
        
                                  Franz Kafka
                                   Das Schloss
                                Das erste Kapitel
Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg
war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste
Lichtschein deutete das grosse Schloss an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die
von der Landstrasse zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.
Dann ging er, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war man noch wach, der Wirt
hatte zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er wollte, von dem späten Gast äusserst
überrascht und verwirrt, K. in der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafen
lassen. K. war damit einverstanden. Einige Bauern waren noch beim Bier, aber er
wollte sich mit niemandem unterhalten, holte selbst den Strohsack vom Dachboden
und legte sich in der Nähe des Ofens hin. Warm war es, die Bauern waren still,
ein wenig prüfte er sie noch mit den müden Augen, dann schlief er ein.
    Aber kurze Zeit darauf wurde er schon geweckt. Ein junger Mann, städtisch
angezogen, mit schauspielerhaftem Gesicht, die Augen schmal, die Augenbrauen
stark, stand mit dem Wirt neben ihm. Die Bauern waren auch noch da, einige
hatten ihre Sessel herumgedreht, um besser zu sehen und zu hören. Der junge
Mensch entschuldigte sich sehr höflich, K. geweckt zu haben, stellte sich als
Sohn des Schlosskastellans vor und sagte dann: »Dieses Dorf ist Besitz des
Schlosses, wer hier wohnt oder übernachtet, wohnt oder übernachtet gewissermassen
im Schloss. Niemand darf das ohne gräfliche Erlaubnis. Sie aber haben eine solche
Erlaubnis nicht oder haben sie wenigstens nicht vorgezeigt.«
    K. hatte sich halb aufgerichtet, hatte die Haare zurechtgestrichen, blickte
die Leute von unten her an und sagte: »In welches Dorf habe ich mich verirrt?
Ist denn hier ein Schloss?«
    »Allerdings«, sagte der junge Mann langsam, während hier und dort einer den
Kopf über K. schüttelte, »das Schloss des Herrn Grafen Westwest.«
    »Und man muss die Erlaubnis zum Übernachten haben?« fragte K., als wolle er
sich davon überzeugen, ob er die früheren Mitteilungen nicht vielleicht geträumt
hätte.
    »Die Erlaubnis muss man haben«, war die Antwort, und es lag darin ein grosser
Spott für K., als der junge Mann mit ausgestrecktem Arm den Wirt und die Gäste
fragte: »Oder muss man etwa die Erlaubnis nicht haben?«
    »Dann werde ich mir also die Erlaubnis holen müssen«, sagte K. gähnend und
schob die Decke von sich, als wolle er aufstehen.
    »Ja von wem denn?« fragte der junge Mann.
    »Vom Herrn Grafen«, sagte K., »es wird nichts anderes übrigbleiben.«
    »Jetzt um Mitternacht die Erlaubnis vom Herrn Grafen holen?« rief der junge
Mann und trat einen Schritt zurück.
    »Ist das nicht möglich?« fragte K. gleichmütig. »Warum haben Sie mich also
geweckt?«
    Nun geriet aber der junge Mann ausser sich. »Landstreichermanieren!« rief er.
»Ich verlange Respekt vor der gräflichen Behörde! Ich habe Sie deshalb geweckt,
um Ihnen mitzuteilen, dass Sie sofort das gräfliche Gebiet verlassen müssen.«
    »Genug der Komödie«, sagte K. auffallend leise, legte sich nieder und zog
die Decke über sich. »Sie gehen, junger Mann, ein wenig zu weit, und ich werde
morgen noch auf Ihr Benehmen zurückkommen. Der Wirt und die Herren dort sind
Zeugen, soweit ich überhaupt Zeugen brauche. Sonst aber lassen Sie es sich
gesagt sein, dass ich der Landvermesser bin, den der Graf hat kommen lassen.
Meine Gehilfen mit den Apparaten kommen morgen im Wagen nach. Ich wollte mir den
Marsch durch den Schnee nicht entgehen lassen, bin aber leider einigemal vom Weg
abgeirrt und deshalb erst so spät angekommen. Dass es jetzt zu spät war, im
Schloss mich zu melden, wusste ich schon aus eigenem, noch vor Ihrer Belehrung.
Deshalb habe ich mich auch mit diesem Nachtlager hier begnügt, das zu stören Sie
die - gelinde gesagt - Unhöflichkeit hatten. Damit sind meine Erklärungen
beendet. Gute Nacht, meine Herren.« Und K. drehte sich zum Ofen hin.
»Landvermesser?« hörte er noch hinter seinem Rücken zögernd fragen, dann war
allgemeine Stille. Aber der junge Mann fasste sich bald und sagte zum Wirt in
einem Ton, der genug gedämpft war, um als Rücksichtnahme auf K.s Schlaf zu
gelten, und laut genug, um ihm verständlich zu sein: »Ich werde telefonisch
anfragen.« Wie, auch ein Telefon war in diesem Dorfwirtshaus? Man war vorzüglich
eingerichtet. Im einzelnen überraschte es K., im ganzen hatte er es freilich
erwartet. Es zeigte sich, dass das Telefon fast über seinem Kopf angebracht war,
in seiner Verschlafenheit hatte er es übersehen. Wenn nun der junge Mann
telefonieren musste, dann konnte er beim besten Willen K.s Schlaf nicht schonen,
es handelte sich nur darum, ob K. ihn telefonieren lassen sollte, er beschloss,
es zuzulassen. Dann hatte es aber freilich auch keinen Sinn, den Schlafenden zu
spielen, und er kehrte deshalb in die Rückenlage zurück. Er sah die Bauern scheu
zusammenrücken und sich besprechen, die Ankunft eines Landvermessers war nichts
Geringes. Die Tür der Küche hatte sich geöffnet, türfüllend stand dort die
mächtige Gestalt der Wirtin, auf den Fussspitzen näherte sich ihr der Wirt, um
ihr zu berichten. Und nun begann das Telefongespräch. Der Kastellan schlief,
aber ein Unterkastellan, einer der Unterkastellane, ein Herr Fritz, war da. Der
junge Mann, der sich als Schwarzer vorstellte, erzählte, wie er K. gefunden,
einen Mann in den Dreissigern, recht zerlumpt, auf einem Strohsack ruhig
schlafend, mit einem winzigen Rucksack als Kopfkissen, einen Knotenstock in
Reichweite. Nun sei er ihm natürlich verdächtig gewesen, und da der Wirt
offenbar seine Pflicht vernachlässigt hatte, sei es seine, Schwarzers, Pflicht
gewesen, der Sache auf den Grund zu gehen. Das Gewecktwerden, das Verhör, die
pflichtgemässe Androhung der Verweisung aus der Grafschaft habe K. sehr ungnädig
aufgenommen, wie es sich schliesslich gezeigt habe, vielleicht mit Recht, denn er
behaupte, ein vom Herrn Grafen bestellter Landvermesser zu sein. Natürlich sei
es zumindest formale Pflicht, die Behauptung nachzuprüfen, und Schwarzer bitte
deshalb Herrn Fritz, sich in der Zentralkanzlei zu erkundigen, ob ein
Landvermesser dieser Art wirklich erwartet werde, und die Antwort gleich zu
telefonieren.
    Dann war es still, Fritz erkundigte sich drüben, und hier wartete man auf
die Antwort. K. blieb wie bisher, drehte sich nicht einmal um, schien gar nicht
neugierig, sah vor sich hin. Die Erzählung Schwarzers in ihrer Mischung von
Bosheit und Vorsicht gab ihm eine Vorstellung von der gewissermassen
diplomatischen Bildung, über die im Schloss selbst kleine Leute wie Schwarzer
leicht verfügten. Und auch an Fleiss liessen sie es dort nicht fehlen; die
Zentralkanzlei hatte Nachtdienst. Und gab offenbar sehr schnell Antwort, denn
schon klingelte Fritz. Dieser Bericht schien allerdings sehr kurz, denn sofort
warf Schwarzer wütend den Hörer hin. »Ich habe es ja gesagt!« schrie er. »Keine
Spur von Landvermesser, ein gemeiner, lügnerischer Landstreicher, wahrscheinlich
aber Ärgeres.« Einen Augenblick dachte K., alle, Schwarzer, Bauern, Wirt und
Wirtin, würden sich auf ihn stürzen. Um wenigstens dem ersten Ansturm
auszuweichen, verkroch er sich ganz unter die Decke. Da läutete das Telefon
nochmals, und, wie es K. schien, besonders stark. Er steckte langsam den Kopf
wieder hervor. Obwohl es unwahrscheinlich war, dass es wieder K. betraf, stockten
alle, und Schwarzer kehrte zum Apparat zurück. Er hörte dort eine längere
Erklärung ab und sagte dann leise: »Ein Irrtum also? Das ist mir recht
unangenehm. Der Bürochef selbst hat telefoniert? Sonderbar, sonderbar. Wie soll
ich es dem Herrn Landvermesser erklären?«
    K. horchte auf. Das Schloss hatte ihn also zum Landvermesser ernannt. Das war
einerseits ungünstig für ihn, denn es zeigte, dass man im Schloss alles Nötige
über ihn wusste, die Kräfteverhältnisse abgewogen hatte und den Kampf lächelnd
aufnahm. Es war aber andererseits auch günstig, denn es bewies, seiner Meinung
nach, dass man ihn unterschätzte und dass er mehr Freiheit haben würde, als er
hätte von vornherein hoffen dürfen. Und wenn man glaubte, durch diese geistig
gewiss überlegene Anerkennung seiner Landvermesserschaft ihn dauernd in Schrecken
halten zu können, so täuschte man sich; es überschauerte ihn leicht, das war
aber alles.
    Dem sich schüchtern nähernden Schwarzer winkte K. ab; ins Zimmer des Wirtes
zu übersiedeln, wozu man ihn drängte, weigerte er sich, nahm nur vom Wirt einen
Schlaftrunk an, von der Wirtin ein Waschbecken mit Seife und Handtuch und musste
gar nicht erst verlangen, dass der Saal geleert wurde, denn alles drängte mit
abgewendeten Gesichtern hinaus, um nicht etwa morgen von ihm erkannt zu werden.
Die Lampe wurde ausgelöscht, und er hatte endlich Ruhe. Er schlief tief, kaum
ein-, zweimal von vorüberhuschenden Ratten flüchtig gestört, bis zum Morgen.
    Nach dem Frühstück, das, wie überhaupt K.s ganze Verpflegung, nach Angabe
des Wirts vom Schloss bezahlt werden sollte, wollte er gleich ins Dorf gehen.
Aber da der Wirt, mit dem er bisher in Erinnerung an sein gestriges Benehmen nur
das Notwendigste gesprochen hatte, mit stummer Bitte sich immerfort um ihn
herumdrehte, erbarmte er sich seiner und liess ihn für ein Weilchen bei sich
niedersetzen.
    »Ich kenne den Grafen noch nicht«, sagte K., »er soll gute Arbeit gut
bezahlen, ist das wahr? Wenn man, wie ich, so weit von Frau und Kind reist, dann
will man auch etwas heimbringen.«
    »In dieser Hinsicht muss sich der Herr keine Sorge machen, über schlechte
Bezahlung hört man keine Klage.« - »Nun«, sagte K., »ich gehöre ja nicht zu den
Schüchternen und kann auch einem Grafen meine Meinung sagen, aber in Frieden mit
den Herren fertig zu werden ist natürlich weit besser.«
    Der Wirt sass K. gegenüber am Rand der Fensterbank, bequemer wagte er sich
nicht zu setzen, und sah K. die ganze Zeit über mit grossen, braunen, ängstlichen
Augen an. Zuerst hatte er sich an K. herangedrängt, und nun schien es, als wolle
er am liebsten weglaufen. Fürchtete er, über den Grafen ausgefragt zu werden?
Fürchtete er die Unzuverlässigkeit des »Herrn«, für den er K. hielt? K. musste
ihn ablenken. Er blickte auf die Uhr und sagte: »Nun werden bald meine Gehilfen
kommen, wirst du sie hier unterbringen können?«
    »Gewiss, Herr«, sagte er, »werden sie aber nicht mit dir im Schloss wohnen?«
    Verzichtete er so leicht und gern auf die Gäste und auf K. besonders, den er
unbedingt ins Schloss verwies?
    »Das ist noch nicht sicher«, sagte K., »erst muss ich erfahren, was für eine
Arbeit man für mich hat. Sollte ich zum Beispiel hier unten arbeiten, dann wird
es auch vernünftiger sein, hier unten zu wohnen. Auch fürchte ich, dass mir das
Leben oben im Schloss nicht zusagen würde. Ich will immer frei sein.«
    »Du kennst das Schloss nicht«, sagte der Wirt leise.
    »Freilich«, sagte K., »man soll nicht verfrüht urteilen. Vorläufig weiss ich
ja vom Schloss nichts weiter, als dass man es dort versteht, sich den richtigen
Landvermesser auszusuchen. Vielleicht gibt es dort noch andere Vorzüge.« Und er
stand auf, um den unruhig seine Lippen beissenden Wirt von sich zu befreien.
Leicht war das Vertrauen dieses Mannes nicht zu gewinnen.
    Im Fortgehen fiel K. an der Wand ein dunkles Porträt in einem dunklen Rahmen
auf. Schon von seinem Lager aus hatte er es bemerkt, hatte aber in der
Entfernung die Einzelheiten nicht unterschieden und geglaubt, das eigentliche
Bild sei aus dem Rahmen fortgenommen und nur ein schwarzer Rückendeckel sei zu
sehen. Aber es war doch ein Bild, wie sich jetzt zeigte, das Brustbild eines
etwa fünfzigjährigen Mannes. Den Kopf hielt er so tief auf die Brust gesenkt,
dass man kaum etwas von den Augen sah, entscheidend für die Senkung schien die
hohe, lastende Stirn und die starke, hinabgekrümmte Nase. Der Vollbart, infolge
der Kopfhaltung am Kinn eingedrückt, stand weiter unten ab. Die linke Hand lag
gespreizt in den vollen Haaren, konnte aber den Kopf nicht mehr heben. »Wer ist
das?« fragte K. »Der Graf?« K. stand vor dem Bild und blickte sich gar nicht
nach dem Wirt um. »Nein«, sagte der Wirt, »der Kastellan.« - »Einen schönen
Kastellan haben sie im Schloss, das ist wahr«, sagte K., »schade, dass er einen so
missratenen Sohn hat.« - »Nein«, sagte der Wirt, zog K. ein wenig zu sich
herunter und flüsterte ihm ins Ohr: »Schwarzer hat gestern übertrieben, sein
Vater ist nur ein Unterkastellan und sogar einer der letzten.« In diesem
Augenblick kam der Wirt K. wie ein Kind vor. »Der Lump!« sagte K. lachend, aber
der Wirt lachte nicht mit, sondern sagte: »Auch sein Vater ist mächtig.« -
»Geh!« sagte K. »Du hältst jeden für mächtig. Mich etwa auch?« - »Dich«, sagte
er schüchtern, aber ernstaft, »halte ich nicht für mächtig.« - »Du verstehst
also doch recht gut zu beobachten«, sagte K., »mächtig bin ich nämlich, im
Vertrauen gesagt, wirklich nicht. Und habe infolgedessen vor den Mächtigen
wahrscheinlich nicht weniger Respekt als du, nur bin ich nicht so aufrichtig wie
du und will es nicht immer eingestehen.« Und K. klopfte dem Wirt, um ihn zu
trösten und sich geneigter zu machen, leicht auf die Wange. Nun lächelte er doch
ein wenig. Er war wirklich ein Junge mit seinem weichen, fast bartlosen Gesicht.
Wie war er zu seiner breiten, ältlichen Frau gekommen, die man nebenan hinter
einem Guckfenster, weit die Ellbogen vom Leib, in der Küche hantieren sah? K.
wollte aber jetzt nicht mehr weiter in ihn dringen, das endlich bewirkte Lächeln
nicht verjagen. Er gab ihm also nur noch einen Wink, ihm die Tür zu öffnen, und
trat in den schönen Wintermorgen hinaus.
    Nun sah er oben das Schloss deutlich umrissen in der klaren Luft und noch
verdeutlicht durch den alle Formen nachbildenden, in dünner Schicht überall
liegenden Schnee. Übrigens schien oben auf dem Berg viel weniger Schnee zu sein
als hier im Dorf, wo sich K. nicht weniger mühsam vorwärts brachte als gestern
auf der Landstrasse. Hier reichte der Schnee bis zu den Fenstern der Hütten und
lastete gleich wieder auf dem niedrigen Dach, aber oben auf dem Berg ragte alles
frei und leicht empor, wenigstens schien es so von hier aus.
    Im ganzen entsprach das Schloss, wie es sich hier von der Ferne zeigte, K.s
Erwartungen. Es war weder eine alte Ritterburg noch ein neuer Prunkbau, sondern
eine ausgedehnte Anlage, die aus wenigen zweistöckigen, aber aus vielen eng
aneinander stehenden niedrigen Bauten bestand; hätte man nicht gewusst, dass es
ein Schloss sei, hätte man es für ein Städtchen halten können. Nur einen Turm sah
K., ob er zu einem Wohngebäude oder einer Kirche gehörte, war nicht zu erkennen.
Schwärme von Krähen umkreisten ihn.
    Die Augen auf das Schloss gerichtet, ging K. weiter, nichts sonst kümmerte
ihn. Aber im Näherkommen enttäuschte ihn das Schloss, es war doch nur ein recht
elendes Städtchen, aus Dorfhäusern zusammengetragen, ausgezeichnet nur dadurch,
dass vielleicht alles aus Stein gebaut war; aber der Anstrich war längst
abgefallen, und der Stein schien abzubröckeln. Flüchtig erinnerte sich K. an
sein Heimatstädtchen; es stand diesem angeblichen Schloss kaum nach. Wäre es K.
nur auf die Besichtigung angekommen, dann wäre es schade um die lange
Wanderschaft gewesen und er hätte vernünftiger gehandelt, wieder einmal die alte
Heimat zu besuchen, wo er schon so lange nicht gewesen war. Und er verglich in
Gedanken den Kirchturm der Heimat mit dem Turm dort oben. Jener Turm, bestimmt,
ohne Zögern geradewegs nach oben sich verjüngend, breitdachig, abschliessend mit
roten Ziegeln, ein irdisches Gebäude - was können wir anderes bauen? - aber mit
höherem Ziel als die niedrige Häusermenge und mit klarerem Ausdruck, als ihn der
trübe Werktag hat. Der Turm hier oben - es war der einzig sichtbare -, der Turm
eines Wohnhauses, wie es sich jetzt zeigte, vielleicht des Hauptschlosses, war
ein einförmiger Rundbau, zum Teil gnädig von Efeu verdeckt, mit kleinen
Fenstern, die jetzt in der Sonne aufstrahlten - etwas Irrsinniges hatte das -,
und einem söllerartigen Abschluss, dessen Mauerzinnen unsicher, unregelmässig,
brüchig, wie von ängstlicher oder nachlässiger Kinderhand gezeichnet, sich in
den blauen Himmel zackten. Es war, wie wenn ein trübseliger Hausbewohner, der
gerechterweise im entlegensten Zimmer des Hauses sich hätte eingesperrt halten
sollen, das Dach durchbrochen und sich erhoben hätte, um sich der Welt zu
zeigen. Wieder stand K. still, als hätte er im Stillestehen mehr Kraft des
Urteils. Aber er wurde gestört. Hinter der Dorfkirche, bei der er
stehengeblieben war - es war eigentlich nur eine Kapelle, scheunenartig
erweitert, um die Gemeinde aufnehmen zu können -, war die Schule.
    Ein niedriges, langes Gebäude, merkwürdig den Charakter des Provisorischen
und des sehr Alten vereinigend, lag es hinter einem umgitterten Garten, der
jetzt ein Schneefeld war. Eben kamen die Kinder mit dem Lehrer heraus. In einem
dichten Haufen umgaben sie den Lehrer, aller Augen blickten auf ihn,
unaufhörlich schwatzten sie von allen Seiten, K. verstand ihr schnelles Sprechen
gar nicht. Der Lehrer, ein junger, kleiner, schmalschulteriger Mensch, aber ohne
dass es lächerrlich wurde, sehr aufrecht, hatte K. schon von der Ferne ins Auge
gefasst, allerdings war ausser seiner Gruppe K. der einzige Mensch weit und breit.
K., als Fremder, grüsste zuerst, gar einen so befehlshaberischen kleinen Mann.
»Guten Tag, Herr Lehrer«, sagte er.
    Mit einem Schlag verstummten die Kinder, diese plötzliche Stille als
Vorbereitung für seine Worte mochte wohl dem Lehrer gefallen. »Ihr sehet das
Schloss an?« fragte er sanftmütiger, als K. erwartet hatte, aber in einem Tone,
als billige er nicht das, was K. tue. »Ja«, sagte K., »ich bin hier fremd, erst
seit gestern abend im Ort.« - »Das Schloss gefällt Euch nicht?« fragte der Lehrer
schnell. »Wie?« fragte K. zurück, ein wenig verblüfft, und wiederholte in
milderer Form die Frage: »Ob mir das Schloss gefällt? Warum nehmet Ihr an, dass es
mir nicht gefällt?« -
    »Keinem Fremden gefällt es«, sagte der Lehrer. Um hier nichts Unwillkommenes
zu sagen, wendete K. das Gespräch und fragte: »Sie kennen wohl den Grafen?« -
»Nein«, sagte der Lehrer und wollte sich abwenden. K. gab aber nicht nach und
fragte nochmals: »Wie? Sie kennen den Grafen nicht?« - »Wie sollte ich ihn
kennen?« sagte der Lehrer leise und fügte laut auf französisch hinzu: »Nehmen
Sie Rücksicht auf die Anwesenheit unschuldiger Kinder.« K. holte daraus das
Recht zu fragen: »Könnte ich Sie, Herr Lehrer, einmal besuchen? Ich bleibe
längere Zeit hier und fühle mich schon jetzt ein wenig verlassen; zu den Bauern
gehöre ich nicht und ins Schloss wohl auch nicht.« - »Zwischen den Bauern und dem
Schloss ist kein grosser Unterschied«, sagte der Lehrer. »Mag sein«, sagte K.,
»das ändert an meiner Lage nichts. Könnte ich Sie einmal besuchen?« - »Ich wohne
in der Schwanengasse beim Fleischhauer.« Das war nun zwar mehr eine
Adressenangabe als eine Einladung, dennoch sagte K.: »Gut, ich werde kommen.«
Der Lehrer nickte und zog mit den gleich wieder losschreienden Kinderhaufen
weiter. Sie verschwanden bald in einem jäh abfallenden Gässchen.
    K. aber war zerstreut, durch das Gespräch verärgert. Zum erstenmal seit
seinem Kommen fühlte er wirkliche Müdigkeit. Der weite Weg hierher schien ihn
ursprünglich gar nicht angegriffen zu haben, wie war er durch die Tage
gewandert, ruhig, Schritt für Schritt! - Jetzt aber zeigten sich doch die Folgen
der übergrossen Anstrengung, zur Unzeit freilich. Es zog ihn unwiderstehlich hin,
neue Bekanntschaften zu suchen, aber jede neue Bekanntschaft verstärkte die
Müdigkeit. Wenn er sich in seinem heutigen Zustand zwang, seinen Spaziergang
wenigstens bis zum Eingang des Schlosses auszudehnen, war übergenug getan.
    So ging er wieder vorwärts, aber es war ein langer Weg. Die Strasse nämlich,
die Hauptstrasse des Dorfes, führte nicht zum Schlossberg, sie führte nur nahe
heran, dann aber, wie absichtlich, bog sie ab, und wenn sie sich auch vom Schloss
nicht entfernte, so kam sie ihm doch auch nicht näher. Immer erwartete K., dass
nun endlich die Strasse zum Schloss einlenken müsse und nur, weil er es erwartete,
ging er weiter; offenbar infolge seiner Müdigkeit zögerte er, die Strasse zu
verlassen, auch staunte er über die Länge des Dorfes, das kein Ende nahm, immer
wieder die kleinen Häuschen und vereisten Fensterscheiben und Schnee und
Menschenleere - endlich riss er sich los von dieser festaltenden Strasse, ein
schmales Gässchen nahm ihn auf, noch tieferer Schnee, das Herausziehen der
einsinkenden Füsse war eine schwere Arbeit, Schweiss brach ihm aus, plötzlich
stand er still und konnte nicht mehr weiter..
    Nun, er war ja nicht verlassen, rechts und links standen Bauernhütten. Er
machte einen Schneeball und warf ihn gegen ein Fenster. Gleich öffnete sich die
Türe - die erste sich öffnende Türe während des ganzen Dorfweges - und ein alter
Bauer, in brauner Pelzjoppe, den Kopf seitwärts geneigt, freundlich und schwach,
stand dort. »Darf ich ein wenig zu Euch kommen?« sagte K., »ich bin sehr müde.«
Er hörte gar nicht, was der Alte sagte, dankbar nahm er es an, dass ihm ein Brett
entgegengeschoben wurde, das ihn gleich aus dem Schnee rettete, und mit ein paar
Schritten stand er in der Stube.
    Eine grosse Stube im Dämmerlicht. Der von draussen Kommende sah zuerst gar
nichts. K. taumelte gegen einen Waschtrog, eine Frauenhand hielt ihn zurück. Aus
einer Ecke kam viel Kindergeschrei. Aus einer anderen Ecke wälzte sich Rauch und
machte aus dem Halblicht Finsternis. K. stand wie in Wolken. »Er ist ja
betrunken«, sagte jemand. »Wer seid Ihr?« rief eine herrische Stimme und wohl zu
dem Alten gewendet: »Warum hast du ihn hereingelassen? Kann man alles
hereinlassen, was auf den Gassen herumschleicht?« - »Ich bin der gräfliche
Landvermesser«, sagte K. und suchte sich so vor den noch immer Unsichtbaren zu
verantworten. »Ach, es ist der Landvermesser«, sagte eine weibliche Stimme, und
nun folgte eine vollkommene Stille. »Ihr kennt mich?« fragte K. »Gewiss«, sagte
noch kurz die gleiche Stimme. Dass man K. kannte, schien ihn nicht zu empfehlen.
    Endlich verflüchtigte sich ein wenig der Rauch, und K. konnte sich langsam
zurechtfinden. Es schien ein allgemeiner Waschtag zu sein. In der Nähe der Türe
wurde Wäsche gewaschen. Der Rauch war aber aus der anderen Ecke gekommen, wo in
einem Holzschaff, so gross, wie K. noch nie eines gesehen hatte - es hatte etwa
den Umfang von zwei Betten -, in dampfendem Wasser zwei Männer badeten. Aber
noch überraschender, ohne dass man genau wusste, worin das Überraschende bestand,
war die rechte Ecke. Aus einer grossen Lücke, der einzigen in der Stubenrückwand,
kam dort, wohl vom Hof her, bleiches Schneelicht und gab dem Kleid einer Frau,
die tief in der Ecke in einem hohen Lehnstuhl müde fast lag, einen Schein wie
von Seide. Sie trug einen Säugling an der Brust. Um sie herum spielten ein paar
Kinder, Bauernkinder, wie zu sehen war, sie aber schien nicht zu ihnen zu
gehören, freilich, Krankheit und Müdigkeit macht auch Bauern fein.
    »Setzt Euch!« sagte der eine der Männer, ein Vollbärtiger, überdies mit
einem Schnauzbart, unter dem er den Mund schnaufend immer offenhielt, zeigte,
komisch anzusehen, mit der Hand über den Rand des Kübels auf eine Truhe hin und
bespritzte dabei K. mit warmem Wasser das ganze Gesicht. Auf der Truhe sass
schon, vor sich hin dämmernd, der Alte, der K. eingelassen hatte. K. war
dankbar, sich endlich setzen zu dürfen. Nun kümmerte sich niemand mehr um ihn.
Die Frau beim Waschtrog, blond, in jugendlicher Fülle, sang leise bei der
Arbeit, die Männer im Bad stampften und drehten sich, die Kinder wollten sich
ihnen nähern, wurden aber durch mächtige Wasserspritzer, die auch K. nicht
verschonten, immer wieder zurückgetrieben, die Frau im Lehnstuhl lag wie leblos,
nicht einmal auf das Kind an ihrer Brust blickte sie hinab, sondern unbestimmt
in die Höhe.
    K. hatte sie wohl lange angesehen, dieses sich nicht verändernde schöne,
traurige Bild, dann aber musste er eingeschlafen sein, denn als er, von einer
lauten Stimme gerufen, aufschreckte, lag sein Kopf an der Schulter des Alten
neben ihm. Die Männer hatten ihr Bad beendet, in dem sich jetzt die Kinder, von
der blonden Frau beaufsichtigt, herumtrieben, und standen angezogen vor K. Es
zeigte sich, dass der schreierische Vollbärtige der Geringere von den zweien war.
Der andere nämlich, nicht grösser als der Vollbärtige und mit viel geringerem
Bart, war ein stiller, langsam denkender Mann von breiter Gestalt, auch das
Gesicht breit, den Kopf hielt er gesenkt. »Herr Landvermesser«, sagte er, »hier
könnt Ihr nicht bleiben. Verzeiht die Unhöflichkeit.« - »Ich wollte auch nicht
bleiben«, sagte K., »nur ein wenig mich ausruhen. Das ist geschehen, und nun
gehe ich.« - »Ihr wundert Euch wahrscheinlich über die geringe
Gastfreundlichkeit«, sagte der Mann, »aber Gastfreundlichkeit ist bei uns nicht
Sitte, wir brauchen keine Gäste.« Ein wenig erfrischt vom Schlaf, ein wenig
hellhöriger als früher, freute sich K. über die offenen Worte. Er bewegte sich
freier, stützte seinen Stock einmal hier, einmal dort auf, näherte sich der Frau
im Lehnstuhl, war übrigens auch der körperlich Grösste im Zimmer.
    »Gewiss«, sagte K., »wozu brauchtet ihr Gäste. Aber hier und da braucht man
doch einen, zum Beispiel mich, den Landvermesser.« - »Das weiss ich nicht«, sagte
der Mann langsam, »hat man Euch gerufen, so braucht man Euch wahrscheinlich, das
ist wohl eine Ausnahme, wir aber, wir kleinen Leute, halten uns an die Regel,
das könnt Ihr uns nicht verdenken.« - - »Nein, nein«, sagte K., »ich habe Euch
nur zu danken, Euch und allen hier.« Und unerwartet für jedermann kehrte sich K.
förmlich in einem Sprunge um und stand vor der Frau. Aus müden, blauen Augen
blickte sie K. an, ein seidenes, durchsichtiges Kopftuch reichte ihr bis in die
Mitte der Stirn hinab, der Säugling schlief an ihrer Brust. »Wer bist du?«
fragte K. wegwerfend - es war undeutlich, ob die Verächtlichkeit K. oder ihrer
eigenen Antwort galt - sagte sie: »Ein Mädchen aus dem Schloss.«
    Das alles hatte nur einen Augenblick gedauert, schon hatte K. rechts und
links einen der Männer und wurde, als gäbe es kein anderes Verständigungsmittel,
schweigend, aber mit aller Kraft zur Tür gezogen. Der Alte freute sich über
irgend etwas dabei und klatschte in die Hände. Auch die Wäscherin lachte bei den
plötzlich wie toll lärmenden Kindern.
    K. aber stand bald auf der Gasse, die Männer beaufsichtigten ihn von der
Schwelle aus. Es fiel wieder Schnee; trotzdem schien es ein wenig heller zu sein
Der Vollbärtige rief ungeduldig: »Wohin wollt Ihr gehen? Hier führt es zum
Schloss, hier zum Dorf.« Ihm antwortete K. nicht, aber zu dem anderen, der ihm
trotz seiner Überlegenheit der Umgänglichere schien, sagte er: »Wer seid Ihr?
Wem habe ich für den Aufentalt zu danken?« - »Ich bin der Gerbermeister
Lasemann«, war die Antwort, »zu danken habt Ihr aber niemandem.« - »Gut«, sagte
K., »vielleicht werden wir noch zusammenkommen.« - »Ich glaube nicht«, sagte der
Mann. In diesem Augenblick rief der Vollbärtige mit erhobener Hand: »Guten Tag,
Artur, guten Tag, Jeremias!« K. wandte sich um, es zeigten sich in diesem Dorf
also doch noch Menschen auf der Gasse! Aus der Richtung vom Schloss her kamen
zwei junge Männer von mittlerer Grösse, beide sehr schlank, in engen Kleidern,
auch im Gesicht einander sehr ähnlich. Die Gesichtsfarbe war ein dunkles Braun,
von dem ein Spitzbart in seiner besonderen Schwärze dennoch abstach. Sie gingen
bei diesen Strassenverhältnissen erstaunlich schnell, warfen im Takt die
schlanken Beine. »Was habt ihr?« rief der Vollbärtige. Man konnte sich nur
rufend mit ihnen verständigen, so schnell gingen sie und hielten nicht ein.
»Geschäfte!« riefen sie lachend zurück. »Wo?« - »Im Wirtshaus.« - »Dortin gehe
auch ich!« schrie K. auf einmal mehr als alle anderen, er hatte grosses
Verlangen, von den zweien mitgenommen zu werden; ihre Bekanntschaft schien ihm
zwar nicht sehr ergiebig, aber gute, aufmunternde Wegbegleiter waren sie
offenbar. Sie hörten K.s Worte, nickten jedoch nur und waren schon vorüber.
    K. stand noch immer im Schnee, hatte wenig Lust, den Fuss aus dem Schnee zu
heben, um ihn ein Stückchen weiter in die Tiefe zu senken; der Gerbermeister und
sein Genosse, zufrieden damit, K. endgültig hinausgeschaft zu haben, schoben
sich langsam, immer nach K. zurückblickend, durch die nur wenig geöffnete Tür
ins Haus, und K. war mit dem ihn einhüllenden Schnee allein. »Gelegenheit zu
einer kleinen Verzweiflung«, fiel ihm ein, »wenn ich nur zufällig, nicht
absichtlich hier stünde.«
    Da öffnete sich in der Hütte linker Hand ein winziges Fenster; geschlossen
hatte es tiefblau ausgesehen, vielleicht im Widerschein des Schnees, und war so
winzig, dass, als es jetzt geöffnet war, nicht das ganze Gesicht des
Hinausschauenden zu sehen war, sondern nur die Augen, alte, braune Augen. »Dort
steht er«, hörte K. eine zittrige Frauenstimme sagen. »Es ist der
Landvermesser«, sagte eine Männerstimme. Dann trat der Mann zum Fenster und
fragte nicht unfreundlich, aber doch so, als sei ihm daran gelegen, dass auf der
Strasse vor seinem Haus alles in Ordnung sei: »Auf wen wartet Ihr?« - »Auf einen
Schlitten, der mich mitnimmt«, sagte K. »Hier kommt kein Schlitten«, sagte der
Mann, »hier ist kein Verkehr.« - »Es ist doch die Strasse, die zum Schloss führt«,
wendete K. ein. »Trotzdem, trotzdem«, sagte der Mann mit einer gewissen
Unerbittlichkeit, »hier ist kein Verkehr.« Dann schwiegen beide. Aber der Mann
überlegte offenbar etwas, denn das Fenster, aus dem Rauch strömte, hielt er noch
immer offen. »Ein schlechter Weg«, sagte K., um ihm nachzuhelfen.
    Er aber sagte nur: »Ja freilich.«
    Nach einem Weilchen sagte er aber doch: »Wenn Ihr wollt, fahre ich Euch mit
meinem Schlitten.« - »Tut das, bitte«, sagte K. erfreut, »wieviel verlangt Ihr
dafür?« - »Nichts«, sagte der Mann. K. wunderte sich sehr. »Ihr seid doch der
Landvermesser«, sagte der Mann erklärend, »und gehört zum Schloss. Wohin wollt
Ihr denn fahren?« - »Ins Schloss«, sagte K. schnell. »Dann fahre ich nicht«,
sagte der Mann sofort. »Ich gehöre doch zum Schloss«, sagte K., des Mannes eigene
Worte wiederholend. »Mag sein«, sagte der Mann abweisend. »Dann fahrt mich also
zum Wirtshaus«, sagte K. »Gut«, sagte der Mann, »ich komme gleich mit dem
Schlitten.« Das Ganze machte nicht den Eindruck besonderer Freundlichkeit,
sondern eher den einer Art sehr eigensüchtigen, ängstlichen, fast pedantischen
Bestrebens, K. von dem Platz vor dem Hause wegzuschaffen.
    Das Hoftor öffnete sich, und ein kleiner Schlitten für leichte Lasten, ganz
flach, ohne irgendwelchen Sitz, von einem schwachen Pferdchen gezogen, kam
hervor, dahinter der Mann, gebückt, schwach, hinkend, mit magerem, rotem,
verschnupftem Gesicht, das besonders klein erschien durch einen fest um den Kopf
gewickelten Wollschal. Der Mann war sichtlich krank und nur, um K. wegbefördern
zu können, war er doch hervorgekommen. K. erwähnte etwas Derartiges, aber der
Mann winkte ab. Nur dass er der Fuhrmann Gerstäcker war, erfuhr K., und dass er
diesen unbequemen Schlitten genommen habe, weil er gerade bereitstand und das
Hervorziehen eines anderen zuviel Zeit gebraucht hätte. »Setzt Euch«, sagte er
und zeigte mit der Peitsche hinten auf den Schlitten. »Ich werde mich neben Euch
setzen«, sagte K. »Ich werde gehen«, sagte Gerstäcker. »Warum denn?« fragte K.
»Ich werde gehen«, wiederholte Gerstäcker und bekam einen Hustenanfall, der ihn
so schüttelte, dass er die Beine in den Schnee stemmen und mit den Händen den
Schlittenrand halten musste. K. sagte nichts weiter, setzte sich hinten auf den
Schlitten, der Husten beruhigte sich langsam und sie fuhren.
    Das Schloss dort oben, merkwürdig dunkel schon, das K. heute noch zu
erreichen gehofft hatte, entfernte sich wieder. Als sollte ihm aber noch zum
vorläufigen Abschied ein Zeichen gegeben werden, erklang dort ein Glockenton,
fröhlich beschwingt, eine Glocke, die wenigstens einen Augenblick lang das Herz
erbeben liess, so, als drohe ihm - denn auch schmerzlich war der Klang - die
Erfüllung dessen, wonach es sich unsicher sehnte. Aber bald verstummte diese
grosse Glocke und wurde von einem schwachen, eintönigen Glöckchen abgelöst,
vielleicht noch oben, vielleicht aber schon im Dorfe. Dieses Geklingel passte
freilich besser zu der langsamen Fahrt und dem jämmerlichen, aber unerbittlichen
Fuhrmann.
    »Du«, rief K. plötzlich - sie waren schon in der Nähe der Kirche, der Weg
ins Wirtshaus nicht mehr weit, K. durfte schon etwas wagen -, »ich wundere mich
sehr, dass du auf deine eigene Verantwortung mich herumzufahren wagst, darfst du
denn das?« Gerstäcker kümmerte sich nicht darum und schritt ruhig weiter neben
dem Pferdchen. »He!« rief K., ballte etwas Schnee vom Schlitten zusammen und
traf Gerstäcker damit voll ins Ohr. Nun blieb dieser stehen und drehte sich um;
als ihn K. aber nun so nahe bei sich sah - der Schlitten hatte sich noch ein
wenig weitergeschoben -, diese gebückte, gewissermassen misshandelte Gestalt, das
rote, müde, schmale Gesicht mit irgendwie verschiedenen Wangen, die eine flach,
die andere eingefallen, den offenen, aufhorchenden Mund, in dem nur ein paar
vereinzelte Zähne waren, musste er das, was er früher aus Bosheit gesagt hatte,
jetzt aus Mitleid wiederholen, ob Gerstäcker nicht dafür, dass er K.
transportierte, gestraft werden könne. »Was willst du?« fragte Gerstäcker
verständnislos, erwartete aber auch keine weitere Erklärung, rief dem Pferdchen
zu, und sie fuhren wieder.
 
                               Das zweite Kapitel
Als sie - K. erkannte es an einer Wegbiegung - fast beim Wirtshaus waren, war es
zu seinem Erstaunen schon völlig finster. War er so lange fort gewesen? Doch nur
ein, zwei Stunden etwa nach seiner Berechnung, und am Morgen war er
fortgegangen, und kein Essenbedürfnis hatte er gehabt, und bis vor kurzem war
gleichmässige Tageshelle gewesen, erst jetzt die Finsternis. »Kurze Tage, kurze
Tage!« sagte er zu sich, glitt vom Schlitten und ging dem Wirtshaus zu.
    Oben auf der kleinen Vortreppe des Hauses stand, ihm sehr willkommen, der
Wirt und leuchtete mit erhobener Laterne ihm entgegen. Flüchtig an den Fuhrmann
sich erinnernd, blieb K. stehen, irgendwo hustete es im Dunkeln, das war er.
Nun, er würde ihn ja nächstens wiedersehen. Erst als er oben beim Wirt war, der
demütig grüsste, bemerkte er zu beiden Seiten der Tür je einen Mann. Er nahm die
Laterne aus der Hand des Wirts und beleuchtete die zwei; es waren die Männer,
die er schon getroffen hatte und die Artur und Jeremias angerufen worden waren.
Sie salutierten jetzt. In Erinnerung an seine Militärzeit, an diese glücklichen
Zeiten, lachte er. »Wer seid ihr?« fragte er und sah vom einen zum anderen.
»Euere Gehilfen«, antworteten sie. »Es sind die Gehilfen«, bestätigte leise der
Wirt. »Wie?« fragte K. »Ihr seid meine alten Gehilfen, die ich nachkommen liess,
die ich erwarte?« Sie bejahten es. »Das ist gut«, sagte K. nach einem Weilchen,
»es ist gut, dass ihr gekommen seid.« - »Übrigens«, sagte K. nach einem weiteren
Weilchen, »ihr habt euch sehr verspätet, ihr seid sehr nachlässig.« - »Es war
ein weiter Weg«, sagte der eine. »Ein weiter Weg«, wiederholte K., »aber ich
habe euch getroffen, wie ihr vom Schloss kamt.« - »Ja« sagten sie, ohne weitere
Erklärung. »Wo habt ihr die Apparate?« fragte K. »Wir haben keine«, sagten sie.
»Die Apparate, die ich euch anvertraut habe«, sagte K. »Wir haben keine«,
wiederholten sie. »Ach, seid ihr Leute!« sagte K., »versteht ihr etwas von
Landvermessung?« - »Nein«, sagten sie. »Wenn ihr aber meine alten Gehilfen seid,
müsst ihr doch das verstehen«, sagte K. Sie schwiegen. »Dann kommt also«, sagte
K. und schob sie vor sich ins Haus.
    Sie sassen dann zu dritt ziemlich schweigsam in der Wirtsstube beim Bier, an
einem kleinen Tischchen, K. in der Mitte, rechts und links die Gehilfen. Sonst
war nur ein Tisch mit Bauern besetzt, ähnlich wie am Abend vorher. »Es ist
schwer mit euch«, sagte K. und verglich wie schon öfters ihre Gesichter, »wie
soll ich euch denn unterscheiden? Ihr unterscheidet euch nur durch die Namen,
sonst seid ihr einander ähnlich wie« - er stockte, unwillkürlich fuhr er dann
fort -, »sonst seid ihr einander ja ähnlich wie Schlangen.« Sie lächelten. »Man
unterscheidet uns sonst gut«, sagten sie zur Rechtfertigung. »Ich glaube es«,
sagte K., »ich war ja selbst Zeuge dessen, aber ich sehe nur mit meinen Augen,
und mit denen kann ich euch nicht unterscheiden. Ich werde euch deshalb wie
einen einzigen Mann behandeln und beide Artur nennen, so heisst doch einer von
euch. Du etwa?« - fragte K. den einen. »Nein«, sagte dieser, »ich heisse
Jeremias.« - »Es ist ja gleichgültig«, sagte K., »ich werde euch beide Artur
nennen. Schicke ich Artur irgendwohin, so geht ihr beide, gebe ich Artur eine
Arbeit, so macht ihr sie beide, das hat zwar für mich einen grossen Nachteil, dass
ich euch nicht für gesonderte Arbeit verwenden kann, aber dafür den Vorteil, dass
ihr für alles, was ich euch auftrage, gemeinsam ungeteilt die Verantwortung
tragt. Wie ihr untereinander die Arbeit aufteilt, ist mir gleichgültig, nur
ausreden dürft ihr euch nicht aufeinander, ihr seid für mich ein einziger Mann.«
Sie überlegten das und sagten: »Das wäre uns recht unangenehm.« - »Wie denn
nicht«, sagte K., »natürlich muss euch das unangenehm sein, aber es bleibt so.«
Schon ein Weilchen lang hatte K. einen der Bauern den Tisch umschleichen sehen,
endlich entschloss er sich, ging auf einen Gehilfen zu und wollte ihm etwas
zuflüstern. »Verzeiht«, sagte K., schlug mit der Hand auf den Tisch und stand
auf, »dies sind meine Gehilfen, und wir haben jetzt eine Besprechung. Niemand
hat das Recht, uns zu stören.« - »O bitte, o bitte«, sagte der Bauer ängstlich
und ging rücklings zu seiner Gesellschaft zurück. »Dieses müsst ihr vor allem
beachten«, sagte K. dann wieder sitzend. »Ihr dürft mit niemandem ohne meine
Erlaubnis sprechen. Ich bin hier ein Fremder, und wenn ihr meine alten Gehilfen
seid, dann seid auch ihr Fremde. Wir drei Fremden müssen deshalb zusammenhalten,
reicht mir daraufhin eure Hände.« Allzu bereitwillig streckten sie sie K.
entgegen. »Lasst euch die Pratzen«, sagte er, »mein Befehl aber gilt. Ich werde
jetzt schlafen gehen und auch euch rate ich, das zu tun. Heute haben wir einen
Arbeitstag versäumt, morgen muss die Arbeit sehr frühzeitig beginnen. Ihr müsst
einen Schlitten zur Fahrt ins Schloss verschaffen und um sechs Uhr hier vor dem
Haus mit ihm bereitstehen.« - »Gut«, sagte der eine. Der andere aber fuhr
dazwischen: »Du sagst: Gut, und weisst doch, dass es unmöglich ist.« - »Ruhe«,
sagte K., »ihr wollt wohl anfangen, euch voneinander zu unterscheiden.« Doch nun
sagte auch schon der erste: »Er hat recht, es ist unmöglich, ohne Erlaubnis darf
kein Fremder ins Schloss.« - »Wo muss man um die Erlaubnis ansuchen?« - »Ich weiss
nicht, vielleicht beim Kastellan.« - »Dann werden wir dort telefonisch ansuchen,
telefoniert sofort an den Kastellan, beide!« Sie liefen zum Apparat, erlangten
die Verbindung - wie sie sich dort drängten! Im Äusserlichen waren sie lächerrlich
folgsam - und fragten, ob K. mit ihnen morgen ins Schloss kommen dürfe. Das
»Nein!« der Antwort hörte K. bis zu seinem Tisch. Die Antwort war aber noch
ausführlicher, sie lautete: »Weder morgen noch ein andermal.« - »Ich werde
selbst telefonieren«, sagte K. und stand auf. Während K. und seine Gehilfen
bisher, abgesehen von dem Zwischenfall des einen Bauern, wenig beachtet worden
waren, erregte seine letzte Bemerkung allgemeine Aufmerksamkeit. Alle erhoben
sich mit K., und obwohl sie der Wirt zurückzudrängen suchte, gruppierten sie
sich beim Apparat in engem Halbkreis um ihn. Es überwog unter ihnen die Meinung,
dass K. gar keine Antwort bekommen werde. K. musste sie bitten, ruhig zu sein, er
verlange nicht, ihre Meinungen zu hören.
    Aus der Hörmuschel kam ein Summen, wie K. es sonst beim Telefonieren nie
gehört hatte. Es war, wie wenn sich aus dem Summen zahlloser kindlicher Stimmen
- aber auch dieses Summen war keines, sondern war Gesang fernster, allerfernster
Stimmen -, wie wenn sich aus diesem Summen in einer geradezu unmöglichen Weise
eine einzige hohe, aber starke Stimme bilde, die an das Ohr schlug, so, wie wenn
sie fordere, tiefer einzudringen als nur in das armselige Gehör. K. horchte,
ohne zu telefonieren, den linken Arm hatte er auf das Telefonpult gestützt und
horchte so.
    Er wusste nicht wie lange; so lange, bis ihn der Wirt am Rock zupfte, ein
Bote sei für ihn gekommen. »Weg!« schrie K. unbeherrscht, vielleicht in das
Telefon hinein, denn nun meldete sich jemand. Es entwickelte sich folgendes
Gespräch: »Hier Oswald, wer dort?« rief es, eine strenge, hochmütige Stimme, mit
einem kleinen Sprachfehler, wie es K. schien, den sie über sich selbst hinaus
durch eine weitere Zugabe von Strenge auszugleichen versuchte. K. zögerte, sich
zu nennen, dem Telefon gegenüber war er wehrlos, der andere konnte ihn
niederdonnern, die Hörmuschel weglegen, und K. hatte sich einen vielleicht nicht
unwichtigen Weg versperrt. K.s Zögern machte den Mann ungeduldig. »Wer dort?«
wiederholte er und fügte hinzu: »Es wäre mir sehr lieb, wenn dortseits nicht
soviel telefoniert würde, erst vor einem Augenblick ist telefoniert worden.« K.
ging auf diese Bemerkung nicht ein und meldete mit einem plötzlichen Entschluss:
»Hier der Gehilfe des Herrn Landvermessers.« »Welcher Gehilfe? Welcher Herr?
Welcher Landvermesser?« K. fiel das gestrige Telefongespräch ein. »Fragen Sie
Fritz«, sagte er kurz. Es half, zu seinem eigenen Erstaunen. Aber mehr noch als
darüber, dass es half, staunte er über die Einheitlichkeit des Dienstes dort. Die
Antwort war: »Ich weiss schon. Der ewige Landvermesser. Ja, ja. Was weiter?
Welcher Gehilfe?« »Josef«, sagte K. Ein wenig störte ihn hinter seinem Rücken
das Murmeln der Bauern; offenbar waren sie nicht damit einverstanden, dass er
sich nicht richtig meldete. K. hatte aber keine Zeit, sich mit ihnen zu
beschäftigen, denn das Gespräch nahm ihn sehr in Anspruch. »Josef?« fragte es
zurück. »Die Gehilfen heissen« - eine kleine Pause, offenbar verlangte er die
Namen jemandem anderen ab - »Artur und Jeremias.« »Das sind die neuen Gehilfen«,
sagte K. »Nein, das sind die alten.« - »Es sind die neuen, ich aber bin der
alte, der dem Herrn Landvermesser heute nachkam.« - »Nein!« schrie es nun. »Wer
bin ich also?« fragte K., ruhig wie bisher. Und nach einer Pause sagte die
gleiche Stimme mit dem gleichen Sprachfehler und war doch wie eine andere
tiefere, achtungswertere Stimme: »Du bist der alte Gehilfe.«
    K. horchte dem Stimmklang nach und überhörte dabei fast die Frage: »Was
willst du?« Am liebsten hätte er den Hörer schon weggelegt. Von diesem Gespräch
erwartete er nichts mehr. Nur gezwungen fragte er noch schnell: »Wann darf mein
Herr ins Schloss kommen?« - »Niemals«, war die Antwort. »Gut«, sagte K. und hing
den Hörer an.
    Die Bauern hinter ihm waren schon ganz nahe an ihn herangerückt. Die
Gehilfen waren, mit vielen Seitenblicken nach ihm, damit beschäftigt, die Bauern
von ihm abzuhalten. Es schien aber nur Komödie zu sein, auch gaben die Bauern,
von dem Ergebnis des Gesprächs befriedigt, langsam nach. Da wurde ihre Gruppe
von hinten mit raschem Schritt von einem Mann geteilt, der sich vor K. verneigte
und ihm einen Brief übergab.
    K. behielt den Brief in der Hand und sah den Mann an, der ihm im Augenblick
wichtiger schien. Es bestand eine grosse Ähnlichkeit zwischen ihm und den
Gehilfen, er war so schlank wie sie, ebenso knapp gekleidet, auch so gelenkig
und flink wie sie, aber doch ganz anders.
    Hätte K. doch lieber ihn als Gehilfen gehabt! Ein wenig erinnerte er ihn an
die Frau mit dem Säugling, die er beim Gerbermeister gesehen hatte. Er war fast
weiss gekleidet, das Kleid war wohl nicht aus Seide, es war ein Winterkleid wie
alle anderen, aber die Zarteit und Feierlichkeit eines Seidenkleides hatte es.
Sein Gesicht war hell und offen, die Augen übergross. Sein Lächeln war ungemein
aufmunternd; er fuhr mit der Hand über sein Gesicht, so, als wolle er dieses
Lächeln verscheuchen, doch gelang ihm das nicht. »Wer bist du?« fragte K.
»Barnabas heisse ich«, sagte er. »Ein Bote bin ich.« Männlich und doch sanft
öffneten und schlossen sich seine Lippen beim Reden. »Gefällt es dir hier?«
fragte K. und zeigte auf die Bauern, für die er noch immer nicht an Interesse
verloren hatte und die mit ihren förmlich gequälten Gesichtern - der Schädel sah
aus, als sei er oben platt geschlagen worden, und die Gesichtszüge hatten sich
im Schmerz des Geschlagenwerdens gebildet -, ihren wulstigen Lippen, ihren
offenen Mündern zusahn, aber doch auch wieder nicht zusahn, denn manchmal
irrte ihr Blick ab und blieb, ehe er zurückkehrte, an irgendeinem gleichgültigen
Gegenstande haften, und dann zeigte K. auch auf die Gehilfen, die einander
umfasst hielten, Wange an Wange lehnten und lächelten, man wusste nicht, ob
demütig oder spöttisch, er zeigte ihm diese alle, so, als stellte er ein ihm
durch besondere Umstände aufgezwungenes Gefolge vor und erwartete - darin lag
Vertraulichkeit, auf die kam es K. an -, dass Barnabas ständig unterscheiden
werde zwischen ihm und ihnen. Aber Barnabas nahm - in aller Unschuld freilich,
das war zu erkennen - die Frage gar nicht auf, liess sie über sich ergehen, wie
ein wohlerzogener Diener ein für ihn nur scheinbar bestimmtes Wort des Herrn,
blickte nur im Sinne der Frage umher, begrüsste durch Handwinken Bekannte unter
den Bauern und tauschte mit den Gehilfen ein paar Worte aus, das alles frei und
selbständig, ohne sich mit ihnen zu vermischen. K. kehrte - abgewiesen, aber
nicht beschämt - zu dem Brief in seiner Hand zurück und öffnete ihn. Sein
Wortlaut war: »Sehr geehrter Herr! Sie sind, wie Sie wissen, in die
herrschaftlichen Dienste aufgenommen. Ihr nächster Vorgesetzter ist der
Gemeindevorsteher des Dorfes, der Ihnen auch alles Nähere über Ihre Arbeit und
die Lohnbedingungen mitteilen wird und dem Sie auch Rechenschaft schuldig sein
werden. Trotzdem werde aber auch ich Sie nicht aus den Augen verlieren.
Barnabas, der Überbringer dieses Briefes, wird von Zeit zu Zeit bei Ihnen
nachfragen, um Ihre Wünsche zu erfahren und mir mitzuteilen. Sie werden mich
immer bereit finden, Ihnen, soweit es möglich ist, gefällig zu sein. Es liegt
mir daran, zufriedene Arbeiter zu haben.« Die Unterschrift war nicht leserlich,
beigedruckt aber war ihr: Der Vorstand der X. Kanzlei. »Warte!« sagte K. zu dem
sich verbeugenden Barnabas, dann rief er den Wirt, dass er ihm ein Zimmer zeige,
er wollte mit dem Brief eine Zeitlang allein sein. dabei erinnerte er sich
daran, dass Barnabas bei aller Zuneigung, die er für ihn hatte, doch nichts
anderes als ein Bote war, und liess ihm Bier geben. Er gab acht, wie er es
annehmen würde, er nahm es offenbar sehr gern an und trank sogleich. Dann ging
K. mit dem Wirt. In dem Häuschen hatte man für K. nichts als ein kleines
Dachzimmer bereitstellen können, und selbst das hatte Schwierigkeiten gemacht,
denn man hatte zwei Mägde, die bisher dort geschlafen hatten, anderswo
unterbringen müssen. Eigentlich hatte man nichts anderes getan, als die Mägde
weggeschafft, das Zimmer war sonst wohl unverändert, keine Bettwäsche zu dem
einzigen Bett, nur ein paar Polster und eine Pferdedecke in dem Zustand, wie
alles nach der letzten Nacht zurückgeblieben war. An der Wand ein paar
Heiligenbilder und Fotografien von Soldaten. Nicht einmal gelüftet war worden,
offenbar hoffte man, der neue Gast werde nicht lange bleiben, und tat nichts
dazu, ihn zu halten. K. war aber mit allem einverstanden, wickelte sich in die
Decke, setzte sich an den Tisch und begann bei einer Kerze, den Brief nochmals
zu lesen.
    Er war nicht einheitlich, es gab Stellen, wo mit ihm wie mit einem Freien
gesprochen wurde, dessen eigenen Willen man anerkennt, so war die Überschrift,
so war die Stelle, die seine Wünsche betraf. Es gab aber wieder Stellen, wo er
offen oder versteckt als ein kleiner, vom Sitz jenes Vorstandes kaum bemerkbarer
Arbeiter behandelt wurde, der Vorstand musste sich anstrengen, »ihn nicht aus den
Augen zu verlieren«, sein Vorgesetzter war nur der Dorfvorsteher, dem er sogar
Rechenschaft schuldig war, sein einziger Kollege war vielleicht der
Dorfpolizist. Das waren zweifellos Widersprüche, sie waren so sichtbar, dass sie
beabsichtigt sein mussten. Den einer solchen Behörde gegenüber wahnwitzigen
Gedanken, dass hier Unentschlossenheit mitgewirkt habe, streifte K. kaum.
Vielmehr sah er darin eine ihm offen dargebotene Wahl, es war ihm überlassen,
was er aus den Anordnungen des Briefes machen wollte, ob er Dorfarbeiter mit
einer immerhin auszeichnenden, aber nur scheinbaren Verbindung mit dem Schloss
sein wolle oder aber scheinbarer Dorfarbeiter, der in Wirklichkeit sein ganzes
Arbeitsverhältnis von den Nachrichten des Barnabas bestimmen liess. K. zögerte
nicht zu wählen, hätte auch ohne die Erfahrungen, die er schon gemacht hatte,
nicht gezögert. Nur als Dorfarbeiter, möglichst weit den Herren vom Schloss
entrückt, war er imstande, etwas im Schloss zu erreichen, diese Leute im Dorfe,
die noch so misstrauisch gegen ihn waren, würden zu sprechen anfangen, wenn er,
wo nicht ihr Freund, so doch ihr Mitbürger geworden war, und war er einmal
ununterscheidbar von Gerstäcker oder Lasemann - und sehr schnell musste das
geschehen, davon hing alles ab -, dann erschlossen sich ihm gewiss mit einem
Schlag alle Wege, die ihm, wenn es nur auf die Herren oben und ihre Gnade
angekommen wäre, für immer nicht nur versperrt, sondern unsichtbar geblieben
wären. Freilich, eine Gefahr bestand, und sie war in dem Brief genug betont, mit
einer gewissen Freude war sie dargestellt, als sei sie unentrinnbar. Es war das
Arbeitersein. Dienst, Vorgesetzter, Arbeit, Lohnbestimmungen, Rechenschaft,
Arbeiter, davon wimmelte der Brief, und selbst, wenn anderes, Persönlicheres
gesagt war, war es von jenem Gesichtspunkt aus gesagt. Wollte K. Arbeiter
werden, so konnte er es werden, aber dann in allem furchtbaren Ernst, ohne jeden
Ausblick anderswohin. K. wusste, dass nicht mit wirklichem Zwang gedroht war, den
fürchtete er nicht und hier am wenigsten, aber die Gewalt der entmutigenden
Umgebung, der Gewöhnung an Enttäuschungen, die Gewalt der unmerklichen Einflüsse
jedes Augenblicks, die fürchtete er allerdings, aber mit dieser Gefahr musste er
den Kampf wagen.
    Der Brief verschwieg ja auch nicht, dass K., wenn es zu Kämpfen kommen
sollte, die Verwegenheit gehabt hatte, zu beginnen; es war mit Feinheit gesagt,
und nur ein unruhiges Gewissen - ein unruhiges, kein schlechtes - konnte es
merken, es waren die drei Worte »wie Sie wissen« hinsichtlich seiner Aufnahme in
den Dienst. K. hatte sich gemeldet, und seiter wusste er, wie sich der Brief
ausdrückte, dass er aufgenommen war.
    K. nahm ein Bild von der Wand und hing den Brief an den Nagel; in diesem
Zimmer würde er wohnen, hier sollte der Brief hängen.
    Dann stieg er in die Wirtsstube hinunter. Barnabas sass mit den Gehilfen bei
einem Tischchen. »Ach, da bist du«, sagte K. ohne Anlass, nur weil er froh war,
Barnabas zu sehen. Er sprang gleich auf. Kaum war K. eingetreten, erhoben sich
die Bauern, um sich ihm zu nähern, es war schon ihre Gewohnheit geworden, ihm
immer nachzulaufen. »Was wollt ihr denn immerfort von mir?« rief K. Sie nahmen
es nicht übel und drehten sich langsam zu ihren Plätzen zurück. Einer sagte im
Abgehen zur Erklärung, leichtin, mit einem undeutbaren Lächeln, das einige
andere aufnahmen: »Man hört immer etwas Neues«, und er leckte sich die Lippen,
als sei das Neue eine Speise. K. sagte nichts Versöhnliches, es war gut, wenn
sie ein wenig Respekt vor ihm bekamen, aber kaum sass er bei Barnabas, spürte er
schon den Atem eines Bauern im Nacken; er kam, wie er sagte, das Salzfass zu
holen, aber K. stampfte vor Ärger auf, der Bauer lief denn auch ohne Salzfass
weg. Es war wirklich leicht, K. beizukommen, man musste zum Beispiel nur die
Bauern gegen ihn hetzen, ihre hartnäckige Teilnahme schien ihm böser als die
Verschlossenheit der anderen, und ausserdem war es auch Verschlossenheit, denn
hätte K. sich zu ihrem Tisch gesetzt, wären sie gewiss dort nicht
sitzengeblieben. Nur die Gegenwart des Barnabas hielt ihn ab, Lärm zu machen.
Aber er drehte sich doch noch drohend nach ihnen um, auch sie waren ihm
zugekehrt. Wie er sie aber so dasitzen sah, jeden auf seinem Platz, ohne sich
miteinander zu besprechen, ohne sichtbare Verbindung untereinander, nur dadurch
miteinander verbunden, dass sie alle auf ihn starrten, schien es ihm, als sei es
gar nicht Bosheit, was sie ihn verfolgen liess; vielleicht wollten sie wirklich
etwas von ihm und konnten es nur nicht sagen, und war es nicht das, dann war es
vielleicht nur Kindlichkeit, die hier zu Hause zu sein schien; war nicht auch
der Wirt kindlich, der ein Glas Bier, das er irgendeinem Gast bringen sollte,
mit beiden Händen hielt, stillstand, nach K. sah und einen Zuruf der Wirtin
überhörte, die sich aus dem Küchenfensterchen vorgebeugt hatte?
    Ruhiger wandte sich K. an Barnabas, die Gehilfen hätte er gern entfernt,
fand aber keinen Vorwand. Übrigens blickten sie still auf ihr Bier. »Den Brief«,
begann K., »habe ich gelesen. Kennst du den Inhalt?« - »Nein«, sagte Barnabas,
sein Blick schien mehr zu sagen als seine Worte. Vielleicht täuschte sich K.
hier im Guten, wie bei den Bauern im Bösen, als das Wohltuende seiner Gegenwart
blieb. »Es ist auch von dir in dem Brief die Rede, du sollst nämlich hie und da
Nachrichten zwischen mir und dem Vorstand vermitteln, deshalb hatte ich gedacht,
dass du den Inhalt kennst.« - »Ich bekam«, sagte Barnabas, »nur den Auftrag, den
Brief zu übergeben, zu warten, bis er gelesen ist und, wenn es dir nötig
scheint, eine mündliche oder schriftliche Antwort zurückzubringen.« - »Gut«,
sagte K., »es bedarf keines Schreibens, richte dem Herrn Vorstand - wie heisst er
denn? Ich konnte die Unterschrift nicht lesen.« - »Klamm«, sagte Barnabas.
»Richte also Herrn Klamm meinen Dank für die Aufnahme aus wie auch für seine
besondere Freundlichkeit, die ich als einer, der sich hier noch gar nicht
bewährt hat, zu schätzen weiss. Ich werde mich vollständig nach seinen Absichten
verhalten. Besondere Wünsche habe ich heute nicht.« Barnabas, der genau
aufgemerkt hatte, bat, den Auftrag vor K. wiederholen zu dürfen. K. erlaubte es,
Barnabas wiederholte alles wortgetreu. Dann stand er auf, um sich zu
verabschieden.
    Die ganze Zeit über hatte K. sein Gesicht geprüft, nun tat er es zum
letztenmal. Barnabas war etwa so gross wie K., trotzdem schien sein Blick sich zu
K. zu senken, aber fast demütig geschah das, es war unmöglich, dass dieser Mann
jemanden beschämte. Freilich, er war nur ein Bote, kannte nicht den Inhalt der
Briefe, die er auszutragen hatte, aber auch sein Blick, sein Lächeln, sein Gang
schien eine Botschaft zu sein, mochte er auch von dieser nichts wissen. Und K.
reichte ihm die Hand, was ihn offenbar überraschte, denn er hatte sich nur
verneigen wollen.
    Gleich, als er gegangen war - vor dem Öffnen der Türe
    hatte er noch ein wenig mit der Schulter an der Tür gelehnt und mit einem
Blick, der keinem einzelnen mehr galt, die Stube umfasst -, sagte K. zu den
Gehilfen: »Ich hole aus dem Zimmer meine Aufzeichnungen, dann besprechen wir die
nächste Arbeit.« Sie wollten mitgehen. »Bleibt!« sagte K. Sie wollten noch immer
mitgehen. Noch strenger musste K. den Befehl wiederholen. Im Flur war Barnabas
nicht mehr. Aber er war doch eben jetzt weggegangen. Doch auch vor dem Haus -
neuer Schnee fiel - sah K. ihn nicht. Er rief: »Barnabas!« Keine Antwort. Sollte
er noch im Haus sein? Es schien keine andere Möglichkeit zu geben. Trotzdem
schrie K. noch aus aller Kraft den Namen. Der Name donnerte durch die Nacht. Und
aus der Ferne kam nun doch eine schwache Antwort; so weit war also Barnabas
schon. K. rief ihn zurück und ging ihm gleichzeitig entgegen; wo sie einander
trafen, waren sie vom Wirtshaus nicht mehr zu sehen.
    »Barnabas«, sagte K. und konnte ein Zittern seiner Stimme nicht bezwingen,
»ich wollte dir noch etwas sagen. Ich merke dabei, dass es doch recht schlecht
eingerichtet ist, dass ich nur auf dein zufälliges Kommen angewiesen bin, wenn
ich etwas aus dem Schloss brauche. Wenn ich dich jetzt nicht zufällig noch
erreicht hätte - wie du fliegst, ich dachte, du wärest noch im Haus -, wer weiss,
wie lange ich auf dein nächstes Erscheinen hätte warten müssen.« - »Du kannst
ja«, sagte Barnabas, »den Vorstand bitten, dass ich immer zu bestimmten, von dir
angegebenen Zeiten komme.« - »Auch das würde nicht genügen«, sagte K.,
»vielleicht will ich ein Jahr lang gar nichts sagen lassen, aber gerade eine
Viertelstunde nach deinem Weggehen etwas Unaufschiebbares.« - »Soll ich also«,
sagte Barnabas, »dem Vorstand melden, dass zwischen ihm und dir eine andere
Verbindung hergestellt werden soll als durch mich?« - »Nein, nein«, sagte K.,
»ganz und gar nicht, ich erwähne diese Sache nur nebenbei, diesmal habe ich dich
ja noch glücklich erreicht.« - »Wollen wir«, sagte Barnabas, »ins Wirtshaus
zurückgehen, damit du mir dort den neuen Auftrag geben kannst?« Schon hatte er
einen Schritt weiter zum Haus hin gemacht. »Barnabas«, sagte K., »es ist nicht
nötig, ich gehe ein Stückchen Wegs mit dir.« - »Warum willst du nicht ins
Wirtshaus gehen?« fragte Barnabas. »Die Leute stören mich dort«, sagte K., »die
Zudringlichkeit der Bauern hast du selbst gesehen.« - »Wir können in dein Zimmer
gehen«, sagte Barnabas. »Es ist das Zimmer der Mägde«, sagte K., »schmutzig und
dumpf; um dort nicht bleiben zu müssen, wollte ich ein wenig mit dir gehen; du
musst nur«, fügte K. hinzu, um sein Zögern endgültig zu überwinden, »mich in dich
einhängen lassen, denn du gehst sicherer.« Und K. hing sich an seinen Arm. Es
war ganz finster, sein Gesicht sah K. gar nicht, seine Gestalt undeutlich, den
Arm hatte er, schon ein Weilchen vorher, zu ertasten gesucht.
    Barnabas gab nach, sie entfernten sich vom Wirtshaus. Freilich fühlte K.,
dass er trotz grösster Anstrengung gleichen Schritt mit Barnabas zu halten nicht
imstande war, seine freie Bewegung hinderte, und dass unter gewöhnlichen
Umständen schon an dieser Nebensächlichkeit alles scheitern müsse, gar in
Seitengassen wie jener, wo K. am Vormittag im Schnee versunken war und aus der
er nur von Barnabas getragen herauskommen konnte. Doch hielt er solche
Besorgnisse jetzt von sich fern, auch tröstete es ihn, dass Barnabas schwieg;
wenn sie schweigend gingen, dann konnte doch auch für Barnabas nur das
Weitergehen selbst den Zweck ihres Beisammenseins bilden. Sie gingen, aber K.
wusste nicht, wohin; nichts konnte er erkennen. Nicht einmal, ob sie schon an der
Kirche vorübergekommen waren, wusste er. Durch die Mühe, welche ihm das blosse
Gehen verursachte, geschah es, dass er seine Gedanken nicht beherrschen konnte.
Statt auf das Ziel gerichtet zu bleiben, verwirrten sie sich. Immer wieder
tauchte die Heimat auf, und Erinnerungen an sie erfüllten ihn. Auch dort stand
auf dem Hauptplatz eine Kirche, zum Teil war sie von einem alten Friedhof und
dieser von einer hohen Mauer umgeben. Nur sehr wenige Jungen hatten diese Mauer
schon erklettert, auch K. war es noch nicht gelungen. Nicht Neugier trieb sie
dazu, der Friedhof hatte vor ihnen kein Geheimnis mehr. Durch seine kleine
Gittertür waren sie schon oft hineingekommen, nur die glatte, hohe Mauer wollten
sie bezwingen. An einem Vormittag - der stille, leere Platz war von Licht
überflutet, wann hatte K. ihn je früher oder später so gesehen? - gelang es ihm
überraschend leicht; an einer Stelle, wo er schon oft abgewiesen worden war,
erkletterte er, eine kleine Fahne zwischen den Zähnen, die Mauer im ersten
Anlauf. Noch rieselte Gerölle unter ihm ab, schon war er oben. Er rammte die
Fahne ein, der Wind spannte das Tuch, er blickte hinunter und in die Runde, auch
über die Schulter hinweg, auf die in der Erde versinkenden Kreuze; niemand war
jetzt und hier grösser als er. Zufällig kam dann der Lehrer vorüber, trieb K. mit
einem ärgerlichen Blick hinab. Beim Absprung verletzte sich K. am Knie, nur mit
Mühe kam er nach Hause, aber auf der Mauer war er doch gewesen. Das Gefühl
dieses Sieges schien ihm damals für ein langes Leben einen Halt zu geben, was
nicht ganz töricht gewesen war, denn jetzt, nach vielen Jahren in der
Schneenacht am Arm des Barnabas, kam es ihm zu Hilfe.
    Er hing sich fester ein, fast zog ihn Barnabas, das Schweigen wurde nicht
unterbrochen. Von dem Weg wusste K. nur, dass sie, nach dem Zustand der Strasse zu
schliessen, noch in keine Seitengasse eingebogen waren. Er gelobte sich, durch
keine Schwierigkeit des Weges oder gar durch die Sorge um den Rückweg sich vom
Weitergehen abhalten zu lassen. Um schliesslich weitergeschleift werden zu
können, würde seine Kraft wohl noch ausreichen. Und konnte denn der Weg
unendlich sein? Bei Tag war das Schloss wie ein leichtes Ziel vor ihm gelegen,
und der Bote kannte gewiss den kürzesten Weg.
    Da blieb Barnabas stehen. Wo waren sie? Ging es nicht mehr weiter? Würde
Barnabas K. verabschieden? Es würde ihm nicht gelingen. K. hielt Barnabas' Arm
fest, dass es fast ihn selbst schmerzte. Oder sollte das Unglaubliche geschehen
sein, und sie waren schon im Schloss oder vor seinen Toren? Aber sie waren ja,
soweit K. wusste, gar nicht gestiegen. Oder hatte ihn Barnabas einen so
unmerklich ansteigenden Weg geführt? »Wo sind wir?« fragte K. leise, mehr sich
als ihn. »Zu Hause«, sagte Barnabas ebenso. »Zu Hause?« - »Jetzt aber gib acht,
Herr, dass du nicht ausgleitest. Der Weg geht abwärts.« - »Abwärts?« - »Es sind
nur ein paar Schritte«, fügte er hinzu, und schon klopfte er an eine Tür.
    Ein Mädchen öffnete; sie standen an der Schwelle einer grossen Stube fast im
Finstern, denn nur über einem Tisch links im Hintergrunde hing eine winzige
Öllampe. »Wer kommt mit dir, Barnabas?« fragte das Mädchen. »Der Landvermesser«,
sagte er. »Der Landvermesser«, wiederholte das Mädchen lauter zum Tisch hin.
Darauf hin erhoben sich dort zwei alte Leute, Mann und Frau, und noch ein
Mädchen. Man begrüsste K. Barnabas stellte ihm alle vor, es waren seine Eltern
und seine Schwestern Olga und Amalia. K. sah sie kaum an, man nahm ihm den
nassen Rock ab, um ihn beim Ofen zu trocknen. K. liess es geschehen.
    Also nicht sie waren zu Hause, nur Barnabas war zu Hause. Aber warum waren
sie hier? K. nahm Barnabas zur Seite und fragte: »Warum bist du nach Hause
gegangen? Oder wohnt ihr schon im Bereich des Schlosses?« - »Im Bereich des
Schlosses?« wiederholte Barnabas, als verstehe er K. nicht. »Barnabas«, sagte
K., »du wolltest doch aus dem Wirtshaus ins Schloss gehen.« - »Nein, Herr«, sagte
Barnabas, »ich wollte nach Hause gehen; ich gehe erst früh ins Schloss, ich
schlafe niemals dort.« - »So«, sagte K., »du wolltest nicht ins Schloss gehen,
nur hierher.« - Matter schien ihm sein Lächeln, unscheinbarer er selbst. -
»Warum hast du mir das nicht gesagt?« - »Du hast mich nicht gefragt, Herr«,
sagte Barnabas, »du wolltest mir nur noch einen Auftrag geben, aber weder in der
Wirtsstube noch in deinem Zimmer, da dachte ich, du könntest mir den Auftrag
ungestört hier bei meinen Eltern geben. Sie werden sich alle gleich entfernen,
wenn du es befiehlst; auch könntest du, wenn es dir bei uns besser gefällt, hier
übernachten. Habe ich nicht recht getan?« K. konnte nicht antworten. Ein
Missverständnis war es also gewesen, ein gemeines, niedriges Missverständnis, und
K. hatte sich ihm ganz hingegeben. Hatte sich bezaubern lassen von des Barnabas
enger, seidenglänzender Jacke, die dieser jetzt aufknöpfte und unter der ein
grobes, grauschmutziges, viel geflicktes Hemd erschien über der mächtigen,
kantigen Brust eines Knechtes. Und alles ringsum entsprach dem nicht nur,
überbot es noch, der alte, gichtische Vater, der mehr mit Hilfe der tastenden
Hände als der sich langsam schiebenden, steifen Beine vorwärts kam, die Mutter
mit auf der Brust gefalteten Händen, die wegen ihrer Fülle auch nur die
winzigsten Schritte machen konnte. Beide, Vater und Mutter, gingen schon,
seitdem K. eingetreten war, aus ihrer Ecke auf ihn zu und hatten ihn noch lange
nicht erreicht. Die Schwestern, Blondinen, einander und dem Barnabas ähnlich,
aber mit härteren Zügen als Barnabas, grosse, starke Mägde, umstanden die
Ankömmlinge und erwarteten von K. irgendein Begrüssungswort. Er konnte aber
nichts sagen; er hatte geglaubt, hier im Dorf habe jeder für ihn Bedeutung, und
es war wohl auch so, nur gerade diese Leute hier bekümmerten ihn gar nicht. Wäre
er imstande gewesen, allein den Weg ins Wirtshaus zu bewältigen, er wäre gleich
fortgegangen. Die Möglichkeit, früh mit Barnabas ins Schloss zu gehen, lockte ihn
gar nicht. Jetzt in der Nacht, unbeachtet, hätte er ins Schloss dringen wollen,
von Barnabas geführt, aber von jenem Barnabas, wie er ihm bisher erschienen war,
einem Mann, der ihm näher war als alle, die er bisher hier gesehen hatte, und
von dem er gleichzeitig geglaubt hatte, dass er weit über seinen sichtbaren Rang
hinaus eng mit dem Schloss verbunden war. Mit dem Sohn dieser Familie aber, zu
der er völlig gehörte und mit der er schon beim Tisch sass, mit einem Mann, der
bezeichnenderweise nicht einmal im Schloss schlafen durfte, an seinem Arm am
hellen Tag ins Schloss zu gehen, war unmöglich, war ein lächerrlich hoffnungsloser
Versuch.
    K. setzte sich auf eine Fensterbank, entschlossen, dort auch die Nacht zu
verbringen und keinen Dienst sonst von der Familie in Anspruch zu nehmen. Die
Leute aus dem Dorf, die ihn wegschickten oder die vor ihm Angst hatten, schienen
ihm ungefährlicher, denn sie verwiesen ihn im Grund auf ihn selbst, halfen ihm,
seine Kräfte gesammelt zu halten; solche scheinbare Helfer aber, die ihn, statt
ins Schloss, dank einer kleinen Maskerade, in ihre Familien führten, lenkten ihn
ab, ob sie wollten oder nicht, arbeiteten an der Zerstörung seiner Kräfte. Einen
einladenden Zuruf vom Familientisch beachtete er gar nicht, mit gesenktem Kopf
blieb er auf seiner Bank.
    Da stand Olga auf, die sanftere der Schwestern, auch eine Spur mädchenhafter
Verlegenheit zeigte sie, kam zu K. und bat ihn, zum Tisch zu kommen. Brot und
Speck sei dort vorbereitet, Bier werde sie noch holen. »Von wo?« fragte K. »Aus
dem Wirtshaus«, sagte sie. Das war K. sehr willkommen. Er bat sie, kein Bier zu
holen, aber ihn ins Wirtshaus zu begleiten, er habe dort noch wichtige Arbeiten
liegen. Es stellte sich nun aber heraus, dass sie nicht so weit, nicht in sein
Wirtshaus gehen wollte, sondern in ein anderes, viel näheres, den Herrenhof.
Trotzdem bat K., sie begleiten zu dürfen, vielleicht, so dachte er, findet sich
dort eine Schlafgelegenheit; wie sie auch sein mochte, er hätte sie dem besten
Bett hier im Hause vorgezogen. Olga antwortete nicht gleich, blickte sich nach
dem Tisch um. Dort war der Bruder aufgestanden, nickte bereitwillig und sagte:
»Wenn der Herr es wünscht.« Fast hätte K. diese Zustimmung dazu bewegen können,
seine Bitte zurückzuziehen, nur Wertlosem konnte jener zustimmen. Aber als nun
die Frage besprochen wurde, ob man K. in das Wirtshaus einlassen werde, und alle
daran zweifelten, bestand er doch dringend darauf, mitzugehen, ohne sich aber
die Mühe zu nehmen, einen verständlichen Grund für seine Bitte zu erfinden;
diese Familie musste ihn hinnehmen, wie er war, er hatte gewissermassen kein
Schamgefühl vor ihr. Darin beirrte ihn nur Amalia ein wenig mit ihrem ernsten,
geraden, unrührbaren; vielleicht auch etwas stumpfen Blick.
    Auf dem kurzen Weg ins Wirtshaus - K. hatte sich in Olga eingehängt und
wurde von ihr, er konnte sich nicht anders helfen, fast so gezogen wie früher
von ihrem Bruder - erfuhr er, dass dieses Wirtshaus eigentlich nur für Herren aus
dem Schloss bestimmt sei, die dort, wenn sie etwas im Dorf zu tun hätten, ässen
und sogar manchmal übernachteten. Olga sprach mit K. leise und wie vertraut, es
war angenehm, mit ihr zu gehen, fast so wie mit dem Bruder. K. wehrte sich gegen
das Wohlgefühl, aber es bestand.
    Das Wirtshaus war äusserlich sehr ähnlich dem Wirtshaus, in dem K. wohnte. Es
gab im Dorf wohl überhaupt keine grossen äusseren Unterschiede, aber kleine
Unterschiede waren doch gleich zu merken, die Vortreppe hatte ein Geländer, eine
schöne Laterne war über der Tür befestigt. Als sie eintraten, flatterte ein Tuch
über ihren Köpfen, es war eine Fahne mit den gräflichen Farben. Im Flur
begegnete ihnen gleich, offenbar auf einem beaufsichtigenden Rundgang
befindlich, der Wirt; mit kleinen Augen, prüfend oder schläfrig, sah er K. im
Vorübergehen an und sagte: »Der Herr Landvermesser darf nur bis in den Ausschank
gehen.« - »Gewiss«, sagte Olga, die sich K.s gleich annahm, »er begleitet mich
nur.« K. aber, undankbar, machte sich von Olga los und nahm den Wirt beiseite.
Olga wartete unterdessen geduldig am Ende des Flurs. »Ich möchte hier gerne
übernachten«, sagte K. »Das ist leider unmöglich«, sagte der Wirt. »Sie scheinen
es noch nicht zu wissen. Das Haus ist ausschliesslich für die Herren vom Schloss
bestimmt.« - »Das mag Vorschrift sein«, sagte K., »aber mich irgendwo in einem
Winkel schlafen zu lassen ist gewiss möglich.« - »Ich würde Ihnen ausserordentlich
gern entgegenkommen«, sagte der Wirt, »aber auch abgesehen von der Strenge der
Vorschrift, über die Sie nach Art eines Fremden sprechen, ist es auch deshalb
undurchführbar, weil die Herren äusserst empfindlich sind; ich bin überzeugt, dass
sie unfähig sind, wenigstens unvorbereitet, den Anblick eines Fremden zu
ertragen; wenn ich Sie also hier übernachten liesse und Sie durch einen Zufall -
und die Zufälle sind immer auf seiten der Herren - entdeckt würden, wäre nicht
nur ich verloren, sondern auch Sie selbst. Es klingt lächerrlich, aber es ist
wahr.« Dieser hohe, fest zugeknöpfte Herr, der, die eine Hand gegen die Wand
gestemmt, die andere in die Hüfte, die Beine gekreuzt, ein wenig zu K.
herabgeneigt, vertraulich zu ihm sprach, schien kaum mehr zum Dorf zu gehören,
wenn auch noch sein dunkles Kleid nur bäuerisch festlich aussah. »Ich glaube
Ihnen vollkommen«, sagte K., »und auch die Bedeutung der Vorschrift unterschätze
ich gar nicht, wenn ich mich auch ungeschickt ausgedrückt habe. Nur auf eines
will ich Sie noch aufmerksam machen; ich habe im Schloss wertvolle Verbindungen
und werde noch wertvollere bekommen, sie sichern Sie gegen jede Gefahr, die
durch mein Übernachten hier entstehen könnte, und bürgen Ihnen dafür, dass ich
imstande bin, für eine kleine Gefälligkeit vollwertig zu danken.« - »Ich weiss«,
sagte der Wirt und wiederholte nochmals: »Das weiss ich.« Nun hätte K. sein
Verlangen nachdrücklicher stellen können, aber gerade diese Antwort des Wirtes
zerstreute ihn, deshalb fragte er nur: »Übernachten heute viele Herren vom
Schloss hier?« - »In dieser Hinsicht ist es heute vorteilhaft«, sagte der Wirt
gewissermassen lockend. »Es ist nur ein Herr hiergeblieben.« Noch immer konnte K.
nicht drängen, hoffte nun auch schon, fast aufgenommen zu sein; so fragte er nur
noch nach dem Namen des Herrn. »Klamm«, sagte der Wirt nebenbei, während er sich
nach seiner Frau umdrehte, welche in sonderbar abgenützten, veralteten, mit
Rüschen und Falten überladenen, aber feinen städtischen Kleidern herangerauscht
kam. Sie wollte den Wirt holen, der Herr Vorstand habe irgendeinen Wunsch. Ehe
der Wirt aber ging, wandte er sich noch an K., als habe nicht mehr er selbst,
sondern K. wegen des Übernachtens zu entscheiden. K. konnte aber nichts sagen,
besonders der Umstand, dass gerade sein Vorgesetzter hier war, verblüffte ihn.
Ohne dass er es sich selbst ganz erklären konnte, fühlte er sich Klamm gegenüber
nicht so frei wie sonst gegenüber dem Schloss; von ihm hier ertappt zu werden,
wäre für K. zwar kein Schrecken im Sinne des Wirtes, aber doch eine peinliche
Unzukömmlichkeit gewesen, so etwa, als würde er jemandem, dem er zu Dankbarkeit
verpflichtet war, leichtsinnig einen Schmerz bereiten; dabei bedrückte es ihn
schwer, zu sehen, dass sich in solcher Bedenklichkeit offenbar schon die
gefürchteten Folgen des Untergeordnetseins, des Arbeiterseins, zeigten und dass
er nicht einmal hier, wo sie deutlich auftraten, imstande war, sie
niederzukämpfen. So stand er, zerbiss sich die Lippen und sagte nichts. Noch
einmal, ehe der Wirt in einer Tür verschwand, sah er zu K. zurück. Dieser sah
ihm nach und ging nicht von der Stelle, bis Olga kam und ihn fortzog. »Was
wolltest du vom Wirt?« fragte Olga. »Ich wollte hier übernachten«, sagte K. »Du
wirst doch bei uns übernachten«, sagte Olga verwundert. »Ja, gewiss«, sagte K.
und überliess ihr die Deutung der Worte.
 
                               Das dritte Kapitel
Im Ausschank, einem grossen, in der Mitte völlig leeren Zimmer, sassen an den
Wänden bei Fässern und auf ihnen einige Bauern, die. aber anders aussahen als
die Leute in K.s Wirtshaus. Sie waren reinlicher und einheitlicher in
graugelblichen, groben Stoff gekleidet, die Jacken waren gebauscht, die Hosen
anliegend. Es waren kleine, auf den ersten Blick einander sehr ähnliche Männer
mit flachen, knochigen und doch rundwangigen Gesichtern. Alle waren ruhig und
bewegten sich kaum, nur mit den Blicken verfolgten sie die Eintretenden, aber
langsam und gleichgültig. Trotzdem übten sie, weil es so viele waren und weil es
so still war, eine gewisse Wirkung auf K. aus. Er nahm wieder Olgas Arm, um
damit den Leuten sein Hiersein zu erklären. In einer Ecke erhob sich ein Mann,
ein Bekannter Olgas, und wollte auf sie zugehen, aber K. drehte sie mit dem
eingehängten Arm in eine andere Richtung. Niemand ausser ihr konnte es bemerken,
sie duldete es mit einem lächelnden Seitenblick.
    Das Bier wurde von einem jungen Mädchen ausgeschenkt, das Frieda hiess. Ein
unscheinbares, kleines, blondes Mädchen mit traurigen Augen und mageren Wangen,
das aber durch ihren Blick überraschte, einen Blick von besonderer
Überlegenheit. Als dieser Blick auf K. fiel, schien es ihm, dass dieser Blick
schon K. betreffende Dinge erledigt hatte, von deren Vorhandensein er selbst
noch gar nicht wusste, von deren Vorhandensein aber der Blick ihn überzeugte. K.
hörte nicht auf, Frieda von der Seite anzusehen, auch als sie schon mit Olga
sprach. Freundinnen schienen Olga und Frieda nicht zu sein, sie wechselten nur
wenige kalte Worte. K. wollte nachhelfen und fragte deshalb unvermittelt:
»Kennen Sie Herrn Klamm?« Olga lachte auf. »Warum lachst du?« fragte K.
ärgerlich. »Ich lache doch nicht«, sagte sie, lachte aber weiter. »Olga ist noch
ein recht kindisches Mädchen«, sagte K. und beugte sich weit über den
Schenktisch, um nochmals Friedas Blick fest auf sich zu ziehen. Sie aber hielt
ihn gesenkt und sagte leise: »Wollen Sie Herrn Klamm sehen?« K. bat darum. Sie
zeigte auf eine Tür, gleich links neben sich. »Hier ist ein kleines Guckloch,
hier können Sie durchsehen.« - »Und die Leute hier?« fragte K. Sie warf die
Unterlippe auf und zog K. mit einer ungemein weichen Hand zur Tür. Durch das
kleine Guckloch, das offenbar zu Beobachtungszwecken gebohrt worden war, übersah
er fast das ganze Nebenzimmer.
    An einem Schreibtisch in der Mitte des Zimmers, in einem bequemen
Rundlehnstuhl, sass, grell von einer vor ihm niederhängenden Glühlampe
beleuchtet, Herr Klamm. Ein mittelgrosser, dicker, schwerfälliger Herr. Das
Gesicht war noch glatt, aber die Wangen senkten sich doch schon mit dem Gewicht
des Alters ein wenig hinab. Der schwarze Schnurrbart war lang ausgezogen.
    Ein schief aufgesetzter, spiegelnder Zwicker verdeckte die Augen. Wäre Herr
Klamm völlig beim Tisch gesessen, hätte K. nur sein Profil gesehen; da ihm aber
Klamm stark zugedreht war, sah er ihm voll ins Gesicht. Den linken Ellbogen
hatte Klamm auf dem Tisch liegen, die rechte Hand, in der er eine Virginia
hielt, ruhte auf dem Knie. Auf dem Tisch stand ein Bierglas; da die Randleiste
des Tisches hoch war, konnte K. nicht genau sehen, ob dort irgendwelche
Schriften lagen, es schien ihm aber, als wäre er leer. Der Sicherheit halber bat
er Frieda, durch das Loch zu schauen und ihm darüber Auskunft zu geben. Da sie
aber vor kurzem im Zimmer gewesen war, konnte sie K. ohne weiteres bestätigen,
dass dort keine Schriften lagen. K. fragte Frieda, ob er schon weggehen müsse,
sie aber sagte, er könne hindurchschauen, solange er Lust habe. K. war jetzt mit
Frieda allein, Olga hatte, wie er flüchtig feststellte, doch den Weg zu ihrem
Bekannten gefunden, sass hoch auf einem Fass und strampelte mit den Füssen.
»Frieda«, sagte K. flüsternd, »kennen Sie Herrn Klamm sehr gut!« - »Ach ja«,
sagte sie. »Sehr gut.« Sie lehnte neben K. und ordnete spielerisch, wie K. jetzt
erst auffiel, ihre leichte, ausgeschnittene, cremefarbige Bluse, die wie fremd
auf ihrem armen Körper lag. Dann sagte sie: »Erinnern Sie sich nicht an Olgas
Lachen?« - »Ja, die Unartige«, sagte K. »Nun«, sagte sie versöhnlich, »es war
Grund zum Lachen. Sie fragten, ob ich Klamm kenne, und ich bin doch« - hier
richtete sie sich unwillkürlich ein wenig auf, und wieder ging ihr sieghafter,
mit dem, was gesprochen wurde, gar nicht zusammenhängender Blick über K. hin -,
»ich bin doch seine Geliebte.« - »Klamms Geliebte«, sagte K. Sie nickte. »Dann
sind Sie«, sagte K. lächelnd, um nicht allzuviel Ernst zwischen ihnen aufkommen
zu lassen, »für mich eine respektable Person.« - »Nicht nur für Sie«, sagte
Frieda freundlich, aber ohne sein Lächeln aufzunehmen. K. hatte ein Mittel gegen
ihren Hochmut und wandte es an; er fragte: »Waren Sie schon im Schloss?« Es
verfing aber nicht, denn sie antwortete: »Nein, aber ist es nicht genug, dass ich
hier im Ausschank bin?« Ihr Ehrgeiz war offenbar toll, und gerade an K., so
schien es, wollte sie ihn sättigen. »Freilich«, sagte K., »hier im Ausschank,
Sie verstehen ja die Arbeit des Wirtes.« - »So ist es«, sagte sie, »und begonnen
habe ich als Stallmagd im Wirtshaus Zur Brücke.« - »Mit diesen zarten Händen?«
sagte K. halb fragend, und wusste selbst nicht, ob er nur schmeichelte oder auch
wirklich von ihr bezwungen war. Ihre Hände allerdings waren klein und zart; aber
man hätte sie auch schwach und nichtssagend nennen können. »Darauf hat damals
niemand geachtet«, sagte sie, »und selbst jetzt -« K. sah sie fragend an. Sie
schüttelte den Kopf und wollte nicht weiterreden. »Sie haben natürlich«, sagte
K., »Ihre Geheimnisse, und Sie werden über sie nicht mit jemandem reden, den Sie
eine halbe Stunde lang kennen und der noch keine Gelegenheit hatte, Ihnen zu
erzählen, wie es sich eigentlich mit ihm verhält.« Das war nun aber, wie sich
zeigte, eine unpassende Bemerkung, es war, als hätte er Frieda aus einem ihm
günstigen Schlummer geweckt. Sie nahm aus der Ledertasche, die sie am Gürtel
hängen hatte, ein Hölzchen, verstopfte damit das Guckloch, sagte zu K., sichtbar
sich bezwingend, um ihn von der Änderung ihrer Gesinnung nichts merken zu
lassen: »Was Sie betrifft, so weiss ich doch alles, Sie sind der Landvermesser«,
fügte dann hinzu: »Nun muss ich aber an die Arbeit«, und ging an ihren Platz
hinter dem Ausschanktisch, während sich von den Leuten hier und da einer erhob,
um sein leeres Glas von ihr füllen zu lassen. K. wollte noch einmal unauffällig
mit ihr sprechen, nahm deshalb von einem Ständer ein leeres Glas und ging zu
ihr. »Nur eines noch, Fräulein Frieda«, sagte er, »es ist ausserordentlich und
eine auserlesene Kraft ist dazu nötig, sich von einer Stallmagd zum
Ausschankmädchen vorzuarbeiten, ist damit aber für einen solchen Menschen das
endgültige Ziel erreicht? Unsinnige Frage. Aus Ihren Augen, lachen Sie mich
nicht aus, Fräulein Frieda, spricht nicht so sehr der vergangene, als der
zukünftige Kampf. Aber die Widerstände der Welt sind gross, sie werden grösser mit
den grösseren Zielen, und es ist keine Schande, sich die Hilfe selbst eines
kleinen, einflusslosen, aber ebenso kämpfenden Mannes zu sichern. Vielleicht
könnten wir einmal in Ruhe miteinander sprechen, nicht von so vielen Augen
angestarrt.« - »Ich weiss nicht, was Sie wollen«, sagte sie, und in ihrem Ton
schienen diesmal gegen ihren Willen nicht die Siege ihres Lebens, sondern die
unendlichen Enttäuschungen mitzuklingen. »Wollen Sie mich vielleicht von Klamm
abziehen? Du lieber Himmel!« und sie schlug die Hände zusammen. »Sie haben mich
durchschaut«, sagte K., wie ermüdet von soviel Misstrauen, »gerade das war meine
geheimste Absicht. Sie sollten Klamm verlassen und meine Geliebte werden. Und
nun kann ich ja gehen. Olga!« rief K. »Wir gehen nach Hause.« Folgsam glitt Olga
vom Fass, kam aber nicht gleich von den sie umringenden Freunden los. Da sagte
Frieda leise, drohend K. anblickend: »Wann kann ich mit Ihnen sprechen?« - »Kann
ich hier übernachten?« fragte K. »Ja«, sagte Frieda. »Kann ich gleich
hierbleiben?« - »Gehen Sie mit Olga fort, damit ich die Leute hier wegschaffen
kann. In einem Weilchen können Sie dann kommen.« - »Gut«, sagte K. und wartete
ungeduldig auf Olga. Aber die Bauern liessen sie nicht, sie hatten einen Tanz
erfunden, dessen Mittelpunkt Olga war, im Reigen tanzten sie herum, und immer
bei einem gemeinsamen Schrei trat einer zu Olga, fasste sie mit einer Hand fest
um die Hüften und wirbelte sie einige Male herum, der Reigen wurde immer
schneller, die Schreie, hungrig, röchelnd, wurden allmählich fast ein einziger.
Olga, die früher den Kreis hatte lachend durchbrechen wollen, taumelte nur noch
mit aufgelöstem Haar von einem zum anderen. »Solche Leute schickt man mir her«,
sagte Frieda und biss im Zorn an ihren dünnen Lippen. »Wer ist es?« fragte K.
»Klamms Dienerschaft«, sagte Frieda. »Immer wieder bringt er dieses Volk mit,
dessen Gegenwart mich zerrüttet. Ich weiss kaum, was ich heute mit Ihnen, Herr
Landvermesser, gesprochen habe; war es etwas Böses, verzeihen Sie es, die
Gegenwart dieser Leute ist schuld daran, sie sind das Verächtlichste und
Widerlichste, was ich kenne, und ihnen muss ich das Bier in die Gläser füllen.
Wie oft habe ich Klamm schon gebeten, sie zu Hause zu lassen; muss ich die
Dienerschaft anderer Herren schon ertragen, er könnte doch Rücksicht auf mich
nehmen, aber alles Bitten ist umsonst, eine Stunde vor seiner Ankunft stürmen
sie immer schon herein, wie das Vieh in den Stall. Aber nun sollen sie wirklich
in den Stall, in den sie gehören. Wären Sie nicht da, würde ich die Tür hier
aufreissen, und Klamm selbst müsste sie hinaustreiben.« - »Hört er sie denn
nicht?« fragte K. »Nein«, sagte Frieda. »Er schläft.« - »Wie!« rief K. »Er
schläft? Als ich ins Zimmer gesehen habe, war er doch noch wach und sass beim
Tisch.« - »So sitzt er noch immer«, sagte Frieda, »auch als Sie ihn gesehen
haben, hat er schon geschlafen. Hätte ich Sie denn sonst hineinsehen lassen? Das
war seine Schlafstellung, die Herren schlafen sehr viel, das kann man kaum
verstehen. Übrigens, wenn er nicht so viel schliefe, wie könnte er diese Leute
ertragen? Nun werde ich sie aber selbst hinaustreiben müssen.« Sie nahm eine
Peitsche aus der Ecke und sprang mit einem einzigen hohen, nicht ganz sicheren
Sprung, so wie etwa ein Lämmchen springt, auf die Tanzenden zu. Zuerst wandten
sie sich gegen sie, als sei eine neue Tänzerin angekommen, und tatsächlich sah
es einen Augenblick lang so aus, als wolle Frieda die Peitsche fallen lassen,
aber dann hob sie sie wieder. »Im Namen Klamms«, rief sie, »in den Stall! Alle
in den Stall!« Nun sahen sie, dass es ernst war; in einer für K. unverständlichen
Angst begannen sie, in den Hintergrund zu drängen, unter dem Stoss der ersten
ging dort eine Tür auf, Nachtluft wehte herein, alle verschwanden mit Frieda,
die sie offenbar über den Hof in den Stall trieb.
    In der nun plötzlich eingetretenen Stille aber hörte K. Schritte vom Flur.
Um sich irgendwie zu sichern, sprang er hinter das Ausschankpult, unter welchem
die einzige Möglichkeit sich zu verstecken war. Zwar war ihm der Aufentalt im
Ausschank nicht verboten, aber da er hier übernachten wollte, musste er
vermeiden, jetzt noch gesehen zu werden. Deshalb glitt er, als die Tür wirklich
geöffnet wurde, unter den Tisch. Dort entdeckt zu werden war freilich auch nicht
ungefährlich, immerhin war dann die Ausrede nicht unglaubwürdig, dass er sich vor
den wildgewordenen Bauern versteckt habe. Es war der Wirt. »Frieda!« rief er und
ging einige Male im Zimmer auf und ab.
    Glücklicherweise kam Frieda bald und erwähnte K. nicht, klagte nur über die
Bauern und ging, in dem Bestreben, K. zu suchen, hinter das Pult. Dort konnte K.
ihren Fuss berühren und fühlte sich von jetzt an sicher. Da Frieda K. nicht
erwähnte, musste es der Wirt schliesslich tun. »Und wo ist der Landvermesser?«
fragte er. Er war wohl überhaupt ein höflicher, durch den dauernden und
verhältnismässig freien Verkehr mit weit Höhergestellten fein erzogener Mann,
aber mit Frieda sprach er in einer besonders achtungsvollen Art, das fiel vor
allem deshalb auf, weil er trotzdem im Gespräch nicht aufhörte, Arbeitgeber
gegenüber einer Angestellten zu sein, gegenüber einer recht kecken Angestellten
überdies. »Den Landvermesser habe ich ganz vergessen«, sagte Frieda und setzte
K. ihren kleinen Fuss auf die Brust. »Er ist wohl schon längst fortgegangen.« -
»Ich habe ihn aber nicht gesehen«, sagte der Wirt, »und war fast die ganze Zeit
über im Flur.« - »Hier ist er aber nicht«, sagte Frieda kühl. »Vielleicht hat er
sich versteckt«, sagte der Wirt, »nach dem Eindruck, den ich von ihm hatte, ist
ihm manches zuzutrauen.« - »Diese Kühnheit wird er doch wohl nicht haben«, sagte
Frieda und drückte stärker ihren Fuss auf K. Etwas Fröhliches, Freies war in
ihrem Wesen, was K. früher gar nicht bemerkt hatte, und es nahm ganz
unwahrscheinlich überhand, als sie plötzlich lachend mit den Worten: »Vielleicht
ist er hier unten versteckt«, sich zu K. hinabbeugte, ihn flüchtig küsste und
wieder aufsprang und betrübt sagte: »Nein, er ist nicht hier.« Aber auch der
Wirt gab Anlass zum Erstaunen, als er nun sagte: »Es ist mir sehr unangenehm, dass
ich nicht mit Bestimmteit weiss, ob er fortgegangen ist. Es handelt sich nicht
nur um Herrn Klamm, es handelt sich um die Vorschrift. Die Vorschrift gilt aber
für Sie, Fräulein Frieda, so wie für mich. Für den Ausschank haften Sie, das
übrige Haus werde ich noch durchsuchen. Gute Nacht! Angenehme Ruhe!« Er konnte
das Zimmer noch gar nicht verlassen haben, schon hatte Frieda das elektrische
Licht ausgedreht und war bei K. unter dem Pult. »Mein Liebling! Mein süsser
Liebling!« flüsterte sie, aber rührte K. gar nicht an, wie ohnmächtig vor Liebe
lag sie auf dem Rücken und breitete die Arme aus, die Zeit war wohl unendlich
vor ihrer glücklichen Liebe, sie seufzte mehr als sang irgendein kleines Lied.
Dann schrak sie auf, da K. still in Gedanken blieb, und fing an, wie ein Kind
ihn zu zerren: »Komm, hier unten erstickt man ja!« Sie umfassten einander, der
kleine Körper brannte in K.s Händen, sie rollten in einer Besinnungslosigkeit,
aus der sich K. fortwährend, aber vergeblich, zu retten suchte, ein paar
Schritte weit, schlugen dumpf an Klamms Tür und lagen dann in den kleinen
Pfützen Biers und dem sonstigen Unrat, von dem der Boden bedeckt war. Dort
vergingen Stunden, Stunden gemeinsamen Atems, gemeinsamen Herzschlags, Stunden,
in denen K. immerfort das Gefühl hatte, er verirre sich oder er sei so weit in
der Fremde, wie vor ihm noch kein Mensch, einer Fremde, in der selbst die Luft
keinen Bestandteil der Heimatluft habe, in der man vor Fremdheit ersticken müsse
und in deren unsinnigen Verlockungen man doch nichts tun könne als weiter gehen,
weiter sich verirren. Und so war es wenigstens zunächst für ihn kein Schrecken,
sondern ein tröstliches Aufdämmern, als aus Klamms Zimmer mit tiefer,
befehlend-gleichgültiger Stimme nach Frieda gerufen wurde. »Frieda«, sagte K. in
Friedas Ohr und gab so den Ruf weiter. In einem förmlich eingeborenen Gehorsam
wollte Frieda aufspringen, aber dann besann sie sich, wo sie war, streckte sich,
lachte still und sagte: »Ich werde doch nicht etwa gehen, niemals werde ich zu
ihm gehen.« K. wollte dagegensprechen, wollte sie drängen, zu Klamm zu gehen,
begann die Reste ihrer Bluse zusammenzusuchen, aber er konnte nichts sagen,
allzu glücklich war er, Frieda in seinen Händen zu halten, allzu
ängstlich-glücklich auch, denn es schien ihm, wenn Frieda ihn verlasse, verlasse
ihn alles, was er habe. Und als sei Frieda gestärkt durch K.s Zustimmung, ballte
sie die Faust, klopfte mit ihr an die Tür und rief: »Ich bin beim Landvermesser!
Ich bin beim Landvermesser!« Nun wurde Klamm allerdings still. Aber K. erhob
sich, kniete neben Frieda und blickte sich im trüben Vormorgenlicht um. Was war
geschehen? Wo waren seine Hoffnungen? Was konnte er nun von Frieda erwarten, da
alles verraten war? Statt vorsichtigst, entsprechend der Grösse des Feindes und
des Zieles, vorwärtszugehen, hatte er sich hier eine Nacht lang in den
Bierpfützen gewälzt, deren Geruch jetzt betäubend war. »Was hast du getan?«
sagte er vor sich hin. »Wir beide sind verloren.« - »Nein«, sagte Frieda, »nur
ich bin verloren, doch ich habe dich gewonnen. Sei ruhig. Sieh aber, wie die
zwei lachen.« - »Wer?« fragte K. und wandte sich um. Auf dem Pult sassen seine
beiden Gehilfen, ein wenig übernächtig, aber fröhlich; es war die Fröhlichkeit,
welche treue Pflichterfüllung gibt. »Was wollt ihr hier?« schrie K., als seien
sie an allem schuld. Er suchte ringsherum die Peitsche, die Frieda abends gehabt
hatte. »Wir mussten dich doch suchen«, sagten die Gehilfen, »da du nicht herunter
zu uns in die Wirtsstube kamst; wir suchten dich dann bei Barnabas und fanden
dich endlich hier. Hier sitzen wir die ganze Nacht. Leicht ist ja der Dienst
nicht.« - »Ich brauche euch bei Tag, nicht in der Nacht«, sagte K., »fort mit
euch.« - »Jetzt ist es ja Tag«, sagten sie und rührten sich nicht. Es war
wirklich Tag, die Hoftüre wurde geöffnet, die Bauern mit Olga, die K. ganz
vergessen hatte, strömten herein. Olga war lebendig wie am Abend, so übel auch
ihre Kleider und Haare zugerichtet waren, schon in der Tür suchten ihre Augen K.
»Warum bist du nicht mit mir nach Hause gegangen?« sagte sie, fast unter Tränen.
»Wegen eines solchen Frauenzimmers!« sagte sie dann und wiederholte das einige
Male. Frieda, die für einen Augenblick verschwunden war, kam mit einem kleinen
Wäschebündel zurück. Olga trat traurig beiseite. »Nun können wir gehen«, sagte
Frieda; es war selbstverständlich, dass sie das Wirtshaus »Zur Brücke« meinte, in
das sie gehen sollten. K. mit Frieda, hinter ihnen die Gehilfen, das war der
Zug. Die Bauern zeigten viel Verachtung für Frieda, es war selbstverständlich,
weil sie sie bisher streng beherrscht hatte; einer nahm sogar einen Stock und
tat so, als wolle er sie nicht fortlassen, ehe sie über den Stock springe; aber
ihr Blick genügte, um ihn zu vertreiben. Draussen im Schnee atmete K. ein wenig
auf. Das Glück, im Freien zu sein, war so gross, dass es diesmal die Schwierigkeit
des Wegs erträglich machte; wäre K. allein gewesen, wäre er noch besser
gegangen. Im Wirtshaus ging er gleich in sein Zimmer und legte sich aufs Bett,
Frieda machte sich daneben auf dem Boden ein Lager zurecht. Die Gehilfen waren
mit eingedrungen, wurden vertrieben, kamen dann aber durchs Fenster wieder
herein. K. war zu müde, um sie nochmals zu vertreiben. Die Wirtin kam eigens
herauf, um Frieda zu begrüssen, wurde von Frieda »Mütterchen« genannt; es gab
eine unverständlich herzliche Begrüssung mit Küssen und langem Aneinanderdrücken.
Ruhe war in dem Zimmerchen überhaupt wenig, öfters kamen auch die Mägde in ihren
Männerstiefeln hereingepoltert, um irgend etwas zu bringen oder zu holen.
Brauchten sie etwas aus dem mit verschiedenen Dingen vollgestopften Bett, zogen
sie es rücksichtslos unter K. hervor. Frieda begrüssten sie als ihresgleichen.
Trotz dieser Unruhe blieb doch K. im Bett, den ganzen Tag und die ganze Nacht.
Kleine Handreichungen besorgte ihm Frieda. Als er am nächsten Morgen sehr
erfrischt endlich aufstand, war es schon der vierte Tag seines Aufentalts im
Dorf.
 
                               Das vierte Kapitel
Er hätte gern mit Frieda vertraulich gesprochen, aber die Gehilfen, mit denen
übrigens Frieda hie und da auch scherzte und lachte, hinderten ihn daran durch
ihre blosse, aufdringliche Gegenwart. Anspruchsvoll waren sie allerdings nicht,
sie hatten sich in einer Ecke auf dem Boden auf zwei alten Frauenröcken
eingerichtet. Es war, wie sie mit Frieda öfter besprachen, ihr Ehrgeiz, den
Herrn Landvermesser nicht zu stören und möglichst wenig Raum zu brauchen, sie
machten in dieser Hinsicht, immer freilich unter Lispeln und Kichern,
verschiedene Versuche, verschränkten Arme und Beine, kauerten sich gemeinsam
zusammen, in der Dämmerung sah man in ihrer Ecke nur ein grosses Knäuel. Trotzdem
aber wusste man leider aus den Erfahrungen bei Tageslicht, dass es sehr
aufmerksame Beobachter waren, immer zu K. herüberstarrten, sei es auch, dass sie
in scheinbar kindlichem Spiel etwa ihre Hände als Fernrohre verwendeten und
ähnlichen Unsinn trieben oder auch nur herüberblinzelten und hauptsächlich mit
der Pflege ihrer Bärte beschäftigt schienen, an denen ihnen sehr viel gelegen
war und die sie unzähligemal der Länge und Fülle nach miteinander verglichen und
von Frieda beurteilen liessen.
    Oft sah K. von seinem Bett aus dem Treiben der drei in völliger
Gleichgültigkeit zu.
    Als er sich nun kräftig genug fühlte, das Bett zu verlassen, eilten alle
herbei, ihn zu bedienen. So kräftig, sich gegen ihre Dienste wehren zu können,
war er noch nicht, er merkte, dass er dadurch in eine gewisse Abhängigkeit von
ihnen geriet, die schlechte Folgen haben konnte, aber er musste es geschehen
lassen. Es war auch gar nicht sehr unangenehm, bei Tisch den guten Kaffee zu
trinken, den Frieda geholt hatte, sich am Ofen zu wärmen, den Frieda geheizt
hatte, die Gehilfen in ihrem Eifer und Ungeschick die Treppen hinab- und
herauflaufen zu lassen, um Waschwasser, Seife, Kamm und Spiegel zu bringen und
schliesslich, weil K. einen leisen, dahin deutbaren Wunsch ausgesprochen hatte,
auch ein Gläschen Rum. Inmitten dieses Befehlens und Bedientwerdens sagte K.,
mehr aus behaglicher Laune als in der Hoffnung auf einen Erfolg: »Geht nun weg,
ihr zwei, ich brauche vorläufig nichts mehr und will allein mit Fräulein Frieda
sprechen.« Und als er nicht gerade Widerstand auf ihren Gesichtern sah, sagte er
noch, um sie zu entschädigen: »Wir drei gehen dann zum Gemeindevorsteher, wartet
unten in der Stube auf mich.« Merkwürdigerweise folgten sie, nur dass sie vor dem
Weggehen noch sagten: »Wir könnten auch hier warten.« Und K. antwortete: »Ich
weiss es, aber ich will es nicht.«
    Ärgerlich aber und in gewissem Sinne doch auch willkommen war es K., als
Frieda, die sich gleich nach dem Weggehen der Gehilfen auf seinen Schoss setzte,
sagte: »Was hast du, Liebling, gegen die Gehilfen? Vor ihnen müssen wir keine
Geheimnisse haben. Sie sind treu.« - »Ach, treu«, sagte K., »sie lauern mir
fortwährend auf, es ist sinnlos, aber abscheulich.« - »Ich glaube dich zu
verstehen«, sagte sie und hing sich an seinen Hals und wollte noch etwas sagen,
konnte aber nicht weitersprechen; und weil der Sessel gleich neben dem Bette
stand, schwankten sie hinüber und fielen hin. Dort lagen sie, aber nicht so
hingegeben wie damals in der Nacht. Sie suchte etwas, und er suchte etwas,
wütend, Grimassen schneidend, sich mit dem Kopf einbohrend in der Brust des
anderen, suchten sie, und ihre Umarmungen und ihre sich aufwerfenden Körper
machten sie nicht vergessen, sondern erinnerten sie an die Pflicht, zu suchen;
wie Hunde verzweifelt im Boden scharren, so scharrten sie an ihren Körpern; und
hilflos, enttäuscht, um noch letztes Glück zu holen, fuhren manchmal ihre Zungen
breit über des anderen Gesicht. Erst die Müdigkeit liess sie still und einander
dankbar werden. Die Mägde kamen dann auch herauf. »Sieh, wie die hier liegen«,
sagte eine und warf aus Mitleid ein Tuch über sie.
    Als sich später K. aus dem Tuch frei machte und umhersah, waren - das
wunderte ihn nicht - die Gehilfen wieder in ihrer Ecke, ermahnten, mit dem
Finger auf K. zeigend, einer den anderen zum Ernst und salutierten; aber
ausserdem sass dicht beim Bett die Wirtin und strickte an einem Strumpf, eine
kleine Arbeit, welche wenig passte zu ihrer riesigen, das Zimmer fast
verdunkelnden Gestalt. »Ich warte schon lange«, sagte sie und hob ihr breites,
von vielen Altersfalten durchzogenes, aber in seiner grossen Masse doch noch
glattes, vielleicht einmal schönes Gesicht. Die Worte klangen wie ein Vorwurf,
ein unpassender, denn K. hatte ja nicht verlangt, dass sie komme. Er bestätigte
daher nur durch Kopfnicken ihre Worte und setzte sich aufrecht. Auch Frieda
stand auf, verliess aber K. und lehnte sich an den Sessel der Wirtin. »Könnte
nicht, Frau Wirtin«, sagte K. zerstreut, »das, was Sie mir sagen wollen,
aufgeschoben werden, bis ich vom Gemeindevorsteher zurückkomme. Ich habe eine
wichtige Besprechung dort.« - »Diese ist wichtiger, glauben Sie mir, Herr
Landvermesser«, sagte die Wirtin, »dort handelt es sich wahrscheinlich nur um
eine Arbeit, hier aber handelt es sich um einen Menschen, um Frieda, meine liebe
Magd.« - »Ach so«, sagte K., »dann freilich; nur weiss ich nicht, warum man diese
Angelegenheit nicht uns beiden überlässt.« - »Aus Liebe, aus Sorge«, sagte die
Wirtin und zog Friedas Kopf, die stehend nur bis zur Schulter der sitzenden
Wirtin reichte, an sich. »Da Frieda zu Ihnen ein solches Vertrauen hat«, sagte
K., »kann auch ich nicht anders. Und da Frieda erst vor kurzem meine Gehilfen
treu genannt hat, so sind wir ja Freunde unter uns. Dann kann ich Ihnen also,
Frau Wirtin, sagen, dass ich es für das beste halten würde, wenn Frieda und ich
heiraten, und zwar sehr bald. Leider, leider werde ich Frieda dadurch nicht
ersetzen können, was sie durch mich verloren hat, die Stellung im Herrenhof und
die Freundschaft Klamms.« Frieda hob ihr Gesicht, ihre Augen waren voll Tränen,
nichts von Sieghaftigkeit war in ihnen. »Warum ich? Warum bin ich gerade dazu
ausersehen?« - »Wie?« fragten K. und die Wirtin gleichzeitig. »Sie ist verwirrt,
das arme Kind«, sagte die Wirtin, »verwirrt vom Zusammentreffen zu vielen Glücks
und Unglücks.« Und wie zur Bestätigung dieser Worte stürzte sich Frieda jetzt
auf K., küsste ihn wild, als sei niemand sonst im Zimmer, und fiel dann weinend,
immer noch ihn umarmend, vor ihm in die Knie. Während K. mit beiden Händen
Friedas Haar streichelte, fragte er die Wirtin: »Sie scheinen mir recht zu
geben?« - »Sie sind ein Ehrenmann«, sagte die Wirtin, auch sie hatte Tränen in
der Stimme, sah ein wenig verfallen aus und atmete schwer; trotzdem fand sie
noch die Kraft, zu sagen: »Es werden jetzt nur gewisse Sicherungen zu bedenken
sein, die Sie Frieda geben müssen, denn wie gross auch nun meine Achtung vor
Ihnen ist, so sind Sie doch ein Fremder, können sich auf niemanden berufen, Ihre
häuslichen Verhältnisse sind hier unbekannt. Sicherungen sind also nötig, das
werden Sie einsehen, lieber Herr Landvermesser, haben Sie doch selbst
hervorgehoben, wieviel Frieda durch die Verbindung mit Ihnen immerhin auch
verliert.« - »Gewiss, Sicherungen, natürlich«, sagte K., »die werden am besten
wohl vor dem Notar gegeben werden, aber auch andere gräfliche Behörden werden
sich ja vielleicht noch einmischen. Übrigens habe auch ich noch vor der Hochzeit
unbedingt etwas zu erledigen. Ich muss mit Klamm sprechen.« - »Das ist
unmöglich«, sagte Frieda, erhob sich ein wenig und drückte sich an K., »was für
ein Gedanke!« - »Es muss sein«, sagte K. »Wenn es mir unmöglich ist, es zu
erwirken, musst du es tun.« - »Ich kann nicht, K., ich kann nicht«, sagte Frieda,
»niemals wird Klamm mit dir reden. Wie kannst du nur glauben, dass Klamm mit dir
reden wird!« - »Und mit dir würde er reden?« fragte K. »Auch nicht«, sagte
Frieda, »nicht mit dir, nicht mit mir, es sind bare Unmöglichkeiten.« Sie wandte
sich an die Wirtin mit ausgebreiteten Armen: »Sehen Sie nur, Frau Wirtin, was er
verlangt.« »Sie sind eigentümlich, Herr Landvermesser«, sagte die Wirtin und war
erschreckend, wie sie jetzt aufrechter dasass, die Beine auseinandergestellt, die
mächtigen Knie vorgetrieben durch den dünnen Rock. »Sie verlangen Unmögliches.«
- - »Warum ist es unmöglich?« fragte K. »Das werde ich Ihnen erklären«, sagte
die Wirtin in einem Ton, als sei diese Erklärung nicht etwa eine letzte
Gefälligkeit, sondern schon die erste Strafe, die sie austeilte, »das werde ich
Ihnen gern erklären. Ich gehöre zwar nicht zum Schloss und bin nur eine Frau und
bin nur eine Wirtin, hier in einem Wirtshaus letzten Ranges - es ist nicht
letzten Ranges, aber nicht weit davon -, und so könnte es sein, dass Sie meiner
Erklärung nicht viel Bedeutung beilegen, aber ich habe in meinem Leben die Augen
offen gehabt und bin mit vielen Leuten zusammengekommen und habe die ganze Last
der Wirtschaft allein getragen, denn mein Mann ist zwar ein guter Junge, aber
ein Gastwirt ist er nicht, und was Verantwortlichkeit ist, wird er nie
begreifen. Sie zum Beispiel verdanken es doch nur seiner Nachlässigkeit - ich
war an dem Abend schon müde zum Zusammenbrechen -, dass Sie hier im Dorf sind,
dass Sie hier auf dem Bett in Frieden und Behagen sitzen.« - »Wie?« fragte K.,
aus einer gewissen Zerstreuteit aufwachend, aufgeregt mehr von der Neugierde
als von Ärger. »Nur seiner Nachlässigkeit verdanken Sie es!« rief die Wirtin
nochmals, mit gegen K. ausgestrecktem Zeigefinger. Frieda suchte sie zu
beschwichtigen. »Was willst du«, sagte die Wirtin mit rascher Wendung des ganzen
Leibes. »Der Herr Landvermesser hat mich gefragt, und ich muss ihm antworten. Wie
soll er es denn sonst verstehen, was uns selbstverständlich ist, dass Herr Klamm
niemals mit ihm sprechen wird, was sage ich wird, niemals mit ihm sprechen kann.
Hören Sie, Herr Landvermesser! Herr Klamm ist ein Herr aus dem Schloss, das
bedeutet schon an und für sich, ganz abgesehen von Klamms sonstiger Stellung,
einen sehr hohen Rang. Was sind nun aber Sie, um dessen Heiratseinwilligung wir
uns hier so demütig bewerben! Sie sind nicht aus dem Schloss, Sie sind nicht aus
dem Dorfe, Sie sind nichts. Leider aber sind Sie doch etwas, ein Fremder, einer,
der überzählig und überall im Weg ist, einer, wegen dessen man immerfort
Scherereien hat, wegen dessen man die Mägde ausquartieren muss, einer, dessen
Absichten unbekannt sind, einer, der unsere liebste kleine Frieda verführt hat
und dem man sie leider zur Frau geben muss. Wegen alles dessen mache ich Ihnen ja
im Grunde keine Vorwürfe. Sie sind, was Sie sind; ich habe in meinem Leben schon
zuviel gesehen, als dass ich nicht noch diesen Anblick ertragen sollte. Nun aber
stellen Sie sich vor, was Sie eigentlich verlangen. Ein Mann wie Klamm soll mit
Ihnen sprechen! Mit Schmerz habe ich gehört, dass Frieda Sie hat durchs Guckloch
schauen lassen, schon als sie das tat, war sie von Ihnen verführt. Sagen Sie
doch, wie haben Sie überhaupt Klamms Anblick ertragen? Sie müssen nicht
antworten, ich weiss es, Sie haben ihn sehr gut ertragen. Sie sind ja gar nicht
imstande, Klamm wirklich zu sehen, das ist nicht Überhebung meinerseits, denn
ich selbst bin es auch nicht imstande. Klamm soll mit Ihnen sprechen, aber er
spricht doch nicht einmal mit Leuten aus dem Dorf, noch niemals hat er selbst
mit jemandem aus dem Dorf gesprochen. Es war ja die grosse Auszeichnung Friedas,
eine Auszeichnung, die mein Stolz sein wird bis an mein Ende, dass er wenigstens
Friedas Namen zu rufen pflegte und dass sie zu ihm sprechen konnte nach Belieben
und die Erlaubnis des Gucklochs bekam, gesprochen aber hat er auch mit ihr
nicht. Und dass er Frieda manchmal rief, muss gar nicht die Bedeutung haben, die
man dem gerne zusprechen möchte, er rief einfach den Namen Frieda - wer kennt
seine Absichten? -, dass Frieda natürlich eilends kam, war ihre Sache, und dass
sie ohne Widerspruch zu ihm gelassen wurde, war Klamms Güte, aber dass er sie
geradezu gerufen hätte, kann man nicht behaupten. Freilich, nun ist auch das,
was war, für immer dahin. Vielleicht wird Klamm noch den Namen Frieda rufen, das
ist möglich, aber zugelassen wird sie zu ihm gewiss nicht mehr, ein Mädchen, das
sich mit Ihnen abgegeben hat. Und nur eines, nur eines kann ich nicht verstehen
mit meinem armen Kopf, dass ein Mädchen, von dem man sagte, es sei Klamms
Geliebte - ich halte das übrigens für eine sehr übertriebene Bezeichnung -, sich
von Ihnen auch nur berühren liess.«
    »Gewiss, das ist merkwürdig«, sagte K., und nahm Frieda, die sich, wenn auch
mit gesenktem Kopf, gleich fügte, zu sich auf den Schoss, »es beweist aber,
glaube ich, dass sich auch sonst nicht alles genauso verhält, wie Sie glauben. So
haben Sie zum Beispiel gewiss recht, wenn Sie sagen, dass ich vor Klamm ein Nichts
bin; und wenn ich jetzt auch verlange, mit Klamm zu sprechen, und nicht einmal
durch Ihre Erklärungen davon abgebracht bin, so ist damit noch nicht gesagt, dass
ich imstande bin, den Anblick Klamms ohne dazwischenstehende Tür auch nur zu
ertragen, und ob ich nicht schon bei seinem Erscheinen aus dem Zimmer renne.
Aber eine solche, wenn auch berechtigte Befürchtung ist für mich noch kein
Grund, die Sache nicht doch zu wagen. Gelingt es mir aber, ihm standzuhalten,
dann ist es gar nicht nötig, dass er mit mir spricht, es genügt mir, wenn ich den
Eindruck sehe, den meine Worte auf ihn machen, und machen sie keinen oder hört
er sie gar nicht, habe ich doch den Gewinn, frei vor einem Mächtigen gesprochen
zu haben. Sie aber, Frau Wirtin, mit Ihrer grossen Lebens- und Menschenkenntnis,
und Frieda, die noch gestern Klamms Geliebte war - ich sehe keinen Grund, von
diesem Wort abzugehen -, können mir gewiss leicht die Gelegenheit verschaffen,
mit Klamm zu sprechen; ist es auf keine andere Weise möglich, dann eben im
Herrenhof, vielleicht ist er auch heute noch dort.«
    »Es ist unmöglich«, sagte die Wirtin, »und ich sehe, dass Ihnen die Fähigkeit
fehlt, es zu begreifen. Aber sagen Sie doch, worüber wollen Sie denn mit Klamm
sprechen?« - »Über Frieda natürlich«, sagte K.
    »Über Frieda?« fragte die Wirtin verständnislos und wandte sich an Frieda.
»Hörst du, Frieda, über dich will er, er, mit Klamm, mit Klamm sprechen.« .
»Ach«, sagte K., »Sie sind, Frau Wirtin, eine so kluge, achtungeinflössende Frau,
und doch erschreckt Sie jede Kleinigkeit. Nun also, ich will über Frieda mit ihm
sprechen, das ist doch nicht so sehr ungeheuerlich als vielmehr
selbstverständlich. Denn Sie irren gewiss auch, wenn Sie glauben, dass Frieda von
dem Augenblick an, wo ich auftrat, für Klamm bedeutungslos geworden ist. Sie
unterschätzen ihn, wenn Sie das glauben. Ich fühle gut, dass es anmassend von mir
ist, Sie in dieser Hinsicht belehren zu wollen, aber ich muss es doch tun. Durch
mich kann in Klamms Beziehung zu Frieda nichts geändert worden sein. Entweder
bestand keine wesentliche Beziehung - das sagen eigentlich diejenigen, welche
Frieda den Ehrennamen Geliebte nehmen -, nun, dann besteht sie auch heute nicht;
oder aber sie bestand, wie könnte sie dann durch mich, wie Sie richtig sagten,
ein Nichts in Klamms Augen, wie könnte sie dann durch mich gestört sein. Solche
Dinge glaubt man im ersten Augenblick des Schreckens, aber schon die kleinste
Überlegung muss das richtigstellen. Lassen wir übrigens doch Frieda ihre Meinung
hierzu sagen.«
    Mit in die Ferne schweifendem Blick, die Wange an K.s Brust, sagte Frieda:
»Es ist gewiss so, wie Mütterchen sagt: Klamm will nichts mehr von mir wissen.
Aber freilich nicht deshalb, weil du, Liebling, kamst, nichts Derartiges hätte
ihn erschüttern können. Wohl aber, glaube ich, ist es sein Werk, dass wir uns
dort unter dem Pult zusammengefunden haben; gesegnet, nicht verflucht sei die
Stunde.« - »Wenn es so ist«, sagte K. langsam, denn süss waren Friedas Worte, er
schloss ein paar Sekunden lang die Augen, um sich von den Worten durchdringen zu
lassen, »wenn es so ist, ist noch weniger Grund, sich vor einer Aussprache mit
Klamm zu fürchten.«
    »Wahrhaftig«, sagte die Wirtin und sah K. von hoch herab an, »Sie erinnern
mich manchmal an meinen Mann, so trotzig und kindlich wie er sind Sie auch. Sie
sind ein paar Tage im Ort, und schon wollen Sie alles besser kennen als die
Eingeborenen, besser als ich alte Frau und als Frieda, die im Herrenhof so viel
gesehen und gehört hat. Ich leugne nicht, dass es möglich ist, einmal auch etwas
ganz gegen die Vorschriften und gegen das Altergebrachte zu erreichen; ich habe
etwas Derartiges nicht erlebt, aber es gibt angeblich Beispiele dafür, mag sein;
aber dann geschieht es gewiss nicht auf die Weise, wie Sie es tun, indem man
immerfort Nein, nein sagt und nur auf seinen Kopf schwört und die
wohlmeinendsten Ratschläge überhört. Glauben Sie denn, meine Sorge gilt Ihnen?
Habe ich mich um Sie gekümmert, solange Sie allein waren? Obwohl es gut gewesen
wäre und manches sich hätte vermeiden lassen. Das einzige, was ich damals meinem
Mann über Sie sagte, war: Halte dich von ihm fern. Das hätte auch heute noch für
mich gegolten, wenn nicht Frieda jetzt in Ihr Schicksal mit hineingezogen worden
wäre. Ihr verdanken Sie - ob es Ihnen gefällt oder nicht - meine Sorgfalt, ja
sogar meine Beachtung. Und Sie dürfen mich nicht einfach abweisen, weil Sie mir,
der einzigen, die über der kleinen Frieda mit mütterlicher Sorge wacht, streng
verantwortlich sind. Möglich, dass Frieda recht hat und alles, was geschehen ist,
der Wille Klamms ist; aber von Klamm weiss ich jetzt nichts; ich werde niemals
mit ihm sprechen, er ist mir gänzlich unerreichbar; Sie aber sitzen hier, halten
meine Frieda und werden - warum soll ich es verschweigen? - von mir gehalten.
Ja, von mir gehalten, denn versuchen Sie es, junger Mann, wenn ich Sie auch aus
dem Hause weise, irgendwo im Dorf ein Unterkommen zu finden, und sei es in einer
Hundehütte.«
    »Danke«, sagte K., »das sind offene Worte, und ich glaube Ihnen vollkommen.
So unsicher ist also meine Stellung und damit zusammenhängend auch die Stellung
Friedas.«
    »Nein!« rief die Wirtin wütend dazwischen. »Friedas Stellung hat in dieser
Hinsicht gar nichts mit Ihrer zu tun. Frieda gehört zu meinem Haus, und niemand
hat das Recht, ihre Stellung hier eine unsichere zu nennen.«
    »Gut, gut«, sagte K., »ich gebe Ihnen auch darin recht, besonders da Frieda
aus mir unbekannten Gründen zuviel Angst vor Ihnen zu haben scheint, um sich
einzumischen. Bleiben wir also vorläufig nur bei mir. Meine Stellung ist höchst
unsicher, das leugnen Sie nicht, sondern strengen sich vielmehr an, es zu
beweisen. Wie bei allem, was Sie sagen, ist auch dieses nur zum grössten Teil
richtig, aber nicht ganz. So weiss ich zum Beispiel von einem recht guten
Nachtlager, das mir freisteht.«
    »Wo denn? Wo denn?« riefen Frieda und die Wirtin, so gleichzeitig und so
begierig, als hätten sie die gleichen Beweggründe für ihre Frage. - »Bei
Barnabas«, sagte K.
    »Die Lumpen!« rief die Wirtin. »Die abgefeimten Lumpen! Bei Barnabas! Hört
ihr -« und sie wandte sich nach der Ecke, die Gehilfen aber waren schon längst
hervorgekommen und standen Arm in Arm hinter der Wirtin, die jetzt, als brauche
sie einen Halt, die Hand des einen ergriff, »hört ihr, wo sich der Herr
herumtreibt, in der Familie des Barnabas! Freilich, dort bekommt er ein
Nachtlager, ach, hätte er es doch lieber dort gehabt als im Herrenhof. Aber wo
wart denn ihr?«
    »Frau Wirtin«, sagte K., noch ehe die Gehilfen antworteten, »es sind meine
Gehilfen, Sie aber behandeln sie so, wie wenn es Ihre Gehilfen, aber meine
Wächter wären. In allem anderen bin ich bereit, höflichst über Ihre Meinungen
zumindest zu diskutieren, hinsichtlich meiner Gehilfen aber nicht, denn hier
liegt die Sache doch zu klar! Ich bitte Sie daher, mit meinen Gehilfen nicht zu
sprechen, und wenn meine Bitte nicht genügen sollte, verbiete ich meinen
Gehilfen, Ihnen zu antworten.«
    »Ich darf also nicht mit euch sprechen«, sagte die Wirtin, und alle drei
lachten, die Wirtin spöttisch, aber viel sanfter, als K. es erwartet hatte, die
Gehilfen in ihrer gewöhnlichen, viel und nichts bedeutenden, jede Verantwortung
ablehnenden Art.
    »Werde nur nicht böse«, sagte Frieda, »du musst unsere Aufregung richtig
verstehen. Wenn man will, verdanken wir es nur Barnabas, dass wir jetzt einander
gehören. Als ich dich zum erstenmal im Ausschank sah - du kamst herein,
eingehängt in Olga -, wusste ich zwar schon einiges über dich, aber im ganzen
warst du mir doch völlig gleichgültig. Nun, nicht nur du warst mir gleichgültig,
fast alles, fast alles war mir gleichgültig. Ich war ja auch damals mit vielem
unzufrieden, und manches ärgerte mich, aber was war das für eine Unzufriedenheit
und was für ein Ärger! Es beleidigte mich zum Beispiel einer der Gäste im
Ausschank, sie waren ja immer hinter mir her - du hast die Burschen dort
gesehen, es kamen aber noch viel ärgere, Klamms Dienerschaft war nicht die
ärgste -, also einer beleidigte mich, was bedeutete mir das? Es war mir, als sei
es vor vielen Jahren geschehen oder als sei es gar nicht mir geschehen oder als
hätte ich es nur erzählen hören oder als hätte ich selbst es schon vergessen.
Aber ich kann es nicht beschreiben, ich kann es mir nicht einmal mehr
vorstellen, so hat sich alles geändert, seitdem Klamm mich verlassen hat.«
    Und Frieda brach ihre Erzählung ab, traurig senkte sie den Kopf, die Hände
hielt sie gefaltet im Schoss.
    »Sehen Sie«, rief die Wirtin, und sie tat es so, als spreche sie nicht
selbst, sondern leihe nur Frieda ihre Stimme, sie rückte auch näher und sass nun
knapp neben Frieda, »sehen Sie nun, Herr Landvermesser, die Folgen Ihrer Taten,
und auch Ihre Gehilfen, mit denen ich ja nicht sprechen darf, mögen zu ihrer
Belehrung zusehen! Sie haben Frieda aus dem glückseligsten Zustand gerissen, der
ihr je beschieden war, und es ist Ihnen vor allem deshalb gelungen, weil Frieda
in ihrem kindlich übertriebenen Mitleid es nicht ertragen konnte, dass Sie an
Olgas Arm hingen und so der Barnabasschen Familie ausgeliefert schienen. Sie hat
Sie gerettet und sich dabei geopfert. Und nun, da es geschehen ist und Frieda
alles, was sie hatte, eingetauscht hat für das Glück, auf Ihrem Knie zu sitzen,
nun kommen Sie und spielen es als Ihren grossen Trumpf aus, dass Sie einmal die
Möglichkeit hatten, bei Barnabas übernachten zu dürfen. Damit wollen Sie wohl
beweisen, dass Sie von mir unabhängig sind. Gewiss, wenn Sie wirklich bei Barnabas
übernachtet hätten, wären Sie so unabhängig von mir, dass Sie im Nu, aber
allerschleunigst, mein Haus verlassen müssten.«
    »Ich kenne die Sünden der Barnabasschen Familie nicht«, sagte K., während er
Frieda, die wie leblos war, vorsichtig aufhob, langsam auf das Bett setzte und
selbst aufstand, »vielleicht haben Sie darin recht, aber ganz gewiss hatte ich
recht, als ich Sie ersucht habe, unsere Angelegenheiten, Friedas und meine, uns
beiden allein zu überlassen. Sie erwähnten damals etwas von Liebe und Sorge,
davon habe ich dann aber weiter nicht viel gemerkt, desto mehr aber von Hass und
Hohn und Hausverweisung. Sollten Sie es darauf angelegt haben, Frieda von mir
oder mich von Frieda abzubringen, so war es ja recht geschickt gemacht; aber es
wird Ihnen doch, glaube ich, nicht gelingen, und wenn es Ihnen gelingen sollte,
so werden Sie es - erlauben Sie auch mir einmal eine dunkle Drohung - bitter
bereuen. Was die Wohnung betrifft, die Sie mir gewähren - Sie können damit nur
dieses abscheuliche Loch meinen -, so ist es durchaus nicht gewiss, dass Sie es
aus eigenem Willen tun, vielmehr scheint darüber eine Weisung der gräflichen
Behörde vorzuliegen. Ich werde nun dort melden, dass mir hier gekündigt worden
ist, und wenn man mir dann eine andere Wohnung zuweist, werden Sie wohl befreit
aufatmen, ich aber noch tiefer. Und nun gehe ich in dieser und in anderen
Angelegenheiten zum Gemeindevorstand; bitte, nehmen Sie sich wenigstens Friedas
an, die Sie mit Ihren sozusagen mütterlichen Reden übel genug zugerichtet
haben.«
    Dann wandte er sich an die Gehilfen. »Kommt!« sagte er, nahm den Klammschen
Brief vom Haken und wollte gehen. Die Wirtin hatte ihm schweigend zugesehen,
erst als er die Hand schon auf der Türklinke hatte, sagte sie: »Herr
Landvermesser, noch etwas gebe ich Ihnen mit auf den Weg, denn welche Reden Sie
auch führen mögen und wie Sie mich auch beleidigen wollen, mich alte Frau, so
sind Sie doch Friedas künftiger Mann. Nur deshalb sage ich es Ihnen, dass Sie
hinsichtlich der hiesigen Verhältnisse entsetzlich unwissend sind, der Kopf
schwirrt einem, wenn man Ihnen zuhört, und wenn man das, was Sie sagen und
meinen, in Gedanken mit der wirklichen Lage vergleicht. Zu verbessern ist diese
Unwissenheit nicht mit einem Male und vielleicht gar nicht; aber vieles kann
besser werden, wenn Sie mir nur ein wenig glauben und sich diese Unwissenheit
immer vor Augen halten. Sie werden dann zum Beispiel sofort gerechter gegen mich
werden und zu ahnen beginnen, was für einen Schrecken ich durchgemacht habe -
und die Folgen des Schreckens halten noch an -, als ich erkannt habe, dass meine
liebste Kleine gewissermassen den Adler verlassen hat, um sich der Blindschleiche
zu verbinden, aber das wirkliche Verhältnis ist ja noch viel schlimmer, und ich
muss es immerfort zu vergessen suchen, sonst könnte ich kein ruhiges Wort mit
Ihnen sprechen. Ach, nun sind Sie wieder böse. Nein, gehen Sie noch nicht, nur
diese Bitte hören Sie noch an: Wohin Sie auch kommen, bleiben Sie sich dessen
bewusst, dass Sie hier der Unwissendste sind, und seien Sie vorsichtig; hier bei
uns, wo Friedas Gegenwart Sie vor Schaden schützt, mögen Sie sich dann das Herz
freischwätzen, hier können Sie uns dann zum Beispiel zeigen, wie Sie mit Klamm
zu sprechen beabsichtigen; nur in Wirklichkeit, nur in Wirklichkeit, bitte,
bitte, tun Sie's nicht!«
    Sie stand auf, ein wenig schwankend vor Aufregung, ging zu K., fasste seine
Hand und sah ihn bittend an. »Frau Wirtin«, sagte K., »ich verstehe nicht, warum
Sie wegen einer solchen Sache sich dazu erniedrigen, mich zu bitten. Wenn es,
wie Sie sagen, für mich unmöglich ist, mit Klamm zu sprechen, so werde ich es
eben nicht erreichen, ob man mich bittet oder nicht. Wenn es aber doch möglich
sein sollte, warum soll ich es dann nicht tun, besonders da dann mit dem Wegfall
Ihres Haupteinwandes auch Ihre weiteren Befürchtungen sehr fraglich werden.
Freilich, unwissend bin ich, die Wahrheit bleibt jedenfalls bestehen, und das
ist sehr traurig für mich; aber es hat doch auch den Vorteil, dass der Unwissende
mehr wagt, und deshalb will ich die Unwissenheit und ihre gewiss schlimmen Folgen
gerne noch ein Weilchen tragen, solange die Kräfte reichen. Diese Folgen treffen
aber doch im wesentlichen nur mich, und deshalb vor allem verstehe ich nicht,
warum Sie bitten. Für Frieda werden Sie doch gewiss immer sorgen, und verschwinde
ich gänzlich aus Friedas Gesichtskreis, kann es doch in Ihrem Sinn nur ein Glück
bedeuten. Was fürchten Sie also? Sie fürchten doch nicht etwa - dem Unwissenden
scheint alles möglich«, hier öffnete K. schon die Tür - , »Sie fürchten doch
nicht etwa für Klamm?« Die Wirtin sah ihm schweigend nach, wie er die Treppe
hinabeilte und die Gehilfen ihm folgten.
 
                               Das fünfte Kapitel
Die Besprechung mit dem Vorsteher machte K. fast zu seiner eigenen Verwunderung
wenig Sorgen. Er suchte es sich dadurch zu erklären, dass nach seinen bisherigen
Erfahrungen der amtliche Verkehr mit den gräflichen Behörden für ihn sehr
einfach gewesen war. Das lag einerseits daran, dass hinsichtlich der Behandlung
seiner Angelegenheit offenbar ein für allemal ein bestimmter, äusserlich ihm sehr
günstiger Grundsatz ausgegeben worden war, und andererseits lag es an der
bewunderungswürdigen Einheitlichkeit des Dienstes, die man besonders dort, wo
sie scheinbar nicht vorhanden war, als eine besonders vollkommene ahnte. K. war,
wenn er manchmal nur an diese Dinge dachte, nicht weit davon entfernt, seine
Lage zufriedenstellend zu finden, obwohl er sich immer nach solchen Anfällen des
Behagens schnell sagte, dass gerade darin die Gefahr lag.
    Der direkte Verkehr mit Behörden war ja nicht allzu schwer, denn die
Behörden hatten, so gut sie auch organisiert sein mochten, immer nur im Namen
entlegener, unsichtbarer Herren entlegene, unsichtbare Dinge zu verteidigen,
während K. für etwas lebendigst Nahes kämpfte, für sich selbst; überdies,
zumindest in der allerersten Zeit, aus eigenem Willen, denn er war der
Angreifer; und nicht nur er kämpfte für sich, sondern offenbar noch andere
Kräfte, die er nicht kannte, aber an die er nach den Massnahmen der Behörden
glauben konnte. Dadurch nun aber, dass die Behörden K. von vornherein in
unwesentlichen Dingen - um mehr hatte es sich bisher nicht gehandelt - weit
entgegenkamen, nahmen sie ihm die Möglichkeit kleiner, leichter Siege und mit
dieser Möglichkeit auch die zugehörige Genugtuung und die aus ihr sich
ergebende, gut begründete Sicherheit für weitere grössere Kämpfe. Statt dessen
liessen sie K., allerdings nur innerhalb des Dorfes, überall durchgleiten, wo er
wollte, verwöhnten und schwächten ihn dadurch, schalteten hier überhaupt jeden
Kampf aus und verlegten ihn dafür in das ausseramtliche, völlig unübersichtliche,
trübe, fremdartige Leben. Auf diese Weise konnte es, wenn er nicht immer auf der
Hut war, wohl geschehen, dass er eines Tages trotz aller Liebenswürdigkeit der
Behörden und trotz der vollständigen Erfüllung aller so übertrieben leichten
amtlichen Verpflichtungen, getäuscht durch die ihm erwiesene scheinbare Gunst,
sein sonstiges Leben so unvorsichtig führte, dass er hier zusammenbrach und die
Behörde, noch immer sanft und freundlich, gleichsam gegen ihren Willen, aber im
Namen irgendeiner ihm unbekannten öffentlichen Ordnung kommen musste, um ihn aus
dem Weg zu räumen. Und was war es eigentlich hier, jenes sonstige Leben?
Nirgends noch hatte K. Amt und Leben so verflochten gesehen wie hier, so
verflochten, dass es manchmal scheinen konnte, Amt und Leben hätten ihre Plätze
gewechselt. Was bedeutete zum Beispiel die bis jetzt nur formelle Macht, welche
Klamm über K.s Dienst ausübte, verglichen mit der Macht, die Klamm in K.s
Schlafkammer in aller Wirklichkeit hatte. So kam es, dass hier ein etwas
leichtsinnigeres Verfahren, eine gewisse Entspannung, nur direkt gegenüber den
Behörden am Platze war, während sonst aber immer grosse Vorsicht nötig war, ein
Herumblicken nach allen Seiten, vor jedem Schritt.
    Seine Auffassung der hiesigen Behörden fand K. zunächst beim Vorsteher sehr
bestätigt. Der Vorsteher, ein freundlicher, dicker, glattrasierter Mann, war
krank, hatte einen schweren Gichtanfall und empfing K. im Bett. »Das ist also
unser Herr Landvermesser«, sagte er, wollte sich zur Begrüssung aufrichten,
konnte es aber nicht zustande bringen und warf sich, entschuldigend auf die
Beine zeigend, wieder zurück in die Kissen. Eine stille, im Dämmerlicht des
kleinfenstrigen, durch Vorhänge noch verdunkelten Zimmers fast schattenhafte
Frau brachte K. einen Sessel und stellte ihn zum Bett. »Setzen Sie sich, setzen
Sie sich, Herr Landvermesser«, sagte der Vorsteher, »und sagen Sie mir Ihre
Wünsche.« K. las den Brief Klamms vor und knüpfte einige Bemerkungen daran.
Wieder hatte er das Gefühl der ausserordentlichen Leichtigkeit des Verkehrs mit
Behörden. Sie trugen förmlich jede Last, alles konnte man ihnen auferlegen, und
selbst blieb man unberührt und frei. Als fühle das in seiner Art auch der
Vorsteher, drehte er sich unbehaglich im Bett. Schliesslich sagte er: »Ich habe,
Herr Landvermesser, wie Sie ja gemerkt haben, von der ganzen Sache gewusst. Dass
ich selbst noch nichts veranlasst habe, hat seinen Grund erstens in meiner
Krankheit und dann darin, dass Sie so lange nicht kamen, ich dachte schon, Sie
seien von der Sache abgekommen. Nun aber, da Sie so freundlich sind, selbst mich
aufzusuchen, muss ich Ihnen freilich die volle, unangenehme Wahrheit sagen. Sie
sind als Landvermesser aufgenommen, wie Sie sagen; aber, leider, wir brauchen
keinen Landvermesser. Es wäre nicht die geringste Arbeit für ihn da. Die Grenzen
unserer kleinen Wirtschaften sind abgesteckt, alles ist ordentlich eingetragen.
Besitzwechsel kommt kaum vor, und kleine Grenzstreitigkeiten regeln wir selbst.
Was soll uns also ein Landvermesser?« K. war, ohne dass er allerdings früher
darüber nachgedacht hätte, im Innersten davon überzeugt, eine ähnliche
Mitteilung erwartet zu haben. Eben deshalb konnte er gleich sagen: »Das
überrascht mich sehr. Das wirft alle meine Berechnungen über den Haufen. Ich
kann nur hoffen, dass ein Missverständnis vorliegt.« - »Leider nicht«, sagte der
Vorsteher, »es ist so, wie ich sage.« - »Aber wie ist das möglich!« rief K. »Ich
habe doch diese endlose Reise nicht gemacht, um jetzt wieder zurückgeschickt zu
werden!« - »Das ist eine andere Frage«, sagte der Vorsteher, »die ich nicht zu
entscheiden habe, aber wie jenes Missverständnis möglich war, das kann ich Ihnen
allerdings erklären. In einer so grossen Behörde wie der gräflichen kann es
einmal vorkommen, dass eine Abteilung dieses anordnet, die andere jenes, keine
weiss von der anderen, die übergeordnete Kontrolle ist zwar äusserst genau, kommt
aber ihrer Natur nach zu spät, und so kann immerhin eine kleine Verwirrung
entstehen. Immer sind es freilich nur winzigste Kleinigkeiten wie zum Beispiel
Ihr Fall. In grossen Dingen ist mir noch kein Fehler bekannt geworden, aber die
Kleinigkeiten sind oft auch peinlich genug. Was nun Ihren Fall betrifft, so will
ich Ihnen, ohne Amtsgeheimnisse zu machen - dazu bin ich nicht genug Beamter,
ich bin Bauer und dabei bleibt es -, den Hergang offen erzählen. Vor langer
Zeit, ich war damals erst einige Monate Vorsteher, kam ein Erlass, ich weiss nicht
mehr von welcher Abteilung, in welchem in der den Herren dort eigentümlichen
kategorischen Art mitgeteilt war, dass ein Landvermesser berufen werden solle,
und der Gemeinde aufgetragen war, alle für seine Arbeiten notwendigen Pläne und
Aufzeichnungen bereitzuhalten. Dieser Erlass kann natürlich nicht Sie betroffen
haben, denn das war vor vielen Jahren, und ich hätte mich nicht daran erinnert,
wenn ich nicht jetzt krank wäre und im Bett über die lächerlichsten Dinge
nachzudenken Zeit genug hätte.« - »Mizzi«, sagte er, plötzlich seinen Bericht
unterbrechend, zu der Frau, die noch immer in unverständlicher Tätigkeit durch
das Zimmer huschte, »bitte, sieh dort im Schrank nach, vielleicht findest du den
Erlass.« - »Er ist nämlich«, sagte er erklärend zu K., »aus meiner ersten Zeit,
damals habe ich noch alles aufgehoben.« Die Frau öffnete gleich den Schrank, K.
und der Vorsteher sahen zu. Der Schrank war mit Papieren vollgestopft. Beim
Öffnen rollten zwei grosse Aktenbündel heraus, welche rund gebunden waren, so wie
man Brennholz zu binden pflegt, die Frau sprang erschrocken zur Seite. »Unten
dürfte es sein, unten«, sagte der Vorsteher, vom Bett aus dirigierend. Folgsam
warf die Frau, mit beiden Armen die Akten zusammenfassend, alles aus dem
Schrank, um zu den unteren Papieren zu gelangen. Die Papiere bedeckten schon das
halbe Zimmer. »Viel Arbeit ist geleistet worden«, sagte der Vorsteher nickend,
»und das ist nur ein kleiner Teil. Die Hauptmasse habe ich in der Scheune
aufbewahrt, und der grösste Teil ist allerdings verlorengegangen. Wer kann das
alles zusammenhalten! In der Scheune ist aber noch sehr viel.« - »Wirst du den
Erlass finden können?« wandte er sich dann wieder zu seiner Frau. »Du musst einen
Akt suchen, auf dem das Wort Landvermesser blau unterstrichen ist.« - »Es ist zu
dunkel hier«, sagte die Frau, »ich werde eine Kerze holen«, und sie ging über
die Papiere hinweg aus dem Zimmer. »Meine Frau ist mir eine grosse Stütze«, sagte
der Vorsteher, »in dieser schweren Amtsarbeit, die doch nur nebenbei geleistet
werden muss. Ich habe zwar für die schriftlichen Arbeiten noch eine Hilfskraft,
den Lehrer, aber es ist trotzdem unmöglich, fertig zu werden, es bleibt immer
viel Unerledigtes zurück, das ist dort in jenem Kasten gesammelt«, und er zeigte
auf einen anderen Schrank. »Und gar, wenn ich jetzt krank bin, nimmt es
überhand«, sagte er und legte sich müde, aber doch auch stolz zurück. »Könnte
ich nicht«, sagte K., als die Frau mit der Kerze zurückgekommen war und vor dem
Kasten kniend den Erlass suchte, »Ihrer Frau beim Suchen helfen?« Der Vorsteher
schüttelte lächelnd den Kopf: »Wie ich schon sagte, ich habe keine
Amtsgeheimnisse vor Ihnen; aber Sie selbst in den Akten suchen zu lassen, so
weit kann ich denn doch nicht gehen.« Es wurde jetzt still im Zimmer, nur das
Rascheln der Papiere war zu hören, der Vorsteher schlummerte vielleicht sogar
ein wenig. Ein leises Klopfen an der Tür liess K. sich umdrehen. Es waren
natürlich die Gehilfen. Immerhin waren sie schon ein wenig erzogen, stürmten
nicht gleich ins Zimmer, sondern flüsterten zunächst durch die ein wenig
geöffnete Tür: »Es ist uns zu kalt draussen.« - »Wer ist es?« fragte der
Vorsteher aufschreckend. »Es sind nur meine Gehilfen«, sagte K., »ich weiss
nicht, wo ich sie auf mich warten lassen soll, draussen ist es zu kalt, und hier
sind sie lästig.« - »Mich stören sie nicht«, sagte der Vorsteher freundlich.
»Lassen Sie sie hereinkommen. Übrigens kenne ich sie ja. Alte Bekannte.« - »Mir
aber sind sie lästig«, sagte K. offen, liess den Blick von den Gehilfen zum
Vorsteher und wieder zurück zu den Gehilfen wandern und fand aller drei Lächeln
ununterscheidbar gleich. »Wenn ihr aber nun schon hier seid«, sagte er dann
versuchsweise, »so bleibt und helft dort der Frau Vorsteher einen Akt suchen,
auf dem das Wort Landvermesser blau unterstrichen ist.« Der Vorsteher erhob
keinen Widerspruch. Was K. nicht durfte, die Gehilfen durften es, sie warfen
sich auch gleich auf die Papiere, aber sie wühlten mehr in den Haufen, als dass
sie suchten, und während einer eine Schrift buchstabierte, riss sie ihm der
andere immer aus der Hand. Die Frau dagegen kniete vor dem leeren Kasten, sie
schien gar nicht mehr zu suchen, jedenfalls stand die Kerze sehr weit von ihr.
    »Die Gehilfen«, sagte der Vorsteher mit einem selbstzufriedenen Lächeln, so
als gehe alles auf seine Anordnungen zurück, aber niemand sei imstande, das auch
nur zu vermuten, »sie sind Ihnen also lästig, aber es sind doch Ihre eigenen
Gehilfen.« - »Nein«, sagte K. kühl, »sie sind mir erst hier zugelaufen.« - »Wie
denn, zugelaufen«, sagte der Vorsteher, »zugeteilt worden, meinen Sie wohl.« -
»Nun denn, zugeteilt worden«, sagte K. »Sie könnten aber ebensogut
herabgeschneit sein, so bedenkenlos war diese Zuteilung.« - »Bedenkenlos
geschieht hier nichts«, sagte der Vorsteher, vergass sogar den Fussschmerz und
setzte sich aufrecht. »Nichts«, sagte K., »und wie verhält es sich mit meiner
Berufung?« - »Auch Ihre Berufung war wohl erwogen«, sagte der Vorsteher, »nur
Nebenumstände haben verwirrend eingegriffen, ich werde es Ihnen an Hand der
Akten nachweisen.« - »Die Akten werden ja nicht gefunden werden«, sagte K.
»Nicht gefunden?« rief der Vorsteher. »Mizzi, bitte, such ein wenig schneller!
Ich kann Ihnen jedoch zunächst die Geschichte auch ohne Akten erzählen. Jenen
Erlass, von dem ich schon sprach, beantworteten wir dankend damit, dass wir keinen
Landvermesser brauchen. Diese Antwort scheint aber nicht an die ursprüngliche
Abteilung, ich will sie A nennen, zurückgelangt zu sein, sondern
irrtümlicherweise an eine andere Abteilung B. Die Abteilung A blieb also ohne
Antwort, aber leider bekam auch B nicht unsere ganze Antwort; sei es, dass der
Akteninhalt bei uns zurückgeblieben war, sei es, dass er auf dem Weg
verlorengegangen ist - in der Abteilung selbst gewiss nicht, dafür will ich
bürgen -, jedenfalls kam auch in der Abteilung B nur ein Aktenumschlag an, auf
dem nichts weiter vermerkt war, als dass der einliegende, leider in Wirklichkeit
aber fehlende Akt von der Berufung eines Landvermessers handle. Die Abteilung A
wartete inzwischen auf unsere Antwort, sie hatte zwar Vermerke über die
Angelegenheit, aber wie das begreiflicherweise öfters geschieht und bei der
Präzision aller Erledigungen geschehen darf, verliess sich der Referent darauf,
dass wir antworten würden und dass er dann entweder den Landvermesser berufen oder
nach Bedürfnis weiter über die Sache mit uns korrespondieren würde.
Infolgedessen vernachlässigte er die Vormerke, und das Ganze geriet bei ihm in
Vergessenheit. In der Abteilung B kam aber der Aktenumschlag an einen wegen
seiner Gewissenhaftigkeit berühmten Referenten, Sordini heisst er, ein Italiener;
es ist selbst mir, einem Eingeweihten, unbegreiflich, warum ein Mann von seinen
Fähigkeiten in der fast untergeordneten Stellung gelassen wird. Dieser Sordini
schickte uns natürlich den leeren Aktenumschlag zur Ergänzung zurück. Nun waren
aber seit jenem ersten Schreiben der Abteilung A schon viele Monate, wenn nicht
Jahre vergangen; begreiflicherweise, denn wenn, wie es die Regel ist, ein Akt
den richtigen Weg geht, gelangt er an seine Abteilung spätestens in einem Tag
und wird am gleichen Tag noch erledigt; wenn er aber einmal den Weg verfehlt -
und er muss bei der Vorzüglichkeit der Organisation den falschen Weg förmlich mit
Eifer suchen, sonst findet er ihn nicht -, dann, dann dauert es freilich sehr
lange. Als wir daher Sordinis Note bekamen, konnten wir uns an die Angelegenheit
nur noch ganz unbestimmt erinnern, wir waren damals nur zwei für die Arbeit,
Mizzi und ich, der Lehrer war mir damals noch nicht zugeteilt, Kopien bewahrten
wir nur in den wichtigsten Angelegenheiten auf, kurz, wir konnten nur sehr
unbestimmt antworten, dass wir von einer solchen Berufung nichts wüssten und dass
nach einem Landvermesser bei uns kein Bedarf sei.«
    »Aber«, unterbrach sich hier der Vorsteher, als sei er im Eifer des
Erzählens zu weit gegangen oder als sei es wenigstens möglich, dass er zu weit
gegangen sei, »langweilt Sie die Geschichte nicht?«
    »Nein«, sagte K. »Sie unterhält mich.«
    Darauf der Vorsteher: »Ich erzähle es Ihnen nicht zur Unterhaltung.«
    »Es unterhält mich nur dadurch«, sagte K., »dass ich einen Einblick in das
lächerliche Gewirre bekomme, welches unter Umständen über die Existenz eines
Menschen entscheidet.«
    »Sie haben noch keinen Einblick bekommen«, sagte ernst der Vorsteher, »und
ich kann Ihnen weiter erzählen. Von unserer Antwort war natürlich ein Sordini
nicht befriedigt. Ich bewundere den Mann, obwohl er für mich eine Qual ist. Er
misstraut nämlich jedem, auch wenn er zum Beispiel irgend jemanden bei unzähligen
Gelegenheiten als den vertrauenswürdigsten Menschen kennengelernt hat, misstraut
er ihm bei der nächsten Gelegenheit, wie wenn er ihn gar nicht kennte oder
richtiger, wie wenn er ihn als Lumpen kennte. Ich halte das für richtig, ein
Beamter muss so vorgehen; leider kann ich diesen Grundsatz meiner Natur nach
nicht befolgen, Sie sehen ja, wie ich Ihnen, einem Fremden, alles offen vorlege,
ich kann eben nicht anders. Sordini dagegen fasste unserer Antwort gegenüber
sofort Misstrauen. Es entwickelte sich nun eine grosse Korrespondenz. Sordini
fragte, warum es mir plötzlich eingefallen sei, dass kein Landvermesser berufen
werden solle; ich antwortete mit Hilfe von Mizzis ausgezeichnetem Gedächtnis,
dass doch die erste Anregung von Amts wegen ausgegangen sei (dass es sich um eine
andere Abteilung handelte, hatten wir natürlich schon längst vergessen); Sordini
dagegen: warum ich diese amtliche Zuschrift erst jetzt erwähne; ich wiederum:
weil ich mich erst jetzt an sie erinnert habe; Sordini: das sei sehr merkwürdig;
ich: das sei gar nicht merkwürdig bei einer so lange sich hinziehenden
Angelegenheit; Sordini: es sei doch merkwürdig, denn die Zuschrift, an die ich
mich erinnert habe, existiere nicht; ich: natürlich existiere sie nicht, weil
der ganze Akt verlorengegangen sei; Sordini: es müsste aber doch ein Vormerk
hinsichtlich jener ersten Zuschrift bestehen, der aber bestehe nicht. Da stockte
ich, denn dass in Sordinis Abteilung ein Fehler unterlaufen sei, wagte ich weder
zu behaupten noch zu glauben. Sie machen vielleicht, Herr Landvermesser, Sordini
in Gedanken den Vorwurf, dass ihn die Rücksicht auf meine Behauptung wenigstens
dazu hätte bewegen sollen, sich bei anderen Abteilungen nach der Sache zu
erkundigen. Gerade das aber wäre unrichtig gewesen, ich will nicht, dass an
diesem Manne auch nur in Ihren Gedanken ein Makel bleibt. Es ist ein
Arbeitsgrundsatz der Behörde, dass mit Fehlermöglichkeiten überhaupt nicht
gerechnet wird. Dieser Grundsatz ist berechtigt durch die vorzügliche
Organisation des Ganzen, und er ist notwendig, wenn äusserste Schnelligkeit der
Erledigung erreicht werden soll. Sordini durfte sich also bei anderen
Abteilungen gar nicht erkundigen, übrigens hätten ihm diese Abteilungen gar
nicht geantwortet, weil sie gleich gemerkt hätten, dass es sich um Ausforschung
einer Fehlermöglichkeit handle.«
    »Erlauben Sie, Herr Vorsteher, dass ich Sie mit einer Frage unterbreche«,
sagte K., »erwähnten Sie nicht früher einmal eine Kontrollbehörde? Die
Wirtschaft ist ja nach Ihrer Darstellung eine derartige, dass einem bei der
Vorstellung, die Kontrolle könnte ausbleiben, übel wird.«
    »Sie sind sehr streng«, sagte der Vorsteher. »Aber vertausendfachen Sie Ihre
Strenge, und sie wird noch immer nichts sein, verglichen mit der Strenge, welche
die Behörde gegen sich selbst anwendet. Nur ein völlig Fremder kann Ihre Frage
stellen. Ob es Kontrollbehörden gibt? Es gibt nur Kontrollbehörden. Freilich,
sie sind nicht dazu bestimmt, Fehler im groben Wortsinn herauszufinden, denn
Fehler kommen ja nicht vor, und selbst, wenn einmal ein Fehler vorkommt, wie in
Ihrem Fall, wer darf denn endgültig sagen, dass es ein Fehler ist.«
    »Das wäre etwas völlig Neues!« rief K.
    »Mir ist es etwas sehr Altes«, sagte der Vorsteher. »Ich bin nicht viel
anders als Sie selbst davon überzeugt, dass ein Fehler vorgekommen ist, und
Sordini ist infolge der Verzweiflung darüber schwer erkrankt, und die ersten
Kontrollämter, denen wir die Aufdeckung der Fehlerquelle verdanken, erkennen
hier auch den Fehler. Aber wer darf behaupten, dass die zweiten Kontrollämter
ebenso urteilen und auch die dritten und weiterhin die anderen?« »Mag sein«,
sagte K., »in solche Überlegungen will ich mich doch lieber nicht einmischen,
auch höre ich ja zum erstenmal von diesen Kontrollämtern und kann sie natürlich
noch nicht verstehen. Nur glaube ich, dass hier zweierlei unterschieden werden
müsse: nämlich erstens das, was innerhalb der Ämter vorgeht und was dann wieder
amtlich so oder so aufgefasst werden kann, und zweitens meine wirkliche Person,
ich, der ich ausserhalb der Ämter stehe und dem von den Ämtern eine
Beeinträchtigung droht, die so unsinnig wäre, dass ich noch immer an den Ernst
der Gefahr nicht glauben kann. Für das erstere gilt wahrscheinlich das, was Sie,
Herr Vorsteher, mit so verblüffender, ausserordentlicher Sachkenntnis erzählen,
nur möchte ich aber dann auch ein Wort über mich hören.«
    »Ich komme auch dazu«, sagte der Vorsteher, »doch könnten Sie es nicht
verstehen, wenn ich nicht noch einiges vorausschickte. Schon dass ich jetzt die
Kontrollämter erwähnte, war verfrüht. Ich kehre also zu den Unstimmigkeiten mit
Sordini zurück. Wie erwähnt, liess meine Abwehr allmählich nach. Wenn aber
Sordini auch nur den geringsten Vorteil gegenüber irgend jemandem in Händen hat,
hat er schon gesiegt, denn nun erhöht sich noch seine Aufmerksamkeit, Energie,
Geistesgegenwart; und er ist für den Angegriffenen ein schrecklicher, für die
Feinde des Angegriffenen ein herrlicher Anblick. Nur weil ich in anderen Fällen
auch dieses letztere erlebt habe, kann ich so von ihm erzählen, wie ich es tue.
Übrigens ist es mir noch nie gelungen, ihn mit Augen zu sehen, er kann nicht
herunterkommen, er ist zu sehr mit Arbeit überhäuft, sein Zimmer ist mir so
geschildert worden, dass alle Wände mit Säulen von grossen, aufeinandergestapelten
Aktenbündeln verdeckt sind, es sind dies nur die Akten, die Sordini gerade in
Arbeit hat, und da immerfort den Bündeln Akten entnommen und eingefügt werden
und alles in grosser Eile geschieht, stürzen diese Säulen immerfort zusammen, und
gerade dieses fortwährende, kurz aufeinanderfolgende Krachen ist für Sordinis
Arbeitszimmer bezeichnend geworden. Nun ja, Sordini ist ein Arbeiter, und dem
kleinsten Fall widmet er die gleiche Sorgfalt wie dem grössten.«
    »Sie nennen, Herr Vorsteher«, sagte K., »meinen Fall immer einen der
kleinsten, und doch hat er viele Beamte sehr beschäftigt, und wenn er vielleicht
auch anfangs sehr klein war, so ist er doch durch den Eifer von Beamten von
Herrn Sordinis Art zu einem grossen Fall geworden. Leider, und sehr gegen meinen
Willen, denn mein Ehrgeiz geht nicht dahin, grosse, mich betreffende Aktensäulen
entstehen und zusammenkrachen zu lassen, sondern als kleiner Landvermesser bei
einem kleinen Zeichentisch ruhig zu arbeiten.«
    »Nein«, sagte der Vorsteher, »es ist kein grosser Fall. In dieser Hinsicht
haben Sie keinen Grund zur Klage, es ist einer der kleinsten Fälle unter den
kleinen. Der Umfang der Arbeit bestimmt nicht den Rang des Falles, Sie sind noch
weit entfernt vom Verständnis für die Behörde, wenn Sie das glauben. Aber selbst
wenn es auf den Umfang der Arbeit ankäme, wäre Ihr Fall einer der geringsten,
die gewöhnlichen Fälle, also jene ohne sogenannte Fehler, geben noch viel mehr
und freilich auch viel ergiebigere Arbeit. Übrigens wissen Sie ja noch gar
nichts von der eigentlichen Arbeit, die Ihr Fall verursachte, von der will ich
ja jetzt erzählen. Zunächst liess mich nun Sordini aus dem Spiel, aber seine
Beamten kamen, täglich fanden protokollarische Verhöre angesehener
Gemeindemitglieder im Herrenhof statt. Die meisten hielten zu mir, nur einige
wurden stutzig; die Frage der Landvermessung geht einem Bauern nahe, sie
witterten irgendwelche geheime Verabredungen und Ungerechtigkeiten, fanden
überdies einen Führer, und Sordini musste aus ihren Angaben die Überzeugung
gewinnen, dass, wenn ich die Frage im Gemeinderat vorgebracht hätte, nicht alle
gegen die Berufung eines Landvermessers gewesen wären. So wurde eine
Selbstverständlichkeit - dass nämlich kein Landvermesser nötig ist - immerhin
zumindest fragwürdig gemacht. Besonders zeichnete sich hierbei ein gewisser
Brunswick aus - Sie kennen ihn wohl nicht -, er ist vielleicht nicht schlecht,
aber dumm und phantastisch, er ist ein Schwager von Lasemann.«
    »Vom Gerbermeister?« fragte K. und beschrieb den Vollbärtigen, den er bei
Lasemann gesehen hatte.
    »Ja, das ist er«, sagte der Vorsteher.
    »Ich kenne auch seine Frau«, sagte K., ein wenig aufs Geratewohl.
    »Das ist möglich«, sagte der Vorsteher und verstummte.
    »Sie ist schön«, sagte K., »aber ein wenig bleich und kränklich. Sie stammt
wohl aus dem Schloss?« Das war halb fragend gesagt.
    Der Vorsteher sah auf die Uhr, goss Medizin auf einen Löffel und schluckte
sie hastig.
    »Sie kennen im Schloss wohl nur die Büroeinrichtungen?« fragte K. grob.
    »Ja«, sagte der Vorsteher mit einem ironischen und doch dankbaren Lächeln.
»Sie sind auch das Wichtigste. Und was Brunswick betrifft: Wenn wir ihn aus der
Gemeinde ausschliessen könnten, wären wir fast alle glücklich und Lasemann nicht
am wenigsten. Aber damals gewann Brunswick einigen Einfluss, ein Redner ist er
zwar nicht, aber ein Schreier, und auch das genügt manchen. Und so kam es, dass
ich gezwungen wurde, die Sache dem Gemeinderate vorzulegen, übrigens zunächst
Brunswicks einziger Erfolg, denn natürlich wollte der Gemeinderat mit grosser
Mehrheit von einem Landvermesser nichts wissen. Auch das ist nun schon jahrelang
her, aber die ganze Zeit über ist die Sache nicht zur Ruhe gekommen, zum Teil
durch die Gewissenhaftigkeit Sordinis, der die Beweggründe sowohl der Majorität
als auch der Opposition durch die sorgfältigsten Erhebungen zu erforschen
suchte, zum Teil durch die Dummheit und den Ehrgeiz Brunswicks, der verschiedene
persönliche Verbindungen mit den Behörden hat, die er mit immer neuen
Erfindungen seiner Phantasie in Bewegung brachte. Sordini allerdings liess sich
von Brunswick nicht täuschen, wie könnte Brunswick Sordini täuschen? - Aber eben
um sich nicht täuschen zu lassen, waren neue Erhebungen nötig, und noch ehe sie
beendigt waren, hatte Brunswick schon wieder etwas Neues ausgedacht, sehr
beweglich ist er ja, es gehört das zu seiner Dummheit. Und nun komme ich auf
eine besondere Eigenschaft unseres behördlichen Apparates zu sprechen.
Entsprechend seiner Präzision ist er auch äusserst empfindlich. Wenn eine
Angelegenheit sehr lange erwogen worden ist, kann es, auch ohne dass die
Erwägungen schon beendet wären, geschehen, dass plötzlich blitzartig an einer
unvorhersehbaren und auch später nicht mehr auffindbaren Stelle eine Erledigung
hervorkommt, welche die Angelegenheit, wenn auch meistens sehr richtig, so doch
immerhin willkürlich abschliesst. Es ist, als hätte der behördliche Apparat die
Spannung, die jahrelange Aufreizung durch die gleiche, vielleicht an sich
geringfügige Angelegenheit nicht mehr ertragen und aus sich selbst heraus, ohne
Mitilfe der Beamten, die Entscheidung getroffen. Natürlich ist kein Wunder
geschehen, und gewiss hat irgendein Beamter die Erledigung geschrieben oder eine
ungeschriebene Entscheidung getroffen, jedenfalls aber kann, wenigstens von uns
aus, von hier aus, ja selbst vom Amt aus nicht festgestellt werden, welcher
Beamte in diesem Fall entschieden hat, und aus welchen Gründen. Erst die
Kontrollämter stellen das viel später fest; wir aber erfahren es nicht mehr, es
würde übrigens dann auch kaum jemanden noch interessieren. Nun sind, wie gesagt,
gerade diese Entscheidungen meistens vortrefflich, störend ist an ihnen nur, dass
man, wie es gewöhnlich die Sache mit sich bringt, von diesen Entscheidungen zu
spät erfährt und daher inzwischen über längst entschiedene Angelegenheiten noch
immer leidenschaftlich berät. Ich weiss nicht, ob in Ihrem Fall eine solche
Entscheidung ergangen ist - manches spricht dafür, manches dagegen -; wenn es
aber geschehen wäre, so wäre die Berufung an Sie geschickt worden, und Sie
hätten die grosse Reise hierher gemacht, viel Zeit wäre dabei vergangen, und
inzwischen hätte noch immer Sordini hier in der gleichen Sache bis zur
Erschöpfung gearbeitet, Brunswick intrigiert, und ich wäre von beiden gequält
worden. Diese Möglichkeit deute ich nur an, bestimmt aber weiss ich folgendes:
Ein Kontrollamt entdeckte inzwischen, dass aus der Abteilung A vor vielen Jahren
an die Gemeinde eine Anfrage wegen eines Landvermessers ergangen sei, ohne dass
bisher eine Antwort gekommen wäre. Man fragte neuerlich bei mir an, und nun war
freilich die ganze Sache aufgeklärt, die Abteilung A begnügte sich mit meiner
Antwort, dass kein Landvermesser nötig sei, und Sordini musste erkennen, dass er in
diesem Falle nicht zuständig gewesen war und, freilich schuldlos, so viele
unnütze, nervenzerstörende Arbeit geleistet hatte. Wenn nicht neue Arbeit von
allen Seiten sich herangedrängt hätte wie immer und wenn nicht Ihr Fall doch nur
ein sehr kleiner Fall gewesen wäre - man kann fast sagen, der kleinste unter den
kleinen -, so hätten wir wohl alle aufgeatmet, ich glaube, sogar Sordini selbst.
Nur Brunswick grollte, aber das war nur lächerrlich. Und nun stellen Sie sich,
Herr Landvermesser, meine Enttäuschung vor, als jetzt, nach glücklicher
Beendigung der ganzen - Angelegenheit und auch seiter ist schon wieder viel
Zeit verflossen -, plötzlich Sie auftreten und es den Anschein bekommt, als
sollte die Sache wieder von vorn beginnen. Dass ich fest entschlossen bin, dies,
soweit es an mir liegt, auf keinen Fall zuzulassen, das werden Sie wohl
verstehen?«
    »Gewiss«, sagte K., »noch besser aber verstehe ich, dass hier ein
entsetzlicher Missbrauch mit mir, vielleicht sogar mit den Gesetzen getrieben
wird. Ich werde mich für meine Person dagegen zu wehren wissen.«
    »Wie wollen Sie das tun?« fragte der Vorsteher.
    »Das kann ich nicht verraten«, sagte K.
    »Ich will mich nicht aufdrängen«, sagte der Vorsteher, »nur gebe ich Ihnen
zu bedenken, dass Sie in mir - ich will nicht sagen, einen Freund, denn wir sind
ja völlig Fremde - aber gewissermassen einen Geschäftsfreund haben. Nur dass Sie
als Landvermesser aufgenommen werden, lasse ich nicht zu; sonst aber können Sie
sich immer mit Vertrauen an mich wenden, freilich in den Grenzen meiner Macht,
die nicht gross ist.«
    »Sie sprechen immer davon«, sagte K., »dass ich als Landvermesser aufgenommen
werden soll, aber ich bin doch schon aufgenommen. Hier ist Klamms Brief.«
    »Klamms Brief«, sagte der Vorsteher. »Er ist wertvoll und ehrwürdig durch
Klamms Unterschrift, die echt zu sein scheint, sonst aber - doch ich wage es
nicht, mich allein dazu zu äussern. - Mizzi!« rief er, und dann: »Aber was macht
ihr denn?«
    Die so lange unbeachteten Gehilfen und Mizzi hatten offenbar den gesuchten
Akt nicht gefunden, hatten dann alles wieder in den Schrank sperren wollen, aber
es war ihnen wegen der ungeordneten Überfülle der Akten nicht gelungen. Da waren
wohl die Gehilfen auf den Gedanken gekommen, den sie jetzt ausführten. Sie
hatten den Schrank auf den Boden gelegt, alle Akten hineingestopft, hatten sich
dann mit Mizzi auf die Schranktüre gesetzt und suchten jetzt so, sie langsam
niederzudrücken.
    »Der Akt ist also nicht gefunden«, sagte der Vorsteher. »Schade, aber die
Geschichte kennen Sie ja schon, eigentlich brauchen wir den Akt nicht mehr,
übrigens wird er gewiss noch gefunden werden, er ist wahrscheinlich beim Lehrer,
bei dem noch sehr viele Akten sind. Aber komm nun mit der Kerze her, Mizzi, und
lies mit mir diesen Brief.«
    Mizzi kam und sah nun noch grauer und unscheinbarer aus, als sie auf dem
Bettrand sass und sich an den starken, lebenerfüllten Mann drückte, der sie
umfasst hielt. Nur ihr kleines Gesicht fiel jetzt im Kerzenlicht auf, mit klaren,
strengen, nur durch den Verfall des Alters gemilderten Linien. Kaum hatte sie in
den Brief geblickt, faltete sie leicht die Hände. »Von Klamm«, sagte sie. Sie
lasen dann gemeinsam den Brief, flüsterten ein wenig miteinander, und
schliesslich, während die Gehilfen gerade »Hurra!« riefen, denn sie hatten
endlich die Schranktür zugedrückt, und Mizzi sah still dankbar zu ihnen hin,
sagte der Vorsteher:
    »Mizzi ist völlig meiner Meinung, und nun kann ich es wohl auszusprechen
wagen. Dieser Brief ist überhaupt keine amtliche Zuschrift, sondern ein
Privatbrief. Das ist schon an der Überschrift: Sehr geehrter Herr! deutlich
erkennbar. Ausserdem ist darin mit keinem Worte gesagt, dass Sie als Landvermesser
aufgenommen sind, es ist vielmehr nur im allgemeinen von herrschaftlichen
Diensten die Rede, und auch das ist nicht bindend ausgesprochen, sondern Sie
sind nur aufgenommen wie Sie wissen, das heisst, die Beweislast dafür, dass Sie
aufgenommen sind, ist Ihnen auferlegt. Endlich werden Sie in amtlicher Hinsicht
ausschliesslich an mich, den Vorsteher, als Ihren nächsten Vorgesetzten
verwiesen, der Ihnen alles Nähere mitteilen soll, was ja zum grössten Teil schon
geschehen ist. Für einen, der amtliche Zuschriften zu lesen versteht und
infolgedessen nichtamtliche Briefe noch besser liest, ist das alles
überdeutlich. Dass Sie, ein Fremder, das nicht erkennen, wundert mich nicht. Im
ganzen bedeutet der Brief nichts anderes, als dass Klamm persönlich sich um Sie
zu kümmern beabsichtigt für den Fall, dass Sie in herrschaftliche Dienste
aufgenommen werden.«
    »Sie deuten, Herr Vorsteher«, sagte K., »den Brief so gut, dass schliesslich
nichts anderes übrigbleibt als die Unterschrift auf einem leeren Blatt Papier.
Merken Sie nicht, wie Sie damit Klamms Namen, den Sie zu achten vorgeben,
herabwürdigen?«
    »Das ist ein Missverständnis«, sagte der Vorsteher. »Ich verkenne die
Bedeutung des Briefes nicht, ich setze ihn durch meine Auslegung nicht herab, im
Gegenteil. Ein Privatbrief Klamms hat natürlich viel mehr Bedeutung als eine
amtliche Zuschrift; nur gerade die Bedeutung, die Sie ihm beilegen, hat er
nicht.«
    »Kennen Sie Schwarzer?« fragte K.
    »Nein«, sagte der Vorsteher, »du vielleicht, Mizzi? Auch nicht. Nein, wir
kennen ihn nicht.«
    »Das ist merkwürdig«, sagte K., »er ist der Sohn eines Unterkastellans.«
    »Lieber Herr Landvermesser«, sagte der Vorsteher, »wie soll ich denn alle
Söhne aller Unterkastellane kennen?«
    »Gut«, sagte K., »dann müssen Sie mir also glauben, dass er es ist. Mit
diesem Schwarzer hatte ich noch am Tage meiner Ankunft einen ärgerlichen
Auftritt. Er erkundigte sich dann telefonisch bei dem Unterkastellan namens
Fritz und bekam die Auskunft, dass ich als Landvermesser aufgenommen sei. Wie
erklären Sie sich das, Herr Vorsteher?«
    »Sehr einfach«, sagte der Vorsteher, »Sie sind eben noch niemals mit unseren
Behörden in Berührung gekommen. Alle diese Berührungen sind nur scheinbar, Sie
aber halten sie infolge Ihrer Unkenntnis der Verhältnisse für wirklich. Und was
das Telefon betrifft: Sehen Sie, bei mir, der ich wohl wahrlich genug mit den
Behörden zu tun habe, gibt es kein Telefon. In Wirtsstuben und dergleichen, da
mag es gute Dienste leisten, so etwa wie ein Musikautomat, mehr ist es auch
nicht. Haben Sie schon einmal hier telefoniert, ja? Nun also, dann werden Sie
mich vielleicht verstehen. Im Schloss funktioniert das Telefon offenbar
ausgezeichnet; wie man mir erzählt hat, wird dort ununterbrochen telefoniert,
was natürlich das Arbeiten sehr beschleunigt. Dieses ununterbrochene
Telefonieren hören wir in den hiesigen Telefonen als Rauschen und Gesang, das
haben Sie gewiss auch gehört. Nun ist aber dieses Rauschen und dieser Gesang das
einzig Richtige und Vertrauenswerte, was uns die hiesigen Telefone übermitteln,
alles andere ist trügerisch. Es gibt keine bestimmte telefonische Verbindung mit
dem Schloss, keine Zentralstelle, welche unsere Anrufe weiterleitet; wenn man von
hier aus jemanden im Schloss anruft, läutet es dort bei allen Apparaten der
untersten Abteilungen oder vielmehr, es würde bei allen läuten, wenn nicht, wie
ich bestimmt weiss, bei fast allen dieses Läutewerk abgestellt wäre. Hier und da
aber hat ein übermüdeter Beamter das Bedürfnis, sich ein wenig zu zerstreuen,
besonders am Abend oder bei Nacht, und schaltet das Läutewerk ein; dann bekommen
wir Antwort, allerdings eine Antwort, die nichts ist als Scherz. Es ist das ja
auch sehr verständlich. Wer darf denn Anspruch erheben, wegen seiner privaten
kleinen Sorgen mitten in die wichtigsten und immer rasend vor sich gehenden
Arbeiten hineinzuläuten? Ich begreife auch nicht, wie selbst ein Fremder glauben
kann, dass, wenn er zum Beispiel Sordini anruft, es auch wirklich Sordini ist,
der ihm antwortet. Vielmehr ist es wahrscheinlich ein kleiner Registrator einer
ganz anderen Abteilung. Dagegen kann es allerdings in auserlesener Stunde
geschehen, dass, wenn man den kleinen Registrator anruft, Sordini selbst die
Antwort gibt. Dann freilich ist es besser, man läuft vom Telefon weg, ehe der
erste Laut zu hören ist.«
    »So habe ich das allerdings nicht angesehen«, sagte K., »diese Einzelheiten
konnte ich nicht wissen; viel Vertrauen aber hatte ich zu diesen telefonischen
Gesprächen nicht und war mir immer dessen bewusst, dass nur das wirkliche
Bedeutung hat, was man geradezu im Schloss erfährt oder erreicht.«
    »Nein«, sagte der Vorsteher, an einem Wort sich festaltend, »wirkliche
Bedeutung kommt diesen telefonischen Antworten durchaus zu, wie denn nicht? Wie
sollte eine Auskunft, die ein Beamter aus dem Schloss gibt, bedeutungslos sein?
Ich sagte es schon gelegentlich des Klammschen Briefes; alle diese Äusserungen
haben keine amtliche Bedeutung; wenn Sie ihnen amtliche Bedeutung zuschreiben,
gehen Sie in die Irre; dagegen ist ihre private Bedeutung in freundschaftlichem
oder feindseligem Sinne sehr gross, meist grösser, als eine amtliche Bedeutung
jemals sein könnte.«
    
    »Gut«, sagte K., »angenommen, dass sich alles so verhält, dann hätte ich also
eine Menge guter Freunde im Schloss; genau besehen, war schon damals vor vielen
Jahren der Einfall jener Abteilung, man könnte einmal einen Landvermesser kommen
lassen, ein Freundschaftsakt mir gegenüber, und in der Folgezeit reihte sich
dann einer an den anderen, bis ich dann, allerdings zu bösem Ende, hergelockt
wurde und man mir mit dem Hinauswurf droht.«
    »Es ist eine gewisse Wahrheit in Ihrer Auffassung«, sagte der Vorsteher,
»Sie haben darin recht, dass man die Äusserungen des Schlosses nicht wortwörtlich
hinnehmen darf. Aber Vorsicht ist doch überall nötig, nicht nur hier, und desto
nötiger, je wichtiger die Äusserung ist, um die es sich handelt. Was Sie dann
aber vom Herlocken sagten, ist mir unbegreiflich. Wären Sie meinen Ausführungen
besser gefolgt, dann müssten Sie doch wissen, dass die Frage Ihrer Hierherberufung
viel zu schwierig ist, als dass wir sie hier im Laufe einer kleinen Unterhaltung
beantworten könnten.«
    »So bleibt dann das Ergebnis«, sagte K., »dass alles sehr unklar und unlösbar
ist, bis auf den Hinauswurf.«
    »Wer wollte wagen, Sie hinauszuwerfen, Herr Landvermesser?« sagte der
Vorsteher. »Eben die Unklarheit der Vorfragen verbürgt Ihnen die höflichste
Behandlung, nur sind Sie dem Anschein nach zu empfindlich. Niemand hält Sie hier
zurück, aber das ist doch noch kein Hinauswurf.«
    »Oh, Herr Vorsteher«, sagte K., »nun sind wieder Sie es, der manches allzu
klar sieht. Ich werde Ihnen einiges davon aufzählen, was mich hier zurückhält:
die Opfer, die ich brachte, um von zu Hause fortzukommen, die lange, schwere
Reise, die begründeten Hoffnungen, die ich mir wegen der Aufnahme hier machte,
meine vollständige Vermögenslosigkeit, die Unmöglichkeit, jetzt wieder eine
andere entsprechende Arbeit zu Hause zu finden, und endlich, nicht zum
wenigsten, meine Braut, die eine Hiesige ist.«
    »Ach, Frieda«, sagte der Vorsteher ohne jede Überraschung. »Ich weiss. Aber
Frieda würde Ihnen überallhin folgen. Was freilich das übrige betrifft, so sind
hier allerdings gewisse Erwägungen nötig, und ich werde darüber ins Schloss
berichten. Sollte eine Entscheidung kommen oder sollte es vorher nötig werden,
Sie noch einmal zu verhören, werde ich Sie holen lassen. Sind Sie damit
einverstanden?«
    »Nein, gar nicht«, sagte K., »ich will keine Gnadengeschenke vom Schloss,
sondern mein Recht.«
    »Mizzi«, sagte der Vorsteher zu seiner Frau, die noch immer an ihn gedrückt
dasass und traumverloren mit Klamms Brief spielte, aus dem sie ein Schiffchen
geformt hatte, erschrocken nahm es ihr K. jetzt fort. »Mizzi, das Bein fängt
mich wieder sehr zu schmerzen an, wir werden den Umschlag erneuern müssen.«
    K. erhob sich. »Dann werde ich mich also empfehlen«, sagte er. »Ja«, sagte
Mizzi, die schon eine Salbe zurechtmachte, »es zieht auch zu stark.« K. wandte
sich um; die Gehilfen hatten, in ihrem immer unpassenden Diensteifer, gleich auf
K.s Bemerkung hin beide Türflügel geöffnet. K. konnte, um das Krankenzimmer vor
der mächtig eindringenden Kälte zu bewahren, nur flüchtig vor dem Vorsteher sich
verbeugen. Dann lief er, die Gehilfen mit sich reissend, aus dem Zimmer und
schloss schnell die Tür.
 
                              Das sechste Kapitel
Vor dem Wirtshaus erwartete ihn der Wirt. Ohne gefragt zu werden, hätte er nicht
zu sprechen gewagt, deshalb fragte ihn K., was er wolle. »Hast du schon eine
neue Wohnung?« fragte der Wirt, zu Boden sehend. »Du fragst im Auftrage deiner
Frau«, sagte K., »du bist wohl sehr abhängig von ihr?« - »Nein«, sagte der Wirt,
»ich frage nicht in ihrem Auftrag. Aber sie ist sehr aufgeregt und unglücklich
deinetwegen, kann nicht arbeiten, liegt im Bett und seufzt und klagt
fortwährend.« - »Soll ich zu ihr gehen?« fragte K. »Ich bitte dich darum«, sagte
der Wirt, »ich wollte dich schon vom Vorsteher holen, horchte dort an der Tür,
aber ihr wart im Gespräch, ich wollte nicht stören, auch hatte ich Sorge wegen
meiner Frau, lief wieder zurück, sie liess mich aber nicht zu sich, so blieb mir
nichts übrig, als auf dich zu warten.« - »Dann komm also schnell«, sagte K.,
»ich werde sie bald beruhigen.« - »Wenn es nur gelingen wollte«, sagte der Wirt.
    Sie gingen durch die lichte Küche, wo drei oder vier Mägde, jede weit von
der anderen, bei ihrer zufälligen Arbeit im Anblick K.s förmlich erstarrten.
Schon in der Küche hörte man das Seufzen der Wirtin. Sie lag in einem durch eine
leichte Bretterwand von der Küche abgetrennten, fensterlosen Verschlag. Er hatte
nur Raum für ein grosses Ehebett und einen Schrank. Das Bett war so aufgestellt,
dass man von ihm aus die ganze Küche übersehen und die Arbeit beaufsichtigen
konnte. Dagegen war von der Küche aus im Verschlag kaum etwas zu sehen. Dort war
es ganz finster, nur das weiss-rote Bettzeug schimmerte ein wenig hervor. Erst
wenn man eingetreten war und die Augen sich eingewöhnt hatten, unterschied man
Einzelheiten.
    »Endlich kommen Sie«, sagte die Wirtin schwach. Sie lag auf dem Rücken
ausgestreckt, der Atem machte ihr offenbar Beschwerden, sie hatte das Federbett
zurückgeworfen. Sie sah im Bett viel jünger aus als in den Kleidern, aber ein
Nachtäubchen aus zartem Spitzengewebe, das sie trug, obwohl es zu klein war und
auf ihrer Frisur schwankte, machte die Verfallenheit des Gesichtes
mitleiderregend. »Wie hätte ich kommen sollen?« sagte K. sanft. »Sie haben mich
doch nicht rufen lassen.« - »Sie hätten mich nicht so lange warten lassen
sollen«, sagte die Wirtin mit dem Eigensinn des Kranken. »Setzen Sie sich«,
sagte sie und zeigte auf den Bettrand, »ihr anderen geht aber fort!« Ausser den
Gehilfen hatten sich inzwischen auch die Mägde eingedrängt. »Ich will auch
fortgehen, Gardena«, sagte der Wirt. K. hörte zum erstenmal den Namen der Frau.
»Natürlich«, sagte sie langsam und, als sei sie mit anderen Gedanken
beschäftigt, fügte sie zerstreut hinzu: »Warum solltest denn gerade du bleiben?«
Aber als sich alle in die Küche zurückgezogen hatten - auch die Gehilfen folgten
diesmal gleich, allerdings waren sie hinter einer Magd her -, war Gardena doch
aufmerksam genug, um zu erkennen, dass man aus der Küche alles hören konnte, was
hier gesprochen wurde, denn der Verschlag hatte keine Tür, und so befahl sie
allen, auch die Küche zu verlassen. Es geschah sofort.
    »Bitte«, sagte dann Gardena, »Herr Landvermesser, gleich vorn im Schrank
hängt ein Umhängetuch, reichen Sie es mir, ich will mich damit zudecken, ich
ertrage das Federbett nicht, ich atme so schwer.« Und als ihr K. das Tuch
gebracht hatte, sagte sie: »Sehen Sie, das ist ein schönes Tuch, nicht wahr?« K.
schien es ein gewöhnliches Wolltuch zu sein, er befühlte es nur aus Gefälligkeit
noch einmal, sagte aber nichts. »Ja, es ist ein schönes Tuch«, sagte Gardena und
hüllte sich ein. Sie lag nun friedlich da; alles Leid schien von ihr genommen zu
sein, ja sogar ihre vom Liegen in Unordnung gebrachten Haare fielen ihr ein, sie
setzte sich für ein Weilchen auf und verbesserte die Frisur ein wenig rings um
das Häubchen. Sie hatte reiches Haar.
    K. wurde ungeduldig und sagte: »Sie liessen mich, Frau Wirtin, fragen, ob ich
schon eine andere Wohnung habe.« - »Ich liess Sie fragen?« sagte die Wirtin.
»Nein, das ist ein Irrtum.« - »Ihr Mann hat mich eben jetzt danach gefragt.« -
»Das glaube ich«, sagte die Wirtin, »ich bin mit ihm geschlagen. Als ich Sie
nicht hier haben wollte, hat er Sie hier gehalten, jetzt, da ich glücklich bin,
dass Sie hier wohnen, treibt er Sie fort. So ähnlich macht er es immer.« - »Sie
haben also«, sagte K., »Ihre Meinung über mich so sehr geändert? In ein, zwei
Stunden?« - »Ich habe meine Meinung nicht geändert«, sagte die Wirtin, wieder
schwächer, »reichen Sie mir Ihre Hand. So. Und nun versprechen Sie mir, völlig
aufrichtig zu sein, auch ich will es Ihnen gegenüber sein.« - »Gut«, sagte K.,
»wer wird aber anfangen?« - »Ich«, sagte die Wirtin. Es machte nicht den
Eindruck, als wolle sie K. damit entgegenkommen, sondern als sei sie begierig,
als erste zu reden.
    Sie zog eine Fotografie unter dem Polster hervor und reichte sie K. »Sehen
Sie dieses Bild an«, sagte sie bittend. Um es besser zu sehen, machte K. einen
Schritt in die Küche, aber auch dort war es nicht leicht, etwas auf dem Bild zu
erkennen, denn dieses war vom Alter ausgebleicht, vielfach gebrochen, zerdrückt
und fleckig. »Es ist in keinem sehr guten Zustand«, sagte K. »Leider, leider«,
sagte die Wirtin, »wenn man es durch Jahre immer bei sich herumträgt, wird es
so. Aber wenn Sie es genau ansehen, werden Sie doch alles erkennen, ganz gewiss.
Ich kann Ihnen übrigens helfen, sagen Sie mir, was Sie sehen, es freut mich
sehr, von dem Bild zu hören. Was also?« - »Einen jungen Mann«, sagte K.
»Richtig«, sagte die Wirtin, »und was macht er?« - »Er liegt, glaube ich, auf
einem Brett, streckt sich und gähnt.« Die Wirtin lachte. »Das ist ganz falsch«,
sagte sie. »Aber hier ist doch das Brett, und hier liegt er«, beharrte K. auf
seinem Standpunkt. »Sehen Sie doch genauer hin«, sagte die Wirtin ärgerlich,
»liegt er wirklich?« - »Nein«, sagte nun K., »er liegt nicht, er schwebt und,
nun sehe ich es, es ist gar kein Brett, sondern wahrscheinlich eine Schnur, und
der junge Mann macht einen Hochsprung.« - »Nun also« ? sagte die Wirtin erfreut,
»er springt, so üben die amtlichen Boten. Ich habe ja gewusst, dass Sie es
erkennen werden. Sehen Sie auch sein Gesicht?« - »Vom Gesicht sehe ich nur sehr
wenig«, sagte K., »er strengt sich offenbar sehr an, der Mund ist offen, die
Augen zusammengekniffen, und das Haar flattert.« - »Sehr gut«, sagte die Wirtin
anerkennend. »Mehr kann einer, der ihn nicht persönlich gesehen hat, nicht
erkennen. Aber es war ein schöner Junge; ich habe ihn nur einmal flüchtig
gesehen und werde ihn nie vergessen.« - »Wer war es denn?« fragte K. »Es war«,
sagte die Wirtin, »der Bote, durch den Klamm mich zum ersten Male zu sich
berief.«
    K. konnte nicht genau zuhören, er wurde durch Klirren von Glas abgelenkt. Er
fand gleich die Ursache der Störung. Die Gehilfen standen draussen im Hof,
hüpften im Schnee von einem Fuss auf den anderen. Sie taten, als wären sie
glücklich, K. wiederzusehen; vor Glück zeigten sie ihn einander und tippten
dabei immerfort an das Küchenfenster. Auf eine drohende Bewegung K.s liessen sie
sofort davon ab, suchten einander zurückzudrängen, aber einer entwischte gleich
dem anderen, und schon waren sie wieder beim Fenster. K. eilte in den Verschlag,
wo ihn die Gehilfen von aussen nicht sehen konnten und er sie nicht sehen musste.
Aber das leise, wie bittende Klirren der Fensterscheibe verfolgte ihn auch dort
noch lange.
    »Wieder einmal die Gehilfen«, sagte er der Wirtin zu seiner Entschuldigung
und zeigte hinaus. Sie aber achtete nicht auf ihn, das Bild hatte sie ihm
fortgenommen, angesehen, geglättet und wieder unter das Polster geschoben. Ihre
Bewegungen waren langsamer geworden, aber nicht vor Müdigkeit, sondern unter der
Last der Erinnerung. Sie hatte K. erzählen wollen und hatte ihn vergessen über
der Erzählung. Sie spielte mit den Fransen ihres Tuches. Erst nach einem
Weilchen blickte sie auf, fuhr sich mit der Hand über die Augen und sagte: »Auch
dieses Tuch ist von Klamm. Und auch das Häubchen. Das Bild, das Tuch und das
Häubchen, das sind die drei Andenken, die ich an ihn habe. Ich bin nicht jung
wie Frieda, ich bin nicht so ehrgeizig wie sie, auch nicht so zartfühlend, sie
ist sehr zartfühlend; kurz, ich weiss mich in das Leben zu schicken, aber das muss
ich eingestehen, ohne die drei Dinge hätte ich es hier nicht so lange
ausgehalten, ja, ich hätte es wahrscheinlich keinen Tag hier ausgehalten. Diese
drei Andenken scheinen Ihnen vielleicht gering, aber sehen Sie: Frieda, die so
lange mit Klamm verkehrt hat, besitzt gar kein Andenken, ich habe sie gefragt,
sie ist zu schwärmerisch und auch zu ungenügsam; ich dagegen, die nur dreimal
bei Klamm war - später liess er mich nicht mehr rufen, ich weiss nicht, warum -,
habe doch wie in Vorahnung der Kürze meiner Zeit diese Andenken mitgebracht.
Freilich, man muss sich darum kümmern, Klamm selbst gibt nichts, aber wenn man
dort etwas Passendes liegen sieht, kann man es sich ausbitten.«
    K. fühlte sich unbehaglich gegenüber diesen Geschichten, sosehr sie ihn auch
betrafen.
    »Wie lange ist denn das alles her?« fragte er seufzend.
    »Über zwanzig Jahre«, sagte die Wirtin. »Weit über zwanzig Jahre.«
    »So lange hält man Klamm die Treue«, sagte K. »Sind Sie sich aber, Frau
Wirtin, dessen auch bewusst, dass Sie mir mit solchen Geständnissen, wenn ich an
meine zukünftige Ehe denke, schwere Sorgen machen?«
    Die Wirtin fand es ungebührlich, dass sich K. mit seinen Angelegenheiten hier
einmischen wollte, und sah ihn erzürnt von der Seite an.
    »Nicht so böse, Frau Wirtin«, sagte K. »Ich sagte ja kein Wort gegen Klamm,
aber ich bin doch durch die Macht der Ereignisse in gewisse Beziehungen zu Klamm
getreten; das kann der grösste Verehrer Klamms nicht leugnen. Nun also.
Infolgedessen muss ich bei Klamms Erwähnung immer auch an mich denken, das ist
nicht zu ändern. Übrigens, Frau Wirtin« - hier fasste K. ihre zögernde Hand -,
»denken Sie daran, wie schlecht unsere letzte Unterhaltung ausgefallen ist und
dass wir diesmal in Frieden auseinandergehen wollen.«
    »Sie haben recht«, sagte die Wirtin und beugte den Kopf, »aber schonen Sie
mich. Ich bin nicht empfindlicher als andere, im Gegenteil, jeder hat
empfindliche Stellen, ich habe nur diese eine.«
    »Leider ist es gleichzeitig auch die meine«, sagte K., »ich aber werde mich
gewiss beherrschen; nun aber erklären Sie mir, Frau Wirtin, wie soll ich in der
Ehe diese entsetzliche Treue gegenüber Klamm ertragen, vorausgesetzt, dass auch
Frieda Ihnen darin ähnlich ist?«
    »Entsetzliche Treue?« wiederholte die Wirtin grollend. »Ist es denn Treue?
Treu bin ich meinem Mann, aber Klamm? Klamm hat mich einmal zu seiner Geliebten
gemacht, kann ich diesen Rang jemals verlieren? Und wie Sie es bei Frieda
ertragen sollen? Ach, Herr Landvermesser, wer sind Sie denn, der so zu fragen
wagt?« »Frau Wirtin«, sagte K. warnend. »Ich weiss«, sagte die Wirtin, sich
fügend, »aber mein Mann hat solche Fragen nicht gestellt. Ich weiss nicht, wer
unglücklich zu nennen ist, ich damals oder Frieda jetzt. Frieda, die mutwillig
Klamm verliess, oder ich, die er nicht mehr hat rufen lassen. Vielleicht ist es
doch Frieda, wenn sie es auch noch nicht in vollem Umfang zu wissen scheint.
Aber meine Gedanken beherrschte doch mein Unglück damals ausschliesslicher, denn
immerfort musste ich mich fragen und höre im Grunde auch heute noch nicht auf, so
zu fragen: Warum ist das geschehen? Dreimal hat dich Klamm rufen lassen und zum
viertenmal nicht mehr und niemals mehr zum viertenmal! Was beschäftigte mich
damals mehr? Worüber konnte ich denn sonst mit meinem Mann sprechen, den ich
damals kurz nachher heiratete? Bei Tag hatten wir keine Zeit, wir hatten dieses
Wirtshaus in einem elenden Zustand übernommen und mussten es in die Höhe zu
bringen suchen, aber in der Nacht? Jahrelang drehten sich unsere nächtlichen
Gespräche nur um Klamm und die Gründe seiner Sinnesänderung. Und wenn mein Mann
bei diesen Unterhaltungen einschlief, weckte ich ihn, und wir sprachen weiter.«
    »Nun werde ich«, sagte K., »wenn Sie erlauben, eine sehr grobe Frage
stellen.«
    Die Wirtin schwieg.
    »Ich darf also nicht fragen«, sagte K., »auch das genügt mir.«
    »Freilich«, sagte die Wirtin, »auch das genügt Ihnen, und das besonders. Sie
missdeuten alles, auch das Schweigen. Sie können eben nicht anders. Ich erlaube
Ihnen zu fragen.«
    »Wenn ich alles missdeute«, sagte K., »missdeute ich vielleicht auch meine
Frage, vielleicht ist sie gar nicht so grob. Ich wollte nur wissen, wie Sie
Ihren Mann kennengelernt haben und wie dieses Wirtshaus in Ihren Besitz gekommen
ist?«
    Die Wirtin runzelte die Stirn, sagte aber gleichmütig: »Das ist eine sehr
einfache Geschichte. Mein Vater war Schmied, und Hans, mein jetziger Mann, der
Pferdeknecht bei einem Grossbauern war, kam öfters zu meinem Vater. Es war damals
nach der letzten Zusammenkunft mit Klamm, ich war sehr unglücklich und hätte es
eigentlich nicht sein dürfen, denn alles war ja korrekt vor sich gegangen, und
dass ich nicht mehr zu Klamm durfte, war eben Klamms Entscheidung, war also
korrekt; nur die Gründe waren dunkel, in denen durfte ich forschen, aber
unglücklich hätte ich nicht sein dürfen. Nun, ich war es doch und konnte nicht
arbeiten und sass in unserem Vorgärtchen, den ganzen Tag. Dort sah mich Hans,
setzte sich manchmal zu mir, ich klagte ihm nicht, aber er wusste, worum es ging,
und weil er ein guter Junge ist, kam es vor, dass er mit mir weinte. Und als der
damalige Gastwirt, dem die Frau gestorben war und der deshalb das Gewerbe
aufgeben musste - auch war er schon ein alter Mann -, einmal an unserem Gärtchen
vorüberkam und uns dort sitzen sah, blieb er stehen und bot uns kurzerhand das
Wirtshaus zur Pacht an, wollte, weil er Vertrauen zu uns habe, kein Geld im
voraus und setzte die Pacht sehr billig an. Dem Vater wollte ich nicht zur Last
fallen, alles andere war mir gleichgültig, und so reichte ich in Gedanken an das
Wirtshaus und an die neue, vielleicht ein wenig Vergessen bringende Arbeit Hans
die Hand. Das ist die Geschichte.«
    Es war ein Weilchen still, dann sagte K.: »Die Handlungsweise des Gastwirts
war schön, aber unvorsichtig, oder hatte er besondere Gründe für sein Vertrauen
zu Ihnen beiden?«
    »Er kannte Hans gut«, sagte die Wirtin, »er war Hansens Onkel.«
    »Dann freilich«, sagte K. »Hansens Familie war also offenbar viel an der
Verbindung mit Ihnen gelegen?«
    »Vielleicht«, sagte die Wirtin, »ich weiss es nicht, ich kümmerte mich nie
darum.«
    »Es muss doch aber so gewesen sein«, sagte K., »wenn die Familie bereit war,
solche Opfer zu bringen und das Wirtshaus einfach, ohne Sicherung, in Ihre Hände
zu geben.«
    »Es war nicht unvorsichtig, wie sich später gezeigt hat«, sagte die Wirtin.
»Ich warf mich in die Arbeit, stark war ich, des Schmiedes Tochter, ich brauchte
nicht Magd, nicht Knecht; ich war überall, in der Wirtsstube, in der Küche, im
Stall, im Hof, ich kochte so gut, dass ich sogar dem Herrenhof Gäste abjagte. Sie
waren zu Mittag noch nicht in der Wirtsstube, Sie kennen nicht unsere
Mittagsgäste, damals waren noch mehr, seitdem haben sich schon viele verlaufen.
Und das Ergebnis war, dass wir nicht nur die Pacht richtig zahlen konnten,
sondern nach einigen Jahren das Ganze kauften und es heute fast schuldenfrei
ist. Das weitere Ergebnis freilich war, dass ich mich dabei zerstörte, herzkrank
wurde und nun eine alte Frau geworden bin. Sie glauben vielleicht, dass ich viel
älter als Hans bin, aber in Wirklichkeit ist er nur um zwei oder drei Jahre
jünger und wird allerdings niemals altern, denn bei seiner Arbeit -
Pfeiferauchen, den Gästen zuhören, dann die Pfeife ausklopfen und manchmal ein
Bier holen -, bei dieser Arbeit altert man nicht.«
    »Ihre Leistungen sind bewundernswert«, sagte K., »daran ist kein Zweifel,
aber wir sprachen von den Zeiten vor Ihrer Heirat, und damals wäre es doch
merkwürdig gewesen, wenn Hansens Familie unter Geldopfern oder zumindest mit
Übernahme eines so grossen Risikos, wie es die Hingabe des Wirtshauses war, zur
Heirat gedrängt und hierbei keine andere Hoffnung gehabt hätte als Ihre
Arbeitskraft, die man ja noch gar nicht kannte, und Hansens Arbeitskraft, deren
Nichtvorhandensein man doch schon erfahren haben musste.«
    »Nun ja«, sagte die Wirtin müde, »ich weiss ja, worauf Sie zielen und wie
fehl Sie dabei gehen. Von Klamm war in allen diesen Dingen keine Spur. Warum
hätte er für mich sorgen sollen oder richtiger: wie hätte er überhaupt für mich
sorgen können? Er wusste ja nichts mehr von mir. Dass er mich nicht mehr hatte
rufen lassen, war ein Zeichen, dass er mich vergessen hatte. Wen er nicht mehr
rufen lässt, vergisst er völlig. Ich wollte davon vor Frieda nicht reden. Es ist
aber nicht nur Vergessen, es ist mehr als das. Den, welchen man vergessen hat,
kann man ja wieder kennenlernen. Bei Klamm ist das nicht möglich. Wen er nicht
mehr rufen lässt, den hat er nicht nur für die Vergangenheit völlig vergessen,
sondern förmlich auch für alle Zukunft. Wenn ich mir viel Mühe gebe, kann ich
mich ja hineindenken in Ihre Gedanken, in Ihre hier sinnlosen, in der Fremde,
aus der Sie kommen, vielleicht gültigen Gedanken. Möglicherweise versteigen Sie
sich bis zu der Tollheit, zu glauben, Klamm hätte mir gerade meinen Hans deshalb
zum Manne gegeben, damit ich nicht viel Hindernis habe, zu ihm zu kommen, wenn
er mich in Zukunft einmal riefe. Nun, weiter kann auch Tollheit nicht gehen. Wo
wäre der Mann, der mich hindern könnte, zu Klamm zu laufen, wenn mir Klamm ein
Zeichen gibt? Unsinn, völliger Unsinn; man verwirrt sich selbst, wenn man mit
diesem Unsinn spielt.«
    »Nein«, sagte K., »verwirren wollen wir uns nicht, ich war mit meinen
Gedanken noch lange nicht so weit, wie Sie annehmen, wenn auch, um die Wahrheit
zu sagen, auf dem Wege dortin. Vorläufig wunderte mich aber nur, dass die
Verwandtschaft so viel von der Heirat erhoffte und dass diese Hoffnungen sich
tatsächlich auch erfüllten, allerdings durch den Einsatz Ihres Herzens, Ihrer
Gesundheit. Der Gedanke an einen Zusammenhang dieser Tatsachen mit Klamm drängte
sich mir dabei allerdings auf, aber nicht oder noch nicht in der Grobheit, mit
der Sie es darstellten, offenbar nur zu dem Zweck, um mich wieder einmal
anfahren zu können, weil Ihnen das Freude macht. Mögen Sie die Freude haben!
Mein Gedanke aber war der: Zunächst ist Klamm offenbar die Veranlassung der
Heirat. Ohne Klamm wären Sie nicht unglücklich gewesen, nicht untätig im
Vorgärtchen gesessen, ohne Klamm hätte Sie Hans dort nicht gesehen, ohne Ihre
Traurigkeit hätte der schüchterne Hans Sie nie anzusprechen gewagt, ohne Klamm
hätten Sie sich nie mit Hans in Tränen gefunden, ohne Klamm hätte der alte, gute
Onkel-Gastwirt niemals Hans und Sie dort friedlich beisammen gesehen, ohne Klamm
wären Sie nicht gleichgültig gegen das Leben gewesen, hätten also Hans nicht
geheiratet. Nun, in dem allen ist doch schon genug Klamm, sollte ich meinen. Es
geht aber noch weiter. Hätten Sie nicht Vergessen gesucht, hätten Sie gewiss
nicht so rücksichtslos gegen sich selbst gearbeitet und die Wirtschaft nicht so
hoch gebracht. Also auch hier Klamm. Aber Klamm ist auch noch, abgesehen davon,
die Ursache Ihrer Krankheit, denn Ihr Herz war schon vor Ihrer Heirat von der
unglücklichen Leidenschaft erschöpft. Bleibt nur noch die Frage, was Hansens
Verwandte so sehr an der Heirat lockte. Sie selbst erwähnten einmal, dass Klamms
Geliebte zu sein eine unverlierbare Rangerhöhung bedeutet; nun, so mag sie also
dies gelockt haben. Ausserdem aber glaube ich, die Hoffnung, dass der gute Stern,
der Sie zu Klamm geführt hat - vorausgesetzt, dass es ein guter Stern war, aber
Sie behaupten es -, zu Ihnen gehöre, also bei Ihnen bleiben müsse und Sie nicht
etwa so schnell und plötzlich verlassen werde, wie Klamm es getan hat.«
    »Meinen Sie das alles im Ernst?« fragte die Wirtin.
    »Im Ernst«, sagte K. schnell, »nur glaube ich, dass Hansens Verwandtschaft
mit ihren Hoffnungen weder ganz recht noch ganz unrecht hatte, und ich glaube
auch den Fehler zu erkennen, den sie gemacht haben. Äusserlich scheint ja alles
gelungen, Hans ist gut versorgt, hat eine stattliche Frau, steht in Ehren, die
Wirtschaft ist schuldenfrei. Aber eigentlich ist doch nicht alles gelungen, er
wäre mit einem einfachen Mädchen, dessen erste grosse Liebe er gewesen wäre,
gewiss viel glücklicher geworden; wenn er, wie Sie es ihm vorwerfen, manchmal in
der Wirtsstube wie verloren dasteht, so deshalb, weil er sich wirklich wie
verloren fühlt - ohne darüber unglücklich zu sein, gewiss, soweit kenne ich ihn
schon -, aber ebenso gewiss ist es, dass dieser hübsche, verständige Junge mit
einer anderen Frau glücklicher, womit ich gleichzeitig meine, selbständiger,
fleissiger, männlicher geworden wäre. Und Sie selbst sind doch gewiss nicht
glücklich und, wie Sie sagten, ohne die drei Andenken wollten Sie gar nicht
weiterleben, und herzkrank sind Sie auch. Also hatte die Verwandtschaft mit
ihren Hoffnungen unrecht? Ich glaube nicht. Der Segen war über Ihnen, aber man
verstand nicht, ihn herunterzuholen.«
    »Was hat man denn versäumt?« fragte die Wirtin. Sie lag nun ausgestreckt auf
dem Rücken und blickte zur Decke empor.
    »Klamm zu fragen«, sagte K.
    »So wären wir also wieder bei Ihnen«, sagte die Wirtin.
    »Oder bei Ihnen«, sagte K. »Unsere Angelegenheiten grenzen aneinander.«
    »Was wollen Sie also von Klamm ?« fragte die Wirtin. Sie hatte sich aufrecht
gesetzt, die Kissen aufgeschüttelt, um sitzend sich anlehnen zu können, und sah
K. voll in die Augen. »Ich habe Ihnen meinen Fall, aus dem Sie einiges hätten
lernen können, offen erzählt. Sagen Sie mir nun ebenso offen, was Sie Klamm
fragen wollen. Nur mit Mühe habe ich Frieda überredet, in ihr Zimmer
hinaufzugehen und dort zu bleiben; ich fürchtete, Sie würden in ihrer
Anwesenheit nicht genug offen sprechen.«
    »Ich habe nichts zu verbergen«, sagte K. »Zunächst aber will ich Sie auf
etwas aufmerksam machen. Klamm vergisst gleich, sagten Sie. Das kommt mir nun
erstens sehr unwahrscheinlich vor, zweitens aber ist es unbeweisbar, offenbar
nichts anderes als eine Legende, ausgedacht vom Mädchenverstand derjenigen,
welche bei Klamm gerade in Gnade waren. Ich wundere mich, dass Sie einer so
platten Erfindung glauben.«
    »Es ist keine Legende«, sagte die Wirtin, »es ist vielmehr der allgemeinen
Erfahrung entnommen.«
    »Also auch durch neue Erfahrung zu widerlegen«, sagte K. »Dann gibt es aber
auch noch einen Unterschied zwischen Ihrem und Friedas Fall. Dass Klamm Frieda
nicht mehr gerufen hätte, ist gewissermassen gar nicht vorgekommen, vielmehr hat
er sie gerufen, aber sie hat nicht gefolgt. Es ist sogar möglich, dass er noch
immer auf sie wartet.«
    Die Wirtin schwieg und liess nur ihren Blick beobachtend an K. auf und ab
gehen. Dann sagte sie: »Ich will allem, was Sie zu sagen haben, ruhig zuhören.
Reden Sie lieber offen, als dass Sie mich schonen. Nur eine Bitte habe ich.
Gebrauchen Sie nicht Klamms Namen. Nennen Sie ihn Er oder sonstwie, aber nicht
beim Namen.«
    »Gern«, sagte K., »aber was ich von ihm will, ist schwer zu sagen. Zunächst
will ich ihn in der Nähe sehen, dann will ich seine Stimme hören, dann will ich
von ihm wissen, wie er sich zu unserer Heirat verhält. Worum ich ihn dann
vielleicht noch bitten werde, hängt vom Verlauf der Unterredung ab. Es kann
manches zur Sprache kommen, aber das wichtigste ist doch für mich, dass ich ihm
gegenüberstehe. Ich habe nämlich noch mit keinem wirklichen Beamten unmittelbar
gesprochen. Es scheint das schwerer zu erreichen zu sein, als ich glaubte. Nun
aber habe ich die Pflicht, mit ihm als einem Privatmann zu sprechen, und dieses
ist meiner Meinung nach viel leichter durchzusetzen. Als Beamten kann ich ihn
nur in seinem vielleicht unzugänglichen Büro sprechen, im Schloss oder, was schon
fraglich ist, im Herrenhof. Als Privatmann aber überall, im Haus, auf der
Strasse, wo es mir nur gelingt, ihm zu begegnen. Dass ich dann nebenbei auch den
Beamten mir gegenüber haben werde, werde ich gern hinnehmen, aber es ist nicht
mein erstes Ziel.«
    »Gut«, sagte die Wirtin und drückte ihr Gesicht in die Kissen, als sage sie
etwas Schamloses. »Wenn ich durch meine Verbindungen es erreiche, dass Ihre Bitte
um eine Unterredung zu Klamm geleitet wird, versprechen Sie mir, bis zum
Herabkommen der Antwort nichts auf eigene Faust zu unternehmen?«
    »Das kann ich nicht versprechen«, sagte K., »so gerne ich Ihre Bitte oder
Ihre Laune erfüllen wollte. Die Sache drängt nämlich, besonders nach dem
ungünstigen Ergebnis meiner Besprechung mit dem Vorsteher.«
    »Dieser Einwand entfällt«, sagte die Wirtin, »der Vorsteher ist eine ganz
belanglose Person. Haben Sie denn das nicht bemerkt? Er könnte keinen Tag in
seiner Stellung bleiben, wenn nicht seine Frau wäre, die alles führt.«
    »Mizzi?« fragte K. Die Wirtin nickte. »Sie war dabei«, sagte K.
    »Hat sie sich geäussert?« fragte die Wirtin.
    »Nein«, sagte K., »ich hatte aber auch nicht den Eindruck, dass sie das
könnte.«
    »Nun ja«, sagte die Wirtin, »so irrig sehen Sie hier alles an. Jedenfalls:
Was der Vorsteher über Sie verfügt hat, hat keine Bedeutung, und mit der Frau
werde ich gelegentlich reden. Und wenn ich Ihnen nun noch verspreche, dass die
Antwort Klamms spätestens in einer Woche kommen wird, haben Sie wohl keinen
Grund mehr, mir nicht nachzugeben.«
    »Das alles ist nicht entscheidend«, sagte K. »Mein Entschluss steht fest und
ich würde ihn auch auszuführen versuchen, wenn eine ablehnende Antwort käme.
Wenn ich aber diese Absicht von vornherein habe, kann ich doch nicht vorher um
die Unterredung bitten lassen. Was ohne die Bitte vielleicht ein kühner, aber
doch gutgläubiger Versuch bleibt, wäre nach einer ablehnenden Antwort offene
Widersetzlichkeit. Das wäre freilich viel schlimmer.«
    »Schlimmer?« sagte die Wirtin. »Widersetzlichkeit ist es auf jeden Fall. Und
nun tun Sie nach Ihrem Willen. Reichen Sie mir den Rock.«
    Ohne Rücksicht auf K. zog sie sich den Rock an und eilte in die Küche. Schon
seit längerer Zeit hörte man Unruhe von der Wirtsstube her. An das Guckfenster
war geklopft worden. Die Gehilfen hatten es einmal aufgestossen und
hereingerufen, dass sie Hunger hätten. Auch andere Gesichter waren dann dort
erschienen. Sogar einen leisen, aber mehrstimmigen Gesang hörte man.
    Freilich, K.s Gespräch mit der Wirtin hatte das Kochen des Mittagessens sehr
verzögert, es war noch nicht fertig, aber die Gäste waren versammelt. Immerhin
hatte niemand gewagt, gegen das Verbot der Wirtin die Küche zu betreten. Nun
aber, da die Beobachter am Guckfenster meldeten, die Wirtin komme schon, liefen
die Mägde gleich in die Küche, und als K. die Wirtsstube betrat, strömte die
erstaunlich zahlreiche Gesellschaft, mehr als zwanzig Leute, Männer und Frauen,
provinzmässig, aber nicht bäuerisch angezogen, vom Guckfenster, wo sie versammelt
gewesen waren, zu den Tischen, um sich Plätze zu sichern. Nur an einem kleinen
Tisch in einem Winkel sass schon ein Ehepaar mit einigen Kindern; der Mann, ein
freundlicher, blauäugiger Herr mit zerrauftem, grauem Haar und Bart, stand zu
den Kindern hinabgebeugt und gab mit einem Messer den Takt zu ihrem Gesang, den
er immerfort zu dämpfen bemüht war; vielleicht wollte er sie durch den Gesang
den Hunger vergessen machen. Die Wirtin entschuldigte sich vor der Gesellschaft
mit einigen gleichgültig hingesprochenen Worten, niemand machte ihr Vorwürfe.
Sie sah sich nach dem Wirt um, der sich aber vor der Schwierigkeit der Lage wohl
schon längst geflüchtet hatte. Dann ging sie langsam in die Küche; für K., der
zu Frieda in sein Zimmer eilte, hatte sie keinen Blick mehr.
                              Das siebente Kapitel
Oben traf K. den Lehrer. Das Zimmer war erfreulicherweise kaum wiederzuerkennen,
so fleissig war Frieda gewesen. Es war gut gelüftet worden, der Ofen reichlich
geheizt, der Fussboden gewaschen, das Bett geordnet, die Sachen der Mägde, dieser
hassenswerte Unrat, einschliesslich ihrer Bilder, waren verschwunden, der Tisch,
der einem früher, wohin man sich auch wendete, mit seiner schmutzüberkrusteten
Platte förmlich nachgestarrt hatte, war mit einer weissen, gestrickten Decke
überzogen. Nun konnte man schon Gäste empfangen; dass K.s kleiner Wäschevorrat,
den Frieda offenbar früh gewaschen hatte, beim Ofen zum Trocknen ausgehängt war,
störte wenig. Der Lehrer und Frieda waren bei Tisch gesessen, sie erhoben sich
bei K.s Eintritt. Frieda begrüsste K. mit einem Kuss, der Lehrer verbeugte sich
ein wenig. K., zerstreut und noch in der Unruhe des Gesprächs mit der Wirtin,
begann, sich zu entschuldigen, dass er den Lehrer bisher noch nicht hatte
besuchen können; es war so, als nehme er an, der Lehrer hätte, ungeduldig wegen
K.s Ausbleiben, nun selbst den Besuch gemacht. Der Lehrer aber, in seiner
gemessenen Art, schien sich nun erst selbst langsam zu erinnern, dass einmal
zwischen ihm und K. eine Art Besuch verabredet worden war. »Sie sind ja, Herr
Landvermesser«, sagte er langsam, »der Fremde, mit dem ich vor ein paar Tagen
auf dem Kirchplatz gesprochen habe.« - »Ja«, sagte K. kurz; was er damals in
seiner Verlassenheit geduldet hatte, musste er hier, in seinem Zimmer, sich nicht
gefallen lassen. Er wandte sich an Frieda und beriet sich mit ihr wegen eines
wichtigen Besuches, den er sofort zu machen habe und bei dem er möglichst gut
angezogen sein müsse. Frieda rief sofort, ohne K. weiter auszufragen, die
Gehilfen, die gerade mit der Untersuchung der neuen Tischdecke beschäftigt
waren, und befahl ihnen, K.s Kleider und Stiefel, die er gleich auszuziehen
begann, unten im Hof sorgfältig zu putzen. Sie selbst nahm ein Hemd von der
Schnur und lief in die Küche hinunter, um es zu bügeln.
    Jetzt war K. mit dem Lehrer, der wieder still beim Tisch sass, allein; er
liess ihn noch ein wenig warten, zog sich das Hemd aus und begann, sich beim
Waschbecken zu waschen. Erst jetzt, den Rücken dem Lehrer zugekehrt, fragte er
ihn nach dem Grund seines Kommens. »Ich komme im Auftrag des Herrn
Gemeindevorstehers«, sagte er. K. war bereit, den Auftrag zu hören. Da aber K.s
Worte in dem Wasserschwall schwer verständlich waren, musste der Lehrer näher
kommen und lehnte sich neben K. an die Wand. K. entschuldigte sein Waschen und
seine Unruhe mit der Dringlichkeit des beabsichtigten Besuches. Der Lehrer ging
darüber hinweg und sagte: »Sie waren unhöflich gegenüber dem Herrn
Gemeindevorsteher, diesem alten, verdienten, vielerfahrenen, ehrwürdigen Mann.«
- »Dass ich unhöflich gewesen wäre, weiss ich nicht«, sagte K., während er sich
abtrocknete, »dass ich aber an anderes zu denken hatte als an ein feines
Benehmen, ist richtig, denn es handelte sich um meine Existenz, die bedroht ist
durch eine schmachvolle amtliche Wirtschaft, deren Einzelheiten ich Ihnen nicht
darlegen muss, da Sie selbst ein tätiges Glied dieser Behörde sind. Hat sich der
Gemeindevorsteher über mich beklagt?« - »Wem gegenüber hätte er sich beklagen
sollen?« sagte der Lehrer. »Und selbst, wenn er jemanden hätte, würde er sich
denn jemals beklagen? Ich habe nur ein kleines Protokoll nach seinem Diktat über
Ihre Besprechung aufgesetzt und daraus über die Güte des Herrn Vorstehers und
über die Art Ihrer Antworten genug erfahren.«
    Während K. seinen Kamm suchte, den Frieda irgendwo eingeordnet haben musste,
sagte er: »Wie? Ein Protokoll? In meiner Abwesenheit nachträglich aufgesetzt von
jemandem, der gar nicht bei der Besprechung war? Das ist nicht übel. Und warum
denn ein Protokoll? War es denn eine amtliche Handlung?« - »Nein«, sagte der
Lehrer, »eine halbamtliche, auch das Protokoll ist nur halbamtlich; es wurde nur
gemacht, weil bei uns in allem strenge Ordnung sein muss. Jedenfalls liegt es nun
vor und dient nicht zu Ihrer Ehre.« K., der den Kamm, der ins Bett geglitten
war, endlich gefunden hatte, sagte ruhiger: »Mag es vorliegen. Sind Sie
gekommen, mir das zu melden?« - »Nein«, sagte der Lehrer, »aber ich bin kein
Automat und musste Ihnen meine Meinung sagen. Mein Auftrag dagegen ist ein
weiterer Beweis der Güte des Herrn Vorstehers; ich betone, dass mir diese Güte
unbegreiflich ist und dass ich nur unter dem Zwang meiner Stellung und in
Verehrung des Herrn Vorstehers den Auftrag ausführe.« K., gewaschen und gekämmt,
sass nun in Erwartung des Hemdes und der Kleider bei Tisch; er war wenig
neugierig auf das, was der Lehrer ihm brachte; auch war er beeinflusst von der
geringen Meinung, welche die Wirtin vom Vorsteher hatte. »Es ist wohl schon
Mittag vorüber?« fragte er in Gedanken an den Weg, den er vorhatte, dann
verbesserte er sich und sagte: »Sie wollten mir etwas vom Vorsteher ausrichten.«
- »Nun ja«, sagte der Lehrer mit einem Achselzucken, als schüttle er jede eigene
Verantwortung von sich ab. »Der Herr Vorsteher befürchtet, dass Sie, wenn die
Entscheidung Ihrer Angelegenheit zu lange ausbleibt, etwas Unbedachtes auf
eigene Faust tun werden. Ich für meinen Teil weiss nicht, warum er das
befürchtet; meine Ansicht ist, dass Sie doch am besten tun mögen, was Sie wollen.
Wir sind nicht Ihre Schutzengel und haben keine Verpflichtung, Ihnen auf allen
Ihren Wegen nachzulaufen. Nun gut. Der Herr Vorsteher ist anderer Meinung. Die
Entscheidung selbst, welche Sache der gräflichen Behörden ist, kann er freilich
nicht beschleunigen. Wohl aber will er in seinem Wirkungskreis eine vorläufige,
wahrhaftig generöse Entscheidung treffen, es liegt nur an Ihnen, sie anzunehmen:
Er bietet Ihnen vorläufig die Stelle eines Schuldieners an.« Darauf, was ihm
angeboten wurde, achtete K. zunächst kaum, aber die Tatsache, dass ihm etwas
angeboten wurde, schien ihm nicht bedeutungslos. Es deutete darauf hin, dass er
nach Ansicht des Vorstehers imstande war, um sich zu wehren, Dinge auszuführen,
vor denen sich zu schützen für die Gemeinde selbst gewisse Aufwendungen
rechtfertigte. Und wie wichtig man die Sache nahm! Der Lehrer, der hier schon
eine Zeitlang gewartet und vorher noch das Protokoll aufgesetzt hatte, musste ja
vom Vorsteher geradezu hergejagt worden sein. Als der Lehrer sah, dass er nun
doch K. nachdenklich gemacht hatte, fuhr er fort: »Ich machte meine
Einwendungen. Ich wies darauf hin, dass bisher kein Schuldiener nötig gewesen
sei; die Frau des Kirchendieners räumt von Zeit zu Zeit auf, und Fräulein Gisa,
die Lehrerin, beaufsichtigt es. Ich habe Plage genug mit den Kindern, ich will
mich nicht auch noch mit einem Schuldiener ärgern. Der Herr Vorsteher
entgegnete, dass es aber doch sehr schmutzig in der Schule sei. Ich erwiderte,
der Wahrheit gemäss, dass es nicht sehr arg sei. Und, fügte ich hinzu, wird es
dann besser werden, wenn wir den Mann als Schuldiener nehmen? Ganz gewiss nicht.
Abgesehen davon, dass er von solchen Arbeiten nichts versteht, hat doch das
Schulhaus nur zwei grosse Lehrzimmer ohne Nebenräume, der Schuldiener muss also
mit seiner Familie in einem der Lehrzimmer wohnen, schlafen, vielleicht gar
kochen, das kann natürlich die Reinlichkeit nicht vergrössern. Aber der Herr
Vorsteher verwies darauf, dass diese Stelle für Sie eine Rettung in der Not sei
und dass Sie daher sich mit allen Kräften bemühen werden, sie gut auszufüllen;
ferner meinte der Herr Vorsteher, gewinnen wir mit Ihnen auch noch die Kräfte
Ihrer Frau und Ihrer Gehilfen, so dass nicht nur die Schule, sondern auch der
Schulgarten in musterhafter Ordnung wird gehalten werden können. Das alles
widerlegte ich mit Leichtigkeit. Schliesslich konnte der Herr Vorsteher gar
nichts mehr zu Ihren Gunsten vorbringen, lachte und sagte nur, Sie seien doch
Landvermesser und würden daher die Beete im Schulgarten besonders schön gerade
ziehen können. Nun, gegen Spässe gibt es keine Einwände, und so ging ich mit dem
Auftrag zu Ihnen.« »Sie machen sich unnütze Sorgen, Herr Lehrer«, sagte K. »Es
fällt mir nicht ein, die Stelle anzunehmen.« »Vorzüglich«, sagte der Lehrer,
»vorzüglich, ganz ohne Vorbehalt lehnen Sie ab«, und er nahm den Hut, verbeugte
sich und ging.
    Gleich darauf kam Frieda mit verstörtem Gesicht herauf, das Hemd brachte sie
ungebügelt, Fragen beantwortete sie nicht; um sie zu zerstreuen, erzählte ihr K.
von dem Lehrer und dem Angebot; kaum hörte sie es, warf sie das Hemd auf das
Bett und lief wieder fort. Sie kam bald zurück, aber mit dem Lehrer, der
verdriesslich aussah und gar nicht grüsste. Frieda bat ihn um ein wenig Geduld -
offenbar hatte sie das auf dem Weg hierher schon einige Male getan -, zog dann
K. durch eine Seitentür, von der er gar nicht gewusst hatte, auf den benachbarten
Dachboden und erzählte dort schliesslich aufgeregt ausser Atem, was ihr geschehen
war. Die Wirtin, empört darüber, dass sie sich vor K. zu Geständnissen und, was
noch ärger war, zur Nachgiebigkeit hinsichtlich einer Unterredung Klamms mit K.
erniedrigt und nichts damit erreicht hatte als, wie sie sagte, kalte und
überdies unaufrichtige Abweisung, sei entschlossen, K. nicht mehr in ihrem Hause
zu dulden; habe er Verbindungen mit dem Schloss, so möge er sie nur schnell
ausnützen, denn noch heute, noch jetzt müsse er das Haus verlassen, und nur auf
direkten behördlichen Befehl und Zwang werde sie ihn wieder aufnehmen; doch
hoffe sie, dass es nicht dazu kommen werde, denn auch sie habe Verbindungen mit
dem Schloss und werde sie geltend zu machen verstehen. Übrigens sei er ja in das
Wirtshaus nur infolge der Nachlässigkeit des Wirtes gekommen und sei auch sonst
gar nicht in Not, denn noch heute morgen habe er sich eines für ihn
bereitstehenden Nachtlagers gerühmt. Frieda natürlich solle bleiben; wenn Frieda
mit K. ausziehen sollte, werde sie, die Wirtin, tief unglücklich sein, schon
unten in der Küche sei sie bei dem blossen Gedanken weinend neben dem Herd
zusammengesunken, die arme, herzleidende Frau! Aber wie könnte sie anders
handeln, jetzt, da es sich, in ihrer Vorstellung wenigstens, geradezu um die
Ehre von Klamms Andenken handle! So stehe es also mit der Wirtin. Frieda
freilich werde ihm, K., folgen, wohin er wolle, in Schnee und Eis, darüber sei
natürlich kein weiteres Wort zu verlieren, aber sehr schlimm sei doch ihrer
beider Lage jedenfalls, darum habe sie das Angebot des Vorstehers mit grosser
Freude begrüsst, sei es auch eine für K. nicht passende Stelle, so sei sie doch,
das werde ausdrücklich betont, eine nur vorläufige, man gewinne Zeit und werde
leicht andere Möglichkeiten finden, selbst wenn die endgültige Entscheidung
ungünstig ausfallen sollte. »Im Notfall«, rief schliesslich Frieda, schon an K.s
Hals, »wandern wir aus, was hält uns hier im Dorf? Vorläufig aber, nicht wahr,
Liebster, nehmen wir das Angebot an. Ich habe den Lehrer zurückgebracht, du
sagst ihm Angenommen, nichts weiter, und wir übersiedeln in die Schule.«
    »Das ist schlimm«, sagte K., ohne es aber ganz ernstaft zu meinen, denn die
Wohnung kümmerte ihn wenig, auch fror er sehr in seiner Unterwäsche hier auf dem
Dachboden, der, auf zwei Seiten ohne Wand und Fenster, scharf von kalter Luft
durchzogen wurde, »jetzt hast du das Zimmer so schön hergerichtet, und nun
sollen wir ausziehen! Ungern, ungern würde ich die Stelle annehmen, schon die
augenblickliche Demütigung vor diesem kleinen Lehrer ist mir peinlich, und nun
soll er gar mein Vorgesetzter werden. Wenn man nur noch ein Weilchen hierbleiben
könnte, vielleicht ändert sich meine Lage noch heute nachmittag. Wenn wenigstens
du hier bliebest, könnte man es abwarten und dem Lehrer nur eine unbestimmte
Antwort geben. Für mich finde ich immer ein Nachtlager, wenn es sein muss,
wirklich bei Bar...« Frieda verschloss ihm mit der Hand den Mund. »Das nicht«,
sagte sie ängstlich, »bitte, sage das nicht wieder. Sonst aber folge ich dir in
allem. Wenn du willst, bleibe ich allein hier, so traurig es für mich wäre. Wenn
du willst, lehnen wir den Antrag ab, so unrichtig das meiner Meinung nach wäre.
Denn sieh, wenn du eine andere Möglichkeit findest, gar noch heute nachmittag,
nun, so ist es selbstverständlich, dass wir die Stelle in der Schule sofort
aufgeben, niemand wird uns daran hindern. Und was die Demütigung vor dem Lehrer
betrifft, so lass mich dafür sorgen, dass es keine wird, ich selbst werde mit ihm
sprechen, du wirst nur stumm dabeistehen, und auch später wird es nicht anders
sein, niemals wirst du, wenn du nicht willst, selbst mit ihm sprechen müssen,
ich allein werde in Wirklichkeit seine Untergebene sein, und nicht einmal ich
werde es sein, denn ich kenne seine Schwächen. So ist also nichts verloren, wenn
wir die Stelle annehmen, vieles aber, wenn wir sie ablehnen; vor allem würdest
du wirklich auch nur für dich allein, wenn du nicht noch heute etwas vom Schloss
erreichst, nirgends, nirgends im Dorf ein Nachtlager finden, ein Nachtlager
nämlich, für das ich mich als deine künftige Frau nicht schämen müsste. Und wenn
du kein Nachtlager bekommst, willst du dann etwa von mir verlangen, dass ich hier
im warmen Zimmer schlafe, während ich weiss, dass du draussen in Nacht und Kälte
umherirrst?« K., der die ganze Zeit über, die Arme über der Brust gekreuzt, mit
den Händen seinen Rücken schlug, um sich ein wenig zu erwärmen, sagte: »Dann
bleibt nichts übrig, als anzunehmen. Komm!«
    Im Zimmer eilte er gleich zum Ofen; um den Lehrer kümmerte er sich nicht;
dieser sass beim Tisch, zog die Uhr hervor und sagte: »Es ist spät geworden.« -
»Dafür sind wir aber jetzt auch völlig einig, Herr Lehrer«, sagte Frieda. »Wir
nehmen die Stelle an.« - »Gut«, sagte der Lehrer, »aber die Stelle ist dem Herrn
Landvermesser angeboten. Er selbst muss sich äussern.« Frieda kam K. zu Hilfe.
»Freilich«, sagte sie, »er nimmt die Stelle an, nicht wahr, K.?« So konnte K.
seine Erklärung auf ein einfaches »Ja« beschränken, das nicht einmal an den
Lehrer, sondern an Frieda gerichtet war. »Dann«, sagte der Lehrer, »bleibt mir
nur noch übrig, Ihnen Ihre Dienstpflichten vorzuhalten, damit wir in dieser
Hinsicht ein für allemal einig sind; Sie haben, Herr Landvermesser, täglich
beide Schulzimmer zu reinigen und zu heizen, kleinere Reparaturen im Haus,
ferner an den Schul-und Turngeräten selbst vorzunehmen, den Weg durch den Garten
schneefrei zu halten, Botengänge für mich und das Fräulein Lehrerin zu machen
und in der wärmeren Jahreszeit alle Gartenarbeit zu besorgen. Dafür haben Sie
das Recht, nach Ihrer Wahl in einem der Schulzimmer zu wohnen; doch müssen Sie,
wenn nicht gleichzeitig in beiden Zimmern unterrichtet wird und Sie gerade in
dem Zimmer, in welchem unterrichtet wird, wohnen, natürlich in das andere Zimmer
übersiedeln. Kochen dürfen Sie in der Schule nicht, dafür werden Sie und die
Ihren auf Kosten der Gemeinde hier im Wirtshaus verpflegt. Dass Sie sich der
Würde der Schule gemäss verhalten müssen und dass insbesondere die Kinder, gar
während des Unterrichts, niemals etwa Zeugen unliebsamer Szenen in Ihrer
Häuslichkeit werden dürfen, erwähne ich nur nebenbei, denn als gebildeter Mann
müssen Sie das wissen. In Zusammenhang damit bemerke ich noch, dass wir darauf
bestehen müssen, dass Sie Ihre Beziehungen zu Fräulein Frieda möglichst bald
legitimieren. Über dies alles und noch einige Kleinigkeiten wird ein
Dienstvertrag aufgesetzt, den Sie gleich, wenn Sie ins Schulhaus einziehen,
unterzeichnen müssen.« K. erschien das alles unwichtig, so, als ob es ihn nicht
betreffe oder jedenfalls nicht binde; nur die Grosstuerei des Lehrers reizte ihn,
und er sagte leichtin: »Nun ja, es sind die üblichen Verpflichtungen.« Um diese
Bemerkung ein wenig zu verwischen, fragte Frieda nach dem Gehalt. »Ob Gehalt
gezahlt wird«, sagte der Lehrer, »wird erst nach einmonatigem Probedienst
erwogen werden.« - »Das ist aber hart für uns«, sagte Frieda. »Wir sollen fast
ohne Geld heiraten, unsere Hauswirtschaft aus nichts schaffen. Könnten wir nicht
doch, Herr Lehrer, durch eine Eingabe an die Gemeinde um ein kleines sofortiges
Gehalt bitten? Würden Sie dazu raten?« - »Nein«, sagte der Lehrer, der seine
Worte immer an K. richtete. »Einer solchen Eingabe würde nur entsprochen werden,
wenn ich es empfehle, und ich würde es nicht tun. Die Verleihung der Stelle ist
ja nur eine Gefälligkeit Ihnen gegenüber, und Gefälligkeiten muss man, wenn man
sich seiner öffentlichen Verantwortung bewusst bleibt, nicht zu weit treiben.«
Nun mischte sich aber doch K. ein, fast gegen seinen Willen. »Was die
Gefälligkeit betrifft, Herr Lehrer«, sagte er, »glaube ich, dass Sie irren. Diese
Gefälligkeit ist vielleicht eher auf meiner Seite.« - »Nein«, sagte der Lehrer
lächelnd, nun hatte er doch K. zum Reden gezwungen. »Darüber bin ich genau
unterrichtet. Wir brauchen den Schuldiener etwa so dringend wie den
Landvermesser. Schuldiener wie Landvermesser, es ist eine Last an unserem Halse.
Es wird mich noch viel Nachdenken kosten, wie ich die Ausgaben vor der Gemeinde
begründen soll. Am besten und wahrheitsgemässesten wäre es, die Forderung nur auf
den Tisch zu werfen und gar nicht zu begründen.« - »So meine ich es ja«, sagte
K., »gegen Ihren Willen müssen Sie mich aufnehmen. Obwohl es Ihnen schweres
Nachdenken verursacht, müssen Sie mich aufnehmen. Wenn nun jemand genötigt ist,
einen anderen aufzunehmen, und dieser andere sich aufnehmen lässt, so ist er es
doch, der gefällig ist.« - »Sonderbar«, sagte der Lehrer, »was sollte uns
zwingen, Sie aufzunehmen? Des Herrn Vorstehers gutes, übergutes Herz zwingt uns.
Sie werden, Herr Landvermesser, das sehe ich wohl, manche Phantasien aufgeben
müssen, ehe Sie ein brauchbarer Schuldiener werden. Und für die Gewährung eines
eventuellen Gehaltes machen natürlich solche Bemerkungen wenig Stimmung. Auch
merke ich leider, dass mir Ihr Benehmen noch viel zu schaffen geben wird; die
ganze Zeit über verhandeln Sie ja mit mir - ich sehe es immerfort an und glaube
es fast nicht - in Hemd und Unterhosen.« - »Ja«, rief K. lachend und schlug in
die Hände, »die entsetzlichen Gehilfen! Wo bleiben sie denn?« Frieda eilte zur
Tür; der Lehrer, der merkte, dass nun K. für ihn nicht mehr zu sprechen war,
fragte Frieda, wann sie in die Schule einziehen würden. »Heute«, sagte Frieda.
»Dann komme ich morgen früh revidieren«, sagte der Lehrer, grüsste durch
Handwinken, wollte durch die Tür, die Frieda für sich geöffnet hatte,
hinausgehen, stiess aber mit den Mägden zusammen, die schon mit ihren Sachen
kamen, um sich im Zimmer wieder einzurichten. Er musste zwischen ihnen, die vor
niemandem zurückgewichen wären, durchschlüpfen, Frieda folgte ihm. »Ihr habt es
aber eilig«, sagte K., der diesmal sehr zufrieden mit ihnen war, »wir sind noch
hier, und ihr müsst schon einrücken?« Sie antworteten nicht und drehten nur
verlegen ihre Bündel, aus denen K. die wohlbekannten schmutzigen Fetzen
hervorhängen sah. »Ihr habt wohl euere Sachen noch niemals gewaschen«, sagte K.,
es war nicht böse, sondern mit einer gewissen Zuneigung gesagt. Sie merkten es,
öffneten gleichzeitig ihren harten Mund, zeigten die schönen, starken,
tiermässigen Zähne und lachten lautlos. »Nun kommt«, sagte K., »richtet euch ein,
es ist ja euer Zimmer.« Als sie aber noch immer zögerten - - ihr Zimmer schien
ihnen wohl allzusehr verwandelt -, nahm K. eine beim Arm, um sie weiterzuführen.
Aber er liess sie gleich los, so erstaunt war beider Blick, den sie, nach einer
kurzen gegenseitigen Verständigung, nun nicht mehr von K. wandten. »Jetzt habt
ihr mich aber lange genug angesehen«, sagte K., irgendein unangenehmes Gefühl
abwehrend, nahm Kleider und Stiefel, die eben Frieda, schüchtern von den
Gehilfen gefolgt, gebracht hatte, und zog sich an. Unbegreiflich war ihm immer,
und jetzt wieder, die Geduld, die Frieda mit den Gehilfen hatte. Sie hatte sie,
die doch die Kleider im Hof hätten putzen sollen, nach längerem Suchen friedlich
unten beim Mittagessen gefunden, die ungeputzten Kleider vor sich
zusammengepresst auf dem Schoss, sie hatte dann selbst alles putzen müssen; und
doch zankte sie, die gemeines Volk gut zu beherrschen wusste, gar nicht mit
ihnen, erzählte überdies in ihrer Gegenwart von ihrer grossen Nachlässigkeit wie
von einem kleinen Scherz und klopfte gar noch dem einen leicht, wie
schmeichelnd, auf die Wange. K. wollte ihr nächstens darüber Vorhaltungen
machen. Jetzt aber war es höchste Zeit, wegzugehen. »Die Gehilfen bleiben hier,
dir bei der Übersiedlung zu helfen«, sagte K. Sie waren allerdings nicht damit
einverstanden; satt und fröhlich, wie sie waren, hätten sie sich gern ein wenig
Bewegung gemacht. Erst als Frieda sagte: »Gewiss, ihr bleibt hier«, fügten sie
sich. »Weisst du, wohin ich gehe?« fragte K. »Ja«, sagte Frieda. »Und du hältst
mich also nicht mehr zurück?« fragte K. »Du wirst so viele Hindernisse finden«,
sagte sie, »was würde da mein Wort bedeuten!« Sie küsste K. zum Abschied, gab
ihm, da er nicht zu Mittag gegessen hatte, ein Päckchen mit Brot und Wurst, das
sie von unten für ihn mitgebracht hatte, erinnerte ihn daran, dass er dann nicht
mehr hierher, sondern gleich in die Schule kommen solle, und begleitete ihn, die
Hand auf seiner Schulter, bis vor die Tür hinaus.
 
                               Das achte Kapitel
Zunächst war K. froh, dem Gedränge der Mägde und Gehilfen in dem warmen Zimmer
entgangen zu sein. Auch fror es ein wenig, der Schnee war fester, das Gehen
leichter. Nur fing es freilich schon zu dunkeln an, und er beschleunigte die
Schritte.
    Das Schloss, dessen Umrisse sich schon aufzulösen begannen, lag still wie
immer, niemals noch hatte K. dort das geringste Zeichen von Leben gesehen,
vielleicht war es gar nicht möglich, aus dieser Ferne etwas zu erkennen, und
doch verlangten es die Augen und wollten die Stille nicht dulden. Wenn K. das
Schloss ansah, so war es ihm manchmal, als beobachte er jemanden, der ruhig
dasitze und vor sich hinsehe, nicht etwa in Gedanken verloren und dadurch gegen
alles abgeschlossen, sondern frei und unbekümmert, so, als sei er allein und
niemand beobachte ihn, und doch musste er merken, dass er beobachtet wurde, aber
es rührte nicht im geringsten an seiner Ruhe, und wirklich - man wusste nicht,
war es Ursache oder Folge -, die Blicke des Beobachters konnten sich nicht
festalten und glitten ab. Dieser Eindruck wurde heute noch verstärkt durch das
frühe Dunkel; je länger er hinsah, desto weniger erkannte er, desto tiefer sank
alles in Dämmerung.
    Gerade als K. zu dem noch unbeleuchteten Herrenhof kam, öffnete sich ein
Fenster im ersten Stock, ein junger, dicker, glattrasierter Herr im Pelzrock
beugte sich heraus und blieb dann im Fenster. K.s Gruss schien er auch nicht mit
dem leichtesten Kopfnicken zu beantworten. Weder im Flur noch im Ausschank traf
K. jemanden, der Geruch von abgestandenem Bier war noch schlimmer als letztin,
etwas Derartiges kam wohl im Wirtshaus »Zur Brücke« nicht vor. K. ging sofort zu
der Tür, durch die er letztin Klamm beobachtet hatte, drückte vorsichtig die
Klinke nieder, aber die Tür war versperrt; dann suchte er die Stelle zu
ertasten, wo das Guckloch war, aber der Verschluss war wahrscheinlich so gut
eingepasst, dass er die Stelle auf diese Weise nicht finden konnte, er zündete
deshalb ein Streichholz an. Da wurde er durch einen Schrei erschreckt. In dem
Winkel zwischen Tür und Kredenztisch, nahe beim Ofen, sass zusammengeduckt ein
junges Mädchen und starrte ihn in dem Aufleuchten des Streichholzes mit mühsam
geöffneten, schlaftrunkenen Augen an. Es war offenbar die Nachfolgerin Friedas.
Sie fasste sich bald, drehte das elektrische Licht an, der Ausdruck ihres
Gesichtes war noch böse, da erkannte sie K. »Ah, der Herr Landvermesser«, sagte
sie lächelnd, reichte ihm die Hand und stellte sich vor: »Ich heisse Pepi.« Sie
war klein, rot, gesund, das üppige, rötlichblonde Haar war in einen starken Zopf
geflochten, ausserdem krauste es sich rund um das Gesicht, sie hatte ein ihr sehr
wenig passendes, glatt niederfallendes Kleid aus grauglänzendem Stoff, unten war
es kindlich ungeschickt von einem in eine Masche endigenden Seidenband
zusammengezogen, so dass es sie beengte. Sie erkundigte sich nach Frieda, und ob
sie nicht bald zurückkommen werde. Das war eine Frage, die nahe an Boshaftigkeit
grenzte. »Ich bin«, sagte sie dann, »gleich nach Friedas Weggang in Eile hierher
berufen worden, weil man doch nicht eine Beliebige hier verwenden kann, ich war
bis jetzt Zimmermädchen, aber es ist kein guter Tausch, den ich gemacht habe.
Viel Abend- und Nachtarbeit ist hier, das ist sehr ermüdend, ich werde es kaum
ertragen, ich wundere mich nicht, dass Frieda es aufgegeben hat.« - »Frieda war
hier sehr zufrieden«, sagte K., um Pepi endlich auf den Unterschied aufmerksam
zu machen, der zwischen ihr und Frieda bestand und den sie vernachlässigte.
»Glauben Sie ihr nicht«, sagte Pepi. »Frieda kann sich beherrschen wie nicht
leicht jemand. Was sie nicht gestehen will, gesteht sie nicht, und dabei merkt
man gar nicht, dass sie etwas zu gestehen hätte. Ich diene doch jetzt hier schon
einige Jahre mit ihr, immer haben wir zusammen in einem Bett geschlafen, aber
vertraut bin ich mit ihr nicht, gewiss denkt sie heute schon nicht mehr an mich.
Ihre einzige Freundin vielleicht ist die alte Wirtin aus dem Brückengastaus,
und das ist doch auch bezeichnend.« - »Frieda ist meine Braut«, sagte K. und
suchte nebenbei die Gucklochstelle in der Tür. »Ich weiss«, sagte Pepi, »deshalb
erzähle ich es ja. Sonst hätte es doch für Sie keine Bedeutung.« - »Ich
verstehe«, sagte K. »Sie meinen, dass ich stolz darauf sein kann, ein so
verschlossenes Mädchen für mich gewonnen zu haben.« - »Ja«, sagte sie und lachte
zufrieden, so, als habe sie K. zu einem geheimen Einverständnis hinsichtlich
Friedas gewonnen.
    Aber es waren nicht eigentlich ihre Worte, die K. beschäftigten und ein
wenig vom Suchen ablenkten, sondern ihre Erscheinung war es und ihr
Vorhandensein an dieser Stelle. Freilich, sie war viel jünger als Frieda, fast
kindlich noch, und ihre Kleidung war lächerrlich, sie hatte sich offenbar
angezogen entsprechend den übertriebenen Vorstellungen, die sie von der
Bedeutung eines Ausschankmädchens hatte. Und diese Vorstellungen hatte sie gar
noch in ihrer Art mit Recht, denn die Stellung, für die sie noch gar nicht
passte, war wohl unverhofft und unverdient und nur vorläufig ihr zuteil geworden,
nicht einmal das Ledertäschchen, das Frieda immer im Gürtel getragen hatte,
hatte man ihr anvertraut. Und ihre angebliche Unzufriedenheit mit der Stellung
war nichts als Überhebung. Und doch, trotz ihrem kindlichen Unverstand hatte
auch sie wahrscheinlich Beziehungen zum Schloss; sie war ja, wenn sie nicht log,
Zimmermädchen gewesen; ohne von ihrem Besitz zu wissen, verschlief sie hier die
Tage, aber eine Umarmung dieses kleinen, dicken, ein wenig rundrückigen Körpers
konnte ihr zwar den Besitz nicht entreissen, konnte aber an ihn rühren und
aufmuntern für den schweren Weg. Dann war es vielleicht nicht anders als bei
Frieda? O doch, es war anders. Man musste nur an Friedas Blick denken, um das zu
verstehen. Niemals hätte K. Pepi angerührt. Aber doch musste er jetzt für ein
Weilchen seine Augen bedecken, so gierig sah er sie an.
    »Es muss ja nicht angezündet sein«, sagte Pepi und drehte das Licht wieder
aus, »ich habe nur angezündet, weil Sie mich so sehr erschreckt haben. Was
wollen Sie denn hier? Hat Frieda etwas vergessen?« - »Ja«, sagte K. und zeigte
auf die Tür, »hier im Zimmer nebenan eine Tischdecke, eine weisse, gestrickte.« -
»Ja, ihre Tischdecke«, sagte Pepi, »ich erinnere mich, eine schöne Arbeit, ich
habe ihr dabei geholfen, aber in diesem Zimmer ist sie wohl kaum.« - »Frieda
glaubt es. Wer wohnt denn hier?« fragte K. »Niemand«, sagte Pepi. »Es ist das
Herrenzimmer, hier trinken und essen die Herren, das heisst, es ist dafür
bestimmt, aber die meisten bleiben oben in ihren Zimmern.« - »Wenn ich wüsste«,
sagte K., »dass jetzt nebenan niemand ist, würde ich sehr gerne hineingehen und
die Decke suchen. Aber es ist eben unsicher; Klamm, zum Beispiel, pflegt oft
dort zu sitzen.« - »Klamm ist jetzt gewiss nicht dort«, sagte Pepi, »er fährt ja
gleich weg, der Schlitten wartet schon im Hof.«
    Sofort, ohne ein Wort der Erklärung, verliess K. den Ausschank, wandte sich
im Flur anstatt zum Ausgang gegen das Innere des Hauses und hatte nach wenigen
Schritten den Hof erreicht. Wie still und schön es hier war! Ein viereckiger
Hof, auf drei Seiten vom Hause, gegen die Strasse zu - eine Nebenstrasse, die K.
nicht kannte - von einer hohen, weissen Mauer mit einem grossen, schweren, jetzt
offenen Tor begrenzt. Hier, auf der Hofseite, schien das Haus höher als auf der
Vorderseite, wenigstens war der erste Stock vollständig ausgebaut und hatte ein
grösseres Ansehen, denn er war von einer hölzernen, bis auf einen kleinen Spalt
in Augenhöhe geschlossenen Galerie umlaufen. K. schief gegenüber, noch im
Mitteltrakt, aber schon im Winkel, wo sich der gegenüberliegende Seitenflügel
anschloss, war ein Eingang ins Haus, offen, ohne Tür. Davor stand ein dunkler,
geschlossener, mit zwei Pferden bespannter Schlitten. Bis auf den Kutscher, den
K. auf die Entfernung hin jetzt in der Dämmerung mehr vermutete als erkannte,
war niemand zu sehen.
    Die Hände in den Taschen, vorsichtig sich umschauend, nahe an der Mauer,
umging K. zwei Seiten des Hofes, bis er beim Schlitten war. Der Kutscher, einer
jener Bauern, die letztin im Ausschank gewesen waren, hatte ihn, im Pelz
versunken, teilnahmslos herankommen sehen, so wie man etwa den Weg einer Katze
verfolgt. Auch als K. schon bei ihm stand, grüsste, und sogar die Pferde ein
wenig unruhig wurden wegen des aus dem Dunkel auftauchenden Mannes, blieb er
gänzlich unbekümmert. Das war K. sehr willkommen. Angelehnt an die Mauer, packte
er sein Essen aus, gedachte dankbar Friedas, die ihn so gut versorgt hatte, und
spähte dabei in das Innere des Hauses. Eine rechtwinklig gebrochene Treppe
führte herab und war unten von einem niedrigen, aber scheinbar tiefen Gang
gekreuzt; alles war rein, weiss getüncht, scharf und gerade abgegrenzt.
    Das Warten dauerte länger, als K. gedacht hatte. Längst schon war er mit dem
Essen fertig, die Kälte war empfindlich, aus der Dämmerung war schon völlige
Finsternis geworden, und Klamm kam immer noch nicht. »Das kann noch sehr lange
dauern«, sagte plötzlich eine rauhe Stimme so nahe bei K., dass er zusammenfuhr.
Es war der Kutscher, der, wie aufgewacht, sich streckte und laut gähnte. »Was
kann denn lange dauern?« fragte K., nicht undankbar wegen der Störung, denn die
fortwährende Stille und Spannung war schon lästig gewesen. »Ehe Sie weggehen
werden«, sagte der Kutscher. K. verstand ihn nicht, fragte aber nicht weiter, er
glaubte auf diese Weise den Hochmütigen am besten zum Reden zu bringen. Ein
Nichtantworten hier in der Finsternis war fast aufreizend. Und tatsächlich
fragte der Kutscher nach einem Weilchen: »Wollen Sie Kognak?« - »Ja«, sagte K.
unüberlegt, durch das Angebot allzusehr verlockt, denn ihn fröstelte. »Dann
machen Sie den Schlitten auf«, sagte der Kutscher, »in der Seitentasche sind
einige Flaschen, nehmen Sie eine, trinken Sie und reichen Sie sie mir dann. Mir
ist es wegen des Pelzes zu beschwerlich hinunterzusteigen.« Es verdross K.,
solche Handreichungen zu machen, aber da er sich nun mit dem Kutscher schon
eingelassen hatte, gehorchte er, selbst auf die Gefahr hin, beim Schlitten etwa
von Klamm überrascht zu werden. Er öffnete die breite Tür und hätte gleich aus
der Tasche, welche auf der Innenseite der Tür angebracht war, die Flasche
herausziehen können, aber da nun die Tür offen war, trieb es ihn so sehr in das
Innere des Schlittens, dass er nicht widerstehen konnte, nur einen Augenblick
lang wollte er darin sitzen. Er huschte hinein. Ausserordentlich war die Wärme im
Schlitten, und sie blieb so, obwohl die Tür, die K. nicht zu schliessen wagte,
weit offen war. Man wusste gar nicht, ob man auf einer Bank sass, sosehr lag man
in Decken, Polstern und Pelzen; nach allen Seiten konnte man sich drehen und
strecken, immer versank man weich und warm. Die Arme ausgebreitet, den Kopf
durch Polster gestützt, die immer bereit waren, blickte K. aus dem Schlitten in
das dunkle Haus. Warum dauerte es so lange, ehe Klamm herunterkam? Wie betäubt
von der Wärme nach dem langen Stehen im Schnee, wünschte K., dass Klamm endlich
komme. Der Gedanke, dass er in seiner jetzigen Lage von Klamm lieber nicht
gesehen werden sollte, kam ihm nur undeutlich, als leise Störung, zu Bewusstsein.
Unterstützt in dieser Vergesslichkeit wurde er durch das Verhalten des Kutschers,
der doch wissen musste, dass er im Schlitten war, und ihn dort liess, sogar ohne
den Kognak von ihm zu fordern. Das war rücksichtsvoll, aber K. wollte ihn ja
bedienen. Schwerfällig, ohne seine Lage zu verändern, langte er nach der
Seitentasche, aber nicht in der offenen Tür, die zu weit entfernt war, sondern
hinter sich in die geschlossene, nun, es war gleichgültig, auch in dieser waren
Flaschen. Er holte eine hervor, schraubte den Verschluss auf und roch dazu,
unwillkürlich musste er lächeln, der Geruch war so süss, so schmeichelnd, so wie
man von jemand, den man sehr lieb hat, Lob und gute Worte hört und gar nicht
genau weiss, worum es sich handelt, und es gar nicht wissen will und nur
glücklich ist in dem Bewusstsein, dass er es ist der so spricht. »Sollte das
Kognak sein?« fragte sich K. zweifelnd und kostete aus Neugier. Doch, es war
Kognak, merkwürdigerweise, und brannte und wärmte. Wie es sich beim Trinken
verwandelte, aus etwas, das fast nur Träger süssen Duftes war, in ein
kutschermässiges Getränk! »Ist es möglich?« fragte sich K., wie vorwurfsvoll
gegen sich selbst, und trank noch einmal.
    Da - K. war gerade in einem langen Schluck befangen - wurde es hell, das
elektrische Licht brannte, innen auf der Treppe, im Gange, im Flur, aussen über
dem Eingang. Man hörte Schritte die Treppe herabkommen, die Flasche entfiel K.s
Hand, der Kognak ergoss sich über einen Pelz, K. sprang aus dem Schlitten, gerade
hatte er noch die Tür zuschlagen können, was einen dröhnenden Lärm gab, als kurz
darauf ein Herr langsam aus dem Hause trat. Das einzig Tröstliche schien, dass es
nicht Klamm war, oder war gerade dieses zu bedauern? Es war der Herr, den K.
schon im Fenster des ersten Stockes gesehen hatte. Ein junger Herr, äusserst
wohlaussehend, weiss und rot, aber sehr ernst. Auch K. sah ihn düster an, aber er
meinte sich selbst mit diesem Blick. Hätte er doch lieber seine Gehilfen
hergeschickt; sich so zu benehmen, wie er es getan hatte, hätten auch sie
verstanden. Ihm gegenüber der Herr schwieg noch, so, als hätte er für das zu
Sagende nicht genug Atem in seiner überbreiten Brust. »Das ist ja entsetzlich«,
sagte er dann und schob seinen Hut ein wenig aus der Stirn. Wie? Der Herr wusste
doch wahrscheinlich nichts von K.s Aufentalt im Schlitten und fand schon irgend
etwas entsetzlich? Etwa dass K. bis in den Hof gedrungen war? »Wie kommen Sie
denn hierher?« fragte der Herr schon leiser, schon ausatmend, sich ergebend in
das Unabänderliche. Was für Fragen! Was für Antworten! Sollte etwa K. noch
ausdrücklich selbst dem Herrn bestätigen, dass sein mit soviel Hoffnungen
begonnener Weg vergebens gewesen war? Statt zu antworten, wandte sich K. zum
Schlitten, öffnete ihn und holte seine Mütze, die er darin vergessen hatte. Mit
Unbehagen merkte er, wie der Kognak auf das Trittbrett tropfte.
    Dann wandte er sich wieder dem Herrn zu; ihm zu zeigen, dass er im Schlitten
gewesen war, hatte er nun keine Bedenken mehr, es war auch nicht das schlimmste;
wenn er gefragt würde, allerdings nur dann, wollte er nicht verschweigen, dass
ihn der Kutscher selbst zumindest zum Öffnen des Schlittens veranlasst hatte. Das
eigentlich Schlimme aber war ja, dass ihn der Herr überrascht hatte, dass nicht
genug Zeit mehr gewesen war, sich vor ihm zu verstecken, um dann ungestört auf
Klamm warten zu können, oder dass er nicht genug Geistesgegenwart gehabt hatte,
im Schlitten zu bleiben, die Tür zu schliessen und dort auf den Pelzen Klamm zu
erwarten oder dort wenigstens zu bleiben, solange dieser Herr in der Nähe war.
Freilich, er hatte ja nicht wissen können, ob nicht vielleicht doch schon jetzt
Klamm selbst komme, in welchem Fall es natürlich viel besser gewesen wäre, ihn
ausserhalb des Schlittens zu empfangen. Ja, es war mancherlei hier zu bedenken
gewesen, jetzt aber gar nichts mehr, denn es war zu Ende.
    »Kommen Sie mit mir«, sagte der Herr, nicht eigentlich befehlend, aber der
Befehl lag nicht in den Worten, sondern in einem sie begleitenden kurzen,
absichtlich gleichgültigen Schwenken der Hand. »Ich warte hier auf jemanden«,
sagte K., nicht mehr in Hoffnung auf irgendeinen Erfolg, sondern nur
grundsätzlich. »Kommen Sie«, sagte der Herr nochmals ganz unbeirrt, so, als
wolle er zeigen, dass er niemals daran gezweifelt habe, dass K. auf jemanden
warte. »Aber ich verfehle dann den, auf den ich warte«, sagte K. mit einem
Zucken des Körpers. Trotz allem, was geschehen war, hatte er das Gefühl, dass
das, was er bisher erreicht hatte, eine Art Besitz war, den er zwar nur noch
scheinbar festielt, aber doch nicht auf einen beliebigen Befehl hin ausliefern
musste. »Sie verfehlen ihn auf jeden Fall, ob Sie warten oder gehen«, sagte der
Herr, zwar schroff in seiner Meinung, aber auffallend nachgiebig für K.s
Gedankengang. »Dann will ich ihn lieber beim Warten verfehlen«, sagte K.
trotzig, durch blosse Worte dieses jungen Herrn würde er sich gewiss nicht von
hier vertreiben lassen. Darauf schloss der Herr mit einem überlegenen Ausdruck
des zurückgelehnten Gesichtes für ein Weilchen die Augen, so, als wolle er von
K.s Unverständigkeit wieder zu seiner eigenen Vernunft zurückkehren, umlief mit
der Zungenspitze die Lippen des ein wenig geöffneten Mundes und sagte dann zum
Kutscher: »Spannen Sie die Pferde aus.«
    Der Kutscher, ergeben dem Herrn, aber mit einem bösen Seitenblick auf K.,
musste nun doch im Pelz heruntersteigen und begann, sehr zögernd, so, als erwarte
er nicht vom Herrn einen Gegenbefehl, aber von K. eine Sinnesänderung, die
Pferde mit dem Schlitten rückwärts näher zum Seitenflügel zurückzuführen, in
welchem offenbar hinter einem grossen Tor der Stall mit dem Wagenschuppen
untergebracht war. K. sah sich allein zurückbleiben; auf der einen Seite
entfernte sich der Schlitten, auf der anderen, auf dem Weg, den K. gekommen war,
der junge Herr, beide allerdings sehr langsam, so, als wollten sie K. zeigen,
dass es noch in seiner Macht gelegen sei, sie zurückzuholen.
    Vielleicht hatte er diese Macht, aber sie hätte ihm nichts nützen können;
den Schlitten zurückzuholen bedeutete sich selbst zu vertreiben. So blieb er
still als einziger, der den Platz behauptete, aber es war ein Sieg, der keine
Freude machte. Abwechselnd sah er dem Herrn und dem Kutscher nach. Der Herr
hatte schon die Tür erreicht, durch die K. zuerst den Hof betreten hatte, noch
einmal blickte er zurück, K. glaubte ihn den Kopf schütteln zu sehen über soviel
Hartnäckigkeit, dann wandte er sich mit einer entschlossenen, kurzen,
endgültigen Bewegung um und betrat den Flur, in dem er gleich verschwand. Der
Kutscher blieb länger auf dem Hof, er hatte viel Arbeit mit dem Schlitten, er
musste das schwere Stalltor aufmachen, durch Rückwärtsfahren den Schlitten an
seinen Ort bringen, die Pferde ausspannen, zu ihrer Krippe führen, das alles
machte er ernst, ganz in sich gekehrt, ohne jede Hoffnung auf eine baldige
Fahrt; dieses schweigende Hantieren ohne jeden Seitenblick auf K. schien diesem
ein viel härterer Vorwurf zu sein als das Verhalten des Herrn. Und als nun, nach
Beendigung der Arbeit im Stall, der Kutscher quer über den Hof ging, in seinem
langsamen, schaukelnden Gang, das grosse Tor zumachte, dann zurückkam, alles
langsam und förmlich nur in Betrachtung seiner eigenen Spur im Schnee, dann sich
im Stall einschloss und nun auch alles elektrische Licht verlöschte - wem hätte
es leuchten sollen? - und nur noch oben der Spalt in der Holzgalerie hell blieb
und den irrenden Blick ein wenig festielt da schien es K., als habe man nun
alle Verbindung mit ihm abgebrochen und als sei er nun freilich freier als
jemals und könne hier auf dem ihm sonst verbotenen Ort warten, solange er wolle,
und habe sich diese Freiheit erkämpft, wie kaum ein anderer es könnte, und
niemand dürfe ihn anrühren oder vertreiben, ja kaum ansprechen; aber - diese
Überzeugung war zumindest ebenso stark - als gäbe es gleichzeitig nichts
Sinnloseres, nichts Verzweifelteres als diese Freiheit, dieses Warten, diese
Unverletzlichkeit.
 
                               Das neunte Kapitel
Und er riss sich los und ging ins Haus zurück, diesmal nicht an der Mauer
entlang, sondern mitten durch den Schnee, traf im Flur den Wirt, der ihn stumm
grüsste und auf die Tür des Ausschanks zeigte, folgte dem Wink, weil ihn fror und
weil er Menschen sehen wollte, war aber sehr enttäuscht, als er dort an einem
Tischchen, das wohl eigens hingestellt worden war, denn sonst begnügte man sich
dort mit Fässern, den jungen Herrn sitzen und vor ihm - ein für K. bedrückender
Anblick - die Wirtin aus dem Brückengastaus stehen sah. Pepi, stolz, mit
zurückgeworfenem Kopf, ewig gleichem Lächeln, ihrer Würde unwiderlegbar sich
bewusst, schwenkend den Zopf bei jeder Wendung, eilte hin und wieder, brachte
Bier und dann Tinte und Feder, denn der Herr hatte Papiere vor sich
ausgebreitet, verglich Daten, die er einmal in diesem, dann wieder einmal in
einem Papiere am anderen Ende des Tisches fand, und wollte nun schreiben. Die
Wirtin, von ihrer Höhe, überblickte still, mit ein wenig aufgestülpten Lippen,
wie ausruhend, den Herrn und die Papiere, so, als habe sie schon alles Nötige
gesagt und es sei gut aufgenommen worden. »Der Herr Landvermesser, endlich«,
sagte der Herr bei K.s Eintritt mit kurzem Aufschauen, dann vertiefte er sich
wieder in seine Papiere. Auch die Wirtin streifte K. nur mit einem
gleichgültigen, gar nicht überraschten Blick. Pepi aber schien K. überhaupt erst
zu bemerken, als er zum Ausschankpult trat und einen Kognak bestellte.
    K. lehnte dort, drückte die Hand an die Augen und kümmerte sich um nichts.
Dann nippte er von dem Kognak und schob ihn zurück, weil er ungeniessbar sei.
»Alle Herren trinken ihn«, sagte Pepi kurz, goss den Rest aus, wusch das Gläschen
und stellte es ins Regal. »Die Herren haben auch besseren«, sagte K. »Möglich«,
sagte Pepi, »ich aber nicht.« Damit hatte sie K. erledigt und war wieder dem
Herrn zu Diensten, der aber nichts benötigte und hinter dem sie nur im Bogen
immerfort auf und ab ging, mit respektvollen Versuchen, über seine Schultern
hinweg einen Blick auf die Papiere zu werfen; es war aber nur wesenlose Neugier
und Grosstuerei, welche auch die Wirtin mit zusammengezogenen Augenbrauen
missbilligte.
    Plötzlich aber horchte die Wirtin auf und starrte, ganz dem Horchen
hingegeben, ins Leere. K. drehte sich um, er hörte gar nichts Besonderes, auch
die anderen schienen nichts zu hören, aber die Wirtin lief auf den Fussspitzen
mit grossen Schritten zu der Tür im Hintergrund, die in den Hof führte, blickte
durchs Schlüsselloch, wandte sich dann zu den anderen mit aufgerissenen Augen,
erhitztem Gesicht, winkte sie mit dem Finger zu sich, und nun blickten sie
abwechselnd durch, der Wirtin blieb zwar der grösste Anteil, aber auch Pepi wurde
immer bedacht, der Herr war der verhältnismässig Gleichgültigste. Pepi und der
Herr kamen auch bald zurück, nur die Wirtin sah noch immer angestrengt hindurch,
tief gebückt, fast kniend, man hatte fast den Eindruck, als beschwöre sie jetzt
nur noch das Schlüsselloch, sie durchzulassen, denn zu sehen war wohl schon
längst nichts mehr. Als sie sich dann endlich doch erhob, mit den Händen das
Gesicht überfuhr, die Haare ordnete, tief Atem holte, die Augen scheinbar erst
wieder an das Zimmer und die Leute hier gewöhnen musste und es mit Widerwillen
tat, sagte K., nicht um sich etwas bestätigen zu lassen, was er wusste, sondern
um einem Angriff zuvorzukommen, den er fast fürchtete, so verletzlich war er
jetzt: »Ist also Klamm schon fortgefahren?« Die Wirtin ging stumm an ihm
vorüber, aber der Herr sagte von seinem Tischchen her: »Ja, gewiss. Da Sie Ihren
Wachtposten aufgegeben hatten, konnte ja Klamm fahren. Aber wunderbar ist es,
wie empfindlich der Herr ist. Bemerkten Sie, Frau Wirtin, wie unruhig Klamm
ringsumher sah?« Die Wirtin schien das nicht bemerkt zu haben, aber der Herr
fuhr fort: »Nun, glücklicherweise war ja nichts mehr zu sehen, der Kutscher
hatte auch die Fussspuren im Schnee glattgekehrt.« - »Die Frau Wirtin hat nichts
bemerkt«, sagte K., aber er sagte es nicht aus irgendeiner Hoffnung, sondern nur
gereizt durch des Herrn Behauptung, die so abschliessend und inappellabel hatte
klingen wollen. »Vielleicht war ich gerade nicht beim Schlüsselloch«, sagte die
Wirtin, zunächst um den Herrn in Schutz zu nehmen; dann aber wollte sie auch
Klamm sein Recht geben und fügte hinzu: »Allerdings, ich glaube nicht an eine so
grosse Empfindlichkeit Klamms. Wir freilich haben Angst um ihn und suchen ihn zu
schützen und gehen hierbei von der Annahme einer äussersten Empfindlichkeit
Klamms aus. Das ist gut so und gewiss Klamms Wille. Wie es sich aber in
Wirklichkeit verhält, wissen wir nicht. Gewiss, Klamm wird mit jemandem, mit dem
er nicht sprechen will, niemals sprechen, soviel Mühe sich auch dieser Jemand
gibt und so unerträglich er sich vordrängt, aber diese Tatsache allein, dass
Klamm niemals mit ihm sprechen, niemals ihn vor sein Angesicht kommen lassen
wird, genügt ja, warum sollte er in Wirklichkeit den Anblick irgend jemandes
nicht ertragen können. Zumindest lässt es sich nicht beweisen, da es niemals zur
Probe kommen wird.« Der Herr nickte eifrig. »Es ist das natürlich im Grunde auch
meine Meinung«, sagte er, »habe ich mich ein wenig anders ausgedrückt, so
geschah es, um dem Herrn Landvermesser verständlich zu sein. Richtig jedoch ist,
dass sich Klamm, als er ins Freie trat, mehrmals im Halbkreis ungesehen hat.« -
»Vielleicht hat er mich gesucht«, sagte K. »Möglich«, sagte der Herr, »darauf
bin ich nicht verfallen.« Alle lachten, Pepi, die kaum etwas von dem Ganzen
verstand, am lautesten.
    »Da wir jetzt so fröhlich beisammen sind«, sagte dann der Herr, »würde ich
Sie, Herr Landvermesser, sehr bitten, durch einige Angaben meine Akten zu
ergänzen.« - »Es wird hier viel geschrieben«, sagte K. und blickte von der Ferne
auf die Akten hin. »Ja, eine schlechte Angewohnheit«, sagte der Herr und lachte
wieder, »aber vielleicht wissen Sie noch gar nicht, wer ich bin. Ich bin Momus,
der Dorfsekretär Klamms.« Nach diesen Worten wurde es im ganzen Zimmer ernst;
obwohl die Wirtin und Pepi den Herrn natürlich kannten, waren sie doch wie
betroffen von der Nennung des Namens und der Würde. Und sogar der Herr selbst,
als habe er für die eigene Aufnahmefähigkeit zuviel gesagt und als wolle er
wenigstens vor jeder nachträglichen, den eigenen Worten innewohnenden
Feierlichkeit sich flüchten, vertiefte sich in die Akten und begann zu
schreiben, dass man im Zimmer nichts als die Feder hörte. »Was ist denn das:
Dorfsekretär?« fragte K. nach einem Weilchen. Für Momus, der es jetzt, nachdem
er sich vorgestellt hatte, nicht mehr für angemessen hielt, solche Erklärungen
selbst zu geben, sagte die Wirtin: »Herr Momus ist der Sekretär Klamms wie
irgendeiner der Klammschen Sekretäre, aber sein Amtssitz und, wenn ich nicht
irre, auch seine Amtswirksamkeit -«, Momus schüttelte aus dem Schreiben heraus
lebhaft den Kopf, und die Wirtin verbesserte sich, »also nur sein Amtssitz,
nicht seine Amtswirksamkeit ist auf das Dorf eingeschränkt. Herr Momus besorgt
die im Dorfe nötig werdenden schriftlichen Arbeiten Klamms und empfängt alle aus
dem Dorf stammenden Ansuchen an Klamm als erster.« Als K., noch wenig ergriffen
von diesen Dingen, die Wirtin mit leeren Augen ansah, fügte sie, halb verlegen,
hinzu: »So ist es eingerichtet, alle Herren aus dem Schloss haben ihre
Dorfsekretäre.« Momus, der viel aufmerksamer als K. zugehört hatte, sagte
ergänzend zur Wirtin: »Die meisten Dorfsekretäre arbeiten nur für einen Herrn,
ich aber für zwei, für Klamm und für Vallabene.« - »Ja«, sagte die Wirtin, sich
nun ihrerseits auch erinnernd, und wandte sich an K. »Herr Momus arbeitet für
zwei Herren, für Klamm und für Vallabene, ist also zweifacher Dorfsekretär.« -
»Zweifacher gar«, sagte K. und nickte Momus, der jetzt, fast vorgebeugt, voll zu
ihm aufsah, zu, so wie man einem Kind zunickt, das man eben hat loben hören. Lag
darin eine gewisse Verachtung, so wurde sie entweder nicht bemerkt oder geradezu
verlangt. Gerade vor K., der doch nicht einmal würdig genug war, um von Klamm
auch nur zufällig gesehen werden zu dürfen, wurden die Verdienste eines Mannes
aus der nächsten Umgebung Klamms ausführlich dargestellt mit der unverhüllten
Absicht, K.s Anerkennung und Lob herauszufordern. Und doch hatte K. nicht den
richtigen Sinn dafür; er, der sich mit allen Kräften um einen Blick Klamms
bemühte, schätzte zum Beispiel die Stellung eines Momus, der unter Klamms Augen
leben durfte, nicht hoch ein, fern war ihm Bewunderung oder gar Neid, denn nicht
Klamms Nähe an sich war ihm das Erstrebenswerte, sondern dass er, K., nur er,
kein anderer mit seinen, mit keines anderen Wünschen an Klamm herankam und an
ihn herankam, nicht um bei ihm zu ruhen, sondern um an ihm vorbeizukommen,
weiter, ins Schloss.
    Und er sah auf seine Uhr und sagte: »Nun muss ich aber nach Hause gehen.«
Sofort veränderte sich das Verhältnis zu Momus' Gunsten. »Ja, freilich«, sagte
dieser, »die Schuldienerpflichten rufen. Aber einen Augenblick müssen Sie mir
noch widmen. Nur ein paar kurze Fragen.« - »Ich habe keine Lust dazu«, sagte K.
und wollte zur Tür gehen. Momus schlug einen Akt gegen den Tisch und stand auf:
»Im Namen Klamms fordere ich Sie auf, meine Fragen zu beantworten.« - »In Klamms
Namen?« wiederholte K. »Kümmern ihn denn meine Dinge?« - »Darüber«, sagte Momus,
»habe ich kein Urteil und Sie doch wohl noch viel weniger, das wollen wir also
beide getrost ihm überlassen. Wohl aber fordere ich Sie, in meiner mir von Klamm
verliehenen Stellung, auf, zu bleiben und zu antworten.« - »Herr Landvermesser«,
mischte sich die Wirtin ein, »ich hüte mich, Ihnen noch weiter zu raten; ich bin
ja mit meinen bisherigen Ratschlägen, den wohlmeinendsten, die es geben kann, in
unerhörter Weise von Ihnen abgewiesen worden, und hierher zum Herrn Sekretär -
ich habe nichts zu verbergen - bin ich nur gekommen, um das Amt von Ihrem
Benehmen und Ihren Absichten gebührend zu verständigen und mich für alle Zeiten
davor zu bewahren, dass Sie etwa neu bei mir einquartiert würden, so stehen wir
zueinander, und daran wird wohl nichts mehr geändert werden, und wenn ich daher
jetzt meine Meinung sage, so tue ich es nicht etwa, um Ihnen zu helfen, sondern
um dem Herrn Sekretär die schwere Aufgabe, die es bedeutet, mit einem Mann wie
Ihnen zu verhandeln, ein wenig zu erleichtern. Trotzdem aber können Sie eben
wegen meiner vollständigen Offenheit - anders als offen kann ich mit Ihnen nicht
verkehren, und selbst so geschieht es widerwillig - aus meinen Worten auch für
sich Nutzen ziehen, wenn Sie nur wollen. Für diesen Fall mache ich Sie nun also
darauf aufmerksam, dass der einzige Weg, der für Sie zu Klamm führt, hier durch
die Protokolle des Herrn Sekretärs geht. Aber ich will nicht übertreiben,
vielleicht führt der Weg nicht bis zu Klamm, vielleicht hört er weit vor ihm
auf, darüber entscheidet das Gutdünken des Herrn Sekretärs. Jedenfalls aber ist
es der einzige Weg, der für Sie wenigstens in der Richtung zu Klamm führt. Und
auf diesen einzigen Weg wollen Sie verzichten, aus keinem anderen Grund als aus
Trotz?« - »Ach, Frau Wirtin«, sagte K., »es ist weder der einzige Weg zu Klamm,
noch ist er mehr wert als die anderen. Und Sie, Herr Sekretär, entscheiden
darüber, ob das, was ich hier sagen würde, bis zu Klamm dringen darf oder
nicht?« - »Allerdings«, sagte Momus und blickte mit stolz gesenkten Augen rechts
und links, wo nichts zu sehen war, »wozu wäre ich sonst Sekretär.« - »Nun sehen
Sie, Frau Wirtin«, sagte K., »nicht zu Klamm brauche ich einen Weg, sondern erst
zum Herrn Sekretär.« - »Diesen Weg wollte ich Ihnen öffnen«, sagte die Wirtin.
»Habe ich Ihnen nicht am Vormittag angeboten, Ihre Bitte an Klamm zu leiten?
Dies wäre durch den Herrn Sekretär geschehen. Sie aber haben es abgelehnt, und
doch wird Ihnen jetzt nichts anderes übrigbleiben als nur dieser Weg. Freilich,
nach Ihrer heutigen Aufführung, nach dem versuchten Überfall auf Klamm, mit noch
weniger Aussicht auf Erfolg. Aber diese letzte, kleinste, verschwindende,
eigentlich gar nicht vorhandene Hoffnung ist doch Ihre einzige.« - »Wie kommt
es, Frau Wirtin«, sagte K., »dass Sie ursprünglich mich so sehr davon abzuhalten
versucht haben, zu Klamm vorzudringen, und jetzt meine Bitte gar so ernst nehmen
und mich beim Misslingen meiner Pläne gewissermassen für verloren zu halten
scheinen? Wenn man mir einmal aus aufrichtigem Herzen davon abraten konnte,
überhaupt zu Klamm zu streben, wie ist es möglich, dass man mich jetzt scheinbar
ebenso aufrichtig auf dem Weg zu Klamm, mag er zugegebenerweise auch gar nicht
bis hin führen, geradezu vorwärts treibt?« - »Treibe ich Sie denn vorwärts?«
sagte die Wirtin. »Heisst es vorwärts treiben, wenn ich sage, dass Ihre Versuche
hoffnungslos sind? Das - wäre doch wahrhaftig das Äusserste an Kühnheit, wenn Sie
auf solche Weise die Verantwortung für sich auf mich überwälzen wollten. Ist es
vielleicht die Gegenwart des Herrn Sekretärs, die Ihnen dazu Lust macht? Nein,
Herr Landvermesser, ich treibe Sie zu gar nichts an. Nur das eine kann ich
gestehen, dass ich Sie, als ich Sie zum erstenmal sah, vielleicht ein wenig
überschätzte. Ihr schneller Sieg über Frieda erschreckte mich, ich wusste nicht,
wessen Sie noch fähig sein könnten, ich wollte weiteres Unheil verhüten und
glaubte, dies durch nichts anderes erreichen zu können, als dass ich Sie durch
Bitten und Drohungen zu erschüttern versuchte. Inzwischen habe ich über das
Ganze ruhiger zu denken gelernt. Mögen Sie tun, was Sie wollen. Ihre Taten
werden vielleicht draussen im Schnee auf dem Hof tiefe Fussspuren hinterlassen,
mehr aber nicht.« - »Ganz scheint mir der Widerspruch nicht aufgeklärt zu sein«,
sagte K., »doch ich gebe mich damit zufrieden, auf ihn aufmerksam gemacht zu
haben. Nun bitte ich aber Sie, Herr Sekretär, mir zu sagen, ob die Meinung der
Frau Wirtin richtig ist, dass nämlich das Protokoll, das Sie mit mir aufnehmen
wollen, in seinen Folgen dazu führen könnte, dass ich vor Klamm erscheinen darf.
Ist dies der Fall, bin ich sofort bereit, alle Fragen zu beantworten. In dieser
Hinsicht bin ich überhaupt zu allem bereit.« - »Nein«, sagte Momus, »solche
Zusammenhänge bestehen nicht. Es handelt sich nur darum, für die Klammsche
Dorfregistratur eine genaue Beschreibung des heutigen Nachmittags zu erhalten.
Die Beschreibung ist schon fertig, nur zwei, drei Lücken sollen Sie noch
ausfüllen, der Ordnung halber; ein anderer Zweck besteht nicht und kann auch
nicht erreicht werden.« K. sah die Wirtin schweigend an. »Warum sehen Sie mich
an«, fragte die Wirtin, »habe ich vielleicht etwas anderes gesagt? So ist er
immer, Herr Sekretär, so ist er immer. Fälscht die Auskünfte, die man ihm gibt,
und behauptet dann, falsche Auskunft bekommen zu haben. Ich sagte ihm seit
jeher, heute und immer, dass er nicht die geringste Aussicht hat, von Klamm
empfangen zu werden; nun, wenn es also keine Aussicht gibt, wird er sie auch
durch dieses Protokoll nicht bekommen. Kann etwas deutlicher sein? Weiter sage
ich, dass dieses Protokoll die einzige wirkliche amtliche Verbindung ist, die er
mit Klamm haben kann; auch das ist doch deutlich genug und unanzweifelbar. Wenn
er mir nun aber nicht glaubt, immerfort - ich weiss nicht, warum und wozu -
hofft, zu Klamm vordringen zu können, dann kann ihm, wenn man in seinem
Gedankengange bleibt, nur die einzige wirkliche amtliche Verbindung helfen, die
er mit Klamm hat, also dieses Protokoll. Nur dieses habe ich gesagt, und wer
etwas anderes behauptet, verdreht böswillig die Worte.« - »Wenn es so ist, Frau
Wirtin«, sagte K., »dann bitte ich Sie um Entschuldigung, dann habe ich Sie
missverstanden; ich glaubte nämlich - irrigerweise, wie sich jetzt herausstellt -
aus Ihren früheren Worten herauszuhören, dass doch irgendeine allerkleinste
Hoffnung für mich besteht.« - »Gewiss«, sagte die Wirtin, »das ist allerdings
meine Meinung, Sie verdrehen meine Worte wieder, nur diesmal nach der
entgegengesetzten Richtung. Eine derartige Hoffnung für Sie besteht meiner
Meinung nach und gründet sich allerdings nur auf dieses Protokoll. Es verhält
sich aber damit nicht so, dass Sie einfach den Herrn Sekretär mit der Frage
anfallen können: Werde ich zu Klamm dürfen, wenn ich die Fragen beantworte? Wenn
ein Kind so fragt, lacht man darüber, wenn es ein Erwachsener tut, ist es eine
Beleidigung des Amtes, der Herr Sekretär hat es nur durch die Feinheit seiner
Antwort gnädig verdeckt. Die Hoffnung aber, die ich meine, besteht eben darin,
dass Sie durch das Protokoll eine Art Verbindung, vielleicht eine Art Verbindung
mit Klamm haben. Ist das nicht Hoffnung genug? Wenn man Sie nach Ihren
Verdiensten fragt, die Sie des Geschenkes einer solchen Hoffnung würdig machen,
könnten Sie das Geringste vorbringen? Freilich, Genaueres lässt sich über diese
Hoffnung nicht sagen, und insbesondere der Herr Sekretär wird in seiner
amtlichen Eigenschaft niemals auch nur die geringste Andeutung darüber machen
können. Für ihn handelt es sich, wie er sagte, nur um eine Beschreibung des
heutigen Nachmittags, der Ordnung halber; mehr wird er nicht sagen, auch wenn
Sie ihn gleich jetzt mit Bezug auf meine Worte danach fragen.« - »Wird denn,
Herr Sekretär«, fragte K., »Klamm dieses Protokoll lesen?« - »Nein«, sagte
Momus, »warum denn? Klamm kann doch nicht alle Protokolle lesen, er liest sogar
überhaupt keines. Bleibt mir vom Leibe mit eueren Protokollen! pflegt er zu
sagen.« - »Herr Landvermesser«, klagte die Wirtin, »Sie erschöpfen mich mit
solchen Fragen. Ist es denn nötig oder auch nur wünschenswert, dass Klamm dieses
Protokoll liest und von den Nichtigkeiten Ihres Lebens wortwörtlich Kenntnis
bekommt; wollen Sie nicht lieber demütigst bitten, dass man das Protokoll vor
Klamm verbirgt, eine Bitte übrigens, die ebenso unvernünftig wäre wie die
frühere - denn wer kann vor Klamm etwas verbergen? -, die aber doch einen
sympatischeren Charakter erkennen liesse. Und ist es denn für das, was Sie Ihre
Hoffnung nennen, nötig? Haben Sie nicht selbst erklärt, dass Sie zufrieden sein
würden, wenn Sie nur Gelegenheit hätten, vor Klamm zu sprechen, auch wenn er Sie
nicht ansehen und Ihnen nicht zuhören würde? Und erreichen Sie durch dieses
Protokoll nicht zumindest dieses, vielleicht aber viel mehr?« - »Viel mehr?«
fragte K. »Auf welche Weise?« - »Wenn Sie nur nicht immer«, rief die Wirtin,
»wie ein Kind alles gleich in essbarer Form dargeboten haben wollten! Wer kann
denn Antwort auf solche Fragen geben? Das Protokoll kommt in die Dorfregistratur
Klamms, das haben Sie gehört, mehr kann darüber mit Bestimmteit nicht gesagt
werden. Kennen Sie aber dann schon die ganze Bedeutung des Protokolls, des Herrn
Sekretärs, der Dorfregistratur? Wissen Sie, was es bedeutet, wenn der Herr
Sekretär Sie verhört? Vielleicht oder wahrscheinlich weiss er es selbst nicht. Er
sitzt ruhig hier und tut seine Pflicht, der Ordnung halber, wie er sagte.
Bedenken Sie aber, dass ihn Klamm ernannt hat, dass er im Namen Klamms arbeitet,
dass das, was er tut, wenn es auch niemals bis zu Klamm gelangt, doch von
vornherein Klamms Zustimmung hat. Und wie kann etwas Klamms Zustimmung haben,
was nicht von seinem Geiste erfüllt ist? Fern sei es von mir, damit etwa in
plumper Weise dem Herrn Sekretär schmeicheln zu wollen, er würde es sich auch
selbst sehr verbitten, aber ich rede nicht von seiner selbständigen
Persönlichkeit, sondern davon, was er ist, wenn er Klamms Zustimmung hat, wie
eben jetzt: Dann ist er ein Werkzeug, auf dem die Hand Klamms liegt, und wehe
jedem, der sich ihm nicht fügt.«
    Die Drohungen der Wirtin fürchtete K. nicht, der Hoffnungen, mit denen sie
ihn zu fangen suchte, war er müde. Klamm war fern. Einmal hatte die Wirtin Klamm
mit einem Adler verglichen, und das war K. lächerrlich erschienen, jetzt aber
nicht mehr; er dachte an seine Ferne, an seine uneinnehmbare Wohnung, an seine,
nur vielleicht von Schreien, wie sie K. noch nie gehört hatte, unterbrochene
Stummheit, an seinen herabdringenden Blick, der sich niemals nachweisen, niemals
widerlegen liess, an seine von K.s Tiefe her unzerstörbaren Kreise, die er oben
nach unverständlichen Gesetzen zog, nur für Augenblicke sichtbar: das alles war
Klamm und dem Adler gemeinsam. Gewiss aber hatte damit dieses Protokoll nichts zu
tun, über dem jetzt gerade Momus eine Salzbrezel auseinanderbrach, die er sich
zum Bier schmecken liess und mit der er alle Papiere mit Salz und Kümmel
überstreute.
    »Gute Nacht«, sagte K., »ich habe eine Abneigung gegen jedes Verhör«, und er
ging nun wirklich zur Tür. »Er geht also doch«, sagte Momus fast ängstlich zur
Wirtin. »Er wird es nicht wagen«, sagte diese, mehr hörte K. nicht, er war schon
im Flur. Es war kalt, und ein starker Wind wehte. Aus einer Tür gegenüber kam
der Wirt, er schien dort hinter einem Guckloch den Flur unter Aufsicht gehalten
zu haben. Die Schösse seines Rockes musste er sich um den Leib schlagen, so riss
der Wind selbst hier im Flur an ihnen. »Sie gehen schon, Herr Landvermesser?«
sagte er. »Sie wundern sich darüber?« fragte K. »Ja«, sagte der Wirt. »Werden
Sie denn nicht verhört?« - »Nein«, sagte K. »Ich liess mich nicht verhören.« -
»Warum nicht?« fragte der Wirt. »Ich weiss nicht«, sagte K., »warum ich mich
verhören lassen solle, warum ich einem Spass oder einer amtlichen Laune mich
fügen solle. Vielleicht hätte ich es ein anderes Mal gleichfalls aus Spass oder
Laune getan, heute aber nicht.« - »Nun ja, gewiss«, sagte der Wirt, aber es war
nur eine höfliche, keine überzeugte Zustimmung. »Ich muss jetzt die Dienerschaft
in den Ausschank lassen«, sagte er dann, »es ist schon längst ihre Stunde. Ich
wollte nur das Verhör nicht stören.« - »Für so wichtig hielten Sie es?« fragte
K. »O ja«, sagte der Wirt. »Ich hätte es also nicht ablehnen sollen«, sagte K.
»Nein«, sagte der Wirt, »das hätten Sie nicht tun sollen.« Da K. schwieg, fügte
er hinzu, sei es, um K. zu trösten, sei es, um schneller fortzukommen: »Nun,
nun, es muss aber deshalb nicht gleich Schwefel vom Himmel regnen.« - »Nein«,
sagte K., »danach sieht das Wetter nicht aus.« Und sie gingen lachend
auseinander.
 
                               Das zehnte Kapitel
Auf die wild umwehte Freitreppe trat K. hinaus und blickte in die Finsternis.
Ein böses, böses Wetter. Irgendwie im Zusammenhang damit fiel ihm ein, wie sich
die Wirtin bemüht hatte, ihn dem Protokoll gefügig zu machen, wie er aber
standgehalten hatte. Es war freilich keine offene Bemühung, im geheimen hatte
sie ihn gleichzeitig vom Protokoll fortgezerrt; schliesslich wusste man nicht, ob
man standgehalten oder nachgegeben hatte. Eine intrigante Natur, scheinbar
sinnlos arbeitend wie der Wind, nach fernen, fremden Aufträgen, in die man nie
Einsicht bekam.
    Kaum hatte er ein paar Schritte auf der Landstrasse gemacht, als er in der
Ferne zwei schwankende Lichter sah; dieses Zeichen des Lebens freute ihn, und er
eilte auf sie zu, die ihm auch ihrerseits entgegenschwebten. Er wusste nicht,
warum er so enttäuscht war, als er die Gehilfen erkannte. Sie kamen ihm doch,
wahrscheinlich von Frieda geschickt, entgegen, und die Laternen, die ihn von der
Finsternis befreiten, in der es ringsum gegen ihn lärmte, waren wohl sein
Eigentum, trotzdem war er enttäuscht, er hatte Fremde erwartet, nicht diese
alten Bekannten, die ihm eine Last waren. Aber es waren nicht nur die Gehilfen,
aus dem Dunkel zwischen ihnen trat Barnabas hervor. »Barnabas!« rief K. und
streckte ihm die Hand entgegen. »Kommst du zu mir?« Die Überraschung des
Wiedersehens machte zunächst allen Ärger vergessen, den Barnabas K. einmal
verursacht hatte. »Zu dir«, sagte Barnabas unverändert freundlich wie einst.
»Mit einem Brief von Klamm.« - »Ein Brief von Klamm!« sagte K., den Kopf
zurückwerfend, und nahm ihn eilig aus des Barnabas Hand. »Leuchtet!« sagte er zu
den Gehilfen, die sich rechts und links eng an ihn drückten und die Laternen
hoben. K. musste den grossen Briefbogen zum Lesen ganz klein zusammenfalten, um
ihn vor dem Wind zu schützen. Dann las er: »Dem Herrn Landvermesser im
Brückenhof! Die Landvermesserarbeiten, die Sie bisher ausgeführt haben, finden
meine Anerkennung. Auch die Arbeiten der Gehilfen sind lobenswert, Sie wissen
sie gut zur Arbeit anzuhalten. Lassen Sie nicht nach in Ihrem Eifer! Führen Sie
die Arbeiten zu einem guten Ende. Eine Unterbrechung würde mich erbittern. Im
übrigen seien Sie getrost, die Entlohnungsfrage wird nächstens entschieden
werden. Ich behalte Sie im Auge.« K. sah vom Brief erst auf, als die viel
langsamer als er lesenden Gehilfen zur Feier der guten Nachrichten dreimal laut
»Hurra!« riefen und die Laternen schwenkten. »Seid ruhig«, sagte er und zu
Barnabas: »Es ist ein Missverständnis.« Barnabas verstand ihn nicht. »Es ist ein
Missverständnis«, wiederholte K., und die Müdigkeit des Nachmittags kam wieder,
der Weg ins Schulhaus schien ihm noch so weit, und hinter Barnabas stand dessen
ganze Familie auf, und die Gehilfen drückten sich noch immer an ihn, so dass er
sie mit dem Ellenbogen wegstiess; wie hatte Frieda sie ihm entgegenschicken
können, da er doch befohlen hatte, sie sollten bei ihr bleiben. Den Nachhauseweg
hätte er auch allein gefunden, und leichter allein als in dieser Gesellschaft.
Nun hatte überdies der eine ein Tuch um den Hals geschlungen, dessen freie Enden
im Wind flatterten und einigemal gegen das Gesicht K.s geschlagen hatten, der
andere Gehilfe hatte allerdings immer gleich das Tuch von K.s Gesicht mit seinen
langen, spitzen, immerfort spielenden Fingern weggenommen, damit aber die Sache
nicht besser gemacht. Beide schienen sogar an dem Hin und Her Gefallen gefunden
zu haben, wie sie überhaupt der Wind und die Unruhe der Nacht begeisterte.
»Fort!« schrie K. »Wenn ihr mir schon entgegengekommen seid, warum habt ihr
nicht meinen Stock mitgebracht? Womit soll ich euch denn nach Hause treiben?«
Sie duckten sich hinter Barnabas, aber so verängstigt waren sie nicht, dass sie
nicht doch ihre Laternen rechts und links auf die Achseln ihres Beschützers
gestellt hätten, er schüttelte sie freilich gleich ab. »Barnabas«, sagte K., und
es legte sich ihm schwer aufs Herz, dass ihn Barnabas sichtlich nicht verstand,
dass in ruhigen Zeiten seine Jacke schön glänzte, wenn es aber Ernst wurde, keine
Hilfe, nur stummer Widerstand zu finden war, Widerstand, gegen den man nicht
ankämpfen konnte, denn er selbst war wehrlos, nur sein Lächeln leuchtete, aber
es half ebensowenig wie die Sterne oben gegen den Sturmwind hier unten. »Sieh,
was mir der Herr schreibt«, sagte K. und hielt ihm den Brief vors Gesicht. »Der
Herr ist falsch unterrichtet. Ich mache doch keine Vermesserarbeit, und was die
Gehilfen wert sind, siehst du selbst. Und die Arbeit, die ich nicht mache, kann
ich freilich auch nicht unterbrechen, nicht einmal die Erbitterung des Herrn
kann ich erregen, wie sollte ich seine Anerkennung verdienen! Und getrost kann
ich niemals sein.« - »Ich werde es ausrichten«, sagte Barnabas, der die ganze
Zeit über am Brief vorbeigesehen hatte, den er allerdings auch gar nicht hätte
lesen können, denn er hatte ihn dicht vor dem Gesicht. »Ach«, sagte K., »du
versprichst mir, dass du es ausrichten wirst, aber kann ich dir denn wirklich
glauben? So sehr brauche ich einen vertrauenswürdigen Boten, jetzt mehr als
jemals.« K. biss in die Lippen vor Ungeduld. »Herr«, sagte Barnabas mit einer
weichen Neigung des Halses - fast hätte K. sich wieder von ihr verführen lassen,
Barnabas zu glauben -, »ich werde es gewiss ausrichten; auch was du mir letztin
aufgetragen hast, werde ich gewiss ausrichten.« - »Wie!« rief K. »Hast du denn
das noch nicht ausgerichtet? Warst du denn nicht am nächsten Tag im Schloss?« -
»Nein«, sagte Barnabas. »Mein guter Vater ist alt, du hast ihn ja gesehen, und
es war gerade viel Arbeit da, ich musste ihm helfen, aber nun werde ich bald
wieder einmal ins Schloss gehen.« - »Aber was tust du denn, unbegreiflicher
Mensch!« rief K. und schlug sich an die Stirn. »Gehen denn nicht Klamms Sachen
allen anderen vor? Du hast das hohe Amt eines Boten und verwaltest es so
schmählich? Wen kümmert die Arbeit deines Vaters? Klamm wartet auf die
Nachrichten, und du, statt im Lauf dich zu überschlagen, ziehst es vor, den Mist
aus dem Stall zu führen.« - »Mein Vater ist Schuster«, sagte Barnabas unbeirrt,
»er hatte Aufträge von Brunswick, und ich bin ja des Vaters Geselle.« -
»Schuster - Aufträge - Brunswick«, rief K. verbissen, als mache er jedes der
Worte für immer unbrauchbar. »Und wer braucht denn hier Stiefel auf den ewig
leeren Wegen? Und was kümmert mich diese ganze Schusterei; eine Botschaft habe
ich dir anvertraut, nicht damit du sie auf der Schusterbank vergisst und
verwirrst, sondern damit du sie gleich hinträgst zum Herrn.« Ein wenig beruhigte
sich hier K., als ihm einfiel, dass ja Klamm wahrscheinlich die ganze Zeit über
nicht im Schloss, sondern im Herrenhof gewesen war, aber Barnabas reizte ihn
wieder, als er K.s erste Nachricht, zum Beweis, dass er sie gut behalten hatte,
aufzusagen begann. »Genug, ich will nichts wissen«, sagte K. »Sei mir nicht
böse, Herr«, sagte Barnabas und, wie wenn er unbewusst K. strafen wollte, entzog
er ihm seinen Blick und senkte die Augen, aber es war wohl Bestürzung wegen K.s
Schreien. »Ich bin dir nicht böse«, sagte K., und seine Unruhe wandte sich nun
gegen ihn selbst. »Dir nicht, aber es ist sehr schlimm für mich, nur einen
solchen Boten zu haben für die wichtigsten Dinge.«
    »Sieh«, sagte Barnabas, und es schien, als sage er, um seine Botenehre zu
verteidigen, mehr, als er dürfte, »Klamm wartet doch nicht auf die Nachrichten,
er ist sogar ärgerlich, wenn ich komme. Wieder neue Nachrichten, sagte er
einmal, und meistens steht er auf, wenn er mich von der Ferne kommen sieht, geht
ins Nebenzimmer und empfängt mich nicht. Es ist auch nicht bestimmt, dass ich
gleich mit jeder Botschaft kommen soll, wäre es bestimmt, käme ich natürlich
gleich, aber es ist nichts darüber bestimmt, und wenn ich niemals käme, würde
ich nicht darum gemahnt werden. Wenn ich eine Botschaft bringe, geschieht es
freiwillig.«
    »Gut«, sagte K., Barnabas beobachtend und geflissentlich wegsehend von den
Gehilfen, welche abwechselnd hinter Barnabas' Schultern wie aus der Versenkung
langsam aufstiegen und schnell mit einem leichten, dem Winde nachgemachten
Pfeifen, als seien sie von K.s Anblick erschreckt, wieder verschwanden, so
vergnügten sie sich lange. »Wie es bei Klamm ist, weiss ich nicht; dass du dort
alles genau erkennen kannst, bezweifle ich, und selbst, wenn du es könntest, wir
könnten diese Dinge nicht bessern. Aber eine Botschaft überbringen, das kannst
du, und darum bitte ich dich. Eine ganz kurze Botschaft. Kannst du sie gleich
morgen überbringen und gleich morgen mir die Antwort sagen oder wenigstens
ausrichten, wie du aufgenommen wurdest? Kannst du das und willst du das tun? Es
wäre für mich sehr wertvoll. Und vielleicht bekomme ich noch Gelegenheit, dir
entsprechend zu danken, oder vielleicht hast du schon jetzt einen Wunsch, den
ich dir erfüllen kann.« - »Gewiss werde ich den Auftrag ausführen«, sagte
Barnabas. »Und willst du dich anstrengen, ihn möglichst gut auszuführen, Klamm
selbst ihn überreichen, von Klamm selbst die Antwort bekommen und gleich, alles
gleich, morgen, noch am Vormittag, willst du das.?«
    »Ich werde mein Bestes tun«, sagte Barnabas, »aber das tue ich immer.« -
»Wir wollen jetzt nicht mehr darüber streiten«, sagte K. »Das ist der Auftrag:
Der Landvermesser K. bittet den Herrn Vorstand, ihm zu erlauben, persönlich bei
ihm vorzusprechen; er nimmt von vornherein jede Bedingung an, welche an eine
solche Erlaubnis geknüpft werden könnte. Zu seiner Bitte ist er deshalb
gezwungen, weil bisher alle Mittelspersonen vollständig versagt haben, zum
Beweis führt er an, dass er nicht die geringste Vermesserarbeit bisher ausgeführt
hat und nach den Mitteilungen des Gemeindevorstehers auch niemals ausführen
wird, mit verzweifelter Beschämung hat er deshalb den letzten Brief des Herrn
Vorstandes gelesen, nur die persönliche Vorsprache beim Herrn Vorstand kann hier
helfen. Der Landvermesser weiss, wieviel er damit erbittet, aber er wird sich
anstrengen, die Störung dem Herrn Vorstand möglichst wenig fühlbar zu machen,
jeder zeitlichen Beschränkung unterwirft er sich, auch einer etwa als notwendig
erachteten Festsetzung der Zahl der Worte, die er bei der Unterredung gebrauchen
darf, fügt er sich, schon mit zehn Worten glaubt er auskommen zu können. In
tiefer Ehrfurcht und äusserster Ungeduld erwartet er die Entscheidung.« K. hatte
in Selbstvergessenheit gesprochen, so, als stehe er vor Klamms Tür und spreche
mit dem Türhüter. »Es ist viel länger geworden, als ich dachte«, sagte er dann,
»aber du musst es doch mündlich ausrichten, einen Brief will ich nicht schreiben,
er würde ja doch wieder nur den endlosen Aktenweg gehen.« So kritzelte es K. nur
für Barnabas auf einem Stück Papier auf eines Gehilfen Rücken, während der
andere leuchtete, aber K. konnte es schon nach dem Diktat des Barnabas
aufschreiben, der alles behalten hatte und es schülerhaft genau aufsagte, ohne
sich um das falsche Einsagen der Gehilfen zu kümmern. »Dein Gedächtnis ist
ausserordentlich«, sagte K. und gab ihm das Papier, »nun aber, bitte, zeige dich
ausserordentlich auch im anderen. Und die Wünsche? Hast du keine? Es würde mich,
ich sage es offen, hinsichtlich des Schicksals meiner Botschaft ein wenig
beruhigen, wenn du welche hättest?« Zuerst blieb Barnabas still, dann sagte er:
»Meine Schwestern lassen dich grüssen.« - »Deine Schwestern«, sagte K., »ja, die
grossen, starken Mädchen.« - »Beide lassen dich grüssen, aber besonders Amalia«,
sagte Barnabas, »sie hat mir auch heute diesen Brief für dich aus dem Schloss
gebracht.« An dieser Mitteilung vor allen anderen sich festaltend, fragte K.:
»Könnte sie nicht auch meine Botschaft ins Schloss bringen? Oder könntet ihr
nicht beide gehen und jeder sein Glück versuchen?« - »Amalia darf nicht in die
Kanzleien«, sagte Barnabas, »sonst würde sie es gewiss sehr gerne tun.« - »Ich
werde vielleicht morgen zu euch kommen«, sagte K., »komm nur du zuerst mit der
Antwort. Ich erwarte dich in der Schule. Grüss auch von mir deine Schwestern.«
K.s Versprechen schien Barnabas sehr glücklich zu machen, nach dem
verabschiedenden Händedruck berührte er überdies noch K. flüchtig an der
Schulter. So, als sei jetzt alles wieder wie damals, als Barnabas zuerst in
seinem Glanz unter die Bauern in die Wirtsstube getreten war, empfand K. diese
Berührung, lächelnd allerdings, als eine Auszeichnung. Sanftmütiger geworden,
liess er auf dem Rückweg die Gehilfen tun, was sie wollten.
 
                               Das elfte Kapitel
Ganz durchfroren kam er zu Hause an, es war überall finster, die Kerzen in den
Laternen waren niedergebrannt, von den Gehilfen geführt, die sich hier schon
auskannten, tastete er sich in ein Schulzimmer durch. »Euere erste lobenswerte
Leistung«, sagte er in Erinnerung an Klamms Brief; noch halb im Schlaf, rief aus
einer Ecke Frieda: »Lasst K. schlafen! Stört ihn doch nicht!« So beschäftigte K.
ihre Gedanken, selbst wenn sie, von Schläfrigkeit überwältigt, ihn nicht hatte
erwarten können. Nun wurde Licht gemacht; allerdings konnte die Lampe nicht
stark genug aufgedreht werden, denn es war nur sehr wenig Petroleum da. Die
junge Wirtschaft hatte noch verschiedene Mängel. Eingeheizt war zwar, aber das
grosse Zimmer, das auch zum Turnen verwendet wurde - die Turngeräte standen herum
und hingen von der Decke herab -, hatte schon alles vorrätige Holz verbraucht,
war auch, wie man K. versicherte, schon sehr angenehm warm gewesen, aber leider
wieder ganz ausgekühlt. Es war zwar ein grosser Holzvorrat in einem Schuppen
vorhanden, dieser Schuppen aber war versperrt, und den Schlüssel hatte der
Lehrer, der eine Entnahme des Holzes nur für das Heizen während der
Unterrichtsstunden gestattete. Das wäre erträglich gewesen, wenn man Betten
gehabt hätte, um sich in sie zu flüchten. Aber in dieser Hinsicht war nichts
anderes da als ein einziger Strohsack, anerkennenswert reinlich mit einem
wollenen Umhängetuch Friedas überzogen, aber ohne Federbett, und nur mit zwei
groben, steifen Decken, die kaum wärmten. Und selbst diesen armen Strohsack
sahen die Gehilfen begehrlich an, aber Hoffnung, auf ihm jemals liegen zu
dürfen, hatten sie natürlich nicht. Ängstlich blickte Frieda K. an; dass sie ein
Zimmer, und sei es das elendste, wohnlich einzurichten verstand, hatte sie ja im
Brückenhof bewiesen, aber hier hatte sie nicht mehr leisten können, ganz ohne
Mittel, wie sie gewesen war. »Unser einziger Zimmerschmuck sind die Turngeräte«,
sagte sie, unter Tränen mühselig lachend. Aber hinsichtlich der grössten Mängel,
der ungenügenden Schlafgelegenheit und Heizung, versprach sie mit Bestimmteit
schon für den nächsten Tag Abhilfe und bat K., nur bis dahin Geduld zu haben.
Kein Wort, keine Andeutung, keine Miene liess darauf schliessen, dass sie gegen K.
auch nur die kleinste Bitterkeit im Herzen trug, obwohl er doch, wie er sich
sagen musste, sie sowohl aus dem Herrenhof als auch jetzt aus dem Brückenhof
gerissen hatte. Deshalb bemühte sich aber K., alles erträglich zu finden, was
ihm auch gar nicht so schwer war, weil er in Gedanken mit Barnabas wanderte und
seine Botschaft Wort für Wort wiederholte, aber nicht so, wie er sie Barnabas
übergeben hatte, sondern so, wie er glaubte, dass sie vor Klamm erklingen werde.
Daneben aber freute er sich allerdings auch aufrichtig auf den Kaffee, den ihm
Frieda auf einem Spiritusbrenner kochte, und verfolgte, an dem erkaltenden Ofen
lehnend, ihre flinken, vielerfahrenen Bewegungen, mit denen sie auf dem
Katedertisch die unvermeidliche, weisse Decke ausbreitete, eine geblümte
Kaffeetasse hinstellte, daneben Brot und Speck und sogar eine Sardinenbüchse.
Nun war alles fertig, auch Frieda hatte noch nicht gegessen, sondern auf K.
gewartet. Zwei Sessel waren vorhanden, dort sassen K. und Frieda beim Tisch, die
Gehilfen zu ihren Füssen auf dem Podium, aber sie blieben niemals ruhig, auch
beim Essen störten sie. Obwohl sie reichlich von allem bekommen hatten und noch
lange nicht fertig waren, erhoben sie sich von Zeit zu Zeit, um festzustellen,
ob noch viel auf dem Tisch war und sie noch einiges für sich erwarten konnten.
K. kümmerte sich um sie nicht, erst durch Friedas Lachen wurde er auf sie
aufmerksam. Er bedeckte ihre Hand auf dem Tisch schmeichelnd mit seiner und
fragte leise, warum sie ihnen so vieles nachsehe, ja sogar Unarten freundlich
hinnehme. Auf diese Weise werde man sie niemals loswerden, während man es durch
eine gewissermassen kräftige, ihrem Benehmen auch wirklich entsprechende
Behandlung erreichen könnte, entweder sie zu zügeln oder, was noch
wahrscheinlicher und auch besser wäre, ihnen die Stellung so zu verleiden, dass
sie endlich durchbrennen würden. Es scheine ja kein sehr angenehmer Aufentalt
hier im Schulhaus werden zu wollen; nun, er werde ja auch nicht lange dauern,
aber von allen Mängeln würde man kaum etwas merken, wenn die Gehilfen fort wären
und sie beide allein wären in dem stillen Haus. Merke sie denn nicht auch, dass
die Gehilfen frecher würden von Tag zu Tag, so, als ermutige sie eigentlich erst
Friedas Gegenwart und die Hoffnung, dass K. vor ihr nicht so fest zugreifen
werde, wie er es sonst tun würde. Übrigens gäbe es vielleicht ganz einfache
Mittel, sie sofort ohne alle Umstände loszuwerden, vielleicht kenne sie sogar
Frieda, die doch mit den hiesigen Verhältnissen so vertraut sei. Und den
Gehilfen selbst tue man doch wahrscheinlich nur einen Gefallen, wenn man sie
irgendwie vertreibe, denn gross sei ja das Wohlleben nicht, das sie hier führten,
und selbst das Faulenzen, das sie bisher genossen hatten, werde ja hier
wenigstens zum Teil aufhören, denn sie würden arbeiten müssen, während Frieda
nach den Aufregungen der letzten Tage sich schonen müsse und er, K., damit
beschäftigt sein werde, einen Ausweg aus ihrer Notlage zu finden. Jedoch werde
er, wenn die Gehilfen fortgehen sollten, dadurch sich so erleichtert fühlen, dass
er leicht alle Schuldienerarbeit neben allem Sonstigen werde ausführen können.
    Frieda, die aufmerksam zugehört hatte, streichelte langsam seinen Arm und
sagte, dass das alles auch ihre Meinung sei, dass er aber vielleicht doch die
Unarten der Gehilfen überschätze, es seien junge Burschen, lustig und etwas
einfältig, zum erstenmal in Diensten eines Fremden, aus der strengen Schlosszucht
entlassen, daher immerfort ein wenig erregt und erstaunt, und in diesem Zustand
führten sie eben manchmal Dummheiten aus, über die sich zu ärgern zwar natürlich
sei, aber vernünftiger sei es zu lachen. Sie könne sich manchmal nicht
zurückhalten zu lachen. Trotzdem sei sie völlig mit K. einverstanden, dass es das
beste wäre, sie wegzuschicken und allein zu zweit zu sein. Sie rückte näher zu
K. und verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter. Und dort sagte sie, so schwer
verständlich, dass sich K. zu ihr hinabbeugen musste, sie wisse aber kein Mittel
gegen die Gehilfen und sie fürchte, alles, was K. vorgeschlagen hatte, werde
versagen. Soviel sie wisse, habe ja K. selbst sie verlangt, und nun habe er sie
und werde sie behalten. Am besten sei es, sie leichtin zu nehmen als das
leichte Volk, das sie auch sind, so ertrage man sie am besten.
    K. war mit der Antwort nicht zufrieden; halb im Scherz, halb im Ernst sagte
er, sie scheine ja mit ihnen im Bunde zu sein oder wenigstens eine grosse
Zuneigung zu ihnen zu haben; nun, es seien ja hübsche Burschen, aber es gäbe
niemanden, den man nicht bei einigem guten Willen loswerden könne, und er werde
es ihr an den Gehilfen beweisen.
    Frieda sagte, sie werde ihm sehr dankbar sein, wenn es ihm gelinge. Übrigens
werde sie von jetzt ab nicht mehr über sie lachen und kein unnötiges Wort mit
ihnen sprechen. Sie finde auch nichts mehr an ihnen zu lachen, es sei auch
wirklich nichts Geringes, immerfort von zwei Männern beobachtet zu werden, sie
habe gelernt, die zwei mit seinen Augen anzusehen. Und wirklich zuckte sie ein
wenig zusammen, als sich jetzt die Gehilfen wieder erhoben, teils um die
Essvorräte zu revidieren, teils um dem fortwährenden Flüstern auf den Grund zu
kommen. K. nützte das aus, um Frieda die Gehilfen zu verleiden, zog Frieda an
sich, und eng beisammen beendeten sie das Essen. Nun hätte man schlafen gehen
sollen, und alle waren sehr müde, ein Gehilfe war sogar über dem Essen
eingeschlafen, das unterhielt den anderen sehr, und er wollte die Herrschaft
dazu bringen, sich das dumme Gesicht des Schlafenden anzusehen, aber es gelang
ihm nicht, abweisend sassen K. und Frieda oben. In der unerträglich werdenden
Kälte zögerten sie, auch schlafen zu gehen; schliesslich erklärte K., es müsse
noch eingeheizt werden, sonst sei es nicht möglich, zu schlafen. Er forschte
nach irgendeiner Axt, die Gehilfen wussten von einer und brachten sie, und nun
ging es zum Holzschuppen. Nach kurzer Zeit war die leichte Tür erbrochen,
entzückt, als hätten sie etwas so Schönes noch nicht erlebt, einander jagend und
stossend, begannen die Gehilfen, Holz ins Schulzimmer zu tragen, bald war ein
grosser Haufen dort, es wurde eingeheizt, alle lagerten sich um den Ofen, eine
Decke bekamen die Gehilfen, um sich in sie einzuwickeln, sie genügte ihnen
vollauf, denn es wurde verabredet, dass immer einer wachen und das Feuer erhalten
solle, bald war es beim Ofen so warm, dass man gar nicht mehr die Decke brauchte,
die Lampe wurde ausgelöscht, und glücklich über die Wärme und Stille streckten
sich K. und Frieda zum Schlaf.
    Als K. in der Nacht durch irgendein Geräusch erwachte und in der ersten
unsicheren Schlafbewegung nach Frieda tastete, merkte er, dass statt Friedas ein
Gehilfe neben ihm lag. Es war das, wahrscheinlich infolge der Reizbarkeit, die
schon das plötzliche Gewecktwerden mit sich brachte, der grösste Schrecken, den
er bisher im Dorf erlebt hatte. Mit einem Schrei erhob er sich halb und gab
besinnungslos dem Gehilfen einen solchen Faustschlag, dass der zu weinen anfing.
Das Ganze klärte sich übrigens gleich auf. Frieda war dadurch geweckt worden,
dass - wenigstens war es ihr so erschienen - irgendein grosses Tier, eine Katze
wahrscheinlich, ihr auf die Brust gesprungen und dann gleich weggelaufen sei.
Sie war aufgestanden und suchte mit einer Kerze das ganze Zimmer nach dem Tiere
ab. Das hatte der eine Gehilfe benützt, um sich für ein Weilchen den Genuss des
Strohsackes zu verschaffen, was er jetzt bitter büsste. Frieda aber konnte nichts
finden, vielleicht war es nur eine Täuschung gewesen, sie kehrte zu K. zurück,
auf dem Weg strich sie, als hätte sie das Abendgespräch vergessen, dem
zusammengekauert wimmernden Gehilfen tröstend über das Haar. K. sagte dazu
nichts; nur den Gehilfen befahl er, mit dem Heizen aufzuhören, denn es war,
unter Verbrauch fast des ganzen angesammelten Holzes, schon überheiss geworden.
 
                              Das zwölfte Kapitel
Am Morgen erwachten alle erst, als schon die ersten Schulkinder da waren und
neugierig die Lagerstätte umringten. Das war unangenehm, denn infolge der grossen
Hitze, die jetzt gegen Morgen allerdings wieder einer empfindlichen Kühle
gewichen war, hatten sich alle bis auf das Hemd ausgekleidet und gerade, als sie
sich anzuziehen anfingen, erschien Gisa, die Lehrerin, ein blondes, grosses,
schönes, nur ein wenig steifes Mädchen, in der Tür. Sie war sichtlich auf den
neuen Schuldiener vorbereitet und hatte wohl auch vom Lehrer
Verhaltungsmassregeln erhalten, denn schon auf der Schwelle sagte sie: »Das kann
ich nicht dulden. Das wären schöne Verhältnisse. Sie haben bloss die Erlaubnis,
im Schulzimmer zu schlafen, ich aber habe nicht die Verpflichtung, in Ihrem
Schlafzimmer zu unterrichten. Eine Schuldienerfamilie, die sich bis in den
Vormittag in den Betten räkelt. Pfui!« Nun, dagegen wäre einiges zu sagen,
besonders hinsichtlich der Familie und der Betten, dachte K., während er mit
Frieda - die Gehilfen waren dazu nicht zu gebrauchen, auf dem Boden liegend,
staunten sie die Lehrerin und die Kinder an - eiligst den Barren und das Pferd
herbeischob, beide mit den Decken überwarf und so einen kleinen Raum bildete, in
dem man, vor den Blicken der Kinder gesichert, sich wenigstens anziehen konnte.
Ruhe hatte man allerdings keinen Augenblick lang, zuerst zankte die Lehrerin,
weil im Waschbecken kein frisches Wasser war; gerade hatte K. daran gedacht, das
Waschbecken für sich und Frieda zu holen, er gab die Absicht zunächst auf, um
die Lehrerin nicht allzusehr zu reizen, aber der Verzicht half nichts, denn kurz
darauf erfolgte ein grosser Krach, unglücklicherweise hatte man nämlich versäumt,
die Reste des Nachtmahls vom Kateder zu räumen, die Lehrerin entfernte alles
mit dem Lineal, alles flog auf die Erde; dass das Sardinenöl und die Kaffeereste
ausflossen und der Kaffeetopf in Trümmer ging, musste die Lehrerin nicht kümmern,
der Schuldiener würde ja gleich Ordnung machen. Noch nicht ganz angezogen, sahen
K. und Frieda am Barren lehnend der Vernichtung ihres kleinen Besitzes zu; die
Gehilfen, die offenbar gar nicht daran dachten, sich anzuziehen, lugten zum
grossen Vergnügen der Kinder unten zwischen den Decken durch. Am meisten
schmerzte Frieda natürlich der Verlust des Kaffeetopfes; erst als K., um sie zu
trösten, ihr versicherte, er werde gleich zum Gemeindevorsteher gehen und Ersatz
verlangen und bekommen, fasste sie sich so weit, dass sie, nur in Hemd und
Unterrock, aus der Umzäunung hinauslief, um wenigstens die Decke zu holen und
vor weiterer Beschmutzung zu bewahren. Es gelang ihr auch, obwohl die Lehrerin,
um sie abzuschrecken, mit dem Lineal immerfort nervenzerrüttend auf den Tisch
hämmerte. Als K. und Frieda sich angezogen hatten, mussten sie die Gehilfen, die
von den Ereignissen wie benommen waren, nicht nur mit Befehlen und Stössen zum
Anziehen drängen, sondern zum Teil sogar selbst anziehen. Dann, als alle fertig
waren, verteilte K. die nächsten Arbeiten: Die Gehilfen sollten Holz holen und
einheizen, zuerst aber im anderen Schulzimmer, von dem noch grosse Gefahren
drohten - denn dort war wahrscheinlich schon der Lehrer. Frieda sollte den
Fussboden reinigen und K. würde Wasser holen und sonst Ordnung machen; ans
Frühstücken war vor läufig nicht zu denken. Um sich aber im allgemeinen über die
Stimmung der Lehrerin zu unterrichten, wollte K. als erster hinausgehen, die
anderen sollten erst folgen, wenn er sie riefe, er traf diese Einrichtung
einerseits, weil er durch Dummheiten der Gehilfen die Lage nicht von vornherein
verschlimmern lassen wollte, und andererseits, weil er Frieda möglichst schonen
wollte, denn sie hatte Ehrgeiz, er keinen, sie war empfindlich, er nicht, sie
dachte nur an die gegenwärtigen kleinen Abscheulichkeiten, er aber an Barnabas
und die Zukunft. Frieda folgte allen seinen Anordnungen genau, liess kaum die
Augen von ihm. Kaum war er vorgetreten, rief die Lehrerin unter dem Gelächter
der Kinder, das von jetzt ab überhaupt nicht mehr aufhörte: »Na, ausgeschlafen?«
und als K. darauf nicht achtete, weil es doch keine eigentliche Frage war,
sondern auf den Waschtisch losging, fragte die Lehrerin: »Was haben Sie denn mit
meiner Mieze gemacht?« Eine grosse, alte, fleischige Katze lag träg ausgebreitet
auf dem Tisch, und die Lehrerin untersuchte ihre offenbar ein wenig verletzte
Pfote. Frieda hatte also doch recht gehabt, diese Katze war zwar nicht auf sie
gesprungen, denn springen konnte sie wohl nicht mehr, aber über sie
hinweggekrochen, war über die Anwesenheit von Menschen in dem sonst leeren Hause
erschrocken, hatte sich eilig versteckt und bei dieser ihr ungewohnten Eile sich
verletzt. K. suchte es der Lehrerin ruhig zu erklären, diese aber fasste nur das
Ergebnis auf und sagte: »Nun ja, ihr habt sie verletzt, damit habt ihr euch hier
eingeführt. Sehen Sie doch!« und sie rief K. auf das Kateder, zeigte ihm die
Pfote, und ehe er sich dessen versah, hatte sie ihm mit den Krallen einen Strich
über den Handrücken gemacht; die Krallen waren zwar schon stumpf, aber die
Lehrerin hatte, diesmal ohne Rücksicht auf die Katze, sie so fest eingedrückt,
dass es doch blutige Striemen wurden. »Und jetzt gehen Sie an Ihre Arbeit«, sagte
sie ungeduldig und beugte sich wieder zur Katze hinab. Frieda, welche mit den
Gehilfen hinter dem Barren zugesehen hatte, schrie beim Anblick des Blutes auf.
K. zeigte die Hand den Kindern und sagte: »Seht, das hat mir eine böse,
hinterlistige Katze gemacht.« Er sagte es freilich nicht der Kinder wegen, deren
Geschrei und Gelächter schon so selbstverständlich geworden war, dass es keines
weiteren Anlasses oder Anreizes bedurfte und dass kein Wort es durchdringen oder
beeinflussen konnte. Da aber auch die Lehrerin nur durch einen kurzen
Seitenblick die Beleidigung beantwortete und sonst mit der Katze beschäftigt
blieb, die erste Wut also durch die blutige Bestrafung befriedigt schien, rief
K. Frieda und die Gehilfen, und die Arbeit begann. Als K. den Eimer mit dem
Schmutzwasser hinausgetragen, frisches Wasser gebracht hatte und nun das
Schulzimmer auszukehren begann, trat ein etwa zwölfjähriger Junge aus einer
Bank, berührte K.s Hand und sagte etwas im grossen Lärm gänzlich
Unverständliches. Da hörte plötzlich aller Lärm auf, K. wandte sich um. Das den
ganzen Morgen über Gefürchtete war geschehen. In der Tür stand der Lehrer, mit
jeder Hand hielt er, der kleine Mann, einen Gehilfen beim Kragen; er hatte sie
wohl beim Holzholen abgefangen, denn mit mächtiger Stimme rief er und legte nach
jedem Wort eine Pause ein: »Wer hat es gewagt, in den Holzschuppen einzubrechen?
Wo ist der Kerl, dass ich ihn zermalme?« Da erhob sich Frieda vom Boden, den sie
zu Füssen der Lehrerin reinzuwaschen sich abmühte, sah nach K. hin, so, als wolle
sie sich Kraft holen, und sagte, wobei etwas von ihrer alten Überlegenheit in
Blick und Haltung war: »Das habe ich getan, Herr Lehrer. Ich wusste mir keine
andere Hilfe. Sollten früh die Schulzimmer geheizt sein, musste man den Schuppen
öffnen; in der Nacht den Schlüssel von Ihnen zu holen wagte ich nicht; mein
Bräutigam war im Herrenhof, es war möglich, dass er die Nacht über dort blieb, so
musste ich mich allein entscheiden. Habe ich unrecht getan, verzeihen Sie es
meiner Unerfahrenheit; ich bin schon von meinem Bräutigam genug ausgezankt
worden, als er sah, was geschehen war. Ja, er verbot mir sogar, früh
einzuheizen, weil er glaubte, dass Sie durch Versperrung des Schuppens gezeigt
hätten, dass Sie nicht geheizt haben wollten, bevor Sie selbst gekommen wären.
Dass nicht geheizt ist, ist also seine Schuld, dass aber der Schuppen erbrochen
wurde, meine.« - »Wer hat die Tür erbrochen?« fragte der Lehrer die Gehilfen,
die noch immer vergeblich seinen Griff abzuschütteln versuchten. »Der Herr«,
sagten beide und zeigten, damit kein Zweifel sei, auf K. Frieda lachte, und
dieses Lachen schien noch beweisender als ihre Worte, dann begann sie den
Lappen, mit dem sie den Boden gewaschen hatte, in den Eimer auszuwinden, so, als
sei durch ihre Erklärung der Zwischenfall beendet und die Aussagen der Gehilfen
nur ein nachträglicher Scherz; erst als sie wieder, zur Arbeit bereit,
niedergekniet war, sagte sie: »Unsere Gehilfen sind Kinder, die trotz ihren
Jahren noch in diese Schulbänke gehören. Ich habe nämlich gegen Abend die Tür
mit der Axt allein geöffnet, es war sehr einfach, die Gehilfen brauchte ich dazu
nicht, sie hätten nur gestört. Als dann in der Nacht aber mein Bräutigam kam und
hinausging, um den Schaden zu besehen und womöglich zu reparieren, liefen die
Gehilfen mit, wahrscheinlich weil sie fürchteten, hier allein zu bleiben, sahen
meinen Bräutigam an der aufgerissenen Tür arbeiten, und deshalb sagen sie jetzt
- nun, es sind Kinder -.«
    Zwar schüttelten die Gehilfen während Friedas Erklärung immerfort die Köpfe,
zeigten weiter auf K. und strengten sich an, durch stummes Mienenspiel Frieda
von ihrer Meinung abzubringen; da es ihnen aber nicht gelang, fügten sie sich
endlich, nahmen Friedas Worte als Befehl, und auf eine neuerliche Frage des
Lehrers antworteten sie nicht mehr. »So«, sagte der Lehrer, »ihr habt also
gelogen? Oder wenigstens leichtsinnig den Schuldiener beschuldigt?« Sie
schwiegen noch immer, aber ihr Zittern und ihre ängstlichen Blicke schienen auf
Schuldbewusstsein zu deuten. »Dann werde ich euch sofort durchprügeln«, sagte der
Lehrer und schickte ein Kind ins andere Zimmer um den Rohrstab. Als er dann den
Stab hob, rief Frieda: »Die Gehilfen haben ja die Wahrheit gesagt«, warf
verzweifelt den Lappen in den Eimer, dass das Wasser aufsprjetzte, und lief hinter
den Barren, wo sie sich versteckte. »Ein verlogenes Volk«, sagte die Lehrerin,
die den Verband der Pfote eben beendigt hatte und das Tier auf den Schoss nahm,
für den es fast zu breit war.
    »Bleibt also der Herr Schuldiener«, sagte der Lehrer, stiess die Gehilfen
fort und wandte sich K. zu, der während der ganzen Zeit, auf den Besen gestützt,
zugehört hatte: »Dieser Herr Schuldiener, der aus Feigheit ruhig zugibt, dass man
andere fälschlich seiner eigenen Lumpereien beschuldigt.« - »Nun«, sagte K., der
wohl merkte, dass Friedas Dazwischentreten den ersten hemmungslosen Zorn des
Lehrers doch gemildert hatte, »wenn die Gehilfen ein wenig durchgeprügelt worden
wären, hätte es mir nicht leid getan; wenn sie bei zehn gerechten Anlässen
geschont worden sind, können sie es einmal bei einem ungerechten abbüssen. Aber
auch sonst wäre es mir willkommen gewesen, wenn ein unmittelbarer Zusammenstoss
zwischen mir und Ihnen, Herr Lehrer, vermieden worden wäre, vielleicht wäre es
sogar auch Ihnen lieb. Da nun aber Frieda mich den Gehilfen geopfert hat -«,
hier machte K. eine Pause, man hörte in der Stille hinter den Decken Frieda
schluchzen -, »muss nun natürlich die Sache ins reine gebracht werden.« -
»Unerhört«, sagte die Lehrerin. »Ich bin völlig Ihrer Meinung, Fräulein Gisa«,
sagte der Lehrer. »Sie, Schuldiener, sind natürlich wegen dieses schändlichen
Dienstvergehens auf der Stelle entlassen; die Strafe, die noch folgen wird,
behalte ich mir vor; jetzt aber scheren Sie sich sofort mit allen Ihren Sachen
aus dem Haus. Es wird uns eine wahre Erleichterung sein, und der Unterricht wird
endlich beginnen können. Also schleunig!« - »Ich rühre mich von hier nicht
fort«, sagte K. »Sie sind mein Vorgesetzter, aber nicht derjenige, welcher mir
die Stelle verliehen hat, das ist der Herr Gemeindevorsteher, nur seine
Kündigung nehme ich an. Er aber hat mir die Stelle doch wohl nicht gegeben, dass
ich hier mit meinen Leuten erfriere, sondern - wie Sie selbst sagten - damit er
unbesonnene Verzweiflungstaten meinerseits verhindert. Mich jetzt plötzlich zu
entlassen wäre daher geradewegs gegen seine Absicht; solange ich nicht das
Gegenteil aus seinem eigenen Munde höre, glaube ich es nicht. Es geschieht
übrigens wahrscheinlich auch zu Ihrem grossen Vorteil, wenn ich Ihrer
leichtsinnigen Kündigung nicht folge.« - »Sie folgen also nicht?« fragte der
Lehrer. K. schüttelte den Kopf. »Überlegen Sie es wohl«, sagte der Lehrer. »Ihre
Entschlüsse sind nicht immer die allerbesten; denken Sie zum Beispiel an den
gestrigen Nachmittag, als Sie es ablehnten, verhört zu werden.« - »Warum
erwähnen Sie das jetzt?« fragte K. »Weil es mir beliebt«, sagte der Lehrer, »und
nun wiederhole ich zum letzten Male: Hinaus!« Als aber auch das keine Wirkung
hatte, ging der Lehrer zum Kateder und beriet sich leise mit der Lehrerin,
diese sagte etwas von der Polizei, aber der Lehrer lehnte es ab, schliesslich
einigten sie sich, der Lehrer forderte die Kinder auf, in seine Klasse
hinüberzugehen, sie würden dort mit den anderen Kindern gemeinsam unterrichtet
werden. Diese Abwechslung freute alle, gleich war unter Lachen und Schreien das
Zimmer geleert, der Lehrer und die Lehrerin folgten als letzte. Die Lehrerin
trug das Klassenbuch und auf ihm die in ihrer Fülle ganz teilnahmslose Katze.
Der Lehrer hätte die Katze gern hiergelassen, aber eine darauf bezügliche
Andeutung wehrte die Lehrerin mit dem Hinweis auf die Grausamkeit K.s
entschieden ab; so bürdete K. zu allem Ärger auch noch die Katze dem Lehrer auf.
Es beeinflusste dies wohl auch die letzten Worte, die der Lehrer in der Tür an K.
richtete: »Das Fräulein verlässt mit den Kindern notgedrungen dieses Zimmer, weil
Sie renitenterweise meiner Kündigung nicht folgen und weil niemand von ihr,
einem jungen Mädchen, verlangen kann, dass sie inmitten Ihrer schmutzigen
Familienwirtschaft Unterricht erteilt. Sie bleiben also allein und können sich,
ungestört durch den Widerwillen anständiger Zuschauer, hier so breit machen, wie
Sie wollen. Aber es wird nicht lange dauern, dafür bürge ich.« Damit schlug er
die Tür zu.
                             Das dreizehnte Kapitel
Kaum waren alle fort. sagte K. zu den Gehilfen: »Geht hinaus!« Verblüfft durch
diesen unerwarteten Befehl, folgten sie, aber als K. hinter ihnen die Tür
zusperrte, wollten sie wieder zurück, winselten draussen und klopften an die Tür.
»Ihr seid entlassen!« rief K. »Niemals mehr nehme ich euch in meine Dienste.«
Das wollten sie sich nun freilich nicht gefallen lassen und hämmerten mit Händen
und Füssen gegen die Tür. »Zurück zu dir, Herr!« riefen sie, als wäre K. das
trockene Land und sie daran, in der Flut zu versinken. Aber K. hatte kein
Mitleid, ungeduldig wartete er, bis der unerträgliche Lärm den Lehrer zwingen
werde, einzugreifen. Es geschah bald. »Lassen Sie Ihre verfluchten Gehilfen
ein!« schrie er. »Ich habe sie entlassen!« schrie K. zurück; es hatte die
ungewollte Nebenwirkung, dem Lehrer zu zeigen, wie es auffiel, wenn jemand
kräftig genug war, nicht nur zu kündigen, sondern auch die Kündigung
auszuführen. Der Lehrer versuchte nun, die Gehilfen gütlich zu beruhigen, sie
sollten hier nur ruhig warten, schliesslich werde K. sie doch wieder einlassen
müssen. Dann ging er. Und es wäre nun vielleicht still geblieben, wenn nicht K.
ihnen wieder zuzurufen angefangen hätte, dass sie nun endgültig entlassen seien
und nicht die geringste Hoffnung auf Wiederaufnahme hätten. Daraufhin begannen
sie wieder zu lärmen wie zuvor. Wieder kam der Lehrer, aber nun verhandelte er
nicht mehr mit ihnen, sondern trieb sie, offenbar mit dem gefürchteten Rohrstab,
aus dem Haus.
    Bald erschienen sie vor den Fenstern des Turnzimmers, klopften an die
Scheiben und schrien; aber die Worte waren nicht mehr zu verstehen. Sie blieben
jedoch auch dort nicht lange, in dem tiefen Schnee konnten sie nicht
herumspringen, wie es ihre Unruhe verlangte. Sie eilten deshalb zu dem Gitter
des Schulgartens, sprangen auf den steinernen Unterbau, wo sie auch, allerdings
nur von der Ferne, einen besseren Einblick in das Zimmer hatten; sie liefen
dort, an dem Gitter sich festaltend, hin und her, blieben dann wieder stehen
und streckten flehend die gefalteten Hände gegen K. aus. So trieben sie es
lange, ohne Rücksicht auf die Nutzlosigkeit ihrer Anstrengungen; sie waren wie
verblendet, sie hörten wohl auch nicht auf, als K. die Fenstervorhänge
herunterliess, um sich von ihrem Anblick zu befreien.
    In dem jetzt dämmerigen Zimmer ging K. zu dem Barren, um nach Frieda zu
sehen. Unter seinem Blick erhob sie sich, ordnete die Haare, trocknete das
Gesicht und machte sich schweigend daran, Kaffee zu kochen. Obwohl sie von allem
wusste, verständigte sie doch K. förmlich davon, dass er die Gehilfen entlassen
hatte. Sie nickte nur. K. sass in einer Schulbank und beobachtete ihre müden
Bewegungen. Es war immer die Frische und Entschlossenheit gewesen, welche ihren
nichtigen Körper verschönt hatte; nun war diese Schönheit dahin. Wenige Tage des
Zusammenlebens mit K. hatten genügt, das zu erreichen. Die Arbeit im Ausschank
war nicht leicht gewesen, aber ihr wahrscheinlich doch entsprechender. Oder war
die Entfernung von Klamm die eigentliche Ursache ihres Verfalles? Die Nähe
Klamms hatte sie so unsinnig verlockend gemacht, in dieser Verlockung hatte sie
K. an sich gerissen, und nun verwelkte sie in seinen Armen.
    »Frieda«, sagte K. Sie legte gleich die Kaffeemühle fort und kam zu K. in
die Bank. »Du bist mir böse?« fragte sie. »Nein«, sagte K. »Ich glaube, du
kannst nicht anders. Du hast zufrieden im Herrenhof gelebt. Ich hätte dich dort
lassen sollen.« - »Ja«, sagte Frieda und sah traurig vor sich hin, »du hättest
mich dort lassen sollen. Ich bin dessen nicht wert, mit dir zu leben. Von mir
befreit, könntest du vielleicht alles erreichen, was du willst. Aus Rücksicht
auf mich unterwirfst du dich dem tyrannischen Lehrer, übernimmst du diesen
kläglichen Posten, bewirbst dich mühevoll um ein Gespräch mit Klamm. Alles für
mich, aber ich lohne es dir schlecht.« - »Nein«, sagte K. und legte tröstend den
Arm um sie. »Alles das sind Kleinigkeiten, die mir nicht weh tun, und zu Klamm
will ich ja nicht nur deinetwegen. Und was hast du alles für mich getan! Ehe ich
dich kannte, ging ich ja hier ganz in die Irre. Niemand nahm mich auf, und wem
ich mich aufdrängte, der verabschiedete mich schnell. Und wenn ich bei jemandem
Ruhe hätte finden können, so waren es Leute, vor denen wieder ich mich
flüchtete, etwa die Leute des Barnabas.« - »Du flüchtetest vor ihnen? Nicht
wahr? Liebster!« rief Frieda lebhaft dazwischen und versank dann nach einem
zögernden »Ja« K.s wieder in ihre Müdigkeit. Aber auch K. hatte nicht mehr die
Entschlossenheit, zu erklären, worin sich durch die Verbindung mit Frieda alles
zum Guten für ihn gewendet hatte. Er löste langsam den Arm von ihr und sass ein
Weilchen schweigend, bis dann Frieda, so, als hätte K.s Arm ihr Wärme gegeben,
die sie jetzt nicht mehr entbehren könne, sagte: »Ich werde dieses Leben hier
nicht ertragen. Willst du mich behalten, müssen wir auswandern, irgendwohin,
nach Südfrankreich, nach Spanien.« - »Auswandern kann ich nicht«, sagte K., »ich
bin hierhergekommen, um hier zu bleiben. Ich werde hierbleiben.« Und in einem
Widerspruch, den er gar nicht zu erklären sich Mühe gab, fügte er wie im
Selbstgespräch zu: »Was hätte mich denn in dieses öde Land locken können, als
das Verlangen hierzubleiben?« Dann sagte er: »Aber auch du willst hierbleiben,
es ist ja dein Land. Nur Klamm fehlt dir, und das bringt dich auf verzweifelte
Gedanken.« - - »Klamm sollte mir fehlen?« sagte Frieda. »Von Klamm ist hier ja
eine Überfülle, zu viel Klamm; um ihm zu entgehen, will ich fort. Nicht Klamm,
sondern du fehlst mir, deinetwegen will ich fort; weil ich mich an dir nicht
sättigen kann, hier, wo alle an mir reissen. Würde mir doch lieber die hübsche
Larve abgerissen, würde doch lieber mein Körper elend, dass ich in Frieden bei
dir leben könnte.« K. hörte daraus nur eines. »Klamm ist noch immer in
Verbindung mit dir?« fragte er gleich. »Er ruft dich?« - »Von Klamm weiss ich
nichts«, sagte Frieda, »ich rede jetzt von anderen, zum Beispiel von den
Gehilfen.« - »Ah, die Gehilfen!« sagte K. überrascht. »Sie verfolgen dich?« -
»Hast du es denn nicht bemerkt?« fragte Frieda. »Nein«, sagte K. und suchte sich
vergeblich an Einzelheiten zu erinnern, »zudringliche und lüsterne Jungen sind
es wohl, aber dass sie sich an dich herangewagt hätten, habe ich nicht bemerkt.«
- »Nicht?« sagte Frieda. »Du hast nicht bemerkt, wie sie aus unserem Zimmer im
Brückenhof nicht fortzubringen waren, wie sie unsere Beziehungen eifersüchtig
überwachten, wie sich einer letztin auf meinen Platz auf den Strohsack legte,
wie sie jetzt gegen dich aussagten, um dich zu vertreiben, zu verderben, um mit
mir allein zu sein. Das alles hast du nicht bemerkt?« K. sah Frieda an, ohne zu
antworten. Diese Anklagen gegen die Gehilfen waren wohl richtig, aber sie
konnten alle auch viel unschuldiger gedeutet werden, aus dem ganzen
lächerlichen, kindischen, fahrigen, unbeherrschten Wesen der beiden. Und sprach
nicht gegen die Beschuldigung auch, dass sie doch immer danach gestrebt hatten,
überallhin mit K. zu gehen und nicht bei Frieda zurückzubleiben? K. erwähnte
etwas Derartiges. »Heuchelei«, sagte Frieda, »das hast du nicht durchschaut? Ja,
warum hast du sie denn fortgetrieben, wenn nicht aus diesen Gründen?« Und sie
ging zum Fenster, rückte den Vorhang ein wenig zur Seite, blickte hinaus und
rief dann K. zu sich. Noch immer waren die Gehilfen draussen am Gitter, so müde
sie auch sichtlich schon waren, streckten sie doch noch von Zeit zu Zeit, alle
Kräfte zusammennehmend, die Arme bittend gegen die Schule aus. Einer hatte, um
sich nicht immerfort festalten zu müssen, den Rock hinten auf einer
Gitterstange aufgespiesst.
    »Die Armen! Die Armen!« sagte Frieda.
    »Warum ich sie weggetrieben habe?« fragte K. »Der unmittelbare Anlass dafür
bist du gewesen.« - »Ich?« fragte Frieda, ohne den Blick von draussen abzuwenden.
»Deine allzufreundliche Behandlung der Gehilfen«, sagte K., »das Verzeihen ihrer
Unarten, das Lachen über sie, das Streicheln ihrer Haare, das fortwährende
Mitleid mit ihnen, die Armen, die Armen, sagst du wieder, und schliesslich der
letzte Vorfall, da ich dir als Preis nicht zu hoch war, die Gehilfen von den
Prügeln loszukaufen.« - »Das ist es ja«, sagte Frieda, »davon spreche ich doch,
das ist es ja, was mich unglücklich macht, was mich von dir abhält, während ich
doch kein grösseres Glück für mich weiss, als bei dir zu sein, immerfort, ohne
Unterbrechung, ohne Ende, während ich doch davon träume, dass hier auf der Erde
kein ruhiger Platz für unsere Liebe ist, nicht im Dorf und nicht anderswo, und
ich mir deshalb ein Grab vorstelle, tief und eng; dort halten wir uns umarmt wie
mit Zangen, ich verberge mein Gesicht an dir, du deines an mir, und niemand wird
uns jemals mehr sehen. Hier aber - sieh die Gehilfen! Nicht dir gilt es, wenn
sie die Hände falten, sondern mir.« - »Und nicht ich«, sagte K., »sehe sie an,
sondern du.« - »Gewiss, ich«, sagte Frieda fast böse, »davon spreche ich doch
immerfort. Was würde denn sonst daran liegen, dass die Gehilfen hinter mir her
sind; mögen sie auch Abgesandte Klamms sein.« - »Abgesandte Klamms«, sagte K.,
den diese Bezeichnung, so natürlich sie ihm gleich erschien, doch sehr
überraschte. »Abgesandte Klamms, gewiss«, sagte Frieda, »mögen sie dies sein, so
sind sie doch auch gleichzeitig läppische Jungen, die zu ihrer Erziehung noch
Prügel brauchen. Was für hässliche, schwarze Jungen es sind. Und wie abscheulich
ist der Gegensatz zwischen ihren Gesichtern, die auf Erwachsene, ja fast auf
Studenten schliessen lassen, und ihrem kindischnärrischen Benehmen! Glaubst du,
dass ich das nicht sehe? Ich schäme mich ja ihrer. Aber das ist es ja eben, sie
stossen mich nicht ab, sondern ich schäme mich ihrer. Ich muss immer zu ihnen
hinsehen. Wenn man sich über sie ärgern sollte, muss ich lachen. Wenn man sie
schlagen wollte, muss ich über ihr Haar streichen. Und wenn ich neben dir liege
in der Nacht, kann ich nicht schlafen, und muss über dich hinweg zusehen, wie der
eine, fest in die Decke eingerollt, schläft und der andere vor der offenen
Ofentür kniet und heizt, und ich muss mich vorbeugen, dass ich dich fast wecke.
Und nicht die Katze erschreckt mich - ach, ich kenne Katzen und ich kenne auch
das unruhige, immerfort gestörte Schlummern im Ausschank - nicht die Katze
erschreckt mich, ich selbst mache mir Schrecken. Und es bedarf gar nicht dieses
Ungetümes von einer Katze, ich fahre beim kleinsten Geräusch zusammen. Einmal
fürchte ich, dass du aufwachen wirst und alles zu Ende sein wird, und dann wieder
springe ich auf und zünde die Kerze an, damit du nur schnell aufwachst und mich
beschützen kannst.« - »Von dem allen habe ich nichts gewusst«, sagte K., »nur in
einer Ahnung dessen habe ich sie vertrieben; nun sind sie aber fort, nun ist
vielleicht alles gut.« - »Ja, endlich sind sie fort«, sagte Frieda, aber ihr
Gesicht war gequält, nicht freudig, »nur wissen wir nicht, wer sie sind.
Abgesandte Klamms, ich nenne sie in meinen Gedanken, im Spiele so, aber
vielleicht sind sie es wirklich. Ihre Augen, diese einfältigen und doch
funkelnden Augen, erinnern mich irgendwie an die Augen Klamms, ja, das ist es:
Es ist Klamms Blick, der mich manchmal aus ihren Augen durchfährt. Und unrichtig
ist es deshalb, wenn ich sagte, dass ich mich ihrer schäme. Ich wollte nur, es
wäre so. Ich weiss zwar, dass anderswo und bei anderen Menschen das gleiche
Benehmen dumm und anstössig wäre, bei ihnen ist es nicht so. Mit Achtung und
Bewunderung sehe ich ihren Dummheiten zu. Wenn es aber Klamms Abgesandte sind,
wer befreit uns von ihnen; und wäre es dann überhaupt gut, von ihnen befreit zu
werden? Müsstest du sie dann nicht schnell hereinholen und glücklich sein, wenn
sie noch kämen?« - »Du willst, dass ich sie wieder hereinlasse?« fragte K. »Nein,
nein«, sagte Frieda, »nichts will ich weniger. Ihren Anblick, wenn sie nun
hereinstürmten, ihre Freude, mich wiederzusehen, ihr Herumhüpfen von Kindern und
ihr Armausstrecken von Männern, das alles würde ich vielleicht gar nicht
ertragen können. Wenn ich dann aber wieder bedenke, dass du, wenn du gegen sie
hart bleibst, damit vielleicht Klamm selbst den Zutritt zu dir verweigerst, will
ich dich mit allen Mitteln vor den Folgen dessen bewahren. Dann will ich, dass du
sie hereinkommen lässt. Dann K., nur schnell herein mit ihnen! Nimm keine
Rücksicht auf mich, was liegt an mir! Ich werde mich wehren, solange ich kann;
wenn ich aber verlieren sollte, nun, so werde ich verlieren, aber dann mit dem
Bewusstsein, dass auch dies für dich geschehen ist.« - »Du bestärkst mich nur in
meinem Urteil hinsichtlich der Gehilfen«, sagte K. »Niemals werden sie mit
meinem Willen hereinkommen. Dass ich sie hinausgebracht habe, beweist doch, dass
man sie unter Umständen beherrschen kann, und damit weiterhin, dass sie nichts
Wesentliches mit Klamm zu tun haben. Erst gestern abend bekam ich einen Brief
von Klamm, aus dem zu sehen ist, dass Klamm über die Gehilfen ganz falsch
unterrichtet ist, woraus wieder geschlossen werden muss, dass sie ihm völlig
gleichgültig sind, denn wären sie dies nicht, so hätte er sich gewiss genaue
Nachrichten über sie beschaffen können. Dass aber du Klamm in ihnen siehst,
beweist nichts, denn noch immer, leider, bist du von der Wirtin beeinflusst und
siehst Klamm überall. Noch immer bist du Klamms Geliebte, noch lange nicht meine
Frau. Manchmal macht mich das ganz trübe, mir ist dann, wie wenn ich alles
verloren hätte, ich habe dann das Gefühl, als sei ich eben erst ins Dorf
gekommen, aber nicht hoffnungsvoll, wie ich damals in Wirklichkeit war, sondern
im Bewusstsein, dass mich nur Enttäuschungen erwarten und dass ich eine nach der
anderen werde durchkosten müssen bis zum letzten Bodensatz. Doch ist das nur
manchmal«, fügte K. lächelnd hinzu, als er sah, wie Frieda unter seinen Worten
zusammensank, »und beweist doch im Grunde etwas Gutes, nämlich, was du mir
bedeutest. Und wenn du mich jetzt aufforderst, zwischen dir und den Gehilfen zu
wählen, so haben damit die Gehilfen schon verloren. Was für ein Gedanke,
zwischen dir und den Gehilfen zu wählen! Nun will ich sie aber endgültig los
sein, in Worten und Gedanken. Wer weiss übrigens, ob die Schwäche, die uns beide
überkommen hat, nicht daher stammt, dass wir noch immer nicht gefrühstückt
haben?« - »Möglich«, sagte Frieda, müde lächelnd, und ging an die Arbeit. Auch
K. ergriff wieder den Besen.
    Nach einem Weilchen klopfte es leise. »Barnabas!« schrie K., warf den Besen
hin und war mit einigen Sätzen bei der Tür. Über den Namen mehr als über alles
andere erschrocken, sah ihn Frieda an. Mit den unsicheren Händen konnte K. das
alte Schloss nicht gleich öffnen. »Ich öffne schon«, wiederholte er immerfort,
statt zu fragen, wer denn eigentlich klopfe. Und musste dann zusehen, wie durch
die weit aufgerissene Tür nicht Barnabas hereinkam, sondern der kleine Junge,
der schon früher einmal hatte K. ansprechen wollen. K. hatte aber keine Lust,
sich an ihn zu erinnern. »Was willst du denn hier?« sagte er. »Unterrichtet wird
nebenan.« - »Ich komme von dort«, sagte der Junge und sah mit seinen grossen,
braunen Augen ruhig zu K. auf, stand aufrecht da, die Arme eng am Leib. »Was
willst du also? Schnell!« sagte K. und beugte sich ein wenig hinab, denn der
Junge sprach leise. »Kann ich dir helfen?« fragte der Junge. »Er will uns
helfen«, sagte K. zu Frieda, und dann zum Jungen: »Wie heisst du denn?« - »Hans
Brunswick«, sagte der Junge, »Schüler der vierten Klasse, Sohn des Otto
Brunswick, Schustermeisters in der Madeleinegasse.« - »Sieh mal, Brunswick heisst
du«, sagte K. und war nun freundlicher zu ihm. Es stellte sich heraus, dass Hans
durch die blutigen Striemen, welche die Lehrerin in K.s Hand eingekratzt hatte,
so erregt worden war, dass er sich vorhin entschlossen hatte, K. beizustehen.
Eigenmächtig war er jetzt auf die Gefahr grosser Strafe hin aus dem Schulzimmer
nebenan wie ein Deserteur weggeschlichen. Es mochten vor allem solche
knabenhaften Vorstellungen sein, die ihn beherrschten. Ihnen entsprechend war
auch der Ernst, der aus allem sprach, was er tat. Nur anfänglich hatte ihn
Schüchternheit behindert, bald aber gewöhnte er sich an K. und Frieda, und als
er dann heissen, guten Kaffee zu trinken bekommen hatte, war er lebhaft und
zutraulich geworden, und seine Fragen waren eifrig und eindringlich, so, als
wolle er möglichst schnell das Wichtigste erfahren, um dann selbständig für K.
und Frieda Entschlüsse fassen zu können. Es war auch etwas Befehlshaberisches in
seinem Wesen; aber es war mit kindlicher Unschuld so gemischt, dass man sich ihm,
halb aufrichtig, halb scherzend, gern unterwarf. Jedenfalls nahm er alle
Aufmerksamkeit für sich in Anspruch, alle Arbeit hatte aufgehört, das Frühstück
zog sich sehr in die Länge. Obwohl er in der Schulbank sass, K. oben auf dem
Katedertisch, Frieda auf einem Sessel nebenan, sah es aus, als sei Hans der
Lehrer, als prüfe er und beurteile die Antworten; ein leichtes Lächeln um seinen
weichen Mund schien anzudeuten, dass er wohl wisse, es handle sich nur um ein
Spiel, aber desto ernstafter war er im übrigen bei der Sache, vielleicht war es
auch gar kein Lächeln, sondern das Glück der Kindheit, das die Lippen umspielte.
Auffallend spät erst hatte er zugegeben, dass er K. schon kannte, seit dieser
einmal bei Lasemann eingekehrt war. K. war glücklich darüber. »Du spieltest
damals zu Füssen der Frau?« fragte K. »Ja«, sagte Hans, »es war meine Mutter.«
Und nun musste er von seiner Mutter erzählen, aber er tat es nur zögernd und erst
auf wiederholte Aufforderung, es zeigte sich nun doch, dass er ein kleiner Junge
war, aus dem zwar manchmal, besonders in seinen Fragen, vielleicht im Vorgefühl
der Zukunft, vielleicht aber auch nur infolge der Sinnestäuschung des
unruhiggespannten Zuhörers, fast ein energischer, kluger, weitblickender Mann zu
sprechen schien, der dann aber gleich darauf ohne Übergang nur ein Schuljunge
war, der manche Fragen gar nicht verstand, andere missdeutete, der in kindlicher
Rücksichtslosigkeit zu leise sprach, obwohl er oft auf den Fehler aufmerksam
gemacht worden war, und der schliesslich wie aus Trotz gegenüber manchen
dringenden Fragen vollkommen schwieg, und zwar ganz ohne Verlegenheit, wie es
ein Erwachsener niemals könnte. Es war überhaupt, wie wenn seiner Meinung nach
nur ihm das Fragen erlaubt sei, durch das Fragen der anderen aber irgendeine
Vorschrift durchbrochen und Zeit verschwendet würde. Er konnte dann lange Zeit
stillsitzen mit aufrechtem Körper, gesenktem Kopf, aufgeworfener Unterlippe.
Frieda gefiel das so, dass sie ihm öfters Fragen stellte, von denen sie hoffte,
dass sie ihn auf diese Weise verstummen lassen würden; es gelang ihr auch
manchmal, aber K. ärgerte es. Im ganzen erfuhr man wenig. Die Mutter war ein
wenig kränklich, aber was für eine Krankheit es war, blieb unbestimmt, das Kind,
das Frau Brunswick auf dem Schoss gehabt hatte, war Hansens Schwester und hiess
Frieda (die Namensgleichheit mit der ihn ausfragenden Frau nahm Hans
unfreundlich auf), sie wohnten alle im Dorf, aber nicht bei Lasemann, sie waren
dort nur zu Besuch gewesen, um gebadet zu werden, weil Lasemann das grosse Schaff
hatte, in dem zu baden und sich herumzutreiben den kleinen Kindern, zu denen
aber Hans nicht gehörte, ein besonderes Vergnügen machte; von seinem Vater
sprach Hans ehrfurchtsvoll oder ängstlich, aber nur, wenn nicht gleichzeitig von
der Mutter die Rede war, gegenüber der Mutter war des Vaters Wert offenbar
klein, übrigens blieben alle Fragen über das Familienleben, wie immer man auch
heranzukommen suchte, unbeantwortet. Vom Gewerbe des Vaters erfuhr man, dass er
der grösste Schuster des Ortes war, keiner war ihm gleich, wie öfters auch auf
ganz andere Fragen hin wiederholt wurde, er gab sogar den andern Schustern, zum
Beispiel auch dem Vater Barnabas', Arbeit, in diesem letzten Falle tat es
Brunswick wohl nur aus besonderer Gnade, wenigstens deutete dies die stolze
Kopfwendung Hansens an, welche Frieda veranlasste, zu ihm hinunterzuspringen und
ihm einen Kuss zu geben. Die Frage, ob er schon im Schloss gewesen sei,
beantwortete er erst nach vielen Wiederholungen, und zwar mit »Nein«; die
gleiche Frage hinsichtlich der Mutter beantwortete er gar nicht. Schliesslich
ermüdete K.; auch ihm schien das Fragen unnütz, er gab darin dem Jungen recht,
auch war darin etwas Beschämendes, auf dem Umweg über das unschuldige Kind
Familiengeheimnisse ausforschen zu wollen, doppelt beschämend allerdings war,
dass man auch hier nichts erfuhr. Und als dann K. zum Abschluss den Jungen fragte,
worin er denn zu helfen sich anbiete, wunderte er sich nicht mehr zu hören, dass
Hans nur hier bei der Arbeit helfen wolle, damit der Lehrer und die Lehrerin mit
K. nicht mehr so zankten. K. erklärte Hans, dass eine solche Hilfe nicht nötig
sei, Zanken gehöre wohl zu des Lehrers Natur, und man werde wohl auch durch
genaueste Arbeit sich kaum davor schützen können, die Arbeit selbst sei nicht
schwer, und nur infolge zufälliger Umstände sei er mit ihr heute im Rückstand,
übrigens wirke auf K. dieses Zanken nicht so wie auf einen Schüler, er schüttle
es ab, es sei ihm fast gleichgültig, auch hoffe er, dem Lehrer sehr bald völlig
entgehen zu können. Da es sich also nur um Hilfe gegen den Lehrer gehandelt
habe, danke er dafür bestens und Hans könne wieder zurückgehen, hoffentlich
werde er nicht noch bestraft werden. Obwohl es K. gar nicht betonte und nur
unwillkürlich andeutete, dass es nur die Hilfe gegenüber dem Lehrer sei, die er
nicht brauche, während er die Frage nach anderer Hilfe offenliess, hörte es Hans
doch klar heraus und fragte, ob K. vielleicht andere Hilfe brauche; sehr gern
würde er ihm helfen, und wenn er es selbst nicht imstande wäre, würde er seine
Mutter darum bitten, und dann würde es gewiss gelingen. Auch wenn der Vater
Sorgen hat, bittet er die Mutter um Hilfe. Und die Mutter habe auch schon einmal
nach K. gefragt, sie selbst gehe kaum aus dem Haus, nur ausnahmsweise sei sie
damals bei Lasemann gewesen; er, Hans, aber gehe öfters hin, um mit Lasemanns
Kindern zu spielen, und da habe ihn die Mutter einmal gefragt, ob dort
vielleicht wieder einmal der Landvermesser gewesen sei. Nun dürfe man die
Mutter, weil sie so schwach und müde sei, nicht unnütz aufregen, und so habe er
nur einfach gesagt, dass er den Landvermesser dort nicht gesehen habe, und weiter
sei davon nicht gesprochen worden; als er ihn nun aber hier in der Schule
gefunden habe, habe er ihn ansprechen müssen, damit er der Mutter berichten
könne. Denn das habe die Mutter am liebsten, wenn man, ohne ausdrücklichen
Befehl, ihre Wünsche erfüllt. Darauf sagte K. nach kurzer Überlegung, er brauche
keine Hilfe, er habe alles, was er benötigte, aber es sei sehr lieb von Hans,
dass er ihm helfen wolle, und er danke ihm für die gute Absicht, es sei ja
möglich, dass er später einmal etwas brauchen werde, dann werde er sich an ihn
wenden, die Adresse habe er ja. Dagegen könne vielleicht er, K., diesmal ein
wenig helfen, es tue ihm leid, dass Hansens Mutter kränkle und offenbar niemand
hier das Leiden verstehe; in einem solchen vernachlässigten Falle kann oft eine
schwere Verschlimmerung eines an sich leichten Leidens eintreten. Nun habe er,
K., einige medizinische Kenntnisse und, was noch mehr wert sei, Erfahrung in der
Krankenbehandlung. Manches, was Ärzten nicht gelungen sei, sei ihm geglückt. Zu
Hause habe man ihn wegen seiner Heilwirkung immer »das bittere Kraut« genannt.
Jedenfalls würde er gern Hansens Mutter ansehen und mit ihr sprechen. Vielleicht
könnte er einen guten Rat geben, schon um Hansens willen täte er es gern.
Hansens Augen leuchteten bei diesem Angebot zuerst auf, verführten K. dazu,
dringlicher zu werden, aber das Ergebnis war unbefriedigend, denn Hans sagte auf
verschiedene Fragen, und war dabei nicht einmal sehr traurig, zur Mutter dürfe
kein fremder Besuch kommen, weil sie sehr schonungsbedürftig sei; obwohl doch K.
damals kaum mit ihr gesprochen habe, sei sie nachher einige Tage im Bett
gelegen, was freilich öfters geschehe. Der Vater habe sich damals aber über K.
sehr geärgert, und er würde gewiss niemals erlauben, dass K. zur Mutter komme; ja,
er habe damals K. aufsuchen wollen, um ihn wegen seines Benehmens zu strafen,
nur die Mutter habe ihn davon zurückgehalten. Vor allem aber wolle die Mutter
selbst im allgemeinen mit niemandem sprechen, und ihre Frage nach K. bedeutete
keine Ausnahme von der Regel, im Gegenteil, gerade gelegentlich seiner Erwähnung
hätte sie den Wunsch aussprechen können, ihn zu sehen, aber sie habe dies nicht
getan und damit deutlich ihren Willen geäussert. Sie wolle nur von K. hören, aber
mit ihm sprechen wolle sie nicht. Übrigens sei es gar keine eigentliche
Krankheit, woran sie leide, sie wisse sehr wohl die Ursache ihres Zustandes, und
manchmal deute sie sie auch an: Es sei wahrscheinlich die Luft hier, die sie
nicht vertrage; aber sie wolle doch auch wieder den Ort nicht verlassen, des
Vaters und der Kinder wegen, auch sei es schon besser, als es früher gewesen
war. Das war es etwa, was K. erfuhr, die Denkkraft Hansens steigerte sich
sichtlich, da er seine Mutter vor K. schützen sollte, vor K., dem er angeblich
hatte helfen wollen; ja, zu dem guten Zwecke, K. von der Mutter abzuhalten,
widersprach er in manchem sogar seinen eigenen früheren Aussagen, zum Beispiel
hinsichtlich der Krankheit. Trotzdem aber merkte K. auch jetzt, dass Hans ihm
noch immer gutgesinnt war, nur vergass er über der Mutter alles andere; wen immer
man gegenüber der Mutter aufstellte, er kam gleich ins Unrecht, jetzt war es K.
gewesen, aber es konnte zum Beispiel auch der Vater sein. K. wollte dieses
letztere versuchen und sagte, es sei gewiss sehr vernünftig vom Vater, dass er die
Mutter vor jeder Störung so behüte, und wenn er, K., damals etwas Ähnliches nur
geahnt hätte, hätte er gewiss die Mutter nicht anzusprechen gewagt, und er lasse
jetzt noch nachträglich zu Hause um Entschuldigung bitten. Dagegen könne er
nicht ganz verstehen, warum der Vater, wenn die Ursache des Leidens so
klargestellt sei, wie Hans sagte, die Mutter zurückhalte, sich in anderer Luft
zu erholen; man müsse sagen, dass er sie zurückhalte, denn sie gehe nur der
Kinder und seinetwegen nicht fort, die Kinder aber könnte sie mitnehmen, sie
müsste ja nicht für lange Zeit fortgehen und auch nicht sehr weit, schon oben auf
dem Schlossberg sei die Luft ganz anders. Die Kosten eines solchen Ausflugs müsse
der Vater nicht fürchten, er sei ja der grösste Schuster im Ort, und gewiss habe
auch er oder die Mutter Verwandte oder Bekannte im Schloss, die sie gern
aufnehmen würden. Warum lasse er sie nicht fort? Er möge ein solches Leiden
nicht unterschätzen; K. habe ja die Mutter nur flüchtig gesehen, aber eben ihre
auffallende Blässe und Schwäche habe ihn dazu bewogen, sie anzusprechen; schon
damals habe er sich gewundert, dass der Vater in der schlechten Luft des
allgemeinen Bade- und Waschraumes die kranke Frau gelassen und sich auch in
seinen lauten Reden keine Zurückhaltung auferlegt habe. Der Vater wisse wohl
nicht, worum es sich handle; mag sich auch das Leiden in der letzten Zeit
vielleicht gebessert haben, ein solches Leiden hat Launen, aber schliesslich
kommt es doch, wenn man es nicht bekämpft, mit gesammelter Kraft, und nichts
kann dann mehr helfen. Wenn K. schon nicht mit der Mutter sprechen könne, wäre
es doch vielleicht gut, wenn er mit dem Vater sprechen und ihn auf dies alles
aufmerksam machen würde.
    Hans hatte gespannt zugehört, das meiste verstanden, die Drohung des
unverständlichen Restes stark empfunden. Trotzdem sagte er, mit dem Vater könne
K. nicht sprechen, der Vater habe eine Abneigung gegen ihn, und er würde ihn
wahrscheinlich wie der Lehrer behandeln. Er sagte dies lächelnd und schüchtern,
wenn er von K. sprach, und verbissen und traurig, wenn er den Vater erwähnte.
Doch fügte er hinzu, dass K. vielleicht doch mit der Mutter sprechen könnte, aber
nur ohne Wissen des Vaters. Dann dachte Hans mit starrem Blick ein Weilchen
nach, ganz wie eine Frau, die etwas Verbotenes tun will und eine Möglichkeit
sucht, es ungestraft auszuführen, und sagte, übermorgen wäre es vielleicht
möglich, der Vater gehe abends in den Herrenhof, er habe dort Besprechungen, da
werde er, Hans, abends kommen und K. zur Mutter führen, vorausgesetzt
allerdings, dass die Mutter zustimme, was noch sehr unwahrscheinlich sei. Vor
allem tue sie ja nichts gegen den Willen des Vaters, in allem füge sie sich ihm,
auch in Dingen, deren Unvernunft selbst er, Hans, klar einsehe. Wirklich suchte
nun Hans bei K. Hilfe gegen den Vater; es war, als habe er sich selbst
getäuscht, da er geglaubt hatte, er wolle K. helfen, während er in Wirklichkeit
hatte ausforschen wollen, ob nicht vielleicht, da niemand aus der alten Umgebung
hatte helfen können, dieser plötzlich erschienene und nun von der Mutter sogar
erwähnte Fremde dies imstande sei. Wie unbewusst verschlossen, fast hinterhältig
war der Junge. Es war bisher aus seiner Erscheinung und seinen Worten kaum zu
entnehmen gewesen; erst aus den förmlich nachträglichen, durch Zufall und
Absicht hervorgeholten Geständnissen merkte man es. Und nun überlegte er in
langen Gesprächen mit K., welche Schwierigkeiten zu überwinden wären. Es waren,
beim besten Willen Hansens, fast unüberwindliche Schwierigkeiten; ganz in
Gedanken und doch hilfesuchend, sah er mit unruhig zwinkernden Augen K.
immerfort an. Vor des Vaters Weggang durfte er der Mutter nichts sagen, sonst
erfuhr es der Vater, und alles war unmöglich gemacht, also erst später durfte er
es erwähnen; aber auch jetzt, mit Rücksicht auf die Mutter, nicht plötzlich und
schnell, sondern langsam und bei passender Gelegenheit; dann erst musste er der
Mutter Zustimmung erbitten, dann erst konnte er K. holen; war es aber dann nicht
schon zu spät, drohte nicht schon des Vaters Rückkehr? Nein, es war doch
unmöglich. K. bewies dagegen, dass es nicht unmöglich war. Dass die Zeit nicht
ausreichen werde, davor müsse man sich nicht fürchten, ein kurzes Gespräch, ein
kurzes Beisammensein genüge, und holen müsse Hans K. nicht. K. werde irgendwo in
der Nähe des Hauses versteckt warten, und auf ein Zeichen Hansens werde er
gleich kommen. Nein, sagte Hans, beim Haus warten dürfe K. nicht - wieder war es
die Empfindlichkeit wegen seiner Mutter, die ihn beherrschte -, ohne Wissen der
Mutter dürfe K. sich nicht auf den Weg machen, in ein solches vor der Mutter
geheimes Einverständnis dürfe Hans mit K. nicht eintreten; er müsse K. aus der
Schule holen, und nicht früher, als es die Mutter wisse und erlaube. Gut, sagte
K., dann sei es ja wirklich gefährlich, und es sei dann möglich, dass der Vater
ihn im Hause ertappen werde; und wenn schon dies nicht geschehen sollte, so wird
doch die Mutter in Angst davor K. überhaupt nicht kommen lassen, und so werde
doch alles am Vater scheitern. Dagegen wehrte sich wieder Hans, und so ging der
Streit hin und her. Längst schon hatte K. Hans aus der Bank zum Kateder
gerufen, hatte ihn zu sich zwischen die Knie gezogen und streichelte ihn
manchmal begütigend. Diese Nähe trug auch dazu bei, trotz Hansens zeitweiligem
Widerstreben ein Einvernehmen herzustellen. Man einigte sich schliesslich auf
folgendes: Hans werde zunächst der Mutter die volle Wahrheit sagen; jedoch, um
ihr die Zustimmung zu erleichtern, hinzufügen, dass K. auch mit Brunswick selbst
sprechen wolle, allerdings nicht wegen der Mutter, sondern wegen seiner
Angelegenheiten. Dies war auch richtig, im Laufe des Gesprächs war es K.
eingefallen, dass ja Brunswick, mochte er auch sonst ein gefährlicher und böser
Mensch sein, sein Gegner eigentlich nicht mehr sein konnte, war er doch,
wenigstens nach dem Bericht des Gemeindevorstehers, der Führer derjenigen
gewesen, welche, sei es auch aus politischen Gründen, die Berufung eines
Landvermessers verlangt hatten. K.s Ankunft im Dorf musste also für Brunswick
willkommen sein; dann waren allerdings die ärgerliche Begrüssung am ersten Tag
und die Abneigung, von der Hans sprach, fast unverständlich; vielleicht aber war
Brunswick gerade deshalb gekränkt, weil sich K. nicht zuerst an ihn um Hilfe
gewendet hatte, vielleicht lag ein anderes Missverständnis vor, das durch ein
paar Worte aufgeklärt werden konnte. Wenn das aber geschehen war, dann konnte K.
in Brunswick recht wohl einen Rückhalt gegenüber dem Lehrer, ja sogar gegenüber
dem Gemeindevorsteher bekommen, der ganze amtliche Trug - was war es denn
anderes? -, mit welchem der Gemeindevorsteher und der Lehrer ihn von den
Schlossbehörden abhielten und in die Schuldienerstellung zwängten, konnte
aufgedeckt werden; kam es neuerlich zu einem um K. geführten Kampf zwischen
Brunswick und dem Gemeindevorsteher, musste Brunswick K. an seine Seite ziehen,
K. würde Gast in Brunswicks Hause werden, Brunswicks Machtmittel würden ihm zur
Verfügung gestellt werden, dem Gemeindevorsteher zum Trotz; wer weiss, wohin er
dadurch gelangen würde; und in der Nähe der Frau würde er jedenfalls häufig sein
- so spielte er mit den Träumen und sie mit ihm, während Hans, nur in Gedanken
an die Mutter, das Schweigen K.s sorgenvoll beobachtete, so, wie man es
gegenüber einem Arzte tut, der in Nachdenken versunken ist, um für einen
schweren Fall ein Hilfsmittel zu finden. Mit diesem Vorschlag K.s, dass er mit
Brunswick wegen der Landvermesserstellung sprechen wolle, war Hans
einverstanden, allerdings nur deshalb, weil dadurch seine Mutter vor dem Vater
geschützt war und es sich überdies nur um einen Notfall handelte, der
hoffentlich nicht eintreten würde. Er fragte nur noch, wie K. die späte Stunde
des Besuches dem Vater erklären würde, und begnügte sich schliesslich, wenn auch
mit ein wenig verdüstertem Gesicht, damit, dass K. sagen würde, die unerträgliche
Schuldienerstellung und die entehrende Behandlung durch den Lehrer habe ihn in
plötzlicher Verzweiflung alle Rücksicht vergessen lassen.
    Als nun auf diese Weise alles, soweit man sehen konnte, vorbedacht und die
Möglichkeit des Gelingens doch wenigstens nicht mehr ausgeschlossen war, wurde
Hans, von der Last des Nachdenkens befreit, fröhlicher, plauderte noch ein
Weilchen kindlich, zuerst mit K. und dann auch mit Frieda, die lange wie in ganz
anderen Gedanken dagesessen war und jetzt erst wieder an dem Gespräch
teilzunehmen begann. Unter anderem fragte sie ihn, was er werden wolle; er
überlegte nicht viel und sagte, er wolle ein Mann werden wie K. Als er dann nach
seinen Gründen gefragt wurde, wusste er freilich nicht zu antworten, und die
Frage, ob er etwa Schuldiener werden wolle, verneinte er mit Bestimmteit. Erst
als man weiter fragte, erkannte man, auf welchem Umweg er zu seinem Wunsche
gekommen war. Die gegenwärtige Lage K.s war keineswegs beneidenswert, sondern
traurig und verächtlich, das sah auch Hans genau, und er brauchte, um das zu
erkennen, gar nicht andere Leute zu beobachten; er selbst hätte am liebsten die
Mutter vor jedem Blick und Wort K.s bewahren wollen. Trotzdem aber kam er zu K.
und bat ihn um Hilfe und war glücklich, wenn K. zustimmte, auch bei anderen
Leuten glaubte er Ähnliches zu erkennen, und vor allem hatte doch die Mutter
selbst K. erwähnt. Aus diesem Widerspruch entstand in ihm der Glaube, jetzt sei
zwar K. noch niedrig und abschreckend, aber in einer allerdings fast
unvorstellbar fernen Zukunft werde er doch alle übertreffen. Und eben diese
geradezu törichte Ferne und die stolze Entwicklung, die in sie führen sollte,
lockten Hans; um diesen Preis wollte er sogar den gegenwärtigen K. in Kauf
nehmen. Das besonders Kindlich-Altkluge dieses Wunsches bestand darin, dass Hans
auf K. herabsah wie auf einen Jüngeren, dessen Zukunft sich weiter dehne als
seine eigene, die Zukunft eines kleinen Knaben. Und es war auch ein fast trüber
Ernst, mit dem er, durch Fragen Friedas immer wieder gezwungen, von diesen
Dingen sprach. Erst K. heiterte ihn wieder auf, als er sagte, er wisse, worum
ihn Hans beneide, es handle sich um seinen schönen Knotenstock, der auf dem
Tisch lag und mit dem Hans, zerstreut im Gespräch, gespielt hatte. Nun, solche
Stöcke verstehe K. herzustellen, und er werde, wenn ihr Plan geglückt sei, Hans
einen noch schöneren machen. Es war jetzt nicht mehr ganz deutlich, ob nicht
Hans wirklich nur den Stock gemeint hatte, so freute er sich über K.s
Versprechen und nahm fröhlich Abschied, nicht ohne K. fest die Hand zu drücken
und zu sagen: »Also übermorgen.«
    Es war höchste Zeit, dass Hans weggegangen war, denn kurz darauf riss der
Lehrer die Tür auf und schrie, als er K. und Frieda ruhig bei Tisch sitzen sah:
»Verzeiht die Störung! Aber sagt mir, wann wird endlich hier aufgeräumt sein?
Wir müssen drüben zusammengepfercht sitzen, der Unterricht leidet, ihr aber
dehnt und streckt euch hier im grossen Turnzimmer, und um noch mehr Platz zu
haben, habt ihr auch noch die Gehilfen weggeschickt! Jetzt aber steht wenigstens
auf und rührt euch!« Und nur zu K.: »Du holst mir jetzt das Gabelfrühstück aus
dem Brückenhof!« Das alles war wütend geschrien, aber die Worte waren
verhältnismässig sanft, selbst das an sich grobe Du. K. war sofort bereit zu
folgen; nur um den Lehrer auszuhorchen, sagte er: »Ich bin doch gekündigt.« -
»Gekündigt oder nicht gekündigt, hol mir das Gabelfrühstück«, sagte der Lehrer.
»Gekündigt oder nicht gekündigt, das eben will ich wissen«, sagte K. »Was
schwätzt du?« sagte der Lehrer. »Du hast doch die Kündigung nicht angenommen.« -
»Das genügt, um sie unwirksam zu machen?« fragte K. »Mir nicht«, sagte der
Lehrer, »das darfst du mir glauben, wohl aber dem Gemeindevorsteher,
unbegreiflicherweise. Nun aber lauf, sonst fliegst du wirklich hinaus.« K. war
zufrieden, der Lehrer hatte also mit dem Gemeindevorsteher inzwischen gesprochen
oder vielleicht gar nicht gesprochen, sondern nur des Gemeindevorstehers
voraussichtliche Meinung sich zurechtgelegt, und diese lautete zu K.s Gunsten.
Nun wollte K. gleich um das Gabelfrühstück eilen, aber noch aus dem Gang rief
ihn der Lehrer wieder zurück; sei es, dass er die Dienstwilligkeit K.s durch
diesen besonderen Befehl nur hatte erproben wollen, um sich danach weiterhin
richten zu können, sei es, dass er nun wieder neue Lust zum Kommandieren bekam
und es ihn freute, K. eilig laufen und dann auf seinen Befehl hin wie einen
Kellner ebenso eilig wieder wenden zu lassen. K. seinerseits wusste, dass er durch
allzu grosses Nachgeben sich zum Sklaven und Prügeljungen des Lehrers machen
würde, aber bis zu einer gewissen Grenze wollte er jetzt die Launen des Lehrers
geduldig hinnehmen, denn wenn ihm auch der Lehrer, wie sich gezeigt hatte,
rechtmässig nicht kündigen konnte, qualvoll bis zum Unerträglichen konnte er die
Stellung gewiss machen. Aber gerade an dieser Stellung lag jetzt K. mehr als
früher. Das Gespräch mit Hans hatte ihm neue, zugegebenermassen
unwahrscheinliche, völlig grundlose, aber nicht mehr zu vergessende Hoffnungen
gemacht; sie verdeckten sogar fast Barnabas. Wenn er ihnen nachging, und er
konnte nicht anders, so musste er alle seine Kraft darauf sammeln, sich um nichts
anderes sorgen, nicht um das Essen, die Wohnung, die Dorfbehörden, ja selbst um
Frieda nicht; und im Grunde handelte es sich ja nur um Frieda, denn alles
kümmerte ihn ja nur mit Bezug auf sie. Deshalb musste er diese Stellung, welche
Frieda einige Sicherheit gab, zu behalten suchen, und es durfte ihn nicht reuen,
im Hinblick auf diesen Zweck mehr vom Lehrer zu dulden, als er sonst zu dulden
über sich gebracht hätte. Das alles war nicht allzu schmerzlich, es gehörte in
die Reihe der fortwährenden kleinen Leiden des Lebens, es war nichts im
Vergleich zu dem, was K. erstrebte, und er war nicht hergekommen, um ein Leben
in Ehren und Frieden zu führen.
    Und so war er, wie er gleich hatte ins Wirtshaus laufen wollen, auf den
geänderten Befehl hin auch gleich wieder bereit, zuerst das Zimmer in Ordnung zu
bringen, damit die Lehrerin mit ihrer Klasse wieder herüberkommen könne. Aber es
musste sehr schnell Ordnung gemacht werden, denn nachher sollte K. doch das
Gabelfrühstück holen, und der Lehrer hatte schon grossen Hunger und Durst. K.
versicherte, es werde alles nach Wunsch geschehen; ein Weilchen sah der Lehrer
zu, wie K. sich beeilte, die Lagerstätte wegräumte, die Turngeräte zurechtschob,
im Fluge auskehrte, während Frieda das Podium wusch und rieb. Der Eifer schien
den Lehrer zu befriedigen; er machte noch darauf aufmerksam, dass vor der Tür ein
Haufen Holz zum Heizen vorbereitet sei - zum Schuppen wollte er K. wohl nicht
mehr zulassen -, und ging dann mit der Drohung, bald wiederzukommen und
nachzuschauen, zu den Kindern hinüber.
    Nach einer Weile schweigenden Arbeitens fragte Frieda, warum sich denn K.
jetzt dem Lehrer so sehr füge. Es war wohl eine mitleidige, sorgenvolle Frage,
aber K., der daran dachte, wie wenig es Frieda gelungen war, nach ihrem
ursprünglichen Versprechen ihn vor den Befehlen und Gewalttätigkeiten des
Lehrers zu bewahren, sagte nur kurz, dass er nun, da er einmal Schuldiener
geworden sei, den Posten auch ausfüllen müsse. Dann war es wieder still, bis K.
- gerade durch das kurze Gespräch daran erinnert, dass Frieda schon so lange wie
in sorgenvollen Gedanken verloren gewesen war, vor allem fast während des ganzen
Gespräches mit Hans - sie jetzt, während er das Holz hereintrug, offen fragte,
was sie denn beschäftige. Sie antwortete, langsam zu ihm aufblickend, es sei
nichts Bestimmtes; sie denke nur an die Wirtin und an die Wahrheit mancher ihrer
Worte. Erst als K. in sie drang, antwortete sie nach mehreren Weigerungen
ausführlicher, ohne aber hierbei von ihrer Arbeit abzulassen, was sie nicht aus
Fleiss tat, denn die Arbeit ging dabei doch gar nicht vorwärts, sondern nur, um
nicht gezwungen zu sein, K. anzusehen. Und nun erzählte sie, wie sie bei K.s
Gespräch mit Hans zuerst ruhig zugehört habe, wie sie dann, durch einige Worte
K.s aufgeschreckt, schärfer den Sinn der Worte zu erfassen angefangen habe und
wie sie von nun ab nicht mehr habe aufhören können, in K.s Worten Bestätigungen
einer Mahnung zu hören, die sie der Wirtin verdanke, an deren Berechtigung sie
aber niemals hatte glauben wollen. K., ärgerlich über die allgemeinen
Redewendungen und selbst durch die tränenvolle, klagende Stimme mehr gereizt als
gerührt - vor allem, weil sich die Wirtin nun wieder in sein Leben mischte,
wenigstens durch Erinnerungen, da sie in Person bis jetzt wenig Erfolg gehabt
hatte -, warf das Holz, das er in den Armen trug, zu Boden, setzte sich darauf
und verlangte nun mit ernsten Worten völlige Klarheit. »Schon öfters«, begann
Frieda, »gleich anfangs, hat sich die Wirtin bemüht, mich an dir zweifeln zu
machen, sie behauptete nicht, dass du lügst, im Gegenteil, sie sagte, du seist
kindlich offen, aber dein Wesen sei so verschieden von dem unseren, dass wir,
selbst wenn du offen sprichst, dir zu glauben uns schwer überwinden können, und
wenn nicht eine gute Freundin uns früher rettet, erst durch bittere Erfahrung zu
glauben uns gewöhnen müssen. Selbst ihr, die einen so scharfen Blick für
Menschen hat, sei es kaum anders ergangen. Aber nach dem letzten Gespräch mit
dir im Brückenhof sei sie - ich wiederhole nur ihre bösen Worte - auf deine
Schliche gekommen, jetzt könntest du sie nicht mehr täuschen, selbst wenn du
dich anstrengtest, deine Absichten zu verbergen. Aber du verbirgst ja nichts,
das sagte sie immer wieder, und dann sagte sie noch: Streng dich doch an, ihm
bei beliebiger Gelegenheit wirklich zuzuhören, nicht nur oberflächlich, nein,
wirklich zuzuhören. Nichts weiter als dieses habe sie getan und dabei
hinsichtlich meiner folgendes etwa herausgehört: Du hast dich an mich
herangemacht - sie gebrauchte dieses schmähliche Wort - nur deshalb, weil ich
dir zufällig in den Weg kam, dir nicht gerade missfiel und weil du ein
Ausschankmädchen sehr irrigerweise für das vorbestimmte Opfer jedes die Hand
ausstreckenden Gastes hältst. Ausserdem wolltest du, und die Wirtin vom
Herrenhofwirt erfahren hat, aus irgendwelchen Gründen damals im Herrenhof
übernachten, und das war allerdings überhaupt nicht anders als durch mich zu
erlangen. Das alles wäre genügender Anlass gewesen, dich zu meinem Liebhaber für
jene Nacht zu machen; damit aber mehr daraus würde, brauchte es auch mehr, und
dieses Mehr war Klamm. Die Wirtin behauptet nicht zu wissen, was du von Klamm
willst, sie behauptet nur, dass du, ehe du mich kanntest, ebenso heftig zu Klamm
strebtest wie nachher. Der Unterschied habe nur darin bestanden, dass du früher
hoffnungslos warst, jetzt aber in mir ein zuverlässiges Mittel zu haben
glaubtest, wirklich und bald und sogar mit Überlegenheit zu Klamm vorzudringen.
Wie erschrak ich - aber das war nur erst flüchtig, ohne tieferen Grund -, als du
heute einmal sagtest, ehe du mich kanntest, wärest du hier in die Irre gegangen.
Es sind vielleicht die gleichen Worte, welche die Wirtin gebrauchte; auch sie
sagt, dass du erst, seit du mich kanntest, zielbewusst geworden bist. Das sei
daher gekommen, dass du glaubtest, in mir eine Geliebte Klamms erobert zu haben
und dadurch ein Pfand zu besitzen, das nur zum höchsten Preise ausgelöst werden
könne. Über diesen Preis mit Klamm zu verhandeln, sei dein einziges Bestreben.
Da dir an mir nichts, am Preise alles liegt, seist du hinsichtlich meiner zu
jedem Entgegenkommen bereit, hinsichtlich des Preises hartnäckig. Deshalb ist es
dir gleichgültig, dass ich die Stelle im Herrenhof verliere, gleichgültig, dass
ich auch den Brückenhof verlassen muss, gleichgültig, dass ich die schwere
Schuldienerarbeit werde leisten müssen. Du hast keine Zärtlichkeit, ja nicht
einmal Zeit mehr für mich, du überlässt mich den Gehilfen, Eifersucht kennst du
nicht, mein einziger Wert für dich ist, dass ich Klamms Geliebte war, in deiner
Unwissenheit strengst du dich an, mich Klamm nicht vergessen zu lassen, damit
ich am Ende nicht zu sehr widerstrebe, wenn der entscheidende Zeitpunkt gekommen
ist; dennoch kämpfst du auch gegen die Wirtin, der allein du es zutraust, dass
sie mich dir entreissen könnte, darum triebst du den Streit mit ihr auf die
Spitze, um den Brückenhof mit mir verlassen zu müssen; dass ich, soweit es nur an
mir liegt, unter allen Umständen dein Besitz bin, daran zweifelst du nicht. Die
Unterredung mit Klamm stellst du dir als ein Geschäft vor, bar gegen bar. Du
rechnest mit allen Möglichkeiten; vorausgesetzt, dass du den Preis erreichst,
bist du bereit, alles zu tun; will mich Klamm, wirst du mich ihm geben; will er,
dass du bei mir bleibst, wirst du bleiben; will er, dass du mich verstösst, wirst
du mich verstossen; aber du bist auch bereit, Komödie zu spielen; wird es
vorteilhaft sein, so wirst du vorgeben, mich zu lieben, seine Gleichgültigkeit
wirst du dadurch zu bekämpfen suchen, dass du deine Nichtigkeit hervorhebst und
ihn durch die Tatsache deiner Nachfolgerschaft beschämst, oder dadurch, dass du
meine Liebesgeständnisse hinsichtlich seiner Person, die ich ja wirklich gemacht
habe, ihm übermittelst und ihn bittest, er möge mich wieder aufnehmen, unter
Zahlung des Preises allerdings; und hilft nichts anderes, dann wirst du im Namen
des Ehepaares K. einfach betteln. Wenn du aber dann, so schloss die Wirtin, sehen
wirst, dass du dich in allem getäuscht hast, in deinen Annahmen und in deinen
Hoffnungen, in deiner Vorstellung von Klamm und seinen Beziehungen zu mir, dann
wird meine Hölle beginnen, denn dann werde ich erst recht dein einziger Besitz
sein, auf den du angewiesen bleibst, aber zugleich ein Besitz, der sich als
wertlos erwiesen hat und den du entsprechend behandeln wirst, da du kein anderes
Gefühl für mich hast als das des Besitzers.«
    Gespannt, mit zusammengezogenem Mund, hatte K. zugehört, das Holz unter ihm
war ins Rollen gekommen, er war fast auf den Boden geglitten, er hatte es nicht
beachtet; erst jetzt stand er auf, setzte sich auf das Podium, nahm Friedas
Hand, die sich ihm schwach zu entziehen suchte, und sagte: »Ich habe in dem
Bericht deine und der Wirtin Meinung nicht immer voneinander unterscheiden
können.« - »Es war nur die Meinung der Wirtin«, sagte Frieda. »Ich habe allem
zugehört, weil ich die Wirtin verehre; aber es war das erstemal in meinem Leben,
dass ich ihre Meinung ganz und gar verwarf. So kläglich schien mir alles, was sie
sagte, so fern jedem Verständnis dessen, wie es mit uns zweien stand. Eher
schien mir das vollkommene Gegenteil dessen, was sie sagte, richtig. Ich dachte
an den trüben Morgen nach unserer ersten Nacht, wie du neben mir knietest mit
einem Blick, als sei alles verloren. Und wie es sich dann auch wirklich so
gestaltete, dass ich, so sehr ich mich anstrengte, dir nicht half, sondern dich
hinderte. Durch mich wurde die Wirtin deine Feindin, eine mächtige Feindin, die
du noch immer unterschätzt; meinetwegen, für die du solche Sorgen hattest,
musstest du um deine Stelle kämpfen, warst im Nachteil gegenüber dem
Gemeindevorsteher, musstest dich dem Lehrer unterwerfen, warst den Gehilfen
ausgeliefert, das Schlimmste aber: um meinetwillen hattest du dich vielleicht
gegen Klamm vergangen. Dass du jetzt immerfort zu Klamm gelangen wolltest, war ja
nur das ohnmächtige Streben, ihn irgendwie zu versöhnen. Und ich sagte mir, dass
die Wirtin, die dies alles gewiss viel besser wisse als ich, mich mit ihren
Einflüsterungen nur vor allzuschlimmen Selbstvorwürfen bewahren wollte.
Gutgemeinte, aber überflüssige Mühe. Meine Liebe zu dir hätte mir über alles
hinweggeholfen, sie hätte schliesslich auch dich vorwärtsgetragen, wenn nicht
hier im Dorf, so anderswo; einen Beweis ihrer Kraft hatte sie ja schon gegeben,
vor der Barnabasschen Familie hat sie dich gerettet.« - »Das war damals also
deine Gegenmeinung«, sagte K., »und was hat sich seitdem geändert?« - - »Ich
weiss nicht«, sagte Frieda und blickte auf K.s Hand, welche die ihre hielt,
»vielleicht hat sich nichts geändert; wenn du so nahe bei mir bist und so ruhig
fragst, dann glaube ich, dass sich nichts geändert hat. In Wirklichkeit aber« -
sie nahm K. ihre Hand fort, sass ihm aufrecht gegenüber und weinte, ohne ihr
Gesicht zu bedecken; frei hielt sie ihm dieses tränenüberflossene Gesicht
entgegen, so, als weine sie nicht über sich selbst und habe also nichts zu
verbergen, sondern als weine sie über K.s Verrat und so gebühre ihm auch der
Jammer ihres Anblicks -, »in Wirklichkeit aber hat sich alles geändert, seit ich
dich mit dem Jungen habe sprechen hören. Wie unschuldig hast du begonnen,
fragtest nach den häuslichen Verhältnissen, nach dem und jenem; mir war, als
kämst du gerade in den Ausschank, zutunlich, offenherzig, und suchtest so
kindlich-eifrig meinen Blick. Es war kein Unterschied gegen damals, und ich
wünschte nur, die Wirtin wäre hier, hörte dir zu und versuchte dann noch, an
ihrer Meinung festzuhalten. Dann aber, plötzlich, ich weiss nicht, wie es
geschah, merkte ich, in welcher Absicht du mit dem Jungen sprachst. Durch die
teilnehmenden Worte gewannst du sein nicht leicht zu gewinnendes Vertrauen, um
dann ungestört auf dein Ziel loszugehen, das ich mehr und mehr erkannte. Dieses
Ziel war die Frau. Aus deinen ihretwegen scheinbar besorgten Reden sprach
gänzlich unverdeckt nur die Rücksicht auf deine Geschäfte. Du betrogst die Frau,
noch ehe du sie gewonnen hast. Nicht nur meine Vergangenheit, auch meine Zukunft
hörte ich aus deinen Worten; es war mir, als sitze die Wirtin neben mir und
erkläre mir alles, und ich suche sie mit allen Kräften wegzudrängen, sehe aber
klar die Hoffnungslosigkeit solcher Anstrengung, und dabei war es ja eigentlich
gar nicht mehr ich, die betrogen wurde - nicht einmal betrogen wurde ich schon
-, sondern die fremde Frau. Und als ich mich dann noch aufraffte und Hans
fragte, was er werden wolle, und er sagte, er wolle werden wie du, dir also
schon so vollkommen gehörte, was war denn jetzt für ein grosser Unterschied
zwischen ihm, dem guten Jungen, der hier missbraucht wurde, und mir, damals im
Ausschank?«
    »Alles«, sagte K., durch die Gewöhnung an den Vorwurf hatte er sich gefasst,
»alles, was du sagst, ist in gewissem Sinne richtig; unwahr ist es nicht, nur
feindselig ist es. Es sind Gedanken der Wirtin, meiner Feindin, auch wenn du
glaubst, dass es deine eigenen sind, das tröstet mich. Aber lehrreich sind sie,
man kann noch manches von der Wirtin lernen. Mir selbst hat sie es nicht gesagt,
obwohl sie mich sonst nicht geschont hat; offenbar hat sie dir diese Waffe
anvertraut in der Hoffnung, dass du sie in einer für mich besonders schlimmen
oder entscheidungsreichen Stunde anwenden würdest. Missbrauche ich dich, so
missbraucht sie dich ähnlich. Nun aber, Frieda, bedenke: auch wenn alles ganz
genau so wäre, wie es die Wirtin sagt, wäre es sehr arg nur in einem Falle,
nämlich, wenn du mich nicht lieb hast. Dann, nur dann wäre es wirklich so, dass
ich mit Berechnung und List dich gewonnen habe, um mit diesem Besitz zu wuchern.
Vielleicht gehörte es dann schon sogar zu meinem Plan, das ich damals, um dein
Mitleid hervorzulocken, Arm in Arm mit Olga vor dich trat, und die Wirtin hat
nur vergessen, dies noch in meiner Schuldrechnung zu erwähnen. Wenn es aber
nicht der arge Fall ist und nicht ein schlaues Raubtier dich damals an sich
gerissen hat, sondern du mir entgegenkamst, so wie ich dir entgegenkam und wir
uns fanden, selbstvergessen beide, sag, Frieda, wie ist es denn dann? Dann führe
ich doch meine Sache so wie deine; es ist hier kein Unterschied, und sondern
kann nur eine Feindin. Das gilt überall, auch hinsichtlich Hansens. Bei
Beurteilung des Gespräches mit Hans übertreibst du übrigens in deinem Zartgefühl
sehr, denn wenn sich Hansens und meine Absichten nicht ganz decken, so geht das
doch nicht so weit, dass etwa ein Gegensatz zwischen ihnen bestünde, ausserdem ist
ja Hans unsere Unstimmigkeit nicht verborgen geblieben, glaubst du das, so
würdest du diesen vorsichtigen kleinen Mann sehr unterschätzen, und selbst wenn
ihm alles verborgen geblieben sein sollte, so wird doch daraus niemandem ein
Leid entstehen, das hoffe ich.«
    »Es ist so schwer, sich zurechtzufinden, K.«, sagte Frieda und seufzte. »Ich
habe gewiss kein Misstrauen gegen dich gehabt, und ist etwas Derartiges von der
Wirtin auf mich übergegangen, werde ich es glückselig abwerfen und dich auf den
Knien um Verzeihung bitten, wie ich es eigentlich die ganze Zeit über tue, wenn
ich auch noch so böse Dinge sage. Wahr aber bleibt, dass du viel vor mir
geheimhältst; du kommst und gehst, ich weiss nicht woher und wohin. Damals, als
Hans klopfte, hast du sogar den Namen Barnabas gerufen. Hättest du doch nur
einmal so liebend mich gerufen wie damals aus mir unverständlichem Grund diesen
verhassten Namen. Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, wie soll dann bei mir nicht
Misstrauen entstehen; bin ich dann doch völlig der Wirtin überlassen, die du
durch dein Verhalten zu bestätigen scheinst. Nicht in allem, ich will nicht
behaupten, dass du sie in allem bestätigst; hast du denn nicht doch immerhin
meinetwegen die Gehilfen verjagt? Ach, wüsstest du doch, mit welchem Verlangen
ich in allem, was du tust und sprichst, auch wenn es mich quält, einen für mich
guten Kern suche.« - »Vor allem, Frieda«, sagte K., »ich verberge dir doch nicht
das geringste. Wie mich die Wirtin hasst und wie sie sich anstrengt, dich mir zu
entreissen, und mit was für verächtlichen Mitteln sie das tut und wie du ihr
nachgibst, Frieda, wie du ihr nachgibst! Sag doch, worin verberge ich dir etwas?
Dass ich zu Klamm gelangen will, weisst du, dass du mir dazu nicht verhelfen kannst
und dass ich es daher auf eigene Faust erreichen muss, weisst du auch, dass es mir
bisher noch nicht gelungen ist, siehst du. Soll ich nun durch Erzählen der
nutzlosen Versuche, die mich schon in der Wirklichkeit reichlich demütigen,
doppelt mich demütigen? Soll ich mich etwa dessen rühmen, am Schlag des
Klammschen Schlittens frierend, einen langen Nachmittag vergeblich gewartet zu
haben? Glücklich, nicht mehr an solche Dinge denken zu müssen, eile ich zu dir,
und nun kommt mir wieder alles dieses drohend aus dir entgegen. Und Barnabas?
Gewiss, ich erwarte ihn. Er ist der Bote Klamms; nicht ich habe ihn dazu
gemacht.« - »Wieder Barnabas!« rief Frieda. »Ich kann nicht glauben, dass er ein
guter Bote ist.« - »Du hast vielleicht recht«, sagte K., »aber er ist der
einzige Bote, der mir geschickt wird.« - »Desto schlimmer«, sagte Frieda, »desto
mehr solltest du dich vor ihm hüten.« - »Er hat mir leider bisher keinen Anlass
hierzu gegeben«, sagte K. lächelnd. »Er kommt selten, und was er bringt, ist
belanglos; nur dass es geradewegs von Klamm herrührt, macht es wertvoll.« - »Aber
sieh nur«, sagte Frieda, »es ist ja nicht einmal mehr Klamm dein Ziel,
vielleicht beunruhigt mich das am meisten. Dass du dich immer über mich hinweg zu
Klamm drängtest, war schlimm, dass du jetzt von Klamm abzukommen scheinst, ist
viel schlimmer, es ist etwas, was nicht einmal die Wirtin vorhersah. Nach der
Wirtin endete mein Glück, fragwürdiges und doch sehr wirkliches Glück, mit dem
Tage, an dem du endgültig einsahst, dass deine Hoffnung auf Klamm vergeblich war.
Nun aber wartest du nicht einmal mehr auf diesen Tag; plötzlich kommt ein
kleiner Junge herein, und du beginnst mit ihm um seine Mutter zu kämpfen, so,
wie wenn du um deine Lebensluft kämpftest.« - »Du hast mein Gespräch mit Hans
richtig aufgefasst«, sagte K. »So war es wirklich. Ist aber denn dein ganzes
früheres Leben für dich so versunken (bis auf die Wirtin natürlich, die sich
nicht mit hinabstossen lässt), dass du nicht mehr weisst, wie um das Vorwärtskommen
gekämpft werden muss, besonders wenn man von tief unten herkommt? Wie alles
benützt werden muss, was irgendwie Hoffnung gibt? Und diese Frau kommt vom
Schloss, sie selbst hat es mir gesagt, als ich mich am ersten Tag zu Lasemann
verirrte. Was lag näher, als sie um Rat oder sogar um Hilfe zu bitten; kennt die
Wirtin ganz genau nur alle Hindernisse, die von Klamm abhalten, dann kennt diese
Frau wahrscheinlich den Weg, sie ist ihn ja selbst herabgekommen.« - »Den Weg zu
Klamm?« fragte Frieda. »Zu Klamm, gewiss, wohin denn sonst«, sagte K. Dann sprang
er auf: »Nun aber ist es höchste Zeit, das Gabelfrühstück zu holen.« Dringend,
weit über den Anlass hinaus, bat ihn Frieda zu bleiben, so, wie wenn erst sein
Bleiben alles Tröstliche, was er ihr gesagt hatte, bestätigen würde. K. aber
erinnerte an den Lehrer, zeigte auf die Tür, die jeden Augenblick mit
Donnerkrach aufspringen könnte, versprach auch gleich zu kommen, nicht einmal
einheizen müsse sie, er selbst werde es besorgen. Schliesslich fügte sich Frieda
schweigend. Als K. draussen durch den Schnee stapfte - längst schon hätte der Weg
freigeschaufelt sein sollen, merkwürdig, wie langsam die Arbeit vorwärtsging -,
sah er am Gitter einen der Gehilfen todmüde sich festalten. Nur einen, wo war
der andere? Hatte K. also wenigstens die Ausdauer des einen gebrochen? Der
Zurückgebliebene war freilich noch eifrig genug bei der Sache; das sah man, als
er, durch den Anblick K.s belebt, sofort wilder mit dem Armeausstrecken und dem
sehnsüchtigen Augenverdrehen begann. »Seine Unnachgiebigkeit ist musterhaft«,
sagte sich K. und musste allerdings hinzufügen, »man erfriert mit ihr am Gitter.«
Äusserlich hatte aber K. für den Gehilfen nichts anderes als ein Drohen mit der
Faust, das jede Annäherung ausschloss, ja, der Gehilfe rückte ängstlich noch ein
ansehnliches Stück zurück. Eben öffnete Frieda ein Fenster, um, wie es mit K.
besprochen war, vor dem Einheizen zu lüften. Gleich liess der Gehilfe von K. ab
und schlich, unwiderstehlich angezogen, zum Fenster. Das Gesicht verzerrt von
Freundlichkeit gegenüber dem Gehilfen und flehender Hilflosigkeit zu K. hin,
schwenkte sie ein wenig die Hand oben aus dem Fenster - es war nicht einmal
deutlich, ob es Abwehr oder Gruss war -, der Gehilfe liess sich dadurch im
Näherkommen auch nicht beirren. Da schloss Frieda eilig das äussere Fenster, blieb
aber dahinter, die Hand auf der Klinke, mit zur Seite geneigtem Kopf, grossen
Augen und einem starren Lächeln. Wusste sie, dass sie den Gehilfen damit mehr
lockte, als abschreckte? K. sah aber nicht mehr zurück, er wollte sich lieber
möglichst beeilen und bald zurückkommen.
 
                             Das vierzehnte Kapitel
Endlich - es war schon dunkel, später Nachmittag - hatte K. den Gartenweg
freigelegt, den Schnee zu beiden Seiten des Weges hochgeschichtet und
festgeschlagen und war nun mit der Arbeit des Tages fertig. Er stand am
Gartentor, im weiten Umkreis allein. Den Gehilfen hatte er vor Stunden schon
vertrieben, eine grosse Strecke gejagt; dann hatte sich der Gehilfe irgendwo
zwischen Gärtchen und Hütten versteckt, war nicht mehr aufzufinden gewesen und
auch seitdem nicht wieder hervorgekommen. Frieda war zu Hause und wusch entweder
schon die Wäsche oder noch immer Gisas Katze; es war ein Zeichen grossen
Vertrauens seitens Gisas gewesen, dass sie Frieda diese Arbeit übergeben hatte,
eine allerdings unappetitliche und unpassende Arbeit, deren Übernahme K. gewiss
nicht geduldet hätte, wenn es nicht sehr ratsam gewesen wäre, nach den
verschiedenen Dienstversäumnissen jede Gelegenheit zu benützen, durch die man
sich Gisa verpflichten konnte. Gisa hatte wohlgefällig zugesehen, wie K. die
kleine Kinderbadewanne vom Dachboden gebracht hatte, wie Wasser gewärmt wurde
und wie man schliesslich vorsichtig die Katze in die Wanne hob. Dann hatte Gisa
die Katze sogar völlig Frieda überlassen, denn Schwarzer, K.s Bekannter vom
ersten Abend, war gekommen, hatte K. mit einer Mischung von Scheu, zu welcher an
jenem Abend der Grund gelegt worden war, und unmässiger Verachtung, wie sie einem
Schuldiener gebührte, begrüsst und hatte sich dann mit Gisa in das andere
Schulzimmer begeben. Dort waren die beiden noch immer. Wie man im Brückenhof K.
erzählt hatte, lebte Schwarzer, der doch ein Kastellanssohn war, aus Liebe zu
Gisa schon lange im Dorfe, hatte es durch seine Verbindungen erreicht, dass er
von der Gemeinde zum Hilfslehrer ernannt worden war, übte aber dieses Amt
hauptsächlich in der Weise aus, dass er fast keine Unterrichtsstunde Gisas
versäumte, entweder in der Schulbank zwischen den Kindern sass oder, lieber, am
Podium zu Gisas Füssen. Es störte gar nicht mehr, die Kinder hatten sich schon
längst daran gewöhnt, und dies vielleicht um so leichter, als Schwarzer weder
Zuneigung noch Verständnis für die Kinder hatte, kaum mit ihnen sprach, nur den
Turnunterricht von Gisa übernommen hatte und im übrigen damit zufrieden war, in
der Nähe, in der Luft, in der Wärme Gisas zu leben. Sein grösstes Vergnügen war
es, neben Gisa zu sitzen und Schulhefte zu korrigieren. Auch heute waren sie
damit beschäftigt, Schwarzer hatte einen grossen Stoss Hefte gebracht, der Lehrer
gab ihnen immer auch die seinen und, solange es noch hell gewesen war, hatte K.
die beiden an einem Tischchen beim Fenster arbeiten gesehen, Kopf an Kopf,
unbeweglich, jetzt sah man dort nur zwei Kerzen flackern. Es war eine ernste,
schweigsame Liebe, welche die beiden verband; den Ton gab eben Gisa an, deren
schwerfälliges Wesen zwar manchmal, wild geworden, alle Grenzen durchbrach, die
aber etwas Ähnliches bei anderen zu anderer Zeit niemals geduldet hätte; so
musste sich auch der lebhafte Schwarzer fügen, langsam gehen, langsam sprechen,
viel schweigen; aber er wurde für alles, das sah man, reichlich belohnt durch
Gisas einfache, stille Gegenwart. dabei liebte ihn Gisa vielleicht gar nicht;
jedenfalls gaben ihre runden, grauen, förmlich niemals blinzelnden, eher in den
Pupillen scheinbar sich drehenden Augen auf solche Fragen keine Antwort; nur dass
sie Schwarzer ohne Widerspruch duldete, sah man, aber die Ehrung, von einem
Kastellanssohn geliebt zu werden, verstand sie gewiss nicht zu würdigen, und
ihren vollen, üppigen Körper trug sie unverändert ruhig dahin, ob Schwarzer ihr
mit den Blicken folgte oder nicht. Schwarzer dagegen brachte ihr das ständige
Opfer, dass er im Dorfe blieb; Boten des Vaters, die ihn öfters abzuholen kamen,
fertigte er so empört ab, als sei schon die kurze, von ihnen verursachte
Erinnerung an das Schloss und an seine Sohnespflicht eine empfindliche, nicht zu
ersetzende Störung seines Glückes. Und doch hatte er eigentlich reichlich freie
Zeit, denn Gisa zeigte sich ihm im allgemeinen nur während der
Unterrichtsstunden und beim Heftekorrigieren, dies freilich nicht aus
Berechnung, sondern weil sie die Bequemlichkeit und deshalb das Alleinsein über
alles liebte und wahrscheinlich am glücklichsten war, wenn sie sich zu Hause in
völliger Freiheit auf dem Kanapee ausstrecken konnte, neben sich die Katze, die
nicht störte, weil sie sich ja kaum mehr bewegen konnte. So trieb sich Schwarzer
einen grossen Teil des Tages beschäftigungslos herum, aber auch das war ihm lieb,
denn immer hatte er dabei die Möglichkeit, die er auch sehr oft ausnützte, in
die Löwengasse zu gehen, wo Gisa wohnte, zu ihrem Dachzimmerchen
hinaufzusteigen, an der immer versperrten Tür zu horchen und dann eiligst wieder
wegzugehen, nachdem er im Zimmer ausnahmslos die vollkommenste, unbegreifliche
Stille festgestellt hatte. Immerhin zeigten sich doch auch bei ihm die Folgen
dieser Lebensweise manchmal - aber niemals in Gisas Gegenwart - in lächerlichen
Ausbrüchen auf Augenblicke wiedererwachten amtlichen Hochmuts, der freilich
gerade zu seiner gegenwärtigen Stellung schlecht genug passte; es ging dann
allerdings meistens nicht sehr gut aus, wie es ja auch K. erlebt hatte.
    Erstaunlich war nur, dass man, wenigstens im Brückenhof, doch mit einer
gewissen Achtung von Schwarzer sprach, selbst wenn es sich um mehr lächerliche
als achtungswerte Dinge handelte, auch Gisa war in diese Achtung mit
eingeschlossen. Es war aber dennoch unrichtig, wenn Schwarzer als Hilfslehrer K.
ausserordentlich überlegen zu sein glaubte, diese Überlegenheit war nicht
vorhanden; ein Schuldiener ist für die Lehrerschaft, und gar für einen Lehrer
von Schwarzers Art, eine sehr wichtige Person, die man nicht ungestraft
missachten darf und der man die Missachtung, wenn man aus Standesinteressen auf
sie nicht verzichten kann, zumindest mit entsprechender Gegengabe erträglich
machen muss. K. wollte bei Gelegenheit daran denken, auch war Schwarzer bei ihm
noch vom ersten Abend her in Schuld, die dadurch nicht kleiner geworden war, dass
die nächsten Tage dem Empfang Schwarzers eigentlich recht gegeben hatten. Denn
es war dabei nicht zu vergessen, dass der Empfang vielleicht allem Folgenden die
Richtung gegeben hatte. Durch Schwarzer war ganz unsinnigerweise gleich in der
ersten Stunde die volle Aufmerksamkeit der Behörden auf K. gelenkt worden, als
er, noch völlig fremd im Dorf, ohne Bekannte, ohne Zuflucht, übermüdet vom
Marsch, ganz hilflos, wie er dort auf dem Strohsack lag, jedem behördlichen
Zugriff ausgeliefert war. Nur eine Nacht später hätte schon alles anders, ruhig,
halb im Verborgenen verlaufen können; jedenfalls hätte niemand etwas von ihm
gewusst, keinen Verdacht gehabt, zumindest nicht gezögert, ihn als Wanderburschen
einen Tag bei sich zu lassen; man hätte seine Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit
gesehen, es hätte sich in der Nachbarschaft herumgesprochen, wahrscheinlich
hätte er bald als Knecht irgendwo ein Unterkommen gefunden. Natürlich, der
Behörde wäre es nicht entgangen. Aber es war ein wesentlicher Unterschied, ob
mitten in der Nacht seinetwegen die Zentralkanzlei oder wer sonst beim Telefon
gewesen war, aufgerüttelt wurde, eine augenblickliche Entscheidung eingefordert
wurde, in scheinbarer Demut, aber doch mit lästiger Unerbittlichkeit
eingefordert wurde, überdies von dem oben wahrscheinlich missliebigen Schwarzer,
oder ob statt alles dessen K. am nächsten Tag in den Amtsstunden beim
Gemeindevorsteher anklopfte und, wie es sich gehörte, sich als fremder
Wanderbursch meldete, der bei einem bestimmten Gemeindemitglied schon eine
Schlafstelle hat und wahrscheinlich morgen wieder weiterziehen wird; es wäre
denn, dass der ganz unwahrscheinliche Fall eintritt und er hier Arbeit findet,
nur für ein paar Tage natürlich, denn länger will er keinesfalls bleiben. So
oder ähnlich wäre es ohne Schwarzer geworden. Die Behörde hätte sich auch weiter
mit der Angelegenheit beschäftigt, aber ruhig, im Amtswege, ungestört von der
ihr wahrscheinlich besonders verhassten Ungeduld der Partei. Nun war ja K. an dem
allen unschuldig, die Schuld traf Schwarzer, aber Schwarzer war der Sohn eines
Kastellans, und äusserlich hatte er sich ja korrekt verhalten, man konnte es also
nur K. vergelten lassen. Und der lächerliche Anlass alles dessen? Vielleicht eine
ungnädige Laune Gisas an jenem Tag, wegen der Schwarzer schlaflos in der Nacht
herumgestrichen war, um sich dann an K. für sein Leid zu entschädigen. Man
konnte freilich von anderer Seite her auch sagen, dass K. diesem Verhalten
Schwarzers sehr viel verdanke. Nur dadurch war etwas möglich geworden, was K.
allein niemals erreicht, nie zu erreichen gewagt hätte und was auch ihrerseits
die Behörde kaum je zugegeben hätte, dass er nämlich von allem Anfang an, ohne
Winkelzüge, offen, Aug in Aug, der Behörde entgegentrat, soweit dies bei ihr
überhaupt möglich war. Aber das war ein schlimmes Geschenk, es ersparte zwar K.
viel Lüge und Heimlichtuerei, aber es machte ihn auch fast wehrlos,
benachteiligte ihn jedenfalls im Kampf und hätte ihn im Hinblick darauf
verzweifelt machen können, wenn er sich nicht hätte sagen müssen, dass der
Machtunterschied zwischen der Behörde und ihm so ungeheuerlich war, dass alle
Lüge und List, deren er fähig gewesen wäre, den Unterschied nicht wesentlich zu
seinen Gunsten hätte herabdrücken können. Doch war dies nur ein Gedanke, mit dem
K. sich selbst tröstete, Schwarzer blieb trotzdem in seiner Schuld, hatte er K.
damals geschadet, vielleicht konnte er nächstens helfen, K. würde auch weiterhin
Hilfe im Allergeringsten, in den allerersten Vorbedingungen nötig haben, so
schien ja zum Beispiel auch Barnabas wieder zu versagen.
    Friedas wegen hatte K. den ganzen Tag gezögert, in des Barnabas Wohnung
nachfragen zu gehen; um ihn nicht vor Frieda empfangen zu müssen, hatte er jetzt
draussen gearbeitet und war nach der Arbeit noch hier geblieben in Erwartung des
Barnabas, aber Barnabas kam nicht. Nun blieb nichts anderes übrig, als zu den
Schwestern zu gehen, nur für ein kleines Weilchen, nur von der Schwelle aus
wollte er fragen, bald würde er wieder zurück sein. Und er rammte die Schaufel
in den Schnee ein und lief. Atemlos kam er beim Haus des Barnabas an, riss nach
kurzem Klopfen die Tür auf und fragte, ohne darauf zu achten, wie es in der
Stube aussah: »Ist Barnabas noch immer nicht gekommen?« Erst jetzt bemerkte er,
dass Olga nicht da war, die beiden Alten wieder bei dem weit entfernten Tisch in
einem Dämmerzustande sassen, sich noch nicht klargemacht hatten, was bei der Tür
geschehen war, und erst langsam die Gesichter hinwendeten und dass schliesslich
Amalia unter Decken auf der Ofenbank lag und im ersten Schrecken über K.s
Erscheinen aufgefahren war und die Hand an die Stirn hielt, um sich zu fassen.
Wäre Olga hier gewesen, hätte sie gleich geantwortet, und K. hätte wieder
fortgehen können, so musste er wenigstens die paar Schritte zu Amalia machen, ihr
die Hand reichen, die sie schweigend drückte, und sie bitten, die
aufgescheuchten Eltern von irgendwelchen Wanderungen abzuhalten, was sie auch
mit ein paar Worten tat. K. erfuhr, dass Olga im Hof Holz hackte, Amalia
erschöpft - sie nannte keinen Grund - vor kurzem sich hatte niederlegen müssen
und Barnabas zwar noch nicht gekommen war, aber sehr bald kommen musste, denn
über Nacht blieb er nie im Schloss. K. dankte für die Auskunft, er konnte nun
wieder gehen, Amalia aber fragte, ob er nicht noch auf Olga warten wollte; aber
er hatte leider keine Zeit mehr. Dann fragte Amalia, ob er denn schon heute mit
Olga gesprochen habe; er verneinte es erstaunt und fragte, ob ihm Olga etwas
Besonderes mitteilen wollte. Amalia verzog wie in leichtem Ärger den Mund,
nickte K. schweigend zu - es war deutlich eine Verabschiedung - und legte sich
wieder zurück. Aus der Ruhelage musterte sie ihn, so, als wundere sie sich, dass
er noch da sei. Ihr Blick war kalt, klar, unbeweglich wie immer; er war nicht
geradezu auf das gerichtet, was sie beobachtete, sondern ging - das war störend
- ein wenig, kaum merklich, aber zweifellos daran vorbei, es schien nicht
Schwäche zu sein, nicht Verlegenheit, nicht Unehrlichkeit, die das verursachte,
sondern ein fortwährendes, jedem anderen Gefühl überlegenes Verlangen nach
Einsamkeit, das vielleicht ihr selbst nur auf diese Weise zu Bewusstsein kam. K.
glaubte sich zu erinnern, dass dieser Blick schon am ersten Abend ihn beschäftigt
hatte, ja, dass wahrscheinlich der ganze hässliche Eindruck, den diese Familie
gleich auf ihn gemacht hatte, auf diesen Blick zurückging, der für sich selbst
nicht hässlich war, sondern stolz und in seiner Verschlossenheit aufrichtig. »Du
bist immer so traurig, Amalia«, sagte K., »quält dich etwas? Kannst du es nicht
sagen? Ich habe ein Landmädchen wie dich noch nicht gesehen. Erst heute, erst
jetzt ist es mir eigentlich aufgefallen. Stammst du hier aus dem Dorf? Bist du
hier geboren?« Amalia bejahte es, so, als habe K. nur die letzte Frage gestellt,
dann sagte sie: »Du wirst also doch auf Olga warten?« - »Ich weiss nicht, warum
du immerfort das gleiche fragst«, sagte K. »Ich kann nicht länger bleiben, weil
zu Hause meine Braut wartet.«
    Amalia stützte sich auf den Ellbogen, sie wusste von keiner Braut. K. nannte
den Namen. Amalia kannte sie nicht. Sie fragte, ob Olga von der Verlobung wisse;
K. glaubte es wohl, Olga habe ihn ja mit Frieda gesehen, auch verbreiten sich im
Dorf solche Nachrichten schnell. Amalia versicherte ihm aber, dass Olga es nicht
wisse und dass es sie sehr unglücklich machen werde, denn sie scheine K. zu
lieben. Offen habe sie davon nicht gesprochen, denn sie sei sehr zurückhaltend,
aber Liebe verrate sich ja unwillkürlich. K. war überzeugt, dass sich Amalia
irre. Amalia lächelte, und dieses Lächeln, obwohl es traurig war, erhellte das
düster zusammengezogene Gesicht, machte die Stummheit sprechend, machte die
Fremdheit vertraut, war die Preisgabe eines Geheimnisses, die Preisgabe eines
bisher gehüteten Besitzes, der zwar wieder zurückgenommen werden konnte, aber
niemals mehr ganz. Amalia sagte, sie irre sich gewiss nicht; ja, sie wisse noch
mehr, sie wisse, dass auch K. Zuneigung zu Olga habe und dass seine Besuche, die
irgendwelche Botschaften des Barnabas zum Vorwand haben, in Wirklichkeit nur
Olga gelten. Jetzt aber, da Amalia von allem wisse, müsse er es nicht mehr so
streng nehmen und dürfe öfters kommen. Nur dieses habe sie ihm sagen wollen. K.
schüttelte den Kopf und erinnerte an seine Verlobung. Amalia schien nicht viele
Gedanken an diese Verlobung zu verschwenden, der unmittelbare Eindruck K. s, der
doch allein vor ihr stand, war für sie entscheidend; sie fragte nur, wann denn
K. jenes Mädchen kennengelernt habe, er sei doch erst wenige Tage im Dorf. K.
erzählte von dem Abend im Herrenhof, worauf Amalia nur kurz sagte, sie sei sehr
dagegen gewesen, dass man ihn in den Herrenhof führte. Sie rief dafür auch Olga
als Zeugin an, die mit einem Arm voll Holz eben hereinkam, frisch und gebeizt
von der kalten Luft, lebhaft und kräftig, wie verwandelt durch die Arbeit
gegenüber ihrem sonstigen schweren Dastehen im Zimmer. Sie warf das Holz hin,
begrüsste unbefangen K. und fragte gleich nach Frieda. K. verständigte sich durch
einen Blick mit Amalia, aber sie schien sich nicht für widerlegt zu halten. Ein
wenig gereizt dadurch, erzählte K. ausführlicher, als er es sonst getan hätte,
von Frieda, beschrieb, unter wie schwierigen Verhältnissen sie in der Schule
immerhin eine Art Haushalt führte, und vergass sich in der Eile des Erzählens -
er wollte ja gleich nach Hause gehen - derart, dass er in der Form eines
Abschieds die Schwestern einlud, ihn einmal zu besuchen. Jetzt allerdings
erschrak er und stockte, während Amalia sofort, ohne ihm noch zu einem Worte
Zeit zu lassen, die Einladung anzunehmen erklärte; nun musste sich auch Olga
anschliessen und tat es. K. aber, immerfort von Gedanken an die Notwendigkeit
eiligen Abschieds bedrängt und sich unruhig fühlend unter Amalias Blick, zögerte
nicht, ohne weitere Verbrämung einzugestehen, dass die Einladung gänzlich
unüberlegt und nur von seinem persönlichen Gefühl eingegeben gewesen sei, dass er
sie aber leider nicht aufrechterhalten könne, da eine grosse, ihm allerdings ganz
unverständliche Feindschaft zwischen Frieda und dem Barnabasschen Hause bestehe.
»Es ist keine Feindschaft«, sagte Amalia, stand von der Bank auf und warf die
Decke hinter sich, »ein so grosses Ding ist es nicht, es ist bloss ein Nachbeten
der allgemeinen Meinung. Und nun geh, geh zu deiner Braut, ich sehe, wie du
eilst. Fürchte auch nicht, dass wir kommen, ich sagte es gleich anfangs nur im
Scherz, aus Bosheit. Du aber kannst öfters zu uns kommen, dafür ist wohl kein
Hindernis, du kannst ja immer die Barnabasschen Botschaften vorschützen. Ich
erleichtere es dir noch dadurch, dass ich sagte, dass Barnabas, auch wenn er eine
Botschaft vom Schloss für dich bringt, nicht wieder bis in die Schule gehen kann,
um sie dir zu melden. Er kann nicht so viel herumlaufen, der arme Junge, er
verzehrt sich im Dienst, du wirst selbst kommen müssen, dir die Nachricht zu
holen.« K. hatte Amalia so viel im Zusammenhang noch nicht sagen hören, es klang
auch anders als sonst ihre Rede, eine Art Hoheit war darin, die nicht nur K.
fühlte, sondern offenbar auch Olga, die doch an sie gewöhnte Schwester. Sie
stand ein wenig abseits, die Hände im Schoss, nun wieder in ihrer gewöhnlichen
breitbeinigen, ein wenig gebeugten Haltung, die Augen hatte sie auf Amalia
gerichtet, während diese nur K. ansah. »Es ist ein Irrtum«, sagte K., »ein
grosser Irrtum, wenn du glaubst, dass es mir mit dem Warten auf Barnabas nicht
ernst ist. Meine Angelegenheiten mit den Behörden in Ordnung zu bringen ist mein
höchster, eigentlich mein einziger Wunsch. Und Barnabas soll mir dazu verhelfen,
viel von meiner Hoffnung liegt auf ihm. Er hat mich zwar schon einmal sehr
enttäuscht; aber das war mehr meine eigene Schuld als seine, es geschah in der
Verwirrung der ersten Stunden, ich glaubte damals alles durch einen kleinen
Abendspaziergang erreichen zu können, und dass sich das Unmögliche als unmöglich
gezeigt hat, habe ich ihm dann nachgetragen. Selbst im Urteil über euere
Familie, über euch hat es mich beeinflusst. Das ist vorüber, ich glaube euch
jetzt besser zu verstehen, ihr seid sogar...« K. suchte das richtige Wort, fand
es nicht gleich und begnügte sich mit einem beiläufigen - »ihr seid vielleicht
gutmütiger als irgend jemand sonst von den Dorfleuten, soweit ich sie bisher
kenne. Aber nun, Amalia, beirrst du mich wieder dadurch, dass du, wennschon nicht
den Dienst deines Bruders, so doch die Bedeutung, die er für mich hat,
herabsetzest. Vielleicht bist du in die Angelegenheiten des Barnabas nicht
eingeweiht, dann ist es gut und ich will die Sache auf sich beruhen lassen,
vielleicht aber bist du eingeweiht - und ich habe eher diesen Eindruck -, dann
ist es schlimm, denn das würde bedeuten, dass mich dein Bruder täuscht.« - »Sei
ruhig«, sagte Amalia, »ich bin nicht eingeweiht, nichts könnte mich dazu
bewegen, mich einweihen zu lassen, nichts könnte mich dazu bewegen, nicht einmal
die Rücksicht auf dich, für den ich doch manches täte, denn, wie du sagtest,
gutmütig sind wir. Aber die Angelegenheiten meines Bruders gehören ihm an, ich
weiss nichts von ihnen als das, was ich gegen meinen Willen zufällig hier und da
davon höre. Dagegen kann dir Olga volle Auskunft geben, denn sie ist seine
Vertraute.« Und Amalia ging fort, zuerst zu den Eltern, mit denen sie flüsterte,
dann in die Küche; sie war ohne Abschied von K. fortgegangen, so, als wisse sie,
er werde noch lange bleiben und es sei kein Abschied nötig.
 
                             Das fünfzehnte Kapitel
K. blieb mit etwas erstauntem Gesicht zurück, Olga lachte über ihn, zog ihn zur
Ofenbank, sie schien wirklich glücklich zu sein darüber, dass sie jetzt mit ihm
allein hier sitzen konnte, aber es war ein friedliches Glück, von Eifersucht war
es gewiss nicht getrübt. Und gerade dieses Fernsein von Eifersucht und daher auch
von jeglicher Strenge tat K. wohl; gern sah er in diese blauen, nicht lockenden,
nicht herrischen, sondern schüchtern ruhenden, schüchtern standhaltenden Augen.
Es war, als hätten ihn für alles dieses hier die Warnungen Friedas und der
Wirtin nicht empfänglicher, aber aufmerksamer und findiger gemacht. Und er
lachte mit Olga, als diese sich wunderte, warum er gerade Amalia gutmütig
genannt habe, Amalia sei mancherlei, nur gutmütig sei sie eigentlich nicht.
Worauf K. erklärte, das Lob habe natürlich ihr, Olga, gegolten, aber Amalia sei
so herrisch, dass sie sich nicht nur alles aneigne, was in ihrer Gegenwart
gesprochen werde, sondern dass man ihr auch freiwillig alles zuteile. »Das ist
wahr«, sagte Olga, ernster werdend, »wahrer, als du glaubst. Amalia ist jünger
als ich, jünger auch als Barnabas, aber sie ist es, die in der Familie
entscheidet, im Guten und im Bösen; freilich, sie trägt es auch mehr als alle,
das Gute wie das Böse.« K. hielt das für übertrieben, eben hatte doch Amalia
gesagt, dass sie sich zum Beispiel um des Bruders Angelegenheiten nicht kümmere,
Olga dagegen alles darüber wisse. »Wie soll ich es erklären?« sagte Olga.
»Amalia kümmert sich weder um Barnabas noch um mich; sie kümmert sich eigentlich
um niemanden ausser um die Eltern, sie pflegt sie bei Tag und Nacht, jetzt hat
sie wieder nach ihren Wünschen gefragt und ist in die Küche für sie kochen
gegangen, hat sich ihretwegen überwunden aufzustehen, denn sie ist schon seit
Mittag krank und lag hier auf der Bank. Aber obwohl sie sich nicht um uns
kümmert, sind wir von ihr abhängig, so, wie wenn sie die Älteste wäre, und wenn
sie uns in unseren Dingen riete, würden wir ihr gewiss folgen, aber sie tut es
nicht, wir sind ihr fremd. Du hast doch viel Menschenerfahrung, du kommst aus
der Fremde; scheint sie dir nicht auch besonders klug?« - »Besonders unglücklich
scheint sie mir«, sagte K., »aber wie stimmt es mit eurem Respekt vor ihr
überein, dass zum Beispiel Barnabas diese Botendienste tut, die Amalia
missbilligt, vielleicht sogar missachtet?« - »Wenn er wüsste, was er sonst tun
sollte, er würde den Botendienst, der ihn gar nicht befriedigt, sofort
verlassen.« - »Ist er denn nicht ausgelernter Schuster?« fragte K. »Gewiss«,
sagte Olga, »er arbeitet ja auch nebenbei für Brunswick und hätte, wenn er
wollte, Tag und Nacht Arbeit und reichlichen Verdienst.« - »Nun also«, sagte K.,
»dann hätte er doch einen Ersatz für den Botendienst.« - »Für den Botendienst?«
fragte Olga erstaunt. »Hat er ihn denn des Verdienens halber übernommen?« - »Mag
sein«, sagte K., »aber du erwähntest doch, dass er ihn nicht befriedigt.« - »Er
befriedigt ihn nicht, und aus verschiedenen Gründen«, sagte Olga, »aber es ist
doch Schlossdienst, immerhin eine Art Schlossdienst, so sollte man wenigstens
glauben.« - »Wie«, sagte K., »sogar darin seid ihr im Zweifel?« - »Nun«, sagte
Olga, »eigentlich nicht; Barnabas geht in die Kanzleien, verkehrt mit den
Dienern wie ihresgleichen, sieht von der Ferne auch einzelne Beamte, bekommt
verhältnismässig wichtige Briefe, ja sogar mündlich auszurichtende Botschaften
anvertraut, das ist doch recht viel, und wir können stolz darauf sein, wieviel
er in so jungen Jahren schon erreicht hat.« K. nickte, an die Heimkehr dachte er
jetzt nicht. »Er hat auch eine eigene Livree?« fragte er. »Du meinst die Jacke?«
sagte Olga. »Nein, die hat ihm Amalia gemacht, noch ehe er Bote war. Aber du
näherst dich dem wunden Punkt. Er hätte schon längst nicht eine Livree, die es
im Schloss nicht gibt, aber einen Anzug vom Amt bekommen sollen, es ist ihm auch
zugesichert worden, aber in dieser Hinsicht ist man im Schloss sehr langsam, und
das Schlimme ist, dass man niemals weiss, was diese Langsamkeit bedeutet; sie kann
bedeuten, dass die Sache im Amtsgang ist, sie kann aber auch bedeuten, dass der
Amtsgang noch gar nicht begonnen hat, dass man also zum Beispiel Barnabas immer
noch erst erproben will, sie kann aber schliesslich auch bedeuten, dass der
Amtsgang schon beendet ist, man aus irgendwelchen Gründen die Zusicherung
zurückgezogen hat und Barnabas den Anzug niemals bekommt. Genaueres kann man
darüber nicht erfahren oder erst nach langer Zeit. Es ist hier die Redensart,
vielleicht kennst du sie: Amtliche Entscheidungen sind scheu wie junge Mädchen.«
- »Das ist eine gute Beobachtung«, sagte K., er nahm es noch ernster als Olga,
»eine gute Beobachtung, die Entscheidungen mögen noch andere Eigenschaften mit
Mädchen gemeinsam haben.« - »Vielleicht«, sagte Olga. »Ich weiss freilich nicht,
wie du es meinst. Vielleicht meinst du es gar lobend. Aber was das Amtskleid
betrifft, so ist dies eben eine der Sorgen des Barnabas, und da wir die Sorgen
gemeinsam haben, auch meine. Warum bekommt er kein Amtskleid, fragen wir uns
vergebens. Nun ist aber diese ganze Sache nicht so einfach. Die Beamten zum
Beispiel scheinen überhaupt kein Amtskleid zu haben; soviel wir hier wissen und
soviel Barnabas erzählt, gehen die Beamten in gewöhnlichen, allerdings schönen
Kleidern herum. Übrigens hast du ja Klamm gesehen. Nun, ein Beamter, auch ein
Beamter niedrigster Kategorie, ist natürlich Barnabas nicht und versteigt sich
nicht dazu, es sein zu wollen. Aber auch höhere Diener, die man hier im Dorf
freilich überhaupt nicht zu sehen bekommt, haben nach des Barnabas Bericht keine
Amtsanzüge; das ist ein gewisser Trost, könnte man von vornherein meinen, aber
er ist trügerisch, denn ist Barnabas ein höherer Diener? Nein, wenn man ihm noch
so sehr geneigt ist, das kann man nicht sagen, ein höherer Diener ist er nicht,
schon dass er ins Dorf kommt, ja sogar hier wohnt, ist ein Gegenbeweis, die
höheren Diener sind noch zurückhaltender als die Beamten, vielleicht mit Recht,
vielleicht sind sie sogar höher als manche Beamte; einiges spricht dafür: sie
arbeiten weniger, und es soll nach Barnabas ein wunderbarer Anblick sein, diese
auserlesen grossen, starken Männer langsam durch die Korridore gehen zu sehen,
Barnabas schleicht an ihnen immer herum. Kurz, es kann keine Rede davon sein,
dass Barnabas ein höherer Diener ist. Also könnte er einer der niedrigen
Dienerschaft sein, aber diese haben eben Amtsanzüge, wenigstens soweit sie ins
Dorf herunterkommen, es ist keine eigentliche Livree, es gibt auch viele
Verschiedenheiten, aber immerhin erkennt man sofort an den Kleidern den Diener
aus dem Schloss, du hast ja solche Leute im Herrenhof gesehen. Das auffallendste
an den Kleidern ist, dass sie meistens eng anliegen, ein Bauer oder ein
Handwerker könnte ein solches Kleid nicht gebrauchen. Nun, dieses Kleid hat also
Barnabas nicht; das ist nicht nur etwa beschämend oder entwürdigend, das könnte
man ertragen, aber es lässt, besonders in trüben Stunden - und manchmal, nicht zu
selten, haben wir solche, Barnabas und ich - an allem zweifeln. Ist es überhaupt
Schlossdienst, was Barnabas tut, fragen wir dann; gewiss, er geht in die
Kanzleien, aber sind die Kanzleien das eigentliche Schloss? Und selbst wenn
Kanzleien zum Schloss gehören, sind es die Kanzleien, welche Barnabas betreten
darf? Er kommt in Kanzleien; aber es ist doch nur ein Teil aller, dann sind
Barrieren, und hinter ihnen sind noch andere Kanzleien. Man verbietet ihm nicht
gerade weiterzugehen, aber er kann doch nicht weitergehen, wenn er seine
Vorgesetzten schon gefunden hat, sie ihn abgefertigt haben und wegschicken. Man
ist dort überdies immer beobachtet, wenigstens glaubt man es. Und selbst wenn er
weiterginge, was würde es helfen, wenn er dort keine amtliche Arbeit hat und ein
Eindringling wäre? Diese Barrieren darfst du dir auch nicht als eine bestimmte
Grenze vorstellen, darauf macht mich auch Barnabas immer wieder aufmerksam.
Barrieren sind auch in den Kanzleien, in die er geht; es gibt also auch
Barrieren, die er passiert, und sie sehen nicht anders aus als die, über die er
noch nicht hinweggekommen ist, und es ist auch deshalb nicht von vornherein
anzunehmen, dass sich hinter diesen letzteren Barrieren wesentlich andere
Kanzleien befinden als jene, in denen Barnabas schon war. Nur eben in jenen
trüben Stunden glaubt man das. Und dann geht der Zweifel weiter, man kann sich
gar nicht wehren. Barnabas spricht mit Beamten, Barnabas bekommt Botschaften.
Aber was für Beamte, was für Botschaften sind es? Jetzt ist er, wie er sagt,
Klamm zugeteilt und bekommt von ihm persönlich die Aufträge. Nun, das wäre doch
sehr viel, selbst höhere Diener gelangen nicht so weit, es wäre fast zuviel, das
ist das Beängstigende. Denk nur, unmittelbar Klamm zugeteilt sein, mit ihm von
Mund zu Mund sprechen. Aber es ist doch so? Nun ja, es ist so, aber warum
zweifelt denn Barnabas daran, dass der Beamte, der dort als Klamm bezeichnet
wird, wirklich Klamm ist?« - »Olga«, sagte K., »du willst doch nicht scherzen,
wie kann über Klamms Aussehen ein Zweifel bestehen, es ist doch bekannt, wie er
aussieht, ich selbst habe ihn gesehen.« - »Gewiss nicht, K.«, sagte Olga.
»Scherze sind es nicht, sondern meine allerernstesten Sorgen. Doch erzähle ich
es dir nicht, um mein Herz zu erleichtern und deines etwa zu beschweren, sondern
weil du nach Barnabas fragtest, Amalia mir den Auftrag gab, zu erzählen, und
weil ich glaube, dass es auch für dich nützlich ist, Genaueres zu wissen. Auch
wegen Barnabas tue ich es, damit du nicht allzu grosse Hoffnungen auf ihn setzt,
er dich enttäuscht und dann selbst unter deiner Enttäuschung leidet. Er ist sehr
empfindlich; er hat zum Beispiel heute nacht nicht geschlafen, weil du gestern
abend mit ihm unzufrieden warst; du sollst gesagt haben, dass es sehr schlimm für
dich ist, dass du nur einen solchen Boten wie Barnabas hast. Die Worte haben ihn
um den Schlaf gebracht. Du selbst wirst wohl von seinen Aufregungen nicht viel
gemerkt haben, Schlossboten müssen sich sehr beherrschen. Aber er hat es nicht
leicht, selbst mit dir nicht. Du verlangst ja in deinem Sinn gewiss nicht zuviel
von ihm, du hast bestimmte Vorstellungen vom Botendienst mitgebracht, und nach
ihnen bemisst du deine Anforderungen. Aber im Schloss hat man andere Vorstellungen
vom Botendienst, sie lassen sich mit deinen nicht vereinen, selbst wenn sich
Barnabas gänzlich dem Dienst opferte, wozu er leider manchmal bereit scheint.
Man müsste sich ja fügen, dürfte nichts dagegen sagen, wäre nur nicht die Frage,
ob es wirklich Botendienst ist, was er tut. Dir gegenüber darf er natürlich
keinen Zweifel darüber aussprechen; es hiesse für ihn, seine eigene Existenz
untergraben, wenn er das täte, Gesetze grob verletzen, unter denen er ja noch zu
stehen glaubt, und selbst mir gegenüber spricht er nicht frei, abschmeicheln,
abküssen muss ich ihm seine Zweifel, und selbst dann wehrt er sich noch
zuzugeben, dass die Zweifel Zweifel sind. Er hat etwas von Amalia im Blut. Und
alles sagt er mir gewiss nicht, obwohl ich seine einzige Vertraute bin. Aber über
Klamm sprechen wir manchmal, ich habe Klamm noch nicht gesehen - du weisst,
Frieda liebt mich wenig und hätte mir den Anblick nie gegönnt -, aber natürlich
ist sein Aussehen im Dorf bekannt, einzelne haben ihn gesehen, alle von ihm
gehört, und es hat sich aus dem Augenschein, aus Gerüchten und auch manchen
fälschenden Nebenabsichten ein Bild Klamms ausgebildet, das wohl in den
Grundzügen stimmt. Aber nur in den Grundzügen. Sonst ist es veränderlich und
vielleicht nicht einmal so veränderlich wie Klamms wirkliches Aussehen. Er soll
ganz anders aussehen, wenn er ins Dorf kommt, und anders, wenn er es verlässt,
anders, ehe er Bier getrunken hat, anders nachher, anders im Wachen, anders im
Schlafen, anders allein, anders im Gespräch und, was hiernach verständlich ist,
fast grundverschieden oben im Schloss. Und es sind schon selbst innerhalb des
Dorfes ziemlich grosse Unterschiede, die berichtet werden, Unterschiede der
Grösse, der Haltung, der Dicke, des Bartes, nur hinsichtlich des Kleides sind die
Berichte glücklicherweise einheitlich: Er trägt immer das gleiche Kleid, ein
schwarzes Jackettkleid mit langen Schössen. Nun gehen natürlich alle diese
Unterschiede auf keine Zauberei zurück, sondern sind sehr begreiflich, entstehen
durch die augenblickliche Stimmung, den Grad der Aufregung, die unzähligen
Abstufungen der Hoffnung oder Verzweiflung, in welcher sich der Zuschauer, der
überdies meist nur augenblickweise Klamm sehen darf, befindet. Ich erzähle dir
das alles wieder, so wie es mir Barnabas oft erklärt hat, und man kann sich im
allgemeinen, wenn man nicht persönlich unmittelbar an der Sache beteiligt ist,
damit beruhigen. Wir können es nicht, für Barnabas ist es eine Lebensfrage, ob
er wirklich mit Klamm spricht oder nicht.« - »Für mich nicht minder«, sagte K.,
und sie rückten noch näher zusammen auf der Ofenbank.
    Durch alle die ungünstigen Neuigkeiten Olgas war K. zwar betroffen, doch sah
er einen Ausgleich zum grossen Teile darin, dass er hier Menschen fand, denen es,
wenigstens äusserlich, sehr ähnlich ging wie ihm selbst, denen er sich also
anschliessen konnte, mit denen er sich in vielem verständigen konnte, nicht nur
in manchem, wie mit Frieda. Zwar verlor er allmählich die Hoffnung auf einen
Erfolg der Barnabasschen Botschaft, aber je schlechter es Barnabas oben ging,
desto näher kam er ihm hier unten, niemals hätte K. gedacht, dass aus dem Dorf
selbst ein derart unglückliches Bestreben hervorgehen konnte, wie es das des
Barnabas und seiner Schwester war. Es war freilich noch bei weitem nicht genug
erklärt und konnte sich schliesslich noch ins Gegenteil wenden; man musste durch
das gewisse unschuldige Wesen Olgas sich nicht gleich verführen lassen, auch an
die Aufrichtigkeit des Barnabas zu glauben. »Die Berichte über Klamms Aussehen«,
fuhr Olga fort, »kennt Barnabas sehr gut, hat viele gesammelt und verglichen,
vielleicht zu viele, hat einmal selbst Klamm im Dorf durch ein Wagenfenster
gesehen oder zu sehen geglaubt, war also genügend vorbereitet, ihn zu erkennen,
und hat doch - wie erklärst du es dir? -, als er im Schloss in eine Kanzlei kam
und man ihm unter mehreren Beamten einen zeigte und sagte, dass dieser Klamm sei,
ihn nicht erkannt und auch nachher noch lange sich nicht daran gewöhnen können,
dass es Klamm sein sollte. Fragst du nun aber Barnabas, worin sich jener Mann von
der üblichen Vorstellung, die man von Klamm hat, unterscheidet, kann er nicht
antworten, vielmehr er antwortet und beschreibt den Beamten im Schloss, aber die
Beschreibung deckt sich genau mit der Beschreibung Klamms, wie wir sie kennen.
Nun also, Barnabas, sage ich, warum zweifelst du, warum quälst du dich? Worauf
er dann, in sichtlicher Bedrängnis, Besonderheiten des Beamten im Schloss
aufzuzählen beginnt, die er aber mehr zu erfinden als zu berichten scheint, die
aber ausserdem so geringfügig sind - sie betreffen zum Beispiel ein besonderes
Nicken des Kopfes oder auch nur die aufgeknöpfte Weste -, dass man sie unmöglich
ernst nehmen kann. Noch wichtiger scheint mir die Art, wie Klamm mit Barnabas
verkehrt. Barnabas hat es mir oft beschrieben, sogar gezeichnet. Gewöhnlich wird
Barnabas in ein grosses Kanzleizimmer geführt, aber es ist nicht Klamms Kanzlei,
überhaupt nicht die Kanzlei eines einzelnen. Der Länge nach ist dieses Zimmer
durch ein einziges, von Seitenwand zu Seitenwand reichendes Stehpult in zwei
Teile geteilt, einen schmalen, wo einander zwei Personen nur knapp ausweichen
können, das ist der Raum der Beamten, und einen breiten, das ist der Raum der
Parteien, der Zuschauer, der Diener, der Boten. Auf dem Pult liegen
aufgeschlagen grosse Bücher, eines neben dem anderen, und bei den meisten stehen
Beamte und lesen darin. Doch bleiben sie nicht immer beim gleichen Buch,
tauschen aber nicht die Bücher, sondern die Plätze, am erstaunlichsten ist es
Barnabas, wie sie sich bei solchem Plätzewechsel aneinander vorbeidrücken
müssen, eben wegen der Enge des Raumes. Vorn, eng am Stehpult, sind niedrige
Tischchen, an denen Schreiber sitzen, welche, wenn die Beamten es wünschen, nach
ihrem Diktat schreiben. Immer wundert sich Barnabas, wie das geschieht. Es
erfolgt kein ausdrücklicher Befehl des Beamten, auch wird nicht laut diktiert,
man merkt kaum, dass diktiert wird, vielmehr scheint der Beamte zu lesen wie
früher, nur dass er dabei auch noch flüstert, und der Schreiber hört's. Oft
diktiert der Beamte so leise, dass der Schreiber es sitzend gar nicht hören kann,
dann muss er immer aufspringen, das Diktierte auffangen, schnell sich setzen und
es aufschreiben, dann wieder aufspringen und so fort. Wie merkwürdig das ist! Es
ist fast unverständlich. Barnabas freilich hat genug Zeit, das alles zu
beobachten, denn dort in dem Zuschauerraum steht er stunden- und manchmal
tagelang, ehe Klamms Blick auf ihn fällt. Und auch wenn ihn Klamm schon gesehen
hat und Barnabas sich in Habtachtstellung aufrichtet, ist noch nichts
entschieden, denn Klamm kann sich wieder von ihm dem Buch zuwenden und ihn
vergessen; so geschieht es oft. Was ist es aber für ein Botendienst, der so
unwichtig ist? Mir wird wehmütig, wenn Barnabas früh sagt, dass er ins Schloss
geht. Dieser wahrscheinlich ganz unnütze Weg, dieser wahrscheinlich verlorene
Tag, diese wahrscheinlich vergebliche Hoffnung. Was soll das alles? Und hier ist
Schusterarbeit aufgehäuft, die niemand macht und auf deren Ausführung Brunswick
drängt.« »Nun gut«, sagte K. »Barnabas muss lange warten, ehe er einen Auftrag
bekommt. Das ist verständlich, es scheint hier ja ein Übermass von Angestellten
zu sein, nicht jeder kann jeden Tag einen Auftrag bekommen, darüber müsst ihr
nicht klagen, das trifft wohl jeden. Schliesslich aber bekommt doch wohl auch
Barnabas Aufträge, mir selbst hat er schon zwei Briefe gebracht.« »Es ist ja
möglich«, sagte Olga, »dass wir unrecht haben zu klagen, besonders ich, die alles
nur vom Hörensagen kennt und es als Mädchen auch nicht so gut verstehen kann wie
Barnabas, der ja auch noch manches zurückhält. Aber nun höre, wie es sich mit
den Briefen verhält, mit den Briefen an dich zum Beispiel. Diese Briefe bekommt
er nicht unmittelbar von Klamm, sondern vom Schreiber. An einem beliebigen Tage,
zu beliebiger Stunde - deshalb ist auch der Dienst, so leicht er scheint, sehr
ermüdend, denn Barnabas muss immerfort aufpassen - erinnert sich der Schreiber an
ihn und winkt ihm. Klamm scheint das gar nicht veranlasst zu haben, er liest
ruhig in seinem Buch; manchmal allerdings, aber das tut er auch sonst öfters,
putzt er gerade den Zwicker, wenn Barnabas kommt, und sieht ihn dabei vielleicht
an; vorausgesetzt, dass er ohne Zwicker überhaupt sieht, Barnabas bezweifelt es,
Klamm hat dann die Augen fast geschlossen, er scheint zu schlafen und nur im
Traum den Zwicker zu putzen. Inzwischen sucht der Schreiber aus den vielen Akten
und Briefschaften, die er unter dem Tisch hat, einen Brief für dich heraus, es
ist also kein Brief, den er gerade geschrieben hat, vielmehr ist es, dem
Aussehen des Umschlages nach, ein sehr alter Brief, der schon lange dort liegt.
Wenn es aber ein alter Brief ist, warum hat man Barnabas so lange warten lassen?
Und wohl auch dich? Und schliesslich auch den Brief, denn er ist ja jetzt wohl
schon veraltet. Und Barnabas bringt man dadurch in den Ruf, ein schlechter,
langsamer Bote zu sein. Der Schreiber allerdings macht es sich leicht, gibt
Barnabas den Brief, sagt: Von Klamm für K., und damit ist Barnabas entlassen.
Nun, und dann kommt Barnabas nach Hause, atemlos, den endlich ergatterten Brief
unter dem Hemd am blossen Leib, und wir setzen uns dann hierher auf die Bank wie
jetzt, und er erzählt, und wir untersuchen dann alles einzeln und schätzen ab,
was er erreicht hat, und finden schliesslich, dass es sehr wenig ist - und das
wenige fragwürdig, und Barnabas legt den Brief weg und hat keine Lust, ihn zu
bestellen, hat aber auch keine Lust, schlafen zu gehen, nimmt die Schusterarbeit
vor und versjetzt dort auf dem Schemel die Nacht. So ist es, K., und das sind
meine Geheimnisse, und nun wunderst du dich wohl nicht mehr, dass Amalia auf sie
verzichtet.« - »Und der Brief?« fragte K. »Der Brief?« sagte Olga. »Nun, nach
einiger Zeit, wenn ich Barnabas genug gedrängt habe, es können Tage und Wochen
inzwischen vergangen sein, nimmt er doch den Brief und geht, ihn zuzustellen. In
solchen Äusserlichkeiten ist er doch sehr abhängig von mir. Ich kann mich
nämlich, wenn ich den ersten Eindruck seiner Erzählung überwunden habe, dann
auch wieder fassen, wozu er wahrscheinlich, weil er eben mehr weiss, nicht
imstande ist. Und so kann ich ihm dann immer wieder etwa sagen:  Was willst du
denn eigentlich, Barnabas? Von welcher Laufbahn, welchem Ziele träumst du?
Willst du vielleicht so weit kommen, dass du uns, dass du mich gänzlich verlassen
musst? Ist das etwa dein Ziel? Muss ich das nicht glauben, da es ja sonst
unverständlich wäre, warum du mit dem schon Erreichten so entsetzlich
unzufrieden bist? Sieh dich doch um, ob jemand unter unseren Nachbarn schon so
weit gekommen ist? Freilich, ihre Lage ist anders als die unsrige, und sie haben
keinen Grund, über ihre Wirtschaft hinauszustreben, aber auch ohne zu
vergleichen muss man doch einsehen, dass bei dir alles in bestem Gange ist.
Hindernisse sind da, Fragwürdigkeiten, Enttäuschungen, aber das bedeutet doch
nur, was wir schon vorher gewusst haben, dass dir nichts geschenkt wird, dass du
dir vielmehr jede einzelne Kleinigkeit selbst erkämpfen musst; ein Grund mehr, um
stolz, nicht um niedergeschlagen zu sein. Und dann kämpfst du doch auch für uns?
Bedeutet dir das gar nichts? Gibt dir das keine neue Kraft? Und dass ich
glücklich und fast hochmütig bin, einen solchen Bruder zu haben, gibt dir das
keine Sicherheit? Wahrhaftig, nicht in dem, was du im Schloss erreicht hast, aber
in dem, was ich bei dir erreicht habe, enttäuschst du mich. Du darfst ins
Schloss, bist ein ständiger Besucher der Kanzleien, verbringst ganze Tage im
gleichen Raum mit Klamm, bist öffentlich anerkannter Bote, hast ein Amtskleid zu
beanspruchen, bekommst wichtige Briefschaften auszutragen; das alles bist du,
das alles darfst du und kommst herunter, und statt dass wir uns weinend vor Glück
in den Armen liegen, scheint dich bei meinem Anblick aller Mut zu verlassen; an
allem zweifelst du, nur der Schusterleisten lockt dich, und den Brief, diese
Bürgschaft unserer Zukunft, lässt du liegen. So rede ich zu ihm, und nachdem ich
das tagelang wiederholt habe, nimmt er einmal seufzend den Brief und geht. Aber
es ist wahrscheinlich gar nicht die Wirkung meiner Worte, sondern es treibt ihn
nur wieder ins Schloss, und ohne den Auftrag ausgerichtet zu haben, würde er es
nicht wagen hinzugehen.« - »Aber du hast doch auch mit allem recht, was du ihm
sagst«, sagte K. »Bewunderungswürdig richtig hast du alles zusammengefasst. Wie
erstaunlich klar du denkst!« »Nein«, sagte Olga, »es täuscht dich, und so
täusche ich vielleicht auch ihn. Was hat er denn erreicht? In eine Kanzlei darf
er eintreten, aber es scheint nicht einmal eine Kanzlei, eher ein Vorzimmer der
Kanzleien, vielleicht nicht einmal das, vielleicht ein Zimmer, wo alle
zurückgehalten werden sollen, die nicht in die wirklichen Kanzleien dürfen. Mit
Klamm spricht er, aber ist es Klamm? Ist es nicht eher jemand, der Klamm ein
wenig ähnlich ist? Ein Sekretär vielleicht, wenn's hoch geht, der Klamm ein
wenig ähnlich ist und sich anstrengt, ihm noch ähnlicher zu werden, und sich
dann wichtig macht, in Klamms verschlafener, träumerischer Art. Dieser Teil
seines Wesens ist am leichtesten nachzuahmen, daran versuchen sich manche, von
seinem sonstigen Wesen freilich lassen sie wohlweislich die Finger. Und ein so
oft ersehnter und so selten erreichter Mann, wie es Klamm ist, nimmt in der
Vorstellung der Menschen leicht verschiedene Gestalten an. Klamm hat zum
Beispiel hier einen Dorfsekretär namens Momus. So? Du kennst ihn? Auch er hält
sich sehr zurück, aber ich habe ihn doch schon einige Male gesehen. Ein junger,
starker Herr, nicht? Und sieht also wahrscheinlich Klamm gar nicht ähnlich. Und
doch kannst du im Dorf Leute finden, die beschwören würden, dass Momus Klamm ist
und kein anderer. So arbeiten die Leute an ihrer eigenen Verwirrung. Und muss es
im Schloss anders sein? Jemand hat Barnabas gesagt, dass jener Beamte Klamm ist,
und tatsächlich besteht eine Ähnlichkeit zwischen beiden, aber eine von Barnabas
immerfort angezweifelte Ähnlichkeit. Und alles spricht für seine Zweifel. Klamm
sollte hier in einem allgemeinen Raum, zwischen anderen Beamten, den Bleistift
hinter dem Ohr, sich drängen müssen? Das ist doch höchst unwahrscheinlich.
Barnabas pflegt, ein wenig kindlich, manchmal - dies ist aber schon eine
zuversichtliche Laune - zu sagen: Der Beamte sieht ja Klamm sehr ähnlich; würde
er in einer eigenen Kanzlei sitzen, am eigenen Schreibtisch, und wäre an der Tür
sein Name - ich hätte keine Zweifel mehr. Das ist kindlich, aber doch auch
verständig. Noch viel verständiger allerdings wäre es, wenn Barnabas sich, wenn
er oben ist, gleich bei mehreren Leuten erkundigte, wie sich die Dinge wirklich
verhalten; es stehen doch seiner Angabe nach genug Leute in dem Zimmer herum.
Und wären auch ihre Angaben nicht viel verlässlicher als die Angabe jenes, der
ungefragt ihm Klamm gezeigt hat, es müssten sich doch zumindest aus ihrer
Mannigfaltigkeit irgendwelche Anhaltspunkte, Vergleichspunkte ergeben. Es ist
das nicht mein Einfall, sondern der Einfall des Barnabas, aber er wagt nicht,
ihn auszuführen; aus Furcht, er könnte durch irgendwelche ungewollte Verletzung
unbekannter Vorschriften seine Stelle verlieren, wagt er niemanden anzusprechen,
so unsicher fühlt er sich; diese doch eigentlich jämmerliche Unsicherheit
beleuchtet mir seine Stellung schärfer als alle Beschreibungen. Wie zweifelhaft
und drohend muss ihm dort alles erscheinen, wenn er nicht einmal zu einer
unschuldigen Frage den Mund aufzutun. wagt. Wenn ich das überlege, klage ich
mich an, dass ich ihn allein in jenen unbekannten Räumen lasse, wo es derart
zugeht, dass sogar er, der eher waghalsig als feig ist, dort vor Furcht
wahrscheinlich zittert«
    »Hier, glaube ich, kommst du zu dem Entscheidenden«, sagte K. »Das ist es.
Nach allem, was du erzählt hast, glaube ich, jetzt klar zu sehen. Barnabas ist
zu jung für diese Aufgabe. Nichts von dem, was er erzählt, kann man ohne
weiteres ernst nehmen. Da er oben vor Furcht vergeht, kann er dort nicht
beobachten, und zwingt man ihn, hier dennoch zu berichten, erhält man verwirrte
Märchen. Ich wundere mich nicht darüber. Die Ehrfurcht vor der Behörde ist euch
hier eingeboren, wird euch weiter während des ganzen Lebens auf die
verschiedensten Arten und von allen Seiten eingeflösst, und ihr selbst helft
dabei mit, wie ihr nur könnt. Doch sage ich im Grunde nichts dagegen; wenn eine
Behörde gut ist, warum sollte man vor ihr nicht Ehrfurcht haben. Nur darf man
dann nicht einen unbelehrten Jüngling wie Barnabas, der über den Umkreis des
Dorfes nicht hinausgekommen ist, plötzlich ins Schloss schicken und dann
wahrheitsgetreue Berichte von ihm verlangen wollen und jedes seiner Worte wie
ein Offenbarungswort untersuchen und von der Deutung das eigene Lebensglück
abhängig machen. Nichts kann verfehlter sein. Freilich habe auch ich, nicht
anders als du, mich von ihm beirren lassen und sowohl Hoffnungen auf ihn
gesetzt, als Enttäuschungen durch ihn erlitten, die beide nur auf seinen Worten,
also fast gar nicht, begründet waren« . Olga schwieg. »Es wird mir nicht
leicht«, sagte K., »dich in dem Vertrauen zu deinem Bruder zu beirren, da ich
doch sehe, wie du ihn liebst und was du von ihm erwartest. Es muss aber
geschehen, und nicht zum wenigsten deiner Liebe und deiner Erwartungen wegen.
Denn sieh, immer wieder hindert dich etwas - ich weiss nicht, was es ist -, voll
zu erkennen, was Barnabas nicht etwa erreicht hat, aber was ihm geschenkt worden
ist. Er darf in die Kanzleien oder, wenn du es so willst, in einen Vorraum; nun,
dann ist's also ein Vorraum, aber es sind Türen da, die weiterführen, Barrieren,
die man durchschreiten kann, wenn man das Geschick dazu hat. Mir zum Beispiel
ist dieser Vorraum, wenigstens vorläufig, völlig unzugänglich. Mit wem Barnabas
dort spricht, weiss ich nicht, vielleicht ist jener Schreiber der niedrigste
Diener, aber auch wenn er der niedrigste ist, kann er zu dem nächstöheren
führen, und wenn er nicht zu ihm führen kann, so kann er ihn doch wenigstens
nennen, und wenn er ihn nicht nennen kann, so kann er doch auf jemanden
verweisen, der ihn wird nennen können. Der angebliche Klamm mag mit dem
wirklichen nicht das geringste gemeinsam haben, die Ähnlichkeit mag nur für die
vor Aufregung blinden Augen des Barnabas bestehen, er mag der niedrigste der
Beamten, er mag noch nicht einmal Beamter sein, aber irgendeine Aufgabe hat er
doch bei jenem Pult, irgend etwas liest er in seinem grossen Buch, irgend etwas
flüstert er dem Schreiber zu, irgend etwas denkt er, wenn einmal in langer Zeit
sein Blick auf Barnabas fällt, und selbst wenn das alles nicht wahr ist und er
und seine Handlungen gar nichts bedeuten, so hat ihn doch jemand dort
hingestellt und hat dies mit irgendeiner Absicht getan. Mit dem allem will ich
sagen, dass irgend etwas da ist, irgend etwas dem Barnabas angeboten wird,
wenigstens irgend etwas, und dass es nur die Schuld des Barnabas ist, wenn er
damit nichts anderes erreichen kann als Zweifel, Angst und Hoffnungslosigkeit.
Und dabei bin ich ja immer noch von dem ungünstigsten Fall ausgegangen, der
sogar sehr unwahrscheinlich ist. Denn wir haben ja die Briefe in der Hand, denen
ich zwar nicht viel traue, aber viel mehr als des Barnabas Worten. Mögen es auch
alte, wertlose Briefe sein, die wahllos aus einem Haufen genauso wertloser
Briefe hervorgezogen wurden, wahllos und mit nicht mehr Verstand, als die
Kanarienvögel auf den Jahrmärkten aufwenden, um das Lebenslos eines Beliebigen
aus einem Haufen herauszupicken, und mag das so sein, so haben diese Briefe doch
wenigstens irgendeinen Bezug auf meine Arbeit; sichtlich sind sie für mich, wenn
auch vielleicht nicht für meinen Nutzen bestimmt; sind, wie der
Gemeindevorsteher und seine Frau bezeugt haben, von Klamm eigenhändig gefertigt
und haben, wiederum nach dem Gemeindevorsteher, zwar nur eine private und wenig
durchsichtige, aber doch eine grosse Bedeutung.« - »Sagte das der
Gemeindevorsteher?« fragte Olga. »Ja, das sagte er«, antwortete K. »Ich werde es
Barnabas erzählen«, sagte Olga schnell, »das wird ihn sehr aufmuntern.« - »Er
braucht aber nicht Aufmunterung«, sagte K., »ihn aufmuntern bedeutet, ihm zu
sagen, dass er recht hat, dass er nur in seiner bisherigen Art fortfahren soll,
aber eben auf diese Art wird er niemals etwas erreichen. Du kannst jemanden, der
die Augen verbunden hat, noch so sehr aufmuntern, durch das Tuch zu starren, er
wird doch niemals etwas sehen; erst wenn man ihm das Tuch abnimmt, kann er
sehen. Hilfe braucht Barnabas, nicht Aufmunterung. Bedenke doch nur: dort oben
ist die Behörde in ihrer unentwirrbaren Grösse - ich glaubte, annähernde
Vorstellungen von ihr zu haben, ehe ich hierher kam, wie kindlich war das alles
-, dort also ist die Behörde und ihr tritt Barnabas entgegen, niemand sonst, nur
er, erbarmungswürdig allein, zuviel Ehre noch für ihn, wenn er nicht sein Leben
lang verschollen in einen dunklen Winkel der Kanzleien geduckt bleibt.« -
»Glaube nicht, K. «, sagte Olga, »dass wir die Schwere der Aufgabe, die Barnabas
übernommen hat, unterschätzen. An Ehrfurcht vor der Behörde fehlt es uns ja
nicht, das hast du selbst gesagt.« - »Aber es ist irregeleitete Ehrfurcht«,
sagte K. »Ehrfurcht am unrechten Ort, solche Ehrfurcht entwürdigt ihren
Gegenstand. Ist es noch Ehrfurcht zu nennen, wenn Barnabas das Geschenk des
Eintritts in jenen Raum dazu missbraucht, um untätig dort die Tage zu verbringen,
oder wenn er herabkommt und diejenigen, vor denen er eben gezittert hat,
verdächtigt und verkleinert oder wenn er aus Verzweiflung oder Müdigkeit Briefe
nicht gleich austrägt und ihm anvertraute Botschaften nicht gleich ausrichtet?
Das ist doch wohl keine Ehrfurcht mehr. Aber der Vorwurf geht noch weiter, geht
auch gegen dich, Olga; ich kann dir ihn nicht ersparen. Du hast Barnabas, obwohl
du Ehrfurcht vor der Behörde zu haben glaubst, in aller seiner Jugend und
Schwäche und Verlassenheit ins Schloss geschickt oder wenigstens nicht
zurückgehalten.«
    »Den Vorwurf, den du mir machst«, sagte Olga, »mache ich mir auch, seit
jeher schon. Allerdings nicht, dass ich Barnabas ins Schloss geschickt habe, ist
mir vorzuwerfen, ich habe ihn nicht geschickt, er ist selbst gegangen, aber ich
hätte ihn wohl mit allen Mitteln, mit Gewalt, mit List, mit Überredung,
zurückhalten sollen. Ich hätte ihn zurückhalten sollen, aber wenn heute jener
Tag, jener Entscheidungstag wäre und ich die Not des Barnabas, die Not unserer
Familie so fühlte wie damals und heute und wenn Barnabas wieder, aller
Verantwortung und Gefahr deutlich sich bewusst, lächelnd und sanft sich von mir
losmachte, um zu gehen, ich würde ihn auch heute nicht zurückhalten, trotz allen
Erfahrungen der Zwischenzeit und, ich glaube, auch du an meiner Stelle könntest
nicht anders. Du kennst nicht unsere Not, deshalb tust du uns, vor allem aber
Barnabas, unrecht. Wir hatten damals mehr Hoffnung als heute, aber gross war
unsere Hoffnung auch damals nicht, gross war nur unsere Not und ist es geblieben.
Hat dir denn Frieda nichts über uns erzählt?« - »Nur Andeutungen«, sagte K.,
»nichts Bestimmtes; aber schon euer Name erregt sie.« - »Und auch die Wirtin hat
nichts erzählt?« - »Nein, nichts.« - »Und auch sonst niemand?« - »Niemand.« -
»Natürlich, wie könnte jemand etwas erzählen. Jeder weiss etwas über uns,
entweder die Wahrheit, soweit sie den Leuten zugänglich ist, oder wenigstens
irgendein übernommenes oder meist selbst erfundenes Gerücht, und jeder denkt an
uns mehr, als nötig ist, aber geradezu erzählen wird es niemand, diese Dinge in
den Mund zu nehmen, scheuen sie sich. Und sie haben recht darin. Es ist schwer,
es hervorzubringen, selbst dir gegenüber, K., und ist es denn nicht auch
möglich, dass du, wenn du es angehört hast, weggehst und nichts mehr von uns
wirst wissen wollen, so wenig es dich auch zu betreffen scheint. Dann haben wir
dich verloren, der du mir jetzt, ich gestehe es, fast mehr bedeutest als der
bisherige Schlossdienst des Barnabas. Und doch - dieser Widerspruch quält mich
schon den ganzen Abend - musst du es erfahren, denn sonst bekommst du keinen
Überblick über unsere Lage, bliebest, was mich besonders schmerzen würde,
ungerecht zu Barnabas; die notwendige völlige Einigkeit würde uns fehlen, und du
könntest weder uns helfen noch unsere Hilfe, die ausserordentliche, annehmen.
Aber es bleibt noch eine Frage: Willst du es denn überhaupt wissen?« - »Warum
fragst du das?« sagte K. »Wenn es notwendig ist, will ich es wissen; aber warum
fragst du so?« - »Aus Aberglauben«, sagte Olga. »Du wirst hineingezogen sein in
unsere Dinge, unschuldig, nicht viel schuldiger als Barnabas.« - »Erzähle
schnell«, sagte K., »ich fürchte mich nicht. Du machst es auch durch
Weiberängstlichkeit schlimmer, als es ist.«
                               Amalias Geheimnis
»Urteile selbst«, sagte Olga, »übrigens klingt es sehr einfach, man versteht
nicht gleich, wie es eine grosse Bedeutung haben kann. Es gibt einen grossen
Beamten im Schloss, der heisst Sortini.« - »Ich habe schon von ihm gehört«, sagte
K., »er war an meiner Berufung beteiligt.« - »Das glaube ich nicht«, sagte Olga,
»Sortini tritt in der Öffentlichkeit kaum auf. Irrst du dich nicht mit Sordini,
mit d geschrieben?« - »Du hast recht«, sagte K. »Sordini war es.« - »Ja«, sagte
Olga, »Sordini ist sehr bekannt, einer der fleissigsten Beamten, von dem viel
gesprochen wird; Sortini dagegen ist sehr zurückgezogen und den meisten fremd.
Vor mehr als drei Jahren sah ich ihn zum ersten und letzten Male. Es war am
dritten Juli bei einem Fest des Feuerwehrvereins, das Schloss hatte sich auch
beteiligt und eine neue Feuerspritze gespendet. Sortini, der sich zum Teil mit
Feuerwehrangelegenheiten beschäftigen soll (vielleicht war er aber auch nur in
Vertretung - da meistens vertreten einander die Beamten gegenseitig, und es ist
deshalb schwer, die Zuständigkeit dieses oder jenes Beamten zu erkennen), nahm
an der Übergabe der Spritze teil; es waren natürlich auch noch andere aus dem
Schloss gekommen, Beamte und Dienerschaft, und Sortini war, wie es seinem
Charakter entspricht, ganz im Hintergrunde. Es ist ein kleiner, schwacher,
nachdenklicher Herr; etwas, was allen, die ihn überhaupt bemerkten, auffiel, war
die Art, wie sich bei ihm die Stirn in Falten legte, alle Falten - und es war
eine Menge, obwohl er gewiss nicht mehr als vierzig ist - zogen sich nämlich
geradewegs fächerartig über die Stirn zur Nasenwurzel hin, ich habe etwas
Derartiges nie gesehen. Nun, das war also jenes Fest. Wir, Amalia und ich,
hatten uns schon seit Wochen darauf gefreut, die Sonntagskleider waren zum Teil
neu zurechtgemacht, besonders das Kleid Amalias war schön, die weisse Bluse vorn
hoch aufgebauscht, eine Spitzenreihe über der anderen, die Mutter hatte alle
ihre Spitzen dazu geborgt, ich war damals neidisch und weinte vor dem Fest die
halbe Nacht durch. Erst als am Morgen die Brückenhofwirtin uns zu besichtigen
kam...« - »Die Brückenhofwirtin?« fragte K. »Ja«, sagte Olga, »sie war sehr mit
uns befreundet, sie kam also, musste zugeben, dass Amalia im Vorteil war, und
borgte mir deshalb, um mich zu beruhigen, ihr eigenes Halsband aus böhmischen
Granaten. Als wir dann aber ausgehfertig waren, Amalia vor mir stand, wir sie
alle bewunderten und der Vater sagte: Heute, denkt an mich, bekommt Amalia einen
Bräutigam, da, ich weiss nicht warum, nahm ich mir das Halsband, meinen Stolz, ab
und hing es Amalia um, gar nicht neidisch mehr. Ich beugte mich eben vor ihrem
Sieg, und ich glaubte, jeder müsse sich vor ihr beugen, vielleicht überraschte
uns damals, dass sie anders aussah als sonst, denn eigentlich schön war sie ja
nicht, aber ihr düsterer Blick, den sie in dieser Art seitdem behalten hat, ging
hoch über uns hinweg, und man beugte sich fast tatsächlich und unwillkürlich vor
ihr. Alle bemerkten es, auch Lasemann und seine Frau, die uns abholen kamen.« -
»Lasemann?« fragte K. »Ja, Lasemann«, sagte Olga. »Wir waren doch sehr
angesehen, und das Fest hätte zum Beispiel nicht gut ohne uns anfangen können,
denn der Vater war dritter Übungsleiter der Feuerwehr.« - »So rüstig war der
Vater noch?« fragte K. »Der Vater?« fragte Olga, als verstehe sie nicht ganz.
»Vor drei Jahren war er noch gewissermassen ein junger Mann; er hat zum Beispiel
bei einem Brand im Herrenhof einen Beamten, den schweren Galater, im Laufschritt
auf dem Rücken hinausgetragen. Ich bin selbst dabeigewesen, es war zwar keine
Feuergefahr, nur das trockene Holz neben einem Ofen fing zu rauchen an, aber
Galater bekam Angst, rief aus dem Fenster um Hilfe, die Feuerwehr kam, und mein
Vater musste ihn hinaustragen, obwohl schon das Feuer gelöscht war. Nun, Galater
ist ein schwer beweglicher Mann und muss in solchen Fällen vorsichtig sein. Ich
erzähle es nur des Vaters wegen, viel mehr als drei Jahre sind seitdem nicht
vergangen, und nun sieh, wie er dort sitzt.« Erst jetzt sah K., dass Amalia schon
wieder in der Stube war, aber sie war weit entfernt beim Tisch der Eltern, sie
fütterte dort die Mutter, welche die rheumatischen Arme nicht bewegen konnte,
und sprach dabei dem Vater zu, er möge sich wegen des Essens noch ein wenig
gedulden, gleich werde sie auch zu ihm kommen, um ihn zu füttern. Doch hatte sie
mit ihrer Mahnung keinen Erfolg, denn der Vater, sehr gierig, schon zu seiner
Suppe zu kommen, überwand seine Körperschwäche und suchte, die Suppe bald vom
Löffel zu schlürfen, bald gleich vom Teller aufzutrinken, und brummte böse, als
ihm weder das eine noch das andere gelang, der Löffel längst leer war, ehe er
zum Munde kam, und niemals der Mund, nur immer der herabhängende Schnauzbart in
die Suppe tauchte und es nach allen Seiten, nur in seinen Mund nicht, tropfte
und sprühte. »Das haben drei Jahre aus ihm gemacht?« fragte K., aber noch immer
hatte er für die Alten und für die ganze Ecke des Familientisches dort kein
Mitleid, nur Widerwillen. »Drei Jahre«, sagte Olga langsam, »oder, genauer, ein
paar Stunden eines Festes. Das Fest war auf einer Wiese vor dem Dorf am Bach, es
war schon ein grosses Gedränge, als wir ankamen, auch aus den Nachbardörfern war
viel Volk gekommen, man war ganz verwirrt von dem Lärm. Zuerst wurden wir
natürlich vom Vater zur Feuerspritze geführt, er lachte vor Freude, als er sie
sah, eine neue Spritze machte ihn glücklich, er fing an, sie zu betasten und uns
zu erklären, er duldete keinen Widerspruch und keine Zurückhaltung der anderen;
war etwas unter der Spritze zu besichtigen, mussten wir uns alle bücken und fast
unter die Spritze kriechen; Barnabas, der sich damals wehrte, bekam deshalb
Prügel. Nur Amalia kümmerte sich um die Spritze nicht, stand aufrecht dabei in
ihrem schönen Kleid, und niemand wagte, ihr etwas zu sagen, ich lief manchmal zu
ihr und fasste ihren Arm unter, aber sie schwieg. Ich kann es mir noch heute
nicht erklären, wie es kam, dass wir so lange vor der Spritze standen und erst,
als sich der Vater von ihr losmachte, Sortini bemerkten, der offenbar schon die
ganze Zeit über hinter der Spritze an einem Spritzenhebel gelehnt hatte. Es war
freilich ein entsetzlicher Lärm damals, nicht nur wie es sonst bei Festen ist.
Das Schloss hatte nämlich der Feuerwehr auch noch einige Trompeten geschenkt,
besondere Instrumente, auf denen man mit der kleinsten Kraftanstrengung, ein
Kind konnte das, die wildesten Töne hervorbringen konnte; wenn man das hörte,
glaubte man, die Türken seien schon da, und man konnte sich nicht daran
gewöhnen, bei jedem neuen Blasen fuhr man wieder zusammen. Und weil es neue
Trompeten waren, wollte sie jeder versuchen, und weil es doch ein Volksfest war,
erlaubte man es. Gerade um uns, vielleicht hatte sie Amalia angelockt, waren
einige solche Bläser; es war schwer, die Sinne dabei zusammenzuhalten, und wenn
man nun auch noch, nach dem Gebot des Vaters, Aufmerksamkeit für die Spritze
haben sollte, so war das das Äusserste, was man leisten konnte, und so entging
uns Sortini, den wir ja vorher auch gar nicht gekannt hatten, so ungewöhnlich
lange. Dort ist Sortini, flüsterte endlich - ich stand dabei - Lasemann dem
Vater zu. Der Vater verbeugte sich tief und gab auch uns aufgeregt ein Zeichen,
uns zu verbeugen. Ohne ihn bisher zu kennen, hatte der Vater seit jeher Sortini
als einen Fachmann in Feuerwehrangelegenheiten verehrt und öfters zu Hause von
ihm gesprochen, es war uns daher auch sehr überraschend und bedeutungsvoll,
jetzt Sortini in Wirklichkeit zu sehen. Sortini aber kümmerte sich um uns nicht
- es war das keine Eigenheit Sortinis, die meisten Beamten scheinen in der
Öffentlichkeit teilnahmslos -, auch war er müde, nur seine Amtspflicht hielt ihn
hier unten; es sind nicht die schlechtesten Beamten, welche gerade solche
Repräsentationspflichten als besonders drückend empfinden; andere Beamten und
Diener mischten sich, da sie nun schon einmal da waren, unter das Volk; er aber
blieb bei der Spritze, und jeden, der sich ihm mit irgendeiner Bitte oder
Schmeichelei zu nähern suchte, vertrieb er durch sein Schweigen. So kam es, dass
er uns noch später bemerkte als wir ihn. Erst als wir uns ehrfurchtsvoll
verbeugten und der Vater uns zu entschuldigen suchte, blickte er nach uns hin,
blickte der Reihe nach von einem zum andern, müde; es war, als seufzte er
darüber, dass neben dem einen immer wieder noch ein zweiter sei, bis er dann bei
Amalia haltmachte, zu der er aufschauen musste, denn sie war viel grösser als er.
Da stutzte er, sprang über die Deichsel, um Amalia näher zu sein, wir
missverstanden es zuerst und wollten uns alle unter Anführung des Vaters ihm
nähern, aber er hielt uns ab mit erhobener Hand und winkte uns dann zu gehen.
Das war alles. Wir neckten dann Amalia viel damit, dass sie nun wirklich einen
Bräutigam gefunden habe, in unserem Unverstand waren wir den ganzen Nachmittag
über sehr fröhlich; Amalia aber war schweigsamer als jemals. Sie hat sich ja
toll und voll in Sortini verliebt, sagte Brunswick, der immer ein wenig grob ist
und für Naturen wie Amalia kein Verständnis hat; aber diesmal schien uns seine
Bemerkung fast richtig; wir waren überhaupt närrisch an dem Tag und alle, bis
auf Amalia, von dem süssen Schlosswein wie betäubt, als wir nach Mitternacht nach
Hause kamen.« - »Und Sortini?« fragte K. »Ja, Sortini«, sagte Olga, »Sortini sah
ich während des Festes im Vorübergehen noch öfters, er sass auf der Deichsel,
hatte die Arme über der Brust gekreuzt und blieb so, bis der Schlosswagen kam, um
ihn abzuholen. Nicht einmal zu den Feuerwehrübungen ging er, bei denen der Vater
damals, gerade in der Hoffnung, dass Sortini zusehe, vor allen Männern seines
Alters sich auszeichnete.« - »Und habt ihr nicht mehr von ihm gehört?« fragte K.
»Du scheinst ja für Sortini grosse Verehrung zu haben.« »Ja, Verehrung«, sagte
Olga. »Ja, und gehört haben wir auch noch von ihm. Am nächsten Morgen wurden wir
aus unserem Weinschlaf durch einen Schrei Amalias geweckt; die anderen fielen
gleich wieder in die Betten zurück, ich war aber gänzlich wach und lief zu
Amalia. Sie stand beim Fenster und hielt einen Brief in der Hand, den ihr eben
ein Mann durch das Fenster gereicht hatte, der Mann wartete noch auf Antwort.
Amalia hatte den Brief - er war kurz - schon gelesen und hielt ihn in der
schlaff hinabhängenden Hand; wie liebte ich sie, immer wenn sie so müde war. Ich
kniete neben ihr nieder und las so den Brief. Kaum war ich fertig, nahm ihn
Amalia, nach einem kurzen Blick auf mich, wieder auf, brachte es aber nicht mehr
über sich, ihn zu lesen, zerriss ihn, warf die Fetzen dem Mann draussen ins
Gesicht und schloss das Fenster. Das war jener entscheidende Morgen. Ich nenne
ihn entscheidend, aber jeder Augenblick des vorhergehenden Nachmittags ist
ebenso entscheidend gewesen.« - »Und was stand in dem Brief?« fragte K. »Ja, das
habe ich noch nicht erzählt«, sagte Olga. »Der Brief war von Sortini, adressiert
war er an das Mädchen mit dem Granatenhalsband. Den Inhalt kann ich nicht
wiedergeben. Es war eine Aufforderung, zu ihm in den Herrenhof zu kommen, und
zwar sollte Amalia sofort kommen, denn in einer halben Stunde musste Sortini
wegfahren. Der Brief war in den gemeinsten Ausdrücken gehalten, die ich noch nie
gehört hatte und nur aus dem Zusammenhang halb erriet. Wer Amalia nicht kannte
und nur diesen Brief gelesen hatte, musste das Mädchen, an das jemand so zu
schreiben gewagt hatte, für entehrt halten, auch wenn es gar nicht berührt
worden sein sollte. Und es war kein Liebesbrief, kein Schmeichelwort war darin,
Sortini war vielmehr offenbar böse, dass der Anblick Amalias ihn ergriffen, ihn
von seinen Geschäften abgehalten hatte. Wir legten es uns später so zurecht, dass
Sortini wahrscheinlich gleich abends hatte ins Schloss fahren wollen, nur Amalias
wegen im Dorf geblieben war und am Morgen, voll Zorn darüber, dass es ihm auch in
der Nacht nicht gelungen war, Amalia zu vergessen, den Brief geschrieben hatte.
Man musste dem Brief gegenüber zuerst empört sein, auch die Kaltblütigste, dann
aber hätte bei einer anderen als Amalia wahrscheinlich vor dem bösen, drohenden
Ton die Angst überwogen, bei Amalia blieb es bei der Empörung, Angst kennt sie
nicht, nicht für sich, nicht für andere. Und während ich mich dann wieder ins
Bett verkroch und mir den abgebrochenen Schlusssatz wiederholte: Dass du also
gleich kommst, oder -! blieb Amalia auf der Fensterbank und sah hinaus, als
erwarte sie noch weitere Boten und sei bereit, jeden so zu behandeln wie den
ersten.« - »Das sind also die Beamten«, sagte K. zögernd, »solche Exemplare
findet man unter ihnen. Was hat dein Vater gemacht? Ich hoffe, er hat sich
kräftig an zuständiger Stelle über Sortini beschwert, wenn er nicht den kürzeren
und sicheren Weg in den Herrenhof vorgezogen hat. Das allerhässlichste an der
Geschichte ist ja nicht die Beleidigung Amalias, die konnte leicht gutgemacht
werden, ich weiss nicht, warum du so übermässig grosses Gewicht gerade darauf
legst; warum sollte Sortini mit einem solchen Brief Amalia für immer
blossgestellt haben, nach deiner Erzählung könnte man das glauben, gerade das ist
aber doch nicht möglich, eine Genugtuung war Amalia leicht zu verschaffen, und
in ein paar Tagen war der Vorfall vergessen; Sortini hat nicht Amalia
blossgestellt, sondern sich selbst. Vor Sortini also schrecke ich zurück, vor der
Möglichkeit, dass es einen solchen Missbrauch der Macht gibt. Was in diesem Fall
misslang, weil es klipp und klar gesagt und völlig durchsichtig war und an Amalia
einen überlegenen Gegner fand, kann in tausend anderen Fällen, bei nur ein wenig
ungünstigeren Fällen, völlig gelingen und kann sich jedem Blick entziehen, auch
dem Blick des Missbrauchten.«
    »Still«, sagte Olga, »Amalia sieht herüber.« Amalia hatte die Fütterung der
Eltern beendet und war jetzt daran, die Mutter auszuziehen; sie hatte ihr gerade
den Rock losgebunden, hing sich die Arme der Mutter um den Hals, hob sie so ein
wenig, streifte ihr den Rock ab und setzte sie dann sanft wieder nieder. Der
Vater, immer unzufrieden damit, dass die Mutter zuerst bedient wurde - was aber
offenbar nur deshalb geschah, weil die Mutter noch hilfloser war als er -,
versuchte, vielleicht auch, um die Tochter für ihre vermeintliche Langsamkeit zu
strafen, sich selbst zu entkleiden, aber obwohl er bei dem Unnötigsten und
Leichtesten anfing, den übergrossen Pantoffeln, in welchen seine Füsse nur lose
staken, wollte es ihm auf keine Weise gelingen, sie abzustreifen; er musste es
unter heiserem Röcheln bald aufgeben und lehnte wieder steif in seinem Stuhl.
    »Das Entscheidende erkennst du nicht«, sagte Olga, »du magst ja recht haben
mit allem, aber das Entscheidende war, dass Amalia nicht in den Herrenhof ging;
wie sie den Boten behandelt hatte, das mochte an sich noch hingehen, das hätte
sich vertuschen lassen; damit aber, dass sie nicht hinging, war der Fluch über
unsere Familie ausgesprochen, und nun war allerdings auch die Behandlung des
Boten etwas Unverzeihliches, ja, es wurde sogar für die Öffentlichkeit in den
Vordergrund geschoben.« - »Wie!« rief K. und dämpfte sofort die Stimme, da Olga
bittend die Hände hob. »Du, die Schwester, sagst doch nicht etwa, dass Amalia
Sortini hätte folgen und in den Herrenhof hätte laufen sollen?« »Nein«, sagte
Olga, »möge ich beschützt werden vor derartigem Verdacht; wie kannst du das
glauben? Ich kenne niemanden, der so fest im Recht wäre wie Amalia bei allem,
was sie tut. Wäre sie in den Herrenhof gegangen, hätte ich ihr freilich ebenso
recht gegeben; dass sie aber nicht gegangen ist, war heldenhaft. Was mich
betrifft, ich gestehe es dir offen, wenn ich einen solchen Brief bekommen hätte,
ich wäre gegangen. Ich hätte die Furcht vor dem Kommenden nicht ertragen, das
konnte nur Amalia. Es gab ja manche Auswege, eine andere hätte sich zum Beispiel
recht schön geschmückt, und es wäre ein Weilchen darüber vergangen, und dann
wäre sie in den Herrenhof gekommen und hätte erfahren, dass Sortini schon fort,
vielleicht, dass er gleich nach Entsendung des Boten weggefahren sei, etwas, was
sogar sehr wahrscheinlich ist, denn die Launen der Herren sind flüchtig. Aber
Amalia tat das nicht und nichts Ähnliches, sie war zu tief beleidigt und
antwortete ohne Vorbehalt. Hätte sie nur irgendwie zum Schein gefolgt, nur die
Schwelle des Herrenhofes zur Zeit gerade überschritten, das Verhängnis hätte
sich abwenden lassen, wir haben hier sehr kluge Advokaten, die aus einem Nichts
alles, was man nur will, zu machen verstehen, aber in diesem Fall war nicht
einmal das günstige Nichts vorhanden; im Gegenteil, es war noch die Entwürdigung
des Sortinischen Briefes da und die Beleidigung des Boten.« - »Aber was für ein
Verhängnis denn«, sagte K., »was für Advokaten; man konnte doch wegen der
verbrecherischen Handlungsweise Sortinis nicht Amalia anklagen oder gar
bestrafen?« - »Doch«, sagte Olga, »das konnte man; freilich nicht nach einem
regelrechten Prozess, und man bestrafte sie auch nicht unmittelbar, wohl aber
bestrafte man sie auf andere Weise, sie und unsere ganze Familie, und wie schwer
diese Strafe ist, das fängst du wohl an zu erkennen. Dir scheint das ungerecht
und ungeheuerlich, das ist eine im Dorf völlig vereinzelte Meinung, sie ist uns
sehr günstig und sollte uns trösten, und so wäre es auch, wenn sie nicht
sichtlich auf Irrtümer zurückginge. Ich kann dir das leicht beweisen, verzeih,
wenn ich dabei von Frieda spreche, aber zwischen Frieda und Klamm ist -
abgesehen davon, wie es sich schliesslich gestaltet hat - etwas ganz Ähnliches
vorgegangen wie zwischen Amalia und Sortini, und doch findest du das, wenn du
auch anfangs erschrocken sein magst, jetzt schon richtig. Und das ist nicht
Gewöhnung, so abstumpfen kann man durch Gewöhnung nicht, wenn es sich um
einfache Beurteilung handelt, das ist bloss Ablegen von Irrtümern.« - »Nein,
Olga«, sagte K., »ich weiss nicht, warum du Frieda in die Sache hineinziehst, der
Fall wäre doch gänzlich anders, misch nicht so Grundverschiedenes durcheinander
und erzähle weiter.« - »Bitte«, sagte Olga, »nimm es mir nicht übel, wenn ich
auf dem Vergleich bestehe, es ist ein Rest von Irrtümern, auch hinsichtlich
Friedas noch, wenn du sie gegen einen Vergleich verteidigen zu müssen glaubst.
Sie ist gar nicht zu verteidigen, sondern nur zu loben. Wenn ich die Fälle
vergleiche, so sage ich ja nicht, dass sie gleich sind; sie verhalten sich
zueinander wie Weiss und Schwarz, und Weiss ist Frieda. Schlimmstenfalls kann man
über Frieda lachen, wie ich es unartigerweise - ich habe es später sehr bereut -
im Ausschank getan habe, aber selbst wer hier lacht, ist schon boshaft oder
neidisch, immerhin, man kann lachen. Amalia aber kann man, wenn man nicht durch
Blut mit ihr verbunden ist, nur verachten. Deshalb sind es zwar
grundverschiedene Fälle, wie du sagst, aber doch auch ähnliche.« - »Sie sind
auch nicht ähnlich«, sagte K. und schüttelte unwillig den Kopf, »lass Frieda
beiseite, Frieda hat keinen solchen sauberen Brief wie Amalia von Sortini
bekommen, und Frieda hat Klamm wirklich geliebt, und wer es bezweifelt, kann sie
fragen, sie liebt ihn noch heute.« - »Sind das aber grosse Unterschiede?« fragte
Olga. »Glaubst du, Klamm hätte Frieda nicht ebenso schreiben können? Wenn die
Herren vom Schreibtisch aufstehen, sind sie so, sie finden sich in der Welt
nicht zurecht, sie sagen dann in der Zerstreuteit das Allergröbste, nicht alle,
aber viele. Der Brief an Amalia kann ja in Gedanken, in völliger Nichtachtung
des wirklich Geschriebenen auf das Papier geworfen worden sein. Was wissen wir
von den Gedanken der Herren? Hast du nicht selbst gehört oder es erzählen hören,
in welchem Ton Klamm mit Frieda verkehrt hat? Von Klamm ist es bekannt, dass er
sehr grob ist; er spricht angeblich stundenlang nicht, und dann sagt er
plötzlich eine derartige Grobheit, dass es einen schaudert. Von Sortini ist das
nicht bekannt, wie er ja überhaupt sehr unbekannt ist. Eigentlich weiss man von
ihm nur, dass sein Name dem Sordinis ähnlich ist; wäre nicht diese
Namensähnlichkeit, würde man ihn wahrscheinlich gar nicht kennen. Auch als
Feuerwehrfachmann verwechselt man ihn wahrscheinlich mit Sordini, welcher der
eigentliche Fachmann ist und die Namensähnlichkeit ausnützt, um besonders die
Repräsentationspflichten auf Sortini abzuwälzen und so in seiner Arbeit
ungestört zu bleiben. Wenn nun ein solcher weltungewandter Mann wie Sortini
plötzlich von Liebe zu einem Dorfmädchen ergriffen wird, so nimmt das natürlich
andere Formen an, als wenn der Tischlergehilfe von nebenan sich verliebt. Auch
muss man doch bedenken, dass zwischen einem Beamten und einer Schusterstochter
doch ein grosser Abstand besteht, der irgendwie überbrückt werden muss, Sortini
versuchte es auf diese Art, ein anderer mag's anders machen. Zwar heisst es, dass
wir alle zum Schloss gehören und gar kein Abstand besteht und nichts zu
überbrücken ist, und das stimmt auch vielleicht für gewöhnlich, aber wir haben
leider Gelegenheit gehabt zu sehen, dass es, gerade, wenn es darauf ankommt, gar
nicht stimmt. Jedenfalls wird dir nach dem allem die Handlungsweise Sortinis
verständlicher, weniger ungeheuerlich geworden sein, und sie ist tatsächlich,
mit jener Klamms verglichen, viel verständlicher und, selbst wenn man ganz nah
beteiligt ist, viel erträglicher. Wenn Klamm einen zarten Brief schreibt, ist es
peinlicher als der gröbste Brief Sortinis. Verstehe mich dabei recht, ich wage
nicht, über Klamm zu urteilen, ich vergleiche nur, weil du dich gegen den
Vergleich wehrst. Klamm ist doch wie ein Kommandant über den Frauen, befiehlt
bald dieser, bald jener, zu ihm zu kommen, duldet keine lange, und so, wie er zu
kommen befiehlt, befiehlt er auch zu gehen. Ach, Klamm würde sich gar nicht die
Mühe geben, erst einen Brief zu schreiben. Und ist es nun im Vergleich damit
noch immer ungeheuerlich, wenn der ganz zurückgezogen lebende Sortini, dessen
Beziehungen zu Frauen zumindest unbekannt sind, einmal sich niedersetzt und in
seiner schönen Beamtenschrift einen allerdings abscheulichen Brief schreibt? Und
wenn sich also hier kein Unterschied zu Klamms Gunsten ergibt, sondern das
Gegenteil, so sollte ihn Friedas Liebe bewirken? Das Verhältnis der Frauen zu
den Beamten ist, glaube mir, sehr schwer oder vielmehr immer sehr leicht zu
beurteilen. Hier fehlt es an Liebe nie. Unglückliche Beamtenliebe gibt es nicht.
Es ist in dieser Hinsicht kein Lob, wenn man von einem Mädchen sagt - ich rede
hier bei weitem nicht nur von Frieda -, dass sie sich dem Beamten nur deshalb
hingegeben hat, weil sie ihn liebte. Sie liebte ihn und hat sich ihm hingegeben,
so war es, aber zu loben ist dabei nichts. Amalia aber hat Sortini nicht
geliebt, wendest du ein. Nun ja, sie hat ihn nicht geliebt, aber vielleicht hat
sie ihn doch geliebt, wer kann das entscheiden? Nicht einmal sie selbst. Wie
kann sie glauben, ihn nicht geliebt zu haben, wenn sie ihn so kräftig abgewiesen
hat, wie wahrscheinlich noch niemals ein Beamter abgewiesen worden ist? Barnabas
sagt, dass sie noch jetzt manchmal zittert von der Bewegung, mit der sie vor drei
Jahren das Fenster zugeschlagen hat. Das ist auch wahr, und deshalb darf man sie
nicht fragen; sie hat mit Sortini abgeschlossen und weiss nichts mehr als das; ob
sie ihn liebt oder nicht, weiss sie nicht. Wir aber wissen, dass Frauen nicht
anders können, als Beamte lieben, wenn sich diese ihnen einmal zuwenden; ja, sie
lieben die Beamten schon vorher, sosehr sie es leugnen wollen, und Sortini hat
sich Amalia ja nicht nur zugewendet, sondern ist über die Deichsel gesprungen,
als er Amalia sah, mit den von der Schreibtischarbeit steifen Beinen ist er über
die Deichsel gesprungen. Aber Amalia ist ja eine Ausnahme, wirst du sagen. Ja,
das ist sie, das hat sie bewiesen, als sie sich weigerte, zu Sortini zu gehen,
das ist der Ausnahme genug; dass sie nun aber ausserdem Sortini auch nicht geliebt
haben sollte, das wäre nun schon der Ausnahme fast zuviel, das wäre gar nicht
mehr zu fassen. Wir waren ja gewiss an jenem Nachmittag mit Blindheit beschlagen,
aber dass wir damals durch allen Nebel etwas von Amalias Verliebteit zu bemerken
glaubten, zeigte doch wohl noch etwas Besinnung. Wenn man aber das alles
zusammenhält, was bleibt dann für ein Unterschied zwischen Frieda und Amalia?
Einzig der, dass Frieda tat, was Amalia verweigert hat.« - »Mag sein«, sagte K.,
»für mich aber ist der Hauptunterschied der, dass Frieda meine Braut ist, Amalia
aber mich im Grunde nur so weit bekümmert, als sie die Schwester des Barnabas,
des Schlossboten, ist und ihr Schicksal in den Dienst des Barnabas vielleicht mit
verflochten ist. Hätte ihr ein Beamter ein derart schreiendes Unrecht getan, wie
es nach deiner Erzählung anfangs mir schien, hätte mich das sehr beschäftigt,
aber auch dies viel mehr als öffentliche Angelegenheit denn als persönliches
Leid Amalias. Nun ändert sich aber nach deiner Erzählung das Bild in einer mir
zwar nicht ganz verständlichen, aber, da du es bist, die erzählt, in einer
genügend glaubwürdigen Weise, und ich will diese Sache deshalb sehr gern völlig
vernachlässigen, ich bin kein Feuerwehrmann, was kümmert mich Sortini. Wohl aber
kümmert mich Frieda, und da ist es mir sonderbar, wie du, der ich völlig
vertraute und gerne immer vertrauen will, Frieda auf dem Umweg über Amalia
immerfort anzugreifen und mir verdächtig zu machen suchst. Ich nehme nicht an,
dass du das mit Absicht oder gar mit böser Absicht tust; sonst hätte ich doch
schon längst fortgehen müssen. Du tust es nicht mit Absicht, die Umstände
verleiten dich dazu; aus Liebe zu Amalia willst du sie hoch erhaben über alle
Frauen hinstellen, und da du in Amalia selbst zu diesem Zwecke nicht genug
Rühmenswertes findest, hilfst du dir damit, dass du andere Frauen verkleinerst.
Amalias Tat ist merkwürdig, aber je mehr du von dieser Tat erzählst, desto
weniger lässt es sich entscheiden, ob sie gross oder klein, klug oder töricht,
heldenhaft oder feig gewesen ist, ihre Beweggründe hält Amalia in ihrer Brust
verschlossen, niemand wird sie ihr entreissen. Frieda dagegen hat gar nichts
Merkwürdiges getan, sondern ist nur ihrem Herzen gefolgt, für jeden, der sich
gutwillig damit befasst, ist das klar, jeder kann es nachprüfen, für Klatsch ist
kein Raum. Ich aber will weder Amalia heruntersetzen noch Frieda verteidigen,
sondern dir nur klarmachen, wie ich mich zu Frieda verhalte und wie jeder
Angriff gegen Frieda gleichzeitig ein Angriff gegen meine Existenz ist. Ich bin
aus eigenem Willen hierhergekommen, und aus eigenem Willen habe ich mich hier
festgehakt, aber alles, was seiter geschehen ist, und vor allem meine
Zukunftsaussichten - so trübe sie auch sein mögen, immerhin, sie bestehen -,
alles dies verdanke ich Frieda, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Ich war hier
zwar als Landvermesser aufgenommen, aber das war nur scheinbar, man spielte mit
mir, man trieb mich aus jedem Haus, man spielt auch heute mit mir, aber wieviel
umständlicher ist das, ich habe gewissermassen an Umfang gewonnen, und das
bedeutet schon etwas, ich habe, so geringfügig das alles ist, doch schon ein
Heim, eine Stellung und wirkliche Arbeit, ich habe eine Braut, die, wenn ich
andere Geschäfte habe, mir die Berufsarbeit abnimmt, ich werde sie heiraten und
Gemeindemitglied werden, ich habe ausser den amtlichen auch noch eine, bisher
freilich unausnützbare, persönliche Beziehung zu Klamm. Das ist doch wohl nicht
wenig? Und wenn ich zu euch komme, wen begrüsst ihr? Wem vertraust du die
Geschichte euerer Familie an? Von wem erhoffst du die Möglichkeit, sei es auch
nur die winzige, unwahrscheinliche Möglichkeit irgendeiner Hilfe? Doch wohl
nicht von mir, dem Landvermesser, den zum Beispiel noch vor einer Woche Lasemann
und Brunswick mit Gewalt aus ihrem Haus gedrängt haben, sondern du erhoffst das
von dem Mann, der schon irgendwelche Machtmittel hat, diese Machtmittel aber
verdanke ich Frieda, Frieda, die so bescheiden ist, dass sie, wenn du sie nach
etwas Derartigem zu fragen versuchen wirst, gewiss nicht das geringste davon wird
wissen wollen. Und doch scheint es nach dem allem, dass Frieda in ihrer Unschuld
mehr getan hat als Amalia in allem ihrem Hochmut; denn sieh, ich habe den
Eindruck, dass du Hilfe für Amalia suchst. Und von wem? Doch eigentlich von
keinem anderen als von Frieda?« - »Habe ich wirklich so hässlich von Frieda
gesprochen?« sagte Olga. »Ich wollte es gewiss nicht und glaube es auch nicht
getan zu haben, aber möglich ist es, unsere Lage ist derart, dass wir mit aller
Welt zerfallen sind, und fangen wir zu klagen an, reisst es uns fort, wir wissen
nicht, wohin. Du hast auch recht, es ist ein grosser Unterschied jetzt zwischen
uns und Frieda, und es ist gut, ihn einmal zu betonen. Vor drei Jahren waren wir
Bürgermädchen und Frieda, die Waise, Magd im Brückenhof, wir gingen an ihr
vorüber, ohne sie mit dem Blick zu streifen; wir waren gewiss zu hochmütig, aber
wir waren so erzogen worden. An dem Abend im Herrenhof magst du aber den
jetzigen Stand erkannt haben: Frieda mit der Peitsche in der Hand und ich in dem
Haufen der Knechte. Aber es ist ja noch schlimmer. Frieda mag uns verachten, es
entspricht ihrer Stellung, die tatsächlichen Verhältnisse erzwingen es. Aber wer
verachtet uns nicht alles! Wer sich entschliesst, uns zu verachten, kommt gleich
in die allergrösste Gesellschaft. Kennst du die Nachfolgerin Friedas? Pepi heisst
sie. Ich habe sie erst vorgestern abend kennengelernt; bisher war sie
Zimmermädchen. Sie übertrifft gewiss Frieda an Verachtung für mich. Sie sah mich
aus dem Fenster, wie ich Bier holen kam, lief zur Tür und versperrte sie, ich
musste lange bitten und ihr das Band versprechen, das ich im Haare trug, ehe sie
mir aufmachte. Als ich es ihr aber dann gab, warf sie es in den Winkel. Nun, sie
mag mich verachten, zum Teil bin ich ja auf ihr Wohlwollen angewiesen, und sie
ist Ausschankmädchen im Herrenhof; freilich, sie ist es nur vorläufig und hat
gewiss nicht die Eigenschaften, die nötig sind, um dort dauernd angestellt zu
werden. Man mag nur zuhören, wie der Wirt mit Pepi spricht, und mag es damit
vergleichen, wie er mit Frieda sprach. Aber das hindert Pepi nicht, auch Amalia
zu verachten, Amalia, deren Blick allein genügen würde, die ganze kleine Pepi
mit allen ihren Zöpfen und Maschen so schnell aus dem Zimmer zu schaffen, wie
sie es, nur auf ihre eigenen dicken Beinchen angewiesen, niemals zustande
brächte. Was für ein empörendes Geschwätz musste ich gestern wieder von ihr über
Amalia anhören, bis sich dann schliesslich die Gäste meiner annahmen, in der Art
freilich, wie du es schon einmal gesehen hast.« - »Wie verängstigt du bist«,
sagte K., »ich habe ja nur Frieda auf den ihr gebührenden Platz gestellt, aber
nicht euch herabsetzen wollen, wie du es jetzt auffasst. Irgend etwas Besonderes
hat euere Familie auch für mich, das habe ich nicht verschwiegen; wie dieses
Besondere aber Anlass zur Verachtung geben könnte, das verstehe ich nicht.« -
»Ach, K.«, sagte Olga, »auch du wirst es noch verstehen, fürchte ich; dass
Amalias Verhalten gegenüber Sortini der erste Anlass dieser Verachtung war,
kannst du das auf keine Weise verstehen?« - »Das wäre doch zu sonderbar«, sagte
K., »bewundern oder verurteilen könnte man Amalia deshalb, aber verachten? Und
wenn man, aus mir unverständlichem Gefühl, wirklich Amalia verachtet, warum
dehnt man die Verachtung auf euch aus, auf die unschuldige Familie? Dass zum
Beispiel Pepi dich verachtet, ist ein starkes Stück, und ich will, wenn ich
wieder einmal in den Herrenhof komme, es ihr heimzahlen.« - »Wolltest du, K.«,
sagte Olga, »alle unsere Verächter umstimmen, das wäre eine harte Arbeit, denn
alles geht vom Schloss aus. Ich erinnere mich noch genau an den Vormittag, der
jenem Morgen folgte. Brunswick, der damals unser Gehilfe war, war gekommen wie
jeden Tag, der Vater hatte ihm Arbeit zugeteilt und ihn nach Hause geschickt,
wir sassen dann beim Frühstück, alle, bis auf Amalia und mich, waren sehr
lebhaft, der Vater erzählte immerfort von dem Fest, er hatte hinsichtlich der
Feuerwehr verschiedene Pläne, im Schloss ist nämlich eine eigene Feuerwehr, die
zu dem Fest auch eine Abordnung geschickt hatte, mit der manches besprochen
worden war, die anwesenden Herren aus dem Schloss hatten die Leistungen unserer
Feuerwehr gesehen, sich sehr günstig über sie ausgesprochen, die Leistungen der
Schlossfeuerwehr damit verglichen, das Ergebnis war uns günstig, man hatte von
der Notwendigkeit einer Neuorganisation der Schlossfeuerwehr gesprochen, dazu
waren Instruktoren aus dem Dorf nötig, es kamen zwar einige dafür in Betracht,
aber der Vater hatte doch Hoffnung, dass die Wahl auf ihn fallen werde. Davon
sprach er nun, und wie es so seine liebe Art war, sich bei Tisch recht
auszubreiten, sass er da, mit den Armen den halben Tisch umfassend, und wie er
aus dem offenen Fenster zum Himmel aufsah, war sein Gesicht so jung und
hoffnungsfreudig; niemals mehr sollte ich ihn so sehen. Da sagte Amalia mit
einer Überlegenheit, die wir an ihr nicht kannten, solchen Reden der Herren
müsse man nicht sehr vertrauen, die Herren pflegen bei derartigen Gelegenheiten
gern etwas Gefälliges zu sagen, aber Bedeutung habe das wenig oder gar nicht,
kaum gesprochen, sei es schon für immer vergessen, freilich, bei der nächsten
Gelegenheit gehe man ihnen wieder auf den Leim. Die Mutter verwies ihr solche
Reden, der Vater lachte nur über ihre Altklugheit und Vielerfahrenheit, dann
aber stutzte er, schien etwas zu suchen, dessen Fehlen er erst jetzt merkte,
aber es fehlte doch nichts, und sagte: Brunswick habe etwas von einem Boten und
einem zerrissenen Brief erzählt, und er fragte, ob wir etwas davon wussten, wen
es betreffe und wie es sich damit verhalte. Wir schwiegen, Barnabas, damals noch
jung wie ein Lämmchen, sagte irgend etwas besonders Dummes oder Keckes, man
sprach von anderem, und die Sache kam in Vergessenheit.«
                                 Amalias Strafe
»Aber kurz darauf wurden wir schon von allen Seiten mit Fragen wegen der
Briefgeschichte überschüttet, es kamen Freunde und Feinde, Bekannte und Fremde;
man blieb aber nicht lange, die besten Freunde verabschiedeten sich am
allereiligsten. Lasemann, immer sonst langsam und würdig, kam herein, so, als
wolle er nur das Ausmass der Stube prüfen, ein Blick im Umkreis, und er war
fertig, es sah wie ein schreckliches Kinderspiel aus, als Lasemann sich
flüchtete und der Vater von anderen Leuten sich losmachte und hinter ihm her
eilte bis zur Schwelle des Hauses und es dann aufgab; Brunswick kam und kündigte
dem Vater; er wolle sich selbständig machen, sagte er ganz ehrlich, ein kluger
Kopf, der den Augenblick zu nützen verstand; Kundschaften kamen und suchten in
Vaters Lagerraum ihre Stiefel hervor, die sie zur Reparatur hier liegen hatten,
zuerst versuchte der Vater, die Kundschaften umzustimmen - und wir alle
unterstützten ihn nach unseren Kräften -, später gab es der Vater auf und half
stillschweigend den Leuten beim Suchen, im Auftragsbuch wurde Zeile für Zeile
gestrichen, die Ledervorräte, welche die Leute bei uns hatten, wurden
herausgegeben, Schulden bezahlt, alles ging ohne den geringsten Streit, man war
zufrieden, wenn es gelang, die Verbindung mit uns schnell und vollständig zu
lösen, mochte man dabei auch Verluste haben, das kam nicht in Betracht. Und
schliesslich, was ja vorauszusehen war, erschien Seemann, der Obmann der
Feuerwehr; ich sehe die Szene noch vor mir: Seemann, gross und stark, aber ein
wenig gebeugt und lungenkrank, immer ernst, er kann gar nicht lachen, steht vor
meinem Vater, den er bewundert hat, dem er in vertrauten Stunden die Stelle
eines Obmannstellvertreters in Aussicht gestellt hat, und soll ihm nun
mitteilen, dass ihn der Verein verabschiedet und um Rückgabe des Diploms ersucht.
Die Leute, die gerade bei uns waren, liessen ihre Geschäfte ruhen und drängten
sich im Kreis um die zwei Männer. Seemann kann nichts sagen, klopft nur
immerfort dem Vater auf die Schulter, so, als wolle er dem Vater die Worte
ausklopfen, die er selbst sagen soll und nicht finden kann. dabei lacht er
immerfort, wodurch er wohl sich und alle ein wenig beruhigen will; aber da er
nicht lachen kann und man ihn noch niemals lachen gehört, fällt es niemandem ein
zu glauben, dass das ein Lachen sei. Der Vater aber ist von diesem Tag schon zu
müde und verzweifelt, um jemandem helfen zu können, ja, er scheint zu müde, um
überhaupt nachzudenken, worum es sich handelt. Wir waren ja alle in gleicher
Weise verzweifelt, aber da wir jung waren, konnten wir an einen solchen
vollständigen Zusammenbruch nicht glauben, immer dachten wir, dass in der Reihe
der vielen Besucher endlich doch jemand kommen werde, der Halt befiehlt und
alles wieder zu einer rückläufigen Bewegung zwingt. Seemann erschien uns in
unserem Unverstand dafür besonders geeignet. Mit Spannung warteten wir, dass sich
aus diesem fortwährenden Lachen endlich das klare Wort loslösen werde. Worüber
war denn jetzt zu lachen, doch nur über das dumme Unrecht, das uns geschah. Herr
Obmann, Herr Obmann, sagen Sie es doch endlich den Leuten, dachten wir und
drängten uns an ihn heran, was ihn aber nur zu merkwürdigen Drehbewegungen
veranlasste. Endlich fing er, zwar nicht, um unsere geheimen Wünsche zu erfüllen,
sondern um den aufmunternden oder ärgerlichen Zurufen der Leute zu entsprechen,
doch zu reden an. Noch immer hatten wir Hoffnung. Er begann mit grossem Lob des
Vaters. Nannte ihn eine Zierde des Vereins, ein unerreichbares Vorbild des
Nachwuchses, ein unentbehrliches Mitglied, dessen Ausscheiden den Verein fast
zerstören müsse. Das war alles sehr schön; hätte er doch hier geendet! Aber er
sprach weiter. Wenn sich nun trotzdem der Verein entschlossen habe, den Vater,
vorläufig allerdings nur, um den Abschied zu ersuchen, werde man den Ernst der
Gründe erkennen, die den Verein dazu zwangen. Vielleicht hätte es ohne die
glänzenden Leistungen des Vaters am gestrigen Fest gar nicht so weit kommen
müssen, aber eben diese Leistungen hätten die amtliche Aufmerksamkeit besonders
erregt; der Verein stand jetzt in vollem Licht und müsse auf seine Reinheit noch
mehr bedacht sein als früher. Und nun war die Beleidigung des Boten geschehen,
da habe der Verein keinen anderen Ausweg gefunden, und er, Seemann, habe das
schwere Amt übernommen, es zu melden. Der Vater möge es ihm nicht noch mehr
erschweren. Wie froh war Seemann, das hervorgebracht zu haben, aus Zuversicht
darüber war er nicht einmal mehr übertrieben rücksichtsvoll, er zeigte auf das
Diplom, das an der Wand hing, und winkte mit dem Finger. Der Vater nickte und
ging es holen, konnte es aber mit den zitternden Händen nicht vom Haken bringen;
ich stieg auf einen Sessel und half ihm. Und von diesem Augenblick an war alles
zu Ende; er nahm das Diplom nicht einmal mehr aus dem Rahmen, sondern gab
Seemann alles, wie es war. Dann setzte er sich in einen Winkel, rührte sich
nicht und sprach mit niemandem mehr, wir mussten mit den Leuten allein
verhandeln, so gut es ging.« - »Und worin siehst du hier den Einfluss des
Schlosses?« fragte K. »Vorläufig scheint es noch nicht eingegriffen zu haben.
Was du bisher erzählt hast, war nur gedankenlose Ängstlichkeit der Leute, Freude
am Schaden des Nächsten, unzuverlässige Freundschaft, Dinge, die überall
anzutreffen sind, und auf seiten deines Vaters allerdings auch - wenigstens
scheint es mir so - eine gewisse Kleinlichkeit; denn jenes Diplom, was war es?
Bestätigung seiner Fähigkeiten, und die behielt er doch, machten sie ihn
unentbehrlich, desto besser, und er hätte dem Obmann die Sache wirklich schwer
nur dadurch gemacht, dass er ihm das Diplom gleich beim zweiten Wort vor die Füsse
geworfen hätte. Besonders bezeichnend scheint mir aber, dass du Amalia gar nicht
erwähnst, Amalia, die doch alles verschuldet hatte, stand wahrscheinlich ruhig
im Hintergrund und betrachtete die Verwüstung.« - »Nein«, sagte Olga, »niemandem
ist ein Vorwurf zu machen, niemand konnte anders handeln, das alles war schon
Einfluss des Schlosses.« - »Einfluss des Schlosses«, wiederholte Amalia, die
unvermerkt vom Hofe her eingetreten war, die Eltern lagen längst zu Bett.
»Schlossgeschichten werden erzählt? Noch immer sitzt ihr beisammen? Und du
hattest dich doch gleich verabschieden wollen, K., und nun geht es schon auf
zehn. Bekümmern dich denn solche Geschichten überhaupt? Es gibt hier Leute, die
sich von solchen Geschichten nähren, sie setzen sich zusammen, so wie ihr hier
sitzt, und traktieren sich gegenseitig; du scheinst mir aber nicht zu diesen
Leuten zu gehören.« - »Doch«, sagte K., »ich gehöre genau zu ihnen; dagegen
machen Leute, die sich um solche Geschichten nicht bekümmern und nur andere sich
bekümmern lassen, nicht viel Eindruck auf mich.« - »Nun ja«, sagte Amalia, »aber
das Interesse der Leute ist ja sehr verschiedenartig, ich hörte einmal von einem
jungen Mann, der beschäftigte sich mit den Gedanken an das Schloss bei Tag und
Nacht, alles andere vernachlässigte er, man fürchtete für seinen
Alltagsverstand, weil sein ganzer Verstand oben im Schloss war. Schliesslich aber
stellte es sich heraus, dass er nicht eigentlich das Schloss, sondern nur die
Tochter einer Aufwaschfrau in den Kanzleien gemeint hatte, die bekam er nun
allerdings und dann war alles wieder gut.« - »Der Mann würde mir gefallen,
glaube ich«, sagte K. »Dass dir der Mann gefallen würde«, sagte Amalia,
»bezweifle ich, aber vielleicht seine Frau. Nun lasst euch aber nicht stören, ich
gehe allerdings schlafen, und auslöschen werde ich müssen, der Eltern wegen; sie
schlafen zwar gleich fest ein, aber nach einer Stunde ist schon der eigentliche
Schlaf zu Ende, und dann stört sie der kleinste Schein. Gute Nacht.« Und
wirklich wurde es gleich finster, Amalia machte sich wohl irgendwo auf der Erde
beim Bett der Eltern ihr Lager zurecht. »Wer ist denn dieser junge Mann, von dem
sie sprach?« fragte K. »Ich weiss nicht«, sagte Olga. »Vielleicht Brunswick,
obwohl es für ihn nicht ganz passt, vielleicht aber auch ein anderer. Es ist
nicht leicht, sie genau zu verstehen, weil man oft nicht weiss, ob sie ironisch
oder ernst spricht. Meistens ist es ja ernst, aber es klingt ironisch.« - »Lass
die Deutungen!« sagte K. »Wie kamst du denn in diese grosse Abhängigkeit von ihr?
War es schon vor dem grossen Unglück so? Oder erst nachher? Und hast du niemals
den Wunsch, von ihr unabhängig zu werden? Und ist denn diese Abhängigkeit
irgendwie vernünftig begründet? Sie ist die Jüngste und hat als solche zu
gehorchen. Sie hat, schuldig oder unschuldig, das Unglück über die Familie
gebracht. Statt dafür jeden neuen Tag jeden von euch von neuem um Verzeihung zu
bitten, trägt sie den Kopf höher als alle, kümmert sich um nichts als knapp
gnadenweise um die Eltern, will in nichts eingeweiht werden, wie sie sich
ausdrückt, und wenn sie endlich einmal mit euch spricht, dann ist es meistens
ernst, aber es klingt ironisch. Oder herrscht sie etwa durch ihre Schönheit, die
du manchmal erwähnst? Nun, ihr seid euch alle drei sehr ähnlich, das aber,
wodurch sie sich von euch zweien unterscheidet, ist durchaus zu ihren Ungunsten,
schon als ich sie zum erstenmal sah, schreckte mich ihr stumpfer, liebloser
Blick ab. Und dann ist sie zwar die Jüngste, aber davon merkt man nichts in
ihrem Äusseren, sie hat das alterlose Aussehen der Frauen, die kaum altern, die
aber auch kaum jemals eigentlich jung gewesen sind. Du siehst sie jeden Tag, du
merkst gar nicht die Härte ihres Gesichtes. Darum kann ich auch Sortinis
Neigung, wenn ich es überlege, nicht einmal sehr ernst nehmen, vielleicht wollte
er sie mit dem Brief nur strafen, aber nicht rufen.« - »Von Sortini will ich
nicht reden«, sagte Olga. »Bei den Herren im Schloss ist alles möglich, ob es nun
um das schönste oder um das hässlichste Mädchen geht. Sonst aber irrst du
hinsichtlich Amalias vollkommen. Sieh, ich habe doch keinen Anlass, dich für
Amalia besonders zu gewinnen, und versuche ich es dennoch, tue ich es nur
deinetwegen. Amalia war irgendwie die Ursache unseres Unglücks, das ist gewiss,
aber selbst der Vater, der doch am schwersten von dem Unglück getroffen war und
sich in seinen Worten niemals sehr beherrschen konnte, gar zu Hause nicht,
selbst der Vater hat Amalia auch in den schlimmsten Zeiten kein Wort des
Vorwurfs gesagt. Und das nicht etwa deshalb, weil er Amalias Vorgehen gebilligt
hätte; wie hätte er, ein Verehrer Sortinis, es billigen können; nicht von der
Ferne konnte er es verstehen; sich und alles, was er hatte, hätte er Sortini
wohl gern zum Opfer gebracht, allerdings nicht so, wie es jetzt wirklich
geschah, unter Sortinis wahrscheinlichem Zorn. Wahrscheinlichem Zorn, denn wir
erfuhren nichts mehr von Sortini; war er bisher zurückgezogen gewesen, so war er
es von jetzt ab, als sei er überhaupt nicht mehr. Und nun hättest du Amalia
sehen sollen in jener Zeit. Wir alle wussten, dass keine ausdrückliche Strafe
kommen werde. Man zog sich nur von uns zurück. Die Leute hier wie auch das
Schloss. Während man aber den Rückzug der Leute natürlich merkte, war vom Schloss
gar nichts zu merken. Wir hatten ja früher auch keine Fürsorge des Schlosses
gemerkt, wie hätten wir jetzt einen Umschwung merken können. Diese Ruhe war das
Schlimmste. Bei weitem nicht der Rückzug der Leute, sie hatten es ja nicht aus
irgendeiner Überzeugung getan, hatten vielleicht auch gar nichts Ernstliches
gegen uns, die heutige Verachtung bestand noch gar nicht, nur aus Angst hatten
sie es getan, und jetzt warteten sie, wie es weiter ausgehen werde. Auch Not
hatten wir noch keine zu fürchten, alle Schuldner hatten uns gezahlt, die
Abschlüsse waren vorteilhaft gewesen, was uns an Lebensmitteln fehlte, darin
halfen uns im geheimen Verwandte aus, es war leicht, es war ja in der Erntezeit,
allerdings Felder hatten wir keine, und mitarbeiten liess man uns nirgends, wir
waren zum erstenmal im Leben fast zum Müssiggang verurteilt. Und nun sassen wir
beisammen, bei geschlossenen Fenstern, in der Hitze des Juli und August. Es
geschah nichts. Keine Vorladung, keine Nachricht, kein Bericht, kein Besuch,
nichts.« - »Nun«, sagte K., »da nichts geschah und auch keine ausdrückliche
Strafe zu erwarten war, wovor habt ihr euch gefürchtet? Was seid ihr doch für
Leute!« - »Wie soll ich es dir erklären?« sagte Olga. »Wir fürchteten nichts
Kommendes, wir litten schon nur unter dem Gegenwärtigen, wir waren mitten in der
Bestrafung darin. Die Leute im Dorf warteten ja nur darauf, dass wir zu ihnen
kämen, dass der Vater seine Werkstatt wieder aufmachte, dass Amalia, die sehr
schöne Kleider zu nähen verstand, allerdings nur für die Vornehmsten, wieder zu
Bestellungen käme, es tat ja allen Leuten leid, was sie getan hatten; wenn im
Dorf eine angesehene Familie plötzlich ganz ausgeschaltet wird, hat jeder
irgendeinen Nachteil davon, sie hatten, als sie sich von uns lossagten, nur ihre
Pflicht zu tun geglaubt, wir hätten es an ihrer Stelle auch nicht anders getan.
Sie hatten ja auch nicht genau gewusst, worum es sich gehandelt hatte, nur der
Bote war, die Hand voll Papierfetzen, in den Herrenhof zurückgekommen. Frieda
hatte ihn ausgehen und dann wiederkommen gesehen, ein paar Worte mit ihm
gesprochen und das, was sie erfahren hatte, gleich verbreitet; aber wieder gar
nicht aus Feindseligkeit gegen uns, sondern einfach aus Pflicht, wie es im
gleichen Falle die Pflicht jedes anderen gewesen wäre. Und nun wäre den Leuten,
wie ich schon sagte, eine glückliche Lösung des Ganzen am willkommensten
gewesen. Wenn wir plötzlich einmal gekommen wären mit der Nachricht, dass alles
schon in Ordnung sei, dass es zum Beispiel nur ein inzwischen völlig aufgeklärtes
Missverständnis gewesen sei oder dass es zwar ein Vergehen gewesen sei, aber es
sei schon durch die Tat gutgemacht oder - selbst das hätte den Leuten genügt -
dass es uns durch unsere Verbindungen ins Schloss gelungen sei, die Sache
niederzuschlagen; man hätte uns ganz gewiss wieder mit offenen Armen aufgenommen,
Küsse, Umarmungen, Feste hätte es gegeben, ich habe Derartiges bei anderen
einige Male erlebt. Aber nicht einmal eine solche Nachricht wäre nötig gewesen;
wenn wir nur freigekommen wären und uns angeboten, die alten Verbindungen wieder
aufgenommen hätten, ohne auch nur ein Wort über die Briefgeschichte zu
verlieren, es hätte genügt, mit Freude hätten alle auf die Besprechung der Sache
verzichtet; es war ja, neben der Angst, vor allem die Peinlichkeit der Sache
gewesen, weshalb man sich von uns getrennt hatte, einfach um nichts von der
Sache zu hören, nicht von ihr sprechen, nicht an sie denken, in keiner Weise von
ihr berührt werden zu müssen. Wenn Frieda die Sache verraten hatte, so hatte sie
es nicht getan, um sich an ihr zu freuen, sondern um sich und alle vor ihr zu
bewahren, um die Gemeinde darauf aufmerksam zu machen, dass hier etwas geschehen
war, von dem man sich auf das sorgfältigste fernzuhalten hatte. Nicht wir kamen
hier als Familie in Betracht, sondern nur die Sache und wir nur der Sache wegen,
in die wir uns verflochten hatten. Wenn wir also nur wieder hervorgekommen
wären, das Vergangene ruhen gelassen hätten, durch unser Verhalten gezeigt
hätten, dass wir die Sache überwunden hatten, gleichgültig auf welche Weise, und
die Öffentlichkeit so die Überzeugung gewonnen hätte, dass die Sache, wie immer
sie auch beschaffen gewesen sein mag, nicht wieder zur Besprechung kommen werde,
auch so wäre alles gut gewesen; überall hätten wir die alte Hilfsbereitschaft
gefunden, selbst wenn wir die Sache nur unvollständig vergessen hätten, man
hätte es verstanden und hätte uns geholfen, es völlig zu vergessen. Statt dessen
aber sassen wir zu Hause. Ich weiss nicht, worauf wir warteten, auf Amalias
Entscheidung wohl, sie hatte damals an jenem Morgen die Führung der Familie an
sich gerissen und hielt sie fest. Ohne besondere Veranstaltungen, ohne Befehle,
ohne Bitten, fast nur durch Schweigen. Wir anderen hatten freilich viel zu
beraten, es war ein fortwährendes Flüstern vom Morgen bis zum Abend, und
manchmal rief mich der Vater in plötzlicher Beängstigung zu sich, und ich
verbrachte am Bettrand die halbe Nacht. Oder manchmal hockten wir uns zusammen,
ich und Barnabas, der ja erst sehr wenig von dem Ganzen verstand und immerfort
ganz glühend Erklärungen verlangte, immerfort die gleichen, er wusste wohl, dass
die sorgenlosen Jahre, die andere seines Alters erwarteten, für ihn nicht mehr
vorhanden waren, so sassen wir zusammen - ganz ähnlich, K., wie wir zwei jetzt -
und vergassen, dass es Nacht wurde und wieder Morgen. Die Mutter war die
Schwächste von uns allen, wohl weil sie nicht nur das gemeinsame Leid, sondern
auch noch jedes einzelnen Leid mitgelitten hat, und so konnten wir mit Schrecken
Veränderungen an ihr wahrnehmen, die, wie wir ahnten, unserer ganzen Familie
bevorstanden. Ihr bevorzugter Platz war der Winkel eines Kanapees - wir haben es
längst nicht mehr -, es steht in Brunswicks grosser Stube, dort sass sie und - man
wusste nicht genau, was es war - schlummerte oder hielt, wie die bewegten Lippen
anzudeuten schienen, lange Selbstgespräche. Es war ja so natürlich, dass wir
immerfort die Briefgeschichte besprachen, kreuz und quer, in allen sicheren
Einzelheiten und allen unsicheren Möglichkeiten, und dass wir immerfort im
Aussinnen von Mitteln zur guten Lösung uns übertrafen, es war natürlich und
unvermeidlich, aber nicht gut, wir kamen ja dadurch immerfort tiefer in das, dem
wir entgehen wollten. Und was halfen denn diese noch so ausgezeichneten
Einfälle; keiner war ausführbar ohne Amalia, alle waren nur Vorbereitungen,
sinnlos dadurch, dass ihre Ergebnisse gar nicht bis zu Amalia kamen und, wenn sie
hingekommen wären, nichts anderes angetroffen hätten als Schweigen. Nun,
glücklicherweise verstehe ich heute Amalia besser als damals. Sie trug mehr als
wir alle; es ist unbegreiflich, wie sie es ertragen hat und noch heute unter uns
lebt. Die Mutter trug vielleicht unser aller Leid, sie trug es, weil es über sie
hereingebrochen ist, und sie trug es nicht lange; dass sie es heute noch
irgendwie trägt, kann man nicht sagen, und schon damals war ihr Sinn verwirrt.
Aber Amalia trug nicht nur das Leid, sondern hatte auch den Verstand, es zu
durchschauen, wir sahen nur die Folgen, sie sah in den Grund, wir hofften auf
irgendwelche kleinen Mittel, sie wusste, das alles entschieden war, wir hatten zu
flüstern, sie hatte nur zu schweigen, Aug in Aug mit der Wahrheit stand sie und
lebte und ertrug dieses Leben damals wie heute. Wie viel besser ging es uns in
aller unserer Not als ihr. Wir mussten freilich unser Haus verlassen; Brunswick
bezog es, man wies uns diese Hütte zu, mit einem Handkarren brachten wir unser
Eigentum in einigen Fahrten hier herüber, Barnabas und ich zogen, der Vater und
Amalia halfen hinten nach, die Mutter, die wir gleich anfangs hergebracht
hatten, empfing uns, auf einer Kiste sitzend, immer mit leisem Jammern. Aber ich
erinnere mich, dass wir, selbst während der mühevollen Fahrten - die auch sehr
beschämend waren, denn öfters begegneten wir Erntewagen, deren Begleitung vor
uns verstummte und die Blicke wandte -, dass wir, Barnabas und ich, selbst
während dieser Fahrten es nicht unterlassen konnten, von unseren Sorgen und
Plänen zu sprechen, dass wir im Gespräch manchmal stehenblieben und erst das
Hallo! des Vaters uns an unsere Pflicht wieder erinnerte. Aber alle
Besprechungen änderten auch nach der Übersiedlung unser Leben nicht, nur dass wir
jetzt allmählich auch die Armut zu fühlen bekamen. Die Zuschüsse der Verwandten
hörten auf, unsere Mittel waren fast zu Ende, und gerade in jener Zeit begann
die Verachtung für uns, wie du sie kennst, sich zu entwickeln. Man merkte, dass
wir nicht die Kraft hatten, uns aus der Briefgeschichte herauszuarbeiten, und
man nahm uns das sehr übel, man unterschätzte nicht die Schwere unseres
Schicksals, obwohl man es nicht genau kannte, man wusste, dass man selbst die
Probe wahrscheinlich nicht besser bestanden hätte als wir, aber um so
notwendiger war es, sich von uns völlig zu trennen; man hätte, wenn wir es
überwunden hätten, uns entsprechend hoch geehrt, da es uns aber nicht gelungen
war, tat man das, was man bisher nur vorläufig getan hatte, endgültig: Man
schloss uns aus jedem Kreise aus. Nun sprach man von uns nicht mehr wie von
Menschen, unser Familienname wurde nicht mehr genannt; wenn man von uns sprechen
musste, nannte man uns nach Barnabas, dem Unschuldigsten von uns, selbst unsere
Hütte geriet in Verruf und, wenn du dich prüfst, wirst du gestehen, dass auch du
beim ersten Eintritt die Berechtigung dieser Verachtung zu merken glaubtest;
später, als wieder manchmal Leute zu uns kamen, rümpften sie die Nase über ganz
belanglose Dinge, etwa darüber, dass die kleine Öllampe dort über dem Tisch hing.
Wo sollte sie denn anders hängen als über dem Tisch, ihnen aber erschien es
unerträglich. Hängten wir aber die Lampe anderswohin, änderte sich doch nichts
an ihrem Widerwillen. Alles, was wir waren und hatten, traf die gleiche
Verachtung.«
 
                                   Bittgänge
»Und was taten wir unterdessen? Das Schlimmste, was wir hätten tun können,
etwas, wofür wir gerechter hätten verachtet werden dürfen, als wofür es wirklich
geschah: Wir verrieten Amalia, wir rissen uns los von ihrem schweigenden Befehl,
wir konnten nicht mehr so weiterleben, ganz ohne Hoffnung konnten wir nicht
leben, und wir begannen, jeder auf seine Art, das Schloss zu bitten oder zu
bestürmen, es möge uns verzeihen. Wir wussten zwar, dass wir nicht imstande waren,
etwas gutzumachen, wir wussten auch, dass die einzige hoffnungsvolle Verbindung,
die wir mit dem Schloss hatten, die Sortinis, des unserem Vater geneigten
Beamten, eben durch die Ereignisse uns unzugänglich geworden war, trotzdem
machten wir uns an die Arbeit. Der Vater begann, es begannen die sinnlosen
Bittwege zum Vorsteher, zu den Sekretären, den Advokaten, den Schreibern,
meistens wurde er nicht empfangen, und wenn er durch List oder Zufall doch
empfangen wurde - wie jubelten wir bei solcher Nachricht und rieben uns die
Hände -, wurde er äusserst schnell abgewiesen und nie wieder empfangen. Es war
auch allzu leicht, ihm zu antworten, das Schloss hat es immer so leicht. Was
wollte er denn? Was war ihm geschehen? Wofür wollte er eine Verzeihung? Wann und
von wem war denn im Schloss auch nur ein Finger gegen ihn gerührt worden? Gewiss,
er war verarmt, hatte die Kundschaft verloren und so fort, aber das waren
Erscheinungen des täglichen Lebens, Handwerks- und Marktangelegenheiten, sollte
sich denn das Schloss um alles kümmern? Es kümmerte sich ja in Wirklichkeit um
alles, aber es konnte doch nicht grob eingreifen in die Entwicklung, einfach und
zu keinem anderen Zweck, als dem Interesse eines einzelnen Mannes zu dienen.
Sollte es etwa seine Beamten ausschicken, und sollten diese den Kunden des
Vaters nachlaufen und sie ihm mit Gewalt zurückbringen? Aber, wendete der Vater
dann ein - wir besprachen diese Dinge alle genau zu Hause vorher und nachher in
einen Winkel gedrückt, wie versteckt vor Amalia, die alles zwar merkte, aber es
geschehen liess -, aber, wendete der Vater dann ein, er beklage sich ja nicht
wegen der Verarmung, alles, was er hier verloren habe, wolle er leicht wieder
einholen, das alles sei nebensächlich, wenn ihm nur verziehen würde. Aber was
solle ihm denn verziehen werden? antwortete man ihm, eine Anzeige sei bisher
nicht eingelaufen, wenigstens stehe sie noch nicht in den Protokollen, zumindest
nicht in den der advokatorischen Öffentlichkeit zugänglichen Protokollen;
infolgedessen sei auch, soweit es sich feststellen lasse, weder etwas gegen ihn
unternommen worden noch sei etwas im Zuge. Könne er vielleicht eine amtliche
Verfügung nennen, die gegen ihn erlassen worden sei? Das konnte der Vater nicht.
Oder habe ein Eingriff eines amtlichen Organs stattgefunden? Davon wusste der
Vater nichts. Nun also, wenn er nichts wisse und wenn nichts geschehen sei, was
wolle er denn? Was könnte ihm verziehen werden? Höchstens, dass er jetzt zwecklos
die Ämter belästige, aber gerade dieses sei unverzeihlich. Der Vater liess nicht
ab, er war damals noch immer sehr kräftig, und der aufgezwungene Müssiggang gab
ihm reichlich Zeit. Ich werde Amalia die Ehre zurückgewinnen, es wird nicht mehr
lange dauern, sagte er zu Barnabas und mir einigemal während des Tages, aber nur
sehr leise, denn Amalia durfte es nicht hören; trotzdem war es nur Amalias wegen
gesagt, denn in Wirklichkeit dachte er gar nicht an das Zurückgewinnen der Ehre,
sondern nur an Verzeihung. Aber um Verzeihung zu bekommen, musste er erst die
Schuld feststellen; und die wurde ihm ja in den Ämtern abgeleugnet. Er verfiel
auf den Gedanken - und dies zeigte, dass er doch schon geistig geschwächt war -,
man verheimliche ihm die Schuld, weil er nicht genug zahle, er zahlte bisher
nämlich immer nur die festgesetzten Gebühren, die, wenigstens für unsere
Verhältnisse, hoch genug waren. Er glaubte aber jetzt, er müsse mehr zahlen, was
gewiss unrichtig war, denn bei unseren Ämtern nimmt man zwar der Einfachheit
halber, um unnötige Rede zu vermeiden, Bestechungen an, aber erreichen kann man
dadurch nichts. War es aber die Hoffnung des Vaters, wollten wir ihn darin nicht
stören. Wir verkauften, was wir noch hatten - es war fast nur noch
Unentbehrliches -, um dem Vater die Mittel für seine Nachforschungen zu
verschaffen, und lange Zeit hatten wir jeden Morgen die Genugtuung, dass der
Vater, wenn er morgens sich auf den Weg machte, immer wenigstens mit einigen
Münzen in der Tasche klimpern konnte. Wir freilich hungerten den Tag über,
während das einzige, was wir wirklich durch die Geldbeschaffung bewirkten, war,
dass der Vater in einer gewissen Hoffnungsfreudigkeit erhalten wurde. Dieses aber
war kaum ein Vorteil. Er plagte sich auf seinen Gängen, und was ohne das Geld
sehr bald das verdiente Ende genommen hätte, zog sich so in die Länge. Da man
für die Überzahlungen in Wirklichkeit nichts Ausserordentliches leisten konnte,
versuchte manchmal ein Schreiber wenigstens scheinbar, etwas zu leisten
versprach Nachforschungen, deutete an, dass man gewisse Spuren schon gefunden
hätte, die man nicht aus Pflicht, sondern nur dem Vater zuliebe verfolgen werde;
der Vater, statt zweifelnder zu werden, wurde immer gläubiger. Er kam mit einer
solchen, deutlich sinnlosen Versprechung zurück, so, als bringe er schon wieder
den vollen Segen ins Haus, und es war qualvoll anzusehen, wie er immer hinter
Amalias Rücken, mit verzerrtem Lächeln und gross aufgerissenen Augen auf Amalia
hindeutend, uns zu verstehen geben wollte, wie die Errettung Amalias, die
niemanden mehr als sie selbst überraschen werde, infolge seiner Bemühungen ganz
nahe bevorstehe, aber alles sei noch Geheimnis, und wir wollten es streng hüten.
So wäre es gewiss noch sehr lange weitergegangen, wenn wir schliesslich nicht
vollständig ausserstande gewesen wären, dem Vater das Geld noch zu liefern. Zwar
war inzwischen Barnabas von Brunswick als Gehilfe nach vielen Bitten aufgenommen
worden, allerdings nur in der Weise, dass er abends im Dunkel die Aufträge
abholte und wieder im Dunkel die Arbeit zurückbrachte - es ist zuzugeben, dass
Brunswick hier eine gewisse Gefahr für sein Geschäft unseretwegen auf sich nahm,
aber dafür zahlte er ja dem Barnabas sehr wenig, und die Arbeit des Barnabas ist
fehlerlos -, doch genügte der Lohn knapp nur, um uns vor völligem Verhungern zu
bewahren. Mit grosser Schonung und nach viel Vorbereitungen kündigten wir dem
Vater die Einstellung unserer Geldunterstützungen an, aber er nahm es sehr ruhig
auf. Mit dem Verstand war er nicht mehr fähig, das Aussichtslose seiner
Interventionen einzusehen, aber müde war er der fortwährenden Enttäuschungen
doch.
    Zwar sagte er - er sprach nicht mehr so deutlich wie früher, er hatte fast
zu deutlich gesprochen -, dass er nur noch sehr wenig Geld gebraucht hätte,
morgen oder heute schon hätte er alles erfahren, und nun sei alles vergebens
gewesen, nur am Geld sei es gescheitert und so fort, aber der Ton, in dem er es
sagte, zeigte, dass er das alles nicht glaubte. Auch hatte er gleich,
unvermittelt, neue Pläne. Da es ihm nicht gelungen war, die Schuld nachzuweisen,
und er infolgedessen auch weiter im amtlichen Wege nichts erreichen konnte,
musste er sich ausschliesslich aufs Bitten verlegen und die Beamten persönlich
angehen. Es gab unter ihnen gewiss auch solche mit gutem, mitleidigem Herzen, dem
sie zwar im Amt nicht nachgeben durften, wohl aber ausserhalb des Amtes, wenn man
zu gelegener Stunde sie überraschte.«
    Hier unterbrach K., der bisher ganz versunken Olga zugehört hatte, die
Erzählung mit der Frage: »Und du hältst das nicht für richtig?« Zwar musste ihm
die weitere Erzählung darauf Antwort geben, aber er wollte es gleich wissen.
    »Nein«, sagte Olga, »von Mitleid oder dergleichen kann gar nicht die Rede
sein. So jung und unerfahren wir auch waren, das wussten wir, und auch der Vater
wusste es natürlich, aber er hatte es vergessen, dieses, wie das allermeiste. Er
hatte sich den Plan zurechtgelegt, in der Nähe des Schlosses auf der Landstrasse,
dort wo die Wagen der Beamten vorüberfuhren, sich aufzustellen und, wenn es
irgendwie ging, seine Bitte um Verzeihung vorzubringen. Aufrichtig gesagt, ein
Plan ohne allen Verstand, selbst wenn das Unmögliche geschehen wäre und die
Bitte wirklich bis zum Ohr eines Beamten gekommen wäre. Kann denn ein einzelner
Beamter verzeihen? Das könnte doch höchstens Sache der Gesamtbehörde sein, aber
selbst diese kann wahrscheinlich nicht verzeihen, sondern nur richten. Aber kann
denn überhaupt ein Beamter, selbst wenn er aussteigen und mit der Sache sich
befassen wollte, nach dem, was der Vater, der arme, müde, gealterte Mann, ihm
vormurmelt, sich ein Bild von der Sache machen? Die Beamten sind sehr gebildet,
aber doch nur einseitig, in seinem Fach durchschaut ein Beamter auf ein Wort hin
gleich ganze Gedankenreihen, aber Dinge aus einer anderen Abteilung kann man ihm
stundenlang erklären, er wird vielleicht höflich nicken, aber kein Wort
verstehen. Das ist ja alles selbstverständlich; man suche doch nur selbst die
kleinen amtlichen Angelegenheiten, die einen selbst betreffen, winziges Zeug,
das ein Beamter mit einem Achselzucken erledigt, man suche nur dieses bis auf
den Grund zu verstehen, und man wird ein ganzes Leben zu tun haben und nicht zu
Ende kommen. Aber wenn der Vater an einen zuständigen Beamten geraten wäre, so
kann doch dieser ohne Vorakten nichts erledigen und insbesondere nicht auf der
Landstrasse, er kann eben nicht verzeihen, sondern nur amtlich erledigen und zu
diesem Zweck wieder nur auf den Amtsweg verweisen, aber auf diesem etwas zu
erreichen, war ja dem Vater schon völlig misslungen. Wie weit musste es schon mit
dem Vater gekommen sein, dass er mit diesem neuen Plan irgendwie durchdringen
wollte! Wenn irgendeine Möglichkeit solcher Art auch nur im entferntesten
bestünde, müsste es ja dort auf der Landstrasse von Bittgängern wimmeln, aber da
es sich hier um eine Unmöglichkeit handelt, welche einem schon die elementarste
Schulbildung einprägt, ist es dort völlig leer. Vielleicht bestärkte auch das
den Vater in seiner Hoffnung, er nährte sie von überallher. Es war hier auch
sehr nötig; ein gesunder Verstand musste sich ja gar nicht in jene grossen
Überlegungen einlassen, er musste schon im Äusserlichsten die Unmöglichkeit klar
erkennen. Wenn die Beamten ins Dorf fahren oder zurück ins Schloss, so sind das
doch keine Lustfahrten, in Dorf und Schloss wartet Arbeit auf sie, daher fahren
sie im schärfsten Tempo. Es fällt ihnen auch nicht ein, aus dem Wagenfenster zu
schauen und draussen Gesuchsteller zu suchen, sondern die Wagen sind vollgepackt
mit Akten, welche die Beamten studieren.«
    »Ich habe aber«, sagte K., »das Innere eines Beamtenschlittens gesehen, in
welchem keine Akten waren.« In der Erzählung Olgas eröffnete sich ihm eine so
grosse, fast unglaubwürdige Welt, dass er es sich nicht versagen konnte, mit
seinen kleinen Erlebnissen an sie zu rühren, um sich ebenso von ihrem Dasein als
auch von dem eigenen deutlicher zu überzeugen.
    »Das ist möglich«, sagte Olga, »dann ist es aber noch schlimmer, dann hat
der Beamte so wichtige Angelegenheiten, dass die Akten zu kostbar oder zu
umfangreich sind, um mitgenommen werden zu können, solche Beamte lassen dann
Galopp fahren. Jedenfalls, für den Vater kann keiner Zeit erübrigen. Und
ausserdem: Es gibt mehrere Zufahrten ins Schloss. Einmal ist die eine in Mode,
dann fahren die meisten dort, einmal eine andere, dann drängt sich alles hin.
Nach welchen Regeln dieser Wechsel stattfindet, ist noch nicht herausgefunden
worden. Einmal um acht Uhr morgens fahren alle auf einer anderen, zehn Minuten
später wieder auf einer dritten, eine halbe Stunde später vielleicht wieder auf
der ersten, und dort bleibt es dann den ganzen Tag, aber jeden Augenblick
besteht die Möglichkeit einer Änderung. Zwar vereinigen sich in der Nähe des
Dorfes alle Zufahrtsstrassen, aber dort rasen schon alle Wagen, während in der
Schlossnähe das Tempo noch ein wenig gemässigter ist. Aber so wie die
Ausfahrordnung hinsichtlich der Strassen unregelmässig und nicht zu durchschauen
ist, so ist es auch mit der Zahl der Wagen. Es gibt ja oft Tage, wo gar kein
Wagen zu sehen ist; dann aber fahren sie wieder in Mengen. Und allem diesem
gegenüber stell dir nun unseren Vater vor. In seinem besten Anzug - bald ist es
sein einziger - zieht er jeden Morgen, von unseren Segenswünschen begleitet, aus
dem Haus. Ein kleines Abzeichen der Feuerwehr, das er eigentlich zu Unrecht
behalten hat, nimmt er mit, um es ausserhalb des Dorfes anzustecken, im Dorf
selbst fürchtet er, es zu zeigen, obwohl es so klein ist, dass man es auf zwei
Schritte Entfernung kaum sieht, aber nach des Vaters Meinung soll es sogar
geeignet sein, die vorüberfahrenden Beamten auf ihn aufmerksam zu machen. Nicht
weit vom Zugang zum Schloss ist eine Handelsgärtnerei, sie gehört einem gewissen
Bertuch, er liefert Gemüse ins Schloss, dort auf dem schmalen Steinpostament des
Gartengitters wählte sich der Vater einen Platz. Bertuch duldete es, weil er
früher mit dem Vater befreundet gewesen war und auch zu seinen treuesten
Kundschaften gehört hatte, er hat nämlich einen ein wenig verkrüppelten Fuss und
glaubte, nur der Vater sei imstande, ihm einen passenden Stiefel zu machen. Dort
sass nun der Vater Tag für Tag, es war ein trüber, regnerischer Herbst, aber das
Wetter war ihm völlig gleichgültig; morgens zu bestimmter Stunde hatte er die
Hand an der Klinke und winkte uns zum Abschied zu, abends kam er - es schien,
als werde er täglich gebückter - völlig durchnässt zurück und warf sich in eine
Ecke. Zuerst erzählte er uns von seinen kleinen Erlebnissen, etwa, dass ihm
Bertuch aus Mitleid und alter Freundschaft eine Decke über das Gitter zugeworfen
hatte oder dass er in einem vorüberfahrenden Wagen den oder jenen Beamten zu
erkennen geglaubt habe oder dass wieder ihn schon hie und da ein Kutscher erkenne
und zum Scherz mit dem Peitschenriemen streife. Später hörte er dann auf, diese
Dinge zu erzählen, offenbar hoffte er nicht mehr, auch nur irgend etwas dort zu
erreichen, er hielt es schon nur für seine Pflicht, seinen öden Beruf,
hinzugehen und dort den Tag zu verbringen. Damals begannen seine rheumatischen
Schmerzen, der Winter näherte sich, es kam früher Schneefall, bei uns fängt der
Winter sehr bald an; nun, und so sass er dort einmal auf den regennassen Steinen,
dann wieder im Schnee. In der Nacht seufzte er vor Schmerzen, morgens war er
manchmal unsicher, ob er gehen sollte, überwand sich dann aber doch und ging.
Die Mutter hängte sich an ihn und wollte ihn nicht fortlassen; er,
wahrscheinlich furchtsam geworden infolge der nicht mehr gehorsamen Glieder,
erlaubte ihr mitzugehen, so wurde auch die Mutter von den Schmerzen gepackt. Wir
waren oft bei ihnen, brachten Essen oder kamen nur zu Besuch oder wollten sie
zur Rückkehr nach Hause überreden; wie oft fanden wir sie dort zusammengesunken
und aneinanderlehnend auf ihrem schmalen Sitz, gekauert in eine dünne Decke, die
sie kaum umschloss, ringsherum nichts als das Grau von Schnee und Nebel und weit
und breit und tagelang kein Mensch oder Wagen, ein Anblick, K., ein Anblick! Bis
dann eines Morgens der Vater die steifen Beine nicht mehr aus dem Bett brachte,
es war trostlos, in einer leichten Fieberphantasie glaubte er zu sehen, wie eben
jetzt oben bei Bertuch ein Wagen haltmachte, ein Beamter ausstieg, das Gitter
nach dem Vater absuchte und kopfschüttelnd und ärgerlich wieder in den Wagen
zurückkehrte. Der Vater stiess dabei solche Schreie aus, dass es war, als wolle er
sich von hier aus dem Beamten oben bemerkbar machen und erklären, wie
unverschuldet seine Abwesenheit sei. Und es wurde eine lange Abwesenheit, er
kehrte gar nicht mehr dortin zurück, wochenlang musste er im Bett bleiben.
Amalia übernahm die Bedienung, die Pflege, die Behandlung, alles, und hat es mit
Pausen eigentlich bis heute behalten. Sie kennt Heilkräuter, welche die
Schmerzen beruhigen, sie braucht fast keinen Schlaf, sie erschrickt nie,
fürchtet nichts, hat niemals Ungeduld, sie leistete alle Arbeit für die Eltern;
während wir aber, ohne etwas helfen zu können, unruhig umherflatterten, blieb
sie bei allem kühl und still. Als dann aber das Schlimmste vorüber war und der
Vater, vorsichtig und rechts und links gestützt, wieder aus dem Bett sich
herausarbeiten konnte, zog sich Amalia gleich zurück und überliess ihn uns.«
 
                                  Olgas Pläne
»Nun galt es, wieder irgendeine Beschäftigung für den Vater zu finden, für die
er noch fähig war, irgend etwas, was ihn zumindest in dem Glauben erhielt, dass
es dazu diene, die Schuld von der Familie abzuwälzen. Etwas Derartiges zu finden
war nicht schwer, so zweckdienlich wie das Sitzen vor Bertuchs Garten war im
Grunde alles, aber ich fand etwas, was sogar mir einige Hoffnung gab. Wann immer
bei Ämtern oder Schreibern oder sonstwo von unserer Schuld die Rede gewesen war,
war immer wieder nur die Beleidigung des Sortinischen Boten erwähnt worden,
weiter wagte niemand zu dringen. Nun, sagte ich mir, wenn die allgemeine
Meinung, sei es auch nur scheinbar, nur von der Botenbeleidigung weiss, liesse
sich, sei es auch wieder nur scheinbar, alles wiedergutmachen, wenn man den
Boten versöhnen könnte. Es ist ja keine Anzeige eingelaufen, wie man erklärt,
noch kein Amt hat also die Sache in der Hand, und es steht demnach dem Boten
frei, für seine Person, und um mehr handelt es sich nicht, zu verzeihen. Das
alles konnte ja keine entscheidende Bedeutung haben, war nur Schein und konnte
wieder nichts anderes ergeben, aber dem Vater würde es doch Freude machen, und
die vielen Auskunftgeber, die ihn so gequält hatten, könnte man damit vielleicht
zu seiner Genugtuung ein wenig in die Enge treiben. Zuerst musste man freilich
den Boten finden. Als ich meinen Plan dem Vater erzählte, wurde er zuerst sehr
ärgerlich, er war nämlich äusserst eigensinnig geworden, zum Teil glaubte er -
während der Krankheit hatte sich das entwickelt -, dass wir ihn immer am letzten
Erfolg gehindert hätten: zuerst durch Einstellung der Geldunterstützung, jetzt
durch Zurückhalten im Bett, zum Teil war er gar nicht mehr fähig, fremde
Gedanken völlig aufzunehmen. Ich hatte noch nicht zu Ende erzählt, schon war
mein Plan verworfen; nach seiner Meinung musste er bei Bertuchs Garten weiter
warten, und da er gewiss nicht mehr imstande sein würde, täglich hinaufzugehen,
müssten wir ihn im Handkarren hinbringen. Aber ich liess nicht ab, und allmählich
söhnte er sich mit dem Gedanken aus, störend war ihm dabei nur, dass er in dieser
Sache ganz von mir abhängig war, denn nur ich hatte damals den Boten gesehen, er
kannte ihn nicht. Freilich, ein Diener gleicht dem anderen, und völlig sicher
dessen, dass ich jenen wiedererkennen würde, war auch ich nicht. Wir begannen
dann, in den Herrenhof zu gehen und unter der Dienerschaft dort zu suchen. Es
war zwar ein Diener Sortinis gewesen, und Sortini kam nicht mehr ins Dorf, aber
die Herren wechseln häufig die Diener, man konnte ihn recht wohl in der Gruppe
eines anderen Herrn finden, und wenn er selbst nicht zu finden war, so konnte
man doch vielleicht von den anderen Dienern Nachricht über ihn bekommen. Zu
diesem Zweck musste man allerdings allabendlich im Herrenhof sein, und man sah
uns nirgends gern, wie erst an einem solchen Ort; als zahlende Gäste konnten wir
ja auch nicht auftreten. Aber es zeigte sich, dass man uns doch brauchen konnte;
du weisst wohl, was für eine Plage die Dienerschaft für Frieda war, es sind im
Grunde meist ruhige Leute, durch leichten Dienst verwöhnt und schwerfällig
gemacht. Es möge dir gehen wie einem Diener heisst ein Segensspruch der Beamten,
und tatsächlich sollen, was Wohlleben betrifft, die Diener die eigentlichen
Herren im Schloss sein, sie wissen das auch zu würdigen und sind im Schloss, wo
sie sich unter seinen Gesetzen bewegen, still und würdig - vielfach ist mir das
bestätigt worden -, und man findet auch hier unter den Dienern noch Reste
dessen, aber nur Reste, sonst sind sie dadurch, dass die Schlossgesetze für sie im
Dorf nicht mehr vollständig gelten, wie verwandelt; ein wildes, unbotmässiges,
statt von den Gesetzen von ihren unersättlichen Trieben beherrschtes Volk. Ihre
Schamlosigkeit kennt keine Grenzen, ein Glück für das Dorf, dass sie den
Herrenhof nur über Befehl verlassen dürfen, im Herrenhof selbst aber muss man mit
ihnen auszukommen suchen; Frieda nun fiel das sehr schwer, und so war es ihr
sehr willkommen, dass sie mich dazu verwenden konnte, die Diener zu beruhigen;
seit mehr als zwei Jahren, zumindest zweimal in der Woche, verbringe ich die
Nacht mit den Dienern im Stall. Früher, als der Vater noch in den Herrenhof
mitgehen konnte, schlief er irgendwo im Ausschankzimmer und wartete so auf die
Nachrichten, die ich früh bringen würde. Es war wenig. Den gesuchten Boten haben
wir bis heute noch nicht gefunden, er soll noch immer in den Diensten Sortinis
sein, der ihn sehr hochschätzt, und soll ihm gefolgt sein, als sich Sortini in
entferntere Kanzleien zurückzog. Meist haben ihn die Diener ebensolange nicht
gesehen wie wir, und wenn einer ihn inzwischen doch gesehen haben will, ist es
wohl ein Irrtum. So wäre also mein Plan eigentlich misslungen und ist es doch
nicht völlig, den Boten haben wir zwar nicht gefunden, und dem Vater haben die
Wege in den Herrenhof und die Übernachtungen dort, vielleicht sogar das Mitleid
mit mir, soweit er dessen noch fähig ist, leider den Rest gegeben, und er ist
schon seit fast zwei Jahren in diesem Zustand, in dem du ihn gesehen hast, und
dabei geht es ihm vielleicht noch besser als der Mutter, deren Ende wir täglich
erwarten und das sich nur dank der übermässigen Anstrengung Amalias verzögert.
Was ich aber doch im Herrenhof erreicht habe, ist eine gewisse Verbindung mit
dem Schloss; verachte mich nicht, wenn ich sage, dass ich das, was ich getan habe,
nicht bereue. Was mag das für eine grosse Verbindung mit dem Schloss sein, wirst
du dir vielleicht denken. Und du hast recht; eine grosse Verbindung ist es nicht.
Ich kenne jetzt zwar viele Diener, die Diener aller der Herren fast, die in den
letzten Jahren ins Dorf kamen, und wenn ich einmal ins Schloss kommen sollte, so
werde ich dort nicht fremd sein. Freilich, es sind nur Diener im Dorf, im Schloss
sind sie ganz anders und erkennen dort wahrscheinlich niemanden mehr und
jemanden, mit dem sie im Dorf verkehrt haben, ganz besonders nicht, mögen sie es
auch im Stall hundertmal beschworen haben, dass sie sich auf ein Wiedersehen im
Schloss sehr freuen. Ich habe es ja übrigens auch schon erfahren, wie wenig allen
solche Versprechungen bedeuten. Aber das Wichtigste ist das ja gar nicht. Nicht
nur durch die Diener selbst habe ich eine Verbindung mit dem Schloss, sondern
vielleicht und hoffentlich auch noch so, dass jemand, der von oben mich und was
ich tue beobachtet - und die Verwaltung der grossen Dienerschaft ist freilich ein
äusserst wichtiger und sorgenvoller Teil der behördlichen Arbeit -, dass dann
derjenige, der mich so beobachtet, vielleicht zu einem milderen Urteil über mich
kommt als andere, dass er vielleicht erkennt, dass ich in einer jämmerlichen Art
zwar, doch auch für unsere Familie kämpfe und die Bemühungen des Vaters
fortsetze. Wenn man es so ansieht, vielleicht wird man es mir dann auch
verzeihen, dass ich von den Dienern Geld annehme und für unsere Familie verwende.
Und noch anderes habe ich erreicht, das allerdings machst auch du zu meiner
Schuld. Ich habe von den Knechten manches darüber erfahren, wie man auf Umwegen,
ohne das schwierige und jahrelang dauernde öffentliche Aufnahmeverfahren in die
Schlossdienste kommen kann, man ist dann zwar auch nicht öffentlicher
Angestellter, sondern nur ein heimlich und halb Zugelassener, man hat weder
Rechte noch Pflichten, dass man keine Pflichten hat, das ist das Schlimmere, aber
eines hat man, da man doch in der Nähe bei allem ist: Man kann günstige
Gelegenheiten erkennen und benützen, man ist kein Angestellter, aber zufällig
kann sich irgendeine Arbeit finden, ein Angestellter ist gerade nicht bei der
Hand, ein Zuruf, man eilt herbei, und was man vor einem Augenblick noch nicht
war, man ist es geworden, ist Angestellter. Allerdings, wann findet sich eine
solche Gelegenheit? Manchmal gleich, kaum ist man hingekommen, kaum hat man sich
umgesehen, ist die Gelegenheit schon da, es hat nicht einmal jeder die
Geistesgegenwart, sie so, als Neuling, gleich zu fassen, aber ein anderes Mal
dauert es wieder mehr Jahre als das öffentliche Aufnahmeverfahren, und
regelrecht öffentlich aufgenommen kann ein solcher Halbzugelassener gar nicht
mehr werden. Bedenken sind hier also genug; sie schweigen aber dem gegenüber,
dass bei der öffentlichen Aufnahme sehr peinlich ausgewählt wird und ein Mitglied
einer irgendwie anrüchigen Familie von vornherein verworfen ist, ein solcher
unterzieht sich zum Beispiel diesem Verfahren, zittert jahrelang wegen des
Ergebnisses, von allen Seiten fragt man ihn erstaunt, seit dem ersten Tag, wie
er etwas derartig Aussichtsloses wagen konnte, er hofft aber doch, wie könnte er
sonst leben; aber nach vielen Jahren, vielleicht als Greis, erfährt er die
Ablehnung, erfährt, dass alles verloren ist und sein Leben vergeblich war. Auch
hier gibt es freilich Ausnahmen, darum wird man eben so leicht verlockt. Es
kommt vor, dass gerade anrüchige Leute schliesslich aufgenommen werden, es gibt
Beamte, welche förmlich gegen ihren Willen den Geruch solchen Wildes lieben, bei
den Aufnahmeprüfungen schnuppern sie in der Luft, verziehen den Mund, verdrehen
die Augen, ein solcher Mann scheint für sie gewissermassen ungeheuer
appetitanreizend zu sein, und sie müssen sich sehr fest an die Gesetzbücher
halten, um dem widerstehen zu können. Manchmal hilft das allerdings dem Mann
nicht zur Aufnahme, sondern nur zur endlosen Ausdehnung des Aufnahmeverfahrens,
das dann überhaupt nicht beendet, sondern nach dem Tode des Mannes nur
abgebrochen wird. So ist also sowohl die gesetzmässige Aufnahme als auch die
andere voll offener und versteckter Schwierigkeiten, und ehe man sich auf etwas
Derartiges einlässt, ist es sehr ratsam, alles genau zu erwägen. Nun, daran haben
wir es nicht fehlen lassen, Barnabas und ich. Immer, wenn ich aus dem Herrenhof
kam, setzten wir uns zusammen, ich erzählte das Neueste, was ich erfahren hatte,
tagelang sprachen wir es durch, und die Arbeit in des Barnabas Hand ruhte oft
länger, als es gut war. Und hier mag ich eine Schuld in deinem Sinne haben. Ich
wusste doch, dass auf die Erzählungen der Knechte nicht viel Verlass war. Ich
wusste, dass sie niemals Lust hatten, mir vom Schloss zu erzählen, immer zu anderem
ablenkten, jedes Wort sich abbetteln liessen, dann aber freilich, wenn sie im
Gang waren, loslegten, Unsinn schwatzten, grosstaten, einander in Übertreibungen
und Erfindungen überboten, so dass offenbar in dem endlosen Geschrei, in welchem
einer den anderen ablöste, dort im dunklen Stalle bestenfalls ein paar magere
Andeutungen der Wahrheit entalten sein mochten. Ich aber erzählte dem Barnabas
alles wieder, so wie ich es mir gemerkt hatte, und er, der noch gar keine
Fähigkeit hatte, zwischen Wahrem und Erlogenem zu unterscheiden und infolge der
Lage unserer Familie fast verdurstete vor Verlangen nach diesen Dingen, er trank
alles in sich hinein und glühte vor Eifer nach Weiterem. Und tatsächlich ruhte
auf Barnabas mein neuer Plan. Bei den Knechten war nichts mehr zu erreichen. Der
Bote Sortinis war nicht zu finden und würde niemals zu finden sein, immer weiter
schien sich Sortini und damit auch der Bote zurückzuziehen, oft geriet ihr
Aussehen und Name schon in Vergessenheit, und ich musste sie oft lange
beschreiben, um damit nichts zu erreichen, als dass man sich mühsam an sie
erinnerte, aber darüber hinaus nichts über sie sagen konnte. Und was mein Leben
mit den Knechten betraf, so hatte ich natürlich keinen Einfluss darauf, wie es
beurteilt wurde, konnte nur hoffen, dass man es so aufnehmen würde, wie es getan
war, und dass dafür ein Geringes von der Schuld unserer Familie abgezogen würde,
aber äussere Zeichen dessen bekam ich nicht. Doch blieb ich dabei, da ich für
mich keine andere Möglichkeit sah, im Schloss etwas für uns zu bewirken. Für
Barnabas aber sah ich eine solche Möglichkeit. Aus den Erzählungen der Knechte
konnte ich, wenn ich dazu Lust hatte, und diese Lust hatte ich in Fülle,
entnehmen, dass jemand, der in Schlossdienste aufgenommen ist, sehr viel für seine
Familie erreichen kann. Freilich, was war an diesen Erzählungen Glaubwürdiges?
Das war unmöglich festzustellen, nur dass es sehr wenig war, war klar. Denn wenn
mir zum Beispiel ein Knecht, den ich niemals mehr sehen würde oder den ich, wenn
ich ihn auch sehen sollte, kaum wiedererkennen würde, feierlich zusicherte,
meinem Bruder zu einer Anstellung im Schloss zu verhelfen oder zumindest, wenn
Barnabas sonstwie ins Schloss kommen sollte, ihn zu unterstützen, also etwa ihn
zu erfrischen - denn nach den Erzählungen der Knechte kommt es vor, dass Anwärter
für Stellungen während der überlangen Wartezeit ohnmächtig oder verwirrt werden
und dann verloren sind, wenn nicht Freunde für sie sorgen -, wenn solches und
vieles andere mir erzählt wurde, so waren das wahrscheinlich berechtigte
Warnungen, aber die zugehörigen Versprechungen waren völlig leer. Für Barnabas
nicht; zwar warnte ich ihn, ihnen zu glauben, aber schon, dass ich sie ihm
erzählte, war genügend, um ihn für meine Pläne einzunehmen. Was ich selbst dafür
anführte, wirkte auf ihn weniger, auf ihn wirkten hauptsächlich die Erzählungen
der Knechte. Und so war ich eigentlich gänzlich auf mich allein angewiesen, mit
den Eltern konnte sich überhaupt niemand ausser Amalia verständigen, je mehr ich
die alten Pläne meines Vaters in meiner Art verfolgte, desto mehr schloss sich
Amalia vor mir ab, vor dir oder anderen spricht sie mit mir, allein niemals
mehr, den Knechten im Herrenhof war ich ein Spielzeug, das zu zerbrechen sie
sich wütend anstrengten, kein einziges vertrauliches Wort habe ich während der
zwei Jahre mit einem von ihnen gesprochen, nur Hinterhältiges oder Erlogenes
oder Irrsinniges, blieb mir also nur Barnabas, und Barnabas war noch sehr jung.
Wenn ich bei meinen Berichten den Glanz in seinen Augen sah, den er seitdem
behalten hat, erschrak ich und liess doch nicht ab, zu Grosses schien mir auf dem
Spiel zu sein. Freilich, die grossen, wenn auch leeren Pläne meines Vaters hatte
ich nicht, ich hatte nicht diese Entschlossenheit der Männer, ich blieb bei der
Wiedergutmachung der Beleidigung des Boten und wollte gar noch, dass man mir
diese Bescheidenheit als Verdienst anrechne. Aber was mir allein misslungen war,
wollte ich jetzt durch Barnabas anders und sicher erreichen. Einen Boten hatten
wir beleidigt und ihn aus den vorderen Kanzleien verscheucht; was lag näher, als
in der Person des Barnabas einen neuen Boten anzubieten, durch Barnabas die
Arbeit des beleidigten Boten ausführen zu lassen und dem Beleidigten es so zu
ermöglichen, ruhig in der Ferne zu bleiben, wie lange er wollte, wie lange er es
zum Vergessen der Beleidigung brauchte. Ich merkte zwar gut, dass in aller
Bescheidenheit dieses Planes auch Anmassung lag, dass es den Eindruck erwecken
konnte, als ob wir der Behörde diktieren wollten, wie sie Personalfragen ordnen
sollte, oder als ob wir daran zweifelten, dass die Behörde aus eigenem das Beste
anzuordnen fähig war und es sogar schon längst angeordnet hatte, ehe wir nur auf
den Gedanken gekommen waren, dass hier etwas getan werden könnte. Doch glaubte
ich dann wieder, dass es unmöglich sei, dass mich die Behörde so missverstehe oder
dass sie, wenn sie es tun sollte, es dann mit Absicht tun würde, das heisst, dass
dann von vornherein ohne nähere Untersuchung alles, was ich tue, verworfen sei.
So liess ich also nicht ab, und der Ehrgeiz des Barnabas tat das seine. In dieser
Zeit der Vorbereitungen wurde Barnabas so hochmütig, dass er die Schusterarbeit
für sich, den künftigen Kanzleiangestellten, zu schmutzig fand; ja, dass er es
sogar wagte, Amalia, wenn sie ihm, selten genug, ein Wort sagte, zu
widersprechen, und zwar grundsätzlich. Ich gönnte ihm gern diese kurze Freude,
denn mit dem ersten Tag, an welchem er ins Schloss ging, war Freude und Hochmut,
wie es leicht vorauszusehen gewesen war, gleich vorüber. Es begann nun jener
scheinbare Dienst, von dem ich dir schon erzählt habe. Erstaunlich war es, wie
Barnabas ohne Schwierigkeiten zum erstenmal das Schloss oder richtiger jene
Kanzlei betrat, die sozusagen sein Arbeitsraum geworden ist. Dieser Erfolg
machte mich damals fast toll, ich lief, als es mir Barnabas abends beim
Nachhausekommen zuflüsterte, zu Amalia, pachte sie, drückte sie in eine Ecke und
küsste sie mit Lippen und Zähnen, dass sie vor Schmerz und Schrecken weinte. Sagen
konnte ich vor Erregung nichts, auch hatten wir ja schon so lange nicht
miteinander gesprochen, ich verschob es auf die nächsten Tage. An den nächsten
Tagen aber war freilich nichts mehr zu sagen. Bei dem so schnell Erreichten
blieb es auch. Zwei Jahre lang führte Barnabas dieses einförmige,
herzbeklemmende Leben. Die Knechte versagten gänzlich, ich gab Barnabas einen
kleinen Brief mit, in dem ich ihn der Aufmerksamkeit der Knechte empfahl, die
ich gleichzeitig an ihre Versprechungen erinnerte, und Barnabas, sooft er einen
Knecht sah, zog den Brief heraus und hielt ihn ihm vor, und wenn er auch wohl
manchmal an Knechte geriet, die mich nicht kannten, und wenn auch für die
Bekannten seine Art, den Brief stumm vorzuzeigen - denn zu sprechen wagte er
oben nicht -, ärgerlich war, so war es doch schändlich, dass niemand ihm half,
und es war eine Erlösung, die wir aus eigenem uns freilich auch und längst
hätten verschaffen können, als ein Knecht, dem vielleicht der Brief schon einige
Male aufgedrängt worden war, ihn zusammenknüllte und in einen Papierkorb warf.
Fast hätte er dabei, so fiel mir ein, sagen können: Ähnlich pflegt ja auch ihr
Briefe zu behandeln. So ergebnislos aber diese ganze Zeit sonst war, auf
Barnabas wirkte sie günstig, wenn man es günstig nennen will, dass er vorzeitig
alterte, vorzeitig ein Mann wurde; ja, in manchem ernst und einsichtig über die
Mannheit hinaus. Mich macht es oft sehr traurig, ihn anzusehen und ihn mit dem
Jungen zu vergleichen, der er noch vor zwei Jahren war. Und dabei habe ich gar
nicht den Trost und Rückhalt, den er mir als Mann vielleicht geben könnte. Ohne
mich wäre er kaum ins Schloss gekommen, aber seit er dort ist, ist er von mir
unabhängig. Ich bin seine einzige Vertraute, aber er erzählt mir gewiss nur einen
kleinen Teil dessen, was er auf dem Herzen hat. Er erzählt mir viel vom Schloss,
aber aus seinen Erzählungen, aus den kleinen Tatsachen, die er mitteilt, kann
man bei weitem nicht verstehen, wie ihn dieses so verwandelt haben könnte. Man
kann insbesondere nicht verstehen, warum er den Mut, den er als Junge bis zu
unser aller Verzweiflung hatte, jetzt als Mann dort oben so gänzlich verloren
hat. Freilich, dieses nutzlose Dastehen und Warten Tag für Tag und immer wieder
von neuem und ohne jede Aussicht auf Veränderung, das zermürbt und macht
zweiflerisch und schliesslich zu anderem als zu diesem verzweifelten Dastehen
sogar unfähig. Aber warum hat er auch früher gar keinen Widerstand geleistet?
Besonders, da er bald erkannte, dass ich recht gehabt hatte und für den Ehrgeiz
dort nichts zu holen war, wohl aber vielleicht für die Besserung der Lage
unserer Familie. Denn dort geht alles - die Launen der Diener ausgenommen - sehr
bescheiden zu, der Ehrgeiz sucht dort in der Arbeit Befriedigung, und da dabei
die Sache selbst das Übergewicht bekommt, verliert er sich gänzlich, für
kindliche Wünsche ist dort kein Raum. Wohl aber glaubte Barnabas, wie er mir
erzählte, deutlich zu sehen, wie gross die Macht und das Wissen selbst dieser
doch recht fragwürdigen Beamten war, in deren Zimmer er sein durfte. Wie sie
diktierten, schnell, mit halbgeschlossenen Augen, kurzen Handbewegungen, wie sie
nur mit dem Zeigefinger ohne jedes Wort die brummigen Diener abfertigten, die,
in solchen Augenblicken schwer atmend, glücklich lächelten, oder wie sie eine
wichtige Stelle in ihren Büchern fanden, voll darauf schlugen, und wie die
anderen, soweit es in der Enge möglich war, herbeiliefen und die Hälse danach
streckten. Das und ähnliches gab Barnabas grosse Vorstellungen von diesen
Männern, und er hatte den Eindruck, dass, wenn er so weit käme, von ihnen bemerkt
zu werden und mit ihnen ein paar Worte sprechen zu dürfen - nicht als Fremder,
sondern als Kanzleikollege, allerdings untergeordneter Art -, Unabsehbares für
unsere Familie erreicht werden könnte. Aber so weit ist es eben noch nicht
gekommen, und etwas, was ihn dem annähern könnte, wagt Barnabas nicht zu tun,
obwohl er schon genau weiss, dass er trotz seiner Jugend innerhalb unserer Familie
durch die unglücklichen Verhältnisse zu der verantwortungsschweren Stellung des
Familienvaters selbst hinaufgerückt ist. Und nun, um das letzte noch zu
gestehen: Vor einer Woche bist du gekommen. Ich hörte im Herrenhof jemanden es
erwähnen, kümmerte mich aber nicht darum; ein Landvermesser war gekommen; ich
wusste nicht einmal, was das ist. Aber am nächsten Abend kommt Barnabas - ich
pflegte ihm sonst zu bestimmter Stunde ein Stück Weges entgegenzugehen - früher
als sonst nach Hause, sieht Amalia in der Stube, zieht mich deshalb auf die
Strasse hinaus, drückt dort das Gesicht auf meine Schulter und weint minutenlang.
Er ist wieder der kleine Junge von ehemals. Es ist ihm etwas geschehen, dem er
nicht gewachsen ist. Es ist, als hätte sich vor ihm plötzlich eine ganz neue
Welt aufgetan, und das Glück und die Sorgen aller dieser Neuheit kann er nicht
ertragen. Und dabei ist ihm nichts anderes geschehen, als dass er einen Brief an
dich zur Bestellung bekommen hat. Aber es ist freilich der erste Brief, die
erste Arbeit, die er überhaupt je bekommen hat.«
    Olga brach ab. Es war still, bis auf das schwere, manchmal röchelnde Atmen
der Eltern. K. sagte nur leichtin, wie zur Ergänzung von Olgas Erzählung: »Ihr
habt euch mir gegenüber verstellt. Barnabas überbrachte den Brief wie ein alter,
vielbeschäftigter Bote, und du ebenso wie Amalia, die diesmal also mit euch
einig war, tatet so, als sei der Botendienst und die Briefe nur irgendein
Nebenbei.« - »Du musst zwischen uns unterscheiden«, sagte Olga. »Barnabas ist
durch die zwei Briefe wieder ein glückliches Kind geworden, trotz allen
Zweifeln, die er an seiner Tätigkeit hat. Diese Zweifel hat er nur für sich und
mich; dir gegenüber aber sucht er seine Ehre darin, als wirklicher Bote
aufzutreten, so wie seiner Vorstellung nach wirkliche Boten auftreten. So musste
ich ihm zum Beispiel, obwohl doch jetzt seine Hoffnung auf einen Amtsanzug
steigt, binnen zwei Stunden seine Hose so ändern, dass sie der enganliegenden
Hose des Amtskleides wenigstens ähnlich ist und er darin vor dir, der du in
dieser Hinsicht natürlich noch leicht zu täuschen bist, bestehen kann. Das ist
Barnabas. Amalia aber missachtet wirklich den Botendienst, und jetzt, nachdem er
ein wenig Erfolg zu haben scheint, wie sie an Barnabas und mir und unserem
Beisammensitzen und Tuscheln leicht erkennen kann, jetzt missachtet sie ihn noch
mehr als früher. Sie spricht also die Wahrheit, lass dich niemals täuschen, indem
du daran zweifelst. Wenn aber ich, K., manchmal den Botendienst herabgewürdigt
habe, so geschah es nicht mit der Absicht, dich zu täuschen, sondern aus Angst.
Diese zwei Briefe, die durch des Barnabas Hand bisher gegangen sind, sind seit
drei Jahren das erste, allerdings noch genug zweifelhafte Gnadenzeichen, das
unsere Familie bekommen hat. Diese Wendung, wenn es eine Wendung ist und keine
Täuschung - Täuschungen sind häufiger als Wendungen -, ist mit deiner Ankunft
hier im Zusammenhang, unser Schicksal ist in eine gewisse Abhängigkeit von dir
geraten, vielleicht sind diese zwei Briefe nur ein Anfang, und des Barnabas
Tätigkeit wird sich über den dich betreffenden Botendienst hinaus ausdehnen -
das wollen wir hoffen, solange wir es dürfen -; vorläufig aber zielt alles nur
auf dich ab. Dort oben nun müssen wir uns mit dem zufriedengeben, was man uns
zuteilt, hier unten aber können wir doch vielleicht auch selbst etwas tun, das
ist: deine Gunst uns sichern oder wenigstens vor deiner Abneigung uns bewahren
oder, was das wichtigste ist, dich nach unseren Kräften und Erfahrungen
schützen, damit dir die Verbindung mit dem Schloss - von der wir vielleicht leben
könnten - nicht verlorengeht. Wie dies alles nun am besten einleiten? Dass du
keinen Verdacht gegen uns fasst, wenn wir uns dir nähern, denn du bist hier fremd
und deshalb gewiss nach allen Seiten hin voll Verdachtes, voll berechtigten
Verdachtes. Ausserdem sind wir ja verachtet und du von der allgemeinen Meinung
beeinflusst, besonders durch deine Braut; wie sollen wir zu dir vordringen, ohne
uns zum Beispiel, wenn wir es auch gar nicht beabsichtigen, gegen deine Braut zu
stellen und dich damit zu kränken. Und die Botschaften, die ich, ehe du sie
bekamst, genau gelesen habe - Barnabas hat sie nicht gelesen, als Bote hat er es
sich nicht erlaubt -, schienen auf den ersten Blick nicht sehr wichtig,
veraltet, nahmen sich selbst die Wichtigkeit, indem sie dich auf den
Gemeindevorsteher verwiesen. Wie sollten wir uns nun in dieser Hinsicht dir
gegenüber verhalten? Betonten wir ihre Wichtigkeit, machten wir uns verdächtig,
dass wir so offenbar Unwichtiges überschätzten und als Überbringer dieser
Nachrichten dir anpriesen, unsere Zwecke, nicht deine verfolgten, ja, wir
konnten dadurch die Nachrichten selbst in deinen Augen herabsetzen und dich so,
sehr wider Willen, täuschen. Legten wir aber den Briefen nicht viel Wert bei,
machten wir uns ebenso verdächtig, denn warum beschäftigten wir uns dann mit dem
Zustellen dieser unwichtigen Briefe, warum widersprachen einander unsere
Handlungen und unsere Worte, warum täuschten wir so nicht nur dich, den
Adressaten, sondern auch unseren Auftraggeber, der uns gewiss die Briefe nicht
übergeben hatte, damit wir sie durch unsere Erklärungen beim Adressaten
entwerteten. Und die Mitte zwischen den Übertreibungen zu halten, also die
Briefe richtig zu beurteilen, ist ja unmöglich, sie wechseln selbst fortwährend
ihren Wert, die Überlegungen, zu denen sie Anlass geben, sind endlos, und wo man
dabei gerade haltmacht, ist nur durch den Zufall bestimmt, also auch die Meinung
eine zufällige. Und wenn nun noch die Angst um dich dazwischenkommt, verwirrt
sich alles, du darfst meine Worte nicht zu streng beurteilen. Wenn zum Beispiel,
wie es einmal geschehen ist, Barnabas mit der Nachricht kommt, dass du mit seinem
Botendienst unzufrieden bist und er im ersten Schrecken und leider auch nicht
ohne Botenempfindlichkeit sich angeboten hat, von diesem Dienst zurückzutreten,
dann bin ich allerdings, um den Fehler gutzumachen, imstande, zu täuschen, zu
lügen, zu betrügen, alles Böse zu tun, wenn es nur hilft. Aber das tue ich dann,
wenigstens nach meinem Glauben, so gut deinetwegen wie unseretwegen.«
    Es klopfte. Olga lief zur Tür und sperrte auf. In das Dunkel fiel ein
Lichtstreifen aus einer Blendlaterne.
    Der späte Besucher stellte flüsternde Fragen und bekam geflüsterte Antwort,
wollte sich aber damit nicht begnügen und in die Stube eindringen. Olga konnte
ihn wohl nicht mehr zurückhalten und rief deshalb Amalia, von der sie offenbar
hoffte, dass diese, um den Schlaf der Eltern zu schützen, alles aufwenden werde,
um den Besucher zu entfernen. Tatsächlich eilte sie auch schon herbei, schob
Olga beiseite, trat auf die Strasse und schloss hinter sich die Tür. Es dauerte
nur einen Augenblick, gleich kam sie wieder zurück, so schnell hatte sie
erreicht, was Olga unmöglich gewesen war.
    K. erfuhr dann von Olga, dass der Besuch ihm gegolten hatte; es war einer der
Gehilfen, der ihn im Auftrag Friedas suchte. Olga hatte K. vor dem Gehilfen
schützen wollen, wenn K. seinen Besuch hier später Frieda gestehen wollte,
mochte er es tun, aber es sollte nicht durch den Gehilfen entdeckt werden. K.
billigte das. Das Angebot Olgas aber, hier die Nacht zu verbringen und auf
Barnabas zu warten, lehnte er ab; an und für sich hätte er es vielleicht
angenommen, denn es war schon spät in der Nacht, und es schien ihm, dass er
jetzt, ob er wolle oder nicht, mit dieser Familie derart verbunden sei, dass ein
Nachtlager hier aus anderen Gründen vielleicht peinlich, mit Rücksicht auf diese
Verbundenheit aber das für ihn Natürlichste im ganzen Dorf sei, trotzdem lehnte
er ab, der Besuch des Gehilfen hatte ihn aufgeschreckt, es war ihm
unverständlich, wie Frieda, die doch seinen Willen kannte, und die Gehilfen, die
ihn fürchten gelernt hatten, wieder derart zusammengekommen waren, dass sich
Frieda nicht scheute, einen Gehilfen um ihn zu schicken, einen übrigens nur,
während der andere wohl bei ihr geblieben war. Er fragte Olga, ob sie eine
Peitsche habe, die hatte sie nicht, aber eine gute Weidenrute hatte sie, die
nahm er, dann fragte er, ob es noch einen zweiten Ausgang aus dem Haus gebe, es
gab einen solchen Ausgang durch den Hof, nur musste man dann noch über den Zaun
des Nachbargartens klettern und durch diesen Garten gehen, ehe man auf die
Strasse kam. Das wollte K. tun. Während ihn Olga durch den Hof und zum Zaun
führte, suchte K. sie schnell wegen ihrer Sorgen zu beruhigen, erklärte, dass er
ihr wegen ihrer kleinen Kunstgriffe in der Erzählung gar nicht böse sei, sondern
sie sehr wohl verstehe, dankte ihr für das Vertrauen, das sie zu ihm hatte und
durch ihre Erzählung bewiesen hatte, und trug ihr auf, Barnabas gleich nach
seiner Rückkehr in die Schule zu schicken, und sei es noch in der Nacht. Zwar
seien die Botschaften des Barnabas nicht seine einzige Hoffnung, sonst stünde es
schlimm um ihn, aber verzichten wolle er keineswegs auf sie, er wolle sich an
sie halten und dabei Olga nicht vergessen, denn noch wichtiger fast als die
Botschaften sei ihm Olga selbst, ihre Tapferkeit, ihre Umsicht, ihre Klugheit,
ihre Aufopferung für die Familie. Wenn er zwischen Olga und Amalia zu wählen
hätte, würde ihn das nicht viel Überlegung kosten. Und er drückte ihr noch
herzlich die Hand, während er sich schon auf den Zaun des Nachbargartens
schwang.
 
                             Das sechzehnte Kapitel
Als er dann auf der Strasse war, sah er, soweit die trübe Nacht es erlaubte,
weiter oben vor des Barnabas Haus noch immer den Gehilfen auf und ab gehen,
manchmal blieb er stehen und versuchte, durch das verhängte Fenster in die Stube
zu leuchten. K. rief ihn an; ohne sichtlich zu erschrecken, liess er von dem
Ausspionieren des Hauses ab und kam auf K. zu. »Wen suchst du?« fragte K. und
prüfte am Schenkel die Biegsamkeit der Weidenrute. »Dich«, sagte der Gehilfe im
Näherkommen. »Wer bist du denn?« sagte K. plötzlich, denn es schien nicht der
Gehilfe zu sein. Er schien älter, müder, faltiger, aber voller im Gesicht, auch
sein Gang war ganz anders als der flinke, in den Gelenken wie elektrisierte Gang
der Gehilfen, er war langsam, ein wenig hinkend, vornehm kränklich. »Du erkennst
mich nicht?« fragte der Mann. »Jeremias, dein alter Gehilfe.« - »So«, sagte K.
und zog wieder die Weidenrute ein wenig hervor, die er schon hinter dem Rücken
versteckt hatte. »Du siehst aber ganz anders aus.« - »Es ist, weil ich allein
bin«, sagte Jeremias. »Bin ich allein, dann ist auch die fröhliche Jugend
dahin.« - »Wo ist denn Artur?« fragte K. »Artur?« fragte Jeremias. »Der kleine
Liebling? Er hat den Dienst verlassen. Du warst aber auch ein wenig grob und
hart zu uns. Die zarte Seele hat es nicht ertragen. Er ist ins Schloss
zurückgekehrt und führt Klage über dich.« - »Und du?« fragte K. »Ich konnte
bleiben«, sagte Jeremias, »Artur führt die Klage auch für mich.« - »Worüber
klagt ihr denn?« fragte K. »Darüber«, sagte Jeremias, »dass du keinen Spass
verstehst. Was haben wir denn getan? Ein wenig gescherzt, ein wenig gelacht, ein
wenig deine Braut geneckt. Alles übrigens nach dem Auftrag. Als uns Galater zu
dir schickte -« - »Galater?« fragte K. »Ja, Galater«, sagte Jeremias. »Er
vertrat damals gerade Klamm. Als er uns zu dir schickte, sagte er - ich habe es
mir genau gemerkt, denn darauf berufen wir uns ja -: Ihr geht hin als die
Gehilfen des Landvermessers. Wir sagten: Wir verstehen aber nichts von dieser
Arbeit. Er darauf: Das ist nicht das wichtigste; wenn es nötig sein wird, wird
er es euch beibringen. Das wichtigste ist aber, dass ihr ihn ein wenig erheitert.
Wie man mir berichtet, nimmt er alles sehr schwer. Er ist jetzt ins Dorf
gekommen, und gleich ist ihm das ein grosses Ereignis, während es doch in
Wirklichkeit gar nichts ist. Das sollt ihr ihm beibringen.« - »Nun«, sagte K.,
»hat Galater recht gehabt und habt ihr den Auftrag ausgeführt?« - »Das weiss ich
nicht«, sagte Jeremias. »In der kurzen Zeit war es wohl auch nicht möglich. Ich
weiss nur, dass du sehr grob warst, und darüber klagen wir. Ich verstehe nicht,
wie du, der du doch auch nur ein Angestellter bist und nicht einmal ein
Schlossangestellter, nicht einsehen kannst, dass ein solcher Dienst eine harte
Arbeit ist und dass es sehr unrecht ist, mutwillig, fast kindisch dem Arbeiter
die Arbeit so zu erschweren, wie du es getan hast. Diese Rücksichtslosigkeit,
mit der du uns am Gitter frieren liessest, oder wie du Artur, einen Menschen, den
ein böses Wort tagelang schmerzt, mit der Faust auf der Matratze fast erschlagen
hast oder wie du mich am Nachmittag kreuz und quer durch den Schnee jagtest, dass
ich dann eine Stunde brauchte, um mich von der Hetze zu erholen. Ich bin doch
nicht mehr jung!« - »Lieber Jeremias«, sagte K., »mit dem allem hast du recht,
nur solltest du es bei Galater vorbringen. Er hat euch aus eigenem Willen
geschickt, ich habe euch nicht von ihm erbeten. Und da ich euch nicht verlangt
habe, konnte ich euch auch wieder zurückschicken und hätte es auch lieber in
Frieden getan als mit Gewalt, aber ihr wolltet es offenbar nicht anders. Warum
hast du übrigens nicht gleich, als ihr zu mir kamt, so offen gesprochen wie
jetzt?« - »Weil ich im Dienst war«, sagte Jeremias, »das ist doch
selbstverständlich.« - »Und jetzt bist du nicht mehr im Dienst?« fragte K.
»Jetzt nicht mehr«, sagte Jeremias, »Artur hat im Schloss den Dienst aufgesagt,
oder es ist zumindest das Verfahren im Gang, das uns von ihm endgültig befreien
soll.« - »Aber du suchst mich doch noch so, als wärest du im Dienst«, sagte K.
»Nein«, sagte Jeremias, »ich suche dich nur, um Frieda zu beruhigen. Als du sie
nämlich wegen der Barnabasschen Mädchen verlassen hast, war sie sehr
unglücklich, nicht so sehr wegen des Verlustes als wegen deines Verrates;
allerdings hatte sie es schon lange kommen gesehen und schon viel deshalb
gelitten. Ich kam gerade wieder einmal zum Schulfenster, um nachzusehen, ob du
doch vielleicht schon vernünftiger geworden seist. Aber du warst nicht dort, nur
Frieda sass in einer Schulbank und weinte. Da ging ich also zu ihr, und wir
einigten uns. Es ist auch schon alles ausgeführt. Ich bin Zimmerkellner im
Herrenhof, wenigstens solange meine Sache im Schloss nicht erledigt ist, und
Frieda ist wieder im Ausschank. Es ist für Frieda besser. Es lag für sie keine
Vernunft darin, deine Frau zu werden. Auch hast du das Opfer, das sie dir
bringen wollte, nicht zu würdigen verstanden. Nun hat aber die Gute noch immer
manchmal Bedenken, ob dir nicht Unrecht geschehen ist, ob du vielleicht doch
nicht bei den Barnabasschen warst. Obwohl natürlich gar kein Zweifel darin sein
konnte, wo du warst, bin ich doch noch gegangen, es ein für allemal
festzustellen; denn nach all den Aufregungen verdient es Frieda endlich einmal,
ruhig zu schlafen, ich allerdings auch. So bin ich also gegangen und habe nicht
nur dich gefunden, sondern nebenbei auch noch sehen können, dass dir die Mädchen
wie am Schnürchen folgen. Besonders die Schwarze, eine wahre Wildkatze, hat sich
für dich eingesetzt. Nun, jeder nach seinem Geschmack. Jedenfalls aber war es
nicht nötig, dass du den Umweg über den Nachbargarten gemacht hast, ich kenne den
Weg.«
    Nun war es also doch geschehen, was vorauszusehen, aber nicht zu verhindern
gewesen war. Frieda hatte ihn verlassen. Es musste nichts Endgültiges sein, so
schlimm war es nicht; Frieda war zurückzuerobern, sie war leicht von Fremden zu
beeinflussen, gar von diesen Gehilfen, welche Friedas Stellung für ähnlich der
ihren hielten und nun, da sie gekündigt hatten, auch Frieda dazu veranlasst
hatten, aber K. musste nur vor sie treten, an alles erinnern, was für ihn sprach,
und sie war wieder reuevoll die seine, gar wenn er etwa imstande gewesen wäre,
den Besuch bei den Mädchen durch einen Erfolg zu rechtfertigen, den er ihnen
verdankte. Aber trotz diesen Überlegungen, mit welchen er sich wegen Frieda zu
beruhigen suchte, war er nicht beruhigt. Noch vor kurzem hatte er sich Olga
gegenüber Friedas gerühmt und sie seinen einzigen Halt genannt; nun, dieser Halt
war nicht der festeste, nicht der Eingriff eines Mächtigen war nötig, um K.
Friedas zu berauben, es genügte auch dieser nicht sehr appetitliche Gehilfe,
dieses Fleisch, das manchmal den Eindruck machte, als sei es nicht recht
lebendig.
    Jeremias hatte sich schon zu entfernen angefangen; K. rief ihn zurück.
»Jeremias«, sagte er, »ich will ganz offen zu dir sein, beantworte mir auch
ehrlich eine Frage. Wir sind ja nicht mehr im Verhältnis des Herrn und des
Dieners, worüber nicht nur du froh bist, sondern auch ich, wir haben also keinen
Grund, einander zu betrügen. Hier vor deinen Augen zerbreche ich die Rute, die
für dich bestimmt gewesen ist, denn nicht aus Angst vor dir habe ich den Weg
durch den Garten gewählt, sondern, um dich zu überraschen und die Rute einigemal
an dir abzuziehen. Nun, nimm mir das nicht mehr übel, das ist alles vorüber;
wärest du nicht ein vom Amt mir aufgezwungener Diener, sondern einfach ein
Bekannter gewesen, wir hätten uns gewiss, wenn mich auch dein Aussehen manchmal
ein wenig stört, ausgezeichnet vertragen. Und wir könnten ja auch das, was wir
in dieser Hinsicht versäumt haben, jetzt nachtragen.« - »Glaubst du?« sagte der
Gehilfe und drückte gähnend die müden Augen. »Ich könnte dir ja die Sache
ausführlicher erklären, aber ich habe keine Zeit, ich muss zu Frieda, das
Kindchen wartet auf mich, sie hat den Dienst noch nicht angetreten, der Wirt hat
ihr auf mein Zureden - sie wollte sich, wahrscheinlich, um zu vergessen, gleich
in die Arbeit stürzen - noch eine kleine Erholungszeit gegeben, die wollen wir
doch wenigstens miteinander verbringen. Was deinen Vorschlag betrifft, so habe
ich gewiss keinen Anlass, dich zu belügen, aber ebensowenig, dir etwas
anzuvertrauen. Bei mir ist es nämlich anders als bei dir. Solange ich im
Dienstverhältnis zu dir stand, warst du mir natürlich eine sehr wichtige Person,
nicht wegen deiner Eigenschaften, sondern wegen des Dienstauftrags, und ich
hätte alles für dich getan, was du wolltest, jetzt aber bist du mir
gleichgültig. Auch das Zerbrechen der Rute rührt mich nicht, es erinnert mich
nur daran, einen wie rohen Herrn ich hatte, mich für dich einzunehmen ist es
nicht geeignet.« - »Du sprichst so mit mir«, sagte K., »wie wenn es ganz gewiss
wäre, dass du von mir niemals mehr etwas zu fürchten haben wirst. So ist es aber
doch eigentlich nicht. Du bist wahrscheinlich doch noch nicht frei von mir, so
schnell finden die Erledigungen hier nicht statt.« - »Manchmal noch schneller«,
warf Jeremias ein. »Manchmal«, sagte K., »nichts deutet aber darauf hin, dass es
diesmal geschehen ist, zumindest hast weder du, noch habe ich eine schriftliche
Erledigung in Händen. Das Verfahren ist also erst im Gang, und ich habe durch
meine Verbindungen noch gar nicht eingegriffen, werde es aber tun. Fällt es
ungünstig für dich aus, so hast du nicht sehr dafür vorgearbeitet, dir deinen
Herrn geneigt zu machen, und es war vielleicht sogar überflüssig, die Weidenrute
zu zerbrechen. Und Frieda hast du zwar fortgeführt, wovon dir ganz besonders der
Kamm geschwollen ist; aber bei allem Respekt vor deiner Person - den ich habe,
auch wenn du für mich keinen mehr hast -, ein paar Worte, von mir an Frieda
gerichtet, genügen, das weiss ich, um die Lügen, mit denen du sie eingefangen
hast, zu zerreissen. Und nur Lügen konnten Frieda mir abwendig machen.« - »Diese
Drohungen schrecken mich nicht«, sagte Jeremias. »Du willst mich doch gar nicht
zum Gehilfen haben, du fürchtest mich doch als Gehilfen, du fürchtest Gehilfen
überhaupt, nur aus Furcht hast du den guten Artur geschlagen.« - »Vielleicht«,
sagte K. »Hat es deshalb weniger weh getan? Vielleicht werde ich auf diese Weise
meine Furcht vor dir noch öfters zeigen können. Sehe ich, dass dir die
Gehilfenschaft wenig Freude macht, macht es wiederum mir über alle Furcht hinweg
den grössten Spass, dich dazu zu zwingen. Und zwar werde ich es mir diesmal
angelegen sein lassen, dich allein, ohne Artur, zu bekommen; ich werde dir dann
mehr Aufmerksamkeit zuwenden können.« - »Glaubst du«, sagte Jeremias, »dass ich
auch nur die geringste Furcht vor dem allen habe?« - »Ich glaube wohl«, sagte
K., »ein wenig Furcht hast du gewiss und, wenn du klug bist, viel Furcht. Warum
wärst du denn sonst nicht schon zu Frieda gegangen? Sag, hast du sie denn lieb?«
- »Lieb?« sagte Jeremias. »Sie ist ein gutes, kluges Mädchen, eine gewesene
Geliebte Klamms, also respektabel auf jeden Fall. Und wenn sie mich fortwährend
bittet, sie von dir zu befreien, warum sollte ich ihr den Gefallen nicht tun,
besonders, da ich damit doch auch dir kein Leid antue, der du mit den
verfluchten Barnabasschen dich getröstet hast.« - »Nun sehe ich deine Angst«,
sagte K., »eine ganz jämmerliche Angst, du versuchst mich durch Lügen
einzufangen. Frieda hat nur um eines gebeten: sie von den wildgewordenen,
hündisch lüsternen Gehilfen zu befreien; leider habe ich nicht Zeit gehabt, ihre
Bitte ganz zu erfüllen, und jetzt sind die Folgen meiner Versäumnis da.«
    »Herr Landvermesser, Herr Landvermesser!« rief jemand durch die Gasse. Es
war Barnabas. Atemlos kam er an, vergass aber nicht, sich vor K. zu verbeugen.
»Es ist mir gelungen«, sagte er. »Was ist gelungen?« fragte K. »Du hast meine
Bitte Klamm vorgebracht?« - »Das ging nicht«, sagte Barnabas. »Ich habe mich
sehr bemüht, aber es war unmöglich, ich habe mich vorgedrängt, stand den ganzen
Tag über, ohne dazu aufgefordert zu sein, so nahe am Pult, dass mich einmal ein
Schreiber, dem ich im Licht war, sogar wegschob, meldete mich, was verboten ist,
mit erhobener Hand, wenn Klamm aufsah, blieb am längsten in der Kanzlei, war
schon nur allein mit den Dienern dort, hatte noch einmal die Freude, Klamm
zurückkommen zu sehen, aber es war nicht meinetwegen, er wollte nur schnell noch
etwas in einem Buche nachsehen und ging gleich wieder, schliesslich kehrte mich
der Diener, da ich mich noch immer nicht rührte, fast mit dem Besen aus der Tür.
Ich gestehe das alles, damit du nicht wieder unzufrieden bist mit meinen
Leistungen.« - »Was hilft mir all dein Fleiss, Barnabas«, sagte K., »wenn er gar
keinen Erfolg hat.« - »Aber ich hatte Erfolg«, sagte Barnabas. »Als ich aus
meiner Kanzlei trat - ich nenne sie meine Kanzlei -, sehe ich, wie aus den
tieferen Korridoren ein Herr langsam herankommt, sonst war schon alles leer; es
war ja schon sehr spät. Ich beschloss, auf ihn zu warten; es war eine gute
Gelegenheit, noch dort zu bleiben, am liebsten wäre ich ja überhaupt dort
geblieben, um dir die schlechte Meldung nicht bringen zu müssen. Aber es lohnte
sich auch sonst, auf den Herrn zu warten, es war Erlanger. Du kennst ihn nicht?
Er ist einer der ersten Sekretäre Klamms. Ein schwacher, kleiner Herr, er hinkt
ein wenig. Er erkannte mich sofort, er ist berühmt wegen seines Gedächtnisses
und seiner Menschenkenntnis, er zieht nur die Augenbrauen zusammen, das genügt
ihm, um jeden zu erkennen, oft auch Leute, die er nie gesehen hat, von denen er
nur gehört oder gelesen hat, mich zum Beispiel dürfte er kaum je gesehen haben.
Aber obwohl er jeden Menschen gleich erkennt, fragt er zuerst, so, wie wenn er
unsicher wäre. Bist du nicht Barnabas? sagte er zu mir. Und dann fragte er: Du
kennst den Landvermesser, nicht? Und dann sagte er: Das trifft sich gut; ich
fahre jetzt in den Herrenhof. Der Landvermesser soll mich dort besuchen. Ich
wohne im Zimmer Nummer fünfzehn. Doch müsste er gleich jetzt kommen. Ich habe nur
einige Besprechungen dort und fahre um fünf Uhr früh wieder zurück. Sag ihm, dass
mir viel daran liegt, mit ihm zu sprechen.«
    Plötzlich setzte sich Jeremias in Lauf. Barnabas, der ihn in seiner
Aufregung bisher kaum beachtet hatte, fragte: »Was will denn Jeremias?« - »Mir
bei Erlanger zuvorkommen«, sagte K., lief schon hinter Jeremias her, fing ihn
ein, hing sich an seinen Arm und sagte: »Ist es die Sehnsucht nach Frieda, die
dich plötzlich ergriffen hat? Ich habe sie nicht minder, und so werden wir in
gleichem Schritte gehen.«
 
                             Das siebzehnte Kapitel
Vor dem dunklen Herrenhof stand eine kleine Gruppe Männer, zwei oder drei hatten
Handlaternen mit, so dass manche Gesichter kenntlich waren. K. fand nur einen
Bekannten, Gerstäcker, den Fuhrmann. Gerstäcker begrüsste ihn mit der Frage: »Du
bist noch immer im Dorf?« - »Ja,« sagte K., »ich bin für die Dauer gekommen.« -
»Mich kümmert es ja nicht«, sagte Gerstäcker, hustete kräftig und wandte sich
anderen zu.
    Es stellte sich heraus, dass alle auf Erlanger warteten. Erlanger war schon
angekommen, verhandelte aber, ehe er die Parteien empfing, noch mit Momus. Das
allgemeine Gespräch drehte sich darum, dass man nicht im Hause warten durfte,
sondern hier draussen im Schnee stehen musste. Es war zwar nicht sehr kalt;
trotzdem war es rücksichtslos, die Parteien vielleicht stundenlang in der Nacht
vor dem Haus zu lassen. Das war freilich nicht die Schuld Erlangers, der
vielmehr sehr entgegenkommend war, davon kaum wusste und sich gewiss sehr geärgert
hätte, wenn es ihm gemeldet worden wäre. Es war die Schuld der Herrenhofwirtin,
die in ihrem schon krankhaften Streben nach Feinheit es nicht leiden wollte, dass
viele Parteien auf einmal in den Herrenhof kamen. »Wenn es schon sein muss und
sie kommen müssen«, pflegte sie zu sagen, »dann, um des Himmels willen, nur
immer einer hinter dem andern.« Und sie hatte es durchgesetzt, dass die Parteien,
die zuerst einfach in einem Korridor, später auf der Treppe, dann im Flur,
zuletzt im Ausschank gewartet hatten, schliesslich auf die Gasse hinausgeschoben
worden waren. Und selbst das genügte ihr noch nicht. Es war ihr unerträglich, im
eigenen Hause immerfort »belagert zu werden«, wie sie sich ausdrückte. Es war
ihr unverständlich, wozu es überhaupt Parteienverkehr gab. »Um vorn die
Haustreppe schmutzig zu machen«, hatte ihr einmal ein Beamter auf ihre Frage,
wahrscheinlich im Ärger, gesagt; ihr aber war das sehr einleuchtend gewesen, und
sie pflegte diesen Ausspruch gern zu zitieren. Sie strebte danach, und dies
begegnete sich nun schon mit den Wünschen der Parteien, dass gegenüber dem
Herrenhof ein Gebäude aufgeführt werde, in welchem die Parteien warten könnten.
Am liebsten wäre es ihr gewesen, wenn auch die Parteienbesprechungen und Verhöre
ausserhalb des Herrenhofes stattgefunden hätten, aber dem widersetzten sich die
Beamten, und wenn sich die Beamten ernstlich widersetzten, so drang natürlich
die Wirtin nicht durch, obwohl sie in Nebenfragen kraft ihres unermüdlichen und
dabei frauenhaft zarten Eifers eine Art kleiner Tyrannei ausübte. Die
Besprechungen und Verhöre würde aber die Wirtin voraussichtlich auch weiterhin
im Herrenhof dulden müssen, denn die Herren aus dem Schloss weigerten sich, im
Dorfe in Amtsangelegenheiten den Herrenhof zu verlassen. Sie waren immer in
Eile, nur sehr wider Willen waren sie im Dorfe, über das unbedingt Notwendige
ihren Aufentalt hier auszudehnen hatten sie nicht die geringste Lust, und es
konnte daher nicht von ihnen verlangt werden, nur mit Rücksicht auf den
Hausfrieden im Herrenhof, zeitweilig mit allen ihren Schriften über die Strasse
in irgendein anderes Haus zu ziehen und so Zeit zu verlieren. Am liebsten
erledigten ja die Beamten die Amtssachen im Ausschank oder in ihrem Zimmer,
womöglich während des Essens oder vom Bett aus vor dem Einschlafen oder morgens,
wenn sie zu müde waren, aufzustehen, und sich im Bett noch ein wenig strecken
wollten. Dagegen schien die Frage der Errichtung eines Wartegebäudes einer
günstigen Lösung sich zu nähern, freilich war es eine empfindliche Strafe für
die Wirtin - man lachte ein wenig darüber -, dass gerade die Angelegenheit des
Wartegebäudes zahlreiche Besprechungen nötig machte und die Gänge des Hauses
kaum leer wurden.
    Über all diese Dinge unterhielt man sich halblaut unter den Wartenden, K.
war es auffallend, dass zwar der Unzufriedenheit genug war, niemand aber etwas
dagegen einzuwenden hatte, dass Erlanger die Parteien mitten in der Nacht berief.
Er fragte danach und erhielt die Auskunft, dass man dafür Erlanger sogar sehr
dankbar sein müsse. Es sei ja ausschliesslich sein guter Wille und die hohe
Auffassung, die er von seinem Amte habe, die ihn dazu bewegten, überhaupt ins
Dorf zu kommen; er könnte ja, wenn er wollte - und es würde dies sogar den
Vorschriften vielleicht besser entsprechen -, irgendeinen unteren Sekretär
schicken und von ihm die Protokolle aufnehmen lassen. Aber er weigerte sich eben
meistens, dies zu tun, wolle selbst alles sehen und hören, müsse dann aber zu
diesem Zweck seine Nächte opfern, denn in seinem Amtsplan sei keine Zeit für
Dorfreisen vorgesehen. K. wandte ein, dass doch auch Klamm bei Tag ins Dorf komme
und sogar mehrere Tage hier bleibe; sei denn Erlanger, der doch nur Sekretär
sei, oben unentbehrlicher? Einige lachten gutmütig, andere schwiegen betreten,
diese letzteren bekamen das Übergewicht, und es wurde K. kaum geantwortet. Nur
einer sagte zögernd, natürlich sei Klamm unentbehrlich, im Schloss wie im Dorf.
    Da öffnete sich die Haustür und Momus erschien zwischen zwei lampentragenden
Dienern. »Die ersten, die zum Herrn Sekretär Erlanger vorgelassen werden«, sagte
er, »sind: Gerstäcker und K. Sind die beiden hier?« Sie meldeten sich, aber noch
vor ihnen schlüpfte Jeremias mit einem »Ich bin hier Zimmerkellner«, von Momus
lächelnd mit einem Schlag auf die Schulter begrüsst, ins Haus. Ich werde auf
Jeremias mehr achten müssen, sagte sich K., wobei er sich dessen bewusst blieb,
dass Jeremias wahrscheinlich viel ungefährlicher war als Artur, der im Schloss
gegen ihn arbeitete. Vielleicht war es sogar klüger, sich von ihnen als Gehilfen
quälen zu lassen, als sie so unkontrolliert umherstreichen und ihre Intrigen,
für die sie eine besondere Anlage zu haben schienen, frei betreiben zu lassen.
    Als K. an Momus vorüberkam, tat dieser, als erkenne er erst jetzt in ihm den
Landvermesser. »Ah, der Herr Landvermesser«, sagte er, »der, welcher sich so
ungern verhören lässt, drängt sich zum Verhör. Bei mir wäre es damals einfacher
gewesen. Nun freilich, es ist schwer, die richtigen Verhöre auszuwählen.« Als K.
auf diese Ansprache hin stehenbleiben wollte, sagte Momus: »Gehen Sie, gehen
Sie! Damals hätte ich Ihre Antworten gebraucht, jetzt nicht.« Trotzdem sagte K.,
erregt durch des Momus Benehmen: »Ihr denkt nur an Euch. Bloss des Amtes wegen
antworte ich nicht; weder damals noch heute.« Momus sagte: »An wen sollen wir
denn denken? Wer ist denn sonst noch hier? Gehen Sie!« Im Flur empfing sie ein
Diener und führte sie den K. schon bekannten Weg über den Hof, dann durch das
Tor und in den niedrigen, ein wenig sich senkenden Gang. In den oberen
Stockwerken wohnten offenbar nur die höheren Beamten, die Sekretäre dagegen
wohnten an diesem Gang, auch Erlanger, obwohl er einer ihrer obersten war. Der
Diener löschte seine Laterne aus, denn hier war helle elektrische Beleuchtung.
Alles war hier klein, aber zierlich gebaut. Der Raum war möglichst ausgenützt.
Der Gang genügte knapp, aufrecht in ihm zu gehen. An den Seiten war eine Tür
fast neben der anderen. Die Seitenwände reichten nicht bis zur Decke, dies
wahrscheinlich aus Ventilationsrücksichten, denn die Zimmerchen hatten wohl hier
in dem tiefen, kellerartigen Gang keine Fenster. Der Nachteil dieser nicht ganz
schliessenden Wände war die Unruhe im Gang und notwendigerweise auch in den
Zimmern. Viele Zimmer schienen besetzt zu sein, in den meisten war man noch
wach, man hörte Stimmen, Hammerschläge, Gläserklingen. Doch hatte man nicht den
Eindruck besonderer Lustigkeit. Die Stimmen waren gedämpft, man verstand kaum
hier und da ein Wort, es schienen auch nicht Unterhaltungen zu sein,
wahrscheinlich diktierte nur jemand etwas oder las etwas vor, gerade aus den
Zimmern, aus denen der Klang von Gläsern und Tellern kam, hörte man kein Wort,
und die Hammerschläge erinnerten K. daran, was ihm irgendwo erzählt worden war,
dass manche Beamte, um sich von der fortwährenden geistigen Anstrengung zu
erholen, sich zeitweilig mit Tischlerei, Feinmechanik und dergleichen
beschäftigen. Der Gang selbst war leer, nur vor einer Tür sass ein bleicher,
schmaler, grosser Herr im Pelz, unter dem die Nachtwäsche hervorsah;
wahrscheinlich war es ihm im Zimmer zu dumpf geworden, so hatte er sich
herausgesetzt und las da eine Zeitung, aber nicht aufmerksam, gähnend liess er
öfters vom Lesen ab, beugte sich vor und blickte den Gang entlang; vielleicht
erwartete er eine Partei, die er vorgeladen hatte und die zu kommen säumte. Als
sie an ihm vorübergekommen waren, sagte der Diener in bezug auf den Herrn zu
Gerstäcker: »Der Pinzgauer!« Gerstäcker nickte. »Er ist schon lange nicht unten
gewesen«, sagte er. »Schon sehr lange nicht«, bestätigte der Diener.
    Schliesslich kamen sie vor eine Tür, die nicht anders als die übrigen war und
hinter der doch, wie der Diener mitteilte, Erlanger wohnte. Der Diener liess sich
von K. auf die Schulter heben und sah oben durch den freien Spalt ins Zimmer.
»Er liegt«, sagte der Diener herabsteigend, »auf dem Bett, allerdings in
Kleidern, aber ich glaube doch, dass er schlummert. Manchmal überfällt ihn so die
Müdigkeit, hier im Dorf, bei der geänderten Lebensweise. Wir werden warten
müssen. Wenn er aufwacht, wird er läuten. Es ist allerdings schon vorgekommen,
dass er seinen ganzen Aufentalt im Dorf verschlafen hat und nach dem Aufwachen
gleich wieder ins Schloss zurückfahren musste. Es ist ja freiwillige Arbeit, die
er hier leistet.« - - »Wenn er jetzt nur schon lieber bis zu Ende schliefe«,
sagte Gerstäcker, »denn wenn er nach dem Aufwachen noch ein wenig Zeit zur
Arbeit hat, ist er sehr unwillig darüber, dass er geschlafen hat, sucht alles
eilig zu erledigen, und man kann sich kaum aussprechen.« - »Sie kommen wegen der
Vergebung der Fuhren für den Bau?« fragte der Diener. Gerstäcker nickte, zog den
Diener beiseite und redete leise zu ihm; aber der Diener hörte kaum zu, blickte
über Gerstäcker, den er um mehr als Haupteslänge überragte, hinweg und strich
sich ernst und langsam das Haar.
 
                             Das achtzehnte Kapitel
Da sah K., wie er ziellos umherblickte, weit in der Ferne an einer Wendung des
Ganges Frieda; sie tat, als erkenne sie ihn nicht, blickte nur starr auf ihn, in
der Hand trug sie eine Tasse mit leerem Geschirr. Er sagte dem Diener, der aber
gar nicht auf ihn achtete - je mehr man zu dem Diener sprach, desto
geistesabwesender schien er zu werden -, er werde gleich zurückkommen, und lief
zu Frieda. Bei ihr angekommen, fasste er sie bei den Schultern, so, als ergreife
er wieder von ihr Besitz, stellte einige belanglose Fragen und suchte dabei
prüfend in ihren Augen. Aber ihre starre Haltung löste sich kaum, zerstreut
versuchte sie einige Umstellungen des Geschirrs auf der Tasse und sagte: »Was
willst du denn von mir? Geh doch zu den - nun, du weisst ja, wie sie heissen. Du
kommst ja gerade von ihnen, ich kann es dir ansehen.« K. lenkte schnell ab; die
Aussprache sollte nicht so plötzlich kommen und bei dem Bösesten, bei dem für
ihn Ungünstigsten anfangen. »Ich dachte, du wärest im Ausschank«, sagte er.
Frieda sah ihn erstaunt an und fuhr ihm dann sanft mit der einen Hand, die sie
frei hatte, über Stirn und Wange. Es war, als habe sie sein Aussehen vergessen
und wollte es sich so wieder ins Bewusstsein zurückrufen, auch ihre Augen hatten
den verschleierten Ausdruck des mühsam Sich-Erinnerns. »Ich bin für den
Ausschank wieder aufgenommen«, sagte sie dann langsam, als sei es unwichtig, was
sie sage, aber unter den Worten führe sie noch ein Gespräch mit K., und dies sei
das wichtigere. »Diese Arbeit taugt nicht für mich, die kann auch eine jede
andere besorgen; jede, die aufbetten und ein freundliches Gesicht machen kann
und die Belästigung durch die Gäste nicht scheut, sondern sie sogar noch
hervorruft, eine jede solche kann Stubenmädchen sein. Aber im Ausschank, da ist
es etwas anderes. Ich bin auch gleich wieder für den Ausschank aufgenommen
worden, obwohl ich ihn damals nicht sehr ehrenvoll verlassen habe; freilich
hatte ich jetzt Protektion. Aber der Wirt war glücklich, dass ich Protektion
hatte und es ihm deshalb leicht möglich war, mich wieder aufzunehmen. Es war
sogar so, dass man mich drängen musste, den Posten anzunehmen; wenn du bedenkst,
woran mich der Ausschank erinnert, wirst du es begreifen. Schliesslich habe ich
den Posten angenommen. Hier bin ich nur aushilfsweise. Pepi hat gebeten, ihr
nicht die Schande anzutun, sofort den Ausschank verlassen zu müssen, wir haben
ihr deshalb, weil sie doch fleissig gewesen ist und alles so besorgt hat, wie es
nur ihre Fähigkeiten erlaubt haben, eine vierundzwanzigstündige Frist gegeben.«
- »Das ist alles sehr gut eingerichtet«, sagte K., »nur hast du einmal
meinetwegen den Ausschank verlassen; und nun, da wir kurz vor der Hochzeit sind,
kehrst du wieder in ihn zurück?«- - »Es wird keine Hochzeit geben«, sagte
Frieda. »Weil ich untreu war?« fragte K.; Frieda nickte. »Nun sieh, Frieda«,
sagte K., »über diese angebliche Untreue haben wir schon öfters gesprochen, und
immer hast du schliesslich einsehen müssen, dass es ein ungerechter Verdacht war.
Seitdem aber hat sich auf meiner Seite nichts geändert, alles ist unschuldig
geblieben, wie es war und wie es nicht anders werden kann. Also muss sich etwas
auf deiner Seite geändert haben, durch fremde Einflüsterungen oder etwas
anderes. Unrecht tust du mir auf jeden Fall; denn sieh, wie verhält es sich mit
diesen zwei Mädchen? Die eine, die dunkle - ich schäme mich fast, mich so im
einzelnen verteidigen zu müssen, aber du forderst es heraus -, die dunkle also
ist mir wahrscheinlich nicht weniger peinlich als dir; wenn ich mich nur
irgendwie von ihr fernhalten kann, tue ich es, und sie erleichtert das ja auch,
man kann nicht zurückhaltender sein, als sie es ist.« - »Ja«, rief Frieda aus,
die Worte kamen ihr wie gegen ihren Willen hervor, K. war froh, sie so abgelenkt
zu sehen; sie war anders, als sie sein wollte, »die magst du für zurückhaltend
ansehen, die Schamloseste von allen nennst du zurückhaltend, und du meinst es,
so unglaubwürdig es ist, ehrlich, du verstellst dich nicht, das weiss ich. Die
Brückenhofwirtin sagt von dir: Leiden kann ich ihn nicht, aber verlassen kann
ich ihn auch nicht, man kann doch auch beim Anblick eines kleinen Kindes, das
noch nicht gut gehen kann und sich weit vorwagt, unmöglich sich beherrschen; man
muss eingreifen.« - »Nimm diesmal ihre Lehre an«, sagte K. lächelnd, »aber jenes
Mädchen - ob es zurückhaltend oder schamlos ist, können wir beiseite lassen -,
ich will von ihm nichts wissen.« - »Aber warum nennst du sie zurückhaltend?«
fragte Frieda unnachgiebig. K. hielt diese Teilnahme für ein ihm günstiges
Zeichen. »Hast du es erprobt oder willst du andere dadurch herabsetzen?« -
»Weder das eine noch das andere«, sagte K., »ich nenne sie so aus Dankbarkeit,
weil sie es mir leicht macht, sie zu übersehen, und weil ich, selbst wenn sie
mich nur öfters anspräche, es nicht über mich bringen könnte, wieder hinzugehen,
was doch ein grosser Verlust für mich wäre, denn ich muss hingehen wegen unserer
gemeinsamen Zukunft, wie du weisst. Und deshalb muss ich auch mit dem anderen
Mädchen sprechen, das ich zwar wegen seiner Tüchtigkeit, Umsicht und
Selbstlosigkeit schätze, von dem aber doch niemand behaupten kann, dass es
verführerisch ist.« - »Die Knechte sind anderer Meinung«, sagte Frieda. »In
dieser wie auch wohl in vieler anderer Hinsicht«, sagte K. »Aus den Gelüsten der
Knechte willst du auf meine Untreue schliessen?« Frieda schwieg und duldete es,
dass K. ihr die Tasse aus der Hand nahm, auf den Boden stellte, seinen Arm unter
den ihren schob und im kleinen Raum langsam mit ihr hin und her zu gehen begann.
»Du weisst nicht, was Treue ist«, sagte sie, sich ein wenig wehrend gegen seine
Nähe. »Wie du dich auch zu den Mädchen verhalten magst, ist ja nicht das
Wichtigste; dass du in diese Familie überhaupt gehst und zurückkommst, den Geruch
ihrer Stube in den Kleidern, ist schon eine unerträgliche Schande für mich. Und
du läufst aus der Schule fort, ohne etwas zu sagen, und bleibst gar bei ihnen
die halbe Nacht. Und lässt, wenn man nach dir fragt, dich von den Mädchen
verleugnen, leidenschaftlich verleugnen, besonders von der unvergleichlich
Zurückhaltenden. Schleichst dich auf einem geheimen Weg aus dem Haus, vielleicht
gar, um den Ruf der Mädchen zu schonen, den Ruf jener Mädchen! Nein, sprechen
wir nicht mehr davon!« - »Von diesem nicht«, sagte K., »aber von etwas anderem,
Frieda. Von diesem ist ja auch nichts zu sagen. Warum ich hingehen muss, weisst
du. Es wird mir nicht leicht, aber ich überwinde mich. Du solltest es mir nicht
schwerer machen, als es ist. Heute dachte ich, nur für einen Augenblick
hinzugehen und nachzufragen, ob Barnabas, der eine wichtige Botschaft schon
längst hätte bringen sollen, endlich gekommen ist. Er war nicht gekommen, aber
er musste, wie man mir versicherte und wie es auch glaubwürdig war, sehr bald
kommen. Ihn mir in die Schule nachkommen lassen, wollte ich nicht, um dich durch
seine Gegenwart nicht zu belästigen. Die Stunden vergingen, und er kam leider
nicht. Wohl aber kam ein anderer, der mir verhasst ist. Von ihm mich
ausspionieren zu lassen, hatte ich keine Lust und ging also durch den
Nachbargarten, aber auch vor ihm verbergen wollte ich mich nicht, sondern ging
dann auf der Strasse frei auf ihn zu, mit einer sehr biegsamen Weidenrute, wie
ich gestehe. Das ist alles, darüber ist also weiter nichts zu sagen; wohl aber
über etwas anderes. Wie verhält es sich denn mit den Gehilfen, die zu erwähnen
mir fast so widerlich ist wie dir die Erwähnung jener Familie? Vergleiche dein
Verhältnis zu ihnen damit, wie ich mich zu der Familie verhalte. Ich verstehe
deinen Widerwillen gegenüber der Familie und kann ihn teilen. Nur um der Sache
willen gehe ich zu ihnen, fast scheint es mir manchmal, dass ich ihnen Unrecht
tue, sie ausnütze. Du und die Gehilfen dagegen! Du hast gar nicht in Abrede
gestellt, dass sie dich verfolgen, und hast eingestanden, dass es dich zu ihnen
zieht. Ich war dir nicht böse deshalb, habe eingesehen, dass hier Kräfte im Spiel
sind, denen du nicht gewachsen bist, war schon glücklich darüber, dass du dich
wenigstens wehrst, habe geholfen, dich zu verteidigen, und nur weil ich ein paar
Stunden darin nachgelassen habe im Vertrauen auf deine Treue, allerdings auch in
der Hoffnung, dass das Haus unweigerlich verschlossen ist, die Gehilfen endgültig
in die Flucht geschlagen sind - ich unterschätzte sie noch immer, fürchte ich -,
nur weil ich ein paar Stunden darin nachgelassen habe und jener Jeremias, genau
betrachtet, ein nicht sehr gesunder, ältlicher Bursche, die Keckheit gehabt hat,
ans Fenster zu treten, nur deshalb soll ich dich, Frieda, verlieren und als
Begrüssung zu hören bekommen: Es wird keine Hochzeit geben. Wäre ich es nicht
eigentlich, der Vorwürfe machen dürfte, und ich mache sie nicht, mache sie noch
immer nicht.« Und wieder schien es K. gut, Frieda ein wenig abzulenken, und er
bat sie, ihm etwas zu essen zu bringen, weil er schon seit Mittag nichts
gegessen habe. Frieda, offenbar auch durch die Bitte erleichtert, nickte und
lief, etwas zu holen, nicht den Gang weiter, wo K. die Küche vermutete, sondern
seitlich, ein paar Stufen abwärts. Sie brachte bald einen Teller mit Aufschnitt
und eine Flasche Wein, aber es waren wohl nur schon die Reste einer Mahlzeit:
Flüchtig waren die einzelnen Stücke neu ausgebreitet, um es unkenntlich zu
machen, sogar Wurstschalen waren dort vergessen und die Flasche war zu drei
Vierteln geleert. Doch sagte K. nichts darüber und machte sich mit gutem Appetit
ans Essen. »Du warst in der Küche?« fragte er. »Nein, in meinem Zimmer«, sagte
sie, »ich habe hier unten ein Zimmer.« - »Hättest du mich doch mitgenommen«,
sagte K. »Ich werde hinuntergehen, um mich zum Essen ein wenig zu setzen.« -
»Ich werde dir einen Sessel bringen«, sagte Frieda und war schon auf dem Weg.
»Danke«, sagte K. und hielt sie zurück, »ich werde weder hinuntergehen, noch
brauche ich mehr einen Sessel.« Frieda ertrug trotzig seinen Griff, hatte den
Kopf tief geneigt und biss auf die Lippen. »Nun ja, er ist unten«, sagte sie.
»Hast du es anders erwartet? Er liegt in meinem Bett, er hat sich draussen
verkühlt, er fröstelt, er hat kaum gegessen. Im Grunde ist alles deine Schuld;
hättest du die Gehilfen nicht verjagt und wärst jenen Leuten nicht nachgelaufen,
wir könnten jetzt friedlich in der Schule sitzen. Nur du hast unser Glück
zerstört. Glaubst du, dass Jeremias, solange er im Dienst war, es gewagt hätte,
mich zu entführen? Dann verkennst du die hiesige Ordnung ganz und gar. Er wollte
zu mir, er hat sich gequält, er hat auf mich gelauert, das war aber nur ein
Spiel, so wie ein hungriger Hund spielt und es doch nicht wagt, auf den Tisch zu
springen. Und ebenso ich. Es zog mich zu ihm, er ist mein Spielkamerad aus der
Kinderzeit - wir spielten miteinander auf dem Abhang des Schlossberges, schöne
Zeiten, du hast mich niemals nach meiner Vergangenheit gefragt. - Doch das alles
war nicht entscheidend, solange Jeremias durch den Dienst gehalten war, denn ich
kannte ja meine Pflicht als deine zukünftige Frau. Dann aber vertriebst du die
Gehilfen und rühmtest dich noch dessen, als hättest du damit etwas für mich
getan; nun, in einem gewissen Sinne ist es wahr. Bei Artur gelang deine Absicht,
allerdings nur vorläufig, er ist zart, er hat nicht die keine Schwierigkeit
fürchtende Leidenschaft des Jeremias, auch hast du ihn ja durch den Faustschlag
in der Nacht - jener Schlag war auch gegen unser Glück geführt - nahezu
zerstört, er flüchtete ins Schloss, um zu klagen, und wenn er auch bald
wiederkommen wird, immerhin, er ist jetzt fort. Jeremias aber blieb. Im Dienst
fürchtet er ein Augenzucken des Herrn, ausserhalb des Dienstes aber fürchtet er
nichts. Er kam und nahm mich; von dir verlassen, von ihm, dem alten Freund,
beherrscht, konnte ich mich nicht halten. Ich habe das Schultor nicht
aufgesperrt, er zerschlug das Fenster und zog mich hinaus. Wir flohen hierher,
der Wirt achtet ihn, auch kann den Gästen nichts willkommener sein, als einen
solchen Zimmerkellner zu haben, so wurden wir aufgenommen, er wohnt nicht bei
mir, sondern wir haben ein gemeinsames Zimmer.« - »Trotz allem«, sagte K.,
»bedauere ich es nicht, die Gehilfen aus dem Dienst getrieben zu haben. War das
Verhältnis so, wie du es beschreibst, deine Treue also nur durch die dienstliche
Gebundenheit der Gehilfen bedingt, dann war es gut, dass alles ein Ende nahm. Das
Glück der Ehe inmitten der zwei Raubtiere, die sich nur unter der Knute duckten,
wäre nicht sehr gross gewesen. Dann bin ich auch jener Familie dankbar, welche
unabsichtlich ihr Teil beigetragen hat, um uns zu trennen.« Sie schwiegen und
gingen wieder nebeneinander auf und ab, ohne dass zu unterscheiden gewesen wäre,
wer jetzt damit begonnen hätte. Frieda, nahe an K., schien ärgerlich, dass er sie
nicht wieder unter den Arm nahm. »Und so wäre alles in Ordnung«, fuhr K. fort,
»und wir könnten Abschied nehmen, du zu deinem Herrn Jeremias gehen, der
wahrscheinlich noch vom Schulgarten her verkühlt ist und den du mit Rücksicht
darauf schon viel zu lange allein gelassen hast, und ich allein in die Schule
oder, da ich ja ohne dich dort nichts zu tun habe, sonst irgendwohin, wo man
mich aufnimmt. Wenn ich nun trotzdem zögere, so deshalb, weil ich aus gutem
Grund noch immer ein wenig daran zweifle, was du mir erzählt hast. Ich habe von
Jeremias den gegenteiligen Eindruck. Solange er im Dienst war, ist er hinter dir
her gewesen, und ich glaube nicht, dass der Dienst ihn auf die Dauer
zurückgehalten hätte, dich einmal ernstlich zu überfallen. Jetzt aber, seit er
den Dienst für aufgehoben ansieht, ist es anders. Verzeih, wenn ich es mir auf
folgende Weise erkläre: Seit du nicht mehr die Braut seines Herrn bist, bist du
keine solche Verlockung mehr für ihn wie früher. Du magst seine Freundin aus der
Kinderzeit sein, doch lagt er - ich kenne ihn eigentlich nur aus einem kurzen
Gespräch heute nacht - solchen Gefühlsdingen meiner Meinung nach nicht viel Wert
bei. Ich weiss nicht, warum er dir als ein leidenschaftlicher Charakter
erscheint. Seine Denkweise scheint mir eher besonders kühl. Er hat in bezug auf
mich irgendeinen, mir vielleicht nicht sehr günstigen Auftrag von Galater
bekommen, diesen strengt er sich an auszuführen, mit einer gewissen
Dienstleidenschaft, wie ich zugeben will - sie ist hier nicht allzu selten -,
dazu gehört, dass er unser Verhältnis zerstört; er hat es vielleicht auf
verschiedene Weise versucht, eine davon war die, dass er dich durch sein
lüsternes Schmachten zu verlocken suchte, eine andere - hier hat ihn die Wirtin
unterstützt -, dass er von meiner Untreue fabelte, sein Anschlag ist ihm
gelungen, irgendeine Erinnerung an Klamm, die ihn umgibt, mag mitgeholfen haben,
den Posten hat er zwar verloren, aber vielleicht gerade in dem Augenblick, in
dem er ihn nicht mehr benötigte, jetzt erntet er die Früchte seiner Arbeit und
zieht dich aus dem Schulfenster, damit ist aber seine Arbeit beendet und, von
der Dienstleidenschaft verlassen, wird er müde, er wäre lieber an Stelle Arturs,
der gar nicht klagt, sondern sich Lob und neue Aufträge holt, aber es muss doch
auch jemand zurückbleiben, der die weitere Entwicklung der Dinge verfolgt. Eine
etwas lästige Pflicht ist es ihm, dich zu versorgen. Von Liebe zu dir ist keine
Spur, er hat es mir offen gestanden, als Geliebte Klamms bist du ihm natürlich
respektabel, und in deinem Zimmer sich einzunisten und sich einmal als kleiner
Klamm zu fühlen, tut ihm gewiss sehr wohl, das aber ist alles, du selbst
bedeutest ihm jetzt nichts, nur ein Nachtrag zu seiner Hauptaufgabe ist es ihm,
dass er dich hier untergebracht hat; um dich nicht zu beunruhigen, ist er auch
selbst geblieben, aber nur vorläufig, solange er nicht neue Nachrichten vom
Schloss bekommt und seine Verkühlung von dir nicht auskuriert ist.« - »Wie du ihn
verleumdest!« sagte Frieda und schlug ihre kleinen Fäuste aneinander.
»Verleumden?« sagte K. »Nein, ich will ihn nicht verleumden. Wohl aber tue ich
ihm vielleicht Unrecht, das ist freilich möglich. Ganz offen an der Oberfläche
liegt es ja nicht, was ich über ihn gesagt habe; es lässt sich auch anders
deuten. Aber verleumden? Verleumden könnte doch nur den Zweck haben, damit gegen
deine Liebe zu ihm anzukämpfen. Wäre es nötig und wäre Verleumdung ein
geeignetes Mittel, ich würde nicht zögern, ihn zu verleumden. Niemand könnte
mich deshalb verurteilen, er ist durch seine Auftraggeber in solchem Vorteil mir
gegenüber, dass ich, ganz allein auf mich angewiesen, auch ein wenig verleumden
dürfte. Es wäre ein verhältnismässig unschuldiges und letzten Endes ja auch
ohnmächtiges Verteidigungsmittel. Lass also die Fäuste ruhen.« Und K. nahm
Friedas Hand in die seine; Frieda wollte sie ihm entziehen, aber lächelnd und
nicht mit grosser Kraftanstrengung. »Aber ich muss nicht verleumden«, sagte K.,
»denn du liebst ihn ja nicht, glaubst es nur und wirst mir dankbar sein, wenn
ich dich von der Täuschung befreie. Sieh, wenn jemand dich von mir fortbringen
wollte, ohne Gewalt, aber mit möglichst sorgfältiger Berechnung, dann müsste er
es durch die beiden Gehilfen tun. Scheinbar gute, kindliche, lustige,
verantwortungslose, von hoch her, vom Schloss hergeblasene Jungen, ein wenig
Kindheitserinnerung auch dabei, das ist doch schon alles sehr liebenswert,
besonders, wenn ich etwa das Gegenteil von alledem bin, dafür immerfort hinter
Geschäften herlaufe, die dir nicht ganz verständlich, die dir ärgerlich sind,
die mich mit Leuten zusammenbringen, die dir hassenswert sind und etwas davon
bei aller meiner Unschuld auch auf mich übertragen. Das Ganze ist nur eine
bösartige, allerdings sehr kluge Ausnützung der Mängel unseres Verhältnisses.
Jedes Verhältnis hat seine Mängel, gar unseres, wir kamen ja jeder aus einer
ganz anderen Welt zusammen, und seit wir einander kennen, nahm das Leben eines
jeden von uns einen ganz neuen Weg, wir fühlen uns noch unsicher, es ist doch
allzu neu. Ich rede nicht von mir, das ist nicht so wichtig, ich bin ja im
Grunde immerfort beschenkt worden, seit du deine Augen zum erstenmal mir
zuwandtest; und an das Beschenktwerden sich gewöhnen, ist nicht schwer. Du aber,
von allem anderen abgesehen, wurdest von Klamm losgerissen; ich kann nicht
ermessen, was das bedeutet, aber eine Ahnung dessen habe ich doch allmählich
schon bekommen, man taumelt, man kann sich nicht zurechtfinden, und wenn ich
auch bereit war, dich immer aufzunehmen, so war ich doch nicht immer zugegen,
und wenn ich zugegen war, hielten dich manchmal deine Träumereien fest oder noch
Lebendigeres, wie etwa die Wirtin; kurz, es gab Zeiten, wo du von mir wegsahst,
dich irgendwohin ins Halbunbestimmte sehntest, armes Kind, und es mussten nur in
solchen Zwischenzeiten in der Richtung deines Blicks passende Leute aufgestellt
werden, und du warst an sie verloren, erlagst der Täuschung, dass das, was nur
Augenblicke waren, Gespenster, alte Erinnerungen, im Grunde vergangenes und
immer mehr vergehendes einstmaliges Leben, dass dieses noch dein wirkliches
jetziges Leben sei. Ein Irrtum, Frieda, nichts als die letzte, richtig
angesehen, verächtliche Schwierigkeit unserer endlichen Vereinigung. Komme zu
dir, fasse dich; wenn du auch dachtest, dass die Gehilfen von Klamm geschickt
sind - es ist gar nicht wahr, sie kommen von Galater -, und wenn sie dich auch
mit Hilfe dieser Täuschung so bezaubern konnten, dass du selbst in ihrem Schmutz
und ihrer Unzucht Spuren von Klamm zu finden meintest - - so, wie jemand in
einem Mistaufen einen einst verlorenen Edelstein zu sehen glaubt, während er
ihn in Wirklichkeit dort gar nicht finden könnte, selbst wenn er dort wirklich
wäre -, so sind es doch nur Burschen von der Art der Knechte im Stall, nur dass
sie nicht ihre Gesundheit haben, ein wenig frische Luft sie krank macht und aufs
Bett wirft, das sie sich allerdings mit knechtischer Pfiffigkeit auszusuchen
verstehen.« Frieda hatte ihren Kopf an K.s Schulter gelehnt, die Arme umeinander
geschlungen, gingen sie schweigend auf und ab. »Wären wir doch«, sagte Frieda
langsam, ruhig, fast behaglich, so, als wisse sie, dass ihr nur eine ganz kleine
Frist der Ruhe an K.s Schulter gewährt sei, diese aber wolle sie bis zum Letzten
geniessen, »wären wir doch gleich noch in jener Nacht ausgewandert, wir könnten
irgendwo in Sicherheit sein, immer beisammen, deine Hand immer nahe genug, sie
zu fassen; wie brauche ich deine Nähe; wie bin ich, seit ich dich kenne, ohne
deine Nähe verlassen; deine Nähe ist, glaube mir, der einzige Traum, den ich
träume, keinen anderen.« Da rief es in dem Seitengang, es war Jeremias, er stand
dort auf der untersten Stufe, er war nur im Hemd, hatte aber ein Umhängetuch
Friedas um sich geschlagen. Wie er dort stand, das Haar zerrauft, den dünnen
Bart wie verregnet, die Augen mühsam, bittend und vorwurfsvoll aufgerissen, die
dunklen Wangen gerötet, aber wie aus allzu lockerem Fleisch bestehend, die
nackten Beine zitternd vor Kälte, so dass die langen Fransen des Tuches
mitzitterten, war er wie ein aus dem Spital entflohener Kranker, demgegenüber
man an nichts anderes denken durfte, als ihn wieder ins Bett zurückzubringen. So
fasste es auch Frieda auf, entzog sich K. und war gleich unten bei ihm. Ihre
Nähe, die sorgsame Art, mit der sie das Tuch fester um ihn zog, die Eile, mit
der sie ihn gleich zurück ins Zimmer drängen wollte, schien ihn schon ein wenig
kräftiger zu machen; es war, als erkenne er K. erst jetzt. »Ah, der Herr
Landvermesser«, sagte er, Frieda, die keine Unterhaltung mehr zulassen wollte,
zur Begütigung die Wange streichelnd. »Verzeihen Sie die Störung. Mir ist aber
gar nicht wohl, das entschuldigt doch. Ich glaube, ich fiebere, ich muss einen
Tee haben und schwitzen. Das verdammte Gitter im Schulgarten, daran werde ich
wohl noch zu denken haben, und jetzt, schon verkühlt, bin ich noch in der Nacht
herumgelaufen. Man opfert, ohne es gleich zu merken, seine Gesundheit für Dinge,
die es wahrhaftig nicht wert sind. Sie aber, Herr Landvermesser, müssen sich
durch mich nicht stören lassen, kommen Sie zu uns ins Zimmer herein, machen Sie
einen Krankenbesuch und sagen Sie dabei Frieda, was noch zu sagen ist. Wenn
zwei, die aneinander gewöhnt sind, auseinandergehen, haben sie natürlich
einander in den letzten Augenblicken so viel zu sagen, dass das ein dritter, gar
wenn er im Bett liegt und auf den versprochenen Tee wartet, unmöglich begreifen
kann. Aber kommen Sie nur herein, ich werde ganz still sein.« - »Genug, genug«,
sagte Frieda und zerrte an seinem Arm. »Er fiebert und weiss nicht, was er
spricht. Du aber, K., geh nicht mit, ich bitte dich. Es ist mein und des
Jeremias Zimmer oder vielmehr nur mein Zimmer, ich verbiete dir, mit
hineinzugehen. Du verfolgst mich, ach K., warum verfolgst du mich? Niemals,
niemals werde ich zu dir zurückkommen, ich schaudere, wenn ich an eine solche
Möglichkeit denke. Geh doch zu deinen Mädchen; im blossen Hemd sitzen sie auf der
Ofenbank zu deinen Seiten, wie man mir erzählt hat, und wenn jemand kommt, dich
abzuholen, fauchen sie ihn an. Wohl bist du dort zu Hause, wenn es dich gar so
sehr hinzieht. Ich habe dich immer von dort abgehalten, mit wenig Erfolg, aber
immerhin abgehalten, das ist vorüber, du bist frei. Ein schönes Leben steht dir
bevor, wegen der einen wirst du vielleicht mit den Knechten ein wenig kämpfen
müssen, aber was die zweite betrifft, gibt es niemanden im Himmel und auf Erden,
der sie dir missgönnt. Der Bund ist von vornherein gesegnet. Sag nichts dagegen,
gewiss, du kannst alles widerlegen, aber zum Schluss ist gar nichts widerlegt.
Denk nur, Jeremias, er hat alles widerlegt!« Sie verständigten sich durch
Kopfnicken und Lächeln. »Aber«, fuhr Frieda fort, »angenommen, er hätte alles
widerlegt, was wäre damit erreicht, was kümmert es mich? Wie es dort bei jenen
zugehen mag, ist völlig ihre und seine Sache, meine nicht. Meine ist es, dich zu
pflegen, so lange, bis du wieder gesund wirst, wie du's einstmals warst, ehe
dich K. meinetwegen quälte.« - »Sie kommen also wirklich nicht mit, Herr
Landvermesser?« fragte Jeremias, wurde nun aber von Frieda, die sich gar nicht
mehr nach K. umdrehte, endgültig fortgezogen. Man sah unten eine kleine Tür,
noch niedriger als die Türen hier im Gange - nicht nur Jeremias, auch Frieda
musste sich beim Hineingehen bücken -, innen schien es hell und warm zu sein; man
hörte noch ein wenig flüstern, wahrscheinlich liebreiches Überreden, um Jeremias
ins Bett zu bringen, dann wurde die Tür geschlossen.
    Erst jetzt merkte K., wie still es auf dem Gang geworden war, nicht nur hier
in diesem Teil des Ganges, wo er mit Frieda gewesen war und der zu den
Wirtschaftsräumen zu gehören schien, sondern auch in dem langen Gang mit den
früher so lebhaften Zimmern. So waren also die Herren doch endlich
eingeschlafen. Auch K. war sehr müde, vielleicht hatte er aus Müdigkeit sich
gegen Jeremias nicht so gewehrt, wie er es hätte tun sollen. Es wäre vielleicht
klüger gewesen, sich nach Jeremias zu richten, der seine Verkühlung sichtlich
übertrieb - seine Jämmerlichkeit stammte nicht von Verkühlung, sondern war ihm
angeboren und durch keinen Gesundheitstee zu vertreiben -, ganz sich nach
Jeremias zu richten, die wirklich grosse Müdigkeit ebenso zur Schau zu stellen,
hier auf dem Gang niederzusinken, was schon an sich sehr wohl tun müsste, ein
wenig zu schlummern und dann vielleicht auch ein wenig gepflegt zu werden. Nur
wäre es nicht so günstig ausgegangen wie bei Jeremias, der in diesem Wettbewerb
um das Mitleid gewiss, und wahrscheinlich mit Recht, gesiegt hätte und offenbar
auch in jedem anderen Kampf K. war so müde, dass er daran dachte, ob er nicht
versuchen könnte, in eines dieser Zimmer zu gehen, von denen gewiss manche leer
waren, und sich in einem schönen Bett auszuschlafen. Das hätte seiner Meinung
nach Entschädigung für vieles werden können. Auch einen Schlaftrunk hatte er
bereit. Auf dem Geschirrbrett, das Frieda auf dem Boden liegengelassen hatte,
war eine kleine Karaffe Rum gewesen. K. scheute nicht die Anstrengung des
Rückwegs und trank das Fläschchen leer.
    Nun fühlte er sich wenigstens kräftig genug, vor Erlanger zu treten. Er
suchte Erlangers Zimmertür, aber da der Diener und Gerstäcker nicht mehr zu
sehen und alle Türen gleich waren, konnte er sie nicht finden. Doch glaubte er,
sich zu erinnern, an welcher Stelle des Ganges die Tür etwa gewesen war, und
beschloss, eine Tür zu öffnen, die seiner Meinung nach wahrscheinlich die
gesuchte war. Der Versuch konnte nicht allzu gefährlich sein, war es das Zimmer
Erlangers, so würde ihn dieser wohl empfangen, war es das Zimmer eines anderen,
so würde es doch möglich sein, sich zu entschuldigen und wieder zu gehen, und
schlief der Gast, was am wahrscheinlichsten war, würde K.s Besuch gar nicht
bemerkt werden; schlimm konnte es nur werden, wenn das Zimmer leer war, denn
dann würde K. kaum der Versuchung widerstehen können, sich ins Bett zu legen und
endlos zu schlafen. Er sah noch einmal rechts und links den Gang entlang, ob
nicht doch jemand käme, der ihm Auskunft geben und das Wagnis unnötig machen
könnte, aber der lange Gang war still und leer. Dann horchte K. an der Tür, auch
hier kein Gast. Er klopfte so leise, dass ein Schlafender dadurch nicht hätte
geweckt werden können, und als auch jetzt nichts erfolgte, öffnete er äusserst
vorsichtig die Tür. Aber nun empfing ihn ein leichter Schrei.
    Es war ein kleines Zimmer, von einem breiten Bett mehr als zur Hälfte
ausgefüllt, auf dem Nachttischchen brannte die elektrische Lampe, neben ihr war
eine Reisehandtasche. Im Bett, aber ganz unter der Decke verborgen, bewegte sich
jemand unruhig und flüsterte durch einen Spalt zwischen Decke und Bettuch: »Wer
ist es?« Nun konnte K. nicht ohne weiteres mehr fort, unzufrieden betrachtete er
das üppige, aber leider nicht leere Bett, erinnerte sich dann an die Frage und
nannte seinen Namen. Das schien eine gute Wirkung zu haben, der Mann im Bett zog
ein wenig die Decke vom Gesicht, aber ängstlich bereit, sich gleich wieder ganz
zu bedecken, wenn draussen etwas nicht stimmen sollte. Dann aber schlug er die
Decke ohne Bedenken zurück und setzte sich aufrecht. Erlanger war es gewiss
nicht. Es war ein kleiner, wohl aussehender Herr, dessen Gesicht dadurch einen
gewissen Widerspruch in sich trug, dass die Wangen kindlich rund, die Augen
kindlich fröhlich waren, dass aber die hohe Stirn, die spitze Nase, der schmale
Mund, dessen Lippen kaum zusammenhalten wollten, das sich fast verflüchtigende
Kinn gar nicht kindlich waren, sondern überlegenes Denken verrieten. Es war wohl
die Zufriedenheit damit, die Zufriedenheit mit sich selbst, die ihm einen
starken Rest gesunder Kindlichkeit bewahrt hatte. »Kennen Sie Friedrich?« fragte
er. K. verneinte. »Aber er kennt Sie«, sagte der Herr lächelnd. K. nickte; an
Leuten, die ihn kannten, fehlte es nicht, das war sogar eines der
Hauptindernisse auf seinem Wege. »Ich bin sein Sekretär«, sagte der Herr, »mein
Name ist Bürgel.« - »Entschuldigen Sie«, sagte K. und langte nach der Klinke,
»ich habe leider Ihre Tür mit einer anderen verwechselt. Ich bin nämlich zu
Sekretär Erlanger berufen.« - »Wie schade«, sagte Bürgel. »Nicht dass Sie
anderswohin berufen sind, sondern dass Sie die Türen verwechselt haben. Ich
schlafe nämlich, einmal geweckt, ganz gewiss nicht wieder ein. Nun, das muss Sie
aber nicht gar so betrüben, das ist mein persönliches Unglück. Warum sind auch
die Türen hier unversperrbar, nicht? Das hat freilich seinen Grund. Weil nach
einem alten Spruch die Türen der Sekretäre immer offen sein sollen. Aber so
wörtlich müsste auch das allerdings nicht genommen werden.« Bürgel sah K. fragend
und fröhlich an, im Gegensatz zu seiner Klage schien er recht wohl ausgeruht; so
müde, wie K. jetzt, war Bürgel wohl noch überhaupt nie gewesen. »Wohin wollen
Sie denn jetzt gehen?« fragte Bürgel. »Es ist vier Uhr. Jeden, zu dem Sie gehen
wollten, müssten Sie wecken, nicht jeder ist an Störungen so gewöhnt wie ich,
nicht jeder wird es so geduldig hinnehmen, die Sekretäre sind ein nervöses Volk.
Bleiben Sie also ein Weilchen. Gegen fünf Uhr beginnt man hier aufzustehen, dann
werden Sie am besten Ihrer Vorladung entsprechen können. Lassen Sie, bitte, also
endlich die Klinke los und setzen Sie sich irgendwohin, der Platz ist hier
freilich beengt, am besten wird es sein, wenn Sie sich hier auf den Bettrand
setzen. Sie wundern sich, dass ich weder Sessel noch Tisch hier habe? Nun, ich
hatte die Wahl, entweder eine vollständige Zimmereinrichtung mit einem schmalen
Hotelbett zu bekommen oder dieses grosse Bett und sonst nichts als den
Waschtisch. Ich habe das grosse Bett gewählt, in einem Schlafzimmer ist doch wohl
das Bett die Hauptsache! Ach, wer sich ausstrecken und gut schlafen könnte,
dieses Bett müsste für einen guten Schläfer wahrhaft köstlich sein. Aber auch
mir, der ich immerfort müde bin, ohne schlafen zu können, tut es wohl, ich
verbringe darin einen grossen Teil des Tages, erledige darin alle
Korrespondenzen, führe hier die Parteieinvernahmen aus. Es geht recht gut. Die
Parteien haben allerdings keinen Platz zum Sitzen, aber das verschmerzen sie, es
ist doch auch für sie angenehmer, wenn sie stehen und der Protokollist sich wohl
fühlt, als wenn sie bequem sitzen und dabei angeschnauzt werden. Dann habe ich
nur noch diesen Platz am Bettrand zu vergeben, aber das ist kein Amtsplatz und
nur für nächtliche Unterhaltungen bestimmt. Aber Sie sind so still, Herr
Landvermesser?« - »Ich bin sehr müde«, sagte K., der sich auf die Aufforderung
hin sofort, grob, ohne Respekt, aufs Bett gesetzt und an den Pfosten gelehnt
hatte. »Natürlich«, sagte Bürgel lachend, »hier ist jeder müde. Es ist zum
Beispiel keine kleine Arbeit, die ich gestern und auch heute schon geleistet
habe. Es ist ja völlig ausgeschlossen, dass ich jetzt einschlafe, wenn aber doch
dieses Allerunwahrscheinlichste geschehen und ich noch, solange Sie hier sind,
einschlafen sollte, dann, bitte, halten Sie sich still und machen Sie auch die
Tür nicht auf. Aber keine Angst, ich schlafe gewiss nicht ein und günstigenfalls
nur für ein paar Minuten. Es verhält sich nämlich mit mir so, dass ich,
wahrscheinlich weil ich an Parteienverkehr so sehr gewöhnt bin, immerhin noch am
leichtesten einschlafe, wenn ich Gesellschaft habe.« - »Schlafen Sie nur, bitte,
Herr Sekretär«, sagte K., erfreut von dieser Ankündigung, »ich werde dann, wenn
Sie erlauben, auch ein wenig schlafen.« - »Nein, nein«, lachte Bürgel wieder,
»auf die blosse Einladung hin kann ich leider nicht einschlafen, nur im Laufe des
Gespräches kann sich die Gelegenheit dazu ergeben, am ehesten schläfert mich ein
Gespräch ein. Ja, die Nerven leiden bei unserem Geschäft. Ich, zum Beispiel, bin
Verbindungssekretär. Sie wissen nicht, was das ist? Nun, ich bilde die stärkste
Verbindung« - hierbei rieb er sich eilig in unwillkürlicher Fröhlichkeit die
Hände - »zwischen Friedrich und dem Dorf, ich bilde die Verbindung zwischen
seinen Schloss- und Dorfsekretären, bin meist im Dorf, aber nicht ständig; jeden
Augenblick muss ich darauf gefasst sein, ins Schloss hinaufzufahren. Sie sehen die
Reisetasche, ein unruhiges Leben, nicht für jeden taugt's. Andererseits ist es
richtig, dass ich diese Art der Arbeit nicht mehr entbehren könnte, alle andere
Arbeit schiene mir schal. Wie verhält es sich denn mit der Landvermesserei?« -
»Ich mache keine solche Arbeit, ich werde nicht als Landvermesser beschäftigt«,
sagte K., er war wenig mit seinen Gedanken bei der Sache, eigentlich brannte er
nur darauf, dass Bürgel einschlafe, aber auch das tat er nur aus einem gewissen
Pflichtgefühl gegen sich selbst, zuinnerst glaubte er zu wissen, dass der
Augenblick von Bürgels Einschlafen noch unabsehbar fern sei. »Das ist
erstaunlich«, sagte Bürgel mit lebhaftem Werfen des Kopfes und zog einen
Notizblock unter der Decke hervor, um sich etwas zu notieren. »Sie sind
Landvermesser und haben keine Landvermesserarbeit.« K. nickte mechanisch, er
hatte oben auf dem Bettpfosten den linken Arm ausgestreckt und den Kopf auf ihn
gelegt, schon verschiedentlich hatte er es sich bequem zu machen versucht, diese
Stellung war aber die bequemste von allen, er konnte nun auch ein wenig besser
darauf achten, was Bürgel sagte. »Ich bin bereit«, fuhr Bürgel fort, »diese
Sache weiter zu verfolgen. Bei uns hier liegen doch die Dinge ganz gewiss nicht
so, dass man eine fachliche Kraft unausgenützt lassen dürfte. Und auch für Sie
muss es doch kränkend sein; leiden Sie denn nicht darunter?« - »Ich leide
darunter«, sagte K. langsam und lächelte für sich, denn gerade jetzt litt er
darunter nicht im geringsten. Auch machte das Anerbieten Bürgels wenig Eindruck
auf ihn. Es war durchaus dilettantisch. Ohne etwas von den Umständen zu wissen,
unter welchen K.s Berufung erfolgt war, von den Schwierigkeiten, welchen sie in
der Gemeinde und im Schloss begegnete, von den Verwicklungen, welche während K.s
hiesigem Aufentalt sich schon ergeben oder angekündigt hatten, ohne von dem
allen etwas zu wissen, ja sogar ohne zu zeigen, dass ihn, was von einem Sekretär
ohne weiteres hätte angenommen werden sollen, wenigstens eine Ahnung dessen
berühre, erbot er sich, aus dem Handgelenk mit Hilfe seines kleinen Notizblockes
die Sache da oben in Ordnung zu bringen. »Sie scheinen schon einige
Enttäuschungen gehabt zu haben«, sagte Bürgel und bewies damit doch wieder
einige Menschenkenntnis, wie sich K. überhaupt, seit er das Zimmer betreten
hatte, von Zeit zu Zeit aufforderte, Bürgel nicht zu unterschätzen, aber in
seinem Zustand war es schwer, etwas anderes als die eigene Müdigkeit gerecht zu
beurteilen. »Nein«, sagte Bürgel, als antworte er auf einen Gedanken K.s und
wolle ihm rücksichtsvoll die Mühe des Aussprechens ersparen. »Sie müssen sich
nicht durch Enttäuschungen abschrecken lassen. Es scheint hier manches ja
daraufhin eingerichtet, abzuschrecken, und wenn man neu hier ankommt, scheinen
einem die Hindernisse völlig undurchdringlich. Ich will nicht untersuchen, wie
es sich damit eigentlich verhält, vielleicht entspricht der Schein tatsächlich
der Wirklichkeit, in meiner Stellung fehlt mir der richtige Abstand, um das
festzustellen, aber merken Sie auf, es ergeben sich dann doch wieder manchmal
Gelegenheiten, die mit der Gesamtlage fast nicht übereinstimmen, Gelegenheiten,
bei welchen durch ein Wort, durch einen Blick, durch ein Zeichen des Vertrauens
mehr erreicht werden kann als durch lebenslange, auszehrende Bemühungen. Gewiss,
so ist es. Freilich stimmen dann diese Gelegenheiten doch wieder insofern mit
der Gesamtlage überein, als sie niemals ausgenützt werden. Aber warum werden sie
denn nicht ausgenützt, frage ich immer wieder.« K. wusste es nicht; zwar merkte
er, dass ihn das, wovon Bürgel sprach, wahrscheinlich sehr betraf, aber er hatte
jetzt eine grosse Abneigung gegen alle Dinge, die ihn betrafen, er rückte mit dem
Kopf ein wenig beiseite, als mache er dadurch den Fragen Bürgels den Weg frei
und könne von ihnen nicht mehr berührt werden. »Es ist«, fuhr Bürgel fort,
streckte die Arme und gähnte, was in einem verwirrenden Widerspruch zum Ernst
seiner Worte war, »es ist eine ständige Klage der Sekretäre, dass sie gezwungen
sind, die meisten Dorfverhöre in der Nacht durchzuführen. Warum aber klagen sie
darüber? Weil es sie zu sehr anstrengt? Weil sie die Nacht lieber zum Schlafen
verwenden wollen? Nein, darüber klagen sie gewiss nicht. Es gibt natürlich unter
den Sekretären Fleissige und minder Fleissige, wie überall; aber über allzu grosse
Anstrengung klagt niemand von ihnen, gar öffentlich nicht. Es ist das einfach
nicht unsere Art. Wir kennen in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen
gewöhnlicher Zeit und Arbeitszeit. Solche Unterscheidungen sind uns fremd. Was
also haben aber dann die Sekretäre gegen die Nachtverhöre? Ist es etwa gar
Rücksicht auf die Parteien? Nein, nein, das ist es auch nicht. Gegen die
Parteien sind die Sekretäre rücksichtslos, allerdings nicht um das geringste
rücksichtsloser als gegen sich selbst, sondern nur genauso rücksichtslos.
Eigentlich ist ja diese Rücksichtslosigkeit nichts als eiserne Befolgung und
Durchführung des Dienstes, die grösste Rücksichtnahme, welche sich die Parteien
nur wünschen können. Dies wird auch im Grunde - ein oberflächlicher Beobachter
merkt das freilich nicht völlig - anerkannt; ja, es sind zum Beispiel in diesem
Falle gerade die Nachtverhöre, welche den Parteien willkommen sind, es laufen
keine grundsätzlichen Beschwerden gegen die Nachtverhöre ein. Warum also doch
die Abneigung der Sekretäre?« Auch das wusste K. nicht, er wusste so wenig, er
unterschied nicht einmal, ob Bürgel ernstlich oder nur scheinbar die Antwort
forderte. Wenn du mich in dein Bett legen lässt, dachte er, werde ich dir morgen
mittag oder noch lieber abends alle Fragen beantworten. Aber Bürgel schien auf
ihn nicht zu achten, allzusehr beschäftigte ihn die Frage, die er sich selbst
vorgelegt hatte: »Soviel ich erkenne und soviel ich selbst erfahren habe, haben
die Sekretäre hinsichtlich der Nachtverhöre etwa folgendes Bedenken: Die Nacht
ist deshalb für Verhandlungen mit den Parteien weniger geeignet, weil es nachts
schwer oder geradezu unmöglich ist, den amtlichen Charakter der Verhandlungen
voll zu wahren. Das liegt nicht an Äusserlichkeiten, die Formen können natürlich
in der Nacht nach Belieben ebenso streng beobachtet werden wie bei Tag. Das ist
es also nicht, dagegen leidet die amtliche Beurteilung in der Nacht. Man ist
unwillkürlich geneigt, in der Nacht die Dinge von einem mehr privaten
Gesichtspunkt zu beurteilen, die Vorbringungen der Parteien bekommen mehr
Gewicht, als ihnen zukommt, es mischen sich in die Beurteilung gar nicht
hingehörige Erwägungen der sonstigen Lage der Parteien, ihrer Leiden und Sorgen,
ein; die notwendige Schranke zwischen Parteien und Beamten, mag sie äusserlich
fehlerlos vorhanden sein, lockert sich, und wo sonst, wie es sein soll, nur
Fragen und Antworten hin- und widergingen, scheint sich manchmal ein
sonderbarer, ganz und gar unpassender Austausch der Personen zu vollziehen. So
sagen es wenigstens die Sekretäre, also Leute allerdings, die von Berufs wegen
mit einem ganz ausserordentlichen Feingefühl für solche Dinge begabt sind. Aber
selbst sie - dies wurde schon oft in unseren Kreisen besprochen - merken während
der Nachtverhöre von jenen ungünstigen Einwirkungen wenig; im Gegenteil, sie
strengen sich von vornherein an, ihnen entgegenzuarbeiten und glauben
schliesslich, ganz besonders gute Leistungen zustande gebracht zu haben. Liest
man aber später die Protokolle nach, staunt man oft über ihre offen zutage
liegenden Schwächen. Und es sind dies Fehler, und zwar immer wieder halb
unberechtigte Gewinne der Parteien, welche wenigstens nach unseren Vorschriften
im gewöhnlichen kurzen Wege nicht mehr gutzumachen sind. Ganz gewiss werden sie
einmal noch von einem Kontrollamt verbessert werden, aber dies wird nur dem
Recht nützen, jener Partei aber nicht mehr schaden können. Sind unter solchen
Umständen die Klagen der Sekretäre nicht sehr berechtigt?« K. hatte schon ein
kleines Weilchen in einem halben Schlummer verbracht, nun war er wieder
aufgestört. Warum dies alles? Warum dies alles? fragte er sich und betrachtete
unter den gesenkten Augenlidern Bürgel nicht wie einen Beamten, der mit ihm
schwierige Fragen besprach, sondern nur wie irgend etwas, das ihn am Schlafen
hinderte und dessen sonstigen Sinn er nicht ausfindig machen konnte. Bürgel
aber, ganz seinem Gedankengang hingegeben, lächelte, als sei es ihm eben
gelungen, K. ein wenig irrezuführen. Doch war er bereit, ihn gleich wieder auf
den richtigen Weg zurückzubringen. »Nun«, sagte er, »ganz berechtigt kann man
diese Klagen ohne weiteres auch wieder nicht nennen. Die Nachtverhöre sind zwar
nirgends geradezu vorgeschrieben, man vergeht sich also gegen keine Vorschrift,
wenn man sie zu vermeiden sucht, aber die Verhältnisse, die Überfülle der
Arbeit, die Beschäftigungsart der Beamten im Schloss, ihre schwere
Abkömmlichkeit, die Vorschrift, dass das Parteienverhör erst nach vollständigem
Abschluss der sonstigen Untersuchung, dann aber sofort zu erfolgen habe, alles
dieses und anderes mehr hat die Nachtverhöre doch zu einer unumgänglichen
Notwendigkeit gemacht. Wenn sie nun aber eine Notwendigkeit geworden sind - so
sage ich -, ist dies doch auch, wenigstens mittelbar, ein Ergebnis der
Vorschriften, und an dem Wesen der Nachtverhöre mäkeln, hiesse dann fast - ich
übertreibe natürlich ein wenig, darum, als Übertreibung, darf ich es aussprechen
-, hiesse dann sogar an den Vorschriften mäkeln.
    Dagegen mag es den Sekretären zugestanden bleiben, dass sie sich innerhalb
der Vorschriften gegen die Nachtverhöre und ihre vielleicht nur scheinbaren
Nachteile zu sichern suchen, so gut es geht. Das tun sie ja auch, und zwar in
grösstem Ausmass. Sie lassen nur Verhandlungsgegenstände zu, von denen in jedem
Sinne möglichst wenig zu befürchten ist, prüfen sich vor den Verhandlungen genau
und sagen, wenn das Ergebnis der Prüfung es verlangt, auch noch im letzten
Augenblick alle Einvernahmen ab, stärken sich, indem sie eine Partei oft zehnmal
berufen, ehe sie sie wirklich vornehmen, lassen sich gern von Kollegen
vertreten, welche für den betreffenden Fall unzuständig sind und ihn daher mit
grösserer Leichtigkeit behandeln können, setzen die Verhandlungen wenigstens auf
den Anfang oder das Ende der Nacht an und vermeiden die mittleren Stunden,
solcher Massnahmen gibt es noch viele, sie lassen sich nicht leicht beikommen,
die Sekretäre, sie sind fast ebenso widerstandsfähig wie verletzlich.« K.
schlief, es war zwar kein eigentlicher Schlaf, er hörte Bürgels Worte vielleicht
besser als während des früheren todmüden Wachens, Wort für Wort schlug an sein
Ohr, aber das lästige Bewusstsein war geschwunden, er fühlte sich frei, nicht
Bürgel hielt ihn mehr, nur er tastete noch manchmal nach Bürgel hin, er war noch
nicht in der Tiefe des Schlafes, aber eingetaucht in ihn war er. Niemand sollte
ihm das mehr rauben. Und es war ihm, als sei ihm damit ein grosser Sieg gelungen,
und schon war auch eine Gesellschaft da, dies zu feiern, und er oder auch jemand
anders hob das Champagnerglas zu Ehren dieses Sieges. Und damit alle wissen
sollten, worum es sich handle, wurde der Kampf und der Sieg noch einmal
wiederholt oder vielleicht gar nicht wiederholt, sondern fand erst jetzt statt
und war schon früher gefeiert worden, und es wurde nicht abgelassen, ihn zu
feiern, weil der Ausgang glücklicherweise gewiss war. Ein Sekretär, nackt, sehr
ähnlich der Statue eines griechischen Gottes, wurde von K. im Kampf bedrängt. Es
war sehr komisch, und K. lächelte darüber sanft im Schlaf, wie der Sekretär aus
seiner stolzen Haltung durch K.s Vorstösse immer aufgeschreckt wurde und etwa den
hochgestreckten Arm und die geballte Faust schnell dazu verwenden musste, um
seine Blössen zu decken, und doch damit noch immer zu langsam war. Der Kampf
dauerte nicht lange; Schritt für Schritt, und es waren sehr grosse Schritte,
rückte K. vor. War es überhaupt ein Kampf? Es gab kein ernstliches Hindernis,
nur hier und da ein Piepsen des Sekretärs. Dieser griechische Gott piepste wie
ein Mädchen, das gekitzelt wird. Und schliesslich war er fort, K. war allein in
einem grossen Raum, kampfbereit drehte er sich um und suchte den Gegner; es war
aber niemand mehr da, auch die Gesellschaft hatte sich verlaufen, nur das
Champagnerglas lag zerbrochen auf der Erde. K. zertrat es völlig. Die Scherben
aber stachen, zusammenzuckend erwachte er doch wieder, ihm war übel wie einem
kleinen Kind, wenn es geweckt wird. Trotzdem streifte ihn beim Anblick der
entblössten Brust Bürgels vom Traum her der Gedanke: Hier hast du ja deinen
griechischen Gott! Reiss ihn doch aus den Federn. »Es gibt aber«, sagte Bürgel,
nachdenklich das Gesicht zur Zimmerdecke erhoben, als suche er in der Erinnerung
nach Beispielen, könne aber keine finden, »es gibt aber dennoch trotz allen
Vorsichtsmassregeln für die Parteien eine Möglichkeit, diese nächtliche Schwäche
der Sekretäre - immer vorausgesetzt, dass es eine Schwäche ist - für sich
auszunützen. Freilich, eine sehr seltene oder, besser gesagt, eine fast niemals
vorkommende Möglichkeit. Sie besteht darin, dass die Partei mitten in der Nacht
unangemeldet kommt. Sie wundern sich vielleicht, dass dies, obwohl es so
naheliegend scheint, gar so selten geschehen soll. Nun ja, Sie sind mit unseren
Verhältnissen nicht vertraut. Aber auch Ihnen dürfte doch schon die
Lückenlosigkeit der amtlichen Organisation aufgefallen sein. Aus dieser
Lückenlosigkeit aber ergibt sich, dass jeder, der irgendein Anliegen hat oder aus
sonstigen Gründen über etwas verhört werden muss, sofort, ohne Zögern, meistens
sogar noch ehe er selbst sich die Sache zurechtgelegt hat, ja, noch ehe er
selbst von ihr weiss, schon die Vorladung erhält. Er wird diesmal noch nicht
einvernommen, meistens noch nicht einvernommen, so reif ist die Angelegenheit
gewöhnlich noch nicht, aber die Vorladung hat er, unangemeldet kann er nicht
mehr kommen, er kann höchstens zur Unzeit kommen, nun, dann wird er nur auf das
Datum und die Stunde der Vorladung aufmerksam gemacht, und kommt er dann zu
rechter Zeit wieder, wird er in der Regel weggeschickt, das macht keine
Schwierigkeit mehr; die Vorladung in der Hand der Partei und die Vormerkung in
den Akten, das sind für die Sekretäre zwar nicht immer ausreichende, aber doch
starke Abwehrwaffen. Das bezieht sich allerdings nur auf den für die Sache
gerade zuständigen Sekretär; die anderen überraschend in der Nacht anzugehen,
stünde doch noch jedem frei. Doch wird das kaum jemand tun, es ist fast sinnlos.
Zunächst würde man dadurch den zuständigen Sekretär sehr erbittern, wir
Sekretäre sind zwar untereinander hinsichtlich der Arbeit gewiss nicht
eifersüchtig, jeder trägt ja eine allzu hoch bemessene, wahrhaftig ohne jede
Kleinlichkeit aufgeladene Arbeitslast, aber gegenüber den Parteien dürfen wir
Störungen der Zuständigkeit keinesfalls dulden. Mancher hat schon die Partie
verloren, weil er, da er an zuständiger Stelle nicht vorwärtszukommen glaubte,
an unzuständiger durchzuschlüpfen versuchte. Solche Versuche müssen übrigens
auch daran scheitern, dass ein unzuständiger Sekretär, selbst wenn er nächtlich
überrumpelt wird und besten Willens ist zu helfen, eben infolge seiner
Unzuständigkeit kaum mehr eingreifen kann als irgendein beliebiger Advokat, oder
im Grunde viel weniger, denn ihm fehlt ja - selbst wenn er sonst irgend etwas
tun könnte, da er doch die geheimen Wege des Rechtes besser kennt als alle die
advokatischen Herrschaften -, es fehlt ihm einfach für Dinge, bei denen er nicht
zuständig ist, jede Zeit, keinen Augenblick kann er dafür aufwenden. Wer würde
also bei diesen Aussichten seine Nächte dafür verwenden, unzuständige Sekretäre
abzugeben, auch sind ja die Parteien voll beschäftigt, wenn sie neben ihrem
sonstigen Berufe den Vorladungen und Winken der zuständigen Stellen entsprechen
wollen, voll beschäftigt freilich im Sinne der Parteien, was natürlich noch bei
weitem nicht das gleiche ist, wie voll beschäftigt im Sinne der Sekretäre.« K.
nickte lächelnd, er glaubte jetzt, alles genau zu verstehen; nicht deshalb, weil
es ihn bekümmerte, sondern weil er nun überzeugt war, in den nächsten
Augenblicken würde er völlig einschlafen, diesmal ohne Traum und Störung;
zwischen den zuständigen Sekretären auf der einen Seite und den unzuständigen
auf der anderen und angesichts der Masse der voll beschäftigten Parteien würde
er in tiefen Schlaf sinken und auf diese Weise allem entgehen. An die leise,
selbstzufriedene, für das eigene Einschlafen offenbar vergeblich arbeitende
Stimme Bürgels hatte er sich nun so gewöhnt, dass sie seinen Schlaf mehr
befördern als stören würde. Klappere, Mühle, klappere, dachte er, du klapperst
nur für mich. »Wo ist nun also«, sagte Bürgel, mit zwei Fingern an der
Unterlippe spielend, mit geweiteten Augen, gestrecktem Hals, etwa als nähere er
sich nach einer mühseligen Wanderung einem entzückenden Aussichtspunkt, »wo ist
nun also jene erwähnte, seltene, fast niemals vorkommende Möglichkeit? Das
Geheimnis steckt in den Vorschriften über die Zuständigkeit. Es ist nämlich
nicht so und kann bei einer grossen lebendigen Organisation nicht so sein, dass
für jede Sache nur ein bestimmter Sekretär zuständig ist. Es ist nur so, dass
einer die Hauptzuständigkeit hat, viele andere aber auch zu gewissen Teilen
eine, wenn auch kleinere Zuständigkeit haben. Wer könnte allein, und wäre es der
grösste Arbeiter, alle Beziehungen auch nur des kleinsten Vorfalles auf seinem
Schreibtisch zusammenhalten? Selbst was ich von der Hauptzuständigkeit gesagt
habe, ist zuviel gesagt. Ist nicht in der kleinsten Zuständigkeit auch schon die
ganze? Entscheidet hier nicht die Leidenschaft, mit welcher die Sache ergriffen
wird? Und ist die nicht immer die gleiche, immer in voller Stärke da? In allem
mag es Unterschiede unter den Sekretären geben, und es gibt solcher Unterschiede
unzählige, in der Leidenschaft aber nicht; keiner von ihnen wird sich
zurückhalten können, wenn an ihn die Aufforderung herantritt, sich mit einem
Fall, für den er nur die geringste Zuständigkeit besitzt, zu beschäftigen. Nach
aussen allerdings muss eine geordnete Verhandlungsmöglichkeit geschaffen werden,
und so tritt für die Parteien je ein bestimmter Sekretär in den Vordergrund, an
den sie sich amtlich zu halten haben. Es muss dies aber nicht einmal derjenige
sein, der die grösste Zuständigkeit für den Fall besitzt, hier entscheidet die
Organisation und ihre besonderen augenblicklichen Bedürfnisse. Dies ist die
Sachlage. Und nun erwägen Sie, Herr Landvermesser, die Möglichkeit, dass eine
Partei durch irgendwelche Umstände trotz den Ihnen schon beschriebenen, im
allgemeinen völlig ausreichenden Hindernissen dennoch mitten in der Nacht einen
Sekretär überrascht, der eine gewisse Zuständigkeit für den betreffenden Fall
besitzt. An eine solche Möglichkeit haben Sie wohl noch nicht gedacht? Das will
ich Ihnen gern glauben. Es ist ja auch nicht nötig, an sie zu denken, denn sie
kommt ja fast niemals vor. Was für ein sonderbar und ganz bestimmt geformtes,
kleines und geschicktes Körnchen müsste eine solche Partei sein, um durch das
unübertreffliche Sieb durchzugleiten? Sie glauben, es kann gar nicht vorkommen?
Sie haben recht, es kann gar nicht vorkommen. Aber eines Nachts - wer kann für
alles bürgen? - kommt es doch vor. Ich kenne unter meinen Bekannten allerdings
niemanden, dem es schon geschehen wäre, nun beweist das zwar sehr wenig, meine
Bekanntschaft ist im Vergleich zu den hier in Betracht kommenden Zahlen
beschränkt, und ausserdem ist es auch gar nicht sicher, dass ein Sekretär, dem
etwas Derartiges geschehen ist, es auch gestehen will, es ist immerhin eine sehr
persönliche und gewissermassen die amtliche Scham ernst berührende Angelegenheit.
Immerhin beweist aber meine Erfahrung vielleicht, dass es sich um eine so
seltene, eigentlich nur dem Gerücht nach vorhandene, durch gar nichts anderes
bestätigte Sache handelt, dass es also sehr übertrieben ist, sich vor ihr zu
fürchten. Selbst wenn sie wirklich geschehen sollte, kann man sie - sollte man
glauben - förmlich dadurch unschädlich machen, dass man ihr, was sehr leicht ist,
beweist, für sie sei kein Platz auf dieser Welt. Jedenfalls ist es krankhaft,
wenn man sich aus Angst vor ihr etwa unter der Decke versteckt und nicht wagt
hinauszuschauen. Und selbst wenn die vollkommene Unwahrscheinlichkeit plötzlich
hätte Gestalt bekommen sollen, ist dann schon alles verloren? Im Gegenteil. Dass
alles verloren sei, ist noch unwahrscheinlicher als das Unwahrscheinlichste.
Freilich, wenn die Partei im Zimmer ist, ist es schon sehr schlimm. Es beengt
das Herz. - Wie lange wirst du Widerstand leisten können? fragte man sich. Es
wird aber gar kein Widerstand sein, das weiss man. Sie müssen sich die Lage nur
richtig vorstellen. Die niemals gesehene, immer erwartete, mit wahrem Durst
erwartete und immer vernünftigerweise als unerreichbar angesehene Partei sitzt
da. Schon durch ihre stumme Anwesenheit lädt sie ein, in ihr armes Leben
einzudringen, sich darin umzutun wie in eigenem Besitz und dort unter ihren
vergeblichen Forderungen mitzuleiden. Diese Einladung in der stillen Nacht ist
berückend. Man folgt ihr und hat nun eigentlich aufgehört, Amtsperson zu sein.
Es ist eine Lage, in der es schon bald unmöglich wird, eine Bitte abzuschlagen.
Genaugenommen ist man verzweifelt; noch genauer genommen, ist man sehr
glücklich. Verzweifelt, denn die Wehrlosigkeit, mit der man hier sitzt und auf
die Bitte der Partei wartet und weiss, dass man sie, wenn sie einmal ausgesprochen
ist, erfüllen muss, wenn sie auch, wenigstens soweit man es selbst übersehen
kann, die Amtsorganisation förmlich zerreisst: das ist ja wohl das Ärgste, was
einem in der Praxis begegnen kann. Vor allem - von allem anderen abgesehen -,
weil es auch eine über alle Begriffe gehende Rangerhöhung ist, die man hier für
den Augenblick für sich gewaltsam in Anspruch nimmt. Unserer Stellung nach sind
wir ja gar nicht befugt, Bitten, wie die, um die es sich hier handelt, zu
erfüllen, aber durch die Nähe dieser nächtlichen Partei wachsen uns
gewissermassen auch die Amtskräfte, wir verpflichten uns zu Dingen, die ausserhalb
unseres Bereiches sind; ja, wir werden sie auch ausführen. Die Partei zwingt uns
in der Nacht, wie der Räuber im Wald, Opfer ab, deren wir sonst niemals fähig
wären; nun gut, so ist es jetzt, wenn die Partei noch da ist, uns stärkt und
zwingt und aneifert und alles noch halb besinnungslos im Gange ist; wie wird es
aber nachher sein, wenn es vorüber ist, die Partei, gesättigt und unbekümmert,
uns verlässt und wir dastehen, allein, wehrlos im Angesicht unseres
Amtsmissbrauches - das ist gar nicht auszudenken! Und trotzdem sind wir
glücklich. Wie selbstmörderisch das Glück sein kann! Wir könnten uns ja
anstrengen, der Partei die wahre Lage geheimzuhalten. Sie selbst aus eigenem
merkt ja kaum etwas. Sie ist ja ihrer Meinung nach wahrscheinlich nur aus
irgendwelchen gleichgültigen, zufälligen Gründen - übermüdet, enttäuscht,
rücksichtslos und gleichgültig aus Übermüdung und Enttäuschung - in ein anderes
Zimmer gedrungen, als sie wollte, sie sitzt unwissend da und beschäftigt sich in
Gedanken, wenn sie sich überhaupt beschäftigt, mit ihrem Irrtum oder mit ihrer
Müdigkeit. Könnte man sie nicht dabei verlassen? Man kann es nicht. In der
Geschwätzigkeit der Glücklichen muss man ihr alles erklären. Man muss, ohne sich
im geringsten schonen zu können, ihr ausführlich zeigen, was geschehen ist, und
aus welchen Gründen dies geschehen ist, wie ausserordentlich selten und wie
einzig gross die Gelegenheit ist, man muss zeigen, wie die Partei zwar in diese
Gelegenheit in aller Hilflosigkeit, wie sie deren kein anderes Wesen als eben
nur eine Partei fähig sein kann, hineingetappt ist, wie sie aber jetzt, wenn sie
will, Herr Landvermesser, alles beherrschen kann und dafür nichts anderes zu tun
hat, als ihre Bitte irgendwie vorzubringen, für welche die Erfüllung schon
bereit ist, ja, welcher sie sich entgegenstreckt, das alles muss man zeigen; es
ist die schwere Stunde des Beamten. Wenn man aber auch das getan hat, ist, Herr
Landvermesser, das Notwendigste geschehen, man muss sich bescheiden und warten.«
    K. schlief, abgeschlossen gegen alles, was geschah. Sein Kopf, der zuerst
auf dem linken Arm oben auf dem Bettpfosten gelegen war, war im Schlaf
abgeglitten und hing nun frei, langsam tiefer sinkend; die Stütze des Armes oben
genügte nicht mehr, unwillkürlich verschafte K. sich eine neue dadurch, dass er
die rechte Hand gegen die Bettdecke stemmte, wobei er zufällig gerade den unter
der Decke aufragenden Fuss Bürgels ergriff. Bürgel sah hin und überliess ihm den
Fuss, so lästig das sein mochte.
    Da klopfte es mit einigen starken Schlägen an die Seitenwand. K. schrak auf
und sah die Wand an. »Ist nicht der Landvermesser dort?« fragte es. »Ja«, sagte
Bürgel, befreite seinen Fuss von K. und streckte sich plötzlich wild und
mutwillig wie ein kleiner Junge. »Dann soll er endlich herüberkommen«, sagte es
wieder; auf Bürgel oder darauf, dass er etwa K. noch benötigen könnte, wurde
keine Rücksicht genommen. »Es ist Erlanger«, sagte Bürgel flüsternd; dass
Erlanger im Nebenzimmer war, schien ihn nicht zu überraschen. »Gehen Sie gleich
zu ihm, er ärgert sich schon, suchen Sie ihn zu besänftigen. Er hat einen guten
Schlaf; wir haben uns aber doch zu laut unterhalten; man kann sich und seine
Stimme nicht beherrschen, wenn man von gewissen Dingen spricht. Nun, gehen Sie
doch, Sie scheinen sich ja aus dem Schlaf gar nicht herausarbeiten zu können.
Gehen Sie, was wollen Sie denn noch hier? Nein, Sie müssen sich wegen Ihrer
Schläfrigkeit nicht entschuldigen, warum denn? Die Leibeskräfte reichen nur bis
zu einer gewissen Grenze; wer kann dafür, dass gerade diese Grenze auch sonst
bedeutungsvoll ist? Nein, dafür kann niemand. So korrigiert sich selbst die Welt
in ihrem Lauf und behält das Gleichgewicht. Das ist ja eine vorzügliche, immer
wieder unvorstellbar vorzügliche Einrichtung, wenn auch in anderer Hinsicht
trostlos. Nun, gehen Sie, ich weiss nicht, warum Sie mich so ansehen. Wenn Sie
noch lange zögern, kommt Erlanger über mich, das möchte ich sehr gern vermeiden.
Gehen Sie doch; wer weiss, was Sie drüben erwartet, hier ist ja alles voll
Gelegenheiten. Nur gibt es freilich Gelegenheiten, die gewissermassen zu gross
sind, um benützt zu werden, es gibt Dinge, die an nichts anderem als an sich
selbst scheitern. Ja, das ist staunenswert. Übrigens hoffe ich jetzt doch, ein
wenig einschlafen zu können. Freilich ist es schon fünf Uhr, und der Lärm wird
bald beginnen. Wenn wenigstens Sie schon gehen wollten!«
    Betäubt von dem plötzlichen Gewecktwerden aus tiefem Schlaf, noch grenzenlos
schlafbedürftig, mit überall infolge der unbequemen Haltung schmerzhaftem
Körper, konnte sich K. lange nicht entschliessen aufzustehen, hielt sich die
Stirn und sah hinab auf seinen Schoss. Selbst die fortwährenden Verabschiedungen
Bürgels hätten ihn nicht dazu bewegen können, fortzugehen, nur ein Gefühl der
völligen Nutzlosigkeit jeden weiteren Aufentaltes in diesem Zimmer brachte ihn
langsam dazu. Unbeschreiblich öde schien ihm dieses Zimmer. Ob es so geworden
oder seit jeher so gewesen war, wusste er nicht. Nicht einmal wieder
einzuschlafen würde ihm hier gelingen. Diese Überzeugung war sogar das
Entscheidende; darüber ein wenig lächelnd, erhob er sich, stützte sich, wo er
nur eine Stütze fand, am Bett, an der Wand, an der Tür, und ging, als hätte er
sich längst von Bürgel verabschiedet, ohne Gruss hinaus.
 
                             Das neunzehnte Kapitel
Wahrscheinlich wäre er ebenso gleichgültig an Erlangers Zimmer vorübergegangen,
wenn Erlanger nicht in der offenen Türe gestanden wäre und ihm gewinkt hätte.
Ein kurzer, einmaliger Wink mit dem Zeigefinger. Erlanger war zum Weggehen schon
völlig bereit, er trug einen schwarzen Pelzmantel mit knappem, hochgeknöpftem
Kragen. Ein Diener reichte ihm gerade die Handschuhe und hielt noch eine
Pelzmütze. »Sie hätten schon längst kommen sollen«, sagte Erlanger. K. wollte
sich entschuldigen. Erlanger zeigte durch ein müdes Schliessen der Augen, dass er
darauf verzichte. »Es handelt sich um folgendes«, sagte er. »Im Ausschank war
früher eine gewisse Frieda bedienstet; ich kenne nur ihren Namen, sie selbst
kenne ich nicht, sie bekümmert mich nicht. Diese Frieda hat manchmal Klamm das
Bier serviert. Jetzt scheint dort ein anderes Mädchen zu sein. Nun ist diese
Veränderung natürlich belanglos, wahrscheinlich für jeden, und für Klamm ganz
gewiss. Je grösser aber eine Arbeit ist, und Klamms Arbeit ist freilich die
grösste, desto weniger Kraft bleibt, sich gegen die Aussenwelt zu wehren,
infolgedessen kann dann jede belanglose Veränderung der belanglosesten Dinge
ernstlich stören. Die kleinste Veränderung auf dem Schreibtisch, die Beseitigung
eines dort seit jeher vorhanden gewesenen Schmutzflecks, das alles kann stören
und ebenso ein neues Serviermädchen. Nun stört freilich das alles, selbst wenn
es jeden anderen und bei jeder beliebigen Arbeit störte, Klamm nicht; davon kann
gar keine Rede sein. Trotzdem sind wir verpflichtet, über Klamms Behagen derart
zu wachen, dass wir selbst Störungen, die für ihn keine sind - und wahrscheinlich
gibt es für ihn überhaupt keine -, beseitigen, wenn sie uns als mögliche
Störungen auffallen. Nicht seinetwegen, nicht seiner Arbeit wegen beseitigen wir
diese Störungen, sondern unseretwegen, unseres Gewissens und unserer Ruhe wegen.
Deshalb muss jene Frieda sofort wieder in den Ausschank zurückkehren, vielleicht
wird sie gerade dadurch, dass sie zurückkehrt, stören; nun, dann werden wir sie
wieder wegschicken, vorläufig aber muss sie zurückkehren. Sie leben mit ihr, wie
man mir gesagt hat, veranlassen Sie daher sofort ihre Rückkehr. Auf persönliche
Gefühle kann dabei keine Rücksicht genommen werden, das ist ja
selbstverständlich, daher lasse ich mich auch nicht in die geringste weitere
Erörterung der Sache ein. Ich tue schon viel mehr, als nötig ist, wenn ich
erwähne, dass Ihnen, wenn Sie sich in dieser Kleinigkeit bewähren, dies in Ihrem
Fortkommen gelegentlich nützlich sein kann. Das ist alles, was ich Ihnen zu
sagen habe.« Er nickte K. zum Abschied zu, setzte sich die von dem Diener
gereichte Pelzmütze auf und ging, vom Diener gefolgt, schnell, aber ein wenig
hinkend, den Gang hinab.
    Manchmal wurden hier Befehle gegeben, die sehr leicht zu erfüllen waren,
aber diese Leichtigkeit freute K. nicht. Nicht nur, weil der Befehl Frieda
betraf, und zwar als Befehl gemeint war, aber K. wie ein Verlachen klang,
sondern vor allem deshalb, weil aus ihm für K. die Nutzlosigkeit aller seiner
Bestrebungen entgegensah. Über ihn hinweg gingen die Befehle, die ungünstigen
und die günstigen, und auch die günstigen hatten wohl einen letzten ungünstigen
Kern, jedenfalls aber gingen alle über ihn hinweg, und er war viel zu tief
gestellt, um in sie einzugreifen oder gar sie verstummen zu machen und für seine
Stimme Gehör zu bekommen. Wenn dir Erlanger abwinkt, was willst du tun; und wenn
er nicht abwinkte, was könntest du ihm sagen? Zwar blieb sich K. dessen bewusst,
dass seine Müdigkeit ihm heute mehr geschadet hatte als alle Ungunst der
Verhältnisse, aber warum konnte er, der geglaubt hatte, sich auf seinen Körper
verlassen zu können, und der ohne diese Überzeugung sich gar nicht auf den Weg
gemacht hätte, warum konnte er einige schlechte und eine schlaflose Nacht nicht
ertragen, warum wurde er gerade hier so unbeherrschbar müde, wo niemand müde
war, oder wo vielmehr jeder, und immerfort, müde war, ohne dass dies aber die
Arbeit schädigte; ja, es schien sie vielmehr zu fördern. Daraus war zu
schliessen, dass es in ihrer Art eine ganz andere Müdigkeit war als jene K.s. Hier
war es wohl die Müdigkeit inmitten glücklicher Arbeit; etwas, was nach aussen hin
wie Müdigkeit aussah und eigentlich unzerstörbare Ruhe, unzerstörbarer Frieden
war. Wenn man mittags ein wenig müde ist, so gehört das zum glücklichen
natürlichen Verlauf des Tages. Die Herren hier haben immerfort Mittag, sagte
sich K.
    Und es stimmte sehr damit überein, dass es jetzt um fünf Uhr schon überall zu
seiten des Ganges lebendig wurde. Dieses Stimmengewirr in den Zimmern hatte
etwas äusserst Fröhliches. Einmal klang es wie der Jubel von Kindern, die sich zu
einem Ausflug bereitmachen, ein andermal wie der Aufbruch im Hühnerstall, wie
die Freude, in völliger Übereinstimmung mit dem erwachenden Tag zu sein,
irgendwo ahmte sogar ein Herr den Ruf eines Hahnes nach. Der Gang selbst war
zwar noch leer, aber die Türen waren schon in Bewegung, immer wieder wurde eine
ein wenig geöffnet und schnell wieder geschlossen, es schwirrte im Gang von
solchem Türöffnen und -schliessen, hie und da sah K. auch schon oben im Spalt der
nicht bis zur Decke reichenden Wände morgendlich zerraufte Köpfe erscheinen und
gleich verschwinden. Aus der Ferne kam langsam ein kleines, von einem Diener
geführtes Wägelchen, welches Akten entielt. Ein zweiter Diener ging daneben,
hatte ein Verzeichnis in der Hand und verglich danach offenbar die Nummern der
Türen mit jenen der Akten. Vor den meisten Türen blieb das Wägelchen stehen,
gewöhnlich öffnete sich dann auch die Tür, und die zugehörigen Akten, manchmal
auch nur ein Blättchen - in solchen Fällen entspann sich ein kleines Gespräch
vom Zimmer zum Gang, wahrscheinlich wurden dem Diener Vorwürfe gemacht -, wurden
ins Zimmer hineingereicht. Blieb die Tür geschlossen, wurden die Akten
sorgfältig auf der Türschwelle aufgehäuft. In solchen Fällen schien es K., als
ob die Bewegung der Türen in der Umgebung nicht nachliesse, obwohl auch dort
schon die Akten verteilt worden waren, sondern eher sich verstärke. Vielleicht
lugten die anderen begehrlich nach den auf der Türschwelle unbegreiflicherweise
noch unbehoben liegenden Akten, sie konnten nicht verstehen, wie jemand nur die
Tür zu öffnen brauche, um in den Besitz seiner Akten zu kommen, und es doch
nicht tue; vielleicht war es sogar möglich, dass endgültig unbehobene Akten
später unter die anderen Herren verteilt würden, welche schon jetzt durch
häufiges Nachschauen sich überzeugen wollten, ob die Akten noch immer auf der
Schwelle lägen und ob also noch immer für sie Hoffnung vorhanden sei. Übrigens
waren diese liegengebliebenen Akten meistens besonders grosse Bündel; und K. nahm
an, dass sie aus einer gewissen Prahlerei oder Bosheit oder auch aus
berechtigtem, die Kollegen aufmunterndem Stolz vorläufig liegengelassen worden
waren. In dieser Annahme bestärkte ihn, dass manchmal, immer wenn er gerade nicht
hinsah, der Sack, nachdem er lange genug zur Schau gestellt gewesen war,
plötzlich und eiligst ins Zimmer hineingezogen wurde und die Tür dann wieder
unbeweglich wie früher blieb, auch die Türen in der Umgebung beruhigten sich
dann, enttäuscht oder auch zufrieden damit, dass dieser Gegenstand fortwährender
Reizung endlich beseitigt war, doch kamen sie dann allmählich wieder in
Bewegung.
    K. betrachtete das alles nicht nur mit Neugier, sondern auch mit Teilnahme.
Er fühlte sich fast wohl inmitten des Getriebes, sah hierhin und dortin und
folgte - wenn auch in entsprechender Entfernung - den Dienern, die sich freilich
schon öfters mit strengem Blick, gesenktem Kopf, aufgeworfenen Lippen nach ihm
umgewandt hatten, und sah ihrer Verteilungsarbeit zu. Sie ging, je weiter sie
fortschritt, immer weniger glatt vonstatten, entweder stimmte das Verzeichnis
nicht ganz oder waren die Akten für den Diener nicht immer gut unterscheidbar
oder erhoben die Herren aus anderen Gründen Einwände; jedenfalls kam es vor, dass
manche Verteilungen rückgängig gemacht werden mussten, dann fuhr das Wägelchen
zurück, und es wurde durch den Türspalt wegen Rückgabe von Akten verhandelt. Die
Verhandlungen machten schon an sich grosse Schwierigkeiten, es kam aber häufig
genug vor, dass, wenn es sich um die Rückgabe handelte, gerade Türen, die früher
in der lebhaftesten Bewegung gewesen waren, jetzt unerbittlich geschlossen
blieben, wie wenn sie von der Sache gar nichts mehr wissen wollten. Dann
begannen erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Derjenige, welcher Anspruch auf
die Akten zu haben glaubte, war äusserst ungeduldig, machte in seinem Zimmer
grossen Lärm, klatschte in die Hände, stampfte mit den Füssen, rief durch den
Türspalt immer wieder eine bestimmte Aktennummer in den Gang hinaus. Dann blieb
das Wägelchen oft ganz verlassen. Der eine Diener war damit beschäftigt, den
Ungeduldigen zu besänftigen, der andere kämpfte vor der geschlossenen Tür um die
Rückgabe. Beide hatten es schwer. Der Ungeduldige wurde durch die
Besänftigungsversuche oft noch ungeduldiger, er konnte die leeren Worte des
Dieners gar nicht mehr anhören, er wollte nicht Trost, er wollte Akten; ein
solcher Herr goss einmal oben durch den Spalt ein ganzes Waschbecken auf den
Diener aus. Der andere Diener, offenbar der im Rang höhere, hatte es aber noch
viel schwerer. Liess sich der betreffende Herr auf Verhandlungen überhaupt ein,
gab es sachliche Besprechungen, bei welchen sich der Diener auf sein
Verzeichnis, der Herr auf seine Vormerkungen und gerade auf die Akten berief,
die er zurückgeben sollte, die er aber vorläufig fest in der Hand hielt, so dass
kaum ein Eckchen von ihnen für die begehrlichen Augen des Dieners sichtbar
blieb. Auch musste dann der Diener wegen neuer Beweise zu dem Wägelchen
zurücklaufen, das auf dem ein wenig sich senkenden Gang immer von selbst ein
Stück weitergerollt war, oder er musste zu dem die Akten beanspruchenden Herrn
gehen und dort die Einwände des bisherigen Besitzers für neue Gegeneinwände
austauschen. Solche Verhandlungen dauerten sehr lange, bisweilen einigte man
sich, der Herr gab etwa einen Teil der Akten heraus oder bekam als Entschädigung
andere Akten, da nur eine Verwechslung vorgelegen hatte; es kam aber auch vor,
dass jemand auf alle verlangten Akten ohne weiteres verzichten musste, sei es, dass
er durch die Beweise des Dieners in die Enge getrieben war, sei es, dass er des
fortwährenden Handelns müde war, dann aber gab er die Akten nicht dem Diener,
sondern warf sie mit plötzlichem Entschluss weit in den Gang hinaus, dass sich die
Bindfäden lösten und die Blätter flogen und die Diener viel Mühe hatten, alles
wieder in Ordnung zu bringen. Aber alles war noch verhältnismässig einfacher, als
wenn der Diener auf seine Bitten um Rückgabe überhaupt keine Antwort bekam, dann
stand er vor der verschlossenen Tür, bat, beschwor, zitierte sein Verzeichnis,
berief sich auf Vorschriften, alles vergeblich, aus dem Zimmer kam kein Laut
und, ohne Erlaubnis einzutreten, hatte der Diener offenbar kein Recht. Dann
verliess auch diesen vorzüglichen Diener manchmal die Selbstbeherrschung, er ging
zu seinem Wägelchen, setzte sich auf die Akten, wischte sich den Schweiss von der
Stirn und unternahm ein Weilchen lang gar nichts, als hilflos mit den Füssen zu
schlenkern. Das Interesse an der Sache war ringsherum sehr gross, überall
wisperte es, kaum eine Tür war ruhig, und oben an der Wandbrüstung verfolgten
merkwürdigerweise mit Tüchern fast gänzlich vermummte Gesichter, die überdies
kein Weilchen lang ruhig an ihrer Stelle blieben, alle Vorgänge. Inmitten dieser
Unruhe war es K. auffällig, dass Bürgels Tür die ganze Zeit über geschlossen
blieb und dass die Diener diesen Teil des Ganges schon passiert hatten, Bürgel
aber keine Akten zugeteilt worden waren. Vielleicht schlief er noch, was
allerdings in diesem Lärm einen sehr gesunden Schlaf bedeutet hätte, warum aber
hatte er keine Akten bekommen? Nur sehr wenige Zimmer, und überdies
wahrscheinlich unbewohnte, waren in dieser Weise übergangen worden. Dagegen war
in dem Zimmer Erlangers schon ein neuer und besonders unruhiger Gast, Erlanger
musste von ihm in der Nacht förmlich ausgetrieben worden sein, das passte wenig zu
Erlangers kühlem, weitläufigem Wesen, aber dass er K. an der Türschwelle hatte
erwarten müssen, deutete doch darauf hin.
    Von allen abseitigen Beobachtungen kehrte dann K. immer bald wieder zu dem
Diener zurück; für diesen Diener traf das wahrlich nicht zu, was man K. sonst
von den Dienern im allgemeinen, von ihrer Untätigkeit, ihrem bequemen Leben,
ihrem Hochmut erzählt hatte, es gab wohl auch Ausnahmen unter den Dienern oder,
was wahrscheinlicher war, verschiedene Gruppen unter ihnen, denn hier waren, wie
K. merkte, viele Abgrenzungen, von denen er bisher kaum eine Andeutung zu sehen
bekommen hatte. Besonders die Unnachgiebigkeit dieses Dieners gefiel ihm sehr.
Im Kampf mit diesen kleinen, hartnäckigen Zimmern - K. schien es oft ein Kampf
mit den Zimmern, da er die Bewohner kaum zu sehen bekam - liess der Diener nicht
nach. Er ermattete zwar - wer wäre nicht ermattet? -, aber bald hatte er sich
wieder erholt, glitt vom Wägelchen herunter und ging aufrecht mit
zusammengebissenen Zähnen wieder gegen die zu erobernde Tür los. Und es geschah,
dass er zweimal und dreimal zurückgeschlagen wurde, auf sehr einfache Weise
allerdings, nur durch das verteufelte Schweigen, und dennoch gar nicht besiegt
war. Da er sah, dass er durch offenen Angriff nichts erreichen konnte, versuchte
er es auf andere Weise, zum Beispiel, soweit es K. richtig verstand, durch List.
Er liess dann scheinbar von der Tür ab, liess sie gewissermassen ihre
Schweigsamkeit erschöpfen, wandte sich anderen Türen zu, nach einer Weile kehrte
er wieder zurück, rief den anderen Diener, alles auffallend und laut, und begann
auf der Schwelle der verschlossenen Tür Akten aufzuhäufen, so, als habe er seine
Meinung geändert, und dem Herrn sei rechtmässigerweise nichts wegzunehmen,
sondern vielmehr zuzuteilen. Dann ging er weiter, behielt aber die Tür immer im
Auge, und wenn dann der Herr, wie es gewöhnlich geschah, bald vorsichtig die Tür
öffnete, um die Akten zu sich hineinzuziehen, war der Diener mit ein paar
Sprüngen dort, schob den Fuss zwischen Tür und Pfosten und zwang so den Herrn,
wenigstens von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu verhandeln, was dann gewöhnlich
doch zu einem halbwegs befriedigenden Ergebnis führte. Und gelang es nicht so
oder schien ihm bei einer Tür dies nicht die richtige Art, versuchte er es
anders. Er verlegte sich dann zum Beispiel auf den Herrn, welcher die Akten
beanspruchte. Dann schob er den anderen, immer nur mechanisch arbeitenden
Diener, eine recht wertlose Hilfskraft, beiseite und begann selbst auf den Herrn
einzureden, flüsternd, heimlich, den Kopf tief ins Zimmer steckend,
wahrscheinlich machte er ihm Versprechungen und sicherte ihm auch für die
nächste Verteilung eine entsprechende Bestrafung des anderen Herrn zu,
wenigstens zeigte er öfters nach der Tür des Gegners und lachte, soweit es seine
Müdigkeit erlaubte. Dann aber gab es Fälle, ein oder zwei, wo er freilich alle
Versuche aufgab, aber auch hier glaubte K., dass es nur ein scheinbares Aufgeben
oder zumindest ein Aufgeben aus berechtigten Gründen sei, denn ruhig ging er
weiter, duldete, ohne sich umzusehen, den Lärm des benachteiligten Herrn, nur
ein zeitweises, länger dauerndes Schliessen der Augen zeigte, dass er unter dem
Lärm litt. Doch beruhigte sich dann auch allmählich der Herr, wie
ununterbrochenes Kinderweinen allmählich in immer vereinzelteres Schluchzen
übergeht, war es auch mit seinem Geschrei; aber auch, nachdem es schon ganz
still geworden war, gab es doch wieder noch manchmal einen vereinzelten Schrei
oder ein flüchtiges Öffnen und Zuschlagen jener Tür. Jedenfalls zeigte es sich,
dass auch hier der Diener wahrscheinlich völlig richtig vorgegangen war. Nur ein
Herr blieb schliesslich, der sich nicht beruhigen wollte, lange schwieg er, aber
nur, um sich zu erholen, dann fuhr er wieder los, nicht schwächer als früher. Es
war nicht ganz klar, warum er so schrie und klagte, vielleicht war es gar nicht
wegen der Aktenverteilung. Inzwischen hatte der Diener seine Arbeit beendigt;
nur ein einziger Akt, eigentlich nur ein Papierchen, ein Zettel von einem
Notizblock, war durch Verschulden der Hilfskraft im Wägelchen zurückgeblieben,
und nun wusste man nicht, wem ihn zuzuteilen. Das könnte recht gut mein Akt sein,
ging es K. durch den Kopf. Der Gemeindevorsteher hatte ja immer von diesem
allerkleinsten Fall gesprochen. Und K. suchte, so willkürlich und lächerrlich er
selbst im Grunde seine Annahme fand, sich dem Diener, der den Zettel
nachdenklich durchsah, zu nähern; das war nicht ganz leicht, denn der Diener
vergalt K.s Zuneigung schlecht, auch inmitten der härtesten Arbeit hatte er
immer noch Zeit gefunden, um böse oder ungeduldig mit nervösem Kopfrücken nach
K. hinzusehen. Erst jetzt, nach beendigter Verteilung, schien er K. ein wenig
vergessen zu haben, wie er auch sonst gleichgültiger geworden war, seine grosse
Erschöpfung machte das begreiflich, auch mit dem Zettel gab er sich nicht viel
Mühe, er las ihn vielleicht gar nicht durch, er tat nur so, und obwohl er hier
auf dem Gang wahrscheinlich jedem Zimmerherrn mit der Zuteilung des Zettels eine
Freude gemacht hätte, entschloss er sich anders, er war des Verteilens schon
satt, mit dem Zeigefinger an den Lippen, gab er seinem Begleiter ein Zeichen zu
schweigen, zerriss - K. war noch lange nicht bei ihm - den Zettel in kleine
Stücke und steckte sie in die Tasche. Es war wohl die erste Unregelmässigkeit,
die K. hier im Bürobetriebe gesehen hatte, allerdings war es möglich, dass er
auch sie unrichtig verstand. Und selbst wenn es eine Unregelmässigkeit war, war
sie zu verzeihen; bei den Verhältnissen, die hier herrschten, konnte der Diener
nicht fehlerlos arbeiten, einmal musste der angesammelte Ärger, die angesammelte
Unruhe ausbrechen, und äusserte sie sich nur im Zerreissen eines kleinen Zettels,
war es noch unschuldig genug. Noch immer gellte ja die Stimme des durch nichts
zu beruhigenden Herrn durch den Gang, und die Kollegen, die in anderer Hinsicht
sich nicht sehr freundschaftlich zueinander verhielten, schienen hinsichtlich
des Lärms völlig einer Meinung zu sein; es war allmählich, als habe der Herr die
Aufgabe übernommen, Lärm für alle zu machen, die ihn nur durch Zurufe und
Kopfnicken aufmunterten, bei der Sache zu bleiben. Aber nun kümmerte sich der
Diener gar nicht mehr darum, er war mit seiner Arbeit fertig, zeigte auf den
Handgriff des Wägelchens, dass ihn der andere Diener fasse, und so zogen sie
wieder weg, wie sie gekommen waren, nur zufriedener und so schnell, dass das
Wägelchen vor ihnen hüpfte. Nur einmal zuckten sie noch zusammen und blickten
zurück, als der immerfort schreiende Herr, vor dessen Tür sich jetzt K.
umhertrieb, weil er gern verstanden hätte, was der Herr eigentlich wollte, mit
dem Schreien offenbar nicht mehr das Auskommen fand, wahrscheinlich den Knopf
einer elektrischen Glocke entdeckt hatte und, wohl entzückt darüber, so
entlastet zu sein, statt des Schreiens jetzt ununterbrochen zu läuten anfing.
Daraufhin begann ein grosses Gemurmel in den anderen Zimmern, es schien
Zustimmung zu bedeuten, der Herr schien etwas zu tun, was alle gern schon längst
getan hätten und nur aus unbekanntem Grunde hatten unterlassen müssen. War es
vielleicht die Bedienung, vielleicht Frieda, die der Herr herbeiläuten wollte?
Da mochte er lange läuten. Frieda war ja damit beschäftigt, Jeremias in nasse
Tücher zu wickeln, und selbst, wenn er schon gesund sein sollte, hatte sie keine
Zeit, denn dann lag sie in seinen Armen. Aber das Läuten hatte doch sofort eine
Wirkung. Schon eilte aus der Ferne der Herrenhofwirt selbst herbei, schwarz
gekleidet und zugeknöpft wie immer; aber es war, als vergesse er seine Würde, so
lief er; die Arme hatte er halb ausgebreitet, so, als sei er wegen eines grossen
Unglücks gerufen und komme, um es zu fassen und an seiner Brust gleich zu
ersticken, und unter jeder kleinen Unregelmässigkeit des Läutens schien er kurz
hochzuspringen und sich noch mehr zu beeilen. Ein grosses Stück hinter ihm
erschien nun auch noch seine Frau, auch sie lief mit ausgebreiteten Armen, aber
ihre Schritte waren kurz und geziert, und K. dachte, sie werde zu spät kommen,
der Wirt werde inzwischen alles Nötige getan haben. Und um dem Wirt für seinen
Lauf Platz zu machen, stellte sich K. eng an die Wand. Aber der Wirt blieb
gerade bei K. stehen, als sei dieser sein Ziel, und gleich war auch die Wirtin
da, und beide überhäuften ihn mit Vorwürfen, die er in der Eile und Überraschung
nicht verstand, besonders, da sich auch die Glocke des Herrn einmischte und
sogar andere Glocken zu arbeiten begannen, jetzt nicht mehr aus Not, sondern nur
zum Spiel und im Überfluss der Freude. K. war, weil ihm viel daran lag, seine
Schuld genau zu verstehen, sehr damit einverstanden, dass ihn der Wirt unter den
Arm nahm und mit ihm aus diesem Lärm fortging, der sich immerfort noch
steigerte, denn hinter ihnen - K. drehte sich gar nicht um, weil der Wirt und
noch mehr, von der anderen Seite her, die Wirtin auf ihn einredeten - öffneten
sich nun die Türen ganz, der Gang belebte sich, ein Verkehr schien sich dort zu
entwickeln, wie in einem lebhaften, engen Gässchen, die Türen vor ihnen warteten
offenbar ungeduldig darauf, dass K. endlich vorüberkomme, damit sie die Herren
entlassen könnten, und in das alles hinein läuteten, immer wieder angeschlagen,
die Glocken, wie um einen Sieg zu feiern. Nun endlich - sie waren schon wieder
in dem stillen, weissen Hof, wo einige Schlitten warteten - erfuhr K. allmählich,
worum es sich handelte. Weder der Wirt noch die Wirtin konnten begreifen, dass K.
etwas Derartiges zu tun hatte wagen können. »Aber was hatte er denn getan?«
Immer wieder fragte es K., konnte es aber lange nicht erfragen, weil die Schuld
den beiden allzu selbstverständlich war und sie daher an seinen guten Glauben
nicht im entferntesten dachten. Nur sehr langsam erkannte K. alles. Er war zu
Unrecht in dem Gang gewesen, ihm war im allgemeinen höchstens, und dies nur
gnadenweise und gegen Widerruf, der Ausschank zugänglich. War er von einem Herrn
vorgeladen, musste er natürlich am Ort der Vorladung erscheinen, sich aber immer
dessen bewusst bleiben - er hatte doch wohl wenigstens den üblichen
Menschenverstand? -, dass er irgendwo war, wo er eigentlich nicht hingehörte,
wohin ihn nur ein Herr, höchst widerwillig, nur, weil es eine amtliche
Angelegenheit verlangte und entschuldigte, gerufen hatte. Er hatte daher schnell
zu erscheinen, sich dem Verhör zu unterziehen, dann aber womöglich noch
schneller zu verschwinden. Hatte er denn dort auf dem Gang gar nicht das Gefühl
der schweren Ungehörigkeit gehabt? Aber wenn er es gehabt hätte, wie hätte er
sich dort herumtreiben können wie ein Tier auf der Weide? Sei er nicht zu einem
Nachtverhör vorgeladen gewesen, und wisse er nicht, warum die Nachtverhöre
eingeführt sind? Die Nachtverhöre - und hier bekam K. eine neue Erklärung ihres
Sinnes - hätten doch nur den Zweck, Parteien, deren Anblick den Herren bei Tag
unerträglich wäre, abzuhören, schnell, in der Nacht, bei künstlichem Licht, mit
der Möglichkeit, gleich nach dem Verhör alle Hässlichkeit im Schlaf zu vergessen.
Das Benehmen K.s aber habe aller Vorsichtsmassregeln gespottet. Selbst Gespenster
verschwinden gegen Morgen, aber K. sei dort geblieben, die Hände in den Taschen,
so, als erwarte er, dass, da er sich nicht entfernte, der ganze Gang mit allen
Zimmern und Herren sich entfernen werde. Und dies wäre auch - dessen könne er
auch sicher sein - ganz gewiss geschehen, wenn es nur irgendwie möglich wäre,
denn das Zartgefühl der Herren sei grenzenlos. Keiner werde K. etwa forttreiben
oder auch nur das allerdings Selbstverständliche sagen, dass er endlich fortgehen
solle; keiner werde das tun, obwohl sie während K.s Anwesenheit vor Aufregung
wahrscheinlich zittern und der Morgen, ihre liebste Zeit, ihnen vergällt wird.
Statt gegen K. vorzugehen, ziehen sie es vor, zu leiden, wobei allerdings wohl
die Hoffnung mitspielt, dass K. doch endlich das in die Augen Schlagende auch
werde allmählich erkennen müssen und, entsprechend dem Leid der Herren, selbst
auch darunter bis zur Unerträglichkeit werde leiden müssen, so entsetzlich
unpassend, allen sichtbar, hier auf dem Gang am Morgen zu stehen. Vergebliche
Hoffnung. Sie wissen nicht oder wollen es in ihrer Freundlichkeit und
Herablassung nicht wissen, dass es auch unempfindliche, harte, durch keine
Ehrfurcht zu erweichende Herzen gibt. Sucht nicht selbst die Nachtmotte, das
arme Tier, wenn der Tag kommt, einen stillen Winkel auf, macht sich platt,
möchte am liebsten verschwinden und ist unglücklich darüber, dass sie es nicht
kann? K. dagegen stellt sich dortin, wo er am sichtbarsten ist, und könnte er
dadurch das Heraufkommen des Tages verhindern, würde er es tun. Er kann es nicht
verhindern, aber verzögern, erschweren kann er es leider. Hat er nicht die
Verteilung der Akten mit angesehen? Etwas, was niemand mit ansehen dürfe, ausser
die nächsten Beteiligten. Etwas, was weder Wirt noch Wirtin in ihrem eigenen
Hause haben sehen dürfen. Wovon sie nur andeutungsweise haben erzählen hören,
wie zum Beispiel heute von den Dienern. Habe er denn nicht bemerkt, unter
welchen Schwierigkeiten die Aktenverteilung vor sich gegangen sei, etwas an sich
Unbegreifliches, da doch jeder der Herren nur der Sache dient, niemals an seinen
Einzelvorteil denkt und daher mit allen Kräften darauf hinarbeiten müsste, dass
die Aktenverteilung, diese wichtige, grundlegende Arbeit, schnell und leicht und
fehlerlos erfolge? Und sei denn K. wirklich auch nicht von der Ferne die Ahnung
aufgetaucht, dass die Hauptursache aller Schwierigkeiten die sei, dass die
Verteilung bei fast geschlossenen Türen durchgeführt werden müsse, ohne die
Möglichkeit unmittelbaren Verkehrs zwischen den Herren, die sich miteinander
natürlich im Nu verständigen könnten, während die Vermittlung durch die Diener
fast stundenlang dauern müsse, niemals klaglos geschehen kann, eine dauernde
Qual für Herren und Diener ist und wahrscheinlich noch bei der späteren Arbeit
schädliche Folgen haben wird. Und warum konnten die Herren nicht miteinander
verkehren? Ja, verstehe es denn K. noch immer nicht? Etwas Ähnliches sei der
Wirtin - und der Wirt bestätigte es auch für seine Person - noch nicht
vorgekommen, und sie hätten doch schon mit mancherlei widerspenstigen Leuten zu
tun gehabt. Dinge, die man sonst nicht auszusprechen wage, müsse man ihm offen
sagen, denn sonst verstehe er das Allernotwendigste nicht. Nun also, da es
gesagt werden müsse: Seinetwegen, nur und ausschliesslich seinetwegen, haben die
Herren aus ihren Zimmern nicht hervorkommen können, da sie am Morgen, kurz nach
dem Schlaf, zu schamhaft, zu verletzlich sind, um sich fremden Blicken aussetzen
zu können; sie fühlen sich förmlich, mögen sie auch noch so vollständig
angezogen sein, zu sehr entblösst, um sich zu zeigen. Es ist ja schwer zu sagen,
weshalb sie sich schämen, vielleicht schämen sie sich, diese ewigen Arbeiter,
nur deshalb, weil sie geschlafen haben. Aber vielleicht noch mehr, als sich zu
zeigen, schämen sie sich, fremde Leute zu sehen; was sie glücklich mit Hilfe der
Nachtverhöre überwunden haben, den Anblick der ihnen so schwer erträglichen
Parteien, wollen sie nicht jetzt am Morgen plötzlich unvermittelt in aller
Naturwahrheit von neuem auf sich eindringen lassen. Dem sind sie eben nicht
gewachsen. Was für ein Mensch muss das sein, der das nicht respektiert! Nun, es
muss ein Mensch wie K. sein. Einer, der sich über alles, über das Gesetz sowie
über die allergewöhnlichste menschliche Rücksichtnahme, mit dieser stumpfen
Gleichgültigkeit und Verschlafenheit hinwegsetzt, dem nichts daran liegt, dass er
die Aktenverteilung fast unmöglich macht und den Ruf des Hauses schädigt, und
der das noch nie Geschehene zustande bringt, dass sich die zur Verzweiflung
gebrachten Herren selbst zu wehren anfangen, nach einer für gewöhnliche Menschen
unausdenkbaren Selbstüberwindung zur Glocke greifen und Hilfe herbeirufen, um
den auf andere Weise nicht zu erschütternden K. zu vertreiben! Sie, die Herren,
rufen um Hilfe! Wären denn nicht längst Wirt und Wirtin und ihr ganzes Personal
herbeigelaufen, wenn sie es nur gewagt hätten, ungerufen, am Morgen, vor den
Herren zu erscheinen, sei es auch nur, um Hilfe zu bringen und dann gleich zu
verschwinden. Zitternd vor Empörung über K., trostlos wegen ihrer Ohnmacht,
hätten sie hier am Beginn des Ganges gewartet, und das eigentlich nie erwartete
Läuten sei für sie eine Erlösung gewesen. Nun, das Schlimmste sei vorüber!
Könnten sie doch nur einen Blick hineintun in das fröhliche Treiben der endlich
von K. befreiten Herren! Für K. sei es freilich nicht vorüber; er werde sich für
das, was er hier angerichtet habe, gewiss zu verantworten haben.
    Sie waren inzwischen bis in den Ausschank gekommen; warum der Wirt trotz all
seinem Zorn K. doch noch hierher geführt hatte, war nicht ganz klar, vielleicht
hatte er doch erkannt, dass K.s Müdigkeit es ihm zunächst unmöglich machte, das
Haus zu verlassen. Ohne eine Aufforderung, sich zu setzen, abzuwarten, sank K.
gleich auf einem der Fässer förmlich zusammen. Dort im Finstern war ihm wohl. In
dem grossen Raum brannte jetzt nur eine schwache elektrische Lampe über den
Bierhähnen. Auch draussen war noch tiefe Finsternis, es schien Schneetreiben zu
sein. War man hier in der Wärme, musste man dankbar sein und Vorsorge treffen,
dass man nicht vertrieben werde. Der Wirt und die Wirtin standen noch immer vor
ihm, als bedeute er immerhin noch eine gewisse Gefahr, als sei es bei seiner
völligen Unzuverlässigkeit gar nicht ausgeschlossen, dass er sich plötzlich
aufmache und versuche, wieder in den Gang einzudringen. Auch waren sie selbst
müde von dem nächtlichen Schrecken und dem vorzeitigen Aufstehen, besonders die
Wirtin, die ein seidenartig knisterndes, breitröckiges, braunes, ein wenig
unordentlich geknöpftes und gebundenes Kleid anhatte - wo hatte sie es in der
Eile hervorgeholt? -, den Kopf wie geknickt an die Schulter ihres Mannes gelehnt
hielt, mit einem feinen Tüchelchen die Augen betupfte und dazwischen kindlich
böse Blicke auf K. richtete. Um das Ehepaar zu beruhigen, sagte K., dass alles,
was sie ihm jetzt erzählt hätten, ihm völlig neu sei, dass er aber trotz der
Unkenntnis dessen doch nicht so lange im Gang geblieben wäre, wo er wirklich
nichts zu tun hatte und gewiss niemanden hätte quälen wollen, sondern das alles
nur aus übergrosser Müdigkeit geschehen sei. Er danke ihnen dafür, dass sie der
peinlichen Szene ein Ende gemacht hätten, sollte er zur Verantwortung gezogen
werden, werde ihm das sehr willkommen sein, denn nur so könne er eine allgemeine
Missdeutung seines Benehmens verhindern. Nur die Müdigkeit und nichts anderes sei
daran schuld gewesen. Diese Müdigkeit aber stamme daher, dass er die Anstrengung
der Verhöre noch nicht gewöhnt sei. Er sei ja noch nicht lange hier. Werde er
darin einige Erfahrung haben, werde etwas Ähnliches nicht wieder vorkommen
können. Vielleicht nehme er die Verhöre zu ernst, aber das sei doch wohl an sich
kein Nachteil. Er habe zwei Verhöre, kurz nacheinander, durchzumachen gehabt,
eines bei Bürgel und das zweite bei Erlanger, besonders das erste habe ihn sehr
erschöpft, das zweite allerdings habe nicht lange gedauert, Erlanger habe ihn
nur um eine Gefälligkeit gebeten, aber beide zusammen seien mehr, als er auf
einmal ertragen könne, vielleicht wäre etwas Derartiges auch für einen anderen,
etwa den Herrn Wirt, zuviel. Aus dem zweiten Verhör sei er eigentlich nur schon
fortgetaumelt. Es sei fast eine Art Trunkenheit gewesen; er habe ja die zwei
Herren zum erstenmal gesehen und gehört und ihnen doch auch antworten müssen.
Alles sei, soviel er wisse, recht gut ausgefallen, dann aber sei jenes Unglück
geschehen, das man ihm aber nach dem Vorhergegangenen wohl kaum zur Schuld
anrechnen könne. Leider hätten nur Erlanger und Bürgel seinen Zustand erkannt,
und sicher hätten sie sich seiner angenommen und alles weitere verhütet, aber
Erlanger habe nach dem Verhör gleich weggehen müssen, offenbar um ins Schloss zu
fahren, und Bürgel sei, wahrscheinlich eben von jenem Verhör ermüdet - wie hätte
es also K. ungeschwächt überdauern sollen? -, eingeschlafen und habe sogar die
ganze Aktenverteilung verschlafen. Hätte K. eine ähnliche Möglichkeit gehabt, er
hätte sie mit Freuden benützt und gern auf alle verbotenen Einblicke verzichtet,
dies um so leichter, als er ja in Wirklichkeit gar nichts zu sehen imstande
gewesen sei und deshalb auch die empfindlichsten Herren sich ungescheut vor ihm
hätten zeigen können.
    Die Erwähnung der beiden Verhöre - gar jenes mit Erlanger - und der Respekt,
mit welchem K. von den Herren sprach, stimmten ihm den Wirt günstig. Er schien
schon K.s Bitte, ein Brett auf die Fässer legen und dort wenigstens bis zur
Morgendämmerung schlafen zu dürfen, erfüllen zu wollen, die Wirtin war aber
deutlich dagegen, an ihrem Kleid, dessen Unordnung ihr erst jetzt zu Bewusstsein
gekommen war, hier und dort nutzlos rückend, schüttelte sie immer wieder den
Kopf; ein offenbar alter Streit, die Reinlichkeit des Hauses betreffend, war
wieder daran, auszubrechen. Für K. in seiner Müdigkeit nahm das Gespräch des
Ehepaares übergrosse Bedeutung an. Von hier wieder weggetrieben zu werden schien
ihm ein alles bisher Erlebte übersteigendes Unglück zu sein. Das durfte nicht
geschehen, selbst wenn Wirt und Wirtin sich gegen ihn einigen sollten. Lauernd
sah er, zusammengekrümmt auf dem Fass, die beiden an, bis die Wirtin in ihrer
ungewöhnlichen Empfindlichkeit, die K. längst aufgefallen war, plötzlich
beiseite trat und - wahrscheinlich hatte sie mit dem Wirt schon von anderen
Dingen gesprochen - ausrief: »Wie er mich ansieht! Schick ihn doch endlich
fort!« K. aber, die Gelegenheit ergreifend, und nun völlig, fast bis zur
Gleichgültigkeit davon überzeugt, dass er bleiben werde, sagte: »Ich sehe nicht
dich an, nur dein Kleid.«
    »Warum mein Kleid?« fragte die Wirtin erregt. K. zuckte die Achseln. »Komm!«
sagte die Wirtin zum Wirt. »Er ist ja betrunken, der Lümmel. Lass ihn hier seinen
Rausch ausschlafen!« Und sie befahl noch Pepi, die auf ihren Ruf hin aus dem
Dunkel auftauchte, zerrauft, müde, einen Besen lässig in der Hand, K. irgendein
Kissen hinzuwerfen.
 
                             Das zwanzigste Kapitel
Als K. erwachte, glaubte er zuerst, kaum geschlafen zu haben; das Zimmer war
unverändert leer und warm, alle Wände in Finsternis, die eine Glühlampe über den
Bierhähnen erloschen, auch vor den Fenstern Nacht. Aber als er sich streckte,
das Kissen hinunterfiel und Bett und Fässer knarrten, kam gleich Pepi, und nun
erfuhr er, dass es schon Abend war und er weit über zwölf Stunden geschlafen
hatte. Die Wirtin hatte einige Male während des Tages nach ihm gefragt, auch
Gerstäcker, der am Morgen, als K. mit der Wirtin gesprochen hatte, hier im
Dunkel beim Bier gewartet, aber dann K. nicht mehr zu stören gewagt hatte, war
inzwischen einmal hier gewesen, um nach K. zu sehen, und schliesslich war
angeblich auch Frieda gekommen und war einen Augenblick bei K. gestanden, doch
war sie kaum K.s wegen gekommen, sondern weil sie verschiedenes hier
vorzubereiten hatte, denn am Abend sollte sie ja wieder ihren alten Dienst
antreten. »Sie mag dich wohl nicht mehr?« fragte Pepi, während sie Kaffee und
Kuchen brachte. Aber sie fragte es nicht mehr boshaft nach ihrer früheren Art,
sondern traurig, als habe sie inzwischen die Bosheit der Welt kennengelernt,
gegenüber der alle eigene Bosheit versagt und sinnlos wird; wie zu einem
Leidensgenossen sprach sie zu K., und als er den Kaffee kostete und sie zu sehen
glaubte, dass er ihn nicht genug süss finde, lief sie und brachte ihm die volle
Zuckerdose. Ihre Traurigkeit hatte sie freilich nicht gehindert, sich heute
vielleicht noch mehr zu schmücken als das letzte mal; an Maschen und an Bändern,
die durch das Haar geflochten waren, hatte sie eine Fülle, die Stirn entlang und
an den Schläfen waren die Haare sorgfältig gebrannt, und um den Hals hatte sie
ein Kettchen, das in den tiefen Ausschnitt der Bluse hinabhing. Als K. in der
Zufriedenheit, endlich einmal ausgeschlafen zu sein und einen guten Kaffee
trinken zu dürfen, heimlich nach einer Masche langte und sie zu öffnen
versuchte, sagte Pepi müde: »Lass mich doch«, und setzte sich neben ihn auf ein
Fass. Und K. musste sie gar nicht nach ihrem Leid fragen, sie begann selbst gleich
zu erzählen, den Blick starr in K.s Kaffeetopf gerichtet, als brauche sie eine
Ablenkung, selbst während sie erzählte, als könne sie, selbst wenn sie sich mit
ihrem Leid beschäftigte, sich ihm nicht ganz hingeben, denn das ginge über ihre
Kräfte. Zunächst erfuhr K., dass eigentlich er an Pepis Unglück schuld sei, dass
sie es ihm aber nicht nachtrage. Und sie nickte eifrig während der Erzählung, um
keinen Widerspruch K.s aufkommen zu lassen. Zuerst habe er Frieda aus dem
Ausschank fortgenommen und dadurch Pepis Aufstieg ermöglicht. Es ist sonst
nichts anderes ausdenkbar, was Frieda hätte bewegen können, ihren Posten
aufzugeben, sie sass dort im Ausschank wie die Spinne im Netz, hatte überall ihre
Fäden, die nur sie kannte; sie gegen ihren Willen auszuheben, wäre ganz
unmöglich gewesen, nur Liebe zu einem Niedrigen, also etwas, was sich mit ihrer
Stellung nicht vertrug, konnte sie von ihrem Platze treiben. Und Pepi? Hatte sie
denn jemals daran gedacht, die Stelle für sich zu gewinnen? Sie war
Zimmermädchen, hatte eine unbedeutende, wenig aussichtsreiche Stelle, Träume von
grosser Zukunft hatte sie wie jedes Mädchen, Träume kann man sich nicht
verbieten, aber ernstlich dachte sie nicht an ein Weiterkommen, sie hatte sich
mit dem Erreichten abgefunden. Und nun verschwand Frieda plötzlich aus dem
Ausschank, es war so plötzlich gekommen, dass der Wirt nicht gleich einen
passenden Ersatz zur Hand hatte, er suchte und sein Blick fiel auf Pepi, die
sich freilich entsprechend vorgedrängt hatte. In jener Zeit liebte sie K., wie
sie noch nie jemanden geliebt hatte; sie war monatelang unten in ihrer winzigen,
dunklen Kammer gesessen und war vorbereitet, dort Jahre und, ungünstigstenfalls,
ihr ganzes Leben unbeachtet zu verbringen, und nun war plötzlich K. erschienen,
ein Held, ein Mädchenbefreier, und hatte ihr den Weg nach oben frei gemacht. Er
wusste allerdings nichts von ihr, hatte es nicht ihretwegen getan, aber das
verschlug ihrer Dankbarkeit nichts, in der Nacht, die ihrer Anstellung
vorherging - die Anstellung war noch unsicher, aber doch schon sehr
wahrscheinlich -, verbrachte sie Stunden damit, mit ihm zu sprechen, ihm ihren
Dank ins Ohr zu flüstern. Und es erhöhte noch seine Tat in ihren Augen, dass es
gerade Frieda war, deren Last er auf sich genommen hatte; etwas unbegreiflich
Selbstloses lag darin, dass er, um Pepi hervorzuholen, Frieda zu seiner Geliebten
machte, Frieda, ein unhübsches, ältliches, mageres Mädchen mit kurzem,
schütterem Haar, überdies ein hinterhältiges Mädchen, das immer irgendwelche
Geheimnisse hat, was ja wohl mit ihrem Aussehen zusammenhängt; ist am Gesicht
und Körper die Jämmerlichkeit zweifellos, muss sie doch wenigstens andere
Geheimnisse haben, die niemand nachprüfen kann, etwa ihr angebliches Verhältnis
zu Klamm. Und selbst solche Gedanken waren Pepi damals gekommen: Ist es möglich,
dass K. wirklich Frieda liebt, täuscht er sich nicht oder täuscht er vielleicht
gar nur Frieda, und wird vielleicht das einzige Ergebnis alles dessen doch nur
Pepis Aufstieg sein, und wird dann K. den Irrtum merken oder ihn nicht mehr
verbergen wollen und nicht mehr Frieda, sondern nur Pepi sehen, was gar keine
irrsinnige Einbildung Pepis sein musste, denn mit Frieda konnte sie es als
Mädchen gegen Mädchen sehr wohl aufnehmen, was niemand leugnen wird, und es war
doch auch vor allem Friedas Stellung gewesen und der Glanz, den Frieda ihr zu
geben verstanden hatte, von welchem K. im Augenblick geblendet worden war. Und
da hatte nun Pepi davon geträumt, K. werde, wenn sie die Stellung habe, bittend
zu ihr kommen, und sie werde nun die Wahl haben, entweder K. zu erhören und die
Stelle zu verlieren oder ihn abzuweisen und weiter zu steigen. Und sie hatte
sich zurechtgelegt, sie werde auf alles verzichten und sich zu ihm hinabwenden
und ihn wahre Liebe lehren, die er bei Frieda nie erfahren könnte und die
unabhängig ist von allen Ehrenstellungen der Welt. Aber dann ist es anders
gekommen. Und was war daran schuld? K. vor allem und dann freilich Friedas
Durchtriebenheit. K. vor allem; denn was will er, was ist er für ein sonderbarer
Mensch? Wonach strebt er, was sind das für wichtige Dinge, die ihn beschäftigen
und die ihn das Allernächste, das Allerbeste, das Allerschönste vergessen
lassen? Pepi ist das Opfer, und alles ist dumm, und alles ist verloren; und wer
die Kraft hätte, den ganzen Herrenhof anzuzünden und zu verbrennen, aber
vollständig, dass keine Spur zurückbleibt, verbrennen wie ein Papier im Ofen, der
wäre heute Pepis Auserwählter. Ja, Pepi kam also in den Ausschank, heute vor
vier Tagen, kurz vor dem Mittagessen. Es ist keine leichte Arbeit hier, es ist
fast eine menschenmordende Arbeit, aber was zu erreichen ist, ist auch nicht
klein. Pepi hatte auch früher nicht in den Tag hineingelebt, und wenn sie auch
niemals in kühnsten Gedanken diese Stelle für sich in Anspruch genommen hätte,
so hatte sie doch reichlich Beobachtungen gemacht, wusste, was es mit dieser
Stelle auf sich hatte, unvorbereitet hatte sie die Stelle nicht übernommen.
Unvorbereitet kann man sie gar nicht übernehmen, sonst verliert man sie in den
ersten Stunden. Gar wenn man sich nach Art der Zimmermädchen hier aufführen
wollte! Als Zimmermädchen kommt man sich ja mit der Zeit ganz verloren und
vergessen vor; es ist eine Arbeit wie in einem Bergwerk, wenigstens im Gang der
Sekretäre ist es so, tagelang sieht man dort bis auf wenige Tagesparteien, die
hin und her huschen und nicht aufzuschauen wagen, keinen Menschen ausser den
zwei, drei anderen Zimmermädchen, und die sind ähnlich verbittert. Des Morgens
darf man überhaupt nicht aus dem Zimmer, da wollen die Sekretäre allein unter
sich sein, das Essen bringen ihnen die Knechte aus der Küche, damit haben die
Zimmermädchen gewöhnlich nichts zu tun, auch während der Essenszeit darf man
sich nicht auf dem Gang zeigen. Nur während die Herren arbeiten, dürfen die
Zimmermädchen aufräumen, aber natürlich nicht in den bewohnten, nur in den
gerade leeren Zimmern, und die Arbeit muss ganz leise geschehen, damit die Arbeit
der Herren nicht gestört wird. Aber wie ist es möglich, leise aufzuräumen, wenn
die Herren mehrere Tage lang in den Zimmern wohnen, überdies auch die Knechte,
dieses schmutzige Pack, drin herumhantieren, und das Zimmer, wenn es endlich dem
Zimmermädchen freigegeben ist, in einem solchen Zustand ist, dass nicht einmal
eine Sintflut es reinwaschen könnte. Wahrhaftig, es sind hohe Herren, aber man
muss kräftig seinen Ekel überwinden, um nach ihnen aufräumen zu können. Die
Zimmermädchen haben ja nicht übermässig viel Arbeit, aber kernige. Und niemals
ein gutes Wort, immer nur Vorwürfe, besonders dieser quälendste und häufigste:
dass beim Aufräumen Akten verlorengegangen sind. In Wirklichkeit geht nichts
verloren, jedes Papierchen liefert man beim Wirt ab, aber Akten gehen freilich
doch verloren, nur eben nicht durch die Mädchen. Und dann kommen Kommissionen,
und die Mädchen müssen ihr Zimmer verlassen, und die Kommission durchwühlt die
Betten, die Mädchen haben ja kein Eigentum, ihre wenigen Sachen haben in einem
Rückenkorb Platz, aber die Kommission sucht doch stundenlang. Natürlich findet
sie nichts, wie sollten dort Akten hinkommen? Was machen sich die Mädchen aus
Akten? Aber das Ergebnis sind doch wieder nur durch den Wirt vermittelte
Schimpfworte und Drohungen seitens der enttäuschten Kommission. Und niemals
Ruhe, nicht bei Tag, nicht bei Nacht, Lärm die halbe Nacht und Lärm vom
frühesten Morgen. Wenn man dort wenigstens nicht wohnen müsste, aber das muss man,
denn in den Zwischenzeiten je nach Bestellung Kleinigkeiten aus der Küche zu
bringen, ist doch Sache der Zimmermädchen, besonders in der Nacht. Immer
plötzlich der Faustschlag gegen die Tür der Zimmermädchen, das Diktieren der
Bestellung, das Hinunterlaufen in die Küche, das Aufrütteln der schlafenden
Küchenjungen, das Hinausstellen der Tasse mit den bestellten Dingen vor die Tür
der Zimmermädchen, woher es die Knechte holen, wie traurig ist das alles. Aber
es ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist vielmehr, wenn keine Bestellung
kommt, wenn es nämlich in tiefer Nacht, wo alles schon schlafen sollte und auch
die meisten endlich wirklich schlafen, manchmal vor der Tür der Zimmermädchen
herumzuschleichen anfängt. Dann steigen die Mädchen aus ihren Betten - die
Betten sind übereinander, es ist ja dort überall sehr wenig Raum, das ganze
Zimmer der Mädchen ist eigentlich nichts anderes als ein grosser Schrank mit drei
Fächern -, horchen an der Tür, knien nieder, umarmen einander in Angst. Und
immerfort hört man den Schleicher vor der Tür. Alle wären schon glücklich, wenn
er endlich hereinkäme, aber es geschieht nichts, niemand kommt herein. Und dabei
muss man sich sagen, dass hier nicht unbedingt eine Gefahr drohen muss, vielleicht
ist es nur jemand, der vor der Tür auf und ab geht, überlegt, ob er eine
Bestellung machen soll, und sich dann doch nicht dazu entschliessen kann.
Vielleicht ist es nur das, vielleicht aber ist es etwas ganz anderes. Eigentlich
kennt man ja die Herren gar nicht, man hat sie ja kaum gesehen. Jedenfalls
vergehen die Mädchen drinnen vor Angst und, wenn es draussen endlich still ist,
lehnen sie an der Wand und haben nicht genug Kraft, wieder in ihre Betten zu
steigen. Dieses Leben wartet wieder auf Pepi, noch heute abend soll sie wieder
ihren Platz im Mädchenzimmer beziehen. Und warum? Wegen K. und Frieda. Wieder
zurück in dieses Leben, dem sie kaum entflohen ist, dem sie zwar mit K.s Hilfe,
aber doch auch mit grösster eigener Anstrengung entflohen ist. Denn in jenem
Dienst dort vernachlässigen sich die Mädchen, auch die sonst sorgsamsten. Für
wen sollen sie sich schmücken? Niemand sieht sie, bestenfalls das Personal in
der Küche; welcher das genügt, die mag sich schmücken. Sonst aber immerfort in
ihrem Zimmerchen oder in den Zimmern der Herren, welche in reinen Kleidern auch
nur zu betreten Leichtsinn und Verschwendung ist. Und immer in dem künstlichen
Licht und in der dumpfen Luft - es wird immerfort geheizt - und eigentlich immer
müde. Den einen freien Nachmittag in der Woche verbringt man am besten, indem
man ihn in irgendeinem Verschlag in der Küche ruhig und angstlos verschläft.
Wozu sich also schmücken? Ja, man zieht sich kaum an. Und nun wurde Pepi
plötzlich in den Ausschank versetzt, wo, vorausgesetzt, dass man sich dort
behaupten wollte, gerade das Gegenteil nötig war, wo man immer unter den Augen
der Leute war, und darunter sehr verwöhnter und aufmerksamer Herren, und wo man
daher immer möglichst fein und angenehm aussehen musste. Nun, das war eine
Wendung. Und Pepi darf von sich sagen, dass sie nichts versäumt hat. Wie es sich
später gestalten würde, das machte Pepi nicht besorgt. Dass sie die Fähigkeiten
hatte, welche für diese Stelle nötig waren, das wusste sie, dessen war sie ganz
gewiss, diese Überzeugung hat sie auch noch jetzt, und niemand kann sie ihr
nehmen, auch heute, am Tage ihrer Niederlage, nicht. Nur, wie sie sich in der
allerersten Zeit bewähren würde, das war schwierig, weil sie doch ein armes
Zimmermädchen war, ohne Kleider und Schmuck, und weil die Herren nicht die
Geduld haben zu warten, wie man sich entwickelt, sondern gleich ohne Übergang
ein Ausschankmädchen haben wollen, wie es sich gebührt, sonst wenden sie sich
ab. Man sollte denken, ihre Ansprüche wären nicht gar gross, da doch Frieda sie
befriedigen konnte. Das ist aber nicht richtig. Pepi hat oft darüber
nachgedacht, ist ja auch öfter mit Frieda zusammengekommen und hat eine Zeitlang
mit ihr geschlafen. Es ist nicht leicht, Frieda auf die Spur zu kommen, und wer
nicht sehr acht gibt - und welche Herren geben denn sehr acht? -, ist von ihr
gleich irregeführt. Niemand weiss genauer als Frieda selbst, wie kläglich sie
aussieht, wenn man sie zum Beispiel zum erstenmal ihre Haare auflösen sieht,
schlägt man vor Mitleid die Hände zusammen, ein solches Mädchen dürfte, wenn es
rechtlich zuginge, nicht einmal Zimmermädchen sein; sie weiss es auch, und manche
Nacht hat sie darüber geweint, sich an Pepi gedrückt und Pepis Haare um den
eigenen Kopf gelegt. Aber wenn sie im Dienst ist, sind alle Zweifel
verschwunden, sie hält sich für die Allerschönste, und jedem weiss sie es auf die
richtige Weise einzuflössen. Sie kennt die Leute, und das ist ihre eigentliche
Kunst. Und lügt schnell und betrügt, damit die Leute nicht Zeit haben, sie
genauer anzusehen. Natürlich genügt das nicht für die Dauer, die Leute haben
doch Augen, und die würden schliesslich recht behalten. Aber in dem Augenblick,
wo sie eine solche Gefahr merkt, hat sie schon ein anderes Mittel bereit, in der
letzten Zeit zum Beispiel ihr Verhältnis mit Klamm. Ihr Verhältnis mit Klamm!
Glaubst du nicht daran, kannst du es ja nachprüfen; geh zu Klamm und frag ihn.
Wie schlau, wie schlau. Und wenn du etwa nicht wagen solltest, wegen einer
solchen Anfrage zu Klamm zu gehen und vielleicht mit unendlich wichtigeren
Anfragen nicht vorgelassen werden solltest und Klamm dir sogar völlig
verschlossen ist - nur dir und deinesgleichen, denn Frieda zum Beispiel hüpft zu
ihm hinein, wann sie will -, wenn das so ist, so kannst du die Sache trotzdem
nachprüfen, du brauchst nur zu warten! Klamm wird doch ein derartig falsches
Gerücht nicht lange dulden können, er ist doch gewiss wild dahinter her, was man
von ihm im Ausschank und in den Gastzimmern erzählt, das alles hat für ihn die
grösste Wichtigkeit, und ist es falsch, wird er es gleich richtigstellen.
    Aber er stellt es nicht richtig; nun, dann ist nichts richtigzustellen und
es ist die lautere Wahrheit. Was man sieht, ist zwar nur, dass Frieda das Bier in
Klamms Zimmer trägt und mit der Bezahlung wieder herauskommt; aber das, was man
nicht sieht, erzählt Frieda, und man muss es ihr glauben. Und sie erzählt es gar
nicht, sie wird doch nicht solche Geheimnisse ausplaudern; nein, um sie herum
plaudern sich die Geheimnisse von selbst aus, und, da sie nun einmal
ausgeplaudert sind, scheut sie sich allerdings nicht mehr, auch selbst von ihnen
zu reden, aber bescheiden, ohne irgend etwas zu behaupten, sie beruft sich nur
auf das ohnehin allgemein Bekannte. Nicht auf alles, davon zum Beispiel, dass
Klamm, seit sie im Ausschank ist, weniger Bier trinkt als früher, nicht viel
weniger Bier, aber doch deutlich weniger, davon spricht sie nicht, es kann ja
auch verschiedene Gründe haben, es ist eben eine Zeit gekommen, in der das Bier
Klamm weniger schmeckt, oder er vergisst gar über Frieda das Biertrinken.
Jedenfalls also ist, wie erstaunlich das auch sein mag, Frieda Klamms Geliebte.
Was aber Klamm genügt, wie sollten das nicht auch die anderen bewundern; und so
ist Frieda, ehe man sich dessen versieht, eine grosse Schönheit geworden, ein
Mädchen, genau so beschaffen, wie es der Ausschank braucht; ja, fast zu schön,
zu mächtig, schon genügt ihr der Ausschank kaum. Und tatsächlich - es erscheint
den Leuten merkwürdig, dass sie noch immer im Ausschank ist; ein Ausschankmädchen
zu sein ist viel, von da aus erscheint die Verbindung mit Klamm sehr
glaubwürdig, wenn aber einmal das Ausschankmädchen Klamms Geliebte ist, warum
lässt er sie, und gar so lange, im Ausschank? Warum führt er sie nicht höher? Man
kann tausendmal den Leuten sagen, dass hier kein Widerspruch besteht, dass Klamm
bestimmte Gründe hat, so zu handeln, oder dass plötzlich einmal, vielleicht schon
in allernächster Zeit, Friedas Erhöhung kommen wird, das alles macht nicht viel
Wirkung; die Leute haben bestimmte Vorstellungen und lassen sich durch alle
Kunst auf die Dauer von ihnen nicht ablenken. Es hat ja niemand mehr daran
gezweifelt, dass Frieda Klamms Geliebte ist, selbst die, welche es offenbar
besser wussten, waren schon zu müde, um zu zweifeln. Sei in Teufels Namen Klamms
Geliebte, dachten sie, aber wenn du es schon bist, dann wollen wir es auch an
deinem Aufstieg merken. Aber man merkte nichts, und Frieda blieb im Ausschank
wie bisher und war im geheimen noch sehr froh, dass es so blieb. Aber bei den
Leuten verlor sie an Ansehen, das konnte ihr natürlich nicht unbemerkt bleiben,
sie merkt ja gewöhnlich Dinge, noch ehe sie vorhanden sind. Ein wirklich
schönes, liebenswürdiges Mädchen muss, wenn es sich einmal im Ausschank eingelebt
hat, keine Künste aufwenden; solange es schön ist, wird es, wenn nicht ein
besonderer, unglücklicher Zufall eintritt, Ausschankmädchen sein. Ein Mädchen
wie Frieda aber muss immerfort um ihre Stelle besorgt sein, natürlich zeigt sie
es verständigerweise nicht, eher pflegt sie zu klagen und die Stelle zu
verwünschen. Aber im geheimen beobachtet sie die Stimmung fortwährend. Und so
sah sie, wie die Leute gleichgültig wurden, das Auftreten Friedas war nichts
mehr, was auch nur lohnte, die Augen zu heben, nicht einmal die Knechte
kümmerten sich mehr um sie, die hielten sich verständigerweise an Olga und
dergleichen Mädchen, auch am Benehmen des Wirts merkte sie, dass sie immer
weniger unentbehrlich war, immer neue Geschichten von Klamm konnte man auch
nicht erfinden, alles hat Grenzen, und so entschloss sich die gute Frieda zu
etwas Neuem. Wer nur imstande gewesen wäre, es gleich zu durchschauen! Pepi hat
es geahnt, aber durchschaut hat sie es leider nicht. Frieda entschloss sich,
Skandal zu machen, sie, die Geliebte Klamms, wirft sich irgendeinem Beliebigen,
womöglich dem Allergeringsten, hin. Das wird Aufsehen machen, davon wird man
lange reden und endlich, endlich wird man sich wieder daran erinnern, was es
bedeutet, Klamms Geliebte zu sein, und was es bedeutet, diese Ehre im Rausche
einer neuen Liebe zu verwerfen. Schwer war es nur, den geeigneten Mann zu
finden, mit dem das kluge Spiel zu spielen war. Ein Bekannter Friedas durfte es
nicht sein, nicht einmal einer von den Knechten, er hätte sie wahrscheinlich mit
grossen Augen angesehen und wäre weitergegangen, vor allem hätte er nicht genug
Ernst bewahrt, und es wäre mit aller Redefertigkeit unmöglich gewesen, zu
verbreiten, dass Frieda von ihm überfallen worden sei, sich seiner nicht habe
erwehren können und in einer besinnungslosen Stunde ihm erlegen sei. Und wenn es
auch ein Allergeringster sein sollte, so musste es doch einer sein, von dem
glaubhaft gemacht werden konnte, dass er trotz seiner stumpfen, unfeinen Art sich
doch nach niemandem anderen als gerade nach Frieda sehnte und kein höheres
Verlangen hatte, als - du lieber Himmel! - Frieda zu heiraten. Aber wenn es auch
ein gemeiner Mann sein sollte, womöglich noch niedriger als ein Knecht, viel
niedriger als ein Knecht, so doch einer, wegen dessen einen nicht jedes Mädchen
verlacht, an dem vielleicht auch ein anderes urteilsfähiges Mädchen einmal etwas
Anziehendes finden könnte. Wo findet man aber einen solchen Mann? Ein anderes
Mädchen hätte ihn wahrscheinlich ein Leben lang vergeblich gesucht. Friedas
Glück führt ihr den Landvermesser in den Ausschank, vielleicht gerade an dem
Abend, an dem ihr der Plan zum erstenmal in den Sinn kommt. Der Landvermesser!
Ja, woran denkt denn K.? Was hat er für besondere Dinge im Kopf? Wird er etwas
Besonderes erreichen? Eine gute Anstellung, eine Auszeichnung? Will er etwas
Derartiges? Nun, dann hätte er es von allem Anfang an anders anstellen müssen.
Er ist doch gar nichts, es ist ein Jammer, seine Lage anzusehen. Er ist
Landvermesser, das ist vielleicht etwas, er hat also etwas gelernt, aber wenn
man nichts damit anzufangen weiss, ist es doch auch wieder nichts. Und dabei
stellt er Ansprüche, ohne den geringsten Rückhalt zu haben, stellt er Ansprüche,
nicht geradezu, aber man merkt, dass er irgendwelche Ansprüche macht, das ist
doch aufreizend. Ob er denn wisse, dass sich sogar ein Zimmermädchen etwas
vergibt, wenn sie länger mit ihm spricht. Und mit allen diesen besonderen
Ansprüchen plumpst er gleich am ersten Abend in die gröbste Falle. Schämt er
sich denn nicht? Was hat ihn denn an Frieda so bestochen? Jetzt könnte er es
doch gestehen. Hat sie ihm denn wirklich gefallen können, dieses magere,
gelbliche Ding? Ach nein, er hat sie ja gar nicht angesehen, sie hat ihm nur
gesagt, dass sie Klamms Geliebte sei, bei ihm schlug das noch als Neuigkeit ein,
und da war er verloren! Sie aber musste nun ausziehen, jetzt war natürlich kein
Platz mehr für sie im Herrenhof. Pepi hat sie noch am Morgen vor dem Auszug
gesehen, das Personal war zusammengelaufen, neugierig auf den Anblick war doch
jeder. Und so gross war noch ihre Macht, dass man sie bedauerte; alle, auch ihre
Feinde, bedauerten sie; so richtig erwies sich schon am Anfang ihre Rechnung; an
einen solchen Mann sich weggeworfen zu haben, schien allen unbegreiflich und ein
Schicksalsschlag, die kleinen Küchenmädchen, die natürlich jedes
Ausschankmädchen bewundern, waren untröstlich. Selbst Pepi war davon berührt,
nicht einmal sie konnte sich ganz wehren, wenn auch ihre Aufmerksamkeit
eigentlich etwas anderem galt. Ihr fiel auf, wie wenig traurig Frieda eigentlich
war. Es war doch im Grunde ein entsetzliches Unglück, das sie betroffen hatte,
sie tat ja auch so, als wenn sie sehr unglücklich wäre, aber es war nicht genug,
dieses Spiel konnte Pepi nicht täuschen. Was hielt sie also aufrecht? Etwa das
Glück der neuen Liebe? Nun, diese Erwägung schied aus. Was war es aber sonst?
Was gab ihr die Kraft, sogar gegen Pepi, die damals schon als ihre Nachfolgerin
galt, kühl freundlich zu sein wie immer? Pepi hatte damals nicht genug Zeit,
darüber nachzudenken, sie hatte zuviel zu tun mit den Vorbereitungen für die
neue Stelle. Sie sollte sie wahrscheinlich in ein paar Stunden antreten und
hatte noch keine schöne Frisur, kein elegantes Kleid, keine feine Wäsche, keine
brauchbaren Schuhe. Das alles musste in ein paar Stunden beschafft werden; konnte
man sich nicht richtig ausstatten, dann war es besser, auf die Stelle überhaupt
zu verzichten, denn dann verlor man sie schon in der ersten halben Stunde ganz
gewiss. Nun, es gelang zum Teil. Fürs Frisieren hat sie eine besondere Anlage,
einmal hat die Wirtin sogar sie kommen lassen, ihr die Frisur zu machen, es ist
das eine besondere Leichtigkeit der Hand, die ihr gegeben ist, freilich fügt
sich auch ihr reiches Haar gleich, wie man nur will. Auch für das Kleid war
Hilfe da. Ihre beiden Kolleginnen hielten treu zu ihr, es ist auch eine gewisse
Ehre für sie, wenn ein Mädchen gerade aus ihrer Gruppe Ausschankmädchen wird,
und dann hätte ihnen ja Pepi später, wenn sie zur Macht gekommen wäre, manche
Vorteile verschaffen können. Eines der Mädchen hatte seit langem einen teueren
Stoff liegen, es war ihr Schatz, öfters hatte sie ihn von den anderen bewundern
lassen, träumte wohl davon, ihn einmal für sich grossartig zu verwenden und - das
war sehr schön von ihr gehandelt - jetzt, da ihn Pepi brauchte, opferte sie ihn.
Und beide halfen ihr bereitwilligst beim Nähen, hätten sie es für sich genäht,
sie hätten nicht eifriger sein können. Das war sogar eine sehr fröhliche,
beglückende Arbeit. Sie sassen, jede auf ihrem Bett, eine über der anderen,
nähten und sangen und reichten einander die fertigen Teile und das Zubehör
hinauf und hinab. Wenn Pepi daran denkt, fällt es ihr immer schwerer aufs Herz,
dass alles vergeblich war und dass sie mit leeren Händen wieder zu ihren
Freundinnen kommt! Was für ein Unglück und wie leichtsinnig verschuldet, vor
allem von K.! Wie sich damals alle freuten über das Kleid, es schien die
Bürgschaft des Gelingens, und wenn sich nachträglich noch ein Platz für ein
Bändchen fand, verschwand der letzte Zweifel. Und ist es nicht wirklich schön,
das Kleid? Es ist jetzt schon verdrückt und ein wenig fleckig, Pepi hatte eben
kein zweites Kleid, hatte Tag und Nacht dieses tragen müssen, aber noch immer
sieht man, wie schön es ist, nicht einmal die verfluchte Barnabassche brächte
ein besseres zustande. Und dass man es nach Belieben zuziehen und wieder lockern
kann, oben und unten, dass es also zwar nur ein Kleid ist, aber so veränderlich -
das ist ein besonderer Vorzug und war eigentlich ihre Erfindung. Es ist freilich
auch nicht schwer, für sie zu nähen, Pepi rühmt sich dessen nicht; jungen,
gesunden Mädchen passt ja alles. Viel schwerer war es, Wäsche und Stiefel zu
beschaffen, und hier beginnt eigentlich der Misserfolg. Auch hier halfen die
Freundinnen aus, so gut sie konnten, aber sie konnten nicht viel. Es war doch
nur grobe Wäsche, die sie zusammenbrachte und zusammenflickte, und statt
gestöckelter Stiefelchen musste es bei Hausschuhen bleiben, die man lieber
versteckt als zeigt. Man tröstete Pepi: Frieda war doch auch nicht sehr schön
angezogen, und manchmal zog sie so schlampig herum, dass die Gäste sich lieber
von den Kellerburschen servieren liessen als von ihr. So war es tatsächlich, aber
Frieda durfte das tun, sie war schon in Gunst und Ansehen; wenn eine Dame einmal
beschmutzt und nachlässig angezogen sich zeigt, so ist das um so lockender, aber
bei einem Neuling wie Pepi? Und ausserdem konnte sich Frieda gar nicht gut
anziehen, sie ist ja von allem Geschmack verlassen; hat jemand schon eine
gelbliche Haut, so muss er sie freilich behalten, aber er muss nicht, wie Frieda,
noch eine tief ausgeschnittene, cremefarbene Bluse dazu anziehen, so dass einem
vor lauter Gelb die Augen übergingen. Und selbst wenn das nicht gewesen wäre,
sie war ja zu geizig, um sich gut anzuziehen; alles, was sie verdiente, hielt
sie zusammen, niemand wusste, wofür. Sie brauchte im Dienst kein Geld, sie kam
mit Lügen und Kniffen aus, dieses Beispiel wollte und konnte Pepi nicht
nachahmen, und darum war es berechtigt, dass sie sich so schmückte, um sich ganz
zur Geltung zu bringen, gar am Beginn. Hätte sie es nur mit stärkeren Mitteln
tun können, sie wäre trotz aller Schlauheit Friedas, trotz aller Torheit K.s
Siegerin geblieben. Es fing ja auch sehr gut an. Die wenigen Handgriffe und
Kenntnisse, die nötig waren, hatte sie schon vorher in Erfahrung gebracht. Kaum
war sie im Ausschank, war sie dort schon eingelebt. Niemand vermisste bei der
Arbeit Frieda. Erst am zweiten Tag erkundigten sich manche Gäste, wo denn
eigentlich Frieda sei. Es geschah kein Fehler, der Wirt war zufrieden, den
ersten Tag war er in seiner Angst immerfort im Ausschank gewesen, später kam er
nur noch hie und da, schliesslich überliess er, da die Kasse stimmte - die
Eingänge waren durchschnittlich sogar etwas grösser als zu Friedas Zeit - Pepi
schon alles. Sie führte Neuerungen ein. Frieda hatte, nicht aus Fleiss, sondern
aus Geiz, aus Herrschsucht, aus Angst, jemandem etwas von ihren Rechten
abzutreten, auch die Knechte, zum Teil wenigstens, besonders wenn jemand zusah,
beaufsichtigt, Pepi dagegen wies diese Arbeit völlig den Kellerburschen zu, die
dafür ja auch viel besser taugen. Dadurch erübrigte sie mehr Zeit für die
Herrenzimmer, die Gäste wurden schnell bedient; trotzdem konnte sie mit jedem
noch ein paar Worte sprechen, nicht wie Frieda, die sich angeblich gänzlich für
Klamm aufbewahrte und jedes Wort, jede Annäherung eines anderen als eine
Kränkung Klamms ansah. Das war freilich auch klug, denn wenn sie einmal jemanden
an sich heranliess, war es eine unerhörte Gunst. Pepi aber hasst solche Künste,
auch sind sie am Anfang nicht brauchbar. Pepi war zu jedem freundlich, und jeder
vergalt es ihr mit Freundlichkeit. Alle waren sichtlich froh über die Änderung;
wenn sich die abgearbeiteten Herren endlich ein Weilchen zum Bier setzen dürfen,
kann man sie durch ein Wort, durch einen Blick, durch ein Zucken der Achseln
förmlich verwandeln. So eifrig fuhren alle Hände durch Pepis Locken, dass sie
wohl zehnmal im Tag ihre Frisur erneuern musste, der Verführung dieser Locken und
Maschen widersteht keiner, nicht einmal der sonst so gedankenlose K. So
verflogen aufregende, arbeitsvolle, aber erfolgreiche Tage. Wären sie nicht so
schnell verflogen, wären ihrer doch ein wenig mehr gewesen! Vier Tage sind zu
wenig, wenn man sich auch bis zur Erschöpfung anstrengt, vielleicht hätte schon
der fünfte Tag genügt, aber vier Tage waren zu wenig. Pepi hatte zwar schon in
vier Tagen Gönner und Freunde erworben, hätte sie allen Blicken trauen dürfen,
schwamm sie ja, wenn sie mit den Bierkrügen daherkam, in einem Meer von
Freundschaft, ein Schreiber namens Bartmeier ist vernarrt in sie, hat ihr dieses
Kettchen und Anhängsel verehrt und in das Anhängsel sein Bild gegeben, was
allerdings eine Keckheit war; dieses und anderes war geschehen, aber es waren
doch nur vier Tage, in vier Tagen kann, wenn Pepi sich dafür einsetzt, Frieda
fast, aber doch nicht ganz vergessen werden; und sie wäre doch vergessen worden,
vielleicht noch früher, hätte sie nicht vorsorglich durch ihren grossen Skandal
sich im Mund der Leute erhalten, sie war den Leuten dadurch neu geworden, nur
aus Neugierde hätten sie sie gerne wiedergesehen; was ihnen öde bis zum Überdruss
geworden war, hatte durch des sonst gänzlich gleichgültigen K.s Verdienst wieder
einen Reiz für sie, Pepi hätten sie dafür freilich nicht hingegeben, solange sie
dastand und durch ihre Gegenwart wirkte, aber es sind meist ältere Herren,
schwerfällig in ihren Gewohnheiten, ehe sie sich an ein neues Ausschankmädchen
gewöhnen, dauert es, und sei der Tausch noch so vorteilhaft, doch ein paar Tage,
gegen den eigenen Willen der Herren dauert es ein paar Tage, vielleicht nur fünf
Tage, aber vier Tage reichen nicht aus, Pepi galt trotz allem nur immer noch als
die Provisorische. Und dann das vielleicht grösste Unglück: In diesen vier Tagen
kam Klamm, obwohl er während der ersten beiden Tage im Dorfe war, in das
Gastzimmer nicht herunter. Wäre er gekommen, das wäre Pepis entscheidendste
Erprobung gewesen, eine Erprobung übrigens, die sie am wenigsten fürchtete, auf
die sie sich eher freute. Sie wäre - an solche Dinge rührt man freilich am
besten gar nicht mit Worten - Klamms Geliebte nicht geworden und hätte sich auch
nicht zu einer solchen hinaufgelogen, aber sie hätte zumindest so nett wie
Frieda das Bierglas auf den Tisch zu stellen gewusst, ohne Friedas
Aufdringlichkeiten hübsch gegrüsst und hübsch sich empfohlen, und wenn Klamm
überhaupt in den Augen eines Mädchens etwas sucht, er hätte es in Pepis Augen
zur völligen Sättigung gefunden. Aber warum kam er nicht? Aus Zufall? Pepi hatte
das damals auch geglaubt. Die beiden Tage lang erwartete sie ihn jeden
Augenblick, auch in der Nacht wartete sie. Jetzt wird Klamm kommen, dachte sie
immerfort und lief hin und her ohne anderen Grund als die Unruhe der Erwartung
und das Verlangen, ihn als erste sofort bei seinem Eintritt zu sehen. Diese
fortwährende Enttäuschung ermüdete sie sehr; vielleicht leistete sie deshalb
nicht so viel, als sie hätte leisten können. Sie schlich, wenn sie ein wenig
Zeit hatte, hinauf in den Korridor, den zu betreten dem Personal streng verboten
ist, dort drückte sie sich in eine Nische und wartete. Wenn doch jetzt Klamm
käme, dachte sie, wenn ich doch den Herrn aus seinem Zimmer nehmen und auf
meinen Armen in das Gastzimmer hinuntertragen könnte. Unter dieser Last würde
ich nicht zusammensinken, und wäre sie noch so gross. Aber er kam nicht. In
diesem Korridor oben ist es so still, dass man es sich gar nicht vorstellen kann,
wenn man nicht dort gewesen ist. Es ist so still, dass man es dort gar nicht
lange aushalten kann, die Stille treibt einen fort. Aber immer wieder: zehnmal
vertrieben, zehnmal wieder stieg Pepi hinauf. Es war ja sinnlos. Wenn Klamm
kommen wollte, würde er kommen, wenn er aber nicht kommen wollte, würde ihn Pepi
nicht herauslocken, auch wenn sie in der Nische vor Herzklopfen halb erstickte.
Es war sinnlos, aber wenn er nicht kam, war ja fast alles sinnlos. Und er kam
nicht. Heute weiss Pepi, warum Klamm nicht kam. Frieda hätte eine herrliche
Unterhaltung gehabt, wenn sie oben im Korridor Pepi in der Nische, beide Hände
am Herzen, hätte sehen können. Klamm kam nicht herunter, weil Frieda es nicht
zuliess. Nicht durch ihre Bitten hat sie das bewirkt, ihre Bitten dringen nicht
zu Klamm. Aber sie hat, diese Spinne, Verbindungen, von denen niemand weiss. Wenn
Pepi einem Gast etwas sagt, sagt sie es offen, auch der Nebentisch kann es
hören. Frieda hat nichts zu sagen, sie stellt das Bier auf den Tisch und geht;
nur ihr seidener Unterrock, das einzige, wofür sie Geld ausgibt, rauscht. Wenn
sie aber einmal etwas sagt, dann nicht offen, dann flüstert sie es dem Gast zu,
bückt sich hinab, dass man am Nachbartisch die Ohren spitzt. Was sie sagt, ist ja
wahrscheinlich belanglos, aber doch nicht immer, Verbindungen hat sie, stützt
die einen durch die anderen, und misslingen die meisten - wer würde sich dauernd
um Frieda kümmern? -, hält hie und da doch eine fest. Diese Verbindungen begann
sie jetzt auszunützen. K. gab ihr die Möglichkeit dazu, statt bei ihr zu sitzen
und sie zu bewachen, hält er sich kaum zu Hause auf, wandert herum, hat
Besprechungen hier und dort, für alles hat er Aufmerksamkeit, nur nicht für
Frieda, und um ihr schliesslich noch mehr Freiheit zu geben, übersiedelt er aus
dem Brückenhof in die leere Schule. Das alles ist ja ein schöner Anfang der
Flitterwochen. Nun, Pepi ist gewiss die letzte, die K. Vorwürfe deshalb machen
wird, dass er es nicht bei Frieda ausgehalten hat; man kann es bei ihr nicht
aushalten. Aber warum hat er sie dann nicht ganz verlassen, warum ist er immer
wieder zu ihr zurückgekehrt, warum hat er durch seine Wanderungen den Anschein
erweckt, dass er für sie kämpft? Es sah ja aus, als habe er erst durch die
Berührung mit Frieda seine tatsächliche Nichtigkeit entdeckt, wolle sich Friedas
würdig machen, wolle sich irgendwie hinaufhaspeln, verzichte deshalb vorläufig
auf das Beisammensein, um sich später ungestört für die Entbehrungen
entschädigen zu dürfen. Inzwischen verliert Frieda nicht die Zeit, sie sitzt in
der Schule, wohin sie ja K. wahrscheinlich gelenkt hat, und beobachtet den
Herrenhof und beobachtet K. Boten hat sie ausgezeichnete zur Hand: K.s Gehilfen,
die ihr - man begreift es nicht, selbst wenn man K. kennt, begreift man's nicht
- K. gänzlich überlässt. Sie schickt sie zu ihren alten Freunden, bringt sich in
Erinnerung, klagt darüber, dass sie von einem Mann wie K. gefangengehalten ist,
hetzt gegen Pepi, verkündet ihre baldige Ankunft, bittet um Hilfe, beschwört
sie, Klamm nichts zu verraten, tut so, als müsse Klamm geschont werden und dürfe
daher auf keinen Fall in den Ausschank hinuntergelassen werden. Was sie dem
einen gegenüber als Schonung Klamms ausgibt, nützt sie dem Wirt gegenüber als
ihren Erfolg aus, macht darauf aufmerksam, dass Klamm nicht mehr kommt. Wie
könnte er denn kommen, wenn unten nur eine Pepi bedient? Zwar hat der Wirt keine
Schuld, diese Pepi war immerhin noch der beste Ersatz, der zu finden war, nur
genügt er nicht, nicht einmal für ein paar Tage. Von dieser ganzen Tätigkeit
Friedas weiss K. nichts; wenn er nicht herumwandert, liegt er ahnungslos zu ihren
Füssen, während sie die Stunden zählt, die sie noch vom Ausschank trennen. Aber
nicht nur diesen Botendienst leisten die Gehilfen, sie dienen auch dazu, K.
eifersüchtig zu machen, ihn warmzuhalten! Seit ihrer Kindheit kennt Frieda die
Gehilfen, Geheimnisse haben sie gewiss keine mehr voreinander, aber K. zu Ehren
fangen sie an, sich nacheinander zu sehnen, und es entsteht für K. die Gefahr,
dass es eine grosse Liebe wird. Und K. tut Frieda alles zu Gefallen, auch das
Widersprechendste, er lässt sich von den Gehilfen eifersüchtig machen, duldet
aber doch, dass alle drei beisammen bleiben, während er allein auf seine
Wanderungen geht. Es ist fast, als sei er Friedas dritter Gehilfe. Da
entscheidet sich Frieda endlich auf Grund ihrer Beobachtungen zum grossen Schlag:
Sie beschliesst zurückzukehren. Und es ist wirklich höchste Zeit, es ist
bewunderungswürdig, wie Frieda, die Schlaue, dieses erkennt und ausnützt; diese
Kraft der Beobachtung und des Entschlusses sind Friedas unnachahmbare Kunst;
wenn Pepi sie hätte, wie anders würde ihr Leben verlaufen. Wäre Frieda noch ein,
zwei Tage länger in der Schule geblieben, ist Pepi nicht mehr zu vertreiben, ist
endgültig Ausschankmädchen, von allen geliebt und gehalten, hat genug Geld
verdient, um die notdürftige Ausstattung blendend zu ergänzen, noch ein, zwei
Tage, und Klamm ist durch keine Ränke mehr vom Gastzimmer abzuhalten, kommt,
trinkt, fühlt sich behaglich und ist, wenn er Friedas Abwesenheit überhaupt
bemerkt, mit der Veränderung hoch zufrieden, noch ein, zwei Tage, und Frieda mit
ihrem Skandal, mit ihren Verbindungen, mit den Gehilfen, mit allem, ist ganz und
gar vergessen, niemals kommt sie mehr hervor. Dann könnte sie sich vielleicht
desto fester an K. halten und könnte, vorausgesetzt, dass sie dessen fähig ist,
ihn wirklich liebenlernen? Nein, auch das nicht. Denn mehr als einen Tag braucht
auch K. nicht mehr, um ihrer überdrüssig zu werden, um zu erkennen, wie
schmählich sie ihn täuscht, mit allem, mit ihrer angeblichen Schönheit, ihrer
angeblichen Treue und am meisten mit der angeblichen Liebe Klamms; nur einen Tag
noch, nicht mehr, braucht er, um sie mit der ganzen schmutzigen
Gehilfenwirtschaft aus dem Hause zu jagen; man denke, nicht einmal K. braucht
mehr. Und da, zwischen diesen beiden Gefahren, da sich förmlich schon das Grab
über ihr zu schliessen anfängt - K. in seiner Einfalt hält ihr noch den letzten,
schmalen Weg frei -, da brennt sie durch - das hat kaum jemand mehr erwartet, es
geht gegen die Natur -, plötzlich ist sie es, die K., den noch immer sie
liebenden, immer sie verfolgenden, fortjagt und unter dem nachhelfenden Druck
der Freunde und Gehilfen dem Wirt als Retterin erscheint, durch ihren Skandal
viel lockender als früher, erwiesenermassen begehrt von den Niedrigsten wie von
den Höchsten, dem Niedrigen aber nur für einen Augenblick verfallen, bald ihn
fortstossend, wie es sich gehört, und ihm und allen wieder unerreichbar wie
früher; nur dass man früher das alles schon mit Recht bezweifelte, jetzt aber
wieder überzeugt worden ist. So kommt sie zurück, der Wirt, mit einem
Seitenblick auf Pepi, zögert - soll er sie opfern, die sich so bewährt hat? -,
aber bald ist er überredet, zuviel spricht für Frieda und vor allem, sie wird ja
Klamm für die Gastzimmer zurückgewinnen. dabei halten wir jetzt, abends. Pepi
wird nicht warten, bis Frieda kommt und aus der Übernahme der Stelle einen
Triumph macht. Die Kasse hat sie der Wirtin schon übergeben, sie kann gehen. Das
Bettfach unten in dem Mädchenzimmer ist für sie bereit, sie wird hinkommen, von
den weinenden Freundinnen begrüsst, wird sich das Kleid vom Leib, die Bänder aus
den Haaren reissen und alles in einen Winkel stopfen, wo es gut verborgen ist und
nicht unnötig an Zeiten erinnert, die vergessen bleiben sollen. Dann wird sie
den grossen Eimer und den Besen nehmen, die Zähne zusammenbeissen und an die
Arbeit gehen. Vorläufig aber musste sie noch alles K. erzählen, damit er, der
ohne Hilfe auch jetzt dies noch nicht erkannt hätte, einmal deutlich sieht, wie
hässlich er an Pepi gehandelt und wie unglücklich er sie gemacht habe. Freilich,
auch er ist dabei nur missbraucht worden.
    Pepi hatte geendet. Sie wischte sich aufatmend ein paar Tränen von den Augen
und Wangen und sah dann K. kopfnickend an, so, als wolle sie sagen, im Grunde
handle es sich gar nicht um ihr Unglück, sie werde es tragen und brauche hierzu
weder Hilfe noch Trost irgend jemandes und K.s am wenigsten, sie kenne trotz
ihrer Jugend das Leben, und ihr Unglück sei nur eine Bestätigung ihrer
Kenntnisse, aber um K. handle es sich, ihm habe sie ein Bild vorhalten wollen,
noch nach dem Zusammenbrechen aller ihrer Hoffnungen habe sie das zu tun für
nötig gehalten. »Was für eine wilde Phantasie du hast, Pepi«, sagte K. »Es ist
ja gar nicht wahr, dass du erst jetzt alle diese Dinge entdeckt hast; das ist ja
nichts anderes als Träume aus euerem dunklen, engen Mädchenzimmer unten, die
dort an ihrem Platz sind, hier aber, im freien Ausschank, sich sonderbar
ausnehmen. Mit solchen Gedanken konntest du dich hier nicht behaupten, das ist
ja selbstverständlich. Schon dein Kleid und deine Frisur, deren du dich so
rühmst, sind nur Ausgeburten jenes Dunkels und jener Betten in euerem Zimmer,
dort sind sie gewiss sehr schön, hier aber lacht jeder im geheimen oder offen
darüber. Und was erzählst du sonst? Ich sei also missbraucht und betrogen worden?
Nein, liebe Pepi, ich bin so wenig missbraucht und betrogen worden wie du. Es ist
richtig, Frieda hat mich gegenwärtig verlassen oder ist, wie du es ausdrückst,
mit einem Gehilfen durchgebrannt, einen Schimmer der Wahrheit siehst du, und es
ist auch wirklich sehr unwahrscheinlich, dass sie noch meine Frau werden wird,
aber es ist ganz und gar unwahr, dass ich ihrer überdrüssig geworden wäre oder
sie gar am nächsten Tag schon verjagt hätte oder dass sie mich betrogen hätte,
wie sonst vielleicht eine Frau einen Mann betrügt. Ihr Zimmermädchen seid
gewohnt, durch das Schlüsselloch zu spionieren, und davon behaltet ihr die
Denkweise, von einer Kleinigkeit, die ihr wirklich seht, ebenso grossartig wie
falsch auf das Ganze zu schliessen. Die Folge dessen ist, dass ich zum Beispiel in
diesem Fall viel weniger weiss als du. Ich kann bei weitem nicht so genau wie du
erklären, warum Frieda mich verlassen hat. Die wahrscheinlichste Erklärung
scheint mir die auch von dir gestreifte, aber nicht ausgenützte, dass ich sie
vernachlässigt habe. Das ist leider wahr, ich habe sie vernachlässigt, aber das
hatte besondere Gründe, die nicht hierher gehören; ich wäre glücklich, wenn sie
zu mir zurückkäme, aber ich würde gleich wieder anfangen, sie zu
vernachlässigen. Es ist so. Da sie bei mir war, bin ich immerfort auf den von
dir verlachten Wanderungen gewesen; jetzt, da sie weg ist, bin ich fast
beschäftigungslos, bin müde, habe Verlangen nach immer vollständigerer
Beschäftigungslosigkeit. Hast du keinen Rat für mich, Pepi?« - »Doch«, sagte
Pepi, plötzlich lebhaft werdend und K. bei den Schultern fassend, »wir sind
beide die Betrogenen, bleiben wir beisammen. Komm mit hinunter zu den Mädchen!«
- »Solange du über Betrogenwerden klagst«, sagte K., »kann ich mich nicht mit
dir verständigen. Du willst immerfort betrogen worden sein, weil dir das
schmeichelt und weil es dich rührt. Die Wahrheit aber ist, dass du für diese
Stelle nicht geeignet bist. Wie klar muss diese Nichteignung sein, wenn sogar
ich, der deiner Meinung nach Unwissendste, das einsehe. Du bist ein gutes
Mädchen, Pepi, aber es ist nicht ganz leicht, das zu erkennen, ich zum Beispiel
habe dich zuerst für grausam und hochmütig gehalten, das bist du aber nicht, es
ist nur die Stelle, welche dich verwirrt, weil du für sie nicht geeignet bist.
Ich will nicht sagen, dass die Stelle für dich zu hoch ist; es ist ja keine
ausserordentliche Stelle, vielleicht ist sie, wenn man genau hinsieht, etwas
ehrenvoller als deine frühere Stelle, im ganzen aber ist der Unterschied nicht
gross, beide sind eher zum Verwechseln einander ähnlich; ja, man könnte fast
behaupten, dass Zimmermädchensein dem Ausschank vorzuziehen wäre, denn dort ist
man immer unter Sekretären, hier dagegen muss man, wenn man auch in den
Gastzimmern die Vorgesetzten der Sekretäre bedienen darf, doch auch mit ganz
niedrigem Volk sich abgeben, zum Beispiel mit mir; ich darf ja von Rechts wegen
gar nicht anderswo mich aufhalten als eben hier im Ausschank, und die
Möglichkeit, mit mir zu verkehren, sollte so über alle Massen ehrenvoll sein?
Nun, dir scheint es so, und vielleicht hast du auch Gründe dafür. Aber eben
deshalb bist du ungeeignet. Es ist eine Stelle wie eine andere, für dich aber
ist sie das Himmelreich, infolgedessen fasst du alles mit übertriebenem Eifer an,
schmückst dich, wie deiner Meinung nach die Engel geschmückt sind - sie sind
aber in Wirklichkeit anders -, zitterst für die Stelle, fühlst dich immerfort
verfolgt, suchst alle, die deiner Meinung nach dich stützen könnten, durch
übergrosse Freundlichkeiten zu gewinnen, störst sie aber dadurch und stösst sie
ab, denn sie wollen im Wirtshaus Frieden und nicht zu ihren Sorgen noch die
Sorgen der Ausschankmädchen. Es ist nur möglich, dass nach Friedas Abgang niemand
von den hohen Gästen das Ereignis eigentlich gemerkt hat, heute aber wissen sie
davon und sehnen sich wirklich nach Frieda, denn Frieda hat alles doch wohl ganz
anders geführt. Wie sie auch sonst sein mag und wie sie auch ihre Stelle zu
schätzen wusste, im Dienst war sie vielerfahren, kühl und beherrscht, du hebst es
ja selbst hervor, ohne allerdings von der Lehre zu profitieren. Hast du einmal
ihren Blick beachtet? Das war schon gar nicht mehr der Blick eines
Ausschankmädchens, das war schon fast der Blick einer Wirtin. Alles sah sie und
dabei auch jeden einzelnen, und der Blick, der für den einzelnen übrigblieb, war
noch stark genug, um ihn zu unterwerfen. Was lag daran, dass sie vielleicht ein
wenig mager, ein wenig ältlich war, dass man sich reineres Haar vorstellen
konnte, das sind Kleinigkeiten, verglichen mit dem, was sie wirklich hatte, und
derjenige, welchen diese Mängel gestört hatten, hätte damit nur gezeigt, dass ihm
der Sinn für Grösseres fehlte. Klamm kann man dies gewiss nicht vorwerfen, und es
ist nur der falsche Gesichtswinkel eines jungen, unerfahrenen Mädchens, der dich
an Klamms Liebe zu Frieda nicht glauben lässt. Klamm scheint dir - und dies mit
Recht - unerreichbar, und deshalb glaubst du, auch Frieda hätte an Klamm nicht
herankommen können. Du irrst. Ich würde darin allein Friedas Wort vertrauen,
selbst wenn ich nicht untrügliche Beweise dafür hätte. So unglaublich es dir
vorkommt und so wenig du es mit deinen Vorstellungen von Welt und Beamtentum und
Vornehmheit und Wirkung der Frauenschönheit vereinen kannst, es ist doch wahr,
so wie wir hier nebeneinander sitzen und ich deine Hand zwischen die meinen
nehme, so sassen wohl, als sei es die selbstverständlichste Sache von der Welt,
auch Klamm und Frieda nebeneinander, und er kam freiwillig herunter, ja eilte
sogar herab, niemand lauerte ihm im Korridor auf und vernachlässigte die übliche
Arbeit, Klamm musste sich selbst bemühen herabzukommen, und die Fehler in Friedas
Kleidung, vor denen du dich entsetzt hättest, störten ihn gar nicht. Du willst
ihr nicht glauben! Und weisst nicht, wie du dich damit blossstellst, wie du gerade
damit deine Unerfahrenheit zeigst! Selbst jemand, der gar nichts von dem
Verhältnis zu Klamm wüsste, müsste an ihrem Wesen erkennen, dass es jemand geformt
hat, der mehr war als du und ich und alles Volk im Dorfe, und dass ihre
Unterhaltungen über die Scherze hinausgingen, wie sie zwischen Gästen und
Kellnerinnen üblich sind und das Ziel deines Lebens scheinen. Aber ich tue dir
Unrecht. Du erkennst ja selbst sehr gut Friedas Vorzüge, merkst ihre
Beobachtungsgabe, ihre Entschlusskraft, ihren Einfluss auf die Menschen, nur
deutest du freilich alles falsch, glaubst, dass sie alles eigensüchtig nur zu
ihrem Vorteil und zum Bösen verwende oder gar als Waffe gegen dich. Nein, Pepi,
selbst wenn sie solche Pfeile hätte, auf so kleine Entfernung könnte sie sie
nicht abschiessen. Und eigensüchtig? Eher könnte man sagen, dass sie unter
Aufopferung dessen, was sie hatte, und dessen, was sie erwarten durfte, uns
beiden die Gelegenheit gegeben hat, uns auf höherem Posten zu bewähren, dass wir
beide aber sie enttäuscht haben und sie geradezu zwingen, wieder hierher
zurückzukehren. Ich weiss nicht, ob es so ist, auch ist mir meine Schuld gar
nicht klar, nur wenn ich mich mit dir vergleiche, taucht mir etwas Derartiges
auf, so, als ob wir uns beide zu sehr, zu lärmend, zu kindisch, zu unerfahren
bemüht hätten, um etwas, das zum Beispiel mit Friedas Ruhe, mit Friedas
Sachlichkeit leicht und unmerklich zu gewinnen ist, durch Weinen, durch Kratzen,
durch Zerren zu bekommen - so, wie ein Kind am Tischtuch zerrt, aber nichts
gewinnt, sondern nur die ganze Pracht hinunterwirft und sie sich für immer
unerreichbar macht -; ich weiss nicht, ob es so ist, aber dass es eher so ist, als
wie du es erzählst, das weiss ich.« - »Nun ja«, sagte Pepi, »du bist verliebt in
Frieda, weil sie dir weggelaufen ist; es ist nicht schwer, in sie verliebt zu
sein, wenn sie weg ist. Aber mag es sein, wie du willst, und magst du in allem
recht haben, auch darin, dass du mich lächerrlich machst, was willst du jetzt tun?
Frieda hat dich verlassen, weder nach meiner Erklärung noch nach deiner hast du
Hoffnung, dass sie zu dir zurückkommt, und selbst wenn sie kommen sollte,
irgendwo musst du die Zwischenzeit verbringen, es ist kalt, und du hast weder
Arbeit noch Bett, komm zu uns, meine Freundinnen werden dir gefallen, wir werden
es dir behaglich machen, du wirst uns bei der Arbeit helfen, die wirklich für
Mädchen allein zu schwer ist, wir Mädchen werden nicht auf uns angewiesen sein
und in der Nacht nicht mehr Angst leiden. Komm zu uns! Auch meine Freundinnen
kennen Frieda, wir werden dir von ihr Geschichten erzählen, bis du dessen
überdrüssig geworden bist. Komm doch! Auch Bilder von Frieda haben wir und
werden sie dir zeigen. Damals war Frieda noch bescheidener als heute, du wirst
sie kaum wiedererkennen, höchstens an ihren Augen, die schon damals gelauert
haben. Nun, wirst du also kommen?« - »Ist es denn erlaubt? Gestern gab es doch
noch den grossen Skandal, weil ich auf euerem Gang ertappt worden bin.« - »Weil
du ertappt wurdest, aber wenn du bei uns bist, wirst du nicht ertappt werden.
Niemand wird von dir wissen, nur wir drei. Ah, es wird lustig sein. Schon kommt
mir das Leben dort viel erträglicher vor als vor einem Weilchen noch. Vielleicht
verliere ich jetzt gar nicht so viel dadurch, dass ich von hier fort muss. Du, wir
haben uns auch zu dritt nicht gelangweilt, man muss sich das bittere Leben
versüssen, es wird uns ja schon in der Jugend bitter gemacht, nun, wir drei
halten zusammen, wir leben so hübsch, als es dort möglich ist, besonders
Henriette wird dir gefallen, aber auch Emilie, ich habe ihnen schon von dir
erzählt, man hört dort solche Geschichten ungläubig an, als könne ausserhalb des
Zimmers eigentlich nichts geschehen, warm und eng ist es dort, und wir drücken
uns noch enger aneinander; nein, obwohl wir aufeinander angewiesen sind, sind
wir einander nicht überdrüssig geworden; im Gegenteil, wenn ich an die
Freundinnen denke, ist es mir fast recht, dass ich wieder zurückkomme; warum soll
ich es weiterbringen als sie? Das war es ja eben, was uns zusammenhielt, dass uns
allen dreien die Zukunft in gleicher Weise versperrt war, und nun bin ich doch
durchgebrochen und war von ihnen abgetrennt. Freilich, ich habe sie nicht
vergessen, und es war meine nächste Sorge, wie ich etwas für sie tun könnte;
meine eigene Stellung war noch unsicher - wie unsicher sie war, wusste ich gar
nicht -, und schon sprach ich mit dem Wirt über Henriette und Emilie.
Hinsichtlich Henriettes war der Wirt nicht ganz unnachgiebig, für Emilie, die
viel älter als wir ist, sie ist etwa in Friedas Alter, gab er mir allerdings
keine Hoffnung. Aber denk nur, sie wollen ja gar nicht fort, sie wissen, dass es
ein elendes Leben ist, das sie dort führen, aber sie haben sich schon gefügt,
die guten Seelen, ich glaube, ihre Tränen beim Abschied galten am meisten der
Trauer darüber, dass ich das gemeinsame Zimmer verlassen musste, in die Kälte
hinausging - uns scheint dort alles kalt, was ausserhalb des Zimmers ist - und in
den grossen, fremden Räumen mit grossen, fremden Menschen mich herumschlagen
müsse, zu keinem anderen Zweck, als um das Leben zu fristen, was mir doch auch
in der gemeinsamen Wirtschaft bisher gelungen war. Sie werden wahrscheinlich gar
nicht staunen, wenn ich jetzt zurückkomme, und nur um mir nachzugeben, werden
sie ein wenig weinen und mein Schicksal beklagen. Aber dann werden sie dich
sehen und merken, dass es doch gut gewesen ist, dass ich fort war. Dass wir jetzt
einen Mann als Helfer und Schutz haben, wird sie glücklich machen, und geradezu
entzückt werden sie darüber sein, dass alles ein Geheimnis bleiben muss und dass
wir durch dieses Geheimnis noch enger verbunden sein werden als bisher. Komm, o
bitte, komm zu uns! Es entsteht ja keine Verpflichtung für dich, du wirst nicht
an unser Zimmer für immer gebunden sein, so wie wir. Wenn es dann Frühjahr wird
und du anderswo ein Unterkommen findest und es dir bei uns nicht mehr gefällt,
kannst du ja gehen; nur allerdings das Geheimnis musst du auch dann wahren und
nicht etwa uns verraten, denn das wäre dann unsere letzte Stunde im Herrenhof,
und auch sonst musst du natürlich, wenn du bei uns bist, vorsichtig sein, dich
nirgends zeigen, wo wir es nicht für ungefährlich ansehen, und überhaupt unseren
Ratschlägen folgen; das ist das einzige, was dich bindet, und daran muss dir ja
auch ebenso gelegen sein wie uns, sonst aber bist du völlig frei, die Arbeit,
die wir dir zuteilen werden, wird nicht zu schwer sein, davor fürchte dich
nicht. Kommst du also?« - »Wie lange haben wir noch bis zum Frühjahr?« fragte K.
»Bis zum Frühjahr?« wiederholte Pepi. »Der Winter ist bei uns lang, ein sehr
langer Winter und einförmig. Darüber aber klagen wir unten nicht, gegen den
Winter sind wir gesichert. Nun, einmal kommt auch das Frühjahr und der Sommer,
und es hat wohl auch seine Zeit; aber in der Erinnerung, jetzt, scheint Frühjahr
und Sommer so kurz, als wären es nicht viel mehr als zwei Tage, und selbst an
diesen Tagen, auch durch den allerschönsten Tag, fällt dann noch manchmal
Schnee.«
    Da öffnete sich die Tür. Pepi zuckte zusammen, sie hatte sich in Gedanken zu
sehr aus dem Ausschank entfernt, aber es war nicht Frieda, es war die Wirtin.
Sie tat erstaunt, K. noch hier zu finden. K. entschuldigte sich damit, dass er
auf die Wirtin gewartet habe, gleichzeitig dankte er dafür, dass es ihm erlaubt
worden war, hier zu übernachten. Die Wirtin verstand nicht, warum K. auf sie
gewartet habe. K. sagte, er hätte den Eindruck gehabt, dass die Wirtin noch mit
ihm sprechen wolle, er bitte um Entschuldigung, wenn das ein Irrtum gewesen sei,
übrigens müsse er nun allerdings gehen, allzulange habe er die Schule, wo er
Diener sei, sich selbst überlassen, an allem sei die gestrige Vorladung schuld,
er habe noch zu wenig Erfahrung in diesen Dingen, es werde gewiss nicht wieder
geschehen, dass er der Frau Wirtin solche Unannehmlichkeiten mache wie gestern.
Und er verbeugte sich, um zu gehen. Die Wirtin sah ihn an, mit einem Blick, als
träume sie. Durch den Blick wurde K. auch länger festgehalten, als er wollte.
Nun lächelte sie auch noch ein wenig, und erst durch K.s erstauntes Gesicht
wurde sie gewissermassen geweckt; es war, als hätte sie eine Antwort auf ihr
Lächeln erwartet und erst jetzt, da sie ausblieb, erwache sie. »Du hattest
gestern, glaube ich, die Keckheit, etwas über mein Kleid zu sagen.« K. konnte
sich nicht erinnern. »Du kannst dich nicht erinnern? Zur Keckheit gehört dann
hinterher die Feigheit.« K. entschuldigte sich mit seiner gestrigen Müdigkeit,
es sei gut möglich, dass er gestern etwas geschwätzt habe, jedenfalls könne er
sich nicht mehr erinnern. Was hätte er auch über der Frau Wirtin Kleider haben
sagen können? Dass sie so schön seien, wie er noch nie welche gesehen habe.
Zumindest habe er noch keine Wirtin in solchen Kleidern bei der Arbeit gesehen.
»Lass diese Bemerkungen!« sagte die Wirtin schnell. »Ich will von dir kein Wort
mehr über die Kleider hören. Du hast dich nicht um meine Kleider zu kümmern. Das
verbiete ich dir ein für allemal.« K. verbeugte sich nochmals und ging zur Tür.
»Was soll denn das heissen«, rief die Wirtin hinter ihm her, »dass du in solchen
Kleidern noch keine Wirtin bei der Arbeit gesehen hast? Was sollen solche
sinnlosen Bemerkungen? Das ist doch völlig sinnlos. Was willst du damit sagen?«
K. wandte sich um und bat die Wirtin, sich nicht aufzuregen. Natürlich sei die
Bemerkung sinnlos. Er verstehe doch auch gar nichts von Kleidern. In seiner Lage
erscheine ihm schon jedes ungeflickte und reine Kleid kostbar. Er sei nur
erstaunt gewesen, die Frau Wirtin dort, im Gang, in der Nacht, unter allen den
kaum angezogenen Männern in einem so schönen Abendkleid erscheinen zu sehen,
nichts weiter. »Nun also«, sagte die Wirtin, »endlich scheinst du dich doch an
deine gestrige Bemerkung zu erinnern. Und vervollständigst sie durch weiteren
Unsinn. Dass du nichts von Kleidern verstehst, ist richtig. Dann aber unterlasse
auch - darum will ich dich ernstlich gebeten haben -, darüber abzuurteilen, was
kostbare Kleider sind oder unpassende Abendkleider und dergleichen... Überhaupt«
- hierbei war es, als überliefe sie ein Kälteschauer - »sollst du dir nichts an
meinen Kleidern zu schaffen machen, hörst du?« Und als K. sich schweigend wieder
umwenden wollte, fragte sie: »Woher hast du denn dein Wissen von den Kleidern?«
K. zuckte die Achseln, er habe kein Wissen. »Du hast keines«, sagte die Wirtin.
»Du sollst dir aber auch keines anmassen. Komm hinüber in das Kontor, ich werde
dir etwas zeigen, dann wirst du deine Keckheiten hoffentlich für immer
unterlassen.« Sie ging voraus durch die Tür; Pepi sprang zu K., unter dem
Vorwand, von K. die Zahlung zu bekommen, verständigten sie sich schnell, es war
sehr leicht, da K. den Hof kannte, dessen Tor in die Seitenstrasse führte, neben
dem Tor war ein kleines Pförtchen, hinter dem wollte Pepi in einer Stunde etwa
stehen und es auf dreimaliges Klopfen öffnen.
    Das Privatkontor lag gegenüber dem Ausschank, nur der Flur war zu
durchqueren, die Wirtin stand schon im beleuchteten Kontor und sah ungeduldig K.
entgegen. Es gab aber noch eine Störung. Gerstäcker hatte im Flur gewartet und
wollte mit K. sprechen. Es war nicht leicht, ihn abzuschütteln, auch die Wirtin
half mit und verwies Gerstäcker seine Zudringlichkeit. »Wohin denn? Wohin denn?«
hörte man Gerstäcker noch rufen, als die Tür schon geschlossen war, und die
Worte vermischten sich hässlich mit Seufzern und Husten.
    Es war ein kleines, überheiztes Zimmer. An den Schmalwänden standen ein
Stehpult und eine eiserne Kasse, an den Längswänden ein Kasten und eine
Ottomane. Am meisten Raum nahm der Kasten in Anspruch; nicht nur, dass er die
ganze Längswand ausfüllte, auch durch seine Tiefe engte er das Zimmer sehr ein,
drei Schiebetüren waren nötig, ihn völlig zu öffnen. Die Wirtin zeigte auf die
Ottomane, dass sich K. setzen möge, sie selbst setzte sich auf den Drehsessel
beim Pult. »Hast du nicht einmal Schneiderei gelernt?« fragte die Wirtin. -
»Nein, niemals«, sagte K. - »Was bist du denn eigentlich.?« - »Landvermesser.« -
»Was ist denn das?« K. erklärte es, die Erklärung machte sie gähnen. »Du sagst
nicht die Wahrheit. Warum sagst du denn nicht die Wahrheit?« - »Auch du sagst
sie nicht.« - »Ich? Du beginnst wohl wieder mit deinen Keckheiten? Und wenn ich
sie nicht sagte - habe ich mich denn vor dir zu verantworten? Und worin sage ich
denn nicht die Wahrheit?« - »Du bist nicht nur Wirtin, wie du vorgibst.« - »Sieh
mal! Du bist voll Entdeckungen! Was bin ich denn noch? Deine Keckheiten nehmen
nun aber schon wahrhaftig überhand.« - »Ich weiss nicht, was du sonst bist. Ich
sehe nur, dass du eine Wirtin bist und ausserdem Kleider trägst, die nicht für
eine Wirtin passen und wie sie auch sonst meines Wissens niemand hier im Dorfe
trägt.« - »Nun also kommen wir zu dem Eigentlichen. Du kannst es ja nicht
verschweigen, vielleicht bist du gar nicht keck, du bist nur wie ein Kind, das
irgendeine Dummheit weiss und durch nichts dazu gebracht werden könnte, sie zu
verschweigen. Rede also! Was ist das Besondere dieser Kleider?« - »Du wirst böse
sein, wenn ich es sage.« - »Nein, ich werde darüber lachen, es wird ja
kindliches Geschwätz sein. Wie sind also die Kleider?« - »Du willst es wissen.
Nun, sie sind aus gutem Material, recht kostbar, aber sie sind veraltet,
überladen, oft überarbeitet, abgenützt und passen weder für deine Jahre noch
deine Gestalt, noch deine Stellung. Sie sind mir aufgefallen, gleich als ich
dich das erstemal sah, es war vor einer Woche etwa, hier, im Flur.« - »Da haben
wir es also! Sie sind veraltet, überladen und was denn noch? Und woher willst du
das alles wissen?« - »Das sehe ich, dazu braucht man keine Belehrung.« - »Das
siehst du ohne weiteres. Du musst nirgends nachfragen und weisst gleich, was die
Mode verlangt. Da wirst du mir ja unentbehrlich werden, denn für schöne Kleider
habe ich allerdings eine Schwäche. Und was wirst du dazu sagen, dass dieser
Schrank voll von Kleidern ist?« Sie stiess die Schiebetüren beiseite, man sah ein
Kleid gedrängt am anderen, dicht in der ganzen Breite des Schrankes, es waren
meist dunkle, graue, braune, schwarze Kleider, alle sorgfältig aufgehängt und
ausgebreitet. »Das sind meine Kleider, alle veraltet, überladen, wie du meinst.
Es sind aber nur die Kleider, für die ich oben in meinem Zimmer keinen Platz
habe, dort habe ich noch zwei Schränke voll, zwei Schränke, jeder fast so gross
wie dieser. Staunst du?«
    »Nein, ich habe etwas Ähnliches erwartet; ich sagte ja, dass du nicht nur
Wirtin bist, du zielst auf etwas anderes ab.«
    »Ich ziele nur darauf ab, mich schön zu kleiden, und du bist entweder ein
Narr oder ein Kind oder ein sehr böser, gefährlicher Mensch. Geh, nun geh
schon!« K. war schon im Flur, und Gerstäcker hielt ihn wieder am Ärmel fest, als
die Wirtin ihm nachrief: »Ich bekomme morgen ein neues Kleid, vielleicht lasse
ich dich holen.«
 
    