sie einfach von
Tische auf. Als sie das ein paar Tage darauf wieder versuchte, rief der Gatte
sie zurück, verlangte, dass sie bliebe, er müsse unbedingt einen Zeugen für die
Beschimpfungen haben, denen er von seiner Frau ausgesetzt sei. Das nächste Mal
war es wieder die Frau, die das gleiche von Teresen forderte. Die beiden sahen
oft Gesellschaft bei sich, bei welcher Gelegenheit sie vor den Eingeladenen sich
als glückliches Paar gebärdeten. Zuweilen aber, und das war für Terese das
Unbegreiflichste, schienen sich die beiden Gatten auch wirklich aufs beste zu
verstehen, und wie sonst von gegenseitigen Beschimpfungen, so war Terese
manchmal auch Zeugin von Zärtlichkeiten, die sie fast noch peinlicher und
widerwärtiger berührten als die üblichen Zänkereien.
    Die nächste Stellung in einem wohlgehaltenen und wohlhabenden Hause, wo ihr
der Beruf des Mannes, der auch abends nur selten daheim war, ein Geheimnis
blieb, benagte ihr anfangs nicht übel. Das siebenjährige Mädchen, das ihrer
Obhut anvertraut war, war hübsch, zutraulich und klug, die Mutter, die an
manchen Tagen ihr Zimmer kaum verliess, an anderen von früh bis abends ausser
Hause blieb und sich um ihr Kind in einer für Terese völlig unfassbaren Weise
überhaupt nicht zu kümmern schien, kam ihr besonders freundlich entgegen; diese
Freundlichkeit nahm immer zu, und allmählich nahm sie eine Form an, die Terese
anfangs mit Befremden, bald mit Abscheu und endlich mit Angst erfüllte.
Fluchtartig verliess sie eines Morgens, nach einer Macht, in der sie ihr Zimmer
hatte versperrt halten müssen, das Haus und schrieb am Bahnhof, von dem aus sie
für ein paar Tage zu ihrem Buben nach Enzbach fuhr, an den Herrn des Hauses, dass
sie plötzlich zu ihrer erkrankten Mutter habe reisen müssen.
    In der nächsten Stellung als der Erzieherin zweier aufgeweckter Knaben von
sieben und acht Jahren war es das Verhalten ihres Diensterrn, das ihr ein
Verbleiben unmöglich machte. Zuerst glaubte sie gewisse Blicke und scheinbar
zufällige Berührungen nur misszuverstehen, um so mehr, als das Verhältnis
zwischen dem Mann und der jungen, noch hübschen Frau ein völlig ungetrübtes zu
sein schien. Bald aber konnte sich Terese über die Absichten des Gatten, der
ihr im übrigen gar nicht übel gefiel, keiner Täuschung mehr hingeben, sie musste
sich gestehen, dass sie ihm auf die Dauer nicht hätte Widerstand leisten können
oder gar wollen, bis ein ganz brutaler Annäherungsversuch, den er eines Abends
wagte, während Frau und Kinder im Nebenzimmer weilten, sie mehr mit Schrecken
als mit Widerwillen erfüllte und sie wieder zu überstürztem Abschied nötigte.
 
                                       52
Nun trat sie in ein sogenanntes grosses Haus ein, was die Stellenvermittlerin als
einen besonderen und gewissermassen unverdienten Glücksfall angesehen wissen und
wofür sie auch mit einem besonderen Honorar bedacht werden wollte. Der
Bankdirektor Emil Greitler war ein Mann von über fünfzig, von
höflich-liebenswürdigem, fast diplomatisch reserviertem Benehmen; seine Gattin,
unscheinbar und verblüht, hing an ihm mit unerwiderter liebe und schaute mit
Bewunderung zu ihm auf. Es waren vier Kinder da; mit den beiden älteren, einem
Studenten der Rechte und einem, der sich dem Bankfach widmete, hatte Terese
nichts zu tun, das dreizehnjährige Mädchen und der jüngste, neunjährige Sohn
besuchten öffentliche Lehranstalten und hatten überdies so viele Privatlehrer,
dass Teresens Wirksamkeit sich so ziemlich darauf beschränkte, die beiden Kinder
zur Schule, von dort nach Hause und auf Spaziergängen zu begleiten. Gern hätte
sie sich dem jungen Mädchen herzlicher angeschlossen, doch dieses, auch in den
Gesichtszügen dem Vater ähnlich, in all ihrer Kindlichkeit unnahbar wie er,
blieb ihrem gleichsam mütterlichen Werben gegenüber kühl. Terese kränkte sich
anfangs, wurde dann selbst herber, ja strenger zu dem Kinde, als sie gewollt,
bis sich endlich eine gleichgültige Beziehung entwickelte, in der nur zuweilen
eine lächerliche Gereizteit von Teresens, eine hochmütige Verschlossenheit von
Margaretens Seite an den vergeblichen, halb unbewusst geführten Kampf von früher
erinnerte. Der neunjährige Siegfried war ein fröhliches, für sein Alter
merkwürdig witziges Kind, dem Terese öfters sein vorlautes Wesen verweisen,
über dessen spasshafte Einfälle und Redewendungen sie aber doch, wie die anderen
Leute, manchmal lachen musste. Sie hatte viel freie Zeit für sich, doch sah man
es nicht gerne, wenn sie auf allzu lange das Haus verliess, und obwohl man ihrer
wenig bedurfte, musste sie doch immer zur Verfügung stehen. Oft gab es kleinere
und grössere Gesellschaften, denen sie kaum jemals beigezogen wurde. Gegen Schluss
des Karnevals aber fand ein Ball statt, zu dessen Vorbereitungen Frau Greitler,
die etwas leidend war, Teresens Hilfe vielfach in Anspruch genommen hatte, und
so konnte sie nicht umhin, das Fräulein an der Festlichkeit teilnehmen zu
lassen. Erst nach der Pause würde sie von einem hübschen jungen Menschen mit
kleinem blonden Schnurrbart zum Tanzen aufgefordert, auch die beiden jungen
Herren des Hauses, der Jurist und der Bankbeamte, sowie andere Gäste tanzten mit
ihr, der junge Blonde kam immer wieder und unterhielt sie in einer lustigen,
etwas frechen Art, ein Dragonerleutnant reichte ihr beim Büfett ein Glas
Champagner und stiess mit ihr an, ein schwarzer Krauskopf mit einem zarten und
wohlgefälligen Schmiss auf der Stirn, der sie beim Tanzen ganz unverschämt an
sich gedrückt, aber kaum ein Wort gesprochen hatte, wagte um drei Uhr morgens so
verwegene Anspielungen, dass sie tief errötete und nichts zu erwidern vermochte.
Und endlich wurde sie von dem Blonden ganz einfach um ein Rendezvous gebeten.
Sie wies ihn ab, aber an den Tagen, die dem Ball folgten, bei jedem Gang auf die
Strasse hegte sie immer wieder die Hoffnung, ihm zu begegnen, und als er eine
Woche später einen Besuch im Hause abstattete, dessen bei Tische wie anderer
auch Erwähnung getan wurde, empfand sie eine Art von Enttäuschung, die sich aber
nicht so sehr auf dieses versäumte Wiedersehen bezog, sondern auf manche andern
unwillkürlichen und unverschuldeten Versäumnisse der letzten Jahre, die ihr nun
mit einem Male bewusst wurden.
    Da die Gehaltsauszahlung im Hause Greitler sich meistens um einige Tage
verzögerte, war es ihr nicht aufgefallen, als einmal der ganze Monat verstrichen
war, ohne dass sie ihre Entlohnung erhalten hätte. Doch als auch am nächsten
Fälligkeitstag die Bezahlung ausblieb, sah sich Terese, die das Geld brauchte,
genötigt, Frau Greitler zu mahnen. Sie wurde gebeten, sich nur noch ein paar
Tage zu gedulden, und erhielt tatsächlich bald darauf den grösseren Teil ihres
Gehaltes ausbezahlt. Sie wäre nun einigermassen beruhigt gewesen, wenn nicht am
gleichen Tag das Dienstmädchen die Frage an sie gerichtet hätte, wieviel man ihr
schuldig sei. Es war bisher ihr Grundsatz gewesen, sich niemals mit dem Personal
eines Hauses, in dem sie selbst in Stellung war, in Unterhaltungen über die
»Herrschaft« einzulassen, - diesmal konnte sie der Versuchung nicht widerstehen,
und so erfuhr sie bald, dass das Haus Greitler nach allen Seiten hin verschuldet,
dass zum Beispiel nicht einmal die Rechnung des Zuckerbäckers vom letzten Ball
her beglichen sei. Terese konnte und wollte das einfach nicht glauben. Denn im
Hause ging alles den alten Gang. Es wurde vornehm serviert, vortrefflich
gegessen, man empfing Gäste, der Wagen stand vor dem Haus, die Sommertoiletten
für die gnädige Frau waren bei einem ersten Schneider bestellt wie gewöhnlich;
auch in der Laune des Herrn Greitler zeigte sich keine Änderung; er war von
derselben etwas kühlen und unbeteiligten Freundlichkeit gegenüber Frau und
Kindern wie bisher, verriet keine Spur von Hast oder Ungeduld, bei Tische wurde
die Frage des Landaufentalts erwogen, und kein Anzeichen liess vermuten, dass
irgendeine bedeutsame Veränderung bevorstünde. Eines Tages aber im Mai verreiste
Herr Greitler, wie es häufig geschah, nahm heiteren Abschied wie gewöhnlich, in
zehn Tagen sollte er wiederkommen; auch während seiner Abwesenheit veränderte
sich anfangs nicht das geringste im Hause, bis eines Morgens in sehr früher
Stunde eine merkwürdige Unruhe im Vorzimmer Terese erwachen und aufhorchen
liess. Zwei Stunden später meldete das Dienstmädchen, dass auch Frau Greitler
plötzlich abgereist sei. Am Mittagstisch erzählte der älteste Sohn von der
plötzlichen Erkrankung eines entfernten Verwandten. Doch vor Abend schon
erschien Frau Greitler wieder, - totenblass und verweint. Es liess sich nicht
länger verheimlichen, was sich ereignet hatte. Schon die Abendblätter brachten
die Nachricht. Der Zusammenbruch war erfolgt; Herr Greitler war am Morgen im
Eisenbahnzug, zwei Stunden weit von Wien, verhaftet worden. Frau Greitler
stellte Terese frei, das Haus sofort zu verlassen, diese aber erbot sich, so
lange zu bleiben, bis sie eine neue Stellung gefunden hätte. Sonderbar erschien
es ihr, wie rasch sich alle Familienmitglieder in den Wechsel der Verhältnisse
hineinzufinden wussten, von dem äusserlich kaum etwas zu merken war. Man speiste
geradeso gut wie vorher, die Kinder gingen weiter in die Schule, Margarete blieb
hochmütig, wie sie gewesen, Siegfried machte weiter seine Spasse, die Lehrer
erschienen zu den gewohnten Stunden, auch an Besuchern fehlte es nicht; - manche
waren allerdings darunter, die man früher nicht im Hause gesehen hatte, und
andere blieben aus. Als Terese schied, gab ihr Frau Greitler, die gerade in
diesen schweren Tagen eine ihr sonst nicht eigene Ruhe und Tatkraft gezeigt
hatte, die herzlichsten Wünsche auf den Weg, der noch fällige Gehalt wurde ihr
freilich nicht ausbezahlt.
 
                                       53
Sie hatte die erste beste Stellung annehmen müssen, die sich ihr geboten: als
»Fräulein« bei drei völlig unerzogenen Kindern zwischen sechs und zehn Jahren,
mit denen sie in jeder Hinsicht ihre Plage hatte; der Vater war ein
Versicherungsagent, nur abends daheim und stets von übler Laune, die Mutter eine
dicke, törichte, anscheinend phlegmatische Person, die aber zwei- bis dreimal im
Tage, wie anfallsweise, mit den Kindern herumzuschreien, mit jedem, der ihr in
die Nähe kam, zu zanken, Terese wie einen Dienstboten abzukanzeln begann, um
dann wieder in eine Art von Letargie zu versinken, aus der weder
wirtschaftliche Verpflichtungen noch das Toben der Kinder sie zu erwecken
imstande waren, so dass Teresen die ganze Verantwortung aufgelastet blieb. Zwei
Monate hielt sie diese Existenz aus, dann kündigte sie und fuhr nach Enzbach.
    Es war nicht allein der Widerwille, die Ermüdung nach den Aufregungen der
letzten Monate; es war auch eine plötzliche, von Gewissensregungen nicht ganz
freie Sehnsucht nach Franz, die sie diesmal so mächtig dortinzog. In den
letzten drei Jahren hatte sie sich allzu wenig um ihn gekümmert, an seinem
Wachsen und Werden kaum mehr inneren Anteil genommen. So sehr sie sich damit zu
beruhigen suchte und wohl auch durfte, dass es ihr an Zeit gemangelt, dass auch an
Urlaubstagen ihr körperlicher und seelischer Zustand sie selbst die kleine Reise
nach Enzbach schon als Mühe empfinden liess, so war sie sich doch klar darüber,
dass allzu oft der Wunsch, ihren Buben wieder zu sehen, sich nicht eben sehr
dringend gemeldet hatte; ja, dass er in den Wochen der Trennung ihr immer ferner
und fremder wurde und dass sie manchmal die verhältnismässig geringe materielle
Verpflichtung gegenüber der Frau Leutner als eine Last empfand. Dies
entschuldigte sie bei sich wieder damit, dass ihr Franzens Anhänglichkeit an
seine Pflegemutter manchmal stärker schien als an sie selbst, dass er allmählich
ein rechtes Bauernkind zu werden anfing und dass er trotzdem in gewissen
Augenblicken in einer fast unheimlichen Weise dem kläglichen Menschen ähnlich
sah, der sein Vater war. In der letzten Zeit nun gesellte sich diesen Regungen,
wie es immer wieder geschah, ein gewisses Schuldgefühl bei, es war ihr, als
hätte sie an ihrem Buben etwas gutzumachen, als müsste die Schwäche und
Unsicherheit ihres mütterlichen Gefühls sich sowohl an ihr wie an ihm einmal
rächen, und so kam es, dass sie die Anhöhe zu dem Leutnerschen Gehöft mit einer
Bangigkeit hinaufstieg, wie es schon lange nicht der Fall gewesen. Sie verspürte
eine plötzliche Angst, ihren Buben krank zu finden. Tatsächlich hatte sie schon
beinahe drei Wochen keinerlei Nachricht von ihm erhalten. Oder er wollte
vielleicht nichts mehr von ihr wissen; er würde ihr sagen: Was kommst du denn
immer wieder? Ich brauch' dich nicht mehr.
    Und sie brach in Tränen aus, als er ihr freudig entgegenlief, wie kaum je
zuvor, und sie drückte ihn ans Herz, als hätte sie sich ihn für immer
wiedergewonnen. Auch die Frau Leutner erschien ihr herzlicher denn je, sie
schien ganz erschrocken über Teresens schlechtes Aussehen und riet ihr
dringend, doch bis zum Herbst auf dem Lande zu bleiben. Terese fühlte sich
körperlich und seelisch so ermüdet, dass sie sich sofort einverstanden glaubte,
und in den ersten Tagen schon erholte sie sich sichtlich. Sie hatte mehr Freude
an ihrem Buben als seit langer Zeit, das Fremde seines Wesens schien diesmal
geschwunden; er schloss sich ihr, was er früher nie getan, freiwillig auf kleinen
Spaziergängen an, sein Blick erschien ihr, zum ersten Male eigentlich, ganz
offen und frei. Seit ein paar Monaten besuchte er die Schule, und der Lehrer,
mit dem sie einmal sprach, nannte ihn ein kluges und aufgewecktes Kind. Frau
Leutner hatte allerlei Unerlässliches für ihn angeschafft; da Terese auch mit
dem Kostgeld in Rückstand war, konnte sie die Bezahlung nicht lange aufschieben,
und zum erstenmal sah sie sich genötigt, ihre Mutter um Hilfe anzugehen. Das
Geld blieb einige Zeit hindurch aus, worauf sich die Haltung und die Laune der
Frau und besonders des Herrn Leutner Teresen gegenüber in unerfreulicher Weise
zu ändern anfing. Der Betrag, den ihr die Mutter endlich auf eine neue Mahnung
sandte, war so geringfügig, dass er nicht ausreichte. Terese beglich einen Teil
ihrer Schuld. Die Stimmung wurde übler von Tag zu Tag, Terese erkannte, dass
ihres Bleibens in Enzbach nicht länger sein konnte, und an einem glühend heissen
Augusttag, kaum zehn Tage nach ihrer Ankunft, reiste sie wieder nach Wien
zurück, um eine neue Stellung anzutreten, die erste beste, die sich auf ihre
schriftlichen Bemühungen hin ihr geboten.
 
                                       54
Die zwei Mädchen von vier und sechs Jahren, die ihrer Obhut anvertraut waren,
machten ihr um so mehr zu schaffen, als die Mutter, den ganzen Tag in einem
Bureau tätig, am späten Abend erst nach Hause kam. Der Vater befand sich
angeblich auf einer Geschäftsreise, es kamen niemals Briefe von ihm, und Terese
war sich bald klar darüber, dass er seiner Frau, einem reizlosen und mürrischen
Geschöpf, auf Nimmerwiedersehen durchgegangen war. Das jüngere Mädchen war
kränklich, in der Nacht meist unruhig, was die im Nebenzimmer schlafende Mutter
kaum zu stören schien. Als Terese einmal davon sprach, dass es doch vielleicht
gut wäre, einen Arzt zu Rate zu ziehen, herrschte die Mutter Terese an,
erklärte ihr, dass sie selber wisse, was sie zu tun habe, ein Wort gab das
andere, und Terese kündigte ihre Stellung. Sie hatte vorher nicht gewusst, dass
ihr der Abschied von dem kleinen kränklichen Mädchen so nahe gehen würde, als es
nun der Fall war; und noch lange musste sie an das blasse, rührende Antlitz des
Kindes denken und an sein Lächeln, wenn es nachts wimmernd die Ärmchen um ihren
Hals gelegt hatte.
    Sie wollte nicht früher wieder nach Enzbach fahren, als sie ihre kleine
Schuld an Frau Leutner abtragen konnte, und da sich nicht sofort eine neue
Stellung fand, zog sie es vor, in einem kleinen Gastof abzusteigen. Niemals
hatte sie in einem kläglicheren und verwahrlosteren Quartier gewohnt. Sie
schlief, ohne sich auszukleiden. Unglücklicherweise regnete es während dieser
Tage, an denen sie in hundert Strassen treppauf treppab nach einer neuen Stellung
lief, beinahe ununterbrochen. Sie wollte diesmal nicht voreilig sein und sich
lieber einige Zeit behelfen, wie es eben ging, als wieder in ein Haus eintreten,
wo ihres Bleibens nicht sein könnte. Es begegnete ihr, dass man in Häusern, wo
sie selbst offenbar sympatisch wirkte und wo sie auch gern geblieben wäre,
wegen ihrer fast dürftigen Kleidung - wie sie an den Blicken der Leute wohl
merkte - nicht aufgenommen wurde. Was sollte sie tun? Sich noch einmal an die
Mutter wenden und mit einer Art Almosen abgefunden werden? Den Bruder aufsuchen,
mit dem sie nun fast jahrelang in keinerlei Verbindung mehr stand? Irgendeine
der Damen anbetteln, bei denen sie früher in Stellung gewesen war? Vor all dem
scheute sie zurück. Auch wusste sie nicht, wo sie eine ausgiebige Hilfe hätte
erwarten dürfen. Wieder einmal, in einer endlosen Nacht, da sie angekleidet auf
dem miserabeln Bett lag, das nun ihr Lager bedeutete, kam ihr, wie schon vor
Jahren in einer ähnlichen Lebenslage, der Gedanke, sich zu verkaufen. Sie dachte
daran wie an etwas Gleichgültiges, nur schwer Durchführbares. War sie denn noch
eine Frau? Fühlte sie auch nur die geringste Sehnsucht darnach, in den Armen
eines Mannes zu liegen? Das erbärmliche Dasein, das sie führte, als ein
Geschöpf, das nie sich selber gehörte, das keine Heimat hatte, das eine Mutter
war und, statt das eigene Kind, die Kinder fremder Leute behüten und aufziehen
musste, das heute nicht wusste, wo es morgen sein Haupt hinlegen sollte, das an
einem Tag zwischen den Erlebnissen, Geschäften und Geheimnissen fremder Leute
als eine Zufallsvertraute oder als eine absichtlich Eingeweihte umherging, um am
nächsten als eine gleichgültige Fremde auf die Strasse gesetzt zu werden, - was
hatte solch ein Geschöpf für Anrecht auf ein Menschen -, auf ein Frauenglück?
Sie war allein und zum Alleinsein bestimmt. Gab es denn noch irgendein Wesen, an
dem sie hing? Ihr Kind? Ihr Mutterherz war abgenützt, wie ihre ganze Seele, wie
ihr Leib und wie alles, was sie am Leibe trug. Auch mit ihrer Schönheit - ach,
sie war ja niemals wirklich schön gewesen -, mit ihrer Anmut, mit ihrer Jugend
war es vorbei. Sie fühlte, wie ihre Lippen zu einem müden Lächeln sich verzogen.
Siebenundzwanzig Jahre war sie alt. War das nicht doch zu früh, um alle Hoffnung
aufzugeben? Jener Ball im Hause Greitler fiel ihr ein, der noch gar nicht so
weit zurücklag und auf dem sie so viele Eroberungen gemacht hatte.
    In der Stille und Dunkelheit des Gemachs, während an das Fenster unablässig
die Regentropfen schlugen, unter ihrem abgetragenen Mantel, innerhalb der
ärmlichen Hüllen und Kleidungsstücke wurde sie sich plötzlich wieder ihres
Leibes, ihrer Haut, ihrer pulsenden Adern so schwellend heiss bewusst, wie es ihr
kaum je in einem lauen Bade oder in jenen, freilich längst vergessenen
Umarmungen geliebter Männer begegnet war.
    Des Morgens erwachte sie wie aus einem wollüstigen Traum, dessen sie sich in
den Einzelheiten nicht zu erinnern vermochte. In dieser Stimmung mit
neuerwachtem Mut wagte sie den Gang zu einer ihr von besseren Zeiten her
bekannten Schneiderin. Man kam ihr mit der grössten Freundlichkeit entgegen; zur
Entschuldigung ihres etwas defekten Aussehens erzählte sie eine Geschichte von
einem verlorengegangenen Koffer, auf ihre Bitte verfertigte man ihr innerhalb
vierundzwanzig Stunden ein einfaches, gutsitzendes Kostüm, ohne auf sofortiger
Bezahlung zu bestehen, und so trat sie ihre Wanderung - ach, wie oft, wie zum
Überdruss oft, hatte sie es schon getan - mit erhöhter Zuversicht wieder an.
    Sie fand eine ihr zusagende Stellung im Hause einer Professorswitwe, wo sie
die Erziehung zweier stiller blonder Mädchen von zehn und zwölf Jahren zu leiten
hatte, die ihrer Kränklichkeit wegen in diesem Jahre eine öffentliche Schule
nicht besuchten. Die gute Behandlung, die Terese in diesem Hause zuteil wurde,
der angenehme Verkehrston, die Bescheidenheit und Folgsamkeit der jungen
Mädchen, die Freundlichkeit der Mutter, deren Wesen noch von der Trauer um den
erst kürzlich verstorbenen Gatten umschattet schien, wirkte anfangs wohltuend
auf sie ein. Auch der Unterricht bereitete ihr um so mehr Vergnügen, als er
ausschliesslich in ihre Hand gelegt war; sie begann wieder, wie sie es bei
Eppichs getan, sich für die Lektionen vorzubereiten, frischte dabei ihre
Kenntnisse in manchen Gegenständen auf und fand in sich manches Interesse
wieder, das sie schon erloschen geglaubt hatte. Über Weihnachten erteilte man
ihr gerne Urlaub, sie fuhr nach Enzbach, hatte diesmal besonders viel Freude an
ihrem Buben -, und was sie trotzdem schon am frühen Nachmittag des zweiten
Feiertags in die Stadt hineintrieb, hätte sie selbst nicht zu sagen gewusst. Als
sie am Abend mit der Witwe und den zwei Mädchen bei dem kärglichen Nachtmahl
sass, schweigsam wie gewöhnlich, während von den andern in melancholischen
Andeutungen des verstorbenen Familienoberhauptes gedacht wurde, überfiel sie
plötzlich eine so quälende Langeweile, dass sie einen dumpfen Groll gegen diese
Menschen zu empfinden begann, in deren trübselige Stimmung sie als ganz
Unbeteiligte hineingezogen wurde. Sie hatte es freilich oft genug erfahren, dass
auf ihre eigene seelische Verfassung niemals die geringste Rücksicht genommen
wurde, dass man sich vor ihr in Freude und in Schmerz mit gleicher Lässigkeit
gehen liess; aber noch nie war ihr dies mit einem solchen Gefühl innerer
Auflehung bewusst geworden als gerade hier, wo sie sich eigentlich über nichts zu
beklagen hatte, ja, wo man ihr offenbar wohl wollte. Dazu kam noch, dass man auf
ihr Nachhausekommen zum Abendessen heute nicht gerechnet hatte und sie daher
noch hungriger von Tische aufstand als sonst. Sie fasste in dieser Nacht schon
den Entschluss, das Haus baldmöglichst zu verlassen; doch es dauerte noch bis zum
Frühjahr, ehe Terese ihren Entschluss zur Ausführung bringen konnte.
 
                                       55
Nach einem beinahe schmerzlichen Abschied, bei dem sie sich vielleicht zum
ersten Male gegenüber den Menschen, deren Haus sie verliess, im Unrecht fühlte,
trat sie ihren neuen Posten, bei einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, einem
Hutmacher in der inneren Stadt, als Erzieherin des einzigen, recht verzogenen
und besonders schönen siebenjährigen Buben an. Was Teresen am meisten auffiel,
war die ununterbrochen gute Laune, die in diesem Hause herrschte. Zu Tische war
beinahe immer irgendwer zu Gaste - ein Onkel, eine Kusine, ein Geschäftsfreund,
ein verwandtes Ehepaar aus der Provinz -, es wurde vorzüglich gegessen und
getrunken, man erzählte Anekdoten, Tratsch aus der Nähe und aus der Ferne,
lachte viel und war sichtlich erfreut, ja irgendwie geschmeichelt, wenn Terese
mitlachte. Man behandelte sie wie eine gute alte Bekannte, fragte sie nach ihrem
Elternhaus, nach ihren Jugenderlebnissen; es war das erstemal, dass sie wieder
von ihrem. Vater, dem verstorbenen hohen Offizier, von ihrer Mutter, der
beliebten Romanschriftstellerin, von Salzburg, von allerlei Menschen, die sie im
Laufe der Zeit kennengelernt, reden durfte, ohne vordringlich zu erscheinen. So
konnte sie sich leicht behaglich fühlen. Der Bub aber, soviel er ihr auch durch
sein verwöhntes, anspruchsvolles Wesen zu schaffen machte, entzückte sie
geradezu. Sie entdeckte bald, dass seine Eltern ihn wohl zu verwöhnen, aber doch
eigentlich nicht ganz zu würdigen verstanden. Sie fand, dass er nicht nur klug,
weit über seine Jahre, sondern von einer ganz eigenen, fast überirdischen
Schönheit war, die sie übrigens an das Kostümbild irgendeines Prinzen erinnerte,
sie wusste nicht an welches, das sie einmal in einer Galerie gesehen. Und bald
erkannte sie, dass sie dieses Kind geradesosehr, ja, noch mehr liebte als ihr
eigenes. Als es eines Abends an hohem Fieber erkrankte, war sie es, die
angstverzehrt drei Nächte lang an seinem Bette wachte, während die Mutter, in
diesen Tagen selbst etwas leidend, sich nur Bericht über den Zustand des Kindes
erstatten liess, das übrigens am dritten Tag schon vollkommen hergestellt war.
Bald nachher wurden allerlei Sommerpläne gemacht; man zog die Umgebung von
Salzburg in Betracht, und auch Teresens Rat war willkommen.
    Da geschah es an einem heitern Sonntagmorgen, dass die Frau des Hauses sie zu
sich ins Zimmer bat und ihr freundlich wie immer mitteilte, dass in wenigen Tagen
die frühere Erzieherin zurückerwartet würde, die nur zum Besuch von Verwandten
einen halbjährigen Urlaub in England verbracht hatte. Terese glaubte zuerst
nicht recht zu verstehen. Als sie nicht länger daran zweifeln konnte, dass sie
fort sollte, brach sie in Tränen aus. Die Frau tröstete sie, redete ihr zu und
lachte sie endlich in ihrer gutmütigen und gedankenlosen Art wegen dieser
»Raunzerei« ein wenig aus. Weder sie noch ihr Gatte schienen im geringsten die
Empfindung zu haben, dass man Teresen ein Unrecht oder gar einen Schmerz antäte.
Der Ton ihr gegenüber im Hause nach der Kündigung änderte sich so wenig, dass
Terese immer wieder zu glauben versucht war, sie werde doch weiter hier bleiben
dürfen. Ja, man besprach auch nach wie vor mit ihr verschiedene Einzelheiten des
bevorstehenden Urlaubs, und der Bub redete von Ausflügen, Kahnfahrten,
Bergpartien, die er mit ihr unternehmen wollte. Immer wieder hatte sie während
der Mahlzeiten mit Tränen zu kämpfen. Es gab eine Nacht, da sie halb im Traum
allerlei romanhafte Pläne erwog: Entführung des Knaben, einen Anschlag gegen die
aus England zurückkehrende Erzieherin; - auch noch dunklere Vorsätze, die sich
gegen das Kind und gegen sie selbst richteten, gingen ihr durch den Sinn. Am
Morgen waren sie natürlich alle in nichts zerflossen.
    Endlich war der Tag des Abschieds da. Es war Sorge dafür getragen, dass der
Kleine sich auf Besuch bei den Grosseltern befand; man gab Teresen eine billige
Bonbonniere und die besten Wünsche mit auf den Weg, ohne auch nur mit einem
Worte anzudeuten, dass man sie gelegentlich wiederzusehen wünsche. Als sie die
Treppe hinunterschritt, starr und tränenlos, wusste sie, dass sie dieses Haus nie
wieder betreten würde. Es war nicht das erstemal, dass sie sich dergleichen
vorgenommen; aber auch dort, wo ein solcher Vorsatz nicht in ihr aufgetaucht
war, wo sie in Frieden, ja sozusagen in Freundschaft geschieden war, auch
dortin hatte sie beinahe niemals wieder den Fuss gesetzt. Wann hätte sie auch
Zeit dazu gefunden?
    Sie fuhr nach Enzbach mit der Hoffnung, sich in der freien Natur zu erholen,
mit der Sehnsucht, sich unter den Menschen draussen wohl zu fühlen, mit dem
gleichsam verzweifelten Wunsch, ihr Kind mehr, besser zu lieben, als sie es
bisher getan. Nichts von all dem glückte ihr, alles schien vielmehr
aussichtsloser als je. Niemals noch war sie in einer so völlig fremden Welt
gewesen. Es war ihr, als käme man ihr übelgesinnt, geradezu feindselig entgegen,
und so sehr sie sich Mühe gab, es gelang ihr kaum, mütterliche Zärtlichkeit für
ihr Kind zu fühlen.
    Am schlimmsten wurde es, als Agnes, die indes in Wien Kindermädchen gewesen
war, für ein paar Tage nach Enzbach kam. Die Zärtlichkeit der Sechzehnjährigen
für den Buben war Teresen in der Seele zuwider, sie ertrug es nicht, das junge
Mädchen dem Kind gegenüber sich gleichsam mütterlicher gebärden zu sehen, als
sie selbst es vermochte. Manchmal wieder schien ihr das Verhalten von Agnes
keineswegs von mütterlichen Gefühlen bestimmt; es hatte vielmehr den Anschein,
als habe Agnes es nur darauf angelegt, Terese zu ärgern, zu verletzen,
eifersüchtig zu machen. Als ihr das Terese auf den Kopf zusagte, erwiderte sie
höhnisch und frech. Frau Leutner schlug sich auf die Seite ihrer Tochter; es kam
zu einem Zank, in dem auch Terese alle Haltung verlor; empört über die andern,
unzufrieden mit sich selbst, erkannte sie, dass alles nur schlimmer werden
konnte, wenn sie noch länger blieb, und es geschah zum erstenmal, dass sie
Enzbach ohne eigentlichen Abschied - fluchtartig verliess.
 
                                       56
Über die neue Stellung, die sie an einem heissen Augusttag antrat, war sie von
ihrem Bureau, wie sich bald zeigte, ziemlich falsch unterrichtet worden. Sie kam
keineswegs in eine elegante Villa zu einem gutsituierten Fabrikanten, wie man
ihr vorgespiegelt, es war vielmehr ein höchst vernachlässigtes, freilich als
Landhaus gebautes weitläufiges Gebäude, in dem vier Familien zum
Sommeraufentalt wohnten, die sich nebst ihren Kindern in stetem Hader
miteinander befanden, so dass man sich sogar im Garten um die Plätze, die Bänke,
die Tische zu zanken pflegte und es immer wieder gegenseitige Beschwerden
auszutragen gab. Die schlechtest erzogenen Kinder von allen waren die drei - im
Bureau hatte man ihr nur von zweien gesagt -, die Teresens Obhut anvertraut
waren, drei Buben zwischen neun und zwölf Jahren. Die Mutter war eine noch
leidlich junge, zu früh fett gewordene, schon am frühen Morgen geschminkte
Person, die zu Hause und im Garten in Hauskleidern von fragwürdiger Reinlichkeit
umherzugehen, sich aber für die Promenade um so grossartiger und auffallender
herzurichten pflegte. Sie selbst, wie auch die Kinder, sprachen einen hässlichen
jüdischen Jargon, gegen den, wie gegen die Juden überhaupt, Terese seit jeher
eine gewisse Abneigung verspürte, obzwar sie sich in manchen jüdischen Häusern
keineswegs übler als in andern befunden hatte. Dass auch die Eppichs, wenn auch
getauft, einer Rasse angehörten, der gegenüber sie von einem Vorurteil nun
einmal nicht ganz frei war, hatte sie erst kurz vor ihrem Austritt mit einiger
Verwunderung erfahren. Der Vater ihrer neuen Zöglinge, ein kleiner bedrückter
Mensch mit melancholischen Hundeaugen, kam meistens nur an Feiertagen, gegen
Mittag, aufs Land hinaus, bei welcher Gelegenheit es beinahe immer Auftritte
zwischen ihm und seiner Gattin gab. Nachmittags verschwand er eiligst und begab
sich, wie Terese aus hämischen Bemerkungen seiner Frau entnahm, ins Kaffeehaus,
wo er bis zum späten Abend Karten spielte und sein Geld, ja nach den
Behauptungen der Gattin, allmählich die ganze Mitgift verlor. Terese begriff
nicht recht, warum die Frau sich immer darüber beklagte, dass er sie
vernachlässige, da sie selbst keineswegs für ihn Zeit hatte. Nachmittags lag sie
stundenlang auf dem Diwan, dann kleidete sie sich für die Promenade an und kam
meist später zurück, als man sie erwartet hatte. Teresen gegenüber war sie bald
freundlich, geradezu um ihre Gunst beflissen, bald heftig und ungeduldig und in
jeder Beziehung von einer Ungenierteit, die Terese oft peinlich berührte.
Unter anderen Pflichten hatte der Gatte auch die, seiner Frau Bücher aus der
Leihbibliotek mitzubringen, die aber meist ungelesen auf den Gartenbänken oder
auf den Zimmermöbeln herumlagen. Es war Teresens Absicht, gleich nach der
Rückkehr aus der Sommerfrische das Haus zu verlassen. So kümmerte sie sich um
die drei Judenbengels, wie sie sie bei sich zu nennen pflegte, nicht mehr als
unumgänglich notwendig war, überliess sie ihren Spielen, ihren Ungezogenheiten;
und da sie mit ihrer Zeit nichts Rechtes anzufangen wusste, nahm sie manchmal
mechanisch einen Leihbiblioteksband zur Hand, las da und dort ein Kapitel, ohne
innerlich recht dabei zu sein. Da fiel ihr einmal ein Buch ihrer Mutter in die
Hände. Sie griff kaum mit grösserem Interesse darnach als nach irgendeinem der
andern, da ihr, was sie bisher von den Leistungen der Schriftstellerin Fabiani
kennengelernt, nicht nur langweilig, sondern überdies lächerrlich erschienen war.
Sie las nachmittags im Garten zu einer verhältnismässig ruhigen Stunde in einer
Ferienstille, die nur durch das Klavierspiel irgendeiner Hausbewohnerin gestört
war, las ohne Anteilnahme eine Geschichte, die sie glaubte schon hundertmal
gelesen zu haben, bis sie einmal an eine Stelle geriet, von der sie sich bewegt
fühlte, ohne recht zu wissen warum. Es war der Brief eines betrogenen und
verzweifelten Liebhabers, der so unvermutet mit einem ergreifenden Ton von
Wahrheit an Teresens Seele rührte. Ein paar Seiten darauf folgte ein zweiter,
ein dritter Brief ähnlicher Art; und nun erkannte Terese, dass die Briefe, die
sie hier gedruckt las, keine anderen waren, als die Alfred ihr vor vielen Jahren
geschrieben und die die Mutter ihr damals aus der Lade gestohlen hatte. Sie
waren wohl etwas verändert, wie es der Inhalt des Romanes verlangte, gewisse
Sätze aber waren deutlich erhalten. Zuerst fühlte Terese nur die leise Wehmut,
die sie immer überkam, wenn sie auf irgendeine Weise an Alfred erinnert wurde.
Dann aber erfasste sie eine heftige Erbitterung gegen die Mutter, doch hielt sie
nicht lange an, - ja sie musste bald lachen, und noch am selben Abend schrieb sie
ihrer Mutter halb im Scherze, wie geschmeichelt sie sich fühle, an den Werken
der berühmten Schriftstellerin, was sie bisher nicht geahnt, in bescheidener
Weise mitarbeiten zu dürfen.
    Wenige Tage später langte eine sehr sachlich und doch zugleich herzlich
gehaltene Anfrage der Mutter ein, auf welches Honorar Terese für ihre
Mitarbeiterschaft Anspruch erhebe, und schon zwei Tage darauf, unerbeten, traf
zwar nicht eine Geldsumme, aber einige Wäschestücke und eine weisse Batistbluse
ein, die Terese zwar anfangs zurückschicken wollte, aber dann doch lieber
behielt, da sie ihr sehr gelegen kamen.
    Wenige Tage, ehe man aus der Sommerfrische nach Wien übersiedeln sollte,
erhielt Terese einen Brief, in dem sie um ein Rendezvous ersucht wurde. Mit
vollem, ihr bis dahin unbekanntem Namen unterschrieben war ein Offizier, der
kein anderer sein konnte als ein gewisser, sehr hagerer Oberleutnant mit
schwarzem Schnurrbart, dem sie oft im Kurpark flüchtig zu begegnen und der sie
mit besonders frechen Blicken zu mustern pflegte. In unverblümten Worten, die
sie anfangs empörten, dann aber tief erregend in ihr nachwirkten, gestand ihr
der Offizier seine Liebe, seine Leidenschaft, sein Verlangen. Nachdem sie den
ganzen Tag über inneren Widerstand geleistet, fand sie sich in später
Abendstunde, sobald sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, im Kurpark ein, der
Oberleutnant, der sie erwartet, trat auf sie zu, ergriff ihre Hand in wilder,
fast gewalttätiger Weise; in einer dunklen Allee gingen sie eine Weile auf und
ab; bald, fast ohne zu wissen, wie ihr geschah, erwiderte sie seine gierigen
Küsse. Er wollte sie in noch dunklere, abgelegene Partien des Parkes locken, da
riss sie sich von ihm los und ging nach Hause. Jetzt erst kam ihr zu Bewusstsein,
dass sie mit dem Oberleutnant während dieses leidenschaftlichen Zusammenseins
kaum zehn Worte gewechselt hatte, und sie schämte sich sehr. Morgen wollte er
sie wieder erwarten, und sie nahm sich fest vor, nicht an den Ort des
Stelldicheins zu kommen. Sie hatte eine schlaflose Nacht, in der ihre Sehnsucht
nach ihm zu fast körperlichem Schmerze anwuchs. Mittags bekam sie einen Brief
von unbekannter Hand. Er entielt von einer »wohlmeinenden Freundin«, die ihren
Namen allerdings verschwieg, den guten Rat, sich die Leute doch besser
anzusehen, mit denen sie sich nachts im Kurpark herumtreibe. Jemand, der es
leider wisse, mache sie darauf aufmerksam, dass der Offizier sich in diesem
Kurort zur Behandlung einer gewissen, ansteckenden Krankheit aufhalte und noch
lange nicht geheilt sei. Hoffentlich treffe diese Warnung noch rechtzeitig ein.
Terese erschrak tödlich. Sie rührte sich vom Hause nicht fort; dunkel war ihr
bewusst, dass am Ende auch schon die Küsse des gestrigen Abends verhängnisvolle
Folgen haben konnten. Aber sie hoffte zugleich, dass Gott sie nicht so hart
strafen würde, wenn sie nur die Kraft hätte, den gefährlichen Menschen nicht
wiederzusehen. Es gelang ihr tatsächlich, sich die nächsten Tage zu Hause zu
halten; eine heftige Auseinandersetzung mit der Mutter ihrer Zöglinge
ermöglichte es ihr, ihre Stellung vor Ablauf der Kündigungsfrist zu verlassen;
auf dem Weg zum Bahnhof erblickte sie den Oberleutnant von ferne, und es glückte
ihr, zu entkommen, ohne dass er sie bemerkt hätte.
 
                                       57
In dem Hause eines Grossindustriellen, wo sie ihre nächste Stellung antrat,
sollte sie, wie sich bald herausstellte, nicht so sehr als Erzieherin denn
vielmehr als Pflegerin bei einem rettungslos dahinsiechenden, fast gelähmten
neunjährigen Mädchen Dienste leisten. In einem ihr selbst kaum begreiflichen
qualvollen Mitleid mit dem armen Kind, das sich nicht nur seiner Leiden, sondern
auch des nahen Todes bewusst schien, und auch im Mitgefühl für die unglücklichen
Eltern, die schon Jahre hindurch diesen Leiden hilflos zusehen mussten, glaubte
sich Terese anfangs bereit, das Opfer zu bringen, das man von ihr verlangte.
Aber schon nach wenigen Wochen sah sie ein, dass weder ihre körperlichen noch
ihre seelischen Kräfte dem gewachsen waren, was man von ihr verlangte, und nahm
ihren Abschied.
    Von einem freundlichen Briefe ihrer Mutter bestimmt, fuhr sie für einige
Tage nach Salzburg, wo sie mit Herzlichkeit empfangen wurde. Die Stellung der
Frau Fabiani in der kleinen Stadt schien sich im Laufe der letzten Jahren auf
das vorteilhafteste verändert zu haben. Damen der Gesellschaft besuchten ihr
Haus, und Terese lernte unter anderem die Frau eines erst kürzlich hieher
versetzten Majors und die Gattin eines Redakteurs kennen, die der
Schriftstellerin Julia Fabiani alle nur denkbare Achtung erwiesen. Terese
fühlte sich in dem Hause der Mutter wohler und doch zugleich fremder als früher
- etwa so, als wenn sie nicht bei ihrer Mutter, sondern bei einer älteren Dame
zu Besuch wäre, mit der sie auf Reisen vertrautere Bekanntschaft geschlossen.
Als Terese gesprächsweise von allerlei Menschen erzählte, denen sie während der
letzten Jahre begegnet, hörte die Mutter mit wachsendem Interesse zu, scheute
sich nicht, Notizen zu machen, ja manche von Teresens Berichten wörtlich
aufzuzeichnen, und erklärte ihrer Tochter endlich, dass sie darauf bestehe, ihr
für solche »Berichte aus dem Leben«, die sie von ihr regelmässig zu erhalten
hoffe, ein angemessenes Honorar zu bezahlen. Auch in Salzburg hatte sich indes
allerlei zugetragen: so war der Graf Benkheim, der sich um Terese bemüht, dann
jene Schauspielerin, die ihm nahe gestanden, geheiratet hatte, kürzlich
gestorben und hatte seiner Witwe ein bedeutendes Vermögen hinterlassen. Auch von
dem Bruder wurde gesprochen, der in der Wiener Studentenschaft als Vizepräsident
eines deutsch-nationalen Vereins eine immer grössere Rolle spiele und nun öfters
nach Salzburg komme, wo er in politisch interessierten Kreisen zu verkehren
pflegte. Dass er sich um seine Schwester nicht im allerentferntesten, aber auch
um die Mutter nur wenig kümmerte, schien ihm diese, die nun auf ihn stolz zu
werden begann, nicht weiter übelzunehmen.
 
                                       58
Als Terese in den letzten Oktobertagen wieder nach Wien reiste, fühlte sie sich
zwar körperlich erholt, doch innerlich verarmt. Sie war im besten Einvernehmen
von ihrer Mutter geschieden und wusste tiefer als je, dass sie keine hatte. Die
besten Stunden, deren sie sich aus ihrem dreiwöchigen Aufentalt in Salzburg
erinnerte, waren doch diejenigen gewesen, die sie auf einsamen Spaziergängen und
in der Kirche verbracht hatte, wo sie kaum jemals betete und sich doch immer
beruhigt und in guter Hut fühlte.
    Terese trat nun eine Stellung bei einem Landesgerichtsrat an, der mit Frau
und Kindern, zusammen mit einer anderen Partei, von der man nichts sah und
hörte, ein kleines Haus in einer Gartenvorstadt bewohnte. Der Landesgerichtsrat
war ein schweigsamer, unfroher, aber höflicher Mann, die Mutter beschränkt und
gutmütig, die beiden Töchter, zehn und zwölf Jahre alt, nicht sonderlich begabt,
aber sehr gutartig und leicht lenkbar. Man lebte sparsam, aber Terese hatte
nichts zu entbehren, auch was man ihr an menschlicher Teilnahme entgegenbrachte,
war gerade so viel, dass sie sich weder verwöhnt und beschenkt, noch aber
zurückgesetzt oder vernachlässigt erscheinen durfte.
    In der gleichen Wohnung lebte als Zimmerherr ein junger Bankbeamter, der in
keinerlei Verkehr mit der Familie stand. Terese sah ihn nur selten im
Vorzimmer, auf der Stiege; bei flüchtigen Begegnungen grüsste man einander,
gelegentlich wurden ein paar Worte über das Wetter gewechselt, trotzdem empfand
sie es nicht als Überraschung, sondern fast als etwas längst Erwartetes, als er
sie einmal spät abends, da sie im Vorzimmer zusammentrafen, heftig in die Arme
nahm und küsste. In der Nacht darauf - sie wusste kaum, ob er sie darum gebeten,
ob sie es ihm versprochen - war sie bei ihm, und von dieser Nacht an, manchmal
nur auf Viertelstunden - denn sie hatte immer Angst, dass die beiden Mädchen, mit
denen gemeinsam sie in einem Zimmer schlief, ihre Entfernung bemerken könnten -
war sie allnächtlich bei ihm. Ausserhalb dieser Zeit dachte sie seiner kaum, und
wenn sie ihm begegnete, kam es ihr kaum zu Bewusstsein, dass er ihr Geliebter war.
Trotzdem bereute sie oft genug, dass sie so viele Jahre ihres Lebens, wie sie
sich nun sagte, versäumt, dass sie seit Kasimir Tobisch keinen Geliebten gehabt
hatte. Als sie anfing zu merken, dass er eine ernstlichere Leidenschaft für sie
fasste und Fragen an sie richtete, die Eifersucht auf ihre Vergangenheit
verrieten, hielt sie es für angezeigt, mit ihm zu brechen. Sie machte ihn
glauben, dass man in der Familie des Landesgerichtsrates Verdacht gefasst habe,
und spiegelte ihm immer wieder von neuem eine zuweilen auch echte Angst vor
möglichen Folgen ihres Verhältnisses vor. Endlich machte sie ein rasches Ende,
in dem sie sich ohne sein Wissen nach einer anderen Stellung umsah und eines
Morgens das Haus für immer verliess, ohne ihn verständigt zu haben.
 
                                       59
In der nächsten Stellung bei dem Inhaber eines kleinen Wechslergeschäftes der
inneren Stadt fügte es sich, dass sie sehr viel freie Zeit übrig hatte. Ja, die
Mutter des siebenjährigen Knaben, der ihr Zögling war, eine in ihrer Ehe sehr
unglückliche Frau, schien niemals froher, als wenn sie mit ihrem Einzigen
ungestört und allein beisammen sein konnte. So hätte Terese öfter als je
Gelegenheit gehabt, nicht nur für Stunden, sondern auch für Tage nach Enzbach zu
Franzl zu fahren, doch zog sie es manchmal vor, in den Strassen der Stadt planlos
umherzuspazieren, und als erwünschte Ausrede vor sich selber diente ihr der
Umstand, dass die Bauersleute draussen, dass insbesondere Agnes in ihrer vorlauten
und doch wieder hinterhältigen Art ihr nun völlig unleidlich geworden waren.
    So geschah es eines Abends, dass Terese in der Stadt dem hübschen Krauskopf
begegnete, den sie auf dem Ball bei Greitlers vor bald zwei Jahren kennengelernt
hatte. Er nannte es Schicksalsfügung, dass man einander wieder traf, und mit
einer Willensschwäche, die sie sich selbst nicht erklären konnte, war sie schon
beim nächsten Zusammensein bereit, ihm alles zu gewähren, was er verlangte. Er
war Student der Rechte, lustig und frech; Terese verliebte sich heftig in ihn
und opferte ihm öfters die Tage, die eigentlich für ihr Kind bestimmt gewesen
wären. Ihm hätte sie gern mehr von sich erzählt, aber er schien darauf keinen
Wert zu legen, ja, wenn sie ernstafter mit ihm zu reden versuchte, langweilte
ihn das offensichtlich, und aus Angst, ihn zu verstimmen, gab sie es auf, ihn
mit ihren persönlichen Angelegenheiten zu belästigen. Zu Beginn des Sommers kam
ein fröhlicher Abschiedsbrief: sie wäre ein famoses Mädel gewesen, und sie möge
ihm ein so freundliches Angedenken bewahren wie er ihr. Sie weinte zwei Nächte
lang, dann fuhr sie nach Enzbach zu ihrem Kind, das sie ganze vier Wochen nicht
gesehen hatte, liebte es mehr als je, tat vor dem Marienbild am Ahornbaum ein
Gelübde, Franzl nie wieder zu Vernachlässigen, vertrug sich auch mit den alten
Leutners aufs beste, da Agnes nicht daheim war, und kehrte am Abend des gleichen
Tages ziemlich getröstet nach Wien zurück.
    Sie fand nun wieder zu sich selbst zurück. Es war ihr im Grunde nicht
anders, als hätte sie einen quälenden Durst gestillt und könnte nun wieder
beruhigt ihren Pflichten und ihrem Berufe leben. Doch als sie nun ihren Einfluss
auf ihren kleinen Zögling wieder gewinnen wollte, sah sie bald, dass das von der
Mutter scheel, ja mit Misstrauen angesehen wurde. Eines Tages kam es wirklich so
weit, dass die Frau, deren Gatte indes Beziehungen zu einem anderen weiblichen
Wesen angeknüpft hatte, Teresen vorwarf, diese suche ihr die Liebe ihres Kindes
zu entziehen, und als sich diese eifersüchtigen Regungen ins Krankhafte zu
steigern begannen, blieb Terese nichts anderes übrig, als ihren Abschied zu
nehmen.
 
                                       60
Sie kam nun in ein ruhiges, behagliches Haus, in dem sie hoffte lange bleiben zu
dürfen: zu einem Fabrikanten, der tätig und seiner Tätigkeit froh zu sein
schien, einer liebenswürdigen und heiteren Frau und zwei Mädchen, die eben der
Kindheit zu entwachsen begannen, klugen, wohlerzogenen, leicht zu behandelnden
Geschöpfen, die beide musikalisch besonders begabt waren. Terese war nun
gewöhnt, sich rasch in neue Verhältnisse zu finden, und sie verstand es, die
Elemente von Fremdheit und Vertrauteit, die beide gewissermassen das Wesen ihres
Berufes ausmachten, gegeneinander auszugleichen und in das richtige Verhältnis
zu bringen. Vor allem hütete sie sich, ihr Herz an die jungen Wesen zu hängen,
deren Erziehung ihr überantwortet war, blieb aber doch keineswegs gleichgültig;
eine Art von kühler Mütterlichkeit, die sie beinahe nach Belieben ein paar Grade
höher oder niederer stellen konnte, blieb die Grundstimmung dieser Beziehungen.
So war sie innerlich vollkommen frei, wenn sich die Türe des Hauses hinter ihr
schloss, und doch wieder daheim, wenn sie zurückkehrte. Ihren Buben besuchte sie
regelmässig, ohne dass in der Trennungszeit besondere Sehnsucht nach ihm sie
gequält hätte.
    Einmal zu Beginn des Winters, als sie nach Enzbach hinausfuhr, musste sie
wegen Überfullung des Zuges in einem Coupé erster Klasse Platz nehmen. Ein
eleganter, nicht mehr ganz junger Mann, neben ihr der einzige Passagier in
diesem Coupé, knüpfte ein Gespräch mit ihr an. Er befand sich auf einer Reise
ins Ausland, und nur, weil er zu kurzem Aufentalt auf einem, von einer kleinen
Zwischenstation aus erreichbaren Gut genötigt war, hatte er für den ersten
Abschnitt seiner Fahrt diesen Personenzug benützt. Er hatte eine etwas
affektierte Art, zu reden und mit dem Zeigefinger der rechten Hand seinen
englisch gestutzten Schnurrbart zu streichen. Sie liess es sich gerne gefallen,
dass er sie für eine verheiratete Frau hielt, und er hatte keinen Grund, an ihrer
Angabe zu zweifeln, dass sie auf Besuch zu einer Freundin fahre, einer
Arztensfrau, Mutter von vier Kindern, die das ganze Jahr auf dem Lande wohne.
Als sie in Enzbach ausstieg, hatte der Herr von ihr das Versprechen erlangt, in
vierzehn Tagen, nach seiner Rückkehr aus München, sie wiedersehen zu dürfen, und
empfahl sich von ihr mit einem Handkuss.
    Als sie den verschneiten Weg dem wohlbekannten Ziele zuwanderte, fühlte sie
ihren Schritt leichter als sonst und ihr Selbstbewusstsein gehoben. Ihrem Kind
gegenüber aber hatte sie diesmal ein merkwürdiges Gefühl von Entfremdung, und in
erhöhtem Masse fiel ihr Franzls Sprechweise auf, die, wenn nicht gerade
entschiedenen Dialekt, doch immer unverkennbarer den bäuerischen Tonfall merken
liess. Sie erwog, ob es nicht an der Zeit und ob es nicht ihre Pflicht wäre, den
Buben von hier weg und in die Stadt zu nehmen. Aber wie liess sich das
ermöglichen? Und während sie in dem niederen, muffelnden Raum bei dem Schein
einer Petroleumlampe Kaffee trank, Frau Leutner ihr allerlei vorschwatzte, Agnes
in ihrem Sonntagsgewand mit einer Näharbeit am Ofen sass, Franz in einem
Bilderbuch leise vor sich hin buchstabierte, sah sie immer den fremden Herrn vor
sich, wie er jetzt allein im Coupé in seinem eleganten Reisepelz mit gelben
Handschuhen durch den treibenden Schnee in die weite Welt hineinsauste, und
erschien sich selbst ein wenig als die verheiratete Frau, die sie ihm
vorgespielt hatte. Wenn er ahnte, dass sie keineswegs zu einer Freundin aufs Land
gefahren war, sondern zu ihrem Kind, zu einem unehelichen Kind, das sie von
einem Schwindler namens Kasimir Tobisch hatte? Gleich aber durchschauerte es
sie; sie rief ihren Buben herbei, herzte und küsste ihn, als hätte sie etwas an
ihm gutzumachen.
    Die nächsten vierzehn Tage verflossen in einer so quälenden Langsamkeit, als
hätte das Wiedersehen mit jenem Fremden das Ziel ihres Lebens zu bedeuten, und
je näher es heranrückte, um so mehr fürchtete sie, dass der Fremde die
Verabredung nicht einhalten würde. Doch er war da; er hatte sogar schon eine
Weile an der Strassenecke gewartet. Sein Anblick enttäuschte sie heute ein wenig.
Im Coupé war es ihr nicht aufgefallen, dass er von etwas kleinerer Statur als sie
und beinahe kahlköpfig war. Aber seine Art, die Worte zu setzen, und
insbesondere der Ton seiner Stimme übte gleich wieder die Wirkung von neulich
auf sie aus. Sie habe nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit, erklärte sie
gleich, sie sei zu einem Tee geladen, wo sie ihren Mann treffen wollte, um mit
ihm ins Teater zu gehen. Der fremde Herr war nicht zudringlich; er wollte auch
nicht indiskret sein; er gab sich zufrieden und legte Wert darauf, ein
Versäumnis von neulich gutmachen zu dürfen, indem er sich vorstellte:
»Ministerialrat Dr. Bing. Ich verlange nicht Ihren Namen zu wissen, gnädige
Frau«, fugte er hinzu. »Sobald Sie überzeugt sind, mir Ihr Vertrauen schenken zu
dürfen, werden Sie ihn mir nennen - oder auch nicht. Ganz wie es Ihnen beliebt.«
Dann erzählte er von seiner Reise. Es war keineswegs eine Vergnügungsreise
gewesen, sondern eine Geschäfts-, eine politische Reise gewissermassen. Immerhin
habe er in Berlin einige Male die Oper besucht, was im Grunde auch hier seine
einzige Zerstreuung sei. Die gnädige Frau sei wohl auch musikalisch? - Ein
wenig, doch habe sie nicht viel Gelegenheit, Opern und Konzerte zu besuchen. -
Freilich, meinte der Ministerialrat, Hausfrauenpflichten, Familienpflichten, man
könnte sich wohl denken. - Terese schüttelte den Kopf. Sie habe keine Kinder.
Eins habe sie gehabt, das sei gestorben. Sie wusste selbst nicht recht, warum sie
log, warum sie verleugnete, warum sie sich versündigte. Der Ministerialrat
bedauerte, an eine wunde Stelle gerührt zu haben. Sein Zartgefühl tat ihr so
wohl, als wenn sie ihm die Wahrheit gesagt hätte. An einer bestimmten Ecke bat
sie ihn, sie nun ihren Weg allein gehen zu lassen. Nachdem er sich höflich von
ihr empfohlen, tat es ihr leid, denn nun blieb ihr nichts anderes übrig, als
einen Abend zu Hause zu verbringen, den sie sich schon frei gemacht hatte und
dessen selbstverschuldete Leere sie fast wie eine Pein empfand.
    Beim nächsten Zusammentreffen an einem kalten Winterabend lud der
Ministerialrat sie in sehr respektvoller Weise ein, bei ihm den Tee zu nehmen.
Sie zierte sich nicht länger als dringend nötig war, und es hätte vielleicht
nicht einmal der behaglichen Wohnung, des zartgedämpften Lichtes und des zweck-
und geschmackvoll zusammengestellten Mahles bedurft, um das Abenteuer zu dem von
ihr vorhergesehenen und gewünschten Abschluss zu fuhren. Er fragte zwar nichts
und schien bereit, ihr alles zu glauben, was sie ihm erzählte; und doch, schon
das nächste Mal, um nicht eines Tages als entlarvte Lügnerin dazustehen, hielt
sie es für richtig, ihm doch wenigstens einen Teil der Wahrheit zu gestehen. Sie
sei zwar verheiratet gewesen, aber nun seit zwei Jahren geschieden. Ihr Mann
habe sie nach dem Tode des Kindes verlassen; und da sie von dieser Seite trotz
gerichtlichen Anspruches darauf keinerlei Unterstützung geniesse, habe sie sich
entschlossen, ihren Unterhalt als Erzieherin zu erwerben. Der Ministerialrat
küsste ihr die Hand und war noch respektvoller als früher.
    Sie trafen einander regelmässig alle vierzehn Tage. Und Terese freute sich
auf die stimmungsvolle Wohnung mit dem zartgedämpften Licht, sogar auf das
jedesmal mit besonderem Raffinement zusammengestellte Abendessen, ja einfach auf
die Abwechslung, die dieser Tag in ihrem Leben bedeutete, beinahe mehr als auf
den Geliebten selbst. Seine Stimme klang noch immer so angenehm verschleiert,
seine Redeweise noch immer so entzückend affektiert wie am ersten Tag, aber an
den Dingen, die er ihr erzählte, vermochte sie kein besonderes Interesse zu
finden. Am liebsten hörte sie ihm noch zu, wenn er von seiner Mutter sprach, die
er eine »edle und gütige« Frau nannte, und von seinen Opernbesuchen, über die er
übrigens in Phrasen zu berichten pflegte, die ihr aus Zeitungen wohl bekannt
erschienen. Auch von Politik sprach er zuweilen, so sachlich und trocken, als
wenn er einen Kollegen aus dem Ministerium vor sich hätte, und tat das manchmal
auch in Stunden, die für solche Erörterungen wenig geeignet waren. In seiner
diskreten Weise, die von Selbstgefälligkeit nicht ganz frei war, hatte er sich
erbötig gemacht, ihre materielle Lage durch einen kleinen monatlichen Zuschuss zu
erleichtern, was sie nach anfänglicher Weigerung annahm.
    Es war im ganzen eine ruhige, es hätte geradezu eine glückliche Zeit für sie
sein können; trotzdem empfand sie das Richtungs-, ja das Sinnlose ihres Lebens
noch stärker als sonst. Manchmal drängte es sie, dem Manne, der doch am Ende ihr
Geliebter war, ihr Herz auszuschütten. Aber immer wieder hielt sie eine innere
Hemmung oder auch, wie ihr manchmal schien, ein Widerstand von seiner Seite
zurück; ja, sie merkte deutlich, dass er solche Anzeichen ihres Vertrauens
abwehren wollte, um Unbequemlichkeiten oder eine höhere Verantwortlichkeit zu
vermeiden. So blieb sie sich bewusst, dass auch diese Beziehung in absehbarer Zeit
enden würde, ebenso, wie sie nicht daran zweifelte, dass sie auch in dem Hause
des Fabrikanten, so freundlich sich ihr Verhältnis zu Eltern und Töchtern auch
gestaltet, eine dauernde Stellung oder gar ein Heim keineswegs gefunden hatte.
    So stand sie immer und überall auf schwankem Grunde, und auch in der Nähe
ihres Kindes kam sie kaum je zu einem Gefühl der Sicherheit. Ja, sie konnte sich
nicht verhehlen, dass Franz, wie es nun einmal die Umstände mit sich brachten,
mit der Frau Leutner und sogar mit der kleinen Agnes, die in ihrer Frühreife
schon fast wie ein erwachsenes Mädchen wirkte, vertrauter stand als mit ihr, der
eigenen Mutter. Manchmal sehnte sie sich darnach, sich über ihre seelischen Nöte
mit irgendeinem Menschen aussprechen zu können, und ein oder das andere Mal war
sie nahe daran, einer der Berufs- und Schicksalsgenossinnen, mit der der Zufall
sie zusammenführte und die ihr gegenüber ihre kleineren und grösseren Geheimnisse
preiszugeben pflegten, auch ihr eigenes Herz aufzuschliessen. Aber am Ende liess
sie es doch lieber sein; sie begann als verschlossen, ja als hochmütig zu
gelten, was Wohlwollende damit zu entschuldigen suchten, dass sie einer verarmten
Adelsfamilie entstamme und sich darum besser dünke als andere ihres Standes.
    Im Mai, nach Tagen, in denen Sorge und trügerische Beruhigung miteinander
gewechselt hatten, könnte sie sich keiner Täuschung mehr darüber hingeben, dass
sie wieder in der Hoffnung war. Ihre erste Regung war natürlich, ihren Geliebten
davon in Kenntnis zu setzen. Doch als sie es beim nächsten Zusammensein aus
einer ihr unbegreiflichen Scheu versäumt hatte, war sie völlig entschlossen, ihn
überhaupt nichts wissen zu lassen und ihrem Zustand diesmal auf alle Gefahr hin
ein schleuniges Ende zu machen. Lieber den Tod als noch ein Kind. Sie zögerte
diesmal nicht lang, und nach wenigen Tagen schon, gegen Zahlung einer nicht
übergrossen Summe, die sie ursprünglich für ein neues Kleid bestimmt hatte, war
sie rasch und ohne jede böse Folge von ihrer Sorge befreit. In der Familie des
Fabrikanten wurde es übel vermerkt, dass sie ein paar Tage das Bett hüten musste.
Man schien Verdacht zu hegen, die Stimmung gegen sie verschlechterte sich, sie
empfand die Ungerechtigkeit des Tones, den man gegen sie anschlug, gab sich
nicht die Mühe, es zu verbergen, und fühlte, dass ihre Stellung in dem Hause
unhaltbar zu werden anfing. Davon, ohne Angabe der Gründe, erzählte sie das
nächste Mal ihrem Geliebten, dem Ministerialrat. Seine offenbare
Gleichgültigkeit, die er diesmal unter affektierten Phrasen des Bedauerns zu
verbergen sich nur wenig Mühe nahm, erbitterte sie. Alles, was sich an
unausgesprochenen Vorwürfen nicht nur gegen ihn, sondern gegen ihr Schicksal im
Laufe der letzten Monate in ihr angesammelt hatte, ergoss sich über ihn, und
Worte kamen über ihre Lippen, deren sie sich gleich nachher schämen musste. Doch
als er sich sofort wieder als derjenige benahm, der ihr zu verzeihen hatte,
brach ihre Empörung von neuem aus; sie schleuderte ihm nun ins Gesicht, dass sie
von ihm in der Hoffnung gewesen war und dass sie es ihm nur deshalb verschwiegen
hatte, weil er ja doch nichts von ihr wisse und von ihr wissen wolle und sie ihm
nicht mehr bedeute als irgendein Frauenzimmer von der Strasse. Mit gerührten,
aber etwas ungeschickten Worten versuchte er sie zu beruhigen. Sie spürte nur,
wie froh er war, dass die Sache für ihn so gut ausgegangen, sagte es ihm ins
Gesicht, wollte davon, er hielt sie sanft zurück; er küsste ihre Hände, es kam zu
einer Versöhnung, von der sie wusste, dass sie nicht von Dauer sein konnte.
    Wenige Tage später nahm die Familie des Fabrikanten Landaufentalt; man
benützte die Gelegenheit, um auf Teresens weitere Dienste zu verzichten. Sie
atmete auf. Der schöne Sommertag, an dem sie den nun schon hundertmal
gegangenen, langsam ansteigenden Weg von Enzbach nach dem Leutner-Hof
hinaufschritt, erschien ihr von vorbedeutungsvoll versöhnender Anmut. Nicht nur
ihrem Buben, sondern auch Herrn und Frau Leutner und sogar Agnes, die sie immer
weniger leiden mochte, hatte sie kleine Geschenke mitgebracht. In diesem Sommer
wollte sie sich ernstlich mit der Erziehung ihres Buben beschäftigen; doch sie
fühlte immer wieder, dass es nicht leicht war, gegenüber den stillen und stetig
wirkenden Einflüssen einer so völlig anderen, durchaus ländlichen Umgebung ihr
eigenes Wesen und ihren eigenen Willen durchzusetzen. Mit Schreck merkte sie,
dass Franz eine Redeweise, ja sogar gewisse Gebärden angenommen hatte, die in
einer manchmal fast komischen Weise an die unwirsche Art des Herrn Leutner
erinnerten. Terese versuchte vor allem, ihm die schlimmsten bäuerlichen
Redewendungen und Gebärden abzugewöhnen und sich über seine Fortschritte in den
verschiedenen Lehrgegenständen klar zu werden. Über Lesen, Schreiben und die
Anfangsgründe des Rechnens war er natürlich noch nicht hinausgekommen. Er fasste
ziemlich leicht auf, doch machte ihm das Lernen kein Vergnügen. Gern hätte sie
ihn an ihrer eigenen Naturfreude teilnehmen lassen, lenkte seinen Sinn auf die
Anmut von Landschaften, auf den Duft der Wiesen und Wälder, den Flug der
Schmetterlinge hin. Aber sie musste bald erkennen, dass er noch nicht reif oder
gar nicht geschaffen war, all das zu empfinden. Freilich war das, was Terese
täglich selbst mit neuem Entzücken erfüllte, ihm als Bedingung und Atmosphäre
seines Daseins vom ersten Lebenstage so gewohnt, dass es ihm unmöglich besondere
Schönheit und Freude bedeuten konnte. Mehr als je fiel es diesmal Teresen auf,
wie abgeschieden und abgeschlossen, durchaus auf sich selbst und den nächsten
Kreis angewiesen die Familie Leutner und ebenso wie diese auch die anderen
Familien in dieser Gegend ihr Dasein hinbrachten. Man sah einander oft genug,
traf sich auf dem Feld, im Wirtshaus, beim Kirchgang; ein wirklicher Verkehr von
Familie zu Familie oder von Person zu Person bestand eigentlich nirgends. Die
Gespräche drehten sich beinahe immer um das gleiche, und oft genug geschah es,
dass Terese ein und dieselbe unbedeutende Neuigkeit immer wieder, beinahe mit
den gleichen Worten, von verschiedenen Leuten berichten hörte. Sie selbst hatte
längst aufgehört, den Enzbachern interessant zu sein. Man wusste, dass sie die
Mutter vom Franzl und in Wien in Stellung sei. Sie selbst war freundlich gegen
jedermann, liess sich in Unterhaltungen ein, und erst nachträglich pflegte sie zu
merken, dass auch sie die Gewohnheit angenommen hatte, irgendeine vollkommen
gleichgültige Geschichte ein dutzendmal und immer mit den gleichen Worten zu
erzählen.
    Um sich die Langeweile zu vertreiben, die sie in den zwei Monaten ihres
Aufentaltes öfter empfand, als sie sich eingestehen wollte, schrieb sie mehr
Briefe als seit langer Zeit. Mit einigen ihrer Berufsgenossinnen stand sie in
flüchtiger Korrespondenz, bei manchen ihrer früheren Zöglinge brachte sie sich
durch gewohnheitsmässige Kartengrüsse in Erinnerung; am ausführlichsten pflegte
sie ihrer Mutter zu schreiben, der sie bis zum heutigen Tage von der Existenz
ihres eigenen Kindes noch immer keine Mitteilung gemacht hatte und der wie den
meisten anderen Leuten sie weiter vorspiegelte, dass sie sich auf dem Lande bei
einer Freundin zur Erholung für ein paar Sommerwochen befinde. Dass ihre Mutter
etwas ahnte, wenn nicht gar wusste, davon war sie überzeugt; der einzige Mensch,
der ihrem Wunsch nach niemals von der Existenz ihres Kindes etwas erfahren
sollte, war ihr Bruder, zu dem sich gerade im letzten Jahr nach einer zufälligen
Begegnung auf der Strasse eine neue, ziemlich förmliche Beziehung entwickelt
hatte, so dass er sie im Hause des Fabrikanten, wo sie zuletzt in Stellung
gewesen war, einmal besucht hatte.
    An den Ministerialrat hatte Terese im Anfang ihres Enzbacher Aufentaltes
einige Briefe gerichtet. Seine Antworten in ihrer kurzen und formellen Art, zu
denen die glühenden Anreden und Unterschriften in einem lächerlichen
Missverhältnis standen, wirkten auf Terese unleidlich. Einmal schob sie ihre
Erwiderung lange hinaus und liess es darauf ankommen, ob er sich melden würde
oder nicht. Sie hörte nichts mehr von ihm und war im Grunde froh darüber.
 
                                       61
Im September trat sie eine neue Stellung an als eine Art von Gesellschafterin
bei einem siebzehnjährigen, blassen, unscheinbaren und etwas einfältigen jungen
Mädchen, der einzigen Tochter eines verwitweten und seit vielen Jahren
erblindeten, ehemaligen Grosskaufmanns, dem überdies zwei erwachsene Söhne,
Jurist der eine, der andere Techniker, im Hause lebten. Man wohnte in einer
stillen Vorstadtstrasse im ersten Stockwerk eines ziemlich alten, etwas düsteren,
jedoch wohlgehaltenen Gebäudes, in das manche moderne Neuerungen, wie zum
Beispiel elektrische Beleuchtung, noch keinen Eingang gefunden hatten. Der
Kaufmann, ein fünfzigjähriger, graubärtiger, noch stattlicher Mann, hatte
Terese persönlich aufgenommen mit der Bemerkung, dass ihn ihre Stimme, ihre
treue Stimme, wie er sich ausdrückte, angenehm berühre. Da seiner Tochter jede
Eignung zur Führung des Haushaltes fehlte, war Terese vorzugsweise die Sorge
dafür überlassen, und sie freute sich, auch nach dieser Richtung hin eine
ausgesprochene Begabung in sich zu entdecken. Es ging im Hause geselliger und
heiterer zu, als Terese erwartet hätte. Die jungen Herren sahen Kollegen bei
sich, die Tochter Berta erhielt Besuche von Verwandten und Freundinnen; und dem
alternden blinden Mann tat es offenbar wohl, einen jugendlich lebendigen,
manchmal sogar ziemlich lauten Kreis um sich zu versammeln und an den
Unterhaltungen teilzunehmen. Terese konnte sich hier durchaus als
Gleichgestellte, ja bald wie eine Angehörige der Familie fühlen. Eine der
Kusinen, ein aufgewecktes, übermütiges Ding, machte Terese zur Vertrauten einer
ernsten Leidenschaft, die sie für ihren älteren Vetter, den Juristen, zu hegen
behauptete. Teresen aber schien es, als gefiele dem jungen Mädchen der andere
Bruder oder auch ein gewisser blonder junger Mensch in Freiwilligenuniform, der
öfters ins Haus kam, mindestens ebensogut als der angeblich heissgeliebte Vetter.
Sie verspürte eine eifersüchtige Regung, die sie sich um so weniger eingestehen
wollte, als sie sich geschworen hatte, sich niemals wieder in aussichtslose
Beziehungen einzulassen. Sie war es endlich müde, in der Welt herumgestossen zu
werden; sie sehnte sich nach Ruhe, nach Heimat, nach einer eigenen Häuslichkeit.
Warum sollte ihr nicht zufallen, was so manche andere Frauen in ähnlicher
Stellung und mit weniger innerem und äusserem Anrecht ohne besondere Mühe
erreicht hatten? Erst neulich hatte eine ihrer Berufsgenossinnen, ein dürftiges,
fast verblühtes Wesen, einen wohlsituierten Buchhalter geheiratet; eine andere,
noch dazu eine Person von ziemlich schlechtem Ruf, einen wohlhabenden Witwer, in
dessen Haus sie Erzieherin gewesen war. Dergleichen sollte ihr nicht glücken?
Ihr Bub konnte und durfte kein Hindernis sein. Es war ja am Ende doch gerade so,
als wenn sie einmal verheiratet gewesen und nun geschieden oder Witwe geworden
wäre. Herr Trübner war zwar nicht mehr jung und überdies des Augenlichtes
beraubt, doch er war ein stattlicher, fast schön zu nennender Mann, und es war
nicht schwer zu merken, dass ihre Nähe ihm wohl tat. Er liess sich gerne von ihr
vorlesen, meist aus philosophischen Schriften, was ihr zuerst einige Langweile
verursachte, bis er ihr, sie durch freundliche Fragen immer wieder
unterbrechend, allerlei zu erklären, ja gewissermassen zusammenhängende Vorträge
zu halten begann und so in ihr Verständnis und Interesse für eine ihr im
allgemeinen recht fernliegende Gedankenwelt zu erwecken glaubte. Manchmal in
zarter Weise, versuchte er, sie über ihre Vergangenheit auszuholen. Sie erzählte
ziemlich wahrheitsgetreu von ihrer Kindheit, ihren Eltern, der Salzburger Zeit
und von mancherlei Erfahrungen, die sie in ihrem Beruf gesammelt hatte. Über
ihre Herzenserlebnisse sprach sie nur in Andeutungen, liess vermuten, dass sie
manches Schwere durchgelitten und dass sie Vorjahren für kurze Zeit einmal »so
gut wie verheiratet« gewesen sei. Herr Trübner fragte nicht weiter, aber eines
Abends zwischen zwei Absätzen eines philosophischen Buches, erkundigte er sich
bei Teresen in mild-ernster Weise, wie es ihrem Kind gehe, klärte die
Errötende, als sie mit der Antwort zögerte, dahin auf, er habe es dem Ton ihrer
Stimme lange schon angehört, dass sie Mutter sei, und da sie schwieg, behielt er
ihre Hand in der seinen, ohne diesmal weiter in sie zu dringen.
    Einmal, als sie abends von einer Besorgung nach Hause kam, begegnete sie auf
der mattbeleuchteten Treppe dem blonden Freiwilligen. Wie zum Scherze wich er
ihr nicht aus, sie lächelte, und in der nächsten Sekunde presste er sie in einer
heftigen Umarmung an sich, um sie erst wieder freizugeben, als man oben die Türe
gehen hörte. Sie stürzte hinauf, ohne sich noch einmal nach ihm umzuwenden, und
wusste zugleich, dass sie ihm verfallen war. Sie fühlte, dass es sinnlos wäre,
einen doch nur scheinbaren Widerstand zu leisten, und ehe sie ihm beim nächsten
Zusammentreffen ein geheimes Wiedersehen zugestand, bedang sie sich nur
ehrenwörtlich strengste Verschwiegenheit aus. Er ging darauf ein, hielt sein
Wort, und es bedeutete für sie einen besonderen Reiz, wenn sie ihrem jungen
Freund etwa bei einem Abendessen im Hause Trübner gegenübersass und er, den
Schimmer eben verflossener Liebesstunden noch im Aug', höflich respektvolle
Worte an sie richtete. Er benahm sich übrigens zu den anderen jungen Mädchen
nicht minder liebenswürdig und galant als zu Teresen, brachte allen Blumen und
Bonbons, und wenn man zur Faschingszeit in dem kleinen Kreise Lust zum Tanzen
verspürte, war er es, der auf dem Klavier dazu aufspielte.
    Wenn aber niemand auch nur das geringste von den Beziehungen zwischen ihm
und Teresen zu ahnen schien, der Kaufmann, blind und seherisch zugleich, hatte
offenbar etwas gemerkt, und seiner Art nach, in etwas salbungsvoller Weise,
warnte er Terese vor den Enttäuschungen und Gefahren, denen junge Geschöpfe in
ihrer Lebenslage ganz besonders ausgesetzt seien. Obwohl Terese wohl fühlte,
dass hier nicht allein Sorge um ihre Tugend im Spiele war, verfehlten seine Worte
nicht ihren Eindruck, und unwillkürlich änderte Terese ihr Verhalten gegenüber
Ferdinand. Sie war nicht mehr das heiter-unbedenkliche Geschöpf, das er in den
Armen zu halten gewohnt war, liess Besorgnisse laut werden, mit denen sie die
schönen Stunden des Beisammenseins zu stören bisher unterlassen hatte, und nach
einem neuerlichen Gespräch mit Herrn Trübner, in dem er wieder in ziemlich
allgemein gehaltenen Worten von der Leichtfertigkeit der jungen Leute und von
den sittlichen Verpflichtungen alleinstehender weiblicher Wesen geredet hatte,
schrieb Terese, fast wie unter einem Bann, an Ferdinand einen Abschiedsbrief.
Zwar war sie schon drei Tage später wieder in der alten Weise mit ihm zusammen,
aber sie wussten beide, dass es zu Ende gehe.
    Einmal im Vorfrühling bei einem Einkaufsgang durch die Stadt begegnete sie
Alfred, den sie zum letztenmal vor acht Jahren von dem Wagen aus gesehen hatte,
in dem sie mit ihrem neugeborenen Kind und Frau Nebling zur Bahn gefahren war.
Er blieb stehen, nicht weniger erfreut als sie selbst; sie gerieten ins
Plaudern, und nach wenigen Minuten konnten sie beide nicht glauben, dass sie
einander wirklich so viele Jahre lang nicht gesehen und gesprochen hatten.
Alfred hatte sich kaum verändert. Auch die leichte Befangenheit seines Wesens
war noch da, doch wirkte sie jetzt nicht so sehr als Unbeholfenheit denn als
Zurückhaltung. Terese erzählte ihm, was sie ihm eben erzählen wollte,
verschwieg manches, wonach zwar nicht seine Lippen, doch seine Augen fragten,
und kam sich keineswegs unaufrichtig vor. Dass sie nach dem Liebeshandel mit Max
noch mancherlei erlebt hatte, das konnte er sich wohl denken. Er war ja indessen
auch ein Mann geworden. Wieder stieg die seltsame Empfindung in ihr auf, als
stände ihr in Alfred der Vater ihres Kindes gegenüber, und brachte auf ihrem
Antlitz ein geheimnisvolles Lächeln hervor, das in Alfreds Blick als Frage sich
widerspiegelte. Er erzählte von den Seinen: beide Schwestern seien verheiratet,
die Mutter etwas leidend, er selbst mache im Laufe dieses Sommers das Doktorat,
ein wenig verspätet, - - er sei leider nicht so fleissig gewesen wie andere
Kollegen, ihr Bruder Karl zum Beispiel, der schon erster Sekundararzt sei und
gewiss eine grosse Karriere vor sich habe; jedenfalls, fügte er hinzu, als
Politiker. Ob Terese denn wisse, dass Karl demnächst nicht mehr Fabiani heissen
werde, sondern Faber, ein Name, der sich für einen Mann echtdeutscher Gesinnung
jedenfalls besser schicke als einer von welschem Klang, der später übrigens
leicht gegen ihn ausgenützt werden könnte. Terese sah vor sich hin. »Ich sehe
ihn beinahe nie«, meinte sie beiläufig. Dann bat sie Alfred, ihr zu schreiben,
sobald er Doktor geworden sei. »Und früher darf's nicht sein?« fragte Alfred.
Sie schaute lächelnd auf, reichte ihm die Hand zum Abschied und lächelte noch
den ganzen Weg bis nach Hause.
    Herr Trübner liess sich bald nicht nur philosophische Werke vorlesen; es gab,
zu anfangs willkommener Abwechslung, auch leichtere Lektüre, und Terese geriet
zuweilen an Stellen, über die sie nur verlegen und stockend hinwegzulesen
vermochte. Einmal aber, in einem Kapitel eines übersetzten französischen
Memoirenwerkes, hielt sie inne, da sie ihre Stimme nicht nur aus einem gewissen
Schamgefühl, sondern auch in plötzlicher Erregung versagen fühlte. Herr Trübner
fasste nach ihrer Hand, zog sie an seine Lippen; dann, als Terese zugleich
erschreckt und erschüttert es sich gefallen liess, wurde er verwegener, und
Terese, mit halberstickter Stimme, musste ihn endlich bitten, von ihr
abzulassen. Sie blieb noch eine Weile stumm an seiner Seite sitzen, dann, mit
einer flüchtigen Entschuldigung, verliess sie das Zimmer. Am nächsten Tag bat er
sie in seiner salbungsvollen, sie heute besonders peinlich berührenden Art um
Verzeihung. Trotzdem wiederholte er ein paar Tage später seinen Versuch; sie riss
sich los, und schon wenige Tage später, unter dem Vorwand, dass sie zu ihrer
erkrankten Mutter reisen müsse, verliess sie das Haus.
 
                                       62
Mit dem vorzüglichen Zeugnis, das sie erhalten, hatte sie Freiheit der Wahl. Sie
entschied sich für eine Familie Rottmann, wo ihr die beiden Töchter von dreizehn
und zehn Jahren durch ihr offenes und lebhaftes Wesen schon bei der ersten
Begegnung sympatisch gewesen waren. Die Mutter, Pianistin und, wie Terese
gleich bei der ersten Unterredung erfuhr, häufig auf Konzertreisen, kam ihr mit
fast übertriebener Liebenswürdigkeit entgegen, doch ihr unruhig-fahriges Wesen
behagte Teresen nicht sonderlich. Aus dem Vater, einem ernsten, etwas
melancholisch und auffallend jung wirkenden Mann, vermochte sie anfangs nicht
klug zu werden. In den ersten Tagen hatte sie den Eindruck, als wenn er ein gern
gesehener, mit Zuvorkommenheit behandelter Gast, aber nicht eigentlich der Herr
des Hauses wäre. Dies änderte sich mit einem Schlag, als Frau Rottmann sich auf
eine Konzertreise begab. Der Ton im Hause wurde freier, ungezwungener, von den
beiden Mädchen schien ein Druck genommen, die Melancholie des Vaters verschwand,
und die Dienstleute ordneten sich dem neuen Fräulein viel lieber unter, als sie
es der Hausfrau gegenüber getan hatten. Von der Abwesenheit wurde kaum
gesprochen; Briefe von ihr kamen nie, nur flüchtige Kartengrüsse aus den
verschiedenen deutschen Städten, in denen sie konzertierte. Terese war tätiger
und befriedigter von ihrer Tätigkeit als jemals vorher, - sowohl als Leiterin
des Haushaltes wie auch als Erzieherin der Kinder, deren erfreuliche Begabung
den Unterricht geradezu zu einem Vergnügen gestaltete.
    Als Frau Rottmann nach sechs Wochen wiederkam, wurde das sofort wieder
anders, ja, ihr übler Einfluss wurde auch darin offenbar, dass die beiden Mädchen
geringere Fortschritte machten als während ihrer Abwesenheit und Herr Rottmann
wieder in seine alte Melancholie verfiel. Den August verbrachte man in einer
nahen einfachen Sommerfrische. Hier zog Frau Rottmann, anscheinend nur aus
Langeweile, Terese plötzlich ins Vertrauen und erzählte ihr von allerlei
Erlebnissen und Abenteuern, die ihr auf ihren Konzertreisen begegnet seien.
Terese hätte sie lieber nicht angehört, wovon aber Frau Rottmann nichts merkte
oder nichts merken wollte, da es ihr, wie Terese immer deutlicher fühlte, nur
darauf ankam, in der für sie unerträglichen Einförmigkeit des Landlebens von
verfänglichen Dingen zu sprechen, gleichgültig zu wem.
    Kaum war man wieder in die Stadt gezogen, als die Geständnisse der Frau
Rottmann ein jähes Ende nahmen. Im Herbst begab sie sich neuerdings auf Reisen,
diesmal nach London, angeblich zu dem Zweck, um sich dort bei einem Pianisten
von Weltruf weiter auszubilden. Sofort atmete wieder alles im Hause auf, und
Terese fühlte sich in der Gesellschaft der beiden Mädchen und ihres Vaters so
wohl, ja heimatlich, dass sie oft mit dem Gedanken spielte, ob sie sich nicht
viel besser zu Rottmanns Frau und zur Mutter seiner Töchter eignen würde als
jene andere. Der Mann gefiel ihr ganz besonders; sie liess es ihn merken, die
Nähe und Vertrauteit des täglichen Umganges tat das Weitere, und sie wurde
seine Geliebte. Beide legten Wert darauf, dass das Verhältnis geheim bliebe, und
sie hüteten sich sorgfältig im Beisammensein mit den andern, sich auch nur durch
das geringste Zeichen gegenseitigen Einverständnisses zu verraten. Doch als Frau
Rottmann vor Weihnachten wieder zurückkehrte, schien er mit einemmal vollkommen
vergessen zu haben, was sich indes zwischen ihm und Terese ereignet hatte.
Seine übergrosse Vorsicht verletzte Terese, sie litt sehr, nicht nur aus
beleidigtem Stolz; und als er wenige Wochen darauf nach neuerlicher Abreise
seiner Gattin die Beziehungen zu Terese wieder aufnehmen wollte, wehrte sie
sich anfangs mit Entschiedenheit. Aber er verstand es so gut, ihr die
Notwendigkeit seines Verhaltens zu erklären, dass sie sich bald wieder seinen
Wünschen fügte. Zuweilen ertappte sie sich auf dem Wunsche, dass Herr Rottmann
auf irgendeine Weise, etwa durch anonyme Briefe, die Wahrheit über seine Frau
erfahren möge; und einmal, in einer zärtlichen Stunde, wagte sie sogar selbst
eine leise, wie scherzhafte Anspielung auf die Gefahren, denen schöne Frauen,
insbesondere Künstlerinnen, auf Reisen ausgesetzt seien. Aber Rottmann schien
nicht einmal zu verstehen, dass es seine eigene Gattin war, von der in solchem
Zusammenhang die Rede sein könnte.
    Frau Rottmann kehrte um einige Tage früher als erwartet von ihrer Tournee
heim, zeigte sich in ihrem Benehmen gegen Terese völlig verändert, richtete
kaum das Wort an sie und hatte noch in der Ankunftsstunde hinter geschlossenen
Türen eine Auseinandersetzung mit ihrem Gatten. Kaum hatte dieser das Haus
verlassen, berief sie Terese zu sich, erklärte ihr, dass sie alles wisse, und
nachdem sie anfangs die Überlegene gespielt, beschimpfte sie sie in der
unflätigsten Weise.
    Terese fand kein Wort der Erwiderung, ihre Empörung, dass der Mann sich
feige jeder Auseinandersetzung entzogen und offenbar seiner Frau Vollmacht
gegeben, die Angelegenheit ganz nach ihrem Willen zu erledigen, war stärker als
ihr Schmerz. Frau Rottmann hatte auch dafür gesorgt, dass die Töchter einige
Stunden vom Hause abwesend waren, und verlangte von Terese kategorisch, dass sie
innerhalb dieser Zeit das Haus verlassen haben müsse.
    Während Terese, in ihrem Zimmer allein gelassen, ihre Sachen packte, kam
ihr die ganze schmachvolle Unsinnigkeit ihres Erlebnisses zu Bewusstsein. Und
plötzlich fasste sie den Entschluss, nicht zu gehen, ehe sie der Frau und auch dem
Manne alles ins Gesicht geschleudert, was sie zu hören verdienten. Aber Frau
Rottmann war nicht mehr daheim, und das Dienstmädchen verständigte Terese mit
einem unverschämten Grinsen, dass das Ehepaar sich gemeinsam ins Teater begeben
habe. Ob sie vielleicht für das Fräulein den Wagen holen und das Gepäck
hinunterbringen solle? Nein, erwiderte Terese, sie habe mit den Herrschaften
noch zu sprechen, sobald sie aus dem Teater kämen. Zum Fortgehen angezogen sass
sie da, mit zusammengebissenen Lippen; Handkoffer, Reisetasche lagen bereit; ein
ungeheurer Zorn wühlte in ihr; und sie wartete. Die beiden Mädchen kamen nach
Hause, waren aufs höchste erstaunt, als sie Terese reisefertig fanden. Sie
bestürmten sie mit Fragen; Terese schluchzte, konnte längere Zeit nicht reden,
endlich erklärte sie, sie habe ein Telegramm erhalten, dass ihre Mutter schwer
erkrankt sei und sie sofort nach Salzburg reisen müsse. Dann erhob sie sich,
umarmte die Mädchen so zärtlich, als wenn sie ihre eigenen gewesen wären, bat
sie, ihr den Abschied nicht schwer zu machen, ging, wartete im Hausflur, bis ihr
das Dienstmädchen einen Wagen geholt hatte, und fuhr davon.
 
                                       63
In später Nachtstunde kam sie in Enzbach an; eine Davongejagte, Erniedrigte,
Unglückliche, angeekelt von der Welt, aber mehr noch von sich selbst. Ihr Bub
schlief fest; im Dunkel sah sie eben nur einen blassen Schimmer des geliebten
Kindergesichtes; es fiel ihr schwer auf die Seele, dass sie zwei Monate lang
nicht bei ihm gewesen war. Andern Menschen hatte sie gehört, hatte andern
gehören müssen; wieder einmal ging ihr das Ungerechte ihres Schicksals auf, und
sie schwor sich zu, dass sie sich nicht in aller Zukunft für die Kinder fremder
Leute aufopfern, dass ihr eigenes Kind nicht lange mehr unter fremden Leuten
leben sollte.
    Es dauerte lange, ehe der Schlummer sich ihrer erbarmen wollte. In der Nacht
vorher - sie fasste es kaum - hatte sie noch im Hause Rottmanns, ja in seinem
Bett geschlafen. Als könnte sie damit etwas ungeschehen machen, hüllte sie sich
tief in Kissen und Decke. Was war aus ihr geworden in diesem letzten Jahr!
    Des Morgens aber erwachte sie frischer, froher als seit langer Zeit. Es war
wie ein Wunder. Diese eine Nacht fern von der Stadt, der Familie Rottmann
entronnen, hatte sie, so schien es ihr, geradezu gesund gemacht. Blieb das Leben
nicht leicht, solange solche Wunder möglich waren? Das freie Sonnenlicht, die
ländliche Ruhe, immer wohltuend für sie, beglückten sie diesmal, wie sie es noch
nie getan. Wenn man hier bleiben könnte! Immerhin - eine Reihe von guten Tagen
lag vor ihr, und sie war nun froh, dass sie trotz anfänglicher Weigerung es nicht
verschmäht hatte, gelegentlich kleine Geldgeschenke von Herrn Rottmann
anzunehmen, die es ihr ermöglichten, den Enzbacher Aufentalt etwas länger
auszudehnen als sonst. An ihrem Buben entzückte sie diesmal alles, ja sogar eine
gewisse Haltung des Kopfes, die ihr früher manchmal peinlich, ja unheimlich
gewesen war, weil Franzl sie in solchen Momenten allzusehr an Kasimir Tobisch
erinnert hatte, störte sie kaum. Sie machte weite Spaziergänge mit ihm, tollte
auf den Wiesen mit ihm herum, sie war jung, ein Kind, und Franzl war es auch,
ja, er war es eigentlich niemals so sehr gewesen.
    Eines Tages, kaum eine Woche nach Teresens Eintreffen, kam Agnes aus der
Stadt zu Besuch. Franzl empfing sie mit Ausbrüchen der Freude, die Terese
befremdeten, und kümmerte sich an diesem Tag so gut wie gar nicht um seine
Mutter. Und als er beim Abschied von Agnes sich ganz ungebärdig, geradezu
verzweifelt anstellte, verspürte Terese eine so heftige Erbitterung gegen ihn,
als wäre er ein erwachsener Mensch, der ihr ein schweres Unrecht zugefügt und
den sie zur Verantwortung ziehen durfte. Gegen Agnes aber, deren Wesen ihr
diesmal besonders hinterhältig und frech erschienen war, empfand sie einen
wahrhaftigen Hass.
    Ihre Stimmung schlug an diesem einen Tage völlig um. Den Gedanken, ihr Kind
zu sich zu nehmen, hatte sie schon früher als vorläufig unausführbar wieder
verworfen. Es blieb ihr ja doch nichts anderes übrig, als auch weiterhin ihren
Lebensunterhalt als Erzieherin fremder Kinder zu erwerben und den Buben auf dem
Land zu lassen. Eines aber schwor sie sich zu: niemals wieder eine Dummheit zu
machen. In der letzten Zeit war sie, wie sie wohl empfand, als Frau immer
reizvoller geworden; so einfach, ja beinahe ärmlich sie sich notgedrungen
kleidete, sie wusste die Vorzüge ihrer Gestalt immer besser zur Geltung zu
bringen, und trotz ihres anständigen, ja im allgemeinen zurückhaltenden
Auftretens hatte sie zuweilen eine Gebärde, ein Aufblitzen im Blick, das auch
dann allerlei zu verheissen schien, wenn sie nicht im entferntesten daran dachte,
ein solches Versprechen einzulösen. Sie nahm sich vor, von nun an besseren
Gebrauch von den Gaben zu machen, die ihr die Natur geschenkt. Nach ihren
letzten Erfahrungen im Hause Rottmann fühlte sie sich berechtigt, innerlich
bereit und fähig, den Männern gegenüber berechnend, kalt, nur auf ihren eigenen
Vorteil bedacht zu sein. Sie stand in Verhandlung mit einigen Büros und bot sich
auf Annoncen hin da und dort als Erzieherin an, insbesondere bei Witwern mit
Kindern, aber es wollte vorerst nichts zum Abschluss kommen.
    Unter den Briefen, die sie erhielt, befand sich einmal unter anderen die
verspätete gedruckte Einladung zu Alfreds Promotion, die indes schon
stattgefunden hatte; - und zufällig am gleichen Tage kam eine Anfrage ihrer
Mutter, ob sie nicht den Aufentalt bei ihrer Freundin - das Wort war mit
Anführungszeichen versehen - abkürzen und für einige Tage nach Salzburg kommen
wollte. Terese nahm dies als Schicksalswink und verliess Enzbach am Morgen
darauf. Was sie aber vor allem nach Salzburg zog, war die Hoffnung, Alfred dort
anzutreffen, der, wie sie vermutete, nach der Promotion eine Zeitlang bei seinen
Eltern verweilen würde.
 
                                       64
Sie hatte sich nicht getäuscht. Am ersten Tag ihres Aufentaltes schon, auf dem
Domplatz, trat er ihr entgegen. Sie nahmen einen Weg, den sie vor vielen Jahren
oft gegangen waren, und in der Mittagsschwüle - kein Blatt rührte sich über
ihnen - sassen sie auf der gleichen Bank, an der einstmals zwei junge Offiziere,
der eine schwarzäugig, die Kappe in der Hand, an ihnen vorüberspaziert waren.
Terese erzählte diesmal Alfred gar manches aus ihrem Leben; sie fühlte, dass er
alles verstehen müsste und dass er wohl noch mehr hätte verstehen können, als sie
ihm anvertraute. Auch dass sie Mutter eines neunjährigen Buben war, verschwieg
sie ihm nicht, und Alfred gestand ihr, dass er das längst gewusst habe. Als sie
damals in dem Wagen mit aufgeschlagenem Dach an ihm vorübergefahren war, hatte
er wohl gemerkt, dass ihre Begleiterin, eine alte Frau, ein Kind auf dem Schösse
gehalten, und hatte keinen Augenblick gezweifelt, dass es Teresens Kind sei. Er
war übrigens gar nicht damit einverstanden, dass sie die Existenz ihres Kindes so
geheim hielte. Man sei doch im ganzen etwas vorurteilsfreier geworden, und es
gebe Familien, wo man ihre Vergangenheit gewiss nicht übelnehmen würde.
    Sie trafen einander auch in den nächsten Tagen, immer zufällig, und hatten
es doch immer beide vorhergewusst. Alfred sprach von seinem Beruf, im Herbst
sollte er als Sekundararzt ins Allgemeine Krankenhaus eintreten. Sie
verabredeten nichts Bestimmtes miteinander, aber als er ihr bei der letzten
Begegnung seine Abreise nach Wien für denselben Abend ankündigte, wussten sie,
dass sie einander in Wien bald wiedersehen würden.
    Drei Tage später fuhr auch Terese nach der Hauptstadt. Die Mutter
begleitete sie zur Bahn. Noch nie war sie so herzlich zu der Tochter gewesen als
in diesen Tagen, und trotzdem verspürte Terese noch immer eine Art von innerem
Widerstand, ihr Allerpersönlichstes mitzuteilen. Da, unvermuteterweise, als
Terese schon am Coupéfenster stand, als Abschiedswort, rief ihr die Mutter zu:
»Küss mir deinen Buben.« Terese errötete zuerst, dann lächelte sie, und als der
Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, nickte sie der Mutter zu wie einer
neugewonnenen Freundin.
 
                                       65
Es war nun doch kein Witwer, sondern ein Ehepaar mit einem Kind, bei dem sie
ihre neue Stellung antrat. Der Knabe, den sie zu unterrichten hatte, stand im
gleichen Alter mit Franz. Der Vater war Zeitungsredakteur, ein noch ziemlich
junger, aber grauhaariger, schmächtiger Mensch, freundlich, zerstreut und
meistens etwas aufgeregt, der gegen Mittag aufzustehen und nachts um drei nach
Hause zu kommen pflegte. Seine Frau, zierlich und klein wie er, war Direktrice
eines Modesalons und verliess das Haus stets zu sehr früher Stunde. Die
Mahlzeiten wurden getrennt und zu den verschiedensten Zeiten genommen; trotzdem
erinnerte sich Terese nicht, jemals einen so wohlgeordneten Haushalt und eine
so gute Ehe gesehen zu haben. Dem Rate Alfreds getreu, hatte sich Terese im
Monat zwei freie Tage nacheinander ausbedungen, um ihren Buben auf dem Land
besuchen und ein wenig bei ihm verweilen zu können. Frau Knauer hatte nichts
einzuwenden, ja, sie schien, als sollte sich Alfreds Voraussage gleich erfüllen,
gerade um dieses Umstandes willen eine besondere Sympatie für Terese zu
gewinnen und liess sich gleich nach der ersten Rückkehr Teresens aus Enzbach und
von nun an oft und gern mit ihr in Gespräche über das Kind ein.
    Ihr eigenes, der neunjährige Robert, war ein blondlockiger, besonders
wohlgestalteter Knabe, so bildhübsch, dass Terese kaum begreifen konnte, wie
diese Eltern eigentlich zu diesem Kind gekommen wären. Vom ersten Augenblick an
schloss sie es mit einer Zärtlichkeit in ihr Herz, wie sie sie noch keinem ihrer
Zöglinge gegenüber empfunden hatte. Da Robert keine öffentliche Schule besuchte,
hatte Terese den ganzen Unterricht zu leiten und widmete sich dieser
Beschäftigung mit einer Inbrunst wie nie zuvor. Nicht selten war ihr, als hätte
sie ihrem eigenen Kind etwas abzubitten; sie war dann liebevoller zu ihm als
sonst, und sie freute sich, dass er, wenn auch nicht gerade hübscher und
vornehmer, doch jedenfalls kräftiger und rotbäckiger aussah als ihr
Pflegebefohlener. Und wenn auch Franzls Redeweise vom bäuerischen Dialekt
keineswegs frei und sein Gehaben manchmal ein wenig zu ländlich schien, an
Auffassungsgabe stand er hinter dem kleinen Robert gewiss nicht zurück. Doch
immer von neuem gewann Robert den Vorrang in ihrem Herzen; sie begann darunter
zu leiden, wie unter einer Schuld, und wusste, dass es nicht die erste war, deren
sie sich ihrem Kind gegenüber anzuklagen hatte.
    Eines Tages, als sie mit dem kleinen Robert spazieren ging, begegnete ihr
Alfred, den sie seit Salzburg nicht gesehen hatte, und sie nahm die Gelegenheit
wahr, ihm zu sagen, dass sie ihn möglichst bald ausführlicher zu sprechen
wünsche. In einer freien Abendstunde traf sie nach Verabredung in der Nähe des
Krankenhauses mit ihm zusammen. Sie sprach von ihren Beziehungen zu ihrem
eigenen Kind und zu dem andern und von dem Vorrang, den dieses in ihrem Herzen
einzunehmen scheine. Alfred beschwichtigte ihre Gewissensskrupel: es sei ja nur
selbstverständlich, dass sie ihrem Kind nicht die gleichen Gefühle
entgegenbringen könne, wie es unter anderen glücklicheren Umständen gewiss der
Fall gewesen wäre, jede Beziehung, auch die natürlichste, erfordere Gegenwart
und stete Erneuerung, um sich in natürlicher Weise zu entwickeln, ja um
überhaupt bestehen zu können. Übrigens würde er gern einmal ihren Buben von
Angesicht zu Angesicht kennenlernen. Terese war von Alfreds Wunsch sehr
erfreut, und nachdem bei Gelegenheit eines folgenden Abendspazierganges Näheres
verabredet worden war, liess sie sich am ersten Weihnachtsfeiertag von ihm nach
Enzbach begleiten. Er hatte dem Buben ein Bilderbuch mitgebracht, blätterte es
mit ihm durch, war freundlich, doch forschend zurückhaltend, doch gütig, und
Terese war von Bewunderung für ihn erfüllt. Nicht nur Frau Leutner, auch ihrem
dumpferen, unzugänglicheren Mann gegenüber traf er den richtigen Ton, und so
vergingen die paar Stunden auf dem Lande in durchaus angenehmer und gemütlicher
Weise. Doch auf der Rückfahrt nach Wien machte Alfred Teresen gegenüber kein
Hehl daraus, dass er weder die Umgebung, in der das Kind aufwuchs, noch
insbesondere das Wesen seiner Kosteltern als gedeihliche Vorbedingungen für
dessen weitere Entwicklung zu betrachten imstande sei, und gab ihr zu bedenken,
ob sie es nicht anderswohin, vielleicht in eine Vorstadt Wiens, in Pflege geben
sollte, um es doch mehr in der Nähe zu haben und öfters sehen zu können. Bevor
sie in Wien ausstiegen, küssten sie einander. Es war der erste Kuss seit jenem
Abend, an dem sie in Salzburg, ohne es zu ahnen, auf so lange Zeit voneinander
Abschied genommen hatten.
    Bald darauf fügte es sich einmal, dass Terese von Frau Knauer gebeten wurde,
auf ihren nächsten zweitägigen Urlaub zu verzichten, doch stellte man es ihr
frei, zum Ersatz ihren Buben einmal nach Wien zu Knauers zu bringen. Terese
hatte zuerst eine gewisse Scheu, diesen Vorschlag anzunehmen, sie fürchtete halb
unbewusst, die beiden Kinder nebeneinander zu sehen. Alfred, den sie um Rat
fragte, verscheuchte ihre Bedenken, und so liess sie sich an einem der nächsten
Tage von Frau Leutner Franzl ins Haus bringen. Der Tag verlief besser, als
Terese gefürchtet. Die beiden Buben freundeten sich rasch miteinander an,
plauderten und spielten; und als Franzl gegen Abend von Frau Leutner wieder
abgeholt wurde, bestand Robert darauf, dass jener bald wiederkommen müsse. Frau
Knauer nickte Teresen ermunternd zu, fand ihren Buben lieb und wohlerzogen und
sagte auch nachher allerlei Gutes über ihn, was Terese unverhältnismässig stolz
machte. Es wurde nun bestimmt, dass Frau Leutner den Buben zwei- bis dreimal im
Monat nach Wien bringen solle, und immer wurde er von Robert mit gleicher
Freude, von Frau Knauer mit echter Herzlichkeit aufgenommen, und auch Herr
Knauer, der sich manchmal auf ein halbes Stündchen im Kinderzimmer sehen liess,
schien Gefallen an ihm zu finden. Dies hatte allerdings wenig zu bedeuten, da
Herr Knauer, immer vergnügt und immer zerstreut, mit allen Menschen und allen
Dingen durchaus einverstanden schien und stets die gleiche oberflächliche
Liebenswürdigkeit nach allen Seiten hin zur Schau trug. Für Terese aber behielt
der kleine, grauhaarige, zerraufte Journalist trotzdem, ja er gewann immer mehr
etwas Fremdes und Undurchdringliches für sie, und es war ihr manchmal, als hätte
seine stete Spassmacherei eine Maske zu bedeuten, unter der er sein wahres Wesen
verbarg.
    Über ihre sämtlichen Beobachtungen und Ansichten pflegte sie sich Alfred
gegenüber auszusprechen, der zu ihrer Neigung, überall Eigentümlichkeiten und
Sonderbarkeiten zu entdecken, wo wahrscheinlich gar keine vorhanden wären,
nachsichtig lächelte. Bei ihren meist sehr flüchtigen, aber doch immer häufiger
werdenden Zusammenkünften, auch bei Gelegenheit gemeinsamer Teaterbesuche mit
darauffolgendem Abendessen in bescheidenen Gastäusern wurden sie immer
vertrauter, und es erging Teresen ähnlich mit dem Freunde, wie so viele Jahre
vorher: sie wünschte ihn verwegener, draufgängerischer, als er war. Und doch,
sobald er etwas kühner wurde, fühlte sie sich verängstigt, beinahe abgestossen,
als sei das Schönste, was sie bisher erlebt, gerade dadurch, dass es noch schöner
würde, zu allzu frühem Ende bestimmt.
 
                                       66
Als sie endlich an einem Vorfrühlingsabend in dem etwas kahlen, doch sehr
ordentlich gehaltenen Zimmer der Alservorstadt, das er bewohnte, die Seine
wurde, hatte sie weniger das Gefühl einer lang ersehnten Erfüllung als das
Bewusstsein einer endlich eingelösten Verpflichtung; und es war das erstemal, dass
sie über eine ihrer Seelenregungen mit Alfred zu sprechen nicht imstande war,
was ihr beinahe leid tat. Allmählich aber begann sie sich in seiner Nähe, in
seinen Armen so beglückt zu fühlen, wie es ihr noch niemals begegnet war. Alfred
war doch der erste Mensch, dem sie wirklich vertrauen, der erste, den wahrhaft
zu kennen und von dem gekannt zu werden sie sich einbilden durfte. Aller andern
gedachte sie wie fremder Menschen, denen sie sich in einem nicht ganz
zurechnungsfähigen Zustand hingegeben hatte oder denen sie zum Opfer gefallen
war. Er aber gehörte ihr. Das einzige, was sie manchmal befremdete, war, dass er
es nun gern vermied, sich mit ihr öffentlich zu zeigen, mit der Begründung, dass
es ihm peinlich wäre und doch auch ihr peinlich sein müsste, wenn sie zusammen
zufällig Karl begegneten. Ihre gelegentlichen Aufforderungen aber, sie doch
wieder einmal nach Enzbach hinauszubegleiten, schienen ihn geradezu zu
verstimmen, und so stand sie in der Folge von der Äusserung solcher Wünsche ab.
    Einer ihrer schönsten Tage war es, als Frau Knauer ihr einmal gestattete,
Robert mit sich aufs Land zu nehmen, und ihr nun die Freude ward, »ihre beiden
Kinder«, wie sie sie manchmal für sich selbst und diesmal auch vor Frau Leutner
nannte, miteinander auf der Wiese umhertollen zu sehen. Sie fasste den festen
Entschluss, im kommenden Herbst Franzl aus Enzbach fortzunehmen und in ihrer Nähe
einzuquartieren.
    Rascher, als sie selbst es für möglich gehalten, wurde diese Veränderung ins
Werk gesetzt. Ohne sonderliche Mühe fand sie Unterkunft für ihren Sohn in der
Familie eines in Hernals wohnenden Schneidermeisters, und so hätte Terese
Gelegenheit gehabt, ihr Kind viel öfter zu sehen als bisher. Doch sie machte
davon weniger Gebrauch, als sie sich vorgenommen hatte. Insbesondere die
Sonntagnachmittage verbrachte sie regelmässig mit Alfred, der indes Sekundararzt
im Allgemeinen Krankenhaus geworden war.
    Im nächsten Frühjahr schon war sie genötigt, ihren Buben aus dem Hause des
Schneidermeisters zu entfernen, weil er sich mit dessen Sohn, der etwas älter
war als Franz, durchaus nicht zu vertragen schien. Es kam zu einer
Auseinandersetzung zwischen Teresen und der Schneidersgattin, in der diese
unklare Andeutungen über gewisse Unarten Franzls vorbrachte, Andeutungen, die
Terese vorerst nicht ernst nahm und geneigt war, als Bosheiten aufzufassen. Sie
fand bald ein anderes Quartier für ihn bei einer kinderlosen ältlichen
Lehrerswitwe, das überdies in einem netteren Haus gelegen war, und so hatte
Terese keinen Anlass, sich über die Veränderung zu beklagen. In der Schule kam
Franzl leidlich vorwärts, in der Familie Knauer war er so gern gesehen wie
früher, und niemand schien hier das geringste von den Ungezogenheiten und
Ungebärdigkeiten zu bemerken, über die, wie früher die Schneidersfrau, sich bald
die Lehrerswitwe, wenn auch in recht milder Weise, aufzuhalten Ursache hatte.
    Dies ging Terese nicht so nahe, als natürlich gewesen wäre, und sie konnte
sich nicht verhehlen, dass im Mittelpunkt ihres Gefühlslebens nicht die Liebe für
ihr eigenes Kind, auch nicht die Neigung für Alfred, sondern die Beziehung zu
dem kleinen Robert stand, die allmählich den Charakter einer fast krankhaften
Schwärmerei angenommen hatte. Sie hütete sich, von diesem Überschwang die Eltern
etwas merken zu lassen, als würde dadurch die Gefahr einer Trennung
heraufbeschworen. Aber wenn jene es auch an äusserer Zärtlichkeit für ihr Kind
nicht fehlen liessen, Teresen entging es nicht, dass dieses im Grunde ihnen doch
nicht viel mehr bedeutete als eine Art von Spielzeug, freilich ein sehr
lebendiges und köstliches. Sicher war, dass sie ihr Glück in seiner ganzen Grösse
nicht zu schätzen wussten. Der Kleine selbst schien in seinen Gefühlen gegenüber
den Eltern und denjenigen gegenüber seiner Erzieherin kaum einen Unterschied zu
machen und nahm nach Art verwöhnter Kinder alle ihm dargebrachte Liebe und
Vergötterung wie etwas Selbstverständliches hin.
    Im Laufe des Winters erkrankte Frau Knauer an Lungen- und
Rippenfellentzündung und schwebte einige Tage in Lebensgefahr. Obwohl Terese
ihr alles erdenkliche Gute wünschte, vermochte sie gewisse, nicht in Worte, kaum
in Gedanken zu fassende Hoffnungen nicht völlig zu unterdrücken. Zwar hatte Herr
Knauer niemals auch nur durch einen Blick vermuten lassen, dass Terese als Frau
im geringsten auf ihn wirke; ihr selbst war er in seiner leeren Freundlichkeit
so fremd geblieben wie je und als Mann eine fast widerwärtige Erscheinung, aber
sie wusste: wenn er nach dem Tode seiner Frau um ihre Hand anhielte, sie würde
keinen Moment zögern, die Stiefmutter Roberts zu werden. Um diesen Preis hätte
sie sich ohne weitere Überlegung auch von Alfred losgesagt, um so eher, als sie
deutlich fühlte, dass dieses Verhältnis, wenn auch vorläufig nichts auf ein nahes
Ende hindeutete, als Liebesbeziehung keineswegs zu Dauer bestimmt war.
    Frau Knauer erholte sich langsam, war als Rekonvaleszentin höchst reizbar
geworden, und es gab etliche, freilich unbeträchtliche Auseinandersetzungen
zwischen ihr und Terese, an die diese im Augenblick nachher nicht mehr dachte.
So geschah es einmal, dass Terese einen Einkauf für Frau Knauer hätte besorgen
sollen. Sie fühlte sich an diesem Tage nicht wohl und schickte sich an, dem
Stubenmädchen diesen Auftrag zu überweisen. Frau Knauer wollte nichts davon
wissen, Terese erwiderte lebhafter, als es sonst ihre Art war, und Frau Knauer
stellte ihr anheim, das Haus zu verlassen, wann es ihr beliebe. Terese nahm
diese Äusserung nicht ernst, sie war ja hier überhaupt nicht mehr zu entbehren,
und man konnte doch nicht daran denken, sie von Robert oder Robert von ihr zu
entfernen. Und es war auch tatsächlich in den nächsten Tagen weder im Benehmen
der Frau noch des Herrn Knauer ihr gegenüber eine Veränderung, eine Entfremdung
oder gar eine Feindseligkeit zu bemerken. Schon war Terese daran, den kleinen
Zwischenfall völlig zu vergessen, als eines Tages Frau Knauer wie von einer
Tatsache, über die eine Diskussion gar nicht mehr möglich war, von dem
bevorstehenden Scheiden Teresens aus dem Hause sprach. Sie erkundigte sich mit
der grössten Liebenswürdigkeit, ob Terese schon eine neue Stellung gefunden, und
bemerkte, dass sie selbst während der kommenden Sommermonate auf dem Land ganz
ohne Erzieherin auszukommen gedächte. Terese war überzeugt, dass eben sie für
den Herbst als Erzieherin ausersehen sei, aber sie war zu stolz, sich selber
anzutragen oder auch nur eine Frage zu stellen, und so vergingen die Tage wieder
ungenützt. Noch immer war es ihr unmöglich zu glauben, dass sie wirklich fort
sollte; eine solche Grausamkeit, nicht nur gegen sie, sondern auch gegen den
kleinen Robert, war ja nicht auszudenken; und wenn nicht früher, davon war sie
überzeugt, im letzten Augenblick noch würde man sie zurückzuhalten suchen. So
schob sie alle Vorbereitungen hinaus bis zum letzten Tag, an dessen Morgen sie
das erlösende Wort von Frau Knauer zu hören hoffte. Doch diese stellte nur die
freundliche Frage an sie, ob sie noch das Mittagessen mit ihnen einnehmen wolle.
Terese fühlte Tränen in ihre Augen, ein Schluchzen in ihre Kehle steigen,
vermochte nur hilflos zu nicken, und als Frau Knauer, doch in einer plötzlichen
Verlegenheit, das Zimmer verlassen hatte, sank Terese vor Robert, der eben an
seinem kleinen weissen Tischchen die Frühstückschokolade trank, schluchzend in
die Knie, fasste seine Händchen und küsste sie hundertmal. Das Kind, zu dem man
nur von einem vorübergehenden Urlaub des Fräuleins gesprochen, nahm den
Schmerzensausbruch Teresens, dessen Ausmass zu beurteilen es nicht imstande war,
ohne Erstaunen hin, fühlte sich aber doch zu einer Art dankbarer Erwiderung
verpflichtet und küsste sie auf die Stirn. Als Terese aufsah und die kühlen
gleichgültigen Augen des verwöhnten Knaben auf sich gerichtet sah,
durchschauerte es sie plötzlich, sie fuhr dem Kind wie scherzend mit den Fingern
durch die Haare, erhob sich langsam, trocknete die Augen und war ihm endlich,
wie gewöhnlich, beim Anziehen behilflich. Dann begleitete sie ihn in das Zimmer
der Mutter, der er vor dem täglichen Spaziergang Adieu zu sagen pflegte, und
stand dabei, mit einem freundlich starren Gesicht. Auf dem Spaziergang plauderte
Terese mit dem Kind wie immer; sie hatte auch nicht vergessen, eine Semmel zum
Füttern der Schwäne vom Hause mitzunehmen. Robert traf ein paar Gespielen,
Terese unterhielt sich etwas herablassend mit einer ihr oberflächlich bekannten
Bonne und fragte sich in irgendeinem Augenblick, aus welchem Grunde eigentlich
sie sich immer wieder ihren Berufs-, ihren Schicksalsgenossinnen innerlich
überlegen fühlte. War sie selbst etwas anderes, etwas Besseres? War sie nicht
ein ebenso heimatloses Geschöpf wie all diese andern, die, ob sie nun
Kindermädchen, Bonnen oder Gouvernanten hiessen, in der Welt herumgestossen
wurden, von einem Haus ins andere, und die, auch wenn sie die Pflichten gegen
ein ihnen anvertrautes Kind mütterlicher erfüllten, als die eigene Mutter es
wollte oder vermochte, - ja, auch wenn sie ein Kind geliebt oder mehr geliebt
hatten als ihr eigenes, auf jenes doch nicht das geringste Recht besassen. Sie
lehnte sich in ihrem Herzen auf, fühlte sich hart, beinahe böse werden, und
plötzlich rief sie Robert, der mit anderen Kindern längs des Teiches hinlief und
sich etwas bequem, wie es seiner Natur entsprach, fangen liess, bevor er noch
ermüdet war, mit ungewohnter Strenge an; es war später geworden als sonst und
höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Er kam sofort, folgsam und innerlich
unberührt, und man begab sich auf den Heimweg.
    Nach dem Mittagessen bat Terese Frau Knauer um die Erlaubnis, in dieser
Nacht noch hier schlafen zu dürfen. Frau Knauer erteilte sie ihr ohne weiteres,
doch war ihr anzumerken, dass sie sich dabei etwas gnädig vorkam. Terese
versprach, als wäre sie dazu verpflichtet, morgen früh das Haus zu verlassen,
ohne Robert noch einmal zu sehen, Herr Knauer dankte Teresen für die
musterhaften Dienste, die sie geleistet, er hoffe, sie manchmal wiederzusehen,
sie würde, mit ihrem Buben, im Hause immer willkommen sein.
    Alfred gegenüber, zu dem sie sich in den Nachmittagsstunden dieses Tages
flüchtete, machte sie kein Hehl aus ihrer Verzweiflung. Sie erklärte, dass sie
diese Existenz überhaupt nicht mehr zu ertragen imstande sei, dass sie
irgendeinen anderen Beruf ergreifen wolle, dass sie nach Salzburg zu ihrer Mutter
ziehen werde. Alfred setzte ihr geduldig auseinander, dass sie ja Zeit habe zu
überlegen; diesen Sommer müsse sie jedenfalls ganz ihrer Erholung widmen; sie
solle ein paar Wochen in Salzburg und eine Zeit mit Franzl verbringen, am besten
in Enzbach, wo sie ja immer wieder bei Frau Leutner freundliche Aufnahme finden
würde. Durch einen Schleier von Tränen blickte sie in Alfreds Antlitz und
merkte, dass er mit gleichgültigen, ja gelangweilten Augen über sie hinweg oder
durch sie hindurch sah, ganz in der gleichen Art, wie es Herr Knauer, wie es
Frau Knauer, wie es wenige Stunden vorher ihr geliebter kleiner Robert getan.
Ihr Befremden, ihre innere Qual entging ihm nicht; er lächelte befangen, bemühte
sich, zärtlich zu sein, sie nahm es hin, denn sie lechzte nach Liebe. Und
zugleich fühlte sie, dass heute, auch wenn sie noch Jahre, wenn sie noch das
ganze Leben lang mit Alfred zusammenbliebe, dass in diesem Augenblick der
Abschied, der grosse Abschied anfing. Wie er es schon öfters bisher ohne Erfolg
getan, bot ihr Alfred für die nächsten Monate seine Unterstützung an, die sie
diesmal nicht zurückweisen konnte.
 
                                       67
Am nächsten Morgen verliess sie das Haus. Sie fuhr nach Salzburg und wurde von
der Mutter herzlich aufgenommen. Es schien Teresen diesmal, als hätte alles
Krankhafte, Zerfahrene, Unreine im Wesen der Mutter, das Terese so oft peinlich
und schmerzlich berührt hatte, sich in ihre Bücher hineingezogen und sich darin
verdichtet; und sie selbst sei nun eine ganz vernünftige, brave alte Frau
geworden, mit der man nicht nur gut auskommen, sondern die man sogar
liebgewinnen konnte. Sie sprach die Absicht aus, nach Wien zu übersiedeln: sie
habe mehr und vielfältigere Anregung nötig, als in Salzburg zu finden sei; dazu
kam, dass Karl sich verlobt hatte und sie davon träumte, als alternde Frau in der
Nähe oder gar im Kreise heranwachsender Enkelkinder zu leben. Wieder liess sie
sich von Terese über die Familien berichten, in denen sie als Erzieherin gelebt
hatte, auch von Teresens ganz persönlichen Erlebnissen - sie machte kein Hehl
daraus - hätte sie gern mehr erfahren, und nach dem Eingeständnis, dass es ihr
mit den Jahren immer schwerer fiele, gewisse unerlässliche Szenen der
Leidenschaft mit den rechten Worten darzustellen, fragte sie Terese, ob diese
nicht versuchen wolle, für einen Roman, mit dem sie, die Mutter, eben jetzt
beschäftigt sei, die betreffenden Kapitel abzufassen. Jedenfalls bestand sie
darauf, dass Terese das Manuskript daraufhin einer Durchsicht unterziehe.
Terese las, erklärte sich ausserstande, den Wunsch der Mutter zu erfüllen, was
diese anfangs geneigt war, als Ungefälligkeit aufzufassen, ohne es ihr aber
weiter nachzutragen.
    Nach einer Woche holte Terese ihren Buben aus Wien ab, um für eine Weile
mit ihm nach Enzbach zu ziehen. Sie war diesmal entschlossen, ihn sehr zu
lieben, und es gelang ihr vorerst, während sie an Robert, nach dem sich ihr Herz
in Sehnsucht verzehrte, nur mit Bitterkeit zu denken vermochte. Alfred holte sie
ab und machte mit ihr eine kleine Reise in die steierischen Voralpen, auf der
Terese sehr glücklich war. Er musste wieder nach Wien ins Spital; sie kam allein
nach Enzbach zurück. Frau Leutner vermochte Teresen nicht lange zu
verschweigen, dass sie sich über Franzl diesmal in mancher Beziehung zu beklagen
habe. Der Aufentalt in Wien schien ihm doch gar nicht gutgetan zu haben. Er sei
ungebärdig, ja frech, in einer Villa unten mit anderen Jungen zusammen hatte er
mutwillig Gartenbeete verwüstet, und das schlimmste war, dass er sogar kleine
Diebereien beging. Der Bub leugnete. Ein paar Blumen hatte er in jenem Garten
gepflückt, das war alles. Und dass er die paar Kreuzer eingesteckt, die Frau
Leutner auf dem Tisch hatte liegen lassen, das war nur zum Spass gewesen. Auch
Terese konnte und wollte diese Kleinigkeiten nicht recht ernstnehmen. Sie
versprach Frau Leutner, dass sich Franzl wieder bessern werde, und brachte ihn
dazu, die gutmütige Frau um Verzeihung zu bitten. Sie selbst aber verdoppelte
ihre Zärtlichkeit für ihn. Sie beschäftigte sich mit ihm den ganzen Tag,
unterrichtete ihn, ging viel mit ihm spazieren, und es war ihr, als wenn schon
innerhalb weniger Tage sein Wesen sich zum Besseren wandle.
    Einmal kam Agnes zu Besuch in auffallendem Sonntagsputz, mit ihren achtzehn
Jahren um vier oder fünf Jahre älter aussehend, und Franzl empfing sie wieder
mit Entzücken. Sie küsste ihn, als wenn sie seine Mutter wäre, und doch ganz
anders, und schielte dabei frech zu Teresen hin. Bei Tisch erzählte sie
allerlei Schlimmes über das vornehme Haus, wo sie »zweites Stubenmädchen« war,
behandelte Terese gleich zu gleich, erkundigte sich, wo sie jetzt »in Dienst«
sei, und liess es an Anspielungen nicht fehlen über mancherlei, was man sich als
junge hübsche Person von den jungen und ganz besonders von den älteren Herren
gefallen lassen müsste, - wovon Terese wohl auch etwas erzählen könne. Terese,
entrüstet, verbat sich Bemerkungen solcher Art. Agnes wurde anzüglich; Frau
Leutner machte dem beginnenden Zank ein Ende. Agnes sagte: »Komm, Franzl«, und
lief mit ihm davon. Terese weinte bitterlich. Frau Leutner tröstete sie; es kam
Besuch aus der Nachbarschaft; der Bub und Agnes kamen wieder zurück; und ehe
diese ziemlich früh am Abend wieder in die Stadt hineinfahren musste, trat sie
auf Terese zu, streckte ihr die Hand hin: »Sein S' nicht bös, es war ja nicht
so gemeint« - und der Friede schien wieder hergestellt.
    Indes nahte die Zeit heran, in der Terese sich nach einer Stellung umsehen
musste. Ein Versuch, an einer Erziehungsanstalt als Lehrerin einzutreten, war
erfolglos geblieben, da sie die notwendigen Prüfungen nicht abgelegt hatte.
Wieder einmal nahm sie sich vor, dies bei nächster Gelegenheit nachzutragen. Sie
tat nun, was sie schon so oft getan: las Zeitungsannoncen, schrieb Offerte; es
kam ihr alles mühseliger und aussichtsloser vor als je. Manchmal fiel ihr ein,
dass sich auch Alfred ein wenig für sie bemühen könne, zum mindesten, indem er
sie auf Zeitungsanzeigen aufmerksam machte, die ihm zufällig vor Augen kämen,
doch um alle Dinge, die ihren Beruf angingen, schien er sich wie mit Absicht
nicht zu kümmern. In Enzbach hatte er sich nicht mehr blicken lassen.
 
                                       68
Terese fand eine Stellung im Hause eines Bankdirektors zu zwei kleinen Mädchen
von acht und zehn Jahren. Sie hatte sich fest vorgenommen, niemals wieder etwas
über ihre Pflicht hinaus zu tun, ihr Herz und ihre Seele ganz unberührt zu
halten und stets eingedenk zu sein, dass sie in jedem Hause eine Fremde war und
blieb. Trotzdem verspürte sie schon nach wenigen Tagen eine lebhafte, immer
wachsende Sympatie für das jüngere Mädchen, das von rührend anschmiegsamer
Natur war; um so absichtsvoller verhärtete sich ihr Herz gegenüber dem älteren
Mädchen. Der Bankdirektor war ein Mann in den Fünfzigern, noch immer das, was
man einen schönen Mann zu nennen pflegt, nicht ohne Geckenhaftigkeit, die sich
hauptsächlich in der Gewohnheit eines koketten Augenaufschlags und einer höchst
gewählten Umgangssprache kundgab. Er hatte auch eine gewisse Art, im
Vorübergehen wie zufällig an Teresen anzustreifen und seinen Atem in ihren
Nacken zu hauchen, und Terese war vollkommen überzeugt, dass es nur von ihr
abgehangen hätte, in ein näheres Verhältnis zu ihm zu treten, um so mehr, da
seine Frau, nicht mehr jung, etwas schwerfällig, im Äusseren beinahe
vernachlässigt und immer leidend war. Jedenfalls war sie sorgfältig auf ihre
Gesundheit bedacht, und immer wieder erbitterte es Terese, dass die Frau
Direktor sich bei jeder Gelegenheit nach Herzenslust schonen und ins Bett legen
konnte, während man auf sie, die am Ende doch auch eine Frau war, nie und nimmer
Rücksicht nahm und niemals Rücksicht genommen hatte. Sie erinnerte sich, wie sie
Vorjahren in einem ihrer Häuser im Zustande eines heftigen Unwohlseins bei
miserablem Wetter die Kinder aus der Schule hatte abholen müssen und beinahe
schwer krank geworden wäre; und was sie damals als eine der unvermeidlichen
Peinlichkeiten ihres Berufs hingenommen, das liess sie nun in ihrem Herzen die
Leute entgelten, bei denen sie jetzt in Stellung war, ohne es sie äusserlich
merken zu lassen. Wenn Alfred aber, zu dem sie sich über alle diese Dinge
aussprach, ihr gelegentliche Übertriebenheiten und offenbare Ungerechtigkeiten
nachwies und sie zu einiger Milde und Nachsicht zu überreden suchte, dann warf
sie ihm vor, dass er als Sohn aus gutem bürgerlichen Hause, der niemals Sorgen
gekannt, sich natürlich auch mit jüdischen Bankdirektoren solidarisch fühle,
schalt ihn egoistisch und herzlos und ging endlich so weit, ihm ins Gesicht zu
sagen, dass er, nur er allein an ihrem ganzen Elend schuld sei, weil er sie in
Salzburg als junges, unschuldiges Mädchen schon allein gelassen. Auf solche
Bemerkungen hatte Alfred nur ein mildes Achselzucken, das sie völlig rasend
machte, und so kam es immer wieder bei ihren seltenen Zusammenkünften zu
Auseinandersetzungen, Verstimmungen und Streit.
    Ihren Sohn hatte sie zwischen Stadt und Land in dem Vorort Liebhartstal, der
für sie leicht erreichbar war, günstig untergebracht, zufällig wieder im Hause
eines Schneidermeisters; und da Terese längst nicht mehr daran dachte, Franzl
eine Mittelschule besuchen zu lassen, so nahm sie das als ein Schicksalszeichen
und liess Franz, noch während er eine nahegelegene Volksschule besuchte, seine
Lehrlingszeit beginnen. Es schien ihr, als entwickle er sich nun wieder besser
als im vergangenen Jahr: der Meister, ein gutmütiger, nur dem Trunk etwas
zugeneigter Mensch, wie auch die Meisterin hatten nichts an ihm auszusetzen, mit
dem Sohn, der um etliche Jahre älter war als Franzl, vertrug er sich ganz gut,
und so glaubte Terese wieder einmal sich hinsichtlich seiner Zukunft beruhigen
zu dürfen.
    Alfred überraschte sie eines Tages mit der Mitteilung, dass er demnächst eine
kleine Universitätsstadt in Deutschland beziehen werde, um sich bei einem
berühmten Psychiater in seinem Spezialfach weiter auszubilden. So sehr er selbst
überzeugt schien, dass das keine dauernde Trennung bedeuten sollte, Terese
zweifelte nicht, dass nun das Ende da war. Aber sie liess sich nichts anmerken und
war in diesen letzten Wochen, die ihnen noch übrig blieben, von einer Gefassteit
und zugleich von einer Zärtlichkeit, die Alfred lange nicht mehr an ihr gekannt
hatte.
    In den ersten Briefen aus seinem neuen Aufentaltsort gab er sich freier und
heiterer, als es zuletzt im persönlichen Beisammensein mit ihr der Fall gewesen
war. Doch dem freundschaftlichen Ton dieser Briefe fehlte fast jeder Beiklang
von Liebe oder gar Leidenschaft; und Terese, halb absichtlich, halb unbewusst,
verstand es bald, sich diesem Tone anzupassen. Im Sommer bezog sie mit den
Kindern und der Frau des Bankdirektors eine behagliche Villa in der Umgebung
Wiens; fing eben an, sich zu erholen, ja dank dem freundlich-herzlichen
Entgegenkommen der Frau Direktor und dem heiteren Wesen der Kinder wohl zu
fühlen, als ein Brief von der Frau des Schneidermeisters eintraf mit der kurzen
Mitteilung, dass man Franz aus Familiengründen leider nicht länger im Hause
behalten könne.
    Werd' ich nie Ruhe haben? dachte Terese, erbat sofort Urlaub, fuhr nach
Wien und erfuhr im Liebhartstal ohne eigentliche Überraschung, dass Franzl »recht
verdorben« sei, den Sohn des Hauses »zu allerlei Schlechtigkeiten« anhalte,
sowie auch, dass der Schullehrer sie dringend zu sprechen wünsche. Terese begab
sich sofort zu ihm und erhielt unter leicht verständlichen Andeutungen von dem
freundlichen und klugen Mann den Rat, den Buben möglichst rasch aus der Schule
zu nehmen und ihn wieder aufs Land unter gesündere Verhältnisse zu bringen.
Trotz ihres Vorsatzes, sich nichts mehr, was den Buben betraf, zu Herzen gehen
zu lassen - diese Eröffnungen trafen sie schwerer, als sie erwartet, und sie
vermochte dem bitteren Gefühl der Reue nicht länger zu wehren, dass ihr einmal im
gegebenen Moment der Mut gemangelt, eine gefällige Frau aufzusuchen, die sie vor
all der Plage und all der Schande behütet hätte, unter deren Zeichen seiter ihr
Leben stand. Und gegen jenen eigentlich längst vergessenen, lächerlichen und
nichtigen Kasimir Tobisch stieg ein so dumpfer Groll in ihr auf, dass sie sich
fähig meinte, ihm etwas Böses anzutun, wenn er ihr jemals wieder begegnete.
    Es kam ihr der Einfall, ihren ungeratenen Sohn von einem kinderlosen Ehepaar
adoptieren zu lassen, was Alfred einmal flüchtig im Gespräch berührt und sie
entrüstet zurückgewiesen hatte, und sich dann nicht mehr um ihn zu kümmern. Doch
kaum hatte sie begonnen, diesen Plan weiterzudenken, als ihre Stimmung wieder
umschlug. Alle mütterlichen Gefühle für den armen Buben, der ja an seiner Natur
und an seinem Los völlig unschuldig war, der sich unter anderen Umständen ganz
anders, vielleicht zu einem braven, tüchtigen Menschen entwickelt hätte, brachen
mit ungeheurer Macht wieder hervor, und sie fühlte ihre eigene Schuld tiefer
denn je. War sie denn innerlich jemals treu zu ihm gestanden? war sie nicht
immer wieder von ihm abgefallen und manchmal sogar zugunsten von andern Kindern,
die sie gar nichts angingen und die sie vielleicht nur deshalb liebte, weil sie
aus besseren Häusern, weil sie wohlgepflegt, weil sie glücklicher waren als ihr
eigenes Kind?
    Und an einem heissen Sommertag, während der Staub der Stadt durch den
ärmlichen Vorort gegen die Hügel zu fegte, sass Terese mit ihrem Buben auf einer
Bank am Rande der Strasse, die bergaufwärts führte, redete ihm ins Gewissen,
glaubte in seinen Augen etwas wie Einsicht, ja wie Reue zu lesen, fühlte neue
Hoffnung in sich aufsteigen, als er sich näher an sie herandrängte, glaubte zu
spüren, dass in seinem Herzen jene Starrheit, die sie so oft verzweifeln machte,
sich zu lösen anfing, und richtete, wie in einer plötzlichen Erleuchtung, die
Frage an ihn, ob er von nun an mit ihr, mit seiner Mutter, zusammen wohnen
wolle. Und Tränen kamen ihr ins Auge, als er sich über diese Aussicht geradezu
beglückt zeigte, ihr erklärte, dass er überhaupt nur sie liebhabe, dass er alle
anderen Menschen nicht leiden könne. Oh, er würde auch gern mehr lernen und in
der Schule brav sein, aber die Lehrer seien ihm aufsässig, und er wolle ihnen
keine Freude machen. Dass er aber der Frau Meisterin ein Tüchel gestohlen habe,
das sei eine Lüge, und auch die Frau Leutner in Enzbach sei eine falsche Person.
Wie sie nur über die Mutter gesprochen habe zu ihrem Mann und zur Agnes und zu
anderen Leuten, da könnte er manches erzählen! Und nun gar die
Schneidermeisterin - eine Kanaille sei das. Terese erschrak, sie verwies ihm
seine Worte. Aber Franz redete hemmungslos weiter über die Meisterin, über ihren
Mann, über einen Fuhrwerksbesitzer, der öfters ins Haus käme, gebrauchte
Ausdrücke, die Terese noch niemals gehört hatte, und sie konnte nichts anderes
tun, als ihn immer wieder zurechtweisen und endlich, da gar nichts half, das
Gespräch abbrechen und auf andere Dinge bringen.
    In einer unendlichen Traurigkeit ging sie den Weg mit ihm über die staubige
Strasse wieder hinab. Noch hielt sie seine Hand in der ihren, aber unmerklich
glitten die Finger auseinander, und sie war allein. Sie führte Franz für diesmal
noch in das Haus seiner Kostgeber zurück, begab sich, fürs erste ohne Erfolg,
auf die Suche nach einem neuen Quartier, nach neuen Pflegeeltern für ihren Sohn,
übernachtete in einem kleinen Vorstadtgastof und schrieb Alfred einen
ausführlichen Brief, in dem sie sich wieder einmal zu ihm wie zu einem Freunde
aussprach. Und am nächsten Morgen in einer beruhigteren Stimmung glückte es ihr,
für Franz bei einem kinderlosen Ehepaar ein reinliches Kabinett zu finden, so
dass sie immerhin im Gefühl einer erledigten Pflicht aufs Land zurückreisen
konnte. Diese letzten Wochen in der Villa hatte sie Gelegenheit, sich zu
erholen, ja aufzuatmen. Die Mädchen gaben ihr wenig zu tun, man lebte
zurückgezogen; der Herr des Hauses war auf einer grösseren Reise abwesend, kaum
jemals erschien ein Gast, - so verbrachte auch Terese beinahe den ganzen Tag
lesend und viel schlummernd, von der Frau Direktor und von den Kindern wenig
gestört, in dem grossen schattigen Garten, dessen Mauer das ganze Haus und seine
Inwohner gegen die Umwelt abschloss.
 
                                       69
Im Herbst übersiedelte Frau Fabiani nach Wien, vorerst in eine Fremdenpension.
Ihr Sohn hatte indes eine Hausbesitzerstochter aus einer österreichischen
Provinzstadt geheiratet, wo er kurze Zeit hindurch Hilfsarzt gewesen war, und
sich in Wien als praktischer Arzt etabliert. Doch blieb die Politik nach wie vor
der Hauptgegenstand seines Interesses. Materieller Sorgen war er nun so ziemlich
entoben, was ihn auch liebenswürdiger und umgänglicher zu machen schien, wie
Terese anlässlich einer Begegnung, die zufällig bei ihrer Mutter stattfand, zu
bemerken Gelegenheit hatte. Seine junge Frau, die zugleich anwesend war,
gutmütig, hübsch, beschränkt, von ziemlich kleinstädtischem Gehaben, kam Terese
mit naiver Herzlichkeit entgegen, lud sie sofort ins Haus, und so fügte es sich,
dass Terese, worauf sie noch vor wenigen Wochen keineswegs gefasst sein konnte,
an einem Familienessen bei Doktor Faber, wie ihr Bruder nun wirklich mit
behördlicher Bewilligung hiess, teilzunehmen das Vergnügen hatte. Von einer
verwandtschaftlichen Atmosphäre fühlte sie wenig, einmal mehr in ihrem Leben war
sie bei Fremden zu Gaste, und trotzdem das Zusammensein harmlos und unbefangen
verlief, behielt sie von diesem Familienmahl einen unangenehmen Nachgeschmack
zurück.
    Ihren Sohn sah sie nicht viel häufiger als früher. Die Leute, bei denen er
in Pflege war, ein pensionierter Beamter namens Mauerhold und seine Frau, hatten
ihn nicht aus Erwerbsgründen bei sich aufgenommen, sondern weil sie ihr einziges
Kind vor einigen Jahren verloren hatten und bei nahendem Alter das Bedürfnis
fühlten, wieder ein junges Geschöpf in ihrer Umgebung zu wissen. Es hatte den
Anschein, als übte die Gutmütigkeit und Nachsicht der beiden Leute auf Franzls
Wesen einen höchst günstigen Einfluss; weder von ihnen, noch von seinem Lehrer
bekam Terese Abfälliges über ihn zu hören, und so verlief dieser Winter ohne
sonderliche Aufregungen für sie. Dass Alfreds Briefe immer seltener und immer
kühler wurden, berührte Terese kaum; in der gewissenhaften Erfüllung ihrer
Pflichten als Erzieherin und als Stütze der Hausfrau, wozu sie sich in der
letzten Zeit bei dem meistens leidenden Zustand der Frau Direktor immer mehr
herangebildet hatte, fand sie fast völlige Befriedigung.
    Manchmal, ganz flüchtig, kam ihr der Gedanke, ob nicht einer der Herren, die
im Hause verkehrten, der Hausarzt zum Beispiel, ein älterer Junggeselle, oder
der verwitwete Bruder des Direktors, die ihr beide ein wenig den Hof machten,
sich ernstlicher in sie verlieben oder sie gar heiraten könnte, wenn sie es nur
geschickt genug anstellte. Doch da Geschicklichkeit und Schlauheit ihre Sache
niemals waren, zerflossen solche immer nur vagen Aussichten bald wieder in
nichts, ohne dass sie sich weiter darüber gekränkt hätte. Einmal entschloss sie
sich eine Zeitungsannonce zu beantworten, in der ein wohlhabender kinderloser
Witwer, Mitte der Vierzig, eine Wirtschafterin zu suchen vorgab. Die unflätige
Antwort, die sie erhielt, bewahrte sie vor einer Wiederholung solcher Versuche.
 
                                       70
Im Stadtpark, wo sie bei beginnendem Frühjahr mit den beiden Mädchen öfters
spazieren zu gehen pflegte, traf sie nach Jahren wieder mit Sylvie zusammen, die
dort mit ihrem Zögling, einem achtjährigen Knaben, sich auf einer Bank sonnte.
Sie zeigte sich höchst erfreut, Terese wiederzusehen, erzählte, dass sie zuletzt
auf einem ungarischen Gut, vorher noch weiter, in Rumänien, in Stellung gewesen
sei, und schien sich im übrigen innerlich nicht im geringsten verändert zu
haben. Immer wohlgelaunt, empfand sie ihr Los keineswegs als ein beklagenswertes
oder gar, wie es bei Teresen doch noch zuweilen der Fall war, als ein ihrer
nicht ganz würdiges, sah zwar etwas faniert, im ganzen aber beinahe reizvoller
aus als zu der Zeit, da Terese sie kennengelernt hatte.
    Beim nächsten Zusammentreffen schon, ganz unvermittelt, lud sie Terese für
den nächsten freien Sonntag zu einem Ausflug ein. Sie sei mit einem guten Freund
verabredet, Einjährig-Freiwilligem bei den Dragonern, der auch seinerseits, wenn
Terese mit von der Partie sein wolle, einen Kameraden mitbringen werde. Terese
mass sie mit einem erstaunten, fast beleidigten Blick, der Sylvie nur lächeln
machte. Es war ein schöner Frühlingstag; die beiden sassen nahe dem Teich, die
Kinder, die ihrer Obhut anvertraut waren, futterten die Schwäne, und Sylvie
plauderte unbeirrt weiter. Sie hatte ihren Freund in diesem Winter auf einem
Maskenball kennengelernt - ja, auf Maskenbälle ging sie auch, warum denn nicht
-, er war hübsch, blond, eher klein, der lustigste Junge, den man sich denken
konnte; er werde wahrscheinlich beim Militär bleiben, weil ihm das Studieren
nicht viel Spass mache; und als Sylvie ihm neulich von der wiedergetroffenen
Freundin erzählt habe, sei er gleich auf den Einfall dieser kleinen Partie zu
viert gekommen. Man würde auf einem Donauarm spazierenfahren, Schinakel, sie
sprach es halb französisch Chinaquéle aus, dann irgendwo zu Abend essen, auf dem
Konstantinhügel oder im dritten Kaffeehaus, man müsse ja kein Programm machen,
es finde sich schon alles von selbst. Terese lehnte ab, Sylvie liess nicht nach,
und endlich verblieb man dabei, die Sache vom Wetter abhängig zu machen.
    Als Terese am Morgen des nächsten Sonntags erwachte und den Himmel mit
dunklen Wolken verhängt sah, empfand sie das wie eine Enttäuschung; doch mittags
heiterte es sich auf, Sylvie holte Terese am frühen Nachmittag ab, und man fuhr
zum Praterstern, wo die beiden Herren am Tegettoffmonument Zigaretten rauchend
warteten. Sie begrüssten die Damen mit vollendeter Höflichkeit, sahen in ihren
Uniformen recht elegant ausvollendete Kavaliere, dachte Terese - und auf den
ersten Blick gefiel ihr der blonde kleine Mensch, der Sylvies Geliebter war,
viel besser als der andere. Der war ein hagerer, in seiner Figur an Kasimir
Tobisch erinnernder Mensch mit einem schmalen, fahlen, etwas gelblichen Gesicht,
schwarzem Schnurrbart und einem Spitzbärtchen, wie es bei österreichischen
Freiwilligen und Offizieren sonst kaum üblich war, und hatte auffallend
schlanke, allzu magere Hände, von denen Terese in einer sonderbaren, ihr
unbegreiflichen Weise wie gebannt war. Man dankte ihr, dass sie gekommen war;
Sylvie führte das Gespräch sofort in ihrer flinken und lustigen Weise, sie
redeten alle französisch, der Blonde sehr geläufig, der andere etwas mühseliger,
aber mit einem viel besseren, wenn auch etwas affektierten Akzent. Man ging
durch die Hauptallee, aber da gab es so viele Menschen - und sie dufteten nicht
besonders gut, wie der Hagere bemerkte -, und so nahm man bald einen Seitenweg,
der unter hohen frühlingsgrünen Bäumen in ein stilleres Revier führte. Der
Blonde erzählte von seinem vorjährigen Aufentalt in Ungarn, wohin man ihn zur
Jagd geladen; Sylvie nannte die Namen einiger Aristokraten, die sie in ihrer
letzten Stellung kennengelernt hatte, ihr Freund erlaubte sich freche
Anspielungen, die sie lachend hinnahm und mit ähnlichen erwiderte. Der andere,
mit Teresen ein wenig zurückbleibend, schlug einen ernsteren Ton an, seine
Stimme war leise, klang manchmal wie absichtlich verschleiert; er hatte das
Monokel aus dem Auge fallen lassen und sah mit einem blasierten Blick unter
etwas geröteten Lidern vor sich hin. Er konnte nicht recht glauben, dass Terese
eine Wienerin sei, eher dächte man an eine Italienerin, ja eine von den
kastanienbraunen Norditalienerinnen aus der Lombardei. Sie nickte nicht ohne
Stolz; ihr Vater stammte ja wirklich aus italienischer Familie und ihre Mutter
aus kroatischem Adel. Richard wunderte sich, dass sie Erzieherin sei. Es gab doch
so viel andere Berufe, die sicher viel besser Air sie getaugt hätten; mit ihrer
Erscheinung, ihren strahlenden Augen, ihrem dunklen Organ hätte sie auf der
Bühne gewiss ihren Weg gemacht. Und jedenfalls blieb es völlig unbegreiflich für
ihn, wie man sich freiwillig, jawohl freiwillig, denn sie hatte es gewiss nicht
nötig, in eine solche Sklaverei begeben könne. Sie musste an Kasimir Tobisch
denken, der Vorjahren ganz das gleiche Wort gebraucht, und blickte ins Weite.
Und Richard, immer lebhafter: Alle heilige Zeiten einmal ein paar Stunden zur
freien Verfügung haben - unverständlich, wie man eine solche Existenz überhaupt
zu ertragen im Stande sei. Terese spürte den Nebensinn dieser Worte, wenn auch
das Antlitz ihres Begleiters unbeweglich blieb.
    Auf dem Konstantinhügel trank man Kaffee und ass Kuchen. Die beiden Herren
äusserten sich spöttisch über die etwas »mindere« Gesellschaft an den anderen
Tischen. Terese fand die Leute gar nicht so übel, und es schien ihr, als
vergässen die beiden Kavaliere allzusehr, dass sie da mit zwei armen Geschöpfen
zusammensassen, die man wohl auch eher zur minderen Gesellschaft rechnen musste.
Am Ufer des kleinen Teiches unterhalb des Konstantinhügels mietete man ein
»Schinakel«. Terese fühlte wohl, dass es den beiden jungen Herren wie ein Spass,
ja wie eine Art von Herablassung vorkam, als sie sich unter das Volk mischten
und ihren Kahn zwischen anderen, in denen »mindere Leute« sassen, vorwärts und
allmählich in den schmalen Flussarm ruderten, der sich zwischen grünen Ufern
gegen die Donauauen hin schlängelte. Sylvie rauchte eine Zigarette, auch Terese
versuchte es nach langer Zeit wieder, seit den Salzburger Abenden in der
Offiziers- und Schauspielergesellschaft hatte sie es nicht getan; es schmeckte
ihr so wenig wie damals, und ihr Begleiter, der es merkte, nahm ihr die
Zigarette aus den Fingern und rauchte sie selbst weiter. Er legte die Ruder hin
und überliess dem Blonden alle Arbeit. Dem würde es sehr gesund sein, bemerkte
er, bei seiner Anlage zum Dickwerden. An den Ufern, unter hohen uralten Bäumen,
lagerten Paare und Gruppen. Später wurde es stiller und einsamer. Endlich
stiegen sie aus und machten den Kahn an einem der hierfür bestimmten Pflöcke
fest. Dann spazierten sie weiter auf immer schmaleren Wegen durch immer
dichteres Grün den Auen zu. Sie gingen paarweise, eingehängt; einmal noch hatten
sie eine breite Strasse zu überqueren, dann schlugen sie einen Pfad ein, der sie
unerwartet rasch, fast zauberhaft, in eine umwandelte Entrückteit brachte.
Sylvie ging mit ihrem blonden Freund in enger Umschlingung voraus, der andere
blieb plötzlich stehen, umfasste Terese und küsste sie lange auf den Mund. Sie
wehrte sich nicht im geringsten. Er redete gleich wieder, ernst, als hätte, was
eben geschehen, eigentlich nichts zu bedeuten, und dann, auf eine beiläufige
Frage Teresens, begann er von sich zu erzählen. Er studierte Jus und wollte
Advokat werden. Sie wunderte sich, sie hatte sich vorgestellt, dass er
Berufsoffizier werden wolle wie der andere. Er schüttelte beinahe verächtlich
den Kopf. Er dachte nicht daran, beim Militär zu bleiben; und selbst, wenn er
wollte, dazu brauche man Geld, und er sei im Grunde ein armer Teufel. Sie müsse
das nicht gerade wörtlich nehmen, aber gegen seinen blonden Kameraden sei er
wirklich ein Schnorrer. Weit vor ihnen hörten sie ihn lachen. »Immer fidel,«
sagte Richard - »und dabei hat er die fixe Idee, dass er ein Melancholiker ist.«
Ein junges Paar begegnete ihnen. Das Mädchen, eine wohlgekleidete, hübsche
Blondine, betrachtete Richard mit einem solchen Ausdruck des Wohlgefallens, dass
Terese sich unwillkürlich geschmeichelt fühlte. Von dem nahen, nicht sichtbaren
Fluss wehte feuchter Duft heran. Der Weg wurde immer schmäler, es war kaum ein
Weg mehr; sie mussten manchmal die Äste zurückschlagen, um vorwärts zu kommen.
Sylvie rief einmal zurück zu Teresen hin in ihrem hellen Französisch: »A la fin
je voudrais savoir, où ces deux scélérats nous mènent.« Terese hatte jede
Orientierung verloren. Der Fluss schimmerte durch Schilf und Weiden, um sich
gleich wieder in einer Biegung zu verlieren. Irgendwoher tönte der langgezogene
Pfiff einer Lokomotive; nah und doch unsichtbar ratterte ein Bahnzug über eine
Brücke. Teresen war es, als hätte sie das alles schon einmal erlebt, aber sie
wusste nicht wann und wo. Sylvie und ihr Begleiter waren gänzlich verschwunden,
man hörte Lachen, verklingende Worte gespielter Abwehr, Kichern, leises
Schreien. Terese fühlte ihr eigenes, wie erschrockenes Gesicht. Richard
lächelte, sah sie an, warf seine Zigarette zu Boden, trat das Feuer aus, nahm
Terese in die Arme und küsste sie. Dann hielt er sie fest an sich gedrückt, ging
tiefer mit ihr ins Schilf und zog sie mit sich nieder. Wieder hörte sie das
Lachen Sylvies, zu ihrer Verwunderung ganz nah. Mit fast entsetzten Augen
blickte sie zu Richard auf und schüttelte lebhaft den Kopf. Sein Antlitz
erschien ihr dunkel und fremd. »Man sieht uns nicht«, sagte er, und wieder hörte
sie die Stimme von Sylvie. Es war eine Frage, eine Frage an Terese, frech und
schamlos. Wie darf sie sich das erlauben, dachte Terese. Und plötzlich, in den
Armen Richards, hörte sie sich antworten, hörte ihre eigene Stimme, hörte Worte
aus ihrem eigenen Mund, beinahe gerade so frech und ausgelassen, wie Sylvies
Worte gewesen waren. Was ist mit mir? dachte sie. Richard streichelte ihr die
feucht gewordenen Haare aus der Stirn und flüsterte leidenschaftlich-zärtliche
Worte in ihr Ohr. Ein Wagen rollte fern, ganz fern. Der Fluss, den sie nicht
sehen konnte, spiegelte sich seltsam im dunkelblauen Himmel über ihr.
    Als sie später durch Dickicht wieder auf einen schmalen Weg gelangten,
schmiegte sie sich hingebungsvoll an den Mann, den sie vor drei Stunden noch
nicht gekannt hatte und der jetzt ihr Geliebter war. Er sprach von
gleichgültigen Dingen: »Die Rennen müssen gerade aus sein«, sagte er. »Die
ersten heuer, die ich versäumt habe.« Und als sie wie gekränkt zu ihm aufsah:
»Tut's dir leid?« - strich er ihr übers Haar und küsste sie, mitleidig gleichsam,
auf die Stirn: »Dummes Mädel.« Sie traten aus den Auen ins Freie, und bald sahen
sie, der breiten Fahrbahn sich nähernd, in dünnen Staub gehüllt, die Wagen und
Equipagen vorbeisausen. Sie kamen zu dem Uferplatz, wo der Kahn ihrer wartete,
und fuhren die Strecke zurück, die sie gekommen waren. Terese fürchtete sich
zuerst, in Sylvies Blicken eine frivole oder unzarte Anspielung entdecken zu
müssen, doch zu ihrer angenehmen Verwunderung schien Sylvie vielmehr ernster und
gelassener als sonst. Ihr Freund begann von einer gemeinsamen Reise zu faseln,
die man zu viert im Sommer unternehmen könnte. Doch sie wussten alle, dass das nur
Geschwätz war, und Richard stand nicht an, das Reisen ganz im allgemeinen zu
missbilligen. Die mit jeder Ortsveränderung nun einmal verbundenen kleinen
Unannehmlichkeiten empfand er als unleidlich; fremde Gesichter waren ihm in der
Seele zuwider, und als ihm darauf der andere entgegnete, dass er doch auch für
seine Bekannten und Freunde niemals besondere Sympatie zu erkennen gebe, liess
er das ohne weiteres gelten. Sylvie, vor sich hinsehend, bemerkte, dass es doch
immerhin Momente gäbe, die des Lebens wert seien. Richard zuckte die Achseln.
Das ändere im wesentlichen nichts. Im Grunde sei doch alles traurig, das Schöne
erst recht; und darum sei die Liebe das allertraurigste auf der Welt. Terese
empfand tief die Wahrheit seiner Worte. Sie erschauerte leise; sie fühlte eine
Träne in ihrem Auge, Richard berührte ihre Stirn mit seinen schmalen kühlen
Händen. Die schmetternden Klänge einer Militärkapelle drangen zu ihnen, während
der Kahn weiterglitt. Es dämmerte. Sie stiegen aus, bald war wieder das Getriebe
der Menschen um sie, immer noch rollte ein geschlossener Zug von Wagen durch die
breite Fahrbahn; Musik von einem halben Dutzend Orchestern wirbelte
durcheinander. Alle Gastausgärten waren übervoll. Die beiden Paare schlugen
sich in stillere Gegenden, sie kamen an dem gleichen bescheidenen Wirtshaus
vorbei, in dem Terese vor vielen, vielen Jahren als Prinzessin oder Hofdame mit
irgendeinem Gespenst oder Narren gesessen war. Sie erkannte sofort den Kellner
von damals, der von einem Tisch zum andern hastete, und wunderte sich, dass der
sich in so vielen Jahren nicht im geringsten verändert hatte, beinahe, als wäre
er der einzige von allen lebenden Menschen, der nicht gealtert war. Ist das
alles nur ein Traum? dachte sie flüchtig, warf einen raschen Blick auf ihren
Begleiter, als wollte sie sich vergewissern, dass es nicht Kasimir Tobisch sei,
der an ihrer Seite ging. Und noch einmal sah sie sich nach dem Kellner um, der
schwitzend, die flatternde Serviette unterm Arm, von Tisch zu Tische lief. Wie
viele Sonntage seit jenem, dachte Terese! wie viele Paare haben sich seiter
sogenannte selige Stunden, wie viel wirkliches Elend, wie viel Kinder seitdem,
wohlgeratene und andere; und wieder einmal kam ihr die ganze Unsinnigkeit ihres
Schicksals, die Unverständlichkeit des Lebens überhaupt niederdrückend zu
Bewusstsein. Und der junge Mensch neben ihr, wie seltsam, war der nicht
eigentlich der erste, der, was eben jetzt in ihr vorging, ohne weiteres
verstanden hätte, ja vielleicht wusste, ohne dass sie selbst es aussprach? Und sie
fühlte sich ihm, dem sie sich in den ersten Stunden ihrer Bekanntschaft
hingegeben und der sie, wie sie wusste, darum doch nicht verachtete, näher,
verwandter, als sie sich jemals Alfred oder irgendeinem anderen gefühl hatte.
    In einem der stilleren Gastausgärten assen sie zu Abend. Terese trank mehr,
als sie gewohnt war, und wurde bald so müde, dass sie kaum mehr die Augen
offenhalten konnte und das Geplauder der andern nur wie von ferne an ihr Ohr
klingen hörte. Sie wünschte sehr auf dem Heimweg ihrem Freund sagen oder
wenigstens andeuten zu können, was ihr früher durch den Sinn gegangen war. Aber
es kam keine Gelegenheit mehr dazu. Der Aufbruch geschah plötzlich; morgen früh
vier Uhr war Ausrückung zu den grossen Manövern, am nächsten Wagenstandplatz liess
man die beiden Damen in einem offenen Einspänner Platz nehmen, den Richard
gleich bezahlte, flüchtig wurde noch eine Zusammenkunft für den übernächsten
Sonntag verabredet. Richard küsste Teresen kavaliermässig die Hand, sagte »auf
Wiedersehen hoffentlich«, sie sah ihn mit weiten, wie erschrockenen Augen an;
die seinen waren kühl und fern.
    Auf der Heimfahrt durch die abendlichen Strassen liess sie Sylvie reden, die
nun plötzlich von unerwünschten Geständnissen übersprudelte. Terese hörte ihr
kaum zu, ein bitterer Nachgeschmack war ihr zurückgeblieben, und sie dachte
ihres Geliebten von heute abend mit einer sonderbaren Rührung, als hätte er für
immer von ihr Abschied genommen, ja als wäre er schon weit, weit fort.
 
                                       71
Wenige Tage später wurde sie von Herrn Mauerhold brieflich um ihren
»ehebaldigsten« Besuch gebeten. Sie hatte Franzl schon drei Wochen lang nicht
gesehen und geriet sofort in eine unverhältnismässig heftige Aufregung. Herr
Mauerhold empfing sie freundlich, aber in sichtlicher Verlegenheit. Seine Frau
schwieg befangen. Endlich erklärte er, dass er aus Familienrücksichten mit seiner
Frau Wien verlassen, in ein kleines niederösterreichisches Städtchen übersiedeln
und daher Terese bitten müsse, den Buben anderswohin in Pflege zu geben.
Terese atmete erleichtert auf; sie äusserte, dass es vielleicht ganz gut wäre,
wenn Franzl aus der Grossstadt wieder fort und in eine kleine Ortschaft käme, und
sie erklärte sich gerne bereit, ihn auch nach der Übersiedlung bei seinen
jetzigen Pflegeeltern zu belassen, wo er sich ja so wohl zu fühlen scheine. An
der wachsenden Verlegenheit der beiden merkte sie, dass man ihr offenbar irgend
etwas verschwieg, und als sie immer dringender Aufklärung verlangte, erfuhr sie
endlich, dass Franzl sich neulich einen kleinen Hausdiebstahl hatte zuschulden
kommen lassen. Und nun, da dies ausgesprochen war, hielt die Frau, die bisher
stumm dagesessen war, nicht mehr länger an sich. Diese kleinen Diebereien waren
nicht das Schlimmste. Der Bub hatte noch allerlei Unarten und Angewohnheiten,
von denen sie Heber gar nicht reden wolle. Auch aus der Schule seien Klagen
gekommen. Die ungeratenste Jugend in der Nachbarschaft sei sein Verkehr, bis in
die Nacht hinein treibe er sich auf der Strasse herum, und es sei gar nicht
abzusehen, wohin das bei dem elfjährigen Buben mit der Zeit noch führen solle.
Terese sass mit gebeugtem Haupt wie eine Schuldbeladene. Nun ja, sie sah ein,
dass sie unter diesen Umständen ihren Vorschlag nicht aufrecht halten könne, sie
wollte nur warten, bis der Bub aus der Schule käme, und ihn lieber gleich
mitnehmen. Herr Mauerhold, mit einem Blick auf seine Frau, meinte vorsichtig, es
sei ja nicht gar so eilig, auf ein paar Tage käme es nicht an, man wolle den
Buben gern noch im Hause behalten, bis Terese ein neues Heim für ihn ausfindig
gemacht habe. Terese merkte mit Verwunderung, dass dem gutmütigen Mann Tränen in
den Augen standen. Er war es nun, der sich anschickte, sie zu trösten: manche
Knaben hätten in diesem bedenklichen Alter nicht viel getaugt, aus denen dann
noch ganz anständige Menschen geworden wären. Die Stunde, in der Franz aus der
Schule nach Hause kommen sollte, war längst vorüber; Terese aber, die sich nur
ein paar Stunden Urlaub erbeten hatte, konnte nicht länger bleiben; sie dankte
Herrn Mauerhold, versprach, sich sofort nach einem neuen Quartier für Franzl
umzusehen, und ging. Auf dem Heimweg wurde sie ruhiger und nahm sich vor, die
Angelegenheit mit irgend jemandem zu besprechen. Aber mit wem? Sollte sie ihre
Mutter ins Vertrauen ziehen? An Alfred schreiben? Was konnten die raten oder gar
helfen? Sie musste schon alles mit sich selber ausmachen und allein in Ordnung
bringen.
    Zufällig traf sie am nächsten Tag im Stadtpark wieder mit Sylvie zusammen.
Sie wäre wohl die letzte gewesen, die Terese unter anderen Umständen ins
Vertrauen ziehen und um Rat hätte fragen wollen. Aber in ihrer Unruhe, ihrer
Ungeduld, ihrem Drang, eine mitfühlende Seele zu finden, sprach sie sich zu
Sylvie aus und erzählte ihr alles, mehr als sie je irgend jemand anderem erzählt
hatte; und als wollte sich dieses Vertrauen belohnen, gerade in Sylvie fand sie
eine Ratgeberin, eine Freundin so herzlich, klug und ernst, wie Terese es nie
und nimmer erwartet hätte. Sie redete Teresen zu, ihre jetzige Stellung
aufzugeben, überhaupt keine von dieser Art vorläufig anzunehmen, mit ihrem Sohn
zusammen eine kleine möblierte Wohnung zu nehmen und nur mehr Privatlektionen zu
erteilen. Sie selbst, Sylvie, machte sich anheischig, ihr in kürzester Zeit
einige solche Stunden zu verschaffen, und stellte ihr auch für die nächste Zeit
einiges Geld zur Verfügung; »sie habe immerhin kleine Ersparnisse«, fügte sie
mit einem verschmitzten Lächeln hinzu, das Terese nicht bemerken wollte.
Sylvies Anerbieten aber nahm sie dankbar an.
    Und mit neuer Hoffnung und plötzlich wiedergefundener Energie wurde die
Ausführung des erfolgversprechenden Entschlusses ins Werk gesetzt. Ihre
Kündigung wurde in der Familie des Bankdirektors mit einiger Überraschung
aufgenommen, die beiden Mädchen liessen das Fräulein nur ungern ziehen, das
ältere weinte herzbrechend, und Terese war gerührt von der Liebe, die sie in
einem jungen Mädchenherzen erweckt hatte, ohne es auch nur zu ahnen.
 
                                       72
An einem schwülen Hochsommertag bezog Terese mit Franzl zwei möblierte Zimmer
mit Küche in einer bequem gelegenen stillen Vorstadtstrasse, in einem ziemlich
neuen, bescheidenen, aber reinlich gehaltenen Hause. Vorher schon durch
Bemühungen aller Art: Anfragen bei Familien, wo sie früher in Stellung gewesen,
Antworten auf Zeitungsannoncen, zum Teil unter tätiger Mitilfe von Sylvie,
hatte sie sich ein paar Lektionen gesichert, mit deren Ertrag sie zur Not ihr
Auskommen zu finden hoffte. Auch eine kleine Summe, die die Frau des
Bankdirektors ihr beim Abschied geschenkt hatte, kam ihr zustatten. Unendlich
viel bedeutete es für sie, dass sie nun, eigentlich zum erstenmal in ihrem Leben,
in einer Art von eigenem Heim wohnen durfte. Sie glaubte zu fühlen, dass ihrem
Sohn bisher vielleicht gar nichts anderes zu einer gedeihlicheren Entwicklung
gefehlt hatte als das Zusammenleben mit seiner Mutter. Die Schule, die er jetzt
besuchte, war von der früheren weit genug entfernt, um den Verkehr mit den
bisherigen Kameraden so gut wie unmöglich zu machen. Wie sie es nun schon öfters
erfahren, in den ersten Wochen liess er sich in der neuen Umgebung gar nicht übel
an. Ja, ihr war, als lerne sie ihn erst jetzt wirklich kennen. Eine gewisse
Kindlichkeit seines Wesens, die allzu früh verlorengegangen war, kam allmählich
aufs neue zum Vorschein. Wie schön war es doch, mit ihm gemeinsam am
Mittagstisch zu sitzen bei einem Mahl, das sie selbst bereitet, wie wunderbar,
abends, wenn sie von ihren Lektionen nach Hause kam, mit einer stürmischen
Umarmung von ihm empfangen zu werden, und wie schwoll ihr das Herz, wenn er ihr
die Ehre erwies, sie bei irgendeiner schwierigen Aufgabe um Rat zu fragen. Sie
fühlte sich wohl, zufrieden, beinahe glücklich. In Briefen an Alfred, die zu
schreiben sie plötzlich wieder ein lebhaftes Bedürfnis trieb, sprach sie sich
über alle diese Dinge weitläufig aus, und wie der Rückkunft eines Freundes,
nicht eines ehemaligen Geliebten, freute sie sich entgegen, als er ihr seine
baldige Wiederkunft nach Wien ankündigte, wo er eine Assistentenstelle an der
psychiatrischen Klinik antreten sollte.
 
                                       73
Eines Tages, zu ihrer Überraschung, erhielt sie nach fast einem Jahr wieder eine
Einladung zum Mittagstisch bei ihrem Bruder und fand dort noch andere Gäste,
einen jungen Arzt und einen Gymnasialprofessor, beide mit Dr. Karl Faber, wie
das Gespräch bei Tische bald erwies, durch politische Interessen verbunden. Karl
war es, der das grosse Wort führte, die beiden andern, auch der um mindestens
zehn Jahre ältere Professor, lauschten respektvoll, und Terese gewann den
Eindruck, als lege ihr Bruder Wert darauf, ihr einen deutlichen Begriff von
seiner hervorragenden Stellung unter den Parteigenossen zu geben. Ihre
Schwägerin, die vor wenigen Monaten Mutter eines Kindes geworden war, entfernte
sich nach Schluss des Mittagsessens, Terese aber blieb in Gesellschaft der
Herren, die Unterhaltung nahm eine gemütliche Wendung, und als von dem Beruf
Teresens und von ihren persönlichen Erfahrungen als Erzieherin und Lehrerin die
Rede war, verhehlte der Gymnasialprofessor nicht sein Bedauern, dass sie so oft
genötigt gewesen, in einer untergeordneten, ja, man dürfe wohl sagen, dienenden
Stellung im Hause fremdrassiger Leute zu leben, und er bezeichnete es als eine
der wichtigsten Aufgaben der Gesetzgebung, so unwürdige Zustände ein für allemal
unmöglich zu machen. Er sprach volltönend und druckfertig, im Gegensatz zu dem
jungen Arzt, der immer wieder ins Stottern geriet; der Bruder aber, wenn auch
beifällig nickend, blinzelte manchmal spöttisch, ja, zuweilen streifte er den
Professor mit jenem eigentümlichen, etwas tückischen Blick, den Terese so gut
an ihm kannte.
    Von Richard hatte sie Wochen, ja Monate nichts gehört und glaubte sich im
Grunde froh, ihn vergessen zu dürfen, als sie eines Tags ganz unerwartet von
Sylvie einen Brief erhielt, der sie zu einer neuen Zusammenkunft »avec nos
jeunes amis de l'autre jour« einlud. Ihre erste Regung war: abzulehnen. Sie war
nun seit längerer Zeit gewohnt, jeden Abend mit ihrem Buben zu Hause zu
verbringen. Doch als Sylvie die Einladung persönlich wiederholte, liess Terese
sich überreden und erlebte mit ihr, ihrem blonden Freund und Richard einen
Abend, der sich harmlos anliess, immer stürmischer verlief und in ausgelassenster
Weise endete. Als sie in der Morgendämmerung nach Hause kam, empfand sie es wie
ein unerwartetes, ja unverdientes Glück, dass sie ihren Buben ruhig schlafend in
seinem Bette fand. Obwohl sie Richard so wenig etwas übelzunehmen hatte als er
ihr, war sie fest entschlossen, ihn niemals wiederzusehen.
    Die Einladungen in das Haus ihres Bruders wiederholten sich von Zeit zu
Zeit, und bald begegnete Terese dort auch dem Professor wieder, der nun einen
ungeschickt-galanten Ton ihr gegenüber anzuschlagen begann und es sich nicht
nehmen liess, sie gegen Abend den ziemlich langen Weg bis zu ihrem Hause zu
begleiten. Wenige Tage später eröffnete ihr der Bruder, dass der Professor sich
lebhaft für sie interessiere, sich voraussichtlich bei nächster Gelegenheit ihr
gegenüber in aller Form erklären werde, und gab ihr den brüderlichen Rat, einen
Antrag auch für den Fall, dass sie sich augenblicklich anderweitig gebunden
fühle, nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. »Ich habe keinerlei
Verpflichtungen«, erwiderte Terese hart und ablehnend. Karl schien ihren Ton
nicht bemerken zu wollen und äusserte sich in Worten trockener Anerkennung über
seinen Parteigenossen, der, bei den Vorgesetzten sehr gut angeschrieben, im
Laufe der nächsten Jahre wahrscheinlich zum Gymnasialdirektorin einer grösseren
Provinzstadt ernannt werden dürfte. »Und um gleich alles in Betracht zu ziehen,«
fugte er mit einem schiefen Blick hinzu, »das, woran du jetzt eben denkst,
braucht auch kein Hindernis zu sein.« Teresen stieg das Blut ins Gesicht. »Du
hast dich nie um meine Gedanken gekümmert, sie dürften auch jetzt keinerlei
Interesse für dich haben.« Er tat wieder, als wenn er ihren ablehnenden Ton
nicht merkte, und sprach unbeirrt weiter. »Man könnte es ja auch so auffassen,
dass du schon einmal verheiratet warst. Nehmen wir an, du warst es wirklich - und
es hat sich herausgestellt, dass es eine rechtsungültige Ehe war. Solche Dinge
kommen bekanntlich vor. Du bist an der Sache sozusagen ganz unschuldig.«
    Er blinzelte an ihr vorbei. - Terese lehnte sich auf: »Ich kann vor jedem
verantworten, was ich getan habe, ich werde auch mein Kind nicht verleugnen. Ich
hätte es auch dir gegenüber nicht getan. Aber hast du mich je darnach gefragt?«
- »Du regst dich ohne Anlass auf. Eben damit du nichts zu verleugnen brauchst,
bin ich ja auf den Einfall mit der rechtsungültigen Ehe gekommen. Du solltest
mir eher dankbar sein.« Und einem heftigen Einwand von ihr zuvorkommend: »Der
Mutter wäre es jedenfalls auch eine Beruhigung, wenn du endlich in gesicherte
Verhältnisse kämst.« Und plötzlich dachte Terese: Warum nicht? Der Mann, den
ihr der Bruder vorschlug, war ihr gleichgültig, aber er missfiel ihr nicht
geradezu. Und war sie es ihrem Sohn nicht schuldig, eine solche Möglichkeit
nicht ungenützt vorübergehen zu lassen? Ihr Bruder begann ihr die Vorteile
dieser Verbindung auseinanderzusetzen: ihr selbst würde die Stellung ihres
Mannes in ihrem Beruf zustatten kommen, den sie keineswegs aufzugeben brauchte,
im Gegenteil, gerade ein Lehrer, ein Professor wäre der richtige Mann für sie
und würde ihre Position festigen.
    Ihre Schwägerin trat ein, mit dem Kind im Arm. Terese nahm es in die ihren,
erinnerte sich der ersten Lebenswochen ihres eigenen Sohnes, der kärglichen
Stunden, da sie ihn so wie jetzt das Kind ihres Bruders an ihre Brust hatte
drücken dürfen. Und es fiel ihr ein, dass sie ja nun vielleicht in einer neuen,
in einer wirklichen Ehe wieder ein Kind bekommen und ein Glück erleben konnte,
das ihr mit Franzl versagt geblieben war. Doch diesen Gedanken empfand sie
gleich wieder wie ein Unrecht, ja, wie eine Untreue gegen ihren Sohn. All das
andere Unrecht kam ihr zu Sinn, das sie im Lauf der Jahre mit und ohne Schuld an
ihm begangen hatte. Tränen traten ihr in die Augen, während sie das Kind des
Bruders noch in den Armen hielt. Sie fühlte sich ausserstande, die Unterredung
fortzusetzen, und verabschiedete sich in der schmerzlichsten Verwirrung.
    Der Zufall fügte es, dass sie wenige Tage nachher Richard begegnete. In
seiner Zivilkleidung erschien er ihr diesmal zugleich elegant und herabgekommen.
Der schwarze Samtaufschlag des vortrefflich sitzenden Überziehers war etwas
abgeschabt und der Lack der wohlgeformten Schuhe an manchen Stellen
abgesprungen. Das Monokel sass ihm unbeweglich im Auge. Er küsste ihr die Hand und
fragte sie, fast ohne weitere Einleitung, ob sie nicht den heutigen Abend mit
ihm verbringen wolle. Sie lehnte ab. Er drängte keineswegs, gab ihr für alle
Fälle die Adresse seiner Eltern, bei denen er wohnte, und sie schrieb ihm schon
am nächsten Tag. Es wurde ein seltsames Zusammensein, und sie begriff eigentlich
nicht recht, warum er darauf bestanden hatte, sich mit ihr in ein separiertes
Zimmer eines vornehmen Restaurants zurückzuziehen, da er sich völlig
zurückhaltend benahm und kaum ihre Hand berührte. Aber er gefiel ihr nur um so
besser. Er sprach heute viel von sich. Mit seiner Familie, erzählte er, stünde
er nicht zum besten. Sein Vater, ein bekannter Advokat, war, wie übrigens
gewöhnlich, höchst unzufrieden mit ihm »und eigentlich hat er ja recht« -, mit
seiner Mutter hatte er sich niemals verstanden und nannte sie beiläufig eine
dumme Gans, was Terese erschreckte. Demnächst sollte er seine dritte
Staatsprüfung machen, und er fragte sich wozu. Er würde ja doch nie Advokat oder
Richter werden. Und auch sonst nichts Rechtes. Er habe nämlich zu nichts Talent,
wie ihn im Grunde auf der Welt auch nichts wirklich freue. Sie fand, dass solche
Bemerkungen mit seinem sonstigen Wesen doch in Widerspruch stünden. Wenn einem
die ganze Welt so gleichgültig war, wie konnte man zum Beispiel auf die
Farbennuance einer Krawatte besonderen Wert legen, wie er es doch
eingestandenermassen tat? Er sah sie beinahe mitleidig an, was sie verletzte, und
sie verspürte den brennenden Wunsch, ihn zu überzeugen, dass sie wohl imstande
sei, auch solche scheinbaren Gegensätze zu begreifen. Aber sie fand die rechten
Worte nicht. Nach dem Abendessen, sie waren kaum eine Stunde zusammen gewesen,
brachte er sie im offenen Wagen bis zu ihrer Wohnung. Er küsste ihr sehr höflich
die Hand, und sie glaubte nicht, dass sie ihn jemals wiedersehen würde.
    Doch schon wenige Tage darauf erhielt sie einen Brief von ihm. Sein Wunsch,
wieder mit ihr zusammenzukommen, freute sie mehr, als sie vorher erwartet hätte.
Beglückt folgte sie seinem Ruf. Diesmal war er ein ganz anderer, heiter,
ausgelassen beinahe, und es war ihr, als begänne er erst heute, sich um sie, ihr
eigentliches menschliches Wesen und um ihre äussere Existenz zu kümmern. Sie
musste ihm viel von sich erzählen, von ihrer Jugend, ihren Eltern, ihrem
Verführer, ihren anderen Liebhabern. Und in dieser Stunde sprach sie auch von
ihrem Kind, von ihren Pflichten gegenüber diesem Kind und davon, dass sie diese
oft vernachlässigt habe. Fast ärgerlich zuckte er die Achseln. Es gebe keine
Pflichten, sagte er, man sei niemandem etwas schuldig, die Kinder nicht den
Eltern und die Eltern den Kindern auch nicht. Alles nur Schwindel, alle Leute
seien Egoisten, sie geständen es sich nur nicht ein. Übrigens, das würde sie
vielleicht interessieren: gestern hatte er eine für ihn nicht geringe Summe beim
Rennen gewonnen. Das sah er als einen Wink des Schicksals an und hatte die
Absicht, sein Glück weiter zu versuchen. Im nächsten Winter gedenke er nach
Monte Carlo zu gehen, er habe sich auch schon ein System erdacht, um die Bank zu
sprengen. Das sei überhaupt das einzig Erstrebenswerte auf der Welt: Geld haben,
auf die Leute pfeifen können. Sie solle doch mit ihm kommen - nach Monte Carlo.
Sie würde dort sicher ihren Weg machen, freilich nicht als Lehrerin. So sehr sie
widersprach, ja, ihn zurechtwies, gerade von Äusserungen solcher Art strömte ein
besonderer Reiz auf sie aus. Und an diesem Abend war sie sehr glücklich mit ihm.
    Dieser Erinnerung gegenüber wirkte ein Brief, der am nächsten Morgen von
Alfred an sie anlangte, unsäglich langweilig und öde auf sie. Sie hatte ihm von
der wahrscheinlich bevorstehenden Werbung des Professors Mitteilung gemacht, und
Alfred riet ihr zwar, die Sache sorgfältig zu überlegen, doch war deutlich aus
seinen Worten herauszulesen, dass ihm eine Heirat Teresens, die ihn auch von der
letzten Verantwortung befreit hätte, keineswegs unerwünscht war. Sie erwiderte
ihm kühl, übellaunig, beinahe mit Hohn.
 
                                       74
Mit Franzl war sie weiterhin leidlich zufrieden. Wenn sie nach Hause kam, fand
sie ihn meist über Büchern und Heften sitzen, von seiner früheren Ungebärdigkeit
war wenig mehr zu merken; schlug er gelegentlich einen etwas mürrischen Ton
gegenüber der Mutter an, liess er sich in seiner Ausdrucksweise, in seinem
Betragen allzusehr gehen, so genügte meist eine Mahnung von ihrer Seite, ihn
sein Unrecht einsehen zu lassen. Sie war daher aufs peinlichste erstaunt, als er
zu Semesterschluss ein ganz schlechtes Zeugnis heimbrachte, das überdies eine
grosse Anzahl versäumter Stunden auswies. In der Schule erfuhr sie zu ihrem
Schreck, dass er im Laufe der letzten Monate überhaupt nur selten dem Unterricht
beigewohnt hatte, und der Klassenvorstand wies ihr Entschuldigungen vor, die
ihre Unterschrift trugen. Terese hütete sich, zu gestehen, dass sie gefälscht
waren, sie behauptete vielmehr, der Bub sei in diesem Jahr oft krank gewesen,
sie werde selbst das Versäumte mit ihm nachholen, man möge nur Geduld mit ihm
haben. Zu Hause nahm sie ihn ins Gebet, er war zuerst verstockt, dann gab er
freche Antworten, endlich lief er einfach aus dem Zimmer, aus dem Haus. In
später Abendstunde erst erschien er wieder, legte sich sofort im Wohnzimmer auf
den Diwan, der zugleich seine Schlafstelle war, die Mutter setzte sich zu ihm,
drängte in ihn, wo er gewesen, er antwortete nicht, sah nach der Seite, drehte
sich an die Wand, manchmal nur traf sie ein böser Blick, ein Blick, in dem
Terese diesmal nicht nur Verstockteit, Mangel an Einsicht und an Liebe,
sondern auch Bitterkeit, Hohn, ja, einen versteckten Vorwurf las, den
auszusprechen er sich, aus einer letzten Rücksicht vielleicht, entielt. Und
unter diesem fahlen Blick stieg eine Erinnerung in ihr auf, fern, verschwommen,
die sie zu verscheuchen suchte, die aber immer näher, immer lebendiger vor ihr
sich aufrichtete. Zum ersten Male nach langer Zeit dachte sie der Nacht, in der
sie ihn geboren, - der Nacht, in der sie ihr neugeborenes Kind zuerst tot
geglaubt, in der sie es tot gewünscht hatte. Gewünscht -? Nur gewünscht? Das
Herz erstarrte ihr vor Angst, dass der Bub, der sich feindselig abgewandt und die
Decke über das Gesicht gezogen hatte, sich wieder nach ihr umwenden und seinen
wissenden, hassenden, tödlichen Blick auf sie richten würde. Sie erhob sich,
stand eine Weile bebend mit verhaltenem Atem, dann, auf den Zehenspitzen, ging
sie in ihr Zimmer. Nun wusste sie, dass dieses Kind, dieser zwölfjährige Bub,
nicht nur als ein Fremder, dass er als Feind neben ihr lebte. Und niemals noch
hatte sie zu gleicher Zeit so schmerzlich tief gefühlt, wie sehr und wie
unglücklich, wie ohne jede Hoffnung auf Erwiderung sie dieses Kind liebte. Sie
durfte es nicht verloren geben. Alle ihre Versäumnisse, ihre Leichtfertigkeit,
ihr Unrecht, ihre Schuld, sie musste all das wieder gutmachen, und dafür musste
sie auch zu jeder Sühne bereit sein, zu Opfern jeder Art, zu schwereren, als sie
sie bisher gebracht. Und wenn sich die Gelegenheit bot, ihr Kind in günstigere
Verhältnisse zu bringen, als ihm bisher beschieden war; die Möglichkeit, es
unter eine männliche, eine väterliche Aufsicht und Obhut zu stellen, so durfte
sie nicht zögern, diese Gelegenheit zu ergreifen. Und war denn das Opfer
wirklich so gross? Konnte eine Heirat nicht am Ende auch ihre eigene Rettung
bedeuten?
    Und als der Professor Wilnus bei einem nächsten Zusammentreffen mit ihr im
Hause des Bruders, da man sie beide nach dem Mittagessen offenbar mit Absicht
allein gelassen, an Terese die Frage richtete, ob sie seine Frau werden wolle,
zögerte sie zuerst, und mit einem festen Blick in den seinen fragte sie: »Kennen
Sie mich denn auch gut genug? Wissen Sie denn auch, wen Sie heiraten wollen?«
Als er darauf ungeschickt nach ihrer Hand fasste, mit einem verlegenen Neigen des
Kopfes, ohne sie anzusehen, entzog sie ihm ihre Hand und sagte: »Wissen Sie, dass
ich ein Kind habe, einen bald dreizehnjährigen, ziemlich ungeratenen Buben? Aber
was man Ihnen auch gesagt hat, verheiratet bin ich nie gewesen.« - Der Professor
runzelte die Stirn, wurde rot, als hätte sie ihm eine unanständige Geschichte
erzählt, fasste sich aber gleich wieder: »Ihr Herr Bruder hat mir erzählt, nicht
Einzelheiten, aber - aber ich hatte etwas Ähnliches vermutet«, und er ging im
Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Dann blieb er vor ihr stehen, und
in wohlgesetzter Weise, als hätte er sich während des Auf- und Abgehens eine
kleine Rede einstudiert, kam er ihr gleich mit einem fertigen Vorschlag.
Keineswegs dürfe daran, dass dieses Kind existiere, ihre und seine Zukunft
scheitern. »Wie meinen Sie das?« Es gäbe kinderlose Ehepaare, die nichts
sehnlicher wünschten, als ein Kind zu adoptieren, und wenn man mit Sorgfalt -.
Sie unterbrach ihn heftig, blitzenden Auges: »Ich werde mich nie von meinem
Kinde trennen«. Der Professor schwieg, überlegte, und schon in wenigen Sekunden,
mit einer hellen, gleichsam edel gewordenen Stimme, bemerkte er, dass er vor
allem einmal den Buben kennenlernen möchte. Dann könnte man ja über alles andere
weiterreden. Ihre erste Regung war, brüsk abzulehnen, sich auf keinerlei
Bedingungen einzulassen. Aber zu rechter Zeit noch kamen ihr wieder die
letztgefassten Vorsätze in den Sinn, und sie erklärte sich bereit, den Professor
am Abend des nächsten Tages bei sich zu empfangen.
    Es war ihr gelungen, Franz, der sich eben wieder wie gewöhnlich zu dieser
Stunde hatte davonmachen wollen, zu Hause zu halten. Der Professor erschien
nicht ohne Befangenheit, die er unter einem aufgeräumten, sozusagen
weltmännischen Gebaren nur mit Mühe zu verbergen imstande war. Franz betrachtete
den Besucher mit unverhohlenem Misstrauen. Und als dieser nun plötzlich den
überraschenden Wunsch äusserte, in die Schulhefte Franzls Einsicht zu nehmen,
kostete es einige Mühe, den Widerstand des Knaben zu überwinden. Was sich
endlich den Augen des Professors Wilnus darbot, war nicht eben erfreulich. Doch
ei begnügte sich, sein Missfallen in nachsichtig-humoristischer Weise
auszudrücken. Dann versuchte er sich durch Fragen aller Art über die Kenntnisse
und den Bildungsgrad des Knaben Klarheit zu schaffen, half ihm immer wieder bei
den Antworten nach, legte sie ihm geradezu in den Mund, benahm sich überhaupt
wie ein Lehrer, der sich alle Mühe gibt, einen schlechten Schüler aus
irgendeinem Grund bei der Prüfung doch nicht durchfallen zu lassen. Am meisten
hatte er an der Aussprache Franzls zu bemängeln, die er als ein fatales Gemisch
von bäuerlichem und vorstädtischem Dialekt bezeichnete. Während er mit
beiläufigem Hinweis auf die Verbindungen, über die er verfuge, die Möglichkeit
andeutete, den Knaben in der Schule eines oberösterreichischen Stiftes
unterzubringen, war Franz unversehens aus dem Zimmer verschwunden, und die
Mutter wusste, dass er nicht so bald wiederkommen würde. Sie entschuldigte ihn bei
dem Professor: an schönen Abenden pflege er mit Schulkameraden ein wenig in die
freie Luft zu gehen. Der Professor schien eher erfreut, mit Terese allein zu
sein. Von dem Stift wollte sie nichts wissen, und auf eine neue, vorsichtig
geäusserte Anregung des Professors, Adoptiveltern für das Kind zu suchen,
wiederholte Terese mit Entschiedenheit, dass sie sich von ihrem Sohn unter
keinen Umständen trennen werde. Der Professor zeigte sich nachgiebig, seine
Augen begannen zu flackern, er rückte Teresen näher, versuchte kühner zu werden
und erschien ihr mit jedem Augenblick nur lächerlicher und widerwärtiger. Sie
überlegte eben, ob sie ihm nicht ein für allemal die Türe weisen sollte, da
klopfte es, und zu Teresens Befremden trat Sylvie ein, die sich schon viele
Wochen nicht hatte blicken lassen. Eine flüchtige Vorstellung erfolgte, der
Professor sprach die Hoffnung aus, Teresen am nächsten Sonntag bei ihrem Bruder
zu begegnen, und ging.
    Sylvie war blass und erregt. Hastig fragte sie Terese, ob sie heute noch
keine Zeitung gelesen habe. »Was ist geschehen?« fragte Terese. - »Richard hat
sich umgebracht«, erwiderte Sylvie. - »Um Gottes Willen«, rief Terese aus, und
hilflos legte sie ihre Hände auf Sylviens Schultern. Sie habe Richard schon
lange nicht mehr gesehen. Und Sylvie, mit gesenktem Blick, gestand, dass sie umso
öfter mit ihm zusammengewesen war. Terese verspürte keinerlei Eifersucht, aber
auch keinen wirklichen Schmerz. Sie war mit einemmal die Überlegene; sie war es,
die die Freundin zu trösten hatte. Sie strich ihr über die Haare, streichelte
ihr die Wangen, niemals noch hatte sie sich ihr so schwesterlich nahe gefühlt.
Und Sylvie erzählte. Heute in den Morgenstunden war es geschehen. Die Nacht
hatte er mit ihr verbracht. Gerade diesmal war er besonders wohlgelaunt gewesen,
im Fiaker hatte er sie bis zum Tor ihres Hauses begleitet, ihr aus dem Wagen
zugewinkt, dann war er in den Prater gefahren, und im Wagen hatte er sich
erschossen. Sie hatte es schon lange kommen sehen. - »Schulden?« fragte Terese.
- Nein. Gerade in der letzten Zeit habe er bei den Rennen immer gewonnen. Aber
das Leben war ihm zuwider. Die Menschen vielmehr. Alle beinahe. »Sie, Terese,
hat er sehr gern gehabt«, sagte Sylvie. »Viel, viel lieber als mich. Wissen Sie,
warum er Sie nicht mehr sehen wollte?« - Terese fasste erregt nach Sylviens Hand
und schaute ihr fragend ins Auge. »Die ist zu gut für mich. Das waren seine
Worte. Trop bonne.« Und beide weinten.
    Zwei Tage darauf, zur Einsegnung, waren sie beide in der Kirche. Nach Schluss
der Zeremonie bewegte sich der Zug der Trauernden an Terese vorüber, die weit
rückwärts am Ende einer Bank sass. Richards Mutter, eine hagere, blasse Frau, in
deren verschlossenen, hochmütigen Zügen Terese etwas von Richards Ausdruck
wiederzufinden glaubte, streifte so nahe an ihr vorbei, dass sie unwillkürlich
fortrückte. Im gleichen Augenblick, es war ihr peinlich, ergriff Sylvie heftig
ihren Arm. Die Trauergäste kamen vorüber; auch bekannte Gesichter sah Terese
unter ihnen, darunter den Bankdirektor, in dessen Hause sie zuletzt in Stellung
gewesen war und der sie anstarrte, ohne sie im Dämmerlicht der Kirche zu
erkennen, und einen jungen Menschen, der einmal ihr Geliebter gewesen war, den
Krauskopf. Mit dem Taschentuch, als wenn sie weinte, verbarg sie ihr Gesicht.
Sie sah dem Sarg nach, während er durch das Kirchentor ins Freie hinausgetragen
wurde, wo ein dunkelblaues Sommerlicht ihn empfing. Jener Abend in den Donauauen
fiel ihr ein, der in wenigen Tagen sich zum zweitenmal jähren musste. Zu gut für
ihn? dachte sie. Warum eigentlich? Als ob sie überhaupt für jemanden zu gut oder
zu schlecht wäre. Sie hörte, wie draussen der Leichenwagen sich in Bewegung
setzte. Das Kirchentor schloss sich langsam, Duft von Weihrauch war um sie.
Sylvie hatte den Kopf auf dem Betpult liegen und schluchzte leise. Terese erhob
sich lautlos und ging allein. Ein lauer Sommertag nahm sie draussen auf. Sie
musste rasch nach Hause, um fünf Uhr erwartete sie Zöglinge zum Unterricht.
 
                                       75
Eine Zeitlang lebte sie vollkommen und ausschliesslich ihrem Berufe, in dem sie
sich nicht nur durch dessen fortgesetzte Ausübung, sondern auch durch Arbeit in
freien Stunden weiter ausgebildet hatte und immer weiter ausbildete, so dass sie
allmählich zu einer tüchtigen und gesuchten Lehrerin wurde. Es waren durchaus
junge Mädchen, die sie unterrichtete und zu Prüfungen vorbereitete. Zwei
Jünglinge, die sich gemeldet, hatte sie fortweisen müssen, da sie offenbar
andere Zwecke im Auge hatten, als sich im Englischen und Französischen zu
vervollkommnen. Einen Brief des Professor Wilnus mit der Bitte, sie wieder
einmal besuchen zu dürfen, hatte sie mit einer endgültigen Absage beantwortet.
Sie bereute es keinen Augenblick, obwohl ihr manchmal war, als hätte sie ihm
dankbar sein können, denn seit seinem Besuch war in Franzens Verhalten eine
vorläufig noch andauernde Wandlung zum Bessern erfolgt, er schien regelmässig zur
Schule zu gehen, wie eine gelegentliche Erkundigung Teresens bestätigte, - wo
und mit wem er die vielen Stunden ausser Hause verbrachte, dem wagte sie freilich
nicht nachzuforschen.
    Von ihrem Bruder hörte sie nichts, und sie war überzeugt, dass er ihr die
Absage an den Professor übelnahm. Auch die Mutter blieb ihr fern, und so wäre
sie ganz allein gewesen, wenn nicht Sylvie manchmal des Abends sie besucht
hätte. Richard verschwand merkwürdig schnell aus den Gesprächen, doch allerlei
andere Erlebnisse aus früheren Tagen teilten sie einander mit, Terese mehr in
Andeutungen, Sylvie in manchmal überlebhaften Schilderungen. Und wenn auch die
Männer, denen die beiden Frauen im Lauf des Daseins begegnet waren, nicht eben
gut wegzukommen pflegten, beide wärmten ihre müden Herzen an der Erinnerung
vergangener Jugend. Sylvie hatte die Absicht, baldmöglichst in ihre Heimat nach
Südfrankreich zurückzukehren, die sie fast zwanzig Jahre lang nicht gesehen
hatte. Was sie dort tun, wie sie sich dort erhalten sollte, da sie doch nur
wenig hatte ersparen können, wusste sie freilich nicht, aber ihre Sehnsucht nach
Hause hatte einen fast krankhaften Charakter angenommen. Dem immer noch heiteren
Geschöpf liefen die Tränen über die Wangen, wenn sie von ihrer Heimatstadt
sprach; Terese merkte in solchen Momenten, wie welk, wie alt die Züge Sylvies
geworden waren, und sie erschrak. Doch sie beruhigte sich damit, dass sie selbst
um sieben oder acht Jahre jünger war.
    In dieser Epoche ihres Lebens bedeutete ihr wieder die Kirche eine oft
besuchte, wohltuende Aufentaltsstätte, und sie betete oder wünschte doch
inbrünstig, dass sie sich weiter mit ihrem Lose bescheiden, dass ihr Franz nicht
allzuviel Kummer bereiten, und insbesondere, dass niemals wieder Leidenschaft den
ruhigen Lauf ihres Daseins stören und ihr innerstes Wesen trüben möge.
    In diesem Sommer traf es sich, dass sie eine zehnjährige Schülerin, das
jüngste Kind eines bekannten Schauspielers, zur Aufnahmeprüfung ins Lyzeum
vorbereiten sollte und man sie zu diesem Zweck an einen Salzkammergutsee
mitnahm. Ihre Tätigkeit beschränkte sich fast nur darauf, die Kleine täglich ein
paar Stunden, meistens im Garten, zu unterrichten. Eine ältere, schon
achtzehnjährige Tochter war in einen jungen Mann verliebt, der häufig zu Besuch
kam. Ein Vetter machte der noch immer hübschen Hausfrau den Hof, der Gatte
brachte seine Aufmerksamkeit einer kaum sechzehnjährigen Freundin der Tochter
entgegen, einem höchst verdorbenen Geschöpf, ja, er stellte ihr recht eigentlich
nach. Es war für Terese sonderbar, zu beobachten, wie Vater, Mutter, Tochter,
jeder für sich, kaum etwas von dem bemerkten oder zum mindesten ganz harmlos zu
nehmen schienen, was die andern durchfühlten und durchlitten. Terese selbst,
mit ihren durch so viele Erfahrungen geschärften Augen, sah diesem Spiel der
Leidenschaften zu, ohne selbst berührt zu sein, war kaum anders bewegt als eine
Zuschauerin im Teater, und vor allem war sie sehr froh, dass sie mit solchen
Herzensdingen äusserlich und innerlich abgeschlossen hatte. Es schien wirklich
alles recht harmlos abzulaufen; zum Schluss aber hatte es doch den Anschein, als
wenn ein Opfer fallen sollte. Die Tochter des Hauses verübte einen
Selbstmordversuch, und nun war es, als ob alle mit einemmal aus einem
gefährlichen Traume jäh erwachten. Ohne dass es zu irgendwelchen peinlichen
Auseinandersetzungen gekommen wäre, lösten sich alle diese Beziehungen, die nur
im Spiel der Sommerlüfte sich geknüpft hatten, gleichsam in nichts auf; früher,
als beabsichtigt gewesen war, verliess man die Villa, die ganze Familie reiste
nach dem Süden, und Terese kam früher wieder nach Wien zurück, als sie gedacht.
    Ihren Sohn hatte sie indes der Obhut einer Nachbarin empfohlen, einer
Beamtenswitwe, einer gutmütigen, ziemlich einfältigen Person, selbst Mutter
eines achtjährigen Buben. Wenn sie auch nichts geradezu Nachteiliges über Franzl
aussagen wollte, sie konnte nicht verschweigen, dass sie ihn manchmal ganze Tage
nicht zu Gesicht bekommen habe. Terese nahm ihn ins Gebet; er log in so
törichter Weise, dass Terese auch das Wahrscheinliche nicht mehr zu glauben
imstande war. Auf ihre Vorwürfe hin wurde er noch ausfälliger als sonst, doch
waren es nicht so sehr seine Worte als Miene und Blick, die Terese im Tiefsten
erschreckten. Hier war kein Zug eines Knaben-, eines Kindergesichtes, - ein
frühreifer, verdorbener, bösartiger Bursche starrte ihr frech ins Gesicht. Als
Terese endlich von der Schule zu sprechen begann, erklärte Franz höhnisch, er
denke gar nicht daran, sie weiter zu besuchen, er habe andere, gescheitere Dinge
vor, dann äusserte er sich in den hässlichsten Worten über seine Lehrer, und ein
besonders unflätiger Ausdruck verletzte Terese so sehr, dass sie sich nicht
zurückhalten konnte, Franz ins Gesicht zu schlagen. Dieser, das Antlitz
verzerrt, erhob den Arm, es gelang Terese nicht mehr, den Schlag abzuwehren,
und so fuhr Franzls geballte Faust über Teresens Lippen nieder, die zu bluten
begannen. Ohne sich weiter um sie zu kümmern, rannte er davon und schlug die
Türe hinter sich zu. Fassungslos, verzweifelt blieb Terese zurück, aber sie
hatte keine Tränen mehr.
    Noch am gleichen Abend, nach langer Zeit wieder, schrieb sie an Alfred. Die
Antwort traf schon am übernächsten Tage ein, Alfred gab Teresen den Rat, den
Buben irgendwohin in die Provinz zu schicken, als Lehrling, als Kommis, als was
immer, - ihre Verpflichtungen habe sie reichlich erfüllt, sie solle sich
keinerlei Skrupel machen, das Wichtigste sei, dass sie endlich von Angst und
Sorge befreit werde. Angst? fragte sie sich; das Wort befremdete sie zuerst,
doch gleich fühlte sie, dass es das richtige war. In einem neuen Absatz teilte
Alfred ihr mit, dass er sich mit der Tochter eines Tübinger
Universitätsprofessors verlobt habe, zwischen Weihnachten und Neujahr vermutlich
werde er mit seiner jungen Gattin nach Wien zurückkehren. Niemals aber werde er
vergessen, was sie, Terese, für ihn bedeutet habe, was er ihr schuldig sei, und
sie könne in jeder Lebenslage auf ihn als auf ihren besten Freund zählen. Ein
bitterer Geschmack trat auf ihre zuckenden Lippen, aber auch jetzt weinte sie
nicht.
    Für den nächsten Sonntag war sie zu ihrem Bruder zum Mittagessen eingeladen.
Da sie nicht furchten musste, den abgewiesenen Freier dort zu finden, nahm sie
an. Karl empfing sie mit auffallender Freundlichkeit, und sie merkte bald, dass
er ihre Absage an den Professor durchaus gutiess: dieser habe sich als ein sehr
unzuverlässiger Mensch erwiesen, aus opportunistischen Gründen war er aus dem
deutschnationalen Lager ins christlich-soziale übergegangen und kandidierte mit
vieler Aussicht auf Erfolg für den Gemeinderat. Dann kam Karl auf die Mutter zu
reden, die ihm, wie er behauptete, ernstliche Sorgen verursache. Was tat die
alte Frau, so frage er sich, mit ihrem Geld, und was wollte sie weiter damit
tun? Es war leicht zu berechnen, dass sie sich schon eine hübsche Summe erspart
haben musste. Die Kinder hatten zweifellos die Pflicht, insbesondere er, Karl,
als Familienvater, sich darum zu kümmern. Ob Terese, die es als unversorgte
Tochter doch am ehesten dürfe, das heikle Tema nicht einmal mit der Mutter zur
Sprache bringen und bei dieser Gelegenheit andeuten wolle, dass er, Karl, gerne
geneigt sei, die alte Frau zu sich ins Haus zu nehmen, wo sie doch gewiss
billiger draus käme als in einer Pension. Obwohl die Art, wie Karl diese Frage
behandelte, Teresen höchst widerwärtig war, sagte sie zu, mit der Mutter in
gewünschtem Sinne zu reden, dachte aber vorläufig nicht daran, ihr Versprechen
einzulösen.
    Eines Abends begegnete ihr in der inneren Stadt Agnes. Terese erkannte sie
nicht gleich. Sie sah auffallend, fast verdächtig aus, und Terese war es
unbehaglich, mit ihr auf der Strasse stehen zu bleiben. Agnes erzählte, dass sie
seit einiger Zeit nicht mehr »im Dienst«, sondern Verkäuferin in einem
Parfümeriegeschäft sei. Terese erkundigte sich nach den alten Leutners, Agnes
erwiderte, dass sie nur selten nach Enzbach käme, übrigens sei der Vater im
vergangenen Sommer gestorben. Dann trug sie ihr einen Gruss für den Franzl auf
und verabschiedete sich.
    Und wenige Tage darauf, unaufgefordert, fand sie sich bei Teresen ein.
Franz, mit dem Terese kein Wort mehr gesprochen, seit er die Hand gegen sie
erhoben, und der sich nur mehr, und immer verspätet, zu den Mahlzeiten einfand,
war sonderbarerweise zu Hause, begrüsste Agnes nicht ohne einige Verlegenheit,
die sich aber ihrer Ungezwungenheit gegenüber rasch verlor; und bald, Teresens
Anwesenheit kaum beachtend, plauderten sie in einer Art kameradschaftlichen
Strassenjargons miteinander, dem Terese kaum zu folgen vermochte. Sie tauschten
Enzbacher Erinnerungen aus, mit versteckten Anspielungen, von denen sie mit
einigem Recht annehmen durften, dass sie für Terese unverständlich blieben.
Manchmal aber, mit ihrem frechen, schiefen Blick, grinste Agnes zu Terese
hinüber, und es stand deutlich darin zu lesen: Du glaubst, er gehört dir? Mir
gehört er.
    Endlich schüttelte sie Teresen derb-freundschaftlich die Hand, ging, und
Franz, ohne ein Wort an die Mutter, schloss sich ihr an. Wie er nur aussah in
seinem billigen, gar nicht mehr knabenhaft zugeschnittenen Anzug mit den
grosskarierten Beinkleidern, dem zu kurzen Rock, dem rot umränderten Taschentuch,
wie bleich und wie verworfen und dabei nicht unhübsch das Gesicht! Ein Bub?
nein, das war er wahrhaftig nicht mehr. Wie sechzehn, siebzehn Jahre sah er aus.
Ein junger Mann -? das Wort passte nicht recht für ihn. Ein anderes drängte sich
ihr in den Sinn, von dem sie gleichsam wieder weghörte. Ihre Brust hob und
senkte sich schwer von ungeweinten Tränen.
 
                                       76
Wenige Tage später erkrankte Franz unter schweren Allgemeinerscheinungen. Der
Arzt stellte Gehirnhautentzündung fest, und beim dritten Besuch schien er den
Kranken aufgeben zu wollen. Terese sandte mit einem flehentlichen Brief nach
ihrem Bruder. Dieser kam, schüttelte bedenklich den Kopf und verordnete innere
und äussere Mittel, die tatsächlich die Gewalt der Krankheit schon nach wenigen
Stunden zu brechen schienen. Er kam an den folgenden Tagen wieder, und bald war
Franz ausser Gefahr. Karl verbat sich jeden Dank. Und nun war es für Terese
überraschend und wunderbar, wie Franz sich in dieser Zeit allmählichen
Gesundwerdens zu verändern schien. Wenn Terese an seinem Bette sass, hielt er
gern ihre Hand in der seinen, sie empfand den Druck seiner Finger wie eine Bitte
um Verzeihung Und wie ein Versprechen. Zuweilen las sie ihm vor. Mit dankbaren,
ja, kindlichen Blicken hörte er zu. Es schien ihr, als wenn er für mancherlei
Gegenstände, insbesondere für Geschichten aus dem Tierleben, für Reisen und
Entdeckungen, ein gewisses Interesse erkennen liesse, und sie nahm sich vor,
sobald als möglich ernstaft mit ihm über die Zukunft zu reden. Sie träumte
sogar davon, dass er das Studium fortsetzen, dass er vielleicht Lehrer oder gar
Doktor werden könnte. Aber noch getraute sie sich nicht, ihm von solchen Plänen
mehr zu sagen.
    Doch die Täuschung dauerte nicht lang, und sie wusste bald, dass sie sich
Franzens Wandlung im Grunde nur hatte einbilden wollen. Je entschiedener Franz
sich erholte, um so rascher wandelte er sich wieder in den, der er früher
gewesen war. Der kindlich-dankbare Blick seiner Augen verschwand, seine Sprache
nahm den Tonfall, seine Stimme den Klang wieder an, wie ihn Terese aus der Zeit
vor seiner Krankheit allzu gut kannte. Anfangs tat er sich noch einigen Zwang
an; er gab der Mutter immerhin noch Antworten, doch wurden sie immer
ungeduldiger, unwirscher und roher. Kaum durfte er das Bett verlassen, so war er
auch nicht mehr im Hause zu halten. Und bald kam eine Nacht, und es blieb nicht
die letzte, in der Franz erst gegen Morgen nach Hause kam.
    Terese fragte nicht mehr, sie liess alles geschehen, sie war müde. Es gab
Stunden, in denen sie sich ohne jeden Schmerz mit ihrem Leben am Ende fühlte.
Sie war kaum dreiunddreissig Jahre alt, doch wenn sie in den Spiegel sah,
besonders des Morgens gleich nach dem Erwachen, fühlte sie, dass sie um Jahre
älter aussah, als sie war. Solange ihre tiefe Mattigkeit andauerte, nahm sie das
ruhig hin. Doch als der Frühling wieder kam und sie sich frischer werden fühlte,
lehnte sie sich auf, ohne recht zu wissen, gegen was. Die Lektionen begannen ihr
eine peinigende Langeweile zu verursachen. Es kam vor, dass sie ihren
Schülerinnen gegenüber, was bisher niemals geschehen war, Ungeduld, ja
Unfreundlichkeit zeigte. Sie fühlte sich einsam, doch war ihr niemals schlimmer
zumute, als wenn Franz daheim war, was sie zugleich wieder als ein Unrecht gegen
ihn empfand. Am liebsten hätte sie mit Sylvie gesprochen, die aber ihre Stellung
gewechselt, bei einer Familie auf dem Lande und unerreichbar war. So besuchte
sie öfters, um sich von dem manchmal unerträglichen Gefühl der Verlassenheit zu
befreien, das Haus ihres Bruders, was, wie sie selbst merkte, von diesem nicht
ohne Verwunderung, jedenfalls aber ohne Freude aufgenommen wurde. Um so
herzlicher kam ihr die Schwägerin entgegen, die nun das zweite Kind erwartete.
Ein und das andere Mal sprach sich Terese ihr gegenüber aus, beichtete ihr
mancherlei, war gerührt, bei ihr ein Verständnis, ein Mitgefühl zu finden, das
sie nicht erwartet hatte. Es war, als machte die Schwangerschaft sie nicht nur
weicher, sondern auch klüger, als sie von Natur aus war. Doch kaum hatte sie das
Kind geboren, so verfiel sie wieder in ihre frühere Teilnahmslosigkeit und
Beschränkteit, und es war, als wüsste sie überhaupt nichts mehr von den
Geheimnissen mancher Art, die die Schwägerin ihr vertraut hatte. Im Grunde war
Terese froh darüber.
 
                                       77
Zu Beginn des Winters geschah es, dass sie Alfred in der Stadt zufällig
begegnete. Auf ihren letzten Brief war keine Antwort erfolgt. Er behauptete,
niemals einen erhalten zu haben. Anfangs ein wenig kühl und nicht ganz
unbefangen ihr gegenüber, war er bald wieder so herzlich wie nur je. Die Art,
wie er von seiner jungen Gattin sprach, liess nicht auf besondere Leidenschaft
von seiner Seite schliessen. Terese stellte sie sich sofort als eine dürftige,
blasse, deutsche Kleinstädterin vor, an deren Seite er sich gewiss oft nach ihr,
Teresen, zurücksehnte. Er gefiel ihr besser denn je. Auch auf seine äussere
Erscheinung schien er mehr Sorgfalt aufzuwenden, als er es früher getan. Sie
verabredeten nichts, als sie voneinander Abschied nahmen, aber nun war er wieder
da, und es lag nur an ihr, ihn wiederzusehen, wann sie wollte. Sie träumte sich
in eine neue Verliebteit und war beglückt. Sie begann wieder frischer und
jünger auszusehen. Ein junger Mann, fast Knabe noch, der manchmal seine
Schwester von ihrer Lektion bei Terese abholte, verliebte sich in sie. Einmal
erschien er am frühen Morgen, um ihr eine Bestellung von seiner Schwester zu
überbringen. Seine Schüchternheit belustigte sie; sie kam ihm ein wenig
entgegen. Er blieb so schüchtern, wie er war, verstand wohl kaum ihr Lächeln,
ihre Bücke, - als er wieder fort war, schämte sie sich und benahm sich von nun
an völlig abweisend gegen ihn.
    Eines Tages wurde Terese wieder in die Schule beschieden und erfuhr, dass
Franz seit vielen Wochen nicht mehr dort gewesen war. Sie war nicht sonderlich
überrascht. Als sie ihn daheim zur Rede stellte, teilte er ihr seinen Entschluss
mit, als Matrose auf ein Schiff zu gehen. Terese besann sich, dass er Ähnliches
schon früher geäussert, dass auch in seinem Gespräch mit Agnes, dem sie
beigewohnt, flüchtig davon die Rede gewesen war. Nun aber schien es ihm ernst
damit zu sein. Terese hatte nichts dawider, ja, sie sprach mit ihm diesen Plan
gründlich durch, und nach langer Zeit redeten sie vernünftig und geradezu
freundschaftlich miteinander, nicht wie Feinde, die zusammen unter einem Dache
wohnen mussten. Aber in den nächsten Tagen war von diesem Plan nicht weiter die
Rede. Terese getraute sich nicht, darauf zurückzukommen, als fürchtete sie
sich, dereinst den Vorwurf hören zu müssen, dass sie selbst ihn in die Welt
hinausgetrieben habe.
    Ein hoch aufgeschossener Bursch, angeblich Verkäufer in einem
Delikatessengeschäft, war in der letzten Zeit zuweilen in der Wohnung
erschienen, holte Franz ins Teater ab, für das er, wie er erzählte, immer
Freibilletts geschenkt bekomme. Nach dem Teater pflegte Franz bei seinem Freund
zu übernachten, wie er wenigstens der Mutter sagte. Einmal geschah es, dass er
auch den ganzen nächsten Tag nicht nach Hause kam. In einer plötzlichen Angst,
die sie sich eigentlich schon abzugewöhnen begonnen hatte, lief sie zu den
Eltern seines Freundes, und sie erfuhr, dass auch der noch nicht daheim war. Am
selben Abend noch wurde Terese auf die Polizei beschieden. Es ergab sich, dass
Franz zusammen mit einigen anderen, durchaus halb erwachsenen Burschen und
Mädchen aufgegriffen worden war, die einer jugendlichen Diebesbande angehörten.
Franz als der einzige, der noch nicht das sechzehnte Jahr erreicht hatte, wurde
seiner Mutter zur häuslichen Züchtigung übergeben. Der Kommissär liess ihn
hereinführen, redete ihm ins Gewissen und sprach in gleichgültiger, wie
auswendig gelernter Rede die Hoffnung aus, dass ihm diese Erfahrung zur Lehre
dienen und dass er von nun an ein anständiger Mensch bleiben werde. Schweigend
ging Terese mit ihrem Sohn nach Hause. Sie trug das Abendessen auf wie
gewöhnlich. Endlich entschloss sie sich, Fragen an ihn zu stellen. Er erwiderte
anfangs in sonderbar geschraubter Weise, wie eine Verteidigung, die er sich
schon zur Verantwortung vor Gericht einstudiert hatte. Hörte man ihm zu, so war
das Ganze eigentlich nur ein Spass gewesen. Es war ja auch wirklich nichts
gestohlen worden. Als Terese ihm ins Gewissen zu reden versuchte, schien er ihr
nicht so verstockt, als er es sonst zu sein pflegte, ja, es war, als hätte ihm
das erzwungene Geständnis in Anwesenheit der Mutter eine Aufrichtigkeit leicht
gemacht, zu der er bisher nicht den Mut gefunden. Er erzählte von den Freunden
und Freundinnen, mit denen er abends zusammenzutreffen pflegte, und es war
anfangs wirklich so, als wenn nur von Kinderspielen die Rede wäre, die sie
trieben. Er nannte Namen, die unmöglich wirkliche sein konnten, es waren, wie er
zugestand, Spitznamen von sonderbarem Klang und zweideutigem Sinn. Allmählich
schien er zu vergessen, dass es seine Mutter war, die ihm gegenübersass. Er
erzählte von Praternächten des vergangenen Sommers, wo sie alle, Buben und
Mädeln, in den Auen geschlafen hatten, und erst als ihn ein entsetzter Blick der
Mutter traf, lachte er kurz und frech auf und verstummte. Und sie wusste, dass
diese plötzliche Freimütigkeit ihn ihr endgültiger und rettungsloser entfremdet
hatte als irgend etwas je zuvor.
 
                                       78
Sie fragte von nun an nach nichts mehr, ohne jeden Widerstand liess sie es
geschehen, dass er jeden Abend das Haus verliess und erst in den Morgenstunden
zurückkehrte. Doch einmal, als der Morgen da war, ohne dass er heimgekehrt wäre,
geriet sie in eine ihr unerklärliche, ahnungsvolle Angst. Sie zweifelte nicht,
dass er wieder bei einem schlimmen Streich abgefasst worden war und dass es diesmal
nicht so glimpflich abgehen würde als das erstemal. Und als er endlich vor ihr
stand, gab sich ihre Erregung, gerade weil sie eigentlich überflüssig gewesen
war, in besonders erbitterter Weise kund. Er liess sie eine Weile reden,
erwiderte kaum, ja, lachte zu ihren Worten, als hätte er seine Freude an ihrem
Zorn. Terese, dadurch noch heftiger aufgebracht, redete sich in eine
Erbitterung ohne Mass. Da, ganz plötzlich, schrie er ihr ein Wort ins Gesicht,
das sie zuerst nur falsch verstanden zu haben glaubte. Mit grossen, fast irren
Augen sah sie ihn an, er aber wiederholte den Schimpf, sprach weiter. »Und so
eine will mir was sagen. Was glaubst denn du eigentlich?« Seine Zunge war
entfesselt. Weiter sprach er, schimpfte, höhnte, drohte, und sie hörte zu, wie
erstarrt. Es war das erstemal, dass er ihr den Makel seiner Geburt ins Gesicht
schrie. Aber er sprach nicht zu ihr wie etwa zu einer Unglücklichen, die von
einem Liebhaber im Stich gelassen worden war, sondern wie zu einem Frauenzimmer,
das eben einmal Pech gehabt und gar nicht wusste, wer der Vater ihres Kindes sei.
Es waren auch nicht Vorwürfe eines Kindes, das durch seine uneheliche Geburt
sich benachteiligt, gefährdet oder gar geschändet fühlte, es waren bübische,
gemeine Schimpfworte, wie Gassenjungen sie Dirnen auf der Strasse nachrufen. Sie
fühlte auch, dass er bei all seiner Verdorbenheit in seiner tiefsten Seele kaum
verstand, was er sagte. Er drückte sich eben so aus, wie es in seinen Kreisen
üblich war, sie empfand weder Kränkung noch Schmerz, es war nur das Grauen einer
ungeheuren, nie von ungeahnten Einsamkeit, in das aus unendlicher Ferne die
Stimme eines unbegreiflich Fremden tönte, der ein Mensch war wie sie und den sie
geboren hatte.
    Noch in dieser Nacht schrieb sie an Alfred, dass sie ihn dringend zu sprechen
wünsche. Es verstrichen einige Tage, ehe er sie zu sich beschied. Er war
freundlich, aber etwas kühl, und sein prüfender Blick erregte in ihr das
Bedürfnis, sich zu vergewissern, ob an ihrer Kleidung, ihrem Aussehen irgend
etwas nicht in Ordnung sei. Während sie von dem Anlass ihres Besuches sprach und
in einer wenig gewandten, kaum recht zusammenhängenden Weise von ihren letzten
Erfahrungen mit Franz erzählte, suchte sie immer zwangshaft im Wandspiegel
gegenüber ihr Bild zu erspähen, was ihr anfangs nicht gelingen wollte. Als sie
geendet, schwieg Alfred eine Weile und äusserte seine Ansicht, ja, er hielt eine
Art von Vortrag über den Fall, aus dem Terese eigentlich nicht viel Neues
erfuhr. Auch das Wort »moral insanity« hörte sie nicht zum erstenmal aus seinem
Munde. Und er schloss damit, dass er ihr nun einmal nichts Besseres raten könne,
als er es schon kürzlich getan: den Jungen aus dem Hause zu geben; womöglich
danach zu trachten, dass er in eine andere Stadt übersiedle, ehe sich irgend
etwas Nichtwiedergutzumachendes ereignet hätte. Terese, auf ihrem Sessel hin
und her rückend, hatte indes ihr Gesicht im Wandspiegel erblickt und erschrak.
Freilich, die Beleuchtung war nicht die beste; aber dass das Glas aus schön
hässlich und aus jung alt machte, war keineswegs anzunehmen; und sie sah, glaubte
es in diesem fremden, ungewohnten Spiegel unwidersprechlich zu entdecken, dass
sie mit ihren vierunddreissig Jahren verblüht, ältlich, fahl aussah, wie eine
Frau von über vierzig. Nun, sie war allerdings gerade in den letzten Wochen
erheblich abgemagert, überdies war sie unvorteilhaft gekleidet, der Hut
besonders stand ihr übel zu Gesicht. Aber selbst all dies in Betracht gezogen,
das Antlitz, das ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, bedeutete ihr eine
traurige Überraschung. Als Alfred im Sprechen innehielt, ward ihr bewusst, dass
sie ihm zuletzt kaum mehr zugehört hatte. Er trat nun vor sie hin, fühlte sich
verpflichtet, einige mildernde Worte hinzuzufügen, liess es als möglich gelten,
dass bis zu einem gewissen Grad die Entwicklungsjahre an dem unerfreulichen
Verhalten Franzens schuld sein mochten, und vor allem warnte er Terese vor
Selbstvorwürfen, zu denen sie ja in hohem Masse zu neigen scheine und zu denen
doch wahrhaftig kein Grund vorhanden sei. Dem widersprach sie heftig. Wie, sie
hätte keinen Grund zu Selbstvorwürfen? Wer denn, wenn nicht sie? Sie war ja
niemals eine wahre Mutter für Franz gewesen, immer nur für ein paar Tage oder
Wochen, anfallsweise sozusagen, habe sie sich mütterlich gegen ihn betragen.
Meistens sei sie doch nur mit ihren eigenen Angelegenheiten, mit ihrem Beruf,
ihren Sorgen und - ja, warum sollte sie es leugnen - mit ihren Liebesgeschichten
beschäftigt gewesen. Und wie oft habe sie den Buben als Last empfunden, ja, es
sei nun einmal so, als Unglück geradezu, schon in früherer Zeit, lange bevor sie
von seiner moral insanity etwas geahnt oder gar etwas, gemerkt hatte. Schon zur
Zeit, als er ein kleines, unschuldiges Kind gewesen sei, ja, schon ehe er auf
die Welt gekommen, habe sie nichts von ihm wissen wollen. Und in der Nacht, da
sie ihn geboren, habe sie gehofft, gewünscht, dass er überhaupt nicht lebendig
zur Welt komme.
    Sie hatte noch mehr, noch Wahreres sagen wollen, aber im letzten Augenblick
hielt sie sich zurück, aus Angst, durch ein noch weitergehendes Geständnis sich
dem Freund zu entfremden, sich ihm, und am Ende nicht ihm allein, gewissermassen
auszuliefern. Und sie schwieg. Alfred aber, wenn er auch tröstend, gütig beinahe
die eine Hand auf ihre Schulter legte, - es konnte ihr nicht entgehen, dass er
mit der andern die Uhr aus der Westentasche zog; und als Terese daraufhin sich
mit einer gewissen Hast erhob, bemerkte er wie entschuldigend, dass er leider vor
sechs auf der Klinik sein müsse. Terese aber solle keineswegs etwas
veranlassen, ehe sie noch einmal mit ihm gesprochen. Und - es war wohl vorerst
nicht seine Absicht gewesen, so weit zu gehen - er schlug ihr vor, nächstens mit
Franz zu ihm in die Sprechstunde zu kommen oder besser noch, er selbst wolle
dieser Tage, vielleicht Sonntags um die Mittagsstunde, sie besuchen, um bei
dieser Gelegenheit wieder einmal mit Franz zu reden, und so zu einem klaren,
persönlichen Eindruck zu gelangen.
    Terese verstand selbst nicht, dass dieses so natürliche Anerbieten des
einstigen Geliebten, des Freundes, des Arztes auf sie wirkte, als hätte er ihr
damit die Hand zur Rettung gereicht. Sie dankte ihm aus erfülltem Herzen.
 
                                       79
Der angekündigte Besuch Alfreds fand nicht statt, denn am nächsten Morgen war
Franz aus der Wohnung der Mutter verschwunden, ohne auch nur ein Wort der
Erklärung zu hinterlassen. Teresens erste Regung war, die Polizei zu
verständigen, aber sie unterliess es in der Besorgnis, dass die Behörde Grund
haben möchte, Franzls Verschwinden als eine Art von Flucht aufzufassen, und
gerade durch eine Anzeige vorzeitig auf eine Spur gelenkt werden könnte. Sie
setzte sich in Verbindung mit Alfred, der zuerst ungehalten schien, dass sie ihn
anrief, dann aber ihr zu verstehen gab, dass er diese neueste Wendung keineswegs
schlimm finden könne, dass sie ganz gut daran tue, keinerlei Schritte zu
unternehmen, und lieber den Dingen ihren Lauf lassen solle. Seine
Gleichgültigkeit tat Teresen weh, ja, sie konnte sich kaum verhehlen, dass
Alfreds Verhalten ihr weher tat als Franzens Flucht. Bald freilich kamen Stunden
des Schmerzes, ja, der Verzweiflung; in schlaflosen Nächten fühlte sie eine
ungeahnte Sehnsucht nach dem Verschwundenen, und sie dachte daran, eine Anzeige
in die Zeitung einzurücken von der Art, wie sie sie schon manchmal gelesen
hatte: »Kehre zurück, alles verziehen!« Wenn der Morgen kam, sah sie die
Unsinnigkeit eines solchen Beginnens ein, sie tat nichts dergleichen, und nach
wenigen Wochen merkte sie, dass sie zwar nicht froher, aber ruhiger dahinlebte
als zur Zeit, da sie ihren Sohn noch bei sich gehabt hatte.
    In der Nachbarschaft erzählte sie, dass Franz eine Stellung in einem
österreichischen Provinzstädtchen gefunden habe. Ob man es nun glaubte oder
nicht - es kümmerte sich niemand besonders um die Familienverhältnisse des
Fräuleins Fabiani.
    Ihre Berufstätigkeit, die sie geraume Zeit hindurch ohne innere Anteilnahme,
mechanisch gleichsam, ausgeübt hatte, begann ihr wieder eine gewisse
Befriedigung zu gewähren. Sie erteilte nicht nur Einzelunterricht, sie kam auch
in die Lage, aus einigen auf ungefähr gleicher Stufe stehenden jungen Mädchen
Kurse zusammenzustellen.
    Im übrigen lebte sie wieder völlig eingezogen, weder Mutter noch Bruder und
Schwägerin kümmerten sich um sie, und auch Alfred liess nichts von sich hören.
Sie ging so wenig wie möglich aus dem Hause und wusste es so einzurichten, dass
sie nur selten mehr ausserhalb ihrer vier Wände Unterricht zu erteilen hatte.
Kaum jemals geschah es, dass sie an einer ihrer Schülerinnen ein persönliches
Interesse nahm, das über die Dauer der Unterrichtsstunden hinausgegangen wäre,
und manchmal erinnerte sie sich fast wehmütig früherer Zeiten, da sie als
Erzieherin, freilich ihren Zöglingen schon durch gemeinsame Häuslichkeit näher,
als es heute der Fall war, an manchen mit ihrem ganzen Herzen gehangen, ja, fast
wie eine Mutter für sie empfunden hatte.
    Einmal aber, ein paar Monate nachdem Franz das Haus verlassen, ereignete es
sich, dass eines der Mädchen, die den Kurs besuchten, ein paar Tage ausblieb und
sie sich durch das Fehlen dieses kaum sechzehnjährigen Wesens stärker berührt
fühlte, als es jemals bei solcher Gelegenheit der Fall gewesen war. Als ein
Brief des Vaters das Ausbleiben der Tochter mit einer fieberhaften
Halsentzündung entschuldigte, geriet Terese in eine ihr selbst kaum
begreifliche Unruhe, die nicht weichen wollte; und als endlich nach kaum einer
Woche Tilda wieder erschien, fühlte Terese, wie ihr eigenes Antlitz vor Freude
sich rötete und ihre Augen zu leuchten begannen. Das wäre ihr selbst kaum zu
Bewusstsein gekommen, wenn nicht, wie zur Antwort darauf, um Tildas Lippen ein
sonderbares, wohl liebenswürdiges, aber zugleich etwas überlegenes, ja
spöttisches Lächeln gespielt hätte. In diesem Augenblick wusste Terese, dass sie
die Kleine liebte und dass sie sie gewissermassen unglücklich liebte. Sie wusste
auch, dass diese Sechzehnjährige - und nicht nur dank den günstigeren äusseren
Lebensumständen - zu einer anderen Art von Wesen gehörte als sie, zu den klugen,
kühlen, in sich geschlossenen, denen niemals etwas ganz Ernstes und Schweres
begegnen kann, weil sie sich selbst immer zu bewahren und von jedem anderen, der
in ihre Nähe, unter ihren Einfluss, in ihren Zauberkreis gerät, so viel zu nehmen
verstehen, als ihnen eben nötig oder auch nur ergötzlich scheint. Und dieser
Augenblick, da Tilda nach achttägiger Abwesenheit, um ein paar Minuten
verspätet wie gewöhnlich, mit einem anmutigen Gruss ins Zimmer getreten war,
ihren Stuhl gleich an den Tisch zu den fünf anderen Teilnehmerinnen des Kurses
heranrückte und mit einer fast unmerklichen, weltdamenhaften Geste Terese davon
abhielt, um ihretwillen die Stunde etwa zu unterbrechen - dieser Augenblick war
einer von denjenigen, da in Teresens dämmernde Seele gleichsam ein Lichtschein
fiel, in dem ihr das gefühlsmässige Verhältnis zwischen ihr und Tilda ein für
allemal mit unbedingter Klarheit bewusst wurde. Nach Beendigung des Unterrichts
fugte es sich diesmal ganz natürlich, dass Tilda allein bei der Lehrerin
zurückblieb und sich ein Gespräch entspann, das von der eben überstandenen
Krankheit seinen Ausgang nahm. Im Anfang - so gestand Tilda zu - hatte die
Sache etwas bedenklich ausgesehen, es war sogar eine Pflegerin aufgenommen
worden. - »Wie? Eine Pflegerin?« - Nun ja, die Mutter lebte nicht in Wien. Wie?
Fräulein Fabiani wusste das nicht? Freilich, die Eltern seien geschieden, die
Mutter hielte sich schon seit Jahren in Italien auf, weil ihr das Wiener Klima
nicht zuträglich sei. Den vorigen Sommer bis tief in den Herbst hinein habe sie
mit der Mutter in einem italienischen Seebad verbracht. Tilda nannte den Namen
nicht; sie liebte es, beiläufig zu sein, und Terese fühlte, dass eine Frage nach
dem Namen des Seebades unerlaubt und zudringlich gewesen wäre. Die Pflegerin
habe sich sehr nett und freundlich benommen, aber am vierten Tag habe »man« sie
Gott sei Dank weggeschickt. Und es sei ihr wie eine Erlösung gewesen, allein und
ungestört im Bett zu liegen und ein schönes Buch zu lesen. - Was für ein Buch?
hätte Terese beinahe gefragt, aber sie hütete sich. »So leben Sie also ganz
allein mit Ihrem Herrn Papa?« fragte sie. - Tilda lächelte ein wenig, und in
ihrer Antwort war sehr betont nicht von einem Papa, sondern von einem Vater die
Rede. Und während sie von ihm erzählte, wurde sie etwas wärmer, als es sonst
ihre Art war. Oh, es liesse sich sehr gut mit ihm allein leben. Nachdem die
Mutter »abgereist« war, hatte Tilda eine Zeitlang ein Fräulein gehabt, aber es
hatte sich gezeigt, dass es ohne ein Fräulein auch ganz gut und sogar viel besser
gehe. Bis zum vorigen Jahr hatte sie ein Lyzeum besucht, jetzt nahm sie
Lektionen zu Hause, Klavier- und sogar Harmoniestunden, mit der englischen
Lehrerin ging sie zuweilen spazieren, und - ein Zug von Neid huschte über
Teresens Züge - zweimal in der Woche höre sie kunstgeschichtliche Vorträge mit
Freundinnen zusammen. Sie verbesserte sich gleich: mit guten Bekannten, denn
»Freundinnen« besitze sie eigentlich nicht. Mit dem Vater unternehme sie
Sonntags kleine Ausflüge, auch Konzerte besuche er mit ihr, eigentlich nur ihr
zuliebe, denn persönlich sei er gar nicht besonders musikalisch. Und nun neigte
sie ganz leicht den Kopf - Terese verstand nicht einmal gleich, dass es ein
Abschiedsgruss sein sollte - und nach einem sehr leisen Händedruck war Tilda zur
Türe hinaus.
    In einer Art Benommenheit blieb Terese zurück. Etwas Neues war in ihr Leben
getreten. Sie fühlte sich älter und jünger: mütterlich-älter und
schwesterlich-jünger zugleich.
    Sie hütete sich, sowohl vor den übrigen Mädchen als auch vor Tilda selbst
merken zu lassen, dass sie zu ihr anders stand als zu den übrigen; und sie
fühlte, dass Tilda ihr dafür Dank wusste. Die Belohnung liess nicht lange auf sich
warten: eines Tages nach Beendigung des Kurses lud Tilda im Namen des Vaters
Terese für den nächsten Sonntag zum Mittagessen ein. Terese errötete vor
Freude, und Tilda tat ihr den Gefallen, es nicht zu bemerken. Sie brachte mehr
Zeit als sonst mit dem Zuklappen der Hefte und Bücher zu, dann, den Mantel
nehmend, sprach sie von einem Bulwerschen Roman, den ihr Terese empfohlen und
der sie ein wenig enttäuscht habe, und endlich mit einem fröhlichen Gesicht
wandte sie sich nochmals an Terese: »Also morgen um eins, nicht wahr?« und war
fort.
 
                                       80
Das alte, wohlerhaltene, offenbar erst in der letzten Zeit wieder instand
gesetzte Haus in einer Seitenstrasse der Mariahilfer Vorstadt gehörte der Familie
Wohlschein seit beinahe hundert Jahren. Im rückwärtigen Trakt befand sich die
Fabrik für Leder- und Galanteriewaren, im Erdgeschoss des vorderen der
Verkaufsladen. Ein grösserer und vornehmerer war in der inneren Stadt gelegen,
aber die alten Kunden zogen es vor, ihre Einkäufe im Stammhaus zu besorgen. Die
Wohnräume lagen im ersten Stockwerk. Der Salon, in den man Terese eintreten
liess, war behaglich und etwas altmodisch mit dunkelgrünen, schweren Vorhängen
und gleichfarbigen Plüschmöbeln eingerichtet. Das Speisezimmer, zu dem die Türe
offen stand, wirkte dagegen hell und modern. Tilda kam heiter auf den Gast zu
und sagte: »Der Vater ist auch schon zu Hause, wir können uns gleich zu Tisch
setzen.« Sie trug ein blaues Stoffkleid mit weissem Seidenkragen, die braunen
Haare fielen ihr offen über die Schulter herab, während Terese sie bisher immer
nur mit aufgestecktem Zopf gesehen hatte; sie sah jünger und kindlicher aus als
sonst. Es war ein trüber Wintertag; in der massiven Bronzelampe über dem
gedeckten Tisch brannten die Flammen. »Was denken Sie, wo wir heute waren, der
Vater und ich?« sagte Tilda. »Im Dornbacher Park und auf dem Hameau. Um halb
acht sind wir fortgegangen.« - »War's nicht etwas neblig?« - »Nicht so arg, und
gegen Mittag wurde es fast klar. Wir hatten eine sehr schöne Fernsicht über die
Donauebene.«
    Herr Siegmund Wohlschein trat aus dem Nebenzimmer. Er war ein etwas
untersetzter und trotz kleiner Glatze und grauer Schläfen noch jugendlich
aussehender Herr mit vollem Gesicht, dichtem, dunklem Schnurrbart und hellen,
nicht grossen, aber freundlichen Augen. »Freut mich, Sie bei uns zu sehen,
Fräulein Fabiani. Tilda hat mir schon viel von Ihnen erzählt. Bitte zu
entschuldigen, dass ich als Hochtourist vor Ihnen erscheine.« Er sprach mit
auffallend tiefer Stimme, den Dialekt leicht wienerisch gefärbt, trug einen
eleganten Touristenanzug und zu den dunkelgrünen Stutzen Hausschuhe aus
schwarzem Lackleder. Die Suppe wurde von einem nicht mehr ganz jungen
Dienstmädchen aufgetragen. Herr Wohlschein selbst teilte vor, und so hielt er es
auch bei den nächsten Gängen. Es war ein bürgerlich-sonntägliches, trefflich
zubereitetes Mahl mit einem leichten Bordeauxwein als Getränk, Die Unterhaltung
führte aus dem Wiener Wald, dessen herbstliche Reize Herr Wohlschein rühmte,
bald in andere Hügel- und Gebirgsgegenden, die er als begeisterter Tourist
durchwandert hatte; Terese, freundliche Fragen beantwortend, erzählte von ihrer
Jugend, von Salzburg, von ihrem verstorbenen Vater, dem Oberstleutnant, und von
ihrer Mutter, der Schriftstellerin, deren Name in diesem Hause völlig unbekannt
schien. Auch ihres Bruders tat sie beiläufig Erwähnung, ohne zu bemerken, dass er
einen anderen Namen trug als sie, von ihrem Sohn sprach sie natürlich kein Wort,
obzwar sie annehmen konnte, dass dessen Existenz Tilda, wie auch anderen ihrer
Schülerinnen, nicht unbekannt war, die ihn früher, als er noch bei der Mutter
wohnte, gesehen haben mochten. Niemals noch war ihr sein Dasein, sein
Zusammenhang mit ihr so fern und unwirklich erschienen als in dieser Stunde.
Herr Wohlschein zog sich bald nach Tisch zurück, Tilda aber führte Terese in
ihr helles Mädchenzimmer, in dem sich eine kleine, gewählte Bibliotek befand,
und besah mit ihr die Illustrationen eines kunstgeschichtlichen Werkes. Bei der
Betrachtung des »Barberino« fragte Tilda Terese, ob sie denn nicht das
Original kenne, es hinge hier im Kunstistorischen Museum; Terese musste
gestehen, dass sie dieses seit einem längst verflossenen Besuch mit einer ihrer
Schülerinnen nicht wieder betreten hatte. »Das muss nachgeholt werden«, meinte
Tilda.
    Herr Wohlschein erschien später, in städtischem Gewand, mit hohem, etwas zu
engem Kragen, im Pelz, küsste seine Tochter auf die Stirn und sagte, dass er sich
zu einer Tarokpartie in ein nahes Café begebe, aber um acht zum Abendessen
wieder daheim sein werde. »Und du?« wandte er sich wie entschuldigend an Tilda.
»Was hast du vor?« - »Du darfst auch länger ausbleiben«, erwiderte sie
nachsichtig lächelnd. »Ich habe Briefe zu schreiben.« - Briefe? dachte Terese,
wahrscheinlich auch an die Mutter, die im Ausland lebt. Gewiss hatte Herr
Wohlschein den gleichen Gedanken, denn er schwieg eine Weile, und seine
gutmütige Stirn runzelte sich ein wenig. Dann empfahl er sich freundlich von
Terese, ohne den Wunsch nach einem Wiedersehen auszusprechen. Bald nach ihm
hielt es auch Terese an der Zeit, zu gehen, und Tilda hielt sie nicht zurück.
    So war ihr Eintritt in dieses Haus vollzogen, es folgten in Abständen von
zwei bis drei Wochen weitere Einladungen zu sonntäglichen Mahlzeiten, bei denen
manchmal auch andere Gäste anwesend waren: die verwitwete Schwester des
Hausherrn, eine sehr gesprächige Dame in mittleren Jahren, die trotz ihres
heiteren Temperaments immer wieder mit betrübtem Kopfschütteln von bedenklichen
Erkrankungen im Bekanntenkreis zu erzählen liebte, - der bescheidene und
schweigsame ältliche Prokurist der Firma Wohlschein, eine ältere Freundin
Tildas, Kunstgewerbeschülerin, die in lustiger, oft boshafter Art von ihren
Professoren und Kolleginnen sprach, - aber sie alle, wie noch andere
gelegentliche Teilnehmer verblieben nur ganz schattenhaft in Teresens
Erinnerung, ja, sie hatte sie gleichsam schon vergessen, ehe sie aus der Türe
trat; denn es war, als löschten in Tildas Nähe, auch wenn sie sich an der
Unterhaltung kaum beteiligte, die übrigen alle gewissermassen aus. Terese konnte
nicht umhin, ununterbrochen ihre Klugheit, ihre Überlegenheit und irgendwie auch
ihre Ferne zu spüren.
    Und diese Ferne blieb. Immer, nicht nur in den Unterrichtsstunden, auch bei
den Gesprächen nachher oder in Tildas Mädchenzimmer, auch im Museum, das sie
mit Tilda zuerst an einem der Weihnachtsfeiertage besuchte, war Terese dieser
etwas schmerzlichen Ferne sich bewusst, und manchmal war ihr, als müsste sie die
blonde Frau des Palma Vecchio, den Maximilian von Rubens und manche andere
dieser entrückten Bildnisse beneiden, denen gegenüber Tilda sich freier,
vertrauter, inniger zu geben schien als gegenüber Teresen und vielleicht
gegenüber allen anderen lebenden Menschen.
 
                                       81
Eines Abends - sie wollte eben zu Bette gehen - wurde an ihrer Türe geklingelt.
Es war Franz, der draussen stand, beschneit, ohne Winterrock, doch in einem
anscheinend neuen Anzug von vorstädtisch elegantem Schnitt. Das rot geränderte
Taschentuch ragte ihm wie üblich aus der Rocktasche. Ein ganz anderer stand vor
ihr als der, den sie vor mehr als einem halben Jahr zum letztenmal gesehen.
Nicht im geringsten ein Knabe mehr - ein junger Herr, wenn auch keiner von der
besten Sorte, ja, mit seinem blassen Gesicht, dem pomadisierten, gescheitelten
Haar, der Ahnung eines Schnurrbartes unter der stumpfen Nase, den unsicheren und
stechenden Augen eine einigermassen verdächtige Erscheinung.
    »Guten Abend, Mutter«, sagte er mit einem trotzigen und dummen Lachen. Sie
sah ihn gross, nicht einmal erschrocken an. Er klopfte sich den Schnee von Kleid
und Schuhen, und mit einer linkischen Höflichkeit, als träte er in einen fremden
Raum, folgte er der Mutter. Ein Rest des Abendessens stand auf dem Tisch. Sein
Blick, gierig beinahe, fiel auf den Teller mit Käse und Butter. Terese schnitt
ein Stück Brot ab, wies auf das Essen und sagte: »Bitte.« - »Ja, die Kälte macht
einem Appetit«, meinte er, strich sich Butter aufs Brot und ass.
    »Also, du bist wieder da«, sagte Terese nach einiger Zeit und fühlte, dass
sie blass geworden war. - »Nicht auf ständig«, erwiderte Franz mit vollem Mund
und rasch, als müsse er sie beruhigen. »Weisst, Mutter, ich bin nämlich krank
geworden auf dem Weg.«
    »Auf dem Weg nach Amerika«, ergänzte Terese ungerührt.
    Ohne darauf zu achten, sprach Franz weiter: »Eigentlich war es nur ein weher
Fuss, aber - es ist halt auch mit dem Geld nicht ausgegangen, und mein Freund,
der mit war, hat mich im Stich gelassen. Dann hat mir einer g'sagt, man muss
einen Ausweis haben auf'm Schiff. Also mit der Zeit verschaff' ich mir schon
einen. Aber für'n Moment hab' ich mir denkt, is doch das gescheiteste, fahrst
wieder retour.«
    »Seit wann bist du denn wieder da?« fragte sie langsam.
    »Ich hab' nicht sehr weit zurück gehabt«, erwiderte er ausweichend mit
seinem trotzigen Lachen. Dann erzählte er, dass er auch »gearbeitet« habe,
nämlich als Aushilfskellner an Sonn- und Feiertagen in einem Wirtshaus. Und wie
er behauptete, hatte er Aussicht, in der allernächsten Zeit als »Speisenträger«
fest angestellt zu werden. Er hätte schon längst eine solche Anstellung
gekriegt, wenn es ihm nicht an allerlei Notwendigem fehlte, vor allem an Hemden;
und auch mit seinem Schuhwerk sei es übel bestellt. Er wies der Mutter das Paar,
das er an den Füssen trug: dünne Lackstiefeletten mit völlig durchtretenen
Sohlen. Terese nickte nur. Sie wusste selbst nicht, ob die Regung, die sie
verspürte, Mitleid war oder Angst, dass der Junge ihr wieder in der Tasche liegen
würde.
    »Wo wohnst du denn eigentlich?« fragte sie. - »Ah, mit dem Quartier hat's
keine Not. Obdachlos, Gott sei Dank, bin ich nicht. Da hat man immer schon
Freunde.« - »Du kannst ja hier wohnen, Franz«, sagte sie. Doch kaum hatte sie's
ausgesprochen, so bereute sie's schon.
    Er schüttelte den Kopf. »Da g'hör' ich nicht her«, sagte er trocken. »Aber
wenn du mich für heut nacht da möchtest schlafen lassen, da saget ich nicht
nein. Ich hab' einen weiten Weg, und bei dem Schneegestöber mit die Schuh' -«
    Terese erhob sich, zögerte aber gleich wieder. Sie hatte aus dem
Wäscheschrank eine der wenigen Banknoten nehmen wollen, die sie dort verwahrte,
aber sie fühlte, dass das höchst unvorsichtig wäre. So sagte sie: »Ich mach' dir
dein Bett auf dem Diwan, und - vielleicht finden sich auch ein paar Gulden, dass
du dir ein Paar Schuhe kaufen kannst.« - Franz runzelte die Stirn und nickte,
ohne zu danken. »Kriegst es zurück, Mutter, ich versprech dir's, in spätestens
drei Wochen.«
    
    »Ich verlang' nichts zurück«, sagte sie. Franz zündete sich eine Zigarette
an und starrte in die Luft. - »Eine Flasche Bier hast nicht zu Hause, Mutter?«
Sie schüttelte den Kopf. - »Aber - einen Rum vielleicht?« - »Ich mach' dir einen
Tee.« - »Ah, kein Tee, Rum allein macht wärmer. Ich weiss ja, wo du ihn
aufgehoben hast.« Er stand auf und ging in die Küche.
    Terese breitete die Leinwand auf den Diwan. Draussen hörte sie Franz
rumoren. Mein Sohn?! fragte sie sich fröstelnd. Während Franz noch draussen war,
nahm sie rasch eine Fünf-Gülden-Banknote aus ihrem Schrank, aber noch während
sie wieder zusperrte, stand Franz, unhörbar hereingeschlichen, hinter ihr, die
Rumflasche in der Hand. Er tat, als hätte er nichts gesehen. Sie hielt den
Schein in der hohlen Hand verborgen und hielt ihn weiter so, bis das Lager
fertig war. Er schenkte sich den Rum in ein Wasserglas, füllte es fast zur
Hälfte, setzte es an die Lippen. »Franz!« rief sie. Er trank aus und zuckte die
Achseln. »Wann einem kalt ist«, sagte er. Er warf Rock, Gilet und Kragen ab. Er
hatte nur ein zerschlissenes Trikotleibchen an, kein Hemd, streckte sich auf den
Diwan und zog die Decke über sich. »Gute Nacht, Mutter«, sagte er.
    Sie stand regungslos, stumm; er drehte sich zur Wand hin und schlief gleich
ein. Da nahm sie eine zweite Banknote zu fünf Gulden aus dem Schrank und legte
beide Scheine auf den Tisch. Dann setzte sie sich eine Weile hin, den Kopf in
die Hände gestützt. Endlich löschte sie das Licht und ging in ihr Schlafgemach,
sie kleidete sich nicht völlig aus, legte sich hin, versuchte einzuschlafen,
doch es gelang ihr nicht. Kurz nach Mitternacht erhob sie sich wieder, auf den
Zehenspitzen schlich sie ins Nebenzimmer. Franz atmete ruhig. Sie musste daran
denken, wie sie in früherer Zeit manchmal seinen Kinderschlaf bewacht hatte;
auch heute lag er da, wie er als Kind meistens da gelegen war: die Decke übers
Kinn gezogen, und da es dunkel war, sah sie im Geist nicht sein Gesicht von
heute, sondern eines aus längst verflossenen Zeiten. Ja, auch er hatte einmal
ein Kindergesicht gehabt, auch er war einmal ein Kind gewesen, und auch heute -
oh, das war gewiss, sähe sein Gesicht anders aus, wenn sie ihn nicht einmal
umgebracht hätte.
    Unwillkürlich, wie aus einer verschütteten Tiefe, war dieses Wort ihr ins
Bewusstsein emporgestiegen, und sie hatte doch etwas ganz anderes gemeint: wenn
ich mich um ihn mehr hätte kümmern können - das hatte sie denken wollen -, dann
sähe er wohl anders aus. Wenn ich eine andere Mutter gewesen wäre, wäre mein
Sohn ein anderer Mensch geworden. Sie erbebte in tiefster Seele. Leise, fast
ohne ihn zu berühren, strich sie ihm über das gescheitelte, pomadisierte Haar.
Ich will ihn bei mir behalten, sagte sie vor sich hin. Morgen früh will ich noch
einmal mit ihm reden. Dann begab sie sich wieder zu Bette und schlief nun
wirklich ein.
    Als sie um sieben Uhr früh erwachte und ins Nebenzimmer trat, lag die
zerknüllte Decke auf dem Fussboden, die Rumflasche war zu drei Vierteilen leer,
und Franz war fort.
 
                                       82
Sie sprach zu niemandem ein Wort von diesem Besuch, und rascher, als sie
gedacht, wurde er eine blasse Erinnerung. Auch der Umstand, dass etwa acht Tage
nachher ein übel aussehendes, ältliches Frauenzimmer mit Kopftuch ihr einen
Brief Franzens überbrachte, in dem nur dieses stand: »Hilf mir noch einmal,
Mutter, ich brauche dringend zwanzig Gulden«, berührte sie nur wenig. Ohne ein
Begleitschreiben schickte sie ihm die Hälfte des verlangten Betrags, was
freilich auch schon ein Opfer für sie bedeutete.
    Wieder kurz darauf, höchst unerwartet, erschien ihre Schwägerin. Sie war
freundlich, doch befangen. Längst schon wäre sie da gewesen, aber das Hauswesen
und die zwei Kinder nähmen ihre ganze Zeit in Anspruch, und wenn sie heute käme
- sie stockte und reichte Teresen einen Brief hin. Es waren ein paar Zeilen von
Franz in kindisch unbeholfener Schrift und mangelhafter Ortographie: »Sehr
geehrte Frau Faber. In einer augenblicklichen Verlegenheit gestatte mir, mich an
Sie zu wenden. Wenn Euer Wohlgeboren nämlich die Güte haben wollten, da mir
meine Mutter augenblicklich nicht aushelfen kann, zur dringenden Anschaffung von
einem Paar Schuhen mit einem kleinen Betrag von elf Gulden beizustehen. Mit
Hochachtung Franz Fabiani.«
    »Du hast ihm hoffentlich nichts geschickt?« sagte Terese hart.
    »Ich hätt' gar nicht können, ich muss ja so genau Rechnung legen. Ich hab'
dich nur bitten wollen, dass du ihm sagst, er soll um Gottes Willen nicht noch
einmal - wenn mein Mann so einen Brief erwischt - es ist auch deinetwegen,
Teres'.«
    Terese runzelte die Stirn. »Der Franz wohnt längst nicht bei mir, ich weiss
überhaupt nichts mehr von ihm. Was mir möglich war, hab' ich getan, hab' ihm
erst vor ein paar Tagen wieder was geschickt - was an mir liegt - du glaubst
doch nicht, ich hab' ihn angeleitet? Ich weiss nicht einmal, wo er wohnt.« Und
plötzlich brach sie in Tränen aus.
    Die Schwägerin seufzte auf. »Es hat halt jeder sein Kreuz.« Und als hätte
sie nur eine Gelegenheit gesucht, selbst ihr Herz zu erleichtern, sprach sie
weiter. Ihr ging es auch nicht zum besten. Wenn sie die Kinder nicht hätte, -
das dritte sei schon auf dem Weg. Eine Sorge mehr - hoffentlich auch ein Glück
mehr, sie könnte es brauchen. »Du kannst dir ja denken, mit dem Karl ist es
nicht so einfach.« Er habe nur mehr Sinn für seine Versammlungen und Vereine,
keinen Abend beinahe sei er zu Hause, die Praxis leide natürlich darunter. Sie
klagte bitter über seine Unfreundlichkeit, seine Härte, seinen Jähzorn.
    Sie hatte noch Tränen im Auge, als sie ging, weil sie gehen musste, denn eben
kamen zwei Schülerinnen zum Kurs. Tilda war die eine. Ihr Blick ruhte fragend,
nicht ohne Mitgefühl, auf Terese, so dass diese zu einer Erklärung sich
gewissermassen verpflichtet fühlte. Und sie bemerkte: »Es war die Frau meines
Bruders.«
    »My broter's wife«, übersetzte Tilda kühl, packte ihre Hefte und Bücher
aus, und ihr Interesse an Teresens Familienangelegenheiten war damit erschöpft.
 
                                       83
In den nächsten Wochen war von gemeinsamen Spaziergängen und Galeriebesuchen
keine Rede. Auch blieb Tilda nach Beendigung der Unterrichtsstunde bei der
Lehrerin nicht zurück, wie es früher so oft geschehen war. Eines Tages aber,
schon gegen das Frühjahr zu, lud sie Terese plötzlich wieder für den
Sonntagmittag ein. Terese atmete auf, denn sie hatte schon gefürchtet, dass sie
weiss Gott wodurch im Hause Wohlschein Missfallen erregt hätte. Überdies war sie
gerade gestern durch eine neue Geldforderung ihres Sohnes - in gleicher Weise
durch jenes übel aussehende Frauenzimmer mit dem Kopftuch ihr überbracht - in
Unruhe versetzt worden. Sie hatte ihm fünf Gulden gesandt und die Gelegenheit
benützt, ihn dringend zu warnen, sich jemals wieder an ihren Bruder zu wenden.
»Warum suchst du nicht einen Posten auswärts«, schrieb sie weiter, »wenn du hier
keinen findest? Ich bin nicht mehr in der Lage, dir auszuhelfen.« Kaum war der
Brief fort, so hatte sie ihn schon wieder bereut in der Empfindung, dass es
gefährlich sei, Franz zu reizen. Nun, da Tilda wieder gut zu ihr war, schien
sie sich selbst stärker, wie gewappnet gegen manches Unheil, das drohen mochte.
    Tilda war allein. Mit besonderer Herzlichkeit begrüsste sie die Lehrerin und
gab ihrer Freude Ausdruck, sie heute wohler aussehend zu finden als neulich. Und
wie zur Antwort auf Teresens fragenden Blick, beiläufig und etwas altklug,
bemerkte sie: »Es ist schon so, Familienbesuche bringen selten was Angenehmes,
besonders unerwartete.« - »Nun«, erwiderte Terese, »glücklicherweise bekomme
ich selten welche, weder erwartete noch unerwartete.« Und sie sprach von ihrer
zurückgezogenen, fast einsamen Lebensweise. Seit auch ihr Sohn »draussen« eine
Stellung gefunden - sie wurde dunkelrot, und Tilda machte sich an der
Bibliotek zu schaffen -, sehe sie fast niemanden von ihrer Familie. Die Mutter
scheine völlig in ihre Schreibereien versponnen, der Bruder habe seinen Beruf
und überdies mit der Politik viel zu tun, und die Schwägerin gehe völlig in der
Sorge für Haus und Kinder auf.
    Ganz unvermittelt bemerkte Tilda: »Wissen Sie, Fräulein Fabiani, was mein
Vater neulich gesagt hat? Aber Sie dürfen nicht böse sein.« - »Böse?«
wiederholte Terese etwas betroffen; und Tilda fügte rasch hinzu: »Der Vater
findet - wie hat er sich nur ausgedrückt -, dass Sie nicht genug aus sich zu
machen verstehen.« Und auf Teresens fragenden Blick: »Er meint, dass eine so
ausgezeichnete Lehrerin berechtigt, ja eigentlich verpflichtet wäre, auch höhere
Honorare zu verlangen.«
    Terese wehrte ab. »Ach Gott, Tilda, den meisten ist ja schon das zuviel.
Ich bin nur Privatlehrerin, habe nie Prüfungen gemacht, bin nie öffentlich
angestellt gewesen.« Und sie erzählte, wie früh schon sie sich selbst hatte
erhalten müssen, wie sie nie dazu gekommen sei, das Versäumte nachzuholen - nun
ja, vielleicht bis zu einem gewissen Grad durch eigene Schuld -, aber wie es nun
immer sei, jetzt war es zu spät, von vorn anzufangen.
    »Ach Gott, es ist nie zu spät«, meinte Tilda. Und wieder ganz unvermittelt
richtete sie an Terese die Frage, ob sie sich eine Bitte erlauben dürfe. Sie
wisse nämlich nicht genau, wann Teresens Namenstag sei. »Bei uns gibt's nämlich
keine.« Und daher bitte sie Fräulein Fabiani recht sehr, heute ein
nachträgliches Namenstagsgeschenk anzunehmen; und ehe Terese etwas erwidern
konnte, war Tilda im Nebenzimmer verschwunden, kam mit einem englischen
Drap-Mantel auf dem Arm zurück, ersuchte Fräulein Fabiani, sich freundlichst
erheben zu wollen, und half ihr in die Ärmel. Der Mantel passte wie nach Mass
gemacht; wenn aber vielleicht doch noch etwas zu richten sei, die Firma, wo er
gekauft war, übernehme jede Änderung.
    »Was fällt Ihnen nur ein«, sagte Terese. Sie stand vor dem grossen
Schrankspiegel in Tildas Mädchenzimmer und betrachtete sich. Wahrhaftig, es war
ein geschmackvoller, vortrefflich sitzender Mantel, und sie sah aus, wie eine
noch ziemlich junge Dame aus wohlhabenden Kreisen.
    »Ja richtig«, sagte Tilda und reichte Teresen ein kleines Päckchen in
Seidenpapier. »Das gehört dazu.« Es waren drei Paar Handschuhe, weiss, dunkelgrau
und braun, von bester schwedischer Sorte. »Sechsdreiviertel, die Nummer stimmt
doch?«
    Während Terese eben daran war, einen Handschuh zu probieren, trat Herr
Wohlschein ein. »Ich gratuliere, Fräulein Fabiani«, sagte er. - »Wozu denn, Herr
Wohlschein?« - »Sie haben Geburtstag, sagt mir Tilda.« - »Aber nein, weder
Geburtstag noch Namenstag, ich weiss wirklich nicht -« - »Nun, heute wird er
gefeiert«, erklärte Tilda, »und damit basta.«
    Das Mittagsmahl verlief in bester Laune, auch einen weissen Burgunder gab es;
man trank auf Teresens Wohl, und Terese kam sich wirklich vor wie ein
Geburtstagskind. Zum schwarzen Kaffee erschien die Schwester des Herrn
Wohlschein und später ein Geschäftsfreund, ein Herr Verkade aus Holland, nicht
mehr ganz jung, bartlos, dunkelhaarig, mit ergrauten Schläfen und sehr
hellblauen Augen unter den schwarzen Brauen. Man sprach von Java, wo Herr
Verkade jahrelang gelebt hatte, von Schiffsreisen, von Luxusdampfern,
Ballabenden auf See, von den Fortschritten des Verkehrswesens in der ganzen Welt
und von gewissen Rückständigkeiten in Österreich. Die Schwester des Herrn
Wohlschein nahm ihre Heimat in Schutz. Herr Verkade wollte sich natürlich kein
Urteil über die hiesigen Zustände anmassen, gewandt führte er die Unterhaltung
auf ein harmloseres Gebiet, auf Opernvorstellungen, berühmte Sängerinnen,
Konzerte und dergleichen, wobei er sich manchmal mit besonderer Zuvorkommenheit
auch an Terese wendete.
    Wie oft hatte sie in früherer Zeit solchen Unterhaltungen beigewohnt und
kaum je als völlig gleichberechtigt an ihnen teilgenommen. Sie ertappte sich
heute darauf, dass sie wohl gelegentlich auch ein Wort hätte sagen mögen, sich
aber nicht recht getraute. Bei irgendeinem Anlass aber - niemand ausser Terese
merkte die Absicht - zog Tilda sie ins Gespräch; allmählich - auch der Wein
mochte ein wenig schuld daran sein - schwand Teresens Befangenheit, sie sprach
frei und lebhaft, wie schon lange nicht mehr, und sah manchmal den etwas
verwunderten, aber höchst wohlgefälligen Blick des Hausherrn auf sich gerichtet.
 
                                       84
Am nächsten Sonntag ereignete sich endlich, was schon öfters geplant, aber
bisher noch nie zur Ausführung gelangt war: ein gemeinsamer kleiner Ausflug mit
Tilda und ihrem Vater, dem sich auch ein Ehepaar anschloss, das man zufällig in
der Strassenbahn getroffen hatte. Es war ein schöner Frühlingstag, in einem
Waldwirtshaus liess man sich zu einem Imbiss nieder, und Terese merkte, dass es
das gleiche war, in dem sie vor vielen Jahren einmal mit Kasimir eingekehrt war.
Sass sie nicht an demselben Tisch, vielleicht auf demselben Stuhl wie damals?
Waren es nicht am Ende dieselben Kinder, wie damals, die dort auf der Wiese
herumliefen, - wie es der gleiche Himmel über ihr, die gleiche Landschaft und
das gleiche Gewirr von Stimmen war? Sassen nicht dieselben Leute dort am
Nebentisch, mit denen damals ihr Begleiter zu ihrem Missvergnügen sich in eine
Unterhaltung eingelassen hatte? Erst in der Sekunde drauf besann sie sich, dass
der Mann, dessen sie sich jetzt erinnerte, der Vater ihres Kindes war; und noch
etwas anderes fiel ihr ein, woran sie rätselhafterweise seit heute morgen nicht
mehr gedacht hatte, dass dieses Kind, dass ihr Sohn Franz sich am gestrigen Abend
wieder in unerfreulichste Erinnerung gebracht hatte. Er hatte ihr einen Brief
geschickt: zweihundert Gulden brauche er. Damit wäre er gerettet, mehr als das,
damit könne er sich eine Existenz gründen. »Lass mich nicht im Stich, Mutter, ich
beschwöre dich.« Nicht die alte Frau mit dem Kopftuch hatte den Brief abgegeben,
ein hagerer, abgerissen aussehender Bursch war draussen vor der Tür gestanden,
hatte sich hereingedrängt und die Türe hinter sich geschlossen mit frechem Blick
und, ohne ein Wort zu reden, ihr den Brief gereicht; es war, als hätte Franz es
darauf angelegt, der Mutter durch die Erscheinung des Boten Angst einzujagen.
Sie hatte ihm dreissig Gulden geschickt, es war ihr schwer genug. Wie sollte das
nur weitergehen? Ah, wäre er doch damals nach Amerika gegangen! Hätte man nur
Geld genug, ihm das Billett für die Überfahrt zu zahlen! Aber wer stand dafür
ein, dass er sich auch wirklich einschiffte und davonfuhr? Und plötzlich, wie auf
einem Bild, sah sie ihn vor sich: auf dem Verdeck eines Frachtendampfers, in
abgetragenem Anzug, mit zerrissenen Schuhen, ohne Überzieher mit hoch
hinaufgeschlagenem Kragen, in Sturm und Regen. Und in demselben Augenblick war
auch wieder das Schuldgefühl da, das sie immer wieder, wenn auch auf Minuten
nur, überfiel und das, wenn es geschwunden war, sie gleichsam im Leeren
dahinschwebend, dahin treibend zurückliess, als wenn alles, was sie erlebte, gar
nicht wirklich wäre, sondern ein Traum.
    »Ihre Suppe wird kalt, Fräulein Fabiani«, sagte Tilda.
    Terese blickte auf und wusste gleich wieder, wo sie war. Die andern hatten
ihre Versunkenheit kaum bemerkt, sie assen, plauderten, lachten, und auch Terese
atmete wieder frei, liess sich das Essen schmecken, freute sich an der Luft, der
Landschaft, den Menschen, dem Frühling und der Sonntagslaune ringsum. Das
befreundete Ehepaar empfahl sich, es wollte noch weiter auf eine der nahen
Anhöhen. Die anderen traten den Rückweg an. An einer schönen freien Stelle mit
weitem Ausblick über die Donau gegen die Ebene zu rasteten sie. Herr Wohlschein
legte sich auf die Wiese hin und schlief ein, Terese und Tilda lagerten sich
in einiger Entfernung und kamen ins Plaudern. Terese war die Gesprächige. Es
fiel ihr heute so viel aus vergangenen Zeiten ein; viele Menschen, deren sie
längst nicht mehr gedacht, die sie völlig vergessen zu haben glaubte, Familien,
in denen sie gelebt, Väter, Mütter, die Kinder, die sie erzogen oder wenigstens
unterrichtet, gleichgültige und allzu sehr geliebte; - es war, als wenn sie ein
Album mit Photographien aufblätterte, manche überschlagend, auf der einen
flüchtig, auf der anderen länger oder gar gerührt verweilend, und es war traurig
und doch auch beruhigend zu denken, dass von all diesen Kindern, deren manchem
sie fast eine Mutter gewesen, kaum eines heute sich ihrer noch erinnerte und
keines vielleicht von ihrer jetzigen Existenz etwas wusste. Aufmerksam, die Hände
um die Knie geschlungen, bald mit neugierigen Kinderaugen, bald ernstaft
bewegt, lauschte Tilda, und in ihrem Zuhören erstanden Teresen die Bilder der
Erinnerung zu einer lebendigeren Gegenwart, als sie ihnen damals eigen gewesen
war. Und sie dankte es Tilda, dass so ihr armes Leben für die Dauer einer
Frühlingsstunde reicher geworden war.
    Herr Wohlschein blinzelte zu ihnen herüber, erhob sich, trat herbei und
fragte, ob sie einander viel Interessantes zu erzählen hätten. Terese und
Tilda erhoben sich nun auch, schüttelten Gras und Staub von ihren Röcken, und
alle drei stiegen weiter nach abwärts. Tilda hing sich zutraulich in Teresens
Arm, sie liefen manchmal voraus, Herr Wohlschein, den Rock übergehängt, folgte
ihnen. Es war der gleiche Weg, den Terese vor vielen Jahren mit Kasimir Tobisch
hinabgegangen war ... in den ersten Tagen, da sie sein Kind unter dem Herzen
trug.
    Noch lange vor Dunkelheit nahmen Wohlschein und Tilda von Teresen an ihrem
Haustor Abschied. Doppelt einsam war ihr an diesem Feiertagsabend in ihrem Heim
zumute, in das die Wärme des beginnenden Frühlings noch keinen Eingang gefunden,
und bald war das Leben wieder so arm wie vorher.
 
                                       85
Eine Woche und mehr vergingen, während deren sich Tilda Teresen gegenüber kaum
vertrauter benahm als die anderen Schülerinnen und es nach den Kursen sogar
immer recht eilig hatte, bis sie ihr, wieder ganz unerwartet, eines Tages eine
Einladung des Vaters in die Oper überbrachte. Für Terese bedeutete es ein Fest,
nach vielen Jahren wieder einmal in dem prächtigen weiten Raum, noch dazu an
Tildas Seite, wie eine ältere Schwester beinahe, einer Aufführung des Lohengrin
beizuwohnen, und es hätte kaum der ausserordentlichen Orchester- und
Gesangsleistungen bedurft, um sie glücklich zu stimmen. Auch Herr Verkade war in
die Loge geladen, und nachher soupierte man gemeinsam in einem vornehmen
Hotel-Restaurant, wo sich Terese freilich in ihrem für die Gelegenheit etwas
ärmlichen Kleid nicht mehr recht als Tildas ältere Schwester zu fühlen
vermochte, um so weniger, als der Holländer sich fast nur mit Tilda unterhielt
und der sonst ziemlich gesprächige Wohlschein auffallend wortkarg schien.
Terese, ohne recht zu wissen warum, vermutete geschäftliche Verdriesslichkeiten
als Ursache, war aber von einer solchen Möglichkeit keineswegs unangenehm
berührt. Ja, ganz im Gegenteil spann sie diesen Gedanken weiter bis zu der
Vorstellung, dass die alte Fabrik zugrunde gegangen sei, Wohlschein sein Vermögen
verloren habe und dass Tilda keine reiche junge Dame mehr wäre, sondern ein
armes Mädel, das sich selber ihr Brot verdienen musste und dadurch ihr, Teresen,
unendliche Male näher sein würde als jetzt.
    Aber die wirkliche Ursache von Wohlscheins Verstimmung oder von dem, was
Terese dafür gehalten, wurde ihr wenige Tage später klar, als Tilda sie in
ganz leichtem Ton mit der Mitteilung überraschte, dass sie sich mit Herrn Verkade
verlobt habe. Die Heirat sollte im Späterbst stattfinden, als künftiger
Aufentalt des Paares war Amsterdam vorgesehen, wohin übrigens Herr Verkade
gestern für längere Zeit wieder abgereist sei. Während Tilda das erzählte, war
nur ein starres Lächeln in Teresens Antlitz; es konnte zugleich als Gebärde
eines Glückwunsches gelten, den mit Worten über die Lippen zu bringen Terese
nicht vermochte.
    Sie begriff Wohlschein nicht, der die Zustimmung zu dieser Heirat gegeben,
schalt ihn bei sich schwach oder gefühllos, ja, sie schob ihm sogar niedrige
Motive unter, wie etwa, dass die Firma sich in finanziellen Schwierigkeiten
befände und Wohlschein selbst die Verlobung kupplerisch gefördert, um sich und
die Fabrik zu retten. Sie konnte nicht glauben, dass Tilda, ein Kind beinahe,
diesen um zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre älteren, nicht sonderlich
interessanten, kaum hübschen Mann wirklich liebte. Sie war geneigt, das holde
junge Geschöpf als ein unschuldiges Opfer anzusehen, das sich ihres Schicksals
nicht recht bewusst sei, und flüchtig kam ihr sogar der Einfall, Herrn Wohlschein
selbst ins Gewissen zu reden; doch sie spürte gleich die Lächerlichkeit, ja
Unausführbarkeit eines solchen Beginnens, um so untrüglicher, als sie bei sich
sehr wohl wusste, dass Tilda keineswegs das Wesen war, sich zu irgend etwas
überreden oder gar zwingen zu lassen, was ihr selbst nicht genehm war.
    Der Gedanke der nahen Trennung erfüllte sie so sehr, dass die anderen
mannigfachen kleineren und grösseren Sorgen des Alltags kaum von ihr empfunden
wurden. Da sie eine Anzahl von Schülerinnen verloren hatte, war sie genötigt,
noch bescheidener zu leben als bisher. Sie spürte die Unannehmlichkeiten, ja die
Entbehrungen kaum. Aber auch der Umstand, dass eines Abends Franz plötzlich
wieder erschien mit einem kleinen Köfferchen und eine Schlafstelle sowie
Teilnahme an den Mahlzeiten wie sein selbstverständliches gutes Recht wortlos in
Anspruch nahm, bedeutete eben eine Widerwärtigkeit mehr, aber keine schlimmere
als die anderen. Es fügte sich auch anfangs, dass er sie wenig störte; meist lag
er bis gegen Mittag auf dem Diwan, dann verschwand er nach einer flüchtigen
Mahlzeit, um erst in später Abenstunde, öfter in der Nacht oder erst gegen
Morgen heimzukehren, so dass auch keine Begegnung mit ihren Schülerinnen
erfolgte, wie ihr solche immer unerwünscht gewesen waren.
    Manchmal wurde Franz, der sich stiller und höflicher betrug als früher,
gleich nach Tisch von Freunden abgeholt. Einer von ihnen war ein langer,
aufgeschossener, ganz hübscher Junge, der aussah wie ein Student aus ärmeren
bürgerlichen Kreisen. In einem anderen aber erkannte sie den übel aussehenden
Burschen wieder, den Franz ihr zuletzt mit einem Bettelbrief ins Haus geschickt
hatte. Er schien als verdächtiges Subjekt gleichsam kostümiert zu sein, so dass
er jedem Wachmann hätte auffallen müssen: karierte lichte Hose, kurzer brauner
Janker, graue Kappe, im linken Ohrläppchen ein kleiner Ring, die Stimme heiser,
der Blick schief und verschlagen. Terese schämte, ja ängstigte sich beinahe bei
dem Gedanken, dass irgendeine Hauspartei ihn aus ihrer Türe könnte treten sehen,
und sie vermochte nicht eine Bemerkung in diesem Sinn Franz gegenüber zu
unterdrücken. Daraufhin stellte sich Franz plötzlich feindselig vor sie hin und
verbat sich in gröbster Weise, dass sie seine Freunde beleidige. »Der ist aus
einem besseren Haus als ich«, rief er, »der hat wenigstens einen Vater.« Terese
zuckte die Achseln und verliess das Zimmer. Auch dies drang kaum an ihre Seele,
die von Schmerzlicherem bedrückt war.
 
                                       86
Tilda kam weiter regelmässig in den Kurs, sprach aber weder jemals von ihrem
Bräutigam noch überhaupt von der Tatsache ihrer bevorstehenden Heirat, so dass
Terese sich zuweilen mit der Hoffnung schmeichelte, das Verlöbnis sei gelöst
worden. Doch als sie an einem der nächsten Sonntage wieder einmal bei
Wohlscheins zu einem Mittagessen geladen war, an dem auch die Schwester des
Hausherrn teilnahm, war kaum von etwas anderem die Rede als von Dingen, die mit
der Hochzeit in Zusammenhang standen, von holländischen Sprachstunden, die
Tilda in der letzten Zeit nahm und von denen Terese erst jetzt erfuhr, von der
Ausstattung, von der Villa des Herrn Verkade am Strande von Zandvord, von der
Farm in Java, die einem seiner Brüder gehörte. Und Herr Wohlschein war heute
keineswegs verstimmt oder nachdenklich, er war geradezu vergnügt, als wäre diese
Heirat ganz nach seinem Sinn und das Natürlichste von der Welt, dass man sein
eigenes Kind, das einem durch Jahre so unendlich nahe gewesen, eines Tages
einfach in die Welt hinausschickte mit einem fremden Mann, um es für ewig zu
verlieren.
    Früher als anfänglich festgesetzt, in den ersten Julitagen schon, fand im
Rataus die Hochzeit statt. Terese erfuhr es tags darauf aus einer gedruckten
Anzeige, die die Post ihr brachte. Als sie die Karte in der Hand hielt, glaubte
sie dergleichen vorher geahnt zu haben; es war ihr, als hätte Tilda ihr neulich
nach der letzten Unterrichtsstunde bedeutungsvoller als sonst die Hand gedrückt;
und auch eines Blickes von der Türe her erinnerte sie sich, in dem zwar ein
gewisser Ausdruck des Bedauerns, zugleich aber eine Spur von Spott gelegen war,
wie der eines Kindes, dem ein Streich geglückt, dessen Tragweite für den
Betroffenen es gar nicht zu beurteilen vermöchte. Trotzdem hoffte Terese,
wenigstens an einem der nächsten Tage von der Hochzeitsreise aus eine
persönliche Nachricht zu erhalten; aber nichts dergleichen kam und sollte noch
lange nicht kommen; kein Brief, keine Karte, kein Gruss.
    An einem schönen Sommerabend gegen Ende der Woche nahm Terese den Weg nach
Mariahilf mit dem uneingestandenen Vorsatz, Herrn Wohlschein nachträglich zur
Vermählung der Tochter ihren Glückwunsch abzustatten. Doch als sie vor dem Hause
stand, sah sie alle Fenster verhängt, und es fiel ihr ein, dass vor Wochen schon
Herr Wohlschein die Absicht ausgesprochen, sofort nach der Verheiratung seiner
Tochter einen Urlaub anzutreten. Langsam machte sie sich auf den Rückweg durch
die sommerschwülen, ziemlich leeren Strassen nach ihrem einsamen Heim. Denn auch
Franz war nicht mehr da. Am Morgen vorher hatte Terese ihn hinausgewiesen, da
er spät nachts in Gesellschaft eines Freundes und irgendeines Frauenzimmers nach
Hause gekommen war, die sie zwar beide nicht gesehen, deren Flüstern und Lachen
sie aber aus dem Schlaf geweckt. Franz hatte zuerst zu leugnen versucht, dass
auch eine Frauensperson dagewesen war, bald aber, mit einem höhnischen
Achselzucken, gab er es zu, packte seine Sachen zusammen, und ohne Gruss war er
aus der Wohnung verschwunden.
    Als der Juli fortschritt und nun auch die letzten Schülerinnen auf
Sommerferien gegangen waren, wurde die Einsamkeit um Terese eine vollkommene.
Ihrer Gewohnheit nach stand sie früh am Morgen auf und wusste kaum, was mit dem
Tag beginnen. Die häusliche Arbeit war rasch geleistet, Vormittagsgänge in den
heissen Strassen der Stadt ermüdeten sie, nachmittags versuchte sie zu lesen,
meist Romane, die sie entweder langweilten oder in ihrer Ausmalung bewegterer
Lebensschicksale und zärtlicher Liebesgeschichten unnütz und oft schmerzlich
erregten.
    Mit der tiefsten Traurigkeit aber erfüllten sie Abendspaziergänge auf dem
Ring oder in Parkanlagen. Immer noch geschah es, dass sich in den Dämmerstunden
irgendein Herr, der auf Abenteuer aus war, an ihre Schritte heftete, aber sie
hatte eine Scheu, sich ansprechen oder gar begleiten zu lassen. Sie wusste, dass
ihre Erscheinung im ganzen immer noch jugendlich genug wirkte, sie selbst aber
trug unausgesetzt das Bild in sich, das ihr der Spiegel des Morgens nach dem
Aufstehen zu zeigen pflegte: ein blasses, feines, aber vor der Zeit verblühtes
Antlitz mit zwei dicken grauen Strähnen in dem immer noch vollen braunen Haar.
Wenn dann die Einsamkeit, die sie tagsüber mit leidlicher Geduld getragen, wie
eine immer schwerere Last auf ihre Schultern drückte, kam ihr wohl flüchtig der
Gedanke, das Haus des Bruders aufzusuchen, aber sie schreckte doch davor zurück,
unsicher, in welcher Weise, ja ob man sie dort überhaupt empfangen würde. Die
Mutter aber wiederzusehen, empfand sie eine fast noch grössere Scheu, gerade weil
sie einen Besuch bei ihr innerhalb des letzten Jahres immer wieder aufgeschoben
hatte.
    Und doch, an einem strahlenden Sommermorgen, machte sie sich plötzlich, als
wäre ihr der Entschluss im Traum gekommen, auf den Weg zu ihr. Nicht Sehnsucht
war es, nicht das Gefühl einer lang versäumten Pflicht, von der sie plötzlich
dortin getrieben wurde, sondern einfach die Tatsache, dass sie niemanden andern
wusste, von dem sie sich das Geld hätte leihen können, um ein paar Wochen in Ruhe
auf dem Land zu leben. Denn der Wunsch, auf ein paar Tage wenigstens die Stadt
zu verlassen, aufs Land zu fliehen, war so übermächtig in ihr geworden, als
hinge von seiner Erfüllung ihre Gesundheit, ja ihr Leben ab. Und diese Begriffe:
Land, Ruhe, Erholung, stellten sich ihr seit einiger Zeit immer unter dem
gleichen Bilde dar: unter dem einer bestimmten Wiese in Enzbach, wo sie vor
vielen, vielen Jahren mit einem kleinen Buben gespielt hatte, der damals ihr
Kind gewesen war.
    Die Mutter wohnte in einem hässlichen vierstöckigen Zinshaus der Hernalser
Hauptstrasse, in einem armseligen Kabinett bei einer Beamtenswitwe. Es war
Teresen unbekannt, ob die Mutter das Geld, das sie ein paar Jahre hindurch
reichlich verdient, in einer unglücklichen Spekulation verloren, ob sie es
töricht verschenkt hatte oder ob es nur ein krankhafter Geiz war, der sie ein so
klägliches Leben führen liess. Doch so gering demnach die Aussichten auf ein
Darlehen von dieser Seite waren - vielleicht war es die Dringlichkeit ihres
Wunsches, vielleicht die anfängliche Freude der Mutter über den unerwarteten
Besuch, vielleicht nur die abergläubische Zuversicht, mit der Terese ihre Bitte
vorbrachte -, ohne Zögern fast fand sich die Mutter bereit, Teresen
hundertfünfzig Gulden zur Verfügung zu stellen, gegen einen Schuldschein
allerdings, mit Rückzahlungsverpflichtung spätestens ersten November und einer
Verzinsung von monatlich zwei Prozent bei Nichteinhaltung des Termins. Im
übrigen fragte sie die Tochter kaum, wozu sie den Betrag benötige, fragte
überhaupt nach nichts, was jene betraf, schwätzte nur in einer seltsam
hemmungslosen Weise von alltäglichen Wirtschaftsdingen, geriet von da aus auf
den gleichgültigsten Nachbarnklatsch, zeigte ihr dann unvermittelt das
Manuskript ihres neuen Romans, hunderte eng beschriebene Blätter, die sie in der
Lade des Küchentisches aufbewahrt hatte, beantwortete eine Frage Teresens nach
der Familie des Bruders zerstreut und unklar, grüsste vom offenen Fenster aus zu
einer Frau gegenüber, die die Blumen auf dem Fensterbrett begoss, und liess die
Tochter endlich gehen, ohne den Versuch, sie noch eine Weile zurückzuhalten oder
sie zum Wiederkommen aufzufordern.
 
                                       87
Am nächsten Morgen schon fuhr Terese nach Enzbach. Sechs Jahre war es nun her,
dass sie zum letzten Male dort gewesen. Bald nach dem Tod des alten Leutner hatte
die Witwe in eine benachbarte Ortschaft geheiratet, Terese hatte zuerst daran
gedacht, sich in einem der anderen Bauernhäuser einzumieten, aber in der Scheu,
mit irgendeinem der früher bekannten Einwohner in nähere Berührung zu treten,
zog sie es vor, in dem höchst bescheidenen Gastof des Ortes Quartier zu nehmen.
    Auf einem kleinen Spaziergang in der vertrauten Gegend, über Wiesen und
Felder nach dem nahen Wäldchen, begegnete sie wohl manchem ihr von früher her
bekannten Dorfbewohner, doch auch von diesen schien keiner sie zu erkennen. Sie
war so allein, als sie es gewünscht hatte, aber das Wohlgefühl, das sie erhofft,
wollte sich nicht einstellen. Sie war recht müde, als sie wieder in ihren
Gastof zurückkam. Der Wirt erkannte sie, während sie bei Tische sass, und fragte
sie sogar nach dem Franzl. Innerlich so unbewegt, dass ihr selbst leise
schauerte, erzählte sie, dass ihr Sohn in Wien eine gute Stellung habe.
    Nachmittags blieb sie auf ihrem Zimmer, draussen flimmerte die heisse
Sommerluft, und durch die schadhaften Rolläden in blendenden schmalen Streifen
glühte die Sonne auf die Wand. Im halben Schlummer lag sie auf dem harten
unbequemen Bett, Fliegen summten, Stimmen, nah und fern verhallend, allerlei
Geräusche, vielleicht von der Strasse, vielleicht von den Feldern her, drangen in
ihren Traum. In der Dämmerung erst erhob sie sich und ging wieder ins Freie. Sie
kam an dem Haus vorüber, in dem der Franz Kind gewesen und das nun in anderen
Besitz übergegangen war. Fremd lag es da, als hätte es niemals etwas für sie
bedeutet. Auf der Wiese vor dem Haus war ein feiner Bodennebel, als melde der
Herbst sich vorzeitig an. Unverändert und ungerührt, von verwelkten
Blätterkränzen umgeben wie sonst und immer noch mit dem Sprung im Glas, schaute
das Muttergottesbild unter dem Ahorn sie an. Von der Anhöhe stieg sie zur
Hauptstrasse nieder, wo die bescheidenen Villen standen; auf Veranden da und dort
unter Deckenampeln sassen Sommergäste, Ehepaare, Kinder, geradeso wie sie immer
dagesessen waren. Andere Eltern, andere Kinder, und doch immer dieselben für die
Spaziergängerin, der die unbekannten Gesichter im Halbdunkel verschwanden. Oben
auf dem Bahndamm sauste eben der Expresszug vorüber, verklang mit seinem Gedröhn
und Geschmetter unbegreiflich rasch in der Ferne, und eine Traurigkeit, immer
drückender, senkte sich über Terese, die ins Dunkel schritt. - Später sass sie
in der Wirtsstube beim Abendessen, und da sie nur wenig Lust verspürte, ihr
muffiges Zimmerchen aufzusuchen, aus dem die Hitze noch nicht gewichen war,
blieb sie lange unten, nahm die Zeitungen von den Haken, las den »Bauernboten
von Niederösterreich«, die »Leipziger Illustrierte«, die »Forst- und
Jagdzeitung«, bis sie müde wurde, und schlief dann, da sie gegen ihre Gewohnheit
zwei Glas Bier getrunken hatte, tief und traumlos die ganze Nacht.
    Die nächsten Tage aber vermochte sie sich schon an der Sommerluft, der
Stille, dem Heuduft zu freuen, wie so oft in früherer Zeit. Sie lag lang am
Waldesrand, dachte manchmal an den Franz von einst, wie an ein Kind, das längst
gestorben war, und verspürte Sehnsucht nach Tilda in einer milden, fast
wohltuenden Art. Diese Sehnsucht, so fühlte sie, war nun das Beste in ihrem
Leben und trug sie in irgendeine Höhe, wo sie für gewöhnlich gar nicht zu Hause
war, und ein alter Wunsch stieg langsam in ihr wieder auf, der Wunsch, irgendwo
auf dem Land, im Grünen, möglichst fern von den Menschen, ruhig dahinzuleben.
Lebensabend, dachte sie, das Wort stand plötzlich vor ihr, und da sie ihm
gleichsam ins Auge sah, lächelte sie ein wenig trüb. Abend? War es schon so
weit?
    Ihre Müdigkeit schwand allmählich, ihre Wangen hatten sich gerötet, und im
Spiegel erschien sie sich gegenüber den letzten Wochen ganz erheblich verjüngt.
Unbestimmte Hoffnungen wachten in ihr auf: es kam ihr der Einfall, dass sie sich
wieder einmal bei Alfred in Erinnerung bringen könnte, dann dachte sie, dass Herr
Wohlschein doch bald wieder zurück sein müsste, bei dem sie Erkundigungen nach
Tilda einholen wollte, von der sie noch immer keine Zeile erhalten hatte.
    Auch der Gedanke an ihren Beruf meldete sich wieder und damit eine leise
Sehnsucht nach Tätigkeit. Die letzten Urlaubstage, die sie sich noch zu
vergönnen beabsichtigt hatte, verbrachte sie in einer wachsenden Ungeduld, ja
Unruhe, und als plötzlich Regenwetter eintrat, kürzte sie ihren Aufentalt ab
und traf noch vor dem Termin, den sie sich selbst gesetzt hatte, in der Stadt
wieder ein.
 
                                       88
Die Schülerinnen sammelten sich allmählich, auch ein Kurs kam wieder zustande,
und ausgeruht und frisch, wie sie nun war, kam sie ihren Pflichten mindestens
ohne Überwindung nach. Nach ihrer Art trat sie allen Schülerinnen mit der
gleichen, etwas gleichgültigen Freundlichkeit gegenüber, und wenn ihr auch die
eine oder andere mehr Sympatie einflössen mochte, eine Tilda war nicht unter
ihnen. - Da geschah es an einem Nachmittag, dass sie in der inneren Stadt einen
bürgerlich elegant gekleideten älteren Herrn mit steifem, schwarzem, ganz wenig
auf die Seite gerücktem Hut begegnete, in dem sie erst, als er ihr Aug' in Aug'
gegenüberstand, Herrn Wohlschein erkannte. Sie lächelte über das ganze Gesicht,
als wäre ihr ein unerwartetes Glück geschehen, auch er war sichtlich erfreut und
schüttelte ihr kräftig die Hand.
    »Warum sieht man Sie denn gar nicht, liebes Fräulein? Ich hätte Ihnen schon
geschrieben, ich wusste aber leider Ihre Adresse nicht.«
    Nun, dachte Terese, die wäre wohl zu erfahren gewesen. Aber sie unterliess
jede Bemerkung und fragte gleich: »Wie geht es Tilda?«
    Ja, wie mochte es der wohl gehen? Nun waren es wieder einmal vierzehn Tage
oder mehr, dass Herr Wohlschein keine Nachricht von ihr hatte. Übrigens war es
kein Wunder, denn die Hochzeitsreise des jungen Paares - wie, auch das wusste
Fräulein Fabiani nicht? - sei zu einer Art Reise um die Welt geworden. Und jetzt
befanden sie sich wohl irgendwo auf dem Weltmeer, und vor dem Frühling würden
sie nicht wieder zurück sein. »Und Sie, Fräulein Fabiani, haben wirklich noch
gar keine Nachricht von Tilda?« - Und da sie, fast beschämt, den Kopf
schüttelte, zuckte er die Achseln. »Ja, so ist sie nun einmal, und dabei - Sie
können mir glauben - für Sie, Fräulein Fabiani, hat sie eine ganz besondere
Zuneigung gehabt.« Und er redete weiter von der geliebten, fernen Tochter, die
man nun einmal nehmen müsse, wie sie sei, sprach von seinem trübseligen, leeren,
grossen Haus, seinen langweiligen Whistpartien im Klub und von dem traurigen
Schicksal, sich eines schönen Tages, nachdem man manches Jahr hindurch ein Mann
mit Weib und Kind gewesen, ganz unversehens als eine Art von Junggeselle oder
Hagestolz wiederzufinden, als wären zehn Jahre glücklicher und ein paar Jahre
unglücklicher Ehe, als wäre dieses ganze Dasein mit Frau und Kind überhaupt nur
ein Traum gewesen.
    Sie wunderte sich, dass er sich ihr gegenüber so offen, freundschaftlich
geradezu aussprach, und hörte ihm wohl an, dass er froh war, sich allerlei vom
Herzen reden zu können. Plötzlich aber, nach einem Aufseufzen, sah er auf die
Uhr und bemerkte, dass er heute abend mit einem guten Bekannten ins Teater gehe,
zu einer Operette, um die Wahrheit zu gestehen, nicht etwa zu einem klassischen
Stück, denn er brauche dringend Zerstreuung und Aufheiterung. Ob Fräulein
Fabiani nicht auch manchmal das Teater besuche? - Terese schüttelte den Kopf:
seit jenem Abend in der Oper hatte sie keine Gelegenheit mehr dazu gehabt - und
keine Zeit. - Ob sie denn noch immer so viele und - er zögerte ein wenig -, und
auch so schlecht bezahlte Lektionen gäbe? - Sie zuckte die Achseln, leise
lächelnd, und sie merkte, dass ihm noch weitere Fragen auf den Lippen schwebten,
die er vorläufig doch lieber unterliess. Und er empfahl sich ein wenig überhastet
mit einem herzlichen, aber keineswegs verpflichtenden: »Auf Wiedersehen!« Sie
spürte im Weitergehen, dass er stehengeblieben war und ihr nachschaute.
    Am nächsten Sonntag aber brachte ihr morgens die Post einen Expressbrief mit
einem Teaterbillett, dem eine Visitenkarte beigelegt war: »Siegmund Wohlschein,
Leder- und Galanteriewarenhandlung, gegründet 1804.« Irgend etwas der Art hatte
sie wohl erwartet, nur war die Form der Einladung nicht recht nach ihrem
Geschmack; immerhin leistete sie ihr Folge. Das Haus war schon verdunkelt, als
Herr Wohlschein erschien, neben ihr Platz nahm und eine Tüte Bonbons in ihre
Hand drückte. Sie nickte zum Dank, liess sich aber weiter nicht stören. Die
schmeichelnden Tanzmelodien behagten ihr, der spassige Text unterhielt sie; sie
fühlte selbst, dass ihre Wangen sich allmählich röteten, ihre Züge sich
strafften, dass sie von Szene zu Szene gewissermassen jünger und hübscher wurde.
Herr Wohlschein war in den Zwischenakten recht galant zu ihr, aber doch nicht
ganz unbefangen, und als das Stück zu Ende war, beim Fortgehen und in der
Garderobe, hielt er sich wohl in ihrer Nähe, aber nicht wie jemand, der
unbedingt zu ihr gehörte, sondern etwa so, als hätte man einander zufällig im
Teater begegnet.
    Es war ein schöner klarer Herbstabend, sie wollte gern zu Fuss gehen, er
begleitete sie den langen Weg nach Hause; jetzt erst sprach er von Tilda, von
der natürlich noch immer keine Nachrichten gekommen seien. Seine Einladung zum
Abendessen lehnte sie ab, er drang nicht in sie und nahm an ihrem Haustor
höflichen Abschied.
    Die Woche war noch nicht abgelaufen, als Herr Wohlschein Terese neuerlich
zu einem Teaterbesuch einlud, diesmal zur Aufführung eines modernen
Gesellschaftsstückes im Volksteater; und nachher in einer behaglichen
Gastausecke bei einer Flasche Wein plauderten sie miteinander weit unbefangener
und angeregter als das letztemal; er, andeutungsweise, von den letzten schweren
Jahren seiner Ehe; sie von manchen trüben Erfahrungen ihres Daseins, ohne dass
irgendein Erlebnis in bestimmteren Umrissen erschienen wäre, doch sie fühlten
beim Abschied beide, dass sie heute viel vertrauter geworden waren.
    Tags drauf, mit einem Strauss von Rosen, sandte er ihr die Bitte, ihn am
nächsten Sonntag - »zur Erinnerung an Tilda« - auf einem Spaziergang in den
Wiener Wald zu begleiten. Und so wanderte sie mit ihm im ersten milden
Schneefall dieses Winters denselben Weg, wie sie ihn an jenem Frühlingstag vor
einem halben Jahr in Gesellschaft von Tilda gewandert waren. Wohlschein hatte
drei Ansichtskarten von Tilda mitgebracht, die, alle zugleich, gestern
angelangt waren. Auf einer stand als Nachschrift zu lesen: »Und möchtest du dich
nicht auch einmal um Fräulein Fabiani kömmern? Sie wohnt Wagnergasse 74, zweiten
Stock. Grüsse sie vielmals, ich schreibe ihr demnächst ausführlich.« Auf diesem
Spaziergang war es auch, dass Terese Herrn Wohlschein zum erstenmal von ihrem
Sohn erzählte, der vor einem Jahr nach Amerika ausgewandert sei und von dem sie
seiter nichts mehr gehört habe.
    Nach einigen weiteren gemeinsamen Abenden in Teatern und Restaurants wusste
Herr Wohlschein nicht wenig von Terese trotz aller Flüchtigkeiten und
willkürlichen Abänderungen, die sie sich in ihren Erzählungen gestattete und die
er gläubig hinnahm. Er selbst sprach auch weiterhin viel von seiner Frau und zu
Teresens Verwunderung immer in einem Ton von Hochachtung, fast von Anbetung,
wie von einem besonderen Wesen, das man nicht mit dem gleichen Masse messen dürfe
wie andere Menschenkinder; und Terese glaubte zu fühlen, dass Wohlschein Tilda
eigentlich vor allem als die Tochter dieser ihm verlorenen Frau liebte, mit der
sie manche verwandte Züge zu haben schien; und sie wusste, dass sie, Terese, ihr
die echtere, in sich selbst ruhende, unmittelbarere Liebe entgegenbrachte.
    Auch in den nachfolgenden Wochen änderte sich zwischen Wohlschein und
Terese nicht viel. Sie gingen miteinander in Teater und Gastäuser; er
schickte ihr weiter Blumen, Backwerk; und endlich kam ein ganzer Korb mit
Konserven, Südfrüchten und Wein, was sie ihm, nicht sehr ernstaft, verwies. Als
Anfang Dezember zwei Feiertage aufeinanderfolgten, lud er sie zu einem Ausflug
in eine kleine Ortschaft am Fusse des Semmering ein. Sie war überzeugt, trotz
seiner bisherigen Zurückhaltung, dass er mit dieser Einladung bestimmte Absichten
verband, und nahm sich sogleich vor, sich nichts zu vergeben. Auf der Fahrt
wurde er in einer etwas ungeschickten Weise zärtlich, was sie sich milde
gefallen liess; dass ihre Zimmer im Gastof nicht nebeneinander lagen, beruhigte
und enttäuschte sie zugleich. Immerhin sperrte sie ihre Türe nicht ab und
erwachte am nächsten Morgen nach einem köstlichen Schlaf so allein, als wie sie
sich zu Bette gelegt hatte. Wie respektvoll! dachte sie. Doch als sie sich beim
Ankleiden in dem grossen Schrankspiegel betrachtete, glaubte sie plötzlich die
Ursache seiner Zurückhaltung anderswo zu entdecken. Sie war einfach nicht mehr
schön genug, um einen Mann zu reizen. Wenn auch ihr Körper seine jugendlichen
Formen bewahrt hatte, ihre Züge waren ältlich und vergrämt. Wie konnte es auch
anders sein. Sie hatte zu viel erlebt, zu viel erlitten, sie war Mutter, die
ledige Mutter eines fast erwachsenen Sohnes, und lange schon hatte kein Mann sie
begehrt. Und sie selbst, hatte sie denn diesem älteren, gewöhnlichen Herrn
gegenüber jemals irgend etwas wie eine Verlockung gespürt? Er war der Vater
einer ihrer Schülerinnen, der ihr um seiner Tochter willen mit einer gewissen
Sympatie entgegenkam, und einfach aus Guterzigkeit hatte er sie für zwei Tage
in die frische Winterluft mitgenommen. Nur ihre immer wieder verderbte
Phantasie, so sagte sie sich, hatte ihr die Möglichkeit eines Liebesabenteuers
vorgespiegelt, nach dem sie sich selbst nicht einmal sehnte.
    Als sie fertig angekleidet war, in ihrem Touristenkostüm, erschien sie sich
wieder frischer, jünger, anmutig beinahe. Nach einem gemeinsamen Frühstück in
dem zirbelholzduftenden Gastofzimmer, aus dessen Ecke der hohe Kachelofen
knisternde Wärme verbreitete, fuhren sie im offenen Schlitten zwischen Kiefern
und Tannen durch ein enges Tal, sassen mittags inmitten eines beschneiten
Wiesenplanes im Freien, von der Sonne so prall beschienen, dass Terese ihre
Jacke, Herr Wohlschein seinen kurzen Pelz ablegte, worauf er in Hemdärmeln, den
Jägerhut mit Gemsbart auf dem Kopf und mit dem aufgezwirbelten schwarzen,
schneefeuchten Schnurrbart eigentlich etwas komisch aussah. Auf der Rückfahrt
wurde es rasch empfindlich kalt, man war recht froh, wieder in dem behaglichen
Gastof einzukehren, und nahm das Abendessen in Teresens Zimmer, wo es
gemütlicher war als unten in der Wirtsstube. Am nächsten Morgen fuhren sie nach
Wien zurück als ein Paar, das sich endlich gefunden.
 
                                       89
Es war, als hätte Franz aus unbekannten Fernen her die Veränderung gewittert,
die in den äusseren Lebensverhältnissen seiner Mutter eingetreten war. Gerade als
Terese wieder einmal einen Korb mit allerlei Esswaren erhalten hatte, erschien
er unerwartet und sah im Winterrock, trotz des abgeschabten Samtkragens, fürs
erste recht anständig, fast vertrauenerweckend aus. Doch als er den Rock
zurückschlug und unter einem etwas fleckigen Smoking eine auch nicht mehr ganz
weisse Hemdbrust sichtbar wurde, war der anfangs günstige Eindruck gleich wieder
fort. »Was verschafft mir das Vergnügen?« fragte die Mutter kühl. Nun, er war
wieder einmal stellenlos und ohne Obdach. Das Kabinett, in dem er ein paar
Wochen lang gewohnt, war ihm gekündigt worden. Daheim sei er schon seit ein paar
Monaten wieder. »Na ja«, meinte er hämisch, »wenn man auch keinen Vater hat,
eine Vaterstadt hat man doch.« Und es sei doch eigentlich sehr rücksichtsvoll
von ihm gewesen, dass er sich in der ganzen Zeit nicht gemeldet. Ob ihm die
Mutter nicht zur Belohnung auf zwei, drei Tage Quartier und Kost geben möchte?
    Terese schlug es ihm rundweg ab. Aus dem Korb da, den ihr die Schülerinnen
zum Nikolofeste gemeinsam geschenkt, könne er sich nehmen, was er wolle. Und
zehn Gulden schenke sie ihm auch. Aber ein Einkehrwirtshaus halte sie nicht.
Basta. Er steckte ein paar Konservendosen ein, nahm eine Flasche unter den Arm
und wandte sich zum Gehen. Die Absätze seiner Schuhe waren vertreten, sein Hals
dünn, die Ohren standen ab, merkwürdig gebeugt war sein Rücken. »Na, so eilig
ist es nicht«, sagte Terese in plötzlich aufsteigender Rührung. »Setz' dich ein
bissl her und - erzähl' mir.« - Er wandte sich um und lachte auf. »Nach so einem
Empfang - könnt' mir einfallen«; er klinkte die Türe auf und schlug sie hinter
sich zu, dass es durch das Haus dröhnte.
    Von diesem Besuch erzählte sie Herrn Wohlschein nichts. Doch als er sie eine
Woche darauf abends aus ihrer Wohnung abholen wollte und sie blass, erregt, die
Augen noch von Tränen gerötet antraf, vermochte sie nicht zu verschweigen, dass
Franz eben dagewesen sei, zum zweitenmal innerhalb von acht Tagen, und Geld
verlangt habe. Sie hatte den Mut nicht gehabt, es ihm zu verweigern. Und sie
gestand Wohlschein auch, dass Franz niemals in Amerika gewesen sei, hier in Wien
eine dunkle Existenz führe, von der sie nichts Näheres wisse, auch nichts wissen
wolle. Und da ihr nun einmal die Zunge gelöst war, erzählte sie ausführlicher
und aufrichtiger als je zuvor von allem, was sie mit ihrem Sohn bisher
durchgemacht hatte. Anfangs, sie spürte es wohl, war Wohlschein ziemlich
peinlich berührt. Doch je länger er ihr zuhörte, um so mehr wurde sein Mitleid
rege. Er erklärte endlich, dass er ihrem kümmerlichen und geplagten Leben nicht
länger zusehen könne, er schäme sich geradezu, sorgenfrei, ja in Wohlstand
dahinzuleben, während sie manchmal - oh, er merke es wohl - am Notwendigsten
Mangel leide.
    Sie widersprach. Und unter keiner Bedingung wollte sie etwa davon hören, als
er ihr eine kleine Monatsrente zur Verbesserung ihrer Lebensumstände anbot. Sie
habe ihr anständiges Auskommen, und es sei ihr Stolz, ihr einziger Stolz
vielleicht, dass sie zeitlebens mit ihrem Berufe sich selbst und lange genug auch
ihren Sohn habe erhalten können.
    Doch als er in einem nächsten Gespräch darauf bestand, sich wenigstens die
Auffrischung und Ergänzung ihrer Garderobe in bescheidenem Masse angelegen sein
zu lassen, widersprach sie kaum mehr; und als sie eine Woche lang wegen einer
fieberhaften Erkältung gezwungen war, das Bett zu hüten, musste sie sich's, wohl
oder übel, gefallen lassen, dass er für die Bezahlung des Arztes und des
Apotekers, für die notwendige Kostverbesserung und am Ende auch für den Schaden
aufkam, der ihr durch den Entfall der Lektionen erwachsen war. Auch bestand er
darauf, dass sie nach ihrer Erkrankung sich Schonung auferlegte, und es blieb ihr
nichts übrig, als seine Unterstützungen dankbar anzunehmen.
 
                                       90
Eines Tages im Januar gab es eine wunderbare Überraschung. Tilda war plötzlich
da, ehe der Vater nur gewusst hatte, dass das junge Paar schon in Europa gelandet
war. Terese erfuhr die Neuigkeit durch Wohlschein, der sich am Telephon - das
sie auch seiner Güte zu verdanken hatte - entschuldigte, dass er heute Abend
wegen Tildas plötzlichen Eintreffens nicht, wie besprochen war, sie abholen
könne; - er tat es so hastig, verlegen, schuldbewusst beinahe, dass Terese
überhaupt nicht dazu kam, weitere Fragen zu stellen. Als sie das Hörrohr
hinlegte, empfand sie kaum Freude, ja eher eine gewisse Bangigkeit und
Bedrückung. Sie fühlte sich benachteiligt, ja verraten; doppelt verraten - von
Tilda, die ihr niemals geschrieben, ihr auch bei Gelegenheit der spärlichen
Nachrichten an den Vater keinen Gruss mehr gesandt hatte; - und von Wohlschein,
für den sie - oh, sie fühlte es - in dem Augenblick, da Tilda wieder da war, zu
einer gleichgültigen, wenn nicht gar störenden Person herabgesunken war. Den
ganzen nächsten Tag - wie richtig hatte sie doch geahnt - liess er nichts von
sich hören, um am dritten gegen Mittag plötzlich in Person zu erscheinen, sehr
zur Unzeit freilich, denn sie hatte ihn nicht erwartet; und nach der kaum erst
überstandenen Krankheit keineswegs noch ganz erholt, in ihrem grauen
Flanellhauskleid, mit flüchtig in Ordnung gebrachtem Haar, sah sie ganz anders
aus, als sie sich vor ihm zu zeigen liebte. Aber er schien nichts davon zu
merken, war zerstreut und aufgeräumt; und das erste, was er berichtete, war, dass
Tilda sich aufs angelegentlichste nach ihr erkundigt habe und sich besonders
freuen würde, wenn sie morgen, Sonntag, bei ihnen zu Mittag essen wollte.
Terese aber freute sich nicht. Mit einemmal kam ihr das Schiefe ihrer Stellung
peinlich zu Bewusstsein; dass sie Mutter eines unehelichen Kindes war, dass sie oft
genug an Unwürdige sich weggeworfen hatte, das bedeutete plötzlich nichts
gegenüber der Tatsache, dass sie die ausgehaltene Geliebte von Tildas Vater war.
Sie sprach es nicht aus; Wohlschein aber merkte, was in ihr vorging, und
versuchte sie durch Zärtlichkeit zu beschwichtigen. Anfangs blieb sie kühl,
starr beinahe. Allmählich aber wurde sie sich doch des Glücks bewusst, dass Tilda
wieder da war, dass sie sie morgen wieder sehen sollte; und als sie Wohlschein
zum Abschied einen Gruss an das geliebte Wesen mitgab, war sie schon so weit, im
Gefühl einer gewissen Überlegenheit scherzhaft zu bemerken: »Du musst ihr ja
nicht sagen, dass du mich besucht hast, du kannst mich ja zufällig getroffen
haben.« Er aber, in Pelz, Stock und Hut in der Hand, erwiderte ernst und würdig:
»Ich habe ihr selbstverständlich gesagt, dass wir uns öfters sehen, dass wir -
sehr gute Freunde geworden sind.«
    Tilda kam Teresen so unbefangen entgegen, als hätte sie ihr tags zuvor
Lebewohl gesagt, und dieser Eindruck verstärkte sich noch weiter durch den
Umstand, dass sie fast unverändert, mädchenhaft, zart, wie früher, nur etwas
blässer aussah. Sie für ihren Teil fand, dass Terese sich sehr zu ihrem Vorteil
verändert, ja sich geradezu verjüngt habe, fragte beiläufig nach einigen
Kolleginnen aus dem vorjähriges Kurs, ohne sich bei Teresens Antworten
aufzuhalten, und bestellte Grüsse ihres Gatten. »Er ist nicht mitgekommen?«
fragte Terese unschuldig, als wäre sie verpflichtete, sich nicht genau
unterrichtet zu zeigen. - »Ach nein,« erwiderte Tilda, »das wäre doch nicht das
Rechte gewesen.« Und leise errötend: »Man will doch wieder vollkommen junges
Mädchen sein, wenn man auf ein paar Tage« - und wie unter Anführungszeichen -
»im Vaterhause weilt.« - »Wie, nur auf ein paar Tage?« - »Freilich, es ist doch
nur ein Ausflug, Herr Verkade«, so nannte sie ihren Gatten, und Terese war
nicht unangenehm berührt davon, »wollte mich eigentlich gar nicht fortlassen.
Nun, ich stellte ihn vor ein Fait accompli, löste mein Billett im Reisebureau,
packte, und eines Tages sagte ich: Heute abend, acht Uhr dreissig geht mein Zug.«
- »Und haben Sie sich sehr nach Hause gesehnt?«
    Tilda schüttelte den Kopf: »Wenn ich mich sehr gesehnt hätte - dann wäre
ich vielleicht nicht gekommen.« Und auf Teresens etwas verwunderten Blick, mit
einem Lächeln, das diesen verwunderten Blick gleichsam wieder erkannte: »Dann
hätte ich nämlich versucht dagegen anzukämpfen. Wo käme man hin, wenn man einmal
anfinge, jeder Sehnsucht nachzugeben. Nein, gesehnt habe ich mich nicht
besonders. Aber nun freue ich mich sehr, dass ich da bin. Übrigens, dass ich nicht
vergesse ...«
    Sie reichte Teresen ein verschnürtes Päckchen, das auf dem Diwan bereit
lag. Während Terese es öffnete und eine grosse Schachtel holländischer
Schokolade und ein halbes Dutzend gestickter Taschentücher von feinster Seide
zutage förderte, trat Herr Wohlschein ins Zimmer, zugleich mit seiner Schwester;
und während die Tante Tilda umarmte, konnte die Begrüssung zwischen Terese und
Herrn Wohlschein in aller Unbefangenheit durch einen verständnisvoll herzlichen
Blick geschehen.
    Es war kein weiterer Gast zugezogen, das Mittagessen verlief ganz wie in
früheren Zeiten in gedämpfter Gemütlichkeit; und hätte Tilda nicht allerlei von
ihrer Reise und von ihrer neuen Heimat zu erzählen gehabt, so hätte man glauben
können - und Herr Wohlschein unterliess nicht, es zu bemerken - dass sie überhaupt
nicht weggewesen sei. Doch mehr als von den Landschaften und Städten, die sie
gesehen, mehr als von dem Haus mit den Riesenglasfenstern und den vielen Blumen,
in dem sie nun wohnte, sprach sie von den Stunden, da sie, mit Himmel und Meer
allein, auf dem Schiffsdeck gelegen war. Und wenn sie auch in ihrer Art vor
allem die köstliche Langeweile dieser Stunden rühmte, Terese fühlte, dass diese
Stunden der Einsamkeit, des Traums, der Ferne für Tilda das eigentliche und
tiefste Erlebnis ihrer Reise gewesen waren, bedeutungsvoller als der Besuch auf
einem südamerikanischen Landsitz, von dem sie berichtet, als der abendliche
Blick von den Höhen um Rio de Janeiro auf die in hunderttausend Lichtern
flammende Bucht, bedeutungsvoller sogar als der Tanz mit dem jungen
französischen Astronomen, der auf dem gleichen Schiff zur Beobachtung einer
Sonnenfinsternis nach Südamerika gereist war. Bald nach Tisch empfahl sich
Terese in der leisen Hoffnung, dass Tilda sie zum Dableiben nötigen würde. Doch
Tilda tat nichts dergleichen; sie vermied auch, etwas Bestimmtes für die
nächsten Tage zu verabreden, und begnügte sich mit der herzlichen, aber
keineswegs verpflichtenden Bemerkung: »Hoffentlich sehe ich Sie noch vor meiner
Abreise, Fräulein.« - »Hoffentlich«, wiederholte Terese etwas kleinlaut und
fugte hinzu: »Bitte empfehlen Sie mich - Herrn Verkade.« Und das Paket mit
Schokolade und Taschentüchern in der Hand, nahm sie Abschied und ging langsam
die Treppe hinab - eine einstige Lehrerin, der die verheiratete Schülerin, weil
sich das nun einmal so gehörte, etwas mitgebracht hatte.
    Es war ein recht trauriger Abend daheim, zwei traurige Tage folgten, in
denen weder von Herrn Wohlschein noch von Tilda eine Nachricht kam, und ungute
Gedanken stiegen in ihr auf.
 
                                       91
Am dritten Tag aber, schon in früher Morgenstunde, erschien Herr Wohlschein in
Person. Er kam geradeswegs von der Bahn, hatte Tilda begleitet, die früher als
geplant, auf ein dringliches Telegramm des Gatten hin, plötzlich abgereist war.
Ach, sie stellte sich wohl selbständiger und überlegener an, als sie war, die
gute Tilda. Wie eilig und erregt sie nur die Depesche geöffnet, wie sie dann
die Stirne gerunzelt und ein wenig gelacht hatte, und wie sie dunkelrot geworden
war, ob vor Ärger oder vor Freude, das war freilich schwer zu entscheiden.
Sicher war jedenfalls, dass sie nun wieder im Expresszug sass, der sie nach Holland
entführte, in die Arme ihres ungeduldigen Gatten. Im übrigen habe sie sehr
bedauert, dass sie Fräulein Fabiani kein zweites Mal gesehen, und lasse sie viele
Male grüssen. Aber nun gab es auch noch etwas anderes, etwas Angenehmes - etwas
sehr Erfreuliches gab es zu erzählen. Und Wohlschein fragte Terese, ob sie wohl
erraten könne, was. Er fasste sie beim Kinn wie ein kleines Mädchen und küsste sie
auf die Nasenspitze, wie er es in guter Laune zu Teresens Missvergnügen gern zu
tun pflegte. Terese war leider nicht imstande, das Erfreuliche zu erraten; oder
vielleicht doch? - eine Einladung am Ende? - eine Einladung nach Holland für die
Pfingstfeiertage? - oder für den Sommer nach Zandvord in die Villa? Nein, das
war es nicht. Für dieses Jahr wenigstens stand eine solche Einladung noch nicht
in Aussicht. Was also? Sie sei nun einmal nicht sehr geschickt im Rätselraten,
er müsse schon so freundlich sein, ihr mitzuteilen, worüber sie sich eigentlich
freuen sollte.
    Nun, Tilda hatte gestern bei Tische eine Bemerkung gemacht, die ihr
eigentlich ganz ähnlich sah, aber doch überraschend gekommen war: »Nun, Vater,«
hatte sie gesagt, »warum heiratest du sie eigentlich nicht?« - »Wen, sie?« -
Herr Wohlschein lachte: ob ihn Terese für einen Don Juan hielte, dem die Wahl
gleich zwischen einer ganzen Anzahl von Damen freistünde? Nein, Tildas
Bemerkung hatte sich ganz zweifellos ausschliesslich auf Fräulein Terese Fabiani
bezogen. »Warum heiratest du sie eigentlich nicht?« Sie konnte einfach nicht
begreifen, warum er, Herr Wohlschein, Terese nicht zur Frau nähme. Denn wie es
zwischen ihnen stünde, das hätte das kleine, schlaue Frauenzimmer sofort
erkannt, aus der Art schon, behauptete sie, wie er in seinen Briefen Teresens
Namen schrieb. Ja, Graphologin war sie auch. Und »du könntest wahrhaftig nichts
Vernünftigeres tun,« hatte sie hinzugesetzt, »meinen Segen habt ihr.« Nun, was
meinte Fräulein Terese dazu?
    Terese lächelte, aber ihr Lächeln war keineswegs heiter. Und Herr
Wohlschein wunderte sich, dass vorerst keine andere Antwort kam als dieses etwas
starre Lächeln. Und fast noch mehr als er wunderte sich Terese selbst. Denn was
sich in ihr regte, war nicht Freude, war gewiss kein Gefühl von Glück; es war
eher Unruhe, wenn nicht gar Bangigkeit, war Angst vor der grossen Veränderung,
die ein solches Ereignis für ihr Leben bedeuten müsste und in die sie sich, ein
ältliches, an Selbständigkeit gewöhntes Fräulein, nicht so leicht würde finden
können. Oder war es gar Angst davor, für alle Zukunft an diesen Mann gebunden zu
sein, dem sie wohl zugetan war, dessen Liebesbeweise aber ihr im Grunde
gleichgültig, zuweilen unangenehm und meistens lächerrlich erschienen? Oder war
am Ende auch Angst dabei vor Unannehmlichkeiten, die gerade im Anschluss an ihre
Verheiratung sie von Seiten ihres Sohnes bedrohen konnten und denen Wohlschein
kaum in der richtigen Weise begegnen, ja, für die er sich irgendwie an ihr
schadlos halten würde?
    »Warum sprichst du nicht?« fragte Wohlschein endlich betroffen.
    Da fasste Terese nach seiner Hand. Etwas hastig, mit einer Miene, die sich
allzu rasch erhellte, und in einem anfangs wie zweifelnden, dann aber eher
scherzhaften Ton fragte sie: »Glaubst du denn, dass ich die rechte Frau für dich
wäre?« - Wohlschein, rasch beruhigt, wie zur Erwiderung, näherte sich ihr in der
etwas täppischen Weise, die sie meistens abzuwehren pflegte, sich aber diesmal
doch gefallen liess, um nicht die Stimmung und damit vielleicht mehr als die
Stimmung dieses Augenblicks zu gefährden. Er wünschte, dass sie schon von den
nächsten Tagen an ihre Lektionen einzuschränken beginne. Sie wollte anfangs
davon nichts wissen, ja, sie erklärte sogar, dass sie auch nach ihrer
Verheiratung eine Tätigkeit keineswegs völlig aufzugeben gedenke, die ihr
Befriedigung, manchmal sogar Freude gewähre. - Immerhin, als ihr zufällig im
Laufe der nächsten Tage eine neue Lektion angeboten wurde, lehnte sie ab, und in
einer anderen Familie setzte sie die bisherige Anzahl der wöchentlichen
Unterrichtsstunden von sechs auf drei herab, was Wohlschein fast wie eine ihm
erwiesene Gefälligkeit zur Kenntnis nahm.
    In diesen Tagen kam ein Brief von Franz mit einer sehr bündigen
Geldforderung. Er nannte zugleich eine Deckadresse, an die der Betrag von
hundert Gulden unverzüglich zu senden sei. Terese wollte und konnte die
Tatsache ihrem Bräutigam nicht verschweigen, um so weniger, als ihr die Summe
bei der Bezahlung des bald fälligen Zinses gefehlt hätte. Wohlschein gab ihr
ohne weiteres den Betrag und nahm den Anlass wahr, um eine offenbar schon längst
von ihm gehegte Absicht kundzutun: er war bereit, Franz die Überfahrt nach
Amerika zu bezahlen, vielmehr - da man doch einem solchen Menschen gegenüber
keine Vorsicht ausser acht lassen durfte - ihn in Begleitung einer
Vertrauensperson nach Hamburg zu schicken und ihn dort, mit dem Billett
versehen, an Deck bringen zu lassen. Doch Terese, statt Wohlscheins Vorschlag
als willkommenste Lösung aufzunehmen und dankbar zuzustimmen, brachte Bedenken
und Einwendungen vor; und je mehr Wohlschein sie mit naheliegenden Gründen zu
überzeugen suchte, um so hartnäckiger blieb sie dabei, dass sie den Gedanken, von
ihrem Sohn durch das Weltmeer getrennt zu sein, nicht zu ertragen imstande sei;
insbesondere jetzt, da ihre eigenen Verhältnisse sich so sichtlich zum Bessern
wendeten, erscheine ihr ein solches Vorgehen gegenüber ihrem unglücklichen Sohn
herzlos, ja geradezu eine Sünde, die sich irgend einmal rächen müsse. Wohlschein
widersprach; wie es bei solchen Anlässen leicht der Fall zu sein pflegt,
übersteigerte ein jeder noch die eigene Meinung, der Streit wurde immer
heftiger, Wohlschein ging finster im Zimmer auf und ab, Terese brach endlich in
Tränen aus, beide sahen ein, dass sie zu weit gegangen waren, Terese überdies,
dass ihr Betragen gegen ihren Bräutigam der Klugheit doch allzu sehr ermangele,
und ihre Beziehungen waren immerhin noch jung genug, um diesen ersten
ernstlichen Streit in Zärtlichkeit enden zu lassen.
    Als Wohlschein aber ein paar Tage darauf eine kleine Geschäftsreise antrat,
von der er vorher nicht gesprochen hatte, hielt Terese es keineswegs für
ausgeschlossen, dass diese vorübergehende Trennung vielleicht einen endgültigen
Bruch vorbereiten sollte; und ein grösseres Geldgeschenk, das er für sie
zurückgelassen, hätte sie beinahe in ihrer Befürchtung bestärken können. Sie
merkte aber, dass diese zeitweilige Trennung ihr eher wohltat, und bildete sich
ein, dass sie sich auch mit dem Gedanken eines wirklichen Abschieds nicht allzu
schwer abfinden würde.
    Er kam früher zurück, als sie ihn erwartet, trat ihr mit sonderbarer
Gemessenheit gegenüber, so dass ihr wieder etwas ängstlich zumute wurde, doch er
liess sie nicht lange in Ungewissheit, dass er sich indes auf eigene Faust mit der
Angelegenheit ihres Sohnes weiter befasst und in Erfahrung gebracht habe, Franz,
womit auch die Deckadresse sich ungezwungen erklärte, büsse eben im Landesgericht
eine mehrmonatige Gefängnisstrafe ab; - nicht seine erste, wie sie wohl wissen
dürfte. Nein, - sie wusste nichts. Nun, und was meinte Terese jetzt? Wollte sie,
wollten sie beide - und er fasste ihre Hände - ihr ganzes Leben unter einem
solchen Druck verbringen? War denn überhaupt abzusehen, wohin dieser Bursche
noch geraten, was er noch anstellen, in welche peinliche Situationen er sie
beide noch bringen konnte, wenn er weiterhin in der Stadt oder auch nur im Lande
verbliebe! Er selbst, Wohlschein, wollte die Sache nun mit Hilfe eines tüchtigen
Kriminalbeamten, der ihm auch bisher bei seinen Nachforschungen beigestanden,
ein für allemal in Ordnung bringen. Vielleicht liesse es sich machen, dass Franz
geradeswegs vom Tor des Landesgerichtes aus die Reise nach Hamburg und Amerika
antreten könnte.
    Sie hörte still zu, ohne Widerrede, aber von Sekunde zu Sekunde spürte sie
eine nagendere und schlimmere Qual im Herzen, die niemand hätte verstehen
können, Herr Wohlschein am wenigsten, da doch auch sie selbst sie kaum verstand.
»Wann kommt er heraus?« fragte sie, sonst nichts. - »Noch sechs Wochen, glaube
ich, hat er abzusitzen«, erwiderte Wohlschein. - Sie schwieg, aber sie war
entschlossen, Franz im Landesgericht zu besuchen, ihn einmal noch zu umarmen,
ehe sie für ewig von ihm Abschied nehmen sollte.
    Und doch schob sie den Besuch im Gefängnis immer wieder auf. Denn so
schmerzlich ihr der Gedanke war, Franz nie wiedersehen zu sollen - sie verspürte
doch keine Sehnsucht nach ihm und viel eher eine Scheu vor einem solchen
Wiedersehen. Zwischen ihr und Wohlschein wurde vorläufig weiter über die Sache
nicht gesprochen, aber auch die Frage des Hochzeitstermins wurde nicht berührt.
Immerhin nahm der Verkehr zwischen ihnen einen gewissermassen offizielleren
Charakter an. Während er bisher mit ihr meist einfachere Wirtshäuser aufgesucht,
soupierten sie jetzt manchmal in feineren Stadtrestaurants, zuweilen verbrachte
er die ganze Nacht bei ihr, nahm oben das Frühstück, und endlich lud er sie für
Sonntag mittag in sein Haus ein. Aber gerade dieses Zusammensein verlief
freudlos und befangen. Und dass Wohlschein, da sie doch nun einmal so gut wie
verlobt waren, vor dem die Speisen auftragenden Mädchen immer Sie zu ihr sagte
und auch seiner nachher offenbar ohne sein Vorwissen erscheinenden, etwas
überraschten Schwester gegenüber sich keineswegs als Teresens Bräutigam benahm,
erschien ihr allzu vorsichtig und beinahe geschmacklos.
 
                                       92
Was die abendlichen Kunstgenüsse anbelangt, so tat er nun seinem etwas bequemen
Geschmack keinen Zwang mehr an. Eines Abends besuchten sie gemeinsam ein Varieté
in der Vorstadt, ein Tingeltangel von der geringsten Sorte, wo so Armseliges
dargeboten wurde, dass es beinahe schon wie Parodie wirkte. Eine Sängerin trat
auf, nahe den Fünfzig, lächerrlich geschminkt, in kurzem Tüllröckchen, die mit
zerbrochener Stimme ein neckisches Liedchen von einem feschen Leutnant zum
besten gab und am Schluss jeder Strophe militärisch salutierte. Ein Clown
vollführte Kunststücke, zu denen die kleinen Zauberkästen ausgereicht hätten,
die man in Spielwarenhandlungen für Kinder zu kaufen bekam. Ein ältlicher Herr
mit Zylinder führte zwei dressierte Pudel vor; ein Tiroler Quartett, bestehend
aus einem robusten Mann mit Andreas-Hofer-Bart, einem unnatürlich mageren Greis
mit stechenden Augen und zwei dicken, bleichen Bauerndirnen mit
Kreuzbandschuhen, sang G'stanzeln und jodelte; eine Akrobatentruppe mit dem
Namen »Te tree Windsors« präsentierte sich: ein dicker Mann in schmutzigem
rosa Trikot, der zwei Kinder von ungefähr zehn Jahren mit den Händen in die Höhe
stemmte und voltigieren liess, worauf nach magerem Applaus die drei vortraten und
Kusshändchen ins Publikum warfen. Terese wurde immer trauriger, Herr Wohlschein
aber schien sich ganz in seinem Element zu fühlen. Es fiel Teresen auf, dass
dieses Tingeltangel sich ein kleines Orchester vergönnen konnte, das aus einem
Pianino, einer Violine, einem Cello und einer Klarinette bestand. Auf dem Deckel
des Klaviers stand ein Glas Bier, das aber nicht für den Spieler allein bestimmt
schien. Von Zeit zu Zeit griff auch einer der anderen Musiker darnach und nahm
einen Schluck. Eben rauschte ein lächerlicher Papiervorhang herunter oder
knitterte vielmehr herab, auf den eine Muse in blauer Gewandung mit purpurrotem
Gürtel, eine Lyra im Arm, sowie ein lauschender Hirtenknabe mit Sandalen und
einer roten Schwimmhose gemalt war, - als Teresens Auge ganz zufällig dem
Bierglas folgte, das sich eben wieder vom Klavier entfernte. Ihr Blick fiel auf
die Hand, die das Glas ergriffen hatte, eine magere, etwas behaarte Hand, die
aus einem manschettenlosen, grünweiss gestreiften Hemdärmel hervorkam, es war die
Hand des Cellisten, der für eine Weile den andern Musikern die Mühe des
Musizierens überliess. Er setzte das Glas an die Lippen, trank, und auf seinem
grauen Schnurrbart blieb ein wenig Schaum stehen. Er erhob sich leicht von
seinem Stuhl, um das Glas wieder auf den Pianinodeckel zu stellen, und während
er seinen Bogen ergriff, beugte er sich zu dem Klarinettisten hin und flüsterte
ihm angelegentlich etwas zu. Der Klarinettist, ohne sich darum zu kümmern, blies
weiter, der andere aber wiegte nun, völlig sinnlos, den Kopf hin und her und
leckte sich den Bierschaum vom Schnurrbart ab. Seine Stirn war unnatürlich hoch;
das dunkle, graumelierte, kurzgeschorene Haar stand borstenartig in die Höhe,
und er kniff das eine Auge zusammen, als er wieder mit den übrigen zu spielen
begann. Es war ein ärmliches Instrument, überdies spielte er offenbar ganz
falsch, und ein böser Blick des Pianisten traf ihn. Der Vorhang hob sich, ein
Neger in schmierigem Frack, mit grauem Zylinder, trat auf, wurde vom Publikum
mit Gejohl begrüsst; der Cellospieler hob den Bogen und winkte dem Neger einen
Gruss hinauf, der von niemandem, nicht einmal von dem Neger, sondern
ausschliesslich von Terese bemerkt wurde. Und nun hatte sie keinen Zweifel mehr:
es war Kasimir Tobisch, der in diesem Tingeltangel Cello spielte. Sie sass mit
Wohlschein ganz nahe der Rampe, er füllte ihr eben von neuem das Weinglas, sie
setzte es an die Lippen und starrte immer noch Kasimir an, bis sie endlich
seinen Blick zu sich herangezwungen hatte. Er betrachtete sie, dann ihren
Begleiter, dann andere Leute, die im Zuschauerraum sassen, liess die Augen zu ihr
zurück schweifen, sah wieder weg, und es war ganz offenbar, dass er sie nicht
erkannte. Die Vorstellung ging weiter, ein schmieriger Pierrot, eine brustkranke
Pierrette und ein betrunkener Harlekin stellten mit einer Art von verzweifeltem
Humor eine Pantomime dar, und Terese lachte viel, ja, sie vergass für eine
Weile, dass dort im Orchester Kasimir Tobisch Cello spielte, vergass, dass das der
Vater ihres Sohnes, dass dieser Sohn ein Dieb und Zuhälter war und im Gefängnis
sass, vergass auch Herrn Wohlschein, der neben ihr behaglich seine Zigarre aus
einem weissen Spitz rauchte, und lachte mit ihm laut auf, als der Harlekin bei
dem Versuch, die Pierrette zu umarmen, der Länge nach hinfiel.
    Ein paar Stunden später aber, in ihrem Bett an der Seite des schnarchenden
Wohlschein, lag sie ohne Schlaf, weinte still, und das Herz tat ihr weh.
 
                                       93
Einmal in früher Vormittagsstunde - Terese hielt eben ihren Kurs ab - erschien
zu ihrer Überraschung Karl bei ihr. Seine Miene, schon die Art, wie er eintrat,
liessen sie Böses ahnen. Da sie ihn fragte, ob er sich nicht eine Viertelstunde
gedulden wolle, bis die Stunde zu Ende sei, ersuchte er sie brüsk, ihre »jungen
Damen« - auch dies war wie mit Hohn vorgebracht - wegzuschicken. Was er ihr
mitzuteilen habe, dulde keinen Aufschub. Terese konnte nicht anders, als ihm
willfahren. Er wandte den Blick ab, als die jungen Mädchen an ihm vorüber das
Zimmer verliessen, wie um sie nicht grüssen zu müssen, und kaum mit der Schwester
allein, ohne jede Einleitung, begann er: »Dein Sohn, der Lumpenkerl, hat die
unerhörte Frechheit, mir aus dem Landesgericht diesen Brief zu schicken«, und er
reichte ihn Teresen.
    Sie las für sich: »Werter Herr Onkel. Da ich in wenigen Tagen nach
unverschuldeter, wegen widriger Umstände verbüsster Haft das Gericht verlasse und
ferne von der Heimat eine neue Existenz gründen will, ersuche Euer
Hochwohlgeboren in Anbetracht näherer Verwandtschaft um Beitrag zu Reisekosten
im Betrag von zweihundert Gulden österreichischer Währung, die von morgen an
bereit zu halten bitte. Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich, sehr werter Herr
Onkel, Ihr -«
    Terese liess den Brief sinken, zuckte die Achseln.
    »Nun,« schrie Karl, »möchtest du so freundlich sein, dich zu äussern.«
    Terese unbeweglich: »Ich habe mit diesem Brief nicht das geringste zu tun,
und ich weiss nicht, was du von mir willst.«
    »Ausgezeichnet. Dein Sohn schreibt mir aus dem Landesgericht einen
Erpresserbrief - jawohl, einen Erpresserbrief.« Er riss ihr den Brief aus der
Hand und wies auf die Stellen: »in Anbetracht naher Verwandtschaft« - »von
morgen an bereit zu halten bitte«. - »Dieser Lump weiss, dass ich mich in
öffentlicher Stellung befinde. Er wird zu anderen Leuten gehen, sie anbetteln,
sich dort als mein Neffe ausgeben, als der Neffe des Abgeordneten Faber ...«
    »Von einer solchen Absicht kann ich in dem Brief nichts entdecken, und dein
Neffe ist er ja wirklich.«
    Die abweisende, spöttische Haltung Teresens machte Karl völlig rasend. »Du
wagst es, dieses Subjekt noch in Schutz zu nehmen? Meinst du, ich weiss nicht,
dass er ein paarmal zu uns um Geld geschickt hat? Marie, gutmütig, aber blöd wie
immer, hat es mir verheimlichen wollen. Glaubt ihr, mir kann man etwas
verheimlichen? Meinst du vielleicht, ich hab' nicht immer gewusst, was du für
eine Existenz führst, unter dem Deckmantel deines sogenannten Berufes? Ja,
schau' mich nur an mit deinen grossen Kuhaugen. Glaubst du, ich fall' dir darauf
hinein? Ich bin dir nie hineingefallen. Du wirst noch auf dem Mist krepieren,
genau so wie dein Herr Sohn. Du willst's ja nicht anders. Wenn man dir schon
einmal einen Ausweg gezeigt und wenn sich schon ein Esel gefunden hat, der dich
beinahe geheiratet hätte - nein, lieber in Freiheit weiterleben, Liebhaber
wechseln wie's Hemd, das ist bequemer und lustiger. Und mit den Mäderln da, was
machst du denn mit denen? Lektionen -? Haha! Werden wahrscheinlich herangebildet
zum Gebrauch für semitische Wüstlinge -?«
    »Hinaus«, sagte Terese. Sie hob nicht den Arm, streckte die Hand nicht aus,
unhörbar beinahe sagte sie: »Hinaus!«
    Karl aber liess sich nicht beirren. Er sprach weiter, ungehemmt, wie es ihm
über die Lippen kam. Ja, so, wie Terese es in der Jugend getrieben, sagte er,
so treibe sie es jetzt weiter, - in einem Alter, wo andere Frauenzimmer doch
allmählich zur Besinnung zu kommen pflegen, schon aus Angst, sich lächerrlich zu
machen. Ob sie sich denn einbilde, dass sie ihm je etwas habe vormachen können?
Als junges Mädel schon habe sie mit seinem Freund und Kollegen angebandelt, dann
war die Geschichte mit dem lumpigen Leutnant gekommen, - und von wem der saubere
Sohn sei, an dem sich nun ihr Schicksal erfülle, das werde sie wohl selbst
schwerlich mit Sicherheit sagen können. Was sie dann später als »Fräulein«, als
»Hüterin der Kleinen« angestellt, das sei ja nur gelegentlich gerüchtweise an
sein Ohr gedrungen. Und nun - auch darüber sei er informiert - ziehe sie mit
irgendeinem älteren, reichen Juden umher, den sie jedenfalls dadurch zu halten
versuche, dass ihre sogenannten Schülerinnen -
    In diesem Augenblick trat Herr Wohlschein ein. Es war ihm zwar nicht
anzumerken, dass er die letzten Worte gehört oder gar verstanden hätte; immerhin
blickte er betroffen von Karl zu Teresen hin. Karl hielt den Augenblick
gekommen, sich zu entfernen. »Ich will nicht länger stören«, sagte er; und mit
einer kurzen, fast höhnischen Verneigung gegenüber Wohlschein schickte er sich
an, das Zimmer zu verlassen. Terese aber: »Einen Augenblick, Karl«, hielt ihn
zurück. Sie stellte vor, völlig ruhig. »Doktor Karl Faber, mein Bruder; Herr
Wohlschein, mein Bräutigam.« Karl verzog leicht den Mund. »Besondere Ehre.« Und
er wiederholte: »Um so weniger will ich stören.« - »Pardon,« sagte Herr
Wohlschein, »ich habe fast den Eindruck, als wenn ich derjenige wäre, der
gestört hat.« - »Nicht im geringsten«, sagte Terese. - »Gewiss nicht,«
bekräftigte Karl, »kleine Meinungsverschiedenheit, wie das in Familien nicht zu
vermeiden ist. Also nichts für ungut«, setzte er hinzu, »und viel Glück. Meine
Verehrung, Herr Wohlschein.«
    Kaum war er zur Tür draussen, so wandte sich Terese an Wohlschein. »Verzeih,
ich konnte nicht anders.« - »Wie meinst du das, dass du nicht anders konntest?« -
»Ich meine, es verpflichtet dich zu nichts, dass ich dich als meinen Verlobten
vorgestellt habe. Du bist nach wie vor völlig frei in deinen Entschliessungen.« -
»Ach so - so meinst du das. Aber ich will gar nicht frei sein, wie du das
nennst,« er riss sie mit brutaler Zärtlichkeit an sich, »und jetzt möchte ich
wissen, was dein Herr Bruder eigentlich von dir gewollt hat.«
    Sie war froh, dass er von der Unterhaltung nichts gehört hatte, und erzählte
ihm so viel davon, als sie eben für richtig hielt. Beim Abschied stand fest, dass
die Hochzeit am Pfingstsonntag stattfinden und dass die Abreise Franzens nach
Amerika jedenfalls vorher erfolgen solle.
 
                                       94
Bis zu Pfingsten war es noch lang, drei Monate beinahe. Dass Herr Wohlschein die
Hochzeit so weit hinausschob, hatte seine Ursache darin, dass er vorher zwei
Geschäftsreisen zu erledigen hatte, nach Polen und nach Tirol; und auch darin,
dass gewisse bauliche Veränderungen in der Wohnung vorgenommen werden mussten.
Überdies gab er allerlei mit dem Anwalt zu besprechen, da gewisse,
testamentarische Bestimmungen - »wir sind alle sterblich«, bemerkte Wohlschein -
besser schon vor der Hochzeit getroffen werden sollten. Terese hatte gegen den
Aufschub nichts einzuwenden; es war ihr nicht unlieb, dass sie nicht alle ihre
Lehrverpflichtungen kurzerhand lösen musste, die ihr um so mehr Zerstreuung
bereiteten, je weniger sie nun als eigentliche Verpflichtungen erschienen.
    Die Tage von Wohlscheins Abwesenheit, eine Woche im Februar, eine andere im
März, in denen sie keine seiner plötzlichen Morgenbesuche befürchten musste,
empfand sie als Erholung; trotzdem verspürte sie zuweilen einige Sehnsucht nach
ihm. Sie hatte sich doch im Laufe der letzten Monate an eine Art von Eheleben
gewöhnt, das, wie sie sich nicht verhehlen konnte, in jeder Art günstig auf sie
wirkte. Und an manchen Anzeichen, äusseren und inneren, spürte sie, dass ihr
Dasein, auch ihr Frauendasein, noch lange nicht zu Ende war. Zu ihrer angenehmen
Stimmung trug es auch bei, dass sie sich besser kleiden konnte als jemals vorher,
und sie freute sich darauf, zusammen mit Wohlschein, wie er ihr versprochen,
allerlei noch notwendige Neuanschaffungen zu besorgen.
    Die Osterfeiertage, bald nach Wohlscheins Rückkehr von der zweiten Reise,
verbrachte sie mit ihm in einem behaglichen kleinen Gastof der Wiener Umgebung.
Es waren noch recht kühle Tage, aber die Bäume schlugen schon aus, und die
ersten Sträucher blühten. Und Abende gab es in ihrem gemütlichen Zimmer, wo die
beiden sich ganz als Liebespaar fühlten, so dass es ihr, als sie nach der
Rückkehr viele Stunden allein in ihrer Wohnung verbrachte, manchmal vorkam, als
werde sie sich in einem gemeinsamen Heim als verehelichte Wohlschein sehr gut zu
behagen wissen. Köstlicher als alles aber wirkte eine Karte von Tilda in ihr
nach, die ihr Wohlschein gezeigt hatte: »Mit tausend Ostergrüssen für Dich und
Terese« - ja, so stand es geschrieben, einfach: Terese.
    Zu einem Besuch im Gefängnis hatte sich Terese noch immer nicht
entschliessen können. Ihre Scheu vor diesem Wiedersehen, das doch zugleich ein
Abschied auf immer sein sollte, blieb unüberwindlich. Wohlschein hatte die ganze
letzte Zeit über kein Wort von Franz gesprochen, Terese nahm an, dass er sie
erst verständigen wollte, bis alles erledigt sein würde. Und wirklich teilte er
ihr bald nach ihrem Osterausflug mit, dass er seinen Anwalt zu Franz ins
Gefängnis geschickt, dass dieser sich aber dem Amerikaplan gegenüber vorläufig
unzugänglich erwiesen und erklärt habe, er sei ja nicht zur Deportation
verurteilt; trotzdem war Wohlschein überzeugt, dass sich Franz durch die
verbriefte Zusage eines grösseren Geldbetrages, der ihm erst in Amerika
ausbezahlt werden sollte, - noch umstimmen lassen würde.
 
                                       95
Einige Tage später erwartete Terese Herrn Wohlschein, der sie um zehn Uhr
vormittags mit dem Wagen abholen sollte, um mit ihr, wie schon einige Male
vorher, Einkäufe zu besorgen. Es war ein warmer Frühlingstag, das Fenster stand
offen, und es duftete aus den nahen Wäldern. Wohlschein pflegte pünktlich zu
sein; als er eine halbe Stunde nach der verabredeten Zeit noch immer nicht da
war, wunderte sich Terese. Sie stand wartend am Fenster, im Mantel, eine
weitere halbe Stunde verging, sie wurde unruhig und entschloss sich zu
telephonieren. Es meldete sich niemand. Nach einer Weile rief sie wieder an.
Eine unbekannte Stimme: »Wer ist dort?« - »Ich wollte nur fragen, ob Herr
Wohlschein schon von Hause weggegangen ist.« - »Wer spricht?« fragte die
unbekannte Stimme. - »Terese Fabiani.« - »Oh, Fräulein - leider - leider -«,
jetzt erkannte sie die Stimme, es war die des Buchhalters - »Herr Wohlschein -
ja ... Herr Wohlschein ist plötzlich gestorben.« - »Wie, was?« - »Er ist heute
früh tot im Bette gefunden worden.« - »Um Himmels willen!« - Klingelzeichen -
sie hing das Hörrohr hin und lief die Treppe hinab.
    Sie dachte nicht daran, in die Trambahn zu steigen, sich einen Wagen zu
nehmen; mechanisch, wie in einem dumpfen Traum, nicht eigentlich erschüttert,
zuerst nicht einmal eilig, dann freilich immer geschwinder, nahm sie den Weg in
die Zieglergasse.
    Da war das Haus. Keine Veränderung zu bemerken. Ein Wagen stand vor dem Tor,
wie es häufig der Fall war. Sie eilte die Treppe hinauf, die Tür war
geschlossen. Terese musste klingeln. Das Mädchen öffnete. »Küss' die Hand,
Fräulein.« Es klang wie gewöhnlich. Einen Augenblick dachte Terese, es sei
nicht wahr, sie hätte falsch verstanden oder man habe sich einen
niederträchtigen Spass mit ihr gemacht. Und sie fragte in der merkwürdigen
Empfindung, als könnte ihre Frage noch etwas ändern: »Ist Herr Wohlschein -«
    Aber sie sprach nicht weiter. »Ja, wissen denn Fräulein nicht?« - Nun nickte
sie rasch, machte eine sinnlos abwehrende Bewegung mit der Hand, und ohne weiter
zu fragen, öffnete sie die Türe in den Salon. Um den Tisch sassen der Buchhalter
und zwei Herren, die sie nicht kannte, einer empfahl sich eben. Zwei Damen sassen
in der Nähe des Kamins, die eine war die Schwester des Verstorbenen. Auf sie
trat Terese zu: »Ist es denn wahr?« Die Schwester nickte, reichte ihr die Hand.
Terese schwieg hilflos. Die Türe ins Nebenzimmer stand offen, dortin wandte
sich Terese und fühlte, wie man ihr nachschaute. Das Speisezimmer war leer. Im
nächsten, dem kleinen Rauchzimmer, standen zwei Herren am Fenster und redeten
angelegentlich, aber leise miteinander. Auch die Türe ins nächste Zimmer war
offen. Hier stand Wohlscheins Bett. Die Umrisse eines menschlichen Körpers waren
sichtbar, ein weisses Linnen war über sie gebreitet. Da lag er also, tot und so
allein, wie nur Tote sind. Terese spürte nichts als Scheu und Fremdheit, immer
noch keinen Schmerz. Gern wäre sie niedergekniet, irgend etwas hielt sie davon
ab. Warum liess man sie nur allein? Die Schwester hätte ihr wohl folgen können.
Ob das Testament schon eröffnet war? Dachte sie jetzt daran! Es war freilich
nicht bedeutungslos, das wusste sie auch in diesem Augenblick, aber alles Übrige
war wichtiger. Er war tot, der Bräutigam, der Liebhaber, der gute Mensch, dem
sie so viel verdankte, Tildas Vater. Ah, nun würde wohl auch Tilda kommen
müssen. Hatte man ihr schon telegraphiert? Gewiss. Unter diesem Tuch da sein
Gesicht. Warum brannten noch keine Kerzen? Gestern um diese Zeit noch war sie
mit ihm beim »Herrnhuter« gewesen, und sie hatten Bettwäsche bestellt. Was
raunten sie nebenan? Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbart war wohl der
Anwalt. Wussten die Leute überhaupt, wer sie war? Nun, die Schwester wusste es
jedenfalls. Sie hätte doch wohl etwas herzlicher sein können mit der Geliebten
ihres Bruders. Wenn ich schon seine Frau gewesen wäre, so benähmen sie sich alle
anders, das ist gewiss. Ich will wieder zu seiner Schwester hineingehen, dachte
sie. Wir zwei sind ja die eigentlichen Leidtragenden, wir und Tilda. Ehe sie
das Zimmer verliess, schlug sie ein Kreuz. Hätte sie nicht einen Blick auf das
Antlitz des Toten tun sollen? Aber sie wünschte sich gar nicht, sein Gesicht
noch einmal zu sehen - dieses etwas feiste, glänzende Gesicht; sie hatte eher
Angst davor. Ja, er war etwas fett gewesen, darum wohl - - Aber er war doch noch
nicht einmal fünfzig. Und sie war nun seine Witwe, ohne verheiratet gewesen zu
sein.
    Auf dem Tisch im Salon stand Backwerk, Wein, Gläser. »Wollen Sie nicht etwas
nehmen, Fräulein Fabiani?« fragte die Schwester. - »Danke«, sagte Terese, nahm
nichts, aber setzte sich zu den Damen. Die Schwester stellte vor. Den Namen der
Dame verstand Terese nicht. Und nun kam der ihre: »Fräulein Fabiani, die
langjährige Lehrerin von Tilda.« Die Dame reichte Teresen die Hand. »Das arme
Kind«, bemerkte die Dame. Die Schwester nickte. »Jetzt wird sie wohl das
Telegramm schon haben.« - »Lebt sie in Amsterdam oder im Haag?« fragte die
Fremde. - »In Amsterdam«, erwiderte die Schwester. - »Waren Sie einmal in
Holland?« - »Nein, noch nie. In diesem Sommer wollte ich hin - mit meinem armen
Bruder.« - - Kurzes Schweigen. - »Er war doch nie so eigentlich leidend
gewesen«, meinte die fremde Dame. - »Manchmal ein wenig Herzschmerzen«,
erwiderte die Schwester, und zu Teresen: »Wollen Sie nicht doch etwas nehmen,
Fräulein Fabiani? Einen Schluck Wein?« - Terese trank. Ein Herr kam; ältlich,
in grauem Sommeranzug. Mit ergriffener Miene, runden Traueraugen, die im Zimmer
umherirrten, schritt er auf die Schwester zu, drückte ihr die Hand, zweimal,
dreimal. »Es ist ja furchtbar, so unerwartet.« - Die Schwester seufzte. Nun
drückte er Teresen die Hand und merkte, dass er sie nicht kannte. Die Schwester
stellte vor. Den Namen des Herrn verstand Terese nicht. Dann: »Fräulein
Fabiani, eine langjährige Lehrerin meiner Nichte Tilda.«
    »Das arme Kind«, bemerkte der Herr. Terese empfahl sich, man hielt sie
nicht zurück.
 
                                       96
In seinen letztwilligen Verfügungen hatte Wohlschein ein ganz einfaches
Begräbnis bestimmt. Universalerbin war Tilda. Legate waren ausgesetzt für
wohltätige Zwecke; für seine geschiedene Frau war ausreichend gesorgt, die
langjährigen Angestellten aus der Fabrik waren nicht vergessen, die Dienstboten
gingen nicht leer aus, die Klavierlehrerin, zwei frühere Erzieherinnen Tildas
und Fräulein Terese Fabiani, diese nach einem Kodizill aus dem vergangenen
Sommer, erbten je tausend Gulden. Durch eine besondere Verfügung war dafür
gesorgt, dass die Legatäre sofort nach Eröffnung des Testaments verständigt
werden und ihre Anteile ausbezahlt erhalten sollten.
    Terese war zum Anwalt beschieden, um den für sie bestimmten Betrag
persönlich in Empfang zu nehmen. Der Anwalt, in dem sie einen der Herren
erkannte, die sie am Todestag in der Wohnung des Verstorbenen angetroffen hatte,
schien eingeweiht, und er bemerkte bedauernd zu Fräulein Fabiani, dass Herr
Wohlschein leider allzu früh abberufen worden sei. Er habe, wie der Anwalt nicht
verschwieg, kurz vor seinem Tode die Absicht geäussert, wesentliche Änderungen an
dem Testament vorzunehmen, dies aber nach leidiger Gewohnheit immer
aufgeschoben, bis es zu spät geworden war.
    Terese war kaum enttäuscht. Sie merkte nun erst, dass sie niemals ernstlich
erwartet hatte, Frau Terese Wohlschein zu heissen, dass sie nie geglaubt hatte,
es würde ihr jemals ein ruhiges, sorgenfreies Leben beschieden sein und sie
könnte je die Stiefmutter von Frau Tilda Verkade werden.
    Wie andere Verwandte und Bekannte stand auch sie am nächsten Morgen an
Wohlscheins Grabe, und wie jene andern liess sie eine Erdscholle auf den Sarg
gleiten. Auch Tilda war anwesend; ein Blick wurde zwischen den beiden Frauen
über das Grab hin gewechselt, und in den Augen Tildas schimmerte so viel Wärme
und Verstehen, dass in Terese eine unbestimmte Hoffnung und fast eine Ahnung von
Glück aufstieg. Ganz in Schwarz, am Arme ihres hochgewachsenen Gemahls, ihm so
nah, wie sich Terese Tilda niemals an irgendeines Menschen Seite geschmiegt
hatte vorstellen können - so sah Terese sie nach Abschluss der Zeremonie durch
das Friedhoftor schreiten und verschwinden. Am nächsten Nachmittag hätte Terese
auf Tildas Wunsch sie in der Zieglergasse besuchen sollen, sie fand die Kraft
nicht, hinzugehen. Am nächsten Morgen, als sie vorsprechen wollte, war die
Tochter des Verstorbenen mit ihrem Gatten schon abgereist.
 
                                       97
Und nun war sie allein, so völlig allein, wie sie es noch nie gewesen war. Sie
hatte Wohlschein niemals geliebt. Und doch, an manchem Abend, wie
schmerzlich-qualvoll war es, dass diese Türe sich niemals wieder öffnen, dass die
Klingel draussen niemals sein Kommen wieder anzeigen sollte.
    Und einmal klingelte es doch am späten Abend. Ihr Wissen um das
unwiderruflich Entschwunden sein Wohlscheins war noch nicht so eins mit ihr
geworden, dass sie den Bruchteil einer Sekunde nicht gedacht hätte: - Er! Was
will er denn noch so spät? - Freilich, noch ehe sie sich erhob, wusste sie, dass
es jeder sein konnte, nur nicht er.
    Es war Franz, der vor der Türe stand. War er schon frei? Im schlecht
beleuchteten Stiegenhaus, die Kappe in die Stirn gedrückt, einen
Zigarettenstummel zwischen den Lippen, hager und blass, den Blick zugleich
flatternd und gesenkt, sah er eher bedauernswert als gefährlich aus. Terese
aber fühlte nichts; weder Angst noch Mitleid. Am ehesten noch eine gewisse
Befriedigung, wenn nicht gar eine kleine Freude, dass doch irgend jemand kam und
sie für eine Weile von dem furchtbaren Druck des Alleinseins befreien würde, der
auf ihr lastete. Und milde sagte sie: »Guten Abend, Franz.«
    Er schaute auf, wie verwundert über den milden, fast liebevollen Ton ihrer
Begrüssung. »Guten Abend, Mutter.« - Sie reichte ihm die Hand, behielt sogar die
seine in der ihren, während sie ihn hereinbegleitete. Sie machte Licht. »Setz'
dich.« Er blieb stehen. »Also du bist schon frei?« Sie sagte es ganz ohne
Betonung, wie wenn sie gefragt hätte: Du bist schon von der Reise zurück?
    »Ja«, sagte er. »Seit gestern schon. Wegen braver Aufführung habens' mir
eine Wochen g'schenkt. Was, da schaust, Mutter. Also keine Angst brauchst nicht
haben. Quartier hab' ich auch schon. Aber sonst nichts.« Er lachte kurz.
    Ohne erst zu antworten, deckte Terese den Tisch für ihn, setzte ihm vor,
was sie eben zu Hause hatte, und schenkte ihm Wein ein. Er liess es sich
schmecken. Und da er sogar ein Stück geräucherten Lachs aufgetischt bekam, sagte
er: »Dir geht's ja gut, Mutter.« In seinem Ton lag nun mit einem Male eine
Forderung, beinahe eine Drohung.
    Sie sagte: »Nicht gar so gut, wie du glaubst.«
    Er lachte auf. »Na, ich trag' dir nix fort, Mutter.«
    »Möchtest auch nicht mehr viel finden.«
    »Na, Gott sei Dank, - es wird ja bald wieder nachgeliefert.«
    »Ich wüsst' nicht, woher.«
    Franz blickte sie böse an. »Bin ja nicht wegen Einbruch gesessen. Wenn einer
sein Tascherl liegen lasst, da kann ich ja nix dafür. Mein Verteidiger hat auch
gesagt, man könnte mich höchstens wegen Fundverheimlichung verurteilen.« Sie
wehrte ab. »Ich hab' dich um nichts gefragt, Franz.« Er ass weiter. Dann
plötzlich: »Aber mit Amerika is nix. Ich kann mich hier auch fortbringen.
Übermorgen tret' ich einen Posten an. Jawohl. Man hat, Gott sei Dank, noch
Freunde, die einen nicht im Stich lassen, auch wenn man einmal Malheur gehabt
hat.«
    Terese zuckte die Achseln. »Warum soll ein gesünder junger Mensch keinen
Posten finden? Ich wünschte nur, dass es diesmal von Dauer wäre.«
    »Von mir aus wär' schon mancher von Dauer gewesen. Aber die Leut' glauben,
man muss sich alles gefallen lassen. Und dazu bin ich nicht der Mensch. Von
niemand. Verstehst du, Mutter? Und wenn ich nach Amerika gehen möcht', ging' ich
von selber. Verschicken lass' ich mich nicht. Das kannst deinem - das kannst dem
Herrn sagen.«
    Terese blieb ganz ruhig. »Es war gut gemeint von ihm,« sagte sie - »kannst
mir glauben.«
    »Was war gut gemeint?« fragte er grob.
    »Das mit Amerika. Übrigens kannst du unbesorgt sein, es wird nicht mehr
vorkommen. Der Herr - mein Bräutigam - ist vor drei Wochen gestorben.«
    Er sah sie an, ungläubig zuerst, als mutete er ihr zu, dass sie sich durch
eine Unwahrheit vor neuen Forderungen sicherstellen wollte. Doch auf ihrer
blassen Stirn, in ihren vergrämten Mienen vermochte sogar er zu lesen, dass es
kein Vorwand, keine Lüge war. Er ass weiter, sprach nichts, dann zündete er sich
eine Zigarette an. Und nun erst - und so kalt und gleichgültig es auch klang und
wohl auch gedacht war -, Terese hörte doch das erstemal irgend etwas wie
Mitgefühl aus seinem Ton: »Hast auch kein Glück, Mutter.«
    Dann erklärte er, dass er zu müde sei, um noch sein entlegenes Quartier
aufzusuchen, streckte sich, wie er war, auf den Diwan hin, schlief bald ein und
war am nächsten Tage fort, ehe Terese erwacht war.
    Doch zu Mittag schon, mit einem kleinen, schmutzigen Pappendeckelkoffer, war
er wieder zur Stelle, logierte sich bei der Mutter ein, auf drei Tage, wie er
erklärte, bis er seinen neuen Posten antreten könne, über dessen Natur er weiter
nichts verlauten liess. Terese erreichte immerhin von ihm, dass er sich vom Hause
fernhielt, während sie unterrichtete. Doch sie konnte sich nicht dagegen helfen,
dass ein Freund und eine Freundin - es mochten auch drei oder vier Menschen sein,
von denen sie übrigens keinen zu Gesicht bekam - die halbe Nacht trinkend,
flüsternd, lachend bei ihm verbrachten. Was sie noch an Lebensmitteln daheim
besass, lieferte sie ihm für seine Gastereien aus. Am vierten Morgen wartete er
ihr Erwachen ab, erklärte, dass er ihr nun weiter nicht mehr zur Last fallen
werde, und verlangte Geld. Sie gab ihm, was sie eben zu Hause hatte, den
grösseren Teil ihrer Barschaft hatte sie vorsichtigerweise in die Sparkasse
getan. Es war ihr Glück, denn Franz scheute sich nicht, ehe er ging, Schrank und
Kommode zu durchstöbern. Und nun blieb er viele Wochen lang für sie
verschwunden.
 
                                       98
Die Tage gingen hin, und der Pfingstsonntag kam, an dem die Hochzeit hätte
stattfinden sollen. Sie benützte ihn, um Wohlscheins Grab zu besuchen, auf dem
noch neben verwelkten Totenkränzen ohne Namen und Schleife auch ihr eigener
kleiner Veilchenstrauss lag. Lange stand sie da unter einem klaren, blauen
Sommerhimmel, ohne zu beten, fast ohne zu denken, ja, ohne eigentlich traurig zu
sein. Jenes Wort ihres Sohnes, das einzige, in dem sie gleichsam sein Herz
klingen gehört hatte, tönte in ihr nach: »Hast auch kein Glück, Mutter.« Aber in
der Erinnerung bezog es sich nicht eben, und keineswegs allein, auf den Tod
ihres Bräutigams, sondern vielmehr auf ihr ganzes Dasein. Wahrhaftig, sie war
nicht auf die Welt gekommen, um glücklich zu sein. Und als verehelichte Frau
Wohlschein wäre sie es gewiss so wenig geworden als auf jede andere Weise. Dass
jemand starb, das war am Ende nur eine jener hundert Arten, unter denen einer
verschwindet oder sich davonstiehlt. Es waren so viele tot für sie, Gestorbene
und Lebendige. Der Vater war es, der nun schon so lange moderte, Richard, der
ihr von allen Männern, die sie geliebt, doch der Nächste gewesen; doch auch die
Mutter war es, der sie wenige Tage vor Wohlscheins Hinscheiden von der
bevorstehenden Vermählung Mitteilung gemacht die es aber kaum zur Kenntnis
genommen und immer nur mit grosser Wichtigkeit von ihrem »literarischen Nachlass«
gesprochen, den sie der Stadt Wien zu vererben gedachte; auch der Bruder, der
seit seinem letzten unerwünschten Erscheinen nichts mehr von sich hatte hören
und sehen lassen; auch Alfred, der einst ihr Geliebter und Freund gewesen, auch
ihr verlorener Sohn, der Zuhälter und Dieb; und Tilda, die in Holland hinter
hohen, blanken Fensterscheiben träumte und des Fräuleins längst nicht mehr
dachte; und die vielen Kinder, - Buben und Mädchen, denen sie Lehrerin und
manchmal fast Mutter gewesen; die vielen Männer, denen sie gehört hatte, - sie
waren alle tot. Und fast war es, als wollte sich dieser Herr Wohlschein etwas
darauf zugute tun, dass er so unwiderruflich unter diesem Hügel ruhte, und als
bildete er sich ein, richtiger tot zu sein als die andern alle. Ach nein, sie
hatte keine besonderen Tränen für ihn. Die sie jetzt weinte, die flossen für so
viele andere; - und vor allem weinte sie sie wohl für sich selbst. Und
vielleicht waren es nicht einmal Tränen des Schmerzes, nur Tränen der Müdigkeit.
Denn müde war sie, wie sie es noch niemals gewesen; manchmal überhaupt nichts
mehr als nur müde. Jeden Abend sank sie so schwer ins Bett, dass sie dachte, sie
werde irgend einmal aus lauter Müdigkeit ins Nichts hinüberschlafen.
    Aber so leicht sollte es ihr nicht werden. Sie lebte und sorgte sich weiter.
Zweimal geschah es, dass sie Franz wieder aushelfen musste. Das erstemal kam er
selbst am hellichten Tag mit seinem kleinen Koffer angerückt, während sie eben
Schülerinnen bei sich hatte. Er wollte sich neuerdings bei ihr einmieten. Sie
wies ihn ab, liess ihn nicht einmal zur Türe herein, doch um Schlimmeres zu
vermeiden, blieb ihr nichts übrig, als ihm alles zu geben, was sie noch an
Bargeld im Hause hatte. Das nächstemal erschien nicht er selbst, sondern zwei
seiner Freunde. Sie sahen aus wie eben seinesgleichen, redeten wirres und
hochtrabendes Zeug, behaupteten, des Kameraden Leben und Ehre stünden auf dem
Spiel, und entfernten sich nicht früher, als bis Terese auch diesmal fast alles
hergegeben hatte, was sie besass.
    Nun aber war der Sommer da, die Stunden hatten vollkommen ausgesetzt, die
letzten ersparten Gulden waren aufgezehrt, und sie verkaufte ihre
unbeträchtlichen Schmuckstücke, ein schmales, goldenes Armband und einen Ring
mit einem Halbedelstein, die ihr Wohlschein geschenkt hatte. Der Erlös wäre
immerhin ausreichend gewesen, um ihr bis zum Herbst weiterzuhelfen, und sie war
sogar leichtsinnig oder kühn genug, im August für ein paar Tage aufs Land zu
ziehen, an den gleichen Ort, wo sie die Weihnachtstage mit Wohlschein verbracht
hatte, nur diesmal in einem einfacheren Gastof.
    In diesen Tagen war es, dass sie für eine Weile aus ihrer Müdigkeit, aus
ihrem Dahindämmern erwachte und sich vornahm, in ihr Dasein, soweit es noch
möglich war, Sicherheit und Sinn zu bringen. Vor allem fasste sie den festen
Entschluss, jeden weiteren Erpressungsversuch Franzens rücksichtslos abzuweisen,
ja, wenn nötig, bei der Polizei gegen ihn Schutz zu suchen. Was lag daran? Man
wusste ja doch überall, dass sie einen ungeratenen Sohn hatte, der sogar schon
gesessen war, und niemand auf der Welt würde es ihr verübeln, wenn sie ihn
endlich seinem Schicksal überliess. Und ferner nahm sie sich vor, sich wieder
einmal bei früheren Schülerinnen, die zum Teil schon verheiratet waren, in
Erinnerung zu bringen und Empfehlungen zu erbitten. Sie hatte sich bisher
durchgebracht, es konnte ihr auch weiterhin nicht fehlen. Schon diese wenigen
Tage auf dem Land, die frische Luft, die Ruhe, das Verschontsein von peinlichen
und schmerzlichen Aufregungen - wie günstig wirkte es auf ihre Stimmung ein. Sie
war doch nicht so verbraucht, wie sie in den letzten Monaten gefürchtet hatte;
und dass sie auch als weibliches Wesen immerhin noch zählte, das erkannte sie an
manchem Männerblick, der dem ihren begegnete. Und wenn sie den jungen Touristen
ein wenig ermutigt hätte, der, allabendlich von seiner Bergwanderung
heimkehrend, im Gastzimmer seine Pfeife rauchte und immer wieder seine Augen mit
Wohlgefallen auf ihr verweilen liess, so hätte sie auch wieder ein »Abenteuer«
erleben können. Aber diese Möglichkeit zu wissen, daran liess sie sich völlig
genügen. Es wäre ihr nicht recht würdig, fast wie ein Übermut, ja, wie eine
Herausforderung des Schicksals erschienen, den jungen Menschen durch Künste der
Koketterie an sich heranzulocken, in ihm Hoffnungen zu erwecken, die zu erfüllen
sie ja doch nicht ernstlich gesonnen war.
    Eines Morgens, von ihrem Fenster aus, sah sie einen Wagen davonrollen, in
dem er sass, den Rucksack zu seinen Füssen, und als hätte er geahnt, dass sie ihm
nachschaute, wandte er sich plötzlich nach ihr um, lüftete mit übertriebener
Gebärde den Hut mit dem Gamsbart, und sie winkte ihm einen Gruss zurück. Er aber
zuckte leicht die Achseln, wie bedauernd, als wollte er sagen: »Nun ist es
leider zu spät« - und fuhr davon. Ihr war einen Augenblick schmerzlich zumut.
Fuhr da nicht ein Glück, vielleicht ein letztes Glück davon? Unsinn, sagte sie
sich selbst und schämte sich ein wenig solcher rührseliger Gedanken.
    Am Abend des gleichen Tages - wie übrigens schon vorher bestimmt war -
reiste sie nach Wien zurück.
 
                                       99
Sie hatte, hauptsächlich aus Angst vor Franz, keine Mitteilung zurückgelassen,
wohin sie gefahren war. So fand sie erst jetzt bei der Heimkehr, um beinahe acht
Tage verspätet, einen Partezettel mit der Nachricht vom Tode ihrer Mutter vor;
neben Bruder und Schwägerin stand auch ihr Name unterzeichnet. Sie war mehr
erschrocken als ergriffen. Am nächsten Morgen, zu einer Stunde, da Karl
voraussichtlich nicht zu Hause sein würde, begab sie sich dahin und wurde von
der Schwägerin kühl empfangen. Frau Faber machte ihr einen Vorwurf daraus, dass
sie unauffindbar gewesen, der um so begründeter schien, als die Verstorbene in
ihrer letzten Stunde nach der Tochter dringend verlangt habe. Nun sei man leider
genötigt gewesen, alle Verfügungen ohne die Abwesende zu treffen; das Testament,
in das Terese nach Belieben Einsicht nehmen könne, liege beim Notar, entalte
übrigens fast nur Bestimmungen über den literarischen Nachlass, der in
überraschender Menge vorhanden sei, mit dem aber die Gemeinde Wien als
tatsächliche Erbin nichts anzufangen wisse und der vorläufig noch nicht abgeholt
worden sei. Bargeld sei beinahe keines vorhanden gewesen, hingegen hatten sich
einige Gläubiger, kleine Geschäftsleute aus der Nachbarschaft, gemeldet, und zur
Begleichung der dringendsten Schulden sollten demnächst die geringen
Habseligkeiten der Verstorbenen verkauft werden. Im unwahrscheinlichen Falle
eines Überschusses würde man Terese durch den Notar verständigen lassen.
Terese entging es nicht, dass die Schwägerin den Blick immer wieder nach der
Türe schweifen liess. Sie begriff, dass die Frau dem Erscheinen des Gatten mit
Bangen entgegensah, und bemerkte: »Es ist wohl besser, dass ich jetzt gehe.« Die
Schwägerin atmete auf. »Ich komme zu dir, sobald ich kann,« sagte sie, »aber es
ist wirklich gescheiter, du triffst jetzt nicht mit Karl zusammen, du kennst ihn
ja. Er war nicht einmal beim Begräbnis, in der Besorgnis, dass du vielleicht
dabei sein könntest.« - »Wieso stehe ich dann auf der Parte?« - »Die Parte,
denke dir, die war schon vorbereitet, die hatte die Mutter schon vor ihrem Tod
abgefasst. Ich erzähl' dir das alles nächstens ausführlich.« Und sie drängte sie
beinahe zur Türe hinaus.
    Auf dem Heimweg betrat Terese nach langer Zeit wieder einmal eine Kirche.
Es war ihr, als müsste sie es zum Andenken der Mutter tun, so wenig diese selbst
religiöse Gebräuche jemals gehalten hatte. Und wieder geschah es ihr, wie in
verflossenen Jahren so oft, dass in dem Halbdunkel des hohen, weihrauchduftenden
Raumes eine wunderbare Ruhe über sie kam, eine andere und tiefere, als die Ruhe
war, von der sie sich je in der Stille eines Waldes, auf einer Bergwiese, in
irgendeiner anderen Einsamkeit beglückt gefühlt hatte. Und während sie mit
unwillkürlich gefalteten Händen in einem Kirchenstuhle sass, erschienen ihr im
Dämmer nicht nur die Gestalt der Mutter, wie sie sie zum letztenmal gesehen,
auch andere Verstorbene, die ihr im Leben etwas bedeutet hatten, zeigten sich
ihr, doch wieder nicht als Tote, sondern vielmehr wie Auferstandene, die zur
ewigen Seligkeit eingekehrt waren; auch Wohlschein war unter ihnen, der ihr nun
zum erstenmal nicht als ein plötzlich Dahingeraffter, als ein Verwesender vor
Augen stand, sondern wie einer, der vom Himmel aus lächelnd und verzeihend zu
ihr herunterblickte. Und fern, unrein, verdammt beinahe, erschienen ihr nun die
Lebendigen. Nicht nur Menschen, die ihr Leid gebracht, wie ihr Bruder, ihr Sohn,
wie jener jämmerliche Kasimir Tobisch einer war, und die man sich alle auch
schon bei Lebzeiten als verdammt vorstellen konnte, - auch Menschen, die ihr
niemals Böses getan; selbst ein Wesen wie Tilda war ihr ferner, entrückter, als
ihr die Toten waren, erschien ihr fremd, beklagenswert, ja, wahrhaft verdammt.
 
                                      100
Mit dem Herbst war die Schul- und Lehrzeit wieder da. Nur wenige Schülerinnen
vom vergangenen Jahr meldeten sich wieder, doch es gelang Teresen, was sie
geradezu als Glücksfall empfand, eine Nachmittagsstellung zu finden, und zwar zu
den beiden Töchtern eines vorstädtischen Warenhausbesitzers, die sie zu
unterrichten und auf Spaziergängen zu begleiten hatte. Der Vater, selbst nur
mässig gebildet und in eher bescheidenen Verhältnissen, legte um so mehr Wert
darauf, seinen Kindern ein Fräulein zu halten, als die Mutter gleichfalls im
Geschäfte tätig war. Die beiden Mädchen waren von freundlicher, aber etwas
geistesträger Art, und manchmal, wenn Terese an sonnigen Herbstnachmittagen mit
ihnen in einer nahen, recht armseligen Gartenanlage spazieren ging und mehr aus
Gewohnheit und Pflichtgefühl als aus innerem Bedürfnis mit ihnen vergeblich ein
Gespräch zu führen versuchte, sank jene Müdigkeit über sie nieder, die sie wohl
von früher her schon kannte, die aber nun so schwer, so bedrückend auf ihr
lastete, dass sie manchmal eher einer dumpfen Verzweiflung glich; und die
günstige Nachwirkung des kurzen Landaufentaltes schwand mit bedrohlicher
Raschheit wieder dahin.
    Und als Franz eines Abends plötzlich erschien, nicht so unwirsch und frech
wie sonst, sondern etwas kleinmütig und still, hatte sie nicht die Kraft, ihm,
wie es doch ihr Vorsatz gewesen, das Obdach zu verweigern, um das er sie bat.
Die ersten Tage störte er sie tatsächlich wenig. Er verbrachte die Zeit
auswärts, bekam auch keine Besuche und verhielt sich weiterhin so schweigsam und
bedrückt, dass Terese schon nahe daran war, ihn zu fragen, was ihm eigentlich
fehle. Am dritten Abend erschien er, als sie schon zu Bett gegangen war. Er war
sehr eilig, behauptete, endlich ein Kabinett gefunden zu haben, das er aber
sofort in dieser Nacht noch beziehen müsse, doch sei dazu ein Betrag von zehn
Gulden unbedingt erforderlich, den sie ihm augenblicklich geben solle. Terese
weigerte sich, erklärte, was fast die Wahrheit war, überhaupt nichts mehr zu
besitzen, Franz glaubte ihr nicht - und machte Miene, unverzüglich selbst in der
Wohnung Nachschau zu halten. Da er sich immer drohender benahm, hielt Terese es
für das klügste, den Schrank zu öffnen und vor seinen Augen ein paar Gulden
hervorzukramen, die sie zwischen Wäschestücken aufbewahrt hatte. Er zweifelte,
dass dies alles sei, was sie versteckt hatte. Sie schwor ihm, dass sie ihm nun ihr
Letztes gegeben, und atmetete erleichtert auf, als er von weiteren
Nachforschungen abstand und sich plötzlich mit auffallender Hast entfernte.
    Am nächsten Morgen wurde ihr klar, warum es Franz so eilig gehabt hatte: ein
Kriminalbeamter weckte sie um sechs Uhr früh aus dem Schlaf, fragte nach Franz
und erkundigte sich, ob ihr dessen neues Quartier bekannt sei, machte sie aber
höflich aufmerksam, dass sie das Recht habe, die Auskunft zu verweigern. »Wir
werden ihn auch so bald wieder haben«, bemerkte er freundlich und entfernte sich
mit amtlich bedauerndem Blick.
    Nun glaubte Terese auch den letzten Rest von Gefühl für den Sohn in ihrem
Herzen erloschen, und alles, was sie noch mit ihm verband, war Angst vor seiner
Wiederkehr. Der böse Blick, den er auf sie gerichtet, während sie ihre paar
Gulden aus dem Schrank her vor gesucht, liess sie für ein nächstes Mal
Schlimmeres befürchten. Und sie fasste den Entschluss, ihn niemals wieder, unter
keiner Bedingung, in ihre Wohnung hereinzulassen, auf die Gefahr hin, die
Polizei rufen zu müssen.
    Ernstliche Sorgen schlichen immer näher an sie heran. Niemals bisher hatte
sie einen Menschen geradezu um Hilfe angegangen, und sie verhehlte sich nicht,
dass ein solcher Versuch in ihrer gegenwärtigen Lage nichts anderes zu bedeuten
hätte als eine Art von Bettelei. Und wer war denn da, von dem sie eine Hilfe
erhoffen durfte? Alfred freilich hätte sie ihr nicht verweigert; auch Tilda
würde ihr in der Not sicher beistehen, aber schon der Gedanke, sich brieflich an
einen von diesen beiden zu wenden, trieb ihr die Schamröte ins Gesicht. Die
Lektionen brachten immerhin noch so viel ins Haus, dass sie nicht hungern musste,
Neuanschaffungen erwiesen sich vorläufig nicht als notwendig, ein kärgliches
Dasein war sie gewohnt, so lebte sie denn eingezogen und dürftig, aber doch, da
Franz wieder einmal verschollen blieb, in leidlicher Ruhe weiter.
    Und eines Morgens im Winter erfuhr sie sogar eine wirkliche kleine Freude.
Ein Brief von Tilda kam und duftete köstlich nach dem wohlbekannten Parfüm, das
sie immer schon als junges Mädchen benützt hatte. »Mein liebes Fräulein Terese
Fabiani,« so schrieb sie, »ich denke so oft an Sie, fast so oft, als ich an den
armen Papa denke. Wollen Sie nicht so gut sein, liebstes Fräulein, und das
nächstemal, wenn Sie auf den Friedhof gehen, auch für mich ein paar Blumen auf
sein Grab legen. Und besonders lieb wäre es von Ihnen, wenn Sie mir doch wieder
einmal schrieben, wie es Ihnen geht. Existiert der Kurs noch? Wie geht's der
kleinen Grete? Kann sie noch immer nicht ortographisch richtig schreiben? Bei
uns ist es recht neblig in diesen Wintertagen, das macht die Nähe des Meeres.
Schnee gibt es fast gar keinen. Mein Mann empfiehlt sich Ihnen bestens. Er ist
ziemlich oft auf Reisen, da sind die Abende manchmal recht einsam und lang, aber
Sie wissen ja, dass ich gar nicht so ungern für mich allein bin, und so fällt es
mir gar nicht ein, mich zu beklagen. Ich grüsse Sie herzlich, liebes Fräulein
Terese. Hoffentlich sieht man sich einmal wieder. Ihre dankbare Tilda.
    P.S. Ein Betrag für die Blumen liegt bei.«
    Lange starrte Terese auf den Brief. »Hoffentlich sieht man sich einmal
wieder.« Nun, besonders verheissungsvoll klang das im Grunde nicht. Ob der Brief
nicht eigentlich nur wegen der Blumen für Vaters Grab geschrieben war? Was
übrigens den »Betrag« anbelangte, so lag er nicht bei. Entweder hatte Tilda
vergessen, ihn beizuschliessen, oder man hatte ihn herausgestohlen. Nun, es
mussten ja nur ein paar Astern sein, das konnte man zur Not noch aus Eigenem
bestreiten. »Wenn Sie das nächstemal auf den Friedhof gehen.« Seit dem
Pfingstsonntag war Terese nicht mehr draussen gewesen. An einem der
Weihnachtsfeiertage wollte sie es nachholen. Denn darum eine Stunde versäumen
und überdies noch Blumen kaufen, das ging doch über ihre Verhältnisse. Und den
Brief wollte sie erst nachher beantworten. Frau Tilda Verkade hatte sie auch
lange genug warten lassen.
 
                                      101
Wenige Abende darauf zu später Stunde tönte die Klingel. Terese blieb das Herz
stehen. Ganz leise schlich sie zur Türe hin und sah durchs Guckloch. Es war
nicht ihr Sohn. Eine noch junge Frauensperson stand vor der Türe, die Terese
nicht gleich erkannte. »Wer ist da?« fragte sie zögernd. Eine helle, aber etwas
heisere Stimme antwortete: »Eine gute, alte Bekannte. Machen S' nur auf, Fräul'n
Terese. Die Agnes bin ich, die Agnes Leutner.«
    Agnes? Was wollte die? Was mochte die ihr bringen? Wohl irgendeine Nachricht
von Franz. Und sie öffnete.
    Ganz beschneit trat Agnes ein und schüttelte im Vorraum die Flocken von sich
ab. »Guten Abend, Fräulein Teres'.« - »Wollen Sie nicht weiter spazieren?« -
»Aber sagen S' mir doch Du, Fräul'n Terese, wie früher.«
    Sie folgte Teresen ins Zimmer, ihr irrender Blick fiel vor allem auf den
Tisch mit den blau eingeschlagenen Heften und Büchern. Terese betrachtete sie.
Oh, man konnte keinen Augenblick in Zweifel sein, was für eine Art von
Frauenzimmer man da vor sich hatte. Das Gesicht geschminkt, geradezu
angestrichen, unter dem violetten Filzhut mit der billigen Straussenfeder, die
blond gefärbten, gebrannten Locken in die Stirn fallend, grosse falsche
Brillanten im Ohr, eine imitierte, ausgefranste Astrachanjacke mit gleichem Muff
- so stand sie da, frech und befangen zugleich.
    »Nehmen Sie Platz, Fräulein Agnes.« Agnes hatte den musternden,
aburteilenden Blick Teresens wohl bemerkt, und in etwas höhnischem Ton, sich
entschuldigend, sagte sie: »Also, ich hätte mir natürlich nicht erlaubt - wenn
ich nicht mit einer Post zu Ihnen käme.«
    »Vom - Franz?«
    »Bin so frei.« Und sie setzte sich. »Nämlich, er liegt im Inquisitenspital.«
    »Um Gottes Willen«, rief Terese, und sie wusste plötzlich, dass es ihr Sohn
war, der im Spital lag, vielleicht krank auf den Tod.
    Agnes beruhigte sie. »Na, es is nicht g'fährlich, Fräul'n Terese, er wird
schon wieder g'sund werden, noch vor der Verhandlung. Er is nämlich noch in
Untersuchung. Übrigens werden s' ihm diesmal nix nachweisen können, grad bei der
G'schicht war er nicht dabei. Die Polizei erwischt ja meistens die Unrichtigen.«
    »Was fehlt ihm?«
    »Aber nix Besonders, eine Kleinigkeit.« Sie trällerte: »Das ist die Liebe ja
ganz allein ...«, und mit einem frechen Lachen. »Na, es dauert halt eine Weil'.
Und später muss man noch achtgeben. Schon wegen der andern. Als wenn die andern
achtgeben täten! Na, ich bin auch wieder g'sund worden. Und mich hat's
ordentlich g'habt! Sechs Wochen bin ich im Spital gelegen.«
    Terese wurde abwechselnd blass und rot. Diesem Frauenzimmer gegenüber
erschien sie sich wie ein junges Mädchen. Sie hatte nur den einen Wunsch, die
Person möglichst bald wieder draussen zu haben. Und weit von ihr abrückend,
fragte sie: »Was haben Sie mir von Franz zu bestellen?«
    Agnes, sichtlich gereizt, in einem äffenden Hochdeutsch: »Was ich von ihm zu
bestellen habe?! Wird wohl nicht so schwer zu erraten sein. Oder meinen S'
vielleicht, Fräul'n Teres', sie geben denen Inkulpaten genug zu essen im
Spital? Da muss einer bereits tuberkulös sein oder so was, dass sie ihm was
Ordentliches geben. A Geld brauch' er halt zur Aufbesserung der Kost. Das muss
doch eine Mutter einsehn.«
    »Warum hat er mir nicht geschrieben? Wenn er krank ist ... Ich hätt's mir
schon irgendwie verschafft.«
    »Er wird schon wissen, warum er nicht geschrieben hat.«
    »Ich hab' ihm immer noch ausgeholfen, wenn ich nur selber ...« Sie hielt
inne. War es nicht beschämend, dass sie sich vor dieser Person gewissermassen zu
rechtfertigen suchte?
    »Na, nix für ungut, ich kann mir ja denken, dass Sie's auch nicht grad sehr
dick haben, Fräul'n Terese. Es geht einem halt bald besser, bald schlechter.
Aber Sie schau'n ja noch ganz gut aus. Es kommt schon wieder einmal wer, der was
auslasst.«
    Wieder stieg Teresen das Blut in die Stirn. Diese Frauensperson - sprach
sie zu ihr nicht gerade so, als wäre sie ihresgleichen? Oh, wie musste Franz über
sie zu Agnes und zu andern Leuten auch geredet haben, der Sohn über die Mutter!
Wie musste er sie sehen! Sie suchte nach einer Erwiderung und fand keine.
Endlich, hilflos, stockend beinahe, sagte sie: »Ich - - ich gebe Stunden.«
    »Aber freilich«, erwiderte Agnes. Und mit einem verächtlichen Blick auf die
Bücher und Hefte: »Man sieht's ja. Das ist halt ein Glück, wenn man eine Bildung
genossen hat. Ich möcht' mir auch lieber meine Herren immer aussuchen können.«
    Terese erhob sich. »Gehen Sie. Ich werde dem Franz selber bringen, was er
braucht.«
    Auch Agnes stand auf, langsam, wie schmollend. Aber sie schien nun selbst zu
spüren, dass sie einen unrichtigen Ton angeschlagen, vielleicht auch lag ihr
daran, nicht mit leeren Händen zu Franz zurückzukehren. Und so sagte sie: »No
ja, wenn S' einmal selber zu ihm ins Spital wollen - aber darauf hat er
wahrscheinlich nicht gerechnet. Und Sie haben doch auch selber gar nicht dran
gedacht.«
    »Ich hab' nicht gewusst, dass er im Spital liegt.«
    »Ich ja auch nicht. Es war der reine Zufall. Ich hab' einen alten Freund von
mir dort besucht, hab' ihm was zu essen mitgebracht. Ja, unsereiner muss sich
auch allerlei absparen und verdient sich's schwerer, das können S' mir glauben,
Fräulein Teres', als mit Stundengeben. Na, und Sie können sich denken, Fräul'n
Teres', es war eine Überraschung, wie ich da den Franz liegen seh', vis-à-vis
von meinem Freund. Und er hat sich auch g'freut. Alte Liebe rostet nicht. Na,
und wie dann ein Wort das andre gegeben hat, hab' ich ihn gefragt, ob er nicht
was braucht von draussen, und da hat er gesagt: Wenn du vielleicht zu meiner
Mutter hinschauen möcht'st und sie mir vielleicht ein paar Gulden schicken tat
zur Aufbesserung meiner Kost. Warum nicht, hab' ich ihm g'sagt, deine Mutter
wird sich doch auch noch an mich erinnern. Und es is ihr vielleicht lieber, sie
gibt mir was mit, als dass sie da herkommt ins Inquisitenspital. Das ist ja
schenant für Leute, die's nicht gewohnt sind.«
    Terese hatte zufällig noch ein paar Gulden in ihrer Geldbörse.
    »Da, nehmen Sie. Leider hab' ich nicht mehr.« Sie merkte, dass Agnes einen
Blick zum Schrank hinwarf, auch darüber also war sie durch Franz unterrichtet. -
Und mit zuckenden Mundwinkeln fügte sie hinzu: »Da drin hab' ich auch nichts
mehr, vielleicht, dass ich zu Weihnachten - aber da komm' ich schon selber.«
    »Zu Weihnachten, da is er vielleicht schon heraussen. Ich sag' Ihnen ja,
Fräulein Terese, sie werden ihm diesmal nichts beweisen können. Also, ich dank'
vielmals in seinem Namen. Und - wir sind ja wieder gut, nicht wahr? Hätten S'
nicht vielleicht ein paar Zigaretten für ihn?«
    Ich hab' keine, wollte sie sagen, aber da fiel ihr ein, dass noch eine
angebrochene Schachtel da war von Wohlscheins Zeiten her. Sie verschwand im
Nebenraum für ein paar Sekunden und brachte Agnes eine Handvoll Zigaretten mit.
    »Das wird den Franz besonders freuen«, sagte Agnes und schob sie in den
Muff. »Und eine darf ich selber rauchen, was?« - Terese erwiderte nichts, aber
sie reichte ihr die Hand zum Abschied. Sie spürte plötzlich keinen Groll mehr
gegen sie und auch keine Überheblichkeit, Es war ja wirklich kein so ungeheurer
Unterschied zwischen Agnes und ihr. Hatte sie sich Herrn Wohlschein am Ende
nicht auch verkauft?
    »Grüssen Sie ihn von mir, Agnes«, sagte sie milde.
    Im Stiegenhaus war es schon dunkel, Terese begleitete Agnes hinab; diese,
ehe der Hausbesorger aufzuschliessen kam, stellte den Kragen ihrer Astrachanjacke
hoch, und Terese fühlte, dass es aus Rücksicht für sie geschah.
    Lange noch an diesem Abend sass sie wach. Dies hatte sie nun auch erlebt. War
es am Ende etwas so Merkwürdiges? Sie hatte nun einmal einen Sohn, der ein
Nichtsnutz war, sich mit Strolchen und Dirnen herumtrieb, öfters von der Polizei
gesucht, manchmal auch gefunden wurde und der nun mit einem unsauberen Leiden im
Inquisitenspital lag. Sie hätte sich wohl endlich darein finden können - und
doch, er war ihr Sohn. Immer wieder, sie mochte sich dagegen wehren, wie sie
wollte, - in ihrem eigenen Herzen schwang Mitleid, schwang Mitschuld mit, wenn
er Übles litt und Übles tat. Mitschuld, ja, das war es. Seltsam freilich, dass
sie in solchen Augenblicken immer nur ihrer Schuld dachte, als wäre nur sie, die
ihn geboren, mitverantwortlich für alles, was er tat, und als hätte der Mann,
der ihn gezeugt und sich dann ins Dunkel seines Daseins davongeschlichen,
überhaupt nichts mit ihm zu tun. Nun ja, für Kasimir Tobisch war die Umarmung,
in der das Kind zum irdischen Sein erweckt worden war, unter vielen eine - nicht
beglückender und nicht folgenschwerer als jene andern. Er wusste ja nicht, dass
der Mensch, den er in die Welt gesetzt, ein Lump war, wusste ja überhaupt nicht,
dass er ein Kind hatte. Und hätte er es zufällig erfahren, was wäre ihm daran
gelegen - was hätte er davon verstanden? Was hatte der verlorene Junge, der nun
im Inquisitenspital lag, mit ihm, dem alternden Mann, zu tun, der nach dunklen,
törichten, schwindelhaften zwanzig Jahren draussen in einem Tingeltangel die
Bassgeige spielte und dem Klavierspieler das Bier wegtrank? Wie sollte er
Zusammenhang und Schicksal spüren, da es doch sogar ihr Mühe verursachte, sich
als Wirklichkeit vorzustellen, dass aus einem flüchtigen Moment der Lust ein
Mensch hervorgegangen war, der ihr Sohn war. Jene Gemeinsamkeit eines längst
vergangenen Augenblicks und diese Gemeinsamkeit von heute - wie war es möglich,
sie überhaupt mit dem gleichen Wort zu benennen? Und doch, was ihr durch Jahre
hindurch völlig gleichgültig gewesen, nun nahm es plötzlich eine ungeahnte
Bedeutung und Wichtigkeit an; als müsse von dem Augenblick an, da auch Kasimir
von der Existenz seines Sohnes wüsste, ihr eigenes Leben eine neue Form, einen
neuen Inhalt, einen neuen Sinn erhalten. Es war ihr zumute wie einer, die am
Bette eines Schlafenden stünde, ungewiss, ob sie ihm nur leise zum Abschied über
die Stirne streichen sollte, ohne seinen Schlaf zu stören, oder ihn aufrütteln
zu Wachsein und Verantwortung. Und es war ihr bewusst, dass Kasimir Tobisch in
Wahrheit ein Träumender war, der gerade vom Wesentlichsten seiner eigenen
Existenz nichts wusste. Weiber hatte es gewiss noch manche in seinem Dasein
gegeben. Er hatte vielleicht auch noch andere Kinder, wusste wohl auch von dem
einen oder dem andern, denn nicht immer mochte es ihm geglückt sein, sich so
rechtzeitig davonzustehlen; - aber dass eine plötzlich vor ihm stand, die er
vergessen, bis auf Gesicht und Blick, vor ihm stand, zwanzig Jahre nachdem er
sie verlassen, und ihm sagte: Kasimir, es ist ein Kind da von dir und mir - das
wäre gewiss etwas, was ihm noch niemals begegnet war. Und bildhaft beinahe sah
sie es vor sich, wie sie ihn aus dem Schlaf weckte, seine Hand fasste, durch
zahllose Strassen geleitete, die zugleich die verwirrten Wege seines Lebens
vorstellten, wie sei mit ihm an ein Tor klopfte, das Tor des Inquisitenspitals,
und ihn weiterführte ans Bett eines kranken Jungen, der sein Sohn war; wie er
die Augen auftat, staunend und weit, gleichsam zu verstehen begann, am Bett
seines unglücklichen Sohnes hinsank, sich nach ihr zurückwandte, ihre Hand
ergriff und flüsterte: Verzeih mir, Terese.
 
                                      102
Am ersten Weihnachtsfeiertage fuhr sie auf den Friedhof. Es war ein trügerisches
Frühlingswetter. Ein lauer Wind wehte über die Gräber, und die Erde war
durchweicht von geschmolzenem Schnee. Sie hatte Astern mitgebracht, weisse für
Tilda, violette für sich selbst. Sie fand das Grab Wohlscheins nicht so leicht
wieder, als sie geglaubt hatte. Noch war der Grabstein nicht gesetzt, und nur
eine Nummer verriet ihr, wo der Vater Tildas begraben lag. Tildas Vater, -
daran dachte sie früher, als dass es ihr Geliebter war, der hier den ewigen
Schlummer schlief. Nun wären wir fast dreiviertel Jahre verheiratet, fiel ihr
ein. Ich sässe heute in einem wohlgeheizten, hübsch eingerichteten Raum und sähe
wie Tilda durch ein blankes Fenster auf die Strasse hinaus und hätte keine
Sorgen. Doch sie empfand kaum ein Bedauern, dass es nicht so gekommen war, und
ohne jede Zärtlichkeit gedachte sie des Toten. Bin ich so undankbar? fragte sie
sich, so gefühlskalt, so ausgelöscht? Ungerufen stiegen in ihrem Gedächtnis
Gestalten anderer Männer auf, denen sie gehört hatte, und sie wusste heute, dass
es immer nur solche Erinnerungen an andere gewesen waren, die auch ihren
Liebesstunden mit Wohlschein flüchtige Lust geliehen hatten.
    Und mit einemmal - doch ihr schien, als wäre sie sich auch zu seinen
Lebzeiten solcher Einsicht oft bewusst geworden - fragte sie sich, ob ihr
Geliebter diese immer sich wiederholende, hinterhältige Untreue nicht im
Innersten geahnt und in einem Augenblick, da ihm seine traurige Rolle beschämend
zu Bewusstsein gekommen, an dieser Erkenntnis zerbrochen und, wie man es eben
ausdrückte, an Herzschlag gestorben war? Oh, es gab solche Zusammenhänge, das
fühlte sie. Geheimnisvolle, tief verborgene Schuld gab es, die zuweilen nur
flackernd in der Seele aufleuchtet und gleich wieder verlischt - und ihr war,
als wenn die Mitschuld an Wohlscheins Ende nicht die einzige wäre, die wie eine
unsichere, bleiche Flamme auf dem tiefsten Grund ihrer Seele schwelte. Das
Wissen von einer schwereren, dunkleren Schuld schlummerte in ihr; und nach
langer, langer Zeit dachte sie wieder einmal einer fernen Nacht, da sie ihren
Sohn geboren und umgebracht hatte. Dieser Tote aber gespensterte immer noch in
der Welt herum. Nun lag er in einem Bett des Inquisitenspitals und wartete, dass
seine Mutter, seine Mörderin käme, ihre Schuld zu bekennen.
    Die violetten und die weissen Astern sanken ihr aus der Hand, und mit weit
aufgerissenen Augen, wie eine Wahnsinnige, starrte sie ins Leere.
    Und doch war es dieselbe, die am Abend dieses gleichen Tages im
Familienkreise des Warenhausbesitzers an einem wohlgedeckten Tische sass und mit
Mann und Frau sowie einem gleichfalls zu Gast geladenen kleinbürgerlichen
Ehepaar über mancherlei Dinge des Alltags, über das Schneewetter, über
Marktpreise, über den Unterricht an Bürger- und Volksschulen sprach und ihrer
Toten kaum gedachte.
 
                                      103
In den nächsten Tagen erwog sie, ob sie an Kasimir Tobisch schreiben sollte. Er
hiess vielleicht nicht einmal so. Keineswegs war es sicher, ob er sich so oder
anders nannte. Ferner war es möglich, dass er von dem Brief überhaupt keine Notiz
nehmen würde, um so weniger vielleicht, je mehr er vermutete, wer ihn
abgeschickt. So schien es ihr am Ende das klügste, ihn nach der Vorstellung
abzupassen. Sie konnte ja auch tun, als begegne sie ihm zufällig.
    Und eines Abends um elf Uhr strahlte ihr das erleuchtete Schild des
»Universum« entgegen. Unter der Einfahrt stand ein riesiger Portier in einer
abgetragenen grünen Livree mit goldenen Knöpfen, einen langen Stock mit
silberner Tresse in der Faust. Die Vorstellung war noch nicht aus. Terese
suchte nach der Türe, durch die Kasimir Tobisch das Lokal verlassen müsste. Sie
war leicht gefunden: um die Ecke, die Strasse weiter, um die nächste Ecke, in
eine andere kaum beleuchtete Strasse, da stand über einer halb verglasten Tür zu
lesen: »Eingang für Mitwirkende«. Eben kam eine Frauensperson heraus, ein
mageres, ordinär aussehendes Geschöpf in einem armseligen, viel zu dünnen
Regenmantel, und verschwand um die Ecke. Nun, ihr eigener Mantel war dem
Schneewetter auch wenig angepasst. Sie trug den eleganten Frühjahrsmantel, den
ihr Tilda geschenkt, darunter freilich eine dicke Wolljacke. Oh, sie war
immerhin besser ausgerüstet als manche andere Frauen in ihren Verhältnissen. Nur
die Füsse wurden ihr kühl und feucht; sie hätte doch lieber die festen Schuhe
nehmen sollen, die sie zuletzt auf dem Lande in Wohlscheins Gesellschaft
getragen. Trotz steten Hin- und Hergehens fror sie geradezu. Es wäre vielleicht
klüger gewesen, sich einen billigen Platz zu kaufen und im Zuschauerraum das
Ende der Vorstellung abzuwarten. Und weiter lief sie, hin und her, in den
verschneiten Strassen rings um das Gebäude, so dass sie bald den Eingang, bald die
Bühnentür im Auge hatte. Es kam ein Moment, in dem ihr dieses Warten
unvernünftig, ja, unsinnig vorkam. Was wollte sie eigentlich, wen erwartete sie
denn? Einen alten Musikanten, der da drin Cello spielte, oder einen jungen Mann
mit Schlapphut, dessen Schnurrbart nach Reseda duftete? Der ging sie doch
eigentlich gar nichts an, und doch war ihr immer, als müsste aus der Glastür dort
so ein junger Mensch mit einem Havelock treten, den weichen Hut in der Hand. Und
sie selber kam sich für eine Weile wie das hübsche Fräulein vor, das am Sonntag
Ausgang hatte und sich auf das Zusammensein mit ihrem Liebhaber freute. Aber
freilich damals war Frühling gewesen. Was machte sie nun eigentlich da? Es war
nicht Frühling, und sie war auch nicht das junge, hübsche Fräulein mehr. War sie
nicht eigentlich das Fräulein Steinbauer, die ihr damals so leid getan hatte,
weil sie keinen Liebhaber hatte? Sie war es nicht, und er war es nicht - was
wollten sie denn voneinander? Nein, wirklich, in ihrem ganzen Leben hatte sie
nichts so völlig Unsinniges unternommen wie diesen Weg hier heraus. War es nicht
besser, die Sache aufzugeben und vielleicht ein andermal wiederzukommen, in
richtigerer Stimmung? Schon entfernte sie sich allmählich von dem Gebäude, doch
als nun der beleuchtete Umkreis ihr entschwand, tat es ihr leid, sie machte
kehrt und merkte, dass eben die Vorstellung zu Ende gegangen war. Der Portier
stand in Positur mit emporgestrecktem Stock, an dem die Silbertresse baumelte;
die Leute strömten aus dem Tor ins Freie, Wagen fuhren vor. Terese überquerte
rasch die Strasse, lief zum Bühneneingang, stellte sich auf der entgegengesetzten
Seite hin, um die Glastüre im Auge zu behalten; und der erste, der heraustrat,
war er; - hager, im Havelock, den Schlapphut in der Hand, eine Zigarette
zwischen den Lippen, und er sah kaum anders aus als vor zwanzig Jahren. Es war
wie ein Wunder, wahrhaftig. Er blickte sich nach allen Seiten um, dann schaute
er in die Höhe, schüttelte den Kopf, als wundere er sich über den Schneefall und
missbillige ihn. Er setzte den Hut auf, dann, plötzlich, als wüsste er, dass drüben
ihn jemand erwartete, eilte er mit langen Schritten über die Strasse, geradeswegs
auf Teresen zu, streifte sie mit einem ganz flüchtigen Blick und war auch schon
vorüber. »Kasimir«, rief sie. Er wandte sich gar nicht um und ging rasch weiter.
»Kasimir Tobisch!« rief sie nun. Er blieb stehen, wandte den Blick, wandte sich
selbst, ging auf Terese zu, sah ihr ins Gesicht. Sie lächelte, obzwar er nun
ganz anders aussah, älter noch, als er war, mit vielen Falten auf der Stirn und
noch tieferen um die Mundwinkel. Jetzt erkannte er sie. »Was sehen meine Augen!«
rief er aus. »Das ist ja - das ist ja - Ihre Hoheit, die Prinzessin!« Ihr
Lächeln blieb. Dies war's, was ihm vor allem einfiel, nach zwanzig Jahren, dass
er sich zuerst angestellt, als ob er sie für eine Erzherzogin oder Prinzessin
hielte! Nun, jedenfalls hatte sie sich weniger verändert, als sie gefürchtet.
Sie nickte wie bestätigend, ihr Lächeln wurde leerer, und sie sagte: »Ja, ich
bin Terese.«
    »Das ist aber wirklich eine Überraschung«, sagte er und reichte ihr die
Hand. Sie hätte ihn allein an dem harten, hageren Griff seiner Finger erkannt.
»Ja, wie kommst denn du daher?«
    »Ich war zufällig in der Vorstellung und hab' dich gesehen.« Sie hielt inne.
    »Und mich wiedererkannt?« - »Selbstverständlich. Du hast dich ja kaum
verändert.« - »Du eigentlich auch nicht besonders.« Er fasste sie beim Kinn und
starrte ihr ins Gesicht mit glasigen Augen. Sein Atem roch nach saurem Bier.
»Also, das ist wirklich die Terese. Nein, dass wir zwei uns wieder einmal
begegnen. Wie ist es dir denn immer ergangen, Terese?«
    Sie fühlte immer noch das Lächeln auf ihren Lippen; sie konnte es gar nicht
wegbringen, obwohl es kaum etwas zu bedeuten hatte. »Das ist nicht so einfach zu
erzählen, wie es mir ergangen ist.«
    »Freilich, freilich«, bestätigte er. »Es ist ja schon eine halbe Ewigkeit,
dass wir uns nicht gesehen haben.«
    Sie nickte. »Zwanzig Jahre bald.«
    »Ja, da kann viel passieren, in zwanzig Jahren. Du bist jedenfalls
verheiratet, - hast Kinder?«
    »Eins.«
    »So, so, ich hab' vier.«
    »Vier?«
    »Ja, zwei Buben und zwei Mädeln. Aber wollen wir nicht weitergehen? Es wird
einem im Stehen so kalt.«
    Sie nickte. Plötzlich fühlte sie wieder, dass sie in den Füssen fror.
    »Wo wartet denn deine Begleitung?« fragte er dann, plötzlich wieder
innehaltend. - Sie sah ihn verständnislos an. - »Du bist doch nicht allein in
dem Lokal dadrin gewesen? Mit dem Herrn Gemahl wahrscheinlich?«
    »Nein. Mein Herr Gemahl ist leider tot. Schon lang. Ich war mit Bekannten,
sie haben aber schon früher fortgehen müssen.«
    »Das sind nicht sehr höfliche Bekannte. Also kann ich dich vielleicht zu der
nächsten Tramwayhaltestelle begleiten?«
    Sie gingen die Strasse hinab, Terese Fabiani und Kasimir Tobisch, wie sie
vor zwanzig Jahren manche Strasse hinauf und hinab gegangen waren, und hatten
einander nicht sehr viel zu erzählen. »Das ist aber wirklich eine Überraschung«,
begann Kasimir von neuem. »Also verheiratet, vielmehr verwitwet bist du?« Und
sie sah, wie er von der Seite ihren Frühjahrsmantel einigermassen prüfend
betrachtete. Und sein Blick trübte sich ein wenig, als er an ihr
herunterstreifte und an ihren Schuhen haften blieb. Und rasch sagte sie: »Ich
habe gar nicht gewusst, dass du auch Cello spielen kannst.«
    »Aber geh.«
    »Damals warst du doch Maler?«
    »Maler und Musikus. Ich bin auch noch immer Maler, das heisst, jetzt mehr
Anstreicher, um die Wahrheit zu sagen. Man braucht ja einen Nebenverdienst.«
    »Das kann ich mir denken - mit vier Kindern muss es nicht leicht sein.«
    »Zwei davon sind schon erwachsen. Der Älteste ist Gehilfe bei einem
Zahntechniker.« - »Wie alt ist er denn?« - »Zweiundzwanzig wird er den Monat.« -
»Wie?«
    Nun standen sie an der Tramwayhaltestelle.
    »Zweiundzwanzig -? Da warst du ja schon verheiratet, wie wir uns
kennengelernt haben.« Sie lachte hell auf.
    »O je«, meinte er und lachte mit. »Mir scheint gar, jetzt hab' ich mich
verplauscht.«
    »Macht nichts«, sagte sie. Und tatsächlich hatte seine Mitteilung sie kaum
bewegt. Sie dachte einfach: Also damals schon hat er eine Frau gehabt und ein
Kind. Darum wohl die Flucht und der falsche Name. Denn das war ihr nun ganz
klar, Kasimir Tobisch hatte er nie wirklich geheissen. Wie hiess er denn nur,
dieser Mann? Wer war er denn eigentlich, dieser Mann, neben dem sie da
einherging und von dem sie einen Sohn hatte, der im Inquisitenspital lag und mit
dem sie ihn hatte bekanntmachen wollen. Sie hätte ihn ja jetzt um seinen wahren
Namen fragen können, und er hätte ihr vielleicht sogar die Wahrheit geantwortet,
aber es war ihr über alle Massen gleichgültig, wie er hiess, ob er Maler war oder
Cellospieler oder Anstreicher, ob er vier Kinder hatte oder zehn. Ein dummer,
armer Teufel war er jedenfalls und wusste es nicht einmal. Da war sie
gewissermassen noch besser dran.
    »Da kommt grad eine Tram«, sagte er und atmete sichtlich auf.
    »Ja, da kommt eine«, wiederholte sie heiter. Aber nun tat es ihr mit einem
Male leid, dass dieses Wiedersehen vorüber war und dass Kasimir Tobisch, wie er
auch hiesse, für sie wieder verschwinden sollte unter andern Namenlosen - für
immer. Die Tramway hielt, aber sie stieg nicht ein, obwohl sein Blick sie
freundlich dazu einlud. Und sie sprach: »Ich hätte dich eigentlich gern ein
bisschen länger gesprochen. Willst du mich nicht einmal besuchen?«
    Er sah sie an. Oh, er nahm sich keineswegs Mühe, sich zu verstellen; ganz
deutlich las sie in seinem Blick: Besuchen? wozu denn? Als Weib kommst du doch
nicht mehr in Betracht für mich, und auf deinen Frühjahrsmantel fall' ich dir
nicht hinein. Aber er schien doch die leise Angst in ihren Augen zu merken, und
höflich erwiderte er: »Aber gern. Ich werde so frei sein.« - Sie gab ihm ihre
Adresse. »An meinen Namen erinnerst du dich wohl noch?« setzte sie hinzu,
lächelte ein wenig traurig und flüsterte: »Ich heisse Terese.« - »Freilich«,
sagte er, »ich weiss doch. Aber - mit dem Zunamen?« - »Den hast du vergessen?« -
»Was fällt dir denn ein, aber - entschuldige, jetzt heisst du doch jedenfalls
anders.« - »Nein, ich heisse noch immer Terese Fabiani.« - »Du warst also nicht
verheiratet?« - Sie schüttelte nur den Kopf. - »Aber hast du denn nicht gesagt,
dass du ein Kind hast?« - »Ja, ein Kind habe ich.« - »So, so, da schau her.«
    Wieder rollte eine Tramway heran. Terese sah Kasimir Tobisch voll ins
Gesicht. Jetzt wäre es wohl an ihm gewesen, weiter zu fragen, jetzt hätte er
fragen dürfen, fragen müssen; und in seinem Auge schimmerte sogar etwas wie eine
Frage, vielleicht sogar wie eine Ahnung. Ja, gewiss war es eine Ahnung, die in
seinem Auge schimmerte, und gerade darum fragte er lieber nicht.
    Die Tramway hielt, und Terese stieg ein. Von der Plattform aus sagte sie
ihm noch rasch: »Du kannst mir auch telephonieren.« - »So, ein Telephon hast du
gar? Dir geht's aber gut. Ich muss immer zum Milchmeier gehen, wenn ich
telephonieren will. Also, auf Wiedersehen.«
    Die Tramway rollte davon. Kasimir Tobisch blieb eine Weile stehen, winkte
Teresen nach. Ihr Lächeln schwand plötzlich. Grusslos, ernst und fern liess sie
von der rückwärtigen Plattform aus ihren Blick auf ihm ruhen, sah noch, wie er
sich wandte und den Weg zurück nahm. Sanft und dicht fiel der Schnee, die
Strassen waren fast menschenleer. Und der Mann, der so lange Kasimir Tobisch
geheissen, der Vater ihres Kindes, entschwand ihr, ein Namenloser unter anderen
Namenlosen, und entschwand für immer. -
 
                                      104
Der kleine Betrag, den Terese nach dem Besuch der Agnes Leutner an Franz
geschickt hatte, kam an sie zurück. Der Adressat war aus dem Inquisitenspital
entlassen worden und für die Post unauffindbar. So hatte man ihn also wirklich
freigelassen? Es war Teresen nicht sehr behaglich, das zu denken. Und nicht zum
erstenmal erwog sie, ob es nicht geraten wäre, die Wohnung zu wechseln. Aber was
sollte das helfen? Er würde sie ja doch zu finden wissen. Nur leider, es fragte
sich, ob sie überhaupt in der Lage war, die bisherige Wohnung weiter zu
behalten. Der Zins war ihr allmählich zu hoch geworden, im Februar war er wieder
fällig, und sie wusste kaum, wie sie ihn dann beisammen haben sollte. Der Kurs
hatte sich aufgelöst, es mochte wohl daran liegen, dass die Eltern der
Schülerinnen mit den Fortschritten nicht mehr ganz zufrieden waren. Nun, was sie
leistete, sie gab sich darüber keiner Täuschung hin, war niemals sehr erheblich
gewesen. Nur ihre Gewissenhaftigkeit, ihre freundliche Art, mit den Schülern
umzugehen, hatten ihr geholfen, die Konkurrenz mit Lehrkräften besserer Art
aufzunehmen. Wie sehr sie in den letzten Monaten nachgelassen, fühlte sie
selbst.
    Doch knapp vor dem Fälligkeitstermin erhielt sie durch den Notar die
Verständigung, dass aus der mütterlichen Erbschaft ein kleiner Betrag, aus dem
Erlös des Mobiliars gewonnen, für sie bereit liege. Bis zum Herbst durfte sie
sich nun leidlich gesichert fühlen. Das hob ihre Stimmung so sehr, dass sie mit
neuer Kraft ihre Bemühungen aufzunehmen vermochte, und so fanden sich im März
zwei neue, wenn auch recht schlecht bezahlte Lektionen in der Vorstadt für sie.
    Und wieder einmal kam eine Nachricht von Franz. Ein ältliches Frauenzimmer
brachte den Brief: er habe eine Stelle in Aussicht, die Mutter solle ihm ein
letztes Mal beistehen. Er nannte eine bestimmte Summe: hundertfünfzig Gulden.
Die Forderung erschreckte sie. Er musste offenbar wissen, dass sie etwas geerbt
hatte. Wortlos sandte sie ihm den fünften Teil und beeilte sich tags darauf, was
ihr noch blieb, etwa fünfhundert Gulden, in die Sparkasse zu tragen. Sie atmete
auf, nachdem das geschehen war.
    Der Frühling war da. Und mit den ersten schmeichlerisch lauen Tagen eine
wohlbekannte Mattigkeit, zugleich eine Schwermut von tieferer Art, als sie sie
jemals gekannt hatte. Alles, was ihr sonst eine gewisse Erleichterung zu bringen
pflegte, machte sie diesmal nur noch trauriger, kleine Spaziergänge, auch ein
Teaterbesuch, den sie sich einmal vergönnte. Am traurigsten aber machte sie ein
Brief von Tilda, der als verspätete Antwort einlangte auf ihre eigene
Mitteilung, dass sie für Tilda des Vaters Grab mit Blumen geschmückt, und der
die Andeutung entielt, dass sie sich in anderen Umständen befände. Terese
fühlte nur das eine: wie leer und hoffnungslos ihr eigenes Leben war. Und gerade
in diesen Tagen war es, nach langen Monaten, dass sich unbestimmt, ohne
eigentlichen Wunsch, doch seltsam quälend, wieder ihre Sinne regten. Sie hatte
Träume von lüsterner Art, hässliche und schöne, aber es waren immer Unbekannte,
ja Männer ohne ein bestimmtes Gesicht, in deren Umarmungen sie sich träumte. Ein
einziges Mal nur war es ihr, als wandelte sie mit Richard durch die Donauauen,
wo sie zuerst die Seine gewesen war. Gerade dieser Traum war völlig unsinnlich,
doch sie fühlte sich wie eingehüllt von einer Zärtlichkeit, die sie gerade von
ihm ersehnt hatte und die ihr niemals von ihm geworden war; eine
schmerzlich-unstillbare Sehnsucht und die Erkenntnis unendlicher Einsamkeit
blieben ihr zurück.
 
                                      105
Eines späten Abends im Mai klingelte es wieder einmal an ihrer Tür. Sie schrak
zusammen. Gerade heute, zur Bezahlung einer morgen fälligen Rechnung, hatte sie
einen grösseren Geldbetrag aus der Sparkasse abgehoben und zu Hause in
Aufbewahrung. Und gerade darum zweifelte sie nicht, dass es Franz war, der
draussen vor der Türe stand. Sie schwor sich zu, dass er keinen Kreuzer von ihr
bekommen sollte. Im übrigen hatte sie das Geld so sorgfältig verborgen, dass sie
überzeugt war, er könnte es nicht finden. Das Fenster stand offen,
schlimmstenfalls würde sie rufen. Auf den Zehenspitzen schlich sie hinaus,
zögerte, wagte nicht einmal, durchs Guckloch zu blicken - da schlug es heftig an
die Tür, sie fürchtete, die Nachbarn könnten es hören, und öffnete.
    Franz, dem ersten Anschein nach besser gekleidet als sonst, sah kränker und
bleicher aus denn je. »Guten Abend, Mutter«, sagte er, wollte weiter, Terese
aber verstellte ihm den Eingang. »Na, was ist denn?« fragte er mit bösen Augen.
    »Was willst du?« fragte sie hart. Er schloss die Türe hinter sich. - »Kein
Geld«, erwiderte er, höhnisch auflachend. »Aber wenn du mich heut nacht da
möchtest schlafen lassen, Mutter.« - Sie schüttelte den Kopf. - »Für eine Nacht,
Mutter. Morgen bist du mich für immer los.« - »Das kenn' ich schon«, sagte sie.
- »Ah, ist vielleicht schon wer da? Liegt vielleicht schon einer auf dem Diwan?«
    Er schob sie fort, Öffnete die Tür des Wohnzimmers, blickte sich nach allen
Seiten um. »In meiner Wohnung wirst du nimmer schlafen«, sagte Terese.
    »Die eine Nacht, Mutter.« - »Du hast doch irgendeine Schlafstelle, was
willst du bei mir?« - »Für heute nacht bin ich ausquartiert, das kommt halt vor,
und für ein Hotel hab' ich kein Geld.« - »Soviel, als du für ein Hotel brauchst,
kann ich dir geben.« - Seine Augen blitzten auf. »Na, her damit, her damit!«
    Sie griff in ihre Geldbörse, reichte ihm ein paar Gulden. »Das soll alles
sein?« - »Damit kannst du drei Tage im Hotel wohnen.« - »Also, meinetwegen, ich
geh'.« Doch er blieb stehen. Sie sah ihn fragend an. Er fuhr fort mit höhnischem
Lachen: »Ja, ich geh', wenn du mir mein Erbteil auszahlst.« - »Was für ein
Erbteil? Bist du verrückt?« - »O nein. Was mir zukommt von der Grossmutter, will
ich haben.« - »Was kommt dir zu -?«
    Er trat ganz nah an sie heran. »Also, pass' einmal auf, Mutter. Du hast's ja
g'hört, du siehst mich heut zum letztenmal. Ich hab' einen Posten, nicht da in
der Stadt, draussen wo. Und ich komm' überhaupt nie wieder. Wie soll ich denn zu
meinem Erbteil kommen, wenn du's mir jetzt nicht gibst?« - »Was redest du denn?
Was für einen Anspruch hast du auf ein Erbteil, noch dazu, wo ich selbst nichts
geerbt hab'.« - »Ja, glaubst du, Mütter, ich bin aufs Hirn gefallen? Glaubst du,
ich weiss nicht, dass du ein Geld hast von Herrn Wohlschein und von deiner Frau
Mutter? Und ich soll mir die paar Gulden zusammenbetteln, die ich dringend
brauch'. So benimmt sich eine Mutter zu ihrem Sohn?« - »Ich hab' nichts.« - »So,
das werden wir gleich sehen, ob du nichts hast.«
    Er ging auf den Schrank zu.
    »Was unterstehst du dich?« rief sie und fasste ihn bei dem einen Arm, mit dem
er sich an der Schranktür zu schaffen machte.
    »Den Schlüssel her!« Sie liess von ihm ab, machte einen Schritt zum Fenster
hin, beugte sich hinab, als wollte sie hinunterrufen. Er zu ihr hin, stiess sie
vom Fenster fort, schloss es ab. Sie eilte auf die Wohnungstüre zu. Er war sofort
neben ihr, drehte den Schlüssel um und steckte ihn ein. Dann fasste er ihre
beiden Hände. »Gib's gutwillig her, Mutter.« - »Ich hab' nichts«, flüsterte sie
durch die krampfhaft geschlossenen Zähne. - »Ich weiss, dass du was hast. Ich
weiss, dass du's da hast. Gib was her, Mutter.« - Sie war erbittert, sie hatte
keine Angst, sie hasste ihn. »Und wenn ich tausend Gulden hätte, nicht einen
Kreuzer so einem Menschen.« - Er liess einen Augenblick von ihr ab, schien etwas
ernüchtert. »Mutter, ich will dir was sagen. Gib mir die Hälfte von dem, was du
hast, ich brauch's zum Abfahren. Ich hab' kein' Posten, abfahren muss ich. Wenn
s' mich diesmal erwischen, krieg' ich ein Jahr oder zwei.« - »Um so besser«,
zischte sie. - »So? Glaubst? Na gut.« Und er stürzte wieder auf den Schrank zu,
schlug mit der Faust darauf. Es half nichts; er überlegte einen Augenblick,
zuckte die Achseln, nahm dann aus der Tasche ein Stemmeisen und sprengte die
Türe auf. Wieder stürzte Terese auf ihn zu, versuchte, seine Arme zu fassen, er
stiess sie fort, wühlte unter den Wäschestücken, entfaltete sie, schleuderte eins
nach dem andern auf den Fussboden. Wieder versuchte Terese seine Arme zu fassen.
Er stiess sie von sich, so dass sie bis zum Fenster flog, und fuhr fort, in der
Wäsche zu wühlen, die einzelnen Stücke hinauszuschleudern; indessen hatte
Terese einen inneren Fensterflügel geöffnet, schon wollte sie den äusseren
auftun, da war er wieder bei ihr und riss sie zurück. »Räuber!« schrie sie,
»Diebe!« Er, mit geröteten Augen, heiser, vor sie hin gepflanzt: »Willst es
hergeben oder nicht?« - »Räuber!« schrie sie noch einmal. Nun packte er sie,
hielt ihr mit der einen Hand den Mund zu und schleppte, schob, stiess sie in das
kleine Schlafkabinett bis vor ihr Bett. »Hast es vielleicht da wo? In der
Matratzen? In den Polstern?« Er musste sie nun wieder loslassen, um im Bett zu
wühlen. Und sofort schrie sie wieder: »Diebe! Räuber!« Da hatte er sie schon mit
einer Hand an beiden Armen gepackt, mit der andern verschloss er ihr den Mund.
Sie stiess mit den Füssen nach ihm. Er liess nun ihre Hände los, fasste sie am Hals.
»Räuber! Mörder!« schrie sie. Er begann, sie zu würgen; sie sank neben dem Bette
nieder, er liess ihren Hals locker, nahm ein Taschentuch, knüllte es zusammen,
steckte es ihr in den Mund, nahm ein Handtuch, das am Waschtisch hing, band ihr
die Hände zusammen. Sie röchelte, hatte grosse, starre Augen, die im Dunkel zu
ihm aufleuchteten. Nur vom Nebenzimmer her fiel ein Lichtstrahl herein. Er, wie
ein Rasender, suchte überall im Bett, riss die Polsterüberzüge auf, sah in der
Waschschüssel, im Krug, in der Kommode, unter dem Bettvorleger nach; plötzlich
aber hielt er inne, denn von draussen tönte die Klingel, und durch die zwei
geschlossenen Türen hörte er Stimmen. Kein Zweifel, man hätte die Mutter rufen
gehört, und vielleicht auch den Lärm, den er mit den Fäusten und mit dem
Stemmeisen verursacht hatte. Rasch löste Franz das Handtuch von seiner Mutter
Händen, rasch zog er den Knebel aus ihrem Mund, sie lag auf dem Boden, röchelte,
atmete. »Es is ja nix g'schehn, Mutter«, rief er plötzlich. Ihre Augen waren
offen. Sie blickte, sie schaute. Nein, tot war sie nicht. Es konnte nicht viel
geschehen sein.
    Wieder die Klingel, dreimal, fünfmal, immer rascher hintereinander. Was
sollte man tun? Zum Fenster hinaus? Drei Stock tief? Wieder ein Blick auf die
Mutter. Nein, es war nichts geschehen. Sie blickte mit offenen Augen, bewegte
die Arme, ja, ihre Lippen zuckten. Die Klingel schrillte ununterbrochen weiter.
Es blieb nichts übrig, als zu öffnen. Man konnte dann immer noch an den Leuten
vorbei, hinunter über die Treppe und auf die Strasse. Wenn sie nur nicht da auf
dem Boden läge wie tot. Er beugte sich herab zu ihr, versuchte sie aufzurichten.
Aber es war, als wenn sie sich wehrte. Sie schüttelte sogar den Kopf. Also, tot
war sie nicht. Nein. Ohnmächtig. Oder stellte sie sich nur so, um ihn zu
verderben?
    Die Klingel schrillte weiter. Klopfen zuerst, dann Faustschläge an die Tür.
»Aufmachen! aufmachen!« brüllte es draussen. Franz stürzte in den Vorraum, die
Wohnungstür zitterte unter den klopfenden Fäusten draussen. Es blieb nun einmal
nichts übrig, er musste öffnen. War es möglich! Nur zwei Frauen standen da und
sahen ihn entgeistert an. Er stiess sie beiseite, lief die Treppen hinab. Da
hörte er hinter sich: »Aufhalten! Aufhalten!« Auch eine Männerstimme tönte mit.
Sie kam von oben. Und noch ehe er durch das Haustor auf die Strasse trat, hatte
ihn schon irgendwer von rückwärts bei den Schultern ergriffen. Er konnte sich
nicht losmachen. Er schimpfte und schrie. Dann wurde er stumm. Aus war's. Aber
die Mutter war ja nicht tot. Ohnmächtig höchstens. Was wollten denn die Leute
von ihm? Es war der Mutter doch bestimmt nichts geschehen. Rings um ihn standen
Leute. Auch ein Polizist war zur Stelle.
    Die beiden Frauen waren indes in die Wohnung hineingestürzt und sahen das
Fräulein Terese Fabiani ausgestreckt zu Füssen des Bettes liegen. Gleich hinter
ihnen kamen andere, noch eine Frau, noch ein Mann, man legte Terese auf das
zerwühlte Bett. Sie blickte um sich, zu reden vermochte sie nicht. Sie erkannte
wohl auch kaum die Leute, die allmählich in das Zimmer traten, die Nachbarn, den
Polizeikommissär, den Polizeiarzt, verstand wohl auch die Fragen nicht, die man
an sie richtete. Man stand daher vorläufig von einer Konfrontation ab, der
Tatbestand war ja leicht festgestellt, der Arzt konnte auch konstatieren, dass
anscheinend keine lebensgefährliche Verletzung vorlag. Die Wohnung wurde amtlich
verschlossen und Terese noch in der gleichen Nacht ins Spital geschafft.
    Dort wurde festgestellt, dass ein Kehlkopfknorpel gebrochen war, was die
Vorhersage ungünstiger gestaltete, auch für den Sohn, Aussagen der Hausbewohner
ergaben, dass die Lehrerin Terese Fabiani die Schwester des Abgeordneten Faber
sei, und so wurde dieser noch im Laufe der Nacht von dem Verbrechen verständigt,
das an seiner Schwester begangen worden war. In frühester Morgenstunde erschien
er in Begleitung seiner Frau am Bette der Leidenden, die in einer Extrakammer
lag. Es hatte sich erhöhte Temperatur eingestellt, was die Ärzte nicht so sehr
auf die Verletzung als auf den Nervenschock zurückfuhren zu müssen glaubten. Ihr
Bewusstsein war offenbar gestört, sie erkannte die Besucher nicht, die sich bald
entfernten.
 
                                      106
Gegen Mittag erschien Alfred an ihrem Bett, der die Sache aus der Zeitung
erfahren hatte. Um diese Zeit war die Temperatur gesunken, doch waren Delirien
eingetreten. Unruhig warf sich Terese hin und her mit bald offenen, bald
geschlossenen Augen und flüsterte unverständliche Worte. Auch den neuen Besucher
schien sie vorerst nicht zu erkennen. Nachdem der behandelnde Sekundarius sich
zu dem Herrn Dozenten Dr. Nüllheim über den Fall fachlich ausgesprochen, liess er
ihn allein bei der Kranken. Alfred setzte sich an ihr Bett, fühlte ihren Puls,
er war schwach und erregt. Und nun, als ginge von dieser einstens geliebten Hand
eine Wirkung auf die Leidende aus, die andern gleichgültigen Berührungen versagt
war, schien die Unruhe der Kranken nachzulassen; und als der Arzt den Blick eine
Weile ohne besondere Absicht auf ihre Stirn, ihre Augen gerichtet hielt, geschah
noch Merkwürdigeres: diese Augen, die bisher, auch wenn sie geöffnet waren,
offenbar niemanden zu erkennen vermocht hatten, schimmerten wie in allmählich
erwachendem Bewusstsein. Die verfallenen, gleichsam verdämmernden Züge erhellten,
strafften, ja verjüngten sich; und wie Alfred sich näher zu ihr herabbeugte,
flüsterte sie: »Dank.« Er wehrte ab, fasste nun ihre beiden Hände und sprach
tröstliche, herzliche Worte, wie sie sich auf seine Lippen drängten. Sie
schüttelte den Kopf, immer heftiger, nicht nur, als wenn sie von Trost nichts
hören wollte, es war klar, dass sie ihm irgend etwas zu vertrauen hatte. Er
beugte sich noch näher zu ihr, um sie zu verstehen. Und sie begann: »Du musst es
vor Gericht sagen, versprichst du mir das?« - Er dachte, das Delirium beginne
wieder. Er legte die Hand auf ihre Stirn, versuchte sie zu beschwichtigen. Aber
sie sprach, vielmehr sie flüsterte weiter, da sie kein lautes Wort hervorbringen
konnte: »Du bist ja Doktor, dir müssen sie glauben. Er ist unschuldig. Er hat
mir nur vergolten, was ich ihm getan habe. Man darf ihn nicht zu hart strafen.«
Wieder versuchte Alfred, sie zu beruhigen. Sie aber sprach hastig weiter, als
ahnte sie, dass ihr nicht mehr viel Zeit gegönnt sei. Was sich in jener fernen
Nacht ereignet und was doch nicht Ereignis geworden war - was sie zu tun
begonnen und doch nicht bis zu Ende getan - woran ihr Wunsch mehr gewirkt hatte
als ihr Wille - wessen sie sich immer wieder erinnert und was sie sich doch
niemals ins Gedächtnis zu rufen gewagt hatte; - die Stunde - vielleicht war es
nur ein Augenblick gewesen -, in dem sie Mörderin gewesen war, lebte mit so
völliger Klarheit wieder in ihr auf, dass sie sie fast wie etwas Gegenwärtiges
erlebte. - Es waren nur wenige, nicht immer dem Laut nach verständliche Worte,
die Alfred, ihren flüsternden Lippen nah, zu vernehmen vermochte. Doch er fasste
Teresens Selbstbeschuldigung auf als das, was sie sein sollte, als einen
Versuch, ihren Sohn zu entsühnen. Ob dieser Zusammenhang nun vor einem
himmlischen oder irdischen Richter tatsächlich gelten mochte - für diese
Sterbende - denn sie war es, auch wenn ihr noch Jahrzehnte des Daseins bestimmt
sein sollten, - für Terese bestand er nun einmal; und Alfred fühlte, dass das
Bewusstsein ihrer Schuld in dieser Stunde sie nicht bedrückte, sondern befreite,
indem ihr nun das Ende, das sie erlitten hatte oder erleiden sollte, nicht mehr
sinnlos erschien. So versuchte er es gar nicht mit Worten der Beruhigung und des
Trostes, die in dieser Stunde ihren Sinn nicht erfüllt hätten; denn er ahnte,
dass sie den Sohn, der ihr so lange ein Verlorener gewesen war, gleichsam
wiedergefunden, in dem Augenblick, da er zum Vollstrecker einer ewigen
Gerechtigkeit geworden war.
    Nachdem sie gesprochen, sank sie schwer zurück. Alfred fühlte, wie sie ihm
nun wieder entrückt war und immer weiter entrückte, und endlich erkannte sie ihn
nicht mehr.
    Im Laufe der nächsten Stunden trat eine Verschlimmerung ein, mit der die
behandelnden Ärzte immerhin gerechnet hatten, - und plötzlich, unerwartet,
erlosch sie, noch ehe man eine rettende Operation an ihr auszuführen vermochte.
    Alfred sprach mit dem Ex-officio-Verteidiger, der für den Muttermörder Franz
bestellt war, und in der Verhandlung versuchte der beflissene junge Anwalt,
jenes Geständnis der Mutter, das Alfred ihm zur Verfügung gestellt hatte, als
mildernden Umstand geltend zu machen. Er hatte beim Gerichtshof nicht viel
Glück. Der Staatsanwalt bemerkte mit nachsichtigem Spott, dass der Angeklagte
jene erste Stunde seines Daseins wohl kaum im Gedächtnis bewahrt haben dürfte,
und sprach sich im allgemeinen gegen gewisse, sozusagen mystische Tendenzen aus,
die man nun auch schon zur Verdunkelung völlig klarer Tatbestände und damit,
wenn auch manchmal in zweifellos guter Absicht, zur Beugung des Rechtes
auszunützen versuche. Der Antrag auf Ladung eines Sachverständigen wurde
abgelehnt, schon darum, weil man ja wirklich nicht entscheiden konnte, ob in
diesem Fall ein Arzt, ein Priester oder ein Philosoph zu so verantwortlichem Amt
berufen gewesen wäre. Als mildernden Umstand liess man einzig und allein des
Angeklagten uneheliche Geburt und die damit verbundenen Mängel seiner Erziehung
gelten. So lautete das Urteil auf zwölf Jahre schweren Kerker, verstärkt durch
Dunkelhaft und Fasten an jedem Jahrestage der Tat.
    Terese Fabiani war zu dem Zeitpunkt, als die Verhandlung stattfand, längst
begraben. Doch neben einem bescheidenen, dürren, immergrünen Kranz mit der
Aufschrift: »Meiner unglücklichen Schwester« lag ein blühender Frühlingsstrauss,
noch unverwelkt, auf dem Grab; die schönen Blumen waren mit erheblicher
Verspätung aus Holland angelangt.
 
    