
        
                                    Klabund
                                     Borgia
                              Roman einer Familie
                                      Prolog
Diese Buchstaben zeichne ich zur Erinnerung auf, diese Worte schreibe ich zum
Gedächtnis, diese Gedanken denke ich zum Nach-denken, diese Handlungen male ich
zum Danach-handeln.
    Mein Name ist Johannes Goritz, geboren bin ich in Luxemburg im Deutschen
Reich. Meines Standes bin ich Supplikenreferent. Mein Haus am Forum Trajanum in
Rom steht allen Menschen von Kultur und Bildung offen. Vorzüglich die Deutschen,
welche nach Rom kommen, pflegen mir die Ehre ihres Besuches zu erweisen. So
hatte ich die Freude, Reuchlin, Copernicus, Erasmus, Ulrich von Hutten und jenen
nachgerade berühmt oder berüchtigt gewordenen Mönch Martin Luter in meiner
Häuslichkeit willkommen zu heissen und zu bewirten. Letzterer war, wenn ich mich
recht erinnere, ein starker Esser vor dem Herrn, einem üppigen Kapaun oder
feisten Schweinebraten barbarisch zugetan. Wie überhaupt Mönchisches und
Barbarisches, Deutsches und Skytisches sich bei ihm wunderlich vermengten und
so eine Erklärung geben für die übertriebene Ablehnung der Zustände im
»Sündenbabel« Rom. Die Erde drehte sich damals schneller um ihre Achse. Die
Menschen verloren leicht die Balance. Kometen zogen ihre Schweife über den
nächtlichen Horizont. Der Saturn zeigte sein böses Licht. Vesuv und Stromboli
spien Feuer. Der Kriegsgreuel, der Revolutions- und Religionskämpfe war kein
Ende und der Humanität kein Anfang, obwohl jedermann von Humanismus sprach. Wie
sollte ausgerechnet Rom in diesem Chaos unverrückbar sein moralisches
Gleichgewicht behalten? War es ein Wunder, dass Sankt Petri Felsen zu wanken
begann und die heilige Kirche in ihren Grundfesten erschüttert wurde?
    Mit eigener Hand habe ich dieses Diarium der römischen Begebenheiten zur
Zeit der Borgia in lateinischer Sprache niedergeschrieben, in der freien Zeit,
die mir meine ausgedehnten Amtsgeschäfte liessen. Als einziges Besitztum habe ich
dieses Manuskript aus der Plünderung Roms a. d. 1527 gerettet, jenes Jahres
unseliger Erinnerung, in dem ich all mein Hab und Gut verlor bis auf die Kraft
meines Herzens und die Unversehrteit meines Verstandes. Das Schicksal führte
mich in die nächste Nähe jenes denkwürdigen Giganten, Alexander Borgia genannt.
Ich hatte oft die Gelegenheit, seine überaus schöne und anmutige Tochter
Lucrezia sowie Seine Hoheit, den Herzog der Romagna, Cesare Borgia, persönlich
und im vertrautesten Kreise zu sprechen und mir meine eigene Meinung über drei
Menschen zu bilden, die zugleich hold und unhold waren und in deren Seelen sich
die grössten Gegensätze vereinigten.
    Wohl jeder, der beispielsweise Cesare Borgia nur nach seinen Taten und den
Pamphleten seiner Feinde, deren er unzählige besass, beurteilt, macht sich ein
völlig falsches Bild seiner äusseren Erscheinung und seines »öffentlichen
Charakters«. Cesare Borgia war immer ein Mann von besonderer Höflichkeit,
Zurückhaltung und seltener Bescheidenheit, kurz, das Idealbild dessen, was man
einen Virtuoso und Cortegiano nennt. Seine Taten und Pläne stehen auf einem
anderen Blatt. Sein persönlicher Charme, ja seine Sanftmut vertrug sich durchaus
mit einer sachlichen Härte und Grausamkeit. Ohne je lieben zu können, war er
stets liebenswürdig, und ich weiss noch, wie entzückt mir Machiavell von seiner
Begegnung mit ihm erzählte, die ihm die Idee seines Traktates über den »Fürsten«
einflösste. Und dies zu einer Zeit, als Cesare Borgia nur noch eine Ruine seiner
selbst war, denn die Franzosenkrankheit hatte ihm furchtbar zugesetzt. Auch über
Alexander VI., den gewaltigen Schöpfer der Dynastie Borgia -, denn um eine
solche handelt es sich - sind völlig unrichtige Legenden im Umlaufe, soweit sie
seine sichtbare Erscheinung betreffen (jede geschichtliche Persönlichkeit hat
viele Gestalten: und oft täuscht eine Facette, die aufleuchtet, über das
Gesamtbild hinweg). In ihm tobte wohl ein Teufel - aber er wurde nie äusserlich
erkennbar. Alexander Borgia war einer der schönsten Menschen seiner Zeit,
kraftvoll bis in sein spätestes Alter, voll heiterer harmonischer Gemütsart und
allen Dämonen der Finsternis abhold. Er liebte seine Kinder abgöttisch und war
einzig bedacht, die Macht der Borgia voll Umsicht und ohne jede Rücksicht auf
moralische Vorurteile zu mehren. Er tat alles, was er tat, im Angesicht der
Leute, verheimlichte nichts, und ich habe nie einen Menschen gesehen, der so wie
er das Urteil der Welt verachtete. Es liegt mir fern, eine Apologie der Borgia
zu schreiben, ich wäge die Waage der Gerechtigkeit in meiner Hand: mag Gott die
Gewichte verteilen, es ist nicht meines Amtes, das Urteil zu sprechen: ich bin
Supplikenreferent: ich - referiere.
 
                                       I
In jenen Zeiten, als es noch keine Zeit gab, als ein ewiger Himmel, der Himmel
der Ewigkeit, über Hellas brannte, lebte Ixion, ein Mensch.
    Smaragdeidechsen, Zornnattern, Heuschrexken, Grillen, Schildkäfer, Schafe,
Hirsche, Pferde lebten mit ihm.
    Ringel- und Äskulapnattern hingen wie kostbare Ketten um seinen Hals, die
Eidechsen leckten mit ihren kleinen Zungen seine spitzen Finger.
    Er aber liebte am meisten eine junge Wildstute, der er keinen Namen gab.
Denn, wer einen Namen trägt, der besitzt schon ein Eigentum, das zur Gaff- und
Raffgier reizt.
    Da er der Stute keinen Namen gab, verbarg er sie vor Göttern und Menschen.
    Denn niemand vermochte sie zu rufen.
    Eines Tages aber sah vom hohen Olymp Zeus, der Gott der Götter, die Stute an
einer Tränke in einer Waldlichtung.
    Er schwang sich in Gestalt eines Adlers zur Erde herab.
    Kaum auf der Erde angekommen, nahm er den Leib eines Hengstes an.
    Die Stute erschrak und floh vor dem brünstigen Gott. Die Nüstern schnoben,
sie stürmte scheu durch Wälder und Felder,
    sie kam an einen Berg,
    sie kletterte wie eine Gemse die Felsen empor, durch Schlünde und
Schluchten, dicht hinter ihr der schnaubende Hengst. So galoppierte sie
geradewegs auf den Olymp. Auf der Spitze des Berges übermannte sie der Gott.
Ixion lief wehklagend vom frühen Morgen bis in die späte Nacht durch die Haine
und Auen.
    Er wurde seiner geliebten Stute nicht ansichtig.
    Und da er ihr keinen Namen gegeben hatte, so schrie er nur:
    Ai! Ai! Ai!
    Als er die Stute nach einer Woche nicht gefunden hatte, wurde er wahnsinnig.
    Er lief auf allen Vieren, frass Gras, zertrat und zertrampelte Heuschrecken,
Grillen, Käfer, Eidechsen und wieherte wie ein Pferd.
    Sein Wiehern vernahm Zeus.
    Er hob ihn mit einem Wind zu sich auf den Olymp empor, zog ihn an die Tafel
der Götter und nahm die Qual des Wahnsinns von ihm.
    Er machte ihn zu seinem Mundschenk. - Als Ixion den Pokal seines Herrn am
Brunnen im Hof des Götterpalastes ausschwenkte und spülte, hörte er plötzlich
ein vertrautes Wiehern aus einem Stall.
    Er ging dem Wiehern nach und entdeckte seine Stute, die voller Freude an ihm
emporsprang wie ein Hund und beide Vorderhufe auf seine Schultern legte.
    Voller Ingrimm, dass Zeus ihm die Stute entführt hatte, beschloss er, sich an
dem Gott zu rächen und warf ein Auge auf Hera, die schöne Gattin des Gottes.
    Eines Nachts schlich er zu ihr.
    Aber Zeus, der Allwissende, schickte ihm eine Wolke entgegen, der er die
Gestalt der Hera gab.
    So vermischte sich Ixion liebend mit der Wolke.
Am nächsten Mittag trat Ixion, der vermeinte, Hera umarmt zu haben, an die Tafel
der speisenden Götter und schrie frohlockend:
    Ich habe Hera, die Gattin des Zeus, besessen!
    Entsetzt sprangen die Götter auf.
    Zeus erbleichte und winkte zwei Dienern. Sie fesselten Ixion und banden ihn
auf der Nordseite des Olymps an ein ewig rollendes feuriges Rad.
 
                                       II
Nephele, die Wolke, gebar nach neun Monaten von Ixion einen Sohn, der den Namen
Kentauros erhielt.
    Schon früh zog es ihn, wie seinen Vater, zu Pferden.
    Er spielte mit der namenlosen Stute im Stall des Zeus und lernte bald auf
ihr nach allen vier Himmelsrichtungen reiten.
    Er floh eines Tages auf der Stute aus dem Bereich der Götter und gelangte zu
den Reichen der Menschen. Er gewann ein Weib und zeugte sieben Söhne mit ihr.
    Seine Söhne vermischten sich, da sie in den Waldgebirgen Tessaliens nicht
genug Weiber fanden, mit wilden Stuten.
    In Steinbrüchen und feuchten Schluchten warfen die Stuten Kinder: halb
Mensch, halb Pferd. Der Oberleib war der eines Menschen, der Unterleib der eines
Pferdes. Die Hippokentauren wuchsen heran zu wilden, lüsternen Geschöpfen.
    Sie kämpften mit Tieren, Menschen, Halbgöttern. Selbst ein Herakles hatte in
Arkadien sich mit ihnen zu messen.
    In ihrem Trotz und Übermut versuchten sie auch den Götterberg Olympos zu
stürmen. Die namenlose Stute zeigte ihnen den Weg. Sie galoppierten im Schutz
des Morgennebels die Berghänge empor. Aber Zeus, von einer aufgescheuchten Eule
benachrichtigt, warf Blitze unter sie, dass sie bestürzt flüchteten. Sie sprangen
die Felsen hinab, und der Steinschlag donnerte hinter ihnen her. Viele brachen
sich Genick und Rückgrat und die Adler und Geier frassen ihre Herzen und Gedärme.
    Einige aber kamen ans Mittelländische Meer, stürzten sich in die Wogen und
schwammen zu den anderen Festländern:
    nach Afrika,
    nach Sizilien.
    Zwei gelangten voller Mühsal nach Spanien. Und von ihnen, so heisst es,
stammen die Borgia ab.
Die Borgia melden ihre historische Herkunft aus der spanischen Stadt Borja,
nicht weit vom Huecha in der Provinz Saragossa gelegen. Acht Ritter Borgia
kämpften unter Don Jayme gegen die Mauren und 1238 erscholl zum erstenmal der
Schlachtruf:
    Borgia! Borgia!
    In der Zisterzienserabtei Veruela, am Fuss des Moncayo westlich von Borja
gelegen, weihten die Borgia ihre Trophäen aus dem Maurenkriege der Heiligen
Jungfrau: krumme Säbel, Turbane, Gürtel, Dolche, Spangen. An einer dieser
Spangen hatte die Maurin Noa gehangen.
    Alle acht Borgia liebten sie im winddurchwehten Zelt am heissen Tajo, bis sie
der letzte, voll Eifersucht, dass sieben andere Borgia sie vor ihm gehabt, in der
Umarmung erwürgte.
    Ein letztes Röcheln aus ihrer Kehle seufzte:
    Borgia! Borgia!
 
                                      III
Im Jahre des Unheils 1455 bestieg der Spanier Alfonso Borgia, ehemaliger
Geheimsekretär des Königs Alfonso von Neapel, unter dem Namen Calixtus III. den
heiligen apostolischen Stuhl. Er war 77 Jahre alt, laborierte an einem
chronischen Magenleiden und war, wie alle Magenkranken, von grämlicher,
misstrauischer Gemütsart, aus der nur für Momente ein kauzischer Humor wie der
grüne Mond hinter schwarzen Wolken hervorbljetzte. Mehr als der Teologie war er
der Juristerei ergeben und studierte Pandekten und Dekretalia eifriger als die
beiden Testamente. Es machte ihm Vergnügen, spitzfindige juristische Fragen zu
stellen und sie noch spitzfindiger zu beantworten.
    Wie der Komet seinen Schweif, so zog Alfonso Borgia einen ganzen Tross von
Spaniern hinter sich her nach Rom.
    In allen Strassen, Palästen, Schenken begannen sie sich breit und wichtig zu
machen, spanisch zu sprechen und italienisch zu radebrechen. Und bei den Weibern
und Frauen stachen die Senors nur gar zu oft die Signors aus. Es gab böse
Mienen, böses Blut, Florettkämpfe unter dunklen Arkaden, und eines Tages warf
die empörte Menge einen jungen Spanier, den sie bei einer vierzehnjährigen
Schönheit des Stadtviertels Ponte erwischt hatte, kurz entschlossen über die
Brücke in den Tiber. Es gelang ihm, sich ans andere Ufer zu retten. Es war der
vierundzwanzigjährige Rodrigo Borgia, ein Neffe des Papstes, ein auffallend
schöner junger Mensch, der, wie es hiess, die Frauen anzog wie der Magnet das
Eisen. Er war ein paar Tage zuvor von Bologna gekommen, wo er zum Doktor des
kanonischen Rechts promoviert hatte. Noch triefend vor Nässe, mit
zusammengebissenen Zähnen, ging Rodrigo Borgia zum Vatikan, schob die
Hellebarden der wachtabenden Schweizer auseinander und gelangte in das
Arbeitszimmer des Papstes, der gerade damit beschäftigt war, sich über die
juristische Möglichkeit eines Ehedispenses für den dritten Grad der
Blutsverwandtschaft zu orientieren.
    Er sah ärgerlich von seinen Pergamenten auf.
    Höre, Oheim, begann Rodrigo, noch immer triefend, deine Römerinnen sind sehr
hübsch, aber deine Römer verstehen keinen Spass. -
    Sie haben dir Wasser über den Kopf gegossen, wie? meckerte der Alte.
    Scherz beiseite, Don Alfonso - Ihr seid ein Borgia und ich bin ein Borgia.
Alles andere ist Lumpenpack. Es ziemt uns, zusammenzuhalten. Ich habe Euch einen
Vorschlag zu unterbreiten, der mir, als ich durch den Tiber schwamm, aufstiess -
mit dem Dreckwasser, das ich aus Mund und Nase spuckte. Wie wäre es, wenn Ihr
mir den Purpur der Kardinäle verleihen würdet?
    Der Papst weitete seine wasserblauen Augen -
    Was, kreischte er, du willst Kardinal werden? Unter dem Tisch bewegte sich
sein Bauch in lautlosem Gelächter. Aber es schien doch, als hätte er Angst, sein
Hohngelächter über den Tisch hinausgelangen zu lassen. Denn dort stand, ehern,
keine Miene in dem schönen Antlitz verzogen: Rodrigo Borgia, ein Borgia wie er,
aber ein Mann, ein Wunsch, ein Wille.
    Man muss dem Pöbel die eiserne Stirn zeigen, sagte Rodrigo Borgia. Wer
nachgibt, hat schon verloren. Wer ihm die Faust ins Gesicht schmettert -
gewinnt.
    Dem Papst kamen allerlei juristische Bedenken - er wolle seine Commentare,
Dekretalia etc. befragen, ob Blutsverwandtschaft -
    Rodrigo schlug mit der kleinen, zierlichen, aber steinharten Faust auf den
Tisch, dass der in Holz geschnitzte Gekreuzigte wie eine Puppe auf- und
niedersprang:
    Nur Blutsverwandtschaft, Oheim, rechtfertigt das - und alles andere. Die
Verwandtschaft des Blutes ist das heiligste Band, das Menschen binden kann. Das
gleiche Blut wallt in deinen und meinen Adern, Alfonso Borgia. So hör es doch
rauschen -
    Und er riss sich sein nasses Hemd auf und presste den Greisenkopf an seine
Brust, der in die Tiefe lauschte, das Herz der Borgia schlagen zu hören.
 
                                       IV
Calixtus III. berief das Heilige Kollegium zusammen. Die Kardinale Estouteville,
Capranica, Bessarion versuchten, sich der Ernennung Rodrigos zum Kardinal zu
widersetzen.
    Es half ihnen nichts. Calixtus bestach den Rest mit einträglichen Pfründen
und Abteien.
    Kaum sass Rodrigo Borgia im Kollegium, als er den schwächlichen und
kränklichen Oheim und alle schwachen Charaktere des Kollegiums zu beherrschen
begann. Er veranlasste als erstes, dass sofort zwei weitere Borgia hohe
Kirchenämter empfingen: Don Luis Borgia wurde Bischof von Segovia und Lea; Pedro
Borgia wurde Präfekt der Stadt Rom und machte alsbald den Orsini und Colonna zu
schaffen.
    Männer und Frauen zitterten in Rodrigos Gegenwart, und es hiess, es schlügen
selbst die Heiligen auf den Gemälden des Vatikans die Augen nieder, wenn er
heiter an ihnen vorüberschritt und guten Mutes über sie das Kreuz schlug.
    Er las die erste Messe, noch kaum der frommen Bräuche kundig. Aber wo ihm
ein lateinisches Wort mangelte, da setzte er ein: Borgia! Borgia! an seiner
Statt. Die Hostie brach er zu früh entzwei und liess auch zuweilen lässig ein
Stück fallen. In seinem ganzen Leben zelebrierte er höchst ungern und nahm es
mit der Hostie nicht genau. Auch stimmte es bei seiner Messe nie: bald waren die
Kerzen, bald die Sänger, bald Baldachin oder Weihrauchkessel und bald er selbst
nicht zur Stelle.
Höre, Oheim, sprach er zu Calixtus, es ist recht gescheit von dir, den Kreuzzug
gegen die Türken, die uns im übrigen ja nichts getan haben, zu unterstützen -
denn du machst dich und damit den Namen Borgia populär bei der Christenheit -,
aber vergiss nicht, das Fundament für die Dynastie der Borgia unverrückbar
festzulegen. Du hast mich mit den Pfründen von Benevent und Terracina belehnt.
Schön. Ich trage das rote Gewand. Gut. Aber ich habe nunmehr Ambitionen auf das
Amt des Vizekanzlers. Es ist das höchste Amt nach deinem - du bist alt,
verzeihe, wenn ich dich daran erinnere, aber es kann dir etwas zustossen -, du
musst unsere Stellung und unseren Einfluss für alle Fälle sichern.
    Der Papst, der ein Glas mit einer grünen Magentinktur vor sich stehen hatte,
die er verabscheute, schloss die wimperlosen Lider und dachte über seinen Neffen
nach. Dann öffnete er sie.
    Du hast Recht. Ich werde das Nennungsdekret morgen unterzeichnen.
    Rodrigo Borgia ging einen Schritt auf ihn zu, dass jener sich fast zu
fürchten begann: Morgen? Heute, Oheim, heute, jetzt, in diesem Augenblicke
werdet Ihr das Dekret unterzeichnen, das ich selbst, um Euch die Mühe des
Schreibens zu ersparen, aufsetzen werde. »Wir Calixtus III ....«
 
                                       V
Auf der Falkenjagd trafen der Kardinal Rodrigo Borgia und der Graf Jean
d'Armagnac zusammen. Sie zogen die Hüte und beschlossen, die Jagd gemeinsam
fortzusetzen.
    Beim Picknick, als die Korke von den Weinflaschen gesprungen, ergab es sich,
dass der vom Weine sehr erhitzte Graf d'Armagnac den jungen Kardinal, der
ebenfalls dem Weine reichlich zugesprochen hatte, aber völlig nüchtern geblieben
war, um eine Unterredung unter vier Augen bat. Sie gingen abseits, und an zwei
Bäume gelehnt, schwiegen sie sich zuerst eine Zeitlang an, ehe der Graf den Mut
zu den ersten Worten fand.
    Er schlug mit seiner Reitgerte in das Laub der Bäume.
    Ob der hochwürdige Herr Kardinal sich irgendwie mit dem Wesen der Liebe
beschäftigt habe - in der freien Zeit, die seine geistlichen Exerzitien ihm
liessen -? Der Kardinal lächelte höflich:
    Gewiss, mehr teoretisch allerdings, mehr platonisch, wie es einem
Kirchenfürsten gezieme.
    Gewiss, gewiss. Der Graf pflichtete ihm bei. Aber gerade auf die Teorie, auf
das Prinzipielle komme es ihm an. Nämlich: inwieweit Heirat zwischen
Blutsverwandten kirchlich gestattet oder - so wolle er sich ausdrücken -
möglicherweise geduldet würde?
    Die Iris in den Augen des Kardinals begann aufzuleuchten.
    Dürfe er den Herrn Grafen fragen, wen der Herr Graf zu heiraten wünsche?
    Der Graf war vor Aufregung fast nüchtern geworden. Er bereute seine
Offenherzigkeit dem undurchdringlichen Borgia gegenüber. Aber es war zu spät,
das Geheimnis zu behalten. Er senkte den Kopf wie ein auf unrechtem Pfade
ertappter Schüler:
    Ich liebe - meine Schwester.
    Der Kardinal schwieg.
    Oben in den Bäumen sauste der Wind.
    Und im Wind schrie ein Merlan, ein Raubvogel.
    Hören Sie, sagte der Kardinal, wie schön, wie stark, wie ehrlich dieser
Vogel schreit! Wir Menschen sind erbärmliche Lügner gegen ihn.
    Der Graf blieb stumm. Er meinte sich von diesen glühenden, schwarzen Augen,
die er kaum ertragen konnte, abgebljetzt.
    Der Kardinal drehte den Ring mit dem Mondstein an seiner linken Hand.
    Ein Halbedelstein - aber ein Glücksstein. Sie sollten sich und Ihrer
Schwester - Ihrer Geliebten und bald ihrer Gattin - einen Mondstein schenken.
    Der Graf fühlte sein Antlitz von Purpurröte übergössen.
    
    So beschimpft und verachtet Ihr mich nicht wegen meiner unnatürlichen Liebe
und Leidenschaft?
    Der Kardinal lächelte:
    Wie kann, was in der Natur ist, wider die Natur sein?
    Und Ihr meint, Ihr könntet bei Seiner Heiligkeit, Eurem erhabenen Herrn
Oheim, ein gutes Wort für einen Dispens einlegen?
    Er senkte wieder die Stirn:
    Yvonne erwartet in sieben Monaten ein Kind.
    Der Kardinal löste sich vom Baum, als ob er wie ein Waldgott aus dem Stamm
heraustrete:
    Seid unbesorgt. Ich selbst werde die Bulle mit dem Ehedispens für Euch
ausfertigen. Ihr werdet die Gewogenheit haben, meinem Bankier 25.000 Dukaten zu
überweisen, wovon ein nicht unbeträchtlicher Teil für den Sekretär Seiner
Heiligkeit, Herrn Giovanni di Volterra, und einen zweiten gegenzeichnenden
Kardinal bestimmt ist.
    Und die Unterschrift des Heiligen Vaters?
    Der Kardinal lachte schallend.
    Der Heilige Vater gibt seine Unterschrift umsonst! Kommen Sie, Graf, unser
Gefolge vermisst uns schon.
 
                                       VI
Calixtus stirbt im Alter von achtzig Jahren.
    Die Feinde der Borgia, dieser verfluchten katalanischen Eindringlinge, atmen
und leben auf.
    Im Palast der Orsini, die sich die Bekämpfung der spanischen
Nepotenwirtschaft zum besonderen Ziel gesetzt, findet ein Fest- und Freudenmahl
statt, dem Rodolfo Orsini hager und hochmütig präsidiert und an dem auch
Mitglieder der Familie Colonna teilnehmen. Noch nachts empfängt der Orsini einen
seiner vertrautesten Diener, einen Franzosen namens Briconnet.
    Briconnet wird am nächsten Morgen in der Via Giudea erstochen aufgefunden.
    Das Attentat auf Rodrigo Borgia war missglückt. Rodrigo Borgia selbst war ihm
zuvorgekommen.
    Auf die Kunde des Attentats flohen viele Borgia und Spanier aus Rom und
liessen ihre Häuser im Stich, die der Pöbel plünderte. Nur Rodrigo Borgia wich
nicht. Mit einer Leibwache von zehn schwer bewaffneten Catalanen ging er aus und
besuchte Rodolfo Orsini, sich mit ihm sehr artig über die griechischen
Handschriften der vatikanischen Bibliotek zu unterhalten.
Pius II. besteigt den päpstlichen Stuhl.
    Der Kardinal Rodrigo Borgia lag noch zu Bett, als man ihm die Ankunft eines
päpstlichen Kuriers meldete. Julietta, völlig nackt, servierte ihm die
Schokolade. Corinna, nur mit einem silbernen Schleier bekleidet, sass auf dem
Bettrand.
    Der päpstliche Kurier, ein achtzehnjähriger hübscher Junge aus Piemont, trat
über die Schwelle des Schlafzimmers und stutzte.
    Er versuchte die Augen zuzukneifen.
    Dann sah er angestrengt zur Decke empor. Aber auch dort fand er nackte
weibliche Gestalten sich zu einem sinnlich aufreizenden Reigen schlingen, der
ihn erröten liess. Tritt näher, mein Sohn, sprach der Kardinal.
    Julietta lachte.
    Corinna lächelte.
    Der Kurier errötete.
    Seine Heiligkeit benutzt die Bäder von Petriolo?
    Der Kurier nickte.
    Er schien sich vorgenommen zu haben, kein Wort zu sprechen.
    Julietta und Corinna tuschelten zusammen und zeigten ungeniert mit den
Fingern nach dem sehnigen Burschen. Der Kardinal riss den Brief auf und las:
    Geliebter Sohn! Eure Eminenz!
    Es ist etwa eine Woche her, dass in den Gärten des Signor Giovanni dé Bichi
eine Festlichkeit stattfand und eine grosse Anzahl als leichtfertig verschriener
Frauen Sienas dort zusammenkamen, um sich in Anwesenheit Euer Eminenz
Lustbarkeiten hinzugeben, die mit näherem Namen anzuführen mir meine Scham
verbietet. Eure Eminenz nahmen von der siebzehnten bis zur zweiundzwanzigsten
Stunde, wenig eingedenk Ihres erhabenen Amtes, an dem unchristlichen Bachanal
teil. Um die Schande vollzumachen, waren die Gatten, Brüder, Väter und Vettern
der jungen Damen von der Teilnahme an dem Gelage ausgeschlossen, die Lust Euer
Eminenz und einiger weniger Auserwählter nicht zu stören. - Ich vermag meiner
Empörung und meinem Missfallen kaum die geziemenden Worte zu finden. Hier in
Petriolo, einem von Geistlichen und Laien in der gegenwärtigen Jahreszeit stark
besuchten Bade, ist das eines Kirchenfürsten unwürdige, zügellose Betragen Euer
Eminenz zum Tagesgespräch geworden. Die Kleriker schämen sich Euer Eminenz
Genossenschaft, und die Laien abstrahieren von Eurem frivolen Wandel auf das
Leben der Geistlichkeit insgesamt. Selbst wir, der Stattalter Christi auf
Erden, geraten in Gefahr, der allgemeinen Verachtung, dem Spott und Hohn der
Welt anheimzufallen, da wir Euer Eminenz sittenloses Gebaren zu dulden scheinen.
Das Mass Unserer Nachsicht ist aber am Überlaufen, und wir bitten Euer Eminenz
ein allerletztes Mal, in sich zu gehen und Busse nicht nur zu geloben, sondern zu
tun. Euer Eminenz haben einen Sitz unter den Räten des Heiligen Stuhles, wozu
Euer Eminenz Klugheit, Tatkraft und Wissen Sie gewisslich befähigen. Möge aber
Euer Eminenz bedenken, wie sehr die Autorität der Kirche gemindert wird, wenn
ein Baumeister, ausersehen, sie zu stützen, fortgesetzt Steine aus ihren Mauern
löst und endlich den Turm selbst zum Einsturz bringen wird. Euer Eminenz sind
noch sehr jung, 29 Jahre, aber nicht mehr so jung, um den ganzen Tag auf nichts
als Wollust zu sinnen. Wir vermahnen Euch streng, aber väterlich und zeichnen
als
Petriolo, 11. Juni 1460.
                                                                        Pius II.
Der Kardinal hatte mit steigendem Unmut gelesen, der sich in den Zornesfalten
seiner Stirn ausdrückte. Als er geendet hatte, warf er sich in die Kissen zurück
und überlegte, was zu tun sei. Er schrieb mit dem rechten Zeigefinger allerlei
Zeichen in die Luft.
    Der Kurier folgte seinen Bewegungen und schien sie entziffern zu wollen.
    Endlich fiel des Kardinals Blick auf Julietta. Er wandte sich mit einem Ruck
an den Kurier:
    Bist du geritten, oder hast du einen Wagen mit, mein Sohn?
    Ich bin geritten, Eure Eminenz.
    Schön. Man wird einen meiner Reisewagen anspannen. Du wirst im Wagen
zurückfahren -
    Sehr wohl, Eure Eminenz.
    Mit meiner Antwort an Seine Heiligkeit - Gott selbst hat sie geformt und
stilisiert - da -
    Und er zeigte auf die nackte Julietta.
    Wirf ihr einen Mantel um - nichts weiter - und nimm meine Antwort an Seine
Heiligkeit mit dir - aber hüte dich, ihr im Wagen ein Postskriptum anzufügen.
Geh mit Gott, mein Sohn.
    Und zu Julietta, die kein Wort fand:
    Geh mit Gott, meine Tochter.
 
                                      VII
Der Bildhauer Umberto arbeitete an einer Statue der Juno.
    Rodrigo Borgia sah sie in seinem Atelier.
    Er war entzückt.
    Er ging auf Zehenspitzen um sie herum.
    Er zog den Vorhang am Fenster auf und zu, um Licht und Schatten zu
studieren.
    Er strich ihr mit der Hand über Wangen und Brüste und streichelte zärtlich
die Knie.
    Was willst du dafür haben, Umberto?
    Umberto wand sich vor Verlegenheit wie ein Regenwurm.
    Die Statue ist bestellt, Eure Eminenz.
    Ich zahle das Doppelte.
    Sie ist bestellt - von dem Urbild.
    Wie - Juno sitzt Euch Modell?
    Der Bildhauer nickte.
    Ich zahle Euch das Dreifache - und Ihr könnt die Statue behalten - wenn Ihr
mich einer Sitzung beiwohnen lasst.
    Eure Eminenz -
    Hinter dem Teppich dort - oben auf dem Hängeboden oder -
    Es klopfte.
    Der Kardinal sprang hinter den Vorhang.
    Die Vanozza erschien.
    Wir sind allein?
    Allein.
    Sie warf die Kleider ab.
    Zitternd führte der Bildhauer Meissel und Hammer.
    Die Vanozza wurde aufmerksam.
    Was habt Ihr, Umberto? Seid Ihr nicht wohl?
    Umberto wischte sich den Schweiss von der Stirn.
    Es ist heute heiss im Atelier.
    Der Teppich verschob sich.
    Die Vanozza kehrte sich um.
    Nackt wie sie selbst trat Rodrigo Borgia auf sie zu.
    Möge Juno verzeihen, wenn Zeus ohne Ankündigung seines Besuches sich ihr zu
nahen wagt.
    Und zu dem Bildhauer:
    Umberto - geht - Ihr müsst neuen Ton besorgen - es gilt, ein Duo in Stein zu
schaffen: Zeus wirbt um Juno.
    Blasser als Marmor schlich Umberto, der Bildhauer, ohne sich noch einmal
umzusehen, aus seinem Atelier.
 
                                      VIII
Von oben bis unten ist der Kardinal mit Blut befleckt. Er sieht wie ein Metzger
aus, der einen Ochsen schlecht geschlachtet hat. Sein feistes, öliges, aber
schönes Gesicht verzieht sich zwischen Grinsen und Greinen.
    Die Soutane ist hin, denkt er, der Stoff - von Bontempoli in Mailand - war
gut. Aber zu teuer, zu teuer. Ich werde es einmal mit einem kleinen jüdischen
Restehändler in der Via Veneto versuchen. Der Mann soll äusserst preiswert
liefern. Spare ich am Meter drei Groschen, so -
    Er verlor sich in komplizierte Berechnungen. Plötzlich fiel sein Blick auf
die Vanozza, der er Geburtshelferdienste geleistet hatte. Auf der Piazza Prizzi
di Merlo hatte er ihr, in der Nähe seines Palastes, ein Haus eingerichtet. Es
fehlte nichts an der Einrichtung. Nicht einmal ein Mann. Er verheiratete sie mit
Giorgio de Croce, einem nachgiebigen, käuflichen Herrn, den er zum Vater seiner
Kinder bestimmte. - Die Vanozza lag, nach der Qual der Wehen in tiefen Schlaf
versunken, auf dem Lager. Arzt und Hebamme liefen lautlos wie zwei Eichhörnchen
auf dem Teppich hin und her. Im Hintergrund am Fenster sass ein spanischer
Astrologe mit seinen Instrumenten und Karten, sah nach dem Himmel, und stellte
dem Kind das Horoskop.
    Die Hebamme hatte das Kind gebadet. Sie brachte es in einem reinlichen
Steckkissen, das sie dem Vater vor die dicke, mit Sommersprossen bedeckte Nase
hielt.
    - Es ist ein Mädchen, sagte sie.
    Rodrigo Borgia fuhr mit dem rechten Zeigefinger über die Stirn des winzigen
Wesens und schlug mechanisch das Kreuz. Ein Mädchen! dachte er. Ich hatte einen
Knaben erwartet. Davon kann man nie genug haben. Stammhalter. Borgia. Aber es
sei. Juan und Cesare sind ja schon eingetroffen. Man sagt, dass es einen Knaben
gibt, wenn der Mann mehr liebt, und ein Mädchen, wenn die Frau mehr liebt. -
    Er sah von dem Kind zur Mutter hinüber. Was müsste es da eigentlich geben,
wenn weder Vater noch Mutter liebten?
    Er grübelte.
    Das Kind verzog jetzt sein verwittertes, greisenhaftes Gesicht noch mehr, so
dass es aussah, als ob eine unsichtbare Hand ein Paket Pergamentpapier
zerknittere. Dann öffnete es plötzlich die verklebten Augen einen kleinen Spalt.
Es schien zwischen den Lidern hindurch den fetten, grossen Mann, der vor ihm
stand, prüfen und ergründen zu wollen.
    Du bist mein Vater? fragte es erstaunt. Hast du irgendwelche Vorstellungen
von mir gehabt, als du mich schufst? Wolltest du einen Menschen deines unreinen
Blutes - oder wolltest du vielleicht etwas Liebliches, Schönes, Sanftes, Zartes,
Edles - - - alles Eigenheiten, die dir und deiner Familie fremd sind? Wolltest
du dich selber überdauern - einen Hauch Ewigkeit in den Sturm der Zeit blasen -
oder bin ich dir nur zufällig so entwischt - wie du nach dem Essen, dich zu
erleichtern, einen Dampf aus dem Darm fahren lässt? -
    Die Augen des Kindes hinter den Lidern fragten, ohne eine Antwort zu
bekommen. Sie glitzerten in einem unbestimmten, silbrigen Glanz, und es war noch
nicht zu erkennen, ob es blaue, braune oder schwarze Augen geben würde.
 
                                       IX
Am siebenten Geburtstag Cesares erscheint Rodrigo Borgia in seines Sohnes
Zimmer, um ihn mit einem väterlichen Kuss zu wecken.
    Adriana Mila, die Tante, trägt einen Maiskuchen, in dem sieben Kerzen
stecken, die eine verdächtige Ähnlichkeit mit Phallen haben. Rodrigo dreht eine
Pergamentrolle in der Faust.
    Der Knabe, noch ganz verschlafen, streckt die Hände danach aus.
    Sollst du haben, mein Söhnchen, sollst du haben, und alles, was auf dem
Papier geschrieben steht, dazu.
    Und Rodrigo Borgia entfaltet die Rolle und beginnt zu lesen:
    Alle Einkünfte der Präbenden und Kanonikate des Domes von Valencia fallen
Signor Cesare Borgia zu. - Der Signor Cesare Borgia bist du! sagt stolz der
Vater und tippt dem Knaben auf die Stirn. - Er wird zum Schatzmeister von
Cartagena ernannt.
    Der Schatzmeister von Cartagena, das bist du.
    Rodrigo lacht, dass seine etwas feisten Wangentaschen scheppern.
    Der Knabe wird böse.
    Lach nicht, Papa. Das Leben ist ernst.
    Don Rodrigo hält inne, stutzt. Dann streichelt er den Sohn zärtlich mit der
päpstlichen Bulle.
    Du hast recht, Cesarino, bist sieben Jahre alt und so klug, so klug. Wirst
es weit bringen. Er geht und lässt das Pergament.
    Der Knabe springt aus dem Bett. Ihn kommt ein natürliches Bedürfnis an. Er
zieht ein silbernes Nachtgefäss unter dem Bett hervor. Und da es ihm an Papier
mangelt, zerreisst er die päpstliche Bulle Sixtus IV., die ihn soeben zum
Schatzmeister von Cartagena ernannte.
 
                                       X
Lucrezia wird als Prima Donna d'Italia von ihrer Tante Adriana zusammen mit
Julia Farnese, genannt »die Schöne«, aufgezogen.
    Die beiden jungen Mädchen wetteifern miteinander an Schönheit und Grazie.
    Jeden Abend, wenn die Tante zu Bett gegangen, treten sie nebeneinander nackt
vor den Spiegel.
    Sie beobachten, wie ihre Brüste sanft sich zu runden beginnen, wie immer
dichter der Flaum zwischen ihren Schenkeln sprosst.
    Jede ist auf die andere eifersüchtig und jede preist verlogen die Schönheit
der andern. Julia sagt:
    Wie wunderschöne kornblonde Haare du hast, Lucrezia!
    Lucrezia sagt:
    Wie zart die Wölbung deiner Brüste! Es sind die beiden Hälften der Erdkugel,
die aus dir hervorquellen.
    Sie funkeln sich hasserfüllt an.
    Julia sagt spitz:
    Wie meinst du das mit dem »Hervorquellen«? Bin ich dir vielleicht zu dick?
    Lucrezia kräuselt die Lippen:
    Aber Julia! Du bist schlank wie ein Knabe - so schlank wie Cesare.
    Julia wird rot wie ein Hummer:
    Also bin ich zu mager, wie?
    Sie fährt auf Lucrezia los und ihr mit dem Kamm ihrer Finger durch das
gelöste blonde Haar.
    Lucrezia schreit auf und beisst Julia in die Schulter, dass das Blut rinnt.
    Julia lässt los:
    Du bist grob!
    Und du bist schlecht erzogen.
    Genau wie du - von Tante Adriana.
    Sie sehen sich unter Tränen an.
    Dann lächeln sie plötzlich.
    Sie stürzen sich in die Arme und selig spürt jede den nackten heissen Leib
der andern.
Lucrezia liess sich aus diplomatischen Gründen ohne Widerrede und ohne dass sie
ihn auch nur gesehen hätte, fünfzehnjährig mit Giovanni Sforza in absentia
vermählen.
    Wenn er kein Borgia ist, so ist ein Mann wie der andere. Wenn er einmal die
Woche badet, sich zweimal täglich den Mund spült und dreimal des Nachts seine
eheliche Pflicht erfüllt, wird sich mit ihm leben lassen.
    Einige Wochen nach der Hochzeit verfolgte sie auf einem Spaziergang rechts
des Tibers ein stattlicher junger Mann, dem sie nicht zu entgehen vermochte.
    Sie floh in einen Olivenhain.
    Der Jüngling folgte ihr.
    Da er ihr gefiel, gab sie sich ihm hin.
    Erst später, als er sich vorstellte, zeigte es sich, dass es Giovanni Sforza,
ihr Mann, war, mit dem sie, ohne es zu wissen, die Ehe vollzogen hatte.
    Diese Ehe sollte nicht lange dauern. Die Gründe, die Rodrigo zu dieser Ehe
bewogen hatten, bestanden bald nicht mehr.
    Die Sforza konnten ihm nicht mehr von Nutzen sein.
    Er hatte sich getäuscht.
    Er korrigierte sich sofort.
    Er liess von einem Kardinalskollegium die Ehe der Lucrezia Borgia und des
Giovanni Sforza wegen »impotentia coeundi« des Ehemannes trennen.
 
                                       XI
Cesare wird vom Vater zum geistlichen Stand bestimmt, während Juan, der
Erstgeborene, die weltliche, die politische Karriere einschlägt.
    Cesare soll in Perugia, der Hauptstadt Umbriens, Jura und Teologie
studieren. Als Hofmeister wird ihm der Spanier Francesco Remolino beigegeben.
    Cesare bildet sich zum vollkommenen Cortegiano, zum Mann von Welt aus.
    Er reitet, schwimmt, tanzt.
    Er liest die griechischen und lateinischen Klassiker, vor allem Cäsar,
Livius und Herodot.
    Er ficht Florett und Degen.
    Er springt, ringt, singt.
    Man muss, so sagt er zu Francesco Remolino, sein Leben als schönes Kunstwerk
leben. Hässliche Dinge lässt man die anderen tun.
    Sein liebster Umgang war ein verwachsener Zwerg namens Gabriellino, den er
unterwegs auf der Reise wie eine vom Baum gefallene Nuss aufgelesen hatte.
    Sie gab ihm manches zu knacken:
    Eure Herrlichkeit sind wohl nach Perugia gezogen, um eine Grabstatt für dero
Herrn Vater ausfindig zu machen? Zum Begraben ist Perugia gar nicht so
ungeeignet.
    Der Jüngling runzelte die Stirn:
    Wie meinst du das?
    Nun: Perugia ist der bevorzugte Friedhof der Päpste. Innozenz III., Martin
IV., Benedikt XI. liegen hier im Dom begraben. Die beiden ersten sogar Wange an
Wange, d.h. Staub an Staub in der gleichen Urne. Ich habe mir schon oft gedacht,
was das am Jüngsten Tag, wenn die Posaune ertönt, für ein Durcheinander geben
wird. Die beiden werden sich in ihrem Staub miteinander nicht mehr auskennen.
Vielleicht werden sie als Wunderpapst, ein Papst mit zwei Köpfen, auferstehen.
    Cesare lachte:
    Du hattest mir für den Abend ein hübsches Mädchen versprochen. Geh, hol sie
mir!
    Der Zwerg griente:
    Ich werde Euch ein weibliches Wundergeschöpf vorstellen. Zwei wunderschöne
Schwestern - zwei Leiber - und kein Hirn, zwei Seelen - und kein Gedanke. Euer
erlauchter Bruder, der nicht umsonst den Namen Don Juan trägt, würde -
    Schweig, unterbrach ihn zornglühend Cesare, schweig mir von meinem Bruder.
Ich will nichts von ihm wissen.
    Und ungelesen zerriss er einen Brief Juans, den er soeben erhalten hatte.
    Der Zwerg watschelte davon.
                                      XII
Zwischen Tiber, Pincio und dem Kapitol drängt sich in einem Tal Rom, die ewige,
die heilige Stadt.
    Die Strassen sind eng, schmutzig, schlecht gepflastert. Bei Regenwetter
versinkt man ohne hohe Stiefel im Morast.
    An der Piazza Giudea liegen die Handelshäuser. Im Rione di Ponte
domizilieren die Handelsherren und Bankiers. Im Rione di Tarione hausen
Prälaten, Buchhändler, Literaten, Künstler, Kurtisanen.
    Es gibt keine Nachtbeleuchtung. Zwischen dunstigen, ärmlichen Häusern
steigen plötzlich üppige Paläste und stolze Kirchen empor.
    Die Ruinen der Vergangenheit begegnen einem auf Schritt und Tritt.
    Auf dem Forum weiden Gänse und Ziegen. Um die Trajanssäule haschen sich die
Kinder. 50000 Einwohner zählt Rom - den dritten Teil von Venedig.
Durch ein Seitentor verliess Rodrigo Borgia seinen zwischen Engelsbrücke und
Campo dé Fiori gelegenen Palast, völlig unkenntlich, nur ein paar Lumpen
umgehängt, aber unter den Lumpen den Toledaner Dolch. Er strich durch das
Viertel Ponte.
    An Kirchentüren blieb er stehen und bettelte.
    Wie war die allgemeine Volksstimmung - für oder wider den Papst Sixtus IV.?
    Die Orsini waren für ihn.
    Die Colonna und Savelli gegen ihn.
    Hehe - und die Borgia?
    Er drückte seinen zerrissenen Kalabreser Hut tiefer in die Stirn.
    Hier in Ponte, auf dem Monte Giordano, herrschten die Orsini.
    Rodrigo Borgia schlich um die Torre di Nona und den Monte Giordano, wo
Adriana Orsini wohnte, wie der Kater um den heissen Brei.
    Man müsste die Vanozza vor den Orsini schützen - aber auch vor den Margana,
Palle, Savelli, Cesarini, Barberini.
    Für sie hatte es nur Borgia zu geben, grosse und kleine. Sie selbst war dazu
da, Borgia zu gebären. Denn es sollte ein Geschlecht erzeugt werden, fähig, Rom
und alle Tore der Erde aus den Angeln zu heben. Ausser ihm, Rodrigo Borgia, dem
Ahnherrn der Borgia und Schöpfer einer neuen Welt, waren bereits durch ihre und
Gottes Hilfe Juan, Cesare und Lucrezia Borgia in dieses Leben getreten,
ausersehen, es bunt und prächtig zu gestalten und alle niederen menschlichen und
tierischen Wesen zu regieren und zu leiten: mit Hochherzigkeit, Kühnheit,
Klugheit, Schönheit, aber auch mit unerbittlicher Strenge und Härte bei
unbotmässiger Auflehnung.
    Gegen Gott und Borgia darf niemand löken. Juan! Cesare! Lucrezia! Ihr werdet
Borgias Bannerträger sein!
    Für euch, für Borgias Ruhm habe ich allen meinen Reichtum gescharrt und
gekratzt und gehäuft. Valencia und Kartago sind meine Bistümer und senden mir
Tribut, und hundert Abteien Spaniens und Italiens. Warum habe ich das Amt eines
Vizekanzlers usurpiert? Um euch jährlich zehntausend Goldgulden sammeln zu
können.
    Zehntausend Goldgulden, murmelte er vor sich hin und drehte bettelnd seinen
Hut vor Santa Maria del Popolo.
    Dann trat er in eine Osteria - in eine der Osterien, deren Pächterin noch
von früher die Vanozza war.
    Er trank einige Viertel Barberino und fing dann zu grölen an:
    Die Vanozza ist eine Hure. Wovon lebt sie, he? Von der Hurerei mit diesem -
und er spuckte dreimal aus - sogenannten Kardinal Rodrigo Borgia, einem, hol
mich Gott, verdammten spanischen Intriganten. Es wird kein gutes Ende nehmen -
mit ihr nicht und mit ihm nicht. Warum rennt ihm ihr hochachtbarer Gatte, Signor
Giorgio di Croce, nicht ein kaltes Eisen zwischen die Rippen?
    Rodrigo Borgia zog unter den Lumpen seinen Dolch hervor und fuchtelte damit
herum.
    Wenn ich diesem - er spuckte wieder aus - Borgia einmal allein begegne, so
werde ich ihm mit diesem Messerchen ein wenig die Gedärme kitzeln. Der Kerl soll
an mich denken -
    Von allen Seiten in der Schenke machte es Psst! Psst! Psst!
    Er schrie so laut, dass man's bis auf die Strasse hörte.
    Jeder soll es hören, schrie er, dass der Kardinal Rodrigo Borgia ein Lump und
die Vanozza eine Kapitalshure ist. Jeder. Meint Ihr, sie betrüge ihren
hochachtbaren Gatten nur mit diesem Borgia? Weit gefehlt! Da haben wir einmal
die spanischen Senores Juan López, Marades und Taranza, die bei ihr verkehren -
hihi, verkehren -. Auch von den edlen Familien der Barberini, Cesarini, Orsini,
Torcari dürfte mancher männliche Spross schon Wurzeln in ihr geschlagen haben ...
    Jetzt ist's aber genug, du Lästermaul, schrie der riesige Wirt der Taverne.
Du bringst mir noch meine hochangesehene Schenke mit deinem greulichen Gebrüll
bei allen ehrenwerten Bürgern in Verruf. Was gehen mich die Vanozza und der
Kardinal Borgia an? Hinaus!
    Und er packte Rodrigo Borgia um die Hüften und warf ihn hinaus auf das
Pflaster, wo er einige Sekunden wie tot liegen blieb, sich humpelnd erhob und
erst hinter einigen Strassenecken in seinen gewöhnlichen schlendernden Gang fiel.
 
                                      XIII
Rodrigo Borgia sitzt mit feistem, festem Arsch unter fünf Päpsten auf dem Stuhle
des Vizekanzlers.
    Er ist nicht herunterzukriegen.
    Er hockt wie eine brütende Ente - er brütet die Zukunft der Borgia -, er
sitzt und wartet.
    Der Humanist Pius II. versucht, den Sultan Mohammed brieflich zum
Christentume zu bekehren und stirbt.
    Hehe -
    Der eitle Paul II. versteht wenig Latein, sammelt Münzen und Bilder, um
hinter den Medici nicht zurückzustehen, und stirbt.
    Hihi -
    Der jähzornige Sixtus IV. baut die Sixtinische Kapelle, führt Kriege, auch
mit Florenz und den Medici, die unüberwindlich scheinen, und stirbt.
    Oho!
    Rodrigo Borgia beginnt aufzumerken. Sixtus ist ein Mann, der es mit der
kirchlichen Seite des Papsttums nicht mehr sehr genau nimmt. Er drückt ihm ganz
den Stempel des Politischen auf.
    Mit scheinbar schläfrigen Augen sieht Rodrigo Borgia umher: nach
Kardinalsgenossen, die ihm helfen könnten.
    Er tut dem und jenem diesen und jenen »Gefallen«: schenkt ihm eine Perle,
einen persischen Teppich, eine Pfründe und verspricht ihm das Tausendfache.
    Dieser Innozenz VIII., haha, lebt ja wohl nicht ewig! Ein erbärmliches
feiges Hündchen, aber er zeigt, wie man's machen muss. Er gibt Absolution und
Pardon selbst bei Mord und Totschlag gegen entsprechende Taxen.
    Er stirbt.
    Rodrigo steht an seinem Sterbebett und fühlt seine Zeit gekommen.
    Er drückt ihm die Augen zu.
    Er richtet sich hoch auf, als er von dem Toten geht. Es scheint allen, als
sei er plötzlich gewachsen. Seine Augen sprühen Feuer.
Das Konklave beginnt.
    Rodrigo Borgia ist Spanier.
    Die meisten italienischen Kardinale sind der Meinung, dass die Tiara einem
Italiener gebühre.
    Sie sind gegen den »Ausländer«.
    Schon sind drei Skrutinien ohne positives Ergebnis vorübergegangen.
    Zwischen Kardinal Costa und Kardinal Caraffo scheint die Entscheidung zu
liegen. Es wurden Wetten auf sie abgeschlossen. Auch Borgia selbst liess unter
der Hand hohe Wetten abschliessen. Auf sich selbst.
    Golden, aus schwarzem Hintergrund trat plötzlich der Borgia hervor. Er geht
von einem Kardinal zum andern und trägt auf seinen Händen alle Reichtümer der
Welt, bereit, sie unter sie zu streuen. Er ist der grosse Verführer. Er führt sie
auf die Hügel um Rom und zeigt ihnen Rom, zeigt ihnen Italien, zeigt ihnen die
Welt.
    Du, Orsini, bekommst das Bistum Cartagena. Du, Colonna, die Abtei Subiaco.
Savelli, mein Freund, dir gebührt Civita Castellana und das Bistum Maiorca. Das
Bistum Pamplona, üppig wie sein Name, ist dir vorbehalten, Pallavicini. Riario,
Sanseverino: Ihr werdet alle zu dem Euren kommen! Du, Ascanio Sforza, du bist
der Edelste, Einflussreichste, Würdigste: Dich will ich überschütten mit Gold und
Gnade - wenn erst die Tiara mein Haupt schmückt. Meinen eigenen Palast sollst du
haben, mein ertragreiches und bequemes Amt des Vizekanzlers, das Bistum von
Erleu, das dir 10000 Golddukaten mindestens bringt - und viele andere Benefizien
-
    So ging der Borgia von einem zum andern und gewann vierzehn Stimmen.
    Vierzehn Stimmen!
    Er frohlockte! Nur eine einzige fehlt mir noch - und ich bin der Papst, der
papa di Roma, ein Borgia der Stellvertreter Christi auf Erden, ein Borgia wird
Gott!
    Aber zu wem er nun noch ging: Piccolomini, Zeno, der junge Giovanni di
Medici, den er fast liebte - sie drehten ihm den Rücken.
    Caraffa und Costa, bei Beginn des Konklave die aussichtsreichsten
Kandidaten, waren enttäuscht, dass die Tiara ihnen entschwebte und wollten nichts
von ihm wissen.
    Es blieb schliesslich nur einer, der unschlüssig war, auf welche Seite er
sich schlagen solle. Es war der fünfundneunzigjährige Kardinal Gherardo.
    Rodrigo Borgia stand vor ihm und sah ihm in die gierig gespannten
Habichtaugen, die aus einem Haufen zerknitterter Haut hervorsahn.
    Der Mann ist alt, dachte Rodrigo Borgia, uralt. Er hat sein Schäfchen schon
im Trockenen. Was könnten ihm ein paar Pfründen und Benefizien noch nützen? Gar
nichts. Es verlohnt nicht, sie ihm anzubieten. Er würde ihn auslachen. Ist er
Kunstliebhaber? Ein hübsches Bild - eine Statue -. Er kam davon ab. Diesem
alten, halbtoten Mann musste man etwas Lebendiges versprechen. Das Leben selbst.
Und wer war das Leben selbst? Wer anders als eine junge Frau, ein junges
Mädchen. Eine Fleischblüte. Ein Nelkenmund. Zwei Schlingarme. Zwei Brustknospen.
Ein moosiger Schoss. Der Kardinal Borgia zog den Kardinal Gherardo zu sich heran,
er flüsterte ihm ins Ohr:
    Wenn Ihr mir heute im Konklave Eure überaus wertvolle Stimme gebt, so wird
morgen, kurz nach Mittag ...
    Die weiteren Worte verliefen sich im Ohr des Gherardo und sie schwollen erst
wieder hörbar an gegen Schluss des Satzes:
    So wahr mir Gott helfe.
    Die Habichtaugen des Greises funkelten den Borgia an.
    Durch messerscharfe Lippen pfiff es wie ein Vogelpfiff:
    Amen.
 
                                      XIV
In der Frühe des 11. August 1492 sprang das Konklavefenster auf.
    Rodrigo Borgia war als Alexander VI. zum Papst gewählt worden.
    Alexander VI. verkündete sofort, dass er für Santa Maria del Popolo, die ihn
beschirmt und geführt, einen neuen Altar und eine Orgel stifte.
    Das Volk applaudierte. Er erteilte von der Benediktionsloggia urbi et orbi
den feierlichen Segen:
    Ich segne die Stadt,
    Ich segne das Land,
    Ich segne Italien,
    Ich segne die Welt.
Um zwei Uhr, nach dem Mittagessen, draussen brütete die Augustsonne, drinnen im
Palast hatte alles die Fensterläden heruntergelassen und schlief,
ging Lucrezia Borgia, die Tochter des Papstes,
    durch die dunklen Gänge des Vatikans,
    durch die da und dort grüngoldene Lichter blitzten,
    in die Gemächer des Kardinals Gherardo. Sie ging ruhig, mit zarten, aber
festen Schritten.
    Vor der Tür zögerte sie nur einen Moment und trat dann ohne Anklopfen ein.
    Der uralte Kardinal erhob sich aus seinem Lehnstuhl. Eine purpurne Röte
schoss in seine Stirn, um sofort einer Totenblässe Platz zu machen.
    Er hob mit Anstrengung nochmals die Augenlider, das Wunder von Mensch, das
Wunder von Mädchen vor sich zu betrachten.
    Sie hatte nur einen kleinen Brokatmantel umgeschlungen, der ihr kaum bis auf
die Knie ging.
    Sie öffnete ihn und stand nackt vor ihm. Da blühte sie, die schönste Blüte
der Natur: die Blume Frau. Ein Nelkenmund. Zwei Brustknospen. Ein moosiger
Schoss.
    Er hob noch einmal die Arme.
    Dann brachen ihm die Knie.
    Er fiel in den Ledersessel zurück.
    Der Kopf schlug hölzern auf die Tischkante.
    Lucrezias Augen öffneten sich zuerst ein wenig erstaunt. Dann schloss sie den
Mantel und trat auf den toten Kardinal zu. Sie schloss ihm mit leichter, fast
zärtlicher Handbewegung die Augen.
    Sie machte das Kreuz über ihn, nahm von den Näschereien, die in einer
kleinen silbernen Schüssel, augenscheinlich für sie bestimmt, auf dem Tisch
lagen und ging mit zarten, aber festen Schritten, wie sie gekommen war.
 
                                       XV
Alexander VI. ist ausser sich vor Glück. Er hat das höchste Spiel mit dem
höchsten Einsatz gewonnen.
    Wir sind im Anmarsch, wir Borgia. Im Anmarsch, Gott, zu Deinem Tron. Wir
haben die erste Sprosse der Jakobsleiter schon betreten.
    Nun geht es aufwärts, unaufhaltsam aufwärts, durch Wolken und Winde,
Gewitter und Hagel, Blitz und Sterne hindurch:
    bis zu Dir, denn Du bist der Vater im Himmel,
    und der Vater der Borgia.
    Wenn wieder ein Gottessohn auf die Erde steigen wird, die Menschheit zu
erlösen, so wird es ein Borgia sein.
    Rom machte Cäsar gross, aber nun hebt Alexander
    kühn es zum Gipfel empor, Mensch jener - dieser ein Gott.
    So jubelte und lästerte der Papst.
    Ich werde Juan zum weltlichen Herrscher Italiens machen. Cesare soll bald
den Kardinalshut bekommen und mir einmal als Papst nachfolgen. Ich will den
päpstlichen Tron erblich machen. Er soll in alle Zukunft den Borgia gehören.
Cesare muss der dritte Borgiapapst werden.
    Füttere Tauben, Kindchen, sagte er zu Lucrezia, die neben ihm auf dem Balkon
des Vatikans stand und hinunter auf den Petersplatz sah, wo ein Hund und eine
Hündin, die sich eben geliebt hatten, nicht auseinander kamen und sich schon zu
hassen begannen -, füttere Tauben! Die Taube ist der mystische Vogel der
Heiligen Dreifaltigkeit! Wir müssen ihm was zu picken geben.
Der Stier ist das heraldische Tier der Borgia. Pinturicchio muss in den
Wohngemächern des Papstes Fresken malen, die die Prozessionen der Apisstiere
darstellen. Rodrigo Borgia, nunmehr Papst Alexander VI., veranstaltet zu Ehren
seiner Wahl und zur Freude des italienischen Volkes und Pöbels
    eine Corrida,
    einen Stierkampf,
    in den Ruinen des Colosseums, das zur Plaza de Toros wird.
    Ich bin ein Spanier, sagt der Papst. Ich will meine spanischen Vergnügungen
nicht mehr missen. Lange genug habe ich sie entbehren müssen. Ich will den
Römern eine festa di Borgia geben. Cesare Borgia, sein Sohn, schritt in
spanischer Tracht als Toreador an den Tribünen vorbei, mit gesenktem Degen, und
die Herzen der schönen Frauen schlugen stärker, wo er vorbeikam.
    Che bellezza!
    Lucrezia warf ihm gelbe Rosen zu.
    Sie sass links neben dem Papst in einer mit rotem Samt ausgeschlagenen
Prunkloge. Rechts neben ihm sass Julia Farnese, in ihrer neunzehnjährigen
Schönheit, die ihn bis zur Raserei entzündete. Sie versagte sich ihm noch immer.
Der Papst hatte schon seine Zuflucht zur Mandragora, zum Liebestrank genommen,
den sein Leibarzt aus einer von einem schwarzen Hund bei Vollmondschein aus der
Erde gezogenen Alraunwurzel gewonnen hatte. Aber der Trank hatte bisher nicht
gewirkt.
    Lucrezia wandte sich an den Papst:
    Höre, papa di Roma e papa di Borgia, der Stier tut mir so leid. Gib ihm doch
vor dem Tod noch eine Kuh. Es stirbt sich dann leichter.
    Der Papst lachte.
    Julia errötete.
    Dein Wille geschehe - wie im Himmel, also auch auf Erden.
    Er liess drei Kühe in die Arena treiben, und alle drei besprang der rasende,
tobende Stier.
    Die Galerie brüllte.
    Julia hielt die Augen geschlossen.
    Dann wurden die Kühe hinausgetrieben und die Picadores ritten in die Arena.
Sie reizten mit kurzen Lanzenstichen vom Pferd herab den Stier, der sie mit
gesenkten Hörnern schnaubend anging.
    Es kam der Schwarm der Banderilleros, zu Fuss; sie stiessen dem Stier die mit
Widerhaken versehenen Banderillas ins schon zuckende und blutende Fleisch. Mit
dem Schwarm der Banderilleros kamen Schwärme von Fliegen, die sich in die Wunden
des Stieres krallten oder ihn surrend umschwirrten.
    Durch Schwingen roter Mäntel suchten Capeadores den Stier von einem
gefährdeten Picador abzulenken.
    Zu spät.
    Der Stier hatte seinem Pferd schon die Hörner in den Bauch gebohrt und warf
Pferd und Reiter wie Bälle in die Luft.
    Mit seinen erhobenen Hörnern fing er den Picador auf, dem sie in den Rücken
drangen. Dann schleuderte er ihn in den Sand, der sich rot zu färben begann.
    Ein Entsetzensschrei brach aus dem Publikum, da kam Cesare Borgia gelaufen.
    In der Linken trug er einen Stock, an dem ein Fetzen rotes Tuch flatterte,
und mit dem er im Zickzack den Stier hier- und dortin lenkte.
    In der Rechten hielt er fest die Espada.
    Als der rasende Stier gerade vor ihm stand und die Hörner senkte, stiess
Cesare ihm plötzlich den Degen zwischen den Hörnern durch.
    Der Stier schwankte und zitterte.
    Er hob den Kopf und sah mit glasigen Augen in die grelle Sonne.
    Er fühlte noch einmal die wohlige Wärme des göttlichen Gestirns, dann brach
die ewige Dunkelheit in seine Augen.
    Er stürzte, von der riesigen Faust des Todes niedergedrückt, platt zu Boden.
    Cesare hob den Degen und grüsste zur Papstloge.
    Lucrezia war blass vor Angst.
    Der Papst war in der Erregung des Kampfes aufgestanden.
    Jetzt klatschte er besessen in die Hände, und alles Volk fiel applaudierend
ein.
Am nächsten Tag wurde Cesare, gegen den Willen des Kollegiums, mit dem Purpur
des Kardinals geschmückt, obwohl er nie die Weihen empfangen hatte.
    Cesare ging zum Barbier:
    Scher mir eine Tonsur! Aber nicht zu gross! Damit ich sie bald wieder
zuwachsen lassen kann!
 
                                      XVI
Julia, die Schöne, liebte Orso, den einäugigen, den Sohn der Adriana.
    Als der Papst davon erfuhr, richtete er ihnen eine prächtige Hochzeit und
traute sie höchstselbst.
    Alexander Farnese, Julias Bruder, ernannte er zum Kardinal. Der Volksmund
pflegte ihn bald Kardinal Fregnese zu nennen.
    Der Papst veranlasste, dass das junge Ehepaar im Palaste San Martinelli
Wohnung nahm, der dicht beim Vatikan gelegen ist. Eine Pforte führte von ihm in
die vatikanischen Gärten.
    In einer Vollmondnacht, ohne Alraunwurzel und schwarzen Hund, ergab sich
Julia, die Junge, Alexander, dem Alten.
    Orso, der Einäugige, erblindete.
    Alexander Borgia liess Julia Farnese als lebendige Heilige in feierlicher
Prozession im Reliquienkasten einhertragen.
Alexander Borgia hatte das Vertrauen auf die Mandragora verloren und beschloss,
in Zukunft wie bisher nur an sich selbst zu glauben und jedem andern Glauben
abzusagen.
    Während die Menschen seiner Zeit in Aberglauben verrannt waren, machte es
Alexander Borgia von nun an Vergnügen, alle Dämonen der Unterwelt und Oberwelt
keck herauszufordern.
    Sein Schlafzimmer hing voll ausgestopfter Unglücksvögel, voll Eulen,
Kuckucken, Fledermäusen.
    Eine weisse Rose, die Totenblume, lag jeden Abend auf seinem Kopfkissen.
    Er liebte es, im Kreise von dreizehn Personen zu speisen. Die Bestecke bei
Tisch waren kreuzweise übereinandergelegt. Bei Beginn des Mahles pflegte er,
scheinbar unachtsam, Wein auf das Tischtuch zu vergiessen.
    Er liebte es, wenn ihm Katzen über den Weg liefen.
    Und freute sich, wenn er einer hübschen Nonne begegnete.
    Meist nahm er sie gleich mit in den Vatikan, oder wenn es zu weit war, ging
er mit ihr in die nächstgelegene Kirche, in einer Seitengalerie sich mit ihr zu
vergnügen.
    Der Deutsche Dr. jur. et teol. Johannes Burcardus aus Hasslach bei Strassburg
schrieb über den neuen Papst ein Flugblatt in gemeiner deutscher Sprache, das in
Deutschland weiteste Verbreitung fand und dem Papst viele Freunde gewann.
    »Der neue babst ist ein man gross gemüets und grosser klugheit. Er ist ein
nachfolger babst Calixti seines  vetters seliger gedechtnus in Weisheit tugent
und aufrichtigem leben. In ime ist holdseligkeit, glawbwirdigkeit,
gottesdienstlichkeit und kundschaft aller der ding, die zu einem solchen hohen
stand gepürlich sind. Wir hoffen dass er dem gemaynen christlichen stand
fürderlich und nutzper sein und über die geferlichen meerfelsen wandern und die
himmlische glori ergreifen werd.«
    Johannes Burcardus wurde alsbald vom Papst an den päpstlichen Hof, zum
Schreiber im päpstlichen Zeremonienamt und zum Hofzeremonienmeister berufen.
    Die Schriftsteller sind es, die den Ruhm machen, sagte er zu Cesare.
    Johannes Burcardus war dem Papst devotest zugetan und untertan und führte
ein schlichtes, ehrliches, deutsches Tagebuch der täglichen vatikanischen
Begebenheiten.
    Er ass und trank gern gut, besonders rote Weine, und zog sich neben der Gunst
des Papstes eine dunkelrote Barberinonase und den Spottnamen Johannes der Säufer
zu.
    Aber in besonders wichtigen und diskreten Angelegenheiten traute der Papst
auch ihm nicht. In solchen Fällen pflegte Alexander Borgia ihm zwei, drei Briefe
mit dem entgegengesetzten Inhalt zu diktieren, und er liess ihn im Ungewissen,
welchen er schliesslich abschickte.
                                      XVII
Einige Tage nach seiner Wahl zum Papst beschied Alexander Cesare und Lucrezia in
sein Schloss von Nepi.
    Er schickte für einen Nachmittag sämtliche Bedienstete fort, und es blieb
niemand im Haus als die drei Borgia.
    Sie sassen im grossen Saal um den grossen Tisch, auf dem die Karte Italiens,
ein Globus und ein Totenkopf lagen.
    Niemand lauschte ihnen als die dicken Mauern.
    Ein Sonnenstrahl fiel durch das schmale Fenster auf den Scheitel Lucrezia,
der hell aufleuchtete.
    Mit Wohlgefallen betrachteten sie Alexander und Cesare.
    Im Strahl tanzte eine grüne spanische Fliege.
Als der Papst die erste offizielle Messe las, bestiegen mit ihm die schönsten
Frauen Roms die Sitze der Chorherren von Sankt Peter. Ich will die Priester,
diese grauen Raben, nicht zu dicht vor mir sehen: sie riechen auch schlecht, die
ungewaschenen Heiligen, mir und Gott wohlgefälliger sind die wohlduftende Julia
Farnese, meine innigst Geliebte, meine Madonna, die ich malen lassen werde, mich
selbst davor in Anbetung versunken, Lucrezia, mein Töchterchen, und all die
anderen reizenden Rotkehlchen, Nachtigallen und Kolibris.
    Sie zwitscherten und lächelten und lachten in seine Messe hinein.
    Sie lächelten nach oben, er nach unten,
    und Julia Farnese warf eine Kusshand in sein Amen. -
    Unter dem Publikum, das die Kirche füllte und diese Messe mit Erstaunen
teils und teils mit Abscheu sah, befand sich der Florentiner Mönch Fra Girolamo,
der während der unheiligen Handlung ohnmächtig zu Boden stürzte und von seinen
Nachbarn hinaus ins Freie getragen werden musste. Sie liessen ihn zwischen den
Säulen der Vorhalle liegen.
    Als er erwachte und aus einem wahnwitzigen Traum zu erwachen glaubte,
    stand er auf
    und lehnte sich an eine Säule.
    Die Tränen rannen ihm, als er wieder zu sich kam, und er umarmte die Säule
und küsste sie.
    O Säule! Wie froh bin ich, dass du kein Mensch bist! Sei auch du dessen froh!
Du hast keine Augen, die Schande Roms und der Welt zu sehen. Du hast kein Herz,
die Qual dieses Lebens zu empfinden.
    O Stein, o kühler Stein, o lieber Stein! Kühle meine heisse Stirn, hinter der
das Fieber brennt und die Simsonsehnsucht, dich und alle Säulen dieser Kirche an
mich zu reissen, dass Sankt Peter über den Papst und seinen Päpstlingen krachend
zusammenstürze!
    Aber ach - er presste seufzend die Säule an seine Brust -, ich bin zu
schwach.
    Zu schwach und zu feige.
 
                                     XVIII
Audienz beim Papst.
    In langer Reihe, vom Magister ceremoniarium, Hof- und Zeremonienmeister
Burkhard geleitet, einem dürren, phlegmatischen Mann, der unfähig war, sich zu
wundern, und alle Ereignisse des Lebens mit dem gleichen Gleichmut an sich
vorüberziehen liess -
    so auch diese Reihe Menschen:
    zogen sie vorüber und küssten auf türkische Art den Boden zu Seiner
Heiligkeit Füssen - Geistliche, Nonnen, Ritter, Bauern, Frauen, Damen, Huren.
    Auf letzteren weilte das Auge des Papstes mit besonderem Wohlgefallen.
    Er sprach mit der einen und andern ein paar halblaute Worte, nannte eine
jede Magdalena und bestellte sie in den Vatikan: die eine um vier, die andere um
fünf, die dritte um sechs.
    Man kann nicht zuviel von einem Gang vertragen. Abwechslung macht die Küche
reizvoll. Ein Schnepfchen, ein Hühnchen, ein Täubchen! Das schmeckt. Aber drei
Täubchen - die verderben einem den Magen. Als letzter der Reihe, der Papst
wollte sich schon zurückziehen, trat der Florentiner Mönch Fra Girolamo auf ihn
zu.
    Er warf sich nicht wie die andern zu Boden. Er küsste nicht den Saum seines
Mantels oder seine Sandalen.
    Er blieb stehen, und in seinen glühenden Augen brannte eine Forderung mehr
als ein Wunsch.
    Der Papst räusperte sich:
    Ja - also - du bist der Letzte. Was willst du, mein Sohn?
    Der Mönch erwiderte:
    Du bist der Erste - und siehe an - denke nach, was du tust.
    Der Papst:
    Willst du ein philosophisches Gespräch mit mir führen? Ich habe keine Zeit.
Mein hohes Amt -
    Du hast keine Zeit - und willst die Ewigkeit erringen und begreifen, die aus
nichts als Zeit und Zeit und Zeit besteht? Man muss Zeit haben, um die Ewigkeit
zu haben. Der Mönch sprach in einem singenden, melodischen Tonfall, der den
Papst einzulullen begann.
    Ja, ich höre, sagte der Papst, ich höre. Und er hörte den römischen Brunnen
des vatikanischen Gartens rauschen.
    Weisst du, fuhr der Mönch fort, wie tief du dein hohes Amt erniedrigt hast?
    So tief, dachte der Papst, so tief - er war auf eine sonderbare Art bewegt,
den Anklagen des Mönches widerstandslos beizupflichten.
    Durch schändliche Simonie hast du die Tiara erworben - - durch Stimmenkauf
-, o Schande über die Kardinale, die sich kaufen liessen! Du handelst mit
Kardinalshüten wie ein Mützenmacher, mit Hirtenstäben wie ein Schreiner. Du
buhlst mit allen Huren Roms und nachts schläft der Teufel in weiblicher Gestalt
bei dir. Du streust den verfluchten Samen der Borgia in alle Himmelsrichtungen.
Zahllos und unzählbar sind deine Töchter und Söhne. Es gelüstet dich, auch sie
zu verführen, Töchter und Söhne, du stillst deine Triebe ja nicht nur bei den
Weibern - auch junge Burschen und Mönche und Ziegen und Hennen sind dir
erwünscht. Es steht eine junge Stute in deinem Stall, sie wird in Milch gebadet
und mit Wein abgerieben. Es ist deine Geliebte.
    Borgia! Borgia! Steig hernieder vom angemassten Tron und erweise Gott dem
Herrn und Herrscher wieder die Ehre, die ihm gebührt. Lass freiwillig fahren, was
deine Gold- und Machtgier sich angemasst. Geh mit Cesare, mit Lucrezia und den
Deinen aus freien Stücken in die Verbannung. Dann mag ein ökumenisches Konzil
über den verwaisten Papsttron beschliessen und ihm den würdigen Nachfolger Petri
geben.
    Der Papst hatte sich vom Sessel erhoben. Dann fiel er vor dem Mönch nieder
und küsste den Saum seiner Soutane.
    O - welch ein herrliches Gefühl war in ihm - wie süss, einmal erniedrigt zu
sein - die Wonnen der Erniedrigung zu schmecken, getreten zu werden, beschimpft
und bespien
    wie einst Christus, als er sein eigenes Kreuz zur Richtstätte schleppte.
    Ja, zertritt mich, schrie er zum Mönch empor, bespei mich, geissle mich mit
Dornen und Ruten. Ich will tun, wie du gesagt. Von dannen gehen, in die Wüste
fliehen. Erhebe doch die Faust und lass sie auf meinen tonsurierten Kopf
niedersausen wie einen Hammer. Ich will dein Amboss sein. Speichel lief ihm aus
den Mundecken.
    Er fühlte, wie er der Erlösung nahe war - ah - jetzt - jetzt -
    Apage, Satanas! schrie entsetzt der Mönch, schlug das Kreuz und floh.
    Er sah nicht, wie der Papst sich erhoben hatte und ihm lächelnd eine
geballte Faust nachsandte.
Auf den Korridoren des Vatikans begegnete Lucrezia dem Mönch, wie er umherirrte.
Er fand den Ausgang nicht -
    aus dem Vatikan nicht -
    und nicht aus den Irrwegen seiner Seele.
    Sie hielt ihn an:
    Wo willst du hin? Zum Heiligen Vater?
    Ich komme von ihm.
    Nun, und jetzt?
    Er verstummte.
    Ihre Schönheit brannte wie eine Fackel in der Dämmerung vor ihm auf.
    Möchtest du nicht auch der unheiligen Tochter des Heiligen Vaters deine
Aufwartung machen?
    Sie lächelte ihm zu.
    In diesem Lächeln war Gewähren, noch ehe er verlangt hatte, Erfüllung noch
vor der Sehnsucht, Liebe noch vor der Begierde.
    Sie sah den Gang nach links und rechts schnell herauf.
    Komm - und sie zog den nicht Widerstrebenden in eine Seitenkammer, die
voller Gerümpel war: alte Bilder, Kommoden, Fahnen, Gipsabdrücke.
    Sie riegelte ab.
    Im Halbdunkel sah er eine nackte weisse Figur vor sich.
    Es war ein Gipsabguss nach einer Statue, die Umberto von Lucrezia gemacht
hatte.
    Willst du den Stein, lächelte Lucrezia, oder willst du mich? Du darfst
wählen!
    O Stein, o kühler, lieber Stein!
    Und er barg den Kopf in den Schoss der steinernen Lucrezia.
 
                                      XIX
An Mariä Verkündigung zog der Papst im feierlichen Zug der Kardinale, Prälaten
und Adeligen nach Santa Maria sopra Minerva.
    Er hielt das Hochamt und schenkte nach alter Sitte hundertfünfzig armen
Mädchen die Aussteuer.
    Sie mussten nach Vollzug der feierlichen Handlung an Alexander vorüberziehn:
ein Zug des Harmes, des Leides, der Hässlichkeit und Schönheit.
    Alexander musterte sie sehr aufmerksam. Die fünf Schönsten beschied er zur
Privataudienz in den Vatikan.
    Auf dem Rückweg harrten die Juden an der Tiberbrücke geduckt und demütig des
Papstes. Sie waren aus den dunklen Winkeln ihres Ghettos gekrochen wie
Maulwürfe.
    Sie standen dichtgedrängt, wisperten und flüsterten.
    Als der Papst über die Brücke geritten kam, warfen sie sich alle vor ihm
nieder.
    Der Älteste der Judenschaft, ein gewisser Ephraim, trat hervor und
überreichte ihm die jüdische Gesetzesrolle, den in Gold gebundenen Pentateuch.
    Er bat in devoten, wimmernden Worten, den Juden das Gesetz Mose zu
bestätigen. Der Papst nahm die Rolle, betrachtete einen Augenblick wohlgefällig
das Gold, zögerte, sprach:
    Confirmamus, sed non consentimus - und liess die Rolle in den Staub fallen.
    Dann ritt er weiter.
    Am Nachmittag des gleichen Tages mussten die Juden mit Pferden, Eseln,
Büffeln um die Wette laufen.
    Die Rennbahn ging vom Arco Domiziano bis zur Kirche San Marco.
    Manche der Juden wurden vorher betrunken gemacht oder vollgestopft wie
Mastgänse, so dass sie während des Rennens zu kotzen und zu scheissen begannen.
    Der Papst sass am Ziel bei der Kirche San Marco und lachte, dass ihm die
Tränen über die Wangen liefen.
    Den ersten Preis, ein Stück rotes Tuch, gewann ein Jude, der sich an den
Schwanz eines Pferdes gekrallt hatte und kurz vorm Ziel auf das Pferd und über
den Hals des Pferdes gesprungen war, so dass er als erster ankam.
    Er wurde in einer gnädigen Laune des Papstes zum Fusskuss zugelassen.
Es wurde im Vatikan ein Kind geboren, von dem nach aussen weder der Name der
Mutter noch der des Vaters verlautbart wurde. Es erhielt in der heiligen Taufe,
die der Papst selbst vornahm, den heidnischen Namen Narziss und wurde im Volke
bald der römische Infant genannt.
    Das Kind hatte sich der Gunst und Zärtlichkeit aller Borgia zu erfreuen.
    Lucrezia hielt es oft auf den Armen, trug es im Garten umher und spielte mit
ihm.
    Cesare blieb, wenn es ihm mit der Amme begegnete, im Gang stehen und fuhr
mit seiner schmalen Hand dem Kind fast innig über den zart beflaumten
Hinterkopf.
    Der Papst selbst kroch, als der Knabe älter wurde, mit ihm auf allen Vieren
auf dem Fussboden herum, liess ihn auf sich reiten und schnitzte ihm aus
Weidenruten Flitzbogen und Pfeile, mit denen der kleine Narziss nach den
Heiligenbildern schoss und manchen Sankt Paulus und Sankt Johannes in einen Sankt
Sebastian verwandelte.
    Im römischen Volk kam bald das Gerücht auf, der geheimnisvolle römische
Infant sei der Sohn Lucrezias, ihrem blutschänderischen Verkehr mit Alexander
oder Cesare entsprossen. Denn mit beiden, so munkelte man, unterhalte sie ein
widernatürliches Liebesverhältnis; das spanische Blut rase und glühe in den
Borgia bis zur Siedehitze und treibe sie einander zu wie brünstige Stiere zur
brünstigen Kuh. Und so masslos sei ihre verzehrende Gier, dass sie nur
untereinander Erfüllung und Befriedigung fänden. So dass nur ein Borgia eine
Borgia völlig zu lieben vermöge.
 
                                       XX
Um diese Zeit sollte Lucrezia mit dem erlauchten Herrn Gasparro aus dem Hause
Proscida vermählt werden.
    Es gingen allerlei Gerüchte über die Art, wie der Plan dieser Eheschliessung
zustande gekommen sei und dass Lucrezia nach ihrem Vater mit dem Dolch geworfen
habe.
    Sie bildeten auch die stoffliche Veranlassung zu dem ersten grossen, gegen
die Borgia gerichteten Pamphlet, das in Flugblättern in Rom, Neapel, Florenz und
bis nach Deutschland und Frankreich Verbreitung fand.
Der Titel lautete:
                                IDYLL IM VATIKAN
                            Ein lustiges Trauerspiel
                                      von
                              einem, der nicht den
                                  Ehrgeiz hat,
                             genannt und - gehängt
                                   zu werden
                                        
                              Garten des Vatikans
                                        
 Lucrezia auf einer Schaukel. Ihre Gouvernante Julia. Alexander Borgia sitzt an
   einem Steintisch, mit allerlei Dokumenten vor sich, Gänsefeder, schreibt,
              rechnet, isst währenddessen aus einem Korb Kirschen.
ALEXANDER aufblickend. Du solltest nicht so unzart schaukeln, Lucrezia - du hast
ja fast nichts an - du bist ja halbnackt.
LUCREZIA. Die Nymphen - waren noch nackter -
ALEXANDER. Da hast du recht - aber damals war die Nackteit etwas Natürliches,
und damals gingen die jungen Mädchen auch noch nicht darauf aus, ihre Brüder und
sogar Väter zu verführen.
LUCREZIA. Was soll das heissen?
ALEXANDER. Das heisst, was es heisst -
LUCREZIA schaukelt. Ich fliege - fliege -
JULIA. Bis in den Himmel -
LUCREZIA. Bis in die Hölle -
ALEXANDER aufblickend. Was soll das heissen?
LUCREZIA. Das heisst, was es heisst! -
ALEXANDER. Willst du es mir nicht erklären?
LUCREZIA. Wozu?
ALEXANDER. Man beantwortet nicht eine Frage mit einer zweiten Frage. -
JULIA zu Lucrezia. Durchlaucht behnehmen sich gegen Seine Heiligkeit
unqualifizierbar - un-qua-li-fi-zier-bar -
LUCREZIA. Beiss dir nicht die Zunge ab, Julia -
ALEXANDER. Wenn du dich schon gegen mich schlecht benimmst, so gewöhne dir gegen
deine Erzieherin gefälligst ein anderes Betragen an.
LUCREZIA schaukelt.
ALEXANDER. Was hast du da vorhin gemeint, mit der Hölle?
LUCREZIA. Dass wir alle einmal hineinkommen -
ALEXANDER. Wer - wir alle?
LUCREZIA. Wir Borgia - an der Spitze Seine Heiligkeit Papst Alexander der
Sechste - Schaukelt.
JULIA. Das - ist - ja - unerhört -. Tragen Seine Heiligkeit einer armen
Piemonteserin nicht die grenzenlose Unerzogenheit Ihrer Durchlaucht nach. Ich
bin zuweilen machtlos.
ALEXANDER. Das sind wir alle gegen dieses .... Geschöpf -
LUCREZIA. Seine Heiligkeit haben mich ja - geschaffen, hätten mich eben anders
machen sollen -
JULIA. Lucrezia - Sie sind ein Teufel -
LUCREZIA. Um so besser, dann brauche ich nicht erst einer zu werden - wie -
ALEXANDER. Wie?
JULIA. Nun -?
LUCREZIA springt von der Schaukel. Wie Cesare. Zu Alexander. Geben mir Eure
Heiligkeit ein paar Kirschen ab - ich esse sie am liebsten leicht angefault -
sind sie vergiftet? Ich hoffe nicht! Spuckt Julia einen Kern ins Gesicht.
JULIA. Eure Heiligkeit - ich bitte devotest um Entlassung aus dem päpstlichen
Dienst - meine Menschenwürde wird hier in unqualifizierbarer Weise mit Füssen
getreten! -
ALEXANDER blickt auf Lucrezia. Mit sehr hübschen Füssen -
LUCREZIA. Schau, Julia, sei gescheit und bleib hier. Was soll das heissen: du
willst aus unsern Diensten treten? Glaubst du, dass du lebend nach Piemont
zurückkehrst? Dann kennst du uns schlecht. Du weisst zuviel von uns, Julia, um
uns nicht bei unsern Feinden gefährlich werden zu können. Seine Exzellenz Cesare
Borgia und Seine Heiligkeit dort am Tisch würden dich nicht weit kommen lassen.
An der ersten Tiberbrücke schon würde dir ein bedauernswerter Unfall zustossen -
kannst du schwimmen? Sicher nicht. Bleib bei mir, Julia. Ich rate dir gut. Ich
behandle dich schlecht, aber ich lass dich wenigstens leben. Ja, ich hab dich
sogar gern. Weil ich dich gern hab, muss ich dich quälen. Aber um dich quälen zu
können, muss ich dich am Leben haben. Streichelt sie. Weine nicht, Julia. Greift
wieder in den Kirschenkorb. Mit uns Borgia ist nicht gut Kirschen essen.
ALEXANDER. Für deine Jugend sprichst du wirklich anmassend -
LUCREZIA. Soll ich damit warten, bis ich so alt bin wie Seine Heiligkeit? Ich
hoffe bis dahin weniger anmassend zu sein.
ALEXANDER. Wem soll ich dich eigentlich zwecks Bändigung überantworten? Einem
Mann?
LUCREZIA. Eure Heiligkeit waren Manns genug, mich zu machen. Eure Heiligkeit
sollten auch Manns genug sein, mich - zu bändigen.
ALEXANDER nimmt sein Käppi ab und wischt sich die Glatze. Nein - nein - Lucrezia
- damals, als ich dich machte, bin ich mit dir fertig geworden - seitdem, straf
mich Gott, nicht mehr.
LUCREZIA. Ja, Gott hat dich gestraft. Mit Cesare und mit mir.
ALEXANDER. Hast du einmal daran gedacht, dich zu verheiraten?
LUCREZIA. Oft.
ALEXANDER. Mit wem, wenn man fragen darf?
LUCREZIA. Mit Cesare -
ALEXANDER. Mit Cesare? Bist du ganz von Sinnen? Cesare ist dein Bruder -
LUCREZIA. Nun - und warum nicht? Er gefällt mir von allen Männern am besten.
ALEXANDER. Kein Kompliment für mich. Hüte dich, ihm das auch nur zu sagen. Er
ist sowieso schon grössenwahnsinnig und eingebildet genug -
LUCREZIA. Eure Heiligkeit sind auch nicht uneitel. Ich meine, wir Borgia sollten
ganz unter uns bleiben - wir sollten auch nur von uns selbst Kinder bekommen -
Borgia - immer nur Borgia - kein Tropfen fremdes Blut sollte in das unsere
dringen - ich liebe auch Cesare nicht - auch Seine Heiligkeit nicht - aber die
andern Menschen - die - die hasse ich - ja, ich hasse sie - und je mehr ihrer
vernichtet werden, um so besser. Möchten Eure Heiligkeit nicht mir zuliebe einen
kleinen Krieg anfangen? Geld ist doch in der Kasse, und wenn Geld da ist -
finden sich auch Menschen, die sich dafür totschlagen lassen - geben mir Eure
Heiligkeit ein paar tausend Dukaten, und ich führe selbst Krieg - ich weiss, Eure
Heiligkeit sind geizig - leihen mir Eure Heiligkeit das Geld - ich zahle es von
den Plünderungen zurück -
ALEXANDER. Du bist entsetzlich, Lucrezia - und du weisst es nicht -
LUCREZIA. Eure Heiligkeit bekommen moralische Anwandlungen? O! O! Eure
Heiligkeit sind vergesslich.
Darf ich Sie erinnern?
ALEXANDER hält sich die Ohren zu. Sei still -
                                 Cesare kommt.
CESARE. Gut geschlafen, Alterchen? Morgen, Lucrezia -
ALEXANDER. Schlecht geschlafen - dieses - Kind .... da macht mir so viel Sorgen,
dass ich nachts stundenlang wach liege.
CESARE. Unsere kleine Lucrezia? Aber Lucrezia, du solltest Papa nicht solche
Sorgen machen -
LUCREZIA. Wenn ich Seiner Heiligkeit keine Sorgen mache, so macht sie ihm jemand
anders. Das kommt auf eins heraus. Seine Heiligkeit sind Hypochonder.
ALEXANDER. Sie nimmt mich nicht ernst, Cesare. Ein Kind, das seinen Vater nicht
ernst nimmt. Furchtbar! Die Welt ist reif zum Untergang.
LUCREZIA. Wir Borgia tun jedenfalls alles, um sie dafür reif zu machen.
CESARE. Wenn sie dich nicht ernst nimmt, darfst du ihr auch nicht die Ehre
erweisen, sie ernst zu nehmen, Papa.
ALEXANDER jammernd. Sie nicht ernst nehmen - heisst, sie komisch nehmen - und
damit tut man ihr nur wieder einen Gefallen - denn sie wird die tollsten Dinge
anstellen, unter dem Vorwand, dass das alles komisch gemeint sei. Schliesslich
wird sie alle Kardinäle bezaubern oder bestechen - sie werden sie zum Papst
wählen - zur Päpstin Lucrezia - meine Wahl wird für ungültig erklärt werden -
sie wird uns noch alle unter die Erde bringen -
CESARE. Wenn wir es nicht vorziehen, sie vorher unter die Erde zu bringen -
LUCREZIA lacht.
ALEXANDER. Lach nicht!
LUCREZIA lächelt.
ALEXANDER. Lächle nicht! Dieses süffisante Lächeln macht mich ganz nervös.
LUCREZIA. Eure Heiligkeit sollten wegen Ihrer Nervosität Ihren Leibarzt
konsultieren.
ALEXANDER. Cesare - hör dir dies an - so muss sich der oberste Hirte der
christlichen Herde von seinem letzten Schaf behandeln lassen.
CESARE. Lucrezia - man müsste dich schlagen.
LUCREZIA blitzend, reisst ihm seinen Dolch aus dem Gehenk. Wag's! Setzt ihm den
Dolch an die Kehle, wirft den Dolch fort.
ALEXANDER. Sie muss heiraten. Sie hat zu hitziges Blut.
CESARE. Du hast recht. Es gibt nur zweierlei: sie vergiften - oder sie
verheiraten.
ALEXANDER. Hier - hier ist die Liste der römischen und ausserrömischen Edelleute
- ich ging sie gerade durch, um zu sehen, ob nicht der eine oder andere zu
höherer Steuer an den päpstlichen Stuhl veranlagt werden könnte. - Wer kommt als
Mann für Lucrezia in Betracht? Ein Barberini? Ein Malatesta? Ein Sforza - haben
wir schon gehabt - ein Medici - sind heruntergekommen - ein Orsini - sind mit
uns böse - ein Colonna - dito - ein Este - hätte was für sich - ein Aragon - war
nicht so übel, verwandt mit dem Königshaus von Neapel - ein Rovere - ein
Proscida -
LUCREZIA hat den Dolch wieder aufgehoben. Ich mache Euch einen Vorschlag. Wir
wollen das Gottesurteil sprechen lassen. Cesare, halte die Liste der Adeligen
dort an den Baum -
CESARE. Weshalb?
LUCREZIA. Du wirst sehen. Va bene. So, und jetzt werf ich mit dem Messer nach
der Liste, und wen ich treffe - den heirate ich.
CESARE. Und wenn er schon verheiratet ist?
LUCREZIA. Wird Seine Heiligkeit die erste Ehe kraft seiner apostolischen
Machtvollkommenheit trennen und die zweite Ehe segnen -
ALEXANDER. Sie verfügt über mich wie über ein Stück Vieh -
LUCREZIA. Ein Stück Vieh - das du bist - Wirft das Messer und trifft Alexander,
der neben dem Baum stand, in die Brust.
ALEXANDER. Hilfe! Ich bin ermordet! Sinkt ohnmächtig zu Boden.
CESARE. Lucrezia!!
LUCREZIA läuft zu Alexander, kniet nieder. Ist er tot? Ist er tot? Oh, wie ich
ihn hasse, der mich in dieses Leben hineingestossen hat - ohne mich zu fragen, ob
ich seine Tochter werden wollte - o Gott im Himmel - wenn du bist - und wenn du
den Schrei einer Borgia hörst - und dir vor ihm nicht die Ohren verstopfst - o
lass ihn tot sein - lass ihn nicht mehr aufwachen zu neuen Schandtaten und neuen
Greueln - o ich bin schon ganz behangen mit Schmerzen wie mit Perlenschnüren -
ich bin ja ganz elend, Gott, ganz schlecht, weil er so schlecht ist, der mich
schlecht gemacht hat - gestern Nacht ist er zu mir gekommen - zu mir geschlichen
auf seinen feisten Sohlen - mich - mich wollte er vergewaltigen - seine Tochter
- o Cesare, Bruder, wie hab ich nach dir gerufen und gewünscht, dass du mein Mann
wärst, ihm den Degen durch den fetten Bauch zu rennen - Cesare - hilf mir doch -
er ist ja gar nicht schwach - er tut nur schwach - er heuchelt selbst seine
Schwäche, um uns zu belügen - um mit uns zu spielen - wie er mit allen Menschen
spielt -
ALEXANDER schwach. Cesare -
LUCREZIA. Er lebt -
CESARE. Vater -?
ALEXANDER. Was ist mit mir geschehen?
CESARE. Nichts - nichts Schlimmes - Lucrezia wird sofort den Leibarzt rufen -
der Dolch ist nur in die obere Brust gefahren - über dem Herzen - ein paar Tage
Ruhe - und alles ist wie zuvor -
LUCREZIA. Und alles ist wie zuvor -
ALEXANDER. Wie ist denn das Messer in meine Brust gekommen? Sind Meuchelmörder
im Palast?
CESARE. Keine Meuchelmörder! Nur gute Freunde -
ALEXANDER. Und wer hat das Messer geworfen?
LUCREZIA. Ich -
CESARE. Ja - Lucrezia - Lucrezia hat das Messer geworfen -
ALEXANDER. Lucrezia - -?
CESARE. Es war ein schreckliches Versehen, das, Gott im Himmel sei Dank, noch
glimpflich abgegangen. Lucrezia hat mit dem Messer sich ihren Gatten stechen
wollen - und hat dich getroffen -
LUCREZIA. Verzeihen mir Eure Heiligkeit -?
ALEXANDER. Ich segne dich, mein Kind, mit dem päpstlichen Segen.
LUCREZIA küsst die Hand, die segnete.
ALEXANDER. Und wen geben wir dem Kind zum Mann? Denn es muss schleunigst einen
Mann haben - nach dem es künftig das Messer werfen kann - wenn sie die Lust dazu
anwandelt -
CESARE. Ja - müsste man nicht Lucrezia nach ihren etwaigen Wünschen befragen -?
LUCREZIA. Hier ist ein Tropfen Blut auf die Liste gesprjetzt - auf den Namen des
Gasparro Proscida. Ihn werde ich heiraten. Denn wir sind Blutsverwandte geworden
-
ALEXANDER. Ist er verheiratet -?
CESARE. Er ist Junggeselle, 25 Jahre - reich an Einfluss und Vermögen, schön an
Gesicht, edel an Gestalt - Lucrezia, du konntest nicht besser wählen -
ALEXANDER. Man soll einen Geheimkurier aus der vatikanischen Kanzlei mit unserm
strengen Befehl sogleich an ihn senden, sich hier einzufinden und um die Hand
unserer geliebten, einzigen Tochter Lucrezia anzuhalten. Zu Lucrezia. Bist du's
zufrieden, Kind?
LUCREZIA. Ich bin's. Zu dem auftretenden Kurier. Seine Heiligkeit ist durch
Gottes unerforschlichen Ratschluss soeben aus schwerer Lebensgefahr gerettet
worden. Lasst alle Glocken der Heiligen Stadt zum Dank ein Tedeum läuten!
ALEXANDER. Amen!
                          Glocken beginnen zu läuten.
 
                                      XXI
Lucrezia und ihr präsumptiver Bräutigam begegnen sich zum ersten Male. Er
ergreift ihre kleine, schmale Hand.
    Darf ich diese schöne Hand für ewig halten? Ewig ist ein grosses Wort -
    Lebenslang -
    Welches Leben lang? Es gibt Leben, die sehr kurz währen. Wollen Sie nicht
Platz nehmen, Fürst?
    Ich danke, Prinzessin. Wollen Sie mir gestatten, stehen zu bleiben?
    Sie werden ermüden.
    Nicht so leicht. Principessa, ich hörte vor einer halben Stunde von Ihrem
Wunsche, mich zu heiraten.
    Wird Ihnen die Erfüllung dieses Wunsches schwer?
    Es wird mir schwer, die Wahrheit zu sagen.
    Warum ?
    Man hat sich heutzutage leicht an die Lüge gewöhnt.
    Wer?
    Wir alle -
    Sie meinen, niemand sagt mehr die Wahrheit?
    Nein, niemand -
    Auch ich nicht?
    Ich masse mir nicht an, der Schönheit den Spiegel der Wahrheit
entgegenzuhalten.
    Ich heisse nicht Bella und nicht Vera, sondern Lucrezia.
    Und sagen Sie die Wahrheit?
    Leider nein.
    Weshalb nicht?
    Weil man die Wahrheit nicht sagen darf -
    Und wer verbietet Ihnen, die Wahrheit zu sagen?
    Die Vernunft.
    Beten Sie zur Göttin der Vernunft?
    Ich treibe keinen Götzendienst. Aber angenommen, ich ginge Ihnen mit gutem
Beispiele voran?
    Voran - wohin?
    Den Weg der Wahrheit - würden Sie folgen?
    Wenn er keine Fallen - keine Wolfsgruben entält - vielleicht -
    Vielleicht?
    Lucrezia sieht ihn lange an.
    Er lenkt ein:
    Nein: sicher. Ich würde Ihnen sicher folgen, wenn ich Ihnen - vertrauen
dürfte -
    Nun, Sie dürfen -
    Sie wollten vorangehen -
    Gut. Also hören Sie.
    Lucrezias Augen begannen aufzuleuchten. Ich habe Sie zu meinem Gatten
erwählt, nicht, weil ich Sie liebe. Ich kenne Sie gar nicht. Und liebe Sie so
wenig wie einen andern Menschen. Ich liebe nicht einmal mich. Aber ich wollte
ein Ende machen mit diesem Leben hier im Vatikan. Ich wollte hinaus aus dieser
Atmosphäre der Borgia. Das ist nichts für schwache Naturen. Und ich bin schwach.
Es ergab sich eine Gelegenheit. Ich griff zu - und halte Sie - Sie hält seine
Hände, die er ihr entzieht.
    Sie drängt:
    Jetzt sind Sie an der Reihe.
    Er beginnt stockend:
    Nun denn - so werde ich Ihnen die Wahrheit sagen - Als die Botschaft Ihres
Vaters kam - da erschrak ich - mein Name und mein Vermögen stehen längst auf der
Proskriptionsliste - mein Tod würde ihm nur gelegen kommen - ihm und seinem
Sohn. Ich dachte, es ginge zu Ende. Ich nahm zuhause Abschied von den Meinen,
als ginge es zum Tod. Ich komme hierher und erfahre zu meiner Verwunderung, dass
die Einladung keine Falle ist, dass keine Dolche und Cantarellas auf mich lauern
- dass ich Sie wirklich heiraten soll. Welche Ehre! Aber ich weiss den Grund
nicht, weshalb ich ihrer gewürdigt werde, denn ich glaube Ihnen nicht. Sie sind
eine Borgia. Das Volk fürchtet die Borgia. Das Volk hasst die Borgia -
    Gehören Sie zum Volk?
    Und ich, ich verachte die Borgia. Ja, ich verachte sie -
    Er atmete tief auf und sah ihr klar in die Augen, die sich mit Tränen
füllten.
    Sie haben recht, uns zu verachten. Wir werden ja wie - wie Geisseln über der
Menschheit geschwungen. Aber man schwingt uns. Sie haben recht - ich bin es
nicht wert, Ihren Namen zu tragen -
    Sie demütigen sich vor mir - aber ich kann Ihrer Demut nicht trauen. Wenn
die Borgia demütig tun, steckt eine Perfidie dahinter. Besitzen Sie gar die
Perfidie - die Wahrheit zu sagen?
    Lucrezia:
    Nein - ich habe vorhin gelogen - jetzt will ich die Wahrheit sagen: Ich
liebe Sie. Ich liebe Sie! Weil ich Sie liebte - längst liebte - habe ich Sie zum
Gatten gewählt - habe ich diese unwürdige Komödie gespielt -
    Der Prinz war verblüfft:
    Aber Sie kannten mich doch gar nicht?
    Lucrezia stammelte:
    Doch - doch - von meinem Fenster habe ich Sie beobachtet, wenn Sie jeden
Morgen vorüberritten.
    Aber ich bin nie an Ihrem Fenster vorübergeritten -
    So nehmen Sie mich doch in Ihren Arm! Warum küssen Sie mich nicht?
    Sie lügen jetzt - wie Sie vorher gelogen haben. Man befiehlt mir, Sie zu
heiraten. Gut. Sie zu lieben, kann keine Gewalt der Erde mich zwingen.
    So hassen Sie mich?
    Ich bedaure Sie. Ich habe Mitleid mit Ihnen. -
    Mitleid? So schwach bin ich nicht. Aber es ist wahr. Ich habe gelogen. Ich
habe den ganzen Tag gelogen. Und jetzt will ich Farbe bekennen. Ich habe mir
einen Scherz erlaubt. Einen Spass, wie wir Borgia ihn uns erlauben. Ich wollte
Sie auf die Probe stellen. Sie konspirieren gegen uns. Sie stecken mit den
Orsini und den Colonna unter einer Decke. Sie sind ein Rebell.
    Ich fürchte den Tod nicht.
    Keine Angst. So einfach rächen wir Borgia uns nicht. Sie sollen am Leben
bleiben.
    Lucrezia klatschte in die Hände. Die alte dicke Amme Julia erschien. Julia -
darf ich dir deinen Verlobten, den Herrn Gasparro Proscida vorstellen? Er hat
bei mir um deine Hand angehalten. Er ist versessen nach dir. Er kann den
Hochzeitsabend nicht erwarten. Ich selbst werde euch das Brautbett bereiten, und
Seine Heiligkeit, der Papst in eigener allerhöchster Person, wird euch mit dem
apostolischen Segen segnen.
    Julia war tief errötet und sah verlegen zu Boden.
    Der Fürst war erbleicht:
    Wenn der Teufel sich bemühen wollte, Donna Lucrezia, in Euch zu fahren - er
würde keinen Unterschlupf finden. So seid Ihr voller Teufeleien. -
    Der schon aufgesetzte Ehevertrag zwischen Lucrezia und Don Caspar wurde am
10. Juni für null und nichtig erklärt. Am 20. Juni wurde der Ehevertrag zwischen
Lucrezia und dem Prinzen Alfonso von Aragon geschlossen.
 
                                      XXII
Dschem, ein blutjunger türkischer Prinz, ein Bruder des Sultans, geriet in die
Hände des Papstes, die sofort zupackten und ihn festielten.
    Man weiss nie, wozu man ihn einmal verwenden kann.
    Um Lösegeld zu erpressen.
    Um ihn als Geisel zu verwenden.
    Chi sa.
    Dem römischen Volk ein Schauspiel zu bieten, liess er den Türken in Rom
feierlich einziehen.
    Der Prinz ritt auf einem edlen, kostbaren Kamel und verneigte sich
zeremoniell nach allen Seiten, wo der Pöbel stand und Scherzworte und Gelächter
zu ihm emporwarf.
    Dem Prinzen folgten, von türkischen Wächtern geführt, Giraffen, Löwen und
Leoparden.
    Ein kleiner Gepard lief aus der Reihe und haschte sich mit einem schmutzigen
weissen Spitz.
    Im Vatikan wurde der Prinz zeremoniös empfangen.
    Das Statut hatte Johannes Burkhard ausgearbeitet, denn es gab kein Präjudiz
dafür.
    Der Prinz trat auf Lucrezia zu, verneigte sich und sprach: Selam - y
aleiküm! - Güselzin!
    Lucrezia lächelte hilflos:
    Ich verstehe Euch nicht.
    Dschem fragte:
    Naszyl?
    Und, auf Cesare deutend:
    Bu adam kim dir?
    Cesare rührte sich nicht, und Dschem knirschte etwas zwischen den Zähnen wie
Aerbijeszis. Und rief:
    Asikar düsman gisli düsman - dann ejidir!
    Der Papst, der sah, wie der Prinz hilflos zwischen Cesare und Lucrezia hin-
und herschwankte, sagte:
    Die türkische Sprache, hab ich mir melden lassen, kennt keinen grammatischen
Geschlechtsunterschied. Deshalb kann Dschem wohl Mann und Frau nicht
unterscheiden. Nun, man wird es ihm in Rom vielleicht bald beibringen. Er ist ja
noch jung genug.
 
                                     XXIII
Nach Florenz zurückgekehrt, begann Fra Girolamo von der grossen Buhlerin Rom, vom
Pfuhl alles Übels, zu predigen. Wir müssen, so verkündete er, bei uns selbst
anfangen. Wir können von der Welt keine Besserung verlangen, wenn wir uns selbst
nicht bessern. Wollen wir die Kirche reformieren an Haupt und Gliedern - so
müssen wir mit der Reformation bei uns, bei dem Orden der Dominikaner, beginnen.
Und so gross war seine geistige Gewalt, dass das Kloster San Marco und alle
Dominikanerklöster Toscanas aus freien Stücken eine Reinigung der Sitten und
Gebräuche unternahmen.
    Fra Girolamo predigte zuerst in einer kleinen Gasse, danach auf einem Platz.
Danach in der Kirche von San Marco, und als diese zu klein wurde für die Fülle
der Hörer, im Dom von Florenz.
    Zu seinen eifrigsten Zuhörern gehörte der junge Michel Angelo Buonarotti,
ein Bildhauer seines Zeichens und Lehrling in der von Lorenzo di Medici
errichteten Kunstschule. Die apokalyptischen Predigten des Frate kamen seiner
melancholischen Natur entgegen. Er zeichnete am liebsten das jüngste Gericht.
    Lorenzo von Medici, il magnifico selbst, kam eines Tages, Fra Girolamo zu
hören, kniff die kurzsichtigen Augen zusammen und lauschte.
    Einige Wochen darauf lag er in Careggi im Sterben.
    Er liess Fra Girolamo rufen.
    Ich kenne keinen wahren Mönch ausser dir. Erteile mir die Absolution!
    Fra Girolamo sprach: Drei Dinge musst du haben - erstens den wahren und
lebendigen Glauben, zum zweiten die Idee des ewigen Friedens und zum dritten den
unbeugsamen Willen zur Verwirklichung der Freiheit.
    Da sah ihn Lorenzo, der Tyrann, starr an und drehte sich zur Wand.
    Ohne ihm die Beichte abgenommen und ihm Absolution erteilt zu haben, kehrte
Fra Girolamo nach Florenz zurück.
 
                                      XXIV
Der eitle und kränkliche Piero di Medici folgt Lorenzo in der Regentschaft von
Florenz.
    Sein Hauptvergnügen besteht darin, in den öffentlichen Strassen mit seinen
Kavalieren und Kurtisanen Ball zu spielen.
    Eines Tages fällt ein Ball, von Piero di Medici geschleudert, durch ein
Fenster von Kirche Santa Maria del Fiore, wo Fra Girolamo gerade predigt.
    Der Frate ergreift den Ball und zertritt ihn auf dem steinernen Fussboden der
Kirche.
    So wird Gott Florenz zertreten, wenn du dich nicht ermannst, Volk von
Florenz! Wie lange willst du noch mit dir spielen lassen! -
    Piero kann die Zügel des Regimentes nicht halten.
    Sie schleifen ihm am Boden nach.
    Das Bankhaus der Medici gerät in Schwierigkeiten.
    Piero kündigt zahlreiche, von seinem Vater angesehenen Florentinern
eingeräumte Kredite.
    Es sind schlechte Handelszeiten.
    Viele achtbare Kaufleute gehen fallit.
    Die Armen und Ärmsten beginnen zu hungern.
    Es gab eine Missernte. Bauern zogen scharenweise in die Stadt, Arbeit zu
suchen, die sie nicht fanden.
    Die Getreidepreise stiegen von Tag zu Tag.
    Der Stajo kletterte von 34 auf 60 Soldi. Die Abneigung gegen Piero wächst.
    Als die Hungersnot kein Ende nahm, predigte Fra Girolamo und befahl, »den
Tag des Almosens« abzuhalten: in Santa Maria del Fiore, in Santa Maria Novella
und in Santo Spirito.
    In allen Kirchen war ein besonderer Altar errichtet, der »Altar der Armut«.
Und es kamen die wohlhabenden Bürger und Bürgerinnen, vom Frater in ihrem
Gewissen aufgerüttelt, und lieferten auf dem Altar der Armut ab: Perlen,
Brillanten, Goldketten und Ringe, silberne Schüsseln, Seidenkleider, Samt- und
Wollstoffe.
    Aber Piero di Medici war nicht unter denen, die Almosen gaben.
    Da zog das Volk vor seinen Palast und schrie:
    Liefere ab, liefere ab -
    Liefere deine Waffen ab -
    Liefere deine Krone ab -
    Liefere deine Regentschaft ab -
Die apokalyptischen Predigten und düsteren Prophezeiungen des Fra Girolamo
hatten eine gewaltige Wirkung auf das florentinische Volk.
    Die Mädchen und Frauen legten ihre bunten Gewänder ab, und statt Rot, Grün,
Violett, Gelb sah man nur noch Grau und Schwarz auf der Piazza.
    Viele Männer gingen in braunen, leinenen Kutten, manche mit einem Strick um
den Hals, um zu zeigen, dass sie im Grunde ihrer Seele demütig waren und vor Gott
nichts anderes verdienten, als aufgehängt zu werden.
    Wenn Fra Girolamo in Santa Maria del Fiore predigte, wies er Männern und
Frauen getrennte Plätze an. Sie durften sich nicht miteinander vermischen.
    Es kamen auch viele Männer in ihrer Not zu den Wundärzten gelaufen mit der
Bitte, sie zu kurieren. Sie hatten sich mit rohen Instrumenten, Küchenmessern
und spitzen Feldsteinen selbst kastriert und sich schlechteilende Wunden
beigebracht.
 
                                      XXV
Der Papst, der von den »Unglücksprophezeiungen« Fra Girolamos und seinen
geharnischten Predigten »wider den Antichrist« (womit er Alexander Borgia
meinte) durch seine Spitzel vernahm und erfuhr, wie er die Gemüter der Gläubigen
erschüttere, trommelte nervös mit den Fingerknöcheln an das Fenster seines
Arbeitszimmers im Vatikan.
    Dieser Savonarola! Ein Lügner!
    Ich hätte mich für die Kirche nicht eingesetzt? Habe ich nicht persönlich
für Santa Maria del Popolo eine Orgel und einen Altar gestiftet und die rissige
Decke in Santa Maria Maggiore erneuern lassen? Und habe ich nicht die Macht der
Kirche befestigt, indem ich die Engelsburg mit Festungswerken, Gräben,
Schiessscharten, grossen und kleinen Türmen versehen habe?
    Die Engelsburg, das Zentrum des Vatikans, ist uneinnehmbar!
    Unverrückbar steht Petri Felsen, auf dem sie errichtet ist.
    Ich könnte aber einigen reichen Bankiers und Handelsherren hier in Rom, die
aus Florenz stammen, die Hölle heiss machen, indem ich ihnen mit Konfiskation
ihres Vermögens drohe, falls sie nicht ihren ganzen Einfluss bei ihren
Florentiner Mitbürgern aufbieten, diesen wahnsinnigen Dominikanerpater zu ducken
und unschädlich zu machen. -
    Es kam ihm aber noch ein lustiger, ein listiger Gedanke, den Pater zu
bekämpfen, und er musste so lachen, dass er sich in einen Sessel fallen liess.
    Das Volk liebt grässliche Prophezeiungen, ob sie nun eintreffen oder nicht.
Ihm gruselt gern. Wir werden jemand nach Florenz schicken, der noch viel
entsetzlichere Unglücksfälle voraussagt als dieser biedere Hund Gottes.
    Und er schickte einen gutmütigen, dicken, etwas astmatischen
Franziskanerpater, Domenico da Ponzo, nach Florenz und erwirkte ihm die
Erlaubnis, von der Domkanzel zu predigen.
    Prophezeite nun Fra Girolamo in der Kirche eine Wassersnot, so weissagte Fra
Domenico, schwer atmend, gleich darauf im Dom eine baldige Sintflut. Weissagte
Fra Girolamo den Untergang Italiens und den Einzug eines fremden Königs in
Italien, eines neuen Cyrus, so tat es Fra Domenico nicht unter einem
Weltuntergang. Der Franziskaner vermochte aber noch ein übriges, die Florentiner
über Fra Girolamo aufzuklären. Woher Fra Girolamo seine Prophezeiungen und
Weisheiten hat, das will ich euch sagen: ganz einfach durch den Bruch des
Beichtgeheimnisses. Die Brüder seines Ordens erzählen ihm von den Beichten ihrer
Beichtkinder, und er hat dann diesen leichtgläubigen Schafen leicht erzählen,
was wunders er von ihnen wisse. Und so kommt er in den Geruch der Allwissenheit.
E vero -? Das Volk lief von Fra Girolamo zu Fra Domenico und von Fra Domenico zu
Fra Girolamo und wusste bald nicht mehr aus und ein vor lauter Trübsal, bis Piero
di Medici das Auftreten beider Prediger für eine Zeitlang verbot.
Die Florentiner vertrieben Piero di Medici, der ihr Herr gewesen war nach
Lodovico. Fra Girolamo hatte seine Herrschaft als teuflisch und tyrannisch
gegeisselt und gepredigt, dass Florenz eine freie Republik sein müsse, in der das
Volk sich selbst gebiete und gehorche.
    Er arbeitete selbst eine Verfassung aus und legte sie der Signoria vor, die
sie auch akzeptierte.
    Das Motto war:
                               Popolo e libertá!
Und in allen Gassen von Florenz gab bald ein Echo das andere:
                               Popolo e libertá!
 
                                      XXVI
Fra Girolamo predigte: Es kommt, ihr Brüder, nur auf den Glauben an, den
Glauben, der Berge versetzt - und Gold und Edelsteine, um dafür des himmlischen
Goldes teilhaftig zu werden. Wissen ist ein Ding des Tages und der Stunde. Was
ich heute weiss, weiss ich morgen schon nicht mehr, die Wissenschaft findet heute
Gesetze, die ewig gültig zu sein scheinen - und morgen findet sie andere
Gesetze, die den ersten diametral entgegengesetzt sind. Welches Gesetz gilt nun?
Das von gestern oder das von heute? Es gilt das von vorgestern und das von
übermorgen, ihr meine Brüder! Das Gesetz Gottes: der christliche Glaube. Ein
altes Weib, das im christlichen Glauben verharrt, weiss mehr von der Welt als
Plato und Aristoteles zusammengenommen. Ein unwissendes kleines Kind weiss mehr
als alle Weisheit der Philosophen. Warum das? Weil es rein ist. Denn die
Reinheit ist der Erde Richtmass. Wenn die Kinder das Regiment der Welt ergriffen
haben werden, wird Christus zurückkehren. Er wird im Triumph zu euch
zurückkehren, gewiesen von den Kindern: geführt von den drei christlichen und
den vier Kardinaltugenden.
    In einem Schiffwagen wird er dahergefahren kommen, gezogen von den vier
mystischen Tieren. Patriarchen, Propheten und Apostel gehen zu beiden Seiten.
Dem Wagen folgen die Märtyrer und Heiligen, dann die Priester und dann das
unabsehbare Volk der Christen.
    Aber als letztes wird im Zug schreiten ein schwarzes Pferd, schwarz
schabrackiert. Das wird den entseelten, seelenlosen Leichnam des Antichrists
schleifen: den Leichnam Alexander Borgias, dessen Seele der Teufel geholt.
    Wir müssen einen Scheiterhaufen auf dem Signorenplatz aufrichten und alle
Symbole einer verrotteten und verlorenen Zeit verbrennen.
    Aber nur reine, unbefleckte Hände dürfen die unsittlichen und unzüchtigen
Gebilde in Empfang nehmen und dem reinigenden Feuer überantworten:
    Es sind die Hände der Kinder!
Auf die Predigt Fra Girolamos gingen Hunderte von Kindern von Haus zu Haus und
forderten »allen Tand der irdischen Welt« für den Scheiterhaufen.
    Sie fuhren in kleinen Handkarren zum Signorenplatz: Karnevalsmasken und
Karnevalskleider, Spiegel, Harfen, Schachbretter, Spielkarten, Gemälde nackter
und halbnackter Frauen, darunter auch eines von Lucrezia Borgia. Dann Bücher der
zu verdammenden Dichter: Boccaccios Dekameron, Petrarcas Sonette, Ovids Ars
amandi, Tibulls Elegien, Catulls Liebeslieder -.
    Unter Gesang warfen die Kinder alles in den flammenden Scheiterhaufen und
tanzten einen Ringelreihen darum.
    Fra Girolamo selbst warf, als der Scheiterhaufen schon halb niedergebrannt
war, noch ein Porträt des Papstes Alexander in die glühende Asche.
    Fahre zur Hölle, Satanas!
    Das Bild loderte hell auf.
 
                                     XXVII
Bei Fra Girolamo, der, im Gebet verloren, in karger Zelle auf seinem Schemel
kniete, liess sich ein junger, anonymer Römer melden, der ihn dringend unter vier
Augen zu sprechen wünsche.
    Fra Girolamo öffnete die Tür seiner Zelle und bat den jungen Mann,
einzutreten.
    Der junge Mann wartete höflich, bis der Frater ihn zum Sitzen eingeladen.
    Es war nur ein Schemel in der Zelle. Girolamo setzte sich auf den Bettrand.
    Der junge Mann, der einen offenen, klaren Blick, eine hohe Stirn und ein
feines, zurückhaltendes Benehmen zeigte, eröffnete das Gespräch:
    Ich muss Ihnen zuerst meinen Namen nennen. Denn ich kenne Sie - aber Sie
kennen mich nicht. Ich heisse Cesare Borgia. Fra Girolamo fuhr vom Bettrand auf.
Cesare hob seine schöne, schlanke Hand: Erschrecken Sie nicht. Ich bin inkognito
in Florenz. Ihretwegen. Ich fresse Sie nicht. Ich habe auch keine Waffe bei mir.
    Der Pater wehrte ab.
    Ich fürchte Sie nicht.
    Cesare verneigte sich höflich.
    Um so schlimmer für Sie. Ich unterschätze Sie nicht.
    Fra Girolamo ging einmal in der Zelle auf und ab und blieb vor dem Kruzifix
und der ewigen Lampe stehen.
    Das Licht der Ewigen Lampe zitterte unruhig.
    Dann wandte er sich plötzlich Cesare zu:
    Was wünschen Sie von mir?
    Cesare:
    Friede. Friede zwischen Ihnen und den Borgia.
    Girolamo begehrte heftig auf:
    Wer hat den Frieden gebrochen? Wer hat Italien, die Welt in Unordnung
gestürzt? Wer hat die ewigen Sittengesetze auf den Kopf gestellt? Wer herrscht
infolge Krieg und Kriegsgreuel? Wer hetzt alle Menschen gegeneinander - um aus
ihrer Zerrissenheit Nutzen zu gewinnen?
    Cesare blieb sehr ruhig:
    Sie sind ein Phantast, Frater. Wir Borgia sind Realisten. Die Moral ist ein
ganz hübsches Gängelband für die Schwachen, die ihrer bedürfen. Aber sie ist so
zeitgebunden wie die Mode. Man kann keine Weltanschauung darauf bauen. Sie
selbst, Frater, stehen so gut ausserhalb der heutigen - Mode wie die Borgia.
    Girolamo drängte:
    Was ist der Zweck Ihres Besuches?
    Cesare schlug seinen Handschuh übers Knie:
    Mein Vater schickt mich. Sie haben Seine Heiligkeit schwer gekränkt und
beleidigt. Wäre Sie nicht so grosszügig - seine Stimme wurde hart -, so würde sie
Ihnen einen Galgen anbieten. Statt dessen bietet Sie Ihnen - Fra Girolamo sah
erwartungsvoll auf die Lippen des Borgia. Dieser schloss:
    den Kardinalshut.
    Fra Girolamo lachte hell auf:
    Der Kardinalshut pflegt bei Seiner Heiligkeit zehn-bis zwanzigtausend
Dukaten zu kosten. Ich bedaure -
    Cesare unterbrach:
    Sie haben das Gelübde der Armut abgelegt. Sie erhalten den Purpur unter
einer Bedingung -
    Die wäre?
    Sie stellen den Kampf gegen Seine Heiligkeit sofort ein.
    Der Mönch donnerte:
    Nie! Nie! Nie! Das Gewissen der Menschheit und mein Gewissen verlangen
diesen Kampf von mir. Es gibt nur eine Möglichkeit der Verständigung und des
Friedens zwischen dem Papst und mir: Der Papst gelobt Reue, Busse, Besserung und
geht an eine sofortige Reformation der Kirche.
    Cesare Borgia erhob sich.
    Er sagte leise:
    Nie. Nie. Nie. Sie haben einen harten Kopf und ein steifes Rückgrat. Aber
bedenken Sie folgendes: Der Kopf Seiner Heiligkeit ist nicht nur hart, sondern
auch klug. Und sein Rückgrat ist die Kirche, während Sie sich nur an die
brüchigen Wände eines Florentiner Klosters lehnen können. Aber, wie Sie wollen -
    Der Borgia stand auf, zog sich die Handschuhe an, verneigte sich und ging.
 
                                     XXVIII
Karl VIII., König von Frankreich, brach mit einem wohlbewaffneten,
wohldisziplinierten Heer nach Italien auf, um seine Ansprüche auf den Tron von
Neapel sicherzustellen. Der Papst erliess ein Sendschreiben gegen ihn.
    Die Heere der italienischen Städte und Fürsten, zusammengewürfelte Haufen
von Mietlingen und Landsknechten, zerstoben vor ihm wie Spreu.
    Karl VIII. zog in Florenz ein. Und das Volk erinnerte sich, dass Fra Girolamo
die Ankunft eines neuen Cyrus prophezeit habe. Klein, unansehnlich, rotaarig,
krummnasig, bucklig, mit Triefaugen und einer fliehenden Stirn, einen Riesenkopf
auf einem winzigen Leib, sass der König wie ein Jahrmarktsäffchen auf einem
Apfelschimmel zusammengekauert.
    Seine kurzen, dicken, spornlosen Beine hingen wie Uhrpendel links und rechts
herunter. Er ritt, die Lanze an der Hüfte, durch ein Spalier erstaunter
Florentiner Männer, Weiber und Kinder.
    Ein Kind, das von seinem Vater hochgehoben wurde, um besser sehen zu können,
schrie in die Totenstille:
    Das soll ein König sein?
    Gelächter prasselte gegen die einmarschierenden Franzosen.
    Aber die Italiener sollten bald merken, dass jene Missgeburt in der Tat ein
König war. -
    Der Papst hatte sich gegen ihn erklärt. Das verdross ihn.
    Er liess sich über die inneren Zustände von Florenz referieren, liess an das
Volk Weissbrot verteilen und bat Savonarola zu sich. Savonarola erschien.
    Der König, gewohnt, im Gehen zu reden, zog Kreise und Spiralen um ihn.
    Es sah aus, als führe der kleine, buntwämsige Mann um den grossen schwarzen
Mann einen modischen Tanz auf.
    Ja - also gut - ja - ch - t - er hatte die Angewohnheit, seine Rede mit
sinnlosen Konsonanten zu spicken - Ihr seid - Fra Girolamo - ungekrönter König -
ch - t - dieser - dieser Republik - oder so -
    Savonarola wehrte ab und wollte etwas erwidern, aber der König trat ihm -
versehentlich - auf den Fuss:
    Ja - ch - t - was machen wir da - Seine Heiligkeit - soi-disant - ja - in
Rom - ch - t - legt mir Schwierigkeiten in meinen Weg nach Neapel - bedroht mich
- ja - ch - t - eventualiter - mit dem Bann - wollte - ja - soi-disant - Eure
Meinung über den casus - ch - t - vernehmen -
    Er war vor Fra Girolamo stehengeblieben und sah angestrengt nach oben.
    Savonarolas Stirn hatte sich verfinstert:
    Majestät sind über das Wesen und Unwesen dieses - dieses Teufels, der sich
durch Simonie den Papsttron angeeignet, unterrichtet?
    Der König wippte von einem Fuss zum andern:
    Bin - bin -
    Nun denn - Fra Girolamo atmete tief auf: Ihr habt die Macht, der
Christenheit (und zugleich Euch) den grössten Dienst zu erweisen - den grössten
Dienst, der ihr je hat erwiesen werden können -
    Der König zappelte:
    Und - und?
    Fra Girolamo sprach stark:
    Setzen Sie, Majestät, wenn Sie in Rom einziehen, den Papst ab, berufen Sie
ein allgemeines Konzil ein, das sein angemasstes, durch Simonie erlangtes
Pontifikat für ungültig erklärt, und Italien, Europa, die Welt wird Ihnen
zujubeln als ihrem Befreier!
    Der König nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf.
    Ja - also - soi-disant - ich danke Euch - werde alles erwägen - Erwägung
gemäss handeln - ch - t - Ihr könnt gehen -
    Fra Girolamo ging.
    Als er draussen war, sprang der König wie ein Kind auf die Fensterbank und
sah unten den schwarzen Mönch in der prallen Sonne über den Platz gehen.
    Er klatschte amüsiert mehrmals in seine Hände und war ungewiss, ob er dem
Mönch, ob er sich selbst applaudiere.
    Ja - ch - t - dachte er, ich habe auch von einigen römischen Kardinälen,
besonders von einem gewissen - ch - t - Giovanni Battista Orsini - Briefe
bekommen - die sich in - ch - t - ähnlicher Richtung bewegen wie dieser - dieser
Mönch - ja - man muss alles erwägen - und - dann das Richtige tun - ch - t -
Fra Girolamo kniete in seiner Zelle vor dem Kruzifix.
    Herr, Herr - ich danke dir für deine Gnade und deine herrliche Hilfe! O
erleuchte das Hirn des Königs von Frankreich mit deiner ewigen Ampel! Der Tempel
des Antichrists in Rom wankt - er wird stürzen - ich ahne es, weiss es aus deinen
himmlischen Zeichen! O lass mich Simson sein, der die Säulen des Tempels stürzt!
    Sein Antlitz verklärte sich:
    Ich spüre ein grosses Beben der Erde - der rote Teufel auf Sankt Petri Tron
erbleicht kalkweiss - er fällt - er bricht zusammen - ich setze ihm den Fuss auf
den Nacken -
 
                                      XXIX
Im Triumph zog Karl VIII. durch Italien. Er gelangt vor die Tore Roms. In aller
Eile verschanzt sich Alexander in der Engelsburg. Jetzt kommt es ihm zustatten,
dass er tausende, abertausende Dukaten und Ablasspfennige zu ihrer Befestigung
verwandt hat.
    Karl VIII. schliesst die Engelsburg ein und plant einen Sturmangriff.
    Er muss einsehen, dass er bei der Stärke der Bastionen nicht viel Chancen hat.
Auch hat er die Kraft des Papstsymbols unterschätzt. Seine Soldaten murren.
    Sie wollen nicht gegen den »Stattalter Christi« kämpfen.
    Es bleibt beiden Parteien nichts anderes übrig, als einen Vertrag zu
schliessen.
    Johannes Burkhard, der päpstliche Zeremonienmeister, ritt dem König von
Frankreich entgegen, um die Zeremonien für seinen Empfang festzulegen.
    Der König schüttelte den Kopf:
    Lassen wir - ch - t - den Pomp. Ich komme, wie ich komme.
    Johannes Burkhard sah auf seine gepflegten Fingernägel, das einzige, was er
pflegte, da er Waschen für ungesund hielt und sich nur mit Salben und Puder
reinigte:
    Seine Heiligkeit bittet Eure Majestät, ihr eine Persönlichkeit auszuliefern,
die dem Herzen Seiner Heiligkeit nahesteht und die Eurer Majestät durch einen
unglücklichen Zufall bei einem Spazierritt in die Hände fiel -
    Der König meckerte:
    Durch einen - ch - t - glücklichen Zufall. Ich bitte um bare dreitausend
Dukaten und Ihr könnt - soi-disant - die Persönlichkeit gleich mitnehmen.
    Johannes Burkhard zog einen Beutel Geld, den der Papst ihm mitgegeben hatte,
und begann, die Dukaten aufzuzählen.
    Der König zählte eifrig mit.
    Es stimmt. - Er rieb sich die knolligen Hände. Ihr könnt Madonna Julia
Farnese mit einer Empfehlung an Seine Heiligkeit gleich mitnehmen. Sie hat sich
schon die Augen ausgeweint. Die schönen Augen!
Karl VIII. fordert vom Papst als Geisel für genaue Vertragserfüllung seinen Sohn
Cesare und den türkischen Prinzen Dschem auf sechs Monate.
    Erst ist Alexander empört.
    Nach einer Unterredung mit Cesare unter vier Augen gibt er lächelnd seine
Zustimmung.
    Papst und König stehen im vatikanischen Garten, beide barhäuptig, sich
gegenüber und messen sich.
    Der König neigt dreimal das Knie und wirft den Kürbiskopf ganz in den
Nacken, um zum Papst hinaufsehen zu können, der an Stelle der Hand des Königs
seine eigene Hand küsst.
    Dieses Lächeln, denkt Karl, gefällt mir nicht. Ich muss auf der Hut sein.
    Und Papst Alexander sieht den König hässlich grinsen.
    Und denkt das Gleiche.
    Eure Majestät wird mich, sagt der Papst langsam, jedes Wort sorgsam wählend,
morgen bei einem öffentlichen Konsistorium im Beisein der Kardinäle als wahren
Papst und rechtmässigen Stattalter und Nachfolger Petri anerkennen und mir den
Treueid leisten.
    Der König zaudert einen Moment.
    In des drei Teufels Namen, meckert er.
    Cesare Borgia, der Schöne, ritt im Kardinalspurpur auf einem Maultier neben
Karl VIII., dem Hässlichen, die Strasse nach Neapel.
    Aber schon nach wenigen Miglien liess er den König, scheinbar voller
Devotion, vorausreiten. Ihm war leicht übel geworden, denn Karl VIII. roch aus
dem Mund.
    Dem Borgiakardinal folgten dreissig mit Gepäck belastete Maulesel und
neunzehn Wagen voller Koffer und Kisten.
    In Marino wird zum ersten Male übernachtet.
    Cesare Borgia wünschte dem König eine gesegnete Nacht und lehnte die
Kartenpartie, die ihm dieser anbot, höflich ab.
    Am nächsten Morgen, als ein Adjutant des Königs den Kardinal in seinem Zelt
wecken wollte, war dieser nicht aufzufinden.
    Er war noch vor Mitternacht in der Tracht eines Pferdeknechtes entflohen und
nach Rom zurückgaloppiert.
    Karl VIII. schlug vor Wut den Offizier, der ihm die Nachricht brachte, mit
der Reitpeitsche ins Gesicht.
    Und die vielen Koffer und Kisten, sein ganzes kostbares Gepäck, lässt er mir
nichts, dir nichts zurück?
    Er befahl, die Koffer und Kisten aufzubrechen. Sie entielten nur Stroh und
Feldsteine.
 
                                      XXX
Ohne Widerstand zu finden, marschierte Karl VIII. in Neapel ein.
    König Alfons II. von Neapel hatte sich aus dem Staube gemacht.
    Der französische König triumphierte.
    Er stand auf dem Posilip, sah die Stadt Neapel zu seinen Füssen, im Westen
das blaue Meer mit den Inseln Capri und Ischia, im Süden den Vesuv, um dessen
Haupt eine Rauchwolke lag.
    Er fuhr mit seiner kleinen, dicken, mit zahlreichen Warzen bedeckten Hand
flach über die Landschaft.
    Ich habe den Höhepunkt meiner Macht erreicht.
    Dies alles - ist mein.
    Mir, dem Hässlichen, ist diese schöne Landschaft untertan.
    Und wunderlich fühlte er, der Ungeliebte, Lieblose, sich zur Liebe angeregt.
    Er liess einige Fischermädchen aus Santa Lucia kommen und vergnügte sich mit
Laura, der schönsten, einer jungen sechzehnjährigen Capreserin, bis in den
frühen Morgen. Halb ohnmächtig vor Ekel taumelte sie nach Santa Lucia zurück,
fuhr in einem winzigen Boot nach Capri hinüber und stürzte sich von der
geliebten Heimaterde bei den Faraglioni in das ersehnte heimatliche Meer.
    Delphine tanzten um ihren sinkenden, im grünen Wasser phosphoreszierenden
Leichnam.
    Ein Sägefisch durchschnitt ihr barmherzig die Brust und ein junger Hai frass
zärtlich ihren rechten Arm.
    Dann nahm die friedvolle Tiefe sie auf. Meerspinnen schritten leicht und
doch gewichtig über sie dahin. In ihren Augenhöhlen richteten sich Krebse
wohnlich ein. Ein Tintenfisch ruhte, nach einem unentschiedenen Kampf mit einem
Hummer, sich bei ihr aus.
Cesare Borgia flog stürmisch in die Arme seines Vaters:
    Gerettet!
    Der Papst strich ihm zärtlich über den Hinterkopf:
    Ich bin nicht müssig gewesen. Wir bringen eine »Heilige Liga zur
Aufrechterhaltung der Würde des Heiligen Stuhles« zusammen. Warte ein halbes
Jahr: der Kaiser in Deutschland, der König von Spanien und die Mehrzahl der
italienischen Fürsten und Städte werden unserm Bund gegen Gewährung von
Sonderablässen, Steuernverzicht, Gewährung von Subsidien beitreten. Trionfo
Borgia!
    Trionfo Borgia! wiederholte Cesare und fasste an den Dolch in seinem
Wehrgehenk.
Karl VIII. wurde des Besitztums von Neapel nicht froh.
    Mit dem geflohenen Borgia hatte ihn sein Glück verlassen.
    Prinz Dschem, die türkische Geisel, starb wenige Tage später, wie offiziell
verlautbarte, an einem verdorbenen Tunfisch. Es gab aber nicht wenige, die den
Verdacht äusserten, der Borgia habe ihm noch vor seiner beschleunigten Abreise
ein weisses Pulver in den Abendtrunk geschüttet.
    Ratlos umstanden Arzt und Krankenpfleger sein Sterbelager.
    Niemand verstand Türkisch.
    Der König schrie ihn mit erregten Gestikulationen an.
    Hilflos wie ein sterbendes Tier riss der Türke die entzündeten Augen auf.
    Seine letzten Worte waren:
    Hajwan ölür Szemeri Kalyr, inszamölür ady Valyr -
    Unter dem Einfluss des heissen neapolitanischen Klimas lockerte sich nach und
nach im Heere Karls bedenklich die Disziplin.
    Die französischen Soldaten gerieten in einen Taumel von Hurerei. Am
hellichten Tag stolperte man in dunklen Gassen und auf Treppen über
verschlungene und verkrampfte Paare.
    Es brach in der französischen Armee eine Epidemie aus, die man die
Franzosenkrankheit nannte und die Tausende von Soldaten hinraffte.
    Karl war verzweifelt.
    Er erhielt durch reitende Kuriere die Nachricht vom Zusammenschluss der
»Heiligen Liga zur Aufrechterhaltung der Würde des Heiligen Stuhles« und von der
Weigerung des Papstes, trotz Vertrag, ihn mit Neapel zu belehnen.
    Die Würde dieses päpstlichen Stuhles wollen sie aufrechterhalten! Ch - t -!
Auf einen Wort- und Vertragsbruch mehr kam es diesem ..., er fand kein
Schmähwort niedrig genug, nicht an.
    Karl trat den Rückzug von Neapel an: mit einer dezimierten, deprimierten
Soldateska. Rom hatte der Papst vorsichtigerweise verlassen und hielt sich in
Orvieto verborgen. Karl fand ihn nicht vor.
    Bei Fortenuovo stand das Heer der Liga, bereit, Karl völlig zu vernichten.
    Durch einen Trugmarsch gelang es ihm, die Schlacht zu vermeiden und die
französische Grenze zu überschreiten.
    In Paris angekommen, brach er zusammen. Er wollte keinen Menschen mehr
sehen.
    Ein Rabe, ein Affe und ein schwarzer Hund leisteten ihm bei seinem Tode
Gesellschaft. Ludwig XII. bestieg den französischen Tron.
 
                                      XXXI
Der Papst meinte:
    Die Florentiner sind Verfassungsnarren. Sie geben sich alle Augenblick eine
andere Verfassung und befinden sich trotzdem immer in schlechter Verfassung. Sie
gehen nicht vom lebendigen Leben, vom Menschen aus, sondern von einer Fiktion
»Politik« und konstruieren rein matematisch Parlamente und Räte und Wahlrechte
und was weiss ich. Dieser Fra Girolamo ist ja auch nichts anderes als ein
Konstruktor. Er will eine Herrschaft »der Besten«. Von den sechzehn
Stadtvierteln der Stadt Florenz soll jeder »die Besten« seines Viertels wählen,
die sechzehn Besten wieder den Besten unter sich. Wer glaubst du wohl, Cesare,
wird schliesslich zur Macht kommen?
    Cesare lächelte sein höfliches Lächeln:
    Derjenige Allerbeste, der die übrigen fünfzehn aufknüpfen lässt.
Seine Heiligkeit, Papst Alexander VI., an den Prior und die Brüder des Klosters
San Marco des Predigerordens der Dominikaner zu Florenz:
    Meine geliebten Söhne! Gruss und apostolischen Segen zuvor!
    Wir haben zu unserem Entsetzen und zu unserer tiefen Betrübnis vernommen,
dass ein gewisser Fra Girolamo Savonarola aus Ferrara, der aus eurer Mitte
stammt, sich zum Verkünder teuflischer Irrlehren, Ketzereien und aufrührerischer
Bestrebungen aufgeworfen hat. Er behauptet gotteslästerlicherweise, von Gott
selbst erleuchtet zu sein. Aber es ist die Fackel des Teufels, die über ihm
brennt, und die derselbe als erster in den Scheiterhaufen schleudern wird, den
ein gerechtes Gericht ihm errichten wird. Denn der Teufel kennt keine
Dankbarkeit und lässt hohnlachend die von ihm verführten Seelen im Stich.
    Ich habe mit apostolischer Geduld gewartet und geharrt, er werde sich seines
eingebildeten Prophetentums bewusst werden und reumütig zu dem Kreuze Christi
kriechen, das wir ihm sehnsüchtig entgegenstreckten. Mit nichten! Ich habe mich
getäuscht. Von Gott dem Herrn beauftragt, das Gebäude Christi vor allen
Erschütterungen zu bewahren, sehe ich mich zerrissenen Herzens gezwungen, um der
Kirche den ersehnten Frieden und Eintracht wiederzugeben, die Erledigung der
leidigen Angelegenheit dem Generalvikar Bruder Sebastian von Brescia zu
übertragen, dem, bei Androhung der sofortigen Exkommunikation im Fall der
Aufsässigkeit, unbedingter und bedingungsloser Gehorsam zu leisten ist.
    Gegeben und gesiegelt
                                                                    Rom ... etc.
Der Papst empfing einige Briefe von Fra Girolamo.
    Er öffnete sie nicht und las sie nicht.
    Er drehte Papierkügelchen aus ihnen und schoss von einem Fenster des Vatikans
mit dem Blasrohr nach den Spatzen.
 
                                     XXXII
Der Brief des Papstes tat seine Wirkung.
    Es lief bald das Gerücht durch die Gassen von Florenz, der Papst habe über
Fra Girolamo den Bann verhängt.
    Es kamen auch Nachrichten, dass der Papst im Kampf gegen Karl VIII., der
gekommen war, ihn seines hohen Amtes zu entsetzen, obgesiegt.
    Und Zweifel und Kleinmut begann sich der Bürger von Florenz zu bemächtigen.
    Der Papst, mag er sein, wie und was er wolle - er ist immerhin der Papst. Er
hat seine Gewalt von Gott dem Herrn. Und alle Priester haben sie erst wiederum
von ihm, dem Papst.
    Er mag ein grosser Sünder sein - aber sind wir es nicht allzumal, wie Fra
Girolamo selbst predigt? Und wenn er als Mensch fehlt, braucht er darum als
Papst zu fehlen? Ist er als Papst nicht das Gefäss Gottes - der seine Weisheit
und Erkenntnis darein geusst? Darf ein Priester wider die päpstliche
Priesterschaft löcken? War nicht vielleicht das plötzliche Auftreten der Pest in
Florenz eine Strafe Gottes für das lästerliche und ketzerische Treiben des Fra
Girolamo?
    Kaum war vom Papst der Kirchenbann gegen ihn geschleudert, öffentlich
verkündet von den Kanzeln in Santo Spirito und Santa Maria Novella, als einige
Tage später, im Borgo di Ricoboli zuerst, die Pest ausbrach. Es starben den
ersten Tag 60 Personen, den zweiten achtzig, den dritten schon zweihundert.
Viele reiche Leute flohen.
    Fra Girolamo blieb, besuchte die Kranken und predigte, der Exkommunikation
nicht achtend:
    Es sterben durch Gottes Ratschluss die Erwachsenen, die sich der Sünde dieser
Welt teilhaftig gemacht.
    Aber Gott lässt die Kinder leben, damit ein neues Geschlecht heranwachse,
unbelastet von der Schuld der Väter. -
    Und in der Tat starb an der Seuche kein Kind und kein junger Mensch unter
zwanzig Jahren.
    Aber die Florentiner glaubten seinen Prophezeiungen nicht mehr.
    Der Bann des Papstes war stärker als der Bann der Persönlichkeit des Fra
Girolamo.
    Auf den Strassen fielen Spaziergänger tot um, und die Träger mit der Bahre
kamen und trugen sie schweigend davon.
    Im Juli verfinsterte sich plötzlich die Sonne und es wurde dunkle Nacht am
hellen Tag. Und als es wieder licht wurde, waren die Strassen besät mit Leichen.
An den Haustoren standen etliche, die waren im Stehen gestorben. Auf dem Mercato
Nuovo, an einer Wechselbank, sass ein alter jüdischer Wechsler, den Kopf in die
Hand gestützt, über eine Rolle Dukaten gebeugt.
    Er schien zu schlafen.
    Es hiess, dass der Teufel nachts in den Strassen von Florenz sein Unwesen
treibe. Alle Tage meldete sich jemand, der ihn gesehen haben wollte: mit
rotglühenden Augen, in Gestalt eines aufrechtschreitenden Fuchses, den langen
buschigen Schweif elegant wie eine Schleppe übern rechten Vorderfuss geschlagen.
    Selbst der von Fra Girolamo so innig geliebten und gerühmten Jugend begann
sich Verwirrung und Aufsässigkeit zu bemächtigen.
    Eines Nachmittags zog ein Haufen zehn- bis zwölfjähriger Kinder auf die
Piazza della Signoria.
    Sie schleppten ein Kreuz mit sich, Hammer und Nägel, und hätten einen der
ihren, einen kleinen Idioten von sieben Jahren, regelrecht gekreuzigt, wenn
nicht zwei Stadtpolizisten des Weges gekommen und sie daran gehindert hätten.
    Aber diesen zwei Polizisten, zwei stämmigen toskanischen Burschen, ging es
übel genug, indem der Idiot sie in die Hände biss und die Kinder wie wahnsinnig
mit dem Kreuz auf sie einschlugen. Nur mit Mühe konnten die Kinder überwältigt
werden.
    Fra Girolamp war erschüttert.
    Er stellte noch einmal seine Tesen auf und schlug sie an die Tür des Domes:
    »Gottes einige und einzige Kirche bedarf der völligen inneren und
innerlichen Erneuerung.
    Gott wird sie züchtigen,
    Gott wird sie erneuern.
    Florenz wird gezüchtigt werden,
    Florenz wird erneuert werden.
    Die Heiden, Türken, Ungläubigen werden sich zu Christus bekehren.
    All das wird in unsern Zeiten geschehen.
    Die von Seiner Unheiligkeit, dem Herrn Antipapst, gegen den Bruder Fra
Girolamo ausgesprochene Exkommunikation ist null und nichtig.
    Wer sie nicht beachtet, sündigt nicht. -
    Eigenhändig geschrieben und unterzeichnet.
    Florenz, Kloster des San Marco
                                                                  Fra Girolamo.«
In seiner Verzweiflung schrieb er Briefe an Kaiser Maximilian, an die Könige von
Spanien, Frankreich, England, Ungarn und flehte sie an, gegen den Antichrist
aufzutreten und ein Konzil zu berufen. Vor dem Konzil wolle er gegen den
falschen Papst eine wohlbegründete Anklagerede halten. Der Papst solle ihm und
dem Konzil dann Rede und Antwort stehen.
    Wider den ausdrücklichen Befehl der Signoria wagte Fra Girolamo nochmals,
die Kanzel von San Marco zu besteigen.
    Er hatte kaum den Mund aufgetan, als ein ohrenbetäubendes Geschrei gegen ihn
anhub.
    Er kam zu keinem Wort.
    Seine Freunde wagten nicht mehr, für ihn einzutreten und schlichen beschämt
einer nach dem andern aus der Kirche.
    Die Kinder auf der Strasse entzogen sich ihm unwillig, wenn er über ihre
Stirne streichen und sie streicheln wollte.
    Der kleine Idiot, der sich hatte ans Kreuz schlagen lassen wollen, spuckte
vor ihm aus. Und einige andere warfen nach ihm mit Pferdemist, der an seiner
Kutte kleben blieb.
 
                                     XXXIII
Die Mandatare des Papstes waren die Venezianer Giocchino Turriano, General des
Dominikanerordens, und der Spanier Francesco Remolino.
    Höre, mein Sohn, so nahm der Papst den kleinen, bösartig liebenswürdigen
Francesco Remolino, den ehemaligen Erzieher Cesares, beim Abschied zur Seite -,
ich rede als Spanier zu dir. Von Spanier zu Spanier. Du bist wie ich ein
Liebhaber der Corrida, des Stierkampfes. Es gibt kleine, widerhakige Speere, die
man den Stieren in den Leib stösst, um sie bis aufs Blut zu reizen. Stoss dem
Frater Girolamo solche Spiesse in den Bauch. Spiel den Picador. Foltere ihn, bis
er bekennt, was du willst. Er muss sterben, und wäre er Johannes der Täufer
redivivus.
    Geht es nicht anders, so musst du ihn zum Geständnis verlocken und verführen.
Versprich ihm, wenn er gesteht, so solle er nur eine Woche im Gefängnis bleiben.
Du hältst strikt dein Wort - lässt ihn nach einer Woche aus dem Gefängnis - aber
nur, um ihn aufzuhängen. Versprich ihm auch ruhig das Leben - ein anderer wird
das Todesurteil sprechen. Man muss sich immer an die Wahrheit halten. Ein naiver
Mensch wird solche Metoden als ränkevoll und hinterhältig bezeichnen. Aber was
meint der Apostel Paulus anderes, wenn er sagt: »Da ich schlau war, habe ich sie
mit List gefangen.« - Wir müssen schlau sein, Francesco Remolino.
    Der Spanier verbeugte sich ölig lächelnd:
    Eure Heiligkeit werden mit mir zufrieden sein.
Der Spanier liess sofort nach seiner Ankunft in Florenz in der Kürassmacherzunft
ein dickes Seil mit einem Flaschenzug aufstellen. Er ordnete die
Folterinstrumente und folterte ihn in der rechten Reihenfolge. Er setzte ihm
zuerst die Daumenschrauben an, danach die Handschrauben, danach die spanischen
Stiefel, danach den spanischen Bock. Es folgten die Knöchelfolter, die
Rutenfolter, die Fusszehenfolter, das Schnüren, die Strickfolter.
    Der Spanier selbst band Fra Girolamo an den Folterstrick und zog ihn an den
Armen vierzehnmal auf und nieder. Die Füsse waren mit Steinen beschwert.
    Bekenne, lächelte der Spanier, bekenne!
    Muskeln und Sehnen zogen sich knarrend und rissen. Beim dreizehntenmal, das
Blut schoss ihm aus Mund, Nase und Ohren, bekannte er alles, was die
Folterknechte von ihm bekannt haben wollten. Der gespickte Hase und die
Stachelwiege traten nicht mehr in Funktion. Es war auch nicht nötig, zur
Eruierung der Wahrheit jene gerichtlich angestellten Ziegen herbeizuziehen, die
die künstlich wundgemachten Fusssohlen des Delinquenten, in die man Salz streute,
zu belecken hatten.
    Turriano selbst protokollierte des Fraters Aussagen, der sich jeglicher
Ketzerei und Teufelei »aus freien Stücken« beschuldigte:
    So wahr mir Gott helfe!
    Er habe nur dem Teufel gedient, und alle seine Prophezeiungen seien ihm vom
Teufel eingeblasen worden, der ihn auch zum Aufstand wider den heiligen Stuhl
aufgepeitscht mit einer Geissel aus Feuerstrahlen.
Als das Volk von Florenz vernahm, dass Fra Girolamo unter der Folter seine sieben
Todsünden gestanden habe, da wandte es sich verächtlich ganz von ihm. -
    Wenn er ein wahrer Prophet wäre, hätte er nicht widerrufen. Auch unter der
Folter nicht!
    Und einer nach dem andern seiner Freunde fiel von ihm ab.
    Und die ihm am nächsten gestanden, hielten sich am fernsten.
    Und wenn man sie fragte:
    Ihr waret doch mit diesem Fra Girolamo auf du und du? -
    da öffneten sie gross ihre Augen und sagten:
    Wie? Dieser Ketzer Girolamo? Das muss ein Irrtum sein. Ich kenne ihn nur ganz
flüchtig und von weitem - von seinen verfluchten, ketzerischen Predigten her.
    Auf der Piazza della Signoria war der Scheiterhaufen errichtet und eine
Zuschauertribüne mit komfortablen Sitzplätzen. Es kostete der erste Platz eine
Lira, der zweite Platz zwei Quattrini, der dritte Platz fünf Denare. Auf den
Stehplätzen gingen die Henkersknechte mit Tellern sammeln.
    Viel Volk aus Florenz und Umgebung hatte sich versammelt, darunter viele
Männer, Frauen, Kinder, die ihn geliebt hatten und ihrer Liebe untreu geworden
waren in der Zeit der Prüfung.
    Aber niemand hob die Hand für ihn. Nur einige Frauen schluchzten, und ein
kleiner, elfjähriger Junge warf mit Steinen nach dem Henker.
    Fra Girolamo wurde mit allen Insignien seines Ordens bekleidet auf den
Richtplatz geführt.
    Domherren, Priester, Ratsherren, Beamte, Hauptleute erwarteten ihn.
    Der General der Dominikaner trat auf ihn zu und riss ihm ein Insignium nach
dem andern herunter mit den Worten:
    Separo the ab ecclesia militante, non triumphante!
    Fra Girolamo erwiderte ihm ruhig:
    Militante, non triumphante: hoc enim tuum non est!
    Die Henker fesselten ihm die Hände auf dem Rücken zusammen und führten ihn
zum Scheiterhaufen, wo er in der Mitte an einem dicken Baum gebunden wurde.
    Auf dem letzten Wege drängte sich ein Buckliger, ein zudringliches Mitglied
der Compagnia di Santa Maria del Tempio an ihn heran, deren Amt es sonst war,
die zum Tod Verurteilten zu trösten und zu begraben:
    Willst du Trost, Frater? Kostet eine Lira. - Einen kleinen Trost? Kostet nur
ein paar Soldi. -
    Sie entzündeten den Reisighaufen. Am Himmel hatte sich ein Gewitter
gesammelt. Es begann zu tröpfeln, zu donnern und zu blitzen.
    Fra Girolamo brannte und wurde in der Flamme verzückt:
    Ich sehe einen Engel vom Himmel herabschreiten, der ist mit einer Wolke
bekleidet, ein Regenbogen ist um seine Stirn gebunden. Er trägt Gottes feuriges
Schwert in der Rechten und wird es fürchterlich über den Menschen schwingen,
    und seine Stimme ist der Donner, und sie tönt gewaltig über die Erde,
    und seine Linke trägt die Schale des Zorns, ihn auszugiessen über die Erde.
    Wehe, wehe der grossen Stadt Babylon! Das Gericht ist bald gekommen!
    Gold, Edelsteine, Seide, Purpur, Elfenbein, Marmor, Ebenholz,
    Wein, Weizen, Vieh, Mensch, alles wird vergehen in einer Stunde.
    O Engel des Herrn, entführe mich dem Untergang!
    Stoss dein brennendes Schwert in mein dir entgegenbebendes Herz!
    Ich flamme! Ich brenne! Ich leuchte in der Liebe Gottes!
    O ich Fackel Gottes! Ich leuchte über alle Meere und Länder in die
Dunkelheit der Erde!
    Und er begann zu singen:
    Lasciatemi morire!
    e che volete
    che mi conforte
    in così dura sorte
    in cosi gran martire?
    Lasciatemi morire!
    Zwei Stunden brannte der Frater.
    Zuerst fiel ihm der linke, dann der rechte Arm ab.
    Als er verbrannt war, nahmen die Henker die Asche, sammelten sie und
schütteten sie in den Arno, damit nicht ein Stäubchen von ihm bliebe, dass der
Nachwelt als Reliquie dienen könne.
    Jener Knabe aber, der mit Steinen nach den Henkern geworfen hatte, sprang in
den Fluss und erreichte schwimmend ein Stück Kohle, nahm es, wie ein Hund einen
Stock apportiert, in den Mund und schwamm zurück ans Ufer, wo er alsbald im
Gewirr der Gassen verschwand.
Im Juni danach machte eine merkwürdige Art von schwarzen Raupen, die man bisher
noch nie dort gesehen, die Wiesen von Florenz unsicher.
    Sie hatten menschenähnliche Köpfe, deren Gesichtsform die Züge des Paters
Savonarola zu zeigen schien.
    Sie frassen nur das niederste und unnützeste Unkraut: den Dornstrauch.
    Es gab eine vortreffliche Getreideernte und der Stajo fiel auf dreissig
Soldi.
 
                                     XXXIV
Mein Söhnchen, sagte Alexander, der nach Rom zurückgekehrt war, zu Cesare, wir
haben jetzt, nachdem wir diesen Karl VIII. und diesen närrischen Dominikaner Fra
Girolamo los sind, Zeit, uns ein wenig mit unsern inneren Feinden, den Baronen
der Romagna, den Orsini und Colonna, zu beschäftigen. Juan, der Herzog von
Gandia, mein geliebter Sohn und Generalkapitän des Kirchenstaates, wird den
Oberbefehl gegen die unbotmässigen Ritter übernehmen. Erteile ihm deinen Segen
als Bruder und Kardinal!
    Cesare verliess wortlos das Zimmer.
    Juan zog ins Feld und erlebte eine klägliche Niederlage gegen die Orsini,
die alle ihre Burgen behaupteten.
    Die Vanozza gab in ihrem Weinberg in Vincoli bei Sankt Peter ein kleines
Fest zur Feier der Weinlese und der Belehnung des Herzogs von Gandia mit den
Besitzungen Benevent und Terracina.
    Der Papst war erschienen, es kamen Lucrezia, Juan, Gioffredos schöne Gattin
Sancia, Cesare Borgia und einige römische Adlige aus dem Bekanntenkreis der
Borgia.
    Auch waren zur Erheiterung der Tafel einige Affen, Spassmacher und
Fresskünstler zugezogen. Einer von ihnen begann sein Mahl mit dreissig
hartgekochten Eiern, um ihnen sofort eine ganze Salamiwurst folgen zu lassen, um
die er sich mit einem Affen balgen musste.
    Der Mönch und Narr Arlotto erzählte unzüchtige Witze. Zum Beispiel
behauptete er, dessen Geilheit bekannt war, dass der Papst und er mit dem
gleichen Mittel zu siegen verstünden. Der Papst fragte belustigt, womit? Mit dem
Bullensiegel! Aber er nehme es auch mit Demostenes auf. Worin? - Mit der Zunge.
Juan fiel vor Lachen hintenüber.
    Lucrezia vergnügte sich damit, Trauben von den Stöcken zu reissen und die
Beeren den Gästen einzeln in den Mund zu werfen.
    Der Papst lachte und hustete, er hatte sich an einer Beere verschluckt.
    Cesare biss die Lippen zusammen, die Beeren fielen zur Erde.
    Sancia sah ihn von der Seite an.
    Juan schnappte äusserst geschickt.
    Er brachte es auf dreizehn Beeren und wurde von Lucrezia zum Sieger im
»Beerenwurf« erklärt.
    Später sang sie spanische Lieder und tanzte die Tarantella.
    Zärtlich folgte der Papst jeder ihrer graziösen Bewegungen.
    Um Mitternacht brach man auf.
    Der Papst und Lucrezia ritten mit Fackelreitern und Bedienten in einer
Kompagnie.
    Cesare und Juan, der Herzog von Gandia, bildeten den zweiten Trupp.
    Beim Palast des Ascanio Sforza trennte sich Juan mit einem fröhlichen Addio
von seinen Kameraden, um einem kleinen Abenteuer nachzugehen.
    Er wurde am nächsten Tag, dicht beim Ausfluss der Hauptkloake, aus dem Tiber
gefischt.
    Sein aufgeschwollener Leib zeigte einen Dolchstich mitten überm Herzen.
    Der Papst schloss sich in sein Zimmer ein, und hier, wo ihn niemand sah, liess
er seinen Tränen freien Lauf.
    Er weinte zum erstenmal in seinem Leben. Juan Borgia, der Generalkapitän der
Kirche, der zukünftige König von Neapel, von ganz Italien -, ausgelöscht wie
eine Fackel im Sande.
    Ich will Busse tun, schrie er, Herr, ich bereue tief mein vermaledeites
Leben. Geuss einmal noch deine Gnade über mich. Ich will deine geliebte Kirche
reformieren, ich selbst. Ich will -
    Er ass, trank und schlief drei Tage nicht, fieberte und meditierte.
    Am vierten Tage besuchte ihn Cesare.
    Der Papst fuhr ihn bissig an wie eine Dogge.
    Wer hat den Herzog von Gandia getötet?
    Cesare antwortete nicht.
    Wer hat Juan Borgia erdolcht und in den Tiber gestürzt?
    Cesare antwortete mit einer Gegenfrage:
    Wer hat mich zum geistlichen Beruf gezwungen, obwohl ich der ältere war und
zu weltlicher Würde wohl berufener als er, der sich im Feldzug gegen die Orsini
mit Schande und Lächerlichkeit bedeckt hat? Und wer hat mich zum Kardinal
gemacht, obwohl mir der Kardinalshut nicht besser passt als eine Nachtmütze? Wer
will etwas aus mir machen, was ich nicht bin?
    Alexander trat auf ihn zu und legte ihm beide Hände schwer auf die
Schultern.
    Er wollte sie niederdrücken, aber es gelang ihm nicht.
    Der schmale, schlanke Mensch stand unverrückbar.
    Der Papst seufzte:
    Was soll ich nun mit dir machen, he?
    Cesare zuckte die Achseln:
    Willst du mir in die Suppe spucken? Der Speichel der Borgia ist schon Gift
genug. Du brauchst die Cantarella nicht bemühen. -
    Alexander ging schweigend hin und her. Nach zehn Minuten machte er wieder
vor Cesare halt.
    Man bereitet mir die grössten Unannehmlichkeiten. Der Tod des poveretto
Giovanni macht alle meine Pläne zuschanden.
    Cesare sagte ruhig:
    Mach neue Pläne.
    Alexander schrie auf:
    Ich habe ihn geliebt. Weisst du das?
    Cesare:
    Er ist tot. Gott hab ihn selig -.
    Er schlug das Kreuz.
    Der Papst schlug ihm die Hand herunter.
    Cesare fuhr fort:
    Er ist tot. Ich lebe. Wirf die Liebe, die du für ihn hattest, zu der Liebe,
die du für mich hast. Dann bin ich beglückt. Liebe mich! Vater!
    Alexanders Antlitz hellte sich auf:
    Zum erstenmal sagst du Vater zu mir. Komm an meine Brust. Sohn! Sohn!
Der Papst gestattete dem Kardinal Cesare Borgia, der die ordentlichen Weihen der
Priesterschaft ja nie empfangen, den Kardinalspurpur abzulegen.
    Cesare warf den Kardinalsmantel aus dem Fenster auf die Strasse, wo der Pöbel
sich um ihn zu raufen begann.
    Im Nu war der Mantel in tausend Stücke zerrissen.
    Sie zerrissen den Mantel und meinten den, der ihn getragen.
 
                                      XXXV
Um die Vanozza bekümmerte sich der Papst in Zukunft nicht mehr.
    Sie hatte ihm, wie es ihre Pflicht war, Borgias geschenkt und damit ihre
Mission erfüllt.
    Als er eines Tages erfuhr, sie sei schwer an Malaria erkrankt, schickte er
ihr seinen Leibarzt Torella.
    Der gab ihr eine Spritze, die zur Folge hatte, dass sie in einen tiefen
Dauerschlaf versank. Sie schlief dreizehn Jahre bis zu ihrem Tode. Und erwachte
nur jeden Tag und jede Nacht für ein paar Minuten, in denen sie nur halb bei
Besinnung war.
    Sie verlernte ganz die Sprache und konnte sich schliesslich nur noch auf ein
Wort besinnen:
    Borgia.
    Der Papst schwenkte ein Pergament in der Hand.
    Trionfo, Borgia! Der neue König von Frankreich bittet mich, seine erste Ehe
zu scheiden und ihm die Eingehung einer zweiten zu gestatten! Ich habe zugesagt
- unter einer Bedingung -
    Cesare:
    Spanne mich nicht auf die Folter.
    Alexander:
    Das haben wir bereits mit diesem Savonarola getan. Scherz beiseite, Cesare:
unter der Bedingung, dass du eine französische Prinzessin zur Gattin erhältst.
    Cesare knirschte vor Freude mit den Zähnen:
    Und er hat zugesagt?
    Der Papst jubelte:
    Ja! Er schlägt Charlotte d'Albret, die Schwester des Königs von Navarra,
vor. - Kindchen, Söhnchen, fuhr Alexander Borgia fort, du musst in Frankreich
nobel auftreten. Wir brauchen für dich Gespanne, Reisewagen, Pagen, Läufer,
Reiter, Samt, Seide, Gold, Brokat, Perlen in Hülle und Fülle! -
    Und woher nehmen wir das, was in Summa zwei-bis dreihunderttausend
Golddukaten betragen dürfte? lächelte bescheiden Cesare.
    Söhnchen, Kindchen, der Papst tätschelte zärtlich seine Wange, du musst etwas
gegen deine Sommersprossen tun, sie entstellen nur dein hübsches Gesicht, ja -
was ich sagen wollte - es sind einige reiche, der Ketzerei verdächtige Personen,
wie beispielsweise Pedro de Aranda, Bischof von Calahorro - wenn wir ihnen
keinen Prozess machen, werden sie gern und willig ein Sümmchen zahlen. Und wozu
sind die Juden da? Wir verurteilen sie wegen gottlosen Wuchers zu schweren
Gefängnisstrafen, die sie dann mit Geld ablösen können. Beruhige dich, Söhnchen,
die zweihunderttausend Taler haben wir in einer Woche zusammen. Ich werde
übrigens auch eine Borgiabank errichten. Eine Bank, wo man gegen feste Taxen
Ablass erhält. Mord kostet, sagen wir, fünfhundert Dukaten, Diebstahl,
Unterschlagung und bis zu Kindsabtreibungen und Verleumdungen entsprechend
weniger.
    Cesare witzelte:
    Du selbst hast ja genug Betriebskapital einzuzahlen.
    Alexander Borgia überhörte die Bemerkung:
    Von jeder Einzahlung gehen 20 Prozent direkt an die päpstliche Kammer, das
heisst an uns. Wir können damit unsere Kasse beträchtlich auffüllen, denn die
Sünder sterben, Gott sei's gelobt, nicht aus.
    Cesare lächelte:
    Und nicht die Dummen.
    Alexander prustete:
    Amen. - Übrigens, was ich bei der Gelegenheit sagen wollte:
    Ein Prinz von Aragon, von Neapel, kann uns nach unsern letzten Erfolgen
nicht mehr viel nützen. Die Ehe Lucrezias mit ihm war eine Torheit. Wir müssen
sie wiedergutmachen.
Alfonso wurde eines Abends, als er im Vatikan seine Gattin besuchen wollte, von
Vermummten überfallen und mit Dolchstichen traktiert.
    An Kopf, Armen und Schenkeln blutend, floh er in die Kammer Lucrezias, die
ohnmächtig an ihm dahinsank.
    Der Papst erteilte ihm die Absolution. Aber wider Vermuten erholte sich
Alfonso.
    Er wurde von Lucrezia sorgfältig und zärtlich gepflegt, die ihm alle
Getränke selbst zubereitete und von allen Speisen zuerst kostete, ehe sie sie
ihm reichte.
    Eines Nachmittags, in der milden Abendsonne, er war schon Rekonvaleszent,
stand Alfonso am offenen Fenster und sah Cesare Borgia durch den Garten gehen.
    Es wurde ihm rot vor den Augen. Er riss den Dolch aus dem Wehrgehenk und warf
nach ihm.
    Der Dolch fiel vor Cesare zu Boden.
    Cesare hob ihn auf, ohne nach dem Fenster zu blicken. Er betrachtete einen
Augenblick das Wappen der Aragon am Knauf.
    Dann warf er ihn nach einem Olivenbaum, wo er im Stamme stecken blieb.
    Am selben Abend machte Cesare einen Besuch bei Alfonso und erkundigte sich
freundlich nach seinem Befinden.
    In der Nacht stieg Michelotto, eine Kreatur Cesares, heimlich im Zimmer
Alfonsos ein und erwürgte ihn im Schlaf.
    Cesare spielte diese Nacht eine Partie Schach mit dem Papst.
    Während er ihm mit der Dame Schach bot, sagte er so nebenbei:
    Der Weg für eine Heirat Lucrezias mit dem Prinzen Este von Ferrara ist frei.
    Der Papst liess den König fallen, den er gezogen hatte.
    Ich bin müde, sagte er, wir wollen schlafen gehen.
Lucrezia war ausser sich, als sie von der Ermordung Alfonsos hörte. Zum ersten
Male wurde sie an ihrer eigenen Sippschaft irre. Ihre Lippen weigerten sich, den
Namen Borgia auszusprechen, und sie erbrach ihn vor Ekel mit grüner Galle.
    Sie weigerte sich, Cesare zu empfangen und liess auch Alexander nicht vor ihr
Angesicht. Sie wollte allein sein und nie mehr einen Borgia sehen.
    Sie verhängte in ihrem Zimmer alle Spiegel, um sich nicht selbst sehen zu
müssen. Nachts lief sie, tief verschleiert, in das Nonnenkloster von San Sisto
und flehte um Aufnahme.
 
                                     XXXVI
Der Kardinal la Grolaye hatte Lucrezia von dem jungen, dreiundzwanzigjährigen
Florentiner Bildhauer Michel Angelo erzählt.
    Sie bat ihn eines Tages zu sich ins Kloster.
    Sie betrachtete ihn neugierig, wie ein Kind Türken und Inder betrachtet.
    Ihr seid Bildhauer?
    Jawohl, Madonna.
    Adliger?
    Aus edelstem Geschlecht -
    Versteht Ihr Euer Handwerk?
    Ich hoffe, Madonna.
    Macht Ihr ein Gewerbe aus Eurer Kunst?
    Ich mache eine Kunst aus meinem Gewerbe.
    Könnt Ihr Pferde machen - oder noch besser: Pferdemenschen, Kentauren?
    Den Kampf der Kentauren und Lapiten? Ich will es versuchen, Madonna.
    Einen sterbenden Adonis -
    Ich werde darüber nachsinnen -
    Interessiert Ihr Euch für die Ausgrabungen aus der Antike? Alle Augenblicke
findet man eine schöne Statue, eine Göttin oder einen Silen. Da könnt Ihr viel
lernen - wenn Ihr wollt.
    Es ist der Inhalt meines Lebens, Madonna.
    Was habt Ihr denn schon Vortreffliches geleistet?
    Eine Gruppe, Madonna.
    Was stellt sie dar?
    Die Pietà -
    Ihr müsst sie mir zeigen!
    Ich bitte, über mich zu verfügen!
Lucrezia kam in sein Atelier, von der Äbtissin von San Sisto begleitet. Sie war
sehr guter Laune und knabberte unaufhörlich Datteln.
    Sie sah einen Kentauren in Lehm angefangen.
    Er trug die Züge Alexander Borgias.
    Sie sah einen sterbenden Adonis.
    Er trug die Züge Alfonsos von Aragon.
    Sie wandte sich melancholisch lächelnd zu Michel Angelo:
    Und was wollt Ihr aus mir machen?
    Sie stand plötzlich vor der Pietà. Und all ihre Heiterkeit zerbrach in einem
Augenblick, dem Augenblick, den sie mit der Pietà tauschte. Diese Pietà, das ist
keine qualvoll gealterte Mater dolorosa - es ist ja eine ganz junge, leidende
Frau, die mir ähnlich sieht - und Christus - trägt er nicht die Züge jenes in
Florenz verbrannten Fra Girolamo - jenes unseligen Ketzers -
    Laut sagte sie:
    Ihr habt Savonarola gekannt?
    Der Bildhauer nickte wortlos.
    Er ist gar nicht tot, so scheint es. Er schläft ja nur -
    Ja, sagte Michel Angelo, er schläft nur.
    Mein Gott, dachte sie, ich muss weinen. Ich spüre, wie mir schon die Tränen
aufsteigen. Ich muss schleunigst gehen.
    Aber es war schon zu spät.
    Die Tränen stürzten ihr aus den Augen.
Michel Angelo geriet, als sie von ihm gegangen war, in einen ekstatischen
Rausch. Er warf den Meissel beiseite und begann eine Reihe leidenschaftlich
sinnlicher Gemälde zu malen:
    Leda vom Schwan geliebkost.
    Venus von Amor geliebkost.
    Leda und Venus trugen die Züge der Lucrezia Borgia. Er begann Verse zu
schreiben an die Donna aspera e bella.
    Und nannte sie:
    La donna mia nemica -
    Meine schöne Feindin. -
    Er träumte von ihrer Nackteit.
    Und begann ein christliches Gemälde zu skizzieren, in dem die Muttergottes,
der Heiland, Sankt Peter und Sankt Johann, alle in heidnischer Nackteit, durch
eine florentinische Landschaft wallten.
Lucrezia kehrte in den Vatikan zurück, vom Papst zärtlich herbeigerufen.
    Sie erzählte ihm von dem Bildhauer Michel Angelo.
    Der Papst dachte nach.
    Er soll mir einen Entwurf machen für mein Grabmal. Für ein Grabmal, das
berufen sein wird, alle Borgia dermaleinst zu vereinen. Er sandte Michel Angelo
in die Steinbrüche von Carrara, den geeigneten Marmor brechen zu lassen.
    Michel Angelo stiess an der Küste auf einen Berg, der von Meer und Land
weitin sichtbar war.
    Ich werde aus dem Berg eine Kolossalstatue meisseln - wozu Carrara nach Rom
tragen? Die Leichen der Borgia müssen von Rom nach Carrara geschafft werden und
unter diesem kolossalen Steinblock ruhen, dem ich die Gestalt eines gigantischen
Kentauren geben werde.
 
                                     XXXVII
Der Himmel wölbte sich wolkenlos über den Borgia.
    Die Sonne schien nur über die Ungerechten.
    Cesare Borgia vermählte sich mit einer französischen Prinzessin.
    Als sie ihn in der Hochzeitsnacht zum ersten Mal ohne Helm und Stirnband
sah, erschrak sie und war einer Ohnmacht nahe.
    Der Borgia trug auf der Stirn unverkennbar das Zeichen der
Franzosenkrankheit.
    Madame, lächelte der Borgia, dieses Mal an der Stirn stammt von Gott und
Frankreich. Sie werden es mich nicht entgelten lassen. Ich bin bereit, die Ehe
mit Ihnen vorerst nur in effigie zu vollziehen.
    Und er setzte sich auf den Bettrand, nahm eine Laute und begann Charlotte
d'Albret römische Volkslieder vorzusingen, bis sie in die Hände klatschte und
lachend den Refrain mitsang.
    Cesare, der nach Italien zurückkehrte, hat seine Gattin in der Folge nie
wiedergesehen.
Die Franzosen verbanden sich den Borgia. Die Colonna unterwarfen sich
freiwillig.
    Die Türken waren nach dem Tode Dschems in Italien eingefallen und hatten
venezianische Häfen überrumpelt.
    
    Der Papst predigte einen Kreuzzug, um bald mit den Türken insgeheim Frieden
zu schliessen.
    Inzwischen führte Cesare, mit der Rückendeckung des französischen Königs,
seinen Krieg gegen die italienischen Städte und Fürsten Mittelitaliens.
    Eine Stadt nach der andern fiel ihm anheim.
    Ein Fürst nach dem andern fiel im Feld oder floh.
    Er war auf dem Wege zur italienischen Königskrone. Auf dem Wege - zu sich.
    Sein Wahlspruch, auf seinem Degen eingraviert, lautete: Aut Cesare aut
nihil.
Cesare Borgia liebte es, elegant und korrekt nach der letzten Mode gekleidet in
die Feldschlacht zu ziehen. Er war mit seinem Schneider unzufrieden.
    Du Hund von einem toskanischen Kleiderpfuscher, brüllte er ihn an, du hast
mir die ganze Schlacht bei Forli versaut. Fünf grelle Farben hast du mir übern
Leib gezogen, dass ich wie ein Arlecchino ausgesehen habe. Meinst du vielleicht,
so ein Krieg sei ein Karneval, he?
    Der Schneider raffte sich zu einer Erwiderung auf:
    Sehr viel anderes ist der Krieg auch nicht. Nur fliesst hier Blut, und beim
Fasching fliesst Wein.
    Verschone mich mit deiner bilderreichen Philosophie. Du bist nicht dazu da,
um zu denken, sondern Röcke zuzuschneiden, und wenn du mir noch einmal ein solch
jämmerlich verpatztes Kostüm lieferst, wie es das letzte war, schneide ich dir
mit deiner eigenen stumpfen Schere die Nase und das ab, was dir zwischen den
Beinen hängt und ihr ähnlich sieht. - Mund halten! Mass nehmen! Schluss!
Cesare belagerte die Burg Forlì.
    Er belagerte darin Caterina Sforza.
    Caterina Sforza hatte Vater, Bruder, Gatten und Geliebten durch Mord und
Gift verloren. Sie trug einen Kettenpanzer und ein eisernes Herz. Sie schlug
sich für ihren kleinen Sohn Ottaviano.
    Sie stand auf der Burgmauer und forderte Cesare zum Zweikampf. Sie höhnte
ihn und warf ihm eine Brennesselstaude ins Gesicht. Er begehrte sie, aber er
liess es sich nicht merken.
    Er liess ihr sagen, er sei bereit mit ihr zu kämpfen - im Olivenhain vor
Forli - aber ohne Zeugen.
    Sie lachte: sie fürchte sich nicht.
    Am nächsten Morgen trafen sie sich im Hain. Er schlug ihr im ersten Gang den
Degen aus der Hand,
    warf seinen Degen zu ihrem Degen ins Gras, umarmte sie und zwang sie, ihm zu
Willen zu sein.
    So wurde sie seine Gefangene, Leibes und der Seele.
Mit dem kleinen Ottaviano spielte Cesare Murmeln.
    Als er eine von den bunten Glaskugeln gewann, in denen das Universum sich
feurig drehte, schrie der Kleine zornig auf und schlug ihn mit der geballten
Faust ins Gesicht.
    Cesare rieb sich die leicht gerötete Wange: Du bist der einzige Mann, der
Cesare Borgia hat erröten machen. Ich werde dir die Glaskugel wiedergeben. Und
später, wenn du erwachsen bist, sogar Forli -
Cesare beugte sich über eine Karte von Italien. Er fuhr mit nervösen Fingern die
Ströme und Gebirgszüge entlang.
    Er hieb auf die einzelnen Städte ein - und sein Finger krümmte sich wie ein
Geierschnabel.
    Siena! Navarra! Genua! Neapel! überall herrschen andere Leute.
    Er dachte »andere Leute«, denn im Grunde hatte es nur die einen Leute zu
geben, die zum Herrschen berufen waren: die Borgia. Diese anderen, die
Flachköpfe, Hohlhirne, Fettbäuche, zitternden Bohnenstangen - hatten stumm zu
dienen, schweigend zu gehorchen.
    Niedergeworfen waren die Riarier von Imola und Forli.
    Und alsbald neigten sich, wie die Ähren vor dem Winde, alle Fürsten Italiens
vor Cesare Borgia, Herzog von Valence, der heiligen Römischen Kirche
Bannerträger und Generalkapitän.
    Es neigten sich Colonna und Orsini, und sogar die Este und Gonzaga brachen
ins Knie. -
    Cesare kehrte nach Rom zurück, denn er brauchte Geld, Geld und wieder Geld
für seine Kriegsfahrten.
    Er zog als Triumphator in Rom ein, im Triumph Cäsars.
    Auf einem Wagen führte er eine schöne nackte Frau mit sich, die wie ein
Fisch in einem Netz zappelte.
    Es war die Italia.
    Von der Loggia Benedizione segnete der Papst den Einzug des siegreichen
Sohnes und seine segnend erhobene Rechte zitterte vor Stolz.
 
                                    XXXVIII
Pesaro, Rimini, Imola, Forli waren gefallen.
    Die Gonzaga und Este, obwohl nicht Vasallen des Kirchenstaates, bemühten
sich um die Gewogenheit Cesares und Alexanders. Jetzt stand Cesare von Faenza.
Faenza war der Schlüssel zu Ravenna und Venedig.
    Die Stadt wehrte sich heroisch.
    Als der Widerstand der Männer nachzulassen begann, war es die
siebzehnjährige Diamante Jovelli, die ihn wieder aufstachelte. Sie ging auf den
Wällen umher, brachte dem einen Becher Wasser, jenem ein Wort der Stärkung,
schleppte Munition und Faschinen. Ihr Beispiel ermunterte die übrigen Frauen und
nach einer Woche war Diamante Jovelli Kapitän eines Weiberbataillons.
    Sie liess auf der Umwallung eine weisse Fahne aufpflanzen, die ein Mädchen im
Kettenpanzer zeigte, welches auf einen Totenkopf tritt.
    Was aber Diamante Jovelli, die schwarzlockige, von Gestalt zarte
Gerberstochter tat, das tat sie aus Liebe zu dem achtzehnjährigen Astorre
Manfredi, dem Fürsten von Faenza, dessen Mutter Francesca ihren Gatten Galetto
Manfredi wegen Untreue hatte erdolchen lassen.
    Sieben Stunden den Tag feuerte Cesare Borgias Artillerie auf Faenza. Die
sechzig Pfund schweren Steinkugeln prasselten auf Mauern und Wälle.
    Die am Tag zerschossenen Wälle wurden nachts unter Führung Diamante Jovellis
wieder aufgefüllt.
    Die Belagerung leitete als Cesares Oberingenieur ein gewisser Lionardo da
Vinci, ein trefflicher Erfinder mannigfaltiger Kanonen und Wurfgeschütze, der
vor Faenza eifrig den Flug der Vögel studierte, weil er eine Maschine, die dem
Menschen das Fliegen ermöglichen sollte, zu erfinden gedachte. In seinen
Mussestunden pflegte er Bilder zu malen, die von Kennern der hohen Malkunst
wohlwollend beurteilt wurden. -
    Cesare Borgia kam nicht vorwärts. Er bot der Stadt Faenza einen für sie und
den Fürsten sehr günstigen Vertrag an.
    Astorre Manfredi ging nachts waffenlos in Cesares Hauptquartier.
    Vergeblich hatte Diamante Jovelli unter Tränen ihn zurückzuhalten versucht:
    Du gehst in dein Verderben, Astorre! Traust du dem Schwur eines Borgia?
    Astorre lächelte sein schönes Knabenlächeln:
    Er ist ein Herr wie ich. Er wird seinesgleichen das Wort nicht brechen.
    Cesare erstaunte, als er Astorre im Schein der Fackeln erblickte.
    Es flog ihn ein Gefühl der Rührung an, wie wenn ein Nachtfalter gegen seine
Stirn schlug.
    Er ist der schönste Jüngling, den ich je sah. Welche Festigkeit im Gang und
welche Anmut der Bewegung. Welches Feuer in den schwarzblauen Saphiraugen! Wie
herrisch und kindisch zugleich er das blonde Haar in den Nacken wirft. Und diese
hohe kluge Stirn!
    Cesare bewilligte Astorre alles, was dieser forderte: jedem Faentiner wurde
Leben und Besitz verbürgt, die Stadt würde durch Cesares Truppen nicht besetzt
werden. Der Familie Astorres wurde freies Geleit, wohin immer sie wolle,
zugesagt.
    Beglückt kehrte Astorre heim.
    In dieser Nacht gab sich Diamante Jovelli ihm hin, denn ihr Herz zersprang
fast vor Freuden, als sie ihn wiederkommen sah und endlich in den Armen hielt.
    Astorre Manfredi küsste sie zart.
    Siehst du, man muss Vertrauen haben! Der wahrhaft Edle zahlt mit gleicher
Münze zurück.
    Wer ist »ein wahrhaft Edlen«?
    Cesare. -
    Der Borgia?
    Ja. -
    Ihr Gesicht verfinsterte sich. Sie wollte etwas sagen, aber sie schwieg, als
sie in seine aufleuchtenden Augen blickte.
Cesare Borgia hatte den jungen Astorre Manfredi eingeladen ihn in Rom zu
besuchen. Astorre folgte einige Wochen später der Einladung.
    Er wohnte in Cesares Palast, und es ging das Gerücht, dass eine
widernatürliche Liebe die zwei verbände. Man sah sie oft umschlungen auf dem
Monte Pincio wandeln. Zu Ehren Astorres fand unter anderen Lustbarkeiten ein
Armbrustschiessen statt, bei dem es einen bedauerlichen Unfall gab.
    Ein unachtsamer Schütze schoss daneben, und der Bolzen fuhr dem Fürsten von
Faenza so unglücklich in den Hals, dass er, versehen mit den heiligen
Sterbesakramenten, wenige Stunden später seinen Geist aufgab. Seine letzten
Worte waren:
    Borgia! Borgia!
    welche so gedeutet wurden, dass er dem Papst, der sich selbst zur letzten
Ölung herbeibemüht, mit ihnen für seine sorgende Güte habe Dank sagen wollen.
Karneval.
    Auf dem Campo de' Fiori und bei den Banchi tollten und schwärmten wie
Mückenschwärme Tausende von Masken.
    Arlecchinos, Kolombinen, Türken, Neger, Soldaten, Stelzenläufer,
Bauernmädchen. Viele aber hatten scheussliche, abschreckende Masken über den Kopf
gestülpt, als wären für einen Tag die bösen Dämonen ihrer Seele ans Licht
gelangt und hätten Gesicht und Gestalt gewonnen. Manche trugen riesige Phallen
als Nasen. Pfeifer und Trompeter zogen tirilierend umher. Kunstvoll schlugen die
Trommler das Kalbfell, bald zart, bald kräftig.
    Bei einem einsamen Spaziergang geriet Alexander Borgia, der Papst, mitten
unter sie. Sie erkannten ihn nicht und hielten ihn für einen, der sich als Papst
verkleidet hatte.
    Du, Dicker, schrien sie, komm, tanz mit uns! Und sie zogen ihren Kreis,
tanzten und sangen rhytmisch: vinum bonum, vinum bonum, und der Papst tanzte
lachend mit ihnen, bis der Reigen abbrach, die Kette sich löste und Alexander
Borgia allein auf dem Platze zurückblieb.
    Ihm war heiss.
    Die Frühlingssonne stach.
    Er trocknete mit einem kleinen Tuch sich den Schweiss von der Stirn.
    Und fast hätte er sich die Perücke herunterreissen wollen, als ihm einfiel,
dass es ja echte Haare waren.
    Ja, schnaufte er, alles echt an den Borgia, alles echt.
 
                                     XXXIX
Nicolo Macchiavelli, aus einer einfachen Popolanenfamilie stammend, humanistisch
gebildet, Sekretär des florentinischen »Rates der Zehn«, wird in
ausserordentlicher Botschaft zu Cesare Borgia gesandt.
    Florenz, zu schwach, um einem drohenden Angriff des Fürsten zu widerstehen,
will sich gütlich mit ihm einigen. -
    Nicolo Macchiavelli lebte auf einem kleinen Landgute bei Florenz.
    Er stand früh am Tage auf, jagte Krammetsvögel, betätigte sich in seinem
kleinen Wäldchen als Holzhauer, sass den halben Tag im Wirtshaus, um mit dem
Wirt, mit dem Bauern Gismondo Buonarotti (einem Bruder des Bildhauers Michel
Angelo Buonarotti), mit Metzger, Bäcker, Fuhrherrn und Ziegelbrenner zu
schwatzen und Cricca oder Trick-Track zu spielen.
    Er stritt sich mit ihnen um jeden Quattrino und man hörte ihr Geschrei die
Landstrasse auf und ab eine halbe Meile.
    Abends, bei Einbruch der Dämmerung, stapfte er nach Hause, zog den
Bauernkittel aus, und im blossen Hemd sass er an seinem Schreibtisch, las Dante
und Petrarca, Tibull und Ovid.
    Er las Ovids Ars amandi und seufzend gedachte er seiner eigenen früheren
Liebschaften.
    Das war vorbei.
    Er hatte eine Frau und vier Kinder, und nur hin und wieder trieb ihm der
günstige Wind in seinem Wäldchen eine Bauernfrau oder Magd ins Gehege.
    Wenn er des Ovid überdrüssig war, klappte er ihn zu und seine Schreibmappe
auf und setzte seine Studien fort »sul arte del stato«: »über die »Staatskunst«.
    Er konnte sein Bauernanwesen kaum verwalten, aber über Republiken und
Monarchien regierte souverän sein Geist:
    Der Geist eines klugen, scharfsichtigen, scharfsinnigen, unbestechlichen
Menschen: bestechlich nicht durch Gold und nicht durch Schmeichelei,
unbeeinflussbar durch Sympatien und Antipatien.
    Ihn bewegte die »Politik an sich«, ihre Metodologie. Und das Mass seiner
Massstäbe gab allein der Mensch, der Politik und Geschichte macht.
    Wie war das Wesen des niedrigen Menschen beschaffen? Er war dumm, feige,
selbstsüchtig, treulos -
    Wie war das Wesen des höheren Menschen beschaffen?
    Er war klug, tapfer, selbstisch und sich selbst treu. Seine Klugheit gebot,
die Dummheit der andern zu benutzen, seine Tapferkeit, ihre Freiheit zu
unterwerfen, seine Treue gegen sich selbst konnte als Treulosigkeit andern
gegenüber in Erscheinung treten. Töricht, wer Wortbrüchigen Wort hielt, dumm,
wer Klugen dumm kam, feige, wer vor Meuchelmord zurückschreckte - wenn die
andern ihm schon den Gifttrank bereitet und den Galgen errichtet hatten. Es kam
darauf an: der erste zu sein: bei einer Frau, bei der Politik.
    Früh zu Bett gehen - und früh aufstehen - wenn die andern erwachten, musste
die Hälfte des Tagwerks schon getan sein.
    Er hatte dann schon sieben Krammetsvögel gefangen - und Cesare Borgia sieben
verräterische Condottieri.
    Die Florentiner wussten, was sie taten, als sie Macchiavelli zu Cesare Borgia
sandten. Es war nicht das erste Mal, dass der bäurische Kerl mit der Seele eines
Staatsmannes ihnen in wichtigen Missionen diente.
Im Palast Cesare Borgias fand jenes denkwürdige Gespräch zwischen Cesare und
Macchiavelli statt, das dem Florentiner die Anregung zu seinem Traktat über den
»Fürsten« geben sollte.
    Es war noch sehr früh am Tag. Dämmerung hing noch im Zimmer. Cesare hatte
Macchiavelli um sechs Uhr früh zur Audienz gebeten. Seit Monaten zeigte sich der
Borgia nicht mehr bei Tageslicht.
    Die Krankheit hatte sein Gesicht mehr und mehr verwüstet. Es war von
eitrigen Pusteln über und über bedeckt. Die Nase war angefressen. Nur seine
hellen blauen Augen funkelten unversehrt und herrisch.
    Nehmen Sie Platz, sagte der Borgia. Er setzte seinen Gast so, dass dessen
Gesicht im Licht war, während er selbst im Dunkeln blieb.
    Macchiavelli nahm Platz: in einem tiefen Sessel, in dem der kleine, beleibte
Herr fast ganz verschwand.
    Cesare lachte:
    Ja, da haben Sie gleich ein Beispiel meiner politischen Metode: Ich zwinge
meine Gäste immer, tief unter mir in einem weichen Lehnstuhl zu versinken. Das
macht sie mir »untertänig« und ihren Verstand weich und nachgiebig. Ich selbst
pflege auf einem harten, hohen Holzstuhl zu sitzen.
    Macchiavelli sah von unten nach oben und sprach dortin, wo er im Dunkeln
den Borgia vermutete:
    Ich bewundere Sie, Hoheit.
    Der Borgia fragte:
    Was macht Florenz? Man ist uns nicht besonders wohl gesinnt dort: Seiner
Heiligkeit und mir.
    Macchiavelli versuchte, eine abwehrende Handbewegung zu machen.
    Cesare fuhr fort:
    Man sieht es nicht gern, dass ich mich in Umbrien und der Romagna festsetze,
dass ich mit Ludwig XII. von Frankreich d'accord bin. Man schimpft mich den
Grausamen. Aber diese Grausamkeit hat die Romagna zusammengehalten, während die
überaus gerühmte Milde der Florentiner die Zerstörung von Pistoja auf dem
Gewissen hat. Wer ist nun in Wahrheit grausamer? Meine Grausamkeit hat in der
Romagna vielleicht fünfzig Menschen getötet. Aber die Milde der Florentiner in
Pistoja: zweitausend!
    Und er zitierte Virgil:
    Res dura et regni novitas me talia cogunt Moliri, et lati fines custode
tueri.
    Macchiavelli:
    Es muss das Bestreben von Florenz sein, sich als autonomer Staat in dem
Wirrwarr der Zeit zu behaupten, solange -
    Der Borgia:
    Nun, solang -?
    Macchiavelli fuhr vorsichtig fort:
    Solange sich diese Zeit nicht geändert hat.
    Der Borgia lachte leise.
    Nun, diese Zeit ist ein abstrakter Begriff.
    Sie wird sich nicht selbst ändern. Wir sind berufen, sie zu ändern. Wir
Menschen.
    Ja, schmeichelte Macchiavelli. Ihr Menschen, ihr grossen Menschen! Ihr
Borgia!
    Cesare wandte sich einen Moment angewidert ab:
    Hat Florenz Sie gesandt, mir Weihrauch zu schwingen und Zuckerstücke wie
einem tanzenden Jahrmarktsbären zu reichen? Ich verabscheue beides.
    Der Rat der Zehn von Florenz schickt mich, Ihnen seine Hochachtung zu
bezeigen - auch wenn zwischen Ihren und seinen politischen Überzeugungen ein
Abgrund klafft.
    Borgia:
    Was für ein Abgrund?
    Macchiavelli:
    Wir Florentiner sind Republikaner.
    Der Borgia lächelte:
    Ich nicht. Ich bin Borgia.
    Macchiavelli:
    Ob Republik, ob Monarchie - gute Gesetze sind das Fundament des Staates.
    Cesare:
    Gute Gesetze können nicht bestehen ohne ein gutes Heer.
    Macchiavelli:
    Ein gutes Heer bedarf vor allem der Disziplin, also wiederum - des Gesetzes.
    Cesare:
    Ein gutes Heer setzt sich aus guten Soldaten zusammen. Gute Soldaten sind
eigentlich nur Landeskinder, das heisst Menschen, die ihre Heimat lieben, die
ausziehen, ihren eigenen Grund und Boden, ihr Gewerbe, ihre Frauen und Kinder zu
verteidigen.
    Macchiavelli:
    Aber Sie haben sich oft der Söldner und fremder Kriegsknechte bedient -
    Cesare:
    Die Not zwang mich dazu. Das Ideal eines Heeres ist das Nationalheer. Nur
aus diesem Grunde konnte Karl VIII. von Frankreich Italien so schnell
überrennen, weil seinem disziplinierten französischen Heer unsere zügellosen
Haufen Mietlinge und Knechte aller Länder nicht gewachsen waren.
    Macchiavelli:
    Aber wie kann ein Nationalheer ohne Nation aufgestellt werden?
    Cesare sprang auf, und nun glänzte sein fahles Gesicht plötzlich grell im
stärker einströmenden Morgenlicht:
    Sie haben recht. Hier liegt der Kardinalpunkt der italienischen Politik.
Italien muss eine Nation werden. Das ist mein und meines erlauchten Vaters
innigstes Ziel. Ein geeintes Italien, ein einiges italienisches Heer.
    Macchiavelli unterbrach höflich:
    Und ein König?
    Cesare stand jetzt am Fenster und sah einer Amsel zu, die den Morgentau aus
ihrem Gefieder stäubte:
    Jawohl. -
    Macchiavelli fragte zögernd:
    Und wer soll dieser König sein?
    Cesare:
    Ein - ein - er brach den Gedanken ab, - ein schöner Tag wird heute. -
    Macchiavelli erhob sich:
    Ein Borgia, Hoheit, wollten Sie sagen.
    Cesare schnitt das Gespräch mit einem Hieb der Reitgerte ab, die er durch
die Luft sausen liess:
    Wir werden sehen, kommt Zeit, kommt Rat -.
    Macchiavelli:
    Kommt Borgia -
    Cesare:
    Nach Florenz.
    Macchiavelli:
    Ich habe die Ehre, Eurer Hoheit ein Bündnis der Stadt Florenz anzubieten.
Sie würde sich glücklich schätzen, Eure Hoheit als Condottiere, als
Truppenführer, zu gewinnen, Sie bietet Eurer Hoheit ein Jahresgehalt von 36.000
Golddukaten.
    Cesare geleitete den Gesandten der florentinischen Republik bis an die
innere Tür:
    Ich bitte Sie, mir im Namen der Signoria einen Vertragsentwurf vorzulegen.
Ich habe mich vortrefflich mit Ihnen unterhalten; besuchen Sie mich gelegentlich
wieder.
    Macchiavelli verneigte sich tief.
Macchiavelli ging, erschüttert von dem Gespräch, durch den frühen Morgen.
    Er lief planlos durch die Gassen und stieg dann auf den Monte Pincio, die
Stadt Rom im Morgenglast zu betrachten.
    Er dachte: Ein Ungeheuer - wenn man will - und wenn man die eine Seite der
Medaille sieht -, aber dreht man sie um: ein Genie - ein politisches Genie wie
sein Vater - sie tun alles nur für sich, aus einem fanatischen sacro egoismo.
Aber siehe: ihre Gedanken und Taten münden organisch in das grosse Weltgeschehen.
    Er will die Einigung Italiens - für sich - um König zu werden -, aber ist
sie nicht das grösste und würdigste Ziel eines heutigen Italieners?
    Seine Gedanken sind scharf wie spanische Klingen.
    Auch was sein Vater tut und plant - die hypertrophische Machtübersteigerung
des Heiligen Stuhls -, ist nur gedacht im Sinne Borgias. Aber später einmal
werden seine Nachfolger noch davon zehren, dass er dem Papsttum an sich das feste
politische Fundament gelegt. Wo sind sie hin, die Orsini, die Colonna, die
generationenlang den Papst in seiner eigenen Stadt zur Ohnmacht verdammten?
Nein, dumm sind diese Borgia nicht, es sind - es sind -
    und er suchte nach einem Wort, da hörte er eine Amsel.
    Es sind Genies der Amoralität. Sie wissen nicht, was böse oder gut ist. Sie
kennen nur den Nutzen einer Sache, soweit sie sie selbst betrifft.
    Der Kentaure Chiron ist ihr Lehrer gewesen: halb Mensch, halb Tier, und sie
selbst sind Kentauren geworden.
    Sie empfangen ihre Bestimmung und ihr Licht vom Sternbild des Kentauren.
    Vier Jahre braucht das Licht, um vom Kentauren zur Erde zu gelangen.
    Eine Ewigkeit dauert es, um von den Borgia Licht und Wärme zu empfangen.
    Sie haben ihr Herz hundertfach umpanzert. -
    Er neigte sich zur Erde.
    Sieh da! Eine Blüte der Centaurea! Was haben die Kentauren, die Borgia damit
zu tun? - Es gibt eine Art der Centaurea, deren bittere Wurzel als Gegenmittel
gegen - Gift angewendet wird. -
    Und er begann sich Notizen auf ein paar Zettel zu schreiben, die er aus dem
Rock kramte:
    Die Borgia verstehen sich darauf, beide Naturen, die menschliche und die
tierische, gut zu verwenden, weil eine ohne die andere nicht lange besteht. Sie
verstehen sich darauf, Bestien zu sein, und nehmen vom Fuchs und Löwen, was
ihnen passt. Die Fuchsgestalt ist nötig, um die Schlingen kennen zu lernen, die
Löwenmaske, um die Wölfe zu verjagen. Wer nur den Löwen spielt, versteht seine
Sache nicht.
 
                                       XL
Wir brauchen einen Heiligen unter uns, einen heiligen Borgia. Weisst du keinen?
fragte der Papst, als er eines Tages in der Legenda aurea blätterte, den Sohn
Cesare.
    Cesare lachte hell auf, um sich sofort zu fassen.
    Ich bitte für mein unziemliches Verhalten um Vergebung. Man darf die Form
nie ausser acht lassen - sagte der Glockengiesser, aber da war es schon zu spät,
und die Glocke war verpatzt. Ja - wen soll ich dir da empfehlen? Calixtus macht
keine besondere Figur. Der Herzog von Gandia ist zwar tot, aber nicht heilig zu
kriegen.
    Lucrezia - wäre eine schöne Heilige - aber sie lebt ja noch. Ebenso dieser
Knabe Narziss. Warten wir ein paar hundert Jahre, Papa di Roma. Wenn wir Borgia
uns ausgetobt haben, werden wir auch noch einen Heiligen zustande bringen. Und
er wird genauso heilig sein, wie wir unheilig waren. Denn ein Borgia tut nichts
Halbes. Addio, Rodrigo!
    Er nannte seinen Vater nur in besonders zärtlichen Momenten Rodrigo.
    Der Papst sah ihm innig nach:
    Ein kluger Kopf, dieser Cesare -
    Er rieb die Hände aneinander.
    Er fror zum erstenmal in seinem Leben. Ich werde alt.
    Draussen war Juni. Der 27. Juni 1500.
    Er befahl, im Kamin Feuer zu machen.
    Es war ein uralter Kamin, an dem schon Calixtus III. seinen Borgiacorpus
gewärmt hatte.
    Wann war das gewesen?
    Vor - vor etwa fünfzig Jahren - dachte der Papst erstaunt.
    Das sind schon fünfzig Jahre her!
    Er lehnte sich an den Kamin.
    Und plötzlich war ihm, als ob der Kamin ein feuerspeiender Krater sei.
    Die Erde begann zu zittern.
    Mit donnerndem Gepolter brach der Sims des Kamins über ihn zusammen.
    Lucrezia fand ihn und schrie laut um Hilfe. Ihre Zofe und einige Soldaten
der Schweizergarde zogen ihn unter dem Schutt hervor. Für den Bruchteil einer
Sekunde hatte sie den Wunsch, der alte Mann dort, ihr Vater, der sie in dieses
Leben gezerrt hatte - er möchte tot sein, ganz und für immer tot. Aber er war
bärenstark, stierkräftig. Der Kamin hatte seinen Schädel nur geschrammt. Er
hatte ihn nicht zerschlagen können.
    Lucrezia pflegte ihn.
    Nach seiner Wiedergenesung zelebrierte er ein Hochamt in der Kirche Santa
Maria del Popolo.
    In seinen noch zitternden Händen hielt er einen mit dreihundert Dukaten
gefüllten Pokal und schüttete ihn vor dem Altar der Jungfrau aus:
    Dreihundert, drei - hun - dert Dukaten opfere ich dir als Dank für meine
Genesung, allerheiligste, allerjungfräulichste, allergnädigste Madonna! -
    Die Dukaten rollten über die Altarstufen hinab.
    Des Nachts aber überkam ihn plötzlich die Reue.
    Er fuhr aus Träumen auf, zumal er abends eine schwer verdauliche
Langustenpastete gegessen hatte.
    Dreihundert Dukaten! dachte er. Die Madonna wäre auch mit zweihundert
zufrieden gewesen. Oder - hundertfünfzig.
    Schweiss stand ihm vor der Stirn.
    Er klingelte.
    Aber der wachtabende Offizier der Schweizergarde im Vorzimmer schlief.
    Der Papst knüpfte sich einen Knoten in sein Bettuch und beschloss, sofort am
nächsten Tag zweihundert Dukaten von der Santa Maria del Popolo zurückholen zu
lassen.
    Als er sich schlaflos von einer Seite auf die andere wälzte, machte er
nochmals Licht, griff zu seinem Notizbuch und begann, sich allerlei zu notieren:
    Mein Ziel ist - die Autorität des Kirchenstaates unter meinem Zepter
unverrückbar zu gestalten.
    Wer sich von den Fürsten mir entgegenstellt, den zerschmettere ich. Meine
Feinde sind dem Untergang geweiht. Ich fluche ihnen mit dem päpstlichen Fluche.
Vide Karl VIII. und Fra Girolamo.
    Die Orsini und Colonna, meine inneren Feinde in Rom, werden im Jenseits eine
Ewigkeit an mich zu denken haben.
    Die Unterwerfung der Este zu Ferrara gelingt nicht? Gut, wird Lucrezia einen
Este heiraten, und wir gewinnen sie so und borgisieren sie auf diese Weise.
    Man muss die Menschen gegeneinander ausspielen: die italienischen Fürsten und
Städte gegen die ausländischen Mächte und umgekehrt. Innen beständig sein, aber
sich nach aussen nicht festlegen. Das heisst Politik. Im Klaren die Angel werfen
und im Trüben fischen. Alles versprechen und den Teil halten, den man zu eigenem
Nutzen halten muss. Mag Italien dabei mager werden, wir Borgia mästen uns.
Italien muss in Unordnung gebracht werden, damit wir in unserer Ordnung
verbleiben.
    Und er stand auf, schlüpfte in seine Pantoffeln und schlürfte in den Keller
hinab, wo er sich eine Zelle als seine Schatzkammer hatte herrichten lassen.
    Niemand durfte sie betreten. Auch Cesare und Lucrezia nicht.
    Die Schränke an den Wänden waren gefüllt mit Säcken voll Dukaten, Kästen
voll Edelsteinen, Smaragden, Rubinen, Saphiren, goldenen Schalen, Kreuzen,
Figuren. Altargeräte, Abendmahlpokale standen auf Regalen. Der Papst schüttete
einen Sack Dukaten auf den Tisch und wühlte darin.
    Von seinen Lippen troff Speichel dazwischen. Seine Augen öffneten sich
gierig wie die eines Habichts, der einen Hasen erspäht.
    Und vor Wollust des Besitzes und Geizes ergoss er seinen Samen in ein
goldenes Gefäss.
    Alexander rief Lionardo da Vinci, den bekannten Militäringenieur und
Erfinder, der in Diensten Cesares stand, zu sich.
    Lionardo, der gerade an einer Federzeichnung »Der Gehängte« strichelte, kam
sehr unwillig.
    Der Borgia liess sich vernehmen:
    Ja, die Erde kenne ich nun,
    Berge, Täler, Städte, Dörfer, Männer, Weiber.
    Du hast mir einen Globus verfertigt,
    er steht auf meinem Schreibtisch,
    und manchmal fährt meine Hand zärtlich über die Rundung der Kugel,
    als wäre es eine Frauenbrust.
    Dies alles
    ist mir tributpflichtig,
    zollt mir Achtung, Ehre, Gut und Geld:
    Italiener, Spanier, und wie ich höre, sogar Deutsche und Mohren.
    Nun aber will ich einmal Sterne um mich haben.
    Bau mir ein Planetarium!
Und als das Planetarium gebaut war, sass der Borgia unter den Sternen, unter
Uranus, Neptun, Saturn, Sonne, Mond, unter Planeten und Fixsternen.
    Er griff mit seinen immer leicht schweissigen Händen danach und sie liessen
sich in die Hand nehmen wie kaum flügge Vögel.
    Dann liess er sie wieder los:
    Flieg, Sonne!
    Flieg, Mond!
    Und sie kreisten in edler Ellipse um seine Stirn.
 
                                      XLI
Bevor Lucrezia nach Ferrara abreiste, rief sie den römischen Infanten, der
inzwischen fünf Jahre alt geworden war, zu sich.
    Mit Tränen in den Augen verabschiedete sie sich von ihm.
    Ich kann dich nicht mitnehmen, mein liebes Kind. Ich muss dich hier beim
Heiligen Vater und beim unheiligen Bruder lassen, Narziss. Sie werden dich
schützen und behüten, und ein Erzengel wird über dich wachen.
    Der Knabe sah mit grossen Augen zu Madonna Lucrezia auf und begriff nicht,
warum sie weinte.
    Ich werde nie nach Rom zurückkehren. Behüte dich Gott, wenn er einen Borgia
behüten mag. Der Heilige Vater hat dich auf meinen Wunsch heute zum Herzog
ernannt und dir das Lehen von Nepi verliehen. Narziss, Herzog von Nepi. Aber das
begreifst du alles noch nicht und wirst es erst später begreifen. - Leb wohl,
mein kleiner Herzog!
    Sie hob den Knaben an ihre Brust und küsste ihn stark auf den Mund.
Es war drei Uhr nachmittags, als Lucrezia Rom verliess.
    Sie ritt auf einem Schimmel. Ihr Kleid, mit Hermelin besetzt, war von roter
Seide und floss schillernd an den Flanken des Pferdes herab.
    Ihr blondes Haar zitterte im Wind.
    Den Reisehut hatte sie herabgerissen und hielt ihn mit den Zügeln an den
Hals des Pferdes gepresst.
    Alle Kardinäle, viele Adelige, viel Volk gab ihr bis zur Porta del Popolo
das Geleite. Links neben ihr ritt auf einem Falben Cesare.
    Vor dem Tore richtete er sich im Steigbügel auf und reichte ihr die Hand.
    Sie nahm sie nicht an und blickte ihm nur düster ins Auge.
    Er blieb mit den andern Römern zurück, und noch lange sah er ihr blondes
Haar in der Nachmittagssonne glitzern.
    Wie Herbstfäden, dachte er. Die Herbstfäden der Borgia.
    Sie deuten auf baldigen Winter -
    Zwanzig Miglien von Ferrara entfernt, vor dem Kastell Bentivoglio, begegnete
Lucrezia ein Jäger zu Pferd. Er hatte Hasen am Sattel hängen, und sie liess durch
einen Ritter ihres Gefolges ihn bitten, ob er nicht zur Abendmahlzeit ihr ein
paar Hasen ablassen wolle.
    Der Jäger zeigte sich mit grösster Artigkeit dazu bereit.
    Er lüftete den Hut.
    Man stellte sich vor,
    und es stellte sich heraus, dass der Jäger Don Alfonso, Erbprinz von Ferrara
war, der ihr eben in absentia angetraute Gemahl. Überrascht, aber dann schnell
gefasst, um sich vor dem Gefolge keine Blösse zu geben, musterten sich die
Ehegatten, die sich vorher noch nie gesehen hatten.
    Lucrezia war dem Erbprinzen von Ferrara aufgezwungen worden, aus politischen
Gründen.
    Es genügten zehn Minuten höflichen, oberflächlichen Gespräches, und er war
von Lucrezia bezaubert wie jeder Mann zuvor.
Der Einzug Lucrezias in Ferrara bot eines der prächtigsten Schauspiele jener
Zeit.
    Es ritten voran fünfundsiebzig Bogenschützen zu Pferde, gekleidet in den
Farben des Hauses Este: weiss und rot. Danach kamen hundert Trompeter und
Pfeifer. Hinter ihnen ritt, ganz allein, Don Alfonso, der Bräutigam, gekleidet
in roten Samt, ein schwarzes Samtbarett mit einer goldenen Agraffe auf dem Kopf,
schwarze Samtgamaschen und schwarze Stiefel.
    Es folgten die Adeligen Ferraras auf kostbar aufgezäumten Pferden, dann
Pagen, spanische Granden, Bischöfe, die Abgesandten Roms.
    Drei Hofnarren Lucrezias kobolzten nun einher, an der Spitze eines Zuges von
dreissig Zwergen, die alle fortgesetzt Rad schlugen und andere Possen trieben.
    Dann kamen zehn auserlesen schöne Pagen, in den Farben des Regenbogens
gekleidet. Und dann
    Lucrezia,
    die Braut,
    auf ihrem Lieblingsschimmel.
    Sie trug ein glattes, schwarzes Samtkleid, mit goldenen Borten besetzt, über
das Kleid einen Mantel von Goldbrokat.
    Ihr volles blondes Haar war in ein schleierartiges Netz von dünnem Gold
gehüllt, so dass man die Haarfäden und Goldfäden nicht unterscheiden konnte. Eine
Sonne flammte über ihrer Stirn.
    Sie ritt unter einem purpurnen Baldachin, den die ordentlichen Professoren
und Doktoren der Universität Ferrara trugen, da es an Dienern mangelte.
    Der Gesandte Frankreichs ritt hinter ihr, neben dem Herzog Ercole von Este.
Es folgten wieder Prinzen, Edle und Pagen und dann in vierzehn Galakarossen die
Ehrendamen und Hofdamen des Hofes von Ferrara.
    Sechsundachtzig Maultiere, darunter zwei weisse, führten die Garderobe der
Braut.
    Mit vielen Ah's und Oh's bewunderten die gaffenden Weiber Ferraras die
kostbaren Gewänder, Teppiche, Schmuckgegenstände.
    Aber manch ein Bauer und Bürger stand am Weg und dachte:
    Dies sind die Steuern und Abgaben, die eine heilige Kirche von uns erpresst
hat - für die Borgia. -
    Da - da - auf dem Rücken der Maultiere ziehen sie dahin: meine und deine
»Sankt Peterspfennige«. Aus Pfennigen werden Gulden, aus Gulden Dukaten und
viele Dukaten machen jene breitärmelige Camorra von grünem Samt oder jene
fünffach um den Hals des einen weissen Maultiers geschlungene Kette von Rubinen
und Perlen. Neben den beiden weissen Maultieren schritt auch ein roter Stier, das
Wappentier der Borgia.
    Er wurde von der Volksmenge gehänselt und gestichelt, da sie sich an die
Borgia selbst nicht wagten.
    Aber stolz, unnahbar, schritt er vorüber, den Kopf gesenkt, um die Menschen,
die er verabscheute, nicht sehen und riechen zu müssen.
Auf dem Domplatz, wo Seiltänzer, die zwischen zwei Kirchtürmen tanzten, sie
begrüssten, stieg Lucrezia vom Pferd.
    Der Rektor der Universität, Professor Nicolò Leoniceno, Ordinarius für
Matematik, ein alter kurzsichtiger Herr, hielt ihr die Steigbügel.
    Pfeifer, Trompeter, Trommler, Pauker, Posaunisten begannen mit den Glocken
der Kirchen um die Wette zu lärmen.
    Lucrezia, der alles Laute verhasst war, zog ein wenig den Mund schief, liess
aber dann ein Lächeln um ihre Lippen spielen, das jedermann entzückte.
    Im Empfangssaal nahmen Lucrezia und Alfonso auf den rosengeschmückten Tron
Platz.
    Nach alter Sitte durfte die Braut einen Wunsch äussern, der sofort erfüllt
wurde. Lucrezia bat, sämtlichen Gefangenen der Stadt Ferrara die Freiheit zu
schenken.
    Spanische Buffoni begannen, sie anzusingen. Als erster Orator begrüsste sie
der Dichter Ariost:
    O Rom! O armes Rom, in Nacht gestürzt,
    Da dich die Sonne Borgias jäh verliess
    Und in Ferrara nun ihr Licht entzündet:
    Lucrezia, holdestes Gestirn, erkoren,
    Uns künftig Flamme, Wärme, Glück zu spenden -
    O geuss den Krug des Feuers auf uns hin,
    Und brenne uns zu Fackeln, Königin!
    Dass wir zu deiner Ehre himmlisch brennen
    Und noch als Asche uns zu dir bekennen!
    Unnatürlich bleich verneigte sich der junge, siebenundzwanzigjährige Dichter
und trat mit linkischer Grandezza zurück.
    Lucrezia sandte ihm einen sanften Blick nach - aus ihren occhi bianchi -
ihren hellblauen Augen.
    Noch am gleichen Abend, in seine einsame Kammer zurückgekehrt, schrieb er
den Vers:
    Das Weib ist ein gefährliches, grosses Kind,
    sie hat die Augen der Taube und den Griff der Panterin.
Das Hofteater von Ferrara, im Saal des Podestà, fasste dreitausend Personen.
    Es war am Abend der Festvorstellung zu Ehren der Vermählung des Erbprinzen
überfüllt.
    Vor Beginn der Vorstellung traten sämtliche Schauspieler an die Rampe und
stellten sich dem Publikum devotest vor.
    Der Direktor verkündete das zu spielende Stück.
    Ariost hatte seine »Cassaria« eingereicht, aber sie war als zu modern
abgelehnt worden. Der Herzog und das Publikum waren für »das Klassische«.
    Die Vorstellung begann damit, dass Plautus selbst auftrat und es mit
besonderer Freude begrüsste, dass eine seiner Komödien gespielt werden sollte.
    Man spielte den Epidicus.
    Der grösste Teil des Publikums langweilte sich und wurde erst bei den
Balletts munter, die zwischen die Akte eingeschoben wurden.
    Da tanzten zehn Neger mit Kerzen im Munde. Da tobte ein Gladiatorenkampf.
Besonders applaudiert wurde ein feuerspeiender Drache und eine schöne, nackte
Jungfrau auf einem Einhorn.
    Zum Schluss aber gab es ein unbeholfenes frühchristliches Legendespiel von
der Hetäre Tais, das Lucrezia im innersten Herzen erregte.
 
                                      XLII
                                     Tais
                                        
                           Marktplatz von Alexandrien
DER FROMME VATER PAPHNUTIUS tritt auf. Ich habe von dem und jenem Wanderer
vernommen, dass in Alexandria ein Mädchen weile, die sei über alle Beschreibung
hold und liebreizend, derart, dass alle Jünglinge Alexandrias sie umschwärmten
wie die Bienen die Bienenkönigin und keiner sich ihrer verführerischen Anmut zu
entziehen vermöge.
   Die anwesenden Jünglinge schweigen zuerst betreten. Danach spricht einer.
JÜNGLING. Du hast recht, tugendhafter Greis, uns Jünglingen von Alexandria
Leichtsinn und Buhlerei vorzuwerfen. Und wir wissen, wen du meinst: Es ist
Tais, die Hetäre, die uns verzaubert hat, dass wir unsrer Sinne nicht mehr
mächtig sind. Ganz Alexandria hat sie in Brand gesteckt. Männer verlassen ihre
Ehefrauen ihretwillen und bartlose Knaben stehlen die Kleinodien aus ihrer Väter
Schrein, um Tais zu gefallen und ihre Stirn mit dem goldenen Reif zu schmücken.
PAPHNUTIUS. Wo wohnt sie? Ich habe eine Botschaft an sie.
JÜNGLING. Ihr Haus ist nahebei. In jener Gasse dort. Wenn du es wünschest, so
wollen wir dich geleiten, denn wir kennen den Weg nur allzu gut.
PAPHNUTIUS. Ich ziehe vor, allein zu gehen. Gott mit euch, ihr Jünglinge.
JÜNGLINGE. Gott mit dir, ehrwürdigster Vater.
                                     * * *
                                        
                                 Haus der Tais
                     Der Teufel in Gestalt eines Jünglings.
TEUFEL. Schenk ein, Tais. Mich dürstet. Wenn das rote Rebenblut mir die Kehle
herunterrieselt, stell ich mir vor, es sei Menschenblut.
THAIS. Mich schaudert es, wenn du so lästerlich sprichst.
TEUFEL. Ich scherzte, meine Süsse.
THAIS. Dies sind arge Scherze, wie du sie treibst.
TEUFEL. Umarme mich, so wollen wir bessere treiben.
THAIS. Ich bin zu Scherzen, welcher Art auch immer, heute nicht aufgelegt.
TEUFEL. Warum so spröde, mein Täubchen?
THAIS. Ich hatte die Nacht einen Traum, und dieser Traum macht mich nachdenken.
TEUFEL. Du machst mich lächeln, Tais. Du glaubst an Träume? Lässt dir die Laune
von Imaginationen verderben, die du dir selber schufst, weil du am Abend vorher
vielleicht zu viel und zu fett gegessen oder zu schnell getrunken. Ich hätte
dich für klüger gehalten.
THAIS. Mir träumte von einem Wald, in dem ich einst gehaust, als ich noch gut
und glücklich war.
TEUFEL. Gut - gut - was besagt das? Es kommt nicht darauf an, gut zu sein,
sondern das Leben zu geniessen, es zu schlürfen, wie ich diesen Trunk jetzt
schlürfe.
THAIS. Allzu oft und allzu leicht hab ich mich durch dich stets verleiten und
verlocken lassen. Mir brennt die Scham in den Wangen, denk ich daran, dass ich
das Kind, die Frucht unserer unzüchtigen Beziehungen, einem schmutzigen alten
Weibe in der Vorstadt zur Aufzucht und in Pflege gab, um hier im Haus in meinem
buhlerischen Treiben und wildem Wandel nicht behindert zu sein. Wie mag es dem
Kinde gehen? Ich träumte von ihm.
TEUFEL. Dich sollte das Kind nicht bekümmern. Sei froh, dass es dir hier nicht
zwischen den Beinen herumläuft und dir durch sein Geschrei die Besucher verjagt.
Vestigia terrent. Es würde manchem zarten Jüngling die Lust verschlagen, sähe er
die Folgen liebenswürdigen Leichtsinns so leibhaftig vor sich.
THAIS. Mir träumte, der Wald entreisse sich seiner Wurzeln und käme gewandert wie
ein Mensch: zu mir -.
                             Es klopft an der Tür.
THAIS schrickt zusammen. Wer ist's?
TEUFEL. Die Störung kommt mir nicht gelegen.
EINE STIMME. Gut Freund, schöne Tais, öffnet getrost.
Tais öffnet: herein tritt Paphnutius, die Kapuze seines Pilgermantels über den
                  Kopf geschlagen, so dass er unkenntlich ist.
THAIS. Wer seid Ihr? Ich atme eine reine, klare Luft, seit Ihr im Zimmer weilt.
Duft von Tannen ist um Euch. Wie wird mir?
TEUFEL. Ich kann den Gestank nicht ertragen. Der Kerl deucht mich bekannt. Tritt
herzu, fährt zurück. Es ist der verfluchte Christ ...
PAPHNUTIUS macht das Zeichen des Kreuzes.
TEUFEL schief und gebückt durch die Tür ab. Hüte dich, Tais: vor ihm - wenn du
mir getreu bleibst ... vor mir, wenn du ihm verfällst.
PAPHNUTIUS. Wer war der Mann, der dich soeben verliess, schöne Tais?
THAIS. Ein Jüngling aus Alexandria und mein Freund. - Ihr seid hierzulande
fremd, wie es scheint?
PAPHNUTIUS. Ich komme weit von hier, durch die Wüste, von den Wäldern Tebens.
THAIS. Mein Traum!
PAPHNUTIUS. O Tais, o Tais, welch weiten Weges Mühsal hab ich durchwandert, um
zu dir zu gelangen.
THAIS. Ihr hattet Sehnsucht - und nach mir - und kanntet zuvor mich doch gar
nicht.
PAPHNUTIUS. Alle Strassen der Welt sind voll vom Ruhm deiner Schönheit.
THAIS. Da Ihr solches Verlangen nach mir bezeigt, so will ich mein Antlitz nicht
länger vor euch verhüllen und mich entschleiern. Tut es.
PAPHNUTIUS. Tais, Tais -
THAIS. So schlagt auch Ihr den Mantel vom Haupt, damit ich erkenne, mit wem ich
spreche. Ob es ein Jüngling, oder ein Greis sei, der meine Liebe begehrt.
PAPHNUTIUS fasst sich an sein Herz.
THAIS. Was ist mit Euch? Ihr zittert?
PAPHNUTIUS. Ich schaudre, weil ich deines Schicksals denke, und ich beweine dein
Verderben.
THAIS. Welche Stimme ... Die Tränen des Fremdlings rühren mein tiefstes Herz ...
Ihr kennt mein Schicksal nicht. Was weint Ihr, Fremdling, über eine Fremde? Ich
bin Euch fremd. Ihr seid mir fremd. Vor einer Stunde kanntet Ihr mich noch nicht
und wusst ich nichts von Euch.
PAPHNUTIUS. Immer bin ich bei dir gewesen, Tais, mit der Kraft meines Gebetes.
Du hast mich - ich habe dich nie verlassen.
THAIS. Ich habe seit Jahren nicht mehr gebetet. Fast habe ich den Namen Gottes
vergessen.
PAPHNUTIUS. Du nanntest ihn. Doch sprich, von welchem Gott sprachst du?
THAIS. Vom einzigen Gott.
PAPHNUTIUS. So glaubst du an ihn?
THAIS den Kopf senkend. Ich glaube an ihn.
PAPHNUTIUS. So glaubst du auch, er sei allwissend?
THAIS. Ihm ist mein Wandel nicht verborgen.
PAPHNUTIUS. Und glaubst du, dass er nach Recht und Gerechtigkeit richte?
THAIS. Ich glaube, dass er mit gerechter Waage unsre Taten wägt ...
PAPHNUTIUS. O Jesus Christus, wie übst du unendliche Geduld in deiner
unsäglichen Gnade und Langmut und weisest den Weg der Reue auch dem
Verfehmtesten. Für sich. Herunter vom Haupt die Hülle.
THAIS im Aufschrei. Mein heiliger Vater ...
PAPHNUTIUS. Du hast gelitten, Tochter?
THAIS. Leid über Leid.
PAPHNUTIUS. Wer hat dich betört, verführt und hintergangen?
THAIS. Der, welcher Adam und Eva betörte, dass sie des Paradieses verlustig
gingen.
PAPHNUTIUS.Wo ist der engelreine Wandel, den du geführt?
THAIS. Dahin, dahin.
PAPHNUTIUS. Wo ist deine Jungfräulichkeit? deine Zucht und Sitte? Wohin die
goldene Entaltsamkeit?
THAIS. Entschwunden meinem Sinn.
PAPHNUTIUS. Hat je ein Mensch ohne Fehl gelebt ausser der Jungfrau Sohn?
THAIS. Nie.
PAPHNUTIUS. Menschlich ist es, Sünde zu begehen. Aber teuflisch, in der Sünde zu
verharren. Bereust du?
THAIS kniend. Weh mir, ich Unselige. Ich bereue.
PAPHNUTIUS. Mit Worten? Mit den Lippen?
THAIS. Mit der Tat. Mit der Seele. Mit meinem ganzen Sein. Ich büsse. Ich büsse.
Ich bin nicht wert, den Staub von deinen Füssen zu küssen.
PAPHNUTIUS. Steh auf, meine Tochter. Zur Umkehr ist es nie zu spät.
THAIS. Mich drückt ein Übermass an Sündenschuld.
PAPHNUTIUS. Erhebe dich. Im Namen des dreieinigen Gottes, des Vaters und des
Sohnes und des Heiligen Geistes, spreche ich dich aller deiner Sünden ledig.
Steh auf, meine Tochter, und wandle im Herrn.
THAIS. Möge es dem Herrn gefallen, mich wieder in ein ehrlich Menschen- und
Gotteskind zu verwandeln.
PAPHNUTIUS. Unwandelbar ist die Substanz des Höchsten. Doch ist es ein geringes
ihm, die unsre zu wandeln. Sei getrost und glaube!
 
                                     XLIII
Noch in der gleichen Nacht, das Brautpaar hatte längst das Lager aufgesucht, und
ein Notar hatte die Vereinigung festgestellt - schrieb der Herzog Ercole von
Ferrara einen Brief an den Papst in Rom:
    Heiligster Vater und ehrwürdigster Herr, Eurer Heiligkeit erlauchteste
Tochter ist glücklich in Ferrara angekommen. Sie hat die Ehe mit meinem Sohn
vollzogen und sich im Sturm die Herzen der schwer zu erobernden Ferrarer und
Ferrarerinnen gewonnen: durch ihren Liebreiz, ihre Anmut, ihre Tugend und ihre
Klugheit. Seien Eure Heiligkeit versichert, dass mein Sohn und ich sie als das
Teuerste bewahren werden, was wir auf Erden besitzen.
    Als der Papst diesen Brief in Händen hielt, da leuchteten seine Augen auf,
um sich alsbald mit einem feuchten Schimmer zu überziehen.
    Träne auf Träne tropfte plötzlich auf das Schreiben nieder.
    Zum zweitenmal in seinem Leben weinte Rodrigo Borgia.
    Mein Kind, schluchzte er, mein geliebtestes Kind! Du bist glücklich! Ich bin
glücklich, wenn du es bist! Mein Borgiaherz ! Werde selig schon auf Erden! Ich
habe alles getan, dir diese Seligkeit vorzubereiten. Teppiche habe ich vor deine
Füsse gelegt, damit du nicht auf Steinen zu wandeln brauchtest. Ich habe dich vor
Kälte und Hitze geschützt, du kühler, edler Stein. O bionda, mia bionda,
biondinella d'amor! -
    Der Papst befreite Ferrara von der Kirchensteuer, was einem Erlass von
zweihunderttausend Golddukaten entsprach, und versicherte den Herzog von Ferrara
seiner besonderen Gewogenheit.
Cesare empfing diesen Brief Alexanders:
    Mein teurer Sohn, mit steter Aufmerksamkeit verfolge ich Deine
Unternehmungen. Mögen sie Dir in letzter Zeit nicht immer zum Guten ausgegangen
sein, so darfst du deswegen nicht den Kopf hängen lassen. Versuche es einmal mit
dem Kopf hängen lassen anderer. Es ist kein Zweifel, wir müssen mit dieser
verfluchten Familie der Orsini, die auch die Hauptschuld an deinen neuerlichen
Misserfolgen trägt, Schluss machen. Sie sind unsere Feinde seit Beginn der Welt
und waren es schon zuvor und werden es danach wieder sein. Wir werden ihnen noch
im Himmel oder in der Hölle wiederbegegnen. Der Condottiere Paolo Orsini hat
Dich samt seinem Neffen Fabio Orsini und Vitellozzo und Oliverotto auf das
schmählichste verraten. Du musst versuchen, ihrer durch List habhaft zu werden.
Ich werde zu gleicher Zeit Carlo Orsini und den Kardinal Giovanni Battista
Orsini, die aus Furcht vor mir Rom verlassen haben, in einem zärtlichen Brief
bewegen, zurückzukehren. Haben wir sie alle in der Hand, so schliessen wir die
Hand, und sie mögen insgesamt ersticken und verrecken.
    Bilsenkraut, Belladonna, Wasserschierling, Fingerhut und Hexenwurz sind
brauchbare Pflanzen und Arsenik, Bleisäure und Quecksilber erforschenswerte
Mineralien. Von einem Venenum atterminatum halte ich nichts.
    Gottes Segen über Dich!
                                                Dein Dich liebender alter Vater.
P.S. Lucrezia befindet sich wohl. Der Kardinal Giovanni Borgia kann seinen
Amtspflichten nicht mehr nachkommen, malum gallicum habens. Ich habe ihn immer
vor dieser neapolitanischen Sciantosa gewarnt.
Der Kardinal Giovanni Battista Orsini folgte der liebenswürdigen Einladung des
Papstes. Er hatte um so bestimmtere Hoffnung, in völliger Gnade empfangen und
wieder aufgenommen zu werden, als Paolo Orsini sich Cesare Borgia wieder zur
Verfügung gestellt und für ihn Sinegaglia mit stürmender Hand genommen hatte.
    Er glaubte, Träger einer dem Papst höchst erwünschten Botschaft zu sein, als
er im Vatikan auf einem weissen Maultier einritt. Er wurde, ohne vor den Papst
gekommen zu sein, vom Maultier gerissen und von Bewaffneten in die Engelsburg
geschleppt. Es war an dem gleichen Tag, an dem Cesare Borgia die Condottieri
Paolo und Fabio Orsini, Vitellozzo und Oliverotto in die Falle lockte und auf
der Stelle erwürgen liess.
    Kaum vernahm die Mutter des Kardinals Orsini von seiner Verhaftung, als sie
vom Papst eine Audienz erbat.
    Die Audienz wurde ihr verweigert. Aber aus purer Menschlichkeit gestattete
ihr der Heilige Vater, ihren ungeratenen Sohn einmal täglich zu besuchen.
    Er liess hinzufügen: wenn sie wolle, könne sie ihm ja persönlich das
Mittagessen bringen. Der Kardinal habe ein (unbegründetes) Misstrauen gegen die
vatikanische Küche geäussert. Sie sei für seinen verwöhnten Geschmack - den
Geschmack der Orsini - wohl zu einfach und ungewürzt. Übrigens begreife er das:
selbst sein Sohn Cesare und die jungen Kardinale ässen ungern an der frugalen
päpstlichen Tafel.
    Jeden Mittag trug mit eigenen Händen Madonna Orsini, die vornehmste Dame der
römischen Aristokratie, ihrem Sohn Giovanni das Essen ins Gefängnis. Sie reichte
es ihm durch die Gitterstäbe, wo er auf einer Pritsche sass, in einem Breve las
oder mit sich selber Schach spielte.
    Giovanni, flehte sie, was ist deine Schuld? Der Kardinal sah ihr in die
Augen:
    Dass ich ein Orsini bin, Mutter.
    Eines Tages nahm der Gefängniswächter Madonna Orsini die Schüssel schon am
Tor ab und schüttete die Minestra in den Rinnstein:
    Dein Sohn, Mütterchen, braucht nichts mehr zu fressen. Ist heute nacht an
einer Verdauungsstörung sanft entschlafen. Der Papst selbst hat ihm gestern
abend die heilige Hostie gereicht - aber sie ist ihm nicht gut bekommen.
    Er wollte ihr die Schüssel zurückgeben. Sie fiel ihr aus den Händen auf die
Fliesen und zerschellte klirrend.
    Schreiend lief sie durch die mittäglich leeren Strassen.
    Überall waren an den Fenstern Decken und Rolläden heruntergelassen.
    Die Sonne brannte kaum erträglich.
    Niemand sah, niemand hörte die alte, schwarzgekleidete Frau.
    In der grellen Sonne taumelte sie im Zick-zack wie ein Schmetterling, ein
Trauermantel.
 
                                      XLIV
Auf die Nachricht vom Tod des Kardinals Giovanni Battista Orsini empörten sich
in Rom und Umkreis alle Orsini gegen den Papst.
    Giulio Orsini brach mit einem Heerhaufen von Ceri auf, Giovanni Giordano
Orsini von Bracciano.
    In Eilmärschen kehrte Cesare nach Rom zurück, dem Vater zu Hilfe.
    Wieder gelang es ihm, die Orsini entscheidend zu schlagen und zu demütigen.
    Der Sieg Cesares veranlasste den französischen König Ludwig XII., Cesare und
sein Heer für eine Wiedererwerbung Neapels zu gewinnen.
    Das für den Feldzug nötige Geld wurde vom Papst beschafft, indem er neue
Kardinäle ernannte, deren jeder für den Kardinalshut 15.000 bis 20.000 Dukaten
zu zahlen hatte.
    Ferner luden sich der Papst und Cesare bei dem sagenhaft reichen Kardinal
Adriano zu Gast. Es musste ein Vergnügen sein, ihn zu beerben.
    Der Papst, sonst den kulinarischen Genüssen wenig hold, interessierte sich
lebhaft für das Menü.
    Er ging selbst in die Küche des Kardinals. Er band sich eine Schürze um und
man sah ihn sich mit der Zubereitung eines Fasans befassen. Der Fasan wurde
gesäubert, der Papst löste vorsichtig die Haut von der Brust. Darauf hackte er
ein viertel Pfund Spickspeck, eine Trüffel, fünfzig Gramm Schweinefleisch
zusammen und stopfte es zwischen Brust und Haut. Nun umwickelte er den ganzen
Fasan mit Speck.
    Der Kardinal hatte ein delikates Mahl vorbereiten lassen: frische Spargel,
Forellenschnitten in brauner Butter mit Krebspastetchen, Fasan auf
Schnepfen-Croutons mit in Rahm angemachtem Salat, Ananas in Johannisbeermus und
warmes Käsegebäck.
    Der Papst, der aus Geiz bei sich im Vatikan eine kärgliche Küche führte,
sprach den Speisen lebhaft zu.
    Er und Cesare waren in glänzender Laune. Es ging vortrefflich mit den
Borgia, immer vorwärts, immer weiter, manchmal nur wie bei einer
Springprozession: zwei Schritt zurück, dann drei vor; Gott war mit ihnen, der
Teufel und Fortuna, die Göttin des Glücks.
    Der Papst überlegte gerade, ob er der heidnischen Göttin Fortuna nicht einen
Tempel oder wenigstens Altar errichten und ob man nicht eine katolische Heilige
aus ihr machen könne, als Cesare sich zum Trinkspruch erhob.
    Er nahm von dem hinter ihm stehenden Mundschenk, mit dem er einen schnellen
Blick des Einverständnisses wechselte, die Gläser, reichte eines dem Papst,
eines dem Kardinal, eines sich selbst, schwenkte sein Glas und sprach, zum
Kardinal gewandt: Auf die Gesundheit Eurer Eminenz!
    Alle tranken die Gläser bis auf den Grund leer.
    Kaum hatten sie getrunken, als der Papst und Cesare von heftigem Erbrechen
befallen wurden.
    Sie mussten schleunigst in den Vatikan gebracht werden.
    Der Mundschenk, eine Kreatur Cesares, hatte die Becher vertauscht.
    Diamante Jovelli, die junge Gerberstochter von Faenza, die Geliebte Astorre
Manfredis, hatte ihn durch das Versprechen einer Liebesnacht dazu vermocht.
 
                                      XLV
Alexander versuchte noch am nächsten Morgen eine Messe zu lesen. Der Kopf fiel
ihm seitwärts an die Schulter eines Kardinals, der ihn stützte. -
    In seinem Bett wand sich Alexander vor Schmerzen.
    Er hatte ein brennendes Gefühl, das vom Kehlkopf über die Speiseröhre bis in
den Magen ging.
    Die Haut schuppte sich.
    Pusteln traten hervor.
    Er erbrach grüngelbe Galle. -
    Er liess sich von seinem Leibarzt das Blut eines jungen Mannes einspritzen,
der an Verblutung zugrunde ging.
    Es half nichts.
    Gift - dachte er - er hat mich vergiftet -
    er selbst, Cesare, mein Kindchen, mein Söhnchen,
    hat mich vergiftet -
    oder - wer sonst?
    Cesare soll zu mir kommen!
    Der Diener brachte den Bescheid, der Herzog läge selbst schwer krank
danieder.
    Der Papst dachte:
    er lügt, er simuliert.
    Das Fieber breitete sich in rosa und dann in feuerroten Wolken über ihn aus.
    Plötzlich trat im langen, schwarzen Rock und gesteifter weisser Krause, halb
wie ein Arzt, halb wie ein Richter anzusehen, der Tod durch den roten Nebel ins
Zimmer.
    Der Papst fuhr aus den Kissen:
    Quid mors seva petis?
    Der Tod sprach:
    Te.
    Me - quis jure?
    Quod hora en properat.
    Heu mihi -
    Quid luges?
    Parum vixisse.
    Lucrezia - Cesare - er hatte sie plötzlich vergessen.
    Wo war Julia? Julia me miserum non defendis: amavi si the corde magis. Julia,
ich habe dich von Pinturicchio als Madonna malen lassen - mich selbst in
Anbetung davor versunken. So hilf mir doch jetzt, Madonna Julia!
    Nemo potest the juvare.
    Ergo mihi moriendum est?
    Est.
    Ich will dir beichten -
    Lass, du brauchtest ein neues, zweites Leben zur Beichte. So viel Zeit habe
ich nicht. Beichte dem Teufel. - -
    Ein Weib, schrie der Papst, als er aus langer Ohnmacht erwachte, ein Weib
wird mich gesund machen!
    Auf einem Weibe liegend traf im Spiegelzimmer den Papst der Herzschlag.
    Die Spiegel warfen seinen letzten Lebensblick hundertfach in den Raum
zurück.
    Schreiend floh seine letzte Geliebte, eine junge Wäscherin, die ihm ihre
Mutter zugeführt hatte.
    Der mächtige Leib des gewaltigen Greises wollte nicht sterben.
    Als schon die Seele ihn verlassen, schäumte der Mund noch wie ein Kessel
überm Feuer, und der Bauch schwoll mächtig an.
    Seine Füsse auch zuckten, als ob sie sich noch einmal anschicken wollten,
diese Erde zu betreten.
    Solange man nicht sicher war, ob er nicht noch lebe und wieder aufstünde,
wagte sich niemand im Guten oder Bösen an sein Lager.
    Als aber die Ärzte seinen Tod unwiderruflich bestätigten, da gab es keinen
Halt mehr.
 
                                      XLVI
Das Volk von Rom jubelte und wie jm Karneval tobten Masken durch die Strassen.
    Mit Sturmeseile durchlief die Kunde vom Hinscheiden des »Antichrists« die
heilige Stadt.
    Die Leute rannten auf die Strasse.
    Fremdeste umarmten sich.
    Mütter holten ihre Kinder in die Sonne:
    Es ist wieder rein, das Licht, seitdem es das Ungeheuer nicht mehr
bescheint.
    In die Wohnungen der verschiedenen Borgia brachen Volkshaufen und plünderten
sie.
    Der Pöbel von Rom war ganz besoffen von Chianti und Freude über den Exitus
des Papstes.
    Sie veranstalteten einen fröhlichen Leichenzug.
    Ein abgestochenes Schwein, das den Leichnam des Borgia symbolisierte, wurde
in einem mit Papiergirlanden bekränzten offenen Sarg von zwei Juden und zwei
Mauleseln dahergezogen.
    Heulend, glucksend, quietschend, brüllend folgten die Trauergäste: Bettler,
Maroniverkäufer, ausgediente Landsknechte, Huren, Ziegeleiarbeiter, Astrologen,
Musikanten, Vagabunden, Rompilger.
    Im Zuge schritten auch ein Aussätziger, der den Namen Cesare Borgia, eine
schöne blonde Hure, die den Namen Lucrezia Borgia an der Stirn geschrieben trug.
    Auch wurde in einem Handkarren eine Art Friedensgöttin mitgeführt: eine
halbnackte Frauensperson, die eine Lilie in der Hand schwenkte und ihren
ungewaschenen Fuss auf rostige Harnische, Hellebarden und Helme setzte.
    Die Stadtpolizei drückte beide Augen zu und liess den Pöbel rasen.
    An Alexander Borgias Leiche zogen, von den Schweizer Hellebardieren nicht
gehindert, Tausende vorbei: Kleriker, Bauern, Landsknechte, Arbeiter, Bürger,
die ihren Hass unverhohlen kundtaten. Ja, wenn die Schweizer Gardisten nicht
hinsahn, spie ihm der eine oder andere ins Gesicht, wo der Schleim ihm auf
immer die Augen verklebte. Es war aber nicht eine einzige Frau, die an seiner
Leiche vorbeiging. Die Frauen hatten ihn geliebt und wollten sich das Andenken
des schönen, wohlgeformten Mannes nicht durch den Anblick der verunstalteten
Leiche schänden lassen. -
    Julia Farnese vernahm von seinem Tod, als sie im Bad sass. Sie wurde
ohnmächtig und wäre ertrunken, wenn nicht eine junge Mohrin, ihre Zofe, zufällig
nach ihr gesehen hätte.
    Sie liess sich mit kölnischem Wasser besprengen und sass den ganzen Tag
regungslos im Erker. Unten tobte das Volk vorbei und hin und wieder warf einer
eine höhnische Kusshand zu ihr nach oben.
    Der Teufel hat ihn geholt, schrie ein Schuhmacher vom Petersplatz. Er hatte
einen Pakt mit ihm, der ihn auf den Papsttron gebracht hat: zwölf Jahre vier
Tage dürfe er Papst sein - danach gehöre seine dreckige Seele ihm, dem
Beelzebub, so galt der Vertrag. Gestern war seine Frist abgelaufen. Ein Rudel
schwarzer Hunde heulte seit vorgestern in den Korridoren des Vatikans. Das waren
der Oberteufel und zwölf Unterteufel.
    An der Bahre Alexander Borgias ging auch der Dichter Ariost vorüber. Jemand
hatte einen Zettel daran befestigt. Ariost las:
    Quis jacet hic?
    Sextus.
    Quis funera plangit?
    Erynnis.
    Quis comes in tanto funere obit?
    Vitium.
    Er blieb stehen und betrachtete lange den unförmigen Koloss, ihm sein
Geheimnis zu entlocken.
    Vergeblich, seufzte er, es ist vergeblich.
    Vielleicht, sann er, wird er im Fegfeuer brennen. Aber das Feuer wird ihm
nichts anhaben, denn es ist sein Element. Reue? Nein, Reue kannte er nicht. Er
wird auch im Fegfeuer nicht bereuen, und wenn wir einst hinunter müssen, wird er
noch brennen - und viele Tausende Geschlechter noch, bis ihn vielleicht eines
Tages oder Nachts Gott der Herr erlöst und als Gestirn an den Himmel versetzt:
dort mag er dann weiter brennen und sich, brennend, zum Dienst an Licht und
Wärme läutern.
    Aber das wird die einzige Reue sein, die wir von ihm erwarten dürfen.
    Und er legte dem toten Borgia eine weisse Rose zwischen die wulstig
aufgegangenen Lippen.
    Die weisse Rose, die Lucrezia ihm aufgetragen hatte.
    Kein Priester segnete die Bestattung ein.
    Keine Litanei wurde gesungen.
    Die Totengräber hatten Mühe, die geschwollene Leiche Alexander Borgias in
den Sarg zu schaffen. Sie stopften die Fleischmasse hinein mit groben Fäusten
wie Gansfüllung in eine ausgenommene Gans.
 
                                     XLVII
Es zeigte sich, dass auch Cesares Reich nur von der Autorität des päpstlichen
Vaters zusammengehalten worden war.
    Stück für Stück brach aus Cesares Krone.
    Die von Cesare vertriebenen Fürsten kehrten, von der Bevölkerung jubelnd
begrüsst, in ihre Hauptstädte zurück: Sforza nach Pesaro, Guidobaldo nach Urbino,
Varano nach Camerino - und so fort.
    Cesare lag noch immer schwerkrank zu Bett, in allen seinen Entschlüssen und
Taten gelähmt und gehemmt. Macchiavelli stattete ihm einen Krankenbesuch ab.
    Ich habe an alles gedacht, seufzte Cesare, aber dass ich in dem Moment, wo
mein Vater stirbt, schwer krank daniederliegen würde - daran habe ich nicht
gedacht. Ich bin ohnmächtig, ich bin ganz hilflos. -
    Nur die Romagna hielt noch zu ihm.
    In Ferrara zitterte Lucrezia um Cesare.
    Ihre Stellung war durch ihre Schönheit, Klugheit und Vorsicht unantastbar.
Sie erreichte, dass der Herzog Cesare Truppen sandte, um ihm die Romagna zu
erhalten. -
    Piccolomini wurde als Pius III. zum Papst gewählt.
    Cesare frohlockte. Der Piccolomini war ihm gewogen. Cesare hatte einige
Kardinale zu seinen Gunsten bestochen.
    Schon nach drei Wochen starb Pius III. Cesare brach zusammen.
    Es ging zu Ende mit den Borgia. Sie hatten kein Glück mehr. Fortuna, die
ihnen fünfzig Jahre zugelächelt hatte, wandte ihr Antlitz von ihnen. Woher sie
gekommen waren: aus dem Dunkel, aus dem Nichts, dahin kehrten sie wieder zurück,
in das Nichts, in das Dunkel.
    Cesare ritt durch die Stadt, sich sein Grab selbst auszusuchen. Er fieberte
noch immer. Aber er nahm die Fiebermittel nicht, die ihm sein Leibarzt
verschrieb. Er goss sie unters Bett.
    Wen würden sie zum Papst wählen?
    Er verfluchte sich, dass er seinerzeit den Kardinalspurpur so leichten
Herzens abgelegt hatte.
    Heute hätte er ihn brauchen können.
    Vielleicht war der Rovere noch der brauchbarste Papst für die Borgia?
    Er verschafte ihm die Stimmen der spanischen Kardinäle.
    Der Rovere setzte sich als Julius II. die Tiara aufs Haupt.
    Julius II. sprach:
    Ich will nicht in den Räumen wohnen, wo der Borgia wohnte, der das heilige
Ansehen der Kirche geschändet hat wie nie einer zuvor. Er hatte den päpstlichen
Tron nicht rechtmässig inne, sondern usurpierte ihn mit Hilfe des Teufels. Und
ich verbiete bei Strafe, den Namen Borgia in Rom künftig verlauten zu lassen.
Sein Name sei durchstrichen, ausgelöscht und vergessen. Alle Bilder der Borgia
sollen mit schwarzen Tüchern verhängt werden. Alle Grabsteine der Borgia sollen
umgedreht werden, die Inschriften herausgemeisselt.
Julius II. forderte von Cesare Borgia die Übergabe der befestigten Plätze in der
Romagna. Cesare sah ein, dass Widerstand nutzlos war. Er floh. In Ostia bestieg
er ein Segelboot.
    Als er in Neapel landete, wurde er verhaftet und ins Kastell von Ischia
geworfen.
    Er brach aus und gelangte nach Spanien.
    Zerlumpt, wie ein Matrose, betrat er die spanische Erde, die Erde, die ihn
und alle Borgia hervorgebracht.
    Julius II. hatte seine Besitztümer konfiszieren lassen.
    In einer Spelunke Sevillas, wo er mit allerlei zweifelhaften Subjekten
verbotenem Spiel oblag, wurde er wiederum verhaftet und ins Kastell Medina del
Campo geschafft. Er rief den König von Frankreich um Hilfe an.
    Es kam keine Antwort.
    Er schrieb an Lucrezia.
    Der Brief wurde unterschlagen.
    Er wusste nicht, dass sie inzwischen Herzogin von Ferrara geworden war.
    Ercole war gestorben, Alfonso hatte den Tron bestiegen.
    Es gelang Cesare nochmals, zu entfliehen. -
    Er trug einen tödlichen Hass gegen Julius II. im Herzen.
    Hass ist gut, dachte er. Aber er darf nicht gefühlvoll basiert sein. Es muss
ein systematischer Hass sein, ein nüchtern matematischer. Ich hasse Julius zu
heiss.
    Die Flucht wurde nach Italien berichtet und setzte den Papst in Schrecken:
    Ein furchtbarer Mann, dieser Cesare Borgia. Wir haben uns des kühnsten
Wagemutes von ihm zu versehen. Sein Name allein genügt, Heere aufzustellen.
    Es geht noch immer eine mystische Kraft von ihm aus. -
    Er beschloss, ihm Halt zu bieten.
    Bei Pamplona, hinterhältig angegriffen, sank Cesare, einunddreissig Jahre
alt, unter den Dolchen von Meuchelmördern. Sieben hatten ihn überfallen.
    Sechs verwundete er noch tödlich, ehe der siebente ihm den Todesstoss
versetzte.
    Dieser siebente war ein Mohr. Voll Hochachtung betrachtete er den toten
Feind.
    Tapferer Mann, tapferer Mann. Aber gut, dass er tot und ich noch lebe.
    Tausend Dukaten winkten ihm und die Heimkehr nach Afrika zu seiner schwarzen
Gattin.
    Voller Sehnsucht leckte er sich die dicken Lippen, als er das blutige Messer
am Kleid des Borgia abwischte.
 
                                     XLVIII
Lucrezia empfing die Nachricht vom Tode ihres Bruders, die man versucht hatte,
ihr zu verheimlichen, als sie in den Wehen lag.
    Sie schrie einmal zum Himmel auf,
    um dann nie mehr eine Klage von sich zu geben.
    Sie genas eines toten Sohnes.
    Das Leben der Borgia ist zu Ende, sann sie. Der Faden ist ihnen für immer
abgeschnitten.
    Auch ich bin dieses Lebens müde und satt.
    Im Kindbettfieber verflackernd, schrieb sie noch einen letzten Brief
    an den Papst in Rom:
    Heiligster Vater und innigst zu verehrender Herr,
die Seele einer Sterbenden neigt sich vor Euch und küsst Euch in aller schuldigen
Ehrfurcht die heiligen Füsse. Diese Sterbende ist eine Sünderin und eine Borgia -
und also eine Sünderin doppelt und vielfach. Alle Sünden und Laster dieser Welt
sind in meinen armseligen, bejammernswerten Leib eingegangen - jetzt, da ich
schier verblutet bin an meiner Entbindung, sind sie mit meinem Blut wohl alle
wieder hinausgeflossen. O habt Erbarmen und bittet Gott um Gnade für mich und
alle Borgia. Sie waren ausgestattet mit den höchsten Gaben des Geistes und
Körpers. Sie waren bestimmt, die Welt zu leiten. Aber sie selbst haben sich von
Teufeln und Dämonen leiten lassen. Ihre Seelen waren nicht klein auf das
Kleinliche gerichtet. Die Geschichte wird ihrer gedenken, in Verwunderung und
Abscheu, aber nicht ohne Erkenntnis ihres Schicksals und ihrer Talente. O
erteilt mir die Heilige Benediktion, Heiligster Vater - ich bin Euer getreues
und demütiges Kind, vom Baume Borgias der letzte und unscheinbarste Spross, zum
Welken und Verdorren bestimmt.
    Geschrieben in Ferrara, in der vorletzten Stunde meines Menschenlebens.
Euer Heiligkeit
                                niedrigste Magd
                                                                Lucrezia Borgia.
Dämmerung im Zimmer.
    Lucrezia träumt das Märchen vom verdorrten Mandelbaum, der unter dem Blick
eines reinen Menschen wieder zu blühen beginnt.
    Sie blüht auf.
    Sie gewinnt eine neue Jungfräulichkeit und Keuschheit des Wesens.
    Wer sie sieht, ist betroffen von so viel lieblicher Anmut und seelischer
Demut.
    Sie entzündet die Dichter, die ihr Verse voll Leidenschaft und Verehrung
widmen. Ariost, Giraldi, Antonio Tebaldeo, Marcello Filosseno vergleichen sie
mit Minerva, Helena und Venus.
    Sie wird zum Vorbild einer treuen, tugendsamen Gattin.
    Michel Angelo erhebt sie auf einen Sockel und meisselt sie als Pietà.
    Alle Lüste und Laster sind längst von ihr abgeglitten. Wie Anadyomene steigt
sie neugeboren aus dem Meer des Lebens.
    Sie hat alle Briefe des Vaters und des Bruders verbrannt - sogar ihre
früheren kostbaren Kleider.
    Sie trägt eine einfache graue Kutte.
    Sie lebt nach rückwärts.
    Sie erinnert sich plötzlich:
    Damals, als Alexander -
    Damals, als Cesare -
    Damals, als Alfonso -
    Aus den Gräbern steigen die Borgia.
    Viele tragen einen Dolch in der Brust,
    manche haben den Kopf unterm Arm.
    Sie tanzt ihnen zu Ehren einen spanischen Tanz.
    Ein Mönch schlägt dazu das Tamburin des Mondes.
    Die toten Borgia sehen ihr zu.
    Sie tanzt, bis sie ohnmächtig hinfällt.
    Als sie aufwachte, war es im Zimmer dunkel geworden.
    
    Das Dunkel spie Gespenster aus.
    Gespenster in ihr -
    Gespenster ausser ihr -
    Eine schwefelgelbe Flamme schlug vom Himmel in ihr Herz.
    Ein kleiner buckliger Mann tänzelte plötzlich vor ihr, und es war ihr
widerlich, ihn nicht gehen, sondern affektiert und aufdringlich mit einem
übertriebenen Steiss wackeln und tänzeln zu sehen.
    Plötzlich verschwand er in der Mauer, als ob dort eine Tür wäre.
    Aber es war keine Tür da.
    Nur ein kleines Loch, in dem eine Kröte sass und Lucrezia mit goldbraunen
Augen anglotzte.
    Die Sonne war längst untergegangen, behangen mit einem violetten
Wolkenmantel.
    Nun stiegen die Sterne an.
    Es wurde licht,
    immer lichter.
    Ein Brausen ist um sie und Sausen von Licht. Ein Strom von Glanz.
    Sie lächelt.
    Da erfriert ihr Lächeln,
    es wird zum Entsetzen.
    Der Glanz beginnt zu brennen. Jede Pore
    ihres Leibes brennt.
    Es wird heiss, immer heisser,
    sie ist im Fegefeuer.
Auf ihrem Grabstein fand man diese Inschrift, die drei Tage zu lesen war, bis
sie der Regen verwusch:
Hier ruht Lucrezia - dem Namen nach.
Sie häufte Greuel auf Greuel und Schmach
auf Schmach.
Sie war des eigenen Vaters Frau und Schnur,
Des Gatten Mörderin, des Bruders Hur.
 
                                     Epilog
Luis war der Vater von Rodrigo
Rodrigo war der Vater von Pedro
Pedro war der Vater von Alfonso
Alfonso war der Vater von Juan.
Juan Borgia war Oberjägermeister und Oberstallmeister am Hofe Karls V.
    Er liebte Isabella, die Königin von Spanien, und als sie starb, geleitete er
ihren Sarg bis Granada zur Beisetzung in der königlichen Gruft.
    Nach alter Sitte wurde der Sarg noch einmal geöffnet, und Juan Borgia trat
heran, zu beschwören, dass die Leiche, die da liege, die der schönen und edlen
Königin Isabella sei.
    Er hob die Hand - aber die Hand blieb ihm reglos in der Luft hängen.
    Dies schon in Verwesung bis zur Unkenntlichkeit übergegangene Stück Fleisch
sollte Isabella sein, die schöne Isabella, das Wunder von Frau?
    Er weigerte sich, den Schwur zu schwören, und seine geballte Faust schien
Gott zu fluchen.
    Er stürzte hinweg und kam zum Schloss Tordecillas.
    Er traf eine irre Greisin, die greulich vor ihm die Tarantella tanzte.
    Es war Johanna, die Mutter Karls V.
    Er flieht und begegnet in Jarandilla Karl V., der voller Ekel seinem Tron
entsagt hat.
    Da geht Juan Borgia zu den Jesuiten und wird im Jahre 1565 ihr General.
    Um den Fluch und die Schande vom Namen Borgia zu nehmen, wird er von der
Kurie nach seinem Tode als Bester der Borgia heiliggesprochen.
San Francesco Borgia!
    Armer Heiliger - wer ruft zu dir in seiner Not, wer weiht dir Wachsherzen
und Kerzen? Wer trägt dein Medaillon auf der Brust?
    Niemand ruft nach dir.
    Niemand betet zu dir.
    Einsam stehst du, abseits von allen andern Heiligen, am Tron Gottes.
    Eine Träne blinkt in deinen seraphischen Augen, wenn du die Gesänge zu Ehren
der andern Heiligen brausen und klingen hörst. Poveretto Borgia!
    Du trägst einen schwarzen Namen, den selbst Gottes Huld nicht blank zu
putzen vermochte.
    Du Borgia!
    Das war eine Zeitlang ein Schimpfname wie Lump und Schinder, und selbst ein
Mörder liess sich nicht ungestraft Borgia rufen.
    Eines Tages trat San Francesco Borgia zu Gott und bat:
    Nimm den Heiligenschein, den deine heilige Kirche mir aufgesetzt, von mir.
Es ist niemand, der ihn mir glaubt. Die Menschen nicht und nicht deine Engel.
Lass mich zu den Teufeln gehn in die Hölle, dort, wo die Borgia hingehören. -
    Und Gott sah den heiligen Ernst im Antlitz des Heiligen und seufzte tief auf
und sprach: Geh - geh zu den Deinen.
    Und der Borgia verneigte sich, zog aus die Uniform des Jesuitengenerals und
ging langsam die neunhundertneunundneunzig Stufen hinab zur Hölle.
    Und er klopfte an das Höllentor. Luzifer in Person öffnete.
    Wer bist du?
    Ein Borgia!
    Das Gesicht des Teufels hellte sich auf:
    Ah, sehr gut. Neunundneunzig Borgia sind schon drin. Du bist der hundertste.
Sei mir willkommen! Zahle das Eintrittsgeld und du darfst eintreten!
    Der Borgia verwunderte sich:
    Das Eintrittsgeld? Wieviel?
    Weil du es bist: tausend Dukaten!
    Der Borgia:
    Ich habe keine tausend Dukaten.
    Der Teufel:
    Nun, sagen wir: fünfhundert!
    Der Borgia:
    Ich habe auch nicht fünfhundert.
    Der Teufel:
    Ja, bei Gott, was hast du denn?
    Der Borgia:
    Keinen Pfennig. -
    Der Teufel fuhr empört auf;
    Was, du, ein Borgia, willst kein Geld haben? Du lügst. Du bist nur ein
schmutziger Geizhals oder hast dein Vermögen im Himmel angelegt, weil Gott der
Herr dir mehr Zinsen versprochen hat. Mit Hunderttausenden von Dukaten sind
deine erlauchten Anverwandten hier eingetroffen. Als Alexander Borgia kam, haben
meine Bediententeufel acht Tage lang Kisten mit Gold geschleppt. Scher dich zum
Himmel, wenn du den höllischen Zoll nicht zahlen kannst oder willst. Und schlug
ihm das Höllentor vor der Nase zu.
                      Zwischen Himmel und Hölle, nirgends
                         beheimatet, irrt ruhelos umher
                               der letzte Borgia.
 
    