
        
                                  Franz Kafka
                                    Amerika
                                     Roman
                                    Der Heizer
Als der sechzehnjährige Karl Rossmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika
geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm
bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York
einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin
wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert
ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.
    So hoch! sagte er sich und wurde, wie er so gar nicht an das Weggehen
dachte, von der immer mehr anschwellenden Menge der Gepäckträger, die an ihm
vorüberzogen, allmählich bis an das Bordgeländer geschoben.
    Ein junger Mann, mit dem er während der Fahrt flüchtig bekannt geworden war,
sagte im Vorübergehen: »Ja, haben Sie denn noch keine Lust auszusteigen?«
    »Ich bin doch fertig«, sagte Karl, ihn anlachend, und hob aus Übermut, und
weil er ein starker Junge war, seinen Koffer auf die Achsel. Aber wie er über
seinen Bekannten hinsah, der ein wenig seinen Stock schwenkend sich schon mit
den andern entfernte, merkte er bestürzt, dass er seinen eigenen Regenschirm
unten im Schiff vergessen hatte. Er bat schnell den Bekannten, der nicht sehr
beglückt schien, um die Freundlichkeit, bei seinem Koffer einen Augenblick zu
warten, überblickte noch die Situation, um sich bei der Rückkehr
zurechtzufinden, und eilte davon. Unten fand er zu seinem Bedauern einen Gang,
der seinen Weg sehr verkürzt hätte, zum erstenmal versperrt, was wahrscheinlich
mit der Ausschiffung sämtlicher Passagiere zusammenhing, und musste Treppen, die
einander immer wieder folgten, durch fortwährend abbiegende Korridore, durch ein
leeres Zimmer mit einem verlassenen Schreibtisch mühselig suchen, bis er sich
tatsächlich, da er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in grösserer
Gesellschaft gegangen war, ganz und gar verirrt hatte. In seiner Ratlosigkeit
und da er keinen Menschen traf und nur immerfort über sich das Scharren der
tausend Menschenfüsse hörte und von der Ferne, wie einen Hauch, das letzte
Arbeiten der schon eingestellten Maschinen merkte, fing er, ohne zu überlegen,
an eine beliebige kleine Tür zu schlagen an, bei der er in seinem Herumirren
stockte.
    »Es ist ja offen«, rief es von innen und Karl öffnete mit ehrlichem Aufatmen
die Tür. »Warum schlagen Sie so verrückt auf die Tür?« fragte ein riesiger Mann,
kaum dass er nach Karl hinsah. Durch irgendeine Oberlichtluke fiel ein trübes,
oben im Schiff längst abgebrauchtes Licht in die klägliche Kabine, in welcher
ein Bett, ein Schrank, ein Sessel und der Mann knapp nebeneinander, wie
eingelagert, standen. »Ich habe mich verirrt«, sagte Karl, »ich habe es während
der Fahrt gar nicht so bemerkt, aber es ist ein schrecklich grosses Schiff.« »Ja,
da haben Sie recht«, sagte der Mann mit einigem Stolz und hörte nicht auf, an
dem Schloss eines kleinen Koffers zu hantieren, den er mit beiden Händen immer
wieder zudrückte, um das Einschnappen des Riegels zu behorchen. »Aber kommen Sie
doch herein!«, sagte der Mann weiter, »Sie werden doch nicht draussen stehn!«
»Störe ich nicht?« fragte Karl. »Ach, wie werden Sie denn stören!« »Sind Sie ein
Deutscher?« suchte sich Karl noch zu versichern, da er viel von den Gefahren
gehört hatte, welche besonders von Irländern den Neuankömmlingen in Amerika
drohen. »Bin ich, bin ich«, sagte der Mann. Karl zögerte noch. Da fasste
unversehens der Mann die Türklinke und schob mit der Türe, die er rasch schloss,
Karl zu sich herein. »Ich kann es nicht leiden, wenn man mir vom Gang
hereinschaut«, sagte der Mann, der wieder an seinem Koffer arbeitete, »da läuft
jeder vorbei und schaut herein, das soll der Zehnte aushalten!« »Aber der Gang
ist doch ganz leer«, sagte Karl, der unbehaglich an den Bettpfosten gequetscht
dastand. »Ja, jetzt«, sagte der Mann. Es handelt sich doch um jetzt, dachte
Karl, mit dem Mann ist schwer zu reden.»Legen Sie sich doch aufs Bett, da haben
Sie mehr Platz«, sagte der Mann. Karl kroch, so gut es ging, hinein und lachte
dabei laut über den ersten vergeblichen Versuch, sich hinüberzuschwingen. Kaum
war er aber im Bett, rief er: »Gotteswillen, ich habe ja ganz meinen Koffer
vergessen!« »Wo ist er denn?« »Oben auf dem Deck, ein Bekannter gibt acht auf
ihn. Wie heisst er nur?« Und er zog aus einer Geheimtasche, die ihm seine Mutter
für die Reise im Rockfutter angelegt hatte, eine Visitkarte. »Butterbaum, Franz
Butterbaum.« »Haben Sie den Koffer sehr nötig?« »Natürlich.« »Ja, warum haben
Sie ihn dann einem fremden Menschen gegeben?« »Ich hatte meinen Regenschirm
unten vergessen und bin gelaufen, um ihn zu holen, wollte aber den Koffer nicht
mitschleppen. Dann habe ich mich auch hier noch verirrt.« »Sie sind allein? Ohne
Begleitung?« »Ja, allein.« Ich sollte mich vielleicht an diesen Mann halten,
ging es Karl durch den Kopf, wo finde ich gleich einen besseren Freund. »Und
jetzt haben Sie auch noch den Koffer verloren. Vom Regenschirm rede ich gar
nicht.« Und der Mann setzte sich auf den Sessel, als habe Karls Sache jetzt
einiges Interesse für ihn gewonnen. »Ich glaube aber, der Koffer ist noch nicht
verloren.« »Glauben macht selig«, sagte der Mann und kratzte sich kräftig in
seinem dunklen, kurzen, dichten Haar, »auf dem Schiff wechseln mit den
Hafenplätzen auch die Sitten. In Hamburg hätte Ihr Butterbaum den Koffer
vielleicht bewacht, hier ist höchstwahrscheinlich von beiden keine Spur mehr.«
»Da muss ich aber doch gleich hinaufschaun«, sagte Karl und sah sich um, wie er
hinauskommen könnte. »Bleiben Sie nur«, sagte der Mann und stiess ihn mit einer
Hand gegen die Brust, geradezu rauh, ins Bett zurück. »Warum denn?« fragte Karl
ärgerlich. »Weil es keinen Sinn hat«, sagte der Mann, »in einem kleinen Weilchen
gehe ich auch, dann gehen wir zusammen. Entweder ist der Koffer gestohlen, dann
ist keine Hilfe, oder der Mann hat ihn stehengelassen, dann werden wir ihn, bis
das Schiff ganz entleert ist, desto besser finden. Ebenso auch Ihren
Regenschirm.« »Kennen Sie sich auf dem Schiff aus?« fragte Karl misstrauisch, und
es schien ihm, als hätte der sonst überzeugende Gedanke, dass auf dem leeren
Schiff seine Sachen am besten zu finden sein würden, einen verborgenen Haken.
»Ich bin doch Schiffsheizer«, sagte der Mann. »Sie sind Schiffsheizer!« rief
Karl freudig, als überstiege das alle Erwartungen, und sah, den Ellbogen
aufgestützt, den Mann näher an. »Gerade vor der Kammer, wo ich mit dem Slowaken
geschlafen habe, war eine Luke angebracht, durch die man in den Maschinenraum
sehen konnte.« »Ja, dort habe ich gearbeitet«, sagte der Heizer. »Ich habe mich
immer so für Technik interessiert«, sagte Karl, der in einem bestimmten
Gedankengang blieb, »und ich wäre sicher später Ingenieur geworden, wenn ich
nicht nach Amerika hätte fahren müssen.« »Warum haben Sie denn fahren müssen?«
»Ach was!« sagte Karl und warf die ganze Geschichte mit der Hand weg. dabei sah
er lächelnd den Heizer an, als bitte er ihn selbst für das Nichteingestandene um
seine Nachsicht. »Es wird schon einen Grund haben«, sagte der Heizer, und man
wusste nicht recht, ob er damit die Erzählung dieses Grundes fordern oder
abwehren wollte. »Jetzt könnte ich auch Heizer werden«, sagte Karl, »meinen
Eltern ist es jetzt ganz gleichgültig, was ich werde.«»Meine Stelle wird frei«,
sagte der Heizer, gab im Vollbewusstsein dessen die Hände in die Hosentaschen und
warf die Beine, die in faltigen, lederartigen, eisengrauen Hosen staken, aufs
Bett hin, um sie zu strecken. Karl musste mehr an die Wand rücken. »Sie verlassen
das Schiff?« »Jawohl, wir marschieren heute ab.« »Warum denn? Gefällt es Ihnen
nicht?« »Ja, das sind die Verhältnisse, es entscheidet nicht immer, ob es einem
gefällt oder nicht. Übrigens haben Sie recht, es gefällt mir auch nicht. Sie
denken wahrscheinlich nicht ernstlich daran, Heizer zu werden, aber gerade dann
kann man es am leichtesten werden. Ich also rate Ihnen entschieden ab. Wenn Sie
in Europa studieren wollten, warum wollen Sie es denn hier nicht? Die
amerikanischen Universitäten sind ja unvergleichlich besser als die
europäischen.« »Es ist ja möglich«, sagte Karl, »aber ich habe ja fast kein Geld
zum Studieren. Ich habe zwar von irgend jemandem gelesen, der bei Tag in einem
Geschäft gearbeitet und in der Nacht studiert hat, bis er Doktor und ich glaube
Bürgermeister wurde, aber dazu gehört doch eine grosse Ausdauer, nicht? Ich
fürchte, die fehlt mir. Ausserdem war ich kein besonders guter Schüler, der
Abschied von der Schule ist mir wirklich nicht schwer geworden. Und die Schulen
hier sind vielleicht noch strenger. Englisch kann ich fast gar nicht. Überhaupt
ist man hier gegen Fremde so eingenommen, glaube ich.« »Haben Sie das auch schon
erfahren? Na, dann ist's gut. Dann sind Sie mein Mann. Sehen Sie, wir sind doch
auf einem deutschen Schiff, es gehört der Hamburg-Amerika-Linie, warum sind wir
nicht lauter Deutsche hier? Warum ist der Obermaschinist ein Rumäne? Er heisst
Schubal. Das ist doch nicht zu glauben. Und dieser Lumpenhund schindet uns
Deutsche auf einem deutschen Schiff! Glauben Sie nicht« - ihm ging die Luft aus,
er fackelte mit der Hand, »dass ich klage, um zu klagen. Ich weiss, dass Sie keinen
Einfluss haben und selbst ein armes Bürschchen sind. Aber es ist zu arg!« Und er
schlug auf den Tisch mehrmals mit der Faust und liess kein Auge von ihr, während
er schlug. »Ich habe doch schon auf so vielen Schiffen gedient« - und er nannte
zwanzig Namen hintereinander, als sei es ein Wort, Karl wurde ganz wirr - »und
habe mich ausgezeichnet, bin belobt worden, war ein Arbeiter nach dem Geschmack
meiner Kapitäne, sogar auf dem gleichen Handelssegler war ich einige Jahre« - er
erhob sich, als sei das der Höchstpunkt seines Lebens - »und hier auf diesem
Kasten, wo alles nach der Schnur eingerichtet ist, wo kein Witz gefordert wird,
hier taug ich nichts, hier stehe ich dem Schubal immer im Wege, bin ein
Faulpelz, verdiene hinausgeworfen zu werden und bekomme meinen Lohn aus Gnade.
Verstehen Sie das? Ich nicht.« »Das dürfen Sie sich nicht gefallen lassen«,
sagte Karl aufgeregt. Er hatte fast das Gefühl davon verloren, dass er auf dem
unsicheren Boden eines Schiffes, an der Küste eines unbekannten Erdteils war, so
heimisch war ihm hier auf dem Bett des Heizers zumute. »Waren Sie schon beim
Kapitän? Haben Sie schon bei ihm Ihr Recht gesucht?« »Ach gehen Sie, gehen Sie
lieber weg. Ich will Sie nicht hier haben. Sie hören nicht zu, was ich sage, und
geben mir Ratschläge. Wie soll ich denn zum Kapitän gehen!« Und müde setzte sich
der Heizer wieder und legte das Gesicht in beide Hände.
    Einen besseren Rat kann ich ihm nicht geben, sagte sich Karl. Und er fand
überhaupt, dass er lieber seinen Koffer hätte holen sollen, statt hier Ratschläge
zu geben, die doch nur für dumm gehalten wurden. Als ihm der Vater den Koffer
für immer übergeben hatte, hatte er im Scherz gefragt: »Wie lange wirst du ihn
haben?« und jetzt war dieser treue Koffer vielleicht schon im Ernst verloren.
Der einzige Trost war noch, dass der Vater von seiner jetzigen Lage kaum erfahren
konnte, selbst wenn er nachforschen sollte. Nur dass er bis New York mitgekommen
war, konnte die Schiffsgesellschaft gerade noch sagen. Leid tat es aber Karl,
dass er die Sachen im Koffer noch kaum verwendet hatte, trotzdem er es
beispielsweise längst nötig gehabt hätte, das Hemd zu wechseln. Da hatte er also
am unrichtigen Ort gespart; jetzt, wo er es gerade am Beginn seiner Laufbahn
nötig haben würde, rein gekleidet aufzutreten, würde er im schmutzigen Hemd
erscheinen müssen. Sonst wäre der Verlust des Koffers nicht gar so arg gewesen,
denn der Anzug, den er anhatte, war sogar besser als jener im Koffer, der
eigentlich nur ein Notanzug war, den die Mutter noch knapp vor der Abreise hatte
flicken müssen. Jetzt erinnerte er sich auch, dass im Koffer noch ein Stück
Veroneser Salami war, die ihm die Mutter als Extragabe eingepackt hatte, von der
er jedoch nur den kleinsten Teil hatte aufessen können, da er während der Fahrt
ganz ohne Appetit gewesen war und die Suppe, die im Zwischendeck zur Verteilung
kam, ihm reichlich genügt hatte. Jetzt hätte er aber die Wurst gern bei der Hand
gehabt, um sie dem Heizer zu verehren. Denn solche Leute sind leicht gewonnen,
wenn man ihnen irgendeine Kleinigkeit zusteckt, das wusste Karl von seinem Vater
her, welcher durch Zigarrenverteilung alle die niedrigeren Angestellten gewann,
mit denen er geschäftlich zu tun hatte. Jetzt besass Karl an Verschenkbarem nur
noch sein Geld, und das wollte er, wenn er schon vielleicht den Koffer verloren
haben sollte, vorläufig nicht anrühren. Wieder kehrten seine Gedanken zum Koffer
zurück, und er konnte jetzt wirklich nicht einsehen, warum er den Koffer während
der Fahrt so aufmerksam bewacht hatte, dass ihm die Wache fast den Schlaf
gekostet hatte, wenn er jetzt diesen gleichen Koffer so leicht sich hatte
wegnehmen lassen. Er erinnerte sich an die fünf Nächte, während derer er einen
kleinen Slowaken, der zwei Schlafstellen links von ihm gelegen war, unausgesetzt
im Verdacht gehabt hatte, dass er es auf seinen Koffer abgesehen habe. Dieser
Slowake hatte nur darauf gelauert, dass Karl endlich, von Schwäche befallen, für
einen Augenblick einnickte, damit er den Koffer mit einer langen Stange, mit der
er immer während des Tages spielte oder übte, zu sich hinüberziehen könne. Bei
Tage sah dieser Slowake unschuldig genug aus, aber kaum war die Nacht gekommen,
erhob er sich von Zeit zu Zeit von seinem Lager und sah traurig zu Karls Koffer
hinüber. Karl konnte dies ganz deutlich erkennen, denn immer hatte hie und da
jemand mit der Unruhe des Auswanderers ein Lichtchen angezündet, trotzdem dies
nach der Schiffsordnung verboten war, und versuchte, unverständliche Prospekte
der Auswanderungsagenturen zu entziffern. War ein solches Licht in der Nähe,
dann konnte Karl ein wenig eindämmern, war es aber in der Ferne oder war dunkel,
dann musste er die Augen offenhalten. Diese Anstrengung hatte ihn recht
erschöpft, und nun war sie vielleicht ganz nutzlos gewesen. Dieser Butterbaum,
wenn er ihn einmal irgendwo treffen sollte!
    In diesem Augenblick ertönten draussen in weiter Ferne in die bisherige
vollkommene Ruhe hinein kleine kurze Schläge, wie von Kinderfüssen, sie kamen
näher mit verstärktem Klang, und nun war es ein ruhiger Marsch von Männern. Sie
gingen offenbar, wie es in dem schmalen Gang natürlich war, in einer Reihe, man
hörte Klirren wie von Waffen. Karl, der schon nahe daran gewesen war, sich im
Bett zu einem von allen Sorgen um Koffer und Slowaken befreiten Schlafe
auszustrecken, schreckte auf und stiess den Heizer an, um ihn endlich aufmerksam
zu machen, denn der Zug schien mit seiner Spitze die Tür gerade erreicht zu
haben. »Das ist die Schiffskapelle«, sagte der Heizer, »die haben oben gespielt
und gehen jetzt einpacken. Jetzt ist alles fertig und wir können gehen. Kommen
Sie!« Er fasste Karl bei der Hand, nahm noch im letzten Augenblick ein
eingerahmtes Muttergottesbild von der Wand über dem Bett, stopfte es in seine
Brusttasche, ergriff seinen Koffer und verliess mit Karl eilig die Kabine.
    »Jetzt gehe ich ins Büro und werde den Herren meine Meinung sagen. Es ist
kein Passagier mehr da, man muss keine Rücksicht nehmen.« Dieses wiederholte der
Heizer verschiedenartig und wollte im Gehen mit Seitwärtsstossen des Fusses eine
den Weg kreuzende Ratte niedertreten, stiess sie aber bloss schneller in das Loch
hinein, dass sie noch rechtzeitig erreicht hatte. Er war überhaupt langsam in
seinen Bewegungen, denn wenn er auch lange Beine hatte, so waren sie doch zu
schwer.
    Sie kamen durch eine Abteilung der Küche, wo einige Mädchen in schmutzigen
Schürzen - sie begossen sie absichtlich - Geschirr in grossen Bottichen
reinigten. Der Heizer rief eine gewisse Line zu sich, legte den Arm um ihre
Hüfte und führte sie, die sich immerzu kokett gegen seinen Arm drückte, ein
Stückchen mit. »Es gibt jetzt Auszahlung, willst du mitkommen?« fragte er.
»Warum soll ich mich bemühn, bring mir das Geld lieber her«, antwortete sie,
schlüpfte unter seinem Arm durch und lief davon. »Wo hast du denn den schönen
Knaben aufgegabelt?« rief sie noch, wollte aber keine Antwort mehr. Man hörte
das Lachen aller Mädchen, die ihre Arbeit unterbrochen hatten.
    Sie aber gingen weiter und kamen an eine Tür, die oben einen kleinen
Vorgiebel hatte, der von kleinen, vergoldeten Karyatiden getragen war. Für eine
Schiffseinrichtung sah das recht verschwenderisch aus. Karl war, wie er merkte,
niemals in diese Gegend gekommen, die wahrscheinlich während der Fahrt den
Passagieren der ersten und zweiten Klasse vorbehalten gewesen war, während man
jetzt vor der grossen Schiffsreinigung die Trennungstüren ausgehoben hatte. Sie
waren auch tatsächlich schon einigen Männern begegnet, die Besen an der Schulter
trugen und den Heizer gegrüsst hatten. Karl staunte über den grossen Betrieb, in
seinem Zwischendeck hatte er davon freilich wenig erfahren. Längs der Gänge
zogen sich auch Drähte elektrischer Leitungen, und eine kleine Glocke hörte man
immerfort.
    Der Heizer klopfte respektvoll an der Türe an und forderte, als man
»Herein!« rief, Karl mit einer Handbewegung auf, ohne Furcht einzutreten. Dieser
trat auch ein, aber blieb an der Tür stehen. Vor den drei Fenstern des Zimmers
sah er die Wellen des Meeres, und bei Betrachtung ihrer fröhlichen Bewegung
schlug ihm das Herz, als hätte er nicht fünf lange Tage das Meer ununterbrochen
gesehen. Grosse Schiffe kreuzten gegenseitig ihre Wege und gaben dem Wellenschlag
nur so weit nach, als es ihre Schwere erlaubte. Wenn man die Augen klein machte,
schienen diese Schiffe vor lauter Schwere zu schwanken. Auf ihren Masten trugen
sie schmale, aber lange Flaggen, die zwar durch die Fahrt gestrafft wurden,
trotzdem aber noch hin und her zappelten. Wahrscheinlich von Kriegsschiffen her
erklangen Salutschüsse, die Kanonenrohre eines solchen nicht allzuweit
vorüberfahrenden Schiffes, strahlend mit dem Reflex ihres Stahlmantels, waren
wie gehätschelt von der sicheren, glatten und doch nicht waagerechten Fahrt. Die
kleinen Schiffchen und Boote konnte man, wenigstens von der Tür aus, nur in der
Ferne beobachten, wie sie in Mengen in die Öffnungen zwischen den grossen
Schiffen einliefen. Hinter alledem aber stand New York und sah Karl mit
hunderttausend Fenstern seiner Wolkenkratzer an. Ja, in diesem Zimmer wusste man,
wo man war.
    An einem runden Tisch sassen drei Herren, der eine ein Schiffsoffizier in
blauer Schiffsuniform, die zwei anderen, Beamte der Hafenbehörde, in schwarzen
amerikanischen Uniformen. Auf dem Tisch lagen, hochaufgeschichtet, verschiedene
Dokumente welche der Offizier zuerst mit der Feder in der Hand überflog, um sie
dann den beiden anderen zu reichen, die bald lasen, bald exzerpierten, bald in
ihre Aktentaschen einlegten, wenn nicht gerade der eine, der fast ununterbrochen
ein kleines Geräusch mit den Zähnen vollführte, seinem Kollegen etwas in ein
Protokoll diktierte.
    Am Fenster sass an einem Schreibtisch, den Rücken der Türe zugewendet, ein
kleinerer Herr, der mit grossen Folianten hantierte, die auf einem starken
Bücherbrett in Kopfhöhe vor ihm aneinandergereiht waren. Neben ihm stand eine
offene, wenigstens auf den ersten Blick leere Kassa.
    Das zweite Fenster war leer und gab den besten Ausblick. In der Nähe des
dritten aber standen zwei Herren in halblautem Gespräch. Der eine lehnte neben
dem Fenster, trug auch die Schiffsuniform und spielte mit dem Griff des Degens.
Derjenige, mit dem er sprach, war dem Fenster zugewendet und entüllte hie und
da durch eine Bewegung einen Teil der Ordensreihe auf der Brust des andern. Er
war in Zivil und hatte ein dünnes Bambusstöckchen, das, da er beide Hände an den
Hüften festielt, auch wie ein Degen abstand.
    Karl hatte nicht viel Zeit, alles anzusehen, denn bald trat ein Diener auf
sie zu und fragte den Heizer mit einem Blick, als gehöre er nicht hierher, was
er denn wolle. Der Heizer antwortete, so leise als er gefragt wurde, er wolle
mit dem Herrn Oberkassier reden. Der Diener lehnte für seinen Teil mit einer
Handbewegung diese Bitte ab, ging aber dennoch auf den Fussspitzen, dem runden
Tisch in grossem Bogen ausweichend, zu dem Herrn mit den Folianten. Dieser Herr -
das sah man deutlich - erstarrte geradezu unter den Worten des Dieners, kehrte
sich aber endlich nach dem Manne um, der ihn zu sprechen wünschte, und fuchtelte
dann, streng abwehrend, gegen den Heizer und der Sicherheit halber auch gegen
den Diener hin. Der Diener kehrte darauf zum Heizer zurück und sagte in einem
Tone, als vertraue er ihm etwas an: »Scheren Sie sich sofort aus dem Zimmer!«
    Der Heizer sah nach dieser Antwort zu Karl hinunter, als sei dieser sein
Herz, dem er stumm seinen Jammer klage. Ohne weitere Besinnung machte sich Karl
los, lief quer durchs Zimmer, dass er sogar leicht an den Sessel des Offiziers
streifte, der Diener lief gebeugt mit zum Umfangen bereiten Armen, als jage er
ein Ungeziefer, aber Karl war der erste beim Tisch des Oberkassiers, wo er sich
festielt, für den Fall, dass der Diener versuchen sollte, ihn fortzuziehen.
    Natürlich wurde gleich das Zimmer lebendig. Der Schiffsoffizier am Tisch war
aufgesprungen, die Herren von der Hafenbehörde sahen ruhig, aber aufmerksam zu,
die beiden Herren am Fenster waren nebeneinander getreten, der Diener, welcher
glaubte, er sei dort, wo schon die hohen Herren Interesse zeigten, nicht mehr am
Platze, trat zurück. Der Heizer an der Türe wartete angespannt auf den
Augenblick, bis seine Hilfe nötig würde. Der Oberkassier endlich machte in
seinem Lehnsessel eine grosse Rechtswendung.
    Karl kramte aus seiner Geheimtasche, die er den Blicken dieser Leute zu
zeigen keine Bedenken hatte, seinen Reisepass hervor, den er statt weiterer
Vorstellung geöffnet auf den Tisch legte. Der Oberkassier schien diesen Pass für
nebensächlich zu halten, denn er schnippte ihn mit zwei Fingern beiseite, worauf
Karl, als sei diese Formalität zur Zufriedenheit erledigt, den Pass wieder
einsteckte.
    »Ich erlaube mir zu sagen«, begann er dann, »dass meiner Meinung nach dem
Herrn Heizer Unrecht geschehen ist. Es ist hier ein gewisser Schubal, der ihm
aufsjetzt. Er selbst hat schon auf vielen Schiffen, die er Ihnen alle nennen
kann, zur vollständigen Zufriedenheit gedient, ist fleissig, meint es mit seiner
Arbeit gut, und es ist wirklich nicht einzusehen, warum er gerade auf diesem
Schiff, wo doch der Dienst nicht so übermässig schwer ist, wie zum Beispiel auf
Handelsseglern, schlecht entsprechen sollte. Es kann daher nur Verleumdung sein,
die ihn in seinem Vorwärtskommen hindert und ihn um die Anerkennung bringt, die
ihm sonst ganz bestimmt nicht fehlen würde. Ich habe nur das Allgemeine über
diese Sache gesagt, seine besonderen Beschwerden wird er Ihnen selbst
vorbringen.« Karl hatte sich mit dieser Rede an alle Herren gewendet, weil ja
tatsächlich auch alle zuhörten und es viel wahrscheinlicher schien, dass sich
unter allen zusammen ein Gerechter vorfand, als dass dieser Gerechte gerade der
Oberkassier sein sollte. Aus Schlauheit hatte ausserdem Karl verschwiegen, dass er
den Heizer erst so kurze Zeit kannte. Im übrigen hätte er noch viel besser
gesprochen, wenn er nicht durch das rote Gesicht des Herrn mit dem
Bambusstöckchen beirrt worden wäre, das er von seinem jetzigen Standort zum
erstenmal sah.
    »Es ist alles Wort für Wort richtig«, sagte der Heizer, ehe ihn noch jemand
gefragt, ja ehe man noch überhaupt auf ihn hingesehen hatte. Diese Übereilteit
des Heizers wäre ein grosser Fehler gewesen, wenn nicht der Herr mit den Orden,
der, wie es jetzt Karl aufleuchtete, jedenfalls der Kapitän war, offenbar mit
sich bereits übereingekommen wäre, den Heizer anzuhören. Er streckte nämlich die
Hand aus und rief dem Heizer zu: »Kommen Sie her!« mit einer Stimme, fest, um
mit einem Hammer darauf zu schlagen. Jetzt hing alles vom Benehmen des Heizers
ab, denn was die Gerechtigkeit seiner Sache anlangte, an der zweifelte Karl
nicht.
    Glücklicherweise zeigte sich bei dieser Gelegenheit, dass der Heizer schon
viel in der Welt herumgekommen war. Musterhaft ruhig nahm er aus seinem
Köfferchen mit dem ersten Griff ein Bündelchen Papiere sowie ein Notizbuch, ging
damit, als verstünde sich das von selbst, unter vollständiger Vernachlässigung
des Oberkassiers, zum Kapitän und breitete auf dem Fensterbrett seine
Beweismittel aus. Dem Oberkassier blieb nichts übrig, als sich selbst
hinzubemühn. »Der Mann ist ein bekannter Querulant«, sagte er zur Erklärung, »er
ist mehr in der Kassa als im Maschinenraum. Er hat Schubal, diesen ruhigen
Menschen, ganz zur Verzweiflung gebracht. Hören Sie einmal!« wandte er sich an
den Heizer, »Sie treiben Ihre Zudringlichkeit doch schon wirklich zu weit. Wie
oft hat man Sie schon aus den Auszahlungsräumen hinausgeworfen, wie Sie es mit
Ihren ganz vollständig und ausnahmslos unberechtigten Forderungen verdienen! Wie
oft sind Sie von dort in die Hauptkassa gelaufen gekommen! Wie oft hat man Ihnen
im guten gesagt, dass Schubal Ihr unmittelbarer Vorgesetzter ist, mit dem allein
Sie sich als ein Untergebener abzufinden haben! Und jetzt kommen Sie gar noch
her, wenn der Herr Kapitän da ist, schämen sich nicht, sogar ihn zu belästigen,
sondern entblöden sich nicht einmal, als eingelernten Stimmführer Ihrer
abgeschmackten Beschuldigungen diesen Kleinen mitzubringen, den ich überhaupt
zum erstenmal auf dem Schiffe sehe!«
    Karl hielt sich mit Gewalt zurück, vorzuspringen. Aber schon war auch der
Kapitän da, welcher sagte: »Hören wir den Mann doch einmal an. Der Schubal wird
mir sowieso mit der Zeit viel zu selbständig, womit ich aber nichts zu Ihren
Gunsten gesagt haben will.« Das letztere galt dem Heizer, es war nur natürlich,
dass er sich nicht sofort für ihn einsetzen konnte, aber alles schien auf dem
richtigen Wege. Der Heizer begann seine Erklärungen und überwand sich gleich am
Anfang, indem er Schubal mit »Herr« titulierte. Wie freute sich Karl am
verlassenen Schreibtisch des Oberkassiers, wo er eine Briefwaage immer wieder
niederdrückte vor lauter Vergnügen. - Herr Schubal ist ungerecht! Herr Schubal
bevorzugt die Ausländer! Herr Schubal verwies den Heizer aus dem Maschinenraum
und liess ihn Klosette reinigen, was doch gewiss nicht des Heizers Sache war! -
Einmal wurde sogar die Tüchtigkeit des Herrn Schubal angezweifelt, die eher
scheinbar als wirklich vorhanden sein sollte. Bei dieser Stelle starrte Karl mit
aller Kraft den Kapitän an, zutunlich, als sei er sein Kollege, nur damit er
sich durch die etwas ungeschickte Ausdrucksweise des Heizers nicht zu dessen
Ungunsten beeinflussen lasse. Immerhin erfuhr man aus den vielen Reden nichts
Eigentliches, und wenn auch der Kapitän noch immer vor sich hinsah, in den Augen
die Entschlossenheit, den Heizer diesmal bis zu Ende anzuhören, so wurden doch
die anderen Herren ungeduldig, und die Stimme des Heizers regierte bald nicht
mehr unumschränkt in dem Raume, was manches befürchten liess. Als erster setzte
der Herr in Zivil sein Bambusstöckchen in Tätigkeit und klopfte, wenn auch nur
leise, auf das Parkett. Die anderen Herren sahen natürlich hie und da hin, die
Herren von der Hafenbehörde, die offenbar pressiert waren, griffen wieder zu den
Akten und begannen, wenn auch noch etwas geistesabwesend, sie durchzusehen, der
Schiffsoffizier rückte seinen Tisch wieder näher, und der Oberkassier, der
gewonnenes Spiel zu haben glaubte, seufzte aus Ironie tief auf. Von der
allgemein eintretenden Zerstreuung schien nur der Diener bewahrt, der von den
Leiden des unter die Grossen gestellten armen Mannes einen Teil mitfühlte und
Karl ernst zunickte, als wolle er damit etwas erklären.
    Inzwischen ging vor den Fenstern das Hafenleben weiter, ein flaches
Lastschiff mit einem Berg von Fässern, die wunderbar verstaut sein mussten, dass
sie nicht ins Rollen kamen, zog vorüber und erzeugte in dem Zimmer fast
Dunkelheit; kleine Motorboote, die Karl jetzt, wenn er Zeit gehabt hätte, genau
hätte ansehen können, rauschten nach den Zuckungen der Hände eines am Steuer
aufrecht stehenden Mannes schnurgerade dahin! Eigentümliche Schwimmkörper
tauchten hie und da selbständig aus dem ruhelosen Wasser, wurden gleich wieder
überschwemmt und versanken vor dem erstaunten Blick; Boote der Ozeandampfer
wurden von heiss arbeitenden Matrosen vorwärtsgerudert und waren voll von
Passagieren, die darin, so wie man sie hineingezwängt hatte, still und
erwartungsvoll sassen, wenn es auch manche nicht unterlassen konnten, die Köpfe
nach den wechselnden Szenerien zu drehen. Eine Bewegung ohne Ende, eine Unruhe,
übertragen von dem unruhigen Element auf die hilflosen Menschen und ihre Werke!
    Aber alles mahnte zur Eile, zur Deutlichkeit, zu ganz genauer Darstellung;
aber was tat der Heizer? Er redete sich allerdings in Schweiss, die Papiere auf
dem Fenster konnte er längst mit seinen zitternden Händen nicht mehr halten; aus
allen Himmelsrichtungen strömten ihm Klagen über Schubal zu, von denen seiner
Meinung nach jede einzelne genügt diesen Schubal vollständig zu begraben, aber
was er dem Kapitän vorzeigen konnte, war nur ein trauriges Durcheinanderstrudeln
aller insgesamt. Längst schon pfiff der Herr mit dem Bambusstöckchen schwach zur
Decke hinauf, die Herren von der Hafenbehörde hielten schon den Offizier an
ihrem Tisch und machten keine Miene, ihn je wieder loszulassen, der Oberkassier
wurde sichtlich nur durch die Ruhe des Kapitäns vor dem Dreinfahren
zurückgehalten, der Diener erwartete in Habachtstellung jeden Augenblick einen
auf den Heizer bezüglichen Befehl seines Kapitäns.
    Da konnte Karl nicht mehr untätig bleiben. Er ging also langsam zu der
Gruppe hin und überlegte im Gehen nur desto schneller, wie er die Sache
möglichst geschickt angreifen könnte. Es war wirklich höchste Zeit, noch ein
kleines Weilchen nur, und sie konnten ganz gut beide aus dem Büro fliegen. Der
Kapitän mochte ja ein guter Mann sein und überdies gerade jetzt, wie es Karl
schien, irgendeinen besonderen Grund haben, sich als gerechter Vorgesetzter zu
zeigen, aber schliesslich war er kein Instrument, das man in Grund und Boden
spielen konnte - und gerade so behandelte ihn der Heizer, allerdings aus seinem
grenzenlos empörten Innern heraus.
    Karl sagte also zum Heizer: »Sie müssen das einfacher erzählen, klarer, der
Herr Kapitän kann es nicht würdigen, so wie Sie es ihm erzählen. Kennt er denn
alle Maschinisten Laufburschen beim Namen oder gar beim Taufnamen, dass er, wenn
Sie nur einen solchen Namen aussprechen, gleich wissen kann, um wen es sich
handelt? Ordnen Sie doch Ihre Beschwerden, sagen Sie die wichtigste zuerst und
absteigend die anderen, vielleicht wird es dann überhaupt nicht mehr nötig sein,
die meisten auch nur zu erwähnen. Mir haben Sie es doch immer so klar
dargestellt!« Wenn man in Amerika Koffer stehlen kann, kann man auch hie und da
lügen, dachte er zur Entschuldigung.
    Wenn es aber nur geholfen hätte! Ob es nicht auch schon zu spät war? Der
Heizer unterbrach sich zwar sofort, als er die bekannte Stimme hörte, aber mit
seinen Augen, die ganz von Tränen der beleidigten Mannesehre, der schrecklichen
Erinnerungen, der äussersten gegenwärtigen Not verdeckt waren, konnte er Karl
schon nicht einmal mehr gut erkennen. Wie sollte er auch jetzt - Karl sah das
schweigend vor dem jetzt Schweigenden wohl ein -, wie sollte er auch jetzt
plötzlich seine Redeweise ändern, da es ihm doch schien, als hätte er alles was
zu sagen war, ohne die geringste Anerkennung schon vorgebracht und als habe er
andererseits noch gar nichts gesagt und könne doch den Herren jetzt nicht
zumuten, noch alles anzuhören. Und in einem solchen Zeitpunkt kommt noch Karl,
sein einziger Anhänger, daher, will ihm gute Lehren geben, zeigt ihm aber statt
dessen, dass alles, alles verloren ist.
    Wäre ich früher gekommen, statt aus dem Fenster zu schauen, sagte sich Karl,
senkte vor dem Heizer das Gesicht und schlug die Hände an die Hosennaht, zum
Zeichen des Endes jeder Hoffnung.
    Aber der Heizer missverstand das, witterte wohl in Karl irgendwelche geheimen
Vorwürfe gegen sich, und in der guten Absicht, sie ihm auszureden, fing er zur
Krönung seiner Taten mit Karl jetzt zu streiten an. Jetzt, wo doch die Herren am
runden Tisch längst empört über den nutzlosen Lärm waren, der ihre wichtigen
Arbeiten störte, wo der Hauptkassier allmählich die Geduld des Kapitäns
unverständlich fand und zum sofortigen Ausbruch neigte, wo der Diener, ganz
wieder in der Sphäre seiner Herren, den Heizer mit wildem Blicke mass, und wo
endlich der Herr mit dem Bambusstöckchen, zu welchem sogar der Kapitän hie und
da freundlich hinübersah, schon gänzlich abgestumpft gegen den Heizer, ja von
ihm angewidert, ein kleines Notizbuch hervorzog und, offenbar mit ganz anderen
Angelegenheiten beschäftigt, die Augen zwischen dem Notizbuch und Karl hin und
her wandern liess.
    »Ich weiss ja«, sagte Karl, der Mühe hatte, den jetzt gegen ihn gekehrten
Schwall des Heizers abzuwehren, trotzdem aber quer durch allen Streit noch ein
Freundeslächeln für ihn übrig hatte, »Sie haben recht, recht, ich habe ja nie
daran gezweifelt.« Er hätte ihm gern aus Furcht vor Schlägen die herumfahrenden
Hände gehalten, noch lieber allerdings ihn in einen Winkel gedrängt, um ihm ein
paar leise, beruhigende Worte zuzuflüstern, die niemand sonst hätte hören
müssen. Aber der Heizer war ausser Rand und Band. Karl begann jetzt schon sogar
aus dem Gedanken eine Art Trost zu schöpfen, dass der Heizer im Notfall mit der
Kraft seiner Verzweiflung alle anwesenden sieben Männer bezwingen könne.
Allerdings lag auf dem Schreibtisch, wie ein Blick dortin lehrte, ein Aufsatz
mit viel zu vielen Druckknöpfen der elektrischen Leitung; und eine Hand, einfach
auf sie niedergedrückt, konnte das ganze Schiff mit allen seinen von feindlichen
Menschen gefüllten Gängen rebellisch machen.
    Da trat der doch so uninteressierte Herr mit dem Bambusstöckchen auf Karl zu
und fragte, nicht überlaut, aber deutlich über allem Geschrei des Heizers: »Wie
heissen Sie denn eigentlich?« In diesem Augenblick, als hätte jemand hinter der
Tür auf diese Äusserung des Herrn gewartet, klopfte es. Der Diener sah zum
Kapitän hinüber, dieser nickte. Daher ging der Diener zur Tür und öffnete sie.
Draussen stand in einem alten Kaiserrock ein Mann von mittleren Proportionen,
seinem Ansehen nach nicht eigentlich zur Arbeit an den Maschinen geeignet, und
war doch - Schubal. Wenn es Karl nicht an aller Augen erkannt hätte, die eine
gewisse Befriedigung ausdrückten, von der nicht einmal der Kapitän frei war, er
hätte es zu seinem Schrecken am Heizer sehen müssen, der die Fäuste an den
gestrafften Armen so ballte, als sei diese Ballung das Wichtigste an ihm, dem er
alles, was er an Leben habe, zu opfern bereit sei. Da steckte jetzt alle seine
Kraft, auch die, welche ihn überhaupt aufrecht erhielt.
    Und da war also der Feind, frei und frisch im Festanzug, unter dem Arm ein
Geschäftsbuch, wahrscheinlich die Lohnlisten und Arbeitsausweise des Heizers,
und sah mit dem ungescheuten Zugeständnis, dass er die Stimmung jedes einzelnen
vor allem feststellen wolle, in aller Augen der Reihe nach. Die sieben waren
auch schon alle seine Freunde, denn wenn auch der Kapitän früher gewisse
Einwände gegen ihn gehabt oder vielleicht nur vorgeschützt hatte, nach dem Leid,
das ihm der Heizer angetan hatte, schien ihm wahrscheinlich an Schubal auch das
Geringste nicht mehr auszusetzen. Gegen einen Mann wie den Heizer konnte man
nicht streng genug verfahren, und wenn dem Schubal etwas vorzuwerfen war, so war
es der Umstand, dass er die Widerspenstigkeit des Heizers im Laufe der Zeit nicht
so weit hatte brechen können, dass es dieser heute noch gewagt hatte, vor dem
Kapitän zu erscheinen.
    Nun konnte man ja vielleicht noch annehmen, die Gegenüberstellung des
Heizers und Schubals werde die ihr vor einem höheren Forum zukommende Wirkung
auch vor den Menschen nicht verfehlen, denn wenn sich auch Schubal gut
verstellen konnte, er musste es doch durchaus nicht bis zum Ende aushalten
können. Ein kurzes Aufblitzen seiner Schlechtigkeit sollte genügen, um sie den
Herren sichtbar zu machen, dafür wollte Karl schon sorgen. Er kannte doch schon
beiläufig den Scharfsinn, die Schwächen, die Launen der einzelnen Herren, und
unter diesem Gesichtspunkt war die bisher hier verbrachte Zeit nicht verloren.
Wenn nur der Heizer besser auf dem Platz gewesen wäre, aber der schien
vollständig kampfunfähig. Wenn man ihm den Schubal hingehalten hätte, hätte er
wohl dessen gehassten Schädel mit den Fäusten aufklopfen können. Aber schon die
paar Schritte zu ihm hinzugehen, war er wohl kaum imstande. Warum hatte denn
Karl das so leicht Vorauszusehende nicht vorausgesehen, dass Schubal endlich
kommen müsse, wenn nicht aus eigenem Antrieb, so vom Kapitän gerufen. Warum
hatte er auf dem Herweg mit dem Heizer nicht einen genauen Kriegsplan
besprochen, statt, wie sie es in Wirklichkeit getan hatten, heillos
unvorbereitet einfach dort einzutreten, wo eine Tür war? Konnte der Heizer
überhaupt noch reden, ja und nein sagen, wie es bei dem Kreuzverhör, das
allerdings nur im günstigsten Fall bevorstand, nötig sein würde? Er stand da,
die Beine auseinandergestellt, die Knie unsicher, den Kopf etwas gehoben, und
die Luft verkehrte durch den offenen Mund, als gäbe es innen keine Lungen mehr
die sie verarbeiteten. Karl allerdings fühlte sich so kräftig und bei Verstand,
wie er es vielleicht zu Hause niemals gewesen war. Wenn ihn doch seine Eltern
sehen könnten, wie er in fremdem Land vor angesehenen Persönlichkeiten das Gute
verfocht und, wenn er es auch noch nicht zum Siege gebracht hatte, so doch zur
letzten Eroberung sich vollkommen bereitstellte! Würden sie ihre Meinung über
ihn revidieren? Ihn zwischen sich niedersetzen und loben? Ihm einmal, einmal in
die ihnen so ergebenen Augen sehn? Unsichere Fragen und ungeeignetster
Augenblick, sie zu stellen!
    »Ich komme, weil ich glaube, dass mich der Heizer irgendwelcher
Unredlichkeiten beschuldigt. Ein Mädchen aus der Küche sagte mir, sie hätte ihn
auf dem Wege hierher gesehen. Herr Kapitän und Sie alle meine Herren, ich bin
bereit, jede Beschuldigung an der Hand meiner Schriften, nötigenfalls durch
Aussagen unvoreingenommener und unbeeinflusster Zeugen, die vor der Türe stehen,
zu widerlegen.« So sprach Schubal. Das war allerdings die klare Rede eines
Mannes, und nach der Veränderung in den Mienen der Zuhörer hätte man glauben
können, sie hörten zum erstenmal nach langer Zeit wieder menschliche Laute. Sie
bemerkten freilich nicht, dass selbst diese schöne Rede Löcher hatte. Warum war
das erste sachliche Wort, das ihm einfiel, »Unredlichkeiten«? Hätte vielleicht
die Beschuldigung hier einsetzen müssen, statt bei seinen nationalen
Voreingenommenheiten? Ein Mädchen aus der Küche hatte den Heizer auf dem Weg ins
Büro gesehen, und Schubal hatte sofort begriffen? War es nicht das
Schuldbewusstsein, das ihm den Verstand schärfte? Und Zeugen hatte er gleich
mitgebracht und nannte sie noch ausserdem unvoreingenommen und unbeeinflusst?
Gaunerei, nichts als Gaunerei! Und die Herren duldeten das und anerkannten es
noch als richtiges Benehmen? Warum hatte er zweifellos sehr viel Zeit zwischen
der Meldung des Küchenmädchens und seiner Ankunft hier verstreichen lassen? Doch
zu keinem anderen Zwecke, als damit der Heizer die Herren so ermüde, dass sie
allmählich ihre klare Urteilskraft verlören, welche Schubal vor allem zu
fürchten hatte. Hatte er, der sicher schon lange hinter der Tür gestanden, nicht
erst im Augenblick geklopft, als er infolge der nebensächlichen Frage jenes
Herrn hoffen durfte, der Heizer sei erledigt?
    Alles war klar und wurde ja auch von Schubal wider Willen so dargeboten,
aber den Herrn musste man es anders, noch handgreiflicher zeigen. Sie brauchten
Aufrüttelung. Also, Karl, rasch, nütze wenigstens die Zeit aus, ehe die Zeugen
auftreten und alles überschwemmen!
    Eben aber winkte der Kapitän dem Schubal ab, der darauf hin sofort - denn
seine Angelegenheit schien für ein Weilchen aufgeschoben zu sein - beiseitetrat
und mit dem Diener, der sich ihm gleich angeschlossen hatte, eine leise
Unterhaltung begann, bei der es an Seitenblicken nach dem Heizer und Karl sowie
an den überzeugtesten Handbewegungen nicht fehlte. Schubal schien so seine
nächste Rede einzuüben.
    »Wollten Sie nicht den jungen Menschen etwas fragen, Herr Jakob?« sagte der
Kapitän unter allgemeiner Stille zu dem Herrn mit dem Bambusstöckchen.
    »Allerdings«, sagte dieser, mit einer kleinen Neigung für die Aufmerksamkeit
dankend. Und fragte dann Karl nochmals: »Wie heissen Sie eigentlich?«
    Karl, welcher glaubte, es sei im Interesse der grossen Hauptsache gelegen,
wenn dieser Zwischenfall des hartnäckigen Fragers bald erledigt würde,
antwortete kurz, ohne, wie es seine Gewohnheit war, durch Vorweisung des Passes
sich vorzustellen, den er erst hätte suchen müssen: »Karl Rossmann.«
    »Aber«, sagte der mit Jakob Angesprochene und trat zuerst fast ungläubig
lächelnd zurück. Auch der Kapitän, der Oberkassier, der Schiffsoffizier, ja
sogar der Diener zeigten deutlich ein übermässiges Erstaunen wegen Karls Namen.
Nur die Herren von der Hafenbehörde und Schubal verhielten sich gleichgültig.
    »Aber«, wiederholte Herr Jakob und trat mit etwas steifen Schritten auf Karl
zu, »dann bin ich ja dein Onkel Jakob, und du bist mein lieber Neffe. Ahnte ich
es doch die ganze Zeit über!« sagte er zum Kapitän hin, ehe er Karl umarmte und
küsste, der alles stumm geschehen liess.
    »Wie heissen Sie?« fragte Karl, nachdem er sich losgelassen fühlte, zwar sehr
höflich, aber gänzlich ungerührt, und strengte sich an, die Folgen abzusehen,
welche dieses neue Ereignis für den Heizer haben dürfte. Vorläufig deutete
nichts darauf hin, dass Schubal aus dieser Sache Nutzen ziehen könnte.
    »Begreifen Sie doch, junger Mann, Ihr Glück«, sagte der Kapitän, der durch
Karls Frage die Würde der Person des Herrn Jakob verletzt glaubte, der sich zum
Fenster gestellt hatte, offenbar, um sein aufgeregtes Gesicht, das er überdies
mit einem Taschentuch betupfte, den andern nicht zeigen zu müssen. »Es ist der
Senator Edward Jakob, der sich Ihnen als Ihr Onkel zu erkennen gegeben hat. Es
erwartet Sie nunmehr, doch wohl ganz gegen Ihre bisherigen Erwartungen, eine
glänzende Laufbahn. Versuchen Sie das einzusehen, so gut es im ersten Augenblick
geht, und fassen Sie sich!«
    »Ich habe allerdings einen Onkel Jakob in Amerika«, sagte Karl zum Kapitän
gewendet, » aber wenn ich recht verstanden habe, ist Jakob bloss der Zuname des
Herrn Senators.«
    »So ist es«, sagte der Kapitän erwartungsvoll.
    »Nun, mein Onkel Jakob, welcher der Bruder meiner Mutter ist, heisst aber mit
dem Taufnamen Jakob, während sein Zuname natürlich gleich jenem meiner Mutter
lauten müsste, welche eine geborene Bendelmayer ist.«
    »Meine Herren!« rief der Senator, der von seinem Erholungsposten vom Fenster
munter zurückkehrte, mit Bezug auf Karls Erklärung aus. Alle mit Ausnahme der
Hafenbeamten brachen in Lachen aus, manche wie in Rührung, manche
undurchdringlich.
    So lächerrlich war das, was ich gesagt habe, doch keineswegs, dachte Karl.
    »Meine Herren«, wiederholte der Senator, »Sie nehmen gegen meinen und gegen
Ihren Willen an einer kleinen Familienszene teil, und ich kann deshalb nicht
umhin, Ihnen eine Erläuterung zu geben, da, wie ich glaube, nur der Herr
Kapitän« - diese Erwähnung hatte eine gegenseitige Verbeugung zur Folge -
»vollständig unterrichtet ist.« Jetzt muss ich aber wirklich auf jedes Wort
achtgeben, sagte sich Karl und freute sich, als er bei einem Seitwärtsschauen
bemerkte, dass in die Figur des Heizers das Leben zurückzukehren begann.
    »Ich lebe seit allen den langen Jahren meines amerikanischen Aufentaltes -
das Wort Aufentalt passt hier allerdings schlecht für den amerikanischen Bürger,
der ich mit ganzer Seele bin -, seit allen den langen Jahren lebe ich also von
meinen europäischen Verwandten vollständig getrennt, aus Gründen, die erstens
nicht hierhergehören und die zweitens zu erzählen mich wirklich zu sehr
hernehmen würde. Ich fürchte mich sogar vor dem Augenblick, wo ich vielleicht
gezwungen sein werde, sie meinem lieben Neffen zu erzählen, wobei sich leider
ein offenes Wort über seine Eltern und ihren Anhang nicht vermeiden lassen
wird.«
    Es ist mein Onkel, kein Zweifel, sagte sich Karl und lauschte.
Wahrscheinlich hat er seinen Namen ändern lassen.
    »Mein lieber Neffe ist nun von seinen Eltern - sagen wir nur das Wort, das
die Sache auch wirklich bezeichnet einfach beiseitegeschaft worden, wie man
eine Katze vor die Tür wirft, wenn sie ärgert. Ich will durchaus nicht
beschönigen, was mein Neffe gemacht hat, dass er so gestraft wurde, aber sein
Verschulden ist ein solches, dass sein einfaches Nennen schon genug
Entschuldigung entält.«
    Das lässt sich hören, dachte Karl, aber ich will nicht, dass er alles erzählt.
Übrigens kann er es ja auch nicht wissen. Woher denn?
    »Er wurde nämlich«, fuhr der Onkel fort und stützte sich mit kleinen
Neigungen auf das vor ihm eingestemmte Bambusstöckchen, wodurch es ihm
tatsächlich gelang, der Sache die unnötige Feierlichkeit zu nehmen, die sie
sonst unbedingt gehabt hätte, »er wurde nämlich von einem Dienstmädchen, Johanna
Brummer, einer etwa fünfunddreissigjährigen Person, verführt. Ich will mit dem
Worte verführt meinen Neffen durchaus nicht kränken, aber es ist doch schwer,
ein anderes, gleich passendes Wort zu finden.«
    Karl, der schon ziemlich nahe zum Onkel getreten war, drehte sich um, um den
Eindruck der Erzählung von den Gesichtern der Anwesenden abzulesen. Keiner
lachte, alle hörten geduldig und ernstaft zu. Schliesslich lacht man auch nicht
über den Neffen eines Senators bei der ersten Gelegenheit, die sich darbietet.
Eher hätte man schon sagen können, dass der Heizer, wenn auch nur ganz wenig,
Karl anlächelte, was aber erstens als neues Lebenszeichen erfreulich und
zweitens entschuldbar war, da ja Karl in der Kabine aus dieser Sache, die jetzt
so publik wurde, ein besonderes Geheimnis hatte machen wollen.
    »Nun hat diese Brummer«, setzte der Onkel fort, »von meinem Neffen ein Kind
bekommen, einen gesunden Jungen, welcher in der Taufe den Namen Jakob erhielt,
zweifellos in Gedanken an meine Wenigkeit, welche, selbst in den sicher nur ganz
nebensächlichen Erwähnungen meines Neffen, auf das Mädchen einen grossen Eindruck
gemacht haben muss. Glücklicherweise, sage ich. Denn da die Eltern zur Vermeidung
der Alimentenzahlung oder sonstigen bis an sie selbst heranreichenden Skandals -
ich kenne, wie ich betonen muss, weder die dortigen Gesetze noch die sonstigen
Verhältnisse der Eltern-, da sie also zur Vermeidung der Alimentenzahlung und
des Skandals ihren Sohn, meinen lieben Neffen, nach Amerika haben transportieren
lassen, mit unverantwortlich ungenügender Ausrüstung, wie man sieht, so wäre der
Junge, ohne die gerade noch in Amerika lebendigen Zeichen und Wunder, auf sich
allein angewiesen, wohl schon gleich in einem Gässchen im Hafen von New York
verkommen, wenn nicht jenes Dienstmädchen in einem an mich gerichteten Brief,
der nach langen Irrfahrten vorgestern in meinen Besitz kam, mir die ganze
Geschichte samt Personenbeschreibung meines Neffen und vernünftigerweise auch
Namensnennung des Schiffes mitgeteilt hätte. Wenn ich es darauf angelegt hätte,
Sie, meine Herren, zu unterhalten, könnte ich wohl einige Stellen jenes Briefes«
- er zog zwei riesige, engbeschriebene Briefbogen aus der Tasche und schwenkte
sie - »hier vorlesen. Er würde sicher Wirkung machen, da er mit einer etwas
einfachen, wenn auch immer gutgemeinten Schlauheit und mit viel Liebe zu dem
Vater des Kindes geschrieben ist. Aber ich will weder Sie mehr unterhalten, als
es zur Aufklärung nötig ist, noch vielleicht gar zum Empfang möglicherweise noch
bestehende Gefühle meines Neffen verletzen, der den Brief, wenn er mag, in der
Stille seines ihn schon erwartenden Zimmers zur Belehrung lesen kann.«
    Karl hatte aber keine Gefühle für jenes Mädchen. Im Gedränge einer immer
mehr zurücktretenden Vergangenheit sass sie in ihrer Küche neben dem
Küchenschrank, auf dessen Platte sie ihren Ellbogen stützte. Sie sah ihn an,
wenn er hin und wieder in die Küche kam, um ein Glas zum Wassertrinken für
seinen Vater zu holen oder einen Auftrag seiner Mutter auszurichten. Manchmal
schrieb sie in der vertrackten Stellung seitlich vom Küchenschrank einen Brief
und holte sich die Eingebungen von Karls Gesicht. Manchmal hielt sie die Augen
mit der Hand verdeckt, dann drang keine Anrede zu ihr. Manchmal kniete sie in
ihrem engen Zimmerchen neben der Küche und betete zu einem hölzernen Kreuz; Karl
beobachtete sie dann nur mit Scheu im Vorübergehen durch die Spalte der ein
wenig geöffneten Tür. Manchmal jagte sie in der Küche herum und fuhr, wie eine
Hexe lachend, zurück, wenn Karl ihr in den Weg kam. Manchmal schloss sie die
Küchentüre, wenn Karl eingetreten war, und behielt die Klinke so lange in der
Hand, bis er wegzugehn verlangte. Manchmal holte sie Sachen, die er gar nicht
haben wollte, und drückte sie ihm schweigend in die Hände. Einmal aber sagte sie
»Karl« und führte ihn, der noch über die unerwartete Ansprache staunte, unter
Grimassen seufzend in ihr Zimmerchen, das sie zusperrte. Würgend umarmte sie
seinen Hals, und während sie ihm bat, sie zu entkleiden, entkleidete sie in
Wirklichkeit ihn und legte ihn in ihr Bett, als wolle sie ihn von jetzt
niemandem mehr lassen und ihn streicheln und pflegen bis zum Ende der Welt.
    »Karl, o du mein Karl!« rief sie, als sähe sie ihn und bestätige sich seinen
Besitz, während er nicht das Geringste sah und sich unbehaglich in dem vielen
warmen Bettzeug fühlte, das sie eigens für ihn aufgehäuft zu haben schien.
    Dann legte sie sich auch zu ihm und wollte irgendwelche Geheimnisse von ihm
erfahren, aber er konnte ihr keine sagen, und sie ärgerte sich im Scherz oder
Ernst, schüttelte ihn, horchte sein Herz ab, bot ihre Brust zum gleichen
Abhorchen hin, wozu sie Karl aber nicht bringen konnte, drückte ihren nackten
Bauch an seinen Leib, suchte mit jeder Hand, so widerlich, dass Karl Kopf und
Hals aus den Kissen herausschüttelte, zwischen seinen Beinen, stiess dann den
Bauch einige Male gegen ihn, - ihm war, als sei sie ein Teil seiner selbst, und
vielleicht aus diesem Grunde hatte ihn eine entsetzliche Hilfsbedürftigkeit
ergriffen. Weinend kam er endlich nach vielen Wiedersehenswünschen ihrerseits in
sein Bett. Das war alles gewesen, und doch verstand es der Onkel, daraus eine
grosse Geschichte zu machen. Und die Köchin hatte also auch an ihn gedacht und
den Onkel von seiner Ankunft verständigt. Das war schön von ihr gehandelt, und
er würde es ihr wohl noch einmal vergelten.
    »Und jetzt«, rief der Senator, »will ich von dir offen hören, ob ich dein
Onkel bin oder nicht.«
    »Du bist mein Onkel«, sagte Karl und küsste ihm die Hand und wurde dafür auf
die Stirne geküsst. »Ich bin sehr froh, dass ich dich getroffen habe, aber du
irrst, wenn du glaubst, dass meine Eltern nur Schlechtes von dir reden. Aber auch
abgesehen davon sind in deiner Rede einige Fehler entalten gewesen, das heisst,
ich meine, es hat sich in Wirklichkeit nicht alles so zugetragen. Du kannst aber
auch wirklich von hier aus die Dinge nicht so gut beurteilen, und ich glaube
ausserdem, dass es keinen besonderen Schaden bringen wird, wenn die Herren in
Einzelheiten einer Sache, an der ihnen doch wirklich nicht viel liegen kann, ein
wenig unrichtig informiert worden sind.«
    »Wohl gesprochen«, sagte der Senator, führte Karl vor den sichtlich
teilnehmenden Kapitän und fragte: »Habe ich nicht einen prächtigen Neffen?«
    »Ich bin glücklich«, sagte der Kapitän mit einer Verbeugung, wie sie nur
militärisch geschulte Leute zustandebringen, »Ihren Neffen, Herr Senator,
kennengelernt zu haben. Es ist eine besondere Ehre für mein Schiff, dass es den
Ort eines solchen Zusammentreffens abgeben konnte. Aber die Fahrt im
Zwischendeck war wohl sehr arg, ja, wer kann denn wissen, wer da mitgeführt
wird. Nun, wir tun alles mögliche, den Leuten im Zwischendeck die Fahrt
möglichst zu erleichtern, viel mehr zum Beispiel als die amerikanischen Linien,
aber eine solche Fahrt zu einem Vergnügen zu machen, ist uns allerdings noch
immer nicht gelungen.«
    »Es hat mir nicht geschadet«, sagte Karl.
    »Es hat ihm nicht geschadet!« wiederholte laut lachend der Senator.
    »Nur meinen Koffer fürchte ich verloren zu-« und damit erinnerte er sich an
alles, was geschehen war und was noch zu tun übrigblieb, sah sich um und
erblickte alle Anwesenden stumm vor Achtung und Staunen auf ihren früheren
Plätzen, die Augen auf ihn gerichtet. Nur den Hafenbeamten sah man, soweit ihre
strengen, selbstzufriedenen Gesichter einen Einblick gestatteten, das Bedauern
an, zu so ungelegener Zeit gekommen zu sein, und die Taschenuhr, die sie jetzt
vor sich liegen hatten, war ihnen wahrscheinlich wichtiger als alles, was im
Zimmer vorging und vielleicht noch geschehen konnte.
    Der erste, welcher nach dem Kapitän seine Anteilnahme ausdrückte, war
merkwürdigerweise der Heizer.
    »Ich gratuliere Ihnen herzlich«, sagte er und schüttelte Karl die Hand,
womit er auch etwas wie Anerkennung ausdrücken wollte. Als er sich dann mit der
gleichen Ansprache auch an den Senator wenden wollte, trat dieser zurück, als
überschreite der Heizer damit seine Rechte; der Heizer liess auch sofort ab.
    Die übrigen aber sahen jetzt ein, was zu tun war, und bildeten gleich um
Karl und den Senator einen Wirrwarr. So geschah es, dass Karl sogar eine
Gratulation Schubals erhielt, annahm und für sie dankte. Als letzte traten in
der wieder entstandenen Ruhe die Hafenbeamten hinzu und sagten zwei englische
Worte, was einen lächerlichen Eindruck machte.
    Der Senator war ganz in der Laune, um das Vergnügen vollständig auszukosten,
nebensächlichere Momente sich und den anderen in Erinnerung zu bringen, was
natürlich von allen nicht nur geduldet, sondern mit Interesse hingenommen wurde.
So machte er darauf aufmerksam, dass er sich die in dem Brief der Köchin
erwähnten hervorstechendsten Erkennungszeichen Karls in sein Notizbuch zu
möglicherweise notwendigem augenblicklichen Gebrauch eingetragen hatte. Nun
hatte er während des unerträglichen Geschwätzes des Heizers zu keinem anderen
Zweck, als um sich abzulenken, das Notizbuch herausgezogen und die natürlich
nicht gerade detektivisch richtigen Beobachtungen der Köchin mit Karls Aussehen
zum Spiel in Verbindung zu bringen gesucht. »Und so findet man seinen Neffen!«
schloss er in einem Ton, als wolle er noch einmal Gratulationen bekommen.
    »Was wird jetzt dem Heizer geschehen?« fragte Karl vorbei an der letzten
Erzählung des Onkels. Er glaubte in seiner neuen Stellung alles, was er dachte,
auch aussprechen zu können.
    »Dem Heizer wird geschehen, was er verdient«, sagte der Senator, »und was
der Herr Kapitän für gut erachtet. Ich glaube, wir haben von dem Heizer genug
und übergenug, wozu mir jeder der anwesenden Herren sicher zustimmen wird.«
    »Darauf kommt es doch nicht an, bei einer Sache der Gerechtigkeit«, sagte
Karl. Er stand zwischen dem Onkel und dem Kapitän und glaubte, vielleicht durch
diese Stellung beeinflusst, die Entscheidung in der Hand zu haben.
    Und trotzdem schien der Heizer nichts mehr für sich zu hoffen. Die Hände
hielt er halb in dem Hosengürtel, der durch seine aufgeregten Bewegungen mit dem
Streifen eines gemusterten Hemdes zum Vorschein gekommen war. Das kümmerte ihn
nicht im geringsten; er hatte sein ganzes Leid geklagt, nun sollte man auch noch
die paar Fetzen sehen, die er am Leibe hatte, und dann sollte man ihn
forttragen. Er dachte sich aus, der Diener und Schubal, als die zwei hier im
Range Tiefsten, sollten ihm diese letzte Güte erweisen. Schubal würde dann Ruhe
haben und nicht mehr in Verzweiflung kommen, wie sich der Oberkassier
ausgedrückt hatte. Der Kapitän würde lauter Rumänen anstellen können, es würde
überall Rumänisch gesprochen werden, und vielleicht würde dann wirklich alles
besser gehen. Kein Heizer würde mehr in der Hauptkassa schwätzen, nur sein
letztes Geschwätz würde man in ziemlich freundlicher Erinnerung behalten, da es,
wie der Senator ausdrücklich erklärt hatte, die mittelbare Veranlassung zur
Erkennung des Neffen gegeben hatte. Dieser Neffe hatte ihm übrigens vorher
öfters zu nützen gesucht und daher für seinen Dienst bei der Wiedererkennung
längst vorher einen mehr als genügenden Dank abgestattet; dem Heizer fiel gar
nicht ein, jetzt noch etwas von ihm zu verlangen. Im übrigen, mochte er auch der
Neffe des Senators sein, ein Kapitän war er noch lange nicht, aber aus dem Munde
des Kapitäns würde schliesslich das böse Wort fallen. - So wie es seiner Meinung
entsprach, versuchte auch der Heizer, nicht zu Karl hinzusehen, aber leider
blieb in diesem Zimmer der Feinde kein anderer Ruheort für seine Augen.
    »Missverstehe die Sachlage nicht«, sagte der Senator zu Karl, »es handelt
sich vielleicht um eine Sache der Gerechtigkeit, aber gleichzeitig um eine Sache
der Disziplin.
    Beides und ganz besonders das letztere unterliegt hier der Beurteilung des
Herrn Kapitäns.«
    »So ist es«, murmelte der Heizer. Wer es merkte und verstand, lächelte
befremdet.
    »Wir aber haben überdies den Herrn Kapitän in seinen Amtsgeschäften, die
sich sicher gerade bei der Ankunft in New York unglaublich häufen, so sehr schon
behindert, dass es höchste Zeit für uns ist, das Schiff zu verlassen, um nicht
zum Überfluss auch noch durch irgendwelche höchst unnötige Einmischung diese
geringfügige Zänkerei zweier Maschinisten zu einem Ereignis zu machen. Ich
begreife deine Handlungsweise, lieber Neffe, übrigens vollkommen, aber gerade
das gibt mir das Recht, dich eilends von hier fortzuführen.«
    »Ich werde sofort ein Boot für Sie flottmachen lassen«, sagte der Kapitän,
ohne zum Erstaunen Karls auch nur den kleinsten Einwand gegen die Worte des
Onkels vorzubringen, die doch zweifellos als eine Selbstdemütigung des Onkels
angesehen werden konnten. Der Oberkassier eilte überstürzt zum Schreibtisch und
telephonierte den Befehl des Kapitäns an den Bootsmeister.
    Die Zeit drängt schon, sagte sich Karl, aber ohne alle zu beleidigen, kann
ich nichts tun. Ich kann doch jetzt den Onkel nicht verlassen, nachdem er mich
kaum wiedergefunden hat. Der Kapitän ist zwar höflich, aber das ist auch alles.
Bei der Disziplin hört seine Höflichkeit auf, und der Onkel hat ihm sicher aus
der Seele gesprochen. Mit Schubal will ich nicht reden, es tut mir sogar leid,
dass ich ihm die Hand gereicht habe. Und alle anderen Leute hier sind Spreu.
    Und er ging langsam in solchen Gedanken zum Heizer, zog dessen rechte Hand
aus dem Gürtel und hielt sie spielend in der seinen.
    »Warum sagst du denn nichts?« fragte er. »Warum lässt du dir alles gefallen?«
    Der Heizer legte nur die Stirn in Falten, als suche er den Ausdruck für das,
was er zu sagen habe. Im übrigen sah er auf Karls und seine Hand hinab.
    »Dir ist ja unrecht geschehen wie keinem auf dem Schiff, das weiss ich ganz
genau.« Und Karl zog seine Finger hin und her zwischen den Fingern des Heizers,
der mit glänzenden Augen ringsumher schaute, als widerfahre ihm eine Wonne, die
ihm aber niemand verübeln möge.
    »Du musst dich aber zur Wehr setzen, ja und nein sagen, sonst haben doch die
Leute keine Ahnung von der Wahrheit. Du musst mir versprechen, dass du mir folgen
wirst, denn ich selbst, das fürchte ich mit vielem Grund, werde dir gar nicht
mehr helfen können.« Und nun weinte Karl, während er die Hand des Heizers küsste,
und nahm die rissige, fast leblose Hand und drückte sie an seine Wangen, wie
einen Schatz, auf den man verzichten muss. -
    Da war aber auch schon der Onkel Senator an seiner Seite und zog ihn, wenn
auch nur mit dem leichtesten Zwange, fort.
    »Der Heizer scheint dich bezaubert zu haben«, sagte er und sah
verständnisinnig über Karls Kopf zum Kapitän hin. »Du hast dich verlassen
gefühlt, da hast du den Heizer gefunden und bist ihm jetzt dankbar, das ist ja
ganz löblich. Treibe das aber, schon mir zuliebe, nicht zu weit und lerne deine
Stellung begreifen.«
    Vor der Tür entstand ein Lärmen, man hörte Rufe, und es war sogar, als werde
jemand brutal gegen die Türe gestossen. Ein Matrose trat ein, etwas verwildert,
und hatte eine Mädchenschürze umgebunden.
    »Es sind Leute draussen«, rief er und stiess einmal mit dem Ellbogen herum,
als sei er noch im Gedränge. Endlich fand er seine Besinnung und wollte vor dem
Kapitän salutieren, da bemerkte er die Mädchenschürze, riss sie herunter, warf
sie zu Boden und rief: »Das ist ja ekelhaft, da haben sie mir eine
Mädchenschürze umgebunden.« Dann aber klappte er die Hacken zusammen und
salutierte. Jemand versuchte zu lachen, aber der Kapitän sagte streng: »Das
nenne ich eine gute Laune. Wer ist denn draussen?«
    »Es sind meine Zeugen«, sagte Schubal vortretend, »ich bitte ergebenst um
Entschuldigung für ihr unpassendes Benehmen. Wenn die Leute die Seefahrt hinter
sich haben, sind sie manchmal wie toll«
    »Rufen Sie sie sofort herein!« befahl der Kapitän, und gleich sich zum
Senator umwendend, sagte er verbindlich, aber rasch: »Haben Sie jetzt die Güte,
verehrter Herr Senator, mit Ihrem Herrn Neffen diesem Matrosen zu folgen, der
Sie ins Boot bringen wird. Ich muss wohl nicht erst sagen, welches Vergnügen und
welche Ehre mir das persönliche Bekanntwerden mit Ihnen, Herr Senator, bereitet
hat. Ich wünsche mir nur, bald Gelegenheit zu haben, mit Ihnen, Herr Senator,
unser unterbrochenes Gespräch über die amerikanischen Flottenverhältnisse wieder
einmal aufnehmen zu können und dann vielleicht neuerdings auf so angenehme
Weise, wie heute, unterbrochen zu werden.«
    »Vorläufig genügt mir dieser eine Neffe«, sagte der Onkel lachend. »Und nun
nehmen Sie meinen besten Dank für Ihre Liebenswürdigkeit und leben Sie wohl. Es
wäre übrigens gar nicht so unmöglich, dass wir«, - er drückte Karl herzlich an
sich - »bei unserer nächsten Europareise vielleicht für längere Zeit mit Ihnen
zusammenkommen könnten.«
    »Es würde mich herzlich freuen«, sagte der Kapitän. Die beiden Herren
schüttelten einander die Hände, Karl konnte nur noch stumm und flüchtig seine
Hand dem Kapitän reichen, denn dieser war bereits von den vielleicht fünfzehn
Leuten in Anspruch genommen, welche unter Führung Schubals zwar etwas betroffen,
aber doch sehr laut einzogen. Der Matrose bat den Senator, vorausgehen zu
dürfen, und teilte dann die Menge für ihn und Karl, die leicht zwischen den sich
verbeugenden Leuten durchkamen. Es schien, dass diese im übrigen gutmütigen Leute
den Streit Schubals mit dem Heizer als einen Spass auffassten, dessen
Lächerlichkeit nicht einmal vor dem Kapitän aufhöre. Karl bemerkte unter ihnen
auch das Küchenmädchen Line, welche, ihm lustig zuzwinkernd, die vom Matrosen
hingeworfene Schürze umband, denn es war die ihre.
    Weiter dem Matrosen folgend, verliessen sie das Büro und bogen in einen
kleinen Gang ein, der sie nach ein paar Schritten zu einem Türchen brachte, von
dem aus eine kurze Treppe in das Boot hinabführte, welches für sie vorbereitet
war. Die Matrosen im Boot, in das ihr Führer gleich mit einem einzigen Satz
hinuntersprang, erhoben sich und salutierten. Der Senator gab Karl gerade eine
Ermahnung zu vorsichtigem Hinuntersteigen, als Karl noch auf der obersten Stufe
in heftiges Weinen ausbrach. Der Senator legte die rechte Hand unter Karls Kinn,
hielt ihn fest an sich gepresst und streichelte ihn mit der linken Hand. So
gingen sie langsam Stufe für Stufe hinab und traten engverbunden ins Boot, wo
der Senator für Karl gerade sich gegenüber einen guten Platz aussuchte. Auf ein
Zeichen des Senators stiessen die Matrosen vom Schiffe ab und waren gleich in
voller Arbeit. Kaum waren sie ein paar Meter vom Schiffe entfernt, machte Karl
die unerwartete Entdeckung, dass sie sich gerade auf jener Seite des Schiffes
befanden, wohin die Fenster der Hauptkassa gingen. Alle drei Fenster waren mit
Zeugen Schubals besetzt, welche freundschaftlichst grüssten und winkten, sogar
der Onkel dankte, und ein Matrose machte das Kunststück, ohne eigentlich das
gleichmässige Rudern zu unterbrechen, eine Kusshand hinaufzuschicken. Es war
wirklich, als gäbe es keinen Heizer mehr. Karl fasste den Onkel, mit dessen Knien
sich die seinen fast berührten, genauer ins Auge, und es kamen ihm Zweifel, ob
dieser Mann ihm jemals den Heizer werde ersetzen können. Auch wich der Onkel
seinem Blicke aus und sah auf die Wellen hin, von denen ihr Boot umschwankt
wurde.
 
                                   Der Onkel
Im Hause des Onkels gewöhnte sich Karl bald an die neuen Verhältnisse. Der Onkel
kam ihm aber auch in jeder Kleinigkeit freundlich entgegen, und niemals musste
Karl sich erst durch schlechte Erfahrungen belehren lassen, wie dies meist das
erste Leben im Ausland so verbittert.
    Karls Zimmer lag im sechsten Stockwerk eines Hauses, dessen fünf untere
Stockwerke, an welche sich in der Tiefe noch drei unterirdische anschlossen, von
dem Geschäftsbetrieb des Onkels eingenommen wurden. Das Licht, das in sein
Zimmer durch zwei Fenster und eine Balkontüre eindrang, brachte Karl immer
wieder zum Staunen, wenn er des Morgens aus seiner kleinen Schlafkammer hier
eintrat. Wo hätte er wohl wohnen müssen, wenn er als armer kleiner Einwanderer
ans Land gestiegen wäre? Ja, vielleicht hätte man ihn, was der Onkel nach seiner
Kenntnis der Einwanderungsgesetze sogar für sehr wahrscheinlich hielt, gar nicht
in die Vereinigten Staaten eingelassen, sondern ihn nach Hause geschickt, ohne
sich weiter darum zu kümmern, dass er keine Heimat mehr hatte. Denn auf Mitleid
durfte man hier nicht hoffen, und es war ganz richtig, was Karl in dieser
Hinsicht über Amerika gelesen hatte; nur die Glücklichen schienen hier ihr Glück
zwischen den unbekümmerten Gesichtern ihrer Umgebung wahrhaft zu geniessen.
    Ein schmaler Balkon zog sich vor dem Zimmer seiner ganzen Länge nach hin.
Was aber in der Heimatstadt Karls wohl der höchste Aussichtspunkt gewesen wäre,
gestattete hier nicht viel mehr als den Überblick über eine Strasse, die zwischen
zwei Reihen förmlich abgehackter Häuser gerade, und darum wie fliehend, in die
Ferne sich verlief, wo aus vielem Dunst die Formen einer Katedrale ungeheuer
sich erhoben. Und morgens wie abends und in den Träumen der Nacht vollzog sich
auf dieser Strasse ein immer drängender Verkehr, der, von oben gesehen, sich als
eine aus immer neuen Anfängen ineinandergestreute Mischung von verzerrten
menschlichen Figuren und von Dächern der Fuhrwerke aller Art darstellte, von der
aus sich noch eine neue, vervielfältigte, wildere Mischung von Lärm, Staub und
Gerüchen erhob, und alles dieses wurde erfasst und durchdrungen von einem
mächtigen Licht, das immer wieder von der Menge der Gegenstände verstreut,
fortgetragen und wieder eifrig herbeigebracht wurde und das dem betörten Auge so
körperlich erschien, als werde über dieser Strasse eine alles bedeckende
Glasscheibe jeden Augenblick immer wieder mit aller Kraft zerschlagen.
Vorsichtig wie der Onkel in allem war, riet er Karl, sich vorläufig ernstaft
nicht auf das geringste einzulassen. Er sollte wohl alles prüfen und anschauen,
aber sich nicht gefangennehmen lassen. Die ersten Tage eines Europäers in
Amerika seien ja einer Geburt vergleichbar, und wenn man sich hier auch, damit
nur Karl keine unnötige Angst habe, rascher eingewöhne, als wenn man vom
Jenseits in die menschliche Welt eintrete, so müsse man sich doch vor Augen
halten, dass das erste Urteil immer auf schwachen Füssen stehe und dass man sich
dadurch nicht vielleicht alle künftigen Urteile, mit deren Hilfe man ja hier
sein Leben weiterführen wolle, in Unordnung bringen lassen dürfe. Er selbst habe
Neuankömmlinge gekannt, die zum Beispiel statt nach diesen guten Grundsätzen
sich zu verhalten, tagelang auf ihrem Balkon gestanden und wie verlorene Schafe
auf die Strasse hinuntergesehen hätten. Das müsse unbedingt verwirren! Diese
einsame Untätigkeit, die sich in einen arbeitsreichen New Yorker Tag verschaut,
könne einem Vergnügungsreisenden gestattet und vielleicht, wenn auch nicht
vorbehaltlos, angeraten werden, für einen, der hierbleiben wird, sei sie ein
Verderben, man könne in diesem Fall ruhig dieses Wort anwenden, wenn es auch
eine Übertreibung ist. Und tatsächlich verzog der Onkel ärgerlich das Gesicht,
wenn er bei einem seiner Besuche, die immer nur einmal täglich, und zwar immer
zu den verschiedensten Tageszeiten, erfolgten, Karl auf dem Balkon antraf. Karl
merkte das bald und versagte sich infolgedessen das Vergnügen, auf dem Balkon zu
stehen, nach Möglichkeit.
    Es war ja auch bei weitem nicht das einzige Vergnügen, das er hatte. In
seinem Zimmer stand ein amerikanischer Schreibtisch bester Sorte, wie sich ihn
sein Vater seit Jahren gewünscht und auf den verschiedensten Versteigerungen um
einen ihm erreichbaren billigen Preis zu kaufen gesucht hatte, ohne dass es ihm
bei seinen kleinen Mitteln jemals gelungen wäre. Natürlich war dieser Tisch mit
jenen angeblich amerikanischen Schreibtischen, wie sie sich auf europäischen
Versteigerungen herumtreiben, nicht zu vergleichen. Er hatte zum Beispiel in
seinem Aufsatz hundert Fächer verschiedenster Grösse, und selbst der Präsident
der Union hätte für jeden seiner Akten einen passenden Platz gefunden, aber
ausserdem war an der Seite ein Regulator, und man konnte durch Drehen an einer
Kurbel die verschiedensten Umstellungen und Neueinrichtungen der Fächer nach
Belieben und Bedarf erreichen. Dünne Seitenwändchen senkten sich langsam und
bildeten den Boden neu sich erhebender oder die Decke neu aufsteigender Fächer;
schon nach einer Umdrehung hatte der Aufsatz ein ganz anderes Aussehen, und
alles ging, je nachdem man die Kurbel drehte, langsam oder unsinnig rasch vor
sich. Es war eine neueste Erfindung, erinnerte aber Karl sehr lebhaft an die
Krippenspiele, die zu Hause auf dem Christmarkt den staunenden Kindern gezeigt
wurden, und auch Karl war oft, in seine Winterkleider eingepackt, davor
gestanden und hatte ununterbrochen die Kurbeldrehung, die ein alter Mann
ausführte, mit den Wirkungen im Krippenspiel verglichen, mit dem stockenden
Vorwärtskommen der Heiligen Drei Könige, dem Aufglänzen des Sternes und dem
befangenen Leben im heiligen Stall. Und immer war es ihm erschienen, als ob die
Mutter, die hinter ihm stand, nicht genau genug alle Ereignisse verfolge; er
hatte sie zu sich hingezogen, bis er sie an seinem Rücken fühlte, und hatte ihr
so lange mit lauten Ausrufen verborgenere Erscheinungen gezeigt, vielleicht ein
Häschen, das vorn im Gras abwechselnd Männchen machte und sich dann wieder zum
Lauf bereitete, bis die Mutter ihm den Mund zuhielt und wahrscheinlich in ihre
frühere Unachtsamkeit verfiel. Der Tisch war freilich nicht dazu gemacht, nur an
solche Dinge zu erinnern, aber in der Geschichte der Erfindungen bestand wohl
ein ähnlich undeutlicher Zusammenhang wie in Karls Erinnerungen. Der Onkel war
zum Unterschied von Karl mit diesem Schreibtisch durchaus nicht einverstanden,
nur hatte er eben für Karl einen ordentlichen Schreibtisch kaufen wollen, und
solche Schreibtische waren jetzt sämtlich mit dieser Neueinrichtung versehen,
deren Vorzug auch darin bestand, bei älteren Schreibtischen ohne grosse Kosten
angebracht werden zu können. Immerhin unterliess der Onkel nicht, Karl zu raten,
den Regulator möglichst gar nicht zu verwenden; um die Wirkung des Rates zu
verstärken, behauptete der Onkel, die Maschinerie sei sehr empfindlich, leicht
zu verderben und die Wiederherstellung sehr kostspielig. Es war nicht schwer
einzusehen, dass solche Bemerkungen, nur Ausflüchte waren, wenn man sich auch
andererseits sagen musste, dass der Regulator sehr leicht zu fixieren war, was der
Onkel jedoch nicht tat.
    In den ersten Tagen, an denen selbstverständlich zwischen Karl und dem Onkel
häufigere Aussprachen stattgefunden hatten, hatte Karl auch erzählt, dass er zu
Hause zwar wenig, aber gern Klavier gespielt habe, was er allerdings lediglich
mit den Anfangskenntnissen hatte bestreiten können, die ihm die Mutter
beigebracht hatte. Karl war sich dessen wohl bewusst, dass eine solche Erzählung
gleichzeitig die Bitte um ein Klavier war, aber er hatte sich schon genügend
umgesehen, um zu wissen, dass der Onkel auf keine Weise zu sparen brauchte.
Trotzdem wurde ihm diese Bitte nicht gleich gewährt, aber etwa acht Tage später
sagte der Onkel, fast in der Form eines widerwilligen Eingeständnisses, das
Klavier sei eben an gelangt und Karl könne, wenn er wolle, den Transport
überwachen. Das war allerdings eine leichte Arbeit, aber dabei nicht einmal viel
leichter als der Transport selbst, denn im Haus war ein eigener Möbelaufzug, in
welchem ohne Gedränge ein ganzer Möbelwagen Platz finden konnte, und in diesem
Aufzug schwebte auch das Piano zu Karls Zimmer hinauf. Karl selbst hätte zwar in
dem gleichen Aufzug mit dem Piano und den Transportarbeitern fahren können, aber
da gleich daneben ein Personenaufzug zur Benützung freistand, fuhr er in diesem,
hielt sich mittels eines Hebels stets in gleicher Höhe mit dem anderen Aufzug
und betrachtete unverwandt durch die Glaswände das schöne Instrument, das jetzt
sein Eigentum war. Als er es in seinem Zimmer hatte und die ersten Töne
anschlug, bekam er eine so närrische Freude, dass er, statt weiterzuspielen,
aufsprang und aus einiger Entfernung, die Hände in den Hüften, das Klavier
lieber anstaunte. Auch die Akustik des Zimmers war ausgezeichnet und sie trug
dazu bei, sein anfängliches kleines Unbehagen, in einem Eisenhause zu wohnen,
gänzlich verschwinden zu lassen. Tatsächlich merkte man auch im Zimmer, so
eisenmässig das Gebäude von aussen erschien, von eisernen Baubestandteilen nicht
das geringste, und niemand hätte auch nur eine Kleinigkeit in der Einrichtung
aufzeigen können, welche die vollständigste Gemütlichkeit irgendwie gestört
hätte. Karl erhoffte in der ersten Zeit viel von seinem Klavierspiel und schämte
sich nicht, wenigstens vor dem Einschlafen an die Möglichkeit einer
unmittelbaren Beeinflussung der amerikanischen Verhältnisse durch dieses
Klavierspiel zu denken. Es klang ja allerdings sonderbar, wenn er vor den in die
lärmerfüllte Luft geöffneten Fenstern ein altes Soldatenlied seiner Heimat
spielte, das die Soldaten am Abend, wenn sie in den Kasernenfenstern liegen und
auf den finsteren Platz hinausschauen, von Fenster zu Fenster einander zusingen,
- aber sah er dann auf die Strasse, so war sie unverändert und nur ein kleines
Stück eines grossen Kreislaufes, das man nicht an und für sich anhalten konnte,
ohne alle Kräfte zu kennen, die in der Runde wirkten. Der Onkel duldete das
Klavierspiel, sagte auch nichts dagegen, zumal sich Karl, auch nach seiner
Mahnung, nur selten das Vergnügen des Spiels gönnte; ja, er brachte Karl sogar
Noten amerikanischer Märsche und natürlich auch der Nationalhymne, aber allein
aus der Freude an der Musik war es wohl nicht zu erklären, als er eines Tages
ohne allen Scherz Karl fragte, ob er nicht auch das Spiel auf der Geige oder auf
dem Waldhorn lernen wolle.
    Natürlich war das Lernen des Englischen Karls erste und wichtigste Aufgabe.
Ein junger Professor einer Handelshochschule erschien morgens um sieben Uhr in
Karls Zimmer und fand ihn schon an seinem Schreibtisch bei den Heften sitzen
oder memorierend im Zimmer auf und ab gehen. Karl sah wohl ein, dass zur
Aneignung des Englischen keine Eile gross genug sei und dass er hier ausserdem die
beste Gelegenheit habe, seinem Onkel eine ausserordentliche Freude durch rasche
Fortschritte zu machen. Und tatsächlich gelang es bald, während zuerst das
Englische in den Gesprächen mit dem Onkel sich auf Gruss und Abschiedsworte
beschränkt hatte, immer grössere Teile der Gespräche ins Englische
hinüberzuspielen, wodurch gleichzeitig vertraulichere Temen sich einzustellen
begannen. Das erste amerikanische Gedicht, die Darstellung einer Feuersbrunst,
das Karl seinem Onkel an einem Abend rezitieren konnte, machten diesen tiefernst
vor Zufriedenheit. Sie standen damals beide an einem Fenster in Karls Zimmer,
der Onkel sah hinaus, wo alle Helligkeit des Himmels schon vergangen war, und
schlug im Mitgefühl der Verse langsam und gleichmässig in die Hände, während Karl
aufrecht neben ihm stand und mit starren Augen das schwierige Gedicht sich
entrang.
    Je besser Karls Englisch wurde, desto grössere Lust zeigte der Onkel, ihn mit
seinen Bekannten zusammenzuführen, und ordnete nur für jeden Fall an, dass bei
solchen Zusammenkünften vorläufig der Englischprofessor sich immer in Karls Nähe
zu halten habe. Der allererste Bekannte, dem Karl eines Vormittags vorgestellt
wurde, war ein schlanker, junger, unglaublich biegsamer Mensch, den der Onkel
mit besonderen Komplimenten in Karls Zimmer führte. Er war offenbar einer jener
vielen, vom Standpunkt der Eltern aus gesehen, missratenen Millionärssöhne,
dessen Leben so verlief, dass ein gewöhnlicher Mensch auch nur einen beliebigen
Tag im Leben dieses jungen Mannes nicht ohne Schmerz verfolgen konnte. Und als
wisse oder ahne er dies und als begegne er dem, soweit es in seiner Macht stand,
war um seine Lippen und Augen ein unaufhörliches Lächeln des Glückes, das ihm
selbst, seinem Gegenüber und der ganzen Welt zu gelten schien.
    Mit diesem jungen Manne, einem Herrn Mack, wurde, unter unbedingter
Zustimmung des Onkels, besprochen, gemeinsam um halb sechs Uhr früh, sei es in
der Reitschule, sei es ins Freie, zu reiten. Karl zögerte zwar zuerst, seine
Zusage zu geben, da er doch noch niemals auf einem Pferd gesessen war und das
Reiten zuerst ein wenig lernen wolle, aber da ihm der Onkel und Mack so sehr
zuredeten und das Reiten als blosses Vergnügen und als gesunde Übung, aber gar
nicht als Kunst darstellten, sagte er schliesslich zu. Nun musste er allerdings
schon um halb fünf Uhr aus dem Bett, und das tat ihm oft sehr leid, denn er litt
hier, wohl infolge der steten Aufmerksamkeit, die er während des Tages aufwenden
musste, geradezu an Schlafsucht, aber in seinem Badezimmer verlor sich das
Bedauern bald. Über die ganze Wanne der Länge und Breite nach spannte sich das
Sieb der Dusche - welcher Mitschüler zu Hause, und war er noch so reich, besass
etwas Derartiges und gar noch allein für sich - und da lag nun Karl
ausgestreckt, in dieser Wanne konnte er die Arme ausbreiten, liess die Ströme des
lauen, heissen, wieder lauen und endlich eisigen Wassers nach Belieben teilweise
oder über die ganze Fläche hin auf sich herab. Wie in dem noch ein wenig
fortlaufenden Genusse des Schlafes lag er da und fing besonders gern mit den
geschlossenen Augenlidern die letzten, einzeln fallenden Tropfen auf, die sich
dann öffneten und über das Gesicht hinflossen.
    In der Reitschule, wo ihn das hoch sich aufbauende Automobil des Onkels
absetzte, erwartete ihn bereits der Englischprofessor, während Mack ausnahmslos
erst später kam. Er konnte aber auch unbesorgt erst später kommen, denn das
eigentliche, lebendige Reiten fing erst an, wenn er da war. Bäumten sich nicht
die Pferde aus ihrem bisherigen Halbschlaf auf, wenn er eintrat, knallte die
Peitsche nicht lauter durch den Raum, erschienen nicht plötzlich auf der
umlaufenden Galerie einzelne Personen, Zuschauer, Pferdewärter, Reitschüler oder
was sie sonst sein mochten? Karl aber nützte die Zeit vor der Ankunft Macks dazu
aus, um doch ein wenig, wenn auch nur die primitivsten Vorübungen des Reitens zu
betreiben. Es war ein langer Mann da, der auf den höchsten Pferderücken mit kaum
erhobenem Arm hinaufreichte und der Karl diesen immer kaum eine Viertelstunde
dauernden Unterricht erteilte. Die Erfolge, die Karl hiebei hatte, waren nicht
übergross, und er konnte sich viele englische Klagerufe dauernd aneignen, die er
während dieses Lernens zu seinem Englischprofessor atemlos ausstiess, der immer
am Türpfosten, meist schlafbedürftig, lehnte. Aber fast alle Unzufriedenheit mit
dem Reiten hörte auf, wenn Mack kam. Der lange Mann wurde weggeschickt, und bald
hörte man in dem noch immer halbdunklen Saal nichts anderes als die Hufe der
galoppierenden Pferde und man sah kaum etwas anderes als Macks erhobenen Arm,
mit dem er Karl ein Kommando gab. Nach einer halben Stunde solchen wie Schlaf
vergehenden Vergnügens wurde haltgemacht. Mack war in grosser Eile,
verabschiedete sich von Karl, klopfte ihm manchmal auf die Wange, wenn er mit
seinem Reiten besonders zufrieden gewesen war, und verschwand, ohne vor grosser
Eile mit Karl auch nur gemeinsam durch die Tür hinauszugehen. Karl nahm dann den
Professor mit ins Automobil, und sie fuhren zu ihrer Englischstunde meist auf
Umwegen, denn bei der Fahrt durch das Gedränge der grossen Strasse, die eigentlich
direkt von dem Hause des Onkels zur Reitschule führte, wäre zuviel Zeit
verlorengegangen. Im übrigen hörte wenigstens diese Begleitung des
Englischprofessors bald auf, denn Karl, der sich Vorwürfe machte, den müden Mann
nutzlos in die Reitschule zu bemühen, zumal die englische Verständigung mit Mack
eine sehr einfache war, bat den Onkel, den Professor von dieser Pflicht zu
enteben. Nach einiger Überlegung gab der Onkel dieser Bitte auch nach.
    Verhältnismässig lange dauerte es, ehe sich der Onkel entschloss, Karl auch
nur einen kleinen Einblick in sein Geschäft zu erlauben, obwohl Karl öfters
darum ersucht hatte. Es war eine Art Kommissions-und Speditionsgeschäftes, wie
sie, soweit sich Karl erinnern konnte, in Europa vielleicht gar nicht zu finden
war. Das Geschäft bestand nämlich in einem Zwischenhandel, der aber die Waren
nicht etwa von den Produzenten zu den Konsumenten oder vielleicht zu den
Händlern vermittelte, sondern welcher die Vermittlung aller Waren und Urprodukte
für die grossen Fabrikskartelle und zwischen ihnen besorgte. Es war daher ein
Geschäft, welches in einem Käufe, Lagerungen, Transporte und Verkäufe
riesenhaften Umfangs umfasste und ganz genaue, unaufhörliche telephonische und
telegraphische Verbindungen mit den Klienten unterhalten musste. Der Saal der
Telegraphen war nicht kleiner, sondern grösser als das Telegraphenamt der
Vaterstadt, durch das Karl einmal an der Hand eines dort bekannten Mitschülers
gegangen war. Im Saal der Telephone gingen, wohin man schaute, die Türen der
Telephonzellen auf und zu, und das Läuten war sinnverwirrend. Der Onkel öffnete
die nächste dieser Türen, und man sah dort im sprühenden elektrischen Licht
einen Angestellten, gleichgültig gegen jedes Geräusch der Türe, den Kopf
eingespannt in ein Stahlband, das ihm die Hörmuscheln an die Ohren drückte. Der
rechte Arm lag auf einem Tischchen, als wäre er besonders schwer, und nur die
Finger, welche den Bleistift hielten, zuckten unmenschlich gleichmässig und
rasch. In den Worten, die er in den Sprechtrichter sagte, war er sehr sparsam,
und oft sah man sogar, dass er vielleicht gegen den Sprecher etwas einzuwenden
hatte, ihn etwas genauer fragen wollte, aber gewisse Worte, die er hörte,
zwangen ihn, ehe er seine Absicht ausführen konnte, die Augen zu senken und zu
schreiben. Er musste auch nicht reden, wie der Onkel Karl leise erklärte, denn
die gleichen Meldungen, wie sie dieser Mann aufnahm, wurden noch von zwei
anderen Angestellen gleichzeitig aufgenommen und dann verglichen, so dass
Irrtümer möglichst ausgeschlossen waren. In dem gleichen Augenblick, als der
Onkel und Karl aus der Tür getreten waren, schlüpfte ein Praktikant hinein und
kam mit dem inzwischen beschriebenen Papier heraus. Mitten durch den Saal war
ein beständiger Verkehr von hin- und hergejagten Leuten. Keiner grüsste, das
Grüssen war abgeschafft, jeder schloss sich den Schritten des ihm Vorhergehenden
an und sah auf den Boden, auf dem er möglichst rasch vorwärtskommen wollte, oder
fing mit den Blicken wohl nur einzelne Worte oder Zahlen von Papieren ab, die er
in der Hand hielt und die bei seinem Laufschritt flatterten.
    »Du hast es wirklich weit gebracht«, sagte Karl einmal auf einem dieser
Gänge durch den Betrieb, auf dessen Durchsicht man viele Tage verwenden musste,
selbst wenn man jede Abteilung gerade nur gesehen haben wollte.
    »Und alles habe ich vor dreissig Jahren selbst eingerichtet, musst du wissen.
Ich hatte damals im Hafenviertel ein kleines Geschäft, und wenn dort im Tag fünf
Kisten abgeladen waren, so war es viel und ich ging aufgeblasen nach Hause.
Heute habe ich die drittgrössten Lagerhäuser im Hafen, und jener Laden ist das
Esszimmer und die Gerätekammer der fünfundsechzigsten Gruppe meiner Packträger.«
    »Das grenzt ja ans Wunderbare«, sagte Karl.
    »Alle Entwicklungen gehen hier so schnell vor sich«, sagte der Onkel, das
Gespräch abbrechend.
    Eines Tages kam der Onkel knapp vor der Zeit des Essens, das Karl wie
gewöhnlich allein einzunehmen gedachte, und forderte ihn auf, sich gleich
schwarz anzuziehen und mit ihm zum Essen zu kommen, an welchem zwei
Geschäftsfreunde teilnehmen würden. Während Karl sich im Nebenzimmer umkleidete,
setzte sich der Onkel zum Schreibtisch und sah die gerade beendete
Englischaufgabe durch, schlug mit der Hand auf den Tisch und rief laut:
»Wirklich ausgezeichnet!«
    Zweifellos gelang das Anziehen besser, als Karl dieses Lob hörte, aber er
war auch wirklich seines Englischen schon ziemlich sicher.
    Im Speisezimmer des Onkels, das er vom ersten Abend seiner Ankunft noch in
Erinnerung hatte, erhoben sich zwei grosse, dicke Herren zur Begrüssung, ein
gewisser Green der eine, ein gewisser Pollunder der zweite, wie sich während des
Tischgesprächs herausstellte. Der Onkel pflegte nämlich kaum ein flüchtiges Wort
über irgendwelche Bekannten auszusprechen und überliess es immer Karl, durch
eigene Beobachtung das Notwendige oder Interessante herauszufinden. Nachdem
während des eigentlichen Essens nur intime geschäftliche Angelegenheiten
besprochen worden waren, was für Karl eine gute Lektion hinsichtlich
kaufmännischer Ausdrücke bedeutete, und man Karl still mit seinem Essen sich
hatte beschäftigen lassen, als sei er ein Kind, das sich vor allem ordentlich
sattessen müsse, beugte sich Herr Green zu Karl hin und fragte in dem
unverkennbaren Bestreben, ein möglichst deutliches Englisch zu sprechen, im
allgemeinen nach Karls ersten amerikanischen Eindrücken. Karl antwortete unter
einer Sterbensstille ringsherum mit einigen Seitenblicken auf den Onkel ziemlich
ausführlich und suchte sich zum Dank durch eine etwas New Yorkisch gefärbte
Redeweise angenehm zu machen. Bei einem Ausdruck lachten sogar alle drei Herren
durcheinander, und Karl fürchtete schon, einen groben Fehler gemacht zu haben;
jedoch nein, er hatte, wie Herr Pollunder erklärte, sogar etwas sehr Gelungenes
gesagt. Dieser Herr Pollunder schien überhaupt an Karl ein besonderes Gefallen
zu finden, und während der Onkel und Herr Green wieder zu den geschäftlichen
Besprechungen zurückkehrten, liess Herr Pollunder Karl seinen Sessel nahe zu sich
hinschieben, fragte ihn zuerst vielerlei über seinen Namen, seine Herkunft und
seine Reise aus, bis er dann schliesslich, um Karl wieder ausruhen zu lassen,
lachend, hustend und eilig selbst von sich und seiner Tochter erzählte, mit der
er auf einem kleinen Landgut in der Nähe von New York wohnte, wo er aber
allerdings nur die Abende verbringen konnte, denn er war Bankier, und sein Beruf
hielt ihn in New York den ganzen Tag fest. Karl wurde auch gleich herzlichst
eingeladen, auf dieses Landgut hinauszukommen, ein so frischgebackener
Amerikaner wie Karl habe ja auch sicher das Bedürfnis, sich von New York
manchmal zu erholen. Karl bat den Onkel sofort um die Erlaubnis, diese Einladung
annehmen zu dürfen, und der Onkel gab auch scheinbar freudig diese Erlaubnis,
ohne aber ein bestimmtes Datum zu nennen oder auch nur in Erwägung ziehen zu
lassen, wie es Karl und Herr Pollunder erwartet hatten.
    Aber schon am nächsten Tage wurde Karl in ein Büro des Onkels beordert (der
Onkel hatte zehn verschiedene Büros allein in diesem Hause), wo er den Onkel und
Herrn Pollunder ziemlich einsilbig in den Fauteuils liegend antraf.
    »Herr Pollunder«, sagte der Onkel, er war in der Abenddämmerung des Zimmers
kaum zu erkennen, »Herr Pollunder ist gekommen, um dich auf sein Landgut
mitzunehmen, wie wir es gestern besprochen haben«
    »Ich wusste nicht, dass es schon heute sein sollte«, antwortete Karl, »sonst
wäre ich schon vorbereitet.«
    »Wenn du nicht vorbereitet bist, dann verschieben wir vielleicht den Besuch
besser für nächstens«, meinte der Onkel. »Was für Vorbereitungen!« rief Herr
Pollunder. »Ein junger Mann ist immer vorbereitet.«
    »Es ist nicht seinetwegen«, sagte der Onkel, zu seinem Gaste gewendet, »aber
er müsste immerhin noch in sein Zimmer hinaufgehen, und Sie wären aufgehalten.«
    »Es ist auch dazu reichlich Zeit«, sagte Herr Pollunder, »ich habe auch eine
Verzögerung vorbedacht und früher Geschäftsschluss gemacht.«
    »Du siehst«, sagte der Onkel, »was für Unannehmlichkeiten dein Besuch schon
jetzt veranlasst.«
    »Es tut mir leid«, sagte Karl, »aber ich werde gleich wieder da sein«, und
wollte schon wegspringen.
    »Übereilen Sie sich nicht«, sagte Herr Pollunder.
    »Sie machen mir nicht die geringsten Unannehmlichkeiten, dagegen macht mir
Ihr Besuch eine reine Freude.«
    »Du versäumst morgen deine Reitstunde, hast du sie schon abgesagt?«
    »Nein«, sagte Karl, dieser Besuch, auf den er sich gefreut hatte, fing an,
eine Last zu werden, »ich wusste ja nicht -«
    »Und trotzdem willst du wegfahren?« fragte der Onkel weiter.
    Herr Pollunder, dieser freundliche Mensch, kam zu Hilfe. »Wir werden auf der
Fahrt bei der Reitschule halten und die Sache in Ordnung bringen.«
    »Das lässt sich hören«, sagte der Onkel. »Aber Mack wird dich doch erwarten.«
    »Erwarten wird er mich nicht«, sagte Karl, »aber er wird allerdings
hinkommen.«
    »Nun also?« sagte der Onkel, als wäre Karls Antwort nicht die geringste
Rechtfertigung gewesen.
    Wieder sagte Herr Pollunder das Entscheidende: »Aber Klara« - sie war Herrn
Pollunders Tochter - »erwartet ihn auch und schon heute abend, und sie hat wohl
den Vorzug vor Mack?«
    »Allerdings«, sagte der Onkel. »Also lauf schon in dein Zimmer«, und er
schlug mehrmals wie ohne Willen gegen die Armlehne des Fauteuils. Karl war schon
bei der Tür, als ihn der Onkel noch mit der Frage zurückhielt: »Zur
Englischstunde bist du doch wohl morgen früh wieder hier?«
    »Aber!« rief Herr Pollunder und drehte sich, soweit es seine Dicke erlaubte,
in seinem Fauteuil vor Erstaunen. »Ja darf er denn nicht wenigstens den morgigen
Tag draussen bleiben? Ich brächte ihn dann übermorgen früh wieder zurück?«
    »Das geht auf keinen Fall«, erwiderte der Onkel. »Ich kann sein Studium
nicht so in Unordnung kommen lassen. Später, wenn er in einem an und für sich
geregelten Berufsleben sein wird, werde ich ihm sehr gern auch für längere Zeit
erlauben, einer so freundlichen und ehrenden Einladung zu folgen«
    Was das für Widersprüche sind! dachte Karl.
    Herr Pollunder war traurig geworden.
    »Für einen Abend und eine Nacht steht es aber wirklich fast nicht dafür.«
    »Das war auch meine Meinung«, sagte der Onkel.
    »Man muss nehmen, was man bekommt«, sagte Herr Pollunder und lachte schon
wieder.
    »Also, ich warte!« rief er Karl zu, welcher, da der Onkel nichts mehr sagte,
davoneilte.
    Als er bald reisefertig zurückkehrte, traf er im Büro nur noch Herrn
Pollunder, der Onkel war fortgegangen. Herr Pollunder schüttelte Karl ganz
glücklich beide Hände, als wolle er sich so stark als möglich dessen
vergewissern, dass Karl nun doch mitfahre. Karl war noch ganz erhitzt von der
Eile und schüttelte auch seinerseits Herrn Pollunders Hände, er freute sich, den
Ausflug machen zu können.
    »Hat sich der Onkel nicht darüber geärgert, dass ich fahre?«
    »Aber nein! Das hat er ja alles nicht so ernst gemeint. Ihre Erziehung liegt
ihm eben am Herzen.«
    »Hat er es Ihnen selbst gesagt, dass er das Frühere nicht so ernst gemeint
hat?«
    »O ja«, sagte Herr Pollunder gedehnt und bewies damit, dass er nicht lügen
konnte.
    »Es ist merkwürdig, wie ungern er mir die Erlaubnis gegeben hat, Sie zu
besuchen, obwohl Sie doch sein Freund sind.«
    Auch Herr Pollunder konnte, obwohl er dies nicht offen eingestand, keine
Erklärung dafür finden, und beide dachten, als sie in Herrn Pollunders Automobil
durch den warmen Abend fuhren, noch lange darüber nach, ob wohl sie gleich von
anderen Dingen sprachen.
    Sie sassen eng beieinander, und Herr Pollunder hielt Karls Hand in der
seinen, während er erzählte. Karl wollte vieles über das Fräulein Klara hören,
als sei er ungeduldig über die lange Fahrt und könne mit Hilfe der Erzählungen
früher ankommen als in Wirklichkeit. Obwohl er am Abend noch niemals durch die
New Yorker Strassen gefahren war, und über Trottoir und Fahrbahn, alle
Augenblicke die Richtung wechselnd, wie in einem Wirbelwind der Lärm jagte,
nicht wie von Menschen verursacht, sondern wie ein fremdes Element, kümmerte
sich Karl, während er Herrn Pollunders Worte genau aufzunehmen suchte, um nichts
anderes als Herrn Pollunders dunkle Weste, über die quer eine dunkle Kette ruhig
hing. Aus den Strassen, wo das Publikum in grosser, unverhüllter Furcht vor
Verspätung in fliegendem Schritt und in Fahrzeugen, die zu möglichster Eile
gebracht waren, zu den Teatern drängte, kamen sie durch Übergangsbezirke in die
Vorstädte, wo ihr Automobil durch Polizeileute zu Pferd immer wieder in
Seitenstrassen gewiesen wurde, da die grossen Strassen von den demonstrierenden den
Metallarbeitern, die im Streik standen, besetzt waren und nur der notwendigste
Wagenverkehr an den Kreuzungsstellen gestattet werden konnte. Durchquerte dann
das Automobil, aus dunkleren, dumpf hallenden Gassen kommend, eine dieser,
ganzen Plätzen gleichenden, grossen Strassen, dann erschienen nach beiden Seiten
hin in Perspektiven, denen niemand bis zum Ende folgen konnte, die Trottoirs
angefüllt mit einer in winzigen Schritten sich bewegenden Masse, deren Gesang
einheitlicher war als der einer einzigen Menschenstimme. In der freigehaltenen
Fahrbahn aber sah man hie und da einen Polizisten auf unbeweglichem Pferde oder
Träger von Fahnen oder beschriebenen, über die Strasse gespannten Tüchern oder
einer von Mitarbeitern und Ordonnanzen umgebenen Arbeiterführer oder einen Wagen
der elektrischen Strassenbahn, der sich nicht rasch genug geflüchtet hatte und
nun leer und dunkel dastand, während der Führer und der Schaffner auf der
Plattform sassen. Kleine Trupps von Neugierigen standen weit entfernt von den
wirklichen Demonstranten und verliessen ihre Plätze nicht, obwohl sie über die
eigentlichen Ereignisse im Unklaren blieben. Karl aber lehnte froh in dem Arm,
den Herr Pollunder um ihn gelegt hatte; die Überzeugung, dass er bald in einem
beleuchteten, von Mauern umgebenen, von Hunden bewachten Landhause ein
willkommener Gast sein werde, tat ihm über alle Massen wohl, und wenn er auch
wegen einer beginnenden Schläfrigkeit nicht mehr alles, was Herr Pollunder
sagte, fehlerlos oder wenigstens nicht ohne Unterbrechung auffasste, so raffte er
sich doch von Zeit zu Zeit auf und wischte sich die Augen, um wieder für eine
Weile festzustellen, ob Herr Pollunder seine Schläfrigkeit bemerke, denn das
wollte er um jeden Preis vermieden wissen.
 
                           Ein Landhaus bei New York
»Wir sind angekommen«, sagte Herr Pollunder gerade in einem von Karls verlorenen
Momenten. Das Automobil stand vor einem Landhaus, das, nach der Art von
Landhäusern reicher Leute in der Umgebung New Yorks, umfangreicher und höher
war, als es sonst für ein Landhaus nötig ist, das bloss einer Familie dienen
soll. Da nur der untere Teil des Hauses beleuchtet war, konnte man gar nicht
bemessen, wie weit es in die Höhe reichte. Vorne rauschten Kastanienbäume,
zwischen denen - das Gitter war schon geöffnet - ein kurzer Weg zur Freitreppe
des Hauses führte. An seiner Müdigkeit beim Aussteigen glaubte Karl zu bemerken,
dass die Fahrt doch ziemlich lang gedauert hatte. Im Dunkel der Kastanienallee
hörte er eine Mädchenstimme neben sich sagen: »Da ist ja endlich der Herr
Jakob.«
    »Ich heisse Rossmann«, sagte Karl und fasste die ihm hingereichte Hand eines
Mädchens, das er jetzt in Umrissen erkannte.
    »Er ist ja nur Jakobs Neffe«, sagte Herr Pollunder erklärend, »und heisst
selbst Karl Rossmann.«
    »Das ändert nichts an unserer Freude, ihn hier zu haben«, sagte das Mädchen,
dem an Namen nicht viel lag.
    Trotzdem fragte Karl noch, während er zwischen Herrn Pollunder und dem
Mädchen auf das Haus zuschritt: »Sie sind das Fräulein Klara?«
    »Ja«, sagte sie, und schon fiel ein wenig unterscheidendes Licht vom Hause
her auf ihr Gesicht, das sie ihm zuneigte, »ich wollte mich aber hier in der
Finsternis nicht vorstellen.«
    Ja hat sie uns denn am Gitter erwartet? dachte Karl, der im Gehen allmählich
aufwachte.
    »Wir haben übrigens noch einen Gast heute abend«, sagte Klara.
    »Nicht möglich!« rief Pollunder ärgerlich.
    »Herrn Green«, sagte Klara.
    »Wann ist er gekommen?« fragte Karl, wie in einer Ahnung befangen.
    »Vor einem Augenblick. Habt ihr denn sein Automobil nicht vor dem eueren
gehört?«
    Karl sah zu Pollunder auf, um zu erfahren, wie er die Sache beurteile, aber
der hatte die Hände in den Hosentaschen und stampfte bloss etwas stärker im
Gehen.
    »Es nützt nichts, nur knapp ausserhalb New Yorks zu wohnen, von Störungen
bleibt man nicht verschont. Wir werden unseren Wohnsitz unbedingt noch weiter
verlegen müssen; und sollte ich die halbe Nacht durchfahren müssen, ehe ich nach
Hause komme.«
    Sie blieben an der Freitreppe stehen.
    »Aber Herr Green war doch schon sehr lange nicht hier«, sagte Klara, die
offenbar mit ihrem Vater gänzlich einverstanden war, ihn aber über sich hinaus
beruhigen wollte.
    »Warum kommt er denn gerade heute abend«, sagte Pollunder, und die Rede
rollte schon wütend über die wulstige Unterlippe, die als loses, schweres
Fleisch leicht in grosse Bewegung kam.
    »Allerdings!« sagte Klara.
    »Vielleicht wird er bald wieder weggehen«, bemerkte Karl und staunte selbst
über das Einverständnis, in welchem er sich mit diesen noch gestern ihm gänzlich
fremden Leuten befand.
    »O nein«, sagte Klara, »er hat irgendein grosses Geschäft für Papa, dessen
Besprechung wahrscheinlich lange dauern wird, denn er hat mir schon im Spass
gedroht, dass ich, wenn ich eine höfliche Hauswirtin sein will, bis zum Morgen
werde zuhören müssen.«
    »Also auch das noch. Dann bleibt er über Nacht!« rief Pollunder, als sei
damit endlich das Schlimmste erreicht.
    »Ich hätte wahrhaftig Lust«, sagte er und wurde freundlicher durch den neuen
Gedanken, »ich hätte wahrhaftig Lust, Sie, Herrn Rossmann, wieder ins Automobil
zu nehmen und zu Ihrem Onkel zurückzubringen. Der heutige Abend ist schon von
vornherein gestört, und wer weiss, wann Sie uns nächstens Ihr Herr Onkel wieder
überlässt. Bringe ich Sie aber heute schon wieder zurück, so wird er Sie uns
nächstens doch nicht verweigern können.«
    Und er fasste Karl schon bei der Hand, um seinen Plan auszuführen. Aber Karl
rührte sich nicht, und Klara bat, ihn hierzulassen, denn zumindest sie und Karl
würden von Herrn Green nicht im geringsten gestört werden können, und
schliesslich merkte auch Pollunder selbst, dass sein Entschluss nicht der festeste
war. Überdies - und dies war vielleicht das Entscheidende - hörte man plötzlich
Herrn Green vom obersten Treppenaufsatz in den Garten hinunterrufen: »Wo bleibt
ihr denn?«
    »Kommt«, sagte Pollunder und bog auf die Freitreppe ein. Hinter ihm gingen
Karl und Klara, die einander jetzt im Licht studierten.
    Die roten Lippen, die sie hat, sagte sich Karl und dachte an die Lippen des
Herrn Pollunder und wie schön sie sich in der Tochter verwandelt hatten.
    »Nach dem Nachtmahl«, so sagte sie »werden wir, wenn es Ihnen recht ist,
gleich in meine Zimmer gehen, damit wir wenigstens diesen Herrn Green los sind,
wenn schon Papa sich mit ihm beschäftigen muss. Und Sie werden dann so freundlich
sein, mir Klavier vorzuspielen, denn Papa hat schon erzählt, wie gut Sie das
können, ich aber bin leider ganz unfähig, Musik auszuüben, und rühre mein
Klavier nicht an, so sehr ich die Musik eigentlich liebe.«
    Mit dem Vorschlag Klaras war Karl ganz einverstanden, wenn er auch gern
Herrn Pollunder mit in ihre Gesellschaft hätte ziehen wollen. Vor der riesigen
Gestalt Greens - an Pollunders Grösse hatte sich Karl eben schon gewöhnt -, die
sich vor ihnen, wie sie die Stufen hinaufstiegen, langsam entwickelte, wich
allerdings von Karl jede Hoffnung, diesem Mann den Herrn Pollunder heute abend
irgendwie zu entlocken.
    Herr Green empfing sie sehr eilig, als sei vieles einzuholen, nahm Herrn
Pollunders Arm und schob Karl und Klara vor sich in das Speisezimmer, das
besonders infolge der Blumen auf dem Tische, die sich aus Streifen frischen
Laubes halb aufrichteten, sehr festlich aussah und doppelt die Anwesenheit des
störenden Herrn Green bedauern liess. Gerade freute sich noch Karl, der beim
Tische wartete, bis die anderen sich setzten, dass die grosse Glastüre zum Garten
hin offen bleiben würde, denn ein starker Duft wehte herein wie in eine
Gartenlaube, da ging gerade Herr Green unter Schnaufen daran, diese Glastüre
zuzumachen, bückte sich nach den untersten Riegeln, streckte sich nach den
obersten und alles so jugendlich rasch, dass der herbeieilende Diener nichts mehr
zu tun fand. Die ersten Worte des Herrn Green bei Tische waren Ausdrücke des
Staunens darüber, dass Karl die Erlaubnis des Onkels zu diesem Besuche bekommen
hatte. Einen gefüllten Suppenlöffel nach dem anderen hob er zum Mund und
erklärte rechts zu Klara, links zu Herrn Pollunder, warum er so staune und wie
der Onkel über Karl wache und wie die Liebe des Onkels zu Karl zu gross sei, als
dass man sie noch die Liebe eines Onkels nennen könne.
    Nicht genug, dass er sich hier unnötig einmischt, mischt er sich noch
gleichzeitig zwischen mich und den Onkel ein, dachte Karl und konnte keinen
Schluck der goldfarbigen Suppe hinunterbringen. Dann wollte er sich aber wieder
nichts anmerken lassen, wie gestört er sich fühlte, und begann die Suppe stumm
in sich hineinzuschütten. Das Essen verging langsam wie eine Plage. Nur Herr
Green und höchstens noch Klara waren lebhaft und fanden mitunter Gelegenheit zu
einem kurzen Lachen. Herr Pollunder verfing sich nur einige Male in die
Unterhaltung, wenn Herr Green von Geschäften zu sprechen anfing. Doch zog er
sich auch von solchen Gesprächen bald zurück, und Herr Green musste ihn nach
einiger Zeit wieder unvermutet damit überraschen. Er legte übrigens Gewicht
darauf - und da war es, dass Karl, der aufhorchte, als drohe etwas, von Klara
darauf aufmerksam gemacht werden musste, dass der Braten vor ihm stand und er bei
einem Abendessen war -, dass er von vornherein nicht die Absicht gehabt habe,
diesen unerwarteten Besuch zu machen. Denn wenn auch das Geschäft, von dem noch
gesprochen werden solle, von besonderer Dringlichkeit sei, so hätte wenigstens
das Wichtigste heute in der Stadt verhandelt und das Nebensächlichere für morgen
oder später aufgespart werden können. Und so sei er auch tatsächlich, noch lange
vor Geschäftsschluss, bei Herrn Pollunder gewesen, habe ihn aber nicht
angetroffen, so dass er gezwungen gewesen sei, nach Hause zu telephonieren, dass
er über Nacht ausbleibe, und herauszufahren.
    »Dann muss ich um Entschuldigung bitten«, sagte Karl laut und ehe jemand Zeit
zur Antwort hatte, »denn ich bin daran schuld, dass Herr Pollunder sein Geschäft
heute früher verliess, und es tut mir sehr leid.«
    Herr Pollunder bedeckte den grösseren Teil seines Gesichtes mit der
Serviette, während Klara Karl zwar anlächelte, doch war es kein teilnehmendes
Lächeln, sondern eines, das ihn irgendwie beeinflussen sollte.
    »Da braucht es keine Entschuldigung«, sagte Herr Green, der gerade eine
Taube mit scharfen Schnitten zerlegte, »ganz im Gegenteil, ich bin ja froh, den
Abend in so angenehmer Gesellschaft zu verbringen, statt das Nachtmahl allein zu
Hause einzunehmen, wo mich meine alte Wirtschafterin bedient, die so alt ist,
dass ihr schon der Weg von der Tür zu meinem Tisch schwer fällt, und ich mich für
lange in meinen Sessel zurücklehnen kann, wenn ich sie auf diesem Gang
beobachten will. Erst vor kurzem habe ich durchgesetzt, dass der Diener die
Speisen bis zur Tür des Speisezimmers bringt, der Weg aber von der Tür zu meinem
Tisch gehört ihr, soweit ich sie verstehe.«
    »Mein Gott«, rief Klara, »ist das eine Treue!«
    »Ja, es gibt noch Treue auf der Welt«, sagte Herr Green und führte einen
Bissen in den Mund, wo die Zunge, wie Karl zufällig bemerkte, mit einem Schwunge
die Speise ergriff. Ihm wurde fast übel und er stand auf. Fast gleichzeitig
griffen Herr Pollunder und Klara nach seinen Händen.
    »Sie müssen noch sitzen bleiben«, sagte Klara. Und als er sich wieder
gesetzt hatte, flüsterte sie ihm zu: »Wir werden bald zusammen verschwinden.
Haben Sie Geduld.«
    Herr Green hatte sich inzwischen ruhig mit seinem Essen beschäftigt, als sei
es Herrn Pollunders und Klaras natürliche Aufgabe, Karl zu beruhigen, wenn er
ihm Übelkeiten verursachte.
    Das Essen zog sich besonders durch die Genauigkeit in die Länge, mit der
Herr Green jeden Gang behandelte, wenn er auch immer bereit war, jeden neuen
Gang ohne Ermüdung zu empfangen, es bekam wirklich den Anschein, als wolle er
sich von seiner alten Wirtschafterin gründlich erholen. Hin und wieder lobte er
Fräulein Klaras Kunst in der Führung des Hauswesens, was ihr sichtlich
schmeichelte, während Karl versucht war, ihn abzuwehren, als greife er sie an.
Aber Herr Green begnügte sich nicht einmal mit ihr, sondern bedauerte öfters,
ohne vom Teller aufzusehen, die auffallende Appetitlosigkeit Karls. Herr
Pollunder nahm Karls Appetit in Schutz, obwohl er als Gastgeber Karl auch zum
Essen hätte aufmuntern sollen. Und tatsächlich fühlte sich Karl durch den Zwang,
unter dem er während des ganzen Nachtmahls litt, so empfindlich, dass er gegen
die eigene bessere Einsicht diese Äusserung Herrn Pollunders als Unfreundlichkeit
auslegte. Und es entsprach nur diesem seinen Zustand, dass er einmal ganz
unpassend rasch und viel ass und dann wieder für lange Zeit müde Gabel und Messer
sinken liess und der Unbeweglichste der Gesellschaft war, mit dem der Diener, der
die Speisen reichte, oft nichts anzufangen wusste.
    »Ich werde schon morgen dem Herrn Senator erzählen, wie Sie das Fräulein
Klara durch Ihr Nichtessen gekränkt haben«, sagte Herr Green und beschränkte
sich darauf, die spassige Absicht dieser Worte durch die Art, wie er mit dem
Besteck hantierte, auszudrücken.
    »Sehen Sie nur das Mädchen an, wie traurig es ist«, fuhr er fort und griff
Klara unters Kinn. Sie liess es geschehen und schloss die Augen.
    »Du Dingschen«, rief er, lehnte sich zurück und lachte, hochrot im Gesicht,
mit der Kraft des Gesättigten. Vergebens suchte sich Karl das Benehmen Herrn
Pollunders zu erklären. Der sass vor seinem Teller und sah in ihn, als geschähe
dort das eigentlich Wichtige. Er zog Karls Sessel nicht näher zu sich und, wenn
er einmal sprach, so sprach er zu allen, aber zu Karl hatte er nichts Besonderes
zu reden. Dagegen duldete er, dass Green, dieser alte, ausgepichte New Yorker
Junggeselle, mit deutlicher Absicht Klara berührte, dass er Karl, Pollunders
Gast, beleidigte oder wenigstens als Kind behandelte und wer weiss zu welchen
Taten sich stärkte und vordrang.
    Nach Aufhebung der Tafel - als Green die allgemeine Stimmung merkte, war er
der erste, der aufstand und gewissermassen alle mit sich erhob - ging Karl allein
abseits zu einem der grossen, durch schmale weisse Leisten geteilten Fenster, die
zur Terrasse führten und die eigentlich, wie er beim Nähertreten merkte,
richtige Türen waren. Was war von der Abneigung übriggeblieben, die Herr
Pollunder und seine Tochter anfangs gegenüber Green gefühlt hatten und die
damals Karl etwas unverständlich vorgekommen war. Jetzt standen sie mit Green
beisammen und nickten ihm zu. Der Rauch aus Herrn Greens Zigarre, einem Geschenk
Pollunders, die von jener Dicke war, von der der Vater zu Hause hie und da als
von einer Tatsache zu erzählen pflegte, die er wahrscheinlich selbst mit eigenen
Augen niemals gesehen hatte, verbreitete sich in dem Saal und trug Greens
Einfluss auch in Winkel und Nischen, die er persönlich niemals betreten würde.
Soweit entfernt Karl auch stand, noch spürte er von dem Rauch einen Kitzel in
der Nase, und das Benehmen Herrn Greens, nach welchem er sich von seinem Platz
aus nur einmal schnell umsah, erschien ihm infam. Jetzt hielt er es gar nicht
mehr für ausgeschlossen, dass ihm der Onkel die Erlaubnis zu diesem Besuch nur
deshalb so lange verweigert hatte, weil er den schwachen Charakter Herrn
Pollunders kannte und infolgedessen eine Kränkung Karls bei diesem Besuch, wenn
auch nicht genau voraussah, so doch im Bereich der Möglichkeit erblickte. Auch
das amerikanische Mädchen gefiel ihm nicht, obwohl er sich sie durchaus nicht
etwa viel schöner vorgestellt hatte. Seit sich Herr Green mit ihr abgegeben
hatte, war er sogar überrascht von der Schönheit, deren ihr Gesicht fähig war,
und besonders von dem Glanz ihrer unbändig bewegten Augen. Einen Rock, der so
fest wie der ihre den Körper umschlossen hätte, hatte er noch niemals gesehen,
kleine Falten in dem gelblichen, zarten und festen Stoff zeigten die Stärke der
Spannung. Und doch lag Karl gar nichts an ihr und er hätte gern darauf
verzichtet, auf ihre Zimmer geführt zu werden, wenn er statt dessen die Tür, auf
deren Klinke er für jeden Fall die Hände gelegt hatte, hätte öffnen, ins
Automobil steigen oder, wenn der Chauffeur schon schlief, allein nach New York
hätte spazieren dürfen. Die klare Nacht mit dem ihm zugeneigten vollen Mond
stand frei für jedermann, und draussen im Freien vielleicht Furcht zu haben
schien Karl sinnlos. Er stellte sich vor - und zum erstenmal wurde ihm in diesem
Saale wohl -, wie er am Morgen - früher dürfte er kaum zu Fuss nach Hause kommen
- den Onkel überraschen wollte. Er war zwar noch niemals in seinem Schlafzimmer
gewesen, wusste auch gar nicht, wo es lag, aber er wollte es schon erfragen. Dann
wollte er anklopfen und auf das förmliche »Herein!« ins Zimmer laufen und den
lieben Onkel, den er bisher immer nur bis hoch hinauf angezogen und zugeknöpft
kannte, aufrecht im Bette sitzend, die Augen erstaunt zur Tür gerichtet, im
Nachtemd überraschen. Das war ja an und für sich vielleicht noch nicht viel,
aber man musste nur ausdenken, was das zur Folge haben könnte. Vielleicht würde
er zum erstenmal gemeinsam mit seinem Onkel frühstücken, der Onkel im Bett, er
auf einem Sessel, das Frühstück auf einem Tischchen zwischen ihnen, vielleicht
würde dieses gemeinsame Frühstück zu einer ständigen Einrichtung werden,
vielleicht würden sie infolge dieser Art Frühstück, was sogar kaum zu vermeiden
war, öfters als wie bisher bloss einmal während des Tages zusammenkommen und dann
natürlich auch offener miteinander reden können. Es lag ja schliesslich nur an
dem Mangel dieser offenen Aussprache, wenn er heute dem Onkel gegenüber etwas
unfolgsam oder, besser, starrköpfig gewesen war. Und wenn er auch heute über
Nacht hierbleiben musste - es sah leider ganz danach aus, obwohl man ihn hier
beim Fenster stehen und auf eigene Faust sich unterhalten liess -, vielleicht
wurde dieser unglückliche Besuch der Wendepunkt zum Besseren in dem Verhältnis
zum Onkel, vielleicht hatte der Onkel in seinem Schlafzimmer heute abend
ähnliche Gedanken.
    Ein wenig getröstet wandte er sich um. Klara stand vor ihm und sagte:
»Gefällt es Ihnen denn gar nicht bei uns? Wollen Sie sich hier nicht ein wenig
heimisch fühlen? Kommen Sie, ich will den letzten Versuch machen.«
    Sie führte ihn quer durch den Saal zur Türe. An einem Seitentisch sassen die
beiden Herren bei leicht schäumenden, in hohe Gläser gefüllten Getränken, die
Karl unbekannt waren und die er zu kosten Lust gehabt hätte. Herr Green hatte
einen Ellbogen auf dem Tisch, sein ganzes Gesicht war Herrn Pollunder möglichst
nahe gerückt; wenn man Herrn Pollunder nicht gekannt hätte, hätte man ganz gut
annehmen können, es werde hier etwas Verbrecherisches besprochen und kein
Geschäft. Während Herr Pollunder mit freundlichem Blick Karl zur Türe folgte,
sah sich Green, obwohl man doch schon unwillkürlich sich den Blicken seines
Gegenübers anzuschliessen pflegt, auch nicht im geringsten nach Karl um, welchem
in diesem Benehmen der Ausdruck einer Art Überzeugung Greens zu liegen schien,
jeder, Karl für sich und Green für sich, solle hier mit seinen Fähigkeiten
auszukommen versuchen, die notwendige gesellschaftliche Verbindung zwischen
ihnen werde sich schon mit der Zeit durch den Sieg oder die Vernichtung eines
von beiden herstellen.
    Wenn er das meint, sagte sich Karl, dann ist er ein Narr. Ich will
wahrhaftig nichts von ihm, und er soll mich auch in Ruhe lassen.
    Kaum war er auf den Gang getreten, fiel ihm ein, dass er sich wahrscheinlich
unhöflich benommen hatte, denn mit seinen auf Green gehefteten Augen hatte er
sich von Klara aus dem Zimmer fast schleppen lassen. Desto williger ging er
jetzt neben ihr her. Auf dem Wege durch die Gänge traute er zuerst seinen Augen
nicht, als er alle zwanzig Schritte einen reich livrierten Diener mit einem
Armleuchter stehen sah, dessen dicken schafft jene mit beiden Händen umschlossen
hielten.
    »Die neue elektrische Leitung ist bisher nur im Speisezimmer eingeführt«,
erklärte Klara. »Wir haben dieses Haus erst vor kurzem gekauft und es gänzlich
umbauen lassen, soweit sich ein altes Haus mit seiner eigensinnigen Bauart
überhaupt umbauen lässt.«
    »Da gibt es also auch schon in Amerika alte Häuser«, sagte Karl.
    »Natürlich«, sagte Klara lachend und zog ihn weiter. »Sie haben merkwürdige
Begriffe von Amerika.«
    »Sie sollen mich nicht auslachen«, sagte er ärgerlich. Schliesslich kannte er
schon Europa und Amerika, sie aber nur Amerika.
    Im Vorübergehen stiess Klara mit leicht ausgestreckter Hand eine Tür auf und
sagte, ohne anzuhalten: »Hier werden Sie schlafen.«
    Karl wollte sich natürlich das Zimmer gleich anschauen, aber Klara erklärte
ungeduldig und fast schreiend, das habe doch Zeit und er solle nur vorher
mitkommen. Sie zogen sich auf dem Gang ein wenig hin und her, schliesslich meinte
Karl, er müsse sich nicht in allem nach Klara richten, riss sich los und trat in
das Zimmer. Ein überraschendes Dunkel vor dem Fenster erklärte sich durch einen
Baumwipfel, der sich dort in seinem vollen Umfang wiegte. Man hörte Vogelgesang.
Im Zimmer selbst, das vom Mondlicht noch nicht erreicht war, konnte man
allerdings fast gar nichts unterscheiden. Karl bedauerte, die elektrische
Taschenlampe, die er vom Onkel geschenkt bekommen hatte, nicht mitgenommen zu
haben. In diesem Hause war ja eine Taschenlampe unentbehrlich, hätte man ein
paar solcher Lampen gehabt, hätte man die Diener schlafen schicken können. Er
setzte sich aufs Fensterbrett und sah und horchte hinaus. Ein aufgestörter Vogel
schien sich durch das Laubwerk des alten Baumes zu drängen. Die Pfeife eines New
Yorker Vorortzuges erklang irgendwo im Land. Sonst war es still.
    Aber nicht lange, denn Klara kam eilends herein. Sichtlich böse rief sie:
»Was soll denn das?« und klatschte auf ihren Rock. Karl wollte erst antworten,
wenn sie höflicher geworden war. Aber sie ging mit grossen Schritten auf ihn zu,
rief: »Also wollen Sie mit mir kommen oder nicht?«, stiess ihn mit Absicht oder
bloss in der Erregung, derart in die Brust, dass er aus dem Fenster gestürzt wäre,
hätte er nicht noch im letzten Augenblick, vom Fensterbrett gleitend, mit den
Füssen den Zimmerboden berührt.
    »Jetzt wäre ich bald hinausgefallen«, sagte er vorwurfsvoll.
    »Schade, dass es nicht geschehen ist. Warum sind Sie so unartig! Ich stosse
Sie noch einmal hinunter.«
    Und wirklich umfasste sie ihn und trug ihn, der, zuerst verblüfft, sich
schwer zu machen vergass, mit ihrem vom Sport gestählten Körper fast bis zum
Fenster. Aber dort besann er sich, machte sich mit einer Wendung der Hüften los
und umfasste sie.
    »Ach, Sie tun mir wohl«, sagte sie gleich.
    Aber nun glaubte Karl, sie nicht mehr loslassen zu dürfen. Er liess ihr zwar
Freiheit, Schritte nach Belieben zu machen, folgte ihr aber und liess sie nicht
los. Es war auch so leicht, sie in ihrem engen Kleid zu umfassen.
    »Lassen Sie mich«, flüsterte sie, das erhitzte Gesicht eng an seinem, er
musste sich anstrengen, sie zu sehen, so nahe war sie ihm. »Lassen Sie mich, ich
werde Ihnen etwas Schönes geben.« Warum seufzt sie so, dachte Karl, es kann ihr
nicht wehtun, ich drücke sie ja nicht, und er liess sie noch nicht los. Aber
plötzlich, nach einem Augenblick unachtsamen, schweigenden Dastehens, fühlte er
wieder ihre wachsende Kraft an seinem Leib, und sie hatte sich ihm entwunden,
fasste ihn mit gut ausgenütztem Obergriff, wehrte seine Beine mit Fussstellungen
einer fremdartigen Kampftechnik ab und trieb ihn vor sich, mit grossartiger
Regelmässigkeit Atem holend, gegen die Wand. Dort war aber ein Kanapee, auf das
legte sie Karl hin und sagte, ohne sich allzusehr zu ihm hinabzubeugen: »Jetzt
rühr dich, wenn du kannst.«
    »Katze, tolle Katze«, konnte Karl gerade noch aus dem Durcheinander von Wut
und Scham rufen, in dem er sich befand. »Du bist ja wahnsinnig, du tolle Katze!«
    »Gib acht auf deine Worte«, sagte sie und liess die eine Hand zu seinem Halse
gleiten, den sie so stark zu würgen anfing, dass Karl ganz unfähig war, etwas
anderes zu tun als Luft zu schnappen, während sie mit der anderen Hand an seine
Wange fuhr, wie probeweise sie berührte, sie wieder und zwar immer weiter in die
Luft zurückzog und jeden Augenblick mit einer Ohrfeige niederfallen lassen
konnte.
    »Wie wäre es«, fragte sie dabei, »wenn ich dich zur Strafe für dein Benehmen
einer Dame gegenüber mit einer tüchtigen Ohrfeige nach Hause schicken wollte?
Vielleicht wäre es dir nützlich für deinen künftigen Lebensweg, wenn es auch
keine schöne Erinnerung abgeben würde. Du tust mir ja leid und bist ein
erträglich hübscher Junge und, hättest du Jiu-Jitsu gelernt, hättest du
wahrscheinlich mich durchgeprügelt. Trotzdem, trotzdem - es verlockt mich
geradezu riesig, dich zu ohrfeigen, so wie du jetzt daliegst. Ich werde es
wahrscheinlich bedauern; wenn ich es aber tun sollte, so wisse schon jetzt, dass
ich es fast gegen meinen Willen tun werde. Und ich werde mich dann natürlich
nicht mit einer Ohrfeige begnügen, sondern rechts und links schlagen, bis dir
die Backen anschwellen. Und vielleicht bist du ein Ehrenmann - ich möchte es
fast glauben - und wirst mit den Ohrfeigen nicht weiterleben wollen und dich aus
der Welt schaffen. Aber warum bist du auch so gegen mich gewesen, gefalle ich
dir vielleicht nicht? Lohnt es sich nicht, auf mein Zimmer zu kommen? Achtung!
Jetzt hätte ich dir schon fast unversehens die Ohrfeige aufgeputzt. Wenn du
heute also noch so loskommen solltest, benimm dich nächstens feiner. Ich bin
nicht dein Onkel, mit dem du trotzen kannst. Im übrigen will ich dich noch
darauf aufmerksam machen, dass du, wenn ich dich ungeohrfeigt loslasse, nicht
glauben musst, dass deine jetzige Lage und wirkliches Geohrfeigt werden vom
Standpunkt der Ehre aus das gleiche sind. Solltest du das glauben wollen, so
würde ich es doch vorziehen, dich wirklich zu ohrfeigen. Was wohl Mack sagen
wird, wenn ich ihm das alles erzähle.«
    Bei der Erinnerung an Mack liess sie Karl los, in seinen undeutlichen
Gedanken erschien ihm Mack wie ein Befreier. Er fühlte noch ein Weilchen Klaras
Hand an seinem Hals, wand sich daher noch ein wenig und lag dann still.
    Sie forderte ihn auf, aufzustehen, er antwortete nicht und rührte sich
nicht. Sie entzündete irgendwo eine Kerze, das Zimmer bekam Licht, ein blaues
Zickzackmuster erschien auf dem Plafond, aber Karl lag, den Kopf aufs
Sofapolster aufgestützt so, wie ihn Klara gebettet hatte, und wandte ihn nicht
einen Fingerbreit. Klara ging im Zimmer herum, ihr Rock rauschte um ihre Beine,
wahrscheinlich beim Fenster blieb sie eine lange Weile stehen.
    »Ausgetrotzt?« hörte man sie dann fragen.
    Karl empfand es schwer, in diesem Zimmer, das ihm doch von Herrn Pollunder
für diese Nacht zugedacht war, keine Ruhe bekommen zu können. Da wanderte dieses
Mädchen herum, blieb stehen und redete, und er hatte sie doch so unaussprechlich
satt. Rasch schlafen und von hier fortgehen war sein einziger Wunsch. Er wollte
gar nicht mehr ins Bett, nur hier auf dem Kanapee wollte er bleiben. Er lauerte
nur darauf, dass sie wegginge, um hinter ihr her zur Tür zu springen, sie zu
verriegeln, und dann wieder zurück auf das Kanapee sich zu werfen. Er hatte ein
solches Bedürfnis, sich zu strecken und zu gähnen, aber vor Klara wollte er das
nicht tun. Und so lag er, starrte hinauf, fühlte sein Gesicht immer
unbeweglicher werden und eine ihn umkreisende Fliege flimmerte ihm; vor den
Augen, ohne dass er recht wusste, was es war.
    Klara trat wieder zu ihm, beugte sich in die Richtung seiner Blicke und,
hätte er sich nicht bezwungen, hätte er sie schon anschauen müssen.
    »Ich gehe jetzt«, sagte sie. »Vielleicht bekommst du später Lust, zu mir zu
kommen. Die Tür zu meinen Zimmern ist die vierte, von dieser Tür aus gerechnet,
auf dieser Seite des Ganges. Du gehst also an drei weiteren Türen vorüber und
die, zu welcher du dann kommst, ist die richtige. Ich gehe nicht mehr hinunter
in den Saal, sondern bleibe schon in meinem Zimmer. Du hast mich aber auch
ordentlich müde gemacht. Ich werde nicht gerade auf dich warten, aber wenn du
kommen willst, so komm. Erinnere dich, dass du versprochen hast, mir auf dem
Klavier vorzuspielen. Aber vielleicht habe ich dich ganz entnervt und du kannst
dich nicht mehr rühren, dann bleib und schlaf dich aus. Dem Vater sage ich
vorläufig von unserer Rauferei kein Wort; ich bemerke das für den Fall, dass dir
das Sorge machen sollte.« Darauf lief sie trotz ihrer angeblichen Müdigkeit mit
zwei Sprüngen aus dem Zimmer.
    Sofort setzte sich Karl aufrecht, dieses Liegen war schon unerträglich
geworden. Um ein wenig Bewegung zu machen, ging er zur Tür und sah auf den Gang
hinaus. War dort aber eine Finsternis! Er war froh, als er die Tür zugemacht und
abgesperrt hatte und wieder bei seinem Tisch im Schein der Kerze stand. Sein
Entschluss war, nicht länger in diesem Haus zu bleiben, sondern hinunter zu Herrn
Pollunder zu gehen, ihm offen zu sagen, wie ihn Klara behandelt hatte - am
Eingeständnis seiner Niederlage lag ihm gar nichts - und mit dieser wohl
genügenden Begründung um die Erlaubnis zu bitten, nach Hause fahren oder gehen
zu dürfen. Sollte Herr Pollunder etwas gegen diese sofortige Heimkehr
einzuwenden haben, dann wollte ihn Karl wenigstens bitten, ihn durch einen
Diener zum nächsten Hotel führen zu lassen. In dieser Weise, wie sie Karl
plante, ging man zwar sonst in der Regel nicht mit freundlichen Gastgebern um,
aber noch seltener ging man mit einem Gaste derart um, wie es Klara getan hatte.
Sie hatte sogar noch ihr Versprechen, dem Herrn Pollunder von der Rauferei
vorläufig nichts zu sagen, für eine Freundlichkeit gehalten, das war aber schon
himmelschreiend. Ja, war denn Karl zu einem Ringkampf eingeladen worden, so dass
es für ihn beschämend gewesen wäre, von einem Mädchen geworfen zu werden, das
wahrscheinlich den grössten Teil ihres Lebens mit dem Lernen von
Ringkämpferkniffen verbracht hatte? Am Ende hatte sie gar von Mack Unterricht
bekommen. Mochte sie ihm nur alles erzählen; der war sicher einsichtig, das
wusste Karl, obwohl er niemals Gelegenheit gehabt hatte, das im einzelnen zu
erfahren. Karl wusste aber auch, dass, wenn Mack ihn unterrichtete, er noch viel
grössere Fortschritte als Klara machen würde; dann käme er eines Tages wieder
hierher, höchstwahrscheinlich uneingeladen, untersuchte natürlich zuerst die
Örtlichkeit, deren genaue Kenntnis ein grosser Vorteil Klaras gewesen war, packte
dann diese gleiche Klara und klopfte mit ihr das gleiche Kanapee aus, auf das
sie ihn heute geworfen hatte.
    Jetzt handelte es sich nur darum, den Weg zum Saal zurückzufinden, wo er ja
wahrscheinlich auch seinen Hut in der ersten Zerstreuteit auf einen unpassenden
Platz gelegt hatte. Die Kerze wollte er natürlich mitnehmen, aber selbst bei
Licht war es nicht leicht, sich auszukennen. Er wusste zum Beispiel nicht einmal,
ob dieses Zimmer in der gleichen Ebene wie der Saal gelegen war. Klara hatte ihn
auf dem Herweg immer so gezogen, dass er sich gar nicht hatte umsehen können.
Herr Green und die leuchtertragenden Diener hatten ihm auch zu denken gegeben;
kurz, er wusste jetzt tatsächlich nicht einmal, ob sie eine oder zwei oder
vielleicht gar keine Treppe passiert hatten. Nach der Aussicht zu schliessen, lag
das Zimmer ziemlich hoch, und er suchte sich deshalb einzubilden, dass sie über
Treppen gekommen waren, aber schon zum Hauseingang hatte man ja über Treppen
steigen müssen, warum konnte nicht auch diese Seite des Hauses erhöht sein, Aber
wenn wenigstens auf dem Gang irgendwo ein Lichtschein aus einer Tür zu sehen
oder eine Stimme aus der Ferne auch noch so leise zu hören gewesen wäre!
    Seine Taschenuhr, ein Geschenk des Onkels, zeigte elf Uhr, er nahm die Kerze
und ging auf den Gang hinaus. Die Tür liess er offen, um für den Fall, als sein
Suchen vergeblich wäre, wenigstens sein Zimmer wiederzufinden und danach, für
den äussersten Notfall, die Tür zu Klaras Zimmer. Zur Sicherheit, damit sich die
Türe nicht von selbst schliesse, verstellte er sie mit einem Sessel. Auf dem
Gange zeigte sich der Übelstand, dass gegen Karl - er ging natürlich von Klaras
Türe weg nach links - ein Luftzug strich, der zwar ganz schwach war, aber
immerhin leicht die Kerze hätte auslöschen können, so dass Karl die Flamme mit
der Hand schützen und überdies öfters stehenbleiben musste, damit die
niedergedrückte Flamme sich erhole. Es war ein langsames Vorwärtskommen, und der
Weg schien dadurch doppelt lang. Karl war schon an grossen Strecken der Wände
vorübergekommen, die gänzlich ohne Türen waren, man konnte sich nicht
vorstellen, was dahinter war. Dann kam wieder Tür an Tür, er versuchte, mehrere
zu öffnen, sie waren versperrt und die Räume offenbar unbewohnt. Es war eine
Raumverschwendung sondergleichen, und Karl dachte an die östlichen New Yorker
Quartiere, die ihm der Onkel zu zeigen versprochen hatte, wo angeblich in einem
kleinen Zimmer mehrere Familien wohnten und das Heim einer Familie in einem
Zimmerwinkel bestand, in dem sich die Kinder um ihre Eltern scharten. Und hier
standen so viele Zimmer leer und waren nur dazu da, um hohl zu klingen, wenn man
an die Tür schlug. Herr Pollunder schien Karl irregeführt zu sein von falschen
Freunden und vernarrt in seine Tochter und dadurch verdorben. Der Onkel hatte
ihn sicher richtig beurteilt, und nur sein Grundsatz, auf die
Menschenbeurteilung Karls keinen Einfluss zu nehmen, war schuld an diesem Besuch
und an diesen Wanderungen auf den Gängen. Karl wollte das morgen dem Onkel ohne
weiteres sagen, denn nach seinem Grundsatz würde der Onkel auch das Urteil des
Neffen über ihn gerne und ruhig anhören. Überdies war dieser Grundsatz
vielleicht das einzige, was Karl an seinem Onkel nicht gefiel, und selbst dieses
Nichtgefallen war nicht unbedingt.
    Plötzlich hörte die Wand an der einen Gangseite auf, und ein eiskaltes
marmornes Geländer trat an ihre Stelle. Karl stellte die Kerze neben sich und
beugte sich vorsichtig hinüber. Dunkle Leere wehte ihm entgegen. Wenn das die
Hauptalle des Hauses war - im Schimmer der Kerze erschien ein Stück einer
gewölbeartig geführten Decke -, warum war man nicht durch diese Halle
eingetreten? Wozu diente nur dieser grosse, tiefe Raum? Man stand ja hier oben
wie auf der Galerie einer Kirche. Karl bedauerte fast, nicht bis morgen in
diesem Hause bleiben zu können, er hätte gern bei Tageslicht von Herrn Pollunder
sich überall herumführen und über alles unterrichten lassen.
    Das Geländer war übrigens nicht lang, und bald wurde Karl wieder vom
geschlossenen Gang aufgenommen. Bei einer plötzlichen Wendung des Ganges stiess
Karl mit ganzer Wucht an die Mauer, und nur die ununterbrochene Sorgfalt, mit
der er die Kerze krampfhaft hielt, bewahrte sie glücklicherweise vor dem Fallen
und Auslöschen. Da der Gang kein Ende nehmen wollte, nirgends ein Fenster einen
Ausblick gab, weder in der Höhe noch in der Tiefe sich etwas rührte, dachte Karl
schon, er gehe immerfort im gleichen Kreisgang in der Runde, und hoffte schon,
die offene Tür seines Zimmers vielleicht wiederzufinden, aber weder sie noch das
Geländer kehrte wieder. Bis jetzt hatte sich Karl von lautem Rufen
zurückgehalten, denn er wollte in einem fremden Haus zu so später Stunde keinen
Lärm machen, aber jetzt sah er ein, dass es in diesem unbeleuchteten Hause kein
Unrecht war, und machte sich gerade daran, nach beiden Seiten des Ganges ein
lautes »Hallo!« zu schreien, als er in der Richtung, aus der er gekommen war,
ein kleines, sich näherndes Licht bemerkte. Jetzt konnte er erst die Länge des
geraden Ganges abschätzen; das Haus war eine Festung, keine Villa. Karls Freude
über dieses rettende Licht war so gross, dass er alle Vorsicht vergass und darauf
zulief; schon bei den ersten Sprüngen löschte seine Kerze aus. Er achtete nicht
darauf, denn er brauchte sie nicht mehr, hier kam ihm ein alter Diener mit einer
Laterne entgegen, der ihm den richtigen Weg schon zeigen würde.
    »Wer sind Sie?« fragte der Diener und hielt Karl die Laterne ans Gesicht,
wodurch er gleichzeitig sein eigenes beleuchtete. Sein Gesicht erschien etwas
steif durch einen grossen, weissen Vollbart, der erst auf der Brust in
seidenartige Ringel ausging. Es muss ein treuer Diener sein, dem man das Tragen
eines solchen Bartes erlaubt, dachte Karl und sah diesen Bart unverwandt der
Länge und Breite nach an, ohne sich dadurch behindert zu fühlen, dass er selbst
beobachtet wurde. Im übrigen antwortete er sofort, dass er der Gast des Herrn
Pollunder sei, aus seinem Zimmer in das Speisezimmer gehen wolle und es nicht
finden könne.
    »Ach so«, sagte der Diener »wir haben das elektrische Licht noch nicht
eingeführt.«
    »Ich weiss«, sagte Karl.
    »Wollen Sie nicht Ihre Kerze an meiner Lampe anzünden?« fragte der Diener.
    »Bitte«, sagte Karl und tat es.
    »Es zieht hier so auf den Gängen«, sagte der Diener »die Kerze löscht leicht
aus, darum habe ich eine Laterne.«
    »Ja, eine Laterne ist viel praktischer«, sagte Karl.
    »Sie sind auch schon von der Kerze ganz betropft«, sagte der Diener und
leuchtete mit der Kerze Karls Anzug ab.
    »Das habe ich ja gar nicht bemerkt!« rief Karl, und es tat ihm sehr leid, da
es ein schwarzer Anzug war, von dem der Onkel gesagt hatte, er passe ihm am
besten von allen. Die Rauferei mit Klara dürfte dem Anzug auch nicht genützt
haben, erinnerte er sich jetzt. Der Diener war gefällig genug, den Anzug zu
reinigen, so gut es in der Eile ging; immer wieder drehte sich Karl vor ihm
herum und zeigte ihm noch hier und dort einen Fleck, den der Diener folgsam
entfernte.
    »Warum zieht es denn hier eigentlich so?« fragte Karl, als sie schon
weitergingen.
    »Es ist hier eben noch viel zu bauen«, sagte der Diener, »man hat zwar mit
dem Umbau schon angefangen, aber es geht sehr langsam. Jetzt streiken auch noch
die Bauarbeiter, wie Sie vielleicht wissen. Man hat viel Ärger mit so einem Bau.
Jetzt sind da ein paar grosse Durchbrüche gemacht worden, die niemand vermauert,
und die Zugluft geht durch das ganze Haus. Wenn ich nicht die Ohren voll Watte
hätte, könnte ich nicht bestehen.«
    »Da muss ich wohl lauter reden?«, fragte Karl.
    »Nein, Sie haben eine klare Stimme«, sagte der Diener. »Aber um auf diesen
Bau zurückzukommen; besonders, hier in der Nähe der Kapelle, die später
unbedingt von dem übrigen Haus abgesperrt werden muss, ist die Zugluft gar nicht
auszuhalten.«
    »Die Brüstung, an der man in diesem Gang vorüberkommt, geht also in eine
Kapelle hinaus?«
    »Ja.«
    Das habe ich mir gleich gedacht, sagte Karl.
    »Sie ist sehr sehenswert«, sagte der Diener, »wäre sie nicht gewesen, hätte
wohl Herr Mack das Haus nicht gekauft.
    Herr Mack?« fragte Karl , »ich dachte, das Haus gehöre Herrn Pollunder?«
    »Allerdings«, sagte der Diener »aber Herr Mack hat doch bei diesem Kauf den
Ausschlag gegeben. Sie kennen Herrn Mack nicht?«
    »O ja«, sagte Karl. »Aber in welcher Verbindung ist er denn mit Herrn
Pollunder?«
    »Er ist der Bräutigam des Fräuleins«, sagte der Diener.
    »Das wusste ich freilich nicht«, sagte Karl und blieb stehen.
    »Setzt Sie das in solches Erstaunen?« fragte der Diener.
    »Ich will es mir nur zurechtlegen. Wenn man solche Beziehungen nicht kennt,
kann man ja die grössten Fehler machen«, antwortete Karl.
    »Es wundert mich nur, dass man Ihnen davon nichts gesagt hat«, sagte der
Diener.
    »Ja, wirklich«, sagte Karl beschämt.
    »Wahrscheinlich dachte man, Sie wüssten es«, sagte der Diener, »es ist ja
keine Neuigkeit. Hier sind wir übrigens«, und öffnete eine Türe, hinter der sich
eine Treppe zeigte, die senkrecht zu der Hintertüre des ebenso wie bei der
Ankunft hell beleuchteten Speisezimmers führte.
    Ehe Karl in das Speisezimmer eintrat, aus dem man die Stimmen Herrn
Pollunders und Herrn Greens unverändert wie vor nun wohl schon zwei Stunden
hörte, sagte der Diener: »Wenn Sie wollen, erwarte ich Sie hier und führe Sie
dann in Ihr Zimmer. Es macht immerhin Schwierigkeiten, sich gleich am ersten
Abend hier auszukennen.«
    »Ich werde nicht mehr in mein Zimmer zurückkehren«, sagte Karl und wusste
nicht, warum er bei dieser Auskunft traurig wurde.
    »Es wird nicht so arg sein«, sagte der Diener, ein wenig überlegen lächelnd,
und klopfte ihm auf den Arm. Er hatte sich wahrscheinlich Karls Worte dahin
erklärt, dass Karl beabsichtige, während der ganzen Nacht im Speisezimmer zu
bleiben, sich mit den Herren zu unterhalten und mit ihnen zu trinken. Karl
wollte jetzt keine Bekenntnisse machen, ausserdem dachte er, der Diener, der ihm
besser gefiel als die anderen hiesigen Diener, könne ihm ja dann die Wegrichtung
nach New York zeigen, und sagte deshalb: »Wenn Sie hier warten wollen, so ist
das sicherlich eine grosse Freundlichkeit von Ihnen, und ich nehme sie dankbar
an. Jedenfalls werde ich in einer kleinen Weile herauskommen und Ihnen dann
sagen, was ich weiter tun werde. Ich denke schon, dass mir Ihre Hilfe noch nötig
sein wird.« »Gut«, sagte der Diener, stellte die Laterne auf den Boden und
setzte sich auf ein niedriges Postament, dessen Leere wahrscheinlich auch mit
dem Umbau des Hauses zusammenhing. »Ich werde also hier warten. Die Kerze können
Sie auch bei mir lassen«, sagte der Diener noch, als Karl mit der brennenden
Kerze in den Saal gehen wollte.
    »Ich bin aber zerstreut«, sagte Karl und reichte die Kerze dem Diener hin,
welcher ihm bloss zunickte, ohne dass man wusste, ob er es mit Absicht tat oder ob
es eine Folge dessen war, dass er mit der Hand seinen Bart strich.
    Karl öffnete die Tür, die ohne seine Schuld laut erklirrte, denn sie bestand
aus einer einzigen Glasplatte, die sich fast bog, wenn die Tür rasch geöffnet
und nur an der Klinke festgehalten wurde. Karl liess die Tür erschrocken los,
denn er hatte gerade besonders still eintreten wollen.
    Ohne sich mehr umzudrehen, merkte er noch, wie hinter ihm der Diener, der
offenbar von seinem Postament herabgestiegen war, vorsichtig und ohne das
geringste Geräusch, die Tür schloss.
    »Verzeihen Sie, dass ich störe«, sagte er zu den beiden Herren, die ihn mit
ihren grossen, erstaunten Gesichtern ansahen. Gleichzeitig aber überflog er mit
einem Blick den Saal, ob er nicht irgendwo schnell seinen Hut finden könne. Er
war aber nirgends zu sehen, der Esstisch war völlig abgeräumt, vielleicht war der
Hut unangenehmerweise irgendwie in die Küche fortgetragen worden.
    »Wo haben Sie denn Klara gelassen?« fragte Herr Pollunder, dem übrigens die
Störung nicht unlieb schien, denn er setzte sich gleich anders in seinem
Fauteuil und kehrte Karl seine ganze Front zu. Herr Green spielte den
Unbeteiligten, zog eine Brieftasche heraus, die an Grösse und Dicke ein Ungeheuer
ihrer Art war, schien in den vielen Taschen ein bestimmtes Stück zu suchen, las
aber während des Suchens auch andere Papiere, die ihm gerade in die Hand kamen.
    »Ich hätte eine Bitte, die Sie nicht missverstehen dürfen«, sagte Karl, ging
eiligst zu Herrn Pollunder hin und legte, um ihm recht nahe zu sein, die Hand
auf die Armlehne des Fauteuils.
    »Was soll denn das für eine Bitte sein?« fragte Herr Pollunder und sah Karl
mit offenem, rückhaltlosem Blicke an. »Sie ist natürlich schon erfüllt.« Und er
legte den Arm um Karl und zog ihn zu sich zwischen seine Beine. Karl duldete das
gerne, obwohl er sich im allgemeinen doch für eine solche Behandlung allzu
erwachsen fühlte. Aber das Aussprechen seiner Bitte wurde natürlich schwieriger.
    »Wie gefällt es Ihnen denn eigentlich bei uns?« fragte Herr Pollunder.
»Scheint es Ihnen nicht auch, dass man auf dem Lande sozusagen befreit wird, wenn
man aus der Stadt herauskommt? Im allgemeinen« - und ein nicht
misszuverstehender, durch Karl etwas verdeckter Seitenblick ging auf Herrn Green
-, »im allgemeinen habe ich dieses Gefühl immer wieder, jeden Abend.«
    Er spricht, dachte Karl, als wüsste er nichts von dem grossen Haus, den
endlosen Gängen, der Kapelle, den leeren Zimmern, dem Dunkel überall.
    »Nun«, sagte Herr Pollunder, »die Bitte!«, und er schüttelte Karl
freundschaftlich, der stumm dastand.
    »Ich bitte«, sagte Karl und, so sehr er die Stimme dämpfte, es liess sich
nicht vermeiden, dass der daneben sitzende Green alles hörte, vor dem Karl die
Bitte, die möglicherweise als eine Beleidigung Pollunders aufgefasst werden
konnte, so gern verschwiegen hätte - »ich bitte, lassen Sie mich noch jetzt, in
der Nacht, nach Hause.«
    Und da das Ärgste ausgesprochen war, drängte alles andere um so schneller
nach, er sagte, ohne die geringste Lüge zu gebrauchen, Dinge, an die er gar
nicht eigentlich vorher gedacht hatte. »Ich möchte um alles gerne nach Hause.
Ich werde gerne wiederkommen, denn wo Sie, Herr Pollunder, sind, dort bin auch
ich gerne. Nur heute kann ich nicht hierbleiben. Sie wissen, der Onkel hat mir
die Erlaubnis zu diesem Besuch nicht gerne gegeben. Er hat sicher dafür seine
guten Gründe gehabt, wie für alles, was er tut, und ich habe es mir
herausgenommen, gegen seine bessere Einsicht die Erlaubnis förmlich zu
erzwingen. Ich habe seine Liebe zu mir einfach missbraucht. Was für Bedenken er
gegen diesen Besuch hatte, ist ja jetzt gleichgültig, ich weiss bloss ganz
bestimmt, dass nichts in diesem Bedenken war, was Sie, Herr Pollunder, kränken
könnte, der Sie der beste, der allerbeste Freund meines Onkels sind. Kein
anderer kann sich in der Freundschaft meines Onkels auch nur im entferntesten
mit Ihnen vergleichen. Das ist ja auch die einzige Entschuldigung für meine
Unfolgsamkeit, aber keine genügende. Sie haben vielleicht keinen genauen
Einblick in das Verhältnis zwischen meinem Onkel und mir, ich will daher nur von
dem Einleuchtendsten sprechen. Solange meine Englischstudien nicht abgeschlossen
sind und ich mich im praktischen Handel nicht genügend ungesehen habe, bin ich
gänzlich auf die Güte meines Onkels angewiesen, die ich allerdings als
Blutsverwandter geniessen darf. Sie dürfen nicht glauben, dass ich schon jetzt
irgendwie mein Brot anständig - und vor allem anderen soll mich Gott bewahren -
verdienen könnte. Dazu ist leider meine Erziehung zu unpraktisch gewesen. Ich
habe vier Klassen eines europäischen Gymnasiums als Durchschnittsschüler
durchgemacht, und das bedeutet für den Gelderwerb viel weniger als nichts, denn
unsere Gymnasien sind im Lehrplan sehr rückschrittlich. Sie würden lachen, wenn
ich Ihnen erzählen wollte, was ich gelernt habe. Wenn man weiter studiert, das
Gymnasium zu Ende macht, an die Universität geht, dann gleicht sich ja
wahrscheinlich alles irgendwie aus, und man hat zum Schluss eine geordnete
Bildung, mit der sich etwas anfangen lässt und die einem die Entschlossenheit zum
Gelderwerb gibt. Ich aber bin aus diesem zusammenhängenden Studium leider
herausgerissen worden; manchmal glaube ich, ich weiss gar nichts, und schliesslich
wäre auch alles, was ich wissen könnte, für Amerikaner noch immer zu wenig.
Jetzt werden in meiner Heimat neuestens hie und da Reformgymnasien eingerichtet,
wo man auch moderne Sprachen und vielleicht auch Handelswissenschaften lernt;
als ich aus der Volksschule trat, gab es das noch nicht. Mein Vater wollte mich
zwar im Englischen unterrichten lassen, aber erstens konnte ich damals nicht
ahnen, welches Unglück über mich kommen wird und wie ich das Englische brauchen
werde, und zweitens musste ich für das Gymnasium viel lernen, so dass ich für
andere Beschäftigungen nicht besonders viel Zeit hatte. - Ich erwähne das alles,
um Ihnen zu zeigen, wie abhängig ich von meinem Onkel bin und wie verpflichtet
infolgedessen ich ihm gegenüber auch bin. Sie werden sicher zugeben, dass ich es
mir bei solchen Verhältnissen nicht erlauben darf, auch nur das geringste gegen
seinen auch nur geahnten Willen zu tun. Und darum muss ich, um den Fehler, den
ich ihm gegenüber begangen habe, nur halbwegs wiedergutzumachen, sofort nach
Hause gehen.«
    Während dieser langen Rede Karls hatte Herr Pollunder aufmerksam zugehört,
öfters, besonders wenn der Onkel erwähnt wurde, Karl, wenn auch unmerklich, an
sich gedrückt und einige Male ernst und wie erwartungsvoll zu Green
hinübergesehen, der sich weiterhin mit seiner Brieftasche beschäftigte. Karl
aber war, je deutlicher ihm seine Stellung zum Onkel im Laufe seiner Rede zu
Bewusstsein kam, immer unruhiger geworden, hatte sich unwillkürlich aus dem Arm
Pollunders zu drängen gesucht. Alles beengte ihn hier; der Weg zum Onkel durch
die Glastüre, über die Treppe, durch die Allee, über die Landstrassen, durch die
Vorstädte zur grossen Verkehrsstrasse, einmündend in des Onkels Haus, erschien ihm
als etwas streng Zusammengehöriges, das leer, glatt und für ihn vorbereitet
dalag und mit einer starken Stimme nach ihm verlangte. Herrn Pollunders Güte und
Herrn Greens Abscheulichkeit verschwammen, und er wollte aus diesem rauchigen
Zimmer nichts anderes für sich haben als die Erlaubnis zum Abschiednehmen. Zwar
fühlte er sich gegen Herrn Pollunder abgeschlossen, gegen Herrn Green
kampfbereit, und doch erfüllte ihn ringsherum eine unbestimmte Furcht, deren
Stösse seine Augen trübten.
    Er trat einen Schritt zurück und stand nun gleich weit von Herrn Pollunder
und von Herrn Green entfernt.»Wollten Sie ihm nicht etwas sagen?« fragte Herr
Pollunder Herrn Green und fasste wie bittend Herrn Greens Hand.
    »Ich wüsste nicht, was ich ihm sagen sollte«, sagte Herr Green, der endlich
einen Brief aus seiner Tasche gezogen und vor sich auf den Tisch gelegt hatte.
    »Es ist recht lobenswert, dass er zu seinem Onkel zurückkehren will, und nach
menschlicher Voraussicht sollte man glauben, dass er dem Onkel eine besondere
Freude damit machen wird. Es müsste denn sein, dass er durch seine Unfolgsamkeit
den Onkel schon allzu böse gemacht hat, was ja auch möglich ist. Dann allerdings
wäre es besser, er bliebe hier. Es ist eben schwer, etwas Bestimmtes zu sagen;
wir sind zwar beide Freunde des Onkels und es dürfte Mühe machen, zwischen
meiner und Herrn Pollunders Freundschaft Rangunterschiede zu erkennen, aber in
das Innere des Onkels können wir nicht hineinschauen, und ganz besonders nicht
über die vielen Kilometer hinweg, die uns hier von New York trennen«.
    »Bitte, Herr Green«, sagte Karl und näherte sich mit Selbstüberwindung Herrn
Green. »Ich höre aus Ihren Worten heraus, dass Sie es auch für das beste halten,
wenn ich gleich zurückkehre.«
    »Das habe ich durchaus nicht gesagt«, meinte Herr Green und vertiefte sich
in das Anschauen des Briefes, an dessen Rändern er mit zwei Fingern hin und her
fuhr. Er schien damit andeuten zu wollen, dass er von Herrn Pollunder gefragt
worden sei, ihm auch geantwortet habe, während er mit Karl eigentlich nichts zu
tun habe.
    Inzwischen war Herr Pollunder zu Karl getreten und hatte ihn sanft von Herrn
Green weg zu einem der grossen Fenster gezogen. »Lieber Herr Rossmann«, sagte er,
zu Karls Ohr hinabgebeugt, und wischte zur Vorbereitung mit dem Taschentuch über
sein Gesicht und, bei der Nase innehaltend, schneuzte er sich, »Sie werden doch
nicht glauben, dass ich Sie gegen Ihren Willen hier zurückhalten will. Davon ist
ja keine Rede. Das Automobil kann ich Ihnen zwar nicht zur Verfügung stellen,
denn es steht weit von hier in einer öffentlichen Garage, da ich noch keine Zeit
hatte, hier, wo alles erst im Werden ist, eine eigene Garage einzurichten. Der
Chauffeur wiederum schläft nicht hier im Haus, sondern in der Nähe der Garage,
ich weiss wirklich selbst nicht, wo. Ausserdem ist es gar nicht seine Pflicht,
jetzt zu Hause zu sein, seine Pflicht ist es nur, früh zur rechten Zeit hier
vorzufahren. Aber das alles wären keine Hindernisse für Ihre augenblickliche
Heimkehr, denn wenn Sie darauf bestehen, begleite ich Sie sofort zur nächsten
Station der Stadtbahn, die allerdings so weit entfernt ist, dass Sie nicht viel
früher zu Hause ankommen dürften, als wenn Sie früh - wir fahren ja schon um
sieben Uhr - mit mir in meinem Automobil fahren wollen.«
    »Da möchte ich, Herr Pollunder, doch lieber mit der Stadtbahn fahren«, sagte
Karl.
    »An die Stadtbahn habe ich gar nicht gedacht. Sie sagen selbst, dass ich mit
der Stadtbahn früher ankomme, als früh mit dem Automobil.«
    »Es ist aber ein ganz kleiner Unterschied.«
    »Trotzdem, trotzdem, Herr Pollunder«, sagte Karl, »ich werde in Erinnerung
an Ihre Freundlichkeit immer gerne herkommen, vorausgesetzt natürlich, dass Sie
mich nach meinem heutigen Benehmen noch einladen wollen, und vielleicht werde
ich es nächstens besser ausdrücken können, warum heute jede Minute, um die ich
meinen Onkel früher sehe, für mich so wichtig ist.« Und, als hätte er bereits
die Erlaubnis zum weggehen erhalten, fügte er hinzu: »Aber keinesfalls dürfen
Sie mich begleiten. Es ist auch ganz unnötig. Draussen ist ein Diener, der mich
gern zur Station begleiten wird. Jetzt muss ich nur noch meinen Hut suchen.« Und
bei den letzten Worten durchschritt er schon das Zimmer, um noch in Eile einen
letzten Versuch zu machen, ob sein Hut doch vielleicht zu finden wäre.
    »Könnte ich Ihnen nicht mit einer Mütze aushelfen?« sagte Herr Green und zog
eine Mütze aus der Tasche.
    »Vielleicht passt sie Ihnen zufällig.« Verblüfft blieb Karl stehen und sagte:
»Ich werde Ihnen doch nicht Ihre Mütze wegnehmen. Ich kann ja ganz gut mit
unbedecktem Kopf gehen. Ich brauche gar nichts«
    »Es ist nicht meine Mütze. Nehmen Sie nur!«
    »Dann danke ich«, sagte Karl, um sich nicht aufzuhalten, und nahm die Mütze.
Er zog sie an und lachte zuerst, da sie ganz genau passte, nahm sie wieder in die
Hand und betrachtete sie, konnte aber das Besondere, das er an ihr suchte, nicht
finden; es war eine vollkommen neue Mütze. »Sie passt so gut!« sagte er.
    »Also, sie passt!« rief Herr Green und schlug auf den Tisch.
    Karl ging schon zur Türe zu, um den Diener zu holen, da erhob sich Herr
Green, streckte sich nach dem reichlichen Mahl und der vielen Ruhe, klopfte
stark gegen seine Brust und sagte in einem Ton zwischen Rat und Befehl: »Ehe Sie
weggehen, müssen Sie von Fräulein Klara Abschied nehmen.«
    »Das müssen Sie«, sagte auch Herr Pollunder, der ebenfalls aufgestanden war.
Ihm hörte man es an, dass die Worte nicht aus seinem Herzen kamen, schwach liess
er die Hände an die Hosennaht schlagen und knöpfte immer wieder seinen Rock auf
und zu, der nach der augenblicklichen Mode ganz kurz war und kaum zu den Hüften
ging, was so dicke Leute wie Herrn Pollunder schlecht kleidete. Übrigens hatte
man, wenn er so neben Herrn Green stand, den deutlichen Eindruck, dass es bei
Herrn Pollunder keine gesunde Dicke war; der Rücken war in seiner ganzen Masse
etwas gekrümmt, der Bauch sah weich und unhaltbar aus, eine wahre Last, und das
Gesicht erschien bleich und geplagt. Dagegen stand hier Herr Green, vielleicht
noch etwas dicker als Herr Pollunder, aber es war eine zusammenhängende, sich
gegenseitig tragende Dicke, die Füsse waren soldatisch zusammengeklappt, den Kopf
trug er aufrecht und schaukelnd; er schien ein grosser Turner, ein Vorturner, zu
sein.
    »Gehen Sie also vorerst«, fuhr Herr Green fort, »zu Fräulein Klara. Das
dürfte Ihnen sicher Vergnügen machen und passt auch sehr gut in meine
Zeiteinteilung hinein. Ich habe Ihnen nämlich tatsächlich, ehe Sie von hier
fortgehen, etwas Interessantes zu sagen, was wahrscheinlich auch für Ihre
Rückkehr entscheidend sein kann. Nur bin ich leider durch höheren Befehl
gebunden, Ihnen vor Mitternacht nichts zu verraten. Sie können sich vorstellen,
dass mir das selbst leid tut, denn es stört meine Nachtruhe, aber ich halte mich
an meinen Auftrag. Jetzt ist es viertel zwölf, ich kann also meine Geschäfte
noch mit Herrn Pollunder zu Ende besprechen, wobei Ihre Gegenwart nur stören
würde, und Sie können ein hübsches Weilchen mit Fräulein Klara verbringen. Punkt
zwölf stellen Sie sich dann hier ein, wo Sie das Nötige erfahren werden.«
    Konnte Karl diese Forderung ablehnen, die von ihm wirklich nur das Geringste
an Höflichkeit und Dankbarkeit gegenüber Herrn Pollunder verlangte und die
überdies ein sonst unbeteiligter, roher Mann stellte, während Herr Pollunder,
den es anging, sich mit Worten und Blicken möglichst zurückhielt?. Und was war
jenes Interessante, das er erst um Mitternacht erfahren durfte? Wenn es seine
Heimkehr nicht wenigstens um die dreiviertel Stunde beschleunigte, um die sie
jetzt verschob, interessierte es ihn wenig. Aber sein grösster Zweifel, ob er
überhaupt zu Klara gehen konnte, die doch seine Feindin war. Wenn er wenigstens
das Schlageisen bei sich gehabt hätte, das ihm der Onkel als Briefbeschwerer
geschenkt hatte! Das Zimmer Klaras mochte ja eine recht gefährliche Höhle sein.
Aber nun war es ja ganz und gar unmöglich, hier gegen Klara das Geringste zu
sagen, da sie Pollunders Tochter und, wie er jetzt gehört hatte, gar Macks Braut
war. Sie hätte ja nur um eine Kleinigkeit anders sich zu ihm verhalten müssen,
und er hätte sie wegen ihrer Beziehungen offen bewundert. Noch überlegte er das
alles, aber schon merkte er, dass man keine Überlegungen von ihm verlangte, denn
Green öffnete die Tür und sagte dem Diener, der vom Postamente sprang: »Führen
Sie diesen jungen Mann zu Fräulein Klara«.
    So führt man Befehle aus, dachte Karl, als ihn der Diener, fast laufend,
stöhnend vor Altersschwäche, auf einem besonders kurzen Weg zu Klaras Zimmer
zog. Als Karl an seinem Zimmer vorüberkam, dessen Tür noch immer offen stand,
wollte er, vielleicht zu seiner Beruhigung, für einen Augenblick eintreten. Der
Diener liess das aber nicht zu.
    »Nein«, sagte er, »Sie müssen zu Fräulein Klara. Sie haben es ja selbst
gehört.«
    »Ich würde mich nur einen Augenblick drinnen aufhalten«, sagte Karl, und er
dachte daran, sich zur Abwechslung ein wenig auf das Kanapee zu werfen, damit
ihm die Zeit rascher gegen Mitternacht vorrücke.
    »Erschweren Sie mir die Ausführung meines Auftrages nicht«, sagte der
Diener.
    Er scheint es für eine Strafe zu halten, dass ich zu Fräulein Klara gehen
muss, dachte Karl und machte ein paar Schritte, blieb aber aus Trotz wieder
stehen.
    »Kommen Sie doch, junger Herr«, sagte der Diener, »wenn Sie nun schon einmal
hier sind. Ich weiss, Sie wollten noch in der Nacht weggehen, es geht eben nicht
alles nach Wunsch, ich habe es Ihnen ja gleich gesagt, dass es kaum möglich sein
wird.«
    »Ja, ich will weggehen und werde auch weggehen«, sagte Karl, »und will jetzt
nur von Fräulein Klara Abschied nehmen.«
    »So?« sagte der Diener, und Karl sah ihm wohl an, dass er kein Wort davon
glaubte.
    »Warum zögern Sie also, Abschied zu nehmen; kommen Sie doch.«
    »Wer ist auf dem Gang?« ertönte Klaras Stimme, und man sah sie aus einer
nahen Tür sich vorbeugen, eine grosse Tischlampe mit rotem Schirm in der Hand.
Der Diener eilte zu ihr hin und erstattete die Meldung. Karl ging ihm langsam
nach.
    »Sie kommen spät«, sagte Klara.
    Ohne ihr vorläufig zu antworten, sagte Karl zum Diener leise, aber, da er
seine Natur schon kannte, im Ton strengen Befehls: »Sie warten auf mich knapp
vor dieser Tür!«
    »Ich wollte schon schlafen gehen«, sagte Klara und stellte die Lampe auf den
Tisch. Wie unten im Speisezimmer schloss auch hier wieder der Diener vorsichtig
von aussen die Tür. »Es ist ja schon halb zwölf vorüber.«
    »Halb zwölf vorüber?« wiederholte Karl fragend, wie erschrocken über diese
Zahlen. »Dann muss ich mich aber sofort Verabschieden«, sagte Karl, »denn Punkt
zwölf muss ich schon unten im Speisesaal sein.«
    »Was Sie für eilige Geschäfte haben«, sagte Klara und ordnete zerstreut die
Falten ihres losen Nachtkleides. Ihr Gesicht glühte und immerfort lächelte sie.
Karl glaubte zu erkennen, dass keine Gefahr bestand, mit Klara wieder in Streit
zu geraten. »Könnten Sie nicht doch noch ein wenig Klavier spielen, wie es mir
gestern Papa und heute Sie selbst versprochen haben?«
    »Ist es nicht aber schon zu spät?« fragte Karl. Er hätte ihr gern gefällig
sein wollen, denn sie war ganz anders als vorher, so als wäre sie irgendwie
aufgestiegen in die Kreise Pollunders und weiterhin Macks.
    »Ja, spät ist es schon«, sagte sie, und es schien ihr die Lust zur Musik
schon vergangen zu sein. »Dann widerhallt hier auch jeder Ton im ganzen Hause,
ich bin überzeugt, wenn Sie spielen, wacht noch oben in der Dachkammer die
Dienerschaft auf.
    »Dann lasse ich also das Spiel, ich hoffe ja bestimmt noch wiederzukommen;
übrigens, wenn es Ihnen keine besondere Mühe macht, besuchen Sie doch einmal
meinen Onkel und schauen Sie bei der Gelegenheit auch in mein Zimmer. Ich habe
ein prachtvolles Piano. Der Onkel hat es mir geschenkt. Dann spiele ich Ihnen,
wenn es Ihnen recht ist, alle meine Stückchen vor, es sind leider nicht viele,
und sie passen auch gar nicht zu einem so grossen Instrument, auf dem nur
Virtuosen sich hören lassen sollten. Aber auch dieses Vergnügen werden Sie haben
können, wenn Sie mich von Ihrem Besuch vorher verständigen, denn der Onkel will
nächstens einen berühmten Lehrer für mich engagieren - Sie können sich denken,
wie ich mich darauf freue -, und dessen Spiel wird allerdings dafür stehen, mir
während der Unterrichtsstunde einen Besuch zu machen. Ich bin, wenn ich ehrlich
sein soll, froh, dass es für das Spiel schon zu spät ist, denn ich kann noch gar
nichts, Sie würden staunen, wie wenig ich kann. Und nun erlauben Sie, dass ich
mich verabschiede, schliesslich ist es ja doch schon Schlafenszeit.« Und weil ihn
Klara gütig ansah und ihm wegen der Rauferei gar nichts nachzutragen schien,
fügte er lächelnd hinzu, während er ihr die Hand reichte: »In meiner Heimat
pflegt man zu sagen: Schlafe wohl und träume süss.«
    »Warten Sie«, sagte sie, ohne die Hand anzunehmen, »vielleicht sollten Sie
doch spielen.« Und sie verschwand durch eine kleine Seitentür, neben der das
Piano stand.
    Was ist denn, dachte Karl. Lange kann ich nicht warten, so lieb sie auch
ist. Es klopfte an der Gangtüre, und der Diener, der die Türe nicht ganz zu
öffnen wagte, flüsterte durch einen kleinen Spalt: »Verzeihen Sie, ich wurde
soeben abberufen und kann nicht mehr warten.«
    »Gehen Sie nur«, sagte Karl, der sich nun getraute, den Weg ins Speisezimmer
allein zu finden. »Lassen Sie mir nur die Laterne vor der Türe. Wie spät ist es
übrigens?«
    »Bald dreiviertel zwölf«, sagte der Diener.
    »Wie langsam die Zeit vergeht«, sagte Karl. Der Diener wollte schon die Türe
schliessen, da erinnerte sich Karl, dass er ihm noch kein Trinkgeld gegeben hatte,
nahm einen Schilling aus der Hosentasche - er trug jetzt immer Münzengeld, nach
amerikanischer Sitte lose klingelnd, in der Hosentasche, Banknoten dagegen in
der Westentasche - und reichte ihn dem Diener mit den Worten: »Für Ihre guten
Dienste.«
    Klara war schon wieder eingetreten, die Hände an ihrer festen Frisur, als es
Karl einfiel, dass er den Diener doch nicht hätte wegschicken sollen, denn wer
würde ihn jetzt zur Station der Stadtbahn führen? Nun, da würde wohl schon Herr
Pollunder einen Diener noch auftreiben können, vielleicht war übrigens dieser
Diener ins Speisezimmer gerufen worden und würde dann zur Verfügung stehen.
    »Ich bitte Sie also doch, ein wenig zu spielen. Man hört hier so selten
Musik, dass man sich keine Gelegenheit, sie zu hören, entgehen lassen will.«
    »Dann ist es aber höchste Zeit«, sagte Karl ohne weitere Überlegung und
setzte sich gleich zum Klavier.
    »Wollen Sie Noten haben?« fragte Klara.
    »Danke, ich kann ja Noten nicht einmal vollkommen lesen«, antwortete Karl
und spielte schon. Es war ein kleines Lied, das, wie Karl wohl wusste, ziemlich
langsam hätte gespielt werden müssen, um, besonders für Fremde, auch nur
verständlich zu sein, aber er hudelte es in ärgstem Marschtempo hinunter. Nach
der Beendigung fuhr die gestörte Stille des Hauses wie in grossem Gedränge wieder
an ihren Platz. Man sass wie benommen da und rührte sich nicht.
    »Ganz schön«, sagte Klara, aber es gab keine Höflichkeitsformel, die Karl
nach diesem Spiel hätte schmeicheln können.
    »Wie spät ist es?«, fragte er.
    »Dreiviertel zwölf«
    »Dann habe ich noch ein Weilchen Zeit«, sagte er und dachte bei sich:
Entweder - oder. Ich muss ja nicht alle zehn Lieder spielen, die ich kann, aber
eines kann ich nach Möglichkeit gut spielen. Und er fing sein geliebtes
Soldatenlied an. So langsam, dass das aufgestörte Verlangen des Zuhörers sich
nach der nächsten Note streckte, die Karl zurückhielt und nur schwer hergab. Er
musste ja tatsächlich bei jedem Lied die nötigen Tasten mit den Augen erst
zusammensuchen, aber ausserdem fühlte er in sich ein Leid entstehen, das, über
das Ende des Liedes hinaus, ein anderes Ende suchte und es nicht finden konnte.
»Ich kann ja nichts«, sagte Karl nach Schluss des Liedes und sah Klara mit Tränen
in den Augen an.
    Da ertönte aus dem Nebenzimmer lautes Händeklatschen. »Es hört noch jemand
zu!« rief Karl aufgerüttelt.
    »Mack«, sagte Klara leise. Und schon hörte man Mack rufen: »Karl Rossmann,
Karl Rossmann!«
    Karl schwang sich mit beiden Füssen zugleich über die Klavierbank und öffnete
die Tür. Er sah dort Mack in einem grossen Himmelbett halb liegend sitzen, die
Bettdecke war lose über die Beine geworfen. Der Baldachin aus blauer Seide war
die einzige, ein wenig mädchenhafte Pracht des sonst einfachen, aus schwerem
Holz eckig gezimmerten Bettes. Auf dem Nachttischchen brannte nur eine Kerze,
aber die Bettwäsche und Macks Hemd waren so weiss, dass das über sie fallende
Kerzenlicht in fast blendendem Widerschein von ihnen strahlte; auch der
Baldachin leuchtete, wenigstens am Rande, mit seiner leicht gewellten, nicht
ganz fest gespannten Seide. Gleich hinter Mack versank aber das Bett und alles
in vollständigem Dunkel. Klara lehnte sich an den Bettpfosten und hatte nur noch
Augen für Mack.
    »Servus«, sagte Mack und reichte Karl die Hand. »Sie spielen ja recht gut,
bisher habe ich bloss Ihre Reitkunst gekannt«.
    »Ich kann das eine so schlecht wie das andere«, sagte Karl.»Wenn ich gewusst
hätte, dass Sie zuhören, hätte ich bestimmt nicht gespielt Aber Ihr Fräulein« -
er unterbrach sich, er zögerte »Braut« zu sagen, da Mack und Klara offenbar
schon miteinander schliefen.
    »Ich ahnte es ja«, sagte Mack, »darum musste sie Klara aus New York
hierherlocken, sonst hätte ich Ihr Spiel gar nicht zu hören bekommen. Es ist ja
reichlich anfängerhaft, und selbst in diesen Liedern, die Sie doch eingeübt
hatten und die sehr primitiv gesetzt sind, haben Sie einige Fehler gemacht, aber
immerhin hat es mich sehr gefreut, ganz abgesehen davon, dass ich das Spiel
keines Menschen verachte. Wollen Sie sich aber nicht setzen und noch ein
Weilchen bei uns bleiben? Klara, gib ihm doch einen Sessel.«
    »Ich danke«, sagte Karl stockend. »Ich kann nicht bleiben, so gern ich
hierbliebe. Zu spät erfahre ich, dass es so wohnliche Zimmer in diesem Hause
gibt.«
    »Ich baue alles in dieser Art um«, sagte Mack.
    In diesem Augenblick erklangen zwölf Glockenschläge, rasch hintereinander,
einer in den Lärm des anderen dreinschlagend. Karl fühlte das Wehen der grossen
Bewegung dieser Glocken an den Wangen. Was war das für ein Dorf, das solche
Glocken hatte!
    »Höchste Zeit«, sagte Karl, streckte Mack und Klara nur die Hände hin, ohne
sie zu fassen, und lief auf den Gang hinaus. Dort fand er die Laterne nicht und
bedauerte, dem Diener zu bald das Trinkgeld gegeben zu haben.
    Er wollte sich an der Wand zu der offenen Tür seines Zimmers hintasten, war
aber kaum in der Hälfte des Weges, als er Herrn Green mit erhobener Kerze eilig
heranschwanken sah. In der Hand, in der er auch die Kerze hielt, trug er einen
Brief.
    »Rossmann, warum kommen Sie denn nicht? Warum lassen Sie mich warten? Was
haben Sie denn bei Fräulein Klara getrieben?«
    Viele Fragen! dachte Karl, und jetzt drückt er mich noch an die Wand, denn
tatsächlich stand er dicht vor Karl, der mit dem Rücken an der Wand lehnte.
Green nahm in diesem Gang eine schon lächerliche Grösse an, und Karl stellte sich
zum Spass die Frage, ob er nicht etwa den guten Herrn Pollunder aufgefressen
habe.
    »Sie sind tatsächlich kein Mann von Wort. Versprechen, um zwölf
hinunterzukommen und umschleichen statt dessen die Türe Fräulein Klaras. Ich
dagegen habe Ihnen für Mitternacht etwas Interessantes versprochen und bin damit
schon da.« Und damit reichte er Karl den Brief.
    Auf dem Umschlag stand »An Karl Rossmann, um Mitternacht persönlich
abzugeben, wo immer er angetroffen wird«.
    »Schliesslich«, sagte Herr Green, während Karl den Brief öffnete, »ist es,
glaube ich, schon anerkennenswert, dass ich Ihretwegen aus New York
hierhergefahren bin, so dass Sie mich durchaus nicht noch auf den Gängen Ihnen
nachlaufen lassen müssten.«
    »Vom Onkel!« sagte Karl, kaum dass er in den Brief hineingeschaut hatte.
    »Ich habe es erwartet«, sagte er zu Herrn Green gewendet.
    »Ob Sie es erwartet haben oder nicht, ist mir kolossal gleichgültig. Lesen
Sie nur schon«, sagte dieser und hielt Karl die Kerze hin.
    Karl las bei ihrem Licht:
    »Geliebter Neffe! Wie Du während unseres leider viel zu kurzen
Zusammenlebens schon erkannt haben wirst, bin ich durchaus ein Mann von
Prinzipien. Das ist nicht nur für meine Umgebung, sondern auch für mich sehr
unangenehm und traurig, aber ich verdanke meinen Prinzipien alles, was ich bin,
und niemand darf verlangen, dass ich mich vom Erdboden wegleugne, niemand, auch
Du nicht, mein geliebter Neffe, wenn auch Du gerade der erste in der Reihe
wärest, wenn es mir einmal einfallen sollte, jenen allgemeinen Angriff gegen
mich zuzulassen. Dann würde ich am liebsten gerade Dich mit diesen beiden
Händen, mit denen ich das Papier halte und beschreibe, auffangen und hochheben.
Da aber vorläufig gar nichts darauf hindeutet, dass dies einmal geschehen könnte,
muss ich Dich nach dem heutigen Vorfall unbedingt von mir fortschicken und ich
bitte Dich dringend, mich weder selbst aufzusuchen, noch brieflich oder durch
Zwischenträger Verkehr mit mir zu suchen. Du hast Dich gegen meinen Willen dafür
entschieden, heute abend von mir fortzugehen, dann bleibe aber auch bei diesem
Entschluss Dein Leben lang, nur dann war es ein männlicher Entschluss. Ich
erwählte zum Überbringer dieser Nachricht Herrn Green, meinen besten Freund, der
sicherlich für Dich schonende Worte genug finden wird, die mir im Augenblick
tatsächlich nicht zur Verfügung stehen. Er ist ein einflussreicher Mann und wird
Dich, schon mir zuliebe, in Deinen ersten selbständigen Schritten mit Rat und
Tat unterstützen. Um unsere Trennung zu begreifen, die mir jetzt am Schlusse
dieses Briefes wieder unfasslich scheint, muss ich mir immer wieder neuerlich
sagen: Von Deiner Familie, Karl, kommt nichts Gutes. Sollte Herr Green
vergessen, Dir Deinen Koffer und Deinen Regenschirm auszuhändigen, so erinnere
ihn daran. Mit besten Wünschen für Dein weiteres Wohlergehen
                                                       Dein treuer Onkel Jakob.«
»Sind Sie fertig?« fragte Green.
    »Ja«, sagte Karl.
    »Haben Sie mir den Koffer und den Regenschirm mitgebracht?« fragte Karl.
    »Hier ist er«, sagte Green und stellte Karls alten Reisekoffer, den er
bisher mit der linken Hand hinter den Rücken versteckt hatte, neben Karl auf den
Boden.
    »Und den Regenschirm?«, fragte Karl weiter.
    »Alles hier«, sagte Green und zog auch den Regenschirm hervor, den er in
einer Hosentasche hängen hatte. »Die Sachen hat ein gewisser Schubal, ein
Obermaschinist der Hamburg-Amerika-Linie gebracht, er hat behauptet, sie auf dem
Schiff gefunden zu haben. Sie können ihm bei Gelegenheit danken.«
    »Nun habe ich wenigstens meine alten Sachen wieder«, sagte Karl und legte
den Schirm auf den Koffer.
    »Sie sollen aber in Zukunft besser auf sie achtgeben, lässt Ihnen der Herr
Senator sagen«, bemerkte Herr Green und fragte dann, offenbar aus privater
Neugierde: »Was ist das eigentlich für ein merkwürdiger Koffer?«
    »Es ist ein Koffer, mit dem die Soldaten in meiner Heimat zum Militär
einrücken«, antwortete Karl, »es ist der alte Militärkoffer meines Vater. Er ist
sonst ganz praktisch«, fügte er lächelnd hinzu, »vorausgesetzt, dass man ihn
nicht irgendwo stehen lässt.«
    »Schliesslich sind Sie ja belehrt genug«, sagte Herr Green, »und einen
zweiten Onkel haben Sie in Amerika wohl nicht. Hier gebe ich Ihnen noch eine
Karte dritter Klasse nach San Franzisko. Ich habe diese Reise für Sie
beschlossen, weil erstens die Erwerbsmöglichkeiten im Osten für Sie viel besser
sind und weil zweitens hier in allen Dingen, die für Sie in Betracht kommen
könnten, Ihr Onkel seine Hände im Spiele hat und ein Zusammentreffen unbedingt
vermieden werden muss. In Frisko können Sie ganz ungestört arbeiten; fangen Sie
nur ruhig ganz unten an und versuchen Sie, sich allmählich hinaufzuarbeiten.«
    Karl konnte keine Bosheit aus diesen Worten heraushören, die schlimme
Nachricht, welche den ganzen Abend in Green gesteckt hatte, war überbracht, und
von nun an schien Green ein ungefährlicher Mann, mit dem man vielleicht offener
reden konnte als mit jedem anderen. Der beste Mensch, der ohne eigene Schuld zum
Boten einer so geheimen und quälenden Entschliessung auserwählt wird, muss,
solange er sie bei sich behält, verdächtig scheinen. »Ich werde«, sagte Karl,
die Bestätigung eines erfahrenen Mannes erwartend, »dieses Haus sofort
verlassen, denn ich bin nur als Neffe meines Onkels aufgenommen, während ich als
Fremder hier nichts zu suchen habe. Würden Sie so liebenswürdig sein, mir den
Ausgang zu zeigen und mich dann auf den Weg zu führen, auf dem ich zur nächsten
Gastwirtschaft komme?«
    »Aber rasch«, sagte Green. »Sie machen mir nicht wenig Scherereien.«
    Beim Anblick des grossen Schrittes, den Green gleich gemacht hatte, stockte
Karl, das war doch eine verdächtige Eile, und er fasste Green unten beim Rock und
sagte in einem plötzlichen Erkennen des wahren Sachverhaltes: »Eines müssen Sie
mir noch erklären: auf dem Umschlag des Briefes, den Sie mir zu übergeben
hatten, steht bloss, dass ich ihn um Mitternacht erhalten soll, wo immer ich
angetroffen werde. Warum haben Sie mich also mit Berufung auf diesen Brief hier
zurückgehalten, als ich um viertel zwölf von hier fort wollte? Sie gingen dabei
über Ihren Auftrag hinaus.«
    Green leitete seine Antwort mit einer Handbewegung ein, welche das Unnütze
von Karls Bemerkung übertrieben darstellte, und sagte dann: »Steht vielleicht
auf dem Umschlag, dass ich mich Ihretwegen zu Tode hetzen soll, und lässt
vielleicht der Inhalt des Briefes darauf schliessen, dass die Aufschrift so
aufzufassen ist? Hätte ich Sie nicht zurückgehalten, hätte ich Ihnen den Brief
eben um Mitternacht auf der Landstrasse übergeben müssen.«
    »Nein«, sagte Karl unbeirrt, »es ist nicht ganz so. Auf dem Umschlag steht:
Zu übergeben nach Mitternacht. Wenn Sie zu müde waren, hätten Sie mir vielleicht
gar nicht folgen können, oder ich wäre, was allerdings selbst Herr Pollunder
geleugnet hat, schon um Mitternacht bei meinem Onkel angekommen, oder es wäre
schliesslich Ihre Pflicht gewesen, mich in Ihrem Automobil, von dem plötzlich
nicht mehr die Rede war, zu meinem Onkel zurückzubringen, da ich so danach
verlangte, zurückzukehren. Besagt nicht die Überschrift ganz deutlich, dass die
Mitternacht für mich noch der letzte Termin sein soll? Und Sie sind es, der die
Schuld trägt, dass ich ihn versäumt habe.«
    Karl sah Green mit scharfen Augen an und erkannte wohl, wie in Green die
Beschämung über diese Entlarvung mit der Freude über das Gelingen seiner Absicht
kämpfte. Endlich nahm er sich zusammen und sagte in einem Tone, als wäre er
Karl, der doch schon lange schwieg, mitten in die Rede gefallen: »Kein Wort
weiter!« und schob ihn, der Koffer und Schirm wieder aufgenommen hatte, durch
eine kleine Tür, die er vor ihm aufstiess, hinaus.
    Karl stand erstaunt im Freien. Eine an das Haus angebaute Treppe ohne
Geländer führte vor ihm hinab. Er musste nur hinuntergehen und dann sich ein
wenig rechts zur Allee wenden, die auf die Landstrasse führte. In dem hellen
Mondschein konnte man sich gar nicht verirren. Unten im Garten hörte er das
vielfache Bellen von Hunden, die, losgelassen, ringsherum im Dunkel der Bäume
liefen. Man hörte in der sonstigen Stille ganz genau, wie sie nach ihren grossen
Sprüngen ins Gras schlugen.
    Ohne von diesen Hunden belästigt zu werden, kam Karl glücklich aus dem
Garten. Er konnte nicht mit Bestimmteit feststellen, in welcher Richtung New
York lag. Er hatte bei der Herfahrt zu wenig auf die Einzelheiten geachtet, die
ihm jetzt hätten nützlich sein können. Schliesslich sagte er sich, dass er ja
nicht unbedingt nach New York müsse, wo ihn niemand erwarte und einer sogar mit
Bestimmteit nicht erwarte. Er wählte also eine beliebige Richtung und machte
sich auf den Weg.
 
                                Weg nach Ramses
In dem kleinen Wirtshaus, in das Karl nach kurzem Marsch kam, und das eigentlich
nur eine kleine letzte Station des New Yorker Fuhrwerkverkehrs bildete und
deshalb kaum für Nachtlager benützt zu werden pflegte, verlangte Karl die
billigste Bettstelle, die zu haben war, denn er glaubte, mit dem Sparen sofort
anfangen zu müssen. Er wurde, seiner Forderung entsprechend, vom Wirt mit einem
Wink, als sei er ein Angestellter, die Treppe hinaufgewiesen, wo ihn ein
zerrauftes, altes Frauenzimmer, ärgerlich über den gestörten Schlaf, empfing
und, fast ohne ihn anzuhören, mit ununterbrochenen Ermahnungen, leise
aufzutreten, in ein Zimmer führte, dessen Tür sie, nicht ohne ihn vorher mit
einem Pst! angehaucht zu haben, schloss.
    Karl wusste zuerst nicht recht, ob die Fenstervorhänge bloss herabgelassen
waren oder ob vielleicht das Zimmer überhaupt keine Fenster habe, so finster war
es; schliesslich bemerkte er eine kleine, verhängte Luke, deren Tuch er wegzog,
wodurch einiges Licht hereinkam. Das Zimmer hatte zwei Betten, die aber beide
schon besetzt waren. Karl sah dort zwei junge Leute, die in schwerem Schlafe
lagen und vor allem deshalb wenig vertrauenswürdig erschienen, weil sie, ohne
verständlichen Grund, angezogen schliefen; der eine hatte sogar seine Stiefel
an.
    In dem Augenblick, als Karl die Luke freigelegt hatte, hob einer der
Schläfer die Arme und Beine ein wenig in die Höhe, was einen derartigen Anblick
bot, dass Karl trotz seinen Sorgen in sich hineinlachte.
    Er sah bald ein, dass er, abgesehen davon, dass auch keine andere
Schlafgelegenheit, weder Kanapee noch Sofa, vorhanden war, zu keinem Schlafe
werde kommen können, denn er durfte seinen erst wiedergewonnenen Koffer und das
Geld, das er bei sich trug, keiner Gefahr aussetzen. Weggehen aber wollte er
auch nicht, denn er getraute sich nicht, an der Zimmerfrau und dem Wirt vorüber
das Haus gleich wieder zu verlassen. Schliesslich war es ja hier doch vielleicht
nicht unsicherer als auf der Landstrasse. Auffallend war freilich, dass im ganzen
Zimmer, soweit sich das bei dem halben Licht feststellen liess, kein einziges
Gepäckstück zu entdecken war. Aber vielleicht und höchstwahrscheinlich waren die
zwei jungen Leute die Hausdiener, die der Gäste wegen bald aufstehen mussten und
deshalb angezogen schliefen. Dann war es allerdings nicht besonders ehrenvoll,
mit ihnen zu schlafen, aber desto ungefährlicher. Nur durfte er sich aber,
solange das nicht ausser jedem Zweifel stand, auf keinen Fall zum Schlafe
niederlegen.
    Unter dem Bett stand eine Kerze mit Zündhölzchen, die sich Karl mit
schleichenden Schritten holte. Er hatte kein Bedenken, Licht zu machen, denn das
Zimmer gehörte nach Auftrag des Wirtes ihm ebensogut wie den beiden anderen, die
überdies den Schlaf der halben Nacht schon genossen hatten und durch den Besitz
der Betten ihm gegenüber in unvergleichlichem Vorteil waren. Im übrigen gab er
sich natürlich durch Vorsicht beim Herumgehen und Hantieren alle Mühe, sie nicht
zu wecken.
    Zunächst wollte er seinen Koffer untersuchen, um einmal einen Überblick über
seine Sachen zu bekommen, an die er sich schon nur undeutlich erinnerte und von
denen sicher das Wertvollste schon verlorengegangen sein dürfte. Denn wenn der
Schubal seine Hand auf etwas legt, dann ist wenig Hoffnung, dass man es
unbeschädigt zurückbekommt. Allerdings hatte er vom Onkel ein grosses Trinkgeld
erwarten können, während er aber andererseits wieder beim Fehlen einzelner
Objekte auf den eigentlichen Kofferwächter, den Herrn Butterbaum, sich hatte
ausreden können.
    Über den ersten Anblick beim Öffnen des Koffers war Karl entsetzt. Wie viele
Stunden hatte er während der Überfahrt darauf verwendet, den Koffer zu ordnen
und wieder neu zu ordnen, und jetzt war alles so wild durcheinander
hineingestopft, dass der Deckel beim Öffnen des Schlosses von selbst in die Höhe
sprang.
    Bald aber erkannte Karl zu seiner Freude, dass die Unordnung nur darin ihren
Grund hatte, dass man seinen Anzug, den er während der Fahrt getragen hatte und
für den der Koffer natürlich nicht mehr berechnet gewesen war, nachträglich mit
eingepackt hatte. Nicht das Geringste fehlte. In der Geheimtasche des Rockes
befand sich nicht nur der Pass, sondern auch das von zu Hause mitgenommene Geld,
so dass Karl, wenn er jenes, das er bei sich hatte, dazu legte, mit Geld für den
Augenblick reichlich versehen war. Auch die Wäsche, die er bei seiner Ankunft
auf dem Leib getragen hatte, fand sich vor, rein gewaschen und gebügelt. Er
legte auch sofort Uhr und Geld in die bewährte Geheimtasche. Das einzig
Bedauerliche war, dass die Veroneser Salami, die auch nicht fehlte, allen Sachen
ihren Geruch mitgeteilt hatte. Wenn sich das nicht durch irgendein Mittel
beseitigen liess, hatte Karl die Aussicht, monatelang in diesen Geruch eingehüllt
herumzugehen.
    Beim Hervorsuchen einiger Gegenstände, die zuunterst lagen - es waren dies
eine Taschenbibel, Briefpapier und die Photographien der Eltern -, fiel ihm die
Mütze vom Kopf und in den Koffer. In ihrer alten Umgebung erkannte er sie
sofort, es war seine Mütze, die Mütze, die ihm die Mutter als Reisemütze
mitgegeben hatte. Er hatte jedoch aus Vorsicht diese Mütze auf dem Schiff nicht
getragen, da er wusste, dass man in Amerika allgemein Mützen statt Hüte trägt,
weshalb er die seine nicht schon vor der Ankunft hatte abnützen wollen. Nun
hatte sie allerdings Herr Green dazu benützt, um sich auf Karls Kosten zu
belustigen. Ob ihm vielleicht auch dazu der Onkel den Auftrag gegeben hatte? Und
in einer unabsichtlichen, wütenden Bewegung fasste er den Kofferdeckel, der laut
zuklappte.
    Nun war keine Hilfe mehr, die beiden Schläfer waren geweckt. Zuerst streckte
sich und gähnte der eine, ihm folgte gleich der andere. dabei war fast der ganze
Kofferinhalt auf dem Tisch ausgeschüttet; wenn es Diebe waren, brauchten sie nur
heranzutreten und auszuwählen. Nicht nur um dieser Möglichkeit vorzukommen,
sondern um auch sonst gleich Klarheit zu schaffen, ging Karl mit der Kerze in
der Hand zu den Betten und erklärte, mit welchem Rechte er hier sei. Sie
schienen diese Erklärung gar nicht erwartet zu haben, denn, noch viel zu
verschlafen, um reden zu können, sahen sie ihn bloss ohne jedes Erstaunen an. Sie
waren beide sehr junge Leute, aber schwere Arbeit oder Not hatten ihnen
vorzeitig die Knochen aus den Gesichtern vorgetrieben, unordentliche Bärte
hingen ihnen ums Kinn, ihr schon lange nicht geschnittenes Haar lag ihnen
zerfahren auf dem Kopf, und ihre tiefliegenden Augen rieben und drückten sie nun
noch vor Verschlafenheit mit den Fingerknöcheln.
    Karl wollte ihren augenblicklichen Schwächezustand ausnützen und sagte
deshalb: »Ich heisse Karl Rossmann und bin ein Deutscher. Bitte, sagen Sie mir, da
wir doch ein gemeinsames Zimmer haben, auch Ihren Namen und Ihre Nationalität.
Ich erkläre nur noch gleich, dass ich keinen Anspruch auf ein Bett habe, da ich
so spät gekommen bin und überhaupt nicht die Absicht habe, zu schlafen. Ausserdem
müssen Sie sich nicht an meinem schönen Kleid stossen, ich bin vollständig arm
und ohne Aussichten.«
    Der Kleinere von beiden - es war jener, der die Stiefel anhatte - deutete
mit Armen, Beinen und Mienen an, dass ihn das alles gar nicht interessiere und
dass jetzt überhaupt keine Zeit für derartige Redensarten sei, legte sich nieder
und schlief sofort; der andere, ein dunkelhäutiger Mann, legte sich auch wieder
nieder, sagte aber noch vor dem Einschlafen mit lässig ausgestreckter Hand: »Der
da heisst Robinson und ist Irländer, ich heisse Delamarche, bin Franzose und bitte
jetzt um Ruhe.« Kaum hatte er das gesagt, blies er mit grossem Atemaufwand Karls
Kerze aus und fiel auf das Kissen zurück.
    Diese Gefahr ist also vorläufig abgewehrt, sagte sich Karl und kehrte zum
Tisch zurück. Wenn ihre Schläfrigkeit nicht Vorwand war, war ja alles gut.
Unangenehm war bloss, dass der eine Irländer war. Karl wusste nicht mehr genau, in
welchem Buch er einmal zu Hause gelesen hatte, dass man sich in Amerika vor den
Irländern hüten solle. Während seines Aufentaltes beim Onkel hätte er freilich
die beste Gelegenheit gehabt, der Frage nach der Gefährlichkeit der Irländer auf
den Grund zu gehen, hatte dies aber, weil er sich für immer gut aufgehoben
geglaubt hatte, völlig versäumt. Nun wollte er wenigstens mit der Kerze, die er
wieder angezündet hatte, diesen Irländer genauer ansehen, wobei er fand, dass
gerade dieser erträglicher aussah als der Franzose. Er hatte sogar noch eine
Spur von runden Wangen und lächelte im Schlaf ganz freundlich, soweit das Karl
aus einiger Entfernung, auf den Fussspitzen stehend, feststellen konnte.
    Trotz allem fest entschlossen, nicht zu schlafen, setzte sich Karl auf den
einzigen Stuhl des Zimmers, verschob vorläufig das Packen des Koffers, da er ja
dafür die ganze Nacht noch verwenden konnte, und blätterte ein wenig in der
Bibel, ohne etwas zu lesen. Dann nahm er die Photographie der Eltern zur Hand,
auf welcher der kleine Vater hoch aufgerichtet stand, während die Mutter in dem
Fauteuil vor ihm, ein wenig eingesunken, dasass. Die eine Hand hielt der Vater
auf der Rückenlehne des Fauteuils, die andere, zur Faust geballt, auf einem
illustrierten Buch, das aufgeschlagen auf einem schwachen Schmucktischchen ihm
zur Seite lag. Es gab auch eine andere Photographie, auf welcher Karl mit seinen
Eltern abgebildet war. Vater und Mutter sahen ihn dort scharf an, während er
nach dem Auftrag des Photographen den Apparat hatte anschauen müssen. Diese
Photographie hatte er aber auf die Reise nicht mitbekommen.
    Desto genauer sah er die vor ihm liegende an und suchte von verschiedenen
Seiten den Blick des Vaters aufzufangen. Aber der Vater wollte, wie er auch den
Anblick durch verschiedene Kerzenstellungen änderte, nicht lebendig werden, sein
waagrechter, starker Schnurrbart sah der Wirklichkeit auch gar nicht ähnlich, es
war keine gute Aufnahme. Die Mutter dagegen war schon besser abgebildet, ihr
Mund war so verzogen, als sei ihr ein Leid angetan worden und als zwinge sie
sich zu lächeln. Karl schien es, als müsse dies jedem, der das Bild ansah, so
sehr auffallen, dass es ihm im nächsten Augenblick wieder schien, die
Deutlichkeit dieses Eindrucks sei zu stark und fast widersinnig. Wie könne man
von einem Bild so sehr die unumstössliche Überzeugung eines verborgenen Gefühls
des Abgebildeten erhalten! Und er sah vom Bild ein Weilchen lang weg. Als er mit
den Blicken wieder zurückkehrte, fiel ihm die Hand der Mutter auf, die ganz
vorne an der Lehne des Fauteuils herabhing, zum Küssen nahe. Er dachte, ob es
nicht vielleicht doch gut wäre, den Eltern zu schreiben, wie sie es ja
tatsächlich beide (und der Vater zuletzt sehr streng in Hamburg) von ihm
verlangt hatten. Er hatte sich freilich damals, als ihm die Mutter am Fenster an
einem schrecklichen Abend die Amerikareise angekündigt hatte, unabänderlich
zugeschworen, niemals zu schreiben, aber was galt ein solcher Schwur eines
unerfahrenen Jungen hier in den neuen Verhältnissen! Ebensogut hätte er damals
schwören können, dass er nach zwei Monaten amerikanischen Aufentalts General der
amerikanischen Miliz sein werde, während er tatsächlich in einer Dachkammer mit
zwei Lumpen beisammen war, in einem Wirtshaus vor New York, und ausserdem zugeben
musste, dass er hier wirklich an seinem Platze war. Und lächelnd prüfte er die
Gesichter der Eltern, als könne man aus ihnen erkennen, ob sie noch immer das
Verlangen hatten, eine Nachricht von ihrem Sohn zu bekommen.
    In diesem Anschauen merkte er bald, dass er doch sehr müde war und kaum die
Nacht werde durchwachen können. Das Bild entfiel seinen Händen, dann legte er
das Gesicht auf das Bild, dessen Kühle seiner Wange wohltat, und mit einem
angenehmen Gefühle schlief er ein.
    Geweckt wurde er früh durch das Kitzeln unter der Achsel. Es war der
Franzose, der sich diese Zudringlichkeit erlaubte. Aber auch der Irländer stand
schon vor Karls Tisch und beide sahen ihn mit keinem geringeren Interesse an,
als es Karl in der Nacht ihnen gegenüber getan hatte. Karl wunderte sich nicht
darüber, dass ihn ihr Aufstehen nicht schon geweckt hatte; sie mussten durchaus
nicht aus böser Absicht besonders leise aufgetreten sein, denn er hatte tief
geschlafen und ausserdem hatte ihnen das Anziehen und offenbar auch das Waschen
nicht viel Arbeit gemacht.
    Nun begrüssten sie einander ordentlich und mit einer gewissen Förmlichkeit,
und Karl erfuhr, dass die beiden Maschinenschlosser waren, die in New York schon
lange Zeit keine Arbeit hatten bekommen können und infolgedessen ziemlich
heruntergekommen waren. Robinson öffnete zum Beweise dessen seinen Rock, und man
konnte sehen, dass kein Hemd da war, was man allerdings auch schon an dem lose
sitzenden Kragen hätte erkennen können, der hinten am Rock befestigt war. Sie
hatten die Absicht, in das zwei Tagereisen von New York entfernte Städtchen
Butterford zu marschieren, wo angeblich Arbeitsstellen frei waren. Sie hatten
nichts dagegen, dass Karl mitkomme, und versprachen ihm erstens, zeitweilig
seinen Koffer zu tragen, und zweitens, falls sie selbst Arbeit bekommen sollten,
ihm eine Lehrlingsstelle zu verschaffen, was, wenn nur überhaupt Arbeit
vorhanden sei, eine Leichtigkeit wäre. Karl hatte noch kaum zugestimmt, als sie
ihm schon freundschaftlich den Rat gaben, das schöne Kleid auszuziehen, da es
ihm bei jeder Bewerbung um eine Stelle hinderlich sein werde. Gerade in diesem
Hause sei eine gute Gelegenheit, das Kleid los zu werden, denn die Zimmerfrau
betreibe einen Kleiderhandel. Sie halfen Karl, der auch rücksichtlich des
Kleides noch nicht ganz entschlossen war, aus dem Kleid heraus und trugen es
davon. Als Karl, allein gelassen und ein wenig schlaftrunken, sein altes
Reisekleid noch langsam anzog, machte er sich Vorwürfe, das Kleid verkauft zu
haben, das ihm vielleicht bei der Bewerbung um eine Lehrlingsstelle schaden, bei
der um einen besseren Posten aber nur nützen konnte, und er öffnete die Tür, um
die beiden zurückzurufen, stiess aber schon mit ihnen zusammen, die einen halben
Dollar als Erlös auf den Tisch legten, dabei aber so fröhliche Gesichter
machten, dass man sich unmöglich dazu überreden konnte, sie hätten bei dem
Verkauf nicht auch ihren Verdienst gehabt, und zwar einen ärgerlich grossen.
    Es war übrigens keine Zeit, sich darüber auszusprechen, denn die Zimmerfrau
kam herein, genau so verschlafen wie in der Nacht, und trieb alle drei auf den
Gang hinaus, mit der Erklärung, dass das Zimmer für neue Gäste hergerichtet
werden müsse. Davon war aber natürlich keine Rede, sie handelte nur aus Bosheit.
Karl, der seinen Koffer gerade hatte ordnen wollen, musste zusehen, wie die Frau
seine Sachen mit beiden Händen packte und mit einer Kraft in den Koffer warf,
als seien es irgendwelche Tiere, die man zum Kuschen bringen musste. Die beiden
Schlosser machten sich zwar um sie zu schaffen, zupften sie an ihrem Rock,
beklopften ihren Rücken, aber wenn sie die Absicht hatten, Karl damit zu helfen,
so war das ganz verfehlt. Als die Frau den Koffer zugeklappt hatte, drückte sie
Karl den Halter in die Hand, schüttelte die Schlosser ab und jagte alle drei mit
der Drohung aus dem Zimmer, dass sie, wenn sie nicht folgten, keinen Kaffee
bekommen würden. Die Frau musste offenbar gänzlich vergessen haben, dass Karl
nicht von allem Anfang an zu den Schlossern gehört hatte, denn sie behandelte
sie als eine einzige Bande. Allerdings hatten die Schlosser Karls Kleid ihr
verkauft und damit eine gewisse Gemeinsamkeit erwiesen.
    Auf dem Gange mussten sie lange hin und her gehen, und besonders der
Franzose, der sich in Karl eingehängt hatte, schimpfte ununterbrochen, drohte,
den Wirt, wenn er sich vorwagen sollte, niederzuboxen, und es schien eine
Vorbereitung dazu zu sein, dass er die geballten Fäuste rasend aneinander rieb.
Endlich kam ein unschuldiger kleiner Junge, der sich strecken musste, als er dem
Franzosen die Kaffeekanne reichte. Leider war nur eine Kanne vorhanden, und man
konnte dem Jungen nicht begreiflich machen, dass noch Gläser erwünscht wären. So
konnte immer nur einer trinken und die beiden anderen standen vor ihm und
warteten. Karl hatte keine Lust zu trinken, wollte aber die anderen nicht
kränken und stand also, wenn er an der Reihe war, untätig da, die Kanne an den
Lippen.
    Zum Abschied warf der Irländer die Kanne auf die steinernen Fliesen hin. Sie
verliessen, von niemandem gesehen, das Haus und traten in den dichten, gelblichen
Morgennebel. Sie marschierten im allgemeinen still nebeneinander am Rande der
Strasse, Karl musste seinen Koffer tragen, die anderen würden ihn wahrscheinlich
erst auf seine Bitte ablösen; hie und da schoss ein Automobil aus dem Nebel, und
die drei drehten ihre Köpfe nach den meist riesenhaften Wagen, die so auffällig
in ihrem Bau und so kurz in ihrer Erscheinung waren, dass man nicht Zeit hatte,
auch nur das Vorhandensein von Insassen zu bemerken. Später begannen die
Kolonnen von Fuhrwerken, welche Lebensmittel nach New York brachten, und die in
fünf, die ganze Breite der Strasse einnehmenden Reihen so ununterbrochen
dahinzogen, dass niemand die Strasse hätte überqueren können. Von Zeit zu Zeit
verbreiterte sich die Strasse zu einem Platz, in dessen Mitte auf einer
turmartigen Erhöhung ein Polizist auf und ab schritt, um alles übersehen und mit
einem Stöckchen den Verkehr auf der Hauptstrasse sowie den von den Seitenstrassen
hier einmündenden Verkehr ordnen zu können, der dann bis zum nächsten Platze und
zum nächsten Polizisten unbeaufsichtigt blieb, aber von den schweigenden und
aufmerksamen Kutschern und Chauffeuren freiwillig in genügender Ordnung gehalten
wurde. Über die allgemeine Ruhe staunte Karl am meisten. Wäre nicht das Geschrei
der sorglosen Schlachttiere gewesen, man hätte vielleicht nichts gehört als das
Klappern der Hufe und das Sausen der Antiderapants. dabei war die
Fahrtschnelligkeit natürlich nicht immer die gleiche. Wenn auf einzelnen Plätzen
infolge allzu grossen Andrangs von den Seiten grosse Umstellungen vorgenommen
werden mussten, stockten die ganzen Reihen und fuhren nur Schritt für Schritt,
dann aber kam es auch wieder vor, dass für ein Weilchen alles blitzschnell
vorbeijagte, bis es, wie von einer einzigen Bremse regiert, sich wieder
besänftigte. dabei stieg von der Strasse nicht der geringste Staub auf, alles
bewegte sich in der klarsten Luft. Fussgänger gab es keine, hier wanderten keine
einzelnen Marktweiber zur Stadt wie in Karls Heimat, aber doch erschienen hie
und da grosse, flache Automobile, auf denen an zwanzig Frauen mit Rückenkörben,
also doch vielleicht Marktweiber, standen und die Hälse streckten, um den
Verkehr zu überblicken und sich Hoffnung auf raschere Fahrt zu holen.
    Dann sah man ähnliche Automobile, auf denen einzelne Männer, die Hände in
den Hosentaschen, herumspazierten. Auf einem dieser Automobile, die verschiedene
Aufschriften trugen, las Karl unter einem kleinen Aufschrei: »Hafenarbeiter für
die Spedition Jakob aufgenommen.« Der Wagen fuhr gerade ganz langsam, und ein
auf der Wagentreppe stehender kleiner, gebückter, lebhafter Mann lud die drei
Wanderer zum Einsteigen ein. Karl flüchtete sich hinter die Schlosser, als könne
sich auf dem Wagen der Onkel befinden und ihn sehen. Er war froh, dass auch die
beiden die Einladung ablehnten, wenn ihn auch der hochmütige Gesichtsausdruck
gewissermassen kränkte, mit dem sie das taten. Sie mussten durchaus nicht glauben,
dass sie zu gut waren, um in die Dienste des Onkels zu treten. Er gab es ihnen,
wenn auch natürlich nicht ausdrücklich, sofort zu verstehen. Darauf bat ihn
Delamarche, sich gefälligst nicht in Sachen einzumischen, die er nicht verstehe;
diese Art, Leute aufzunehmen, sei ein schändlicher Betrug, und die Firma Jakob
sei berüchtigt in den ganzen Vereinigten Staaten. Karl antwortete nicht, hielt
sich aber von nun an mehr an den Irländer, er bat ihn auch, ihm jetzt ein wenig
den Koffer zu tragen, was dieser, nachdem Karl seine Bitte mehrmals wiederholt
hatte, auch tat. Nur klagte er ununterbrochen über die Schwere des Koffers, bis
es sich zeigte, dass er nur die Absicht hatte, den Koffer um die Veroneser Salami
zu erleichtern, die ihm wohl schon im Hotel angenehm aufgefallen war. Karl musste
sie auspacken, der Franzose nahm sie zu sich, um sie mit seinem dolchartigen
Messer zu behandeln und fast ganz allein aufzuessen. Robinson bekam nur hie und
da eine Schnitte, Karl dagegen, der wieder den Koffer tragen musste, wenn er ihn
nicht auf der Landstrasse stehen lassen wollte, bekam nichts, als hätte er sich
seinen Anteil schon im voraus genommen. Es schien ihm zu kleinlich, um ein
Stückchen zu betteln, aber die Galle regte sich in ihm.
    Aller Nebel war schon verschwunden, in der Ferne erglänzte ein hohes
Gebirge, das mit welligem Kamm in noch ferneren Sonnendunst führte. An der Seite
der Strasse lagen schlecht bebaute Felder, die sich um grosse Fabriken hinzogen,
die dunkel angeraucht im freien Lande standen. In den wahllos hingestellten
einzelnen Mietskasernen zitterten die vielen Fenster in der mannigfaltigsten
Bewegung und Beleuchtung, und auf all den kleinen, schwachen Balkonen hatten
Frauen und Kinder vielerlei zu tun, während um sie herum, sie verdeckend und
entüllend, aufgehängte und hingelegte Tücher und Wäschestücke im Morgenwind
flatterten und mächtig sich bauschten. Glitten die Blicke von den Häusern ab,
dann sah man Lerchen hoch am Himmel fliegen und unten wieder die Schwalben,
nicht allzuweit über den Köpfen der Fahrenden.
    Vieles erinnerte Karl an seine Heimat und er wusste nicht, ob er gut daran
tue, New York zu verlassen und in das Innere des Landes zu gehen. In New York
war das Meer und zu jeder Zeit die Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat. Und
so blieb er stehen und sagte zu seinen beiden Begleitern, er habe doch wieder
Lust, in New York zu bleiben. Und als Delamarche ihn einfach weitertreiben
wollte, liess er sich nicht treiben und sagte, dass er doch wohl noch das Recht
habe, über sich zu entscheiden. Der Irländer musste erst vermitteln und erklären,
dass Butterford viel schöner als New York sei, und beide mussten ihn noch sehr
bitten, ehe er wieder weiterging. Und selbst dann wäre er noch nicht gegangen,
wenn er sich nicht gesagt hätte, dass es für ihn vielleicht besser sei, an einen
Ort zu kommen, wo die Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat keine so leichte
sei. Gewiss werde er dort besser arbeiten und vorwärtskommen, da ihn keine
unnützen Gedanken hindern würden.
    Und nun war er es, der die beiden anderen zog, und sie freuten sich so sehr
über seinen Eifer, dass sie, ohne sich erst bitten zu lassen, den Koffer
abwechselnd trugen und Karl gar nicht recht verstand, womit er ihnen eigentlich
diese Freude verursache. Sie kamen in eine ansteigende Gegend und, wenn sie hie
und da stehenblieben, konnten sie beim Rückblick das Panorama New Yorks und
seines Hafens immer ausgedehnter sich entwickeln sehen. Die Brücke, die New York
mit Brooklyn verbindet, hing zart über den East River, und sie erzitterte, wenn
man die Augen klein machte. Sie schien ganz ohne Verkehr zu sein, und unter ihr
spannte sich das unbelebte, glatte Wasserband. Alles in beiden Riesenstädten
schien leer und nutzlos aufgestellt. Unter den Häusern gab es kaum einen
Unterschied zwischen den grossen und den kleinen. In der unsichtbaren Tiefe der
Strassen ging wahrscheinlich das Leben fort nach seiner Art, aber über ihnen war
nichts zu sehen als leichter Dunst, der sich zwar nicht bewegte, aber ohne Mühe
verjagbar zu sein schien. Selbst in den Hafen, den grössten der Welt, war Ruhe
eingekehrt, und nur hie und da glaubte man, wohl beeinflusst von der Erinnerung
an einen früheren Anblick aus der Nähe, ein Schiff zu sehen, das eine kurze
Strecke sich fortschob. Aber man konnte ihm auch nicht lange folgen, es entging
den Augen und war nicht mehr zu finden.
    Aber Delamarche und Robinson sahen offenbar viel mehr, sie zeigten nach
rechts und links und überwölbten mit den ausgestreckten Händen Plätze und
Gärten, die sie mit Namen benannten. Sie konnten es nicht begreifen, dass Karl
über zwei Monate in New York gewesen war und kaum etwas anderes von der Stadt
gesehen hatte als eine Strasse. Und sie versprachen ihm, wenn sie in Butterford
genug verdient hätten, mit ihm nach New York zu gehen und ihm alles Sehenswerte
zu zeigen und ganz besonders natürlich jene Örtlichkeiten, wo man sich bis zum
Seligwerden unterhielt. Und Robinson begann im Anschluss daran mit vollem Mund
ein Lied zu singen, das Delamarche mit Händeklatschen begleitete und das Karl
als eine Operettenmelodie aus seiner Heimat erkannte, die ihm hier mit dem
englischen Text viel besser gefiel, als sie ihm je zu Hause gefallen hatte. So
gab es eine kleine Vorstellung im Freien, an der alle Anteil nahmen, nur die
Stadt unten, die sich angeblich bei dieser Melodie unterhielt, schien gar nichts
davon zu wissen.
    Einmal fragte Karl, wo denn die Spedition Jakob liege, und sofort sah er
Delamarches und Robinsons ausgestreckte Zeigefinger vielleicht auf den gleichen,
vielleicht auf meilenweit entfernte Punkte gerichtet. Als sie dann weitergingen,
fragte Karl, wann sie frühestens mit genügendem Verdienst nach New York
zurückkehren könnten. Delamarche sagte, das könne schon ganz gut in einem Monat
sein, denn in Butterford sei Arbeitermangel und die Löhne seien hoch. Natürlich
würden sie ihr Geld in eine gemeinsame Kasse legen, damit zufällige Unterschiede
im Verdienst unter ihnen als Kameraden ausgeglichen würden. Die gemeinsame Kasse
gefiel Karl nicht, obwohl er als Lehrling natürlich weniger verdienen würde als
ausgelernte Arbeiter. Überdies erwähnte Robinson, dass sie natürlich, wenn in
Butterford keine Arbeit wäre, weiter wandern müssten, entweder um als
Landarbeiter irgendwo unterzukommen oder vielleicht nach Kalifornien in die
Goldwäschereien zu gehen, was, nach Robinsons ausführlichen Erzählungen zu
schliessen, sein liebster Plan war.
    »Warum sind Sie denn Schlosser geworden, wenn Sie jetzt in die
Goldwäschereien wollen?« fragte Karl, der ungern von der Notwendigkeit solcher
weiten, unsicheren Reisen hörte.
    »Warum ich Schlosser geworden bin?« sagte Robinson, »doch gewiss nicht
deshalb, damit meiner Mutter Sohn dabei verhungert. In den Goldwäschereien ist
ein feiner Verdienst.«
    »War einmal«, sagte Delamarche.
    »Ist noch immer«, sagte Robinson und erzählte von vielen dabei reich
gewordenen Bekannten, die noch immer dort waren, natürlich keinen Finger mehr
rührten, aus alter Freundschaft ihm aber und selbstverständlich auch seinen
Kameraden zu Reichtum verhelfen würden. »Wir werden schon in Butterford Stellen
erzwingen«, sagte Delamarche und sprach damit Karl aus der Seele, aber eine
zuversichtliche Ausdrucksweise war es nicht. Während des Tages machten sie nur
einmal in einem Wirtshaus halt und assen davor im Freien an einem, wie es Karl
schien, eisernen Tisch fast rohes Fleisch, das man mit Messer und Gabel nicht
zerschneiden, sondern nur zerreissen konnte. Das Brot hatte eine walzenartige
Form, und in jedem Brotlaib steckte ein langes Messer. Zu diesem Essen wurde
eine schwarze Flüssigkeit gereicht, die im Halse brannte. Delamarche und
Robinson schmeckte sie aber, sie erhoben oft auf die Erfüllung verschiedener
Wünsche ihre Gläser und stiessen miteinander an, wobei sie ein Weilchen lang in
der Höhe Glas an Glas hielten. Am Nebentisch sassen Arbeiter in kalkbesprjetzten
Blusen, und alle tranken die gleiche Flüssigkeit. Automobile, die in Mengen
vorüberfuhren, warfen Schwaden von Staub über die Tische hin. Grosse
Zeitungsblätter wurden herumgereicht, man sprach erregt vom Streik der
Bahnarbeiter, der Name Mack wurde öfters genannt. Karl erkundigte sich über ihn
und erfuhr, dass dies der Vater des ihm bekannten Mack und der grösste
Bauunternehmer von New York war. Der Streik kostete ihn Millionen und bedrohte
vielleicht seine geschäftliche Stellung. Karl glaubte kein Wort von diesem
Gerede schlecht unterrichteter, übelwollender Leute.
    Verbittert wurde das Essen für Karl ausserdem dadurch, dass es sehr fraglich
war, wie das Essen gezahlt werden sollte. Das Natürliche wäre gewesen, dass jeder
seinen Teil gezahlt hätte, aber Delamarche wie auch Robinson hatten gelegentlich
bemerkt, dass für das letzte Nachtlager ihr letztes Geld aufgegangen war. Uhr,
Ring oder sonst etwas Veräusserbares war an keinem zu sehen. Und Karl konnte
ihnen doch nicht vorhalten, dass sie an dem Verkauf seiner Kleider etwas verdient
hätten, das wäre doch Beleidigung und Abschied für immer gewesen. Das
Erstaunliche aber war, dass weder Delamarche noch Robinson irgendwelche Sorgen
wegen der Bezahlung hatten, vielmehr hatten sie gute Laune genug, möglichst oft
Anknüpfungen mit der Kellnerin zu versuchen, die stolz und mit schwerem Gang
zwischen den Tischen hin und her ging. Ihr Haar ging ihr von den Seiten ein
wenig lose in Stirn und Wangen, und sie strich es immer wieder zurück, indem sie
mit den Händen darunter hinfuhr. Schliesslich, als man vielleicht das erste
freundliche Wort von ihr erwartete, trat sie zum Tische, legte beide Hände auf
ihn und fragte: »Wer zahlt?« Nie waren Hände rascher aufgeflogen als jetzt jene
von Delamarche und Robinson, die auf Karl zeigten. Karl erschrak darüber nicht,
denn er hatte es ja vorausgesehen, und sah nichts Schlimmes darin, dass die
Kameraden, von denen er ja auch Vorteile erwartete, einige Kleinigkeiten von ihm
bezahlen liessen, wenn es auch anständiger gewesen wäre, diese Sache vor dem
entscheidenden Augenblick ausdrücklich zu besprechen. Peinlich war bloss, dass er
das Geld erst aus der Geheimtasche heraufbefördern musste. Seine ursprüngliche
Absicht war es gewesen, das Geld für die letzte Not aufzuheben und sich also
vorläufig mit seinen Kameraden gewissermassen in eine Reihe zu stellen. Der
Vorteil, den er durch dieses Geld und vor allem durch das Verschweigen des
Besitzes gegenüber den Kameraden erlangte, wurde für diese mehr als reichlich
dadurch aufgewogen, dass sie schon seit ihrer Kindheit in Amerika waren, dass sie
genügende Kenntnisse und Erfahrungen für Gelderwerb hatten und dass sie
schliesslich an bessere Lebensverhältnisse als ihre gegenwärtigen nicht gewöhnt
waren. Diese bisherigen Absichten, die Karl rücksichtlich seines Geldes hatte,
mussten an und für sich durch diese Bezahlung nicht gestört werden, denn einen
Vierteldollar konnte er schliesslich entbehren und deshalb also ein
Vierteldollarstück auf den Tisch legen und erklären, dies sei sein einziges
Eigentum und er sei bereit, es für die gemeinsame Reise nach Butterford zu
opfern. Für die Fussreise genügte ein solcher Betrag auch vollkommen. Nun aber
wusste er nicht, ob er genügend Kleingeld hatte, und überdies lag dieses Geld
sowie die zusammengelegten Banknoten irgendwo in der Tiefe der Geheimtasche, in
der man eben am besten etwas fand, wenn man den ganzen Inhalt auf den Tisch
schüttete. Ausserdem war es höchst unnötig, dass die Kameraden von dieser
Geheimtasche überhaupt etwas erfuhren. Nun schien es zum Glück, dass die
Kameraden sich noch immer mehr für die Kellnerin interessierten als dafür, wie
Karl das Geld für die Bezahlung zusammenbrächte. Delamarche lockte die Kellnerin
durch die Aufforderung, die Rechnung aufzustellen, zwischen sich und Robinson
und sie konnte die Zudringlichkeiten der beiden nur dadurch abwehren, dass sie
einem oder dem anderen die ganze Hand auf das Gesicht legte und ihn wegschob.
Inzwischen sammelte Karl, heiss vor Anstrengung, unter der Tischplatte in der
einen Hand das Geld, das er mit der anderen Stück für Stück in der Geheimtasche
herumjagte und herausholte. Endlich glaubte er, obwohl er das amerikanische Geld
noch nicht genau kannte, er hätte, wenigstens der Menge der Stücke nach, eine
genügende Summe, und legte sie auf den Tisch. Der Klang des Geldes unterbrach
sofort die Scherze. Zu Karls Ärger und zu allgemeinem Erstaunen zeigte sich, dass
fast ein ganzer Dollar dalag. Keiner fragte zwar, warum Karl von dem Gelde, das
für eine bequeme Eisenbahnfahrt nach Butterford gereicht hätte, früher nichts
gesagt hatte, aber Karl war doch in grosser Verlegenheit. Langsam strich er,
nachdem das Essen bezahlt war, das Geld wieder ein, noch aus seiner Hand nahm
Delamarche ein Geldstück, das er für die Kellnerin als Trinkgeld brauchte, die
er umarmte und an sich drückte, um ihr dann, von der anderen Seite her, das Geld
zu überreichen.
    Karl war ihnen dankbar, dass sie auf dem Weitermarsch keine Bemerkungen über
das Geld machten, und er dachte sogar eine Zeitlang daran, ihnen sein ganzes
Vermögen einzugestehen, unterliess das aber doch, da sich keine rechte
Gelegenheit fand. Gegen Abend kamen sie in eine mehr ländliche, fruchtbare
Gegend. Ringsherum sah man ungeteilte Felder, die sich in ihrem ersten Grün über
sanfte Hügel legten, reiche Landsitze umgrenzten die Strasse, und stundenlang
ging man zwischen den vergoldeten Gittern der Gärten, mehrmals kreuzten sie den
gleichen langsam fliessenden Strom und vielemal hörten sie über sich die
Eisenbahnzüge auf den hoch sich schwingenden Viadukten donnern.
    Eben ging die Sonne an dem geraden Rande ferner Wälder nieder, als sie sich
auf einer Anhöhe inmitten einer kleinen Baumgruppe ins Gras hinwarfen, um sich
von den Strapazen auszuruhen. Delamarche und Robinson lagen da und streckten
sich nach Kräften. Karl sass aufrecht und sah auf die ein paar Meter tiefer
führende Strasse, auf der immer wieder Automobile, wie schon während des ganzen
Tages, leicht aneinander vorübereilten, als würden sie in genauer Anzahl immer
wieder von der Ferne abgeschickt und in der gleichen Anzahl in der anderen Ferne
erwartet. Während des ganzen Tages seit dem frühesten Morgen hatte Karl kein
Automobil halten, keinen Passagier aussteigen gesehen.
    Robinson machte den Vorschlag, die Nacht hier zu verbringen, da sie alle
genügend müde wären, da sie dann desto früher ausmarschieren könnten und da sie
schliesslich kaum ein billigeres und besser gelegenes Nachtlager vor Einbruch
völliger Dunkelheit finden könnten. Delamarche war einverstanden, und nur Karl
glaubte zu der Bemerkung verpflichtet zu sein, dass er Geld genug habe, um das
Nachtlager für alle auch in einem Hotel zu bezahlen. Delamarche sagte, sie
würden das Geld noch brauchen, er solle es nur gut aufheben. Delamarche verbarg
nicht im geringsten, dass man mit Karls Geld schon rechnete. Da sein erster
Vorschlag angenommen war, erklärte nun Robinson weiter, nun müssten sie aber vor
dem Schlafen, um sich für morgen zu kräftigen, etwas Tüchtiges essen, und einer
solle das Essen für alle aus dem Hotel holen, das in nächster Nähe an der
Landstrasse mit der Aufschrift »Hotel Occidental« leuchtete. Als der Jüngste, und
da sich auch sonst niemand meldete, zögerte Karl nicht, sich für diese Besorgung
anzubieten, und ging, nachdem er eine Bestellung auf Speck, Brot und Bier
erhalten hatte, ins Hotel hinüber.
    Es musste eine grosse Stadt in der Nähe sein, denn gleich der erste Saal des
Hotels, den Karl betrat, war von einer lauten Menge erfüllt, und an dem Büfett,
das sich an einer Längswand und an den zwei Seitenwänden hinzog, liefen
unaufhörlich viele Kellner mit weissen Schürzen vor der Brust und konnten doch
die ungeduldigen Gäste nicht zufriedenstellen, denn immer wieder hörte man an
den verschiedensten Stellen Flüche und Fäuste, die auf den Tisch schlugen. Karl
wurde von niemandem beachtet; es gab auch im Saale selbst keine Bedienung, die
Gäste, die an winzigen, bereits zwischen drei Tischnachbarn verschwindenden
Tischen sassen, holten alles, was sie wünschten, beim Büfett. Auf allen Tischchen
stand eine grosse Flasche mit Öl, Essig oder dergleichen, und alle Speisen, die
vom Büfett geholt wurden, wurden vor dem Essen aus dieser Flasche übergossen.
Wollte Karl überhaupt erst zum Büfett kommen, wo ja dann wahrscheinlich,
besonders bei seiner grossen Bestellung, die Schwierigkeiten erst beginnen
würden, musste er sich zwischen vielen Tischen durchdrängen, was natürlich bei
aller Vorsicht nicht ohne grobe Belästigung der Gäste durchzuführen war, die
jedoch alles wie gefühllos hinnahmen, selbst als Karl einmal, allerdings
gleichfalls von einem Gast, gegen ein Tischchen gestossen wurde, das er fast
umgeworfen hätte. Er entschuldigte sich zwar, wurde aber offenbar nicht
verstanden, verstand übrigens auch nicht das geringste von dem, was man ihm
zurief.
    Beim Büfett fand er mit Mühe ein kleines freies Plätzchen, auf dem ihm eine
lange Weile die Aussicht durch die aufgestützten Ellbogen seiner Nachbarn
genommen war. Es schien hier überhaupt eine Sitte, die Ellbogen aufzustützen und
die Faust an die Schläfe zu drücken; Karl musste daran denken, wie der
Lateinprofessor Dr. Krumpal gerade diese Haltung gehasst hatte und wie er immer
heimlich und unversehens herangekommen war und mittels eines plötzlich
erscheinenden Lineals mit scherzhaftem Ruck die Ellbogen von den Tischen
gestreift hatte.
    Karl stand eng ans Büfett gedrängt, denn kaum hatte er sich angestellt, war
hinter ihm ein Tisch aufgestellt worden, und der eine der dort sich
niederlassenden Gäste streifte schwer, wenn er sich nur ein wenig beim Reden
zurückbog, mit seinem grossen Hut Karls Rücken. Und dabei war so wenig Hoffnung,
vom Kellner etwas zu bekommen, selbst als die beiden plumpen Nachbarn befriedigt
weggegangen waren. Einigemal hatte Karl einen Kellner über den Tisch hin bei der
Schürze gefasst, aber immer hatte sich der mit verzerrtem Gesicht losgerissen.
Keiner war zu halten, sie liefen nur und liefen nur. Wenn wenigstens in der Nähe
Karls etwas Passendes zum Essen und Trinken gewesen wäre, er hätte es genommen,
sich nach dem Preis erkundigt, das Geld hingelegt und wäre mit Freude
weggegangen. Aber gerade vor ihm lagen nur Schüsseln mit heringartigen Fischen,
deren schwarze Schuppen am Rande goldig glänzten. Die konnten sehr teuer sein
und würden wahrscheinlich niemanden sättigen. Ausserdem waren kleine Fässchen mit
Rum erreichbar, aber Rum wollte er seinen Kameraden nicht bringen, sie schienen
schon sowieso bei jeder Gelegenheit nur auf den konzentriertesten Alkohol
auszugehen und darin wollte er sie nicht noch unterstützen.
    Es blieb also Karl nichts übrig, als einen anderen Platz zu suchen und mit
seinen Bemühungen von vorne anzulangen. Nun aber war auch schon die Zeit sehr
vorgerückt. Die Uhr am anderen Ende des Saales, deren Zeiger man bei scharfem
Hinsehen durch den Rauch gerade noch erkennen konnte, zeigte schon neun vorüber.
Anderswo am Büfett war aber das Gedränge noch grösser als an dem früheren, ein
wenig abgelegenen Platz. Ausserdem füllte sich der Saal desto mehr, je später es
wurde. Immer wieder zogen durch die Haupttüre mit grossem Hallo neue Gäste ein.
An manchen Stellen räumten Gäste selbsterrlich das Büfett ab und setzten sich
aufs Pult und tranken einander zu, es waren die besten Plätze, man übersah den
ganzen Saal.
    Karl drängte sich zwar noch weiter durch, aber eine eigentliche Hoffnung,
etwas zu erreichen, hatte er nicht mehr. Er machte sich Vorwürfe darüber, dass
er, der die hiesigen Verhältnisse nicht kannte, sich zu dieser Besorgung
angeboten hatte. Seine Kameraden würden ihn mit vollem Rechte auszanken und gar
noch denken, dass er, nur um Geld zu sparen, nichts mitgebracht hatte. Nun stand
er gar in einer Gegend, wo ringsherum an den Tischen warme Fleischspeisen mit
schönen, gelben Kartoffeln gegessen wurden; es war ihm unbegreiflich, wie sich
die Leute das verschafft hatten.
    Da sah er ein paar Schritte vor sich eine ältere, offenbar zum Hotelpersonal
gehörige Frau, die lachend mit einem Gaste redete. dabei arbeitete sie
fortwährend mit einer Haarnadel in ihrer Frisur herum. Sofort war Karl
entschlossen, seine Bestellung bei dieser Frau vorzubringen, schon weil sie ihm
als die einzige Frau im Saal eine Ausnahme vom allgemeinen Lärm und Jagen
bedeutete und dann auch aus dem einfachen Grunde, weil sie die einzige
Hotelangestellte war, die man erreichen konnte, vorausgesetzt allerdings, dass
sie nicht beim ersten Wort, das er an sie richten würde, in Geschäften fortlief.
Aber ganz das Gegenteil trat ein. Karl hatte sie noch gar nicht angeredet,
sondern nur ein wenig belauert, als sie, wie man eben manchmal mitten im
Gespräch beiseite schaut, zu Karl hinsah und ihn, ihre Rede unterbrechend,
freundlich und in einem Englisch, klar wie die Grammatik, fragte, ob er etwas
suche.
    »Allerdings«, sagte Karl »ich kann hier gar nichts bekommen.«
    »Dann kommen Sie mit mir, Kleiner«, sagte sie, verabschiedete sich von ihrem
Bekannten, der seinen Hut abnahm, was hier wie unglaubliche Höflichkeit
erschien, fasste Karl bei der Hand, ging zum Büfett, schob einen Gast beiseite,
öffnete eine Klapptüre im Pult, durchquerte den Gang hinter dem Pult, wo man
sich vor den unermüdlich laufenden Kellnern in acht nehmen musste, öffnete eine
zweifache Tapetentüre, und schon befanden sie sich in grossen, kühlen
Vorratskammern. Man muss eben den Mechanismus kennen, sagte sich Karl.
    »Also, was wollen Sie denn?« fragte sie und beugte sich dienstbereit zu ihm
herab. Sie war sehr dick, ihr Leib schaukelte sich, aber ihr Gesicht hatte eine,
natürlich im Verhältnis, fast zarte Bildung. Karl war fast versucht, im Anblick
der vielen Esswaren, die hier sorgfältig in Regalen und auf Tischen aufgerichtet
lagen, für seine Bestellung rasch ein feineres Nachtessen auszudenken, besonders
da er erwarten konnte, von dieser einflussreichen Frau billiger bedient zu
werden, schliesslich aber nannte er doch wieder, da ihm nichts Passendes einfiel,
nur Speck, Brot und Bier.
    »Nichts weiter?« fragte die Frau.
    »Nein danke«, sagte Karl, »aber für drei Personen.«
    Auf die Frage der Frau nach den beiden anderen erzählte Karl in ein paar
kurzen Worten von seinen Kameraden, es machte ihm Freude, ein wenig ausgefragt
zu werden.
    »Aber das ist ja Essen für Sträflinge«, sagte die Frau und erwartete nun
offenbar weitere Wünsche Karls. Dieser aber fürchtete nun, sie werde ihn
beschenken und kein Geld annehmen wollen, und schwieg deshalb. »Das werden wir
gleich zusammengestellt haben«, sagte die Frau, ging mit einer bei ihrer Dicke
bewunderungswerten Beweglichkeit zu einem Tisch hin, schnitt mit einem langen,
dünnen, sägeblattartigen Messer ein grosses Stück mit viel Fleisch durchwachsenen
Specks ab, nahm aus einem Regal einen Laib Brot, hob vom Boden drei Flaschen
Bier auf und legte alles in einen leichten Strohkorb, den sie Karl reichte.
Zwischendurch erklärte sie Karl, sie habe ihn deshalb hierhergeführt, weil die
Esswaren draussen auf dem Büfett im Rauch und in den vielen Ausdünstungen trotz
dem schnellen Verbrauch immer die Frische verlieren. Für die Leute draussen sei
aber alles gut genug. Karl sagte nun gar nichts mehr, denn er wusste nicht,
wodurch er diese auszeichnende Behandlung verdiene. Er dachte an seine
Kameraden, die vielleicht, so gute Kenner Amerikas sie auch waren, doch nicht
bis in diese Vorratskammer gedrungen wären und sich mit den verdorbenen Esswaren
auf dem Büfett hätten begnügen müssen. Man hörte hier keinen Laut aus dem Saal,
die Mauern mussten sehr dick sein, um diese Gewölbe genügend kühl zu erhalten.
Karl hatte schon den Strohkorb ein Weilchen lang in der Hand, dachte aber nicht
ans Zahlen und rührte sich auch nicht. Nur als die Frau noch nachträglich eine
Flasche, ähnlich denen, die draussen auf den Tischen standen, in den Korb legen
wollte, dankte er schaudernd.
    »Haben Sie noch einen weiten Marsch?« fragte die Frau.
    »Bis nach Butterford«, antwortete Karl.
    »Das ist noch sehr weit«, sagte die Frau.
    »Noch eine Tagereise«, sagte Karl.
    »Nicht weiter?« fragte die Frau.
    »O nein«, sagte Karl.
    Die Frau rückte einige Sachen auf den Tischen zurecht, ein Kellner kam
herein, schaute suchend herum, wurde dann von der Frau auf eine grosse Schüssel,
in der ein breiter, mit ein wenig Petersilie bestreuter Haufen von Sardinen lag,
hingewiesen und trug dann diese Schüssel in den erhobenen Händen in den Saal
hinaus.
    »Warum wollen Sie denn eigentlich im Freien übernachten?« fragte die Frau.
    »Wir haben hier Platz genug. Schlafen Sie bei uns im Hotel.«
    Das war für Karl sehr verlockend, besonders da er die vorige Nacht so
schlecht verbracht hatte.
    »Ich habe mein Gepäck draussen«, sagte er zögernd und nicht ganz ohne
Eitelkeit.
    »Das bringen Sie nur her«, sagte die Frau, »das ist kein Hindernis.«
    »Aber meine Kameraden!« sagte Karl und merkte sofort, dass die allerdings ein
Hindernis waren.
    »Die dürfen natürlich auch hier übernachten«, sagte die Frau. »Kommen Sie
nur! Lassen Sie sich nicht so bitten.« »Meine Kameraden sind im übrigen brave
Leute«, sagte Karl, »aber sie sind nicht rein.«
    »Haben Sie den Schmutz im Saal nicht gesehen?« fragte die Frau und verzog
das Gesicht. »Zu uns kann wirklich der Ärgste kommen. Ich werde also gleich drei
Betten vorbereiten lassen. Allerdings nur auf dem Dachboden, denn das Hotel ist
vollbesetzt, ich bin auch auf den Dachboden übersiedelt, aber besser als im
Freien ist es jedenfalls.«
    »Ich kann meine Kameraden nicht mitbringen«, sagte Karl. Er stellte sich
vor, welchen Lärm die beiden auf den Gängen dieses feinen Hotels machen würden;
Robinson würde alles verunreinigen und Delamarche unfehlbar selbst diese Frau
belästigen.
    »Ich weiss nicht, warum das unmöglich sein soll«, sagte die Frau, »aber wenn
Sie es so wollen, dann lassen Sie eben Ihre Kameraden draussen und kommen allein
zu uns.«
    »Das geht nicht, das geht nicht«, sagte Karl, »es sind meine Kameraden und
ich muss bei ihnen bleiben.«
    »Sie sind starrköpfig«, sagte die Frau und sah von ihm weg »man meint es gut
mit Ihnen, möchte Ihnen gern behilflich sein, und Sie wehren sich mit allen
Kräften.« Karl sah das alles ein, aber er wusste keinen Ausweg, so sagte er nur
noch: »Meinen besten Dank für Ihre Freundlichkeit.« Dann erinnerte er sich
daran, dass er noch nicht gezahlt hatte, und fragte nach dem schuldigen Betrag.
    »Zahlen Sie das erst, wenn Sie mir den Strohkorb zurückbringen«, sagte die
Frau. »Spätestens morgen früh muss ich ihn haben.«
    »Bitte«, sagte Karl. Sie öffnete eine Türe, die geradewegs ins Freie führte,
und sagte noch, während er mit einer Verbeugung hinaustrat: »Gute Nacht, Sie
handeln aber nicht recht.« Er war schon ein paar Schritte weit, da rief sie ihm
noch nach: »Auf Wiedersehen morgen!«
    Kaum war er draussen, hörte er auch schon wieder aus dem Saal den
ungeschwächten Lärm, in den sich jetzt auch Klänge eines Blasorchesters
mischten. Er war froh, dass er nicht durch den Saal hatte hinausgehen müssen. Das
Hotel war jetzt in allen seinen fünf Stockwerken beleuchtet und machte die
Strasse davor in ihrer ganzen Breite hell. Noch immer fuhren draussen, wenn auch
schon in unterbrochener Folge, Automobile, rascher aus der Ferne her anwachsend
als bei Tage, tasteten mit den weissen Strahlen ihrer Laternen den Boden der
Strasse ab, kreuzten mit erblassenden Lichtern die Lichtzone des Hotels und
eilten aufleuchtend in das weitere Dunkel.
    Die Kameraden fand Karl schon in tiefem Schlaf, er war aber auch zu lange
ausgeblieben. Gerade wollte er das Mitgebrachte appetitlich auf Papiere
ausbreiten, die er im Korb vorfand, um erst, wenn alles fertig wäre, die
Kameraden zu wecken, als er zu seinem Schrecken seinen Koffer, den er abgesperrt
zurückgelassen hatte und dessen Schlüssel er in der Tasche trug, vollständig
geöffnet sah, während der halbe Inhalt ringsherum im Gras verstreut war.
    »Steht auf!« rief er. »Ihr schlaft, und inzwischen waren Diebe da.«
    »Fehlt denn etwas?« fragte Delamarche. Robinson war noch nicht ganz wach und
griff schon nach dem Bier.
    »Ich weiss nicht«, rief Karl, »aber der Koffer ist offen. Das ist doch eine
Unvorsichtigkeit, sich schlafen zu legen und den Koffer hier frei stehen zu
lassen.«
    Delamarche und Robinson lachten, und der erstere sagte: »Sie dürfen eben
nächstens nicht so lange fortbleiben. Das Hotel ist zehn Schritte entfernt, und
Sie brauchen zum Hin- und Herweg drei Stunden. Wir haben Hunger gehabt, haben
gedacht, dass Sie in Ihrem Koffer etwas zum Essen haben könnten, und haben das
Schloss so lange gekitzelt, bis es sich aufgemacht hat. Im übrigen war ja gar
nichts darin, und Sie können alles wieder ruhig einpacken.«
    »So«, sagte Karl, starrte in den rasch sich leerenden Korb und horchte auf
das eigentümliche Geräusch, das Robinson beim Trinken hervorbrachte, da ihm die
Flüssigkeit zuerst weit in die Gurgel eindrang, dann aber mit einer Art Pfeifen
wieder zurückschnellte, um erst dann in grossem Erguss in die Tiefe zu rollen.
    »Haben Sie schon zu Ende gegessen?« fragte er, als sich die beiden einen
Augenblick verschnauften.
    »Haben Sie denn nicht schon im Hotel gegessen?« fragte Delamarche, der
glaubte, Karl beanspruche seinen Anteil.
    »Wenn Sie noch essen wollen, dann beeilen Sie sich«, sagte Karl und ging zu
seinem Koffer.
    »Der scheint Launen zu haben«, sagte Delamarche zu Robinson.
    »Ich habe keine Launen«, sagte Karl, »aber ist das vielleicht recht, in
meiner Abwesenheit meinen Koffer aufzubrechen und meine Sachen herauszuwerfen?
Ich weiss, man muss unter Kameraden manches dulden, und ich habe mich auch darauf
vorbereitet, aber das ist zu viel.
    Ich werde im Hotel übernachten und gehe nicht nach Butterford. Essen Sie
rasch auf, ich muss den Korb zurückgeben.«
    »Siehst du, Robinson, so spricht man«, sagte Delamarche, »das ist die feine
Redeweise. Er ist eben ein Deutscher. Du hast mich früh vor ihm gewarnt, aber
ich bin ein guter Narr gewesen und habe ihn doch mitgenommen. Wir haben ihm
unser Vertrauen geschenkt, haben ihn einen ganzen Tag mit uns geschleppt, haben
dadurch zumindest einen halben Tag verloren und jetzt - weil ihn dort im Hotel
irgend jemand gelockt hat - verabschiedet er sich, verabschiedet sich einfach.
Aber weil er ein falscher Deutscher ist, tut er dies nicht offen, sondern sucht
sich den Vorwand mit dem Koffer, und weil er ein grober Deutscher ist, kann er
nicht weggehen, ohne uns in unserer Ehre zu beleidigen und uns Diebe zu nennen,
weil wir mit seinem Koffer einen kleinen Scherz gemacht haben.«
    Karl, der seine Sachen packte, sagte, ohne sich umzuwenden: »Reden Sie nur
so weiter und erleichtern Sie mir das Weggehen. Ich weiss ganz gut, was
Kameradschaft ist. Ich habe in Europa auch Freunde gehabt, und keiner kann mir
vorwerfen, dass ich mich falsch oder gemein gegen ihn benommen hätte. Wir sind
jetzt natürlich ausser Verbindung, aber wenn ich noch einmal nach Europa
zurückkommen sollte, werden mich alle gut aufnehmen und mich sofort als ihren
Freund anerkennen. Und Sie, Delamarche, und Sie, Robinson, Sie hätte ich
verraten sollen, da Sie doch, was ich niemals vertuschen werde, so freundlich
waren, sich meiner anzunehmen und mir eine Lehrlingsstelle in Butterford in
Aussicht zu stellen? Aber es ist etwas anderes. Sie haben nichts, und das
erniedrigt Sie in meinen Augen nicht im geringsten, aber Sie missgönnen mir
meinen kleinen Besitz und suchen mich deshalb zu demütigen, das kann ich nicht
aushalten. Und nun, nachdem Sie meinen Koffer aufgebrochen haben, entschuldigen
Sie sich mit keinem Wort, sondern beschimpfen mich noch und beschimpfen weiter
mein Volk - damit nehmen Sie mir aber auch jede Möglichkeit, bei Ihnen zu
bleiben. Übrigens gilt das alles nicht eigentlich von Ihnen, Robinson. Gegen
Ihren Charakter habe ich nur einzuwenden, dass Sie von Delamarche zu sehr
abhängig sind.«
    »Da sehen wir ja«, sagte Delamarche, indem er zu Karl trat und ihm einen
leichten Stoss gab, wie um ihn aufmerksam zu machen »da sehen wir ja, wie Sie
sich entpuppen. Den ganzen Tag sind Sie hinter mir gegangen, haben sich an
meinem Rock gehalten, haben mir jede Bewegung nachgemacht und waren sonst still
wie ein Mäuschen. Jetzt aber, da Sie im Hotel irgendeinen Rückhalt spüren,
fangen Sie grosse Reden zu halten an. Sie sind ein kleiner Schlaumeier, und ich
weiss noch gar nicht, ob wir das so ruhig hinnehmen werden. Ob wir nicht das
Lehrgeld für das verlangen werden, was Sie uns während des Tages abgeschaut
haben. Du, Robinson, wir beneiden ihn - meint er - um seinen Besitz. Ein Tag
Arbeit in Butterford - von Kalifornien gar nicht zu reden -, und wir haben
zehnmal mehr, als Sie uns gezeigt haben und als Sie in Ihrem Rockfutter noch
versteckt haben mögen. Also, nur immer Achtung aufs Maul!«
    Karl hatte sich vom Koffer erhoben und sah nun auch den verschlafenen, aber
vom Bier ein wenig belebten Robinson herankommen. »Wenn ich noch lange
hierbliebe«, sagte er, »könnte ich vielleicht noch weitere Überraschungen
erleben. Sie scheinen Lust zu haben, mich durchzuprügeln.«
    »Alle Geduld hat ein Ende«, sagte Robinson.
    »Sie schweigen besser, Robinson«, sagte Karl, ohne Delamarche aus den Augen
zu lassen, »im Innern geben Sie mir ja doch recht, aber nach aussen müssen Sie es
mit Delamarche halten!«
    »Wollen Sie ihn vielleicht bestechen?« fragte Delamarche.
    »Fällt mir nicht ein«, sagte Karl. »Ich bin froh, dass ich fortgehe, und ich
will mit keinem von Ihnen mehr etwas zu tun haben. Nur eines will ich noch
sagen, Sie haben mir den Vorwurf gemacht, dass ich Geld besitze und es vor Ihnen
versteckt habe. Angenommen, dass es wahr ist, war es nicht sehr richtig Leuten
gegenüber gehandelt, die ich erst ein paar Stunden kannte, und bestätigen Sie
nicht noch durch Ihr jetziges Benehmen die Richtigkeit einer derartigen
Handlungsweise?«
    »Bleib ruhig«, sagte Delamarche zu Robinson, obwohl sich dieser nicht
rührte. Dann fragte er Karl: »Da Sie so unverschämt aufrichtig sind, so treiben
Sie doch, da wir ja so gemütlich beisammenstehen, diese Aufrichtigkeit noch
weiter und gestehen Sie ein, warum Sie eigentlich ins Hotel wollen.« Karl musste
einen Schritt über den Koffer hinweg machen, so nahe war Delamarche an ihn
herangetreten. Aber Delamarche liess sich dadurch nicht beirren, schob den Koffer
beiseite, machte einen Schritt vorwärts, wobei er den Fuss auf ein weisses Vorhemd
setzte, das im Gras liegengeblieben war, und wiederholte seine Frage.
    Wie zur Antwort stieg von der Strasse her ein Mann mit einer stark
leuchtenden Taschenlampe zu der Gruppe herauf. Es war ein Kellner aus dem Hotel.
Kaum hatte er Karl erblickt, sagte er: »Ich suche Sie schon fast eine halbe
Stunde. Alle Böschungen auf beiden Strassenseiten habe ich schon abgesucht. Die
Frau Oberköchin lässt Ihnen nämlich sagen, dass sie den Strohkorb, den sie Ihnen
geborgt hat, dringend braucht.«
    »Hier ist er«, sagte Karl mit einer vor Aufregung unsicheren Stimme.
Delamarche und Robinson waren in scheinbarer Bescheidenheit beiseite getreten,
wie sie es vor fremden gutgestellten Leuten immer machten. Der Kellner nahm den
Korb an sich und sagte: »Dann lässt Sie die Frau Oberköchin fragen, ob Sie es
sich nicht überlegt haben und doch vielleicht im Hotel übernachten wollten. Auch
die beiden anderen Herren wären willkommen, wenn Sie sie mitnehmen wollen. Die
Betten sind schon vorbereitet. Die Nacht ist ja heute warm, aber hier, auf der
Lehne, ist es durchaus nicht ungefährlich zu schlafen, man findet öfters
Schlangen.«
    »Da die Frau Oberköchin so freundlich ist, werde ich ihre Einladung doch
annehmen«, sagte Karl und wartete auf eine Äusserung seiner Kameraden. Aber
Robinson stand stumpf da, und Delamarche hatte die Hände in den Hosentaschen und
schaute zu den Sternen hinauf. Beide bauten offenbar darauf, dass Karl sie ohne
weiteres mitnehmen werde.
    »Für diesen Fall«, sagte der Kellner »habe ich den Auftrag, Sie ins Hotel zu
führen und Ihr Gepäck zu tragen.«
    »Dann warten Sie, bitte, noch einen Augenblick«, sagte Karl und bückte sich,
um die paar Sachen, die noch herumlagen, in den Koffer zu legen.
    Plötzlich richtete er sich auf. Die Photographie fehlte, sie war ganz oben
im Koffer gelegen und war nirgends zu finden. Alles war vollständig, nur die
Photographie fehlte.
    »Ich kann die Photographie nicht finden«, sagte er bittend zu Delamarche.
    »Welche Photographie?« fragte dieser.
    »Die Photographie meiner Eltern«, sagte Karl.
    »Wir haben keine Photographie gesehen«, sagte Delamarche.
    »Es war keine Photographie darin, Herr Rossmann«, bestätigte auch Robinson
von seiner Seite.
    »Aber das ist doch unmöglich«, sagte Karl, und seine hilfesuchenden Blicke
zogen den Kellner näher. »Sie lag obenauf und jetzt ist sie weg. Wenn Sie doch
lieber den Spass mit dem Koffer nicht gemacht hätten.«
    »Jeder Irrtum ist ausgeschlossen«, sagte Delamarche, »in dem Koffer war
keine Photographie.«
    »Sie war mir wichtiger als alles, was ich sonst im Koffer habe«, sagte Karl
zum Kellner, der herumging und im Grase suchte. »Sie ist nämlich unersetzlich,
ich bekomme keine zweite.« Und als der Kellner von dem aussichtslosen Suchen
abliess, sagte er noch: »Es war das einzige Bild, das ich von meinen Eltern
besass.«
    Daraufhin sagte der Kellner laut, ohne jede Beschönigung: »Vielleicht
könnten wir noch die Taschen der Herren untersuchen.«
    »Ja«, sagte Karl sofort, »ich muss die Photographie finden. Aber ehe ich die
Taschen durchsuche, sage ich noch, dass, wer mir die Photographie freiwillig
gibt, den ganzen gefüllten Koffer bekommt.« Nach einem Augenblick allgemeiner
Stille sagte Karl zum Kellner: »Meine Kameraden wollen also offenbar die
Taschendurchsuchung. Aber selbst jetzt verspreche ich sogar demjenigen, in
dessen Tasche die Photographie gefunden wird, den ganzen Koffer. Mehr kann ich
nicht tun.«
    Sofort machte sich der Kellner daran, Delamarche zu untersuchen, der ihm
schwieriger zu behandeln schien als Robinson, den er Karl überliess. Er machte
Karl darauf aufmerksam, dass beide gleichzeitig untersucht werden müssten, da
sonst einer unbeobachtet die Photographie beiseiteschaffen könnte. Gleich beim
ersten Griff fand Karl in Robinsons Tasche eine ihm gehörige Krawatte, aber er
nahm sie nicht an sich und rief dem Kellner zu: »Was Sie bei Delamarche auch
finden mögen, lassen Sie ihm, bitte, alles. Ich will nichts als die
Photographie, nur die Photographie.«
    Beim Durchsuchen der Brusttaschen gelangte Karl mit der Hand an die heisse,
fettige Brust Robinsons, und es kam ihm zu Bewusstsein, dass er an seinen
Kameraden vielleicht ein grosses Unrecht begehe. Er beeilte sich nun nach
Möglichkeit. Im übrigen war alles umsonst, weder bei Robinson noch bei
Delamarche fand sich die Photographie vor.
    »Es hilft nichts«, sagte der Kellner.
    »Sie haben wahrscheinlich die Photographie zerrissen und die Stücke
weggeworfen«, sagte Karl. »Ich dachte, sie wären Freunde, aber im geheimen
wollten sie mir nur schaden. Nicht eigentlich Robinson, der wäre gar nicht auf
den Einfall gekommen, dass die Photographie solchen Wert für mich hat, aber desto
mehr Delamarche.« Karl sah nur den Kellner vor sich, dessen Laterne einen
kleinen Kreis beleuchtete, während alles sonst, auch Delamarche und Robinson, in
tiefem Dunkel war.
    Es war natürlich gar nicht mehr die Rede davon, dass die beiden in das Hotel
mitgenommen werden könnten. Der Kellner schwang den Koffer auf die Achsel, Karl
nahm den Strohkorb, und sie gingen. Karl war schon auf der Strasse, als er, im
Nachdenken sich unterbrechend, stehen blieb und in das Dunkel hinaufrief: »Hören
Sie einmal, sollte doch einer von Ihnen die Photographie noch haben und mir ins
Hotel bringen wollen - er bekommt den Koffer noch immer und wird, ich schwöre
es, nicht angezeigt.« Es kam keine eigentliche Antwort herunter, nur ein
abgerissenes Wort war zu hören, der Beginn eines Zurufs Robinsons, dem aber
offenbar Delamarche sofort den Mund stopfte. Noch eine lange Weile wartete Karl,
ob man sich oben nicht doch noch anders entscheiden würde. Zweimal rief er in
Abständen: »Ich bin noch immer da!« Aber kein Laut antwortete, nur einmal rollte
ein Stein den Abhang herab, vielleicht durch Zufall, vielleicht in einem
verfehlten Wurf.
 
                                Hotel Occidental
Im Hotel wurde Karl gleich in eine Art Büro geführt, in welchem die Oberköchin,
ein Vormerkbuch in der Hand, einer jungen Schreibmaschinistin einen Brief in die
Schreibmaschine diktierte. Das äusserst präzise Diktieren, der beherrschte und
elastische Tastenschlag jagten an dem nur hie und da merklichen Ticken der
Wanduhr vorüber, die schon fast halb zwölf zeigte. »So!« sagte die Oberköchin,
klappte das Vormerkbuch zu, die Schreibmaschinistin sprang auf und stülpte den
Holzdeckel über die Maschine, ohne bei dieser mechanischen Arbeit die Augen von
Karl zu lassen. Sie sah noch wie ein Schulmädchen aus, ihre Schürze war sehr
sorgfältig gebügelt, auf den Achseln zum Beispiel gewellt, die Frisur recht
hoch, und man staunte ein wenig, wenn man nach diesen Einzelheiten ihr ernstes
Gesicht sah. Nach Verbeugungen, zuerst gegen die Oberköchin, dann gegen Karl,
entfernte sie sich, und Karl sah unwillkürlich die Oberköchin mit einem
fragenden Blicke an.
    »Das ist aber schön, dass Sie nun doch gekommen sind«, sagte die Oberköchin.
»Und Ihre Kameraden?«
    »Ich habe sie nicht mitgenommen«, sagte Karl.
    »Die marschieren wohl sehr früh aus«, sagte die Oberköchin, wie um sich die
Sache zu erklären.
    Muss sie denn nicht denken, dass ich auch mitmarschiere? fragte sich Karl und
sagte deshalb, um jeden Zweifel auszuschliessen: »Wir sind in Unfrieden
auseinandergegangen.«
    Die Oberköchin schien das als eine angenehme Nachricht aufzufassen. »Dann
sind Sie also frei?« fragte sie.
    »Ja, frei bin ich«, sagte Karl, und nichts schien ihm wertloser.
    »Hören Sie, möchten Sie nicht hier im Hotel eine Stelle annehmen?« fragte
die Oberköchin.
    »Sehr gern«, sagte Karl, »ich habe aber entsetzlich wenig Kenntnisse. Ich
kann zum Beispiel nicht einmal auf der Schreibmaschine schreiben.«
    »Das ist nicht das Wichtigste«, sagte die Oberköchin. »Sie bekämen eben
vorläufig nur eine ganz kleine Anstellung und müssten dann zusehen, durch Fleiss
und Aufmerksamkeit sich hinaufzubringen. Jedenfalls aber glaube ich, dass es für
Sie besser und passender wäre, sich irgendwo festzusetzen, statt so durch die
Welt zu bummeln. Dazu scheinen Sie mir nicht gemacht.«
    Das würde alles auch der Onkel unterschreiben, sagte sich Karl und nickte
zustimmend. Gleichzeitig erinnerte er sich, dass er, um den man so besorgt war,
sich noch gar nicht vorgestellt hatte. »Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er »dass
ich mich noch gar nicht vorgestellt habe, ich heisse Karl Rossmann.«
    »Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?«
    »Ja«, sagte Karl, »ich bin noch nicht lange in Amerika.«
    »Woher sind Sie denn?«
    »Aus Prag in Böhmen«, sagte Karl.
    »Sehen Sie einmal an«, rief die Oberköchin in einem stark englisch betonten
Deutsch und hob fast die Arme, »dann sind wir ja Landsleute, ich heisse Grete
Mitzelbach und bin aus Wien. Und Prag kenne ich ja ausgezeichnet, ich war ja ein
halbes Jahr in der Goldenen Gans auf dem Wenzelsplatz angestellt. Aber denken
Sie nur einmal!«
    »Wann ist das gewesen?« fragte Karl.
    »Das ist schon viele, viele Jahre her.«
    »Die alte Goldene Gans«, sagte Karl, »ist vor zwei Jahren niedergerissen
worden.«
    »Ja, freilich«, sagte die Oberköchin, ganz in Gedanken an vergangene Zeiten.
    Mit einem Male aber wieder lebhaft werdend, rief sie und fasste dabei Karls
Hände: »Jetzt, da es sich herausgestellt hat, dass Sie mein Landsmann sind,
dürfen Sie um keinen Preis von hier fort. Das dürfen Sie mir nicht antun. Hätten
Sie zum Beispiel Lust, Liftjunge zu werden? Sagen Sie nur ja und Sie sind es.
Wenn Sie ein bisschen herumgekommen sind, werden Sie wissen, dass es nicht
besonders leicht ist, solche Stellen zu bekommen, denn sie sind der beste
Anfang, den man sich denken kann. Sie kommen mit allen Gästen zusammen, man
sieht Sie immer, man gibt Ihnen kleine Aufträge; kurz, Sie haben jeden Tag die
Möglichkeit, zu etwas Besserem zu gelangen. Für alles übrige lassen Sie mich
sorgen.«
    »Liftjunge möchte ich ganz gerne sein«, sagte Karl nach einer kleinen Pause.
Es wäre ein grosser Unsinn gewesen, gegen die Stelle eines Liftjungen mit
Rücksicht auf seine fünf Gymnasialklassen Bedenken zu haben. Eher wäre hier in
Amerika Grund gewesen, sich der fünf Gymnasialklassen zu schämen. Übrigens
hatten die Liftjungen Karl immer gefallen, sie waren ihm wie der Schmuck des
Hotels erschienen.
    »Sind nicht Sprachkenntnisse erforderlich?« fragte er noch.
    »Sie sprechen Deutsch und ein schönes Englisch, das genügt vollkommen.«
    »Englisch habe ich erst in Amerika in zweieinhalb Monaten erlernt«, sagte
Karl, er glaubte, seinen einzigen Vorzug nicht verschweigen zu dürfen.
    »Das spricht schon genügend für Sie«, sagte die Oberköchin.
    »Wenn ich daran denke, welche Schwierigkeiten mir das Englisch gemacht hat.
Das ist allerdings schon seine dreissig Jahre her. Gerade gestern habe ich davon
gesprochen. Gestern war nämlich mein fünfzigster Geburtstag.« Und sie suchte
lächelnd den Eindruck von Karls Mienen abzulesen, den die Würde dieses Alters
auf ihn machte.
    »Dann wünsche ich Ihnen viel Glück«, sagte Karl.
    »Das kann man immer brauchen«, sagte sie, schüttelte Karl die Hand und wurde
wieder halb traurig über diese alte Redensart aus der Heimat, die ihr da im
Deutschsprechen eingefallen war.
    »Aber ich halte Sie hier auf«, rief sie dann.
    »Und Sie sind gewiss sehr müde, und wir können auch alles viel besser bei Tag
besprechen. Die Freude, einen Landsmann getroffen zu haben, macht ganz
gedankenlos. Kommen Sie, ich werde Sie in Ihr Zimmer führen.«
    »Ich habe noch eine Bitte, Frau Oberköchin«, sagte Karl im Anblick des
Telephonkastens, der auf dem Tisch stand, »es ist möglich, dass mir morgen,
vielleicht sehr früh, meine früheren Kameraden eine Photographie bringen, die
ich dringend brauche. Wären Sie so freundlich und würden Sie dem Portier
telephonieren, er möchte die Leute zu mir schicken oder mich holen lassen?«
    »Gewiss«, sagte die Oberköchin, »aber würde es nicht genügen, wenn er ihnen
die Photographie abnimmt? Was ist es denn für eine Photographie, wenn man fragen
darf?«
    »Es ist die Photographie meiner Eltern«, sagte Karl.
    »Nein, ich muss mit den Leuten selbst sprechen.« Die Oberköchin sagte nichts
weiter und gab telephonisch in die Portierloge den entsprechenden Befehl, wobei
sie 536 als Zimmernummer Karls nannte.
    Sie gingen dann durch eine der Eingangstür entgegengesetzte Tür auf einen
kleinen Gang hinaus, wo an dem Geländer eines Aufzuges ein kleiner Liftjunge
schlafend lehnte.
    »Wir können uns selbst bedienen«, sagte die Oberköchin leise und liess Karl
in den Aufzug eintreten.
    »Eine Arbeitszeit von zehn bis zwölf Stunden ist eben ein wenig zuviel für
einen solchen Jungen«, sagte sie dann, während sie aufwärts fuhren.
    »Aber es ist eigentümlich in Amerika. Da ist dieser kleine Junge zum
Beispiel, er ist auch erst vor einem halben Jahre mit seinen Eltern hier
angekommen, er ist ein Italiener. Jetzt sieht er aus, als könne er die Arbeit
unmöglich aushalten, hat schon kein Fleisch im Gesicht, schläft im Dienst ein,
obwohl er von Natur sehr bereitwillig ist, - aber er muss nur noch ein halbes
Jahr hier oder irgendwo anders in Amerika dienen und hält alles mit Leichtigkeit
aus, und in fünf Jahren wird er ein starker Mann sein. Von solchen Beispielen
könnte ich Ihnen stundenlang erzählen. dabei denke ich gar nicht an Sie, denn
Sie sind ein kräftiger Junge; Sie sind siebzehn Jahre alt, nicht?«
    »Ich werde nächsten Monat sechzehn«, antwortete Karl.
    »Sogar erst sechzehn!« sagte die Oberköchin. »Also nur Mut!«
    Oben führte sie Karl in ein Zimmer, das zwar schon als Dachzimmer eine
schiefe Wand hatte, im übrigen aber bei einer Beleuchtung durch zwei Glühlampen
sich sehr wohnlich zeigte.
    »Erschrecken Sie nicht über die Einrichtung«, sagte die Oberköchin, »es ist
nämlich kein Hotelzimmer, sondern ein Zimmer meiner Wohnung, die aus drei
Zimmern besteht, so dass Sie mich nicht im geringsten stören. Ich sperre die
Verbindungstüre ab, so dass Sie ganz ungeniert bleiben. Morgen, als neuer
Hotelangestellter, werden Sie natürlich Ihr eigenes Zimmerchen bekommen. Wären
Sie mit Ihren Kameraden gekommen, dann hätte ich Ihnen in der gemeinsamen
Schlafkammer der Hausdiener aufbetten lassen, aber da Sie allein sind, denke
ich, dass es Ihnen hier besser passen wird, wenn Sie auch nur auf einem Sofa
schlafen müssen. Und nun schlafen Sie wohl, damit Sie sich für den Dienst
kräftigen. Er wird morgen noch nicht zu anstrengend sein.«
    »Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Freundlichkeit.«
    »Warten Sie«, sagte sie, beim Ausgang stehenbleibend, »da wären Sie aber
bald geweckt worden.« Und sie ging zu der einen Seitentür des Zimmers, klopfte
und rief: »Terese!«
    »Bitte, Frau Oberköchin«, meldete sich die Stimme der kleinen
Schreibmaschinistin.
    »Wenn du mich früh wecken gehst, so musst du über den Gang gehen, hier im
Zimmer schläft ein Gast. Er ist todmüde.« Sie lächelte Karl zu, während sie dies
sagte. »Hast du verstanden?«
    »Ja, Frau Oberköchin.«
    »Also dann gute Nacht!«
    »Gute Nacht wünsch ich.«
    »Ich schlafe nämlich«, sagte die Oberköchin zur Erklärung, »seit einigen
Jahren ungemein schlecht. Jetzt kann ich ja mit meiner Stellung zufrieden sein
und brauche eigentlich keine Sorgen zu haben. Aber es müssen die Folgen meiner
früheren Sorgen sein, die mir diese Schlaflosigkeit verursachen. Wenn ich um
drei Uhr früh einschlafe, kann ich froh sein. Da ich aber schon um fünf,
spätestens um halb sechs wieder auf dem Platze sein muss, muss ich mich wecken
lassen, und zwar besonders vorsichtig, damit ich nicht noch nervöser werde, als
ich es schon bin. Und da weckt mich eben die Terese. Aber jetzt wissen Sie
wirklich schon alles, und ich komme gar nicht weg. Gute Nacht!« Und trotz ihrer
Schwere huschte sie fast aus dem Zimmer.
    Karl freute sich auf den Schlaf, denn der Tag hatte ihn sehr hergenommen.
Und behaglichere Umgebung konnte er für einen langen, ungestörten Schlaf gar
nicht wünschen. Das Zimmer war zwar nicht zum Schlafzimmer bestimmt, es war eher
ein Wohnzimmer, oder, richtiger, ein Repräsentationszimmer der Oberköchin, und
ein Waschtisch war ihm zuliebe eigens für diesen Abend hergebracht worden, aber
dennoch fühlte sich Karl nicht als Eindringling, sondern nur desto besser
versorgt. Sein Koffer war richtig her gestellt und wohl schon lange nicht in
grösserer Sicherheit gewesen. Auf einem niedrigen Schrank mit Schiebefächern,
über den eine grossmaschige wollene Decke gezogen war, standen verschiedene
Photographien im Rahmen und unter Glas; bei der Besichtigung des Zimmers blieb
Karl da stehen und sah sie an. Es waren meist alte Photographien und stellten in
der Mehrzahl Mädchen dar, die, in unmodernen, unbehaglichen Kleidern, mit locker
aufgesetzten, kleinen, aber hochgehenden Hüten, die rechte Hand auf einen Schirm
gestützt, dem Beschauer zugewendet waren und doch mit den Blicken auswichen.
Unter den Herrenbildnissen fiel Karl besonders das eines jungen Soldaten auf,
der das Käppi auf ein Tischchen gelegt hatte, stramm mit seinem wilden schwarzen
Haar dastand und voll von einem stolzen, aber unterdrückten Lachen war. Die
Knöpfe seiner Uniform waren auf der Photographie nachträglich vergoldet worden.
Alle diese Photographien stammten wohl noch aus Europa, man hätte dies auf der
Rückseite wahrscheinlich auch genau ablesen können, aber Karl wollte sie nicht
in die Hand nehmen. So wie diese Photographien hier standen, so hätte er auch
die Photographie seiner Eltern in seinem künftigen Zimmer aufstellen mögen.
    Gerade streckte er sich nach einer gründlichen Waschung des ganzen Körpers,
die er, seiner Nachbarin wegen, möglichst leise durchzuführen sich bemüht hatte,
im Vorgenuss des Schlafes auf seinem Kanapee aus, da glaubte er ein schwaches
Klopfen an einer Tür zu hören. Man konnte nicht gleich feststellen, an welcher
Tür es war, es konnte auch bloss ein zufälliges Geräusch sein. Es wiederholte
sich auch nicht gleich, und Karl schlief schon fast, als es wieder erfolgte.
Aber nun war kein Zweifel mehr, dass es ein Klopfen war und von der Tür der
Schreibmaschinistin herkam. Karl lief auf den Fussspitzen zur Tür hin und fragte
so leise, dass es, wenn man trotz allem nebenan doch schlief, niemanden hätte
wecken können: »Wünschen Sie etwas?«
    Sofort und ebenso leise kam die Antwort: »Möchten Sie nicht die Tür öffnen?
Der Schlüssel steckt auf Ihrer Seite.«
    »Bitte«, sagte Karl, »ich muss mich nur zuerst anziehen.« Es gab eine kleine
Pause, dann hiess es: »Das ist nicht nötig. Machen Sie auf und legen Sie sich ins
Bett, ich werde ein wenig warten.«
    »Gut«, sagte Karl und führte es auch so aus, nur drehte er ausserdem noch das
elektrische Licht an.
    »Ich liege schon«, sagte er dann etwas lauter. Da trat auch schon aus ihrem
dunklen Zimmer die kleine Schreibmaschinistin, genau so angezogen wie unten im
Büro, sie hatte wohl die ganze Zeit über nicht daran gedacht, schlafen zu gehen.
    »Entschuldigen Sie vielmals«, sagte sie und stand ein wenig gebückt vor
Karls Lager, »und verraten Sie mich, bitte, nicht. Ich will Sie auch nicht lange
stören, ich weiss, dass Sie todmüde sind.«
    »Es ist nicht so arg«, sagte Karl, »aber es wäre vielleicht doch besser
gewesen, ich hätte mich angezogen.« Er musste ausgestreckt daliegen, um bis an
den Hals zugedeckt sein zu können, denn er besass kein Nachtemd.
    »Ich bleibe ja nur einen Augenblick«, sagte sie und griff nach einem Sessel.
»Kann ich mich zum Kanapee setzen?«
    Karl nickte. Da setzte sie sich so eng zum Kanapee, dass Karl an die Mauer
rücken musste, um zu ihr aufschauen zu können. Sie hatte ein rundes,
gleichmässiges Gesicht, nur die Stirn war ungewöhnlich hoch, aber das konnte auch
vielleicht nur an der Frisur liegen, die ihr nicht recht passte. Ihr Anzug war
sehr rein und sorgfältig. In der linken Hand quetschte sie ein Taschentuch.
    »Werden Sie lange hierbleiben?« fragte sie.
    »Es ist noch nicht ganz bestimmt«, antwortete Karl, »aber ich denke, ich
werde bleiben.«
    »Das wäre nämlich sehr gut«, sagte sie und fuhr mit dem Taschentuch über ihr
Gesicht, »ich bin hier nämlich so allein.«
    »Das wundert mich«, sagte Karl. »Die Frau Oberköchin ist doch sehr
freundlich zu Ihnen. Sie behandelt Sie gar nicht wie eine Angestellte. Ich
dachte schon, Sie wären Verwandte.«
    »O nein«, sagte sie, »ich heisse Terese Berchtold, ich bin aus Pommern.«
    Auch Karl stellte sich vor, daraufhin sah sie ihn zum erstenmal voll an, als
sei er ihr durch die Namensnennung ein wenig fremder geworden. Sie schwiegen ein
Weilchen. Dann sagte sie: »Sie dürfen nicht glauben, dass ich undankbar bin. Ohne
die Frau Oberköchin stünde es ja mit mir viel schlechter. Ich war früher
Küchenmädchen hier im Hotel und schon in grosser Gefahr, entlassen zu werden,
denn ich konnte die schwere Arbeit nicht leisten. Man stellt hier sehr grosse
Ansprüche. Vor einem Monat ist ein Küchenmädchen nur vor Überanstrengung
ohnmächtig geworden und vierzehn Tage im Krankenhaus gelegen. Und ich bin nicht
sehr stark, ich habe früher viel zu leiden gehabt und bin dadurch in der
Entwicklung ein wenig zurückgeblieben; Sie würden wohl gar nicht sagen, dass ich
schon achtzehn Jahre alt bin. Aber jetzt werde ich schon stärker.«
    »Der Dienst hier muss wirklich sehr anstrengend sein«, sagte Karl. »Unten
habe ich jetzt einen Liftjungen stehend schlafen gesehen.«
    »dabei haben es die Liftjungen noch am besten«, sagte sie, »die verdienen
ihr schönes Geld an Trinkgeldern und müssen sich schliesslich doch bei weitem
nicht so plagen wie die Leute in der Küche. Aber da habe ich wirklich einmal
Glück gehabt, die Frau Oberköchin hat einmal ein Mädchen gebraucht, um die
Servietten für ein Bankett herzurichten, hat zu uns Küchenmädchen
heruntergeschickt, es gibt hier an fünfzig solcher Mädchen, ich war gerade bei
der Hand und habe sie sehr zufriedengestellt, denn im Aufbauen der Servietten
habe ich mich immer ausgekannt. Und so hat sie mich von da an in ihrer Nähe
behalten und allmählich zu ihrer Sekretärin ausgebildet. dabei habe ich sehr
viel gelernt.«
    »Gibt es denn da so viel zu schreiben?« fragte Karl.
    »Ach, sehr viel«, antwortete sie, »das können Sie sich wahrscheinlich gar
nicht vorstellen. Sie haben doch gesehen, dass ich heute bis halb zwölf
gearbeitet habe, und heute ist kein besonderer Tag. Allerdings schreibe ich
nicht immerfort, sondern habe auch viele Besorgungen in der Stadt zu machen.«
    »Wie heisst denn die Stadt?« fragte Karl.
    »Das wissen Sie nicht?« sagte sie, »Ramses.«
    »Ist es eine grosse Stadt?« fragte Karl.
    »Sehr gross«, antwortete sie, »ich gehe nicht gern hin. Aber wollen Sie nicht
wirklich schon schlafen?«
    »Nein, nein«, sagte Karl, »ich weiss ja noch gar nicht, warum Sie
hereingekommen sind.«
    »Weil ich mit niemandem reden kann. Ich bin nicht wehleidig, aber wenn
wirklich niemand für einen da ist, so ist man schon glücklich, schliesslich von
jemandem angehört zu werden. Ich habe Sie schon unten im Saal gesehen, ich kam
gerade, um die Frau Oberköchin zu holen, als sie Sie in die Speisekammer
wegführte.«
    »Das ist ein schrecklicher Saal«, sagte Karl.
    »Ich merke es schon gar nicht mehr«, antwortete sie. »Aber ich wollte nur
sagen, dass ja die Frau Oberköchin so freundlich zu mir ist, wie es nur meine
Mutter war. Aber es ist doch ein zu grosser Unterschied in unserer Stellung, als
dass ich frei mit ihr reden könnte. Unter den Küchenmädchen habe ich früher gute
Freundinnen gehabt, aber die sind schon längst nicht mehr hier, und die neuen
Mädchen kenne ich kaum. Schliesslich kommt es mir manchmal vor, dass mich meine
jetzige Arbeit mehr anstrengt als die frühere, dass ich sie aber nicht einmal so
gut verrichte wie die, und dass mich die Frau Oberköchin nur aus Mitleid in
meiner Stellung hält. Schliesslich muss man ja wirklich eine bessere Schulbildung
gehabt haben, um Sekretärin zu werden. Es ist eine Sünde, das zu sagen, aber oft
und oft fürchte ich, wahnsinnig zu werden. Um Gottes willen«, sagte sie
plötzlich viel schneller und griff flüchtig nach Karls Schulter, da er die Hände
unter der Decke hielt, »Sie dürfen aber der Frau Oberköchin kein Wort davon
sagen, sonst bin ich wirklich verloren. Wenn ich ihr ausser den Umständen, die
ich ihr durch meine Arbeit mache, auch noch Leid bereiten sollte, das wäre
wirklich das Höchste.«
    »Es ist selbstverständlich, dass ich ihr nichts sagen werde«, antwortete
Karl.
    »Dann ist es gut«, sagte sie, »und bleiben Sie hier. Ich wäre froh, wenn Sie
hierblieben, und wir könnten, wenn es Ihnen recht ist, zusammenhalten. Gleich,
wie ich Sie zum erstenmal gesehen habe, habe ich Vertrauen zu Ihnen gehabt. Und
trotzdem - denken Sie, so schlecht bin ich - habe ich auch Angst gehabt, die
Frau Oberköchin könnte Sie an meiner Stelle zum Sekretär machen und mich
entlassen. Erst wie ich da lange allein gesessen bin, während Sie unten im Büro
waren, habe ich mir die Sache so zurechtgelegt, dass es sogar sehr gut wäre, wenn
Sie meine Arbeiten übernähmen, denn die würden Sie sicher besser verstehen. Wenn
Sie die Besorgungen in der Stadt nicht machen wollten, könnte ich ja diese
Arbeit behalten. Sonst aber wäre ich in der Küche gewiss viel nützlicher,
besonders da ich auch schon etwas stärker geworden bin.«
    »Die Sache ist schon geordnet«, sagte Karl, »ich werde Liftjunge und Sie
bleiben Sekretärin. Wenn Sie aber der Frau Oberköchin nur die geringste
Andeutung von Ihren Plänen machen, verrate ich auch das übrige, was Sie mir
heute gesagt haben, so leid es mir tun würde.«
    Diese Tonart erregte Terese so sehr, dass sie sich beim Bett niederwarf und
wimmernd das Gesicht ins Bettzeug drückte.
    »Ich verrate ja nichts«, sagte Karl, »aber Sie dürfen auch nichts sagen.«
    Nun konnte er nicht mehr ganz unter seiner Decke versteckt bleiben,
streichelte ein wenig ihren Arm, fand nichts Rechtes, was er ihr sagen könne,
und dachte nur, dass hier ein bitteres Leben sei. Endlich beruhigte sie sich
wenigstens so weit, dass sie sich ihres Weinens schämte, sah Karl dankbar an,
redete ihm zu, morgen lange zu schlafen, und versprach, wenn sie Zeit fände,
gegen acht Uhr heraufzukommen und ihn zu wecken.
    »Sie wecken ja so geschickt«, sagte Karl.
    »Ja, einiges kann ich«, sagte sie, fuhr mit der Hand zum Abschied sanft über
seine Decke hin und lief in ihr Zimmer.
    Am nächsten Tag bestand Karl darauf, gleich seinen Dienst anzutreten, obwohl
ihm die Oberköchin diesen Tag für die Besichtigung von Ramses freigeben wollte.
Aber Karl erklärte offen, dafür werde sich noch Gelegenheit finden, jetzt sei es
für ihn das Wichtigste, mit der Arbeit anzufangen, denn eine auf ein anderes
Ziel gerichtete Arbeit habe er schon in Europa nutzlos abgebrochen und fange als
Liftjunge in einem Alter an, in dem wenigstens die tüchtigeren Jungen nahe daran
seien, in natürlicher Folge eine höhere Arbeit zu übernehmen. Es sei ganz
richtig, dass er als Liftjunge anfange, aber ebenso richtig sei, dass er sich
besonders beeilen müsse. Bei diesen Umständen würde ihm die Besichtigung der
Stadt gar kein Vergnügen machen. Nicht einmal zu einem kurzen Weg, zu dem ihn
Terese aufforderte, konnte er sich entschliessen. Immer schwebte ihm der Gedanke
vor Augen, es könne schliesslich mit ihm, wenn er nicht fleissig sei, so weit
kommen wie mit Delamarche und Robinson.
    Beim Hotelschneider wurde ihm die Liftjungenuniform ausprobiert, die
äusserlich sehr prächtig mit Goldknöpfen und Goldschnüren ausgestattet war, bei
deren Anziehen es Karl aber doch ein wenig schauderte, denn besonders unter den
Achseln war das Röckchen kalt, hart und dabei unaustrockbar nass von dem Schweiss
der Liftjungen, die es vor ihm getragen hatten. Die Uniform musste auch vor allem
über der Brust eigens für Karl erweitert werden, denn keine der zehn
vorliegenden wollte auch nur beiläufig passen. Trotz dieser Näharbeit, die hier
notwendig war, und obwohl der Meister sehr peinlich schien - zweimal flog die
bereits abgelieferte Uniform aus seiner Hand in die Werkstatt zurück -, war
alles in kaum fünf Minuten erledigt, und Karl verliess das Atelier schon als
Liftjunge mit anliegenden Hosen und einem, trotz der bestimmten gegenteiligen
Zusicherung des Meisters, sehr beengenden Jäckchen, das immer wieder zu
Atemübungen verlockte, da man sehen wollte, ob das Atmen noch immer möglich war.
    Dann meldete er sich bei jenem Oberkellner, unter dessen Befehl er stehen
sollte, einem schlanken, schönen Mann mit grosser Nase, der wohl schon in den
Vierzigern stehen konnte. Er hatte keine Zeit, sich auch nur auf das geringste
Gespräch einzulassen, und läutete bloss einen Liftjungen herbei, zufällig gerade
jenen, den Karl gestern gesehen hatte. Der Oberkellner nannte ihn nur bei seinem
Taufnamen Giacomo, was Karl erst später erfuhr, denn in der englischen
Aussprache war der Name nicht zu erkennen. Dieser Junge bekam nun den Auftrag,
Karl das für den Liftdienst Notwendige zu zeigen, aber er war so scheu und
eilig, dass Karl von ihm, so wenig auch im Grunde zu zeigen war, kaum dieses
Wenige erfahren konnte. Sicher war Giacomo auch deshalb verärgert, weil er den
Liftdienst offenbar Karls halber verlassen musste und den Zimmermädchen zur
Hilfeleistung zugeteilt war, was ihm nach bestimmten Erfahrungen, die er aber
verschwieg, entehrend vorkam. Enttäuscht war Karl vor allem dadurch, dass ein
Liftjunge mit der Maschinerie des Aufzuges nur insoferne etwas zu tun hatte, als
er ihn durch einen einfachen Druck auf den Knopf in Bewegung setzte, während für
Reparaturen am Triebwerk derartig ausschliesslich die Maschinisten des Hotels
verwendet wurden, dass zum Beispiel Giacomo trotz halbjährigem Dienst beim Lift
weder das Triebwerk im Keller, noch die Maschinerie im Innern des Aufzuges mit
eigenen Augen gesehen hatte, obwohl ihn dies, wie er ausdrücklich sagte, sehr
gefreut hätte. Überhaupt war es ein einförmiger Dienst und wegen der
zwölfstündigen Arbeitszeit, abwechselnd bei Tag und Nacht, so anstrengend, dass
er nach Giacomos Angaben überhaupt nicht auszuhalten war, wenn man nicht
minutenweise im Stehen schlafen konnte. Karl sagte hiezu nichts, aber er begriff
wohl, dass gerade diese Kunst Giacomo die Stelle gekostet hatte.
    Sehr willkommen war es Karl, dass der Aufzug, den er zu besorgen hatte, nur
für die obersten Stockwerke bestimmt war, weshalb er es nicht mit den
anspruchsvollsten reichen Leuten zu tun haben würde. Allerdings konnte man hier
auch nicht so viel lernen wie anderswo und es war nur für den Anfang gut.
    Schon nach der ersten Woche sah Karl ein, dass er dem Dienst vollständig
gewachsen war. Das Messing seines Aufzuges war am besten geputzt, keiner der
dreissig anderen Aufzüge konnte sich damit vergleichen, und es wäre vielleicht
noch leuchtender gewesen, wenn der Junge, der bei dem gleichen Aufzug diente,
auch nur annähernd so fleissig gewesen wäre und sich nicht in seiner Lässigkeit
durch Karls Fleiss unterstützt gefühlt hätte. Es war ein geborener Amerikaner,
namens Renell, ein eitler Junge mit dunklen Augen und glatten, etwas gehöhlten
Wangen. Er hatte einen eleganten Privatanzug, in dem er an dienstfreien Abenden
leicht parfümiert in die Stadt eilte; hie und da bat er auch Karl, ihn abends zu
vertreten, da er in Familienangelegenheiten weggehen müsse, und es kümmerte ihn
wenig, dass sein Aussehen allen solchen Ausreden widersprach. Trotzdem konnte ihn
Karl gut leiden und hatte es gern, wenn Renell an solchen Abenden vor dem
Ausgehen in seinem Privatanzug unten beim Lift vor ihm stehenblieb, sich noch
ein wenig entschuldigte, während er die Handschuhe über die Finger zog, und dann
durch den Korridor abging. Im übrigen wollte ihm Karl mit diesen Vertretungen
nur eine Gefälligkeit machen, wie sie ihm gegenüber einem älteren Kollegen am
Anfang selbstverständlich schien, eine dauernde Einrichtung sollte es nicht
werden. Denn ermüdend genug war dieses ewige Fahren im Lift allerdings und gar
in den Abendstunden hatte es fast keine Unterbrechung.
    Bald lernte Karl auch die kurzen, tiefen Verbeugungen machen, die man von
den Liftjungen verlangt, und das Trinkgeld fing er im Fluge ab. Es verschwand in
seiner Westentasche, und niemand hätte nach seinen Mienen sagen können, ob es
gross oder klein war. Vor Damen öffnete er die Tür mit einer kleinen Beigabe von
Galanterie und schwang sich in den Aufzug langsam hinter ihnen, die in Sorge um
ihre Röcke, Hüte und Behänge zögernder als Männer einzutreten pflegten. Während
der Fahrt stand er, weil dies das unauffälligste war, knapp bei der Tür, mit dem
Rücken zu seinen Fahrgästen, und hielt den Griff der Aufzugstür, um sie im
Augenblick der Ankunft plötzlich und doch nicht etwa erschreckend seitwärts
wegzustossen. Selten nur klopfte ihm einer während der Fahrt auf die Schulter, um
irgendeine kleine Auskunft zu bekommen, dann drehte er sich eilig um, als habe
er es erwartet, und gab mit lauter Stimme Antwort. Oft gab es trotz den vielen
Aufzügen, besonders nach Schluss der Teater oder nach Ankunft bestimmter
Expresszüge, ein solches Gedränge, dass er, kaum dass die Gäste oben entlassen
waren, wieder hinunterrasen musste, um die dort Wartenden aufzunehmen. Er hatte
auch die Möglichkeit, durch Ziehen an einem durch den Aufzugskasten
hindurchgehenden Drahtseil, die gewöhnliche Schnelligkeit zu steigern,
allerdings war dies durch die Aufzugsordnung verboten und sollte auch gefährlich
sein. Karl tat es auch niemals, wenn er mit Passagieren fuhr, aber wenn er sie
oben abgesetzt hatte und unten andere warteten, dann kannte er keine Rücksicht
und arbeitete an dem Seil mit starken, taktmässigen Griffen wie ein Matrose. Er
wusste übrigens, dass dies die anderen Liftjungen auch taten, und er wollte seine
Passagiere nicht an andere Jungen verlieren. Einzelne Gäste, die längere Zeit im
Hotel wohnten, was hier übrigens ziemlich gebräuchlich war, zeigten hie und da
durch ein Lächeln, dass sie Karl als ihren Liftjungen erkannten, Karl nahm diese
Freundlichkeit mit ernstem Gesichte, aber gerne an. Manchmal, wenn der Verkehr
etwas schwächer war, konnte er auch besondere kleine Aufträge annehmen, zum
Beispiel, einem Hotelgast, der sich nicht erst in sein Zimmer bemühen wollte,
eine im Zimmer vergessene Kleinigkeit zu holen, dann flog er in seinem, in
solchen Augenblicken ihm besonders vertrauten Aufzug allein hinauf, trat in das
fremde Zimmer, wo meistens sonderbare Dinge, die er nie gesehen hatte,
herumlagen oder an den Kleiderrechen hingen, fühlte den charakteristischen
Geruch einer fremden Seife, eines Parfüms, eines Mundwassers und eilte, ohne
sich im geringsten aufzuhalten, mit dem meist trotz undeutlichen Angaben
gefundenen Gegenstand wieder zurück. Oft bedauerte er, grössere Aufträge nicht
übernehmen zu können, da hierfür eigene Diener und Botenjungen bestimmt waren,
die ihre Wege auf Fahrrädern, ja sogar Motorrädern besorgten. Nur zu Botengängen
aus den Zimmern in die Speise- oder Spielsäle konnte sich Karl bei günstiger
Gelegenheit verwenden lassen.
    Wenn er nach der zwölfstündigen Arbeitszeit drei Tage lang um sechs Uhr
abends, die nächsten drei Tage um sechs Uhr früh aus der Arbeit kam, war er so
müde, dass er geradewegs, ohne sich um jemanden zu kümmern, in sein Bett ging. Es
lag im gemeinsamen Schlafsaal der Liftjungen, die Frau Oberköchin, deren Einfluss
vielleicht doch nicht so gross war, wie er am ersten Abend geglaubt hatte, hatte
sich zwar bemüht, ihm ein eigenes Zimmerchen zu verschaffen, und es wäre ihr
wohl auch gelungen, aber da Karl sah, welche Schwierigkeiten es machte und wie
die Oberköchin öfters mit seinem Vorgesetzten, jenem so beschäftigten
Oberkellner, wegen dieser Sache telephonierte, verzichtete er darauf und
überzeugte die Oberköchin von dem Ernst seines Verzichtes mit dem Hinweis
darauf, dass er von den anderen Jungen wegen eines nicht eigentlich
selbsterarbeiteten Vorzuges nicht beneidet werden wolle.
    Ein ruhiges Schlafzimmer war dieser Schlafsaal allerdings nicht. Denn da
jeder einzelne die freie Zeit von zwölf Stunden verschiedenartig auf Essen,
Schlaf, Vergnügen und Nebenverdienst verteilte, war im Schlafsaal immerfort die
grösste Bewegung. Da schliefen einige und zogen die Decke über die Ohren, um
nichts zu hören; wurde doch einer geweckt, dann schrie er so wütend über das
Geschrei der anderen, dass auch die übrigen noch so guten Schläfer nicht
standhalten konnten. Fast jeder Junge hatte seine Pfeife, es wurde damit eine
Art Luxus getrieben, auch Karl hatte sich eine angeschafft und fand bald
Geschmack an ihr. Nun durfte aber im Dienst nicht geraucht werden, die Folge
dessen war, dass im Schlafsaal jeder, solange er nicht unbedingt schlief, auch
rauchte. Infolgedessen stand jedes Bett in einer eigenen Rauchwolke und alles in
einem allgemeinen Dunst. Es war unmöglich durchzusetzen, obwohl eigentlich die
Mehrzahl grundsätzlich zustimmte, dass in der Nacht nur an einem Ende des Saales
das Licht brennen sollte. Wäre dieser Vorschlag durchgedrungen, dann hätten
diejenigen, welche schlafen wollten, dies im Dunkel der einen Saalhälfte - es
war ein grosser Saal mit vierzig Betten - ruhig tun können, während die anderen
im beleuchteten Teil Würfel oder Karten hätten spielen und alles übrige besorgen
können, wozu Licht nötig war. Hätte einer, dessen Bett in der beleuchteten
Saalhälfte stand, schlafen gehen wollen, so hätte er sich in eines der freien
Betten im Dunkel legen können, denn es standen immer Betten genug frei, und
niemand wendete gegen eine derartige vorübergehende Benützung seines Bettes
durch einen anderen etwas ein. Aber es gab keine Nacht, in der diese Einteilung
befolgt worden wäre. Immer wieder fanden sich zum Beispiel zwei, welche, nachdem
sie das Dunkel zu etwas Schlaf ausgenützt hatten, Lust bekamen, in ihren Betten
auf einem zwischen sie gelegten Brett Karten zu spielen, und natürlich drehten
sie eine passende elektrische Lampe auf, deren stechendes Licht die Schlafenden,
wenn sie ihm zugewendet waren, auffahren liess. Man wälzte sich zwar noch ein
wenig herum, fand aber schliesslich auch nichts Besseres zu tun, als mit dem
gleichfalls geweckten Nachbarn auch ein Spiel bei neuer Beleuchtung vorzunehmen.
Und wieder dampften natürlich auch alle Pfeifen. Es gab allerdings auch einige,
die um jeden Preis schlafen wollten - Karl gehörte meist zu ihnen - und die,
statt den Kopf aufs Kissen zu legen, ihn mit dem Kissen bedeckten oder
hineinwickelten; aber wie wollte man im Schlaf bleiben, wenn der nächste Nachbar
in tiefer Nacht aufstand, um vor dem Dienst noch ein wenig in der Stadt dem
Vergnügen nachzugehen, wenn er in dem am Kopfende des eigenen Bettes
angebrachten Waschbecken laut und wassersprühend sich wusch, wenn er die Stiefel
nicht nur polternd anzog, sondern stampfend sich besser in sie hineintreten
wollte - fast alle hatten trotz amerikanischer Stiefelform zu enge Stiefel -, um
dann schliesslich, da ihm eine Kleinigkeit in seiner Ausstattung fehlte, das
Kissen des Schlafenden zu heben, unter dem man, allerdings schon längst geweckt,
nur darauf wartete, auf ihn loszufahren. Nun waren sie aber auch alle
Sportsleute und junge, meist kräftige Burschen, die keine Gelegenheit zu
sportlichen Übungen versäumen wollten. Und man konnte sicher sein, wenn man in
der Nacht, mitten aus dem Schlaf durch grossen Lärm geweckt, aufsprang, auf dem
Boden neben seinem Bett zwei Ringkämpfer zu finden und bei greller Beleuchtung
auf allen Betten in der Runde aufrecht stehende Sachverständige in Hemd und
Unterhosen. Einmal fiel anlässlich eines solchen nächtlichen Boxkampfes einer der
Kämpfer über den schlafenden Karl, und das erste, was Karl beim Öffnen der Augen
erblickte, war das Blut, das dem Jungen aus der Nase rann und, ehe man noch
etwas dagegen unternehmen konnte, das ganze Bettzeug überfloss. Oft verbrachte
Karl fast die ganzen zwölf Stunden mit Versuchen, einige Stunden Schlaf zu
gewinnen, obwohl es ihn auch sehr lockte, an den Unterhaltungen der anderen
teilzunehmen; aber immer wieder schien es ihm, dass alle anderen in ihrem Leben
einen Vorsprung vor ihm hatten, den er durch fleissigere Arbeit und ein wenig
Verzichtleistung ausgleichen müsse. Obwohl ihm also hauptsächlich seiner Arbeit
wegen am Schlaf sehr gelegen war, beklagte er sich doch weder gegenüber der
Oberköchin, noch gegenüber Terese über die Verhältnisse im Schlafsaal, denn
erstens trugen im ganzen und grossen alle Jungen schwer daran, ohne sich
ernstlich zu beklagen, und zweitens war die Plage im Schlafsaal ein notwendiger
Teil seiner Aufgabe als Liftjunge, die er ja aus den Händen der Oberköchin
dankbar übernommen hatte.
    Einmal in der Woche hatte er beim Schichtwechsel vierundzwanzig Stunden
frei, die er zum Teil dazu verwendete, bei der Oberköchin ein, zwei Besuche zu
machen und mit Terese, deren kärgliche freie Zeit er abpasste, irgendwo, in
einem Winkel, auf einem Korridor und selten nur in ihrem Zimmer, einige
flüchtige Reden auszutauschen. Manchmal begleitete er sie auch auf ihren
Besorgungen in der Stadt, die alle höchst eilig ausgeführt werden mussten. Dann
liefen sie fast, Karl mit ihrer Tasche in der Hand, zur nächsten Station der
Untergrundbahn, die Fahrt verging im Nu, als werde der Zug ohne jeden Widerstand
nur hingerissen, schon waren sie ihm entstiegen, klapperten, statt auf den
Aufzug zu warten, der ihnen zu langsam war, die Stufen hinauf, die grossen
Plätze, von denen sternförmig die Strassen auseinanderflogen, erschienen und
brachten ein Getümmel in den von allen Seiten geradlinig strömenden Verkehr,
aber Karl und Terese eilten eng beisammen in die verschiedenen Büros,
Waschanstalten, Lagerhäuser und Geschäfte, in denen telephonisch nicht leicht zu
besorgende, im übrigen nicht besonders verantwortliche Bestellungen oder
Beschwerden auszurichten waren. Terese merkte bald, dass Karls Hilfe hiebei
nicht zu verachten war, dass sie vielmehr in vieles eine grosse Beschleunigung
brachte. Niemals musste sie in seiner Begleitung wie sonst oft darauf warten, dass
die überbeschäftigten Geschäftsleute sie anhörten. Er trat an das Pult und
klopfte so lange mit den Knöcheln darauf, bis es half, er rief über
Menschenmauern sein noch immer etwas überspjetztes, aus hundert Stimmen leicht
herauszuhörendes Englisch hin, er ging auf die Leute ohne Zögern zu, und mochten
sie sich hochmütig in die Tiefe der längsten Geschäftssäle zurückgezogen haben.
Er tat es nicht aus Übermut und würdigte jeden Widerstand, aber er fühlte sich
in einer sicheren Stellung, die ihm Rechte gab, das Hotel Occidental war eine
Kundschaft, deren man nicht spotten durfte, und schliesslich war Terese trotz
ihrer geschäftlichen Erfahrung hilfsbedürftig.
    »Sie sollten immer mitkommen«, sagte sie manchmal, glücklich lachend, wenn
sie von einer besonders gut ausgeführten Unternehmung kamen.
    Nur dreimal während der eineinhalb Monate, die Karl in Ramses blieb, war er
längere Zeit, über ein paar Stunden, in Tereses Zimmerchen. Es war natürlich
kleiner als irgendein Zimmer der Oberköchin, die wenigen Dinge, welche darin
standen, waren gewissermassen nur um das Fenster gelagert, aber Karl verstand
schon nach seinen Erfahrungen aus dem Schlafsaal den Wert eines eigenen,
verhältnismässig ruhigen Zimmers, und wenn er es auch nicht ausdrücklich sagte,
so merkte Terese doch, wie ihm ihr Zimmer gefiel. Sie hatte keine Geheimnisse
vor ihm, und es wäre auch nicht gut möglich gewesen, nach ihrem Besuch damals,
am ersten Abend, noch Geheimnisse vor ihm zu haben. Sie war ein uneheliches
Kind, ihr Vater war Baupolier und hatte die Mutter und das Kind aus Pommern sich
nachkommen lassen; aber als hätte er damit seine Pflicht erfüllt oder als hätte
er andere Menschen erwartet als die abgearbeitete Frau und das schwache Kind,
die er an der Landungsstelle in Empfang nahm, war er bald nach ihrer Ankunft
ohne viel Erklärungen nach Kanada ausgewandert, und die Zurückgebliebenen hatten
weder einen Brief noch eine sonstige Nachricht von ihm erhalten, was zum Teil
auch nicht zu verwundern war, denn sie waren in den Massenquartieren des New
Yorker Ostens unauffindbar verloren.
    Einmal erzählte Terese - Karl stand neben ihr beim Fenster und sah auf die
Strasse - vom Tode ihrer Mutter. Wie die Mutter und sie an einem Winterabend -
sie konnte damals etwa fünf Jahre alt gewesen sein - jede mit ihrem Bündel durch
die Strassen eilten, um Schlafstellen zu suchen. Wie die Mutter sie zuerst bei
der Hand führte - es war ein Schneesturm und nicht leicht vorwärtszukommen -,
bis die Hand erlahmte und sie Terese, ohne sich nach ihr umzusehen, losliess,
die sich nun Mühe geben musste, sich selbst an den Röcken der Mutter
festzuhalten. Oft stolperte Terese und fiel sogar, aber die Mutter war wie in
einem Wahn und hielt nicht an. Und diese Schneestürme in den langen, geraden New
Yorker Strassen! Karl hatte noch keinen Winter in New York mitgemacht. Geht man
gegen den Wind, und der dreht sich im Kreise, kann man keinen Augenblick die
Augen öffnen, immerfort zerreibt einem der Wind den Schnee auf dem Gesicht, man
läuft, aber kommt nicht weiter, es ist etwas Verzweifeltes. Ein Kind ist dabei
natürlich gegen die Erwachsenen im Vorteil, es läuft unter dem Wind durch und
hat noch ein wenig Freude an allem. So hatte auch damals Terese ihre Mutter
nicht ganz begreifen können, und sie war fest davon überzeugt, dass, wenn sie
sich an jenem Abend klüger - sie war eben noch ein so kleines Kind - zu ihrer
Mutter verhalten hätte, diese nicht einen so jammervollen Tod hätte erleiden
müssen. Die Mutter war damals schon zwei Tage ohne Arbeit gewesen, nicht das
kleinste Geldstück war mehr vorhanden, der Tag war ohne einen Bissen im Freien
verbracht worden, und in ihren Bündeln schleppten sie nur unbrauchbare Fetzen
mit sich herum, die sie, vielleicht aus Aberglauben, nicht wegzuwerfen wagten.
Nun war der Mutter für den nächsten Morgen Arbeit bei einem Bau in Aussicht
gestellt worden, aber sie fürchtete, wie sie Terese den ganzen Tag über zu
erklären suchte, die günstige Gelegenheit nicht ausnützen zu können, denn sie
fühlte sich todmüde, hatte schon am Morgen zum Schrecken der Passanten auf der
Gasse viel Blut gehustet, und ihre einzige Sehnsucht war, irgendwo in die Wärme
zu kommen und sich auszuruhen. Und gerade an diesem Abend war es unmöglich, ein
Plätzchen zu bekommen. Dort, wo sie nicht schon vom Hausbesorger aus dem Torgang
gewiesen wurden, in dem man sich immerhin vom Wetter ein wenig hätte erholen
können, durcheilten sie die engen, eisigen Korridore, durchstiegen die hohen
Stockwerke, umkreisten die schmalen Terrassen der Höfe, klopften wahllos an
Türen, wagten einmal niemanden anzusprechen, baten dann jeden, der ihnen
entgegenkam, und einmal oder zweimal hockte die Mutter atemlos auf der Stufe
einer stillen Treppe nieder, riss Terese, die sich fast wehrte, an sich und
küsste sie mit schmerzhaftem Anpressen der Lippen. Wenn man nachher weiss, dass das
die letzten Küsse waren, begreift man nicht, dass man, und mag man ein kleiner
Wurm gewesen sein, so blind sein konnte, das nicht einzusehen. In manchen
Zimmern, an denen sie vorüberkamen, waren die Türen geöffnet, um eine
erstickende Luft herauszulassen, und aus dem rauchigen Dunst, der, wie durch
einen Brand verursacht, die Zimmer erfüllte, trat nur die Gestalt irgend
jemandes hervor, der im Türrahmen stand und entweder durch seine stumme
Gegenwart oder durch ein kurzes Wort die Unmöglichkeit eines Unterkommens in dem
betreffenden Zimmer bewies. Terese schien es jetzt im Rückblick, dass die Mutter
nur in den ersten Stunden ernstlich einen Platz suchte, denn nachdem etwa
Mitternacht vorüber war, hat sie wohl niemanden mehr angesprochen, obwohl sie
mit kleinen Pausen bis zur Morgendämmerung nicht aufhörte weiterzueilen und
obwohl in diesen Häusern, in denen weder Haustore noch Wohnungstüren je
verschlossen werden, immerfort Leben ist und einem auf Schritt und Tritt
Menschen begegnen. Natürlich war es kein Laufen, das sie rasch weiterbrachte,
sondern es war nur die äusserste Anstrengung, deren sie fähig waren, und es
konnte in Wirklichkeit ganz gut auch bloss ein Schleichen sein. Terese wusste
auch nicht, ob sie von Mitternacht bis fünf Uhr früh in zwanzig Häusern oder in
zwei oder gar nur in einem Haus gewesen waren. Die Korridore dieser Häuser sind
nach schlauen Plänen der besten Raumausnützung, aber ohne Rücksicht auf leichte
Orientierung angelegt; wie oft waren sie wohl durch die gleichen Korridore
gekommen! Terese hatte wohl in dunkler Erinnerung, dass sie das Tor eines
Hauses, das sie ewig durchsucht hatten, wieder verliessen, aber ebenso schien es
ihr, dass sie sich auf der Gasse gleich umgewandt und wieder in dieses Haus
gestürzt hätten. Für das Kind war es natürlich ein unbegreifliches Leid, einmal
von der Mutter gehalten, einmal sich an ihr festaltend, ohne ein kleines Wort
des Trostes mitgeschleift zu werden, und das Ganze schien damals für seinen
Unverstand nur die Erklärung zu haben, dass die Mutter von ihm weglaufen wolle.
Darum hielt sich Terese desto fester, selbst wenn die Mutter sie an einer Hand
hielt, der Sicherheit halber auch noch mit der anderen Hand an den Röcken der
Mutter, und heulte in Abständen. Sie wollte nicht hier zurückgelassen werden,
zwischen den Leuten, die vor ihnen die Treppe stampfend emporstiegen, die hinter
ihnen, noch nicht zu sehen, hinter einer Wendung der Treppe herankamen, die in
den Gängen vor einer Tür Streit miteinander hatten und einander gegenseitig in
das Zimmer hineinstiessen. Betrunkene wanderten mit dumpfem Gesang im Haus umher,
und glücklich schlüpfte noch die Mutter mit Terese durch solche sich gerade
schliessende Gruppen. Gewiss hätten sie spät in der Nacht, wo man nicht mehr so
achtgab und niemand mehr unbedingt auf seinem Recht bestand, wenigstens in einen
der allgemeinen, von Unternehmern vermieteten Schlafsäle sich drängen können, an
deren einigen sie vorüberkamen, aber Terese verstand es nicht, und die Mutter
wollte keine Ruhe mehr. Am Morgen, dem Beginn eines schönen Wintertages, lehnten
sie beide an einer Hausmauer und hatten dort vielleicht ein wenig geschlafen,
vielleicht nur mit offenen Augen herumgestarrt. Es zeigte sich, dass Terese ihr
Bündel verloren hatte, und die Mutter machte sich daran, Terese zur Strafe für
die Unachtsamkeit zu schlagen, aber Terese hörte keinen Schlag und spürte
keinen. Sie gingen dann weiter durch die sich belebenden Gassen, die Mutter an
der Mauer, kamen über eine Brücke, wo die Mutter mit der Hand den Reif vom
Geländer streifte, und gelangten schliesslich, damals hatte Terese es
hingenommen, heute verstand sie es nicht, gerade zu jenem Bau, zu dem die Mutter
für jenen Morgen bestellt war. Sie sagte Terese nicht, ob sie warten oder
weggehen solle, und Terese nahm dies als Befehl zum Warten, da dies ihren
Wünschen am besten entsprach. Sie setzte sich also auf einen Ziegelhaufen und
sah zu, wie die Mutter ihr Bündel aufschnürte, einen bunten Fetzen herausnahm
und damit ihr Kopftuch umband, das sie während der ganzen Nacht getragen hatte.
Terese war zu müde, als dass ihr auch nur der Gedanke gekommen wäre, der Mutter
zu helfen. Ohne sich in der Bauhütte zu melden, wie dies üblich war, und ohne
jemanden zu fragen, stieg die Mutter eine Leiter hinauf, als wisse sie schon
selbst, welche Arbeit ihr zugeteilt war. Terese wunderte sich darüber, da die
Handlangerinnen gewöhnlich nur unten mit Kalklöschen, mit dem Hinreichen der
Ziegel und mit sonstigen einfachen Arbeiten beschäftigt werden. Sie dachte
daher, die Mutter wolle heute eine besser bezahlte Arbeit ausführen, und
lächelte verschlafen zu ihr hinauf. Der Bau war noch nicht hoch, kaum bis zum
Erdgeschoss, gediehen, wenn auch schon die hohen Gerüststangen für den weiteren
Bau, allerdings noch ohne Verbindungshölzer, zum blauen Himmel ragten. Oben
umging die Mutter geschickt die Maurer, die Ziegel auf Ziegel legten und sie
unbegreiflicherweise nicht zur Rede stellten, sie hielt sich vorsichtig mit
zarter Hand an einem Holzverschlag, der als Geländer diente, und Terese staunte
unten in ihrem Dusel diese Geschicklichkeit an und glaubte noch einen
freundlichen Blick der Mutter erhalten zu haben. Nun kam aber die Mutter auf
ihrem Gang zu einem kleinen Ziegelhaufen, vor dem das Geländer und
wahrscheinlich auch der Weg aufhörte, aber sie hielt sich nicht daran, ging auf
den Ziegelhaufen los, ihre Geschicklichkeit schien sie verlassen zu haben, sie
stiess den Ziegelhaufen um und fiel über ihn hinweg in die Tiefe. Viele Ziegel
rollten ihr nach und schliesslich, eine ganze Weile später, löste sich irgendwo
ein schweres Brett los und krachte auf sie nieder. Die letzte Erinnerung
Tereses an ihre Mutter war, wie sie mit auseinandergestreckten Beinen dalag in
dem karierten Rock, der noch aus Pommern stammte, wie jenes auf ihr liegende
rohe Brett sie fast bedeckte, wie nun die Leute von allen Seiten zusammenliefen
und wie oben vom Bau irgendein Mann zornig etwas hinunterrief.
    Es war spät geworden, als Terese ihre Erzählung beendet hatte. Sie hatte
ausführlich erzählt, wie es sonst nicht ihre Gewohnheit war, und gerade bei
gleichgültigen Stellen, wie bei der Beschreibung der Gerüststangen, die jede für
sich allein in den Himmel ragten, hatte sie mit Tränen in den Augen innehalten
müssen. Sie wusste jede Kleinigkeit, die damals vorgefallen war, jetzt, nach zehn
Jahren, ganz genau, und weil der Anblick ihrer Mutter oben im halbfertigen
Erdgeschoss das letzte Andenken an das Leben der Mutter war und sie es ihrem
Freunde gar nicht deutlich genug überantworten konnte, wollte sie nach dem
Schlusse ihrer Erzählung noch einmal darauf zurückkommen, stockte aber, legte
das Gesicht in die Hände und sagte kein Wort mehr.
    Es gab aber auch lustigere Zeiten in Teresens Zimmer. Gleich bei seinem
ersten Besuch hatte Karl dort ein Lehrbuch der kaufmännischen Korrespondenz
liegen gesehen und auf seine Bitten geborgt erhalten. Es wurde gleichzeitig
besprochen, dass Karl die im Buch entaltenen Aufgaben machen und Terese, die
das Buch, soweit es für ihre kleinen Arbeiten nötig war, schon durchstudiert
hatte, zur Durchsicht vorlegen solle. Nun lag Karl ganze Nächte lang, Watte in
den Ohren, unten auf seinem Bett im Schlafsaal, der Abwechslung halber in allen
möglichen Lagen, las im Buch und kritzelte die Aufgaben in ein Heftchen, mit
einer Füllfeder, die ihm die Oberköchin zur Belohnung dafür geschenkt hatte, dass
er für sie ein grosses Inventarverzeichnis sehr praktisch angelegt und rein
ausgeführt hatte. Es gelang ihm, die meisten Störungen der anderen Jungen
dadurch zum Guten zu wenden, dass er sich von ihnen immer kleine Ratschläge in
der englischen Sprache geben liess, bis sie dessen müde wurden und ihn in Ruhe
liessen. Oft staunte er, wie die anderen mit ihrer gegenwärtigen Lage ganz
ausgesöhnt waren, ihren provisorischen Charakter - ältere als zwanzigjährige
Liftjungen wurden nicht geduldet - gar nicht fühlten, die Notwendigkeit einer
Entscheidung über ihren künftigen Beruf nicht einsahn und trotz Karls Beispiel
nichts anderes lasen als höchstens Detektivgeschichten, die in schmutzigen
Fetzen von Bett zu Bett gereicht wurden.
    Bei den Zusammenkünften korrigierte nun Terese mit übergrosser
Umständlichkeit; es ergaben sich strittige Ansichten, Karl führte als Zeugen
seinen grossen New Yorker Professor an, aber der galt bei Terese ebenso wenig
wie die grammatikalischen Meinungen der Liftjungen. Sie nahm ihm die Füllfeder
aus der Hand und strich die Stelle, von deren Fehlerhaftigkeit sie überzeugt
war, durch, Karl aber strich in solchen Zweifelfällen, obwohl im allgemeinen
keine höhere Autorität als Terese die Sache zu Gesicht bekommen sollte, aus
Genauigkeit die Striche Teresens wieder durch. Manchmal allerdings kam die
Oberköchin und entschied dann immer zu Teresens Gunsten, was noch nicht
beweisend war, denn Terese war ihre Sekretärin. Gleichzeitig aber brachte sie
die allgemeine Versöhnung, denn es wurde Tee gekocht, Gebäck geholt, und Karl
musste von Europa erzählen, allerdings mit vielen Unterbrechungen von seiten der
Oberköchin, die immer wieder fragte und staunte, wodurch sie Karl zu Bewusstsein
brachte, wie vieles sich dort in verhältnismässig kurzer Zeit von Grund aus
geändert hatte und wie vieles wohl auch schon seit seiner Abwesenheit anders
geworden war und immerfort anders wurde.
    Karl mochte etwa einen Monat in Ramses gewesen sein, als ihm eines Abends
Renell im Vorübergehen sagte, er sei vor dem Hotel von einem Mann mit Namen
Delamarche angesprochen und nach Karl ausgefragt worden. Renell habe nun keinen
Grund gehabt, etwas zu verschweigen, und habe der Wahrheit gemäss erzählt, dass
Karl Liftjunge sei, jedoch Aussicht habe, infolge der Protektion der Oberköchin
noch ganz andere Stellen zu bekommen. Karl merkte, wie vorsichtig Renell von
Delamarche behandelt worden war, der ihn sogar für diesen Abend zu einem
gemeinsamen Nachtmahl eingeladen hatte.
    »Ich habe nichts mehr mit Delamarche zu tun«, sagte Karl »nimm du dich nur
auch vor ihm in acht!«
    »Ich?« sagte Renell, streckte sich und eilte weg. Er war der zierlichste
Junge im Hotel, und es ging unter den anderen Jungen, ohne dass man den Urheber
wusste, das Gerücht um, dass er von einer vornehmen Dame, die schon längere Zeit
im Hotel wohnte, im Lift zumindest abgeküsst worden sei. Für den, der das Gerücht
kannte, hatte es unbedingt einen grossen Reiz, jene selbstbewusste Dame, in deren
Äusserem nicht das Geringste die Möglichkeit eines solchen Benehmens ahnen liess,
mit ihren ruhigen, leichten Schritten, zarten Schleiern, streng geschnürter
Taille an sich vorübergehen zu sehen. Sie wohnte im ersten Stock, und Renells
Lift war nicht der ihre, aber man konnte natürlich, wenn die anderen Lifts
augenblicklich besetzt waren, solchen Gästen den Eintritt in einen anderen Lift
nicht verwehren. So kam es, dass diese Dame hie und da in Karls und Renells Lift
fuhr, und tatsächlich immer nur, wenn Renell Dienst hatte. Es konnte Zufall
sein, aber niemand glaubte daran, und wenn der Lift mit den beiden abfuhr, gab
es in der ganzen Reihe der Liftjungen eine mühsam unterdrückte Unruhe, die sogar
schon zum Einschreiten eines Oberkellners geführt hatte. Sei es nun, dass die
Dame, sei es, dass das Gerücht die Ursache war, jedenfalls hatte sich Renell
verändert, war noch bei weitem selbstbewusster geworden, überliess das Putzen
gänzlich Karl, der schon auf die nächste Gelegenheit einer gründlichen
Aussprache hierüber wartete, und war im Schlafsaal gar nicht mehr zu sehen. Kein
anderer war so vollständig aus der Gemeinschaft der Liftjungen ausgetreten, denn
im allgemeinen hielten alle, zumindest in Dienstfragen, streng zusammen und
hatten eine Organisation, die von der Hoteldirektion anerkannt war.
    Alles dieses liess sich Karl durch den Kopf gehen, dachte auch an Delamarche,
und verrichtete im übrigen seinen Dienst wie immer. Gegen Mitternacht hatte er
eine kleine Abwechslung, denn Terese, die ihn öfters mit kleinen Geschenken
überraschte, brachte ihm einen grossen Apfel und eine Tafel Schokolade. Sie
unterhielten sich ein wenig, durch die Unterbrechungen, welche die Fahrten mit
dem Aufzug brachten, kaum gestört. Das Gespräch kam auch auf Delamarche, und
Karl merkte, dass er sich eigentlich durch Terese hatte beeinflussen lassen,
wenn er ihn seit einiger Zeit für einen gefährlichen Menschen hielt, denn so
erschien er allerdings Terese nach Karls Erzählungen. Karl jedoch hielt ihn im
Grunde nur für einen Lumpen, der durch das Unglück sich hatte verderben lassen
und mit dem man schon auskommen konnte. Terese widersprach dem aber sehr
lebhaft und forderte Karl in langen Reden das Versprechen ab, kein Wort mit
Delamarche mehr zu reden. Statt dieses Versprechen zu geben, drängte sie Karl
wiederholt, schlafen zu gehen, da Mitternacht schon längst vorüber war, und als
sie sich weigerte, drohte er, seinen Posten zu verlassen und sie in ihr Zimmer
zu führen. Als sie endlich bereit war wegzugehen, sagte er: »Warum machst du dir
so unnötige Sorgen, Terese? Für den Fall, dass du dadurch besser schlafen
solltest, verspreche ich dir gerne, dass ich mit Delamarche nur reden werde, wenn
es sich nicht vermeiden lässt.« Dann kamen viele Fahrten, denn der Junge am
Nebenlift wurde zu irgendeiner anderen Hilfeleistung verwendet, und Karl musste
beide Lifts besorgen. Es gab Gäste, die von Unordnung sprachen, und ein Herr,
der eine Dame begleitete, berührte Karl sogar leicht mit dem Spazierstock, um
ihn zur Eile anzutreiben, eine Ermahnung, die recht unnötig war. Wenn doch
wenigstens die Gäste, da sie sahen, dass bei dem einen Lift kein Junge stand,
gleich zu Karls Lift getreten wären, aber das taten sie nicht, sondern gingen zu
dem Nebenlift und blieben dort, die Hand an der Klinke, stehen oder traten gar
selbst in den Aufzug ein, was nach dem strengsten Paragraphen der Dienstordnung
die Liftjungen um jeden Preis verhüten sollten. So gab es für Karl ein sehr
ermüdendes Hin- und Herlaufen, ohne dass er aber dabei das Bewusstsein gehabt
hätte, seine Pflicht genau zu erfüllen. Gegen drei Uhr früh wollte überdies ein
Packträger, ein alter Mann, mit dem er ein wenig befreundet war, irgendeine
Hilfeleistung von ihm haben, aber die konnte er nun keinesfalls leisten, denn
gerade standen Gäste vor seinen beiden Lifts, und es gehörte Geistesgegenwart
dazu, sich sofort mit grossen Schritten für eine Gruppe zu entscheiden. Er war
daher glücklich, als der andere Junge wieder antrat, und rief ein paar Worte des
Vorwurfs wegen seines langen Ausbleibens zu ihm hinüber, obwohl er
wahrscheinlich keine Schuld daran hatte.
    Nach vier Uhr früh trat ein wenig Ruhe ein, aber Karl brauchte sie auch
schon dringend. Er lehnte schwer am Geländer neben seinem Aufzug, ass langsam den
Apfel, aus dem schon nach dem ersten Biss ein starker Duft strömte, und sah in
einen Lichtschacht hinunter, der von den grossen Fenstern der Vorratskammern
umgeben war, hinter denen hängende Massen von Bananen im Dunkel gerade noch
schimmerten.
 
                               Der Fall Robinson
Da klopfte ihm jemand auf die Schulter. Karl, der natürlich dachte, es wäre ein
Gast, steckte den Apfel eiligst in die Tasche und eilte, kaum dass er den Mann
ansah, zum Aufzug hin.
    »Guten Abend, Herr Rossmann«, sagte nun aber der Mann »ich bin es, Robinson.«
    »Sie haben sich aber verändert!« sagte Karl und schüttelte den Kopf.
    »Ja, es geht mir gut«, sagte Robinson und sah an seiner Kleidung hinunter,
die vielleicht aus ziemlich feinen Stücken bestand, aber so zusammengewürfelt
war, dass sie geradezu schäbig aussah. Das Auffallendste war eine offenbar zum
erstenmal getragene weisse Weste mit vier kleinen, schwarz eingefassten Täschchen,
auf die Robinson auch durch Vorstrecken der Brust aufmerksam zu machen suchte.
    »Sie haben teuere Kleider«, sagte Karl und dachte flüchtig an sein schönes
einfaches Kleid, in dem er sogar neben Renell hätte bestehen können und das die
zwei schlechten Freunde verkauft hatten.
    »Ja«, sagte Robinson, »ich kaufe mir fast jeden Tag irgend etwas. Wie
gefällt Ihnen die Weste?«
    »Ganz gut«, sagte Karl.
    »Es sind aber keine wirklichen Taschen, das ist nur so gemacht«, sagte
Robinson und fasste Karl bei der Hand, damit sich dieser selbst davon überzeuge.
Aber Karl wich zurück, denn aus Robinsons Mund kam ein unerträglicher
Branntweingeruch.
    »Sie trinken wieder viel«, sagte Karl und stand schon wieder am Geländer.
    »Nein«, sagte Robinson, »nicht viel«, und fügte im Widerspruch zu seiner
früheren Zufriedenheit hinzu: »Was hat der Mensch sonst auf der Welt.« Eine
Fahrt unterbrach das Gespräch, und kaum war Karl wieder unten, erfolgte ein
telephonischer Anruf, laut dessen Karl den Hotelarzt holen sollte, da eine Dame
im siebenten Stockwerk einen Ohnmachtsanfall erlitten hatte. Während dieses
Weges hoffte Karl im geheimen, dass Robinson sich inzwischen entfernt haben
werde, denn er wollte nicht mit ihm gesehen werden und, in Gedanken an Teresens
Warnung, auch von Delamarche nichts hören. Aber Robinson wartete noch in der
steifen Haltung eines Vollgetrunkenen, und gerade ging ein höherer Hotelbeamter
in schwarzem Gehrock und Zylinderhut vorüber, glücklicherweise ohne Robinson,
wie es schien, besonders zu beachten.
    »Wollen Sie, Rossmann, nicht einmal zu uns kommen, wir haben es jetzt sehr
fein«, sagte Robinson und sah Karl lockend an.
    »Laden Sie mich ein oder Delamarche?« fragte Karl.
    »Ich und Delamarche. Wir sind darin einig«, sagte Robinson.
    »Dann sage ich Ihnen und bitte Sie, Delamarche das gleiche auszurichten:
Unser Abschied war, wenn das nicht schon an und für sich klar gewesen sein
sollte, ein endgültiger. Sie beide haben mir mehr Leid getan als irgend jemand.
Haben Sie sich vielleicht in den Kopf gesetzt, mich auch weiterhin nicht in Ruhe
zu lassen?«
    »Wir sind doch Ihre Kameraden«, sagte Robinson, und widerliche Tränen der
Trunkenheit stiegen ihm in die Augen. »Delamarche lässt Ihnen sagen, dass er Sie
für alles Frühere entschädigen will. Wir wohnen jetzt mit Brunelda zusammen,
einer herrlichen Sängerin.« Und im Anschluss daran wollte er gerade ein Lied in
hohen Tönen singen, wenn ihn nicht Karl noch rechtzeitig angezischt hätte:
»Schweigen Sie, aber augenblicklich; wissen Sie denn nicht, wo Sie sind!«
    »Rossmann«, sagte Robinson, nun rücksichtlich des Singens eingeschüchtert
»ich bin doch Ihr Kamerad, sagen Sie, was Sie wollen. Und nun haben Sie hier
eine so schöne Position, könnten Sie mir einiges Geld überlassen?«
    »Sie vertrinken es ja bloss wieder«, sagte Karl, »da sehe ich in Ihrer Tasche
sogar irgendeine Branntweinflasche, aus der Sie gewiss, während ich weg war,
getrunken haben, denn anfangs waren Sie ja noch ziemlich bei Sinnen.«
    »Das ist nur zur Stärkung, wenn ich auf einem Wege bin«, sagte Robinson
entschuldigend.
    »Ich will Sie ja nicht mehr bessern«, sagte Karl.
    »Aber das Geld!« sagte Robinson mit aufgerissenen Augen.
    »Sie haben wohl von Delamarche den Auftrag bekommen, Geld mitzubringen. Gut,
ich gebe Ihnen Geld, aber nur unter der Bedingung, dass Sie sofort von hier
fortgehen und niemals mehr mich hier besuchen. Wenn Sie mir etwas mitteilen
wollen, schreiben Sie an mich. Karl Rossmann, Liftjunge, Hotel Occidental, genügt
als Adresse. Aber hier dürfen Sie, das wiederhole ich, mich nicht mehr besuchen.
Hier bin ich im Dienst und habe keine Zeit für Besuche. Wollen Sie also das Geld
unter dieser Bedingung?« fragte Karl und griff in die Westentaschen, denn er war
entschlossen, das Trinkgeld der heutigen Nacht zu opfern. Robinson nickte bloss
zu der Frage und atmete schwer. Karl deutete das unrichtig und fragte nochmals:
»Ja oder nein?«
    Da winkte ihn Robinson zu sich heran und flüsterte unter Schlingbewegungen,
die schon ganz deutlich waren: »Rossmann, mir ist sehr schlecht.«
    »Zum Teufel«, entfuhr es Karl, und mit beiden Händen schleppte er ihn zum
Geländer. Und schon ergoss es sich aus Robinsons Mund in die Tiefe. Hilflos
strich er in den Pausen, die ihm seine Übelkeit liess, blindlings zu Karl hin.
    »Sie sind wirklich ein guter Junge«, sagte er dann, oder: »Es hört schon
auf«, was aber noch lange nicht richtig war, oder: »Die Hunde, was haben sie mir
dort für ein Zeug eingegossen!« Karl hielt es vor Unruhe und Ekel bei ihm nicht
mehr aus und begann auf und ab zu gehen. Hier, im Winkel neben dem Aufzug, war
ja Robinson ein wenig versteckt, aber wie, wenn ihn doch jemand bemerkte, einer
dieser nervösen, reichen Gäste, die nur darauf warten, dem herbeilaufenden
Hotelbeamten eine Beschwerde mitzuteilen, für welche dieser dann wütend am
ganzen Hause Rache nimmt, oder wenn einer dieser immerfort wechselnden
Hoteldetektivs vorüberkäme, die niemand kennt ausser der Direktion und die man in
jedem Menschen vermutet, der prüfende Blicke, vielleicht bloss aus
Kurzsichtigkeit, macht. Und unten brauchte nur jemand bei dem die ganze Nacht
nicht aussetzenden Restaurationsbetrieb in die Vorratskammern zu gehen, staunend
die Scheusslichkeit im Lichtschacht zu bemerken und Karl telephonisch anzufragen,
was denn um Himmels willen da oben los sei. Konnte Karl dann Robinson
verleugnen? Und wenn er es täte, würde sich nicht Robinson in seiner Dummheit
und Verzweiflung statt aller Entschuldigung gerade nur auf Karl berufen? Und
musste dann nicht Karl sofort entlassen werden, da dann das Unerhörte geschehen
war, dass ein Liftjunge, der niedrigste und entbehrlichste Angestellte in der
ungeheueren Stufenleiter der Dienerschaft dieses Hotels, durch seinen Freund das
Hotel hatte beschmutzen und die Gäste erschrecken oder ganz vertreiben lassen?
Konnte man einen Liftjungen weiter dulden, der solche Freunde hatte, von denen
er sich überdies während seiner Dienststunden besuchen liess? Sah es nicht ganz
so aus, als ob ein solcher Liftjunge selbst ein Säufer oder gar etwas Ärgeres
sei, denn welche Vermutung war einleuchtender, als dass er seine Freunde aus den
Vorräten des Hotels so lange überfütterte, bis sie an einer beliebigen Stelle
dieses gleichen, peinlich rein gehaltenen Hotels solche Dinge ausführten, wie
jetzt Robinson? Und warum sollte sich ein solcher Junge auf die Diebstähle von
Lebensmitteln beschränken, da doch die Möglichkeiten zu stehlen bei der
bekannten Nachlässigkeit der Gäste, den überall offenstehenden Schränken, den
auf den Tischen herumliegenden Kostbarkeiten, den aufgerissenen Kassetten, den
gedankenlos hingeworfenen Schlüsseln wirklich unzählige waren?
    Gerade sah Karl in der Ferne Gäste aus einem Kellerlokal heraufsteigen, in
dem eben eine Varietévorstellung beendet worden war. Karl stellte sich zu seinem
Aufzug und wagte sich gar nicht nach Robinson umzudrehen, aus Furcht vor dem,
was er zu sehen bekommen könnte. Es beruhigte ihn wenig, dass er keinen Laut,
nicht einmal einen Seufzer, von dort hörte. Er bediente zwar seine Gäste und
fuhr mit ihnen auf und ab, aber seine Zerstreuteit konnte er doch nicht ganz
verbergen, und bei jeder Abwärtsfahrt war er darauf gefasst, unten eine peinliche
Überraschung vorzufinden.
    Endlich hatte er wieder Zeit, nach Robinson zu sehen, der in seinem Winkel
ganz klein kauerte und das Gesicht gegen die Knie drückte. Seinen runden, harten
Hut hatte er weit aus der Stirne geschoben.
    »Also jetzt gehen Sie schon«, sagte Karl leise und bestimmt. »Hier ist das
Geld. Wenn Sie sich beeilen, kann ich Ihnen noch den kürzesten Weg zeigen.«
    »Ich werde nicht weggehen können«, sagte Robinson und wischte sich mit einem
winzigen Taschentuche die Stirn, »ich werde hier sterben. Sie können sich nicht
vorstellen, wie schlecht mir ist. Delamarche nimmt mich überall in die feinen
Lokale mit, aber ich vertrage dieses zimperliche Zeug nicht, ich sage es
Delamarche täglich.«
    »Hier können Sie nun einmal nicht bleiben«, sagte Karl, »bedenken Sie doch,
wo Sie sind. Wenn man Sie hier findet, werden Sie bestraft, und ich verliere
meinen Posten. Wollen Sie das?«
    »Ich kann nicht weggehen«, sagte Robinson, »lieber springe ich da hinunter«,
und er zeigte zwischen den Geländerstangen in den Lichtschacht.
    »Wenn ich hier so sitze, so kann ich es noch ertragen, aber aufstehen kann
ich nicht, ich habe es ja schon versucht, während Sie weg waren.«
    »Dann hole ich also einen Wagen, und Sie fahren ins Krankenhaus«, sagte Karl
und schüttelte ein wenig Robinsons Beine, der jeden Augenblick in völlige
Teilnahmslosigkeit zu verfallen drohte. Aber kaum hatte Robinson das Wort
Krankenhaus gehört, das ihm schreckliche Vorstellungen zu erwecken schien, als
er laut zu weinen anfing und die Hände, um Gnade bittend, nach Karl ausstreckte.
    »Still«, sagte Karl, schlug ihm mit einem Klaps die Hände nieder, lief zu
dem Liftjungen, den er in der Nacht vertreten hatte, bat ihn für ein kleines
Weilchen um die gleiche Gefälligkeit, eilte zu Robinson zurück, zog den noch
immer Schluchzenden mit aller Kraft in die Höhe und flüsterte ihm zu: »Robinson,
wenn Sie wollen, dass ich mich Ihrer annehme, dann strengen Sie sich aber an,
jetzt eine ganz kleine Strecke Wegs aufrecht zu gehen. Ich führe Sie nämlich in
mein Bett, in dem Sie so lange bleiben können, bis Ihnen gut ist. Sie werden
staunen, wie bald Sie sich erholen werden. Aber jetzt benehmen Sie sich nur
vernünftig, denn auf den Gängen sind überall Leute, und auch mein Bett ist in
einem allgemeinen Schlafsaal. Wenn man auf Sie auch nur ein wenig aufmerksam
wird, kann ich nichts mehr für Sie tun. Und die Augen müssen Sie offenhalten,
ich kann Sie da nicht wie einen Todkranken herumführen.«
    »Ich will ja alles tun, was Sie für recht halten«, sagte Robinson, »aber Sie
allein werden mich nicht führen können. Könnten Sie nicht noch Renell holen?«
    »Renell ist nicht hier«, sagte Karl.
    »Ach ja«, sagte Robinson, »Renell ist mit Delamarche beisammen. Die beiden
haben mich ja nach Ihnen ausgeschickt. Ich verwechsle schon alles.« Karl
benützte diese und noch andere unverständliche Selbstgespräche Robinsons, um ihn
vorwärts zu schieben, und kam mit ihm auch glücklich bis zu einer Ecke, von der
aus ein etwas schwächer beleuchteter Gang zum Schlafsaal der Liftjungen führte.
Gerade jagte in vollem Lauf ein Liftjunge auf sie zu und an ihnen vorüber. Im
übrigen hatten sie bis jetzt nur ungefährliche Begegnungen gehabt; zwischen vier
und fünf Uhr war nämlich die stillste Zeit, und Karl hatte wohl gewusst, dass,
wenn ihm das Wegschaffen Robinsons jetzt nicht gelänge, in der Morgendämmerung
und im beginnenden Tagesverkehr überhaupt nicht mehr daran zu denken wäre.
    Im Schlafsaal war am anderen Ende des Saales gerade eine grosse Rauferei oder
sonstige Veranstaltung im Gange, man hörte rhytmisches Händeklatschen,
aufgeregtes Füssetrappeln und sportliche Zurufe. In der bei der Tür gelegenen
Saalhälfte sah man in den Betten nur wenige unbeirrte Schläfer, die meisten
lagen auf dem Rücken und starrten in die Luft, während hie und da einer,
bekleidet oder unbekleidet, wie er gerade war, aus dem Bett sprang, um
nachzusehen, wie die Dinge am anderen Saalende standen. So brachte Karl
Robinson, der sich an das Gehen inzwischen ein wenig gewöhnt hatte, ziemlich
unbeachtet in Renells Bett, da es der Türe sehr nahe lag und glücklicherweise
nicht besetzt war, während in seinem eigenen Bett, wie er aus der Ferne sah, ein
fremder Junge, den er gar nicht kannte, ruhig schlief. Kaum fühlte Robinson das
Bett unter sich, als er sofort - ein Bein baumelte noch aus dem Bett heraus -
einschlief. Karl zog ihm die Decke weit über das Gesicht und glaubte, sich
wenigstens für die nächste Zeit keine Sorgen machen zu müssen, da Robinson gewiss
nicht vor sechs Uhr früh erwachen würde, und bis dahin würde er wieder hier sein
und dann, vielleicht schon mit Renell, ein Mittel finden, um Robinson
wegzubringen. Eine Inspektion des Schlafsaales durch irgendwelche höheren Organe
gab es nur in ausserordentlichen Fällen, die Abschaffung der früher üblichen
allgemeinen Inspektion hatten die Liftjungen schon vor Jahren durchgesetzt, es
war also auch von dieser Seite nichts zu fürchten.
    Als Karl wieder bei seinem Aufzug angelangt war, sah er, dass sowohl sein
Aufzug als auch jener seines Nachbarn gerade in die Höhe fuhren. Unruhig wartete
er darauf, wie sich das aufklären würde. Sein Aufzug kam früher herunter, und es
entstieg ihm jener Junge, der vor einem Weilchen durch den Gang gelaufen war.
    »Ja, wo bist du denn gewesen, Rossmann?« fragte dieser.
    »Warum bist du weggegangen? Warum hast du es nicht gemeldet?«
    »Aber ich habe ihm doch gesagt, dass er mich ein Weilchen vertreten soll«,
antwortete Karl und zeigte auf den Jungen vom Nachbarlift, der gerade herankam.
»Ich habe ihn doch auch zwei Stunden lang während des grössten Verkehrs
vertreten.«
    »Das ist alles sehr gut«, sagte der Angesprochene »aber das genügt doch
nicht. Weisst du denn nicht, dass man auch die kürzeste Abwesenheit während des
Dienstes im Büro des Oberkellners melden musst? Dazu hast du ja das Telephon da.
Ich hätte dich schon gerne vertreten, aber du weisst ja, dass das nicht so leicht
ist. Gerade waren vor beiden Lifts neue Gäste vom Vier-Uhr-dreissig-Expresszug.
Ich konnte doch nicht zuerst mit deinem Lift laufen und meine Gäste warten
lassen, so bin ich also zuerst mit meinem Lift hinaufgefahren!«
    »Nun?« fragte Karl gespannt, da beide Jungen schwiegen.
    »Nun«, sagte der Junge vom Nachbarlift, »da geht gerade der Oberkellner
vorüber, sieht die Leute vor deinem Lift ohne Bedienung, bekommt Galle, fragt
mich, der ich gleich hergerannt bin, wo du steckst, ich habe keine Ahnung davon,
denn du hast mir ja gar nicht gesagt, wohin du gehst, und so telephoniert er
gleich in den Schlafsaal, dass sofort ein anderer Junge herkommen soll.«
    »Ich habe dich ja noch im Gang getroffen«, sagte Karls Ersatzmann. Karl
nickte.
    »Natürlich«, beteuerte der andere Junge »habe ich gleich gesagt, dass du mich
um deine Vertretung gebeten hast, aber hört denn der auf solche
Entschuldigungen, Du kennst ihn wahrscheinlich noch nicht. Und wir sollen dir
ausrichten, dass du sofort ins Büro kommen sollst. Also halte dich lieber nicht
auf und lauf hin. Vielleicht verzeiht er es dir noch, du warst ja wirklich nur
zwei Minuten weg. Berufe dich nur ruhig darauf, dass du mich um Vertretung
gebeten hast. Davon, dass du mich vertreten hast, rede lieber nicht, lass dir
raten, mir kann nichts geschehen, ich hatte Erlaubnis, aber es ist nicht gut,
von einer solchen Sache zu reden und sie noch in diese Angelegenheit zu mischen,
mit der sie nichts zu tun hat.«
    »Es ist das erstemal gewesen, dass ich meinen Posten verlassen habe«, sagte
Karl.
    »Das ist immer so, nur glaubt man es nicht«, sagte der Junge und lief zu
seinem Lift, da sich Leute näherten.
    Karls Vertreter, ein etwa vierzehnjähriger Junge, der offenbar mit Karl
Mitleid hatte, sagte: »Es sind schon viele Fälle vorgekommen, in denen man
solche Sachen verziehen hat. Gewöhnlich wird man zu anderen Arbeiten versetzt.
Entlassen wurde, soviel ich weiss, wegen einer solchen Sache nur einer. Du musst
dir eine gute Entschuldigung ausdenken. Auf keinen Fall sage, dass dir plötzlich
schlecht geworden ist, da lacht er dich aus. Da ist es schon besser, du sagst,
ein Gast hat dir irgendeine eilige Bestellung an einen anderen Gast aufgegeben
und du weisst nicht mehr, wer der erste Gast war, und den zweiten hast du nicht
finden können.«
    »Na«, sagte Karl, »es wird nicht so schlimm werden«, nach allem, was er
gehört hatte, glaubte er an keinen guten Ausgang mehr. Und wenn selbst diese
Dienstversäumnis verziehen werden sollte, so lag doch drinnen im Schlafsaal noch
Robinson als lebendige Schuld, und es war bei dem galligen Charakter des
Oberkellners nur zu wahrscheinlich, dass man sich mit keiner oberflächlichen
Untersuchung begnügen und Robinson schliesslich doch noch aufstöbern würde. Es
bestand wohl kein ausdrückliches Verbot, nach dem fremde Leute in den Schlafsaal
nicht mitgenommen werden durften, aber dies bestand nur deshalb nicht, weil eben
unausdenkbare Dinge nicht verboten werden.
    Als Karl in das Büro des Oberkellners eintrat, sass dieser gerade bei seinem
Morgenkaffee, machte einmal einen Schluck und sah dann wieder in ein
Verzeichnis, das ihm offenbar der gleichfalls anwesende oberste Hotelportier
überbracht hatte. Es war dies ein grosser Mann, den seine üppige,
reichgeschmückte Uniform - noch auf den Achseln und die Arme hinunter
schlängelten sich goldene Ketten und Bänder - noch breitschultriger machte, als
er von Natur aus war. Ein glänzender schwarzer Schnurrbart, weit in Spitzen
ausgezogen, so wie ihn Ungarn tragen, rührte sich auch bei der schnellsten
Kopfbewegung nicht. Im übrigen konnte sich der Mann infolge seiner Kleiderlast
überhaupt nur schwer bewegen und stellte sich nicht anders als mit seitwärts
eingestemmten Beinen auf, um sein Gewicht richtig zu verteilen.
    Karl war frei und eilig eingetreten, wie er es sich hier im Hotel angewöhnt
hatte, denn die Langsamkeit und Vorsicht, die bei Privatpersonen Höflichkeit
bedeutet, hält man bei Liftjungen für Faulheit. Ausserdem musste man ihm auch
nicht gleich beim Eintreten sein Schuldbewusstsein ansehen. Der Oberkellner hatte
zwar flüchtig auf die sich öffnende Tür hingeblickt, war dann aber sofort zu
seinem Kaffee und zu seiner Lektüre zurückgekehrt, ohne sich weiter um Karl zu
kümmern. Der Portier aber fühlte sich vielleicht durch Karls Anwesenheit
gestört, vielleicht hatte er irgendeine geheime Nachricht oder Bitte
vorzutragen, jedenfalls sah er alle Augenblicke bös und mit steif geneigtem Kopf
nach Karl hin, um sich dann, wenn er, offenbar seiner Absicht entsprechend, mit
Karls Blicken zusammengetroffen war, wieder dem Oberkellner zuzuwenden. Karl
aber glaubte, es würde sich nicht gut ausnehmen, wenn er jetzt, da er nun schon
einmal hier war, das Büro wieder verliesse, ohne vom Oberkellner den Befehl hiezu
erhalten zu haben. Dieser aber studierte weiter das Verzeichnis und ass
zwischendurch von einem Stück Kuchen, von dem er hie und da, ohne im Lesen
innezuhalten, den Zucker abschüttelte. Einmal fiel ein Blatt des Verzeichnisses
zu Boden, der Portier machte nicht einmal den Versuch, es aufzuheben, er wusste,
dass er es nicht zustande brächte, es war auch nicht nötig, denn Karl war schon
zur Stelle und reichte das Blatt dem Oberkellner, der es ihm mit einer
Handbewegung abnahm, als sei es von selbst vom Boden aufgeflogen. Die ganze
kleine Dienstleistung hatte nichts genützt, denn der Portier hörte auch
weiterhin mit seinen bösen Blicken nicht auf.
    Trotzdem war Karl gefasster als früher. Schon dass seine Sache für den
Oberkellner so wenig Wichtigkeit zu haben schien, konnte man für ein gutes
Zeichen halten. Es war schliesslich auch nur begreiflich. Natürlich bedeutet ein
Liftjunge gar nichts und darf sich deshalb nichts erlauben, aber eben deshalb,
weil er nichts bedeutet, kann er auch nichts Ausserordentliches anstellen.
Schliesslich war der Oberkellner in seiner Jugend selbst Liftjunge gewesen - was
noch der Stolz dieser Generation von Liftjungen war -, er war es gewesen, der
die Liftjungen zum erstenmal organisiert hatte, und gewiss hat auch er einmal
ohne Erlaubnis seinen Posten verlassen, wenn ihn auch jetzt allerdings niemand
zwingen konnte, sich daran zu erinnern, und wenn man auch nicht ausser acht
lassen durfte, dass er, gerade als gewesener Liftjunge, darin seine Pflicht sah,
diesen Stand durch zeitweilig unnachsichtliche Strenge in Ordnung zu halten. Nun
setzte aber Karl ausserdem seine Hoffnung auf das Vorrücken der Zeit. Nach der
Bürouhr war es schon viertel sechs, jeden Augenblick konnte Renell zurückkehren,
vielleicht war er sogar schon da, denn es musste ihm doch aufgefallen sein, dass
Robinson nicht zurückgekommen war, übrigens konnten sich Delamarche und Renell
gar nicht weit vom Hotel Occidental aufgehalten haben, wie Karl jetzt einfiel,
denn sonst hätte auch Robinson in seinem elenden Zustand den Weg hierher nicht
gefunden. Wenn nun Renell Robinson in seinem Bett antraf, was doch geschehen
musste, dann war alles gut. Denn praktisch, wie Renell war, besonders wenn es
sich um seine Interessen handelte, würde er schon Robinson irgendwie gleich aus
dem Hotel entfernen, was ja um so leichter geschehen konnte, als Robinson sich
inzwischen ein wenig gestärkt hatte und überdies wahrscheinlich Delamarche vor
dem Hotel wartete, um ihn in Empfang zu nehmen. Wenn aber Robinson einmal
entfernt war, dann konnte Karl dem Oberkellner viel ruhiger entgegentreten und
für diesmal vielleicht noch mit einer, wenn auch schweren, Rüge davonkommen.
Dann würde er sich mit Terese beraten, ob er der Oberköchin die Wahrheit sagen
dürfe - er für seinen Teil sah kein Hindernis -, und wenn das möglich war, würde
die Sache ohne besonderen Schaden aus der Welt geschafft sein.
    Gerade hatte sich Karl durch solche Überlegungen ein wenig beruhigt und
machte sich daran, das in dieser Nacht eingenommene Trinkgeld unauffällig zu
überzählen, denn es schien ihm dem Gefühl nach besonders reichlich gewesen zu
sein, als der Oberkellner das Verzeichnis mit den Worten »Warten Sie noch,
bitte, einen Augenblick, Feodor« auf den Tisch legte, elastisch aufsprang und
Karl so laut anschrie, dass dieser erschrocken vorerst nur in das grosse, schwarze
Mundloch starrte.
    »Du hast deinen Posten ohne Erlaubnis verlassen. Weisst du, was das bedeutet?
Das bedeutet Entlassung. Ich will keine Entschuldigungen hören, deine erlogenen
Ausreden kannst du für dich behalten, mir genügt vollständig die Tatsache, dass
du nicht da warst. Wenn ich das einmal dulde und verzeihe, werden nächstens alle
vierzig Liftjungen während des Dienstes davonlaufen, und ich kann meine
fünftausend Gäste allein die Treppe hinauftragen.«
    Karl schwieg. Der Portier war näher gekommen und zog das Röckchen Karls, das
einige Falten warf, ein wenig tiefer, zweifellos um den Oberkellner auf diese
kleine Unordentlichkeit im Anzug Karls besonders aufmerksam zu machen.
    »Ist dir vielleicht plötzlich schlecht geworden?« fragte der Oberkellner
listig.
    Karl sah ihn prüfend an und antwortete: »Nein.«
    »Also nicht einmal schlecht ist dir geworden?« schrie der Oberkellner desto
stärker. »Also dann musst du ja irgendeine grossartige Lüge erfunden haben. Welche
Entschuldigung hast du? Heraus damit.«
    »Ich habe nicht gewusst, dass man telephonisch um Erlaubnis bitten muss«, sagte
Karl.
    »Das ist allerdings köstlich«, sagte der Oberkellner, fasste Karl beim
Rockkragen und brachte ihn fast in der Schwebe vor eine Dienstordnung der Lifts,
die an der Wand aufgenagelt war. Auch der Portier ging hinter ihnen zur Wand
hin. »Da, lies!« sagte der Oberkellner und zeigte auf einen Paragraphen. Karl
glaubte, er solle es für sich lesen.
    »Laut!« kommandierte aber der Oberkellner.
    Statt laut zu lesen, sagte Karl, in der Hoffnung, damit den Oberkellner
besser zu beruhigen: »Ich kenne den Paragraphen, ich habe ja die Dienstordnung
auch bekommen und genau gelesen. Aber gerade eine solche Bestimmung, die man
niemals braucht, vergisst man. Ich diene schon zwei Monate und habe niemals
meinen Posten verlassen.«
    »Dafür wirst du ihn jetzt verlassen«, sagte der Oberkellner, ging zum Tisch
hin, nahm das Verzeichnis wieder zur Hand, als wolle er darin weiterlesen,
schlug damit aber auf den Tisch, als sei es ein nutzloser Fetzen, und ging,
starke Röte auf Stirn und Wangen, kreuz und quer im Zimmer herum.
    »Wegen eines solchen Bengels hat man das nötig! Solche Aufregungen beim
Nachtdienst!« stiess er einigemal hervor. »Wissen Sie, wer gerade hinauffahren
wollte, als dieser Kerl hier vom Lift weggelaufen war?« wandte er sich zum
Portier. Und er nannte einen Namen, bei dem es dem Portier, der gewiss alle Gäste
kannte und bewerten konnte, so schauderte, dass er schnell auf Karl hinsah, als
sei nur dessen Existenz eine Bestätigung dessen, dass der Träger jenes Namens
eine Zeitlang bei einem Lift, dessen Junge weggelaufen war, nutzlos hatte warten
müssen.
    »Das ist schrecklich!« sagte der Portier und schüttelte langsam in
grenzenloser Beunruhigung den Kopf gegen Karl hin, welcher ihn traurig ansah und
dachte, dass er nun auch für die Begriffstützigkeit dieses Mannes werde büssen
müssen.
    »Ich kenne dich übrigens auch schon«, sagte der Portier und streckte seinen
dicken, grossen, steifgespannten Zeigefinger aus.
    »Du bist der einzige Junge, welcher mich grundsätzlich nicht grüsst. Was
bildest du dir eigentlich ein! Jeder, der an der Portierloge vorübergeht, muss
mich grüssen. Mit den übrigen Portiers kannst du es halten, wie du willst, ich
aber verlange gegrüsst zu werden. Ich tue zwar manchmal so, als ob ich nicht
aufpasste, aber du kannst ganz ruhig sein, ich weiss sehr genau, wer mich grüsst
oder nicht, du Lümmel!« Und er wandte sich von Karl ab und schritt
hochaufgerichtet auf den Oberkellner zu, der aber, statt sich zu des Portiers
Sache zu äussern, sein Frühstück beendete und eine Morgenzeitung überflog, die
ein Diener eben ins Zimmer hereingebracht hatte.
    »Herr Oberportier«, sagte Karl, der während der Unachtsamkeit des
Oberkellners wenigstens die Sache mit dem Portier ins reine bringen wollte, denn
er begriff, dass ihm vielleicht der Vorwurf des Portiers nicht schaden konnte,
wohl aber dessen Feindschaft »ich grüsse Sie ganz gewiss. Ich bin doch noch nicht
lange in Amerika und stamme aus Europa, wo man bekanntlich viel mehr grüsst, als
nötig ist. Das habe ich mir natürlich noch nicht ganz abgewöhnen können, und
noch vor zwei Monaten hat man mir in New York, wo ich zufällig in höheren
Kreisen verkehrte, bei jeder Gelegenheit zugeredet, mit meiner übertriebenen
Höflichkeit aufzuhören. Und da sollte ich gerade Sie nicht gegrüsst haben! Ich
habe Sie jeden Tag einigemal gegrüsst. Aber natürlich nicht jedesmal, wenn ich
Sie gesehen habe, da ich doch täglich hundertmal an Ihnen vorüberkomme.«
    »Du hast mich jedesmal zu grüssen, jedesmal, ohne Ausnahme, du hast die ganze
Zeit, während du mit mir sprichst, die Kappe in der Hand zu halten, du hast mich
immer mit Oberportier anzureden und nicht mit Sie. Und alles das jedesmal und
jedesmal.«
    »Jedesmal?« wiederholte Karl leise und fragend, er erinnerte sich jetzt, wie
er vom Portier während der ganzen Zeit seines hiesigen Aufentaltes immer streng
und vorwurfsvoll angeschaut worden war, schon von jenem ersten Morgen an, an dem
er, seiner dienenden Stellung noch nicht recht angepasst, etwas zu kühn, diesen
Portier ohne weiteres umständlich und dringlich ausgefragt hatte, ob nicht zwei
Männer vielleicht nach ihm gefragt und etwa eine Photographie für ihn
zurückgelassen hätten.
    »Jetzt siehst du, wohin ein solches Benehmen führt«, sagte der Portier, der
wieder ganz nahe zu Karl zurückgekehrt war, und zeigte auf den noch lesenden
Oberkellner, als sei dieser der Vertreter seiner Rache.
    »In deiner nächsten Stellung wirst du es schon verstehen, den Portier zu
grüssen, und wenn es auch nur vielleicht in einer elenden Spelunke sein wird.«
    Karl sah ein, dass er eigentlich seinen Posten schon verloren hatte, denn der
Oberkellner hatte es bereits ausgesprochen, der Oberportier als fertige Tatsache
wiederholt, und wegen eines Liftjungen dürfte wohl die Bestätigung der
Entlassung seitens der Hoteldirektion nicht nötig sein. Es war allerdings
schneller gegangen, als er gedacht hatte, denn schliesslich hatte er doch zwei
Monate gedient, so gut er konnte, und gewiss besser als mancher andere Junge.
Aber auf solche Dinge wird eben im entscheidenden Augenblick offenbar in keinem
Weltteil, weder in Europa, noch in Amerika, Rücksicht genommen, sondern es wird
so entschieden, wie einem in der ersten Wut das Urteil aus dem Munde fährt.
Vielleicht wäre es jetzt am besten gewesen, wenn er sich gleich verabschiedet
hätte und weggegangen wäre, die Oberköchin und Terese schliefen vielleicht
noch, er hätte sich, um ihnen die Enttäuschung und Trauer über sein Benehmen
wenigstens beim persönlichen Abschied zu ersparen, brieflich verabschieden,
hätte rasch seinen Koffer packen und in der Stille fortgehen können. Blieb er
aber auch nur einen Tag noch, und er hätte allerdings ein wenig Schlaf
gebraucht, so erwartete ihn nichts anderes als Aufbauschung seiner Sache zum
Skandal, Vorwürfe von allen Seiten, der unerträgliche Anblick der Tränen
Teresens und vielleicht gar der Oberköchin und möglicherweise zuguterletzt auch
noch eine Bestrafung. Andererseits aber beirrte es ihn, dass er hier zwei Feinden
gegenüberstand und dass an jedem Wort, das er aussprechen würde, wenn nicht der
eine, so der andere etwas aussetzen und zum Schlechten deuten würde. Deshalb
schwieg er und genoss vorläufig die Ruhe, die im Zimmer herrschte, denn der
Oberkellner las noch immer die Zeitung, und der Oberportier ordnete sein über
den Tisch hin verstreutes Verzeichnis nach den Seitenzahlen, was ihm bei seiner
offenbaren Kurzsichtigkeit grosse Schwierigkeiten machte.
    Endlich legte der Oberkellner die Zeitung gähnend hin, vergewisserte sich
durch einen Blick auf Karl, dass dieser noch anwesend sei, und drehte die Glocke
des Tischtelephons an. Er rief mehrere Male »Hallo!«, aber niemand meldete sich.
    »Es meldet sich niemand«, sagte er zum Oberportier. Dieser, der das
Telephonieren, wie es Karl schien, mit besonderem Interesse beobachtete, sagte:
»Es ist ja schon dreiviertel sechs. Sie ist gewiss schon wach. Läuten Sie nur
stärker.« In diesem Augenblick kam, ohne weitere Aufforderung, das telephonische
Gegenzeichen.
    »Hier Oberkellner Ishary«, sagte der Oberkellner.
    »Guten Morgen, Frau Oberköchin. Ich habe Sie doch nicht am Ende geweckt? Das
tut mir sehr leid. Ja, ja, dreiviertel sechs ist es schon. Aber es tut mir
aufrichtig leid, dass ich Sie erschreckt habe. Sie sollten während des Schlafens
das Telephon abstellen. Nein, nein, tatsächlich, es gibt für mich keine
Entschuldigung, besonders bei der Geringfügigkeit der Sache, wegen der ich Sie
sprechen will. Aber natürlich habe ich Zeit, bitte sehr, ich bleibe beim
Telephon, wenn es Ihnen recht ist.«
    »Sie muss im Nachtemd zum Telephon gelaufen sein«, sagte der Oberkellner
lächelnd zum Oberportier, der die ganze Zeit über mit gespanntem
Gesichtsausdruck zum Telephonkasten sich gebückt gehalten hatte. »Ich habe sie
wirklich geweckt, sie wird nämlich sonst von dem kleinen Mädel, das bei ihr auf
der Schreibmaschine schreibt, geweckt, und die muss es heute ausnahmsweise
versäumt haben. Es tut mir leid, dass ich sie aufgeschreckt habe, sie ist sowieso
nervös.«
    »Warum spricht sie nicht weiter?«
    »Sie ist nachschauen gegangen, was mit dem Mädel los ist«, antwortete der
Oberkellner schon mit der Muschel am Ohr, denn es läutete wieder.
    »Sie wird sich schon finden«, redete er weiter ins Telephon hinein. »Sie
dürfen sich nicht von allem so erschrecken lassen. Sie brauchen wirklich eine
gründliche Erholung. Ja also, meine kleine Anfrage. Es ist da ein Liftjunge
namens« - er drehte sich fragend nach Karl um, der, da er genau aufpasste, gleich
mit seinem Namen aushelfen konnte - »also namens Karl Rossmann. Wenn ich mich
recht erinnere, so haben Sie sich für ihn ein wenig interessiert; leider hat er
Ihre Freundlichkeit schlecht belohnt, er hat ohne Erlaubnis seinen Posten
verlassen, hat mir dadurch schwere, jetzt noch gar nicht übersehbare
Unannehmlichkeiten verursacht, und ich habe ihn daher soeben entlassen. Ich
hoffe, Sie nehmen die Sache nicht tragisch. Wie meinen Sie? Entlassen, ja,
entlassen. Aber ich sagte Ihnen doch, dass er seinen Posten verlassen hat. Nein,
da kann ich Ihnen wirklich nicht nachgeben, liebe Frau Oberköchin. Es handelt
sich um meine Autorität, da steht viel auf dem Spiel, so ein Junge verdirbt mir
die ganze Bande. Gerade bei den Liftjungen muss man teuflisch aufpassen. Nein,
nein, in diesem Falle kann ich Ihnen den Gefallen nicht tun, so sehr ich es mir
immer angelegen sein lasse, Ihnen gefällig zu sein. Und wenn ich ihn schon trotz
allem hier liesse, zu keinem anderen Zweck, als um meine Galle in Tätigkeit zu
erhalten, Ihretwegen, ja, Ihretwegen, Frau Oberköchin, kann er nicht
hierbleiben. Sie nehmen einen Anteil an ihm, den er durchaus nicht verdient, und
da ich nicht nur ihn kenne, sondern auch Sie, weiss ich, dass das zu den
schwersten Enttäuschungen für Sie führen müsste, die ich Ihnen um jeden Preis
ersparen will. Ich sage das ganz offen, obwohl der verstockte Junge ein paar
Schritte vor mir steht. Er wird entlassen, nein, nein, Frau Oberköchin, er wird
vollständig entlassen, nein, nein, er wird zu keiner anderen Arbeit versetzt, er
ist vollständig unbrauchbar. Übrigens laufen ja auch sonst Beschwerden gegen ihn
ein. Der Oberportier zum Beispiel, ja also, was denn, Feodor, ja, Feodor beklagt
sich über die Unhöflichkeit und Frechheit dieses Jungen. Wie, das soll nicht
genügen? Ja, liebe Frau Oberköchin, Sie verleugnen wegen dieses Jungen Ihren
Charakter. Nein, so dürfen Sie mir nicht zusetzen.«
    In diesem Augenblick beugte sich der Portier zum Ohr des Oberkellners und
flüsterte etwas. Der Oberkellner sah ihn zuerst erstaunt an und redete dann so
rasch in das Telephon, dass Karl ihn anfangs nicht ganz genau verstand und auf
den Fussspitzen zwei Schritte näher trat.
    »Liebe Frau Oberköchin«, hiess es, »aufrichtig gesagt, ich hätte nicht
geglaubt, dass Sie eine so schlechte Menschenkennerin sind. Eben erfahre ich
etwas über Ihren Engelsjungen, was Ihre Meinung über ihn gründlich ändern wird,
und es tut mir fast leid, dass gerade ich es Ihnen sagen muss. Dieser feine Junge
also, den Sie ein Muster von Anstand nennen, lässt keine dienstfreie Nacht
vergehen, ohne in die Stadt zu laufen, aus der er erst am Morgen wiederkommt.
Ja, ja, Frau Oberköchin, das ist durch Zeugen bewiesen, durch einwandfreie
Zeugen, ja. Können Sie mir nun vielleicht sagen, wo er das Geld zu diesen
Lustbarkeiten hernimmt? Wie er die Aufmerksamkeit für seinen Dienst behalten
soll? Und wollen Sie vielleicht auch noch, dass ich Ihnen beschreiben soll, was
er in der Stadt treibt? Diesen Jungen loszuwerden will ich mich aber ganz
besonders beeilen. Und Sie, bitte, nehmen das als Mahnung, wie vorsichtig man
gegen hergelaufene Burschen sein soll.«
    »Aber, Herr Oberkellner«, rief nun Karl, förmlich erleichtert durch den
grossen Irrtum, der hier unterlaufen schien und der vielleicht am ehesten dazu
führen konnte, dass sich alles noch unerwartet besserte, »da liegt bestimmt eine
Verwechslung vor. Ich glaube, der Herr Oberportier hat Ihnen gesagt, dass ich
jede Nacht weggehe. Das ist aber durchaus nicht richtig, ich bin vielmehr jede
Nacht im Schlafsaal, das können alle Jungens bestätigen. Wenn ich nicht schlafe,
lerne ich kaufmännische Korrespondenz, aber aus dem Schlafsaal rühre ich mich
keine Nacht. Das ist ja leicht zu beweisen. Der Herr Oberportier verwechselt
mich offenbar mit jemand anderem, und jetzt verstehe ich auch, warum er glaubt,
dass ich ihn nicht grüsse.«
    »Wirst du sofort schweigen«, schrie der Oberportier und schüttelte die
Faust, wo andere einen Finger bewegt hätten. »Ich soll dich mit jemand anderem
verwechseln! Ja, dann kann ich nicht mehr Oberportier sein, wenn ich die Leute
verwechsle. Hören Sie nur, Herr Isbary, dann kann ich nicht mehr Oberportier
sein, nun ja, wenn ich die Leute verwechsle. In meinen dreissig Dienstjahren ist
mir allerdings noch keine Verwechslung passiert, wie mir hunderte von Herren
Oberkellnern, die wir seit jener Zeit hatten, bestätigen müssen, aber bei dir,
miserabler Junge, soll ich mit den Verwechslungen angefangen haben. Bei dir, mit
deiner auffallenden, glatten Fratze. Was gibt es da zu verwechseln! Du könntest
jede Nacht hinter meinem Rücken in die Stadt gelaufen sein, und ich bestätige
bloss nach deinem Gesicht, dass du ein ausgegorener Lump bist.«
    »Lass, Feodor!« sagte der Oberkellner, dessen telephonisches Gespräch mit der
Oberköchin plötzlich abgebrochen worden zu sein schien. »Die Sache ist ja ganz
einfach. Auf seine Unterhaltungen in der Nacht kommt es in erster Reihe gar
nicht an. Er möchte ja vielleicht vor seinem Abschied noch irgendeine grosse
Untersuchung über seine Nachtbeschäftigung verursachen wollen. Ich kann mir
schon vorstellen, dass ihm das gefallen würde. Es würden womöglich alle vierzig
Liftjungen heraufzitiert und als Zeugen einvernommen, die würden ihn natürlich
auch alle verwechselt haben, es müsste also zur Zeugenschaft allmählich das ganze
Personal heran, der Hotelbetrieb würde natürlich auf ein Weilchen eingestellt,
und wenn er dann schliesslich doch hinausgeworfen würde, so hätte er doch
wenigstens seinen Spass gehabt. Also das machen wir lieber nicht. Die Oberköchin,
diese gute Frau, hat er schon zum Narren gehalten, und damit soll es genug sein.
Ich will nichts weiter hören; du bist wegen Dienstversäumnis auf der Stelle aus
dem Dienst entlassen. Da gebe ich dir eine Anweisung an die Kasse, dass dir dein
Lohn bis zum heutigen Tage ausgezahlt werde. Das ist übrigens bei deinem
Verhalten - unter uns gesagt - einfach ein Geschenk, das ich dir nur aus
Rücksicht auf die Frau Oberköchin mache.«
    Ein telephonischer Anruf hielt den Oberkellner ab, die Anweisung sofort zu
unterschreiben.
    »Die Liftjungen geben mir aber heute zu schaffen!« rief er schon nach
Anhören der ersten Worte.
    »Das ist ja unerhört!« rief er nach einem Weilchen. Und vom Telephon weg
wandte er sich zum Hotelportier und sagte: »Bitte, Feodor, halt mal diesen
Burschen ein wenig, wir werden noch mit ihm zu reden haben.« Und ins Telephon
gab er den Befehl: »Komm sofort herauf!«
    Nun konnte sich der Oberportier wenigstens austoben, was ihm beim Reden
nicht hatte gelingen wollen. Er hielt Karl oben am Arm fest, aber nicht etwa mit
ruhigem Griff, der schliesslich auszuhalten gewesen wäre, sondern er lockerte hie
und da den Griff und machte ihn dann mit Steigerung fester und fester, was bei
seinen grossen Körperkräften gar nicht aufzuhören schien und ein Dunkel vor Karls
Augen verursachte. Aber er hielt Karl nicht nur, sondern als hätte er auch den
Befehl bekommen, ihn gleichzeitig zu strecken, zog er ihn auch hie und da in die
Höhe und schüttelte ihn, wobei er immer wieder halb fragend zum Oberkellner
sagte: »Ob ich ihn jetzt nur nicht verwechsle, ob ich ihn jetzt nur nicht
verwechsle.«
    Es war eine Erlösung für Karl, als der oberste der Liftjungen, ein gewisser
Bess, ein ewig fauchender, dicker Junge eintrat, und die Aufmerksamkeit des
Oberportiers ein wenig auf sich lenkte. Karl war so ermattet, dass er kaum
grüsste, als er zu seinem Erstaunen hinter dem Jungen Terese, leichenblass,
unordentlich angezogen, mit lose aufgesteckten Haaren, hereinschlüpfen sah. Im
Augenblick war sie bei ihm und flüsterte: »Weiss es schon die Oberköchin?«
    »Der Oberkellner hat es ihr telephoniert«, antwortete Karl.
    »Dann ist es schon gut, dann ist es schon gut«, sagte sie rasch, mit
lebhaften Augen.
    »Nein«, sagte Karl. »Du weisst ja nicht, was sie gegen mich haben. Ich muss
weg, die Oberköchin ist davon auch schon überzeugt. Bitte, bleib nicht hier, geh
hinauf, ich werde mich dann von dir verabschieden kommen.«
    »Aber, Rossmann, was fällt dir denn ein, du wirst schön bei uns bleiben,
solange es dir gefällt. Der Oberkellner macht ja alles, was die Oberköchin will,
er liebt sie ja, ich habe es letztin erfahren. Da sei nur ruhig.«
    »Bitte, Terese, geh jetzt weg. Ich kann mich nicht so gut verteidigen, wenn
du hier bist. Und ich muss mich genau verteidigen, weil Lügen gegen mich
vorgebracht werden. Je besser ich aber aufpassen und mich verteidigen kann,
desto mehr Hoffnung ist, dass ich bleibe. Also, Terese-« Leider konnte er in
einem plötzlichen Schmerz nicht unterlassen, leise hinzuzufügen: »Wenn mich nur
dieser Oberportier losliesse! Ich wusste gar nicht, dass er mein Feind ist. Aber
wie er mich immerfort drückt und zieht.« Warum sage ich das nur! dachte er
gleichzeitig, kein Frauenzimmer kann das ruhig anhören, und tatsächlich wandte
sich Terese, ohne dass er sie noch mit der freien Hand hätte davon abhalten
können, an den Oberportier: »Herr Oberportier, bitte, lassen Sie doch sofort den
Rossmann frei. Sie machen ihm ja Schmerzen. Die Frau Oberköchin wird gleich
persönlich kommen, und dann wird man schon sehen, dass ihm in allem Unrecht
geschieht. Lassen Sie ihn los; was kann es Ihnen denn für ein Vergnügen machen,
ihn zu quälen!« Und sie griff sogar nach des Oberportiers Hand.
    »Befehl, kleines Fräulein, Befehl«, sagte der Oberportier und zog mit der
freien Hand Terese freundlich an sich, während er mit der anderen Karl nun
sogar angestrengt drückte, als wolle er ihm nicht nur Schmerzen machen, sondern
als habe er mit diesem in seinem Besitz befindlichen Arm ein besonderes Ziel,
das noch lange nicht erreicht sei.
    Terese brauchte einige Zeit, um sich der Umarmung des Oberportiers zu
entwinden, und wollte sich gerade beim Oberkellner, der sich noch immer von dem
sehr umständlichen Bess erzählen liess, für Karl einsetzen, als die Oberköchin mit
raschem Schritte eintrat.
    »Gott sei Dank!« rief Terese und man hörte einen Augenblick lang im Zimmer
nichts als diese lauten Worte. Gleich sprang der Oberkellner auf und schob Bess
zur Seite.
    »Sie kommen also selbst, Frau Oberköchin? Wegen dieser Kleinigkeit? Nach
unserem Telephongespräch konnte ich es ja ahnen, aber geglaubt habe ich es
eigentlich doch nicht. Und dabei wird die Sache Ihres Schützlings immerfort
ärger. Ich fürchte, ich werde ihn tatsächlich nicht entlassen, aber dafür
einsperren lassen müssen. Hören Sie selbst.« Und er winkte Bess herbei.
    »Ich möchte zuerst ein paar Worte mit dem Rossmann reden«, sagte die
Oberköchin und setzte sich auf einen Sessel, da sie der Oberkellner hierzu
nötigte.
    »Karl, bitte, komm näher«, sagte sie dann. Karl folgte oder wurde vielmehr
vom Oberportier näher geschleppt.
    »Lassen Sie ihn doch los«, sagte die Oberköchin ärgerlich, »er ist doch kein
Raubmörder!« Der Oberportier liess ihn tatsächlich los, drückte aber vorher noch
einmal so stark, dass ihm selbst vor Anstrengung die Tränen in die Augen traten.
    »Karl«, sagte die Oberköchin, legte die Hände ruhig in den Schoss und sah
Karl mit geneigtem Kopfe an - es war gar nicht wie ein Verhör - »vor allem will
ich dir sagen, dass ich noch vollständiges Vertrauen zu dir habe. Auch der Herr
Oberkellner ist ein gerechter Mann, dafür bürge ich. Wir beide wollen dich im
Grunde gerne hier behalten« - sie sah hiebei flüchtig zum Oberkellner hinüber,
als wolle sie bitten, ihr nicht ins Wort zu fallen. Es geschah auch nicht.
»Vergiss also, was man dir bis jetzt vielleicht hier gesagt hat. Vor allem, was
dir vielleicht der Herr Oberportier gesagt hat, musst du nicht besonders schwer
nehmen. Er ist zwar ein aufgeregter Mann, was bei seinem Dienst kein Wunder ist,
aber er hat auch Frau und Kinder und weiss, dass man einen Jungen, der nur auf
sich angewiesen ist, nicht unnötig plagen muss, sondern dass das schon die übrige
Welt genügend besorgt.«
    Es war ganz still im Zimmer. Der Oberportier sah, Erklärungen fordernd, auf
den Oberkellner, dieser sah auf die Oberköchin und schüttelte den Kopf. Der
Liftjunge Bess grinste recht sinnlos hinter dem Rücken des Oberkellners. Terese
schluchzte vor Freude und Leid in sich hinein und hatte alle Mühe, es niemanden
hören zu lassen.
    Karl aber blickte, obwohl das nur als schlechtes Zeichen aufgefasst werden
konnte, nicht auf die Oberköchin, die gewiss nach seinem Blick verlangte, sondern
vor sich auf den Fussboden. In seinem Arm zuckte der Schmerz nach allen
Richtungen, das Hemd klebte an den Striemen fest, und er hätte eigentlich den
Rock ausziehen und die Sache besehen sollen. Was die Oberköchin sagte, war
natürlich sehr freundlich gemeint, aber unglücklicherweise schien es ihm, als
müsse es gerade durch das Verhalten der Oberköchin zutage treten, dass er keine
Freundlichkeit verdiene, dass er die Wohltaten der Oberköchin zwei Monate
unverdient genossen habe, ja, dass er nichts anderes verdiene, als unter die
Hände des Oberportiers zu kommen.
    »Ich sage das«, fuhr die Oberköchin fort, »damit du jetzt unbeirrt
antwortest, was du übrigens wahrscheinlich auch sonst getan hättest, wie ich
dich zu kennen glaube.«
    »Darf ich, bitte, inzwischen den Arzt holen, der Mann könnte nämlich
inzwischen verbluten«, mischte sich plötzlich der Liftjunge Bess sehr höflich,
aber sehr störend ein.
    »Geh«, sagte der Oberkellner zu Bess, der gleich davonlief. Und dann zur
Oberköchin: »Die Sache ist die. Der Oberportier hat den Jungen da nicht zum Spass
festgehalten. Unten, im Schlafsaal der Liftjungen, ist nämlich in einem Bett
sorgfältig zugedeckt ein wildfremder, schwer betrunkener Mann aufgefunden
worden. Man hat ihn natürlich geweckt und wollte ihn wegschaffen. Da hat dieser
Mann aber einen grossen Radau zu machen angefangen, immer wieder herumgeschrien,
der Schlafsaal gehöre dem Karl Rossmann, dessen Gast er sei, der ihn hergebracht
habe und der jeden bestrafen werde, der ihn anzurühren wagen würde. Im übrigen
müsse er auch deshalb auf den Karl Rossmann warten, weil ihm dieser Geld
versprochen habe und es nur holen gegangen sei. Achten Sie, bitte, darauf, Frau
Oberköchin: Geld versprochen habe und es holen gegangen sei. Du kannst auch
achtgeben, Rossmann«, sagte der Oberkellner nebenbei zu Karl, der sich gerade
nach Terese umgedreht hatte, die wie gebannt den Oberkellner anstarrte und
immer wieder entweder irgendwelche Haare aus der Stirn strich oder diese
Handbewegung um ihrer selbst willen machte.
    »Aber vielleicht erinnere ich dich an irgendwelche Verpflichtungen. Der Mann
unten hat nämlich weiterhin gesagt, dass ihr beide nach deiner Rückkunft
irgendeiner Sängerin einen Nachtbesuch machen werdet, deren Namen allerdings
niemand verstanden hat, da ihn der Mann immer nur unter Gesang aussprechen
konnte.«
    Hier unterbrach sich der Oberkellner, denn die sichtlich bleich gewordene
Oberköchin erhob sich vom Sessel, den sie ein wenig zurückstiess.
    »Ich verschone Sie mit dem Weiteren«, sagte der Oberkellner.
    »Nein, bitte, nein«, sagte die Oberköchin und ergriff seine Hand »erzählen
Sie nur weiter, ich will alles hören, darum bin ich ja hier.«
    Der Oberportier, der vortrat und sich zum Zeichen dessen, dass er von Anfang
an alles durchschaut hatte, laut auf die Brust schlug, wurde vom Oberkellner mit
den Worten: »Ja, Sie hatten ganz recht, Feodor!« gleichzeitig beruhigt und
zurückgewiesen.
    »Es ist nicht mehr viel zu erzählen«, sagte der Oberkellner. »Wie die Jungen
eben schon sind, haben sie den Mann zuerst ausgelacht, haben dann mit ihm Streit
bekommen, und er ist, da dort immer gute Boxer zur Verfügung stehen, einfach
niedergeboxt worden; und ich habe gar nicht zu fragen gewagt, an welchen und an
wie vielen Stellen er blutet, denn diese Jungen sind fürchterliche Boxer, und
ein Betrunkener macht es ihnen natürlich leicht!«
    »So«, sagte die Oberköchin, hielt den Sessel an der Lehne und sah auf den
Platz, den sie eben verlassen hatte. »Also sprich doch, bitte, ein Wort,
Rossmann!« sagte sie dann. Terese war von ihrem bisherigen Platz zur Oberköchin
hinübergelaufen und hatte sich, was sie Karl sonst niemals hatte tun sehen, in
die Oberköchin eingehängt. Der Oberkellner stand knapp hinter der Oberköchin und
glättete langsam einen kleinen, bescheidenen Spitzenkragen der Oberköchin, der
sich ein wenig umgeschlagen hatte. Der Oberportier neben Karl sagte: »Also
wird's?«, wollte damit aber nur einen Stoss maskieren, den er unterdessen Karl in
den Rücken gab.
    »Es ist wahr«, sagte Karl, infolge des Stosses unsicherer, als er wollte,
»dass ich den Mann in den Schlafsaal gebracht habe.«
    »Mehr wollen wir nicht wissen«, sagte der Portier im Namen aller. Die
Oberköchin wandte sich stumm zum Oberkellner und dann zu Terese.
    »Ich konnte mir nicht anders helfen«, sagte Karl weiter. »Der Mann ist mein
Kamerad von früher her, er kam, nachdem wir uns zwei Monate lang nicht gesehen
hatten, hierher, um mir einen Besuch zu machen, war aber so betrunken, dass er
nicht wieder allein fortgehen konnte.«
    Der Oberkellner sagte neben der Oberköchin halblaut vor sich hin: »Er kam
also zu Besuch und war nachher so betrunken, dass er nicht fortgehen konnte.« Die
Oberköchin flüsterte über die Schulter dem Oberkellner etwas zu, der mit einem
offenbar nicht zu dieser Sache gehörigen Lächeln Einwände zu machen schien.
Terese - Karl sah nur zu ihr hin- drückte ihr Gesicht in völliger Hilflosigkeit
an die Oberköchin und wollte nichts mehr sehen. Der einzige, der mit Karls
Erklärung vollständig zufrieden war, war der Oberportier, welcher einigemal
wiederholte: »Es ist ja ganz recht, seinem Saufbruder muss man helfen«, und diese
Erklärung jedem der Anwesenden durch Blicke und Handbewegungen einzuprägen
suchte.
    »Schuld also bin ich«, sagte Karl und machte eine Pause, als warte er auf
ein freundliches Wort seiner Richter, das ihm Mut zur weiteren Verteidigung
geben könnte, aber es kam nicht, »schuld bin ich nur daran, dass ich den Mann -
er heisst Robinson, ist ein Irländer - in den Schlafsaal gebracht habe. Alles
andere, was er gesagt hat, hat er aus Betrunkenheit gesagt und ist nicht
richtig.«
    »Du hast ihm also kein Geld versprochen?« fragte der Oberkellner.
    »Ja«, sagte Karl, und es tat ihm leid, dass er das vergessen hatte, er hatte
sich aus Unüberlegteit oder Zerstreuteit in allzu bestimmten Ausdrücken als
schuldlos bezeichnet.
    »Geld habe ich ihm versprochen, weil er mich darum gebeten hat. Aber ich
wollte es nicht holen, sondern ihm das Trinkgeld geben, das ich heute nacht
verdient hatte.« Und er zog zum Beweise das Geld aus der Tasche und zeigte auf
der flachen Hand die paar kleinen Münzen.
    »Du verrennst dich immer mehr«, sagte der Oberkellner. »Wenn man dir glauben
sollte, müsste man immer das, was du früher gesagt hast, vergessen. Zuerst hast
du also den Mann - nicht einmal den Namen Robinson glaube ich dir, so hat, seit
es Irland gibt, kein Irländer geheissen -, zuerst also hast du ihn nur in den
Schlafsaal gebracht, wofür allein du übrigens schon im Schwung hinausfliegen
könntest, Geld aber hast du ihm zuerst nicht versprochen, dann wieder, wenn man
dich überraschend fragt, hast du ihm Geld versprochen. Aber wir haben hier kein
Antwort- und Fragespiel, sondern wollen deine Rechtfertigung hören. Zuerst aber
wolltest du das Geld nicht holen, sondern ihm dein heutiges Trinkgeld geben,
dann aber zeigt sich, dass du dieses Geld noch bei dir hast, also offenbar doch
noch anderes Geld holen wolltest, wofür auch dein langes Ausbleiben spricht.
Schliesslich wäre es ja nichts Besonderes, wenn du für ihn aus deinem Koffer
hättest Geld holen wollen; dass du es aber mit aller Kraft leugnest, das ist
allerdings etwas Besonderes, ebenso wie du auch immerfort verschweigen willst,
dass du den Mann erst hier im Hotel betrunken gemacht hast, woran ja nicht der
geringste Zweifel ist, denn du selbst hast zugegeben, dass er allein gekommen
ist, aber nicht allein weggehen konnte, und er selbst hat ja im Schlafsaal
herumgeschrien, dass er dein Gast ist. Fraglich also bleiben jetzt nur noch zwei
Dinge, die du, wenn du die Sache vereinfachen willst, selbst beantworten kannst,
die man aber schliesslich auch ohne deine Mitilfe wird feststellen können:
Erstens, wie hast du dir den Zutritt zu den Vorratskammern verschafft, und
zweitens, wie hast du verschenkbares Geld angesammelt?«
    Es ist unmöglich, sich zu verteidigen, wenn nicht guter Wille da ist, sagte
sich Karl und antwortete dem Oberkellner nicht mehr, so sehr Terese
wahrscheinlich darunter litt. Er wusste, dass alles, was er sagen konnte,
hinterher ganz anders aussehen würde, als es gemeint gewesen war, und dass es nur
der Art der Beurteilung überlassen bleibe, Gutes oder Böses vorzufinden.
    »Er antwortet nicht«, sagte die Oberköchin.
    »Es ist das Vernünftigste, was er tun kann«, sagte der Oberkellner.
    »Er wird sich schon noch etwas ausdenken«, sagte der Oberportier und strich
mit der früher grausamen Hand behutsam seinen Bart.
    »Sei still«, sagte die Oberköchin zu Terese, die an ihrer Seite zu
schluchzen begann, »du siehst, er antwortet nicht, wie kann ich denn da etwas
für ihn tun? Schliesslich bin ich es, die vor dem Herrn Oberkellner unrecht
behält. Sag doch, Terese, habe ich deiner Meinung nach etwas für ihn zu tun
versäumt?« Wie konnte das Terese wissen, und was nützte es, dass sich die
Oberköchin durch diese öffentlich an das kleine Mädchen gerichtete Frage und
Bitte vor diesen beiden Herren vielleicht viel vergab?
    »Frau Oberköchin«, sagte Karl, der sich noch einmal aufraffte, aber nur um
Terese die Antwort zu ersparen, zu keinem anderen Zweck, »ich glaube nicht, dass
ich Ihnen irgendwie Schande gemacht habe, und nach genauer Untersuchung müsste
das auch jeder andere finden.«
    »Jeder andere«, sagte der Oberportier und zeigte mit dem Finger auf den
Oberkellner »das ist eine Spitze gegen Sie, Herr Isbary.«
    »Nun, Frau Oberköchin«, sagte dieser, »es ist halb sieben, hohe und höchste
Zeit. Ich denke, Sie lassen mir am besten das Schlusswort in dieser schon allzu
duldsam behandelten Sache.«
    Der kleine Giacomo war hereingekommen, wollte zu Karl treten, liess aber,
durch die allgemein herrschende Stille erschreckt, davon ab und wartete.
    Die Oberköchin hatte seit Karls letzten Worten den Blick nicht von ihm
gewendet, und es deutete auch nichts darauf hin, dass sie die Bemerkung des
Oberkellners gehört hatte. Ihre Augen sahen voll auf Karl hin, sie waren gross
und blau, aber ein wenig getrübt durch das Alter und die viele Mühe. Wie sie so
dastand und den Sessel vor sich schwach schaukelte, hätte man ganz gut erwarten
können, sie werde im nächsten Augenblick sagen: Nun, Karl, die Sache ist, wenn
ich es überlege, noch nicht recht klargestellt und braucht, wie du richtig
gesagt hast, noch eine genaue Untersuchung. Und die wollen wir jetzt
veranstalten, ob man sonst damit einverstanden ist oder nicht, denn
Gerechtigkeit muss sein.
    Statt dessen aber sagte die Oberköchin nach einer kleinen Pause, die niemand
zu unterbrechen gewagt hatte - nur die Uhr schlug in Bestätigung der Worte des
Oberkellners halb sieben und mit ihr, wie jeder wusste, gleichzeitig alle Uhren
im ganzen Hotel, es klang im Ohr und in der Ahnung wie das zweimalige Zucken
einer einzigen grossen Ungeduld -: »Nein, Karl, nein, nein! Das wollen wir uns
nicht einreden. Gerechte Dinge haben auch ein besonderes Aussehen, und das hat,
ich muss es gestehen, deine Sache nicht. Ich darf das sagen und muss es auch
sagen; ich muss es gestehen, denn ich bin es, die mit dem besten Vorurteil für
dich hergekommen ist. Du siehst, auch Terese schweigt.« (Aber sie schwieg doch
nicht, sie weinte.)
    Die Oberköchin stockte in einem plötzlich sie überkommenden Entschluss und
sagte: »Karl, komm einmal her«, und als er zu ihr gekommen war - gleich
vereinigten sich hinter seinem Rücken der Oberkellner und der Oberportier zu
lebhaftem Gespräch -, umfasste sie ihn mit der linken Hand, ging mit ihm und der
willenlos folgenden Terese in die Tiefe des Zimmers und dort mit beiden
einigemal auf und ab, wobei sie sagte: »Es ist möglich, Karl, und darauf
scheinst du zu vertrauen, sonst würde ich dich überhaupt nicht verstehen, dass
eine Untersuchung dir in einzelnen Kleinigkeiten recht geben wird. Warum denn
nicht? Du hast vielleicht tatsächlich den Oberportier gegrüsst. Ich glaube es
sogar bestimmt, ich weiss auch, was ich von dem Oberportier zu halten habe, du
siehst, ich rede selbst jetzt noch offen zu dir. Aber solche kleine
Rechtfertigungen helfen dir gar nichts. Der Oberkellner, dessen Menschenkenntnis
ich im Laufe vieler Jahre zu schätzen gelernt habe, und welcher der
verlässlichste Mensch ist, den ich überhaupt kenne, hat deine Schuld klar
ausgesprochen, und die scheint mir allerdings unwiderleglich. Vielleicht hast du
bloss unüberlegt gehandelt, vielleicht aber bist du nicht der; für den ich dich
gehalten habe. Und doch«, damit unterbrach sie sich gewissermassen selbst und sah
flüchtig nach den beiden Herren zurück, »kann ich es mir noch nicht abgewöhnen,
dich für einen im Grunde anständigen Jungen zu halten.«
    »Frau Oberköchin! Frau Oberköchin!« mahnte der Oberkellner, der ihren Blick
aufgefangen hatte.
    »Wir sind gleich fertig«, sagte die Oberköchin und redete nun schneller auf
Karl ein: »Höre, Karl, so wie ich die Sache übersehe, bin ich noch froh, dass der
Oberkellner keine Untersuchung einleiten will; denn, wollte er sie einleiten,
ich müsste es in deinem Interesse verhindern. Niemand soll erfahren, wie und
womit du den Mann bewirtet hast, der übrigens nicht einer deiner früheren
Kameraden gewesen sein kann, wie du vorgibst, denn mit denen hast du ja zum
Abschied grossen Streit gehabt, so dass du nicht jetzt einen von ihnen traktieren
wirst. Es kann also nur ein Bekannter sein, mit dem du dich leichtsinnigerweise
in der Nacht in irgendeiner städtischen Kneipe verbrüdert hast. Wie konntest du
mir, Karl, alle diese Dinge verbergen? Wenn es dir im Schlafsaal vielleicht
unerträglich war und du zuerst aus diesem unschuldigen Grunde mit deinem
Nachtschwärmen angefangen hast, warum hast du denn kein Wort gesagt, du weisst,
ich wollte dir ein eigenes Zimmer verschaffen und habe darauf geradezu erst über
deine Bitten verzichtet. Es scheint jetzt, als hättest du den allgemeinen
Schlafsaal vorgezogen, weil du dich dort ungebundener fühltest. Und dein Geld
hattest du doch in meiner Kassa aufgehoben, und die Trinkgelder brachtest du mir
jede Woche; woher, um Gottes willen, Junge, hast du das Geld für deine
Vergnügungen genommen und woher wolltest du jetzt das Geld für deinen Freund
holen? Das sind natürlich lauter Dinge, die ich wenigstens jetzt dem Oberkellner
gar nicht andeuten darf, denn dann wäre vielleicht eine Untersuchung
unausweichlich. Du musst also unbedingt aus dem Hotel, und zwar so schnell als
möglich. Geh direkt in die Pension Brenner - du warst doch schon mehrmals mit
Terese dort -, sie werden dich auf diese Empfehlung hin umsonst aufnehmen - «
und die Oberköchin schrieb mit einem goldenen Crayon, den sie aus der Bluse zog,
einige Zeilen auf eine Visitenkarte, wobei sie aber die Rede nicht unterbrach -
»deinen Koffer werde ich dir gleich nachschicken. Terese, lauf doch in die
Garderobe der Liftjungen und pack seinen Koffer!« (Aber Terese rührte sich noch
nicht, sondern wollte, wie sie alles Leid ausgehalten hatte, nun auch die
Wendung zum Besseren, welche die Sache Karls dank der Güte der Oberköchin nahm,
ganz miterleben.)
    Jemand öffnete, ohne sich zu zeigen, ein wenig die Tür und schloss sie gleich
wieder. Es musste offenbar Giacomo gegolten haben, denn dieser trat vor und
sagte: »Rossmann, ich habe dir etwas auszurichten.«
    »Gleich«, sagte die Oberköchin und steckte Karl, der mit gesenktem Kopf ihr
zugehört hatte, die Visitenkarte in die Tasche, »dein Geld behalte ich
vorläufig, du weisst, du kannst es mir anvertrauen. Heute bleib zu Hause und
überlege deine Angelegenheit, morgen - heute habe ich keine Zeit, auch habe ich
mich schon viel zu lange hier aufgehalten - komme ich zu Brenner, und wir werden
zusehen, was wir weiter für dich machen können. Verlassen werde ich dich nicht,
das sollst du jedenfalls schon heute wissen. Über deine Zukunft musst du dir
keine Sorgen machen, eher über die letztvergangene Zeit.« Darauf klopfte sie ihm
leicht auf die Schulter und ging zum Oberkellner hinüber. Karl hob den Kopf und
sah der grossen, stattlichen Frau nach, die sich in ruhigem Schritt und freier
Haltung von ihm entfernte.
    »Bist du denn gar nicht froh«, sagte Terese, die bei ihm zurückgeblieben
war »dass alles so gut ausgefallen ist?«
    »O ja«, sagte Karl und lächelte ihr zu, wusste aber nicht, warum er darüber
froh sein sollte, dass man ihn als einen Dieb wegschickte. Aus Teresens Augen
strahlte die reinste Freude, als sei es ihr ganz gleichgültig, ob Karl etwas
verbrochen hatte oder nicht, ob er gerecht beurteilt worden war oder nicht, wenn
man ihn nur gerade entwischen liess, in Schande oder in Ehren. Und so verhielt
sich gerade Terese, die doch in ihren eigenen Angelegenheiten so peinlich war
und ein nicht ganz eindeutiges Wort der Oberköchin wochenlang in ihren Gedanken
drehte und untersuchte. Mit Absicht fragte er: »Wirst du meinen Koffer gleich
packen und wegschicken?« Er musste gegen seinen Willen vor Staunen den Kopf
schütteln, so schnell fand sich Terese in die Frage hinein, und die
Überzeugung, dass in dem Koffer Dinge waren, die man vor allen Leuten
geheimhalten musste, liess sie gar nicht nach Karl hinübersehen, gar nicht ihm die
Hand reichen, sondern nur flüstern: »Natürlich, Karl, gleich, gleich werde ich
den Koffer packen.« Und schon war sie davongelaufen.
    Nun liess sich aber Giacomo nicht mehr halten, und aufgeregt durch das lange
Warten rief er laut: »Rossmann, der Mann wälzt sich unten im Gang und will sich
nicht wegschaffen lassen. Sie wollten ihn ins Krankenhaus bringen lassen, aber
er wehrt sich und behauptet, du würdest niemals dulden, dass er ins Krankenhaus
kommt. Man solle ein Automobil nehmen und ihn nach Hause schicken, du würdest
das Automobil bezahlen. Willst du?«
    »Der Mann hat Vertrauen zu dir«, sagte der Oberkellner. Karl zuckte mit den
Schultern und zählte Giacomo sein Geld in die Hand. »Mehr habe ich nicht«, sagte
er dann.
    »Ich soll dich auch fragen, ob du mitfahren willst«, fragte noch Giacomo,
mit dem Gelde klimpernd.
    »Er wird nicht mitfahren«, sagte die Oberköchin.
    »Also, Rossmann«, sagte der Oberkellner schnell und wartete gar nicht, bis
Giacomo draussen war, »du bist auf der Stelle entlassen.«
    Der Oberportier nickte mehrere Male, als wären es seine eigenen Worte, die
der Oberkellner nur nachspreche.
    »Die Gründe deiner Entlassung kann ich gar nicht laut aussprechen, denn
sonst müsste ich dich einsperren lassen.«
    Der Oberportier sah auffallend streng zur Oberköchin hinüber, denn er hatte
wohl erkannt, dass sie die Ursache dieser allzu milden Behandlung war.
    »Jetzt geh zu Bess, zieh dich um, übergib Bess deine Livree und verlasse
sofort, aber sofort das Haus.«
    Die Oberköchin schloss die Augen, sie wollte damit Karl beruhigen. Während er
sich zum Abschied verbeugte, sah er flüchtig, wie der Oberkellner die Hand der
Oberköchin wie im geheimen umfasste und mit ihr spielte. Der Oberportier
begleitete Karl mit schweren Schritten bis zur Tür, die er ihn nicht schliessen
liess, sondern selbst noch offen hielt, um Karl nachschreien zu können: »In einer
Viertelminute will ich dich beim Haupttor an mir vorübergehen sehen! Merk dir
das!«
    Karl beeilte sich, wie er nur konnte, um nur beim Haupttor eine Belästigung
zu vermeiden, aber es ging alles viel langsamer, als er wollte. Zuerst war Bess
nicht gleich zu finden und jetzt, in der Frühstückszeit, war alles voll
Menschen, dann zeigte sich, dass ein Junge sich Karls alte Hosen ausgeborgt
hatte, und Karl musste die Kleiderständer bei fast allen Betten absuchen, ehe er
diese Hosen fand, so dass wohl fünf Minuten vergangen waren, ehe Karl zum
Haupttor kam. Gerade vor ihm ging eine Dame mitten zwischen vier Herren. Sie
gingen alle auf ein grosses Automobil zu, das sie erwartete und dessen Schlag
bereits ein Lakai geöffnet hielt, während er den freien linken Arm seitwärts
waagrecht und steif ausstreckte, was höchst feierlich aussah. Aber Karl hatte
umsonst gehofft, hinter dieser vornehmen Gesellschaft unbemerkt hinauszukommen.
Schon fasste ihn der Oberportier bei der Hand und zog ihn zwischen zwei Herren
hindurch, die er um Verzeihung bat, zu sich hin.
    »Das soll eine Viertelminute gewesen sein«, sagte er und sah Karl von der
Seite an, als beobachte er eine schlecht gehende Uhr. »Komm einmal her«, sagte
er dann und führte ihn in die grosse Portierloge, die Karl zwar schon längst
einmal anzusehen Lust gehabt hatte, in die er aber jetzt, von dem Portier
geschoben, nur mit Misstrauen eintrat. Er war schon in der Tür, als er sich
umwandte und den Versuch machte, den Oberportier wegzuschieben und wegzukommen.
    »Nein, nein, hier geht man hinein«, sagte der Oberportier und drehte Karl
um.
    »Ich bin doch schon entlassen«, sagte Karl und meinte damit, dass ihm im
Hotel niemand mehr etwas zu befehlen habe.
    »Solange ich dich halte, bist du nicht entlassen«, sagte der Portier, was
allerdings auch richtig war.
    Karl fand schliesslich auch keine Ursache, warum er sich gegen den Portier
wehren sollte. Was konnte ihm denn auch im Grunde noch geschehen? Überdies
bestanden die Wände der Portierloge ausschliesslich aus ungeheueren Glasscheiben,
durch die man die im Vestibül gegeneinanderströmende Menschenmenge deutlich sah,
als wäre man mitten unter ihnen. Ja, es schien in der ganzen Portierloge keinen
Winkel zu geben, in dem man sich vor den Augen der Leute verbergen konnte. So
eilig es dort draussen die Leute zu haben schienen, denn mit ausgestrecktem Arm
und gesenktem Kopf, mit spähenden Augen, mit hochgehaltenen Gepäckstücken
suchten sie ihren Weg, so versäumte doch kaum einer, einen Blick in die
Portierloge zu werfen, denn hinter deren Scheiben waren immer Ankündigungen und
Nachrichten ausgehängt, die sowohl für die Gäste als für das Hotelpersonal
Wichtigkeit hatten. Ausserdem aber bestand noch ein unmittelbarer Verkehr der
Portierloge mit dem Vestibül, denn an zwei grossen Schiebefenstern sassen zwei
Unterportiers und waren unaufhörlich damit beschäftigt, Auskünfte in den
verschiedensten Angelegenheiten zu erteilen. Das waren geradezu überbürdete
Leute, und Karl hätte behaupten wollen, dass der Oberportier, wie er ihn kannte,
sich in seiner Laufbahn um diese Posten herumgewunden hatte. Diese zwei
Auskunftserteiler hatten - von aussen konnte man sich das nicht richtig
vorstellen - in der Öffnung des Fensters immer zumindest zehn fragende Gesichter
vor sich. Unter diesen zehn Fragern, die immerfort wechselten, war oft ein
Durcheinander von Sprachen, als sei jeder einzelne von einem anderen Lande
abgesandt. Immer fragten einige gleichzeitig, immer redeten ausserdem einzelne
untereinander. Die meisten wollten etwas aus der Portierloge holen oder etwas
dort abgeben, so sah man immer auch ungeduldig fuchtelnde Hände aus dem Gedränge
ragen. Einmal hatte einer ein Begehren wegen irgendeiner Zeitung, die sich
unversehens von der Höhe aus entfaltete und für einen Augenblick alle Gesichter
verhüllte. All diesem mussten nun die zwei Unterportiers standhalten. Blosses
Reden hätte für ihre Aufgabe nicht genügt, sie plapperten, besonders der eine,
ein düsterer Mann mit einem das ganze Gesicht umgebenden dunklen Bart, gab die
Auskunft ohne die geringste Unterbrechung. Er sah weder auf die Tischplatte, wo
er fortwährend Handreichungen auszuführen hatte, noch auf das Gesicht dieses
oder jenes Fragers, sondern ausschliesslich starr vor sich, offenbar um seine
Kräfte zu sparen und zu sammeln. Übrigens störte wohl sein Bart ein wenig die
Verständlichkeit seiner Rede, und Karl konnte in dem Weilchen, während dessen er
bei ihm stehenblieb, sehr wenig von dem Gesagten auffassen, wenn es auch
möglicherweise trotz dem englischen Beiklang gerade fremde Sprachen waren, die
er gebrauchen musste. Ausserdem beirrte es, dass sich eine Auskunft so knapp an die
andere anschloss und in sie überging, so dass oft noch ein Frager mit gespanntem
Gesicht zuhorchte, da er glaubte, es gehe noch um seine Sache, um erst nach
einem Weilchen zu merken, dass er schon erledigt war. Gewöhnen musste man sich
auch daran, dass der Unterportier niemals bat, eine Frage zu wiederholen, selbst
wenn sie im ganzen verständlich und nur ein wenig undeutlich gestellt war, ein
kaum merkliches Kopfschütteln verriet dann, dass er nicht die Absicht habe, diese
Frage zu beantworten, und es war Sache des Fragestellers, seinen eigenen Fehler
zu erkennen und die Frage besser zu formulieren. Besonders damit verbrachten
manche Leute sehr lange Zeit vor dem Schalter. Zur Unterstützung der
Unterportiers war jedem ein Laufbursche beigegeben, der in gestrecktem Lauf von
einem Bücherregal und aus verschiedenen Kasten alles herbeizubringen hatte, was
der Unterportier gerade benötigte. Das waren die bestbezahlten, wenn auch
anstrengendsten Posten, die es im Hotel für ganz junge Leute gab, in gewissem
Sinne waren sie auch noch ärger daran als die Unterportiers, denn diese hatten
bloss nachzudenken und zu reden, während die jungen Leute gleichzeitig nachdenken
und laufen mussten. Brachten sie einmal etwas Unrichtiges herbei, so konnte sich
natürlich der Unterportier in der Eile nicht damit aufhalten, ihnen lange
Belehrungen zu geben, er warf vielmehr einfach, das, was sie ihm auf den Tisch
legten, mit einem Ruck vom Tisch hinunter. Sehr interessant war die Ablösung der
Unterportiers, die gerade kurz nach dem Eintritt Karls stattfand. Eine solche
Ablösung musste natürlich, wenigstens während des Tages, öfters stattfinden, denn
es gab wohl kaum einen Menschen, der es länger als eine Stunde hinter dem
Schalter ausgehalten hätte. Zur Ablösungszeit ertönte nun eine Glocke, und
gleichzeitig traten aus einer Seitentür die zwei Unterportiers, die jetzt an die
Reihe kommen sollten, jeder von seinem Laufburschen gefolgt. Sie stellten sich
vorläufig untätig beim Schalter auf und betrachteten ein Weilchen die Leute
draussen, um festzustellen, in welchem Stadium sich gerade die augenblickliche
Fragebeantwortung befand. Schien ihnen der Augenblick passend, um einzugreifen,
klopften sie dem abzulösenden Unterportier auf die Schulter, der, obwohl er sich
bisher um nichts, was hinter seinem Rücken vorging, gekümmert hatte, sofort
verstand und seinen Platz freimachte. Das Ganze ging so rasch, dass es oft die
Leute draussen überraschte und sie aus Schrecken über das so plötzlich vor ihnen
auftauchende neue Gesicht fast zurückwichen. Die abgelösten zwei Männer
streckten sich und begossen dann über zwei bereitstehenden Waschbecken ihre
heissen Köpfe. Die abgelösten Laufburschen durften sich aber noch nicht strecken,
sondern hatten noch ein Weilchen damit zu tun, die während ihrer Dienststunden
auf den Boden geworfenen Gegenstände aufzuheben und an ihren Platz zu legen.
    Alles dieses hatte Karl mit der angespanntesten Aufmerksamkeit in wenigen
Augenblicken in sich aufgenommen, und mit leichten Kopfschmerzen folgte er still
dem Oberportier, der ihn weiterführte. Offenbar hatte auch der Oberportier den
grossen Eindruck beachtet, den diese Art der Auskunftserteilung auf Karl gemacht
hatte, und er riss plötzlich an Karls Hand und sagte: »Siehst du, so wird hier
gearbeitet.« Karl hatte ja allerdings hier im Hotel nicht gefaulenzt, aber von
solcher Arbeit hatte er doch keine Ahnung gehabt, und fast völlig vergessend,
dass der Oberportier sein grosser Feind war, sah er zu ihm auf und nickte stumm
und anerkennend mit dem Kopf. Das schien dem Oberportier aber wieder eine
Überschätzung des Unterportiers und vielleicht eine Unhöflichkeit gegenüber
seiner Person zu sein, denn, als hätte er Karl zum Narren gehalten, rief er,
ohne Besorgnis, dass man ihn hören könnte: »Natürlich ist dieses hier die dümmste
Arbeit im ganzen Hotel; wenn man eine Stunde zugehört hat, kennt man so ziemlich
alle Fragen, die gestellt werden, und den Rest braucht man ja nicht zu
beantworten. Wenn du nicht frech und ungezogen gewesen wärest, gelogen, gelumpt,
gesoffen und gestohlen hättest, hätte ich dich vielleicht bei so einem Fenster
anstellen können, denn dazu kann ich ausschliesslich nur vernagelte Köpfe
brauchen.«
    Karl überhörte gänzlich die Beschimpfung, soweit sie ihn betraf, so sehr war
er darüber empört, dass die ehrliche und schwere Arbeit der Unterportiers, statt
anerkannt zu werden, verhöhnt wurde, und überdies verhöhnt von einem Mann, der,
wenn er es gewagt hätte, sich einmal zu einem solchen Schalter zu setzen, gewiss
nach ein paar Minuten unter dem Gelächter aller Frager hätte abziehen müssen.
    »Lassen Sie mich«, sagte Karl, seine Neugierde in betreff der Portierloge
war bis zum Übermass gestillt »ich will mit Ihnen nichts mehr zu tun haben.«
    »Das genügt nicht, um fortzukommen«, sagte der Oberportier, drückte Karls
Arme, dass dieser sie gar nicht rühren konnte, und trug ihn förmlich an das
andere Ende der Portierloge. Sahen die Leute draussen diese Gewalttätigkeit des
Oberportiers nicht. Oder, wenn sie es sahen, wie fassten sie sie denn auf, dass
keiner sich darüber aufhielt, dass niemand wenigstens an die Scheibe klopfte, um
dem Oberportier zu zeigen, dass er beobachtet werde und nicht nach seinem
Gutdünken mit Karl verfahren dürfe.
    Aber bald hatte Karl auch keine Hoffnung mehr, vom Vestibül aus Hilfe zu
bekommen, denn der Oberportier griff an eine Schnur, und über den Scheiben der
halben Portierloge zogen sich im Fluge bis in die letzte Höhe schwarze Vorhänge
zusammen. Auch in diesem Teil der Portierloge waren ja Menschen, aber alle in
voller Arbeit und ohne Ohr und Auge für alles, was nicht mit ihrer Arbeit
zusammenhing. Ausserdem waren sie ganz vom Oberportier abhängig und hätten, statt
Karl zu helfen, lieber geholfen, alles zu verbergen, was auch immer dem
Oberportier eingefallen wäre. Da waren zum Beispiel sechs Unterportiers bei
sechs Telephonen. Die Anordnung war, wie man gleich bemerkte, so getroffen, dass
immer einer bloss Gespräche aufnahm, während sein Nachbar nach den vom ersten
empfangenen Notizen die Aufträge telephonisch weiterleitete. Es waren dies jene
neuesten Telephone, für die keine Telephonzelle nötig war, denn das
Glockenläuten war nicht lauter als ein Zirpen, man konnte in das Telephon mit
Flüstern hineinsprechen und doch kamen die Worte dank besonderer elektrischer
Verstärkungen mit Donnerstimme an ihrem Ziele an. Deshalb hörte man die drei
Sprecher an ihren Telephonen kaum und hätte glauben können, sie beobachteten
murmelnd irgendeinen Vorgang in der Telephonmuschel, während die drei anderen,
wie betäubt von dem auf sie herandringenden, für die Umgebung im übrigen
unhörbaren Lärm, die Köpfe auf das Papier sinken liessen, das zu beschreiben ihre
Aufgabe war. Wieder stand auch hier neben jedem der drei Sprecher ein Junge zur
Hilfeleistung; diese drei Jungen taten nichts anderes, als abwechselnd den Kopf
horchend zu ihrem Herrn zu strecken und dann eilig, als würden sie gestochen, in
riesigen, gelben Büchern - die umschlagenden Blättermassen überrauschten bei
weitem jedes Geräusch der Telephone - die Telephonnummern herauszusuchen.
    Karl konnte sich tatsächlich nicht entalten, das alles genau zu verfolgen,
obwohl der Oberportier, der sich gesetzt hatte, ihn in einer Art Umklammerung
vor sich hinhielt.
    »Es ist meine Pflicht«, sagte der Oberportier und schüttelte Karl, als wolle
er nur erreichen, dass dieser ihm sein Gesicht zuwende, »das, was der Oberkellner
aus welchen Gründen immer versäumt hat, im Namen der Hoteldirektion wenigstens
ein wenig nachzuholen. So tritt hier immer jeder für den anderen ein. Ohne das
wäre ein so grosser Betrieb undenkbar. Du willst vielleicht sagen, dass ich nicht
dein unmittelbarer Vorgesetzter bin; nun, desto schöner ist es von mir, dass ich
mich dieser sonst verlassenen Sache annehme. Im übrigen bin ich in gewissem
Sinne als Oberportier über alle gesetzt, denn mir unterstehen doch alle Tore des
Hotels, also dieses Haupttor, die drei Mittel - und die zehn Nebentore, von den
unzähligen Türchen und türlosen Ausgängen gar nicht zu reden. Natürlich haben
mir alle in Betracht kommenden Bedienungsmannschaften unbedingt zu gehorchen.
Gegenüber diesen grossen Ehren habe ich natürlich andererseits vor der
Hoteldirektion die Verpflichtung, niemanden hinauszulassen, der nur im
geringsten verdächtig ist. Gerade du aber kommst mir, weil es mir so beliebt,
sogar stark verdächtig vor.« Und vor Freude darüber hob er die Hände und liess
sie wieder stark zurückschlagen, dass es klatschte und wehtat.
    »Es ist möglich«, fügte er hinzu und unterhielt sich dabei königlich, »dass
du bei einem anderen Ausgang unbemerkt hinausgekommen wärest, denn du standest
mir natürlich nicht dafür, besondere Anweisungen deinetwegen ergehen zu lassen.
Aber da du nun einmal hier bist, will ich dich geniessen. Im übrigen habe ich
nicht daran gezweifelt, dass du das Rendezvous, das wir uns beim Haupttor gegeben
hatten, auch einhalten wirst, denn das ist eine Regel, dass der Freche und der
Unfolgsame gerade dort und dann mit seinen Lastern aufhört, wo es ihm schadet.
Du wirst das an dir selbst gewiss noch oft beobachten können.«
    »Glauben Sie nicht«, sagte Karl und atmete den eigentümlich dumpfen Geruch
ein, der vom Oberportier ausging, und den er erst hier, wo er so lange in seiner
nächsten Nähe stand, bemerkte, »glauben Sie nicht«, sagte er, »dass ich
vollständig in Ihrer Gewalt bin, ich kann ja schreien.«
    »Und ich kann dir den Mund stopfen«, sagte der Oberportier ebenso ruhig und
schnell, wie er es wohl nötigenfalls auszuführen gedachte.
    »Und meinst du denn wirklich, wenn man deinetwegen hereinkommen sollte, es
würde sich jemand finden, der dir recht geben würde, mir, dem Oberportier
gegenüber? Du siehst also wohl den Unsinn deiner Hoffnungen ein. Weisst du, wie
du noch in der Uniform warst, da hast du ja tatsächlich noch ein wenig
beachtenswert ausgesehen, aber in diesem Anzug, der tatsächlich nur in Europa
möglich ist! -« Und er zerrte an den verschiedensten Stellen des Anzuges, der
jetzt allerdings, obwohl er vor fünf Monaten noch fast neu gewesen war,
abgenützt, faltig, vor allem aber dreckig war, was hauptsächlich auf die
Rücksichtslosigkeit der Liftjungen zurückzufahren war, die jeden Tag, um den
Saalboden dem allgemeinen Befehl gemäss glatt und staubfrei zu erhalten, aus
Faulheit keine eigentliche Reinigung vornahmen, sondern mit irgendeinem Öl den
Boden besprengten und damit gleichzeitig alle Kleider auf den Kleiderständern
schändlich bespritzen. Nun konnte man seine Kleider aufheben, wo man wollte,
immer fand sich einer, der gerade seine Kleider nicht bei der Hand hatte,
dagegen die versteckten fremden Kleider mit Leichtigkeit fand und sich
ausborgte. Und womöglich war dieser eine gerade derjenige, der an diesem Tage
die Saalreinigung vorzunehmen hatte und der dann die Kleider nicht nur mit dem
Öl bespritzte, sondern vollständig von oben bis unten begoss. Nur Renell hatte
seine kostbaren Kleider an irgendeinem geheimen Orte versteckt, von wo sie kaum
jemals einer hervorgezogen hatte, zumal sich ja auch niemand vielleicht aus
Bosheit oder Geiz fremde Kleider ausborgte, sondern aus blosser Eile und
Nachlässigkeit dort nahm, wo er sie fand. Aber selbst auf Renells Kleid war
mitten auf dem Rücken ein kreisrunder, rötlicher Ölfleck, und in der Stadt hätte
ein Kenner an diesem Fleck selbst in diesem eleganten jungen Mann den Liftjungen
feststellen können.
    Und Karl sagte sich bei diesen Erinnerungen, dass er auch als Liftjunge genug
gelitten hatte und dass doch alles vergebens gewesen war, denn nun war dieser
Liftjungendienst nicht, wie er gehofft hatte, eine Vorstufe zu besserer
Anstellung gewesen, vielmehr war er jetzt noch tiefer hinabgedrückt worden und
sogar sehr nahe an das Gefängnis geraten. Überdies wurde er jetzt noch vom
Oberportier festgehalten, der wohl darüber nachdachte, wie er Karl noch weiter
beschämen könne. Und, völlig vergessend, dass der Oberportier durchaus nicht der
Mann war, der sich vielleicht überzeugen liess, rief Karl, während er sich mit
der gerade freien Hand mehrmals gegen die Stirn schlug: »Und wenn ich Sie
wirklich nicht gegrüsst haben sollte, wie kann denn ein erwachsener Mensch wegen
eines unterlassenen Grusses so rachsüchtig werden!«
    »Ich bin nicht rachsüchtig«, sagte der Oberportier, »ich will nur deine
Taschen durchsuchen. Ich bin zwar überzeugt, dass ich nichts finden werde, denn
du wirst wohl vorsichtig gewesen sein und hast wohl deinen Freund allmählich
alles, jeden Tag etwas, wegschleppen lassen. Aber durchsucht worden musst du
sein.« Und schon griff er in die eine von Karls Rocktaschen mit solcher Gewalt,
dass die seitlichen Nähte platzten.
    »Da ist also schon nichts«, sagte er und überklaubte in seiner Hand den
Inhalt dieser Tasche, einen Reklamekalender des Hotels, ein Blatt mit einer
Aufgabe aus kaufmännischer Korrespondenz, einige Rock- und Hosenknöpfe, die
Visitenkarte der Oberköchin, einen Polierstift für die Nägel, den ihm einmal ein
Gast beim Kofferpacken zugeworfen hatte, einen alten Taschenspiegel, den ihm
Renell einmal zum Dank für vielleicht zehn Vertretungen im Dienste geschenkt
hatte, und noch ein paar Kleinigkeiten.
    »Da ist also nichts«, wiederholte der Oberportier und warf alles unter die
Bank, als sei es selbstverständlich, dass das Eigentum Karls, soweit es nicht
gestohlen war, unter die Bank gehöre.
    Jetzt ist's aber genug, sagte sich Karl - sein Gesicht musste glühend rot
sein -, und als der Oberportier, durch die Gier unvorsichtig gemacht, in Karls
zweiter Tasche herumgrub, fuhr Karl mit einem Ruck aus den Ärmeln heraus, stiess
im ersten, noch unbeherrschten Sprung einen Unterportier ziemlich stark gegen
seinen Apparat, lief durch die schwüle Luft, eigentlich langsamer, als er
beabsichtigt hatte, zur Tür, war aber glücklich draussen, ehe der Oberportier in
seinem schweren Mantel sich auch nur hatte erheben können. Die Organisation des
Wachdienstes musste doch nicht so mustergültig sein, es läutete zwar von einigen
Seiten, aber Gott weiss zu welchen Zwecken! Hotelangestellte gingen zwar im
Torgang in solcher Anzahl kreuz und quer, dass man fast daran denken konnte, sie
wollten in unauffälliger Weise den Ausgang unmöglich machen, denn viel sonstigen
Sinn konnte man in diesem Hin- und Hergehen nicht erkennen; jedenfalls kam Karl
bald ins Freie, musste aber noch das Hoteltrottoir entlanggehen, denn zur Strasse
konnte man nicht gelangen, da eine ununterbrochene Reihe von Automobilen
stockend sich am Haupttor vorbeibewegte. Diese Automobile waren, um nur so bald
als möglich zu ihrer Herrschaft zu kommen, geradezu ineinandergefahren, jedes
wurde vom nachfolgenden vorwärtsgeschoben. Fussgänger, die es besonders eilig
hatten, auf die Strasse zu gelangen, stiegen zwar hie und da durch die einzelnen
Automobile hindurch, als sei dort ein öffentlicher Durchgang, und es war ihnen
ganz gleichgültig, ob im Automobil nur der Chauffeur und die Dienerschaft sass
oder auch die vornehmsten Leute. Ein solches Benehmen schien aber Karl doch
übertrieben, und man musste sich wohl in den Verhältnissen schon auskennen, um
das zu wagen; wie leicht konnte er an ein Automobil geraten, dessen Insassen das
übelnahmen, ihn hinunterwarfen und einen Skandal veranlassten, und nichts hatte
er als ein entlaufener verdächtiger Hotelangestellter in Hemdärmeln mehr zu
fürchten. Schliesslich konnte ja die Reihe der Automobile nicht in Ewigkeit so
fortgehen, und er war auch, solange er sich ans Hotel hielt, eigentlich am
wenigsten verdächtig. Tatsächlich gelangte Karl endlich an eine Stelle, wo die
Automobilreihe zwar nicht aufhörte, aber zur Strasse hin abzog und lockerer
wurde. Gerade wollte er in den Verkehr der Strasse schlüpfen, in dem wohl noch
viel verdächtiger aussehende Leute, als er war, frei herumliefen, da hörte er in
der Nähe seinen Namen rufen. Er wandte sich um und sah, wie zwei ihm
wohlbekannte Liftjungen aus einer niedrigen, kleinen Türöffnung, die wie der
Eingang einer Gruft aussah, mit äusserster Anstrengung eine Bahre herauszogen,
auf der, wie Karl nun erkannte, wahrhaftig Robinson lag, Kopf, Gesicht und Arme
mannigfaltig umbunden. Es war hässlich anzusehen, wie er die Arme an die Augen
führte, um mit dem Verbande die Tränen abzuwischen, die er vor Schmerzen oder
vor sonstigem Leid oder gar vor Freude über das Wiedersehen mit Karl vergoss.
    »Rossmann«, rief er vorwurfsvoll, »warum lässt du mich denn so lange warten!
Schon eine Stunde verbringe ich damit, mich zu wehren, damit ich nicht
wegtransportiert werde, ehe du kommst. Diese Kerle« - und er gab dem einen
Liftjungen ein Kopfstück, als sei er durch die Verbände vor Schlägen geschützt -
»sind ja wahre Teufel. Ach, Rossmann, der Besuch bei dir ist mir teuer zu stehen
gekommen.«
    »Was hat man dir denn gemacht?« sagte Karl und trat an die Bahre heran,
welche die Liftjungen, um sich auszuruhen, lachend niederstellten.
    »Du fragst noch«, seufzte Robinson »und siehst, wie ich ausschaue. Bedenke,
ich bin ja höchstwahrscheinlich für mein ganzes Leben zum Krüppel geschlagen.
Ich habe fürchterliche Schmerzen von hier bis hierher« - und er zeigte zuerst
auf den Kopf und dann auf die Zehen - »ich möchte dir wünschen, dass du gesehen
hättest, wie ich aus der Nase geblutet habe. Meine Weste ist ganz verdorben, die
habe ich überhaupt dort gelassen, meine Hosen sind zerfetzt, ich bin in
Unterhosen« - und er lüftete die Decke ein wenig und lud Karl ein, unter sie zu
schauen.
    »Was wird nur aus mir werden! Ich werde zumindest einige Monate liegen
müssen, und das will ich dir gleich sagen, ich habe niemanden anderen als dich,
der mich pflegen könnte, Delamarche ist ja viel zu ungeduldig. Rossmann,
Rossmannchen!« Und Robinson streckte die Hand nach dem ein wenig zurücktretenden
Karl aus, um ihn durch Streicheln für sich zu gewinnen.
    »Warum habe ich dich nur besuchen müssen!« wiederholte er mehrere Male, um
Karl die Mitschuld nicht vergessen zu lassen, die dieser an seinem Unglück
hatte.
    Nun erkannte zwar Karl sofort, dass das Klagen Robinsons nicht von seinen
Wunden, sondern von dem ungeheueren Katzenjammer stammte, in dem er sich befand,
da er, in schwerer Trunkenheit kaum eingeschlafen, gleich geweckt und zu seiner
Überraschung blutig geboxt worden war und sich in der wachen Welt gar nicht mehr
zurechtfinden konnte. Die Bedeutungslosigkeit der Wunden war schon an den
unförmlichen, aus alten Fetzen bestehenden Verbänden zu sehen, mit denen ihn die
Liftjungen offenbar zum Spass ganz und gar umwickelt hatten. Und auch die zwei
Liftjungen an den Enden der Bahre prusteten vor Lachen von Zeit zu Zeit. Nun war
aber hier nicht der Ort, Robinson zur Besinnung zu bringen, denn stürmend eilten
hier die Passanten, ohne sich um die Gruppe an der Bahre zu kümmern, vorbei,
öfters sprangen Leute mit richtigem Turnerschwung über Robinson hinweg, der mit
Karls Geld bezahlte Chauffeur rief: »Vorwärts, vorwärts!« Die Liftjungen hoben
mit letzter Kraft die Bahre auf, Robinson erfasste Karls Hand und sagte
schmeichelnd: »Nun komm, so komm doch.« War nicht Karl in dem Aufzug, in dem er
sich befand, im Dunkel des Automobils noch am besten aufgehoben? Und so setzte
er sich neben Robinson, der den Kopf an ihn lehnte. Die zurückbleibenden
Liftjungen schüttelten ihm, als ihrem gewesenen Kollegen, durch das Coupéfenster
herzlich die Hand, und das Automobil drehte sich mit scharfer Wendung zur Strasse
hin. Es schien, als müsse unbedingt ein Unglück geschehen, aber gleich nahm der
alles umfassende Verkehr auch die schnurgerade Fahrt dieses Automobils ruhig in
sich auf.
 
                                    Ein Asyl
Es musste wohl eine entlegene Vorstadtstrasse sein, in der das Automobil
haltmachte, denn ringsherum herrschte Stille, am Trottoirrand hockten Kinder und
spielten. Ein Mann mit einer Menge alter Kleider über den Schultern rief
beobachtend zu den Fenstern der Häuser empor. In seiner Müdigkeit fühlte sich
Karl unbehaglich, als er aus dem Automobil auf den Asphalt trat, den die
Vormittagssonne warm und hell beschien.
    »Wohnst du wirklich hier?« rief er ins Automobil hinein.
    Robinson, der während der ganzen Fahrt friedlich geschlafen hatte, brummte
irgendeine undeutliche Bejahung und schien darauf zu warten, dass Karl ihn
hinaustragen werde.
    »Dann habe ich hier also nichts mehr zu tun. Leb wohl«, sagte Karl und
machte sich daran, die ein wenig sich senkende Strasse abwärts zu gehen.
    »Aber Karl, was fällt dir denn ein?« rief Robinson und stand schon vor
lauter Sorge ziemlich aufrecht, nur mit noch etwas unruhigen Knien, im Wagen.
    »Ich muss doch gehen«, sagte Karl, der der raschen Gesundung Robinsons
zugesehen hatte.
    »In Hemdärmeln?« fragte dieser.
    »Ich werde mir schon noch einen Rock verdienen«, antwortete Karl, nickte
Robinson zuversichtlich zu, grüsste mit erhobener Hand und wäre wirklich
fortgegangen, wenn nicht der Chauffeur gerufen hätte: »Noch einen kleinen
Augenblick Geduld, mein Herr!«
    Es zeigte sich unangenehmerweise, dass der Chauffeur noch Ansprüche auf eine
nachträgliche Bezahlung stellte, denn die Wartezeit vor dem Hotel war noch nicht
bezahlt.
    »Nun ja«, rief aus dem Automobil Robinson in Bestätigung der Richtigkeit
dieser Forderung, »ich habe ja dort so lange auf dich warten müssen. Etwas musst
du ihm noch geben.«
    »Ja, freilich«, sagte der Chauffeur.
    »Ja, wenn ich nur noch etwas hätte«, sagte Karl und griff in die
Hosentaschen, obwohl er wusste, dass es nutzlos war.
    »Ich kann mich nur an Sie halten«, sagte der Chauffeur und stellte sich
breitbeinig auf, »von dem kranken Mann dort kann ich nichts verlangen.«
    Vom Tor her näherte sich ein junger Bursch mit zerfressener Nase und hörte
aus einer Entfernung von einigen Schritten zu. Gerade machte durch die Strasse
ein Polizeimann die Runde, fasste mit gesenktem Gesicht den hemdärmeligen
Menschen ins Auge und blieb stehen.
    Robinson, der den Polizeimann auch bemerkt hatte, machte die Dummheit, aus
dem anderen Fenster ihm zuzurufen: »Es ist nichts, es ist nichts!«, als ob man
einen Polizeimann wie eine Fliege verscheuchen könnte. Die Kinder, welche den
Polizeimann beobachtet hatten, wurden nun durch sein Stillstehen auch auf Karl
und den Chauffeur aufmerksam und liefen im Trab herbei. Im Tor gegenüber stand
eine alte Frau und sah starr hinüber.
    »Rossmann!« rief da eine Stimme aus der Höhe. Es war Delamarche, der das vom
Balkon des letzten Stockwerks rief. Er selbst war nur schon recht undeutlich
gegen den weisslich blauen Himmel zu sehen, hatte offenbar einen Schlafrock an
und beobachtete mit einem Operngucker die Strasse. Neben ihm war ein roter
Sonnenschirm aufgespannt, unter dem eine Frau zu sitzen schien. »Halloh!« rief
er mit grösster Anstrengung, um sich verständlich zu machen, »ist Robinson auch
da?«
    »Ja«, antwortete Karl, von einem zweiten, viel lauteren »Ja« Robinsons aus
dem Wagen kräftig unterstützt.
    »Halloh!« rief es zurück, »ich komme gleich!«
    Robinson beugte sich aus dem Wagen.
    »Das ist ein Mann«, sagte er, und dieses Lob Delamarches war an Karl
gerichtet, an den Chauffeur, an den Polizeimann und an jeden, der es hören
wollte. Oben auf dem Balkon, den man aus Zerstreuteit noch ansah, obwohl ihn
Delamarche schon verlassen hatte, erhob sich nun unter dem Sonnenschirm
tatsächlich eine starke Frau in rotem, taillenlosem Kleid, nahm den Operngucker
von der Brüstung und sah durch ihn auf die Leute hinunter, die nur allmählich
die Blicke von ihr wandten. Karl sah in Erwartung Delamarches in das Haustor und
weiterhin in den Hof, den eine fast ununterbrochene Reihe von Geschäftsdienern
durchquerte, von denen jeder eine kleine, aber offenbar sehr schwere Kiste auf
der Achsel trug. Der Chauffeur war zu seinem Wagen getreten und putzte, um die
Zeit auszunützen, mit einem Fetzen die Wagenlaternen. Robinson befühlte seine
Gliedmassen, schien erstaunt über die geringen Schmerzen zu sein, die er trotz
grösster Aufmerksamkeit fühlen konnte, und begann vorsichtig, mit tief geneigtem
Gesicht, einen der dicken Verbände am Bein zu lösen. Der Polizeimann hielt sein
schwarzes Stöckchen quer vor sich und wartete still, mit der grossen Geduld, die
Polizeileute haben müssen, ob sie nun im gewöhnlichen Dienst oder auf der Lauer
sind. Der Bursche mit der zerfressenen Nase setzte sich auf einen Torstein und
streckte die Beine von sich. Die Kinder näherten sich Karl allmählich mit
kleinen Schritten, denn dieser schien ihnen, obwohl er sie nicht beachtete,
wegen seiner blauen Hemdärmel der wichtigste von allen zu sein.
    An der Länge der Zeit, die bis zur Ankunft Delamarches verging, konnte man
die grosse Höhe dieses Hauses ermessen. Und Delamarche kam sogar sehr eilig, mit
nur flüchtig zugezogenem Schlafrock.
    »Also, da seid ihr!« rief er erfreut und streng zugleich. Bei seinen grossen
Schritten entüllte sich stets für einen Augenblick seine farbige Unterkleidung.
Karl begriff nicht ganz, warum Delamarche hier, in der Stadt, in der riesigen
Mietskaserne, auf der offenen Strasse, so bequem angezogen herumging, als sei er
in seiner Privatvilla. Ebenso wie Robinson hatte auch Delamarche sich sehr
verändert. Sein dunkles, glatt rasiertes, peinlich reines, von roh
ausgearbeiteten Muskeln gebildetes Gesicht sah stolz und respekteinflössend aus.
Der grelle Schein seiner jetzt immer etwas zusammengezogenen Augen überraschte.
Sein violetter Schlafrock war zwar alt, fleckig und für ihn zu gross, aber aus
diesem hässlichen Kleidungsstück bauschte sich oben eine mächtige, dunkle
Krawatte aus schwerer Seide.
    »Nun?« fragte er alle insgesamt. Der Polizeimann trat ein wenig näher und
lehnte sich an den Motorkasten des Automobils. Karl gab eine kleine Erklärung.
    »Robinson ist ein wenig marod, aber wenn er sich Mühe gibt, wird er schon
die Treppen hinaufgehen können; der Chauffeur hier will noch eine Nachzahlung
zum Fahrgeld, das ich schon bezahlt habe. Und jetzt gehe ich. Guten Tag.«
    »Du gehst nicht«, sagte Delamarche.
    »Ich habe es ihm auch schon gesagt«, meldete sich Robinson aus dem Wagen.
    »Ich gehe doch«, sagte Karl und machte ein paar Schritte. Aber Delamarche
war schon hinter ihm und schob ihn mit Gewalt zurück.
    »Ich sage, du bleibst!« rief er.
    »Aber lasst mich doch«, sagte Karl und machte sich bereit, wenn es nötig sein
sollte, mit den Fäusten sich die Freiheit zu verschaffen, so wenig Aussicht auf
Erfolg gegenüber einem Mann wie Delamarche auch war. Aber da stand doch der
Polizeimann, da war der Chauffeur, hie und da gingen Arbeitergruppen durch die
sonst freilich ruhige Strasse; würde man es denn dulden, dass ihm von Delamarche
ein Unrecht geschehe? In einem Zimmer hätte er mit ihm nicht allein sein wollen,
aber hier? Delamarche zahlte jetzt ruhig dem Chauffeur, der unter vielen
Verbeugungen den unverdient grossen Betrag einsteckte und aus Dankbarkeit zu
Robinson ging und mit diesem offenbar darüber sprach, wie er am besten
herausbefördert werden könnte. Karl sah sich unbeobachtet, vielleicht duldete
Delamarche ein stillschweigendes Fortgehen leichter; wenn Streit vermieden
werden konnte, war es natürlich am besten, und so ging Karl einfach in die
Fahrbahn hinein, um möglichst rasch wegzukommen. Die Kinder strömten zu
Delamarche, um ihn auf Karls Flucht aufmerksam zu machen, aber er musste selbst
gar nicht eingreifen, denn der Polizeimann sagte mit vorgestrecktem Stabe
»Halt!« »Wie heisst du?« fragte er, schob den Stab unter den Arm und zog langsam
ein Buch hervor. Karl sah ihn jetzt zum erstenmal genauer an, es war ein
kräftiger Mann, hatte aber schon fast ganz weisses Haar.
    »Karl Rossmann«, sagte er.
    »Rossmann«, wiederholte der Polizeimann, zweifellos nur, weil er ein ruhiger
und gründlicher Mensch war, aber Karl, der es hier eigentlich zum erstenmal mit
amerikanischen Behörden zu tun bekam, sah schon in dieser Wiederholung das
Aussprechen eines gewissen Verdachtes. Und tatsächlich konnte seine Sache nicht
gut stehen, denn selbst Robinson, der doch so sehr mit seinen eigenen Sorgen
beschäftigt war, bat aus dem Wagen heraus mit stummen lebhaften Handbewegungen
den Delamarche, er möge Karl doch helfen. Aber Delamarche wehrte ihn mit
hastigem Kopfschütteln ab und sah untätig zu, die Hände in seinen übergrossen
Taschen. Der Bursche auf dem Türstein erklärte einer Frau, die jetzt erst aus
dem Tore trat, den ganzen Sachverhalt von allem Anfang an. Die Kinder standen in
einem Halbkreis hinter Karl und sahen still zum Polizeimann hinauf.
    »Zeig deine Ausweispapiere«, sagte der Polizeimann. Das war wohl nur eine
formelle Frage; denn wenn man keinen Rock hat, wird man auch nicht viel
Ausweispapiere bei sich haben. Karl schwieg deshalb, um lieber auf die nächste
Frage ausführlich zu antworten und so den Mangel der Ausweispapiere möglichst zu
vertuschen.
    Aber die nächste Frage war: »Du hast also keine Ausweispapiere?« und Karl
musste antworten: »Bei mir nicht.«
    »Das ist aber schlimm«, sagte der Polizeimann, sah nachdenklich im Kreise
umher und klopfte mit zwei Fingern auf den Deckel seines Buches.
    »Hast du irgendeinen Verdienst?« fragte der Polizeimann schliesslich.
    »Ich war Liftjunge«, sagte Karl.
    »Du warst Liftjunge, bist es also nicht mehr, und wovon lebst du denn
jetzt?«
    »Jetzt werde ich mir eine neue Arbeit suchen.«
    »Ja, bist du denn entlassen worden?«
    »Ja, vor einer Stunde.«
    »Plötzlich?«
    »Ja«, sagte Karl und hob wie zur Entschuldigung die Hand. Die ganze
Geschichte konnte er hier nicht erzählen, und wenn es auch möglich gewesen wäre,
so schien es doch ganz aussichtslos, ein drohendes Unrecht durch Erzählung eines
erlittenen Unrechts abzuwehren. Und wenn er sein Recht nicht von der Güte der
Oberköchin und von der Einsicht des Oberkellners erhalten hatte, von der
Gesellschaft hier auf der Strasse hatte er es gewiss nicht zu erwarten.
    »Und ohne Rock bist du entlassen worden?« fragte der Polizeimann.
    »Nun ja«, sagte Karl; also auch in Amerika gehörte es zur Art der Behörden,
das, was sie sahen, noch eigens zu fragen. (Wie hatte sein Vater bei der
Beschaffung des Reisepasses über die nutzlosen Fragereien der Behörden sich
ärgern müssen!) Karl hatte grosse Lust wegzulaufen, sich irgendwo zu verstecken
und keine Fragen mehr anhören zu müssen. Und nun stellte gar der Polizeimann
jene Frage, vor der sich Karl am meisten gefürchtet und in deren unruhiger
Voraussicht er sich bisher wahrscheinlich unvorsichtiger benommen hatte, als es
sonst geschehen wäre.
    »In welchem Hotel warst du denn angestellt?«
    Er senkte den Kopf und antwortete nicht, auf diese Frage wollte er unbedingt
nicht antworten. Es durfte nicht geschehen, dass er, von einem Polizeimann
eskortiert, wieder ins Hotel Occidental zurückkäme, dass dort Verhöre
stattfanden, zu denen seine Freunde und Feinde bei gezogen würden, dass die
Oberköchin ihre schon sehr schwach gewordene gute Meinung über Karl gänzlich
aufgab, da sie ihn, den sie in der Pension Brenner vermutete, von einem
Polizeimann aufgegriffen, in Hemdärmeln, ohne ihre Visitenkarte, zurückgekehrt
fand, während der Oberkellner vielleicht nur voll Verständnis nicken und der
Oberportier dagegen von der Hand Gottes sprechen würde, die den Lumpen endlich
gefunden habe.
    »Er war im Hotel Occidental angestellt«, sagte Delamarche und trat an die
Seite des Polizeimannes.
    »Nein«, rief Karl und stampfte mit dem Fusse auf, »es ist nicht wahr!«
Delamarche sah ihn mit spöttisch zugespjetztem Munde an, als könne er noch ganz
andere Dinge verraten. Unter die Kinder brachte die unerwartete Aufregung Karls
grosse Bewegung, und sie zogen zu Delamarche hin, um lieber von dort aus Karl
genau anzusehen. Robinson hatte den Kopf völlig aus dem Wagen gesteckt und
verhielt sich vor Spannung ganz ruhig; hie und da ein Augenzwinkern war seine
einzige Bewegung. Der Bursche im Tor schlug in die Hände vor Vergnügen, die Frau
neben ihm gab ihm einen Stoss mit dem Ellbogen, damit er ruhig sei. Die
Gepäckträger hatten gerade Frühstückspause und erschienen sämtlich, mit grossen
Töpfen schwarzen Kaffees, in dem sie mit Stangenbroten herumführten. Einige
setzten sich auf den Trottoirrand, alle schlürften den Kaffee sehr laut.
    »Sie kennen wohl den Jungen?« fragte der Polizeimann den Delamarche.
    »Besser, als mir lieb ist«, sagte dieser.
    »Ich habe ihm seinerzeit viel Gutes getan, er aber hat sich dafür sehr
schlecht bedankt, was Sie wohl, selbst nach dem ganz kurzen Verhör, das Sie mit
ihm angestellt haben, leicht begreifen werden.«
    »Ja«, sagte der Polizeimann »er scheint ein verstockter Junge zu sein.«
    »Das ist er«, sagte Delamarche, »aber es ist das noch nicht seine
schlechteste Eigenschaft«.
    »So?« sagte der Polizeimann.
    »Ja«, sagte Delamarche, der nun im Reden war und dabei mit den Händen in den
Taschen seinen ganzen Mantel in schwingende Bewegung brachte, »das ist ein
feiner Hecht. Ich und mein Freund dort im Wagen, wir haben ihn zufällig im Elend
aufgegriffen, er hatte damals keine Ahnung von amerikanischen Verhältnissen, er
kam gerade aus Europa, wo man ihn auch nicht hatte brauchen können; nun, wir
schleppten ihn mit uns, liessen ihn mit uns leben, erklärten ihm alles, wollten
ihm einen Posten verschaffen, dachten, trotz allen Anzeichen, die dagegen
sprachen, noch einen brauchbaren Menschen aus ihm zu machen, da verschwand er
einmal in der Nacht, war einfach weg, und das unter Begleitumständen, die ich
lieber verschweigen will. War es so oder nicht?« fragte Delamarche schliesslich
und zupfte Karl am Hemdärmel.
    »Zurück, ihr Kinder!« rief der Polizeimann, denn diese hatten sich so weit
vorgedrängt, dass Delamarche fast über eines gestolpert wäre. Inzwischen waren
auch die Gepäckträger, die bisher die Interessanteit dieses Verhörs
unterschätzt hatten, aufmerksam geworden und hatten sich in dichtem Ring hinter
Karl versammelt, der nun auch nicht einen Schritt hätte zurücktreten können und
überdies unaufhörlich in den Ohren das Durcheinander der Stimmen dieser
Gepäckträger hatte, die in einem gänzlich unverständlichen, vielleicht mit
slawischen Worten untermischten Englisch mehr polterten als redeten.
    »Danke für die Auskunft«, sagte der Polizeimann und salutierte vor
Delamarche. »Jedenfalls werde ich ihn mitnehmen und dem Hotel Occidental
zurückgeben lassen.« Aber Delamarche sagte: »Dürfte ich die Bitte stellen, mir
den Jungen vorläufig zu überlassen, ich hätte einiges mit ihm in Ordnung zu
bringen. Ich verpflichte mich, ihn dann selbst ins Hotel zurückzuführen.«
    »Das kann ich nicht tun«, sagte der Polizeimann.
    Delamarche sagte: »Hier ist meine Visitenkarte«, und reichte ihm ein
Kärtchen.
    Der Polizeimann sah es anerkennend an, sagte aber, verbindlich lächelnd:
»Nein, es ist vergeblich.«
    So sehr sich Karl bisher vor Delamarche gehütet hatte, jetzt sah er in ihm
die einzig mögliche Rettung. Es war zwar verdächtig, wie sich dieser beim
Polizeimann um Karl bewarb, aber jedenfalls würde sich Delamarche leichter als
der Polizeimann bewegen lassen, ihn nicht ins Hotel zurückzuführen. Und selbst
wenn Karl an der Hand des Delamarche ins Hotel zurückkam, so war es viel weniger
schlimm, als wenn es in Begleitung des Polizeimannes geschah. Vorläufig aber
durfte natürlich Karl nicht zu erkennen geben, dass er tatsächlich zu Delamarche
wollte, sonst war alles verloren. Und unruhig sah er auf die Hand des
Polizeimannes, die sich jeden Augenblick erheben konnte, um ihn zu fassen.
    »Ich müsste doch wenigstens erfahren, warum er plötzlich entlassen worden
ist«, sagte schliesslich der Polizeimann, während Delamarche mit verdriesslichem
Gesicht beiseite sah und die Visitenkarte zwischen den Fingerspitzen zerdrückte.
    »Aber er ist doch gar nicht entlassen!« rief Robinson zu allgemeiner
Überraschung und beugte sich, auf den Chauffeur gestützt, möglichst weit aus dem
Wagen. »Im Gegenteil, er hat ja dort einen guten Posten. Im Schlafsaal ist er
der oberste und kann hineinführen, wen er will. Nur ist er riesig beschäftigt,
und wenn man etwas von ihm haben will, muss man lange warten. Immerfort steckt er
beim Oberkellner, bei der Oberköchin und ist Vertrauensperson. Entlassen ist er
auf keinen Fall. Ich weiss nicht, warum er das gesagt hat. Wie kann er denn
entlassen sein? Ich habe mich im Hotel schwer verletzt, und da hat er den
Auftrag bekommen, mich nach Hause zu schaffen, und weil er gerade ohne Rock war,
ist er eben ohne Rock mitgefahren. Ich konnte nicht noch warten, bis er den Rock
holt.«
    »Nun also«, sagte Delamarche mit ausgebreiteten Armen, in einem Ton, als
werfe er dem Polizeimann Mangel an Menschenkenntnis vor, und diese seine zwei
Worte schienen in die Unbestimmteit der Aussage Robinsons eine widerspruchslose
Klarheit zu bringen.
    »Ist das aber auch wahr?« fragte der Polizeimann schon schwächer. »Und wenn
es wahr ist, warum gibt der Junge vor, entlassen zu sein?«
    »Du sollst antworten«, sagte Delamarche.
    Karl sah den Polizeimann an, der hier zwischen fremden, nur auf sich selbst
bedachten Leuten Ordnung schaffen sollte, und etwas von seinen allgemeinen
Sorgen ging auch auf Karl über. Er wollte nicht lügen und hielt die Hände fest
verschlungen auf dem Rücken.
    In dem Tore erschien ein Aufseher und klatschte in die Hände, zum Zeichen,
dass die Gepäckträger wieder an ihre Arbeit gehen sollten. Sie schütteten den
Bodensatz aus ihren Kaffeetöpfen und zogen verstummend mit schwankenden
Schritten ins Haus.
    »So kommen wir zu keinem Ende«, sagte der Polizeimann und wollte Karl am Arm
fassen. Karl wich unwillkürlich noch ein wenig zurück, fühlte den freien Raum,
der sich ihm infolge des Abmarsches der Gepäckträger eröffnet hatte, wandte sich
um und setzte sich unter einigen grossen Anfangssprüngen in Lauf. Die Kinder
brachen in einen einzigen Schrei aus und liefen mit ausgestreckten Ärmchen ein
paar Schritte mit.
    »Haltet ihn!« rief der Polizeimann die lange, fast leere Gasse hinab und
lief unter gleichmässigem Ausstossen dieses Rufes in geräuschlosem, grosse Kraft
und Übung verratendem Lauf hinter Karl her. Es war ein Glück für Karl, dass die
Verfolgung in einem Arbeiterviertel stattfand. Die Arbeiter halten es nicht mit
den Behörden. Karl lief mitten in der Fahrbahn, weil er dort die wenigsten
Hindernisse hatte, und sah nun hie und da auf dem Trottoir Arbeiter
stehenbleiben und ihn ruhig beobachten, während der Polizeimann ihnen sein
»Haltet ihn!« zurief und in seinem Lauf, er hielt sich klugerweise auf dem
glatten Trottoir, unaufhörlich den Stab gegen Karl hin ausstreckte. Karl hatte
wenig Hoffnung und verlor sie fast ganz, als der Polizeimann nun, da sie sich
Quergassen näherten, die gewiss auch Polizeipatrouillen entielten, geradezu
betäubende Pfiffe ausstiess. Karls Vorteil war lediglich seine leichte Kleidung,
er flog, oder besser stürzte, die sich immer mehr senkende Strasse hinab, nur
machte er, zerstreut infolge seiner Verschlafenheit, oft zu hohe, zeitraubende
und nutzlose Sprünge. Ausserdem aber hatte der Polizeimann sein Ziel, ohne
nachdenken zu müssen, immer vor Augen, für Karl dagegen war der Lauf doch
eigentlich Nebensache, er musste nachdenken, unter verschiedenen Möglichkeiten
auswählen, immer neu sich entschliessen. Sein etwas verzweifelter Plan war
vorläufig, die Quergassen zu vermeiden, da man nicht wissen konnte, was in ihnen
steckte, vielleicht würde er da geradewegs in eine Wachstube hineinlaufen; er
wollte sich, solange es nur ging, an diese weitin übersichtliche Strasse halten,
die erst tief unten in eine Brücke auslief, die, kaum begonnen, in Wasser- und
Sonnendunst verschwand. Gerade wollte er sich nach diesem Entschluss zu
schnellerem Lauf zusammennehmen, um die erste Querstrasse besonders eilig zu
passieren, da sah er nicht allzu weit vor sich einen Polizeimann, lauernd an die
dunkle Mauer eines im Schatten liegenden Hauses gedrückt, bereit, im richtigen
Augenblick auf Karl loszuspringen. Jetzt blieb keine Hilfe als die Quergasse,
und als er gar aus dieser Gasse ganz harmlos beim Namen gerufen wurde - es
schien ihm zwar zuerst eine Täuschung zu sein, denn ein Sausen hatte er schon
die ganze Zeit lang in den Ohren -, zögerte er nicht mehr länger und bog, um die
Polizeileute möglichst zu überraschen, auf einem Fuss sich schwenkend,
rechtwinklig in diese Gasse ein.
    Kaum war er zwei Sprünge weit gekommen - dass man seinen Namen gerufen hatte,
hatte er schon wieder vergessen, nun pfiff auch der zweite Polizeimann, man
merkte seine unverbrauchte Kraft, ferne Passanten in dieser Querstrasse schienen
eine raschere Gangart anzunehmen -, da griff aus einer kleinen Haustüre eine
Hand nach Karl und zog ihn mit den Worten »Still sein!« in einen dunklen Flur.
Es war Delamarche, ganz ausser Atem, mit erhitzen Wangen, seine Haare klebten
ihm rings um den Kopf. Den Schlafrock trug er unter dem Arm und war nur mit Hemd
und Unterhose bekleidet. Die Türe, welche nicht das eigentliche Haustor war,
sondern nur einen unscheinbaren Nebeneingang bildete, hatte er gleich
geschlossen und versperrt.
    »Einen Augenblick«, sagte er dann, lehnte sich mit hochgehaltenem Kopf an
die Wand und atmete schwer. Karl lag fast in seinen Armen und drückte halb
besinnungslos das Gesicht an seine Brust.
    »Da laufen die Herren«, sagte Delamarche und streckte den Finger aufhorchend
gegen die Tür. Wirklich liefen jetzt die zwei Polizeileute vorbei, ihr Laufen
klang in der leeren Gasse, wie wenn Stahl gegen Stein geschlagen wird.
    »Du bist aber ordentlich hergenommen«, sagte Delamarche zu Karl, der noch
immer an seinem Atem würgte und kein Wort herausbringen konnte. Delamarche
setzte ihn vorsichtig auf den Boden, kniete neben ihm nieder, strich ihm
mehrmals über die Stirn und beobachtete ihn.
    »Jetzt geht es schon«, sagte Karl und stand mühsam auf.
    »Dann also los«, sagte Delamarche, der seinen Schlafrock wieder angezogen
hatte, und schob Karl, der noch vor Schwäche den Kopf gesenkt hielt, vor sich
her. Von Zeit zu Zeit schüttelte er Karl, um ihn frischer zu machen.
    »Du willst müde sein?« sagte er. »Du konntest doch im Freien laufen wie ein
Pferd, ich aber musste hier durch die verfluchten Gänge und Höfe schleichen.
Glücklicherweise bin ich aber auch ein Läufer.« Vor Stolz gab er Karl einen weit
ausgeholten Schlag auf den Rücken.
    »Von Zeit zu Zeit ist ein solches Wettrennen mit der Polizei eine gute
Übung.«
    »Ich war schon müde, wie ich zu laufen anfing«, sagte Karl.
    »Für schlechtes Laufen gibt es keine Entschuldigung«, sagte Delamarche.
    »Wenn ich nicht wäre, hätten sie dich schon längst gefasst.«
    »Ich glaube auch«, sagte Karl.
    »Ich bin Ihnen sehr verpflichtet.«
    »Kein Zweifel«, sagte Delamarche.
    Sie gingen durch einen langen, schmalen Flurgang, der mit dunklen, glatten
Steinen gepflastert war. Hie und da öffnete sich rechts oder links ein
Treppenaufgang oder man erhielt einen Durchblick in einen anderen grösseren Flur.
Erwachsene waren kaum zu sehen, nur Kinder spielten auf den leeren Treppen. An
einem Geländer stand ein kleines Mädchen und weinte, dass ihr vor Tränen das
ganze Gesicht glänzte. Kaum hatte sie Delamarche bemerkt, als sie, mit offenem
Munde nach Luft schnappend, die Treppe hinauflief und sich erst hoch oben
beruhigte, als sie nach häufigem Umdrehen sich überzeugt hatte, dass ihr niemand
folge oder folgen wolle.
    »Die habe ich vor einem Augenblick niedergerannt«, sagte Delamarche lachend
und drohte ihr mit der Faust, worauf sie schreiend weiter hinauflief.
    Auch die Höfe, durch die sie kamen, waren fast gänzlich verlassen. Nur hie
und da schob ein Geschäftsdiener einen zweirädrigen Karren vor sich her, eine
Frau füllte an der Pumpe eine Kanne mit Wasser, ein Briefträger durchquerte mit
ruhigen Schritten den ganzen Hof, ein alter Mann mit weissem Schnauzbart sass mit
übergeschlagenen Beinen vor einer Glastür und rauchte eine Pfeife, vor einem
Speditionsgeschäft wurden Kisten abgeladen, die unbeschäftigten Pferde drehten
gleichmütig die Köpfe, ein Mann in einem Arbeitsmantel überwachte mit einem
Papier in der Hand die ganze Arbeit; in einem Büro war das Fenster geöffnet, und
ein Angestellter, der an seinem Schreibpult sass, hatte sich von ihm abgewendet
und sah nachdenklich hinaus, wo gerade Karl und Delamarche vorübergingen.
    »Eine ruhigere Gegend kann man sich gar nicht wünschen«, sagte Delamarche.
    »Am Abend ist ein paar Stunden lang grosser Lärm, aber während des Tages geht
es hier musterhaft zu.« Karl nickte, ihm schien die Ruhe zu gross zu sein.
    »Ich könnte gar nicht anderswo wohnen«, sagte Delamarche, »denn Brunelda
verträgt absolut keinen Lärm. Kennst du Brunelda? Nun, du wirst sie ja sehen.
Jedenfalls empfehle ich dir, dich möglichst still aufzuführen.«
    Als sie zu der Treppe kamen, die zur Wohnung Delamarches führte, war das
Automobil bereits weggefahren, und der Bursche mit der zerfressenen Nase
meldete, ohne über Karls Wiedererscheinen irgendwie zu staunen, er habe Robinson
die Treppe hinaufgetragen. Delamarche nickte ihm bloss zu, als sei er sein
Diener, der eine selbstverständliche Pflicht erfüllt habe, und zog Karl, der ein
wenig zögerte und auf die sonnige Strasse sah, mit sich die Treppe hinauf. »Wir
sind gleich oben«, sagte Delamarche einige Male während des Treppensteigens,
aber seine Voraussage wollte sich nicht erfüllen, immer wieder setzte sich an
eine Treppe eine neue in nur unmerklich veränderter Richtung an. Einmal blieb
Karl sogar stehen, nicht eigentlich vor Müdigkeit, aber vor Wehrlosigkeit
gegenüber dieser Treppenlänge.
    »Die Wohnung liegt ja sehr hoch«, sagte Delamarche, als sie weitergingen,
»aber auch das hat seine Vorteile. Man geht sehr selten aus, den ganzen Tag ist
man im Schlafrock, wir haben es sehr gemütlich. Natürlich kommen in diese Höhe
auch keine Besuche herauf.«
    Woher sollten denn die Besuche kommen? dachte Karl. Endlich erschien auf
einem Treppenabsatz Robinson vor einer geschlossenen Wohnungstür, und nun waren
sie angelangt; die Treppe war noch nicht einmal zu Ende, sondern führte im
Halbdunkel weiter, ohne dass irgend etwas auf ihren baldigen Abschluss hinzudeuten
schien.
    »Ich habe es mir ja gedacht«, sagte Robinson leise, als bedrückten ihn noch
Schmerzen »Delamarche bringt ihn! Rossmann, was wärest du ohne Delamarche!«
Robinson stand in Unterkleidung da und suchte sich nur, soweit es möglich war,
in die kleine Bettdecke einzuwickeln, die man ihm aus dem Hotel Occidental
mitgegeben hatte; es war nicht einzusehen, warum er nicht in die Wohnung ging,
statt hier vor möglicherweise vorüberkommenden Leuten sich lächerrlich zu machen.
    »Schläft sie?« fragte Delamarche.
    »Ich glaube nicht«, sagte Robinson, »aber ich habe doch lieber gewartet, bis
du kommst.«
    »Zuerst müssen wir schauen, ob sie schläft«, sagte Delamarche und beugte
sich zum Schlüsselloch. Nachdem er lange unter verschiedenartigen Kopfdrehungen
hindurchgeschaut hatte, erhob er sich und sagte: »Man sieht sie nicht genau, das
Rouleau ist heruntergelassen. Sie sitzt auf dem Kanapee, aber vielleicht schläft
sie.«
    »Ist sie denn krank?« fragte Karl, denn Delamarche stand da, als bitte er um
Rat. Nun aber fragte er in scharfem Tone zurück: »Krank?«
    »Er kennt sie ja nicht«, sagte Robinson entschuldigend.
    Ein paar Türen weiter waren zwei Frauen auf den Korridor getreten, sie
wischten die Hände an ihren Schürzen rein, sahen auf Delamarche und Robinson und
schienen sich über sie zu unterhalten. Aus einer Tür sprang ein noch ganz junges
Mädchen mit glänzendem blondem Haar und schmiegte sich zwischen die zwei Frauen,
indem es sich in ihre Arme einhängte.
    »Das sind widerliche Weiber«, sagte Delamarche leise, aber offenbar nur aus
Rücksicht auf die schlafende Brunelda, »nächstens werde ich sie bei der Polizei
anzeigen und werde für Jahre Ruhe vor ihnen haben. Schau nicht hin«, zischte er
dann Karl an, der nichts Böses daran gefunden hatte, die Frauen anzuschauen,
wenn man nun schon einmal auf dem Gang auf das Erwachen Bruneldas warten musste.
Und ärgerlich schüttelte er den Kopf, als habe er von Delamarche keine
Ermahnungen anzunehmen, und wollte, um dies noch deutlicher zu zeigen, auf die
Frauen zugehen, da hielt ihn aber Robinson mit den Worten »Rossmann, hüte dich!«
am Ärmel zurück, und Delamarche, schon durch Karl gereizt, wurde über ein lautes
Auflachen des Mädchens so wütend, dass er mit grossem Anlauf, Arme und Beine
werfend, auf die Frauen zueilte, die jede in ihre Türe wie weggeweht
verschwanden.
    »So muss ich hier öfters die Gänge reinigen«, sagte Delamarche, als er mit
langsamen Schritten zurückkehrte; da erinnerte er sich an Karls Widerstand und
sagte: »Von dir aber erwarte ich ein ganz anderes Benehmen, sonst könntest du
mit mir schlechte Erfahrungen machen.«
    Da rief aus dem Zimmer eine fragende Stimme in sanftem, müdem Tonfall:
»Delamarche?«
    »Ja«, antwortete Delamarche und sah freundlich die Tür an, »können wir
eintreten?«
    »O ja«, hiess es, und Delamarche öffnete, nachdem er noch die zwei hinter ihm
Wartenden mit einem Blick gestreift hatte, langsam die Tür.
    Man trat in vollständiges Dunkel ein. Der Vorhang der Balkontüre, ein
Fenster war nicht vorhanden, war bis zum Boden hinabgelassen und wenig
durchscheinend, ausserdem aber trug die Überfüllung des Zimmers mit Möbeln und
herumhängenden Kleidern viel zu seiner Verdunkelung bei. Die Luft war dumpf, und
man roch geradezu den Staub, der sich hier in Winkeln, die offenbar für jede
Hand unzugänglich waren, angesammelt hatte. Das erste, was Karl beim Eintritt
bemerkte, waren drei Kasten, die knapp hintereinander aufgestellt waren.
    Auf dem Kanapee lag die Frau, die früher vom Balkon hinuntergeschaut hatte.
Ihr rotes Kleid hatte sich unten ein wenig verzogen und hing in einem grossen
Zipfel bis auf den Boden, man sah ihre Beine fast bis zu den Knien, sie trug
dicke weisse Wollstrümpfe; Schuhe hatte sie keine.
    »Das ist eine Hitze, Delamarche«, sagte sie, wandte das Gesicht von der
Wand, hielt ihre Hand lässig in Schwebe gegen Delamarche hin, der sie ergriff
und küsste. Karl sah nur ihr Doppelkinn an, das bei der Wendung des Kopfes auch
mitrollte.
    »Soll ich den Vorhang vielleicht hinaufziehen lassen?« fragte Delamarche.
    »Nur das nicht«, sagte sie mit geschlossenen Augen und wie verzweifelt,
»dann wird es ja noch ärger.«
    Karl war zum Fussende des Kanapees getreten, um die Frau genauer anzusehen,
er wunderte sich über ihre Klagen, denn die Hitze war gar nicht ausserordentlich.
    »Warte, ich werde es dir ein wenig bequem machen«, sagte Delamarche
ängstlich, öffnete oben am Halse ein paar Knöpfe und zog dort das Kleid
auseinander, so dass der Hals und der Ansatz der Brust frei wurde und ein zarter,
gelblicher Spitzensaum des Hemdes erschien.
    »Wer ist das«, sagte die Frau plötzlich und zeigte mit dem Finger auf Karl
»warum starrt er mich so an?«
    »Du fängst bald an, dich nützlich zu machen«, sagte Delamarche und schob
Karl beiseite, während er die Frau mit den Worten beruhigte: »Es ist nur der
Junge, den ich zu deiner Bedienung mitgebracht habe.«
    »Aber ich will doch niemanden haben!« rief sie.
    »Warum bringst du mir fremde Leute in die Wohnung?«
    »Aber die ganze Zeit wünschst du dir doch eine Bedienung«, sagte Delamarche
und kniete nieder; auf dem Kanapee war trotz seiner grossen Breite neben Brunelda
nicht der geringste Platz.
    »Ach, Delamarche«, sagte sie, »du verstehst mich nicht und verstehst mich
nicht.«
    »Dann verstehe ich dich also wirklich nicht«, sagte Delamarche und nahm ihr
Gesicht zwischen beide Hände.
    »Aber es ist ja nichts geschehen, wenn du willst, geht er augenblicklich
fort.«
    »Wenn er schon einmal hier ist, soll er bleiben«, sagte sie nun wieder, und
Karl war ihr in seiner Müdigkeit für diese vielleicht gar nicht freundlich
gemeinten Worte so dankbar, dass er, immer in undeutlichen Gedanken an diese
endlose Treppe, die er nun vielleicht gleich wieder hätte abwärtssteigen müssen,
über den auf seiner Decke friedlich schlafenden Robinson hinwegtrat und trotz
allem ärgerlichen Händefuchteln Delamarches sagte: »Ich danke Ihnen jedenfalls
dafür, dass Sie mich noch ein wenig hier lassen wollen. Ich habe wohl schon
vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, dabei genug gearbeitet und verschiedene
Aufregungen gehabt. Ich bin schrecklich müde. Ich weiss gar nicht recht, wo ich
bin. Wenn ich aber ein paar Stunden geschlafen habe, können Sie mich ohne
Rücksichtnahme fortschicken, und ich werde gerne gehen.«
    »Du kannst überhaupt hierbleiben«, sagte die Frau und fügte ironisch hinzu,
»Platz haben wir ja in Überfluss, wie du siehst.«
    »Du musst also fortgehen«, sagte Delamarche, »wir können dich nicht
brauchen.«
    »Nein, er soll bleiben«, sagte die Frau nun wieder im Ernste. Und Delamarche
sagte zu Karl wie in Ausführung dieses Wunsches: »Also leg dich schon irgendwo
hin.«
    »Er kann sich auf die Vorhänge legen, aber er muss sich die Stiefel
ausziehen, damit er nichts zerreisst.«
    Delamarche zeigte Karl den Platz, den sie meinte. Zwischen der Türe und den
drei Schränken war ein grosser Haufen von verschiedenartigsten Fenstervorhängen
hingeworfen. Wenn man alle regelmässig zusammengefaltet, die schweren zu unterst
und weiter hinauf die leichteren gelegt und schliesslich die verschiedenen in den
Haufen gesteckten Bretter und Holzringe herausgezogen hätte, so wäre es ein
erträgliches Lager geworden, so war es nur eine schaukelnde und gleitende Masse,
auf die sich aber Karl trotzdem augenblicklich legte, denn zu besonderen
Schlafvorbereitungen war er zu müde und musste sich auch mit Rücksicht auf seine
Gastgeber hüten, viel Umstände zu machen.
    Er war schon fast im eigentlichen Schlaf, da hörte er einen lauten Schrei,
erhob sich und sah die Brunelda aufrecht auf dem Kanapee sitzen, die Arme weit
ausbreiten und Delamarche, der vor ihr kniete, umschlingen. Karl, dem der
Anblick peinlich war, lehnte sich wieder zurück und versenkte sich in die
Vorhänge zur Fortsetzung des Schlafes. Dass er es hier auch nicht zwei Tage
aushalten würde, schien ihm klar zu sein, desto nötiger aber war es, sich zuerst
gründlich auszuschlafen, um sich dann bei völligem Verstande schnell und richtig
entschliessen zu können.
    Aber Brunelda hatte schon Karls vor Müdigkeit gross aufgerissene Augen, die
sie schon einmal erschreckt hatten, bemerkt und rief: »Delamarche, ich halte es
vor Hitze nicht aus, ich brenne, ich muss mich ausziehen, ich muss baden, schick
die beiden aus dem Zimmer, wohin du willst, auf den Gang, auf den Balkon, nur
dass ich sie nicht mehr sehe! Man ist in seiner eigenen Wohnung, und immerfort
gestört. Wenn ich mit dir allein wäre, Delamarche! Ach Gott, sie sind noch immer
da! Wie dieser unverschämte Robinson sich in Gegenwart einer Dame in seiner
Unterkleidung streckt. Und wie dieser fremde Junge, der mich vor einem
Augenblick ganz wild angeschaut hat, sich wieder gelegt hat, um mich zu
täuschen! Nur weg mit ihnen, Delamarche, sie sind mir eine Last, sie liegen mir
auf der Brust, wenn ich jetzt umkomme, ist es ihretwegen.«
    »Sofort sind sie draussen, zieh dich nur aus«, sagte Delamarche, ging zu
Robinson hin und schüttelte ihn mit dem Fuss, den er ihm auf die Brust setzte.
Gleichzeitig rief er Karl zu: »Rossmann, aufstehen! Ihr müsst beide auf den
Balkon! Und wehe euch, wenn ihr hereinkommt, ehe man euch ruft! Und jetzt flink,
Robinson« - dabei schüttelte er Robinson stärker - »und du, Rossmann, gib acht,
dass ich nicht auch über dich komme«, dabei klatschte er laut zweimal in die
Hände.
    »Wie lang das dauert!« rief Brunelda auf dem Kanapee, sie hatte beim Sitzen
die Beine weit auseinandergestellt, um ihrem übermässig dicken Körper mehr Raum
zu verschaffen, nur mit grösster Anstrengung, unter vielem Schnappen und häufigem
Ausruhen, konnte sie sich so weit bücken, um ihre Strümpfe am obersten Ende zu
fassen und ein wenig hinunterzuziehen, gänzlich ausziehen konnte sie sich nicht,
das musste Delamarche besorgen, auf den sie nun ungeduldig wartete.
    Ganz stumpf vor Müdigkeit war Karl von dem Haufen hinuntergekrochen und ging
langsam zur Balkontüre, ein Stück Vorhangstoff hatte sich ihm um den Fuss
gewickelt, und er schleppte es gleichgültig mit. In seiner Zerstreuteit sagte
er sogar, als er an Brunelda vorüberkam: »Ich wünsche gute Nacht« und wanderte
dann an Delamarche vorbei, der den Vorhang der Balkontüre ein wenig beiseite
zog, auf den Balkon hinaus. Gleich hinter Karl kam Robinson, wohl nicht minder
schläfrig, denn er summte vor sich hin: »Immerfort malträtiert man einen! Wenn
Brunelda nicht mitkommt, gehe ich nicht auf den Balkon.« Aber trotz dieser
Versicherung ging er ohne jeden Widerstand hinaus, wo er sich, da Karl schon in
den Lehnstuhl gesunken war, sofort auf den Steinboden legte.
    Als Karl erwachte, war es schon Abend, die Sterne standen schon am Himmel,
hinter den hohen Häusern der gegenüberliegenden Strassenseite stieg der Schein
des Mondes empor. Erst nach einigem Umherschauen in der unbekannten Gegend,
einigem Aufatmen in der kühlen, erfrischenden Luft wurde sich Karl dessen
bewusst, wo er war. Wie unvorsichtig war er gewesen, alle Ratschläge der
Oberköchin, alle Warnungen Teresens, alle eigenen Befürchtungen hatte er
vernachlässigt, sass hier ruhig auf dem Balkon Delamarches und hatte hier gar den
halben Tag verschlafen, als sei nicht hier hinter dem Vorhang Delamarche, sein
grosser Feind. Auf dem Boden wand sich der faule Robinson und zog Karl am Fusse,
er schien ihn auch auf diese Weise geweckt zu haben, denn er sagte: »Du hast
einen Schlaf, Rossmann! Das ist die sorglose Jugend. Wie lange willst du denn
noch schlafen? Ich hätte dich ja noch schlafen lassen, aber erstens ist es mir
da auf dem Boden zu langweilig und zweitens habe ich einen grossen Hunger. Ich
bitte dich, steh ein wenig auf, ich habe da unten, im Sessel drin, etwas zum
Essen aufgehoben, ich möchte es gern herausziehen. Du bekommst dann auch etwas.«
Und Karl, der aufstand, sah nun zu, wie Robinson, ohne aufzustehen, sich auf dem
Bauch herüberwälzte und mit ausgestreckten Händen unter dem Sessel eine
versilberte Schale hervorzog, wie sie etwa zum Aufbewahren von Visitenkarten
dient. Auf dieser Schale lag aber eine halbe, ganz schwarze Wurst, einige dünne
Zigaretten, eine geöffnete, aber noch gut gefüllte und von Öl überfliessende
Sardinenbüchse und eine Menge meist zerdrückter und zu einem Ballen gewordener
Bonbons. Dann erschien noch ein grosses Stück Brot und eine Art Parfümflasche,
die aber etwas anderes als Parfüm zu entalten schien, denn Robinson zeigte mit
besonderer Genugtuung auf sie und schnalzte zu Karl hinauf.
    »Siehst du, Rossmann«, sagte Robinson, während er Sardine nach Sardine
hinunterschlang und hie und da die Hände vom Öl an einem Wolltuch reinigte, das
offenbar Brunelda auf dem Balkon vergessen hatte. »Siehst du, Rossmann, so muss
man sich sein Essen aufheben, wenn man nicht verhungern will. Du, ich bin ganz
beiseite geschoben. Und wenn man immerfort als Hund behandelt wird denkt man
schliesslich, man ist's wirklich. Gut dass du da bist, Rossmann, ich kann
wenigstens mit jemandem reden. Im Hause spricht ja niemand mit mir. Wir sind
verhasst. Und alles wegen der Brunelda. Sie ist ja natürlich ein prächtiges Weib.
Du-« und er winkte Karl zu sich herab, um ihm zuzuflüstern, - »ich habe sie
einmal nackt gesehen. O!« Und in der Erinnerung an diese Freude fing er an,
Karls Beine zu drücken und zu schlagen, bis Karl ausrief: »Robinson, du bist ja
verrückt«, seine Hände packte und zurückstiess.
    »Du bist eben noch ein Kind, Rossmann«, sagte Robinson, zog einen Dolch, den
er an einer Halsschnur trug, unter dem Hemd hervor, nahm die Dolchkappe ab und
zerschnitt die harte Wurst. »Du musst noch viel zulernen. Bist aber bei uns an
der richtigen Quelle. Setz dich doch. Willst du nicht auch etwas essen? Nun,
vielleicht bekommst du Appetit, wenn du mir zuschaust. Trinken willst du auch
nicht, Du willst aber rein gar nichts. Und gesprächig bist du gerade auch nicht
besonders. Aber es ist ganz gleichgültig, mit wem man auf dem Balkon ist, wenn
nur überhaupt jemand da ist. Ich bin nämlich sehr oft auf dem Balkon. Das macht
der Brunelda solchen Spass. Es muss ihr nur etwas einfallen, einmal ist es ihr
kalt, einmal heiss, einmal will sie schlafen, einmal will sie sich kämmen, einmal
will sie das Mieder öffnen, einmal will sie es anziehen, und da werde ich immer
auf den Balkon geschickt. Manchmal tut sie wirklich das, was sie sagt, aber
meistens liegt sie nur so wie früher auf dem Kanapee und rührt sich nicht.
Früher habe ich öfters den Vorhang so ein wenig weggezogen und durchgeschaut,
aber seit einmal Delamarche bei einer solchen Gelegenheit - ich weiss genau, dass
er es nicht wollte, sondern es nur auf Bruneldas Bitte tat - mir mit der
Peitsche einige Male ins Gesicht geschlagen hat - siehst du die Striemen? -,
wage ich nicht mehr, durchzuschauen. Und so liege ich dann hier auf dem Balkon
und habe kein Vergnügen ausser essen. Vorgestern, wie ich des Abends so allein
gelegen bin, damals war ich noch in meinen eleganten Kleidern, die ich leider in
deinem Hotel verloren habe - diese Hunde; reissen einem die teueren Kleider vom
Leib! - wie ich also da so allein gelegen bin und durch das Geländer
hinuntergeschaut habe, war mir alles so traurig und ich habe zu heulen
angefangen. Da ist zufällig, ohne dass ich es gleich bemerkt habe, die Brunelda
zu mir herausgekommen in dem roten Kleid - das passt ihr doch von allen am besten
-, hat mir ein wenig zugeschaut und hat endlich gesagt: Robinson warum weinst
du? Dann hat sie ihr Kleid gehoben und hat mir mit dem Saum die Augen
abgewischt. Wer weiss, was sie noch getan hätte, wenn nicht Delamarche nach ihr
gerufen hätte und sie nicht sofort wieder ins Zimmer hätte hineingehen müssen.
Natürlich habe ich gedacht, jetzt sei die Reihe an mir, und habe durch den
Vorhang gefragt, ob ich schon ins Zimmer darf. Und was meinst du, hat die
Brunelda gesagt: Nein! hat sie gesagt, und Was fällt dir ein? hat sie gesagt.«
    »Warum bleibst du denn hier, wenn man dich so behandelt?« fragte Karl.
    »Verzeih, Rossmann, du fragst nicht sehr gescheit«, antwortete Robinson. »Du
wirst schon auch noch hier bleiben, und wenn man dich noch ärger behandelt.
Übrigens behandelt man mich gar nicht so arg.«
    »Nein«, sagte Karl, »ich gehe bestimmt weg, und womöglich noch heute abend.
Ich bleibe nicht bei euch.«
    »Wie willst du denn zum Beispiel das anstellen, heute abend wegzugehen?«
fragte Robinson, der das Weiche aus dem Brot herausgeschnitten hatte und
sorgfältig in dem Öl der Sardinenbüchse tränkte. »Wie willst du weggehen, wenn
du nicht einmal ins Zimmer hineingehen darfst?«
    »Warum dürfen wir denn nicht hineingehen?«
    »Nun, solange es nicht geläutet hat, dürfen wir nicht hineingehen«, sagte
Robinson, der mit möglichst weit geöffnetem Munde das fette Brot verspeiste,
während er mit einer Hand das vom Brot herabtropfende Öl auffing, um von Zeit zu
Zeit das noch übrige Brot in diese, als Reservoir dienende, hohle Hand zu
tauchen. »Es ist hier alles strenger geworden. Zuerst war da nur ein dünner
Vorhang, man hat zwar nicht durchgesehen, aber am Abend hat man doch die
Schatten erkannt. Das war der Brunelda unangenehm, und da habe ich einen ihrer
Teatermäntel zu einem Vorhang umarbeiten und statt des alten Vorhanges hier
aufhängen müssen. Jetzt sieht man gar nichts mehr. Dann habe ich früher immer
fragen dürfen, ob ich schon hineingehen darf, und man hat mir, je nach den
Umständen, ja oder nein geantwortet, aber dann habe ich das wahrscheinlich zu
sehr ausgenützt und zu oft gefragt. Brunelda konnte das nicht ertragen - und sie
ist trotz ihrer Dicke sehr schwach veranlagt, Kopfschmerzen hat sie oft und
Gicht in den Beinen fast immer - und so wurde bestimmt, dass ich nicht mehr
fragen darf, sondern dass, wenn ich hineingehen kann, auf die Tischglocke
gedrückt wird. Das gibt ein solches Läuten, dass es mich selbst aus dem Schlafe
weckt - ich habe einmal eine Katze zu meiner Unterhaltung hier gehabt, die ist
vor Schrecken über dieses Läuten weggelaufen und nicht mehr zurückgekommen;
also, geläutet hat es heute noch nicht, wenn es nämlich läutet, dann darf ich
nicht nur, sondern muss hineingehen - und wenn es einmal so lange nicht läutet,
dann kann es noch sehr lange dauern.«
    »Ja«, sagte Karl, »aber was für dich gilt, muss doch noch nicht für mich
gelten. Überhaupt gilt so etwas nur für den, der es sich gefallen lässt.«
    »Aber«, rief Robinson, »warum sollte denn das nicht auch für dich gelten?
Selbstverständlich gilt es auch für dich. Warte hier nur ruhig mit mir, bis es
läutet. Dann kannst du ja versuchen, ob du wegkommst.«
    »Warum gehst du denn eigentlich nicht fort von hier? Nur deshalb, weil
Delamarche dein Freund ist oder, besser, war. Ist denn das ein Leben? Wäre es da
nicht in Butterford besser, wohin ihr zuerst wolltet? Oder gar in Kalifornien,
wo du Freunde hast?«
    »Ja«, sagte Robinson, »das konnte niemand voraussehen.« Und ehe er weiter
erzählte, sagte er noch: »Auf dein Wohl, lieber Rossmann« und nahm einen langen
Zug aus der Parfümflasche. »Wir waren ja damals, wie du uns so gemein hast
sitzenlassen, sehr schlecht daran. Arbeit konnten wir in den ersten Tagen keine
bekommen, Delamarche übrigens wollte keine Arbeit, er hätte sie schon bekommen,
sondern schickte nur immer mich auf die Suche, und ich habe kein Glück. Er hat
sich nur so herumgetrieben, aber es war schon fast Abend, da hatte er nur ein
Damenportemonnaie mitgebracht. Es war zwar sehr schön, aus Perlen, jetzt hat er
es der Brunelda geschenkt, aber es war fast nichts darin. Dann sagte er, wir
sollten in die Wohnungen betteln gehen, bei dieser Gelegenheit kann man
natürlich manches Brauchbare finden, wir sind also betteln gegangen, und ich
habe, damit es besser aussieht, vor den Wohnungstüren gesungen. Und wie schon
Delamarche immer Glück hat, kaum sind wir vor der zweiten Wohnung gestanden,
einer sehr reichen Wohnung im Parterre, und haben an der Tür der Köchin und dem
Diener etwas vorgesungen, da kommt die Dame, der diese Wohnung gehört, eben
Brunelda, die Treppe herauf. Sie war vielleicht zu stark geschnürt und konnte
die paar Stufen gar nicht heraufkommen. Aber wie schön sie ausgesehen hat,
Rossmann! Sie hat ein ganz weisses Kleid mit einem roten Sonnenschirm gehabt. Zum
Ablecken war sie. Zum Austrinken war sie. Ach Gott, ach Gott, war sie schön. So
ein Frauenzimmer! Nein, sag mir nur, wie kann es so ein Frauenzimmer geben?
Natürlich ist das Mädchen und der Diener ihr gleich entgegengelaufen und haben
sie fast hinaufgetragen. Wir sind rechts und links von der Tür gestanden und
haben salutiert, das macht man hier so. Sie ist ein wenig stehengeblieben, weil
sie noch immer nicht genug Atem hatte, und nun weiss ich nicht, wie das
eigentlich geschehen ist, ich war durch das Hungern nicht ganz bei Verstand, und
sie war eben in der Nähe noch schöner und riesig breit und infolge eines
besonderen Mieders, ich kann es dir dann im Kasten zeigen, überall so fest;
kurz, ich habe sie ein bisschen hinten angerührt, aber ganz leicht, weisst du, nur
so angerührt. Natürlich kann man das nicht dulden, dass ein Bettler eine reiche
Dame anrührt. Es war ja fast keine Berührung, aber schliesslich war es eben doch
eine Berührung. Wer weiss, wie schlimm das ausgefallen wäre, wenn mir nicht
Delamarche sofort eine Ohrfeige gegeben hätte, und zwar eine solche Ohrfeige,
dass ich sofort meine beiden Hände für die Wange brauchte.«
    »Was ihr getrieben habt!« sagte Karl, von der Geschichte ganz gefangen
genommen, und setzte sich auf den Boden. »Das war also Brunelda?«
    »Nun ja«, sagte Robinson, »das war Brunelda.«
    »Sagtest du nicht einmal, dass sie eine Sängerin ist?« fragte Karl.
    »Freilich ist sie eine Sängerin, und eine grosse Sängerin«, antwortete
Robinson, der eine grosse Bonbonmasse auf der Zunge wälzte und hie und da ein
Stück, das aus dem Mund gedrängt wurde, mit dem Finger wieder zurückdrückte.
»Aber das wussten wir natürlich damals noch nicht, wir sahen nur, dass es eine
reiche und sehr feine Dame war. Sie tat, als wäre nichts geschehen, und
vielleicht hatte sie auch nichts gespürt, denn ich hatte sie tatsächlich nur mit
den Fingerspitzen angetippt. Aber immerfort hat sie den Delamarche angesehen,
der ihr wieder - wie er das schon trifft - gerade in die Augen zurückgeschaut
hat. Darauf hat sie zu ihm gesagt: Komm mal auf ein Weilchen hinein und hat mit
dem Sonnenschirm in die Wohnung gezeigt, wohin Delamarche ihr vorangehen sollte.
Dann sind sie beide hineingegangen, und die Dienerschaft hat hinter ihnen die
Tür zugemacht. Mich haben sie draussen vergessen, und da habe ich gedacht, es
wird nicht gar so lange dauern, und habe mich auf die Treppe gesetzt, um
Delamarche zu erwarten. Aber statt Delamarches ist der Diener herausgekommen und
hat mir eine ganze Schüssel Suppe herausgebracht. Eine Aufmerksamkeit
Delamarches! sagte ich mir. Der Diener blieb noch, während ich ass, ein Weilchen
bei mir stehen und erzählte mir einiges über Brunelda, und da habe ich gesehen,
welche Bedeutung der Besuch bei Brunelda für uns haben könnte. Denn Brunelda war
eine geschiedene Frau, hatte ein grosses Vermögen und war vollständig
selbständig! Ihr früherer Mann, ein Kakaofabrikant, liebte sie zwar noch immer,
aber sie wollte von ihm nicht das geringste hören. Er kam sehr oft in die
Wohnung, immer sehr elegant, wie zu einer Hochzeit, angezogen - das ist Wort für
Wort wahr, ich kenne ihn selbst -, aber der Diener wagte trotz der grössten
Bestechung nicht, Brunelda zu fragen, ob sie ihn empfangen wollte, denn er hatte
schon einige Male gefragt, und immer hatte ihm Brunelda das, was sie gerade bei
der Hand hatte, ins Gesicht geworfen. Einmal sogar ihre grosse gefüllte
Wärmflasche, und mit der hatte sie ihm einen Vorderzahn ausgeschlagen. Ja,
Rossmann, da schaust du!«
    »Woher kennst du den Mann?« fragte Karl.
    »Er kommt manchmal auch herauf«, sagte Robinson.
    »Herauf?« Karl schlug vor Staunen leicht mit der Hand auf den Boden.
    »Du kannst ruhig staunen«, fuhr Robinson fort, »selbst ich habe gestaunt,
wie mir das der Diener damals erzählt hat. Denk nur, wenn Brunelda nicht zu
Hause war, hat sich der Mann von dem Diener in ihre Zimmer führen lassen und
immer eine Kleinigkeit als Andenken mitgenommen und immer etwas sehr Teueres und
Feines für Brunelda zurückgelassen und dem Diener streng verboten zu sagen, von
wem es ist. Aber einmal, als er etwas - wie der Diener sagte und ich glaube es -
geradezu Unbezahlbares aus Porzellan mitgebracht hatte, muss Brunelda es
irgendwie erkannt haben, hat es sofort auf den Boden geworfen, ist darauf
herumgetreten, hat es angespuckt und noch einiges andere damit gemacht, so dass
es der Diener vor Ekel kaum hinaustragen konnte.«
    »Was hat ihr denn der Mann getan?« fragte Karl.
    »Das weiss ich eigentlich nicht«, sagte Robinson. »Ich glaube aber, nichts
Besonderes, wenigstens weiss er es selbst nicht. Ich habe ja schon manchmal mit
ihm darüber gesprochen. Er erwartet mich täglich dort an der Strassenecke, wenn
ich komme, so muss ich ihm Neuigkeiten erzählen; kann ich nicht kommen, wartet er
eine halbe Stunde und geht dann wieder weg. Es war für mich ein guter
Nebenverdienst, denn er bezahlte die Nachrichten sehr vornehm, aber seit
Delamarche davon erfahren hat, muss ich ihm alles abliefern, und so gehe ich
seltener hin.«
    »Aber was will der Mann haben?« fragte Karl. »Was will er denn haben? Er
hört doch, sie will ihn nicht.«
    »Ja«, seufzte Robinson, zündete sich eine Zigarette an und blies unter
grossen Armschwenkungen den Rauch in die Höhe. Dann schien er sich anders zu
entschliessen und sagte: »Was kümmert das mich? Ich weiss nur, er würde viel Geld
dafür geben, wenn er so hier auf dem Balkon liegen dürfte wie wir.«
    Karl stand auf, lehnte sich ans Geländer und sah auf die Strasse hinunter.
Der Mond war schon sichtbar, in die Tiefe der Gasse drang sein Licht aber noch
nicht. Die am Tag so leere Gasse war, besonders vor den Haustoren, gedrängt voll
von Menschen, alle waren in langsamer, schwerfälliger Bewegung, die Hemdärmel
der Männer, die hellen Kleider der Frauen hoben sich schwach vom Dunkel ab, alle
waren ohne Kopfbedeckung. Die vielen Balkone ringsum waren nun insgesamt
besetzt, dort sassen beim Licht einer Glühlampe die Familien, je nach der Grösse
des Balkons, um einen kleinen Tisch herum oder bloss auf Sesseln in einer Reihe
oder sie steckten wenigstens die Köpfe aus dem Zimmer hervor. Die Männer sassen
breitbeinig da, die Füsse zwischen den Geländerstangen hinausgestreckt, und lasen
Zeitungen, die fast bis auf den Boden reichten, oder spielten Karten, scheinbar
stumm, aber unter starken Schlägen auf die Tische, die Frauen hatten den Schoss
voll Näharbeit und erübrigten nur hie und da einen kurzen Blick für ihre
Umgebung oder für die Strasse. Eine blonde, schwache Frau auf dem benachbarten
Balkon gähnte immerfort, verdrehte dabei die Augen und hob immer vor den Mund
ein Wäschestück, das sie gerade flickte; selbst auf den kleinsten Balkonen
verstanden es die Kinder, einander zu jagen, was den Eltern sehr lästig fiel. Im
Inneren vieler Zimmer waren Grammophone aufgestellt und bliesen Gesang oder
Orchestralmusik hervor, man kümmerte sich nicht besonders um diese Musik, nur
hie und da gab der Familienvater einen Wink, und irgend jemand eilte ins Zimmer
hinein, um eine neue Platte einzulegen. An manchen Fenstern sah man vollständig
bewegungslose Liebespaare, an einem Fenster Karl gegenüber stand ein solches
Paar aufrecht, der junge Mann hatte seinen Arm um das Mädchen gelegt und drückte
mit der Hand ihre Brust.
    »Kennst du jemanden von den Leuten hier nebenan?« fragte Karl Robinson, der
nun auch aufgestanden war, und, weil es ihn fröstelte, ausser der Bettdecke auch
noch die Decke Bruneldas um sich gewickelt hielt.
    »Fast niemanden, das ist ja eben das Schlimme an meiner Stellung«, sagte
Robinson und zog Karl näher zu sich, um ihm ins Ohr flüstern zu können, »sonst
hätte ich mich augenblicklich nicht gerade zu beklagen. Die Brunelda hat ja
Delamarches wegen alles, was sie hatte, verkauft und ist mit all ihren
Reichtümern hierher in diese Vorstadtwohnung gezogen, damit sie sich ihm ganz
widmen kann und damit sie niemand stört, übrigens war das auch der Wunsch
Delamarches.« »Und die Dienerschaft hat sie entlassen?« fragte Karl.
    »Ganz richtig«, sagte Robinson. »Wo sollte man auch die Dienerschaft hier
unterbringen? Diese Diener sind ja sehr anspruchsvolle Herren. Einmal hat
Delamarche bei der Brunelda einen solchen Diener einfach mit Ohrfeigen aus dem
Zimmer getrieben, da ist eine nach der andern geflogen, bis der Mann draussen
war. Natürlich haben die anderen Diener sich mit ihm vereinigt und vor der Tür
Lärm gemacht, da ist Delamarche herausgekommen (ich war damals nicht Diener,
sondern Hausfreund, aber doch war ich mit den Dienern beisammen) und hat
gefragt: Was wollt ihr? Der älteste Diener, ein gewisser Isidor, hat daraufhin
gesagt: Sie haben mit uns nichts zu reden, unsere Herrin ist die gnädige Frau.
Wie du wahrscheinlich merkst, haben sie Brunelda sehr verehrt. Aber Brunelda
ist, ohne sich um sie zu kümmern, zu Delamarche gelaufen, sie war damals doch
noch nicht so schwer wie jetzt, hat ihn vor allen umarmt, geküsst und Liebster
Delamarche genannt. Und schick doch schon diese Affen weg, hat sie endlich
gesagt. Affen - das sollten die Diener sein; stell dir die Gesichter vor, die
sie da machten. Dann hat die Brunelda die Hand Delamarches zu ihrer Geldtasche
hingezogen, die sie am Gürtel trug, Delamarche hat hineingegriffen und also
angefangen, die Diener auszuzahlen; die Brunelda hat sich nur dadurch an der
Auszahlung beteiligt, dass sie mit der offenen Geldtasche im Gürtel dabei
gestanden ist. Delamarche musste oft hineingreifen, denn er verteilte das Geld,
ohne zu zählen und ohne die Forderungen zu prüfen. Schliesslich sagte er: Da ihr
also mit mir nicht reden wollt, sage ich euch nur im Namen Bruneldas: Packt
euch, aber sofort. So sind sie entlassen worden, es gab dann noch einige
Prozesse, Delamarche musste sogar einmal zu Gericht, aber davon weiss ich nichts
Genaueres. Nur gleich nach dem Abschied der Diener hat Delamarche zu Brunelda
gesagt: Jetzt hast du also keine Dienerschaft? Sie hat gesagt: Aber da ist ja
Robinson. Daraufhin hat Delamarche gesagt und hat mir dabei einen Schlag auf die
Achsel gegeben: Also gut, du wirst unser Diener sein. Und Brunelda hat mir dann
auf die Wange geklopft. Wenn sich die Gelegenheit findet, Rossmann, lass dir auch
einmal von ihr auf die Wange klopfen. Du wirst staunen, wie schön das ist.«
    »Du bist also Delamarches Diener geworden?« sagte Karl zusammenfassend.
    Robinson hörte das Bedauern aus der Frage heraus und antwortete: »Ich bin
Diener, aber das bemerken nur wenige Leute. Du siehst, du selbst wusstest es
nicht, obwohl du doch schon ein Weilchen bei uns bist. Du hast ja gesehen, wie
ich in der Nacht bei euch im Hotel angezogen war. Das Feinste vom Feinen hatte
ich an. Gehen Diener so angezogen? Nur ist eben die Sache die, dass ich nicht oft
weggehen darf, ich muss immer bei der Hand sein, in der Wirtschaft ist eben immer
etwas zu tun. Eine Person ist eben zu wenig für die viele Arbeit. Wie du
vielleicht bemerkt hast, haben wir sehr viele Sachen im Zimmer herumstehen; was
wir eben bei dem grossen Auszug nicht verkaufen konnten, haben wir mitgenommen.
Natürlich hätte man es wegschenken können, aber Brunelda schenkt nichts weg.
Denk dir nur, welche Arbeit es gegeben hat, diese Sachen die Treppe
heraufzutragen.« »Robinson, du hast das alles heraufgetragen?« rief Karl.
    »Wer denn sonst?« sagte Robinson. »Es war noch ein Hilfsarbeiter da, ein
faules Luder; ich habe die meiste Arbeit allein machen müssen. Brunelda ist
unten beim Wagen gestanden, Delamarche hat oben angeordnet, wohin die Sachen zu
legen sind, und ich bin immerfort hin und her gelaufen. Es hat zwei Tage
gedauert, sehr lange, nicht wahr? Aber du weisst ja gar nicht, wieviel Sachen
hier im Zimmer sind, alle Kasten sind voll und hinter den Kasten ist alles
vollgestopft bis zur Decke hinauf. Wenn man ein paar Leute für den Transport
aufgenommen hätte; wäre ja alles bald fertig gewesen, aber Brunelda wollte es
niemandem ausser mir anvertrauen. Das war ja sehr schön, aber ich habe damals
meine Gesundheit für mein ganzes Leben verdorben, und was habe ich denn sonst
gehabt als meine Gesundheit? Wenn ich mich nur ein wenig anstrenge, sticht es
mich hier und hier und hier. Glaubst du, diese Jungen im Hotel, diese
Grasfrösche - was sind sie denn sonst? - hätten mich jemals besiegen können,
wenn ich gesund wäre? Aber was mir auch fehlen sollte, dem Delamarche und der
Brunelda sage ich kein Wort, ich werde arbeiten, solange es gehen wird, und wenn
es nicht mehr gehen wird, werde ich mich hinlegen und sterben, und dann erst, zu
spät, werden sie sehen, dass ich krank gewesen bin und trotzdem immerfort und
immerfort weitergearbeitet und mich in ihren Diensten zu Tode gearbeitet habe.
Ach Rossmann-«, sagte er schliesslich und trocknete die Augen an Karls Hemdärmel.
Nach einem Weilchen sagte er: »Ist dir denn nicht kalt, du stehst da so im
Hemd?«
    »Geh, Robinson«, sagte Karl, »immerfort weinst du. Ich glaube nicht, dass du
so krank bist. Du siehst ganz gesund aus, aber weil du immerfort da auf dem
Balkon liegst, hast du dir so Verschiedenes ausgedacht. Du hast vielleicht
manchmal einen Stich in der Brust, das habe ich auch, das hat jeder. Wenn alle
Menschen wegen jeder Kleinigkeit so weinen wollten wie du, müssten die Leute auf
allen Balkonen weinen.«
    »Ich weiss es besser«, sagte Robinson und wischte nun die Augen mit dem
Zipfel seiner Decke. »Der Student, der nebenan bei der Vermieterin wohnt, die
auch für uns kochte, hat mir letztin, als ich das Essgeschirr zurückbrachte,
gesagt: Hören Sie einmal, Robinson, sind Sie nicht krank? Mir ist verboten, mit
den Leuten zu reden, und so habe ich nur das Geschirr hingelegt und wollte
weggehen. Da ist er zu mir gegangen und hat gesagt: Hören Sie, Mann, treiben Sie
die Sache nicht zum Äussersten, Sie sind krank. Ja also, ich bitte, was soll ich
denn machen? habe ich gefragt. Das ist Ihre Sache, hat er gesagt und hat sich
umgedreht. Die anderen dort bei Tisch haben gelacht, wir haben ja hier überall
Feinde, und so bin ich lieber weggegangen.«
    »Also Leuten, die dich zum Narren halten, glaubst du, und Leuten, die es gut
mit dir meinen, glaubst du nicht.«
    »Aber ich muss doch wissen, wie mir ist«, fuhr Robinson auf, kehrte aber
gleich wieder zum Weinen zurück.
    »Du weisst eben nicht, was dir fehlt, du solltest irgendeine ordentliche
Arbeit für dich suchen, statt hier Delamarches Diener zu machen. Denn soweit ich
nach deinen Erzählungen und nach dem, was ich selbst gesehen habe, urteilen
kann, ist das hier kein Dienst, sondern eine Sklaverei. Das kann kein Mensch
ertragen, das glaube ich dir. Du aber denkst, weil du Delamarches Freund bist,
darfst du ihn nicht verlassen. Das ist falsch; wenn er nicht einsieht, was für
ein elendes Leben du führst, so hast du ihm gegenüber nicht die geringsten
Verpflichtungen mehr.«
    »Du glaubst also wirklich, Rossmann, dass ich mich wieder erholen werde, wenn
ich das Dienen hier aufgebe?«
    »Gewiss«, sagte Karl.
    »Gewiss?« fragte nochmals Robinson. »Ganz gewiss«, sagte Karl lächelnd.
    »Dann könnte ich ja gleich anfangen, mich zu erholen«, sagte Robinson und
sah Karl an.
    »Wieso denn?« fragte dieser.
    »Nun, weil du doch meine Arbeit hier übernehmen sollst«, antwortete
Robinson.
    »Wer hat dir denn das gesagt?« fragte Karl.
    »Das ist doch ein alter Plan. Davon wird ja schon seit einigen Tagen
gesprochen. Es hat damit angefangen, dass Brunelda mich ausgezankt hat, weil ich
die Wohnung nicht sauber genug halte. Natürlich habe ich versprochen, dass ich
alles gleich in Ordnung bringen werde. Nun, das ist aber sehr schwer. Ich kann
zum Beispiel in meinem Zustand nicht überallhin kriechen, um den Staub
wegzuwischen, man kann sich schon in der Mitte des Zimmers nicht rühren, wie
erst dort zwischen den Möbeln und den Vorräten? Und wenn man alles genau
reinigen will, muss man doch auch die Möbel von ihrem Platz wegschieben, und das
soll ich allein machen? Ausserdem müsste das alles ganz leise geschehen, weil doch
Brunelda, die ja das Zimmer kaum verlässt, nicht gestört werden darf. Ich habe
also zwar versprochen, dass ich alles rein machen werde, aber rein gemacht habe
ich es tatsächlich nicht. Als Brunelda das bemerkt hat, hat sie zu Delamarche
gesagt, dass das nicht so weitergeht und dass man noch eine Hilfskraft wird
aufnehmen müssen. Ich will nicht, Delamarche, hat sie gesagt, dass du mir einmal
Vorwürfe machst, ich hätte die Wirtschaft nicht gut geführt. Selbst kann ich
mich nicht anstrengen, das siehst du doch ein, und Robinson genügt nicht; am
Anfang war er so frisch und hat sich überall umgesehen, aber jetzt ist er
immerfort müde und sitzt meist in einem Winkel. Aber ein Zimmer mit so viel
Gegenständen wie das unsrige hält sich nicht selbst in Ordnung. Daraufhin hat
Delamarche nachgedacht, was sich da tun liesse, denn eine beliebige Person kann
man natürlich in einen solchen Haushalt nicht aufnehmen, auch zur Probe nicht,
denn man passt uns ja von allen Seiten auf. Weil ich aber dein guter Freund bin
und von Renell gehört habe, wie du dich im Hotel plagen musst, habe ich dich in
Vorschlag gebracht. Delamarche war gleich einverstanden, obwohl du dich damals
gegen ihn so keck benommen hast, und ich habe mich natürlich sehr gefreut, dass
ich dir so nützlich sein konnte. Für dich ist nämlich diese Stellung wie
geschaffen, du bist jung, stark und geschickt, während ich nichts mehr wert bin.
Nur will ich dir sagen, dass du noch keineswegs aufgenommen bist; wenn du
Brunelda nicht gefällst, können wir dich nicht brauchen. Also strenge dich nur
an, dass du ihr angenehm bist, für das übrige werde ich schon sorgen.«
    »Und was wirst du machen, wenn ich hier Diener sein werde?« fragte Karl; er
fühlte sich so frei, der erste Schrecken, den ihm die Mitteilungen Robinsons
verursacht hatten, war vorüber. Delamarche hatte also keine schlimmeren
Absichten mit ihm, als ihn zum Diener zu machen - hätte er schlimmere Absichten
gehabt, dann hätte sie der plapperhafte Robinson gewiss verraten -, wenn es aber
so stand, dann getraute sich Karl, noch heute nacht den Abschied durchzuführen.
Man kann niemanden zwingen, einen Posten anzunehmen. Und während Karl früher
Sorgen gehabt hatte, ob er nach seiner Entlassung aus dem Hotel bald genug, um
vor Hunger geschützt zu sein, einen passenden und womöglich nicht
unansehnlicheren Posten bekommen werde, schien ihm jetzt im Vergleich zu dem ihm
hier zugedachten Posten, der ihm widerlich war, jeder andere Posten gut genug,
und selbst die stellungslose Not hätte er diesem Posten vorgezogen. Robinson das
aber begreiflich zu machen, versuchte er gar nicht, besonders da Robinson jetzt
in jedem Urteil durch die Hoffnung völlig befangen war, von Karl entlastet zu
werden.
    »Ich werde also«, sagte Robinson und begleitete die Rede mit behaglichen
Handbewegungen - die Ellbogen hatte er auf das Geländer aufgestützt - »dir
zunächst alles erklären und die Vorräte zeigen. Du bist gebildet und hast sicher
auch eine schöne Schrift, du könntest also gleich ein Verzeichnis all der Sachen
machen, die wir da haben. Das hat sich Brunelda schon längst gewünscht. Wenn
morgen vormittag schönes Wetter ist, werden wir Brunelda bitten, dass sie sich
auf den Balkon setzt, und inzwischen werden wir ruhig und ohne sie zu stören im
Zimmer arbeiten können. Denn darauf, Rossmann, musst du vor allem achtgeben. Nur
nicht Brunelda stören. Sie hört alles, wahrscheinlich hat sie als Sängerin so
empfindliche Ohren. Du rollst zum Beispiel das Fass mit Schnaps, das hinter den
Kasten steht, heraus, es macht Lärm, weil es schwer ist und dort überall
verschiedene Sachen herumliegen, so dass man es nicht mit einem Male durchrollen
kann. Brunelda liegt zum Beispiel ruhig auf dem Kanapee und fängt Fliegen, die
sie überhaupt sehr belästigen. Du glaubst also, sie kümmert sich um dich nicht,
und rollst dein Fass weiter. Sie liegt noch immer ruhig. Aber in einem
Augenblick, wo du es gar nicht erwartest und wo du am wenigsten Lärm machst,
setzt sie sich plötzlich aufrecht, schlägt mit beiden Händen auf das Kanapee,
dass man sie vor Staub nicht sieht - seit wir hier sind, habe ich das Kanapee
nicht ausgeklopft; ich kann ja nicht, sie liegt doch immerfort darauf - und
fängt schrecklich zu schreien an, wie ein Mann, und schreit so stundenlang. Das
Singen haben ihr die Nachbarn verboten, das Schreien aber kann ihr niemand
verbieten, sie muss schreien, übrigens geschieht es ja jetzt nur selten, ich und
Delamarche sind sehr vorsichtig geworden. Es hat ihr ja auch sehr geschadet.
Einmal ist sie ohnmächtig geworden, und ich habe - Delamarche war gerade weg -
den Studenten von nebenan holen müssen, der hat sie aus einer grossen Flasche mit
Flüssigkeit bespritzt, es hat auch geholfen, aber diese Flüssigkeit hat einen
unerträglichen Geruch gehabt, noch jetzt, wenn man die Nase zum Kanapee hält,
riecht man es. Der Student ist sicher unser Feind, wie alle hier, du musst dich
auch vor allen in acht nehmen und dich mit keinem einlassen.«
    »Du, Robinson«, sagte Karl, »das ist aber ein schwerer Dienst. Da hast du
mich für einen schönen Posten empfohlen.«
    »Mach dir keine Sorgen«, sagte Robinson und schüttelte mit geschlossenen
Augen den Kopf, um alle möglichen Sorgen Karls abzuwehren. »Der Posten hat auch
Vorteile, wie sie dir kein anderer Posten bieten kann. Du bist immerfort in der
Nähe einer Dame wie Brunelda, du schläfst manchmal mit ihr im gleichen Zimmer,
das bringt schon, wie du dir denken kannst, verschiedene Annehmlichkeiten mit
sich. Du wirst reichlich bezahlt werden, Geld ist in Menge da, ich habe als
Freund Delamarches nichts bekommen; nur wenn ich ausgegangen bin, hat mir
Brunelda immer etwas mitgegeben, aber du wirst natürlich bezahlt werden wie ein
anderer Diener. Du bist ja auch nichts anderes. Das Wichtigste für dich aber
ist, dass ich dir den Posten sehr erleichtern werde. Zunächst werde ich natürlich
nichts machen, damit ich mich erhole, aber wie ich nur ein wenig erholt bin,
kannst du auf mich rechnen. Die eigentliche Bedienung Bruneldas behalte ich
überhaupt für mich, also das Frisieren und Anziehen, soweit es nicht Delamarche
besorgt. Du wirst dich nur um das Aufräumen des Zimmers, um Besorgungen und die
schwereren häuslichen Arbeiten zu kümmern haben.«
    »Nein, Robinson«, sagte Karl, »das alles verlockt mich nicht.«
    »Mach keine Dummheiten, Rossmann«, sagte Robinson, ganz nahe an Karls
Gesicht, »verscherze dir nicht diese schöne Gelegenheit. Wo bekommst du denn
gleich einen Posten? Wer kennt dich? Wen kennst du? Wir, zwei Männer, die schon
viel erlebt haben und grosse Erfahrungen besitzen, sind wochenlang herumgelaufen,
ohne Arbeit zu bekommen. Es ist nicht leicht, es ist sogar verzweifelt schwer.«
    Karl nickte und wunderte sich, wie vernünftig Robinson sprechen konnte. Für
ihn hatten diese Ratschläge allerdings keine Geltung, er durfte hier nicht
bleiben, in der grossen Stadt würde sich wohl noch ein Plätzchen für ihn finden,
die ganze Nacht über, das wusste er, waren alle Gastäuser überfüllt, man
brauchte Bedienung für die Gäste, darin hatte er nun schon Übung. Er würde sich
schon rasch und unauffällig in irgendeinen Betrieb einfügen. Gerade im
gegenüberliegenden Hause war unten ein kleines Gastaus untergebracht, aus dem
eine rauschende Musik hervordrang. Der Haupteingang war nur mit einem grossen
gelben Vorhang verdeckt, der manchmal, von einem Luftzug bewegt, mächtig in die
Gasse hinausflatterte. Sonst war es in der Gasse freilich viel stiller geworden.
Die meisten Balkone waren finster, nur in der Ferne fand sich noch hier oder
dort ein einzelnes Licht, aber kaum fasste man es für ein Weilchen ins Auge,
erhoben sich dort die Leute, und während sie in die Wohnung zurückdrängten,
griff ein Mann an die Glühlampe und drehte, als letzter auf dem Balkon
zurückbleibend, nach einem kurzen Blick auf die Gasse das Licht aus.
    Nun beginnt ja schon die Nacht, sagte sich Karl, bleibe ich noch länger
hier, gehöre ich schon zu ihnen. Er drehte sich um, um den Vorhang vor der
Wohnungstür wegzuziehen. »Was willst du?« sagte Robinson und stellte sich
zwischen Karl und den Vorhang.
    »Weg will ich«, sagte Karl. »Lass mich! Lass mich!«
    »Du willst sie doch nicht stören«, rief Robinson, »was fällt dir denn nur
ein!« Und er legte Karl die Arme um den Hals, hing sich mit seiner ganzen Last
an ihn, umklammerte mit den Beinen Karls Beine und zog ihn so im Augenblick auf
die Erde nieder. Aber Karl hatte unter den Liftjungen ein wenig raufen gelernt,
und so stiess er Robinson die Faust unter das Kinn, aber schwach und voll
Schonung. Der gab Karl noch rasch und ganz rücksichtslos mit dem Knie einen
vollen Stoss in den Bauch, fang dann aber, beide Hände am Kinn, so laut zu heulen
an, dass von dem benachbarten Balkon ein Mann unter wildem Händeklatschen »Ruhe!«
befahl. Karl lag noch ein wenig still, um den Schmerz, den ihm der Stoss
Robinsons verursacht hatte, zu verwinden. Er wandte nur das Gesicht zum Vorhang
hin, der ruhig und schwer vor dem offenbar dunklen Zimmer hing. Es schien ja
niemand mehr im Zimmer zu sein, vielleicht war Delamarche mit Brunelda
ausgegangen, und Karl hatte schon völlige Freiheit. Robinson, der sich wirklich
wie ein Wächterhund benahm, war ja endgültig abgeschüttelt.
    Da ertönten aus der Ferne von der Gasse her stossweise Trommeln und
Trompeten. Einzelne Rufe vieler Leute sammelten sich bald zu einem allgemeinen
Schreien. Karl drehte den Kopf und sah, wie sich alle Balkone von neuem
belebten. Langsam erhob er sich, er konnte sich nicht ganz aufrichten und musste
sich schwer gegen das Geländer drücken. Unten auf dem Trottoir marschierten
junge Burschen mit grossen Schritten, ausgestreckten Armen, die Mützen in der
erhobenen Hand, die Gesichter zurückgewandt. Die Fahrbahn blieb noch frei.
Einzelne schwenkten auf hohen Stangen Lampions, die von einem gelblichen Rauch
umhüllt waren. Gerade traten die Trommler und Trompeter in breiten Reihen ans
Licht, und Karl staunte über ihre Menge, da hörte er hinter sich Stimmen, drehte
sich um und sah den Delamarche den schweren Vorhang heben und dann aus dem
Zimmerdunkel Brunelda treten, im roten Kleid, mit einem Spitzenüberwurf um die
Schultern, einem dunklen Häusschen über dem wahrscheinlich unfrisierten und bloss
aufgehäuften Haar, dessen Enden lose hie und da hervorsahn. In der Hand hielt
sie einen kleinen ausgespannten Fächer, bewegte ihn aber nicht, sondern drückte
ihn eng an sich.
    Karl schob sich dem Geländer entlang zur Seite, um den beiden Platz zu
machen. Gewiss würde ihn niemand zum Hierbleiben zwingen und, wenn es auch
Delamarche versuchen wollte, Brunelda würde ihn auf seine Bitte sofort
entlassen. Sie konnte ihn ja gar nicht leiden, seine Augen erschreckten sie.
Aber als er einen Schritt zur Tür hin machte, hatte sie es doch bemerkt und
sagte: »Wohin denn, Kleiner?« Karl stockte vor den strengen Blicken Delamarches,
und Brunelda zog ihn zu sich. »Willst du dir denn nicht den Aufzug unten
ansehen?« sagte sie und schob ihn vor sich an das Geländer. »Weisst du, worum es
sich handelt?« hörte Karl sie hinter sich sagen und machte ohne Erfolg eine
unwillkürliche Bewegung, um sich ihrem Druck zu entziehen. Traurig sah er auf
die Gasse hinunter, als sei dort der Grund seiner Traurigkeit.
    Delamarche stand zuerst mit gekreuzten Armen hinter Brunelda, dann lief er
ins Zimmer und brachte Brunelda den Operngucker. Unten war hinter den Musikanten
der Hauptteil des Aufzuges erschienen. Auf den Schultern eines riesenhaften
Mannes sass ein Herr, von dem man in dieser Höhe nichts anderes sah als seine
matt schimmernde Glatze, über der er seinen Zylinderhut ständig grüssend hoch
erhoben hielt. Rings um ihn wurden offenbar Holztafeln getragen, die, vom Balkon
aus gesehen, ganz weiss erschienen; die Anordnung war derartig getroffen, dass
diese Plakate von allen Seiten sich förmlich an den Herrn anlehnten, der aus
ihrer Mitte hoch hervorragte. Da alles im Gange war, lockerte sich diese Mauer
von Plakaten immerfort und ordnete sich auch immerfort von neuem.
    Im weiteren Umkreis war um den Herrn die ganze Breite der Gasse, wenn auch,
soweit man im Dunkel schätzen konnte, auf eine unbedeutende Länge hin, von
Anhängern des Herrn angefüllt, die sämtlich in die Hände klatschten und
wahrscheinlich den Namen des Herrn, einen ganz kurzen, aber unverständlichen
Namen, in einem getragenen Gesange verkündeten. Einzelne, die geschickt in der
Menge verteilt waren, hatten Automobillaternen mit äusserst starkem Licht, das
sie die Häuser auf beiden Seiten der Strasse langsam auf- und abwärts führten. In
Karls Höhe störte das Licht nicht mehr, aber auf den unteren Ballkonen sah man
die Leute, die davon bestrichen wurden, eiligst die Hände an die Augen führen.
    Delamarche erkundigte sich auf die Bitte Bruneldas bei den Leuten auf dem
Nachbarbalkon, was die Veranstaltung zu bedeuten habe. Karl war ein wenig
neugierig, ob und wie man ihm antworten würde. Und tatsächlich musste Delamarche
dreimal fragen, ohne eine Antwort zu bekommen. Er beugte sich schon gefährlich
über das Geländer, Brunelda stampfte vor Ärger über die Nachbarn leicht auf,
Karl fühlte ihre Knie. Endlich kam doch irgendeine Antwort, aber gleichzeitig
fingen auf diesem Balkon, der gedrängt voll Menschen war, alle laut zu lachen
an. Daraufhin schrie Delamarche etwas hinüber, so laut, dass, wenn nicht
augenblicklich in der ganzen Gasse viel Lärm gewesen wäre, alles ringsherum
erstaunt hätte aufhorchen müssen. Jedenfalls hatte es die Wirkung, dass das
Lachen unnatürlich bald sich legte.
    »Es wird morgen ein Richter in unserem Bezirk gewählt und der, den sie unten
tragen, ist ein Kandidat«, sagte Delamarche, vollkommen ruhig zu Brunelda
zurückkehrend. »Nein!« rief er dann und klopfte liebkosend Brunelda auf den
Rücken. »Wir wissen schon gar nicht mehr, was in der Welt vorgeht.«
    »Delamarche«, sagte Brunelda, auf das Benehmen der Nachbarn zurückkommend,
»wie gern wollte ich übersiedeln, wenn es nicht so anstrengend wäre. Ich darf es
mir aber leider nicht zumuten.« Und unter grossen Seufzern, unruhig und
zerstreut, nestelte sie an Karls Hemd, der möglichst unauffällig immer wieder
diese kleinen, fetten Händchen wegzuschieben suchte, was ihm auch leicht gelang,
denn Brunelda dachte nicht an ihn, sie war mit ganz anderen Gedanken
beschäftigt.
    Aber auch Karl vergass bald Brunelda und duldete die Last ihrer Arme auf
seinen Achseln, denn die Vorgänge auf der Strasse nahmen ihn sehr in Anspruch.
Auf Anordnung einer kleinen Gruppe gestikulierender Männer, die knapp vor dem
Kandidaten marschierten und deren Unterhaltungen eine besondere Bedeutung haben
mussten, denn von allen Seiten sah man lauschende Gesichter sich ihnen zuneigen,
wurde unerwarteterweise vor dem Gastaus haltgemacht. Einer dieser massgebenden
Männer machte mit erhobener Hand ein Zeichen, das sowohl der Menge als auch dem
Kandidaten galt. Die Menge verstummte, und der Kandidat, der sich auf den
Schultern seines Trägers mehrmals aufzustellen suchte und mehrmals in den Sitz
zurückfiel, hielt eine kleine Rede, während welcher er seinen Zylinder in
Windeseile hin- und herfahren liess. Man sah das ganz deutlich, denn während
seiner Rede waren alle Automobillaternen auf ihn gerichtet worden, so dass er in
der Mitte eines hellen Sternes sich befand.
    Nun erkannte man aber auch schon das Interesse, welches die ganze Strasse an
der Angelegenheit nahm. Auf den Balkonen, die von Parteigängern des Kandidaten
besetzt waren, fiel man mit in das Singen seines Namens ein und liess die weit
über das Geländer vorgestreckten Hände maschinenmässig klatschen. Auf den übrigen
Balkonen, die sogar in der Mehrzahl waren, erhob sich ein starker Gegengesang,
der allerdings keine einheitliche Wirkung hatte, da es sich um die Anhänger
verschiedener Kandidaten handelte. Dagegen verbanden sich weiterhin alle Feinde
des anwesenden Kandidaten zu einem allgemeinen Pfeifen, und sogar Grammophone
wurden vielfach wieder in Gang gesetzt. Zwischen den einzelnen Balkonen wurden
politische Streitigkeiten mit einer durch die nächtliche Stunde verstärkten
Erregung ausgetragen. Die meisten waren schon in Nachtkleidern und hatten nur
Überröcke umgeworfen, die Frauen hüllten sich in grosse, dunkle Tücher, die
unbeachteten Kinder kletterten beängstigend auf den Einfassungen der Balkone
umher und kamen in immer grösserer Zahl aus den dunklen Zimmern, in denen sie
schon geschlafen hatten, hervor. Hie und da wurden einzelne unkenntliche
Gegenstände von besonders Erhjetzten in der Richtung ihrer Gegner geschleudert,
manchmal gelangten sie an ihr Ziel, meist aber fielen sie auf die Strasse hinab,
wo sie oft ein Wutgeheul hervorriefen. Wurde den führenden Männern unten der
Lärm zu arg, so erhielten die Trommler und Trompeter den Auftrag einzugreifen,
und ihr schmetterndes, mit ganzer Kraft ausgeführtes, nicht endenwollendes
Signal unterdrückte alle menschlichen Stimmen bis zu den Dächern der Häuser
hinauf. Und immer, ganz plötzlich - man glaubte es kaum -, hörten sie auf,
worauf die hierfür offenbar eingeübte Menge auf der Strasse in die für einen
Augenblick eingetretene allgemeine Stille ihren Parteigesang emporbrüllte - man
sah im Lichte der Automobillaternen den Mund jedes einzelnen weit geöffnet -,
bis dann die inzwischen zur Besinnung gekommenen Gegner zehnmal so stark wie
früher aus allen Balkonen und Fenstern hervorschrien und die Partei unten nach
ihrem kurzen Sieg zu einem für diese Höhe wenigstens gänzlichen Verstummen
brachten.
    »Wie gefällt es dir, Kleiner?« fragte Brunelda, die sich eng hinter Karl
hin- und herdrehte, um mit dem Gucker möglichst alles zu übersehen. Karl
antwortete nur durch Kopfnicken. Nebenbei bemerkte er, wie Robinson dem
Delamarche eifrig verschiedene Mitteilungen offenbar über Karls Verhalten
machte, denen aber Delamarche keine Bedeutung beizumessen schien, denn er suchte
Robinson mit der Linken, mit der Rechten hatte er Brunelda umfasst, immerfort
beiseite zu schieben. »Willst du nicht durch den Gucker schauen?« fragte
Brunelda und klopfte auf Karls Brust, um zu zeigen, dass sie ihn meine.
    »Ich sehe genug«, sagte Karl.
    »Versuch es doch«, sagte sie »du wirst besser sehen.«
    »Ich habe gute Augen«, antwortete Karl »ich sehe alles.« Er empfand es nicht
als Liebenswürdigkeit, sondern als Störung, als sie den Gucker seinen Augen
näherte, und tatsächlich sagte sie nun nichts als das eine Wort »Du!«,
melodisch, aber drohend. Und schon hatte Karl den Gucker an seinen Augen und sah
nun tatsächlich nichts.
    »Ich sehe ja nichts«, sagte er und wollte den Gucker loswerden, aber den
Gucker hielt sie fest, und den auf ihrer Brust eingebetteten Kopf konnte er
weder zurück noch seitwärts schieben.
    »Jetzt siehst du aber schon«, sagte sie und drehte an der Schraube des
Guckers.
    »Nein, ich sehe noch immer nichts«, sagte Karl und dachte daran, dass er
Robinson ohne seinen Willen nun tatsächlich entlastet habe, denn Bruneldas
unerträgliche Launen wurden nun an ihm ausgelassen.
    »Wann wirst du denn endlich sehen?« sagte sie und drehte - Karl hatte nun
sein ganzes Gesicht in ihrem schweren Atem - weiter an der Schraube. »Jetzt?«
fragte sie.
    »Nein, nein, nein!« rief Karl, obwohl er nun tatsächlich, wenn auch nur sehr
undeutlich, alles unterscheiden konnte. Aber gerade hatte Brunelda irgend etwas
mit Delamarche zu tun, sie hielt den Gucker nur lose vor Karls Gesicht, und Karl
konnte, ohne dass sie es besonders beachtete, unter dem Gucker hinweg auf die
Strasse sehen. Später bestand sie auch nicht mehr auf ihrem Willen und benützte
den Gucker für sich.
    Aus dem Gastbaus unten war ein Kellner getreten, und aus der Türschwelle hin
und her eilend, nahm er die Bestellungen der Führer entgegen. Man sah, wie er
sich streckte, um das Innere des Lokals zu übersehen und möglichst viel
Bedienung herbeizurufen. Während dieser offenbar einem grossen Freitrinken
dienenden Vorbereitungen liess der Kandidat nicht vom Reden ab. Sein Träger, der
riesige, nur ihm dienende Mann, machte immer nach einigen Sätzen eine kleine
Drehung, um die Rede allen Teilen der Menge zukommen zu lassen. Der Kandidat
hielt sich meist ganz zusammengekrümmt und versuchte mit ruckweisen Bewegungen
der einen freien Hand und des Zylinders in der anderen seinen Worten möglichste
Eindringlichkeit zu geben. Manchmal aber, in fast regelmässigen Zwischenräumen,
durchfuhr es ihn, er erhob sich mit ausgebreiteten Armen, er redete nicht mehr
eine Gruppe, sondern die Gesamteit an, er sprach zu den Bewohnern der Häuser
bis zu den höchsten Stockwerken hinauf, und doch war es vollkommen klar, dass ihn
schon in den untersten Stockwerken niemand hören konnte; ja, dass ihm auch, wenn
die Möglichkeit gewesen wäre, niemand hätte zuhören wollen, denn jedes Fenster
und jeder Balkon war doch zumindest von einem schreienden Redner besetzt.
Inzwischen brachten einige Kellner aus dem Gastaus ein mit gefüllten
leuchtenden Gläsern besetztes Brett, im Umfang eines Billards, hervor. Die
Führer organisierten die Verteilung, die in Form eines Vorbeimarsches an der
Gastaustür erfolgte. Aber obwohl die Gläser auf dem Brett immer wieder
nachgehüllt wurden, genügten sie für die Menge nicht, und zwei Reihen von
Schankburschen mussten rechts und links vom Brett durchschlüpfen und die Menge
weiterhin versorgen. Der Kandidat hatte natürlich mit dem Reden aufgehört und
benützte die Pause, um sich neu zu kräftigen. Abseits von der Menge und dem
grellen Licht trug ihn sein Träger langsam hin und her, und nur einige seiner
nächsten Anhänger begleiteten ihn dort und sprachen zu ihm hinauf.
    »Sieh mal den Kleinen«, sagte Brunelda, »er vergisst vor lauter Schauen, wo
er ist.« Und sie überraschte Karl und drehte mit beiden Händen sein Gesicht sich
zu, so dass sie ihm in die Augen sah. Es dauerte aber nur einen Augenblick, denn
Karl schüttelte gleich ihre Hände ab, und ärgerlich darüber, dass man ihn nicht
ein Weilchen in Ruhe liess, und gleichzeitig voll Lust, auf die Strasse zu gehen
und alles von der Nähe anzusehen, suchte er sich nun mit aller Kraft vom Druck
Bruneldas zu befreien und sagte: »Bitte, lassen Sie mich weg.«
    »Du wirst bei uns bleiben«, sagte Delamarche, ohne den Blick von der Strasse
zu wenden, und streckte nur eine Hand aus, um Karl am Weggehen zu verhindern.
    »Lass nur«, sagte Brunelda und wehrte die Hand des Delamarche ab, »er bleibt
ja schon.« Und sie drückte Karl noch fester ans Geländer, er hätte mit ihr
raufen müssen, um sich von ihr zu befreien. Und wenn ihm das auch gelungen wäre,
was hätte er damit erreicht! Links von ihm stand Delamarche, rechts hatte sich
nun Robinson aufgestellt, er war in einer regelrechten Gefangenschaft.
    »Sei froh, dass man dich nicht hinauswirft«, sagte Robinson und beklopfte
Karl mit der Hand, die er unter Bruneldas Arm durchgezogen hatte.
    »Hinauswirft?« sagte Delamarche. »Einen entlaufenen Dieb wirft man nicht
hinaus, den übergibt man der Polizei. Und das kann ihm gleich morgen früh
geschehen, wenn er nicht ganz ruhig ist.«
    Von diesem Augenblick an hatte Karl an dem Schauspiel unten keine Freude
mehr. Nur gezwungen, weil er Bruneldas wegen sich nicht aufrichten konnte,
beugte er sich ein wenig über das Geländer. Voll eigener Sorgen, mit zerstreuten
Blicken sah er die Leute unten an, die in Gruppen von etwa zwanzig Mann vor die
Gastaustüre traten, die Gläser ergriffen, sich umdrehten und diese Gläser in
der Richtung gegen den jetzt mit sich beschäftigten Kandidaten schwenkten, einen
Parteigruss ausriefen, die Gläser leerten und sie, jedenfalls dröhnend, in dieser
Höhe aber unhörbar, auf das Brett wieder niedersetzten, um einer neuen, vor
Ungeduld lärmenden Gruppe Platz zu machen. Über Auftrag der Führer war die
Kapelle, die bisher im Gastbaus gespielt hatte, auf die Gasse getreten, ihre
grossen Blasinstrumente strahlten aus der dunklen Menge, aber ihr Spiel verging
fast im allgemeinen Lärm. Die Strasse war nun, wenigstens auf der Seite, wo sich
das Gastaus befand, weitin mit Menschen angefüllt. Von oben, woher Karl am
Morgen im Automobil gekommen war, strömten sie herab, von unten, von der Brücke
her, liefen sie herauf, und selbst die Leute in den Häusern hatten der
Verlockung nicht widerstehen können, in diese Angelegenheit mit eigenen Händen
einzugreifen, auf den Balkonen und in den Fenstern waren fast nur Frauen und
Kinder zurückgeblieben, während die Männer unten aus den Haustoren drängten. Nun
aber hatte die Musik und die Bewirtung den Zweck erreicht, die Versammlung war
genügend gross, ein von zwei Automobillaternen flankierter Führer winkte der
Musik ab, stiess einen starken Pfiff aus, und nun sah man den ein wenig
abgeirrten Träger mit dem Kandidaten durch einen von Anhängern gebahnten Weg
eiligst herbeikommen.
    Kaum war er bei der Gastaustüre, begann der Kandidat im Schein der nun im
engen Kreis um ihn gehaltenen Automobillaternen seine neue Rede. Aber nun war
alles viel schwieriger als früher, der Träger hatte nicht die geringste
Bewegungsfreiheit mehr, das Gedränge war zu gross. Die nächsten Anhänger, die
früher mit allen möglichen Mitteln die Wirkung der Reden des Kandidaten zu
verstärken versucht hatten, hatten nun Mühe, sich in seiner Nähe zu erhalten,
wohl zwanzig hielten sich mit aller Anstrengung am Träger fest. Aber selbst
dieser starke Mann konnte keinen Schritt nach seinem Willen mehr machen, an eine
Einflussnahme auf die Menge durch bestimmte Wendungen oder durch passendes
Vorrücken oder Zurückweichen war nicht mehr zu denken. Die Menge flutete ohne
Plan, einer lag am anderen, keiner stand mehr aufrecht, die Gegner schienen sich
durch neues Publikum sehr vermehrt zu haben, der Träger hatte sich lange in der
Nähe der Gastaustüre gehalten, nun aber liess er sich, scheinbar ohne
Widerstand, die Gasse auf- und abwärts treiben, der Kandidat redete immerfort,
aber es war nicht mehr ganz klar, ob er sein Programm auseinanderlegte oder um
Hilfe rief; wenn nicht alles täuschte, hatte sich auch ein Gegenkandidat
eingefunden, oder gar mehrere, denn hie und da sah man in irgendeinem plötzlich
aufflammenden Licht einen von der Menge emporgehobenen Mann mit bleichem Gesicht
und geballten Fäusten eine von vielstimmigen Rufen begrüsste Rede halten.
    »Was geschieht denn da?« fragte Karl und wandte sich in atemloser Verwirrung
an seine Wächter.
    »Wie es den Kleinen aufregt«, sagte Brunelda zu Delamarche und fasste Karl am
Kinn, um seinen Kopf an sich zu ziehen. Aber das hatte Karl nicht wollen und er
schüttelte sich, durch die Vorgänge auf der Strasse förmlich rücksichtslos
gemacht, so stark, dass Brunelda ihn nicht nur losliess, sondern zurückwich und
ihn gänzlich freigab. »Jetzt hast du genug gesehen«, sagte sie, offenbar durch
Karls Benehmen böse gemacht, »geh ins Zimmer, bette auf und bereite alles für
die Nacht vor.« Sie streckte die Hand nach dem Zimmer aus. Das war ja die
Richtung, die Karl schon seit einigen Stunden nehmen wollte, er widersprach mit
keinem Wort. Da hörte man von der Gasse her das Krachen von viel zersplitterndem
Glas. Karl konnte sich nicht bezwingen und sprang noch rasch zum Geländer, um
flüchtig noch einmal hinunterzuschauen. Ein Anschlag der Gegner, und vielleicht
ein entscheidender, war geglückt, die Automobillaternen der Anhänger, die mit
ihrem starken Licht wenigstens die Hauptvorgänge vor der gesamten Öffentlichkeit
geschehen liessen und dadurch alles in gewissen Grenzen gehalten hatten, waren
sämtlich und gleichzeitig zerschmettert worden, den Kandidaten und seinen Träger
umfing nun die gemeinsame unsichere Beleuchtung, die in ihrer plötzlichen
Ausbreitung wie völlige Finsternis wirkte. Auch nicht beiläufig hätte man jetzt
angeben können, wo sich der Kandidat befand, und das Täuschende des Dunkels
wurde noch vermehrt durch einen gerade einsetzenden, breiten, einheitlichen
Gesang, der von unten, von der Brücke her sich näherte.
    »Habe ich dir nicht gesagt, was du jetzt zu tun hast!« sagte Brunelda.
»Beeile dich. Ich bin müde«, fügte sie hinzu und streckte dann die Arme in die
Höhe, so dass sich ihre Brust noch viel mehr wölbte als gewöhnlich. Delamarche,
der sie noch immer umfasst hielt, zog sie mit sich in eine Ecke des Balkons.
Robinson ging ihnen nach, um die Überbleibsel seines Essens, die noch dort
lagen, beiseite zu schieben.
    Diese günstige Gelegenheit musste Karl ausnützen, jetzt war keine Zeit
hinunterzuschauen, von den Vorgängen auf der Strasse würde er unten noch genug
sehen, und mehr als von hier oben. In zwei Sprüngen eilte er durch das rötlich
beleuchtete Zimmer, aber die Tür war verschlossen und der Schlüssel abgezogen.
Der musste jetzt gefunden werden, aber wer wollte in dieser Unordnung einen
Schlüssel finden und gar in der kurzen, kostbaren Zeit, die Karl zur Verfügung
stand! Jetzt hätte er schon eigentlich auf der Treppe sein, hätte laufen und
laufen sollen. Und nun suchte er den Schlüssel! Suchte ihn in allen zugänglichen
Schubladen, stöberte auf dem Tisch herum, wo verschiedenes Essgeschirr,
Servietten und irgendeine angefangene Stickerei herumlagen, wurde durch einen
Lehnstuhl angelockt, auf dem ein ganz verfjetzter Haufen alter Kleidungsstücke
sich befand, in denen der Schlüssel sich möglicherweise befinden, aber niemals
aufgefunden werden konnte, und warf sich schliesslich auf das tatsächlich
übelriechende Kanapee, um in allen Ecken und Falten nach dem Schlüssel zu
tasten. Dann liess er vom Suchen ab und stockte in der Mitte des Zimmers. Gewiss
hatte Brunelda den Schlüssel an ihrem Gürtel befestigt, sagte er sich, dort
hingen ja so viele Sachen, alles Suchen war umsonst.
    Und blindlings ergriff Karl zwei Messer und bohrte sie zwischen die
Türflügel, eines oben, eines unten, um zwei voneinander entfernte Angriffspunkte
zu erhalten. Kaum hatte er an den Messern gezogen, brachen natürlich die Klingen
entzwei. Er hatte nichts anderes wollen, die Stümpfe, die er nun fester
einbohren konnte, würden desto besser halten. Und nun zog er mit aller Kraft,
die Arme weit ausgebreitet, die Beine weit auseinander gestemmt, stöhnend und
dabei genau auf die Tür aufpassend. Sie würde nicht auf die Dauer widerstehen
können, das erkannte er mit Freuden aus dem deutlich hörbaren Sichlockern der
Riegel, je langsamer es aber ging, desto richtiger war es, aufspringen durfte ja
das Schloss gar nicht, sonst würde man ja auf dem Balkon aufmerksam werden, das
Schloss musste sich vielmehr ganz langsam voneinander lösen, und darauf arbeitete
Karl mit grösster Vorsicht hin, die Augen immer mehr dem Schloss nähernd.
    »Seht einmal«, hörte er da die Stimme des Delamarche.
    Alle drei standen im Zimmer, der Vorhang war hinter ihnen schon zugezogen,
Karl musste ihr Kommen überhört haben, die Hände sanken ihm bei dem Anblick von
den Messern herab. Aber er hatte gar nicht Zeit, irgendein Wort zur Erklärung
oder Entschuldigung zu sagen, denn in einem weit über die augenblickliche
Gelegenheit hinausgehenden Wutanfall sprang Delamarche - sein gelöstes
Schlafrockseil beschrieb eine grosse Figur in der Luft - auf Karl los. Karl wich
noch im letzten Augenblick dem Angriff aus, er hätte die Messer aus der Tür
ziehen und zur Verteidigung benützen können, aber das tat er nicht, dagegen
griff er, sich bückend und aufspringend, nach dem breiten Schlafrockkragen des
Delamarche, schlug ihn in die Höhe, zog ihn dann noch weiter hinauf - der
Schlafrock war ja für Delamarche viel zu gross - und hielt nun glücklich den
Delamarche beim Kopf, der, allzusehr überrascht, zuerst blind mit den Händen
fuchtelte und erst nach einem Weilchen, aber noch nicht mit ganzer Wirkung mit
den Fäusten auf Karls Rücken schlug, der sich, um sein Gesicht zu schützen, an
die Brust des Delamarche geworfen hatte. Die Faustschläge ertrug Karl, wenn er
sich auch vor Schmerzen wand und wenn auch die Schläge immer stärker wurden,
aber wie hätte er das nicht ertragen sollen, vor sich sah er ja den Sieg. Die
Hände am Kopf des Delamarche, die Daumen wohl gerade über seinen Augen, führte
er ihn vor sich her gegen das ärgste Möbeldurcheinander und versuchte überdies,
mit den Fussspitzen das Schlafrockseil um die Füsse des Delamarche zu schlingen
und ihn auch so zu Fall zu bringen.
    Da er sich aber ganz und gar mit Delamarche beschäftigen musste, zumal er
dessen Widerstand immer mehr wachsen fühlte und immer sehniger dieser feindliche
Körper sich ihm entgegenstemmte, vergass er tatsächlich, dass er nicht mit
Delamarche allein war. Aber nur allzubald wurde er daran erinnert, denn
plötzlich versagten seine Füsse, die Robinson, der sich hinter ihm auf den Boden
geworfen hatte, schreiend auseinander presste. Seufzend liess Karl von Delamarche
ab, der noch einen Schritt zurückwich. Brunelda stand mit weit auseinander
gestellten Beinen und gebeugten Knien in ihrer ganzen Breite in der Zimmermitte
und verfolgte die Vorgänge mit leuchtenden Augen. Als beteilige sie sich
tatsächlich an dem Kampf, atmete sie tief, visierte mit den Augen und liess ihre
Fäuste langsam vorrücken. Delamarche schlug seinen Kragen nieder, hatte nun
wieder freien Blick, und nun gab es natürlich keinen Kampf mehr, sondern bloss
eine Bestrafung. Er fasste Karl vorn beim Hemd, hob ihn fast vom Boden und
schleuderte ihn, vor Verachtung sah er ihn gar nicht an, so gewaltig gegen einen
ein paar Schritte entfernten Schrank, dass Karl im ersten Augenblick meinte, die
stechenden Schmerzen im Rücken und am Kopf, die ihm das Aufschlagen am Kasten
verursachte, stammten unmittelbar von der Hand des Delamarche. »Du Halunke!«
hörte er den Delamarche in dem Dunkel, das vor seinen zitternden Augen entstand,
noch laut ausrufen. Und in der ersten Erschöpfung, in der er vor dem Kasten
zusammensank, klangen ihm die Worte »Warte nur!« noch schwach in den Ohren nach.
    Als er zur Besinnung kam, war es um ihn ganz finster, es mochte noch spät in
der Nacht sein, vom Balkon her drang unter dem Vorhang ein leichter Schimmer des
Mondlichts in das Zimmer. Man hörte die ruhigen Atemzüge der drei Schläfer, die
bei weitem lautesten stammten von Brunelda, sie schnaufte im Schlaf, wie sie es
bisweilen beim Reden tat; es war aber nicht leicht festzustellen, in welcher
Richtung die einzelnen Schläfer sich befanden, das ganze Zimmer war von dem
Rauschen ihres Atems voll. Erst nachdem er seine Umgebung ein wenig geprüft
hatte, dachte Karl an sich, und da erschrak er sehr, denn wenn er sich auch ganz
krumm und steif von Schmerzen fühlte, so hatte er doch nicht daran gedacht, dass
er eine schwere blutige Verletzung erlitten haben könnte. Nun aber hatte er eine
Last auf dem Kopf, und das ganze Gesicht, der Hals, die Brust unter dem Hemd
waren feucht wie von Blut. Er musste ans Licht, um seinen Zustand genau
festzustellen, vielleicht hatte man ihn zum Krüppel geschlagen, dann würde ihn
Delamarche wohl gerne entlassen, aber was sollte er dann anfangen, dann gab es
wirklich keine Aussichten mehr für ihn. Der Bursche mit der zerfressenen Nase im
Torweg fiel ihm ein, und er legte einen Augenblick lang das Gesicht in seine
Hände.
    Unwillkürlich wandte er sich dann der Tür zu und tastete sich auf allen
vieren hin. Bald erfühlte er mit den Fingerspitzen einen Stiefel und weiterhin
ein Bein. Das war Robinson, wer schlief sonst in Stiefeln? Man hatte ihm
befohlen, sich quer vor die Tür zu legen, um Karl an der Flucht zu hindern. Aber
kannte man denn Karls Zustand nicht? Vorläufig wollte er gar nicht entfliehen,
er wollte nur ans Licht kommen. Konnte er also nicht zur Tür hinaus, so musste er
auf den Balkon.
    Den Esstisch fand er an einer offenbar ganz anderen Stelle als am Abend, das
Kanapee, dem sich Karl natürlich sehr vorsichtig näherte, war
überraschenderweise leer, dagegen stiess er in der Zimmermitte auf
hochgeschichtete, wenn auch stark gepresste Kleider, Decken, Vorhänge, Polster
und Teppiche. Zuerst dachte er, es sei nur ein kleiner Haufen, ähnlich dem, den
er am Abend auf dem Sofa gefunden hatte und der etwa auf die Erde gerollt war,
aber zu seinem Staunen bemerkte er beim Weiterkriechen, dass da eine ganze
Wagenladung solcher Sachen lag, die man wahrscheinlich für die Nacht aus den
Kasten herausgenommen hatte, wo sie während des Tages aufbewahrt wurden. Er
umkroch den Haufen und erkannte bald, dass das Ganze eine Art Bettlager
darstellte, auf dem hoch oben, wie er sich durch vorsichtiges Tasten überzeugte,
Delamarche und Brunelda ruhten.
    Jetzt wusste er also, wo alle schliefen, und beeilte sich nun, auf den Balkon
zu kommen. Es war eine ganz andere Welt, in der er sich nun, ausserhalb des
Vorhangs, schnell erhob. In der frischen Nachtluft, im vollen Schein des Mondes
ging er einigemal auf dem Balkon auf und ab. Er sah auf die Strasse, sie war ganz
still, aus dem Gastaus klang noch die Musik, aber nur gedämpft, hervor, vor der
Tür kehrte ein Mann das Trottoir, in der Gasse, in der am Abend innerhalb des
wüsten allgemeinen Lärms das Schreien eines Wahlkandidaten von tausend anderen
Stimmen nicht hatte unterschieden werden können, hörte man nun deutlich das
Kratzen des Besens auf dem Pflaster.
    Das Rücken eines Tisches auf dem Nachbarbalkon machte Karl aufmerksam, dort
sass ja jemand und studierte. Es war ein junger Mann mit einem kleinen Spitzbart,
an dem er beim Lesen, das er mit raschen Lippenbewegungen begleitete, ständig
drehte. Er sass, das Gesicht Karl zugewendet, an einem kleinen, mit Büchern
bedeckten Tisch, die Glühlampe hatte er von der Mauer abgenommen, zwischen zwei
grosse Bücher geklemmt, und war nun von ihrem grellen Licht ganz überleuchtet.
    »Guten Abend«, sagte Karl, da er bemerkt zu haben glaubte, dass der junge
Mann zu ihm herübergeschaut hätte.
    Aber das musste wohl ein Irrtum gewesen sein, denn der junge Mann schien ihn
überhaupt noch nicht bemerkt zu haben, legte die Hand über die Augen, um das
Licht abzublenden und festzustellen, wer da plötzlich grüsste, und hob dann, da
er noch immer nichts sah, die Glühlampe hoch, um mit ihr auch den Nachbarbalkon
ein wenig zu beleuchten.
    »Guten Abend«, sagte dann auch er, blickte einen Augenblick lang scharf
hinüber, und fügte dann hinzu: »Und was Weiter?«
    »Ich störe Sie?« fragte Karl.
    »Gewiss, gewiss«, sagte der Mann und brachte die Glühlampe wieder an ihren
früheren Ort.
    Mit diesen Worten war allerdings jede Anknüpfung abgelehnt, aber Karl
verliess trotzdem die Balkonecke, in der er dem Manne am nächsten war, nicht.
Stumm sah er zu, wie der Mann in seinem Buche las, die Blätter wendete, hie und
da in einem anderen Buche das er immer mit Blitzesschnelle ergriff, irgend etwas
nachschlug und öfters Notizen in ein Heft eintrug, wobei er immer überraschend
tief das Gesicht zu dem Hefte senkte.
    Ob dieser Mann vielleicht ein Student war? Es sah ganz so aus, als ob er
studierte. Nicht viel anders - jetzt war es schon lange her - war Karl zu Hause
am Tisch der Eltern gesessen und hatte seine Aufgaben geschrieben, während der
Vater die Zeitung las oder Bucheintragungen und Korrespondenzen für einen Verein
erledigte und die Mutter mit einer Näharbeit beschäftigt war und hoch den Faden
aus dem Stoffe zog. Um den Vater nicht zu belästigen, hatte Karl nur das Heft
und das Schreibzeug auf den Tisch gelegt, während er die nötigen Bücher rechts
und links von sich auf Sesseln angeordnet hatte. Wie still war es dort gewesen!
Wie selten waren fremde Leute in jenes Zimmer gekommen! Schon als kleines Kind
hatte Karl immer gerne zugesehen, wenn die Mutter gegen Abend die Wohnungstür
mit dem Schlüssel absperrte. Sie hatte keine Ahnung davon, dass es jetzt mit Karl
so weit gekommen war, dass er fremde Türen mit Messern aufzubrechen suchte.
    Und welchen Zweck hatte sein ganzes Studium gehabt! Er hatte ja alles
vergessen; wenn es darauf angekommen wäre, hier sein Studium fortzusetzen, es
wäre ihm sehr schwer geworden. Er erinnerte sich daran, dass er zu Hause einmal
einen Monat lang krank gewesen war; welche Mühe hatte es ihn damals gekostet,
sich nachher wieder in dem unterbrochenen Lernen zurechtzufinden. Und nun hatte
er ausser dem Lehrbuch der englischen Handelskorrespondenz schon so lange kein
Buch gelesen.
    »Sie, junger Mann«, hörte sich Karl plötzlich angesprochen, »könnten Sie
sich nicht anderswo aufstellen? Ihr Herüberstarren stört mich schrecklich. Um
zwei Uhr in der Nacht kann man doch schliesslich verlangen, auf dem Balkon
ungestört arbeiten zu können. Wollen Sie denn etwas von mir?«
    »Sie studieren?« fragte Karl.
    »Ja, ja«, sagte der Mann und benützte dieses für das Lernen verlorene
Weilchen, um unter seinen Büchern eine neue Ordnung einzurichten.
    »Dann will ich Sie nicht stören«, sagte Karl, »ich gehe überhaupt schon ins
Zimmer zurück. Gute Nacht.«
    Der Mann gab nicht einmal eine Antwort, mit einem plötzlichen Entschlusse
hatte er sich nach Beseitigung dieser Störung wieder ans Studieren gemacht und
stützte die Stirn schwer in die rechte Hand.
    Da erinnerte sich Karl knapp vor dem Vorhang daran, warum er eigentlich
herausgekommen war, er wusste ja noch gar nicht, wie es mit ihm stand. Was
lastete nur so auf seinem Kopf? Er griff hinauf und staunte, da war keine
blutige Verletzung, wie er im Dunkel des Zimmers gefürchtet hatte, es war nur
ein noch immer feuchter, turbanartiger Verband. Er war, nach den noch hie und da
hängenden Spitzenüberresten zu schliessen, aus einem alten Wäschestück Bruneldas
gerissen, und Robinson hatte ihn wohl flüchtig Karl um den Kopf gewickelt. Nur
hatte er vergessen, ihn auszuwinden, und so war während Karls Bewusstlosigkeit
das viele Wasser das Gesicht hinab- und unter das Hemd geronnen und hatte Karl
solchen Schrecken eingejagt.
    »Sie sind wohl noch immer da?« fragte der Mann und blinzelte hinüber.
    »Jetzt gehe ich aber wirklich schon«, sagte Karl »ich wollte hier nur etwas
anschauen, im Zimmer ist es ganz finster.«
    »Wer sind Sie denn?« sagte der Mann, legte den Federhalter in das vor ihm
geöffnete Buch und trat an das Geländer. »Wie heissen Sie? Wie kommen Sie zu den
Leuten? Sind Sie schon lange hier? Was wollen Sie denn anschauen? Drehen Sie
doch Ihre Glühlampe dort auf, damit man Sie sehen kann.«
    Karl tat dies, zog aber, ehe er antwortete, noch den Vorhang der Tür fester
zu, damit man im Inneren nichts merken konnte. »Verzeihen Sie«, sagte er dann im
Flüsterton, »dass ich so leise rede. Wenn mich die drinnen hören, habe ich wieder
einen Krawall.«
    »Wieder?« fragte der Mann.
    »Ja«, sagte Karl, »ich habe ja erst abends einen grossen Streit mit ihnen
gehabt. Ich muss da noch eine fürchterliche Beule haben.« Und er tastete hinten
seinen Kopf ab. »Was war denn das für ein Streit?« fragte der Mann und fügte, da
Karl nicht gleich antwortete, hinzu: »Mir können Sie ruhig alles anvertrauen,
was Sie gegen diese Herrschaften auf dem Herzen haben. Ich hasse sie nämlich
alle drei, und ganz besonders Ihre Madame. Es sollte mich übrigens wundern, wenn
man Sie nicht schon gegen mich gehetzt hätte. Ich heisse Josef Mendel und bin
Student.«
    »Ja«, sagte Karl, »erzählt hat man mir schon von Ihnen, aber nichts
Schlimmes. Sie haben wohl einmal Frau Brunelda behandelt, nicht wahr?«
    »Das stimmt«, sagte der Student und lachte. »Riecht das Kanapee noch
danach?«
    »O ja«, sagte Karl.
    »Das freut mich aber«, sagte der Student und fuhr mit der Hand durchs Haar.
»Und warum macht man Ihnen Beulen?«
    »Es war ein Streit«, sagte Karl im Nachdenken darüber, wie er es dem
Studenten erklären sollte. Dann aber unterbrach er sich und sagte: »Störe ich
Sie denn nicht?« »Erstens«, sagte der Student, »haben Sie mich schon gestört,
und ich bin leider so nervös, dass ich lange Zeit brauche, um mich wieder
zurechtzufinden. Seit Sie da Ihre Spaziergänge auf dem Balkon angefangen haben,
komme ich mit dem Studieren nicht vorwärts. Zweitens aber mache ich um drei Uhr
immer eine Pause. Erzählen Sie also nur ruhig. Es interessiert mich auch.«
    »Es ist ganz einfach«, sagte Karl. »Delamarche will, dass ich bei ihm Diener
werde. Aber ich will nicht. Ich wäre am liebsten noch gleich abends weggegangen.
Er wollte mich nicht lassen, hat die Tür abgesperrt, ich wollte sie aufbrechen,
und dann kam es zu der Rauferei. Ich bin unglücklich, dass ich noch hier bin.«
    »Haben Sie denn eine andere Stellung?« fragte der Student.
    »Nein«, sagte Karl, »aber daran liegt mir nichts, wenn ich nur von hier fort
wäre.«
    »Hören Sie einmal«, sagte der Student, »daran liegt Ihnen nichts?« Und beide
schwiegen ein Weilchen. »Warum wollen Sie denn bei den Leuten nicht bleiben?«
fragte dann der Student.
    »Delamarche ist ein schlechter Mensch«, sagte Karl, »ich kenne ihn schon von
früher her. Ich marschierte einmal einen Tag lang mit ihm und war froh, als ich
nicht mehr bei ihm war. Und jetzt soll ich Diener bei ihm werden?«
    »Wenn alle Diener bei der Auswahl ihrer Herrschaften so heikel sein wollten
wie Sie!« sagte der Student und schien zu lächeln. »Sehen Sie, ich bin während
des Tages Verkäufer, niedrigster Verkäufer, eher schon Laufbursche im Warenhaus
von Montly. Dieser Montly ist zweifellos ein Schurke, aber das lässt mich ganz
ruhig, wütend bin ich nur, dass ich so elend bezahlt werde. Nehmen Sie sich also
an mir ein Beispiel.«
    »Wie?« sagte Karl, »Sie sind bei Tag Verkäufer und in der Nacht studieren
Sie?«
    »Ja«, sagte der Student, »es geht nicht anders. Ich habe schon alles
mögliche versucht, aber diese Lebensweise ist noch die beste. Vor Jahren war ich
nur Student, bei Tag und Nacht, wissen Sie, nur bin ich dabei fast verhungert,
habe in einer schmutzigen alten Höhle geschlafen und wagte mich in meinem
damaligen Anzug nicht in die Hörsäle. Aber das ist vorüber.«
    »Aber wann schlafen Sie?« fragte Karl und sah den Studenten verwundert an.
    »Ja, schlafen!« sagte der Student. »Schlafen werde ich, wenn ich mit meinem
Studium fertig bin. Vorläufig trinke ich schwarzen Kaffee.« Und er wandte sich
um, zog unter seinem Studiertisch eine grosse Flasche hervor, goss aus ihr
schwarzen Kaffee in ein Tässchen und schüttete ihn in sich hinein, so wie man
Medizinen eilig schluckt, um möglichst wenig von ihrem Geschmack zu spüren.
    »Eine feine Sache, der schwarze Kaffee«, sagte der Student. »Schade, dass Sie
so weit sind, dass ich Ihnen nicht ein wenig hinüberreichen kann.«
    »Mir schmeckt schwarzer Kaffee nicht«, sagte Karl.
    »Mir auch nicht«, sagte der Student und lachte. »Aber was wollte ich ohne
ihn anfangen. Ohne den schwarzen Kaffee würde mich Montly keinen Augenblick
behalten. Ich sage immer Montly, obwohl der natürlich keine Ahnung hat, dass ich
auf der Welt bin. Ganz genau weiss ich nicht, wie ich mich im Geschäft benehmen
würde, wenn ich nicht dort im Pult eine gleich grosse Flasche wie diese immer
vorbereitet hätte, denn ich habe noch nie gewagt, mit dem Kaffeetrinken
auszusetzen, aber, glauben Sie mir nur, ich würde bald hinter dem Pulte liegen
und schlafen. Leider ahnt man das, sie nennen mich dort den Schwarzen Kaffee,
was ein blödsinniger Witz ist und mir gewiss in meinem Vorwärtskommen schon
geschadet hat.«
    »Und wann werden Sie mit Ihrem Studium fertig werden?« fragte Karl.
    »Es geht langsam«, sagte der Student mit gesenktem Kopf. Er verliess das
Geländer und setzte sich wieder an den Tisch; die Ellbogen auf das offene Buch
aufgestützt, mit den Händen durch seine Haare fahrend, sagte er dann: »Es kann
noch ein bis zwei Jahre dauern.«
    »Ich wollte auch studieren«, sagte Karl, als gebe ihm dieser Umstand ein
Anrecht auf ein noch grösseres Vertrauen, als es der jetzt verstummende Student
ihm gegenüber schon bewiesen hatte.
    »So«, sagte der Student, und es war nicht ganz klar, ob er in seinem Buche
schon wieder las oder nur zerstreut hineinstarrte, »seien Sie froh, dass Sie das
Studium aufgegeben haben. Ich selbst studiere schon seit Jahren eigentlich nur
aus Konsequenz. Befriedigung habe ich wenig davon und Zukunftsaussichten noch
weniger. Welche Aussichten wollte ich denn haben! Amerika ist voll von
Schwindeldoktoren.«
    »Ich wollte Ingenieur werden«, sagte Karl noch eilig zu dem scheinbar schon
gänzlich unaufmerksamen Studenten hinüber.
    »Und jetzt sollen Sie Diener bei diesen Leuten werden«, sagte der Student
und sah flüchtig auf, »das schmerzt Sie natürlich.«
    Diese Schlussfolgerung des Studenten war allerdings ein Missverständnis, aber
vielleicht konnte es Karl beim Studenten nützen. Er fragte deshalb: »Könnte ich
nicht vielleicht auch eine Stelle im Warenhaus bekommen?«
    Diese Frage riss den Studenten völlig von seinem Buche los; der Gedanke, dass
er Karl bei seiner Postenbewerbung behilflich sein könnte, kam ihm gar nicht.
»Versuchen Sie es«, sagte er, »oder versuchen Sie es lieber nicht. Dass ich
meinen Posten bei Montly bekommen habe, ist der bisher grösste Erfolg meines
Lebens gewesen. Wenn ich zwischen dem Studium und meinem Posten zu wählen hatte,
würde ich natürlich den Posten wählen. Meine Anstrengung geht nur darauf hin,
die Notwendigkeit einer solchen Wahl nicht eintreten zu lassen.« »So schwer ist
es, dort einen Posten zu bekommen«, sagte Karl mehr für sich.
    »Ach, was denken Sie denn«, sagte der Student, »es ist leichter, hier
Bezirksrichter zu werden als Türöffner bei Montly.«
    Karl schwieg. Dieser Student, der doch so viel erfahrener war als er und der
den Delamarche aus irgendwelchen Karl noch unbekannten Gründen hasste, der
dagegen Karl gewiss nichts Schlechtes wünschte, fand für Karl kein Wort der
Aufmunterung, den Delamarche zu verlassen. Und dabei kannte er noch gar nicht
die Gefahr, die Karl von der Polizei drohte und vor der er nur bei Delamarche
halbwegs geschützt war.
    »Sie haben doch am Abend die Demonstration unten gesehen? Nicht wahr? Wenn
man die Verhältnisse nicht kannte, sollte man doch denken, dieser Kandidat, er
heisst Lobter, werde doch irgendwelche Aussichten haben oder er komme doch
wenigstens in Betracht, nicht?«
    »Ich verstehe von Politik nichts«, sagte Karl.
    »Das ist ein Fehler«, sagte der Student. »Aber abgesehen davon haben Sie
doch Augen und Ohren. Der Mann hat doch zweifellos Freunde und Feinde gehabt,
das kann Ihnen doch nicht entgangen sein. Und nun bedenken Sie, der Mann hat,
meiner Meinung nach, nicht die geringsten Aussichten, gewählt zu werden. Ich
weiss zufällig alles über ihn, es wohnt da bei uns einer, der ihn kennt. Er ist
kein unfähiger Mensch, und seinen politischen Ansichten und seiner politischen
Vergangenheit nach wäre gerade er der passende Richter für den Bezirk. Aber kein
Mensch denkt daran, dass er gewählt werden könnte, er wird so prachtvoll
durchfallen, als man durchfallen kann, er wird für die Wahlkampagne seine paar
Dollars hinausgeworfen haben, das wird alles sein.«
    Karl und der Student sahen einander ein Weilchen schweigend an. Der Student
nickte lächelnd und drückte mit einer Hand die müden Augen.
    »Nun, werden Sie noch nicht schlafen gehen?« fragte er dann. »Ich muss ja
auch wieder studieren. Sehen Sie, wieviel ich noch durchzuarbeiten habe.« Und er
blätterte ein halbes Buch rasch durch, um Karl einen Begriff von der Arbeit zu
geben, die noch auf ihn wartete.
    »Dann also gute Nacht«, sagte Karl und verbeugte sich.
    »Kommen Sie doch einmal zu uns herüber«, sagte der Student, der schon wieder
an seinem Tisch sass, »natürlich nur, wenn Sie Lust haben. Sie werden hier immer
grosse Gesellschaft finden. Von neun bis zehn Uhr abends habe ich auch für Sie
Zeit.«
    »Sie raten mir also, bei Delamarche zu bleiben?« fragte Karl.
    »Unbedingt«, sagte der Student und senkte schon den Kopf zu seinen Büchern.
Es schien, als hätte gar nicht er das Wort gesagt; wie von einer Stimme
gesprochen, die tiefer war als jene des Studenten, klang es noch in Karls Ohren
nach. Langsam ging er zum Vorhang, warf noch einen Blick auf den Studenten, der
jetzt ganz unbeweglich, von der grossen Finsternis umgeben, in seinem Lichtschein
sass, und schlüpfte ins Zimmer. Die vereinten Atemzüge der drei Schläfer
empfingen ihn. Er suchte die Wand entlang das Kanapee und, als er es gefunden
hatte, streckte er sich ruhig auf ihm aus, als sei es sein gewohntes Lager. Da
ihm der Student, der den Delamarche und die hiesigen Verhältnisse genau kannte
und überdies ein gebildeter Mann war, geraten hatte, hier zu bleiben, hatte er
vorläufig keine Bedenken. So hohe Ziele wie der Student hatte er nicht, wer
weiss, ob es ihm sogar zu Hause gelungen wäre, das Studium zu Ende zu führen, und
wenn es zu Hause kaum möglich schien, so konnte niemand verlangen, dass er es
hier im fremden Lande tue. Die Hoffnung aber, einen Posten zu finden, in dem er
etwas leisten und für seine Leistungen anerkannt werden könnte, war gewiss
grösser, wenn er vorläufig die Dienerstelle bei Delamarche annahm und aus dieser
Sicherheit heraus eine günstige Gelegenheit abwartete. Es schienen sich ja in
dieser Strasse viele Büros mittleren und unteren Ranges zu befinden, die
vielleicht im Falle des Bedarfes bei der Auswahl ihres Personals nicht gar zu
wählerisch waren. Er wollte ja gern, wenn es sein musste, Geschäftsdiener werden,
aber schliesslich war es ja gar nicht ausgeschlossen, dass er auch für reine
Büroarbeit aufgenommen werden konnte und einstmals als Bürobeamter an seinem
Schreibtisch sitzen und ohne Sorgen ein Weilchen lang aus dem offenen Fenster
schauen würde wie jener Beamte, den er heute früh beim Durchmarsch durch die
Höfe gesehen hatte. Beruhigend fiel ihm ein, als er die Augen schloss, dass er
doch jung war und dass Delamarche ihn doch einmal freigeben würde; dieser
Haushalt sah ja wirklich nicht danach aus, als sei er für die Ewigkeit gemacht.
Wenn aber Karl einmal einen solchen Posten in einem Büro hätte, dann wollte er
sich mit nichts anderem beschäftigen als mit seinen Büroarbeiten und nicht die
Kräfte zersplittern wie der Student. Wenn es nötig sein sollte, wollte er auch
die Nacht fürs Büro verwenden, was man ja im Beginn bei seiner geringen
kaufmännischen Vorbildung sowieso von ihm verlangen würde. Er wollte nur an das
Interesse des Geschäftes denken, dem er zu dienen hätte, und allen Arbeiten sich
unterziehen, selbst solchen, die andere Bürobeamte als ihrer nicht würdig
zurückweisen würden. Die guten Vorsätze drängten sich in seinem Kopf, als stehe
sein künftiger Chef vor dem Kanapee und lese sie von seinem Gesicht ab.
    In solchen Gedanken schlief Karl ein und nur im ersten Halbschlaf störte ihn
noch ein gewaltiges Seufzen Bruneldas, die, scheinbar von schweren Träumen
geplagt, sich auf ihrem Lager wälzte.
 
                         Das Naturteater von Oklahoma
Karl sah an einer Strassenecke ein Plakat mit folgender Aufschrift: »Auf dem
Rennplatz in Clayton wird heute von sechs Uhr früh bis Mitternacht Personal für
das Teater in Oklahoma aufgenommen! Das grosse Teater von Oklahoma ruft euch!
Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie
für immer! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen! Wer
Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Teater, das jeden brauchen kann,
jeden an seinem Ort! Wer sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir
gleich hier! Aber beeilt euch, damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um
zwölf Uhr wird alles geschlossen und nicht mehr geöffnet! Verflucht sei, wer uns
nicht glaubt! Auf nach Clayton!«
    Es standen zwar viele Leute vor dem Plakat, aber es schien nicht viel
Beifall zu finden. Es gab so viel Plakate, Plakaten glaubte niemand mehr. Und
dieses Plakat war noch unwahrscheinlicher, als Plakate sonst zu sein pflegen.
Vor allem aber hatte es einen grossen Fehler, es stand kein Wörtchen von der
Bezahlung darin. Wäre sie auch nur ein wenig erwähnungswert gewesen, das Plakat
hätte sie gewiss genannt; es hätte das Verlockendste nicht vergessen. Künstler
werden wollte niemand, wohl aber wollte jeder für seine Arbeit bezahlt werden.
    Für Karl stand aber doch in dem Plakat eine grosse Verlockung. »Jeder war
willkommen«, hiess es. Jeder, also auch Karl. Alles, was er bisher getan hatte,
war vergessen, niemand wollte ihm daraus einen Vorwurf machen. Er durfte sich zu
einer Arbeit melden, die keine Schande war, zu der man vielmehr öffentlich
einladen konnte! Und ebenso öffentlich wurde das Versprechen gegeben, dass man
auch ihn annehmen würde. Er verlangte nichts Besseres, er wollte endlich den
Anfang einer anständigen Laufbahn finden, und hier zeigte er sich vielleicht.
Mochte alles Grosssprecherische, das auf dem Plakate stand, eine Lüge sein,
mochte das grosse Teater von Oklahoma ein kleiner Wanderzirkus sein, es wollte
Leute aufnehmen, das war genügend. Karl las das Plakat nicht zum zweiten Male,
suchte aber noch einmal den Satz: »Jeder ist willkommen« hervor. Zuerst dachte
er daran, zu Fuss nach Clayton zu gehen, aber das wären drei Stunden
angestrengten Marsches gewesen, und er wäre dann möglicherweise gerade zurecht
gekommen, um zu erfahren, dass man schon alle verfügbaren Stellen besetzt hätte.
Nach dem Plakat war allerdings die Zahl der Aufzunehmenden unbegrenzt, aber so
waren immer alle derartigen Stellenangebote abgefasst. Karl sah ein, dass er
entweder auf die Stelle verzichten oder fahren musste. Er überrechnete sein Geld,
es hätte ohne diese Fahrt für acht Tage gereicht, er schob die kleinen Münzen
auf der flachen Hand hin und her. Ein Herr, der ihn beobachtet hatte, klopfte
ihm auf die Schulter und sagte: »Viel Glück zur Fahrt nach Clayton.« Karl nickte
stumm und rechnete weiter. Aber er entschloss sich bald, teilte das für die Fahrt
notwendige Geld ab und lief zur Untergrundbahn. Als er in Clayton ausstieg,
hörte er gleich den Lärm vieler Trompeten. Es war ein wirrer Lärm, die Trompeten
waren nicht gegeneinander abgestimmt, es wurde rücksichtslos geblasen. Aber das
störte Karl nicht, es bestätigte ihm vielmehr, dass das Teater von Oklahoma ein
grosses Unternehmen war. Aber als er aus dem Stationsgebäude trat und die ganze
Anlage vor sich überblickte, sah er, dass alles noch grösser war, als er nur
irgendwie hatte denken können, und er begriff nicht, wie ein Unternehmen nur zu
dem Zweck, um Personal zu erhalten, derartige Aufwendungen machen konnte. Vor
dem Eingang zum Rennplatz war ein langes, niedriges Podium aufgebaut, auf dem
Hunderte von Frauen, als Engel gekleidet, in weissen Tüchern mit grossen Flügeln
am Rücken, auf langen, goldglänzenden Trompeten bliesen. Sie waren aber nicht
unmittelbar auf dem Podium, sondern jede stand auf einem Postament, das aber
nicht zu sehen war, denn die langen wehenden Tücher der Engelkleidung hüllten es
vollständig ein. Da nun die Postamente sehr hoch, wohl bis zwei Meter hoch
waren, sahen die Gestalten der Frauen riesenhaft aus, nur ihre kleinen Köpfe
störten ein wenig den Eindruck der Grösse, auch ihr gelöstes Haar hing zu kurz
und fast lächerrlich zwischen den grossen Flügeln und an den Seiten hinab. Damit
keine Einförmigkeit entstehe, hatte man Postamente in der verschiedensten Grösse
verwendet; es gab ganz niedrige Frauen, nicht weit über Lebensgrösse, aber neben
ihnen schwangen sich andere Frauen in solche Höhe hinauf, dass man sie beim
leichtesten Windstoss in Gefahr glaubte. Und nun bliesen alle diese Frauen.
    Es gab nicht viele Zuhörer. Klein, im Vergleich zu den grossen Gestalten,
gingen etwa zehn Burschen vor dem Podium hin und her und blickten zu den Frauen
hinauf. Sie zeigten einander diese oder jene, sie schienen aber nicht die
Absicht zu haben, einzutreten und sich aufnehmen zu lassen. Nur ein einziger
älterer Mann war zu sehen, er stand ein wenig abseits. Er hatte gleich auch
seine Frau und ein Kind im Kinderwagen mitgebracht. Die Frau hielt mit der einen
Hand den Wagen, mit der anderen stützte sie sich auf die Schulter des Mannes.
Sie bewunderten zwar das Schauspiel, aber man erkannte doch, dass sie enttäuscht
waren. Sie hatten wohl auch erwartet, eine Arbeitsgelegenheit zu finden, dieses
Trompetenblasen aber beirrte sie. Karl war in der gleichen Lage. Er trat in die
Nähe des Mannes, hörte ein wenig den Trompeten zu und sagte dann: »Hier ist doch
die Aufnahmestelle für das Teater von Oklahoma?«
    »Ich glaubte es auch«, sagte der Mann, »aber wir warten hier schon seit
einer Stunde und hören nichts als die Trompeten. Nirgends ist ein Plakat zu
sehen, nirgends ein Ausrufer, nirgends jemand, der Auskunft geben könnte.«
    Karl sagte: »Vielleicht wartet man, bis mehr Leute zusammenkommen. Es sind
wirklich noch sehr wenig hier.«
    »Möglich«, sagte der Mann, und sie schwiegen wieder. Es war auch schwer, im
Lärm der Trompeten etwas zu verstehen. Aber dann flüsterte die Frau etwas ihrem
Manne zu, er nickte, und sie rief gleich Karl an: »Könnten Sie nicht in die
Rennbahn hinübergehen und fragen, wo die Aufnahme stattfindet?«
    »Ja«, sagte Karl, »aber ich müsste über das Podium gehen, zwischen den Engeln
durch.«
    »Ist das so schwierig?« fragte die Frau.
    Für Karl erschien ihr der Weg leicht, ihren Mann aber wollte sie nicht
ausschicken.
    »Nun ja«, sagte Karl, »ich werde gehen.«
    »Sie sind sehr gefällig«, sagte die Frau, und sie wie auch ihr Mann drückten
Karl die Hand.
    Die Burschen liefen zusammen, um aus der Nähe zu sehen, wie Karl auf das
Podium stieg. Es war, als bliesen die Frauen stärker, um den ersten
Stellensuchenden zu begrüssen. Diejenigen aber, an deren Postament Karl gerade
vorüberging, gaben sogar die Trompeten vom Munde und beugten sich zur Seite, um
seinen Weg zu verfolgen. Karl sah auf dem anderen Ende des Podiums einen unruhig
auf und ab gehenden Mann, der offenbar nur auf Leute wartete, um ihnen alle
Auskunft zu geben, die man nur wünschen konnte. Karl wollte schon auf ihn
zugehen, da hörte er über sich seinen Namen rufen.
    »Karl!« rief der Engel. Karl sah auf und fing vor freudiger Überraschung zu
lachen an. Es war Fanny.
    »Fanny!« rief er und grüsste mit der Hand hinauf.
    »Komm doch her!« rief Fanny. »Du wirst doch nicht an mir vorüberlaufen!« Und
sie schlug die Tücher auseinander, so dass das Postament und eine schmale Treppe,
die hinaufführte, freigelegt wurde.
    »Ist es erlaubt hinaufzugehen?« fragte Karl.
    »Wer will uns verbieten, dass wir einander die Hand drücken!« rief Fanny und
blickte sich erzürnt um, ob nicht etwa schon jemand mit dem Verbote käme. Karl
lief aber schon die Treppe hinauf.
    »Langsamer!« rief Fanny. »Das Postament und wir beide stürzen um!« Aber es
geschah nichts, Karl kam glücklich bis zur letzten Stufe. »Sieh nur«, sagte
Fanny, nachdem sie einander begrüsst hatten, »sieh nur, was für eine Arbeit ich
bekommen habe.«
    »Es ist ja schön«, sagte Karl und sah sich um. Alle Frauen in der Nähe
hatten schon Karl bemerkt und kicherten. »Du bist fast die Höchste«, sagte Karl
und streckte die Hand aus, um die Höhe der anderen abzumessen.
    »Ich habe dich gleich gesehen«, sagte Fanny, »als du aus der Station kamst,
aber ich bin leider hier in der letzten Reihe, man sieht mich nicht, und rufen
konnte ich auch nicht. Ich habe zwar besonders laut geblasen, aber du hast mich
nicht erkannt.«
    »Ihr blast ja alle schlecht«, sagte Karl, »lass mich einmal blasen.«
    »Aber gewiss«, sagte Fanny und reichte ihm die Trompete, »aber verdirb den
Chor nicht, sonst entlässt man mich.«
    Karl fing zu blasen an; er hatte gedacht, es sei eine grob gearbeitete
Trompete, nur zum Lärmmachen bestimmt, aber nun zeigte es sich, dass es ein
Instrument war, das fast jede Feinheit ausführen konnte. Waren alle Instrumente
von gleicher Beschaffenheit, so wurde ein grosser Missbrauch mit ihnen getrieben.
Karl blies, ohne sich vom Lärm der anderen stören zu lassen, aus voller Brust
ein Lied, das er irgendwo in einer Kneipe einmal gehört hatte. Er war froh, eine
alte Freundin getroffen zu haben und hier, vor allen bevorzugt, die Trompete
blasen zu dürfen und möglicherweise bald eine gute Stellung bekommen zu können.
Viele Frauen stellten das Blasen ein und hörten zu; als er plötzlich abbrach,
war kaum die Hälfte der Trompeten in Tätigkeit, erst allmählich kam wieder der
vollständige Lärm zustande.
    »Du bist ja ein Künstler«, sagte Fanny, als Karl ihr die Trompete wieder
reichte. »Lass dich als Trompeter aufnehmen.«
    »Werden denn auch Männer aufgenommen?« fragte Karl.
    »Ja«, sagte Fanny, »wir blasen zwei Stunden lang. Dann werden wir von
Männern, die als Teufel angezogen sind, abgelöst. Die Hälfte bläst, die Hälfte
trommelt. Es ist sehr schön, wie überhaupt die ganze Ausstattung sehr kostbar
ist. Ist nicht auch unser Kleid sehr schön? und die Flügel?« Sie sah an sich
hinab.
    »Glaubst du«, fragte Karl, »dass auch ich noch eine Stelle bekommen werde?«
    »Ganz bestimmt«, sagte Fanny, »es ist ja das grösste Teater der Welt. Wie
gut es sich trifft, dass wir wieder beisammen sein werden. Allerdings kommt es
darauf an, welche Stelle du bekommst. Es wäre nämlich auch möglich, dass wir,
auch wenn wir beide hier angestellt sind, uns doch gar nicht sähen.«
    »Ist denn das Ganze wirklich so gross?« fragte Karl.
    »Es ist das grösste Teater der Welt«, sagte Fanny nochmals, »ich habe es
allerdings selbst noch nicht gesehen, aber manche meiner Kolleginnen, die schon
in Oklahoma waren, sagen, es sei fast grenzenlos.«
    »Es melden sich aber wenig Leute«, sagte Karl und zeigte hinunter auf die
Burschen und die kleine Familie.
    »Das ist wahr«, sagte Fanny. »Bedenke aber, dass wir in allen Städten Leute
aufnehmen, dass unsere Werbetruppe immerfort reist und dass es noch viele solcher
Truppen gibt.«
    »Ist denn das Teater noch nicht eröffnet?« fragte Karl.
    »O ja«, sagte Fanny, »es ist ein altes Teater, aber es wird immerfort
vergrössert.«
    »Ich wundere mich«, sagte Karl, »dass sich nicht mehr Leute dazu drängen.«
    »Ja«, sagte Fanny, »es ist merkwürdig.«
    »Vielleicht«, sagte Karl, »schreckt dieser Aufwand an Engeln und Teufeln
mehr ab, als er anzieht.«
    »Wie du das herausfinden kannst«, sagte Fanny. »Es ist aber möglich. Sag es
unserem Führer, vielleicht kannst du ihm dadurch nützen.«
    »Wo ist er?« fragte Karl.
    »In der Rennbahn«, sagte Fanny, »auf der Schiedsrichtertribüne.«
    »Auch das wundert mich«, sagte Karl, »warum geschieht denn die Aufnahme auf
der Rennbahn?«
    »Ja«, sagte Fanny, »wir machen überall die grössten Vorbereitungen für den
grössten Andrang. Auf der Rennbahn ist eben viel Platz. Und in allen Ständen, wo
sonst die Wetten abgeschlossen werden, sind die Aufnahmekanzleien eingerichtet.
Es sollen zweihundert verschiedene Kanzleien sein.«
    »Aber«, rief Karl, »hat denn das Teater von Oklahoma so grosse Einkünfte, um
derartige Werbetruppen erhalten zu können?«
    »Was kümmert uns denn das?« sagte Fanny. »Aber nun geh, Karl, damit du
nichts versäumst, ich muss auch wieder blasen. Versuche, auf jeden Fall einen
Posten bei dieser Truppe zu bekommen, und komm gleich zu mir, es melden. Denke
daran, dass ich in grosser Unruhe auf die Nachricht warte.«
    Sie drückte ihm die Hand, ermahnte ihn zur Vorsicht beim Hinabsteigen,
setzte wieder die Trompete an die Lippen, blies aber nicht, ehe sie Karl unten
auf dem Boden in Sicherheit sah. Karl legte wieder die Tücher über die Treppe,
so wie sie früher gewesen waren, Fanny dankte durch Kopfnicken, und Karl ging,
das eben Gehörte nach verschiedenen Richtungen hin überlegend, auf den Mann zu,
der schon Karl oben bei Fanny gesehen und sich dem Postament genähert hatte, um
ihn zu erwarten.
    »Sie wollen bei uns eintreten?« fragte der Mann. »Ich bin der Personalchef
dieser Truppe und heisse Sie willkommen.« Er war ständig wie aus Höflichkeit ein
wenig vorgebeugt, tänzelte, obwohl er sich nicht von der Stelle rührte, und
spielte mit seiner Uhrkette.
    »Ich danke«, sagte Karl, »ich habe das Plakat Ihrer Gesellschaft gelesen und
melde mich, wie es dort verlangt wird.«
    »Sehr richtig«, sagte der Mann anerkennend, »leider verhält sich hier nicht
jeder so richtig.«
    Karl dachte daran, dass er jetzt den Mann darauf aufmerksam machen könnte,
dass möglicherweise die Lockmittel der Werbetruppe gerade wegen ihrer
Grossartigkeit versagten. Aber er sagte es nicht, denn dieser Mann war gar nicht
der Führer der Truppe, und ausserdem wäre es wenig empfehlend gewesen, wenn er,
der noch gar nicht aufgenommen war, gleich Verbesserungsvorschläge gemacht
hätte. Darum sagte er nur: »Es wartet draussen noch einer, der sich auch anmelden
will und der mich nur vorausgeschickt hat. Darf ich ihn jetzt holen?«
    »Natürlich«, sagte der Mann, »je mehr kommen, desto besser.«
    »Er hat auch eine Frau bei sich und ein kleines Kind im Kinderwagen. Sollen
die auch kommen?«
    »Natürlich«, sagte der Mann und schien über Karls Zweifel zu lächeln. »Wir
können alle brauchen.«
    »Ich bin gleich wieder zurück«, sagte Karl und lief wieder zurück an den
Rand des Podiums. Er winkte dem Ehepaar zu und rief, dass alle kommen dürften. Er
half, den Kinderwagen auf das Podium heben, und sie gingen nun gemeinsam. Die
Burschen, die das sahen, berieten sich miteinander, stiegen dann langsam, bis
zum letzten Augenblick noch zögernd, die Hände in den Taschen, auf das Podium
hinauf und folgten schliesslich Karl und der Familie. Eben kamen aus dem
Stationsgebäude der Untergrundbahn neue Passagiere hervor, die, angesichts des
Podiums mit den Engeln, staunend die Arme erhoben. Immerhin schien es, als ob
die Bewerbung um Stellen nun doch lebhafter werden sollte. Karl war sehr froh,
so früh, vielleicht als erster, gekommen zu sein, das Ehepaar war ängstlich und
stellte verschiedene Fragen darüber, ob grosse Anforderungen gestellt würden.
Karl sagte, er wisse noch nichts Bestimmtes, er hätte aber wirklich den Eindruck
erhalten, dass jeder ohne Ausnahme genommen würde. Er glaube, man dürfe getrost
sein. Der Personalchef kam ihnen schon entgegen, war sehr zufrieden, dass so
viele kamen, rieb sich die Hände, grüsste jeden einzelnen durch eine kleine
Verbeugung und stellte sie alle in eine Reihe. Karl war der erste, dann kam das
Ehepaar und dann erst die anderen. Als sie sich alle aufgestellt hatten - die
Burschen drängten sich zuerst durcheinander, und es dauerte ein Weilchen, ehe
bei ihnen Ruhe eintrat -, sagte der Personalchef, während die Trompeten
verstummten: »Im Namen des Teaters von Oklahoma begrüsse ich Sie. Sie sind früh
gekommen« (es war aber schon bald Mittag), »das Gedränge ist noch nicht gross,
die Formalitäten Ihrer Aufnahme werden daher bald erledigt sein. Sie haben
natürlich alle Ihre Legitimationspapiere bei sich.«
    Die Burschen holten gleich irgendwelche Papiere aus den Taschen und
schwenkten sie gegen den Personalchef hin, der Ehemann stiess seine Frau an, die
unter dem Federbett des Kinderwagens ein ganzes Bündel Papiere hervorzog. Karl
allerdings hatte keine. Sollte das ein Hindernis für seine Aufnahme werden?
Immerhin wusste Karl aus Erfahrung, dass sich derartige Vorschriften, wenn man nur
ein wenig entschlossen ist, leicht umgehen lassen. Es war nicht
unwahrscheinlich. Der Personalchef überblickte die Reihe, vergewisserte sich,
dass alle Papiere hatten, und da auch Karl die Hand, allerdings die leere Hand
erhob, nahm er an, auch bei ihm sei alles in Ordnung.
    »Es ist gut«, sagte dann der Personalchef und winkte den Burschen ab, die
ihre Papiere gleich untersucht haben wollten, »die Papiere werden jetzt in den
Aufnahmekanzleien überprüft werden. Wie Sie schon aus unserem Plakat gesehen
haben, können wir jeden brauchen. Wir müssen aber natürlich wissen, welchen
Beruf er bisher ausgeübt hat, damit wir ihn an den richtigen Ort stellen können,
wo er seine Kenntnisse verwerten kann.«
    Es ist ja ein Teater, dachte Karl zweifelnd und hörte sehr aufmerksam zu.
    »Wir haben daher«, fuhr der Personalchef fort, »in den Buchmacherbuden
Aufnahmekanzleien eingerichtet, je eine Kanzlei für eine Berufsgruppe. Jeder von
ihnen wird mir also jetzt seinen Beruf angeben, die Familie gehört im
allgemeinen zur Aufnahmekanzlei des Mannes. Ich werde Sie dann zu den Kanzleien
führen, wo zuerst Ihre Papiere und dann Ihre Kenntnisse von Fachmännern
überprüft werden sollen, es wird nur eine ganz kurze Prüfung sein, niemand muss
sich fürchten. Dort werden Sie dann auch gleich aufgenommen werden und die
weiteren Weisungen erhalten. Fangen wir also an. Hier, die erste Kanzlei, ist,
wie schon die Aufschrift sagt, für Ingenieure bestimmt. Ist vielleicht ein
Ingenieur unter Ihnen?« Karl meldete sich. Er glaubte, gerade weil er keine
Papiere hatte, müsse er bestrebt sein, alle Formalitäten möglichst rasch
durchzujagen, eine kleine Berechtigung, sich zu melden, hatte er auch, denn er
hatte ja Ingenieur werden wollen. Aber als die Burschen sahen, dass Karl sich
meldete, wurden sie neidisch und meldeten sich auch alle; alle meldeten sich.
Der Personalchef streckte sich in die Höhe und sagte zu den Burschen: »Sie sind
Ingenieur?« Da senkten sie alle langsam die Hände, Karl dagegen bestand auf
seiner ersten Meldung. Der Personalchef sah ihn zwar ungläubig an, denn Karl
schien ihm zu kläglich angezogen und auch zu jung, um Ingenieur sein zu können,
aber er sagte doch nichts weiter, vielleicht aus Dankbarkeit, weil Karl ihm,
wenigstens seiner Meinung nach, die Bewerber hereingeführt hatte. Er zeigte bloss
einladend nach der Kanzlei, und Karl ging hin, während sich der Personalchef den
anderen zuwandte.
    In der Kanzlei für Ingenieure sassen an den zwei Seiten eines rechtwinkeligen
Pultes zwei Herren und verglichen zwei grosse Verzeichnisse, die vor ihnen lagen.
Der eine las vor, der andere strich in seinem Verzeichnis die vorgelesenen Namen
an. Als Karl grüssend vor sie hintrat, legten sie sofort die Verzeichnisse fort
und nahmen andere grosse Bücher vor, die sie aufschlugen.
    Der eine, offenbar nur ein Schreiber, sagte: »Ich bitte um Ihre
Legitimationspapiere.«
    »Ich habe sie leider nicht bei mir«, sagte Karl.
    »Er hat sie nicht bei sich«, sagte der Schreiber zu dem anderen Herrn und
schrieb die Antwort gleich in sein Buch ein.
    »Sie sind Ingenieur?« fragte dann der andere, der der Leiter der Kanzlei zu
sein schien.
    »Ich bin es noch nicht«, sagte Karl schnell, »aber -«
    »Genug«, sagte der Herr noch viel schneller, »dann gehören Sie nicht zu uns.
Ich bitte, die Aufschrift zu beachten.« Karl biss die Zähne zusammen, der Herr
musste es bemerkt haben, denn er sagte: »Es ist kein Grund zur Unruhe. Wir können
alle brauchen.« Und er winkte einem der Diener, die beschäftigungslos zwischen
den Barrieren umhergingen: »Führen Sie diesen Herrn zu der Kanzlei für Leute mit
technischen Kenntnissen.«
    Der Diener fasste den Befehl wörtlich auf und fasste Karl bei der Hand. Sie
gingen zwischen vielen Buden durch, in einer sah Karl schon einen der Burschen,
der schon aufgenommen war und den Herren dort dankend die Hand drückte. In der
Kanzlei, in die Karl jetzt gebracht wurde, war, wie Karl vorausgesehen hatte,
der Vorgang ähnlich wie in der ersten Kanzlei. Nur schickte man ihn von hier, da
man hörte, dass er eine Mittelschule besucht hatte, in die Kanzlei für gewesene
Mittelschüler. Als Karl dort aber sagte, er hätte eine europäische Mittelschule
besucht, erklärte man sich auch dort für unzuständig und liess ihn in die Kanzlei
für europäische Mittelschüler führen. Es war eine Bude am äusseren Rand, nicht
nur kleiner, sondern sogar niedriger als alle anderen. Der Diener, der ihn
hierher gebracht hatte, war wütend über die lange Führung und die vielen
Abweisungen, an denen seiner Meinung nach Karl allein die Schuld tragen müsste.
Er wartete nicht mehr die Fragen ab, sondern lief gleich fort. Diese Kanzlei war
wohl auch die letzte Zuflucht. Als Karl den Kanzleileiter erblickte, erschrak er
fast über die Ähnlichkeit, die dieser mit einem Professor hatte, der
wahrscheinlich noch jetzt an der Realschule zu Hause unterrichtete. Die
Ähnlichkeit bestand allerdings, wie sich gleich herausstellte, nur in
Einzelheiten; aber die auf der breiten Nase ruhende Brille, der blonde, wie ein
Schaustück gepflegte Vollbart, der sanft gebeugte Rücken und die immer
unerwartet hervorbrechende laute Stimme hielten Karl noch einige Zeit in
Staunen. Glücklicherweise musste er auch nicht sehr aufmerken, denn es ging hier
einfacher zu als in den anderen Kanzleien. Es wurde zwar auch hier eingetragen,
dass seine Legitimationspapiere fehlten, und der Kanzleileiter nannte es eine
unbegreifliche Nachlässigkeit, aber der Schreiber, der hier die Oberhand hatte,
ging schnell darüber hinweg und erklärte nach einigen kurzen Fragen des Leiters,
während sich dieser gerade zu einer grösseren Frage anschickte, Karl für
aufgenommen. Der Leiter wandte sich mit offenem Mund gegen den Schreiber, dieser
aber machte eine abschliessende Handbewegung, sagte: »Aufgenommen« und trug auch
gleich die Entscheidung ins Buch ein. Offenbar war der Schreiber der Meinung,
ein europäischer Mittelschüler zu sein, sei schon etwas so Schmähliches, dass man
es jedem, der es von sich behauptete, ohne weiteres glauben könnte. Karl für
seinen Teil hatte nichts dagegen einzuwenden, er ging zu ihm hin und wollte ihm
danken. Es gab aber noch eine kleine Verzögerung, als man ihn jetzt nach seinem
Namen fragte. Er antwortete nicht gleich, er hatte eine Scheu, seinen wirklichen
Namen zu nennen und aufschreiben zu lassen. Sobald er hier auch nur die kleinste
Stelle erhalten und zur Zufriedenheit ausfüllen würde, dann mochte man seinen
Namen erfahren, jetzt aber nicht; allzulange hatte er ihn verschwiegen, als dass
er ihn jetzt hätte verraten sollen. Er nannte daher, da ihm im Augenblick kein
anderer Name einfiel, den Rufnamen aus seinen letzten Stellungen: »Negro.«
    »Negro?« fragte der Leiter, drehte den Kopf und machte eine Grimasse, als
hätte Karl jetzt den Höhepunkt der Unglaubwürdigkeit erreicht. Auch der
Schreiber sah Karl eine Weile lang prüfend an, dann aber wiederholte er »Negro«
und schrieb den Namen ein.
    »Sie haben doch nicht Negro aufgeschrieben?« fuhr ihn der Leiter an.
    »Ja, Negro«, sagte der Schreiber ruhig und machte eine Handbewegung, als
habe nun der Leiter das Weitere zu veranlassen. Der Leiter bezwang sich auch,
stand auf und sagte: »Sie sind also für das Teater von Oklahoma-«, aber weiter
kam er nicht, er konnte nichts gegen sein Gewissen tun, setzte sich und sagte:
»Er heisst nicht Negro.«
    Der Schreiber zog die Augenbrauen in die Höhe, stand nun selbst auf und
sagte: »Dann teile also ich Ihnen mit, dass Sie für das Teater in Oklahoma
aufgenommen sind und dass man Sie jetzt unserem Führer vorstellen wird.«
    Wieder wurde ein Diener gerufen, der Karl zur Schiedsrichtertribüne führte.
    Unten an der Treppe sah Karl den Kinderwagen, und gerade kam auch das
Ehepaar herunter, die Frau mit dem Kind auf dem Arm.
    »Sind Sie aufgenommen?« fragte der Mann, er war viel lebhafter als früher,
auch die Frau sah ihm lachend über die Schulter. Als Karl antwortete, eben sei
er aufgenommen worden und gebe zur Vorstellung, sagte der Mann: »Dann gratuliere
ich. Auch wir sind aufgenommen worden. Es scheint ein gutes Unternehmen zu sein,
allerdings kann man sich nicht gleich in alles einfinden, so ist es aber
überall.« Sie sagten einander noch »Auf Wiedersehen«, und Karl stieg zur Tribüne
hinauf. Er ging langsam, denn der kleine Raum oben schien von Leuten überfüllt
zu sein, und er wollte sich nicht eindrängen. Er blieb sogar stehen und
überblickte das grosse Rennfeld, das auf allen Seiten bis an ferne Wälder
reichte. Ihn erfasste die Lust, einmal ein Pferderennen zu sehen, er hatte in
Amerika noch keine Gelegenheit dazu gefunden. In Europa war er einmal als
kleines Kind zu einem Rennen mitgenommen worden, konnte sich aber an nichts
anderes erinnern, als dass er von der Mutter zwischen vielen Menschen, die nicht
auseinanderweichen wollten, durchgezogen worden war. Er hatte also eigentlich
überhaupt noch kein Rennen gesehen. Hinter ihm fing eine Maschinerie zu
schnarren an, er drehte sich um und sah auf dem Apparat, auf dem beim Rennen die
Namen der Sieger veröffentlicht werden, jetzt folgende Aufschrift in die Höhe
ziehen: »Kaufmann Kalla mit Frau und Kind«. Hier wurden also die Namen der
Aufgenommenen den Kanzleien mitgeteilt.
    Gerade liefen einige Herren, lebhaft miteinander sprechend, Bleistifte und
Notizblätter in den Händen, die Treppe hinunter, Karl drückte sich ans Geländer,
um sie vorbeizulassen, und stieg, da nun oben Platz geworden war, hinauf. In
einer Ecke der mit Holzgeländern versehenen Plattform - das Ganze sah wie das
flache Dach eines schmalen Turmes aus - sass, die Arme entlang des Holzgeländers
ausgestreckt, ein Herr, dem ein breites weisses Seidenband mit der Aufschrift:
»Führer der zehnten Werbetruppe des Teaters von Oklahoma« quer über die Brust
hing. Neben ihm stand auf einem Tischchen ein gewiss auch bei den Rennen
verwendeter telephonischer Apparat, durch den der Führer offenbar alle
notwendigen Angaben über die einzelnen Bewerber noch vor der Vorstellung erfuhr,
denn er stellte Karl zunächst gar keine Fragen, sondern sagte zu einem Herrn,
der mit gekreuzten Beinen, die Hand am Kinn, neben ihm lehnte: »Negro, ein
europäischer Mittelschüler.« Und als sei damit der sich tief verneigende Karl
für ihn erledigt, sah er die Treppe hinunter, ob nicht wieder jemand käme. Aber
da niemand kam, hörte er manchmal dem Gespräch, das der andere Herr mit Karl
führte, zu, blickte aber meistens über das Rennfeld hin und klopfte mit den
Fingern auf das Geländer. Diese zarten und doch kräftigen, langen und schnell
bewegten Finger lenkten zeitweilig Karls Aufmerksamkeit auf sich, obwohl ihn der
andere Herr genügend in Anspruch nahm.
    »Sie sind stellungslos gewesen?« fragte dieser Herr zunächst. Diese Frage,
sowie fast alle anderen Fragen, die er stellte, waren sehr einfach, ganz
unverfänglich, und die Antworten wurden überdies nicht durch Zwischenfragen
nachgeprüft; trotzdem aber wusste ihnen der Herr durch die Art, wie er sie mit
grossen Augen aussprach, wie er ihre Wirkung mit vorgebeugtem Oberkörper
beobachtete, wie er die Antworten mit auf die Brust gesenktem Kopfe aufnahm und
hie und da laut wiederholte, eine besondere Bedeutung zu geben, die man zwar
nicht verstand, deren Ahnung aber vorsichtig und befangen machte. Es kam öfters
vor, dass es Karl drängte, die gegebene Antwort zu widerrufen und durch eine
andere, die vielleicht mehr Beifall finden würde, zu ersetzen, aber er hielt
sich doch immer noch zurück, denn er wusste, welch schlechten Eindruck ein
derartiges Schwanken machen musste, und wie unberechenbar überdies die Wirkung
der Antworten meist war. Überdies aber schien ja seine Aufnahme schon
entschieden zu sein, dieses Bewusstsein gab ihm Rückhalt.
    Die Frage, ob er stellungslos gewesen sei, beantwortete er mit einem
einfachen »Ja.«
    »Wo waren Sie zuletzt angestellt?« fragte dann der Herr. Karl wollte schon
antworten, da hob der Herr den Zeigefinger und sagte noch einmal: »Zuletzt!«
    Karl hatte auch schon die erste Frage richtig verstanden, unwillkürlich
schüttelte er die letzte Bemerkung als beirrend mit dem Kopfe ab und antwortete:
»In einem Büro.«
    Das war noch die Wahrheit, würde aber der Herr eine nähere Auskunft über die
Art des Büros verlangen, so musste er lügen. Aber das tat der Herr nicht, sondern
stellte die überaus leicht ganz wahrheitsgemäss zu beantwortende Frage: »Waren
Sie dort zufrieden? «
    »Nein!« rief Karl, ihm fast in die Rede fallend. Bei einem Seitenblick
bemerkte Karl, dass der Führer ein wenig lächelte. Karl bereute die unbedachte
Art seiner letzten Antwort, aber es war zu verlockend gewesen, das Nein
hinauszuschreien, denn während seiner ganzen letzten Dienstzeit hatte er nur den
grössten Wunsch gehabt, irgendein fremder Dienstgeber möge einmal eintreten und
diese Frage an ihn richten. Seine Antwort konnte aber noch einen anderen
Nachteil bringen, denn der Herr konnte nun fragen, warum er nicht zufrieden
gewesen sei. Statt dessen fragte er jedoch: »Zu welchem Posten fühlen Sie sich
geeignet?« Diese Frage entielt möglicherweise wirklich eine Falle, denn wozu
wurde sie gestellt, da Karl doch schon als Schauspieler aufgenommen war? Obwohl
er das aber erkannte, konnte er sich dennoch nicht zu der Erklärung überwinden,
er fühle sich für den Schauspielerberuf besonders geeignet. Er wich daher der
Frage aus und sagte, auf die Gefahr hin, trotzig zu erscheinen: »Ich habe das
Plakat in der Stadt gelesen, und da dort stand, dass man jeden brauchen kann,
habe ich mich gemeldet.«
    »Das wissen wir«, sagte der Herr, schwieg und zeigte dadurch, dass er auf
seiner früheren Frage beharre.
    »Ich bin als Schauspieler aufgenommen«, sagte Karl zögernd, um dem Herrn die
Schwierigkeit, in die ihn die letzte Frage gebracht hatte, begreiflich zu
machen.
    »Das ist richtig«, sagte der Herr und verstummte wieder.
    »Nein«, sagte Karl, und die ganze Hoffnung, einen Posten gefunden zu haben,
kam ins Wanken, »ich weiss nicht, ob ich zum Teaterspielen geeignet bin. Ich
will mich aber anstrengen und alle Aufträge auszuführen suchen.«
    Der Herr wandte sich dem Leiter zu, beide nickten, Karl schien richtig
geantwortet zu haben, er fasste wieder Mut und erwartete aufgerichtet die nächste
Frage. Die lautete: »Was wollten Sie denn ursprünglich studieren?«
    Um die Frage genauer zu bestimmen - an der genauen Bestimmung lag dem Herrn
immer sehr viel - fügte er hinzu: »In Europa, meine ich.« Hierbei nahm er die
Hand vom Kinn und machte eine schwache Bewegung, als wolle er damit gleichzeitig
andeuten, wie ferne Europa und wie bedeutungslos die dort einmal gefassten Pläne
seien.
    Karl sagte: »Ich wollte Ingenieur werden.« Diese Antwort widerstrebte ihm
zwar, es war lächerrlich, im vollen Bewusstsein seiner bisherigen Laufbahn in
Amerika die alte Erinnerung, dass er einmal habe Ingenieur werden wollen, hier
aufzufrischen - wäre er es denn selbst in Europa jemals geworden? -, aber er
wusste gerade keine andere Antwort und sagte deshalb diese.
    Aber der Herr nahm es ernst, wie er alles ernst nahm. »Nun, Ingenieur«,
sagte er, »können Sie wohl nicht gleich werden, vielleicht würde es Ihnen aber
vorläufig entsprechen, irgendwelche niedrigere technische Arbeiten auszuführen.«
    »Gewiss«, sagte Karl, er war sehr zufrieden, er wurde zwar, wenn er das
Angebot annahm, aus dem Schauspielerstand unter die technischen Arbeiter
geschoben, aber er glaubte tatsächlich, sich bei dieser Arbeit besser bewähren
zu können. Übrigens, dies wiederholte er sich immer wieder, es kam nicht so sehr
auf die Art der Arbeit an, als vielmehr darauf, sich überhaupt irgendwo dauernd
festzuhalten.
    »Sind Sie denn kräftig genug für schwerere Arbeit?« fragte der Herr.
    »O ja«, sagte Karl.
    Hierauf liess der Herr Karl näher zu sich herankommen - und befühlte seinen
Arm.
    »Es ist ein kräftiger Junge«, sagte er dann, indem er Karl am Arm zum Führer
hinzog. Der Führer nickte lächelnd, reichte, ohne sich übrigens aus seiner
Ruhelage aufzurichten, Karl die Hand und sagte: »Dann sind wir also fertig. In
Oklahoma wird alles noch überprüft werden. Machen Sie unserer Werbetruppe Ehre!«
    Karl verbeugte sich zum Abschied, er wollte sich dann auch von dem anderen
Herrn verabschieden, dieser aber spazierte schon, als sei er mit seiner Arbeit
vollständig fertig, das Gesicht in die Höhe gerichtet, auf der Plattform auf und
ab. Während Karl hinunterstieg, wurde zur Seite der Treppe auf der Anzeigetafel
die Aufschrift hochgezogen: »Negro, technischer Arbeiter.«
    Da alles hier seinen ordentlichen Gang nahm, hätte es Karl nicht mehr so
sehr bedauert, wenn auf der Tafel sein wirklicher Name zu lesen gewesen wäre. Es
war alles sogar überaus sorgfältig eingerichtet, denn am Fuss der Treppe wurde
Karl schon von einem Diener erwartet, der ihm eine Binde um den Arm festmachte.
Als Karl dann den Arm hob, um zu sehen, was auf der Binde stand, war dort der
ganz richtige Aufdruck »Technischer Arbeiter.«
    Wohin Karl nun aber geführt werden mochte, zuerst wollte er doch Fanny
melden, wie glücklich alles abgelaufen war. Aber zu seinem Bedauern erfuhr er
vom Diener, dass die Engel ebenso wie auch die Teufel schon nach dem nächsten
Bestimmungsort der Werbetruppe abgereist seien, um dort die Ankunft der Truppe
für den nächsten Tag bekanntzumachen.
    »Schade«, sagte Karl, es war die erste Enttäuschung, die er in diesem
Unternehmen erlebte, »ich hatte eine Bekannte unter den Engeln.«
    »Sie werden sie in Oklahoma wiedersehen«, sagte der Diener, »nun aber kommen
Sie, Sie sind der letzte.«
    Er führte Karl an der hinteren Seite des Podiums entlang, auf dem früher die
Engel gestanden waren; jetzt waren dort nur mehr die leeren Postamente. Karls
Annahme aber, dass ohne die Musik der Engel mehr Stellensuchende kommen würden,
erwies sich nicht als richtig, denn vor dem Podium standen jetzt überhaupt keine
Erwachsenen mehr, nur ein paar Kinder kämpften um eine lange weisse Feder, die
wahrscheinlich aus einem Engelsflügel gefallen war. Ein Junge hielt sie in die
Höhe, während die anderen Kinder mit einer Hand seinen Kopf niederdrücken
wollten und mit der anderen Hand nach der Feder langten.
    Karl zeigte auf die Kinder, der Diener aber sagte, ohne hinzusehen: »Kommen
Sie rascher, es hat sehr lange gedauert, ehe Sie aufgenommen wurden. Man hatte
wohl Zweifel.«
    »Ich weiss nicht«, sagte Karl erstaunt, er glaubte es aber nicht. Immer,
selbst bei den klarsten Verhältnissen, fand sich doch irgend jemand, der seinem
Mitmenschen Sorgen machen wollte. Aber vor dem freundlichen Anblick der grossen
Zuschauertribüne, zu der sie jetzt kamen, vergass Karl bald die Bemerkung des
Dieners. Auf dieser Tribüne war nämlich eine grosse, lange Bank, mit einem weissen
Tuch gedeckt, alle Aufgenommenen sassen, mit dem Rücken zur Rennbahn, auf der
nächst tieferen Bank und wurden bewirtet. Alle waren fröhlich und aufgeregt,
gerade als sich Karl unbemerkt als letzter auf die Bank setzte, standen viele
mit erhobenen Gläsern auf, und einer hielt einen Trinkspruch auf den Führer der
zehnten Werbetruppe, den er den »Vater der Stellensuchenden« nannte. Jemand
machte darauf aufmerksam, dass man ihn auch von hier aus sehen könne, und
tatsächlich war die Schiedsrichtertribüne mit den zwei Herren in nicht allzu
grosser Entfernung sichtbar. Nun schwenkten alle ihre Gläser in diese Richtung,
auch Karl fasste das vor ihm stehende Glas, aber so laut man auch rief und so
sehr man sich bemerkbar zu machen suchte, auf der Schiedsrichtertribüne deutete
nichts darauf hin, dass man die Ovation bemerkte oder wenigstens bemerken wolle.
Der Führer lehnte in der Ecke wie früher, und der andere Herr stand neben ihm,
die Hand am Kinn. Ein wenig enttäuscht setzte man sich wieder, hie und da drehte
sich noch einer nach der Schiedsrichtertribüne um, aber bald beschäftigte man
sich nur mit dem reichlichen Essen; grosses Geflügel, wie es Karl noch nie
gesehen hatte, mit vielen Gabeln in dem knusprig gebratenen Fleisch, wurde
herumgetragen, Wein wurde immer wieder von den Dienern eingeschenkt - man merkte
es kaum, man war über seinen Teller gebückt, und in den Becher fiel der Strahl
des roten Weines -, und wer sich an der allgemeinen Unterhaltung nicht
beteiligen wollte, konnte Bilder von Ansichten des Teaters von Oklahoma
besichtigen, die an einem Ende der Tafel aufgestapelt waren und von Hand zu Hand
gehen sollten. Doch kümmerte man sich nicht viel um die Bilder, und so geschah
es, dass bei Karl, der der letzte war, nur ein Bild ankam. Nach diesem Bild zu
schliessen, mussten aber alle sehr sehenswert sein. Dieses Bild stellte die Loge
des Präsidenten der Vereinigten Staaten dar. Beim ersten Anblick konnte man
denken, es sei nicht eine Loge, sondern die Bühne, so weit geschwungen ragte die
Brüstung in den freien Raum. Diese Brüstung war ganz aus Gold in allen ihren
Teilen. Zwischen den wie mit der feinsten Schere ausgeschnittenen Säulchen waren
nebeneinander Medaillons früherer Präsidenten angebracht, einer hatte eine
auffallend gerade Nase, aufgeworfene Lippen und unter gewölbten Lidern
starrgesenkte Augen. Rings um die Loge, von den Seiten und von der Höhe, kamen
Strahlen von Licht; weisses und doch mildes Licht entüllte förmlich den
Vordergrund der Loge, während ihre Tiefe hinter rotem, unter vielen Tönungen
sich faltendem Samt, der an der ganzen Umrandung niederfiel und durch Schnüre
gelenkt wurde, als eine dunkle, rötlich schimmernde Leere erschien. Man konnte
sich in dieser Loge kaum Menschen vorstellen, so selbsterrlich sah alles aus.
Karl vergass das Essen nicht, sah aber doch oft die Abbildung an, die er neben
seinen Teller gelegt hatte.
    Schliesslich hätte er doch noch sehr gerne wenigstens eines der übrigen
Bilder angesehen, selbst holen wollte er es sich aber nicht, denn ein Diener
hatte die Hand auf den Bildern liegen und die Reihenfolge musste wohl gewahrt
werden; er suchte also nur die Tafel zu überblicken und festzustellen, ob sich
nicht doch noch ein Bild nähere. Da bemerkte er staunend - zuerst glaubte er es
gar nicht - unter den am tiefsten zum Essen gebeugten Gesichtern ein gut
bekanntes: Giacomo. Gleich lief er zu ihm hin. »Giacomo!« rief er.
    Dieser, schüchtern wie immer, wenn er überrascht wurde, erhob sich vom
Essen, drehte sich in dem schmalen Raum zwischen den Bänken, wischte mit der
Hand den Mund, war dann aber sehr froh, Karl zu sehen, bat ihn, sich neben ihn
zu setzen, oder bot sich an, zu Karls Platz hinüberzukommen; sie wollten
einander alles erzählen und immer beisammen bleiben. Karl wollte die anderen
nicht stören, jeder sollte deshalb vorläufig seinen Platz behalten, das Essen
werde bald zu Ende sein, und dann wollten sie natürlich immer zueinander halten.
Aber Karl blieb doch noch bei Giacomo, nur um ihn anzusehen. Was für
Erinnerungen an vergangene Zeiten! Wo war die Oberköchin? Was machte Terese,
Giacomo selbst hatte sich in seinem Äusseren fast gar nicht verändert, die
Voraussage der Oberköchin, dass er in einem halben Jahr ein knochiger Amerikaner
werden müsse, war nicht eingetroffen, er war zart wie früher, die Wangen
eingefallen wie früher, augenblicklich allerdings waren sie gerundet, denn er
hatte im Mund einen übergrossen Bissen Fleisch, aus dem er die überflüssigen
Knochen langsam herauszog, um sie dann auf den Teller zu werfen. Wie Karl an
seiner Armbinde ablesen konnte, war auch Giacomo nicht als Schauspieler, sondern
als Liftjunge aufgenommen, das Teater von Oklahoma schien wirklich jeden
brauchen zu können! In den Anblick Giacomos verloren, blieb aber Karl allzulange
von seinem Platze fort. Eben wollte er zurückkehren, da kam der Personalchef,
stellte sich auf eine der höher gelegenen Bänke, klatschte in die Hände und
hielt eine kleine Ansprache, während die meisten aufstanden, und die
Sitzengebliebenen, die sich nicht vom Essen trennen konnten, durch Stösse der
anderen schliesslich auch zum Aufstehen gezwungen wurden.
    »Ich will hoffen«, sagte er, Karl war inzwischen schon auf den Fussspitzen zu
seinem Platz zurückgelaufen, »dass Sie mit unserem Empfangsessen zufrieden waren.
Im allgemeinen lobt man das Essen unserer Werbetruppe. Leider muss ich die Tafel
schon aufheben, denn der Zug, der Sie nach Oklahoma bringen soll, fährt in fünf
Minuten. Es ist zwar eine lange Reise, Sie werden aber sehen, dass für Sie gut
gesorgt ist. Hier stelle ich Ihnen den Herrn vor, der Ihren Reisetransport
führen wird und dem Sie Gehorsam schulden.«
    Ein magerer, kleiner Herr erkletterte die Bank, auf welcher der Personalchef
stand, nahm sich kaum Zeit, eine flüchtige Verbeugung zu machen, sondern begann
sofort mit ausgestreckten nervösen Händen zu zeigen, wie sie sich alle sammeln,
ordnen und in Bewegung setzen sollten. Aber zunächst folgte man ihm nicht, denn
derjenige aus der Gesellschaft, der schon früher eine Rede gehalten hatte,
schlug mit der Hand auf den Tisch und begann eine längere Dankrede, obwohl -
Karl wurde ganz unruhig - eben gesagt worden war, dass der Zug bald abfahre. Aber
der Redner achtete nicht einmal darauf, dass auch der Personalchef nicht zuhörte,
sondern dem Transportleiter verschiedene Anweisungen gab, er legte seine Rede
gross an, zählte alle Gerichte auf, die aufgetragen worden waren, gab über jedes
sein Urteil ab, und schloss dann zusammenfassend mit dem Ausruf: »Geehrte Herren,
so gewinnt man uns!« Alle ausser den Angesprochenen lachten, aber es war doch
mehr Wahrheit als Scherz.
    Diese Rede büsste man überdies damit, dass jetzt der Weg zur Bahn im
Laufschritt gemacht werden musste. Das war aber auch nicht sehr schwer, denn -
Karl bemerkte es erst jetzt - niemand trug ein Gepäckstück; das einzige
Gepäckstück war eigentlich der Kinderwagen, der jetzt an der Spitze der Truppe,
vom Vater gelenkt, wie haltlos auf und nieder sprang. Was für besitzlose,
verdächtige Leute waren hier zusammengekommen und wurden doch so gut empfangen
und behütet! Und dem Transportleiter mussten sie geradezu ans Herz gelegt worden
sein. Bald fasste er selbst mit einer Hand die Lenkstange des Kinderwagens und
erhob die andere, um die Truppe aufzumuntern, bald war er hinter der letzten
Reihe, die er antrieb, bald lief er an den Seiten entlang, fasste einzelne
Langsamere aus der Mitte ins Auge und suchte ihnen mit schwingenden Armen
darzustellen, wie sie laufen müssten.
    Als sie auf dem Bahnhof ankamen, stand der Zug schon bereit. Die Leute auf
dem Bahnhof zeigten einander die Truppe, man hörte Ausrufe wie: »Alle diese
gehören zum Teater von Oklahoma!«, das Teater schien viel bekannter zu sein,
als Karl angenommen hatte, allerdings hatte er sich um Teaterdinge niemals
gekümmert. Ein ganzer Waggon war eigens für die Truppe bestimmt, der
Transportleiter drängte zum Einsteigen mehr als der Schaffner. Er sah zuerst in
jede einzelne Abteilung, ordnete hie und da etwas, und erst dann stieg er selbst
ein. Karl hatte zufällig einen Fensterplatz bekommen und Giacomo neben sich
gezogen. So sassen sie aneinandergedrängt und freuten sich im Grunde beide auf
die Fahrt. So sorgenlos hatten sie in Amerika noch keine Reise gemacht. Als der
Zug zu fahren begann, winkten sie mit den Händen aus dem Fenster, während die
Burschen ihnen gegenüber einander anstiessen und es lächerrlich fanden.
    Sie fahren zwei Tage und zwei Nächte. Jetzt erst begriff Karl die Grösse
Amerikas. Unermüdlich sah er aus dem Fenster, und Giacomo drängte sich so lange
mit heran, bis die Burschen gegenüber, die sich viel mit Kartenspiel
beschäftigten, dessen überdrüssig wurden und ihm freiwillig den Fensterplatz
einräumten. Karl dankte ihnen - Giacomos Englisch war nicht jedem verständlich
-, und sie wurden im Laufe der Zeit, wie es unter Coupégenossen nicht anders
sein kann, viel freundlicher; doch war auch ihre Freundlichkeit oft lästig, da
sie zum Beispiel immer, wenn ihnen eine Karte auf den Boden fiel und sie den
Boden nach ihr absuchten, Karl oder Giacomo mit aller Kraft ins Bein zwickten.
Giacomo schrie dann, immer von neuem überrascht, und zog das Bein in die Höhe,
Karl versuchte einmal, mit einem Fusstritt zu antworten, duldete aber im übrigen
alles schweigend. Alles, was ich in dem kleinen, selbst bei offenem Fenster von
Rauch überfüllten Coupé ereignete, verging vor dem, was draussen zu sehen war.
    Am ersten Tag fuhren sie durch ein hohes Gebirge. Bläulich-schwarze
Steinmassen gingen in spitzen Keilen bis an den Zug heran, man beugte sich aus
dem Fenster und suchte vergebens ihre Gipfel, dunkle, schmale, zerrissene Täler
öffneten sich, man beschrieb mit dem Finger die Richtung, in der sie sich
verloren, breite Bergströme kamen, als grosse Wellen auf dem hügeligen Untergrund
eilend und in sich tausend kleine Schaumwellen treibend, sie stürzten sich unter
die Brücken, über die der Zug fuhr, und sie waren so nah, dass der Hauch ihrer
Kühle das Gesicht erschauern machte.
 
    