
        
                                  Bruno Wille
                                  Der Glasberg
                     Roman einer Jugend, die hinauf wollte
                                   Erstes Buch
                                 Wolkenstürmer
                             Traum von Glastelfingen
Dass ich noch einmal auf den Pfaden meiner Jugend gehandelt und den Schicksalen
er Tübinger Schulgefährten nachgegangen bin, hat ein Traum veranlasst. Er weckte
mir Heimweh nach einem Schatze, der mir fast unbewusst geworden war. Ich träumte
den Traum an einem Aprilmorgen des Weltkrieges, in meiner Schlafkammer zu
Friedrichshagen am Müggelsee. Von einem Geräusch auf dem Hausflur halb wach
geworden, hörte ich eine Lerche trillern, und dieser Frühlingsherold erinnerte
mich daran, dass ich gestern zu meiner Frau gesagt hatte, es sei Zeit,
Hopfenknospen zu sammeln, die ein würziges Kraut für die Suppe sind. Die
Lerchenmusik lullte mich in neuen Schlaf, und in den anhebenden Traum wob sich
die Vorstellung von Hopfen: Ich war bei einer Hopfenpflanzung, wie ich sie einst
auf sonnigen Höhen bei Tübingen erlebt hatte.
    Ein Tälchen mit einem Bach, über den ein Steg führt! Der Wegweiser hat die
Aufschrift: Glastelfingen. Und ein beglückendes Staunen ergreift mich:
Glastelfingen? Ist das nicht jenes heimliche Dörfchen, von dem ich als Knabe
geschwärmt? Zwischen Gartengemäuer auf steinerner Steige empor. Rechts und links
gestaffelte Beete, Rebstock bei Rebstock; von vorgewölbter Halde grüssen sonnige
Weinbergshäusle. Dann säuselt ein Wald von Apfelbäumen. Erquickende Rast im
Schatten und selige Schau. Durchs Tal windet sich blinkend der Fluss - der Neckar
ist es, nur dass er etwas holdselig Neues hat, wie überhaupt die ganze
Schwabenlandschaft in Verklärung lächelt. Aus goldigen Weizenfeldern grüsst ein
Dorfkirchlein. Hinter dem Kranze der Waldhügel blaut die Alb mit ihren Schanzen
und burggekrönten Kuppen.
    Umfassender noch möcht' ich schauen - also hinauf ins Hohe, Freie! Je höher
ich komme, desto leichter wird mir, und schliesslich ist es, als ob ich schwebe -
wie eine Taube, stillen Fittichs. Oder als ob die Landschaft vorüberziehe am
ruhig Schauenden. Wie wallendes Gewölk. Selbst der Berg, an dem ich weile, hat
etwas Wolkenhaftes. Nicht aus Erdenstoff besteht er, sondern aus Lichtduft -
blaugrüner und goldiger Dunst, bildet runde Stufen, die sich himmelan häufen.
Und nun sind diese Stufen Musik, ein rätselhaft süsses Gewoge von Klang ...
    Das überirdische Schweben hat aufgehört, wieder bin ich Erdenwanderer.
Kuhglocken läuten, ein Hirt jodelt. Die Halde, über die ich wandle, ist Vorstufe
eines Gebirges, das sich weit und weiter dehnt. Klee mit summenden Bienen - lila
blühendes Mohnfeld - Welschkorn, dessen schwertförmige Blätter rascheln. Dann
abermals gestaffelte Berggärten, wimmelnde Rebstöcke. Südlichen Charakter nimmt
die Landschaft an - geht's hier nach Italien hinab? Weinlauben, strotzend von
Ueppigkeit; aus dem Blätterwerk lugen schwarzblaue Trauben. Feigengebüsch lockt
mit Honigfrüchten, hochwipflige Edelkastanien wiegen sich in lauer Luft und
lassen aus geplatzten Stachelschalen die braunen Kugeln fallen. Rings
riesenhafte Berge. Als silberne Fäden gleiten Schaumbäche zwischen Felsen zu
Tal. Aus dem Dunst der Ferne glimmert's von Gletschern ...
»Ich hör' ein Vöglein pfeifen -
Das pfeift die ganze Nacht,
Und alle Sterne lauschen,
Bis nun der Tag erwacht.
Schliess du dein Herz wohl in das mein' -
Schliess eins ins andre Herz hinein -
Daraus soll blühn ein Blümelein,
Das heisst Vergissnichtmein.«
    So schallt es aus ferner Landschaft, zweistimmig. Wohl ein Liebespaar. Ja,
dort erscheint der Bauernbursch mit seinem Mädel. Trägt grauen Linnenrock zu
roter Weste, Kniehosen, Lederkäppchen. Sie hat über gelben Zöpfen eine
schwäbische Flittertrone - blitzsauber stehen zum schwarzen Samtmieder die
weissen Hemdsärmel. - Diese zwei dünken mich traute Bekannte - es bleibt mir aber
unklar, wer sie sind. »Nun, Kinder?« frage ich, »hier oben soll ja Glastelfingen
sein? Wie weit ist's noch?« - Sie stutzen, lugen einander an, als wüssten sie
nicht zu antworten. Und das Mädel raunt mit verlegenem Lächeln: »Glaschtelfinge?
Uijeh!« Der Bursch lässt die dunkelrote Rose, die er im Munde hält, fallen und
späht unschlüssig nach hinten. Seufzend macht er mit dem Arm eine Bewegung, als
wolle er ausdrücken: »Weit ist's, himmelweit!«
    Nun bin ich mit einemmal auf öder Hochebene. Steinige Schafweide, Bergsumpf,
finsterer Tannenwald, starrende Felsen. Was ragt ganz hinten? Ein kahler
Schroffen, blinkend wie Glas. War's hier, wo der Vorzeit Riesen Berg auf Berg
gewälzt haben, den Himmel zu erstürmen? - In die Schauer der Alpenwildnis mischt
sich etwas heimlich Wonniges. Ein Jauchzen weht, verschollen fast, von oben her
- als sei ein Fest im Dorfe Glastelfingen, das da irgendwo liegen muss. Oder
sind's die Seligen, auf Wolken wandelnd?
    »Glastelfingen,« spricht eine klangvoll tiefe Stimme ... Ich glaube gar, das
ist der Kandidat Hainlin! Ja, wirklich! Ich bin auf seiner Studentenbude - bin
der dreizehnjährige Pennäler, dem er Nachhilfe in lateinischer Grammatik
erteilt. Im Wörterbuche blätternd, belehrt er mich: »Glastelfingen - Himmelsburg
altdeutscher Göttersage, auf halber Höhe des Glasbergs. Bei Dante eine Vorstufe
des Paradieses - Monte Cristallo.« ... ...
                                       *
    In diesem Augenblick war's, dass ich erwachte und - mich in meiner
Schlafkammer zu Friedrichshagen befand. In hoher Morgenluft trillert die Lerche,
mir im Ohr klingen noch Hainlins Worte: »Glastelfingen ... Monte Cristallo.«
    Die Gestalt des Kandidaten macht einen früheren Zug des Traumes
verständlich: der Bauernbursch und das Mädel haben Aehnlichkeit mit Hainlin und
seiner stillen Braut Rosel. Dass mir der Kandidat Hainlin in ländlicher Tracht
erschien, hat sich aus der Erinnerung hervorgesponnen, er habe, um Rosel
heiraten zu können, Gärtner werden wollen. Dazu passt die Weise: »Schliess du dein
Herz wohl in das mein', schliess eins ins andre Herz hinein - daraus soll blühn
ein Blümelein ...«
    Zärtliches Vergissnichtmein! Plötzlich in einem Herzenswinkel hab' ich dich
entdeckt. Und staune nun darüber, dass die Lichtgestalten meiner Knabenzeit, die
mir scheinbar aus dem Sinn gekommen waren, noch frisches Leben haben. Als hätten
sie sich geflüchtet in ein verborgenes Wunderland, wo keine Zeit schaden kann.
Heimat ewiger Jugend, wo bist du? Meint dich die Träumerei von Glastelfingen?
Findet man den Zugang zum heimlichen Märchendorf im Gemüte? Ist es das verklärte
Leben der Erinnerung?
    Anders als dort im geschützten Bereich geht's aussen her, in der Welt, die
man Wirklichkeit nennt. Hier verblühen die Blumen, hier bleicht das Laub, hier
wütet das Stürmen der Zeit. Das Liebespaar, wie's mir im Traum erschien, gibt es
nicht mehr in der Aussenwelt. Während der zweiundvierzig Jahre, die ich von
Tübingen fort bin, haben Hainlin und Rosel graue Haare bekommen und Runzeln.
Wenn sie überhaupt noch atmen. Hainlin wird längst tot sein. Hätte er noch ein
paar Jahrzehnte das Leben behalten, eine Spur von ihm wäre mir begegnet. In
einer Zeitung, einem Buche. Trug ich mich doch einst mit der Hoffnung, es werde
am deutschen Geisteshimmel ein Stern auftauchen, Dichter oder Philosoph, Hainlin
geheissen. Weil mir dieser Name in keinem Literaturblatt begegnet ist, weil ich
mir aber nicht denken kann, dass aus diesem Feuerkopf ein Durchschnittsmensch
geworden ist, so muss ihn der Strudel einer Welt verschlungen haben, die ja nie
das Element für Träumer war.
    Rosel könnte noch am Leben sein. Vielleicht haust sie in Tübingen oder
sonstwo im Ländle, als Witwe Hainlin oder als alte Jungfer ... Jedenfalls wäre
sie jetzt Greisin. Seltsamer Gedanke: das frische Mädel mit den blanken Augen -
das in mir so lieblich blüht wie der Traum von Glastelfingen - jetzt sitzt sie
vielleicht welk und weisshaarig im Stuhle, beim Kriegskaffee - schaut wehmütig
auf Hainlins Wandbild, während in der alten Kastenuhr der Perpendikel langsam
tickt und tackt:
»Net lang, so geht dir's Lichtle aus,
Ond steht bei Uehrle still im Haus.
Jetzt, Menschekind: waas soll dees Ganz?
Oh, glaub: die Welt ischt Gaukeltanz,
Ischt bunter Traum, e Schattespiel ...
Du Närrle, gelt? Trau net so viel!«
    Wenn das nun wahr ist, wenn alles Leben Traum bedeutet, haben wir dann Grund
zur Klage? Ich glaube kaum! War die Wirklichkeit schlimm, so ist es ein Trost,
dass wir eben bloss geträumt haben. War die Wirklichkeit aber etwas Holdes, so
blüht das Holde als Blümlein Vergissnichtmein, in Glastelfingen, wo der
Jungbrunnen taut.
    Viele Leute freilich, allzu viele, haben kein Verständnis fürs heimliche
Dörfchen. Von der Aussenwelt sind sie befangen, von dem, was die fünf Sinne
erfassen als Stoff und Genuss. Dort seh' ich ein Beispiel: meinen alten
Stiefelknecht neben dem Waschtisch. Er ist zwar ein geringes Möbel, hat aber
nach verbreiteter Ansicht viel voraus vor Glastelfingen. Denn er ist greifbar,
während das heimliche Dörfchen bloss Traum ist. Wenn jetzt ein Hausierer bei mir
anklopfte, Lumpen und dergleichen einzuschachern, der gäbe was für meinen
Stiefelknecht, aber aus Glastelfingen machte er sich nichts. Auslachen würden
mich die Leute, wenn ich ihnen vorschwärmte, Glastelfingen sei mein heimlicher
Garten Eden. Würden mich einen überkandidelten Schwärmer schimpfen. Und wenn ich
eigensinnig an meinem Traume festielte, wohl gar auf die Wanderschaft ginge, um
Glastelfingens Urbild im Schwabenland aufzuspüren - was gilt die Wette? Ein
Landjäger würde mich in Numero Sicher schaffen, und ein Arzt, nachdem er mich
beklopft, würde meinen Geisteszustand folgendermassen beurteilen: »Hier, lieber
Mann, ist die Landkarte von Württemberg - nun zeigen Sie mir mal Ihr
Glastelfingen! Ihr Land, wo Milch und Honig fleusst. In welchem Oberamtsbezirk
liegt es denn, he? Gelt, da werden Sie unsicher! Geben Sie lieber ohne
Umschweife zu: solch Dörfle gibt's bei uns überhaupt net! Deescht bloss Schaum in
Ihrem gärende Hirn - fixe Idee nennt's der Psychiater. Drum rat ich Ihne, guter
Mann, halte Se den Mund, dass er net wieder von Glaschtelfinge babble tut -
sonscht lauft die Sach übel aus. Dergleiche Schwärmer steckt mr bei ons eifach
ins Narrehäusle - net wahr? Also gut! I han Sie gewarnt. Für diesmal wolle mr
Sie laufe lasse - Sie scheine ja im übrigen e harmloser Wicht zu sein.«
    Donnerwetter, ja! Fatale Geschichten können einem widerfahren, wenn man
übers Wirkliche und Wahre anders denkt als Gevatter Gerber und Färber. - Aber so
ist die Welt! Dem Hausierer, der für meinen Stiefelknecht ein paar schmutzige
Groschen zahlt, ihm traut man gesunden Menschenverstand zu. Es hauste hingegen
mal jemand in Tübingen, den ein Genius beseelte - Hölderlin nennt ihn die
Geschichte. Und dieser Schwab gewordene Apoll wurde als Idiot in den Turm am
Neckar gesperrt, weil sein Glaube an ein Glastelfingen, ein griechisches, ihn
derart enttäuscht hatte, dass die zarten Saiten seines Herzens zersprangen.
Diotima und des Menschentums adlige Schönheit bedeutete ihm wahres Sein - übers
Winkelgetriebe des Krämergelichters wollte er durchaus hinwegsehen. Noch seine
heisere Harfe hallte rührend, indessen um die verwitterte Stadtmauer nasskalter
Herbst schnob und auf dem Turm die Wetterfahne kreischte.
    Hölderlintraum! Heimweh nach dem ewigen Glastelfingen! Geglommen hast du
schon hinter den Stirnen jener Weisheitsjünger, die in atenischen Säulengängen
wandelten. Wahrheit ist nicht zu verwechseln mit äusserer Wirklichkeit. Willst du
das Wesen schauen, so verliere dich nicht an die Erscheinung! Wie ein Bergmann
tief nach Edelmetall schürft, suche du Gehalt der eigenen Persönlichkeit! Es
stimmt zwar, dass man die Aussenwelt nicht übersehen, dass man Boden unter den
Füssen haben soll, um Reben pflanzen zu können. Doch was du geerntet, was du vom
Wurzelbereich losgelöst und in höheres Leben umgewandelt hast, erst das hat
Wert. Man keltert die Trauben; und ist der Saft im Keller gereift, so hat man
des Erdbodens heimliche Feuerseele, hat flüssiges Gold, eine Essenz aller
Blumendüfte, den Göttertrank der Begeisterung.
    Wohlan, Traubenblut meines Lebens, äterisch gewordene Wirklichkeit von
ehedem! Du bist's, wonach ich mich sehne, bist mein Dörfchen am Monte Cristallo.
Als blumigen Wein lass dich schlürfen aus einem Edelbecher! In einer
altväterischen Weinstube soll es sein, zu Tübingen, wenn ich ausraste vom Gang
über sonnige Berge. - Vielleicht, dass da silberhell ein Stimmchen lacht. Mein
Gott, frisch Mädel, bist du noch da, meine Jugend? - »Ha freili! Ond du? Wo
bischt so lang gwä? Ond waas soll der Graubart da? Weg mit der Maskerad, domms
Büble!«
 
                      Wie zuerst vom Glasberg die Rede war
Im Silber des Mondes schimmerte die Sommernacht, als ein dreizehnjähriger Knabe
ins Neckarstädtle einfuhr, das ihm neue Heimat sein sollte. An der Eltern Seite
sass er, im Gastofwagen, der die Gäste vom Bahnhof abholte. Hatte ich mich beim
Lesen des Robinson-Buches gesehnt, auch mal als Schiffbrüchiger auf eine
unbekannte Insel zu gelangen, so kam ich mir jetzt wie eine Art Robinson vor.
Mich durchbebte die Lust am Abenteuer; in den Mut der Jugend mischte sich
freilich auch etwas vom Zagen, das meine Eltern bedrückte. Durch des Vaters
drohende Erblindung und bereits erfolgte Verabschiedung aus dem Amte war die
Familie gewissermassen schiffbrüchig geworden.
    Es durchschauerte mich romantisch, als wir über die Neckarbrücke fuhren und
der Blick durchs Wagenfenster auf ein nachtumwobenes Stadtbild fiel. Längs des
glimmernden Flusses in dunkler Zeile altertümliche Häuser; an Fensterscheiben
blinkernd der Mond. Schwarze Laubmassen am anderen Ufer. Ueber die Dächer lugt
ein stumpf zugespjetzter Kirchturm. Vom Berge trotzt die Burg Hohen-Tübingen. Wie
ein Raunen dunkler Zukunft das Rauschen des Baches, der aus dem Schacht einer
Mühle in den Neckar stürzt. Meine Eltern in düstere Schweigsamkeit versunken. -
Wie der Wagen beim plätschernden Marktbrunnen hält und der Lammwirt die neuen
Gäste willkommen heisst, wünschen wir uns gleich zu Bett.
                                       *
    Pferdegetrappel und Peitschenknall. Die Sonne scheint zum Fenster herein,
und mir kommt zum Bewusstsein: In einem Gastaus hab' ich geschlafen. Im
Nebenzimmer, dessen Tür offensteht, sind die Eltern. Noch müde, leg' ich mich
aufs andere Ohr. Doch auf der Strasse ist's zu lebhaft, Wagen rollen, eine Kuh
brüllt, Stimmengewirr, Weibergetratsch.
    »Gemüsemarkt,« hör' ich im Nebenzimmer meinen Vater sagen. »Ich will zur
Zeitungsexpedition - vielleicht sind noch Wohnungsangebote eingelaufen. Bleib'
du nur ruhig liegen.« - »Ruhig?« erwidert meine Mutter kläglich. »Kann ich unter
diesen Verhältnissen ruhig sein? Die halbe Nacht hab' ich mich gebangt! Nun sind
wir in der Fremde und wissen nicht ...« Sie bricht in Weinen aus. Ich höre, wie
mein Vater aufsteht und die Verbindungstür schliesst. Schwer ist mir das Herz.
Frisch und froh hatte ich ins neue Leben geblickt - nun war da wieder die graue
Sorge - als ob dies Gespenst die Familie Wille mit besonderer Tücke verfolge.
    Als ich noch klein war, hatte die Kette des Missgeschickes begonnen. Von
seiner Kanzlei war mein Vater in einer Droschke nach Hause gekommen und gleich
zu Bett gegangen. Von der Darmverschlingung, die ihm ein Fehltritt auf der
Aktenleiter beigebracht, wurde er zwar gerettet; aber dann erkrankten die Augen.
Um wenigstens das eine zu retten, wurde das andere herausgenommen. Mein Vater
musste seinem Beamtenberufe entsagen und wurde mit einem kargen Ruhegehalt
verabschiedet.
    Meiner Mutter fiel es nicht leicht, solchem Schicksal mit Fassung zu
begegnen. Enttäuschungen, die ihr schon in ihrem Elternhause nicht erspart
geblieben waren, hatten ihr eine Bitterkeit beigebracht, die nun überhandnahm.
Ihr Vater, ein Major, hatte das Vermögen durch noble Passionen, Spiel und
Bürgschaft zerrüttet. Als er plötzlich starb, blieb der Witwe mit acht Kindern
nur die schmale Pension und geringes Vermögen. Diese Verarmung der Familie war's
gewesen, was einen jungen Rittergutsbesitzer veranlasst hatte, seine Bewerbung um
meine Mutter zurückzuziehen. Sie hatte sich dann zur schlicht bürgerlichen Ehe
mit meinem Vater bequemt. Aber den früheren Freier konnte sie nicht vergessen.
Wenigstens kam es mir so vor, seit ich zufällig ein Gespräch der Eltern
mitangehört hatte. Seitdem bildete ich mir ein, mitschuldig zu sein an der
Unzufriedenheit der Mutter. Hätte sie damals den Junker geheiratet, so hätte sie
- faselte ich - ein andres Kind bekommen als mich. Es war also eine gewisse
Rücksichtslosigkeit von mir, zur Welt zu kommen.
    Aber nun war ich einmal da. Und hatte schon wieder eine peinliche
Auseinandersetzung zwischen den Eltern belauschen müssen. Ich atmete auf, als
jetzt die begütigende Art meines Vaters die Oberhand gewann. »Es wird schon
gehen,« tröstete er, »man soll die Dinge nicht trüber sehen, als sie sind.« -
Aber die Mutter klagte: »Brunos Schule macht mir Sorge; sie sollen hier im
Latein weiter sein.« - »Ach was!« ermunterte mein Mater. »Er muss die Nase in die
Grammatik stecken und seine Allotria lassen!« - »Das tut er eben nicht!« - »Na
ja, er ist eben noch Kind! Auch bei mir hat sich ernsteres Streben erst nach der
Konfirmation eingestellt. An Max haben sich die paar Jahre, die er vor Bruno
voraus hat, auffällig bewährt.«
    »Ja, Max hat Verstand - aber Bruno bleibt ein Träumer.« - »Also tröste dich
mit Max! Du wirst sehen, keine drei Jahre, und er kommt nach Tübingen als Bruder
Studio.« - »Medizin muss Max studieren,« sagte die Mutter. »Ich denke mir ihn als
Arzt. Nur nicht in einem Bauerndorfe! Für die Grossstadt bin ich!«
    »Dafür mag Bruno das Landleben wählen,« meinte der Vater, »Bruno schwärmt ja
fürs Idyllische. Ich sehe ihn schon als Landpastor bei seinen Rosen und Bienen.«
- »Pastor? Dazu kann er's allenfalls bringen. Du hättest hören sollen, wie er
vor dem Küchenpersonal den Pastor gespielt hat. Deinen schwarzen Filzhut auf dem
Kopfe, Krempe nach oben, das war sein Pastorbarett. Die Bäffchen aus Papier
geschnitten. Sein Talar dein schwarzer Mantel; die langen Aermel schlappten,
wenn er Gebärden machte und, das Gesangbuch an die Brust gedrückt, salbaderte:
Geliebte in Christoph Kolumbus! Klein ist die Haselnuss. Grösser schon die Walnuss.
Erstaunlich gross die Kokosnuss. Aber die allerdickste Nuss in diesem Jammertal,
das ist die Venus! Amen! - Die Dienstmädchen haben gejuchzt. Venus, was ist denn
das? fragt eine; und der Bengel antwortet: Eine Nuss, die wehtut - das Weib ist
bitter.« - »Ho ho!« lachte mein Vater. »Für solche Faxen hat der Bengel Sinn -
aber Latein ist seine Liebe nicht. Hat erst neulich wieder ut mit dem Indikativ
geschrieben.« - »Ja, sorge bloss dafür, dass er nicht so viel Indianergeschichten
schmökert. Neulich hat er auch noch das Dichten angefangen.«
    »Stimmt, der Bengel reimt! In seiner Grammatik fand ich einen Zettel: Der
Glasberg, ein Heldengedicht. Und dann ging's los: O märchenhafte Ferne, ins
Blaue zög' ich gerne! Ueber solche Reimerei war das Epos nicht hinausgekommen.
Aber eine Zeichnung dazu gekritzelt: Kühn zu Ross sprengt ein Reiter den Glasberg
hinan - stürzt jedoch ab, weil ihm ein Raubvogel nach den Augen hackt.« - »Man
merkt,« sagte die Mutter, »er hat Uhlands Balladen gelesen und möchte nachäffen.
Na, die Reimerei ist wenigstens eine Stilübung.«
    »Die Geschichte vom Glasberg steht in seinem Märchenbuche. Uebrigens keine
üble Idee.« - »Idee? Was für eine Idee?« - Nach sinnendem Schweigen versetzte
mein Vater: »Wie wir gestern abend an Reutlingen vorbeifuhren, kam mir die
Achalm wie der Glasberg vor. Solch ein Gipfel lockt uns alle, es hat jeder seine
heimliche Sehnsucht, auf eine Höhe zu gelangen, die er sich träumt. Meint nicht
sogar unsere Uebersiedelung nach Tübingen gewissermassen den Glasberg?« - Die
Mutter seufzte: »Lieber Gott, ja! Wenn nur die Kinder vorwärts kommen! Das ist
jetzt mein Glasberg.« - »Na, und der wird zu erklimmen sein,« sagte der Vater
sanft, - »ist ja ein bescheidenes Ziel, eigentlich nur ein Hügelchen - obwohl
einem kurzatmigen Manne wie mir beim Klimmen schon etwas die Puste ausgeht. Du
mit den Kindern wirst hinaufkommen. Wirst mal mit Max in der Stadtwohnung
hausen, während sein Wartezimmer von Patienten wimmelt. Oder wenn dir's besser
passt, kannst du auch auf Brunos Glasberg ziehn, in seine ländliche Pfarre. Der
Frau Pastern ein wenig unter die Arme greifen. Bist ja noch jung und rüstig. Ich
werd's nicht erleben. Und wenn auch! So würd' ich das Gärtchen vielleicht nicht
sehen können und die Frau Pastern mit dem Kindchen ... Aber lass gut sein! Die
Welt braucht sich nicht um mich zu drehen ...« - »Und auf solche Ideen bringt
dich das Märchen vom Glasberg? Aber von deiner Lebensphilosophie hat der Junge
keine Ahnung.« - »Wer weiss! Er spürt Glasberg-Sehnsucht. Auf kindliche Art hält
er's mit dem Ritter, der die Prinzessin vom Glasberg holen will. Bei seiner
Reimerei schwebt ihm vielleicht zum ersten Male etwas wie eine Idee vor.«
    Unvergesslichen Eindruck machte dies Gespräch der Eltern auf mich. Und als
der Vater gegangen, als es still im Nebenzimmer geworden war, suchte mein
Grübeln zu erfassen, was er meinte. Wenn meine Mutter zur Köchin gesagt hatte:
»Es fehlt an der Suppe 'ne Idee Salz,« so hatte sie »ein ganz klein wenig«
gemeint. Ich stellte mir daher eine Idee als ein verblasenes Ding vor, so etwas
wie Stäubchen oder Spinnenfädchen. Einen schon mehr vergeistigten Begriff hatte
mir das Lesebuch meines Bruders beigebracht - in einem Aufsatz über Parzival war
von der Idee dieses Heldengedichtes die Rede. Nun hatte der Vater dem
Glasberg-Märchen eine Idee zugesprochen. Ich kam mir vor wie einer, der einen
heimlichen Schatz gefunden hat. Und war jetzt entschlossen, nicht Landpastor zu
werden, sondern ein Dichter, der Ideen hat. Eine Lebensaufgabe, würdiger als die
Grammatikbüffelei. Da ich ein Bild des Parzival-Dichters gesehen hatte, wie er
die Harfe schlägt, so wollte ich mir beim Weihnachtsmann eine Harfe bestellen.
Ich hörte sie schon vom Glasberg raunen und vom kühnen Erlöser der Prinzessin.
 
                             Auf der Wohnungssuche
Vom Schlummer, in den ich zurückverfallen war, weckte mich der Vater, und aus
dem Bette fuhr ich. Lief zum Fenster und sah wimmelnde Menschen, Körbe mit Obst
und Gemüse, umdrängt von kaufenden Bürgerinnen. »Flott!« mahnte der Vater.
»Runter zum Frühstück! Es geht auf die Suche nach einer Wohnung.«
    Unten schlürfte ich hastig den Milchkaffee und biss tapfer in den grossen
gelben Wecken, den mir nebst süsser Rahmbutter die neue Heimat bot.
    Der angenehme Eindruck Tübingens steigerte sich noch, als ich mit den Eltern
auf den Marktplatz trat. Gewühl und Stimmengewirr, ländliche Frauen und Mädchen
mit langen Zöpfen. Sie schnatterten wie Enten. Viele trugen ihren Korb auf dem
Kopfe. Diese süddeutsche Art war uns neu, ich machte auf das kranzförmige
Kopfkissen aufmerksam, auf dem der Korb ruht: »Seht doch das Bauernmädchen! sie
trägt ihn so sicher, braucht gar nicht anzufassen.« Meine Mutter blieb bei
schönen weissen Rettichen stehen, lobte auch Bohnen, Kohlrabi und Zwiebeln. »Was
kosten die Johannisbeeren?« Ihr Norddeutsch wurde von der Bäuerin nicht
verstanden, aber ich konnte aushelfen, weil ich während der Eisenbahnfahrt auf
die schwäbische Mundart gemerkt hatte: »Waas koschte die Träuble?« Nickend
lachte die Bäuerin: »So isch reacht! So tuet mr bei ons schwätze.«
    Mein Vater war in Betrachtung des Ratauses vertieft. Ein mittelalterlicher
Bau mit grossem Dach. Die Kanzel an dem ersten Stockwerk kannte ich bereits aus
den Bildern zu Hauffs »Lichtenstein« und fragte: »Von da hält der Bürgermeister
wohl seine Volksreden? Aber was ist denn oben auf dem Dache? Sieht aus wie ein
Storchnest.« - »Ist auch eins,« sagte der Vater, »heute früh war der Storch
drin, hat mit dem Schnabel geklappert.« - »Wie ulkig! Ein Storch auf dem
Rataus! Vielleicht sitzt er noch drin und hat sich bloss geduckt! Aber sag',
Vater, was bedeutet der steinerne Mann auf dem Brunnen da?« - »Das ist der
Wassergott mit dem Dreizack.« Ich tat noch schnell einen Blick in die Runde, und
die Altertümlichkeit der hochgiebligen Häuser versetzte mich in die Ritterzeit.
»Mir gefällt Tübingen!« erklärte ich.
    Meine Mutter schien anders zu empfinden, als wir nun durch Gassen pilgerten,
die eng waren und winklig. Wie Rippen sahen die braunen Balken der Kalkwände
aus. Die oberen Stockwerke der Bürgerhäuser über die unteren vorgeschoben. Der
spitzige Giebel hat eine Luke, zuweilen auch einen vorspringenden Balken, um
Stroh und Heu zum Dachraum emporzuwinden. Die schweigsame Mutter fragte
plötzlich: »Wohin führst du mich?« Im Notizbuch blätternd, erwiderte der Vater:
»Zur Bachgasse! Ich habe die angebotenen Wohnungen notiert, und da heisst es:
Weingärtner Kübler, Bachgasse, zwei Zimmer, drei Kammern, Küche und Stall -
auffallend billig.« Meine Mutter zog ein saures Gesicht. Bereits in Magdeburg
war sie alten Stadtteilen abgeneigt, und nun waren hier lauter »olle Kabachen«,
wie sie sich ausdrückte. Man sah keinen wohlgekleideten Menschen, nur
Ackerbürger mit unsauberen Stiefeln, verhutzelte Weiblein, Handwerker mit
Schurzfell. Herumlungernde Kinder gafften uns an, und freilich waren wir eine
auffallende Erscheinung. Meine Mutter in modischer Tracht, ihr Kleid war billig,
sah aber wie graue Seide aus, und der Strohhut mit dem Schleier erregte hier
Aufsehen. Mein Vater hager, schwarz gekleidet, blaue Brille, Binde vor dem Auge.
Ich ein hochgeschossener Junge mit himmelblauer Schülermütze.
    Einen Ackerbürger, der vom Karren Klee ablud, fragte mein Vater: »Wie kommt
man zur Bachgasse?« In der rauh schnatternden Mundart des Tübinger Weingärtners
erfolgte die Antwort unter beschreibenden Gebärden: »Graad naus! beim Schneider
Lämmle oms Eck num! Na tut mr sich ebbes links drehe - ond widder ebbes rechts.
E Seitegässle - dees ischt aber net die Bachgass - noi! Erscht kommt die Froschgass
...«
    Meine Mutter, den Mann anstarrend, bekam ihren roten Kopf und ging
übellaunig. Bestürzt folgte ihr mein Vater, während der Mann hinter uns her
rief: »Erscht die Froschgass!« Die aufgeregte Mutter war zwischen einen Karren
und einen Mistaufen geraten und kam über eine Pfütze nicht hinweg. Der Vater
wollte ihr beistehen, wurde aber ungnädig empfangen: »Was mutest du mir zu! Hier
soll ich wohnen?« - »Aber das ist ja noch gar nicht die Bachgasse ... Erst kommt
die Froschgasse.« - »Ach was! Frosch oder Bach! Mistgassen sind das! In die
wilde Walachei bin ich geraten. Hier soll ich finden, was du unsern Glasberg
nennst? Ach lieber Gott!« Sie schluchzte auf, während mein Vater traurig den
Kopf schüttelte.
 
                                  Einschulung
An meine Einschulung, die eine Stunde später erfolgte, knüpfte das Schicksal
bedeutsame Fäden. In der Wilhelmstrasse, wo das Gymnasium gelegen war, gab es
kein Alt-Tübingen mehr, sondern freien, lichten Raum, breite Bürgersteige,
schmucke Häuser. Im Erdgeschoss wohnte der Direktor, wir kamen gerade zur
Sprechstunde. Ein kurzer, rundlicher Herr; schon weisshaarig, mit einer
Samtkappe, rasiert wie ein Pfarrer alten Stils. Freundlich liess er meinen Vater
Platz nehmen und setzte sich ihm gegenüber: »So so! Einen neuen Schüler bringe
Sie mir? Ond woher denn?« Mein Abgangszeugnis wurde ihm gereicht, er prüfte es
in kurzsichtiger Betrachtung, wobei er die Brille auf die Stirn geschoben hatte.
»Aus Magdeburg komme Sie? Ond Kloschter Onser Lieben Frauen heisst die Schul?
Ischt aber doch proteschtantisch, net wahr? Säkularisierter Kirchenbesitz ... I
bin Hischtoriker, gelt? Aber jetzt wolle mer höre, ob onser Schüler imstand
ischt, onserm Onterricht in der sechste Klass z' folge ... So heisst mer bei ons
die Onter-Tertia.«
    Er schlug ein Buch auf und gab mir einen lateinischen Text zum Uebersetzen.
Es haperte, und der Direktor fand heraus, dass mir gewisse Kenntnisse der
Grammatik noch fehlten. »I han mer's denkt. Onser Lateinpensom hat en Vorsprong
vor em preussische. Die Lück muss Ihr Bub gschwind ausfülle, gelt? Gut wär's, Sie
liesse ihm Nachhilfe erteile.« - »Sofort, Herr Direktor! Wenn ich nur jemand
wüsste! Vielleicht könnte ein Student ...?« - Der Direktor nickte:
»Vorausgesetzt, dass Sie an den Rechten kommen. Vielleicht, dass Herr Präzeptor
Bock ... Aber freili ... ha ...« Er wollte nicht mit der Sprache heraus. Als ihn
mein Vater gespannt ansah, fuhr er fort: »'s wär bloss, dass e Student billiger
käm! Soviel i weiss, nimmt der Bock einen Gulde für die Stond! I han's als
Heidelberger Student billiger tan - zwanzik Kreuzer han i kriegt.«
    »Ein Gulden - hm! Das ist allerdings viel für meine Verhältnisse. Ich lebe
von meiner Pension. Möchte also lieber einen Studenten ausfindig machen. Ob ich
im hiesigen Blatt inseriere?« - »Warom net? Uebrigens wüsst i en Studente für
Sie. Nur brauchte Sie net grad den Bock merke z' lasse, dass i's gewese bin, der
Ihne den Kandidaten Hainlin empfohle hat. Der Bock hat e Vorurteil gegen
studentische Nachhilfestonde. Besonders gegen den Kandidaten Hainlin.« - »Heisst
so der Herr, den Sie mir empfehlen?« - »Ja, den Hainlin kann i empfehle - mit
beschtem Gewisse. Wenn's Ihne recht ischt, könnt i ja mit dem Kandidate rede.
Den muss mr vorsichtik behandle. Was der net mag, dees tut er halt net. Aber
vorerscht gilt's ja Ihren Sohn eiz'schule, gelt? I bitt um Geburts-ond
Taufschei!« Als ihm diese Urkunden gereicht waren, begab er sich zum
Schreibtisch, schlug ein Hauptbuch auf und war mit Eintragen beschäftigt. Ich
sah dem langsam tickenden Pendel der grossen Kastenuhr zu, verstohlene Blicke
glitten über Büchergestell und Bilder.
    Der Direktor unterbrach sein Schreiben: »Ha, deescht mir sähr interessant! I
les auf dem Schein da, dass Ihre Frau eine geborene von Kotze ischt. Da regt sich
in mir der Hischtoriker. Ischt sie verwandt mit dem Kotze, der an der hiesigen
Stiftskirch den Grabstei hat?« - »Grabstein? Wir haben die Stiftskirche heute
zum erstenmal gesehen, ganz flüchtig.« - »Ein Junker Jakob Kotze aus
Gross-Germersleben liegt drin begraben.« - »Gross-Germersleben bei Magdeburg? Das
war ein Schlossgut des Kotze-Geschlechts, wie der Familienstammbaum ausweist.
Darin kann ich ja nachsehen, ob der Junker Jakob erwähnt ist.«-»Maas? e Buch
hänt Sie über die Vorfahre? Derf i dees glegentlich durchblättre? Dees trifft
sich gut! Jetzt wüsst i, wie mr den Kandidate zum Onterricht bestimme könnt. I
will Ihne verrate, dass dr Hainlin, e talentierter Hischtoriker, über die
Grabdenkmäler von Sankt Georgen schreibt. Jetzt, wenn er hört, dass Ihr Sohn
blutsverwandt ischt mit dem Junker Jakob, und wenn er in Ihrem Familienbuch nach
m Junker forsche derf - dees wird den Hainlin begeischtere, so tut er Ihne wohl
den Gfalle ... Ein ausgezeichneter Pädagog! Dem Uli Ritter, der mit saumässigem
Zeugnis vom Stuckrter Gymnasium komme ischt, dem hat er Nachhilf erteilt - mit
beschtem Erfolg. Da fällt mer übrigens ei, i könnt den Hainlin geschwind holen
lasse - gelt?« Und die Klingel zog der Direktor - ein Dienstmädchen erschien:
»Spring, Mädle, nüber zom Pfleghof! Beim Fechtmeischter Wühscht ischt der
Hainlin - en schöne Gruss von mir, ond ob er net geschwind mal komme möcht -
wegen eines Buches, das ihm arg lieb wär ... Diplomatisch muss mr verfahre,«
nickte der Direktor lächelnd, als die Magd gegangen war.
    Das Gespräch kam auf Vaters Augenleiden. Der Direktor bot meinem Vater eine
Prise. Nicht lange, so ging draussen die Flurtür - es trat ein junger Mann
herein, der vom Direktor als Kandidat Hainlin vorgestellt wurde. Eine hohe,
schlanke Gestalt - blonder Christuskopf, träumerische Blauaugen, eingehöhlt
unter einer lichten Stirn. »Es wird Sie interessiere, Herr Kandidat,« - sagte
der Direktor - »dass die Gattin dieses Herrn der Familie des Junkers Kotze von
der Stiftskirch ahnghört. Ond ein Ahnenbuch, das vom ganze Kotze-Geschlecht
handelt, dürfe Sie durchlese - gelt, Herr Wille?« - Mein Vater stimmte
verbindlich zu: »Sobald ich es mit meinem Gepäck erhalten habe, soll's mein
Junge dem Herrn Direktor und Ihnen bringen.« - »Ja, dieser Knabe«, sagte der
Direktor, »ischt soebe von mir ins Gymnasiom aufgnomme, in die sechste Klass.
Ischt aber ebbes rückständik im Latei. Es fehlt net arg viel - fünf bis acht
Nachhilfestonde könnte ihm die paar Regele geläufik mache. Die Sach ischt bloss
die, dass mer niemand wisse, der ... das heisst, empfehle könnt i schon jemanden
... i weiss bloss net, - ob er mag!«
    Hainlin hatte begriffen. Er sah mich prüfend an, ich fühlte, dass ich
errötete. »Wenn's Herr Wille wünscht,« sagte Hainlin bescheiden - »so wär i
bereit, mich des Knaben ahnzunemme. Er könnt glei morge zu mir komme.« Dankend
war mein Vater einverstanden. Ich schrieb mir Hainlins Wohnung auf und die
Schulbücher, die ich brauchte. - »Und wo wohne Sie, Herr Wille?« sagte der
Direktor. »Dees müesst mr doch ins Schülerbuch eitrage.« - »Augenblicklich im
Gastof zum Lamm. Erst gestern abend sind wir hier angelangt. Ich bin auf der
Suche nach einem Heim. Wir sind allerdings sehr darum in Verlegenheit.« -
Hainlin schien zu überlegen. »Eine Wohnung wüsst i schon - aber bloss drei Zimmer
sind's. In Luschtnau - das ist ein Dorf, ein freundliches, nur e halbe Stond
entfernt ...« - »Luschtnau?« fragte der Direktor. »Bei wem wär dees?« - »Beim
Kuttler.« - »Dem Rosen-Kuttler? Dem sein Enzio Schüler in meiner Anstalt ischt?
Dann wär der ja Klassekamerad vom Bruno. Und könnt ihm in dr Grammatik zeige,
wie weit die sechste Klass komme ischt. Also, Herr Wille, 's könnt sich Ihne
verlohne, nach Luschtnau zu spaziere.« - »Ich könnt Sie führen,« meinte Hainlin,
»wenn's Ihne gfällik wär. I möcht ohnehi nach der Richtung.«
    »Also!« ermunterte der Direktor und blinzelte vergnügt meinem Vater zu. Dann
zu Hainlin gewandt: »Wie komme denn Sie an die Bekanntschaft mit dem Kuttler?
Hänt 's die schöne Rösle tan?« Errötend lächelte Hainlin: »Die Rösle net - aber
daas Rösle! Nemmlich Rosel Funk, mei Spielkameradin. Ihr Mutter ischt die
Schulmeischterswitwe von Lauffe an der Eyach. Net weit drvon ischt mei
Heimatsdörfle glege. Seit eme Jährle ischt die Frau Funk wieder verheiratet, ond
zwar mit dem Rose-Kuttler.« - »Ond gelt, Herr Kandidat? Alte Liebe roschtet
net!« schmunzelte der Direktor. Dann nickte er meinem Vater zu und scherzte:
»Dies Kind, kein Engel ist so rein, soll eurer Huld empfohlen sein.« Nun
verabschiedete sich mein Vater - alle waren wir sehr befriedigt von dieser
Einschulung.
 
                                    Lustnau
»Bitte, links!« sagte Hainlin, als wir auf die Strasse kamen. Er ging zwischen
Vater und mir. Ich beobachtete ihn verstohlen. Er war noch grösser als mein
Vater, von einer graden Haltung. Ein edelschöner Mensch. »Wenn's Ihne passt,
gange mr's näckschte Wegle nach Luschtnau - dicht unterm Oehschterberg -
Oesterberg,« verbesserte er seine schwäbische Mundart. - »Sie sind der Führer,«
antwortete mein Vater, und wir bogen von der Wilhelmstrasse ab. Steil erhob sich
über uns eine Bergwiese mit Obstbäumen.
    »Ist der Oesterberg hoch?« fragte ich schüchtern - worauf Hainlin den
Bescheid gab: »Bei Tübingen sind die Berge überhaupt net hoch, und der
Oesterberg ist hier net grad die höckschte Erhebung. Hat aber umfassende
Aussicht. In langer, blauer Kette sieht mr da die Alb - au ebbes vom
Schwarzwald. Du kennscht Des Knaben Berglied, gelt? Ich bin vom Berg der
Hirtenknab, schau auf die Schlösser all herab ... Dees hab d'r Uhland, sagt mr,
auf dem Oehschterberg gmacht.« - »Oh!« staunte ich - »dann muss es wunderschön da
oben sein! Aber wo sind denn hier die Schlösser, auf die man herabschaut?« -
»Ha, Büble!« lächelte Hainlin. »Net grad die Aussicht vom Oehschterberg hat der
Uhland schildre wolle - bloss dass ihn dieser Berg in Stimmung versetzt hat.
Uebrigens sieht mr drobe Schlösser gnug. Da wär vor allem unser Tübinger Schloss,
gelt? Aus der Ferne winkt das Zollernschloss - auch der Neuffen - die Achalm -
auf der andern Seite die Weilerburg und noch andre Ruinen.«
    »Das muss ja grossartig sein,« bemerkte mein Vater. »So recht was für uns!
Naturfreunde sind wir, der Junge schwärmt auch noch für Romantik.« - »Recht so!«
meinte Hainlin. Und meinen Vater teilnehmend von der Seite betrachtend, fügte er
hinzu: »Es ist nur gut, dass Ihr Augenleiden Sie net allzu arg stört!« - »Na ja,
in die Ferne sehe ich leidlich, der Blick ins Grüne tut mir sogar wohl. Nur dass
im Bild ein Flimmern ist, das beunruhigt. Immerhin! Meines einen Auges will ich
mich freuen, solange es noch brauchbar. Wie lieblich ist nun dieses Bild!« Mein
Vater blieb stehen, wie er gern tat, wenn er betrachten wollte. Nach links
deutend, fuhr er in wehmütiger Freude fort: »Oh, diese blumige Wiese - und der
Bach, hindurchgeschlängelt - mit den silbernen Weidenbüschen! Drüben der Baumweg
führt also nach Lustnau? Oh, und dahinter die sonnigen Berghalden! Obstgärten,
Weinberge mit niedlichen Laubenhäuschen. Alles so duftig zart ...«
    Trunkenen Blickes nickte Hainlin: »So zart, als wär's kein Erdenstoff - als
wär's eitel Himmelsglascht!« - »Glas?« fragte ich. - »Du denkst wohl an deinen
Glasberg?« scherzte Vater. - »Nicht Glas,« sagte Hainlin in norddeutscher
Aussprache, »sondern Glast - das bedeutet bei uns Glanz. Ich meine, wie
körperloser Himmelsglanz wirkt dieses Bild.« - »Paradiesisch!« schwärmte mein
Vater. »Recht hat Ihr Uhland, seiner schwäbischen Heimat mit den Worten zu
huldigen: Man sagt, du seist ein Garten, du seist ein Paradies.«
    »Sie brauchten den Ausdruck Glaasberg, Herr Wille - was meinen Sie damit?« -
»Der Junge faselt vom Glasberg. Dichtet ihn sogar an. Kennen Sie nicht die
Sage?« - »Im alten Gedicht Titurel kommt ein Glasberg vor,« erwiderte Hainlin.
»Und irre ich nicht, auch im Märchen von den sieben Raben, das die Brüder Grimm
aus Volksüberlieferungen geschöpft haben. Unsere Urväter meinten, das Firmament
sei aus Glaas. Ein Wipfel der Esche, die nach germanischem Glauben das Weltall
bedeutet, heisst Lichtelfen-Heim - es glastet hoch über der Menschenwelt und hat
eine Götterhalle namens Gladsheim.« - »Sie sind wohl Germanist?« sagte mein
Vater bewundernd. Hainlin lächelte: »Es gibt hier noch Studenten, die auf
Uhlands Pfaden wandeln. Ihr Glaasberg - möcht ich zusammenfassend sagen -
bedeutet das Himmelsgewölb - eine Glast-Elfenburg - auf gut schwäbisch könnt mr
sage: Glaschtelfingen. Sie wissen ja, im Ländle enden die Ortschaftsnamen gern
auf ingen: Tübingen, Reutlingen, Böblingen ...«
    »Glastelfingen!« sagte mein Vater und nickte den sonnigen Berghalden zu.
»Ich möchte die Weinberge erklimmen, nur sind sie mir zu steil - es würde mir
gehn wie den Abenteurern, die den Glasberg hinabrutschen. Aber köstlich müsst' es
sich droben hausen, in solch einem Laubenhäuschen zwischen Reben und
Apfelbäumen.« - »Sind die Häuschen bewohnt?« fragte ich, und Hainlin erwiderte:
»Die Wengertäusle? Dooch net! Das Erdgeschoss dient zum Verwahren von Frucht und
Gerätschaft. Darüber ischt bloss e Stüble, eng wie e Schneckehäusle. I denk
allweil dabei an des Reimle: Waas ischt das im Schnützelputzhäusel? Da pfeifen
ond tanzen die Mäusel.« - Gemütlich lachte mein Vater vor sich hin:
»Schnützelputzhäusel? Der Ausdruck erinnert mich an meine Kindheit. Damals
putzte man die Talglichte mit der Schnützelputzschere, und diese hatte für den
abgeschnützelten Docht eine Art Kasten, ähnlich allerdings einem Haus für
Mäusel.«
    »In solch einem Schnützelputzhäusel«, schwärmte ich, »möcht' ich hausen.« -
»Warom au net? Ond manch e Tübinger Studio hat so denkt. Der Wieland - wisse
Sie, der den Oberon gedichtet hat - er hat in einem Wengertäusle gewohnt - auf
dem Oeschterberg!« - »Schon wieder ein Dichter auf dem Oesterberg!« scherzte
mein Vater. »Das scheint ja der hiesige Musensitz zu sein, der schwäbische
Parnass.« - »Ha freili!« lachte Hainlin. »Und dr Wieland, so geht die Sage, der
hab drobe die Verse gschriebe, mit dene sein Heldenmärle ahnhebt: Noch einmal
sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen - zum Ritt ins alte, romantische Land!«
Ich war in heller Begeisterung. Mein Bruder hatte ein Bild aus einer
»Oberon«-Ausgabe abgezeichnet, das hatte mir Gelegenheit geboten, die Dichtung
durchzupeitschen. Das Flügelross der Musen war auch meine Passion, und mit dem
alten romantischen Land schien mir eigens das Schwabenland gemeint zu sein.
Welch ein Zauberland war das, und was für ein Glück für mich, da hinein versetzt
zu sein! Ueberall Wälder von Obstbäumen, Weinberge, blaue Höhen mit Burgen - man
träumt von Rittern und Märchenhelden, von Dichtern, die im Schnützelputzhäusle
unsterbliche Heldengedichte gereimt haben.
    »Wie heisst der Berg dort links?« fragte ich ehrerbietig. Hainlin wusste es
nicht. »Vielleicht hat er gar keinen Namen!« Mein Vater spähte hin. »Wo die drei
Pappeln stehn, scheint die Spitze zu sein.« - »Dees ischt bloss e Vorsprung,
dahinter geht's noch höher. Dann kommt, hinter Obstgärten versteckt, e winziks
Dörfle, bloss e Weiler - i bi noch net drobe gwä ...« - »Wie heisst es?« - »Ha,
wie mag's gheisse sein? Dees heimlich Neschtle droben im blauen Himmelsglascht?«
- »Sagen wir also Glastelfingen!« scherzte mein Vater, und Hainlin freute sich
über die Verwendung seines spielerischen Einfalls:
    »Wissen Sie, Herr Wille, wie ich mir Glastelfinge vorstelle tu? Aehnlich wie
mei Albdörfle am Lochstei' - bloss dass es in Glastelfingen Traube habe müsst ond
Kaschtanie wie am Südhang der Alpen. Ein Freund von mir ischt in Friaul gwese.
Ha, dort ischt das wahre Glastelfingen. Ein Berg in Friaul soll Dante als Modell
vorgeschwebt haben, um das Paradies zu schildern. In den Südalpen hat's au en
Berg Monte Cristallo, zu deutsch Glaasberg - und da sieht mr, wie innik die
Sinnbilder der Völker zusammenhängen. In den verschiedenen Menschen schlägt halt
im rund einziks Herz.«
    Gedankenvoll nickte mein Vater: »Und darin ist was, das immer ins Weite
schwärmt. Um so feuriger, jemehr es unter der Enge leidet. Zum Glasberg will's
empor, die Prinzessin zu erlösen. Oder wenn's Herz nicht so sehr dem stürmischen
Abenteuer als dem Sanften geneigt ist, seufzt es nach dem Höhendorfe
Glastelfingen, als ob das heimlich seine Heimat wär'! Doch ach, wer weiss, ob
solche Sehnsucht erfüllbar ist, ob nicht vielmehr der Pilger bei Schiller recht
hat: Der Himmel über dir kann die Erde nie berühren, und das Dort ist niemals
hier.«
    »Er hat recht!« meinte Hainlin - »dort, wo du nicht bist, dort ist das
Glück! Aber was folgt draus? Dass mer besser tät, den Himmel net über sich zu
suche.« - »Wo denn aber sonst?« fragte mein Vater, worauf Hainlin zögernd,
schüchtern, wie verschämt antwortete: »Net drausse! Da wird mr alleweil
enttäuscht. Es bleibt nicks übrik, als im eigenen Innern zu suche - wie der
Bergmann nach den Schatz der Tiefe schürft.« In feierlichem Ernst blickte mein
Vater auf den jungen Mann: »Sie sind früh reif! Und es scheint, Sie haben das
bessere Teil erwählt. Ja, schürfen Sie innen! Aber ganz verachten soll man die
Umwelt nicht. Sie kann ja dazu beitragen, dass man den Himmel im eignen Innern
findet. Oder freilich: ihn verfehlt!« In stiller Beschaulichkeit schritten wir
nebeneinander her. Nur dass Hainlin noch die Bemerkung fand: »Am beschte wär's
scho, wenn mr sich ohn abhängik mache könnt von dr Aussenwelt!«
    Mein Vater schwieg und sann - lächelte hierauf wehmütig: »Ich sonderbarer
Schwärmer! Rede da vom heimlich holden Dörfchen, unserer wahren Heimat - und
weiss nicht mal, wo ich mit Frau und Kind morgen das Haupt niederlegen werde. Von
Glastelfingen träumen wir - und haben nicht mal unser bescheidenes Ziel Lustnau
erreicht.« - »Da liegt es!« sagte Hainlin hindeutend. Hinter Wiese, Bach und
Obstgärten ragte ein schmucker Kirchturm inmitten freundlicher Bauerndächer.
Nebst den Weinbergen blickten waldige Höhen hernieder. »Welch reizende Lage!«
bemerkte mein Vater. Als wir den Bachsteg überschritten und durch Wiesen mit
Obstbäumen kamen, kreuzte den Weg ein zweiter Bach, er rauschte ziemlich breit
über steinigen Grund, wo Forellen huschten. »Der Goldersbach,« sagte Hainlin,
und wir gingen übers hölzerne Brücklein.
    Nun waren wir in der Dorfgasse. Enten schnatterten, im Dünger scharrten
Hühner, braune, barfüssige Kinder gafften. Die Häuser waren leidlich sauber, wenn
auch Mistaufen davor nicht fehlten. An einer breiten Gasse lagen ein paar
Häuschen, die nichts Bäurisches hatten. Das eine, von einem Rebstock
umschlungen, entielt einen Kramladen mit der Aufschrift: Josua Kuttler. »Dass
hier der Rosen-Kuttler wohnt,« bemerkte mein Vater, »erkennt man sofort an den
Rosen im Garten. Welche Pracht!«
    Aus dem Garten kam ein junges Mädchen; es stutzte bei unserm Anblick,
blickte zärtlich auf Hainlin und sagte errötend: »Mei Jörgle!« Freudestrahlend
ergriff er ihre Hand: »Grüss di Gott, Rosel! Was treibscht? Ischt dei Stiefvatter
daheim? Net? Dr Herr da möcht ...« Indem trat aus der Ladentür, die unter
Anschlag einer Klingel aufging, ein andres Mädchen. Sie hatte glühend schwarze
Augen und konnte für hübsch gelten. »Deescht aber nett, Herr Kandidat! Ond waas
verschafft mir die Freid?« Hainlin stellte meinen Vater vor und bezeichnete das
Mädchen als Fräulein Kuttler. »Der Herr möcht die Wohnung ahnschaue, wo bei Ihne
zu vermiete ischt - net wahr?« - »Zu vermiete hänt mr scho!« erwiderte Fräulein
Kuttler. »Wenn's gfällik wär, ganget mr nauf! Durchs Lädle da!« Als Hainlin mit
Rosel zur Seite trat, fügte sie etwas spitz hinzu: »Ond Herr Hainlin? Wolle denn
Sie net mitkomme?« - »I möcht derweil mit dr Rosel rede.«
    Wir traten in den Laden - hier gab es Waren, wie sie ein Dorfkrämer feil
hat: Kleiderstoffe, Werkzeuge, Zucker, Briefpapier; es roch nach Essig, Tabak
und Seife. Von da ging es in einen schmalen Flur und die Treppe hinauf zum
Oberstock. Die leerstehende Wohnung war klein, doch zur Not ausreichend. Uns
fesselte besonders der Blick in den Rosengarten und über Obstbäume hinaus auf
gelbes Korn und grünes Hügelland. Der Mietspreis war billig, und so erklärte
mein Vater, er werde voraussichtlich am Nachmittag mieten - nur müsse seine Frau
die Wohnung erst besehn.
    Im Garten wandelte Hainlin mit Fräulein Rosel zwischen Gemüsebeeten. Mit
Vergnügen hörte er, dass uns die Wohnung zusage. Dann bat er meinen Vater, sich
gleich beurlauben zu dürfen. Er wolle im Gastof einen Imbiss nehmen, dann nach
Einsiedel spazieren, wo sein Onkel wohne. Wir begaben uns zur Gartenpforte, und
hinter den beiden Mädchen hergehend bemerkte ich, wie die Schwarzäugige
ärgerlich der Blonden etwas zuraunte. Mein Vater dankte Herrn Hainlin, und wir
verabschiedeten uns. Diesmal wollten wir den andern Weg nach Tübingen gehen, die
breitwipflige Allee. In der Mittagsonne tat es wohl, von den Kastanien- und
Ahornbäumen beschattet zu sein. Uns begegneten Fuhrwerke und Fussgänger, vom
Tübinger Markte heimkehrend. Den Korb auf dem Kopfe, schritten Landmädchen und
ältere Frauen wacker daher. Keine unterliess »Grüss Gott« zu sagen, und jedesmal
erwiderten wir diese Höflichkeit, als ob wir uns schwäbisches Wesen rasch
zueigen machen wollten. »Grüss Gott - das klingt so treuherzig,« sagte ich und
blickte schwärmerisch zur Glastelfinger Höhe hinauf - dort war ja mein
Wunderland.
 
                                  Jakobskindle
Als wir mittags im »Lamm« eintrafen, empfing uns meine Mutter mit der Nachricht,
unser Hausgerät sei auf dem Tübinger Bahnhof eingetroffen. Vollends atmete sie
auf, als Vater über die Erfolge des Vormittags berichtete. Meine Mutter war fast
ohne weiteres entschlossen, die Lustnauer Wohnung zu mieten. Ich sollte sie nach
dem Essen hinführen, während Vater die Besorgungen auf dem Güterbahnhof zu
verrichten hatte. In guter Stimmung setzten wir uns zu Tische. Die Kellnerin
hatte in der gemütlichen Gaststube gedeckt. Zu lebhaft war's nebenan im
Speisesaal; an langer Tafel schwadronierten da Studenten, die grünseidne Mützen
hatten. Tafelgerät klapperte, man witzelte und lachte, und immer von neuem
erscholl es: »Prosit!« »Gestatte mir!« »Ich komme nach.« - »Frankonen nennt der
Wirt diese Studenten,« bemerkte die Mutter, »es muss eine wohlhabende Verbindung
sein.« Und der Vater meinte: »Ja, diese Jugend lässt Gott einen guten Mann sein
und fragt: Was kostet die Welt?«
    Es war noch heiss, als die Mutter mit mir nach Lustnau wandelte. Die
schmucken Häuser der Wilhelmstrasse und die Universitätsgebäude beschwichtigten
einigermassen ihre Abneigung gegen Tübingen. Auch die schattige Allee gefiel ihr,
aber den landschaftlichen Reizen, auf die ich hinwies, widmete sie nur
flüchtiges Hinblicken. Ein schiefes Gesicht zog sie, als vor den Lustnauer
Bauernhäusern die Mistaufen erschienen. »Ach du lieber Gott! Der Geruch! Und
die Fliegen!« Beruhigt wurde sie, als Kuttlers Häuschen mit dem Rosengarten
erschien und dann die Wohnung einen leidlichen Eindruck machte. Fräulein Kuttler
benahm sich gefällig, führte uns in die Laube und gab der Mutter Auskunft über
Angelegenheiten des Haushalts.
    Nicht lange, so erschien mein Vater. Einigermassen erschöpft, jedoch in guter
Stimmung. Der Möbelwagen, so berichtete er, werde in einer Stunde eintreffen,
das Mobiliar habe er auf dem Güterbahnhof gesehen, es sei heil geblieben.
    Jetzt lernten wir Frau Kuttler kennen. Eine angenehme, blonde Frau. Hainlins
Jugendfreundin Rosel brachte Brotschnitten und einen Steinkrug mit Gläsern. Als
sie die Platte auf den Laubentisch gesetzt hatte, machte sie einen schüchternen
Knicks, und Frau Kuttler stellte vor: »Deescht also Rosel Funk, die Tochter von
meim erschte Ma, Gott hab ihn sälik! Jetzt aber müsse die Herrschafte ebbes
veschpere! Onsern Moscht versuche - ond's Luschtnauer Baurebrot, gelt?« Rosel
füllte die Gläser und bot an. Ihre Stimme hatte einen weichen, tiefen Klang,
hold war der warme Ausdruck der goldig-braunen Augen. Apfelmost hatten wir noch
nie getrunken. Den Vater erfrischte das Getränk, ich fand es sauer, doch in
Verbindung mit dem trocknen nüchternen Brote schmackhaft; übrigens kam ich allem
Schwäbisschen willig entgegen.
    Peitschenknall und Hühruf. Ich eilte durch den Garten zur Strasse. Vor dem
Hause stand der Möbelwagen, und ich erkannte die alten Heimgenossen: den grossen
Kleiderschrank, den Mahagonitisch, das Sofa, dessen Seidenbezug unter einer
Linnenhülle hervorlugte. Meiner Mutter fiel ein Stein vom Herzen, als sich die
Sachen unbeschädigt erwiesen. Beim Abladen half ich mit Feuereifer. Aber als
mich die Mutter mit einem Spiegel auf der steilen Treppe sah, untersagte sie mir
solche Betätigung.
    Ich ging wieder zur Laube und fand einen Knaben mit dem übriggebliebenen
Most beschäftigt. Da er Fräulein Kuttler ähnlich sah, fragte ich: »Ist Herr
Kuttler dein Vater?« Er nickte, wir streiften einander mit Blicken. Er war in
meinem Alter, klein und zierlich, ein Krauskopf, mit einem Zug von Wildheit im
hübschen Gesichte. »Du gehst auch ins Gymnasium?« fragte ich. - »Freili! In die
fünfte Klass.« - »Famos! Dann gehen wir zusammen.«
    »Wie heisst du mit Vornamen?« fragte ich weiter. - »Enzio!« Ich musterte ihn
von neuem: »Das klingt romantisch! Hiess nicht wer im Mittelalter so?« - Er
suchte seine Gestalt zu recken: »Könik Enzio, der Hohenstaufe. In der Alb drüben
ischt die Stammburg. Die Staufe sind die beschte Kaiser gwä. Aber dem Enzio hänt
die Italiener den Kopf abgschlage, die Ssaukerle miserable! Mei Mueter sälik hat
e Gedichtle gwusst: Könik Enzios Tod - das fangt ahn: O Könik, schöner Könik mit
deinem goldnen Haar. Drum hat sie mi Enzio gheisse.« - »Du hast aber dunkles
Haar.« - »Von meim Vatter! Mei Mueter ischt blond gwä - ond i han als
Milchkindle goldige Häärle ghätt. Zu de Germane ghöre mir Schwabe. Drum, wenn i
Student bin, geh i zu dene Schwabe! Suevia sei's Panier! Schwarz-weiss-rot -
kneipe tun's beim Müller.« - »Was willst du studieren?« - Er stutzte und schien
unsicher, antwortete aber stolz: »Staatskarriär!«
    Unvermittelt kam nun sein Vorschlag: »Ganget mer fechte!« - »Fechten?«
fragte ich verdutzt, hielt es aber für angebracht, selbstbewusst fortzufahren:
»Natürlich! Fechten wir!« Er eilte ins Haus und brachte ein paar Ledermappen,
wie sie Studenten für ihre Hefte haben. Wir begaben uns nach einem entlegenen
Teil des Gartens. Den Rasen beschatteten breitwipflige Apfelbäume. Dran hingen
Aepfel, dass die Aeste mit Stangen gestützt werden mussten. Ein Schuppen war da,
für leere Kisten und Tonnen. »Deescht onser Paukbode! Da hoscht dei Schlägerle!«
Er gab mir eine der Mappen in Form einer Rolle. Die andere Rolle nahm er wie
einen Säbel in die Faust, hob den Arm zur Fechtstellung und tat etliche
Luftiebe.
    »Erst musst du mir zeigen, wie ihr in Tübingen fechtet,« bemerkte ich etwas
kleinlaut. »In Magdeburg hatten wir diese Waffe nicht.« - »Mr hänt dees von dene
Schtudente glernt,« erwiderte er stolz. »I han schon richtige Mensure ghätt.
Komm daher! Dei Fechtmeischter bin i.« Und er machte mir vor, wie man mit dem
Rapier auslegt, um dem Gegner eine Hochquart zu versetzen oder eine Terz. Ich
ahmte alles nach, und bald traute ich mir zu, einen Waffengang mit Enzio zu
bestehen. Wie die Wilden hieben wir aufeinander los, und bald knallte ein
Durchzieher auf meine Backe. - Allmählich begriff ich, worauf es ankommt - ich
erfand sogar einen Kniff: Wie zur Quart ausholend, kehrte ich die Waffe
blitzartig zu einer Terz, und jedesmal erhielt Enzio einen schallenden Hieb. Er
behauptete zwar, dees seien »Ssauhieb«, war aber ausserstande, mich zu
überzeugen, dass meine Finte inkommentmässig sei. Ihm an Armlänge überlegen,
brachte ich seinem dunklen Krauskopfe immerfort Hochterzen bei. Fuchsteufelswild
warf er seine Waffe weg.
    »Derf mer mitmache?« sagte eine tiefe Stimme. Es war ein stattlicher Knabe,
sonnenverbrannten Gesichtes. Freundlich blitzten die wasserblauen Augen. Vom
blonden Kopfe nahm er die grüne Schülermütze, warf sie auf den Rasen und bückte
sich nach Enzios Waffe. Ich hielt es für passend, dem Ankömmling Bescheid zu
tun, und rasch waren wir zwei Kampfhähne. Hier hatte ich den Meister gefunden
und erhielt Schmiss auf Schmiss, bis ich meine Waffe streckte. Der Schüler hiess
Schmidt und wohnte in Lustnau. Er war uns eine Klasse voraus, bereits
konfirmiert.
    Sich in die Brust werfend, fragte Enzio, ob ich rauche. Was ich verneinen
konnte, seit mir Onkels Tabakspfeife, die ich neugierig versucht hatte, übel
bekommen war. »Aber i,« sagte Enzio. »Gänget mer zom Tempel! I hol den
Schlüssel.« Was er mit dem Tempel meinte, verstand ich nicht. Schmidt erklärte,
es sei eine Scheune, von Enzios Vater werde sie benutzt zum »Stondehalte«. Es
stellte sich heraus, das Stundenhalten sei eine Andacht der
Separatistengemeinde, unter Führung unseres Hauswirts Kuttler. - Den Schlüssel
des sogenannten Tempels hatte Enzio geholt und führte uns durch eine Lücke des
Gartenzauns zum »Tempel«, zu jener Scheune. Der spärlich erhellte Raum sah aus,
als solle hier Puppenkomödie sein. Bänke für ein Schock Leute, eine Bühne mit
Vorhang. Dahinter verschwand Enzio - ich fragte Schmidt, was es denn nun gebe.
»Blödsinn!« raunte er; »aber mer derf's net laut sage. Wirscht glei sehe! Grad
tut dr Enzio den Spiegel richte. So Teater ghört zom Gootesdinnscht der
Separatischte.«
    Indem scholl ein Glöckchen, der Vorhang ging nach beiden Seiten voneinander,
und, von Oberlicht bestrahlt, war etwas auf dunklem Grunde wie ein lebendes
Bild, aus Puppen zusammengestellt. »Der da im roten Rock,« erklärte Schmidt -
»deescht der Erzvatter Jakob - er schläft - und rings ischt all's Wüschte ond
Felsen.« Ich nickte, mir gefiel das abenteuerliche Bild - und nun wurde mir auch
klar, dass die goldene Strickleiter mit weissgekleideten Flügelengeln die
Himmelsleiter vorstellt, die Jakob im Traume sieht. Ich erfuhr noch, die grelle
Beleuchtung von oben werde durch einen Spiegel bewirkt, der den Strahl der
abendlichen Sonne nach unten werfe. Seinen Eindruck auf mich verfehlte dieser
Tempel nicht - Puppenteater und Zaubervorstellung gehörten ja zu meinen
kindlichen Schwärmereien. Nicht gerade feierlich war das gottesdienstliche
Möbel, das ich schliesslich noch kennen lernte: eine Truhe, die vor dem Vorhang
stand, bedeckt mit einer schäbigen Samtdecke. »Dees ischt die Bundeslad,« sagte
Enzio, tat die Decke weg und öffnete die Bundeslade. Drin war eine Likörflasche,
leider schon leer, wie Enzio feststellte. Aber aus einem Zigarrenkistchen nahm
er sich einen Glimmstengel, biss kunstgerecht die Spitze ab und strich ein
Schwefelhölzchen an seinem Hosenboden an.
                                       *
    Für den folgenden Tag, einen Sonntag, war vom Kandidaten meine erste
Nachhilfestunde angesetzt, und gleich nach dem Frühstück brach ich auf. Enzio
begleitete mich und hatte seine Lateinbücher mit. Unter den Bäumen der Lustnauer
Allee begegneten uns Landleute im Sonntagsstaat. Die Mädchen hatten Mieder aus
schwarzem Samt, dazu weisse Hemdärmel, die Burschen kurze Jacke, rote Weste,
Kniehosen, auf dem Kopf ein Lederkäpple. Ein paar grauhaarige Männer trugen den
weit ausladenden Dreispitz des alten Schwabentums und einen blauen Rock mit
langen Schössen. »Die gehn zur Kirch, wohl gar zur Hochzeit oder Kindtauf.« Diese
Bemerkung Enzios veranlasste mich, zu fragen: »Wie kommt es, dass Herr Hainlin
während der Kirchzeit Nachhilfe erteilt? Wir halten ihn doch von der Kirche ab!«
Abweisend erwiderte Enzio: »Aus der Kirch macht der sich nicks! Mei Vatter hät
gsait, der sollt eigentlich Heidlin heissen - e richtiger Heid sei der, wo net
emol an Jakob ond Esau glaube tut. Pfarrer derf so euner net sei'.« - »Und hat
doch Teologie studiert - wie?« - »Ja, im Stift ischt 'r gwä. Aber aus ischt
dees - die Freistell ischt er los. Sein Onkel in Pfrondorf tut ihm jetzt zahle,
waas 'r braucht. Ond efreier Bursch hat's besser als wie in dr
Stift-Kloschterei, der elendigen. Au i tät's net aushalte bei dene langweilige
Repetente, beileib net!«
    Wir waren in der Stadt angekommen. An der Stiftskirche, die für die
Kirchgänger offen stand, bewunderte ich die Fenster mit den gemeisselten
Gestalten. Da war der Drachentöter Sankt Georg, Schutzpatron dieses
Gotteshauses. Auch der heilige Martin, wie er einem Bettler die Hälfte seines
Mantels reicht. Und da war ein aufs Rad geflochtener Mann. »Das Wahrzeiche von
Tübinge,« sagte Enzio. Schräg gegenüber dem Geburtshause Uhlands war ein altes
Gebäude, das neben der Haustür ein blankes Messingschild mit dem Namen
»Schneckle« hatte. »Georg Hainlin, cand. phil.« stand auf dem beigehefteten
Kärtchen. Dunkle Treppen stiegen wir empor und klopften an.
    Im sonnigen Zimmer sass der Kandidat am Schreibtisch und begrüsste uns munter.
»Zunäkscht beschaut euch, wien i da wohn!« Ueber Hainlins Bett hingen die Bilder
seiner Eltern. Auf dem Tisch lag eine Flöte, parademässig standen Bücher im
Glasschrank. Wir gingen auf die Veranda und hatten einen Augenschmaus: Gärten,
an denen der Neckar vorbeirauschte - jenseits prachtvolle Alleen - über die
Platanenwipfel lugt als blauer Streifen die Rauhe Alb.
    Ins Zimmer zurückgekehrt, setzten wir uns um den Tisch, und das Arbeiten
ging los. »Sag mir, Enzio, wie weit euch der Naso gebracht hat.« Enzio gab
Bescheid, legte Bücher und Hefte vor, und Lücken meines Lateins wurden
festgestellt. Hainlin verstand die grammatischen Regeln nicht bloss gut zu
erklären, sondern diesen für Knaben langweiligen Stoff sogar fesselnd zu
gestalten. Setzte zum Beispiel auseinander, »nunquam« könne in »ne unquam«
aufgelöst werden. Kam dann auf das deutsche Wort »niemals« zu sprechen; es laute
ursprünglich »nie jemals« - wie »niemand« aus »nie jemand« entstanden sei, was
»nie je e Mann« bedeute. Hatte ich bisher Grammatik für eine verschmitzte
Erfindung der Schulmeister gehalten, in boshafter Laune ausgetüftelt, um dem
Schüler Fallen zu stellen, so begann ich unter Hainlins Führung zu ahnen, es sei
jede Sprache ein lebendiges Gewächs, das seine Formen folgerichtig aus Geist und
Volksgemüt hervortreibt.
    Im Fluge war uns die Zeit vergangen, und weitere Arbeit wäre mir nicht
unwillkommen gewesen, hätte nicht Hainlin jetzt ein Kapitel zur Verhandlung
gebracht, auf das ich mich besonders gespitzt hatte. Nach dem Familienbuch
fragte er, und aus dem Ranzen holte ich den Band in Leder mit Goldschnitt. Vom
Vater, der in der Frühe nach Junker Jakob geforscht hatte, waren die
betreffenden Buchstellen mit Zeichen versehen. Aus der Stammtafel derer von
Kotze und aus den Regesten ging hervor, dass Hans von Kotze, Erbherr von Gross-
und Klein-Germersleben, Lüttgen-Oschersleben, Halle usw., diese Güter seinem
Sohne gleichen Namens hinterliess, und dass dessen ältester männlicher Sprosse,
der edle und veste Junker, als Studiosus zu Tübingen seliglich im HERRN
entschlafen und daselber in der Pfarrkirchen Sankt Georgen ehrlich zur Erden
bestattet worden. Die Leichenpredigt, gehalten durch Johannem Georgium
Sigwarten, der H. Schrift Doktorn, Professorn, Pfarrherrn und Superattendenten
zu Tübingen, sei getruckt zu Tübingen in der Cellischen Truckerei. Ihr angehängt
sei ein lateinisch Poem, so vom Junker zur Vermählung seiner Schwester Ursula
gedichtet worden. »Das muss ich haben!« sagte Hainlin eifrig. »Diese Druckschrift
wird sich wohl in der Universitäts-Bibliotek finden. Auf nun, Pennäler! Zur
Kirch! Da zeig i euch den Graabstein.« Und wir gingen.
    Auf der Südseite der Kirche waren etliche Steinplatten mit Inschriften in
die Mauer eingelassen. Vor solch einem Denkmal blieb Hainlin stehen. Darauf war
das Kotze-Wappen. Ich kannte es gut. Auf dem Sofakissen der Grossmutter war's ja
in bunter Stickerei. Ein bärtiger, langlockiger Mann, angetan mit dem
kuttenähnlichen Staatsrock. Auf dem gekrönten Ritterhelm kauert ein Hund. Die
Mitte des Denkmals bildet die lebensgrosse Figur des Junkers. Zu seiner wuchtigen
Tracht, dem breiten Federhut, den ausladenden Pluderhosen und dem drohenden
Stossdegen stimmte nicht das bartlos zarte, wehmütig träumerische Gesicht. »Wie
kommt es, dass er in der Kirchengruft liegt, nicht draussen in der Erde?« fragte
ich. - »Er war Student im Collegium Illustre. Diese Gründung Herzog Ludwiks, wo
junger Adel des In- und Auslandes Rechts- und Staatswissenschaft studierte,
wurde auch Fürstenschule genannt, weil daselbst manch junger Fürst seine
gelehrte Ausbildung erhielt. Ein paar dieser Standespersonen sind in der Gruft
zu Sankt Georgen beigesetzt.« - »Mein Gott, ja!« seufzte ich und glaubte einen
Anhauch von Moder zu spüren. Während hier oben die Sommersonne drei frische
Menschenkinder umlohte, lag der Junker, sechzehnjährig verstorben, bereits ein
Vierteljahrtausend in der kaltfinstern Gruft, und vor lauter Vornehmheit durfte
sein verdorrter Leib nicht einmal Gras und Blume werden. - In der Kirche war die
Orgel verklungen, nun stimmte die Gemeinde an: »Wer nur den lieben Gott lässt
walten.« Nach gleicher Melodie hatte ich zu Magdeburg am Grabe eines Sextaners
im Schülerchor gesungen:
»Das Grab ist da - oft bei der Wiegen.
Wie manches Kind sieht kaum die Welt,
So muss es schon im Sarge liegen ...«
                                       *
    Im Lustnauer »Ochsen« hatten wir zu Mittag gespeist, dann brachte uns die
Ochsenwirtin den Kaffee in die Laube. »Also beim Kuttler wohne Sie? Ond wie
gefallt's Ihne da?« - »Wir sind eben erst eingezogen,« antwortete meine Mutter.
- »Ha no, die Wohnung ischt sauber.« - »Und die Leute gefällig. Herrn Kuttler
allerdings kennen wir noch nicht.« - »Grad ischt er da vorbei,« sagte die
Wirtin. »Verreist war er - hält aber nachmittags Stond.«
    »So eine Art Betstunde, wie? Ist also sehr fromm?« - »Ha, wie mer's nimmt,«
entgegnete die Wirtin kühl. - »Hoffentlich ist es kein überspanntes Getue - kein
Lippendienst,« sagte mein Vater. - »Lippedinnscht!« nickte sie bedeutsam. - »Sie
meinen?«
    »Ha, nicks mein i! Die Frau ischt herzensgut - ond die Rosel e arg liebs
Dingle. Wenn bloss der Kuttler begreife tät, dass die zwei besser imstand send,
ihm zum Himmelreich z' verhelfe, als die Engel auf seiner Teaderleiter.« - »Er
weiss die Seinen also nicht zu schätzen?« - »Er ischt halt e Reutlinger! So sagt
mer in Tübinge von eme Hitzkopf ond Grobian. Zudem tun die Pharisäer ond
Sadduzäer niemols aussterbe. Aber i will nicks gsagt han. Onsereim goht's Rübele
noh übers Brühele. Beehre ons die Herrschafte öfters! Guete Nachmiddaag!« Sie
knickste und ging. Die Mutter sah den Vater bedeutsam an. Er meinte: »Na ja! Wir
werden selber sehn - in solch einem Nest gibt's viel Geschwätz.«
    Weiteres über die Sekte der Jakobskindle erfuhr ich ein paar Stunden später.
Ich verzehrte den Abendimbiss, vergnügt, wieder am trauten Familientische zu
sitzen, als Enzio im Garten den zwischen uns verabredeten Pfiff tat. Ich
schlüpfte hinunter; Enzio sagte: »Glei geht's los! Im Tempel hänt die
Jakobskindle Gootesdinnscht!« - »Jakobskindle? Nennen sich so die Anhänger eurer
Gemeinde.« - »Ha freili! Dem Vater Jakob tun sie folge.« - »Und gehst du jetzt
auch hinein?« - »Noi! Erscht nach der Konfirmatio derf i nei. Aber komm du!
losne wolle mer.«
    Neugierig folgte ich, bei der Scheune lagerten wir uns auf Ackerklee. »Ist
das dein Vater, Enzio, der da predigt? Aber er ist doch kein richtiger Pastor,
wie?« - »Bei dene Jakobskindle tut predige, wen der Geischt treibt. Meischtens
ischt dees mei Vatter.« - »Hat er denn einen Talar?«- »Pfaffe hänt mir koine.«
    »Ist euer Glaube sehr verbreitet in Württemberg?« - »Mir send die
allererschte Gemein in ganz Europa. Aber drübe gibt's meh.« - »Wo drüben?« - »In
Amerika! Da ischt mei Vatter viele Johr gwä - ond hat sich erfülle lasse vom
Jakobsgeischt. Wie er na zurückkomme ischt, hat er in Luschtnau den Tempel
eigricht.«
    Jetzt ging der Gesang in der Scheune los. Männer-und Weiberstimmen plärrten
einen schleppenden Choral. Den Text las ich in Enzios Gesangbuche nach:
»Wo im Lande der Zibeben
Milch und Honigbäche gehn,
Durfte Vater Jakob leben,
Blieb jedoch allhie nicht stehn,
Sondern sprach: in Gottes Heim
Fleusst der wahre Honigseim.
Suchend zog er weit und weiter,
Schlief des Nachts auf rauhem Stein.
Und er sah im Traum die Leiter
Mit beschwingten Engelein,
Winkend schwebten sie empor,
Und da war des Himmels Tor.
Ach und ich? Wo bleibt mein Rater?
Immer geht's durch Wüstensand.
Jakob, frommer Völkervater,
Nimm dein Kindlein bei der Hand!
Hier sei Betel! Auf, mein Herz!
Stuf' um Stufe himmelwärts!
Nur wer solchem Heimweh trauet,
Hat den besten Feiertag,
Hat den Tempel, der sich bauet
Ohne lauten Hammerschlag.
Fragst du, wie der Tempel heisst?
Menschenherz voll Jakobsgeist.«
    Obwohl bäurisch gesungen, hatte dies Lied etwas Rührendes. Besonders weil
ich den Flüchtling in der Wüste, der im Traume den Himmel offen sah, in
Verbindung brachte mit Vaters Idee vom Glasberg: Es hat jeder seine Sehnsucht,
die ihn auf eigne Weise lockt. Die Himmelsleiter war Jakobs Glasberg.
 
                               Die Ungebärdigkeit
An den Gartenrosen perlte Morgentau, als ich mit Enzio zur Schule aufbrach,
unter dem Arm den Ranzen mit Büchern. Auf dem schmalen Holzsteg, der über den
Goldersbach führte, blieben wir ein Weilchen stehen, um die Forellen zu
beobachten, die sich gleich dunklen Stäbchen vom grauen Steingrund abhoben. Es
kam eine Entenmutter mit ihrer Nachkommenschaft geschwommen, und die piependen,
von Flaum bedeckten Kindlein wussten ihre Paddelbeinchen schon geschickt zu
regen. Nicht ohne Wehmut betrachtete ich das gemütliche Bild. Meine Freiheit
sollte ja nun beschränkt werden.
    »Wer hat die erste Stunde?« fragte ich. - »Der Naso - Latein!« - »Ist er
streng?« - »Ha! Tatze gibt er keine.« - »Tatze, was ist das?« - Verdutzt sah
mich Enzio an: »Hat's denn bei uich Norddeutsche keune Tatze? Mit em Röhrle auf
d' Händ! Brenne tut's!« - »Na, ich danke! Und so was soll man sich gefallen
lassen?« - »Waas soll mr mache? Geduld, Enziole, sag i mir - bis du im
Obergymnasium bischt! Da muss der Lährer zum Schüler Sie sage - da ischt mr scho
halber Student.«
    Unter solchem Gespräch hatten wir die schattige Baumstrasse, die von Lustnau
nach Tübingen führt, zurückgelegt und waren am Botanischen Garten vorbei zum
Gymnasium gelangt. Es lag damals in der Wilhelmstrasse, wo vom Oesterberg der
Fahrweg kommt. Ehemals Privataus, war das Schulgebäude ein nüchterner Bau. Im
Erdgeschoss wohnte der Direktor mit dem Schuldiener, der sich gern Pedell nennen
liess. Die Treppe führte zu drei Stockwerken. Zur Seite der Flurgänge lagen die
Klassen. Wir kamen zu einer Tür mit der Aufschrift »6. Klasse«. So nannte man
die Untertertia. Nicht ohne Beklommenheit trat ich ein. Die Klasse war hell und
sauber. Meine neuen Kameraden gafften und wiesen auf den letzten Platz der
Vorderbank: »Wer neu ischt, kommt ultimus!«
    Ausgefragt, woher ich sei, antwortete ich kleinlaut und begegnete einem
grinsenden Staunen über meine Mundart. Mir fiel es nicht leicht, die Knaben zu
verstehen, wenn sie Tübingisch sprachen. Mein Nachbar, ein stämmiger Dickschädel
namens Wurschterle, schien ein Rädelsführer zu sein und machte sich besonders
mausig. Ein Mitschüler hatte schon eine Bassstimme und war stattlich wie ein
Student. Alle schienen ihn gern zu haben, sie nannten ihn Ritter Uli.
    Die Turmglocken hatten Acht geschlagen, da ging die Tür auf, und ein kurzer,
ältlicher Herr in einem schäbigen Schwarzrock trat ein. Sofort erhob sich die
Klasse und blieb stehen. Der Professor hatte seinen Filzhut an den Kleiderpflock
gehängt und bestieg das Kateder. Seine Brillengläser glommen, als er die Klasse
überschaute. Diese stand in Demut - die Hände gefaltet, die Köpfe geneigt, und
ich merkte, es solle gebetet werden. Rasch hatte ich noch einen prüfenden Blick
für des Professors Gesicht. Harmlos kam es mir vor, etwas einfältig, wenn auch
gelehrt. Naso war glatt rasiert - nur eine Halsfräse war stehen geblieben. Die
faltige Haut war braungelb und hatte unter der Nase einen schwärzlichen
Schimmer; sie erinnerte mich an den Ledereinband eines Gesangbuches, das mein
Grossvater hinterlassen hatte. Und aus dieser altmodischen Postille schien das
Gebet zu stammen, das Naso jetzt sprach. In einer wunderlichen Spielart des
Schwäbisschen:
»Du hoscht eun heulik Amt,
O Herrgott, mir gegäben
Im Schulstand dieser Welt
Zu schwärem Dinscht zu läben
Die Ohngebärdigkeut
Mit eufrigem Bemühn
Zu Kunscht ond Wissenschaft
Ond Tugend zu erziehn.
So nimm, meun Heuland du,
Der selber eunscht gelähret
Ond Lährer eungesetzt
Ond ihren Stand geähret -
Der du den Kindern selbscht
Gar liebreuch wohlgetan -
So nimm auch meuner dich
Ond dieser Schüler ahn!
Amen!«
    Rauschend, hüstelnd, scharrend setzte sich die Klasse. Nun entnahm der
Professor dem Deckelfach des Kateders das Klassenbuch, eine Eintragung zu
machen. Nachdem er sich aus seiner Schnupftabaksdose gestärkt hatte, schlug er
das Buch auf - es war der Cäsar - und sagte: »Fange mer ahn! Ricker!«
    Im Laufe der Verhandlungen kam Naso vom Kateder herunter und pflanzte sich
vor mich hin, den kurzen Körper an die Bank gelehnt, wovon der Stoffüberzug
eines Westenknopfs abgeschabt war. Auf mein aufgeschlagenes Buch fiel bisweilen
etwas von seiner Prise - behutsam blies ich's weg - und das war ein bescheidener
Zeitvertreib. Was im Cäsar stand, fesselte mich hier so wenig wie auf dem
Magdeburger Gymnasium - zumal man hier in derselben langweiligen Art den
Unterrichtsstoff behandelte. Wie der Botaniker eine Blume zerpflückt, um
Blütenblättchen, Kelch, Staubgefässe besonders zu beäugeln, und wie schliesslich
vom schmucken Naturkinde nichts bleibt als ein Häufchen Gemüll, so wurde jeder
Satz sprachlich zerfasert, jedes Lateinwort konjugiert oder dekliniert und als
Vorwand benutzt, um Grammatik zu pauken.
»Bei a und e in prima hat
Das Femininum allzeit statt -
Die übrigen auf as und es
Bedeuten etwas Männliches.«
    Ich dummer Junge konnte mich für solche Männlichkeit nicht begeistern. »Us
quartae lasse männlich sein.« Unsinn! Was schert mich Us quartae! Jung
Siegfried, der den Amboss in den Grund schlug, und Wildtöter mit seiner
unfehlbaren Büchse, das waren Vertreter der Männlichkeit, für die ich schwärmte.
Julius Cäsar gehörte nicht dazu. Diesem Römer mit der Adlernase war allerdings
eine gewisse Schläue nicht abzusprechen, aber mit seinem nackten Schädel und den
dünnen Lippen sah er wie ein Geizhals aus, wie ein gieriger Raubvogel, und ich
gönnte ihm, mal tüchtig verhauen zu werden von den wilden Galliern. Diese waren
mir eher leidlich - sie hatten doch etwas Indianerhaftes.
    So kam's, dass meine Gedanken zu den Indianern schweiften. Und auf einmal
glaubte ich, nicht den Cäsar vor mir zu haben, sondern Coopers
Lederstrumpf-Erzählungen. Und ich phantasierte: »Nur einen Moment hatte das Auge
des Mingo aus den dichten Blättermassen hervorgefunkelt, als auch schon die
lange Büchse knallte ... paff!« Ja, so etwas fesselt einen dreizehnjährigen
Teutonen. Aber, ach, in diesem Latein-Zuchtaus hört er immerzu Geleier wie:
vinco vicu victum vincere! Dann kommt der nächste Satz an die Reihe - der wird
ebenso langweilig abgehandelt - uff! Stöhnen möchte man, hat auch noch Angst,
dass man wegen Unwissenheit reinfallen könnte. Und auf diese Weise sollen die
Jungen zu Helden werden nach dem Muster der Römer? Was tun übrigens die
römischen Kohorten? Ein Lager schlagen sie auf, brechen es wieder ab und
schleppen sich etliche Meilen weiter. Trockenes Kommissbrot ist das. Die Indianer
im Lederstrumpf, das sind Kerle! Von Ast zu Ast stürzte der Körper des erlegten
Mingo - die Rotäute brachen in ein Wutgeheul aus - Falkenauge aber tat auf
einmal einen grellen Pfiff: »Fuit!«
    »Waas? Waas? Jetzt - wer onderschteht sich da z' pfeife, he? Euner, wo graad
daher komme ischt von Preusse? Graad dass mer über die Ohngebärdigkeut klagt, da
tut der pfeife! Ond macht e domms Gesicht, wie euner, wo vom Traum erwacht. Dem
rappelt's, scheunt's!« - Ich atmete wie ein Erlöster, da soeben die Schulglocke
läutete.
 
                   Der Ssaubock und die frische Wirklichkeit
Nun kam Französisch beim Ssaubock. Dass dieser Spitzname den Nagel auf den Kopf
traf, bestätigte die Erscheinung des Präzeptors. Ein kurzer, feister Kerl,
schwammig das Gesicht, rasiert bis auf zwei Koteletts. Seine Schweinsäugelchen
hatten etwas Lauerndes. Der breite Mund mochte manchen Humpen Bier genehmigt
haben. Einen Stoss Hefte, den Bock mitbrachte, warf er aufs Kateder und setzte
sich: »Grammatik! Seite siebenondfufzik!« grunzte er, indem er eins seiner
Schreibhefte aufschlug. Hastig blätterte alles in der Französischen Grammatik,
und der Primus begann vorzulesen, was auf der bezeichneten Seite stand. Indessen
hatte Bock eine Gänsefeder in rote Tinte getunkt und kratzte in einem der Hefte
herum Offenbar korrigierte er die schriftliche Arbeit einer anderen Klasse. In
dieser Weise ging die Stunde hin. Nur dass Bock ab und zu sagte: »Der näkschte!«
und dass dann ein anderer Schüler vorlas. Das Hefte-Korrigieren ging
maschinenhaft, dabei hörte man grunzen: »Ssimpel! Idiot! Dackel!« Um
durchgesehene Hefte zu ordnen, klemmte der Ssaubock zuweilen die Gänsefeder
zwischen seine Lippen und sah aus wie eine breitmaulige Kröte.
    Uff! War das Wetter heiss! Wir schwitzten wie im Backofen - einschläfernd
wirkte das Vorlesen - auch nicht gerade belebend der Gesang, der von einer
benachbarten Klasse zur Violine erscholl: »Ahnungsgrauend, todesmutig« ... Ich
kannte die Weise, steif und schleppend kam sie mir vor, es plärrten die Schüler,
und ein Ton wurde regelmässig zu niedrig gesungen. Dann brüllte der Gesanglehrer:
»Höher!« und die Violine schrie den Ton nunmehr übertrieben hoch. In einem fort
kratzte die Gänsefeder, und der Ssaubock auf dem Kateder grunzte: »Ssimpel!
Idiot!« Ich brachte die Zeit herum, indem ich Ssaubocks Konterfei entwarf.
    Abermals kam die Pause; diesmal war's die grosse. Die Pennäler trotteten die
Stiegen hinab und stöhnten über den heissen Tag. Da das Gymnasium keinen Hofraum
hatte, wo wir uns hätten tummeln können, standen wir auf der Strasse herum und
verzehrten unsern Wecken. Vorübergehende Studenten wurden angestarrt und
beschwatzt; besonders solche, die Farben trugen und Schmisse hatten. Von einem
gedunsenen Kerl mit zerhauener Nase hiess es, er habe schon achtundzwanzig
Semester. Er hatte Aehnlichkeit mit seiner Bulldogge, die hinter ihm drein
schnaufte. »Ajax!« riefen die Pennäler - aber das dicke Vieh blieb stumpfsinnig.
»Bier kann der Ajax saufe,« behauptete Wurschterle, »des hat er von seim Herrle
glernt ...«
    »Griess di Goot, Uli!« Ich wandte mich nach dem Angeredeten um, den sie auch
»Ritter Uli« nannten - sein Vatersname war Ritter. Etwas Ritterliches hatte die
Erscheinung. Eine Turnergestalt, so kraftvoll und geschmeidig wie
hochgeschossen. Mit dem sonnengebräunten Gesicht, den kühnen Blauaugen machte er
mir Uhlands Ballade lebendig: »Jung Siegfried war ein stolzer Knab'.« Erinnerte
auch an seinen Namensvetter, den feurigen Schwabenherzog Ulerich.
    Die dritte Stunde war Rechnen. Da ich auf dem Magdeburger Gymnasium bereits
Anfänge der Matematik gehabt hatte, glaubte ich, das hiesige Rechnen werde mich
vor vertraute Aufgaben stellen. Doch wie betreten war ich, als sich meine
völlige Ungewandteit in den Künsten des »Gsunden Menscheverstandes«
herausstellte. So nannten wir den Rechenlehrer, weil er diesen Ausdruck gern
gebrauchte. An Freundlichkeit liess es Herr Präzeptor Fausel nicht fehlen. Ein
rüstiger Mann heiteren Gesichts, setzte er sich neben mich und nahm meine
Schiefertafel, mich persönlich zu belehren. Die Proportion, die ich
zusammengestoppelt hatte, wischte er aus, zog einen Bruchstrich und warf mit
Windeseile Zahlen bald oben, bald unten hin, während er ebenso hurtig sprach:
»Wenn zwanzik Hektolitter Wei 1600 Mark koschte, na kommt ein Hektolitter
zwanzik mol weniger - ond ein Litter noch Hundertmol weniger - also 55 Litter so
viel mol mähr ... net wahr? Gsunder Menscheverstand!« Und schon sass Fausel bei
einem anderen Schüler, mit dem Schieferstift auf dessen Tafel klappernd.
    Nicht bloss diese Rechenmetode hatte mich verblüfft, auch das Wesen des
Lehrers. Er hatte etwas aufdringlich Klärendes, eine selbstgefällige
Verschmitzheit. Sein hellgraues Auge zwinkerte, und während er rechnete, machte
das blondbärtige Kinn gemeinsam mit der rasierten Oberlippe fortwährend die
Bewegung des Kauens. Dass ich diese Seltsamkeiten sowie den dicken Siegelring auf
seiner rechnenden Hand beobachtete, trug nicht gerade zu meiner Sammlung bei.
Was mich vollends zerstreute, war sein pädagogischer Grundsatz, den Unterricht,
damit er nicht trocken wirke, durch Anschaulichkeit zu beleben. »Frische
Wirklichkeit!« fing er an. »Der Wirt zum Poschtörnle kauft sechs Hektolitter
Moscht om acht Mark fufzik. Den Schoppe möcht er om sechs Pfenning ausschenke -
ond will dabei hondert Prozent profitiere. Wieviel Wasser muss er neischütte?
Gsunder Menscheverstand!«
 
                                 Auf der Mensur
Aus Anlass dieser Prositberechnung meldete sich Wurschterle und gab zum besten,
wie sich auf spottbillige Weise feinschter Kunschtmoscht bereiten lasse. - Als
ich nach Schluss der Stunde mit der Bemerkung herausplatzte, hier im Ländle
scheine man's nicht minder hinter den Ohren zu haben als sonst in der Welt,
trafen mich flammende Blicke, und: »Ssaupreiss!« hiess es, »hättscht solle in deim
Makdeburk bleibe!« Wurschterle wollte witzig sein: »Bei uich heisst mr alle
Städt' Burk! Makdeburk! Hamburk!« - »Und bei euch«, erwiderte ich, »heisst man
alle Ingen! Tübingen! Reutlingen! Bopfingen! Tropfingen!« Hier bekam ich von
Wurschterle einen Rippenstoss, und es wäre zu weiteren Tätlichkeiten gekommen,
hätte nicht das Erscheinen des »Pedells« in der Klasse ablenkend gewirkt. Dieser
»Puddel«, wie wir ihn nannten, war ein ausgedienter Unteroffizier, das
Feldwebelhafte seines Auftretens war gemildert durch die wenig soldatische
Troddelmütze auf dem ergrauten Haupte. »Achtong!« kommandierte er. »Ond heut wär
Hitzvakanz!« - »Hurra!« johlte die Klasse, hurtig zum Abzug bereit.
    Auf der Strasse war ich umringt von Mitschülern, die Händel mit mir suchten.
Ich kam mir vor wie einer, den die Bremsen stechen wollen. Man belästigte mich
durch Zupfen und Knuffen. Und vortretend krähte mir Quenstedt, ein
Klassengenosse, ins Gesicht: »Wart no, du Ssauballa! Der Wurschterle wird di
verschlage! Sein Kartellträger bin i! Gfordert bischt! Die Mensur steigt onter
der Neckerbrück!« - »Gänget mr!« heulte die Knabenrotte, und es wälzte sich der
Auflauf die Mühlgasse hinab. Auf Wurschterle redete man ermunternd ein, während
mich tückische Blicke streiften. Aber da ging neben mir der Mitschüler, den sie
Ritter Uli nannten, und raunte wohlwollend: »Immer tapfer! Aber Vorsicht! Der
Wurschterle hat Ssauhieb!«
    Von der Neckarbrücke führte eine hölzerne Seitentreppe zum Ufer des Flusses,
und unter der Brücke war eine Sandbank, wohin man von oben nicht sehen konnte.
Hier entstand um mich und Wurschterle ein Kreis von Pennälern, und
leidenschaftlich ging das Hetzen los: »Auf, Wurschterle! Bach em ois! Tu em d'
Gosch verschlage!« - »Net lang dischkuriere!« prahlte mein Widerpart. »Fanget mr
ahn!« Auch ich war für rasche Entscheidung und machte mit meiner entleerten
Büchermappe eine Rolle, in der Meinung, mit dieser Waffe solle die Fehde
ausgefochten werden. Kampfesmutig legte ich aus und sann schon auf meine
Hochterz. Hohngelächter belehrte mich, dass ich den Ernst der Lage verkannte. Mit
geballten Fäusten lauerte Wurschterle, und auf einmal traf mich ein Stoss auf die
Nase, dass mir war, als sei sie zerschmettert. Gleich im nächsten Augenblick
knallte meine Faust auf Wurschterles Backe. Er prallte zurück und spuckte -
Zähne schienen ihm wacklig geworden zu sein.
    Mit mir drehte sich alles, mein Schädel brummte, die wirren Rufe der
Pennäler klangen wie aus der Ferne. Dann unterschied ich Ritter Ulis gutmütige
Stimme: »Gib dei Sacktüchle her!« Er netzte mir's mit Neckarwasser und kühlte
die blutende Nase. Auch Enzio stand bei mir, mit Kennermiene betrachtete er
meine Abfuhr: »Tut's arg weh? Gelt?« Ich schüttelte den Kopf: »Ha - a!« Der
indianerhafte Held darf ja nicht merken lassen, wenn's weh tut. »Net lang
gaffe!« rief Uli den Knaben zu. »Beiderseits Abfuhr! Mensur ex!« - »Himmel
Herrschaft, dees hätt mir passiere solle!« prahlte Enzio, als er mich
heimbegleitete. »Metzelsupp tät i aus dem Wurschterle mache!«
    Als ich zu meinen Eltern kam, waren sie entsetzt über die Nase, die
angeschwollen war wie ein Gebäck. »Du führst dich ja nett ein, Lümmel du! Nach
dem Essen gehst du in die Laube und steckst die Nase in die Grammatik!« - »Er
soll aber die Wasserschüssel mitnehmen!« fügte Mutter hinzu. »Nase kühlen!« In
der Laube kam ich mir vor wie eine geknickte Lilie und legte triefende Umschläge
auf das misshandelte Organ. Bald aber wurde ich guter Dinge. Vom nahen Beete
nickten mir Rosen schelmisch zu: »Du mit der komischen Nase! schnüffle mal, ob
du uns riechen kannst!« Eine Lerche, die trillernd ins Blaue stieg, erinnerte
mich an Jakobs Himmelsleiter. In einer Anwandlung von Frömmigkeit kam ich auf
die Idee, den lieben Gott, den ich durch meine Flegelhaftigkeit gekränkt hatte,
zu bitten, durch ein sichtbares Zeichen mir anzudeuten, wie er's mit mir meine.
Zwischen die Blätter meiner Bibel wollte ich mit der Feder stechen, und die
Zeilen, die ich dann zu lesen bekäme, sollten mir Orakel sein. Und ich las:
»Selig sind die Friedfertigen!«
 
                             Die Schöpfung der Welt
Mit geschwollener Nase kam ich am andern Tage zur Schule, wurde aber von den
Mitschülern nicht ausgespottet, eher mit Achtung behandelt. Wurschterle, der
eine bläuliche und geschwollene Backe hatte, ging mir aus dem Wege. Die erste
Stunde war beim Naso: Geschichte. Er begann mit seinem Gebet: »Du hoscht eun
heulik Amt ...« Das darin vorkommende Wort »Ohngebärdigkeut« sprach er mit einer
anzüglichen Strenge, und nach dem Amen lenkte er sein glasiges Auge auf mich:
»Heut repetiere mr Gschichtstabelle - fange mer ahn, Wille! Sag du mr, wann
ischt die Welt erschaffe?«
    Ich war aufgestanden und starrte den Professor an, wie er mich. »Ja ja, i
frag nach der Schöpfung der Welt! Wann ischt die gwä? He?« Ich wusste, die
Geschichtstabelle, die ich jüngst angeschafft hatte, begann mit diesem Datum;
dann kam eine Jahreszahl für die Sintflut und eine für Abraham. Ich hatte über
diese Zeilen hinweg gelesen, ohne sie ernst zu nehmen. Naso weidete sich an
meiner Ratlosigkeit: »Also, wann hat Gott ... He, du?«
    Dumme Frage! dachte ich. Wer kann das wissen? Als durchschaue Naso meinen
Widerspruchsgeist, wurde seine Stimme streng: »Das allererschte Datom der
Weltgschicht? Ond daas weischt du net emal?« Ich zuckte die Achsel und meinte
kleinlaut: »Das - weiss - niemand!« Naso riss die Augen auf - ich hatte noch die
Frechheit, fortzufahren: »Es gab ja damals überhaupt keinen, der die Jahreszahl
hätte notieren können!«
    Eine Bewegung des Staunens und der Heiterkeit ging durch die Klasse. Naso
war so verblüfft, dass er sich sammeln musste, dann aber ging sein Schnauzen los:
»Gschwätz, domms! Gschaffen freili war damals noch niemand. Aber der Herrgott
selber war da, ond der hat net nötik ghätt, sich 's Datom zu notiere! Der
Allwissende braucht kei Notizbüchle. Aber sein Gschöpf, du hoscht die Pflicht,
dir's Datom einzupräge! Drum nimm di zamme, du! Also - wann hat Gott -?«
    Da glaubte ich eine Ausrede gefunden zu haben. »In vorsündflutlicher Zeit!«
    Wieherndes Gelächter der ganzen Klasse - Nasos Mund stand offen: »Waas? In
vorsünd ...? I glaub, du selber ... dei Nas, die scheunt mir vorsündflutlich zu
sein.« Dröhnende Heiterkeit. Schmunzelnd betrachtete der Professor meine Nase.
»Blau ischt sie, grün, gel - ond der Wurschterle da, der hat auf seiner Backe
die Komplementärfarb? He, Wurschterle, versuche mer's mit dir! Wann hat Gott die
Welt erschaffe?«
    Wurschterle, der Zeit gefunden hatte, in seiner Tabelle nachzusehen, sprang
soldatisch auf: »Viertausendeinhondertzweuondachtz'g!« - »Ond?« fragte der
Professor lauernd. Wurschterle lugte nochmals in die Tabelle - und wiederholte
störrisch: »Ond achtz'g! Zweuondachtz'g! So steht's bei mir.«
    »Schafskopf, dees mein i net! Die Zahl tut stimme - aber ohnvollständik
bleibt jedes Datom, wenn mr net dabei sage tut, ob's vor Krischtus gwä ischt
oder nach Krischtus.« Wurschterle stutzte. Mitleidigen Spottes Naso: »Tut der
Ssimpel net emal begreife, dass die Schöpfung der Welt vor Krischtus muss gwä
sein.« Der gekränkte Wurschterle zuckte die Achsel: »Ha no! Selbschtverständli!«
Naso krähte: »Wenn's selbschtverständlich ischt, warum sagscht es denn net glei?
Wiederhol!« Und Wurschterle patzig: »Viertausendeinhondertzweuondachtz'g vor
Krischtus war die Schöpfung der Welt.«
    Ich muss wohl ein erstauntes Gesicht gemacht haben, denn der Professor wandte
sich plötzlich an mich: »Dees glaubscht wohl net?« Aufrichtig schüttelte ich den
Kopf. Nasos Stimme wurde hart: »So so! Ond warom glaubscht net?«
    Warum? Ich dachte noch, und da kam mir ein seltsames Steingebilde in den
Sinn. In einem Steinbruch bei Magdeburg war's gefunden und dem dortigen
Gymnasium geschenkt. Unser Lehrer der Naturgeschichte hatte gesagt: »Das ist
eine Urweltsschnecke, über hunderttausend Jahre alt.« So wagte ich die Antwort:
»Wenn's versteinerte Schnecken gibt, die hunderttausend Jahre alt sind, muss doch
die Schöpfung älter sein.«
    Die Klasse horchte auf - es war ganz still - Naso schien betroffen. Er nahm
seine Zuflucht zur Witzelei: »An Schneckle, an so domme Viecher glaubscht? Also
geh zu deim Schneckle ond lass dir von dem Gschichtsonterricht erteile! Es weiss
wohl bessere Tabelle, als mir da hänt, gelt?«
    Plötzlich starrte er einen Schüler an und keifte: »Du da, Quenstedt! Waas
hoscht du frech z'lache?« Quenstedt erhob sich und zeigte grinsend seine etwas
schadhaften Zähne: »Mei Vatt'r hat au so Schneckle!« Quenstedts Vater war
Geologe und hatte aus dem Kalkstein der Alb manche Versteinerung urweltlicher
Tiere geholt. Es war dem Naso peinlich, dass diese geologische Autorität als
Trumpf gegen ihn ausgespielt wurde: »Bleib mir vom Leib mit so ausgegrabene
Knoche! Als ob mr beweuse könnt, wie alt so Versteunerunge sind!«
    »Ha, dees kann mr,« entgegnete Quenstedt keck. Und Naso gereizt: »Ein
vernönftiger Mensch tut sich net auf so Schneckle verlasse - wo auch noch
versteunert sind, wie Lots Weib zur Salzsäule ward. Versuch's ond frag dei
Schneckle, wie alt es sei! Meinscht, es werd antworte: Du, Quenstedtle! Tu mer
gratuliere! Heut vor honderttausend Jahr ischt mei Versteunerungstag gwä -?«
Durch den Beifall der Klasse ermuntert, fuhr Naso von oben herab fort: »Hoscht
denn du überhaupt so Schneckle schon gsehe?«
    »Ha freili! Ins Hebsackers Gärtle liegt eus. E Teolog hat im Neckrbaad
gewohnt - dem hat's e Keemiker dediziert. Wie na der Teolog hat fortmüsse,
war's versteunerte Schneckle zu schwär für sei Köfferle. Na hat er's dem
Hauswirt dediziert. Der hat's ins Gärtle gelegt, zur Verzierung zwische die
Rose.« - »Schwär, sagscht, sei dees Schneckle gwä?« meinte Naso lauernd, »wie
schwär denn?« - »Ha, an die fufz'g Pfund!«
    Alles staunte, und ungläubig Naso: »Eun Schneckle, eunen halben Zentner
schwär? Onsinn!« - »Ha, dees Schneckle, dees Ammonshorn - so heisst mr's in der
Geologie ...«
    »Ammonshorn? Weuscht denn du überhaupt, wer der Ammon gwä ischt?« - »E
Schafbock, mit so runde Hörnle!« grinste der Bengel. Die Blösse, die sich
Quenstedt gegeben hatte, nutzte Naso aus: »Selber bischt e Schafbock! Lern du
erscht Mytologie! Na kascht von Ammon rede!« Milderen Tons wandte er sich jetzt
an Flammer, der wegen seiner vielseitigen Kenntnisse allgemein bewundert wurde:
»Also Flammer! Red jetzt du!«
    Flammer erhob sich, ein Hauch von Röte überflog sein kluges Gesicht: »Ammon
ist ein Beiname Jupiters. Als Zeichen der Würde trug er Widderhörner am Kopf.
Nach denen heisst eine grosse Schneckenart der Urwelt Ammonshorn, weil sie so
geformt ist. Beim Hebsacker, dees stimmt, liegen e paar Ammoniten. Und Herr
Kandidat Hainlin hat gsagt, ihr Alter sei kolossal!«
    Naso wurde unsicher: »Kolossal? Ha no! Dees möcht stimme! Aber net
honderttausend Jahr!« - »Eine Million, sagt Herr Kandidat Hainlin.« - »Ond mei
Vatt'r,« platzte Quenstedt dazwischen, »der sagt, auf e paar Millione mähr oder
weniger käm's net ahn - so alt sei dees Schneckle.«
    Einen krebsroten Kopf bekam Naso, seine Augen glotzten bestürzt auf
Quenstedt: »Dei Vatt'r? Der kommt hier gar neu in Betracht! Der'scht ja
Nadurforscher! Ja, wenn ihr Nadurkond habt, im Obergymnasium, na mögt ihr vom
Ammonsschneckle schwätze! Vorausgsetzt, dass sich der Herr Professor Wildermut
überhaupt auf so Sächle einlässt. Ond sollt der alsdann für die Schöpfung der
Welt ein anderes Datom ahngebe, als in der Tabell steht - na gilt dees halt für
die Nadurkond! Aber jetzt hammr Welt gschicht! Da wolle mr uns an dees halte,
waas Hischtoriker feschtgstellt hänt. Zom Ueberfloss ischt dees amtlich
ahnerkannt - onser württebergisch Minischteriom hat die Tabell da drucke lasse.
Ond wer onser Minischteriom net reschpektiere tut, bleibt halt sitze!«
    Schon glaubte Naso, mit der Genugtuung eines Siegers die Klasse überschauen
zu dürfen, da hob Flammer den Finger. »Waas, Flammer?« Und Flammer: »Woher
wissen denn die Hischtoriker dees Datom?« Naso erstarrte, Augen und Mund
aufgerissen: »Woher sie dees wisse? Ha no - glaubscht denn du net an die Bibel?
Aus dem Buch der Bücher hänt die Hischtoriker das Datom ausgrechnet! Der Moses
zählt ja die Jahr auf, wo seit der Schöpfung verstriche sind.« - »Aber woher
weiss es denn der Moses?« - »Ha,« eiferte Naso, »von Goot selber! Der hat ihm ja
die Bücher Mose in die Feder diktiert! Wer also net ans Datom der Schöpfung
glaubt, der glaubt net an Moses! Wer aber net an Moses glaubt, der'scht eunfach
... der'scht e Lausbub!«
    Etwas erschöpft schien Naso von solcher Abkanzelung. Doch einmal im Zuge,
schwang er sich noch zu einem majestätischen Finale auf: »Oh freili,« höhnte er,
»Gootsleugner gibt's in der Welt! Aber net bloss, dass so Ateischte ohnverschämt
dreischt sind, sie sind au ssaumässik domm! Hier vor euch, Kinder, steht ein
lebendiger Beweis dafür, dass es einen Goot gibt! Wenn's nämlich keunen gäb',
waas wär dann i?« Gespannt starrte alles auf seine Brillengläser, hinter denen
ein heiliger Eifer lohte. »I wiederhol die Frag: Waas wär dann i? Waas wär euer
Professor? Ihr wagt's net auszuspreche - na werd i's selber sage: e Ssimpel wär
i! Wenn i mir bloss einbilde tät, dass e Herrgoot ischt, wie er in der Bibel
steht, na wär i nicks wie e bemitleidenswerter Idiot!«
    Der Professor nahm offenbar an, schon die leise Vorstellung, er könne ein
Idiot sein, müsse wie eine Ungeheuerlichkeit wirken, dabei müsse den Pennälern
der Verstand stillstehn. Den Zeigefinger an der Nase, dozierte er weiter: »Weil
aber dies - ohnmöglich - gradezu eun Widerspruch in sich selbscht wär, lautet
der Vernonftschloss: Also - quod erat demonschtrandom - also gibt es einen Goot!«
 
                             Studentle der Hexerei
Kind einer Grossstadt, hatte ich Dorfleben immer nur in den Ferien und auf
Spaziergängen kennen gelernt, also bei Gelegenheiten, die der Erholung dienen.
Kein Wunder, dass ich mit dem schwäbischen Dorfe, wo ich wohnhaft geworden war,
die Vorstellung verband, es komme hier hauptsächlich auf Naturschwärmerei an.
Sah ich die Wiesen mit den Obstbäumen, die ländlichen Gärtchen oder auch nur
blühendes Gestäude am staubigen Wege, sah ich die Enten zum Goldersbach
watscheln und vernahm ich das Muhen von Nachbars Kuh, so ging mir gleich das
Herz auf, und ein Glück glaubte ich zu versäumen, wenn ich nicht der Lockung zum
Idyll Folge leistete.
    Begünstigt von der Ländlichkeit, der ich ergeben war, schoss jenes Benehmen
ins Kraut, das den sogenannten Flegeljahren eigentümlich ist. Der Umgang mit
anderen Halbwüchsigen trug auch dazu bei. Wohl hätte der ältere und sehr
verständige Schmidt erziehlich auf mich einwirken können; aber sein gesetztes
Wesen war mir bald langweilig, und es verdross mich, dass mir von den Eltern immer
seine Bravheit vorgehalten wurde. Das einzig Flotte, das er hatte, sein Fechten,
verlor den Reiz, als wir einander unsere Finten abgelernt hatten. Eine Störung
war's auch, dass Enzio, wenn wir fochten, mit Verdrossenheit dabei stand, weil er
wegen seiner kleinen Gestalt nicht mitalten konnte.
    Enzio gehörte keineswegs zu den Musterknaben. Immerhin kam er in der Schule
leidlich vorwärts - er fürchtete seines Vaters Drohung: wenn er sitzen bleibe,
müss' er Kaufmann werden. Das genügte seinem Ehrgeiz nicht, Student wollt' er
werden. »Und was willst du studieren?« fragte ich. Stolz lautete die Antwort:
»Staatskarriär!« - »Also Jura?« - »Iura et cameralia.« - »Was ist das,
cameralia?« - »Dees sind die Koriehs, wo cameralia studiere, Grafe ond
Millionär. Ond du, Bruno? Waas willscht du studiere, he?« - »Ich, oh! Mein Vater
rät zur Teologie - aber im Puppenteater hab' ich den Doktor Faust gesehn - der
hat alles mögliche zusammenstudiert. Und leider auch Teologie! hat er gesagt.
Auch ich kann mir nicht denken, dass an der Teologie viel dran ist. Na ja, ein
Landpastor lebt gemütlich, sein Garten könnte mich schon locken. Aber die vielen
Kirchenlieder, die man sich einpauken muss, und der Katechismus, so was ist
furchtbar langweilig.« - »Dees scho! Naa wirscht halt Philosophie studiere,
gelt? Der Doktor Fauscht war e Philosoph!« - »Nein, die Philosophie hat ihm auch
nicht gepasst. Drum hab' ich mich der Magie ergeben, sagt er ja. Und Magie,
siehst du, die möcht' ich auch studieren. Schade, dass man's auf den heutigen
Universitäten nicht mehr kann, wie in der guten alten Zeit, wo es noch Ritter
und Hexen gab.«
    »Aber waas tut mr denn mit der Magie? Kann mr davon gut lebe?« - »Und ob!
Magie ist einfach Hexerei - und wenn ich hexen kann, hexe ich mir gradezu her,
was ich wünsche.« - »Aber zaubern kann heuer kein Mensch mehr - verlernt hat mr
dees!« - »Verboten hat man's,« sagte ich; »die Teologie hat schuld, die ist
giftig auf die Zauberei. Luter sagt im Katechismus: wir sollen nicht fluchen,
schwören, zaubern! Ich finde das kurios. Meine Mutter sagt: Fluchen tun ordinäre
Leute, das schickt sich nicht. Aber wenn ich Donnerwetter sage oder Verflucht
und zugenäht, das sind einfach derbe Redensarten, sie tun doch keinem was. Warum
machen nun die Teologen aus der Mücke einen Elefanten? möcht' ich wissen. Und
wie steht's denn mit dem Schwören? Warum soll das eine Sünde sein? Wenn doch,
jeder, der als Zeuge vor Gericht kommt, schwören muss! Na also! Nun kommen wir
zum Zaubern. Das soll auf einer Stufe stehen mit Lügen und Betrügen? Unsinn! Die
Zauberbuden auf den Jahrmärkten sind meine Schwärmerei, und dagegen hat sogar
die Polizei nichts. Ich selber zaubere mit meinem Zauberkasten, den hat mir
meine Grossmutter zu Weihnachten geschenkt. Das ist doch kein Betrug! Und ich
meine sogar: Jammerschade, dass ich nicht allen Ernstes zaubern kann! Kennst du
das Märchen vom Knaben, der hexen lernen wollte?«
    Sinnend meinte Enzio: »Wenn i hexe könnt, honderddausend Dukate tät i mir
wünsche, besser no, dass mei Geldbeutel nimmer lär werde tät. Na hätt i ällweil
Geld - ond wär e nobler Korieh mit roter Kapp, Samtjäckle ond Kanonestiefel,
gelt?« - »Welches Kor trägt denn rote Kappen?« - »Suevia sei's Panier!« sagte
Enzio prahlerisch und holte aus seiner Westentasche ein Stückchen Band
schwarz-weiss-rot: »Mei Bändle ischt dees, ond älleweil bei mir han i's. Später
trag i's om die Bruscht, ond als Renommierbursch stolzier i durch Tübinge - mit
meim Reissebeiss!« - »Wer ist denn das?« - »Mei Hund heisst so, e kolossale Dogg,
auf Mensche dressiert. Deescht e rechts Zauberviech - wie der Reissebeiss im Märle
vom Metzgergsell - den hat der Reissebeiss begleitet auf seiner Wanderschaft - ond
wie der Gsell in eine Räuberherberg graten ischt, wo ihn die Räuber hänt
schlachte wolle, na hat der Reissebeiss die Räuber verrisse.«
    Auf Räuber kam Enzio auch sonst gern zu sprechen; einmal deutete er nach
einem Bergwalde: »Dort hinter Kirchetellinsfurt hat's no richtige Räuber.« Ein
zerlesenes Buch lieh er mir, es handelte vom Räuber Schinderhannes. Ich
peitschte den Schmöker durch, habe indessen nichts davon behalten als eine
spannende Szene - im allgemeinen fand ich diese Geschichte verworren und wüst.
    Neuerdings hatte sich Enzio einem rotköpfigen Realschüler angeschlossen, der
auch in Lustnau wohnte. Auf Obst und süsse Erbsenschoten waren diese zwei
erpicht, ohne den Unterschied von mein und dein sonderlich zu achten. Sie hatten
am Pfrondorfer Berge gelbe Rüben gemaust, und meine Tasche war prall von
Fallobst, das ich in kindlichem Sammeleifer aufgelesen hatte. Da sah ich, wie
der Feldhüter geduckt heranschlich. Gleich darauf kratzten meine Gefährten aus,
und ich langbeinig wie ein Hase hinterdrein, schnurstracks immer bergab -
Steinhaufen übersprang ich, durch Gebüsche brach ich, eine Gewandteit
entwickelnd, die ich mir bisher nicht zugetraut. Bald war ich ausser Gefahr und
wieder vereint mit den nicht minder leichtfüssigen Spiessgesellen.
    Nun bargen wir uns in einer Grube, die zum Flachsrösten hergerichtet war.
Die Aschenreste brachten uns auf den Einfall, hier ein Feuer zu machen. Als das
zusammengesuchte Holz flackerte, schlug Enzio vor, Frühkartoffeln zu rösten, und
wollte sie mausen. Hieran mochte ich mich nicht beteiligen, übernahm es aber,
das Feuer zu unterhalten, während die anderen gingen. Als ich neuen Reisig
zusammengesucht hatte und behaglich die qualmende Glut nährte, stand auf einmal
ein bäurisches Weib bei mir und überschüttete mich mit Entrüstung. Wie sie gar
mit ihrer Hacke auf mich losging, zog ich es vor, Fersengeld zu geben.
»Fuirlesmacher!« hatte mich das Weib geschimpft, und als ich andern Tags durchs
Dorf ging, riefen die Kinder hinter mir her: »Fuirlesmacher!« Anfangs war ich in
Sorge, meine Schandtat könne dem Naso kund werden. Doch hatte sie keine andere
Folge, als dass ich hinfort bei der Lustnauer Jugend der Fuirlesmacher hiess.
    Solch wilde Geschichten wechselten mit Erlebnissen von sanfter Schönheit. In
der Richtung nach Bebenhausen streifte ich gern, längs des rauschenden Baches,
wo Forellen schlüpften. Ueber die grossen Klettenblätter des Ufers erhob sich
wallender Weizen, Mohn und Flachs. Das ganze Talgelände ein einziger Obstgarten.
Manche Apfelbäume derart mit Frucht beladen, dass die hängenden Aeste ein Dutzend
Stützen nötig hatten. Die Wiesen strotzten von Halmen und hochgeschossenem
Kraut. Falter gaukelten über die bunten Blumen, Hummeln summten, vom Feldrain
schwirrten Grashüpfer, so zahlreich, dass sie förmliche Wölkchen bildeten.
    Vater, der mich gern auf seine Spaziergänge mitnahm, fand im Naturgenuss
einzig ungetrübtes Lebensglück. Er machte mich mit der Vogelwelt bekannt, wusste
mit seinem einen Auge Erdbeeren zu entdecken und zeigte mir schmackhafte oder
heilkräftige Kräuter. Am Saum der Wälder, die auf den Höhen beiderseits des
Goldersbaches säuselten, fand er Haselsträucher und freute sich der Nüsse, wenn
sie auch noch nicht reif waren. Das lebhafteste Behagen widmete er den Pilzen,
von denen die Buchen- und Nadelwälder wimmelten.
    Ging ich allein in die Landschaft, gab ich mich weniger dem Ausnutzen der
Natur hin, was Vaters Spezialität war, als dem Träumen und einem Umherschweifen,
das bloss der Stimmung folgte. Ich konnte mich derart an die Dinge verlieren, dass
ich mein Alltagsdasein vergass und geradezu in einer andern Welt lebte. Einmal
hatte ich den Goldersbach aufwärts verfolgt, war hinter dem Kirnbache abgebogen,
in einen domartigen Wald. Die Säulen waren dicke Buchenstämme, hart wie grauer
Stein. Die Wurzeln überkrustete Moos, Efeu rankte zum Gezweig empor. Den steil
abfallenden Boden deckte braunes Laub, und wo die Sonne durchs grüne Dach lugte,
hatten sich Gewächse angesiedelt, lila Glockenblumen, Waldmeister und zarte
gelbe Blüten. Nahe dem Berggipfel war ein Gewimmel starrender Felsen, zwischen
denen Farne ihre grünen Wedel breiteten. Als ich auf bemoostem Blocke sass, war
mir's, als rege er sich, und ich wurde die Vorstellung nicht los, diese Felsen
seien eines Ritters Reisige, von einem Zauber versteinert. Den verwunschenen
Ritter entdeckte ich in Gestalt eines hoch über den Wipfeln kreisenden
Raubvogels. In einem Banne hielt mich die Träumerei, so dass ich mir selber
schier versteinert vorkam und mit diesem Walde verwachsen. Als unweit eine
Ringelnatter in der Sonne lag, beobachtete ich sie, ohne mich zu regen, und
glaubte, sie werde mir wunderbare Heimlichkeit offenbaren, etwa ein Krönlein aus
einem Loche holen oder ein Kraut pflücken, mit dem man die versteinerten Ritter
nur zu berühren brauche, um sie wieder zum Leben zu erwecken.
    An einem strahlenden Sonntagmorgen hatte ich einen Abstecher ins Neckartal
gemacht und am Fusse eines Waldberges die Blaulach gefunden, einen
langgestreckten Sumpf, von Rohr umflüstert. Durch diese Wildnis führte ein
bretterner Steg, und auf das vorspringende Ende setzte ich mich, ins Wasser zu
starren. Es fesselte durch seine dunkelblaue Farbe, mit breiten Flächen grüner
Linsen bedeckt. Geheimnisvoll war eine Stelle, wo der Wasserspiegel
Perlmutterglanz hatte, ein grünblaues und lilarotes Schillern. Ein Zauber muss
hier im Spiel sein, dachte ich. Aus der Wassertiefe kommt das bunte Flimmern,
drunten haben die Seejungfern ihr Schloss von Kristall, und wenn's für gewöhnlich
unsichtbar bleibt, so bin ich doch vielleicht ein Sonntagskind, weil ich Nixen
und Elfen so gern habe und mich sehne, das Zaubern von ihnen zu lernen. Libellen
kamen geschwirrt und zitterten wie Hauch über duftigen Wasserdolden - ich
bestaunte den blauen, biegsamen Leib, die langen Flügel, wie aus Glas gesponnen.
Und nun tauchte aus dem Wasser ein buntes Entlein, schwamm näher, mit munteren
Aeuglein mich betrachtend. Mein Herz pochte, da die ersehnte Zauberwelt fast
greifbar war. Ich brauchte dem Entlein nur ein magisch Reimlein zu sagen und
durfte dann mit ihm hinabtauchen zum gläsernen Schloss. Sagt nicht die Bibel,
man könne Berge versetzen, brauche nur an die eigene Kraft zu glauben? - Und ich
reimte:
»Blaulach-Entle,
Du Wasserfei!
Bin ein Studentle
Der Hexerei!«
    Aber die Ente tauchte blitzschnell unter, weil ich eine Armbewegung gemacht
hatte. Dafür regte sich etwas in einer braungelben Masse, die zwischen den
Wasserlinsen schwamm: ein dickköpfiger Frosch kroch aufs breite Blatt der
Seerose und meckerte fettes Spottgelächter: »Na - a - arr!« Und zerstoben war
die schillernde Seifenblase der Träumerei - ganz gewöhnlich war auf einmal die
Welt - es glühte die Sonne, eine Bremse stach mich, mein Magen knurrte.
 
                               Hainlins Gärtnerei
So lagen in meiner Seele verschiedene Elemente durcheinander wie Kraut und
Rüben, und ich litt darunter, dass ich keinen Ausgleich fand. Der Gegensatz
zwischen dem Nixenschloss und dem Schlamm des Frosches wurde täglich von mir
erlebt, wenn ich aus der wundervollen Landschaft in die öde Schulstube kam. Die
Gabe, daselbst mich anzupassen, war meiner Kindheit derart versagt, dass der
Unterricht verschlossene Ohren fand. Ich lebte zu sehr innen. Wo ich nicht in
freier Teilnahme den äusseren Einwirkungen entgegenkam, stiessen sie auf
Gleichgültigkeit oder auf Ablehnung. Bereits als ich die Schulbank der Sexta
gedrückt hatte, war mir die alte Linde auf dem Klosterhof, wie sie knospete und
blühte, wie sie im Herbst gelb wurde und das Laub verlor, ein würdigerer
Gegenstand der Teilnahme als der Lateinlehrer mit seinem mensa- und amo
-Geschwätz.
    In Tübingen zog ich mich während des Unterrichts in mich selbst zurück wie
eine Schnecke in ihr Haus, sobald man ihre Fühler anrührt. Auf den Lehrstoff der
Klasse pflegte ich weniger zu achten als auf die Mundart der Mitschüler und
Eigenheit der Lehrer. Mit ihrer graugrünen Fläche lud mich die Schulbank ein,
Gestalten darauf mit Tinte zu kritzeln - den Glasberg mit der Prinzessin und dem
emporsprengenden Ritter. War ich aber zu spöttischer Beobachtung aufgelegt, so
malte ich den borstenköpfigen Wursterle mit seinen abstehenden Ohren, den
schnupfenden Naso, den feisten Saubock. Sobald ich annehmen durfte, der Lehrer
würde mich nicht mit Aufrufen belästigen, ergab ich mich dem Verseschmieden und
schuf Gestalten meiner eigenen Welt. In meinen Schulbüchern lagen Zettel, denen
Zeilen meines »Epos« anvertraut waren. Zu Hause fügte ich die Entwürfe in den
Zusammenhang des Ganzen, und solcher Betätigung wie auch dem Lesen von Märchen
und Indianergeschichten widmete ich meinen Eifer, während Schularbeit übers Knie
gebrochen wurde.
    Hainlin, der meine Art ausgespürt hatte, sprach mit meinem Vater darüber,
als er gekommen war, sich für das Kotze-Buch zu bedanken. In der Weinlaube sassen
die beiden, ohne zu merken, dass ich mir in der Nähe zu schaffen machte.
    »Ihr Sohn ist ein Sinnierer und Eigenbrödler - einer von denen, die ihren
Gang nicht durch die Schule nehmen, sondern nebenher. Gelingt solchen Naturen
ihre Entwicklung, so ist's gut - aber sie kann auch misslingen, und jedenfalls
haben sie viel Widrigkeit und Seufzen durchzumachen.« Sorgenvoll nickte mein
Vater: »Sie haben den Jungen durchschaut. Ich kenne seine Kuriosität. Ich selber
habe etwas davon - habe mich nie recht einschmiegen können ins Getriebe der
Leute. Bei mir hat sich verständiges Wesen einigermassen erst eingestellt, als
ich die Schwelle zur Mannbarkeit überschritten hatte. Vorher weiss man kaum, was
man ist und was man im Leben soll.«
    Der Kandidat spann den Faden weiter - ich konnte nicht alles hören, und
manches blieb damals noch dunkel - allein später, als mir Hainlins Ansichten
klarer wurden, war ich imstande, das belauschte Gespräch zu deuten. Es sei
herkömmlich - so meinte er - einen jungen Menschen mit einer frisch aufgeblühten
Blume zu vergleichen - doch er gleiche eher einem Schuttaufen, darauf allerlei
Gewächs durcheinander wimmelt: Nesseln und Grashalme; neben giftigem
Nachtschatten blüht das heilkräftige Johanniskraut, die himmelblaue Zichorie,
süssduftend die Königskerze. Wohl haben Kinder glatte Gesichter und klare Augen,
während der alte Mensch durchfurcht von Leidenschaften erscheint und vom
Schicksal zersplissen wie ein Weidenstumpf. Doch trügt der Schein. Mancher Alte
birgt unter den Runzeln eine abgeklärte Seele, und manch äusserlich hübsch
blühendes Menschenkind ist innen wüst. Ein Neugeborener bedeutet kein
unbeschriebenes Blatt, eher ein vielbändiges Buch, eine uralte
Historienbücherei; oder auch ein Papier, das zwar weiss ist, aber geheime
Schriftzeichen trägt, mit einer Tinte geschrieben, die anfangs unsichtbar, erst
durch längere Belichtung Deutlichkeit erlangt. Was dem Neugeborenen solche
verstohlene Ueberlieferung beigebracht hat, ist sein Vorleben, das er innerhalb
seiner Ahnen geführt hat. Mit dem Blute haben sie ihm Gefühle, Tüchtigkeiten und
Laster vererbt. So kommt es, dass ein Kind zuweilen eine ganze Rotte wilder
Triebe darstellt. Mit Bestürzung entdeckt es in sich ein heftiges Durcheinander,
wie wenn eines Vielgespanns Pferde unverträglich hierhin und dortin zerren.
Arme Jugend, die ihr Inneres noch nicht begreifen kann und nicht weiss, was sie
anfangen soll mit den erwachenden Anlagen und Trieben! Kläglich verlassene
Jugend, die in solcher Hilfsbedürftigkeit nicht verstanden wird! Eltern und
Lehrer, die ihre Ueberlegenheit über die Unreifen wohltätig machen sollten,
indem sie in deren seelische Gründe ordnend, entwickelnd eingreifen, haben dazu
selten Beruf. Sie beschränken sich dann darauf, rauh zu unterdrücken, was ihnen
unpassend erscheint, und Heranwachsendes in Schablonen zu pressen. Statt mit den
Kindern jung zu sein, wie die Katzenmutter mit ihren Jungen tollt, setzen sie
die Miene einer Ueberlegenheit auf, die sie schroff scheidet von der unteren
Stufe, so dass sich Kinder und Erwachsene wie zwei einander fremde Welten
gegenüberstehen. Der Erwachsene befiehlt, tadelt und straft. Gestattet sauersüss
oder gönnerhaft. Lässt oft nur deshalb die Jugend gewähren, weil ihm das Gängeln
lästig ist. Seine Sonderinteressen gehen ihm vor, er fachsimpelt mit
seinesgleichen und überlässt die Kinder jener Heranbildungsfabrik, die sich
Schule nennt.
    »Um nun wieder auf Ihren Knaben zu kommen,« so wandte Hainlin seine
Darlegung an, »möcht' ich fast raten, Sie sollten ihm unter Anleitung eines
geeigneten Privatlehrers möglichst freie Entwicklung lassen. Neigungsstudien,
die allein passen für ihn. Aber freilich, wo den Pädagogen hernehmen?« - »Ich
wüsste schon einen,« sagte mein Vater, »doch den zu honorieren, gebricht es mir
an Mitteln ...« Abermals machte Hainlin die freundlich ablehnende Gebärde: »Wenn
Sie mich meinen, so muss ich gestehen, dass ich nur Gelegenheitspädagog sein kann,
Dilettant - dies Wort meint einen, der etwas bloss aus Liebhaberei treibt - bloss!
sagt mr - als ob Liebe ein geringes Motiv wär - komisch sind die Leut! Nun also,
die Nachhilf hab ich Ihrem Bruno gern erteilt. Aber die muss nun ein End haben.
Zum Oktober gang i nach Stuggart ...« - »Was? Sie wollen fort von hier? Und
Fräulein Rosel? Und Uli Ritter? Was fangen die ohne Sie an? Wir alle werden
traurig sein ...« Während mein Vater so sprach, fühlte ich, wie mir heisses
Bangen zur Kehle stieg, und ich war versucht, weinend hinwegzuschleichen.
    »Ja, ja!« fuhr Hainlin fort, »den bunten Rock will ich anziehn - einmal muss
der Militärpflicht genügt werden. Auch für Rosel wird's gut sein, wenn i jetzt
geh' - da mag sie sich besinnen. Und der Uli? Er muss lernen, ohne mich zu
arbeiten. Nun fragen Sie mich nach Ihrem Sohn. Wie die Dinge liegen, wag' ich
nicht zu raten, den Bruno von der Schule wegzutun. Lassen Sie ihn ruhig im Drill
bei den anderen Schülern - er wird net erheblich hinter ihnen zurückstehen, wenn
er auch mal kleben bleibt - wie möglicherweise demnäkscht. Ihre Uebersiedelung
von Norddeutschland in die hiesigen Schulverhältnisse stellt an seine
Anpassungsfähigkeit Ansprüche, wie sie bloss ein Knabe bewältigt, der sich ganz
in die Hände seiner Exerziermeister gibt. Dees aber tut er net, der Bruno net!«
- Mein Vater tat einen Seufzer: »Ach ja! Wie man's anfängt - es hapert überall!
So ist die Welt! Ein Rezept haben Sie also nicht für mich?« - »Nach einem Rezept
kann der Poet, der Maler, der Tondichter nicks Lebendiks zustandebringe.
Ebensowenik der Pädagog, dessen Beruf ich Erziehungs kunscht nenne möcht.«
    »Wie hoch, Herr Hainlin, fliegt Ihr Idealismus! Die Wirklichkeit kann da
nicht mit! Bedenken Sie, dass der Lehrstand nicht aus Künstlernaturen bestehen
kann.« - »I weiss! Fabrikwerker sind die weischte. Wer's net sein möcht, wird's
mit der Zeit. Das Getriebe macht ihn zu eme Rädle an der Maschin.« - »Die
Schüler tragen auch nicht wenig dazu bei, einem Pädagogen den Idealismus zu
versauern,« - meinte mein Vater - »als Aussenstehender hat man's leicht, sich
idealen Träumen hinzugeben. Steht man aber vor der Aufgabe, die Rotte Korah zu
bändigen ... Herr Kandidat, Hand aufs Herz!« - »O freili! I selber würd verzage,
begab i mich ins Fabrikgetrieb.« - »Das wollen Sie also nicht? Sind Sie vom
Teologen zum Lehrer umgesattelt? Ich meine gehört zu haben, dass Sie eine
Anstellung an der Töchterschule erstreben? Oder was möchten Sie werden?«
    Wie ein verlegenes Kind sah Hainlin aus, als er zögernd erwiderte: »Ha, auf
der Flöte spiel i gern - mach au Verse - halte Gespräche mit den Ideen, die mich
besuchen, wenn ich über Büchern und Papier brüte. Weil aber onsereins davon net
lebe kann, ond weil i vollends net auf diese Art mei liebs Rosel ernähren könnt,
so muss i halt schaun, wie ich das Brotmachen lern. Am liebschte möcht i zur
Gärtnerei omsattle. Ob mir's glingt, ob überhaupt ebbes Leidlichs aus mir wird,
dees weiss der Himmel.« Betroffen hielt mein Vater das Auge auf den seltsamen
Kandidaten gerichtet: »Gärtner? Hm! Nun ja, ein schöner Beruf! Aber dafür
brauchten Sie nicht auf die Universität zu gehen.« Nicht ohne wehmütigen Spott
war Hainlins Lächeln, als er erwiderte: »I hab halt mei Studiom ganz und gar net
als Mittel zum Broterwerb betrachtet, sondern als mei geischtiks Bedürfnis.
Verloren ischt's also net, wenn i schliesslich zu der Einsicht glang, dass es mir
besser passt, Pflanzen aufzuziehen, als Menschenkinder im Drill zu peinigen und
zu verhunzen.« Mitfühlend, als ob er ihm Halt geben möchte, ergriff mein Vater
des schwärmenden Jünglings Hand: »Mein lieber Herr Hainlin! Möchten Sie Kraft
finden, die Entsagung zu bestehen und die Enttäuschungen, die Ihnen ein so
seltsamer Lebensweg nicht ersparen wird!«
    Seine Rührung konnte Hainlin nicht verhehlen. Er schwieg und sann. Dann kam
noch ein Hauch seines Geistes: »Net um mich handelt es sich, sondern um Ihren
Knaben. Wenn ich nun fort bin, könnten Brunos Freunde ihm beistehn. Vom Segen
der Freundschaft halt i viel. Im Umgang mit Altersgenossen, zu denen er
begeischtert emporschaut, wächst der junge Mensch Ond selbst, wo's auf Studiom
ahnkommt, können ihm Mitschüler Lährmeischter sein, wofern sie herzlichen Willen
dazu hänt. Wo junge Leute mitsammen schwärmen, sind sie wie ein Kriegshaufe im
heroischen Erstürmen einer Bergfeste - es wetteifern die Knappen, ond einer
hilft dem andern. Kein Volk hat solch erzieherische Freundschaft so vorgelebt
wie Aten und Sparta. Das preisen nun zwar unsre Schulmeischter - doch ach, wie
kläglich sind sie vom Geischt der Antike entfernt. Wenn sie mit ihren Pennälern
Griechisch büffeln, haben sie keine Ahnung von der freien Natürlichkeit und
Kraft derer, die Plato schildert. Helenas Gewand haben sie in Händen, während
die Göttin ihnen entschwunden ist - mit den alten Lappen treiben sie einen
lächerrlich traurigen Götzendienst, indem sie die Nähte studieren, auftrennen und
wieder zusammenflicken. Wenn i mich zu dem Ohnfug hergebe soll, den mir onsre
Bildungspfaffe zumute, Himmel Herrgott! Dann werd i Rebell.« Bei diesen
unwirschen Worten war Hainlin aufgesprungen. Nun nahm er Hut und Stock: »Nicks
für ungut! Bin halt kei Normalmensch! Was aber den Bruno betrifft, so seien Sie
wegen der Schul net arg in Sorg! Es genügt, wenn er leidlich mit ihr fertik
wird. Im übrigen halten Sie darauf, dass er Ihnen Vertrauen schenkt - ond dass er
sich zum Wendelin Flammer hingezogen fühlt. In dem lodert Begeisterung - er hat
ebbes Emporreissendes. Der Uli Ritter ischt aue Kerle. Der Enzio ...« Hier machte
Hainlin eine Pause des Bedenkens ... »Ha no! Der Enzio möcht wohl! Eine Art
Nobless ischt ohnverkennbar am Enzio. Doch am albernen Ich hangt er - ond hat in
seim Blut e gefahrvolle Erbschaft.«
 
                              Justinus und Rickele
Spätnachmittags wollte ich mit meinem Vater einen Spaziergang unternehmen. Wir
standen vor dem Hause, warteten nur auf einen Brief, den meine Mutter noch unter
der Feder hatte - in den Postkasten wollten wir ihn befördern. Fräulein Rosel
kam aus dem Haus, auf dem Kopf einen leeren Korb. Ihre rotgeweinten Augen
erinnerten mich an Scheltworte, die ihr Stiefvater wieder einmal herausgepoltert
hatte. »Noch fleissig, Fräulein Rosel?« fragte mein Vater freundlich. -
»Kohlräble muss i hole - vom Haseläckerle.« So ging sie. Ich empfing nun Mutters
Brief, aus dem Fenster warf sie ihn.
    Als wir ihn zum Postkasten gebracht hatten, wurde auf der Dorfstrasse Herr
Hainlin sichtbar. Da er auf Kuttlers Haus zuging, erlaubte sich mein Vater die
Bemerkung: »Fräulein Rosel ist eben fortgegangen, zum Haseläckerle.« Sein
Gesicht drückte Enttäuschung aus. Dann meinte er: »Und wo ischt sell Aeckerle?«
Ich wusste das, und mein Vater bot unsere Führung an.
    Unter dem waldigen Hange des Dentzenbergs war der Acker gelegen, bei
Haselgebüsch. Vom Fusspfade sahen wir auf Gemüsebeete, und da hantierte Rosel
gebückt. Hainlin rief sie an - sie richtete sich auf: »Griess Goot! I komm glei.«
Mein Vater war im Begriffe, sich zu verabschieden. Aber der Kandidat schaute, in
Sinnen versunken, auf die im Tale liegenden Gebäude: »Also da beim Kloschterhof
ischt sell Ackerle? Sonderbar!« Was er meinte, blieb vorerst dunkel. Träumerisch
fuhr er fort: »Drunten die dicke Währmauer und die zwei Türm stammen aus dem
Mittelalter. Seit der Reformatio ischt's e wirtschaftliche Gütle, ond jetzt
werden Waisenkinder drin verpflegt ... Aber schau, mei Rosel kommt.«
    Ihren mit Gemüse gefüllten Korb hatte sie auf den Kopf genommen und kam de..
Pfad zur Halde herauf. Als sie vor uns stand, hatte ihr Gesicht noch immer
Spuren von Leid. - Hainlin schien das sofort zu bemerken und meinte sanft: »Sitz
nieder, Rosel! I möcht dem Herrn Wille und dir e Gschichtle verzähle, gelt? Also
- vor etlichen Jahren ischt's Rickele verstorbe - als Greisin ... von ihrer
Jugend aber will i verzähle ...« Am kleebewachsenen Hange sassen wir und blickten
auf den Klosterhof, ins dunkelnde Tal des leise rauschenden Goldersbaches.
    »In eme Gütle da in der Näh hat dr Oberamtmann wohnt mit seiner Tochter
Rickele. Des liebe Mädle ischt emal bei em Ausflug zur Reutlinger Achalm gwä.
Munter hat die Gesellschaft vom Berg ins prangende Land gschaut. Aber's Rickele
hat e wehmütigs Gsichtl gmacht - grab wie jetzt mei Rosel - als wär's Leben
nicks als Trauerspiel ...« - »Ischt's net so?« seufzte Rosel.
    Unbeirrt fuhr Hainlin fort: »Trat zum Rickele e junger Mann, seines Zeichens
Student, ond sprach zur Schönen, die ihm noch fremd:
Wie kommt's, dass du so traurig bist,
Da alles froh erscheint?
Man sieht dir's an den Augen an:
Gewiss, du hast geweint.
    Nicht als Zudringlichkeit, sondern als Teilnahme hat's Mädle solche
Ahnnäherung empfunden - und, vertraut mit ihrem Goete, die schlagfertige
Antwort gegeben:
Und hab' ich einsam auch geweint,
So ist's mein eigner Schmerz;
Und Tränen fliessen gar so süss,
Erleichtern mir das Herz.
    Hinfort hat den Jüngling innik verlangt, es solle Rickeles Herz sich auftun
ond ein ander Herz in sich aufnemme - wie's dr altdeutsche Sänger meint: Ich bin
dein, und du bist mein, des solltu gewiss sein - du bist beschlossen in meinem
Herzen, verloren ist das Schlüsselein, nun musstu ewik darinnen sein.«
    »Ond ischt's denn so bliebe?« fragte Rosel bewegt - »hat er's Rickele in
seim Herz behalte?« - »Er hat's! Abends hat er oft gelauert beim Haus von
Rickeles Vatter - ond sälik ischt er gwä, wenn er nur's Lichtle hat sehe könne
ins Mädles Kämmerle, ihren Schatten am Vorhang. Ond allerlei zärtlich
Geschreibsel hat sell Liebespaar zu tausche ghätt. In einer zerfallenen Kapelle
beim Haus, unter eine lose Stein hat der junge Mann seine Briefle niedergelegt,
ond's Rickele hat auf die gleiche Weise geantwortet. Drei Jahr hernach hat sie e
Ringle von ihm trage dürfe - ond wie er seine medizinische Prüfung bestanden
hat, na ischt's Rickele die Frau vom Juschtinus worde.« - »Also Arzt ist er
gewesen?« fragte mein Vater - »und Justinus hiess er?« - »Ja, Juschtinus Kerner.«
- »Wie? Der berühmte Dichter?« - »Ha freili! Sie aber ischt selles Reckele gwä,
des mit ihm in d Literaturgschicht kommen ischt. Wie der Kerner später als Arzt
in Weinsberg ghaust hat, ischt beim Rickele mancher berühmte Gascht gwä - zum
Beispiel dr Lenau. In äusserlichen Dingen sind die Ehejahre des Kernerpaares
zunäkscht dürftik gwä. Im Dorfe Welzheim hat es beim Ochsenwirt bloss zwei Zimmer
ghett ond e winzige Küch. An den grösseren Raum, der Schlafzimmer gwä ischt, hat
dr Wirt die Bedingung knüpft, an Markttagen, bei Hochzeiten, Kindtaufen und
Tanzvergnügen sei er zu räumen, um als Tanzsaal zu dienen. Aber glücklich wie
Kinder sind Juschtinus und sei Rickele gwä zwischen weissgetünchten Wänden,
hinter dene blinde Bleifenschterle. Rickele hat als Beistand e Laufmädle ghätt,
zum Wasser und Holz bsorgen, hat aber sonscht älls selbscht tan - und der
Kerner, besonders auch jeder Gascht, hat net gnug rühme könne, wie schmackhaft
und wie vergnügt mr beim Rickele könn tafle.«
    Rosel war aufgeheitert: »Ha, warom au net? Viel braucht mer net, um froh zu
sei.« Beifällig bemerkte mein Vater: »Raum ist in der kleinsten Hütte für ein
glücklich liebend Paar. Humor muss man haben - dann wird das Enge, Dürftige weit
und reich.« Hainlin nickte: »Heitre Laune, Schelmerei hat ihm net gfehlt. Ischt
übrigens e rechter Träumlesschwob gwä, den Kopf alleweil im Wolkenkuckucksheim.
Spassik ischt dees manchmal gwä. Zom Beispiel bei seiner Hochzeit. Sei Bruder, e
Pfarrer, hat ihn wolle traue. Wie aber der Bräutigam mit der Braut vor dem Altar
gestanden - ond jetzt des Pfarrers entscheidende Formel kommen ischt: Ich frage
dich, Justinus Kerner, ob du ... - da ischt där so in Rührung aufgelöst gwä, dass
er einfach fortglaufen ischt vom Altar. Die Braut aber ischt stehn bliebe - ond
jetzt hat der spröde Bräutigam gestutzt - hat sie beobachtet und ist, wie sie
ihm immerfort zugewinkt hat, schliesslich wieder, wenn auch zögernd, an ihre
Seite getreten. Nochmals allerdings hat er sich einen Verstoss gegen die Form
zuschulden kommen lassen.« Nämlich, wie jetzt der Pfarrer von neuem seine Frage
gestellt hat, ist der Kerner in seiner Scheu verblieben - hat net geantwortet,
wie's vorgeschrieben ischt: Ja, ich will - vielmähr verstockt gschwiege ond
hat's em Rickle überlasse, von Herze laut zu versichern: Er will scho! Später
hat ihm's Rickele oft im Spass vorghalte, ihre Ehe sei eigentlich ongültik, er
hab net ja gsagt. Dann hat er sich verteidikt: »Dees ischt mir halt zu dumm gwä,
zu sage, wie jeder hausbackene Ehema', als ob mei Glück nicks weiter sein sollt
als eins unter Millione.«
    »Echt ist das empfunden,« meinte mein Vater - »einem Liebhaber, wie er sein
soll, kommt seine Liebe immer wie ein Wunder vor, das nie dagewesen ist.« - »Und
ischt's dees net?« bemerkte Hainlin ernstaft. »Ischt Liebe net erhaben über
alle Zeitlichkeit, Erlebnis des Ewigen?« - »Scho recht!« seufzte Rosel - »aber
wir Menschekinder hänt unser Leben halt in der Zeitlichkeit. - Jetzt, Jergle, tu
uns au sage, wie's dem Kernerpaar weiter gange ischt in der Zeitlichkeit.«
    »Ha, woisch du dees net? Die Formel, die dr Juschtinus verfehlt hat bei
seiner Trauung in Enzweihingen?« - »Wo?« fragte mein Vater belustigt, und auch
ich stutzte über den seltsamen Ortsnamen. »Enzweihingen - so heisst's Dörfle, wo
die Ehe gschlossen worden ischt, noch dazu unter Verstössen gegen das Herkommen.
Entzwei ischt sie aber keineswegs gangen - treu und schön ischt sie bliebe - bis
über die goldene Hochzeit naus. Da ka mer sehe, worauf's ahnkommt, Rosel, gelt?«
    Mein Vater bemerkte: »Es wäre wunderschön, wenn auch dieser Ausgang der
Liebesgeschichte als ein Typus gelten dürfte, auf den Ihre Worte, Herr Kandidat,
passen: Erhaben über alle Zeitlichkeit ein Ausdruck des Ewigen. Leider jedoch
bleiben die Ehen solcher Art recht vereinzelt.« Als spräche er besonders zu
Rosel, erwiderte Hainlin: »Zu so me Vorbild sollt jedes Paar gläubik aufschaue,
wie zu me Stern. Und wenn's au im Leben oft anders kommt, als wir Menschen
hoffen, dees bleibt sicher - Onkel Guhl hat mir's verraten: Von allem Haben in
der Welt macht bloss eins glücklich: das Liebhaben.«
    Forschend sah ihn Rosel an: »Jetzt aber, Jergle, sag mer au: warom tuscht
uns dees verzähle? Worom grad jetzt?« Nicht ohne Schelmerei war Hainlins
Lächeln: »Weil grad an dieser Bergeshalde der Juschtinus gsessen ischt - zum
Kloschterhof spähend - eben da hat's Rickele gewohnt. Ihr Vatter ischt Verwalter
vom Kloschterhof gwä - und der Stein, wohin das Paar seine Liebesbriefle tan
hat, im Kapelleturm drunte liegt der Stein - Trohscht und Wahrzeichen für eine
Liebe, die noch gar keine Aussicht hat, 's Neschtle zu baue - gelt, Rosel?« -
Sie lächelte wehmütig.
    »Ich danke Ihnen, Herr Hainlin! Wenn man hört, was sich in solcher
Landschaft Schönes zugetragen hat, vertieft und verklärt sich die
Landschaftsseele.« Mein Vater gab den beiden die Hand, wir überliessen sie ihrer
Zwiesprache. Der Abendhimmel war erblichen - im Tälchen rauschte der
Goldersbach, ein Grillenkonzert scholl von den Apfelbäumen. Da der Weg schon
etwas dunkel war, stolperte ich über eine Wurzel. »Junge!« mahnte mein Vater -
»stolperst ja über deine eigenen Beine.« - »Weil ich noch an die Geschichte
denke. Weisst du, wie mir Herr Hainlin und die Rosel vorkommen? Wie Justinus
Kerner und seine Braut.«
    »Möchten sie sich finden wie das Paar vom Klosterhof!« - »Finden? Wieso?
Gefunden haben sie sich, schon als Kinder! Jetzt brauchen sie bloss noch zu
heiraten.« - »Bloss? Du scheinst dir das Heiraten recht einfach zu denken.« - »Na
ja, etwas Geld ist nötig. Aber der Kerner und seine Frau haben mit ganz wenig
angefangen, und es ist ihnen doch geglückt ... Ach, sieh mal, Papa, da ist der
Abendstern! Wie 'ne weisse Rose. Ist es wahr, dass Abend- und Morgenstern dasselbe
sind?« - »Es ist die Venus. Wenn sie im Sonnenuntergang steht, heisst sie
Abendstern, im Osten Morgenstern.« Ich hielt inne und starrte hin: »Das also ist
die berühmte Venus?« Mein Vater lachte kurz auf: »Ja, das ist sie - von der du
deinen Kusinen und den Dienstmädchen gepredigt hast: die allergrösste Nuss, dicker
noch als die Kokusnuss, sei die Weh-Nuss. Hast gar nicht unrecht! Um so eher
solltest du begreifen, warum es keine einfache Sache ist zu heiraten. Mancher
stolpert dabei über seine eigenen Beine - wie du vorhin! Und dass es welche gibt,
die vom Altare weglaufen, statt ja zu sagen, hast du gehört. Der Hainlin ist
auch so einer. Dazu auch ein Sterngucker. Starrt nach der Venus gen Himmel,
statt mit der Nase zum Erdboden zu zielen. Oben, wo die ewigen Sterne leuchten,
hat er herrlichste Aussicht - hienieden aber tappt der Träumlesjörg und kann mal
böse hinpurzeln. Ach ja, das Reich der Guten ist nicht von dieser Welt.«
 
                                 Wasserscheide
Obwohl ich mich bei meinen Eltern zu Hause fühlte und eine Schwärmerei hatte für
schwäbische Landschaft, regte sich zuweilen ein Bangen, für das ich keine andere
Deutung wusste als das Wort Heimweh. Ich sehnte mich nach den Spielplätzen meiner
Magdeburger Zeit, nach engen Gassen, dumpfigen Winkeln, nach dem Geruch der
Elbe, der geteerten Kähne. Malte mir den Anblick aus, den die Vaterstadt
darbietet, wenn man sie vom Roten Horn betrachtet. So heisst eine grosse Elbinsel,
deren weite Grasflächen und wildnisartige Weidengebüsche uns Knaben ein
Indianer-Territorium waren. Traumhaft spiegelte sich im buchtigen Gewässer das
Abendrot, hinein ragte eine Pappelgruppe. Wehmütig gedachte ich meiner
Grossmutter, der gütig und klar blickenden Frau mit den blondweissen Locken an der
Schläfe. Stellte mir ihre gemütliche Wohnung vor. Das blaue Empfangszimmer: aus
dem Goldrahmengemälde überm Seidensofa blicken die Blauaugen des soldatischen
Grossvaters. Ein bezopfter Chinese aus Porzellan, Amoretten, Zwerge und
Rokokokavaliere. Gern war ich beim Glasschrank, drin sich schmuck die Bücher
reihten - poetische Taschenbücher aus der Biedermannszeit, in Schweinsleder eine
Geschichte Roms, auch ein dicker Band der Fliegenden Blätter. Selbst die
Leierkastenmelodien, die Magdeburgs Strassen durchgellten, dünkten mich schön,
seit ich sie nicht mehr vernehmen durfte. Und so war mir die alte Heimat zum
verlorenen Garten Eden geworden. Ich war hinausgestossen in die Fremde. Denn
fremd, bang-fremd berührte mich die Tübinger Schule; wenn ich hin sollte, wurde
mir das Herz oft schwer wie Stein. - »Auf, Junge! Schon halb Sieben! Musst dich
sehr beeilen!« Noch am Waschtisch stand ich, als unten Enzio pfiff; bald darauf
rief er, er müsse gehn. Unterm Packen meines Schulranzens schlürfte ich hastig
den Milchkaffee, und dann fort! Enzio war nicht mehr einzuholen.
    Fast schadenfroh strahlte der Sommermorgen, als ich durch das Obstwiesenland
gen Tübingen trabte. Die Sorge malte mir aus, welchen Eindruck es auf Naso und
die Klasse machen würde, wenn ich nach Beginn der Schule ausser Atem einträte und
eine faule Ausrede stammelte. Schadenfroh würde man grinsen, Naso würde mich
anstarren, als wär' ich ein Verbrecher, und meine Klassenarbeit wäre verpfuscht,
die lateinische Klassenarbeit, die heute geschrieben werden sollte, und auf die
so viel ankam, o je! Das Herz krampfte sich mir zusammen, ich musste einen
Augenblick verschnaufen. - Aber das prangende Gelände der Berge, die Halde mit
den Weinbergshäuschen, lächelte zu meiner Not. Es war ein Leuchten ohne Stoff,
ein Duft und Hauch. »Glastelfingen« - dies Wort Hainlins hallte mir durch den
Sinn, und es raunte das Märchen vom heimlichen Höhendorf.
    Unter den schattigen Kastanien der Landstrasse war ich, nahe dem
Gutleutehause, als eine Turmuhr von Tübingen erscholl: Sieben Uhr! Und wie zum
Hohne wiederholten die anderen Glocken: Sieben -! sieben! Jetzt läutet der
Schuldiener, kurz darauf wird Naso in die Klasse eintreten! Ich war stehn
geblieben, es wankten mir die Knie. Was nun? Soll ich die Viertelstunde, die der
Weg noch erfordert, weiter durchhasten? Soll ich dann als armer Sünder vor Naso
stehn und auch noch Spott ernten? Nein! schrie es in mir auf. Nicht zur Schule!
Uli hat recht, sie ist ein Buben-Zuchtaus - ich will kein Zuchtäusler sein.
Fratzen sind der Naso und der Saubock und der gesunde Menschenverstand. Ich mag
nicht mehr Grammatik büffeln! Ich brenne durch! Gehe nach Amerika - wie Lenau.
In Gottes freie Natur will ich.
    Einen Weg, der von der Landstrasse zu den Bergen führt, schlug ich ein. War
an der Mündung eines Bachtälchens - schräg am Hange stieg der Pfad empor. In der
sanften Landschaft fühlte ich mich geborgen - hörte den Bach drunten - hoch im
Blauen einen Lerchentriller - ich atmete auf. An Obstgärten führte der Feldweg
vorbei, an hochgemauerten Beeten. Da sind Bohnen, teils blühend, teils mit
Schoten - Zwiebeln und Salat, Mohnstauden mit silbernen Köpfen - Gartenlauben,
davor leuchten Feuerlilien, gelbe Astern. Nun kommt Haferfeld, raschelnder Mais,
eine Hopfenpflanzung - um die hohen Stangen schlingen sich die grossen,
dunkelgrünen Blätter mit den gelblichen Blütentrauben. Brombeerhecken, auch
weisse Dolden, lila Rittersporn, duftendes Labkraut. Kohlweisslinge taumeln drüber
hin, Bläulinge, Pfauenaugen. Im Gras ein Flirren, Zirpen - da kriechen bunte
Käfer, Grashüpfer hopfen. Hoch schrillt ein Habicht - ich blinzle hin, sehe nur
weisse Wolkenballen im Blau.
    Schon auf halber Höhe fesselt mich die Aussicht: Lustnau mit seinem
Kirchturm, die schmucken Dorfhäuschen zwischen Gärten und Wiesen. Hinterm
Oesterberg lugt die Alb hervor. Das Herz geht mir auf, und seine
Ueberschwenglichkeit will Klang werden. Den Schulranzen werf' ich hin, aus einem
Schulhefte reiss ich ein Blatt - die Verse von gestern abend will ich zu Rande
bringen. Um besser sinnen zu können, streck' ich mich ins Gras, den Ranzen
unterm Kopf. Nicht weit ist meine Reimerei gediehen, als die Lage, der ich mich
hingab, meine Augenlider schwer macht. Sie fallen mir zu - ich reisse sie wieder
auf - blinzele und schliesse sie fest. Im Apfelbaum schmettert der Buchfink: »Zie
zie zieh, Melodie! mit Trillern verziert!«
    
    Auf einmal ein sanfter Alt: »Ha! wie wär denn dees?« Ich schlage die Augen
auf - Rosel Funk steht vor mir: »Schau! Ischt dees net der Bruno? Ha freili! Ond
g'schlafe hat er! Aber sag mer du, warom bischt net in deiner Schul?« - »Ach,
Fräulein Rosel, ich - ich ...« Zu meiner Verlegenheit lächelt sie. Mich tröstet
ihr Anblick. Wie ein hochgeschossenes Maiengewächs steht sie da, straff und
stolz, dabei zart und biegsam. Aus dem frischen Gesicht lächeln die
Vergissmeinnicht-Augen. Ihre Blondzöpfe hat sie vor die Schultern gelegt. Wie ein
Landmädchen ist sie gekleidet; aus kurzem Hemdärmel lugt der braune Arm, zum
Korb erhoben, den sie auf dem Kopfe trägt.
    »Also, erklär' mir, Büble!« - »Ach, Fräulein Rosel!« Ich erhebe mich
beschämt - »die Schule hab ich geschwänzt. Und mag gar nicht wieder hin -
verleidet ist sie mir - ich ...«
    »Oha!« begütigt sie, als wär' ich ein scheues Pferd. »Ischt die Sach so arg?
Folg du dem Jörg Hainlin! Jetzt aber gehscht mit mir, gelt? Zom Häusle da nauf!«
- »Zum Schnützelputzhäusle?« - »Waas? Schnützel ...?« lächelt sie. - »Sie meinen
doch das Weinbergshäusle? Oben, wo's nach Glastelfingen geht?« - »Wie sagscht?
Glaschtel? So ebbes gibt's da net!«
    »Zu finden ist Glastelfingen allerdings nicht! Es bleibt ein heimliches
Dörfchen.« - »Heimlich? Wie wär denn dees?« - »Man sucht immer - man ahnt das
Wunder - man sehnt sich - kann's aber nie erreichen. So meint wenigstens Herr
Hainlin.« Sie errötet: »Hat dr Hainlin so geschwätzt? Sieht em ähnlich, dem
Träumlesjörg! Also, Büble! Auf, nach Glaschtelfinge!«
    Ich nahm meinen Ranzen und ging mit Rosel. Nach etlichen Schritten kehrte
sie zu der Stelle zurück und bückte sich nach dem Zettel, den ich vergessen
hatte. »Waas? Versle? Tuscht scho Liebesreimle mache, du?«
    Ich fühlte, wie mir das Blut zu Gesicht schoss: »Aber nein, Fräulein Rosel!
Mein Gedicht handelt bloss von einem sterbenden Ulanen. Wie der blass daliegt,
einsam im Vogesengebirge, beugt sich sein Pferd über ihn. Das Bild ist in der
Gartenlaube - es kommt mir so rührend vor - eine Ballade möcht' ich draus
machen. Und darüber bin ich eingenickt.« Gutmütig lachte sie mir ins Gesicht:
»Bischt mir e netts Dichterle! Mach's fertik! Im Häusle drobe! Aber die
Schulschwänzerei muss aufhöre, gelt? Willscht e Dichter werden, na ghört sich,
dass du Studentle wirscht. Der Uhland war sogar Professer!« Dieser Hinweis machte
Eindruck - zu erwägen begann ich, ob ich mich nicht des weiteren zur Pennälerei
bequemen solle.
    Heiter zerstreuend wirkte das Gelände, das wir nun durchschritten. Schräge
Wiesen - auf der Höhe ein Wald von Obstbäumen, geheimnisvoll ins Weite gedehnt.
Unter den Wipfeln Rasen, Klee, manchmal Weizenfeld, ein Mohn- oder Gemüsebeet.
Aus diesem Garten Eden, der von gefiederten Sängern erscholl, lauschte hin und
wieder ein laubenartiges Häuschen hervor. Nun kam gemauertes Rebengelände.
Zwischen den stufenförmigen Beeten führten die Steinplattensteige aufwärts. Ich
freute mich der Weinblätter, zwischen denen die Trauben schwollen. »Ist das Ihr
Weinberg und Ihr Häuschen?« Sie nickte lächelnd. Ein stattlicher Traubenstock
umarmte den oberen Teil des Baues - durch seine Laubmassen lugte die hell
getünchte Mauer mit schwarzbraunem Balkenwerk. Der grüne Fensterladen
geschlossen. Auf der einen Seite des Häuschens eine gemütliche Bank, überwölbt
von einem Zierstrauch, um dessen Blüten ein Volk von Bienen summte.
    Wie ich auf der Bank sass und schaute, offenbarte sich erst recht die Pracht
der Landschaft. Gleich einem blühenden Flachsfelde blaute weitin die Alb. »Wie
Schanzen sehen die Berge aus,« sagte ich - »einer ist wie ein Sarg! Aber der
hohe runde Berg da vorn, wie heisst der?« - »Der Rossberg!« - »Da sind auch ein
paar spitze Kegel.« - »Die Salmendinger Kapelle. Rechts der Hohenzollern.
Ka'scht die zackige Türmle erkenne?«
    Ich nickte - musterte auch die nähere Umgebung. Ueber Tübingens Dächer hebt
sich die Stiftskirche. Auf dem Schlossberge trotzt die Burg mit den dicken
Türmen. Am Ende des langgestreckten Schlossberges eine kegelförmige Höhe, auf
deren Spitze ein leichter Bau schwebt. »Was ist denn da?« - »Droben stehet die
Kapelle, schauet still ins Tal hinab. Dees Liedle hat der Uhland auf die
Wurmlinger Kapelle gemacht.« Ich war entzückt. Welch ein romantisches Land!
Ueberall sagenumwobene Burgen, Kapellen und Klöster, von Dichtern unsterblich
besungen. Es war doch wohl ratsam, das Gymnasium durchzumachen, um Landpastor im
Schwabenländle zu werden.
    »Was will Herr Hainlin eigentlich werden?« Ein forschender Blick streifte
mich: »Eigentlich? Ha - eigentlich ischt er, scheint's, e Könikskindle im
Märchenreich. Aber du meinscht wohl, womit er sei Brot erwerbe soll? Gärtner
möcht er werden.« - »Gärtner?« Ich stutzte - bedenkend, dass ich sein Gespräch
mit dem Vater belauscht hatte. »Und Sie, Fräulein Rosel? Möchten Sie
Gärtnersfrau werden?« - »I?« sagte sie. - »Kennen Sie das Lied vom Wandersmann,
der die Gärtnersfrau anspricht? Warum weinst du, schöne Gärtnersfrau? Weinst du
um der Veilchen Dunkelblau? Oder um die Rose, die du brichst? Nein, um diese
Blumen wein' ich nicht.«
    Rosel schien verwirrt, wohl etwas traurig. Schweigsam starrte sie nach den
blauen Bergen. Leise fing sie wieder zu reden an: »Dort hinte - schau! Der
letzte Berg dr Alb! Der Lochen ischt dees, da bin i zu Haus, i ond mei Jörgle,
dr Herr Hainlin. Im Dörfle Tieringe, hoch am Lochestei ischt er aufgewachse. I
bin oft naufgestiege mit meim Vatter, der ischt Freund gwä mit Jörgles Vatter.
Kamerade sind au der Bue ond's Mädle gwä, hänt mitenander Feld ond Wald
durchstreift. Auf ere sumpfigen Au drobe hat's zwei Quelle - die eine fliesst gen
Mitternacht zur Eyach, die andere gen Mittag zur Beera. Solchene Höh, wo sich
die Bächle vonenander scheiden, nennt mer e Wasserscheid, gelt? Dees hat mir dr
Jörgle erklärt. Schau, Rosel, hat er gsagt, die zwei Wässerle sind beisammen
entsprungen ond Spielkameraden - alsdann tun sie sich trennen - eins geht zom
Neckar ond Rhei, zuletscht in die Nordsee, 's andere zur Donau, ins Schwarze
Meer. - Aber Jörgle! han i erwidert - die beiden Wässerle könnt mr ja durch e
Gräbele verbinden, gelt? - Gut, dees hänt mr probiert. Ischt aber vergrate!
Auswärts kann's Wasser ja net fliesse - nimmer kommt's über die Wasserscheid -
ewik getrennt bleiben drum die beiden Quellen ... Ha, Büble! tuscht jetzt
begreife, warom ich nimmer glaub, dass i Jörgles Gärtnersfrau werd? Die Gärtnerei
möcht er zu seim Beruf mache - i weiss wohl - er denkt, so könn er imstand sein,
mich z'ernähre. Aber so Opfer derf i net ahnemme. Sei Sinn strebt nach freier
Geischteswelt - die Richtung derf mr ihm net störe. Jörgle soll seinen Weg gehn
- mi wird's Schicksal anders führe. So, Büble! Jetzt han i mei Herz
ausgschüttet. Der Heimatberg drübe hat mi derzu verlockt - ond deine
Schulschwänzerei, Dichterle! Du bischt, scheint's, gleichfalls e Träumlesjörg,
wo sich net füge will in die Welt da. Aber lass di verwarne, Büble, solang 's
noch Zeit. Schick' dich in die Welt!« - »Ach, Fräulein Rosel! Wenn ich's doch
nicht kann? Sie sprechen von Wasserscheide! Zwischen mir und den andern ist auch
ne Wasserscheide - ich bin anders - ich fühle mich - sagen wir, nach Süden
gezogen wie der eine Bach - andere gehn nach anderer Seite.«
    Sie stutzte. Blieb indessen mit Entschiedenheit dabei: »Schick' dich in die
Welt!« Und dann legte sie die Hand auf meine Schulter: »Jetzt hör aber, du!
Derfscht mir kein Streich spiele ond ausbabbele, was i dir gsagt han! Hand aufs
Herz ond abgemacht! Gelt du?«
    Wie sie so vor mir stand, wie ihr Auge strahlte von Liebe für ihren Jörgle -
zugleich von einem tiefen Geheimnis, von einem Verzichten, gütig und hoheitsvoll
- kam sie mir vor wie die Glasberg-Prinzessin, die heimliche Königstochter zu
Glastelfingen.
 
                            Vom abgerissenen Bändel
Dass sich der römische Machtaber Antonius mit der ägyptischen Königin Kleopatra
einliess, hat die Weltgeschichte erschüttert. Hätte er's nicht getan, ihr wär's
nicht gelungen, ihn gegen Cäsar aufzuputschen, und dann wäre die Völkerschlacht
zwischen Rom und dem griechischen Orient vermieden worden. Ein Bienenstich auf
der Nase der Fürstin, eine entstellende Geschwulst hätte wohl genügt, ihn vor
den Schlingen ihrer Liebespolitik zu bewahren. Jede Laune des Zufalls hat
unabsehbare Folgen.
    Solch eine Laune des Zufalls war's, als ich an einem freien Nachmittag zu
meiner Mutter sagte: »Nun möcht ich auch mal die Burg von Tübingen besichtigen.«
- »Lass dir aber erst das Bändel annähen.« Ein Gummibändchen war gemeint, das
meiner Schülermütze besseren Halt auf dem Kopfe gab. Ich war zu ungeduldig, die
Reparatur abzuwarten, und nun werden wir sehn, welche Schicksale sich hieraus
entspinnen.
    Zunächst bescherte mir der Gang zur Burg, dass ich sie in der Nähe betrachten
konnte. Hinter einem gemauerten Graben, über den die Zugbrücke führt, ist das
erste Burgtor. Die Steinmetzarbeit staunte ich an: Schnörkel und Fratzen - das
württembergische Wappen - - rechts und links steht ein Landsknecht in
Lebensgrösse - der eine schwingt ein gewaltiges Schwert, der andere zielt mit der
Hakenbüchse. Als ich das Tor passiert hatte, ging's noch höher. Vor dem kantigen
Eckturm eine knorrige Linde mit einer Bank. Hinter dem zweiten Graben baut sich
die eigentliche Zwingburg auf - dicke Mauern mit Schiessscharten und Zinnen -
eiserne Drachen speien vom Dach. Das Schloss, in die Festung eingebaut, ragt
übers Gelände einer Plattform. Es hat nur ein Stockwerk mit Wohnungsfenstern.
Ueber dem Tor ist wieder ein gemeisseltes Wappen, diesmal von Hirschen flankiert
und zwei geharnischten Bannerträgern.
    Ich kam in den Schlosshof - er ist geräumig und viereckig. Der einen Front
entlang zieht sich eine Galerie. Zwischen den Steinen, die den Schlosshof
bepflastern, wuchert Gras. Es plätschert aus den Rohren eines verzierten
Brunnens - auf dem Rand des runden Beckens sitzt gurrend eine Taube. Durch einen
dunklen Gang, der fast zu niedrig für meine Länge schien, kam ich zu einem
Söllergärtchen, und hier erschien der dritte Turm, ein runder, sehr dicker - ich
kannte ihn vom Titelbilde der Tübinger Zeitung. Und malte mir aus, welche Rolle
er zu spielen hatte in Ulerichs Kriege mit den Städten - wie damals aus den
Schiessscharten die Büchsen knallten - eine feindliche Steinkugel schlug dumpf an
den dicken Turm, prallte ab und polterte den Hang hinunter ...
    Nein, das Poltern kam vom Gewitter, das rasch heraufzog - ich betrachtete
die schwarze Wolkenwand. Mach lieber, dass du fortkommst! sagte ich mir. Ohne
Verzug ging es zurück über den Schlosshof und die Grabenbrücken. Die Luft war
schwül, ohne Regung. Da ich hastig gegangen war, wollte ich ein wenig
verschnaufen. Bei der Schlossküferei stand ich, gefesselt vom Anblick eines üppig
entwickelten Weinstocks, der ein Haus berankte. Ich freute mich über die
Trauben, die reichlich daran hingen.
    Da kam ein Windstoss und riss mir die Mütze ab. In die Luft gewirbelt, hing
sie auf einmal im Weinlaub unter einem Fenster des ersten Stockwerks. Mir blieb
nichts übrig, als in das Haus zu gehen, vom Inhaber der Wohnung wollt' ich mir
die Mütze ausbitten. An der Tür befand sich ein Kärtchen mit dem Namen:
Bolkendorf. »Herein!« sagte eine Bassstimme. Eintretend bemerkte ich einen
starken Mann, der beim Fenster an einer Malerei arbeitete. In blaues Gewölk
gehüllt, das er aus langer Pfeife qualmte. Zerstreut blickte er auf - er hatte
ein gutmütiges, etwas aufgeschwemmtes Gesicht, einen dicken Knebelbart, braune
Künstlerlocken.
    Ich bat um Entschuldigung - an der Kammerz sei meine Mütze hängen geblieben.
»Kammerz? Was ist denn das?« fragte er, und ich erwiderte: »Die Wandberankung
draussen.« - »Nennt man die hier so? Der Ausdruck ist mir neu. Ich bin kein
Schwabe, Schlesier bin ich!« - »Mein Vater ist auch aus Schlesien,« sagte ich
erfreut, - »aus Neumarkt!« - »Donnerwetter!« rief Herr Bolkendorf, »Neumarkt bei
Breslau? Daher bin ich ja ebenfalls!« - Wir staunten vollends, als sich
herausstellte, dass Bolkendorf als Kind den Bruder meines Vaters gekannt hatte.
»Nächstens besuche ich deinen Vater,« versicherte Herr Bolkendorf.
    Dann öffnete er das Fenster - die Mütze hing da, vom Regen triefend. Die
langrohrige Tabakspfeife musste Bolkendorf zu Hilfe nehmen, um die Mütze zu
angeln. Da es tüchtig goss, lud mich der freundliche Herr ein, noch etwas zu
bleiben. Von meiner Familie musste ich berichten, und er sprach von seiner
Lebensart. Maler sei er - auf einer Studienreise habe ihn Tübingen, Altstadt und
Landschaft, derart gefesselt, dass er hier hängen geblieben sei. Er zeigte mir
sein Wanderbuch mit Skizzen malerischer Stadtwinkel und überzeugte mich, dass er
zu den echten Schlesiern gehöre, deren Urgemütlichkeit mein Vater rühmte.
    Die Bekanntschaft mit Bolkendorf, durch den Zufall vermittelt, bildet das
Anfangsglied einer Kette bedeutungsvoller Begebenheiten. Hätte mich nicht das
abgerissene Bändel zu Bolkendorf geführt, manches wäre anders gekommen - in
seinem Schicksal, desgleichen in Hainlins und Rosels Leben, selbst in meinem.
Doch diese Dinge wollen ausführlicher dargelegt sein.
                                       *
    Als ich nach Abzug des Gewitters zu den Eltern zurückgekehrt war und mein
Abenteuer erzählt hatte, freute sich mein Vater, dass ausser ihm noch ein zweiter
Sohn des Schlesierstädtels in Tübingen hause. Wie dann Herr Bolkendorf bei uns
erschien und sich von seiner angenehmsten Seite zeigte, hatten die beiden
Landsleute viel zu plaudern. In der Laube des Rosengartens sassen sie, und da
mein Vater dem Gaste gern etwas Rauchbares angeboten hätte, bat er Fräulein
Rosel, die gerade Gemüse begoss, aus dem Laden Zigarren zu holen. Herr Bolkendorf
und Fräulein Rosel wurden einander vorgestellt - und hier begann ein wichtiges
Glied in der Kette von Folgen, die der Windstoss eingeleitet hat: Wieder und
wieder kam Bolkendorf zu meinem Vater, und bald hatte meine Mutter heraus, dass
seine Besuche weniger aus schlesischem Patriotismus erfolgten als aus
Schwärmerei für Rosel Funk.
    »Warum soll er nicht?« hatte mein Vater erwidert. »Ich würde mich freuen,
wenn dieser ältliche Junggeselle eine so liebe Frau fände, wie ihm die Rosel
gewiss sein würde. Unser guter Hainlin hätte dann freilich das Nachsehen.« -
»Ach, mit dem und der Rosel wird ohnehin nichts! Ein Mann, der keine Anstellung
hat - wie könnte der ernstlich ans Heiraten denken!« - »Vielleicht bekommt er
die Stelle an der Höheren Töchterschule!«
    »Zunächst muss er Soldat werden. Na, und dann? Wie lange, meinst du wohl,
würde er die Stelle festalten? Solch ein Schwärmer passt in keinen Brotberuf ...
Sieh bloss, dass unser Junge nicht auf Hainlins Ueberspannteiten kommt! Studieren
aus blosser Neigung - brotlose Künste darf sich nur leisten, wer das nötige
Kleingeld hat. Ja Bolkendorf! der mag pinseln und in den Tag hinein träumen -
der hat seine gute Rente. Das wäre ein Mann für Rosel.«
    »Und ihr wär's allerdings zu gönnen, dass sie aus diesem Hause käme. Sie
würde dann gewiss ihre Mutter zu sich nehmen, die wäre erlöst von ihrem
Ehetyrannen. Neulich hat dieser rabiate Kerl sie wieder geschlagen - und auch
heute ist wohl Krach gewesen. Wenigstens hatte Frau Kuttler, als ich vom
Spaziergang kam, verweinte Augen.« - »Ja, Kuttler hat getobt. Rosel war
natürlich wieder mal Stein des Anstosses. Linda, diese Giftnudel, möchte durchaus
Rosel aus dem Hause beissen. Sie hetzt den Vater auf.« - »Na ja -
Stiefgeschwister!«
    »Ich sage, es ist auch Eifersucht! In Hainlin ist Linda verschossen.« -
»Aber sie sieht doch, dass dieser Kandidat nicht gerade als Heiratskandidat
gelten kann.« - »Vater Kuttler, dieser Wucherer, hat Geld zusammengescharrt.« -
»Wird er damit herausrücken?« - »Der Linda zuliebe wohl, von der lässt er sich
regieren. Uebrigens mag sie sich einbilden, auch über Hainlin Macht zu gewinnen.
Es ist ein dämonisches Frauenzimmer.«
    »Oh, diese Kuttlerei!« seufzte mein Vater. »Die arme Frau! Wie konnte sie
einen solchen Schwupper machen, den Kuttler zu heiraten! Sie soll doch etwas
Geld gehabt haben.« - »Das gerade war ihr Malör - darauf war der Kerl aus!« -
»So soll sie endlich energische Schritte tun, sich scheiden zu lassen!« - »Ja,
wenn der Kerl einwilligen würde! Aber er lässt sie nicht aus den Klauen! Das von
ihr eingebrachte Vermögen hat er auf dem Dentzenberge angelegt. Der Obstgarten
soll hübsch sein, soll auch ein Wengertäuschen haben - so hat mir die
Bäckersfrau gesagt. Und dies Grundstück will Kuttler eben nicht verlieren -
Hopfen will er da pflanzen, hat er gesagt - das ist seine Spezialität, den weiss
er geschäftlich zu verwerten.«
                                       *
    So standen die Dinge, als ich eines Nachmittags, von der Schule kommend,
durch den Rosengarten ging und eben ins Haus treten wollte. Da hörte ich auf dem
Flur über der Treppe heftige Männerstimmen. Gleich darauf fiel eine Gestalt
polternd die Treppe herab - und da lag vor mir Herr Bolkendorf - stöhnend,
zuckend, dann regungslos. Frau Kuttler, von oben herzugeeilt, war
schreckensbleich, als sie sich über den anscheinend Toten beugte: »Herr
Bolkendorf! Hören Sie doch! O Herrgoot! Er hat sich, scheint's ...« Verzweifelt
schrie sie auf. Nun war Fräulein Rosel zur Stelle - und es kam noch meine
Mutter. Mein Vater, sagte sie, sei spazierengegangen. Man spritzte Herrn
Bolkendorf Wasser ins Gesicht - er kam zu sich. Aber sprechen konnte er kaum,
stöhnte nur und rollte die Augen.
    Weinend wandte ich mich ab, ratlos, wie hier zu helfen sei. Als aber meine
Mutter sagte, ein Arzt müsse geholt werden, erbot ich mich dazu. Herr
Bolkendorf, der diese Worte verstanden hatte, brachte heraus, seinen Freund
solle ich holen - in der Chirurgischen Klinik sei er Assistent. Unverzüglich
eilte ich nach Tübingen. Unterwegs suchte ich mir klarzumachen, wie das Unglück
gekommen sei. Deutlich erinnerte ich mich, wie Bolkendorfs Bassstimme entrüstet
gerufen hatte: »Was? Sie unterstehen sich, mich anzupacken?« Dann hatte Kuttler
gebrüllt: »'nunter mit ihm!« Er musste ihn also die Treppe hinuntergeworfen
haben. Dieser Wüterich! Und so was will ein Jakobskindle sein! Salbadert von der
Himmelsleiter, dran die Engel auf und nieder steigen!
    Den Klinikassistenten fand ich, und wie er vom Unglücksfall gehört hatte,
entschied er sich, den Patienten sofort mit Krankenbahre zur Klinik zu schaffen.
- Wir fanden den Verunglückten in derselben Lage - nur hatte man ihm ein Kissen
unter den Kopf gesteckt. Aechzend schilderte er dem Assistenten, wie er unfähig
sei, sich aufzurichten. Dann huben ihn die Wärter auf die Bahre und trugen ihn
fort. Fräulein Rosel ging mit.
    Andern Tages hatte Kuttler eine Geschäftsreise angetreten. Die Gelegenheit
benutzte Frau Kuttler, ihre Habe zu packen und das Haus zu verlassen. Weinend
hatte sie meiner Mutter gesagt, unter keiner Bedingung kehre sie zurück - und
habe vor, die Scheidung zu betreiben.
    Das Befinden Bolkendorfs, den mein Vater in der Klinik besuchte, war
bedenklich. Er lag im Gipsverband, die Bewegungsfähigkeit der Beine war völlig
gestört. »Ein rührend guter Mensch,« sagte mein Vater. »Denkt mehr an Rosel und
ihre Mutter als an sich. Was ihn tröstet, ist die Hoffnung, es könne sein
Missgeschick ein Mittel werden, um Frau Kuttlers Scheidung durchzusetzen.« - »Wie
wäre das möglich?« - »Wenn Kuttler in die Scheidung willigt, verzichtet
Bolkendorf darauf, gegen ihn Antrag auf Strafe und Entschädigung zu stellen.« -
»Und du meinst, das könne Kuttler bestimmen? Wäre denn seine Bestrafung
erheblich?« - »Glaub's schon! Wenn der arme Bolkendorf lahm bleibt - und das ist
möglich -, wenn er gar auf Schadenersatz klagt! Das träfe den Kuttler viel, viel
härter als der Verlust des Obstgartens, den ihm die Frau eingebracht hat.« -
»Dann wird also die Scheidung zustandekommen!« - »Wenn die Frau fest bleibt,
ja!«
 
                      Was nützet mir ein schöner Garten -?
»Ach, Uli -,« begann ich. Da legte er düstern Blickes die Hand auf meine
Schulter. »I weiss!« - »Und lässt sich nichts dagegen tun? Es hiess doch immer, bis
Ostern habe er Zeit mit dem Soldatwerden - und nun auf einmal will Hainlin schon
Herbst nach Stuttgart - warum hat er's so eilig?« Mit grossen Schritten ging Uli
im Zimmer umher, blieb dann vor mir stehen und meinte dumpf: »Warum? Errate kann
mr's. Wegen der Rosel!« - »Das vermut' ich auch. Bloss dass mir nicht klar ist,
warum er gerade setzt die Rosel allein lassen will.«
    Raunend, als ob ein Geheimnis zu wahren sei, fuhr Uli fort: »Warom? Weisst du
net, dass der Vollendorf jetzt eine Wohnung gemietet hat, wo ihm d' Frau Kuttler
mit dr Rosel die Wirtschaft führt?« - »Weiss ich! Und mein Vater sagt, dem armen
Bolkendorf sei das zu gönnen - er habe so die beste Pflege.« - »Dees hat er! Dem
Bolkendorf passt es.« - »Der Rosel wohl auch! Sonst wäre sie nicht zu ihm
gezogen. Na, und der Frau Kuttler? Mein Vater meint, für die sei's geradezu eine
Erlösung, dass sie von ihrem Wüterich losgekommen ist und beim Bolkendorf den
guten Unterschlupf hat.« - »Stimmt! Aber ...«
    »Na ja, einen Kranken pflegen, ist keine leichte Sache. Aber mit der Zeit
wird er ja wohl wieder gesund.«
    »Ha no! Wenn der Bolkendorf schliessli gsund ischt - ond wo er doch die Rosel
so lang bei sich ghabt hat, na wird er sage, er könn sie nimmer lasse, seine
Frau soll sie werde.« - »Leicht möglich!« versetzte ich - »er ist ja verschossen
in die Rosel. Aber sie! Wenn sie doch den Hainlin lieb hat! Dessen Frau möcht
sie werden - das weiss ich ganz genau - wenn sie auch zurückhaltend ist. Sie kann
ja gar nichts anderes wünschen. Oder bist du anderer Meinung?«
    Bedenklich hatte Uli den Kopf gewiegt: »Lieb hat sie ihn - natürli! Aber
graad deshalb!« - »Was denn?« fragte ich, obwohl ich ungefähr erriet, was ihm
vorschwebte. Und Uli fuhr fort: »Graad deshalb! Weil sie ihn lieb hat, mag sie
ihn net binde.« - »Binden? Na ja, gebunden wär' er, wenn er sie heiratet. Das
geht ja gar nicht anders. Und so allerdings - hm! Du magst recht haben. Die
Rosel ...« Und ich bedachte, was sie mir anvertraut hatte. Indessen wollte ich
hören, wie sich Uli die Sache zurechtlegte. Stellte mich daher, als ob ich den
Zusammenhang nicht recht begriffe: »Immerhin! Wenn Rosel den Hainlin lieb hat,
und er sie auch - so gehören die zwei zusammen, und er soll sie einfach
heiraten.«
    Einen geringschätzigen Blick hatte Uli, als ob er sagen wollte: Du sprichst,
wie du's verstehst! Und abermals lief er im Zimmer umher, überlegend, wie die
Sache verständlich zu machen sei. »Ein - fach hei - rate? So spricht e
Kindskopf! Heirate, dees ischt dorchaus net eifach! Zom Heirate ghört Geld!
Hausrat muss mr habe, Wohnung muss mr miete, Frau ond Kinder nähre könne!« -
»Kinder? Sie haben doch keine Kinder!« - »Bählämmle du! Freili hänt sie koine -
aber wenn sie heirate, kriege sie min - desch - tens - sieben Kinder.« Ich
merkte, dass ich rot wurde: »Na ja, natürlich! Aber ...« - »Nicks aber! Mach dir
klar: Der Hainlin - wo sich doch selber kaum durchbringt - soll Brot schaffe für
Frau ond - sie - ben Kinder! Und net bloss Brot! Die hänt ja au Kleider nötik -
Schühle, Strümpfle ond so Zeugs. Jetzt sag mr du: woher soll er's Geld nemme,
dees alles zu zahle? he?«
    »Er müsste dann allerdings eine Lehrerstelle annehmen - die was einbringt.« -
Mit dieser Bemerkung brachte ich Uli in Harnisch. »Lährerstell? Ond dees sagscht
du? Zom Präzeptor willscht ihn mache? Philischter du! Ein Genie wie Hainlin ond
Schulmeischter werde? Ah bah!« Und er spuckte aus. - »Ich? Aber nein!« stammelte
ich. »Ich denke nicht dran! Ich will ihn nicht dazu machen. Ich meine bloss: wenn
er die Rosel heiraten will, wird ihm nichts übrig bleiben, als eben ... na ja!«
- Wütend schrie mich Uli an: »Als Zucht - haus - auf - säher zu werden im
Latei-Zuchtaus, gelt?« - »Ich bin's ja nicht, der ihm das zumutet.« - »Ond die
Rosel? Du meinscht, die wird ihm dees zumute?« - »Zumuten? Auch sie tut das
nicht.« - »Also! Wenn sie's ihm net zumute will, na bleibt ihr nicks, als zu
entsage! Die Heirat mit dem Genie muss sie sich aus dem Sinn schlage!«
    »Wenn man's so ansieht, dann allerdings ... Ach ja! So ist das Leben! Die
Wasserscheide ...« - »Wasserscheide?« meinte er befremdet, und ich wurde
verlegen, war ja in Versuchung, mich zu verplappern - während mir Rosel
Verschwiegenheit auferlegt hatte - »Ich - ich stelle mir zwei Bäche vor, die -
die können nicht zusammenkommen - weil ... weil ne Wasserscheide dazwischen ist
...« Uli nickte - das Bild schien ihm einzuleuchten. »Ond dees ischt graadezu
tragisch, dass sie net zusammekomme - obwohl sie sich lieb hänt, als wäre se
füreinander bestimmt.« - »Ach ja, es ist hart!«
    »Ond noch tragischer - dass jetzt dr Hainlin - graad weil er's so guet mit
ihr meint - dass er jetzt wünsche muss, sie soll den Bolkendorf bekomme - weil der
e braver Kerl ischt, bei dem sie versorgt wär.« - »Oh! Ich hätte nie geahnt, dass
es so schwer sein kann zu heiraten. Früher dacht' ich mir die Sache ganz
einfach: wenn einer heiraten will, sieht er sich ne Masse Mädchen an und - die
ihm am besten gefällt, die wählt er sich. Weil doch die Leute sagen: die Braut
ist seine Auserwählte ... Aber jetzt sehe ich ein, die Sache ist anders. Ach,
der arme Hainlin! Grämen wird er sich.« - »Grämen ja! Aber e sendimendaler
Weichling ischt er dooch net! Wie i den Hainlin kenn, beisst er die Zahn z'samme
ond denkt: Jetzt, Jörgle, gilt's! Deiner Rosel derfscht net im Weg sein! Gang
still bei Seit! Ongebunde soll sie sein! Ongstört soll sie die Sach überlege -
onbeeiflusst sich entscheide - so oder so!« - »Hast recht, Uli! So wird er
denken! Aber woher weisst du das alles? Hat dir Hainlin Andeutungen gemacht?«
    »Nicks hat er gsagt! I tu mir die Sach so z'sammenreime. Eins aber steht
bombefescht: Nach Stuggart will er jetzt, weil ihm der Bolkendorf in die Quer
kommen ischt.« - »Ach ja!« seufzte ich - »der Bolkendorf! Und daran bin ich
schuld!« - »Schuld? Du meinscht das abgerissene Bändel?« - »Allerdings! Das hat
die ganze Geschichte angestiftet! Dass ich zu Bolkendorf gekommen bin - und dass
er durch mich die Rosel kennen gelernt hat.« - »Schicksal!« brummte Uli.
    »Und wir?« fuhr ich beklommen fort - »was fangen wir an? Sollen wir nicht
zum Kandidaten gehn und es mit 'ner Bitte versuchen?« Uli blickte mutlos:
»Helfen wird's nicks. Aber freili - schuldig sind mr's ihm - zu sage, wie mr's
meine.« - »Ja, sagen wollen wir's!« - »Gänget mr!« Und Uli machte sich zum
Ausgehen fertig.
    Er hatte bereits die Schülerkappe auf, als er zu einem Schlusswort vor mich
hintrat: »Noch eis. Mach dir klar, wie dem Hainlin zumut wär, wenn er jetzt - da
blieb! Wenn er alsdann beobachte müsst, wie dr Bolkendorf auf seim Schmerzelager
- wie er's Aug auf die Rosel gerichtet hält, glühend ond bittend, dass sie ihm
soll bleibe! Ond wie die Rosel alsdann denkt: Der guete Mann! Leiden muss'r,
weil'r für Mueter ond für mi eigstande ischt! Dank sind wir dem schuldik! Zudem
tut er schwärme für mich! Ond jetzt, den soll i verlasse? Dees bring i net übers
Herz, onrecht wär's! Für waas denn au? Auf mei Jörgle kann i dooch net warte,
der kann nimmer heirate!« - Ich nickte: »Ja! so wird sie denken!«
    »Ha, freili!« fuhr er düster fort. »Ond den Gedanke soll dr Hainlin älleweil
in ihrem Gesicht lesen? Vielleicht bildet er sich au noch ei, er hab sich z'
schäme - weil halt jedes Baureknechtle sei Mädle heirate kann, er aber, dr
Hainlin, wagt dees net! Weil'r sich selber im Weg steht!« - »Stimmt! Er steht
sich selber im Wege.« - »Ueber sein Genie kommt der net hinweg! Drum bleibt'r
einsam. Mag die Rosel - so tut'r denke - mag sie dem Bolkendorf ghöre! Dulde
will i's, ihr zulieb! Aber für sich sollen die zwei sein! I gang fort - ganz auf
mei Stüble - - ond pfeif auf meiner Flöt:
Was nützet mir e schöner Garte,
Wenn andre drin spaziere geh'n
Ond pflücke mir die Rösle ab,
Daran i meine Freude hab.«
 
                               Bertas Glasbergle
Als wir bei Hainlin anklopften, war nicht er im Zimmer, sondern die Tochter
seiner Wirtin, die kleine blasse Berta Schneckle. Bei'nem Eimer kniete sie auf
der Diele und wischte auf. Dass wir sie überraschten, machte sie verlegen.
    Uli sagte, wir möchten net stören, Herrn Hainlin hätten wir gern gesprochen.
»Der Herr Kandidat« - entgegnete sie - »kann jeden Augenblick komme.« - »Wir
möchten ihm eine Bitt vortrage,« fuhr Uli fort - »Sie errate wohl, welche...«
Traurig schlug Berta die Augen nieder.
    »Gelt, Fräulein Schneckle? Ihne geht's au nah, dass 'r uns verlasse will!« -
Schmerzlich verzog sich ihr schmaler Mund - in der Schürze barg sie ihr Gesicht.
Dieser Schmerz wirkte ansteckend. »Oh!« stöhnte ich - »Scha-Schafe sind wir - oh
- ohne Hirten!« In mein Jammern stimmte Uli ein - dumpf und rauh war seine
Stimme: »Unsern Meischter, den solle mr verliere? Sind wir net seine Jünger?« -
»Oh - hu - huh!« schluchzten wir drei zusammen.
    Da ging die Tür auf, Hainlin stand vor uns. »Aber - Kindle!« begütigte er -
mit beiden Händen nach Bertas Köpfchen greifend, als wolle er's zurechtrücken.
Sie erhob die nassen Augen und lächelte weh. Das unansehnliche Mädchen kam mir
auf einmal verklärt vor. Ich sah nicht die schwächliche Gestalt mit der schiefen
Schulter - sah nur das engelhaft-zärtliche Auge und fühlte mich ihr verbunden
durch unsere Liebe für Hainlin.
    Dieser wandte sich zu mir und Uli mit weichem Lächeln: »Ond ihr, Büble?
Weswege ihr da seid, braucht ihr net zu sage. I dank euch! Aber macht net so
Gschichte! Macht mir's Herz net schwär! Aendern lässt sich dooch nix! Gemuschtert
bin i scho - Oktober bin i Rekrut - Sela!« Diese Äusserung seiner
Entschiedenheit hatte eine Wirkung, wie wenn einem, der Zahnweh hat, mit 'nem
Ruck der Zahn ausgerissen ist. Gefasst blickten wir auf. Und des weitern
ermunterte Hainlin: »Wenn i scho jetzt den bunten Rock ahnzieh, bin i ein
Semeschter früher zrück. - Ohnangnehmes soll mr sich rasch vom Hals schaffe,
gelt?« - »Ond nach Ihrem Jahr, Herr Hainlin?« fragte Berta hoffend - »komme Sie
na wieder zu ons?« - »Uebers Jahr, übers Jahr, wenn mr Träubele schneidt!«
scherzte Hainlin. »Aber so lang brauche mr net z' warte! Stuggart liegt net aus
dr Welt - in fünf Stonde lauft dr Uli durch den Schönbuch - mit 'm Zügle hat
mr's no viel kürzer ond ganz bequem, gelt, Bertale? So mach i glei jetzt den
Vorschlag, ihr Kinderle: Sonntags, wenn mei Hauptma Urlaub gibt, marschier i
Tübinge zue - ihr aber kommt mir entgege - ond in Waldebuch treffe mr ons! Im
Gaschtaus zur Krone! Am runde Eichetisch, wo viel Musensöhn ihrer Flamme Namen
eigschnitte hänt ... Glaube, Liebe, Hoffnung - gelt?«
    Wir wollten nun Herrn Hainlin nicht länger behelligen und verabschiedeten
uns.
    Als wir durch die Gassen gingen, erkundigte ich mich bei Uli nach Berta
Schneckle. Ob sie schon konfirmiert sei? - »Ha freili! Sie ischt scho siebzehn
Jahr - schaut allerdings zurückgeblieben aus, schmächtik.« - »Sie ist wohl
kränklich? Ihr Rücken scheint verkrümmt zu sein.« - »Ja, 's arm Dingle hat sich
verletzt - ischt gfalle! Hätte bald's Leben verlore. Ond dees ischt so komme: In
ihrem zwölften Jahr ischt's Bertale zu Besuch beim Grossmütterle gwä, die wohnt
im Gässle da nooch drbei - mr wolle durchgehe, gelt? Na zeig i dir, wo's Bertale
abgestürzt ischt.« - »Abgestürzt? Hoch herunter?« - »Vom Hausdach! 'em Bertale
sei Grossmueter wohnt im dritten Stock, gegenüber steht e Häusle mit zwei
Stockwerk, ond im Dach hat's noch e Wohnung, Frau Pfeifer wohnt da mit ihrem
Kindle. Diesmal war sie fort - ond's vierjährige Mariale allei z' Haus. Jetzt
waas gschieht? ... Aber da hänt mr ja die Gass! Jetzt lueg, die zwei Häusle
strecken ihre Köpf so weit vor, dass sie enander fascht berühre. Drobe rechts
wohnt's Bertales Grossmueter - links aber, schau dees Dachgärtle! Die Käschtle
vor dene Fenschterle? Da wohnt die Familie Pfeifer.«
    Ich beschaute die Situation. Drei aus dem Dach vorspringende Fenster, aussen
durch wagerechte Bretter verbunden - die entstandene Plattform bildet ein
schwebendes Gärtlein. Aus Kästen, die mit Erde gefüllt sind, wachsen Bohnen,
rotblühende Kresse und blaue Winden. Holzstänglein mit Fäden gewähren zwar den
Gartenpflanzen Halt, nicht aber einem Menschen, wenn er sich anklammern wollte.
Nur wer sich schwindelfrei fühlt, kann droben verweilen. »Und von da ist die
Berta ...?« fragte ich beklommen. Uli nickte: »Nämlich wie die Pfeifersleut fort
sind, klettert's Mariale vom Stuhl aus 'm Fenschter aufs Dachgärtle, wohin sie
dr Vatter öfters mitgnommen hat. Die Blümle hat sie gern - munter spaziert sie
herum, ohne die Gefahr zu ahnen. Bertas Grossmueter sieht's auf einmal - schreit
auf - Berta springt die Stiege nunter ond zu Pfeifers 'nauf. Findet aber die
Wohnung abgsperrt, den Schlüssel hat Frau Pfeifer mitgnomme. Waas tun? Die
Grossmueter lauft zum Schlosser. Berta ruft dem Kinde zu: Glei gehscht zom
Fenschter 'nei! In die Stub zruck! Mariale lacht bloss. Da weiss sich Berta net
anders Rat, als e Bügelbrett zu nemme ...« - »Bügelbrett? wozu?« - »Dees tut sie
zom Fenschter 'nausschiebe - zom Dachgärtle 'nüber - ond wagt's, auf'm Brückle
'nüber zu kracksle ...« - ...« - »Um Gottes willen! und?« - »Abgerutscht ischt
's Brett - ond 's Bertale ... e Glück noch, dass unte grad e Wägle Klee gstande
ischt. Da drauf stürzt die Berta. Ond schlagt mit der Schulter aufs Holz - dr
Knoche bricht.« - »Oh! Die arme Berta!« - »Ja, aber weiter hat's ihr nicks
gmacht.«
    »Die brave Berta! Und 's Mariale?« - »Ischt ruhik weiter spaziert. Mr sagt,
onschuldige Kindle behütet ihr Schutzengel. Wie mr's Mariale endlich vom Dach
hat hole könne, hat sie gar net zruck wolle ins Stüble, so gut hat ihr's drausse
gfalle. Unser Bertale aber hat als Ahdenke die Schulter schief bhalte.«
    »Die schiefe Schulter kommt mir jetzt rührend vor. Ein Held ist die Berta,
ein rechter Glasbergritter. Zwar abgestürzt ist dieser Ritter, wie die andern
auch - seine Tat war aber nicht vergebens, sondern hat was Grosses ausgerichtet.«
- »Ausgerichtet? Für's Mariale war Bertas Expedition überflüssik.« - »Und doch
hat sie gewissermassen die Prinzessin erlöst.« - »Prinzessin? Wen meinscht? 's
Mariale, wie gsagt ...«
    »'s Mariale nicht! Die Prinzessin, die Berta erlöst hat, sitzt anderswo als
auf'm Dach.« - Nachdenklich sah mich Uli an: »Wo denn?« - Erst war ich verwirrt,
ich fand die Worte nicht. Dann pochte ich auf meine Brust: »Hier sitzt die
Prinzessin! Ich weiss mich nicht recht auszudrücken. Aber man spürt, dass hier im
Herzen etwas erlöst ist durch Bertas Heldentat. Findest du nicht, Uli?« - Er
nickte - sein Auge war geweitet, als ob er nach innen schaue und da etwas Grosses
betrachte: »Hascht recht, ond jetzt rat ich dir, Bruno - tu weiter dichte an
deim Epos! Schilder' Bertas Glaasbergle! Stelle klar heraus, welche Prinzessin
sie erlöst hat durch ihre Heldentat. Nenn die Prinzessin einfach Menschenseele.«
 
                                    Adelaïde
Das Ammonshorn, von dem Wendelin Flammer so klug zu reden wusste, bildete den
Anlass, dass ich mich zu ihm hingezogen fühlte. Dies um so mehr, als Flammer der
Intimus Ritter Ulis war, dem ich Schwärmerei entgegenbrachte. Es freute mich
daher, als Wendelin Flammer, im Anschluss an ein Gespräch über Versteinerungen,
mich einlud, ihn zu besuchen. Ein Buch wolle er mir zeigen, das auch die
Ammoniten behandle. Es heisse Evangelium der Natur, setze also der Bibel die
Offenbarung der Natur entgegen. Er lese dies Buch heimlich - sein Onkel,
katolischer Pfarrer, dulde keine Ketzerei. Der möchte ihn geistlich machen,
doch ihm passe dieser Beruf nicht, er wolle Matematik und Naturwissenschaft
studieren. Ich solle - sagte Wendelin - gleich nächsten Samstag kommen. Da sei
auch Herr Hainlin anwesend, und es werde musiziert. Ich erfuhr noch, dass
Wendelin keine Eltern mehr habe und mit seiner Schwester Pia bei der Witwe
Häfele wohne. Verdrossen erwähnte er, Pia habe sich in den Kopf gesetzt, Nonne
zu werden. Aber er und Uli hätten sich zugeschworen, sie davon abzubringen.
    Die Nachhilfestunde, die ich am Samstag hatte, schloss Kandidat Hainlin: »So,
Büble! Bischt erlöst! Ins Ränzle mit Buch ond Heft! Komm jetzt zu unsrer Frau
Musika, gelt? Ganget mr zom Wendelin! Von der Adelaïde zu schwärmen - kennscht
du dees Tongedicht, dees wunderbare, vom Beetoven? Text von Mattisson.« Und
aus einem Stoss Noten suchte Hainlin die Blätter. »Eigentlich soll das Lied
gesungen werden - aber Wendelins Schwester hat 'ne zu leise Stimme. I selber
möcht scho singe, aber mein Organ reicht net aus. Dafür soll jetzt die Flöte
her. I han dees Lied für Flöte, Gitarr und Harmonium bearbeitet. Heute wolle mer
probiere, ob's klingt.«
    Hainlin hatte seine Flöte in eine Wachstuchhülle getan, und da ich bereit
war, gingen wir die Stiegen hinab. Das Haus, wo Flammer wohnte, war unweit
gelegen, in der Münzgasse, wo ihre wallartige Höhe zum Neckartal abfällt. Ein
altertümlicher Bau von gediegener Eigenart. Ueber dem Rundbogen der
eisenbeschlagenen Haustür sind zwei Wappenschilde aus Stein - das eine führt ein
Winkelmass, das andere einen Stern. Nicht in einen Hausflur traten wir, sondern
auf die Plattform einer Steintreppe. Vom Vorderhaus überbaut, war sie nach dem
Hof ohne Wand, so dass dieser zur Schau lag wie eine Teaterbühne. Was ihn
besonders traulich machte, war ein vollgewipfelter Nussbaum, unter dem die Bank
zum Träumen einlud. Den breiten Rahmen dieses Stillebens bildete das
schwarzbraune Gebälk des Treppenüberbaus. »Den Blick da han i jedesmal gern,«
sagte der Kandidat, und wir gingen die Treppe hinab zum Hof.
    Aus offenen Fenstern, auf deren Blumenbrettern Geranien glühten, erklang ein
sanftes Zusammenspiel von Harmonium und Gitarre. Der Kandidat lauschte, dann
rief er hinauf: »Flotter!« Gleich darauf erschien Wendelin Flammer und gab Herrn
Hainlin herzlich die Hand, auch mir: »Grüss Goot!« - »Am Tempo fehlt's!« mahnte
der Kandidat - »Fräulein Pia soll net elfenhaft zirpe - sondern au Temperament
... E Jungferle von Sechzehn kann doch scho Leidenschaft entwickele - gelt,
Pia?« Das Mädchen, das gleichfalls heruntergekommen war, errötete. Ihres Bruders
Zierlichkeit hatte sie - dazu etwas rührend Kindliches, um den holden Mund einen
wehmütigen Zug. Ich fühlte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss, als mich ein
Blick ihrer Rehaugen streifte, während der Kandidat meinen Namen nannte. »Setz
dich onter den Nussbaum, Bruno! Vielleicht, dass dir beim Zuhören ein Ahnhauch
kommt vom göttlichen Beetoven.«
    Nach oben gingen die drei, während ich unterm Baume Platz nahm. Eine der
Steinplatten, die den Hof bepflasterten, war ausgehöhlt zu einem Wassertröglein
für Enten und Hühner - weil aber solch Nutzgeflügel zurzeit fehlte, zu einem
kleinen Aquarium hergerichtet, vom Naturfreunde Wendelin. Farne hoben ihre
lichtgrünen Wedel, es regte sich was im Wasser. Als ich beobachtend sass, kam ein
Spatz, zu trinken und zu baden. Eine Dohle, deren Flügel beschnitten waren,
hüpfte herbei und vertrieb mit eiferndem Schnabel den Eindringling. Deutlich war
zu vernehmen, was der Kandidat im Musikzimmer verhandelte: »Alle Kunscht ischt
Ausdruck der Seele! Ond der kann bloss glücke, wo's Innerliche sich durchringt
zur äussern Gestaltung - wie die Blüte ihre Knospenhülle sprengt. Also, Kinder!
Erfasset jetzt das Erlebnis, das onser Dichter meint: Einsam wandelt Adelaïdes
Freund im Frühlingsgarten - mild von lieblichem Zauberlicht umflossen, das durch
wankende Blütenzweige zittert: Adelaïde!« Er hatte das singend gesprochen mit
seiner wohlklingenden Stimme. Um auch rein musikalisch den Ausdruck anzudeuten,
erklang nun seine Flöte. Bebend schwollen die Töne - Sehnsucht wogte und wuchs,
als lohe eine Feuersbrunst in weiten Nachtimmel. Das Gedicht malte die Kette
der Alpen. Schneeberge erglühn im Sonnenuntergang - Goldgewölke. Abendlüftchen
im zarten Laube flüstern, Silberglöckchen des Mais im Grase säuseln, Wellen
rauschen und Nachtigallen flöten: Adelaïde! Wie dann der Himmel dunkelt, ragen
in blaue Nacht die Zypressen eines Friedhofs, und Sterne glimmen wie zärtliche
Augen. Engel sind die Sterne, und es neigt sich ein Engel über den Grabhügel, zu
küssen die Blumenknospe, die ihren Purpurkelch öffnet: Adelaïde!
    Im kühlen Hofe war's lauschig unter dem Nussbaum, der mich mit grüner
Dämmerung umfloss, während im höchsten Wipfel Sonnengold träumte. Es jauchzten
Schwalben, die von oben in den Hof schossen und die Wände entlang streiften.
Wenn die Musik eine Pause machte, regten sich flüsternd die duftigen
Nussbaumblätter. Zuweilen unterbrach Hainlin die Musik, - im Eifer wurde seine
Stimme befehlerisch: »Mit Glut, Pia!«
    Allmählich hatte jeder seine Partitur ziemlich beherrschen gelernt, und nun
erfolgte das Zusammenspiel. Dass Musik imstande sei, derart zu bezaubern, hatte
ich zuvor nicht gedacht. In eine andere Welt war ich versetzt, in Gefilde von
himmlischer Klarheit.
    Dann kamen die drei Musikanten in den Hof und setzten sich zu mir. Als sie
fragten, ob mir's gefallen habe, nickte ich in wortloser Begeisterung.
    Frau Häfele, eine behäbige Alte, brachte ein Körbchen Kirschen: »Jetz
probieret onser Gwächs, Herr Kandidat! So fromm hänt ihr musiziert - beim
Lausche han i mei Rosenkränzle hernemme müsse. Dees Ave sollt in onserer Kirch
zom Vortrag komme!« - »Hoho, Frau Häfele! Dafür tät sich euer Pfarrer bedanke.
Weltliche Musik ischt dees, e Liebeslied.« - »Liebeslied?« staunte Frau Häfele
einfältig. »Hänt Sie denn net gsunge: Ave Maria?« - »Adelaïde! Net Ave Maria!
Aber die benedeite Himmelskönigin hat an der Adelaïde ihr Wohlgefallen. Für euch
Katoliken heisst sie Maria - für mich Frau Musika. Lebt in Gottes Herzen und ist
aller Musen göttliche Mutter. Demgemäss hänt die alten Griechen in ihren Schulen
viel auf Musik gehalten. Wer die Harmonie der Töne liebt, wird für den Einklang
der Seele ond der ganzen Welt empfänglich - ond waas die Menschen heilik nennen,
ischt eigentlich nicks als e bsondere Erscheinung des einen Einklangs, des
göttlichen ...«
    »Piale,« warf Frau Häfele dazwischen, und ihre Miene war bedenklich, »geh
gschwind! 's Tellerle han i vergesse für die Kirschestoi.« Als Pia gegangen war,
eiferte die Alte: »Aber, Herr Kandidat! 's Piale hat noch ihren Kinderglaube,
gottlob! Aber guet kann ihr's net tun, wemmer die Musik mit onsrer Gottesmueter
gleichstellt - wo doch in der Musik allerlei Weltlichs vorkommt, wie Walzer ond
so Sächle.« - »Ha, om Gotts wille, Frau Häfele! Von mir aus wird niemandem e
gueter Glaube gnomme, ond net ärmer soll's Menschenherz werde, nur reicher - net
wirr ond trüb, sondern klar ond schön.«
    Wendelin blickte düster auf Frau Häfele und nagte an seiner Lippe.
    Pia kam mit dem Teller - Frau Häfele suchte dem Gespräch eine Wendung ins
Harmlose zu geben. »Gelt, Piale? Morge beim Onkel hat's bessere Kirsche - - die
pflückt mer vom Bäumle glei ins Schnäble.« - »Also geht's morge nach Wurmlinge?
Solltescht den Bruno mal mitnemme, Wendelin!« - »Ha, freili!« sagte Wendelin
herzlich zu mir. »Komm morge mit!« - »Danke! Morgen soll ich mit den Eltern
gehn.« - »Also ein andermal,« meinte der Kandidat. »Wurmlinge ischt ebbes für
den Bruno - der schwärmt romantisch. Wenn der auf dem spitzen Hügel die Kapelle
sieht, kommt sie ihm vor wie sein Glaasbergle.«
    Die Anspielung auf meine Träumerei vom Epos liess mich erröten. »Waas für e
Glaasbergle?« fragte Wendelin. Meine Verlegenheit bemerkend, antwortete der
Kandidat: »Dees bleibt onser Geheimnis - gelt, Brunole?«
    Frau Häfele, der nicht entgangen war, dass ihre Mahnung, Pias religiösen
Glauben nicht zu stören, verstimmend auf den Kandidaten gewirkt hatte, sagte
versöhnlich: »Ond gelt? Herr Kandidat - auf den Kirscheschmaus folgt e
Ohreschmaus. Tun's ons noch e bissle flöte!«
    Der Kandidat hob die Querflöte an den Mund - sie war aus schwarzem Holz mit
silbernen Klappen. Er blies eine wehmütige Volksweise - dabei zogen sich seine
goldigen Augenbrauen an der Nasenwurzel wehmütig in die Höhe. Phantasierend ging
er in die Melodie der Adelaïde über - dem Hauchen hingegeben, als wolle seine
Seele in die Unendlichkeit fluten, zum Herzen Gottes. Wie der letzte Ton
verzittert war, träumten die Vergissmeinnicht-Augen dem Entschwebenden nach, und
sanft sprach der Jüngling:
»Einst, o Wunder, entblüht auf meinem Grabe
Eine Blume der Asche meines Herzens,
Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen:
Adelaïde!«
 
                              Die verlorene Kirche
Den Ausflug zur Wurmlinger Kapelle hatten meine Eltern erlaubt - an einem
Sonntage, gleich nach Mittag, hatte ich mich aufgemacht. Auf dem Schlossberg
betrachtete ich die alte Burg von Westen. Hinter dem breiten und tiefen Graben,
den man Bärengraben nennt, hebt sich trotzig die alte Feste. Bei näherer
Betrachtung bemerkte ich im Graben Pflaumenbäume, Obstgesträuch, Gemüsebeete -
in Staffeln klettert die Gartenanlage das Mauerwerk hinan, jedes Fleckchen Erde
nutzend. Bäume, die auf der Bastei wachsen, gaben mir eine unbestimmte
Vorstellung von »hängenden Gärten«, wie sie die Königin Semiramis angelegt haben
soll. Im Durcheinander dieses Burgbildes unterschied ich Pfade und Treppen,
angeklebte Kleinbauten, ragende Giebel und Schornsteine, wimmelnde Fenster,
drohende Schiessscharten. Eine Kanonenscharte des dicken Turms sah aus wie ein
brüllendes Maul. Welch Tummelfeld für die Einbildungskraft eines Knaben, der
gern von Ritterzeiten träumt.
    Auch der Weg über den langgestreckten Grat des Schlossberges bescherte dem
Auge genug des Bunten. Obstgärten gab es da, Gemüsebeete, Bohnen, die an Stangen
rankten, Hopfenpflanzung und Rebengelände. Hinter einem Aussichtsplatz mit
Bänken kam Buchenwald, dann Heidekraut, Kiefernschonung, Oedland mit schilfigen
Halmen, Binsen und rostrote Tümpel. Undeutlich wurde der Pfad. Kein Mensch, der
mir hätte Bescheid geben können. Aber Wendelin hatte gesagt, man brauche nur auf
der Höhe weiterzugehen - zur Kapelle führe da jedes Wegle.
    Am Fusse des Kapellenberges, bei einer Bank, sollte ich zu bestimmter Zeit
Wendelin und Pia treffen, die von Wurmlingen kommen wollten. Allmählich senkte
sich der Bergrücken - verschnaufend blieb ich im kühlen Hochwalde stehen. Es
troff mir von der Stirn - heiss war der Tag, hastig war ich gelaufen. Der
Waldeinsamkeit bangsüsser Schauer wehte mich an - Glocken schienen fern zu
läuten, ein verworrenes Raunen! Oh! dachte ich - die Kapelle wird das sein! Mein
Zutrauen wurde gedämpft, als nur ein dunkles Summen sich erlauschen liess. Das
war entweder gar kein Geläut oder ein sehr entferntes.
    Ich war fast ratlos - glaubte die Richtung verfehlt zu haben - Flammers zu
versäumen, wäre mir recht leid gewesen. Immerhin empfand ich im Verirrtsein den
Reiz des Abenteuerlichen. Wer den Glasberg sucht, dachte ich, sei auf Dinge
gefasst, die noch weit mühseliger und gefahrvoller sind als diese simple
Verlegenheit. Indem ich aufs neue horchte, kamen mir Verse in den Sinn, die ich
bei Uhland gelesen hatte:
»Man höret oft im tiefen Wald
Von oben her ein dumpfes Läuten;
Doch niemand weiss, von wo es schallt,
Und kaum die Sage kann es deuten.
Von der verlor'nen Kirche soll
Der Klang ertönen mit den Winden;
Einst war der Pfad von Wallern voll,
Nun weiss ihn keiner mehr zu finden.«
    Was ich hörte, war also die verlorene Kirche! Hier wird's gewesen sein, wo
Uhland ihr Summen erlauscht und sein Gedicht gemacht hat. Welch ein wundervolles
Abenteuer war mir da beschert! Bangfroh setzte ich meinen Weg fort. Wo der
Hochwald eine Lücke zeigt, ging ich pfadlos - leisen Hoffens, das
Märchenkirchlein zu entdecken. Vielleicht ist's ein Klösterlein, wie's Pia
träumt. Dann hat sie recht, für fromme Einsamkeit zu schwärmen. Süss muss es sein,
dort den Himmel durch Glockenläuten zu preisen, durch Sang zur Orgel und
Gitarre.
    An einer Geländesenkung war plötzlich der Weg zu Ende. Eine Halde ging's
steil abwärts, dann stieg kegelförmig ein Hügel empor, und droben - wundervoll!
- da schwebte die Kapelle, eine schimmernde Krone. Mir war zumute wie dem
Kreuzfahrer, wenn vor ihm endlich das Ziel seiner Sehnsucht ragt: die Burg Zion
- verklärt wie Goldgewölk.
    Nahe der Bank streckte ich mich an den Waldrand, das liebliche Bild zu
betrachten. Die vom spitzen Berg himmelan getragene Kapelle hob sich sonnig von
einer dunklen Wolkenwand ab; ein Schweben war sie, ein lächelndes Schimmern.
Schmal gereckt das Dachtürmlein; und wenn auch das Glöcklein schwieg, kam mir's
vor, als ob es leise singe wie ein Engelchen.
    Der Hang des Kapellenberges war Schafweide, und ich meinte, der Hirtenknabe,
den das Lied erwähnt, müsste bei seiner Herde zu entdecken sein. Obstbäume, Klee-
und Welschkornfeld, Hopfengärten und Weinterrassen. Zur Seite des Berges offen
das Tal -, Wiesen und Aecker grün und gelb gemischt. Das Bild schimmerte, als
sei's mit Hauchen gemalt; am tiefblauen Himmel schwammen Haufenwolken, ähnlich
zackigen Schneegebirgen. Während mir die Augenlider schwer wurden, sah ich
droben weissgekleidete Gestalten, lange Flügel an den Schultern. Und selber
schwebte ich zu diesen seligen Inseln des Aeters empor. In einer Flut von
Harmonie. Es läutete die Waldkirche, Hainlins Flöte schluchzte, zur Gitarre sang
Pia, und - auf einmal helles Lachen ... Ich schlage die Augen auf - da stehen
Wendelin und Pia.
    »Jesses, Maria und Joseph! Da liegt er! Ond hört net, dass es scho donnert!
Und wie ihm die Sonne 's Gsichtle verbrennt hat! Wirscht wacker Durscht habe,
gelt du? Da ess Kirsche!« Und ein Handkörbchen mit dunkelroten, saftigen Kugeln
stellt mir Pia hin, während Wendelin, auf den Rasen gestreckt, schmunzelnd
zusieht, wie mir das Labsal mundet.
    »Lange muss ich geschlafen haben!« gestand ich - »inzwischen ist diese dunkle
Wolke am Himmel hochgezogen - ein richtiger Gewitterkopf!« - »Es zieht vorbei!«
meinte Wendelin, während Pia vorschlug, lieber nach Wurmlingen zu eilen. »Und
wenn wirklich ein Schauer kommt, mr hänt ja Onterschlupf in dr Kapelle.« Also
gut! ich schmauste weiter. Und berichtete nun mein Abenteuer. Als ich das
geheimnisvolle Läuten schilderte, horchten Wendelin und Pia auf, ich musste ihnen
Uhlands Verse sagen. Sinnend nickte Wendelin: »Einscht war der Pfad von Wallern
voll - nun weiss ihn keiner mähr zu finden.«
    »Waas mag dr Uhland meinen mit der verlorenen Kirche?« fragte Pia - nach
etlichem Sinnen fügte sie hinzu: »Den Glauben meint er!« - »Welchen Glauben?«
fragte Wendelin. Stutzig sah ihn Pia an: »Welchen? Den rechten Glauben, unsern
Glauben!« - Mit leisem Spotte Wendelin: »Ischt denn dei Glaube ein verlorener?«
- »Verlorener? Wer hat dees gsagt?« - »Du! Wenn der Uhland mit der verlorenen
Kirche deinen Glauben meint, na wär dein Glaube ein verlorener.«
    Pia suchte dieser Folgerung auszuweichen: »Du mit deiner Spitzfindikkeit! I
will bloss sage, der rechte Glaube hat heuer net mähr die Geltung wie in der
guete alte Zeit ... Einscht war der Weg von Wallern voll.« - Wendelin wiegte den
Kopf:
    »An Wallfahrern und Betern fehlt's auch heuer net - aber von denen findet
keiner 's Pfädle zur Waldkapelle. I glaub, an du net, Piale?« - Pia schmollte:
»Dees willscht mr abspreche?«
    Sinnend blickte Wendelin zum Walde, durch den ich gekommen war: »Ha no! Vom
Waldkirchle rede mer, wie's der Uhland meint. Heimlich tut dees läute ...
Selten, dass es ebber vernimmt. Ond wenn - so hat er noch lang net 's
Waldkirchle. Zu dem führt e schmals Pfädle, überwachse, verstohle. Zeig mir's
Pfädle, Piale!« - »I brauch kei Pfädle! Mei guete Strass han i.« - »Dei Strass,
die führt net zum Waldkirchle.«
    »Mei breite Strass führt sicher.« - »Ja, zum Dom aus Stein. Wenn du keinen
andern suche tuscht ...« - »Waas für einen tuscht denn du suche?« - »Den
Waldesdom, den lebendigen Dom! Kalt ischt dei Tempel aus Stein, ja, kalt und
tot.«
    Betroffen schwieg Pia - dann warf sie's Näsle hoch: »Und dei Waldesdom?
Wühscht ischt der! In der Wildnis hat's net emal eine Orgel.« - »Wühscht kann's
au im steinerne Dom hergehe!«
    Da Pia verstimmt war, suchte ich abzulenken: »Wild kann der Waldesdom
allerdings sein - und manchmal ist man zufrieden, wenn man aus dem Irrsal
rausgefunden hat. Mir ist es vorhin fast unheimlich geworden. Drum seh' ich in
der lieblichen Kapelle drüben mein verlorenes, schliesslich gefundenes
Kirchlein.«
    Freundlich nickte Pia. Wendelin betrachtete mich: »Mit so Märle, scheint's,
hascht gern zu tun, gelt? Hat net dr Kandidat Hainlin von eme Glaasberg
gsproche? Der sei dein Geheimnis. Waas für Bewandtnis hat's denn mit dem
Glaasberg?« Als ich zögerte, meinte Pia ein wenig spitzig: »Darf i's net höre?
Na gang i!« Da musste ich schon mit der Sprache heraus: »O freilich dürfen Sie's
hören! Es ist ja gar kein eigentliches Geheimnis. Bloss ein Märchen. Den Glasberg
denke ich mir steil und spitz - ganz aus Glas, hart und glatt - und kein Pfad
führt hinauf. Wer es wagt, hinanzuklettern, rutscht ab - Hals und Beine bricht
er.«
    Pia hatte sich hingekauert: »Ha, warum will er denn naufklettre? Wenn's so
gfährlich ischt!« - Nicht ohne Verlegenheit erwiderte ich: »Wegen der
Prinzessin! Die soll oben hausen. Herr Hainlin nennt sie eine Walküre.« -
»Walküre? Ischt dees net eine Oper?« - »Walküre ist eine starke Jungfrau, die im
Himmel wohnt. Den tapferen Krieger beschützt sie. Wenn er im Kampfe fällt, nimmt
sie ihn auf ihr fliegendes Ross und trägt ihn zur Walhalla. Das ist der
himmlische Freudensaal. Solch eine Walküre ist die Prinzessin auf dem Glasberg.
Herr Hainlin sagt, jeder Mensch, dem ein Traum von Glück vorschwebt, meint die
Prinzessin auf dem Glasberg - und wagt den Versuch, hinauf zu klettern.« - »Ond
verunglückt dabei,« bemerkte Pia ein wenig spöttisch - »dees hat na dr Held von
seiner Schwärmerei!«
    Geringschätzig bemerkte Wendelin: »Was verstehscht denn du von Helde!« - Pia
gereizt: »Oh, warum soll i nicks dervo verstehe? Es gab au Glaubenshelde! Denk'
an den heiligen Franz! Für sein Ideal hat der die Welt drahngebe.« - »Also,«
erwiderte Wendelin - »seine Walküre war die Jungfrau Maria!« Schwärmerisch hob
Pia den Blick zur Kapelle: »Dees Marienkirchle ischt mei Glaasberg.«
    Wendelin und ich sprangen auf, munter ging's den Berg hinan. Hinter der
Mauer, die den Gipfel umzingelt, waren Gräber mit Holzkreuzen, dran hingen
Kränze aus blauweissen Perlen. Stiefmütterchen und Nelken blühten. Auf dem Holze
las man den Namen des Ruhenden, seinen Geburts- und Sterbetag. Pia zeigte mir
ein Grab: »Da ruht unser Grossvatterle!« Die Inschrift nannte ihn den
Storchenwirt zu Wurmlingen. »Ein schöner Platz zum Schlafen, gelt?« fuhr sie
zärtlich fort. »Hier obe möcht i au begrabe sein. Wenn's in mei'm Kloschterle
net sein dürft ...«
    Ich schwieg - über das Kloster zu sprechen glaubte ich nicht befugt zu sein.
Sie kam mir wie eine Heilige vor. Und weiter schwärmte sie, mit einem weichen
Frohsinn: »Es muss schön sein, so ganz still zu liege - und gar kei Unruh mehr zu
habe! Wenn dann mei Tant mei Hügele bsucht, bricht sie e Zweigle Immergrün, ond
na heisst's: Da schlaft unser Piale.« Sie mochte wohl merken, dass ich ein ernstes
Gesicht machte, und nun war auf einmal ihr Ton verändert - schelmisch ahmte sie
die Redeweise geschwätziger Rührseligkeit nach: »Ach ja, 's Piale! War dees e
bravs Mädle! Ond e fleissiks, e sparsams Mädle!« - »Ach nicht doch!« bat ich.
Doch sie gefiel sich in der Rolle: »Ond klugs Mädle! Ha, warom dees net au? Zu
Lebzeiten freili hört mr's anders - da heisst's immer bloss: Pia, sei net so domm!
Pia, ohgschickts, leichtfertiks Mädle! Ha ja, erscht wenn mr tot ischt, tun sich
die Leut bsinne - ond da machen sie's gnädik. Schon aus Neugier möcht i
verstorbe sei - bloss dass i höre möcht, waas alls die Leut vom Piale schwätze.
Wie Weihrauch soll mir die Lobhudelei oms Näsle wehe. Ui jele!« Lachend brach
jetzt der Übermut hervor: »Aber aufspringe möcht i uf oimal ond die Leut
auslache: Gelt ihr? Verstorbe muss mer sein - na gilt mer ebbes - eher net!
Verstorbe oder wenikschtens krank, gelt? Wenn mr krank ischt, hört mr
gleichfalls viel Schmeichelhafts. Da heisst's: Werd mer bloss wieder gsund, mei
Herzblättle ... O Herrschaft!«
    »Jetzt aber, ihr zwei, kommet da her!« rief Wendelin, über die Mauer
schauend, die den kleinen Kirchhof umfriedet. Wir gingen hin - ich ward von der
Aussicht ergriffen.
    Unter den Weingärten des steilen Berghanges wimmelnde Dächer - rechts ein
zweites Dorf - weiter hinten eine Stadt - in heller Beleuchtung hoben sich Türme
und Dächer vom dunklen Waldgebirge. »Das ist Rottenburg mit dem Rammertwald!«
sagte Wendelin - »der Turm auf dem Berge die Weilerburg ... Grad unter uns liegt
Hirschau - rechts Wurmlingen - weiter hinte Wendelsheim - die Seebronner Warte.«
- »Geht mich nichts an!« erwiderte ich. »All die Namen kann ich nicht mal
fassen.« - Im Eifer fuhr er fort, quer über den Friedhof deutend: »Pfäffinge!«
    »Sag lieber Monsalwatsch!« - »Waas?« - »Monsalwatsch! Märchennamen sind mir
lieber! Geographie versetzt uns übermorgen der Naso - heute mag ich keine. Was
geht es mich an, wie die Stadt da heisst und das Dorf! Vielleicht hat Herr
Kuttler da Hopfengeschäfte gemacht, und der Braten, den meine Mutter heute
aufgetischt hat, stammt von einem Kalbe aus dem Dorfe drüben. Will davon nichts
hören. Lieber bin ich im Wunderlande.« Und ich starrte zur Gebirgskette, die
hinter breitem Tale, das der Fluss durchquert, über dunklen Waldbergen blaute.
Die Höhen wie lange Schanzen geformt, - vorn ein kuppelförmig gewölbter Berg -
ganz fern ein spitzer Kegel. »So ungefähr sieht der Glasberg aus!« sagte ich.
    Jetzt war die Stadt Rottenburg nebst ihren Waldhöhen vom Dunst der
Wetterwolke verhüllt - man sah, wie der Regen in schrägem Fall über die
Landschaft zog. Während hier graublaue Düsterkeit lag, strahlte weisslich die
Sonne über den westlichen Teilen des Neckar- und des Ammertals. Hügel wallten -
grüngolden flirrten Felder - hell und braunrot die Dörflein -, dann kamen
dunkelgrüne Wälder - bis der Schwarzwald die blaue Grenze bildete. Da wir's
donnern hörten, suchten wir am Zuge des Gewölks zu erkennen, ob uns Regen
beschieden sei. Und zur Kapelle wandten wir uns. Ein weissgetünchter Steinbau vom
Umfang einer kleinen Dorfkirche. Zwei gotische Pforten, vier hohe Fenster. An
der Aussenwand Grabsteine bevorzugter Gräber.
    Beim Eintreten in den Kirchenraum tunkte Pia den Finger ins Weihwasserbecken
und bekreuzigte sich. Da ihr Bruder dazu keine Anstalt machte, betupfte sie ihm
Stirn, Schulter und Brust, was er sich stumm gefallen liess. Dann trat Pia zum
Altar und neigte sich demütig. Ich war noch nie in einer katolischen Kirche
gewesen; die beflitterten Figuren am Altar und an den Wänden, die starken
Sinnfälligkeiten, die für manchen etwas Bestrickendes haben, verfehlten auf mich
ihre Wirkung nicht, obwohl ich das bäurisch Grelle nicht mochte. Die Mutter Jesu
spielte hier die erste Rolle. In dreifacher Gestalt, bunt bemalt und blinkend,
zierte sie die Hauptwand: links als Mutter des Kindleins; rechts als
Schmerzenreiche, das Herz von Schwertern durchbohrt; in der Mitte als
Himmelskönigin mit goldener Krone.
    Der Regen war nun doch gekommen, durch die offene Pforte hörte man 's
tröpfeln, dann brach ums Gemäuer rauschendes Giessen los. »Mer werde doch net
eiregne?« raunte Pia schüchtern. »I mein bloss ... weil der Uli halt gsagt hat,
er woll nach Wurmlinge komme.« - »Ha freili, der Uli!« nickte Wendelin. Gleich
darauf gab's einen krachenden Blitzschlag, - Pia bekreuzigte sich.
    Aber schon wirbelte das Wetter seitwärts, und in den abziehenden Regen lugte
die Sonne. Ermuntert traten wir aus der Kapelle in erfrischte Luft und
bejubelten den Regenbogen der sich vor der Dunstwand wölbte.
    »Ganget mer!« sagte Pia, - und als wir den Kirchhof verlassen hatten, hüpfte
sie wie ein Reh den steilen Hang hinab, wo schimmernde Tropfen an Halm und Blume
hingen. Ihr sinniger Ernst kehrte zurück, als sie mir die Bildnisse erklärte,
die längs des Abstieges in gemessenen Abständen angebracht waren; Stationen
seien das, die den Martergang Christi schildern, da bete der Wallfahrer. Aufs
neue zur Ausgelassenheit gestimmt, schlug Pia einen Wettlauf vor, und wir
rannten bergab. So waren wir bald im Dorf. Bei der Kirche hatten sich geputzte
Landleute versammelt, wohl zu einer Kindtaufe.
    Da war nun das Gastaus zum Storchen. Herr Müller, der Onkel Flammers,
bediente Gäste und nickte uns zu. Im Saal neben der Schankstube war ein Klavier.
Pia schlug Akkorde an und sang ein wehmütiges Lied:
»Ich armes Klosterfräulein!
O Mutter, was hast du gemacht!
Lenz ging am Gitter vorüber,
Hat mir kein Blümlein gebracht.
Ach wie weit, weit dort unten
Zwei Schäflein gehen im Tal!
Viel Glück, ihr Schäflein! ihr saht
Den Frühling zum erstenmal.
Ach wie weit, weit dort oben
Zwei Vöglein fliegen in Ruh!
Viel Glück, ihr Vöglein! ihr flieget
Der besseren Heimat zu ...«
Auf einmal fühlte sie sich bei den Schultern ergriffen - sie wandte sich um -
Uli war's. Strahlend in Jugendfrische, begrüsste er Pia, nahm die dunkle Rose aus
seinem Knopfloch und überreichte sie dem errötenden Mädchen. »Aufgespielt,
Wendelin!« kommandierte er jubelnd.
    Und wie ein Walzer erscholl, wirbelte das Paar durch den Saal. Ich dachte an
Schmetterlinge, die einander umgaukeln. Mit Verwunderung sah ich Pias Art auf
einmal verwandelt. War denn hier noch das Klosterfräulein, das von der
Gottesmutter geschwärmt hatte? Nach dem Tänzchen setzte sich Uli an das Klavier,
trommelte auf den Tasten einen Militärmarsch und ging in die Volksweise über:
»Wie kommt's, dass du so traurig bist und auch nicht einmal lachst?« Die Antwort
summte sein wohlklingender Bass:
»Und wer 'nen stein'gen Acker hat
Und einen brochnen Pflug,
Und wem sein Schätzel untreu wird,
Der hat wohl Leid genug.«
    »Ha, dees kommt davon!« scherzte Pia, - »warom hat er e Schätzel!« - »Es
geht noch weiter,« sagte Uli und sang:
»Hab all mein Tag kein gut getan,
Kommt mir auch net in Sinn.
Die ganze Freundschaft weiss es ja,
Dass ich ein Unkraut bin.«
 
                                   Der Drache
Die letzten Getreidegarben waren eingeheimst. Ein Knabe, der im Flachland
aufgewachsen ist, spürt um diese Zeit eigene Sehnsucht, nun er über Stoppelfeld
und Anger schweifen darf, unbehindert wie der kühle Wind, indessen am mattblauen
Himmel Wandergänse mit den Wolken um die Wette reisen. »Hier oben ist's
herrlich!« locken Vögel und Wolken und der Knabe sehnt sich empor. Befreit von
Schwere, möcht' er das Luftreich durchschweben, möchte ein schweifendes Schauen
sein.
    Ausserstande, selber zu fliegen, will er wenigstens einen Boten zur Höhe
haben, - der soll ihm das Fliegen veranschaulichen, damit er sich hineinträumen
kann. Der Drache aus Papier ist dieser Bote; ihn verfertigt der norddeutsche
Knabe mit Sorgfalt - und stolz schaut er empor, wenn der Liebling in die Lüfte
saust und immer mehr Faden nimmt. Als wir noch in Magdeburg ansässig waren,
hatte mein Vater seinen zwei Knaben jedesmal im Herbst einen Drachen gebaut, und
ein Fest war's für meine Phantasie, wenn unser Drachen die ganze Fadenrolle
abgewickelt hatte und nun unter den Wolken stand, in der Entfernung ganz klein,
lauernd wie ein Falke, der zum Niederstossen zielt.
    Kulturell rückständig kam mir die Lustnauer Jugend vor, weil sie keine
Ahnung davon hatte, dass man einen Vogel aus Papier steigen lassen kann. Enzio,
der mir in der Laube zusah, wie ich einen kleinen Drachen zusammenbastelte,
empörte mich durch die dummspöttische Bemerkung: »Ond wenn er fliege tut, waas
hoscht na du dervon?« - »Blödsinn! Es macht mir eben Freude!« - »Ja, wenn du
selber fliege könntescht! So aber geht nicks in die Höch als bei Papierle!«
Solche Einrede verdross mich. Immerhin hatte ich die Genugtuung, dass Enzio ein
Zuschauer voll neidischer Bewunderung war, als ich hinterm Garten, auf
Stoppelfeld mein Kunstwerk erprobte und nun der Drache munter im Winde wirbelte,
ohne dass ich mich zu bemühen brauchte. Er hielt sich wacker, und wenn er
zuweilen etwas wackelte, mit dem Schweife wedelnd, so schien das auszudrücken,
wie behaglich ihm droben die frische Luft sei.
    »Zu klein ischt er!« meinte Enzio geringschätzig. Doch ich konnte
demonstrieren, was für ein Teufelskerl solch ein fliegender Zwerg sei. »Ich
telegraphiere hinauf,« sagte ich. Während nun Enzio den Drachen hielt, schnitt
ich mit der Schere ringförmige Scheiben aus Papier. Sie wurden über den Faden
gezogen und glitten, vom Winde getrieben, am sogenannten Telegraphendrahte
hinauf. Schliesslich hingen oben so viel Depeschen, dass der Drache nieder musste,
um Erleichterung zu finden.
    Eine neue Kunst musste er jetzt produzieren, - einen »Brummer« brachte ich
ihm bei - so nannten wir eine Papierzunge, die unter der Wölbung des bogenförmig
gekrümmten Drachens schnarrend schwirrte. Mein Drache brummte in der Höhe wie
ein Maikäfer. »Gewaltiger müsst' mir dees Brummerle sein! Wenn i en Drache baue
wollt, der müsst gross sein wie e Scheunetor! Na könnt er einen Menschen hebe. I
tät mi dra feschtalte - ond wenn er hochgeht, na tät er mi mitnemme. Ha, dees
riskier i!« prahlte Enzio. Etwas Verlockendes hatte dieser Gedanke, und im
Gerede spannen wir ihn weiter. Ich malte aus, wie mir zumute sein würde, wenn
ich von einem Drachen in die Höhe getragen und vogelgleich bei den Wolken
schweben würde, tief unten die Fluren mit den winzigen Menschlein. »I hab's
erfunde!« protzte Enzio - »ja, i krieg's Patentle - Millionär werd i!«
    Auch ich nahm die Sache wichtig, tagelang berieten wir, suchten Material,
bastelten und probierten. Von einer alten Mosttonne ergatterte Enzio einen
Reifen, der sollte die Stirn unseres Drachens bilden. Zum Rückgrat schien eine
Dachlatte verwendbar, dickes Packpapier gab es in Kuttlers Magazin. Schwierig
war die Beschaffung hinreichend starken Fadens. Es bedurfte eigentlich schon
eines Strickes, um des Riesenvogels Zugkraft auszuhalten. Das Geld, das der
Seiler verlangte, brachten wir nicht zusammen, trösteten uns aber mit ein paar
Waschleinen, wie sie im Haushalt gebraucht werden. Da meine Mutter die grosse
Wäsche kürzlich erledigt hatte, merkte sie nicht, dass wir ihre kostbaren
Stricke, auf denen sonst Hemden und Laken hingen, für unsern tollen Plan in
Anspruch nahmen.
    Als wir die Flugmaschine nahezu fertig hatten, war der Wind günstig.
Zufällig kamen Uli und Wendelin; da gab's neues Geschwätz. Uli erklärte sich
ebenfalls zum Fliegen bereit und wollte sich am Drachen festbinden lassen.
Wendelin gab zu bedenken, einen so ausgewachsenen Kerl zu tragen, sei das
Gestell zu schwach; lieber solle mit dem leichten Enzio der Versuch gewagt
werden. Zur Anerkennung seiner kühnen Bereitschaft verlangte Enzio, das Flugzeug
solle »Hohenstaufen« genannt werden, weil ja Enzio der letzte Hohenstaufe
gewesen sei. »Taufen müssen wir allerdings!« erklärte Uli, »jedes Schiff trägt
am Spiegel einen Namen, so darf der Name unserm Luftsegler net fehle! Bloss kann
i mi net für Hohenstaufe begeischtere - dees wär ebbes gschichtlich Ueberlebtes,
während unserm Werk die Zukonft ghört.« - Ich stimmte bei: »Ja, die Zukunft!
Eine fabelhafte Zukunft! Vogel Rock soll der Drache heissen, nach dem Märchen in
Tausendundeiner Nacht.« Wendelin schlug den Namen Ikarus vor - aber Uli
entgegnete: »Onsinn! Der Ikarus ischt e schlechter Flieger gwä - abgestürzt
ischt er.«
    Ich befürwortete die Namen Pegasus und Gigant, die Giganten hätten
bekanntlich den Himmel erstürmen wollen.
    »Wieso bekanntlich?« wandte Uli ein. »Von Mytologie hat der schwäbische
Bauer keinen Schimmer - nur's Maul wird er aufreisse, wenn er auf dem Ding in den
Wolken die Inschrift entziffert: Gigant! Sage mr lieber Wolkestürmer! deescht
allgemei verständlich.« Einstimmig wurde dieser Name gewählt, nur dass Wendelin
zu bedenken gab, die Schrift auf dem Flugzeug werde nicht zu entziffern sein,
wenn's in den Wolken schwebe, - ratsamer sei, ein deutliches Wappen auf die
Fläche zu malen, etwa das Zollernwappen, vier Quadrate, schwarz und weiss
abwechselnd. Enzio murrte etwas von Preussentum - das sei in Schwaben net
beliebt. Uli trat für Bismarck ein, und ich wandte meine Glasberg-Idee auf die
Hohenzollern an, denen es jedenfalls gelungen sei, ihren Glasberg zu erklimmen.
»I mein's gar net politisch!« entschied Wendelin. »Schwarz- weisse Quadrate hat's
ja auf dem Schachbrett, ond im vorliegenden Fall wären sie ein Sinnbild der
Berechnung. Net der Zufall, net Glück bringt dem Schachspieler Erfolg, bloss
Verstand. Drum wolle mer onsern Wolkestürmer mit dem Schachbrett ziere - Symbol
des Erfindergenies!«
    Leuchtenden Auges betrachtete Uli das Ungeheuer, für das die Laube viel zu
klein war. Im Warenschuppen hatten wir's fertiggestellt, und da lag es in Läng'
und Breite - neben ihm der mächtige Schweif, ein Strick mit Papierbüscheln - er
brauchte nur noch angeknüpft zu werden. Mit seinem Schachbrettwappen war der
Wolkenstürmer versehen, auch mit zwei Schlingen, durch die Enzio die Arme
stecken sollte, um in die Luft getragen zu werden.
    Die Ueberführung auf Stoppelfeld blieb nicht ohne Schwierigkeiten. Der
starke Wind packte die Fläche, Wolkenstürmer war in Gefahr, in den Wipfel eines
Apfelbaumes geschleudert zu werden. Stemmen mussten wir uns gegen die brausende
Luft, wild umher blickten wir, wenn ein Windstoss die Obstbäume schüttelte, dass
die Aepfel niederprasselten. Aufgeregt waren wir wie Krieger vor dem Angriff,
wie Seeleute, wenn ein Orkan heranbraust. Wie ein sich bäumendes Schiff kam uns
Wolkenstürmer vor. Dann wieder wie der Riesenhengst Bayard, dessen Ungestüm sich
kaum zügeln lässt - nein wie Pegasus, das Flügelross der Begeisterung.
Welterschütternd war unser Vorhaben: ein Mensch sollte fliegen - wie einst
Dädalus, dessen Erfindung verloren gegangen ist - an die abgerissene Tradition
knüpften wir ein neues Glied. Unter dem grauen Gewölk trieb eine Krähe im
Sturme. So wollten wir selber schweben. - Unwillkürlich breiteten sich mir die
Arme wie Flügel, dann fuchtelte ich mit den Armen und schrie: »Ho! hoch!«
    Auf dem Stoppelfeld postierten wir uns. Das Ende des Strickes, dran ein
Querholz festgeknotet war, sollte Uli halten, alle Kraft aufbietend, dass ihm der
Sturm den Drachen nicht entreisse. Wir anderen schleppten das Fahrzeug in
wagerechter Haltung, bis der Strick gestrafft war. Schräg gegen den Wind wollten
wir die Fläche stellen, sobald Enzio in den Armschlingen hangen würde. Doch
obwohl von Uli »eins, zwei, drei« kommandiert war - und abermals kommandiert
war, blieb Enzios Verhalten schleppend. Wie er endlich die Arme in den Schlingen
hatte, rief Uli »Los!«, wir richteten den Wolkenstürmer auf und liessen los. Er
stieg sofort - doch ohne Enzio, der sich im letzten Moment freigemacht hatte.
Obwohl nicht programmmässig, war's ein grossartiger Moment, als Wolkenstürmer sich
bäumte wie ein Hengst - dann brausend einen Bogen himmelan beschrieb und -
wieder zur Erde schoss. Ein dumpfer Krach, zertrümmert auf dem Acker lag der
Gigant. Mit Mühe entwanden wir dem Winde sein Opfer, das er gänzlich hinzumachen
beflissen war.
    »Der Enzio hat schuld!« tobte Uli - »der Feigling hat gekniffen!« Der
Angeschuldigte wehrte sich: »Deescht verloge! Gekniffe hat mi der Strick - die
Schlinge war zu eng - da han i gschwind Ordnung schaffe wolle - aber der Uli hat
los' brüllt. Zu rasch! Dees war der Fehler!« - »Schwätz net so fad! Kei Schneid
hoscht - deescht die Sach! Im letzte Moment ischt dir's Herz ins Hösle gfalle,
ond weil der Wolkestürmer zu leicht ischt, hat er den Salto mortale gemacht.«
    »I glaub, die ganze Erfindung taugt nicks,« entschied Wendelin. - »Wohl
taugt sie!« trotzte Enzio, - »bloss, dass mer sie noch verbessere muess!« - »An der
Berechnung fehlt's! Die Windstärke muss mr genau in Rechnung stelle, auch die
Schwäre des Apparats nebscht seiner Fracht. Dann erscht ka mer beurteile, wie
gross die Fläche sein muss, und was für Maderial geeignet wär. Papier ka mer net
brauche - dees zerreisst halt bei solcher Belaschtung. Sägeltuch, dees tät scho
halte - wär' aber zu schwär. An der Berechnung fehlt's dem Wolkestürmer.«
    Die traurigen Reste unserer verunglückten Erfindung bargen wir im Schuppen.
Ich war froh, dass die Waschleine meiner Mutter keinen Schaden genommen hatte.
Die übrigen Materialien durfte Enzio behalten, der sich nicht ausreden liess,
seinen Wolkenstürmer zu verbessern und patentieren zu lassen. Da er sein
Schmollen noch nicht abgetan hatte, mochte er nicht länger unsre Gesellschaft
teilen und drückte sich, unter dem Vorwand, er habe eine Besorgung für Vaters
Geschäft.
 
                                     Ikarus
»Solle mr Schach spiele?« schlug Uli vor - ich holte mein Schachbrett, und im
Schuppen, wo es windstill war, kauerten wir um das schwarz und weiss karierte
Feld. »Dies könikliche Spiel« - sagte Uli, die Figuren aufstellend - »ischt e
Schleifstein des Verstandes; besonders solchen zu empfehlen, die Feldherren
werden möchten oder Regenten. Napoleon ischt e gueter Schachspieler gwä, drum
hat er so viele Schlachten gewonnen. Pädagogisch hat Schach viel mähr Wert als
lateinische Grammatich, die zwar wegen ihrer Logik gelobhudelt wird, aber
Onlogisches entält. Waas hilft's, dass mr dem Pennäler einpauke tut:
Viele Wörter sind auf is
Masculini generis:
Panis, piscis, crinis, finis -
I glaub 's scho, dass sie masculini sind. Aber warom sind sie's? Ha, warom ischt
panis, das Brot, männlich? Sonscht sind die meischte Wörter auf is weiblich!
Jetzt, wo bleibt die Logik? möcht i wisse. Reimereien drüber hänt die
Grammatiker zustandebracht - aber die Sach bleibt eigentlich ongereimt.«
    Diese Bemerkung verblüffte mich, und ich meinte: »Stimmt! Dass piscis, der
Fisch, männlich sein soll, will ich gelten lassen - auch wir Deutschen sagen ja:
der Hecht, der Karpfen, der Aal. Wie aber crinis, das Haar, zu der Ehre kommt,
grade männlich zu sein, und wieso es auch dann männlich bleibt, wenn's Weiber
haar ist, das wissen die Götter.« - »Hier liegt der Stumpfsinn auf der Hand,«
entschied Uli, »ond i sag euch: wenn i Minischter bin oder mindeschtens
Reichstagsabgeordneter, i sorg dafür, dass net mähr so blöde Regle den
Pennälerverstand misshandle. I werd's Schachspiel zom Unterrichtsgegenstand mache
- an Stell von der lausigen Grammatich, gelt?« Das war nun wieder eine von Ulis
Grosszügigkeiten; in ihm sahen wir einen künftigen Bismarck oder Napoleon.
    Weil so die Gedanken auf die Zukunft gerichtet waren, äusserte sich auch
Wendelin über sein Lebensideal: »Der Bruno dichtet an seim Epos - mir ischt
Matema tik die schönschte Reimerei. Mei Glaasbergle hat auf der Spitze einen
Krischtall.« Fragend starrte ich diesen geistigen Wolkenstürmer an, und er fuhr
fort: »Aber der Krischtall dürft net so winzik sein wie Diamant! Bergkrischtalle
hat's schon in beträchtlicher Grösse, manche sind dick wie der Apfel da! Aber
bedeutender müsst mei Krischtall sein ... wie der Schuppen! Ja grösser noch! Wie
die Wurmlinger Kapelle!« - »Und?« fragte ich gespannt. - »Ond ganz scharf und
spiegelblank müsst mei Krischtall sein - spiegeln müsst er mir älles rings. Ja 's
Weltall müsst er abspiegele! Na tät i älles im Spiegel betrachte. Und die
Hauptsach wär, dass sich älles, was irgendwo geschieht, berechne liess, warom's
grad so ond net anders hat müsse komme ond wie's weiter geht.«
    Ich bestaunte die Kühnheit dieses Ideals, und Uli meinte mit Genugtuung:
»Dann wär das Leben eine Art Schachspiel!« - »O freili! Wär's net schön, wenn mr
die Nadur- ond Weltgschicht studiere könnt, wie mr Schachaufgabe löst?« - »Dann
möchtest du also ein Staatsmann werden? Als Politiker tut mr die Weltgschicht
vorher berechne - ond die Mensche tut mer schiebe wie Schachfigure.«
    »Man glaubt zu schieben - ond mer wird geschoben - hab der Goete gsagt.« -
»Oho!« muckte Uli auf. »Meinen Weg gang i - und den möcht i sehe, der mi als
Schachfigur schiebe dürft!« - Unbeirrt fuhr Wendelin fort: »Ja, wenn das
Schicksal net wär! Daas tut's!« - »I selber will mei Schicksal sein!« - »Dees
sagt sich leicht - doch vieles lässt sich net durchsetze - auch wemmer in der
Wahl seiner Eltern vorsichtik gwä ischt.« - »Du meinscht, weil mei Vatter Geld
hat?« - »Ha jo! Waas aber soll denn i abfange? Eltern han i koine - Geld an
koins! Bleibt mir der Onkel Gaschtwirt ond der Onkel Kaplan! Deescht mei
Schicksal! Ond schiebe tut mi dees!«
    »Dann tät ich mich wenigstens net als Bauer schieben lassen,« erklärte Uli
trotzig - und schrägen Blicks Wendelin: »Bauer? Noi! Dees bin i net! Der tut
immer bloss e Schrittle vorwärts.« - »Sei Königin, Läufer oder Turm!« riet Uli.
Aber Wendelin schüttelte den Kopf: »So zu fliegen, hat mir's Schicksal versagt.
Aber Springerle kann i sein. Dees tut einen Schritt gradaus ond einen schief.«
Mit zwei Fingern das Pferdchen haltend, veranschaulichte Wendelin auf dem
Schachbrett, wie's nach allen Seiten hüpfen kann: »Springe tut 's, wohin der
Gegner net denkt - oms Eckle 'num kann 's schiesse - waas im Weg steht, weiss 's
zu omgehe - schlau ond schmiegsam ischt 's - wie e Pfaff!« An diesem Vergleich
fand er Behagen: »Schwierigkeite zu omgehe, darauf versteht sich niemand so gut
als wie mei Springerle ond dr Pfaff.« Mit pfiffigem Blinzeln fügte er noch
hinzu: »Ja, dr Pfaff - ond die Weible! Die können noch konkurrieren mit dem
Pfaffen, gelt?«
    Unsicher blickte Uli, er wusste nicht, wohin diese Anspielung ziele. Dann
raffte er sich zum Spott auf: »Waas weisst denn du von Weible? Von Pfaffe magscht
ebbes verstehe - von Weible nicks!« - Verlegen zuckte der andre die Schulter:
»Ha no! Mei Schweschter ischt doch au e Weible! Ond i sag dir, vom Pfaffegeischt
hat die schon ebbes. Ond wenn die erscht im Kloschter ischt ...«
    Da gab's einen Krach, als sei aus heiterm Himmel ein Blitz herabgefahren.
Die Schachfiguren hüpften - mit der Faust hatte Uli aufs Brett geschlagen - von
einem Dämon der Wildheit schien er besessen, wie er hochgereckt, flammenden
Auges im Schuppen stand. Gelähmt vor Schrecken starrte Wendelin. »Himmelkreuz!«
knirschte der Jähzornige, seine Augen rollten. Dann griff er sich an die Stirn,
als ob er aufwache: »Verzeih mir, Wendelin!«
    Wendelin schwieg traurig, und kleinlaut fuhr Uli fort: »Der Rappel hat mi
packt. Dass du aber so rede tuscht - so von der Pia! Dees han i net vertrage.« -
»Ha warom denn net?« - »Warom? Weil dees auf keunen Fall gschehe darf, dass die
Pia ins Kloschter kommt! Hörscht? Als Bruder bischt du verpflichtet, dafür
z'sorge!« - Um den Mund hatte Wendelin ein schmerzliches Zucken: »I? Mir selber
weuss i net z' helfe!«
    »Aber i werd helfe!« entschied Uli. »Von mei'm Vatter werd i fordere, dass
er's Geld hergibt für dich ond die Pia - na könnet ihr andre Wege gehn!« -
Düster hatte Wendelin seinen Kopf gestützt: »Und wenn mei Vormund, der Kaplan,
sich weigert, von deim Vatter 's Geld zu nemme? Und wenn die Pia ins Kloschter
will? Bedenke doch: Wenn sie halt will!«
    Tonlos stammelte Uli: »Sie will? Warom denn?« - »Ha no! Familiensache sind
dees!« - »Familiensache? Du kascht doch net dulde, dass dei Onkel, der Kaplan, 's
Piale beherrscht! sie ond dich!« - »Der Onkel? Der spielt bloss die zweite Geig'.
Aber 's Mütterle, onser lieb's Mütterle, onser armes ...« Ergriffenheit
erstickte ihm die Stimme, sammeln musste er sich, um den Bescheid zu finden: »Du
meinscht, von so Weible tät i nicks verstehe? Aber ischt net mei Mütterle e
Tochter Evas gwä? Schön und hold, so heisst's, sei die Eva gwä - mei Mütterle
war's au -, deshalb hat mei Vatter net könne von ihr lasse, obwohl sie net ...«
Wendelin wollte nicht heraus mit der Sprache.
    Uli war sanft geworden: »Brauchscht net weiter zu rede - ebbes davon han i
läute hören. Dei Vatter hat dei Mütterle heiraten wolle, hat's aber zu lang
verschobe ...« Weinend platzte Wendelin heraus: »Ja, verschobe! Ond ischt drüber
hi'gstorbe! So ischt's komme, dass i ond's Piale mit dem Makel ... ja mit dem
Makel ... Warom aber hat mei Vatter so lang zögert? Weil sei Vatter gegen die
Heirat mit der Schauspielerin war.« - »I weiss, Wendelin! Ja, du könntescht jetzt
Majoratsherr sein - mei Vatter hat mr's gsagt. Wenn aber niemand von deines
Vatters Verwandten das Onrecht, das an euch begangen ischt, wieder gutmachen
will, i möcht helfe, i! Ond werd's durchsetze! Ins Kloschter zu gehe, soll die
Pia net nötik habe.«
    »Ha ja!« meinte Wendelin bitter, »nötik hat sie's grad net - kann ja
Kellnerin werde beim Onkel Gaschtwirt.« - »Onsinn! 's gibt an passende
Stellungen für sie - ischt sie net e feins Mädle?« - »Grad deshalb! Fein ischt
die Pia - e zarte Dame! Waas soll jetzt die in onsere Verhältnisse? Ja, wenn sie
zur Bühne könnt, wie's Mütterle! Aber Onkel Flammer hat den Riegel vorgschobe.
Hat der Pia ins Gewissen geredt - hat gewarnt, um Gottes wille solle sie net 's
Mütterles Weg gehe - sie müss vielmähr wieder guet mache, waas Mütterle in der
arge Welt verfehlt hab.«
    Uli wurde abermals unwirsch: »Pfaffegschwätz! Da wär nicks guet zu mache!
Schuld hat dei Mütterle keune! Schuld hänt bloss andre Leut! Und andre Leut send
an jetzt wieder schuld, dass dem Piale 's Köpfle verdräht wird. Aber i tu's net
leide, dass sie im Kloschter versauert.« Als Wendelin den Einwand tat: »Waas
willscht tun?« brauste Uli auf: »Heirate werd i's Piale!« Wendelin stammelte:
»Hei - rate? Wann denn dees, Uli? Vielleicht in zehn, zwölf Jahre. Inzwische
hat's Piale den Schleier gnomme.«
    »I duld's net! Und wenn i's Piale mit Gewalt raushole müsst!« drohte Uli,
blass vor Verbissenheit. - Wendelin zuckte die Achsel. »I selber - i bin dann
selber in eme Kloschter.« - »Du, Wendelin? Du, der Matematiker? Der
Freigeischt?« - »Matematikka mer au in der Kloschterzelle treibe. Der
Freigeischt aber, der sieht grad, wie's Schicksal on - ent - rinn - bar ischt,
onentrinnbar - dees kann mr beweise! Ond Pater Vinzenz hat mir prophezeit, in
eme Kloschter werd i sterbe.« - »Pater Vinzenz? Wer ischt denn dees?« - »E
Mönch! Hat wiederholt im Rotteburger Dom geprädikt - dann send die katolische
Leut von weit und breit hergepilgert. Eine Stimm hat der Pater - wie ne Orgel!
Locken kann er, donnern kann er. Wenn er die Arme mit den Schleppärmeln breitet
ond mit sei'm Feueraug die Kirche durchrollt, na ischt älles wie behext, sei
Wort tut herrsche, dass sich kei Zweifel herauswagt. Ja, der versteht sei
Handwerk! Ond au dem Piale hat er's ahtan - wie bsesse ischt die vom Geischt des
Paters.«
    »Und dich sogar hat er zom Narre gmacht? Dass du glaubscht, mer könn seim
Schicksal net entrinne? Blödsinn! Bloss recht z' wolle braucht mer!« - Wehmütig
schüttelte Wendelin den Kopf: »Ob du wolle tuscht oder net, ob du Meischter oder
Stümper bischt - älles kommt vom Schicksal! Du selber bischt nix - ond ausrechne
könnt i, warom dees älles grad so kommen muess ond net anders - konstruiere könnt
i's - wenn i auf meim Glasbergle wär, wo der Krischtall die ganze Welt
abspiegelt.« - »Dei Glaasbergle kann mir gstohle bleibe!« meinte Uli patzig. Er
bereute aber sofort seine Schroffheit und streckte dem Freunde die Hand hin:
»Nicks für unguet, Wendelin! I kenn mi selber net, so wild bin i heut. Waas du
gsagt hascht von Pia und der ganzen Kloschterei, dees macht mir halt elend z'
schaffe.«
    Versöhnt ergriff Wendelin die Hand: »Guet meinscht du's, Uli ... Ond wer
weiss, ob dir's net glückt, die Pia zu rette. Du bischt e Mann der Tat, ha ...«
Wie Sonnenschein glitt es über Ulis Gesicht; sein herzliches Verhältnis zu
Wendelin war wiederhergestellt. Und dieser schien seine beschauliche Art
wiedererlangt zu haben. Als handle sich's um eine Schachaufgabe, fragte er: »Mit
Gewalt würdescht die Pia befreie, wenn sie im Kloschter wär? Wie meinscht dees?«
- »Mei Revolverle nimm i!« - »Ond?«
    Die Abenteuerlichkeit des Plans schien Wendelin mehr zu fesseln als ein
praktisches Interesse. In einer Stellung, als drohe er mit gespanntem Revolver,
fuhr Uli fort: »Der Aebtissin sag i: Heraus mit der Pia! Sonscht ...« - »Sonst
tätest du sie verschiesse?« - »Die Aebtissin? Auf Weible schiess i net!« - »Waas
willscht na mit deim Revolverle?« - »Mi tät i verschiesse - mi!« stiess Uli heftig
hervor. - »Uli!« sagte ich in zärtlicher Bewunderung, - »brav von dir, so
ritterlich aufzutrumpfen - aber lass es lieber! Eine Aebtissin lässt sich nicht
erweichen - du würdest in der Aufregung vielleicht wirklich die Pistole
losdrücken.«
    »Keine Ueberspannteit, Uli!« meinte Wendelin. »Uebrigens könnt mer die Pia
vielleicht dooch noch rette: mit dem Wolkestürmer könnt mer sie entführe!« Uli
horchte auf: »Hast du ihn verbessert?« - »Einen ganz neuen han i austüftelt! Ihr
wisset ja vom Dädalus? Wie der auf der Insel Kreta gefangengehalten wurde, aber
entfliehen wollte. Da verfertikte er für sich ond seinen Knaben Flügel und flog
über die See. Diese Erfindung ischt der Menschheit verlore gange, i aber bin ihr
auf die Spur kommen. Wenn i sie herausbracht hab, könnte mer's Piale aus dem
Kloschtergarte entführe - durch die Luft! Na braucht sich mei Uli net tot z'
schiesse!«
    Forschend starrte Uli den Freund an: »Ond wie denkscht du dir den neue
Wolkestürmer?« - »E Krähe han i fliege sehn - na han i mir denkt: Nachahme kann
i den Vogelflug net - aber benutze! Einen Schwebe-Apparat han i mir austüftelt -
davor tu i grosse Vögel spanne, ond ziehe müsse sie den.« So hatten wir abermals
etwas zu bestaunen. Ein schwebender Wagen, von Vögeln gezogen! Aber wir
wollten's auch begreifen. Und Wendelin entwickelte seine Erfindung: Ein Ballon
mit recht leichtem Gas sei nötig, nicht sonderlich gross brauche der zu sein ...
habe ja nichts weiter zu leisten, als etwa drei Zentner in der Schwebe zu
halten. Um diesen kleinen, spitz geformten Ballon durch die Luft zu bewegen,
bedürfe es keiner erheblichen Triebkraft - drei vorgespannte Schwäne würden
genügen. Die Vögel seien an einem Drahtgestell befestigt und würden vom
Luftfahrer, der in einer Hängematte unterhalb des Ballons hängt, am Zügel, wie
Pferde, gelenkt.
    Freudetrunken machte mich diese Idee - das Märchen war Wirklichkeit
geworden. Auch Uli schwärmte, obwohl ihm Bedenken kamen: »Werden die Schwäne net
widerspenstik sein?« - »Dressiere müsst mer sie halt! Es wird eine Zeit kommen,
wo jedes Haus seinen Schwanenstall hat. Will mer na durch die Luft fahre, spannt
mer eifach die Schwäne vor's Wägle.« - »Und du meinscht, die Schwäne wären stark
genug?« - »Wenn drei net ausreichen, nimmt mer halt fünf. Oder zwei Lämmergeier!
Die sind so stark, dass sie ein Lamm durch die Luft trage.« - »Aber wild sind
Lämmergeier!« - »Ha, zähme müsst mer die! Onser Ackergaul stammt vom Wildpferd -
durch Züchtung hat mer e geduldiks Viech erzielt.« - »Wendelin!« rief ich,
»grossartig! Zauberei ist das! In der guten alten Zeit, als es noch Feen gab,
hatten die einen Luftwagen mit Pfauen bespannt. Auch heutzutage liessen sich
Pfauen verwenden - prachtvoll würde das aussehn!«
                                       *
    Durch dies Gespräch aufgeregt, hatte ich nachts einen lebhaften Traum: Wie
ein Vogel konnt' ich fliegen, mit den Armen flattern. Auch die Füsse liessen sich
dabei verwenden. Bewegte ich sie wie ein Schwimmer, der Wasser tritt, so
schwebte ich sanft aufwärts. Freilich nur in höheren Regionen gelang dies
Lufttreten. Wendelin, mit dem ich durch die Gassen einer alten Kleinstadt flog,
hatte Mühe, sich zu erheben. Beängstigend wurde die Geschichte, als Spiessbürger
empört gelaufen kamen und nach Wendelin langten. Er strengte sich an, dass er
keuchte, kam aber eher rückwärts als vorwärts, und fast konnte die schimpfende
Volksmenge seine Füsse berühren. »Tritt Luft!« rief ich ihm zu und war selber
schon bei den Dächern. Vergebens, dass man aus Dachluken mit Stangen nach mir
schlug, leichter wurde mir das Fliegen, freier hob ich mich empor. Doch ach, der
unselige Wendelin geriet in die Klauen des Gassenvolkes - es war, als ob Hunde
kläffend ein Edelwild zerfleischen.
 
                                 Die Mühlspinne
Ein Nachmittag in den Herbstferien war's, als unten bei Kuttlers ein Geschimpfe
und Geschrei losging. Enzio war unter der Faust seines Vaters, der mordsmässig
wetterte. Gellend ging die Ladenklingel, und wie ich zum Fenster hinausblickte,
flog Enzio, von einem Arm geschleudert, auf die Dorfgasse, dass er der Länge lang
in den Staub fiel. Als er aufstand und in ohnmächtiger Wut plärrte, wurde hinter
ihm drein, kaum minder unsanft, ein Handwägelchen expediert, dann unter einer
wilden Androhung die Ladentür wieder zugemacht.
    »Was ist los, Enzio?« fragte ich. Ein scheuer Blick aus den schwarzen Augen,
und mürrisch wandte er sich - schämte sich offenbar vor meiner Mutter, die
soeben gleichfalls am Fenster erschien und teilnehmend fragte: »Du sollst wohl
etwas holen, Enzio, mit dem Wagen da?« - Er würgte sein Schluchzen hinunter:
»Zur Neckermühl soll i! Mehl hole.« - »Na und? Das möchtest du nicht? Warum denn
nicht?« Er schien unschlüssig, wie er seine Widersetzlichkeit begründen solle.
»I ... i ... bi ... Gymnasischt! Dees ... Mehlhole im Wägle da ... passt sich net
... für unserois!« - »Ach, dummes Zeug! Du bist ja noch ein Junge! Obendrein
Dorfjunge! Geh getrost und hole das Mehl! Arbeit schändet nicht.«
    »Ich komme mit!« rief ich, um Enzio zu trösten. Und weil meine Mutter nichts
einzuwenden hatte, nahm ich meine Schülermütze und lief hinunter. Enzio hatte
seine Tränen getrocknet und blickte schon zuversichtlicher. Beide fassten wir den
Griff der Wagendeichsel und einträchtig nebeneinander zogen wir los. Auf der
Lustnauer Baumstrasse raschelte welkes Laub, und aus den geplatzten
Stachelschalen der Kastanien fielen die braunen Früchte, so dass davon unsere
Taschen prall wurden. Enzios Gram war verflogen, und auch als wir in die noble
Wilhelmstrasse kamen, bekam er keinen Rückfall. Hinter dem Gymnasium ging's die
Mühlgasse hinab. So hiess sie, weil es da mehrere Mühlen gab, die das Gefälle des
vom Ammertal hergeleiteten Grabens ausnutzten. Wie eine Schlucht sah die
Mühlgasse aus; sie bebte vom Rauschen und Surren der Mühlen. »Bischt in dr
Neckrmühl scho gwä?« fragte Enzio, »der Müllergsell heisst Louis Gassenmeier -
ischt bloss e Prolet, doch e gscheiter Kerle.« Die Steilheit der Gasse benutzend,
setzten wir uns auf das Wägele - Enzio an die Deichsel, um sie zu lenken - und
von selber rollten die Räder. Als das Wägele auf den Platz schoss, wo die
Neckarbrücke beginnt, stand da der Torwart Fuchs, um von einem haltenden
Zweispänner das »Pflaschtergeld« zu erheben. Da wir ihn fast anrannten,
schimpfte er - worauf Enzio mit Frechheit diente.
    »So isch reacht! Gib's em, Enzio!« hetzte der Müllergesell, der am offenen
Tor der Neckarmühle lehnte. Sie war ein nüchternes, nicht hohes Gebäude mit
abgeschrägtem Dachgiebel, an den Stadtmauerturm gelehnt, der in alter Zeit die
Brücke beherrschte. »Das ist wohl der Gassenmaier?« raunte ich, und Enzio
nickte. Eine verkümmerte Gestalt, bleich, bartlos. Mehlbestaubt die schlaffe
Mütze, mehlbestaubt die nachlässig hängende Hose. Das graue Hemd, an der Brust
offen, war über hagere Arme aufgekrempelt. »Dem Fuchs muess mr eis drauf gebe auf
sei borschtige Ssaukopf!« Nach diesem Giftworte streckte Gassenmaier grinsend
die Hand zum Willkommen. Etwas Lauerndes hatten die kleinen, graugrünen,
rotumränderten Augen. Auffallend waren die Pockennarben, die das fahle Gesicht
übersäten, als ob darauf Erbsen gedroschen wären. Eine Narbe am Halse schien von
geschnittener Drüse herzurühren.
    Spähend blinzelte mich Gassenmaier an: »Der Gymnasischt aus Norddeutschland?
Dem's Wurschterle d' Nas verschlage hat, gelt?« Ich quittierte mit saurem
Lächeln. Wir folgten in die Mehlstube, wo uns Surren und Tosen empfing. Nach
Mehl roch es, gereiht standen weisse, pralle Säcke. Steinscheiben konzentrisch
ineinander, von Treibriemen in Drehung versetzt. Aus dem Trichter darüber
rieseln die Körner. Leert sich ein Mahlgang, so läutet eine Glocke automatisch,
sobald die Mehlfalle nicht mehr belastet ist. Dann muss neue Frucht aufgeschüttet
werden.
    »Und's Mühlenrad?« fragte ich. - »Kommet!« erwiderte er und führte zu einer
Falltür - eine Treppe ging hinab. Aus der dunklen Tiefe hauchte es feucht, laut
war nun das Rauschen, Plätschern und taktmässige Stampfen. »Lauschet, ihr
Studentle!« sagte der Müllergesell behaglichen Spottes - »lauschet, waas die
Räder schwätze? Dr Müller, dr Müller - stiehlt tapfer, stiehlt tapfer - e
Sechstel vom Achter - hoho!« Indem wir hinabstiegen, wurde das Tosen so stark,
dass man die Worte schreien musste. Die Bretter, über die wir gingen, waren lose
auf die Balken gelegt. Unter ihnen schoss das Wasser dahin, dunkelblank im Schein
der Laterne.
    Ich beugte mich übers Geländer, da donnerte der breite Schwall auf
Schaufelräder - ächzend wälzten sie sich und trieften. Unter dem Gischt
schimmerte grün die Flut. Einen so mächtigen Eindruck hatte ich nicht erwartet
und riss die Augen auf. Nickend schrie mir Gassenmaier zu: »Gelt? Dees ischt e
Mühlwerk!«
    Als er in die Höhe leuchtete, sah ich Seile, Balken, Zahnräder. Von oben
dämmerte Tageslicht - ich spähte hinauf - wir waren in einem Schacht, durch die
Öffnung oben blaute der Himmel herein.
    Nahe bei mir bemerkte ich etwas, das mich peinlich berührte: ein
ausgebreitetes Spinnengewebe, mitten drin eine dicke Spinne. Gassenmaier, der
meinem Blick gefolgt war, leuchtete mit der Laterne hin: »Mei Glücks-Spinn ischt
dees!« Es war eine unheimliche Kreuzspinne, schwarz und weiss gestreift,
graubepudert wie der Müllergesell. Regungslos lauerte sie, - hier und dort
hingen im Netz ausgesogene Fliegen. Anzuglotzen schien uns das Raubvieh,
zugleich nach einer Motte schielend, die um die Laterne taumelte. Da die Motte
meinem Gesicht nahe kam, wehrte ich mit der Hand ab. Gassenmaier meinte, ich
wolle seiner Spinne etwas tun, und hielt mir den Arm fest: »Spinne am Abend,
erquickend und labend, gelt?« Dann haschte er die Motte, drückte sie tot und gab
sie der Spinne ins Netz. Durchs Schallrohr seiner Hände rief mir Gassenmaier zu:
»Au e Mühlteufel han i! Willscht sehe?« Und er drehte mich einer Tür zu, die mit
Eisenblech beschlagen war. »Da tut der Mühlteufel wohne ond sei Grossmütterle.
Glaubscht net? Beileib! Mühlteufels Grossmütterle ischt nämlich die Mahlkrott - e
quappiks Viech - grad' scheint's, spaziert se irgendwo.«
    »Eine wunderliche Mühle haben Sie da, Herr Gassenmaier. Uebrigens ist es
schon mehr eine Fabrik.« - Er hielt das für ein Lob und nickte: »Net wahr! Ond
viel besser tät sich die Fabrik rentiere, wenn mei Kabidalischt schlauer wär.
Schlau muess dr Mensch sei, wenn er's zu ebbes bringe will.« Er tippte sich auf
die Stirn, als ob er da einen Schatz habe. Und wir begaben uns wieder zum obern
Raum.
    Das Knappenstüble war im Turme, den die Mühle in den Neckar vorschiebt. Eine
Bank war durch übergebreitete Kissen zum bequemeren Liegen hergerichtet. Bei
einem Fenster lag auf dem Werkeltisch Hobel, Axt, Bohrer. »E rechter Müller muess
au Zimmerma sein. Hier gibt's auweil ebbes zu repariere. Aber jetzt kommt 's
Bescht!« Aus einem Wandschrank holte er eine Flasche: »Schwarzwälder
Kirschegeischt!« Ein Schnapsgläschen voll kippte er in seinen Mund, den Kopf
zurückwerfend: »Ha! dees tut guet!« Das zweite Glas bot er Enzio an und dieser
ahmte dem Beispiel forsch nach. Auch ich erhielt mein Glas und nippte
vorsichtig. Feuer rann mir durch die Kehle, ich hustete.
    Des Müllergesellen Gastlichkeit vergalt Enzio nobel mit Zigarren, und die
beiden setzten ihre Glimmstengel in Brand, indessen ich durchs Fenster blickte.
Drüben, jenseits des Neckars, war die Platanenallee, links die Brücke. Dicht
unter dem Fenster kam grünweiss das Mühlwasser herausgeschossen, in den Fluss.
Paffend bemerkte der Gesell: »So lässt sich's Müllerdasein ertrage - aber e
Ssauerei ischt's dooch! E guets Kräutle! Davon derfscht mer e Kischtle besorge,
Enzio! Ond waas macht dei Schweschter, die Linda? Blitzsaubers Weibsbild! Potz
Wetter, hat die Auge! Wie Kohle! Ond tanze tut se! Himmel-Ssackerle, dees wär e
Bräutle für mi! Wann i die hätt! Ka'scht net e Wörtle für mi einlege, Enzio?
Sag, i wär ganz verschosse! Ond Geld han i au! Wer weiss, wozu i's noch bring!
Mei Glücks-Spinnle tut für mi spinne. Enzio - wir send ons einik, gelt?
Einschtweile bin i noch Galeeresträfling in der Mühl da - aber's kommt e bessere
Zeit! Der Johann Moscht wird dem Kabidal den Garaus mache. Ssauhund send die
Kabidalischte! Bloss dass mir's zu lang dauert mit dem Moscht sein Omsturz. Drum
bin i net grad Sozialischt - bin au net Kabidalischt. Sozial-Kabidalischt bin i
- ond wenn Linda ihre Aussteuer bringt, werd i Milljonähr!«
 
                               Beim Madeere-Beck
»Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende!« seufzte mein Vater, als er mit
mir von Lustnau nach Tübingen ging, wohin wir übersiedeln mussten. Die Bäume der
Landstrasse griffen mit leeren Armen in kalten Herbstdunst, dürr raschelte das
Laub unter unseren Füssen, geschorene Wiesen waren von Reif versilbert. Dem
Fuhrwerk, das unsern Hausrat zur neuen Wohnung beförderte, folgten wir in
gedrückter Stimmung, als wär's ein Leichenwagen. Und allerdings wurde unser
schwäbisches Dorfidyll gewissermassen zu Grabe getragen. Aus dem Obst- und
Rosengarten, wo Immen summten, aus der Nachbarschaft sonniger Weinberge und
Schnützelputzhäusel sollten wir unser Heim in die Altstadt verlegen, in die
Neckargasse, wo Marktleute strömten und Wagen rasselten.
    Das Haus lag dicht gegenüber dem Chorschiff der Stiftskirche und war ein
uraltes Kleinbürgernest. Mit vorgekragten Stockwerken, krummen, rissigen Balken
und einem steilen, schadhaften Ziegeldach. An der Aussenwand war in Stein
gemeisselt: Dies haws ward 1493 erbawt. - Ein daneben befindliches Holzschild
nannte die »Bäckerei von Forstbauer«. Gebacken freilich wurde hier nicht, bloss
Backware verkauft. Dazu Getränk, das mit Nachsicht zu geniessen war. Weil der
Beck einmal - vor Jahrzehnten - einen gezuckerten Krätzer als »Madeira« verzapft
hatte, war er von den Studenten »Madeere-Beck« getauft, und so hiess er seitdem
im Volksmunde. Wer das Haus zum Madeere-Beck betreten wollte, stieg vom schmalen
Bürgersteig ein paar Steinschwellen empor und war nun in einer Nische. Rechts
führte die Tür zur Gaststube, wo der Madeere-Beck, ein gebeugtes Männlein mit
wirrem Grauhaar, den Marktleuten seine Wecken auftischte, dazu Schwartemage,
Backsteinkäs und einen sauren, desto mehr angepriesenen Moscht. Links bei der
Hauspforte war das Fenster, hinter dem die Madeere-Beckin zu sitzen pflegte,
eine knochige Alte mit einem hängenden Kropf. Ihre fischartig vorstehenden Augen
lugten durch die Scheibe nach der Kundschaft. Dem Mädle, das Brot holen wollte,
reichte sie durch die Fensterklappe den Brotlaib und strich das Geld vom
Aussenbrett ein.
    Des Hauses Haupttür war aus schwerem Holz, mit grossköpfeten Nägeln
beschlagen. Ueber der Eisenklinke befand sich ein Klopfer aus Eisen, wie er in
alter Zeit statt der Klingel diente - eine Art Hammer, mit dem man pochte, dass
es durchs Haus dröhnte. Vom dunklen Hausflur, der eine Falltür zum Keller hatte,
gelangte man auf abenteuerliche Weise zu den oberen Stockwerken. Aus wackligen
Steinplatten war die Treppe gefügt, ähnlich einer Wengert-Steige. Nahezu ohne
Licht, bog sie nach links, und die auf dieser Seite schmalen Stufen machten das
Emporsteigen für den Uneingeweihten bedenklich. Wenn die Hand nach einem
Geländer tastete, fand sich nur ein Strick - mittels dieses urwüchsigen Anhaltes
mochte man sich emporarbeiten. Die ersten Bewohner des Oberhauses, die sich
bemerkbar machten - durch Laute und durch Duft - waren eine Kuh, ein Schwein und
ein paar Gänse, untergebracht in einem finstern Stalle, der hier im ersten
Stockwerk lag. Wand an Wand mit solch wirtschaftlicher Einquartierung, nach der
Strasse zu, hatte das madeerebecksche Ehepaar seine Privaträume. Sie dienten
zugleich als Speicher für Mehl, Bohnen, Erbsen und getrocknetes Obst. Vor den
Fenstern hingen an Schnüren Maiskolben, schön gelbe Reihen, an dicke Halsketten
aus Bernstein mahnend.
    Zum zweiten Stockwerk führte eine steile Holztreppe, und hier war die neue
Wohnung der Familie Wille. Die drei Vorderzimmer liessen es an Breite und an
Helligkeit nicht fehlen, waren aber niedrig und bäurisch. Die Wände ungeschickt
mit Kalk beworfen, weiss getüncht. Die Decke ruhte auf ungeschlachten, etwas
krummen Balken. Vor der kalten Küche hatte meine Mutter eine Scheu. Mit
Backsteinen war sie gepflastert, hatte einen Ausguss, der durch eine Mauerlücke
in den Hof führte, und diese Öffnung stand in peinlich ventilierender
Wechselwirkung mit einem Herdrauchfang, der so frei in den Schornstein führte,
wie's unsere Altvorderen eben gewohnt waren.
    Was im Hinblick auf die rauhe Zeit tröstete, war unsere Holzkammer überm
Salon der Madeere-Kuh. Gleich nach vollendetem Umzug war sie mit zersägten
Buchenstämmen angefüllt. Mit dem Beile waren die Blöcke noch zu zerscheitern,
und das geschah auf einem Hackeklotz, der sich in der Holzkammer befand.
    Dass diese derbe Hantierung mir von der Mutter anvertraut war, passte dem
Betätigungsdrange des hochgeschossenen Jungen. Das Beil in der Faust, kam er
sich mannhaft vor und hieb, dass die Scheiter flogen. Einen Dämpfer erhielt mein
Eifer durch eine Entdeckung: die Holzdielen der Kammer waren vor Alter so
morsch, dass ich mit aufgestampftem Stiefelabsatz einen Eindruck machte, als sei
Pferdehuf in Erde gedrückt. Indem ich einen tüchtigen Buchenknubben vorhatte und
das Beil mit äusserster Gewalt hindurchkeilen wollte, tat ich einen Hieb, dass der
Hackeklotz in die Diele einbrach. Ein Glück, dass darunter noch Balken lagen -
sonst wär' ich wohl durchgebrochen und der Madeere-Kuh auf die Hörner gepurzelt.
    Als die Familie bei der Abendlampe um den Tisch sass, brachte meine Mutter,
der ich gebeichtet hatte, den Vorfall zur Sprache und jammerte: »Mit dieser
Wohnung sind wir gründlich reingefallen. Ich glaube, der Schwamm ist drin. Da
hinten ist alles verstockt und zermürbt. Das kommt von den feuchten
Stalldünsten, kommt von der Madeere-Kuh. Eine unerhörte Verschrobenheit, im
ersten Stock, in der Beletage, eine Kuh zu halten. So was kommt nur in diesem
Spiessernest vor.«
    Mein Vater antwortete nach Ueberlegung: »Bedenke, wie Tübingen mit der
Landwirtschaft verwachsen ist. Jeder Hausbesitzer hat vor der Stadt ein Aeckerle
oder Weingärtle - und unserm Madeere-Beck ist durch seine kropfige Ehehälfte ein
Stück Land eingebracht, das eine Kuh nähren, dazu noch Kartoffeln und Welschkorn
tragen kann, um Schweine und Gänse zu mästen. Die Kuhmilch kann er für seine
Kaffeegäste brauchen. Uebrigens beziehen wir die Milch von der Madeere-Kuh. Was
mir, nebenbei gesagt, nicht koscher vorkommt. Das arme Vieh, das so gut wie gar
keine Sonne kennt und keine frische Luft, kann nicht gesund sein wie eine Kuh,
die ins Freie kommt.«
    »Wie?« fragte ich - »die Madeere-Kuh kennt keine Sonne und kommt nicht ins
Freie? Wird sie denn nicht von Zeit zu Zeit auf die Weide geführt?« - »Sprich
nicht gedankenlos, Junge!« sagte die Mutter. »Die Kuh kann doch nicht die Treppe
'runter spazieren und wieder herauf.« - »Es gibt noch einen andern Zugang zum
Stall -,« entgegnete ich - »dies Haus ist an den schrägen Schulberg gebaut - zu
dem führt vom Kuhstall eine bretterne Brücke - ich habe mal gesehn, wie von dort
ausgemistet wurde.« - »Das mag sein,« - sagte mein Vater - »aber mit der Kuh
machen die Leute nicht solche Umstände, dass man sie spazieren führt. Die hat
wohl kaum als Kälbchen die Wiese gesehn. Sie kommt mir vor wie Kaspar Hauser.« -
»Wer ist denn das?« - »Den hatte man bald nach seiner Geburt geraubt und in ein
finsteres Gefängnis gesteckt - da ist er aufgewachsen, so dass er als Jüngling
von der Welt nichts kannte als seinen Wärter und die lichtlos öde Enge. Wie er
nun auf einmal freikam, war er taumlig vor Verwirrung über all das Neue,
Grossartige, das ihm begegnete. Sonne, Blumen, Kornfeld, Himmelblau mit Wolken,
nachts das prangende Sternenmeer, alles sah er jetzt zum erstenmal. Die
Madeere-Kuh ist eine Art Kaspar Hauser.«
    »Rasch verkaufen sollten sie das Vieh - oder schlachten,« meinte die Mutter.
»Abgesehen von der Milch, die sie uns gibt, ist sie eine üble Eigentümlichkeit
dieses Hauses. Nicht bloss den Stalldunst verbreitet sie, stört auch zu
nachtschlafender Zeit mit ihrem Kettengerassel ... Oh, dies Tübingen! Hier ist
alles rückständig und vermurkst. Die Gassen eng, ohne Sonne; die Häuser uralt,
dumpfig, elend bäurisch. In manchen Quartieren soll der Krebs hausen. Wenn wir
nur nicht in ein Krebshaus geraten sind! Oh! Dass uns das Schicksal in dies
Schwabennest verschlagen musste! Weisst du, wie es mir vorkommt? Wie die
Madeere-Kuh!« - Mein Vater seufzte und blieb zuerst stumm, meinte dann: »Schade,
dass wir nicht in Lustnau bleiben konnten! Da hatten wir Sonne und Luft. Freilich
muss ich gestehn: Da hocktest du in der Wohnung, statt dich im Rosengarten zu
sonnen. Aber so ist der Mensch! Was er hat, nimmt er nicht genug wahr!«
    »Du redest, wie du's verstehst!« erwiderte meine Mutter. »Wenn ich im Haus
zu tun habe, kann ich nicht wie eine Gräfin im Park sitzen. Uebrigens vertrage
ich Gartenfeuchtigkeit nicht. Wir hätten eben weiter nach Süden ziehen sollen.«
- »Wohin denn aber? Freiburg hatten wir in Betracht gezogen. Aber die
Verhältnisse waren da nicht so günstig.« - »Sonne! Sonne tut mir not!« klagte
die Mutter leidenschaftlich. »Ich kann nicht genug Sonne kriegen, hat auch der
Arzt gesagt. Schmoren möcht' ich in Sonnenglut. Südfrankreich wäre was für mich
- Nizza, Avignon, Montpellier. Da gedeihen Apfelsinen und Feigen wie bei uns die
Aepfel. Solch ein Sonnenland ist ein richtiger Garten Eden. Ja, wenn wir dahin
gezogen wären!«
    »Aber bedenke doch die Kinder!« - »Na ja! Ich weiss!« antwortete die Mutter
bitter, »es ist eben ein Traum! Das beste Leben bleibt immer Träumerei. Das
Schicksal narrt uns! Sein Glück phantasiert man sich zusammen - dann stellt sich
heraus, dass es Seifenblase ist oder - wie du sagst - ein Glasberg. Manchmal
denk' ich: Unsereins ist dazu verurteilt, im Engen, Dumpfen, Finstern zu hocken.
Ein Kaspar Hauser ist man hier! Eine Madeere-Kuh! Hier versauert und verbauert
man!« Schweigend stand der Vater auf, zündete sich ein Licht an und ging ins
Nebenzimmer. Ich wusste, dass er an seiner Augenhöhle mit Höllenstein zu beizen
hatte.
    In dieser Nacht träumte mir von einer paradiesischen Landschaft. Sie hatte
etwas vom Wengert an der Waldhäuser Halde, auch Schnützelputzhäuser waren da. In
weisser Sonne sass die Mutter, ich hatte ihr Apfelsinen gebracht, wie sie
leuchtend an allen Bäumen hingen. Feigen schmauste ich, die wild an den Wegen
wuchsen. Meine Mutter sagte zu mir: »merci, mon enfant,« und ich dachte: So wird
hier ohne Grammatik parliert - hier braucht man keinen Ssaubock!
    Es war mir aber, als ob jemand riefe »Ssau-Beck« - und plötzlich zerstob
mein Traum wie eine bunte Seifenblase. Als ob ihn jener Schlag zertrümmert
hätte, den ich dröhnen hörte. Es war ein Schlag des Klopfers an der Haustür. Und
ich war nicht im Südenparadies, sondern lag in meiner Kammer, die vom Hofe her
einen matten Abglanz des Mondes bekam, so dass ich den krummen Balken
unterscheiden konnte. - Unten ging neues Klopfen los - Studenten waren's. Sie
schwatzten, johlten; einer rief: »Aufgemacht, Madeere-Beck! Bring' uns Moscht
ond heisse Weck!« Gelächter lohnte den Witzbold. Die Zechkameraden hatten sich
darauf versteift, ihren Rausch mit einem derben Katerfrühstück zu dämpfen.
Fanden aber keine Gegenliebe beim Wirt. Als er nicht erscheinen wollte,
schwatzten sie noch eine Weile dummes Zeug; ein Bass blökte: »Im tühfönn Köll -
lör sütz üch hür ...« Dann war die Bande wie tobsüchtig und brüllte:
»Ssau-Beck!« Endlich entfernte sie sich - die Stimmen verhallten. Zuweilen kam
noch ein Gemurmel. Aber nein, das war Novemberwind. Dann dumpf ein Stampfen,
Kettenrasseln - unsre Madeere-Kuh!
 
                               Robinson im Winkel
Wie meine Mutter von ihrem Sonnenland, schwärmte ich von urwüchsiger Natur, von
Seefahrt, Steppen-und Waldläuferei, von einem Leben, das alle brauchbaren Kräfte
in freier Betätigung heranbildet. Früchte wollte ich pflücken, wo sie wild
wachsen, oder durch Anbau gewinnen; Tiere jagen und züchten, die Hütte mir
selber bauen, mein Boot zimmern, Kleidung und Gerät verfertigen. Mein Held war
Robinson, der durch Selbstilfe ein von Kultur unberührtes Eiland zum tropischen
Glastelfingen gestaltet.
    Unter den Freunden war's besonders Uli, der mich in solchem Idealismus
bestärkte. Wendelin liebte weniger das Urwüchsige als Kunst, Wissenschaft, feine
Lebensart. Immerhin spendete er Beifall, wenn Uli grollend loslegte:
»Engbrüschtige Menschheit! Deine Gesittung mag i net! Die Naturkinder in der
Südsee ond in Afrika lass du in Frieden, statt deine Missionare ond Krämer auf
sie zu hetzen. Was mr Kultur heisst, bringt dene nicks Guts! So wenik, wie's den
Büffeln der Prärie gut getan hat, dass sie der Kulturmensch umgewandelt hat in
Stallviecher, in Madeere-Büffel. Auch ons Pennäler will mr so komme. Aber wir
dulden's net, gelt? Zum Kaschpar Hauser, der die Sonne net kennt, lass i mi net
mache! Unsre Hörner wolle mr brauche! Die freie Welt tun mr dooch entdecke,
gelt?«
    Dieser naturhafte Trieb ins Freie regte sich auch in anderen Mitschülern.
Einer namens Gaiser war plötzlich verschwunden - »durchgebrannt«, wie man
raunte. Aus dem Brief, den er hinterlassen hatte, ging hervor, dass er gegen die
Schule eine unbezwingliche Abneigung habe. Er wolle - schrieb er - nach
Brasilien, auf dem Rio Negro im Kanu als Fellhändler leben. Man möge ihm nicht
nachsetzen - eher werde er sich totschiessen als zurückführen lassen. Merkwürdig,
dass Gaiser keineswegs zu den schlechtesten Schülern gehörte und durch seinen
Schritt alles verblüffte. Seine Schweigsamkeit hatte bewirkt, dass er keinen
Vertrauten hatte, und dass die Lehrer, obwohl sie seine Leistungen anerkannten,
ihn fast übersahn. War nun Gaiser durch seine Tat der Held des Tages geworden,
so stürzte er rasch von seinem Glasberg ab. Keine Woche nämlich war vergangen,
so erschien er wieder in der Klasse, als sei nichts vorgefallen - hatte sogar
einen Entschuldigungszettel von seinen Eltern. Er machte dasselbe gleichgültige
Gesicht, das er immer gemacht hatte. Von den Schülern war nichts aus ihm
herauszubringen. Durch seine Eltern wurde bekannt, in der Nacht hab' er geklopft
und sei, wie man geöffnet, schweigend eingetreten. Ohne weiteres hab' er sich
seiner nassen Kleider entledigt und ins Bett gelegt. Kaum dass er etwas Nahrung,
die ihm die Mutter reichte, hinuntergeschlungen habe, so sei er in schnarchenden
Schlaf verfallen. Da die Lehrerschaft dem Ausreisser weiter nichts vorzuwerfen
hatte, ging sie achselzuckend über den Fall zur Tagesordnung über. Ulis Versuch,
Gaisers Vertrauen zu gewinnen, erzielte nichts, als dass dieser mit verlegenem
Lächeln meinte: »Wemmer koi Geld hat, kammer nicks mache!«
    Das war ein ernüchternder Wasserstrahl für meine Robinson-Schwärmerei. Enzio
meinte, Gaiser sei e Stümper - mit Geld müss' mr halt hinreichend versehen sein
- das hab' auch Gassenmaier gesagt.
    Meine Robinsonade spielte sich, während der Winter ins Land geschnoben kam,
zahm hinterm Ofen ab - in Gestalt von Handwerkerund Erfinder-Basteleien. Es
reizte mich, Ideen aus mir heraus zu verwirklichen. Ich tüftelte schnurrige
Mechanismen zusammen: Windmühlenflügel bewegten sie, durch den Luftstrom am
heissen Ofen getrieben. Aus Pappe, die ich bemalte, wurde ein Schmied, der beide
Arme bewegte: während der linke die Zange mit dem glühenden Eisen zum Amboss
streckte, schlug der rechte mit dem Hammer drauf. Das pinkende Geräusch brachte
ich durch eine Drahtsaite heraus, gezupft von einer Federpose, die mit der Mühle
zusammenhing. Variante dieser Grundidee war eine singende Harfenspielerin:
Taktmässig riss sie den Mund auf, verdrehte das Auge und griff in die Saiten -
diese spannten sich von ihrer ellenlangen Nase nach dem ebenfalls langen Fuss, so
dass Harfe und Sängerin in einer Gestalt vereinigt waren; hinter ihr war
natürlich wieder ein Klimperwerk.
    Was dazu beitrug, dass ich mich auf solche Basteleien warf, war das Gefühl
meiner Unfähigkeit, das Epos vom Glasberg herauszukriegen. Die Poesie, die mir
in Worten nicht gelang, wollte sich plastisch ausdrücken. In dieser Hinsicht
fand ich besondere Freude an der Gestaltung einer Weihnachtskrippe. Unterm
Tannenbaum auf Waldmoos war der Stall von Betlehem mit der heiligen Familie,
mit Engeln von oben, Hirten und allerlei Getier. Der Hintergrund zeigte, vom
Monde beflimmert, den steilen Glasberg. Das Erfinden, Zeichnen und Tuschen,
Kleben und Ausschneiden, diese Robinsonade im Winkel, verwob sich gemütlich mit
den Stimmungen, die das Weihnachtsfest herbeiführte. Während der Adventzeit
erwachte ich vom Chorsingen der »Pauper«. So nannte man ärmliche Knaben, die
sich unter Führung ihres Gesangmeisters durch religiöse Morgenständchen etwas
Geld verdienten, das ihre Hauskollekte zusammenbrachte. Aus hellen Kehlen scholl
es bald fern, bald nah: »Vom Himmel hoch, da komm' ich her.«
    Auf die Weihnachtsromantik erfolgte eine neue Periode meiner
Robinson-Schwärmerei, als wir Anfang März das Haus zum Madeere-Beck verliessen -
wir hatten einen Ersatzmieter gefunden. Unsere neue Wohnung war im Hause des
Malermeisters Hebsacker im »Neckarbad«; so genannt, weil sich da ein paar
hölzerne Badehäuschen befanden. Westliche Nachbarschaft war jenes Haus, wo nach
seinem Verunglücken Herr Bolkendorf gemietet hatte, um Raum für Frau Kuttler und
Rosel zu haben, die ihn pflegen sollten. Die zu beiden Häusern gehörigen Gärten
bildeten ein einziges, durch keine Abgrenzung geteiltes Gelände, wo es
Gemüsebeete, Rosen, Obstbäume und Lauben gab, auch eine ragende Tanne. Jenseits
des rauschenden Flusses hob die Platanen-Allee das noch kahle Gezweig. Mit
seinem Rücken drängte sich das Hebsackersche Haus an die Stadtmauer, und diese
schob, nur einen Steinwurf von uns ostwärts, den alten Befestigungsturm vor, wo
Hölderlin, der irre Dichter, lange gehaust hat. Dortin erstreckte sich,
unterhalb der Mauer, an sie gebaut, ein nach der Neckarseite offener Schuppen,
wo früher einmal, wie es hiess, Tuchmacher ihre Gewebe gespannt hatten.
    Jetzt gab es da Gerümpel und Brennholz. Aber noch etwas Seltsames: eine
Kiste, so gross, dass ein Mensch darin Platz fand, wenn er sich zusammenkrümmte.
Tatsächlich diente die Kiste selbem Zwecke. Einen Sonderling beherbergte sie
nachts, sogar im Winter. Gewähren liess man den »alten Faulhaber«, weil er arm
war und es im »Gutleutaus«, wo man ihn früher untergebracht hatte, nicht
aushielt. Mit anderen Menschen zusammenhausen und nach Vorschrift leben, war ihm
zuwider. Im Schuppen, sagte er, sei's gemütlich. Die frische Luft sei er
gewohnt, in einer Kammer würd' er ersticken. Den Neckar hör' er gern rauschen,
der Garten komm' ihm wie sein eigener vor, hier dürf' er leben, wie's ihm passe,
hier hab' er seine Heimat. Niemand legte dem alten Faulhaber etwas in den Weg,
da er still für sich lebte und den Nachbarn gefällig war, obwohl ihm keine
vorgeschriebene Arbeit passte. Man gab ihm Essen und abgelegte Kleidungsstücke;
etwas Geld verdiente er sich, ein Bettler mochte er nicht sein.
    Als ich ihn mit Wilhelm Hebsacker, dem Sohn unseres neuen Wirtes, besuchte,
sass der Graubart vor seiner Bettkiste und flickte einen zersprungenen Topf mit
Draht. Willkommen schien ihm der Besuch nicht zu sein, scheu lugten die Augen
unter grauen Augenbrauen. Einsilbig antwortete er auf Hebsackers Fragen, geriet
aber schliesslich ins Plaudern. Vom Fischfang erzählte er, den er mit Vorliebe
betrieb. Nächstens werde er viel Fische fangen, meinte er; einen Nachen wolle er
bauen. Auf die Frage, wie er das anzustellen gedenke, winkte er geheimnisvoll
und führte uns zum Winkel des Schuppens, hinten beim Hölderlin-Turm. Da lag die
Ruine einer Bodentreppe, bestehend aus zwei Balken mit aufgenagelten Brettern.
Und es erklärte Faulhaber, wie sich draus das Fahrzeug zimmern lasse. Ich war
vom Alten begeistert und raunte Hebsacker zu, das sei ein Robinson im Winkel.
    Ihn allein zu besuchen, wagte ich bald, und es gab eine leidliche
Verständigung. Ich erzählte vom weisen Diogenes, zu dem, als er sich grade
sonnte, König Alexander herablassend sprach: »Ich möchte dir eine Gnade erweisen
- was soll ich tun?« - »Mir aus der Sonne gehn,« antwortete Diogenes, der ebenso
freimütig wie bedürfnislos war. Die Hofschranzen waren entrüstet über den
Grobian, doch der König sprach: »Lassen wir ihn in Frieden! Er hat recht und
könnte mich fast beschämen. Während ich unersättlich die Welt erobern möchte,
hat er sich freigemacht von allen Dingen, an denen unsereins hängt. Wenn ich
nicht Alexander wär, möcht' ich Diogenes sein.«
    Gespannt und nachdenklich hatte der alte Faulhaber zugehört; er nickte und
nickte. Noch einmal musste ich die Geschichte erzählen, und wie er alles
begriffen hatte, blitzten seine Augen, er kicherte in sich hinein, wohlerhaltene
Zähne zeigend. Als ich bald darauf wiederkam, grinste er: »Griess di Goot, mei
Alexanderle!«
    Es war das letztemal, dass ich ihn sah. In der Frühe andern Tages fand man
ihn tot. Am Neckar lag er, das Gesicht im Wasser. Er hatte sich waschen wollen,
war ohnmächtig geworden, vielleicht infolge Schlaganfalls, und ertrunken. Den
Leichnam tat man in die Bettkiste, darin hat man ihn begraben. Wären wir Knaben
nicht durch die Schule verhindert gewesen, unserm Diogenes hätten wir die letzte
Ehre erwiesen.
 
                              »Ich bin ein Christ«
Confirmatio heisst Befestigung im Glauben. »Wer da will selig werden,« versichert
ein Bekenntnis der Kirche, »muss vor allen Dingen den rechten christlichen
Glauben haben - wer den selbigen nicht ganz rein hält, der wird ohne Zweifel
ewig verloren sein.« - Ewig verloren! Unheimlich düstres Wort - ich konnte daran
nicht glauben, so wenig ich im Grunde meines Herzens Beifall für Luters Formel
fand: »Wir sollen Gott fürchten und lieben.« Herrn Hainlin liebte ich, fürchtete
ihn aber nicht im mindesten - wusste ich doch, dass er's immer gut mit seinen
Schülern meint. Und nun sollte ich Gott fürchten? Ihn, der die Liebe ist? Als ob
er geringer sein könnte als Herr Hainlin! Und zutrauen sollte ich dem guten
Hirten, er lasse ein Schäflein ewig verloren gehen, bloss weil's nicht den
Konfirmandenglauben hat?
    Strenge Formeln wie jenes atanasische Kirchenbekenntnis paukte Naso mit dem
Eifer eines Anwalts, der Gottes Sache führt. Sein Religionsunterricht galt ihm
als die Vorbereitung auf das allerhöchste Examen. Die Braven befördert es zur
Engelsklasse, die andern fallen durch, in den Schlund der Hölle. Dieser graulige
Hinweis machte mir allerdings keine Kopfschmerzen. Mein Herzensgärtlein bewahrte
sich einen Winkel, wo zwischen allerlei Eigengewächs das Blümlein Vertrauen
blühte. Der liebe Gott - sagte ich mir - ist doch kein Schulmeister, der die
Schüler mit albernen Formeln quält, mit Examenangst und mit einer Strafe, die
noch viel bösartiger ist als Tatzen mit dem Rohrstock. Dazu ist Gott viel zu
gutmütig und weise! Sollte er wirklich am Jüngsten Tage ein Glaubensgericht
veranstalten, das die Böcke von den Schafen absondert, so wird's damit nicht
schlimm gemeint sein. Es wird mir schon gelingen, durch ein Gnadenpförtlein ins
Himmelreich einzuschlüpfen - und schliesslich dürfen Böcke wie Schafe auf der Aue
bei den Sternblumen herumspringen. Ich stellte mir dies Gefilde als eine Art
Glastelfingen vor. Allerdings schwärmte ich nicht bloss engelhaft, sondern oft
recht bengelhaft. Zu Widerspenstigkeit reizte der Religionsunterricht. Für
manches Lehrerwort hatte der Pennäler ein überhebendes Lächeln. Bisweilen
stupfte einer verstohlen dem Nachbar in die Seite: »Glaubst du das?« Einmal, wie
von der Hölle die Rede war, grunzte ich halblaut: »Bangemachen gilt nicht!« Die
Beweggründe zu solchem Verhalten lagen mehr im Gemüt als im Verstande. Ich war
kein Vernünftler. Die biblischen Wunder verwarf ich nicht. Befriedigten sie eine
Sehnsucht in mir, so glaubte ich daran, wie an die Glasbergprinzessin und ihren
Erlöser. Sonst schüttelte ich den Kopf.
    Zum Beispiel die Verfluchung des Feigenbaums wollte mir durchaus nicht
einleuchten. Den Feigenbaum soll Christus verflucht haben? Dies schöne, dies
unschuldige Gewächs? Und weshalb? Weil keine Feigen an ihm waren zu einer Zeit,
wo überhaupt keine Feigen gewachsen sein konnten! Für ein ganz ordentliches
Verhalten wird also der arme Baum abgestraft, so schrecklich, dass er verdorren,
ja ewig keine Frucht tragen soll. Das passt nicht für einen Heiland! Wär ich
Christus, die Feigen, auf die ich Appetit hätte, würde ich rasch an den Baum
zaubern - würde dann sprechen: Sei gesegnet, lieber Baum! Nun sollst du immer
schon im Frühling Feigen tragen! Ja, ich würde die ganze Gegend in einen Garten
Eden verwandeln. Dann könnten sich die Leute fein gütlich tun. Solche Wunder
würde ich tun, und so was traue ich auch dem Heiland zu. Wenn er das Töchterlein
von der Totenbahre auferweckt - das ist ein gutes Wunder, daran glaube ich!
    Statt der biblischen Geschichte, die meinem Herzen willkommene Anregung gab,
machte sich in Nasos Religionsunterricht der Katechismus breit. Der kam mir vor
wie ein verdorrter Feigenbaum. Luters Werk bleibt mir gross und schön. Aber in
der vorliegenden Form ist sein Katechismus für Kinder kaum geeignet. Manche Idee
veraltet; und zuweilen befremdet die altertümliche Ausdrucksweise. Durch den
Katechismus- fühlten wir Schüler uns zur Gedankenlosigkeit angehalten, und das
verdross uns. Wenn die Klasse den Katechismus im Chorus plärrte - was Naso liebte
- und die bei Luter übliche Formel kam: »Das ist gewisslich wahr,« sagten
etliche Schlingel: »Das ist gewiss net wahr!« Schelmerei gab es auch beim Pauken
der Kirchenlieder, deren wir die schwere Menge »auswendig« zu lernen hatten,
während die Inwendigkeit zu wünschen übrig liess. »Himmelan, ja himmelan soll der
Wandel gehen,« begann ein Choral, und wenn diese Worte papageienhaft geplappert
wurden, erfolgte verstohlenes Kichern - wir hatten nämlich einen Mitschüler
namens Wandel; den stellten wir uns vor, wie er himmelan ging. Ein gleicher Fall
war mir in Magdeburg vorgekommen. Da gab es einen Knaben namens Freudental -
und wie eine Zwangsvorstellung trat mir der krummbeinige Freudental vor Augen,
wenn's im Liede hiess: »Von uns weiche Jammertal! Zu uns komme Freudental.«
    Der Konfirmandenunterricht trug nicht zur Vertiefung meines Glaubens bei.
Wie hätte das auch sein können? Da war zunächst der »Helfer«, ein junger
Hilfsgeistlicher, der männliche und weibliche Jugend in der Stiftskirche auf den
Bänken der Sakristei versammelte. Während er seinen Nürnberger Trichter
ansetzte, um hier oder dort Kirchenweisheit einzuflössen, waren die übrigen
Konfirmanden fast durchweg in andrer Richtung beschäftigt. Sie tuschelten, gaben
einander Zeichen, spielten den Hanswurst, prügelten sich sogar, wo's verstohlen
anging. Der Helfer hatte eine verschmitzte Art, seine Herde zu überwachen. Das
eine Auge auf den Zögling gerichtet, der seine Frage zu beantworten hatte,
luchste er mit dem andern seitwärts, wo sich ein paar geduckte Schlingel
verdächtig machten. Ein drittes Auge schien er im Nacken zu haben; damit
bemerkte er manches, das hinter ihm geschah - wandte sich dann blitzschnell und
hatte den Sünder ertappt. Anscheinend mit Gleichmut trat er nun vor ihn hin -
nur dass in seiner Miene Schadenfreude lauerte: »I tu's net gern,« - begann er
salbungsvoll - »doch wer sein Kind lieb hat, der - züchtige es!« Zum richtigen
Schlagwort wurde solch ein salbungsvolles Wort, und es erfolgte der Schlag mit
einer Hurtigkeit, die den Delinquenten, wenn er auch den Arm zur Abwehr hob,
stets überrumpelte. Manchmal pürschte sich der Helfer unauffällig an sein Opfer
heran und mit dem Zitat: »Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs« war, schwapp!
die Exekution erfolgt.
    Da ich in Magdeburg keine »Kinderlehre« genossen hatte, die in Württemberg
die Vorstufe des Konfirmandenunterrichts bildet, so wurde ich vom Herrn Dekan,
dem geistlichen Oberhaupt Tübingens, beordert, noch besondere Stunden von ihm zu
erhalten. Nebst drei anderen Pennälern, die ebenfalls rückständig waren, sass ich
in seinem Studierzimmer um den runden Tisch, wo die Lampe in gemütlicher
Dämpfung leuchtete. Seine dicke Bibel hatte jeder aufgeschlagen, und abwechselnd
wurde daraus vorgelesen. Kapitel aus Paulus-Briefen. Sie blieben mir ein
salbungsvolles, sonderbar dunkles Gerede, das nicht zu Herzen ging. Dem Dekan
kann ich nichts weiter nachsagen, als dass er zu den vielen Geistlichen gehörte,
die ihres Berufes mit lederner Amtlichkeit walten. Schuld hat die Ausartung der
Religion in einen von oben angeordneten Formeldienst. Anstatt vor allem darauf
auszugehen, das Sehnen und Suchen der Menschen, die höhere Seele zu wecken und
zu entwickeln, stellt sich der Kirchenbetrieb als ein Gemächte von Fachleuten
dar, die es nicht fertigbringen, tausendjährig aufgehäufte Gottesgelehrteit
beiseite zu lassen, damit Kirche und Leben nicht mehr durch einen Wall
voneinander getrennt sind.
                                       *
    Gekommen war der grosse Tag, an dem ich konfirmiert werden sollte. Damit der
Neuling in die Gemeinschaft der Heiligen einträte, wie es unter wohlanständigen
Christen Brauch, lag in der Kammer alles Nötige bereit: schneeweisse Wäsche, der
feierlich-schwarze Anzug, schwarzes Hütchen, schwarze Handschuhe. Nach hastig
eingenommenem Frühstück stand ich eingekleidet vor den Eltern, die den langen,
storchbeinigen Jungen in männerhaftem Gehrock nicht ohne Rührung musterten. Die
steife Wäsche, der zwängende Anzug und meine neue Würde brachten mir eine
unnatürliche, gereckte Haltung bei. Die Eltern waren ebenfalls in feierlicher
Kleidung, und wie vom Turm die Glocken läuteten, begaben wir uns zur Kirche.
    Die Konfirmanden, denen ich am Portal begegnete, steckten in ihrer schwarzen
Uniform unbeholfen. Die behandschuhten Finger hielten sie gespreizt, sahen auch
sonst wunderlich aus. Besonders ein paar zu kurz geratene Weingärtnersknaben in
langschossigem Bürgerrock, der dem älteren Bruder gehören mochte oder schon das
Wachstum der kommenden Jahre berücksichtigte. Auf den Bänken, rechts und links
vom Altar, die den Konfirmanden zugewiesen waren, suchte jeder seinen Platz, was
nicht ohne Murmeln und Drängeln abging. Der Helfer prüfte, ob alles in der Reihe
- und das war von Wichtigkeit, weil es sonst nicht geklappt hätte mit dem
Beantworten der Katechismusfragen. Sorgsam war jedem seine Rolle einstudiert;
eine Störung der Reihenfolge hätte die ganze heilige Handlung in Unordnung
bringen können.
    Wie wir nun lückenlos sassen, hüben die Knaben, drüben die
schwarzgekleideten, mit Kränzlein geschmückten Mädchen, wurden unter dem
Vorspiel der Orgel die schwarzen, zitronengelb beschnittenen Gesangbücher
aufgeschlagen, ein Hüsteln ging durch unsere Reihen, und nun ging der Choral
los:
Ich trete vor Dein Angesicht,
Du Schöpfer meiner Jugend!
Verwirf mein kindlich Flehen nicht
Um Weisheit und um Tugend.
Eifrig sang die Jugend, die sich als Mittelpunkt der Feier fühlte, hell waren
die Kehlen, auch schon Brummstimmen gab es. Vor dem Altar stand in schwarzem
Talar und weissen Bäffchen der Herr Dekan - ja, er war es wirklich, derselbe, den
wir bei seiner Stubenlampe nicht sonderlich respektiert, sondern oft mit
albernem Unfug gehänselt und geplagt hatten. Jetzt machte er einen hochwürdigen
Eindruck. Tief und rein und getragen wie Glockengeläut klang sein Flehen um
Segen, der solle niedertauen auf die frommgeneigten Häupter der Gemeinde: »Die
Gnade des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes - Amen!« Aus der Bibel
las er vom Bergprediger, der zu seinen Jüngern sprach: »Lasset die Kindlein zu
mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Himmelreich.« Mit diesen
zur Seligkeit bestimmten Kindlein seien wir Konfirmanden gemeint; drum seien wir
hier erschienen, gleichsam an der Pforte zum Reiche Gottes.
    Ich kam mir schon fast verklärt vor und begriff, man habe mich deswegen in
diese feierliche Tracht gesteckt. Die Handschuhe waren mir unbequem; da ich sah,
dass andere Knaben sie abgestreift hatten, tat ich es gleichfalls. Rührung
wandelte mich an, wie ich sah, dass Mütter ein weisses Tüchlein an die Augen
führten, während die Väter ihr buntes Schnupftuch ausbreiteten, um sich
geräuschvoll zu schneuzen. Meine damalige Eigentümlichkeit, bei lehrhaften Reden
mich der Träumerei oder Beobachtung hinzugeben, liess mich zu keinem Aufmerken
auf die Predigt gelangen. Meinen Gefährten ging es kaum besser, und zwar
deswegen, weil sie mit Unruhe die Prüfung erwarteten.
    Mir machte diese keinerlei Sorge. Nicht als ob ich des Katechismus sicher
gewesen wäre, sondern einfach, weil durch glücklichen Zufall auf mich die
allerkürzeste Formel gefallen war. »Wer bist denn du?« lautete die Frage des
Geistlichen, und ich hatte bloss zu antworten: »Ich bin ein Christ!« Diese vier
Worte brachte ich mit fester Stimme heraus und setzte mich nach der Heldentat,
im Bewusstsein, gerade mein Bekenntnis fasse das verzweigte, schwer begreifliche
Glaubenssystem kurz und bündig zusammen, eine Welt in Gestalt einer Haselnuss.
    Glatt von allen Konfirmanden, ohne Zwischenfall wurde die Prüfung bestanden;
jedes Lämmlein liess sein Stimmlein so erschallen, wie man's haben wollte,
nirgends machte sich der schlimme Geist des Zweifels bemerkbar. Und so hatte die
Gemeinde allen Grund, schliesslich den Jubelsang zu intonieren: »Nun danket alle
Gott mit Herzen, Mund und Händen.«
    Ein gewisses »Danken mit den Händen«, wie es zum Abschluss der Konfirmation
üblich war, brachte mich in eine Verlegenheit, die einen bitteren Tropfen in den
Kelch meiner Andacht rinnen liess. Als wir Konfirmanden nämlich aus der Kirche
strömten, sah ich mich, dicht vor der offenen Pforte, dem Kirchendiener
gegenüber, der jedem Knaben oder Mädchen eine grosse Schale aus Messing hinhielt.
Es warf dann der Konfirmand ein Geldstück hinein, dass es klapperte. Blanke Taler
lagen da und forderten Nacheiferung. Ich aber hatte von dieser Sitte keine
Ahnung gehabt und mich nicht vorgesehen. Ich stutzte ängstlich - Geld hatte ich
keins, nicht einen Groschen. Misstrauisch hatte mich der Kirchendiener ins Auge
gefasst, als ob er sagen wollte: »Halt, Drückeberger! Durchschlüpfen möchtest
wohl, ohne zu zahlen, was mir nach frommem Brauche zukommt! Hab' ich nicht mein
Teil beigetragen zu deiner Weihe, Lausbub?« Das waren offenbar die Gedanken des
Kirchendieners, und wie von einem Basiliskenblick fühlte ich mich gelähmt.
Starrte ihn an - wollte gern zur Kirche hinaus, wagte es aber nicht, weil ich
seinen schnöden Verdacht bestärkt hätte. Ratlos sah ich mich nach meinen Eltern
um. Aber die staken im Publikum, das drüben dem Hauptausgang zuströmte. Bei
einem plötzlichen Andrängen der Konfirmanden, als der prasselnde Geldregen den
Kirchendiener von mir ablenkte, nahm ich die Gelegenheit wahr und schob zur
Kirche hinaus. Ich schämte mich, als könne jeder mir ansehen, dass ich trotz
meiner Versicherung, ich sei ein Christ, keinen Taler übrig gehabt hatte für das
christliche Opferbecken.
    So bist du, Menschenherz! Soeben glaubst du die Beziehung zum Ewigen erfasst
zu haben, und schon reisst dich aus deinem neuen Himmel der scheele Blick des
Kirchendieners oder vielmehr die eitle Sorge, es könne, was Hinz und Kunz von
dir denkt, deiner Reputation unter den Erdenwürmern Abbruch tun. Kommt denn das
Menschenkind je vom Busen der ärmlichen Erde los?
 
                            »Dem unbekannten Gotte«
Den Konfirmandenspaziergang hatte man mir als grosse Sache hingestellt, und so
war ich enttäuscht, als auf dem Schlossberg, wohin wir uns verabredet hatten,
kaum ein Drittel der Knaben und Mädchen erschien; zumeist auch noch solche, die
ich nur vom Ansehn kannte. Ein Trost, dass wenigstens ein paar meiner Mitschüler
dabei waren: Freund Jahn und Enzio. Wendelin, den ich eingeladen hatte, war
ausgeblieben, weil er meinte, als Katolik auf einem protestantischen Feste
nicht ganz willkommen zu sein. Uli hatte gesagt, er sei ja bald siebzehn Jahre,
also übers Lämmerhüpfen hinaus. Jahn verhehlte nicht seine Unzufriedenheit über
die Zusammensetzung der Gesellschaft. Ausser den paar Pennälern und wenigen
Realschülern waren lauter »Gogen« gekommen. So lautet eine studentische
Bezeichnung für die Tübinger Weingärtner und kleinen Ackerbürger. Ob die
gogischen Konfirmanden »Rauhbeine« waren, wie die Pennäler sagten, konnte ich
nicht beurteilen, weil ihre Mundart mir kaum verständlich war.
    Nachdem unser Trupp durch Warten auf Nachzügler Zeit vertrödelt hatte,
setzte er sich in Bewegung und trollte auf dem Kamme des Schlossberges dahin.
Voran die Schar der Mädchen, Arm in Arm, schnatternd wie eine Gänseherde. Auf
ihre Kränzlein, ihre langen schwarzen Röcke und weissen Taschentüchlein waren sie
stolz und schielten zurück zu den Knaben. Wir aber taten, als machten wir uns
nichts aus ihnen - nur dass ein Gog herausfordernd grölte: »O Mäd - chenn - vom
Lan - dee, wie bischt du - so - scheen!« Und dann wurde gekichert.
    »Warum sagt mr eigentlich das Mädchen?« philosophierte Jahn - »'s ischt doch
feminini generis - müsst also die Mädchen heissen, gelt?« Die Bemerkung kam mir
tiefsinnig vor, doch fand ich einzuwenden: »Mit demselben Rechte könntest du
fragen, warum man das Weib sagt, und nicht die Weib.« - »Ihr ssaudumme Kerle!«
belehrte Enzio - »weil's Mädle noch keine Frau ischt - sondern erscht werde
will! So Backfisch send halt nicks!«
    In diesem Punkte schienen wir einer Meinung. Im stillen allerdings verhehlte
ich mir nicht, von klein auf eine Scheu den Mädchen gegenüber gehabt zu haben,
eine Schüchternheit, die an Ehrfurcht streifte. Ich sah in den Mädchen eine
besondere Menschenrasse. Eine Rasse mit weichem Gesicht und langem Haar, das in
Zöpfe geflochten und mit bunten Schleifen geziert war. Eine Rasse, die keine
Hosen anhatte, wie wir Knaben, sondern Rock und Schürze. Eine Rasse, leicht
einzuschüchtern, zum Aufkreischen oder Juchzen geneigt. Eine Rasse, zum Nähen
und Stricken tauglich, zum Kochen und Waschen. Hatte ein junger Mann einen
Schnurrbart und eine Anstellung, so durfte er aus der Mädchenrasse eine Braut
wählen. Führte sie dann eine Zeitlang spazieren, artig, aber langweilig, an
seinem Arm, als ob sie hinfällig wäre ohne männliche Stütze. Waren endlich
eigene Möbel angeschafft, so wurde geheiratet, und es hiess: »Nun ist sie unter
die Haube gekommen.« Frau war sie alsdann - feminini generis - aber auch schon
ziemlich alt.
    Näher getreten war ich der Menschenrasse Mädchen niemals - eine Schwester
besass ich nicht, meine Kusinen sah ich selten, und sie hatten nichts
Jungenhaftes. Mit sonstigen Mädchen war ich bloss in flüchtige Beziehungen
geraten, auf Geburtstagskränzchen, wo fade Zimmerspiele, wie Schwarzer Peter,
gespielt wurden. In Magdeburg war's Zeitvertreib für Bengel, Schulmädchen mit
Schneeballen zu bewerfen oder, wenn sie Arm in Arm gingen, von hinten dazwischen
zu springen und die Kette zu zerreissen. Dass kein Mädchen sich einfallen liess,
dem Missetäter eins hinter die Ohren zu hauen, kam mir sonderbar vor; ich wusste
nicht, sollte ich die Mädchen deshalb verachten oder bemitleiden. Jedenfalls
begriff ich, warum man sagte »das schwächere Geschlecht«. Den Ausdruck »das
schönere Geschlecht« bezog ich nur auf ganz ausgewachsene Mädchen, besonders auf
Rosel Funk; auch auf Isolde Kurz, die Tochter des verstorbenen Dichters - auf
der Eisbahn hatte ich diese goldzöpfige Walküre bewundert. Mädchen mit kurzen
Röcken kamen mir unbedeutend vor - sie hatten spillrige Strumpfbeine und
benahmen sich albern.
    Wie mir das so durch den Sinn ging, erschien eine Konfirmandin plötzlich an
meiner Seite - von einem kleinen Abstecher kam sie die Halde herauf. In der Hand
ein Schneeglöckchen, das sie dort gefunden hatte. Dicht bei mir, blickte sie
mich strahlend an - sie hatte braune Augensterne und gesundrote Backen. Zwei
dicke, dunkle Zöpfe hingen über die Schultern nach vorn. Etwas wie ein Blitz
zuckte aus ihren Augen in mein Herz, und das klopfte nun, von süssem Bangen
durchschauert. Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss, und war vollends
verwirrt, weil sie mich deshalb stutzig ansah. Peinlich war noch, dass auch Jahn
meine Verlegenheit merkte. Er schwieg, und ich glaubte, auf ihn müsse die
Konfirmandin denselben Eindruck gemacht haben. »Rechts!« sagte er, als bei einer
Kiefernschonung der Weg abzweigte. »Drunte liegt Schwärzloch.« - »Und dahin gehn
wir? Ist das ein Dorf?« - »Eine Bierwirtschaft an der Halde. Von altersher gehn
die Konfirmande nach Schwärzloch. Mei Vatter sagt, Schwärzloch heisst
Swertis-Wald - Heiliktum des heidnischen Schwertgottes. Zu dem seien die
Alemannen an ihrem Jugendfescht gewallfahrtet - daraus hab sich später der
Konfirmandespaziergang entwickelt.« Es war mir lieb, dass Jahn plauderte -
unauffällig konnte ich dabei die Konfirmandin mit den braunen Zöpfen beobachten.
Vor mir ging sie nebst den anderen Mädchen und übertraf diese an Stattlichkeit
und Rundung der Gestalt, obwohl sie dabei etwas Zierliches hatte. Anmutig war
ihr Gang, der leicht in den Hüften wiegte. Mich nach ihr zu erkundigen, wagte
ich nicht.
    Als wir nach dem Bergwald hinabstiegen, öffnete sich der liebliche Blick ins
besonnte Ammertal und auf die terrassenförmig gebauten Höhen jenseits. Hüben auf
einem Hügelchen lag Schwärzloch, ein bäurisches Vorwerk mit Scheune und
Stallung. Das für Gäste hergerichtete Haus war an die Ruine einer alten Kapelle
angebaut, und es gab da verwitterte Steinmeisselungen, Tiergestalten, von denen
Jahn behauptete, sie seien aus der Heidenzeit. Das war die Zeit, - dachte ich -
in der die Märchen spielen - da kam noch Wunderbares vor. Heutzutage geht alles
langweilig nach dem Schnürchen. Ich habe zwar versichert, ich sei ein Christ,
passe aber zu den heidnischen Alemannen besser als in unsre Kirche. Ob
vielleicht dieser Heidentempel die verlorene Märchenkirche ist? - »Höre mal,
Jahn, eine Idee! Wir sollten eine neue Religion gründen! Und solch heimlicher
Gott, wie der Swertis hier, sollte verehrt werden.« - Jahn sah mich gross an und
nickte. Doch ihm kam das Bedenken: »Wer weiss denn aber Genaues vom Swertis?« -
»Das ist ja gerade das Schöne, dass wir nichts Genaues von ihm wissen. Wenn's
einen Swertis-Katechismus gäbe, möcht' ich da kein Konfirmande sein. Ich liebe
das Geheimnisvolle.«
    Ueber die weiteren Vorkommnisse dieses Tages weiss ich nichts zu berichten,
als dass wir an Brettertischen sassen, dass die Mädchen Milch tranken, die Knaben
Most oder ein kräftiges Bitterbier, zu dem das dunkle Brot mit Backsteinkäs
mundete. Volkslieder wurden angestimmt, Witze gerissen, kindische Faxen gemacht.
Den Uhu und den Affen, die in Käfigen zur Schau gestellt waren, neckten die
Konfirmanden. Das braunäugige Mädchen stand auch dabei, aus einem Zuruf entnahm
ich, dass es Rickele hiess. Und dachte an Justinus und sein Rickele. Die hatten
sich ja auch bei einer geheimnisvollen Kapelle gefunden.
    Die Flasche Bier, die ich getrunken hatte, war mir zu Kopfe gestiegen, ich
lärmte mit den andern. Als wir bei Sternenschimmer heimgingen - diesmal im Tal -
bildeten Knaben und Mädchen bunte Reihe, Arm in Arm, zwei lange Ketten. Durch
Johlen, durch Hin- und Herwanken nach Art der Angesäuselten und durch Zigarren,
die von Halbwüchsigen gepafft wurden, glaubte man, den Erwachsenen näher zu
sein. Ich war so albern, durch flegelhaftes Benehmen, das mir männlich vorkam,
meiner Braunäugigen auffallen zu wollen. So schloss meine Konfirmation in recht
weltlicher Weise.
    Einen weltlichen sowohl wie einen geistlichen Teil hatte auch die bald
folgende Abendmahlsfeier. Das weltliche Abendmahl bestand darin, dass die am
Portal der Stiftskirche versammelten Konfirmanden gemäss einer alten Stiftung
Weizengebäck erhielten. Aus Körben wurden jedem Erschienenen ein paar Wecken
gereicht, und sogleich biss er tapfer hinein.
    Der folgende Sonntag brachte das kirchliche Abendmahl: Leib und Blut ihres
Heilands sollten die Eingesegneten geniessen. In meiner Erinnerung sind folgende
Erlebnisbilder geblieben: Da meine Mutter behauptete, das Abendmahl solle man
nüchternen Magens nehmen, genoss ich als Frühstück nur Pfefferminztee mit Milch.
Das Abendmahl, das ich mit Spannung erwartete, wurde vor dem Altare gereicht,
und zwar von zwei Geistlichen. Von einem wurde dem Teilnehmer ein kleines Gebäck
in den geöffneten Mund gelegt. Es schmeckte pappig, war eine Oblate, wie man sie
zu damaliger Zeit auch als Briefverschluss anwandte. Der andere Geistliche hielt
einen schweren Kelch aus blankem Metall hin - daraus nahm der Andächtige einen
Schluck. Mir kam der Wein süss und feurig vor, und ich tat ein paar herzhafte
Züge, als ob es gelte, auf diese Weise meinen Eifer zu erweisen. In langen
Reihen traten die Teilnehmer zum Altare, und wenn einer die Spendung erhalten
hatte, war gleich der nächste da. Inzwischen hatte der Kirchendiener mit dem
weissen Tuch den Rand des Kelches abgewischt. Fortwährend sprachen die
Geistlichen bei der Darreichung die Formel: »Nehmet hin und esset, das ist mein
Leib, der für euch gegeben wird - solches tut zu meinem Gedächtnis. Desselbigen
gleichen nahm er auch den Kelch, dankte, gab ihnen den und sprach: Nehmet hin
und trinket alle daraus - dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut,
das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut zu meinem
Gedächtnis.«
    In einem Taumel frommen Staunens hatte ich das Abendmahl empfangen. Eine
geheimnisvolle Gefühlswoge durchflutete nebst Orgelsäuseln das Gotteshaus. War
das der Heilige Geist? - Lebendig ist mir noch die Gestalt meines
Schreiblehrers, des Herrn Kleinfelder. Vor dem Tisch des Herrn neigte er sich
fortwährend in frommem Eifer - so dass der Geistliche Mühe hatte, den Kelch an
seinen Mund heranzubringen. Ein wunderlicher, aber auch rührender Anblick.
    Am Abend des Tages hatte ich einen Gang durch die Stadt. Wie ich an den
Altar dachte, wo ich heute gestanden, kam mir eine der Bibelstellen in den Sinn,
die Eindruck auf mein Gemüt gemacht hatten: die Geschichte von Paulus in Aten.
Wie er einen Altar fand mit der Aufschrift »Dem unbekannten Gotte« - wie er
dann, von dieser Idee begeistert, zum Volke redete:
    »Nun verkündige ich euch denselben, dem ihr unwissend Gottesdienst tut.« Das
war nun auch für mich ein andachtsvoller Ausblick - auf ein Geheimnis, tief und
schimmernd, wie droben die Milchstrasse, zu der ich aus dunkler Gasse
emporstarrte. Dann fiel mein Blick auf die finster ragende Stiftskirche, an
deren Altar ich heute getreten war, einen Gott suchend, der mir unbekannt blieb,
obwohl ich so sicher meinen Katechismus hergesagt hatte. Oder war er mir doch
nicht ganz unbekannt? Hatte nicht heute der Prediger gesprochen, Gott sei die
Liebe? Etwas von ihrem heiligen Schauer hatte schon das Herz des Kindes berührt.
Hingebend staunte ich zur ewigen Sternenhalle empor. Und hörte den Apostel
predigen: »Wohlan, ihr Männer von Aten! Nicht in Tempeln hat Gott seine
Wohnung, nicht in Bildern von Stein, nicht in Formeln der Menschen! Sondern Gott
ist unseres Herzens reine Sehnsucht. Wir sind göttlichen Geschlechts - und
sollen seine Kinder sein - in ihm leben, weben und sind wir.«
    Was solche Worte ausdrücken, war dem Knaben nicht bewusst, war Gefühl,
Ahnung. Erst auf der Höhe meines Lebens ist mir klar geworden, inwiefern ich
mich als Konfirmand keinem Katechismus-Gotte, sondern dem Unbekannten
konfirmiert und einverleibt fühlte. Alles Bekannte hat etwas Enges,
Gewöhnliches, doch meine Sehnsucht suchte eine Lebendigkeit, die übers ärmlich
Beschränkte hinausflutet ins wunderbar Unergründliche. Am Altar des unbekannten
Gottes fleht das Erdenkind, eins mit ihm zu werden, ratlos, wie das könne
geschehen. Und sieh, der sonst Unfassbare steigt zur Erde nieder; als Speise dem
Geschöpf eingefleischt, will er's in seine Ewigkeit einverleiben, emporreissen
zur himmlischen Heimat.
 
                                Die Insel Kreta
Es kam dahin, dass der Glasberg, den ich bisher nur von der romantischen Seite
gesehen hatte, mir bösartige Wirklichkeit erschien: das Pennal ist ein Glasberg,
droben lockt die Prinzessin Freiheit, zu ihr streben alle Pennäler, doch mancher
gleitet die glatte Fläche hinab. - Seit mir dies Schreckgespenst vor Augen
stand, war's sogar mit der geringen Aufmerksamkeit, die ich dem Unterricht noch
gewidmet hatte, vorbei. Dumpf und stumpf starrte ich auf mein Verhängnis.
Schliesslich wollte ich meine Sorge nur vergessen. Und stürzte mich von neuem in
die Arbeit an meinem Epos. Während die Klasse brav dem Lehrer folgte, schmiedete
ich Reim auf Reim und kritzelte die Verse auf den Zettel, den ich unter der Bank
oder im Cäsar verborgen hielt. Wurde ich plötzlich gefragt, so benahm ich mich
wie einer, der aus Traum erwacht, und konnte selten befriedigende Rede stehen.
    Keinem Lehrer kam in den Sinn, es sei angebracht, in die Eigenart einzelner
Schüler einzudringen. Nach der äusseren Schablone urteilten sie. Die Fehler, die
jeder machte, wurden zusammengezählt, und hiernach fielen die Noten aus.
Geradezu erpicht waren die Lehrer darauf, durch Ausfragen den Schüler aufs
Glatteis zu führen und möglichst oft purzeln zu lassen. Wie blödsinnig diese
Metode ist, empfand ich, seit ich Herrn Hainlins Unterricht genossen hatte. Er
war beflissen, Fehler zu verhüten und, wo sie auftraten, des Uebels Heilung von
Grund aus anzubahnen. An des Zöglings schöpferische Kräfte wandte er sich, an
seine Freude und Freiwilligkeit; niemals ging er unterdrückend, stets
entwickelnd vor. Sein Einfluss wurde als Wohltat empfunden, als Anregung zum
Lichten und Guten, das in der jungen Seele gedeihen möchte. Drum vergötterte ihn
sein kleiner Schülerkreis. Aber Hainlin war ja nun Soldat in Stuttgart - bitter
vermissten wir ihn, ich kam mir recht wie ein Schaf ohne Hirten vor.
    Wendelin hatte sich meiner angenommen und mir des öftern lateinische
Grammatik erklärt. Die Früchte waren nicht ausgeblieben, mehrere schriftliche
Arbeiten leidlich ausgefallen. Auf den Rechenlehrer und besonders auf den
tonangebenden Naso setzte ich Hoffnungen. Da geschah etwas, das meinen Abrutsch
vom Pennal-Glasberg unaufhaltsam machte.
    Mein Epos war bis zu jener Stelle gediehen, wo der bunte Vogel dem Ritter
eröffnet, er müsse aus dem Garten der Prinzessin den silbernen Apfel holen. Die
Strophe, an der ich arbeitete, sollte mit den Worten schliessen:
»Den Silberapfel musst du holen, Mensch.«
    Einen Reim auf »Mensch« indessen fand ich nicht, wie ich auch grübelte. Zu
helfen suchte ich mir durch Umstellung der Worte und notierte:
»Greif zu, o Mensch, und brich den Silberapfel.«
    Doch abermals stand ich wie der Ochs am Berge - auch auf Apfel gelang kein
Reim. Wohl gaukelte mir etwas von »Krapfel« vor, doch diese Wiener Leckerei liess
sich in meinem Epos nicht anbringen. Während ich sonst spielend reimte, war
diesmal mein Schädel wie vernagelt. Auf einmal glaubte ich einen Ausweg aus der
Klemme gefunden zu haben - von neuem wendete ich die Worte:
»Den Apfel hole, Mensch - er ist von Silber.«
    Es reizte mich, das malende Wort Silber als Reim zu verwenden. Aber zum
Kuckuck, auf »Silber« wollte sich ebenfalls nichts reimen. Ich konnte doch nicht
sagen:
»Sind auch des Baumes Blätter gelb und gilber.«
    Für solch elenden Lückenbüsser hätte ich das Los des Marsyas verdient.
Silber! Silber? Gibt es denn sonst kein Wort auf ilber? Himmel! Sollte
Zuckerbeck, unser neuer Deutsch-Lehrer, den wir nach einem Stück im Lesebuch mit
dem Spottnamen Adrast nannten, das schwächliche, rotlockige Männchen, am Ende
recht behalten mit seiner Behauptung, es fehle mir an Phantasie? Er hatte es
behauptet, weil ich nicht genug »blumige« Redensarten im Aufsatz anbrachte, wozu
er uns abgerichtet hatte.
    Ich war eine geknickte Lilie und starrte vor mich hin. Geradezu auf die
grosse Landkarte, die neben der schwarzen Wandtafel hing. Ein Atlas war's der
Alten Welt - hauptsächlich das Land der Griechen und die Heimat der Römer
darstellend. Ich betrachtete die italienische Halbinsel und fand von neuem
bestätigt, dass ihr Umriss - wie jeder Schüler weiss - eine verblüffende
Aehnlichkeit mit einem Reiterstiefel hat. Dann stellte ich fest, die griechische
Halbinsel Morea sei einem Maulbeerblatt ähnlich.
    Im Süden liegt die Insel Kreta - berühmt durch ihr Labyrint, dem der erste
Flugkünstler Dädalus auf dem Luftwege entfloh. Mein Labyrint war das Pennal,
und aus dem gab's für mich einstweilen kein Entrinnen - der Luftwagen mit den
Lämmergeiern war ja noch nicht konstruiert.
    Uebrigens war die Insel Kreta noch durch etwas anderes berühmt: durch eine
Scherzfrage, die beim Studium der Logik gern erörtert wird - sie lautet: »Alle
Kretenser sind Quatschköpfe, behauptet einer, der aus Kreta ist - was folgt
daraus?«
    Hat er die Wahrheit gesagt, so ist er selber ein Quatschkopf, und dann ist
es unwahr, dass alle Kretenser Quatschköpfe sind. Folglich hat er vielleicht
recht mit seiner Behauptung - dann aber sind doch alle Kretenser Quatschköpfe
...
    Aus diesem geistigen Labyrint kommt man nicht heraus.
    Sinnend betrachtete ich die Insel Kreta. Einem liegenden Männchen ist sie
ähnlich - und seht doch: Dies Männchen hat eine knollenhafte Nase - wie unser
Naso! Donnerwetter ja! Ist das nicht Naso, wie er leibt und lebt? Sogar die
Warze auf der Nase deutlich zu erkennen! Eine Schirmmütze hat er auf, wie sie
Naso in seiner Häuslichkeit trägt. Es stimmt der Hals mit dem vorspringenden
Kehlkopf, es stimmt die Geschwulst am Nacken - stimmt der zugeknöpfte, schlappe
Gehrock. Und genau wie Naso hat diese Inselgestalt den Unterarm auf den Rücken
gelegt. Meine Entdeckung versetzte mich in eine Lustigkeit, dass ich kaum
imstande war, mein Gelächter im Taschentuch zu ersticken - was Nasos Misstrauen
erregte. O, wenn er geahnt hätte, welch einer ketzerischen Phantasie ich
huldigte!
    Kaum war die Stunde zu Ende, so schlug ich meinen »Atlas antiquus« auf,
zeichnete die Insel Kreta genau ab und darunter das Konterfei Nasos. Hinzu
schrieb ich noch boshafte Worte:
    »Die Insel Kreta, wo es lauter Quatschköpfe gibt, sieht so aus:«
    »Wer aber hat mit ihr bedenkliche Aehnlichkeit?«
    Als meine Mitschüler das sahen, brachen sie in Gewieher und Freudengeheul
aus - ich war der Held der Klasse, und mein sonst gedrücktes Selbstbewusstsein
schoss auf einmal derart ins Kraut, dass ich an mein Sitzenbleiben nicht mehr
glaubte.
    Doch das Unheil schreitet schnell. Als zwei Stunden später der Saubock
Unterricht erteilte, kam es mir verdächtig vor, dass er mich wiederholt mit
lauerndem Blick streifte. Sollte er von meiner Zeichnung wissen? Es wäre möglich
gewesen, da sie in der Pause auf die Pennäler eine Anziehungskraft ausgeübt
hatte, wie Käse auf Fliegen. Statt nun die Zeichnung zu verstecken, behielt ich
Schaf sie im Lesebuch und lugte sogar von Zeit zu Zeit hin, mich daran weidend.
Plötzlich schoss der Saubock auf mich los, nahm mir das Lesebuch weg und fand die
Zeichnung. »Aha!« triumphierte er - »jetzt hänt mer's Mäusle in der Falle, gelt
du?« Grinsend betrachtete er das Konterfei, trat sogar vor die Landkarte hin, um
es mit der Inselgestalt zu vergleichen, und kicherte in sich hinein, dass ihm der
Bauch wackelte. In der Klasse war niemand, der diesem Schein von Nachsicht
getraut hätte.
    Naso, der andern Tages mündliche Prüfung der einzelnen Schüler
veranstaltete, liess nicht merken, dass er etwas wisse von meiner Karikatur - nur
dass er mir besonders schwere Lateinstellen zum Uebersetzen aussuchte und die
Prüfung in der Geschichte, die für mich ungünstig ausfiel, mit der Bemerkung
schloss: »Ja ja, so geht's! Mit Ammonshörnle ond so vorsündflutliche Sächle weiss
er Bescheid! Kein Wunder, dass die Sündflut, wenn sie hereinbricht, grad ihn
verschlingt ... Setz dich, Wille!«
    Gramvoll berichtete ich meiner Mutter und fügte hinzu, ich sei krank, das
Herz tue mir weh, und wenn ich sitzenbleibe, wolle ich gar nicht mehr in die
Schule gehen. - »Und was soll dann aus dir werden? Dein Vater meint, zum
Landpastor könntest du's allenfalls bringen. Aber wenn du solche Abneigung vor
der Schule hast, kommst du nicht zum Studium.« - »Pastor will ich nicht werden -
ich bin ein Heide.« - »Heidenmässig dumm bist du, das stimmt! Es wird dir nichts
übrig bleiben, als Schuster oder Schneider zu werden. Deine Versmacherei ist
eine brotlose Kunst. Ein Dichter, der nicht wenigstens den Doktor hat, bringt es
zu nichts.«
    Nach vielem Hin- und Herreden kamen wir dahin überein, dass ich die paar Tage
bis zum Schulschluss nicht zur Schule zu gehen brauchte. Ein Stein war mir vom
Herzen. Die geringschätzigen, ja schadenfrohen Blicke, die einzelne Mitschüler
und Lehrer für den Durchgefallenen haben, blieben mir erspart.
    Krank fühlte ich mich tatsächlich. Zu meiner Stärkung wandte die Mutter ihr
Hausmittel an: Eigelb mit Zucker in Rotwein. Hiervon angeregt, sass ich am Tage
des Schulschlusses am Fenster und brütete über dem »Poetischen Hausschatz«,
einem Lieblingsbuche, dessen kleiner Druck zu meiner Kurzsichtigkeit beigetragen
hat. Träumerisch liess ich den Blick über Garten und Neckar schweifen. Die
Platanen waren noch winterlich kahl, während an den Uferweiden schon
Silberkätzchen hingen.
    Aus meiner Hingabe an das Lesen schreckten mich Rufe auf, Stimmen, die ich
kannte. Ein paar Mitschüler standen drüben am Neckar - sie hatten mich am
Fenster sitzen sehen - und Wursterle rief mir höhnisch zu: »Wille! Ssaupreiss!
Sitzebliebe bischt! I bin versetzt!« - Wie ein Dolchstoss traf mich das - von
Schmerz durchkrampft, zog ich mich vom Fenster zurück. Aber die Boshaften hatten
mich erkannt, lachten und gröhlten:
»Hinter meinem Schwiegervatter
Seinem graussa Segredähr
Steht a dicker Eichaprügel -
Wenn der no beim Teifel wär!«
    Die Tränen schössen mir hervor - verzweifelt warf ich mich auf das Sofa.
    Gleich darauf schellte die Klingel unserer Wohnung - ich hörte Ulis Stimme,
er sprach mit meiner Mutter -, sie antwortete kläglich. Rasch trocknete ich
meine Tränen, aber es traten die beiden schon zu mir herein und sahen auf den
ersten Blick, dass ich Bescheid wusste. »Siehst du, Bruno!« schluchzte meine
Mutter, indessen Uli männlich auf mich zutrat und mir ebenso gutmütig wie fest
die Hand drückte: »Nimm dir's net weiter zu Herze, Brunole! Kopf hoch! Wenn's
auch recht schad ischt, dass mr net in derselben Klass' bleibe!« - »Ich hab's
kommen sehn,« jammerte die Mutter - »aber der Junge wollte nicht auf mich hören,
wenn ich sagte: Nimm die Grammatik vor! Latein bringt dich zu Falle!« - »'s
Latein war bei ihm ganz erträglich - wenikschtens zuletzt - beim Herrn Hainlin
hat er seine Lücken ausgefüllt. Ond überhaupt - er hätt versetzt werde müsse,
wenn's mit Gerechtikkeit zugange wär.« - »Sie meinen also ...?« Mit Sie pflegte
meine Mutter Uli anzureden. Und nun legte er Dinge dar, die er vom Pedell, bei
dem er ja wohnte, in Erfahrung gebracht hatte: In der ersten
Versetzungskonferenz sei beschlossen, es sollten zwei sitzen bleiben - sonst
werde in der fünften Klasse, wo unbedingt drei sitzen bleiben sollten, nicht
hinreichend Platz sein.
    »Was?« trumpfte meine Mutter auf - »weil kein Platz?« - »Eine Bank hänt mr
zu wenik! hat mir der Puddel gsagt.« - »Zum Kuckuck, dann muss die Bank eben
angeschafft werden!« - Uli zuckte die Achsel: »Bei ons herrscht dr Blödsinn!« -
»Das scheint mir wirklich auch! Also weil man zu knaus'rig ist - oder vielleicht
die Umstände scheut -, deshalb soll mein Junge in seinem Vorwärtskommen um ein
Jahr geschädigt werden? Bedenken die Lehrer denn nicht, dass sie auf diese Weise
ein Lebensschicksal ruinieren können?« Uli nickte: »Sie hänt recht, Frau Wille,
Sie hänt recht! Ssauerei ischt dees, Gemeinheit!« Meine Mutter, die einen roten
Kopf bekommen hatte, schlug die Hände zusammen und sank hilflos in einen Stuhl:
»Oh, oh! Was wird Papa sagen zu der Bescherung - oh, oh!«
    Während sie vor sich hinbrütete, raunte mir Uli zu: »Was dem Fass den Boden
ausgeschlage hat, isch des Bildle gwä, wo du vom Naso g'macht hascht. Der
Ssaubock hat's herumgehe lasse in der Konferenz. Ja ja, die Insel Kreta!«
 
                                   Die Räuber
Uli, der als Pensionär des Schuldieners im Gymnasium wohnte, hatte Wendelin
Flammer, Jahn und mich auf seine Bude eingeladen. Auch Enzio war gekommen; seine
Begeisterung für Ritter Uli hatte etwas Klettenhaftes.
    Uli imponierte uns durch studentenhaftes Auftreten. Trug auf seiner Bude
eine Samtjacke mit Schnüren, rauchte lange Pfeife und hatte eine Kanne Bier
holen lassen. Auf dem Tisch lag Schiller aufgeschlagen, qualmend legte Uli die
Hand darauf: »Schaut, ihr Buebe! Deescht der Codex onsrer Begeischterung! Höret,
waas dieser Prophet spricht.« Wie einen Feldherrnstab die Pfeife ausgestreckt,
deklamierte Uli: »Mir äckelt vor onserm tintenklecksenden Säkulum! Schöner Preis
für euren Schweiss in der Feldschlacht, dass ihr jetzt in Gymnasien lebet - eure
Onsterblichkeit in eme Bücherrieme mühsam fortschleppend ... Also, Konpennäler!
Da hänt mer's ja! Onser Pennal meint der Schiller. Die Gymnasien nennt er
ausdrücklich, gelt? Ond mit dem Bücherriemen kann er niemand sonscht meine als
ebe uns! Ja, Tinte tun mer kleckse - also könnt mer auf die Art zu onsterbliche
Helde avanciere! Pfui! sag i ...« Und in heller Entrüstung spie Uli aus. Hob
dann die Pfeife wie ein Schwert und brüllte: »Ein - Pereat - dem -
Tinte-Zuchtaus!«
    Wir waren verdutzt, erhoben uns aber und suchten mannhaft einzustimmen: »Pe
- re - at!« - »Also!« quittierte Uli, »löffeln mr uns mit eme
Verachtungsschlock!« Auch das taten wir, und zwar im Bewusstsein, dem Feind eine
böse Schlappe beigebracht zu haben. - Enzio hatte zu hastig getrunken und musste
aushusten. »Schwächling!« grunzte Uli, »Zeichen der Zeit sind so Kerle, wo von
eme Bierjung in Ohnmacht falle. Aber die Schlacht bei Cannä, die können sie im
Urtext lese - ond ihr Schulmeischter, der Esel, weiss nix Besseres zu tun als
Lateinbrocke zu klaube! Tun mer spucke auf dees Kaschtratejahrhundert! Pfui,
pfui!« - Wir echoten: »Pfui!« - »Sau - fet - den - Rescht!« kommandierte Uli.
»Prosit!« erwiderten wir begeistert und kamen nach.
    Jahn sprang auf: »I weuss ebbes! Idee von Schiller! Eine Räuberbande zwar,
die derf onsereins net gründe - aber für Aehnliches hänt mer noch Kraft ond Mut,
gelt? Tun m'r einen Bildungsverein gründe! Dees derf ons koiner verübeln.
Deutsche Dichter wolle mr zsamme lese!« - »Sogar Philosophe!« fügte Wendelin mit
Wichtigkeit hinzu. - Wie ein Schlot qualmte Uli - nachdenklich blickte er auf
Wendelin und Jahn: »Kerle, dees seid ihr! Bloss noch zu zahm! Bildungsverein? Ha,
warom net? Aber der Titel klingt zu spiesserhaft! Müsste flotter lauten! Sage mer
Freie Bande!«
    »Glasbergritter!« schlug ich vor. - Sinnend nickte Uli. - »Glasbergritter
passt!« meinte Wendelin - »oder besser Knappen! Unser Glaasberg ischt die Schule
mit ihren aufsteigenden Klassen. Eine Ssauerei, da hochzukommen.« - »Freile!«
nickte Jahn - »mancher bleibt sitze!« - Enzio trumpfte auf: »Wenn i's Einjährige
net krieg, gang i nach Ameriga. Ond werd i gschasst, e Räuberbande tu i gründe!«
    Ich hatte einen Einfall und sprang auf: »Zusammen wollen wir die Räuber
lesen!« - »So ischt reacht!« stimmte Wendelin begeistert bei - »ja, dees soll
der Glaasbergritter erschte Tat sein!« - »Ich selber«, gestand ich, »habe das
Stück bloss mal durchgepeitscht. Wollte ein Puppenspiel draus machen.« - »Ein
frommer Knecht war Fridolin!« höhnte Uli. »Puppenkomödie will der mache aus der
bombenhaften Freiheitstragödie! Zom Kaschperle soll der Karl Moor werden, dieser
speiende Vulkan? Blöd - sinn! Fahr' hin, lammherzige Gelassenheit! Zom Tiger
soll das Lamm verwildern - jede Faser dieses Arms recke sich auf zu Grimm - ond
- Ver - der - ben!« Auf den donnernden Helden, der die Faust schüttelte,
blickten wir hingerissen. »Bravo!« meinte Wendelin, »tun mr die Räuber mit
verteilte Rolle lese!«
    Aber Uli entgegnete: »Lese? Bloss lese? Dees wär zu zahm! Aufführe wolle mr
die Räuber! Richtiges Teater mache!« - »Gross - artik!« schwärmte Jahn. - »Aber
net in der Stub da!« fuhr Uli fort. »Schon weil mr da keine Kulisse hänt. Im
Freie wollen mr's Teater mache! Im Bäregrabe die Räuber aufführe!« - »Dees wär
kolossal!« jubelte Enzio. Wendelin schlug vor: »Für den Bäregrabe passt die Szene
am Hongerturm! Im Verlies schmachtet der alte Moor - na kommt der Baschtard
Hermann, genannt mein Rabe. Ond der Räuberhauptma - der ischt onserm Uli auf de
Leib gschriebe!« - »Ja, Uli! Uli muss den Karl spiele!« jubelten wir. Nur Enzio
murrte: »Warum net i? I weiss scho, wie mr sich als Räuberhauptma zu benemme
hat.« - »Spiegelberg bischt!« ordnete Uli an.
    Nun berieten wir Einzelheiten der Aufführung. »Als Hintergrund« - sagte Jahn
- »wähle mr den Sternwarte-Turm! Der hat e Schiessschart in Mannshöh. Da kann
sich der alte Moor bequem verstecke - e Brett tuet mer ausse vor.«
    Wir lasen hierauf die Szene mit verteilten Rollen. Uli schlug Kürzungen vor
und Einschiebsel. Sofort wurde der Text entworfen und ausgeschrieben. Uli
übernahm es, die Aufführung zu leiten, insonderheit die Räuberbande
einzudrillen. Wendelin hatte für die Requisiten zu sorgen. Am Sonntag abend
sollte die Vorstellung sein.
                                       *
    Es war ein lauer, etwas windiger Aprilabend - mit Enzio und Jahn stieg ich
von der Haaggasse zum Schloss hinan. Schwarz ragte die alte Feste in düster
treibendes Gewölk. Hin und wieder lugte der Mond hervor. Bei einer Bank machten
wir Halt, um dem mitgebrachten Paket unsere Kostüme zu entnehmen. Jahn machte
sein Gesicht mit Kreide weiss, tat Bart und Locken von Watte um und zog ein
langes Hemd seines Vaters über den Anzug. Eine rasselnde Pferdekette sollte die
Vorstellung wecken, man habe den Greis in Ketten gelegt. Wie ein Gespenst sah
Jahn aus. Aber diesen Effekt verhüllte er einstweilen durch umgelegten Mantel.
Ich sollte den Räuber Schweizer spielen. Einen Ulanenhelm hatte ich auf und
schwang einen Studentenschläger. Enzio behauptete, als Spiegelberg müsse er
schon vorher im Publikum Faxen machen, um eine gruselige Stimmung zu wecken.
Einen breitkrempigen Hut mit langer Feder ins Gesicht gezogen, hüllte er sich in
faltigen Banditenmantel und zückte malerisch den Dolch.
    Beim Sternwarten-Turm fanden wir die anderen Räuber versammelt - flüsternd
gab ihnen Regisseur Uli letzte Weisungen. Das zahlreiche Publikum, von Ordnern
zurückgehalten, bestand meist aus Schülern. Aber auch Pia und die kleine
Schneckle waren da - scheu flüsterten sie im Hintergrunde. Zwei Räubermütter
wollten es sich nicht nehmen lassen, ihre Buben in der romantischen Rolle zu
bewundern.
    Unsere Naturbühne entsprach der Phantasie des Dichters: Schutt und Gerümpel
zwischen kahlen Rippen von Holundergesträuch. Schwermütig stöhnte der Wind, vom
Turme kreischte die rostige Wetterfahne. Dumpfe Glockenschläge zeigten die
Geisterstunde an. Aus der Räubergruppe löste sich eine Gestalt - und den
ritterlichen Karl Moor beleuchtete der Mond. Er hatte einen Christusbart,
Federbarett, spanisches Mäntelchen, ein breites Heldenschwert.
    »Guete Nacht, meine tapferen Räuber! Lagert euch ond schlafet - es ischt
spät! I selber will bis zur Morgendämmerung die Wacht übernemme, gelt? Die
Gegend da ischt mir bekannt. Deescht e verfallener Turm. Ganz in der Nähe
befindet sich das Stammschloss meiner Väter. Mein greiser Vatter, der Graf, so
vernahm ich heut, vor wenik Woche ischt er begrabe. Friede seiner Asche! Das
Schloss hat mein jüngerer Bruder Franz in Besitz genommen. Meim Vatter hat er e
Teschtament abgschmeichelt, das mich enterbt. Alles hat jetzt der
Erbschleicher!« - »Zur Hölle mit dem Lumpen!« murrten die Räuber und lagerten
sich ins Gesträuch - man hörte sie bald schnarchen.
    Mit einer Blendlaterne kam jetzt ein Mann. »Hermann, der Baschtard!«
tuschelte das Publikum. Eulen schrien. »Horch, horch!« begann Hermann dumpf. »Im
fernen Dorfe schlägt's Zwölf - wohl, wohl! Das Bubenstück schläft - in dieser
Wildnis gibt es keunen Lauscher. So darf i's wage, gelt?« Und Hermann pocht ans
Brett der Schiessscharte: »Turmbewohner! Komm an dei Pförtle! Jammermann! Deine
Mahlzeit ischt ahngerichtet!«
    »Waas bedeutet dees?« raunt der Räuberhauptmann und tritt ins
Holundergebüsch zurück.
    Abermals pocht Hermann; aus dem Turm antwortet eine hohle Stimme: »Wer
pocht? Bischt du's, Hermann, mei Rabe?« - »Ja, i! Dei Rabe Hermann bringt dir zu
essen, Alter. Durch die Lücke der Pforte will i dir's reiche, gelt?
Aufzuschliesse wag i diesmal net - 's könnt ebber in der Nähe laure - verdächtik
Geräusch han i vernomme.« - »Bloss die Eulen sind's,« erwiderte die Stimme im
Turm - und abermals hört man den Eulenschrei. Dazu der Räuber Schnarchen.
    »Schmeckt's, Alter?« sagt Hermann, und es versetzt die Stimme: »Wenn man vor
Hunger fascht verschmachte tut, soll's wohl schmecke. Hab Dank für die leckere
Küchle, die du, mei Rabe, mir in meine Wühschte bringscht! Aber sprich, gueter
Hermann, hascht noch immer nicks in Erfahrung bracht über meinen verlorenen
Sohn? Ischt es wahr, waas mr der Franz, mei Sohn, eröffnet hat? Fascht getötet
hat mich diese Schreckensmär. Am Galge soll mei Karl verreckt sei? Mei
Erschtgeborener als Räuberhauptma?« Bei diesen Worten machte der lauschende
Räuber Moor eine Bewegung. »Still!« raunte Hermann - »da scheint wirklich ebber
zu sein! Da tut jemand lauere! I mach mi aus em Staub!« - Wie er flüchten will,
vertritt ihm der Räuberhauptmann den Weg, und Hermann schreit: »Weh! Alles ischt
verrate!« - »Waas ischt verrate?« donnert der Räuberhauptmann - »gesteh, du
Lausbub!«
    »Erbarmen, gestrenger Herr! Oh, ich erkenne euch! Ihr seid Graf Karl von
Moor. Vergebet mir! Ich bin onschuldik am Verbrechen!« In der Ruine unkt es:
»Her - mann! Ischt mr doch, als ob du mit jemand redscht! Mit wem denn?« Und der
Räuberhauptmann: »Waas gibt's da? Ein Mensch innen? Waas ischt mit dem? Weshalb
hält mr den gfange? Dem Unseligen will ich die Ketten löse.« Und es reisst der
Räuberhauptmann den Schlüsselbund aus Hermanns Hand und macht sich damit
rasselnd beim Brette zu schaffen. Wie nun dies entfernt ist und der volle Schein
der Blendlaterne auf die geöffnete Schiessscharte fällt, schlüpft heraus eine
unheimliche Gestalt: kreidebleich, ein Greis im Totengewand, klirrende Ketten an
erhobenen Händen: »Wer du auch seischt, erbarme dich eines schuldlos
Gefangenen!« Und zurück prallt der Räuber Moor:
    »Waas? Die Stimme kenn i! Ischt dees net -?« Hermann nickt: »Er ischt's,
euer Vatter - der alte Graf Moor!«
    »Der Geischt meines verstorbenen Vatters?« ruft Karl Moor. »Warom, mei
Vatter, findescht du nach deim Tode kei Ruh im Sarge? Hascht du etwa eine Sünd
in jene Welt gschleppt? Ebbes, das dir den Eingang zom Himmel verrammelt? Hascht
du vielleicht Gold von Witwen und Waisen onter die Erd vergrabe, he? Verdächtik
ischt's, dass du zur Gespenschterstond dich heulend hier herumtreibscht! So will
i dir beistehe - will den vergrabenen Schatz aus den Klauen des hütenden Drachen
reisse - mag er auch seine spitzige Zähn gegen diesen Degen blecke! Sprich,
Vatter, waas soll i tun?« - »Du irrscht, mei Sohn! Gschpenscht bin i net! Tu mi
ahntaschte, mei Karl! E Gerippe zwar bin i - aber bloss vor Hunger! Odem han i
noch!« - »Waas? Du bischt kein Begrabener?« - »In diesem Turm lebendik begraben!
Verhungern han i solle! Elend verhungere!«
    »Aber wie kommt denn dees? Wer ischt solch Ohngheuer, einen ehrwürdigen
Greisen zom Hungertode zu verdammen?« - Kläglich erwidert der alte Moor: »Wer?
Gott sei's geklagt, mein eigen Fleisch ond Blut! Mei jüngschter Sohn ischt dees
Ohngheuer!« - »Wie? Der Franz? Mei Bruder?« - »Derselbige! Franz, jetzt
Schlossherr! Dich hat er verleumdet. Hat sich an deiner Stell zum Erben gemacht.
Mich, der ich ihm zu lange lebte, hat er bei lebendigem Leib in einen Sarg packt
ond hierher geschafft, ond verhungere han i solle, ver - hu - hu - hu!«
    Der Räuberhauptmann hebt die Hand gen Himmel: »Der da oben beruft mich zum
Richter über den Schurken Franz. Auf, meine Knechte! Net mähr gschnarcht! He!
Will keuner erwache? Ihr Klötz! Eisklumpe!« Und aus des Räuberhauptmanns Pistole
donnert ein Schuss. Die Räuber springen auf: »He, holla! Waas gibt's?« - Mit
furchtbarer Stimme der Räuberhauptmann:
    »Waas es gibt? Das Band der Natur riss entzwei. Ein Sohn hat seinen Vatter
zom Hungertod verdammt - bloss weil er die Zeit net abwarte konnt, ihn zu beerbe!
Sehet, Leute, dieser Greis ischt der Vatter eures Hauptmanns! Der Schandbub
aber, dessen Missetat gen Himmel stinkt, ischt mei Bruder Franz!« Mit einem
Schrei der Entrüstung antworten die Räuber und drängen heran. Etliche Laternen
brennen - rote Lichter spielen über die Szene.
    Hier setzte nun der Hauptteil meiner Rolle ein: Ich, der tapfere Räuber,
stürze dem greisen Märtyrer zu Füssen: »Vater meines Hauptmanns! Ich küsse dein
Gewand! Zu gebieten hast du über diesen Dolch! Ich heisse Schweizer und bin
deines Sohnes ergebenster Freund!« - »Das sind wir alle!« rufen die Räuber, eine
aufgeregte Gruppe um die Jammergestalt des Alten und den reckenhaften
Räuberhauptmann. Dieser hat seinen Mantel von der Schulter genommen und reisst
ihn, ritsch, von oben bis unten entzwei: »Da schaut! Dees Bändle da, wo mich mit
meim Bruder noch verbunde ghalte hat, so ischt es jetzt verrisse! Rachsucht
allei sei das Gfühl, daas i für ihn übrik hab. Ihr aber, Leute, wollt ihr mir
helfen? Gelt? So schwört Rache, schwört auf mei Schwert!« Im Kreise kniend,
legen die Räuber die Linke auf das Schwert und heben die Schwurhand: »Rache für
unsern Hauptmann und seinen ehrwürdigen Vatter! Rache an Franz von Moor, Teufel
in Menschengestalt!«
    Ich erhebe mich: »Nun, Hauptmann, befiehl, was ich tun soll!« Und der Räuber
Karl: »Rühre dieses Greises heilige Locken ahn, mei Schweizer! Weisst du noch,
wie du einscht jenem böhmischen Häscher den Kopf gespalten hascht, da er den
Säbel über mich zückte? Dazumal verhiess ich dir eine könikliche Belohnung.
Bisher wusst i sie net zu zahle. Doch jetzt weiss i's! Das Geschäft der Rache
übertrag i dir! Lies die Würdikschten aus der Bande ond dringe in meines
bübisschen Bruders gestohlenes Schloss! Schlepp' ihn vom Mahle, wenn er besoffen
ischt! Reiss ihn vom Kruzifix, wenn er frömmelnd auf den Knien liegt! Eins aber
merke: Liefre ihn mir beileibe net tot! Ganz muss i den habe - das Fleisch will i
von ihm reissen, den Hunden ond Geiern zom Frass. Wehe dir, Schweizer, so du ihm
auch nur die Haut ritzest! Bringscht ihn aber lebendik, so geb i dir eine Millio
zur Belohnung.«
    Jetzt hatten die Räuber die Fackeln angesteckt, sie glühten und qualmten. In
greller Beleuchtung sah man die bärtigen Gesichter mit den Federhüten. »Höret
mich alle!« ruft der Räuberhauptmann feierlich: »Begreifet ihr nun, waas i mit
onserm Räuberhandwerk meine! Gewidmet sei's der ewigen Gerechtikkeit! Wenn auch
net auf die Art frommer Menschen. Mit dem Schwert will i helfen, wo die
misshandelte Natur gen Himmel schreit. Mit Raub ond Brand ond Mord! Mir gilt
jenes Recht, das im Busen lebt. Net das Gsetz! Das hat die Welt verkrüppelt und
zerrüttelt! Das Gsetz verhunzt zum Schneckengang, waas Adlerflug worde wär. Mir
äkelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn i in meim Plutarch lese von
grossen Menschen. Ha, dass der Geischt des Keruskerfürschten noch in der Asche
glimmte! Ein Heer Kerls wie i - ond aus Deutschland wird e Republik, gegen die
Rom und Sparta Nonneklöhschter send!«
    »Es - le - be - der - Haupt - ma!« brüllten alle. Und während purpurn die
bengalische Flamme glüht, gröhlt der Räuberchor unter martialischen Gebärden:
»Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne,
Bei Sturm und Schnee marschieren wir,
Der Wald ischt onser Nachtquartier,
Der Mond ischt onsre Sonne!
Sei, deutscher Knab', kein Tugendbold,
Duckmäuserischer Graurock!
Siegfried den Hammer wohl schwingen kunnt,
Er schlug den Amboss in den Grund,
Dazu den Drachen-Ssaubock.
Sei du kein Knecht, sei du kein Hund!
Und droht der Tatzen-Haustock,
Zu Stücken schlag' ihn, Siegfried, und
Das Tinten-Zuchtaus in den Grund!
Ein Pereat dem Ssaubock!«
    Unter donnerndem Beifall brüllten die Pennäler »Pereat!« und schwangen ihre
Räuberschwerter. Ins Gelächter mischte sich die Kommandostimme Ritter Ulis, der
sein Schlachtschwert zum Monde hob: »Ein Hoch der ganzen Frei - heits - ban -
de!« Und »Hoch!« brüllte alles berauscht - es herrschte eine Begeisterung, als
sei ein neues Zeitalter hereingebrochen.
    Auf einmal war die blutige Beleuchtung erloschen - düster ragte die alte
Burg, am Hungerturm blinkerte etwas Mondlicht. Dann kam eine abenteuerlich
geformte Wolke geflogen: ein Drache war's, der den Mond verschlang.
 
                                 Im Burgverlies
Der Hungerturm sollte uns Zutritt verschaffen zu den Heimlichkeiten des Tübinger
Schlosses. Eine Entdeckungsfahrt war verabredet und sogar umständlich
vorbereitet. Ich erschien mit einem Bergstock, als gelte es eine
Gletscherpartie. Wendelin hatte eine Strickleiter, Enzio ein Bündel Dietriche,
vom Schlosser geliehen, Jahn eine Laterne und eine Pechfackel, die einem
Studenten vom Fackelzuge übrig geblieben war. Ritter Uli wurde von einem
Weingärtnerbuben begleitet, der ein Rapier, einen Kübel mit Most und ein
Trinkhorn schleppte und dafür zwei Groschen bekam. In den Hungerturm zu
gelangen, fiel nicht sonderlich schwer, wenn auch die Schiessscharte so eng war,
dass Uli und ich etwas gezwängt wurden. Wir standen in halber Dunkelheit,
neugierig sahen wir uns um. Es war da nichts als Schutt, ein paar alte Bretter
und etwas Asche. Diese mochte von einem Feuer herrühren, das Eindringlinge
unserer Art angezündet hatten, um Allotria zu treiben. Die aus Felsquadern
gefügten, sehr dicken Mauern atmeten eine schaurige Erhabenheit.
    »Wie alt mag das Schloss sein?« fragte ich, und Uli antwortete: »Genau lässt
sich dees net sagen - jedenfalls uralt. Hier sollen die Römer den Alemannen die
letzte Schlacht geliefert und von den Tübinger Weingärtnern Schläg bekommen
haben.« Der belesene Wendelin gab die Auskunft: »Die älteschte Benennung von
Burg und Stadt lautet Twingen - in einer Urkunde aus dem Jahre 1000 heisst es:
Castrum Alemannorum, quod Twingia vocatur. Twing oder Zwing bedeutet Festung,
Zwingburg. Heisst net die Stadtmauer bei der Neckarbrück noch heutigen Tages
Zwingle - gelt?« - »Solle mer jetzt den Moscht trinke?« fragte Enzio. Uli
entgegnete: »Da gfallt mer's net! Suche mer weiter zu komme.«
    Morsche Holzstufen führten zu einer eisenbeschlagenen Tür. Sie war
verschlossen, und wenn auch Enzios Dietriche versagten, so gelang es mit dem
Handwerkszeug, das Türschloss abzuschrauben. Die Pforte gab nach, und wir traten
in einen gähnend weiten, finstern Raum. Lauschend hörten wir nichts als das
leise Pfeifen einer Ratte. Wir zündeten die Laterne an, da kam eine Fledermaus
geflattert. »Wir sind im Schlosskeller,« raunte Uli. Unsere Augen gewöhnten sich
an die Dunkelheit, und Enzio rief: »Das grosse Fass - da leit 's!« Den ganzen
Nordbau des Schlosses schien die Unterkellerung zu umfassen - ein hohes Gewölbe,
zu dem das Tageslicht nur spärlich durch vergitterte Luken eindrang. Inmitten
ragte das Fass wie ein Riesenelefant. Als wir es umringten und beklopften,
erklärte der belesene Wendelin: »Acht Meter Länge hat's, fünf Meter Höhe - aber
den Inhalt einer grossen Stub - es fasst noch hundert Hektoliter mähr als das
berühmte Heidelberger Fass. Schaut, waas ungschlachte Knochen dees Viech hat!
Wisst ihr, wieviel Eichen Meischter Simon von Bönikheim zum Bau hat verarbeiten
müssen? Zu den Bohlen - geradezu Balken sind's - ond Dauben vierzik Eichen, zu
den Reifen weitere fünfzik. Als Lohn für sein Kunschtwerk hat er hundertfufzik
Gulde kriegt, dazu ein Hofkleid.« Jahn beleuchtete mit der Laterne eine Tafel,
die am Fass angebracht war, und buchstabierte: »Als grosses Buch bin ich bekannt,
durch Herzog Ulrich so genannt, 1546 wurd' ich erbaut, aus neunzig Eichen, wie
ihr schaut - zweimal ward ich gefüllt mit Wein, 286 Eimer nehm ich ein.« -
»Herrschaft!« staunte Enzio. »Gelt, hier tun mer den Moscht trinke?« Aber Uli
meinte, wir sollten erst noch rekognoszieren und jedenfalls den unterirdischen
Schlossbrunnen ausfindig machen. Wir wagten, die Fackel zu entzünden - ihre
qualmige Röte sprühte durch das gotische Gewölbe, wo nun mehrere Fledermäuse
herumhuschten.
    »Hier ischt die Richtong zom Brunne,« sagte Uli, auf einen finsteren
Seitengang deutend - »den Bauplan des Schlosses kenn i.« Schräg aufwärts ging's
über Bretter und Felsenstufen. Moderluft hauchte kalt. Eine Kuppel wölbte sich
über einer Schranke, die aus Felsenquadern kranzförmig erbaut war und vier Meter
Weite haben mochte. Es war der Schacht eines Ziehbrunnens. Mit der Fackel
leuchteten wir hinein, unergründlich schien der Abgrund. Nach Enzios Behauptung
betrug die Tiefe bis unter den Neckar hundertfünfzig Meter. Den Zweck dieser
Anlage setzte Uli auseinander. Im Schlosshof sei ein laufender Brunnen, der
genüge aber nicht, wenn die Burg belagert werde. »Na ka mer ja aus dem Riesefass
saufe,« meinte Enzio - aber Uli gab zu bedenken, wieviel Wasser nötig sei, für
Hunderte von Menschen sowie für all die Pferde, Rinder und Schafe, mit denen man
während der Feindesnot versehen sein müsste. - Wir warfen Steine in den Brunnen -
man hörte sie sausen, seitlich wiederholt anprallen und nach einer Weile unten
aufschlagen. Ein Zeitungsblatt, das wir angezündet hatten, schwebte effektvoll
nieder. Die brausende Flamme beleuchtete tief und tiefer den Schacht, bis sie
auf einmal erlosch.
    Enzio wollte noch weiter in die unterirdische Romantik vordringen, er
schwärmte vom Femgericht und der Folterkammer. Es sei da auch ein Burgverlies,
aus dem hab ein Gefangener ausbrechen wollen, mit den Fingernägeln ein Loch in
die Felsenmauer geklaubt, einen Meter tief. Aber drei Meter dick sei die Mauer.
»Ein andermal!« vertröstete Uli - »für heute hänt mer noch e wichtige
Tagesordnung. Zurück zum Fass!«
    Dort füllten wir Most in das Trinkhorn, und Uli erhob es feierlich: »Knappen
vom Glaasberg! Rühmlich soll unsre Freiheitsbande ihren Weg gehn. Ond jetzt
stehn mr vor ener neuen Stuf unsres Aufstiegs. Ahne könnt ihr net, waas i mein -
drum rund heraus: Net graad, dass mr eine Räuberbande gründe wolle - aber eine
Zeitong! E Pennälerblatt, e heimlichs! Wir selber wollen's schreibe. Redaktör
Wendelin. Bruno macht die Bilder. Jahn tut's drucke ond verlege. Hektographisch
vorläufik. Ond jetzt ratet, wie dees Blättle heisse soll!« - »Böhmische Wälder,«
schlug Enzio vor. - »Ah waas!« lehnte Uli ab - »Der Glaasberg! Ein Blatt für
solche, die hinauf wollen.« - »Famos!« rief ich - »das gibt ein Titelbild.«
    Uli fuhr fort: »Da ihr also gewillt seid, ans Werk zu schreiten, guet! So
begiessen mr's zur Weihe mit eme Trunk. Hier schwing i's Horn von eme Auerochse,
wie sie einscht durch Germaniens Eichenwälder gstapft send. Gfüllt mit
schäumendem Met, drin unsere Väter hänt ihrer Götter Minne trunke. Wohlahn, dr
erschte Schluck sei Wotan geweiht, dem Gotte der Begeischterung!« Ein Teil des
Trankes platschte auf den Boden, und Ulis Bass stimmte das Lied an: »Alles
schweige! Jeder neige ernsten Tönen nun sein Ohr!« Die Weise, von den Studenten
Landesvater genannt, war uns halbwegs geläufig - wir wiederholten, wenn auch
etwas schüchtern, den Rundreim: »Hört, ich sing' das Lied der Lieder! Hört es,
meine deutschen Brüder! Hall' es wider, froher Chor!« Uli tat aus dem Horn einen
tiefen Zug und reichte es Enzio, der's aber bloss zu halten hatte - während Uli,
seine Schülerkappe abnehmend, weiter sang: »Seht ihn blinken, in der Linken,
diesen Schläger, nie entweiht. Ich durchbohr' den Hut ond schwöre: Halten will
ich stets auf Aehre - stets ein braver Bursche sein.« Schwärmerisch gröhlten
wir: »Du durchbohrscht den Hut - so schwöre: Halten sollscht du stets auf Aehre,
stets ein braver Bursche sein.« Die Reihe, Solo zu singen, war an Enzio. Obwohl
er sich bemühte, Ulis tiefe Stimme nachzuahmen, schnappte sie ihm quiekend über.
So ging das Trinkhorn von Mund zu Mund, und mit dem Schläger hatte jeder seine
Schülerkappe zu durchbohren: »Nimm den Becher, wackrer Zecher, vaterländischen
Trankes voll - nimm den Schläger in die Linke - bohr ihn durch den Hut und
trinke - auf des Vaterlandes Wohl!«
    Erhabene Wonne, als teutscher Knabe durchschauert zu sein von der Ahnung
eigener Bedeutung. Je tiefer die Züge aus dem Trinkhorn gerieten, desto
heldenhafter dünkten wir uns. Aber wie ein Hund, der im wohligen Sonnenscheine
liegt, jählings auffährt, weil ein boshafter Schusterjunge einen Eimer kalt
Wasser über ihn ausschüttet, so schlug uns Bestürzung in die Knochen, als eine
rauhe Mannesstimme schimpfte: »Ssauballa dreckete! Wart no, i tu mei Knüppel
hole! Verschlag uich die Köpf'!« Vor diesem Feind, der uns fast im Nacken sass,
ergriffen wir die Flucht. Enzio stolperte über den Kübel, der Most netzte mir
die Beine. Wendelin rannte mit dem Trinkhorn, Jahn mit der Laterne.
Zurückblickend sah ich, wie Uli, in der Linken die Fackel, den Schläger drohend
erhob - während auf der Treppe, die vom Schlosshof in den Keller führte, im
hereinflutenden Tageslicht ein bärtiger Mann stand, unschlüssig, was er machen
solle.
    Den Flüchtlingen hastete ich nach und war wieder im Hungerturm. Enzio
schlüpfte zur Schiessscharte hinaus, Jahn folgte mitsamt der Laterne. Wendelin
wandte sich: »Wo'scht dr Uli?« Indem war Uli zur Stelle. »Haseherze!« schimpfte
er. »Der knotige Philischter soll nur komme - mit dem nehm i's auf. Ha! Der hat
sich zurückgezoge!« Aber Wendelin warnte: »Beistand wird er hole. Ond wenn wir
ons net bald fortmache, so kommt er vom Schlossgrabe, na ischt ons der Rückzug
abgschnitte.« Uli sah das ein: »Retraite!« Er half Wendelin zum Ausschlupf und
kroch hinterdrein.
    Ich hatte bereits ein Bein und einen Arm in der Schiessscharte, aber die
Brust liess sich nicht hindurchzwängen. Ich wurde ängstlich, weil ich mir sagte:
Fasst man mich hier ab, so riskier ich geschasst zu werden. Hinaus, hinaus! Aber
das ging nicht, wollte nicht gelingen, wie ich mich auch wand. War ich denn
behext? Von unsrer Grossmannssucht geschwollen ? Ich stöhnte: »Uli! Uli!« -
»Waas?« erwiderte er von aussen. - »Ich komme nicht durch.« - »Onsinn!« - »Hilf!«
- Meinen Arm fasste er und zog. »Au! Halt!« - »Sei gscheit!« mahnte Uli und zog
nun auch am Bein. - »Au! So geht es nicht!« - »Du bischt doch nei komme, so musst
auch wieder raus! Tu di zsammereisse! Hup! Komm ra!« - »Au! Ich bin zu dick
geworden - von der verfluchten Sauferei.« - Uli lachte und begann aus Schelmerei
auch noch zu kneifen.
    »Seid ihr verrückt?« raunte Wendelin. »Grad kommt ebber über die Grabebrück
gloffe - der meint ons!« - »'s ischt der Knote!« sagte Uli - »also, Wille,
schau, wie du fertik wirscht! Aber nix verrate, wenn mr dich abfasst -
verstande?« - Ich vernahm die Tritte der enteilenden Kameraden und zog mich in
den Hungerturm zurück. Bald darauf schimpfte die Männerstimme hinter den
Fliehenden her: »Gymnasischte seid ihr - ja versteckt nur eure bunte Kappe! - I
kenn uich, Halunke! Schasse muess mr uich!«
    Mir kam der Gedanke, in seiner Hast könne der Mann die Kellertür offen
gelassen haben - sofort kehrte ich in den Keller zurück. Glimmend lag die Fackel
neben dem umgeworfenen Mostkübel. Ich raffte sie auf und leuchtete mir zur
Kellertreppe. Aber die Tür war verschlossen. Um das Mass meiner Ratlosigkeit voll
zu machen, verrieten Stimmen, man wolle den Keller durchsuchen. Ich flog die
Treppe hinab und wandte mich, um die Verfolger irrezuführen, nach links. Als der
schmale Gang um die Ecke bog, glaubte ich, verborgen zu sein. Wie gut, dass ich
die Fackel hatte - allerdings war sie fast heruntergebrannt. Ich stieg eine
Treppe empor, hohe Steinstufen. Es war, als wollten die Mauern sich
zusammenpressen. Kalt fühlten sie sich an, glitzernd vor Nässe. Als ein
Seitengemach kam, stand ich verschnaufend. Die Stimmen waren verstummt - man
schien das Suchen aufgegeben zu haben. Aber eingesperrt war ich, und die Fackel
ging zur Neige.
    Als ich mich umsah, merkte ich, dass ich in jenem Raume war, den Enzio als
das Femgericht bezeichnet und beschrieben hatte. Ein zylindrisches Gewölbe -
hier unten war die Stelle für den Angeklagten, droben die kranzförmige Galerie
war für die Femrichter. Meine aufgeregte Einbildungskraft sah auch jetzt
unheimlich vermummte Gestalten, und es war, als halle eine dumpfe Stimme: »Gras
und Grein, Stock und Stein, Maus und Molch, Daus und Dolch.« Und weiter tappte
ich durch die Gänge - abermals Stufen hinan. Ich muss zu den Gefängniszellen
gelangt sein - es waren gemauerte Löcher, so eng, dass die Gefangenen nicht
aufrecht hatten stehen können. In einen dieser Steinsärge kroch ich, weil es mir
vorkam, man könne von da in einen weiten Raum gelangen. Ich hatte mich
getäuscht, überdies erschreckte mich eine unheimliche Entdeckung: Ich befand
mich in dem Verliese, das Enzio erwähnt hatte. Da war ja das Loch in die Mauer
geklaubt; jahrelang mochte der Gefangene daran gearbeitet, mit den Fingern
gekratzt haben - Werkzeuge hatte er nicht besessen. Wie verzweiflungsvoll musste
die Verlassenheit des Aermsten gewesen sein, dass der Kerkerwärter, der ihm
Wasser und Brot durch die Lücke schob, vom Fluchtversuch so lange nichts gemerkt
hatte.
    Teufel! schiesst es mir durch den Kopf - wenn mich der Uli im Stich lässt!
Wenn jetzt die Fackel ausgeht! So muss ich hier die Nacht kampieren, bei Ratten
und Fledermäusen, umkrächzet nur von Molch und Unk! - Tatsächlich ist die Fackel
dahingeschwunden, und es hilft nichts, dass ich den Stummel zu entfachen suche.
Eine Gänsehaut überschauert mich, das Haar auf dem Kopfe tut mir weh, die Knie
beben.
    »Hilfe!« brülle ich. Vom hohlen Echo vollends erschreckt, stürze ich fort -
mein Schädel stösst ans Gemäuer. - So mag einer Maus zumute sein, hinter der die
Falle zugeschnappt ist. Verstört rennt sie hierhin, dortin, mit allen Sinnen
nach dem Ausschlupf suchend. - In Angstschweiss gebadet, tappe ich durch die
Eingeweide des Burgverlieses. Schon hat der Stummel meiner Fackel kein Fünkchen
mehr - da zeigt sich hinten im finstern Gange ein bläuliches Dämmern. Ich
stolpere hin - ertaste eine schwere Holztür, durch deren Ritze ein Strahl des
Tages lugt. Ein plumper Riegel - verzweifelt rüttle ich daran - drücke, ziehe -
und - auf geht das Tor - Licht! Ich schlüpfe hinaus.
    In einem Gärtchen bin ich - an molliger Sonne grünen Stachelbeersträucher -
Veilchen blühen und Milchstern. Im Bärengraben muss es sein - ach, freilich! Da
staffeln sich die Beete empor - noch ein kleiner Aufstieg, und ich bin aus aller
Not. - Sonnenschein! Frühlingsgrün! Blauer Himmel! O süsse, süsse Freiheit!
 
                             Unsere Schülerzeitung
Titel: »Der Glasberg, Zeitschrift für solche, die hinauf wollen«. »Mit diesem
Organ« - so hiess es darin - »vertreten wir Glasberg-Knappen das Recht der Jugend
auf eignes Leben. Das verkümmert uns die Schule. Von ihren Verschrobenheiten
möchten wir uns innerlich frei halten. Äusserlich müssen wir uns ja fügen dem
Werkelgange dieser Philisterfabrik. Die Faust ballen wir in der Tasche: Blitz
und Donner! Heimlich wenigstens wollen wir uns austoben. Das Ideal verehren, das
uns im Herzen blüht. Lachen und spotten über das Unterfangen der verknöcherten
Schulmeister, aus uns solche Karikaturen zu machen, wie sie selber sind.
    Unser Mitschüler Fritz Bählamm schrieb neulich in seinem Aufsatz (der von
Adrast, diesem Kamel, natürlich belobt wurde), es sei unsere Pflicht, nützliche
Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu werden. Blödsinn! Wenn diese
Gesellschaft hauptsächlich eine Proles ist - was wir behaupten -, so folgt
daraus, dass sie ihrer Natur gemäss auf nichts Bessres ausgehen kann, als ihren
Nachwuchs zu Proleten ihrer Art heranzubilden. Das aber wollen wir uns nicht
gefallen lassen. Wenn's wahr ist, dass Gott den Menschen zu seinem Ebenbilde
schaffen wollte, so sollen wir halt etwas andres sein als unsere Honoratioren
Herr Präzeptor Bierbauch und Herr Stadtpfarrer Leitammel. Wir fügen uns keiner
tötenden Schablone - innerlich nicht! Die frisch-lebendige Seele soll man nicht
wie eine Sache behandeln. Das ist Misshandlung der Menschenwürde! Wir verlangen,
dass unsere Jugend, jede Stunde ihres Lebens, noch etwas andres sei als ein
Mittel zum Zwecke des Banausentums. Auch für sich soll der Mensch etwas sein! So
erst kann der Gott in ihm lebendig werdend.«
    Auf diesen Leitartikel folgte ein Gedicht »Frau Sonne an die Scholaren«,
unterzeichnet: »Der Grossmeister«. Hainlin sei das, raunte man - er habe Uli
gestattet, Verse aus seiner Maulbronner Pennalzeit mitzuteilen:
Frau Sonne kommt gegangen
Und tausend Spieglein prangen:
Am Klee der bunte Perlentau.
Frau Sonne lacht vom Hügel,
Indes der Lerchenflügel
Den Jubelgruss ihr trägt zum Aeterblau.
Frau Sonne spricht: »Euch allen,
Ihr Kinder, soll gefallen,
Auch dir, du Stadt im Tal, mein Licht.«
Und doch, wie Morgengluten
Durch Winkelgassen fluten,
Verzieht Frau Sonne schmollend ihr Gesicht:
»Was seh ich? Knabenköpfe
Und doch schon Sauertöpfe?
Das schleppt nun seinen Schmökersack
Und lässt in Klostermauern
Das junge Herz versauern ....
O heilger Stumpfsinn! Bakelpfaffenpack!
Gymnasten - Leib und Seele
In edler Parallele -
Wie Griechen sollt ihr sein! Ach wohl -
So faselt Herr Magister.
Er selber, das vergisst er,
Ist eine Vogelscheuche, schlapp und hohl.
Bebrillt, mit krummen Rücken,
Die Folterbänke drücken,
Heisst das der Weisheit Jünger sein?
Ihr wollt auf deutscher Erden
Mal Würdenträger werden?
Lernt ducken, Kerle! büffelt Stocklatein!
Grammatik, Tüftelsätze
Und Ciceros Geschwätze -
O eitel Starenmatz-Dressur!
Nur einer sei euch Meister:
Der Innenstrahl der Geister -
Und Alma mater sei die Gottnatur!
Ihr glaubt dem Bibelbuche,
Die Arbeit sei zum Fluche
Für Durst nach Licht von Gott ersehn?
Ihr glaubt, ein Weltregente
Gebiet' im Firmamente,
Die Sonne soll' als Knechtin stillestehn?
Ihr Toren! Ich, die Leuchte,
Die stets das Dunkel scheuchte,
Ich mach' euch frei von Sklaverei.
Lasst ab vom Mottenplunder!
Ich weiss euch holde Wunder.
Versäumt das Schönste nicht: den Jugendmai!
Kein Klauben und kein Knüllen
Entfaltet Knospenhüllen,
Das Zwängen bringt nur Krüppelweh,
Lernt in der Sonne leben!
So wird euch schon gegeben,
Dass ihr wie Lerchen seid und Maienklee.«
    Als Gegengewicht zu solcher Schärfe sollten Schelmereien dienen. Darunter
befand sich, aus meiner Feder, folgende
                                 Räuberballade
Drei verfluchte Räuber hausten
In dem finstern Gruselwald,
Manche Börse sie schon mausten,
Machten manchen Wandrer kalt.
Spät am Abend war's, da lauschten
Im Verstecke diese drei,
Schauerlich die Bäume rauschten,
Und es scholl des Uhus Schrei.
Plötzlich ihre Augen funkeln,
Denn es regt sich was im Tann,
Und sie sehen aus dem Dunkeln
Treten einen Wandersmann.
Wie drei wilde Tiger brechen
Sie hervor mit Mordgebrüll
Und mit ihren Dolchen stechen
Sie den Wandrer kalt und still.
Als sie darauf ihm die Tasche
Gierig wenden hin und her,
Finden sie nur eine Flasche,
Drauf geschrieben steht: Likör.
Durstig setzen sie sich nieder
Auf des Waldes blut'gen Grund;
Um zu stärken ihre Glieder,
Geht der Trank von Mund zu Mund.
Aber jeden bösen Lümmel
Schliesslich seine Strafe trifft:
In der Flasche war kein Kümmel,
Sondern schnödes Rattengift.
Dieses zwickt und zwackt die Bäuche,
Und das Mordtrifolium
Mit Geröchel und Gekeuche
Wird auf einmal kalt und stumm.
Der Moral von der Geschichte
Schenket aufmerksam Gehör:
Werdet keine Bösewichte
Und misstrauet dem Likör.
    Obwohl unsere Schülerzeitung unter dem Siegel der Verschwiegenheit
erscheinen sollte, gingen Abschriften unter den Pennälern herum. Nur dass
glücklicherweise geheim blieb, von wem die einzelnen Beiträge verfasst waren. Die
Räuberballade hätte ihrem Autor keinen weitern Vorwurf zuziehen können, als dass
er eben beteiligt sei am Unfug einer Schülerzeitung. Ein anderes Opus aber, das
ich verbrochen hatte, war geeignet, mich auf der Schule unmöglich zu machen. Es
ging unter den Pennälern wie ein Lauffeuer herum, wurde aber nicht mir, sondern
dem Kandidaten Hainlin zugeschrieben. Ich schwieg dazu, war sogar stolz darauf,
dass Verse von mir einem Hainlin zugetraut wurden. Was ihnen den Beifall der
Pennäler zuzog, war ihre Giftigkeit, die sich gegen den Ssaubock und das
Schulsystem richtete. Pikant war noch, dass sie einen Stadtklatsch behandelten,
der einen Beinbruch Bocks deutete.
                                  Bock-Ballade
Tatze-Bock
Mit der Glatze -
Manche Tatze
Haut sein Stock.
Tatze-Bock
Und Schneider Gock
Minnen beid'
Eine Maid.
Lisle Rettig,
Im Hotel
Schankmamsell,
Etwas fettig.
Gock der Schneider
Wird galant -
Bock, sein Neider,
Wutentbrannt,
Schimpft den Schneider
Hungerleider
Und infame
Dessen Dame.
Puh, in Galle
Rjetzt das Mädel
Mit der Kralle
Ssaubocks Schädel.
In die Fratze
Schmeisst ihm Lisle
Ein Servisle
Leberspatze.
Schneider Gock
Auch nicht faul,
Klebt dem Bock
Eins aufs Maul.
Hui, sie packen
Sich am Nacken
Und zerzwacken
Ihre Jacken.
Sonderbar
Putzig Paar!
Wer erfasst
Den Kontrast:
Hier die volle
Kürbisknolle -
Dort die schlanke
Hopfenranke.
Gock waschlappig,
Heuschreckartig -
Bock froschquappig,
Schweineschwartig.
Arme zappeln,
Beine trappeln,
Krallen kratzen,
Es knallen Pratzen.
Gäste lachen,
Gekrümmt im Schreikampf,
Brüllend entfachen
Sie noch den Zweikampf.
Uff, im Geraufe
Wird übel dem Frosche -
Rötliche Traufe
Tropft von der Gosche.
Fritz, der Hausknecht,
Zieht den Rock aus -
Hurra, das Hausrecht
Uebt er an Bock aus:
Sämtliche Gäste
Helfen feste -
Bock muss fliegen
Abi die Stiegen
Hei, Pennäler!
Euer Quäler
Lieg im Kot -
Mausetot!
Nein, nur scheinbar!
Weh, die Glieder
Regt er wieder!
Höchst beweinbar!
Nichts gebrochen
Als der Knochen
An der Wade -
Jammerschade!
Soll denn Schweinheit,
Bocks Gemeinheit,
Uns am Leben
Ewig kleben?
Oh, dies Schwein
Ist Höllenplage!
Donner schlage
Krachend drein!
Zuchtaus Schule,
Stürz' in Flammen
Ueberm Stuhle
Bocks zusammen!
 
                                  Bebenhausen
Die Dämmerung, die über des Kandidaten militärischem Dasein lag, wurde wie von
einem Blitz erhellt. An Uli schrieb er, es bestehe die Wahrscheinlichkeit, dass
er als untauglich aus dem Dienst entlassen werde. Beim Turnen sei er vom Reck
gestürzt und habe den linken Arm gebrochen. Der sei zwar geheilt, aber schief.
Wenige Tage nach dieser brieflichen Äusserung erschien Hainlin persönlich. Witwe
Schneckle, seine frühere Wirtin in der Neckarhalde, beherbergte ihn. Er machte
sich überaus stattlich im bunten Rock und trug die Gefreitenknöpfe. Den Arm
hatte er noch in der Binde. Dass dieser kernhaft deutsche Jüngling solche
Beschädigung erlitten hatte, war seinen Bewunderern ein schmerzlicher Gedanke.
Wir trösteten uns mit der Aussicht, unsern grosszügigen Geistesführer nunmehr für
die Dauer zu haben. Er hatte sich nämlich entschlossen, mit dem Amtieren als
Lehrer einen Versuch zu machen, und sich zu einer Vakanz an Tübingens oberer
Mädchenschule gemeldet.
    Zugleich war er von Herrn Ritter, der in Stuttgart Bankdirektor war,
gewonnen worden, sich mehr planmässig Ulis anzunehmen. Uli war dazu von Herzen
willig und gestand mir, es sei ihm - das fühle er selber - eine Unbändigkeit
eigen, die gezügelt werden müsse, freilich mit Liebe und Verständnis. Dafür
wisse er keinen andern als den Kandidaten Hainlin. Seinem Vater hatte Uli
wiederholt Grund zur Sorge gegeben. Zunächst durch Schülerstreiche, die seine
Entfernung vom Stuttgarter Gymnasium herbeigeführt hatten. Dann durch seine
erwachte Männlichkeit. Hochgeschossen, in blühender Kraft, war dieser
Sechzehnjährige wie ein brausender Student. Dass er auf seinem Stübchen Bier
trank und Pfeife qualmte, erregte bei uns, seinen jüngeren Freunden, zwar
Bedenken, aber auch Bewunderung. Welch ein Kerl! dachte ich - und turnen kann
er, schwimmen, fechten sogar! Schade, dass Herzog Ulerichs Zeiten vorüber sind!
Sonst wäre unser Uli ein zweiter Georg von Sturmfeder.
    Es traf sich gut, dass in die Tage des Hainlinschen Urlaubs der Geburtstag
Ulis fiel - er vollendete sein siebzehntes Jahr. Zur Feier hatte der Kandidat
einen Ausflug nach Kloster Bebenhausen versprochen, und ich durfte, ebenso wie
Wendelin, teilnehmen; weiter war niemand geladen. Der Kandidat hatte angeordnet,
er wolle am frühen Nachmittag nach Bebenhausen gehen, und zwar mit Uli allein -
mit dem hab er unter vier Augen zu sprechen. Daraufhin hatte Wendelin mit mir
verabredet, eine Stunde früher als diese beiden im Kloster einzutreffen.
Wendelin wollte den Kreuzgang abzeichnen - und ich indessen Flöte blasen. Ich
hatte mir nämlich eine Blechflöte zugelegt, um auf diesem schlichten Instrument
das seelenvolle Spiel des Kandidaten nachzustümpern.
    Zur verabredeten Zeit ging's an Wendelins Seite am Goldersbache hin. Das Tal
entlang, zwischen Waldhöhen führt die mit Obstbäumen eingefasste Landstrasse. Auf
den Buchenwald zur Rechten deutete Wendelin: »Der Olgahain! Den besucht unser
Könik gern, wenn er seine Sommervakanz in Bebenhausen zubringt. Das Kloschter
hat er zum Jagdschloss eigrichtet.« Links, wo sich das Wiesental weitet, war
jetzt das Kloster sichtbar. Ueber bäuerische Häuschen, Obstbäume, Gemüsegärtchen
hoben sich Bauten mit vielen Fenstern, hohen Dächern und einem gotischen
Türmchen. An der Landstrasse lag das Gastaus zum Postörnle, wo wir später den
Kandidaten und Uli treffen sollten. Den Wirt bat Wendelin: wenn die andern
kämen, solle er sagen, wir seien einstweilen im Kreuzgange.
    Im Weitergehen betrachteten wir das deutlich werdende Kloster. Von einer
mittelalterlichen Mauer mit Wehrtürmchen war's umschlossen und wirkte vornehm
durch die stolzen Giebel und grosszügigen Ziegeldächer. Vom Kalkbewurf hob sich
dunkelbraun, in reicher Verschränkung, das wuchtige Gebälk ab. Empor zu
sommerlichen Wölkchen strebten ein paar Dachreiter. Deren einer war ein
stattliches Kunstwerk: ein Glockenturm, aus schmalen Steinpfeilern gotisch
zusammengewoben, so dass die Glocke hervorlugte. »Vor achtundert Jahren« -
meinte Wendelin - »hat's da net so grossartik ausgsehn. Eine dürftige Klause war
da am Goldersbach gekauert, dem heiligen Babo geweiht. Begüterte Mönche hänt
später Bebenhause zum Kloschter gestaltet, immer stattlicher ist's worde.«
    Bewundernd standen wir vor dem hohen Gemäuer aus gewaltigen Quadern. Efeu
nebst wildem Wein schlingt sich dran empor. Wie eine mittelalterliche Feste
schaut's drein. Das Bogentor führt zu einem Zwinger; dessen Schiessscharten lugen
auf Umwallungsgraben, Gesträuch und Wiese. Durch ein Pförtchen links gelangten
wir in einen dunklen Treppengang und stiegen Steinstufen empor; ganz ausgetreten
sind sie von den Füssen derer, die hier während mehrerer Jahrhunderte gegangen
sind. »Den Fuchsbau heisst mr dees,« sagte Wendelin. - Wir kamen wieder ins Freie
und standen bald vor dem eigentlichen Klosterbau. »Da schau dees wunderbare
Kreuzgängle!« Wendelin meinte den gewölbten Gang, der in Form eines Quadrats um
den Klostergarten führt. Zwischen den schlanken Säulen der offenen Fensterbogen
blickt man hindurch, auf Rosen, Blumenbeete. Umwoben von wildem Wein, dessen
Blätter sich leicht röteten, war mitten im Garten ein steinerner Springbrunnen.
Von Becken zu Becken fiel raunend das Wasser. Rings blühten weisse Rosen.
    »Oh, diese Kreuzwölbungen!« schwärmte Wendelin, der Sinn für harmonische
Form hatte. »Wie zart fügt sich dees alles! Pflanzenhaft scheint der Stein
emporzuwachsen, zur Decke rankt er - da hat's zierliche Gewebe. Gelt? wie reich
an Abwechslung die Schnörkel da sind! Alle paar Schritt kommt ein neues, eigen
erfundenes Schlussstück. Alles so schön matematisch. In eme Kloschter, wo man so
wandeln kann, in lieblicher Ordnung - da könnt i's allefalls aushalte, trotz
Geisselkammer ond so Zeugs. Guck die Schwälble da, wie die sich wohl fühle!« Und
er deutete auf Schwalben, die ihre Nester zwischen das steinerne Rankwerk
geklebt hatten - mit anmutiger Hurtigkeit, geisterhaft lautlos schwebten sie
durch die Kreuzgänge. Mücken haschten sie, ihr Jauchzen mischte sich ins sanfte
Geraume des Brunnens.
    Bald sass Wendelin in einer Nische, mit dem Stift in sein Skizzenbuch
zeichnend. Ich aber hatte im Klostergarten Platz genommen, bei dem singenden
Brünnlein und den weissen Rosen. Weiche Töne suchte ich meiner Blechflöte zu
entlocken. Ich liebte eine Weise, die am Sommerabend Lustnauer Mädchen sangen:
»Durchs Wiesetal gang i jetzt na,
Brech lauter Batenke dort a ...«
    »Fertik!« sagte Wendelin und wies mir seine Zeichnung. Klar und innig gab
sie den Kreuzgang wieder. »Komm jetzt weiter!« Ich folgte in eine offene Halle.
Mitten stand auf einem niedrigen Sockel das Steinbild eines bärtigen Ritters.
»Graf Aeberhard im Bart!« sagte Wendelin - und ich bestaunte die kraftvolle
Gestalt im Harnisch, das gebieterische Gesicht mit dem wallenden Bart.
    »Aus Sandstein ist er, scheint's,« sagte ich zu Wendelin, der wieder
zeichnete. Um die Steinart festzustellen, wagte ich die Hand zu befühlen, die
der Majestätische mir entgegenstreckte. Und ermutigt, weil er sich das gefallen
liess, klopfte ich mit der Blechflöte ein wenig an Eberhards Zeigefinger. Wie
erschrak ich, als der Finger knack machte und - abgebrochen auf der Steinfliese
lag. - Himmel, was hatte ich angerichtet! Erst glaubte ich, mich narre eine
Sinnentäuschung. Aber da lag der Finger, an der Hand war ein Stumpf. »Wendelin!«
stöhnte ich. »Etwas Schreckliches ...« Er stand an meiner Seite und sah die
Bescherung. »O Himmel! Dees ischt e beese Gschicht!« Schon hatte er das
Skizzenbuch in seiner Jackentasche geborgen und die Schülermütze aufgesetzt,
während ich den abgebrochenen Finger aufgehoben hatte und anstarrte. Wie gelähmt
war ich, als jetzt hastige Schritte nahten ... Der König kommt! dachte ich.
    Doch ich durfte aufatmen - der da kam, war Freund Uli. »Ach, Uli!« klagte
ich und berichtete, was geschehen. »Fort! Net lang gfackelt!« drängte Wendelin.
Aber Uli beschwichtigte: »Immer kalt Blut! Zeig dees Fingerle her! Vielleicht
kann mer's napappe! Hat keiner e bisle Leim?« Mit gekneteter Brotkrume suchte er
den Finger an den Stumpf zu kitten - vergebens. Das Fragment fiel ab.
    »O Brunole!« sagte Uli geringschätzig - »bischt du e Kerle! Ond damit net
genug! Auch noch d Linda tuscht uns auf den Hals lade!« - »Wieso? Linda? Ich
hätte -? Linda Kuttler? Unsinn!« - »Doock! Sie ischt komme, mit ihrem Bruder,
doran bischt doch du schuld. Dem Enzio hascht gesagt, dass mr in Bebehause send
mit dem Kandidate.« - »Das hab ich allerdings gesagt - aber nicht, dass er
mitkommen soll! Die Linda einzuladen, wäre mir erst recht nicht eingefallen. Ich
weiss ja, der Kandidat kann sie nicht ausstehn!« - »Also! Grad deshalb war's
onvorsichtik von dir, zum Enzio zu schwätze. Du solltest doch wissen, wie
aufdringlich die Linda dem Kandidaten nachstellt.« Und es erzählte Uli, er sei
mit dem Kandidaten den Waldpfad dahergekommen, der die Landstrasse begleitet, -
da hab' er die Linda mit dem Enzio bemerkt. Weil sie Bebenhausen zugingen, habe
sich der Zusammenhang erraten lassen. Der Kandidat sei nun stehen geblieben: Mit
der Linda mög' er net zusamme sein, um keinen Preis. Er schlag' daher vor, dass
man ein andres Ziel als Bebenhausen wähle. Uli solle nach dem Kloster springen,
Wendelin und mich verständigen - Treffpunkt Olgahain. »Also jetzt, da bin i, ond
ihr wisst Bescheid. Auf, ganget mr! Dass ons dr Enzio net trifft ond die Linda!«
    Aber da kam er schon. An unserer unfreundlichen Miene merkte er sofort, er
sei nicht willkommen - misstrauisch rollten ihm die schwarzen Augen. Der
freimütige Uli sah ihn fest an: »Du, Enzio? Waas willscht denn du bei ons? Heut
hänt mr deine Gesellschaft net gern. Der Kandidat Hainlin, grad heraus gsagt,
mag mit der Linda net zusammetreffe. Ond jetzt ganget mr! Nix wird aus dr
Partie! Du bischt schuld, dass die Linda mitkomme ischt - deescht einfach
taktlos!«
    Roten Kopfes stammelte Enzio: »Dees - dees ... Mei Vatter hat mir den
Ausflug bloss gestatte wolle, wenn die Linda mitkam.« - »Na hättescht selber
wegbleibe solle,« entschied Uli kühl. - »Aber - aber ... was ischt denn mit der
Linda? warom mag dr Kandidat sie gar net?« - »Also Enzio - wenn du's wisse
willscht: die Linda ischt e charakterloses Weibsbild!«
    »Enzio!« sagte ich beklommen. »Ohnehin könnten wir nicht in Bebenhausen
bleiben. Wir müssen uns gleich aus dem Staube machen. Sieh doch, hier fehlt dem
Eberhard der Finger.« - »Ha,« sagte er stutzig - »wie ischt dees komme?« - Und
ich erwiderte kurz: »Abgeschlagen ist er - mit der Flöte! Fort müssen wir, ohne
Verzug - sonst kriegt man's noch mit der Polizei zu tun.« Ich hatte noch so viel
Besonnenheit, den Finger in eine Ecke des Refektoriums zu legen - damit er dort
beim Fegen gefunden würde. Enzio blickte finster und verkrümelte sich.
 
                                 Beim Einsiedel
So kam's, dass aus der Geburtstagsfeier in Bebenhausen nichts wurde. Aber der
Kandidat Hainlin, den wir im Olgahain trafen, wusste Entschädigung: »Na ganget mr
halt zum Einsiedel!« Jubelnd stimmten Uli und Wendelin dem Vorschlag zu. Den
Einsiedel, diese Lieblingsstätte Eberhards im Bart, hatten sie rühmen hören,
waren aber bisher noch nicht hingelangt. »Ischt dees net, wo Ihr Onkel Guhl
wohne tut?« fragte Wendelin, und Hainlin erwiderte: »Gewiss! Der wohnt beim
Pächter der Domäne Einsiedel. Und wird sich freuen, dass ich ihm Pennälerle
bringe, von denen ich ihm erzählt hab.«
    Die Wege im schattigen Olgahain sind gepflegt - einmal freilich mussten wir
steil empor durch rauhes Dickicht. Wieder abwärts ging's, es kam die Schlucht
des Kirnbaches, dann eine neue Waldhöhe. In hochgelegener Feldlandschaft waren
Landleute mit der Kornernte beschäftigt. Pfrondorf berührend, bogen wir in ein
Wiesentälchen ein. Laubwald ragte als dunkelgrüne Wand hinter der Kerbung des
Geländes, durch die ein Bach floss. Hinüber führte ein Steg aus dicken Stämmen.
Alte Buchen bildeten das Gewölbe, dessen Schattigkeit vom Sonnengold durchäugelt
wurde. In die steingraue Baumrinde hatten Besucher Buchstaben und Herzen
geschnitten.
    Aus dem Walde getreten, waren wir auf einer Hochebene, die umfassenden Blick
auf die Alb eröffnet. Sanft blauten die Berge, weisse Wolken schwammen drüber.
Durch Stoppeln führte ein Grasweg, den alte Apfelbäume einfassten. Man sah die
Spuren von Schafen; drüben in der Ferne blökte und wimmelte die Herde. Nun kam
Stallung, Rinder brüllten, auf den Tennen hüpften Dreschflegel. Inmitten
landwirtschaftlicher Gebäude lag ein Wohnhaus, von Wein berankt. »Hier wohnt
Onkel Guhl,« sagte Hainlin - »er wird aber beim Schlössle sein!« Nachdem wir ein
Geviert von Ställen, dann ein Tor passiert hatten, deutete Hainlin auf einen
altertümlichen Bau: »Da hänt mr den Einsiedel!«
    Vom ehemaligen Kloster war nichts übrig als ein Steinportal nebst
halbversunkenem Gemäuer. »Im Baurekrieg ischt alles zerstört, Aeberhards
Lieblingswerk ischt verfalle - bloss sei Weissdorn, der grünt.« - »Weissdorn?«
fragte ich. - »Ha, kennscht denn du dees Gschichtle net?« fragte Uli. Und
Hainlin fügte hinzu: »In deim Uhland steht doch die Ballade von Aeberhards
Weissdorn. Der damalige Graf im Bart hat e Wallfahrt gemacht zum heiligen Land -
und soll davon en Weissdornzweig heimbracht haben. An seiner Lieblingsstätte hier
hab er den Zweig in die Erde gepflanzt - ond e Baum sei draus worde. Drüben seht
ihr ihn - zwischen Apfelbäumen, e Steintisch drunter. Aber der Onkel, den i da
vermutet hab, ischt net da. Ganget mr, ihn suche!«
    Seitwärts abbiegend, wandelten wir am Graben hin, der das Klostergebiet
umschliesst. Er war schmal, flach, wasserlos - schilfiges Gras wuchs drin. Die
Wehrmauer dahinter hatte nur Mannshöhe, und von unserm Pfade konnten wir
hinüberblicken ins Bereich des ehemaligen Klosters. Allerdings war nichts weiter
zu sehen als Rasen mit Obstbäumen und Gesträuch, Beete mit Salat und Bohnen.
    Ein Hund schlug an, und gellend pfiff auf dem Finger Herr Hainlin. Drüben
zwischen den Beerensträuchern erschien kläffend ein rehbrauner Dachshund, und
der Kandidat deutete auf eine Gestalt, die sich bei einer Bretterhütte zu
schaffen machte: »Da hänt mr den Onkel! Seine Lieblinge tut er füttre. Hört ihr
ihn locke?« Wir vernahmen, soweit es das Hundegebell zuliess, ein zirpendes
Gezwitscher, das wohl von einer Trillerpfeife herrührte. Um einen weissbärtigen
Mann schwirrten Vögel, und etliche sassen ihm auf Hand und Schulter, nach
dargereichter Nahrung pickend. Neue Gäste kamen geflattert, Fink, Meise,
Goldammer, Rotschwänzchen. Auf einem Pfahl lauerte eine Krähe und krächzte
begehrlich.
    »Aus der ganzen Gegend kommen die Tierle zu ihrem Wohltäter, wenn er bloss
pfeife tut - ond so wenik Scheu hänt sie vor ihm, dass sie sich greife lassen.
Jetzt ist die Fütterung, scheint's, beendet ... Griess Goot, Onkel Guhl!« - Der
Angerufene winkte: »I komm scho!« Und näherte sich uns, fortgesetzt umflattert.
Am Steinportal, wohin wir zurückgekehrt waren, hüpfte uns der Dackel entgegen
und schwänzelte um den Kandidaten. Dann kam, etwas schwerfällig, doch für sein
Alter aufrecht genug, ein freundlicher Greis. Langes Weisshaar und ein
weisswallender Vollbart umrahmten das wettergebräunte Gesicht, aus dessen blauen
Augen Guterzigkeit strahlte. »Griess Goot, Jergle!« Er schüttelte des Neffen
Hand, freute sich über sein stattliches Aussehen, fragte eingehend, was der Arm
mache und wie es mit den Militärverhältnissen stehe, erkundigte sich nach Rosel
und nach Bolkendorfs Befinden - blickte dann behaglich in die Runde: »Dei
Schülerle? Dees da ischt der Uli, ond dees der Wendelin - leicht zu raten. Recht
so, dass ihr komme sind! Ihr hänt gewiss tapfer Hunger, gelt? I geh gschwind, i
hol was zom Veschpere.« Hainlin duldete nicht, dass sich der Alte bemühe, selber
ging er zum Verwalterhause, Speise und Trank zu bestellen.
    »Kommt, ihr Lateinerle!« sagte Guhl - »betrachtet derweilen den Ort! Nicks
Bsonders freile hat's da. Zunäckscht hänt mr dees Jagdschlössle. 's Innere bleibt
uns verschlosse - hausse aber ischt kaum ebbes zu sehe. Uebrigens kann dees da
net als ganz echtes Denkmal Aeberhards gelten. Dessen Jagdschlössle ischt im
Dreissikjährigen Krieg niedergebrannt - bis auf einen dürftigen Rescht - den hat
mr später ausgebaut.« Wir besichtigten das Gebäude. Unter überhängendem Dach hat
der Oberstock eine Galerie, die von fünf Holzsäulen gestützt wird.
    Die Magd, die nun mit Herrn Hainlin kam, richtete auf dem Steintisch an, was
sie beschafft hatte. Es wurde jedem Milch eingeschenkt und Brot gereicht.
Gemütlich war die Tafelrunde. Herr Guhl und der Kandidat sassen am Steintisch auf
der Bank - wir drei Knaben lagerten im Grase. Der Dackel stand wedelnd vor Uli
und erschnappte zugeworfene Brocken. Die Vögel wurden auch nicht vergessen -
traulich hüpften und hockten sie, sich zur Familie rechnend.
    Der Weissdorn, ein ziemlich dicker Baum, wölbte über uns die schattige Krone;
zwischen gekerbten Blättern hingen, noch grün, die Früchte. »Ja ja, so geht's,«
sagte Guhl - »Wachsen und Welken! Ond dees nennt mer's Lebe. E Sträuchle ischt
der Baum gwä, wie dr Aeberhard sei Schlössle erbaut hat. Wie dann 's
Einsiedelstift den Fünfzikjährigen aufgenomme hat, ischt scho e Bäumle
hochgewachsen. Später hat mr's abghaue; weil aber die Wurzel noch lebenskräftik
gwä ischt, hat sie en Schössling hervorgetriebe - der breitet jetzt den Wipfel
da. Ond so hält der Aeberhard über seine Landeskinder noch immer die gütige
Hand.«
    Gütige Hand - das Wort war mir peinlich, weil es mein Gewissen traf: Ich
dachte an die von mir verstümmelte Hand zu Bebenhausen. Hainlin hatte in meinem
Gesicht gelesen und lächelte mir zu.
    »Ond da herum« - sagte Uli mit Ehrfurcht - »liegt der Aeberhard begrabe?« -
»Er lag hier,« erwiderte Guhl. »Im Wald hat er ruhen wölle, unter Bäumen, wo er
den Hirsch gejagt, wo er später sinniert hat. Der Graf im Bart tut in den Wald
passe, hat ja selber ebbes Waldhaftes. Dees Waldhafte, Eigenwüchsige sollt im
Menschenkind Geltung behalten. Aber leider masst sich dr Menschewitz' ahn, es
auszuroden. Menschewitz hat auch hier gscheiter sein wolle als das Waldhafte.
Drum hat mr, nachdem der Aeberhard hier bestattet worden, vier Jahrzehnte später
seine Gebein ausgegraben und in der Tübinger Stiftskirch beigesetzt. Für en
Fürschten, so meint Menschewitz, sei's besser, in prunkender Gruft zu ruhn, als
in gemeiner Erd.«
    »Bitte, Herr Guhl!« sagte Wendelin - »können Sie wohl erklären, weshalb die
Ringmauern des Kloschters da so auffällik niedrik sind? Der Verteidiger hat ja
gradezu auf'm Erdboden liegen müsse, um durch die Schiessscharte ziele zu könne.
Oder ischt die Ruin in die Erd neigsunke? War die Erd etwa sumpfik? Schilfgras
wächst im Graben da. Wie i dees bemerkt hab, ischt mir's Gedichtle vom Uhland in
den Sinn komme: Ein Kloschter ischt versunken.« - »Net versunken ischt der
Einsiedel,« antwortete Guhl - »sondern rings um die Mauern hat sich das Erdreich
erhöht - vier Jahrhundert sind drüber hingange. Hänt ihr beim Bachstegle die
Buchstaben an den Baumstämmen gsehn? Frisch gschnitte, sind sie lesbar, doch im
jahrelangen Wachsen kommt von der Seit die Rinde herübergewallt, und schliesslich
sind da nur sonderbare Risse. So geht's mit allem, was einscht gewesen - und
selbscht Inschriften aus Stein werden unleserlich. Kommet! I will euch das
Grabdenkmal zeige, das dr Knecht beim Pflanzen eines Baumes aus Schutt
ausgegraben hat.«
 
                          »O Ewigkeit, du Donnerwort!«
Und zu jener Hütte führte uns Herr Guhl, wo er die Vögel gefüttert hatte. Unter
der Bedachung lag ein rechteckiger Stein, dessen Meisselung durch Abwaschen von
Erde und Moos gereinigt war. »Dees da han i entziffert.« Und Herr Guhl wies auf
eine Zeichnung, die auf ein Brett gespannt war: »Anno Domini ... die Jahreszahl
ist leider zerstört, der Name net ganz leserlich: Martinus ... Aber die Verse
han i so ziemlich beisamme: ... seind die Menschenkind / ... all Fleisch wie
Heu. Auff Tennen tanzt ein Würbelwind / Und bläset von dem Korn die Spreu / Was
staubgeborn, das muss verwehn / Nur was aus Gott ist, bleibt bestehn.« - Die
Lücken der Inschrift versuchten wir auszufüllen - Herr Guhl meinte, es seien
freilich auch andere Lesarten möglich. »Aber Lesart hihn, Lesart her - die
Hauptsach bleibt halt die Wahrheit vom Vergehn und von der Ewikkeit - gelt,
Jergle?«
    »Bitte, Herr Guhl, derf i noch ebbes frage?« bemerkte Wendelin bescheiden.
»Von Ewikkeit sprechen Sie. I möcht gern wisse, waas für Bewandtnis es hat mit
der Ewikkeit.« - Mit gutlaunigem Lächeln Guhl: »Ha, Büble - selbes möcht i au
wisse! Was onsereins begreife tut, wenik gnug ischt dees - ha!« Ernstaft sah er
den Kandidaten an. »Ka'scht du's vielleicht deute?«
    Dieser fand die Antwort: »Paulus meint: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Wort. Ja, von Dämmerung bleibt die Abspiegelung verschleiert -
mögen auch Umrisse hervortreten - nur Ahndeutungen sind's des ewik Wahren -
drüber naus kann Menschewitz net gelange ... O Ewikkeit, du Donnerwort!« -
Langsam nickte Guhl: »Donnerwort! Ein Blitz aber muss beim Donner sein. Den
Blitz, den wolle mer schaue!« - »Er blendet!« - »Blendet ond erleuchtet!« -
»Dees schon, Onkel Guhl - aber net dauernd erleuchtet er. Kaum, dass er aufzuckt,
ischt er wieder erlosche. Ond nicks Bessers hat er aus der Finschternis zur
Deutlichkeit erhobe als ein Sekundebild - was liegt daran! Mr kann's net fescht
halte!«
    »Immerhihn!« meinte Guhl. »In mancher Gewitternacht blitzt es so rasch
aufeinander, dass sich die Augenblicke wie Glieder einer Kette aneinander reihen.
Ond einmal han i e Wetter gschaut, sell ischt e einzige Flamm gwä: versteinerte
Zeit.«
    Leuchtenden Auges Hainlin: »Versteinerte Zeit!« Und zu mir gewandt, mit
leisem Lächeln: »Nunc stans lautet eine treffende Bezeichnung - was heisst das,
Bruno?« - »Ein Jetzt, das still steht.«
    »Allerdings, das ist die Ewikkeit,« bestätigte Guhl - »festgefrorener Moment
- richtiger noch: der unverwüstliche Zusammenhang aller Daseinsmomente - das
sonst von Trennung zerrissene Leben verschmolzen zur heiligen Einheit.«
    »Festgefrorener Moment!« nickte Hainlin - »Dies Wort, Onkel, erinnert mich
daran, dass du mal so ebbes erlebt hast - ich meine die Gschicht vom Herzog
Christoph - die solltescht dene Buebe da verzähle, gelt? Denket, ihr Buebe!
Unsern Herzog Christoph, der vor dreihundert Jahren gelebt hat, den Enkel
Aeberhards, hat Onkel Guhl mit eigene Augen geschaut - net bloss im Bild, nein
leibhaftik!« - »Ha!« stutzte Wendelin - »wie wär dees mögli?«
    »So möcht i selbr frage,« sagte Guhl - »i staun alleweil von neuem, dass ein
Moment, vor drei Jahrhunderten erstarrt, mir Gegenwart hat sein können. Ja, den
Herzog Christoph, den han i vor mir ghätt, wie jetzt euch! Bloss dass er wie e
Schlafender war ... So höret! Anno Zwanzik ischt's gwä - i bin damals im
Geschäft von meim Vatter, dem Tübinger Stadtmauermeischter, gwä. Da hat's
geheissen, das Grabmal vom Herzog Christoph tu sich über der Gruft senke und könn
einstürzen, wenn mer net vorbeug. Na hat mr beschlosse, die Gruft zu repariere.
Mei Vatter hat's übernomme, und i bin dabei gwä, wie mr's Gwölb geöffnet hat. Im
Schein der Laterne hänt wir da den Herzog liegen sehn - noch völlik unversährt,
als ob er grad entschlummert wär. Den Kopf mit dem Herzog-Hut auf dem
Purpurkissen, im Talar von grünem Samt. Auf dem schwarzen Wams eine goldene
Kette. Das volle Kinn vom runde Bart umgebe, dunkelbraun mit Grau vermischt.
Unerschütterlich ruhevoll war das gutmütige Gesicht, das gelblich blasse. Die
Hände lagen gefaltet, Ringe an den Fingern. Mit Ahndacht sah's, wer durfte.«
    Wir Knaben blickten schweigsam staunend den Alten an, der da unter dem Baume
sass, den Eberhard gepflanzt; und Eberhards Enkel, einen vor drei Jahrhunderten
Verstorbenen, hatte dieser Alte von Angesicht zu Angesicht geschaut. Geweiteten
Auges, wie ein Seher, fuhr Guhl fort: »Ja ja! Das war ein versteinerter Moment -
nunc stans. Wie nun Einbalsamierung den entschlafenen Herzog vor Vergänglichkeit
bewahrt, so entält die Ewikkeit alles, was einmal war, jeden Augenblick, in
sich geborgen, und zwar nicht bloss mumienhaft, sondern in Lebendikkeit, überdies
in säliger Harmonie mit dem Ganzen.«
    Wie ein Entrückter starrte Hainlin und sprach leise vor sich hin: »Species
aeternitatis, Schau der Ewikkeit! Ja, so könnte sie gelingen. Gleichwohl wäre
sie bloss Schau. Auf Aeusserliches erstreckt sich die Schau, das uns
gegenübersteht wie ein Gegenstand. Faust, der soeben schauen gedurft, wie alles
sich zum Ganzen webt, kann net umhihn, gleich darauf zu seufzen: Ein Schauspiel,
aber ach, ein Schauspiel nur! Wo fass' ich dich unendliche Natur? So möcht auch
ich das Ewige net als blosser Zuschauer erfassen ... Das bloss Gedachte ischt mir
net eigen gnueg - fascht äusserlich steht mir's gegenüber. Grad darauf aber käm's
mir ahn, das Ewige unmittelbar zu haben, net als Gegenstand, sondern innerlich!«
    »Zu haben? Sag lieber: zu sein! Um Ewiges ganz zu haben, müssen wir Ewiges
sein! Richtiger noch: Die Ewikkeit soll uns haben! Wie eine Mutter ihr Kind
umfängt.« - »Recht so, Onkel Guhl! Ja dann hätten wir sie unmittelbar!« -
»Vorerscht freile« - fuhr Guhl fort - »tut's Kindle net viel erlebe von seiner
Mutter - schlafe tut's meischt - benommen von wirrer Träumerei - und da ischt
ihm oft bang ... Aber wach kann's werde!«
    »Hilf mir, dass i wach werd!« sagte Hainlin, und es war in seiner weichen
Stimme ein Flehen: »Das Einzelne zu verbinden zum heiligen Ganzen! Wo ist der
Born, aus dem sich solche Macht schöpfen lässt?«
    »Liebe«, sagte der Alte, »ischt innikschte Schau der Ewikkeit. Wer's erlebt,
der weiss es. Musst halt derart lieben, - dass keine Zeitlichkeit hinanreicht zur
Höhe deiner Liebe.«
    Bei diesem Gespräche war uns Knaben zumute gewesen, als wachse vor uns ein
Felsenberg ins Ungeheure, so dass der Emporlugende Schwindel empfindet, dass er
meint, jetzt müsse der Berg auf ihn hereinstürzen. An den Glasberg gemahnte mich
dieser Felsenriese. So unermesslich freilich hatte ich meinen Märchenberg noch
nicht gesehn.
    Ein Aufatmen war's für mich, als jetzt zu Herrn Guhl eine zahme Dohle
gehüpft kam. Wir lachten über ihre Drolligkeit - wie sie krächzend, als begrüsse
sie ihn freudig, auf ihres Schirmherrn Schulter flatterte und da behaglich
kauerte, als sei's ihr angestammter Platz. »Bischt mei Peterle?« sagte der Alte.
- »Ich nenne ihn Hugin,« scherzte Hainlin. »Hugin und Munin sind Wotans heilige
Raben; alle Zeiten durchschauen sie, stellen also die Sehergabe dieses
Weisheitsgottes dar. Ja, Onkel, ein Seher bist du, hast von der weissen Schlange
gegessen, wie Merlin der Wilde - bist ein Zauberer, der sich und seine Gäste in
graue Vorzeit versetzen kann, tote Helden aus der Gruft beschwört und die
Sprache der Vögel versteht. Den Gedanken des Weltenmeisters weiss er nachzuspüren
- die Allsymphonie belauscht er, die Chöre der Engel ...«
    »Eure Chöre will ich belauschen -, ihr seid mir jetzt Seraphim, ihr jungen
Dachse. Wenn schön Wetter ischt, hat mei Grossvatter gern gsagt, so fliegen die
Engele spaziere. Drum hänt ihr Engele-Bengele heut beim alten Guhl vorgsproche,
gelt? I aber lass euch net eher wieder fort, als bis hier ebbes Schöns gesungen
ond geklungen ischt.« - »Singet unser Schwabenlied vom Weissdorn,« bestimmte
Hainlin - »die Buben hänt's in der Schul' gelernt, gelt?« Während nun im Wipfel
des Weissdorns, den das Abendgold verklärte, eine Grille geigte und kleine Vögel
gemütlich kauerten, als ob sie lauschten und zwitschernd mittun möchten,
erscholl es aus frischen Kehlen, und den Bass brummte der Alte:
»Graf Eberhard im Bart,
Vom Württemberger Land,
Er kam auf frommer Fahrt
Zu Palästinas Strand.
Daselbst er einsmals ritt
Durch einen frischen Wald;
Ein grünes Reis er schnitt
Von einem Weissdorn bald.
Er steckt' es mit Bedacht
Auf seinen Eisenhut;
Er trug es in der Schlacht
Und über Meeres-Flut.
Und als er war daheim,
Er's in die Erde steckt,
Wo bald manch neuen Keim
Der milde Frühling weckt.
Der Graf, getreu und gut,
Besucht' es jedes Jahr,
Erfreute dran den Mut,
Wie es gewachsen war.
Der Herr war alt und lass,
Das Reislein war ein Baum,
Darunter oftmals sass
Der Greis in tiefem Traum.
Die Wölbung, hoch und breit,
Mit sanftem Rauschen mahnt
Ihn an die alte Zeit
Und an das ferne Land.«
 
                                   Engelheim
Frau Schneckle, Studentenmutter in der Neckarhalde, hatte ihrem frühern Mieter
Herrn Hainlin sein altes Zimmer eingeräumt. Weil nun das Haus, wo wir wohnten,
unterhalb der Neckarhalde liegt, konnte ich durchs offene Fenster sowie vom
Garten her das Flötenspiel des Kandidaten belauschen, wenn er abends auf
Schneckles Altane sass und mit seinen Flötenseufzern Rosel grüsste, die in der
Laube träumte. Der kranke Herr Bolkendorf, dem Rosels Mutter die Wirtschaft
führte, hatte, wie gesagt, neben uns seine Wohnung. Unsere Beziehungen zu dieser
Nachbarschaft waren freundlich. Sah ich Rosel bei der Tanne gärtnerisch
hantieren, so war ich bereit, ihr zu helfen, und habe manche Giesskanne auf ihre
Salatbeete getragen. Mein Vater sass zuweilen am Bette des Patienten und
plauderte mit ihm von der Heimat.
    »Gespannt bin ich,« - sagte meine Mutter zum Vater - »was nun mit Rosel und
dem Kandidaten wird.« - »Sag einfach: ob er die Anstellung an der Töchterschule
erhält. Das ist entscheidend. Alsdann, wenn er Rosel ernähren kann, wird er wohl
ernstlich um sie anhalten - und sie gibt ihm keinen Korb.« - »Oder,« entgegnete
die Mutter, »wie's im Liede heisst, das Hainlin gestern geflötet hat, wird sie
sagen: Für die Zeit, wo du geliebt mi hast, dank i dir schön - und wünsch, dass
dir's anderswo besser mög gehn.« - »Oho! sie liebt ihn! Und Bolkendorf hat
seiner Sorge Ausdruck gegeben, mit ihrem Jugendfreunde werde sich Rosel
unauflöslich verbunden fühlen.« - »Unauflöslich? Irdische Verhältnisse sind
niemals unauflöslich. Rosel, im Grunde eine verständige Natur, muss sich sagen:
Jugendschwärmerei ist bald verflogen, und was dann? Einen vermögenden, übrigens
herzensguten Mann zu haben, ist besser als einen Schwärmer, arm wie ne
Kirchenmaus.« - »Ach ja!« seufzte mein Vater - »man könnte wahrhaftig meinen,
nicht der liebe Gott regiert unsre Welt, sondern der Geldbeutel. Aber Gott sei
Dank gibt's noch Menschen, die auch das Herz mitsprechen lassen beim Eheschluss.«
- »Du bist eben kein Realist! Hast selber was von diesem Träumlesjörg - so nennt
ihn Rosel und hat ganz recht!«
    »Und was würde Bolkendorf sagen - wie würde er fühlen - wenn sich nur
vermuten liesse, dass Rosel solchem - Realismus huldigte?« - »Na ja, erbaulich
wär's nicht. Aber was ist da zu machen? Bolkendorf hat nun mal das Pech, Krüppel
zu sein - und hat herzliche Pflege nötig - ist zudem verliebt in Rosel. Also
wird er ein Auge zudrücken! Ich wundere mich übrigens über dich - du bist
Bolkendorfs Landsmann und besuchst ihn - da solltest du ihm die Rosel gönnen.
Wirst doch wohl einsehn, dass es edelmütig von ihr getan wäre, Bolkendorf nicht
zu verlassen?« - »Edelmütig, ja! Aber aus blossem Edelmut soll man nicht
heiraten. Was wird sie denn, wenn sie den Patienten heiratet? Seine barmherzige
Schwester - so eine mit der Dienstaube! Schliesslich entartet sie zur
Madeere-Kuh.« - »Frauenlos!« versetzte die Mutter herb. - »Vor solchem Frauenlos
sollte Hainlin sie eben bewahren. Sollte ihre Hand ergreifen - oder wenigstens
ein ernstes Wort mit Bolkendorf sprechen - ihm dringend abraten ...«
    »Nun bin ich aber gespannt, was du in Bolkendorfs Lage machen würdest,«
fragte die Mutter. Der Vater räusperte sich, und, obwohl zögernd, kam die
Antwort: »Ich? Wenn ich Bolkendorf wäre? Hätte dann allerdings - warum auch
nicht? - den Wunsch, Rosel - bei mir zu haben - es zu dürfen! Wenn ich aber
sähe, dass sie innerlich zu Hainlin gehört, würd ich sagen: Heiratet euch! Hier,
Rosel, hier ist ein Geldzuschuss! Und wenn ich sterbe, vermach' ich euch ein
Auskommen. Und zu Hainlin würd' ich sagen: Mach' sie glücklich! Im Grunde will
ich ja nichts anderes, als Rosel soll glücklich sein, das ist die Hauptsache!« -
Tief atmend, schwieg meine Mutter - dann meinte sie nachsichtig, wie man zu
einem törichten Kinde spricht: »Aber, Mann!«
    »Ja!« bekannte mein Vater leise. »Es ist nichts mit jener Verliebteit, die
den Menschen haben will, wie man Eigentum hat. Wahre Liebe ist anders!« - Die
Mutter seufzte: »Ach Gott, Mann! Was du wahre Liebe nennst, ist bei den Engeln
daheim - nicht bei uns Menschen. Ich glaube übrigens, selbst dir würde es schwer
fallen ... Hand aufs Herz! Wärst du fähig, so uneigennützig, so engelhaft ...
wie?« - Demütig versetzte der Vater: »Ueber meine Fähigkeit wage ich nichts zu
behaupten. Aber eins weiss ich: Wer solche Liebe fertigbringt, rutscht nicht vom
Glasberg ab - der ist und bleibt im Engelheim.«
    Die Mutter schien gerührt: »Solche Liebe - wir Frauen meinen sie, wenn wir
ein Kind haben. Mann und Frau, die lieben einander anders - wenigstens
gewöhnlich - nein, fast immer!« - »Allerdings, mit dieser andern Liebe fängt ein
Paar gewöhnlich an - während es nicht mal den Grund zur Freundschaft gelegt
hat.« - »Du meinst, anfangen sollten sie mit der Engelhaftigkeit? Dann wären die
Ehen so selten wie Engel auf Erden, und an der Engelhaftigkeit würde die
Menschheit aussterben. Adam und Eva - heisst es - waren zwar anfangs im Engelheim
- aber ich kann mir nicht denken, dass der liebe Gott gemeint hat, sie sollten
sich bloss in heiliger Seelenfreundschaft finden - wie Hainlin und Rosel. Bei
Hainlin vermute ich allerdings, dass seine Unfähigkeit mitspielt, das Leben
realistisch zu nehmen. Er will lieber träumen und Junggesell als verheirateter
Schulmeister sein.«
    »Ganz einfach!« platzte ich dazwischen - »er will nicht ins
Tinten-Zuchtaus! So sagt Uli! Der durchschaut die Geschichte! Und weil Hainlin
nicht dazu passt, Pennal-Lehrer zu sein - und weil Rosel das einsieht, drum eben
will sie ihn nicht dazu verleiten.« - »Der Junge mag recht haben,« - sagte mein
Vater - »was kein Verstand der Verständigen sieht ... Hainlin will Rücksicht auf
Rosel nehmen - sie auf ihn - auch natürlich auf ihre Mutter - und auf
Bolkendorf. Und so entsagt Hainlin - wie Rosel entsagt. Dass es aber dahin kommen
kann, macht die Dumpfigkeit, die Sumpfigkeit, dran unser öffentliches Leben
krankt. Staat und Kirche und Schule und alles wird beherrscht von den
Philistern. Einem Menschen wie Hainlin gewähren sie kein Brot, wenn er nicht
mitmachen will. Soll ich sagen, wer mit Bestimmteit eine Madeere-Kuh ist?
Unsere Zivilisation! Um Futter zu haben, versauert sie im Stall auf der
Beletage. Und kennt die Sonne nicht. Neulich hat Hainlin das rührende Lied
geflötet vom Wanderer, der seine Engelheimat sucht: Ich bin ein Fremdling
überall. Wo bist du, wo bist du, mein geliebtes Land? Gesucht - geahnt - und nie
gekannt!«
 
                                Hundsgemeinheit
An einem Sonntag war's, nach Tische. Ich übte auf meiner Ziter, während mein
Vater schrieb und die Mutter in Haushaltsachen ausgegangen war. Da scholl die
Wohnungsglocke, gleich darauf hörte ich, wie eine Bassstimme sprach, und Uli trat
ein. Schmerzliche Spannung im Gesicht. Nachdem er meinen Vater wegen der Störung
um Nachsicht gebeten hatte, reichte er mir düster die Hand.
    »Ist etwas mit Hainlin?« fragte ich beklommen. - »Er will ons verlasse,«
lautete die dumpfe Antwort. - »So ist es nichts mit seiner Anstellung?« fragte
mein Vater. Ulis Auge sprühte Zorn, er schüttelte die Faust: »Den Denunziante,
den hundsmiserable, wenn i den ausfindik mach -!«
    »Denunziant?« stutzte mein Vater. »Herr Hainlin ist denunziert? Was soll er
denn verbrochen haben? Und wer hat denunziert?« Aufgeregt fuhr sich Uli durchs
Haar und lief mit grossen Schritten umher: »Der Ssaubock hat's tan! Der ond die
Linda! Hintertreibe will sie, dass Hainlin die Rosel kriagt. Dees neidige Huhn!
Ond mit dem Ssaubock hält sie's neuerdings!«
    »Und deshalb meinen Sie ...? Aber was ist denn eigentlich geschehn?
Tatsachen, Herr Ritter! Nicht blosse Verdachtsmomente!« Uli blieb vor meinem
Vater stehn: »Erschtens - Tatsach! Ein anonymer Brief an die Polizei, der
behauptet, in Bebehause hab Herr Hainlin mit seiner Flöt dem Standbild des
Grafen Aeberhard 's Fingerle abgschlage! Aber dees ischt verloge! Herr Hainlin
hat auf Ehrenwort erklärt, mit keinem Schritt sei er damals im Kloschter
Vebehause gwä, vielmehr beim Herrn Guhl im Einsiedel. Alsdann hat Frau Schneckle
zu Protokoll gebe, besagte Flöt sei damals auf Hainlins Bud glege, den ganze
Taag -! Na hat die Polizei davon Abstand genomme, die Sach weiter zu verfolge.«
- »Also!« sagte mein Vater - und mir fiel eine Last vom Herzen.
    Doch Ulis Gesicht wurde aufs neue finster: »Jetzt kommt die andre Tatsach:
Auch die Schulbehörde hat eine anonyme Denunziatio' erhalte. Hainlin hab e
Schmähgedicht auf den ganzen Schulbetrieb gemacht und hab's veröffentlicht in
der geheimen Schülerzeitong.« - »Und ist das Gedicht so scharf, dass es Herrn
Hainlin als Lehrer unmöglich macht?« fragte mein Vater. Uli entgegnete
spöttisch: »Im Ländle send mr halt - ond Herr Hainlin hat gesagt, da ghör d
Schulmeischterei zur Staatsordnung.«
    Ulis seelische Gespannteit schien sich einigermassen entladen zu haben, und
er nahm Platz, - heller wurde seine Miene: »Den heutige Tag möcht i net weiter
veronreinige mit so Hundsgemeinheit! Herr Hainlin bittet, wir sollten uns heut
net weiter mit dem Schmutz da befasse. Feire möcht er mit uns den Abschied. Ond
dazu soll i den Bruno einlade - ins Wengertäusle! Wenn Sie's erlaube, Herr
Wille, kommt dr Bruno glei mit - gelt?« - »Gewiss erlaub' ich's. Aber muss denn
gleich geschieden sein? Und wohin will Herr Hainlin sich wenden?« - »Nach Bonn
will er - da hat er nen Poschten in Aussicht als Hilfsbeamter der
Universitäts-Bibliotek. dabei könnt er sei Studium fortsetze - Germanischtik.«
    »Das freut mich für ihn. Und nun grüssen Sie Herrn Hainlin herzlich von mir.
Ich hoffe, ihm noch die Hand drücken zu können. Ueber die
Denunziationsgeschichte sagen Sie mir wohl später Näheres, Herr Ritter. Ihr
Verdacht gegen Linda Kuttler interessiert mich natürlich. Sollte sie wirklich so
bösartig sein?« - Mit bitterm Lächeln zuckte Uli die Achsel. Dann empfahl er
sich in seiner höflichen Weise, und ich ging mit ihm. Als wir durch die Gassen
schritten, wurde er wieder leidenschaftlich: »Der Ssaubock steckt dahinter! Aber
dem werd i's eitränke! Wart', du Hundsgemeiner!«
 
                              Reicher als die Welt
Herbstlich klar war das Wetter, dabei sommerlich warm, als wir zur Waldhäuser
Höhe emporstiegen. Am Weg in dürrem Gestäude gab's leis Gezirpe von Grashüpfern.
Aus dem geschorenen Rasen der Obstgärten blühten Herbstzeitlosen, die Bäume
strotzten von rotbackigen Aepfeln, stellenweise war im Laub ein goldig Lodern.
Als wir uns dem Schnützelputzhäusel näherten, sahen wir zwischen den Rebstöcken
Herrn Hainlin und seinen Onkel Guhl - sie musterten den stattlichen
Traubenbehang. Hainlin kam uns strahlend entgegen, Onkel Guhl hatte seine
ruhevolle Gemütlichkeit. Und es nahten Wendelin mit Berta Schneckle, Rosel mit
Frau Schneckle - diese beiden trugen Henkelkörbe.
    Während Frau Schneckle und Berta die Körbe zum Schnüzelputzhäusel trugen, um
Kaffee zu brauen, ging Hainlin mit Rosel Hand in Hand. Onkel Guhl berührte mit
keinem Worte den trüben Anlass unserer Zusammenkunft. Wendelin konnte sich nicht
entalten, leise mit mir darüber zu verhandeln, und ihm kamen die Tränen. Dann
wurden wir von Berta zum Häusel geladen und gingen hinauf ins Stüble.
    Der zum Fenster gerückte Tisch weiss gedeckt; bei einem Blumenstrauss die
Kaffeekanne nebst Tassen, ein Gugelhopf, eine Glaskanne Rotwein. Nach Frau
Schneckles Anordnung nahmen Hainlin, Rosel und Onkel Guhl in der Mitte auf
Stühlen Platz, während wir anderen zur Seite auf Bänken sassen.
    Für Hainlin und sich füllte Onkel Guhl zwei Gläser mit Wein und stiess an:
»Zum Kaffee han i mi noch immer net bekehrt - seit er mir vom Arzt verboten
worden - wie ich Schwindsuchtskandidat war ... Ja, ihr jungen Leut, damals hat
der Arzt das Gutachten abgegeben, keine zwei Jahr würd i am Lebe bleibe - ond
jetzt sind vierzik seitdem herum. Drum Prosit, Jörg ond Rosel! An mir wird
offenbar: dr liebe Gott fügt die Ding oft ganz anders, als der Mensch vermutet.
Also lasset uns net sorge! Vorschmack der üblen Sach ischt oft schlimmer als die
Sach selbscht. In der Gegenwart lasset uns lebe! Der Augenblick sei Ewikkeit!«
Friedlich lächelnd, stiess Guhl mit seinem Neffen an, schlürfte und lobte das
Weinle.
    Dann schwelgte sein Aug im Anblick der Alb, die durchs Fenster blaute. -
»Heut hat sie e Lächeln so sälik, wie damals, als i Glaubens war, sie zum
letztemal zu schauen. Was sie mir damals offenbart hat, gilt au für euch, ihr
Kindle. So höret!
    In meim Studentestüble war i glege, krank und einsam - bei der Burggass'
hoch oben, wo mr die Alb übers Steinlachtal aufsteige sieht. Aber dafür war mir
der Sinn schier vergange. Vom Fieber benommen, hatt i's Gsicht zur grauen Wand
gekehrt - läär ischt mir die Welt vorkomme, wie e taube Nuss - alsdann han i die
brennenden Augenlider gschlosse, gar nicks han i mähr sehe wolle - am gernschte
hätt i alle Gedanken aus meim dumpfe Schädel naustan. Dees kammer freili net
zwinge. Drum wimmelte hinter den Augenlidern e krauser Gedankeschwarm: Bilder
früherer Tage - allerlei Erlebtes und Grübelei. Und obwohl ich teilnahmslos
hinstarrte, kam mir die Frage: Hat's unter all dem ebbes, das dich wünschen
lassen könnt, noch am Leben zu bleiben? - Student war ich - aber an
Schulweisheit hatt' ich net Glauben - und der Burschefreud hatt ich mich
entalten müssen wegen meiner Kränklichkeit. Die Eltern waren tot, meinem fern
lebenden Bruder war ich entfremdet, net emal en Freund besass ich. Wohl hatt ich
seit Jahren e Mädle lieb - doch nur verstohle, ohn ihr's Herz entdeckt zu haben.
Was hätte sie denn auch gewollt mit me Verährer, der die Schwindsucht hat - und
dem sie nur kühle Freundschaft, keine Zärtlichkeit widmete. Zudem war's Mädle
fortzoge von Tübinge - an eme Novemberabend, bei glutik dunklem Gewölk hatt ich
Abschied von ihr genommen ... Wie ich das alles so bedacht hab auf meim
Krankenlager, ist mir durchs Herz das Lied erklungen ... Gelt, Jörgle? Dir ist
die Volksweise bekannt: Wenn ich an den letzten Abend gedenk, als ich Abschied
von ihr nahm - denn die Sonne scheint nicht mehr, ich muss scheiden von ihr -
doch mein Herz bleibt stets bei dir ... Seltsam hänt mich diese Worte ergriffen,
besonders die letzten: Mein Herz bleibt stets bei dir ... Welch ein Wunder, han
i denkt: hier liegt dr Körper, elend, ein verröchelndes Tier - die Seele aber
fliegt in weite Ferne, zu ihr, die ich liebe ...
    Wie mir selbiks Lied innerlich gehallt hat, ist es mir zum Wiegenlied worde.
Und hat mich in Schlummer gelullt. Tief muss ich geschlafen haben, denn wie ich
aufwachte, fühlt ich mich erquickt. Sonniger Tag war's, und grad wie heut
lächelte durch mein Fenster das Gebirg herein. In dieser neuen Form rührte mich
das Wunder von gestern. Denn ich sagte mir: Fern ist die Alb, aber du hast sie.
Und warum? Weil du sie lieb hast. Innen hegst du alles Liebe - und keine
Trennung, nicht Raum, nicht Zeit, kann dir rauben, was du liebst - ewiges Leben
hat die Liebe - einen Reichtum, so kostbar wie net emal Gold ... Und wie ich so
dachte, summte mir als süsser Trost der Schluss des Liedes durch den Sinn: Ich
gedenke noch einmal recht reich zu werden - aber nicht an Gut und Geld. Wolle
Gott mir schenken das ewige Leben - ei so bin ich reicher als die Welt.«
    Hier pausierte Herr Guhl in seiner Erzählung. Unter stillem Lächeln hielt er
seinen Kelch empor, drin ein Glimmen war, geheimnisvoll, als solle ein Abendmahl
genommen werden. Unvergesslich ist mir auch der glühende Blick, mit dem Rosel ihn
anstarrte - als wolle ihre Seele in sein Heiligtum stürmen. Dann winkte Guhl der
Alb zu und schlürfte langsam.
    »Ja, reicher als die Welt!« sprach er tief atmend - »der ist es, der sich
einlebt in die ewige Heimat. Was dort blüht, im Heilgemüt aller Schöpfung,
gehört jedem, der 's lieb hat. Und da gibt's keinen Hader um Mein und Dein. Ein
einzik Haben ischt wert, dass wir uns was draus mache: 's Liebhaben -
vorausgesetzt, dass man's ohne Habsucht meint. Nun mach du die Torheit der Welt
nimmer mit - tu die Augen auf! Fang recht zu leben ahn! Vom Siechbett deiner
Seele steh auf und wandle! - Die ferne Alb, die so zu mir gesprochen hat, ist
mir vorkommen wie des Herrgotts Vergissmeinnicht-Aug. Auf einmal hab ich sein
Wort verstanden, es könne einer von neuem geboren werden - aus dem Geist. Und
dieser Geist hat von da an mich hervorgebracht, wie eine Mutter ihr Kind. Und
gesprochen hab ich zu mir selber: bin ich auch nichts weiter als e gerings
Kindle dieses neuen Lebens, so han i doch Teil daran.
    Meine dazumal eingetretene Seelenerquickung hat allmählich auch den siechen
Körper geheilt. Immer besser ging's mit meinem Befinden - wiewohl der Arzt, wenn
er die Brust beklopft hat, sein Sorgengesicht net hat aufgebe wolle. Herr Doktor
- han i gsagt - Hand aufs Herz! Wie lang han i noch zu lebe? Hör' i den Kuckuck
noch einmal schreien? - Dees kammer hoffe! gab er zur Antwort - wollte mir aber
hökschtens noch zwei Jahr zuerkenne. Gut! han i denkt - so will i diese Frist
verständik ausschlürfe - wie e guts Tröpfle. Net Quantität sei mir's Leben, nur
Qualität. Jeder Tag, der mir vergönnt ist, soll Liebe bescheren - so wird er mir
zum Fest!
    Da ich neuntausend Gulden Vermöge hatte, nahm ich mir vor, jährlich
dreitausend zu verbrauchen - denn zu meiner Galgenfrist von zwei Jahren hatte
ich vorsichtik noch eins hinzugerechnet. Während ich zuvor mein Kapital
ängstlich gehütet hatte, um bloss von den Zinsen zu leben, war ich jetzt sorglos
in Geldsachen und wirtschaftete aus dem Vollen. Mietete eine sonnige Wohnung mit
Garten - bei Hausleuten, die gute Küche hatten - trank täglich mei Schöpple
Roten - unternahm Spritzfahrten in die Berg - hielt luschtige Kumpane frei ...«
    »Derf i einschalten, Onkel?« sagte Hainlin - »net bloss Kumpane, auch
mancherlei Notleidende hascht onterstützt - i ha's wohl erfahre. Bald ischt's e
bedrängter Handwerker gwä, en abgerissener Wandergesell, bald eine verwaiste
Familie oder ein arms Studentle.«
    »Wenn i's net leugne tu,« - erwiderte Guhl - »geschieht's bloss, weil i noch
sage möcht: Vom Überfluss mitzuteilen, ischt Lebenskunscht! Froh sein kann bloss,
wer andre froh macht ... Kurz, ich war e Art Feinschmecker - und das ist dem
Leib wie der Seel wohl bekommen. Wie meine zwei Jahr abgelaufen waren, befand
ich mich keineswegs am Rand des Grabes, sondern fühlte mich frei vom Husten und
rüschtik. Gut, dass noch für e drittes Jahr vorgesorgt ischt! han i denkt - und
es schien mir an der Zeit, auf einen Brotberuf bedacht zu sein.
    Für Gemälde interessiert, lernte ich einen Antiquar kennen - und nach einem
Gespräch über ästetische Dinge machte er mir den Vorschlag, mit meinen letzten
paar tausend Gulden in sein Geschäft einzutreten. Ich habe dann Reisen gemacht,
um vergessene Gemälde ans Licht zu ziehen - und mancher gute Fund ist mir
gelungen. So hab ich's erfolgreich getrieben, bis vor fünf Jahren mein
Geschäftsfreund verstorben ist. Seitdem such ich meinen Frieden, wo einscht der
Aeberhard gehaust hat ... Aber, Kinder! I bin am Schluss meiner Gschicht. Lasset
den Kaffee net kalt werde!«
    Bei dieser Mahnung an Behagliches der Erdenheimat löste sich die Spannung
der Lauschenden. In frohem Beifall raunten sie durcheinander und begannen zu
geniessen, was der Tisch bot.
    Durch Anklingen ans Weinglas bat Hainlin um Gehör: »Ihr Lieben, elend sind
diese Wochen für mich gwä - an den himmlischen Lazarus han i denken müssen, wie
den ein höllisch Gequälter um e Tröpfle Wasser anfleht, seine dürre Zung zu
kühlen. Nun hat mich arme Seel mein Onkel Guhl erquickt mit seinem Lebenswasser
- hat auch Rosel erquickt - ich seh's ihr ahn. Oh! wir waren arg bedürftik. Die
Sehnsucht nach dem Ewigen, die ich hier spür - Onkel Guhl hat sie geweckt - ja
alles, was ich Gutes in mir spür, in ihm hat's Wurzel. Das sei dir unverhohlen,
mei guter, guter Onkel, ond gedankt.« - Die beiden Männer schüttelten sich die
Hände, wortlos vor innerer Bewegung. Tränen im Auge, stand Rosel auf - Hainlin
folgte ihr. Auch uns andere hielt es nicht mehr lang im Häusel.
    Als wir draussen wandelten, sah ich hinten im Obstgarten Hainlin und Rosel
beisammen stehen. Eindringlich schien er zu sprechen - hielt ihre beiden Hände
gefasst - das Paar sah einander in die Augen. Plötzlich schlang sie die Arme um
ihn - sie küssten sich. Dann kehrten sie zu uns zurück.
    An jeden richtete Hainlin nun ein paar herzliche Worte, dazu gab's
Händeschütteln und Umarmung. Wehmütig lächelte Berta den Kandidaten an: »Schier
könnt mr meine, da wär dr Bahhof, und Herrn Hainlins Zügle sollt glei abfahre.«
- »Noch net!« entgegnete Hainlin mild - »ond net e Lokomotiv soll jetzt pfeife -
sondern, mit Verlaub, bloss i auf meiner Flöt.«
    Das war allen willkommen - aus dem Häusle holte Hainlin das Instrument: »Von
drüben möcht i blase, gelt? Aus der Ferne klingt's besser.« Er deutete auf den
benachbarten Weingarten, der einen Vorsprung des Berges bildete.
    Dortin sahen wir ihn gehen - unterwegs tat er den Hut auf - der Sonne
halber, die aus geröteten Wolken ihr Abendgold strömte. Zwischen Obstbäumen
hatte er sich verloren - nun klang die Flöte herüber - in langen Tönen, weich
und bebend. Es war das Lied, von dem Onkel Guhl gesprochen hatte - er nickte in
stummer Rührung - lauschend bedachten wir die Worte: »Wenn ich an den letzten
Abend gedenk, als ich Abschied von ihr nahm ...«
    Wie diese Strophe geblasen war, erwarteten wir Fortsetzung - sie schien
nicht kommen zu wollen, und vergebens rief Uli: »da capo!« Nach einer Weile aber
sang die Flöte nochmals - jetzt aus grösserer Entfernung:
»Ich gedenke noch einmal recht reich zu werden -
Aber nicht an Gut und Geld.
Wolle Gott uns schenken das ewige Leben -
Ei, so bin ich reicher als die Welt.«
    Als nach langer Pause kein Laut mehr kam, brach Rosel in Schluchzen aus.
Berta starrte ängstlich dortin, wo Hainlin verschwunden war. Er ist ganz fort!
schoss es mir durch den Sinn. Da trocknete Rosel mit dem Tüchle die Augen und
sprach mit sanfter Festigkeit: »Er lässt schön grüsse - keiner soll ihm nachgehe -
er ischt fort!«
 
                                  Die Meuterei
Ssaubock hatte herausgeschnüffelt, demnächst solle unser Gymnasium visitiert
werden durch ein grosses Amtstier aus Stuttgart. Wohl wissend, dass seine Schüler
im Französischen verwahrlost seien, fürchtete er, durch sie blamiert zu werden.
Bat sie daher, noch rasch etwas zu lernen - und sich einstudieren zu lassen, was
zu antworten sei auf Fragen, die er stellen werde. Zur Einpaukung sollten wir am
Sonntag vormittag erscheinen. Darob erbost, beschlossen wir, zu meutern. Als
Bock die Klasse betrat, war sie leer - auf der Tafel stand dick mit Kreide: »Du
sollst den Feiertag heiligen!«
    Nicht zu uns in die sechste Klasse kam der Herr aus Stuttgart, sondern in
die höhere. Von Uli angestiftet, hatte sich diese verabredet, möglichst dumm
aufzutreten, um den Ssaubock in seiner Unfähigkeit zu zeigen. Der Schulrat war
denn auch starr über die allgemeine Unwissenheit. Da die Uebersetzung des
Ausdrucks »ich habe zu verdanken« Schwierigkeiten machte, sagte der Schulrat:
»Bildet mal einen Satz mit verdanken!« Stumpf sass die Klasse da, keine Hand
zeigte auf, und jeder Gefragte blieb maulfaul. - »Unerhört!« grollte der
Schulrat. Da hob Uli den Finger, stand stramm und sprach in festem Bass: »Das
Wenige, das die Klasse im Französischen gelernt hat, verdankt sie natürlich
ihrem Lehrer.« Bock bekam seinen roten Kopf - vor Wut zitternd, wandte er sich
an den Schulrat: »Dieser Schüler ischt e ganz gefährlicher Bursch - eine geheime
Schülerverbindung hat er gegründet - was ich hiermit gehorsamscht zur Meldung
bringe. Da hab ich's corpus delicti, eine Schmähschrift auf die Schule. Das
Heilikschte wird da in den Kot gezerrt, oh!« Was Bock dem Schulrat überreichte,
war unsere Schülerzeitung.
    Der Schulrat blickte hinein, stutzte, las weiter, schüttelte den Kopf und
fragte: »Herr Präzeptor, wie sind Sie zu dieser Schrift gekommen?« - »In seim
Zimmer han i die gfunde!« behauptete Bock. - »Dees ischt ver-loge!« brüllte Uli,
»Be-trug hunds-gemeiner!« - »Wa-waas?« rief der Schulrat ausser sich - »sofort -
ins Konferenzzimmer mit dem Lausbubn!«
    »Den Ssaubock da - den bringen's vor Ihre Konferenz! Net mi! I gang scho
selber! Ond pfeif auf dees Tinte-Zuchtaus ond die ganze Schul!« Bücherranzen
und Mütze nahm Uli - und der lange, starke Bursch verliess das Lokal, nachlässig
schlürfenden Schrittes, im Gesicht kalten Trotz.
                                       *
    Sein Leugnen war nicht aus Furchtsamkeit erfolgt. Er besass den Mut, für
seine Handlungsweise, wo es sein sollte, offen einzustehn. Bocks Angabe, er habe
die Schülerzeitung auf Ulis Zimmer gefunden, war tatsächlich eine gemeine Lüge.
    Die Dinge hingen folgendermassen zusammen, wie Uli mir nach der Katastrophe
dargelegt hat: Das Exemplar unsrer Schülerzeitung, das Bock zu erlangen
verstanden hatte, gehörte Enzio und war von Linda ausgeliefert worden, unter der
Bedingung, dass man ihren Bruder aus dem Spiel lasse. Bock wollte Hainlins
Anstellung und Verbindung mit Rosel hintertreiben, und obwohl er verheiratet
war, hielt ihn die sinnlich-gefallsüchtige Linda am Bändel. Bock hätte sich
damit begnügen können, Hainlin zu kompromittieren, hätte also, nachdem die
Abschrift des Hainlinschen Gedichts ihre Wirkung getan, die Schülerzeitung nicht
vorzubringen brauchen. Aber nicht bloss einen Konkurrenten wollte er beseitigen,
sondern auch Uli, den er zu fürchten hatte.
    Bock hatte sein Ränkespiel folgendermassen angelegt: Der Schuldiener, alias
»Puddel«, bei dem Uli Wohnung und Kost hatte, benahm sich Lehrern gegenüber mit
der Unterwürfigkeit des kleinen Beamten, und so fiel es dem Ssaubock nicht
schwer, hier zu erreichen, was er wollte. »Herr Kordes,« hatte er feierlich
gesprochen, »ich komme zu Ihnen, weil die Aehre unsrer Ahnstalt auf dem Spiele
steht, und man erwartet von Ihnen, dass Sie mir sofort behilflich sind, den Dorn,
der unsre Schulmoral vergiftet, zu entfernen. Ulrich Ritter, den Sie in Pension
haben, ist der Rädelsführer eines Geheimbundes, der's arg treibt. Im Keller des
Schlosses, wohin sie als Einbrecher gedrunge sind, hänt die Kerle wie Studente
gsoffe. Wer Rädelsführer ischt, könne Sie sich denke, gelt? Ulrich Ritter, der
bei Ihm wohnt. Dass er gschasst wird, scheint onvermeidlich. Aber's braucht Ihne
net leid zu sein - e Sälenverderber ischt dieser Lausbub - ond einen Pensionär
von besserer Art will i mit dem Herrn Direktor Ihne verschaffe. Jetzt aber zur
Tat! Es trifft sich gut, dass dr Ritter graad spazieregange ischt, gelt? Sie
haben mich unverzüglich auf sei Zimmer z' führe - Haussuchung muss i halte - im
Namen der Schuldisziplin, verstande? Ond im Vertraue gsagt - morge kommt dr
Schulrat aus Stuggart.«
    Der überrumpelte Puddel, ein ehemaliger Feldwebel, ohnehin gewohnt,
strammzustehn wie einst vor seinem Hauptmann, hatte nichts gegen dies Ansinnen
einzuwenden gehabt, und so war's gekommen, dass der Ssaubock auf Ulis Bude
gelangte. »Aha!« schnüffelte er - »nach Tabak riecht's! Da steht die lange
Pfeif! Am Bierstudiom hat's der saubere Ritter an net fehle lasse. Aber dees
ischt jetzt Nebensach. Die Bibliotek da will i mal revidiere - da scheint mir's
net richtik zu sei.« Und indem er sich bei Büchern und Heften zu schaffen
machte, tat er so, als hab' er soeben hier die Schülerzeitung gefunden - während
er sie ja von Linda hatte.
 
                                Bierkügles-Bock
Das war vor einer Woche geschehn. Als mir Uli nunmehr, nach seinem Weggehn vom
Pennal, diese Dinge auseinandersetzte, wandte ich ein: »Aber, Uli, hat er nicht
vielleicht doch ein dir gehörendes Exemplar erwischt?« - »Unmöglich!« schrie Uli
- »seit vier Wochen ischt kei Exemplar bei mir - aus Vorsicht han i alles
beseitikt! Nie - der - träch - tik - ge - loge - ond - be - troge hat der
Ssaubock! Aber wart, Füchsle! 's Fangeisen lauert scho auf di - bald hat's
gschnappt!«
    Was Uli angedroht hatte, ging in Erfüllung. Persönlich spielte er dabei
keine andre Rolle, als dass er die Fuchsfalle gestellt hatte - was schon vor
Wochen geschehen war. Eben weil Bock davon Witterung erhalten hatte, war er mit
seinem Ränkespiel rasch bei der Hand gewesen - durch vernichtenden Hieb hatte er
dem Angriff des Gegners zuvorkommen wollen. Das war ihm zwar gelungen, aber nun
platzte der Angriff los, den Uli gegen ihn eingeleitet hatte. Dass Uli inzwischen
von der Schule entfernt war, machte nichts; die von ihm gestellte Falle
bedurfte, um zuzuschnappen, nicht seiner Anwesenheit.
    Angesponnen hatte sich die Sache folgendermassen: Bei verstohlenem Biertrunk
im »Waldhörnle« war Uli mit der Kellnerin Alma Freund geworden. Sie hatte ihm
anvertraut, Präzeptor Bock, ihr täglicher Gast, prelle sie planmässig um einen
Teil der Zeche; fast jedesmal unterschlage er etliche Bierkügelchen. - Brachte
die Kellnerin dem Gaste einen Schoppen, so legte sie auf den Untersatz ein
Schrotkorn. Um die Zeche festzustellen, brauchten bloss die Bierküglein gezählt
zu werden. Natürlich setzt diese Einrichtung voraus, dass die Gäste Redlichkeit
bewahren - und in dieser Hinsicht hatte Alma bis dahin keine üblen Erfahrungen
gemacht. Der Saubock aber war nicht, was der Studio »bierehrlich« nennt. Beim
Kassemachen hatte Alma bemerkt, dass ihr am Gelderlös jedesmal, wenn Bock gezecht
hatte, etliche Schoppen fehlten. Er musste also Bierkügle verschwinden lassen.
Geschah's aus blosser Unbedachtsamkeit? Undenkbar! Er war doch kein Neuling auf
der Bierbank! - Alma hatte dem Wirt ihr Leid geklagt, doch dieser hatte erklärt,
sie dürfe keinen Gast beschuldigen, ohne Beweis zu haben. Mit Bock mochte er's
nicht voreilig verderben - und so hatte die Kellnerin einstweilen den Schaden zu
tragen.
    Als Uli die Geschichte hörte, blitzte sein Auge wie das eines Jägers, dem
ein Wild ins Garn gehen will. Er entwarf den Plan zu einer Verschwörung, um den
Betrüger zu entlarven. Ein paar Gogen, von Alma beschafft, waren die
Mitverschwörer. Wochenlang überwachte man den Saubock im »Waldhörnle«, wobei
auch Wirt und Wirtin halfen. So wurde festgestellt, dass Bock, wenn er sich
unbeobachtet glaubte, ein paar Bierkügle vom Untersatz nahm und in der
Westentasche verschwinden liess.
    Die gelegte Schlinge wurde zugezogen, als Bock inmitten einer Gesellschaft
angesehener Männer kneipte. Beim Rechnungmachen gab er an, neun Krüge Bier
getrunken zu haben, und wies auf die neun Bierkügle, die da lagen. »Zwölf hänt
Sie - ond mit zwölf Kügle han i au markiert.« - »Wenn aber bloss neun da send!«
knurrte Bock. - »Na hänt Sie halt drei wegtan,« war die ruhige Antwort. - Bock
war aufgesprungen und versuchte, sich in die Brust zu werfen: »Ha! Herr Wirt!« -
»Da bin i!« sagte der Wirt. »Weiss scho! Hab die Sach beobachtet, mit meiner Frau
- heut schon den vierte Abend. Die Kügle hänt Sie in der Westentasch da ...«
Bock wich einen Schritt zurück und machte eine abwehrende Handbewegung - ein
umgestossener Bierkrug entleerte sich.
    Plötzlich waren die beiden Gogen an seiner Seite, und jeder hatte einen Arm
Bocks in festem Griff: »He holla, Herr Präzeptor! Vorsicht! gelt?« Zu gleicher
Zeit hatte jener Kellner, der zu den Verschworenen gehörte, in Bocks
Westentasche gegriffen, und da waren die Kügelchen! »Ha natürli! Drei Stück!« -
Saubock, den die Gogen nicht mehr gepackt hielten, war bleich geworden und
stammelte: »Ha waas ischt jetzt dees? Bin denn i -?« - Von den Tübinger
Honoratioren, die Zeuge dieser Szene waren, versuchte einer die Sache ins
Harmlose zu ziehen: »Der zerstreute Professor - hat in Gedanken ...«
    Das war der Strohhalm, an den sich der Ertrinkende klammerte: »I glaub
wahrhaftik, Sie hänt recht! Ssimpel, der i bin! Jetzt also, Freilein Alma - da
hänt Sie drei Mark Trinkgeld - fünf Mark - zehn Mark! als Pauschalsumme, gelt?«
- »Trinkgeld will i koins,« entgegnete Alma frostig - »ond Manko han i weit mähr
ghätt.« - »Also! Dees zahl i! Nicks für ungut, Freilein! Schicken Se mir die
Rechnung, gelt?« Angstschweiss auf der Stirn, strebte Saubock nach seinem Hut -
man liess ihn ziehn, ohne zu antworten.
    Dann brach die allgemeine Aufregung los - die einen schimpften, andere
lachten, wieder andere meinten, es könne tatsächlich Zerstreuteit vorliegen.
»Wenn an net grad dees!« sagte der Wirt. »Aber üble Ahngewohnheit - er kann's
net lasse! Von seiner Studentezeit her! Er macht's au mit de Laugebretzle so.« -
Was diese knusprigen Salzbrezeln betrifft, so wurden sie oft vom Wirt den Gästen
gespendet. Während diese dann mit Anstand und Bescheidenheit zulangten, hatte
Bock die unsaubre Manier, mit seinen Tintenfingern die Brezeln zu betasten und
etliche zu zerbrechen, so dass anderen Gästen der Appetit verging. Was nun auf
dem Teller liegen blieb, war Saubocks unbestrittene Beute.
    Mildernde Umstände machte Alma für ihn geltend, indem sie auf sein
häusliches Leben verwies. Eine lüderliche Schlumpe hab er zur Frau, die auch
noch e Drache sei - Trost könn' er ja bloss im Wirtshaus finden. Dieser Ansicht
trat die öffentliche Meinung bei, und »Bierkügles-Bock« hiess jetzt der Präzeptor
- bis man geltend machte, der Name »Ssaubock« sei halt doch bezeichnender, weil
er alles in allem entalte. In lachendem Geschimpfe ging die Entrüstung über
Bock unter. Er gehörte zu jenen Originalen der Stadt, denen man eine Art
Gewohnheitsrecht einräumte. Die Schulbehörde, zu der keine Anzeige gelangte,
bloss ein Gerücht, war heilfroh, dass sie in der Sache nicht zu rühren brauche,
und tat so, als liege hier bloss Zerstreuteit und Taktlosigkeit vor. Sie legte
Bock nahe, Tübingen zu verlassen - und das tat er bald - an andres Städtlein
beglückte er - als Rektor einer Mädlesschul'.
 
                                  Die Schlange
Von Pia, die seit September in Wurmlingen weilte, hatte Wendelin einen Brief
erhalten, der ihn furchtbar aufregte. Sie habe sich, schrieb sie, nunmehr fest
entschlossen, ins Kloster zu gehen. Warum? Darüber sei oft im einzelnen
gesprochen. Jetzt erkläre sie rundweg: Vor der Schlange, die auf dem
beiliegenden Bildle dargestellt sei, wolle sie ihre Seele retten.
    Die Schlange bedeute die Erbsünde. Nach Adams und Evas Verstossung aus dem
Paradiese halte sie das ganze Menschengeschlecht umringelt. Sogar den heiligen
Menschensohn habe sie versucht in der Wüste. Der freilich habe ihr den Kopf
zertreten. Es sei dies aber nicht so gemeint, als dürften wir Menschenkinder uns
jetzt einfach auf den rettenden Helden verlassen - man müsse ihm nacheifern.
»Drum« - so schloss Pia - »will ich meine Zuflucht nehmen zur benedeiten Mutter
Gottes, sie soll mich bewahren. Sind unsere armen Eltern der Schlange
anheimgefallen, so muss ich schauen, dass es mir nicht ebenso ergehe. Und schon
aus Kindespflicht hab' ich beizutragen, dass ihre gequälten Seelen zum Frieden
gelangen. Versäume ich das, so bleibt ihnen der Gram, dass ihr Kind ihnen
nachfolgt auf dem Unheilsweg. Und ach, mir ist so bang - ich bin in arger Gefahr
- bin so schwach. Heilige Jungfrau, steh' mir bei, dass ich der Welt entweiche,
wo die Versucherin immer neue Evaskinder zum Apfelbiss verlockt! Ich flehe zum
Himmel, dass mir keine andere Mutterschaft beschieden sei als jene, von der unser
Heiland spricht, es könne jemand von neuem geboren werden. Hilf mir, lieber
heiliger Geist, dass in mir ein neuer Mensch werde, der würdiger ist, Pia zu
heissen, als ich - deine arme, arg weltliche, doch zur Busse entschlossene
Schwester.«
    Dass Wendelin mir diesen Brief zu lesen gab, war ein Zeichen seiner
kummervollen Ratlosigkeit. Er hatte jetzt keinen anderen Vertrauten als mich.
Herr Hainlin war ja fort, und vor Uli sollte, wie der Brief beschwörend bat,
alles einstweilen geheim bleiben.
    Das Bild, auf das der Brief bezugnahm, war einer jener kleinen Buntdrucke,
die in katolischen Kreisen verbreitet werden, um Gestalten des kirchlichen
Lebens volkstümlich zu machen und erbaulich zu wirken. Vor der Pforte des
Gartens Eden, den ein Engel mit Flammenschwert bewacht, sieht man Adam und Eva
in angstvoller Lage. Während sie zwischen Dornen und Disteln weinend zum
verlorenen Paradies zurückverlangen - wobei Eva den angebissenen Apfel noch in
der Hand hält -, sind ihre zur Flucht erhobenen Füsse und ausgestreckten Arme von
der grossen Schlange umwunden. Indessen kommt auf weisser Wolke Maria geschwebt,
auf ihrem Arm den Retter der Welt.
    Im Zusammenhange mit dem Flammerschen Familienschicksal machte der Brief auf
mich wie auf Wendelin erschütternden Eindruck. Gleichwohl war Wendelin nicht
einverstanden mit seiner Schwester: »Waas redet sie von der Erbsünd? Dass ihre
Liebelei mit dem Uli sündik sei, die Verschrobenheit hat ihr der Beichtvatter in
den Kopf gesetzt. In der Welt da hat's viel Wüschtes. Aber mei Piale ischt reine
Unschuld. Ond die Erbsünd, von der ihr bangt, kann nicks anders bedeuten als des
Menschen leibliche Natur. Ha freile, die Leiblichkeit hält alle in Banden. Aber
warum hat sie uns der Schöpfer verliehn? Warum uns aus dieser Natur
herausgeschöpft? Warum sollen wir hernach büsse, wofür wir doch nicks könne?
Pfaffegschwätz!«
    Trotz solcher Freigeisterei kamen Stunden, wo Wendelin seinen guten Glauben
an die Natur wanken fühlte. Ein Buch über Bau und Leben des menschlichen Körpers
fand ich bei ihm aufgeschlagen, und ein paar Abbildungen überrumpelten mich, dass
ich in bange Verwirrung geriet. »Ist das wirklich so?« fragte ich - und er
nickte unter Erröten. Dann mochte ich das Buch nicht mehr sehen, auch nicht hier
bleiben - und wir liefen hinaus, in Wind und Regen. In der Platanen-Allee, die
bei dem Wetter einsam war, wagten wir zu raunen von den Dingen, die mich
bestürzt gemacht hatten, und die auch Wendelins klaren Kopf verwirrten. »Ich
habe geglaubt,« - sagte ich - »was die Jungen davon reden, sei gemeines
Geschwätz. Soll das nun wirklich wahr sein?« - »Ond i,« gestand Wendelin, »i han
gemeint - e Kindle wachs der Mutter unterm Herze - wie aus der Apfelblüt der
Apfel hervorwachst.« - »Ja - und stimmt das etwa auch nicht?« fragte ich
bekümmert. - »Wohl stimmt's - aber dabei ischt ebbes Rohes. Die Natur scheint's,
macht net viel Unterschied zwischen dem Menschen ond dem Viech.«
    Mir war, als sei eine weisse Lilie in widerlichen Unrat gefallen. Wir
schwiegen lange. Und traurig fuhr Wendelin fort: »Wann i denk, mei Schweschter -
tat so Sache ... oh!« Auch ich schämte mich für andre, die mir nahestanden, -
und für mich selbst - dass ich ein Menschenkind war.
    »Na möcht mr bald der Pia vergönne, dass sie ins Kloschter kommt - gelt?« -
Ich seufzte - und fügte kleinlaut hinzu: »Bloss dass sie dann immer eingesperrt
bleibt, das ist traurig.« - »Dees wär mir alsdann grad recht!« erwiderte er
bitter, »weil die Welt ahnsteckend wirkt mit ihrer - Ge - mein - heit!«
    »Und Uli?«
    »Ach, Uli! Der macht sich keine Skrupel - der denkt weltlich! Schau dees
Bänkle da! Weisst noch, wie wir da sind mit Uli gsesse - ond über so Sache hänt
gschwätzt? Der Uli ischt e derber Kerle!«
                                       *
    Die Bank im Seufzerwäldchen, wo jetzt Novemberlaub moderte, erinnerte mich
allerdings an das Gespräch. Kurz vor Ulis Entfernung hatte es stattgefunden -
und sich anfangs auf den übeln Ruf eines hübschen, von Studenten umschwärmten
Bürgermädchens bezogen.
    »Aekelhaft sind so Sache!« hatte Wendelin gesagt - worauf Ulis Antwort
lautete: »Aber sie sind natürlich! Honger ond Durscht ond Liebe, glaub mir,
solche Triebe hänt ihr eigene Philosophie. Wann i nen saftigen Pfirsich in dr
Hand hab ond i spür Durscht, na beiss i halt nein in die leckre Frucht. Iss du vom
Baum der Erkenntnis - na hascht mitrede - eher net!« Mit schelmischer Heiterkeit
hatte Uli so gesprochen, dann leichtfertig vor sich hingeträllert. Seine
Lebenskenntnis hatten wir schweigend bestaunt.
    Was mich betrifft, so war ich in solchen Dingen unerfahren, während Wendelin
darüber schon gelesen und nachgedacht hatte. Jetzt begriff ich, warum mich meine
Magdeburger Mitschüler noch in der Untertertia »die Unschuld« zu nennen
pflegten. Was bisher bedeutungslos, fast unbeachtet in einem Winkel meines
Innenlebens versteckt gewesen war, erhielt jetzt, durch die Gespräche
aufgestört, eine beunruhigende Geltung. Worte, die ich von Erwachsenen
aufgeschnappt, Vorkommnisse, die ich beobachtet hatte, erschienen in neuer
Beleuchtung. In einer Deutung, die ich »gemein« nennen musste, die aber Macht
über meine Phantasie gewann - als habe sich bei mir ein fremder Gast, ein roher,
eingenistet. Träume, die nachts, Träume, die selbst bei Tage kamen, wehten mich
mit süsslich-banger Schwüle an. Von ihnen umgaukelt, ahnte ich Ungeheuerliches
unter den Hüllen der Kleidung und Sitte. Das Erröten, das mich beim Anblick der
Konfirmandin überrumpelt hatte, kam nun öfter vor, bezog sich aber nicht auf
Backfische, sondern auf ausgewachsene Weibsleute, zum Beispiel üppige Mägde.
    Wendelin gestand, ihm gehe es ebenso. Er war verstört und bleich: »Jetzt
spür i, was die Schlange Erbsünd ischt - wie sie Adams Kinder umringelt. Mir
wird die Welt verleidet! Oh! wenn dr Herr Hainlin noch bei uns wär! Der hätte
rechten Rat für uns.« - »Wir wollen mit Uli über diese Dinge sprechen, wenn er
wieder mal von Reutlingen kommt.« - »Ach, dr Uli!« seufzte Wendelin und sah mich
traurig an. Er wollte weiter sprechen - da zuckten seine Lippen, und der Mund
verzog sich, wie wenn ein Kind zu greinen beginnt. Von Mitleid bestürzt, ergriff
ich seine Hand: »Was hast du? Was ist mit Uli?«
    Mit Tränen rang er und winkte mit der Hand ab: »Dr Uli!« Das sprach er auf
einmal in einem rauhen Bass, während seine Stimme in letzter Zeit mädchenhaft
gewesen war. »Ach der!« fuhr er bitter fort und wischte sich die Augen. Zögernd
kam dann folgendes Geständnis heraus, wobei die Stimme bald tief gluckste, bald
fistelte: Uli mache sich nichts aus ihm. Nur wegen der Pia habe Uli mit ihm
verkehrt. Nun sie fort sei, hab' Uli, wenn er mal von Reutlingen herüberkomme,
ein unerquickliches Wesen - frostig sei er und mürrisch.
    Ich entgegnete, auch mir gegenüber benehme sich Uli so, er komme mir
verwandelt vor. »Hat ja nie recht zu uns gehört - aber jetzt ist er völlig
erwachsen, scho wie ein Student.« - »Also du meinscht, er hab nicks gegen mi?« -
»Gegen dich? Keine Spur! Die Sache ist ganz einfach: In Ulis Augen sind wir
dumme Jungen!« - Wehmütig lächelte Wendelin und nickte: »Dees könnt stimme!«
Obwohl er sich beruhigte, brach aus seinem stummen Brüten noch einmal die
Leidenschaft: »Wenn - oh! Wenn mir net so arg bang wär! Die Schlange, die
Schlange!« - »Unsinn! Die ist ein Popanz - wie der schwarze Mann!« - Scheu
raunte Wendelin: »Einmal wie ich's Bildle von der Schlange besehn hab - da ischt
mir's vorkomme, dr Adam ond d Eva seien niemand anders als dr Uli ond die Pia.«
 
                           Zwischen Himmel und Erde.
Gegengewicht gegen solche bangschwülen Grübeleien war ein Schaffensdrang, wie
ihn gesunde Jugend in den Jahren des Wachstums und der beginnenden Mannbarkeit
entfaltet. Wendelin betätigte ihn besonders als Matematiker. Sich in die
Schauungen reiner Logik zu vertiefen, war ihm Beruhigung. Ueber Zahlen und
Formeln konnte er brüten bis in die tiefe Nacht, und Bücher der Mechanik, der
Physik durchflog er, wie man Romane liest. Dass es nicht ohne Erfolg geschah,
bewies seine Fähigkeit, die matematischen Aufgaben der obersten Klassen
spielend zu lösen. In die Philosophie Spinozas, deren matematische Fassung
schon begeisternd auf ihn wirkte, führte er mich gesprächsweise ein, und ich
konnte ein wenig folgen, wenn auch mehr fühlend und schauend, als auf dem Wege
begrifflichen Beweises. Der »unbekannte Gott«, den ich ahnungsvoll verehrte,
wurde nunmehr spinozistisch benannt: Substanz, Natur. Ich spürte ihn im
Naturgefühl, im Raunen des Waldes, in den erhabenen Schauern stürmischen
Wetters, im Flockengewimmel der Winterwolken und im Aufblick zur
Sternenunendlichkeit.
    Während meine Art, die Natur zu lieben, versöhnlich wirkte, selbst wo
Peinvolles vorlag, kam Wendelin trotz seines Spinozismus nicht hinweg über den
Gegensatz, der zwischen Heiligkeit und Gemeinheit klafft. »Aber alles ist doch
schliesslich natürlich,« entschuldigte ich. - »Stimmt,« erwiderte Wendelin,
»indessen gibt es neben der Gottnatur auch Teufelsnatur - diese beiden sind bloss
in der Folgerichtikkeit einik, sonscht aber derf mr die Gemeinheit net in einen
Topf werfe mit dem, was ideal ischt. Ssaumässik kann's Irdische sein!« Ich hatte
den Einwand: »Vielleicht lässt sich das Irdische verklären, ohne dass man sich
gleich von ihm loslöst. Ich möchte mich erst mal herumtummeln auf dem irdischen
Schauplatz.«
    Solche Tummelfreudigkeit wurde begünstigt durch die Wohnung am Neckarbad.
Den Sommer und Herbst über hatte ich im Garten zu schaffen. Ein paar Beete mit
Tisch und Bank unter der ragenden Tanne hatte mein Vater gepachtet; da wurden
Erbsen und Bohnen, Salat und Blumen gezogen. Mir war's Freude, das Gewächs zu
pflegen mit Hacke und Giesskanne. Das Wasser schöpfte ich hinter den Weiden aus
dem Neckar, und dies stille Plätzchen gefiel mir. Kauernd starrte ich in den
Fluss, der hier glatter war als draussen, und beobachtete die Fische, die als
dunkle Stäbchen im flüssigen Braungold schwammen und, wenn ich mich regte,
fortuschten.
    Zuweilen wurde die Lauschigkeit jählings unterbrochen durch ein Floss
Schwarzwälder Stämme, zu langem Zuge gereiht, von wasserstiefligen Kerlen
stromab gelenkt mit Stossstange und Hemmklotz. Rechtes Hemmen, genannt »Sperren«,
war von Belang; konnte doch das Floss infolge einer Ungeschicklichkeit gegen
einen Brückenpfeiler prallen oder eine Zickzackform bilden, einen Ailaboga
(Ellenbogen). Diese Kunstausdrücke waren von den übermütigen Studenten
aufgegriffen, um die rauhen Schwarzwälder zu foppen, während sie vom Strom an
der Musenstadt vorbeigetrieben wurden, ohne sich wehren zu können. Das war eine
Art Spiessrutenlaufen durch einen Hagel von Spott. Kaum war das nahende Floss von
einem Studenten gesichtet, als er schon aus dem Fenster brüllte: »Jockele spee -
a - ee - a - ee - ar!« Dieser Ruf war für die benachbarten Burschen das Signal,
ebenfalls zu brüllen, und so gereichte jedes vorbeifahrende Floss den Tübingern
zum närrischen Zeitvertreib. Aus allen Häusern der Wasserfront, aus fast jedem
Fenster des Stifts, von der Burg her, von der Platanenallee und der
Neckarbrücke, von überall her scholl es: »Jockele spee - a - ee - a - ee - ar!«
Ein Dröhnen von Gelächter, ein Summen, als ob Bienen stechlustig schwärmen. Auch
durch Gebärden suchten die Musensöhne den Zorn der »Knoten« anzufachen. Wer
Schaftstiefel besass, winkte damit aus dem Fenster oder hing sie heraus - eine
foppende Anspielung auf die gewaltigen Flösserstiefel. Die Söhne des
Schwarzwaldes vergalten den Spott, wie ihnen der Schnabel gewachsen war.
    Vom Uferplätzchen behorchte ich die Wortgefechte, die an geschwollene Reden
homerischer Zweikämpfer gemahnten. »He Jockele!« rief ein Studio, mit der Pfeife
winkend - »gebb mr gschwind bei Pfeifle her - i han koi Fuir!« Grimmig versetzte
der Flösser: »Gang zu deim Professer - lass dir von seim Pfeifenröhrle de Hintre
verschlage - na hoscht Fuir!« Vorübergeflogen war die Erscheinung, und neue
Baumstämme kamen. Drauf stand einer, der trotz seines grauen Bartes noch
hitzköpfig schalt: »Saufa, dees könnet 'r! Schulda macha! De Vatter bestehla!
Gelt?« - »Hoho, Jockele! Obacht! 's geiht en Ailaboga!« - »Red du net vom
Handwerk, elend fauler Bua! Nicks bischt - so kommt an nicks derzua!« Doch wie
er sich anstrengte, die Musensöhne zu verletzen, unverwundbar lachten sie, und
ihre Renommierhunde bellten dazu. Uebrigens bildete die Aufregung einen
Zeitvertreib, den die Flösser so wenig missen mochten wie die Studenten.
    »Solch ne Wasserreise - vom Schwarzwald nach Holland - möcht ich mal
mitmachen!« sprach ich zu Wilhelm Hebsacker, und er antwortete: »Ha freile! Weil
mr aber dees net könne, soll's wenikschtens e Kahn sein, auf dem mr Wasser
fahre. Mir will net aus'm Sinn, was dr alte Faulhaber gsagt hat: aus den Balke,
wo unterm Schuppen liegen, könnt mr e Kahn baue.«
    »Wir bauen ihn! Hurra!« Und nun waren wir erpicht auf das Unternehmen. Ich
schwärmte abermals von Robinson, und Wilhelm phantasierte davon, mittels der
»Arche«, wie er unser künftiges Fahrzeug getauft hatte, eine Art
Flusspiratenleben zu führen. Das Schönste an der Sache war das hoffnungsfrohe
Durchführen des Planes. Die Holztrümmer wurden ausgemessen, Zeichnungen
entworfen, Materialien beschafft, wie Bretter, Nägel, Werg und Teer, auch Säge,
Axt, Bohrer, Hobel. Wochen hindurch verwandten wir unsere freie Zeit auf das
Werk, und wenn wir Schularbeit versäumten, gewannen wir andererseits allerlei
handwerkerische Fertigkeit, die so beglückend war, dass ich in der Schülerzeitung
den pädagogischen Grundsatz vertrat, es solle eigentlich jede Stadt, jedes Dorf
Werkstätten einrichten, wo die Jugend frei basteln dürfe.
    Unser Fahrzeug wurde ein plumper, doch fester Kasten. Nachdem er geteert
war, erhielt er in roter Farbe die Aufschrift »Arche«. Schliesslich gab's noch
Bänke herzurichten, ein paar Ruder und eine Stossstange. Sogar von einem Segel
schwärmten wir, hatten aber kein Segeltuch. Rat wusste der Müllergesell
Gassenmaier, der aus der Nachbarschaft, wo seine Mutter wohnte, unser Treiben
beobachtete. »I verkauf euch Säck - die tut ihr verschneide, zsamme nähe ond mit
Teer bestreiche - gelt?« Als wir einwandten, das Geld hätten wir nicht, lachte
er höhnisch: »E rechter Bue muss alleweil wisse, wie mr Geld schafft.« Etwas
Widerwärtiges hatte dieser Bursch mit seinem grauen, pockennarbigen Gesicht und
den entzündeten Augen. Gleichwohl duldeten wir, dass er vertraulich mit uns
plauderte. Konnten sogar über seine Rüpeleien schmunzeln. An unserer Arbeit
beteiligte sich Gassenmaier kaum auf andere Weise, als indem er alles besser
wissen wollte. Aber Hebsacker und mein Klassengenosse Fuchtmann wurden durch ihn
angeregt, ein Fangeisen zu beschaffen für einen Iltis, den man hatte schleichen
sehen. Als das Wild gefangen war, brachte sein Fell einen Erlös, und für den gab
Gassenmaier die Sackleinewand zum Segel her.
    An einem Novembertage schleppten wir die fertige Arche zum Neckar. Sie
schwamm gleichmässig und war fähig, drei Knaben zu tragen. Da Ostwind blies,
konnten wir unser Segel erproben. Es war kurz und breit, fing auch die Luft,
schlappte aber des öftern, weil im Tal der Wind nur stossweise ging. Fortan
nutzten wir jede freie Stunde zum Kahnfahren und waren bald gewandt im Rudern
und Lenken, auch in der Ausnutzung des Segelwindes. - Unfälle blieben nicht aus,
verliefen aber harmlos. Weil ich im Stehen stossen wollte, glitt ich aus und fiel
hin - nicht ins Wasser, aber derart in die Arche, dass ich mir die Hand
verstauchte. Einmal kam ein Schwarzwälder Floss den Neckar herabgeschwommen,
während Hebsacker die Arche mittels eines Steines verankert hatte. Dass sie in
Gefahr war, über den Haufen gerannt zu werden, merkte er erst, als aus den
vordersten Hängen der Neckarhalde Studenten brüllten: »Jockele, sperr!« Mit
Geistesgegenwart schnitt er den Ankerstrick entzwei und wollte mit der Stange
das Ufer gewinnen. Aber schon traf das Floss die Arche krachend in die Flanke.
Obwohl nun der Insasse nicht in den Fluss geschleudert wurde, füllte sich das
gekippte Fahrzeug mit Wasser. Der Flossführer hatte die Geschicklichkeit, es mit
einem Stoss seiner Stange ans Ufer zu drängen. Hebsacker kam mit nassen Kleidern
davon.
    Das Fischen und Fallenstellen reizte meine Gefährten, da es sowohl
abenteuerlich als auch einträglich war. Für die Beute fanden sich zahlende
Abnehmer. Ein dem Iltis- und Marderfang günstiger Jagdgrund waren die Hänge und
Gräben an der Burg. Fuchtmann, dessen Wohnhaus mit dem Garten die Burgmauer
berührte, konnte leicht den Schleichpfad seines Wildes erreichen. Einmal hatte
er mich mitgenommen, wies in der Abenddämmerung auf die Iltisspur und stellte
das Fangeisen. Als wir im Versteck lauerten, kam ein Tier in katzenartigen
Sprüngen gehuscht - - vermied aber die Falle und liess sich nicht mehr blicken.
 
                               Der Fuirlesreiter
An einem Märztage war's, dass Enzio während der Schulpause zu mir sagte:
»Willscht mitkomme? I han widder ebbes mit dem Gassemaier. Heut nachmittag wolle
mr zur dicken Eich - dees ischt e kolossal alter Baum - zweitausend Jahr alt,
sagt mr, seinsgleichen hab er net in Deutschland. Dr Sturm hat ihn omgschmisse.
Kommscht mit?« Mich begeisterte die Aussicht, und ich sagte zu, falls meine
Eltern nichts einzuwenden hätten.
    Zur verabredeten Zeit traf ich an der Neckarmühle Enzio und Gassenmaier.
Dieser trug Sonntagsanzug, Veilchenstrauss im Knopfloch, eine krumme Feder am
Hütchen - roch nach Schnaps und trällerte. Den Ausgehtag hab der Meischter ihm
bewillikt, weil seine Muetter gsagt hab, die Ahne in Nehren werd heut Siebenzik.
    Neber die Neckarbrücke waren wir gegangen, vor uns öffnete sich das
Steinlachtal. In Hufeisenform lagen die Vorberge, deren knospende Buchenwaldung
lila schimmerte. Hinten blauten Kuppen und Schanzen der Alb. Wir gingen einen
Pfad längs des breiten Kiesbettes, darin der Fluss schäumte. Die Halde des
Galgenbergs war vom ersten Grün überhaucht. »Warum heisst er Galgenberg?« fragte
ich, und Enzio antwortete: »Ha, weil da der Galge von Tübinge gestande ischt.
Der letzte, den mr ghenkt hat, ischt dr Küferkarle gwä.« - »Ah!« sagte
Gassenmaier begierig - »von dem tu mir verzähle! Was war mit dem Küferkarle?« -
»Halt e Gauner ischt 'r gwä, Spitzbub ond Brandstifter. Wie 'r auf dr
Galgeleiter gschtande ischt, zwischen Himmel ond Erd, hat 'r zom Volk spreche
wölle; ond hat, wie mr ihm dees erlaubt hat, zunäkscht glacht, zom Zeiche, dass
er sich net fürchte tät, net vor Tod ond Teufel. I sterb in meim Beruf, hat er
gsagt -, ond der 'scht net so übel, wie ihr meine tut, ihr Ssimpel! In eurem
finschtere Oberstüble möcht i zu gueter Letzt e Laternle ahnzünde, gelt? Dees
sei mei Vermächtnis. Also! Geb mir euner e Scheibe Brot mit Butter! - Guet, e
Bäuerin ischt da gwä, die hat, was er begehrt, im Körble ghätt. Jetzt wie dr
Küferkarle 's Brot dick mit Butter beklebt in der Hand hält, spricht 'r weiter:
Fresse, dees ischt kei Kunscht - aber richtik fresse, ihr dumms Volk, dees
verstandet ihr net. Wenn ihr Butterbrot fresset, stecket ihr's net richtik ins
Maul. Himmelwärts lasset ihr die Butter schaun - aber gfehlt ischt dees! O m
drehe müsst ihr die Brotscheibe, so dass die Butter zur Erd schaut! Auf die Art
kommt die Butter grad auf eure Zung - ond dees ischt die Hauptsach im Leben, dass
mr von seiner leckern Seit alleweil 's recht G'schmäckle hat - tut ihr dees
begreife? - Ha freili! hänt die Leut gschrie ond hänt sich ausgschüttet vor
Lachen, wie dr Delinquent 's Butterbrot auffällik auf seine Art verspeist hat,
die Butter nach unte! Drauf hat ihm dr Henker die Schling um den Hals tan - ond
zappelnd hat dr Küferkarle zwischen Himmel ond Erd geschwebt.«
    »Bravo, bravo!« rief Gassenmaier entzückt. »Der Teufelskerle hat die rechte
Philosophie!« - »Aber sie hat ihn an den Galgen gebracht,« wandte ich ein. Doch
Gassenmaier meinte, sterben müsse halt jeder, auf irgendeine Art - ond wer so
unerschrocken sterb wie dr Küferkarl, dem sei's Sterben kaum anders, als ob mr
sich zum Schnarchen aufs Ohr leg. - Enzio gab seinen Senf dazu: Wann dooch jeder
von seim Glaasbergle abrutsche müss, sei net viel Unterschied, auf welche Art er
sich's Genick brech, so oder so!
    »Sag mr au,« meinte Gassenmaier, »warum hat sich dr Küferkarle aufs
Brandstifte verlegt?« - »Warom? denk wohl, 's Fuirlesmache hat ihm wie Butter
gschmeckt - ond manchem, so heisst's, hockt der Fuirlesreiter auf.« -
»Fuirlesreiter?« stutzte ich, indem ich an die Ballade von Mörike dachte. Ich
glaubte, etwas über die Sage erfahren zu können, doch Enzio wusste bloss, der
Feuerreiter sei ein Kobold mit roter Kappe - hinterrücks überfall' er einen, der
Neigung zum Brandstiften spür', und reit ihn wie ein Pferd zur Stell', wo er den
Brand stiften soll. Die Ballade vom Feuerreiter kannte weder Enzio noch
Gassenmaier. Ich berichtete ihren Inhalt und fuhr fort: »Weisst du, Enzio, wie
Mörike auf diese Idee geraten ist? Herr Hainlin hat's von einem Repetenten, der
mit Mörike zusammen Stiftler war. Wie Mörike einmal in der Platanenallee
spazierenging, fiel ihm etwas Wunderliches in die Augen: Am offenen Fenster des
Stadtmauerturms stand der geisteskranke Hölderlin, die rote Jakobinermütze auf,
die er von Bordeaux mitgebracht hatte. Sie wippte auf und nieder -
wahrscheinlich hat Hölderlin, wie er sich aus dem Fenster lehnte, mit dem einen
Bein gezappelt - es sah aus, als ob ein Kobold mit roter Kappe wie ein Reiter
auf und nieder wippt.«
    »Dr Hölderlin?« meinte Gassenmaier - »ischt der net e Narr gwä?« - »Ein
Dichter! Ein ganz bedeutender,« entgegnete ich - »wenn auch lange Jahre
geisteskrank.« - Gassenmaier grinste: »Komisch ischt dees: Also net wahr? dr
Narr mit seiner raute Kapp, wenn 'r damals net grad am Fenschter gstande wär ond
mit dem Bein zappelt hätt, na wär der andre Dichter, der Mörike, net drauf
verfalle, sei Gedichtle zu mache vom Fuirlesreiter, gelt?« - »Allerdings! So
spielt manchmal der Zufall.« - »Jai jai jai!« nickte Gassenmaier lächelnd - »dr
Zufall! Fatal kann 'r sei - ond 's Grosse Los kann 'r bringe! Dass mr da jetzt vom
Fuirlesreiter schwätze, ischt au bloss Zufall, gelt? Ond wer weiss, waas dieser
Zufall mir bringe kann - zeh-, zwanziktausend Mark - jai jai jai! Vielleicht
werd i Millionähr - 's könnt mir au gschehe wie em Küferkarle - bloss dass dr
Brandstifter heuer net aufs Galgebergle, sondern ins Zuchtaus spaziere tut. So
oder so! Jedenfalls stimmt, waas dr Küferkarle gsagt hat: dass mr 's Butterbrot
soll richtik ins Maul stecke.«
    Als wir durch das Dorf Dusslingen kamen, stahl sich Gassenmaier in eine
Scheune, dann in eine zweite und dritte! Er wusste, wohin die Hennen ihre Eier
legen, und mauste deren ein Stücker zehn.
    Unweit des Dorfes Nehren fanden wir die Rieseneiche, die der Sturm
umgebrochen hatte, weil vor Alter der Stamm hohl war. Die Eiche war nicht hoch,
aber so dick, dass man - wie sie lag - an die sieben Schritt hineingehen konnte,
ohne sich zu bücken. Gassenmaier hatte wieder sein höhnisches Grinsen: »Einer
Göttin sei die Eich heilik gwä, sagt dr Schulmeischter von Nehren. Mit fufzeh
Kinder von seiner Schul hat 'r vorigen Sommer, als die Eich noch aufrecht
gschtande ischt, im Innern Platz gehätt - ond hat singe lasse: Wer hat dich, du
schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben? Jetzt aber - do leit sie, aus ischt
die Herrlichkeit! Ond wenn mr jetzt täten den Hölderlin tanze lasse ...« Unter
listigem Augenzwinkern raunte Gassenmaier diese letzten Worte. Stutzig sah ihn
Enzio an - und Gassenmaier erklärte, die Geschicht vom Fuirlesreiter hab ihm
Lust gemacht, in der Eich da e Fuirle zu mache - vielleicht sei der Stamm
trocken genug, um in Asche aufzugehen.
    Zum Andenken an den gewaltigsten Baum Deutschlands schnitt ich mir ein
dürres Zweiglein ab - draus wollt ich einen Federhalter machen. Wir gingen nun
ins Dörflein Nehren und kehrten im Wirtshaus ein. Da liess sich Gassenmaier von
den gemausten Eiern einen Pfannkuchen backen. Der Birnenmost, an dem wir Knaben
uns labten, war dem Gesellen zu fad; Schwarzwälder Kirsch trank er, bis er
lallte. War dann plötzlich verschwunden und blieb es für eine Stunde. Als wir
ohne ihn den Heimweg antraten, fand er sich wieder ein und schmunzelte, bei
seinem Schatz sei er gwä. Dies Mariale sei halt verschossen in ihn - er hab sie
bloss zum Karessieren, net zum Heiraten - Geld hab sie halt keins ond sei
saumässik dumm. Ja, wär sie wie Enzios Schweschter, na möcht er zugreife.
    Es dunkelte bereits, flott marschierten wir, im Takt unserer Schritte wurden
Lieder gesungen. Gassenmaier brachte Zoten vor und renommierte mit unsauberen
Liebesabenteuern. Ich dachte an mein Gespräch mit Wendelin - wie ich damals so
unbesonnen gewesen, alles Natürliche zu beschönigen, während ich vor
Gassenmaiers Natürlichkeiten Ekel empfand ...
                                       *
    Gestalten wie Mosel, Pia und Berta erhielten mir damals den Glauben an
heilige Weiblichkeit. Auch Rickele gehörte dazu, meine rehäugige Konfirmandin,
die ich auf der Eisbahn wiedersah. Ein süsses Weh, dem Heimweh ähnlich,
durchschauerte mich, wenn ich nur an sie dachte. Hingezogen fühlte ich mich,
obwohl ich nicht im mindesten wusste, was ich von ihr wollte; ratlos wär ich
gewesen, hätte ich sie sprechen dürfen. Ich glaube, unschuldige Verliebteit
meint etwas, das über irdisches Leben hinausgeht, daher dem unreifen Geiste
unfassbar ist. - Wie mir damals, als meine Stimme männlich wurde, Ahnungen
aufgingen vom himmlischen Wesen der Liebe, regte sich der Trieb, etwas davon
festzuhalten in bunten Bildern und süssen Klängen; erste Lyrik entstand.
    In einer Märznacht, als lauer Wind durch die kahlen Platanenwipfel brauste
und dazu der Neckar rauschte, war auch im jungen Herzen ein Frühlingswogen. Ich
lag im Bett, glaubte Flötenschluchzen zu hören und formte Verse:
Es harft die hauchende Lenznacht
Im knospenden Weidenbaum -
Vorüber wallen die Wasser
Und raunen
In meinen Traum.
Von fern ein Flötenseufzer
Zittert das Tal entlang -
Da beichtet wer im Dunkeln
Süsstraurigen Seelensang ...
    Als ich weiterdichten wollte, unterbrach mich ein Schrei, der vom Neckar her
gellte. Eine weibliche Stimme. Mein Kammerfenster war halb offen, und wie jetzt
der Märzwind für ein Weilchen schwieg, hörte ich einen Ruf voll Angst und
Flehen: »Lui! Luile!« Es stockte mir der Atem. Louis hiess Gassenmaier - was war
mit dem draussen am finstern Wasser? Ich lauschte und grübelte - alles blieb
still - aber dann hob das Frühlingswogen wieder an, und des weiteren versank ich
in bangsüsse Träumerei. Rickele gaukelte mir vor - dann Pia, wie sie mit Uli
getanzt hatte, als ob zwei Falter kosend umeinander gaukeln. Fortwährend glaubte
ich, Hainlins Flötenspiel zu hören. Mein Gedicht wollte ich zu Rande bringen,
schlief aber darüber ein - so fest ...
    Morgens aufgestanden, hörte ich die Schreckensmär, es sei ein Mädchen im
Neckar ertrunken - Gassenmaiers Braut. Sie habe sich mit einer Sorge getragen
und sei von Nehren, wo sie wohne, abends nach Tübingen gekommen, um ihr
bekümmertes Herz dem Bräutigam zu eröffnen. Von der Platanenallee aus habe sie
Licht gesehn in seinem Stüble, hinterm Hölderlin-Turm, in der Brauerei von Betz.
Sie habe »Louis« gerufen, sei gehört und in der Arche von ihm geholt worden.
Gegen Morgen habe er sie zurückbefördert, wieder in der Arche. Fast schon sei
sie am andern Ufer gewesen, da habe die Braut, infolge einer Ungeschicklichkeit
beim Aufstehen, das Gleichgewicht verloren und das Fahrzeug zum Umschlagen
gebracht. Im hochgeschwollenen Wasser sei sie rasch ertrunken, obwohl
Gassenmaier versucht habe, sie zu retten. Der Leichnam sei geborgen.
Gassenmaier, zur Vernehmung auf der Polizei, habe sich anfangs schweigsam und
verstockt benommen, dann frech. Der Tod des Mädchens rühre ihn kaum, und er habe
gesagt, eigentlich sei's gar net seine Braut.
    »Und mit solch einem gemeinen Kerl hast du Umgang gehabt?« sagte meine
Mutter - »schämst du dich nicht?«
    Meine Bestürzung wurde noch peinlicher, als ich nach der Schule von Wilhelm
Hebsacker erfuhr, es liege Verdacht vor, dass Gassenmaier die Arche mit Fleiss
umgeworfen habe, um seine Braut, weil sie in anderen Umständen, loszuwerden.
Nachbar Spengler habe diese Ansicht auf der Polizei vertreten. Vom
Hölderlin-Turm aus, wo er wohne, habe er Verdächtiges beobachtet: Gassenmaier
habe, mit dem weinenden Mädel zur Arche gehend, leise mit ihr geschimpft - bald
darauf sei ein Schrei erfolgt, das Mädel sei's gewesen, und erst zehn Minuten
später habe Gassenmaier: »Hilfe!« gebrüllt, am Ufer drüben habe man ihn
gefunden, mit nassen Kleidern. Nach seiner ersten Aussage hab' er, wie's Mädel
ins Wasser gefallen sei, sofort um Hilfe geschrien. Später, auf dem Polizeibüro,
als der Nachbar Spengler bei seiner Behauptung blieb, der Hilferuf sei erst zehn
Minuten später erfolgt, hab' er gesagt: so lange mög's gedauert haben, bis er
selber ans Land gelangt und von der Erschöpfung zu sich gekommen sei. Da sich
gegen diese Darstellung nichts Wesentliches einwenden liess, wurde keine Anklage
gegen Gassenmaier erhoben.
                                       *
    Um diese Gassenmaier-Geschichte zum Abschluss zu bringen, muss ich ein Jahr
überspringen. Meine Tübinger Zeit war zu Ende, die Eltern waren mit mir nach
Aachen übergesiedelt, wo mein Bruder die Technische Hochschule besuchen sollte.
Ein Brief Jahns unterrichtete mich nun über folgende Begebenheiten:
    Gassenmaier war nicht mehr Müllergesell, sondern Diener des Korps
»Rhenania«, das in der Betzei kneipte. In diesem Hause mit seiner Mutter
wohnhaft, hatte Gassenmaier zunächst als Aushilfe bei den Kneipereien bedient
und durch Unterwürfigkeit die Gunst der Studenten gewonnen. Bald darauf trug er,
fest angestellt, die bunte Dienermütze, führte vormittags die Korpshunde
spazieren und war ein Faktotum, das den Vergnügungstaumel der wohlhabenden
Burschen mitmachte. Plötzlich aber verlor er seine Stelle, weil er verdächtig
war, einen betrunkenen Studenten bestohlen zu haben. Indessen beschäftigte ihn
der Brauer Betz, dem er das Projekt eingeredet hatte, das Hölderlin-Haus vom
Nachbar Spengler zu kaufen und umgebaut mit der Betzei zu vereinigen. Neben dem
Turm sollte eine Veranda für die Studenten sein - das werde, wie Gassenmaier in
Aussicht stellte, der Brauerei zum Aufschwung verhelfen. Recht ärgerlich war's
nun für Gassenmaier wie für den Brauer Betz, dass Spengler sich weigerte, zu
verkaufen.
    Da brach eines Nachts Feuer im Hölderlin-Turm aus - der Dachstuhl brannte ab
- ein Student, der oben wohnte, entging den Flammen, indem er am Blitzableiter
abwärts rutschte, dass ihm die Hände bluteten. Auf diese Feuersbrunst folgten
andere im Ammertal und wieder andere hier und dort - eine Epidemie von
Brandstiftung schien zu grassieren, und die Stadt war derart besorgt vor neuen
Einäscherungen, dass freiwillige Wachtposten, Studenten wie Bürger, nachts durch
die Gassen patrouillierten. Plötzlich hiess es, man habe den Brandstifter -
Gassenmaier sei es. Schon beim Brande des Hölderlin-Turms war er verdächtig
gewesen, und Frau Spengler hatte, während die Lohe zum Himmel sprühte, vor den
Nachbarn gerufen: »'s Louile hat's tan - mei Häusle will er für den Betz!« Das
Gerede über Gassenmaier wollte nicht zur Ruhe kommen, und nun war er verhaftet.
Es kam aber nichts weiter heraus, als dass Gassenmaier drohend zu Spengler gesagt
hatte: »Wart no! Dir werd i den Hölderlin tanze lasse!« Verdächtig waren diese
Worte, insofern sie irgendein Vorhaben in bezug auf den Hölderlin-Turm
andeuteten.
    »Den Hölderlin wollten Sie tanzen lassen? Wie stellen Sie sich das vor?«
fragte der untersuchende Beamte. Und Gassenmaier redete sich heraus: Er hab
gemeint, früher oder später werd's Hölderlin-Haus halt in e Kneip umgewandelt
werden, wo Studenten ihre Luschtbarkeit hänt. Obwohl diese Deutung etwas
Gewundenes hatte, war sie nicht zu widerlegen.
    Dass die Redensart vom tanzenden Hölderlin den rotbemützten Kobold der
Brandstiftung meine, konnte niemand wissen als Enzio und ich, die wir mit
Gassenmaier über den Anlass zur Feuerreiter-Ballade geredet hatten. Meine Mutter,
der ich alles gestand, erwiderte darauf: »Hiernach möcht' ich schwören:
Gassenmaier hat das Feuer angelegt. Schon seine ertrunkene Braut lässt darauf
schliessen, dass er eine Verbrechernatur ist. Den Hölderlin-Turm hat er beseitigen
wollen, aus Rache an Spengler, auch weil er sich Vorteil versprach von der
vergrösserten Kneipe. Mit dieser Brandstiftung ist ihm der Appetit auf
dergleichen gekommen. Dass er schuld an all den Bränden ist, geht auch aus Jahns
Brief hervor - da heisst es: Seit Gassenmaier in Amerika ist, hat die Brandseuche
aufgehört. Also! Da siehst du, wie recht ich hatte, vor dem Kerl zu warnen.
Hinfort sei vorsichtig in der Wahl deines Umgangs! Und an Jahn schreibe lieber
nichts! Du wirst sonst in die Sache verwickelt.« - Immerhin - wandte ich ein -
sei's von Wert, den Schuldigen herauszubringen. Doch in den Hintergrund meiner
Interessen geriet diese Angelegenheit, so dass ich nichts darin tat.
                                       *
    Was mich damals - wie gesagt, in Aachen, nicht in Tübingen - in Anspruch
nahm, war die schwere Erkrankung meines Vaters und eine Nervosität meines
Herzens, die es mir zur Pflicht machte, Aufregung zu meiden. An Tübingen zu
denken, tat dem Entfernten weh, als werde von einer Wunde das Pflaster
abgerissen. Ueber diese Wunde, den überaus traurigen Abschluss meiner Tübinger
Schulzeit, habe ich nunmehr zu berichten.
 
                                      Pia
Mein Verkehr mit Wendelin war fast eingeschlafen. Seit uns nicht mehr dieselbe
Klasse umschloss, besonders aber seit Hainlin und Uli uns verlassen hatten, war
ein Band gelöst, das zuvor den Hauptanteil an unserm Zusammenhalten hatte. Von
Belang war noch, dass die Knabengruppe, die mir im Neckarbade nahe gekommen war,
nicht Wendelins Teilnahme fand. Auch durch sein sorgenvolles, immer scheues
Wesen hatte er sich mir entfremdet. Wie ernstaft sein Inneres gestört war,
verriet das Zurückgehen seiner Lernfähigkeit. Nach Aussage von Mitschülern war
er in den letzten Monaten unaufmerksam und zerstreut, den fremden Sprachen
gegenüber gleichgültig, ja mürrisch.
    Einmal fragte ich ihn, warum er so verändert sei. Düster loderten die Augen
im blassen Gesicht, sein Mund zuckte, blieb aber verschlossen. »Ist es, weil Pia
nun wirklich ins Kloster soll?« Er kniff die Lippen zusammen und schüttelte den
Kopf. Endlich kam es dumpf heraus: »Jetzt gang i selber ins Kloschter!« Ich
wusste nichts zu erwidern - irre war ich an ihm. Nachdem wir eine Weile
geschwiegen hatten, seufzte ich: »Ach ja, Wendelin! Aus den Augen, aus dem Sinn!
In Reutlingen hat uns der Uli, scheint's, vergessen.« Da verzerrte sich sein
Gesicht, und heftig kam die Entgegnung: »Von dem - red mir nicks!« Erschrocken
war ich - stumm gingen wir nebeneinander durch die Gassen, bis zu Wendelins
Wohnhaus, wo er mit einem Händedruck schied.
    Der Sommer war wieder da, und es hatte sich entschieden, die Tübinger Tage
der Familie Wille seien gezählt. Die Uebersiedlung nach Aachen war beschlossene
Sache. Meine unrastige Mutter begann bereits mit dem Packen. Da ging die
Wohnungsklingel - Jahn war's, der mich sonst durch einen Pfiff von unten zu
rufen pflegte. Sein verstörtes Gesicht verriet, er habe eine Hiobspost. Im
Stübchen mit mir allein, rang er nach Worten: »Wendelins Schweschter ... ischt
...« - »Pia? Ist sie im Kloster?« - Düster schüttelte er den Kopf. - »So sprich
doch! Was ist mit ihr?« - Er stierte vor sich hin, presste die Faust an die Stirn
und stöhnte: »Tot!« - Ich war sprachlos, erstarrt - konnte nicht fassen, was er
nun zögernd berichtete:
    Wendelin war seit Tagen nicht zur Schule gekommen. Jahn, der ihn hatte
besuchen wollen, war von Frau Häfele empfangen, und weinend hatte sie gesagt,
Wendelin sei zur Pia nach Wurmlingen; krank sei sie, bedenklich. Soeben nun -
fuhr Jahn fort - hab er von Pfeilstickers Bruder, dem Mediziner, gehört, Pia
Flammer sei vorgestern gestorben - an Herzschwäche, nachdem sie einem Kind das
Leben gegeben.
    »Was? Pia? - hat ein Kind?« - »Vom Assischtente der Geburtshilflichen Klinik
hat's der Pfeilsticker erfahren. Ja, die Pia! Das Kindle sei am Leben!« - »Aber
wie ist denn das - möglich? Pia - ein Kind? Sie wollte doch ins Kloster gehn!«
Jahn zuckte die Achsel, zog sein Taschentuch und wischte sich die Augen - worauf
auch mir die Tränen kamen.
    Gemildert wurde mein Leid durch einen Zug von Fremdheit, der jetzt in Pias
Bilde aufgetaucht war. Ihr Mutterwerden hatte sie mir entfernt - wie eine Kluft
lag zwischen uns etwas Unfassbares. Meine Trauer war nun hauptsächlich Mitgefühl
mit Wendelin. Welch ein Schmerz musste es für ihn sein, der so innig an seiner
Schwester hing! Dann bedachte ich, wie hart Uli von diesem Schicksal getroffen
sei. Und grübelte über die heimlichen Beziehungen, die ihn mit Pia verbanden -
ich hatte manches beobachtet. Schliesslich sagte ich mir: Ein Kind hat nicht bloss
eine Mutter, sondern auch einen Vater. Wer ist denn nun hier der Vater? Hat
jemand Pia verführt, dem Uli abspenstig gemacht? Oh! grässliche Dinge können sich
verbergen hinter dem sanften Namen »Liebe«! Meine Mutter, die mich nachts hatte
schluchzen hören, war besorgt, ich könne krank werden. So hielt sie mich von der
Schule zurück.
    Jahn besuchte mich wieder und brachte die Nachricht, übermorgen werde Pias
Sarg nach Tübingen überführt. Kaum waren wir unter vier Augen, so raunte er:
»Das Kind ist - von Uli!«
    Ich fuhr zusammen - atmete dann auf. So war Pia nur ein Opfer ihrer
Zärtlichkeit. »Und er?« fragte ich. - »Mr weiss nicks von ihm - ond vielleicht
weiss er nicks von Pia.« - »Was? Man hat ihn nicht benachrichtigt? Sie ist
gestorben, ohne dass er -?« Schweigend zuckte Jahn die Achsel.
    Als ich andern Tags zur Schule kam, hiess es, heute bei Sonnenaufgang sei Pia
begraben. Nicht in Tübingen, sondern bei der Wurmlinger Kapelle. Als ihr das
Sterbesakrament gereicht worden sei, habe sie den Wunsch geäussert, auf dem
Bergfriedhof zu ruhen, der ihr besonders lieb. - Ich fühlte, wie ein Zucken über
mein Gesicht ging - die Kehle war mir zugeschnürt - dann fasste ich mich und
sagte weich: »Piale! da bist du nun auf deinem Glasbergle!«
 
                                      Uli
Unglück kommt nie allein. Diese Volksweisheit bestätigte sich. Als ich von der
Schule heimkam, empfing mich die Mutter kummervoll und blickte forschend: »Du
weisst es noch nicht?« - »Was denn?« - »Ach Gott!« sagte sie weinerlich und
wandte sich ab, als wolle sie nicht mit der Sprache heraus. »Aber es muss ja
gesagt werden! So fasse dich! Dein Freund - Uli Ritter ...« Aufschluchzend brach
sie ab.
    »Was ist mit ihm? Ist er etwa auch -?« Sie nickte und griff nach meiner
Hand: »Ja - tot! Vor zwei Stunden hat er sich ... drüben im Seufzerwäldchen mit
der Pistole ... Vorhin haben sie ihn geholt - mit der Tragbahre ... Ach, Bruno!
Lass dir's nicht zu nahe gehen - es ist nun mal so!«
    Mein Vater, der soeben kam - bei Bolkendorf und Rosel war er gewesen -,
hatte Neues erfahren: Wie's um Pia stand, hatte Uli bis zum gestrigen Tage nicht
gewusst. Das in frommer Unwissenheit erzogene Mädchen hatte nicht fassen können,
sie solle Mutter werden. Als sie es endlich begriff, wollte sie Uli schonen - er
sollte, solang er Schüler wäre, nichts erfahren. Nach ihrer schweren Stunde
hatte sie mit wehmütiger Freude ihren gesunden Knaben betrachtet. Und den Wunsch
geäussert, er solle Wendelin getauft werden. Sterbe sie, so wolle sie bei der
Kapelle ruhn. Hierauf müde geworden, sei sie entschlummert, ohne wieder wach zu
werden. Durch Blutverlust infolge ungeschickter Pflege war ihre Kraft erschöpft.
    Was Uli betrifft, der ja in Reutlingen war, so hatte er von Wendelin ein
Schreiben erhalten, das die bevorstehende Niederkunft meldete, und zwar unter
leidenschaftlichen Vorwürfen. Infolge eines Zufalls war dieser Brief um Tage
verspätet in Ulis Hand gelangt. Obwohl er nun sofort nach Wurmlingen reiste, kam
er zu spät - im Abendschein grüssten ihn die weissen Rosen, die Wendelin auf Pias
Hügel gesteckt hatte.
    Von Seelenqual zerrissen, war Uli nachts umhergeirrt und vormittags nach
Tübingen gelangt. Hatte die Pistole gekauft und sich in die Schläfe geschossen.
Auf jener Bank war's, wo er mit Wendelin und mir das Gespräch über Liebe gehabt
hatte. Man fand bei der Leiche den Brief Wendelins - darunter von Ulis Hand
geschrieben:
»Hab all mein Tag kein gut getan,
Kommt mir auch nicht in Sinn.
Die ganze Freundschaft weiss es ja,
Dass ich ein Unkraut bin.«
                                       *
    Ulis Vater war aus Stuttgart gekommen - in Tübingen sollte Uli begraben
werden. Der Direktor meines Gymnasiums war weiterzig genug, die Beteiligung der
Schule am Begräbnis zuzulassen. Es erfolgte mit Musik, lang zog sich der Zug
hinterm Sarge, der hoch mit Kränzen bedeckt war. Ich ging neben Jahn, wir
schwiegen. Wendelin war nicht dabei - ich habe ihn überhaupt nicht
wiedergesehen.
    Beetovens Trauermarsch erscholl. Als wir zum Gymnasium kamen, stand da mein
Vater - hatte den Hut vor dem Sarge gezogen. Ich vergesse nicht seinen
Gesichtsausdruck - ehrerbietig schien er den Toten zu segnen. Am Grabe blies die
Musik den Choral: »Ruhe ist das beste Gut, das man haben kann.« Und nun kam die
Rede des Herrn Dekans. Was er sagte, klang salbungsvoll, ich konnte aber nicht
folgen, der Schmerz hatte mich zu sehr aufgeregt. Zuletzt sangen Schüler: »Wo
findet die Seele die Heimat, die Ruh?« Bei diesen Worten fiel mein Blick auf
meinen Vater, der sich dem Zuge angeschlossen hatte und nun wieder versunken
blickte. Mit seiner schwarzen Binde vor der Augenhöhle, mit den Falten, die ein
herbes Geschick in die hagern Wangen gepflügt hatte, sah er wie ein narbiger
Kriegsveteran aus, ein müder Lebensinvalide.
 
                                    Knospen
Und zum dritten Male hab' ich den Vater so gesehen, als er selber im Sarge lag.
Ein Jahr nach Ulis Tode war's, und die Hälfte dieser Zeit hatte der arme Vater
auf dem Krankenbette zugebracht, wo er nur im Morphiumrausche Ruhe finden
gekonnt vor den folternden Beinkrämpfen. Nun aber brauchte er kein
Betäubungsmittel mehr - lag im Sarge, jenseits von Qual und Lust.
    Die vier schwarzen Kuttenmänner, Alexianerbrüder, denen in Aachen die
berufliche Pflicht oblag, die Toten zu bestatten - flüsterten ihr Gebet, um dann
den Sarg zu schliessen. Als ob mein Vater heimlich alles beobachte, stahl sich in
seine feierliche Miene ein mildes Lächeln. Es kündete mir, dass er nun auf seinen
Glasberg gekommen war, zum heimlichen Friedensdörfchen Glastelfingen.
    Als Vaters Sarg in kühle Erde sank, taumelten ein paar vergilbte Blätter
hinterdrein - von der Esche, die sich drüber neigte. Diese Blätter - so ging es
mir durch den Sinn - waren im Frühling zarte Knospen gewesen, sehnsüchtig
schwellend. Und nun?
    Vom Begräbnis heimkehrend, sann ich dem Rätsel nach, wie das Leben vom
Knospen zum Welken drängt. Und ich dachte an jene Verse, die ich in der
Frühlingsnacht am Neckar geformt hatte. Was damals bangsüss hervortrieb aus
meinem lenzigen Herzen, hatte gestockt beim Schrei des Mädchens, das erstickend
rang in dunkler Flut ... Ja, auch Knospen können ersticken - nicht alle geraten
zu sommerlicher Entfaltung. Wo ist Pia? Wo mein Uli? Was wird aus all unserer
knospenden Jugend? Aus den Wolkenstürmern, die hinaufbegehren zur Glasberg-
Prinzessin? Nichts weiter, als dass sie ein Weilchen drängen und stürmen in
wogender Luft? Durch Sonnenschein und Wetter - um schliesslich ein Modergrab zu
finden? Mich schauderte ...
    Und wie ich einsam spät bei der Lampe sass, nahm ich mein Versbüchlein und
dichtete zu Ende jenes Gedicht, das unterbrochen worden war, als Gassenmaiers
Mädchen im geschwollenen Flusse schaurig ertrank:
Es harft die hauchende Lenznacht
Im knospenden Weidenbaum. -
Vorüber wallen die Wasser
Und raunen
In meinen Traum.
Von fern ein Flötenseufzer
Zittert das Tal entlang -
Da beichtet wer im Dunkeln
Süsstraurigen Seelensang.
Ich selber möchte beichten -
Und kann nur lauschen stumm.
Ein stammelnder Knabe bin ich -
Weinen möcht ich - weiss nicht warum.
Bin wohl der Knospen eine
Und bebe vor dem Blühn:
Wird meine Blüte weiss sein?
Oder düster glühn?
Soll Hagel mich zerschmettern?
Oder küsst mich Sonnenschein?
Tu, wie du willst, mein Frühling!
Erschauernd bin ich dein!
Bin dein - wie dieses Mondlicht
Im Windgewölk verweht -
Bin dein, wie nun die Flöte
Im wogend weiten Dunkel
Schluchzend untergeht.
 
                                  Zweites Buch
                                 Glastelfingen
                                 Wieder am Neckar
Und mehr als vier Jahrzehnte sind vergangen - neue Dinge und Menschen sind vor
mich hingetreten, die Erinnerungen derart überwuchert, dass nur hin und wieder
eine aus der Versunkenheit hervorlug. Solch ein Auftauchen aus dem
Unterbewusstsein war mein Friedrichshagener Traum vom heimlichen Dörfchen am
Monte Cristallo. Es waren Gefühle in mir erwacht, die als entfesselte
Spannkräfte zu einer plötzlichen Wirkung zusammenflossen: zur Sehnsucht nach dem
verlorenen Paradies meiner Kindheit. Und keine Ruhe wollte dies Glastelfinger
Heimweh geben - ich musste das Neckarstädtchen wiedersehen und noch einmal auf
den Pfaden meiner Jugend wandeln.
    Nun sass ich im Eilzuge, der abends von Stuttgart nach Tübingen fährt, und
starrte durch die Fensterscheiben. Goldgewölk im Neckar gespiegelt. Ragende
Pappeln. Ein Häuschen im Garten. Hügel mit Obstbäumen. Ein Dorf. Ich erkenne die
Gegend wieder, die vor bald einem halben Jahrhundert den Knaben fesselte, als er
dieselbe Fahrt an der Eltern Seite machte. Ist nicht dort die Stelle, die mir
damals ein Bäuerlein wies? In den Neckar sei Herzog Ulerich auf seinem
Streitgaul gesprengt, den bündischen Landsknechten entwischend. Was ich für den
feurigen Schwabenherzog empfand, übertrug ich auf dich, mein Jugendfreund Uli.
Jetzt bist auch du ein Traum, wie die Gestalten der Heldensage. Vielleicht ist
nicht einmal dein Grab mehr zu finden auf dem Tübinger Friedhofe.
    Hinter Waldhügeln, die schon dunkeln, ragt ein Kegel, die Achalm muss das
sein. Reutlingen - die letzte Station vor dem Ziel, und ich schnüre den
Rucksack, mache mich zum Aussteigen bereit. Jetzt im Tal das Wiesenland von
Lustnau. Trotz der späten Stunde sind Weiber und Kinder mit Heuen beschäftigt.
In der Dämmerung ist der gotische Kirchturm des fernen Dorfes erkennbar. Nun
erscheint der Oesterberg. Er hat einen Turm? Früher war das nicht. Es wird der
unvermeidliche Aussichtsturm sein. Häuser von Tübingen tauchen auf. Verdächtig
modern! Und in den Bahnhof läuft der Zug: »Tü - binge!«
    Hierherzukommen hab' ich mich gesehnt, gebangt - nun ich da bin, wundert
mich's, dass mir das Herz nicht aufgeht wie eine Blume! Ziemlich gewöhnlich kommt
mir dies Erlebnis vor - es ist hier genau so wie auf sonstigen Bahnhöfen:
Gepäckträger, überwachend blickt der Vorsteher mit roter Mütze, Koffer
schleppende Reisende, Weiber mit Körben. Empfangshalle nagelneu ... Damals war's
hier noch kleinbürgerlich, fast schäbig.
    Ich trete ins Freie - atme tief die kühle Nachtluft des Neckartals. Der
wolkenlose Himmel ist veilchenblau - im Westen hat er ein gelbes Leuchten.
Halbmond versilbert den Wiesendunst. Da sind die Alleen, die herrlichen! Viel
dicker geworden die Kastanien. Strauchgruppen mit Bänken - nach einem Park
sieht's hier aus. Und was ist das? Ein künstlicher Teich? Hier war zu meiner
Schulzeit Wiese, - nur bei Eintritt des Winters wurde sie unter Wasser gesetzt.
Damit Musensohn und Bürgermädel auf dem Eise schön tun konnten. Hier, wo ich
Ulis Schwungkraft bewunderte und meine ersten Holländerbogen wagte, schwimmt
jetzt ein Schwan, den Hals gereckt. Wie vornehm, wie grossstädtisch. Offenbar
hatten 's die Tübinger mit dem Fortschritt. Das Uhland-Denkmal freilich wirkt
altmodisch. Einem Handwerker im Sonntagsrock ähnlich, ist Uhland im Ländle der
getreue Eckart altbiedern Bürgertums.
    Hinterm Denkmal kommt lauter Bereich von ehedem. Die Platanenallee, zu der
das Brücklein führt, gleicht dem Säulengang eines Domes. Kreuzweis verschränkte
Aeste, Laubmassen als Gewölbe. An den Stämmen helle Flecke, wo die Borke
abgeblättert ist - im Mondschein besonders auffällig. Ich begebe mich auf den
Rasen, dicht an den Neckar, der zwischen Weidengesträuch blinkert. Er ist so
still; beklemmend still. Warum denn rauscht er nicht? Früher schoss er jubelnd
dahin, und die Flösser der Schwarzwaldstämme mussten aufs Bremsen bedacht sein:
»Jockele sperr!« Jetzt schleicht das Wasser, und ich merke: Man hat reguliert!
Gewinnt von der Wasserstauung wohl elektrisch Licht? Ja, auf der Neckarbrücke
seh ich's strahlen. Schritt um Schritt drängt das Neue vor.
    Was mich wieder versöhnt, ist das Bild der Altstadt. Dunkel ragen die
altmodischen, zum Teil mittelalterlichen Häuser, Flanke an Flanke gedrängt; mit
der Giebelseite blicken sie über den Fluss - vier, fünf Stockwerke, das obere
jedesmal übers untere vorgekragt; niedrige Fenster, dicht gereiht; nur wenige
sind jetzt erleuchtet. Solch altes Haus hat sein Dach wie eine Spitzkappe über
die Ohren gezogen. Hinter den Fronten der Neckar- und Bursagasse steigt in
Terrassen die mittlere Stadt empor. Wie ein Wall quergelagert die Stiftskirche
mit dem kurzen Turme. Droben aus der Luke glimmt ein Licht: Der Türmer beginnt
seine Nachtwache. - Links auf dem Berge kauert die Burg mit den dicken Türmen,
in ihrer Wucht einem bewehrten Riesen ähnlich. Dort war's, wo wir Knaben Räuber
spielten und Femgericht. Zu Füssen der Feste schmiegt sich ein Klosterbau - jenes
Stift, wo Württembergs Pfarrer ihre akademische Ausbildung erhalten.
    Mit Rührung grüss' ich das Haus, wo ich bei den Eltern gewohnt habe. Nahe
liegt's, tief am Flusse, hinter flachem Gartenland. Die bretternen Buden, die
damals zum Baden dienten, sind nicht mehr - im übrigen sieht das »Neckarbad«
unverändert aus. Das zweistöckige, breite Haus hat seine üppige Weinberankung
behalten. Im Garten sind noch die Obstbäume und Gemüsebeete, auch die Laube, die
ragende Tanne. Längs der Stadtmauer erstreckt sich noch immer jene
schuppenartige Bedachung, wo einst Tuchmacher ihr Tuch spannten, und wo wir
Knaben unsere Werkstatt hatten. Rechts daneben kauert Hölderlins Turm.
    Die Dunkelheit nimmt überhand. Gleichwohl erkenne ich hinter hohen Tannen
das Haus, wo Rosel den lahmen Herrn Bolkendorf pflegte. Wenn sie im
Dämmerstündchen strickend am offenen Fenster sass oder in der Gartenlaube, hallte
zu ihr ein sanftes Grüssen: das Flötenspiel Hainlins, der droben in der
Neckarhalde wohnte und gern abends auf seinem Altane träumte.
    Dazumal war's am Neckar lebensfroher als jetzt. Aus Gärten und Fenstern
scholl Gelächter und Burschengeträller, in der Brauerei von Betz brauste der
Kommers, im Seufzerwäldchen, wo der Flieder duftete, schlug die Nachtigall und
Mädchen sangen: »Das Lieben bringt gross Freud', es wissen's alle Leut'!« Jetzt
ist alles hier befremdend schweigsam. Das Wasser sogar - nur ein hüpfender Hecht
plätschert, es pfaucht eine Eule, von der Stiftskirche schlägt's ein Viertel -
gleich wird der Turmwächter ins Tutehorn stossen ... Richtig! noch besteht der
Brauch ... Und ich spinne mich in Erinnerungen ein. - Da ist mir auf einmal, es
halle von drüben des Kandidaten Flötenspiel, und immer deutlicher entfaltet sich
die Melodie. Ein Gemisch von zärtlichem Schmachten und klagendem Verzicht, dann
wieder Aufjubeln und Andacht, eine Beichte, die in Tönen ausdrücken möchte, was
unsagbar ist. Und mich begnadet jene Stille, die hinter allem Lebensgetriebe ihr
heimlich Wesen hat. Von Unrast leer, ist sie gleichwohl durchzittert von
Gefühlswellen. Alles lebt darin, was einst gewesen: Wie im Wasserspiegel, in den
ein Stein gefallen ist, kreisförmige Wellen entstehen und in der Ausdehnung
immer zarter werden, ohne dass ihre Wirksamkeit ganz verloren gehen kann. Wer
hineinzulauschen weiss, dem gibt diese mütterlich hegende Stille Verlorenes
wieder.
    Im Silberduft des Mondes schweben um mich Geister ... Bist du's, Vater? Ich
erkenne die hagerlange Gestalt, das ernste Gesicht mit der schwarzen Binde über
leerer Augenhöhle, die schwermütigen Falten um den schnurrbärtigen Mund. Aber
jetzt hast du, Vater, ein Lächeln so verklärt, wie ich's früher nicht an dir
gesehen. Und deine Sprache ist lautlos, unmittelbar dringt sie ins Herz,
durchleuchtend mit heiliger Klarheit ...
    Die Erscheinung zerfliesst - das Flötenspiel verliert sich, in eine Tiefe
scheint es zu sinken, und - aus meiner Versonnenheit fahr' ich empor ...
    Trunken von den Gesichten, die mir aufgegangen sind, wandle ich den
gewölbten Laubgang dahin, bis er auf die Neckarbrücke stösst, die oben quer geht.
Eine Treppe führt hinauf - es ist nicht mehr die alte Holzstiege, ist eine
breite Steintreppe. Oben ragt etwas wie ein Denkmal. Ich habe keine Neigung
hinzuschauen, biege nach rechts ab. Dort liegt der Gastof zum Goldenen Ochsen,
wo ich logieren will. Auf meinen Wunsch wird mir sogleich das Schlafzimmer
angewiesen.
                                       *
    In tiefer Nacht wache ich auf. Ferne Musik - Blechinstrumente intonieren
eine wehmütige Weise. Soldaten, die im Trauerschritt einen Sarg zum Bahnhof
geleiten. »Ich - hatt - einen - Ka - me - ra - den ...« Ach ja, Krieg ist - und
Tübingen hat Lazarette. Dumpfes Krachen, - Gewehrsalven rufen dem Toten Ade.
Dann singen Studenten das Abschiedslied. Ein Jenenser Bursch hat's gedichtet,
als er nach vielen Jahren sein Musenstädtchen wieder besuchte. Ergriffen sprech'
ich die Worte für mich ins Dunkel:
»Auf den Bergen die Burgen,
Im Tale die Saale,
Im Städtchen die Mädchen -
Einst alles wie heut!
Ihr werten Gefährten,
Wo seid ihr zurzeit mir,
Ihr Lieben geblieben?
Ach, alle zerstreut!
Die einen, sie weinen,
Die andern, sie wandern;
Die dritten schon mitten
Im Wechsel der Zeit;
Auch viele am Ziele,
Zu den Toten entboten -
Verdorben, gestorben
In Lust und in Leid.«
    Am Morgen bin ich ausgeruht, die gestrige Ueberschwänglichkeit hat einer
ruhigen Heiterkeit Platz gemacht. Ich begebe mich ins Frühstückszimmer, meinen
Kaffeeersatz zu schlürfen. Der Kellner überreicht mir einen Brief: von meinem
Jugendgefährten Hebsacker, in dessen Elternhause ich einst gewohnt habe. In der
Hoffnung, dass er noch am Leben und im Vaterhause ansässig sei, hatte ich ihm
angezeigt, ich würde dann und dann in Tübingen eintreffen und im Ochsen
logieren. Hebsackers Antwort lautete: um Zehn werde er ins Gastaus kommen. Es
treffe sich ungünstig, dass er morgen verreisen müsse, für zwei Wochen.
Hoffentlich werde ich länger in Tübingen bleiben, so dass er mich später noch
treffe. - Das Frühstück ist reizlos. Ich greife nach der Zeitung »Tübinger
Chronik«. Das Titelbild ist das alte: die Burg mit den dicken Ecktürmen. Ich
schmunzele über kleinbürgerlich idyllische Anzeigen, landwirtschaftliche
Bildchen: ein dickes Schwein, eine Kuh, ein Pferd, »Milchziege gesucht«,
»Blütenhonig«. Modern wirkt das Inserat: »Kunstmost pulverförmig, nur für
Selbstverbraucher«. In der guten alten Zeit hatte jede Familie reinen Apfelmost
im Keller.
    »Ischt vielleicht ein Herr Doktor Wille bei Ihne abgstiege?« sagt jemand zum
Kellner. Ich erhebe mich - schweren Schritts schreitet auf mich zu eine Gestalt,
die mir zuerst ganz fremd vorkommt. Dieser behäbige Mann mit ergrautem Haar und
Schnurrbart soll der schmächtige, blasse Knabe von damals sein? Ueber mich mag
er entsprechend denken - sein Stutzen verrät es, sein Auge, das mich unsicher
anstarrt. Dann wird der Blick auf einmal gemütlich, als ob er Bekanntes
entdecke. Aber wie wir uns betrachten, entdeckt auf einmal jeder etwas
Vertrautes im Gesicht des andern, und herzlich schütteln wir einander die Hand.
    Hebsacker gesteht mir, schon nachmittags müsse er seine Reise antreten, und
jetzt hab' er eine geometrische Vermessung im Keesbachtal zu erledigen. -
»Keesbachtal? Für mich eine liebliche Erinnerung? Darf ich Sie dortin
begleiten? Ich habe ja keine andern Geschäfte hier, als noch einmal auf den
Pfaden meiner Kindheit zu wandeln.«
    Wir verlassen den Gastof und gehen nach der Neckarbrücke. Auf meine Frage,
wie er lebe, entgegnet Hebsacker: Es sei da nicht viel zu berichten - von den
Eltern hab' er das Haus geerbt, besitze Frau und Kinder und sei Stadtgeometer.
»Ond waas sage Sie jetzt zu onserem Tübinge? Hänt Sie's wiedererkannt? 's hat
sich arg verändert, gelt?« - »Scheint aber noch immer das liebe Nest zu sein -
wenn auch hier und da die neue Zeit ...« - »Ha freile! Da schaue Sie, die
Aeberhards-Brück! So heisst mr sie jetzt - die alte war gemütlicher, gelt? Diese
neue hat ebbes Kaltes, gesucht Grossartiges. Wisse Sie noch, wie abends am
Sonntag unsere Weigärtner auf der alten Brück gsesse sind? Die steinerne
Einfassung bildete sozusage zwei lange Bänk'. Wie 's Landvolk heimwärts zog in
seine Dörfer? Die Baure trugen dreispitzige Hut - die Mädle Sammetmieder, bunte
Röck, weisse Hemdsärmel ond Flitterhäuble. Ond zweistimmik sangen sie: Jetz gang
i ans Brünnele ...«
    Vor dem Eberhard-Denkmal stehn wir, das von einem mittleren Brückenpfeiler
emporragt. Ich finde, dass durch diesen schwerfälligen Aufsatz mit der
gemeisselten Rittergestalt der Betrachter vom natürlichen Reiz der Brücke, von
der Aussicht, abgelenkt wird. Hebsacker gibt das zu und meint sogar: »Die
Aussicht selber hat arg gelitten. Da schaue Sie zum Oeschterberg nauf - ob Sie
den wiedererkenne? O ihr Rebstöcke von dazumal, wo seid ihr bliebe? Kaum dass mr
noch eins sieht von dene Wengertäusle der Biedermeierzeit. Dafür hänt mr jetzt
drobe die Protzepaläscht von dene Korstudente. Ond den Kaiser-Wilhelm-Turm, wo
mr um e Fünfziger naufkracksle derf, obwohl mr überall die schönschte natürliche
Aussicht gratis hat. Aber so ischt die Welt! Immer verzierter, künschtlicher,
nobler ond komfortabler soll's werde - so wird manches verschlimm-bessert.«
    »Himmel!« Und ich stehe erstarrt. »Was ist aus der alten Wassermühle
geworden?« Der ins Wasser vorgeschobene Turm, ehedem Brückenverteidigung der
Stadtmauer, steht noch, ist aber modernisiert, angepasst dem hochgereckten
Geschäftsbau, dessen Erdgeschoss »Lichtspiel-Teater« heisst. In die Melodie des
Wassers, das immer noch aus dem Schacht in den Neckar stürzt, mischt sich nicht
mehr das Summen des unterirdischen Wasserrads - sondern das seelenlose Geklimper
und Geklapper einer Musikwalze, die zum Augenschmaus der Flimmerbude einen
gleichrangigen Ohrenschmaus gesellt. Hebsacker sucht zu entschuldigen: »Ohne
Kino geht's heuer net! Die alte Mühle war halt net lebensfähik - solche Werke
gehn älle zugrund - ond sentimental braucht mr dees net zu nemme - es hat ja die
Romantik au ihre Kährseit.«
    Die Neckargasse aufwärts schlendern wir. Die Mündung der Mühlgasse sieht
ganz neu aus. Stattliche Schaufenster sind in alten Häusern eingerichtet. Ist
das nicht die Bursagasse? Da sieht's noch aus wie damals. Ihre Buckel und
Krümmen hat die Stadt behalten. Die Stiftskirche natürlich hat sich nicht
verändert - grossartig wirkt ihr Aufbau: Links an der steigenden Gasse ragt das
aus mächtigen Quadern gemauerte Fundament, eingefasst durch eine gemeisselte
Schranke, ein Meisterwerk der Gotik. Dicht dahinter hebt sich der Chor der
Kirche. Ein Blick, mir sehr vertraut - gegenüber hab' ich ja mit den Eltern
gewohnt.
    Jetzt such' ich das alte Haus vergebens. Wo's stand, ist auf dem Bürgersteig
ein Neubau - moderner Maurermeisterstil. - Sonderbar! Aus der äussern
Wirklichkeit ist das alte Haus verschwunden, kein Stein, kein Balken blieb
übrig. Aber in mir find' ich noch den dreihundertjährigen, verkümmerten und
morschen Bau mit den vorgekragten Stockwerken, sehe die Steinstufen, die zur
Haustür führen - links das Schubfenster, wo die kropfige Madeere-Beckin zu
sitzen pflegte, Wecken und Most an vorbeigehende Marktleute zu verkaufen.
Schweigsam mir zur Seite geht der Gefährte meiner Knabenzeit - mein Sinnen will
er nicht stören. So trollen wir durch die Gassen, und aus allerlei Winkeln kommt
alte Zeit hervorgeschlüpft. Staunend erlebe ich das Wunder, dass etwas in der
Aussenwelt tot sein kann, aber im Gemüt unverwüstlich lebt. Erinnerung ist
Mitteilung aus dem Ewigen Leben. Wenn ich jetzt durch die erinnerungsreichen
Gassen und die liebliche Landschaft Tübingens walle, so geh' ich gewissermassen
in der Ewigkeit spazieren. Und bin Odysseus, der nach langen Irrfahrten wieder
sein Ländle Itaka durchstreift, sein Glastelfingen.
 
                                Das Wahrzeichen
Alles kehrt wieder - was einmal war, das ist und wird sein - in der Ewigkeit hat
es Wurzel. - So kam's, dass ich an waldiger Halde auf einmal jener altdeutsche
Sänger war, und dass von mir sein Gesang galt:
»Ich sass auf einem Steine
Und deckte Bein mit Beine,
Darauf der Ellenbogen stand,
Kinn und Wange schmiegt' ich in die Hand ...
O weh! wie Wellenschaum
Schwanden Jahr auf Jahr.
Ist mein Leben Traum?
Oder ist es wahr?
Was da vorgekommen,
Scheint Gedankenspiel.
Vom Schlaf war ich benommen,
Und manches mir entfiel ...
Eins ist wie sonst: das Wasser wallt,
Am Gestein die Welle rauscht,
Und der Talbach, was er lallt,
Hab ich weiland schon belauscht.«
    Es war der Goldersbach, der zu mir emporraunte. An waldiger Berghalde sass
ich - drunten lag das Kloster mit dem zart gewobenen Glockenturm, den stattlich
schönen Gebäuden und der Ringmauer, sanft gebettet zwischen Waldhöhen. - Wie
lang ist's her, seit ich dies zuletzt gesehn! Als Knabe war ich hier - in der
Brunnenkapelle des Kreuzganges hab' ich dem Standbilde Eberhards einen Finger
abgeschlagen. Oder ist das blosser Traum? Brennende Sehnsucht spür' ich,
festzustellen, ob die Geschichte etwas wirklich Erlebtes, und was alsdann aus
dem abgeschlagenen Finger geworden ist. Wenn ich mir nun all das bloss
zusammenphantasiert hätte? Auf, ins Kloster! Machen wir die Probe!
    Und nun geh' ich - wie einst - zwischen den Gärtchen, Wohnhäuschen,
Stallungen des Weilers Bebenhausen. Schmuck hat sich alles entwickelt in den
Jahrzehnten des Fortschritts: Telephondrähte überspinnen die Dächer,
elektrisches Licht ist sogar im Kuhstall. Das Klosterportal, den wuchtigen
Steinbau, erkenne ich wieder, an der hohen Mauer rankt Efeu, wilder Wein. Und
der finstere Aufstieg da, ist das nicht der sogenannte Fuchsbau? Noch tiefer als
damals sind die Steinstufen von den Fusstritten ausgehöhlt. Nun kommt der
Söllergarten - der plaudernde Brunnen - die Kastellanwohnung mit Rosen, Kressen,
blauem Rittersporn.
    Und wie gerufen erscheint ein Beamter mit Dienstmütze, wohl der Kastellan.
Eine jener soldatisch korrekten Gestalten, mit denen sich Herrschaften umgeben.
Grüssend fragt er: »Möcht dr Herr's Kloschter besichtige? Tut mir leid - heute
geht's net - grad tun die Majeschtäte da wohne.« - »Bloss in den Kreuzgang möcht
ich einen Blick tun.« - »Ha, dees dürfen Se scho.«
    Wir treten in das kühle Gewölbe. Mich rührt die vornehme Anmut dieser
schlanken Steinpfeiler. Lebendig seh'n sie aus, wie Rankwerk wachsender Pflanzen
- jede Ranke hat eigene Gestaltung und besondere Formen des Verwobenseins. Da
sind auch die Schwälblein! Noch immer kleben sie ihre Nester zwischen die
Steinranken. Lautlosen Fittichs huschen sie den Kreuzgang dahin - und durch die
Pfeilerlücken in den Klostergarten, wo Rosen blühn und der Brunnen plätschert.
Wir kommen zur Brunnenkapelle und sieh, da steht das Steinbild, das ich suche:
der Graf im Bart. Wie weiland - in Helm und Panzer. Die Hand vorgestreckt, als
ob er sagen wolle: »Ja freile! Hier war's. Dees Fingerle da hat mir e Lausbub
abbroche.«
    Aber nein, reichster Fürst! Der Finger sitzt ja an der Hand, und da scheint
kein Fehl. Oder -? Nahe tret ich jetzt und betrachte genau den Finger. Nun seh'
ich, er hat eine Narbe. Also doch! - Ich lächle wie jemand, der ein Geheimnis
hat. Befremdet blickt der Kastellan und tritt ebenfalls herzu. Ich weise auf den
Finger: »Der war mal ab! Sehn Sie, er ist gekittet. Aber gut verheilt, die Narbe
kaum zu merken.« - Der Kastellan sieht mich stutzig an. Ich fahre fort: »Das
wussten Sie wohl nicht? Na ja! Lang ist's her! Vor vierundvierzig Jahren ist das
geschehen. Damals hat ein Pennäler mit einer Blechflöte diesem Steinbild den
Finger abgeschlagen.« Der Beamte macht grosse Augen - blickt auf den Finger,
mustert mich dann scharf: »Wer hat dees? E Pennäler? Sie wissen, scheint's,
Näheres darüber, he?« - »Sogar genau weiss ich, wie die Sache zuging. Als ich mit
der Blechflöte dran schlug, brach der Finger ab und polterte auf die
Steinfliesen. Ich erschrak - hob ihn auf - war ratlos und - legte ihn in die
Ecke. Da wird man ihn schon finden, wenn man fegt! dacht' ich und machte mich
aus dem Staube. War natürlich bange, ich könnte abgefasst und vom Gymnasium
gejagt werden - wegen groben Unfugs oder dergleichen. Jetzt ist die Geschichte
wohl bloss Kuriosum. Und nicht wahr? Wenn Sie's dem König melden, wird er einfach
schmunzeln. Dann können Sie ihn höflich von mir grüssen - er soll' entschuldigen,
was ein dummer Junge getan.«
    Der Kastellan starrt mich noch immer an: »Mit ner Blechflöt, sagen Sie?« -
»Ja, die hatt' ich auf den Spaziergang mitgenommen - und in der Wölbung hier
klang es schön, wie ich des Sommers letzte Rose blies. Als ich dann das
Standbild beobachtete und mir klarzumachen suchte, wie man eine Hand, einen
Finger meisseln könne, ohne dass der mürbe Sandstein bricht, überkam mich die
Neugier, einmal zu probieren, ob das Material haltbar sei. Darauf pickte ich mit
der Blechflöte an dem Finger, und knicks, da lag er.«
    Der Kastellan lächelte: »Wer ebbes begänge hat, find kei Ruh, so sagt mr -
zurück zieh's ihn zur Stelle seiner Missetat.« - »Stimmt! Ich bin gekommen, um
zu sehen, ob die Geschichte nicht etwa blosse Einbildung von mir ist ... Na, das
weiss ich ja nun. Der Verbrecher sucht am Schauplatz seiner Tat das Wahrzeichen.
Er kann nicht glauben, was er getan hat - er hofft, alles könne böser Traum
gewesen sein. Urkundlich möcht er sich überzeugen.« - »Urkundlich? Wie meinen
Sie dees?« - »Ich meine die Urkunde, die das Schicksal schreibt - ins Buch der
Wirklichkeit. Das Schicksal ist ein Buchhalter, dem kein Versehen unterläuft.
Nichts von dem, was wir angerichtet haben, ist spurlos vergangen, in irgend
welchen Ueberbleibseln wirkt es weiter. Und so kommen wir niemals los von
unserer Vergangenheit. Jede Lebensgestalt hat ihren abgeschlagenen und
angekitteten Finger - alles bleibt in Ewigkeit.« -
    Wie zur Bekräftigung tut jetzt die Uhr vom Klosterturm Schlag auf Schlag -
Zwölf!
    Nachdenklich nickt der Kastellan und seufzt. Ich fahre fort: »Aber natürlich
auch das Gute bleibt! Vom Winzigsten wird Vermerk genommen im Schicksalsbuche.
Soll ich Ihnen davon ein Beispiel sagen? Es war mal ein Fürst - kein so braver
wie dieser Eberhard, sondern ein Tyrann. Als der am Jüngsten Tage vor dem
Weltrichter stand, klagten ihn lauter Missetaten an. Ist denn aber nichts da,
was zu seinen Gunsten spricht? fragte der Weltrichter das Schicksal. Das
blätterte in seinem Buche folgende Notiz heraus: Von einer Jagd heimkehrend,
hatte der König eine Ziege angetroffen, die kurz angebunden war und, weil sie
ihren Umkreis abgeweidet hatte, kläglich nach Futter meckerte. Da schob ihr der
König mit dem Fuss etwas zum Fressen hin, eine niedergebrochene Staude. - Ja,
alles wird angerechnet! erklärte der Weltrichter, auch das Unscheinbare. Weil
selbst in diesem harterzigen Tyrannen etwas Gutes sich geregt hat, gehört auch
er zu den Erlösten - um der einen Guttat willen seien ihm seine Sünden
vergeben.«
    Während wir schweigsam sinnen, plätschert melodisch der Brunnen im
Klostergarten. »Zirr - rieh!« jauchzt ein Schwälblein in zierlichem Flug ums
Standbild.
 
                               Der verlorene Sohn
Das »Postörnle« ist jenes Bebenhausener Wirtshaus, wo einst Ulis Geburtstag
gefeiert werden sollte - was vereitelt wurde durch Lindas unwillkommene
Erscheinung, sowie durch den abgeschlagenen Finger. Ins Postörnle trat ich
jetzt, und die Wirtin, eine freundliche Frau in Mitteljahren, wies mich ins
Herrenstüble. Vor einem Ledersofa stand da der Eichentisch, in den Hunderte von
Namen eingeschnjetzt sind. »Also darf ich hier Platz nehmen?« - »Ha, warom net?
Der Könik beährt ons erscht om fünf Uhr.« - »Der König von Württemberg? Ei, das
ist ja interessant! Kommt er als Gast?« - »Grad wo Sie sitze, ischt sei
Stammtisch - bisweile trinkt er da sei Bier - ond raucht sei Pfeifle.« - »Ja, es
heisst, er sei ein schlichter, leutseliger Mann. Hier lässt sich auch gemütlich
kneipen. Bitte, Frau Wirtin, ein Schöpple Wein - und womöglich etwas zum Vespern
- Brotmarken hab ich. Was wär' denn zu haben?« - »Eierpfannkuchen mit Salat,«
schlug die Wirtin vor und ging zur Küche.
    Nun kam ihr Mann und brachte den Wein. »Sind Sie von Bebenhausen gebürtig?«
fragte ich, und die Antwort lautete: »Von Luschtnau.« - »Ach Lustnau! Als Knabe
wohnte ich in Lustnau - beim Josua Kuttler - haben Sie den gekannt?« - »Ha
freile! Ond lebe tut er noch, dr Josua. Zäh ischt der Kerle! zählt bald Neunzik!
Bloss im Oberstüble hapert's.« - »So so! Dann haust er wohl bei seiner Tochter
Linda? Die war ja immer sein Augapfel.« - Der Wirt machte eine abwehrende
Handbewegung: »Uijeh! Die zwoi sind wie Katz ond Hund. Bei dr Frau Jedele,
seiner Enkelin, wird er geduldet, dr alte Narr.« - »O weh, Jakobskindle! Früher
warst du Herr! Na, und die Linda? Lebt sie noch? Müsste scho Mitte Sechzig sein.
Und Enzio? Was ist aus dem geworden?«
    »Kuttlers Enzio? Hänt Sie den kennt?« - »Aber natürlich - wir haben zusammen
das Gymnasium besucht - er war mein Kamerad.« - Etwas spöttisch sah mich der
Wirt an, zögernd kam die Antwort: »Was aus'm Enzio worde ischt? Ha! wisset Sie
denn nicks dervon?« - »Wie sollte ich! Bin ja über vier Jahrzehnte fort gewesen
- erst seit ein paar Tagen suche ich hier Spuren meiner Kindheit.« - »Waas aus'm
Enzio worde ischt?« wiederholte der Wirt, als sei er um die Antwort verlegen -
platzte dann aber hart heraus: »E verlorener Sohn - e Mörder!« - Ich fuhr
zusammen: »Was? Mörder?« - »Es stimmt! Mörder! Zuchtäusler! Am End hat ihn
onser Könik begnadikt - i han selber mit Majeschtät gsproche, graad in dem
Stüble da!« - Ich schüttelte den Kopf: »Mörder? Um Gottes willen! Wie ist denn
das gekommen? Und wen hat er gemordet?« - »Seinen Schwager!« - »Wie? Lindas
Mann?« - »Ja, den Gassenmaier!« - »Gassenmaier? Der war sein Schwager? Louis
Gassenmaier?« - »Hänt Sie den au kennt?« - »Durch Enzio hab' ich den Gassenmaier
kennen gelernt - er war Gesell in der Neckarmühle. Wir drei haben einen Ausflug
zur Nehrener Eiche gemacht. Und dieser Gassenmaier hat also die Linda
geheiratet? Und ist von Enzio - ist es wirklich wahr? Sonderbares Schicksal! Von
Linda hat Gassenmaier schon damals geschwärmt. Ich hätte aber nicht geglaubt,
das hübsche, wohlhabende Mädchen, das immer so hoch hinaus wollte, werde einen
Müllergesellen nehmen, so einen garstigen Kerl wie den Gassenmaier.« - »Ha -
dazumal hat die Linda net mähr hoch naus könne. Was d Leut über sie geschwätzet
hänt, ischt nicks Guts gwä. Uebrigens hat sie scho wie e alt Jungfer ausgschaut
...«
    Hier wurde der Bericht unterbrochen durch Gelächter einer Frauenstimme, von
der Küche her. Es war die Wirtin: »Ui! Jungfer? Dees kann net stimme. Ischt sie
doch in andere Omständ gwä!« - Auflachend kratzte sich der Wirt hinterm Ohr:
»Freile! Ihr Kindle ischt scho onterwegs gwä, ond so ischt dr Gassenmaier graad
recht komme - sie zur Frau z' mache.« - »Ich verstehe, als Lückenbüsser hat sie
ihn genommen. Und weiter! Sie sagen, den Gassenmaier habe Enzio umgebracht?« -
»Vergiftet!« rief die Wirtin von der Küche her. - »Ich bitte Sie, Herr Wirt -
ich bin aufs äusserste gespannt. Wie kam das alles? Erzählen Sie doch!«
    Er nahm auf einem Stuhle Platz, zündete ruhig sein Pfeifle an und sann beim
Paffen: »E omständliche Gschicht. Also - dr Enzio ischt in Amerika gwä ... Ond
heimkomme als rechter Lump. Na hat dr Vatter den verlorenen Sohn aus'm Haus
gschmisse - sein Sohn sei er net mähr.« - »Ach ja, wild aufbrausend und hart war
der Alte.« - »Die Linda ischt's gwä, wo ihn so weit bracht hat. Dr Enzio natürli
hat e Jähzorn kriagt - sei Rachsucht hat en higrisse, dass'r die Schweschter hat
wölle beiseitschaffe.« - »Mit giftige Pilz!« rief die Wirtin - »ja, ond dr
Gassemaier hat's Pilzgricht gesse - zufällik bloss der - na ischt 'r hi worde.« -
»Sie meinen also, aus Rachsucht habe Enzio ...?« - »Aus Rach- ond Habsucht! Hat
sich die Erbschaft sichre wolle.«
    Die Wirtin trug mir auf; mechanisch begann ich zu speisen. Die Erzählung, an
der Wirt und Wirtin sich beteiligten, nahm mein Aufmerken in Anspruch. Schwer
fiel es mir, zu glauben, Enzio sei ein schleichender Meuchelmörder.
Gewalttätigkeit, die war ihm zuzutrauen, nicht berechnende Heimtücke. Anderseits
fiel in die Wagschale, dass ihn der harte Vater und die eigensüchtige Linda
grausam gefoltert hatten; so schien es möglich, dass er sich zu einer
Verzweiflungstat hatte hinreissen lassen.
                                       *
    Ueber den Zusammenhang der Dinge erfuhr ich etliches durch die Wirtsleute:
Enzios Traum, er werde »Staatskarrjähr« studieren und als farbentragender Bursch
umherstolzieren, war wie eine Seifenblase geplatzt, weil Linda ihren Vater
bestimmt hatte, auf diesen üppigen Lebensplan nicht einzugehen, sondern den Sohn
einfach Handelslehrling werden zu lassen. Nachdem Enzio in Stuttgart gelernt und
ein paar Jahre in Stellung gearbeitet hatte, kaufte ihm der Vater ein
Tuchgeschäft in Tübingen. Da er es ungeschickt betrieb und die Zeit mit
studentischen Kneipereien verbummelte, machte er Bankrott und ging nach Amerika.
Drüben in der strengen Schule lernt manch einer das Arbeiten - Enzio aber kam
arbeitsscheu und trunksüchtig zurück. Der aufgebrachte Vater machte Versuche,
ihm auf die Beine zu helfen; doch seine Darlehen wurden von Enzio vertan. Da
wies ihn der alte Kuttler endgültig aus dem Hause - wohl in ähnlich schroffem
Ton wie damals, als er den Knaben in den Strassenstaub geschleudert hatte.
    Enzio war nun kaum etwas anderes als ein vagabundierender Strolch. Einen
letzten Versuch machte er, ins Vaterhaus aufgenommen zu werden. Aber Linda
stachelte den Vater auf, dass er, immer noch ein starker Mann, den Sohn mit der
Faust hinaustrieb. Da war Enzio entschlossen, seinem verfehlten Leben ein Ende
zu machen. An der Südhalde des Oesterbergs rief eines Weingärtners Knabe:
»Vatter, in den Neckr ischt euner gsprunge - grad luegt sei Kopf aus'm Wasser!«
Der Weingärtner, der ein tüchtiger Schwimmer war, holte den fast Ertrunkenen
heraus, erkannte den jungen Kuttler und brachte ihn zum Vaterhaus - nicht ohne
zuvor eine Prügelei mit dem Widerspenstigen bestanden zu haben. Aber auch jetzt
liess sich der alte Kuttler nicht im mindesten rühren. »Gang wieder zom Neckr!«
rief er - und diese Grausamkeit empörte den Weingärtner, dass er den verlorenen
Sohn in eine Kneipe mitnahm.
    Hier wurde neuer Lebensmut getrunken, wenn's auch kein guter Mut war,
sondern gärende Leidenschaft, brennende Rachsucht. Ohne noch zu wissen, wie er
sich rächen solle, lauerte Enzio im Wald am Dentzenberg, ob Linda nicht zum
Haseläckerle gehe oder zum Obstgarten auf die Höhe. Richtig, da kam sie mit dem
Korbe, und nachschleichend bemerkte Enzio, sie wolle Pilze sammeln, die sie
durch Gassenmaier schätzen gelernt hatte. Auf dem »Sand«, einem Anger, wo die
Soldaten zu exerzieren pflegten, gab es gute Pilze, aber auch eine sehr giftige
Art. Ihren halbgefüllten Korb hatte Linda an den Waldrand gestellt und ging über
den Sand, weitere Pilze in die Schürze zu sammeln. Währenddessen soll es Enzio
gelungen sein, den gefährlichen Pilz in den Korb zu schmuggeln. Abends schmorte
Linda das Pilzgericht - und davon ass ihr Mann, der Gassenmaier; es geschah
hastig, weil er nur eine Viertelstunde verweilen konnte - dann hatte er eine
Geschäftsreise anzutreten. Zufällig wurde Linda, ehe sie gegessen hatte, in den
Stall gerufen, wo eine Kuh das Kalben bekam. Gassenmaier reiste ab, war andern
Tages krank und starb.
    Wie Linda des weiteren verhindert wurde, von den Pilzen zu essen, blieb ein
dunkles Kapitel in diesem Bericht, gegen den ich überhaupt manches Bedenken
vorbringen konnte, ohne dass Wirt und Wirtin imstande waren, alles glaublich zu
machen.
    »Hat Enzio denn ein Geständnis abgelegt?« - »Zuerscht hat er gleugnet,
zuletzt gschwiege. Ond wien er ischt aus'm Zuchtaus naus gwä, hat er gsagt wohl
hab er e Schuld, aber Mörder sei er net.« - »Und was ist aus Enzio geworden,
seit er begnadigt wurde?« - »Nach der Schweiz ischt er gange. Etliche Jahr vorm
Krieg hat 'r sich wieder in Luschtnau sehe lasse - bei seim Vatter - dass der's
seitdem besser hat.« - »Ein braver Zug von Enzio. Was war denn aber mit dem
alten Kuttler? Inwiefern ging's ihm schlecht? Das sagten Sie doch eben. Weshalb
hat ihm Enzio beistehen müssen?«
    »Ha - weil Kind ond Kindeskind den Alten schlecht behandelt hänt! Dem
Gassenmaier hat die Linda net lang nachtrauert, hat wieder gheiratet - diesmal
ischt's e junger Kerl gwä, Straubisch heisst 'r. Dem alten Kuttler sind die zwoi
um den Bart gange, bis 'r so dumm gwä ischt, ihne sei Eigentum abzutrete.
Seitdem ghört's Haus mit dem Kramlade der Frau Linda Straubisch. Das andre Haus
am Goldersbach - hat der Alte Lindas Tochter zuschreibe lasse, die den Jedele
gheiratet hat. Aber sie hat sich müsse verpflichte, ihren Grossvatter in Pfleg zu
nemme.« - »Ah, ich merke! Diese Verpflichtung hält sie wohl schlecht?« - »So
ischt 's!« antwortete die Wirtin, »die Jedeles tun dem Alten 's Lebe verleide -
dass 'r seinen Sohn soll bitte, ihn anderswo onterzubringe.« - »Seinen Enzio?
Kann er denn hoffen, von dem so viel zu erhalten?« - »Ja, dr Enzio hat seim
Vatter verziehe, wie sich der von dr Linda losgemacht hat. Taschegeld gibt dr
Enzio seim Vatter - aber der weiss es bloss zu verwende, um den Jedeles ond dr
Linda Aerger zu mache. Anderswohin tut Enzio den Alten net bringe. Die
Luschtnauer Verwandte solle sich gegeseitik e Straf sein. Uebrigens würd dem
Alten ebbes fehle, wenn er seine Verwandte net plage könnt.«
    »Also Geld gibt Enzio her? Dann geht's ihm in dieser Hinsicht so ziemlich,
wie?« - »Am Geld, heisst's, fehl's ihm net. In der Schweiz hab er e guets Gschäft
- sei übrigens e ordentlicher Mensch worde. Jetzt, weil 'r für Jedeles' Buebe e
Vermächtnis in Aussicht stellt, derfen die den Alten net zu schlecht behandle.
Zank freile gibt's mit ihm Tag um Tag. Ond er selber, der Alte, hat schuld.
Ischt halt e böser Ssimpel. Sei Freud hat 'r, wenn er schimpfe tut - ond wenn er
droht, er werd's Häusle azünde.« - »Meint er's im Ernst?« - »I glaub net! Aber
weiss mr denn, ob er net doch emol tut, waas er so oft gsagt hat? Net grad
verarge sollt mr's den Jedeles, dass sie den Alten net ohn Aufsicht im Häusle
lasse möge - ond dass 'r bisweile ausgsperrt vor dr Haustür sitzt.«
    »Ausgesperrt? Da hat er allerdings einen trüben Lebensabend - und überhaupt,
das Schicksal des Hauses Kuttler ... Kuriose Welt! Aber sagen Sie, ob ich den
alten Kuttler sprechen kann?« - »Warom net? Sogar den Enzio - wenn's stimmt, dass
er sich in Tübinge hab sehe lasse die letzte Täg.« - »Enzio? Es wär mir sehr
interessant, ihm zu begegnen. Wo mag er wohnen? Wie könnt' ich das erfahren?« -
Fragend blickte die Wirtin auf ihren Mann, der zuckte die Achsel: »Leicht wird's
net sei. Einen amerikanischen Namen hat er ahngenommen ... Tobias - oder so -
Mister - i woiss net.«
    Nach diesem Gespräch verabschiedete ich mich von den Wirtsleuten und ging
gen Lustnau. Nichts schien sich hier im Tal verändert zu haben - der Goldersbach
murmelte, auf der Talwiese zirpten Grashüpfer, die fruchtbeladenen Zweige der
Apfelbäume waren gestützt, auf den Höhen beiderseits säuselte Hochwald. Als ich
an die Sophienpflege kam und die Reste des ehemaligen Klostervorwerks sah, die
alte schiefe Mauer und den Kapellenturm, dachte ich an Justinus Kerner und sein
Rickele, wie sie hier den zarten Vorfrühling ihrer Liebe erlebt hatten.
    Dies Paar und die Familie Kuttler - welch ein Gegensatz! Ich glaubte zu
sehen, woraus die Verschiedenheit der Schicksale hervorwuchs. Es gibt nur eine
Sünde: in Verengung sich abzutrennen vom ewigen Leben - und gibt nur eine
Erlösung: dortin heimzukehren, wie der verlorene Sohn zum Vaterhause. Um es zu
finden, braucht man nur das eigene Herz zu öffnen, aus dem Schneckenhaus Ich
herauszufinden, ins einige All.
 
                                   König Lear
Das Lustnauer Haus, wo ich bei den Eltern gewohnt hatte, sah noch schmuck aus,
und wie damals lächelte der Rosengarten. Ueber dem Krämerladen stand jetzt ein
anderer Name: Mattias Straubisch. - Ob ich eintreten durfte? Ich tat es, schon
ging die Türschelle - es war derselbe Laut, den ich als Knabe oft vernommen.
Hinterm Ladentisch stand eine Frau mit weissem Haar und kohlschwarzen Augen - ich
wusste sofort: Linda ist das - noch immer scheint es in dieser Seele hexenhaft zu
lodern.
    »Grüss Gott! Frau Straubisch! Nicht wahr, Sie sind es? Haben Sie ...« Und
suchend musterte ich die ausgelegten Waren. In meiner Verlegenheit deutete ich,
obwohl kein Raucher, auf Zigarren. Und während sie diese in eine Hülle tat,
begann ich das Gespräch: »Sie werden mich nicht mehr kennen. Es ist ja auch so
lange her, dass ich bei Ihrem Vater Rosen kaufte. Student war ich damals ...« Zu
dieser Ausrede hatte ich meine Zuflucht genommen, weil mich der forschende Blick
ihrer wilden Augen verwirrte. Sie schwieg, als ob sie abwarte, wo hinaus ich
wolle. »Ach ja, Frau Straubisch,« fuhr ich fort, »die Zeit vergeht! Ihr Vater
muss schon bald Neunzig sein. Ich höre, er wohnt bei Ihrer Tochter, der Frau
Jedele. Ich erinnere mich des Hauses - es liegt ja wohl am Goldersbach, wo das
Stegle hinüberführt?«
    Ihr Blick wurde schielend - auch Enzio und der alte Kuttler hatten diesen
Zug. Und nun hörte ich Lindas Stimme - sie war noch hart, wenn auch leise
lauernd: »Ja, wo früher 's Stegle war ond dr Goldersbach. Jetzt hat mr ihn
reguliert, im Boge abgleitet, durch d Wiese - ond's Stegle ischt fort.« - »Oh!«
bedauerte ich, »wieder ein Stück Vergangenheit dahin! Man fühlt eine Art
Zerrissenheit, wenn da draussen nicht mehr zu finden ist, was vor dem innern Auge
noch wie greifbar steht. Sie, Frau Linda - wie Sie damals waren und Enzio und
Ihr Vater - das alles hat noch volles Leben in meiner Erinnerung. Also Ihr
Vater, hm ... Und besteht seine Jakobsgemeinde noch? Der Tempel hinterm Garten?«
- Sie lächelte verächtlich: »Den Tempel hat dr rote Hahn gholt!« - »Der rote
Hahn? Sie wollen sagen, dass er abgebrannt ist? Wie kam denn das?« - »Ha, wie so
ebbes halt kommt! Er musste ja abbrenne! War halt zu ogschickt glega!« - Auf
meinen forschenden Blick antwortete sie mit listigem Augenblinzeln und winkte
mit dem Kopf nach dem Goldersbach, wo ihr Vater wohnte. Das war nun die echte
Linda - ihre spöttische Bosheit war's, die beissend treffen konnte wie ein
gezielter Peitschenhieb.
    Ich dachte an Gassenmaier und suchte sie durch eine Anspielung zu strafen:
»So so! ungeschickt gelegen! Und darum brannte die Scheune ab! Na ja! Der
Hölderlin-Turm, der zu meiner Knabenzeit in Flammen aufging, war einem gewissen
Jemand auch ungeschickt gelegen.« - Sie stutzte, misstrauisch bohrten sich die
schwarzen Augen in mich hinein: »Der Hölderlin-Turm? Dees ischt aber lang her,
arg lang! Ond dazumal send Sie Knab in Tübinge gwä?« - Ich fühlte, wie ich unter
ihrem argwöhnischen Spähen errötete. Drum legte ich has Geständnis ab: »Als ich
sagte, ich sei in Tübingen Student gewesen, wollte ich nur mein Inkognito
wahren. Rund heraus gesagt: meine Eltern haben hier bei Ihnen im Haus gewohnt,
ich bin Enzios Schulkamerad. Herr Hainlin hat mir Nachhilfe erteilt. Erinnern
Sie sich?« - Betroffen starrte sie mich an und hauchte: »Hainlin?« - »Ja,
Hainlin! Was ist denn aus ihm geworden? Sie können gewiss von ihm erzählen.« -
»Net viel mähr, als dass 'r tot ischt, lang!« - Schweigend sah ich sie an und
nickte: »Ein edelfeiner Mensch! Nicht wahr?« Etwas Weiches kam in ihren Blick,
stumm bebte ihre Lippe.
    »Aber Enzio!« fuhr ich fort - »was ist denn mit dem? Ich höre soeben, er sei
in Tübingen geschäftlich - da möcht' ich nicht verfehlen, ihn aufzusuchen. Sie
blicken finster, Frau Linda? Nun ja, ich weiss, was er Ihrem Manne angetan hat -
aber Menschenkindern bleibt, wenn sie einander begreifen wollen, nichts übrig,
als Nachsicht zu üben.« Ihre Augenbrauen, die noch schwarz und buschig waren,
zogen sich zusammen, als solle die Seele darunter versteckt werden - und etwas
von wölfischem Knurren hatte ihre Stimme: »Tun mr net von dem rede! Nur dees
net!« - »Na ja, ich ... Entschuldigen Sie, wenn ich Peinliches berühre. Aber wer
alten Erinnerungen nachgeht, wie ich, kann sich geradezu vernarren in den
Wunsch, Gestalten von damals wiederzufinden. Seien es Menschen, seien es
Stätten. Von Ihrem Haus da, vom Rosengarten und der Weinlaube hab' ich in diesen
Jahrzehnten manchmal geträumt - hab' mich gesehnt, das alles mal wiederzusehen.
Nun ich endlich hier bin, freut es mich, dass so ziemlich alles, wie es scheint,
beim alten geblieben ist. Steht denn die Laube noch?« - Sie hatte einen
schmeichlerischen Zug, als sie erwiderte: »Sie möchten in den Garte?« Und durch
den Hausflur ging sie voran, ihre Gestalt war noch straff. Da sieh, wie einst
blühten die Rosen, und die Laube war noch immer von Wein umrankt.
    Der Wunsch, Näheres über Hainlin zu hören, veranlasste mich, an ihn zu
erinnern: »In der Laube da sass der Kandidat mit meinem Vater und sprach über
Erziehung - sprach über uns Knaben und die Schule ... Oh, wie treffend! Zum
Seelenpfleger, zum Menschengärtner war er durch sein Genie berufen.« Wehmütig
sah sie mich an und nickte: »Sälengärtner! Ja, war onsereis, wär i in seiner
Pfleg gwä - anders wär älles worde. Aber - mi hat er net möge - zuletzt schon
gar net mähr, wie er hat gemeint, i hätt die Denunziatio gschriebe. Wisset Sie
noch? Der Figur in Bebehause hat ebber's Fingerle abgschlage ghätt.« - »Ob ich
weiss? Ich selber bin ja der Missetäter gewesen! Grade komm' ich von Bebenhausen
und habe mir den abgeschlagenen Finger besehen. Und hab' in mich
hineingelächelt, weil er gut angeheilt ist.« Auf diese Wendung zum Heiteren ging
Linda nicht ein. »Gschriebe han i die Denunziation net, noi!« Aus ihrem
verzogenen Munde kam es wie unterdrücktes Schluchzen, sie wandte sich ab. Da sah
ich nun, dass sie Liebe für Hainlin gehabt hatte - Liebe auf ihre Art. Milder war
also zu beurteilen, dass sie Bock zu jener Denunziation veranlasst hatte. Aus
Verliebteit war's geschehen, aus Eifersucht: Hainlins Heirat mit Rosel hatte
sie hintertreiben wollen.
    Als hätten sich auch ihre Gedanken in dieser Richtung bewegt, fuhr sie fort,
Tränen im Auge: »Dass es mit dem Hainlin so komme würd, han i net ahne könne.« -
»Wie denn gekommen? Ich weiss gar nichts von ihm.« - »Ond i han nicks weitr
ghört, als dass 'r hab kei Glück ghätt mit seiner Frau.« - »Mit Rosel?« - »Net
mit der! Die hat ja den Bolkendorf gheiratet.« - »Also doch! Und leben die
beiden noch?« - Mit der Hand machte sie eine abwehrende Bewegung: »Ui jeh,
längscht net mähr! Beide tot!« - »Ach ja! Die Zeit reisst alles in ihren Strudel
... Aber Sie wollten etwas von Hainlins Frau sagen - wer war's denn?« - »I han
sie net kennt - in Berlin, heisst's, hab er mit ihr gwohnt. Ond sie sei ihm
ontreu gwä.« - »Untreu? Dem Hainlin?« - Sie nickte finster.
    »Und über Enzio möchten Sie mir nichts sagen? Nicht einmal den Namen, den er
jetzt führt? Ich möchte ihn gern sprechen.« - Finster schüttelte sie den Kopf
und kniff die Lippen zusammen. Dann loderte ihre Wildheit auf: »Nicks wisse mag
i von dem! So wenik wie vom Dreck onter meim Schuh.« - Da konnte ich nicht
weiter in sie dringen. Schweigend sah ich mich im Garten um. In lieblicher
Unschuld, wie einst, lächelten die Rosen, wangenrote und weisse, dunkelglühende
und marmorgelbe. Linda pflückte mir etliche zum Andenken. Diesen freundlichen
Zug an ihr hatte ich als Knabe ein paarmal beobachtet, eine verstohlene
Weichheit mitten in harter Ichgier - es war, als luge aus Unkraut, fast davon
erstickt, ein letztes gutes Pflänzchen hervor.
    Dankend verabschiedete ich mich und ging, von ihr begleitet, zur
Gartenpforte. »Ond jetzt gehe Sie zu meim Vatter?« bemerkte sie spitzig. - »Ja,
ich möchte ihn gern wiedersehn.« - »Den werde Sie net wiederkenne, er ischt e
Ssimpel.« - »Ich bedaure, dass Sie Ihr gutes Verhältnis zum Vater verloren haben.
Früher waren Sie doch sein Augapfel.« - Nichtachtend zuckte sie die Achsel: »Er
hat mi schlecht behandelt, halb enterbt.« - »Aber, wie ich höre, doch bloss
zugunsten Ihrer Tochter.« - Gereizt eiferte sie, sich auf die Brust pochend: »I!
I hätt ihm solle dr Näckschte sein! Warum stellt er mei Tochter mir gleich?
Aber's geschieht em recht, dem Narre, dass er bei Jedeles so bhandelt wird. Jetzt
hat er's mit allen Kindern verdorbe. Ha jo! Dr Enzio gibt em Geld - aus Schikahn
gegen mi! Um den Alten gegen mi auszuspiele - om mir 's Lebe schwär zu mache
...«
    »Wieso denn Ihnen? Wenn doch Ihr Vater nicht bei Ihnen, sondern bei Jedeles
wohnt!« - »Ha, der Alte droht alleweil - mit Brandstiftong! Ond dees geht scho
viele Jahr so!« - »Dann ist wohl klar, dass es leere Drohung ist.« - »Ha - weiss
mr denn, waas so e Narr noch ahnstelle ka? Rabiat ischt 'r, gmeingfährlich! Ins
Narrehaus ghört 'r!«
    Dem widerwärtigen Keifen entzog ich mich. Die beiden von Linda erhaltenen
Rosen, eine dunkle und eine weisse, steckte ich mir ins Knopfloch.
Gewohnheitsmässig wie einst bog ich in die Gasse, die zum Goldersbach führt -
hier war ich so oft mit dem Schulranzen gegangen. Aber ach, das steinige Bett
des Baches lag öde, wasserleer, und der hölzerne Steg, von dem ich die Forellen
beobachtet hatte, war fort - an seiner Stelle führte ein aufgeschütteter Weg
durchs Wiesenland. Enten gab es da noch - nur watschelten sie jetzt über
trockenen Schlamm.
    Ich sah mich um - hier in der Nähe musste das Haus sein, wo der alte Kuttler
jetzt wohnte. Führte nicht ein steinerner Vorbau zur Haustür? Richtig! Dort die
Freitreppe! Auf den Stufen sitzt ein Mann, eine schlottrige Gestalt. Ich gehe
hin - das ist der alte Kuttler. An den schwarzen Augen zu erkennen - Lindas
Augen sind es, Enzios Augen. Um das lederbraune, verrunzelte Gesicht starren
weisse Bartstoppeln. Das Kinn macht Kaubewegungen. Auf den Kopf ist eine
Troddelkappe gestülpt. Dürr und eingesunken die Gestalt, als ob ein Holzgestell
bekleidet sei. Der eine Fuss steckt in einem Pantoffel, vom andern scheint der
Pantoffel verloren. Unheimlich lodernd ist des Alten Blick auf mich geheftet -
es glimmt darin noch heftiges Wollen; der übrige Mensch ist Schlacke.
    Ich ziehe den Hut: »Grüss Gott, Herr Kuttler!« Er lallt, und ich fahre fort:
»Ich wollt' nur grad den Goldersbach anschaun - vierundvierzig Jahre bin ich
nicht in Lustnau gewesen - und da seh' ich, das Wasser ist fort - der Bach
abgeleitet.« Er nickt und murmelt hohl: »Menschewerk! Bloss Menschewerk!«
    »Vielleicht erinnern Sie sich meiner, Herr Kuttler - ich heisse Wille - ich
habe mit meinen Eltern etliche Monate bei Ihnen gewohnt, in Ihrem
Geschäftshaus.« Spähend kneift er die Augen zusammen, immerfort kaut das Kinn.
    »Ja, Herr Kuttler! Anno Dreiundsiebzig war's, vielleicht erinnern Sie sich
meines Vaters: er hatte bloss ein Auge.« Jetzt schien in dem Alten etwas
aufzuwachen, die Hand tat er vor sein Auge und lallte: »E schwarz Bändle hat er
da ghätt, gelt?« - »Ja! Das war mein Vater!« - »Na send Sie der - wo mit meim
Enzio zum Gymnasiom gange ischt?« - »Stimmt, Herr Kuttler! Und über den Enzio
hätt' ich Sie gern befragt. Dieser Tage ist er in Tübingen, hab' ich gehört. Ich
möchte ihn besuchen - wo wohnt er?« Grinsend schüttelt der Alte den Kopf: »Den
finde Sie net! Verpuppt hat er sich - ausgeschlüpft ischt e fremder
Schmetterling - Aemörriken-Mister.« - »Ja, ich weiss, dass er in Amerika war und
den Namen gewechselt hat. Und wie nennt er sich? Wo wohnt er?« - Der Alte
murmelt in sich hinein, rückt aber nicht mit der Sprache heraus. Wahrscheinlich
weiss er selber nichts Näheres über seinen Sohn. Der will ja auch inkognito
bleiben, drum wird er sich wohl hüten, einen Schwachkopf zum Mitwisser seiner
Heimlichkeit zu machen.
    »Aemörriken-Mister,« lallt der Greis - »aber all dees Menschewerk soll
vergehe! Ond's Häusle tu i dooch azünde.« - »Aber nein, Herr Kuttler! Das kann
nicht Ihr Ernst sein! Sie waren sonst ein frommer Mann. - Und denken jetzt
daran, solche Sünde zu begehn? Nicht doch!« - Starrsinnig winkt er ab: »Dees
Häusle da ischt Menschewerk! Ond die Sünd', graad da tut die Sünd hause - drum
muess dees Häusle fort. Ond wenn sie den Ssimpel aussperre, - azünde kann er
dooch!« - »Hat man Sie ausgesperrt? Wo sind denn Jedeles?« - »Auf dr Wies -
Oehmd mache!«
    »Wollen Sie rauchen, Herr Kuttler?« Ich gebe ihm die gekauften Zigarren - er
nimmt eine, beisst ab und sagt lauernd: »Gebt mir e Zündhölzle.« Ich hole mein
Schächtelchen heraus und reiche ein brennendes Hölzchen. Er raucht an und bittet
mich, ihm 's Schächtele zu schenken - die Ziehgarr müss' er halt immer wieder
azünde, weil er aufs Rauche vergess'. Da ich argwöhne, er könne Feuer anlegen,
erwidere ich, das Schächtelchen brauch' ich selber. - Die Zigarre scheint ihm zu
schmecken, und ich sage: »Aus Ihrem früheren Laden hab' ich die gekauft - von
Ihrer Tochter Linda.« Sein Gesicht wird düster, die Zigarre betrachtend, faselt
er: »Menschewerk!« - »Ich bedaure, dass Sie nicht mehr so gut wie einst mit Ihrer
Tochter stehn. Wie ist das gekommen?« - Seine Antwort ist eine Handbewegung nach
dem Pfosten der Haustür. Auf schwarzem Grund steht da, rot gemalt, der seltsame
Haussegen: »Undank ist der Welt Lohn.« - »Sehr wahr!« entgegne ich, und da
lodert der alte Propheteneifer in ihm auf, hohl deklamiert er: »Wer seinen
Kindern gibt das Brot - ond leidet nachher selber Not - den schlag mr mit dr
Keule tot! Ja meine Kinder, die hänt mi verleugnet ond verlasse - an dene bin i
gstroft. Jetzt, Herr, saget mir, ob so ebbes scho vorkomme ischt in dr Welt?«
    »Es ist schon alles einmal dagewesen, hat ein Weiser gesagt. Und haben Sie
denn nie die Geschichte vom Lear gehört? Nicht? Dieser König Lear hat eine
Affenliebe gehabt für seine zwei ersten Kinder, so dass er ihnen sein Reich
geschenkt hat. Aber wie sie's besassen, haben sie ihn grausam behandelt - vor
Gram ist er wahnsinnig geworden und wie ein Bettler in seinem Reich umhergeirrt.
Ach, kennen Sie die Geschichte wirklich nicht? Shakespeare hat ein Teaterstück
daraus gemacht.«
    Finstern Blickes brummt er: »Teadr? Menschewerk ischt dees! Von Teadr ond
so Märle will i nick's! Nach 'der wirkliche Welt frag i - ob da so ebbes scho
vorkomme ischt. Auf em Teadr freili, wenn da d' Leut sehe, wie e Könik Gram
hat, na mache se e 'gross Gschrei, weil sie Fürschteknecht sind: oh! dr arme
Könik! Ond e Buch tun se draus mache, e Teadrstückle. Wenn aber e Dörfler,
einer, wo seinen Sohn verstosse hat ond all sei Eigentum verschenkt hat an seine
Tochter ond an deren Tochter, wenn i, dr Josua Kuttler, so ebbes erleb, na macht
mr nicks draus! Na hat die Welt net Erbarme! Na spottet sie bloss ond lacht:
Gschieht ihm recht, dem Narre! I aber sag: Domme Welt! Waas weisst denn du von
Recht ond Onrecht? Vom Onterschied zwischen Menschewerk und dem Gott Jakobs, der
da äwik ischt? He du, Welt - ssaumässik domme, pfui!« Und er spuckt aus - ganz
ausser sich, seine Augen rollen. Da ihm die Zigarre ausgegangen ist, geb' ich ihm
nochmals Feuer, er raucht an, betrachtet die Zigarre und murrt: »Menschewerk!«
    Für diesen Lustnauer Lear hab ich nun nichts weiter als einen Gruss - dann
geh ich eilig, womöglich seinen Sohn ausfindig zu machen. Die Rosen, die mir
Linda geschenkt hatte, vergingen rasch: die dunkle verlor auf einmal ihre
Blütenblätter, die weisse fiel in den Strassenkot.
 
                                 Am Stammtisch
Nicht selten soll's geschehen, dass in einem entlegenen Weltteil ein Schwab dem
andern begegnet - dann schütteln sie einander die Hände und sprechen: »Klein
ischt die Welt!« In seinem kosmopolitischen Liede erzählt Bruder Straubinger,
auf seiner Wanderschaft in Indien hab' er einmal, an einem Wirtshaus
vorüberkommend, auf gut Glück hineingerufen: »Ischt koiner von Böblinge do?«
Drauf sei hinten von der Bierbank, wo ein alter Brahmine gesessen, das
schwäbische Echo erklungen: »Noi, dees net! Aber von Ellwange!«
    Diese Geschichte liess mich hoffen, Enzios Spur in Tübingen ausfindig zu
machen, zumal mit der Art einer Kleinstadt gerechnet werden durfte, wo jede
fremde Persönlichkeit neugierig beobachtet und besprochen wird. Nun geh' aber
gleich vor die rechte Schmiede! sprach ich zu mir, nämlich - wie Bruder
Straubinger - ins Wirtshaus! Nachmittags war ich einziger Gast in der Gaststube,
konnte frei mit der Kellnerin plaudern. »Hören Sie, Liesel! Hier in Tübingen
soll ein Amerikaner weilen - ist in meinem Alter - hat kohlschwarze Augen -
nennt sich Tobias oder so ähnlich. Wo könnte der wohnen?« - Die Kellnerin
blickte nachdenklich und zuckte lächelnd die Achsel: »Onsereis kommt wenik
naus.« Aber aus dem Schubfenster, das zur Küche ging, erscholl der Köchin
Stimme: »Ameriganer? Dees könnt dr Hallelujah-Mister sein.«
    Begierig griff ich die Andeutung auf - sie passte zu dem Worte des alten
Kuttler: Aemörriken-Mister. »Hallelujah-Mister sagen Sie? Weshalb nennt man ihn
so?« - Und durchs Schubfenster lugend, schmunzelte die Köchin: »Nicks für
unguet, Herr Dooktr, dass i so vorlaut bin. Gnaues weiss i selber net. Aber e
Student aus meiner Bekanntschaft tut über den Ameriganer schimpfe. Jeden Morge
stör ihn der im Schlaf, indem dass er Choräl sing - ond ameriganische
Hallelujah-Liedle - wie so Leut von dr Heilsarmee.« - »Amerikanische? Das wird
er sein!« Auf Enzio war um so eher zu raten, als dem Zögling der Jakobskindle
fromme Lieder zuzutrauen waren. Auf meine Erkundigung, wo der Student wohne,
erfolgte der Bescheid: Das wisse sie nicht, auch nicht seinen Namen. Aber
darüber könne ich Auskunft erhalten in der Weinwirtschaft zur Pepita, wo der
Student verkehre.
    Nach dem Abendessen machte ich mich zur Pepita auf. Es regnete, dunkel war
die mir bezeichnete Gasse, nur eine Laterne glomm. Die alten Häuser brüteten
mürrisch, ihre Giebel verloren sich im Nebel, und weil die unteren Fensterläden
geschlossen waren, kam nur hin und wieder ein Lichtschimmer aus den Wohnungen.
Vergebens sah ich mich nach der Wirtschaft um - niemand war da, den ich hätte
fragen können. Endlich nahten Schritte - es kam jemand mit einem Regenschirm.
»Entschuldigen Sie - wo ist die Weinstube der Pepita?« - »Bitte, kommen Sie mit
- i gang selber zur Pepita.«
    Ich folgte dem Bürger; schwerfällig schritt er voran. Nicht lange, so wandte
er sich, auf ein krüppeliges Haus deutend: »Dem sieht mer's net ahn, was für e
guts Tröpfle da lauft.« Durch die niedere Haustür traten wir in einen Flur, der
elektrisch erleuchtet war, im übrigen nach ältester Kleinbürgerzeit aussah.
Steinfliesen - in den Ecken standen Fässer und Geräte herum - zum Keller führte
eine Falltür, hochgeklappt.
    Das Gaststüble, in das wir kamen, war klein, ohne Gäste, hatte nur drei
Tische aus rohem Buchenholz, an den Wänden Bänke. Die Decke sah vergilbt aus wie
angeschmauchte Meerschaumpfeife. Während wir Schirm, Hut und Mantel ablegten,
scholl aus dem offnen Nebenraume Bratengeprutzel und eines ältlichen Weibes
Stimme: »Griess Goot, Herr Stadtrat!« Dann kam eine Matrone, grauhaarig, faltigen
Gesichts. Dem Stadtrat ohne weiteres einen Schoppen Rotwein hinstellend, blickte
sie mich prüfend an: »Neu oder alt?« Ich entgegnete: »Vom Neckar soll immer der
Neue ratsam sein.« - »Neuen also!« Und die Frau ging.
    »Ist das die Mutter der holden Pepita?« raunte ich - worauf er lächelte:
»Sähr gut! Ha jo! Wenn ein Fremder herkommt ond bloss den Namen Pepita kennt -
ond wenn alsdann dees Weible da erscheint, so zwische Fufzik ond Siebzik, na
fragt er, wo die Tochter sei - unter der Pepita stellt er sich halt ebbes vor
wie jene aalglatte Donna, wo einschtmals der Welt den Kopf verdräht hat mit
ihrem Tanzbein, gelt?« Schelmisch nach der Alten blinzelnd, die mir jetzt meinen
Schoppen brachte, fuhr er fort: »Mir wär's au lieber, wenn die Pepita e Schlange
wär!« - »E Schlange?« fragte wieder eintretend die Wirtin. - »Ha - weil die
Schlange alle Jahr efrische Haut kriegt - dees wär onsrer Pepita zu gönne.« -
Die Wirtin parierte den Hieb schlagfertig: »Wenn i e Schlängle wär, an den Herrn
Stadtrat tät i mei Gift net verschwende - - der ischt selber giftik gnueg.«
    Belustigt zwinkerte der Stadtrat: »Von Ihne will i au koi Gift - sondern e
guets Tröpfle - ond jetzt Maultasche, gelt?« - »I werd so guet sein!« entgegnete
sie schnippisch und kehrte zur Küche zurück.
    »Also das ist die Pepita! Hat sie diesen Namen wenigstens in ihrer Jugend
gerechtfertigt?« - Lächelnd schüttelte der Stadtrat den Kopf: »Dass i net wüsst!
Aber ihr Mann, der verstorbene Beck, hat Paul Pita gheisse - gschriebe: P. Pita -
drausse auf'm Schild steht's.« Gemütlich trank er mir zu, und ich tat Bescheid.
Mir mundete das sanfte Feuer des jungen Rotweins.
    »Bloss dr Wecke fehlt,« sagte er - »Weissbrot erhöht den Wohlgeschmack. Schon
um wieder Wecke zu kriege, sollt mer endlich Friede schliesse. Ond all die
Sächle, wo mr vor dem Krieg gschleckt hänt - Rührei, Leberspätzle, Milchreis ...
o jerum, älls futsch!«
    »Sie! Pepita!« rief er nach der Küche. »Für wen soll denn der Brate da sei?«
Wieder eintretend, sagte die Wirtin geheimnisvoll, als schenke sie uns
besonderes Vertrauen: »Für zwei Herre aus Norddeutschland! Vor dreissik Jahr hänt
sie in Tübinge studiert - Pfarrer ischt der ein, der andre, scheint's,
Kapellmeischter. Im vierte Kriegsjahr hänt sie Sehnsucht nach dem Ländle
verspürt. Hänt brieflich bei mir gfragt, ob da ebbes Guets zu kriege wär, wenn
sie zu mir kämen - Ripple mit Kraut, Maultasche ond so Schwabefressa. Om älls in
der Welt möchtens dees noch mal schmause. Aufs End des Kriegs möchten se lieber
net warte - dees könnt gar zu lang ausbleibe, ond immer schlimmer könnt's komme
... Ha, waas sollt i mache? Den Wunsch han i net abschlage könne. Na sind se
halt komme. Heut sind se zum Frühschoppe da gwä, alsdann nach Burg Entringe
gwalzt, da wollten se zu Middaag speise - ond für den Abend sollt i ebbes Guets
aschaffe. In der Kuch han i arichte lasse - damit hier kein Gascht futterneidik
wird ... Heuer hat's sogar Denunziante, gelt? Zom Dank dafür, dass onsereis aus
guetem Herze ...« Grunzend nickte der Stadtrat. Und zur Küche zurückkehrend -
seufzte die Wirtin: »Ja, 's ischt scho so!«
    »In der Zeit könnt eim der Humor vergehe!« brummte der Stadtrat. »E
Menscheschlachtaus ischt Europa. Höre Sie die Granatemädle?« - »Sie meinen die
Weiber, die drüben singen? Kriegsindustrie?« - »Ja, drüben beim Mekanikus! Zum
Mord wirt heuer älles abgrichtet - sogar die Mädle - höre Se, wie se
Granateröhrle schleife? Zuwid'er ischt mir dees Quietsche: uii - hii - äh!' -
Das fatale Geräusch war mir schon auf der Strasse aufgefallen. Die Arbeiterinnen
suchten's durch ein Lied zu übertönen:
»Wenns im Felde blitzen
Bomben und Granaten,
Weinens die Mädchen
Um ihre Soldaten.«
    »Waas sagt mr denn bei Ihne über den Krieg? Sie send von Norddeutschland,
gelt?« - Ich hielt es für angebracht, zu bemerken, ich sei vor mehr als vier
Jahrzehnten Schüler des Tübinger Gymnasiums gewesen, in der Stiftskirche
konfirmiert, also mit einem gewissen Heimatgefühl für Tübingen behaftet. Bei
dieser Gelegenheit stellte ich mich vor.
    Verblüfft war ich, als jetzt die Wirtin, aus der Küche kommend, fragte: »
Wille heisst der Herr? Vielleicht Bruno?« - »Allerdings! Wie kommen Sie darauf?«
- »Ha,« sagte sie vergnügten Gesichts: »I bin halt mit Ihne konfirmiert.
Oschtern Vierondsiebzik, gelt? I hol Ihne dees Täfele.«
    Sie hastete fort - und brachte etwas unter Glas Gerahmtes, ein Druckblatt:
»Da stehn die Konfirmanden - dees bin i - ond dahier steht Ihr Name: Wille,
Bruno.« Jugendlich lachten die Augen aus dem alten Gesicht, während ich sie
anstarrte.
    Nicht die leiseste Erinnerung dämmerte in mir. Rickele, meine erste Liebe,
war sie nicht - die hatte ja braune Augen, Rehaugen ...
    »'s ischt scho so!« wiederholte Pepita. »Ond Sie send mir deutli in der
Erinnerong - graad mir zwei hänt ja bei der Prüfung dieselb Frag bekomme ...
Wisset Sie noch?« - Ich entsann mich: »Wer bist denn du?« hatte der Dekan
gefragt. Wie damals antwortete ich jetzt: »Ich bin ein Christ!« - »Ha freile!«
jubelte sie - »graad so hänt Sie's gsproche! Krisst! Ich - bin - ein - Krisst! Die
norddeutsche Sprach hat mir arg gfalle, ond so han i au spreche wölle, wann die
Reih an mi käm. Aber wie der Herr Dekan mi gfragt hat: Wer bischt denn du? han i
mi gschämt - nicks gholfe hat mei Vorsatz, ond groob wie mir der Schnabel
gwachse ischt, han i gsproche: Ich bin ein Krischt!«
    Belustigt nickte der Stadtrat: »Der Frosch hüpft wieder in den Pfuhl - ond
säss er auch auf goldnem Stuhl ...« - Aufgeräumt plauderte Pepita weiter: »Ond
wisset Sie noch, wie mer onsern Konfirmandespaziergang gmacht hänt? Nach
Schwärzloch war's - an der Halde han i Batenke pflückt ond's Sträussle an mei
schwarz Kleidle steckt. Nachher, in der Wirtschaft, hänt mr mitsamme Moscht
trunke ond hänt gsunge: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ...
Ja - schö ischt die Jugend - sie blüht nicht mähr ... 's ischt scho so!«
Seufzend nickte sie - ich schaute in ihre wasserblauen Augen - die ergrauten
Wimpern bebten - ein Zucken ging durch die Fältchen ihrer Schläfe ...
    Das also ist deine Jugend! sprach ich still zu mir. Als ein blühendes Mädle
- so hat deine Träumerei geschwärmt - werde sie in Tübingen dich begrüssen - und
da ist sie nun: vertrocknet, grauhaarig, das Gesicht verhutzelt, die Stimme wie
eine knarrende Tür. Aber - in diesem alten Gesicht ist noch etwas Schönes, ein
mattes Abendrot.
    Die Granatenmädle drüben sangen das Fuhrmannslied:
»Hab mei Wage voll gelade,
Voll mit alte Weibe -
Als mr in die Stadt nei kamen,
Huben s' ahn zu keife -
Hüh, Schimmel, hüh!«
    Nach einer Pause brachte ich meine Anfrage vor: Ob hier ein Student
verkehre, der mir Auskunft geben könne über den sogenannten Hallelujah-Mister -
wo der wohne. »Die Auskunft kann i selber gebe,« entgegnete Pepita - »in dr
Haaggass wohnt dr Hallelujah-Mister, ond e Kriegslieferant aus dr Schweiz ischt
er. Näheres weiss dr Herr Gräter.«
    »Gräter?« fragte ich - »ist das etwa mein Schulkamerad vom hiesigen
Gymnasium?« - »Freile! Er ischt so alt wie wir - ond auf'm Gymnasiom ischt 'r
gwä!«
    Der Stadtrat sah nach seiner Uhr: »In achtzehn Minuten kommt 'r! Hier zom
Stammtisch gehört ja der Podex.« - »Podex?« rief ich belustigt - »wenn Sie ihn
so nennen, ist's der Gräter - den Spitznamen haben wir ihm in der Klasse
gegeben. Den hat er also noch?« - »Freili!« entgegnete der Stadtrat - »seit ich
ihn kenne, heisst mr ihn den Podex - wenn auch bloss hinter seinem Rücken - er
hat's net gern, wenn er's hört. Also schon in dr Schul hänt sie ihn so gheissen?
Warom denn? Verrate Sie mir dees!«
    »Das kann ich Ihnen sagen, Herr Stadtrat, aber erst befriedigen Sie meine
Neugier! Was ist aus Gräter geworden?« - »Ha! waas soll aus eim werde, der in
Tübinge hocke bleibt? Waas anders als e eingefleischter Philischter? Zum
Oberamtssegredär hot er's bracht - jetzt lebt er ausser Dinnscht, von seiner
Pensio' ond eme Kapidal, das er geerbt hat.« - »Verheiratet?« - »Alter
Junggesell - mit seim Köter - dees kontrakte Viech kommt heut natürli mit em.
Angle tut der Podex - Freimarke sammle - abends geht's zur Kneip. Om Neun sitzt
'r da beim Schöpple - so pünktlich zur Sekunde ... Aber jetzt tun Sie mir
verrate, warom er Podex heisst.« - »Dees kann i mir scho denke!« meinte Pepita
listig lächelnd.
    Mit stillem Schmunzeln griff ich ins Archiv meiner Erinnerungen: »Also! Beim
Naso war's, in der Lateinstunde. Der neue Direktor des Gymnasiums hatte den
ersten Tag seiner Amtierung dazu bestimmt, den Unterricht zu inspizieren und
gelegentlich zu prüfen, was die Klasse leistet. So kam er auch zu uns. Der Naso
komplimentiert vor'm neuen Direktor, und dieser meint: »Ich will nicht stören,
Herr Kollega - bitte fahren Sie fort im Unterricht!« Und so hört der Direktor
ein Weilchen zu. Dann aber verfällt er darauf, die Schüler zu examinieren. Vom
Kateder, wo er Platz genommen hat, späht er über die Klasse hinweg nach der
zweiten Bank, die fast hinten an der Wand war: Du da! so greift er sich einen
Schüler heraus, der sich nun pflichtschuldigst erhebt. Wie heisst der Fisch? 
Piscis, lautet die Antwort. Welch Geschlecht hat piscis? - Masculini generis! -
Gut, der näckschte! Sag du mir, wie heisst das Brot? - Panis, männlich, das Brot!
- Gut! Weiter! Jetzt du da, der Hinterschte! Der Direktor meint den Schüler, der
hinten auf der letzten Bank sitzt, und das ist Gräter. Dieser versteht falsch,
springt militärisch auf und antwortet schlagfertig: Podex, podicis, der
Hinterschte!« - »Haha!« lachte der Stadtrat. Die Wirtin schien nicht zu
begreifen, obwohl sie lächelte. Der Stadtrat wollte ihr die Sache erklären -
aber sie winkte: »Pscht! I glaub, er kommt! Lasse mr net merke, dass mr von ihm
gsproche hänt!«
    Gespannt sah ich nach der Türe - es war zu hören, dass jemand kam. Aber nicht
Gräter trat ein - dieser grosse, massige Mann im Havelock hatte mit Podex nicht
die geringste Ähnlichkeit. Was dem Gesicht einen würdevollen Ausdruck verlieh,
waren die schwungvollen, buschigen Brauen, unter denen blaue Augen rollten. Für
einen Schauspieler hätte man ihn halten können, wäre nicht die Hornbrille
gewesen und der Knebelbart. »Gueten Abend, Herr Stadtpfarrer!« knickste Pepita.
Hinter der riesigen Gestalt erschien noch eine zweite - aber das konnte Gräter
ebenso wenig sein. Ein hageres, bewegliches Männchen. Sein zierlicher Kopf mit
dem Spitzbärtchen und dem schwärmerischen Blick hatte etwas von Don Quixote,
bloss dass hier nichts Einfältiges war, sondern sprühende Geistigkeit. Der schief
sitzende Kneifer und die nachlässige Kleidung liessen auf zigeunerhaft
unbekümmertes Wesen schliessen, wie's bei Künstlern vorkommt. Im Vorbeigehn hatte
er für mich eine freundliche Verneigung, für die Gaststube einen verzückten
Blick. Die Wirtin nannte ihn »Herr Kapellmeischter« - und führte die Ankömmlinge
in den Nebenraum, die Küche, wo sie ihr Gebratenes bereit hatte. »Wein her!«
bestellte der Pfarrer. Dann rückten Stühle, klapperten Teller, und der
Kapellmeister, ein zarter Tenor, trällerte:
»Der liebste Buhle, den ich han,
Der liegt beim Wirt im Keller,
Er hat ein hölzin Röcklin ahn
Und heisst der Muskateller ...«
    »Jetzt aber kommt wirkli dr Herr Oberamtssegredähr Gräter - ond sei
Rheumadiesle bringt er mit,« sagte Pepita. Ein Winseln wie von einem Hunde hatte
sich draussen vernehmen lassen. Und abermals waren's zwei Männer, die eintraten.
Ein gebückter Greis von schlaffen, verschwommenen Gesichtszügen - den zahnlos
lächelnden Mund umstarrten weisse Bartstoppeln. »Griess Goot, Herr Schulrat!«
knickste Pepita.
    Der zweite Eintretende war offenbar Podex. Feiste Backen, darüber ein Paar
Schweinsritzen, unter breitem Munde ein Doppelkinn. Etwas Rundliches war schon
dem Schüler eigen gewesen.
    Dass Herr und Hund Wahlverwandtschaft haben, bestätigte sich wieder einmal:
Der Moppel, richtiger eine Kreuzung von Mops und Bulldogge, war dem Podex
ähnlich. Ein mürrisch stumpfes Wesen hatte das Tier - nur dass es sich das Maul
leckte zum Zeichen etlichen Behagens, als ihm Pepita den prallen Körper
klatschte und dann einen leeren Sack in die Ecke breitete: »Da hoscht bei
Bettle, gelt du, Rheumadiesle?« - Auf diese Unterlage, die er erst beschnüffelt
hatte, streckte sich der Moppel, nachdem er, um die genehme Position zu finden,
sich im Kreise gedreht hatte. Den Nilpferdkopf zwischen den Pfoten, richtete er
die Augen auf seinen Herrn, der am Stammtisch Platz genommen hatte, und seufzte
tief.
    Ich erhob mich, stellte mich in aller Form vor - ein Benehmen, für das Podex
nur Gemurmel hatte. »Sie werden sich meines Namens vielleicht nicht mehr
erinnern, Herr Gräter,« fuhr ich fort und brachte vor, dass ich mit ihm dieselbe
Klasse besucht habe. - »I hab nicks mähr übrik für die Pennälerzeit,« knurrte
er.
    Der Greis, den Pepita Schulrat genannt hatte, blinzelte beobachtend. Da ich
schwieg, entstand eine Verlegenheitspause - nur dass Pepita seufzte: »s' ischt
scho so!« - »Uh ju ju!« stöhnte der Stadtrat, und die Mumie bewitzelte das
eingetretene Schweigen, indem sie lallend deklamierte: »Es bildet ein Talent
sich in der Stille ...«
    Der Hund winselte, als ob er Schmerzen habe - ihn suchte Gräter zu
beschwichtigen, indem er bedauernd sagte: »Sei still, mei Rheumadiesle!«
Erläuternd raunte der Stadtrat: »Dr Neckrnebel ischt dem Viech in die Knoche
gfahre, dieweil's seim Herrle beim Angeln fleissik assischtiert.«
    Etwas verschnupft über Gräters abweisende Art, entgegnete ich: »Jeder nach
seinem Geschmack, Herr Gräter! Aber Sie werden hoffentlich verstehn: wenn man
nach vier Jahrzehnten einem ehemaligen Mitschüler begegnet, möchte man ein klein
wenig von der alten Zeit sprechen und hören, ob der oder jener noch am Leben,
und was aus ihm geworden ist. Von Ihnen, Herr Gräter ...«
    Er unterbrach mich, indem er sich erhob und mit einer steifen Verbeugung
grunzte: »Gestatten Se! Ober-Amts-Segredähr Gräter!« - »Ah so! Na ja! Bitte um
Entschuldigung! Meine Gedanken stecken noch in der alten Zeit, ich vergesse, dass
sich die Welt seitdem entwickelt hat. Mit Ihrer Entwicklung zu Amt und Würde
werden Sie gewiss zufrieden sein. Manchem Klassengenossen ward solcher Erfolg
nicht beschieden - obwohl ich auch Erfreuliches gehört habe. Drei sollen sogar
Universitätsprofessoren geworden sein. Und drei haben, wie wir schon damals, in
der sechsten Klasse, stolz erlebt haben, das Landexamen bestanden. Es sind gewiss
auch grosse Tiere geworden. Einer sass ja neben mir auf der ersten Bank, der Lutz
- ist was Tüchtiges aus ihm geworden?« - »P!« entgegnete Gräter geringschätzig -
»e Narr ischt aus'm Lutz geworde - im Idiotehaus hat der geendet.«
    »Ah! wie traurig! Und auf welche Weise hat er sich die Geisteskrankheit
zugezogen? Sein Vater - ich erinnere mich dessen - war gesundes Bauernblut. Und
der Sohn ist doch sicher so brav geblieben, wie er auf der Schule war.« - »Brav,
das war er - war halt zu brav! Ueberstudiert hat sich der Lutz.« - »Der Aermste!
Das war ihm allerdings zuzutrauen. Er war ja wohl einer von denen, die das
Landexamen bestanden?« - »Mit Note Eins! Ond die Eins ischt sei Verhängnis
worde. In Maulbronn - nachher auf'm Stift - immer hat er die Eins habe wolle -
net emal Eins bis Zwei hat ihm genügt. Schliesslich, beim Hauptexamen ischt er
zusammebroche von all der Büffelei - ond Streberei! Ja, e Streber ischt 'r gwä -
hat durchaus Dekan werde wolle.« - »Ha ja!« nickte die Mumie, »freili, freili!
Wenn er Dekan hat werde wolle, - bloss mit Note Eins wird mr Dekan oder
Repetent.« - Der Stadtrat erläuterte: »Bei ons in Württeberg hangt dem
Akademiker sei Schulzeugnis fürs ganze Leben ahn.«
    »Ha! Ond wo liegt die Wurzel dieses Uebels?« krähte Gräter. »Der einfache
Mann ischt ohngnügsam - will zu hoch hinaus. Jeder Dorfschulmeister meint, sei
Sohn, der müss Karrjähr mache in Staat oder Kirch. Ond's Tübinger Stift tut
solchen Grössenwahn begünschtige. Kei Wunder, dass der Vatter seim Buebe
tagtäglich predikt, aus Landexamen soll er denke und jedesmal die Eins
durchsetze - soll beileib mit keiner geringern Note heimkommen ... So war's beim
Lutz - den hat sei Vatter alleweil gespornt - sei Vatter hat ihn auf'm Gwissen.«
    »'s ischt scho so!« seufzte Pepita, und ich meditierte: »Ehrgeiz - Aufstieg
- Absturz!« Indem ich mir den kleinen Lutz vorstellte, wie ich mit dem zur
Schule ging, wenn er von Pfrondorf herunter gekommen war, dachte ich an Enzio -
und fragte lebhaft: »Ja, und nun Enzio Kuttler?« - »Wie komme Sie auf den?«
stutzte Gräter. - »Im Hause seines Vaters wohnte ich mit meinen Eltern. So war
er wenigstens ein paar Monate hindurch fast täglich mein Gefährte.« - »Stolz
dürfe Sie darauf net sein!« - »Stolz? Das bin ich auch nicht - zumal ich heute
morgen die traurige Geschichte gehört habe. Nein, stolz bin ich durchaus nicht
auf ihn - aber Mitgefühl hab ich mit ihm - und möchte ihn aufsuchen.«
    Unter Tabakswolken schien Gräter die gewichtige Antwort vorzubereiten:
»Ahngnomme, e nodorischer Lump ischt im Zuchtaus gwä, ond i sag dees laut, - na
kann er mi deshalb verklage! Oder e Mörder wird vom Landjäger transportiert -
ond i spuck dem Mörder ins Gsicht vor moralischer Entrüschtung - na kann mi dr
Landjäger verhafte, gelt? Ond dees, dees nennt mr - Humanidäd!« Während wir
Zuhörer in schweigendem Sinnen die Folgerung aus diesem Worte zu ziehen suchten,
schloss Gräter seine Rede: »Drum - sag i nix über so Kerle wie den Kuttler.«
    Betreten schwieg ich. Bah! Welch aufgeblasener und harterziger Spiesser war
Gräter geworden! Nun verstand ich, weshalb er mir schon als Schüler gar nichts
Erquickliches hatte.
    Mein Interesse an Enzio veranlasste mich noch zu der Frage: »Können Sie mir
nicht wenigstens sagen, wo Enzio Kuttler wohnt? Er soll zurzeit in Tübingen sein
- ich möchte ihn besuchen.« - Kalt abweisend blickte Gräter: »Nicks von dem
Kerle! Dees Kapitel ghört eifach net an den ährsamen Stammtisch da!«
    Verächtlich blickte der Stadtrat und hatte ein bitteres Lächeln. Pepita trat
zu mir und raunte: »Wo dr Kuttler wohnt, dees kann i net gnau sage. Aber in der
Haaggass brauche Sie nur zu frage, in der Wirtschaft zum Maierhöfle. Hier heisst
mr ihn den Hallelujah-Mister.«
    Während ich mit Pepita über diese Angelegenheit flüsterte, war der Stadtrat
ausfallend gegen Gräter geworden. Wegen des Spitznamens Podex hatte er
gestichelt - und dann rund herausgesagt, ich habe soeben erzählt, wie der
Spitzname aufgekommen sei. Giftig blickte Gräter und spuckte verächtlich unter
den Tisch. Pepita wollte beschwichtigen: »Ha, Herr Oberamtssegredähr! Net
respektlos hänt mr von Ihne gesproche - noi! Im Gegeteil! Bisher han i mir die
Sach schlimmer denkt.« - »Welche Sach?« fragte die Mumie, und der Stadtrat
antwortete: »Die Gschicht, weshalb mr den Herrn Oberamtssekredähr Podex heisst!
Also Pepita! Wie hänt Sie sich die Sach denkt? Tun Se uns dees verrate!«
    Unter verlegenem Lächeln gestand Pepita: »I han mir denkt, den Herrn
Oberamtssegredähr heiss' mr Podex, weil 'r - weil 'r halt so aussieht!«
    Verblüfft starrte einer den andern an - die Mumie kicherte - der Stadtrat,
krebsrot im Gesicht, bekam einen Erstickungsanfall, um plötzlich in brüllendes
Gelächter auszubrechen.
    Im selben Augenblicke ging ein klägliches Geheul los: Der Hund war
aufgesprungen - nun taten ihm die rheumatischen Glieder weh: »Au au! huhuh!« In
Wut versteinert war Gräter - dann schnellte er empor, als ob er losplatzen wolle
- schien aber keine Worte zu finden. Weil der Hund fortfuhr zu jammern, trat
Gräter zu ihm und redete mit einem Ausdruck, als ob er meine: Ja, mein Tierle,
das ist eine rohe Gesellschaft! Wir zwei passen da net nein! »Sei still!«
beschwichtigte er - »still, mei Rheumadiesle! Leg di aufs Bettle! Bischt mei
Rheumadiesle, gelt?« - Der Hund antwortete mit leisem Gewinsel, wedelte ein
wenig und kringelte sich seufzend auf seine Decke.
    Von diesem Erfolge seiner Autorität gehoben, suchte Gräter nun auch am
Stammtisch Eindruck zu machen und zischte verbissen: »Wissen Se, Herr Stadtrat,
wie mr so Benehmen nennt? Rücksichtslos nennt mr dees! Ha ja! So zu brülle! Mei
Rheumadiesle so zu verschrecke! Dees ischt Tierquälerei!«
    »Uff!« stöhnte der Stadtrat, und mit spitzigem Spott kicherte die Mumie:
»Pihihi!« Von der Küche her, wo die zwei Freunde sassen, kam Gläserklang, - es
summte der Tenor eine Burschenweise. All das reizte Gräter aufs neue, und seine
Lippen bebten: »I verbitt mir so Roheite!«
    Nun reckte sich der Stadtrat: »Ond i - verbitt mir - dass Sie ons hier
tyrannisiere! Lasse Sie Ihr Rheumadiesle gfällikscht derhoim! Verlange Sie doch
net, dass kneipende Männer zarte Rücksicht nemmen auf die Nerve Ihres drecketen
Köters!« - Jetzt geriet Gräter wieder ausser sich. »Waas? Dreckete?« - »Hier tut
mer deutsch rede!« - Giftig rollte Gräter die Augen: »Aber net gogisch!«
    Das war nun allerdings eine faustdicke Beleidigung. Die Gogen, wie man die
Tübinger Weingärtner schimpft, sind wegen ihrer Rauhbeinigkeit berüchtigt. Kein
Wunder, dass der Stadtrat mit der Hand auf den Tisch schlug: »Herr!« - Und
abermals heulte der Hund: »Au, huhu!« - Diesmal sagte sein Herr nicht: »Leg di,
mei Rheumadiesle!« sondern sprang auf - schlüpfte hastig in seinen Mantel und
warf die Zeche auf den Tisch. Umsonst, dass Pepita ihn zu halten suchte. Er hatte
nur ein barsches: »Komm daher, mei Rheumadiesle!« Grüsste summarisch die
Gesellschaft und ging, gefolgt von seinem ächzenden Köter.
 
                                Musik der Dinge
Abschluss dieser Szene war ein Stutzen am Stammtisch, ein Schweigen der
Verlegenheit. Den Stadtrat schien es zu gereuen, durch seine foppende Derbheit
den reizbaren Gesellen vertrieben zu haben. Wie ein Erwachender fragte er: »Han
i ebbes gsagt?« - »Hihi!« nickte die Mumie. - »Macht nicks!« sagte die Wirtin.
»Der Herr Oberamtssegredähr kommt wieder - morge abend sitzt er da am
Stammtisch!«
    In der Küche wurden jetzt die Stühle gerückt, und der Tenor sagte: »Prost,
Frosch!« - »Prost Rest, Strolch!« gluckste der Bass - »ja ja, morgen ist auch ein
Tag. Die Zeche, Frau Pepita!«
    Ich beschloss ebenfalls zu gehen. Nachdem ich dem Stadtrat und dem Schulrat
etwas Höfliches gesagt, verabschiedete ich mich. Der Wirtin schüttelte ich die
Hand und versprach, nächstens mit ihr weiter zu plaudern. Die beiden Freunde
kamen aus der Küche und gingen, von mir gefolgt.
    Als wir auf die Gasse traten, überraschte uns ihr verändertes Aussehen. Der
Regen war vorbei - nicht mehr in dumpfigen Nebel ragten die Giebel, sondern in
hellen Mondschein. Durch die Lücke zwischen den Häuserzeilen lugte dunkelblauer
Himmel mit Silberwölkchen. Der in die Gasse flutende Mondschein schied sich
grell von den wunderlich gezackten Riesenschatten der Dächer und Schornsteine.
Entzückt blieb der Tenor stehen und deutete auf das Bild: »Spitzweg!«
    Der Name dieses Malers, den auch ich liebe, bildete den Anlass, dass ich mit
den beiden Männern noch ein Stück Wegs gehen wollte. »Sie haben recht,« sagte
ich, »an Spitzweg erinnert dies abenteuerliche Verwobensein von Licht und
Schatten. Solche Spiessernester schildert er gern - in ihrer ... wie soll ich's
nennen? Romantik sagt nicht genug ... In ihrer Magie!«
    »In ihrer heimlichen Musik,« meinte der Tenor. - »Recht so, Allmusikus!«
brummte der Pfarrer. »Und da fällt mir auf, dass der Ausdruck »heimlich« einen
Doppelsinn hat. Einerseits meint er etwas Verborgenes, das geheimnisvoll
befremdet, andererseits etwas vertraut Heimisches - wir spüren darin unser
Eigenstes - die Liebe.«
    »Stimmt!« sagte ich. »Und dies hat auch mich alten Knaben nach Tübingen
getrieben. Ein Traum von süsser Heimlichkeit hat mir auf einmal Heimweh erweckt
nach dem, was mein einst war.« - »Ich dachte mir so etwas,« antwortete der
Pfarrer. »Wir haben - ich will's gestehen - ein wenig zugehört, als Sie dem
ehemaligen Schulkameraden das Herz zu öffnen suchten. Aber dieser Spiesser hat
sein Herz verschrumpfen und verfilzen lassen - im Stumpfsinn der
Gewöhnlichkeit.« - »'s Rheumadiesle!« lachte der Tenor und ahmte nach: »Leg di,
mei Rheumadiesle!« - »Haha!« schmunzelte der Pfarrer. »Rheumadiesle ist ein
Sinnbild der Spiesserseele; im Eugen, Dumpfen ist sie versauert, steif und
griesgrämig geworden. Gleichwohl hängt der Spiesser an ihr und hätschelt das
vertrackte Vieh.«
    »Und doch«, wandte ich ein, »hat Spitzweg mit Vorliebe das Spiessertum
dargestellt. Es kann also doch nicht ganz ohne Liebenswürdigkeit sein.« - »
Dargestellt!« betonte der Pfarrer. »Spiesser darstellen ist ja auch was anderes
als Spiesser sein. Wer künstlerisch schaut, steht über seinem Gegenstande.« -
»Und doch auch wieder drin!« versetzte ich, »Spitzweg hat sich eingefühlt in den
Antiquar, in den Kakteenfreund und den Bücherwurm, in all solche Spiesserseelen,
die er in ihren dunklen Gassen und staubigen Winkeln beobachtet hat. Mit Liebe
hat er sich hineingelebt.« - »Na ja,« brummte der Pfarrer, »für den Schauenden
kann jeder Halunke, jeder Tropf reizvoll sein. Als Studie lasse ich den borniert
anspruchsvollen Oberamtssekretär und den verschimmelten Schulrat gelten - aber
sonst ...« - »Lass gut sein!« sagte der Kapellmeister, »auf die Musik der Dinge
musst du lauschen, nicht auf ihre störenden Geräusche. Alle Wesen machen
heimliche Musik. Wie nach uralter Ansicht die wandelnden Sterne. Bloss dass die
Leute gewöhnlich nichts davon spüren. Ihre seelischen Sinne halten sie eben
verschlossen.« - Ich nickte: »Musik der Dinge! Wer sich darauf versteht, ist ein
Adept.« - Bescheiden erfolgte die Antwort: »Lieber Gott! Ich bin noch weit
entfernt, mich darauf zu verstehen. Nur dass mich die heimliche Musik würdigt,
ihr Student zu sein.«
    »Oh!« sagte ich bewundernd. »Sie haben die schönste aller Fakultäten
erwählt, Herr Studiosus der Sphärenmusik.« - Und er, im Eifer der Begeisterung:
»Ja, es ist wundervoll, der Allsymphonie nachzuspüren - anfangs summt es wie
verhüllt, wird aber deutlicher, je mehr man sich hinein vertieft ... Kennen Sie
das?« - »Ich glaube!« gab ich zur Antwort. Ich dachte daran, wie mich einst im
märkischen Kiefernwalde ein Wacholderbaum zu einem Erlauschen von Allmusik
erweckt hat. Davon sagte ich aber nichts - nähere Erörterung wollte ich
vermeiden.
    »Als Jakob Böhme im Sterben lag,« raunte der Allmusikus, »erklang ihm Musik
- aus dem Innern - aus seinem reinen Herzen.« - »Weil er ins Pleroma tauchte!«
fügte der Pfarrer hinzu - »Pleroma, der Schatz ewigen Lebens, umgibt uns
beständig ... Die Geisterwelt ist nicht verschlossen, dein Sinn ist zu, dein
Herz ist tot! Auf, bade, Schüler, unverdrossen, die irdische Brust im
Morgenrot!« - »Eine Riesenorgel ist der Makrokosmos,« schwärmte der Allmusikus.
»Drin klingen alle Töne, die es gibt, - alle Zusammenklänge, die erfindbar
sind.« - »Nicht erfindbar!« meinte der Pfarrer, »sondern entdeckbar. Ein
Beetoven hat seine Herrlichkeiten nicht ausgeklügelt, sondern entdeckt - wie
Kolumbus die Neue Welt. Tonmeister befahren die Meere der Ewigkeit, und daselbst
harren paradiesische Inseln des Entdeckers.«
    »So ist es!« bekräftigte ich. »Und dieser Ozean entält alles, was jemals
war, und was sein wird. Es kann überhaupt nichts erfunden werden, was nicht zur
Ewigkeit gehört. Die schöpferischen Geister schöpfen aus dem Ewigen, weil sie
Anschluss ans Ewige haben. Uns alle umgibt das ewige Leben - aber für gewöhnlich
verschliessen sich ihm die Leute.«
    Der Allmusikus blieb stehen, versunken in Schauen, in Lauschen. »Lazare!«
raunte der Begeisterte - und man wusste nicht, meinte er die schlafende Stadt
oder das Leben überhaupt - »Lazare! Stehe auf!« - Es war an einem Platz, wo eine
düstere Kirche ihren stumpfen Turm in die Mondnacht erhob. Am veilchenfarbenen
Himmel zogen zerrissene Wolken, silbern umrandet. Auf freien Flächen lag das
Mondlicht wie frischgefallener Schnee - es blinkerte in den Regenlachen. Rings
die Häuser waren eine schweigsame Versammlung von Sonderlingen - wie
Zipfelmützen sahen die Dächer aus. Alle Häuser kehrten den Giebel nach der
Strasse, und ihre oberen Stockwerke waren vorgekragt - manche hatten dunkles
Fachwerk, und oben unterm Dach eine Winde. Hinter geschlossenen Fensterläden
schlummerten die Handwerker und Ackerbürger.
    In einer dumpfigen Seitengasse stand ein Wagen mit Grünfutter - eine
Stallkuh brummelte. Neben dem krüppeligen, hinfälligen Häuschen, das eine
spitzbogige Haustür und einen Treppenvorbau hatte, war allerlei Gerumpel,
Stangen, Zuber, ein Karren. Dahinter Nebengebäude, im Dunkeln kaum zu
unterscheiden. Durch das Schweigen der Nacht raunte das Geplätscher eines
lebendigen Brunnens. Stumm reichte mir der Pfarrer die Hand - desgleichen der
Allmusikus. Wir fühlten, dass wir einander nahe standen, obwohl ein gewisses
Fremdsein uns äusserlich trennte. Der Allmusikus hatte ein letztes Wort, als
wolle er mir ein Geheimnis anvertrauen: »Wissen Sie, was auf dem Kasten einer
alten Dorfkirchorgel geschrieben steht?
Wenn einst in der letzten Zeit
Alle Ding' wie Rauch vergehn,
Bleibet in der Ewigkeit
Noch die Musika bestehn -
Weil die Engel insgemein
Selbsten Musikanten sein.«
    Einsam durch hallende Gassen schritt ich meiner Herberge zu. Ueber Häuser,
die wirr den Berg hinanklettern, ragt in bläulichem Dämmer die alte Burg. Dort
in Türmen und Kellern haben den Knaben Träume der Romantik durchschauert. Auch
das war heimliche Musik.
    Ueber die Gasse huscht ein schwarzes Tier - eine Katze -, nun hockt sie
zwischen Gerümpel, grün funkeln die lauernden Augen. Im Kämmerlein eines fernen
Giebels glimmt eine Lampe. Vielleicht haust da ein Mensch, wie Hainlin einer
war. Der verstand sich auf eine Musik, die verstohlen aus dem Monde zittert, aus
diesen Gärtchen und Hofwinkeln, aus den Seelen der Dinge. Hainlin hatte Heimweh
nach Glastelfingen - das Pleroma der Allmusik in der Seelentiefe suchte er.
Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Nicht der Ton
macht die Musik, sondern das Herz, und Engel sind ohne weiteres Musikanten.
 
                             Der Hallelujah-Mister
Ueber Enzio hatte ich im Wirtshaus »Zum Maierhöfle« folgendes in Erfahrung
gebracht: Der die Choräle singe, wohne seit Wochen im Hause gegenüber zwei
Treppen hoch. Der Volksmund heisse ihn den Aemörriken- oder Hallelujah-Mister. Er
nenne sich Köttler und sei ein Schweizer, der lange in Amerika gelebt habe. In
Württemberg hab' er als Kriegslieferant zu tun.
    Als ich im bezeichneten Hause die Treppe emporstieg, ging vor mir eine
weibliche Gestalt, die aus der Wohnung des ersten Stockwerks gekommen war und
auf einem Präsentierbrett Kaffeegeschirr trug. Im zweiten Stockwerk klopfte sie
an eine Glastür, und gleich darauf wurde geöffnet - von einem kurzen,
gedrungenen Mann mit geschorenem Graukopf und schwarzem Borstenbart.
    Als er das Fräulein mit dem Kaffee hatte eintreten lassen, zog ich den Hut:
»Entschuldigen Sie, Herr Köttler! Darf ich Sie sprechen?« Er stutzte und
schwieg. Wie dann das Fräulein mit leerem Tablett herauskam, liess er mich
eintreten. In der Helligkeit des Zimmers erkannte ich Enzios kohlschwarze Augen
- misstrauisch funkelten sie mich an, während er knurrte: »Waas wöllet Sie von
mir?« - »Wenn Sie gestatten, alte Bekanntschaft erneuern. Mein Name ist Wille -
Ihr ehemaliger Mitschüler bin ich.« - »Wa -?« Sein Mund blieb offen, während er
mich anstarrte. - »Ja, Ihr Kamerad vom Glasberg-Bunde bin ich!«
    Jetzt verzog sich sein Gesicht zu einem seltsamen Gemisch von Bestürzung,
Lächeln und Wehmut. Noch immer schwieg er - wie versteinert -, nur dass aus
seiner Brust ein mattes Glucksen kam. Seine seelische Bewegung rührte mich - ich
streckte ihm die Rechte hin. Er griff nicht zu, liess den Kopf hängen und konnte,
abgewandt, ein Aufschluchzen nicht unterdrücken. »Enzio!« begütigte ich.
Schüchtern blickte er auf - mit einer Gebärde lud er mich ein, am Tische Platz
zu nehmen. Er stand derart am Fenster, dass sein Gesicht im Schatten blieb,
während er mich beobachten konnte.
    »Hänt Sie von mir ghört?« begann er - »von meinem Lebenslauf?« Ich nickte,
und düster fuhr er fort: »Im - Zuchtaus bin i gsi! Sell ischt Ihne bekannt?« -
»Ich weiss.« - »Ond auch - weswege i neikomme bin?« - »Auch das.« - »Ond dees -
tut Sie net abschrecke?« - »Beim Naso haben wir den Spruch gelernt: Homo sum -
nichts Menschliches bleibe mir unverständlich!«
    Er seufzte stöhnend: »Gelt? Ond irren - irren ist menschlich!« Nun setzte er
sich auf einen Stuhl. »I - dank Ihne - dass Sie trotz ...«
    Er verstummte. Während ich ihn schweigend betrachtete, irrte sein Auge zum
Fenster hinaus. »Dort!« sagte er träumerisch - und seinem Blicke folgend, sah
ich die Burg, die den steilen Berg krönte. »Dort hänt wir Räuberles gspielt -
beim Hungerturm Schillers Räuber. Ond i bin dr Spiegelberg gsi. Wer hätt dazumal
ahne könne, dass i mei Spiegelbergrolle noch emal sollt im Ernscht spiele, he?«
    Im Geiste sah ich die Szene, wie Enzio in Banditentracht den Dolch schwang.
Und als errate er meinen Gedanken, murmelte er dumpf: »Meuchelmörder! Von hinte
meucheln - ja, dees han i wölle, dees stimmt! I mag mi net verteidige - Hiob hat
recht: Ich weiss fascht wohl, dass ein Mensch nicht rechtfertik bestehe mag gegen
Gott. Ha no! Bloss dass i zur Steuer dr Wahrheit sag: Jury and morality sind
zweierlei: Nach dem law, wie's die Jurischte ahnwende, bin i koin Mörder! Den
Gassemaier han i net vergiftet, noi noi!«
    Ich suchte ihm ins Herz zu spähen: »Enzio! Wie? Unschuldig wärst du?« -
»Ohnschuldik? Dees sag i net! Schuldik bin i nach dr morality! Gedankesünd han i
begange, sell ischt woahr! Aber vor der Ausführung hat mi mei Herrgott bewahrt!«
- »Enzio! Vor mir hättest du nicht nötig zu leugnen. Ich möchte die Menschen ja
bloss verstehn - nicht verdammen!«
    Er stand vor mir, Aufrichtigkeit im Gesichtsausdruck, und mit wehmütigem
Lächeln reichte er mir die Hand: »Grüss di Goot, Bruno! Wo du so zu mir rede
tuscht, send mr wieder Kamerade, gelt?« - Wir schüttelten einander die Hände, er
fuhr fort: »Gotwillche, Gotwillche! Eure Rede sei ja ja, nein nein, ond waas
darüber ischt, daas ischt vom Uebel, gelt? Drum so sag i: Ja! Die Hand da, wo i
dir reich' - von Mord ischt sie rein! Ja die Hand! Wenn auch leider net's Herz.
Den Gassemaier han i net umbracht, by Got!«
    Ich konnte nicht umhin, dem ehrlichen Ausdruck zu trauen, erschüttert
starrte ich ihn an: »Aber, Enzio! So hättest du unschuldig im Zuchtaus
gesessen?« Abwehrend hob er die Hand: »Ohnschuldik? Des Gotlosen Herz ischt voll
Trugs - ond er lauert in seiner Höhl als ein Löwe, zu erwürgen den
Ohnschuldigen! Mei Straf han i verdient - reichlich! Aber - dem Gassemaier han
i's Leben net gnomme, koi Mensch ischt von mir getötet, by Got!«
    »Enzio, erkläre mir: Woran ist Gassenmaier denn gestorben?« - »An
Pilzvergiftung, dees stimmt! Bloss dass net i die Giftpilz neitan hab in Lindas
Körbli - sie selber war's.« - »Was? Sie hätte ihren Mann vergiftet?« -
»Versähentlich!« - »Und du, Enzio, hättest gar nichts damit zu tun?« - »Dooch,
dooch! Den Giftmord han i tun wölle, dees stimmt! Die Gedankesünd han i begange
- ond dicht vor dr Ausführung selbigen Giftsmords bin i gstande! Wohl, wohl! I
bin e arger Sünder! Bin ja auch vom Weibe geboren! Ond siehe, unter Gottes
Heiligen wird keiner befunden ohne Tadel - die Himmel sogar sind net fleckelos
vor unserm Herrn Zebaot. Um wie viel wäniger dr Mensch, wo Unrecht saufe tut
wie die Kuh Wasser.«
    Schwärmerisch hatte er gesprochen, die Hand erhoben wie zur Predigt. Mir kam
der Verdacht, diesem Fanatiker sei's vielleicht nicht ganz richtig im Kopfe.
»Enzio! Ich bin nicht gekommen, dich aufzuregen. Lass dich nicht stören! Man hat
dir den Kaffee gebracht - er wird kalt.« - »Ha jo!« sagte er seufzend und strich
sich über die Stirn - »aber du! Nimmscht au ebbes? I han mancherlei Guts da - es
wäre mir e Freid', di zu bewirte. Waas also wischt? Echten Mokka? Oder
Schokolad? Schwyzer Fabrikat! Da schau!« Und einen Schrank öffnend, holte er
Schokoladetafeln heraus, drückte dann auf den Knopf der elektrischen Klingel:
»Jetzt, Kamerad, tu dir bstelle, waas du magscht! Also gelt? Schokolad!« Als ich
seine Gastbereitschaft zu dämpfen suchte, fügte er mit herber Wehmut hinzu:
»Gift - ischt net drin, glaub mir's!«
    Dem eintretenden Fräulein gab er den Auftrag, von den überreichten Tafeln
Schokolade zu kochen. Dann wollte er mir Zigarren aufnötigen: »Alles han i da!
Bloss Alkohol kriagscht koinen! Satanas geht ja im Rausch umher als e brüllender
Löwe ond suchet, wen er verschlinge. Des Menschen Fleisch ischt halt net von
Stoin ond seine Kraft nicht ehern. Mi hat's Biersaufe mit dene Studente ond dr
Whisky zum Lumpe gmacht. Bis dass dr Herr in seiner Gnad mich dem Löwenrachen
entrisse hat ond herausgholt aus dem Walfischbauch wie den Jonas. I tu dir's
verzähle, gelt?«
    Als die Schokolade gekommen war und duftig dampfte, sassen wir auf dem Sofa.
Die Fremdheit, die zuerst trennend gewirkt hatte, war im Schwinden, da jeder in
des andern Gesicht Züge aus der Knabenzeit entdeckte. Eine Last war mir vom
Herzen, seit ich glauben durfte, Enzio sei kein Mörder. Mit Spannung sah ich
seinem Bericht entgegen.
 
                           »Vergiss das Beste nicht!«
Was Enzio erzählte, hatte anfangs nichts Ueberraschendes. Längst war zu
erwarten, sein Abgleiten vom Glasberge werde aus seiner Eitelkeit hervorgehen.
Schon als Knabe war er ein Prahlhans und Gernegross. Den Renommierstudenten hatte
er zum Muster - und dies Ideal war von seinem Vater zunächst geduldet worden, um
den Gymnasiasten anzuspornen. In einem Zornanfall aber hatte der alte Kuttler
angedroht, sein Sohn solle nichts Besseres werden als der Vater - und könne noch
froh sein, wenn er mal das Geschäft erhalte oder Ratausschreiberle werde. Eine
Folter war für Enzio der Gedanke, es könne dahin kommen, dass er in Lustnau
hinterm Ladentisch stehe und den Bauern Schnupftabak, den Kindern Zuckerles
verkaufe.
    Die bittere Enttäuschung, die nun über ihn kam, weil der Vater ihn mitten
aus der Schule riss und dem Handelsberuf überlieferte, suchte Enzio zu versüssen,
indem er heimlich den Studenten spielte. In Stuttgart, wo auch der »rote
Realischt« von Lustnau in die Lehre ging, trieb sich dies gleichgesinnte Paar
Sonntags in Kneipen herum, angetan mit bunten Kappen, um für Tübinger Koriehs
gehalten zu werden. Und wie sie ausgelernt und als Kommis angestellt waren,
trieben sie ihre Afferei noch alberner. Geschniegelt und gebügelt, Arm in Arm,
stolzierten sie über belebte Promenaden wie vornehme Lebemänner. In geziertem
Ton sagte der eine zum andern: »Gelt, Herr Baron?« und dieser antwortete: »Ha
freili - äh, Herr Graf!«
    Hatte Enzio unter den Augen eines Chefs noch auf etliche Ordnung halten
müssen, so verbummelte er, sobald er, im Besitze des Tübinger Tuchgeschäfts,
sein eigener Herr war. »Armsälik« war ihm, was er »Geschäftsknickerei« schalt -
befangen vom Sumpfen und aufgeblasenen Kraftmeiertum jener Burschen, die immer
über den Philister zetern und selber ganz leere Schläuche sind. Von Studenten,
denen er pumpte, liess er sich hätscheln und bildete eine skatende Saufblase mit
drei alten Semestern, die man »die drei Ewigen« nannte. Der eine lebte von einer
reichen Tante, der andere von Pump, der dritte von einer Familienstiftung, die
nach dem Wortlaut der Urkunde dem Stipendiaten zukommen sollte, solang er
studiere - weswegen er nie daran dachte, sein »Studium« abzuschliessen. Anstatt
Geschäftsbriefe zu schreiben, sass Enzio im Hinterstüble seines Ladens mit den
drei Ewigen beim Frühschoppen und klopfte Skat. Vollends zerrüttet wurden seine
Geldmittel durch eine junge Wirtschafterin, die »e liederiks Mensch« war.
Nachdem Enzios Vater ein paarmal ausgeholfen hatte, zog er seine Hand von ihm
ab, und nun war der Bankerott unvermeidlich.
    Nicht recht mit der Sprache heraus mochte Enzio, als er auf seine
amerikanische Zeit zu sprechen kam - offenbar hatte er nichts Gutes zu melden.
Es sei ihm schlecht ergangen - Kellner sei er gewesen, Hausierer und alles
mögliche. Dem Alkohol hab' er derart zugesprochen, dass man den Trunkenbold
überall verschmäht habe. Als Tramp sei er umhergeschweift, von Chicago bis
Frisco. Ein Spielergewinn hab' ihn in den Stand gesetzt, heimzukehren nach
Germany - hier aber, und zwar im Ländle, sei er völlig auf den Hund gekommen:
ohne Kraft zu regelrechter Arbeit hab' er sich auf der Landstrasse und im
Arbeitshaus herumgetrieben. Ein paarmal sei ihm der Vater mit Geld beigestanden
- doch das hab' er jedesmal verlumpt.
    Leidenschaftlich wurde Enzio, als die schlimme Katastrophe seines Schicksals
darzustellen war. Ueber seinen Vater äusserte er sich schonend - der sei bloss
herrisch, jähzornig und hart. Wenn er aber von Linda sprach, funkelten seine
Augen, er keuchte vor Grimm: »Die ischt Vatters böser Geischt gsi. Mi hat sie
aus em Vatterhaus nausbisse, weil sie's für sich hat habe wölle. Alleweil ischt
sie eifersüchtik ond boshaft gsi. Jetzt, wo mein Vatter mir ohnehihn ischt gram
gsi, hat sie's leicht ghätt, mi gänzlich zu verderbe. Also kurz - enterbt hat mi
dr Vatter - ond verstosse. Na hat mi Verzweiflung packt, ond in den Neckr bin i
gsprunge - mei verfehlts Leben zu beschliesse. E fremder Kerle hat mi aus'm
Wasser zoge ond hoimbracht. Aber die Linda, die Kanalli, hat glei ihr Gschrei
erhoben: Ischt 'r schon wieder da? Naus mit dem Fallot! Da hat mi dr Vatter am
Krage packt ond nausgschmisse auf die Gass. Ond die Linda? Höhnisch glacht hat
sie, wien i daglege bin im Dreck, klapprik wie e Vogelscheuch. Gschnatteret hänt
mir die Zähn vor Entsetzen ond vor Wut - ond dr einzik Gidanke, won i han fasse
könne, ischt Rache gsi, Rache! Goddam! Azünde han i wölle die cottage von mei
Vatter. Auf die Lauer han i mi glegt im Wald - drobe beim Exerzierplatz. Jetzt
wer kommt da? Die Linda kommt über de Anger - ond Pilz tut sie lese in ihren
Schurz - den Korb aber, der schon halber voll ischt, hat sie zu mir, an den Wald
gstellt - ohne meiner gwahr zu werde. Waas Pilz? denk i - ond weil sotte da
wachsen, pflück i mir. Schau! Dr Knollenblätterschwamm ischt's, e tödlicher
Giftpilz, om so gefährlicher, als die Vergiftung erscht nach vielen Stunden
wirkt, aber dann sicher. Mit em Champignon kann mer den Knollenblätterschwamm
verwechsle - Champignons aber hat's viel aufm Anger. O Hölle! denk i - jetzt
lieferst du meinen Todfeind in meine Hand! Rache, Rache! Will ihr solche
Giftpilz ins Chörbli tun, gelt? Ond Knolleblätterschwämm raff i auf - onbemerkt
schleich i zum Chörbli. Aber schau? Da liegt bereits Knolleblätterschwamm
zwische dene Champignons - den Giftpilz kennt die Linda also net. Himmel!
frohlock i - so soll mir erspart bleibe, dass i Mörder werd, ond dooch han i mei
Rache! Sie selber tut sich vergifte! Dees ischt dr Finger Gootes! - Zurück in
den Wald stehl i mi, zu beobachten, waas gschieht. Nicks weiter, als dass die
Linda daherkommt - aus ihrem Schurz die neuen Pilz' in den Chorb tut, den auf de
Kopf nemmt ond hoimtragt. Jetzt bin i wieder am Wald glege - in mir hat's
brodelt wie in eme Hexekessel, Gidanke dumpf ond schwarz. Wie's Abendrot kommen
isch, han i denkt: Jetz tun die Pilz im Fett schmore - jetzt tragt sie d'
Schüssel auf - ond sitzt am Tisch - mit 'm Gassemaier! Da hat's mir en Stich ins
Herze tan. Soll denn der Gassemaier au sterbe? Warum der? Mir hat er nicks tan.
Bloss dass 'r ihr Ma' ischt! Aber dees hat dr Tropf ohnehihn zu büsse. Oh, oh! e
böse Gschicht! Wenn i dees könnt verhüte, dass dr Gassemaier stirbt! Ond die
Angscht hat mi packt - ond gschüttelt - ond hochgrisse. Den Dentzeberg bin i
nuntergsprunge, wie e Pferd, das mr peitscht. Ond ohn Zaudern ins Häusli gange.
    In der Stub ischt koiner gsi - aber auf'm gedeckten Tisch hat's Pilzgericht
gstande. dabei e lärer, noch unberührter Teller - ein andrer aber, von dem waren
Pilz gesse worde. Dieser Teller hat den Tod bedeutet, der andre die Rettung.
Noch wär's Zeit, den Vergifteten zu retten - ausbrechen müsst er's Gegessene.
»Gassemaier!« schrei i durchs Haus - zum Garte lauf i ond schrei: »Linda!«
Niemand kommt. Aber im Kuhstall ischt ebber mit dr Latern - die Kuh brüllt - da
fallt mir ein, dass sie ja trächtik ischt ond ihr Chälbli kriage soll. I schleich
zum Stall - da steht's Chälbli scho, ond die Kuh leckt's, die Linda hantiert -
dr Gassemaier ischt net dabei. - Jetzt han i aufgeatmet - ond e grimme Freid
ghätt. Die Linda also hat gesse - ond ischt abberufen vom Chalben der Kuh. Dr
Gassemaier aber fehlt im Haus - o freili, der hat ja gsagt, auf Geschäftsreis
müss er heut! O Finger Gootes, abermals fügst du alles in Gnaden - die Kanalli
schickst nunter zur Höll - aber dr Gassemaier, weil er mir nicks tan hat, der
soll heil bleibe, gelt, mei Goot?
    Gleichwohl han i mir denkt - 's könnt dooch sein, dass dr Gassemaier noch net
auf der Reis ischt. Drum will i die übrigen Pilz wegschütte, damit sie ihm nicks
tun, falls er noch in Luschtnau weilt. Wien i in die Stub komm, ischt da ällis
wie zuvor. Ond i nemm die Pilzschüssel, will grad damit naus - da steht die
Linda vor mir - ond dr Knecht vom Nachbar. »Was tuscht denn du da?« herrscht sie
mich ahn. »Hallo, Fritz! lass mir den Kerl net naus, er will mir mei Esse
stehla!« Ond dr Knecht nimmt die Schüssel weg. Mir aber geht e Schauder übern
Leib: Wie hat sie gsagt? Ihr Essen wä'r's? So hat sie noch nicks gesse? Oder
meint sie bloss, sie will noch mähr esse? »Linda,« sag i verschrocke, »sind dees
net deines Mannes Pilz? Hascht denn du net scho gesse? Von dem Teller da? Mr
sieht's dooch!« - »Narr du! Waas kümmert's di, wer hier gesse hat? Mei Ma hat
gesse - i selber han noch nicks! Ond jetzt willscht mir mei Teil wegnemme? Naus
mit dir Lump auf dr Stell!« Aber i - net dass ihr Keife mi hätt eischüchtern
könne - i han mi müsse setze, so hänt mir die Knie zittert. »Linda!« tu i
stammle, »so hat der Gassemaier Giftpilz gesse! Jetz schwind, wo ischt r? Glei
soll er von sich gebe, waas er gesse hat!« Da stutzt sie: »Giftpilz? Woher
willscht du dees wisse?« - »Woher? Bin i net am Wald gstande, bei deim Chörbl,
wie du die Pilz gsammelt hascht? Schau, dees da ischt der Knolleblätterschwamm,
den hascht du drunter tan.« - Ond aus mein Jäckli hol i den Pilz ond zeig ihn
her, an dr Knecht bsieht ihn. Ond wien i jetz wisse will, wo dr Gassemaier
ischt, ond von Brechmittel red, da lacht die Linda höhnisch: Grad fahrt's Calwer
Zügle ab - wohi, weiss i net - Hopfegschäft will er mache. Spring em nach, so bin
i di los, räudiger Hund! Haha! verloge ischt bei Giftgschicht! Dees ällis hoscht
dir ausdenkt, um zu verkappe, dass du hier hascht stehla wölle, Spitzbue
verlogner! Naus mit dir, naus!«
    Nach Tübinge bin i gsprunge, dass mir's Herz fascht zerbroche ischt. Wien i
zum Bahnhof komm, ischt kei Gassemaier da - ond's Calwer Zügle, sagt dr
Schaffner, sei vor ere halbe Stond fort. Jetz, Herrgott, han i denkt, kascht
bloss du noch helfe. Wenn du's net magscht, so lauft die Sach halt weiter, wie
sie lauft.
    Zwei Tag drauf hat mi dr Landjäger verhaftet, ond im Verhör han i erfahre,
dr Gassemaier sei an Giftpilz gstorbe. Ueberbleibsel vom Knolleblätterschwamm
hat mr in meim Jäckle gfunde, ond für klar hat's golte, dass i dr Mörder sei.
Zuerscht hat i gleugnet - aber sie hänt mir net glaubt. Na han i denkt: Für die
Gidankesünd will di dr Herrgoot züchtige.
    Mit Ergebung bin i ins Zuchtaus gange ond han mei Straf ertrage. Dass i net
mehr han saufe könne ond e regelmässiks Leben führe müsse, hat mi gsund,
ordentlich ond arbeitsam gmacht. Zu meim Goot aber han i gsproche: Mei Schuld
vor dir erkenn i ond bereu i - die Menschen hänt aber unrecht, mi als Mörder zu
verdamme - drum, Herr, willscht du mit mir tun wie mit deinem Knechte Hiob. Den
hascht du, ohne dass er's verdient hat, nunter gstossn in die Grub, dass er da
glegen ischt wie e Toter bei Toten. Aber wie er gnueg Busse tan hat in Staub und
Asche, hat der Herr sei Gefängnis gewandt, dass er ausgange ischt von der Grub in
Glückes Haus. Ond ward gesegnet, dass er bekam vierzehntausend Schafe ond
sechstausend Kamele ond tausend Esel - ond kriagte sieben Söhn' ond drei Töchter
- ond lebte nach seinem Leid noch hundertvierzik Jahr bis er gesättiget war von
seinen Tagen. Also, Herr Zebaot, sei auch deinem Knechte, dem Enzio gnädik!
Hallelujah!«
    Aufseufzend lehnte er sich im Sofa zurück - die Beichte hatte ihn aufgeregt
und erschöpft. Wie er dasass, die Augen geschlossen, so dass seine interessanten
schwarzen Sterne verdeckt waren, kam auf einmal ein andrer Ausdruck in seinem
Gesicht zur Geltung: Einfältigkeit. Als ob ein Schauspieler, dessen Bühnenmaske
von Temperament gesprüht hat, nach Schluss des Teaters abgeschminkt in
gewöhnlicher Kleidung bei uns sitzt und jetzt nichts weiter ist als ein simpler
Bürger. Eine Geistesleuchte war Enzio nie gewesen - jetzt sah ich in ihm etwas,
das man Gemütsbeschränkteit nennen könnte. Nicht mit seinem Unglück hatte ich
jetzt Erbarmen - das war ja gut ausgegangen - nur mit seiner Gefühlsdummheit.
    »Und es scheint, Enzio, dein Gott hat nun alles nach deinem Wunsch gefügt.«
- Die schwarzen Augen blitzten wieder, und er lächelte: »Gut geht es mir, mit
Segen tut mi mei Herrgoot überschütte.« - »Dein Herrgott? Warum nennst du ihn
deinen? Ist dein Gott keiner, den auch andere haben?« - Er stutzte: »Ha no! Wenn
er sich dooch um mi kümmert zu jeder Stond! Ob ihn andere haben, dees ischt ihre
Sach - i halt mi an meinen Goot. Aber freili, Hiobs Goot ischt er au gsi.«
    »Hiobs Gott? Das Buch Hiob hast du wohl eifrig gelesen?« - »Aufgrichtet hat
mi's im Zuchtaus - neugboren hat mi's.« - »Und hast du nicht bemerkt, dass der
Schluss mit den Rindern und Schafen, die dem geplagten Hiob als verdiente
Entschädigung zugemessen werden, eigentlich ein Rückfall ins Weltliche ist?« -
Fast Entrüstung war's, das aus Enzios Augen blitzte: »Ond du meinscht, solche
Entschädigung hab er net verdient?«
    »Enzio! In deiner Jugend hat dich, wie du sagst, die Aussicht gefoltert, am
Lustnauer Ladentisch den Bauern Schnupftabak verkaufen zu sollen, den Kindern
Zuckerles. Nun mach' dir klar, ob es nicht auch Gottes unwürdig sei, den
Menschenkindern Zuckerles zu verabreichen - irdisch Gut zum Lohn ihrer Bravheit
- wodurch er sie erst recht ablenkt von dem, worauf alles ankommt. Der Schluss
des Hiobgedichts ist ein Rückfall ins Weltliche. Kleinlich im Vergleich mit
einer andern Geschichte, die ich hier heranziehen möchte - ich meine das
deutsche Volksmärchen von den drei Wünschen - kennst du's?«
    Enzio schüttelte den Kopf, und ich fuhr fort: »Als mal der Herrgott auf
Erden ging, wollte er einen Wanderer belohnen für eine Guttat und sprach: Drei
Wünsche darfst du tun, die sollen dir erfüllt werden. Da wünschte sich der
Wanderer ein Paar Schuhe, die nie zerreissen. Der Herrgott antwortete: Dieser
erste Wunsch ist dir gewährt - aber vergiss das Beste nicht! Das wird ein
Hecke-Pfennig sein, dachte der Wanderer - in meiner Tasche soll er Geld hecken.
So sprach er den Wunsch aus, und Gott sagte: Abgemacht! Aber jetzt aufgepasst!
Nur noch einen Wunsch hast du! Vergiss das Beste nicht! - Das Beste? Ei, das ist
'ne Schnapsflasche, die nie leer wird! Und diese wünschte sich der Wanderer.
Tropf! schalt der Herrgott - deine drei Wünsche hast du vertan. Das Beste, das
du hättest wünschen sollen, ist das Ewige Leben.«
    Enzio fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als ob er eine schmerzliche
Unrast hinwegstreichen wolle. Dann nahm er eine Zigarre und biss nervös ab:
»Pardon, wenn i ... Du also bischt - Nichtraucher?« Und nach heftigem Paffen
schien er seine Gedanken etwas gesammelt zu haben: »Jetzt - waas i frage möcht:
das Ewige Leben, von dem du meinscht, es sei's Bescht - wo denn hat mr dees?«
    »Was nach dem Tod ist, weiss kein Sterblicher - aber Ewiges Leben spürt
mancher hienieden auf Erden. Wenn die kleine Waldschnecke aus ihrem Gehäuse
kommt, wenn sie zum Tasten die Hörnlein mit den Augenknöpfchen ausstreckt und
den Leib vorschiebt, wenn sie von einem Grashalm zum andern kriecht, als könne
sie den Waldesdom durchmessen - ein rührendes Bild! Es zeigt uns, wie sogar dies
Geschöpfchen Sehnsucht hat, aus der Enge hinauszugehn ins Weite. Oder wenn die
Lerche von der Ackerfurche emporschwirrt ins grenzenlose Blau, trunken vor
Begeisterung. Und wenn der Mensch schwärmt, Unendliches spürend, wie's eben uns
begnaden will - wenn er, nicht befriedigt von seinem Ich-Schneckenhaus, in den
Wald der Umwelt vordringt, Verständnis, Mitgefühl für andere Wesen hat, gütige
Tat, Freundschaft, Liebe - dann ist er am Erwachen, dann taucht er ins Ewige
Leben ... Und dies, Enzio, glaubst du nicht, dass dies mehr ist als Hiobs tausend
Kamele und Esel? Du selber hast es fertig gebracht, aus deinem Ich hinauszugehen
- sogar unter recht schwierigen Umständen - nämlich wie dein Ich rasend war vor
Angst und Rachsucht, im Dentzenberger Wald; da hast du's fertig gebracht, einen
Giftpilz deines Herzens zu zertreten: Des Gassenmaier hast du dich erbarmt - und
hast sogar dein Leben gewagt, ihn zu retten. So hat dich Ewigkeit berührt mit
ihrem Gnadenstrahl. Vergiss das Beste nicht!«
    Es zuckte in Enzios Gesicht - dann weinte er still vor sich hin. Ich stand
auf, um zu gehn - das Gespräch schien mir einen innerlichen Abschluss gefunden zu
haben. Er trocknete sich die Augen: »Du willscht scho fort? Ond hascht mir noch
nicks von dir verzählt?« - »Ein andermal, Enzio!« - »Aber«, entgegnete er,
»morge muss i nach Konstanz.« - »So müssen wir verzichten. Für heute hab' ich
dich genug aufgeregt. Leb wohl, Enzio!«
 
                               In Abrahams Schoss
Tübingens Landschaft konnte zwar nicht die paradiesische Verklärteit erreichen,
mit der mich der Traum von Glastelfingen bezaubert hatte, bescherte mir aber
köstliche Sonnentage auf Höhen, die ein grenzenloser Obstgarten waren. Ausblicke
über goldene Täler und wogende Waldberge lockten die Seele ins blaue Rätselreich
der Ferne. Doch eine Wehmut zitterte in solchem Schauen: die Landschaft kam mir
vor wie ein Spiegel, darin ich bloss mich selber finden kann, während mich nach
Menschen verlangte. Um so einsamer fühlte ich mich, als die Schauplätze meiner
Kindheit zu erzählen wussten von Jugendkameraden, die nicht aufzuspüren waren.
Uebrigens konnte die Begegnung mit Enzio nicht gerade zu weiteren Entüllungen
verborgener Schicksale ermutigen. Die Bilanz von Jahrzehnten wird mehr Trübes
als Erbauliches entalten - sprach ich zu mir - und also wird's am gescheitesten
sein, wenn du dein Bündel schnürst und aus deinem Jugendlande wieder nordwärts
ziehst zu den grüblerischen Kiefern der Mark; allenfalls geh' noch für wenige
Tage in die Schwabenalb, besuche den Neuffen, den Zollern, auch den Lochenstein
und das Heimatdörfchen Hainlins! Vielleicht, dass dort etwas über ihn zu erfahren
ist.
    Zum Bahnhof wollte ich; den Rucksack auf dem Rücken, schlenderte ich die
Neckarhalde entlang und kam an das Haus, wo Hainlin gewohnt hatte. Es sah wie
damals aus, und - ich traute meinem Auge nicht - an der Haustür war noch das
Schildchen mit der Aufschrift: Schneckle ... Hainlins Wirtin oder wahrscheinlich
ihre Tochter Berta war also hier wohnhaft geblieben. An dieser Entdeckung durfte
ich nicht vorübergehen. Also hinauf die Treppen! - Oben an der Flurtür war
abermals »Schneckle« zu lesen, und freudig stutzen liess mich die beigefügte
Visitenkarte: Professor Wendelin Ritter. War das etwa Ulis Sohn? Ich erinnerte
mich, dass Pia sterbend den Wunsch geäussert hatte, das Kind solle nach ihrem
Bruder Wendelin heissen.
    Als ich die Klingel gezogen hatte, öffnete ein etwa dreizehnjähriger Knabe.
Das geistvolle Auge und die zierliche Gestalt gemahnten an Wendelin Flammer.
»Ist Frau Schneckle zu sprechen?« Der Knabe sah mich gross an: »Grossmütterle
ischt tot. Oder meint Sie Tante Berta? - Die ischt ausgange.« - »Und Herr
Professor Ritter?« - »Der 'scht dahoim. Bitte, treten Sie näher!« Höflich führte
er mich in eine Wohnstube und bot mir einen Stuhl an. »I werd den Vatter rufe.«
Wie ich mich umschaute in dem gemütlichen Raum, blickte mich plötzlich Kandidat
Hainlin an - wie in meiner Kindheit: eine lebensgrosse Kreidezeichnung nach einer
Photographie. Darunter ein Kranz von gelben Immortellen.
    Die Tür ging auf; schweren Schrittes trat eine hohe, wuchtige Gestalt ein,
blauäugig. So hätte Uli aussehen können, wenn er, wie dieser Mann, im Anfang der
Vierziger gewesen wäre. Ich konnte mich nicht entalten, ihm zutraulich die Hand
zu reichen: »Sie sind der Sohn meines Jugendfreundes Uli - ich seh's sofort.«
Und ich nannte meinen Namen. - »Grüss Goot!« erwiderte er herzlich - »ich kenne
Sie bereits - Tante Berta hat von Ihnen erzählt - ha! die wird sich freuen! Sie
sind ja Hainlins Schüler gwä - und hänt Versle für die Glaasberg-Zeitung
gemacht, gelt? Tante Berta hat sie noch.« - »Fräulein Schneckle ist, wie ich
höre, nicht zu Hause.« - »Aber bald erreichbar - falls Sie den Rucksack da
ablegen und etliche Zeit für uns haben, gelt?« - »Herzlich gern, Herr Professor!
Der Zufall hat mich hereingeschneit. Ich war im Begriff, nach Hechingen zu
fahren - aber wie ich an Ihrem Hause vorbeikomme, entdecke ich den Namen
Schneckle. Wenn Sie nun meinen, dass ich Fräulein Schneckle nicht ungelegen komme
...« - »Aber nein! Tante Schneckle wird entzückt sein - ihr Herz ist ja treu wie
Gold. Wenn's Ihnen passt, gehn wir sogleich zu ihr - ich wollte sowieso hin. Sie
ist auf dem Schlossberg bei Krüppelkindern, die droben spielen.« - »Dankbar nehm'
ich Ihre Einladung an, Herr Professor, und - bleibe noch etwas in Tübingen.
Jetzt hab' ich wohl den Torschlüssel gefunden zu meinem Jugendlande. Sie und
Fräulein Schneckle werden mir manches zu erzählen haben. Was macht mein lieber
Wendelin? Ihren Onkel Flammer mein' ich?« - »Ist tot! länger als dreissig Jahr.«
- »Oh! Und wie kam's, dass er so jung?« - »Er starb im Irrenhaus.« - Ich stand
traurig stumm, und er fuhr fort: »Ja, an Geisteskrankheit, zermürbt von seiner
Zerrissenheit - den Ausgleich hat er nicht finden können zwischen sich und der
Welt. Uebrigens wissen wir nicht viel von den letzten Jahren seines Lebens -
eigentlich nur, was sich in Hainlins Nachlass darüber findet.«
    »Hainlin - ach ja! Und woran ist dieser Prachtmensch gestorben?« - »An
Herzkrankheit infolge von Gelenkrheumatismus. Auf seine Gesundheit hat Hainlin
nicht geachtet, in der Apatie, die bei ihm nach dem Zusammenbruch seiner Ehe
auftrat.« - »Zusammenbruch seiner Ehe? Mit wem war er verheiratet?« - »Mit einer
Berlinerin, einer geschiedenen Frau.«
    Schicksal, unheimlich rätselhafte Macht! dachte ich, als ich mit dem
Professor das Haus verlassen hatte und zum Hirschauer Tor ging. Hainlin und
Rosel! An Seele wie Leib schienen sie für einander geschaffen - und doch! nach
langem Harren und Entbehren sind sie unvereint gestorben. Uli und Pia - ich sehe
das blühende Paar noch tanzen im Wurmlinger Wirtshaus, gleich verliebten
Schmetterlingen, und - der Sprössling ihrer Liebe, die ihnen beiden den Tod
gebracht hat, wandelt hier an meiner Seite: ein bärtiger Mann, lahmend auf dem
einen Bein ... sonderbares Schicksal.
    Mit einer mechanischen Hilfe scheint das Bein versehen. Bei jedem Schritt
gibt es ein quiekendes Knirschen von sich - ein paarmal bleibt der Professor
stehen, als strenge er sich an und empfinde Körperschmerz. »Sind Sie Invalide?«
frage ich. - »An der Somme hab ich's Bein verloren. Wer hätte vor drei Jahren
ahnen können, ich werde bald Krüppel sein? Ich, der Turner, Schwimmer,
Schlittschuhläufer, ein unermüdlicher Wanderer und Bergsteiger - Führer der
Wandervögel, der mit den Buben um die Wette getollt hat - ich muss mich so
hinschleppen!« In den Worten bebte das Leid eines Verzichtenden, der noch keine
Ergebung gefunden hat.
    »Sie sind Gymnasialprofessor?« fragte ich. - »Gewesen bin ich's! Mit ganzer
Hingabe! Jetzt freili han i Abschied nehmen müssen.« - »Musste das wirklich
sein?« - »Es musste sein! Und das würde Sie nicht wundern, wüssten Sie, welche
Rolle ich als Pädagoge gespielt hab. In allen Körperfertigkeiten hatte ich
meinen Schülern als Vorbild gegolten. Unerträglich wär' mir, in ihren Augen
Krüppel zu sein, geringschätzig oder auch nur mitleidig angesehen zu sein.« Er
sagte das düster, mit einem flammenden Stolz, der an Ritter Uli erinnerte. -
»Jetzt privatisieren Sie also?« - »Ja - und möchte mich als Privatdozent
habilitieren - in Tübingen - da hab ich ja auch meine liebe Pflegemutter.«
    »Meinen Sie Fräulein Schneckle?« - »Freili! Tante Berta! Seit meinem ersten
Jahr hat sie mich bemuttert.« - »Die kleine Berta - Sie? Und wie kam das? Ich
meine: welche Umstände haben das gefügt?« - »Ha no! Pia und Uli, meine Mutter
und mein Vater, waren tot, den Verwandten Pias aber war ich halt bloss eine
Mahnung an Fatales. Ulis Vater adoptierte mich zwar, doch als Witwer wusste er
nichts mit mir anzufangen. Gab mich daher in Pflege - zu Frau Schneckle und
ihrer Berta. Die haben mir Liebe entgegengebracht, wie sie eine leibliche Mutter
nicht inniger haben kann. Tante Berta ist ein Engel in Magdgestalt.« - »Ja, sie
hat ein gutes Herz, ein kindlich reines, liebliches. Es ist bald ein halb
Jahrhundert her, dass wir auseinanderkamen. Damals schien sie Hainlin zu lieben.«
- »Ja, sie hat ihn geliebt, ihn und alle Liebenswerten von damals: meinen Vater,
Uli und Wendelin - auch für Sie hat sie geschwärmt!«
    »Für mich?« fragte ich verwirrt. - »Ja, natürlich! Sie sind ja auf dem Eise
ihr Ritter gewesen, davon redet sie zuweilen. Nicht als ob sie sich eingebildet
hätte, ihre Schwärmerei würde Erwiderung finden. Sie hat alleweil nach dem Worte
gelebt, das sich bei Goete findet: Wenn ich dich liebe, was geht's dich an! Sie
liebt, um zu lieben - nicht um etwas zu erlangen. Und das ist das Geheimnis
ihrer Erfolge, die sie als älteres Fraule hat. In ihrer Jugend wurde das blasse
Geschöpfle mit der schiefen Schulter übersehen - seit sie aber nimmer zu den
jungen Mädle gehört, achtet die Welt auf ihr Herz, auf ihre guten Worte und
Werke. Es gibt kaum einen Menschen in Tübingen, der so allgemein beliebt ist wie
sie. Sie hat ja auch Hunderten beigestanden - früher als Hebamme, Pflegerin,
Kräuterkundige.« - »Dann ist Fräulein Schneckle sehr beschäftigt?« - »In der
Fürsorge für allerlei Hilfsbedürftige geht sie auf - so bin ich versucht zu
sagen - wär sie nicht zugleich für mich und Uli e einzigs Hausmütterle.
Jedenfalls lebt sie nur für andre - und deshalb hat sie ein reiches, glückliches
Leben ... Sie werden ja schaun.«
    Während dieses Gespräches waren wir an die Stufensteige gelangt, die vom
Hirschauer Neckarbrückle zur Burg emporführt. »Solche Stufen zwing' ich schon,«
sagte der Professor - »aber die schrägen Bergwege fallen mir schwär.« Schweigsam
ging's aufwärts - dann waren wir zwischen dem Schänzle und dem Bärengraben - und
nahmen Platz auf einer Bank, von der man ins Ammertal schaut.
    »Die zwei Aussichten, die der Schlossberg bietet, haben verschiedenen
Charakter,« sagte ich. »Drüben der Blick auf die Alb ist freudig - die Aussicht
ins Ammertal von wehmütiger Lieblichkeit. Noch ausgeprägter als jetzt war diese
Wehmut in meiner Knabenzeit. Damals gab's nicht die hübschen Landhäuser und
grossen Kliniken, damals bestand das Stadtviertel nur aus Kleinbürgerhäusern;
schwärzlich, alt und winklig wimmelten die Dächer drunten. Und darüber ragten
die lieblichen Hänge des Steinenbergs und der Waldhäuser-Höhe - lauter
Terrassen, Weingärten, Obst- und Hopfenpflanzungen - sie lächelten, als wären's
Stufen der Himmelsleiter. Meine kindliche Träumerei vermutete ein Paradies
droben, hinter Obstwäldern versteckt - ein heimliches Höhendorf.« - »Ich weiss!
Glastelfingen!« nickte der Professor. - »Wie?« stutzte ich - »Sie wissen davon?
Woher denn?« - »Aus Hainlins literarischem Nachlass. Da ist ein Gedicht von
Glastelfingen.« - »Gedicht? Haben Sie's« - »Ja, es schildert die Suche nach dem
Glasberg. Auf dem Glasberggipfel harrt die verwunschene Prinzessin dessen, der
sie erringen soll. Jedem kommt sie wie sein Liebchen vor und lockt wie eine
Sirene. Die Betörten möchten zum Gipfel, gewaltsam oder auch mit List - und alle
gleiten vom Glasberg ab. Wahres Glück lässt sich nicht aussen erobern - im Innern
ist es der heimliche Schatz.« - »Was Sie meinen, Herr Professor, ist das Eden,
nach dem meine Kindheit verlangte - und noch immer sehne ich mich danach - nur
freilich haben Sie recht: man soll es nicht draussen in der gewöhnlichen Welt
suchen, sondern im Gemüte - da kann man diesen paradiesischen Schlupfwinkel
finden.« - »Wissen Sie, wer ihn gefunden hat?« fragte der Professor - »Tante
Berta! Aber nun lassen Sie uns zu ihr gehen - die Wiese, wo sie mit den Kindern
spielt, ist hier in der Nähe.«
    Wir gingen auf dem Grat des Schlossberges entlang, vorbei an stattlichen
Häusern wohlhabender Studentenverbindungen.
    Ein Pfad, der links abbog, führte uns an die sonnige Halde, von wo man ins
Neckartal schaut. Auf einer Wiese, die ziemlich eben war und gemäht, spielten
etwa ein Dutzend Mädchen, neun- bis zehnjährig - unter der Aufsicht eines
älteren Fräuleins. »Ist das -?«
    »Eine Kindergärtnerin wird es sein - Tante Berta ist nicht dabei. Sie wird
aber bald kommen, hat wohl noch anderswo zu tun. Lassen Sie uns geduldig warten,
als stille Beobachter.«
    Der Anblick hatte etwas Wehmütig-Rührendes. Diese Kinder schienen geistig
verkümmert. Kein Blick schweifte neugierig zu uns - wir schienen für sie nicht
vorhanden. Waren die Kinder so stumpf? Dagegen sprach ihre lebhafte Teilnahme
für das Bewegungsspiel, das sie betrieben. Zwei grössere Mädchen hielten, die
Arme hoch, einander an den Händen, und durch dies Tor zogen im Gänsemarsch die
Kinder - jedes hielt sich am Röckchen des Vorderen.
    Und sie sangen:
»Mr ziehe durch, mr ziehe durch,
Durch die goldne Brücke -
Sie ischt entzwei, sie ischt entzwei -
Mr wolln sie wieder flicke -
Womit?
Mit einerlei, mit zweierlei -
Der erschte kommt, der zweite kommt -
Den dritte muss mr fange!«
    Beim letzten Worte senkten sich plötzlich die Arme der beiden Mädchen, die
das Tor bildeten, und zwischen ihnen war ein Kind gefangen. Es wurde nun
gefragt, wohin es wolle - ob zu den Engele oder zu den Teufele. Je nachdem es
gewählt hatte, musste es sich hinter den einen oder den anderen Brückenkopf
stellen. Zuletzt gebärdeten sich die Parteien als Engel und als Teufel und
wurden in scherzhafter Weise handgemein. dabei benahmen sie sich auffällig
ungeschickt - manche griffen ins Leere, als haschten sie Schatten.
    Ein paar Mädchen standen abseits und lächelten vor sich hin - es fiel mir
auf, dass sie keinen Sinn verrieten für den wundervollen Blick auf die
Neckarauen, ins Steinlachtal, über die Waldhöhen zur violetten Alb. »Als
Pädagoge haben Sie, Herr Professor, wohl schon bemerkt, dass Kinder mehr Auge für
Nahes haben als für Fernes. Eher für ein Gänseblümchen oder Kleeblatt zu ihren
Füssen als für die Aussicht da.« - »Diese Kinder«, erwiderte der Professor,
»können weder für das eine, noch fürs andere Sinn haben!« - »Wie? Es sind
Idioten?« - »Idioten nicht, aber blind!« - »Blind?« Mich erschütterte das Wort -
zumal die Aussicht hier ein so paradiesisches Lächeln der Erdenheimat war.
    Doch als wollten die blinden Kinder mein Bedauern widerlegen, waren sie
jetzt mit Entzücken bei einem neuen Spiel: Die beiden grossen Mädchen hielten
sich wieder an beiden Händen, diesmal die Arme gesenkt - auf dem so gebildeten
Sessel nahm ein drittes Kind Platz, rechts und links einen Nacken umschlingend.
Und wurde nun geschaukelt, wozu die Kinder sangen:
»Wir wiegen dich in Abrahams Schoss -
Da bischt du alle Schmerzen los,
Dein Herz ischt nimmer schwär.
Schwindele, Kindele, Kaffeemühl,
Schwäbele, Bäbele, bautz!«
    Beim Kaffeemühl-Versle wurde das geschaukelte Kind auf einmal herumgewirbelt
wie ein wagerechtes Rad - dabei gab's gross Gelächter. Ich sehe noch das
verzückte Lächeln eines blassen Mägdeleins, wie's in Abrahams Schoss gewiegt
wurde: Nichts sah es vom Leuchten der Sonne, nichts vom Blauen der Ferne - und
war doch ein Engel, der zum Paradies schwebt.
    Da kam ein gebücktes Weiblein geschlichen - sie winkte uns Sehenden, wir
möchten nicht verraten, dass sie da sei. An der buckligen Schulter und am gütigen
Gesicht war Berta Schneckle zu erkennen. Ein Engel in Magdgestalt! dies Wort des
Professors schien mir treffend.
    Plötzlich stutzten die Kinder aufhorchend und wussten nun, wer gekommen war.
Jubelnd umringten sie Tante Berta, jedes wollte mit greifender Hand etwas von
ihr haben, sich an ihren Arm hängen, einen Finger von ihr halten, einen Zipfel
ihres Kleides.
    Sie lächelte, war aber bald den Kindern entschlüpft und kam zu uns. Ihr
Pflegesohn küsste sie auf die Stirn: »Schau, wen i dir da bring. Waas meinscht,
wer ischt dees, he?« - Mit sinnendem Lächeln sah sie mich an: »Bekannt kommt er
mir vor.« - »Hainlins Schüler ist's, der Norddeutsche!« - Errötend streckte sie
mir die Hand entgegen: »Grüss Goot, Herr - Bruno! Ischt dees aber e Freid! Oh
Wendelin, geahnt han i, dass mr heut ebbes Guts beschert werden soll - graad wien
i da über den Klee komme bin, han i gstutzt - ond beinah hätt i e vierblättriks
Kleeblättle erwischt - drei Blättle sind scho dran gwä.« Wir lachten über ihre
Schelmerei.
    »Net wahr?« sagte der Professor, »dein alter Freind derf net so bald fort -
heut hat er schon abreise wolle - hat aber zufällik am Haus bei ons dei
Namensschildle glesen.« - »Abreise? Aber nein!« bat Fräulein Schneckle und
errötete von neuem, »bleibe müsst Sie. Mr hänt uns arg viel zu verzähle,
möchten noch e mal jung sein. Also gelt? Sie kommen mit uns! Einschtweile möcht
i mi noch e bissle meinen Kinderle da widme. Dees ischt mei Altweibermühl!« -
    Bei denen war sie nun, abermals mit Jubel umringt. Man fasste sie, trug sie
auf Händen - und selber ein strahlendes Kind, sass Tante Berta auf der lebendigen
Schaukel - man sang:
»Wir wiegen dich in Abrahams Schoss,
Da bischt du alle Schmerzen los,
Dein Herz ischt nimmer schwär!«
 
                            Alte Liebe rostet nicht
Ein paar Wochen hindurch war ich täglich zu Tante Berta gegangen und hatte mit
ihr die Vergangenheit besprochen, auch Hainlins schriftlichen Nachlass
durchforscht. Nun lockte mich beständig klares Wetter, die aufgeschobene
Albfahrt zu unternehmen. Um von Wirtshäusern, wo in der Kriegszeit oft
Schmalhans Küchenmeister war, möglichst unabhängig zu sein, gedachte ich
Mundvorrat im Rucksack mitzuführen. »I besorg Ihne Schinkewurscht!« - »Aber,
Tante Berta, meine Fleischmarken sind zu Ende.« - »Na ganget mr zur Metzgerei
von Gackenheimer - die Meischterin gibt ohne Fleischmarke - zumal Ihne!« - »Mir?
Wie sollte sie dazu kommen?« - Tante Berta lächelte schalkhaft: »Ha no - Frau
Gackenheimer ischt ja Ihre Jugendflamme: selles Rickele, mit dem Sie konfirmiert
send.« Ich stutzte - fühlte, dass ich rot wurde: »Aber Fräulein Schneckle! Zu
seiner Jugendflamme kann man doch nicht gehn, um ein Stück Wurst zu kaufen?« -
»Warum net? Alte Liebe roschtet net! Wenn Sie aber zu schenierlich sind, um von
der Schinkewurscht aazfange, na könnt i's ja tun.« Da sie sah, dass es mir recht
war, machte sie sich zum Ausgehn bereit.
    Als die kleine, gebeugte Gestalt im faltigen Umhang, ein altmodisch Hütchen
auf dem grauen Lockenhaar, an meiner Seite hinhuschte, dachte ich lebhaft an die
ferne Vergangenheit. Den verkrümmten Rücken hatte Bertale schon damals gehabt,
auch den ältlichen Zug im schmalen, blassen Gesicht. Ihre Seelenheiterkeit
hatten die Jahre nicht getrübt - noch immer blühte aus den etwas wehmütigen
Zügen jenes Lächeln auf, dessen Kindlichkeit damals, als ich mit der
Sechzehnjährigen Schlittschuh gelaufen war, nebst ihrer munteren Unterhaltung
einen Zauber auf mich ausgeübt hatte. Sie verstohlen von der Seite betrachtend,
sah ich in den Altersfältchen, die dem Gesicht aufgeprägt waren, nur ein Zeichen
innerer Vertiefung - ich dachte an die goldklare Feierstille des
Altweibersommers. »Wissen Sie, Tante Berta, wie Sie mir jetzt vorkommen? Fast
wie jenes Mädle, mit dem ich gern auf der Eisbahn war. Eigentlich verändert sich
doch der Mensch im Leben fast gar nicht.« Sie schien verwirrt, mich streifte ein
sonniger Blick: »Ja damals! Im Herzen lebt mir noch alles, Sie hänt sich meiner
ahngenomme, obwohl mit eme buckligen Mädle kein Staat zu machen war. Hänt sich
um mich ritterlich bemüht, mir die Schlittschuh getrage, gelt? Wie schön, so
ebbes erlebt zu haben! Dees hat mr na in seiner Säl' wie e netts Schmuckstück -
ond nimmt's bisweile aus m Käschtle, sich dra zu erquicke.« Da war nun wieder
die hervorblühende Heiterkeit. - »Sagen Sie bloss, Tante Berta, wie bringen Sie
es fertig, immer so jung zu bleiben?« - »Jung?« staunte sie. »Ha, wie wär denn
dees? Sechzik bin i.« - »Die echte Jugend bleibt dem Menschen treu bis ins
Alter. Und merkwürdig! Damals kamen Sie mir manchmal mütterlich vor wie ein
gutes Tantchen; jetzt aber sind Sie jung geworden, sind geradezu kindlich! Sie
haben neulich gesagt, eine Alteweibermühle hätten Sie. Sogar zum Jungbrunnen
wissen Sie den Weg. Ich möchte auch ein wenig mitalten. Wo versteckt sich denn
Ihr Jungbrunnen?«
    Sinnend blickte sie auf: »Bei meine Patiente!« Weich war das gesprochen,
dabei voll Ueberzeugung. »Meine Patiente soll i gsund mache - aber die tun m i
gsund mache. Zum Exempel heut morge - wien i zur Frau Kielwein bin, ihr krankes
Herz zu massiere, damit's Blut besser zirkuliert - ganz behutsam muss mer dees
... kommt also ihr Mann, wo vorher immer so sorgevoll gwä ischt - kommt
Meischter Kielwein auf emal freudestrahlend: Mei liabs Freilein Schneckle! Ihre
Kur schlagt ahn! Die ganze Nacht hat mei Fraule durchgschlafe ... Ha, wisse Sie,
Herr Wille, wemmr so Erfolg sieht ond sich sage derf, dass mr net umsonscht
schaffe tut - dass mr Bedürftige ebbes Guets erweise ka, - na wird mr so froh -
oder wie Sie sage, so jung!«
    »Sie sind ein guter Mensch, Fräulein Schneckle - - das macht's.« - »Den
Titel derf i mir net ahnmasse. I bin net gut - tun Sie lieber sage: Es tut mir
gut! Dees ischt älles. Schaue Sie: Neulich komm i zum Martale. Sie ischt e
zwölfjähriks Mädle, hat en arg böse Fuss. Jetz, wien i's Martale massier, nimmt
sie mich om den Hals ond drückt ihr Bäckle an meins. Aus ihrem Aug leuchtet's,
als ob durchs Schlüsselloch der Himmelstür ein goldiger Strahl zu mir käm ...
Ha, wem's so guet geht, der freili hat e Jungbrunne ... Aber tun mr net von mir
rede! I schau net gern in den Spiegel. Ond Sie, Herr Wille, sollten Ihre Gedanke
jetzt lieber em Rickele zuwende. Denn es bleibt dabei: alte Liebe roschtet net!«
- »Wenigstens will ich sehn, ob von dem Glanz, den Rickele damals für mich
hatte, noch etwas zu finden ist.«
    Träumerisch meinte Fräulein Schneckle: »Ha ja! 's Rickele war ja auch beim
Schlittschuhlaufen! Wisset Sie noch, wie dr Gräter mit Ihne hat Händel
ah'fange?« - Ich nickte: »Ach richtig! Dr Gräter!« - Neckisch fuhr sie fort:
»Ond dass i onbedeutends Dingle der Ahnlass sein konnt zu so eme Streit, wo beinah
übel ausgange wär! Wisset Sie noch? Mit dem Rickele sind Sie Hand in Hand
gelaufen. Dicht vor Ihnen aber bin i gfalle. Wie das dr Gräter sieht, lacht er
schadenfroh. Dees tut Sie aufbringe - dr Gräter wird giftik, ond - die Rauferei
geht los. Gelt? So isch gwä!«
    »Ja, wie Pfeffer scharf und giftig war der Gräter. Er packte mich,
ausgleitend schlug ich lang hin. Ich höre noch Gräters Hohngelächter. Was mich
aber am meisten gewurmt hat, war Rickeles Benehmen. Ihr bot Gräter die Hand, und
was tat sie? Nahm die Hand und lief mit ihm davon ... O Bertale! Diese
kaltschnuppige Art Rickeles wirkte auf mich abstossend, obwohl ich sonst in sie
verschossen war.« - »Verschossen, ja! Glühende Bäckle hat sie ghätt ond
leuchtend braune Aeugle unterm Pelzbarettle - zwei dicke dunkle Zöpf vorn über
die Schultern.« - Sinnend nickte ich: »Ja, sie war hübsch - wie ein holdes
Wunder berührte mich ihr Blick - ich dachte dabei an das Märchensprüchlein: Was
macht mein Kind, was macht mein Reh? Anmutig war jede Regung des Köpfchens und
ihr leicht wiegendes Hinschreiten. In ihrer Altstimme bebte etwas - wie soll
ich's nennen? Ich möchte sagen: Gemütstiefes. Glaube aber, das hatte sie gar
nicht. Sogar ihre Tübinger Mundart war mir reizvoll. Eine neue Welt hatte
Rickele mir erschlossen, süsse Schauer bebten durch mein Herz ...«
    »Da wären mr!« sagte Fräulein Schneckle. Vor einem Schaufenster, das zwar
keine Fleischwaren zeigte, aber durch ein Schwein von Porzellan die Metzgerei
andeutete. Weil die Ladentür durch einen Rollvorhang geschlossen war, traten wir
in den Hausflur, und Fräulein Schneckle schellte an der Nebentür des Ladens.
    Nun erschien eine weibliche Gestalt. Obwohl sie nichts Mädchenhaftes mehr
hatte, sah sie dem Rickele von damals ähnlich - nur war die Knospe jetzt zur
vollen Rose erblüht. »Aber nein!« dachte ich, »Rickele kann das unmöglich sein.
Ihre Tochter wohl.«
    »Ah? Fräulein Schneckle!« sagte sie knicksend. »Griess Goot! Wie schade, dass
Sie nach Ladeschluss komme! 's ischt mir arg leid. Aber ahn Verordnunge muss mer
sich halte, gelt?« Auch die Stimme erkannte ich wieder - sie hatte etwas vom
alten Reiz.
    »Dooch net!« entgegnete Fräulein Schneckle. »Net dass mr gschäftlich komme!
Prifaat! Der Herr da, aus Norddeutschland, ischt e Jugendfreind Ihrer
Grossmutter.«
    Grossmutter! Mein Gott ja! Also nicht Rickeles Tochter ist das, schon ihre
Enkelin! Ich war so verwirrt, dass ich nicht mehr genau weiss, wie die Szene sich
abspielte. Bloss dass ich Fräulein Schneckle reden hörte: »Er möcht sie halt
wiedersähe, nach so langer Zeit! Bitte, holet Sie die Frau Meischterin, gelt?«
    Wir standen in halber Dämmerung. Vor einem Ladentisch, auf dem Schüsseln
waren. In blanken Messinghaken hingen Schwarzwurst und Schwartenmagen, es roch
nach geräuchertem Fleisch.
    Das Ladenfräulein war gegangen - nun kam sie wieder - mit einer Matrone von
bedeutender Körperfülle. Unter einer geräumigen, weissen Schürze hochgewölbt das
Busengerüst. Das volle Gesicht rot, das Haar weiss, das Auge dunkel.
    »Griess Goot, Frau Meischterin!« Fräulein Schneckle sprach's - und rückte nun
heraus mit einer umständlichen Darlegung, die sich auf mich bezog. Sie erwähnte
das Schlittschuhlaufen, brachte sogar ein Gedicht in Erinnerung, das ich damals
meinem verehrten Fräulein Rickele gewidmet hatte. Schliesslich kam eine leise
Hindeutung auf die Albfahrt, die ich vorhätte, ohne unterwegs auf einen Bissen
Schinkenwurst rechnen zu können.
    Obwohl diese Darlegung schüchtern und bittend herauskam, war sie mir
peinlich. Doch unterbrach ich nicht. Fühlte mich wie gelähmt - ausserstande, zu
begreifen, diese Fülle von Fleisch sei mein Rickele von damals. Allerdings
glaubte ich die braunen Augen wiederzuerkennen. Aber nichts Märchenhaftes hatten
sie - fremd, misstrauisch begegneten sie meinem zagen Blick. Etwas eingeengt
waren sie durch die feisten Backen. Rickeles Haar, obwohl jetzt silbergrau,
hatte die starre Kraft von damals bewahrt. - Fräulein Schneckle brach ihre Rede
ab, und nun entstand ein Schweigen, das den schnarchenden Atem der Meisterin
auffällig machte.
    Unschlüssig schien Frau Gackenheimer, wie sie sich stellen solle zu meinem
Besuch. Bald lächelte sie verlegen, bald zog sie ein saures Gesicht, bald zuckte
sie die Achseln. Und zögernd kam das Geständnis: »Ha no! Waas soll mr da sage?
Von dem Gedichtle woiss i nix. Mr kann halt net älles im Kopf behalte, waas eim
passiert ischt. Mit dem Schlittschuhlaufe hat's seine Richtikkeit! Ha jo! Damals
ischt mr e Backfischle gwä - jetzt aber hat mr andres zu tun als ahn so
Firlefanz zu denke. Und von wege der Schinkewurscht muss i leider sage, mr hänt
koine mähr. Aber Schwartemage könnt i dem Herre ablasse.« Meine Verlegenheit
missverstehend, fügte sie mit gnädigem Lächeln hinzu: »Ha no - diesmal geht's
ohne Floischmarke - mr send ja onter ons!« Und mit der Linken ergriff sie den
Schwartenmagen, während die Rechte das Aufschneidemesser hielt. Verwirrt schlug
ich die Augen nieder. Auf die feisten Arme starrte ich, auf die roten,
rundlichen Finger.
                                       *
    Als wir auf der Gasse waren, atmete ich leichter. Schweigsam gingen wir
nebeneinander. Endlich stammelte Tante Berta: »Mein Goot! Han i doch gmoint,
jeder Mensch muss e Herz haben für seine Jugend, müsse sie drin bewahren wie e
Kleinod. Aber jetzt ... Waas hat sie gsagt? Sie wiss nicks mähr von alledem! Also
hat sie ihr Kleinod verlore?« - Ich zuckte die Achseln. »Verloren? Wie ich sie
jetzt kenne, hat sie es kaum je besessen.«
    Die grauen Gassen kamen mir auf einmal öde vor - erloschen war ihr heimlich
Schimmern, das Altgold, das ich sonst wahrgenommen hatte. Da hausen nun, dachte
ich, nicht wenig solcher Menschen, die nichts mehr wissen wollen von ihrer
Jugend. Eine Lücke haben sie in der Brust, ein Vakuum - oder, wenn da ein Herz
ist, hat es sich verfetten lassen vom Speck der Gewöhnlichkeit. Sollte innen mal
was geflackert haben, so ist es traurig ausgebrannt, an Stelle des Herzens haben
sie einen Klumpen Schlacke.
    Planlos gingen wir zur Neckarbrücke, dann die Treppe hinab zur
Platanenallee. Hier ergriff mich besonders die Erinnerung an meine knabenhafte
Schwärmerei für Rickele. Mein Freund Wendelin hatte mich damals halb scheu, halb
warnend gefragt, was ich eigentlich im Sinne hab' mit dem Mädle. Ich hatte
gestutzt - sehr unklar war mir, wonach ich mich sehnte. Erschauernd hatte ich
mir ausgemalt, wie süss es sein müsse, mit Rickele durch das Seufzerwäldchen zu
wandeln - bei Mondschein - meinen Arm um ihren Nacken gelegt, so dass ihr Köpfle
an meiner Schulter ruhte ...
    »Ist es wirklich wahr?« seufzte ich und empfand etwas wie Beschämung - »ist
es möglich, dass Rickele mich einst begeistern konnte? Was bin ich doch für'n
Schaf gewesen!« Nach diesem erlösenden Wort fand ich ein Lächeln.
    »Ha no!« meinte Tante Berta - »wenn mr e grüner Fratz ischt, gibt mr ebbes
aufs Lärvle! Später wird mr anders. Die Blüte verweht, auf die Frucht kommt's
ahn. Ond im September gibt's welke Blätter. Freilich auch Altweibersommer. Die
goldklare Feierstille lieb i mähr als den unruhigen Frühling.«
    Und nach dem Uhland-Denkmal, das unweit der Platanenallee steht, deutete sie
hin: »Der Uhland drübe auf seim Poschtamentle tut mir aus der Säl' spreche in
eme Gedichtle, das mir arg gfallt: Ich bin so hold den sanften Tagen - wann
ihrer mild besonnten Flur gerührte Greise Abschied sagen - dann ist die Feier
der Natur. Sie prangt nicht mähr mit Blüt' und Fülle, all ihre regen Kräfte ruhn
- sie sammelt sich in süsse Stille, in ihre Tiefen schaut sie nun. Die Säle,
jüngst so hoch getragen, sie senket ihren stolzen Flug - sie lernt ein
friedliches Entsagen - Erinnerung ist ihr genug.« - Sie war stehen geblieben, um
mit Innigkeit diese Verse zu sprechen.
    Es löste sich etwas von meinem Herzen, wie wenn von Lenzodem ein gefrorener
Born auftaut: »Ja, gutes Bertale: Alte Liebe rostet nicht! Nur Menschen können
rosten. Liebe, wo sie echt, bleibt ein blankes Kleinod. Oder ist sie nicht noch
mehr als Diamant? Ist sie nicht, wie Sie sagen, ein Strahlen aus der
Himmelspforte?«
 
                                Der grüne Strom
Hainlins Tagebücher, die ich vom Professor Ritter erhielt, beschäftigten mich
für Wochen.
    Sie behandelten zunächst seine in Bonn verlebten Jahre. Da waren Notizen
über die Rheinlandschaft. Als ihre Seele empfand der Sohn des Schwabenlandes den
grünen Strom. Heilig kam er ihm vor, weil er so schön ist und mit seiner Feuchte
die Rebenhügel, Gärten und Fluren lieblicher Dörfer tränkt, besonders aber, weil
er eine Strasse bildet aus der Enge ins Weite. Wie er aus Schlüften die Büchlein
und Flüsse holt und geeinte Fluten zum Weltmeer wälzt, verbindet er die rings
wohnenden Menschen mit dem grossen Völkerleben.
    Wenn Hainlin schauend an der Rheinwerft wandelte und die Wassermasse breit
und wuchtig hinrollen sah, wenn ein Kettendampfer die Reihe belasteter Kähne
keuchend stromaufwärts schleppte oder ein Salondampfer, wimmelnd von
Vergnügungsreisenden, mit Musik zur Landung kam, wenn Hainlin die Aussteigenden
Englisch, Holländisch, Französisch parlieren hörte und die verschiedenen
Mundarten deutscher Stämme belauschte, das singende Platt von Köln, die rauhen
Kehllaute des Schweizers, die vorlaute Witzelei des Berliners, das hastige
Geschwätz des Frankfurters - - wenn alsdann unser Kind der Schwäbisschen Alb ans
heimische Dörfle dachte, an die Schulen, die seine Jugend unter Klausur gehalten
hatten, an das Spiessernest am Neckar - so kam er sich vor wie ein Vogel, der aus
dem Käfig schlüpfen durfte und im Freien die Schwingen erstarken fühlt. Noch
mehr! In dieser Erweiterung seines sozialen Erlebens spürte er einen religiösen
Gehalt: Der Rheinstrom war ihm Sinnbild der Menschenseele, die aus ihres
Ursprungs Kleinlichkeiten sehnsüchtig drängt zum göttlichen Ozean: in der
Unendlichkeit aufzugehen.
    Solchem Fühlen gab sich Hainlin gern auf dem Balkon einer Schifferkneipe
hin, genannt »Zum Rheinkranen«. Einsam sass er da beim Weinschoppen - vor ihm,
unter ihm rauschend die grüne Flut. In den Atem des Wassers mischt sich
Teergeruch. Fernher dumpf eines Dampfers Ruf, das Gellen der Schiffsglocke.
Drüben vom Dörfchen Beul kommt die Fähre geschwommen. Stromaufwärts lila im
Abendschein das Siebengebirge, über Königswinter schroff der Drachenfels. Wie
Hainlin so träumte und auf die hineilenden, wirbelnden Wassermassen schaute, kam
es ihm vor, als bewege sich das Plätzchen, wo er sass - als sei es ein Kahn und
trage ihn einem geheimnisvoll grossen Ziel entgegen.
    »Antschuldijen Sie!« sagte jemand, und Hainlin fand sich wieder auf dem
Balkon der Schifferkneipe. Der ihn angeredet hatte, war ein blasser Jüngling mit
blondem Schnurrbärtchen, schäbig gekleidet. Hainlin erinnerte sich, ihn bereits
gesehen zu haben, am Schalter der Bibliotek - da hatte er ihm Bücher
ausgehändigt. »Herr Bibliotekar,« fuhr der junge Mann fort und verbeugte sich
linkisch - »antschuldijen Sie, dass ich Sie anspreche, ausserdienstlich in äiner
Biblioteksanjelejenhäit.«
    Ein armer Student aus Ostpreussen! dachte Hainlin und erhob sich höflich: »Ha
freili! Om waas handelt sich's?« - »Um ein Buch! Können Sie mir sagen, unter
walchem Titel die Jedichte von Angelus Silesius erschienen sind?« Hainlin konnte
Auskunft geben. Der junge Mann machte Notiz in sein Büchlein, verbeugte sich
dankend und nahm am Nachbartische Platz. Der Wirt brachte den üblichen
Porzellanschoppen, der Gast nippte und liess seinen Träumerblick über den
Rheinstrom gleiten.
    Nach längerem Schweigen nahm Hainlin das Gespräch wieder auf: »Darf ich
fragen? Sind Sie Teolog?« - Leichte Röte überflog des Jünglings Gesicht: »Ach
näin! Studant bin ich käiner - bloss Schusterjesalle.« Hainlin stutzte, wollte es
aber nicht merken lassen, und ermunterte lächelnd: »Ha no! Hans Sachs, der war
ein Schuhmacher und Poet dazu! Ein andrer Schuster, Jakob Böhme, e grosser
Philosoph.«
    Des jungen Mannes Augen leuchteten: »Es freut mich, dass Sie so vorurteilslos
sind! Darf ich mich vorstellen? Burdinski häiss ich. Herr Professor Knodt war so
jütich, mir Erlaubnis zu erwirken zur Benutzung der Bibliotek. Ich hab ihn
kennen jelernt, als er sich bei meinem Mäister Stiebel anmessen liess. Säitdem
darf ich zu ihm kommen, und er läiht mir wohl ein Buch. Aber ich möcht ihn doch
nicht viel behallijen. Un Sie, Herr Bibliotekar ...« - »Hainlin ist mein Name.«
- »Also, Herr Hainlin, auch Sie möcht ich nich wäiter ...« - »Aber gar net! Im
Gegeteil! Möchten S' noch ebbes plaudere, so tun S' an meim Tischle da Platz
nemme, gelt?« Das tat Burdinski gern, und Hainlin hatte Teilnahme für den
geistig strebsamen Schustergesellen.
    Burdinski war der Sohn einer armen Sachsengängerin. Sein Handwerk, das ihm
ein Zufall vermittelt hatte, galt als Notbehelf, solange sich kein besseres
Mittel zur Fristung des Lebens bot. Dass er mit seinem Wochenlohn - fünfzehn Mark
- auskam und sogar zuweilen ein Schöppchen Wein genehmigen durfte, war zwei
Umständen zuzuschreiben: Abgelegte Kleidung, die ihm passte, bekam er von
Professor Knodt, und als Vegetarier wusste er sich sehr billig zu nähren. Als er
einmal ohne Arbeit gewesen war, hatte er für sechs Mark, die er als letztes
besass, Bohnenkerne gekauft - davon kochte er täglich ein paar Hände voll und tat
die Bohnen in ein Linnensäckchen. Während er nun in Kölns Strassen Arbeit suchte,
ass er von Zeit zu Zeit Bohnen und - spürte dabei keine Erschöpfung. Nur eine
Kleinigkeit Obst und Brot hatte er sonst noch.
    Ersparnisse, die er seinem ärmlichen Einkommen noch abgewann, befähigten
ihn, zuweilen eine Rheinreise zu machen, auf Lastkähnen, die von Kettendampfern
geschleppt wurden. Dafür, dass er den Schiffern die Stiefel flickte oder durch
Belehrung gefällig war, durfte er an ihrer Mahlzeit teilnehmen. So war er
wiederholt von Bonn bis Bingen gefahren, einmal auf einem holländischen Dampfer
sogar bis Rotterdam. Burdinski war ein eremitischer Lebenskünstler, eine Art
Diogenes - nur dass er Freuden des Daseins nicht verschmähte, wo sie auf
unschuldige Weise zugänglich wurden.
    Hainlin, der bisher einsam gelebt hatte und schon deshalb Zurückhaltung üben
musste, weil ihm die Stelle als Bibliotekargehilfe nur fünfzig Mark monatlich
einbrachte, wozu Onkel Guhl allerdings noch zwanzig fügte, Hainlin wurde durch
Burdinski, mit dem er in Verkehr blieb, veranlasst, auch mal unternehmungsfroh in
die Aussenwelt zu tauchen. An manchem Abend plauderte er mit dem Schustergesellen
beim Kölschen Bier im »Bären«; und wenn der eine oder andere sein Geld für
ausreichend hielt, gingen die beiden zum »Rheinkranen«. Sogar dörfliche
Kirchweihfeste besuchten sie, und in Küdinghofen, Dollendorf, Godesberg wurde
mit Mädchen, die man im Tanzsaal vorfand, zu Klarinette und Hörn Rheinländer
gewalzt.
    Auf einer Kirmess lernte Hainlin den Vater seiner Tänzerin kennen, einen
Goldarbeiter namens Hannes, der gleich Burdinski zu den Autodidakten gehörte. Es
war ein graubärtiger, aus dunkeln Augen hohl blickender Mann, der patetische
Ausdrucksweise liebte. Ueber die französische Revolution verbreitete er sich mit
Sachkenntnis, hatte lebhaften Sinn für Arbeiterfragen und war ein glühender
Anhänger Lassalles. Durch ihn erhielt Hainlin die ersten Einblicke in den
Sozialismus. Was ihn daran fesselte, war nicht so sehr seine
volkswirtschaftliche Seite als die von ihm eröffnete Aussicht auf Veredelung des
Menschentums. »Mich erschüttert«, sprach Hainlin, »die Tatsache, dass die
besitzlose Masse neunzehn Zwanzigstel unseres Volkes ausmacht, dass also der
Hauptteil des Ackers für geistige Kultur brachliegen bleibt, und dass gute
Anlagen, mit denen die Natur den Proletar ausgestattet hat, massenhaft
verkümmern, während man doch folgern darf, Bebauung des ganzen Volksackers werde
die Leistungen in Wissenschaft, Technik, Kunst verzwanzigfachen. Eine
Zivilisation, zu deren Art solche Vergeudung von Werten gehört, hat eigentlich
keinen Ahnspruch auf den Ehrennamen Kultur.«
    
    »Stimmt!« erwiderte Burdinski, »es ist übertünchte Barbaräi - und alle
soziale Kulturpolitik soll man natürlich unterstützen. Die Frage is bloss, ob die
sozialistischen Häilrezepte radikal jenuch sind - ob sie die Wurzel des Uebels
besäitijen. Die Wurzel der Barbaräi is nämlich äinfach der Ejoismus. Zu eng im
Jemüte sind die Manschen, nehmen nich jenuch Antäil aneinander. Sollen sie
veredelt werden, so kann es bloss durch höhere Lebensanschauung jeschehn. Aber an
diesem Hauptziel schiessen fast alle Sozialen vorbäi - sie sind zu öisserlich. Vom
Wohlstand erwarten sie schon das Himmelräich auf Erden. Darüber denke ich
anders. Anjenommen, ich hätte hinfort dräitousend Mark Verdienst, - na? was
wär's denn nu? Kurz wäre mäin Jlück - die paar Jenüsse, die man mehr hätte, wäre
man eben rasch jewöhnt, na ja! un würde noch höher hinous wollen, müsste schon
fünftousend haben - un siehste, so is das soziale Emporkommen ne Schroube ohne
Ende - schäinbar schroubt man sich hoch, das Jlück wird aber dabäi nich jrösser -
das Jemüt sojar oft schlechter. Jald macht's Herz äijennützig - un durch Bildung
- was man so nennt, will sagen Kanntnisse, werden die Manschen jewöhnlich bloss
raffinierte Ejoisten, wo den Dümmern überflüjeln und ausböiten. Na, ja, was der
Hannes von Ausböitung sagt, stimmt nich janz. Nämlich die Sozialen halten den
Manschen für äin Produkt der Verhaltnisse - ich aber behoupte, aus'm Herzen
kommt des Menschen Jeschick, verstehste? Nich aus den Kanntnissen - vielmehr aus
säiner Jefühlswelt. Erkanne dich selbst! steht jeschrieben am Tempel der
Wäishäit. Findet man die Jottäit in sich, so erschliesst sich das wahre
Himmelräich - nich durch Lösung der sozialen Frage - sie erlöst uns nich in dem,
worauf es äijentlich ankommt.«
    In einer Mainacht war's, dass Burdinski so sprach; die beiden Freunde gingen
bei Mehlem dicht am Rhein, dessen Spiegel der Vollmond silbern überbrückte. Ins
leise Rauschen und Gurgeln der Wasser mischte sich fernes Flöten einer
Nachtigall. Lauschend blieb Burdinski stehen: »Drüben im Fliederbusch singt sie,
wie ihr ums Herz - un is selich, sich ihrem Liebchen mittäilen zu können.
Mansch! ich behoupte, jlücklich is jedes Jeschöpf, wenn's mit nem andern
verbunden is durch Mitjefühl un Verstandnis. Bedenke doch bloss, wie sich 'n
Hundeken fröit, wenn sein Herrchen zu ihm 'n jütiges Wort spricht oder es bloss
anlacht - wie's dann hüpfen tut un wedelt und jauchzt ... Ja, ja, lieber
Häinlin! Sich äins fühlen mit jetrennten Wesen, was man Liebe nennt, das ebent
... Un Mansch, ich behoupte, je jrossartiger de Jeschöpfe fortschräiten in
jejensäitiger Mittäilung, desto selijer werden se ... Da, da hast es!«
 
                                 Heilige Ferne
An ein Lied musste Hainlin denken, das sein Landsmann Hölderlin gesungen hat: Vom
Strom, den der Frühling weckt, so dass Winters Fessel, die Eiskruste, bricht -
der nun jauchzend seiner Bestimmung entgegenrollt, talab zum grenzenlosen Ozean.
Ein Bild der Menschenseele, die vom Glastelfinger Heimweh zum Ewigen gezogen
wird: »Der Frühling kommt, es dämmert das neue Grün. Er aber wandelt hin zu
Unsterblichen. Denn nimmer darf er weilen, als bis ihn in die Arme der Vater
aufnimmt.«
    Ja, nimmer darf er rasten, der Erdensohn, den Zeitlichkeit umfangen hält.
Werden und Vergehn reissen ihn vom Ruheplätzchen, das er liebgewonnen hat - und
nichts, woran sein Herz hängt, bleibt ihm eigen. Wieder einmal sollte Hainlin
das erfahren, im dritten und vierten Jahre seines Bonner Aufentaltes. Zunächst
verlor er seinen Freund Burdinski - und das kam so: Burdinski war Katolik, aber
durch seine religiöse Selbständigkeit dem Formeldienste der Kirche entfremdet.
Der Schuhmachermeister, bei dem er Arbeit hatte und neuerdings Schlafstelle, war
von seinem Beichtvater ausgehorcht worden über den Gesellen und hatte nicht
verhohlen, für Messe, Beichte, Kommunion sei dieser kuriose Kerl nicht zu haben.
Da hatte der Priester verlangt: wenn der Gesell verstockt bleibe, müsse er
entlassen werden; ein räudig Schaf könne ja die Herde anstecken. Bei den paar
Meistern, die sonst noch in Bonn Gesellen beschäftigten, fand Burdinski keine
Arbeit, - so entschloss er sich, auf Wanderschaft zu gehn.
    »So is das Leben!« meinte er wehmütig. »Alles fliesst! Un in demsalben Flusse
schwimmst du nie zum zwäitenmal. Liebe un Schau der Ewichkäit is der ruhige Pol
in der Erscheinungen Flucht - an den halten wir uns, lieber Häinlin! Auf alles
andere is käin Verlass.« Das war Burdinskis Vermächtnis - Hainlin nahm's in sein
Herz, und die Freunde trennten sich. Es gellte die Schiffsglocke, das
Holzbrücklein wurde an Bord gezogen, zu schaufeln begann der Dampfer. Während er
abfuhr und sich entfernte, winkte Burdinski mit himmelblauem Taschentuch.
Hainlin fühlte sein Gesicht zucken - wandte sich, und - nun fand er innerlich
den Verlorenen wieder, sah ihm ins gute Träumergesicht und hörte die singende
Stimme: »Liebe un Schau der Ewichkäit! Auf alles andere is käin Verlass!«
    »Gott« - wie Hainlin das Leben in Licht und Liebe nannte - Gott war jetzt
der einzige Freund, mit dem Hainlin Umgang hatte. In der Wissenschaft gab sich
ihm als Tiefstes »Gott« zu erleben. Indem Hainlin die Musik mit religiöser
Mystik verwob, wurde er ein Kunstphilosoph, dessen Aufsätze in grosse Blätter des
Rheinlandes gelangten und von denkenden Musikfreunden geschätzt wurden. Das
Einkommen des Verfassers besserte sich, er hatte mehr Behaglichkeit. Schon
knüpfte er an den Erfolg die Hoffnung, sich eine Existenz zu gründen, so dass
Rosel die Seine werden könne.
    Sehnsüchtiger Träumerei ergeben, hatte er einen Herzenserguss an Rosel unter
der Feder, als von ihr ein Brief anlangte, der ihn von seiner Höhe jämmerlich
abstürzen liess. »Als du von Tübingen gegangen bist, liebster Freund, hast du mir
gesagt, ich solle aufhören, mich als deine Braut zu betrachten. Du habest keine
Aussicht auf eine Lebensstellung, die dich befriedigen und zugleich zum
Eheschluss befähigen könne. Und wie ich vor einem Jahr meine Herzensnot nicht
länger hehlen gekonnt und dir geschrieben hab, Herr Bolkendorf wolle mich nimmer
entbehren, hast du geantwortet: wenn er mich heiraten möge, sei wohl nichts
andres einzuwenden, als dass er vermutlich ein Krüppel bleibe. Neuerdings aber,
seit ihn der neue Professor in Behandlung hat, geht's überraschend gut mit ihm.
Ohne Krücken, bloss mit dem Stock geht er zur Gartenlaube, hat sich vorgestern
übern Neckar setzen lassen und die ganze Platanenallee durchspaziert. Er war
selig, und bei der Erdbeerbowle, die zur Feier des Tages die Mutter auftischte,
hat er gesagt, jetzt solle sich's entscheiden, ob ich die Seine werde. Er wisse,
dass es jetzt aufwärts mit ihm gehe, und ich dürf es mit ihm wagen. Mir war's
Weinen net fern - doch um dem guten Mann die Freude net zu vergällen, hab ich
ein zuversichtlich Gesicht gemacht - und nichts weiter eingewandt, als dass ich
dich halt einmal befragen möcht in der Sach. Mei Mütterle macht geltend, in den
vier Jahren, die wir schon mit Bolkendorf hausen, seien wir so aneinander
gewöhnt, dass es nicht bloss für ihn hart sein würd, uns von ihm zu trennen. Net
grad drängen wolle sie mich, und wenn ich ihn net mög, könn unser Leben in Gotts
Namen so weiter gehn, es müsse net grad gheiratet sein. Aber weil's den
Bolkendorf doch arg freuen würd, und wegen meiner Versorgung - ich sei ja schon
Zweiunddreissig - auch wegen der Leut, die ein bös Maul hänt, sei's besser,
wenn's endlich zur Hochzeit käm. Und jetzt, mei Jergle, hilf mir aus dem Zweifel
und sag frei: was soll geschehn?«
    Das Herz tat Hainlin weh, als solle sein Liebstes zu Grabe getragen werden.
In langer Grübelei nahm er Abschied vom zärtlichsten Traume seiner Jugend - dann
schrieb er an Rosel:
    »Wenn dein Herz nichts gegen die Heirat hat, so brauchst du sie nicht zu
unterlassen.« Dies Wort entschied, und es dauerte nicht lange, so sandte Hainlin
einen Glückwunsch an »Frau Rosel Bolkendorf, geborene Funk«.
    Als wolle ihn das Geschick verhöhnen, erfuhr gerade um diese Zeit sein
Einkommen eine Besserung, die ihm erlaubt haben würde, Rosel zu heiraten. Ein
Verlagsbuchhändler trug ihm an, ein Werk über Musik herauszubringen, Hainlin
erwärmte sich für den Gegenstand, die viertausend Mark Honorar dünkten ihn ein
Vermögen, und er begann aufs neue von Gärtnerei zu träumen - die sollte ihn
trösten.
    Einstweilen versuchte er's noch einmal mit der Menschengärtnerei. Bonn hatte
nicht bloss eine Universität, auch viele Mädchenpensionate - und vom
Töchter-Institut Bouvier liess sich Hainlin als Lehrer für Literatur und
Kunstwissenschaft beschäftigen. Auch diese Stellung war gut bezahlt, und nichts
erschwerte den Unterricht. Die jungen Damen, Töchter rheinischer Kaufleute und
Fabrikanten - darunter ein paar Belgierinnen und Engländerinnen -, benahmen sich
gewählt und zeigten Interesse für die Vorträge. Allmählich zwar entdeckte
Hainlin an mancher Schülerin Stumpfsinn, und die Sache wurde ihm nun etwas
langweilig. Es verdross ihn, dass Fräulein Bouvier auf oberflächlichen Drill
ausging, auf eine Scheinbildung, die im Salon funkeln soll. »Pfui, nein! Das
darf man nicht merken lassen!« »So was sagt man nicht in Herrengesellschaft!«
»Mit der Frisur werden Sie keinen Staat machen!« »Zum Teebereiten legt man
Tändelschürzen an, das sieht hausmütterlich aus.« Mit solchen Ermahnungen putzte
Fräulein Bouvier am Gefieder ihrer Gänse herum. Besonders streng ging es her,
wenn sie die Herde spazieren führte durch die Poppelsdorfer Allee. Die Damen
gingen zwei und zwei hintereinander und mussten sittig tun - Geschwätz,
Gelächter, Kokettieren mit Studenten war streng verboten.
    Persönliches Interesse an seinen Schülerinnen konnte Hainlin nicht nehmen,
da sie vor lauter Getue nicht zur Aufrichtigkeit kamen. Aber ein Mädchen
fesselte ihn, die zwanzigjährige Marga Deutges, eine zarte Blondine vom
Niederrhein. Wenn er unterrichtete, ruhte ihr Blauauge auf ihm mit kindlicher
Gläubigkeit. Wurde sie gefragt, so errötete sie freudig, hatte ein wehmütiges
Lächeln, ihre Antwort war schüchtern, doch naturfrisch.
    Eines Nachmittags im Januar, als Hainlin ein Buch aus dem Töchter-Institut
holen wollte, fand er im Salon Fräulein Deutges. »Fräulein Marga? So ganz
allein?« Am Fenster sass sie, bei einer bunten Stickerei und erhob sich grüssend:
»Ach ja! Vom Spaziergang hab ich mich gedrückt. Ich mag den Gänsemarsch nicht,
die schreckliche Ehrpusseligkeit.« - »Und da ziehn Sie vor, sich hier die Augen
zu verderben? Es ist ja fast dunkel! Ihre Stickerei ist wohl für den Karneval,
gelt?« - »Ach nein, Herr Kandidat! Ich wollte, Sie hätten recht! Oh, ein Kostüm
für den Karneval! Aber hier lässt man keine Allotria gelten, hier versauert man
vor Langerweile, uff!« - »Sie sind unverblümt, Fräulein Marga!« - »Bloss Ihnen
gegenüber wag ich das. Darf ich nicht? Uebrigens war's ungeschickt von mir, über
Langeweile gerade dem zu klagen, der hier meine Oase in der Wüste ist.«
    Ihre zarte Hand, die sie in überströmender Herzlichkeit bot, hielt er in der
seinen, erfreut über ihre Zutraulichkeit. »Also am Karneval möchten Sie
teilnehmen? In den Jahren, die ich hier bin, hab ich vom Karneval grad nicks
Erbaulichs gspürt.« - »Aber der Kölner Karneval soll grossartig sein. Den Zug
durch die Stadt möcht' ich sehn.« - »Daran könnt ebbes sein! Die bunten witzigen
Bilder interessieren auch mich - und vielleicht mach ich diesmal nen Abstecher
nach Köln.« - »Ach, tun Sie das, Herr Hainlin! Und, wenn ich bitten dürfte -
nehmen Sie mich mit!« - »Ha, Fräulein Marga, wo denken S hihn? Wie wär denn dees
stattaft?« - »Stattaft? Fräulein Bouvier braucht davon nichts zu wissen! Ich
nehme einfach Urlaub zum Geburtstag meiner Düsseldorfer Tante, und in Köln auf
dem Bahnhof treffen wir uns; übrigens kann ich ja 'ne Maske vors Gesicht tun.
Den Festzug erwarten wir in einer Strasse, und wenn Sie mich dann los sein
wollen, fahr' ich eben wirklich zu meiner Tante.«
    Lächelnd blickte Hainlin auf die kleine Versucherin, und da er nicht rundweg
ablehnte, verstärkte sie ihr Bitten durch stürmischen Frohsinn. »Sie werden
schliesslich enttäuscht sein, Fräulein Marga!« mahnte er. »Erstens passt meine
Schwärblütikkeit net in die Ausgelassenheit.« - »Aber Sie sind doch Künstler!
Dichter!« warf sie ein - »streiten Sie nicht. Aber weiter! Zweitens? he?
Schiessen Sie los!« - »Zweitens werden Sie enttäuscht sein, weil manche Sach
ihren Reiz bloss so lang hat, als sie fern ist! Kommen wir zu nah, treten wir aus
der reinen Beschaulichkeit heraus, so - verwandelt sich die holde Ferne in -
etwas Gewöhnliches.« Sie war ernst geworden und schwieg - dann blickte sie ihm
ins Gesicht: »Was Sie da sagen, ist Wahrheit - bloss dass ich erwidern kann: Wenn
uns der Kölner Karneval enttäuscht, so schadet das nichts weiter, die Sache ist
geringfügig. Uebrigens bin ich nun mal so, dass ich einer Sehnsucht nachlaufe -
auf die Gefahr hin, enttäuscht zu werden. Lieber sich mal die Finger verbrennen,
als unerfahren bleiben und - in der Enge versauern!« - »So hat die Eva auch
gedacht!« scherzte er; und sie erwiderte: »Ach was! Ein Paradies steht nicht
gleich auf dem Spiel! Fräulein Bouvier schasst mich nicht sofort - und wenn
selbst mein Verlobter was davon erführe, mag er mich doch ausschelten!« - »Sie
sind verlobt?« - »Wussten Sie das nicht? Haben Sie noch nie den Ring an meinem
Finger bemerkt? Uebrigens war mein Verlobter neulich hier.« - »Ach, der -
korpulente Herr? Entschuldigen Sie - ich hielt ihn für Ihren Onkel.« - »Das
könnt er auch sein - ist schon Fünfundvierzig. Aber gut ist er zu mir - hat mich
armes Ding ... Fabrikmädel hätt' ich werden müssen, wenn er nicht ... der also
will mich heiraten. Ich soll erst noch etwas Bildung lernen. Hermann hat nämlich
eine grosse Fabrik und verlangt von mir mal 'ne vornehme Häuslichkeit ... Und
sehn Sie, drum soll ich feine Benehmigung lernen, und so braucht er natürlich
nicht zu wissen ... Was aber die holde Ferne betrifft, die man nach Ihrer
Ansicht respektieren soll, so macht mir diese Frage nichts zu schaffen. Denn die
Fernen, die mir aufdämmern, bleiben ohnehin fern, ich gerate nicht mal in
Versuchung, zuzugreifen. Und wenn ich's täte, will ich - lieber enttäuscht sein,
als ein Schaf bleiben.«
    Also gut, der Plan wurde ausgeführt, Hainlin und Marga trafen sich in Köln,
kostümierten sich in einem kleinen Gastof - sie als Zigeunerin mit
schwarzseidener Halbmaske, er als rotbemützter Jakobiner. Arm in Arm ging's
durch die närrische Stadt, erst durch volkstümliche Lokale, wo ein paar bunte
Szenen erlebt wurden, dann in eine Gasse, durch die der Karnevalszug kommen
sollte. Der Ort schien insofern gut gewählt, als es da nicht viel Zuschauer gab.
Unser Paar stand auf der Steinschwelle einer Haustür, so dass Marga gut sehen
konnte. War auch das Warten langwierig, so hatte Marga doch Spass an den
Witzeleien, die rings laut wurden. Als Kind vom Niederrhein verstand sie das
Köllsche Platt.
    Nun ging eine Bewegung durch die Menge, an den offenen Fenstern erschienen
Neugierige. Die Haustür, an die sich Hainlin und Marga lehnten, wurde
zweiflügelig geöffnet, und Hausbewohner drängten hervor, so dass Marga ihren
erhöhten Posten nicht behaupten konnte. Klein, wie sie war, hatte sie hinter der
Menschenmauer, die den Bürgersteig einnahm, einen ungünstigen Stand. Während
unter frohem Gejohl der Menge die Vorreiter und ersten Wagen des Zuges
erschienen, nahm Hainlin das Mädchen bei der Hand und hastete in die vorderste
Zuschauerreihe. Aber da liefen sie Gefahr, von den Wagen erfasst zu werden. Sie
drängten rückwärts, unter Geschrei erfolgte Gegendrängen, und plötzlich sah
Hainlin, dass sein Kopf vom weit ausladenden Borde eines Fuhrwerks bedroht war.
    Hainlin hatte die Geistesgegenwart, sich rasch zu ducken - so verhütete er
das Unglück, bloss dass er einen Stoss an den Backenknochen bekam. Da der nächste
Wagen mit Abstand folgte, hatte er noch Zeit, die Jakobinermütze, die ihm
abgerissen war, aufzuraffen und Marga fortzureissen, bis ein erträglicher
Standpunkt gefunden war.
    »Sie bluten ja!« raunte das Mädchen erschreckt, »wir wollen fort!« - »Es ist
nichts!« behauptete er, obwohl ihm der Kopf dröhnte. Er wollte Marga nicht um
das Vergnügen bringen, auf das sie sich gefreut hatte.
    Was sie zu sehen bekamen, war allerdings unbedeutend - oder kam ihnen
deshalb so vor, weil die Stimmung einmal verdorben war. Die Gruppen der
altkölnischen Stadtsoldaten, der sogenannten Funken, der Winzer, Brauer,
Schiffer, der Wagen des Prinzen Karneval, all diese bunten Bilder, die witzig
und gar künstlerisch sein sollten, waren grell und roh, albern, zumal die
Darsteller kein Feuer mehr hatten und hinter Fratzen ihre Müdigkeit versteckten.
    In einer Konditorei erholte sich das Paar. Hainlin kühlte die Backe mit
Wasser, Marga bemutterte ihn, fütterte ihn mit süssem Eis. Das war der Glanzpunkt
des Tages, zumal ihre blauen Augen rührend blickten und im Geplauder ihr Herz
sich auftat, als wär's ein Pförtlein zum Paradiese. Nachdem sie in einer stillen
Weinstube gespeist hatten, begaben sie sich auf den Maskenball. In Dunst und
Tabaksqualm raste der Tanz, gepeitscht von der stampfenden Musik. Ein Strudel
war's, Rausch, Taumel der Sinnlichkeit, stumpfe Hingabe an die Bewegung des
Menschenknäuels. Doch dass Hainlin die zierliche Gestalt in seinen Armen halten
durfte, war ihm Wonne - die Menschen störten ihn. Plötzlich wurde Marga
weggerissen von einem Pulcinell in kreidiger Larve, verschwunden war sie. Er
musste suchen. Aber da hing sie wieder an seinem Arm. Und raunte: »Du hattest
recht! So was lässt man in Distanz! Der Kerl war widerwärtig. Wenn du willst,
gehen wir!« Es war auch Zeit, sonst hätten sie den Abendzug verpasst. Sie hatten
solche Eile, dass sie sich nicht einmal umkleiden konnten im Gastof, wo sie
einen Teil ihrer Garderobe gelassen hatten. Im Karnevalkostüm mussten sie reisen.
    In Bonn angelangt, verstand es Marga, in der Garderobe eines Lokals, wo
getanzt wurde, sich umzukleiden, um wieder als braves Pensionsfräulein zu
erscheinen. Hainlin behielt seine Halblarve mit der langen Nase auf, weil er
Marga in die Gegend des Instituts begleiten wollte. Er führte die Verhüllte
durch eine einsame Gasse, wo der Mond schien. Hier ging er langsam, blieb stehen
und sagte weich: »Marga! Das Narrenfest hatte uns angesteckt. Was wir da fanden,
war Stumpfsinn! Meinst du nicht auch?« - »Ja,« raunte sie, »aber bitte, nimm die
Nase ab!« Er warf die Larve fort, fasste ihre Hände und sah in die feucht
schimmernden Augen: »Marga! Alles sonst war nichts! Aber als du mich füttertest
und mir dein Herz auftatest, und als ich dich beim Tanz in den Armen hielt, da -
war ich sälik.« - Ihr Busen hob sich, sie seufzte: »Ich auch!« - »Marga! Und
weshalb hänt mr net lieber das Glück im stillen genossen - ohne störendes
Beiwerk?« - »Gescheiter wär's gewesen,« hauchte sie. - »Und jetzt, da wir
scheiden müssen - du willst ja Ostern heiraten - hier, wo's grad keinen Störer
hat, gelt? Marga! Willst mir e Bussel geben?« Da hing sie an seinem Halse, sanft
drückten auf seinen Mund die lieblichen Kinderlippen. Doch wie ein Traum war
dies Glück verflattert. Nur dass ein heimlicher Schatz blieb, als sei auf eine
Perlenschnur eine neue Perle gereiht, schön wie eine Wonneträne.
    Dem Seelenrausch folgte ein garstiges Nachspiel. Das Paar war erkannt, war
beobachtet worden. Hainlin erhielt von Fräulein Bouvier einen bissigen Brief,
der ihm die Stellung kündigte. Gleichzeitig schrieb Marga, ihr Bräutigam komme,
sie zu holen: »Aber unser Karneval ist doch keine Enttäuschung. Das Beste - wie
treffend hast Du das gesagt - hat seinen Reiz eigentlich nur, solang es fern
ist. Du sollst mir fortan fern sein, das Schicksal will es so. Nun wohl, so
bleib' mir im Herzen, meine nie verblühende Seligkeit!«
    Hainlin beschloss, nach Berlin zu übersiedeln - was übrigens seinem Werk über
Musik und weiteren Unternehmungen zustatten kommen konnte. Durch eine Rheinfahrt
wollte er Abschied nehmen vom grünen Strome. Der Wirt zum »Rheinkranen«
vermittelte ihm die Fahrt auf einem Schleppdampfer - ungestört konnte er da
träumen. Die Sonne ersten Frühlings lächelte, das Ufer mit den Rebenterrassen
war ein lila Duft, wie Veilchen die schimmernde Ferne. Am Bugspriet sass Hainlin
- so sah er fast nichts vom Schiffe, nur grüne Wasserfläche und die Ufer, die
sich wie Teiches-Gestade ausnahmen. Das machten die Windungen des Stroms. Da sie
das Uferbild fortwährend verschoben, sah es aus, als ob vor dem nahenden
Schiffer das Ufer zurückweiche.
    »Ihr habt recht!« lächelte er wehmütig - »meinem Glastelfingen darf ich
nicht nahe kommen - nur schauen will ich, nicht begehren! Klarer Spiegel sein,
geistig lieben! Das allein heisst teilhaben am Ewigen ...«
Mein Auge träumt. Auf glattem Teiche gleitet
Mein Segelkahn,
Dem Abendhauch die Schwinge hingebreitet,
Als wär's ein Schwan.
Die Ufer grün und blumig - Hügel blauen -
Rings Duft und Glanz,
Als wöbe bunt ein Volk von Elfenfrauen
Den Schleiertanz.
In Staffeln klimmt die Rebe - Schattenlauben
Bergan geschmiegt.
Um Dorf und Turm ein Silberblitz von Tauben,
Im Kreis gewiegt.
Zur Hürde ziehn die Herden von der Halde -
Purpuren blinkt
Ein Fensterlein: mein Märchenschloss am Walde
Es winkt mir, winkt.
Ich komme! Schwill nun, Segel! Sei mir Flügel!
Es gilt mein Glück!
Schon naht der Kahn - da ziehn die Uferhügel
Sich scheu zurück.
Und will mein Arm erhaschen, sie entgleiten
Wie Traumgebild -
Und ach, mein Heimweh nach den Wunderweiten
Bleibt ungestillt!
»Du stillst es, wenn du still bist!« lächeln milde
Die Uferhöhn -
»Daheim in deiner Tiefe blühn Gefilde
Wie Eden schön.
Sei du ein Teich! Die Unrast all versunken
In kühler Flut!
O selig, wer von heilger Ferne trunken
Im Schauen ruht!«
 
                                Volksversammlung
Aus den beiden ersten Jahren, die Hainlin in Berlin zubrachte, verlautet in
seinen Papieren, dass er an seinem Werk über Musik arbeitete, insbesondere über
Zusammenhänge zwischen Kunst und Etik spekulierte. Auch werden Eindrücke
geschildert, die der Spaziergänger von Strassenbildern erhielt und Typen des
Volkslebens: märkische Landschaft, brausende Kieferforste, Sandhügel, grosse
Seen.
    Dann taucht Burdinski wieder auf. In Zürich ist er gewesen, in Wien, Prag.
Arbeitet nun in einem Schusterkeller der Schönhauser Allee, ist Mitglied des
Fachvereins für Schuhmacher, interessiert sich für Arbeiterfragen und besucht
volkstümliche Wissenschaftskurse des Handwerker-Vereins. Zu einem Einzelvortrag,
den hier ein Oberlehrer hielt, war Hainlin mitgegangen, und dieser rednerische
Versuch über den kulturellen Beruf des Mittelstandes war eben erledigt. Mit
geschwungener Glocke eröffnete der Vereinsvorsitzende die »freie Aussprache«,
wie er's nannte. »Ich bitte ums Wort,« rief ein hohlwangiger Mann. »Name, Stand,
Wohnung!« forderte der Polizeileutnant, der mit einem Schutzmann beim
Vorstandstisch sass, die Versammlung zu überwachen.
    Ein Tischlermeister war der Mann, abgespannt und sorgenvoll, wie einer, der
hart zu ringen hat. Er sprach wie ein gebildeter Mensch: »Der Mittelstand ist
ein ins Meer vorspringender Felsen, den die Brandung von zwei Seiten zermürbt.
Rechts ist es das Grosskapital, das uns Handwerksmeistern zusetzt - mit dem
können wir auf die Dauer nicht konkurrieren - unsere Produkte fabriziert es zu
billig, im Grossbetrieb. Von links aber drangsalieren uns die Lohnarbeiter mit
ihren Forderungen. So ist unsere Lage - begeistern kann sich unsereins nicht
dafür. Sie ist ein Verhängnis, und das geht weiter. Bald kommen bloss noch zwei
Wirtschaftsparteien in Betracht: Kapital und Arbeit. Die kämpfen den
Entscheidungskampf, und wir Handwerksmeister sind die Opfer - so oder so. Wir
sind eine Armee, die umgangen wird, zweiseitig, von einer Zange gefasst - wie die
Franzosen bei Sedan - wir werden dezimiert, wir müssen kapitulieren - und das
ist der sogenannte Kulturberuf des Mittelstandes.« - Dies Schicksalsbild
verfehlte nicht seinen Eindruck auf die Hörer - gepackt schwiegen sie, dann
brach Beifall los.
    Ein neuer Redner trat auf den Plan, ein hagerer Mann mit Künstlerhaar, das
rasierte Gesicht faltig, eine rote Nelke im Knopfloch. Obwohl er Kneifer trug,
brachte er das Papier, nach dessen Notizen er seinen Vortrag einrichtete,
zuweilen dicht an die Augen. »Redakteur Teichmann,« nannte ihn der Vorsitzende.
Der Polizeileutnant schien ihn zu kennen, er fragte nicht nach seiner Wohnung.
»Was wir soeben gehört haben,« sagte Teichmann träumerisch, »ist der
Schwanengesang des bürgerlichen Handwerks. Richtig erkannt sind die beiden
Sozialmächte, zwischen denen es zermürbt wird: der Kapitalismus und die
Proletarisierung. Bloss dass der Vorredner nicht sieht, auf welche Weise sich der
Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit lösen liesse.« Teichmann skizzierte nun in
marxistischem Sinne die Wirtschaftsordnung des Kapitalismus und schloss: »Der
soziale Missstand, den ich hier in knappem Umriss zeige, lässt sich radikal nur
dadurch beseitigen, dass das Kapital aufhört, wenigen zu gehören, dass es in
Gemeinbesitz übergeht. Dann erhält der Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit,
nicht bloss einen Hungerlohn.« Teichmann hatte tastend gesprochen. Offenbar aus
Rücksicht auf den überwachenden Beamten. Dieser hatte eifrig Notizen gemacht und
an einer Stelle gestutzt, als glaube er, den Redner unterbrechen zu sollen. Aber
dieser war zu vorsichtig, um sich eine Blösse zu geben, und im rechten Moment,
nachdem er seine Hauptsache gesagt hatte, hörte er auf. Mit Spannung war die
Versammlung ihm gefolgt, und er hatte die Hochachtung selbst solcher, die nicht
sozialistisch dachten.
    »Das Wort hat Herr - Edgar Neumann, Studiosus der Chemie.« Den Namen las der
Vorsitzende von einer Visitenkarte. Ein hochgewachsener junger Mann, stahläugig,
mit dunklem Kraushaar und Bärtchen auf der Oberlippe. Die Stimme frisch und
keck: »Der vorletzte Redner - ich meine den Herrn Tischlermeister - hat den
Mittelstand bloss von zwei Seiten betrachtet. Jedenfalls aber hat der Felsen, der
ins Meer ragt, nicht bloss zwei Flanken, sondern noch eine Vorderseite und, was
wichtig, eine vierte Seite: den Zusammenhang mit dem Festlande. Die Front muss
jedenfalls bedacht werden: die Brust des Felsens, gegen die das Meer anstürmt.
Diese Front richtet sich gegen den äusseren Feind; der Franzmann zum Beispiel
bleibt unser Erbfeind, weil er Rache schnaubt. Er kann mal durch Bündnis mit
anderen Feinden unseres Vaterlandes gefährlich werden. Schon deswegen müssen wir
einig bleiben und stark. Sollte aber, im Zusammenwirken mit dem Erbübel
Deutschlands, seiner Uneinigkeit, der äussere Feind dereinst Gewalt über Germania
erringen, dann gnade Gott sowohl dem Mittelstand als auch dem Proletariat!
Alsdann würde unser Volk in all seinen Schichten Sklave des Besiegers ...« Der
Redner, der mit Leidenschaft sprach, wurde unterbrochen, weil etliche »Oho!«
riefen. Schlagfertig war seine Erwiderung: »Wer 's nicht glaubt, kennt einfach
die Lehren der Geschichte nicht, die ja allentalben zeigt, dass ein Sieger, der
nichts mehr zu fürchten hat, seinen Sieg rücksichtslos ausbeutet ...« ...«
Hierauf rief jemand: »Fünf Milliarden!« Diesen Stich wusste der Student zu
parieren: »Die fünf Milliarden, die Frankreich zahlte, sind eine bescheidene
Kriegsentschädigung - schon hat sich Frankreich erholt von diesem Aderlass.« Die
Versammlung murmelte zwar, schien aber dem Redner nicht unrecht zu geben. Und
der sprach weiter: »Nachdem ich Ihr Aufmerken auf den äusseren Feind gerichtet
habe, auf die Vorderseite des Felsens, der ins Meer ragt, komme ich auf die
vierte Seite zu sprechen: auf seinen Zusammenhang mit dem Festlande. Wenn dieser
gelockert wird, bricht der Fels ab und stürzt in die Brandung. Darum sollen wir,
und nicht zum mindesten Sie, ehrenwerte Handwerksmeister und Gesellen, treu
darauf bedacht sein, dass der Halt, den unser Volk noch hat, nicht untergraben
werde. Dies Bollwerk in den Stürmen von vorn, von rechts, von links ist unser
Staat, ist das einige Deutschland: unsere kaiserlich gekrönte Germania mit
Schild und Schwert.«
    Obwohl das Händeklatschen, das hier einsetzte, den Erfolg des Redners
vollenden wollte, liess er sich noch zu Worten hinreissen, die einen Umschlag der
Stimmung herbeiführten: »Die Rücksicht auf Deutschlands Halt ist die leitende
Idee des Mannes, den die Weltgeschichte zum Hüter unseres Vaterlandes bestellt
hat - ich meine den Eisernen Kanzler. Seine Politik ist zu verstehen, wenn man
seine Grundidee erfasst. Daran freilich lassen es Bismarcks Feinde fehlen - die
Parteien der Linken, die Fortschrittler und Sozialisten - verblendet von den
Träumereien internationaler Demokraten und roter Utopisten.« Murrend widersprach
ein Teil der Versammlung. » Doch, meine Herren, so ist es! Unsere Linkser - von
Eugen Richter bis zu Johann Most - versündigen sich an Germania, insofern sie
ausländischen Fahnen nachlaufen ...« Einer rief »Oho!«, ein anderer schlug mit
der Faust auf den Tisch: »Beweise!« Die Glocke des Vorsitzenden mahnte zur
Mässigung. »Sie wollen Beweise? Als ob die Ideale der Linken nicht undeutsch
wären! Jüdisch sind sie!« - »Hört, hört!« - »Und aus Frankreich, England,
Amerika stammen sie! Meinen unsere Liberalen denn nicht die Handels- und
Ausbeuterfreiheit von Manchester? Die Gleichmacherei mit der Jakobinermütze?
Jawohl! In die Schlagworte und bunten Lappen der französischen Revolution ist
der blonde Michel vernarrt - darum hat Bismarck recht, wenn er mal die Rute
nimmt und dem unartigen Michel eins drauf gibt ...« Hier erscholl der höhnische
Zwischenruf: »Ausnahmegesetz!« Und der Student griff ihn auf: »Ja natürlich,
Ausnahmegesetz! Wenn Michel in Gefahr ist, sich zur Meuterei verführen zu
lassen, dann hat er sich das Ausnahmegesetz selber zuzuschreiben - verdient
nichts anderes als die Karbatsche ...« - »Pfui!« schrien etliche, von ihren
Sitzen aufspringend - die Versammlung war ein Brausen und Zischen - und schon
hatte der Polizeileutnant drohend seinen Helm aufgesetzt, als es dem
Vorsitzenden gelang, die Ruhe wiederherzustellen. Nicht durch das Gellen der
Glocke, sondern indem er durch Zureden den heissspornigen Studenten zum Abtreten
veranlasste.
    Burdinski war zur Tribüne gelaufen, und jetzt erklärte der Vorsitzende: »Ich
muss die Anwesenden, Redner und Zuhörer, dringend ersuchen, hier nicht masslos
aufzutreten. Gereizteiten sollen unbedingt vermieden werden - im übrigen hat
hier jeder Standpunkt das Recht, sich frei auszusprechen ... Gemeldet hat sich
der Schuhmacher Burdinski, Schönhauser Allee.«
    »Mäine Herren! Eine unselije Wendung hat die Diskussion jenommen - indem der
Herr Student, der sonst läidlich jesprochen hat, schliesslich aufs Ilattäis des
wildesten Partäizwistes jeraten is. Das Ausnahmegesetz hat er beschönicht - un
dabei is er - wie's jar nich anders kommen konnte - ausjerutscht un
hinjeschlagen. Quittung darüber hat ihm die Versammlung ertäilt mit ihrem
Zischen. Aber ouch was der Vorsitzende eben jesagt hat, is ne Abfertijung
unseres Bismarck-Schwärmers, obwohl vielläicht ne unwillkürliche. Hier hat jeder
Standpunkt das Recht, sich fräi auszusprechen - hat er jesacht. Ja, das
Manschenrecht hat er, aber nich hat er das Recht als Staatsbürjer! Das is ja
ebent der Jäist des Ausnahmegesetzes - vielmehr die jäistlose Brutalität ...«
Nervös läutete der Vorsitzende: »Ich muss den Redner ermahnen, nicht so
leidenschaftlich ...«
    »Die Läidenschaft« - fuhr Burdinski ruhig fort - »is nich auf mäiner Säite,
sondern bei jenen, die nich an den häilijen Jäist jlauben, der uns in alle
Wahrhäit läiten soll, sondern an die rohe Faust! Bismarck, der wie sein Käiser
für den christlichen Staat schwärmt, sollte doch den Rat beherzijen, den
Jamaliel im Konzil der Schriftjelehrten zu Jerusalem jab, als man die Lehre des
Varchpredijers mit dem damaligen Ausnahmejesetz niedermachen wollte. Wenn diese
Bewejung - erwiderte Jamaliel - bloss ne Mache irrender Manschen is, wird sie von
salber unterjehn, ohne dass wir nötich haben, Jewaltmittel anzuwenden. Sollte sie
aber - was doch der Fall säin könnte - aus Jott stammen, so werden eure Scherjen
un Schranken dajejen nichts ousrichten. Un so wende ich jetzt Jamaliels Rat auf
unsere Zäit an: Lasst doch dem Jäist sein Recht! Fortschräiten kann er bloss auf
die Jefahr hin, ouch mal irrezujehn. Mit brutaler Jewalt lässt er sich nich
jängeln. Denn die Jedanken zerbrechen die Schranken der Tyrannäi - die Jedanken
sind fräi!«
    Lautlos gefesselt war die Versammlung, leuchtende Augen hingen am Redner,
und jetzt entlud sich die Spannung in einem tosenden Beifall, der aus dem Herzen
kam. Burdinski war aber noch nicht zu Ende. »Mit säiner Polletik, die unter dem
Schutz der in Waffen starrenden Jermania Millionäre züchtet, hat Bismarck
vielläicht Erfolch - schäitern aber muss, was den Idealismus verjewalticht. Un
wenn die Polletik mit Blut un Eisen den döitschen Michel schliesslich zu nem
Blut- un Eisensklaven macht ...«
    Da sprang der behelmte Polizeileutnant entrüstet auf und donnerte im
Kasernenton: »Laut Paragraph Neun des Gesetzes vom Oktober 1878 erkläre ich die
Versammlung für aufgelöst!« Einen verächtlichen Blick warf Burdinski der Polizei
zu und ging an seinen Tisch, zu Hainlin, der aufgesprungen war. »Pfui!« schrien
viele - »Nieder mit der Blut- und Eisensklaverei!« - »Alles hat den Saal zu
verlassen!« kommandierte der Polizeileutnant und gab dem Schutzmann eine
Weisung, worauf dieser von der Tribüne hinunter in den Saal ging und barsch auf
die Menge einredete. Um den Redakteur mit der roten Nelke drängten sich grimme
Männer mit Schlapphüten und stimmten die Arbeiter-Marseillaise an: »Wohlauf, wer
Recht und Freiheit achtet - zu unsrer Fahne steht zu Hauf - ob auch die Lüge uns
umnachtet - bald steigt der Morgen hell herauf. Marsch marsch - marsch marsch!«
Ein junger Heisssporn, bleich, mit rotem Schlips, stand auf dem Tisch und krähte:
»Hoch die rote Republik!« War aber kaum heruntergesprungen, als ihn der
Schutzmann in den Klauen hatte. Ein Knäuel von Männern umschlang die Gruppe, man
protestierte wild und suchte durch Drängelei den Verhafteten von seinem Häscher
zu trennen. Doch der stämmige Schutzmann, der sein Opfer mit beiden Fäusten am
Bruststück des Rockes gepackt hielt, liess nicht los, obwohl er von der Menge
seitwärts in die Saalecke gedrängt wurde. Es sah aus, als ob nach einem
Schiffbruch die Brandung ein Brett, an das sich ein Mensch verzweifelt klammert,
mit hochgebäumter Woge in eine Nische der Küstenklippe schleudert, von dort
etwas rückwärts flutet, um aufs neue das Brett mit dem Angeklammerten an die
Klippe prallen zu lassen. Der arme Schutzmann, dem die Rippen krachten, hatte
den Verhafteten nicht festalten können - diesem öffnete die Menge sofort eine
Gasse, durch die er entsprang. Der Polizeileutnant auf der Tribüne war bleich -
tat, als sähe er die Szene nicht - kam dann heruntergelaufen, doch nur, um die
Leute, die am Ausgang des Saales zögerten, zu flotterem Gehen zu ermahnen.
    Was aus der Sache noch wurde, warteten Burdinski und Hainlin nicht ab.
Draussen, in der Sophienstrasse, staute sich die Menge - ihre Aufregung wurde neu
angeregt durch Schutzleute, die im Laufschritt nahten. »Da sehn Sie, was die von
Ihnen jepriesene Polletik anrichtet!« sagte Burdinski zum Studenten Neumann, der
zufällig vor ihm stand. Stutzig schaute der drein und erwiderte aufgeregt: »Herr
Burdinski, ich stehe Ihnen als Zeuge zur Verfügung - Sie haben nichts gesagt,
was eine Auflösung rechtfertigen könnte - ein Missverständnis des
Polizeileutnants liegt vor - Sie haben bloss gesagt: Wenn die Politik mit Blut
und Eisen den deutschen Michel schliesslich zu einem Blut- und Eisensklaven
macht. Das ist keine Kanzlerbeleidigung, ist auch kein Verstoss gegen das
Ausnahmegesetz. Ich habe Ihre Worte stenographiert - hier ist meine
Visitenkarte.« Da Neumann diese Erklärung mit lauter Stimme gab, und da
Burdinski ohnehin Aufsehen machte, so hatten sich Leute angesammelt. Aber
Hainlin bat sie, auseinanderzugehen, und raunte Neumann zu: »Auf dr Gass da kann
mr net dischkutiere. Wenn die Herre noch mitnander zu rede hänt, na ganget mr in
e stilles Lokal!«
 
                              Zum fidelen Bierhuhn
Neumann, eine germanische Gestalt mit keckem Gesicht, das durch einen Schmiss
gezeichnet war, übernahm die Führung in eine Weissbierkneipe, »Zum fidelen
Bierhuhn« benannt. Vollgequalmt war sie und hauptsächlich von Studenten besucht.
Flotte Kellnerinnen bedienten, trällerten oder plauderten mit den Gästen. Auf
unpolierten, gescheuerten Tischen standen Glashumpen mit dem goldigen Weissbier..
Für gewöhnlich tranken ein paar Tischgenossen aus dem gleichen Kübel. Mancher,
dem das Gebräu zu sauer oder zu dünn war, nippte dazu ein Gläschen Pfefferminz-
oder Kümmelschnaps. Es gab auch Lichtenhainer; Hainlin kannte bereits dies
harmlose Gesöff, das nach seiner Meinung wie geräucherte Buttermilch schmeckt;
man trinkt es aus hölzernen Deckelkannen.
    Neumann, von den Kellnerinnen wie ein Stammgast begrüsst, steuerte auf einen
Tisch los, der soeben frei wurde, lud Hainlin und Burdinski ein, Platz zu
nehmen, und setzte sich nebst seinem Leibfuchs, wie er den jungen Studenten
nannte, der ihn begleitet hatte. Die beiden bestellten Lichtenhainer nebst
Kümmelschnaps, Hainlin und Burdinski je ein Glas Lagerbier. Und dann sahen sie
sich um. Vom Qualm, den die Studenten aus Zigarren und langen Pfeifen pafften,
war das ganze Bild umnebelt. Fast jeder Tisch besetzt von Karten- und
Würfelspielern, die sich aufgeregt gebärdeten und Kraftausdrücke liebten. Aus
Lederbechern wurde geknobelt, es rasselten und klapperten die Würfel, Skatkarten
wurden knallend auf den Tisch gehauen, als wäre hier eine Reiterschlacht.
    »Michel, mein he - herrlicher Held!« krächzte eine kurzatmige, greisenhafte
Stimme, ein Buckliger kam auf Neumann zugetorkelt. Dass er Student war, zeigte
das bunte Band auf seiner Weste. Die schwimmenden, etwas listigen Augen hinter
dem schief sitzenden Kneifer, das schlaffe, bleiche Gesicht, das süssliche
Lächeln unter dem dünnen Schnurrbärtchen verrieten, dass er widerstandslos im
Kneipendusel trieb. Die kurze, wenn auch langbeinige Gestalt suchte er
hochzurecken und seinen Buckel durch den locker hängenden Gehrock zu bemänteln.
    »Mein Name is Hildebrandt,« stellte er sich vor, Neumann fügte hinzu: »Vulgo
Perkeo!« Der Bucklige war, um sich anzuvettern, einer unterwürfigen Höflichkeit
beflissen und einer Witzelei, die durch Augenzwinkern und meckerndes Gelächter
noch gehoben werden sollte. »Michel,« raunte er Neumann zu, unter bewundernden
Blicken - »sei mein rettender Engel! Die Rauhbeine drüben wollen mich besoffen
machen - un es fehlt nich viel, so bin ich's. Aber Schna - Schnaps, den mag ich
heut nich mehr - es sei denn, dass mir Michel - mein herrlicher Held, ein Glas Lu
- Luft spendiert - mähähä!«
    »Dicke Emmi!« rief Neumann, »einen grossen Pfefferminz - für unseren Perkeo!«
Wie dies Wort laut wurde, stimmte eine skatende Gruppe das Lied an: »Das war der
Zwerg Perkeo - im Heidelberger Schloss ...«
    »Maul jehalten, Füchse!« schnauzte der Bucklige, und wie Emmi den Schnaps
brachte, legte er schmachtend seinen Arm um die aufgeschwemmte Kneipenschönheit:
»Versüsse mein Feuerwasser, indem dein Rosenmündchen - mähä - davon nippt!« -
Emmi lachte dumm, leerte das Glas auf einen Zug - und holte ein neues. »Dazu 'n
Lichtenhainer!« rief ihr der Bucklige nach - »ach ja, Michel, ich muss mich
nüchtern saufen - von morjen ab heisst's Pandekten büffeln. Mein Alter hat mir
Ultimatum jestellt - wenn ich bis dahin nich meinen Referendar jedeichselt habe,
zieht er seine Hand von mir ab ... Auf Ehre, Michel! Brauchst nich zu jrinsen!
Wetten, dass? Uebrijens, wo kommste her?? Siehst so politisch aus. Haste wieder
'ne Philippika jeschwungen in der Volksversammlung? Immer feste, Mensch! Schaff'
uns den Mosaik vom Halse! Diesen - Fremdkörper in Jermanias Leibe ... Nich
gelächelt, Herrschaften! Es is so! Wir Jermanen ...« Hier brach er seine Rede
ab, weil er selbst im Dusel merkte, wie an Nachbartischen gefeixt wurde über den
Rassenstolz des buckligen Schwächlings. - »Hätten wir recht viele deines
Schlages,« erklärte Neumann, - »ja dann wäre unser Germanenvolk fein raus -
Prost, Perkeo!« Ins hohle Gelächter der nächsten Tische stimmte der Bucklige
sauer ein: »Mähähä!« Gleich darauf erhob er sich und wankte mit seiner Holzkanne
zu einer Kartenspielergruppe.
    Raunend wandte sich Burdinski an Hainlin: »Was sollen wir hier?« Neumann
hatte die Worte vernommen: »Warum nich auch mal mit den Wölfen heulen? mit den
Schweinen grunzen, wie?« - »Na ja!« knurrte Burdinski - »es kommt drauf an, was
man für Ansprüche macht. Mag sein, ich bin zu wählerisch.« - Neumann hielt es
für geraten, diese geringschätzige Bemerkung des Schustergesellen zu überhören,
und wandte sich an Hainlin: »Man will doch auch mal 'n bisschen ausspannen - he?
sich gehen lassen!« - Hainlin zuckte die Achsel: »Wie mr's nimmt! Auf recht
unterschiedliche Art lassen sich die Leute gehn. Wollen Sie diese Art
begünstigen?«
    »Ja un jlouben Sie,« setzte Burdinski mit Schärfe ein, »dass aus Döitschland
was Tüchtijes wird, wenn die studierende Jugend ihre Musse nich jäistvoller zu
verleben wäiss als in Bier- und Schnapsdusel, bäi Knobelbecher un
Kellnerinnenjesindel?« - »Ach was!« sagte Neumann stirnrunzelnd, »heulmeiern Sie
nicht! Man muss diese Dinge mit Humor nehmen - nich mit Schulmeisterei!« -
»Humor?« entgegnete Burdinski - »nennen Sie das Humor, wenn diese fidelen
Bierhühner Stumpfsinn für Jugendglück halten? Sie sprechen von Heulmeierei - ich
aber erkläre Ihnen: Was unser Vaterland zerrüttet, is die Saufmeierei der
tonangebenden Jugend un ihre faule Kraftmeierei, ja faule! Denn ihren
Männerstolz kehren sie nach unten heraus, nich nach oben, vielmehr ducken sie
sich vor ihren Vorjesetzten als jesinnungslose Streber. Auf die Juden wird
jeschimpft. Na ja! Aber der Jude söift nich - un is käin Jewaltprotz.«
    Neumann winkte ab und lächelte spöttisch: »Ereifern Sie sich nicht! Wenn der
Jude nicht säuft, geschieht es einfach, weil er keinen Stiebel vertragen kann.
Wir Germanen sind anders - wir begeistern uns gern ...« - »In der Knäipe!« warf
Burdinski dazwischen. - »Alle Begeisterung is ne Art Rausch,« fuhr Neumann
unbeirrt fort - doch Burdinski versetzte: »Aber Rausch noch käine Bejäisterung!«
                                       *
    Hainlins Aufmerksamkeit wurde plötzlich in Anspruch genommen durch einen
Gast, der eintrat. Seine Gesichtsbildung erinnerte an Wendelin Flammer - nur dass
die Augen hinter einem grauglasigen Kneifer versteckt waren und die Züge nichts
Klares hatten, sondern etwas flackernd Unrastiges. War's Fieber oder Ausschlag,
was Stirn und Wange rotfleckig machte? Als Hainlins Auge dem des jungen Mannes
begegnete, schien dieser zu stutzen - vielleicht beunruhigte ihn der prüfende
Blick. Er ging in die entfernte Ecke des Lokals, wo ein leerer Tisch stand,
hängte seinen Schlapphut an den Haken und nahm Platz. Ein paarmal lugte er
verstohlen herüber. Hainlin überlegte, ob das Wendelin sein könne. Nein, das
Alter konnte nicht stimmen - dieser Mensch mit dem gewölbten Rücken und schon
gelichteten Stirnhaar musste mindestens fünf Jahre älter sein als Wendelin. Jetzt
ging die dicke Emmi trällernd auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
    »Herr Neumann,« sagte Hainlin, »würden Sie mir den Gefallen erweisen, die
Kellnerin da drüben unauffällig zu fragen, ob sie den jungen Mann kennt, mit dem
sie spricht? Er kommt mir bekannt vor.« Neumann nickte zustimmend, und wie jetzt
Emmi kam, winkte er sie herbei: »Wer ist der junge Mann, den Sie eben
begrüssten?« - »Der? Wir nennen ihn den Klosterbruder - det is 'n entsprungener
Mönch.«
    Hainlin fuhr empor und ging hastig auf den Menschen los. Auch dieser erhob
sich, staunend streckten die beiden einander die Hand entgegen: »Wendelin!« -
»Herr Kandidat! I han glei gstutzt - aber Ihr grosser Bart ...« - »Auch du,
Wendelin, bischt - arg verändert! Geht's dir gsundheitlich net guet?« -
Wendelins fahles Gesicht errötete leicht, die matten, etwas entzündeten Augen
hinter dem dunklen Kneifer flackerten wirr. Er zuckte die Achseln, stumm bebten
ihm die Lippen.
    »Setzen wir uns!« sagte Hainlin. Aber da stand Burdinski bei ihm, den Mantel
an: »Willscht gehe? Also! Ond wenn dir ebbes Onannehmliches passiere sollt -
wege der Auflösung, gelt, du? Na kommscht zu mir!« Burdinski ging.
    Wendelin Flammer hatte sich derart gesetzt, dass man sein Gesicht nicht
beobachten konnte - den Kneifer abgenommen - voll Tränen standen ihm die Augen.
»Waas hascht?« fragte Hainlin bestürzt - und Wendelin schluchzte: »Oh - warum -
warum han i net - Sie behalte dürfe, Sie als väterlichen Freund? 's wär halt
anders worde mit mir! Aber so einsam, so beistandslos wie onsereins hat müssen
's Leben führen.« Wendelin beugte sich ganz nieder. »Den Vatter han i net kennt,
ond's Mütterle ischt au so früh gstorbe. Wer hat sich da unser ahngnomme? Dr Uli
hat's Piale lieb ghätt - ischt mei Freund worde - ond Sie, Herr Kandidat, hänt
Ihre Teilnahme für Uli auf uns übertrage. Was Sie Guets an mir ond an Pia tan
hänt, dees kann i net sage, gschweige vergelte. Aber's Irdische hat net Bestand
- so hänt Sie fortmüsse von Tübinge, ond oh, mei liaber Kandidat! Warum hat's
Schicksal Sie von uns grisse! Menschliche Stumpfheit und Tücke ischt schuld. Die
Guten werden vertrieben, nausgbissen von den Gemeinen - ond dees ischt mei Gram.
An einen Herrgott droben kann i nimmer glaube! So bleibt mir nicks, gar nicks!«
Verzweifelt schlug er die Hände vors Gesicht.
    »Aber, Wendelin!« begütigte Hainlin, die Hand auf seinen Arm gelegt - »net
so! Warum denn mutlos?« - »I tu mi schäme! Bin zu tief gsunke!« - »Du bischt der
alte! Bischt mei braver ...« - Schmerzlich schüttelte Wendelin den Kopf: »Hihn
ischt mei Kern! Verdorbe bin i an Leib ond Seel!« Schluchzend warf er den Kopf
über die aufgelegten Arme - Hainlin bemerkte, wie dünn ihm das Hauptaar, wie
hager der Nacken geworden war. Und obwohl er das Trostwort gesprochen hatte,
Wendelin sei der alte, empfand er mit Erschütterung, dass aus dem frischen,
reinen, mädchenhaft hübschen Knaben ein verwüsteter Schwächling geworden war.
    Da jetzt Neumann kam, rüttelte Hainlin den Zusammengesunkenen: »'s kommt
ebber! Lass di net gehe'!« Das half, Wendelin richtete sich auf. Neumann wollte
sich bloss empfehlen - es geschah in kurzer Höflichkeit. Und nun konnten die
Tübinger Freunde ihre Aussprache fortsetzen: »Wendelin! Ist es wahr, was die
Kellnerin sagt, du seist im Kloster gewesen und entsprungen?« - »Der Ausdruck
ist zu romanhaft - - i bin halt gange, ond jetzt leb i weltlich.« - »Wie denn?
Wovon?« - »Als Korrektor für en wissenschaftlichen Verlag - lateinische,
griechische, matematische Werke tu i korrigiere. Werd net grad schlecht bezahlt
- nur dass die Arbeit meine Augen ahngriffen hat und meine Nerven - i leid an
Sehstörung und Kopfschmerz - der Arzt meint, e Badekur würd mir gut tun. Etwa in
Aachen. Da könnt i zugleich auf dem Polytechnikum studiere, gelt? Bloss schad,
dass i aus'm Kloschter ohne Abschluss-Prüfung fort bin! Um net bloss Hörer, sondern
Studierender zu sein und später 's Staatsexamen machen zu können, muss mr's
Abiturium haben. Ja, wenn sich dees noch jetzt schaffe liess! Zom Pauken aber
langt mei Kraft net.«
    Wendelin goss den Schnaps, den die Kellnerin gebracht hatte, auf einen Zug
hinunter. Und schwermütig abwinkend: »I han koi Lebensmuet. Verpfuscht bin i, 's
Kloschter hat mi verdorbe. Da tut mr den Zögling gängele. Weh ihm alsdann, wenn
er den Sprung ins Freie wagt! In die Welt tut er net passe, ond im Kloschter hat
er's Daheim verlore. I weuss net, soll i zum Himmel halte oder zur Erd. Net Vogel
bin i, net Maus - bin e Fledermaus, wo bei Tag sich verkriecht, nachts aber
umhergeischtet - bloss dass bei mir der Geischt nicks mähr taugt - e Ruine bin i!
Net mal, dass i die Kraft hab, meine jetzige Berufsarbeit zu tun - nachlässik bin
i, verlottert - an Schlaffheit leid i, verrückt bin i, nicks bin i!« Und den
Kopf in die Hand gestützt, brütete Wendelin ratlos vor sich hin.
    Dass es an der Zeit sei, die Aussprache für diesmal abzubrechen, bekundete
die Situation, die jetzt im »Fidelen Bierhuhn« Platz griff. Nach der Melodie
»Heil dir im Siegerkranz« gröhlten sesshafte Kneipbrüder »Wir konzentrieren uns«
- um den runden Mitteltisch nahm man Platz und suchte die Widerstandskraft gegen
den Alkohol noch einmal aufzupeitschen, indem man schneidig anstimmte: »Und wenn
sich der Schwarm verlaufen hat um die mitternächtliche Stunde.« Unter Gelächter
wurde eine Gestalt emporgehoben, samt dem Stuhl, auf dem sie sass: der bucklige
Perkeo. In Erhabenheit, den Tisch zum Sockel, tronte er als Mittelpunkt seiner
Sippschaft. In der herabhängenden Rechten die Holzkanne, aus der die Neige
troff, weidete er sich am Ringelreihen, den die Studenten mit den Kellnerinnen
um ihn drehten: »Das war der Zwerg Perkeo im Heidelberger Schloss,« ging der
Gesang, und der Bucklige, dem einer sein Schnapsglas reichte, hob es mit blödem
Lächeln und lallte: »Wärt ihr wie ich doch alle feuchtfröhlich und gescheit!«
 
                                   Im Kloster
Vor dem Hause, wo Hainlin wohnte, verabschiedete sich Wendelin, mit dem
Versprechen, an einem der nächsten Abende zu kommen und alles übrige zu
berichten. Doch er blieb aus, eine Woche, zwei Wochen - nun dachte Hainlin:
Kommt der Berg nicht zu Mohammed, so soll dieser halt zum Berge gehn. Als seine
Wohnung hatte Wendelin angegeben: Institut für Kirchenmusik - mit einem
Musikstudenten zusammen wohne er beim Hausmeister.
    Als Hainlin in dem Gebäude nach Flammer fragte, lud ihn der Musikstudent zur
Aussprache ein und sagte, Flammer wohne nicht mehr in Berlin. Sein Onkel, der
Kaplan, sei verstorben und Wendelin zum Begräbnis gereist. Habe auch mit der
Erbschaft zu tun, die auf ihn gefallen sei. So habe Flammer nun die Mittel,
Matematik an einer Hochschule zu studieren. - »Nun kommt er doch wohl noch auf
seine Höhe,« sagte Hainlin, fügte aber, als der andere wie ein Zweifler aussah,
hinzu: »Oder meine Sie net?«
    Achselzuckend sagte der Musikstudent: »Nur der Arzt könnte Entscheidendes
sagen.« - »Sie halten Wendelin für ernstlich krank? I muss allerdings gestehe,
dass i verschrocke war, als ich ihn neulich wiedersah - er machte den Eindruck,
als ob er zehn Jahre älter wär ond obendrein zerrüttet.« - »Das ist er auch.
Sein Blut ist vergiftet. Er trinkt scharfen Alkohol, und zwar im Übermass. Seine
Zigaretten macht er aus türkischem Tabak, der Opium entält. Und in Berlin war
er intim mit einem kranken Frauenzimmer - einer Kellnerin im Fidelen ...«
    »Ha, um Gottes Wille!« unterbrach ihn Hainlin bestürzt. »Mein Wendelin?
Diese keusche Blüte?«
    »Ja, das war er! Damals als er aus dem Kloster kam, war er noch unverdorben
- benahm sich wie Parsifal, der reine Tor.«
    »Bitte, schildern Sie mir, wie er diese Jahre gelebt hat! Können Sie das?« -
»Ja! Er hat mir's ausführlich erzählt.«
    Und wie ein beschworener Geist stieg Wendelins Knabenzeit aus der
Versunkenheit herauf.
                                       *
    Auf dem Bergfriedhof war Pia zu Grabe getragen. Ein paar Tage drauf hatte
Wendelin das Erdhüglein besucht - es war besteckt mit weissen Papierblumen, in
der Mitte ragte ein hölzernes Kruzifix. Wendelin war freudig gerührt über diese
Fürsorge, die ein Unbekannter dem Grabe gewidmet hatte. Und fragte sich: Was nun
schenk' ich meinem Piale? Weinend zog er den Rosenkranz hervor, den die
Sterbende ihm vermacht hatte. Da kam es ihm vor, als raune Pia ihm zu, er solle
in die Kapelle gehn zur Mutter Gottes.
    Wie er da kniete, vor dem Bilde der Schmerzenreichen, fühlte er sich
entrückt übers bange Erdendasein und sehnte sich, seine arme Seele ganz der
Himmelsliebe hinzugeben. Und plötzlich kam ihm der Wunsch, zu leisten, was Pia
hatte leisten wollen: im Kloster die Schuld schwacher Menschen löschen zu
helfen. Ja, das sollte seine Gabe für Pia sein, zugleich sein Beitrag zur
Entsühnung der Eltern, die das gefährliche Beispiel eines ungeweihten
Liebesbundes gegeben hatten.
    Wie ein erneuter Mensch kam er sich vor, als er die Kapelle verliess und
abermals an Pias Grabe stand - es war, als ob sie ihn dankbar anlächle. Ueber
die Mauer des Friedhofs spähte er ins Weite - hinter des Schwarzwalds blauem
Gewoge ging blutig die Sonne unter. Wendelin seufzte nach dem Abendfrieden der
Seele, nach einer Beschaulichkeit, wie sie in weltentrückter Einsamkeit zu
finden. Ein Kloster, wie er's in Bebenhausen geschaut hatte, konnte ihn locken -
obwohl sein Verstand nichts vom Kirchendogma wissen wollte. Was er meinte,
vertrug sich im Grunde mit seinem Freidenkertum. Eine Mystik war's, die auf
Ewigkeits-Schau zielte. Immer noch trug er sich mit der Vorstellung, auf der
Spitze des Glasberges sei ein riesenhafter Kristall, der das Weltall spiegele in
matematischer Klarheit und Folgerichtigkeit. Solche Beschaulichkeit hoffte
Wendelin im Kloster zu finden.
    Als das Ave-Läuten der Kapelle verhallt war, begab er sich nach Wurmlingen
zum Onkel Gastwirt und eröffnete ihm feierlich seinen Entschluss, ins Kloster zu
gehen. Die Familie hatte dafür nur Zustimmung und Ehrerbietung - die
Nachbarschaft, das ganze Dorf sah im jungen Flammer einen Himmelskandidaten. Und
wenn ihn Zweifel anwandelte, ob er sich nicht vorschnell entschlossen habe,
glaubte er an seine Erklärung gebunden zu sein; er fürchtete das spöttische
Lächeln der Leute, falls er nun doch weltlich bliebe.
    Onkel Kaplan hatte einen Bekannten, der eine Klosterschule leitete, ein
Juvenat, wo Ordenspriester ihre erste wissenschaftliche Vorbereitung erhalten.
Es war allerdings fern gelegen, in einer holländischen Ortschaft bei Aachen.
Doch in der Anstalt waren fast lauter Deutsche, und Deutsch war die
vorherrschende Sprache.
    Wendelins Gesuch um Aufnahme wurde genehmigt - als Juvenist trat er ein. Die
phantastischen Erwartungen, mit denen er gekommen war, erhielten schon insofern
einen Dämpfer, als das Kloster keine Spur von Romantik hatte, sondern nach einer
Fabrik oder Kaserne aussah. Der Pater Direktor war halb Feldwebel, halb
pfäffischer Schleicher. Er liess Wendelin fühlen, seine uneheliche Abkunft
erwecke nicht grade Vertrauen, könne aber gesühnt werden durch besonders gute
Führung.
    Die Lebensweise der Juvenisten war hart, nach Vorschrift verlief jede
Stunde. Wenn die Tür des Saals, wo die Jünglinge in eisernen Betten, getrennt
durch Vorhänge, die Nacht durchschnarcht hatten, um Fünf aufgerissen wurde und
der Befehl zum Aufstehn erscholl, ging allgemeines Gähnen und Seufzen los, dann
ein Knarren der Bettstellen, Stimmengewirr, Poltern und Wasserplätschern. Dem
Ankleiden folgten Gebet und Messe sowie einstündiges Studium. Dann erst kam
Morgenkaffee und kurze Erholung. Der Klassenunterricht wurde von etlicher
Körperbewegung unterbrochen. Mittags nach dem Beten erfolgte das Essen im
Speisesaal, wobei Erbauliches vorgelesen wurde. Nach kurzer Körperarbeit und
einem Rosenkranzbeten kamen Nachmittagsunterricht und eignes Studium. Das
Abendessen war natürlich wieder mit geistlichem Wesen verquickt, und der Tag
schloss mit Heiligenlegenden, Beten und Gewissenserforschung.
    Hatte Wendelin schon das Tübinger Gymnasium für simpel gehalten, so kam ihm
die Klosterschule geradezu stumpfsinnig vor. Hier herrschte abergläubisches
Mittelalter, frei von Naturwissenschaft und modernen Ideen. In der Metaphysik
hiess es: die Seele könne nicht anders als unsterblich sein, weil sie halt aus
einem Stück sei. Das Menschenleben werde durch allerlei böse Dämonen gestört. In
der Literaturstunde las man Schillers »Jungfrau von Orleans«, doch waren alle
Stellen, die von Liebe handelten, durch Schwärzen unleserlich gemacht. Die
Lehrer waren verknöcherte Priester ohne geistige Selbständigkeit. Mechanisch
übten sie ihr Amt, wie überhaupt der Klosterbetrieb eine Maschine war.
    Eine Oase dieser Wüste bildete der temperamentvolle Pater Ambros. Leider war
er nicht als Lehrer hier, nur als Gast, zur Erholung von einer Tropenkrankheit,
die er sich in Holländisch-Indien geholt hatte. Hin und wieder durfte er den
Bitten der Juvenisten willfahren und etwas aus seinem Leben erzählen. Er hatte
den Insulanern im Stillen Ozean das Evangelium gepredigt und manches Abenteuer
erlebt. Was er über die blaue See und das ewige Sonnenwetter, über die üppige
Landschaft von Hawaii und die braunen Tropenkinder erzählte, erweckte in
Wendelin eine Sehnsucht wie der Garten des Paradieses. Zuweilen, wenn er keine
rechte Nachtruhe finden konnte, während im Schlafsaal das Schnarchen rasselte
und alle Viertelstunde die Glocke klang, umgaukelten ihn Bilder der Südsee - es
kam ihm vor, er sei da Missionar und Uli bei ihm. Traulich umschlungen, standen
die Freunde auf einer Klippe, schauend über spiegelklare See.
    Im Kloster hatte Wendelin keinen Freund und - durfte ihn nicht haben. War
dem Zelator, dem Aufpasser, ein Juvenistenpaar der Zuneigung verdächtig, so
erfolgte Anzeige, Strafe und Trennung der Verdächtigen. Sich anlächeln, einander
die Hand drücken, miteinander flüstern war schon Sünde. Dass nun Wendelin keinen
Vertrauten haben durfte, verödete sein Dasein, er wurde schwermütig. Sein leeres
Herz suchte sich durch fromme Schwärmerei zu entschädigen. Heiligengeschichten
und Erlebnisse der Mystiker rührten ihn mit Stimmungszauber. Gern weilte er
unbeobachtet in der Klosterkapelle, kniend vor einer Madonna, die im Leide
lächelte. Wenn der Novembersturm draussen um die Pfeiler brauste, schwelgte
Wendelin in süssen Schauern, nach der ewigen Lampe lugend und den stillen
Kerzenflammen. Etwas Einlullendes hatten die engelhaften Knabenchöre, die
dumpfen Männerstimmen, der Singsang der Gebete nebst den Chor-Antworten, die wie
Glockenläuten waren. Diese Region der gotischen Wölbungen und bunten
Fensterscheiben, der vom Goldreif gekrönten Gestalten, der Wachskerzen und
Weihrauchwolken schien aus dumpfer Gefangenschaft einen Ausweg zu verheissen, zu
den heiligen Weiten der Ewigkeit. Das war Wendelins Trost.
    Hinzu kamen Aufmunterungen, die ihm seine Arbeit einbrachte. In der
Matematik galt er als Genie. Wegen seines seelenvollen Orgelspiels war er dem
Organisten als Vertreter willkommen und allgemein beliebt. Es wurde sogar
geduldet, dass er an einem Werke schrieb - er nannte es »Psychophysik der
Tonkunst«.
    Pater Direktor hoffte mit diesem Lumen seines Klosters glänzen zu können.
Eins indessen tadelte er an Wendelin: seinen Hang zur Selbständigkeit. Zu ducken
suchte er ihn durch die typische Drohung: »Hochmut kommt vor dem Fall! Immer
fein demütig!« Sein Ideal war die Ordensregel, ihr Symbol die Klosterglocke. Für
jede Viertelstunde hatte diese einen Befehl, indem sie anschlug oder in
besonderen Takten läutete. Wendelin aber fühlte sich durch die Ordnungssklaverei
stumpf gemacht und hätte dies Leben wohl schon bald aufgegeben, wäre nicht
Aussicht gewesen, das Schlussexamen zu bestehen und dann Missionar zu werden oder
Professor - oder Pater in einem Orden, der wissenschaftliche Beschaulichkeit
pflegt. - Dass es anders kam, ist nicht blossen Zufälligkeiten zuzuschreiben,
sondern der Kluft, die zwischen dem äusseren Leben der Klosterleute und ihren
Neigungen klaffte. Wo das Verlangen nach Freiheit noch nicht alle Tatkraft
verloren hatte, sann es auf heimlichen Ausweg.
    In einer schwülen Augustnacht war Wendelin vom Schlagen der Glocke wach
geworden und konnte nicht wieder einschlafen. Ihn folterte das Bewusstsein,
kasernenhaft zu hausen mit all diesen Juvenisten, unter denen er keinen
Vertrauten hatte. »Pia!« seufzte er - »mei Piale! Du hoscht's guet! Dein
Bettlein auf der Spitze des schönen Hügels ist jetzt überwölbt von blauer
Unendlichkeit, da wimmeln Funkelsterne ohne Zahl.«
    Die Vorstellung von der Milchstrasse und den Sternschnuppen, die gerade in
diesen Nächten flogen, regte Wendelin zu solcher Sehnsucht auf, dass er jetzt
durchaus den Sternenhimmel betrachten wollte. Vielleicht - so dachte er - hat
Pater Ambros, dem in dieser Woche die Inspektion obliegt, ein Flurfenster offen
gelassen, weil's ja heute so heiss war - und dann könnt' ich dort die Sterne
beobachten.
    Im Bett aufgerichtet, lauschte Wendelin, ob nicht einer seiner Nachbarn
wache. Da nur Laute festen Schlafes zu vernehmen waren, bekleidete er sich rasch
und schlich auf Socken aus dem Schlafsaal. Die Fenster des matt erleuchteten
Flurs waren geschlossen - doch als er die Treppe hinuntergegangen war, stand die
zum Hof führende Haustür offen.
    Hinausschlüpfend prallte Wendelin auf eine Kuttengestalt, die soeben
eintreten wollte: Pater Ambros hielt ihn bei den Schultern. Liess ihn aber frei,
sobald er ihn erkannt hatte und an seinem Zittern spürte, wie erschrocken er
war. »Wohin?« raunte der Pater; und Wendelin: »Ach, verzeihen Hochwürden!
Heimweh han i ghätt nach dene Stern.« - »Was?« kicherte Pater Ambros und ahmte
die schwäbische Mundart nach - »Heimweh nach dene Stern? I glaub, im Ländle
bischt eher dahoim als drobe, gelt?« - »Dees scho, Hochwürden. Von Stuggart bin
i - aber dahoim han i so gern die Sternle betrachtet ond Sternschnuppe,«
stotterte Wendelin. Lächelnd sah ihm der Pater ins Gesicht und meinte gutmütig:
»So komm, Sternguckerle!«
    Sie gingen in den Klosterhof, von da in den Gemüsegarten. Zwischen den
Beeten schritt der Pater voran - zu einem Gewächshaus an der Mauer. Hier nahm er
Platz auf einer Bank und gab Wendelin einen Wink, sich gleichfalls zu setzen:
»Also! Erquicke dich an deiner Sternenheimat!«
    Und sein Angesicht wandte Wendelin himmelan - sich weidend am unendlichen
Gewimmel der Milchstrasse. Als eine Sternschnuppe aufleuchtete, fuhr er mit dem
Arm in die Höhe. Auch der Pater hatte sie gesehn: »Nun, Flammer? Was hast du
eben gewünscht? Du weisst doch: Wenn gerade eine Sternschnuppe fällt, so geht der
Wunsch in Erfüllung.« - »Ach, Hochwürden! Was i gwünscht hab, weiss i selber net.
Aber nach der Südsee hätt i Sähnsucht - da möcht i braune Heiden bekehren - wie
Sie's tan hänt, Pater Ambros.« - »Ha, mein Sohn,« schmunzelte Pater Ambros -
»wärst du da, dich täten die braunen Heiden eher bekehren als du sie!« Wendelin
stutzte, in diesem Worte war etwas Grosszügiges wie in der Sternschnuppe.
Uebrigens rührte ihn das trauliche Du, mit dem er, ein Juvenist der Oberklassen,
von Hochwürden angeredet war.
    »Du möchtest also zur Mission?« fuhr der Pater fort - »solltest dir aber die
Sache nicht so reizvoll denken, wie sie sich ausnimmt, wenn ich erzähle. Es ist
ein hartes Leben, man wird in ungesunde Gegenden geschickt, und an Heimweh wirst
du da erst recht leiden. Sieh zu, dass du in deinem Vaterlande bleibst und etwas
Rechtes wirst. Du bist zu schade zum Klostermann. Weshalb bist du überhaupt
darauf versessen, geistlich zu werden? Vorsicht, Kind! Noch liegt dein Schicksal
in deiner Hand. Bist du erst zehn Jahre älter, so bist du mönchisch verknöchert,
hast nicht mehr Elastizität, aus Eigenem etwas zu werden. Nun sag mir auch: was
ist es mit dem Werk über Tonkunst, daran du schreibst? Wie ich höre, ist es
nicht bloss physikalisch, sondern auch philosophisch. Du brauchst also
philosophische Literatur, wenigstens eine gute Geschichte der Philosophie. Hast
du die? Was weisst du zum Beispiel von den Pytagoräern? Herzlich wenig! Was in
unserm braven Kompendium steht! Andere Bücher erlaubt Pater Direx natürlich
nicht.«
    Dass Ambros so keck sprach, liess Wendelin stutzen, und dann gestand er, von
Pytagoras nicht mehr zu wissen als den matematischen Satz und etliches, was
über seine Zahlenmystik gemunkelt werde - zum Beispiel, dass die Sternsphären
harmonisch zusammenklingen, dass man diese Harmonie bloss deshalb nicht höre, weil
sich unser Ohr daran gewöhnt habe - so wie der Müller das Geräusch der Mühle
überhört.
    Zustimmend erinnerte Ambros an den »Faust«-Vers: »Die Sonne tönt nach alter
Weise in Brudersphären Wettgesang« - und fügte spöttisch hinzu: »Solche
Ketzerschriften sind hier natürlich verboten. Aber du musst sie lesen, wenn du
was Besseres werden willst als ein Klostersimpel ... Nun genug für diesmal!
Jetzt wieder ins Bett! Und geschlafen wird jetzt, nicht gegrübelt! Bloss noch
über einen Punkt steh' mir Rede: Wie denkst du übers Beichten? Ich meine, ob du
dabei nach eigenem Gewissen verfährst, oder dein Gewissen hast herausoperieren
lassen aus deiner Brust und dafür den Befehl der Vorgesetzten eingeführt hast?
Kennst du das Märchen von der Nachtigall, die am chinesischen Hofe verdrängt
wurde durch eine mechanisch konstruierte Nachtigall? Hier im Kloster ist man
auch so chinesisch, hier waltet nicht Gott im Herzen, sondern starre
Verordnung.«
    Wendelin schwieg - er fühlte, dass der Pater ihn mahne, sich nicht willenlos
vom Beichtvater bestimmen zu lassen. Und Ambros sprach weiter: »Ich mag nicht
pfäffisch sein! Ich beichte nur, was zu beichten mein Gewissen mich drängt. Das
andere geht den Beichtiger nichts an! Zum Beispiel werde ich nicht beichten, dass
ich den Wendelin Flammer abgefasst habe, wie er ging, die Sterne zu begucken.
Diesen Verstoss gegen die Hausordnung - aus Heimweh nach den Sternen - halte ich
für keine Sünde. Und wie meinst du, Kind?« - »Genau wie Hochwürden!« sagte
Wendelin aufatmend und neigte sich zum Kusse über des Paters Hand.
    Als dieser mit ihm zurück zum Kloster ging, raunte er noch: »Wenn unsere
heutige Begegnung unbemerkt bleibt und du Vertrauen zu mir hast, so steht es dir
frei, mir mal eine Probe aus deinem Werke vorzulesen. Aber sei verschwiegen! Hat
der Direx dein Manuskript schon gelesen? Nein? Das ist gut - er würde wohl auch
wenig davon verstehen. Hüte dich, dass er dir nicht dazwischen fährt mit seiner
Zensur! Ich an deiner Stelle würde zweierlei Manuskript anlegen: eins, das für
ihn ist, und ein heimliches. Ich spreche aus Erfahrung, kenne Pfaffenart.«
    »Aber, Hochwürden, dann sind Sie eigentlich ...« stammelte Wendelin. -
»Eigentlich?« erwiderte der Pater - »ja eigentlich gehör' ich anderswohin. Bin
auch bloss zur Kur hier. Sobald ich wieder rüstig bin, geh' ich heim nach Indien
- ja, ich bin daheim bei Sternen, die aus den Veden leuchten - die Upanischaden
tönen mir Sphärenharmonie.«
 
                                 Sternschnuppe
Menschenkenner war Pater Ambros - seine Warnung vor dem Direktor erwies sich als
zutreffend. Als Wendelin an seinem Werke schrieb, blickte ihm plötzlich der
Direktor über die Schulter und äusserte den Wunsch, das Manuskript der Arbeit zu
lesen. Wendelin, der den Ratschlag des Paters beherzigt hatte, gab nun das
Manuskript her, das er für diesen Zweck zurechtgemacht hatte. Nach ein paar
Wochen brachte es der Direktor zurück und gab Wendelin auf, die
rotangestrichenen Stellen umzuarbeiten; sie seien nicht in Einklang mit den
Lehren der heiligen Kirche. Wendelin tröstete sich damit, dass die Sache leidlich
abgelaufen sei. Das eigentliche Werk war dem Unratschnüffler ja verholen
geblieben. Dies wollte er nun bei Pater Ambros in Sicherheit bringen.
    Eine stürmische Herbstnacht war's, als Wendelin, unmittelbar nachdem Pater
Ambros den Schlafsaal inspiziert hatte, aus seinem Bett in die Kleider schlüpfte
und ein vorbereitetes Bündel unter die Bettdecke legte - einen Schlafenden
sollte das vortäuschen. Die Vorhänge, die jedes Bett vom andern absperrten,
begünstigten Wendelins Entfernung. Im Flur fand er Pater Ambros, der gewartet
hatte, ob kein Zwischenfall eintrete. Nun schlichen sie zur hinteren Pforte.
Durch die geöffnete Tür stürzte ein Windstoss herein, irgendwo im Kloster schlug
eine Tür zu. Ambros fuhr zusammen, legte die Hand auf den Mund und horcht. Da
nichts Verdächtiges erfolgte, gingen die zwei hinaus und schlossen die Pforte.
Der Sturm peitschte mit Regentropfen. Die Kapuze hochgezogen, schritt der Mönch
durch den Garten voran, hastig zum Gewächshaus. Erst nahebei war zu merken, dass
innen eine Laterne brannte.
    Als Ambros gebückt und hinter ihm Wendelin eintrat - sie mussten etliche
Stufen abwärts, weil das Gewächshaus halb in die Erde gegraben war - kauerten im
Laternenschimmer auf Strohbündeln ein paar Gestalten. »Pax vobiscum!« grüsste
Ambros, jene murmelten: »Et cum spiritu tuo!« Bruder Gärtner war's und ein
Bruder von der Küche. Nachdem die Ankömmlinge Platz genommen hatten, wurde
zunächst eine Schnupftabaksdose herumgereicht, später eine Kanne Klosterwein.
    »Das hast du brav gemacht, Bruder Kellermeister!« rief der Gärtner fröhlich
einem Kuttenmanne zu, der soeben ins Gewächshaus eingetreten war und mit einem
frostigen »Huhu« den Regen abschüttelte. Die Kapuze hatte er übers Gesicht
gezogen. Am Eingang verweilte er, ein Gewächs betrachtend, das ihn zu fesseln
schien. - Ambros, der aus der Weinkanne einen Zug getan hatte, stöhnte
behaglich: »Ha, das wärmt bei dem Hundewetter, und ich muss mich noch ein bisschen
ans Gute halten, das es hier gibt - viel ist es ja nicht. Uebrigens könnte das
mein Abschiedstrunk sein.« - »Oho!« hiess es - »so plötzlich?«
    »Ich stehe nicht dafür, dass mich nicht die Ungeduld übermannt. Einen Winter
halt' ich nicht aus im dumpfen Pfaffenstall da - besser haust es sich jedenfalls
bei meinem Freund in Düsseldorf. Hier verkommt man! In der Klosterbibliotek
findet sich nichts Gescheites. Geistige Anregung, wie man sie nötig hat, ein
freies Wort müssen wir in dieser Heimlichkeit holen wie der Dieb in der Nacht.
Unserm jungen Freunde hier, der ein Werk ganz aus Eignem schafft, ist der Direx
dazwischengefahren wie ein Inquisitor. Hast du die Manuskripte mitgebracht,
Wendelin? Lass schauen, was der Pfaff korrigiert hat. Haha, mit roter Tinte! Die
Handschrift ist nicht von ihm - natürlich! Nicht einmal er hat's geschrieben,
sondern sein Faktotum, der Lazaristenpater, auf dessen Weisheit er schwört.« In
die Blätter schauend, fuhr Ambros spöttisch fort: »Hört, hört! Von der Hölle ist
hier die Rede. Unser Freund Flammer hat folgendes geschrieben: Jede Dissonanz
gipfelt in ihrer Auflösung, so dass die Musik als Sinnbild der ewigen Liebe
gelten darf, die ja alle Dinge zum Besten kehrt. Wendelin, da hast du eine
selige Wahrheit erlebt! Aber nun hört, was der Zensor an den Rand geschrieben
hat: Irrlehre! steht hier, dreifach unterstrichen. Und weiter: Das
atanasianische Symbolum spricht vom ewigen Höllenfeuer, und die heiligen Väter
lehren, durch Sünde werde der vollkommene Gott unendlich beleidigt, hieraus nun
folgt die Ewigkeit der Hölle. Da gibt es also keine Auflösung der Dissonanz. Was
sollen denn auch Verdammte mit Musik?«
    Hier blickte Pater Ambros seinen Zuhörern ins Gesicht, grimm sich weidend an
ihrer Verblüffung. Und schlug ein Hohngelächter an: »Haha! Klassisch! Was sollen
Verdammte mit Musik? fragt dieser Mann Gottes - spottet seiner selbst und weiss
nicht wie. Müsste eigentlich sich selber zu den Verdammten rechnen! An einen
Herrgott glaubt er ja, der ganz musenlos ist, den jeder Organist beschämt. Kein
Organist schliesst sein Stück mit einer Dissonanz, er löst sie auf! Aber einem
Herrgott traut dieser Pfaffe zu, am Schlusse seiner Schöpfung stehe ewige
Verdammnis! Und so was will Christ sein! Nachfolger des Bergpredigers! Seine
Karikatur ist das! Wollte ich meinen sanften Heiden predigen, Gott, der durch
seinen Sohn die Menschen ermahnt, sogar den Feinden wohlzutun, dieser liebe Gott
sei durch Evas Apfelbiss unendlich beleidigt und habe das Bedürfnis, seine
Geschöpfe dafür, dass sie nicht vollkommener aus der Hand des Schöpfers
hervorgegangen sind, abzustrafen mit ewiger Folter - o Kinder! Wenn ich derart
meine Mission betriebe, meine braunen Inder würden mich anlächeln, als ob ich
betrunken wär' - und würden entgegnen: Wenn du von deinem Gotte nichts Besseres
weisst, wollen wir lieber, nach wie vor, unserem Brahma angehören. Dessen Sohn,
das ewige Licht, so heisst es, soll die ganze Welt verklären. Also siegt die
Liebe, nicht der Hass!«
    Hingerissen war Wendelin, im Innersten erschüttert von dieser Rede. Eine
Dissonanzauflösung war das, die seiner heiligsten Sehnsucht entsprach. »Ach,
Hochwürden,« sagte er - »darf ich nun ein paar Worte von mir vorlesen? Aus
Evangelium von der erlösenden Liebe klingen sie an. Entalten sind sie nicht in
dem Geschreibsel, das ich für den Direx zurechtgemacht habe, sondern in diesem
Geheimmanuskript - das entält ja meine wahre Ueberzeugung. Und das, lieber
Pater, bitte ich Sie, hernach an sich zu nehmen - damit es nicht ein unseliger
Zufall dem Direx in die Hände spielt.«
    Das Heft, in dem Wendelin nun blätterte, wurde ihm auf einmal von hinten
entrissen. Er glaubte, der Kuttenmann hab's getan, den man Bruder Kellermeister
angesprochen hatte. Doch das Gesicht, in das Wendelin nun mit Entsetzen starrte,
gehörte dem Direktor an! Dem Direktor, der jetzt die Kapuze abgelassen hatte und
höhnisch die verdutzte Gruppe musterte: »Ihr seid mir saubere Diener Gottes!
Aber euer Direx wird euch Mores lehren - wird euch zeigen, wo der Zimmermann 's
Loch gelassen hat in diesem Pfaffenstalle, wie einer von euch ein geweihtes
Kloster zu nennen sich erfrecht! Pfui über euch!«
    Als wären sie gelähmt, hockten Pater Ambros, die Brüder und Wendelin auf dem
Stroh. Dann rappelte sich Pater Ambros auf und sagte mit Festigkeit: »Der
Horcher an der Wand hört seine eigne Schand! Da haben Sie mal die Wahrheit
gehört!«
    »Jugendverführer!« schrie der Direx - »das Asylrecht missbrauchen Sie!
Eingeschlichen haben Sie sich als Patient - und heimliche Zechgelage
veranstalten Sie! Meine Herde hetzen Sie gegen mich - gegen die heilige Kirche!
Ketzer!« - »Hoho!« lachte Ambros hohl - »ein kalter Wasserstrahl ist die
Wahrheit - aber gesund! Sie schütteln sich wie ein nasser Pudel - das ist der
eigentliche Grund Ihrer Entrüstung!«
    Weiteren Auseinandersetzungen entzog sich der Direx, indem er das
Gewächshaus verliess. Bruder Gärtner war aufgestanden und zuckte die Achsel, nahm
den Weinkrug und trollte sich. Hilfesuchend blickte Wendelin den Pater an - der
sprach: »Nun halt' dich tapfer, Jong! Und macht man dir die Hölle heiss, so tu
wie ich! Mein Bündel schnür' ich und ziehe los. Du weisst doch, dass man dich
freilassen muss, wenn du gehen willst. Krieche nicht zu Kreuze! Ich an deiner
Stelle würde mein Talent nicht im Kloster vergraben. Studiere lieber was
Exaktes, Mensch! Bitte deine Verwandten, dass sie die Hand dazu reichen! Und
sollten sie dich verlassen, so begib dich nach Düsseldorf zum Doktor Habermann -
das ist mein Freund, und dahin geh' ich morgen. Leb' wohl, Jong!« -
Aufschluchzend beugte sich Wendelin über des Paters Hand, dieser sah ihn
schmerzlich an und schlug das Kreuz.
    Die nächsten Monate waren für Wendelin harte Zeit. Dass er nicht gleich dem
Pater Ambros gefolgt war, erklärt sich aus seiner Erwägung, ob es nicht klüger
sei, bis Ostern auszuharren, weil dann das Reifezeugnis für die oberste Klasse
zu gewärtigen sei. In dessen Besitze konnte man zur Oberprima eines weltlichen
Gymnasiums übergehen und ein Jahr darauf das Abiturium machen. An den Onkel
Kaplan hatte Wendelin geschrieben und alles gebeichtet. Die Antwort war eine
dröhnende Moralpauke nebst der Drohung, er werde seine Hand von ihm abziehen,
wenn Wendelin aus dem Kloster entweiche; und die Welt habe nur Verachtung für
einen verdorbenen Klostermann.
    Sprachen nun diese Gründe für sein Verbleiben im Kloster, so schrie sein
Herz oft genug: Es ist unerträglich! Aus den Bussen zwar, die ihm auferlegt
waren, machte er sich wenig - aber die pfäffische Gesinnung, die jetzt
unverfroren hervortrat, war widerlich. Der Direx wollte ihn zum Kadavergehorsam
drillen - die übrigen Lehrer behandelten ihn als räudiges Schaf - die Juvenisten
waren Duckmäuser, die sich bei den Oberen lieb Kind machen wollten, indem sie
Wendelin verachteten und quälten.
    In Form der »offenen Beichte«, die für verdienstvoll galt, war Angeberei
organisiert, und sie durchseuchte das ganze Klosterleben. Obwohl es den
Juvenisten streng verboten war, Briefe nach aussen zu richten, die nicht des
Direx Genehmigung gefunden hatten, liess sich Wendelin durch einen Laienbruder
verleiten, ihm ein Schreiben an Pater Ambros anzuvertrauen. Es wurde nicht der
Post übergeben, sondern dem Direktor. Weil nun darin geklagt war, das
beschlagnahmte Manuskript werde ihm vorentalten, wurde Wendelin vor den Pater
Direktor zitiert, und dieser erklärte patzig: Das Manuskript sei längst im
Schornstein; besser sei's, die Schrift brenne, als der Verfasser. Uebrigens
solle sich Wendelin nicht einbilden, versetzt zu werden - ihm fehle die
sittliche Reife.
    Jetzt hielt Wendelin seine Empörung nicht zurück und verlangte, sofort aus
dem Kloster entlassen zu werden. »Ja, in Form einer Relegation sind Sie
entlassen!« schnauzte der Direx - und dabei blieb es.
 
                                 Der arme Eros
Vom Rate des Paters Ambros, nach Düsseldorf zu kommen, machte Wendelin Gebrauch
und fand den Doktor Habermann. Ambros aber war nach Holländisch-Indien
abgereist. Habermann, ein früherer Kaplan, der sich zum Altkatolizismus bekehrt
hatte, beherbergte unseren Flüchtling und verschafte ihm eine Hauslehrerstelle
bei einer begüterten Witwe, die einen achtjährigen Knaben und ein kleineres
Mädchen zu erziehen hatte.
    Hier war Wendelin auf einmal wie im Himmel. Die Kinder waren lieb, und
Klein-Katrinche, die ihr verstorbenes Väterchen vermisste, schloss sich zärtlich
an Wendelin an. Von Frau Senftenberg wurde Wendelin mit einem Respekt behandelt,
als ob er nicht erst neunzehnjährig wäre. Das machte sein ernstes, vergeistigtes
Wesen. Uebrigens war Frau Senftenberg anschmiegsam, an ein Rankengewächs
gemahnend, dem die Stütze fehlt. Sie sah es gern, dass Wendelin mit dem Knaben
Ausflüge machte und im Dämmerstündchen schöne Geschichten für Klein-Katrinche
wusste. Da ihr Mann ein nüchterner Fabrikant gewesen war, ging ihr im Verkehr mit
Wendelin eine neue, schöne Welt auf. Nun hätschelte sie den Jüngling, kaufte ihm
geschmackvolle Kleidung, stattete sein Zimmer gemütlich aus, mietete ein
Harmonium und war dankbar, wenn sie unter seiner Leitung darauf üben durfte. Auf
Konzert und Teater abonnierte sie für Wendelin - doch es war auffällig, dass sie
niemals in seiner Gesellschaft hinging - offenbar um dem Gerede der Leute keinen
Stoff zu geben. Wie Wendelin über diese Dinge nachsann, kam ihm der Gedanke, ob
es nicht möglich wäre, der sanften blonden Frau so nahe zu kommen, wie ihm seine
zärtliche Träumerei vorgaukelte. Ob sie nicht vielleicht doch wagen würde, ihn
zu heiraten? Sie war allerdings zehn Jahre älter als er, und - was ihn besonders
demütigte - ein grüner Junge war er, nicht einmal für seinen Beruf vorbereitet.
    Nun beriet er sich mit Frau Senftenberg über seine weitere Ausbildung und
gestand: das Jahr bei ihr sei ihm wie ein Himmel gewesen, aber gerade dadurch
nachteilig für seine wissenschaftliche Ausbildung. Die habe er vernachlässigt,
und das bekümmere ihn. Je lieber er hier weile, desto heisser wünsche er, etwas
Rechtes zu werden.
    Frau Senftenberg war zunächst bestürzt, meinte aber: In ihrem Hause brauche
er nichts anderes zu sein, als er eben sei. Wenn er aber wolle, dürfe er aufs
Gymnasium gehen - sie sei schon zufrieden, wenn sie ihn zuweilen nachmittags bei
den Kindern habe. In stürmischer Dankbarkeit griff Wendelin nach ihrer Hand und
wagte, seine Lippen darauf zu drücken.
    Seit er ein Ziel hatte, arbeitete er planmässig fürs Abiturium. Es kam ihm
vor, als behandle ihn die schöne Frau nun erst recht mit Zurückhaltung. Seine
dunkel treibende Hoffnung loderte auf, als sie einmal sagte: Er brauche
eigentlich kein Abiturium, bei ihr könne er ja Privatgelehrter sein. Dies
einfältige, doch zärtlich andeutende Wort machte ihn verwirrt - einsilbig war
er, in sich gekehrt. Frau Senftenberg schien zu stutzen und zog sich auf ihr
Zimmer zurück.
    Es war nicht möglich, dass zwei jugendfrische, liebebedürftige Menschen so
nahe beieinander wohnen konnten, ohne sinnliche Sehnsucht füreinander zu
empfinden. Dass sie zurückhaltend blieben, lag nur an Bedenken des Verstandes, an
Rücksichten auf die Satzungen der Welt. Die innere Zerrissenheit, an der
Wendelin litt, musste sich nun irgendwie rächen. Es geschah in einer Form, die in
hundert ähnlichen Fällen harmlos bleibt, diesmal jedoch verhängnisvoll wurde.
    Wendelin hatte nach dem Abendessen mit Frau Senftenberg Harmonium gespielt
und sich von ihrer Nähe wie von den Klangwogen in Zärtlichkeit wiegen lassen.
Doch plötzlich wurde sie kühl und verabschiedete sich für den Rest des Abends.
Einsam sass Wendelin auf seinem Zimmer, verdrossen den Kopf in die Hand gestützt.
Da regte es sich hinter ihm - es kam ihm vor, Frau Senftenberg sei
hereingeschlüpft.
    Aber nur das Stubenmädchen war's, das noch etwas in Ordnung zu bringen
hatte. Seinen fragenden Blick erwiderte sie mit schelmischem Schmollen: »Ach Sie
Stuwehocker! Worüm sinn Se denn nit emol e bissche flott?« Sie war ein zierliches
Schlänglein - erst seit ein paar Wochen hier in Stellung, hatte sie für Wendelin
wiederholt ein Lächeln gehabt, als wolle sie ihn ermuntern. Um so leichter liess
er sich jetzt überrumpeln. Sein Blut war erhitzt durch Frau Senftenberg, die
reizte, ohne zu erfüllen. Er war wie ein Sommertag, der zum Gewitter drängt.
    Beklommen blickte er auf die niedliche Minna, die verheissend lächelte. Und
er stammelte: »Flott soll ich? Wie denn?«
    Sie dehnte sich: »J - a! Wat man so - flott nennt! E bissche durchbrenne!
Heut spielt dr Millowitsch Hännesche.« - »Waas? Wer?« - »Awwer Herr Flammer!
Kennt Ihr nit's Hännesche? Dat's ooch jut!« Und Minna lachte ihn aus. Vom
weltberühmten Kölner Puppenteater wusste er nichts - von Millowitsch, der damit
in Düsseldorf gastierte! »Ech lad Sie ein!« meinte sie schelmisch - »heut führe
Sie mich zu Millowitsch! In ner halwe Stond - wenn Frau Senftenberch zu Bett
jejangen is! Abjemacht!« - Wendelin konnte nicht Nein sagen - übrigens verlangte
seine überspannte Natur nach Zerstreuung.
    Minna erwartete ihn an der Strassenecke. Sie hatte sich sein gemacht, war
kaum wiederzuerkennen. Er benahm sich linkisch und wortkarg. Als sie in die
kleinbürgerliche Kneipe traten, wo das Puppenteater gastierte, in den
verqualmten Saal, und als die Ausgelassenheit niederrheinischen Volkes, eine
johlende Witzelei in befremdender Mundart, ihn umschwirrte, war's ihm schon
leid, dass er sich auf diesen Abweg begeben hatte. Das Puppenteater hatte den
derben Titel »Das dreieckige Verhältnis«. War von einer kindischen
Harmlosigkeit: Hännesche, der rheinische Faxenmacher, hat einen Freund »Tünnes«
- das ist einer, der immer möchte, aber nie dazu gelangt. Seiner »Alten«
überdrüssig, unternimmt er eine Extratour mit einer Tänzerin. Gerade will er sie
abküssen, da schneit die Alte herein ins gemietete Gastauszimmer. Der flinke
und schlaue Hännesche rettet die Situation, indem er die Decke vom Tisch reisst
und wie einen Vorhang vor die leichtfertige Schöne breitet: »Nu hüren's! is dat
nu Baumwoll - oder Seide?« Diese einfältige Schlaubergerei entfesselte einen
Sturm von Beifall. Das Beste an der Puppenkomödie war das Zusammenwirken des
Publikums mit den Darstellern. Immerfort rief man übermütige Bemerkungen in das
Spiel hinein, und schlagfertig antwortete Hännesche. Eine dieser witzigen
Improvisationen war der Höhepunkt des Abends, und mit wieherndem Gelächter
verliessen die Stammgäste das Lokal.
    Auch Wendelin und Minna gingen - sie selig aufgekratzt, er von der
ungewohnten Nähe und Vertraulichkeit eines hübschen Mädels verwirrt. Noch zu
ermuntern wusste sie ihn durch eine Flasche Wein in einem Lokal für Liebende. Um
Mitternacht wandelte das Pärchen Arm in Arm über die Promenade, und hier kam es
zu einer Küsserei, der allerersten in Wendelins Leben.
    Als die beiden ins Haus geschlichen waren, standen sie auf Wendelins Zimmer
einander gegenüber. »Un jetz deust do mich aaf - jetz fall ich no owe jon in
mien kaal Stuf, wo de blecke Dachbalke mir ming Eynsamkeit opzeije. Oder nit?«
Dies Evawort entschied - der schwankende Adam fühlte sich hingerissen - und so
kam's, dass er sein Paradies verlor.
    Frau Senftenberg, zufällig in aller Frühe aufgestanden, entdeckte Minnas
Nachtschwärmerei und den Zusammenhang der Dinge. Wendelin, der in einer so
heiklen Lage ganz unerfahren war, verlor den Kopf und verliess sofort das Haus.
    Doktor Habermann, dem er beichtete, kraute sich den Schädel, - wusste aber
keinen anderen Rat, als dass der Sünder eben versuchen müsse, sich irgendwie
durch die dornige Welt zu schlagen. So kam Wendelin nach Berlin - fand hier
Stellung an einer Einjährigenpresse, dann als Korrektor eines Verlags für
wissenschaftliche Werke.
                                       *
    Nachdem Hainlin diese Geschichte vernommen hatte, schwieg er lange. Und nach
einem tiefen Seufzer murrte er:
    »Wie der Ochs am Berg steht unsere Zivilisation vor der Aufgabe, das
Verhältnis der Geschlechter gesund, schön, weise zu gestalten. Weil man sich
keinen Rat weiss, steckt man wie der Vogel Strauss den Kopf in den Sand und lässt
die Dinge laufen. Unser armer Wendelin ist ein Opfer solcher Misswirtschaft. Zur
Scheu vor dem Weibe hat man ihn förmlich gedrillt. Da war der Kaplan - mit dem
pharisäischen Hinweis auf die Mutter, die sich durch uneheliche Kinder
versündikt hab'. Da war verängstigend das Beispiel Pias und Ulis. Endlich die
klösterliche Duckmäuserei. Wie nun Wendelin ins Freie kommt, haust er bei einer
schönen Frau, die ihn hätschelt. Zwei blühende Menschen, für einander
geschaffen, leben familienhaft zusammen, über ein Jahr - aber ihr Schmachten für
einander wagt sich nicht hervor. Natürlich wirkt die flotte Minna hinreissend; so
betäubt Wendelin seine ungestillte Sehnsucht durch ein Surrogat. Und schliesslich
taumelt er in die Arme der Berliner Kellnerin. - Woher nun dieser Unsinn?
Schäbige Interessen und soziale Grillen beherrschen die Herzen - die Meinung von
Hinz und Kunz gilt etwas - Eros, der Genius der Gattung, wird misshandelt und ins
Elend verstossen. In den Schulen wird Plato gebüffelt, sein heiliger Geist aber
gelästert. An Helenas Gewand tüfteln die Pädagogen wie Flickschneider - von der
Göttin haben sie keine Ahnung.«
                                       *
    Nach dieser Aussprache mit dem Musikstudenten vergingen fast zwei Jahre,
ohne dass Hainlin irgend etwas über Wendelin erfuhr. Der Musikstudent war
ausgezogen, ein an ihn gerichteter Brief kam als unbestellbar zurück. Der Zufall
fügte, dass Hainlin, als er einen Konzertsaal verliess, den Musikstudenten traf.
Und der sagte:
    »Ich wollte Sie dieser Tage aufsuchen - habe Nachricht über Flammer -
äusserst traurige. Er ist im Irrenhause.« - Sprachlos starrte Hainlin den andern
an - dieser zuckte die Achsel und seufzte.
    Wendelin Flammer hatte vor Wochen aus Basel geschrieben, als Hörer der
Universität studiere er Matematik und stehe im Begriff, eine Entdeckung
abzuschliessen, die nichts Geringeres bedeute als eine neue Epoche der
Welterkenntnis - es sei die Vernullung der Unendlichkeit. Seine Gemütsverfassung
sei die eines Märtyrers: Er leide an Gehirnfeuerwerk, verzehre sich im Leuchten
gleich einer Kerze - wie das eigentlich schon sein Name andeute: er sei ein
Flammender - und sei bald ausgebrannt.
    Weil diese Schreibweise krankhaft erschien, richtete der Musikstudent eine
Anfrage an Frau Chevalier, wo Wendelin zur Miete wohnte. Die Antwort lautete:
Herr Flammer sei ein guter Mensch, zerrütte aber seine Nerven durch Ueberarbeit
und verschrobene Lebensweise. Die Nacht durch werde studiert, vormittags die
Universität besucht, mittags geschlafen. Neulich habe sich ein Polizist
erkundigt, was für ein Mensch der Flammer sei. Dann habe man ihn in Gewahrsam
nehmen müssen, weil er auf belebter Strasse vor einer Schauspielerin
schwärmerisch aufs Knie gefallen sei. Und des weitern habe er sich auffällig
gemacht durch das Zeitungs-Inserat: »Matematiker, Zahlenmystiker sucht
Aufentalt in einem Kloster, wo man ihn ungeschoren lässt.«
    »Ein Anfall von Tobsucht« - so schrieb Frau Chevalier - »liess es geboten
erscheinen, den armen Menschen in eine Irrenanstalt zu überführen. Um ihn
gefügig zu machen, redeten wir ihm vor, auf sein Inserat habe sich ein Kloster
gemeldet. Nebst einem Wärter begleitete ihn mein Mann nach Zürich und hinauf zum
Burghölzli. Die Aussicht auf den Seee und die fernen Gletscher entzückten den
Irren, dass er singend in die Anstalt einzog. Er hielt sie für das erwünschte
Kloster, liess sich auch nicht warnen durch herausschallendes Gekreisch eines
Wahnsinnigen. Als die eiserne Gittertür hinter ihm klirrend ins Schloss fiel,
zuckte er zusammen und wandte sich um. Meinem Mann ist unvergesslich sein
bestürzter Blick - dann hatten ihn zwei Wärter an den Armen gefasst und führten
ihn ab.«
 
                                    Genossen
Burdinskis Rede in der aufgelösten Versammlung sollte nicht ohne Folgen bleiben.
Er war zum »Molkenmarkt« geladen, wie man die Berliner Polizei wegen ihres
damaligen Standortes nannte. Hainlin, dem er sofort Mitteilung gemacht hatte,
begab sich zum Studenten Neumann, der ja als Entlastungszeuge dienen wollte.
    Neumann wohnte bei seiner Schwester, einer Frau Goldberg - und zufällig
öffnete sie, als Hainlin die Wohnungsklingel gezogen hatte. Eine blasse,
dunkelhaarige, zur Ueppigkeit neigende Frau in einer burgunderroten Haustracht.
Die langwimprigen grauen Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck. Dann
lächelte sie gewinnend: »Ja, mein Bruder ist zu Haus! Bitte!«
    Hainlin trat in den gutbürgerlichen Salon, wo ein Flügel stand. Der nun
erscheinende Neumann begrüsste ihn herzlich und widmete dem Falle Burdinski
lebhaftes Interesse. Bat sich nähere Auskunft über Burdinski aus und sagte: »Ein
genialer Kerl! Uebrigens scheint er nicht mal Sozialdemokrat zu sein - ist wohl
mehr religiöser Schwärmer, so was wie Mystiker, wie?«
    »Er glaubt, dass die Menschheit nicht durch äussere Reform gebessert wird,
sondern durch Revolution der Gesinnung.« - »Verstehe! Aber erlauben Sie mir
einen Rat, Herr Hainlin: Vor allem drücken Sie sich von der Zeugenaussage, bis
die meinige gemacht ist. Ich möchte dem Gang der Untersuchung eine ganz
bestimmte Richtung geben. Diesen Plan dürfen Sie mir nicht verderben. Also
Vorsicht! Dass Sie nicht zu ehrlich sind! Wenn Sie auf der Polizei die
Anschauungen Ihres Freundes schildern, brauchen Sie lieber nicht die Worte, die
Sie eben gesagt haben. Wenigstens nicht genau so! Sondern vertauschen Sie lieber
die Worte Reform und Revolution! Sagen Sie also: Burdinski glaubt, dass die
Menschheit nicht durch äussere Revolution gebessert wird, sondern durch Reform
der Gesinnung. Das ist diplomatisch - der Ton macht die Musik - und Sie können
sich denken, dass die Polizei misstrauisch aufhorcht, wenn man irgend was
Revolutionäres gelten lässt.«
    Neumanns Berechnung erwies sich als zutreffend. Seinem Rate gemäss liess ihm
Hainlin den Vortritt. Wie er nun selber auf der Polizei war, ersah er gleich aus
den Fragen, die der vernehmende Beamte stellte, wie günstig Neumann
vorgearbeitet hatte. Da sich die Auffassung des Polizeileutnants, der eine
Bismarck-Beleidigung konstruiert hatte, durch die anderen Zeugen widerlegen
liess, erklärte ihm der untersuchende Beamte schliesslich: »Diesmal kommen Sie
noch mit einem blauen Auge davon - nur merken Sie sich: Der Knüppel liegt beim
Hund!«
    Immerhin griff dieser Fall bestimmend in Burdinskis Schicksal ein. Der
Schuhfabrikant, bei dem er arbeitete, entliess ihn, - mit der Begründung, ein
Arbeiter, der unter Polizeiaussicht stehe, mache dem Geschäft Ungelegenheiten.
Dass er beobachtet werde, merkte Burdinski an Gestalten, die ihm auflauerten und
verstohlen folgten. Es waren kräftige Männer, anscheinend ehemalige
Unteroffiziere, und auf sie passte, was ein Bekannter Burdinskis, der Buchdrucker
Glaser, von den Polizisten in Zivil behauptete: An ihren Stiefeln lassen sie
sich erkennen - diese seien militärisch blank und seien plumpe Kommissstiefel,
wie sie eben zum Dienst geliefert werden - deshalb habe solch ein Spitzel was
mit dem Pfau gemeinsam: er werde verlegen, wenn man ihm scharf auf die Füsse
sehe.
    »Menschenskind!« - sagte Glaser zu Burdinski - »willst du jetzt 'ne seine
Stelle haben, so komm mit zu Frau Klein. Die hat 'n Schusterkeller in der
Linienstrasse - ihr Mann, juter Jenosse, is ausjewiesen - nu führt sie det
Jeschäft mit ihren ollen Jesellen. Der aber will jetzt nach Dresden. Also nimm
du die Stelle, Mensch!«
    Burdinski ging mit Glaser hin. Die dunkle Kellerwerkstatt war elend, aber
Frau Klein, eine zierliche Blondine, hatte etwas Rührendes und wusste darzulegen,
dass sich aus dem Geschäft etwas machen lasse. Sinnend sah Burdinski Frau Klein
an, treuherzig erwiderte sie den Blick, und er beschloss, den Versuch zu wagen.
    Von Glaser, der mit dem Schuster Klein freundschaftlich verkehrt hatte,
erfuhr er Näheres über dessen Ausweisung. Vorigen Sommer hatten zehn
Sozialdemokraten, Führer des geheimen Zentralkomitees, von der Polizei den
Befehl erhalten, innerhalb dreier Tage die Stadt zu verlassen. Am Anhalter
Bahnhof, wo die Abreise erfolgen sollte, waren nicht bloss ihre Frauen und Kinder
zum Abschied erschienen, sondern auch ein paar hundert Genossen, geschmückt mit
rotem Schlips und roter Nelke. Unter Händeschütteln wurden Herzensworte
gewechselt und Liebesgaben überreicht - die Ausgewiesenen dankten bewegt und
mahnten zum Ausharren für die gerechte Sache der Arbeiter. Das geschah in den
Wartesälen vierter und dritter Klasse, die natürlich reichlich besetzt waren.
'Ein paar Anwesende mit roten Abzeichen hatten sich durch Horchen oder durch
aufreizende Redensarten in den Verdacht gebracht, »Achtgroschenjungen« zu sein:
billig bezahlte Spitzel.
    Plötzlich erscholl das Kommando eines behelmten Polizeileutnants: »Ich
fordere die Anwesenden auf, sofort die Wartesäle zu verlassen!« Alles
verstummte, dann ging Murren los:
    »Na nu? Sachte! Will erst mein Bier austrinken! Kellner, zahlen!« Doch schon
begannen die Schutzleute ihre Arbeit. Sie packten und pufften. »Wird's bald?
Raus!« Kein Wunder, dass Widersetzlichkeiten vorkamen: »Nich anfassen! Wat
erlauben Sie sich! Kommisslümmel!« Eine Weiberstimme kreischte, Säbel blitzten,
mit geschwungenen Gummischläuchen trieben die Schutzleute die Menge vor sich
her. Die Frau eines Ausgewiesenen, die mit ihrem Manne noch Abschiedsworte
wechseln wollte, wurde an den Haaren herausgeschleift. Männer wurden geschlagen
und am Kragen weggeschleppt.
    Aber die Menge liess sich nicht beseitigen - sie wimmelte durch die
Bahnhofshalle, drängte auf den Bahnsteig, wo der Zug bereitstand - ein paar
hundert Fahrkarten waren gelöst, von solchen, die den Ausgewiesenen noch Geleit
bis Luckenwalde geben wollten. Bei der Ueberfüllung des Zuges mussten die
Bahnbeamten Wagen anhängen. So entstand Aufentalt, neue Gelegenheit für viele,
ihre Herzlichkeit auszudrücken sowie ihre Entrüstung. Fortwährend erfolgten
Verhaftungen, sie bedeuteten weitere Ausweisungen.
    Als der Zug in Bewegung kam und die Menge mit den Abfahrenden, die aus den
Fenstern winkten, letzte Grüsse tauschte, erscholl die Melodie: »Heil dir im
Siegerkranz« - die gesungenen Worte aber lauteten bloss: »Nicht Ross, nicht
Reisige sichern die steile Höh', wo Fürsten stehn.«
    Das Nachspiel war ein Prozess, der zu Ausweisungen führte und zu bitteren
Gefängnisstrafen. Jene Frau, die den Abschied von ihrem Manne nicht dem Kommando
entsprechend genommen hatte, erhielt vier Monate Gefängnis. Um zur Roheit noch
die Gemeinheit zu gesellen, boten Polizisten den Ausgewiesenen Geld für
Verräterei an. Mancher Arbeiter wurde aus Angst vor drohender Ausweisung ein
Spitzel.
    Dieser Bericht, den Glaser gab, war geeignet, Burdinskis Hilfsbereitschaft
noch anzuspornen. Nun er eine sittliche Aufgabe fühlte, arbeitete er freudig,
obwohl der Schusterkeller ein trüber Aufentaltsort war. Sonnenschein brachten
ihm Frau Kleins Kinder, der fünfjährige Fritz und das jüngere Mariechen. Ihr
Geplauder war ihm traulich, wenn er seinen Pechdraht zog oder auf die Sohlen
hämmerte. Ein Uebriges taten das schnurrende Kätzchen und der Kanarienvogel, der
bei Geranienblüten am Fenster schmetterte.
    Frau Klein, die mit dem Haushalt, mit Austragen oder Holen von Stiefeln und
sonstiger Kundenbedienung zu tun hatte, sprach gern mit Burdinski nach dem
Abendessen. Ihr Mann, erzählte sie, sei anfangs nach Luckenwalde gegangen, aber
durch Nachfragen der Polizei um seine Stelle gebracht. Sei dann in Leipzig von
neuer Ausweisung betroffen, desgleichen in Hamburg. Endlich in Stellung auf
einem Ueberseedampfer, mache er allerlei Lederarbeiten. Für seine angegriffene
Lunge sei die Seeluft gut - neulich habe er hundert Mark für die Sparkasse
geschickt. Es sei bloss traurig, dass er gar nicht wiederkommen dürfe, nicht mal
zum Besuch. Ihm aufs Schiff zu folgen, sei wegen der Kinder nicht angängig.
    Die kleine Hausgemeinschaft, zu der noch der Lehrjunge Maxe gekommen war,
lebte in musterhafter Ordnung, und das Einkommen besserte sich derart, dass Olga
Klein, die als Frau eines Ausgewiesenen von der heimlichen Parteiorganisation
eine Unterstützung von dreizehn Mark wöchentlich erhielt, sich mit neun begnügen
wollte.
    Sonntags ging Burdinski mit Frau Klein aus, und die Kinder wurden
mitgeschleppt. Selten freilich kam man weiter als bis zum Pappelplatz, einem
Anger, wo alltags die Soldaten übten. Fritz und Mariechen wühlten dann im Sand,
und Burdinski las der strickenden Frau aus einem Buche vor. Es geschah auch, dass
sie ein kleines Gartenlokal der Schönhauser Allee aufsuchten, zu dem die
Inschrift einlud: »Hier können Familien Kaffee kochen«. Das braune Pulver, das
Frau Klein nebst Zucker mitgebracht hatte, wurde für ein paar Nickel aufgebrüht,
und angeregt vom duftigen Getränk, hatte man eine behagliche Stunde zwischen
grünem Gesträuch.
    Auch Hainlin war ein paarmal dabei - in seinen Aufzeichnungen ist ein
Ausflug zum Schützenhaus beschrieben. Glaser hatte dazu eingeladen - feiern
wollte er, dass er sich als Geschäftsmann etabliert hatte. Ein kleiner Kapitalist
namens Ahlert hatte eine Druckerei gekauft und Glaser zum Kompagnon genommen.
Dieser war nicht bloss ein tüchtiger Werkführer, sondern hatte auch Ersparnisse.
Neben dem Schützenhaus hatte ein Genosse namens Patzke einen gepachteten Acker,
und da sollte Erntefest sein.
    Nachdem nun die Männer im Schützenhaus Kegel geschoben, die Frauen Kaffee
gekocht, die Kinder sich getummelt hatten, ging's hinüber in Patzkes Laube, wo
ein Achtel Bier aufgelegt war und Papierlampen ihr buntes Licht in die
Abenddämmerung streuten. Patzke, der sich Rechtskonsulent nannte, erzählte
prahlerisch von schlauen Ratschlägen, die er prozessierenden Genossen gegeben
habe. Und wandte sich an Glaser: »Weesste, Fritze, dein Ahlert hätte mich zum
Kompagnon nehmen sollen.
    Ei waih, würden wir Jeschäfte machen! Spass beiseite! So eener als wie icke,
der fehlt eich! Eenen Koofmich müsst ihr haben, der Koofmich is heitzutage die
Seele von't Janze. Aufträje würd' ick eich beschaffen. Vabindungen ha' ick -
Menschenskind! Ick jeh' morjen zu Ahlerten.« - »Nu hört aber uff mit's
Jeschäft!« sagte ein Genosse. - »Ilaser soll seine Jedichte vorlesen! Er hat
welche mit - seine Sachen - zum Quietschen ulkig!« Glaser lächelte, rückte dann
heraus mit Spottversen auf Bismarck, Stöcker und andere Zeitgenossen.
    Vom Beifall, den dies Talent fand, fühlte sich Patzke angespornt, auch
seinerseits zu glänzen. Er gefiel sich in der Rolle des lustigen Schwerenöters,
brachte die Männer durch Berliner Redensarten zum Lachen und schäkerte mit den
Weibern. Für Frau Klein hatte er besondere Aufmerksamkeit - seinen gepflegten
Schnurrbart streichend, nannte er sie: »Schöne Frau«. Er benahm sich, als ob er
Unteroffizier, dann Coupletsänger gewesen wäre. Glänzte mit komischen Versen,
die er halb singend im Kehlkopfbass deklamierte:
»War wohl wer in der Welt so frech
Als der Bürgermeister Tschech? ...
Selbst die brave Landesmutter
Schoss er durch das Unterfutter.«
    Dies Attentat auf eine königliche Equipage gab Anlass zu Bemerkungen über
Hödel und Nobiling. Patzke rühmte sich, bei einem Arbeiterfeste die Ballade von
den zwei Grenadieren so vorgetragen zu haben, dass es nicht heisst »Mein Kaiser,
mein Kaiser gefangen«, sondern »Mein Kaiser, mein Kaiser muss hangen«.
    Grimmes Gelächter - Patzke liess sich bestaunen wegen seiner Waghalsigkeit.
Und dann sang man Lieder aus einem verbotenen Buche. Nach französischer
Operettenmelodie:
»Wir sind die Petrolöre,
Das sieht uns jeder an.
Drum tun wir alle Ehre
Dem Petroleum an.
Und weil es schön zu brennen ist
Und uns viel Licht verschafft,
So sei Petrol zu dieser Frist
Des Armen Lebenssaft.
Hie Petroleum, da Petroleum,
Hei! Petroleum um und um!
Lasst die Humpen Frisch vollpumpen!
Dreimal hoch Petroleum!«
    Frau Klein hatte ihre Kinder zum Aufbruch gerüstet. Burdinski nahm Mariechen
auf den Arm, Glaser wollte den Knaben tragen. - Hainlin atmete auf, die
Gesellschaft war ihm peinlich. Mit kühlem Gruss verabschiedete man sich und ging
schweigsam die vom Mond beleuchtete Landstrasse.
    Glaser begann: »Weesste, Burdinski, woran mir Patzke erinnert? An det
Sprichwort: Trau, schau, wem! Mancher, der so 'ne Lippe riskiert, is 'n Fauler!«
    Burdinski überlegte, ehe er antwortete: »Du mäinst, ein Polizeispitzel? Wer
wäiss! Schlimm is jedenfalls, dass sich der Arbäiter beäinflussen lässt von so 'nem
jrossmauligen Radikalinski. Ueberhaupt bejäistert sich der Proletar für alles,
was ihm radikal vorkommt - darunter versteht er, was die Kampfläidenschaft
anstachelt.« - Glaser schwankte, ehe er antwortete: »Von Hetzern wie Patzke will
'k nischt wissen. Aber - radikale Kampfhähne brauchen wir Arbeeter - weil wir
ebent im Kampfe stehn - im Klassen kampfe!«
    »Die äine Klasse wollt ihr mobil machen jejen die andere, Hass jejen Hass -
Jewalt jejen Jewalt. Un so wollt ihr Jewalt un Hass besäitigen?«
    »Wat sollen wir sonst machen?« - »Was sonst? Bloss äine Macht bringt uns
vorwärts: Verstandnis für äinander, Mitjefühl. Hinäinleben muss man sich in die
Natur, in die andern Jeschöpfe; so mäinen's die alten Inder, wenn sie sagen:
Alles bist du! Un dasselbe mäint der Barchpredijer: Liebe däinen Nächsten wie
dich salbst!«
    »Dann wären wir also« - spottete Glaser - »jlücklich wieder bei die olle
Kirche anjelangt, bei Stöckern un Konsorten.« - »Näin!« erklärte Burdinski -
»die Kirche, wie wir sie haben, is was andres! Die Kirche is läider auch 'ne
politische Orjanisation - Staatskirchentum is 'ne Art Klassenkampf - Ejoismus,
Jewalt - den Teufel soll man nich mit Beelzebub austreiben wollen - bloss das
ewije Licht kann uns helfen. Erst wenn der Sozialismus nichts will als das ewije
Licht, erst dann is er echt!«
    »Mensch, was du da redest, is wat für Schillern un Joeten, aber nich für
unsern Arbeeter.« - »Kann säin!« seufzte Burdinski - »un das is die schlimmste
Not der Arbäiter, dass ihnen so was zu hoch vorkommt. Mehr aus Materialle denken
se. Den Läib möchten se pflejen wie die Bourgeois - un beherzijen nich, dass der
schlimmste Mangel ihrer Klasse der jäistige is. Du saachst, höheres Menschentum
wäre bloss was für Schiller un Joete. Das is eben das Traurige: die Kluft
zwischen dem Massenmanschen un den anderen, die bäi Schiller un Joete stehn.
Brücken über die Kluft soll man bauen!« - »Ja, Brücken bauen!« meinte Glaser
bitter - »bau du mal Brücken unterm Sozialistenjesetz! Deine Schwärmerei fürs
Jeistige will ick jewiss nich stören - aber vereinzelte Uffjeklärte, wie du,
erreichen nischt! Dazu brauchen wir Orjanisation, Klassenkampf. Sonst knüppelt
die Pollezei die janze Freiheitsbewejung nieder. Un denn is all der scheene
Jeist futsch, den Joete un Schiller, Lassalle un Marx leuchten lassen - un uff
deine Kultur prätzelt sich der Jeldsack ruff un erstickt se.«
 
                                    Spitzel
Wie eine stille Wasserfläche, die das Uferschilf und den Himmel spiegelt,
aufgewühlt wird, wenn ein Hund hineintappt, so wurde Burdinskis Beschaulichkeit
plötzlich gestört. Eines Sonntags, während er zum Besuch bei Hainlin war,
erschien im Schusterkeller eine verschleierte Dame. Erst redete sie von
Stiefeln. Dann begann sie: »Und wie geht es Ihrem Manne? Er is ja woll in
London? Nich? Schade! Wenn er in London wäre, hätt' ich lohnende Arbeit für ihn.
Mein Mann is nämlich Journalist un hätte gern schriftliche Berichte über
Arbeiterbewegung un Politik. Stilisiert brauchen se nich zu sein, das besorcht
mein Mann hinterher. Es genügt, wenn angegeben wird, welches die Führer sind -
ich meine auch so Genossen, wo 'ne kleine Rolle spielen. Un was man so denkt und
treibt in den Bezirken. Bloss Materialien braucht mein Mann - die verarbeitet er
für Zeitungen. Die Sache wird nich schlecht bezahlt - un Ihr Mann würde sein
Teil abbekommen - so'n Stücker dreissig, vierzig Emmchen für nen ordentlichen
Bericht. Was meinen Sie? Und wenn Sie selber, Frau Klein, solche Berichte
machten? Auch mündlich könnten Sie se mir geben.«
    Erstarrt hatte Frau Klein zugehört: »Ich? Wa - was soll ich?« - »Aber warum
denn nich? Sie werden das schon machen. Und ein Stück Geld verdienen. Bloss vor
Burdinskin müssen Sie reinen Mund halten. Vorläufig wenigstens - solange wir
seiner nich sicher sind. Später, wenn wir ihn bekehrt haben, kann er selber
Berichte schreiben. Das wäre ein Mitarbeiter für meinen Mann! Dann wird es Ihnen
gut gehn. Wir richten Ihnen 'ne Stehbierhalle ein - da können die Genossen
verkehren, un was Sie Interessantes hören, wird notiert, für meinen Mann. Na
sehn Se, so hätten Sie 'n feines Leben - und wenn Se wollen, geb' ich Ihnen 'ne
kleine Anzahlung.«
    Nun hielt sich Frau Klein nicht länger: »Was? Sie wollen mich zum Judas
machen? Raus! Auf der Stelle raus! Die Stiebel schmeisse ich Ihnen ins Jesichte,
Sie Jiftschlange!« - »Aber, Frau Klein! Was erlauben Sie sich? Sie haben es,
wie's scheint, noch nich nötig. Na warten Se man! Aus der Hand fressen Se uns
noch!« Und naserümpfend machte sich die Dame fort.
    In wilder Erregung war Frau Klein, als sie dem heimgekehrten Burdinski
berichtete. Bleich stand er da, seine Lippen bebten. Glaser, der nach Tische kam
und die Geschichte hörte, lachte bitter: »Da hast du's, Burdinski! In dein
Wolkenkuckucksheim steckst du den Kopp - un wenn hier unten Jiftnattern
schleichen, so saachst du: Kinder, keenen Kampf, keene Jewalt! Bloss das ewije
Licht kann uns helfen! Proste Mahlzeit, du Schwärmer!« - Burdinski nagte an der
Unterlippe.
    Es sollte aber noch ärger kommen. Nachdem der Schusterkeller, wie zu merken
war, ein paar Wochen von Aufpassern umlauert worden war, erschien ein
Wachtmeister mit zwei Schutzleuten. Haussuchung wollten sie veranstalten, nach
verbotenen Schriften. »Rücken Se man raus damit! Wir wissen ja doch, dass Sie die
Londoner Freiheit vertreiben - ja, Sie, Burdinski! Tun Se nich so unschuldig!
Sie sind von die Mostsche Sorte! Der lässt sein Blatt von Hamburch aus an hiesige
Vertrauensleute schicken. Heute sind hier Exemplare einjetroffen - heraus
damit!«
    Burdinski zuckte die Achseln. Frau Klein leugnete - zornbebend berichtete
sie dann die Geschichte von der verschleierten Dame. Der Wachtmeister sah sie
gross an und schwieg. Alle Winkel liess er durchwühlen, Schränke und Kästen, Küche
und Betten, sogar die Stiefel, die zur Reparatur lagen. Schliesslich erklärte er,
zur Leibesvisitation schreiten zu müssen: »Wir wissen, hier ist heute ein Brief
aus Hamburg abgegeben - wo ist er? Wo?« - »Ein Brief?« antwortete Frau Klein.
»Wenn's weiter nichts ist! Das hätten Sie eher sagen können, dann wäre die ganze
Kramerei erspart geblieben.« Und aus ihrem Täschchen zog sie den Brief, den der
Briefträger vor einer Stunde gebracht hatte: »Von meinem Mann, der is auf 'nem
Schiff beschäftigt - er schreibt, dass er gerade eine Fahrt nach Norwegen hinter
sich hat.«
    Das dargereichte Schreiben las der Wachtmeister: »Es waren aber auch
Schriften im Kuvert - wo sind die?« - »Schriften im Kuvert? Nee! Aber ein paar
Bilderbogen - damit will mein Mann den Kindern 'ne Freude machen - hier liejen
se - un vorhin haben Sie se anjesehn.« Es waren Buntdrucke: Lappländer mit
Zelten, Schlitten mit Renntieren. An der Faltung des Papiers sah man deutlich,
dass die Bilderbogen im Kuvert gewesen waren. Der Wachtmeister machte ein
verlegenes Gesicht und zog mit seinen Leuten ab.
    Die Lage der Dinge wurde wie durch Blitzlicht aufgehellt, als gegen Mittag
derselbe Postbote, der den Brief mit den Bildern gebracht hatte, einen zweiten
Brief abgab, der war an Burdinski adressiert. Schon wollte Frau Klein dem
Postboten ihr Herz ausschütten, als sie einen Blick von Burdinski auffing, der
Schweigen gebot. Als nun der Briefträger gegangen war, brach Burdinski
Entrüstung los: »Jemäinhäit!! Olja! Wie niederträchtich is diese Welt! Hier
nämlich sind die Schriften, nach denen die Polizeistrolche jesucht haben -
äinfach zu spät is diese Sendung anjelangt, in dem ersten Brief aber, der heute
früh hier abjejeben is, hat die Polizei die verbotenen Schriften vermutet. Er
kommt auch aus Hamburch. Jetzt is bloss die Frage: Wer hat ihn abjeschickt? Ich
habe die Ahnung, dass man uns was Strafbares zuschieben will. Schurken,
Schurken!« Burdinski knirschte mit den Zähnen und schüttelte die Faust.
»Verderben wollen se uns - zu Verbrechern stempeln! Vielläicht hat doch Ilaser
recht: Zertreten soll man dies Jiftgewürm, zertreten!«
    Obwohl Frau Klein dafür war, die Schriften sofort zu verbrennen, konnte sich
Burdinski nicht dazu entschliessen. Dies Verbotene war ihm interessant. Ja, wie
eine Sünde kam's ihm vor, Druckpapier zu vernichten, dem Freiheitskämpfer ihre
Sehnsucht anvertraut hatten. »Wer wäiss, ob nich jrade da 'ne Wahrhäit steht!«
    »Aber hier dürfen die Sachen nich bleiben,« sagte Frau Klein - »die Strolche
könnten ja noch mal suchen. Sofort bring' ich die Schriften zu Ilasern.« Und
schon hatte sie ihr Umschlagtuch um, tat die verbotenen Schriften in ihren
Handkorb und ging. - Nicht lange, so war sie zurück. Glasern hatte sie
angetroffen. Ueber die Geschichte wär' er fuchsteufelswild. Die Schriften hätt'
er in einem Versteck untergebracht. Im Hinterhause die Sargschreinerei gehöre
einem Genossen. Da sei die »Freiheit« versteckt: in einem Kindersarge.
    Als der Briefträger wieder mal kam, sagte Burdinski: »Na wissen Se, Ihr
Postjehäimnis is fouler Zouber!« Der Beamte antwortete mit langsamem Kopfnicken:
»Unser eens sieht manches - muss aber's Maul halten.«
    Wenn Burdinski zu Glaser ging, lasen die beiden in den Londoner Schriften
und suchten zu verstehen, wie sich Most die Freiheit denke. »Wenn Anarchie
Herrschaftslosigkeit heesst,« - sagte Glaser zu Burdinski, »dann bist du ooch 'ne
Art Anarchist. Un ick wär' ooch dafür, wenn ick nich sähe, wie weit die Menschen
noch davon ab sind, aus freien Stücken Ordnung zu halten. Rejiert müssen se
werden. Bei de Engels, da wäre Anarchie am Platze. Uff Erden braucht man immer
noch 'ne Knute. Bloss det wir Arbeeter nich länger unter die Knute sein wollen,
selber wollen wir se schwingen - fürs erste mal den Kapitalistenstaat
abschaffen. Und heite abend, Burdinski, kommste mit in meine Iruppenvasammlung.«
Wie Glaser nun auseinandersetzte, waren die Wahlkreise von Berlin heimlich in
Bezirke gegliedert, diese in Gruppen. Glaser war ein Gruppenhauptmann. Und heute
sollte ein Akademiker einen Vortrag in der Gruppe halten.
    Burdinski ging mit Glaser, doch trennten sie sich am Andreasplatz, wo die
Sitzung in einer Privatwohnung stattfinden sollte. Sie taten das aus Vorsicht,
um nicht einem Spitzel aufzufallen. Im Hinterhaus, vier Treppen hoch, wohnte der
Schlossergeselle, bei dem die Versammlung war. Die Stube war voll Menschen,
zwanzig mochten es sein, auch ein paar Frauen waren dabei. Zuerst wurden
geschäftliche Sachen erledigt, Gelder gezählt, verbotene Schriften ausgegeben
und Bons zur Unterstützung der Ausgewiesenen.
    Dann hatte Genosse Steinhauer das Wort, ein Buckliger in ärmlicher Kleidung,
er hatte Chemie studiert. In fünfzehn Jahren - so führte er aus - werde die
sozialistische Bewegung derart angewachsen sein, dass es zum Kampfe mit dem
Staate komme. Friedlich könne die Sache unmöglich verlaufen - Bismarck,
Puttkamer und Konsorten seien darauf aus, das Proletariat zur Verzweiflung zu
treiben. Unerträglich mache man ihm das Leben. Die Regierung verfolge offenbar
den Plan, die Arbeiter zu provozieren, dass die Revolution vorschnell ausbricht -
um sie dann niederzukartätschen.
    Eine Bewegung ging durch die Versammlung, und einer rief: »Wir dürfen uns
eben nich provozieren lassen! Das sagt auch Liebknecht!« - Steinhauer wusste den
Einwurf sofort zu parieren: »Und recht hat Liebknecht - vor der Zeit dürfen wir
uns nicht provozieren lassen - das bekäme uns schlecht. Aber wenn die Partei ein
paar Millionen tüchtige Genossen hat, dann ist es Zeit, loszuschlagen. Die
Frucht muss reif sein, dann fällt sie vom Baum. Aber dann soll man sie säuberlich
aufheben, dass sie nicht zertreten wird. Seht, Genossen, auf diesen Zeitpunkt
müssen wir uns vorbereiten. In der Oeffentlichkeit gilt es, die Revolution zu
bremsen, damit sie nicht hervorbricht - in der Stille aber müssen wir rüsten,
damit uns die Stunde der Entscheidung nicht überrumpelt.«
    Nach dieser Einleitung, die beifällig aufgenommen wurde, ging Steinhauer zu
einem Kapitel über, das er revolutionäre Kriegswissenschaft nannte. Von Dynamit
war die Rede, von Handbomben und vom Stinkgase Kakodyl. Die Bereitung und
Anwendung solcher Mittel wurde dargelegt und durch Zeichnungen erläutert.
    Patzke, der zu Beginn des Vortrags noch Geschäftliches zu erledigen hatte,
ergriff das Wort und schilderte, wie die Revolutionäre gegen die Berliner
Kasernen vorzugehen hätten. Mit einem Schlage müssten die Dächer der umliegenden
Strassen besetzt werden - dann seien die Soldaten in der Mausefalle.
    Auch von Kniffen war die Rede, mit denen man den Spitzeln ihr Handwerk sauer
machen könne. Patzke witzelte, er werde zurzeit wie ein General behandelt: Vor
seinem Hause hab' er nämlich 'nen Doppelposten, und wenn er ausgehe, folge ihm
seine Leibwache. Aber diese Faulen hätten keinen leichten Dienst; er sei nämlich
Dauerläufer und mache sich anheischig, jedem Verfolger zu entwischen oder ihn zu
»versetzen«. Neulich habe er sie tüchtig herumgehetzt. Um ihnen zu entweichen,
sei er auf die Pferdebahn gesprungen, und nun hätten die Faulen rennen müssen.
Von einer Pferdebahn zur andern sei es so gegangen - und dies Verfahren biete
den Vorteil, dass der Ausreisser sich ausruhen kann, die Verfolger aber abgemattet
werden. Sobald ihnen eine Haltestelle Gelegenheit gibt, wieder nahe zu kommen,
müsse der Ausreisser sofort auf 'ne andre Pferdebahn springen. Endlich sei den
Faulen die Puste ausgegangen, und sie hätten die Jagd aufgegeben. Ein paar Tage
später sei ihm einer von ihnen auf der Strasse begegnet. »Na, Herr Polizeirat?
sage ick - wie wär's? Solln wr wieder mal 'n kleenet Hindernisrennen riskiern?
Da macht der Faule 'n wildet Jesichte und schnauzt: Mensch, Sie haben mir 'ne
richtije Herzerweiterung beijebracht! Wenn Sie doch endlich mal ausjewiesen
wären! Fünf Pullen Kognak jeb' ick zum besten.«
                                       *
    Solche Spitzelabenteuer hatten etwas von einer Seiltänzerei, die wie ein
Spiel aussieht und auch gewöhnlich harmlos abläuft - bis mal ein Unfall
geschieht.
    Derselbe Briefträger, der die verbotenen Schriften gebracht hatte, kam
morgens in den Schusterkeller, wo Burdinski an der Arbeit sass, während der
Lehrjunge Stiefel austrug: »Nich wahr, Herr Burdinski? Sie sind dem Buchdrucker
Ilaser sein Freund? Na, denn sagen Sie ihm, mein Kolleje, wo die Pakete
austrächt, bringt ihm morjen ein jefährliches - da is nämlich Schweizerkäse
drin.« - Burdinski stutzte: »Schweizerkäse?« Er wusste: das bedeutet die
verbotene Züricher Zeitschrift »Der Sozialdemokrat«. - »Ja, Schweizerkäse!« fuhr
der Briefträger fort - »un was das Schlimme is: die Pollezei weiss es - un hat
vor, die Schriften un zujleich den Empfänger abzufassen. Also muss man vorbeujen!
Warnen Sie Ilasern! So, Burdinski! Ick habe mein Jewissen erleichtert; aber nu
sorjen Se, det ick keene Nackenschläge krieje. Bloss Ilaser un Frau Klein, keen
andrer darf wissen, det ick jepfiffen habe.«
    Weil Burdinski besorgte, er könne beobachtet werden, schickte er Frau Klein
zu Glaser. Als sie wieder zurück war, sagte sie, Glaser wolle ein seines Ding
drehn, um die Polizei auch noch zu foppen.
    Die Sache entwickelte sich nun folgendermassen: In der Tat erhielt Glaser ein
Paket, versiegelt, mit Wertangabe. Es kam aus Danzig, der Absender gab sich für
einen Seiler aus und hatte als Inhalt »Seilerware« bezeichnet. Glaser öffnete
mit Vorsicht, um die Paketülle möglichst wenig zu beschädigen. Das Bündel
Zeitschriften nahm er heraus und brachte es sofort in Sicherheit beim Nachbar
Sargschreiner. Zurückgekehrt, tat er in die Papierhülle etwas hinein, das an
Form und Gewicht den herausgenommenen Schriften ungefähr gleichkam, und so war
das Paket äusserlich wiederhergestellt. - Die Polizei erschien weder am ersten
noch am zweiten Tage. Sie lauerte draussen, denn Glaser beobachtete verdächtige
Gestalten. Am dritten Tage nahm er das Paket unter den Arm und ging aus. Er
merkte, dass ihm Spitzel folgten, tat aber harmlos und ging in die Gartenhalle
der Brauerei Pfefferberg. Hier waren Genossen zu einer Tafelrunde beisammen -
fragend waren ihre Blicke auf Glaser gerichtet, und wie er mit einer
Kopfbewegung auf die herumlungernden Spitzel aufmerksam machte, schmunzelte er
verstohlen. »Da wäre nu der Käse!« sagte er laut, das Paket auf den Tisch
werfend. Die Genossen beugten sich darüber, es wurde geöffnet, und freudiges
Johlen begrüsste den Inhalt.
    »Halt!« schnauzte da eine Polizeistimme - »keiner rühre sich von der Stelle!
Und her mit dem Paket!« - »Nanu?« murrten die Genossen, und Glaser trumpfte laut
auf: »Für den Inhalt sind nich wir verantwortlich, sondern der Absender, der den
Strick geschickt hat.« - »Strick?« fragte der Polizeibeamte. Im Pakete war
allerdings ein Strick, dazu ein Holzklotz. »Un hier is noch wat Jeschriebenes!«
sagte Ilaser und las laut vor:
»Dem Judas gebt die Silberlinge,
Dazu den Klotz und diesen Strick -
Den Klotz zur Fussbank - und die Schlinge
Um sein verfluchtes Strolchgenick!«
    Das Hohngelächter, in das die Genossen ausbrachen, mochte der Polizei wie
Rachegeheul in die Ohren gellen. Der führende Beamte bekam einen roten Kopf. Um
seine Autorität zu retten, beschlagnahmte er das Paket und erklärte, das weitere
werde sich finden. Die abziehende Polizei musste spitzige Bemerkungen über sich
ergehen lassen, und die zechenden Genossen sangen:
»Mang uns mang is keener mang,
Der nich mang uns mang jehört!«
    Die Exemplare des Züricher »Sozialdemokraten«, die im Sargmagazin versteckt
waren, liess Glaser liegen, bis er glaubte, nicht mehr scharf beobachtet zu
werden. Dann fuhr aus dem Tore des Hauses ein Handwagen mit einem Kindersarge,
und niemand ahnte, dass darin die verbotenen Schriften seien.
    Burdinski hatte sich bereit erklärt, in einem bestimmten Hausflur den Wagen
zu erwarten, aus dem Sarge die Schriften zu nehmen und fünf Genossen zu
überbringen, die im Volkskaffeehaus Stralauer Strasse warten sollten. Als Frau
Klein von diesem Plane erfuhr, machte sie geltend, die Aufpasser, die noch immer
den Schusterkeller im Auge hätten, könnten ihm nachschleichen. Lieber wolle sie
selber die Sache ausführen. Ein Paar Stiefel wolle sie tragen, als ob sie
Kundenbesuch mache. Ihr zu folgen, erscheine den Spitzeln längst als verlorene
Mühe. Burdinski fügte sich dem Vorschlage.
    Die Sache ging so weit gut, dass Frau Klein im bezeichneten Hausflur die
Schriften empfing und ins Volkskaffeehaus brachte, wo die Genossen harrten. Als
jeder sein Paket erhalten hatte, erhoben sich drei Pferdebahnkutscher, die an
einem Tische Karten gespielt hatten, und erklärten die Gesellschaft für
verhaftet. Rollenden Auges stand Frau Klein da und sagte schneidend: »Verhaftet?
Wer sind Sie überhaupt? Lassen Sie Ihre Hundemarke sehn!« - »Frechdachs!«
knurrte einer der Beamten und zeigte sein Stück Blech.
    Die Verhafteten wurden mit dem grünen Wagen nach Moabit befördert, ins
Zellengefängnis - ein böser Prozess war zu erwarten. Burdinski war trostlos -
lieber wär's ihm gewesen, selber verhaftet zu sein, als die Frau, die er von
Herzen gern hatte, in Gefangenschaft zu wissen und das Klagen der Kinder zu
hören. Etwas leichter wurde ihm, als Frau Ahlert bat, ihr die Kinder ins Haus zu
geben - und als dann von Frau Klein folgender Brief kam:
 
            »Lieber Burdinski!
    Es geht mir gut, ich erhole mich in der Ruhe hier, und nun bin ich froh, dass
die Kinder versorgt sind. Tu mir den Gefallen, Dich nicht zu bekümmern. Tröste
Dich mit Deinen Büchern! Wir haben beide ein gutes Gewissen.«
 
                                Hainlin heiratet
Spielten sich diese Schicksale im Kreise der Genossen ab, mit denen Hainlin
Umgang hatte, so ging an einer andern Stelle seines Horizonts der Stern auf, der
ihn fesseln sollte. Im Konzertaus Bilse sah er unterm Publikum Neumann nebst
Schwester, und als er ihnen an der Garderobe begegnete, kam es zu einem
Gespräch, das beide Teile gern fortgesetzt hätten. Hainlin war einverstanden,
als Neumann vorschlug, mitsammen in die Griechische Weinstube zu gehn.
    Neumann benahm sich freundlich und burschikos, seine Schwester als stille
Beobachterin, doch liebenswürdig. Der Reiz ihres Körperbaues wurde noch gehoben
durch das dunkelseidene, mit Rot verbrämte Gewand. Im kühn geschlungenen
Braunhaar glühte ein Granatschmuck. Die Farbe des sanft gerundeten Gesichts
erinnerte an gelblichen Marmor, nur dass die Wangen von zarter Röte durchhaucht
waren. Verstohlen betrachtete Hainlin das hellgraue Auge, das durch den Schleier
dunkler Wimpern rätselhaft wirkte. Es ähnelte einem Waldsee, aus dem eine Nixe
lugt und lauscht.
    Von dem Pianisten, der hinreissend gewirkt hatte, ging das Gespräch zu Chopin
über, und Neumann machte die Bemerkung: »Chopin? Mit dem treibt meine Schwester
Götzendienst. Spielt ihn aber nicht übel - das muss ihr sonst mäkelnder Bruder
anerkennen.« Hainlin verhehlte nicht, sein Heros sei der Himmelstürmer
Beetoven, und dem gegenüber erscheine Chopin weichlich. »Ich widerspreche
durchaus nicht,« sagte Frau Marianka - »aber die träumerische Passivität, die
Weiblichkeit, wie Sie sagen, hat auch ihr Recht. Sie, Herr Hainlin, sind ein
Mann - ich glaube fast, ein geistiger Titan, der auf hohe Berge klimmt. Ich bin
ein Weib, durch Leiden mutlos geworden - im trüben Winkel träum' ich bei meinem
Chopin.«
    Etwas beschämt durch ihre Nachgiebigkeit milderte Hainlin sein Urteil über
Chopin und rühmte dessen Präludien und Tänze. Die Wärme, mit der er jetzt
sprach, berührte die Geschwister wohltuend. Freudig horchten sie auf, als eine
Wendung des Gesprächs verriet, Hainlin sei der Verfasser gewisser Aufsätze über
Musik.
    Mariankas Anmut und schwärmerische Hingabe hatte auf Hainlin, der sich sonst
einsam fühlte, solchen Eindruck gemacht, dass er in seiner Kammer lange
wachträumend lag. Mit Mariankas Worten beschäftigt, mit ihrer schmeichelnden
Stimme und dem wehmütigen Lächeln ihres weichen Gesichts. Die Nixe des
Waldteiches stieg vom dunkeln Grund als weisse Seerose empor, den Kelch öffnend,
während der Mond mit leisem Klingen schien, und Nebelgebilde zwischen den Erlen
brodelten. Dann wieder war die Seerose ein Marmorleib, kühl, doch voll
heimlicher Glut - und diese Glut zu wecken, war bangsüsse Lockung.
    Ein Chopin-Abend, den man verabredet hatte, gestaltete sich für Hainlin zum
Ereignis. Pochenden Herzens ging er hin, noch im Banne seiner Träumerei. Auf das
nasse Strassenwetter wirkte wohlig der warme Salon mit der bunten Ampel, der Samt
weicher Sessel, rings die Blumen und das üppige Blattgewächs. Ausser Marianka und
ihrem Bruder war eine junge hübsche Dame anwesend, Neumann machte ihr den Hof.
Traulich plauderten die zwei Paare, deren jedes fast für sich blieb. Den Imbiss
bot ein kaltes Büfett, von gutem Geschmack zusammengestellt. Als nach dem Tee
Herr Neumann Sekt perlen liess und Mariankas weisse Hände über die Tasten des
Flügels huschten, wurde die Stimmung ein bang süsses Erschauern: Chopin waltete,
der Zauberer. Es war, als harfe einsame Sehnsucht zum Wimmern einer Dachtraufe -
dann blaute Sommernacht - ein Park im Mondschein, und auf dem Strahl des
Springbrunnens gaukelt eine Glaskugel. Was huscht aus dem Schatten blühenden
Gesträuches? Ein bleiches Weib - nackten Armes hebt sie einen blinkenden Dolch
zum Monde ...
    Hainlin sass neben Marianka, um ihr die Noten zu blättern. Leise wiegte sie
den Kopf, Hainlin anlächelnd, als ob sie mit ihm tanze. Und es verfing sich
seine Seele in ihre Seele - ähnlich einem Nachtschmetterling, der in ein
erleuchtetes Gemach geraten, die Wände entlang taumelt und bedenklich ums Licht
schwirrt.
    Dann sassen Marianka und Hainlin beisammen auf dem Sofa. Mokka nippend,
sprachen sie leise von ihren Schicksalen. Marianka gestand, ihr sei ein Stein
vom Herzen, nun die Scheidung von ihrem Manne endlich Rechtskraft habe. Was sie
gelitten, solle jetzt verschwiegen bleiben - denn diese Stunde offenbare ihr,
dass es noch ein Glück gebe. Gerührt ergriff Hainlin ihre Hand, eine samtweiche,
kleine Hand, und hielt sie zwischen seinen Händen, was sie dankbaren Blickes
geschehen liess.
    »Woran denken Sie?« hauchte Marianka, »erzählen Sie mir von sich! Wenn
Herzen aneinander Anteil nehmen, solcher Zusammenklang ist doch die heiligste
Musik.«
    Und es berichtete Hainlin von seiner Jugend, schilderte sein Albdörfle, das
Leben im Kloster Maulbronn und im Tübinger Stift, verschwieg auch nicht seine
trauervolle Liebe zu Rosel.
    »Ein Jüngling liebt ein Mädchen,« lächelte Marianka wehmütig - »das hat
einen andern erwählt - der andre liebt eine andre und hat sich mit dieser
vermählt ... ... Es ist eine alte Geschichte. Rosel ist also nicht mal glücklich
mit dem andern? Du lieber Himmel! Die Menschen werden genarrt von einem Dämon,
der ihnen, wo sie das Glück ergreifen können, Bedenken einflösst, allerlei Wenn
und Aber, so dass sie die günstige Stunde versäumen. Hinterher heisst es: Was du
in der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück.«
    Hainlin schwieg beklommen, er fühlte, dass ein Schicksal sich entscheiden
wolle. »Nun?« fragte Marianka leise - ein Schmeicheln war in ihrer Stimme, fast
ein Flehen.
    »Ich?« fragte er verwirrt - »wenn mir das Glück endlich einmal hold wär, ich
möcht's schon fest halten.« Sie reichte ihm ihre Hand, er drückte seine Lippen
darauf - und es war, als flüstre sie: »Liebling!«
    Herr Neumann nahm am Flügel Platz, um seine Dame, die etwas singen sollte,
zu begleiten. So hatte das trauliche Geplauder ein Ende - konnte auch nicht
wieder aufgenommen werden, da man hinterher gemeinsam an einem Tischchen Früchte
ass. Nur durch Blicke und anspielende Worte drückten Hainlin und Marianka ihr
Einverständnis aus.
    Die nächsten Tage waren für Hainlin voll seelischer Unrast. Marianka
beschäftigte ihn fortwährend. Störte ihm den Schlummer, verwirrte seine
Gedanken, wenn sie sich zur Arbeit sammeln sollten, liess ihn aufspringen, als
hab' er etwas zu suchen. Ungeduldig seufzte er, es war ihm, als solle jemand
kommen. Auf der Flöte blies er schmachtende Weisen, brach aber plötzlich ab und
ging auf die Strasse. Ein bewusstes Ziel hatte er nicht, fand sich aber bald vor
dem Hause, wo Marianka wohnte. Er schwankte, ob er sich damit begnügen solle, zu
den Fenstern hinaufzublicken, oder ob er einen Besuch wagen dürfe. Die
Aufwartung, die er am Tage nach dem Chopin-Abend gemacht hatte, war insofern
verfehlt, als bloss Neumann ihn empfangen hatte. Als Hainlin nun zum andernmal
die Klingel gezogen hatte, öffnete das Stubenmädchen und erklärte mit etwas
spöttischem Bedauern, die gnädige Frau sei abermals abwesend, auch Herr Neumann.
Aber dann machte ihm Neumann einen Gegenbesuch und brachte von seiner Schwester
folgende Zeilen: »Wohl ohne Beteuerung glauben Sie mir, lieber Freund, dass ich
recht betrübt war, Sie beide Male zu verpassen. Und nun kommt auch noch ein
Brief von meinem Rechtsanwalt, der mich in Vermögensangelegenheiten nach
Kattowitz ruft. In einer Woche aber bin ich zurück, und dann - nicht wahr? soll
unsre Musik jubeln: Krone des Lebens -« Hainlin kannte dies Goetewort und
ergänzte den Gedankenstrich: »Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe, bist du!«
Bangfroh pochte ihm das Herz. Aus dem Gespräche mit Neumann, das er auf Marianka
zu lenken wusste, erfuhr er etliches über ihren Lebensgang: Die Geschwister waren
auf einem schlesischen Gute, dann in Kattowitz aufgewachsen - ihr Vater,
frühzeitig Witwer, war Direktor einer Kohlengrube gewesen - Geldinteressen
hatten Mariankas Verheiratung mit einem Grosskaufmann zustandegebracht - sein
rücksichtsloses Benehmen hatte die Ehe gestört - der Scheidungsprozess war völlig
zu Mariankas Gunsten verlaufen. Und nun würde sie - wie Neumann sagte - ihre von
Schwermut angewelkten Blütenblätter abtun, um sich zu neuer Frische zu
entfalten.
    Plötzlich in der Rolle eines gern gesehenen Freiers, nutzte Hainlin die vom
Schicksal gewährte Atempause, um sich über sein Herz klar zu werden. In einem
Briefe an Rosel schilderte er offen, was vorgefallen war, und fragte gradezu, ob
es ihr schmerzlich sein würde, wenn er heirate. Rosels unverzügliche Antwort
lautete: Dass es ihr schmerzlich sei, könne sie nicht leugnen - er aber solle
sich keine Vorwürfe machen; wofern solche überhaupt am Platze seien, habe sie
selber die Schuld. Sei doch von ihr zuerst der Bund verleugnet, der zwei Herzen
seit der Kindheit verschmolzen halte. »Verleugnet« sei nicht ganz das rechte
Wort - treue Liebe zu ihrem Jörgle hege sie noch immer, und einzig das Schicksal
sei's, wodurch ein Schein von Untreue entstehe: »Frau Bolkendorf bin i worden,
hab mir halt keinen Ausweg gewusst - doch mein Herz bleibt stets bei Dir! Kann
man denn nicht einen Menschen lieben von ganzer Seele und zugleich noch einen
andern? Darum hab ich meinem Manne gesagt: Tu nicht an mir zweifeln! Wenn der
liebe Gott für jedes seiner zahllosen Kinder unzerstückelte Liebe hat, dürfen
auch wir, zum Bilde Gottes geschaffen, nach solcher Liebe streben. Und Dir,
Jörgle, gilt das gleiche. Heirate Du Deine Marianka! Sei glücklich mit ihr!
Behalt aber e bissle lieb Deine Dich segnende Rosel.«
    Diesen Brief netzte Hainlin mit Tränen einer seltsam schmerzlichen Freude.
Leichter war ihm das Herz - wusste er doch nun, dass er Marianka heiraten dürfe,
ohne in Widerspruch mit sich zu geraten. Als er zu ihr kam und sie allein fand,
und als aus ihrem Auge zärtliches Verlangen blühte, umfing er sie wortlos.
    Als das Paar zur ersten Aussprache gekommen war, mochte Hainlin Rosels Brief
nicht verhehlen. Marianka las und gab ihn lächelnd zurück. War Schelmerei in
ihrem Lächeln? oder eine Art Spott? »Ihr guten Kinder! Eine himmlische Liebe
macht mich nicht eifersüchtig. Aber komm', Schatz! Jetzt zeig ich dir, wie
Marianka liebt.« Und in weiche Arme zog sie ihn zu glühender Liebkosung.
    Mit der Hochzeit wollte man nicht zögern - die Zurüstung erforderte wenig
Umstände, da das Paar die vorhandene Wohnung beibehalten wollte. Marianka legte
ihre Vermögensverhältnisse dar - Hainlin war überrascht, eine so begüterte Braut
zu haben. In die Freude, materieller Sorgen entrückt zu sein, mischte sich
Verschämteit darüber, dass er sich ernähren lassen solle von seiner Frau. Er
verhehlte das nicht. »Aber, Schatzl!« schmollte Marianka - »also besser würde
dir's passen, wenn ich arm wäre? Möchtest die Abhängigkeit von dir auf mich
abschieben? Holla, Freundchen! Das Zeitalter der Frauenemanzipation hat begonnen
- lange genug ist die Frau des Mannes Kreatur und Haremsdame gewesen - jetzt
wird's anders! Ich habe jedenfalls den Ehrgeiz, mein Schatzl freizuhalten, und
das muss er annehmen, sonst kommt etwas Herbes in mein Glück. Und gleich heute
fahren wir aus, dich auszustaffieren zum Ehemann comme il faut. Hörst du? Oder
soll ich deine Sklavin sein?« Unter ihren Schmeichelreden gab er nach und fühlte
sich wie ein verhätscheltes Kind.
    Sie schenkte ihm ein Portefeuille, gefüllt mit vielen Geldscheinen, liess
eine Droschke holen und fuhr mit ihm der Reihe nach zu den Geschäftsläden, wo
Einkäufe zu machen waren. Beim Juwelier wurden ein paar Ringe erstanden - der
für Hainlin bestimmte hatte einen gleissenden Diamanten. Einen Anzug aus Samt
kaufte Marianka ihrem Verlobten - er sei ein Künstler, sagte sie, und müsse auch
so aussehen - übrigens hebe sich sein Goldhaar vom glänzenden Schwarz wundervoll
ab. Hainlin war wie berauscht von den Zärtlichkeiten, mit denen sie ihn
überschüttete.
    Die Hochzeit sollte so intim und still wie möglich sein. In Grünheide, einem
Dörfchen, das Hainlin auf seinen Streifereien durch märkische Landschaft
entdeckt und liebgewonnen hatte, fand sich der alte Pfarrer bereit, das Paar zu
trauen. Neumann nebst seiner Freundin und Burdinski waren die Trauzeugen im
Kirchlein, das auf einem Hügel am Werlsee lag.
    Nach der Feier gab es im Pfarrhause ein Frühstück, zu dem Marianka allerlei
Gutes mitgebracht hatte. Eine Kahnfahrt erfolgte, zur Liebesinsel. War auch das
Wetter späterbstlich rauh, so glühte die Gesellschaft vom Sekt. Uebrigens wurde
am Strande der Insel, zwischen gelbem Schilfrohr und hochstämmigen Erlen, Feuer
gemacht, um Kaffee zu kochen. Burdinski, anfangs niedergeschlagen, weil Frau
Klein noch immer in Untersuchungshaft sass, taute auf, zumal die Landschaft mit
den Seen und moorigen Fliessen, den Schilfmassen, Erlen und Kiefern an seine
masurische Heimat erinnerte.
    Als man die Liebesinsel wieder verlassen hatte und an einem Landungssteg,
der sich zufällig darbot, angelegt hatte, trat aus seinem Häuschen ein
grauköpfiger Mann. Sein Pfeifchen schmauchend, grüsste er die Gesellschaft und
liess sich auf ein Gespräch ein. Er sei der olle Krause, sagte er, seines
Zeichens ein Schiffer, aber zu seinem Handwerk nicht mehr recht tauglich.
Immerhin wolle er demnächst wieder aus einen Spreekahn gehen, zu seinem Sohn;
zum Steuern sei er ja noch zu brauchen. Das Haus hier wolle er verkaufen. Es sei
ihm jetzt zu einsam - vor ein paar Wochen nämlich habe er seine Ehehälfte
verloren. Mit einem Kauflustigen unterhandle er bereits - der wolle bloss zu
wenig zahlen.
    Hainlin bat, das Häuschen besichtigen zu dürfen - es war ein ganz
schlichtes, doch gemütliches Heim mit hübschem Garten. Den Obstertrag rühmte der
Alte. »Ha!« sagte Hainlin - »alleweil hat mich verlangt, Gärtner zu sein - jetzt
bietet sich mir e Gärtle dar mit Häusle! Und ums Geld bin i net verlege. Meine
Schriftstellerei hat mir e Sparkassenbüchle eingebracht. He, Marianka, waas
meinscht? Soll i kaufe?« - »Wie es dir behagt, Schatzl! Mir ist's recht!«
entgegnete sie, und Neumann blinzelte zustimmend; den Preis des Grundstückes
hielt er für sehr bescheiden.
    »Abgemacht!« erklärte Hainlin - »ich bin also bereit, zu kaufen.« In
Gegenwart des Pfarrers wurde die Anzahlung geleistet - Hainlin strahlte vor
Freude. Als man nun das erworbene Grundstück im einzelnen betrachtete und - wie
das so üblich - gleich Pläne zur Umgestaltung durchgesprochen hatte, scherzte
Hainlin: »He, Burdinski! Denk emal! Ausgezogen bin ich heut, mir meine Frau zu
hole - aber net bloss, dass ich die jetzt hab, e Fraule schön und klug und gut -
dazu han i noch Eigentum gefunde, e Häusle mit Garte - e Hütte traulich am
stillen See, wie im Märle von Undine, gelt?«
    Der alte Pastor, den der Sekt etwas duselig gemacht hatte, wollte geistreich
sein: »Saul, der Jüngling, Sohn des Kis, war ausgezogen, die verirrte Eselin zu
suchen - und was fand er? Ein Königreich!«
    »Hörst du's, Marianka?« witzelte Neumann - »mit dem Königreich ist diese
Hütte gemeint - und wer folglich mit der verirrten Eselin?« - Der Pastor blickte
unsicher: »Ich wollte bloss sagen, hier unser junger Ehemann sei geradezu ein
Glückspilz!«
    Der alte Fischer Krause horchte auf, und wie er begriff, was für eine
Gesellschaft dies sei, streckte er Hainlin die Hand hin: »Ach so! Sie hebben
Hochzeit jemacht! Da wünsch ich ooch Ilück!«
    Inzwischen faselte der Pastor weiter: »Ach ja! Das Sprichwort von den zwei
glücklichen Tagen bewährt sich hier - den einen hat man, wenn man's Grundstück
kauft, den andern, wenn man's wieder los ist.«
    »Na, ich danke!« lachte Neumann - »was zwischen diesen zwei glücklichen
Tagen liegt, dürfte folglich mit mancherlei Verdruss durchwachsen sein.« - Der
entgleiste Pastor suchte einzulenken: »Ich meine bloss, das Sprichwort trifft
insofern zu, als unser frischgebackener Ehemann, der hier die reizende Hütte
gekauft hat, den einen der beiden Glückstage erlebt - den andern aber hat heute
der Verkäufer - hab' ich recht, Vater Krause?«
    Der Gefragte schien schwerhörig zu sein - wie ein Hörrohr hielt er die Hand
- laut sprach nun der Pastor auf ihn ein: »Schliesslich sind Sie doch froh, dass
Sie se los sind! He?« - Erst blickte Schiffer Krause den Pastor stutzig an, dann
paffte er aufgeregt aus seiner Pfeife und meinte: »Ob ick froh bin? Wie man's
nimmt, Herr Pastor! Vadruss? Ja woll, den hat se mich dicke jemacht! Aber seit se
nu fort is, fühl' ick mir doch so einsam - un möchte sie schon zurücke holen.«
    Hainlin, der das auf die Hütte bezog - wie ja auch der Pastor - erklärte:
»Aber, lieber Mann! Sie können sie ja behalten! Wenn ihnen der Verlust so
schmerzlich ist.« - Krause blickte verdutzt - er begriff nicht. Neumann rief ihm
ins Ohr: »Wenn Sie wollen, lässt sich die Sache wieder rückgängig machen.« -
»Rückjängig?« stammelte Krause - »wenn se doch dot is!«
    Zu einem schreienden Lachen verzog Neumann das Gesicht: »Seine Frau meint
der Mann - und wir reden von der Hütte!« - »Aber, Krause!« lächelte der Pastor -
»wir reden doch nicht von Ihrer Frau!« - »Nich? Hebben Se nich jesaacht, ick
soll froh sind, det ick ihr los bin? Hebben Se nich von die zwee Ilückstage
jesprochen?« - Neumann schlug auf den Schenkel: »Aus - ge - zeich - net! Auch in
der Ehe gibt's zwei glückliche Tage! Den einen, wenn man seine Ehehälfte
erworben hat, den andern, wenn man sie wieder los ist! Aus - ge - zeich - net!«
    Zwischen Heiterkeit und Verlegenheit biss sich Marianka auf die Lippe,
Hainlin, der gutmütig lachte, suchte die komisch zerrüttete Lage
wiederherzustellen: »Ha freili, mir grauet vor der Götter Neide! Ond wer weiss,
ob mir, dem neuen Eigentümer dieses Gartenhäuschens, noch solch e froher Taag
beschieden ist wie der heutige. Eins aber sag i dir, Burdinski: Wenn Frau Klein
wieder in Freiheit ist, zieht sie mit den Kindern da heraus, sich zu erholen,
gelt? Ond dees wird mir sicher ein Glückstag.« Burdinski hatte Tränen im Auge -
die Lippen zusammengepresst, schüttelte er dem Freunde die Hand.
    So hatte Hainlins Ehe einen guten Anfang genommen. Doch auf heiteres Wetter
folgt graues Gewölk: Als er eine Woche später vom Bahnhof Fangschleuse nach
Grünheide ging, Angelegenheiten des gekauften Grundstückes zu erledigen, war ihm
das Herz schwer, und er wusste nicht warum. Beunruhigte ihn vielleicht das
Grundstück? Kam der Rückschlag auf die Freude des Kaufs?
    Plötzlich sah er den Ring an seinem Finger blitzen - und mit diesem Blitz
war ihm sein Inneres aufgehellt. »Verheiratet bischt!« sprach er zu sich - »ond
net an Rosel!«
    Wie Echo klang Neumanns Spottgelächter: »Aus - ge - zeich - net! Auch in der
Ehe gibt's zwei glückliche Tage! Den einen, wenn man die Ehehälfte erworben hat
- den andern, wenn man sie wieder los ist - haha!« - Scheu blickte sich Hainlin
um - Kiefernstämme sah er, im rauhen Winde stöhnten die Wipfel.
 
                           Zwischen Heimat und Fremde
Die Anzeige von seiner Hochzeit hatte Hainlin auch an Marga Deutges geschickt
oder - wie sie jetzt hiess - Frau Marga Osterkamp, geborene Deutges, in Harburg.
Jener Fabrikant, mit dem die Bonner Pensionatsschülerin verlobt gewesen war,
hatte sie heimgeführt. In ihrem Glückwunschbrief hiess es: »Wissen Sie noch, Herr
Hainlin, wie Sie von der Ferne sagten, sie habe was Heiliges? Es stimmt - und
doch möcht' ich, wir wären nicht so weit voneinander getrennt. Ich muss oft
seufzen. Nur in einer Hinsicht hab ich's glänzend: Holde, gesunde Kinderchen
sind mir geschenkt - ein Knabe und zwei Mädchen. Wenn Sie mal an die Waterkant
kommen, müssen Sie uns besuchen! Oh, dann wollen wir vom Kölner Karneval
plaudern, wollen alles Liebe und Leidige von damals durchhecheln.«
    Rosel hatte zur Hochzeit nebst einem treuen Briefe ein Album mit
Photographien gesandt. Alles Schwäbische, wofür Hainlin schwärmte, war hier
vertreten: Rosel selbst natürlich und ihre Mutter, Onkel Guhl, Frau Schneckle
und Berta. Ferner Ansichten vom Tübinger Stift, von Hohen-Tübingen und der
Neckarbrücke, von Bebenhausen, Einsiedel und der Wurmlinger Kapelle, sogar vom
Schnützelputzhäusel.
    Hainlin war tief bewegt von dieser Gabe und brütete über einer Landkarte der
Alb. »Spazierst du wieder mal im Ländle?« sagte Marianka und blickte ihm
schmeichelnd über die Schulter. »Wir müssen doch mal hin! Wenn wir die bisher
versäumte Hochzeitsreise an die Riviera nachholen, könnten wir ja den Abstecher
machen in Jörgs Märlesreich.«
    Rosels Bild hatte Marianka lange betrachtet, dann fragte sie kühl: »Und die
liebst du? Warum eigentlich?« - Hainlin fühlte einen Stich in seinem Herzen -
fremd kam ihm Marianka vor. Da er schwieg, fuhr sie fort: »Ihr habt euch seit
eurer Kindheit lieb, na ja! Aber Kind bleibt man nicht - und sie ist jetzt schon
Mitte der Dreissig - übrigens eines andern Frau - wohl richtiger
Krankenpflegerin. Die Aermste! Ich kann mir denken, wie sie dich vermisst. Aber
du, warum bist du so vernarrt in sie?« - Nur mit einem traurigen Blick
antwortete Hainlin und einem Zucken seiner Lippen - dann ging er in sein
Studierzimmer.
    Die Wohnung in der Charlottenstrasse war, was man elegant und komfortabel
nennt, doch Hainlin wollte sich da nicht heimisch fühlen. Die Fenster waren mit
Gardinen verhängt, daher nicht hell genug - überdies fast ohne Sonnenschein.
Schwere Teppiche machten den Schritt lautlos, Decken mit Stickerei lagen auf den
Möbelplatten. Die grossen Gemälde an den Wänden waren anspruchsvoll gerahmt,
hatten aber nichts Warmes. In der Glasschale zwischen blütenlosem Blattgewächs
schwammen Goldfische, schluckten das langweilig klare Wasser und glotzten durch
die Wand des Kerkers - alle paar Wochen lag einer mit dem Bauch an der
Oberfläche, dann sagte das Stubenmädchen: »Inädche Frau müssen wieder 'n paar
neue kaufen.«
    Dieses Stubenmädchen war eine fade Person. »So Leut mag i net, wo bloss am
Lohn hange ond ohne Herz schaffen. Mädle, wo oft alle paar Monat ihre Herrschaft
wechsle, hänt kein Heim und können die Wohnung net heimisch machen.« - »Schatzi,
du bist zu anspruchsvoll. Ich verlange vom Stubenmädchen die ausgemachte Arbeit,
weiter geht sie mich nichts an. Heimisch sollen sie sich fühlen? Ach Kind!
Glaube mir: man verliert bei den Leuten an Respekt, wenn man sich mit ihnen
gemein macht - sie werden dummdreist und tanzen einem schliesslich auf der Nase
herum. Mein kluger Vater sagte immer: Distanz muss man wahren für alles! Man darf
die Leute nicht als gleichberechtigt behandeln. Dein Träumerherz möchte immer
mit Charakteren rechnen, wie sie im Reiche Gottes sind. Aber da wohnen wir
nicht, wir wohnen in einer Welt, wo's recht gemischt hergeht. An Burdinski und
Frau Kleins Erfahrungen siehst du ja, was dabei herausspringt, wenn man aus
Schwärmerei anrennt gegen unsere Staatsordnung, die doch wie eine Mauer gefügt
ist. Glaube mir - ich bin kühle Rechnerin - niemals werden diese Sozialisten zur
Welterrschaft gelangen. Aus dem einfachen Grunde, weil bloss der Egoismus sich
aufs Herrschen versteht, und weil die Menschen im Egoismus wurzeln - Begehren
und Geniessen bleibt immer heiss und wild.«
    Schweigend starrte Hainlin vor sich hin. Marianka sprach weiter: »Sechs
Monate also hat die arme Frau Klein bekommen? Und nun wird sie wohl noch
ausgewiesen wie ihr Mann? Was meinst du?« - »Zur Ausweisung von Müttern hat sich
dr Puttkamer noch net verstiege. Er scheut vor der öffentlichen Meinung, und die
ischt halt gegen Ausweisung von Frauen, zumal wenn sie Kinder haben.«
    »Es war ein guter Einfall von dir, Frau Klein mit ihren Kindern nach
Grünheide einzuladen. Im Freien kann sie sich erholen. Aus dem Gefängnis in den
dustern Schusterkeller überzusiedeln, das wäre kümmerliche Befreiung. Schade
nur, dass Burdinski nicht auch nach Grünheide kann. Sollte sich nicht draussen für
ihn eine Existenz finden? Er könnte ja was anderes betreiben als die
Schusterei.«
    »I han auch schon dran denkt. Aber dem steht ebbes im Weg. Frau Klein ischt
halt ihres Mannes Frau. Dass er ausgewiesen ist, betrachtet Burdinski als einen
Grund, der erst recht zu Rücksicht verpflichtet.«
    »Ach wirklich?« staunte Marianka. - »Ich hätte kaum gedacht, dass Proletarier
so zart die Ehe respektieren - es heisst doch, die Sozialisten seien für
Weibergemeinschaft.«
    »Sogar für All gemeinschaft - hab ich gesagt - aber Allgemeinschaft ist Güte
! Aus Güte hält Burdinski zu Frau Klein. Ja, wäre sie Witwe, er würd sie
heiraten.«
    »Das wäre fabelhaft gutmütig. Sie ist doch arm - und ist keine junge Frau
mehr! Zwar noch ganz niedlich - aber sie hat zwei Kinder!«
    »Ha!« lächelte Hainlin - »dees wär für Burdinski erst recht ein Grund zum
Heiraten! Liebe Kinder sind's - Kinder sind überhaupt der Ehe Sonnenschein!«
    »Meinst du? Wenn aber zu den zwei Kindern noch ein paar hinzu kommen?«
    »Welchen Gärtner tät's net freue, wenn sei Gärtle reiche Frucht hat!«
    »Mit dieser Gartenschwärmerei verwirrst du die Frage. Kinder sind nicht
immer willkommene Frucht - Kinder fallen den Eltern schwer. Na ja, und wenn man
schon das Opfer bringen möchte, um einen Stammhalter zu haben, so wär's doch
töricht, darüber hinaus zugehn. Die Franzosen erweisen sich auch in dieser Frage
als Kulturvolk - mit ihrem Zwei kindersystem.«
    Missbilligend wiegte Hainlin den Kopf: »Unnatur ischt dees!«
    Sie zuckte die Achsel: »Unnatur ist so ziemlich die ganze Zivilisation -
Unnatur ist dieser Teppich, dies Mobiliar, unsere Kleidung, unsere Lebensweise.
Du, Schatzl, schwärmst für Natur - ich lasse dir deine Liebhaberei - bin aber
nun mal für Kultur.«
    »Diese Franzosen, denen in der Ehe ihre bürgerliche Behaglichkeit oberstes
Gesetz ist, sind Egoisten, die ihr Herz knapp halten, bloss damit ihr Geldbeutel
dick bleibt.«
    Nun wurde Marianka unruhig: »Aber, Schatzl! Wenn's nach dir ginge - wieviel
Kinder sollten dann wir haben?«
    Lächelnd spreizte er seine fünf Finger. Mit beiden Händen griff sie nach der
Schläfe: »Oh!«
    »Oder auch sieben - neun - ein Dutzend, wenn du magst!« - »Scherz beiseite!
Klar ist doch, dass die Eltern einer Kinder herde nichts weiter sind als deren
Anhängsel. Bloss für die Kinder müssen sie sorgen. Aber ich will kein blosses
Mittel für das Menschengeschlecht sein - sondern auch etwas für mich!«
Schmeichelnd legte sie den Arm um seinen Nacken: »Und wär' ich nichts mehr für
mich, wie könnte ich dann etwas sein für dich, Schatzl?«
                                       *
    Mit dem Frühjahr begann für Hainlin eine besonders glückliche Zeit, insofern
die kleine Besitzung am Waldsee seine Liebe zur Gärtnerei befriedigte. Ein paar
Wochen hintereinander weilte er draussen. Grub und karrte Dünger wie ein
Bäuerlein. Ging mit der Giesskanne, zimmerte eine Laube, war sogar Maurer und
Dachdecker. Sonnabends gegen Abend kam gewöhnlich Burdinski, um einen Tag mit
seinem Freunde zu verleben und auch seinerseits im Sonnenschein zu hantieren.
Zuweilen war noch Frau Ahlert mit den Kleinschen Kindern dabei. Dann betreuten
diese ein paar Beete, die man das Kleinsche Rittergut nannte. Besonders die
Blumen, mit denen Frau Klein begrüsst werden sollte.
    Und endlich, zur Zeit der Lilienblüte, erschien Frau Klein an Burdinskis
Arm, von den Kindern umschmeichelt. Ihre Blässe verriet, was sie durchgemacht
hatte, doch sie benahm sich rüstig und klagte in keiner Weise über ihre
Gefängniszeit. Beunruhigt hatte sie nichts als die Frage, wie die Polizei in
Erfahrung gebracht habe, dass im Volkskaffeehaus die Ausgabe der verbotenen
Schriften stattfinde. »Es muss doch einer gepfiffen haben!« meinte sie. »Glaser
wird keinen Schwupper gemacht haben - der ist vorsichtig. Offenbar hat die
Polizei mindestens schon einen Tag vorher Wind bekommen - die drei Beamten
erwarteten uns ja. Hier muss was faul sein.«
    »Wir werden die Sache untersuchen. Aber jetzt, lassen wir sie ruhen! Jetzt
soll uns bloss Liebes und Frohes beschäftigen!«
    Man fuhr Kahn - landete auf der Liebesinsel, wo die nunmehr belaubten Erlen
und die Birken mit dem lichtgrünen Haar im lauen Winde säuselten. Man ruderte
ins Löcknitzfliess, das, mehrere Seen verbindend, eine Sumpfwildnis
durchschlängelt. Frösche quarrten, im dichten Schilf schwatzten Rohrsperlinge.
Frau Klein träumte verzückt, Burdinski lächelte vor sich hin. Hainlin liess den
Kahn steuerlos - nichts begehrte man als die Junisonne, den blauen Himmel, die
weissen Wölkchen, gespiegelt im Wasser, das lispelnde Röhricht mit den
schwebenden Libellen, die Süssigkeit der gelben Seerosen, den Harzduft der
Wacholderbüsche, die den nahen Kiefernwald säumten. Nun bebten aus Hainlins
Flöte wonnige Weisen - er dachte an die schwäbische Heimat - Burdinski an sein
Masuren.
    Marianka fehlte - sie nahm an solchem Naturgefühl selten teil, an
städtischen Interessen hing sie: an menschendurchströmten Strassen, an Konzert
und Teater, am Tiergarten, wo sie in den Zelten ein Kaffeekränzchen mit
Freundinnen hatte.
    Dass die geplante Reise nach dem Süden unterblieb, weil Hainlin vom
Grünheider Gärtchen gefesselt wurde, tat Marianka leid, obwohl sie davon kaum
etwas merken liess.
    Als sie erwähnte, ihre Erbtante würde es gern sehen, wenn sie mit ihrem
Manne für ein paar Wochen zum Besuch käme - die Tante hatte ein Gütchen an der
pommerschen Küste -, erwiderte Hainlin, vor Herbst dürfe er seinen Garten nicht
im Stich lassen, zumal jetzt das Treibhaus gebaut werde. Wenn aber Marianka gern
zu ihrer Tante möge, solle sie doch reisen - die Seeluft werde ihr gut tun.
    Marianka reiste also zur Tante, während Hainlin in Grünheide gärtnerte. Aber
keine vier Wochen, und er hatte solche Sehnsucht nach Marianka, dass er Frau
Klein bat, mit den Kindern für ein Weilchen nach Grünheide überzusiedeln, damit
er seiner Frau nachreisen könne.
    Mit freudiger Genugtuung empfing ihn Marianka. Ein paar Tage blieb das Paar
bei der Tante, dann machte es einen Abstecher nach Bornholm. Auf Hainlins Wunsch
war das geschehen - ihn reizte diese naturhafte Insel mit den Granitklippen und
Brandungen. Er liebte es, über Heidehügel zu schweifen, die anrollende See zu
belauschen, einsame Feldlandschaft zu durchwandern, in einem Bauerngehöft
einzukehren und mit den Leuten Dänisch zu radebrechen.
    Marianka blieb lieber in Blanks Hotel - las Journale, plauderte mit
Hotelgästen, ging zum kleinen Hafen und beobachtete die Abfahrt des Dampfers.
    Herr Starke, ein Arzt aus Stettin, leistete ihr zuweilen Gesellschaft - sie
sah ihn gern, und auch Hainlin fand ihn leidlich. Starke war ein Hüne von
Gestalt, mit durchdringenden Blauaugen, blondem Vollbart, kühner Adlernase.
Leidenschaftlicher Segler, nahm er Hainlin mit hinaus in die schäumenden Wellen.
Der Schwabe war begeistert vom seemännischen Wesen und von der nordischen
Landschaft. »Nordisch?« lächelte Starke - »da sollten Sie erst mal nach Norwegen
kommen!«
    Und von Norwegens Felsenbuchten war nun viel die Rede. Hainlin schlug
Marianka vor, die nächste Sommerreise nach Norwegen zu machen. Sie war
einverstanden: »Aber Sie, Herr Doktor Starke, müssen Führer sein.«
    Als das Ehepaar auf dem Dampfer war, der es heimführen sollte, und bei der
Abfahrt Marianka mit dem Taschentuch wedelte, rief Starke: »Also, gnädige Frau -
nächsten Sommer in der Mitternachtssonne - am Malström!«
    »Wo?« rief sie zurück, während der Dampfer zu schaukeln begann. - »Am
Malström! Das ist der grosse Strudel bei den Lofoten. Den möcht' ich durchsegeln!
Sind Sie dabei? Nicht? Na, denn fahr ich alleine! Far well!«
    »Dees ischt e Kerle!« sagte Hainlin anerkennend, als der Hafen, wo der
verbliebene Starke den Hut schwenkte, allmählich zurückwich. - »So stelle ich
mir Tell vor,« meinte Marianka - »solche Naturwüchsigkeit hab' ich gern.«
 
                               Die Nordlandreise
Mitte Juni, so war mit Starke ausgemacht, wollte man sich in Sassnitz treffen und
mit dem Dampfer über Malmö fahren, zunächst nach Dronteim. Es ging auch alles
plangemäss. In der Stadt am blauen Fjord, zwischen malerischen Höhenzügen,
erfolgte ein kurzes Ausrasten - dann fuhr der Touristendampfer stracks gen
Norden.
    Nacht gab es nicht mehr. Um Mitternacht schwebte die Sonne überm Horizonte,
glutig wie bei uns die Abendsonne. Da es fortwährend hell war und die Blicke
nach der Küste, in die Buchten hinein, auf die Klippen und Bergriesen immer neu
gefesselt wurden, kam die Reisegesellschaft nie zur Ruhe, fühlte sich müde oder
nervös aufgepeitscht. Hainlin sass auf Deck und blätterte in einem Buche: »Hör',
Marianka, was der Tegner sagt: Mitternachtssonne mit blutroter Pracht färbte die
Bergeszinnen - es war nicht Tag, es war nicht Nacht, es schwebte mitten innen.«
    »Ach ja!« gähnte Marianka - »die Sonne sieht aus wie ein Auge, das vom
Wachen gerötet ist. Dass hier die Nacht fehlt, kommt mir wie eine Lücke in meinem
Leben vor. Die Natur ist ja hier recht interessant - aber ich sehne mich nach
unserm dustern Berliner Zimmer und dem weichen Bett. Kultur ist eben auch 'ne
schöne Sache.«
    Ganz grossartig wurde die Seelandschaft, als die Lofoten kamen. Eine Kette
von Felseneilanden, dem Eismeer vorgelagert, erstrecken sie sich vom
norwegischen Festlande in den Ozean - wie eines Riesenfisches Gerippe, das in
die Wirbelknochen und Gräten zerfallen ist.
    »Die Dolomiten!« jubelte Starke, als Felsenberge wie Zinken aus der See
ragten. - »Die Dolomiten in den Ozean gestellt!«
    Mit einem kleinen Postdampfer ging es nun von Insel zu Insel. Nach der
Südspitze der Lofoten fuhr man im Segelboot, und Starke fühlte sich in seinem
Element. Herausfordernd fragte er die Schiffer, ob sie mit ihm durch den
Malström fahren wollten. Sie schwiegen, den Fremdling kalt musternd.
    Starke wandte sich an Marianka: »Dieser gewaltige Strudel entsteht, indem
die Flut durch eine Felsengasse in einen Kessel strömt. Früher ging die Sage,
auf dem Meeresgrunde sei hier ein Loch, ein Schacht - und das hineinstürzende
Wasser komme erst bei Indien heraus. Von Schiffen, die mit Mann und Maus der
Strudel verschlungen habe, sei keine Planke wiedergesehen.«
    Auf Mariankas dringende Bitte begnügte sich Starke, den Strudel bloss von der
Küste aus zu betrachten. Hainlin und Marianka begleiteten ihn auf die ragende
Klippe, wo Moose und karge Beerensträucher blühten. Die Aussicht zeigte, etwa
eine halbe Meile entfernt, eine Brandung und ein paar kleine Felseninseln,
dahinter offene See. Die Felsbrocken vorn waren von Vogelschwärmen bevölkert -
Lummen hockten träge, es flatterten kreischende Möwen. »Nun haben wir uns wohl
satt gesehen an dieser Wüstenei - mich verlangt nach einem Glase Grog!«
    Beim Abstieg vom zackigen Felsen vertrat sich Marianka den Fuss und fühlte
sich kaum fähig, zu gehen. Hainlin wollte aus Birkengesträuch einen tragbaren
Sitz machen - Starke bat um die Erlaubnis, die gnädige Frau einfach zu tragen.
Als sie nicht widersprach, hatte der Hüne sie wie ein Kind auf seine Schulter
gehoben und hielt ihre Hände in den seinen. So stieg er abwärts, fest und sicher
- während Marianka gegen Schwindelgefühl anzukämpfen hatte.
    Im kleinen Gastaus zu Helle war Starke ärztlich um Marianka bemüht. Er
massierte den Fuss und machte einen Verband. »In acht Tagen ist Frau Marianka
wieder sicher auf dem Fusse. Die Schonzeit kann nicht langweilig sein, wenn wir
sie an Bord verleben. Der Dampfer trägt uns ja fortwährend. Ihre zwei Kavaliere,
gnädige Frau, werden ja auch wetteifern, Ihnen die Stunden zu versüssen - so wie
ich jetzt diese zwei Stücken Zucker in Ihr Toddyglas tue.«
    Das feurige Getränk sorgte für gute Stimmung, und bald scherzte man über das
Abenteuer. »Dees muss i sage, Doktor,« meinte Hainlin - »e Kerle sind Sie! Mei
Fraule ischt net leicht - ond solche Last hänt Sie den steilen Felsenpfad nunter
getrage, als wär dees nicks.«
    »Für Alpenkraxler, wie ich einer bin, ist das auch nicks,« entgegnete
Starke. »Das heisst, gnädige Frau, den Ausdruck nicks' beziehe ich bloss auf meine
Muskelarbeit - nicht etwa auf die holde Last.« - »Süssholzraspler!« - »Auf Ehre!
Wie ein Gott kam ich mir vor.«
    »Gut gesagt!« meinte Hainlin - »wie ein Olympier sahen Sie tatsächlich aus -
so kühn und sicher. Wie Zeus, als er die schöne Europa trug. Das Bild hat
allerdings eine komische Seite - wenn mr nämlich bedenkt, dass Zeus die Gestalt
eines Stieres angenommen hatte. Ha, eines Stieres Kraft hänt Sie allerdings!
Prosit!«
    Nach einer längeren Rast in Digermülln, auf der ausgedehnten Felseninsel
Hinnö, fühlte sich Marianka fähig, eine Partie ins Gebirge mitzumachen. Mit dem
Segelboot ging es durch den düstern Raftsund, eine Wasserstrasse zwischen
gewaltigen Bergen. Auf der Westseite öffnet sich überraschend eine Gasse. Fast
senkrecht ragen rechts und links die Felsenwände - in den Schluchten, die von
oben nach unten gerissen sind, liegt Schnee. Wo die Sonne wärmen kann, sind
leuchtend grüne Teppiche von Moos, Rosen und Beerengesträuch. An schattigen
Stellen hängen Gletscher in die See. Schwarz sieht die Flut im Felsenkessel aus.
    In diesem sogenannten Trold-Fjord landete das Boot, und nachdem in einer
Nische der Felsenwand Feuer gemacht und die Gesellschaft mit Kaffee erfrischt
war, ging es längs eines Giessbaches auf rauhem, sumpfigem Pfade steil in die
Berge.
    Nach einer Stunde war das Ziel erreicht: ein Bergsee zwischen Felsen, die
fast senkrecht an die tausend Fuss emporragen. Gletscher gleiten auf den See, den
folglich auch im Sommer Eis bedeckt.
    »Hier ist das unheimliche Reich der Berggespenster, von denen die nordischen
Jäger und Fischer fabeln,« sagte Starke. Und Hainlin, der zu den gleissenden
Gletschern emporstarrte, fügte träumerisch hinzu: »Blank sind wir ganz und gar -
aber auch ewig unfruchtbar.« - »Ist das nicht aus dem Faust?« fragte Starke. -
»Ja, aus der Walpurgisnacht - schöne Hexen jammern so!«
    Marianka, die auf einem Felsblock sass, hatte aufgehorcht: »Hexen?
Unfruchtbar? Was will der Dichter sagen?«
    Hainlin erwiderte: »Es kommt halt vor, dass e Weib, um nix von seiner blanken
Schönheit einzubüssen, sich scheut vor der Mutterschaft und also unfruchtbar
bleibt.«
    Ueber Mariankas Gesicht huschte ein Schatten: »Und Hexen sollen das sein?«
    »Alles Unfruchtbare ist für Goete sinnlos. So ist es zu erklären, dass sich
in der Walpurgisnacht Naturen versammeln, deren Treiben unfruchtbar ist - das
ist die Bedeutung jener Hexen, die Mephistos Gefolgschaft bilden. Er ist die
chaotische Seite unseres Lebens - das Gemeine, Schlechte, Unsinnige.«
    »Willst du sagen, dass ein unfruchtbares Weib gemein ist?« Schneidend klang
ihre Stimme.
    Ueberrascht blickte Hainlin. Wie eine unheimlich brütende Norne kauerte sie
zwischen dem Urgestein und rollte die Augen finster zu den Gletschern. Hainlin
suchte nach Worten, um sich gegen die Missdeutung zu verwahren.
    Aber schon hatte Marianka sich gefasst. Sich erhebend, erklärte sie kühl:
»Lassen wir die Wortgefechte!«
    »Aber, Marianka! Mit keinem Wörtle han i ebbes gegen dich gesagt! Oder?
Doktor, Sie sind Zeuge!«
    »Oh ihr Männer!« sagte Marianka wegwerfend - »mich friert überhaupt.« Schon
ging sie und hatte, da Hainlin zögerte, einen Vorsprung.
    »Ach ja, die Weiberchen!« wandte sich Starke an Hainlin - »was die alles
raushören, wenn unsereins mal was Ungewöhnliches sagt! Uebrigens, Hainlin -
einem Frauenarzt gestatten Sie diese Bemerkung: vielleicht ist Marianka der
Fruchtbarkeit näher als sie ahnt. Ihre Nervosität hat einen körperlichen Grund.«
- »Unser Berliner Arzt,« meinte Hainlin - »den sie befragt hat, ob sie Aussicht
habe auf Mutterschaft, hat daran gezweifelt und hat sie verstimmt durch sein
Gutachten.« - »Ach was, Gutachten! Ich selber bin Frauenspezialist. Selbst
organischen Mängeln lässt sich beikommen. Schon Massage, hm! Aber sagen Sie,
Hainlin, denken Sie wirklich so streng, dass eine Ehe in Ihren Augen gleich
entwertet ist, wenn sie unfruchtbar bleibt? Das wäre eine grelle Uebertreibung.
Jedenfalls sollte man den Begriff Fruchtbarkeit auch auf das Seelische
ausdehnen, auf das Liebe und Tüchtige, das sich oft in kinderlosen Ehen findet.
Auch mit geistigen Kindern kann man sich Unsterblichkeit verdienen.«
    »Hallo!« rief Marianka aus der Ferne und winkte. - »Wir kommen!« antwortete
Starke.
    Noch einmal schaute Hainlin auf den mit Schollen bedeckten Bergsee - auf die
Gletscher, die sich von den hohen Felswänden hernieder erstreckten. Eisige
Fremde hauchte ihm Schauer ins Mark. Und sein Heimweh schluchzte auf - ein
schmerzliches Sehnen nach dem freundlichen, fruchtbaren Sonnenländle.
    Da fiel sein Blick auf den Ring, den er am Finger trug. Und es gleisste der
Diamant wie die Gebirgsgletscher: »Blank sind wir ganz und gar - aber auch ewig
unfruchtbar.«
 
                               Hainlins Heimkehr
Als unser Paar wieder in der Charlottenstrasse hauste, hatte es zunächst das
Bedürfnis, sich gründlich auszuruhn von all den starken Eindrücken der Fremde.
Dann begab sich Hainlin nach Grünheide. Burdinski, der ihn gärtnerisch vertreten
hatte, war unzufrieden mit dem regenlosen Sommerwetter, das ihn gezwungen hatte,
Tag für Tag stundenlang die Giesskanne anzuwenden. Als Marianka einmal herauskam,
sagte sie spitzig: »Na, weisst du, Schatzl, in diesem Sande wird deine Gärtnerei
nicht gerade erfolgreich sein. Die Mark gehört also wohl auch zu den
unfruchtbaren Hexen - aber ein bissel gern hast du sie doch - ein Lückenbüsser
ist sie für deine Heimat - wie ich Lückenbüsser bin für dein Rosel.«
    Als abermals ein Sommer gekommen und wieder von Reisen die Rede war, meinte
Hainlin: »Du wolltest ja wohl zur Riviera?« - Marianka sah ihn prüfend an und
lächelte: »Ist das dein Ernst? Zur heissen Zeit geht man nicht an die Riviera.
Aber du willst wohl andeuten, dass du gern einen Abstecher ins Ländle machen
würdest. Na, warum denn nicht? Besuche deine Jugendflamme! dabei ist natürlich
die zweite Flamme überflüssig. Eigentlich bin ich sogar schon deine dritte -
denn gesteh', die Marga mit den drei Kindern, die dir zur Hochzeit gratuliert
hat, kommt auch in Betracht. Du errötest? Ich bin nicht eifersüchtig! Wenigstens
nicht auf Frau Rosel Bolkendorf. Bloss dass mir eure Innigkeiten nicht gerade
erbaulich wären. Du verstehst - was du nicht willst, dass man dir tu - Gesetzt,
ich wollte auch schön tun mit einem Dritten - na, siehst du! Also, Schatzl,
reise allein nach Tübingen! Bleib ein paar Wochen! Ich verspreche dir, mich
nicht zu langweilen.« - Fast beschämt von Mariankas Grossmut, küsste er ihre Hand
und sagte, so wolle er denn reisen - es werde, wie er fühle, ein Abschied von
seiner Jugend sein.
                                       *
    Als der Zug in den Bahnhof Tübingen einlief, sah Hainlin, aus dem Fenster
gebeugt, drei Frauen - sie winkten mit Tüchern und Sonnenschirmen. Er griff nach
seinem Koffer, vom Zuge, der noch im Fahren war, sprang er ab und stürzte in
Rosels Arme. Er fühlte, dass ihre Gestalt die Kraft und Ueppigkeit von damals
verloren hatte. Ihr Kuss hatte etwas Unbeholfenes, ihre Hand bebte in der seinen,
ihr Gesicht war eine angewelkte Blume. Bekümmert sah er sie an und küsste
nochmals. Ihre Lippen waren mutlos, und er bemerkte, eine Locke an ihrer Schläfe
war weiss.
    Einen anderen Eindruck machte Rosels Mutter. Ihr rundes Gesicht blühte, das
dunkelblonde Haar zeigte noch kein Ergrauen - diese Matrone war fast jugendlich.
Und Hainlin wandte sich an die dritte Gestalt: Zärtlich strahlte Berta
Schneckle, das schmächtige Gesichtchen rosig überhaucht. Mit Berta wisperte ein
Knabe, als gehöre er zur Gruppe. »Ha freile!« sagte Berta, »warum ziehscht dei
Käpple net? Gib dem Herrn Kandidate die Hand!« Das tat der Knabe unter artiger
Verbeugung. »Ei, wer ischt denn dees?« fragte Hainlin - und gab selber die
Antwort: »Klein-Wendelin, gelt?« Aus Tübinger Briefen war ihm bekannt, dass Pias
und Ulis Kind, Wendelin getauft, von Schneckles in Pflege genommen war. In
plötzlicher Zärtlichkeit nahm Hainlin den Kopf des Knaben zwischen seine Hände.
Das hübsche Gesicht erinnerte an Pia, besonders durch die Rehaugen, aber auch
ein Zug von Uli war darin: seine strahlende Keckheit.
    Nun setzte sich die Gruppe in Bewegung. Hainlin führte Frau Funk und hatte
Rosel den linken Arm gereicht - scheu hielt sie ihn gefasst. Da waren nun die
Alleen und Rasenflächen, hinterm rauschenden Flusse die gute alte Stadt, das
Stift, die ragende Burg. Und da war das traute Haus. Anerkennend nickte Hainlin,
als er das Messingschild an der Haustür las: »Berta Schneckle, geprüfte
Krankenpflegerin«. - »Ja!« erklärte Frau Schneckle stolz - »guete Praxis hat sie
scho!«
    In der Wohnung war alles beim alten, jedenfalls in der Stube, die Hainlin
früher bewohnt hatte und auch jetzt bezog. Als er das bekränzte Plakat
»Willkommen« gelobt hatte und den Rosenstrauss auf dem weiss gedeckten Tisch,
öffnete er die Tür zum Altan. Drunten blank der Neckar, jenseits hochwipflig die
Platanenallee, herüber lugte das Blau der Berge. Rosel stand an Hainlins Seite
und deutete auf das Haus am Neckarbad: »In der Laube sitz i heut abend ond hör
zu, wenn du hier obe flöte tuscht, gelt? Ond morge kommscht zu meim Mann. Heut
tut er sich net sonderlich wohl fühle - ond i möcht ihn net lang allei lasse.«
    Hainlin war betroffen - er hatte sich gedacht, den ganzen Nachmittag und
Abend mit Rosel zu verleben, überhaupt fast immer mit ihr zusammen zu sein, die
paar Tage, die er in Tübingen bleiben wollte. Und nun ging sie, nachdem sie ihn
kaum begrüsst hatte. Etwas Frostiges hatte ihn angehaucht, er stand traurig.
    Mitfühlend streichelte sie seine Hand, und in aufwallender Liebe schlang er
den Arm um sie. Unter sanftem Lächeln war sie ein Weilchen seinem Kosen ergeben.
Dann griff sie nach seiner Hand und führte ihn zur Stube. Hier hatten die
anderen Frauen einen Gugelhupfkuchen aufgetischt und spendeten aus der mächtigen
Kanne duftenden Kaffee. Im Plaudern kam Gemütlichkeit zur Geltung. Rosel aber
und ihre Mutter hielten nicht lange aus. »Onser arms Heinerle hat uns nötik,«
entschuldigte Frau Funk.
    »Will's denn gar net besser mit ihm werde?« fragte Hainlin. Frau Funk
schüttelte seufzend den Kopf.
    Draussen klopfte jemand - es war der Briefträger. Der Brief, den er brachte,
war von Marianka. Ihn überfliegend, las Hainlin: »Als ich mich gestern abend
legte und Dein Bett sah, erschrak ich. Mich überwältigte die Sorge, ich könne
Dich verlieren, weil Du ja heimkehrst zu Deiner ersten Liebe ... on revient
toujours ... Jetzt bist Du bei ihr - nach der Du Heimweh hattest an meiner
Seite. Und wenn Ihr in Tübingen von gemeinsamen Jugenderlebnissen plaudert,
fliessen Eure Blicke ineinander. Ich aber, in meiner Verlassenheit, was fange ich
an? Ich beisse die Zähne ins Taschentuch - habe eigentlich jetzt keinen Menschen,
dem ich mich anvertrauen könnte. Komme mir so haltlos vor wie ein dürres Blatt.«
                                       *
    Als Hainlin andern Tages am Stift vorbeikam, begegnete ihm eine Bürgersfrau,
die ihn von früher kannte. »Griess Goot, Herr Kandidat! Au wieder da? Wollet Sie
zur Frau Bolkedorf? Auf 'm Markt ischt die. Und ihr Mueter, die Frau Funk, ischt
graad die Bursagass' nunter.«
    Durch diese Mitteilung liess sich Hainlin nicht abhalten, schon jetzt
Bolkendorfs Heim aufzusuchen. In die Wohnung freilich mochte er nicht gleich
gehn - mit Bolkendorf allein zu sein, hätte er gern vermieden. In der
Gartenlaube wollte er Rosels Rückkunft abwarten.
    Es rührte ihn, den Garten genau so wiederzufinden, wie er ihn kannte. Rosen
blühten und Rittersporn, es strotzten die Beete von Endiviensalat. In der Laube,
die wilder Wein umsponnen hielt, war's dunkel und kühl; hier am Tische, wo
Hainlin einst gesessen hatte, nahm er Platz - hinter ihm rauschte der Neckar.
    Nicht lange, so vernahm er Stimmen vom Hause her. Jemand sagte zu Rosel, der
Herr Kandidat sei im Garten. Glückselig lächelte Hainlin bei der Vorstellung,
Rosel werde nun, ihn suchend, in die Laube eintreten - dann wolle er sie
umfangen.
    Und richtig, es nahten hurtige Schritte - sie kam, als errate sie, wo er
sei. Ihre schlanke Gestalt trat ein, sich bückend unter den Ranken, und schon
hatte er die Arme um sie geschlungen. »Jergle! Oh du!« So hing sie an seinem
Halse - »Rosel, mein Lieb!« Sie küssten sich. Auge fand das Auge - Mund drückte
sich auf Mund. Dann hörten sie vom Haus her den Kanarienvogel schmettern, den
Sommerwind im Laube lispeln, den Fluss raunen ...
    Auf einmal dumpf ein Stöhnen - dann Schluchzen ... Rosel war aufgesprungen
und zur Laube hinaus geschlüpft. Hainlin folgte und sah: Hinter der Laube
Bolkendorf im Fahrstuhl, - dicht an der Laube, nur das Blättergewebe hatte ihn
getrennt vom kosenden Paar. So war er schon gesessen, ehe Hainlin gekommen war -
hatte sie belauscht.
    Der lahme Mann mit dem Graubart hielt beide Hände vors Gesicht geschlagen
und zuckte in krampfhaftem Weinen. Schmerzlich bestürzt stand Rosel bei ihm und
suchte zu beschwichtigen - seine Locken streichelte sie: »Heinerle! Sei net bös!
Dr Jerg ond i sind wie Brueder ond Schweschter!« Nun tat er die Hände weg -
betränt blickten die blauen Augen zu Rosel auf - kein Vorwurf war's, ein Flehen
um Mitleid: »Bös? Das bin ich nicht! Aber so hilflos, ach so verlassen!«
    Und an Hainlin wandte er sich mit einem langen Blick, der eine stumme
Sprache hatte. Argwöhnisches Spähen war darin. »Lass mich allein mit ihm!« raunte
er Rosel zu. - »Ja!« nickte sie und atmete tief - »redet mitsammen!«
    Sie ging - leidvoll blickten sich die Männer an - heiser begann Bolkendorf:
»Sind Sie gekommen, Herr Hainlin, mir Rosel abspenstig zu machen? Ich kann's
kaum glauben! Rosel hat so viel Gutes von Ihnen erzählt - sie behauptet, man
müsse Sie lieben. Drum - wenn Sie so sind - nicht wahr? Dann darf ich ruhig
sein!« So bettelte der Gelähmte.
    Hainlin blickte starr vor sich hin, und gequält kam die Antwort: »Herr
Bolkendorf! Viel liesse sich hier sagen - aber was sind Worte! Sie drücken aus,
was die Leute meinen, ach, die Leute! Ich aber und Rosel - was wir erlebt haben
von Kindheit an - richtiger noch: was Rosel und ich mitsammen sind - das ...«
Seine Lippen bebten - ratlos zuckte er die Achseln.
    Angstvoll blickte Bolkendorf und nickte langsam: »Ich weiss - verstehe! Hier
ist auch nichts zu machen, als dass wir unser bissel Verstand zusammennehmen,
nicht wahr? Also überlegen Sie: Rosel ist nun mal meine Frau. Vielleicht
bedauert sie's manchmal - vielleicht hätt' ich gescheiter getan, ihre Mutter zu
heiraten - aber - sie ist nun mal meine Frau. Bedenken Sie doch, Herr Hainlin:
In der Ehe mit mir hat Rosel Halt gehabt und hat ihn noch. Ein Baum ist bald
umgehaun, aber Jahre waren nötig, ihn aus dem Keim aufzuziehn. Ist er gebrochen,
so gibt's keine Heilung mehr. Das gilt übrigens nicht bloss für meine Ehe,
zugleich für Ihre. Sie sind, wie ich höre, sogar glücklich verheiratet. Der Ring
an Ihrem Finger bestätigt es mit seinem Gefunkel. Nun denn, halten Sie fest, was
Sie haben - und lassen Sie auch mich in meinem Besitz! Ich würde sonst völlig
verarmen, wäre geradezu vernichtet - vernichtet! Rosel ist mir alles, alles!«
    Bei dem klagenden Geständnis brach Bolkendorf von neuem in Tränen aus. Es
war gut, dass jetzt Frau Funk erschien und Rosel. Mitleidig bemühten sich die
Frauen um den Gelähmten. Er beruhigte sich und raunte Frau Funk etwas zu. Ein
wehmütiges Grüssen hatten die beiden Männer für einander - dann - rollte Frau
Funk den Wagen des Gelähmten weg, und Hainlin stand mit Rosel allein.
    Traurig blickte sie zu ihm auf. Er wusste nichts zu sagen. Bis sie endlich
die bange Starrheit brach: »Solle mr net e bissle umhergehe im Garte?« Sie
wandelten zwischen den Beeten. Teilnahmlos sahen sie hin - als wollten sie bloss
die öde Zeit hinbringen.
    Gequält brachte Hainlin heraus: »Jetzt - möcht i bloss noch Ulis Grab besuche
- dann wär hier mei Sach erledikt.« - Rosel hauchte: »Auch i - gang heut auf'n
Friedhof.« -
    So findet mein Stürmen auf den Glasberg ein kläglich Ende! dachte Hainlin -
abgeglitten bin ich - wie die andern - nur dass ich noch ein wenig Anhalt habe -
in einen Riss der Glasfläche krall' ich mich ein. Aber bald stürz' ich - in den
Höllengrund!
                                       *
Abends war's - die Grabzypresse rauschte.
Traurig sass ein Paar
Zwischen Hügeln. Was es sann, belauschte
Gott allein und rings der Toten Schar.
An des Todes dornumwobnen Toren
Betteln wir um Ruh -
Unsre Heimat Eden ging verloren,
Seit wir zwei geworden: Ich und Du.
Gott verband uns. Schon als Kinder träumten
Wir uns Mann und Frau.
Doch die Trennung kam. Was wir versäumten,
Ist dahin - die Locke wird nun grau.
Zu den Toten gehn wir - die gestatten
Unsre Herzensglut.
Aber gramvoll grübeln unsre Gatten,
Und sie löschten gern wie Wasserflut.
Ist kein Ausweg? - Sieh den Zeisig hüpfen
Dort im Eibenstrauch!
Durch die Lücken - lockt er - lerne schlüpfen!
Wo ein Käfig, ist ein Türlein auch.
Vogel, schweig! Dein Türlein heisst Verschulden.
Treulos sein tut weh.
Lieb' ist Wohltat! Lieb' ist keusch im Dulden -
Spriesst wie Märzenglöcklein unterm Schnee.
Einst - wenn unsre Gatten beide sterben -
Mag es schuldlos sein,
Dass wir noch ein Glück, ein spätes, erben -
Unser Ehepriester heisst Freund Hain ...
Doch wir träumen! Unsre Gatten leben!
Küssen wir die Hand,
Die uns heilsam strenge Zucht gegeben
Und des Vögleins Lockung überwand.
Lass uns treu den Gatten angehören!
Zwar leibeigen nicht -
Seelen dürfen lieben! Nie kann stören
Einer Liebe Licht das andre Licht.
Schwarze Dünste - in der Abendsonne
Sind sie Purpurglanz.
Licht der Gottesliebe! deine Wonne
Strömt durchs All - und jeder hat sie ganz.
Lass uns, Engel, Wang an Wange lehnen,
Gross ins Leuchten schaun!
Und im Schauen ströme unser Sehnen
Hier von Grüften heim zu Edens Aun!
Fern zwei Rosenwölkchen - sie zerrinnen
In das Goldmeer weit -
Hauchgleich weben sie für unser Minnen
Weltentrückt das späte Hochzeitskleid.
 
                               Der Zusammenbruch
Hainlin hatte den Abend und die ganze Nacht im Eisenbahnwagen zugebracht und
morgens Berlin erreicht. Nachdem er sein Gepäck der Aufbewahrungsstelle
überliefert hatte, fuhr er mit der Pferdebahn zur Charlottenstrasse. Uebermüdet
freute er sich auf behagliches Ausruhn daheim.
    Mit dem Schlüssel, den er bei sich hatte, öffnete er die Flurtür. Als er
seinen Reisemantel an den Keiderpflock hängte, sah er da einen Herrenhut - es
war ein breitkrämpiger Samtut. Doktor Starke? trug der nicht solch einen?
    Indem Hainlin stutzte, trat aus der Küche das Stubenmädchen. Wie sie ihn
sah, erstarrte sie offenen Mundes: »Ach - äh! Herr Hainlin kommen schon? Bitte,
hierher! Treten Sie einstweilen - in die Küche! Einen Augenblick - ich, äh ...«
    »Waas?« fragte Hainlin befremdet - und wollte, ihrem Drängen entsprechend,
in die Küche gehn. Da fiel ihm auf, dass sie Miene machte, an ihm
vorbeizuschlüpfen. Sie verhehlt etwas! schoss es ihm durch den Kopf. »Halt!«
gebot er, das Mädchen am Arm ergreifend - »ischt hier wer?« - »Ach nein! Bloss
die gnädige Frau hat ... äh ...«
    »Waas hat sie?« Hastig trat er in den Salon - ging ins Studierzimmer.
Niemand da! Also weiter! Er ahnte, es sei etwas vorgefallen!
    Der schmale Flur führte zu Mariankas Schlafzimmer. Sie wird doch nicht krank
sein? Sollte Doktor Starke? Sein Hut, sein Hut!
    Die Schlafzimmertür, innen verriegelt, gab dem Drucke nach - und wie sie
aufsprang, vernahm Hainlin Mariankas leisen Aufschrei.
    Wie ein Blitz in der Nacht dem Wanderer entüllt, dass er vor einen Abgrund
geraten ist, so genügte der rasche Blick, um die Situation zu erfassen. Wie
gelähmt stand Hainlin. Dann - trat er zurück und - drückte die Tür zu.
    Wie er in seinem Studierzimmer stand, brach ein Stöhnen aus tiefer Brust -
ineinander krallten sich die Hände. dabei bemerkte Hainlin den Ring an seinem
Finger - zog ihn ab und legte ihn auf den Schreibtisch. Einem Zettel vertraute
er die Worte an: »Dies Glied unserer Kette nimm zurück! Und wenn's der andre
haben will, mag er's nehmen! Leb wohl!« Aus der Küche lugte scheu das
Stubenmädchen - er warf die Tür ins Schloss.
                                       *
    Strassengetümmel umgab ihn - Wagen rollten, die Leute hasteten zu ihrem
Tagewerk, als wäre die Welt noch im alten Gleise. Aber für Hainlin war sie ein
Haufen Scherben.
    Zerschlagen fühlte er sich - sein Herz zuckte, der Kopf tat ihm weh. Ratlos
sah er sich um: Was beginnen? Wohin? Nur fort von diesen Menschen, den
treulosen! In irgendeinen Versteck!
    »Hotel« las er auf einem Schilde - es war ein bescheidenes Haus. Hainlin
ging hinein - zum Portier sprach er heiser: »Ein stilles Zimmer!«
    Der Kellner kam - musterte den neuen Gast und legte das Fremdenbuch vor.
Hainlin trug seinen Namen ein. Hier stand gedruckt: »Kommt von - reist nach -«
Bitter lächelnd schrieb er: »Von Berlin nach Glastelfingen«. Der Kellner, der
ihm über die Schulter sah, mochte denken, Glastelfingen sei ein süddeutsches
Städtchen.
    Dann war Hainlin in einem Zimmer, dessen Bett vom Stubenmädchen mit frischer
Wäsche bezogen wurde. Das dauerte ihm endlos. Als er dann allein war, warf er
sich, nur halb entkleidet, aufs Bett. Es wimmelten die Gedanken durcheinander -
er schloss die Augen, wollte nichts sehen. Aber innerlich sehen musste er:
Mariankas Schlafzimmer, ihr Bett ... Hören musste er ihren leisen Aufschrei. Dazu
hier das Strassengeräusch - Steinsetzer verrichteten Pflasterarbeit - unter ihren
Handpicken wimmerte der Stein - das klang fast wie Mariankas Aufschrei.
    Nun trällerte auf dem Flur das Stubenmädchen einen Gassenhauer: »Fischerin,
du kleine, fahre nicht alleine auf die hohe See hinaus - in das wilde
Sturmgebraus!« Es schrillte die elektrische Klingel - auf dem Flur lief man hin
und her.
    Trotz solcher Störungen musste Hainlin genickt haben - verworrene Bilder
waren ihm durch den Kopf gegangen. An Burdinski hatte er gedacht, an Grünheide,
an Garten und Haus. An die Hochzeit, - wie Mariankas Bruder gewitzelt hatte:
»Zwei glückliche Tage gibt's in der Ehe - den einen, wenn man seine Ehehälfte
erworben hat - den andern, wenn man sie wieder los ist.«
    Stöhnend richtete sich Hainlin auf. Nur der Gedanke an Burdinski und Frau
Klein war etwas Mildes in seiner Seele. Sie bildeten ja eine Ausnahme unter den
Menschen, die sonst so rohgierig sind, so schonungslos. Hainlin stand auf und
machte sich fertig. Drückte den Knopf der Klingel und verlangte die Rechnung.
Als er bezahlt hatte, tauchte er abermals ins Strassengewühl.
    Am Bahnhof Alexanderplatz ersah er aus dem Fahrplan, dass bis zum Zug, mit
dem er nach Fangschleuse fahren wollte, noch zwanzig Minuten waren. Da kam ihm
der Wunsch, erst Frau Klein aufzusuchen - zur Linienstrasse war's ja nicht weit.
    Als er in den Schusterkeller hinabgestiegen war, sass auf dem Schemel ein
fremder Mensch, der eingestellte Geselle. Frau Klein trat gerade aus der Küche -
ihr Anblick befremdete - denn sie trug ein schwarzes Kleid und einen beflorten
Hut. »Sind Sie in Trauer, Frau Klein?« - »Mein Mann ist tot.« Sie presste die
Lippen zusammen: »Die Ausweisungen haben ihn mürbe gemacht.« Mit dem Taschentuch
wischte sie die Augen - brach aber plötzlich in Empörung aus: »Und nu das mit
Glaser!«
    »Glaser? Was ist mit dem?« - Es sprühte aus ihrem Auge: »Verleumdet hat man
ihn! Ein Spitzel sei er, sagt Patzke. Gemeine Lüge! Der Spitzel ist Patzke!« -
»Spitzel?« sagte Hainlin dumpf. »Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede! Mag
Glaser ein Ehrengericht von Genossen beantragen!«
    Verächtlich winkte Frau Klein ab:
    »Ach die Genossen! Die sind rasch fertig mit ihrem Urteil! Eben hab' ich das
erlebt. Komme ja von Glaser. Bei dem war die ganze Stube voll Genossen - und
alle schäumten vor Wut. Ueber Glaser, den Unschuldigen! Mich haben sie vor die
Tür gesetzt, wie ich ihn verteidigt habe. Aber Sie, Herr Hainlin, Sie haben
Ansehen bei den Leuten, durch Ihre Vorträge. Reden Sie den Aufgeregten
vernünftig zu! Bitte, gehen Sie sofort zu Glaser! Schützen Sie ihn! Weichen Sie
ihm nicht von der Seite. Ich kann mich jetzt nicht um ihn bekümmern. Muss
Burdinski hier erwarten - hab' ihm nach Grünheide telegraphiert, er soll sofort
kommen.«
    Hainlin tat einen Seufzer - aber nicht schwerer war ihm das Herz, eher
leichter. Hatte er doch einen Gefährten im Unglück - und eine Aufgabe. »Ich gehe
zu Glaser! Und wenn Burdinski kommt, treff' ich den bei Ihnen, gelt? Nicht in
der Charlottenstrasse - da wohn' ich nicht mehr.«
                                       *
    In der Buchdruckerei Ahlert & Glaser war es still, man schien die Arbeit
eingestellt zu haben. Als Hainlin an Glasers Tür klopfte, hörte er eine zankende
Männerstimme. Weil das Klopfen nicht beachtet wurde, trat Hainlin ohne weiteres
ein.
    Glaser sass am Tische, den Kopf in die Hand gestützt - bleich, verstört -
blutrünstig, als habe man ihn geschlagen. Ein hohlwangiger Arbeiter schüttelte
vor ihm die Fäuste, trampelte mit beiden Füssen und kreischte: »Häng dir uff,
Mensch! Häng dir uff! Lass dir bloss nich mehr bei uns blicken! Vadufte, du Aas,
stinkijet! fui, fui!«
    »Justav!« stöhnte Glaser, »erst noch hier! Det Jeld musste mitnehmen - die
Abrechnung! Et stimmt uff'n Sechser! Un nu mein letztes Wort: Ick bin keen
Lump!« So brüllte er verzerrten Gesichts, schluchzend barg er's in aufgestützten
Armen.
    Der andre starrte hin, schüttelte den Kopf und atmete schwer. Dann strich er
das Geld ein, nahm den Abrechnungszettel und ging.
    »Glaser!« sagte Hainlin, ihm die Schulter rüttelnd. »Ich bin's, Hainlin! Und
ich - glaube an Sie! Gewiss, Sie sind unschuldig!«
    Sofort richtete sich Glaser auf und sah Hainlin vollen Blickes an: »Ja! un -
schuldig!«
    »Erzählen Sie, Glaser! Weihen Sie mich ein! Die Sache muss sich ja aufklären!
Ihre Genossen sollen wieder Zutrauen finden!«
    In Glasers Augen lohte es düster: »Zutrauen? Aus dem Zutrauen solcher
Jenossen mach ick mir nischt! Mit die bin ick fertich! Wissen Se, wat die jetan
haben? An - je - spuckt haben se mich! Verdroschen haben se mich! Jetreten wie
'nen räudijen Köter! Un det wolln Jenossen sind? Wilde Tiere sind's! Feindliche
Brüder! Neidisch, misstrauisch, vablendet, vahetzt, hintalistich un toll! Unkraut
erstickt de janze Arbeeterbewejung! Dadraus wird nich das, was ihre Propheten
vaheissen - ick habe meinen Ilauben valoren. Ick will nischt sehn, nischt hören
von den janzen Schwarm! Nach Kamerun jeh ick!« Er war aufgesprungen - schlüpfte
mit ängstlicher Hast in seinen Mantel, tat ein Ränzel um, das in Bereitschaft
war, und griff nach Hut und Stock.
    Hainlin folgte ihm auf die Strasse. »Nach'n Alexanderplatz!« raunte Glaser -
»ick will nach Hamburch fahren!«
    »Hamburg?« Das Wort erinnerte Hainlin an Harburg, wo Marga wohnte - und
Harburg war ja nahe bei Hamburg. So kam ihm der Einfall, mit Glaser zu fahren,
dann nach Harburg. Besuchen wollte er Marga nicht - das hätte eine Aussprache
gegeben, und die scheute er. Aber noch einmal gesehen hätte er sie gern, nebst
ihren Kindern - er wollte sie belauern, nur von weitem sehn.
    Glaser blieb stehen, wie unschlüssig. »Herr Hainlin! Da fällt mir ein: Ick
muss zum Notar - det muss noch heute erledigt werden. Besser, wir fahren erst
morjen nach Hamburch.«
    Während man nach einem Notar suchte, äusserte Glaser den Wunsch, Hainlin möge
ins Büro mit kommen. Vielleicht, dass ein Zeuge nötig sei - er wolle nämlich
seinen Geschäftsanteil an der Buchdruckerei auf Frau Klein übertragen.
    Hainlin stutzte: »Frau Klein? Wie kommt die dazu, einen Anteil an so 'nem
G'schäft zu kaufen? Oder - wie meinen Sie das?«
    »Kaufen, nee! Jeschenkt soll sie ihn haben. Un wenn se Burdinskin heiratet,
so kann ja der den Jeschäftsmann machen.«
    »Aber Sie, Glaser? Können denn Sie eine solche Summe glatt verschenken?« -
»Ah!« sagte er wegwerfend, »zuwider is mich der janze Kitt! Frau Klein, na ja,
die kann ihn brauchen. Mir hat der Mammon dies höllenmässije Schicksal
heraufbeschworen. Den Patzke hat er neidisch jemacht - der war darauf erpicht,
mir den Anteil abzukoofen. Wie er sah, det ick nich wollte, hat der Halunke den
schwarzen Plan ausjebrütet, mich hier unmöjlich zu machen bei die Jenossen.«
    Hainlin stand starr: »Ha! Na wär dr Patzke e Teufel!« - »Der verfluchte
Mammon hat ihn dazu jemacht!«
    »Tun Sie mir dees verzähle, Glaser!« - »Später, später!«
    Es dauerte nicht lange, so war vom Notar die Uebereignungsurkunde
ausgefertigt. Wie nun Glaser gehn wollte, nahm Hainlin das Wort: »Herr Notar,
auch ich habe mich entschlossen, etwas von meinem Eigentum zu verschenken: Ein
Grundstück, in Grünheide gelegen, an meinen Freund Burdinski.« Die Angaben über
Personen und Grundbuchzeichen wurden gemacht - dann war auch dieser Akt
erledigt.
    Als Hainlin und Glaser wieder auf der Strasse waren, blickten sie einander an
- beide atmeten auf, von einer Last befreit - und jedes der beiden Gesichter war
umgewandelt: Aus dem Gram lugte etwas Sanft-Stilles.
    »Verstehn tu ich Sie, Glaser! Mir hat's Schicksal ähnlich mitgespielt wie
Ihnen. Ich würd' Ihnen alles sagen, darf's aber net - gewisse Menschen möcht i
halt schone. Aber jetzt der Patzke, der verdient keine Schonung. Also wie war's
mit dem? Tun Sie mir dees verzähle, gelt?«
    Am Friedrichshain waren die beiden angelangt, fanden im Gebüsch eine leere
Bank, und nun entüllte Glaser die ränkevolle Geschichte: Patzke war der Schuft,
der Glasers Ehre zugrundegerichtet hatte. War's auch, der Frau Klein und die
anderen Expedienten des verbotenen Blattes der Polizei überliefert hatte. Und
das war so gekommen:
    Die Liste mit den Namen der heimlichen Expedienten hatte Glaser in seiner
Ziter versteckt. Frau Ahlert, die es lächelnd beobachtet hatte, war so
unbedacht gewesen, es auszuplaudern, Patzke gegenüber, der sie beständig
umschmeichelte. dabei hatte sie sich nichts Arges gedacht - hatte sich bloss ein
wenig lustig machen wollen über Glasers Geheimniskrämerei, wie sie es nannte.
Patzke aber hatte nichts andres im Sinn, als die ahnungslose Frau über Glaser
auszuholen, um diesen in der sozialdemokratischen Bewegung unmöglich zu machen.
Dann gedachte er ihm seinen Geschäftsanteil billig abzukaufen und, als Ahlerts
Kompagnon, die Druckerei zu einer Goldgrube zu machen.
    Auch noch aus einem andern Grunde wollte er Glaser ruinieren: Er hatte das
Gefühl, Glaser beargwöhne ihn. Und dem war auch so; seit der Verhaftung im
Volkskaffeehause hegte Glaser den Verdacht, Patzke sei der Angeber. Patzke
wollte nun nach dem Grundsatze verfahren: Zuvorkommender Hieb ist die beste
Abwehr. Er verdächtigte also Glaser bei den Genossen, er habe aus alter
Schwärmerei für Frau Klein seinen Nebenbuhler Burdinski beseitigen, ihn daher
mit der Expedition des »Sozialdemokraten« in die Polizeifalle locken wollen. Dass
nicht Burdinski, sondern Frau Klein die Schriften zum Volkskaffeehause gebracht
habe, sei eine bloss zufällige Abweichung von Glasers Plan gewesen.
    Als es Patzke gelungen war, Glaser bei den Genossen derart anzuschwärzen,
fuhr er sein schweres Geschütz auf. In einer geheimen Versammlung sagte er:
»Jetzt wolln wr mal dem Ilaser ne feine Falle stellen. Seht diesen Brief,
Jenossen! Hier ha' ick ufjeschrieben, wat ick Ilasern nächstens vorschwatzen
werde: ne erfundene Jeschichte von ne jeheime Vabindung. Is nu Ilaser Spitzel,
so wird er der Pollezei berichten, wat er von mir jehört hat, un die dämliche
Pollezei wird druff rinfallen un den Vasuch machen, det Umstürzlernest
auszuheben. Na, un denn wissen wir Bescheid! Vastanden, Jenossen? Is det nich
sauber injefädelt?«
    Ein Bedenken gegen diesen Plan wurde laut: Selbst wenn die Polizei auf die
erfundene Geschichte reinfiele, wäre noch nicht mit aller Bestimmteit erwiesen,
dass Glaser der Spitzel ist; es könnte ja eine dritte Person, die von der
Geschichte gehört hat, den Bericht an die Polizei geliefert haben.
    »Dritte Person?« entgegnete Patzke - »unmöchlich! Es kann ebent keene dritte
Person in Betracht kommen. Unter vier Augen will ick Ilasern die Jeschichte
beibringen - un will hinzufüjen: Ilaser! Det du keenen Dritten wat merken lässt!
Deine Ehre steht uff'm Spiel - Also, Jenossen: Wenn er nach solcher Verwarnung
doch pfeift, na denn is er eben nich vertrauenswürdich! Also abjemacht,
Jenossen! Un hier überjeb' ick euch den Brief vasiejelt! Nu wolln wr sehn, wat
kommt!«
    Ein paar Tage später berief Patzke dieselben Genossen und führte sie nach
der Ackerstrasse zum Restaurant von Ludwig. Ein Paket, das Patzke trug, wurde
einem Packträger übergeben, den man am Stettiner Bahnhof aufgegriffen hatte. Er
sollte es in jenes Restaurant zum Wirt bringen. Das Weitere werde sich finden.
    Als nun der Packträger, den man vorangeschickt hatte, seinen Auftrag
ausgerichtet hatte, ging Patzke mit den Genossen ins Restaurant und fragte den
Wirt, ob für ihn etwas abgegeben sei. - »Ja woll, dies Paket!« antwortete der
Wirt, Patzke erhielt es und sass mit den Genossen am Tisch, um es zu öffnen.
Plötzlich tauchten Polizisten auf und verhafteten die Gesellschaft. Als sich
gleich darauf herausstellte, dass im Pakete nichts Verbotenes war, nur ein Paar
zerrissene Filzpantinen, zog die Polizei verlegen ab.
    »Haha!« scholl Patzkes Hohngelächter. »Un jetzt, Jenossen, meinen Brief
raus! Erst revidiert det Siejel! Et is unvasehrt! Also uffjemacht! Un nu lees
eener vor, wat da steht!«
    Im Brief stand: »Ich habe Glasern unter dem Siegel strengster
Verschwiegenheit anvertraut: am 5. August, nachmittags sechs Uhr, wird bei
Ludwig in der Ackerstrasse ein Paket mit Liederbüchern abgegeben und an die
hinbestellten Expedienten verteilt. Aber keine dritte Person darf davon Wind
bekommen. Das habe ich aber Glasern bloss gesagt, um ihn auf die Probe zu
stellen.«
    »Seht ihr, Jenossen?« triumphierte Patzke. »Ick habe Ilasern durchschaut -
un uff meine List is er rinjefallen! Klar wie Klossbrühe is nu: Een Spitzel is
Ilaser! Hat an die Polezei varaten, wat ick ihm anvertraut habe - un de Pollezei
natürlich hat jejlaubt, eenen fetten Fang zu tun. Also, Jenossen - den Ilaser
missen wr schleunigst unschädlich machen. Sofort alle Mann zu ihm!«
    »Jawoll, zu Ilasern!« hatte die aufjehetzte Rotte geschnaubt - und so war
Glaser der Tücke zum Opfer gefallen.
    »Ond jetzt, Glaser, mach i den Vorschlag: Ganget mr zunäkscht in e stills
Lokal und stärke mr uns! Auch ich bin erschöpft - hab die Nacht keinen Schlaf
ghätt und hab heut noch nicks gegessen. Hernach tun mr uns Schlafgelegenheit
suche - ond morgen reisen wir.«
    Die Unglücksgefährten begaben sich in eine Destille. Hainlin trank Weissbier
und ass etwas. Glaser hatte nur für Schnaps Neigung. »Wir müssen uns doch nu
trennen, Herr Hainlin,« sagte Glaser, »denn wo ick übernachte, da passen Sie
nich hin.«
    »Wenn daas Ihr einziks Bedenken ischt, Glaser, so sag ich Ihne: In ein Hotel
gang i net! Davon han i heut genug! Ins ärmlichste Quartier gang i gern mit
Ihne.«
    In schweigender Prüfung sah ihn Glaser an: »Aber wissen Sie, wo ick heute
nächtigen will? Im Asyl für Obdachlose! Dahin zieht es mich - die janz
Valassenen sind meine wahren Jenossen - bei die kann ick mir beruhijen un bin
heimisch bloss bei die!«
    »Sie hänt recht! I versteh! Ond komm gern mit ins Asyl, falls i net störe tu
- ond falls mr Leut in so guter Kleidung net abweise tut.«
    Wirklich empfand es Hainlin als Erlösung, nicht wieder in ein Hotel gehen zu
brauchen. Das Getriebe daselbst kam ihm abstossend vor. War's doch ein
Mechanismus, der in allen Teilen von Selbstsucht getrieben wird, und dessen
gefällige Art so viel Gemachtes, Erlogenes hat. Hinter der Schmiegsamkeit des
Personals lauert die Sucht nach Trinkgeld. Der Gast ist Gegenstand der
Ausbeutung.
    Die ganze Volkswirtschaft, die Zivilisation sogar, ist, so kam es Hainlin
vor, von Selbstsucht getrieben. Möglichst viel Geld, Genuss und Glanz sollen die
Geschäfte, sollen alle Berufe bringen.
    Die Geselligkeit, die sogenannte Gemütlichkeit, dran man sich erwärmt, hat
viel heuchlerisches Getue. Die gutbürgerliche Welt, Mariankas Kreis, ist eine
Maskerade von glatten Larven.
    Aber freilich - was Glaser jetzt erlebt hatte, bildete einen erschütternden
Beweis, dass auch die Arbeiterklasse von Minderwertigkeit wimmelt.
    In Hainlin war ein Aufschluchzen - durch seine Seele zitterte das Lied: »Ich
bin ein Fremdling überall! Wo bist du, wo bist du, mein geliebtes Land? Gesucht,
geahnt und nie gekannt!«
    Als der Abend dämmerte, begaben sich Glaser und Hainlin zur nahen
Büschingstrasse. Vor dem Asyl standen in zwei Reihen Männer, die Einlass
begehrten. Die Ankömmlinge schlossen sich an und harrten. Neben Hainlin war ein
bartloser Bursche, bestaubt von der Landstrasse. Da war ferner ein Graukopf mit
Stoppelbart. Ein polnischer Landarbeiter in abgerissener Kleidung. Seine
Schnapsflasche trank er aus, weil sie im Asyl nicht geduldet wurde.
    Jetzt kam der Hausvater und schritt die Front der Obdachlosen ab, jeden
musternd. Hin und wieder hatte er etwas zu fragen, schalt auch wohl: »Sie kommen
schon wieder? Das ist gegen die Vorschrift. Diesmal noch will ich ein Auge
zudrücken - weil wir heute Platz haben.«
    Als der Hausvater zu Hainlin kam, stutzte er: »Na nu? Wat wollen Sie denn
hier? Sie haben doch ne feine Kluft! Wat sind Sie? Künstler?« - Hainlin nickte,
und selbstgefällig schmunzelte der Hausvater: »Unsereens hat 'n Blick dafür!«
    Nach beendeter Musterung kommandierte der Hausvater: »Rrechts - om! Links
schwenkt, marsch!« So zog die Kolonne ins Asyl - der Sonnenbruder ahmte mit den
Lippen das Trompetengeschmetter eines Militärmarsches nach.
    Innen war abermalige Musterung, und es wurde gefragt, wer baden und wer
seine Kluft in die Bienenbäckerei bringen wolle. Durch Glaser erfuhr Hainlin:
gemeint sei ein Dörrapparat für verlauste Kleider - Bienen nennt man in der
Vagabundensprache die Läuse.
    In einer Halle an langen Tafeln sassen die Asylisten und löffelten Mehlsuppe
aus Blechnäpfen. Es wurde noch etwas geplaudert, nicht laut, eher schüchtern.
Dann ging's in die Schlafräume, in die »Falle«. Die eisernen Bettgestelle
entielten Strohsack, Kopfkissen und Decke.
    Als Hainlin entkleidet unter seiner Decke lag, wandte er sich zum
Nachbarbett, das Glaser innehatte, und nickte ihm zu: »Schlaf, Bruder! Vergiss
die Welt!« Und während nun Schnarchen rasselte, schwammen die Seelen auf stiller
Flut im Traumkahn hinüber zu wundersamen Ufern. Was Hainlin ins Hotelbuch
geschrieben hatte, er reise nach Glastelfingen, das gelang ihm für diese Nacht.
 
                                Zwei Heidehügel
Am Morgen holte Hainlin seinen Koffer vom Anhalter Bahnhof und fuhr mit der
Pferdebahn zum Lehrter Bahnhof, wo ihn Glaser erwartete. Vierter Klasse kamen
sie nach Hamburg - Glaser nahm Abschied, Hainlin fuhr weiter nach Harburg.
    Die Fabrik von Osterkamp war bald gefunden, und beim Pförtner erkundigte
sich Hainlin, wo Herr Osterkamp wohne. »Wollen Sie ihn sprechen? Er ist in der
Fabrik.« - »Danke, nein! hier mag i net störe - möcht bloss der Frau Osterkamp
meine Aufwartung machen.« - »Die gnädige Frau ist aber verreist.« - »Verreist?
Oh, wie schad! Ond wohin denn verreist?« - »In die Heide - nach Achterkrog.«
    Achterkrog war ein Oertchen an der See. Teils mit der Bahn, teils wandernd
gelangte Hainlin hin. Im Wirtshause erkundigte er sich bei der Wirtin vorsichtig
nach Frau Osterkamp und erfuhr, die wohne im Forstause, zwei Stunden von hier.
Es sei leicht zu finden - man brauche bloss in die Heide zu gehen und auf den
nächsten Hügel los - dahinter sei der Wald, und an dessen Rande liege das
Forstaus.
    Hainlin beschloss, im Achterkrog zu übernachten, um zunächst einmal die See
zu beschauen, die hinter der Düne brüllte. Am Morgen wollte er das Forstaus
aufsuchen.
    Zum letzten Häuschen des Fleckens gelangt, bemerkte er, wie im Winde, der
von der Heide schnob, ein Schmetterling geflattert kam - ähnlich einem welken
Blatt, das dahintreibt. Und ins Gärtchen der Strandhütte taumelte der matte
Sommervogel - zu einer Malve, die dort weiss blühte. Es war ein Trauermantel -
und wehmütigen Reiz hatte das Bildchen: auf dem Blütenschnee spreizte der
Verirrte die dunklen Flügel, sich ein wenig an der Sonne zu wärmen. Es war sein
letztes Glück; gleich darauf riss ihn ein Windstoss seewärts - auf die Wasserwüste
war das haltlose Seelchen geschleudert, und Wogenmäuler schnappten nach ihm.
Ein Trauermantel im Nebelsturm
Ueber Stoppel und Heidekraut.
Zur Düne trieb der Falter,
Wo drohend das Weltmeer blaut.
Bei der Gartenmauer am letzten Strand,
Von Brandung schon umsprüht,
Da wankt die weisse Malve,
Ein Spätling, fast verblüht.
Der hingetaumelte Falter hängt
Dunkel am Blütenschnee,
Zu rasten ein süsses Weilchen -
Dann reisst ihn der Sturm zur See.
O haltlos flatternde Zärtlichkeit,
Wie welkes Laub verweht!
Im Wogenmaul nicht anders,
Als ob ein Schaum zergeht.
                                       *
    Morgens, in klarer Sonne, schritt Hainlin durch die Heide. Sie war ein lila
Blütenmeer, aus dem zuweilen eine Gruppe dunkelgrüner Wacholdersäulen ragte. Das
sandige Land bildete Wellen, draus hob sich der Hügel, den die Wirtin bezeichnet
hatte - auf seiner Höhe ragten Steine.
    Um den Hügel führte eine Wagenspur - und da lag das Forstaus am Walde, der
sich über moorigen Boden erstreckte. Nach rechts ging die Heide weiter - ins
Grenzenlose, so konnte man denken - nur dass in violetter Ferne ein anderer Hügel
mit einer Felsenkuppe ragte.
    Vom Hügel, an dessen Fuss er sich befand, scholl eine Kinderstimme.
Vorsichtig näherte sich Hainlin dem Gipfel. Ein Knabe und ein Mädchen streiften
durch das Heidekraut, als ob sie etwas sammelten. Auf des Hügels Kuppe sass bei
einem kleinen Mädchen eine junge Frau in städtischer Kleidung: Hainlin den
Rücken gekehrt, las sie in einem Buche.
    Sie ist es! sprach Hainlins pochendes Herz, und es war fast Schreck, was ihn
lähmte. Dann fasste er sich und nutzte den Augenblick, um Marga zu betrachten. Da
sie ins Lesen vertieft war und ihr Kind das Gesichtchen abgewandt hatte, konnte
Hainlin unbemerkt näherkommen - und blickte Marga von der Seite an. Sie sah
frisch aus, rosig - von der Schläfe wehte ein goldiges Löckchen - die Gestalt
war frauenhaft.
    »Mammi! Da is wer!« sagte das kleine Mädchen, und schleunigst wandte sich
Hainlin ab. Er bückte sich nach Heidekraut und schlenderte wie planlos den Hügel
hinab.
    Ob sie mich beachtet hat? Ob meine Gestalt ihr Erinnerungen weckt? dachte er
- und schwankte, ob dies zu wünschen sei oder nicht.
    Einmal fühlte er den Drang, auf den Hügel zu stürmen und sie in seine Arme
zu reissen. Dann griff er seufzend an seine Stirn. An Marianka hatte er plötzlich
denken müssen - an den Gram, den sie über ihn heraufbeschworen hatte. Sollte nun
er, dem das Herz davon noch blutete, störend eingreifen in den ruhigen Zustand
einer Ehe? Margas Ehe zerrütten?
    Entschlossen entfernte er sich von Marga - schritt nun fest und flott durch
die Heide. Nicht zum Forstaus; sondern dem blauenden Felsenhügel entgegen.
    Daselbst angelangt, ging er zum Gipfel, setzte sich auf den Steinblock und
schaute zurück zu Margas Hügel. Ob sie noch da war, liess sich nicht erkennen.
Versonnen nahm er aus dem Ränzel seine Flöte, und es zitterten Seufzer der
Sehnsucht über die lila wogende Weite. Sonst war es still - nur Bienen summten
leise, ein Wacholder raschelte im Winde, schleppenden Fluges krächzten Krähen.
    Unweit war ein Dörfchen, und hier fand Hainlin Unterkunft. Es war bei einer
Schulmeisterwitwe, die ihr ererbtes Häuschen hatte und von den Bienen Honig
erntete. In einem Märleslande fühlte sich Hainlin - er mochte sich nicht trennen
von dieser Heide, wo man Herr blieb in seinen Träumen. Oft stieg er auf den
Heidehügel, schaute nach Margas Hügel und blies Flöte.
    Der Herbst war gekommen, Nebelwind schnob über die verblühte Heide - mit
schnarrendem Sehnsuchtslaut zogen Wildgänse im Keilgeschwader südenwärts. Ein
paar Schwäne kamen auch geflogen - ermüdet schienen sie einem Genossengeschwader
nachzurudern. -
    Nach Marga erkundigte sich Hainlin niemals - keine Nachricht aus dem Reiche
trüber Wirklichkeit sollte sein Innenleben mehr stören. Hier suchte er Neuland,
suchte die Friedensinsel in wüster See. Und die Insel tauchte auf, er spürte,
dass er sie erreichen werde.
Zwei Heidehügel ragen -
Die Oede trennt sie weit.
Es sind versteinte Klagen
Der Einsamkeit.
Die Felsenkuppen spähen:
Rings Heide struppig braun.
Hinüber schweifen Krähen
Und Wolkenfraun.
Die Krähen haben Flügel
Zum lila Heidesaum -
Die beiden Felsenhügel
Verwebt nur Traum.
Sie dürfen kaum sich grüssen
Als blauer Duft von fern -
Und schmiegten sich zu Füssen
Einander gern.
Die Wanderschwäne flogen
Im gelben Abendschein;
Ein letzter kam gezogen
Müd' hinterdrein ...
Herbstregen wob in Floren,
Da war der Blick geraubt,
Und in sich starr verloren
Das Hügelhaupt.
Im Finstern schnob von Norden
Der barsche Flockengreis -
Und morgens waren worden
Zwei Scheitel weiss.
Jedoch ein Sternenfriede
Hat nächtens sie geweiht -
Da lauschen sie dem Liebe
Der Ewigkeit:
»Getrost! wenn Stern bei Sterne
Wie Laub vom Wipfel fällt,
Wenn Nähe sich und Ferne
Umfangen hält, -
Getrost! wenn Berge tauchen
Ins lang geliebte Tal
Und sich erlöst zu Hauchen
Der Steine Qual:
So finden sich zwei Hügel,
Ein spätes Hochzeitspaar -
Und sind zwei weisse Flügel,
Die wölbt auf spiegelklarer Flut
Ein stiller Schwan.«
 
                               Mit dem Ruhebecher
Auf einem Heidegang war Hainlin von Regen durchnässt - heimgekehrt, fühlte er
sich von Frost durchschüttelt. Am Morgen fand ihn seine Wirtin im Fieber - er
stöhnte - alle Glieder taten ihm weh. Ein Arzt, weiter geholt, stellte
Gelenkrheumatismus fest. Durch Medikamente brachte er den Patienten aus dem
einen Uebel heraus, um ihn dem andern zu überantworten: einem Herzleiden.
    Inniger Trost für Hainlin war das Erscheinen Margas an seinem Bette. Von der
Heideförsterin hatte sie gehört, jener Herr, der auf dem fernen Hügel manchmal
Flöte geblasen, liege gefährlich krank. Da mehrere Kennzeichen auf Hainlin
hindeuteten, den sie schon damals, als er dicht bei ihr war, zu erkennen
geglaubt hatte, war sie zum Patienten gegangen.
    Ueber die Aussprache der beiden kann man Vermutungen hegen; Hainlins
Tagebuch besagt nur, Marga habe ihn liebreich gepflegt.
    So weit hergestellt, dass der Herzleidende die weite Reise zum Onkel Guhl
unternehmen durfte, schrieb er einen Brief an Marianka: »Das Märle vom Glasberg,
das ich Dir erzählt hab', bewahrheitet sich an mir: Abgerutscht bin ich, lieg'
unten zerschlagen und fühle, dass ich nicht lange mehr dies Dasein werde zu
tragen haben. Recht so! Ich passe nicht hinein. Hab' alleweil den Fehler
gemacht, von ihm etwas zu erwarten, was es nicht leistet, seiner Natur nach
nicht leisten kann. Mein Reich ist nicht von dieser Welt - ist vielmehr jenes
heimliche Dörfle, das in der äusseren Wirklichkeit nicht existiert. Mein
Glastelfingen soll mich nun ganz haben. Du, liebe Marianka, bist mehr
realistisch veranlagt. Drum hab ich für gut befunden, dass wir uns nicht durch
äusseres Band aneinander gefesselt fühlen. Als ich Dir den Ring dagelassen hab',
ist es nicht bloss die eherechtliche Seite unseres Verhältnisses gewesen, was ich
als Kette empfunden hab'. Nein, der Ring ist ein Glied jener Kette, die uns
schwache Geschöpfe an die Sinnenwelt schmiedet. Mich wie Dich. Es liegt mir
fern, Dich, Marianka, zu kränken - auch damals hab ich das nicht wollen, als ich
an das Faust-Wort von den blanken, unfruchtbaren Hexen erinnerte. Deines Herzens
Gram lass mich lindern mit einem anderen Faust-Wort. Lies nach, was der Doktor
Marianus von den »Leichtverführbaren« sagt:
»Wer zerreisst aus eigner Kraft
Der Gelüste Ketten?
Wie entgleitet schnell der Fuss
Schiefem, glattem Boden!
Wen betört nicht Blick und Gruss,
Schmeichelhafter Odem?«
    Recht haben auch die halb erlösten Engel:
»Uns bleibt ein Erdenrest
Zu tragen peinlich -
Und wär' er von Asbest,
Er ist nicht reinlich.«
    Ja, »geeinte Zwienatur« ist jedes Menschenkind, und nur die »ewige Liebe«
vermag das höhere Element vom niederen zu scheiden, das Gold von der Schlacke.
Die ewige Liebe - teure Marianka - die soll uns beisammen halten, und wir
vergeben einander die Schwächen, die in unserer körperlichen Ichnatur begründet
sind. Bitte, lass mich einsam! Ich reise ins Neckarländle, zum Onkel Guhl, der
ein berufener Führer ins Ewige ist. Da möcht ich an meiner Läuterung schaffen,
solang ich Odem hab. Uebers Grab hinaus bleib ich der Deine - wie ich Rosel
zugehörig bin - und Marga. Glastelfingen ist das Engelheim, wo man nicht freit
im irdischen Sinne, wo Eifersucht keinen Sinn hat, weil Mein und Dein im Ewigen
verschmelzen.«
    Die paar Monate, die Hainlin noch am Leben blieb, bilden die lieblichste
Zeit seines Erdenwallens. Er hauste beim Onkel Guhl in Eberhards Einsiedelei.
Umhegt fühlte er sich von der Ewigkeit, deren Donnerwort ihm hier erklungen war,
und in ihrem Leuchten verklärte sich sein Schicksal. Neben Onkel Guhl weilten an
seinem Lager Rosel an Berta; für etliche Zeit auch Marianka und Marga, die aus
Sehnsucht gekommen waren.
    »Da hab ich nun« - lächelte Hainlin - »mein Himmelreich im Herzen - ich
sterbe umgeben von dem, was ich liebe.«
    Friedevoll entschleierte sich ihm das grosse Rätsel - sein Sterben war, als
ob Vollmond aus Wolken quillt.
Der Garten schwarz - Gestalten seh ich kauern,
In Flor gemummt.
Sind's Büsche? Blätter wagen kaum zu schauern,
Alsbald verstummt.
So fremd, so steinern alles, wie besprochen
Von Hexerei.
Die Seelen sind wie Vögel, scheu verkrochen
Beim Eulenschrei.
Und bist du steinern, Welt, lass dich beschwören:
Sei Seele, Welt!
Geheime Sucht, einander zu gehören,
Hat uns gesellt.
Wir suchen uns, wir liegen auf der Lauer
In Dunkelheit:
O Bann der Fremdheit, löse dich im Schauer
Der Zärtlichkeit!
Komm, Zärtlichkeit! Ich bin allein. Ein Zecher
Bei Ampelschein ...
Wie Rebenblüte duftet mir im Becher
Der Edelwein.
Den Trost der Oede soll ich nicht vermissen:
Aufglüht der Mond -
Ein Fürst in Purpur, der auf Wolkenkissen
Beschaulich tront.
Nun hoch den Kelch! Dir, Vollmond, gilt mein Trinken!
Da lächelt hold
Durch Glas und Rebenflut sein Augenwinken
Wie Bernsteingold.
Ein Kelch, ein blanker, süssen Rausches Quelle
Bist, Mond, auch du.
Dein Licht durchrieselt mich - o kühle Welle
Der Seelenruh!
Erlöser Mond, wenn über Flur und Bäume
Dein Silber haucht,
Wenn Allgefühl die sanften Schwärmerträume
In alles taucht!
Traumkönig Mond! Es huldigt deinem Glanze
Die Wolkenfee;
Aus ihrem feierlichen Schleiertanze
Bljetzt keuscher Schnee.
Zum Sterben süss dies Leuchten! O dies Schweigen
Der Rätselnacht!
Wie's heimlich klingt! So zittern Flöten, geigen
Herbstgrillen sacht.
Mir bangt nach jenem ewigklaren Frieden -
Wer den erlauscht,
Der hat den Becher Gral, ist schon hienieden
Aus Gott berauscht ...
Es tropft der Tau; Nachtmotten surren trunken
Ums Ampellicht -
Und Stirn an Stirn, so bin ich hingesunken
Zum Mondgesicht.
 
                                Totenbeschwörung
Noch ein Gedicht von Hainlin sollte ich kennen lernen. In einem Buche war's, das
droben im Schnützelputzhäusel aufbewahrt wurde. So kam's, dass ich noch einmal zu
diesem Ort lieblicher Kindheitsträume gelangte.
    Klein-Uli sollte mich hinführen. Professor Ritter konnte den Aufstieg seinem
Beine nicht zumuten. Begleitete uns aber bis zur Universitätsbibliotek, wo er
seine Arbeit über Hölderlin betrieb.
    Den Botanischen Garten hatten wir hinter uns, waren an der Universität
vorbei und standen betrachtend vor der Bibliotek. An der Aussenwand dieses
vornehmen Neubaues sind Bildnisse von Geisteshelden. »Aber Hölderlin ist nicht
dabei,« meinte der Professor spöttisch. »Wohl Uhland! ha freili! der war ja
Universitätsprofessor. Hölderlin aber hat's net mal zum Stiftsrepetenten
gebracht. Ist ein simpler Hauslehrer gewesen, wiederholt stellungslos, so dass er
bei Freunden oder bei seim Mütterle Unterschlupf suchen musste. Dies Götterkind,
das im Geistesschauen den Olymp nicht verleugnete, war auf Erden ein
unbeholfener Träumer. Als er, von elender Wirklichkeit zerbrochen, in Tübingen
die ärmliche Pflegestätte hatte, schalt ihn, wenn er sich auf Spaziergang wagte,
Janhagel einen Narren. Jetzt weiss der deutsche Michel, der gern mit seinen
Dichtern und Denkern protzt, von Hölderlin immer noch so gut wie nichts. Die
Tübinger raunen davon, es hab im Neckarturm ein irrsinniger Dichter gehaust ...
Doch nun, Herr Doktor, kommen Sie mit mir in die Bibliotek! Ich zeig' Ihnen
leuchtende Spuren des Genius Hölderlin. Bearbeite seine Handschriften, die aus
dem Stuttgarter Archiv hergeliehen sind. Die Gelegenheit ist wahrzunehmen,
gelt?«
    Durch einen Flur gelangten wir in den Lesesaal. Im hellen, weiten Raume
sassen an langen Tischen über Büchern grübelnde Männer, schreibende Studentinnen.
Die Stille der Beschaulichkeit gemahnte an Tempelandacht. Eine Beschwörung von
Geistern schien hier stattzufinden, und dazu passte das grosse Wandgemälde:
    Szene aus Homer. Am Eingang zur Unterwelt veranstaltet Odysseus ein
Totenopfer. Aus der Tiefe nahen Schatten von Toten - Kinder und Bräute,
kummergebeugte Greise und Männer in Rüstung. Auch Sänger mit der Harfe,
weisheitsvolle Seher. Vom Opferblut nippen möchten die Seelen, um wieder einmal
mit irdischem Leben verbunden zu sein - die Erinnerung daran war ihnen bisher
benommen - sie haben ja vom Strom der Vergessenheit geschlürft. Immerhin regt
sich ein dunkles Heimweh, und lüstern sind sie nach dem dampfenden, roten
Lebenssaft. Hat ein Schatten davon genossen, so fühlt er sich verkörpert. Darf
mit dem Opfernden plaudern - darf sich nach der Oberwelt erkundigen. Auch Fragen
beantworten, die Odysseus stellt So entüllen sich diesem mancherlei Schicksale.
Sogar in die tiefere Unterwelt gewinnt er Einblick. Und erreicht den Hauptzweck
seines Abenteuers: der Seher Teiresias sagt ihm wahr, wie seine lange Irrfahrt
enden solle. Wiedersehen werde er die Heimat, sein trautes Felseneiland Itaka,
die Gattin und den Sohn.
    In das Bild vertieft, fand ich darin einen Bezug auf mich: Auch ich, ein
Vielgereister, suche die Heimat. Und bringe ebenfalls Totenopfer dar, Schatten
meiner Jugend beschwörend, dass sie aus der Unterwelt heraufsteigen. Blut geb'
ich ihnen zu trinken, damit sie Verkörperung gewinnen und ihr Geheimnis
offenbaren.
                                       *
    Unterm Arme nahm mich der Professor, mir die Handschriften zu zeigen, die im
Nebengemach aufbewahrt wurden. Der Knabe hatte Weisung, im Lesesaal zu warten.
    Eine Mappe legte der Professor auf den Tisch und nahm mit Ehrerbietung
vergilbte Papiere heraus: Hölderlins Briefe - die Handschrift ist rund und
schön, fest und klar.
    »Eine Stelle lassen Sie sich zeigen! An seinen Halbbruder schreibt der
Dichter - bekennt ihm, er hab' in den letzten Jahren einen lieblos kalten Ton
angestimmt. Zu entschuldigen sucht er sich auf eine tiefsinnige Art. Lesen Sie!«
    Der Professor wies mit dem Finger die Zeilen:» Ein Unglaube an die ewige
Liebe hatte sich meiner bemächtigt ...«
    Betroffen hielt ich inne und sann: Unglaube an die ewige Liebe? Das
allerdings ist ein verwüstender, ist wohl der einzig schlimme Unglaube!
    Und ich las weiter: »Ich sollte auch dahinein geraten - in diesen
furchtbaren Aberglauben! Aberglauben an das, was eben Zeichen der Seele und
Liebe ist. Was aber, wenn es so nicht verstanden wird, ihr Tod ist.«
    Wie wahr! Wer nicht den Glauben an die ewige Liebe hat, ist verstrickt in
einen Aberglauben, der tödlich sein kann für unsere eigentliche Seele. »Glaub'
es, Teuerster,« - schloss Hölderlin das Bekenntnis seiner innerlichen Verödung -
»ich hatte gerungen bis zur tödlichen Ermattung - um das höhere Leben
festzuhalten im Glauben und im Schauen.«
    »Ist das nicht ein Aufleuchten jener Liebe selbst, von der die Rede ist?«
meinte der Professor begeistert. »Das Glauben der Liebe ist das höhere Leben,
ein Schauen der ewigen Wahrheit. Diese Offenbarung macht mir klar, warum mein
armer Vater vom Glasberg stürzte. Weil ihm die bösartigste aller Sorgen, das
Zweifeln am geliebten Herzen, ja an unserem Gotteskern - weil ihm dieser Geier
mit hartem Flügelschlag das Auge getroffen und geblendet, das Schauen der Liebe
genommen hatte. Anders starb Hainlin - ihm leuchtete das Morgenrot der Ewigkeit.
Es ist dasselbe Schauen, das Hölderlin durch den griechischen Eremiten verkünden
lässt ...«
    Und aus einem Heft blätterte der Professor die Notiz heraus: »Eins zu sein
mit allem, was lebt, das ist das Leben der Gotteit - das ist der Himmel auf
Erden - ist Gipfel der Gedanken und Freuden.«
    »Ist der Glasberggipfel,« sagte ich - »wo die Prinzessin, die wahre Seele,
gefunden und erlöst wird. Vorausgesetzt, dass man auf Erden fähig ist, vom ewigen
Leben - zu nippen. Ja, eins zu sein mit allem, was da lebt - mit allem! Das wäre
ein geradezu übermenschliches Leben, für uns kaum fassbar in seiner Hoheit.«
    »Uebermenschlich, das stimmt! Nur auf diese Weise verwirklicht sich
Zaratustras Sehnsucht: der Uebermensch,« versicherte der Professor - und es
erschütterte mich freudig, dass ein Mann so sprechen konnte, der grausige
Schlachten durchfochten hatte. Weich fügte er hinzu: »In der Liebe haben wir den
Anteil am Göttlichen. Wir sehnen uns danach in jenem Glastelfinger Heimweh, von
dem das Gedicht im Schnützelputzhäusel handelt.«
    Um seine Studien nicht länger zu verzögern, nahm ich Abschied von Professor
Ritter. Er geleitete mich wieder zur Lesehalle, wo sein Knabe wartete. Mit dem
ging ich.
 
                              Aus der Tiefe empor
Von der Lustnauer Baumstrasse führte mich Klein-Uli links ab - zur Waldhäuser
Höhe. »Mr heisst sie jetzt Aeberhards-Höhe,« erklärte der Knabe.
    Zwischen zwei schmucken Landhäusern steigt der Weg empor. Bald öffnet sich
zur Rechten der Ausblick ins Lustnauer Tal. Um den gotischen Kirchturm breitet
sich das Dorf, neumodische Bürgerheime ragen an der Baumstrasse. In meiner
Kindheit war hier alles schlicht, gemütlicher als jetzt. Der kasernenartige Bau
auf halber Eberhards-Höhe, eine Heilanstalt, passt nicht ins Idyll der Gärten,
die sich am Hang emporstaffeln. Schade, dass von den Wengertäusle, die einst
zahlreich von der Berghalde lächelten, nur wenige übrig sind.
    Die Aussicht verschwindet, wir passieren einen Hohlweg, der steil aufwärts
führt, überwölbt von Weissdorn und Haselbüschen. Rechts kommt eine Schlucht, in
deren struppiger Tiefe ein Wassergefälle rauscht.
    Klein-Uli beugt sich übers feste Holzgeländer: »Dees da ischt unsre
Wolfsschlucht - i han sie so getauft.«
    »Ah!« lächle ich - »Samiel, erscheine!«
    »Freile!« scherzt der Knabe - »von da führt e heimlicher Gang grad in die
Höll. Aber Sie brauche dees net zu glaube!«
    »Ich verstehe!«
    »In der Wolfsschlucht bin i mal drunte gwä - o jele! arg wühscht sieht's da
aus. Nesseln tun brenne, Dorne steche. Wo Baumwurzle aus der Erd krieche, hat's
Löcher - Kröten ond Ratten - sogar e Kreuzotterle hat mr da erlegt.«
    »Hu, wie graulich!«
    Raunend fuhr der Knabe fort: »Wissen Sie, Herr Doktor - wie mr's Bild von
Odysseus betrachtet hänt, han i mir denkt: So ähnlich wie die Wolfsschlucht mag
dr Eingang zur Unterwelt sein, draus die Toten kommen sind ... Aber freile, eine
Unterwelt gibt's überhaupt net! Hölle scho gar net! Dees ischt Aberglaube,
Mytologie - gelt?«
    Des Kindes Geplauder lenkte mich auf eine Idee, die ich zunächst im stillen
verfolgte - weshalb meine Antwort einsilbig ausfiel.
    Was mir durch den Sinn ging, war die Myte von Hermes: Er ist der Luft- und
Geistgott, Herr über den Odem, über Leben und Tod - ist daher der Psychopompos
oder Seelenführer. Die Seelen der Toten bringt er zur Unterwelt. Seine weitere
Aufgabe ist jedoch, aufwärts zu führen, zur himmlischen Höhe. Ein Christus der
Griechen ist Hermes, niedergefahren zur Hölle, auferstanden von den Toten,
Erlöser der Unterwelt ... ...
    Nun aber meint der Knabe: Eine Unterwelt gibt es gar nicht! Im
buchstäblichen Sinne gibt es natürlich keine. Aber diese Völkeridee ist kein
blosser Aberglaube.
    Die Unterwelt bedeutet ja nicht allein den Ort, wo die Schatten weilen,
sondern philosophisch bedeutet sie das Reich formlosen Stoffes. Aus
Formlosigkeit haben sich die Geschöpfe gestaltet, zu ihr kehren sie verwesend
zurück.
    Wozu aber dies Aufwärts und Wiederabwärts? Ist es Wellenschlag am
Meeresstrand? Ist es die Bemühung jenes Unterweltbewohners Sisyphus, der seinen
Felsblock auf den Hügel wälzen soll, jedesmal aber, wenn das Ziel beinahe
erreicht ist, aus den Händen rollen lässt?
    Oder gibt es ein Auf und Ab, in dem sich eine Leistung vollzieht? Des
Uhrpendels Hin und Her leistet etwas: das Uhrwerk geht, der Zeiger rückt. So ist
vielleicht auch Werden und Vergehen der Geschöpfe mehr als sinnloses Spiel.
Irdisch Leben bedeutet: Gelegenheit haben zum Aufstieg ins Ewige. Oft wird die
Gelegenheit verpasst. Doch dieser Verlust kann wieder gutgemacht werden; der
grosse Wellenschlag bietet immer neue Gelegenheit. Vielleicht hat darum die Natur
Zeit ohne Ende - niemals aufhören soll die Möglichkeit, zum Bessern zu gelangen.
    Dass ein Schüler mich begleitet, bringt mich auf folgenden Einfall: »Hör',
Uli! Du bist jetzt in der sechsten Klasse, und ich war auch einmal darin. Das
Pensum, das ihr zu bewältigen habt, ist wohl dasselbe wie zu meiner Zeit! In den
viereinhalb Jahrzehnten, die seitdem verflossen sind, hat das Pensum keinen
Fortschritt gemacht. Der Schüler schreitet ein wenig fort, indem er die sechste
Klasse durchmacht: wenn er sie beginnt, gibt's einfache Aufgaben, zuletzt sieht
man, dass ein Stück Weges zurück gelegt ist, aber das Pensum dieser Klasse kehrt,
sobald die Versetzung geleistet ist, zurück, von wo es ausgegangen ist. Da haben
wir nun das ewige Auf und Ab, den Wellenschlag, ein Hin und Her, wie's der
Perpendikel macht. Als ob's keinen Fortschritt in der Welt gäbe. Ist das nicht
wunderlich, Uli?«
    Der Knabe lächelt: »Ja, wemmer's so betrachtet! Aber Fortschritt gibt's halt
dooch! Darin besteht er, dass mr aus der sechsten Klass' versetzt wird in die
fünfte. Wer klebe bleibt, der freili macht nochmals dees Pensum durch. Ond 's
kommen ja alleweil Schüler von unten rauf. Dees muss so sein.«
    »Du willst sagen: Der Fortschritt geht durch die sechste Klasse hindurch.«
    »Ha freili!«
    »In die fünfte Klasse geht's dann ...«
    »Ond von da noch höher.«
    »Unter einer Klasse versteht man also die dem Schüler angemessene
Gelegenheit, etwas zu lernen - nicht wahr?«
    Belustigt staunte Klein-Uli: »Ha! Dees ischt doch klar!«
    »Warum ich's dennoch ausspreche? Weil mir die Frage kommt, ob die Menschheit
nicht vielleicht eine blosse Klasse ist.«
    Der Knabe stutzt: »Mögli wär's.«
    »Oft hört man: die Menschheit schreitet fort und wird's noch zum Himmelreich
auf Erden bringen. Aber wenn sie bloss eine Klasse ist, wie etwa die sechste,
kann man zwar bis zum Ende ihres Pensums gelangen, bis zur Grenze ihrer
Fassungskraft - nicht darüber hinaus! Fürs höhere Pensum ist dann eben die
höhere Klasse da. Drum gehört das sogenannte Himmelreich auf Erden nicht zum
Pensum der Menschheit - wenigstens nicht in dem Sinne, wie's verkündet wird von
landläufigen Aposteln - als ob nach hunderttausend Jahren die ganze
Menschenmasse gut und glücklich sein werde. Mir scheint, die Dummen werden nicht
alle, auch nicht die Gemeinen, Wüsten und Wilden ... Was meinst du? Sieh mal
diesen Weltkrieg! Es hat vorher mancher gesagt: So etwas ist nicht zeitgemäss,
die Menschheit hat ja Fortschritte an Gesittung gemacht. Nun aber haben wir die
Bescherung: das Erdenrund in zwei Lager gespalten, und blutiger geht's her als
im eifersüchtigen Ringen zwischen Rom und Kartago, wüster als in der
Völkerwanderung und im Dreissigjährigen Krieg. Die Menschheit ist nicht
hinausgelangt über ihre Flegeljahre.«
    Uli schmunzelte. Sann und meinte: »Da möcht mr halt - naus aus der
Flegelklass'!«
    »Nicht wahr? In die höhere! Aber erst muss man Reise dafür gewinnen.«
    Und der Knabe mit schüchternem Zögern: »Sie denken, gelt? an den Himmel!«
    »Jedenfalls halte ich die Menschheit für eine Durchgangsstation - das Ziel
wird nicht in ihr erreicht. Sie gibt dem einzelnen Gelegenheiten, sich zu
läutern - so dass er dem Ewigen näher kommt. Allzu viele freilich lernen gar
wenig und bleiben sitzen - das Pensum gerade dieser Klasse ist überaus schwer.«
                                       *
    Schweigsam stiegen wir. Ueber die Wolfsschlucht führte die Strasse in aller
Bequemlichkeit. Noch einen Blick tat ich hinunter. Und dachte abermals an die
Unterwelt.
    Das Chaos ist die Unterwelt. Worin aber besteht das Chaos? Im wüsten
Durcheinander, so dass der Teil sich nicht ums Ganze bekümmert, einem bornierten
Eigensinn ergeben. Jegliche Ordnung fehlt.
    Sie zu wecken, ist Aufgabe des Seelenführers Hermes. Aus dumpfer Niedrigkeit
ringe sich Geistiges empor: Zusammenstimmen, Ueberordnung, Gemeinschaft.
    Gern hätte ich solche Einfälle mit dem Professor durchgesprochen. Nun er
fehlte, nahm ich mit Klein-Uli vorlieb und versuchte, den klugen Knaben in meine
Anschauungsweise einzuführen:
    »Die Wolfsschlucht kommt dir also wie der Eingang zur Unterwelt vor? Lass dir
davon eine Geschichte erzählen. Die Unterwelt ist kein Aberglaube - sie
bedeutet, was die Griechen auch Chaos nennen. Bevor das Dasein Sinn hatte, war's
wüst und leer - wenn auch schon Geist hauch über den Wassern schwebte. In der
Chaostiefe gab's keinerlei Einigkeit, da war ein Kampf aller gegen alle. Drachen
balgten sich, ineinander verbissen.
    Nun geschah's, dass etliche dieser Viecher höher krochen und zur Öffnung der
Schlucht gelangten. Durch Gestrüpp lugte da ein Lichtstrahl - nie zuvor hatten
die Drachen solch einen Schimmer gesehen. Wie gebannt hielten sie inne mit ihrem
Hader - die Schönheit des Lichtes bezauberte sie, dass sie verliebt waren in den
Lichtstrahl. Und sie sannen darauf, ihn zu erobern. Aber damit lässt sich Gutes
nicht gewinnen. Es erging den Drachen nicht anders als jenen Riesen, die den
Olympus erstürmen wollten - zur Unterwelt stürzten sie hinab. Doch in der
finstern Tiefe sehnten sich die Ungetüme erst recht zum Licht. Die Liebe war
geweckt. Und sie bändigt das Wilde, macht anschmiegsam, kann den Höllenhund zum
Lamm entwickeln. Ja - und ...«
    Da ich eine Weile schwieg, fragte Uli: »Und? Wie geht's weiter?«
    »Ja, siehst du, darauf bin ich selber gespannt. Wir sind noch mitten in der
Begebenheit, die ich schilderte. Die Unterwelt ist gewissermassen unsere Welt -
die Menschen haben noch etwas vom Drachen. Und da bleibt kein Rat, als dass sie
fortfahren sollen, dem Lichtstrahl ihr Herz zu weihen - und aus der Tiefe empor
zu klimmen.«
 
                                  Auf der Höhe
Dreiviertel der Höhe haben wir erstiegen und wandeln nun an der Halde hin. Da
weitet sich die wundervolle Aussicht, mir traut von Kindheit her. Im Tale die
graue Stadt mit der Stiftskirche. Dicht dabei die alte Feste auf dem Berge, der
sich bis zur Wurmlinger Kapelle dehnt. Links der Oesterberg. Nach Lustnau zu
begrenzt ihn Buchenwald, dessen Wipfel rotgolden schimmern, wie auch die
Bergwälder hinterm Neckartal. Dies erste Lodern des Herbstes stimmt wehmütig zum
sanften Blau der Alb.
    Dort hinten Berg an Berg gereiht. Leuchtende Bilder eines Sagenliedes. Da
sind auch die Burgen, von denen ich als Kind schwärmte. Wie Efeu um Ruinen wob
damals meine Sehnsucht um die alte Zeit, wo's noch urwüchsige Kraft gab. Drüben
auf den Schlössern Neuffen, Teck und Urach, auf dem Hohenstaufen und dem
Hohenzollern sah meine Träumerei goldlockige Recken, den Speer gezückt, Riesen
und Drachen.
    Diese Romantik geht nun zu Ende. Die Ritter, die einst Drachentöter waren -
so ruft eine Volksmenge, haben selber etwas Drachenhaftes - Raubtiere sind's,
wie ihre Wappentiere: Greif, Adler, Wolf und Leu.
    Auf dem Acker, den der Bauer mit dem Ochsen pflügt, wandelt ein Schwarm
Stare. Sie picken sich Nahrung aus der frisch umgestürzten Scholle. Aus
mattblauen Lüften schrillt eines Habichts Schrei - und scheu schwirren die Stare
auf. Ihr Geschwader macht eine Schwenkung zur Pappelgruppe, die in der Nähe
ragt. Das Gezweige bietet Deckung - darin lassen sich die Stare nieder.
    »Da nauf!« spricht der Knabe und geht voran. Zwischen terrassenförmigen
Gartenbeeten führen Steinstufen empor. Und ich erkenne das Gelände, wo ich, die
Schule schwänzend, mit Fräulein Rosel zum Schnützelputzhäusel gegangen bin - wo
später Hainlins Abschied gefeiert wurde.
    »Seit wann sind die Rebstöcke fort?« frage ich bedauernd, und die Antwort
lautet: »Ui jele! Arg lang! Mei Vatter ischt noch im Gymnasium gwä, da hat mr
scho den Wengert abgschaft. Die Weigärtnerei tut sich bei uns net lohne. Aber
drobe am Häusle hat's noch die alte Kammerz - die tragt guet!«
    Rechts und links auf den Beeten bei Kohl und Rüben blühen Astern, gelb und
blau. Mohnstauden stehen dürr - ihre Köpfe sind abgeerntet. An Bohnenranken
hängen reife Schoten. Beerengesträuch, Birnen- und Zwetschgenbäume.
    Ei, da bist du ja, liebes Schnützelputzhäusel! Kommst mir vor wie eine alte
Waldfrau, von der es heisst, sie sei heimlich eine Fee. Hinter dir beginnt das
Märchenland - Wiesen, wo lila Herbstzeitlosen blühen, Apfelbäume, ein Gartenhain
- ins Grenzenlose scheint er sich zu dehnen. So ähnlich mag der Garten Eden
gewesen sein! schwärmte ich als Kind. Und wenn man auf der Hochebene weitergeht,
findet man wohl das geheimnisvolle Dorf. Da gibt's ganze Felder duftender
Hyazinten, weiss und blau - ragende Edelkastanien und Weinlauben, an denen die
Trauben strotzen, wie's nur im Sonnenlande sein kann. Mein Kindheitstraum von
Glastelfingen, der in Dornröschenschlaf gesunken war, schlägt wieder die Augen
auf.
    Wir stehn beim Schnützelputzhäusel. Es sieht fast aus wie einst. Hat
freilich auch etwas Befremdendes. Verwittert lugt die Kalkwand aus vergilbter
Weinberankung. Schwarzbraun und rissig das Gebälk. Das Fenster mit grünem Laden
verschlossen. Die Windharfe auf der Dachspitze ist noch vorhanden - sie
schweigt.
    Und zum Trepple kommen wir, das auf der Rückseite zum Oberstüble führt. Der
Knabe hat den Schlüssel mitgebracht und schliesst auf. Gleich nach unserm
Eintreten öffnet er Fenster und Laden. Das weissgetünchte Gemach hat in seiner
Einfachheit etwas Rührendes.
    Am Fenstertische nehm' ich Platz und schau' in die blauende Weite. Auf einer
der Pappeln, die in der Nähe ragen, hat der Starenschwarm Platz genommen und
jauchzt nun ins goldige Lodern des Altweibersommers.
    Jung Uli öffnet einen Schrank und legt ein grosses Schreibebuch vor mich hin.
Wie ich's betrachte, kommt mir die Erinnerung, dass es von Hainlin, als er
Abschied nahm, dem Schnützelputzhäusel gestiftet wurde. Ich schlage auf - da
sind Hainlins harmonisch runde Schriftzüge.
    Klein-Uli meint, ungestört könne ich mich ins Buch vertiefen, er wolle
derweilen draussen nach den letzten Birnen schauen.
    Während ich lese, schwillt der Luftzug ums Häusel an - ein sanftes Heulen
geht durch Türspalt und offenes Fenster. Und nun tönt die Windharfe.
    Wie eigen! In den Pappeln drüben ist dieser Hauch bloss ein Geräusch, in der
Windharfe wird er zu holder Harmonie. So findet der ewige Lebensgeist, alle
Weiten durchflutend, verschiedene Resonanz, je nachdem er durch dieses oder
jenes Gemüt weht - und je nach Stunde und Stimmung.
    Als ich das Gedicht zu Ende gelesen habe und aufschaue, bin ich überwältigt
von einer süssen Wehmut: Da hat mich nun das Schicksal an eine Station meiner
Lebensreise geführt, die ich bereits vor einem Menschenalter berührt habe. Der
Knabe von damals steht jetzt an der Schwelle zum Greisenalter. Abschied nimmt er
von dem, was hinten liegt und unter ihm.
    Die Schlucht, an der wir vorbeigekommen sind, bedeutet meines Lebens dumpfe
Tiefe. Nun ich oben angelangt bin, im Sonnig-Freien, vergönnt mir der kühl-klare
Herbst, zu durchschauen, wie alles Leben, mein und meiner Gefährten Schicksal,
nichts ist als ein Suchen nach den verheissenen Wundern des Glasbergs.
Hinaufkommen möchte man. Mit Arbeit sich emporarbeiten. Oder mit List, mit
Kühnheit, Gewalt - sei's auf ehrenvolle, sei's auf unwürdige Art.
    Und was erreicht man? Mühsal und Enttäuschung. Begierde, die sich wie eine
Kerze verzehrt. Gewiss auch mancherlei Lust - aber gleich der bunten Seifenblase
ist sie rasch zerstoben. Gaukelwerk der Hoffnung, Spuk der Sorge. Schliesslich
wohl ein Abgleiten in die Wolfsschlucht.
    Aber gibt es nichts Besseres? Muss denn die Fahrt zum Glasberg Trauerspiel
sein? Hainlin hat die Erlösung erspürt: Besinne dich, Seele! Hast du nicht eine
Schwungkraft, die mit Flügeln der Morgenröte zum Berggipfel trägt? Keine
Schranke gibt es, zu hemmen heilige Sehnsucht. Freilich nicht äusserlich beschert
sie - nur im Innern, in deiner heiligen Tiefe. Am Tautropfen deiner
Unschuldsblume funkelt das eine, allen Blumenperlen gemeinsame Licht.
    Erkenne, Glasbergsucher, dass deine Träumerei vom Märchendorfe nichts andres
meint, nichts andres ist als Heimweh nach jenem Garten Eden, der heimlich blüht
in deinem Gemüte. Das selige Glastelfingen ist deine reinste Liebe, dein Anteil,
Menschenkind, am ewigen Leben!
 
                                 Glastelfingen
Ich bin der Träumlesjörg, erpicht auf Märle -
Ein Schwab; er wird mit vierzig Jahren klug.
Mir bleibt als Galgenfrist noch manches Jährle,
Doch vom Sinnieren krieg' ich nie genug.
Schön Märle spinnen gilt mir mehr denn Klugsein;
Da reimt sich, was dem Herzen wohlgefällt.
Die Leute sagen: Traum, der müsse Trug sein -
Doch was mich trog, war nur die kluge Welt.
So lass mich, Welt! Verstöre nicht mein Sinnen!
Lass wandeln mich auf Klee am Hügelhang.
Ein Engel, den ich ahne, lockt mein Minnen -
Wie Harfentraum im Winde sein Gesang.
Der Engel schwebt mir vor; ich möcht ihn schauen.
Doch bleibt er heimlich - wie durch Buchenwald
Der blaue Himmel flirrt, und wie durch Auen
Im krautverwachsnen Bett ein Bächlein lallt.
Ich seh' ihn elfenhaft auf Halmen schaukeln
Auf einmal ist es lila Rittersporn.
Ich seh' sein blaues Kleid durch Aehren gaukeln -
Ein Pfauenfalter taumelt übers Korn.
Wo bist du? Schwebtest du zu Bergverstecken?
Da ragt auf Beeten Mohn mit Silberköpfen;
Um Stangen rankt der Hopfen; Brombeerhecken -
Die Perlen funkelschwarz an Blätterzöpfen.
Auf Rasen kurze Rast bei Apfelbäumen -
Aus breitem Wipfel lockt die goldne Frucht.
Und immer süsser gibt es da zu träumen,
Und immer höher lockt des Engels Flucht.
Ihr Wolkenlämmer droben, weiss Gewimmel,
Wer ist euch Hirtin? Sie, die mich entzückt?
Darf ich zur Aeter-Au? Und hat der Himmel
Dem Jörg die Jakobsleiter hergerückt?
                                       *
Hinan die Stufensteige zwischen Reben!
Ein Lachen, horch! Es war dein Silberlaut!
Wo steckt mein Schelm? Und willst du stets entschweben,
Mein süsses Rätsel, lose Elfenbraut?
»Hier ist es lauschig!« winkt das Wengertäusle -
»Mein Traubenstock umarmt Gebälk und Mauer.
So komm und finde hier dein Herzensmäusle,
Das blonde Kind vom Glastelfinger Bauer!« -
»Nicht hier! Fort flog sie!« hör' ich Bienen raunen -
»Im Stüble hat sie kurz sich aufgehalten.«
Ich rasch das Trepple hoch - und steh' in Staunen:
Sie ist nicht hier - jedoch ich seh' ihr Walten.
Der Tisch gedeckt - den konnte sie nur decken!
Purpuren im Pokale glüht der Wein;
Auf blütenweissem Linnen Weizenwecken;
Im Wasserglas der Unschuld Röselein.
Ich spür's, wer das beschert. Darf ich mich setzen?
Wie Grüssen kommt ein Hauch vom Rosenglas.
Als wär's ein Abendmahl, will ich mich letzen
Am sanften Brot, am kühlen Feuernass.
Doch wo ist sie? Mich rührt ein wonnig Bangen -
Wie einst den Knaben beim verschollnen Lied,
Das fern am Dorf zwei Liebesleute sangen,
Wann dunkel sie der Sonntagabend schied.
Ich sinne, vor den Augen beide Hände;
Ich seufze: Bleibt mir Liebchen ewig weit? -
Auf einmal blaut es durch die Fingerwände:
Da ist sie wieder, ist ihr Veilchenkleid!
Die Augen auf! Durchs Fenster seh ich blauen
Die Alb - wie Sagenberge von Kristall.
Hier deine Heimat! lächeln Wald und Auen -
Dein Engel ist's - den hast du überall.
                                       *
Sei, wo du willst - im Herzen blüht dein Minnen;
Und wo du schwärmst, da hast du deinen Traum.
Die lautre Heimat, finde sie tief innen
Und greife nicht hinaus in fremden Raum!
Sei kein Laternle du, das seinen Schimmer
Auf dunkle Pfade wirst - und nach ihm hascht!
Gib's auf, o Närrle! Draussen wird ja nimmer,
Was innen glimmt, als Beute überrascht.
Und zweifelst du, so suche Glastelfingen!
Geh' fragen nach des Michelbauers Maid!
Vernimm's von Wandrern, die schon lange gingen;
Sie seufzen: Glastelfingen? Himmelweit!
Versuch's und steige! Magre Haberfelder
Und kahle Bühle, die noch höher sind;
Morast mit finstern Binsen; Tannenwälder
Umstarren wüst ein Felsenlabyrint.
Ein Glöcklein wimmert von der Bergkapelle,
Und droben siehst du blaue Schleier wehn:
Drei Glockenblumen sind's, die an der Schwelle
Der öden Felsengrotte schweigsam stehn.
Zuletzt ein Berg - wie Glast der Abendwolke.
Das möchte, denkst du, Glastelfingen sein!
Da wäre Jörg entrückt dem klugen Volke,
Das Märlesträume hält für Gaukelschein!
Jedoch der Berg ist Glas! Da muss man zagen!
So glatt und steil - kein Fuss, der da sich hält.
Ob Mann und Ross das Abenteuer wagen,
Sie gleiten ab - da liegen sie zerschellt.
Glücksritter einst, nun bleichende Gerippe;
Der Schädel grinst, ins Leere krallt die Faust;
Gen Himmel trotzt die unerreichte Klippe -
Und horch, mein Engel singt, so droben haust:
»Ich bin's, die dich gelockt - bin die Walküre
Von Glastelfingen, Michels Töchterlein.
Der will nicht, dass mich Ungestüm entführe;
Wer rauben will, der mag des Todes sein.
Sei du, wie jene nicht, die hergezogen,
Als gält's, vom Himmel reissen einen Stern!
Ei Märlesjörg! Sinnierend komm' geflogen!
Wer lieben kann, hat nie das Liebchen fern.
Schon selig bist du, weil ich dir gefalle.
So hast du mich - und mein und dein sind gleich.
Dies Engelheim, die blaue Aeterhalle,
Ist deiner Sehnsucht heimlich Innenreich.
Und alle Sehnsucht soll Erfüllung werden.
Was einer liebt, das wird er selber sein!
Der Erdengier gebührt das Reich der Erden -
An Erde klammert sich das Totenbein.
Zwar wirst auch du, am Glasberg hingesunken,
Den Stürmern gleich, wie Fackelbrand verglühn -
Doch aus der Asche soll dein Heimwehfunken
Beseligt still zur Sternenheimat sprühn.«
 
    