
        
                                  Ludwig Toma
                                   Der Ruepp
                                     Roman
                                  Erstes Kapitel
Ein Sonntag mitten in der Ernte wäre eigentlich zum Ausruhen gut gewesen, denn
es lag viel Arbeit hinter Mensch und Vieh, und nicht weniger stand bevor. Wenn
man durch Weidach ging, breitete sich auch diese feiertägliche Rast wohltuend um
die Bauernhöfe aus; ein altes Weibl sass auf der Hausbank und stopfte an einem
blitzblauen Socken herum, daneben stand die Junge im Putz bei der Nachbarin; sie
hatte sich nach dem Rosenkranz noch nicht ausgezogen, weil sie ein langer,
ausgiebiger Ratsch aufhielt.
    In den Ställen herrschte die friedlichste Stille; wer so einem Ochsen
zuschaute, wie er auf dem Stroh lag und nachdenklich wiederkäute, der konnte
glauben, dass das Vieh den Genuss des Ausrastens am besten verstand. Jedenfalls
viel besser wie die Bauern, die in der rauchigen Wirtsstube hockten und soviel
tranken, dass ihnen die Frühstunde am Montag die wehleidigste der ganzen Woche
werden musste.
    Die jungen Burschen und Knechte lärmten in der Kegelstatt neben dem
Wirtshaus. Vor einer die Kugel auf den Laden setzte, fluchte er; warf er wenig
Kegel um, fluchte er, und warf er viele um, fluchte er auch.
    Ein paar Mädeln gingen auf der Strasse, steckten die Köpfe zusammen und taten
so, als bekümmerten sie sich kein bissel um die Burschenschaft, obgleich sie
bloss derentwegen vorbeischlichen.
    Ein Knechtl tat ihnen den Gefallen und pfiff gellend durch die Finger.
    »D' Ecker Zenzi! Und d' Liebhardt Nanni. Da geht's zuawa!
Herrgottsaggerament! Wiah, macht's amal, geht's zuawa!«
    Ein paar andere pfiffen durch die Zähne und schnackelten.
    »Höi! Zuawa da!«
    Die Mädeln gingen zögernd hin, nippten an den Bierkrügen, die ihnen
zugeschoben wurden, und kicherten über die kecken Reden, die sie hören mussten.
    Am lautesten war der Wenger Hartl, ein rotaariger Bursch mit einem
blatternarbigen Gesicht, ein schiecher Kerl, aber ein gefürchteter Raufer und
das frechste Maul weitum.
    Er verstand es am besten mit den Mädeln, und lachte selber am meisten über
seine zotigen Sprüche.
    »Du spinnst im höchsten Grad,« sagte die Liebhardt Nanni zu ihm und wischte
sich mit dem Handrücken den Bierschaum ab.
    »Lass mi no eini in d' Kamma, na spinn i dir dein Flachs owa ... was is?« -
»Da Seppi hat an Kranz g'schoben.«
    »Ah Herrgottsaggera, der Bluatshund, der miserablige ...«
    In der Wirtsstube horchten sie hie und da auf, wenn es draussen überlaut
wurde, und es schüttelte auch einmal einer den Kopf.
    Früher war das anders, meinte er, und sich gar so auslassen durfte man als
junger Mensch nicht.
    Die Alten hätten's nicht gelitten und hätten sich Ruh verschafft. Aber jetzt
sollte es einmal einer probieren und den Jungen was sagen; wie sich die
aufgemanndelt hätten! Und wie einem jeder Knecht schon das Maul anhing und
gleich die Arbeit vor die Füsse hin schmiss.
    Früher liess man so einen gehen und stellte einen andern ein, aber die Sache
war jetzt so, dass man froh sein musste um einen schlechten. Wenigstens in der
Ernte.
    Bald gab man in der Wirtsstube nicht mehr auf den Lärm acht, der von der
Kegelstatt hereindrang, da es drinnen selber lebendig wurde.
    Der Ruepp von der Leiten hatte sich seinen gewohnten Sonntagsrausch
angetrunken und nahm den Stadelscheck, einen kleinen Häuselmann, in die Arbeit.
    Wenn der Ruepp einen vor hatte, hörte er nicht mehr auf, bis der andere
ging, oder auch, bis er selber hinausgeschmissen wurde.
    »Dei Vata hat von dem mein zwoahundert Guld'n z' leicha g'habt.«
    »Net wahr is.«
    »Net is wahr? Hat ma's mei Vata net hundertmal g'sagt, der alt Stadelscheck,
hat er g'sagt, hat mir zwoahundert Guld'n wega g'schwor'n, aba, hat er g'sagt,
dem müass'n seine Schwurfinga derfäul'n.«
    »Du lüagst ...«
    »I? Hat ma's mei Vata net g'sagt?«
    »Der ko g'sagt hamm, was er mög'n hat, der Leutbetrüaga!«
    »A's Grab eini tatst du mein Vata schimpf'n, du ... du ...«
    Der Stadelscheck schlug auf den Tisch, dass die Krüge hoch sprangen.
    »Leutbetrüaga ... hab i g'sagt ... Lump hab i g'sagt ...«
    »Sagst du?«
    »Der nämli, wia du, akkrat als wia du ...«
    »Jetza, Manndei, hast was hör'n lassen. Jetza kriag i di ...«
    »Hört's amal auf mit enkern G'schroa! Es san ander Leut aa no da,« sagte der
Lukas, der neben dem Stadelscheck sass.
    Der Kleinhäusler liess sich durch den barschen Ton einschüchtern, denn der
Lukas in Buch war der angesehenste Bauer in der Gemeinde.
    Aber wie hätte der Ruepp von der Leiten auf seinen heimlichen Feind und
Nachbarn was geben sollen?
    »Mi bekümmern die andern Leut gar nix,« schrie er.
    »Dös werd si nacha scho aufweisen. Mir woll'n unsern Ruah hamm.«
    »Durchaus gar nix bekümmern mi d' Leut. Und du scho gar net.«
    »Is scho recht.«
    Der Lukas hatte eine Ruhe, die den andern ganz auseinander brachte.
    »Is vielleicht it wahr, dass ma du vor der Arndt an Knecht ausg'spannt
hoscht?«
    »Geh, red it!«
    »Jo, red i. Der Eckl Kaschpar waar zu mir kemma, und er hat ma's scho
g'hoassen, und na hoscht ma'n du wega g'redt, du Falschhauser!«
    »Überleg dir's a weng, was d' redtst.«
    »Wahr is! An Sunntag vor Jakobi bist beim Eckl hiebei g'wen. Hat ma di scho
g'sehgn, Manndei, wann'st as aa no so hoamli machst. Di kenn i guat, di!«
    »I di aa, Ruepp. Und deswegn gib i mi net ab mit dir. Net amal wann's d'
nüachtern bist.«
    »Du protz di vor de andern, aber net gegen meiner! Von dir woass i allerhand
...«
    »So viel's d' magst. Kellnerin, zahl'n!«
    »Zwegn was hat denn selbigsmal dös Hüatermensch so gschwind furt müassen bei
enk? Soll i da's sag'n, was d' Leut g'sagt hamm?«
    »Red zua ...«
    »Du Feinspinner, du schlitzohreter! Möcht er oiwei der gar ander sei und's
Muster für de ganz Gmoa, und derweil hat eahm sei Bäurin's Hüatermensch aussi
g'haut ...«
    Der Lukas hatte gezahlt und stand auf.
    dabei sagte er mit einer Verachtung, die den Ruepp schmerzhafter traf wie
jedes erregte Schimpfwort:
    »I kannt di jetzt verklag'n, net? Aber du bist der Letzt, mit dem i mi vor's
G'richt hi'stell'n möcht. Und weil's d' scho g'sagt hast, du woasst allerhand,
oans woasst du do net. Wia's dir selm helfen solltst.«
    »Brauch i di dazua?«
    »I waar net zum brauchen. Pfüad Good beinand!«
    Und damit ging der Lukas zur Stube hinaus.
    Der Ruepp war einen Augenblick still geworden und schaute stier vor sich
hin.
    Die paar Worte mussten einen schlimmen Sinn haben, der ihn nachdenklich
machte.
    »Brauch i den dazua?« murrte er und schob seinen Bierkrug weg. »Den
Falschhauser, den scheinheiligen?«
    Nun schrie er schon wieder.
    »Überhaupts bin i vielleicht wem was schuldi da hierin? Sollt oana hergeh
und sag'n, dass i eahm was schuldi bin. Und dei glumpeter Vata hat si wega
g'schwor'n von de zwoahundert Guld'n ...«
    »Dös sagst net nomal!«
    »Dös sag i tausad mal.«
    »Na hascht dös dafür!«
    Der Stadelscheck gab dem Ruepp einen Faustschlag ins Gesicht, dass der
betrunkene Mensch rücklings vom Stuhl fiel.
    Er raffte sich mühselig vom Boden auf und keuchte.
    »Jetzt muasst sterb'n ...«
    Ein paar Leute hielten ihn, als er nach einem Bierkrug langen wollte.
    Der Wirt kam schnell an den Tisch.
    »Werd koa Ruah? Da hätt i ja an jeden Sunntag de b'suffene Gaudi. Du machst,
dass d' aussi kimmst, Stadelscheck!«
    »Was braucht denn er mi ...«
    »Is scho ausg'redt. Rafft's draussen, aber net bei mir herin! Aussi, sag i!«
    Der Metzgerbursch fasste den Kleinhäusler unsanft an und drehte ihn durch die
Stube zur Türe hinaus.
    Derweil nahm der Wirt den Ruepp beim Arm.
    »Aussi beim Loch!«
    Der Ruepp wollte sich sträuben.
    »Dem kimm i g'richtsmassi ... dem Haderlump ...« stöhnte er.
    »Heut nimmer. Dös ko'st morg'n toa. Und jetzt wasch di am Brunna hint ab
...«
    Aus der Nase floss dem Betrunkenen Blut und tropfte auf Janker und Gilet
herunter.
    Er ging schimpfend neben dem Wirt her, der ihn in den Hof hinaus führte und
an den Brunnentrog stellte.
    Eine Küchenmagd, die neugierig nachgelaufen war, musste Wasser pumpen, mit
dem sich der Ruepp oberflächlich abwusch.
    Etliche Buben standen um ihn herum.
    »Ah, der blüat! Dem hat oana d' Nas'n anand g'haut. Der bsuffa Ruepp is ...«
    »Macht's it, dass weida kemmt's?« schalt der Wirt. »Muass i d' Goassel hol'n
und enk hoam jag'n?«
    Sie wichen ein paar Schritte zurück.
    Derweil richtete sich der Ruepp brummend und schimpfend auf und ging hinter
den Nachbarhäusern herum einem Feldweg zu, der durch Kornfelder am Dorfe vorbei
führte.
    Er war nüchterner geworden und hätte darüber nachdenken können, wie gut es
einem verheirateten Manne, der erwachsene Kinder hatte, anstand, wie ein
Handwerksbursche verprügelt und aus der Wirtschaft hinausgeschmissen zu werden.
    Stellte der Lukas daheim und in der Gemeinde nicht ganz was anderes vor? Bei
seiner Bäuerin, bei den Kindern und den Ehhalten galt bloss das, was er sagte.
Drunten im Dorf geschah nichts gegen seine Meinung, für die er immer gute Gründe
vorbrachte.
    Und er, der Ruepp? Seine Afra war ein gutes Leut und hatte es nicht mit
Schimpfen und Keifen, sooft er ihr auch Ursache dazu gab. Aber weil sie hinter
seinem Rücken oft was gutmachen musste, merkte er wohl, dass sich die richtigen
Dienstboten mit ihr gegen ihn verstanden, und dass er dabei schon lang sein
Ansehen verloren hatte.
    Die Kinder waren ihm von klein auf aus dem Weg gegangen, wenn er angetrunken
heimkam, und blieben scheu gegen ihn, auch wenn er nüchtern war.
    Jetzt, wo sie erwachsen waren, zeigten sie deutlich, dass sie nichts auf ihn
hielten, und der Älteste, der Kaspar, hatte ihm geradeheraus gesagt, dass er das
gute Sach heruntergebracht habe.
    Die Tochter, die Leni, war ja alleweil mit der Mutter zusammen gesteckt und
wusste es schon als Schulmädel nicht anders, als dass sie mitjammern musste über
sein Wirtshauslaufen und Geldausgeben. Jetzt, als resches Frauenzimmer, das in
Haus und Stall die meiste Arbeit traf, war sie schärfer wie die Alte, und er
ging ihr gern aus dem Wege.
    Am besten stand der Ruepp noch mit seinem Jüngsten, dem Michel, der in der
Studi war, auf dem Freisinger Gymnasium, um geistlich zu werden.
    Wenn der Ruepp zuweilen an einem geschmerzten Tag fand, dass man ihn in der
Gemeinde nicht genug schätzte, malte er sich aus, wie ihm die Leute einmal doch
alle Ehren erweisen mussten, nämlich an dem Tage, wo man die Primiz seines Michel
feiern würde. Wenn er als Vater des hochwürdigen jungen Herrn beim Altar hiebei
stünde, müsste der Lukas, so geschwollen er sonst tat, neben ihm verschwinden.
    Ob der Ruepp jetzt auf dem Heimweg, wo er unsicher bald einmal links und
bald einmal rechts in einen Kornacker trat und dann wieder stehen blieb, um sich
seine blutende Nase abzuputzen, an das schöne Zukunftsbild dachte?
    Jedenfalls erinnerte er sich dunkel daran, dass sein Michel gerade heute in
die Vakanz heimkommen sollte, und dabei überkam ihn aufs neue die Wut über den
Stadelscheck, der ihn so zugerichtet hatte.
    Aber er wollt's ihm schon eintränken, dem Fretter, dem glumpeten!
    Gleich den andern Tag, oder nein, den nächsten Mittwoch, wollte er nach
Dachau fahren und die Geschichte advokatisch machen.
    Und ins Amtsgericht wollte er hineingehen, damit dass der grobe Herr
Oberamtsrichter, der ein wenig hässlich auf ihn war und ihn schon einmal eine
bsuffene Sau genannt hatte, damit dass er den Schmerzensmann selber anschauen
konnte mit seinen Spuren der Misshandlung. Wann er die Arbeit sah, die wo der
hundshäuterne Kleinhäusler verrichtet hatte, musste er erkennen, auf welcher
Seite die Gewalt und auf welcher das Leiden gewesen war.
    »Bürschei, zahl'n lass i di, dass d' schwarz werst ...« sagte der Ruepp vor
sich hin und stolperte über den Feldrain.
    Er fiel mit dem Gesicht ins Kornfeld und wollte sich aufraffen.
    dabei überkam ihn eine grosse Müdigkeit, und da es ihm in den hochstehenden
Ähren kühl und angenehm vorkam, drehte er sich um und wollte schlafen.
    Ein paar Grillen zirpten neben ihm, eine Hummel, die er durch seinen groben
Fall aufgescheucht hatte, brummte unwillig um ihn herum. Vom Dorf herauf drang
das Donnern der Kegelkugel, die an die Hinterwand der Bahn krachte.
    Ein paarmal öffnete und schloss der Ruepp seine Augen. Dann schlief er ein.
 
                                Zweites Kapitel
Die Eisenbahn macht von Schwabhausen einen langen Umweg, um den altberühmten
Markt Indersdorf nicht auf der Seite liegen zu lassen, und die Bedeutung des
Ortes kommt jedem Fahrgast zum Bewusstsein, wenn der Zug dort dreimal so lang
hält wie auf den kleinen Stationen.
    Und ein ungeduldiger Fahrgast, der aufatmet, weil die Lokomotive, die wie
eine Strassenwalze ausschaut, endlich anzieht, muss gleich darauf sehen, dass er
die Wichtigkeit von Indersdorf alleweil noch unterschätzt hat, denn die Maschine
reut es wieder, dass sie wegfahren soll, und sie pfeift noch einmal einen
Willkommgruss und läuft zurück.
    Das macht sie zweimal und dreimal, und erst wenn es gar nicht mehr anders
geht, nimmt sie Abschied, aber man hört ihr den Zorn darüber an, denn sie
pfaucht und schnauft und reisst die Wagen so unwillig nach, dass die Fahrgäste von
ihren Sitzen rutschen.
    An diesem Sonntag in der Erntezeit konnte sie damit kaum jemand ärgern, denn
die alte Puchrainerin von Weidach war eine gottergebene Austraglerin, die man
mit einer Grobheit nicht aus der Fassung bringen konnte, weil sie nichts anderes
gewohnt war.
    Und der Ruepp Michel, oder, um mit mehr Respekt von ihm zu reden, der
Studiosus literarum Michael Umbricht, hatte bei dem langen Aufentalt in
Indersdorf noch einen Abschiedstrunk mit seinem Kommilitonen Gregor Finkenzeller
gehalten, und war überhaupt so froh über die lange Trennung von der Freisinger
Gelehrsamkeit, dass er sich alles gerne gefallen liess.
    Er war ein hoch aufgeschossener Jüngling, dem die Freisinger Schule, wenn
sie das überhaupt vermag, nichts von seinem bäuerlichen Wesen abgeschliffen
hatte.
    Sein rundes, etwas sommersprossiges Gesicht zeigte nichts Vergeistigtes, und
der Zwicker mit Fenstergläsern, den der Michel auf die breite Nase klemmte, um
sich im Coupéfenster zu bespiegeln, machte nichts besser. Im Gegenteil, er hob
zugleich das Bäuerliche stärker hervor und verschandelte es, wenigstens für den
feineren Kenner der menschlichen Physiognomie, zu denen der Studiosus literarum
noch nicht gehören konnte.
    Er hatte eine ungetrübte Freude an seinem forschen Aussehen und zog die
Krempe seines Hutes auf der einen Seite möglichst weit herunter, weil das seinem
Gesichte einen unternehmenden Ausdruck gab.
    Es war eine Mode, die in Altbayern absonderlich von Hilfslehrern und anderen
geistig höher stehenden Jünglingen gepflegt wurde.
    Leider war niemand im Wagen, der den Michel in feinem Glanze hätte bewundern
können. Die alte Puchrainerin sah ihn nicht, weil sie durch eine Scheidewand von
ihm getrennt war, und es ist auch noch die Frage, ob ihr der weltliche Reiz an
einem jungen Menschen, der auf geistlich studierte, gefallen hätte.
    Die alten Weiber sind mehr für das Heiligmässige und erbauen ihr Gemüt an den
Herren, die im Eisenbahnwagen das Brevier herausziehen und beim Lesen die Lippen
deutlich bewegen.
    So wäre unser Studiosus gänzlich unbeachtet in der Heimat angelangt, wenn
nicht in Arnbach zwei dralle Bauernmädeln eingestiegen wären, von denen ihn die
eine mit freundlichem Lachen begrüsste.
    »Ah, der Michi! Kimmst in d' Vakanz hoam?«
    »Ja, Stasi! Wie geht's allaweil?«
    »Guat. Arbet gibt's in der Arndt. Da kunntst mitelfa ...«
    »Recht gern ...«
    »Sagt ma, aber de G'studierten mög'n si net plag'n.«
    Die Stasi war eine Tochter vom Lukas und eine Schulkameradin vom Michael.
    Wenn auch die Alten nicht gut miteinander standen, so hatten doch die Kinder
bei dem täglichen Schulgang gute Freundschaft geschlossen.
    Der Weg von den beiden Höfen ins Dorf hinunter war weit und im Winter oft
mühsam genug. Da stapften sie miteinander durch den Schnee oder standen in einem
Holzschuppen unter, wenn es der Wind zu arg trieb. Ging es aber auf Frühjahr und
Sommer zu, dann brauchten sie noch länger zum Heimweg, denn es gab unterwegs
allerhand zum Sehen und Bewundern.
    Keiner von den Buben kletterte flinker auf die Bäume, um Krähennester
auszuheben, wie der Michel, keiner sprang lustiger im Mühlbach herum, um die
Forellen aus ihren Schlupfwinkeln herauszujagen, und die Stasi hielt bei ihm
aus, wenn auch die andern ihr Gewissen heimtrieb. So blieben sie ein Jahr ums
andere Kameraden, bis der Ruepp auf den Gedanken kam, aus seinem zweiten Buben
einen Geistlichen zu machen, obwohl der Herr Pfarrer davon abriet.
    Er hatte weder ein hervorragendes Talent noch einen mächtigen Lerntrieb beim
Michel bemerken können und sagte, man solle doch nicht glauben, es liesse sich
aus jedem Holze was Besonderes schnitzen.
    So ein lebfrischer Bub, der es gar nicht mit den Büchern habe, solle wieder
ein Bauer werden; dazu brauche es auch einen aufgeweckten Kopf. Das Studium sei
ein langer Weg, auf dem schon viele umgekehrt seien, und so was Halbes und
Unfertiges lasse sich dann selten noch zu was Ganzem richten.
    Der Ruepp liess ihn reden und glaubte fest, dass ihm der Pfarrer die Ehre, die
auch ihm daraus erwachsen werde, nicht gönne.
    So musste der Michel an einem Herbsttag fort, und den Abend zuvor nahm er an
der Lukasleiten von der Stasi, die dort die Gänse hüten musste, Abschied.
    Seine treue Kameradin wollte ihn auch wegen seines Aufstiegs zur hohen
Gelehrsamkeit bewundern, aber sie kam nicht dazu, denn der Michel fing
gottesjämmerlich zu weinen an, und da blieb ihr nichts übrig, als mitzutun.
    Er zählte die Freuden auf, die er nun nicht mehr mit erleben durfte, das
Nussknacken beim Lukas und beim Schuechl, die Jagd in Weidach, wo er als
Treiberbub mitgegangen war, den Kirta mit seinen Genüssen, und bei jedem
schmerzlichen Verluste, der ihm vor Augen trat, schluchzte er aufs neue, und
nichts konnte ihn trösten, auch nicht das Versprechen der Stasi, dass sie ihm
gewiss und wahr ihre Kirtanudeln schicken wolle.
    Das gute Mädel vergass vor lauter Mitleid, dass es spät wurde, und sie kam
ohne ihre Gänse heim, denn die waren nicht so weichherzig, dass sie sich in ihrer
Ordnung hätten stören lassen, und waren allein und ziemlich unwillig schnatternd
heimgewatschelt.
    Aber wenn die beiden Kinder auch den Schmerz so ehrlich teilten wie ehedem
Äpfel und Birnen, die der Michel überall gefunden hatte, so war doch jener Abend
auch der Abschied von ihrer Kameradschaft.
    Die Zeit bringt allerhand, aber nichts, was sie einmal genommen hat, und wie
der Lateinschüler zum erstenmal in die Vakanz heimkam, sah er wohl etliche Male
die Stasi, aber Gewohnheit, die sie einmal verbunden hatte, trennte sie jetzt.
    Sie waren freundlich zueinander, doch der Michel fand auf seinem neuen Wege
andere Leute und andere Dinge und verlor die Erinnerung an die Kinderzeit aus
dem Sinne.
    Jetzt sass er unbeholfen und befangen dem saubern Bauernmädel gegenüber, das
mit jedem gleichalterigen Burschen vom Dorf kecker und lustiger gewesen wäre als
mit ihrem alten Spielkameraden.
    »Die G'studierten mögen si net plagen,« sagte sie, aber der Michel gab ihr
kein Scherzwort zurück, sondern versicherte beinahe feierlich, dass er die
landwirtschaftliche Arbeit für eine Erholung anschaue.
    Dadurch verlor auch die Stasi den Faden und redete mit dem andern Mädel.
    Die zwei kicherten und lachten, obwohl ihre Unterhaltung gar nicht lustig
klang.
    Wenn die Stasi sagte. »Der Gidi is beim Kramer hiebei g'stand'n,« hielt sich
die Mariann ihre grosse Hand vors Maul und lachte hinein, und wenn die Mariann
sagte: »Am End hat er auf wen g'wart',« schüttelte es die Stasi her.
    Da überkam den Michel schier ein Mitleid mit der Dummheit dieser
Weibsbilder, und er zog den Zwicker aus der Gilettasche, um ihn auf der Nase
festzuklemmen. Er sah jetzt durch die Fenstergläser, was er vorher nicht gleich
beachtet hatte, dass seine Schulkameradin ein festes Trumm Frauenzimmer geworden
war mit bemerkenswerten Potenzen, wie die Freisinger Studenten zu sagen pflegen,
wenn sie sich ahnungsvoll von der Weiblichkeit unterhalten.
    Er überlegte, wie er einen verfänglichen Diskurs mit den Mädeln beginnen
solle, aber es ging ihm wie jedem, der darüber erst lange nachdenken muss. Es
fiel ihm kein rechter Anfang ein, und wenn er schon den Mund öffnete, um was
Keckes zu sagen, überkamen ihn wieder Bedenken, ob er damit nicht übel ankomme.
    So schwieg er, und die Stasi glaubte, dass er stolz geworden sei, denn sie
wusste ja nicht, zu was für einem Lattierl das Seminar einen rüstigen Bauernbuben
erzieht.
    Der Studiosus nahm sich vor, auf dem Heimweg von der Bahnstation seine
Kühnheit zu steigern, und malte sich einige Redensarten aus, mit denen er das
Gefecht eröffnen wollte. Aber wie sie alle in Erdweg ausstiegen, fasste die
Puchrainerin unsern Michel ins Auge und rief:
    »Du bischt ja gar an Ruepp der sei?«
    Er musste ihr Rede und Antwort stehen und musste es leiden, dass die Alte neben
ihm herhatschte, indes die Mädeln frischer vorangingen.
    Und dabei wandte die Stasi öfters den Kopf nach ihm um und schien ihn durch
ihre lustigen Blicke zum Mitkommen aufzufordern.
    »Jetzt ko's na do nimmer lang hergeh, bis du de erschten Weicha kriagst?«
fragte die zähe Puchrainerin.
    »Z'erscht muass i mit'n Gymnasium ferti wer'n,« antwortete der Michel
unwirsch.
    »Mit'n Gimnasi? Ja, wia lang hoscht'n da no z' toa?«
    »Zwoa Jahr allaweil no ...«
    »Zwoa Jahr! Marand Josef, und bischt scho so lang auf da Studi!«
    Die Puchrainerin konnte berechnen, wieviel Zeit es brauche, um ein Kalb zur
nützlichen Kuh herzuzügeln, aber sie machte sich keinen richtigen Begriff von
der Ewigkeit, die es dauert, bis man aus einem Buben einen Hochwürden
schnitzelt.
    Auch wusste sie nicht und brauchte es nicht zu wissen, dass dem Ruepp der
seinige in diesem Jahre zum zweiten Male hocken bleiben musste und jetzt mit bald
einundzwanzig Jahren der würdige Senior der Bildungsanstalt war.
    »I woass no guat,« sagte sie, »wia's d' in d' Studi kemma bist. Dös is
selbigs Jahr g'wen, wo's beim Langgörgl brennt hat. Ja, mei Gott, wia lang is
jetzt dös scho wieda her!«
    Es war freilich schon lang her, und die Schindeln auf dem neuen Dach vom
Langgörgl hatten mehr Moos wie der Michel Gelehrsamkeit angesetzt.
    »Ja, jetzt pfüad di,« sagte er und wollte den Mädeln nacheilen.
    Aber die Puchrainerin hielt ihn mit einer neuen Frage zurück.
    »Es werd na do scho it wahr sei, was d' Pfarraköchin g'sagt hat?« - »Was hat
s' g'sagt?«
    »Ja, dass du gar it firti machst. Und d' Weidacher, hat s' g'sagt, kinnan auf
di länger wart'n wia d' Juden auf'n Messias, sagt s' und hat s' g'sagt, de
Kaibin, wo zu dera Primiz g'hör'n soll'n, de wer'n allsammete als Ochsen
überstandi ...«
    »Sagst ihr an schön Gruass von mir,« erwiderte der Michel.
    Das heisst, er sagte es natürlich anders, so wie es in bonis artibus et
litteris nicht zu finden ist.
    Die Puchrainerin erschrak aber nicht über die gröbliche Redensart; sie
hatschte eifriger neben dem jungen Menschen her, dem sie noch einiges zu
versetzen hatte.
    »Na, pass auf! Sie sagt, dös gibt's ihra Lebtag it, dass du mit dem selln
Gimnasi firti werst, und, sagt s', da Hochwürden da Herr Pfarra hat's glei
g'sagt, dass du dös it dermachst, dass du z' schwach bischt für dös, hat s'
g'sagt, und sagt s', er hat's dein Vatern scho gnua g'sagt aber der hat ja it
hör'n woll'n, und, sagt s', grad mit Fleiss hat er it nachgeb'n, weil er si eahm
dös ei'bild't hat ...«
    »Was pass denn i auf enkern Schmarrn auf?« sagte der Michel jetzt grob und
ging so schnell voran, dass die Alte nicht mehr mitkommen konnte.
    Sie schrie ihm nach. »Moanst do, du werst no?«, und dann blieb sie stehen
und verschnaufte sich.
    Der schwache Student holte die Mädeln ein, aber zu dem Anfang, den er sich
ausgedacht hatte, fehlte ihm jetzt wieder die gute Laune, denn was ihm die
Austraglerin vielleicht arglos in ihrer Sorge um die Heiligung des Ortes
Weidach, vielleicht auch boshaft nach Altweiberart zu hören gegeben hatte,
hinterliess einen Stachel in seiner Brust.
    »Du hast as aba gnädi g'habt mit der alten Wab'n,« sagte Stasi.
    »Der ihra dumm's G'red hätt i gern herg'schenkt ...« knurrte Michel.
    »Ja, schau, de alt'n Betschwestern hamm's halt mit die geischlinga Herrn
...«
    »Na soll s' wart'n, bis i oaner bin.«
    »Vielleicht g'langen ihr drei Viertel, wann sie's net ganz hamm ko. Über
unsern Koprater bist du scho weit aussi g'wachsen ...«
    »Geh, red'n ma von was andern; i hab mir von dem alt'n Weibsbild scho gnua
g'hört.«
    »Am End g'freut's di gar nimma,'s Geischtli wer'n?«
    »Woasst denn du, ob's mi scho amal g'freut hat?«
    »Für was waarst'n nacha furt in d' Studi?«
    »I bin net g'fragt wor'n ...«
    Michel gab der Stasi mit einem Zeichen zu verstehen, dass er in Gegenwart der
Mariann nichts mehr darüber sagen wolle, und sie erzählte nun, dass sie auf
Besuch bei einem Basel in Flinsbach gewesen sei, und die Mariann hätte ihr
Gesellschaft geleistet.
    Ob er denn die nicht kenne? Sie sei vom Boz in Schwaigen, aber freilich, er
sei in der Studi ein wenig stolz geworden und habe sich ja kaum mehr um die
Nachbarschaft bekümmert, da kenne er nicht viel Leute.
    Michel wehrte sich dagegen.
    Von Stolz könnt man wirklich nicht reden, aber er sei halt wenig
herumgekommen in der kurzen Zeit, wo er daheim gewesen sei. Er fragte so
nebenher, um das Gespräch in Gang zu halten, wie das Basel in Flinsbach heisse,
aber da musste er unversehens auf etwas ganz Lustiges gestossen sein.
    Die Mädeln schauten einander an und brachen in ein schallendes Gelächter
aus, und wenn die Stasi zu einer Antwort ansetzte, konnte sie nach den ersten
paar Worten nicht mehr weiter reden, weil die Mariann vor Lachen beinah
erstickte und sich gar nicht mehr zu helfen wusste.
    Es stellte sich nach und nach heraus, dass die Stasi wegen einer Art
Brautschau in Flinsbach gewesen war. Die Christlin, ihr Basel, hatte ihr den
Scharl Gidi von Kemoden vermeint und hatte ihr eine Botschaft zukommen lassen,
sie solle auf einen Sonntag herüberkommen und sich den Gidi einmal anschauen.
Der war aber den Weg und das Fahrgeld nicht wert gewesen.
    Er hatte einen Wasserkopf und konnte kaum ein paar Worte lallen, und er wär
für den schönsten Bauernhof im ganzen Bezirk eine Dreingabe gewesen, die den
Handel unmöglich gemacht hätte.
    Die Christlin hatte der Stasi schon im voraus zu verstehen gegeben, dass sie
ein Aug zudrücken und ein christliches Nachsehen haben müsse, aber wie dann der
Gidi in die Stube hereinträppelte und das Maul aufsperrte und für nichts und
wieder nichts zu lachen anfing, und wie er hernach sagte: »De dann dauberne
Dindel,« da war's aus.
    Die Christlin übersetzte es und sagte, es heisse. »Dös san saubere Deandel,«
aber es half nichts mehr, dass sie der Stasi erklären wollte, was für ein
begehrenswerter Brocken der Gidi trotz der paar Fehler sei.
    Die Mariann hatte ihre Kameradin mit dem Ellenbogen angestossen, und wie sie
nun alle zwei zu lachen anfingen, da patschte der Scharl wie ein kleiner Bub in
die Hände und kreischte vor Freuden mit.
    Die Mädel nahmen schneller Abschied, als es der Christlin recht war, und die
Stasi dankte ihrem Basel nicht einmal für die gute Meinung.
    Als sie zum Hause hinausgingen, lief ihnen der Gidi nach, und wie sie sich
umdrehten, sahen sie ihn beim Kramer stehen, in die Hände patschen und Grimassen
schneiden.
    Sie erzählten jetzt dem Michel ihr Erlebnis, und bald nahm die Mariann und
bald die Stasi das Wort.
    »Na, so was! Wia'r a bei der Tür eina is! I ho g'moant, mi haut's vom Stuhl
owa ...«
    »Und woasst, wia der zahnt hat, und na sagt aber: De dann dauberne Dindel ...«
    Sie blieben stehen und lachten hell auf.
    Bei einem Feldweg, der nach Schwaigen hinüberführte, nahm die Mariann
Abschied, und Michel ging nun allein neben seiner alten Schulkameradin her.
    »Bist du scho öfter auf solchene B'suach g'wen?« fragte er.
    »Ja, was glaabst denn? I laff do de Mannsbilder it nach ...«
    »Aber ...«
    »Dös is do natürli, bal mir mein Basel schreibt, dass sie mir a guate Heiret
wisst, dass ma da amal nachi schaugt. Da plagt oan na do scho d' Neugier ...«
    »I hätt mir denkt ...«
    Der Herr Studiosus stockte.
    »Was nacha?«
    »I hätt mir denkt, du hast scho lang an Schatz ...«
    »Host dir du dös denkt?«
    »Hast koan?«
    »Du bist guat, was du allssammete wissen mögst.«
    »Sag mir's halt!«
    »So fragt ma d' Leut aus. Was is denn na mit dir?«
    »Ja, mit mir! Dös woasst ja a so.«
    »Da woass i gar nix.«
    »No, halt, dass i Student bin und in an Seminar.«
    »Was is nacha dös?«
    Michel erzählte, wie sie in Freising unter Aufsicht wären.
    »Dös is ja wia in an Zuchtaus!« rief Stasi mitleidig aus. »Da glaub i's
freili ...«
    »Was glaabst?«
    »A so halt ...«
    »Na, dös muasst mir sag'n ...«
    »I sag's net.«
    »Geh, Stasi, jetzt kenna mir uns so lang, und früher hättst mir alls g'sagt
...«
    »Ja, früher! ...«
    »Dös ko ma do wieda auffrisch'n, wenn's aa scho lang her is. Schau, i hab
mir z'erscht aa net richtig red'n traut, und jetzt, weil ma so mit anand
dischkriern, geht's ganz leicht, und mir kimmt's a so vor, als wenn's nia
anderst g'wesen waar ...«
    »Aber in da Eisenboh bist drin g'hockt und hast koa richtig's Wartl füra
bracht.«
    »Grad desweg'n schau, weil i's gar net g'wöhnt bin, und weil i net g'wisst
hab, ob's dir recht is.«
    »Dös is do amal g'wiss, dass ma si gern unterhalt, und i hab mir denkt, mir
san dir am End net g'scheidt gnua, dass d' gar it red'n magst mit ins.«
    »Ja freili, was moanst denn? Für so was muasst mi scho net o'schaug'n.«
    »I hab's aa net gern glaabt, weil mir do mit anand in d' Schul ganga san.«
    »Natürli und überhaupts. Aber woasst, i hab mir denkt, wia gross du wor'n bist
und ... und so sauber ...«
    »Geh, du!« Stasi rannte Michel mit dem Ellenbogen an. »Jetzt kam er mit dem
daher! Dös sagst grad a so ...«
    »Na, g'wiss is wahr. Dös hab i mir denkt, und da hat's mir d' Red
verschlag'n.«
    »Ah, du bist oana! Z'erscht sagt er gar nix, und jetzt kam er a so daher!«
    »Und schau, vor der andern hätt i scho gar net red'n kinna ...«
    »De hätt di aa it bissen ...«
    »Freili net, aber wenn ma's halt net g'wohnt is. Jetzt red i mi viel
leichter.«
    »Dös scheint si a so.«
    »Derf i dös net sagen, dass d' so sauber wor'n bist?«
    Das Mädel lachte, und Michel bekam einen roten Kopf. Er sah seine
Begleiterin auch nicht herausfordernd an, sondern ganz zaghaft, als fürchtete
er, dass sie über seine Verwegenheit entrüstet sein könnte.
    Das war aber zum Glück nicht der Fall, im Gegenteil, Stasi drehte neckisch
den Oberkörper herum und streifte ihn mit dem Ellenbogen.
    »Dös hast g'wiss scho mehra g'sagt?«
    »G'wiss net.«
    »Dass di nacha gar nia um mi bekümmert hast, wenn'st dahoam g'wen bist?«
    »A so halt. Schau, gar so lang war i net dahoam, und es hat si halt net
troffa.'s letzt Jahr woass i gar net, dass i di amal g'sehg'n hätt ...«
    »Jo. Amal bist im Berglbauern Holz hinter meiner g'wen, aber na bist steh
blieb'n und bist mir nimma nachi kemma ...«
    »Dös woass i scho no, ja. Da is aba da Hülfslehra daher kemma, auf den han i
g'wart' ... dass du dös no woasst?«
    »I ho mir's halt g'mirkt, und wia's d' heut in der Eisenboh aa net
dergleich'n to hast, han i mir denkt, weil du geischtli werst, am End derfst mit
an Madel gar it red'n?«
    »Redt do da Pfarra aa mit enk!«
    »Vielleicht bal s' älter san, derfan s' wieda. Aba da Koprata hebt an Kopf
aa glei auf d' Seit'n und schaugt weg. Vielleicht dass dös a Vorschrift is?«
    Michel wollte der Stasi schon umständlich erklären, dass es auch für die
Alumnen keine solchene Vorschrift nicht gebe, und dass er überhaupt noch gar kein
Alumne nicht sei, da merkte er aber an ihren lustigen Augen, dass es ihr mit
diesen Ansichten nicht so ernst war.
    »I glaab, du mögst mi dablecka ...«
    »Na. Aber i kenn mi do it aus mit die geischtlinga Herrn ...«
    »Geh, hör auf! Du woasst recht guat, dass i no koana bin ...«
    »Aber wer'n tuast oana ...«
    »Dös is aa no net g'wiss. Extra g'freu'n tuat's mi net.«
    »So? Na, hamm d' Leut do recht!«
    »Mit was?«
    »Sie sag'n halt aa, dass di's G'studieren net g'freut.«
    Michel sah seine Begleiterin misstrauisch an. Wollte sie es ihm auch wie die
Puchrainerin hinreiben, dass man dem Ruepp den Seinigen nicht für gescheit genug
halte?
    Aber die Stasi schaute viel zu gutmütig aus, als dass man ihr eine versteckte
Bosheit hätte zutrauen können.
    Sein Blick blieb wohlgefällig an dem stattlichen Mädel hängen, das von Kraft
und Gesundheit strotzte.
    Er fasste sie am Arm und fühlte, fast erschreckend über seine Kühnheit, ihr
pralles Fleisch.
    Sie wurde nicht unwillig und liess sich die Liebkosung gefallen.
    Trotzdem wurde der Studiosus nicht kühner, sondern gab ihr schüchtern die
Hand, die sie nach einem derben Drucke in der ihren behielt. So gingen sie eine
Zeitlang schweigend nebeneinander her, und die Kornähren streiften auf dem
schmalen Weg ihre Gesichter.
    »Dös sell hast mir no net g'sagt,« bat Michel nach einer Weile.
    »Was?«
    »No voring. Du hast g'sagt, nacha glaabst du's freili, und hast g'lacht.
Jetzt muasst d' ma's sag'n ...«
    »Ah, dös woass i scho nimma ...«
    »Du woasst as recht guat ... geh, sag ma's ...«
    »So halt, weil du verzählt hast, dass ös eing'spirrt seid's und überhaupts
mit koan Madel it z'red'n kemmt's, und da han i mir denkt, nacha glaab i's scho
... no ja, halt ... dass di du a weng dappi g'stellst ...«
    »Glaabst dös jetzt no?«
    Wenn Stasi recht ehrlich hätte sein wollen, hätte sie doch ja sagen müssen,
denn so keck, wie sich der Michel selber vorkam, konnte er ihr nicht erscheinen.
    Aber sie hatte Nachsicht mit ihrem alten Schulkameraden und dachte
vielleicht, dass man ihn auf dem Wege zur Besserung nicht entmutigen dürfe.
    Deswegen gab sie zu, dass er ihr jetzt lange nicht mehr so dappig vorkomme.
    »D' Mariann glaabet's jetzt a nimma,« fügte sie hinzu.
    »Hat sie g'redt über dös?«
    Stasi nickte lustig mit dem Kopfe.
    »Sie hat g'sagt, der muass si scho gar it auskenna, und dös is a rechta
Trauminet, hat s' g'sagt.«
    »Bal ma oane net kennt, woass ma net glei, was ma red'n soll. Bei dir is dös
ganz anders.«
    »Warum nacha grad bei mir?«
    »Weilst ma du viel besser g'fallst,« hätte der Michel sagen sollen, wenn er
erfahren gewesen wäre, und er hätte es auch beinah gesagt, aber er schluckte es
wieder hinunter, weil er nach seiner Meinung an diesem Tag schon weit genug
gegangen war.
    »A so halt ... und weil mir do alte Bekannte san ...«
    »Denkst no a diam dro, wia mir mitanand in d' Schul ganga san?«
    »Freili woass i's no guat.«
    »Wia's du mit'n Zotz'n Peter g'rafft host, weil er mi schier in Bach eini
g'rennt hot?«
    »Und wia's d' ma du dei Kletzenbrod g'schenkt hast, weil mi da Lehra so
herg'haut hat ...«
    »Und wia du den letzten Tag, vor's d' in d' Studi hast müassen, an der
Leit'n bei mir g'wen bist. Woasst no, wia's d' selbigsmal g'woant host?«
    Und so gingen sie nebeneinander her, und die alte Zeit stieg vor ihnen auf;
sie hielten sich noch immer bei den Händen, und wenn sie an eine Erinnerung
kamen, die ihnen besonders gefiel, schlenkerten sie sie lustig und vertraut.
    Mit einemmal blieb Stasi fast erschrocken stehen und rief. »Da liegt wer!«
    Zwei Schaftstiefel schauten aus den Halmen hervor, und mit einem scheuen
Blick darauf gingen die jungen Leute schneller vorwärts.
    Nach etlichen Schritten sagte das Mädel: »Am End feit oan was?«
    Da kehrte Michel um und ging ein paar Schritte ins Kornfeld hinein.
    Als er die Halme zurückbog, sah er seinen Vater schlafend auf dem Rücken
liegen. Das Gesicht war verschwollen und mit Blut beschmiert.
    Er bückte sich erschrocken nieder und rüttelte den Schlafenden an der
Schulter.
    »Vata! Feit dir was?«
    Der Ruepp schlug langsam die Augen auf und blinzelte im Halbschlaf. Er
konnte sich nicht gleich zurechtfinden.
    
    »Han? Was is? Ah, du bischt's? Wia kimmst denn du daher?«
    »Von da Station halt. Aba was is denn mit dir? Du bist ja voller Bluat!«
    »Han? I? Ah so ... ja ... Auf d' Nas'n bin i halt g'fallen ...«
    Er raffte sich mühsam auf und torkelte noch ein wenig.
    »Herrschaftsaggera! Is scho so spat? Jetzt han i glei gar g'schlafa. Ja, wia
kimmst denn du auf oamal da her?«
    »I bin grad mit'n Zug kemma und bin da aufa ganga. Willst dir net's G'sicht
a weng abputzen?«
    »Is ja koa Wassa it da; dös hat Zeit, bis i dahoam bin ...«
    Stasi, die den Ruepp erkannte, wandte sich um und ging allein ihren Weg
weiter, indes ihr Michel mit Bedauern über die Störung nachsah.
    »Was is denn dös für a Weibsbild da vorn?« fragte der Ruepp mürrisch und
verschlafen.
    »Dös? D' Lukas-Stasi ...«
    »So? Was tuat denn de da?«
    »Sie is aa von da Bahn aufa ganga ...«
    Dem immer noch halb Betrunkenen dämmerte sein Streit mit dem Lukas auf, und
er knurrte:
    »Bist du mit dera ganga?«
    »Ja. Mir hamm ins halt troffa.«
    »Mit de Leut will i überhaupts gar nix z' toa hamm. Durchaus gar it, dös
mirkst da ...«
    »Red'n werd ma na do no derfa damit.«
    »Durchaus gar it, sag i. Von dem g'schwollkopfat'n Lukas will i amal nix
hör'n ...«
    Er brummte noch allerhand Unverständliches vor sich hin.
    Die allerletzten Beleidigungen tauchten langsam in seiner Erinnerung auf.
    Geradeso unlustig wie sein Vater tappte auch der Michel auf dem Feldweg
weiter.
    Er sah die Stasi sich immer weiter entfernen; ihr Kopftüchel tauchte
zwischen den Halmen auf und verschwand wieder, und mit ihr ging die Freude an
der Heimkehr fort, und alle Verdriesslichkeiten, die er daheim so oft verlassen
und pünktlich wieder gefunden hatte, standen ihm vor Augen. Die Kümmernisse der
Mutter, die zornigen Reden der Geschwister, Streitereien mit den Dienstboten,
und da torkelte der Vater halb betrunken vor ihm her und brachte wieder neuen
Verdruss zum alten ins Haus.
    Herrgott, wenn er nicht so angebunden gewesen wäre, sondern auch ein
lustiger Bauernbursch wie die andern, da hätte er mit der Stasi heimgehen oder
sie wieder einmal treffen können.
    Aber so - -
    Der Ruepp blieb stehen und wollte seinem innerlichen Zorn ein wenig Luft
machen.
    »Was is nacha mit dir?« fragte er grob. »Bist jetzt firti wor'n, dass d' do
amal d' Weicha kriagst?«
    »Firti! Dös woasst du do, Vater, dass i no net firti sei ko mit'n Gymnasium.«
    »Nix woass i, als dass d' ma du's Geld koscht, und dass mi d' Leut dablecka,
weil du so lang brauchscht ...«
    »Hättst mi halt net zwunga ...«
    »Himmi ... Herrschaftseiten! A so muass ma red'n. Bal ma's a so guat moant
mit an Menschen und möcht'n was wer'n lassen, nacha schmeissast ma's du no für.
Hättst mi net zwunga, sagt a, der Lapp, der nixnutzete ...«
    »I bin koa Bua nimmer, Vater, dass ma so mit oan redt ...«
    »Was bist'n nacha? Koa geischtlinger Student amal g'wiss net, wia'r oana sei
soll. Hat's net da Pfarra zu mir g'sagt?«
    »Über dös sollen mir jetzt net dischkriern ...«
    »Net? Warum nacha net? Hat er net g'sagt, Ihner Michel, sagt er, hat nicht
das richtinge Zeug zum Schtudieren, hat er g'sagt. Muass ma'r i dös sag'n lassen
und ho neun Jahr zahlt wia'r a Schmied? Ihnen Ihr Michel, sagt a, Ihnen Ihr
Sohn, sagt a, der hat nicht das richtinge Zeug. I gib dir nacha scho's Zeug!
Moanst, ich fuatter di umasunst neun Jahr her?«
    »Vata, lass 's jetzt guat sei! Mir san jetzt glei dahoam, und es waar do
besser, du tatst dir z'erscht's G'sicht o'waschen, sunst derschreckt d' Muatta
wieder ...«
    »I derschrick, bal i di siech und über dös nachdenk, dass i di am End neun
Jahr umasinscht her g'fuattert ho. Aber dös sag i dir, jetzt will i bald amal
was inne wer'n, dass du de erschten Weicha kriagst, sinscht is gar mit'n Zahl'n
...«
    Michel antwortete nicht; sie waren bei einem kleinen Stauweiher angelangt,
der unter dem Hofe lag, und er tauchte sein Sacktuch ins Wasser und gab es dem
Vater, der sich brummend das Gesicht abputzte.
    Es blieben aber immer noch Blutspuren zurück, so dass die Rueppin nach der
ersten Begrüssung ihren Michel fragte: »Was is denn scho wieder mit'n Vata
g'wen?«
    »I woass net. Er sagt, er is auf d' Nas'n g'fall'n. I hab'n in an Kornacker
g'fund'n, wia 'ra g'schlafen hat ...« - »O mei Bua, is dös a Kreuz! Bei uns geht
da Vadruss net aus ...«
 
                                Drittes Kapitel
In dem kleinen Austraghäusel, das vom Vater des Ruepp an den Hof angebaut und
ehedem von ihm bewohnt worden war, hauste jetzt eine alte Magd Apollonia
Amesreiter.
    Sie war vor Jahren aus Ortofen zum Ruepp gekommen, als die erkrankte Bäurin
sie um Aushilfe gebeten hatte.
    Sie wurde in dieser Zeit der Rueppin so unentbehrlich, dass sie sie nicht
mehr ziehen lassen wollte, und weil auch der Bauer zugeben musste, dass die Loni
die brauchbarste und billigste Helferin war, überredete man das brave
Frauenzimmer zum Bleiben.
    Das war vor mehr als zwanzig Jahren gewesen, und in all der Zeit bewies die
Loni, dass man auf dem Ruepphofe mit ihr den besten Treffer gemacht hatte.
    Den Kindern war sie im Herwachsen eine treue Hüterin gewesen, und sie galt
ihnen für eine zweite Mutter. Am stärksten hing der Michel an ihr, denn er war
weichmütiger wie der Kaspar und viel zutulicher wie die Leni, die in den
häuslichen Kämpfen gallbitter geworden war.
    Seit etlichen Wochen lag die alte Loni krank, und die müden Augen in ihrem
magern, gelblichen Gesicht verrieten, dass sie wenig Hoffnung auf Gesundwerden
haben durfte.
    Sie selber hatte keine, und sie glaubte nicht wehleidig, dass ihr zulieb ein
Wunder geschehen müsste.
    Sie hatte ihr Bündel geschnürt, und am Ende war es nicht gross ausgefallen,
denn was sich in fünfzig Jahren harter und treuer Bauernarbeit an Sünden begehen
liess, war nicht gar soviel.
    Wenn die Loni über die schwere, blaukarierte Bettdecke hinweg nachdenklich
zum Fenster hinsah, wo ein paar Blumenstöcke standen, die sie immer liebevoll
behütet hatte, oder wenn sie stundenlang aufmerksam zur Weissdecke hinaufblickte,
und wenn sie dabei in Gedanken ihr Erdenleben vorüber wallen liess, erinnerte sie
sich kaum an was anderes, als ans Frühaufstehen und Arbeiten bis in die sinkende
Nacht.
    Auch die freundlichen Bilder waren nicht frei von Müh' und Plag'.
Kinderwarten. Zwischen aller Arbeit in ein paar gestohlenen Stunden den kleinen
Wagen unter den Ahornbaum hinterm Haus schieben, dem Michel den Diezel ins Maul
stecken und die Fliegen von ihm abwehren. Und dabei gewann sie den winzigen Kerl
lieb, der sie aus seinen dicken Backen heraus vergnügt anlachte und seine Finger
um ihre Nase krallte.
    Über eine Weile kroch er schon auf allen vieren in der Stube herum, wenn sie
die Socken stopfte und die Bauernhemden flickte und daneben acht gab, dass der
Michel, der alles ins Maul steckte, was ihm unterkam, nichts Unrechtes
verschluckte. Wieder vergingen etliche Jahre mit Schneien, Regnen und
Sonnenschein und der kleine Kerl sass auf dem Schemel neben ihr und heftete seine
erstaunten Augen auf sie, wenn sie ihm Geschichten erzählte. Bauernmärchen
handeln nicht von verwunschenen Prinzen und erlösten Prinzesslein, sondern von
den Wundern, die die Heiligen gewirkt haben und immer noch wirken.
    dabei ergeht es ihnen nicht immer gut, wenn sie auf Erden wallen und Umschau
nach den Leuten halten. Der heilige Petrus kriegt einmal Prügel bei einem
habgierigen Bauern, weil er nicht gleich zum Arbeiten aufstehen will, und er
kriegt Prügel von Zimmerleuten, die ihn für einen Spielmann halten und erbost
sind, weil er ihnen nicht zum Tanz aufspielen will.
    Aber der Petrus ist kein sanfter Heiliger, der alles demütig hinnimmt. Der
Bauer wird für seinen harten Geiz gestraft, indem er aus Dummheit seine eigene
Scheune anzündet, und für die Zimmerleute müssen alle Nachfolger büssen, denn zur
Strafe für ihre Grobheit wachsen die harten Äste an den Bäumen, die noch heute
soviel Arbeit machen.
    Vom heiligen Leonhard, dem Schutzpatron des Viehes, gibt es viele erbauliche
Geschichten und vom heiligen Koloman und vom Korbinian, dem ein Bär das Gepäck
bis auf Rom tragen musste, nachdem er das Pferd des Heiligen aufgefressen hatte.
    Der Loni gingen die Geschichten, so viele sie auch wusste, immer noch eher
aus wie dem Michel die Wissbegierde, und wenn sie meinte, es wär' genug, lehnte
der Kleine seinen Kopf schmeichelnd an sie und bat:
    »Lonimuatta, no was!«
    Dafür war er aber auch zufrieden und aufmerksam, wenn sie eine alte
Geschichte von vorne anfing, und seine Fragen blieben sich geradeso gleich wie
ihre Erzählungen.
    Ob der Bauer den Petrus mit einem Stecken oder mit der Geissel gehauen habe,
und ob es weh getan habe?
    Darin zeigte sich auch seine Bubenart, dass er kein Mitleid mit dem Heiligen
hatte, sondern herzhaft lachte, wenn ihm die Loni vormachte, wie schmerzhaft der
Bauer zugeschlagen, und wie jämmerlich der Petrus Acherl und Auweh geschrien
habe.
    Im Bauernhof entwächst ein gesunder Wildfang schnell der weiblichen Hut, und
auch der Michel wusste sich bald im Stall und draussen bei den Knechten, wo er
reiten oder das Leitseil heben durfte, schönere Freuden zu finden als in der
Stube. Er kehrte aber immer gerne auf kurze Zeit zur Loni zurück und nahm stets
eine backene Nudel frisch aus der Pfanne mit Anerkennung an.
    Und als der Abcschütz den ersten, bitteren Gang zur Schule antreten musste,
schnallte ihm die Loni den Ranzen zu, fuhr ihm noch einmal mit der Bürste über
den Janker und schaute ihm nach, wie er, viel langsamer als sonst, den Hügel
hinunter schlich.
    Drunten am Weiher blieb der Michel stehen und schaute zu dem Hause zurück,
aus dem ihn zum allererstenmal eine unumgängliche Pflicht herausgerissen hatte.
Es war ihm weinerlich zumut, und ebenso war die Alte bedrückt, denn wenn sie
auch nicht lange und klug darüber nachdachte, so fühlte sie es doch, dass jede
Trennung einen Riss gibt, den die Zeit erweitert und nie mehr zusammen flickt.
Das musste sie ja erst recht erfahren, als der Bauer seinen Michel in die Studi
fort haben wollte.
    Die Loni war ehrfürchtig gegen die Diener der Kirche und hätte den Michel
wohl gerne in dieser schönsten Laufbahn gesehen, aber sie hatte auch helle Augen
und einen klugen Sinn, der ihr sagte, dass ein Bub, der jedes Ross im Dorf kannte
und sich keine grössere Freude wusste, als bei der Arbeit draussen mitzuhelfen,
nicht zum studierten Herrn passte.
    Und was ihr der Bub anvertraute, wenn er mit schlechten Noten heimkam, wie
so gar freudlos sein Leben in der Schulstube sei, das gab ihr recht.
    Manchmal redete sie mit der Rueppin darüber und meinte, sie solle es beim
Bauern durchsetzen, dass der Michel ausgespannt werde, aber die Bäurin stellte
ihr vor, dass ihre Bitten den Ruepp bloss noch halsstarriger machen würden, und
sie wusste, dass es nicht anders war.
    An all das dachte die Loni jetzt in den langen Stunden, die der Tag für die
Kranke hatte, und die Zukunft des Buben machte ihr Kümmernisse. Je älter er
wurde, desto schwerer war die Umkehr, und am Ende war er dann der Arbeit so
entwöhnt, dass er nichts mehr Rechtes anzufangen wüsste.
    Und was hatte er für Aussichten? Niemand wusste besser wie die Loni, dass der
Ruepp schlecht stand, denn etliche Jahre vorher hatte sie ihm auf sein Ersuchen
dreitausend Mark geliehen und hätte ihm später noch einmal ein paar Tausend
leihen sollen.
    Da hatte sie es ihm aber abgeleugnet, dass sie noch zweitausendfünfhundert
Mark erspartes und ererbtes Geld in ihrem Schranke versteckt hielt, und sie
hatte sein Drängen damit beantwortet, dass sie sich um das alte Darlehen
besorgter stellte, als sie war.
    Wenn sie nun auf dem Krankenbette über das Fortkommen Michels nachsinnierte,
stieg der Wunsch in ihr auf, dem Buben ihr verstecktes Geld und die Forderung an
den Ruepp zu vermachen.
    Der nächste Verwandte, den sie hatte, war auch noch ein weitschichtiger
Vetter und lebte als Schreiber in der Stadt.
    Sie wollte von ihm nichts mehr wissen, seit er vor langen Jahren einmal
wegen einer Schlechtigkeit ins Gefängnis gesteckt worden war.
    Der Mensch hatte sie einmal aufgesucht und wäre ihr gar liebreich gekommen,
aber sie hatte ihm gleich gesagt, dass sich die neu erwachte Liebe nicht
austrage, weil sie einem unehrlichen Menschen nichts geben würde, und wenn sie
noch soviel Geld hätte.
    Der Herr Aktuar Pfleiderer, so schrieb er sich, war ihr seitdem aus den
Augen und aus dem Sinn entschwunden.
    Darum wusste sie nicht, was sie hindern hätte können, den Michel zu ihrem
Erben zu machen, und sie nahm sich's vor, das in Ordnung zu bringen.
    Gleich in den ersten Tagen ihrer Krankheit bat sie die Rueppin, man möchte
ihr doch den Notar von Dachau kommen lassen. Aber da gerade die Ernte begann,
redete sich der Ruepp, der wegen seiner Schuld die gerichtsmässige Schreiberei
scheute, darauf aus, dass vom Hof niemand wegkönne, und dass man jeden Gaul
notwendig brauche. Es habe ja wohl Zeit bis auf etliche Wochen später, denn so
schlimm sei die Loni nicht daran.
    Die Alte liess sich vertrösten, aber wie ihr die Füsse stärker anschwollen,
kam sie in grosse Unruhe und bat die Bäurin wiederholt, dass man's nicht länger
hinausschieben möchte.
    Die Rueppin ging ihren Bauern darum an, aber der wurde grob.
    »Was hat denn de Alt' für a Bengserei weg'n ihre paar Markl? Moanat ma scho,
sie lasset den grössten Bauernhof z'ruck, dass no ja da Notari g'schwind kimmt.
Dös kunnt a Testament wer'n!«
    Die Rueppin schaute ihn an, und er verstand ihren Blick.
    »Is scho recht! Ja. Woass scho. Was i von ihr hab, dös werd ihr z'letzt
sicher gnua sei. Waar übrigens aa schö, wenn sie's Geld dort lasset, wo sie
zwanz'g Jahr dös best Leb'n g'habt hat. I pfeif ihr ja drauf, aba ma sagt bloss
...«
    »Vielleicht will sie's da lassen ...«
    »So? Hat sie was g'sagt von dem?«
    »Na, aba ihran Reden nach, moan i, möcht sie's an Michel zuaschreib'n ...«
    »An Michi? Dem braucht s' as net zuaschreib'n. Der hat wohl gnua von mir
kriagt für sei Schtudi ...«
    »Wenn sie's eahm geb'n will, wer'n s' do mir it hindern? Sinscht irbt's am
End der sell Schreiber, der lüaderliche ...«
    »Aba dös sag i dir glei, bal sie an Michi de Schuld vermacht, na rech'n i
z'samm mit eahm.«
    »No ja, er hat do aa was von uns zum kriag'n, und dös lasst si ja alls amal
spater richt'n, aba jetzt muass ma do der Loni ihr'n Will'n toa ...«
    »Sagst ihr, bal der Woaz herin is, spann i auf da Stell ei und fahr selm auf
Dachau eini und bring an Notari mit ...«
    »Sie glaabt halt, es pressiert ...«
    »Auf de paar Täg geht's it z'samm. Zerscht muass d' Arwat g'schehg'n sei.«
    Der Ruepp war nie grossspuriger, als wenn er von der Arbeit redete, und schon
gar, wenn er etliche Tage selber mitgetan hatte.
    Dann musste man ihn neben dem Wagen hergehen sehen, wie er gewichtig
einherschritt und mit der Geissel schnalzte und den Hut bis ins Genick
zurückschob, damit es jeder merkte, wie sich der Ruepp mit der Arbeit erhitzt
hatte.
    »Also sagst ihr, bal da Woaz herin is, fahr i selm eini. Werd schö gnua sei
...«
    Die Rueppin richtete es aus, und die Loni verstand, dass man ihretwegen nicht
die Arbeit hint lassen wollte, obgleich sie wusste, dass der Bauer schon um
Geringeres, etwa um ein Vergnügen oder eine Saufpartie, einen Tag ausgesetzt
hatte. Aber ihre Bescheidenheit liess sie es nicht unbillig finden, dass sie
warten musste. dabei plagte sie aber eine innere Unruhe, von der sie gegen die
Rueppin kein Hehl machte.
    »Bal i's no derwart,« sagte sie. »A diam moan i scho,'s Wassa druckt mir
geng a's Herz aufa, und na kannt's sei, dass i's gar nimma beinand hätt, bal da
Notari kimmt.«
    »Ah geh, muasst it so verzagt sei. Wer woass, ob's d' net wieda aufstehst. Da
Dokta hat's aa g'sagt. Da ko ma gar nix wiss'n, hat er's letzt Mal g'sagt.
Solchane Leut, sagt er, hamm oft a merkwürdige Kraft ...«
    »Ja, freili, a Kraft! Wo han denn ia Kraft? Dös kenn i selm bessa, wia da
Dokta. Mit mir geht's dahi, und is nimma z'fruah aa. An Michi tat i wohl no gern
sehg'n.«
    »Den siehgst scho; der kimmt ja morg'n.«
    »Morg'n?«
    Ein Lächeln flog über das welke Gesicht.
    »Bal er morg'n kimmt, na glaab i's aa, dass ma no mitanand z' dischkriern
kemma. Hat er dir g'schrieb'n?«
    »Ja. Am Sunntag den acht'n Auguscht kimmt er, hat er mir z'wissen g'macht.«
    »Woass er's?«
    »Was? Dass du krank bischt?«
    »Dass 's halt dahi geht.«
    »Na, er woass nix davo, dass di du leg'n hast müass'n. Schau, mir san halt aa
net zum Schreib'n kemma.«
    »Freili. In der Arndt. Aba bal er nur morg'n kimmt!«
    Und dann kam der Michel.
    Wie sich die Mutter erst ihren Kummer über den Vater ein wenig vom Herzen
heruntergeredet hatte, sagte sie ihm, dass die Loni drüben in ihrer Kammer liege
und recht schlecht daran sei, und auch, dass sie so hart auf ihn gewartet habe.
    Er ging gleich hinüber, und hatte er auch noch keinen Menschen im Auslöschen
gesehen, so erkannte er doch in ihren verfallenen Zügen die deutlichen Zeichen
des herannahenden Todes.
    Das griff ihm ans Herz, und er legte den Kopf auf den Bettrand und weinte.
    »Was hoscht denn? Muasst it woana, Bua ...«
    »Dass s' mir nix g'schrieben hamm ...«
    »Ah schau, sie hamm si halt denkt, dass i di scho no derwart, und jetzt bist
ja da. Wia geht's dir denn, Michi?«
    »Ah mei, mir! Wenn's nur dir besser gang.«
    »I bin an alt's Leut, und amal muass dös sei, dass 's an End nimmt. Da
brauchscht do it woana, Bua ...«
    »Weil i net dahoam bleiben hab derfa, und weil i furt sei muass, und jetzt
find i di a so ...«
    »No ja, schau, weil's d' no jetzt da bist; mir könnan do richti bfüad Good
nehma von anand ...«
    »Und na hab i gar neamd mehr ...«
    »Hast do d' Muatta, Michi, und deine G'schwister ...«
    »Du woasst ja selm ...«
    Ach ja, die Alte wusste es, wie leer das Haus da drüben war, ohne Freude,
ohne Zusammenhalten. Die Bäurin zermürbt von den Sorgen, die Jungen verdrossen
und erbittert über den Zustand, dem auch emsige Arbeit keine Heilung brachte.
    »Schtudierst halt weita,« tröstete sie. »Und na hockst di amal in a guate
Pfarrei eini, und ...« sie stockte, »und wann's da amal schlecht aussi gang,
nacha kunntst am End d' Muatta no zu dir nehma ...«
    »Ah mei ...«
    »Was denn? Geht's it recht damit? Hoscht allawei no koa Freud zu da
Schtudi?«
    »I hab no koan Tag oani g'habt.«
    »Ja ... ja ... I hab scho viel nachdenkt über dös, Michi, und mir is nia
recht g'wen, dass ma di zwunga hat.«
    »Hätten s' mi dahoam lassen! I waar eahna jetzt a Hülf, oder wenn's da net
ganga waar, hätt i an Platz als a richtiger Knecht, und i lasset mi g'wiss it
o'schaug'n und tat mei Sach. Aba so ...« - »Hoscht ja allaweil a Freud g'habt zu
da Bauernarwat ...« - »Ja, und nacha hat's aber sei müass'n, dass i auf Freising
kimm und mi abracker und do nix füri bring.«
    »Derpackst as gar it, moanst?«
    »Na, Lonimuatta, mit dir kann i über dös red'n. I wer gar nia a
Geischtlicher, garnia! Und wann's aa mit'n Schtudieren leichter gang, und wann i
scho firti waar mit'n Gymnasium, i werat do koana. In da letzten Stund kehrat i
no um ...«
    »Aber Bua, gar so hart muasst d'as do it nehma! A Pfarra hat wohl des
schönste Macha ...«
    »Vielleicht. I woass net. Wem's g'fallt, für den ko's ganz schö sei. Aber i
pass amal net dazua.«
    »I han's wohl denkt, i han's oft denkt.«
    »Schau, wann so g'redt werd unter de Schulkameraden, und der oa woass dös und
der ander dös, was eahm g'fallt bei da Geistlichkeit, und auf was er si g'freut,
na is mir grad, als wenn s' was redet'n, was mi von da Welt aus nix o'geht. Aber
wann mir spaziern gengan aus der Stadt aussi, und i siech oan ackern am Feld
draussd, na moan i, i derheb mi nimma, i muass weg laffa von de Schulbuab'n, und
wann i oan auf an Fuhrwerk siech, möcht i aufspringa und wegfahr'n, no grad weit
weg, dass i nix mehr hörat und sehgat von dem Schmarrn ...«
    »Geh, Michi, muasst di net versündigen ...«
    »Na, i moan's net a so, dass i was Unrechts sag'n möcht, i moan de Marterei
mit'n Schtudieren. Aba dös ander, woasst, dös bring i aa net z'samm. I hab's net
mit dera Heiligkeit. Oft denk i mir, ob anderne, de wo i kennt hab am Gymnasium,
und de jetzt scho drinna san im Priesterseminar, ob's dena wirkli so ernst is. I
will eahna nix nachsag'n, aber i versteh's amal net. Mir kimmt's allaweil so
vor, als wann i unserm Herrgott mit da Bauernarbet liaba sei müasst ...«
    Die Loni schaute ihn ernst und bekümmert an und strich mit ihrer magern Hand
über die Decke.
    »Über so was han i wohl no weni nachdenkt,« sagte sie, »und da bin i mir net
g'scheidt gnua, dass i dir was rat'n kunt. Aber freili, dös sell han i scho lang
kennt, dass du für an geischlinga Herrn net passt ...«
    »Ganz und gar net,« bekräftigte Michel.
    »Ma sollt's bei die Leut aa kenna, zu was dass s' g'hör'n ...« fuhr die Alte
fort. »Und wo s' hi'passen. Wenn ma's sogar beim Viech kennt. Aber dei Vata hat
si's halt amal ei'bildt ...«
    »Ja ... ei'bildt, und nacha muass 's ganz oafach geh ... Und d' Muatta hat
mir aa net g'holfen.«
    »Michi, schau, da muasst koan Vadruss hamm über dös. Was hätt dei Muatta toa
soll'n? Sie werd si denkt hamm, wann's am End Gott's Willen is, dass du bei da
Schtudi zu was kimmst, nacha is dei Glück. De Eltern derfen net grad frag'n, was
a Kind mag oder net mag ...«
    »Aber was oans ko, sollen s' frag'n,« sagte Michel.
    »Dös sell freili. Und dei Vata hätt an Pfarra glaab'n soll'n. Er hat eahm
glei abg'redt. Ja, mei Bua, was werd dös no all's wer'n?«
    »Dös will i dir scho sag'n, Lonimuatta. I geh in dem Herbst nimma aufs
Gymnasium z'ruck. De Professa hamm's aa g'sagt, dass dös koan Wert net hat ...« -
»Und nacha?«
    »Ja ... no ... da denk i hin und her. Wann da Vata anderst waar, und wann er
si net a so ei'spreiz'n tat, nacha hab i mir scho denkt, ob i net in de
landwirtschaftliche Schul auf Weihenstephan geh soll ...«
    »Kost dös viel Geld?«
    »Kost'n werd's freili was, aber net so viel, als wann i ins Gymnasium z'ruck
gang, weil i ja darnach no lang net firti waar.«
    »Und da gang's am End no guat naus, Michi?«
    »Freili, i kannt amal a guate Stell kriag'n, als Verwalter, und auf a
grössers Guat kemma. Aber werst sehg'n, mit'n Vata lasst si über dös net red'n.«
    »Mit eahm wohl net, aba Bua, sieghst, wenn dös net so lang dauert und net
gar soviel Geld kost, nacha hilf dir i dazua.«
    »Du ... Lonimuatta?«
    »Ja. A bissel was hab i, und dös soll dei g'hören.«
    »Na ... dös muasst du selm g'halt'n.«
    »I? I wer bald nix mehr b'halt'n kinna.«
    »Geh, an dös muasst it denk'n.«
    »Warum net? I hab koa Zeit nimma, dass i's nausschiab, und i hab nix mehr
anderst zum denk'n als wia dös.«
    »Warum sollt'st du nimma g'sund wer'n?«
    »Weil's gar is, Bua. Dös kenn i guat, und mir is ganz recht a so. Da tat mi
ja unser Herrgott strafa, wenn i als a Kranker umanand hocka müasst. Über dös
red'n mir nix mehr. I mach die Sach, und nacha werst du a richtiger Mensch.
Gel?«
    Die Alte suchte seine Hand. Er gab sie ihr und sass lange schweigend neben
ihr.
    »Koa Sünd werd's wohl it sei, dass du auf de Weis von der geischtlingen
Schtudi wegkimmst?«
    »Na, i hätt nia ferti g'macht; dös braucht dir koa Kümmernis net sei.«
    »Und i denk mir,« sagte die Alte mehr zu sich selber als zum Michel, »wann
ma so was net gern werd, soll ma's ja it wer'n. Aba jetzt gehst ummi zu deine
Leut, Michi. I muass a weng rast'n, und sagst da Muatta, vielleicht schaugt s'
spater no amal her, vor s' ins Bett geht ...«
    Michel ging, und als er die Türe sachte hinter sich zuzog, sah er, dass die
Alte ihre müden Augen auf ihn gerichtet hielt und ihm zulächelte.
 
                                Viertes Kapitel
Als Michel am andern Morgen aufwachte, stand die Sonne schon ziemlich hoch am
Himmel; er sprang rasch aus dem Bett und sah beschämt, dass es auf sieben Uhr
ging.
    In der Küche traf er seine Mutter, die allein zurückgeblieben war, denn
alle, der Kaspar, die Leni und die Dienstboten, waren vor Tag aufs Feld hinaus.
    »Dass mi net g'weckt habt's!« sagte der Michel, als ihm die Mutter eine
Kaffeesuppe vorsetzte.
    »Zu was denn wecka? Den erst'n Tag dahoam hast di do scho ausschlafa
derf'n.«
    »Na. Da muass ma si vor de andern schiniern; der Kaspar werd mi schö
auszahna.«
    »Geh zua, du bist do koa Bauernknecht.«
    »Aba wenn d' Arwat pressiert, möcht ma do aa mitelfa, und ös lasst's mi in
Tag eini schlafa. Is da Vata draussen?«
    »Na, der schlaft no. Er muass si wieder auskuriern von sein Sunntag.«
    Michel löffelte schweigend seine Suppe aus, und die Rueppin setzte sich
neben ihn.
    Als sie wiederholt mit einem »ja, ja ... so is halt amal« und »ja, mei Bua«
tief aufseufzte, fragte er:
    »Habt's allaweil no Vadruss?«
    »Der geht bei uns net aus. Von an Sunntag wollt i no gar nix sag'n, obwohl
dass dös aa schiach gnua is, wenn er danach an halben Tag und länger seine Räusch
ausschlaft. Aba wia oft kimmt's vor, sogar in der Arndt, dass er mitten unta da
Woch wegafahrt auf Dachau eini oder auf Altomünster ummi. Da is wohl koa Wunder,
dass ma z'ruckhaust.«
    »Is scho weit?«
    »Weit gnua. Und is koa Aussicht auf a besser wer'n.«
    »Dös versteh i aa net, Muatta, dass d' ma dös net früher g'sagt hast.«
    »Du moanst zweg'n an Schtudiern?«
    »Ja. Waar do scho g'scheiter g'wen, i hätt enk net aa no's Geld kost.«
    »Dös hätt's no derleid'n müass'n, und tat's aa jetzt derleid'n, wenn da Vata
dergleichen tat. Aba ma siecht si ja net naus, bal dös net bessa werd, sondern
im Gegenteil, allaweil no schlechta. Er lasst si in Handelschaften eini ziahg'n,
de wo er net vasteht, und valiert's Geld dabei, und für all's ko da Hof net
aufkemma.«
    »Wia kimmt er denn zu dem?«
    »Im Wirtshaus halt, wo all's Guate dahoam is. Da kimmt er mit de Handler
z'samm, und de schmatzen eahm was auf, und ausred'n lasst er eahm ja nix. Du
kennst'n do. Da woass eahm der oa a Ross zum verschachern; der ander a Holz, an
dem gar soviel Geld zum vadeana waar, und kimmt er amal gleichauf, oder macht a
gar an kloan Profit, na is no schlechta. Na moant er scho, er is da best beim
Handeln und Schachern, und fahrt in die Wirtshäuser umanand und hat's grad gnädi
und tuat woass Good wia gross, und z'letzt zahlt er allmal drauf ...«
    »Hilft's Zuared'n gar nix?«
    »Ah wa ... I red eahm zua wia'r an krank'n Ross, aba i ko gar nix richt'n bei
eahm. Net oamal, dass er auf mei Red'n was gibt. Siehgst, da han i de vorig Woch
an Bartl auf Dachau eini schicka woll'n, dass da Notari zu da Loni aussa kimmt. An
Deanstbub'n ko ma do amal an Tag g'rat'n. Aber na! Dös geht net, er fahrt selm
eini, und weil ma an Gaul in der Arndt z' notwendi braucht, werd's verschob'n,
und de Alt arbet si in da Unruah ganz auf ...«
    »Na fahr i eini ...«
    »Dös is wahr, Bua, dös tuast ...«
    »Bal mir da Kaspar sei Radl leicht, mach i mi nach'n Essen auf'n Weg.«
    »So mach ma's. Du kunnt'st as so aa glei nehma, aba woasst scho, da Kaspar is
a bissel eigens. Bal'st jetzt auf's Feld aussi gehst, fragst'n ... Und beim
Notari drin machst as pressant; de Alt is so viel unruhig; heut in da Fruah hat
s' mi wieda g'fragt und bitt ...«
    »Is recht, Muatta, und jetzt schaug ia weng zu de Leut aussi ...«
    Als er aufs Feld hinauskam, war der Kaspar mit einem Knecht und dem
Dienstbuben noch eifrig beim Mähen, hinter ihnen drein banden die Weiberleute
die Garben.
    Nach einer Weile setzte Kaspar aus, wetzte seine Sense und sah den Michel
auf sich zukommen.
    »Ah, der Hochwürden! Willst uns an Seg'n geben zu der Arwat, oder willst
bloss zuaschaug'n, wia ander Leut schwitzen?«
    »Brauchst mi net föppeln, i arwat gern mit, wenn mir da Bartl d' Sans'
gibt.«
    »Is uns an Ehr mit an g'weichten Herrn oder an halbg'weichten ...«
    »Geh, lass's guat sei, und dass i net vergiss, auf'n Namittag muasst ma dei
Radl leicha. I fahr auf Dachau eini.«
    »Ahan, nach der Arbeit ist gut ruhen, hoasst's bei dir.«
    »Net z'weg'n an Vagnüag'n. I soll an Notari b'stell'n für d' Lonimuatta.«
    »Will ja der Alt eini fahr'n.«
    »D' Muatta sagt aba, d' Loni hat koa Ruah und bitt allaweil drum, und i bin
ja glei drin.«
    »No ja, und dein Vorteil siechst dir ja aa dabei.«
    »Wia dös?«
    »De Alt will ja die paar Kreuzer der Geischtlichkeit vermacha ...«
    »Z'weg'n dem pressiert's mir net mit'n eini fahr'n.«
    »Na is recht, du tuast as bloss für de guat Sach ... und i leich dir's Radl
dazua ... da geh her, Bartl!«
    Der Bub kam heran.
    »Gib dei Sans' an hochwürdigen Herrn; vielleicht bringt er a Schneid ani
...«
    Bartl grinste, als er Michel die Sense gab, und der zog ohne weiteres Reden
Jacke und Gilet aus, trat in die Reihe neben seinen Bruder und fing zu mähen an.
    Die Sonne brannte so heiss herunter, dass die Luft flimmerte, und auch vom
Boden stieg eine Hitze auf, dass Michel wie in einem Backofen schwitzte. Er
merkte wohl, wie ungewohnt ihm die harte Arbeit war, das Kreuz schmerzte ihn,
die Arme taten ihm weh, und er musste allen Willen zusammennehmen, um nicht zu
weit hinter den andern zurückzubleiben. Aber wenn er nachgeben wollte, dachte er
an die Spottreden seines Bruders, und dazu war es ihm, als müsste er den Beweis
liefern, dass er zur Arbeit tauge. So hieb er tapfer ein und schwang bald die
Arme in einem gleichmässigen Takte, bei dem er leichter Atem holte wie anfangs,
wo er zu hastig gewesen war.
    Als sie die lange Mahd bis zum Grenzrain fertig hatten, schulterte Michel
wie die andern seine Sense und ging gemächlich zurück, sich wohlig dieser kurzen
Rast hingebend, die ihm neue Kraft gab. Bei der dritten und vierten Mahd hatte
er sich schon ganz an die Arbeit gewöhnt und spürte weniger Müdigkeit wie nach
der ersten.
    Inzwischen kam der Bartl, den man heimgeschickt hatte, mit Bier und Brot
zurück, und nun kamen alle zum Untern in den Schatten eines breitästigen Ahorns.
    Michel begrüsste im Zotzen-Peter, der Dienstknecht war, einen alten
Schulkameraden und setzte sich zwischen ihn und die Zenzl, die zweite Magd, ins
Gras.
    Er bekam eine Flasche Bier und einen Keil Brot, von dem er langsam Stück für
Stück herunterschnitt; die Hand war ihm durch die Arbeit schwer geworden, und
die Bewegung beim Essen, wie er jeden Schnitz bedächtig zum Munde führte,
verursachte ihm ein wohliges Gefühl von Kraft und zugleich von Ausrasten.
    Er sah von seinem Platze aus weitum emsige Menschen auf den Feldern und
suchte mit seinen Blicken die Ackerbreiten des Lukas ab. Von fernher blitzten
weisse Kopftüchel auf, und er wusste nun, wo die Stasi arbeitete, und dachte, wie
schön es wäre, wenn sie jetzt so neben ihm sässe, wie die Zenzl, die gerade ihre
dicken Waden lachend vor den Angriffen des Zotzen-Peter versteckte.
    »Wer kimmt denn da daher?« fragte der Kaspar und streckte den Hals.
    In einer Entfernung von etlichen hundert Schritten ging ein Mann auf dem
Fusswege; bald verschwand er hinter dem hoch stehenden Getreide, bald war er
wieder frei sichtbar, und die scharfen Augen Kaspars hatten gleich erkannt, dass
er ein Städtischer sei.
    Gleich darauf sah er auch, dass der Fremde eine Dienstmütze aus dem Kopfe
trug.
    »Dös waar ja bald ...« brummte er halblaut vor sich hin und warf einen
bedeutsamen Blick auf Leni, die auch unruhig geworden war.
    Kein Zweifel: als der Mann näher kam, erkannte man, dass er ein
Gerichtsbeamter oder so was Ähnliches sei.
    Kaspar stand auf und schlenkerte zum Fussweg hinüber, und dabei hob er hie
und da ein paar Garben auf und tat so, als ob er die Ähren angelegentlich
betrachte.
    Nun war der Mann auf etliche Schritte herangekommen, und es zeigte sich, dass
er wirklich ein Amtszeichen auf der dunkelblauen Mütze trug.
    »Heut is amal a richtig's Wetter zum Arbeit'n,« sagte er und blieb stehen.
    »Ja ... so waar's scho recht,« antwortete Kaspar.
    »Heuer kann ma do überhaupts net klag'n, aber ihr Bauern seid's ja nie
z'fried'n.«
    »'s Rentamt scheint's aa net, sunst verlanget's net allaweil no mehra ...«
    »'s Rentamt?« Der Mann lächelte. »Da können S' recht haben; dös hat scho an
weit'n Magen.«
    »Seid's ös an oana?«
    »Na, vom Rentamt bin i net. Aber sagen S' amal, geht's da zu einem Bauern,
namens Umbricht?«
    Der Fremde zog ein blaues Heft aus der Tasche, schlug es auf und las vor:
    »Michael Umbricht, zum Ruepp auf der Leiten ...«
    »Ja ... brauchen S' bloss allaweil gradaus geh. Dös Haus dort droben is ...«
    »Dank schön. Also gut'n Tag und gute Verrichtung ...«
    Er grüsste und wollte gehen.
    Da fragte Kaspar:
    »Sie entschuldigen, Sie hamm g'sagt, Sie san net vom Rentamt. Was san S'
denn nacha?«
    »Auch a unbeliebte Persönlichkeit ...«
    »Am End a G'richtsvollzieher?«
    »Er selber net, aber sei Stellvertreter. Grüss Gott!«
    Kaspar sah ihm finster nach und ging langsam zu seinen Leuten zurück. Er
nahm gleich die Sense auf und mahnte die andern zum Aufbrechen.
    »Geht's weida! Mir hamm no an schön Fleck zum Abhau'n ...«
    Michel merkte beim Aufstehen, dass die Zenzl dem Peter einen vielsagenden
Blick zuwarf, und dass beide lächelten, und es entging ihm auch nicht, dass sein
Bruder zornig war; er dachte sich wohl, dass er mit der fremden Amtsperson irgend
was gehabt habe, aber er wollte nicht fragen und ging mit den andern weg.
    Kaspar blieb mit der Leni so weit zurück, dass man ihn nicht hören konnte.
    »Jetzt hamm ma's,« sagte er halblaut. »Es wird oiwei schöna; kimmt da
G'richtsvollzieher scho ins Haus!«
    »Marand Josef! War er dös?«
    »Ja. Nach'n Weg zum Ruepp hat er g'fragt ...«
    »Was werd dös wieda sei!«
    »Dös is net schwar zum derrat'n. Schuld'n werd er hamm mit seine
Täuschlereien, mit seine gottverdammten!«
    »Was ma da no derleb'n müass'n!«
    »Dass ma abi rutschen. Ehnder gibt ja der lüaderliche Mensch koan Ruah, bis
net all's hi is ... Herrgottsaggerament, am liabern schmeissat i d' Sans' hi und
gang auf und davo. Als Knecht kriagat i do mein Lohn richti und müasst net warten
und rum red'n um a jed's Markl. Plagt ma si für den Saustall und is und werd do
nix. Aba lang tua i nimma mit ...«
    »Muasst an's Sach denka, Kaschpar!«
    »Ja, denk no recht dro! Es werd a so bald koa Sach nimma da sei zum dro
denka, wenn er auf d' Gant kimmt, der Mensch, der nixnutzete ...«
    »Moanst d', i soll hoam geh und schaug'n?«
    »Ah! Was sehgast denn da?« - »I hab koan Ruah nimma ...«
    »No ja, na schaug hoam; ko da Bartl daweil beim Bind'n helfa. Am End is
g'scheita, bal du dahoam bist, sunst is d' Muatta ganz alloa ...«
    »Er schlaft ja z'erscht no.«
    »Da G'richtsvollzieher weckt'n scho. Nacha ko er'n o'blinzeln aus seine
versuffan Aug'n. So bin i scho ausg'legt, dass i aa am liabern hoam gang und
schmeisset eahm all's vor d' Füass hi ...«
    Leni eilte heim und traf im Hausflötz ihre Mutter, die erschrocken vor dem
Gerichtsmenschen stand.
    »Da Bauer kimmt glei,« sagte sie. »Er hat si aufg'fall'n und is it ganz guat
beianand ...«
    »Was geit's denn da?« fragte Leni scharf und schaute den Mann zornig an.
    »Was 's gibt?« sagte dieser ruhig. »Ja, hoffentlich a Geld, sonst müasst i
was pfänden ...«
    »Jessas! Jessas!«
    »Sei no staad, Muatta! ... Vata!« schrie Leni in gellendem Ton. »Waar do
scho Zeit, dass d' aussa kamst!«
    »Ö ... hö ... hö!« brummte der Ruepp und knöpfte noch sein Gilet zu, als er
aus der Schlafkammer heraus kam. »Du kunnt'st ja no bessa schrei'n ...«
    »Muass vielleicht d' Muatta den Dreck wegramma, den du herg'macht hast?«
    »Du redst di a weng gar leicht, du! ...«
    »Is ja wahr! Muass ma si da net z' Tod schama, bal oan da G'richtsvollzieher
beim helliacht'n Tag ins Haus kimmt? Und du flackst im Bett, und d' Muatta woass
si net z' rat'n und z' helfa ...«
    »Dös wer i scho macha, desweg'n brauchst du it schrei'n als wia'r a
Krattlerin ...«
    »Ja, dös woass ma scho, wia's d'as du machst ...«
    »Halt 's Mäu, sag i ... Was gibt's denn da überhaupts?« fragte er den
Gerichtsvollzieher in barschem Ton.
    »Sie, ich bitt mir an anderne Sprach aus, gel? Ich bin hier im Dienst,
verstanden? Da wer'n S' Ihnen irren, wenn Sie glauben, dass Sie mir mit
Lackelhaftigkeiten kommen können ...«
    »I wer no frag'n derfa, was Sie in mein Haus herin woll'n.«
    »Jawoll, aber in an andern Ton. Ich bin der Stellvertreter des
G'richtsvollziehers Stumbeck und hab' bei Ihnen eine Forderung einzutreiben.«
    Der Ruepp war durch die scharfe Sprache des Mannes, der als gedienter
Feldwebel den richtigen Tonfall hatte, eingeschüchtert.
    »I woass nix von koana Forderung,« sagte er kleinlauter.
    »Wissen Sie's net, so? Ich kann Ihr Gedächtnis auffrischen. Da is das
vollstreckbare Urteil vom Landg'richt München ...« Er entfaltete ein Papier und
las vor.
    »Wasserburger gegen Umbricht. Sie schulden in Haupt- und Nebensache
einschliesslich der Kosten neunhunderteinundvierzig Mark und sechzig Pfennig.
Können Sie sich jetzt an die Kleinigkeit erinnern?«
    »Was? Für den frechen Juden, da müsst i zahl'n? Dös gibts's durchaus gar it
...«
    »Wenn Sie nicht zahl'n woll'n oder können, dann werd ich eben pfänden ...«
    »Von kinna is koa Red it. Für de Bagatell'n werd mei Hof no guat sei ...«
    »Also dann ... nur raus mit die Maxen!«
    »Was? Bal mi der Jud, der ausg'schamte, ganz offenbarig betrog'n hat? Der
sell Gaul is dampfig g'wen, und für dös han i de bescht'n Zeug'n, de wo de Sach
richtig sag'n kinnan ...«
    »Das hätten Sie früher und beim G'richt sagen müssen. Da is ein
Versäumnisurteil und is rechtskräftig, und damit fertig.«
    »Dös gibt's na do scho net. Wo waar denn da a Vasäumnis, bal i gar nix inne
wor'n bin?«
    »Sie hamm die Klage zugestellt kriegt. Machen S' mir nix vor!«
    »Ko scho sei, dass amal was kemma is, aba als Landwirt hat ma do koa Zeit, in
Summa, bei der grösst'n Arwat, dass ma'r an jed'n Papierfetz'n lest.«
    »Den hätten S' scho lesen sollen ... Jedenfalls mich geht das gar nix an.«
    »Den verklag i weg'n Betrug, dös lass i weida geh bis aufs Reichsg'richt ...«
- »Schön. Aber heut heisst's zahl'n ...«
    »Dös glaab i na do scho net, bal dös ganz offenbarig is und bal i de
bescht'n Zeug'n hab ...«
    »Ich hab net so viel Zeit, mein Lieber, und Ihr Prozess geht mich gar nix an.
Bei mir gibt's bloss zahl'n oder pfänden.«
    »I bin gar net beim G'richt g'wen mit dem Juden, mit dem ausg'schamten, na
kann i aa net verurteilt sei ...«
    »Eben weil Sie nicht dort waren, und weil S' Ihnen kein Advokaten g'nommen
hamm, deswegen sind S' verurteilt wor'n. Das is ja das Versäumnis ...«
    »Dös werd ma nacha do scho ei'sehg'n beim G'richt, dass a Bauernmensch bei da
grösst'n Arwat koa Zeit net hat ...«
    »Nein, das siecht man nicht ein, aber dös siech i ein, dass Sie net verstehen
woll'n, und wahrscheinli auch net zahl'n ...«
    »I will mei Recht hamm. Muass ma'r i an so an offenbarigen Betrug g'fall'n
lass'n? Da muass 's Reichsg'richt her ...«
    »Also wenn Sie nicht zahl'n woll'n, nacha geh'n wir jetzt in Stall naus.«
    »Was recht is, wer i zahl'n ...«
    »Recht is neunhundertundeinundvierzig Mark und sechzig Pfenning. I wart fei
jetzt nimmer.«
    »Dös hat ma aa net allaweil dahoam ...«
    »Ich will Ihnen was sagen. Der Doktor Rosenbaum, der Vertreter von Ihrem
Gegner schreibt, dass er Ihnen acht Tag Frist geben will für den Rest, wenn Sie
mir sofort eine grössere Summe einhändigen.«
    »Und bal i's net ei'händig?«
    »Pfänd ich Ihnen einen Gaul oder a paar Küh ...«
    »Mehra wia dreihundertfufzg Mark hab i net bei da Hand ...«
    »Schön, geben S' mir die, und in acht Tag zahlen S' das andere, sonst muss
ich wieder kommen.«
    »Aber guat sei lass i's net, und bis zum Reichsg'richt muass de G'schicht geh
...«
    Der Ruepp ging brummend in die Kammer, und als er wieder zurück kam, zählte
er auf das Fensterbrett dreihundertfünfzig Mark hin.
    Der Gerichtsvollzieher schrieb ihm eine Quittung und ging.
    Während des ganzen Vorgangs hatte die Rueppin ihren Mann ängstlich
angeschaut; die Leni stand mit untergeschlagenen Armen daneben und machte ein
bitterböses Gesicht.
    Als der Beamte zur Tür hinaus war, sagte die Bäuerin nach einem schweren
Seufzer:
    »Pfänd't wer'n mir na do it? Dass wenigstens des Allerärgst net passiert!«
    Der Ruepp war schon wieder grossspurig.
    »Kümmer di um dös it. Dem Malafizjuden, dem vadächtigen, brock ia Suppen ei
...«
    »De hoscht scho ins ei'brockt,« sagte Leni grob.
    »Du nacha mit deina Goschen, was geht's denn di o?«
    »Leider, dass 's mi was o'geht; mir waar's scho liaba, i waar in an richtinga
Haus.«
    »Dass 's dir fei nimma guat gnua is! Na suachst dir a bessers.«
    »Dös waar net hart zum find'n; besser is glei oa's.«
    »Nur recht frech sei, sag i. Tua di no ja net schinniern!«
    »Waar g'scheiter, es schinnieret si wer anderer und waar drausd bei der
Arwat und stand net herin bei de G'richtsvollzieher umanand!«
    »Jetzt lass 's guat sei, Leni!« wehrte die Mutter ab.
    »Is ja wahr! Muass ma si vor de Deanstbot'n schama. De hamm's aa g'sehg'n,
wia der sell mit da Haub'n zum Hof zuawa ganga is.«
    »De wissen an Dreck,« sagte der Ruepp grob. »Und überhaupts über meine
Prozesssacha wer mi i bekümmern, aber du di net. Und dös sell wer i scho macha,
dass der Betrug offenbarig werd. Und z'weg'n was gehst denn du überhaupts vom
Feld eina? I hätt di wohl it braucht da herin ...«
    Leni gab keine Antwort mehr, sondern warf die Küchentüre hinter sich zu, dass
die Scheiben klirrten.
    »A so an unguat's Luada, a so a zahnet's!« schimpfte der Ruepp hinter ihr
drein.
    »Sie moant's ganz recht,« sagte die Bäurin.
    »Was vasteht denn de von sellane Sacha? Dös muass i besser wissen, was i z'
toa hab ...«
    »Und des allerbest waar, wann du gar nix z' toa hättst mit de G'richtssacha
...«
    »Lass dir no Zeit! Dem Juden hoaz i ei, dass eahm warm werd. Und jetza
schaugst, dass d' mir in da Kuchl a weng was sauers z' machen kimmst. Dös sell
richt mi wieda z'samm.«
    Der Ruepp ging in seine Kammer, und die Bäurin richtete in der Küche das
Essen für die Leute, die bald vom Feld hereinkommen mussten.
    Die Leni half ihr dabei, und wenn sie zornig mit dem Geschirr klapperte,
nickte die Rueppin zustimmend mit dem Kopfe und seufzte tief auf.
 
                                Fünftes Kapitel
Wie der Ruepp in seiner Kammer allein war und auf dem Bettrande sitzend vor sich
hin stierte, machten ihn seine Gedanken verzagter als alle scharfen Worte der
Leni.
    Seine Schulden standen mahnend vor ihm, seit ihm eine davon so widerwärtig
in Erinnerung gebracht worden war, und er hielt über seine Gläubiger eine
ängstliche Musterung ab.
    Da war der Pfäffel von Glonn, dem er die dreihundertfünfzig Mark, die vom
Gerichtsvollzieher weggenommen worden waren, fest versprochen hatte, und er
wusste, dass der Unterhändler sich nicht leicht noch einmal vertrösten lassen
werde.
    Und dem Müller Lenz von Aufhausen war er an die fünfhundert schuldig, und
dem Wasserburger pressierte es ganz gewiss mit dem Rest, der auch beinahe
sechshundert ausmachte.
    Der Ruepp dachte an alles mögliche, aber bloss nicht daran, wie er auf seinem
gefährlichen Wege umkehren und durch Schaffen und Sparen allmählich wieder auf
gleich kommen könne. Das ging langsam und mühevoll, die Zahlungen aber drängten.
Was blieb also übrig, als bei andern Hilfe suchen?
    Unter den Weidachern war keiner, der ihm das Vertrauen schenken würde. Nicht
ein einziger. Was der Lukas geradeheraus gesagt hatte, das dachten die andern,
und ein Ersuchen von ihm hätte bloss zu heimlichem Gerede geführt; die einen
gönnten ihm die Verlegenheit, den andern war sie gleichgültig, und alle hatten
sie schon lang vorausgesehen.
    Aber wo wollte er sonst Hilfe kriegen? Wieder von einem Unterhändler? Das
hiess ein grösseres Loch aufmachen, um das kleinere zuzuschütten.
    Und doch! In Gott's Namen!
    Er schaute stumpfsinnig zum offenen Fenster hin und achtete nicht auf den
blauen Himmel, der übers Scheunendach zu ihm hereinsah, und nicht auf den
Sonnenschein, der prall auf der weissen Stallwand lag.
    Eine Hummel flog herein und brummte wie zornig in der Stube herum.
    Fauler Bauer, was ist denn? Hinaus aufs Feld! Ist das auch noch eine Art, an
einem solchen Tag da herin hocken und über Geldtäuschlereien nachsinnieren?
    Aber die Gedanken des Ruepp nahmen keine andere Richtung.
    Es handelte sich bloss darum, sich jetzt einmal geschwind aus der Klemme zu
ziehen, und war's so weit, dann musste er ja auch einmal Glück beim Handeln haben
und konnte alles heimzahlen.
    Das war genau so wie selbigesmal, wo ihm die Loni geholfen hatte.
    Herrgott ja - die Alte!
    Wenn er es doch noch einmal bei der probierte? Er konnte ihr ins Gewissen
reden, dass sie soviel Jahre das beste Auskommen bei ihm gehabt hatte und dafür
auch einen Dank schuldig geworden sei. Freilich hatte sie's ihm hartnäckig
abgeleugnet, dass sie noch was habe, allein die Sprüche kannte er.
    Selbigesmal war sie bockbeinig und zuletzt hantig gewesen, und sie hatte ihm
ein paar Brocken hingeworfen, die er nicht gern verschluckte, aber jetzt war sie
krank, und die Aussicht auf einen baldigen Tod hatte sie gewiss zugänglicher
gemacht, wenn man ihr nur richtig ins Gewissen redete.
    Der Plan gefiel dem Ruepp immer besser, je länger er darüber nachdachte. Er
stand auf und öffnete die Kammertüre, um zu horchen.
    Die Leni war mit der Bäurin in der Küche, und sonst war niemand daheim; so
konnte er unbemerkt zu der Alten hinüber.
    Er trat leise ein, und Loni, die über die hohe Bettdecke weg nicht zur Türe
sehen konnte und in Gedanken verloren war, meinte, es sei die Bäurin, die wie
gewöhnlich nach ihr umschaue.
    Sie erschrak, wie der Ruepp ans Bett kam und bei ihrem Anblick ein
freundliches, recht mitleidiges Lächeln aufsetzte.
    Sie sagte aber nichts, sondern schaute ihn nur müde an.
    Was er wollte, wusste sie auf der Stelle; das nämliche halt, was er jedesmal
wollte, wenn er alle paar Jahr einmal zu ihr herüber kam.
    »Wia gehts dir denn, Loni?« fragte der Bauer, und kein Geistlicher hätte es
sanfter vorbringen können.
    »Schlecht,« sagte sie.
    »Hab's wohl g'hört, hab's mit an grossen Bedauernis g'hört und ho's gar it
glaab'n woll'n. D' Loni, hab i g'sagt, is a Zache, de gibt si so schnell it. Aba
no, alt bischt halt aa, und g'rackert hast di deiner Lebtag, da is na z'letzt
koa Wunder.«
    »Is wohl koa Wunder ...«
    »Gel ja, Muatterl, sagst aa. Aba den Trost hoscht, dass d' dei Sach allaweil
richtig g'macht hast auf dera Welt, und bal ma dös mit Wahrheit sag'n derf,
braucht ma si nix fercht'n ...«
    »M ... hm ... ja, bal ma's sag'n ko ...« murmelte die Loni und der Ruepp
hätte eine Anspielung darin sehen können, wenn er gewollt hätte.
    Aber dazu war er viel zu barmherzig und mild aufgelegt.
    »Bal dös überhaupts oani sag'n ko, bist as du. Dös Zeugnis muass dir a jeda
Mensch geb'n, und z'allererscht i. Und desweg'n glaab i's aa, du muasst as drent
schö kriag'n ...«
    »Des sell mach i liaba mit'n Pfarra aus ...«
    »Freili, aba mi sagt grad. I muass dir alle Ehr geb'n und muass dir aa
vergelt's Gott sag'n für dein Fleiss und überhaupts für allssammete ...«
    »I dank dir schö ...«
    »Is net mehra wia mei Schuldigkeit. Du woasst scho, was i moan ...«
    »I ko jetzt von dem it red'n,« sagte die Loni, und es klang trotz ihrer
schwachen Stimme mürrisch. »Du muasst as scho amal in Richtigkeit bringa,« setzte
sie hinzu.
    »Feit si nix, Muatterl. Für dös bin i scho da ...«
    »Du host ma's aba scho lang g'hoass'n ...«
    »Scho, aba i hab mir denkt, du bleibst ja bei ins, und mir g'hör'n z'samm,
net? Da kimmt's auf Zeit net o, bal's no sicher is ...«
    »M ... hm ... ja ... bal's sicher is.«
    »Werst na do koan Angst net hamm z'weg'n dem? Na ... na ... sell derf di gar
it bekümmern. Schau, für di oder, wenn's scho Gott's Will'n is, für den, der no
amal erbt, is ja der Hof guat ... da ko ja nix fei'n ...«
    Die Alte wurde unruhig; die Gedanken, mit denen sie sich in den letzten
Tagen soviel beschäftigt hatte, kamen über sie.
    Sie zupfte an der Decke und sagte.
    »An Notari habt's mir aa it g'holt.«
    »Desweg'n bin i ja zu dir umma kemma ...« log der Ruepp. »Wia ma's d' Bäurin
g'sagt hat, han i mir denkt, ah was, dös pressiert wohl it. De alt Loni is halt
a weng schwach und moant glei des Irgste; da hat's lang Zeit, han i mir denkt.
Aba weil i jetzt siech, dass di de Sach wirkli druckt, is was anders, und jetzt
sollst sehg'n, dass i dir z'liab all's tua. I fahr heunt no auf Dachau eini und
hol an Notari ...«
    »Waar mir scho ganz recht.«
    »Na ... na, da gibt's nix. Ob mir jetzt a Fuhr mehra eina bringa oder net,
auf dös geht's aa nimma z'samm. Du hoscht as wohl vadeant, dass ma dir all's
tuat.«
    »I dank dir schö ...« sagte die Loni versöhnlicher.
    »Is gern g'schehg'n; da braucht's koan Dank gar it. Na mach ma's a so, i
fahr heut eini, und morg'n fruah werd na da Notari aussa kemma. Soll i eahm dös
glei o'geb'n, was da'r i schuldi bi?«
    »Na ... dös sag i eahm scho selm.«
    »Sagst as eahm selm; ganz richti. No ja, i hab grad g'moant, weil du mir
amal g'sagt hascht, dass du sinscht koa Geld it hascht ...«
    »I hab aa koa's ...«
    Die Loni sagte es hastig und abweisend.
    »Grad desweng, schau Muatterl, i kannt ja nacha beim Notari zu'n Protokoi
geb'n, auf wen dass du de dreitausad Mark übri schreib'n lasst. Na brauchat er am
End gar it aussa fahr'n und waar'n de Kost'n daspart ...«
    »Na, er muass scho aussa kemma ...«
    »Also nacha richt i's a so aus, dass er moring kimmt. Es g'schiecht akarat a
so, wia's d'as du hamm willst. Nacha gilt's scho ...«
    Die Loni glaubte, dass jetzt genug darüber geredet sei, und drehte den Kopf
nach der Wand zu, aber der Ruepp zog jetzt gar den Stuhl ans Bett und hockte
sich hin.
    Sie wusste jetzt, dass das eigentliche noch kam.
    »Ja ... ja ...« seufzte der Bauer. »So geht's auf dera Welt. Mir waar's glei
liaba, i liegat an deiner Statt, und du waarst g'sund und frisch auf de Füass
...«
    Die Loni regte sich nicht.
    »Was hat ma denn?« fuhr der Ruepp fort. »Muasst di schind'n und plag'n und
hast nix als wia Sorgen und Kümmernis. An jeden Tag waar's mir recht, wenn's gar
waar. I verlangat mir wohl koa länger's Leb'n. Es is nix, als wia'r a Marterei
...«
    Die Alte gab keine Antwort.
    »... Ja ... ja ... bal si oana rühr'n kunnt, waar's was anders, aba bal oan
d' Händ bunden san, bist und bleibst der Narr deiner Lebtag. Und kannt ma si oft
mit so weni helfa, aber na, es helft oan koa Mensch, und ma bleibt der Fretter
... was hast g'sagt?«
    »Nix ...«
    »I ho g'moant, du hast was g'sagt. Ja mei Muatterl, i bin dir neidi um's
Kranksei, derfst d'as g'wiss glaab'n ...«
    »I glaab's net ...«
    »Warum net? Was han i denn davo, dass i beim Tag umanand geh mit de Kümmernis
und bei da Nacht it schlaf vor de Sorg'n?«
    »Hätt'st d' bessa g'haust!«
    »Jetzt hast was g'sagt. Bessa g'haust. No ja, ma sagt it vo dem, dass ma si a
diam an Pfenning derspar'n hätt kinna, aba vo dem kimmt's net, sondern weil oan
d' Händ bunden san.«
    Er schwieg und sah die Alte lauernd an, aber sie wandte sich nicht um, und
es schien fast, als wäre sie eingeschlafen.
    Da nahm sich der Ruepp einen festen Anlauf und räusperte sich zuerst.
    »Siehgst, Muatterl, i sag dir's ganz aufrichti, i siech mir koa Hülf
nirgends als wia bei dir.«
    Das Muatterl rührte sich auch darauf hin nicht.
    »I hab mir a so denkt, siehgst, i hab ma denkt, wo waar i denn hi'kemma,
wann d' ma du selbigsmal net g'holfa hättst, aba so is guat wor'n, weil'st ma du
g'holfa hoscht.«
    Die alte Loni drehte sich jetzt um und schaute den lüderlichen Menschen
ernstaft an.
    »Was is denn guat wor'n?« fragte sie.
    »Allssammete. Du woasst gar it, was du selbigsmal to hoscht für mi und für
ins alle mitanand. I waar nimma auf d' Füass kemma, dös ko da'r i sag'n, so hamm
mi de Wuacherer bei da Gurgl g'habt ...«
    Die Alte wandte den Blick nicht von ihm ab, und sie sah viel mehr, als der
armselige Lügner glaubte. Dass es keine Hilfe gab für einen, der so von innen
heraus verfault war wie der; sie war so müd und abgeschlagen, dass sie seine
Worte kaum verstand, aber auch wenn sie bei ihren Kräften gewesen wäre, hätte
ihr sein Reden fremd und sinnlos geklungen, denn zwischen Redlichkeit und
Unehrlichkeit gibt es kein Verstehen. Sie hatte sich auch damals nicht von ihm
täuschen lassen, sondern hatte der Bäuerin und den Kindern zulieb geholfen.
    Der Ruepp glaubte aber, dass er das schwache Weibel schon halb herumgebracht
habe, und lächelte sie schmerzlich an.
    »Und heut,« sagte er, »heut is net viel anderst wia selbigsmal, und da woass
i mir koan Ausweg nimmer und muass halt wieda zu dir kemma und frag'n, schau
Muatterl, magst mir denn gar it helfa?«
    »I hab nix mehr ...«
    »Geh zua, bal mi so dro is wia du, soll mi an Menschen, der wo in seiner
Kümmernis zu oan kimmt, net a so abspeis'n. Schau, was hoscht denn davo? Bei mir
tuast a guat's Werk und tuast as net mir alloa, sondern aa der Bäurin und alle,
de wo mit dir g'lebt hamm und san freundli g'wen zu dir und hamm dir all's to.
Du bischt do im Haus net als wia'r a Deanstbot g'wen, du hoscht do dazua g'hört.
Folgedessen hat's di do ganz anderst o'ganga, was ins betrifft, und geht di aa
heut no anderst o ...«
    »I hab nix ...«
    »Dös muasst it sag'n ...«
    »Warum net?«
    »Weil's it wahr is, schau, und weil ma net lüag'n soll, bal ma amal so dro
is wia du, Loni. Und was hoscht denn von dem Geld? Is dös vielleicht recht,
wann's oana kriagt, der wo si nia um di bekümmert hat? Und de Leut, bei dena du
dös beste g'habt hoscht, de ganga laar aus? Bal's a so kimmt, Loni, was müassen
denn mir von dir denga, und was für a Nachred kriagst du auf de Weis' bei ins?
Macht dös gar nix aus? Is dös allssammete gleich?«
    »Was i hab, kriagt koa Fremda ... und jetzt lass mir amal mei Ruah!«
    »Kriagt koa Fremder, sagst? Ja, wer kriagt's denn nacha? D' Bäurin hat mir
amal was g'sagt, dass du an Michi dei Sach geb'n mögst. Gegen dös sag i ja nix,
aba du muasst na do a weng an dös denga, was i für'n Michi g'leist' hab bis
jetzt, und wann er amal geischtli werd und für di extra beten und messles'n ko,
hoscht du dös net mir zum verdanka? Und bal du mir jetzt net hülfst, und i ko
eahm net weida studiern lass'n, hat dös an Sinn? Du stehst dir ja selm im Weg.
Er soll's kriag'n, aber spater; jetzt kunnt'st du mir damit helfa und durch dös
aa'r an Michi. Du muasst richti denga, Muatterl, schau ...«
    »Mei Ruah möcht i; i bin so viel müad ...«
    »Sagst wohl, du mögst a Ruah hamm; moanst d', i hab oani, wann i jetzt furt
geh und siech, dass d' ma du aa'r it helfa willst? ...«
    »I hab nix ...«
    »I woass anderst, Loni. I woass, dass du a Geld hoscht ...«
    Die Alte hatte sich trotz ihrer scheinbaren Ruhe so aufgeregt, dass sie mit
den Händen in fiebriger Hast über die Decke strich; es wurde ihr ganz ängstlich
zumute, und sie fing zu weinen an.
    Der Ruepp stand auf. Er war doch erschrocken über das, was er angerichtet
hatte, und da er nicht mehr daran glaubte, dass er seinen Zweck erreichen könne,
wollte er gehen.
    Als er sich umwandte, stand seine Bäuerin vor ihm; er hatte ihr Eintreten
nicht bemerkt und war nun etwas verwirrt.
    »Was tuast denn du?« fragte sie hastig und arg bestürzt.
    Darüber ärgerte er sich und fand seine Fassung wieder.
    »Was wer i toa? Nachschaug'n halt, wenn's verlaubt is. Bal's d' mir du jeden
Tag vorjammerst, dass i ei'spanna soll und auf Dachau fahr'n, wer i wohl
nachschaug'n derfa, ob's wirkli so pressiert.«
    »Hätt'st du it mi frag'n kinna?«
    »I hab 's selm sehg'n woll'n. Verzählt hoscht ma's oft gnua.«
    »Da Dokta hat eigens g'sagt, ma soll d' Loni it aufreg'n ...«
    »Waar scho an Aufregung, bal ma si nach oan erkundigt. I hab ihr versprocha,
dass i heut auf Dachau fahr ...«
    »Du?« - »Ja, - i ...«
    Er sagte das unwirsch und ging schnell zur Türe hinaus; das Getu war ihm
zuwider, und vor allem wollte er darüber keine Fragen hören, warum sich die Alte
so aufgeregt zeige.
    »Hast du g'woant, Lonimuatta?« fragte die Rueppin.
    »I ho mi so g'forcht'n ...«
    »Vor eahm?«
    Die Alte nickte, und die Bäuerin setzte sich neben sie und streichelte ihre
Hand.
    »Er is do it grob g'wen mit dir?«
    »Na ... grob it ...«
    »Aber er hat was woll'n?«
    »Woasst d' as ja so.«
    »Na ... na ... i han koa ruhige Stund nimma im Haus. An all's hätt i denkt,
aber an dös it, dass er zu dir umma geht und di plagt ...«
    Jetzt kamen der Rueppin die Tränen, und sie wischte sie mit dem
Schürzenzipfel ab.
    »Was werd no all's über mi kemma?« schluchzte sie.
    »Lass guat sei!« tröstete die Alte. »Er werd halt wieda Schuld'n hamm ...«
    »Wenn oan scho da G'richtsvollzieher ins Haus lafft!«
    »Da ... G'richtsvollzieher?«
    »Ja, vor a Stund is er da g'wen, und grad halt, dass er eahm a paar hundert
Mark geb'n hat kinna, sinscht waar'n mir gar no pfänd't wor'n ...«
    »Bist an arm's Leut ...« sagte Loni und hob den Kopf mühsam ans den Kissen.
»Du hast aa nix guat's derrat'n ...«
    »Wohl nix guat's. Ma tat ja all's gern, und waar mir koa Arwat net z'viel,
aba d' Schand aushalt'n, des sell is dös Irgst ...«
    »Jetzt woan net a so! Vielleicht geht's do no besser aussi, als ma moant ...«
    »I siech koan Ausweg net. Er werd net anderst, und er gibt koan Ruah, bis
net all's hi is ...«
    Die Loni musste ihr nur allzu recht geben und konnte sie nicht trösten.
    Sie sah zum Fenster hin, durch dessen obere Scheibe die Sonnenstrahlen in
die Stube herein fielen.
    »Hat's a schön's Weda für d' Arndt?« fragte sie, um die Bäuerin auf andere
Gedanken zu bringen.
    »J - ja ...«
    »Werd da Kaschpa froh sei ...«
    »Bei ins is neamd froh ...«
    »Du muasst it ganz verzag'n, Afra. Dös machat all's no schlechta, und schau,
es is nacha do viel wert, dass da Kaschpa a ganz an anderner ist. Bal an Bauern's
Wassa recht an Krag'n geht, übergibt er vielleicht, und nacha kannt all's no
bessa wer'n ...«
    »Ja ... ja ... bessa ...«
    »Warum it? I kannt mir denga, dass er an Hof hergab durch dös, bal eahm d'
Leut scho mit'n G'richt kemma ...«
    »Vielleicht ... ja ...« die Bäuerin seufzte tief auf. »Aber du sollst net so
viel red'n, und i derf di mit meine Kümmernis net aa no plag'n ... I bin umma
kemma, weil i dir sag'n hab woll'n, dass da Michi auf Dachau eini radelt zum
Notari.«
    »Da Michi?« Die Alte lächelte freundlich. »Sagst eahm vergelt's Gott von
mir.«
    »Aba jetzt will ja er eini fahr'n ...«
    »Dös braucht's nacha nimma; bleibt ja's Ross für d' Arwat dahoam. Na ... na
... dös braucht's nacha net; sag's eahm no, dass da Michi einifahr'n will ...«
    Loni sprach wieder ganz aufgeregt.
    »Heb di no staad, i sag's eahm glei ... und auf dös gib i aa Obacht, dass er
nimma zu dir eina kimmt. Brauchst di net ängsten ...«
    »Is mir scho liaba, bal er net kimmt.«
    »I mach's scho; dös versprich i dir ... und jetzt pfüad di Good,
Lonimuatta!«
    »Bfüad di ... und an Michi sagst vergelt's Gott ...«
    Die Rueppin traf den Bauern im Hof, wie er den zweisitzigen Bernerwagen
herausschob.
    »Du brauchst it auf Dachau,« schrie sie ihm schon auf zwanzig Schritte zu.
    »Was is?«
    »Auf Dachau brauchst net eini fahr'n. Radelt scho da Michi eini.«
    »Dös werd mei Sach sei, was i toa will; da Michi soll no draussd a weng
mitelfa, i fahr jetzt amal.«
    »Braucht ma ja's Ross z' notwendi ...«
    »Dös han i allaweil g'sagt, und do hascht dageg'n g'redt. Jetzt weil i
nachgeb'n hab, bracht'st d' as du wieda anderst daher. Dös waar ja a
Lipperlg'spiel ...«
    »Jawoi is oans, wenn der ander mit'n Radl eini fahr'n ko, und du nimmst's
Ross von der Arwat weg. Muass ja dir aa recht sei, bal mir mit'n Einafahr'n koan
Aufentalt hamm.«
    »Nix da! I ho's amal g'sagt und ho's der Alt'n versprocha, und bei dem
bleibt's ...«
    »Versprocha ... ja! I woass scho, z'weg'n was du bei da Loni drent g'wen
bist. Dass di du gar it schamst! Bringt er dös alte Leut in de grösst Angst ...«
    »Was is dös für a G'red, für a dumm's?«
    »Hat sie's net g'sagt zu mir, dass sie si frei g'forchten hat vor deina?«
    »An Schmarrn hat s'. Han i net auf dös allerbeste g'redt mit ihr? Jetzt kam
sie mit'n Fercht'n daher, de Loas, de dappige!«
    »Schimpf no! Du woasst recht guat, dass 's wahr is. Hoscht du dös it gesehg'n,
dass de Alt g'woant hat? Und z'weg'n was? Gel, du woasst as guat gnua?«
    »Nix woass i. Bal sie ihra Sach nimma beinand hat und z'weg'n nix's Woana
o'fangt, was geht denn dös mi o?«
    »Ja, und bal du ihr a so zuasetzt, dass sie dir a Geld geb'n soll, waar's da
a Wunda, dass si a kranke, alte Person fürcht? Derf ma's ja gar it sag'n, was si
de denkt hat.«
    »Sag's no! Is oa Dummheit wia de ander. Herrgottsaggerament! Da hört si do
scho allssammete auf. A ganze Woch her muass i de Bengserei hamm, geh, fahr eini!
Geh, hol ihr do an Notari! Geh, tua'r ihr do den G'fall'n! Und nacha bin i da
Lapp und geh ummi und frag s', ob's ihr wirkli a so pressiert, und nacha
bracht's der alte Scherb'n a so aussa, als wann sie si fercht'n hätt müass'n. Dös
is ja a Narrenhaus!«
    »Ja, bal's net no was schlechter's is. I brauch dir nix sag'n, und bal's d'
a schimpfst, du woasst as do!«
    »Nix woass i, und jetzt hamm ma ausg'redt, Herrgottsaggerament!«
    »Oha! Was is denn?« fragte Kaspar, der mit Michel in den Hof hereingekommen
war.
    Weiter hinten zeigten sich schon die Dienstboten.
    »Ah nix,« antwortete die Rueppin, die keinen Auftritt haben wollte. »I hab
an Vata bloss g'sagt, dass da Michi auf Dachau eini radeln will; sinscht waar er
eini g'fahr'n.«
    »Gar nix sinscht! I fahr eini, wia'r i's g'sagt hab.«
    »Zu was denn?« fuhr Kaspar hitzig auf. »Z'weg'n was denn an Gaul nehma, bal
der Michel's Radl hat?«
    »Weil i's g'sagt hab, sag i.«
    »D' muass na do scho a Vastand dabei sei beim Sag'n. Bal ma's Ross dahoam
braucht, fahrt ma do it zu da Gaudi umanand.«
    »I gib dir na scho a Gaudi! Hat mi net d' Muatta sechstausadmal bitt um
dös?«
    »Bal's aber anderst so leicht geht!« beschwichtigte die Rueppin.
    »Heut a so und morg'n a so ... I gib enk koan Narr'n net ab,« schrie der
Bauer. »Jetz is amal g'sagt, i fahr, und gar is, und da Herr bin i da auf'n
Hof.«
    »Ja, bal di da G'richtsvollzieher net aussi schmeisst!«
    Kaspar achtete in seinem Zorn nicht mehr darauf, dass die Dienstboten seine
Worte hören mussten.
    Und jetzt war auch der Ruepp ausser Rand und Band.
    »Bürschei! A so kamst du mir? Derfst du so was sag'n geg'n dein Vata? Derfst
di du a so ausmanndeln gegen meiner? Du! G'hört's Sach scho dei?«
    »Mir net und dir aa bald nimma. Aba de Juden oder deine g'lumpat'n
Spiassg'sell'n, deine Unterhandla ...«
    »'s Mäu haltst!«
    »Net halt i's,« schrie Kaspar sinnlos vor Wut und schmiss die Sense an die
Stallwand, dass der Stil abbrach. »Und jetzt ko'st dein Dreck selber macha und
eina bringa, bal's d' dir gnua g'suffa hoscht z' Dachau drin! I gib dir koan
Hanswurscht'n ab, dir, dass d' as woasst ...«
    »Aba Kaschba!« rief die Rueppin.
    Der hörte aber nicht auf sie, sondern ging ins Haus und polterte über die
Stiege in seine Kammer hinauf, wo er sich aufs Bett setzte und voll ingrimmiger
Wut vor sich hin murmelte.
    »Steht's it da umanand!« befahl die Rueppin den Dienstboten. »Da gibt's nix
zum Schaug'n und zum Horcha!«
    Sie folgten ihr, aber die Mägde lachten dabei heimlich vor sich hin, und der
Zotzen-Peter drehte sich noch einmal an der Tür um und streckte den Hals
neugierig nach dem Bauern hin, der neben dem Wagen stand und die Bäuerin und den
Michel finster ansah.
    »Geh zua!« sagte die Zenzl und zog ihn in den Flötz hinein.
    »Dös kimmt davo,« sagte draussen die Rueppin.
    »Ja, vom dumma Red'n, und bal ma de eigna Kinda aufhetzt.«
    »I ho s' wohl it aufg'hetzt. Dös werst du it behaupten kinna ...«
    »Na, sag i. Wia stellt si denn der freche Kerl gegen meiner her?«
    »Dös is net bloss von heut, dös woasst du guat. Er hat aa Aug'n im Kopf und
siecht allerhand.«
    »Was siecht a?«
    »Wia's bei uns abi geht. Ko eahm dös gleich sei, dass an an solchan Tag als
wia heut's Ross für nix und wieda nix auf Dachau eini g'sprengt werd? Dös muass do
an Menschen vadriass'n ...«
    »Is dös sei Ross oder dös mei?«
    »Geh zua! Da hat's Red'n koan Wert it, bal du oan net vasteh willst.«
    »Wert hat's wohl koan, und jetzt fahr i erst recht, sinscht moant der
Flegel, der grobe, er is da Herr, und i fürcht mi vor eahm ...«
    »Und d' Arwat bleibt liegen?«
    »Ausg'redt is ...«
    Der Ruepp ging in den Stall und zog den Fuchsen heraus, den er selber
einspannte.
    Die Bäuerin wollte ihm noch gütlich zureden, aber er gab ihr nicht mehr an,
setzte sich auf den Wagen und rappelte zum Hofe hinaus.
    Michel war während des ganzen Auftritts still beiseite gestanden und sagte
jetzt zur Mutter:
    »I geh zum Kaschbar aufi und schaug, dass i'n wieda auf gleich bring.«
    »Hoscht recht, Michi. D' Arwat muass ja do g'schehg'n, und bal ma no so
verzwidert is. I hätt' s' sunst a scho lang hintri schmeissen kinna.«
    »Lass no guat sei, Muatta! Mir müassen alle a weng z'sammhelfa, nacha werd's
scho geh ...«
    »Ja ... ja ... es werd so geh', wia's geh' muass.«
 
                                Sechstes Kapitel
Der Ruepp fuhr im scharfen Trab auf der breiten Aichacher Strasse gegen Dachau zu
und liess seinen Fuchsen kaum bergauf im Schritt gehen. Immer wieder zog er ihm
eines über, dass der Gaul unwillig die Ohren zurücklegte und mit den Hinterbeinen
ausschlug.
    Es half ihm aber nichts; sowie er sich ein wenig Zeit lassen wollte, fühlte
er die Schmitze recht schmerzhaft auf der Haut brennen.
    Vielleicht wollte der Bauer dem neugierigen Geschau der Leute auskommen, die
links und rechts auf Feldwegen mit ihren Gespannen hinausfuhren und erstaunt
waren, dass einer um die Zeit herum kutschieren mochte.
    »Is dös net der Ruepp?«
    »Freili is er's ...«
    »Der fahrt wieda der Arwat davo. Und grad pressieren tuat's eahm, dass s'n
nimma derwischt.«
    Wenn der Ruepp diese Bemerkungen auch nicht hörte, so konnte er sie doch aus
dem Benehmen der Leute erraten.
    Die Mannsbilder lachten und nickten sich zu, und die Weiber hielten die
Hände über die Augen und schauten ihm wie einem Meerwunder nach.
    »Gafft's enk no gnua!« brummte er vor sich hin. »... Wiah!«
    Eine Wegstunde hinter Weidach lag ein Wirtshaus, das einen schattigen Garten
auf die Strasse hinaus hatte.
    Sonst kehrte der Ruepp dort nicht ungern ein, aber heute wollte er
vorbeifahren, denn an einem Erntetag konnte er nicht auf Gesellschaft rechnen,
und ausserdem wäre er einer üblen Nachrede sicher gewesen.
    Aber wie er das dachte, hörte er etliche gellende Pfiffe und schaute zurück.
    Ein dicker Kerl kam eilig aus dem Garten gelaufen und schrie ihm zu:
    »Moanst net, du haltst, du Bauernfünfa, du ganz abscheiliger! Hö ... sag i
... halt staad!«
    Er liess ihn herankommen, und da war es der Schmuser Schlehlein von Ortofen,
dessen rotes, sinniges Gesicht vom Laufen glühte.
    »Was is denn da passiert, dass du an Wirtshaus vorbeifahrst? San d' Schandarm
hinter deiner?«
    »Mach it lang Sprüch, i ho koa Zeit. Willscht was?«
    »Eahm schaug o! Koa Zeit hamm! Aber pass auf, bal's d' auf Dachau fahrst,
lasst mi aufhocka ...«
    »Na mach zua!«
    »So ... öh ... also ...«
    Der Dickwanst kletterte auf den Wagen und liess sich schwerfällig auf den
Sitz fallen.
    Er rückte den Hut aus der Stirne und sah den Ruepp mit einem listigen
Lächeln an.
    »Is da dahoam fad wor'n? Bei dem schöna Weda gang d' Arwat nimma aus, gel?«
    »I han a G'schäft z' Dachau.«
    »So? Dös werst allemal hamm, bal'st ausruckst dahoam, du Feinspinna.«
    »Ah was! Hör mit dem Schmarrn auf!«
    »Du bist ja guat aufg'legt heut. Zwickt di da Wasserburger a weng? Hab's
scho g'hört.«
    »Der werd bal auszwickt hamm, der Leutbetrüaga ...«
    »Hoscht an Prozess damit?«
    »I mag it red'n davo. Aba bal's d' z'sammkimmst damit, sagst eahm, den
sell'n Betrug mit sein Ross, den zoag i an Schtaatsanwalt o.«
    »Du werst do it moana, dass i auf dem seiner Seit'n bi? Den kenn i scho
länger wia du. I hab dir's amal g'sagt, woasst as nimma? Z' Dachau is g'wen beim
Hörhammer, Ruepp, han i g'sagt, lass di mit'n Wasserburger net ei, da bist
ausg'schmiert, vor's d' o'fangst. Aber glaab'n teat's ja ös nix, ös
Luftg'selchten.«
    »Bei enk sagt's oana vom andern, und bei an jeden is wahr.«
    »Jetzt hast amal schö g'redt. Vo wem host denn du dös mehra Geld vadeant,
als wia von mir? Woasst as nimma, de sechshundert Mark mit de Sagprügel vom
Fottner?«
    »De hoscht scho lang wieda herin.«
    »Is mir nix bekannt. I will s' aa gar net. Mir is nix liaba wia dös, dass
oana was richtig's owa schneidt, der wo mit mir handelt.«
    »Is scho recht nacha ...«
    »Fahrst du z'weg'n dem Prozess auf Dachau eini?«
    »Was für an Prozess?«
    »No ja, geng an Wasserburger. Dass d'n o'zoagst?«
    »Na. Z'weg'n dem versaam i koa Viertelstund.«
    »Hoscht sunst a G'schäft?«
    »Ja.«
    »Du ruckst heut scho gar net aussa mit da Sprach. Derf ma's net wissen?«
    »Zu was denn?«
    »No ja, nacha net. Mi geht's ja eigentli aa nix o. Kaffst was?«
    »Na ...«
    »Oder hoscht was zum Verkaffa?«
    »Aa net ...«
    »Na - ja ... na ... Jetzt Herrgottsaggerament, was hoscht denn du für an
Hamur heut? Jetzt reut's mi scho bald, dass i aufg'stieg'n bi.«
    »I hab dir net pfiffa.«
    »Hoscht du was geg'n mi? Na sag's no pfeigrad!«
    »Nix hab i. Und bal'st as scho wissen muasst, i fahr grad zum Notari eini und
kehr glei wieda um.«
    »Ah so ... zum Notari? Hoscht was zum Verbriaf'n?«
    »Na. Aussa kemma soll er. Zu an Testament macha.«
    »Hö ... hö! Hat's dei Bäurin so kloa beinand?«
    »Ah Schmarrn! An alt's Leut, de bei mir is.«
    »Eppa gar de alt Loni?«
    »Jawoi. Woher kennst'n du de scho wieda?«
    »Net wer i s' kenna, wo i ihran Vettern guat kenn, den Pfleiderer.«
    »So? Woasst du vo dem was?«
    »Freili; er is ja von Ortofen dahoam und hat an Schreiber g'macht z' Minka
drin. Na hat er amal was aus der Kassa mitgeh lassen und is ei'g'sperrt wor'n. I
glaab über a Jahr.«
    »Mhm ... ja ... D' Loni hat amal was erzählt davo, und er is aa oamal auf d'
Visit kemma. Lebt der sell no?«
    »Der lebt wohl no; i hab'n erst vor a Wochen a vier, a fünf in da Stadt
g'sehg'n. Er is bei an Advokaten, hat er mir g'sagt.«
    »So? No, i hab eahm wohl net nachg'fragt.«
    »Der werd halt jetzt ausrutschen, wann de Alt a Testament macht?«
    »Ah mei, de werd z'erscht nix hamm.«
    »Z'weg'n nix lasst ma do net an Notari komma. Und i glaab, der Pfleiderer
verhofft si no an Brocka Geld.«
    Der Ruepp horchte auf. Es war ihm nicht recht, dass er dem Unterhändler
soviel erzählt hatte.
    »So an alt'n Deanstbot'n,« sagte er, »kemman a paar hundert Mark aa no wia'r
a Vermög'n vor. Vielleicht vermacht sie's da Kircha.«
    »Oder dir?«
    »Ja freili! A so a Schmarrn!«
    »I ho mir halt denkt, weil du selm eina fahrst, is dir z' toa um de Sach.«
    »I ho sunst scho aa no was. Dös mit'n Notari trifft si grad a so auf.«
    »Ah so! Was nacha?«
    »All's brauchst du ja net z'wissen. Moanst net?«
    »Von mir aus. Stellst d' beim Unterbräu ei!«
    »Ja ...«
    »Da kunnt's leicht sei, dass mir an Wachinger Seppi treffat'n. Er hat heut a
paar Ochsen auf Dachau verkafft.«
    »I will'n net treffa; i hätt scho koa Zeit net.«
    »A Mass a zwoa kannt ma do mitanand gurgeln bei dera Hitz.«
    »Na, sag i. Bal i beim Notari war, fahr i wieder hoam.«
    »Und bal'st dös ander G'schäft g'macht hast,« sagte der Unterhändler und
setzte wieder sein schlaues Lachen auf.
    »Ganz richtig. Und bal i dös ander G'schäft g'macht hab ... öh ... heb
staad!«
    Sie waren beim untern Pflasterzolleinnehmer in Dachau angelangt, und der
Ruepp wollte seinen Geldbeutel aus dem Sack ziehen.
    »Lass no!«
    Schlehlein hatte schon ein Zehnerl aus der Gilettasche geholt und nahm den
Zettel in Empfang.
    Gleich darauf fuhren sie beim Unterbräu vor, und der Hausknecht kam und half
beim Ausspannen.
    »Gehst net a weng eina?« fragte Schlehlein.
    »Auf a Halbe geht's net z'samm,« antwortete der Ruepp. »I hab heut a so no
nix G'scheidt's g'essen.«
    Und er trat in die Gaststube ein, in der es kühler war wie im Freien.
    Schlehlein ging hinter ihm und begrüsste lärmend zwei Mannsbilder, die ihm im
Äusseren und im Benehmen sehr ähnlich waren.
    »Ah! Da Wachinger Seppi! Hast de Dachauer ausg'schmiert mit deine Ochsen?
Und da Zederer is aa do! Grüss di Good, Xari! Was hast denn du für a Lumperei an
Sinn? Muasst d' wieda Bauern rasiern?«
    »Jetzt heben s' net her, san allsammt am Feld draussd ...«
    »Allsammt net,« sagte Schlehlein und nickte mit dem Kopf gegen Ruepp hin,
der mit der Kellnerin redete.
    »Ah ... da Ruepp! Da sitz di her. Siecht ma do aa'r amal an Bauern, der wo
si ausschnauft bei der Arndt.«
    »I schnauf mi net gar so viel aus.«
    »Aba heut do scho. Ruck no eina do!«
    Eine Stunde später sass der Ruepp noch am Tisch und hatte bei der lustigen
Unterhaltung und dem guten Bier seinen Verdruss vergessen.
    Ein paar Mal schaute er nach der Uhr, aber der Schlehlein versicherte ihm,
dass er vor drei oder gar vier den Notar nicht antreffe, und der Zederer wusste
ausserdem, dass ein paar Bekannte von ihm auf vier Uhr hinbestellt seien, und bis
die fertig wären, könnt es halb fünf Uhr werden.
    So nahm der Ruepp den Vorschlag zu einem scharfen Tarock an, denn er spielte
gern hoch und hatte in Weidach keine Gelegenheit dazu.
    Sein Bedenken, dass er nicht genug Geld mitgenommen habe, beschwichtigte der
Wachinger, der seinen schweren Geldbeutel auf den Tisch schlug und schrie: »Nimm
da no aussa, soviel's d' magst! Waar ja net übi; du bist ma guat gnua.«
    Er liess sich's nicht zweimal sagen und liess sich gleich für alle Fälle
zweihundert Mark geben, die er ja auch sonst brauchen konnte.
    »Schreibst ma so an Babierwisch, grad dass ma's net vergisst, oda bal mi heut
no da Schlag treffat,« scherzte der Wachinger, und der Ruepp unterschrieb.
    Die Kellnerin brachte Karten, kleine Geldschüsseln und Blöcke, und alle
waren kreuzfidel über den schönen Nachmittag.
    Der Zederer patschte in die Hände und lärmte.
    »Macht's as fei a weng christli! Net, dass mir d' Schmetterling wieda
nehmt's, wia 's letztmal. Und da Ruepp is a so a ganz an ausg'stochner, hab's
scho g'hört ...«
    Das war eine Schmeichelei, die der bescheidene Bauersmann gerne hörte, und
sie tat ihm so wohl wie ein Lob seiner Kenntnisse in der Landwirtschaft. Am
Anfang ging alles gut und freundschaftlich und vergnügt.
    Der Ruepp gewann nach der ersten Blockade über dreissig Mark und heimste noch
manchen Lobspruch ein, wenn er hartnäckig geschunden oder tapfer geschmiert
hatte.
    »Is a ganz a Feina,« sagte der Wachinger. »Ja, von de G'scheerten, da ko
ma's Tarocken lerna; tean oiwei, als wann s' net bis fünfi zähl'n kunnt'n, und
daweil loachen s' di, dass dir d' Aug'n tropfen ...«
    Aber die Jovialität liess nach, als die Einsätze höher wurden und auch das
Bier seine Wirkung tat.
    Der Ruepp hatte einen roten Kopf, und sein streitsüchtiger Charakter kam
allmählich in Gang.
    Als ein Spiel mit hohem Einsatz durch einen Fehler des Herrn Agenten Zederer
an Schlehlein verloren ging, hielt er mit seinem Unmut nicht zurück.
    »A so a Rindviech!« schrie er und schlug mit der Faust in den Tisch. »Wenn's
d' mit der Ass steh bleibst, kriag'n mir sein Zehner. Waar'n dreiasechzg ...«
    »Net so viel Rindviech!« gab der Herr Agent zurück. »A jeda spielt nach
seiner Karten, und von so an luftg'selchten Hammel wer i's Tarocka net lerna
müassen ...«
    »Bleibt ma'r it steh mit der Ass z' viert? So saudumm han i do no gar nia
spiel'n sehg'n ...«
    »Na hätt'st du den höchsten Trumpf net bracht, du Bauerndada! Durch dös host
du mi zum Schmier'n aufg'fordert ...«
    »Da schmiert ma do koan Ass, Hanswurscht, dappiger!«
    »Wer Hanswurscht? Was Hanswurscht?«
    »Vielleicht net? Is de Farb no gar it g'spielt, und er lafft mit der Ass!«
    »Nimm di a weng z'samm, sag i, sunst kriagst oani, dass d' in koan Sarg
nimmer eini passt!«
    »Von dir nacha?«
    »Ja, von mir.«
    »Jetzt seid's staad!« beschwichtigte Wachinger. »Dös Kritisiern hat koan
Wert.«
    »Waarst du it steh blieb'n mit der Ass?« fragte der Ruepp.
    »No ja, an andersmal bleibt er steh, aba du host'n aa verführt mit dein
Trumpf werfa. Jetzt is scho amal, wia's is ...«
    »Und der ander ziahgt dreissg Mark auf mit sein g'lumpat'n Solo.«
    »Gar so schlecht is net g'wen,« sagte Schlehlein und lachte herzhaft.
    »Dös is allemal hi, aba bal oana so saudumm ...«
    »Bst! Jetzt fang net no mal o. Ausgeb'n is ...« mahnte Wachinger.
    Der Ruepp trank in seinen Ärger hinein und wurde immer hitziger. Er schlug
die Karten auf den Tisch, dass die Gläser klirrten, spielte leichtsinniger,
verlor und verdoppelte und vervierfachte den Einsatz und verlor wieder. Seinen
Gewinn hatte er längst eingebüsst, aber auch von den zweihundert Mark lag schon
viel auf den Geldschüsseln der Herrn Agenten, die sich unterm Tisch lebhaft mit
den Füssen unterhielten.
    Der halbbetrunkene Bauer, der immer mehr in Hitze geriet, merkte davon
nichts, aber einmal sah er beim Abheben, dass die letzte Karte, die er erhalten
musste, die Eichelass war. Als er die letzten vier Karten aufhob, war die Ass nicht
mehr dabei.
    Er fuhr auf.
    »Ja, Herrgottsaggerament, du hoscht ja mei Oachelsau vermankelt.«
    »Was Oachelsau?« fragte der Geber Schlehlein unschuldig.
    »D' Oachelsau is drunt g'wen; dös hab i amal deutli g'sehg'n, und jetzt waar
der Schell'nkini drunt.«
    »Da hat's di täuscht.«
    »Net wahr is,« schrie Ruepp und warf die Karten zusammen. »Moanst d', i lass
mi b'scheissen?«
    »Gel, dös sagst net nomal!«
    »Tausadmal! B'schissen host!«
    »Ja ... ja ... Was fallt denn dir ei? Hat's dös scho amal geb'n, dass mir
oana dös sagt?«
    »Na sag da's i. G'stell di net a so! Überhaupts ös Leutbetrüaga!«
    »Halt! A so geht de G'schicht net,« sagte Wachinger ruhig, aber mit ernstem
Nachdruck. »Dös kam ja beinah so raus, als wann du ins alle mitanand ...«
    »Jetzt wer i belzi,« schrie Zederer. »Schmeiss' ma'n aussi, den Engländer!« -
»No zua ... ös Mankler, ös verstohl'ne!«
    »Ah ... ah!« machte Schlehlein.
    »Ruepp, du bischt nimma ganz nüachtern,« vermittelte der besonnene
Wachinger. »Du woasst nimmer, was du sagst.«
    »Net woass i's? So? Hab i net d' Oachelsau abg'hob'n? Is net d' Oachelsau
drunt g'wen? Und wo is na jetzt?«
    Bei jedem Wort schlug der Ruepp mit harten Knöcheln auf den Tisch. Aber der
Agent Wachinger verlor seine würdige Ruhe nicht.
    »Was dös mit der Oaschelsau sei soll, woass i net; es lasst si aa nimmer
nachkontrollieren. Aba dös woass i, dass bei uns nix Unrecht's vorkimmt. Für dös
steh i guat ...«
    »Und i für dös,« schrie Zederer, »dass mir ins z' guat san und ins net
schlecht macha lass'n von so an krachledern I-ha-ha ...«
    »Halt auf! G'schimpft derf nimma wer'n. Da Schlehlein gibt nomal ...«
    Der Ruepp hatte schon so viel verloren, dass er nicht aufhören mochte; er
dachte, wie die meisten Spieler, dass sich das Glück ihm wieder zuwenden müsse,
und in seinem Eifer vergass er das Vorkommnis, das ihn deutlich genug hätte
warnen sollen. Indes gab er scharf Obacht und sah seinen Mitspielern beim Geben
so misstrauisch auf die Finger, dass sich zartere Gemüter verletzt hätten fühlen
müssen.
    Die Herrn Agenten aber waren abgehärtete Männer und zeigten um so weniger
Empfindlichkeit, als der Bauerndada ständig verlor.
    Es war ein Verhängnis.
    Auch mit guten Karten konnte er nicht gewinnen; seine Mitspieler errieten
jede Schwäche und benützten sie mit staunenswerter Klugheit.
    Vielleicht war es nicht bloss Kombinationsgabe, was ihnen zu merkwürdigen
Erfolgen verhalf. Hinter dem Ruepp hing ein kleiner Wandspiegel; so hoch, dass er
ihn nicht beachtete, aber so weit nach vorne, dass der Wachinger darin mit einem
flüchtigen Blicke alles sah, was ihm dienlich war.
    Wenn einer von den Herrn Agenten gab, schaute er sachverständig und
teilnehmend dem Ruepp in die Karten, wischte sich unauffällig über die
Augenbrauen, kratzte sich an der Nase oder rieb sich am Ohr.
    Was sich oben nicht mitteilen liess, gab unterm Tisch ein Druck mit dem Fusse
weiter, und das Ergebnis war immer, dass der Ruepp selbst die guten Spiele
verlor.
    Der Nachmittag rückte immer weiter vor, und die Bäume vor dem Unterbräu
warfen lange Schatten; auf der Strasse wurde es lebendig. Handwerker kamen aus
ihrer Werkstatt heraus und lobten den schönen Abend, Kinder spielten im Freien,
und von den Weblinger Feldern fuhren hochbeladene Erntewagen herein.
    Der Ruepp merkte nichts davon; je mehr er verlor, desto mehr versteifte er
sich darauf, durch ganz unerhörte Glücksfälle den Verlust wieder
hereinzubringen.
    Die zweihundert Mark waren weg, und von den hundert, die ihm der Wachinger
nochmals lieh, war nicht mehr viel übrig.
    Er wurde immer aufgeregter und schimpfte über sein Pech und über das Spiel
der andern.
    Aber dann stand doch einmal ein hoher Einsatz von etlichen vierzig Mark, und
der Zederer hatte ihm eine gute Karte gegeben.
    »Spiel'n!« schrie er.
    Der Wachinger spielte auch.
    »Herzen!« lärmte der Ruepp, der sein Solo nicht verlassen wollte.
    Aber es hatte wieder eine Schwäche, und schon nach den ersten drei Karten
merkte er, dass ihn der Wachinger durchschaut hatte.
    Er zögerte mit dem Auswerfen und fing zufällig einen Blick auf, den sein
gefährlicher Gegner in den Spiegel warf.
    Er drehte sich rasch um und wusste jetzt, woher die hellseherische Einsicht
seiner Mitspieler kam.
    Er warf die Karten hin und hatte mit einem raschen Griff die vierzig Mark,
die als Block standen, in Sicherheit gebracht.
    »Ös Diab! Ös Falschspieler!« schrie er wütend.
    »Bist narrisch wor'n? Lasst 's Geld steh! Aussa mit'n Geld!« brüllten die
andern, und diesmal liess auch der Wachinger seine Würde hinten.
    Der Zederer hatte den Ruepp an der Brust gefasst, und wie sich dieser wütend
dagegen wehrte, schlug ihm der Schlehlein eine links und eine rechts auf die
Backen.
    Und ein wütendes, kreischendes Geschrei erhob sich, ein Poltern, Stampfen,
Ringen ging los, der Tisch fiel um, die Biergläser klirrten in Scherben, und
zuletzt kam der Hausknecht und zog den Ruepp, der aufgeschwollene Backen und ein
blutunterlaufenes Auge hatte und dem der Hemdkragen zerrissen am Halse hing, aus
dem Getümmel.
    Der Wastl hatte Hände, gegen die kein Widerstand nützte; er drehte und
zwirbelte den zornschnaubenden, keuchenden Bauern zur Türe und tauchte fest an.
Da lag der Ruepp wie ein geprellter Frosch im Hausflöz und richtete sich mühsam
wieder auf.
    Der Unterbräu, ein dicker, behäbiger Mann, kam gerade aus der Küche und
fragte seinen Hausel: »Was hast denn da für an Arwat, Wastl?«
    »Den plärreten Ruepp hab i aussi kegelt.«
    »Hat er scho zahlt?«
    »I woass net.«
    »Dös is do d' Hauptsach,« sagte der Bräu und pfiff durch die Finger.
    Die Kellnerin kam eilig aus der Gaststube gelaufen und sagte, sie habe nur
geschwind die zerbrochenen Gläser gezählt.
    »Drei san kaput, und oans hat an Sprung, dös macht mitanand vier Mark
achtzgi, und elf Halbi Bier hast g'habt, macht sechs Mark zwölfi, und a sauers
Nierl macht sechs Mark zwoaraneunzg, und a Brot aa? Nacha san's sechs Mark und
fünfaneunzg Pfenning.«
    »Du werst do it glaab'n, dass i dir de Halbikrüagl zahl, wo de Diab, de
Leutbetrüaga z'sammg'schmissen hamm?«
    »Oana muass s' zahl'n ...«
    »Na verlangst as von wem d' magst, i zahl s' amal net ...«
    Der Unterbräu mischte sich ein:
    »De Kellnerin werd an Schaden net trag'n müassen, wenn's ös rafft's.
Vorderhand zahlst du, und mit de andern ko'st d'as ausmacha, wia's d' magst ...«
- »Fallt ma gar it ei ...«
    »I lass eahm 's Ross net aus'n Stall, vor er net zahlt hat,« sagte Wastl.
    »So? A so macht's as ös an Bauernmenschen? Z'erscht lasst's ös zua, dass in
enkera Wirtschaft solchane Diab de Leut 's Geld stehl'n, und na tat's ma's Ross
z'ruckhalt'n? Dös will i sehg'n, ob dös geht.«
    »Heut geht's,« entschied der Unterbräu. »Bal du de Saufgaudi g'richtsmassi
macha willst, is dei Sach. Da werst na dei Recht scho kriag'n. Jetzt amal werd
de Kellnerin zahlt ...«
    Der Ruepp sah, dass er auf andere Weise nicht zum Einspannen komme, und
zählte der Kellnerin schimpfend das Geld auf.
    »Und advikatisch mach i's allaweil,« schrie er den Unterbräu an, der
unbewegt blieb und an seiner Zigarre schnullte.
    »Dös muass aufkemma, was da herin für Spitzbuam eahna Lager hamm.«
    »Ja no. Zu an Wirt kemman allerhand Leut. A diam aa Bauern, de wo nix nutz
san ...«
    »So hoasst du mi?«
    »I hab di nix g'hoass'n. I sag, zu mir kemman guate und schlechte Leut. I
kann s' net ausanand klaub'n.«
    »Und muasst zuaschaug'n, wia s' betrüag'n ...«
    »I hab net zuag'schaugt; i hab net so viel Zeit wia du.«
    »Is scho recht. Es werd si no aufweis'n ...«
    »Jetzt mach zua! I moa, es waar g'scheiter, wenn's d' hoamfahrest ...«
    Draussen klapperten Hufe. Der Wastl war weggegangen, wie der Ruepp bezahlt
hatte, und führte jetzt den Fuchs aus dem Stall.
    »Wer hat denn dir's Ei'spanna o'g'schafft? I muass no zum Notari ummi.«
    »Geh no zua. Da Gaul bleibt scho steh.«
    Der Ruepp stolperte die Strasse hinauf, und mancher missbilligende Blick
folgte ihm, bis er am Hause des Notars anlangte.
    Als er grob an der geschlossenen Türe rüttelte, tat sie sich auf, und der
Buchhalter kam mit Hut und Stock heraus.
    »Was wollen denn Sie?« fragte er den übel zugerichteten Menschen, der stark
nach Bier roch.
    »An Notari brauch i ...«
    »Brauchen Sie? Und der Herr Notar muss für Sie da sein, jetzt um sieben Uhr?«
    »I muass 'n grad b'stell'n, dass er aussa fahrt ...«
    »Da kommen Sie, wenn Bureauzeit is, und wenn Sie nüchtern sind und in an
andern Aufzug!«
    »I muass'n heut hamm ...«
    »Jetzt machen Sie, dass Sie weiterkommen, Sie Flegel, Sie ung'hobelter!«
    »A B'stellung werd er no o'nehma kinna.«
    »Nein! Heut nicht mehr. Übrigens is der Herr Notar schon weggegangen ...«
    »Jetza so was! Fahrt mi eigens eina mitten in der Arndt ...«
    »Jawohl und betrinkt sich und glaubt dann, das Amt kann leicht warten. Jetzt
sag ich's Ihnen zum letzten Mal, machen S', dass weiterkommen, sonst find ich
Mittel und Weg ...«
    Der Ruepp ging schimpfend und vor sich hin fluchend zum Unterbräu zurück.
    Es kam ihm doch die Einsicht, wie gemein er den Arbeitstag verplempert
hatte.
    Der Verdruss mit der Bäuerin, der Streit mit dem Kaspar, und vorher die
Blamasche mit dem Gerichtsvollzieher, ein schöner Tag heut!
    Und das Ross von der Arbeit weggenommen und Geld von den Spitzbuben geliehen
und wieder Streit und wieder einen Rausch und zuletzt die Hauptsach nicht einmal
ausgerichtet.
    Ah was! Er konnte ja daheim sagen, dass er den Notar nicht getroffen und dass
er den ganzen Nachmittag auf ihn gewartet habe. Und dann konnte der Michel
hereinradeln.
    Aber der würde am End erfahren, was es für einen Spektakel beim Unterbräu
gegeben habe, und auch, dass er so spät erst zum Notar hingegangen sei. Da war's
gescheiter, ein paar Tage warten und dann selber in der Früh mit dem Zug nach
Dachau fahren.
    Er überlegte sich den Plan nicht im stillen, sondern redete halblaut vor
sich hin, rutschte auch öfter auf dem Pflaster aus und blieb stehen, um sich zu
fangen. Endlich langte er beim Unterbräu an, wo ein Dienstbub bei seinem
Fuhrwerk Achtung gab.
    Denn der Wastl hatte eine andere hausknechtliche Pflicht erfüllen müssen.
    Der Bräu war nach seinem Diskurs mit dem Ruepp in die Gaststube gegangen.
    Die Kellnerin wollte gerade mit drei frisch gefüllten Krügen zu dem Tische
gehen, an dem die Unterhändler sassen und sich lachend über den dummen Bauern
unterhielten, den sie so schön geschlaucht hatten.
    »Für wen g'hört dös Bier?« fragte der Bräu.
    »Für de Herrn dort.«
    »Nix da! Tragst as wieder z'ruck! Und ös da,« sagte er zu den Herrn Agenten,
»ös macht's, dass weiterkemmt's. I will enk nimmer da herin hamm ...«
    »Oha! Den schaugt's o!« schrie der Zederer.
    »Du werst net lang schaug'n ... Wastl!«
    Der Hausknecht stand schon unter der Türe und kam sehr bereitwillig näher.
    »Wollt's geh?« fragte der Bräu.
    »Was waar denn jetzt dös! A so a Frechheit!« schimpfte der Schlehlein.
»Z'erscht lasst er oan de grösst Zech hermacha, na schmeisset er oan aussi.«
    »I hätt enk koane macha lassen, wenn i dahoam g'wen waar. Auf de Weis' net.
Und dös lass i mir net nachsag'n, dass bei mir falsch g'spielt werd und de Leut
ums Geld betrog'n wer'n ...«
    »Könna Sie dös beweisen? Dös müassen Sie beweisen kinna ...« schrie jetzt
der Wachinger.
    »I brauch koan Beweis; mir is gnua, dass 's g'sagt werd. Und g'rafft habt's
amal g'wiss, und an Ruepp g'schlag'n und z'erscht 's Geld abg'wunna. Dös g'langt
mir. Also aussi, sag i!«
    »Mir genga scho. Mir woll'n gar it bleib'n ...« schrie der Zederer. »Sauf
dein Schäps alloa, du Bamperlwirt, du g'scheerter!«
    Das war eine Unvorsichtigkeit in Gegenwart eines so rüstigen Mannes wie
Wastl.
    Im Augenblick fassten ihn fünf Finger wie Eisenklammern zwischen Hals und
Hemdkragen, sein Körper kam in Schwung, prallte gegen die Türe, die nachgab, und
lag draussen im Flöz. Die beiden andern zogen es vor, selbst hinauszugehen, und
sie schwiegen vorsichtig, wenn sie auch sehr finstere Blicke um sich warfen.
Erst auf der Strasse ermannte sich der Wachinger zu einem gellenden Geschrei.
    »Du Saulackl, du g'scheerter! Du Schäpstandler, du hoabuachana! Di zahl'n ma
no aus, da pass auf!«
    Der Unterbräu stand ruhig unter dem Haustor und wandte nicht einmal den Kopf
um nach den werten Gästen. Da steckte auch der Wastl seine grossen Hände unter
den blauen Schurz und versank in eine gemächliche Feierabendstimmung.
    Die Herren Agenten gingen schimpfend die Strasse hinunter, und zuweilen
drehte sich einer um und schrie etwas zurück. Es war zu weit, um es zu
verstehen, aber dem Anscheine nach war es wenig Freundliches. Derweil kam nun
der Ruepp, setzte sich auf seinen Wagen und fuhr ohne Gruss weg.
    Vielleicht hätte er dem Wastl einen dankenden Blick oder ein Geldstück
geschenkt, wenn er die Ereignisse, die sich in seiner Abwesenheit zugetragen
hatten, gekannt hätte.
    So schaute er mürrisch vor sich hin, riss grob am Zügel und zog den Fuchs
eines über, dass er ausschlug und stürmisch anzog.
    Nach kurzer Zeit holte der Ruepp die Herrn Agenten ein, die sich nicht nach
dem rasselnden Wagen umsahn.
    Da aber der Ruepp nicht wusste, dass schon eine Vergeltung geübt war, wollte
er das geschwind selber besorgen.
    Er holte kräftig aus und schlug dem Schlehlein die Peitschenschnur ums
Gesicht, dass ihm noch eine Stunde danach die Ohrwaschel brannten.
    Er sprang in die Höhe und schrie:
    »Du Hund! Du ... du abg'hauster Spitzbua ... dös reut di no! ...« Der Ruepp
fuhr weiter und lachte grimmig vor sich hin.
 
                               Siebentes Kapitel
»Mir g'fallt die Loni gar nicht,« sagte etliche Tage später der Pfarrer
Staudacher zur Rueppin, als er von seinem Besuche bei der Kranken in den Hof
heraus kam. »Sie redt manchmal schon wirr, und die Nasen wird spitzig, das is
ein schlimmes Zeichen.«
    »Glauben S', Hochwürden, dass 's so g'schwind geht?«
    »Ja mei, ich bin kein Doktor; gut is jedenfalls, dass sie die Sterbsakrament
schon empfangen hat ... Übrigens, was hat denn die Alte für an Kummer weg'n dem
Herrn Notar? A paarmal hat sie g'jammert danach ...«
    »Dös is a Kreuz! I verzwazzel selber vor lauter Unruh; oft schaug i, ob er
denn no net kummt.«
    »Der Notar?«
    »Freili, Hochwürden. Der Bauer war am Montag eigens desweg'n in Dachau drin,
dass er'n holt, aber er hat'n selber net troffen und hat's eahm hinterlassen, dass
er ja glei aussa fahrt ...«
    »Will die Loni noch eine Verfügung treffen?«
    »Sie wart't ja so hart! Frei weh tuat's ma, wann i s' jammern hör drum. Und
er kimmt net und kimmt net.«
    »Die Herren haben manchmal viel z' tun, das stimmt ja, aber auf eine
Sterbende sollte man schon die grösste Rücksicht nehmen. Wer weiss, ob er die Alte
noch beim Bewusstsein trifft?«
    »Jessas na! Wenn er dös aa wieder ...« Die Rueppin unterbrach sich und fing
zu weinen an.
    »Wer wieder?« fragte der Pfarrer mitleidig und auch ein wenig neugierig.
    »I moan grad, wenn dös aa so auftreffat, dass der Notari z' spat kam, nacha
werat i ganz verzagt.«
    »No, wir wollen hoffen ...« Er redete nicht weiter, weil die Bäuerin immer
heftiger in ihren Schürzenzipfel hinein weinte.
    »Hm ... ja ... ja ... jetzt nehmen Sie's nur net so schwer, Rueppin. Es ehrt
Sie ja, dass Sie ein solches Mitleid mit der Loni haben ...«
    »Es is net bloss weg'n dem,« schluchzte sie. »I hab am Montag unsern Michel
nach Dachau schick'n woll'n, und i woass net, aber i bild mir's ei, wenn der nei
g'fahr'n waar, hätt'n mir net umasunst g'wart' ...«
    »Er wird schon noch kommen. Wie gesagt, die Herren gehen ein bissel zu sehr
nach der Schnur und wollen ein Geschäft nach dem andern abmachen, wie halt die
Reih' trifft. Sie denken manchmal net dran, wie hart ein kranker Mensch wartet
...«
    »Vielleicht hat er's eahm net richtig ausdeutscht, oder er hat's net
pressant g'macht, oder ... o mei, Herr Pfarrer, i hab scho a recht's Kreuz ...«
    »Ich weiss, Rueppin; das is mir nicht neu. Ich hör manches, was mir nicht
g'fallt - sehr viel sogar.«
    »Ja, Hochwürden, i hab scho oft g'moant, i halt's nimma aus und geh auf und
davo.«
    »So muss ma net red'n, und so was darf ma net denk'n ...«
    »Warum denn grad ia so g'straft sei muass?«
    »Grad Sie? O mei, Rueppin, ich kenn wenig Weiber, die mir net scho
vorg'jammert haben, die eine ein bissel mehr, die ander ein bissel weniger. Aber
Beschwerden und Kümmernis bringt eigentlich jede Ehe mit sich. No ja, der
Ihrige, der hat scho einen besonders harten Schädel, und seine Streitsucht und
sein Trinken, das geb ich zu, das bringt viel Unfrieden ins Haus.«
    »Und Unglück, Hochwürden ...«
    »Das wollen wir nicht hoffen, dass es bis zum Unglück kommt.«
    »Es fehlt net weit ...«
    Der dicke, gutmütige Pfarrer schüttelte bekümmert den Kopf und suchte nach
einem Trost, indes er seine Schnupftabaksdose langsam öffnete.
    »Ich weiss schon, es geht alles rückwärts, wenn die Hauptperson nicht nach
dem Rechten sieht, aber Rueppin, Sie haben erwachsene Kinder, die gut geraten
sind, und dafür müssen S' unsern Herrgott danken. Es hätt' auch anders werden
können ... No, und jetzt sagen S' mir, was macht denn der Herr Studiosus? Warum
lasst er sich denn bei mir nicht sehen?«
    »Der Michl? Er hilft a weng mit bei der Arwat, aber i sag's eahm, dass er an
Herrn Pfarra glei b'suacht, wenn's verlaubt is ...«
    »Pressiert net; er soll nur recht fleissig mittun bei der Erntearbeit, jetzt
wo's Wetter so schön ist. Und so ein kräftiger Mensch wie der Michel, der passt
auch gut zu der Arbeit. Was sagt er denn von seinem Studium und so?«
    »Da sagt a ganz weni, Hochwürden.«
    Um den Mund des Pfarrers spielte ein gemütliches Lachen.
    »So? Wenig? No ja, euch interessiert's auch net, was er da zum erzählen
hätt.«
    Und wieder ernster werdend, sagte er: »Sehen S', das war auch so eine
Bockbeinigkeit von Ihrem Bauern, dass er den Michel ins Gymnasium hinein
gezwungen hat. Man soll sich's sogar bei denen überlegen, die als Kinder eine
Freud dazu äussern oder zeigen, weil solche kindliche Ansichten net herhalten.
Aber einen, der gar net mag und gar net dazu passt, mit aller Gewalt zwingen, das
ist unverantwortlich. Mich dauert der Michel ...«
    »Moanen S' net, Hochwürden, dass z'letzt do a Glück für'n Buab'n is?«
    »Nein, das ist kein Glück und wird nie eins. Übrigens, weil Sie Bub sagen,
ich hab ihn neulich von der Station her gehen sehen, für einen Buben is er schon
recht ausg'wachsen, und für einen Gymnasiasten auch.«
    »Er is a fester Mensch wor'n, und freili, über zwanzgi is er halt aa scho.«
    »Das is eine verfehlte G'schicht, Rueppin, aber Sie können nichts dafür. Und
jetzt wollen wir halt hoffen, dass der Notar heut noch kommt. Wenn er bis am
Abend nicht da ist, schicken Sie doch den Michel zu ihm. Noch länger warten
könnt schlecht ausfallen ...«
    »Sagen Sie's aa, geln S', Hochwürden? I wer's an Bauern ausricht'n, bal er
zum Mittag macha hoam kimmt, und nachgeb'n tua'r i nimma ...«
    »Ganz recht; die Loni war gleich ruhiger, wenn sie die Sache abgemacht
hätte. Man sieht's ja deutlich, wie sie sich ängstigt ... also b'hüt Gott, und
hoffen wir halt das Beste!«
    Beim Essen sagte die Bäuerin, es sei nicht mehr zum anschauen, wie sich das
arme Leut drüber abkümmere, und der Pfarrer habe es auch gesagt, es sei
Christenpflicht, ihr zu helfen, und der Michel versäume doch nichts und könne
gleich wegradeln.
    Der Ruepp wollte widersprechen, und er hatte seine guten Gründe dafür, aber
sein Gewissen hatte ihn die zwei Tage her doch arg gedrückt, und da er die
Redensarten der Loni und das mürrische Getue seines Kaspars scheute, wollte er
doch nicht schon wieder nach Dachau fahren und den Zorn auf ein neues aufrühren.
    »Also von mir aus, dass de arm Seel an Fried hat,« brummte er. »Obwohl dass
dös eigentli g'langt, dass ma oamal nei g'fahr'n is. De tean scho grad, was
mög'n, de Herrn Beamten ...«
    »Vielleicht is eahm net ausg'richt wor'n ...«
    »Ah was! Bal's ia so gnädi g'macht hab. Der sell Schreiberg'sell waar ja
glei grob g'wen mit mir ...«
    »Vor's d' eini fahrst, han i no was z' red'n mit dir,« sagte er zum Michel.
    »Was nacha?« fragte die Bäuerin.
    »A so halt. Weil i wissen möcht, warum dass mei B'stellung nix g'nutzt hat
...«
    Er stand gleich nach dem Essen auf und ging mit dem Michel, der das Rad
neben ihm her schob.
    »Du, pass auf,« sagte er zu ihm, »i bin a weng hoass wor'n mit dem sell'n
Schreiba; so a glatzkopfater is, und an Bart hat er, du kennst'n scho. Mit dem
redst du gar nix, verstehst, sondern du gehst zum Notari selm und sagst bloss,
dass er morg'n no aussa fahr'n soll, weil d' Loni schlecht dro is. Aber mit dem
Schreiba lasst di auf nix ei!«
    »I kannt'n frag'n, warum er's net ausg'richt hat ...«
    »Na, du sollst'n net frag'n; i hab scho mein Grund. Bal mir dem an
Ung'legenheit macha, verklagt er mi am End. Jetzt sag i dir's nomal, du gehst
glei zum Notari eini und sagst überhaupts nix von mir, sondern gibst eahm guate
Wort, dass er morg'n aussa fahrt ...«
    Michel wunderte sich darüber, dass ihm der Vater das so eindringlich
anschafte, aber er sagte zu und wollte schon aussteigen, als ihm der Ruepp
nochmal pfiff.
    »Halt a weng! No was ... Ei'kehr'n tuast ma fei net beim Unterbräu! Mit dem
bin i ganz z'keit, und von ins geht koans mehr hi dazua ...«
    »I kehr überhaupts net ei ...«
    »Dös is dei Sach, aba wann'st a Halbe Bier trink'n willst, gehst zu an
andern Wirt.«
    Michel sass auf und fuhr rasch weg; der Ruepp ging mit Kaspar und den
Dienstboten aufs Feld.
    Da lag nun der Hof in mittäglicher Stille.
    Der Haushund kroch auf die Schattenseite seiner Hütte, legte den Kopf auf
die Pfoten und schaute nur müde blinzelnd den paar Hennen zu, die in seiner
Schüssel herumpickten.
    Hie und da flog mit klatschendem Flügelschlage eine Taube vom Kobel weg zu
den andern aufs Feld hinaus, wo es Körner in Fülle gab.
    Die Hühner wühlten sich Löcher in den warmen Sand und breiteten wohlig die
Federn in der Sonnenhitze aus.
    Weit draussen war rührige Arbeit, doch es drang davon kein Laut zum Hofe
herauf. Man sah nur Hemdärmel und weisse Tücher aufblitzen, oder in die
abgemähten Felder Wagen fahren, die sich mit Garben füllten, aber ums Haus blieb
es still und schläfrig.
    Da schauerten die Blätter des Ahorns fröstelnd zusammen; es ging einer
vorbei, unsichtbar allen Augen und doch fühlbar, denn eine eisige Kälte ging von
ihm aus.
    Nun stand er am Fenster des Austraghäusels und schaute in die kleine Stube
hinein.
    Klirrte die Scheibe oder fiel ein Schatten über die Bettdecke?
    Die alte Loni fuhr erschrocken in die Höhe und starrte zum Fenster hin; sie
sah den Fremdling und wusste, dass er bei ihr eintreten werde.
    Seine Knochenhand lag auf der Klinke, unhörbar öffnete sich die Türe, und
ein kalter, alles Leben vernichtender Luftstrom füllte die Stube. Da sank die
Alte mit einem Seufzer in die Kissen zurück und war tot.
    So fand sie die Rueppin, die sich nach ihr umsehen wollte. Die linke Hand
hatte sie wie abwehrend ausgestreckt, und die Augen standen weit offen, wie
erstarrt beim Anblicke von etwas Grauenhaftem. Eine tiefe Trostlosigkeit überkam
die Bäuerin, als sie vor der Alten stand.
    Ihr Tod erschütterte sie nicht, aber der Gedanke, dass ihr letzter,
sehnlicher Wunsch durch täppischen Widerstand vereitelt worden war, fiel ihr
schwer aufs Herz.
    So war auch da wieder, wie so oft, das Wichtige versäumt worden. Es konnte
im Hause nichts so gemacht werden, wie es sich schickte, und dem treuen, alten
Frauenzimmer durfte die letzte Sorge, die sie hatte, nicht abgenommen werden.
    Alles wurde verzettelt, hinausgeschoben, vertan, und diese Gleichgültigkeit
war schlimmer wie Härte.
    Es war der Rueppin zumut, als träfe auch sie die schwere Verantwortung für
das törichte, herzlose Versäumnis, und als müsste sie die Alte um Verzeihung
bitten. Sie drückte ihr die Augen zu, faltete ihre Hände zusammen, zwischen die
sie ein kleines Kruzifix steckte, und bedeckte das Gesicht der Toten mit einem
feuchten Tuche.
    Nachdem sie noch zwei Kerzen zu Häupten der Loni angezündet hatte, ging sie
mit müden Schritten ins Hans zurück.
    Sie wandte sich nicht um, als der Erntewagen in den Hof hereinfuhr, neben
dem ihr Bauer mit Wüst - ahö und Peitschenknallen herging.
    Ein Jähzorn stieg in ihr auf gegen diesen schwächlichen Menschen, der immer
geschwollene Redensarten machte und immer Gründe für seine Nachlässigkeit hatte,
und ein Zorn gegen sich selber, weil sie nichts gegen ihn durchsetzte und immer
nachgab.
    Der Wagen polterte in die Tenne, und der Zotzen-Peter, der auch mit
hereingekommen war, lud ihn ab; derweil ging der Bauer durch die Küche in den
Keller hinunter, um sich eine Flasche Bier zu holen.
    Als er wieder heraufkam, setzte er sich recht erschöpft von der Hitze und
der Arbeit auf einen Hocker und bemerkte jetzt erst, dass die Bäuerin nicht da
war.
    Als er die Flasche ausgetrunken hatte und die Rueppin sich immer noch nicht
sehen liess, pfiff er und schrie:
    »Hö! Was is denn? Afra!«
    Es kam keine Antwort.
    »Werd's wieder bei der Alt'n drent sei ...«
    Er brauchte sie aber, weil er Brot und Bier aufs Feld mitnehmen sollte, und
er stand auf, um sie zu holen, als sie zur Tür herein kam.
    »Da bist ja! Schneid's Brod auf und gib mir's Bier für d' Leut ... Was hast
denn du?«
    »Nix ...«
    »Na, sag i, weil ma dir's net o'kennt! Was is denn scho wieda net recht?«
    »Mei Ruah lass mir!«
    »Hö ... hö ... Du bist ja do scho de unguate Stund selm. So muass ma's oan
macha, wann ma von da Arwat kimmt ...«
    »Oh, hör mir auf mit deiner Arwat!«
    »Ja ... Kreuz Himmi ... Herrgott ... jetzt wer i aber do scho belzi. Hast
dir dein Hamur wieder amal bei der Alt'n g'holt?«
    »Ja ...«
    »De sell ko ja nix anders, als wia schlecht red'n ...«
    »Geh ummi dazua! Vielleicht rührt si dei Gewissen ...«
    »Was G'wissen?«
    »G'storb'n is s', dass d'as woasst!«
    Der Ruepp verhoffte doch arg, wie er das hörte.
    »Ja, wann denn?«
    »Vor a Stund vielleicht. I war aa net drent.«
    »Dös sell ... dös sell is aber ...«
    »Und dass ma ihr net amal den letzten G'fall'n hat toa kinna, dös is dei
Schuld ...«
    »Wer hätt'n dös denkt?«
    »I scho; mir is de ganz Zeit so umganga, dass ma da aa wieder trödelt und
wart und trödelt ... Und dös is mei Schuld, dass ma'r i all's g'fall'n lass. Waar
i selm eini g'fahr'n ... aber na! Allaweil lasst ma si wieder bereden und
vertrösten, und mit dem werd all's verdummt und verto ...«
    »Nur recht schimpfen! Was anders braucht's ja it. Was kann denn i dafür, dass
der Notar net kemma is?«
    Die Rueppin sah ihren Mann fest an, und er wich ihrem Blick aus.
    »Vielleicht hat dös sein Grund,« sagte sie.
    »Werd schö gnua sei, dass i eini g'fahr'n bi,« knurrte er, aber sie gab ihm
keine Antwort mehr, sondern ging in den Hof hinaus, wo sie Peter den Auftrag
gab, er solle gleich den Bartl ins Dorf zum Pfarrer, zum Messner und zu der
Seelnonne schicken.
    Der Ruepp wollte mit dem Wagen wieder aufs Feld hinaus fahren, aber dann
überkam ihn die grösste Unlust zur Arbeit, und es war ihm, als müsste er sich von
den Vorwürfen, die er sich selber machte, frei reden.
    So liess er den Zotzen-Peter allein wegfahren und blieb daheim.
    Er fand aber an seiner Bäuerin keine geduldige Zuhörerin, wie sonst; sie gab
ihm zuerst überhaupt nicht an, und als er grob wurde und allem möglichen, nur
nicht seiner Liederlichkeit schuld gab, sagte sie mit einer Schärfe, die er an
ihr noch nicht gekannt hatte, dass er es diesmal wie immer gemacht habe, und dass
ihm alles wichtiger sei wie das, was ihm zukomme. Freilich, es könnt auch
anderswo geschehen, dass eines unvermutet schnell wegsterbe, aber anderswo sei es
dann ein Unglück, und die Leute könnten es so ansehen. Bei ihnen aber passe es
zu allem andern, was schon geschehen sei und immer wieder geschehe.
    Sie wisse freilich nicht, warum seine Fahrt nach Dachau nichts genützt habe,
aber sie habe eine Ahnung oder schon fast die Gewissheit, dass er es an irgend was
habe fehlen lassen.
    Und wenn's so sei, dann bleibe diesmal die Strafe nicht aus, die sie alle,
wie immer, mittragen müssten. Die Alte hätte den Michel zum Erben eingesetzt, und
jetzt könne er dem liederlichen Schreiber die Schuld heimzahlen, und ob der
warten werde, das würde sich bald zeigen.
    »Hoamzahl'n?« fuhr der Ruepp auf. »Dös Geld brauch i überhaupts it
hoamzahl'n ...«
    »Du werst do it behaupten, dass sie dir's g'schenkt hat?«
    »G'schenkt net, aba dös hat sie mir g'sagt, de dreitausad Mark kann i
z'ruckzahl'n, wann i mag und wann's amal leicht geht ...«
    »Net wahr is ...«
    »Mögst mi net z'letzt du no in a Schlammassel eini red'n? Dös hat sie
wortwörtli g'sagt. Du brauchst di nix kümmern, Bauer, hat sie g'sagt, i bleib ja
bei enk, wann's enk recht is, und's Geld brauch i net, und bal's d' di amal
leicht tuast und bal'st magst, nacha gibst ma's z'ruck. Genau so hat sie g'sagt.
Für dös kann i jederszeit schwör'n.«
    »G'schrieb'n host as ganz anderst.«
    »G'schrieb'n? I?«
    »Jawoi. Host as halt vagessen, wia's d'as Geld g'habt und verto host.«
    »Was hätt i nacha g'schrieb'n?«
    »Dass du de dreitausad z'ruckzahlst a halb's Jahr, nachdem dass sie's
aufkündt. Und dass d' Zinsen zahlst, host d' g'schrieb'n, und d' Loni hat oft zu
mir g'sagt, dass sie di net erinnern mag.«
    »Jetzt waar's scho bald a so, als wann du an Zeug'n gegen mi macha wolltst.
Brauchat di bloss wer hör'n.«
    »Es hätt bloss braucht, dass du an Notari g'holt hättst vor acht Täg.«
    »Hättst ma's selbigsmal g'sagt vom Michi ...«
    »I hab dir's g'sagt ...«
    »So an alt'n Weibertratsch hast dahergebracht, auf den ma nix gibt.«
    »Hättst no was drauf geb'n, vielleicht waarst d' no froh drum.«
    »Dös werd sie aufweisen. Und woher du dös woasst, dass i dös g'schrieb'n hab
...«
    »Weil ma's de Alt zoagt hat, den Schuldschein.«
    »I hon ihr grad amal so an Wisch geb'n, weil sie g'sagt hat, es waar bloss
desweg'n, dass ma woass, wo ihra Geld hi'kemma is, wann s' amal sterbat. Aber dös
is grad a so g'schrieb'n, gelt'n tuat dös sell, was mir ausg'macht hamm, und da
hat sie g'sagt zu mir, und du werst as net anderst behaupten kinna, dass i
z'ruckzahl'n derf, wann's mir passend is.«
    »Gelten werd dös, was g'schrieben steht.«
    »I ko schwör'n, und dei G'red' is für gar nix ...«
    Er schlug die Tür zornig hinter sich zu und ging den Weg zum Weiher
hinunter, um noch aufs Feld hinaus zu kommen.
    Im Hohlweg blieb er stehen.
    Es ging ihm arg im Kopfe herum, was die Bäuerin von dem Schuldschein gesagt
hatte und von dem Schreiber, der jetzt als Erbe die Schuld beitreiben würde.
    Hättst an Notar g'holt!
    Das war jetzt alles umsonst, darüber nachgrübeln und sich Vorwürfe machen.
Was konnte er denn vorbringen, wenn es so deutlich auf dem Schuldschein zu lesen
war? Er hatte lang vergessen, was er damals schriftlich versprochen hatte, und
wenn er jetzt aufs Gericht gehen und Rechenschaft ablegen musste, konnte er
leicht in Widerspruch mit seinem Geschriebenen kommen.
    Hatte nicht die Bäuerin gesagt, dass ihr die Loni den Zettel gezeigt habe?
    Dann war er noch unter ihren Sachen im Schrank.
    Der Gedanke liess ihn nicht mehr los. In die Stube der Alten gehen und
geschwind nach dem Schuldschein suchen, aber es musste gleich sein, denn wenn
erst einmal die Seelnonne im Hause war, ging es nicht mehr. Jetzt war niemand
daheim ausser der Bäuerin, und wenn die auch dazu kam, was lag daran?
    Was Unrechtes war's ja nicht, wenn er sich Gewissheit verschaffen wollte, und
ausserdem, die Afra sagte es doch niemand.
    Er kehrte um, blieb noch eine Weile stehen und eilte dann den Weg hinauf.
Vor dem Austraghäusel zögerte er wieder. Sollte er hinein gehen und im
Sterbezimmer den Kasten durchsuchen?
    Ah was, warum denn nicht?
    Er drückte die Klinke beinahe grob auf und trat ein.
    Der scheue Blick, den er aufs Bett warf, zeigte ihm, dass das Gesicht der
Alten verhüllt war, und das war ihm lieber, als wenn er die Tote hätte anschauen
müssen.
    Den Schlüssel zum Kasten hatte sie, wie er wusste, unter der kleinen Ofenbank
versteckt; er fand ihn gleich und sperrte den Schrank auf.
    Rechts hingen die Kleider, dabei auch der feiertägliche Bollenkittel, oben
lag wohlgeordnet die Wäsche.
    Der Ruepp öffnete hastig ein paar Schubladen; eine Florhaube, Sacktücher,
ein paar Gebetbücher, etliche Wachsstöcke waren darin.
    Er streckte sich und kramte in der Wäsche herum; da war auch nichts.
    Wo sie's nur hatte?
    Auf dem Kastenboden standen zwei Paar Schuhe, und daneben waren Strümpfe
aufeinander gelegt. Hastig fühlte er mit der Hand, ob nichts darunter läge, und
richtig, da war eine Schachtel aus Pappendeckel. Er zog sie heraus und öffnete
sie. Ein Gebetbuch und ein vergilbter Blumenstrauss lag darin, ein in Papier
eingewickeltes Paket und eine bunte Schachtel, die sich gleich schwer anrührte.
Als er den Deckel aufhob, sah er, dass alte und neue Taler darin lagen.
    Dachte er daran, wie hart sie verdient und wie ehrlich sie gespart waren?
Vielleicht fiel es ihm doch ein; er schloss den Deckel wieder und wickelte das
Papier auf, in das jenes Paket eingehüllt war. Pfandbriefe zu zwei- und
vierhundert Mark, einer zu tausend, dann ein fettiges Papier. Darauf stand in
unbeholfener Schrift: »Ich habe am heuntigen von der Apollonia Amesreiter
dreitausend Mark geliehen und verspreche es zurückzuzahlen nach Halbjahr
Aufkündigung und auch zum verzinsen mit vier Prozent, wo alle Jahr auf Lichtmess
zum zahlen sind. Dies bestätigt Michael Umbricht, Rueppbauer. Den 14. März 18 .
.«
    Mit einem energischen Ruck steckte der Ruepp den Zettel in seine Hosentasche
und wollte schon die Pfandbriefe wieder einwickeln.
    Ihm konnte es jetzt von seinen Sorgen helfen, der liederliche Schreiber aber
würde es bloss verschlampen.
    Wenn er es nahm und später seinem Michel gab, dann hatte er doch eigentlich
sein Versäumnis mit dem Notar gut gemacht.
    Und ausserdem, hatte er dem Michel nicht am Ende schon mehr gegeben die
ganzen Jahre her?
    Aber nein, das wollte er nicht alles aufrechnen. Einen Teil sollte der
Michel später noch kriegen, damit der Alten ihr letzter Wunsch erfüllt werde ...
    Der Ruepp schaute sich um. Nichts rührte sich; die Alte lag unbeweglich auf
dem Bette und hielt in ihren welken Händen das Kreuz.
    Mit einer hastigen Bewegung stopfte er die Pfandbriefe unters Gilet und
stellte die Schachtel an ihren alten Platz; die Strümpfe legte er wieder darauf
und schloss den Kasten zu. Aber wie er den Schlüssel umdrehte, glaubte er
Schritte zu hören, und da war auch schon jemand an der Türe.
    Mit einem Satze stellte er sich ans Fussende des Bettes und faltete die
Hände.
    Die Türe wurde geöffnet und die Rueppin trat ein. Sie erschrak, als sie
ihren Bauern sah.
    »Bist du da herin?«
    »Warum net? Ma werd wohl no an Vaterunser bet'n derfa für oan, der so lang
im Haus war!«
    »So? Bet'n? Du waarst as wohl schuldig? ...«
    »Fang net auf a neu's o!« Der Ruepp bekreuzte sich. »Namen des Vaters, des
Sohnes und heiling Geist's ...«
    Dann ging er zur Türe, wobei er die linke Hand unauffällig ans Gilet
drückte, damit ihm die Pfandbriefe nicht herunterrutschten.
    Und draussen war er.
    Die Bäuerin sah misstrauisch in der Stube herum und gleich fiel ihr Blick auf
den Schlüssel, der noch im Kasten steckte.
    »Ah ... So hat er bet't?«
    Sie öffnete den Kasten, aber als sie sah, dass nichts in auffälliger
Unordnung war, schloss sie wieder ab und versteckte den Schlüssel unter der Bank.
    Sie wollte noch mit dem Bauern reden und trat in den Hof hinaus.
    Dort war er nicht, und auf dem Wege, der zum Weiher hinunter führte, war er
auch nicht.
    Wahrscheinlich im Hause.
    Sie wollte in der Kammer nachsehen, aber die Türe war verschlossen.
    Als sie daran rüttelte, fragte drinnen die grobe Stimme des Ruepp.
    »Was is denn?«
    »Mach auf!«
    »Werd net so pressier'n ...«
    »Zu was sperrst denn du di ei? Dös is do no nia dag'wen!«
    »Dös is mei Sach ...«
    »Mach amal auf!«
    Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und der Ruepp stand vor seiner
Bäuerin, die ihn strenge ansah.
    »Was san denn dös für verruckte Sachen?« fragte er, aber hinter seiner
Grobheit lag offensichtlich eine starke Verlegenheit. »Bin ia Bua, dass i in
meina Kamma net toa ko, was i mag?«
    »Du werst scho wissen, warum's di ei'g'sperrt host.«
    »Weil i mein Ruah hamm möcht.«
    »Bei der Loni drent hast an Kast'n aufg'sperrt; is da Schlüssel no dro
g'steckt.«
    »Was is dös für a Schmarrn?«
    »Schimpf no, es is do net anderst ... du hoscht im Kasten umanand kramt.«
    »Und bal i was g'suacht hab?«
    »Schamst di net? Wo sie toter im Bett liegt, stierst in ihran Sach rum?«
    »I hab's Recht dazua, dass i nachschaug, was da is, und dass nix wega kimmt
...«
    »Geh, red it!«
    »Kemman jetzt net fremde Leut ins Haus? D' Seelnonn und da Sargschreina ...«
    »Desweg'n brauchst du net nachschaug'n ...«
    »Und z'weg'n dem andern hätt i aa gern a Nachforschung g'halt'n, dös laug'n
i gar it. Weil du so daher g'redt hoscht von an Schuldzettl, und i woass nix davo
und is mir nix bekannt ...«
    »Bal'n i g'sehg'n hab ...«
    »De ko dir leicht was zoagt hamm. I wer's do wissen, ob i an sellan Schein
ausg'stellt hab oder net. Is ja mir gar it ei'g'fall'n, weil sie dös ausdrückli
g'sagt hat, i brauch grad zahl'n, wann's mir guat passt, und aufrechna, hat sie
g'sagt, werst aa ziemli was derfen, weil i, sagt s', bei enk's Bleib'n hab und
ko do nix mehr leist'n ...«
    »Du bringst allaweil no mehra daher ...«
    »Bloss dös, was wahr is. Und dös kimmt mir scho ganz g'spassi für, dass di du
so gegen meiner setzst. Waar scho bald a so, als wann du de fremd'n Leut helfa
wolltst geg'n de eigna ...«
    »Es waar ins alle g'holfa g'wen, bal du ...«
    »Ja wenn ... wenn ... i woass scho; dös host du heut scho oft gnua g'sagt.
Aber jetzt is amal a so, und da werst du net so dumm daher red'n, dass der
lüaderliche Schreiberg'sell auf Schnall und Fall's Geld verlangt. Und wo er net
amal's Recht dazua hat, und wo neamd bessa woass als wia du, dass sie's an Michl
vermoant hat ...«
    »Dös woass i wohl guat, und desweg'n sag i ja, hättst ma du g'folgt, nacha
brauchat's jetza gar nix ...«
    »Es braucht a so aa nix; tua di no net bekümmern. I steh für mei Sach hi,
und da ko i an jed'n Eid leist'n. Aber natürli, da waar's weit g'feit, bal du so
daher red'n tatst ...«
    »Du woasst recht guat, dass i zu ander Leut nix sag, und dass i nix aus'n Haus
trag. Da hätt i scho viel zum Red'n g'habt ...«
    »Is scho recht, ja ...«
    »Bal nur dös recht is, Michel, was du drent to host bei der Alt'n ...«
    »Hör ma do auf mit dem Ramasuri!«
    »Weil i d' Angst net wegbring, und weil i ma Sünden fürcht, dass du ihra Sach
ausanander klaubst, und sie is no kaam g'storb'n ...«
    »Müassen z'erscht fremde Leut drin umanand stier'n, de wo's nix o'geht, und
de wo si gar nia bekümmert hamm um de Alt? San de mehra Herr in mein Haus als
wia'r i?«
    »Was hoscht'n na g'funden?«
    »Nix, weil nix zum Find'n war. Und jetzt lass mi aussi; i muass furt ...«
    Die Rueppin sah ihm mit Blicken nach, die ihre Zweifel und Besorgnisse
deutlich verrieten.
 
                                 Achtes Kapitel
Von der Apollonia Amesreiter war in Weidach etliche Stunden nach ihrem
Begräbnisse kaum mehr die Rede, und beim Ruepp auf der Leiten machten sie kaum
eine Ausnahme.
    Der Bauer ging zum Bürgermeister ins Dorf hinunter und überbrachte ihm eine
Pappschachtel, die er sorgsam verschnürt hatte.
    »Es san der Loni ihre Sachen, a paar Gebetbüacher und so, und aa'r a Geld,«
sagte er. »I hab's net zählt und will nix z' toa hamm damit. Zähl's no du und
g'halt's bei dir. Du werst nacha scho wissen, wia ma de G'schicht macht, dass
all's in Ordnung is, und ob ma was g'richtsmassig toa muass. I liefer's bei dir ab
und möcht nix mehr z' schaffen hamm damit ...«
    Der Bürgermeister, der Ablbauer von Weidach, war ein ruhiger Mensch, der
kein Wort zuviel sagte und sich nicht übereifrig zeigte.
    »Wenn's d' willst, nacha zähl i's Geld. Es waar aber net notwendig g'wen; es
hätt mir aa g'langt, wenn du mir g'sagt hättst, so und so vui is da, und na hätt
ma ja g'sehg'n, ob no was übrig bleibt nach de Leichenkost'n ...«
    »Wia is na dös mit'n G'richt?«
    »I woass dir's aa net g'nau z' sag'n; i muass halt de Todesanzeig eini
schick'n, und bei dera G'legenheit schreib i dazua, ob was da is ...«
    »Ah so ... jetzt zähl'n mir amal. Mach nu du d' Schachtl auf, i will da ganz
unbeteiligt sei,« sagte der Ruepp und zeigte sich als Ehrenmann, der eine
ehrfürchtige Scheu vor fremdem Gut hat.
    Es machte aber keinen sichtlichen Eindruck auf den Abl, der den Spagat
zerschnitt und die Schachtel öffnete.
    Ein paar Rosenkränze, ein paar Gebetbücher, dürre Blumen, ein Wachsstock
kamen zum Vorschein; dann eine bunte Schachtel und ganz zuletzt ein Briefkuvert.
    Die kleine Schachtel war ziemlich voll.
    »Mach s' no auf und zähl!« sagte der Ruepp. »I rühr nix o davo.«
    Der Abl schüttete das Geld auf den Tisch; harte Taler, einige Goldstücke und
auch kleinere Münze; es machte zusammen etwas über hundertundsiebzig Mark aus.
    Und im Kuvert waren zwei Hundertmarkscheine.
    »Dös waar also jetzt mitanand dreihundertvierasiwaz'g Mark und zwoaravierz'g
Pfenning. Mehra is net da?« fragte der Abl.
    »Was soll denn no da sein?« fuhr der Ruepp auf. »Du hast ja selm d'
Schachtel aufg'macht und hast zählt!«
    »I frag di ja grad nebenbei. Was woass denn i? Es kannt ja no a Schachtl da
sei ...«
    »Wenn no oane da waar, hätt i dir s' bracht, net wahr? Mi will do nix
z'ruckhalt'n!«
    »Sagt do koa Mensch. Also, nacha san dös also dreihundertvierasiewaz'g Mark
und zwoaravierz'g Pfenning. Viel is ja net.« - »Was soll denn a Deanstbot vui
hamm? De andern hamm dös net.«
    »Freili net. Natürli ...« sagte der Abl mit unerschütterlicher Ruhe, und er
schien die etwas seltsame Gereizteit des Ruepp gar nicht zu bemerken.
    »Da werd aber nix mehr übri bleib'n, bal de Leichenköst'n zahlt san. Voraus
net, wann ma der Alt'n a Grabkreuz ausstellt. Für an Stoa werd's a so nimma
g'langa.«
    »Den übernimm i; da gibt's nix.«
    »Dös is a schön's Wort,« sagte der Abl, der die Geldstücke wieder in die
Schachtel und die Banknoten ins Kuvert steckte. »Dös is lobenswert.«
    »D' Loni is a richtige Person g'wen und war so lang bei ins, dass sie
eigentli zum Haus g'hört. Da lasst ma si net o'schaug'n weg'n de paar hundert
Markl.«
    Der Ruepp war recht bieder, wie er das sagte, und auch ein bissel grossartig.
    »So,« sagte der Abl, indem er den Deckel auf die Schachtel stülpte. »Dös
nimmst jetzt wieder mit.«
    »Ja, i will dös Geld net bei mir hamm ...«
    »I ko's scho gar net da g'halt'n,« erwiderte der Bürgermeister. »I zahl do
de Leut net aus, de für d' Leich was zum verlanga hamm. Dös is dei Sach.«
    »Ja so ... No ja, für dös ko i's ja wieda mit hoam nehma. Und dass i net
vergiss, dös will i aa no o'geb'n, was von der Alt'n G'wand da is. A guat's für
d' Feiertag, und a paar Röck und Spenser für d' Werktäg, und a weng a Wäsch.
Muass i dir a genau's Verzeichnis z'sammaschreib'n lassen?«
    »Für mi? G'wiss net. I sag dir ja, mi, als Bürgermoasta, geht de G'schicht
weida nix o.«
    »I möcht aber mei Ordnung und möcht a Genauigkeit. Da lass i mir nix
nachsag'n.«
    »Ja mei, wann Erben da san, und du kennst de Betreffenden, nacha schickst
eahna halt dös G'wand.«
    »I woass nix von Erben. Es is amal so an abg'hauster Mensch bei der Alt'n
g'wen, aber sie hat selm nix von eahm wissen woll'n, weil er grad aus'n
Zuchtaus kemma is. I woass wohl net, wo der is, oder ob er überhaupts no lebt.«
    »Nacha lasst as G'wand im Kast'n hänga. Vielleicht kimmt amal wer.«
    »Is mir eigentli zwida, dass dös net glei richtig g'macht werd.«
    »I ko mi do erst recht net drum kümmern.«
    »Mhm ... ja ... und nacha schickst du a Schreibets an's G'richt, dass du
allssammete richtig befunden host ...«
    »I schreib, dass de Loni bei dir im Haus g'storben is, dass du mir o'geb'n
hast, es san dreihundert und etla siewaz'g Mark da und net mehra, und dass von
dem Geld höchstens de Leichenköst'n zahlt wer'n kinna.«
    »O'geb'n, sagst du. I hab dir do's Geld bracht, und du host as selm zählt.«
    »Ganz richti. I hab dös zählt, was du mir bracht hast. Und du hast mir
g'sagt, dass dös alls sammete ist. Net wahr? Dös hoasst ma o'geb'n ...«
    »So? No ja, mit dena Sachen kenn i mi z' weni aus. I will gar nix, als dass
all's sei Ordnung und sei Richtigkeit hat. Und auf's G'richt, moanst d', brauch
i nacha überhaupts nimma?«
    »I glaab net. Aba wissen tua'r i's aa net. Wann's d' eini müassest, kriagast
scho a Botschaft ...«
    »Aba ... ja ... und na hab i jetzt weiters nix mehr z' toa?«
    »Bei mir net. Aba die Schachtl muasst mitnehma ...«
    »Richtig ... ja ... zählt is ja's Geld, net wahr? Und nacha bfüad di!«
    Der Ruepp ging und konnte glauben, dass er beim Bürgermeister den Eindruck
eines sorgsamen, peinlich genauen Hausvaters und eines ungemein ehrlichen Mannes
hinterlassen habe.
    Allein es liess sich nicht sagen, ob der Abl das auch so recht hingenommen
hatte, denn er war ein trockener Mensch, der sich oft ganz hintere Gedanken
machte, aber sie alle heimlich bei sich behielt.
    Auf dem Heimweg liess der Ruepp recht viel von seiner Grossartigkeit nach und
hörte auf seine innere Stimme, die ihm Zweifel und Befürchtungen vorhielt.
    Hätte er nicht sagen sollen, dass ihm die Alte Geld geliehen hatte?
    Und gleich dazusetzen, dass er's nach der Vereinbarung heimzahlen könne, wenn
es ihm gut passt?
    Wenn er das erst hinterdrein vorbrachte, nachdem seine Schuld auf andere
Weise offenbar geworden war, dann fand es am Ende keinen Glauben mehr.
    Wenn er's jetzt gleich frischweg angegeben hätte, dann wär sicherlich wegen
des andern Geldes kein Verdacht aufgekommen, und es hätte besonders ehrlich
ausgesehen, wenn er sich selber gemeldet hätte, obwohl kein Schuldschein
vorhanden war.
    Aber halt auf? Hernach hätte er doch zum Gericht gehen müssen, und wenn man
ihm das mit der beliebigen Heimzahlung nicht geglaubt hätte, wenn der
Zuchtäusler einen Streit angefangen hätte, was dann?
    Ausserdem, da war noch etwas.
    Hätte er dem Ablbauern eingestehen sollen, dass er Geld von einem Dienstboten
geliehen habe? Dann war's im Dorf herumgekommen. Nein, da war's schon viel
besser, abwarten, ob er's überhaupt angeben musste, und wenn, nachher bloss beim
Gericht und nicht beim Bürgermeister, der ihn darum schief angeschaut hätte.
    Vielleicht blieb die ganze Geschichte verschwiegen und vergessen.
    Das wär freilich das Beste gewesen und auch das Richtige.
    Der Ruepp war ein feiner Denker, der einer Sache schon auf den Grund gehen
konnte.
    Es war doch gewiss und ausgemacht, dass der letzte Wille der Loni der war, ihr
Sach dem Michel zu hinterlassen, und vor allem, es dem schlechten Kerl nicht zu
geben.
    Das mit dem Michel gab sich leicht, und dem andern hatte er jedenfalls das
Bargeld aus den Zähnen geräumt.
    Und er hatte, wenn er das genau überlegte, das Gefühl einer guten Tat, oder
doch ein ähnliches, und das bewirkte, dass er alle Bedenken überwand und
lebfrisch und zuversichtlich dahinschritt.
    Er wollte auch seiner Bäuerin den Kopf zurechtsetzen, denn ihr wortkarges
und verdrossenes Wesen, das sie seit dem Tode der Loni angenommen hatte, passte
ihm gar nicht.
    Sie ging ihm aus dem Weg, gab ihm beinahe nicht an, wenn er was sagte, und
er war viel gesprächiger, wie jemals.
    Aber sie vermied es, mit ihm allein zu sein; sie ging aus der Kuchel, wenn
er sie gerade einmal ohne die Leni antraf, oder sie rief der Magd und machte
sich was zu schaffen.
    Ganz auffällig war es, wie sie jedes Gespräch mit ihm vermied oder mit
mürrischen Worten abwies.
    Er musste mit ihr auf gleich kommen, und so trat er jetzt daheim recht sicher
und laut auf, wie er die Bäuerin allein in der Küche antraf.
    Sie griff schon wieder nach einem Wasserschaff und wollte in den Hof hinaus.
    »Halt! Halt! Da bleibst!«
    »I muass zum Brunna aussi.«
    »Nix da! Dös ko'st danach aa toa. Mir hamm jetzt amal was zum Dischkrieren
mitanand.«
    »I wusst nix ...«
    »I hab's Geld wieda mitbracht vom Burgermoasta ...«
    »'s Geld?«
    Sie fragte es mit einer sonderbaren Betonung.
    »Jawohl. 's Geld!« wiederholte er grob. »Du werst scho so guat sei und werst
mi amal o'hör'n. Also, dass i's glei sag, de Schachtel von der Alt'n, de hebst
jetzt du auf ...«
    »I?«
    Sie schrie es beinahe.
    »I rühr de Schachtel ne to. Mit koan Finga!«
    »Wos host denn du? ...«
    »I rühr s' net o ...«
    Sie ging zur Türe, aber der Ruepp stellte sich ihr in den Weg.
    »Jetzt lass amal mit dir red'n ... Dös is ja grad, als wann mir it
z'sammg'hör'n tat'n ...«
    »Mit dem hab i nix z' toa ...«
    »Mit was?«
    »Über dös ko ma gar it red'n ...«
    »Jo, du muasst red'n, dös verlang i ...«
    »I mag net ...«
    Sie war so aufgeregt, dass er ihr jetzt sanft zuredete.
    »Hock di her und horchst amal mit Ruah auf dös, was i sag ...«
    Sie setzte sich widerwillig auf eine Bank, und man sah es ihr an, dass sie
nicht im Sinne hatte, zu bleiben.
    »Siehgst, dass mir dös Malör g'habt hamm, leider, dass de Alt so g'schwind
wegg'storb'n is, durch dös, siehgst, müassen mir do schaug'n, dass all's a so
geht, wia sie's woll'n hat, und bal mir trachten, dass ihr Will'n g'schiecht,
nacha tean do mir nix Unrecht's, sondern im Gegenteil, net wahr. Was sagst?«
    Sie sagte nichts.
    Sie hörte bloss deutlicher wie sonst, dass er log, dass alles falsch war, was
er sagte.
    Der Ruepp stellte sich an den Herd und war zu einer langen, eindringlichen
Rede aufgelegt.
    Unterm Sprechen fielen ihm neue Gründe ein, lauter schöne und ganz
unwiderlegliche.
    Er war jetzt der Mann, nicht wahr, der alles, was halt in Gottes Namen
versäumt worden war, wieder so richten musste, dass es noch gut wurde und den
Absichten der Loni entsprach. Sie solle sich ruhig auf ihn verlassen und den
Kopf nicht verlieren, und vor allem, sie dürfe über die ganze Geschichte keinen
Schnaufer tun, dann komme alles ins rechte Geleis. Dafür sei schon er da, und er
garantiere dafür. Sie zwei müssten jetzt zusammenhelfen ...
    Die Rueppin stand auf; sie konnte ihm nicht mehr zuhören, jedes Wort
peinigte sie, und es kam ihr so vor, als zöge er sie mit hinein in die
Schlechtigkeit.
    Nochmals vertrat er ihr den Weg.
    »Hoscht du gar koa Antwort auf dös, was i sag?«
    »Na ...«
    »Dös waar scho bald a so, als wann du gegen mi arbet'n mögst ...«
    »Lass mi geh ...«
    »An Antwort sollst d' mir geb'n ...«
    »Deine Lüagereien mag i nimmer hören ...«
    »Meine ...«
    »Ja, jed's Wort is derlogen ...«
    Er wollte sie zurückhalten, aber da kam die Leni zur Türe herein, und er
ging an den Herd zurück und tat so, als suchte er was, einen Span oder ein
Zündholz.
    Die Leni warf ihm einen misstrauischen Blick zu; sie merkte, dass er mit der
Mutter einen Streit oder eine zuwidere Aussprache gehabt hatte, und sie war
immer bereit, gegen ihn Partei zu nehmen.
    Da brummte er was vor sich hin und ging hinaus.
 
                                Neuntes Kapitel
Michel machte sich weniger Gedanken über das Fehlschlagen seiner Aussichten als
darüber, wie er es dem Vater beibringen könnte, dass es mit dem Gymnasium und der
geistlichen Laufbahn aus sei.
    Er verschob sein Geständnis von einem Tag zum andern und wusste immer wieder
Gründe dafür, dass es damit nicht pressiere. Derweil fand er immer mehr Gefallen
an dem ungebundenen Leben daheim, das er nicht mehr mit der Freisinger
Gefangenschaft vertauschen musste, und dem er sich darum ganz anders hingeben
konnte als in den Jahren vorher, wo jede Freude durch den Gedanken an das
Einrücken im Herbste vergällt war.
    Der Zotzen-Peter, an den er sich anschloss, war Mitwisser, und er gab ihm
recht darin, dass er die Lernerei und das Stubenhocken mitsamt der geistlichen
Gaudi, wie der Peter sagte, aufgeben wollte.
    Er war Berater und Führer in dem neuen Leben, das dem Michel jetzt aufgehen
sollte, in dem der Peter aber schon manche Erfahrungen gesammelt hatte.
    So reichliche, dass er billig erstaunt war über die Anschauungen seines
Schulkameraden, der die Weiblichkeit scheu aus der Ferne bewunderte und der
nicht einmal die derben Anspielungen der Zenzi verstand oder gar erwiderte.
    »Dass du gar it dergleicha tuast?« fragte der Peter.
    Da schilderte ihm der Michel sein bisheriges Leben und gestand, dass er sich
nicht getraue, mit einem Mädel so frei zu reden.
    »Da waar a no was dabei, Kreuzteifi überanand! De san ja grad froh, bal ma
mit eahna an Unterhaltung hat.«
    »Ja, Unterhaltung,« meinte der Michel, »aber bal ma, no ja, bal ma si z'weit
aussa lasst, dös nimmt oane do leicht in übel ...«
    »Ja, was waar denn net dös! Übi nehma aa no! Des sell gibt's überhaupts net
...«
    »Es is aber do net a jede gleich.«
    »I ho no koan Ausnahm net g'fund'n. Überhaupts, was willst denn für an
Dischkursi hamm mit de Weibaleut?«
    »Glaabst du, dass zum Beischpiel ...« fragte der Michel und blieb wieder
stecken.
    »Ob i was glaab?«
    »Dass i zum Beischpiel mit da Lukas Stasi so red'n derfat, wia du voring mit
da Zenzi g'redt host?«
    »Warum denn net? Waar scho guat! Wart no, bal's amal a Tanzmusi gibt nach
der Arndt, nacha dischkriern ma mit ihr. Hätt'st du gern a weng an Handel
damit?«
    »Na, dös net. I frag grad a so, weil mir jetzt koa anderne net ei'g'fall'n
is ...«
    Peter lachte.
    »I moan allaweil, es hat do a weng was. Bal oan oane gern ei'fallt, woasst
...«
    »G'wiss net ... I bin bloss neuli, wia'r i hoamkemma bin, von da Bahn aufa
ganga mit ihr und mit ihrer Freundin. I glaab vom Boz war s' in Schwaigen.«
    »A ja, d' Mariann ... de sell is a Trumm Weibsbild!«
    »No ja, und wia'r i mit eahna ganga bin, hab i mir halt aa denkt, wann i
jetzt dös saget oder dös, ob s' beleidigt waar'n ...«
    »Koa Bröckei net! Da denkt ma do gar it lang und sagt allssammete, was oan
ei'fallt.«
    »I hätt ma net traut ...«
    »Ja mei, da fehlt's weit, Michi! Bal's d' a so daher kimmst und bal di du
net traust! Des sell is nix, ja mei, Mensch!«
    »Schau, Peter, i bring's gar it aussa. Wann i scho beinah was sag'n möcht,
nacha is grad, als wann's ma d' Stimm verschlaget. Ganz heiserig wer i ...«
    »Ja mei, Mensch!«
    »Host di du allaweil traut?«
    »I scho, i ...«
    »Von O'fang o?«
    »Ja. Wia'r i no schier gar a Bua g'wen bi, da bin i beim Seppen Damma
ei'g'standen, und da is a Mitterdirn g'wen, scho ziemli an alte. Von dera han i
viel g'lernt, und na hab i koan schinierst mi überhaupts nimma kennt ...«
    »Ja, schau, du host halt aa nix aufz'passen g'habt ...«
    »Freili net. Und di hamm s' dahoam scho auf de Gaudi dressiert, und z'
Freising erst recht. Da werd halt da Mensch dappig. Aber lass dir was sag'n, du
gehst jetzt amal mit mir, an an Samsta, auf Riad ummi. Beim Holzböck woass ia
Dirn; zu dera genga mir ans Kammafenschta ...«
    Michel bekam einen roten Kopf, und es verschlug ihm schon bei dem blossen
Gedanken an ein solches Unternehmen den Atem.
    »Moanst du, dös geht?«
    »Leicht geht's. D' Loata woass i scho; du steigst aufi, und i wart daweil
herunt ...«
    »Aba wann sie Spetakel macht, bal s' mi gar it kennt?«
    »Ah was Spetakel! So g'nau nimmt's de it. Sagst ihr halt, dass i drunt steh
auf da Pass.«
    »Aber bal's wer spannt im Haus?«
    »Was is denn nacha? Da schliafst wieda aussa beim Fensta und schiabst o. I
halt dir scho d' Loata ...«
    »Peter, i woass net, ob i mir dös trau'n derf.«
    »Geh, scham di do! Bist a so a Trumm Mannsbild her und kimmst allaweil mit
dein trauminet. Was willst denn? Oamal muasst di ja do trau'n!« - »Dös is
eigentli wahr ...«
    »Natürli is wahr, und schau, da is grad recht, wenn i dabei bin. Alloa bist
da du no z' weni ...«
    Das leuchtete dem Michel ein, und er verstand, dass er dem Peter Dank und
Vertrauen schulde.
    Aber je näher der Samstag kam, desto ängstlicher war ihm zumut. Vor
Raufereien und Schlägen und vor den Burschen von Ried fürchtete er sich nicht,
aber vor dem Mädel, das von ihm eine Keckheit erwarten musste, die er nicht
hatte.
    Er besann sich auf Ausreden, die ihn von dem schweren Gang befreien sollten,
aber wenn er mit dem Zotzen-Peter beisammen war, schämte er sich über seinen
Kleinmut und schwieg.
    Am letzten Tag, als ihn bloss mehr etliche Stunden von dem Wagnisse trennten,
ging er mit seinem Lehrmeister hinter dem Wagen her, der das letzte Fuder Haber
heimbrachte.
    Sie hatten bis zum späten Nachmittag bei grosser Hitze geschafft, und die
erquickende Abendkühle liess dem Michel Ruhe nach harter Arbeit als das
allerschönste erscheinen.
    Statt dessen sollte er eine Stunde weit laufen und sich in ein Abenteuer
stürzen, das ihm fremd und schreckhaft vorkam.
    Schon öffnete er den Mund, um es dem Peter einzugestehen, dass ihm das Kreuz
weh tue, und dass er sich gleich nach dem Essen ins Bett legen wolle.
    Aber sein Kamerad blinzelte ihm lustig zu und fragte ihn halblaut, damit es
die Zenzi, die zu oberst auf dem Fuder sass, nicht hören sollte: »Also ... bist
d' g'richt't, Michi?«
    Da schluckte er wieder und zum letzten Male seine Bedenken hinunter und
sagte so munter, als er es herausbrachte: »Dös glaab i ...«
    »Bleib a bissel z'ruck, na kinna mir allerhand ausdischkrier'n ...«
    dabei blieb der Peter stehen und liess den Wagen ein gutes Stück vorfahren.
    »Pass auf,« sagte er dann, »a paar guate Haselnussstecka hab i o'g'schnitt'n
und hinterm Stall vasteckt. De nehma mir mit, weil ma do net woass, ob net am End
oana von de Riaderer z'weg'n kimmt.«
    »Is scho recht ...«
    »D' Hauptsach is, woasst Michi, für den Fall, dass oana kam, net lang
schaug'n, und reden durchaus gar nix. Glei über'n Kopf eini hau'n, dass'n draht.
Bis er si b'sinnt, san mir scho dahi. Denn vastehst, bal mir den oan net glei
niederschlag'n, holt er si anderne, und na laffen s' z'samm, und mir waar'n
mitten in da Schar und wurd'n sauber herg'schlag'n ...«
    »Du, bal dös a so is, da kunnt'n mir aber in a böse G'schicht einikemma ...«
    »Ah was, gibt's ja durchaus gar it! Z' Riad denken s' ja an nix, und es
kannt höchstens sei, dass oana zuawa kam, der wo aa ans Kammafenschta möcht. Den
sell'n hau'n ma recht brav am Kopf aufi, dass a d' Stern tanzen siecht, na is's
scho g'wunna.« - »Ja no, aba ...«
    »Du werst do d' Riaderer it scheucha?«
    »Scheucha net, i moan bloss, ma kannt in a Schlammassel einikemma, bal's am
End raus kimmt ...«
    »Ja freili! Dös geht viel z' g'schwind, mei liaba Mensch. Der muass moana, da
Blitz hat'n g'stroaft. Was moanst denn, wia g'schwind dös geht? Der hat koa Zeit
nimma zum schaug'n, und bis er si d' Aug'n auswischt, san mir scho wieda halbat
dahoam ... du werst do koa Angst net hamm?«
    »Na ... na ... Angst hab i net.«
    »I moanet's halt aa. Dös is ja grad luschti, bal si a weng was rüahrt. Mir
is allaweil dös liabest, bal beim Fensterln no a kloani Gaudi dabei is.«
    »Is dir scho öfta passiert?«
    »Ja mei Bua, was glaabst denn, wia viel Stecka dass i scho o'g'haut hab? A
Ster g'langt ja kaam ...«
    »Und bist nia vor's Gericht kemma?«
    »Na ... oda dass i's recht sag, an etla Mal scho. Indem dass i mi halt am
O'fang a weng dumm g'stellt hab, weil i mi no net a so auskennt hab mit dera
Gaudi. Da werst halt aa erst nach und nach g'scheiter. Aba jetzt woass i mir
leicht z' helfa, und bal i bei dir bin, da brauchst di nix z'kümmern ...«
    Michel seufzte. »Bal's no guat naus geht, Peter!«
    »Lass di net auslacha, da ko ja gar nix fehl'n. Alloa wenn's d' waarst, nacha
hätt's scho seine Nüss, natürli ...«
    »Ja alloa ... da lasset i's wohl bleib'n ...«
    »Amal müassast an O'fang macha und drum is g'scheiter, bal i dabei bin. Und
jetz pass auf, nach'n Essen, da druck i mi glei, und du tuast gar net dergleicha
und bleibst no a weng hocken. I wart am Brünnl drunten auf di, und de Stecken,
de hab i scho dabei; de hol i z'erscht hinterm Stall.
    Du sagst eahna dahoam guat Nacht und schliafst aussi, und nacha genga mir
staubaus auf Riad. Mach ma's a so, gel?«
    »Ja ...« erwiderte Michel, und seine Stimme klang gepresst, aber der Peter
gab nicht acht darauf, weil er dem Wagen nachlief, der eben in den Hof einfuhr.
    Beim Essen war Michel auffallend still, und er zeigte so wenig Hunger, dass
ihn die Rueppin besorgt fragte, ob ihm was fehle.
    Er gab eine kurze Antwort, dass er nur müd' sei von der Hitze, und sie
glaubte es gerne, dass ihm die ungewohnte Arbeit zugesetzt habe.
    Der Peter streifte ihn mit einem beifälligen Blicke. Er war zufrieden mit
seinem Schützling, der sich so schlau eine gute Ausrede zurecht machte, um
möglichst bald angeblich ins Bett zu kommen.
    Er selber hieb tapfer ein, schleckte seinen Löffel ab und ging gleich nach
dem Beten weg.
    Wenn er geahnt hätte, dass sich der Michel immer noch den Entschluss zum
Daheimbleiben abringen wollte, und dass er beinahe ärgerlich auf den Freund war,
der ihn zu mühevollen und gefährlichen Wegen zwang, hätte er ihn wohl herzlich
verachtet.
    »'s G'sicht hat's dir ganz aufbrennt und an Hals,« sagte die Rueppin
bedauernd. »Du bischt de Arwat it g'wohnt und hätt'st di a weng z'ruckhalt'n
soll'n ...«
    »Z'weg'n was? I bin ja grad froh, dass i mi recht rühr'n hab derfa. In da
Stub'n bin i mir lang g'nua g'hockt ...«
    »I moan grad, weil's d' gar nix g'essen host. Soll i dir an Kaffee macha?«
    »Na ... na ... braucht's it. I geh ins Bett und schlaf mi aus.«
    »Guat Nacht, Michi!«
    »Guat Nacht, Muatta ... Guat Nacht beinand!«
    Kaspar, der noch eine Flasche Bier trank, sah ihm spöttisch nach. Der
verzärtelte Hochwürden hatte doch einmal in den letzten Wochen kennen gelernt,
wie Bauernarbeit die Leute hernimmt. Der kriegte gleich gar das Fieber davon.
    Der Ruepp selber war nicht daheim; er war schon den Nachmittag ins Dorf
hinunter gegangen, um sich für die glücklich heimgebrachte Ernte zu belohnen und
um lehrreiche Reden über die ansgestandenen Mühen zu halten.
    Die Rueppin aber ging mit der Leni und der Magd in die Kuchel, um für den
Sonntag aufzuräumen.
    So konnte Michel ungehört zur Türe hinaus ins Freie kommen.
    Er schlich den Berg hinunter und sagte mit einem Seufzer vor sich hin:
»Eigentlich is a Dummheit ...«
    Aber doch war auch eine Neugierde und eine Erwartung in ihm, die ihn
vorwärts trieb.
    Ein leiser Pfiff.
    »Michi ...?«
    »Ja ... bist as du, Peter?«
    »Freili ... Jetzt tret'n mir aber auf, dass ma net z'spat hi kemman. Net, dass
scho oana von de Riaderer drin is in da Kamma!«
    »Da müassat'n mir umkehr'n?«
    »Ja ... aussa schmeissen kunnt'n mir den sell'n net; dös gab z' viel
Spetakel.«
    »Wenn ma's wissat, kunnt'n mir uns den Weg spar'n ...«
    »Na ... na ... da werd nix g'spart. I sag ja bloss a so, dass dös mögli waar.
Wer'n ma's scho sehg'n ...«
    Sie gingen auf einem Fussweg zwischen Wiesen und abgeräumten Feldern dahin.
    Im Weiher unterm Ruepphof quakten die Frösche, denen andere in Pfützen und
Teichen antworteten.
    Als sie unterm Lukas vorbei kamen, bellte der Hofhund, weiter drüben gab ein
zweiter und ein dritter an.
    »De Bluatshund', de mistigen!« schimpfte Peter. »De sell'n san zum scheucha,
wann ma an's Kammafensta geht. Net grad oamal, dass mi so a Schinderviech
aufbracht hat.«
    »Na werd's uns beim Holzböck net guat geh ...« erwiderte Michel.
    »Der sell hat an ganz an alt'n Schnauzer, den's Bell'n nimma g'freut. Und a
Nudel hab i aa dabei. Bal i eahm de zua da Hütt'n zuawi schmeiss, gibt er leicht
an Ruah.«
    Michel musste sich eingestehen, dass sein Kamerad ein umsichtiger Anführer
war, der an alles dachte.
    Er tappte hinter ihm drein und versuchte sich vorzustellen, was sich etwa in
dieser verhängnisvollen Nacht alles ereignen könne.
    dabei übersah er ein Brett, das über einen Graben gelegt war, trat mit einem
Fusse daneben und fiel der Länge nach hin.
    »Deifi überanand, wenn's no net gar so finsta waar ...!« fluchte er.
    »Dös is ja das Best,« belehrte ihn Peter. »Nix schlechter wia Mondliacht; da
waar'n mir schnell verrat'n. Geh no hinter meiner; mir kemman a so glei auf's
Strassl, na fehlt dir nix mehr.«
    »Beim Eitel is no wer auf,« sagte er nach einer Weile und deutete nach
rechts hin, wo in weiter Entfernung ein Licht schimmerte. »Da waar a oane, de
net uneben is. Aber es is schlecht zuawi kemma zu dera.«
    »Z'weg'n an Hund?«
    »D' Hauptsach is der alt Vater; der schlaft z' weni bei da Nacht. Wia'r a
was hört, plärrt er scho beim Fensta aussa und macht's Haus rebellisch. Amal hat
er glei gar aussa g'schossen, der Hundling. I hab d' Schröt im Kerschbaam
platschen hör'n, aber da bin i g'roast, mei Liaba ...«
    »Der hätt di derschiass'n kinna ...«
    »Na, na, er hat grad so aussi blädert zum Derschrecka und zum Leut aufwecka
... so, jetzt san ma auf'n Strassl und hamm nimma z' weit.«
    Michel, der neben seinem Kameraden ging, hatte Herzklopfen bei dem Gedanken,
wie nahe das Abenteuer herangerückt war.
    »Du, Peter, pass auf ...« Er atmete schwer.
    »Was?«
    »Du, pass auf, was muass i denn eigentli sag'n zu dera?«
    »Da sagscht gar it viel. An d' Fenstascheiben klopfst, und nacha macht sie
auf, und nacha schliafst eini ...«
    »Sie kennt mi do gar it.«
    »Braucht's ja net. No, vielleicht fragt s' di, was du für oana bischt. Na
sagst, i bin der gar ander, der Nussbrocka von Weichs, oda sagst, du muasst vom
Bezirksamt aus d' Flöh fanga oder so eppas Dumm's halt, wia's d' Madeln gern
hamm.«
    »Ja, wenn i's so daher bringa kunnt wia du!«
    »Dös lernt sie scho, und für's erstmal tuat's leicht was. Und d' Rosl redt
it viel, i kenn s' ja guat.«
    »Muass i ihr net sag'n, dass du dabei bist?«
    »Zu was denn? Dös geht ja de gar nix o, der welcha dass herunt passt.«
    »I woass net, aber dös kann i scho gar net glaab'n, dass dös all's so leicht
geht. Am End schreit s' um Hilf ...«
    Peter blieb stehen und lachte.
    »Na, so dumm is de net und so g'schrecki aa net. Du stellst dir all's hart
vor, und derweil is gar nix dabei. Dös waar aa no a Kunst, mit so an Madel
dischkrier'n! Für was studiert's denn ös eigentli?«
    Nun musste auch Michel lachen, obwohl ihm ein Knödel im Halse sass, der mit
der Annäherung ans Ziel wuchs.
    »Auf so was studier'n mir net.«
    »Scho, aba ma woass si do bessa z' helfa mit'n red'n.«
    »Na, da bist du scho weitaus besser ...« wehrte Michel bescheiden ab.
    »Ssst ... jetzt müass'n mir a weng staader sei. Da drunt unter'm Bergl is
scho dös erst Haus, und mir reiben ins um's Dorf umma z'weg'n de Hund. Geh auf'm
Gras, Michi, dass ma d' Schritt net so hört.«
    »Bleib an Aug'nblick steh, i muass mi verschnaufa,« keuchte der Studiosus,
dem das Herz zur Kehle herauf schlug.
    »Du hast ja gar koa Luft nimma; z'weg'n dem bissei Weg?«
    »Na ... es is ... halt a so ... woasst, weil's dös erstmal is.«
    »Treibt's di recht um? No ja, mir lassen uns recht schö Zeit,« sagte Peter
halblaut. »Und pass auf, dass i dir's no amal sag. Wann i was vadächtig's mirk,
nacha pfeif i und bleib aba bei da Loata steh. Da koscht di drauf valassen. Wia
du mein Pfiff hörst, derfst di nimma aufhalt'n lassen, sondern du schliafst auf
da Stell beim Fensta aussa. An Tremmel nimmst mit und legst'n wohi, wo's d'n glei
wieda host. Beim Aussaschliaf'n muasst'n dabei hamm, weil ma net woass, ob net
herunt oana zuawa kimmt. Und bal oana kimmt, glei niedaschlag'n! Woasst d' jetzt
all's?«
    »... Ja ...«
    »Muasst allaweil no so schnaufa?«
    »Es vergeht scho ...«
    »Also nacha genga ma ...«
    Sie kamen an einen Hohlweg, der sich steil ins Dorf hinuntersenkte, blieben
aber oberhalb auf der Wiese, auf der sie lautlos in einem grösseren Bogen zu den
Häusern hinunterstiegen.
    Michel stiess an einen Markstein an und stolperte.
    Ein Hund gab Laut.
    »Herrgottsaggerament!« fluchte Peter, blieb stehen und hielt Michel am Arme
zurück. »Staad, sag i ...« flüsterte er.
    Der Hund bellte ein paarmal, knurrte und bellte wieder.
    »Schinderviech, wann i no di vergift'n kunnt!«
    Sie blieben eine Zeitlang regungslos stehen.
    Eine Kette klirrte; wahrscheinlich war der Hund wieder in seine Hütte
zurückgeschloffen.
    »Jetza,« kommandierte Peter. »Mir mach'n an grössern Bogen; halt di no
allaweil hinter meiner.«
    So behutsam sie konnten, schlichen sie abwärts und kamen bald an die
Einfahrt vom Holzböck.
    »Lass mi voro und bleib derweil steh; net dass uns der alte Hund aa no
Spetakel macht.«
    Als sich Peter nach diesen Worten in der Dunkelheit verloren hatte, schaute
Michel ängstlich auf das hochgieblige Haus, vor dem er stand, und er wurde sich
seiner Hilflosigkeit bewusst.
    Wenn sich aus der Finsternis jemand auf ihn stürzen würde?
    Es war leicht zu sagen, dass er jeden niederschlagen solle, aber er hatte
ganz gewiss nicht den Mut dazu.
    Jedes Geräusch erschreckte ihn; das leise Rauschen der Blätter, die der
Nachtwind bewegte, machte ihn ängstlich.
    Er kam sich wie mitten unter Feinden vor, die beim leisesten Geräusch
erwachen und über ihn herfallen würden.
    Da!
    Überm Hof drüben knurrte ein Hund, dann war's wieder still.
    Jetzt war's, als ob jemand daher schlürfte, immer näher.
    Eine beklemmende Angst schnürte ihm die Brust zusammen.
    Er wollte schreien: Peter ... oder Obacht, aber er war so heiser, dass er
keinen Ton hervorbrachte.
    Schon wollte er umkehren und einfach in die Nacht hineinlaufen, da hörte er
seinen Namen.
    »Michi ... bst ... ah, da bist ... hamm ma 's scho ...«
    »Was hast?«
    »Staader, sag i. D' Loata hab i ... jetza schleich di no her ... so ...«
    Michel folgte willenlos.
    Aus dem Gebäude heraus tönte ein halblautes Schnattern.
    »De Saggeramentsgäns!« fluchte Peter. »De sell'n hamm an Deifi ... glei san
s' wach, de Luada, de abscheiligen ... so ... aba jetza hamm ma's scho ...«
    Er lehnte die Leiter, die er unterm Arm geschleppt hatte, an die Hauswand.
    »Da steigst jetzt aufi ...«
    »Aufi?«
    »Ja, mach no! Drob'n, siehgst net? Da is's Fenschta. Es scheint ma, dass 's
halbert offen is ... klopfst a weng an's Glas oda ruafst ihr ganz staad: Rosl
... sie hört di glei ...«
    »Ja, moanst do ...?«
    »Tua net lang um und schliaf auffi.«
    Michel trat zögernd auf die erste Sprosse, dann auf die zweite. Der Stecken
rutschte ihm aus der Hand und fiel auf den Boden.
    »Jessas! Jessas! G'stellst di du!« knurrte Peter. »Steig no weida, i g'halt
dein Tremmi herunt'n, sunst kimmt er dir no unter d' Füass.«
    Michel nahm wieder etliche Sprossen und tastete mit den Händen nach dem
Fensterkreuz.
    Peter hatte recht gesehen: das Fenster war halb offen, und ein warmer Dunst,
ein unbestimmbarer Geruch wie von Haaren, drang heraus.
    Über den zaghaften Studiosus kam jetzt auf einmal eine merkwürdige Ruhe oder
Entschlossenheit. Jetzt wollte er das Abenteuer bestehen.
    Er schob das Fenster weiter hinein und klopfte behutsam auf das
Fensterbrett.
    »Bsst! Rosl! Bsst!«
    Ein Geräusch.
    Dann eine leise Stimme. »Was geit's?«
    »Rosl!«
    »Ja ...«
    Michel bohrte seine Blicke in die Dunkelheit und sah, wie sich jemand
langsam aus dem Bett schob.
    Nun kam eine weisse Gestalt heran, und eine derbe Hand fasste nach der seinen.
    »Bischt as du, Lenz?«
    »Na ...«
    »Ah, da Sepp is ...«
    »Na ...«
    Michel hielt sich mit der linken Hand am Fensterkreuz fest, mit der andern
tappte er nach dem vollen, runden Arm der Rosl.
    Er atmete schwer vor Aufregung.
    »Wer bischt denn nacha?« fragte das Mädel.
    »Halt aa oana ...«
    »Was willst denn da?«
    »Eini möcht i zu dir ...«
    »Ah, du bischt oana! Kimmt er da daher mitt'n bei da Nacht! Du bischt gar it
von Riad, gel?«
    »Na ... Derf i net a weng eini kemma ...«
    »Bsst!« mahnte die Rosl. »Du muasst staad sei, der Blasi schlaft daneb'n ...«
    »I bin scho staad.«
    »Hoscht d' Stiefl auszog'n?«
    »Na, de hab i net ausziahg'n kinna.«
    »Ja, bal s' knarrez'n, hört di da Blasi ...«
    »Der hört mi net ...«
    »Ah, du bischt oana! Du bischt scho ganz vaweg'n. Wo bischt'n du her?« -
»Halt aa.«
    »Bischt g'wiss von Langwaid drent?«
    »Na ...«
    Michel hatte seine Hand auf die nackte Schulter des Mädels gelegt und
krampfte in der Aufregung seine Finger ein.
    »Ah, du tuast ma glei gar weh ...«
    »Derf i net in d' Kamma eini ...«
    »Bal's d' recht staad bischt ...«
    »I gib scho acht ...«
    Er stieg noch eine Sprosse höher und wollte sich mit Kopf und Schultern
durch das Fenster zwängen.
    »Herrgott, is dös eng!«
    »Ssst! Was moanscht denn? Ma hört di ja!«
    »Deifi ... Dös is z' eng.«
    »Du muasst höher aufa steig'n und mit de Füass voro eina schliaf'n ...«
    Michel folgte der erfahrenen Rosl, und indem er sich mit der Linken fester
hielt, schob er ein Bein nach dem andern durch und sass schon auf dem
Fensterstock. dabei war er aber ein paarmal ans Glas gekommen, das klirrte.
    »Heb di do staad!« mahnte das Mädel.
    Und nun wollte er eben den Oberkörper durchzwängen, als eine grobe Stimme
zum Fenster nebenan herausschrie:
    »Heda! Was is da? ... Herrgottsaggera ...«
    »Jessas! Da Blasi!« flüsterte Rosl erschrocken.
    Und in diesem Augenblicke pfiff unten der Peter.
    »Wart, dir hilf i,« drohte der Blasi.
    Michel klammerte sich ans Fensterkreuz und zog unbekümmert um den Lärm
hastig die Füsse zurück.
    Die Stiefel kratzten über das Fensterbrett und kratzten an der Hauswand
hinunter und suchten die Sprossen.
    Als Michel eben einen festen Stand gefunden hatte, schlug ihm ein derber
Stock über Arm und Schulter; ein zweiter Hieb traf ihn auf den Kopf, und es war
gut, dass der Hut die Wucht milderte.
    Ein Prügel sauste neben Michel gegen das Fenster, aus dem sich der Blasi
herausbeugte, um den Eindringling noch ein paarmal zu treffen.
    »Dir schmeiss ich dein Gipskopf ausanand, du Stier, du miserabliger!«
    Der Prügel schlug dicht neben Blasi an die Wand und krachte wieder herunter;
ein Hund bellte heiser über den Hof und riss wütend an der Kette, und Michel
verfehlte in der Hast eine Sprosse und rutschte und fiel unsanft auf den Boden.
    »Jetz is Zeit,« rief Peter. »Laff was d' ko'st ...«
    Er sprang voran in die Dunkelheit, aber sein Schutzbefohlener kam ihm nicht
nach. Er hatte sich den rechten Fuss verprellt und hinkte mühsam hinterdrein.
    »Mach ... mach! Druck di!« schrie Peter schon aus grösserer Entfernung
zurück, und schon blinkte ein Licht drüben im Hause auf und noch eines gerade
gegenüber im Rossstall.
    »Wart Luada! Halt's 'n auf!« brüllte es von der Haustüre her, und noch ehe
Michel ein paar Schritte weitergehumpelt war, fasste ihn wer von hinten und riss
ihn zu Boden.
    Der Blasi war der erste im Hof heraussen gewesen und hatte den Fremdling
niedergeworfen. Da kam auch schon ein zweiter Knecht herzugelaufen und hinter
ihm drein ein Dienstbub.
    Michel wollte sich vom Boden aufraffen, aber der Schmerz am Fusse war ihm
hinderlich, und der Blasi war zudem ein fester Bursch.
    »Lasst's mi aus! Was wollt's denn von mir?« keuchte Michel.
    »Was hoscht denn du bei da Nacht im Hof herin z'toa? I gib da's scho, beim
Fenschta einisteig'n ...«
    Aber wo war denn der Peter?
    Der stand vor dem Hofe hinter einem Schupfen und überlegte, ob er seinem
Kameraden zu Hilfe eilen sollte.
    Zu seiner Ehre muss es gesagt werden, dass er es schon im Sinne hatte, ja dass
er schon näher schlich, um sich dann im plötzlichen Anprall auf die Feinde zu
stürzen.
    Aber da sah er das zitternde Licht einer Laterne, das sich vom Hause her
näherte. Es kam noch wer dazu, wahrscheinlich der Bauer, und nun war die
Übermacht doch gar zu gross.
    Für den Michel war es aber ein Glück, dass der Holzböck selber eingriff, denn
die Knechte schlugen im Geräufe mit den Fäusten zu, und er verspürte mehr wie
einen schmerzenden Hieb. »Was habt's da für oan?« fragte der Bauer.
    »I kenn an it ... Bei da Rosl is er am Kammafenschta g'wen ...« antwortete
der Blasi.
    »Am Kammafenschta? Na hört's mit'n schlag'n auf. I hab scho g'moant, ös
habt's an Einbrecha dawischt ...«
    »I will ja gar nix ... lasst's mi do aus!« bat Michel.
    »Also auslassen!« kommandierte der Holzböck, und die Knechte gaben ihr Opfer
widerwillig frei.
    Der verunglückte Abenteuerer erhob sich mühsam, und der Holzböck leuchtete
ihm mit der Laterne ins Gesicht.
    Die Haare hingen dem Michel ins Gesicht, und das linke Auge war
verschwollen.
    Er sah nicht vorteilhaft aus, als er jetzt den Bauern angstvoll anstarrte.
    »Was bischt denn du für oana?« fragte dieser barsch. »Koa Hiesiger bischt
net.«
    »I ho ja gar nix woll'n ...«
    »Ja ... ja, dös kennt ma scho. De sell Loas bracht alle Augenblick an andern
daher, aber de schmeiss i morg'n aussi. Und du sagst mir jetzt, wer's d' bischt.«
    »I ...?«
    »Ja, tua no net lang ummanand ...«
    »Vom ... vom Ruepp bin i ...«
    »Vo der Leit'n?«
    »Ja ...«
    »A Bua davo?«
    »Ja ...«
    »Aba da Kaschba bist net. Den kenn i ...«
    »I bin da Michel ...«
    »Der, wo auf Geischtli studiert? Jetz is 's recht ...«
    »I ho ja gar nix woll'n ...«
    »Ah so ... bischt zum Rosenkranz Bet'n herkemma? Mandei, dös sell lasst
bleib'n, dös kannt dir no schlechta aussi geh' als wia heut.«
    Die Knechte lachten, und Blasi sagte: »Da hamm ma ja an ganz an schwarz'n
Kater dawischt.«
    Der Bauer bot ab.
    »Lasst's as guat sei. Und du machst, dass d' weida kimmst und nimm dir's für a
Lehr! Dös steht dir net o, so was!«
    Der Dienstbub hatte Michels Hut vom Boden aufgehoben und gab ihn grinsend
dem armen Kerl, der ihn aufsetzte und sich dann schweigend abwandte, um zum Hofe
hinaus zu humpeln.
    Er war noch nicht weit gekommen, als plötzlich der Peter neben ihm stand.
    »Hamm 's di recht herg'schlag'n?« fragte er.
    »I hab's ja z'erscht g'wisst, dass 's schlecht ausgeht ...« murrte Michel.
    »Es waar ganz guat ganga, wann du a weng g'schwinder g'wen waarst. I hab mir
scho oiwei denkt, für was dass d' so lang auf da Loata steh bleibst und net eini
schliafst beim Fenschta. Mei liaba Mensch, so derf ma si net Zeit lass'n. Da hat
di ja der damische Kerl hör'n müass'n ...«
    »Ah was! Hergeh hätt i net soll'n ...« sagte Michel unwirsch.
    »Warum denn net? Waar ja net aus! Dös sell muass di jetzt net a so vadriass'n.
An andersmal geht's bessa.«
    »Koan andersmal gibt's nimma ...«
    »Ja freili ...«
    »Na. Dass ma dasteh muass wia 'r Einbrecha ... au!«
    »Was hoscht denn? Tuat dir was weh?«
    »Da Fuass ... und d' Achsel ... i ko mein Arm beinah net rühr'n ...«
    »Herrgottsaggerament überanand! Dös zahl i aba dem Blasi hoam! I kenn an a
so, den Stier, den lüaderlich'n. Der kimmt ma net aus. Bal Markt is z'
Altomünsta, dawisch i'n scho, aba nacha lass i'n umma, den! Der derf si
g'freu'n.«
    »Dös helft mir nix ...«
    »Geh, sei net a so vazagt! Amal dawischt's an jed'n, da liegt ja gar nix dro
...«
    »Und was wer'n meine Leut sag'n?«
    »De wiss'n nix ...«
    »Dös sehg'n s' do. Is mir ja's ganz Aug verschwoll'n, und geh konn i schier
net. Was soll i denn sag'n, woher dass dös kimmt?«
    »Da find'n ma scho was,« tröstete Peter.
    »M ... hm ... au! Herrgott, i bleibet am liabern da auf der Wies'n hocka.«
    »Halt di a weng ei, und na rast'n mir wieda. Es geht scho. Aba wart no, dem
Blasi, dem schlag i's Kreuz o, dös is g'schwor'n ...«
    »Mir war liaba, i waar dahoam und i lieget im Bett.«
    »Mir kemman scho hoam ...«
    »Ja, und was sag i morg'n, wenn i nimma aus de Aug'n aussa schaug'n ko?«
    »Woasst was? Mir sag'n ganz oafach, i und du, net, mir han a weng auf Erdweg
ummi ganga; weil d' Arndt herin is, hätt'n mir no gern a Mass Bier trunk'n, und,
pass auf, beim Hoamweg, sag'n mir, da hamm ins a paar a drei o'packt. De müassen
ins für anderne g'halt'n hamm, und durch dös san mir ganz unschuldigerweis ins
Raffa kemma, und mir hamm wohl de andern verjagt, sag'n ma, aba natürli, durch
dös hamm mir aa Schlag kriagt, und indem dass du an Fried'n hoscht stift'n
woll'n, bischt du bei dem Brettl übern Graben ansg'rutscht und hoscht dir an
Fuass verknaxt, und a so sag'n mir. Dös glaaben s' nacha scho ...«
    »Von mir aus glaab'n s' as aa net. Wann i no in mei'm Bett lieget ...«
    »Mir hamm nimma weit ...«
    Und Peter tröstete den Michel und half ihm und stützte ihn, bis sie endlich
daheim anlangten.
    »Dös muass di net vadriass'n,« mahnte Peter noch einmal, als ihm sein
Schützling Gute Nacht sagte und eben doch sehr verdrossen und müde in seine
Kammer schlich.
 
                                Zehntes Kapitel
»Ja, Bua, was is denn mit dir passiert? Um da Gott's Will'n, wia schaugst denn
du aus?« rief die Rueppin, als der Michel am andern Morgen in die Küche hinkte.
    »Was werd denn passiert sei?« knurrte er. »A Dummheit. Eigentli is gar net
wert, dass ma davo redt.«
    Und er erzählte beinahe wortgetreu alles, was sich der erfinderische
Zotzen-Peter als beste Erklärung ausgedacht hatte.
    »Waar ja net aus!« jammerte die Bäuerin. »Bei da Nacht d' Leut o'packa und
ganz frei herschlag'n, obwohl dass mi gar it bekannt is. So was ausg'schamt's
muass no gar it dag'wen sei ...«
    Der Ruepp, der die Sache gleich grossartig mit Gericht und Advokaten und
Schandarmerie angehen wollte, hatte freilich auch einiges zu tadeln, denn was
andere anbetraf, hatte er strenge Ansichten, und die Gelegenheit, sie
aufzuweisen, liess er nicht aus.
    »De Burschen wer'n ma scho kriag'n,« sagte er, »da gib i net nach, bis dös
offenbarig werd. Aba dös muass i aa sag'n als Vata: g'hör'n tuat si dös net, dass
du mit an Knecht in de Wirtschaft umanandaziahgst ...«
    »Er hat ja grad a Mass in Erdweg drent trunka,« widersprach die Bäuerin. »Es
werd eahm halt dürscht hamm nach dera Hitz und nach der Arwat ...«
    »Dös is gleich. Ma muass allaweil wissen, wer ma is, und mit wem dass ma's z'
toa hat. Es passt si amal net für an Schtudierten, dass er bei de Knecht hockt oda
gar a Freundschaft hat damit. Waarst mit mir zum Wirt abi ganga, waar di nix
passiert ...«
    »No ...« machte die Rueppin.
    Aber der Bauer liess sie nicht zum Wort kommen.
    »I sag dös, ma muass wissen, bei wem dass ma is, und ma derf nia vagessen, wer
ma selm is. I hab dir's scho a paarmal sag'n woll'n unter der Arndt, du solltest
net gar so Kamerad sei mit'n Peter ...«
    »Bal's do mitanand in d' Schul ganga san ...«
    »Dös g'hört da it her. I sag, ma muass wissen, wer ma is. Und jetzt lasst's
amal an Petern einakomma, dass er mir a weng an Auskunft gibt; i geh nacha zum
Kommadanten ...«
    »Zu was denn?« brummte Michel. »Da werd nacha bloss 's G'red no grössa ...«
    »Dös is gleich. Aber i leid's amal net, dass so was vorkimmt. Wo is denn da
Peter?«
    Die Rueppin ging in den Hof hinaus, um den Knecht zu holen, und in der
Zwischenzeit machte Michel noch einmal den Versuch, seinen Vater von der Anzeige
abzubringen.
    Aber der Ruepp hatte seine Grundsätze, bei denen er fest blieb.
    Jetzt kam auch der Zotzen-Peter in die Küche und stellte sich mit dem
gleichgültigsten Gesichte neben die Türe.
    »Ös seid's gestern in Erdweg g'wen?«
    »Ja ...«
    Sein Blick streifte unauffällig zu Michel hinüber. Der hatte also seine
Ausrede vorgebracht, und jetzt kam das Lügen an ihn.
    Schon recht. Darin konnte man sich auf ihn verlassen.
    Und er log auch tapfer und standhaft, wie es sich für einen Kameraden
gehört, und wie es ein tüchtiger Mensch fertig bringt.
    Das Ergebnis war sehr dürftig, denn der Peter wusste nichts, hatte keinen
Verdacht und konnte sich nichts denken.
    Das hielt den Ruepp ab, sogleich ins Dorf hinunter zu gehen und die
Schandarmerie in Bewegung zu setzen.
    Einen Tag später war ihm nicht mehr viel daran gelegen, und wieder etliche
Tage darnach war schon das Gerücht von dem wirklichen Begebnisse durch die
Dörfer und Weiler der ganzen Gegend gelaufen.
    Eine Geschichte von Prügeln, die einer beim Kammerfenster erhalten hatte,
war an sich schon volkstümlich, aber der Umstand, dass der Betroffene ein
geistlicher Student war, gab erst die rechte Würze, und in allen Wirtshäusern
erzählte man sich lachend, dass beim Holzböck ein schwarzer Kater eingefangen
worden sei; die Mädeln steckten es sich kichernd zu, und die Bäuerinnen, die in
allem die Frömmeren sind, waren bekümmert darüber, dass es so was auch gebe.
    Der erste, der es auf der Leiten inne wurde, war der Kaspar, den im Feld
draussen der Sexer darum anredete.
    Das heisst, er fragte ihn teilnehmend, wie es dem Bruder gehe, und ob er sich
doch nicht den Haxen gebrochen habe, wie er in Ried von der Leiter
heruntergefallen sei. Wenn einer so was als erster einem andern, den es angeht,
brockenweise zumessen kann, ist es ihm ein Genuss.
    Der Kaspar lehnte das herzliche Bedauern, das der Sexer zeigte, schroff ab;
er machte auch daheim kein Wesen daraus, aber der Leni erzählte er's.
    »Unser Hochwürden macht si ...«
    »Was is damit?«
    »Am Kammafenschta is er g'wen z' Riad, beim Holzböck, und da hamm s'n
dawischt und recht her g'schlag'n.«
    »Ah ... ah ... na is dös gar it wahr, dass er in Erdweg o'packt wor'n is ...«
    »Dös is all's derlog'n. Beim Fensterln hamm s'n a so zuag'richt. Der werd
amal richti als Pfarra.«
    »Der werd z'erscht koana.«
    »Mir kimmt's aa so vor, aba von dem werd scheint's it g'redt, was dös Geld
kost hat, und waar jetzt all's umasunst aussi g'schmissen.«
    »Mir g'fallt scho lang nix mehr,« sagte Leni. »Bal oana wirkli auf geischtli
tracht, na g'stellt er si do ganz anderst o, als wia da Michi. Der tuat ja gar
it dergleicha ...«
    »Und lafft zu de Menscha glei a Stund weit; bis auf Riad treibt's 'n ummi,
den geischtlinga Herrn.«
    »I sag's aba da Muatta, und auf da Stell, weil sie scho gar nix mehr kennt,
als wia grad Michi hi und Michi her ...«
    »Sag's ihr no. Is g'scheidter, sie hört's von dir, als wia von ander Leut.
In der ganzen Gegend hamm s' eahna Gaudi damit, hat mir da Sexer g'sagt ...«
    »Bei ins passt all's z'samm ...«
    Leni war kaum allein in der Küche mit der Rueppin, da fing sie schon an.
    »Jetzt host as mit dein braven Michi ...«
    »Was hab i?«
    »Weil's d' a so net woasst, was d' eahm all's o'toan muasst z'weg'n seine
Schmerzen, de wo er so unschuldigerweis leidt ...«
    »Is dös vielleicht nix, wenn er hinterrucks überfall'n werd?«
    »Ja ... überfall'n! Von da Loata hamm s'n aba g'schmissen, wia'r a bei so an
lüaderlichen Weibsbild am Kammafenschta war ...«
    »Was redst du daher?«
    »Dös, was wahr is. Beim Holzböck in Riad hamm s'n vertrieben, den saubern
Herrn. Bei dera G'legenheit hat er seine Schläg kriagt, und d' Leut lachen recht
darüber ...«
    Die Rueppin musste sich niedersetzen.
    »Dös gibt's ja gar it ...«
    »Frag'n selber. Vielleicht b'steht er dir's ei.«
    »Wo is er denn?«
    »Im Hof war er voring drausst beim Peter. De zwoa steckan ja a so allaweil
beinand.«
    Leni schaute zur Türe hinaus und rief.
    »Michi! ... Zu da Muatta solltst eina kemma ...«
    »Ahan ...« sagte der Zotzen-Peter, der gerade einen Pflug herrichtete.
»Jetzt wissen's de aa scho ...«
    »Soll'n s' as wissen ...«
    »Red di auf mi aus und sag, i waar am Kammafenschta g'wen, und du bischt
bloss mitganga ...«
    »Ah was, da liegt mir gar nix mehr dro,« sagte Michel und ging in's Haus.
    »Du, was d'Leni verzählet, gel, dös is it wahr?« rief ihm die Rueppin zu.
    »Was hat s' denn verzählt?«
    »Dass dös all's a Schwindel war, was du g'sagt hast von Erdweg,« fiel Leni
ein. »Dass s' di beim Kammafenschta g'haut hamm, dös hab i da Muatta g'sagt.«
    »Wann d' no du was ausanand bringa ko'st; da hoscht ja du dei Freud dabei.«
    »Weil's d' Leut überall'n verzähl'n; i trag's net weida und hab's net
aufbracht.«
    »Aba Michi, du werst do dös it g'macht hamm!« jammerte die Mutter.
    »Gar so weit werd's net g'feit sei, bal ma'r amal an G'spass macht.«
    »Dös is an sauberna G'spass für oan, der wo amal an Pfarra spiel'n möcht ...«
fiel Leni wieder ein.
    »Hoscht an dös gar it denkt? Da nehman s' di am End gar nimmer,« sagte die
Rueppin.
    »Dös waar mir dös liaba ...«
    »Ja, Bua!«
    »Na, Muatta, jetzt sag i dir's pfeilgrad, i waar z'erscht nimma z'ruck ganga
ins Gymnasium.«
    »So? Und's Geld nacha, dös wo ma an di hing'hängt hot?« keifte Leni.
    »Von dir hab i koans kriagt.«
    »Net? Geht dös vielleicht net an dem unsern ab, was du verto host? Von dir
hab i koans, saget er, und mir müassen de ganz Zeit zuaschaug'n, wia ma'r eahm's
Geld schickt, und mir dahoam kemman in d' Verlegenheit und gar no in d'
Schuld'n.«
    »Für dös konn i gar nix ...«
    »Jo ...«
    »Net wahr is. Wenn da Vata oa Wort g'sagt hätt, oder d' Muatta, na waar i
scho Jahr und Tag dahoam und hätt tausendmal liaba mitg'holfen als Knecht ...«
    »Ja ... wer's glaabt. Z'erscht treibt er si de längst Zeit als Schtudent
umanand, der wo nix schtudiert, und na hoasset's auf oamal, i waar liaba a
Knecht. Mit der Arwat tandeln, so hättst as vielleicht im Sinn ...«
    »Jetzt hör amal auf!« bot die Rueppin ab. »Mit'n Streit'n is gar nix
g'richt, und du, Michi, du werst di wohl no b'sinna ...«
    »Schau, Muatta, dös hat koan Wert gar nimma. Z' Freising hamm s' zu mir
g'sagt, dass i z' alt wer, und schau, bal i jetzt no zwoa Jahr hi häng, und es
werd do nix ...«
    »Ja, Bua, was is denn aba, bals d' it firti machst?«
    Michel wollte ihr seinen Plan mit der Weihenstephaner Schule erklären,
zögerte aber vor der Leni und sagte: »I hätt scho was in Sinn, und es kunnt no
all's recht wer'n ...«
    Derweil schlug der Hofhund an, und man hörte Schritte im Hausflötz.
    Die Rueppin schaute hinaus.
    »Dös is ja da Mesner ...«
    »S' Good beinand!« sagte der Schwaiger, ein Kleingütler, der den
Mesnerdienst verrichtete. »I hab d' Rechnung für der alt'n Loni ihra Leich.
Pressiert aba net, bal da Bauer net da is; er ko s' leicht amal zahl'n, wann er
abi kimmt.«
    Er zog ein Notizbuch aus der Tasche und holte einen Zettel daraus hervor,
den er der Bäuerin gab.
    »Na werd's da Bauer scho am Sunntag recht macha ...«
    »Ja ... ja ... feit da nix ... und no eppas hätt i zu'n ausrichte für'n
Michi ...«
    »Für mi?« Der Studiosus bekam einen roten Kopf, als er fragte.
    »Ja ... an schön Gruass soll i sag'n vom Herrn Pfarra, und Sie soll'n morg'n
nach da Kircha, vielleicht um a neuni, zu eahm komma ...«
    »Is recht, i kimm scho. Hat er net g'sagt, z'weg'n ...«
    Michel stockte.
    »Z'weg'n was?« sagte der Schwaiger. »Na, von dem hat er nix g'sagt ...«
    dabei blinzelte er aber mit dem linken Auge, was dem Michel andeuten sollte,
dass er ihm allein schon was verraten könnte.
    »Von dem hat er nix g'redt,« wiederholte er. »Es werd halt was z'weg'n da
Schtudi sei oder a so. Er hat bloss g'sagt, bals d' heut zum Ruepp aufi kimmst,
sagt er, nacha richt an Herrn Schtudenten aus, dass er mi morg'n b'suacht. Nach
da Kircha, hat er g'sagt, und mehra woass i wohl it.«
    »Werst na do scho a Nudel mög'n und an Kerschgeist?« fragte die Rueppin.
    »Da sag i net na ...«
    Es schien dem Michel ewig lang zu dauern, bis der Schwaiger seinen Schnaps
ausgetrunken und etliche Dorfneuigkeiten ausgekramt hatte.
    Er schlich sich unauffällig aus der Küche und wartete hinterm Austraghäusel,
bis der Mesner endlich den Heimweg antrat.
    Als er ihn unter der Haustüre Abschied nehmen sah, ging er den Hohlweg
hinunter und setzte sich beim Brünnl auf einen Baumstamm.
    »Ah, da is ja da Michi ...« sagte der Schwaiger.
    »Ja ... i hätt gern g'fragt weg'n an Herrn Pfarra. Was will er mir denn?«
    »Was er will? Hm ... G'sagt hat er ja nix, aba i denk ma halt, z'weg'n dera
Gaudi da ...«
    »In Riad drent?«
    »Freili ...« Der Schwaiger blinzelte lustig. »Es is eahm halt aa z' Ohr'n
kemma. Natürli, d' Leut red'n davo, und bal amal so was aufmahrig is, nacha
laffan ja de Betschwestern in Pfarrhof eini, als wann eahna's Feuer unterm Rock
brennat. De erst war de alt Puachrainerin, und nacha is d' Nottensteinerin daher
g'schwanzt und d' Rauscherin, und a Getua hamm s' g'habt und a Jammerei, als
wann eahna selm dös grösst Unrecht g'schehg'n waar, und als wann s' de Straf
Gottes herbet'n müasst'n ...«
    »Was bekümmert's denn de ...«
    »Sag i aa allaweil. Aba da Deifi is ja nix geng an alt's Wei, und natürli,
vagunna tean de alt'n Luada de junga Leut überhaupts nix ...«
    »Was hat da Herr Pfarra g'sagt?«
    »M ... mei, net vui; der reisst si desweg'n koan Haxen aus. Er hot s' halt
o'g'hört, net, weil er s' o'hör'n muass.«
    »Deifi, dös is mir scho so z'wida!«
    »No mei, da is no net alls aus. Vorläufi, net, san S' no amal net geischtli,
und mei Gott, hamm ma sogar scho Koprata g'habt, wo ma si allerhand vazählt hat,
und überhaupts, a junga Mensch, dös woass ma do ...«
    »Dös z'widerst is, dass mi eigentli de G'schicht gar nix o'geht. I bin bloss
mit an Kamerad'n in da Begleitung mitganga ...«
    Michel erinnerte sich rechtzeitig an die Lüge, die ihm sein Lehrmeister
angeraten hatte. Ob sie aber der Schwaiger glaubte, war nicht deutlich zu
erkennen, denn er blinzelte wieder stärker mit den Augen, als wenn ihm die
Abendsonne weh täte.
    »A so is de Sach? Grad in da Begleitung? No ja, nacha is ja eigentli gar nix
dabei,« sagte er.
    »A Dummheit is und bleibt's,« antwortete Michel.
    »Aba a himmiweita Untaschied,« rühmte der Schwaiger. »Bal mi mit an
Kamerad'n geht und der sell lasst si net abbringa von sein Plan, für dös ko ma do
nix ...«
    »Mitgeh hätt i halt net soll'n ...«
    »Mei Gott, dös is G'schmacksach. Aba nacha is dös aa net wahr mit de ...«
Schwaiger deutete mit dem Stecken Hiebe an ... »mit de Schmiergel?«
    »Na, dös hoasst, a bissel in a Rafferei bin i scho eini kemma ...«
    »A freili ... a so halt ... als Begleiter ... natürli ... da hilft ma sein
Kamerad'n ...«
    Er blinzelte wieder stärker.
    »No ja ...« sagte er dann. »An Kohlrabi reisst Eahna da Herr Pfarra net aba,
und bal er schimpft, sagen S' eahm halt dös, dass Sie ganz unbeteiligterweis
zuawi kemma san. Dös glaabt er na scho ... Und jetzt bfüad Good, Herr Michi ...
ausg'richt hab i mei Sach ... adjes!«
    Michel ging langsam heimzu, und er liess den Kopf gedankenschwer hängen.
    Derweil sass drunten beim Wirt der Ruepp und fing allgemach zu krakeelen an,
wie er's im Brauch hatte, wenn er schon eine Halbe über den Durst getrunken
hatte.
    »Du g'hörst aa zu dena,« schrie er zum Langwaider hinüber, der sich wohl
nicht ohne Absicht an einen andern Tisch gesetzt hatte. »I woass gut, du bischt
aa bei de sell'n, wo si's Maul z'rissen hamm über mi. Di kenn i guat, Manndei!«
    »Mein Ruah lass ma!«
    »Lasst's ma ös z'erscht de mei! Aba dös sag i dir, da vaderb'n z'erscht no
vui z' Weidach, vor i vadirb. Dös sagst eahna, de gar andern, de wo meine
Schuld'n z'sammzähl'n möcht'n. Vor i vadirb, vaderb'n no ganz anderne, und i bin
no koan Weidacher was schuldi blieb'n. Da waar i mir scho z' guat dazua, dass i
mi von dena Hungaleider o'schaug'n liass. Pfüad di Good, sag i, und so g'scheit,
wia de ganz andern, bin i no lang. Waar ma scho g'nua, sag i,
Herrgottsaggerament! Und du bischt aa dabei, bei de sell'n ...«
    »I trink mei Bier und will mein Fried.«
    »Ja ... dein Fried ... Aba da steht's z'samm und redt's oan recht schlecht,
und waar ja scho bald a so, als wann i an Weidacher was schuldi waar ... Da
seid's ma ös z' weni, ös Hungaleider, ös ganz notigen!«
    »Geh, drah net a so auf; es steht dir net o.«
    »I sag mei Sach, und 's Mäu lass i mir von enk net vabiat'n, dass d'as woasst.
Und i vadirb no lang it, dös mirkst da, und da vaderb'n z'erscht ganz anderne
...«
    »Was is denn?« fragte der eintretende Wirt.
    »Was werd sei? Der Ruepp is halt wieda b'suffa ...« sagte der Langwaider.
    »Was bin i? Was woasst du, dass i b'suffa bin?«
    »Net z' weni. Und überhaupts, bal ma da eina geht und auf'n Feierabend sei
Halbe Bier mit Ruah trink'n möcht, muass ma si da d' Ohr'n voll plärr'n lass'n
und si Grobheit'n sag'n lass'n?«
    »Du haltst jetzt dei Mäu!« entschied der Wirt kurz und drohte dem Ruepp mit
dem Finger. »Du woasst guat, dass du da herin koa Bleib'n it hoscht, bal's du
aufdrahst.«
    »I trink mei Sach, und i zahl mei Sach, und i sag mei Sach. Und dös Recht
wer i hamm, wia 'r a jeda, und i sag mei Sach, und i zahl mei Sach.«
    »Und mi lasst d' in Ruah!« sagte der Langwaider.
    Da schrie aus der Ofenecke heraus eine scharfe Stimme, die dem Austrägler,
dem alten Mader Lenz, zugehörte: »Überhaupts kümmer di um di und um dein Buab'n!
Da hoscht di z' kümmern g'nua!«
    »Was Bua? Wer Bua? Über mein Kaschpar werst du nix sag'n kinna ...« - »Du
woasst scho, dass i den andern moan.«
    »An Michi? Vo dem werst du erst recht nix wiss'n ...«
    »Dös nämli, wia alle Leut ...«
    »Ös müasst's ja allsammete amal froh sei, bal enk mei Michi an Seg'n gibt. I
gaab'n enk g'wiss it.«
    »Den müasst ma z'erscht mög'n ... gel. Und überhaupts derf a sellana gar it
g'weicht wer'n. Da werd da Babscht aa no was drei red'n ...«
    »A sellana? Was für a sellana? Dir schlag i 's Kreuz o, du Bettelmo, du ganz
schlechter!«
    »Hö ... hö! Net gar so grob! Gel?« mischte sich der Wirt ein.
    »Derf er mein Michi an sellan hoass'n, der wo it g'weicht werd? Muass ma'r i
dös g'fall'n lassen?«
    »No ja, über dös derf ma no red'n, bal dei Bua von de Kammafenschta verjagt
werd. Dös steht eahm schlecht g'nua o ...« - »Net wahr is!«
    Der Wirt zog gleichgültig die Achseln hoch.
    »Dös werd öffentli verzählt.«
    »Wer derf dös sag'n?«
    »Da Holzböck hat's selm verzählt, da herin vor alle Leut, dass d' as woasst.
Und jetzt hörst mit'n plärren auf, gel?«
    »Und a sellana derf it geischtli wer'n,« sagte der Mader Lenz. »Dös werd da
Babscht it zuageb'n.«
    Der Ruepp verstand, dass es der Wirt ernstaft meinte, und die Beschuldigung
machte einen solchen Eindruck auf ihn, dass er beinahe nüchtern wurde.
    Er zahlte und stand hastig auf, ohne sein Bier auszutrinken.
    Als er mit unsicheren Schritten bis an die Türe gekommen war, sagte er: »Von
dem woass i gar nix, und bal's it wahr is, nacha mach i's advikatisch, und na
müassen s' aba her, de Falschhauser, de wo auf ins aufi lüag'n. Kenna tua i s'
allsammete ...«
    Da ihm niemand mehr angab, stolperte er zur Haustüre hinaus und stiess dabei
mit dem Postboten zusammen, der gerade herein gehen wollte.
    »Hö! Zeit lassen!« rief dieser. »Ah, da Ruepp! Dös is recht, dass i di triff.
Für di hab i was, na brauch i nimma aufi zu dir ...«
    »Was hast?«
    »A Zuastellung vom G'richt ...«
    »An mi?«
    »Ja ...«
    »I ho mit'n G'richt nix z' toa.«
    »Werd do a so sei,« sagte der Postbote und gab dem Ruepp das Amtsschreiben.
    Der steckte es achtlos in die Tasche, aber schon nach ein paar Schritten
zwang ihn ein unbestimmtes Gefühl, das Schreiben wieder hervorzuholen und zu
öffnen.
    Die Schrift verschwamm ihm vor den Augen, aber ein paar Worte setzten sich
doch fest ...
    Nachlass der verstorbenen Apollonia Amesreiter ...
    Halt auf! Kam da etwas nach?
    Eine heisse Angst stieg in ihm auf, und er las noch einmal.
    Nun standen die Buchstaben fester und drohender vor ihm, und er brachte
heraus, dass er auf den 18. September vorgeladen war, um Auskunft über den
Nachlass zu geben.
 
                                 Elftes Kapitel
Auf dem Ruepphof war am andern Morgen eine trübselige Stimmung.
    Die Bäuerin ging mit verweinten Augen herum, die Leni rappelte in der Küche
mit dem Geschirr, und der Michel wusste nicht, wo er sich vor den lauten und
stummen Vorwürfen verschliefen sollte.
    Vor dem Vater hatte er allerdings Ruhe, denn der lag im Bett und grübelte
vor sich hin, wie er sich beim Gericht am sichersten aus der Verlegenheit helfen
könne. Darüber hatte er alles andere vergessen und die Lust verloren, seinen
ungeratenen Sohn ins Gebet zu nehmen.
    Gleich nach dem Frühstück machte sich der Michel auf den Weg, um in die
Kirche und dann in den Pfarrhof zu gehen.
    Ausser dem Hause war's ihm wohler zumut, und der klare Spätsommermorgen
flösste ihm fröhliche Zuversicht ein.
    Wie blinkte der Tau in den Grashalmen, wie glitzerte er in den wunderfeinen
Spinngeweben, die zwischen den jungen Fichten hingen!
    Und wie arbeitsfroh konnte einem zumut werden, wenn die Luft vom Geruch der
frischgepflügten Erde voll war!
    Mit der drückenden Heimlichkeit war es jetzt aus, und wenn sich die Klarheit
auch nicht auf die allerschönste Weise eingestellt hatte, jedenfalls war sie da,
und sie wussten daheim, dass er nicht mehr in die Gefangenschaft zurückkehren
wolle und könne.
    Das Letzte war gleich noch das Bessere, denn es war unumstösslich und schnitt
alle langen Reden ab.
    Der Michel hob den rechten Fuss auf und schnalzte mit den Fingern; ganz
übermütig war er, wie es ihm so vor Augen stand, dass er frei und ledig war.
    »Wüah ... hö ... wüah!«
    Rechts vom Wege pflügte der Zotzen-Peter, und er schrie wohl so laut, damit
ihn der Freund hörte.
    Der ging auch gleich seitab auf ihn zu und wartete am Feldrain, bis der
Peter herankam.
    »Gehst du scho abi?«
    »Ja. Z'erscht geh'n i in d' Kircha, und danach muass i halt eini in d'
Pfarrhof.«
    »Sag no ...«
    »Na, i lüag nimma lang umanand und sag's an Herrn Pfarra pfeilgrad, dass
mit'n Schtudieren gar is, und na bekümmert'n ja dös ander nix.«
    Peter sah seinen Kameraden beinahe mit Bewunderung an. Der hatte einmal
Schneid, und er schaute so fidel aus, als wenn er auf den Tanzboden ginge.
    »Jetzt host amal recht,« sagte er. »Bal du koa G'schtudierter nimma bist, na
is ja überhaupts de G'schicht anders. Und woasst was, na probier'n ma's heunt
beim Eitel ...«
    »Du hoscht aba do verzählt ...«
    »Ah, allaweil schiasst der alt Depp net; der werd amal schlaffa aa. Genga ma
halt spater zuawi.«
    »Woasst, wenn jetzt nomal was passieret ...«
    »Ja no, ausprobier'n muass ma de G'schicht, und d' Schneid derfst dir net
abkaff'n lassen.«
    »Halt net so g'schwind hinteranand sollt' s sei. Sinscht gibt's ja a
schiach's G'red ...«
    »Lass s' red'n! De hör'n scho wieda auf.«
    »I will dir was sag'n, Peter, dös überleg i mir no ...«
    »Is recht, und i red amal mit da Nanni, wia ma's am g'scheitern macha, dass
der Alt nix spannt ...«
    Ein scharfer Pfiff unterbrach das Gespräch.
    Oben auf der Höhe hatte der Kaspar zum Rande hergeackert und die beiden
erblickt.
    Er drohte mit der Faust und schrie; man verstand aber nicht alles, bloss das
Wort »Bazi« drang herunter.
    »Dir gib i scho an Bazi ...« murrte Peter. »Aba jetzt bfüad di Good, sinst
koppt da Kaschbar wieda an ganzen Tag ... wüah ... öh ... hott! hott!«
    Michel ging langsam auf den Weg zurück.
    dabei sah er auf dem Gangsteig, der vom Lukas zum Bach hinunterführte, ein
Weibsbild daherkommen; anscheinend war es jung, denn es ging einen raschen
Schritt, und der Rock blähte sich im Morgenwind.
    Jetzt trat der Michel auch besser aus, und erst wie er am Bachrand angelangt
war, wo der Gangsteig in den grösseren Weg einmündete, liess er sich Zeit, blieb
auch am Wasser stehen und sah so angelegentlich hinein, als wollte er die Fische
zählen.
    dabei spähte er unauffällig, wie er meinte, nach dem Frauenzimmer, das immer
näher herankam.
    Es war wirklich die Stasi, und der Michel war schon wieder ängstlich und
voller Zweifel, ob er sie anreden sollte, und er sagte in Gedanken eine Anrede
her.
    Das Mädel lachte aber nicht so freundlich wie damals in Erdweg, sondern
zeigte eine ernstafte oder gar verdrossene Miene.
    »Ah! ...« machte der Michel und lüpfte den Hut ... »ah ...«
    »Guad Morg'n!« sagte die Stasi und war schon vorüber.
    Der Michel hielt Schritt neben ihr und räusperte sich.
    »Wia geht's denn, Stasi?«
    »Guat.«
    »Host ...« Es fiel ihm nichts mehr Rechtes ein, und ausserdem, das Mädel ging
so schnell, dass sich eine Unterhaltung schlecht machte.
    »Warum laffst denn a so?« fragte der Michel.
    »Weil i in d' Kircha geh ...«
    »Da is do no Zeit g'nua. Über a halbe Stund ...«
    »So?« - »Is dir net recht, dass i mitgeh?«
    »I ko dir's net vabiat'n. Der Weg is für alle Leut da ...«
    »Ah so ... No ja, i ko aa hint bleib'n ... aba gar so unfreundli brauchast
d' aa net sei.«
    »I hab do nix g'sagt.«
    »Grad weil's d' nix sagst; selbigsmal bist d' ganz anderst g'wen.«
    »M ... hm ... Und desweg'n hast di du so viel bekümmert um mi ...«
    »I? Schau ... i waar ja gern ... aba i hab net g'wisst ... schau, es hat si
halt net geb'n ...«
    »Is scho recht, ja. Und für de schlecht'n Weibsbilda laffst Stunden weit
umanand. De sell'n woasst du scho z'finden ...«
    »Ah geh, dös is ja all's net a so ...« Stasi blieb stehen und schaute ihren
alten Schulkameraden zornig an.
    »Wia's di no net schaamst, dass di weg'n so an Schlampen ins G'redt bringst?
Da waar i mir do scho z' guat dafür!«
    »I kenn s' ja gar it.«
    »Net kenna? Und laffst bis auf Riad ummi? Dös muasst wem andern vazähl'n.«
    »G'wiss net, Stasi. Schau, es is halt so a G'spass g'wen ... i ... i ...«
    »Dös is de Lüaderlichste in der ganzen Gegend. Was de scho für Stückl
g'liefert hat, dös mag mi ja gar it sag'n. Aba natürli, wia s' was schlecht's
wissen, da lassen de Burschen zuawi, und da Herr Schtudent muass aa dabei sei. So
was gräuslich's, da tat i mi schaama ...«
    »I bin halt dazua kemma und hab gar net g'wisst, wia und was ...«
    »Ja freili ... Und auf d' Loata bist im Schlaf aufi g'stieg'n ...«
    »Bal'st mi vazähl'n lasst, nacha sag i dir's ganz aufrichti, wia's g'wen is
...«
    »Mi geht's ja nix o, und i möcht mi scho gar net bekümmern um so was. Waar
ma scho g'nua!«
    Aus Stasis Augen blitzte die Neugierde, als sie sich so heftig gegen die
Mitteilung wehrte, aber das sah der Michel nicht, er wollte sich bloss gegen die
schlechte Meinung seiner Spielkameradin wehren.
    »Mir hamm halt g'moant, mir möcht'n amal ... no ja ...«
    »Wer mir? Da Zotz'n-Peter natürli, den kennt ma scho, und vo dem host di du
aufred'n lassen. Da hättst do du da G'scheiter sei müass'n.«
    »I bin do gar nix bekannt da umanand, schau. Und von dem sell'n Madel hab i
meiner Lebtag nix g'hört g'habt ...«
    »Und da habt's ös ausg'macht, dass 's oafach higeht's dazua?«
    »No ja ... a so halt ... net ...?«
    »Was aba dös für oani is, zu der ma mitt'n bei da Nacht zuawi lafft, dös
host dir du net denk'n könna, gel na?«
    »Da han i gar net viel nachdenkt über dös ... Weil da Peter g'sagt hat ...
no ja ... und weil i halt no gar nia dabei g'wen bi bei so was ...«
    »Und da muass ma do dabei sei, net? Weil dös scho was is!«
    »Intressiert hätt's mi halt, schau ...«
    »Wia ma no so was sag'n mag! Und na bist oafach nüber g'laffa?«
    »Ja ...«
    »Und host gar it denkt, wia schlecht dass dir so was o'steht?«
    »Denkt han i's scho. I waar aa liaba umkehrt.«
    »Dös sagst d' jetzt.«
    »Na, Stasi, g'wiss is wahr. Koa Freud hab i an dera G'schicht überhaupts net
g'habt, und bei jedem Schritt hab i mir denkt, geh, lass 's guat sei! Kehr um!
Aba natürli, na hab i mi do wieda g'schaamt.«
    »Über dös hätt'st di net schaama braucha.«
    »No ja ... schau ... dass ma halt ausg'lacht werd, hab i mir denkt ...«
    »Na ... ös seid's Leut! Von de Burschen is do oana wia der ander. Mit'n
schlecht sei prahlt si jeda, und mit'n Anstand schaamt sie oana.«
    Michel nickte beistimmend zu den tüchtigen und richtigen Ansichten der Stasi
und dachte, nun habe er seine Beichte würdig beschlossen.
    Aber das Mädel hatte seine Scheu vor dem gräuslichen Begebnis ganz verloren
und wollte die Partie bis zum Schlusse miterleben.
    »Und nacha seid's also ummi?« fragte sie.
    »Freili, nacha san ma ummi.«
    »Und is z'erscht da Peter aufi dazua?«
    »N ... na ... da bin scho i aufi.«
    »Und hoscht nix g'wisst von ihr und hoscht as nia g'sehg'n g'habt?«
    »Na ...«
    »Ja, is dir dös ganz gleich g'wen, was sie für oane is und wia sie
ausschaugt?«
    »Dös sell net, aba ... no ja, da Peter hat d' Loata g'holt, und i bin amal
aufig'stieg'n, und dös ander, han i mir denkt, dös ander wer i nacha scho sehg'n
...«
    »Ja, wia ma no so sei ko! Und wia's d' as g'sehg'n hoscht, hat's dir da net
graust?«
    »Na ... graust net ... Überhaupts han i s' gar net richti g'sehg'n, weil's
ganz dunkel war, und ... no ja ... weil's na a so glei dahi ganga is ...«
    »In d' Kamma?«
    »Na ... in d' Kamma bin i wohl net eini kemma. Hat ja scho da Knecht auf mi
her g'schlag'n ...«
    »Nacha bischt überhaupts net eini?«
    »Na.«
    Wenn Michel mehr Erfahrung gehabt hätte, wäre ihm vielleicht aufgefallen,
dass die Stasi in ihrer Strenge nachliess und freundlicher wurde.
    Aber er merkte es nicht, und er wollte nur das, was an jenem Abend erfolgt
war, mit Stillschweigen übergehen.
    »Net bischt eini?«
    »Na ...«
    »Warum it? Hat's ... di am End do no g'reut?«
    »Na ... Dös kann i eigentli net sag'n ...«
    Michel war zu ehrlich oder zu wenig vertraut mit der Art, wie man wieder
eine Brücke schlagen kann zum Vertrauen und zur Verzeihung eines braven Mädels.
    Wie leicht hätte er es gehabt, zu sagen, dass sein besseres Ich im
allerletzten Augenblick doch noch gesiegt und ihm den Fuss zurückgehalten habe,
als er schon einsteigen wollte.
    Aber er blieb ganz unklug bei der Wahrheit.
    »Na waarst d' wirkli eini?« fragte Stasi und der Verdruss stieg schon wieder
in ihr auf.
    Da hatte aber der Michel doch den guten Einfall und sagte.
    »I glaab net ...«
    »Warum glaabst it?«
    »No ja ... a so halt ... überhaupts hat's mi gar it recht g'freut, und i
hätt ja a so net g'wisst, was i na sag'n hätt soll'n ...«
    »Geh, hör auf!«
    »Na, g'wiss is's wahr. I hab mi so hart g'redt damit, weil i s' do it kennt
hab, und da is mir na gar nix ei'g'fall'n ...«
    »Ja ... es waar dir scho was ei'g'fall'n ...«
    Michel schüttelte den Kopf und bekam zufällig mit seiner rechten Hand die
linke der Stasi zu fassen. Sie zog sie nicht zurück, sondern schlenkerte sie
vertraulich mit der seinen hin und her, wie in alten Zeiten, als jedes noch den
Schulranzen auf dem Buckel hatte.
    »Dös sagst du grad a so,« begann sie wieder. »Du bischt halt a wia de
andern, und am End hätt'st du dem abscheilinga Weibsbild recht schö to ...«
    »Mit dem kenn i mi do gar it aus ... I hab ja no mit koana über so was
g'redt ...«
    Stasi sah ihn von der Seite an, und sein unbeholfenes und schüchternes Wesen
sagte ihr deutlich, dass er nicht gelogen habe.
    »Dös waar a schöner O'fang g'wen!« sagte sie vorwurfsvoll.
    »Ja ... no ...«
    »Aber i woass scho ... schuld is grad der Zotzen-Peter. Dem hat dös passt, dass
er di auf so was bringt. Der is ja bekannt für dös ...«
    Michel gab seinen Freund preis.
    »Ja, bal der net g'wen waar, mir waar's freili net ei'g'fall'n ... I hätt mi
überhaupts net traut, dass i zu an Madel was sag ...«
    »Trau'n! Bal 's a richtige is, derf ma si trau'n g'nua, aber da muass ma do
an Unterschied macha ...«
    »Aba ...«
    »Was?«
    »I moan, weil du sagst, a richtiges Madel, da ko ma do scho gar it higeh
dazua ...«
    »Warum it?«
    »No ja ... Da ko ma si do scho gar it trau'n ...«
    »Geh!«
    »Hätt'st ...«
    Er blieb stecken.
    »Was willst d' sag'n?« fragte Stasi und scklenkerte heftiger mit der Hand.
    »Hätt'st du mir dös verlaubt, dass i zu dir kemma waar?«
    Sie lachte herzhaft.
    »So amal g'wiss net. Dass du grad bei da Nacht daher g'schloffen waarst und
ans Kammafenschta klopft hätt'st.«
    »Siehgst as ...« sagte Michel kleinlaut.
    »Dös werd aa net sei müass'n. Z'erscht muass ma do scho red'n mit anand und
... no ja ... z'erscht muass ma do scho ganz anderst bekannt sei mit anand ...
Und überhaupts,« fügte sie hinzu, »bei ins gang dös scho gar it. Was glaabst
denn, wann da Vata was spannet? Jessas! Da mag i gar it dro denk'n ...«
    »Ja ... freili ...«
    »Ma braucht do it an's Kammafenschta kemma; ma ko ja aa so mit anand red'n
...«
    »I hab di nia g'sehg'n, net amal von der Weit'n.«
    »Ja no ... in der Arndt, da hat mi koa Zeit. Aba ...«
    Diesmal blieb Stasi mitten im Satz stecken.
    Der Michel half ihr nicht darauf, und sie musste schon allein die Fortsetzung
finden.
    »Jetza, wo's nimma gar so viel Arwat gibt, kannt ma si scho amal treffa ...«
    »Aber wo?« fragte der unbeholfene Mensch, statt dass er gleich lichterloh in
die Höhe gebrannt wäre.
    »No ja ... da gibt's allerhand Platz. I muass a so de nächst Woch Tannazapf'n
klaub'n, hat d' Muatta g'sagt ...«
    »Tannazapfen ...?«
    »Ja, im Weiherer Hölzl.«
    »Da kannt i ja a weng mitklaub'n?«
    »Warum net? Du muasst halt geh, vor d' Muatta kimmt, dass di neamd siecht,
z'weg'n der dumma Feindschaft ...«
    »Ah ja, dös wenn net war, nacha kannt i aa hie und da in Hoamgart'n komma.«
    »Bei ins werd eigentli von dem gar nix g'redt,« sagte Stasi, »aba dei Vata
warmt's allaweil wieda auf, und nacha is halt der inser aa belzi.«
    »Aber in's Weiherer Hölzl derf i kemma? Wann denn?«
    »Wann? Ja ... i moan am Deanstag ...«
    »Gilt scho, Stasi ...«
    »Aba dös sag i dir glei, bal's d' no amal mit'n Peter umanand ziahgst,
schaug i di fei nimmer o ...« - »G'wiss nimma ...«
    »Jetzt lass aus, da vorn sehgat ins de alt Puchrainerin; de specht an ganzen
Tag aus ihran Fensta, und bfüad di Good, bal oan de in der Reissen hat ...«
    Michel gab ihre Hand frei, vor sie um's Eck kamen und vom ersten Hause aus
gesehen werden konnten.
    Er blieb stehen und liess Stasi allein voran gehen.
    Als er ihr nachfolgte, sah er richtig die Puchrainerin wie eine Hexe hinter
ihrem kleinen Fenster hocken.
    Kaum war er vorbei, so huschte sie aus dem Zuhäusel heraus und schaute dem
sündhaften Studenten über den Zaun nach.
    Und gegenüber kam die Rauscherin unter die Türe und verfolgte auch den
abtrünnigen Menschen mit ihren Blicken.
    Gleich nachher standen die zwei Alten beisammen und wisperten sich ihre
Meinungen zu.
    »Da Herr Pfarrer werd eahm vorg'laden hamm. Moanst it?«
    »Freili. Hat ma's ja d' Fräul'n Anna g'sagt, dass da Mesmer gestern zum Ruepp
aufi ganga is ...«
    »Jessas! Da werd's was geb'n!«
    »I woass it, Puachrainerin. Da Pfarra is koa scharfa. D' Fräul'n Anna sagt's
aa, dass er viel z' lau is ... Gehst d' jetzt in d' Mess? Na geh i mit.«
    Sie gingen miteinander durchs Dorf, und wenn der Wind die Zipfel ihrer
Kopftücher fasste, sah es aus, als flatterten ein paar schwarze Zungen in der
Luft. -
    Nach der Kirche ging Michel in den Pfarrhof; sein Herz war bedrückt, und die
fröhliche Zuversicht, die ihn am Morgen erfüllt hatte, war gleich verflogen, als
er an der Glocke zog.
    Die Pfarrerköchin, die im Dorfe als Verwandte des hochwürdigen Herrn d'
Fräul'n Anna genannt wurde, öffnete selber.
    Sie war ein rundliches, gutmütiges Frauenzimmer, das bloss als Wächterin
aller Heiligkeit ein wenig Schärfe und im Umgange mit den eifrigsten
Betschwestern des Ortes richterliche Strenge angenommen hatte.
    »Ah, da Herr Schtudent!« sagte sie. »Lassen S' Ihnen doch auch amal im
Pfarrhof seh'n?«
    »Ja ... i waar ... ich wär schon lang kommen, aber i hab halt bei der Arbeit
mitg'holfen.«
    »Natürli ... das geht vor ... no ja ... wollen S' jetzt zum Herrn Pfarrer
nauf?«
    »Ich bin so frei, wenn er daheim is ...«
    »Er hat Ihnen doch herb'stellt, net? Freilich is er daheim. Gehen S' nur
nauf!'s Zimmer wissen S' ja noch, net?«
    Michel machte eine linkische Verbeugung und schlich behutsam über die Treppe
hinauf.
    Vor der Türe des Studierzimmers schnaufte er noch einmal tief auf und
klopfte.
    »Herein!«
    Der Pfarrer Holderied, ein hochgewachsener, dabei aber ziemlich beleibter
Herr, schrieb an seinem Stehpulte und wandte sein freundliches Gesicht dem
Eintretenden zu.
    »Ahan! Der Studiosus ... No, Michel, jetzt setz dich amal auf's Kanapee. Die
Bücher kannst ja wegschieben ... so ... und jetzt lass dich amal anschauen. Gross
bist wor'n, und eine Breiten hast d' kriegt. Du musst ja in deiner Klass' drin
stehen, wie der Gulliver unter den Zwergen. In der wie vielten bist d' jetzt?«
    »In der siebenten ...«
    »Siebenten ... also zweiten Gymnasialklass' älterer Ordnung. Da bist d' aber
schon ein sehr ausgewachsener Sekundaner ...«
    Michel räusperte sich und setzte zu einer Rede an, die er sich ausgedacht
hatte.
    »Ich wollte dem Herrn Pfarrer nur mitteilen, dass, indem ich wegen meiner
Jahre, indem mir der Herr Rektor gesagt hat, dass ich das Alter überschritten
habe und nicht noch einmal repetieren darf ...«
    Der Pfarrer zog die Luft hörbar durch die Zähne.
    »Auweh ... hat's wieder was? Net aufsteig'n dürfen?«
    Michel nickte bejahend und wollte fortfahren. »Dadurch, dass mir der Herr
Rektor mitgeteilt hat, dass ich zu alt sei ...«
    »Auf deutsch, sie lassen dich nimmer repetieren in Freising? Und mit'n
Studium is 's aus?«
    »Leider ...«
    »No leider ...«
    »Oder, wenn der Herr Pfarrer erlauben, möcht ich sagen, ich bin eigentlich
froh, indem dass ...«
    »Jawohl! Indem dass du nie dazu passt hast. Is ja eine Schinderei, an Buben
mit G'walt abrichten wollen ... Da herin, in dem Zimmer hab ich's dei'm Vater
g'sagt und hab'n g'warnt. Is ja ein Unsinn. Weil sich's der Alte einbildt, muss
der Junge studieren! Sonst braucht's ja nix. Und jetzt sin mir so weit, wie mir
vor Jahren hätt'n sei können. Was sagt denn der Vater jetzt dazu?«
    »Da Vata? Der weiss no gar nix,« sagte Michel, der sich recht erleichtert
fühlte.
    »Der muss es aber doch zu allererst wissen ...«
    »I hab g'meint, wenn vielleicht da Herr Pfarrer die Güte haben möchten ...«
    »I? Also i soll ihm diese Hiobspost beibringen? Aber ich mein doch, Michel,
das is deine Pflicht und Schuldigkeit, dass du offen mit ihm red'st und ihm
Rechenschaft ablegst.«
    »Ja aber, entschuldigen Herr Pfarrer, ich glaub, mich lasst er gar net
richtig ausreden, und nachher, ich hätt was vor, und da glaubt er mir net, dass
es mir Ernst is ...«
    »Vorhaben tust was? No, darf ma das net wissen?«
    »Ja, eigentlich weiss ich natürlich auch net, ob es das Richtige is, aber ich
mein halt, weil ich jetzt doch so lang in der Schul war, und indem dass ich, das
heisst, damit vielleicht doch noch was rausschaut dabei, hätt ich g'meint, ob ich
net andertalb Jahr oder zwei in die landwirtschaftliche Schul gehen sollt.«
    »Ein Landwirt willst werden? Das is fei gar net so unvernünftig.«
    »Wenn mir der Herr Pfarrer helfen möchten! Ich hab alleweil dazu Freud
g'habt, und zu dem andern, da hab ich halt gar net passt.«
    »Das kann ich dir bestätigen, mein lieber Michel. Vom ersten Tag an hab ich
g'sagt, es ist Unsinn. Ah! Es ist schon wirklich strafbar dumm, einen jungen
Menschen so hermartern! Deine Zeugnis' in den ersten Jahren haben einem das ja
gezeigt. Was hab ich dei'm Vater zug'redt, aber nein! Er muss und muss.«
    »Vielleicht, wenn der Herr Pfarrer jetzt mit ihm reden ...«
    »Hm ... No, jedenfalls kann ich amal dei'm Vater sagen, dass 's mit dem
Studieren aus und gar is. Die Gewissheit haben wir.«
    »Jawohl,« bestätigte Michel.
    »Schön. Und damit kommt die Frage, was g'schieht jetzt? Will er nix mehr
tun, und du musst gleich einen Bauernknecht machen, nachher sind die ganzen neun
Jahr verloren. Kann und will er dich nach Weihenstephan gehen lassen, so is das
ein Ausweg; der beste und vielleicht der einzige. Ich will's ihm vorstellen.
Ob's bei dei'm Vater was hilft, natürlich, das weiss ich nicht.«
    »Mehr schon, als wann d' Mutter was saget oder ich ...«
    »Bis dato hab ich noch wenig Erfolg g'habt. Das werden wir also abwarten
müssen. Tja ... und jetzt haben wir noch was miteinander z'reden.«
    Michel wollte den Pfarrer fragend oder erwartungsvoll ansehen, aber er
fühlte, wie er brennrot wurde, und schlug die Augen nieder.
    Dem geistlichen Herrn, der sich an das Stehpult lehnte, huschte ein leises
Lächeln um die Mundwinkel, und vielleicht hatte er, wie jener Hellene, mehr
Wohlgefallen an Jünglingen, die erröten, als an jenen, die erbleichen.
    Er trommelte leise mit den Fingern aufs Pult und liess eine wirkungsvolle
Pause herrschen.
    Dann fragte er: »Hast d' vielleicht ein bissel eine Ahnung?«
    »Ja ...« kam es leise zurück.
    »Mir sind wahre Räuberg'schichten erzählt worden von einem Herrn Studenten,
der unsern Burschen beim Fensterln Konkurrenz macht und mit eifersüchtigen
Knechten wahre Schlachten liefert. Ist da was Wahres dran?«
    »Verzeihen, Herr Pfarrer, ich hab mich allerdings verleiten lassen ...«
    »Verleiten? Das is ein Wort, das ich net gern hör. Da steckt so was drin,
als wollt' man die eigene Schuld auf einen andern abwälzen. Ich bin der Ansicht,
wenn man was verbrochen hat, muss man selber dafür einstehen.«
    Der Vorwurf sass.
    Im Michel schoss blitzartig die Erinnerung daran auf, wie gutmütig der
Zotzen-Peter bereit gewesen war, alle Schuld auf sich zu nehmen, und er sah
sogleich, dass er im Begriffe gewesen war, die Kameradschaftlichkeit auf eine
recht jämmerliche Art zu erwidern.
    
    Er verstand, dass sich dieser Rückfall in gewisse unschöne Seminarmanieren
kläglich ausnahm, und er gab sich einen Ruck.
    »Wenn Herr Pfarrer erlauben, ich möcht es nicht auf einen andern schieben.«
    »Das erlaub ich sehr gern. Also g'fensterlt haben wir?«
    »Ja ...«
    »Und sind dabei erwischt worden?«
    »Ja ...«
    »Den weiteren Verlauf kann ich mir schon denken. Nach Ortsbrauch Prügel hin
und Prügel her ...«
    »Ich bin nicht dazu kommen ...«
    »Zum Austeilen? Also bist du bloss leidender Teil geworden?«
    »Eigentlich schon.«
    »No, dann hast du ja schon eine nachdrückliche Belehrung gekriegt, und das,
was ich dir sagen will, hinkt sozusagen hinterdrein. Jetzt sag mir aber, warst
du schon öfter in Ried drüben?«
    »Nein ...«
    »Oder hast sonstwo so Leiterübungen g'macht?«
    »G'wiss net, Herr Pfarrer. Ich hab überhaupt ...«
    »Was überhaupt?«
    »Ich hab gar net recht g'wusst, was ich tu ...«
    »So? No, ungefähr wirst ja eine Ahnung g'habt haben. Jetzt lass dir was
sagen. Wenn du noch im Sinn hätt'st, ins Gymnasium zurück z' gehen, dann wär'
die G'schicht sehr schlimm. Denn wenn ich auch darüber geschwiegen und keine
Anzeige gemacht hätte, wär es doch kaum zu vertuschen gewesen. Es gibt Leute,
männliche und weibliche, die ihren Eifer damit beweisen wollen, dass sie die
Sünden ihrer Nebenmenschen nicht durchgehen lassen, und die unbedingt eine Sühne
haben wollen für das, was andere verbrechen. Ich bin überzeugt, dass dein Rektor
mehr wie eine Zuschrift kriegt, in der deine Geschichte mit den allergrellsten
Farben geschildert wird. Ich weiss das, weil man mir selber die Sache zugetragen
hat. Die Leute hier haben in dir schon einen halben Geistlichen gesehen, und
auch die Gutmütigen, die Wohlmeinenden haben von dir eine Aufführung erwartet,
die unserm Stande entspricht. Die andern, und an denen fehlt's nicht, haben sich
natürlich mit einer wahren Freude auf diese Sache gestürzt. Die sind immer
dabei, unserm Stand was anzuhängen, und tun ja so nichts, als aufpassen, ob sie
nicht ein Mäkelchen an uns finden. Darin sehen sie ihre besondere Frömmigkeit
und ein grosses Verdienst. Ausserdem weisst du ja, dein Vater hat es den Leuten
immer unter die Nase gerieben, dass er besser sei wie sie, weil sein Sohn einmal
Geistlicher werde. Wenn sie ihm jetzt diese Hoffnung vereiteln könnten, hätten
sie noch ein Extravergnügen. Es ist sehr hässlich, dass es solche Charaktere in
einer kleinen Gemeinde gibt, aber es gibt sie, und ich weiss davon genug, dass ich
es behaupten darf.
    Kurz und gut, deine Verfehlung hätt' dir wahrscheinlich oder gewiss die
Laufbahn versperrt, denn was im Gymnasium erfolgt wäre, das weisst du ja selber.
Jetzt schau amal an! Wann du wirklich selber Lust zu unserm Berufe hätt'st, wär
alles verscherzt wegen einer flüchtigen Laune. Weil du nicht die Kraft gehabt
hast, einer Versuchung zu widerstehen.
    Das kannst du dir für dein ganzes Leben merken. Mit einer einzigen Dummheit,
mit einer flüchtigen Schwäche kann die Frucht vieler Jahre verloren gehen und
kann ein ganzes Leben zerstört werden. Nun ist der Fall bei dir ja anders und
wenigstens in seinen Folgen net so schlimm. Du willst Landwirt werden, und für
den Beruf ist die Geschichte nicht so verhängnisvoll, und die Leute werden sie
auch anders beurteilen, wenn sie wissen, dass du den geistlichen Rock nicht
tragen willst. Aber schön ist sie deswegen auch nicht. Man tut net alles, was
einem grad einfallt, man legt sich Rechenschaft ab und verweigert sich das, was
man nach der Stimme seines Gewissens als unrecht erkennt. Wenn du Landwirt wirst
und auf einem grössern Gut lernst, da kommt die Versuchung oft an dich heran.
Gibst du nach, dann verlierst du die Achtung von deinen Vorgesetzten und den
Respekt bei deinen Untergebenen.
    Man muss in jedem Stand ein reinlicher Mensch sein, der seine Pflicht
erfüllt. So, das hab ich dir sagen wollen, und jetzt denk nach darüber, und
wegen dem andern, da will ich sehr bald mit deinem Vater reden. Ich wünsch dir
alles Gute für deine künftige Laufbahn. Und wenn ich dich so anschau, muss ich
sagen, du passt auch besser dafür; als Studiosus warst du mir schon gar zu
ausgewachsen. Adje!«
    Michel zog nach ehrerbietigen Verbeugungen die Türe hinter sich zu und sah
wieder nicht, wie der Herr Pfarrer Holderied von seinem Stehpulte aus ins Grüne
hinaussah und lächelte.
    Als er durch den gewölbten Gang schritt, schellte die Glocke, und wie er die
Haustüre öffnete, stand die Puchrainerin davor.
    »Gelobt sei Jesus Chrischtus ... ah, dös is ja der Michi! Bischt du beim
Herrn Pfarrer g'wen? Hoscht d' g'wiss ...«
    Er gab ihr keine Antwort und ging an ihr vorbei ins Freie.
    »Der muass'n schö z'sammputzt hamm,« murmelte die Alte vor sich hin und ging
rasch in die Küche, wo sie von Fräulein Anna die aufregendsten Neuigkeiten
erwartete.
 
                                Zwölftes Kapitel
Der Rueppbauer fuhr in seinem Bernerwägerl den Dachauer Berg hinauf, am
Unterbräu vorbei. Er schielte hinüber und sah den Wastl breitbeinig unterm
Haustor stehen und ihm nachschauen.
    »Schaug no zua,« brummte er vor sich hin. »Lackl vadächtiga, du hast dös
letzte Fufzgerl von mir kriagt.«
    Gewiss ahnte der Wastl die unfreundliche Gesinnung, denn der Ruepp hatte seit
Jahren bei ihnen eingestellt, und wenn er jetzt vorüberfuhr und sich einen
andern Unterstand suchte, war es leicht zu erraten, dass er belzig war.
    Aber das schuf ihm keine Reue, denn er war ein Mann, der Gerechtigkeit auf
der Welt haben wollte, und wenn einer hinausgeschmissen werden musste nach
Verdienst und Recht, dann schmiss er ihn hinaus.
    Da gab es keine langen Erwägungen und keine kleinlichen
Geschäftsrücksichten.
    Er tat nicht dergleichen, und vielleicht ging das Ereignis überhaupt spurlos
an ihm vorüber, denn wie gleich darauf der Unterbräu herauskam und sich neben
ihn stellte und dabei nach seiner Gewohnheit die langen Lappen seiner
Ohrwascheln in die Muscheln einkniff, sagte der Wastl kein Wort davon, dass der
Ruepp so abweisend an ihm vorbeigefahren sei.
    Oben auf dem Berge, wo eine Strasse zum Amtsgerichte abzweigte, hatte der
Ruepp noch eine andere unangenehme Begegnung.
    Vom Gerichte herunter kam der Unterhändler Schlehlein, und neben ihm ging
eifrig redend und gestikulierend ein städtisch gekleideter Mensch, der dem Ruepp
bekannt vorkam. Er hatte nicht lange Zeit, ihn zu beobachten, denn die beiden
hatten ihn nun auch erblickt und steckten die Köpfe zusammen.
    Der Schlehlein nickte zu irgendeiner Bemerkung bestätigend mit dem Kopfe und
lachte höhnisch.
    Die hatten von ihm geredet, und plötzlich fiel es dem Bauern ein, wo er den
andern schon gesehen hatte.
    Das war ja der Pfleiderer, der Zuchtäusler, der Verwandte von der alten
Loni!
    So ... so?
    Da steckten also die zwei beisammen?
    Freilich, selbiges Mal aus der Fahrt von Schwabhausen her hatte ihm ja der
Schlehlein erzählt, dass er den Menschen gut kenne. Und er hatte ihm damals
gesagt, dass er für die Loni den Notar zum Testamentmachen holen wolle.
    Herrgott, wie dumm das gewesen war! Gegen so einen Spitzbuben war doch jedes
Wort zuviel. Und hernach, freilich, hernach hatte er ja beim Heimfahren dem
betrügerischen Haderlumpen die Peitsche um die Ohrwaschel geknallt.
    Und jetzt steckten sie beisammen?
    So ... so?
    Dann hatte der Schlehlein dem andern allerhand zugetragen und ihn
aufgeredet.
    Der Ruepp war sehr verdriesslich und nachdenklich, als er beim Zieglerbräu
ausspannte.
    Die zwei gingen an ihm vorüber, zum Hörhammer hinunter, und drehten sich ein
paarmal nach ihm um, und jedesmal lachte der Schlehlein recht dreckig.
    »Lach no! Wer'n ma nacha scho sehg'n, ob's ös was mach'n könnt's. Waar ja
net übi, wenn ma si vor so a paar Gauner aa no fercht'n tat.«
    Er war aber doch recht beklommen, als er gleich darauf den Berg zum
Amtsgericht hinaufging.
    »Weg'n einer Verlassenschaft?« fragte ihn der Gerichtsschreiber. »Da müssen
S' über'n Gang nüber, ins erste Zimmer. - Was?«
    »Ja, muass i da ...?«
    »Dös wird Ihnen schon der Herr Amtsrichter sag'n, was S' müssen. I hab koa
Zeit ...«
    Drüben klopfte der Ruepp an.
    »Herein!«
    Ein dicker Herr sah über seinen Zwicker weg auf den Eintretenden.
    »I kumm wegen dera Sach.«
    »Was für eine Sache?« fragte der Amtsrichter unwirsch.
    »Weil i vorg'laden bin z'weg'n der alten Loni.«
    Ein Schreiber, der in der Ecke sass und eifrig kritzelte, wandte sich halb um
und sagte, es handle sich vermutlich um die Sache Amesreiter.
    »Ja, z'weg'n dera is ...«
    »Ach so! Das müssen Sie halt gleich sagen; zum Erraten hab ich keine Zeit
...«
    Der Amtsrichter zog einen Akt aus anderen hervor und blätterte darin.
    »Sind Sie der Michael Umbricht, Rueppbauer?«
    »Jawoi.«
    »Hm ... so ... übrigens, Sie sind auf zehn Uhr vorgeladen; jetzt ist es erst
halb.«
    »I hab mir denkt, vielleicht, dass i was derfrag, weil i net woass, z'weg'n
was dass i da eina muass ...«
    Der Richter wollte den Ruepp schon abweisen, als irgend etwas seine
Aufmerksamkeit erregte.
    »Bei Ihnen hat diese Apollonia Amesreiter gewohnt?«
    »Freili. Guatding zwanz'g Jahr ...«
    »War sie bedienstet bei Ihnen?«
    »Ja. In da letzt'n Zeit, wia sie alt wor'n is und krank, da hamma s' a so
g'halten.«
    »So? M-hm ... Sie haben beim Bürgermeister angegeben, dass kein Vermögen da
sei ...«
    »Jo. Dreihundertvierasiewaz'g March und eppas Pfenning. Hat's da Burgamoasta
selm zählt.«
    »Dreihundertvierundsiebzig - m ... richtig ...«
    »I ho de Schachtel überhaupts it aufg'macht. De hat da Burgamoasta vor meina
aufg'macht.«
    »Was für eine Schachtel?«
    »Da Loni de sei. A so a Pappadeckelschachtel is g'wen und mit an Spagat
zuabund'n ...«
    »Die haben Sie vorher nicht geöffnet?«
    »Na. Für dös is da Burgamoasta Zeugen.«
    »Wieso Zeuge? Der kann doch nicht wissen, was Sie daheim mit der Schachtel
angestellt haben.«
    »I ho durchaus gar nix o'g'stellt. I hab s' eahm akrat a so bracht, wia s'
im Schrank drin g'wen is.«
    »So? Und da waren dreihundert Mark drin?«
    »Dreihundertvierasiewaz'g March und eppas Pfenning.«
    »Und der Bürgermeister hat vermerkt, dass der Betrag kaum hinreiche zur
Deckung der Beerdigungskosten und der Bezahlung eines Grabsteines ...«
    »Den Grabstoa lass i setzen. Dös hab i an Burgamoasta scho g'sagt, und bei
dem bleib i steh ...«
    »So ...«
    »Weil sie a richtige Person g'wen is, und weil i mir nix nachsag'n lass.«
    »Das klingt sehr schön, aber da kommt noch was nach. Es hat sich nämlich ein
Erbe gefunden, ein Verwandter der Verstorbenen ...«
    »Was waar na dös für oana?«
    »Das werden Sie gleich hören. Ein gewisser Simon Pfleiderer, Aktuar oder
Schreiber in München.«
    »Der Bazi?«
    »Unterlassen Sie solche Ausdrücke! Die schicken sich nicht da herin.«
    »Mi derf do sag'n, dass oana a Lump is, der z'weg'n an Stehl'n im Zuchtaus
war. Durch dös hat ja de alt Loni a Testament macha woll'n.«
    »Ein Testament? Also! Da deckt sich ja Ihre eigene Aussage mit der des
Pfleiderer. Jetzt erklären Sie mir einmal, wenn nichts da war, wegen was hat
denn die Amesreiter ein Testament machen wollen?«
    »Durch dös, weil sie net woll'n hat, dass der sell Lump eppas kriagt. Dös hat
sie schriftli macha wollen.«
    »Wenn nichts da war? Das ist ja Unsinn!«
    »Sie hat dös ausdrückli g'sagt, dass sie mit dem Menschen durchaus gar nix z'
toa hamm will. Da san Zeugen da für dös ...«
    »Dann muss sie doch etwas besessen haben! Sonst ist es ja lauter Blödsinn!«
    »In dera Schachtel war net mehra, wia dreihundertvierasiewaz'g March und
eppas Pfenning. Dös muass da Burgermoasta aufweisen.«
    »Sie reden immer von der Schachtel. War nicht anderswo Geld aufgehob'n?«
    »Da war nix vorhanden.«
    »Keine Pfandbriefe? Keine Schuldscheine?«
    »Koan Schuldschei hab i überhaupts it aus g'stellt.«
    »Sie haben keinen ausgestellt? Also sind Sie oder waren Sie was schuldig?«
    »De dreitausad Mark, de wo sie mir geb'n hat ...«
    Der Amtsrichter stand von seinem Stuhle auf und schaute den Ruepp unwillig
an.
    »Was sind denn Sie eigentlich für ein hinterhältiger verdruckter Mensch?
Beim Bürgermeister haben Sie kein Wort davon gesagt, und jetzt ...«
    »Er hat ja mi gar it g'fragt ...«
    »Unterbrechen Sie mich nicht! Und jetzt muss man Ihnen jedes Wort
herauspressen, und da kommt nach und nach das Geständnis, dass die Verlebte eine
Forderung von dreitausend Mark an Sie hatte ...«
    »Bal mi da Burgamoasta g'fragt hätt, nacha hätt' i's eahm aa g'sagt.«
    »Stellen Sie sich nicht so dumm! Sie haben recht gut gewusst, dass Sie die
dreitausend Mark jetzt an die Erben zahlen müssen.«
    »Na, dös hab i net g'wisst, und zahlen muass i's überhaupts it.«
    »Was?«
    »Na, weil dös ausg'macht war, dass i dös Geld z'ruckzahl'n ko, wann i mag und
bal i's leicht zahl'n ko.« - »So?«
    »Ja. Dös hat de alt Loni net grad oamal g'sagt, und für dös hon i Zeugen.«
    »Das werden Sie mit dem Erben auszumachen haben!«
    Es klopfte, und zur Türe schob sich der Aktuar Pfleiderer herein, der sich
mit zur Schau getragener Unterwürfigkeit verbeugte; hinter ihm kam der
Unterhändler Schlehlein, der sein Maul zu einem höhnischen Lachen verzog, als er
den Ruepp sah.
    »Was wollen Sie?« fragte der Amtsrichter.
    »Wenn Herr Oberamtsrichter entschuldigen, mein Name ist Pfleiderer und komme
...«
    »Sie sind vorgeladen, und Sie?«
    »Schlehlein is mein Name. Ich bin quasi als Zeugen mitganga, indem ich gegen
den Angeklagten eine Zeugschaft ablegen kann ...«
    »Da herin gibt es keinen Angeklagten und keinen Zeugen.«
    »Indem dass ich bestätigen kann, dass dieser betreffende Ruepp zu mir g'sagt
hat, dass er an Notari holen will ...«
    »Sie haben gar nichts zu bestätigen und verlassen jetzt das Zimmer. Ich kann
Sie da herin nicht brauchen.«
    »Indem dass ich aber ...«
    »Ich sag's nicht nochmal, gelt? Sie gehen hinaus!«
    Schlehlein entfernte sich zögernd und warf seinem Freunde Pfleiderer noch
einen vielsagenden Blick zu.
    Dieser dienerte wieder ein paarmal und sagte:
    »Der Herr Oberamtsrichter werden entschuldigen, wenn ich mir in betreff
dieses Zeugen eine Bemerkung erlaube ...«
    »Sie haben jetzt gar nichts zu bemerken.«
    Der Amtsrichter, dem der schielende, unterwürfige Mensch sichtlich zuwider
war, blätterte im Akt herum und räusperte sich.
    »Nach den Ausweisen sind Sie der nächste Verwandte der verstorbenen
Apollonia Amesreiter?«
    »Jawohl, wenn Herr Oberamtsrichter gestatten; meine Mutter war sozusagen die
einzige Schwester der Erblasserin.«
    »M ... hm ... ja. Andere Verwandte sind nicht vorhanden?«
    »Nein, wenn Herr Oberamtsrichter gestatten.«
    »Sie haben geltend gemacht, dass Vermögen vorhanden sein müsse.«
    »Jawohl. Sozusagen ein grösseres Vermögen, indem die Erblasserin seinerzeit
viertausend Mark aus ihrem elterlichen Anwesen in Ortofen erhalten hat. Dafür
sind die Nachweise zu erbringen, wenn Herr Oberamtsrichter gestatten, und wenn
ich mir die Bemerkung erlauben darf, indem nämlich die Rubrikatin, diese
Amesreiter, lange Jahre im Dienst war und sozusagen anzunehmen ist, dass sie
ihren Lohn ersparte.«
    »Fürs G'wand braucht mi na gar nix!« unterbrach ihn der Ruepp in grobem
Tone.
    »Sie sind jetzt nicht gefragt.«
    Der Richter wandte sich wieder an Pfleiderer.
    »Also, Sie wollen sagen, dass sich die Verlebte zu den viertausend Mark noch
weitere Ersparnisse gemacht habe?«
    »Jawohl, und indem von der beklagtischen Seite die Behauptung ausgestellt
ist, dass sozusagen überhaupt nichts vorhanden war, so wirft dies natürlich ein
schiefes Licht auf den Betreffenden.«
    »Ja, da ist inzwischen eine Aufklärung erfolgt. Der Umbricht gibt an, dass
ihm seinerzeit - wann war das eigentlich? Wann haben Sie das Geld bekommen? ...«
    »Dös woass i nimma so g'nau. A vier, a fünf Jahr werd's her sei,« brummte der
Ruepp. »Aber sie hat dös ausg'macht ...«
    »Das kommt später. Also der Umbricht erklärt, dass er dreitausend Mark als
Darlehen erhalten habe.«
    »Ahan!« rief Pfleiderer.
    »Erhalten habe, und er gibt weiter an, dass die Amesreiter die Rückzahlung in
sein Belieben gestellt habe. Jedenfalls besteht die Forderung und gehört zum
Nachlass. Vielleicht einigen Sie sich darüber, wann und wie das Kapital
zurückgezahlt werden soll.«
    »Nacha waar's a so, dass 's der kriagat?«
    »Allerdings ...«
    »Und bal i Zeugen für dös herbring, dass de Alt durchaus woll'n hat, dass dös
Geld auf mein Buab'n ummig'schrieb'n werd?«
    »Wenn kein Testament vorliegt, ist der gesetzliche Erbe Ihr Gläubiger.«
    »Wia ko denn dös g'setzli sei, bal i eigens um an Notari g'fahren bi, und
dös woass ja der ander, der Schlehlein, weil er bei mir aufg'hockt is, und da hab
i's eahm g'sagt.«
    »Das kann stimmen oder nicht stimmen, jedenfalls ist es ganz gleichgültig.«
    »So? Da derf na a Mensch sein Will'n it hamm? Und dös kann i beweis'n, dass
d' Loni an öften g'sagt hat, der Zuchtäusler derf nix kriag'n.«
    »Wenn Herr Oberamtsrichter entschuldigen, aber ich lass mir keine Invektiven
durchaus nicht bieten von einem Menschen, der wo als Erbschleicher gewissermassen
eruiert ist ...«
    »Nur Ruhe! Net wahr? Da herin dulde ich keine Streiterei.«
    »Indem er mir sozusagen mein Unglück vorwirft ...«
    »Is vielleicht it wahr, dass d' in Zuchtaus g'wen bischt? Is it wahr, dass di
de Alt ausg'wiesen hat?«
    »Sie sind ruhig, und zwar sofort!«
    »Bal's amal wahr is!«
    »Das spielt hier keine Rolle. Ob der Pfleiderer vorbestraft ist oder nicht,
auf jeden Fall ist er der gesetzliche Erbe und hat Anspruch auf den Nachlass.«
    »Dös waar'n G'setza! Bal mi amal g'wiss woass, dass de Loni den ... ah ... also
den da g'rad desz'weg'n enterbt hat, weil er ihr z' schlecht war ...«
    »Reden Sie nicht immer das nämliche! Wenn die Amesreiter ihren Verwandten
enterben wollte, musste sie ein Testament machen. Wenn sie keines gemacht hat,
kommt die gesetzliche Erbfolge; das ist einmal so ...«
    »Wenn Herr Oberamtsrichter entschuldigen, möchte ich betreff dieser Strafe
sagen, dass ich mir mein Brot ehrlich verdiene, und für den Fall, dass ich durch
Leichtsinn in eine gewisse Kalamität geraten bin, so ist dieses eine
Jugendsünde, durch die ich genug gelitten habe.«
    »Is schon recht, ja. Ich sag Ihnen ja, mich geht das gar nichts an. Also
wollen Sie sich wegen der dreitausend Mark einigen? Ja oder nein?«
    »I zahl's überhaupts it,« schrie der Ruepp.
    »No, das werden Sie sich noch überlegen. Und was ist mit Ihnen, Pfleiderer?«
    »Ich kann mich nicht einverstanden erklären, auch wenn der Rubrikat
gewissermassen Zahlung leistet, indem noch viel mehr dagewesen sein muss.«
    »Ausser den dreitausend?«
    »Jawohl, wenn Herr Oberamtsrichter gestatten, indem noch bedeutende
Ersparnisse da waren und das elterliche Vermögen schon viertausend war ...«
    »Was sagen Sie, Umbricht?«
    »I sag, dass i dem durchaus gar nix zahl ...«
    »Bestreiten Sie, dass ausser dem unbedeutenden Barbestand und ausser dieser
Forderung an Sie noch weiteres Vermögen vorhanden war?«
    »Was soll denn da g'wen sei? Sie hat ja do aa was braucht.«
    »Nun, wenn sie bis zuletzt bei Ihnen im Dienst war ...«
    »Sie ko's ja aa herg'schenkt hamm. Was woass denn i? Und überhaupts mach i
mei Gegenrechnung. In de letzt'n Jahr hat de Alt nix mehr g'arbet. Da wer i s'
net umasunst g'fuattert hamm ...«
    »Geht jetzt alles nicht daher. Antworten Sie mir auf meine Frage: war
ausserdem noch Vermögen da?«
    »Durchaus nix ...«
    »Bestreiten Sie also. Schön. Dann haben Sie,« wandte sich der Richter an
Pfleiderer, »das Recht, den Umbricht zum Offenbarungseid vorzuladen.«
    »Da kann i jed'n Tag schwör'n.«
    »Stellen Sie den Antrag?«
    »Gewiss, wenn Herr Oberamtsrichter gestatten, und ich möchte auch, dass die
Frau den Offenbarungseid leistet.«
    »Das können Sie verlangen. Also Umbricht, Sie und Ihre Frau ...«
    »D' Afra? Z'weg'n was müasst den de schwört? De woass do gar nix.«
    »Das kann sie ja dann auf Eid erklären, aber schwören muss sie.«
    Der Ruepp wurde unruhig. Er stellte sich von einem Fuss auf den andern und
drehte den Hut mit den Händen.
    »Dös braucht's na do scho net, dass z'letzt no dös ganz Haus aufs Gericht
eina müasst weg'n dem do ...«
    Der Amtsrichter gab ihm keine Antwort, sondern blätterte in seinem Kalender,
und diese Gelegenheit benützte der schielende Schreiber, um den Ruepp höhnisch
und herausfordernd anzugrinsen.
    Er verzog sein Gesicht gleich wieder zu einem würdigen Ernst, als der
Richter aufsah und sagte:
    »Den Termin setze ich fest auf heut in vierzehn Tagen. Ihre Frau wird
schriftlich geladen.«
    »Ja, muass dös sei, dass ma d' Afra da eina sprengt?«
    »Das muss sein, jawohl. Und für heut sind wir fertig. Adje!«
    »Dös gelangt do, bal i alloa schwör' ...«
    »Nein ... Ihre Frau kommt mit. Adje! ...«
    Pfleiderer entfernte sich nach vielen höflichen Bücklingen; der Ruepp aber
blieb noch immer unschlüssig stehen, als hätte er noch was zu sagen, und erst,
wie ihm der Protokollführer warnend zunickte, ging er schwerfällig und langsam
hinaus.
    Auf der Gasse sah er wieder den Schlehlein eifrig mit dem Zuchtäusler
redend vor sich hergehen.
    »Lacht's no ... ös ...«
    Aber die Lumpen hatten ihm doch ein Bein gestellt, und eine mahnende Stimme
in seinem Innern sagte ihm, dass er leicht darüber stolpern könnte.
    Die Afra schwören ...
    Er wusste, wie ängstlich sie war, und er ahnte, dass sie von der Geschichte,
von der verfluchten dummen Geschichte mehr wusste, als sie bis jetzt gesagt
hatte.
    Herrgott, wenn er selbig'smal gleich zum Notar gegangen wäre!
    Alles wär' anders gekommen, alles wär' gut geworden.
    Der schlechte Kerl da vorn hatte ihn verführt. Wenn der nicht dazu gekommen
wär' ... Aber das half jetzt nichts mehr.
    Verdrossen setzte er sich beim Zieglerbräu an einen Tisch. Es schmeckte ihm
kein Essen und kein Trinken.
    Und kaum eine Stunde später rasselte sein Wagen die steinige Strasse hinunter
und aus Dachau hinaus.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Der Ruepp kam am besten über seine Kümmernisse weg, wenn er sie übers Heute auf
ein Morgen und Übermorgen hinausschob.
    Da wollte er daran denken und fest dahinter gehen und schon eine Hilfe
finden; wenn er sich das vorgenommen hatte, warf er die Last, die auf ihm lag,
ab und säuberte sich den gegenwärtigen Tag von allen grauen Sorgen.
    Und war's dann heller um ihn, wusste er sich einen Lohn für seine festen
Vorsätze zu finden, indem er zum Wirt hinunterging und am Ofentisch über
allgemeine Beschwernisse Reden anhörte und führte.
    So sass er auch jetzt täglich beim Bier, und wenn die drei oder vier andern,
die zum Abendschoppen kamen, gegangen waren, blieb der Langgörgl bei ihm hocken.
    Der war vor Jahren ein guter Bauer in der Nachbarschaft, in Kemaden, gewesen
und durch liederliches Wirtschaften von Haus und Hof gekommen.
    Seine Frau hatte ein kleines Gütl in Weidach geerbt; man hiess es Beim
Langgörgl.
    Dort hauste jetzt der ehemalige Schaffler von Kemaden, fuhrwerkte mit einem
Paar Ochsen und brachte sich als Taglöhner fort, kümmerlich und wenig geachtet,
weil er sich aus seiner guten Zeit nichts erhalten hatte wie seinen Durst und
seine Faulheit.
    Wenn die andern nach dem Gebetläuten heimgingen, blieb er beim Ruepp sitzen
und liess sich eine Mass und zwei zahlen, die er sich mit Lobreden und Schmeicheln
verdiente.
    »Siehgst as, i hab's allaweil g'sagt, der Ruepp, sag i, is mir der Liaber in
der ganzen G'moa. Mit dem, sag i, ko ma über all's red'n, und der hat an
Vastand. De andern Büffi, de tean recht g'schwoll'n, weil sie a Glück g'habt
hamm und unseroans ins Unglück kemma is, und, sag i, de hamm ja koan Begriff von
dera Sach. Da best Mensch is gar nix, bal er koa Glück net hat, und ko'st no so
füri schiab'n und füri tracht'n, bal da Karr'n von selm hinter si geht, helft da
nix. Dös ko'st aba net an jed'n vazähl'n, da g'hört a Vastand dazua. Und
siehgst, Ruepp, i sag dös mit Wahrheit, du bischt mir da Liabast da umanand und
bischt aa da G'scheitest. Da is da Lukas zum Beischpiel. Ja, mei Gott! Wo waar
denn der hi'kemma, bal eahm sei Bäurin net den Haufa Geld zuabracht hätt, und
wann er net so an ausg'schamt's Glück bei dem sell'n Holzhandel g'habt hätt ...«
    »Wia r'a mit die Juden 's Moarholz kafft hot, in Irzenhamm hint,« bestätigte
der Ruepp.
    »Ja, z' Irzenhamm. Aba der woass wohl nimma, dass er sei Geld g'rad an Zuafall
zum vadank'n hot. Und i sag dös, a jeda möcht den Profit gar it. Dass er dera
Wittiberin's Holz so billi o'druckt hätt. I woass g'wiss, du hätt'st di auf den
Handel net einlassen, und dös g'fallt mir vo dir, siehgst. I sag dir's
pfei'grad, weil's wahr is. Und oft denk i mir, bal si da Lukas gar a so protzt,
als wann er da allerbest waar, protz di no, denk i mir, aba vo dem sagst du wohl
nix, wo du dei Geld her host ...«
    »Magst d' no a Mass, Langgörgl?«
    »I sag net na ...«
    »Wia, Kellnerin, schenk eahm no oani ei!«
    »Ja, ja, Ruepp, a so is auf dera Welt. Mit da Redlichkeit kimmst zu nix, und
bal mi no a so spart und no a so tracht, da helft dir all's nix. Aba d' Leut
muasst betrüag'n, und koa Gewissen derfst hamm, na geht's ehnder. Und grad de
Leut, de wo's d' rüberzog'n host, de reschpektier'n di nacha am mehrern, und de
andern, de wo si durchi frett'n mit da Ehrlichkeit, de san am wenigschten
g'acht'. Is vielleicht net a so?«
    »Recht hoscht. Und dös derfst glaab'n, Langgörgl, den sell'n Handel in
Irzenhamm, den hätt i aa macha kinna. Warum denn net? Aba mög'n han i net, weil
ia G'wissen hob.«
    »Für dös kenn i di, Ruepp, da brauchst d' mir gar nix sag'n. I hab's oft
scho g'sagt, da herin an dem Tisch han i's g'sagt, red's zua, sag i, und red's,
was mögt's, da Bessa is do da Ruepp in da ganzen G'moa und a richtiga Mensch,
der wo an Vastand hot und den Kloan aa was gelt'n lasst ...«
    Bei solchen Gesprächen blieb der Ruepp lange hocken, und wenn er genug Bier
getrunken hatte, konnte er sich selber auf dem Heimweg einreden, dass alles lang
nicht so gefährlich sei, wie es ihm in der ersten Angst vorgekommen war.
    Wissen, was man richtig wissen heisst, tat die Afra nichts von dem Geld, das
er weggenommen hatte. Vielleicht, dass sie einen Verdacht hegte, weil er damals
in der Kammer war, aber das konnte er ihr ja ausreden, und ausserdem, von ihrem
Verdacht brauchte sie doch nichts zu sagen, und sie konnte ruhig schwören, dass
sie nichts wisse.
    Was man wissen heisst, also genau, wenn man was gesehen hat.
    Die Loni, freilich, die hatte am Ende schon mit ihr geredet, denn sie hatte
vor der Bäuerin keine Geheimnisse gehabt, und ob sie das verschweigen konnte?
    Ah! Papperlapapp! Wenn er ihr zuredete, musste sie doch ihm mehr glauben, und
dann war halt das so eine Rederei von der Alten, die ihr Gedächtnis nicht mehr
so genau beisammen gehabt hatte.
    Das wollte er schon machen; die Afra hatte ihm zuletzt immer nachgegeben und
nie hartnäckigen Widerstand geleistet.
    Wart nur, gleich morgen wollte er mit ihr reden und ihr alles richtig
vorstellen.
    Aber am andern Morgen sah sich wieder alles viel grauer und zweifelhafter
an.
    Dann sass er auf dem Bettrande und horchte nach der Küche hin, wo er seine
Bäuerin arbeiten hörte.
    Sollte er hinausgehen und Zwiesprach mit ihr halten?
    Pressierte ja nicht. Es waren noch zehn Tage, noch neun Tage bis zu dem
Mittwoch.
    Es war gescheiter, zu warten, denn wenn sie es zu früh wusste, hatte sie Zeit
zum Nachdenken, und dann kamen ihr erst recht allerhand Bedenken.
    Er hörte Schritte im Flöz und eine Stimme. Der Michel war's. Ah ja, mit dem
hatte er auch noch was zu reden; er hatte es ganz vergessen über seinen eigenen
Sorgen.
    Er schloff in die Pantoffel und wollte schon hinausgehen, aber er blieb an
der Türe stehen.
    Zu was Verdruss aufrühren, solang das andere nicht in Ordnung war?
    Und gleich darauf sass er wieder auf dem Bettrand und stierte vor sich hin
auf den Boden.
    Im Hof draussen pfiff der Kaspar vor sich hin und spannte den Gaul ein.
Arbeiten.
    Ja, wenn man arbeiten könnte, und wenn man nie was anderes gewusst hätte, wie
das!
    Aber so war's, als hielte ihm jemand die Hände, oder als wären sie so schwer
geworden, dass er sie kaum aufheben konnte.
    Als wie gelähmt war der Ruepp.
    Nun gab er sich doch einen Ruck und ging in den Hof.
    »Wo aus?« fragte er den Kaspar.
    »Ins Riadfeld hintri.«
    »Was toa?«
    »Siehgst ja, Mist fahr'n.«
    »I hätt heut selm gern g'ackert ...«
    »Du?«
    Kaspar fragte es so höhnisch, dass im Ruepp der Zorn aufstieg.
    »I. Ja ... i ... Was is denn dös für a saudumm's Frag'n?«
    »Dös werd ma no derfa, bal's oan seltsam vorkimmt.«
    »Ja ... seltsam. Und morg'n acker i amal g'wiss.«
    »Wo nacha?«
    »Dös is mir wurscht. In da Broat'n hint.«
    Kaspar lachte.
    »De hamm i und da Peta am Samsta scho firti g'macht.«
    »'s Eckhofer-Feld, han i sag'n woll'n,« verbesserte sich der Ruepp.
    »Von mir aus g'nua; ko'st d' heut hintri fahr'n ...«
    »I dank da schö für d' Erlaubnis, aber i hab g'sagt, morg'n, und na bleibt's
bei dem.«
    Kaspar trieb den Gaul an und ging neben dem Wagen her, ohne dem Vater
nochmal zu antworten.
    Er kannte diese Laune, die ihn hie und da zur Arbeit trieb und die nie
länger wie einen Tag oder zwei anhielt, und er wusste, dass nach dem Lärm, den der
Alte dabei machte, wieder das Faulenzen und Saufen kam.
    Der Ruepp schaute ihm verdrossen nach. Er fühlte gut, wie wenig Respekt sie
im eigenen Hause vor ihm hatten, und auch, dass das seine guten Gründe hatte.
Aber er wollte ihnen noch zeigen, dass er auch anders konnte, wenn nur erst die
dumme Geschichte vorbei war.
    Ja, dann wollte er noch einmal das Regiment führen und Ordnung schaffen
daheim, etliche Jahre, und hernach übergeben.
    Er gähnte und wollte ins Haus zurück, als er den Postboten den Hohlweg
heraufkommen sah.
    Der Kaspar drehte sich auch nach diesem um.
    Früherszeiten, da war selten eine Post heraufgekommen, aber seit Jahr und
Tag ging das nicht mehr aus. Alle Daumen lang hatte der Postbot was zum
unterschreiben, Ladungen und Mahnbriefe.
    Wenn sie's anderswo in der Nachbarschaft nicht gemerkt hätten, dass es auf
dem Ruepphof hinter sich ging, dann wusste es doch der Postbot und konnte es den
Leuten erzählen.
    Mit der Lüderlichkeit, mit der verdammten. Wiah ... hö!
    Der Ruepp ging dem Manne entgegen.
    »Hast d' was für mi?«
    »Für di? Na, eigentli für d' Bäurin. Aba i ko's dir aa glei geb'n.«
    Er kramte ein Schreiben hervor und füllte ein gedrucktes Formular aus, indem
er es auf seine Tasche legte.
    »So ... jetza hamm ma's,« sagte er und gab dem Ruepp das zusammengefaltete
Papier. »An schön Herbst hamma; da werd's as Kraut bald eina bringa.«
    »Werd nimma lang dauern, wann's a so weita geht ...«
    »A Kraut und a Schweiner's dazua, auf dös g'freu i mi scho lang. Guat
Morg'n, Ruepp!«
    Dieser versteckte das Schreiben und ging langsam in seine Kammer. Hier
öffnete er es.
    Richtig. Es war die Vorladung der Afra Umbricht zur Ableistung des
Offenbarungseides.
    Mittwoch, den 3. Oktober.
    Wie eine drohende, finstere Mahnung stand der Tag vor ihm. Mechanisch zählte
er an den Fingern ab, wie lange es noch bis dahin sei ... Deanstag, Mittwoch,
Donnerschtag ... noch acht Tage.
    Ob er nicht jetzt gleich zu seiner Bäuerin hinausgehen sollte. Er öffnete
leise die Türe und horchte.
    Die Leni war bei ihr in der Küche; da ging's nicht, und er musste es
verschieben.
    Aber auf wann?
    Die Unruhe trieb ihn den ganzen Vormittag im Hof herum, bald war er im
Stall, bald in der Tenne und überall, ohne zu wissen, was er eigentlich wollte.
Es kam ihm alles wie fremd vor, als hätte er damit nichts mehr zu schaffen, als
hätte er kein Recht mehr darauf.
    Beim Mittagmachen sass er schweigend am Tisch und vergass beinahe aufs Essen.
    Der Zotzen-Peter erzählte, dass beim Schaffler in Buch ein paar Ochsen
versteigert würden.
    »Wann waar nacha dös?« fragte der Kaspar.
    »Am dritt'n Oktober hat da Heiss g'sagt ...«
    Dem Ruepp gab es einen Riss.
    Mittwoch, den 3. Oktober.
    Der Tag stand vor ihm, als wär' er mit grossen Buchstaben an die Wand gemalt.
    Geschah an dem Tag noch irgend etwas ausser dem einen, das ihm so
zentnerschwer auflag?
    Er stand auf und ging ohne Gruss hinaus.
    »Was hat a denn?« fragte die Bäuerin.
    »Was werd er hamm,« brummte der Kaspar grob. Er wollte schon sagen, dass ihm
vielleicht der Postbote wieder eine Überraschung gebracht habe, aber vor den
Dienstboten unterdrückte er es.
    Kaum hatte die Zenzi das Vaterunser vorgebetet, ging die Rueppin in die
Kammer, wo sie den Bauern suchte.
    Er war nicht da, war auch nirgends zu finden. Ohne recht zu wissen, wohin er
gehen wollte, war er in Gedanken verloren hinter das Austraghäusel geschlichen.
Er sah durch das verstaubte Fenster in die Stube. Hinten stand das Bett, in dem
die Alte gelegen war, und da vorne links war ihr Kleiderkasten.
    Alles noch wie an dem Tag.
    »Was treibst denn da?«
    Er wandte sich um. Die Bäuerin stand vor ihm und sah ihn mit einem scheuen
Blick an.
    »Nix. Schaug'n tua i halt ...«
    »I suach di überall'n, und derweil bist du da. Is was g'schehg'n?«
    »Was soll denn g'schehg'n sei? I bin ganz zuafälli da hintri kemma und hab
halt amal eini g'schaugt.«
    »Dass du was hoscht, dös kenn i do guat.«
    »No ja ... eppas z' red'n hätt i scho mit dir ...«
    »Mit mir?«
    »Ja, aba alloa; in d' Kuachl kimmt all Aug'nblick wer.«
    »Was werd na dös scho wieda sei? Willst d' da eina?«
    Der Ruepp zögerte ein wenig.
    War es nicht seltsam, dass er gerade in der Loni ihrer Kammer über das reden
sollte?
    Aber er gab sich einen Ruck.
    »Warum denn it?«
    Sie traten ein. Ein paar dürre Blätter lagen auf dem Tisch, und die stammten
wohl von einem Kranze für die Verstorbene.
    »Was hoscht na z' reden mit mir?«
    »No ja, du ko'st da's leicht denk'n ...«
    »Is weg'n da Loni was?«
    »Ja. I bi z' Dachau drin g'wen und hab dös richtig o'geb'n, wia's is,
z'weg'n de dreitausend Mark, de wo mir de Alt g'liecha hot, und wia ma's
ausg'macht hamm, dass i's z'ruckzahl'n derf, bal i mi leicht tua und ... no ja,
du woasst as ja so ...«
    »Vo dem woass i gar nix ...«
    Die Rueppin sagte es hart und abweisend.
    »Was woasst d' net?«
    »Weil i net eini kemma mag in de G'schicht. I will gar nix z' toa hamm
damit, durchaus gar nix ...«
    »Tua no net gar a so! Über so was red ma do mitanand ...«
    »Na, und i misch mi net ei ...«
    »Vo mir aus brauchatst di aa net ei'mischen; i lasset di wohl in Ruah damit,
aba ...«
    »Was?«
    »Der sell Ding is aa da g'wen, der sell Zuchtäusler ...«
    »Was will denn der?«
    »Der Ambsrichta sagt, dass er irbt ...«
    »Siehgst as! Jetzt geht's a so, wia'r i mir's denkt ho. Und du bist schuld
...«
    »Über dös kinnan mir net allaweil streit'n. I hätt ja an Notari g'holt, und
dass er net kemma is, für dös kon i nix ...«
    »Ja ... i ...«
    »Lass mi halt ausred'n! Dersell Lump hätt jetzt gar behaupt'n mög'n, dass no
mehra Geld da g'wen waar als wia de dreihundertvierasiewaz'g Mark, und da hamm
mir g'stritten geg'n anand, net, und da Ambsrichta hat g'sagt, i müasst auf dös
schwör'n ...«
    »Michi!«
    »Was hast d' denn narrisch?«
    Ihr Gesicht war gerötet, und ihre Augen richteten sich so starr auf ihn, dass
er die seinen zu Boden schlug.
    »I ko auf dös leicht schwör'n, dass it mehra da war in dera Schachtel.«
    Sie wollte eine hastige Antwort geben, hielt sich aber mit Gewalt zurück.
dabei strich sie sich mit der Hand über Augen und Stirne.
    Es war eine seltsame Unruhe in der sonst so stillen und zurückhaltenden
Frau.
    Der Ruepp, der das wohl merkte, fuhr zögernd fort:
    »Und da Ambsrichta hat g'sagt, weil dös a so G'setz waar, sagt er, und weil
also dös amal g'setzmaassig is, ah ... also durch dös, weil mi vaheirat san ...
dass du aa schwör'n muasst, hat er g'sagt ...«
    Er hatte die letzten Worte hastig hervorgestossen und schwieg jetzt.
    Nach einer Pause fragte die Rueppin: »Dös tatst du von mir verlanga?«
    »I net, aba der sell b'steht drauf, und der Ambsrichta sagt, dass 's sei muass
...«
    Jetzt schrie sie:
    »Du woasst recht guat, dass i net schwör'n ko. Neamd woass 's bessa, wia du
...«
    »Sei do staader! Müassen's d' Deanschtbot'n hör'n? Du brauchst ja bloss
schwör'n auf dös, dass d' nix woasst ...«
    »Wenn i's aba woass?«
    »Was denn?«
    »Geh, tua net a so! I ho wohl nix g'sagt, weil i mi g'schamt hab für di.
Weil mi gar it red'n mag von so was! So weit is kemma ...«
    »Was nacha?«
    »Muass i von dem red'n? Moanst d', i hab's net g'nau g'wisst, wia viel dass d'
Loni gehabt hat? In de ersten Täg von ihra Krankheit hat sie mir's zoagt und hat
g'sagt, dass dös an Michi g'hör'n soll, und jetzt sollt i mei Seligkeit
verschwör'n? Aba zu dem kriagst mi net.«
    »Mi muass do schaug'n, wia ma de G'schicht aussi bringt. Du ko'st do mi net an
Stich lassen?«
    »I geh it auf's G'richt, i geh net ...«
    »Bal ma mit dir net red'n ko ...«
    »Na, i will nix hör'n. I will nix hör'n und nix wissen davo. Mei Seligkeit
verschwör i net ...«
    »Pass auf, lass dir sag'n ...«
    »Nix ...« Sie hielt sich die Ohren zu und stampfte den Fuss auf den Boden.
    »Bitt hab i di, zuag'redt hab i dir, nia hab i dir a schiach's Wort geb'n,
und jetzt is so weit. Aba zu dera Schlechtigkeit kriagst mi net ...«
    »Afra, mir müassen ...«
    Sie war aber schon zur Türe geeilt, öffnete sie und lief über den Hof.
    Der Ruepp schaute ihr mit blöden Augen nach.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Der Rechtsanwalt Lachermayr, ein junger Anfänger in seinem Berufe, sass dem Ruepp
gegenüber und redete eifrig auf ihn ein.
    »Eigentlich versteh' ich Sie nicht, warum Sie lieber tausend Mark zahlen
wollen, als schwören, das heisst, wenn Sie ein gutes Gewissen haben.«
    »I kannt jed'n Tag hi'steh und schwör'n ...«
    »Also ...«
    »Aber d' Afra mag it. Sie scheucht's a so, sagt s', und liaba is ihr dös
Geld hi ...«
    Der junge Herr zog die Achseln in die Höhe.
    »Tja ... aber der Pfleiderer geht nicht darauf ein. Da is sein Brief ...«
    Er las dem Ruepp vor. »Ich erkläre ... et cetera ... dass ich mich auf keinen
aussergerichtlichen Vergleich einlasse und kein Angebot annehme, indem ich darauf
bestehe, dass die Wahrheit zutage kommt. Hochachtungsvollst ... et cetera ... und
dann kommt noch eine Nachschrift, die ist allerdings sehr bezeichnend. Da heisst
es nämlich: Höchstens, wenn der obengenannte Umbricht sogleich die Forderung der
Verstorbenen, also dreitausend Mark, und ausserdem weitere dreitausend Mark
bezahlt ...«
    Der Ruepp sprang vom Stuhle auf.
    »A so an ausg'schamter Lump! Aba i woass guat, wer da dahinta steckt. Dös is
der sell Schlehlein.«
    »Ich hab's Ihnen ja gleich gesagt ...« antwortete der Anwalt. »Ich war
gleich dagegen, dass man dem Pfleiderer was anbietet. Diese Art Leute kenn ich.
Der glaubt, Sie sind in einer Zwangslage ...«
    »Was waar na dös?«
    »Dass Sie nicht schwören können ...«
    »I ko aba schwör'n.«
    »Sie können, sagen Sie, und wenn wir dann weiter reden, sagen Sie, Ihre Frau
kann nicht, oder vielmehr, sie will nicht ...«
    »Weil sie it füri steh mag, weil sie's a so scheucht ...«
    »Ja, gut, ich weiss zwar nicht, warum man sich scheut, das, was wahr ist,
auch zu beschwören. Aber wo stehen wir jetzt? Der Mensch nützt die Situation aus
und verlangt von Ihnen das Sechsfache ...«
    »Dös is do an offenbariger Wucher ...«
    »Ah was, Wucher. In gewissem Sinn ist es eine Erpressung, aber keine
strafbare. Was wollen Sie jetzt tun?«
    »Ja, i zahl do net sechstausend Mark! Wo nahm i denn's Geld her? Und
überhaupts is ja dös so ausg'schamt, dass ma gar it red'n ko.«
    »Schön, aber dann gibt es eben nur den einen Ausweg, dass Sie schwören.«
    »I schwör scho, aba Sie müassen's halt a so drah'n, dass d' Afra net mit
muass.«
    »Das kann ich nicht. Das hab' ich Ihnen schon ein dutzendmal gesagt.«
    »Bal sie aba nix woass!«
    »Dann soll sie in Gott's Namen ihr Nichtwissen bestätigen.«
    »Wia is dös?«
    »Dass sie nichts weiss, muss sie sagen, aber um den Eid kommt sie nicht herum.
Reden Sie halt mit Ihrer Frau. Der Termin is auf meinen Antrag verlegt worden,
auf den 10. Oktober. In diesen acht Tagen besprechen Sie's nochmal, vielleicht
halten Sie auch eine Nachsuche, und wenn der Zufall will, dass sich noch was
findet, nicht wahr, dann kann ja Ihre Frau mit dem besten Gewissen erklären: So,
das ist alles, und mehr war net da, und das kann ich auf meinen Eid nehmen ...«
    Der Ruepp, der gut verstand, wo der Advokat hinaus wollte, fragte zögernd:
    »Bal si was fand'?«
    »M ... ja ... net wahr, wenn man recht sorgfältig sucht, geht oft noch was
her, was man zuerst übersehen hat oder gar net bemerkt hat ...«
    »Bal si aba nix find?«
    »No ja, dann hat eben die gewissenhafteste Prüfung nichts ergeben!«
    »Und muass d' Afra na aa schwör'n?«
    Herr Lachermayr wurde ungeduldig.
    »Jaa! Jetzt sag' ich's zum letztenmal. Schwören muss sie unter allen
Umständen, ob was da ist oder nicht ...«
    »Am zehnten, hamm S' g'sagt?«
    »Ja, heut über acht Tag ...«
    »Und ... aa ... und ...«
    Der Ruepp drehte seinen Hut in der Hand und überlegte.
    »Bal ma vielleicht dem Schreiberspitzbuab'n saget, ma legt no an etla
Hundert drauf, wann er's guat sei lasst?«
    »... Ich hab' Ihnen ja vorgelesen, wieviel er verlangt. Und wenn Sie jetzt
mit ihm handeln wollen, wird er natürlich erst recht glauben, dass Sie ... sagen
wir, in Verlegenheit sind. Wenn Sie nicht gleich eine grosse Summe opfern wollen,
mit den kleinen Angeboten richten Sie nichts aus. Höchstens das eine, dass Ihre
Sache recht unsicher ausschaut ...«
    »Koa grosse Summe kann i net zahl'n, und überhaupts braucht's as it ...«
    »Also dann in acht Tagen. Adje!«
    Als der Ruepp in seinem Wagen sass und auf der Landstrasse dahin klepperte,
dachte er darüber nach, wie oft er jetzt schon die Fahrt gemacht hatte, die ihm
eine einzige erspart hätte.
    Ja, wenn und wenn und hätt' ich; für die Reu' gibt der Jud' nichts.
    Was der Advokat vom Finden gesagt hatte, fiel ihm ein. Der traute ihm auch
nicht und gab ihm heimlich den Rat, das Geld herzuschaffen.
    Aber wie denn?
    Mit den paar tausend Mark hatte er die drückendsten Schulden bezahlt, und
damit war's fort, wie weggeblasen.
    Sonst wär' er schon selber so gescheit gewesen.
    Wo er hinsah, es gab keinen Ausweg. Es war, als wenn ein Zaun um ihn herum
gezogen wäre, aus dem er nicht hinaus schliefen konnte, und der sich immer enger
und enger zusammenschloss.
    Eins war ganz gewiss: dass die Afra nicht schwören wollte. Noch zweimal hatte
er davon angefangen, aber sie hatte wie närrisch getan und ihn kaum angehört.
    »Ich tu's net. Ich mach's Arge net no ärger und verspiel mei Seligkeit dazu,
und wenn's d' mir koa Ruah lasst, geh i zum Pfarrer abi und bitt'n, dass er mir
hilft.«
    Das war keine leere Drohung. Die Afra war ganz auseinander und hatte ihr
leidsames Wesen verloren.
    So bockig und verbissen war sie, und so verzweifelt tat sie gleich.
    Hatte sie am End nicht recht?
    »Na,« brummte der Ruepp vor sich hin. Denn sie hätt's ihm ja gleich sagen
können, dann hätt' er das Geld nicht weggegeben, schon weil er sich vor ihr
scheniert hätte.
    Er hätt' so getan, ja, er hätt' so getan, als hätt' er das Geld bloss zum
Aufheben genommen.
    Nur weil er geglaubt hatte, dass keine Menschenseele was davon wisse, hatte
er sich verleiten lassen; bloss deswegen.
    Jetzt musste er es herschaffen, ging's wie's wollte.
    Unbedingt.
    Zu leihen nehmen? Das gab ihm niemand.
    Darin konnte er sich selber nicht anlügen, weil er es zu oft ausprobiert und
gesehen hatte, wie es immer schwerer ging, bloss etliche hundert Mark zu kriegen.
Aufs Anwesen, das schon mit drei Hypoteken verpflastert war, gab ihm kein
Mensch was.
    Vielleicht konnte er was verkaufen?
    Schlagbares Holz hatte er nicht mehr, Vieh stand niedrig im Preise, es blieb
nichts übrig, wie etliche Tagwerke Grund verschachern.
    »Oeh ...«
    Der Gaul zog so scharf an, dass er dem nachdenklichen Ruepp beinahe die Zügel
aus der Hand riss.
    Ein Wagen war in gutem Trab vorgefahren, und der Lukas sass darin mit dem
Kooperator von Altomünster.
    Der verstand es mit allen Geistlichen und Amtsleuten, stand überall gut und
war angesehen.
    Der Ruepp hielt seinen Gaul, der nach wollte, mit grobem Zerren zurück.
    »Fahr zua, Tropf scheinheiliga ...!«
    Aber die alte Feindseligkeit kam heute nicht recht in ihm auf.
    Vor Jahren hatte ihn einmal der Lukas wissen lassen, dass er den Acker am
Weiherer Holz, der ihm passend lag, kaufen oder gegen ein anderes Grundstück
eintauschen wolle.
    Damals hatte er den Klöckl, der unter der Hand für den Lukas sachte anfrug,
mit barschen Worten abgewiesen.
    Ob es nicht jetzt ginge?
    Es waren freilich Jahre mit offenen und heimlichen Feindseligkeiten darüber
vergangen, und der Lukas hatte ihm mehr wie einmal Abneigung und
Despektierlichkeit gezeigt. Aber was machte das bei einem Handel aus?
    Wenn er die vier Tagwerk verkaufte, war er über das Schlimmste weg.
    Der Gedanke setzte sich in ihm fest, und lange vor er heimkam; war der Ruepp
entschlossen, den sauren Gang zum Lukas hinüber zu machen.
    Er wusste; es gab sonst keinen Ausweg.
    Einen Haken hatte es. Seine Hypotekgläubiger mussten mit der Verkleinerung
des Anwesens einverstanden sein, sonst ging's nicht.
    Das hatte er vor einem Jahre zu seinem Verdrusse erfahren, als er eine Wiese
am Schleifbach hatte verkaufen wollen.
    Aber, wenn er dem Schmauss das Eckhofer Feld abhandelte, das war um etliche
Tagwerk grösser, und dann war ja sein Anwesen nicht verringert.
    Er wusste, dass es ihm feil war, und es liess sich schon so einrichten, dass er
den Kaufpreis etliche Wochen schuldig blieb, und derweil hatte er sich mit dem
Bargeld vom Lukas geholfen.
    Nur schlau sein, dann war man nicht gar so leicht unterzukriegen. Der Ruepp
straffte sich, wie er nur wieder einen Plan hatte. Da war halt doch ein Loch im
Zaun, durch das er hinausschliefen und wieder ins Freie gelangen konnte.
    Er sah den Kaspar seitab im Feld Mist breiten; hinter ihm den Michel. War
denn die Vakanz nicht aus?
    Da fiel ihm ein, dass ihm die Afra gesagt hatte, der Bub könne nicht mehr
nach Freising zurückgehen, oder wolle nicht mehr.
    Und die Geschichte, die er im Wirtshaus gehört hatte, tauchte in seiner
Erinnerung auf.
    Die letzten zwei Wochen war's ihm gewesen, als ging ihn das alles nichts
mehr an; frei vergessen hatte er es, und auch die Bäurin hatte in ihren Ängsten
nichts mehr davon gesagt.
    »He, du, Michi!«
    Michel steckte seine Mistgabel in den Boden und kam langsam heran.
    »Nur a weng g'schwinder ... gel! Was is denn mit dir? Bleibst du ganz oafach
dahoam, und i wer gar it g'fragt?«
    »I hab ja mit'n Vata red'n woll'n ...«
    »Woll'n ... is dös a Furm? Dös muass do z' allererscht mir recht sei. Und
überhaupts, braucht's da gar nix, als dass ma sagt, jetzt hör i auf? Und dös ganz
Geld waar aussi g'schmissen?«
    »Wann mi da Vata amal o'hör'n möcht, i hätt ja scho lang gern g'redt, aba am
Freitag hab i gar koan Antwort it kriagt, und da Vata hat g'sagt, dass er koa
Zeit hat für dös ...«
    »Weil mi gar it red'n mag über so an Aufführung. Oa Jahr ums ander dös
sündteure Geld koscht'n und nix wia faulenzen und dahoam bei de Menscha umanand
laffen! Schama tat i mi ... aba wart no, mir wachsen no z'samm ...«
    »Wann mi da Vata heut o'hör'n will ...«
    »I wer's scho sag'n, wann's mir passt, und dös sag i dir jetza scho, mir
wer'n g'schwind mitanand firti sei ... wüah!«
    Der Wagen rollte weiter.
    Michel liess den Kopf hängen, als er zurückging.
    Da kam auch der Kaspar auf ihn zu.
    »I gib eahm it leicht recht,« sagte er. »Aba dös Mal lasst si nix dageg'n
sag'n. Du tuast dir scho a weng leicht, du!«
    »Leicht! Wann du wissest, wia schwar dass i trag'n hab an dem?«
    »An was nacha?«
    »Dass i von dahoam furt hab müass'n, und i hab's nia anderst glaabt, als dass
's do nix werd ...«
    »So is recht. Dös hätt'st du vor fünf und sechs Jahr net aa sag'n kinna?«
    »Da bin ia Bua g'wen, auf den ma net g'hört hat.«
    »Es muass dir na do scho passt hamm, sinscht hätt'st di scho bessa g'rührt.
Und was hoscht na jetzt an Sinn?«
    »Dös woass i net ...«
    »Is dös aa no a Red für an ausg'wachsna Menschen? Er woass it, was er tuat.
Er hockt halt amal dahoam, ander Leut auf da Suppenschüssel ...«
    »Dir hock i net drauf ...«
    »Na, sag i ...«
    »Vorläufi amal net, und Rechenschaft bin i dir aa koane schuldi.«
    »Waarst ma's no schuldi g'wen, i hätt dir's scho vatrieb'n, de Faulenzerei
...«
    Er ging brummend weg wieder an seine Arbeit, und auch der Michel stocherte
unmutig und verdrossen im Mist herum.
    Die Ungewissheit lag ihm ganz gewiss schwerer auf wie dem unguten Kerl, dem
Kaspar.
    Aber seit zwei Wochen war daheim alles wie verkehrt; der Vater liess sich
kaum mehr beim Essen sehen, und wenn er mit der Mutter reden wollte, gab sie ihm
keine richtige Antwort, hatte immer gleich nasse Augen und seufzte.
    »O mei Bua, i ko jetzt gar nix denk'n über dös. Wia werd's uns no alle
mitanand geh.«
    Wenn er fragte, was sie denn so bedrücke, und ob es seinetwegen wäre,
schüttelte sie den Kopf.
    »Dös waar no dös allerg'ringst, und wenn dös ander net waar ...«
    Aber eine Auskunft gab sie nicht, immer nur so unklare Andeutungen.
    »Mi woass wohl, es hamm ander Leut aa Sorg'n und Vadruss, aber wenn no oans
net is, na ko all's recht wer'n ... wenn no oans net is ...«
    Was das war?
    Wahrscheinlich hatte sich der Vater tiefer in Schulden hinein gearbeitet,
als sie alle geglaubt hatten, und er sah sich jetzt nicht mehr hinaus.
    So war seine Zukunft ganz und gar aufs Ungewisse gestellt, und diese Sorge
mit der Reue um die verlorenen Jahre drückte ihn nieder.
    Ein Tag um den andern verging, und anscheinend kümmerten sie sich daheim
nicht einmal darum, dass die Zeit, wo er hätte einrücken müssen, herankam und
vorbeiging, bis ihn jetzt der Vater grob anfuhr.
    Manchmal dachte er sich, ob es nicht das beste wäre, auf und davongehen und
irgendwo bei einem Bauern einstehen.
    Aber wenn er sich das überlegte, standen schon gleich wieder die
Schwierigkeiten vor seinen Augen.
    Wer nahm ihn, so wie er war, ohne rechte Kenntnisse, und wer glaubte ihm,
dass es ihm Ernst sei mit der Arbeit?
    Sein eigener Bruder verhöhnte ihn ja damit und machte sich lustig über den
lateinischen Knecht, der keine Sense und keine Gabel richtig in die Hand nahm.
Es war ja auch bloss eine halbe Sache, so wie er es jetzt trieb; er tändelte mit
der Arbeit und ging den andern im Weg um.
    Eine so bleierne Müdigkeit kam über ihn, dass er die Gabel wegwerfen und
heimgehen wollte.
    Drüben am Weg kam gerade der Zotzen-Peter vom Ackern heim.
    Der Kaspar pfiff ihm und ging langsam zu ihm hinüber; er gab ihm den
Auftrag, mit dem Mistbreiten weiter zu machen, und trieb selber die Ochsen heim.
    Der Peter griff flink zu und kam bald dem Michel näher.
    »Nimm net so vui auf d' Gabel und gib eahm grad an Schlenzer. Siehgst a so
...« sagte er.
    »Du ko'st as halt bessa ...«
    »Dös lernt si leicht ... so jetza ... feit dir was?«
    »Mir? Na ...«
    »Weil's d' a G'sicht machst, als wann dir d' Henna's Brot g'stohl'n hätt'n.
Hoscht am End gar Zeitlang auf Freising?«
    »G'wiss net.«
    »Dös moanat i halt aa. Pass no auf, im Winta bal'st dableibst, mach ma's ins
luschti ...«
    »Ja, dös hab i grad voring g'sehg'n, wia lustig dös wer'n kunnt.«
    »Hoscht d' mit'n Kaschbar was g'habt?«
    »Der hat ma's jetzt scho vorg'worfen, dass i no dahoam bin ...«
    »Ja, i kenn an scho; dös is a müahsama Deifi, a müahsama. Grad bengs'n und
knauz'n an ganzen Tag. Aba auf den pass'n ja mir gar it auf, vastehst. Z'weg'n
dem brauchst de Trentsch'n net hänga lass'n ...«
    »Mi freut überhaupt nix mehr ...«
    »Hö ... hö! Gar so weit werd's do scho net g'fehlt sei. Lass da sag'n, mit da
Eitel-Nanni han i scho g'redt; ihr is scho recht, hat s' g'sagt, bal mir ummi
kemma, und dös han i ausg'macht, i stell an Strohbusch'n auf bei da Bruck'n
hiebei, und durch dös woass sie, dass mir kemman, und sperrt an Hund in Stall.
Probier'n ma's de nachst'n Tag?«
    »Na, Peta ...«
    »Warum denn net?«
    »Mi g'freut's net. I bin amal net aufg'legt dazua.«
    »Geh weita! A lebfrischa Mensch muass do allaweil aufg'legt sei ...«
    »I ko mi net zwinga, und i hab meine Gründ; i sag dir's scho amal ...«
    »Na geh'n i alloa ummi, sinscht kennt si ja d' Nanni gar it aus ...«
    »Geh no ...«
    Der Peter wandte sich ab und brummte vor sich hin.
    Es war halt doch so, dass der Pfarrer dem Michel die Schneid abgekauft hatte,
denn seit der Zeit brachte er immer Ausreden vor, wenn er ihn zu einem Besuch in
die Nachbarschaft überreden wollte.
    Es war aber ein bissel anders.
    Die ernsten Ermahnungen des geistlichen Herrn hatten nicht so viel Kraft
gehabt wie die bösen und guten Worte der Stasi, die gerade an diesem Tag wieder
mit ihm zusammen treffen wollte an der Lukasleiten, und die ihm gesagt hatte,
dass sie ihn nie mehr, aber durchaus nie mehr anschauen möchte, wann er noch
einmal zu so einem schlechten Weibsbild ans Fenster ginge.
    Und die Freundschaft eines saubern Mädels, das Gehorsam und Treue zu
belohnen weiss, ist allemal stärker wie die beste Kameradschaft.
    Der Zotzen-Peter hätte es leicht herausbringen können, was seinem Einfluss so
entgegen wirkte, wenn er dem Michel nachgegangen wäre, der sich nach der
Heimkunft aus dem Hause schlich und, so rasch er konnte, zur Lukasleite
hinübereilte.
    Er stellte sich am Waldrande hinter einen Baum und brauchte nicht lange zu
warten, so kam ein Frauenzimmer mit rüstigen Schritten die Anhöhe herunter.
    Es war die Stasi, die einen kleinen Korb trug, für eine Ausrede, wenn sie
daheim wer gesehen und gefragt hätte. Es war ihr aber gelungen, unbemerkt zu
entkommen, und sie begrüsste jetzt den Michel mit freundlichem Lachen.
    »I ko fei gar it lang bleib'n. S' letztmal hat mi d' Muatta scho g'fragt, wo
i g'wen bi, und i hab g'sagt, i hätt grad no a weng Tannazapf'n klaabt. Aber
allemal glaabt s' mir's net.«
    »Jetzt bleib nur a weng. Wer woass, wia oft mir no z'sammkomma ...«
    »Warum? Gehst du furt?«
    »I woass net ...« antwortete er zögernd.
    »Nach Weihenstephan?«
    »M ... mei ... mit dem werd's a so nix, und dahoam kann ia net bleib'n ...«
    »Was hast denn, Michi?«
    »Schlecht geht's ma ... So ver ... so verleidt is mir all's, dass i gar it
woass, was i o'fanga soll ...«
    »Ah geh ... jetzt woanst d' gar ... wer werd denn woana? Bal'st it aufhörst,
na muass i ja selm o'fanga ...«
    Das gute Zureden des Mädels stimmte den Michel noch weichmütiger; die Tränen
liefen ihm die Backen herunter, und wie sie immer reichlicher kamen, zog er sein
Sacktuch heraus und wischte und wischte, und dabei stiess es ihn, und alle
Bitterkeit und Hilflosigkeit der letzten Wochen brachten ihn zu einem
fassungslosen Weinen.
    »Ja geh ... ja Bua ... da ko mi ja gar it anders ...«
    Die brave Stasi setzte den Korb zur Erde und schluchzte und schnupfte auf,
und dabei fuhr sie mit der Hand dem langen Burschen liebkosend übers Haar.
    »Sag ma's halt, was dir feit. Schau, muasst it so woana ...«
    »Bei ins is gar nix mehr, Stasi ...«
    »Tean deine Leut recht schiach, weil's mit da Schtudi nix mehr is?«
    »N ... na, net amal. I bin ... i bin no gar it z'red'n kemma über dös, aber
all's is bei ins ausanand, und ... und i woass grad, dass i für gar nix bin und de
andern bloss im Weg umgeh ...«
    »Aba schau, bal's d' auf Weihenstephan kimmst, wia's d' g'sagt hast, und
bal's d' nacha Verwalta werst ...«
    »Ja, wenn ...«
    Er fasste sich ein wenig und trocknete sich die Tränen ab.
    »I glaab nimma, dass was draus werd ...«
    »Warum denn net?«
    »Dir derf i's ja sag'n, Stasi; bei uns muass was net in Richtigkeit sei; da
Vata redt nix und deut't nix und fahrt allbot nach Dachau, und d' Muatta geht
voller Kümmerniss dahoam umanand. I glaab, dass er in d' Schulden eini kemma is,
und dass er si nimma z' helfa woass. Und durch dös is halt mit Weihenstephan aa
nix mehr ...«
    »Wer woass! Vielleicht geht's wieder umma ...«
    »Na, da hab i gar koa Hoffnung ...«
    »Aber de alt Loni hat's dir do versproch'n ...«
    »Ja, wenn s' no a Testament mach'n hätt kinna ...«
    »Na, so an Unglück ...«
    Der Michel sah schweigend auf den Boden. Aber warum sollte er dem guten
Mädel nicht alles sagen, was er auf dem Herzen hatte?
    »Siehgst, da is aa da Vata schuld. I hab's dahoam gar net verzähl'n mög'n,
was i in Dachau drin derfragt hab ...«
    »Was is na dös?«
    »Selbig'smal hätt mi d' Muatta nach Dachau einig'schickt, und es waar aa no
Zeit g'wen. Aber da hat er mi net weg lassen und is selber eini g'fahr'n, und in
Dachau drin is er in's Saufen kemma und hat an Notari verpasst, und dahoam hat er
nix g'sagt davo, und na war's z' spaat.«
    »Jessas! Ja wia'r a si no net Sünden fercht! Und durch dös hast du's Geld
verlor'n?«
    »Ja ... und jetzt schimpft er mi no, dass i dahoam hock ...«
    »Ja so was! Da tat i's eahm aba sag'n ...«
    »Was helft dös? Da gibt's bloss a Schimpferei ... und na sagt er mir
höchstens, dass i eahm so viel kost hab ...«
    »Du host ja net woll'n ...«
    »Vo dem redt jetzt neamd mehr. Na, es is scho a so, Stasi, i woass ma nimma
z' rat'n ...«
    »Werst d' sehg'n, es geht bessa, wia's d' moanst. De paar Jahr kimmst d'
scho auf Weihenstephan ...«
    Er schüttelte den Kopf.
    »Na, i glaab nix mehr. I muass no umanand betteln, dass mi a Bauer als Knecht
nimmt ...«
    »Du muasst jetzt net glei an Muat valier'n. Bal's d' as dein Vata richti
vorstellst, nacha ko er ja gar it anders ...«
    »I hab dir ja g'sagt, i glaab nimma, dass er ko, wann er will ...«
    »Dös woass mi do net ...«
    Michel seufzte tief auf.
    »Und bal i als Knechtl wo unterschliaf, schaugst mi du aa nimma o ...«
    »Geh, wer werd denn so was sag'n! Warum nacha net?«
    »Weil mi ja do a jeda über d' Achsel o'schaugt, und überhaupts, wer woass, wo
i hi kimm. Da umanand nimmt mi neamd ...«
    »Über dös tat i mi jetzt net so viel bekümmern. Du werst sehg'n, es geht no
all's bessa aussi. Und bal's d' na firti bist mit dera Schul und bal's d' na
Verwalter werst, wer woass, ob du mi nacha no o'schaugst ...«
    »Jo, Stasi ...«
    »Dös sagst d' halt a so ...«
    »Na, g'wiss is wahr. I denk ja so bloss desz'weg'n so viel dro, weil i an dös
ander aa denk ...«
    »An was nacha?«
    »A so halt, schau ... I stell mir dös a so für, wann i an Post'n kriagat,
und nacha kannt's am End do was wer'n ...«
    Die Stasi wusste schon, was, aber es war so viel schön, es zu hören, dass sie
weiterfragte.
    »Was kunnt was wer'n?«
    »Du woasst as scho ...«
    »Na ...«
    »No ja, i moan halt, i und du ...«
    »Ah, du derbleckst mi ja grad ...«
    »G'wiss net, Stasi. Dös waar mir dös allerliaba ...«
    »Ja, und bal's d' an recht an schön Post'n hätt'st, passet it am End gar it
hi ...«
    »Du passetst überall'n hi. Wenn nur i so weit waar und grad a weng an
Aussicht hätt ...«
    Die Aussicht redete ihm nun Stasi ein, und wie sie eng beieinander auf einem
Baumstumpf sassen, erschien dem Michel eine gute Zukunft möglich und
wahrscheinlich und zuletzt noch ganz gewiss.
    »Bst! Da kimmt wer,« flüsterte das Mädel nach einer guten Weile.
    Schwere Schritte kamen auf dem Fusssteig heran; die beiden verhielten sich
still, da sie nur ein kleines Gebüsch davon trennte.
    In der Dämmerung erkannten sie den Mann, der achtlos an ihnen vorbeiging und
halblaute Worte vor sich hinsprach.
    »Da Vata ...« flüsterte Michel.
    »Wo kimmt denn der her?«
    »I glaab, er war bei ins drob'n.«
    »Bei enk?«
    »Ja, wia'r i voring von dahoam weg bin, hab i g'moant, dass i'n vorn an der
Haustür g'sehg'n hab. I hab aba ganz vergessen, dass i dir's g'sagt hätt ...«
    Sie vergassen auch jetzt wieder darauf über dem, was ihnen wichtiger war.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Die Stasi hatte recht gesehen. Wie sie unbemerkt zur Küchentüre hinausging, kam
der Ruepp vorne herein und fragte nach dem Lukas.
    Die Bäuerin, die sich in der Stube was zu schaffen gemacht hatte, sah ihn
erstaunt an, denn seit Jahren war der Nachbar nicht mehr herüben gewesen, und
sie wusste, dass er mit ihrem Bauern eine Feindschaft hatte.
    Sie sagte aber freundlich, dass sie ihn holen wolle und ging in den Rossstall
hinüber, wo sie ihren Mann antraf.
    »Du, der Ruepp is drent ...«
    »Wer?«
    »Der Ruepp. I ho mi aa g'wundert, aber er sagt, dass er mit dir was z' red'n
hätt ...«
    »Mit mir? So, no mir wer'n ja sehg'n, was dös is ...«
    »Er werd do scho net zum Streit'n aufa kemma sei?« fragte die Bäuerin
ängstlich.
    »Ah na ... streit'n tuat er bloss im Wirtshaus. Er werd was braucha, sinscht
kam er wohl net.«
    Gleich darauf stand der Lukas vor dem Ruepp.
    »S' Good. Was geit's na?«
    »I hätt mit dir a weng was z' red'n.«
    »Z' red'n? Geh ma halt in d' Stuben eini.«
    Er ging voran, der Ruepp hintnach.
    »Siehgst,« fing der an ... »i hab mir scho an öften denkt, jetzt haust mi so
nah beinand und hat a Feindschaft ...«
    »I hab koane ...«
    »No ja ...«
    »Na, i net. I leg koan Menschen was in Weg.«
    »Dass mi ins halt z'kriagt hamm ...«
    »De Wirtshausg'schichten genga mi da herob'n gar nix o. I bekümmer mi um mei
Sach, aber net um ander Leut ...«
    »Do hoscht recht, Lukas; bal ma auf d' Leut hört, werd all's ärger g'macht,
und vo dem kimmt's aa.«
    »I lass dir wohl dei Ruah und leg dir nix in Weg, Ruepp ...«
    »Und i bin aa net anderst g'sinnt, derfst ma's scho glaab'n, Lukas ...«
    »Ja, und was willst d' ma na sag'n?«
    »Sag'n? Siehgst, du hoscht mir amal z' wissen g'macht, dass dir mei Feld am
Weiherer Holz hint'n guat o'stand. Selbig'smal, i sag's aufrichti, hab i net
mög'n, weg'n da Feindschaft, aber jetzt hon i mir denkt, geh zua, denk i mir,
für'n Lukas hätt dös Feld an ganz an andern Wert als für di, net, weil's dir
viel bessa g'leg'n is, und, denk i mir, gehst ummi dazua und gibst as eahm ...«
    »I dank dir schö, Ruepp, für dei guate Meinung, aba, i sag dir's, wia's is,
i mog's nimma.«
    »Du bist halt no zorni, weil i selbig'smal net mög'n ho ...«
    »Na. Z'weg'n dem schlaget i an Handel net aus, wann mir der Handel selm
passet. Aba i kaff bei der jetzigen Zeit überhaupts nix mehr zuawi.«
    »'s Feld is it schlechta wor'n, dös muasst do selm sag'n, ehnder 's Gegenteil
...«
    »No, bessa is aa net wor'n, aba dös machet mir nix aus. I bracht's leicht in
d' Höh ...«
    »Dös brauchst it in d' Höh bringa; schaug di o, wia da Habern dös Jahr
g'standen is ...«
    »Gar so schö war er net, aba, wia g'sagt, mi bekümmert's net, weil i's Feld
ja do net kaff ...«
    »Z'weg'n de alt'n G'schicht'n solltst du an Profit it hint lassen!«
    »Lasset i aa net, g'wiss net. Aba siehgst, selbig's mal, wia's du net mög'n
host, hab i mir de Kreuzbroat'n vom Wirt kafft, und du werst scho wissen, dass de
a schön's Geld kost hot, und san aa bei an acht Tagwerk. Und na hab i no, wia da
Eckl z'trümmert wor'n is, net ganz zehn Tagwerk vom Juden kafft, und es is mir
dös schier gar z'viel. Hot mi beinah g'reut, i sag dir's aufrichti, und hat aa
d' Bäurin g'mamst, und jetzt kimmt no dazua, dass mir älter san. Wia lang geht's
her, na übergib i an Schorschl, und, woasst scho, da is ma froh um 's Bargeld,
dös wo ma si dahaust hot, und waar do dumm, wann i's für Grundstück ausgab, de
wo i do net g'halt und an Buam geb'n muass.«
    »Du kunntst dir ja an Austrag um dös bessa macha ...«
    »Na, da b'halt i scho liaba's Geld. Was machet dös aus beim Austrag für de
paar Tagwerk?«
    »So schnell werst du net übergeben. I denk aa no net dro ...«
    »Da hülft mir's Denk'n weni. Ma muass scho, wenn da Bua herg'wachsen is, und
g'spür'n tuat ma's Alter aa ...«
    »Überleg dir's guat, Lukas! Wann i's an andern gib, reut's di ...«
    »Na, dös ko mi net reu'n. I sag dir ja, mir is eh scho z'viel wor'n, de
Kafferei ...«
    »Gibst halt dafür was anders her, was dir net so g'legen is. Was du dir vom
Eckl zuawi kafft host, is a so z'weit weg.«
    »Vor etla Jahr hätt i mir's überlegt, aba jetza, seit dem dass i scho an d'
Übergab denk, is's z'spat. I dank dir schö, aba es geht nimma ...«
    »Is dös dei letzt's Wort?«
    »Ja, i bleib dabei, weil's anderst koan Sinn hot. Dir ko's ja aa gleich sei,
du bringst den Fleck leicht o.«
    »An wen nacha?«
    »Dös woass i net in Augenblick, aba du findst scho oan.«
    »Muass ja net sei; i ko's leicht selm g'halt'n. I ho mir bloss denkt, dass i
dir am End an G'fall'n tat.«
    »Is mir recht, und mir hamm ja leicht red'n kinna über dös, aba es geht halt
amal net ...«
    »Vielleicht ... ah ... vielleicht kunnt'n mir's anderst macha?«
    »Wia anderst?«
    »No ja ... i ho mir denkt ... net ... also zum Beischpiel ... vielleicht,
dass dös gang, net wahr, dass du mir a Geld gabst auf a Monat oder zwoa, und zum
Beischpiel ... net wahr ... bal i dir's net auf'n Tag z'ruckgab, g'höret dir mei
Feld ...«
    Der Lukas sah mit seinen stahlgrauen Augen den Mann ruhig an.
    Es war etwas Hastiges und Unsicheres in ihm, was ihm schon gleich
aufgefallen war, und jetzt kam er mit dem Eigentlichen heraus.
    »So was mach i net, Ruepp; i will di net beleidinga und möcht di net
verzürna, i sag dir's aba schnurgrad, auf solchane Sachen lass i mi net ei. I hab
koa Geld net zum Herleiha.«
    »Für dös wer i dir no guat sei ...«
    »Na, net amal; i sag dir nix nach, aba wann's d' mi scho fragst, schneid i
aa net lang um ...«
    »Du gehst halt aa dem G'red nach. I woass guat, dass allerhand g'sagt werd,
als wann i in die Schuld'n drin steckat ...«
    »G'sagt werd's, dös is wahr, und dass i mir meine Gedanken mach', wann du mit
an solchan Vorschlag zu mir umma kimmst, dös is g'wiss, aba dös hat koan Bezug
auf dös. I lasset mi auf so was net ei, und wann du no so guat stand'st bei de
Leut. A sellas G'schäft steht mir net o.«
    »A jeda ko amal in a Verlegenheit kemma, und i hätt g'moant, a Nachbar kunnt
dem andern helfa ...«
    »I glaab's net, dass dir g'holfen waar, na ... und von da Nachbarschaft, da
hab i net viel g'spannt bis jetzt.«
    »No ja, nacha net. Nimmt ma's von an Fremden, dös is scho so da Brauch ...«
    »Für so oan is a G'schäft, für mi waar's a Verdruss, und da is mir der erst
liaba wia da letzt ...« - »Also bfüa Good ...«
    »Adje ... und oans möcht i no sag'n, Ruepp. Vo dem, was mir heut g'redt
hamm, derfragt von mir koa Mensch was ...«
    »Von mir aus ...«
    »Na, dös is it gleichgültig. I woass, warum i's sag. Wann's a G'red gibt, na
bist du ganz g'wiss, dass 's von mir net ausgeht ...«
    Der Ruepp brummte was Unverständliches vor sich hin und ging.
    »Was hat er denn woll'n?« fragte die Lukasin neugierig, wie ihr Bauer in die
Küche kam.
    »Ah nix. Weg'n an Grenzstoa hat's a si g'handelt, aba mi hamm ins ganz
freundli g'redt mitanand ...«
    »Grenzstoa? So?«
    Sie sah ihren Bauern recht zweifelhaft an, aber sie wusste, dass sie mit
Fragen nichts ausrichten konnte; was der nicht gleich sagen wollte, sagte er in
Jahr und Tag nicht.
    Der Ruepp ging hastig vom Hof weg, als fürchtete er jetzt erst, dass ihn wer
sehen und seinen vergeblichen Bittgang erraten könnte.
    Er sprach vor sich hin.
    »Also nix ... wieder nix ... du ko'st di leicht prahl'n, du ... bal ma koa
Sorg und koa Kümmernis hat ... Da ko ma für an Menschen hi'steh und recht gross
toa. I mag solchane G'schäften net ... Ja, du machest as aa net anderst, wann
dir's Wassa so hoch raufsteiget ...«
    Der Ruepp war froh, dass ihn daheim niemand mit Fragen anging, und dass ihm
die Bäuerin auswich. Am andern Tag blieb er noch im Bett liegen, als die Sonne
schon hoch stand.
    Er hatte keinen Willen zur Arbeit mehr, und ohne dass er sich Rechenschaft
darüber gab, war es ihm, als hätte sie keinen Sinn für ihn und er kein Recht auf
sie.
    Er fasste Pläne, die er wieder aufgab, suchte Auswege und fand, dass ihm alle
verschlossen seien.
    Er schlenderte im Hof herum, ging in den Stall und wusste nicht, was er darin
suchte, er sah den Zotzen- und den Kaspar vom Felde heimkommen und wunderte
sich, dass die noch etwas schafften, denn alles kam ihm nutzlos und leer vor.
    Er sah finstere und scheue Blicke auf sich gerichtet und hatte nur den einen
Wunsch, ihnen auszuweichen, sich vor ihnen zu verstecken.
    Beim Essen redete er kein Wort; Leni setzte die Schüssel so hart auf den
Tisch, dass ihr Unmut deutlich wurde, und beim Vaterunser sagte die Bäuerin das
»Führe uns nicht in Versuchung« so laut aus den andern Bitten heraus, dass es
allen auffiel. Sie schwiegen aber, und die Löffel klapperten auf den Tellern.
    Es war, als sässe ein Fremder am Tische oder ein Ausgestossener, mit dem
niemand Gemeinschaft haben wollte.
    Der Zotzen-Peter sagte der Zenzi halblaut etliche Dummheiten, die das
Weibsbild zum Lachen reizten; sie hielt aber die Hand vors Maul und kicherte in
sich hinein, als wäre alles laute Wesen verboten.
    Nach dem Essen lief der Ruepp weg; es war nicht zum Aushalten daheim, wo die
Stille um ihn herum mit Fragen und Vorwürfen geschwängert war. Er holte sich
nicht einmal Hut und Janker in der Kammer, damit niemand sein Fortgehen merkte.
    War er noch Herr im Hause? War er nicht wie ein liederlicher Knecht, der
blau macht, wie ein Bub, der auf verbotenen Wegen ging?
    So warm war es wie an einem Sommertag, und doch so viel schöner. Vom
tiefblauen Himmel herunter lachte die Sonne, und ihr Schein legte sich mild auf
die Stoppelfelder.
    Wo Leute arbeiteten, sah es sich gemächlich und friedlich an, so wie Arbeit
am Abend kurz vor dem Feiern geschieht.
    Auf den Höhen und drunten im Tale streckten sich die Bauernhöfe wohlig im
Lichte, als fühlten sie sich mit ihren vollen Scheunen geborgen nach mühseligen
Tagen.
    Manchmal drang ein tiefes Brummen vom Orte herauf und zeigte an, dass eine
Maschine die reiche Ernte ausdrosch.
    Der Ruepp sah nichts, hörte nichts; er ging mitten durch den Segen wie
einer, den er nichts anging. Er war in Gedanken verloren, rechnete mit falschen
Zahlen und suchte hilflos nach einem neuen Betrug, der den alten unschädlich
machen konnte.
    Was wollte er eigentlich in Weidach?
    Sich ins Wirtshaus hocken und sein Nichtstun zur Schau stellen?
    Davor scheute er sich, und er machte einen Umweg.
    Aus seinem Hof heraus grüsste ihn der Höchtl, der Kartoffel ablud.
    »Wo aus?«
    »A G'schäft han i ...«
    »Ah so ...«
    Der Höchtl schulterte seine Schaufel und kam näher.
    »Hast d' Erdäpfi scho dahoam?«
    »Ja ...«
    »De hamm heuer dageb'n. Sagst as net aa?«
    »San ganz guat wor'n, ja ...«
    »Du, pass auf, lass da sag'n, is dös wahr, was neuling a Unterhandla beim Wirt
verzählt hat?«
    »Was hat der verzählt?«
    »Dass de alt Loni ziemli a Geld g'habt hat, und dass du dös aussa zahl'n
muasst?«
    »Was waar na dös für an Unterhandla g'wen?«
    »Der plattete; Schlehlein, glaab i, hoasst a.«
    »Der muass 's ja wissen, der Leutbetrüaga ...«
    »Is it wahr, gel?«
    »A Schmarrn is ... bfüad di Good, i muass weida ...«
    Der Höchtl grüsste. Wie er zurückging, lachte er verschmitzt.
    »I moan allaweil, di druckt was, Manndei. Gar so a Schmarrn werd's net sei
...«
    Der Ruepp bog vor dem nächsten Hof ab.
    Es hatte sich also schon herumgesprochen im Dorfe, und wer ihm jetzt
begegnete und freundlich grüsste, schaute ihm schadenfroh und hämisch nach. Darum
war's besser, keinem begegnen.
    Weiter hinaus zu waren ein paar kleine Häuser, in denen Taglöhner wohnten.
Das letzte mit einem verwahrlosten Vorgarten, in dessen Umzäunung verschiedene
Latten fehlten, andere zerbrochen waren, gehörte dem Langgörgl.
    Ein Weibsbild stand unter der Türe und hielt ein Kind auf dem Arme, dessen
schmutziges Gesicht durch Rufen entstellt war.
    Der Ruepp blieb stehen und fragte:
    »Wo is denn da Langgörgl?«
    »Wo werd er sei? Drinna hockt er.«
    Die Antwort klang unfreundlich, aber der Bauer trat, ohne recht zu wissen
warum, ins Haus.
    In der Stube sass der Taglöhner auf einem Kanapee, dessen Überzug zerrissen
war; vor ihm auf dem Tische stand eine Bierflasche, in der Fuselschnaps war, von
dem es in dem niedrigen, unaufgeräumten Zimmer stank.
    »Ah, da schau her, da Ruepp! Was schaffst?«
    »Nix. I bin grad a so eina kemma, weil mi da Weg vorbeiführt hat.«
    »Dös is recht. Hock di a weng her.«
    Der Bauer setzte sich auf den wackligen Stuhl, der vor dem Tische stand,
nachdem er vorher einen schmierigen Janker, der darauf lag, entfernt hatte.
    Der Langgörgl erhob sich langsam und holte aus einem kleinen Wandschrank, in
dem alles mögliche durcheinander lag, ein verschmutztes Schnapsglas.
    »Magst a Stamperl?«
    Der Ruepp nickte zustimmend.
    »I hätt heut beim Schnacken helfa soll'n, Ruab'n aussa toa, aba mir is gar it
recht extra g'wen, da bin i dahoam blieb'n und kurier mi a weng aus. Bei dem
Reg'n am Deanstag muass i mi vakält hamm, aba jetzt is ja wieda dös allerschönste
Weda. Is schier gar schad, dass ma da herin hockt, aba morg'n is aa no Zeit. De
Ruab'n bringa ma leicht hoam ...«
    »Ja ... ja ...«
    Der Langgörgl schwätzte gleichgültiges Zeug, und der Ruepp hörte kaum, was
er sagte.
    Er stürzte hastig ein paar Gläser Branntwein hinunter und stierte vor sich
hin.
    Von der Strasse klang hie und da lustiges Peitschenknallen herein, und die
Sonnenstrahlen liessen sich durch die schmutzigen Fensterscheiben nicht
aufhalten, als wollten sie den Bauern herauslocken aus der Stube.
    Wie kam er da herein? Wenn ihm einer vor Jahr und Tag gesagt hätte, dass er
am hellen Werktag mit dem übel berufenen Menschen zusammenhocken und Schnaps
saufen würde, er hätte es nicht geglaubt.
    Und jetzt war er beinahe froh, bei ihm Ruhe vor seinen Gedanken und Sorgen
zu finden.
    »Trink ma no oans, Ruepp, weil's scho gleich is. Oha, jetz is d' Flaschen
laar. Hansgirgl!«
    Er schrie noch ein paarmal, da kam sein mürrisch dreinschauendes Weib zur
Türe herein.
    »Was willst d' an Buab'n?«
    »An Schnaps soll er hol'n.«
    »Es is koa Geld im Haus ...«
    »Was? Herrgottsaggerament! Da geht er halt ohne Geld zum Kramer aufi.«
    »Der gibt eahm nix ...«
    »I schlag dir 's Kreuz o, du ...«
    »Lass guat sei!« sagte der Ruepp und legte ein Zweimarkstück auf den Tisch,
das der Langgörgl an sich nahm.
    »Also da! Jetzt schickst an Buam eina, aba g'schwind, sag i ...«
    Die Frau warf einen verächtlichen Blick auf die zwei Männer und ging.
    Bald darauf humpelte ein zwölfjähriger Bub herein, der trotz seines
verkrüppelten rechten Fusses flink genug war. Er nahm Geld und Flasche mit einem
frechen Grinsen und kam nach kurzer Zeit wieder zurück.
    »Hast d' nix aussakriagt?« fragte der Vater grob.
    »Na ...«
    »Was? I beutel di do scho glei, dass dir Hör'n und Sehg'n vageht. Kost' d'
Flaschen it mehra wia'r a Mark!«
    »Da Krama hat g'sagt, dös g'halt er z'ruck für dös ander ...«
    »'s Mäu halt! Und mach, dass d' aussikimmst! Und an Krama zoag i's scho, ob
mir der a Geld z'ruckhalt'n ko ...«
    Der Bub humpelte gleichmütig hinaus und schnitt unter der Türe eine Fratze.
    »So ausg'schamte Leut als wia z' Weidach muass 's net glei wieda geb'n,«
schimpfte der Langgörgl. »Weil ma'r amal Unglück g'habt hat, treten s' auf oan
umanand. Mir is ja ganz wurscht, aba dir sag i's, weil du a richtiga Mensch
bist, der wo oan vasteht.«
    Und er erzählte dem Ruepp, der ihn zuweilen mit gläsernen Augen anglotzte,
die Geschichte, wie er, der Schaffler von Kemaden, ein Ehrenmann auf und auf,
durch die Hinterlist der Menschen und durch die eigene Gutmütigkeit von seinem
Sach gekommen war.
    »Ja, mei Liaba, so hamm s' as mir g'macht, und jetzt gab mir so a Haderlump
net amal aufs Geld aussa, und a jeda möcht mi veracht'n. Aba du bischt anderst
g'sinnt, und desweg'n steh i aa auf deiner Seiten, und derfst ma's scho glaab'n,
i helf zu dir, bal aa de andern sagen, du hätt'st von an alt'n Deanstboten's
Geld druckt ...«
    Der Ruepp fuhr auf. »Wer sagt dös?«
    »I sag's net, de andern brachten's a so aussa, aba i steh auf deiner Seiten,
mei Liaba, und da gibt's nix ...«
    »Was scher i mi um dös G'red?«
    »Da hoscht amal recht, um dös bekümmerst di gar nix, und bal's wieda oana zu
mir sagt, dem sell'n zünd ia Liacht auf ...«
    »Hör auf vo dem!«
    »Na, pass auf, lass da sag'n, i loos' da it zua. Was, sag i, an Ruepp möcht's
ös schlecht macha, und a so bringt's as daher, sag i, als wann er an arma
Weibsbild, de wo z'erscht nix g'habt hat, sag i, seine paar Groschen nahm ...«
    »I will nix hör'n davo ...«
    »Pass no auf, i red ja für di. Hab beim Wirt aa für di g'redt, wia der sell
Bazi, den wo i scho von frühers her kenn, wia der g'sagt hat, dass 's beim
G'richt anskemma waar, und dass s' di auf an Schwur hi'treib'n ...«
    »Moanst d' vielleicht, i schwör it?«
    »Freili schwörst, und, lass da sag'n, wia's i dem hi'g'rieb'n hab. Di kennt
ma, sag i, und neamd kennt di so guat, als wia'n i und da Ruepp, sag i, über den
werst du wohl nix behaupten kinna, und, sag i, dös is an Ehrenmann. Der braucht
von so oan, wia du bischt, koan Leumund durchaus net, und du werst'n eahm aa it
nehma kinna. So hab i g'sagt, mei Liaba ... Da trink no oans!«
    »I mag nimma ...«
    »Ah, werst do net auf de Leut aufpassen. De kinnan ja di gar it moana, und
du stellst di ganz oafach hi und schwörst, und bal di oana schlecht redt, da bin
i scho da. Du helfst zu mir, und i helf zu dir ...«
    Der Ruepp schob das Glas zurück und stand auf.
    »I geh jetzt ...«
    »Bleib do no da ...«
    »Na ... Bin i was schuldi?«
    »Geh zua! Hoscht ja du an Schnaps zahlt ...«
    »Ah so ... ja ... hab i an Schnaps zahlt ... hab i ...«
    Er schwankte und konnte sich kaum aufrecht halten.
    Und es war ihm gottesjämmerlich zumut; der Dunst in dem kleinen Zimmer und
der ekelhafte Fuselgeschmack im Munde kamen ihm unerträglich vor.
    Er wankte hinaus, hielt sich an der Türpfoste ein, und draussen drehte sich
alles um ihn.
    Wie er auf der Strasse vorwärts wankte und sich bald an einem Zaune, bald an
einem Wagen, der im Wege stand, einhalten musste, liefen ihm die Buben lachend
und schreiend nach.
    »Ah! Da Ruepp! ...«
    Ein paar Weiber zogen sich scheu zurück, wie er vorbei kam, und traten
wieder unter die Türen, um ihm nachzuschauen.
    »Na, so was! Am helliacht'n Werktag!«
    Ausserhalb des Dorfes setzte er sich auf einen Feldrain und war bald
eingeschlafen.
    So sahen ihn etliche Leute, die von der Arbeit heimgingen.
    Eine Magd wollte ihn aufwecken, aber der Knecht, der neben ihr ging, hielt
sie zurück.
    »Lass den b'suffen Kerl schlaf'n ...«
    »Auf'n Abend zua werd's eahm do z' kalt, bal so Nebel aufsteig'n ...«
    »Ah was! Wann dem so was schadet, waar er scho lang hi ...«
    Er wurde aber doch geweckt.
    Vom Dorf her kam eine Frauensperson, die erschrocken stehen blieb, wie sie
den Schlafenden sah, und die ihn heftig an der Schulter rüttelte.
    »Was is? Wer sagt, dass i ... ah, du bischt es ...«
    Der Ruepp sah in das zornige Gesicht seiner Bäuerin.
    »Wo kimmst denn du her?« fragte er verschlafen und verdrossen.
    »I möcht wissen, wo du g'wen bist. Wia du nach Schnaps stinkst! Schamst di
gar it?«
    »Mir is all's gleich ...«
    »Es scheint si. Da Herr Pfarrer hat aa g'sagt, Sie hamm einen schweren
Stand, Rueppin ...«
    »Da Pfarrer? Bist du beim Pfarrer g'wen?«
    »Ja, mi hat's dahoam nimma g'litt'n, dass d' as woasst ...«
    »Unta da Woch zum Pfarra laffa,« brummte er und richtete sich langsam auf.
    »Du woasst guat, was mi hi'trieb'n hat. Aba jetzt geh zua; is ja a Schand,
wia du da g'hockt bist vor alle Leut. Jetzt woass i, warum der Ecklknecht so dumm
g'lacht hat, wia'r a mir voring begeg'net is.«
    »Was liegt denn da mir dro?«
    »Dir liegt an nix was, dös is leider wahr.«
    Sie ging etliche Schritte voran, und das Herz schwoll ihr so von Erbitterung
an, dass sie ihm am liebsten ins Gesicht geschrien hätte, wie seine
Liederlichkeit alles, aber auch alles, zu Grund gerichtet habe.
    Allein als sie sich umwandte und sah, wie er schwerfällig und müde mit
unsicheren Schritten hinter ihr herwankte, kam sie wieder Mitleid an, und sie
schwieg.
    Er rief ihr halblaut nach.
    »Afra!«
    »Was denn?« - »Laff mir net davo!«
    Sie blieb stehen, und wie er bei ihr war, brach er in Schluchzen aus, und
die Tränen liefen ihm herunter.
    »I bin der gar Neamd mehr ... I bin scho der Allerschlechtest ...«
    »Hör do auf, mitten am Weg!«
    »D' Leut wissen's eh scho. Sie sagen's im Wirtshaus und red'n dahoam davo. I
bin der Allerschlechtest weit umanand ...«
    »Nimmst da's halt anderst für!«
    »Nix helft mir, neamd helft mir. I bin da gar Neamd ...«
    »Geh zua, Michi, dös hat jetzt koan Wert gar it, da auf da Strassen ...«
    Er griff hastig nach ihrer Hand, in die er sich ganz verkrallte.
    »Afra, du muasst mir helfa ...«
    »Dös woasst scho, dass ma dir hilft ...«
    »Na ... na, du hoscht ma's ja abg'schlag'n, aba du muasst as toa, sinst is
all's hi ...«
    Sie blieb stehen und sah sich um, ob niemand in der Nähe sei.
    »Schwör'n ... moanst du?«
    »Es muass sei, Afra ...«
    »Dös werd nia,« sagte sie bestimmt, doch ohne Heftigkeit.
    »Bitt di gar schö ...«
    »Lass guat sei. Wann i wollt, kunnt i net. I fallet um, wann i d' Hand
aufhebat ...«
    »Bitt di gar schö ...«
    »Na, es muass anderst aa geh, Michi, und mei Seligkeit verschwör i net wegen
dem lumpeten Geld ...«
    »Bitt di gar schö ...«
    Er lief neben ihr her, und als sie ihre Hand losriss, hielt er sich an ihrem
Rock fest. Wie ein Schulbub bettelte er.
    »I ko net und i ko amal net,« sagte sie fest.
    Er liess los und blieb wieder etliche Schritte zurück. dabei murmelte er
undeutlich vor sich hin und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab.
    Im Hohlweg wartete sie, bis er herangekommen war.
    »Du legst di jetzt ins Bett, und i mach dir a warme Suppen, und morg'n red'n
mir anderst von dera Sach ...«
    Er antwortete nicht und folgte ihr willenlos und liess sich von ihr in die
Kammer hineinschieben.
    In der Küche sagte die Rueppin zur Leni. »Wir müassen an Vater a Suppen
ausschmalzen; er is it recht beinand.«
    »Ja, beinand! Was dem feit, woass i scho. Stinkt ja da ganz Flötz nach'n
Schnaps.«
    »Jetzt sei it so unguat!«
    »Is ja a Schand! Bei ins werd's allaweil no schöner ...«
    Leni riss die Herdringe zornig auf und machte Feuer; die Mutter half mit, und
wie die Suppe fertig war, trug sie den dampfenden Teller in die Kammer.
    Die Kammer war leer.
    »Wo is denn ...? Leni!«
    »Was?«
    »Da Vata is it da ...«
    »Er werd it weit sei ...«
    Aber die Rueppin war von einer grossen Unruhe befallen, über die sie sich
keine Rechenschaft geben konnte.
    Sie ging in den Hof hinaus und rief. Niemand gab Antwort. Dann kam sie in
die Küche zurück und fuhr die Leni heftig an.
    »So schaug do, wo da Vata is!«
    »Wo soll i denn schaug'n? Er werd scho wieda kemma ...«
    Aber er kam nicht.
    Da lief die Bäuerin in den Stall hinüber.
    »Is denn neamd da? Zenzi! Peta! ...«
    Die Zenzi tauchte auf; sie war gerade beim Melken.
    »Wos geit's?«
    »Is da Bauer net herin g'wen?« - »Na ...«
    »Wo is denn da Michel? Wo san de andern?«
    Die Zenzi schaute verwundert die Bäuerin an, die immer aufgeregter wurde.
    »De wer'n scho da sei ...«
    Im Hof draussen kam der Michel zu ihr.
    »Host du an Vater it g'sehg'n?«
    »An Vater? Na ...warum ...?«
    »Frag it lang und steh it umanand! Suach'n halt!«
    Aber alles Suchen war umsonst.
    Der Ruepp war in Haus und Hof nicht zu erschreien und nicht zu finden.
    Der Kaspar kam später, weil er den einen Gaul zum Beschlagen geführt hatte.
    »Is dir da Vata it begeg'nt? Dass er am End nomal in's Dorf abi is?«
    »Na, mir is neamd begeg'nt. Was tuast denn so narrisch? Der is scho öfta
ausblieb'n ...«
    Michel musste ins Dorf hinunterlaufen und im Wirtshaus nachschauen.
    Er kam unverrichteter Sache zurück.
    Da setzte sich die Rueppin auf einen Küchenschemel und fing zu weinen an.
    »Dös geht it guat aus ...«
    Michel tröstete sie, die andern waren unwirsch, dass sie hatten aufbleiben
müssen.
    Als sie dann ins Bett gingen, blieb die Bäuerin in der Küche; immer wieder
ging sie zur Haustüre hinaus und spähte und horchte. Es rührte sich nichts.
    Als der Tag graute, weckte sie alle.
    »Da Vata is it hoamkemma; es is an Unglück g'schehg'n, i woass g'wiss ...«
    Eine halbe Stunde später klopfte ein Mensch aufgeregt ans Küchenfenster.
    »Jessas!«
    Es war ein Knecht vom Lukas, der in aller Früh durchs Weiherer Holz gefahren
war und den Ruepp gefunden hatte.
    »I möcht's enk liaba it sag'n ...« stotterte er.
    Die Bäuerin schrie auf, die andern drängten sich um den Knecht.
    »Was denn? ...«
    »Ja ...«
    Der Ruepp hatte sich nur ein paar Schritte vom Weg an einer Buche
aufgehängt.
    Es bleibt wenig mehr zu erzählen.
    Kaspar, dem die verstörte Mutter das Anwesen übergab, konnte es mit dem
Gelde, das er sich erheiratete, gerade noch erhalten und kam jahrelang nicht
recht in die Höhe. Der Michel aber nahm Dienst bei einem Bauern in Weichs und
hatte Mühe, sich Anerkennung zu verdienen.
    Man hiess ihn den »lateinischen Knecht« und blieb lange misstrauisch gegen
ihn.
    Er liess sich nicht irre machen und schaffte redlich weiter, doch kam er
nicht in die Höhe und blieb ein Dienstbot sein Leben lang.
    Die Stasi vom Lukas heiratete nach Jahr und Tag den Moosrainer in Aufhausen
und wurde eine rechtschaffene Bäuerin.
 
    