
        
                                  Lena Christ
                                  Madam Bäurin
                                        1
Die Geschichte hebt an um die Zeit, da unser lieber Herr bereits seine
Himmelfahrt getan, den Heiligen Geist gesandt und das Heu auf den Wiesen gut und
dürr genug gemacht hat zum Heimfahren.
    Um diese Zeit haben die Weibsleute draussen auf dem Lande gemeiniglich ihre
grossen Wasch- und Putztage; denn nach altem Brauch und Herkommen räumt man noch
vor Beginn der grossen Ernte mit dem ganzen russigen Nachlass des Winters gründlich
auf. Da weisselt und tüncht man Stuben und Kammern, Kuchel und Speis, Hausflöz
und Stall, verschönt den ganzen Bauernhof und putzt ihn säuberlich heraus, auf
dass der Segen Gottes um so lieber Einkehr darin halten möcht.
    Und die Vorhänge und Polsterziechen, das Linnen und Bettzeug wird gewaschen
und gebleicht, damit es wieder frisch und sauber ist und seine Schuldigkeit tut
so lange, bis die Bäuerin das Kirchweihmehl in die Truhe siebt und das Schmalz
ausgängt und siedet für Krapfen und Küchl.
    Beim Schiermoser zu Berganger aber haben sie heut noch einen besonderen
Grund zu solcher Stöberei und Arbeit:
    Ihre langjährige Sommerfrischlerin, die verwitwete Frau Rechtsrätin
Scheuflein, hat für die nächsten Tage ihre Ankunft gemeldet.
    Nun sind ja im allgemeinen die Stadtleut keine absonderlich willkommenen
Gäste auf dem Land. Aber so im besonderen macht doch manche Bäuerin eine
Ausnahme und lässt ein paar von den Städtischen in ihren üppigen Flaumbetten
schlafen. Freilich nur gegen gutes Entgelt. Denn umsonst ist der Tod, und der
kostet das Leben. Und wenn sie auch darüber brummt, dass ihr die »verhungerten
Stadterer den Schmalzhafen, die Mehltruhen und die Eierschüssel leer fressen«,
so ist ihr das Geld, welches die Sommergäste bei ihr sitzen lassen, doch eine so
willkommene Nebeneinnahme, dass sie willig für etliche Wochen auf ihren Groll
gegen sie vergisst.
    Denn der Hunger nach Profit ist bei jeder Bäuerin so gross, dass sie gern auf
weiss Gott was alles verzichtet, wenn nur ihr Geldbeutel Nutzen davon hat.
    Und dann ist doch auch noch die Nachbarin da; wenn die hörte, dass drüben
beim Nachbarn Sommergäste abgewiesen wurden, so liefe sie ihnen sicherlich nach
und böte ihnen die beste Stube des Hauses an, bloss um die andere zu ärgern!
Darum schränkt man sich über Sommer ein, so gut man nur kann.
    Das eheliche Schlafgemach wird zur Rumpelkammer, in der man alles
aufstapelt, was sonst in den verschiedenen Kammern hing, lag und stand. Da
türmen sich Pappschachteln mit Strohhüten, Pelzen, Atlaskränzen und Brautkronen;
Totenkränze hängen neben Flachszöpfen und Kümmelbüscheln, Honighäfen stehen
neben Schnapskrügeln und Spinnradeln, und zwischen Schüsseln mit Bienenwaben
liegen Berge von Flickwäsche. Darunter aber sind die Schätze an Eiern und
Schmalz verborgen, die man nicht jedem zeigen will, der ins Haus kommt.
    Hat die Bäuerin Kinder, so liegen sie während dieser Zeit droben im Gret,
auf dem Vorplatz neben der Stiege, immer zwei in einer mageren Bettaut. Und die
alte Grossmutter muss es sich auch noch gefallen lassen, dass man ihr eine zweite
oder dritte Bettstelle in das Austragstüblein rückt, darin noch ein paar Söhne
oder Töchter des Hauses ihre Schlafstatt einrichten.
    Und dann werden die guten Stuben und Kammern gekehrt und geschrubbt, von
Spinnweben gesäubert und mit Rupfenplachen belegt.
    Aber nur ein paar Monate lang hält die Bäuerin dies Leben aus.
    Nur während der Zeit der Ernte, da sie selber entweder viel mit ihren Leuten
auf dem Felde ist oder aber den ganzen Tag in Stall und Küche werkt und den Hof
versorgt, indes die andern Weizen, Korn und Grummet einernten. In diesen Tagen
hat sie nicht Derweil, die Stadtleut viel zu betrachten und sich über ihr Tun zu
ärgern; im Herbst aber oder gar im Frühjahr, da ist sie anders. Da kann ihr kein
Sterbensmensch auf Gottes Erdboden ungelegener ins Haus kommen als so ein
Stadtfrack! Und es kann kein Städter etwas Ungeschickteres tun, als sich in
einem Bauernhof einzuquartieren, ehe die Erde und die Sonne ins Zeichen der
Hundstage tritt.
    Darum findet man auch heute die Schiermoserin greinend und brummend über den
Unverstand der Stadtleut, die mitten unterm Heuen und Ausweisseln daherrumpeln,
an dem endsgrossen Waschzuber stehend und eine Bettzieche um die andere reibend
und schwenkend.
    »Naa, naa. Wia i halt sag: lange Haar, kurzer Verstand, hoassts. Und d'
Stadtleut ham überhaupts koan, wähn i. Sinst kunntens oan net scho im Auswärts
aufm Gnack hocka. Dass s' net glei scho auf Liachtmess oder z' Weihnachtn in d'
Sommerfrisch gehn! Jetz', kaam dass der Schnee weg is. Mitten unterm Heuen und
Ausweisseln!« - Sie werkt und hantiert wütend weiter und kann nicht aufhören,
über die Städter im allgemeinen und die Rechtsrätin Scheuflein im besonderen zu
wettern.
    Daneben an der Waschbank steht ihre jüngste Tochter, die Barbara, seift und
bürstet grobe Hemden und singt dazu mit weinerlicher Stimme ein rührseliges Lied
vom Herzverbittern und Vonmirgehn.
    Und dazu schleppt eine Magd in zwei Eimern bald kaltes, bald heisses Wasser
herbei und lässt geduldig ein Donnerwetter ums andre über sich ergehen, weil sie
der Schiermoserin zu langsam, der Barbara aber zu schnell werkt, der einen das
kalte und der anderen das heisse Wasser über die Füsse giesst und endlich gar noch
der alten Grossmutter, die strickend und nörgelnd auf der Hausbank sitzt, den
knallroten Wollknäul mit ihrem klappernden Holzschuh in eine trübe Wasserlache
stösst.
    Drinnen in der Wohnstube aber werkt der alte, taube Grossvater, taucht den
langgestielten, altmodischen Malerpinsel in die himmelblaue Kalkbrühe und
streicht bedächtig Fleck um Fleck, bis zu guter Letzt die ganze Stube gleich dem
sommerlichen Himmel draussen im schönsten Blau erstrahlt.
    Danach trägt er seinen Farbkübel hinaus in die Kuchel, mischt ein Päcklein
helles Gelb unter den blauen Kalk und beginnt sodann auch hier das Werk der
Verschönerung.
    Des Schiermosers zweite Tochter, die Mariedl, hantiert derweil in den
fertigen Räumen frisch mit Schrubber und Besen, und der Ochsenbub zieht
bedächtig rings an den getünchten Wänden mit dunkelbrauner Farbe breite Striche
als Zierde und Abschluss und pfeift dazu den neuesten Gassenhauer.
    So hat ein jedes im Haus seine Arbeit.
    Draussen auf den Wiesen aber werkt der Schiermoser mit den Knechten und
Dirnen. Die einen mähen, die andern wenden, und die dritten wiederum häufeln das
trockene Heu und führen es heim.
    Des Schiermosers einziger Sohn aber, der Franz, war zu Holzkirchen auf dem
Viehmarkt und fährt nun gemächlich heimzu.
    Langsam lässt er den Braunen über die bergige Strasse hinauftraben und pfeift
dazu die Melodie eines derben Landlers.
    An der Wegkreuzung zwischen Strass und Au steht der Hof des Strasslerbauern.
    Und hinter der Streuschupfe des Hofes steht die Nanndl, des Strasslerbauern
Tochter, und schaut auf das herankommende Fuhrwerk des Schiermoserfranzl.
    Denn die Nanndl wär in ihrer Seel nicht abgeneigt, einmal Schiermoserin zu
werden.
    Als daher der Franzl in ihre Nähe kommt, begrüsst sie ihn mit breitem Lachen
und fragt: »He du! Wo aus denn?« »Hoamzua«, erwidert der Franzl und will
weiterfahren.
    Aber die Nanndl fragt weiter: »Wo kimmst denn her?«
    »Vo Holzkirch. Am Viehmarkt bin i gwen.«
    Nun hält er doch sein Fuhrwerk an. Denn die Nanndl wird anzüglich.
    »Hast dir nachher a saubers Stuck aussagschaugt?«
    »Balst eppa a zwoahaxats moanst, nachher muss i naa sagn!« erwidert er ihr
schmunzelnd und steigt vom Wagen.
    »D' Holzkirchener Kaibeln san gar net darnach, dass oana an Fiduz drauf
kriagn kunnt!«
    »Ja no«, meint die Nanndl, »du bist aber aa glei a so a hoaklicher! Bis dir
amal epps taugt ...«
    Sie lacht kokett.
    Der Franzl fasst sie um die Hüften.
    »Moanst, dass d' mir du net taugen tätst?« fragt er halblaut und sucht ihren
Mund. Die Nanndl lacht laut und geziert auf.
    »Du bist aber a Schlankl, du!«
    Sie entwindet sich seinem Arm. »Ja, ja. Zum fürn Narrn Halten tät dir wohl
jede taugn, gell! Aber zum Heiratn ...« »Geh, brummel net, Dirndl!« unterbricht
der Tropf ihre Betrachtung und verschliesst ihr den Mund auf eine Weis', dass sie
das Weiterschwatzen von selber vergisst.
    Dann lacht er belustigt auf, steigt auf sein Fuhrwerk und ruft: »Zum fürn
Narrn haltn hast gsagt, gell! Zu epps andern taugts aa net, ös Weiberkittel
übereinand! Hüa, Alter! Fahr zu!«
    Und er fährt davon, indes die Nanndl dasteht und ihm mit einem Gemisch von
Zorn und Sehnsucht nachschaut, bis er hinter den ersten Bäumen des nahen Waldes
verschwunden ist.
    Mit der Erkenntnis, dass alle Mannsbilder, besonders aber der
Schiermoserfranzl, lose Rüpel seien, geht sie aufseufzend wieder zurück ins Haus
zu ihrer Arbeit.
    Der Franzl aber versetzt seinen Braunen in einen frischen Trab, rückt das
Plüschhütl keck aufs linke Ohr und singt:
»Aber gell, du Blauaugete,
Gell, für di tauget i,
Gell, für di war i recht,
Wann i di möcht!«
 
                                       2
Des Schiermosers Franzl ist gerade am Tage des heiligen Antonius fünfundzwanzig
Jährlein alt geworden, hat ausser seinem körperlichen Ebenmass und seinem
strohgelben Schnurrbart auch noch einen ebenso blonden Lockenkopf und dazu ganz
dunkelblaue Augen.
    Dies alles schätzen die Weiberleut der Umgegend an ihm. Seine Kameraden aber
und die Burschen der Gemeinde achten sein manniges Wesen und seine bäuerische
Schlauheit, zählen auf sein gegebenes Wort und fürchten ihn in seinem Zorn. Was
ihn aber besonders seinem Vater lieb und wert macht, ist seine Brauchbarkeit zu
allem, was den Schiermoserhofund sein Gedeihen betrifft.
    Soll ein Ross vertauscht oder eine Kuh gehandelt, ein Stadel gebaut oder Geld
auf die Bank gelegt werden, der Franzl wird zuerst darüber gehört. Und hat er
einmal eine Sache als gut und recht befunden, so dürfte der ganze übrige
Schiermoserhof und ganz Berganger dazu dagegen sein; es würde doch nur so
gemacht, wie der Franzl meinte, und nicht anders.
    Denn erstlich hatte er die drei Jahre drinnen in der Residenz bei den
schweren Reitern gedient und sich dabei so ausgezeichnet, dass man ihm die
goldenen Borten des Unteroffiziers auf die königsblaue Reitermontur setzte, und
dann war er ein ganzes Jahr auf einem wirklichen königlichen Gutshof gewesen als
Oberschweizer.
    Ein naher Verwandter hatte nämlich daselbst eine Verwalterstelle, und der
gute Vetter wollte nun auch dem Franzl einen Einblick in den Betrieb einer
solchen Wirtschaft geben, auf dass es ihm einmal droben in seinem Schiermoserhof
zu Nutz und Frommen gereichen möchte. Also hatte Franz doch allerhand gesehen,
gehört und gelernt und konnte wohl ein Wörtlein mitreden, wenn es sein musste.
    Er tat dies auch zur rechten Zeit und brachte allmählich einen ziemlich
neumodischen Zug in die väterliche Wirtschaft; allerdings sehr zum Verdruss
seiner Mutter, die alles, was neu oder aus der Stadt war, hasste und verwarf, und
nicht minder zum Ärger seiner Grosseltern, der alten Schiermoserleut, die in
allem Neumodischen eine Quelle von Unkosten, Verdruss und Unbehagen sahen und
viel lieber an dem Altergebrachten und Gewohnten hingen.
    Aber, wie gesagt, es half nichts, dass die drei anderer Meinung waren. Franzl
hatte recht, auch wenn er einmal nicht ganz recht hatte, und sein Vater, der
selber schon immer ein wenig zu den modischen Bauern und ihren Maschinen hielt,
stand fest auf seiten seines Sohnes.
    Wie wars doch gewesen damals, als der neue Motorpflug auf den Schiermoserhof
kam und die Dreschmaschine?
    Natürlich, der Franz hatte das Zeug beim Herrn Vetter droben im königlichen
Gutshof gesehen, und sofort hiess es: »So a Motor muass her und so a Maschin. Da
hat ma grad mehr die halbate Arbeit und dabei den doppelten Nutzen. Dees
langweilige Drischeldreschen passt mir eh scho lang nimmer. Den ganzen Winter
wieder aufn Dreschbodn aussegfriern! Mir waars recht!«
    Wohl fuhr die Schiermoserin mit Himmel Kreuz und Laudon dazwischen und
plärrte: »Nix da! So viel Geld ausseschmeissen! Sinst nix mehr! Ös mit enkern
neumodischen Graffel. So lang i no a offens Aug hab, werd mit der Drischel
'droschen, dass ihrs wisst! Bal i amal gstorbn bin, könnts vo mir aus mit den
Dreschflegl toa, was's mögts. Und an Motorpflug! Zu was mir an Motorpflug
brauchen, möcht i wissen! Für was mir an Stall voll Ross habn, möcht i
wissen!...«
    Was halfs?
    Umsonst war ihr Greinen.
    Der Franzl hatte geredet, und der Alte reiste sofort zum Herrn Vetter, liess
sich die Neuheit zeigen und kam heim mit der Botschaft: »Auf d' Woch müassts den
neuen Motorpflug von der Bahn holn und die neue Dreschmaschin.«
    Jawohl. So wars.
    Und so gings mit dem elektrischen Licht und mit der Gsottmaschine, mit der
Zentrifuge und mit der Wasserleitung. Alles Neue, was irgendwo den Kopf in die
Höhe streckte, musste her.
    Denn der Herr Sohn hatte geredet.
    So wars, und so ist es auch heute noch; und gerade am Tag, da der
Schreibebrief von der Frau Rechtsrätin Scheuflein mit der Botschaft kommt, dass
sie, ihre Frau Schwägerin Adele und ihre Tochter Rosalie die Absicht hätten,
nächsten Samstag wieder in Berganger und auf dem Schiermoserhof zu landen und
daselbst den Sommer über zu verbleiben - gerade an dem Tag zeigt es sich wieder,
dass Franz Schiermosers Wille der allein massgebende ist und dass der ganze Hof
nach seiner Pfeife zu tanzen hat, gehe es, wie es wolle.
    Grad um die Abendessenszeit ist es.
    Die Schiermoserin steht greinend und brummend in der Kuchel und kann erst
die Nudelpfanne nicht finden und dann das Backschäuferl, darauf die
Schmarrenschüssel nicht und zuletzt den Dreihax.
    »Mit enkana Ausweisslerei und Umanandräumerei!« wettert sie. »Dee Kuchel
hätts leicht no to bis zum Kirta! Aber naa, ausg'weisselt muass werd'n! Zwegn dene
Stadtscheesen da! Mir moanat schon, der Kini kaam oder der Kaiser! Mir woass' ja
do, dass nix dahinter is hinter dera Rechtsrätin und ihrane Töchter! Und hinter
der andern alten Schachtel aa net! Was aus der Stadt kemma ist, hat no nia eppas
taugt! No gar nia net!«
    Und da ihr Mann, der Schiermoser, in die Kuchel kommt und sich dreinmischt,
indem er meint: »No, grad gar so unrecht sans net, insane Sommerfrischler! Mir
muasst scho d' Kirch beim Dorf lassen - sie ham alleweil schee zahlt!«, da fährt
sie ihn giftig an: »Natürli! Er, der ganz G'scheite! Dees glaab i! Solln's net
vielleicht no schuldi bleib'n aa! Is's no net Sach gnua, dass ma's geduldt, die
Stadtg'sellschaft! Dass mir net amal mehr Herr is über sei Sach! Derf ma sich sei
Haus voll anräuma lassen - und d' Betta z'sammliegn - und's Gras zertreten - und
d' Sach ausschnüffeln ...«
    In diesem Augenblick treten der Grossvater und die Grossmutter in die Kuchel,
und die Alte weiss sogleich, um was es geht: »Und da hat's aa ganz recht, d'
Wabn!« unterbricht sie ihre Tochter, die immer noch Wabn von ihr genannt wird.
»I habs aa gar net mit dene Sommerfrischler! Dass s' guat zahln ... no ja, dees
is wahr. Aber Gaude hat mir aa grad gnua damit! Grad gnua, sag' i. Und alle
Daama lang fragns di epps anders - und möchtns epps anders - und wissens epps
anders! - Is 's eppa net wahr, Vata?« Sie schreit die letzten Worte ihrem tauben
Eheherrn ins Ohr.
    Und der Alte lacht mit seinem zahnlosen Mund, lacht übers ganze Gesicht und
meint: »Ja, ja. Recht warm is gwen. Recht scheene Täg ham mir. Da trückert d'
Sach guat!« Und vergnügt zündet er seine Pfeife an.
    Der Schiermoser aber wiederholt eigensinnig: »Mir muass d' Kirch beim Dorf
lassen. Gar so zwider is 's net, d' Frau Rechtsrat. Und wenn die andern
Sommerfrischler habn, kinnan mir aa oa habn. Dees ist koa Schand net. Dees
g'hört zum Verschönerungsverein.«
    Damit hat er's aber ganz und gar verdorben bei den zwei Weibsbildern, und er
muss sich ein schönes Donnerwetter gefallen lassen.
    »Zum Verschönerungsverein!« ruft die Schiermoserin giftig aus, und die Alte
meint; »Weil's scho so schee san, die Stadterer! Hint mager und vorn dürr! Und
z'sammgricht wie d' Spatzenscheuchan! Da balst mir net gehst mit dera
Verschönerung!«
    »Und mit enkam neumodischen Glump überhaupts!« fängt die Wabn wieder an,
»mit enkane Genossenschaften und Verein übereinand! An Raiffeisenverein liess i
mir ja no g'falln .... aber ...«
    Franz Schiermoser tritt im selben Augenblick ein.
    »Was is's mit'n Raiffeisen?« fragt er.
    »Ah nixen.«
    Die Schiermoserin stösst wütend in dem Mehlschmarren herum, während sie es
sagt.
    Und die Alte geht schnell hinaus. Aber sie kommt sogleich wieder, denn die
Neugier plagt sie doch zu stark.
    Der Schiermoser aber sagt grad in dem Augenblick zu seinem Sohn: »A Kreiz
is's halt mit dee Weiberleut. Auf amal passt eahna d' Reditsrätin nimmer.«
    Worauf die Schiermoserin heftig erwidert: »Dee hat mir no nia net passt! Dass
ihr's wisst's!«
    Da hält die Alte ihre Zeit für gekommen, auch dreinzureden. »No ja«, meint
sie, »mir tuat eahna ja nix wega. Aber mir hätten aa ohne Sommerfrischler
auskemma kinna. Mir hätten durchaus gar koa braucht. Gar koa. Dessell sag'i.«
    Und ihre Tochter fährt abermals giftig dazwischen: »I hab's no gar nia net
mögn, die Stadtfrackn. I hab' mi alleweil gespreizt dagegen. Aber no, insaroana
is ja der Garneamd! Insaroana hat ja daherin nix mehr zum Redn, seitdem dass der
Bua 's Mäu offa hat!...«
    Bis hierher hat sie ihr Sohn ruhig reden lassen. Jetzt aber fährt er ihr
doch wild ins Wort.
    »Und jetzt glangt's nachher, sag' i. Und an Ruah möcht' i hab'n! Und insane
Sommerfrischler bleib'n da, so lang sie's g'freut, und bals da san, sans da.
Verstanden! Und bals net a so g'macht werd da herin, wias recht und richti is,
nachher geh' i! Auf der Stell geh' i! Nachher kinnts mit fremde Leut
wirtschaften. Dass d'es woasst.«
    Das hilft.
    Die Schiermoserin werkt mit brennrotem Kopf und klappert mit Tellern und
Tiegeln, aber sie erwidert kein Wort mehr.
    Und die Alte läuft eilends davon.
    Der Schiermoser aber pfeift gellend durchs Haus und ruft die Leut zum Essen,
indes der Franz ruhig, als wäre nichts gewesen, fragt: »Gibts a Milli oder an
Tauch zum Schmarrn, Muatta?«
    Darauf ihm die Schiermoserin bockig erwidert: »An Tauch. - Zweschbn.« -
    Und also ist es bestimmt, dass die Frau Rechtsrätin Scheuflein, ihre Tochter
Rosalie und ihre Schwägerin Adele am nächsten Samstag zu Schiermosers aufs Land
gehen.
 
                                       3
Als der nun in Gott ruhende Rechtsrat Scheuflein dies zeitliche Dasein segnete,
beweinten ihn eine trostlose Gattin, drei Töchter und eine Schwester; so konnte
man es wenigstens am nächsten Tag im Abendblatt lesen.
    Leider war dies aber auch schier alles, was er den kommenden Tagen als
Vermächtnis hinterliess, obgleich es ganz anders hätte sein können.
    Denn er stammte von Eltern her, die ihrerseits alle Vorbedingungen späterer
Wohlhabenheit mit auf diese Erdenwelt brachten.
    Seine Mutter war die einzige Tochter eines reichen Kauf- und Schiffsherrn zu
Hamburg gewesen. Aber, wie es schon so geht im Leben: eines Tages sanken bei
einem heftigen Seesturm drei seiner Frachtschiffe, als sie, beladen mit reichen
Schätzen, dem heimatlichen Hafen zusegelten. Damit versank dem Alten leider das
grösste Teil seines Vermögens, und er nahm sich den Verlust so zu Herzen, dass er
in ein hitziges Fieber fiel und kurze Zeit darauf starb.
    Nach seinem Hinscheiden führte die kaum zwanzigjährige Tochter noch eine
Weile die Geschäfte; allein sie wurde von den sogenannten Freunden des Hauses
bald so sehr übervorteilt und betrogen, dass der Ruin unausbleiblich schien.
    So blieb ihr nur die Wahl: entweder dienen oder heiraten.
    Dies letztere erschien ihr noch als das Glücklichere, um so mehr, als sich
gerade in jenen Tagen ein tüchtiger junger Rechtsanwalt aus Bayern um sie
bewarb.
    Dieser brachte den Rest der Schiffe und Waren vorteilhaft unter den Hammer
und verlegte seine Praxis in das alte Patrizierhaus seines Vaters zu München.
    Bald hatte er sich einen glänzenden Namen gemacht und besass nun ein so hohes
Einkommen, dass nach seinem Abscheiden alle seine Kinder, acht an der Zahl,
lachende Erben hätten werden können.
    Aber leider: wenn einen der Teufel reitet, geht's ins Verderben.
    Der kaum fünfzigjährige Mann wurde plötzlich von der fixen Idee gepackt, er
müsse sich unbedingt um eine Staatsstellung bewerben; denn wenn er nun heut oder
morgen stürbe, hätte ja seine Wittib mitsamt den Kindern nicht einen Pfennig
Pension. Das Vermögen, welches er ihnen hinterliess, dachte er, würde bei einer
Teilung durch neun sicherlich nicht ausreichend sein, um alle so zufrieden zu
machen, wie er dies wünschte.
    Diese närrische Idee nun brachte ihn dazu, dass er seine glänzende Praxis
aufgab und Amtsrichter wurde. Sein Einkommen verminderte sich allerdings dadurch
auf ein Viertel des früheren; aber bei seinem Ehrgeiz konnte er es bald zum
Gerichtsrat bringen.
    Leider half auch dies nicht viel, denn das Unglück wollte, dass er noch
dreissig Jahre lebte und also nach und nach alles zusetzte, was er als
Rechtsanwalt verdient hatte.
    So kam es, dass nach seinem Hingang die Witwe samt ihren Kindern in
Verhältnissen dastand, die nicht gerade rosig genannt werden konnten.
    Und als bald darnach auch sie das Zeitliche gesegnet hatte, machte die
Teilung des Erbgutes dem Rechtsrat Scheuflein und seinen sieben Geschwistern
zwar viel Arbeit, aber wenig Freude.
    Der Rechtsrat, als der Jüngste, heiratete sofort nach dem Heimgang seiner
Eltern die Tochter eines gänzlich verarmten adeligen Majors um ihrer schönen
Augen willen.
    Und da ihm das hübsche Mädchen ausser einem Herzen voll warmer Zuneigung und
einem Kopf voll überspannter Ideen nicht viel in die junge Ehe einbrachte, so
wurde auch durch sie der Geldsäckel der Scheufleins nicht voller.
    Seiner sonst glücklichen Ehe entsprossen drei Töchter, und so musste sich
nach seinem Wegscheiden die verwitwete Frau Rechtsrätin mit diesen und einer
nicht allzu reichlichen Pension schlecht und recht durchbringen.
    Von den sieben Geschwistern des Rechtsrats war das älteste ein Mädchen
namens Adele.
    Dieses Fräulein blieb unverheiratet und schloss sich ganz an den jüngsten
Bruder, den Rechtsrat, an. Und nach seinem Tode zog sie, in richtiger Erwägung
und Einschätzung der Verhältnisse, ganz zur Schwägerin und half ihr mit dem
wenigen, was sie ihr eigen nannte, rechtschaffen über die Misere des täglichen
Lebens hinweg.
    Dies war auch durchaus notwendig; denn die Rechtsrätin, infolge ihres
Standesbewusstseins erhaben über jede Berufsarbeit, hatte nicht das Zeug in sich,
durch eigene Kraft ihren Kindern mehr als des Tages Notdurft zu bieten.
    Und als ihre beiden grösseren Töchter das Glück hatten, unter die Haube zu
kommen, da wäre es der Witwe wohl schlechterdings unmöglich gewesen, ihnen nur
eine einigermassen standesgemässe Aussteuer mitzugeben, wenn nicht Fräulein Adele
auch hier helfend eingegriffen und ihre Sparpfennige geopfert hätte.
    Denn die beiden Mädchen wurden von Kavalieren geheiratet, die zwar ziemlich
betagt, aber sehr vornehm und vermögend waren ...
    Also war nur mehr die Jüngste, Rosalie, im Hause.
    Aber auch um diese Tochter brauchte die Rätin sich nicht viel zu sorgen;
Tante Adele hatte auch hier ein offenes Auge und ein gutes Herz für die
Bedürfnisse des jungen Mädchens.
    So kümmert sich also die Schwägerin fast mehr als die Mutter um das Wohl des
Hauses und erntet dafür manches Dankeswort von der Rechtsrätin.
    Trotz ihrer Dankbarkeit aber kann diese sich nicht recht erwärmen für Adele.
Eine schier unüberbrückbare Kluft steht zwischen ihnen, und es gibt alle
Augenblicke kleine Unstimmigkeiten und Reibereien unter ihnen.
    Dies ist aber ganz natürlich; denn erstlich ist Fräulein Adele bürgerlich -
absolut gut bürgerlich. Frau Rechtsrat Scheuflein aber ist Aristokratin vom Kopf
bis zu den Zehen - trotz ihrer Armut.
    Und Fräulein Adele ist keine Freundin des Adels, ganz besonders des
verarmten; wie sie ja überhaupt alle sogenannten Titel ohne Mittel verabscheut
und alle Vornehmtuerei verachtet.
    Da ist nun vor allem die Lebenshaltung der Rechtsrätin, die ihren Unwillen
und Widerspruch fast täglich herausfordert.
    Wie man als vermögenslose Witwe eine vornehme Wohnung im teuersten
Stadtviertel bewohnen kann, das ist ihr ganz rätselhaft, und ebensowenig
begreift sie, dass die Schwägerin immer noch einen Salon, ein Speisezimmer, ein
»Boudoir« haben muss.
    Schon das Wort Boudoir treibt ihr die Galle ins Blut und die Zornesröte auf
die Wangen.
    Dass man echtes Porzellan und gutes Silberzeug, feinen Damast und teures
Kristall auf dem Esstisch hat, ist ja auch in guten Bürgerkreisen Brauch und ein
Zeichen behäbigen Reichtums. Aber alles dies ist nur schön, wenn eben auch der
Inhalt dieser Platten und Schüsseln ihrer Beschaffenheit entspricht.
    Aber so, wie es bei der Rechtsrätin Brauch ist: aussen hui und innen pfui -
so hatten es die Scheufleins nie gehalten! Da gab es an den Wochentagen Suppe,
Fleisch und Gemüse; an Sonntagen aber bog sich schier die Tischplatte unter der
Last des schweren Bratens, all der Zutaten und der leckeren Nachspeisen!
    Eben kommt die gute alte Dame wieder in die Küche und trifft Rosalie, die
jüngste Tochter des seligen Rechtsrats, beim Kochen an.
    Sie hebt den Deckel von einem dampfenden Hafen und zieht die Nase hoch: »Was
gibt's denn heut wieder Grünes, Roserl? Das riecht ja wie meine Heublumenbäder!«
    Ihre Nichte schält eben Kartoffeln und erwidert etwas verlegen: »Ach, du
weisst ja, Tante Adele: nichts Besonderes. Mangoldspinat und Kartoffelschnitz.«
    Und mit einem Seufzer fügt sie hinzu: »Wenn's doch endlich mal soweit wär',
dass wir wieder zu Schiermosers gingen! In der Sommerfrische konnte man sich doch
wenigstens satt essen um sein Geld!«
    Die Tante nickt. Aber sie kann es nicht unterlassen zu sagen: »Das könntet
ihr auch hier ganz gut, wenn ihr nicht mit eurer überspannten Vornehmheit euch
selbst und die anderen belügen würdet! Aber nein, da muss der Jour fixe her und
müssen Seidenfähnchen her, und die Loge im Teater muss auch her ... Ach was! -
Ich mag gar nimmer reden! Bei deiner Mutter ist ja doch Tauf und Chrisam
verloren!«
    Sie geht erregt aus der Küche.
    Aber nachdem sie wieder etwas ruhiger geworden ist, fällt ihr der Seufzer
ihrer Nichte wieder ein: »Wenn wir doch wieder bei Schiermosers wären!«
    Natürlich! Das ist doch das einzige Glück, dass man den Schiermoserhof als
Zuflucht hat! - Dass man sich jeden Sommer bei Milchschüsseln und Schmalztöpfen,
bei Eiern und Nudeln wieder erholen kann von der Traurigkeit des armseligen
Stadtwinters! Sofort wird sie mit der Schwägerin reden! - Sofort!
    Und sie läuft augenblicklich hinüber in das Speisezimmer, wo die Rätin eben
das Silberbesteck aus dem Schrank nimmt.
    »Schwägerin!«
    »Adele?«
    »Ich hätt' eine Frage.«
    Die Rätin setzt ihren goldenen Kneifer auf die etwas grosse Hakennase und
schielt hinüber zur Standuhr.
    »Wenn's nicht zu lange dauert, meine liebe Adele; - du weisst, das Essen wird
bald auf den Tisch kommen!«
    Doch das Fräulein Schwägerin macht eine wegwerfende Handbewegung und meint:
»Ah was! Lass es kommen! Ist ohnehin bloss wieder das alte: Grünfutter mit Pomm de
Terr! - Ich möcht' wissen, ob du eigentlich schon an die Sommerfrische gedacht
hast? Ob du was Bestimmtes im Aug' hast?« Sie setzt sich gemächlich aufs Sofa.
    Die Rechtsrätin nimmt den Kneifer wieder ab und seufzt.
    »Nn ... ja ... das heisst ... ich wollte eigentlich mit Rosalie nach
Baden-Baden ... oder sonst in ein Bad ... du verstehst doch, Adele ...«
    Aber das Fräulein versteht durchaus nicht.
    »Ins Bad!« ruft sie aus. »Ins Bad müssen sie! - Jetzt möcht' ich bloss
wissen, was die Rosel in einem Bad soll!«
    »Gott, du weisst doch, Adele ... Es ist doch nur, dass Rosalie ...«
    »Einen Mann kriegt! Natürlich! - Und dazu braucht's ein Bad. Ich sag' dir
bloss, Schwägerin: Sie sind auch in Bädern nicht zu dick gesät, die Dummen!«
    »Adele!«
    »Na ja, sei nur still! - Wenn einer, der von Haus aus schon was Besonderes
ist - der es dann auch noch zu etwas Besserem gebracht hat - also zum Beispiel
zu einem Konsul oder einem Attaché oder was dergleichen Herren mehr sind,... ich
meine, so einer heiratet kein Fräulein Habenichts. Selbst wenn die Mama des
Fräuleins eine von Habenichts war!«
    »Aber Adele! Ich verbitte mir dergleichen!«
    »Ja, ja ... Ich weiss schon, dass ich grob bin. Aber ich sehe, dass deine
beiden andern Töchter mit ihrer vornehmen Heiraterei nicht gut gefahren sind
...«
    »Sind meine Schwiegersöhne nicht Kavaliere?«
    Die Rechtsrätin steht wie eine Trutenne, der man ein Junges nehmen will,
vor der Schwägerin.
    Aber die lässt sich nicht so leicht einschüchtern.
    »Jawohl, Kavaliere«, sagt sie, »das sind sie. Aber wenn ich ein junges,
fesches Mädel wär', niemals würde ich mir so einen alten Gecken nehmen, wie
deine beiden Herren Schwiegersöhne ein paar sind! Lieber die Frau eines hübschen
Handwerkers oder eines jungen Bauern - als die Gemahlin eines solchen Barons!«
In diesem Augenblick kommt Rosalie mit den Tellern zur Tür herein und sieht, dass
die Mutter ganz grün und gelb ist vor Zorn.
    »Aber Mama!« ruft sie aus. »Aber Tante Adele! - Habt ihr euch schon wieder
gezankt!«
    »Leider ja«, erwiderte die Tante, der es doch leid tut, dass sie sich hat
fortreissen lassen von ihren Gefühlen.
    »War's wieder meinetwegen?«
    »Allerdings. Deine Mutter möchte dich in ein Bad bringen.«
    Rosalie lacht.
    »Ach ja! Die alte Leier! Einen Goldfisch oder einen Blaufelchen angeln!«
    »Rosalie!«
    Die Rätin schnappt nach Luft.
    Aber ihre Tochter beruhigt sie: »Reg dich doch nicht so auf, Mama! Was
redest du denn immer vom Heiraten! Ich denk' doch noch gar nicht daran! - Ich
bin doch erst dreiundzwanzig! - Und ich erspar' dir doch eine Köchin, ein
Stubenmädchen, eine Jungfer - eine Schneiderin ...«
    »Und wirst alt und grau dabei!« entgegnet ihr die alte Dame.
    Aber die Tante mischt sich abermals ein.
    »Alt und grau!« ruft sie. »Dass ich nicht lach'! Also, Rosel - verstehst -
das eine sag' ich dir: Bleib so, wie du bist. Und lass dir deinen Gaul nicht
scheu machen! - Und jetzt schlagen wir zwei unsere Sommerfrische vor: Wir gehen
wieder nach Berganger zum Schiermoser!«
    Die Rätin wehrt ab: »Nach Berganger! - Ausgeschlossen! Wieder in dies Nest!
In dieses ewige Einerlei und zu diesen Bauern!«
    Aber Rosalie meint: »O Mama, ich finde, wir haben uns doch immer sehr wohl
gefühlt bei Schiermosers, die Jahre her!«
    Und Fräulein Adele fügt hinzu: »Jawohl. Und gut erholt haben wir uns auch
immer. Und das ist doch schliesslich der Endzweck einer Sommerfrische - nicht das
Heiraten! - Warum soll man dem Mädel die Freude nicht machen, wenn sie gern zu
den Leuten geht!«
    Rosalie deckt verlegen und geschäftig den Tisch, indes die beiden Damen sich
immer weiter zanken wegen der Sommerfrische. Ihr ist nicht wohl zumut; denn sie
hasst diese Auftritte.
    Daher sagt sie auch jetzt einlenkend: »In Gottes Namen, Tante, gehen wir
halt nicht nach Berganger, wenn Mama ein so grosses Unglück darin sieht.«
    »Das ist es auch!« ruft die Rätin und springt auf. »Oder nennst du es etwa
Glück, wenn ich zusehen muss, wie ihr beide verbauert! Besonders Rosalie! Das
Mädchen vergisst ja seine ganze Erziehung da draussen! Läuft mit dem Dienstvolk
herum und mit diesem Sohn, dem Franz ...«
    Aber Tante Adele fällt ihr sogleich wieder gereizt ins Wort, und das Ende
vom Lied ist, dass die Rätin schliesslich doch Ja und Amen sagt und verspricht,
dass sie mitreist nach Berganger.
    »Na also!« sagt da die Tante. »Da kannst du ja Schiermosers gleich
schreiben. Oder warte: ich mach's gleich selber ...«
    Sie holt eine Postkarte und den Bleistift und schreibt:
    »Liebe Schiermoserleut! Wir kommen nächsten Samstag. Gruss! Adele
Scheuflein.«
    »Soo«, sagt sie darauf zufrieden, »und jetzt bring in Gottes Namen deine
verdammte Grünkost auf den Tisch, Roserl!«
 
                                       4
Es ist also nun bestimmt, dass die Frau Rätin samt Tochter und Schwägerin den
Sommer abermals in Berganger verbringen werden.
    Zwar versucht die alte Dame noch einige Male, ihre Zusage in ein Nein zu
verwandeln, aber trotz Tränen und Bitten, Wutausbrüchen und Ohnmachten ist es
ihr nicht möglich, Tante Adele von dem einmal gefassten Entschluss abzubringen.
    So bleibt ihr denn nichts weiter übrig, als etliche Taschentücher zu
zerreissen, ein paar Tassen zu zertrümmern und darnach seufzend die Koffer zu
packen.
    Zwei Tage vor der Abreise aber gibt sie noch einen Abschiedstee für ihre
beiden verheirateten Töchter, deren Gatten und einige Freunde des Hauses;
freilich sehr zum Ärger der Schwägerin, die solcherlei Dinge als durchaus
überflüssig verachtet.
    »Man möcht schon wirklich meinen, eine Polarfahrt stünd uns bevor, so ein
Getue hast du!« So brummt sie, als sie die Einladungsbriefe der Rätin liest.
    »Ich erfülle nur meine gesellschaftliche Pflicht!« entgegnet ihr diese
spitz.
    »Natürlich! Und vor lauter Pflichterfüllung vergisst du, dass zu solchen
Dingen auch Geld notwendig ist! Diese Leute wollen doch auch bewirtet sein!«
    »Werden sie auch!«
    »Aha. Und womit, wenn man fragen darf?«
    Die Rätin springt erregt auf. »Fängst du nun schon wieder an mit deinem
trostlosen Schulmeisterkleinkram!«
    Tante Adele steht schmunzelnd vor der kleinen, aufgeregten Frau.
    »Allerdings. Denn dieser Abschiedstee droht wirklich trostlos zu werden!«
    Die Rätin schleudert ihr einen wütenden Blick zu.
    »Wieso?«
    »Weil zu einem solchen Tee etwas mehr gehört als Tassen, Tee und Wasser!«
    »Und wer sagt dir, dass es das nicht gibt, was dazu gehört?«
    »Euer Geldbeutel. Unsere Rosel bat mich bereits gestern um einen kleinen
Haushaltszuschuss.«
    Dies ist allerdings bitter für die selbstbewusste Frau. Und für diesmal muss
sie die Waffen strecken und um Gnade bitten. »Was? So viel haben wir schon
wieder aufgebraucht? Ja, wie ist denn das nur möglich, liebe Adele!«
    Die Schwägerin erwidert achselzuckend: »Kunststück! Deine paar Kröten und
dazu die Preise! Was früher eine Gans kostete, das kostet heute schon ein
Gericht aus Blumenkohl! Ich weiss nicht, was aus euch werden sollte, wenn nicht
meine Kreuzer allemal wieder das Feuer im Herd anzünden würden, sooft's zu
verlöschen droht ...«
    Die Rätin nickt.
    »Ja, das ist wahr. Immer wieder bist du da. Immer wieder hilfst du. Aber
warte es nur ab, liebe Adele; du erhältst alles wieder zurück. Alles, auf Heller
und Pfennig. Lass mich nur machen. Wofür hab ich denn reiche Schwiegersöhne!«
    »Das frag ich mich auch manchmal«, entgegnet ihr die Schwägerin ironisch,
»denn viel Profit hast du noch nicht gehabt an ihnen!«
    »Allerdings nicht. Aber das kam daher, weil ich nichts von ihnen wollte,
liebe Adele. Ich habe nie etwas angenommen, sooft mir die beiden auch Hilfe
anboten.« Sie spielt verlegen mit der Schnur ihres Kneifers, da sie die
ungläubige Miene der Schwägerin sieht.
    »Du kannst mir schon glauben, liebe Adele! Soundso oft haben die Mädels
gesagt: Mama, sollen wir dir was borgen? - Es war ja nicht viel, was sie mir
hätten leihen können ...«
    Tante Adele fährt erregt herum.
    »Leihen! Hast du jetzt nicht gesagt leihen? Die eigenen Töchter! Und dabei
sitzt jede schön warm und weich im Flaum! - Liebe Schwägerin, ich will dir was
sagen. Lass das mit deinen Schwiegersöhnen. Wir kommen auch ohne Hilfe von dieser
Seite durchs Leben. Lass dir nicht hineinschauen in den Geldbeutel. Du schadest
damit nicht nur dir, sondern auch den beiden Kindern. Diesmal muss ich dir schon
recht geben: Lad sie nur alle zu deinem Abschiedstee. Ich will ihnen schon
zeigen, dass bei uns noch lang nicht Mattäi am letzten ist. Lieber heirat' ich
selber noch in meinen alten Tagen einen Rotschild! Der Tee soll nichts zu
wünschen übriglassen.«
    Die Rätin ist gerührt.
    »Du bist so gut, Adele. Aber, lass nur! Sobald Rosalie untergebracht ist,
ersetze ich dir alles. Und ich hoffe, dass ich das Mädel bald unterbringe. Ich
habe bereits zu dem Zweck Schritte getan. Die Angel ist ausgeworfen, und einer,
glaube ich, hängt bereits. Ich meine den Assessor von Rödern. Er ist wohlhabend,
hat eine sehr ehrenvolle Laufbahn vor sich, und, was die Hauptsache ist, er
liebt Rosalie sehr. Lass mich nur machen, liebe Adele. Dass Rosel nicht so lieblos
gegen mich sein wird wie ihre Schwestern, davon bin ich überzeugt. - Und sollte
das mit dem Assessor nicht werden, so habe ich ja noch den Rittmeister, den
Baron. Also. Dass ich dir einmal alles auf Heller und Pfennig gutmachen kann, das
weiss ich bestimmt. Heute schon.«
    Die Schwägerin wendet sich zum Gehen.
    »Es ist schon recht. Ich weiss schon. Und das weiss ich auch, dass für unsere
Rosel weder ein Rittmeister noch ein Assessor, noch sonst so ein geschniegelter
Herr passt. Dass die was anderes braucht. Was Kerniges, Bürgerliches oder so. Na
ja, kommt Zeit, kommt Rat. Und auch der richtige Eheherr, hoff' ich. - Und jetzt
geh ich und back einen Kuchen für die Teegesellschaft.«
    Damit verlässt sie das Zimmer und lässt die Rätin verblüfft und gekränkt
zurück.
Rosalie Scheuflein ist ein grosses, gesundes und resolutes Mädchen und fesselt
gar manchen Mann durch diese Tugenden wie auch durch ihr rassiges Gesicht und
ihre stattliche Figur.
    Trotzdem ist sie noch ohne geheime Wünsche und ohne jenen Kummer, an dem
andere dreiundzwanzigjährige Mädchen gemeiniglich leiden und der seinen Ursprung
in der Liebe hat. Höchstens, dass sie sich manchmal den einen oder anderen
»Kavalier« vorstellt und nüchtern abwägt, was ihn ihr gefällig machen könnte und
was ihn ihr lächerrlich macht.
    Die missliche Vermögenslage ihrer Mutter verhindert sie auch, jene Orte
aufzusuchen, an denen sonst junge Mädchen ihre Natürlichkeit und Anmut
verlieren; nämlich Pensionate, Tanzschulen, Damenkränzchen und dergleichen mehr.
Dagegen steht sie von früh bis spät in der Küche und werkt und kocht und sorgt
für das Wohl ihrer Mutter und der Tante.
    Sie findet nichts Beschämendes darin, dass sie nicht wie andere Mädchen ihres
Standes Hände so weiss wie Alabaster und Fingernägel gleich einer Haremsdame hat;
aber sie würde es als eine Schande erachten, wenn andere Hände als die eigenen
die Federn ihres Bettes schüttelten oder ihre Stube fegten.
    Eben ordnet sie die Wäsche für den Sommeraufentalt zu Berganger in die
Reisekörbe; da kommt Tante Adele in die Küche.
    »Roserl! Hast net ein Viertelstünderl Zeit für mich?« ruft sie. »Ich möcht
gern mit dir ein bissel was zum Tee backen.« Rosalie nickt.
    »Einen Augenblick. Gleich habe ich's.«
    Im Nu ist die Wäsche in den Körben, und gleich darauf steht das Mädel schon
mit der Teigschüssel und dem Kochlöffel am Küchentisch.
    »So, ich bin schon da, Tante!« meint sie. »Aber, kannst du mir vielleicht
sagen, mit was ich dieses Teezeugs machen soll? Das bissel Mehl und Butter und
die paar Eier brauch ich morgen fürs Mittagessen. Wenn du mir jetzt das Zeugs
verbrauchst, kann ich euch morgen nicht mehr füttern!«
    Tante Adele schmunzelt.
    »Schlimm, mein Mädel! Recht schlimm! Da muss ich denn doch nachschaun, ob
sich nicht in einer Geldbeutelfalte noch irgendein verkrüppelter Zwanz'ger
findet. Die Mama muss doch ihren Abschiedstee kriegen und du deinen Hochzeiter!«
    Rosalie runzelt die Stirn. »Wieso? Ich versteh dich nicht, Tante!« Adele
erklärt es ihr näher.
    »Soviel ich weiss, hat die Mama auch ein paar heiratslustige Angelgoldhechte
eingeladen, und nun meint sie, dass bestimmt einer anbeisst, sobald er zwei Tassen
Tee und ein Wurstbrot vertilgt hat. Ich fürcht' aber, dass wir unbedingt auch
noch etliche Teebrezeln und einen Guglhupf mit Zibeben an die Angel binden
müssen. Was sagst du dazu?«
    Ihre Nichte steht mit hochrotem Kopf da. »Hör doch auf mit deinen schlechten
Witzen, Tante!« ruft sie ärgerlich. »Du weisst genau, dass ich keinen mag von
diesen Rittern!«
    »Freilich weiss ich das!« lacht Adele. »Aber deine Mama weiss es nicht. Wills
nicht wissen. Die baut fest auf den Rittmeister und auf den Assessor! Da kannst
halt nichts machen. Blaublütige Mütter denken halt so, und wir simpeln
Bürgergreteln denken anders.«
    Rosalie rührt verlegen einen Teig an. »Ich weiss schon. Sie möcht halt, dass
ich auch versorgt wär' und dass ich ihr dann ein bissel was zukommen liesse. Ich
kann ihr aber nicht helfen. Ich heirat' noch nicht. Mir gefällt keiner.
Vorläufig bleib ich noch bei euch.«
    Damit ist die Unterhaltung ins Stocken gekommen, die beiden rühren und
kneten, kochen und backen und sorgen also, dass der Ruf des Hauses Scheuflein ein
guter bleibe.
    Die Rätin aber hat inzwischen eine Mantille aus Spitzen um die Schultern
gelegt, setzt das vornehme englische Hütchen auf und trägt nun die
Einladungsbriefe, um das Porto zu sparen, selber zu den Adressaten. Eilig und
scheu betritt sie überall das Haus, huscht vorsichtig die Treppen hinauf und
wirft die Briefe in den Kasten oder steckt sie in den Türspalt. Klopfenden
Herzens horcht sie darnach, ob niemand die Stiegen heraufkommt, und eilt
endlich, so schnell ihre alten Füsse dies vermögen, wieder von dannen.
    Bei ihren Töchtern ist es ihr bereits geglückt und beim Assessor
gleichfalls. Beim Rittmeister aber öffnet sich gerade in dem Augenblick, da die
Rätin das Brieflein in den Kasten stecken will, die Tür, und heraus tritt eine
elegante junge Dame, gefolgt vom Rittmeister, der eben fragt: »Hast alles,
Schatz? Hast die Handschuh und den Schirm?«
    Worauf die Dame sich lachend nach ihm umwendet und sagt: »Mhm. Das heisst:
etwas hab ich noch nicht - den versprochenen Kuss ...«
    Bumms! Die Tür fliegt noch mal zu, und dahinter ertönt Kichern und Lachen.
    Wie gejagt rennt die Rätin die Stiegen hinab; um eine Hoffnung ärmer geht
sie nach Hause. Frau Rittmeister wird sie wohl kaum werden, ihre Rosalie ...
    Daheim legt sie trüben Sinnes ihre Mantille ab, steckt sich die künstlichen
weissen Lockentuffen frisch auf und holt sich eine Handarbeit aus dem Nähtisch.
    Ob die Verhältnisse sich bei ihr wohl noch einmal bessern werden?... Draussen
in der Küche schlägt Rosalie eben einen Hefeteig fein, da schrillt die Klingel.
    »Herrschaftseiten! Grad jetzt, wo ich auf und auf voller Mehl bin!« brummt
das erhitzte Mädchen und schüttelt sich die wirren Haare aus der Stirn. »Geh,
Tante, magst nicht du aufmachen?«
    Adele nickt und bindet schnell die Schürze ab.
    »Ich mach schon auf.«
    Draussen aber an der Gangtür kommt sie in einige Verlegenheit.
    Denn vor ihr steht, angetan mit Gehrock und weissen Handschuhen, in der
Linken den Zylinder und in der Rechten einen Fliederstrauss, der Assessor,
verbeugt sich fast bis zum Boden und frägt dann nach der Rechtsrätin.
    Tante Adele wird schwül zumut.
    »Au weh zwick!« denkt sie im stillen. »Das sieht ja schier aus wie eine
Brautschau! Jetzt, fürcht' ich, geht's dem armen Mädel doch an den Kragen.«
    Laut aber sagt sie: »Gewiss, Herr Assessor, meine Schwägerin ist z' Haus.
Bitte, treten S' doch näher!«
    Und sie weist ihn mit einem Gemisch von Sorge und Unwillen im Gesicht in den
Salon.
    Die Rechtsrätin sitzt immer noch grübelnd am Fenster ihres Boudoirs, als die
Schwägerin eintritt.
    »Herr von Rödern ist da.«
    »Ach! Was der wohl will?« Adele räuspert sich unwillig.
    »'n Fliederbuschen hat er dabei«, sagt sie rauh; »wegen der Rosel wirds halt
sein.« Die Rätin springt auf.
    »Was sagst du? Blumen hat er? - Du glaubst, er wollte wirklich? Mein Gott,
das wär' ja wunderbar!«
    Sie läuft aufgeregt und planlos hin und her.
    »Sag, ich komme sofort! Im Augenblick komm ich! Nein! So ein Glück! So ein
Glück!«
    Die gute alte Dame ist ganz ausser sich vor Freude. Kaum vermag sie ihren
Spitzenschal um die Schultern zu legen und die Lorgnette gleichgültig in der
Hand zu halten, während sie die Tür zum Salon öffnet. Tante Adele aber schleicht
betrübt über den Gang und tritt traurig in die Küche.
    »Wer ist denn da gewesen, Tante?« Sie überhört Rosels Frage. »Tante Adele!
Wer da war, hab' ich gefragt!«
    Die alte Dame hört nicht. Sie klappert mit den Hafendeckeln und Tiegeln und
werkt mit hochrotem Kopf.
    Rosalie weiss nicht, was sie von diesem Benehmen halten soll. Aber sie erhält
bald Aufklärung, denn Tante Adele unterbricht plötzlich ihre Arbeit und sagt
rauh: »Hör jetzt auf mit deiner Arbeit, Rosel. Besuch ist da für dich.«
    »Für mich? Ja, wer denn?«
    Sie steht hilflos vor der alten Dame.
    »Tante Adele! Du hast was! Sag, wer ist denn da?«
    Da bricht's auch schon los, das Gewitter. »Ah was! Dein Herr Zukünftiger!
Der Herr Bräutigam! Deiner Frau Mama ihr letzter Strohhalm! Natürlich der Herr
Assessor! Da möcht ich schon noch lang fragn! So geschmacklos kann ja bloss der
sein, dass er einem auch noch das letzte Kind aus dem Haus holt!«
    Sie bricht plötzlich in Tränen aus und bemerkt nicht, wie die Rätin unter
der Tür steht und mit vor Rührung unterdrückter Stimme sagt: »Rosalie! Willst du
nicht einen Augenblick zu uns in den Salon kommen? Zieh aber schnell das
Hellseidene an! Ich habe dich eben verlobt.«
    Mit diesen Worten verlässt die Rätin auch schon wieder die Küche und eilt in
den Salon, wo der Herr Assessor eben entzückt ein Brustbild seiner Braut
betrachtet. -
    Rosalie aber ist schier vom Schlag gerührt. Sprachlos starrt sie zur Tür, in
der eben noch die Rätin stand.
    Erst die Mahnung der Tante, sie müsse sich doch umziehen und schön machen
für den Herrn Bräutigam, bringt sie wieder zu sich.
    Und nun beginnt sie zu toben und zu stampfen, sich zu wehren und zu
beschweren gegen diesen Überfall auf ihre Person, ihre Freiheit, ihr Leben! Aber
es nützt nichts. Genau so erging es ja auch den Schwestern! Die wurden so wenig
gefragt wie sie jetzt!
    Die Mutter verhandelte hinter ihrem Rücken mit dem Bewerber, und erst
nachdem das »Geschäft« erledigt war, wurde mit viel Gefühl und Rührung dem
»Engelchen« und »Täubchen« der Zukünftige in die Arme gedrückt!
    »Aber ich, ich mag nicht! Ich sag' nein, und wenn mich die Mama aus dem Haus
jagt!« ruft Rosalie ein ums andere Mal aus. »Ich lass mich nicht so mir nichts,
dir nichts an einen hinketten! Ich mag ihn nicht, diesen Gecken!«
    Schweren Herzens redet ihr die Tante zu; denn ihr ist ungut zumut.
    Endlich ist das Mädchen angekleidet und folgt widerstrebend der sie
führenden Tante, fest entschlossen, nein zu sagen.
    Aber da sie die Freude der Mutter sieht, da sie den wohlgepflegten jungen
Mann vor sich sieht, die herzlichen Worte seiner Werbung hört, da sinkt ihr Kopf
immer tiefer, und endlich sagt sie leise: »Ja. Ich will versuchen zu denken, dass
ich Ihre Verlobte bin. Der Mama zulieb.«
    Adele ballt ihre Fäuste. Wie lange soll's wohl in der Welt noch so gehen,
dass des Menschen Glück dem Geldsack, der Versorgung oder dem Egoismus anderer
geopfert wird?
    Sie bringt es nicht übers Herz, ihrem lieben Mädel irgendein leeres Wort des
Glückwunsches zu sagen. Aber sie drückt dem blassen, nichts weniger als
glücklich aussehenden Mädchen fest die Hand.
    Die Rätin tupft sich mit dem winzigen Spitzentuch bald die Augen, bald die
Nase und umarmt wiederholt das »liebe Kindchen«. Rosalie aber bittet, ob sie
sich nicht wieder zurückziehen dürfe.
    So will denn das Geschick, dass der Abschiedstee zugleich der Verlobungstee
Rosaliens wird, zu dem sie sich selber den Verlobungskuchen gebacken hat.
 
                                       5
Vor dem kleinen Bahnhof zu Glonn steht der altmodische schwere Landauer der
Schiermosers, der Hochzeitswagen des Hofs seit mehr denn einem Menschenalter.
    Er ist zwar unkommod und dem Franz nicht nobel genug; aber bis jetzt ist es
diesem noch nie eingefallen, dass man ja einen neuen anschaffen könnte. - Heute
zum erstenmal fällt es ihm schwer, die Sommergäste immer noch in der »wackligen
Kalesche«, in dem »Rumpelkarren«, wie er die Kutsche immer wieder nannte,
abzuholen.
    »Sakra«, meint er am Bahnhof halblaut für sich, »die werdn sich aa denka:
Beim Schiermoserbauern hausens rückwärts! Jetzt hams alleweil no den alten
Marterkarrn! - Aber i muass gähend wirkli amal um an andern schaugn. I kenns
selber ein.«
    Damit breitet er eine Rossdecke über den brüchigen Ledersitz und zündet sich
eine kurze Pfeife an.
    Die beiden Rappen scharren schon ungeduldig; da ertönt das Signal, dass der
Zug eben die letzte Spanne seiner Fahrt durchläuft.
    Unwillkürlich zupft Franz Schiermoser seinen Rock zurecht, rückt das grüne
Samtütl gerad und klopft die Pfeife aus; denn er weiss: Stadtdamen gegenüber hat
man leider Gottes andere Saiten aufzuziehen als gegen seinesgleichen.
    Da biegt das Züglein auch schon um den Berg, rattert über die Brücke des
Mühlbachs und fährt schliesslich rauchend und prustend in den Bahnhof ein.
    Franz rührt sich kaum vom Fleck.
    Langsam gleitet sein Blick über alle hin, die durch das Gitter der Sperre
drängen; nur mit einem kurzen Kopfnicken erwidert er den Gruss des einen oder
andern Ankommenden.
    Plötzlich aber durchfährt es ihn mit einem Ruck: die da drüben - die so
flink aus dem Wagen springt und nun der alten Frau die Hand zur Hilfe reicht -,
die ist es doch!
    Die Rosel Scheuflein!
    »Herrgott, is dees Madl sauber wordn!« fährts ihm, ohne dass er's will, durch
den Sinn.
    Aber Rosalie lässt ihm nicht lang Zeit zu irgendwelchen Betrachtungen. Behend
hilft sie nun auch der zweiten Dame, die Franz sogleich als die alte Rechtsrätin
erkennt, aus dem Zug, überblickt rasch den Bahnhof und läuft mit dem Ruf: »Ach,
da steht er ja schon, der Franzl!« lachend auf ihn zu.
    Tante Adele gibt derweil schmunzelnd die Fahrkarten hin, nimmt der Rätin
etliche Gepäckstücke ab und begrüsst sodann den Sohn des Schiermoserbauern aufs
herzlichste.
    Nur Frau Scheuflein bleibt kühl und verzieht keine Miene ihres Gesichts, als
sie Franz flüchtig die Fingerspitzen reicht und kurz: »Guten Tag, Herr
Schiermoser!« sagt.
    Sie fühlt sich eben nicht behaglich bei den Bauern. Der Unterschied ist doch
zu gross, und die Erziehung war auf ganz andere Dinge und Lebenszwecke gerichtet.
    Für Rosalie aber bedeutet das Leben auf dem Lande wahrhaft eine Erholung. So
wohl wie da heraussen und besonders droben auf dem Schiermoserhof hat sie sich
nirgends gefühlt.
    Nirgends. - Auch nicht zu Hause.
    Die Art dieser Leute hat etwas Glückbringendes.
    Sie ist bodenständig und stämmig, nicht kränkelnd und voller
Empfindlichkeit.
    Sie macht jeden, der sie versteht, zu einem festen und gesunden Menschen.
    Aber, um Bauernart zu verstehen, muss man den Bauernstand achten und
schätzen.
    Und Rosalie schätzt ihn. Und sie liebt das Landvolk. Besonders aber die
Schiermoserleute.
    Ist sie doch wie daheim in dem grossen Bauernhof, in Haus und Stall, in
Kuchel und Scheune!
    Seit sieben Jahren ist sie nun jeden Sommer dort und fühlt sich immer wieder
wie ein Kind vom Haus!
    Sie lebt mit und werkt mit, sie isst mit und ruht mit - mit allen, die auf
den Hof gehören. Sie spricht ihre derbe Sprache.
    Sie hat gelernt, Sense und Rechen zu gebrauchen, Ochsen und Rösser zu
lenken, Kälber zu tränken und selbst Kühe zu melken.
    Sie lachte mit, wenn es gute Zeit gab - und sie hat mitgeseufzt und
mitgebetet, wenn der Schauer schlug oder der Blitz zündete.
    Und sie gilt als gleichberechtigt auf dem Hof.
    Der Bauer teilt bei der Brotzeit seinen Ranken Brot mit ihr und reicht ihr
seinen Krug: »Trink aa amal!«
    Die Töchter gehen mit ihr zusammen zur Arbeit, zum Tanz und in die Kirche.
    Die Alten im Haus nicken ihr wohlwollend zu, und das Dienstvolk freut sich,
dass die feine Stadtjungfer keinen Stolz und keinen Dünkel kennt.
    Die Bäuerin freilich, die hat kein gutes Wort für sie. Die verachtet alles,
was hinter Stadtmauern geboren und erzogen wurde.
    Für sie gilt nur das, was auf der heimischen Scholle wuchs.
    Aber darin gleicht sie ja der Rätin. Die denkt über die Bauern ungefähr
dasselbe.
    Für sie sind die Landleute nicht viel mehr als ein notwendiges Übel -
melkende Kühe -, arbeitende, Essen schaffende Tiere, denen man ein gutes Gesicht
zeigen muss, damit sie nicht aufhören zu werken und zu geben.
    Darum fällt auch ihr Gruss dem Franz gegenüber so frostig aus.
    Doch das schadet der allgemeinen Wiedersehensfreude gar nicht. Franz fragt,
Tante Adele fragt, und Rosalie erzählt und fragt bunt durcheinander, ohne sich
irgendwie um das missbilligende Kopfschütteln und die zornigen Blicke der Mutter
zu kümmern.
    Schnell ist das Gepäck in der Kutsche untergebracht, und die beiden Damen
nehmen auf den breiten, zusammengesessenen Polstern Platz.
    Rosalie soll den Rücksitz einnehmen, aber sie meint lachend: »Franzl, i setz
mi zu dir! I möcht sehn, ob i's Kutschieren net verlernt hab den Winter über!«
    Und obgleich die Rätin über dieses beispiellose Betragen ihrer Tochter, die
doch nun Braut ist, schier in Ohnmacht fällt, klettert das Mädchen doch lachend
auf den Kutschersitz und ergreift die Zügel.
    »Hüh, Rappeln!« Ein Schnalzen mit der Zunge, und dahin geht's in lustiger
Fahrt durch den Marktflecken, hinaus in die blühende Landschaft, vorbei an
jungen Saatfeldern, duftenden Heuwiesen und hinauf über die Anhöhe, Berganger
zu.
    »Und was macht der Vater, Franzl?« fragt Rosalie so mitten unterm Reden. »Is
er noch alleweil gsund? Führt er 's Regiment no so wie sonst? - Und wie geht's
der Grossmutter und 'm Grossvater? - Und der Mutter? - Hats d' Stadtleut alleweil
no so dick wie früher? Sinds ihr immer noch so zwider?« Franz wird einen
Augenblick verlegen.
    »Mei', Frailn Roserl, dees woasst scho: sie is halt no oane vom alten Schlag,
d' Muatta«, meint er dann, »sie woass halt net anderscht. Und alle Tag älter und
harber werds halt aa. Die alten Leut san alle mitanand a bissl zwider und
seltsam, wähn i.«
    Dies letzte flüstert er ihr ganz leise ins Ohr, damit es die Rätin und die
Schwägerin nicht hören.
    Als das Fuhrwerk die Anhöhe erreicht hat und Rosalie Berganger mitsamt dem
grossmächtigen Schiermoserhof vor sich liegen sieht, da kann sie nicht anders:
sie lacht laut auf vor Freude und ruft aus: »Herrgott, Franzl, du kannst dir gar
net einbilden, wie i mi freu, dass i wieder da bin! Es ist mir grad, als tät i
heimfahrn!«
    Da streift sie ein langer Blick des jungen Bauern, und er denkt: »Schad, dass
's a Stadtmadl is. Dees waar a Bäuerin für mi gwen - oane nach dem neuen Schlag
- a resche ...«
    Und er rückt ganz nahe an sie heran.
 
                                       6
Rasselnd und polternd fährt das Fuhrwerk über den mit grossen Feldsteinen
gepflasterten Hof des Schiermoserbauern.
    Franz pfeift gellend durch die Finger, springt vom Wagen und hebt Rosalie
mit einem Scherzwort herab von ihrem Sitz.
    Dann öffnet er den Schlag und ist den Damen behilflich beim Aussteigen.
    dabei aber schielt er alle Augenblicke hinüber zur Haustür, die gegen alle
Gewohnheit verschlossen ist.
    Nichts rührt sich.
    Der Hof scheint ausgestorben oder verlassen zu sein.
    Nur die Rösser im Stall stampfen hie und da, die Kühe rasseln mit den
Ketten, und die Säue stossen quiekende Laute aus. Kein Bauer, kein Knecht, keine
Dirn und keine Tochter ist zu sehen.
    Den scharfen Augen Rosalies aber ist es nicht entgangen, dass sich sowohl
drin in der Wohnstube wie auch droben im Austragstüberl der alten Grosseltern die
bunten Vorhänge ein wenig beiseite geschoben haben und dass sich nun die
Gesichter der Schiermoserin und ihrer Mutter ganz nahe an die Scheiben pressen,
um die Ankommenden verstohlen betrachten zu können.
    Franz hat abermals gepfiffen und entschuldigt sich nun bei den Gästen, dass
er sie einen Augenblick hier allein lassen müsse.
    »I geh grad schnell durchn Stall ins Haus und mach enk auf!« sagt er
verlegen. »D' Muatta is leicht gar in Gottsdeanst ganga mit der Grossmuatta. Und
der Grossvata hört ja nix. - Is 's enk recht, wenn i enk an Weidling voll Milli
aufn Tisch bring und an Scherz Brot dazua? Werds leicht hungri sein auf d' Roas
auffe!«
    Die beiden alten Damen sind so sehr mit ihrem Gepäck beschäftigt, dass sie
kaum darauf achten, dass man ihnen hier einen so kalten Willkomm bietet. Rosalie
aber weiss Bescheid.
    Doch sie ist nicht gewillt, sich zu ärgern oder sich die Zeit ihres
Hierweilens durch irgendwelchen unliebsamen Zusammenstoss mit der Schiermoserin
zu verbittern. Darum sagt sie mit dem freundlichsten Lächeln gegen die
verschlossene Haustür hin: »Is scho recht, Franzl! Mach 's nur, wie d' moanst.
Wir machen keine Ansprüch, dees woasst ja. Aber wenn der Vater oder d' Mutter
hoamkommen, nachher sagst mir's. Ich hab ihnen was mitbracht.«
    Und damit hilft sie auch schon das Gepäck auf die Hausbank schaffen, die
Rosse ausschirren und den Wagen in die Schupfe schieben.
    Der Schiermoser hat eben drunten in der Mooswiese mit seinen Leuten das
letzte Heu zum Heimführen zusammengehäuft.
    Nun geht er gemächlich heimzu.
    Da findet er die Sommergäste vor der verschlossenen Haustür, und Franz sagt
ihm zähneknirschend, dass von innen abgeschlossen und der Schlüssel abgezogen
wär' und dass man weder hinein noch heraus könne.
    Und die Rätin beginnt auch bereits über die Unhöflichkeit des Landvolks zu
nörgeln.
    Aber Tante Adele beeilt sich, dem Schiermoser zu versichern, dass man grad im
Augenblick gekommen wär, dass es ja gar nicht eile und dass die Hausfrau wohl
nicht allzu lange ausbliebe.
    »Oh, wir können leicht warten!« meint sie freundlich. »Uns lauft der Tag
alleweil nimmer davon! Setzen wir uns halt derweil alle miteinander auf d'
Hausbank hin und erzähln wir uns, wie's gangen hat den Winter!«
    Mit diesen Worten setzt sie sich bequem neben ihr Gepäck und lacht dem
Schiermoser fröhlich und gutmütig ins Gesicht.
    Und Rosalie hat bereits seine schwielige Hand ergriffen, schüttelt sie
voller Übermut und sagt: »Ja, Schiermoservater! Lass di grüassen! Hast es do noch
derwarten kinna, bis i kommen bin zum Helfa?«
    Und sie zieht den Bauern auf die Bank neben sich.
    »Alsdann; geh weiter und hock di a bissl her zu mir! Und erzähl mir epps vom
Viech! Wie steht's im Stall? Was macht der Ochs, der Blass? Und der Handige, der
vorigs Jahr krumm ganga is? - Soo, der is geschlagn! Hat er viel Fleisch gebn?
Hat'n der Metzger guat zahlt? Und was macht d' Breitmoserin? Gibts no alleweil
so wenig Milli? Und 's Öchsl vom Windbichler? Werds was? Habts sonst aa epps
aufgstellt? Hast gut verkauft?«
    Mit solchen Reden hat sie den guten Schiermoser sogleich umgarnt, und schon
nach der zweiten Frage ist er so weit, dass er Red und Antwort steht, sich mit
ihr unterhält und ihr sein Tun und Handeln, ja sogar seine Pläne und Wünsche
offenbart.
    Der Franzl steht eine Weile dabei und hört zu.
    Mittendrin aber setzt er sich zu ihnen und schwatzt auf das lebhafteste mit.
    Und wenn die Schiermoserin drin hinter dem Vorhang in ihrer Stube auch bebt
vor Zorn, wenn sie gleich wettert über die Frechheit und Neugier der
Stadtmamsell - sie kann es doch nicht ändern, dass die da draussen frei darauf
vergessen, wo sie sind, dass sie Raum und Zeit für nichts achten und dass die
beiden Männer jeglichen Unterschied vergessen zwischen Art und Stand und das
Maidl betrachten als eine ihresgleichen.
    Die Rätin ist derweil verstimmt und gekränkt mit ihrer Schwägerin ums Haus
gewandelt, hat sich sehr missbilligend über den Duft des Mistaufens geäussert und
schlägt nun gelangweilt mit dem Schirm etliche unreife Stachelbeeren vom
Gesträuch am Gartenzaun.
    Und dies ist endlich der Anlass, dass die Schiermoserin wie ein gereizter
Trutahn in die Höhe fährt und blaurot übers ganze Gesicht wird.
    Dass sie den Hausschlüssel aus dem Rocksack zieht und die Tür aufschliesst, in
der Absicht, den Neuangekommenen daraufhin sogleich einen derben
Willkommenslandler zu blasen!
    Aber der ziemlich verrostete und vom Zahn der Zeit zernagte Hausschlüssel
hindert sie daran mit aller Macht.
    Denn er will durchaus nicht aufschliessen, soviel sich die gute Bäuerin auch
müht und plagt und dabei schilt und greint.
    Und so bleibt ihr schliesslich nichts übrig, als endlich das Fenster im Flöz
zu öffnen und hinauszurufen: »Geh, macht oana auf drausst! Da is der Schlüssel. I
hab zuagschbarrt ghabt, weil i a weng geschlaffa hab.«
    Dies ist aber wiederum die Ursache, dass Rosalie sogleich die Hand und den
Schlüssel der Bäuerin ergreift, dass sie eilends aufschliesst und mit einem
herzlichen, lustigen: »Grüss di Gott, Schiermosermutter!« abermals ihre beiden
Hände erfasst und schüttelt.
    Und sie schwatzt und erzählt, dass sie für jedes im Haus ein kleines Geschenk
angefertigt hätte: für sie, die Schiermosermutter, ein Versehtuch, wie sie
sich's schon so lange gewünscht hätt auf ihren Hausaltar; für ihn, den Bauern,
einen gestrickten Leib für die grimmige Winterkälte, für die Dirndln seidene
Schlipse, für die Alten ein Halstuch und gestickte Pantoffeln und für den Franzl
einen Beutel zum Tabak, auf dass er doch endlich einmal die alte Stärkeschachtel
abdanken könnt, in der er ihn bislang noch herumtragen müsst!
    Während sie noch so erzählt und schwatzt, tritt auch Tante Adele herzu und
hinter ihr die Rätin.
    Und auch sie begrüssen beide die Schiermoserin. Die Rätin freilich etwas
frostig, die Tante aber dafür um so herzlicher.
    Adele Scheuflein hat auch wirklich so viel Gewinnendes in ihrem ganzen
Wesen, dass sie es fertigbringt, die Bäuerin so zu erheitern, dass diese
wiederholt hell auflachen muss.
    Damit ist also das Schlimmste überstanden, und die Sommergäste haben Zutritt
zu Haus und Hof.
    Freilich, wegen der Versorgung mit Milch, Butter und Eiern droht abermals
die Laune der Schiermoserin vom Guten ins Schlechte umzuschlagen, denn nichts
kann sie mehr aus dem Häusl bringen als diese »verflixte Bettlerei«, wie sie es
nennt.
    Und trotz der hohen Preise, die sie fordert, kann sie nicht anders: sie muss
ihnen sagen, was sie denkt.
    »Gell, da san enk d' Bauern no guat gnua, dass s' enk z' Fressn gebn, enk
Stadterer! Jetzt möchts enk wieder aussafuttern, dass 's im Winter a weng vom Balg
zehrn könnts!«
    Aber sie geht doch und holt das Verlangte.
    Die Rätin muss einen Augenblick ihr Riechfläschchen an die Nase halten, so
sehr empört sie das »beispiellose Benehmen dieses Landvolks«.
    Ihre Tochter aber und die Tante finden die Geschichte ganz natürlich und
lustig, pflichten sogar der Schiermoserin noch bei und bringen sie dadurch
wieder in eine versöhnlichere Stimmung.
    Trotzdem hat der Schiermoser abends im Bett noch das Folgende von seinem
Eheweib zu hören und es zu bestätigen:
    »Ausschaugn teans wia Vogelscheuchen, grea sans wia d' Jakobiäpfel im Mai,
z'sammgricht sans wia dee Narrischn und habn teans gar nix. Koa Hoamatl, koa
Viech und koa Sach und koa Geld. Wir müassn eahna d' Steuern zahln und z' fressn
gebn und arbatn vom Gebetläuten in der Fruah bis in d' Nacht eine, damit dass sie
in eahnana Stadt drin faulenzen und umanand karressiern kinnan. A solcherne bal
mir insa Bua daherbrächt - 's Kreuz taat i eahm abschlagn!...«
    Der gute Schiermoser hat längst zu schnarchen begonnen; doch sie ist immer
noch nicht zu End mit ihren Betrachtungen.
    Bis ihr endlich selber langsam die Augen zufallen und sich die abgerissenen
Sätze des Vaterunsers in ihr Selbstgespräch mengen - bis sie hinübergegangen ist
in die raum- und zeitlose Welt der Träume.
 
                                       7
Die Rätin ist damit beschäftigt, ihre Sommerwohnung »menschenwürdig« zu
gestalten, wie sie es nennt.
    Ein Wust von Decken und Spitzen, von Bildchen, Photographien und Nippsachen
liegt um sie herum, und ein Berg von Schlummerrollen und Sofakissen türmt sich
auf dem Tische auf.
    Eine Wolke von Wohlgerüchen strömt aus einem kleinen zerdrückten Körbchen,
welches leider nur mehr die Scherben einiger Parfümflaschen und Hautkremdosen
entält.
    Die Laune der alten Dame ist ganz unerträglich, und sowohl Tante Adele als
auch Rosalie haben sich gleich nach dem Frühstück aus dem Staub gemacht und sie
ihrem Schicksal überlassen.
    Besonders Rosalie, die es herzlich satt hat, innerhalb einer Stunde etwa
hundertmal zu hören: »Aber Rosalie! Du bist doch verlobt! Das schickt sich doch
nicht für eine Braut! Was soll denn dein Verlobter sagen, wenn er das und das
und das erfährt ...«
    Unwillkürlich kommt Rosalie die Entgegnung auf die Lippen: »Na, so soll er's
doch erfahren! Jetzt bin ich auf dem Land, und da leb ich so - und wenn ich
wieder in der Stadt bin, leb ich wieder anders. Und mein Verlobter kann mir heut
noch ...«
    Sie hält erschrocken inne und rennt mit hochrotem Kopf davon. Weh tun will
sie der alten Dame, die so grosse Hoffnungen auf diese Heirat setzt, doch nicht.
    Da räumt sie lieber das Feld.
    Drunten beim Schiermoser ist bereits alles auf den Feldern und Wiesen bei
der Arbeit.
    Nur die alte Grossmutter sitzt wie immer auf der Hausbank und strickt an
ihrem ewigen Strumpf.
    Und der Grossvater steht unter der Stalltür und knüpft eine neue Geisselschnur
an den Haselnussstecken, indem er halblaut vor sich hinschwatzt und murmelt.
    Da kommt Rosalie im bäuerischen Leibchenrock und hemdärmelig aus dem Haus,
bindet sich eine blaue, härwene Schürze um und fragt: »Grossmuatta, wo is der
Schiermoser?«
    »Warum fragst?« erwidert die Alte zwischen Unwillen und Misstrauen.
    »Weil i eahm heifa möcht«, erwidert Rosalie.
    »Soo, soo. Was möchst eahm denn nachher helfa?«
    »No mei, was i eahm halt helfen kann. Z'sammrechan, häufeln, owerfa ...«
    »Ja freili! Sinst nix mehr!« ruft da die Alte aus. »Da kunnts weiter net
zuageh! Moanst, dass dee ohne di nix z'weg bringa? Dee brauchan di net! Aber scho
gar net aa! Ha! Sie, d' Stadterin!«
    Rosalie wird brennrot vor Zorn und Ärger über die »Stadterin«; und sie kann
nicht anders, sie muss der Alten zur Antwort geben: »Ha, dass jetzt die alten
Weiber gar so zwider san!«
    Dies ist aber nicht wohlgetan. Denn schon die Erwiderung der Grossmutter: »O
du Stadtschnappen, du zahnete!« zeigt ihr, dass sie sich hier einen Feind
geschaffen hat trotz Pantoffeln und Halstüchlein.
    Aber sie macht sich nicht allzu viel daraus.
    Summend geht sie zum Grossvater hin und schreit ihm ins Ohr: »Werd heunt
eingführt, weilst d' Goassl neu machst?«
    Und der Alte erklärt ihr, ohne sie ganz verstanden zu haben: »A neue Schnur
hab i ei'knüpft, weil der Franzl nachher glei eispannt. Z'erscht fahrns in
Kleepoint und nachn Essen a fünf a sechs Fuada Heu.«
    In diesem Augenblick kommt auch schon der kleine Ochsenbub gerannt und
brüllt: »Eispanna sollst! Den kurzn Truchawagn und d' Ochsen! In Bruckmoser Klee
hintre zum Franzl!«
    Und damit rennt er hinein ins Haus und in die Kuchel, wo die Schiermoserin
schwitzend vor dem Herd steht und Roggennudeln backt.
    »Brotzeit!« schreit der Tropf, schneidet sich einen Ranken Brot ab, trinkt
aus einer Schüssel voll abgeblasener Milch einen gehörigen Schluck und läuft
darnach hinaus in die Speiskammer um das Bier für die Knechte.
    Rosalie hat derweil draussen dem Grossvater geholfen, den Wagen aus der
Schupfe zu schieben und die Ochsen einzuspannen.
    Und sie nimmt die neue Geissel, stellt sich auf den Wagen und ruft ganz in
der Art und im Ton des Franz Schiermoser: »Wühlöh, Alter! Geh, Handiger, geh!
Hüah, hottöh!«
    Der Grossvater schaut ihr lachend nach.
    Die Grossmutter aber murmelt etwas von »frechem Stadtgesindel« und strickt
dazu, dass die Nadeln klappern.
    Inzwischen kommt der Ochsenbub beladen mit Bier und Brot aus dem Haus und
denkt, er könne seine Last schön auf den Wagen tun und sich selber gut dazu.
Derweil sieht er aber das Fuhrwerk schon drunten am Feldkreuz um die Ecke biegen
und gegen den Bruckmoser Klee zufahren.
    Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als schwerbepackt hinterdrein zu
tappen und sich gleichfalls sein Teil zu denken über die Städtischen.
    Rosalie ist's, als hätte sie niemals in ihrem Leben etwas anderes getan als
Ochsen geführt. Mit einem Gemisch von Abscheu und Angst denkt sie an die Zeit,
da sie als Frau Assessor von Rödern drinnen in der Stadt ihre Tage wird
verbringen müssen; da sie in vornehmen Badeorten wird herumstolzieren müssen; da
sie nie mehr wird dies sorglose und unbekümmerte Leben führen, nie mehr so wie
heute wird fröhlich lachen können.
    Doch - noch sind ja die Tage gesunder Lust und fröhlichen Schaffens! Noch
kann sie ja lachen!
    Noch ist sie ja ein freies Geschöpf unseres Herrgotts, das sich noch freuen
darf über seinen Sonnenschein und an seiner Welt!
    Eine grosse Lustigkeit überkommt sie, und sie begrüsst Franz, der mit einer
Dirn den frischgemähten Klee zum Auflegen häuft, sehr munter und herzlich.
    »Gell, da schaust, Franzl!« ruft sie, indem sie vom Wagen springt. »Auf den
Ochsenbubn hast gar nimmer denkt ghabt!«
    »Aber er is mir liaber wia der ander!« erwidert dieser lachend. »Und wenn i
a Stadterr waar, nachher müasst i no an schlechtn Witz macha: Da möcht i aa a
Ochs sei, bal i an solchen Knecht kriagat!«
    Rosalie droht ihm mit der Geissel.
    dabei aber fährt ihr doch eine flammende Röte übers Gesicht; besonders, da
Franz sie auf Ja und Nein bei den
    Hüften fasst, in die Höhe hebt und mit seltsamem Lachen wieder auf den Boden
stellt.
    »Du bist scho a sakrisches Luadamadl!« sagt er heiser.
    »Du brachtest an Eiszapfa aa zum Siadn!«
    In diesem Augenblick aber trifft ihn beissend ein Hieb mit der Geissel,
Rosalie gebietet ihm wütend Schweigen und sagt rauh: »An Klee sollst auflegn!«
    Da wendet er sich schnell und verlegen seiner Arbeit zu.
 
                                       8
Nun sind es bereits vier Tage, dass die Rechtsrätin samt Tochter und Schwägerin
auf dem Land ist.
    Und da fällt es der alten Dame plötzlich auf, dass Rosaliens Verlobter immer
noch nicht geschrieben hat.
    Daher fragt sie am Nachmittag erst die Schwägerin und darnach ihre Tochter:
»Ist immer noch keine Post da? Dass der Assessor nicht schreibt!«
    Worauf Rosalie mit grossem Gleichmut erwidert: »Wahrscheinlich, weil er
unsere Adress' nicht weiss.«
    Die Rätin starrt sie erschrocken an.
    »Ja, hast du ihm denn nicht gesagt ...«
    »Ich hab ihm gar nichts gesagt!« entgegnet ihr das Mädchen, nun doch
errötend.
    Die Rätin wird immer erregter.
    »Und du hast auch nicht geschrieben ...?«
    »Nein. Ich hab keine Zeit gehabt.«
    Rosalie ist nicht sehr wohl zumut. Doch verbirgt sie ihre Verlegenheit
hinter einer grossen Gereizteit.
    »Ich hab überhaupt nicht so viel Zeit, wie du glaubst, Mama!« ruft sie aus.
»Ich hab doch wirklich jetzt was anders z'tun, als Liebesbrief zu schreibn! Ich
denk, ich muss mich doch in erster Linie - erholen!«
    Und damit läuft sie auch schon aus der Stube und hinunter in den Hof.
    Des Schiermosers Franz spannt eben ein Fuhrwerk ein.
    Rosalie greift sogleich helfend mit an.
    »Wo fahrst denn hin, Franzl?«
    »In d' Kumpfmühl ums Mehl«, erwidert ihr der Bursch freundlich, »bals di
gfreut, derfst mitfahrn!«
    »Ob 's mi gfreut! Freili! Gern mag i!«
    Und während droben die Rätin erbittert und verzweifelt über die Unart ihrer
Tochter Tränen vergisst und sich darnach hinsetzt, um dem Herrn Assessor einen
mustergültigen Höflichkeits- und Komplimentierbrief zu schreiben, kutschiert
Rosalie scherzend und lachend, ist voller Übermut und tut, als wär' sie die
Grossbäuerin von weiss Gott woher.
    Erst drunten im Marktflecken fällt ihr ein, sie könnte am End doch schnell
ihrem Verlobten ein paar Zeilen schreiben.
    Darum sagt sie zum Franzl: »Du, i steig ab. I muass gschwind was bsorgn. I
komm darnach scho hintre in d' Mühl.«
    Damit springt sie vom Wagen, geht auf die Post und schreibt folgende Karte:
»Aus Berganger sendet freundlichen Gruss Rosalie Scheuflein.«
    Darnach macht sie sich zufrieden wieder auf den Weg nach der Kumpfmühle.
Dort bezahlt Franz eben das Mahlgeld, während ihm der Mühlbursche den Wagen mit
schweren Säcken voll Brotmehl, Nudelmehl und Kleie belädt.
    Die Müllerin steht schon eine Weile am Fenster und schaut neugierig hinaus
auf die Strasse, wer wohl das stämmige Weibsbild sein könnte, das da so rasch und
rüstig des Wegs kommt.
    Und da Rosalie ganz nahe am Haus ist, hält die Alte es nimmer aus auf ihrem
Auslug.
    Wie die Kreuzspinne aus ihrem Winkel fährt, kaum dass sie eine Fliege im Netz
erblickt hat, so rennt auch sie jetzt hastig unter die Tür und starrt auf das
Mädchen.
    »Is jetzt dees neet ...?«
    In diesem Augenblick aber hat Franz seine Schuldigkeit beim Kumpfmüller
bereinigt, dem Burschen sein Trinkgeld gegeben und ruft nun lachend Rosalie zu:
»Guat derraten hast es, Roserl! Akrat mitanand san mir firti wordn! Jetzt sitz
auf, nachher fahrn mir hoam zua!«
    Da die Kumpfmüllerin nun diese Worte vernimmt, schaut sie erst einen
Augenblick drein, als hätte sie nicht recht gehört. Dann aber geht plötzlich ein
verstehendes Leuchten über ihr ganzes Gesicht. Ein pfiffiges Lächeln weitet
ihren zahnlosen Mund, und sie stösst ihren Eheherrn vertraulich in die Seite.
    »He du! Hast es gsehgn? Der Schiermosersfranzl und d' Sommerfrischlerin! Es
schlagn halt doch a diammalen aa die Kinder von dee Grosskopfatn aus der Art.
Dees hätt si aa neamd traama lassn, dass der amal a Stadtscheesn auf 'n
Schiermoserhof bracht!«
    Und diese Entdeckung prickelt ihr so in allen Gliedern und auf der Zunge,
dass sie sogleich zur Huberbäuerin, ihrer Nachbarin, hinüberlaufen muss, um ihr
die grosse Neuigkeit zu berichten.
    Bei der Huberbäuerin aber sitzt gerade die alte Nähterin, die Katl, auf der
Stör, und mit ihr noch zwei schwatzhafte Nähmädchen als Helferinnen.
    Und so kommt es, dass am andern Tag abends nach der Herz-Jesu-Andacht drunten
in Glonn die Katl der Kramerin und die Müllerin der Bäckerin und die Nähmädchen
ihren Kameradinnen das Allerneueste mitteilen: »Wissts ihr's schon! Der Franzl
vom Schiermoser ...«
    Und die Wimmerin und die Pfeifferin, die Hürblerin und die Strieglin, jede
Bäuerin und jedes Häuslweib werden 's inne: »Der Franzl hat die Stadtmamsell,
die Sommerfrischlerin, zu einem Gschpiel erkoren!«
    Wie es halt so oft bei den Weiberleuten ist, dass sie schon den Regen spüren,
noch ehe die Wolken kommen, und dass sie schon das Maul wetzen, noch bevor sie
was zu reden wissen!
 
                                       9
Die Heuernte ist vorbei; die Getreideernte beginnt.
    Bei Schiermosers haben sie ein paar neue Knechte zum Mähen und ein paar
Weiber aus dem Markt zur Hilfe beim Garbenbinden und Mandlmachen eingestellt.
    Denn unser Herrgott hat gut Wetter werden lassen und schickt den Schnittern
klare Nächte und dem Getreide heisse Tage.
    Und die Zeit geht hin in harter Arbeit und kurzem, bleischwerem Schlaf.
    Das verspürt nun auch Rosalie, die sich seit einer Weile schon nicht mehr
recht wohl fühlt auf dem Hof.
    Aber es ist nicht allein des Tages Müh und die kurze Ruh, was sie aus dem
Gleichgewicht gebracht hat; es ist nicht das ständige Schelten der Mutter über
ihre Gleichgültigkeit gegen den Bräutigam und über ihr stetes Verweilen unter
dem Bauernvolk; nein, etwas anderes nimmt dem Mädchen die Ruhe und Sicherheit.
    Sie sieht auf Schritt und Tritt die Weiber verstohlen mit Fingern auf sie
deuten, sie hört ein Tuscheln und Flüstern, sobald sie allein oder mit Franz die
Stube oder die Scheune verlässt.
    Dieses heimliche Reden hinter ihrem Rücken raubt ihr alle Lust zur Arbeit.
    Und da eben wieder eine Woche zu End ist und der Sonntag kommt, da sagt sie
zu Franz: »Du, Franzl, i muss dir was sagn. I bin net ganz gut beinand und kann
enk auf d' Woch nimmer helfa. Und überhaupts muss i mi jetzt aa schee langsam um
mei Aussteuer kümmern. I heirat doch im Winter!«
    Dieser Augenblick ist es, der sie beide sehend werden lässt. Denn kaum hat
sie das Wort gesagt, spürt sie ein Würgen in der Kehle, und etwas in ihr schreit
und tobt: »Es wird ein Unglück - es geht schlecht aus! Denn er ist der Unrechte!
Der Rechte ... Herrgott ... der steht ja ...«
    Ja ja. Er steht vor ihr. Er weiss es selber.
    Und dass sie für ihn die Rechte wär, das weiss er auch.
    Minutenlang stehen beide wortlos da. Franz ist der erste, der sich selber
und ein paar Worte findet.
    »Soo soo. Im Winter heiratst. Und net guat beinand bist, sagst. Nachher lass
i di aber heunt net z' Fuass in d' Kirch abegeh auf Glonn. Da ist scho
gscheidter, du fahrst. I spann dir dees kloane Scheesl ei.«
    Rosalie schüttelt den Kopf.
    »Naa, Franzl. I bleib dahoam heunt.«
    In diesem Augenblick kommt Tante Adele die Stiege herab und sieht die
beiden.
    »Ja, was is's denn?« ruft sie aus. »Was stehts denn da, als ob enk d' Henna
's Brot gnomma hättn?«
    Rosalie versucht zu lächeln.
    »Ah nix, Tante. I hab nur gsagt, dass i heut net mitgeh in d' Kirch.«
    Und da sie das erstaunte Gesicht von Adele sieht, fügt sie schnell hinzu:
»Weil i a bissl überarbeit't bin. Da wird mir der Weg z'weit.«
    Worauf aber Franz sofort wiederholt: »Drum will i 's Wagl eispanna.«
    Tante Adele nickt: »Freili!«
    Aber Rosalie sagt nein und würde wohl auch ihren Willen durchsetzen, wenn
nicht im selben Augenblick der Schiermoser aus dem Haus käme und sagte: »Was
is's, Franzl? Eispanna! I muass schaugn, dass i abe kimm auf Glonn! Markt is!
Sinst kaaffan mir dee Bazi dees Besser' weg und lassen nix mehr übri wie lauter
Schinderbratn!«
    Und er beginnt sogleich mit Rosalie über den Rosshandel zu reden und schwatzt
mit ihr, bis Franz das Fuhrwerk gerichtet hat.
    Da sagt er: »So, Bua. Jetzt hock auf. Und du, Rosl, hockst di in d' Mitt,
und i hab aa no Platz daherent.«
    Damit schiebt er auch schon Rosalie zum Fuhrwerk, hebt sie halb hinauf und
steigt auf.
    Und Franzl tut, als wär nichts geschehen, sagt Tante Adele Pfüagott und
fährt weg.
    Drunten in Glonn wurlts von Menschen.
    Denn es ist Jahrmarkt und Viehmarkt. Auf dem Platz vor der Kirche stehen die
fliegenden Stände der Händler, der »Prater« für die Kinder und der Wagen der
berühmten Turmseilkünstler.
    Hinter dem Postwirtsgarten aber sind in langen Reihen Kühe, Ochsen und
Pferde angekettet und harren gleich ihren Besitzern, die einen stumpfsinnig, die
andern aufgeregt, auf ihre Liebhaber und Käufer.
    Die Kirche ist voll, und der Pfarrer vermag sich kaum durchzuschieben durch
die Menge, da er ihr den letzten Weichbrunn und Segen mit auf den Heimweg gibt.
    In einem dichten Schwarm ergiesst sich die Menge nun in den Gottesacker und
hinaus auf den Marktplatz.
    Laut lachend und stänkernd kommen als erste die Burschen, ernst und
bedächtig redend die Männer. Verstohlen kichernd und zu den Burschen
hinschielend die Maidln, in seidenen Gewändern prunkend und über die schlechten
Zeiten jammernd die Bäuerinnen und ganz zuletzt, mit sich selber schwatzend, den
Rosenkranz in den knöchernen Fingern, die Alten.
    Und drunten beim Unterwirt dampfen die Lungenwürste und der Leberkäs, droben
beim Oberwirt duften die Braten und Sossen, und drüben beim Postalter rollt man
einen Banzen um den andern auf den Ganter, und die Kellnerinnen rufen und
schreien sich schier heiser: »Kriagst a Mass? Du aa oane? Ös zwee aa a Mass?« Und
hinten bei den Barren stehen die Bauern, greifen den Kühen an die Bäuche und den
Ochsen an das Genick, schauen den Rössern ins Maul und befühlen ihre Fesseln und
Hufe; indes vorne bei den Dultständen wiederum ein Anpreisen und Einladen, ein
Markten und Schimpfen durcheinanderschwirrt, dass man sein eigenes Wort kaum mehr
hört.
    Da plärrt die Lebzelterin: »An süassen Honigzelten, an Lebzelten, a Busserl,
a Platzerl hab i no! Einkaaft, einkaaft, gehts her und suachts enk was aus!«
    Und die blecherne Geschirrfrau tut, als bete sie die Litanei von allen
Heiligen: »Grosse Degerl, kloane Degerl, weisse Schüsserl, blaue Schüsserl,
Milliweidling, Suppenseiher, Hafadeckel, Nudlpfannen, was geht ab?«
    Oder die tucherne Annemirl mit ihren Schätzen!
    »Scheene Schmieserl, feine Kragerl, guate Pfoad und warme Strümpf!
Ausgsuacht, Leutln! Spitzerln, Knöpf und Hosentrager! Litzerl, Banderl,
Fingerhüat!«
    Und droben auf dem hohen Turmseil wiegt sich im rosenfarbenen Trikot ein
üppiges Mädchen mit Papierrosen in den dunklen Locken und veranlasst manche
Bäuerin und manche Dirn, dem mit lüsternen Augen und wässerigem Maul dastehenden
Begleiter einen derben Rippenstoss zu geben und eine Predigt zu halten: »Dass d'
fei hänga bleibst da drobn an dem Strick! Schaamst di net! Dees nackate
Weibsbild da drobn gafft er o. Aber inseroaner is dees ganz Jahr der Aff ...«
    Und die alten Weiber bekreuzigen sich: »Bruader! Dees is aa so a Nazion! Da
is der Antichrist nimmer weit, wenns jetz scho nackat in Himmel auffe steign!«
    Die alte Schiermosermutter und ihre Tochter, die Schiermoserin, sind schon
in aller Früh fort von daheim. Denn es ist so der Brauch bei ihnen, dass sie
immer am Jahrmarktstag zum Tisch des Herrn gehen.
    Und so findet man sie jetzt, da die meisten Leute erst anfangen, sich
umzuschauen und einzukaufen, schon hochbepackt auf dem Weg zum Postwirt.
    Denn dort hat der Schiermoser das Fuhrwerk eingestellt, und die Bäuerin
hätt' gern, dass etliches von dem Gekauften auf den Wagen kommt.
    Unterwegs treffen die beiden eine entfernte Base, die sie sogleich mit den
Worten begrüsst: »Aha, Basln, habts einkaaft fürn Hochzeiter! Wann is's denn
scho? Leicht gar am Kirta?«
    Die Schiermoserin vermeint nicht recht gehört zu haben.
    »Was is's mitn Kirta?« fragt sie zurück.
    »Wann dass d' Hochzat scho is, möcht i wissen!« wiederholt das Basl.
    »Was für a Hochzat?«
    »No, dee vom Franzl!«
    Jetzt muss sie lachen, die Schiermoserin.
    »Insan Franzl sei Hochzat? Was redst denn jetzt da für an Schwefe' daher! I
glaab gar, du hast es nimmer ganz richti da drobn in dein Hirn!«
    Die Base tut beleidigt.
    »Geh, Herrschaftseitn! Teats do net gar so verstohln! Warum derf denn dees
neamd wissen, dass er heirat't, der Franzl?«
    Nun werden sie aber wirklich wild, die beiden Schiermoserinnen.
    »Jetzt schaugt nur oa Mensch dees narrisch Weibsbild o!« begehrt die Bäuerin
auf. »Die moant jetzt akrat, sie kann oan derblecka! Aber da brennst di, mei
Liabe! Da is's weit gfeit!«
    Und die Alte meint: »Da müassat do inseroana aa epps wissen, wenns a so waar!
Mir müassatns überhaupts ehanda wissen wia der Bua selm! Und mir wissen vo koana
Hochzeiterin gar nix. Überhaupt gar nix aa! Ham mir no net amal an Gedanka drauf
ghabt!«
    »Naa, gar nia net!« bestätigt die Junge. »Weils der Bauer no lang net in
Sinn hat, 's Übergebn! No lang net! Er net und i net!«
    »Und weil si bei ins überhaupts oane schwaar tuat mitn Einaheiratn!« fügt
die Grossmutter hinzu. »Denn mir stehn net o auf a neue Bäuerin. Warum? Weil sie
da is - und i da bin - und d' Deandln da sand.«
    »Und solang als der Franzl net selm sagt: Jetz möcht i heiratn, so lang
schaugn mir ins aa net um - um a Hochzeiterin!« sagt die Schiermoserin bestimmt.
    Da wird das Baserl nachdenklich, schüttelt den Kopf und meint: »Jetzt da
schaug her! Da bin i jetz ganz vürn Kopf gstössn! A so gehts, bal ma an Leutn
epps glaabt!«
    Die beiden horchen auf.
    »Warum dees?«
    Die Base ist entrüstet.
    »Weils wahr aa is! Verzählt mir heunt d' Kramerzenz, dass der Franzl a so a
sauberne Hochzeiterin hat - oane von der Stadt aussa - a ganz a bsundere. Habs
scho glei net recht glaabn wolln! Aber nachher hats d' Schneiderlies und d'
Bäckin und d' Wagnerurschl aa für gwiss und wahrhafti gsagt; - no, nachher hab
i's halt do glaabn müassn!«
    Die Schiermoserin vermeint in den Erdboden versinken zu müssen bei dieser
Entüllung.
    Und die Grossmutter hat kein Wort mehr vor Entsetzen. Sie bringt nur noch ein
Quieksen und Glucksen heraus und ein in den höchsten Tönen der Entrüstung
ausgestossenes: »Aah! Aah!«
    Worauf die Schiermoserin sich langsam erholt und in ein wütendes Schelten
ausbricht über dies Geschwätz, über alle Stadtleut, über Scheufleins und
besonders über Rosalie.
    Und sie verabschiedet sich mit der Drohung: »Dem Gredats mach i a End, dees
woass i! Heut no muass's mir aus'n Haus, dee Stadtscheesn, die zsammzupfte!«
    Während der Schiermoserin dieses widerfährt, hat ihr Eheherr drüben am
Viehmarkt ein paar Rösser erstanden und will sie eben einem seiner Knechte
übergeben, dass er sie heimweise.
    Da klopft ihm jemand auf die Schulter; und als er sich umwendet, steht der
Dorfschreiner vor ihm.
    »Is guat, dass i di triff, Schiermoser!« sagt er. »Scho lang suach i di
alleweil. I hätt epps für di.«
    »Für mi?« Der Bauer schüttelt ungläubig den Kopf. »Was eppa?«
    Der Schreiner tut vertraulich. »A Einrichtung - a scheene, oachane mit zwoo
Spiagel und an Spiaglkastn.«
    Der Schiermoser starrt den Schreiner verständnislos an.
    »A Einrichtung, sagst? - Ich brauch koa Einrichtung. Mei Haus is eh
eingricht. I brauch gar nix.«
    »Dass du nix mehr brauchst, dees woass ma a so. Zwegn deiner sag i's aa net.
Aber zwegn dein' Buam, zwegn dein Franzl.«
    Der Schiermoser schüttelt den Kopf.
    »Xaverl, da bist irr. Mein Franzl braucht aa koa Einrichtung.«
    Jetzt wird er deutlicher, der Schreiner.
    »Aa net, sagst? Nachher hat leicht sie d' Möbel?«
    »Wer, sie?«
    »Jessas, jessas naa, konn dir der dumm fragn!« ruft nun der Schreiner
ärgerlich aus: »Wer, sie! Wer anderscht als wia d' Hochzeiterin vo deim' Buam!«
    Der Schiermoser muss lachen.
    »Wia hast jetz gsagt? D' Hochzeiterin von mein' Buam hast gsagt? Mei liaber
Xaverl, jetz glaab i's, dass dei Verstand a Loch hat. I woass nix von ara
Hochzeiterin.«
    Dies ist dem Schreiner aber denn doch zu viel.
    »Also, Schiermoser«, sagt er, »i will dir was sagn: Bal sie d' Sach von der
Stadt aussa bringt - oder bal eppa der Franzl gar hinei heirat in d' Stadt -,
nachher woass ma ja selm, dass's nix is mit meiner Einrichtung. - Aber verstanden,
zwegn dem brauchst oan du no lang net a so für an Narrn z' halten und so saudumm
daherz'redn! Dees is ja scho epps Alts, dass dene Stadtmadamen 's Bauernsach hint
und vorn net guat gnua is! Und dass enk d' Bauernweibsbilder net fein gnua san!
Aber leugna brauchst es net, bals a so is!«
    Der Schiermoser hat mit wachsendem Erstaunen zugehört. Plötzlich aber geht
ihm die Wahrheit auf.
    »Von wem redest denn du?« fragt er heiser, obwohl er sich die Antwort
bereits denken kann.
    Doch diese letzte Frage erzürnt den guten Schreiner so sehr, dass er keine
andere Antwort mehr darauf findet, als: »Jetz, da hört si aber do scho all's
auf! A so a scheinheiliger Hansdampf!« Worauf er giftig ausspeit und den Bauern
einfach stehen lässt.
    Der Schiermoser aber vergisst frei, dass er ja Rösser gekauft hat und dass der
Knecht dasteht und wartet.
    Er starrt stumpfsinnig für sich hin und fragt sich selber zum soundsovielten
Male: »Was hat jetzt der gmoant? Dass insa Bua und d' Stadterin - d' Rosl ... Ja,
ist denn der Tropf narrisch!« Der Knecht reisst ihn aus seinem Grübeln und
Sinnieren. »Is sinst no epps z'toa, Bauer?«
    »Naa«, sagt der Schiermoser und besinnt sich, dass ja die Rösser heim sollen.
    »Naa. D' Ross' weis'st hoam und tuast es glei fuattern. Gib eahna aber den
hintern Stand, dass s' net zum Fuchsen zuawekemman. Net dass sie si verbeissen.«
    Eine Weile schaut er noch gedankenlos dem Gang der Rösser nach, dann wendet
er sich langsam dem Postwirtsgarten zu.
    »A Mass mag i!«
    Das Bier ist nicht schlecht. Aber auch hier hat er bald allerhand Blicke
auszuhalten, allerhand Fragen und verdruckte Reden anzuhören, die ihm rasch das
Blut gallig machen.
    Und so sagt er, da ihn die Kellnerin fragt: »Magst no a Mass, Schiermoser?«,
barsch: »Naa. I geh.«
    Und macht sich verärgert auf den Weg zum Wagen.
    Da findet er schon die Bäuerin samt der Grossmutter, blaurot im Gesicht wie
zwei Biberhennen und auf ihn losfahrend wie die Hornissen.
    »Mach, dass d' einspannst! Dass mir furtkemman von da!« sagt die Junge wild.
»I glang jetz. I hab mir gnua ghört!«
    Und die Alte fügt bissig bei: »Jetz habts es wenigstens mit enkane
Sommerfrischler! Jetzt wissts, was dass dee wolln.«
    Der Schiermoser starrt gegen die Dultstände hin.
    »Dees is a sauberne Gschicht. Wer hats enk denn verratn?« Aber er hört nicht
mehr auf die Antwort hin.
    Denn sein Blick hat eben etwas aufgefangen.
    Dort vorne, vor dem Stand des Goldschmiedes, da steht sein Sohn, der Franz,
hat die Stadtjungfer bei der Hand und zeigt ihr mit dem zuckersüssesten Gesicht
einen Ring! Wahrhaftig einen Ring! Der Lottersbub, der miserable!
    Die Schiermoserin folgt unwillkürlich den Blicken ihres Eheherrn.
    Da sieht auch sie die beiden. Und sie will augenblicklich hin und sie
auseinandertreiben! Gleich auf der Stell!
    Mit Müh und Not kann sie der besonnenere Bauer davon abbringen, durch einen
Streit auf dem Markt die Schande auch noch öffentlich zu machen.
    Aber nun drängt sie erst recht aufs Einspannen, die Bäuerin.
    »I spann glei ei«, sagt er drauf. »Jetzt muass i alleweil erst warten, bis s'
da sand.«
    »Zu was?«
    »Noo, zum Hoamfahrn halt.«
    Die Schiermoserin schnappt nach Luft.
    »Was? Dees Weibsbild willst wieder aufsitzen lassen? Dee Stadtflugga? Dees
waar ja glei recht! Ha! Und i als Bäuerin dürft laaffa! Naa, mei Liaber! Jetzt
tanz' ma amal anderscht uma! Jetzt fahrn mir zwee! Da, Muatta, hock di nur auf!
Und i hock mi aa auf. Und bals dir derbarmt, dees Weibsbild, nachher kannst eahm
ja a Ross zum Hoamreiten kaaffa!«
    Und damit schiebt sie erst die Alte auf den Wagen und setzt sich breit und
vollgewichtig mit einem hasserfüllten Blick gegen die beiden nichtsahnenden
Menschen auf den Sitz zur Rechten der Grossmutter, noch ehe der Bauer das Ross aus
dem Stall geholt und eingespannt hat.
    Ja, sie lässt nicht einmal mehr ihn aufsitzen! Gebieterisch greift sie nach
den Zügeln, nimmt die Peitsche und fährt so scharf an, dass der Braune sich bäumt
und die Grossmutter laut aufkreischt: »Mariand Josix!«
    Und mit fest aufeinandergepressten Lippen fährt sie davon.
    »Narrischer Teife!« murmelt der Schiermoser und schaut ihr nach, bis sie
hinter den Häusern verschwunden ist.
    Missmutig wendet er sich darnach zum Gehen, mit den Blicken die beiden
suchend, die ihm heute den Tag also verdorben haben.
    Aber weder Franz noch Rosalie sind mehr zu sehen.
    Und so macht er sich verärgert auf den Heimweg, scheltend über die Leut,
über seine eheliche Hausfrau, über die Alte und über die beiden. Was er nur
getrieben hat, der Malefizbub, dass die Leut so reden können?
    Langsam setzt er einen Rohrstiefel vor den andern, stösst mit dem
weichselbaumernen Gehstecken die Steine weg, die ihm in der Bahn liegen, und
schaut sinnierend grad vor sich hin auf den Boden.
    So kommt er auf die Höhe des Berges.
    Da sieht er, wie die Nanndl vom Strasslerbauern mit seinem Sohn, dem Franz,
eifrig auf ihn einredend, langsam hinter einem sauberen Fuhrwerk hergeht.
    Das frisch lackierte Lederdach der Chaise ist aufgespannt, und so sieht er
nicht, wessen Fuhrwerk es ist und wer es lenkt.
    Aber dass die Nanndl etwas sehr Gewichtiges mit seinem Sohn verhandelt, das
sieht er.
    Denn sie redet schier mit dem ganzen Körper!
    Und zu guter Letzt schlingt sie gar ihre beiden Arme auf offener Strasse um
seinen Hals und hängt sich an ihn!
    Der Schiermoser pfeift durch die Zähne und wendet sich ab.
    Er muss lachen.
    »Also a so steht dee Sach mit dem Tropf!« sagt er zu sich selber. »O die
Rindviecher da drunt am Markt! Wenns jetzt dees wieder sehng kunnten, nachher
hoassets do morgen ganz gwiss: Der Schiermoserfranzl und d' Strasslernanndl ham si
mitnand versprocha! Und dabei is sicherli an dera Gschicht so weng epps Wahrs
wia an der andern!«
    Er lacht belustigt vor sich hin.
    O, er kennt doch seinen Sohn! Der ist doch nicht aus der Art geschlagen!
    »Der werds jetzt nachher anderscht macha, als wia's i gmacht hab als a
Junga!« murmelt er. »Bal oana a guater Schmied is, nachher legt er si alleweil
z'erscht a drei, - a vier Probiereisen ins Feuer, bis er dees fünfte oder
sechste amal wirkli schwoasst! Und nachher is's oft no z'fruah! Recht hat er, der
Franzl!«
    Langsam dreht er sich wieder den beiden zu und sieht nun, wie das Fuhrwerk
vor dem Hof des Strasslerbauern hält, wie die Rosel absteigt und sich bei der
Nanndl bedankt, und wie sie darnach lachend und schwatzend mit dem Franzl zu Fuss
weitergeht, indes die Nanndl noch eine Weile wie angenagelt am Fleck stehen
bleibt, die Fäuste ballt und schliesslich dem Gaul etliche derbe Schläge in die
Weichen versetzt, so dass er erschreckt auffährt und scheut.
    Und wenn nicht der Schiermoser grad rechtzeitig hinkäme zum Anhalten, könnte
es wohl leicht geschehen, dass ihr das Ross noch vor der Stalltür durchginge!
    So aber verläuft die Geschichte noch gut, und der Schiermoser weist ihr das
zitternde Pferd in den Hof, indem er sagt: »Dass d' gar so grob bist, Nanndl! Was
hat er dir denn to, mei Franzl, dass d' an solchen Gift hast auf eahm?«
    Die Nanndl lacht ein verlegenes, geziertes Lachen.
    »Ja freili! Grob wer i nachher sei! Wenn oan der Häuter aufn Hax auffe
tritt!«
    »Was für a Häuter?« fragt der Alte verschmitzt. »Hoasst er eppa Franzl?«
    »Ah geh, hör auf mit dein Gredats!« erwidert ihm die Nanndl zwischen Lachen
und Zorn. »I woass's gar net, was d' willst mit dein' Franzl!«
    »I scho«, meint der Bauer und schickt sich zum Gehen an.
    »I woass's guat, was i will mit eahm. Und jetzt pfüati Good.«
    »Du woasst es freili, du alter Lapp!« murmelt die Nanndl verbissen. »Nix
woasst! Wennst aber wissen tatst, was i will mit dein' Franzl ...«
    In tiefes Sinnieren versunken, spannt sie das Ross aus und weist es in den
Stall.
    Der Schiermoser aber trabt jetzt wieder ganz munter seine Strasse dahin.
    Also die Nanndl hätt ein Äug auf den Buben!
    »Mei, dees ko ma si ja amal a Zeitl überdenka!« meint er für sich. »Und wenn
si koa Besserne net findt, nachher is dee aa recht. I schatz s' alleweil auf a
dreiss'gtausend Mark, d' Nanndl.«
    Er schaut den Weg geradeaus. Dort, ganz vorn an der Martersäule geht er, der
Bub.
    Und hat die Rosel wahrhaftig um den Leib gefasst.
    So ein Hallodri!
    Sogar der Stadtjungfer verdreht er den Kopf!
    Ist übrigens schad, dass sie eine Städtische ist, die Rosl.
    So ein riegelsames und tüchtiges Weibsbild muss es nimmer gebn landauf und
landab!
    Weiss der Teufel, wenn sie von den Bauern herstammen tät ... er wär gar nicht
so sehr dawider, dass der Franzl und sie ...
    Aber sie stammt ja von dieser alten Stadtmadam her!
    Und hat sicherlich keinen Pfennig Geld!
    Nein, sicherlich nicht.
    Aber sonst ist sie ein Weibsbild, wie man sich nur grad eins wünschen kann!
Und beim Zeug! In der Arbeit! Am Feld und im Haus, im Stall und mit den Rössern!
    »Und gstellt! Sakramentisch guat gstellt!« lobt er, der Alte.
    »Die hat net grad Holz bei der Hütten! Da is Reiser aa hiebei!«
    Er wird ordentlich jung bei dem Gedanken; und sein Tritt wird immer rascher.
    So kommt es, dass er die beiden vorne beim Wegkreuz einholt. Franzl ist einen
Augenblick verlegen, da der Alte plötzlich neben ihm hergeht; eine brennende
Röte fährt ihm übers Gesicht.
    Rosalie aber ist vergnügt und ganz anders als am Morgen.
    »Gehts scho hoam?« fragt der Alte wohlwollend.
    »Ja«, erwidert ihm Rosalie, »ma hat allemal glei wieder gnua an dera Gaude.«
    Und mit einem leisen Lachen fügt sie bei: »Mir gehts mit der Pratermusik und
mit dera ganzen Gaude grad wia mitn Kindergschroa: A Zeitl kann i's hörn und
nachher nimmer.« Der Schiermoser schielt sie betrachtend an.
    »Sakra, is scho a mentisch mannigs Weibsbild!« denkt er.
    Laut aber sagt er: »Da derfst aber nachher net ans Heiratn denka, balst 's
Kindergschroa net hörn kannst!«
    »Ja no, mit dee eigna Kinder is dees wieder epps anders«, erwidert Rosalie,
verlegen werdend.
    »A so moanst. Werd eppa a so nimma recht lang osteh, bis d' aa ans Heiratn
denkst?«
    Franz horcht auf. Was hat er denn, der Vater?
    Aber Rosalie geht plötzlich ganz ernstaft auf die Frage des Alten ein und
sagt ohne weiteres: »Ende November wird wohl mei Hochzeit sein.«
    Jetzt ist es am Schiermoser, aufzuhorchen.
    »Was? Du heiratst im November?«
    »Ja. D' Mutter meint halt, je ehnder, desto besser.«
    »Heiratst oan vo der Stadt?«
    Rosalie verzieht den Mund zu einem bitteren ironischen Lächeln. »Natürli an
Stadterrn! Wos moanst denn, Vater! Für an Bauernburschen is doch unseroana nix!
Dees werd enk ja in der Schul scho predigt, dass d' Stadtmadeln nix taugn!«
    Franz fährt erregt auf. »Red net so grob daher, sag i!«
    Und auch der Alte widerspricht ihr.
    »Dees is net wahr, Rosl. Dees kimmt ganz drauf o. Bal oana a solcherne
kriagn ko, wiast du oane bist, nachher derf er si d' Finger abschlecka, bis zu
de Ellabogn hintre! Jawoi! I wollt, mei Franzl bracht mir amal a so a richtigs
Leut eina, wias du oans bist!«
    Rosalie ist glühend rot geworden. Das sieht ja beinahe aus, als obs dem
Schiermoser gar nicht unrecht wär, wenn sie statt ihres Assessors den Franzl als
Eheherrn wollte!
    Schade, dass man schon bei der Haustür angelangt ist!
    Wer weiss, ob nicht doch noch das Schicksal ...
    »Wahrhafti kimmt er mit dem Weibsbild daher!« plärrt in dem Augenblick
drinnen im Haus die Schiermoserin. »Is no net gnua, dass d' Leut redn über dee
Schand - naa, er, der alt Latierl muass aa no selber mittappen! Aber i hilf enk
scho. Allsamm mitanand hilf i enk! Dir und dem Rotzer und dera Stadtscheesn! Und
der alten Schmuserin da drobn erscht recht! Heunt no müassns mir ausn Haus! Heunt
no!«
    »Ja, was is denn jetz dees ...?«
    Die drei sind wie vom Donner gerührt über diese Begrüssung.
    Aber die Schiermoserin gibt ihnen Gelegenheit, sich zu sammeln.
    Mit einem wilden Scheltwort schlägt sie die Haustür zu und stösst den Riegel
vor.
    Rosalie ist die erste, die sich fassen kann.
    »I moan, die Ursach von dem Wetter kenn i!« sagt sie. »I kann mirs denken,
wo der Wind herwaaht! Da is z' Glonn am Markt was ganga! Da hat jemand falsch
eingsagt!«
    Der Schiermoser ist ärgerlich. »Ah freili! Dees narrisch Weibsbild! Freili
hams ihr falsch eingsagt! Und sie, 's Rindvieh, 's alte, glaabt alls. I möcht
nur grad wissen, wers aufbracht hat, dees saudumme Gredats!«
    »Was für a Gredats?« fragt Franz, dem die Zornröte auf dem Gesicht brennt.
    Der Alte wehrt verächtlich ab. »Ah was! Is ja net wert, dass mans nachsagt!
Is ja die hellichte Dummheit, was die Karfreitaratschena drunt verzähln!«
    Franz will es ungestüm wissen. »Was is nachher dees?«
    Der Schiermoser muss lachen.
    »Dass du und d' Rosel mitanand versprocha seids! Dass's bald Hochzat machts!«
    Franz wird einen Augenblick ganz kreidebleich. Dann schiesst ihm abermals
brennende Röte ins Gesicht.
    »Ja ... und ...?«
    Er schaut unsicher auf Rosalie.
    Die steht gleich ihm mit heissem, brennrotem Kopf da.
    »Und ... was wirds lang und sein!« sagt sie rauh. »Des wissts es ja, dass i
scho oan hab, an Hochzeiter! Da gibts koa Und und koa Aber. Bloss dei Muatta
sollt net 's Troad scho dreschn, bevors g'maaht is, moan i.«
    Damit geht sie an die Stalltür, öffnet das Gitter, läuft rasch hindurch und
hinein ins Haus, hinauf zur Rätin.
    Die alte Dame liegt auf dem Sofa in Weinkrämpfen, und Tante Adele bemüht
sich, ihr Linderung zu verschaffen.
    »Es ist ein Skandal!« wimmert die Rätin. »Es ist unerhört! Wenn das der
Assessor erfährt!«
    »Na ja, dann erfährt er's halt«, entgegnet Adele gleichmütig. »Übrigens
erfährt er's sicher nicht. Wer soll's ihm denn sagen? Und rauskommen tut der
sicher nicht nach Berganger. Davor sind wir sicher.«
    Die Rätin schluchzt wie ein Kind.
    »Dass ich eine solche Schande erleben muss! Läuft mir das Mädchen als Braut
Tag für Tag mit diesem Burschen herum, lässt sich von ihm duzen und tut, als wäre
sie seine ... seine ... Magd ... oder ... seine Geliebte! Die Schande! Das
Unglück!«
    Rosalie steht schon eine Weile an der Tür. Jetzt tritt sie vor.
    »Ja, was gibt's denn? Was ist eine Schand? Was ist ein Unglück? Dass ich
drunten mitelfe? Dass ich gut auskomm mit dem Vater und den Kindern? Dass ich ein
bissl Lieb empfinde für den Franzl? Mein Gott, Mama! So arg ist doch das Unglück
nicht! Was ist denn dabei? Und ausserdem ist mir der Franzl viel, viel wertvoller
und lieber als mancher Stadterr!«
    Die Rätin schreit auf. Aber Tante Adele drückt ihr eine kalte Kompresse aufs
Herz.
    »Na, na, na, Schwägerin. Nur nicht gleich so aufgeregt. Nur Ruhe! Ich muss
schon auch sagen: Ein gar so grosses Unglück wär' es sicher nicht, wenn Rosalie
statt ihres adeligen Verlobten den reschen Burschen ...«
    »Um Gottes willen! Adele! Kein Wort weiter!« ruft die Rätin und vergisst
ihren Herzkrampf. »Meine Tochter und ein Bauer! Mein Gott! Wenn das meine armen
Eltern erlebt hätten!«
    »Dann wärns um vieles leichter gstorbn, glaub ich«, entgegnet ihr Adele
lächelnd, »denn dann hättens doch wenigstens die Hoffnung mit ins Grab gnommen,
dass es dem Mädl sein Lebtag nicht schlecht geht.«
    Die alte Dame hält sich die Ohren zu.
    »Mein Gott, mein Gott! Was redest du! Die Schande! Die Schande!«
    »Schande!« sagt Adele verächtlich. »Schande. I weiss net, was mehr Schand is:
wenn die Rosel als die Frau Gemahlin eines leichtsinnigen Adligen Schulden
machen müsst, oder wenn sie als angsehene Bäuerin über fünf, sechs Knechte und
über grad soviel Mägd 's Regiment führn könnt! - Ich will ja dein'm Assessor
gwiss nix weg tun. Aber, wie gesagt: Wenn der Fall eintreten tät, dass der Franzl
die Rosel ...«
    »Niemals!« ruft die Rätin in höchster Erregung. »Niemals! Solange ich ein
offenes Auge habe, gilt unsere Tradition!« Rosalie steht wie mit Purpur
übergossen da und weiss keine Antwort, keine Gegenrede, keinen Trost für die
Mutter ... für sich selber ...
    Und Tante Adele ist plötzlich so grausam gegen die alte Dame; so ohne
jegliches Mitleid und Verständnis für ihre Gefühle! Sie lacht!
    Lacht, dass ihre altmodischen Ringellocken über den Ohren erzittern, und sie
ruft: »Tradition! Sag doch gleich Ahnenstolz! - Und das gute Ding, die Rosel,
soll wohl dem ganzen Klimbim auch noch Weihrauch streun und ihr Glück opfern?
Nein, meine liebe Schwägerin, das gibt's nicht. Solang ich leb, nicht. Ich weiss
genau, was dein Mann, mein Bruder, Gott hab ihn selig, aufm Todbett gsagt hat zu
mir: Adele, hat er gsagt, Adele, gib mir aufs Roserl acht. Schau mir auf die
Kleine. Lass mir keine Marionette draus machen. Keine Jammerliesl! Sorg du, dass
was Gscheits draus wird aus ihr. Und aus den andern. Schaug, dass jede ihr Glück
macht, hat er gsagt. Bsonders d' Roserl. Also. Bsonders d' Roserl. Was willst
denn eigentlich? Was kommen muss, kommt ja doch. Und der ihr aufgsetzt is, den
kriegts.«
    Aber die Rätin will nichts hören. »Nein, nein, nein!« ruft sie ein übers
andere Mal aus. »Und ich dulde es ganz einfach nicht! Rosalie ist die Braut des
Assessors, heiratet den Assessor und reist im übrigen am Mittwoch mit mir ab!
Soo. Wir wollen sehen, wer hier zu reden hat. Das fehlte mir noch! Meine Tochter
mit einem Bauern ...«
    Sie steht energisch auf und will an die Tür.
    Aber mit einem Schmerzensruf sinkt sie wieder aufs Sofa zurück. Ihre Gicht!
    Schon die ganzen Tage her hatte sie Schmerzen gehabt. Aber jetzt, auf
einmal, überfällt sie das Leiden mit Gewalt. Und so bleibt ihr nichts anderes
übrig, als gebieterisch zu sagen: »Geht. Ich will allein sein!« und darnach
wieder weiter zu weinen.
    Also verlassen die beiden das Zimmer, Adele vergnügt und selbstzufrieden,
Rosalie gedrückt und elend.
    Denn sie weiss selber am besten, wie es um sie steht.
Was die Schiermoserin einmal im Kopf hat, das muss sie auch ausführen.
    Und da sie einen grossmächtigen Zorn auf ihre Sommerfrischler, einen tiefen
Groll über die Rätin und ihre Tochter im Herzen hat, so muss sie demselben Luft
machen. Gleich auf der Stelle.
    Es nützt gar nichts, dass Franz und der Bauer ebenfalls durch den Stall ins
Haus gegangen sind und nun der »narrischen Alten« die Leviten lesen; sie macht
die alte Rätin nun einmal verantwortlich für allen Ärger; ist davon überzeugt,
dass sie ihre Tochter bloss zu dem Zweck nach Berganger gebracht hat, um sie zur
Schiermoserin zu machen, und sie muss derselben sagen, was sie sich über sie
denkt.
    Also rennt sie geraden Wegs hinauf zur Rätin und steht unversehens mitten in
deren Stube.
    Die alte Dame liegt immer noch leise weinend auf dem Sofa.
    »I hab epps z' reden mit enk!« sagt da die Schiermoserin.
    Die Rätin fährt in die Höhe: »Frau Schiermoser?!«
    Die Bäuerin schluckt ihr wildes Herzklopfen hinunter.
    »I frag enk, obs ös koan andern Hochzeiter nimmer gfunden habts für enka
Deandl als wia mein Buam?«
    »Waas? Was sagen Sie?«
    »Obs ös koan andern nimmer gfunden habts zum Heiratn für enka Rosl als wia
mein Buam, hab i gfragt!«
    Sie steht da, die Bäuerin, wie ein Posaunenengel des Letzten Gerichts.
    »Was sagen Sie da? Meine Tochter und Ihr Sohn sollten ...? Ja, aber das ist
ja gerade die Ursache ...«
    »Was für a Ursach is dös?« fährt ihr die Schiermoserin wild dazwischen.
»Dees is überhaupts koa Ursach net! Habts mi verstanden? Überhaupts koane! Indem
dass i dees ganz oafach net geduld! Indem dass dees a Niedertracht is! Dees is der
Dank dafür, dass ma enk herfuattert den ganzen Sommer über; dass 's oan 's Haus
ausschnuffelts und den eigna Buam seine Leut abspensti machts! Eingfadlt
habts'n, und enka hoamtuckischs Madl, enka Rosl, wollts eahm ohänga als Bäuerin!
Aber oha! I bin scho aa no da! I schiab enk an Riegel für die Tür! Dees glaab i!
Dees war freili a gmaahte Wiesen für enk! A reicher Bauernbua und a scheena Hof!
Naa, mei Liabe! Da werd nix draus. Da schaugts enk nur wo anderscht um. A
anderna Muatta hat aa a liabs Kind. Aber mir zwee ham ausdischbetiert mitanand.
Es ist mir liaber, ös schaugts enk wo anderscht um zwegn der Sommerfrischn. Bei
mir is koa Platz nimmer für enk, dass ihrs wissts.«
    Sie setzt nicht ein einziges Mal ab in ihrer Rede; sie sieht nicht das
Entsetzen, die starre Verwunderung der Rätin; sie lässt sie auch nicht zu Wort
kommen, da die alte Dame ihr versichern will, sie sei unschuldig an dem
Verbrechen, dessen man sie hier zeihe!
    »Aber, liebe Frau, ich bin doch selbst ganz der Ansicht, dass es
ausgeschlossen ist, dass meine Rosalie ...«
    »Dees is mir ganz wurscht, was dass ös für a Ansicht habts. I sag enk grad so
viel und net mehra: Solang i a offens Aug hab, kriagt mir der Hof koa anderne
Bäuerin als wia dee, dee wo mir passt. Und es is mir liaber, ös verschwindts bald
wieder. Soo. Gredt hab i.«
    Und damit ist sie auch wieder draussen. Die Rätin ist so entsetzt und vor den
Kopf geschlagen, dass sie sich überhaupt erst besinnen muss, wo sie ist und was
eben war.
    Erst allmählich formt sich in ihr das Chaos zu einem Ganzen.
    Also, diese verrückte Person, diese Schiermoserin, glaubt tatsächlich, dass
sie, die Rechtsrätin Scheuflein, ihre Tochter an diesen Sohn, diesen Klotz,
diesen Bauern verschachern wollte!
    Sie muss trotz Gicht und Ärger lächeln.
    »So was kann nur einem Bauerngehirn einfallen! Aber ...«
    Sie wird wieder ernst.
    »Das kommt davon, weil dies leichtfertige Mädel Tag für Tag bei dem Burschen
steckt! Ihm am Ende gar den Kopf verdreht! Schauderhaft! Wenn das der Assessor
wüsste ...!«
    Sie beginnt, trotz ihrer Schmerzen, in der Stube auf und ab zu humpeln.
    »Das hat man nun davon. Am besten ist es, wir reisen so rasch als nur
möglich ab. Dann wird gleich Ruhe sein.«
    Bei diesem Gedanken wird auch sie selber wieder ruhiger, erinnert sich ihrer
Gicht und legt sich seufzend wieder aufs Sofa.
    Indes die Schiermoserin drunten in der Kuchel werkt wie ein Gockel, der eben
seinen Gegner flügellahm gemacht hat.
 
                                       10
Andern Tags. Es mag so gegen drei Uhr morgens sein.
    Die Schiermoserin steht sonntäglich angekleidet in ihrer ehelichen
Schlafkammer und überrascht ihren Gemahl mit dem Morgengruss: »He du! Dass d' es
woasst, i fahr heunt auf Reisertal ume. - Werds scho firti werdn ohne mi. Habts
ja a so die ganz Gscheite da - enka Stadtmadam!«
    Der Schiermoser vermeint, er hätte nicht recht gehört, dreht sich ein
paarmal hin und her, wischt sich mit der Hand über die Augen und sagt: »Jetz hat
mir traamt, glaab i.«
    Aber die Bäuerin lässt ihn nicht aus den Zähnen.
    »Dass i auf Reisertal umefahr, hab i gsagt!« wiederholt sie. »Da braucht dir
gar nixn z' traama! Und bals enk hungert, werd enk d' Stadtfrailein scho
aufwartn! Schmeckt enk a so nimmer recht, bal i koch!«
    Jetzt wird er allmählich munter, ihr Eheherr.
    Und er beginnt langsam mitzudenken mit ihrer Rede.
    Aber es fällt ihm keine Gegenrede ein; bloss das Wort »Rindviech« kreist in
seinem Hirn herum und plagt ihn so lange, bis er es endlich laut und gewichtig
ausspricht: »Rindviech!«
    Und nachdem er es ausgesprochen hat, kann er weiterdenken und sich zur Frage
aufraffen: »Zu was muasst jetz du mitten in der Arnt auf Reisertal? Mitten an
ein' hellichten Werktag?«
    Es wird ihm aber nur der kurze Bescheid: »Halt aa. Weils mi gfreut.«
    Und so muss er sich mit der Tatsache abfinden, dass heute einmal ohne die
Schiermoserin hausgehalten werden soll.
    Er tut's auch, sagt gähnend: »Ja no; balst moanst, du muasst, nachher fahrst
halt. I halt di net auf!«, steht langsam auf und zieht sich gemächlich an.
    Dann geht er hinüber zur Schlafkammer seines Sohnes und berichtet ihm die
Neuigkeit mit den Worten: »Dei Muatta muass auf Reisertal heunt. Sie moant, ob d'
Rosl net kocht. Eppan sagst es eahm. Du konnst besser umspringa mit dene
Stadtleut.«
    Franz ist zwar nicht wenig erstaunt, zu hören, dass seine Mutter unter der
Erntezeit und noch dazu an einem Werktag fortfährt; weil aber der Reisertaler
ein sehr guter Freund der Schiermoserischen ist und besonders die Weiberleut
immer Leid und Freud miteinander trugen, so denkt er weiter nichts dabei und
erwidert bloss; »I werds ihr sagn, der Rosel.«
    Da es aber erst gegen vier Uhr morgens ist, wird ihm der Weg zur Schlafstube
der Sommergäste doch hübsch sauer, und er überlegt lange, ob er nicht lieber
eine von den Mägden daheim lassen soll, damit sie koche und melke und sich ums
Haus kümmere.
    Die Schiermoserin ist derweil drunten in das kleine Gäuwagerl gestiegen, hat
sich von einem Knecht die Zügel reichen lassen und treibt nun den alten Schimmel
zur Fahrt an: »Wüah! Ziag o, Alter! Werst wohl d' Schiermoserin vo Berganger no
vom Fleck bringa!«
    Im selben Augenblick öffnet sich in der Kammer der Grossmutter ein Fenster,
und die Alte streckt ihren mit einem geblümten Tuch umwickelten Kopf heraus:
    »Ja, was is's denn?«
    »A nixn!« tönt's abweisend zurück.
    »Wo fahrst denn hin?«
    »Zum Reisertal.«
    »Ja, warum denn dös?«
    »Weils Zeit is zum Zuabaun ... bevor a Unkraut wachst auf insan Acka!«
    »Moanst du dee ander?«
    Sie deutet mit dem Kopf nach der Seite, wo die Sommergäste wohnen.
    Die Schiermoserin nickt hastig: »Mhm. - Es kimmt ma a so vür, als wenn
anorts wo a kloans Feuer auskemma waar. Und da muass i eppan hol'n zum Löschen,
bevor's z' gross werd.«
    »Du moanst oane vom Reisertaler ...?«
    Die Schiermoserin schlägt dem Gaul die Peitsche über die Schenkel.
»Vielleicht ... Wern mir's scho sehgn ... Wüah, sag i, alter Teifi ...«
    Und dahin ist sie.
    Die Grossmutter schaut ihr noch einen Augenblick sinnierend nach und schliesst
danach das Fenster, indem sie murmelt: »I hab mir's ja glei denkt! - Epps Guats
ham die gar nia net im Sinn, dee Stadterer. - Aber auf insern Hof da spitzens
umasinst. - Da san mir aa no da und ham a Wörtl zu reden.«
    Und mit dem Seufzer: »Ha, dass denn der Franzl gar so dumm is!« legt sie sich
nochmals aufs Bett.
    Franz hat inzwischen immer überlegt, ob er nicht doch lieber eine Magd zum
Melken kommandieren soll; da hört er die Tür der Schlafkammer Rosaliens knarren.
    Im Augenblick ist er draussen und steht vor dem verlegen lächelnden Mädchen,
das fix und fertig angekleidet ist und leise sagt: »Dei' Muatta is furtg'fahren,
und da denk i, es könnt net schaden, wenn i a bissl dazuhilf zur Arbeit. - Wer
melcht denn?«
    In Franz gärt's und wurlt's: Herrgott, ist das ein Maidl! - Wär das eine
Bäuerin!...
    »I hab mir denkt, d' Nanndl oder d' Lies werd scho melcha«, lügt er vor
Verlegenheit, denn er weiss, dass keine von den Weibsbildern, weder von den
Töchtern noch von den Mägden, gern melkt.
    Aber Rosalie sagt fest: »Dees braucht's net. Nehmt's es nur mit aufs Feld
naus, alle. Bloss zum Fuattern soll oans dableiben.« Und so bleibt ihm nichts
anderes übrig, als mühsam die übermächtigen, närrischen Gefühle zu unterdrücken
und heiser zu murmeln: »Is scho recht.«
    Da sie aber so flink über die Stiege hinabtrippelt, packt's ihn aufs neue,
und er ist mit ein paar Sprüngen bei ihr.
    »I bleib selber da zum Füttern!« sagt er, und mit einem Gesicht, als hätte
er eben zwölf Bauern unter den Tisch geschlagen, geht er in den Stall, gefolgt
von Rosalie.
    Und so beginnt die Rechtsratstochter diesen Tag gleich einer jungen Bäuerin
mit schwerer Arbeit.
    Aber nicht lange währt es, da kann Franzl sich nimmer bezwingen.
    Mittendrin, während sie draussen in der Speiskammer den Rahm und die Milch
verwahrt, ist er bei ihr.
    »Rosel!«
    »Franzl?«
    »I muass dir epps sagn!«
    »Was möchtst denn?«
    Sie muss achtaben, dass sie nichts aus den Schüsseln danebengiesst.
    Aber der Bursch weiss sich nimmer zu helfen.
    Auf Ja und Nein hat er ihr die grosse Kanne aus der Hand gerissen, hat Rosel
wild und fest in seine Arme gepresst und in närrisch auflodernder Leidenschaft
geküsst - - ein, zwei, drei, ungezählte Male.
    Und er nennt sie seine Bäuerin, sein liebstes Weib.
    Fasst sie mit seinen Armen und trägt sie hinein in die Stube: »... Rosel ...
Madl ... mei Madl ...«
    Rosalie ist wie betäubt, wie von einem Traum umfangen. Plötzlich aber
besinnt sie sich - erwacht.
    »Franzl! Ums Christi willen! Bist denn du narrisch wordn. I ... und ... du!
- Dees gibt a Unglück, Bua! Denk an dei Muatta und denk an die mei ... und ...
denk ... dass i ja scho oan ... versprocha bin ...«
    Mit einem wilden Aufweinen stösst sie ihn von sich und rennt davon - hinaus
in die Tenne - hinauf in den Heuboden. Aber der Bursch ist rasch hinter ihr und
lässt sie nimmer aus den Händen.
    Und sein Werben um sie wird immer heisser, seine Stimme immer leiser, seine
Arme umschliessen das erbebende Mädchen, und er hört nicht auf, zu bitten und zu
betteln, bis endlich der Widerstand Rosaliens gebrochen, bis sie damit
einverstanden ist, ihm anzugehören als sein liebes Weib, seine Bäuerin.
    Und da die beiden endlich daran denken, ihr Tagwerk in Haus und Hof wieder
aufzunehmen, da lacht ihr Mund und lachen ihre Augen.
    Rosalie aber vermeint, die Sonne wär' nie schöner aufgegangen als an diesem
Morgen, da der Franzl mitten unterm Füttern einen langen Juchzer ausstösst und
sie danach lachend seine Madam Bäurin nennt.
    Und sie denkt, es möcht wohl gut sein, mit dem kernfrischen Burschen hier zu
hausen als das, was er sie lachend eben nannte: als Madam Schiermoserin von
Berganger.
 
                                       11
Unterdessen steigt der Tag höher, und die Schiermoserin ist bald am Ziel ihrer
Fahrt.
    Vor dem stattlichen Hof des Reisertaler Einödbauern hält sie den Schimmel
an, steigt bedächtig und sittsam ab und führt danach das Ross gegen die Stalltür.
    Da tritt auch schon der Reisertaler aus dem Haus und unterdrückt mit Gewalt
seine Verwunderung und Wissbegier wegen des unverhofften Besuches.
    Aber die Schiermoserin entwickelt System.
    »Grüss di Good, Vetter!« sagt sie aufgeräumt und klar wie ein frischer
Bergbach. »Gell, wunderst di, dass i so unvermoant daherkimm! - Aber, woasst, a
paar Kirtasäu möcht ma uns zügln, und da will i di frag'n, obst uns net a paar
Fakei hast oder woasst.«
    Und sie schirrt dabei den Schimmel aus, als ob es selbstverständlich wäre,
dass hier Mensch und Vieh eine freie Gaststätte bekommen können zu jeder Stund -
führt ihn in den Stall an einen leeren Rossstand und wendet sich wieder an den
ihr folgenden Bauern: »Sakra - aber sauber hast dein Stall beinand! - Scho so
sauber, dass's a wahre Freud is! Dees scheene Viech! Und so foast oans wias
ander! - Hast no tragade aa dabei?«
    Sie tritt hinter die lange Reihe wohlgenährter, gleichfarbiger Kühe.
    »Aha. Jawoi. - Vo dera werst eppa bald 's Kaibe kriagn, ha? - und die da
tragt aa nimmer lang, wähn i. - Aha. Bis in a vierzeha Tag, sagst. Aha. - Und
enkan Bummel habt's aa no alleweil. Aber die zwo Ochsen, moan i, san neu, gell?«
    Der Reisertaler gibt ihr bereitwillig auf alle Fragen Antwort.
    Ist er doch selber ganz vernarrt in sein Vieh! Gilt er doch rings umher im
ganzen Gau als der reichste und beste Bauer, dessen Stall und Scheune als ein
Muster bekannt sind weit und breit! Während sie nun so schwatzen, kommen sie
auch zurück zu den Schweinen, und die Schiermoserin beeilt sich, dem »lieben
Vetter« nochmals ihre Bitte wegen der Ferkel vorzutragen.
    Da geht die Stalltür, die nach dem Hausflöz führt, hastig auf, und herein
kommen nacheinander unter lauten Ausrufen der Verwunderung und Freude die alte
Reisertalerin, ihre älteste Tochter und ihre jüngste.
    Ihre mittlere ist bereits seit Jahresfrist irgendwo in der Nähe eine schwere
Bäuerin.
    »Ja, Basl! Was für a Wind hat denn di heunt zu ins herg'waaht? Werd do - wie
Gott will - a guata sei?«
    Sie sind sehr fromm, die Reisertalerischen.
    Die Schiermoserin begrüsst jede einzelne sehr umständlich und herzlich,
bewundert das gute Aussehen aller, sagt ihnen so viel Lob und so viel Hübsches,
dass jede sich selbst wie ein gottbegnadetes höheres Wesen vorkommen würde, wenn
sie es aufmerksam anhören und überdenken wollten - und berichtet auch ihnen
endlich den Zweck ihres Herkommens.
    dabei lässt sie es willig geschehen, dass man sie aus dem Stall führt und in
die Essstube geleitet und dass man ihr eine Schale guten Kaffees vorsetzt nebst
einem frischgebackenen Hefenkranz. Und sie lobt das gute Gebäck und fragt, wer
es zuweg gebracht hätte.
    Die Reisertalerin senkt demütig die Augen: »Gell, schmeckt er dir, der
Kranz? Insa Marai hat'n bacha. Ja, ja. Sie kocht überhaupt recht guat, insa
Marai.«
    Und abermals senkt sich ihr Blick nach einem kurzen, frommen Augenaufschlag;
denn sie hat dies so in der Gewohnheit. War sie doch lange Jahre Mesnerin
gewesen in der Wallfahrtskirche Unserer Frau vom Reisertal und hat dabei
gelernt, wie man die Lider heben und senken muss, um dem lieben Herrgott
wohlgefällig und dem Herrn Pfarrer angenehm zu sein.
    Der Schiermoserin freilich erscheint es im stillen höchst überspannt und
sogar recht dumm, dass die Base, wie man sie kurz nennt, sogar dann so heilig
dreinschaut, wenn sie von ihren Hühnern und Säuen erzählt, und dass sie jetzt
kein Blaukraut mehr pflanzt, weil ihr auch heuer wieder die Deixelsraupen alles,
Butz und Stiel, zusammengefressen haben.
    Auch die eine von den Töchtern hat schon dies fromme Senken und Heben des
Blickes; die Schiermoserin schliesst daraus, dass sie wahrscheinlich jetzt in
Diensten Unserer Lieben Frau steht und gewiss viel eher zu einer Nonne als zu
einer Bäuerin taugt.
    Sie betrachtet also um so aufmerksamer die jüngste, das Marai.
    Denn sie will nicht nur ein paar Ferkel für die Kirchweih, die gute
Schiermoserin, sondern auch eine Hochzeiterin für den Franzl.
    Bevor ihn dieses Weibsbild - diese Stadtmamsell, noch ganz kopfscheu macht!
    Bei dem Gedanken an Rosalie steigt wieder die ganze Abneigung und Verachtung
gegen alles Städtische und ganz besonders gegen ihre Sommergäste in ihr auf.
    Und sie kann nicht anders, sie muss anfangen, davon zu reden und sich bitter
über sie zu beklagen.
    Ganz allgemein beginnt sie. Aber sie redet sich immer mehr in ihren Zorn
hinein und wird zu guter Letzt so ausfallend gegen die Tochter der Rätin, dass
die Reisertalerin samt ihren Töchtern gar bald weiss, woher der Wind weht.
    Nun ist es aber schon längst der stille Wunsch der Reisertalerin, der Franzl
möcht einmal um eine oder die andere anhalten von ihren Mädchen.
    Da käm ihnen so eine Stadtdocke grad recht! Schau, schau! Um den
Schiermoserhof tät sich so ein landfremdes Frauenzimmer bewerben wollen! Sonst
nichts mehr?
    Der Reisertalerin wird ganz warm bei dem Gedanken daran.
    Sie vergisst ganz, ihre Augen zu senken, und kann es im Sitzen kaum mehr
erleiden.
    »Geh, Schiermoserbasl!« sagt sie aufstehend. »I hätt a kloane Frag an di!
Magst net amal a bissl mit mir in d' Höch auffe geh?«
    Grad will die Schiermoserin, nachdem sie ihren Kaffee bedachtsam
ausgelöffelt und mit dem letzten Kuchenbrocken die Brösel sauber zusammengelesen
und mitgegessen hat, dem Basl vollends ihr Herz ausschütten und daran anknüpfend
ein wenig auf den Busch klopfen wegen einer Verbindung ihres Sohnes mit dem
Marai - da kommt die Bitte der Reisertalerin.
    »Herrvergeltsgott«, denkt da die gute Schiermoserin. »Es steht guat um mein
Habern! I moan, i mach heunt no a paar Hochzatleut!«
    Und sie folgt bereitwillig der andern über die Stiege hinauf, bewundert die
Sauberkeit des Hauses, den Blütenreichtum der Blumenstöcke und die Pracht der
Einrichtung in der Künikammer.
    »Schee hast es beinand, dei Sach!« sagt sie immer wieder. »Wirkli schee, des
muass ma sag'n. - I wollt, i kriagat amal a Schwiegertochter eina ins Haus, die
ihra Sach a so beinand hätt wie du und deine Dirndln!«
    Die Reisertalerin lächelt ihr frömmstes, demütigstes Lächeln. »Mei, derfst
dir ja grad oane aussasuacha, die wo a so is«, meint sie; »waar oft a diam oane
froh, bals in an scheen' Hof eine kaam ...«
    »Ja ja. Dessell scho ...«, entgegnet die Schiermoserin. »Aber so sauber,
wie's ös enka Zeugl beinand habts, a so find't man's nimmer landauf und landab.
Woasst - so a deinige Tochter ... wie eppa dei Marai ... woasst - dees war scho
ehander eppas. Da wüsst ma halt, dass ma sei Sach neamd unrechten net gaab ... Gar
bei enkana Marai ...«
    Die Reisertalerin senkt ihre Augen immer tiefer und hebt sie danach, wie
wenn sie etwas suchen wollte, was droben in der Weissdecke verborgen ist.
    Und dann seufzt sie: »Ja no. A bravs Deandl is's ja aa, insa Marai. Und
schiach is's aa net. Und notig dran is's wieder net. - Der wo dee amal kriagt,
der derf unsern Herrgott alle Tag auf dee Knia danka ...«
    Die Schiermoserin hat ihr bei jedem Satz Beifall zugenickt; da aber die Base
den letzten ausspricht, zuckt sie doch zusammen. Ihr Sohn, der Franz, müsst sich
auf den Knien ... Wegen des Reisertalergelds! - Und wegen dieser Aussteuer! Oder
etwa wegen des Frauenzimmers, der Marai!
    Wahrhaftig, die Schiermoserin fühlt sich beinahe versucht, der Reisertalerin
eine grobe Antwort zu geben.
    Beinahe. Denn zum Glück fällt ihr bei dem Gedanken »Frauenzimmer« eine
andere ein. Die Rechtsratstochter!
    Dieses andere Frauenzimmer!
    Nein, bevor sie ihrem Sohne die lässt, schluckt sie lieber die bittere Pille
dieser Betschwester hinab.
    Sie bindet sich nervös das seidene Kopftuch fester und streicht sich die
Haare über den Ohren mit dem angefeuchteten Finger zurück. Dann schluckt sie ein
paarmal und fragt danach interessiert: »Habts eppa scho oan auf der Seitn für
sie?«
    Die Reisertalerin tut plötzlich unwissend.
    »Was, oan?«
    »No - an Hochzeiter!«
    »Für wen?«
    Die Schiermoserin muss ans Fenster treten, so sehr ärgert sie diese Frage.
    Trotzdem antwortet sie sehr sanft: »Na, für enka Marai, moan i!«
    Die Reisertalerin lacht ein mitleidiges Lachen.
    »Ja so. Für dee. Ah mei! Grad gnua kunnt' ma habn! - Ja - mehra wia gnua! -
Aber an jeden mag ma net. - Und bal oana oft no so viel Geld und Sach hätt! -
Mir denkan ins alleweil: Es hat no Zeit. Dee kimmt no leicht wo zuawe. Werd scho
amal der rechte kemma ...«
    Jetzt wendet sich die Schiermoserin wieder der Base zu.
    »Woasst, Basl - i wissat dir scho den rechten!« meint sie. Aber die
Reisertalerin hört schlecht.
    »Wenns heunt net ist, is's vielleicht morgn oder übermorgn«, fährt sie
langsam im Tone absoluter Gleichgültigkeit fort; »wia i sag: Es hat ja no Zeit
damit.«
    Die Schiermoserin kennt sich aus. Von der Seite ist ein Angriff
aussichtslos.
    Darum pflichtet sie plötzlich der andern ganz ernstaft bei.
    »Da hast aber aa recht!« meint sie. »Sie is ja no jung, enka Marai. Ja, ja.
Ganz recht hast. I sag aa alleweil a so zu insn Franzl. Es pressiert net. Gar
net. - Aber no, amal muass's schliessli do sei. - Und bal dees mit der Resi vom
Burgermoaster vo Frauenreut a so furtgeht, nachher moan i scho, dass's bald amal
eppas werdn kunnt. D' Sach is schee, Geld is aa grad gnua da - und sie is ja nur
sauber! Nur sauber! - Und ganz narrisch auf eahm. Woasst, ganz narrisch! - Aber
... insa liabe Zeit! I schwatz da und schwatz - und muass do wieder hoam zu
meiner Arbat! - Geh, sags eahm, an Vetter, dass er mir glei a paar Fakei einpackt
in a Kirm oder in an Sack! I nimms do lieber glei selber mit hoam! Nachher hab i
s' dahoam.«
    Und sie richtet sich plötzlich so geschäftig zum Gehen, dass die
Reisertalerin kaum mehr Zeit findet, die Schränke und Schubladen wieder
abzuschliessen.
    Sie ist heftig erschrocken, da die Schiermoserin so mittendrin die
Geschichte mit der Bürgermeisterstochter erwähnt; und nun, da die Base auch noch
so schnell vom Gehen spricht und so eilig tut, wird ihr ganz übel vor Angst. Es
wird doch nicht die ganze Handelschaft in die Brüche gehen wegen ihres Geredes.
    Sie könnte sich die Zunge abbeissen vor Zorn über sich selber.
    Und sie nimmt den sanftesten Ton zur Hilfe, da sie sagt:
    »Ja, was waar denn jetz dees, Basl! Werst do net scho davonlaufa! Dass's dir
denn auf amal gar so pressiert? - Es werd di do net am End eppas g'ärgert habn?«
    Aber die Schiermoserin lacht bloss lustig, beteuert, dass sie sich gewiss über
nichts geärgert hätte, bedankt sich nochmals für alles und schickt sich wirklich
zum Gehen an.
    Damit aber hat sie das erreicht, was sie wollte: die Reisertalerin sieht im
selben Augenblick, wo ihr der Hochzeiter für ihre Tochter sozusagen noch unter
den Fingern weggezogen wird, erst ein, was er wert ist.
    Und sie beginnt, um ihn zu kämpfen mit den Waffen, die ihr gegeben sind.
    Also gibt sie sich scheinbar damit zufrieden, dass die Schiermoserin wieder
einspannen lässt.
    Aber sie flüstert im Vorbeigehen ihrer Tochter Marai zu: »Leg dei
Feirta'gwand o und fahr mit!«, und dann geht sie zu ihrem Bauern in den Stall,
lässt ihn die Ferkel aussuchen und in einen Korb stecken und versäumt dabei
nicht, ihn flüsternd von ihrem Hoffen, ihrer Furcht und ihren Plänen zu
unterrichten.
    Die Schiermoserin hat derweil noch mit der älteren Tochter eine kleine
Abschiedsunterhaltung gepflogen, ihren Schimmel eingespannt und tritt nun in den
Stall, um nach den Ferkeln zu schauen.
    Da bringt ihr der Reisertaler schon den Korb, zeigt ihr die beiden feisten
Tierchen und wünscht ihr alles Glück dazu, indem er meint: »Und zwegn der
Zahlung werdn mir scho einig, der Schiermoser und i. I brauch so an Saamawoaz a
paar Zenten. Da werdn mir nachher scho gleich mitanand.«
    Die Schiermoserin gibt sich nach dem üblichen Sträuben damit zufrieden und
verabschiedet sich von ihm.
    Die Reisertalerin aber eilt noch geschwind in den Hühnerstall und bringt der
Base in der Schürze zwölf Bruteier als Aufmerksamkeit.
    »Du kannst mir nachher gelegentli amal a paar von deine Schopfhenna gebn«,
meint sie. »Und d' Marai kann vo mir aus mit dir umafahrn, dass dir mit dee Fakei
nix passiert. Werd dir scho recht sei. Dei Franzl kanns ja morgn wieder
umabringa, bal er Zeit hat.«
    Aha! Der Weizen blüht schon!
    Die Schiermoserin reibt sich in Gedanken schon die Hände. Aber sie
versichert doch, dass sie auch allein ganz gut zurechtgekommen wär'. Da aber das
Marai sich so schön angezogen hätt' und schon so lieb wär' und sie begleiten
wollt', so hätt' sie natürlich nichts dawider! Im Gegenteil! Es wär' ihr eine
Ehr', dass sie dem Marai ihr armseliges Hauswesen zeigen dürft' und ihre paar
Habseligkeiten.
    Und nach den gebräuchlichen schönen Redensarten, die bei Bauern ebenso
gepflogen werden wie bei den Stadtleuten, nimmt sie endlich Abschied und fährt
mit Marai und den Säulein davon, im Herzen frohlockend über das gewonnene Spiel.
    Und sie denkt: »Jetz kanns geh', wie's mag; insa Sach steht auf an guten
Grund. Jetz legn wir zu insane Taler a paar Sackl voll Reisertaler - und 'm Buam
gebn mir a saubere Bäuerin ... und dera Stadtgesellschaft gebn mir an Fusstritt
...«
    Bei diesem letzten Gedanken stampft sie mit dem Fuss auf, und ihre Peitsche
saust klatschend dem Schimmel über den Rücken, so dass er unwillig einen Sprung
macht.
    Danach aber setzt er sich in einen gemütlichen Trab und bringt die beiden
Weiberleut, die sich bald aufs beste unterhalten, rasch und sicher nach
Berganger und an die Stätte, die dem Marai eben vorbestimmt wurde als Heimat und
irdisches Paradies.
 
                                       12
Es ist gerade um die Vesperzeit, als die Schiermoserin mit ihrem Fuhrwerk und
ihrer Begleiterin daheim anlangt.
    Ihr Sohn, der Franz, steht eben mit Rosalie unter der Haustür und lacht und
scherzt und bettelt um eine kleine Gunst, als der Schimmel gemächlich in den Hof
trabt.
    Da will der Bursch eilends hin und seiner Mutter beim Ausspannen helfen,
aber auf halbem Wege bleibt er stehen und starrt in den Wagen, indem er murmelt:
»Jessas, d' Marai! Was möcht denn die da?«
    Doch die Schiermoserin lässt ihm nicht viel Zeit zum Sinnieren. Sie schwatzt
ihm mit schier unnatürlicher Lebhaftigkeit von den Ferkeln vor, von ihrem Besuch
und vom Marai.
    Indes Rosalie einen unsicheren Blick auf die Reisertalertochter wirft und
danach eilends wieder ins Haus geht und sich eine Arbeit sucht.
    Draussen sagt grad der Franzl ein wenig hölzern: »Soo, hast ins aa amal
hoamgsuacht, Marai?«
    Worauf ihm seine Mutter ins Wort fällt: »Dees siechst ja! - Red't der Bua no
dumm daher! Hilf ihr liaber a bissl aus'm Wagl aussa! Stehst da wie a hölzerner
Wandheiliger und rührst di net!«
    Das Marai lacht hell und geziert und meint dann: »Lass nur, Franzl, i kimm
scho alloans aa abe aufn Bodn. Hinab gehts leichter wia herauf!«
    Die Schiermoserin tut wichtig: »Ja, ja, a diam scho! Aber a so a bravs Madl
wie du braucht net von abekemma z'redn! Dees kimmt, solang's lebt, alleweil no
besser auffe! Gar, bals eahm oan nimmt, der wo rechtschaffa is! An bravn Mo und
an richtign Bauern. - Der nachher aa no so viel goldene und silberne
Pflasterstoa auf der Seiten hat, dass er, wenn's grad nöti is, a paar Löcher
zuamacha kann, durch die der Hof eppa aberutschen kunnt.«
    Ihr Sohn hat derweil das Marai ruhig allein aus dem Wagen steigen lassen;
nun sagt er bloss kurz: »Weibergwasch!« und weist danach den Schimmel in den
Stall.
    Die alte Grossmutter las eben droben in ihrer Kammer still in ihrem
Andachtsbuch.
    Da sie aber ihre Tochter kommen hört, steht sie so rasch, als es ihre alten
Knochen erlauben, auf und begibt sich hinab zu ihr und der »Hochzeiterin«.
    Schöne Reden kreuzen sich wieder, die Schiermoserin giesst dem Marai ein Glas
Met ein, und die Alte kann das schöne Haar, das frische Rot des Gesichts und das
hübsche Blau des Gewandes von dem Maidl nicht genug bewundern.
    Bald ist das Gespräch da, wo man es haben will, und man begibt sich hinauf
in das obere Stockwerk des Hauses.
    Nur der, den's eigentlich angeht, und der, dem's recht sein muss, dass eine
Reisertalertochter Schiermoserin wird - die beiden sind nicht da.
    Der Bauer selber ist mit seinen Leuten auf dem Feld; Franz aber hat sich
lautlos aus dem Stall davongemacht und sitzt nun hinter dem Holzschupfen, wo er
etwas am Sattelzeug der Rösser flickt.
    So kommt es, dass die Schiermoserin mit ihrer Mutter ganz allein für die
Unterhaltung Marais sorgen muss und dass sie nicht Zeit hat oder auch gar nicht
daran denkt, für die Leute zu kochen.
    Die Schiermosertöchter sind gleich den andern auf dem Felde, und es möchte
wahrscheinlich übel aussehen mit der Abendsuppe für Mensch und Vieh, wenn nicht
Rosalie, trotz ihres seltsam unruhigen Gemüts, für den Rest des Tages die
Bäuerin machte.
    So aber versorgt sie wieder den Stall, trägt die Eier ab, sperrt die Hühner
ein und richtet danach den Mehlschmarren und den Apfeltauch. Ihre Mutter, die
Rätin, liegt derweil droben in ihrer Stube schwer gichtkrank und wird von Tante
Adele gepflegt.
    Das heisst, die Schwägerin braucht alle ihr zu Gebote stehenden Mittel, um
die Rätin davon zu überzeugen, dass doch alles in der Welt so kommen werde, wie
es eben vorbestimmt sei.
    Man könne höchstens im Fall, dass es sich um irgendein Glück drehe, dies
Glück ein wenig korrigieren. Und dies tue sie auch, fügt sie in bestimmtem Tone
bei, trotz aller Zustände und allen Sträubens der Schwägerin!
    Mittlerweile wird es Abend. Das Gesinde kommt hungrig heim, setzt sich an
den Tisch, und der Schiermoser pfeift seinem Eheweib und Franz zum Essen.
    Rosalie trägt wie mittags selber das Essen auf und sagt genau, wie sie es
gewohnt ist von der Schiermoserin: »Vater, tua bet'n, ogricht is.«
    Und da die Bäuerin endlich daran denkt, dass es Essenszeit ist - da sie sich
durch den Pfiff des Bauern plötzlich wieder in die Wirklichkeit des Alltags
versetzt sieht, nachdem sie sich den ganzen Tag in ihre ehrgeizigen Pläne
hineingesponnen hatte -, da findet sie drunten in der Essstube bereits alles
einträchtig beieinander sitzend, mit vollen Backen essend und sich lustig
unterhaltend.
    Und Franz, für den sie eben die Hochzeiterin zur Tür hereinbringt, sitzt
lachend neben der Stadtjungfer und tut, als wäre er seit Jahr und Tag mit ihr
verheiratet!
    Und er selber, der Schiermoser - er sitzt zur Rechten dieses Weibsbildes,
lobt ihre Kochkunst, ihre Tüchtigkeit und sagt vor dem ganzen Gesinde: »Guat
hast dei Sach' g'macht, Bäuerin! Da brauch' ma die Alt' gar nimmer, bals du
alleweil dableibst!«
    So eine Niedertracht!
    Wie mag's dem Marai zumut sein!
    Aber die lässt sich nichts anmerken.
    »Aha, esst's scho«, sagt sie bloss, »bals erlaubt is, nachher gehn mir aa a
weng zuawa.«
    Und damit geht sie mit der Schiermoserin, die vor Wut ganz blaurot im
Gesicht wird und gar keine Worte mehr findet, in die Stube.
    Rosalie beeilt sich, noch zwei Löffel aus der Tischlade zu nehmen, und sagt:
»Ruckts z'samm da drent und lassts mich aa hin, dass sich der B'such und d'Bäuerin
auf eahnan Platz hinsetz'n können!«
    Aber Franz befiehlt ihr ganz energisch: »Du bleibst, wost bist!« und lässt
sie nicht von seiner Seite.
    Der Schiermoser dreht sich halb um auf seinem Sitz, schaut auf die
Reisertalertochter und sagt: »Ja, was is dees? D' Marai! - Hock di nur zuawa,
Marai. Is scho no a Platz auf der Bank.«
    Auf die Bank zu dem Dienstvolk lässt er sie sitzen!
    Die Schiermoserin droht der Schlag zu treffen.
    Und sie kann nicht anders, sie muss sich dreinmischen »Freili! Auf d' Bank!
Nix da! D' Marai sitzt si neben 'n Franzl, dass d' es woasst! D' Sommerfrischlerin
g'hört a so net an Tisch her!«
    Leider hat ihre Rede gar keinen Erfolg, ausser diesem, dass Franz erwidert:
»Wer kocht hat, isst aa mit. Und wen i neben meiner sitzen lass', der sitzt neben
meiner. - Gell, Marai, du hast scho Platz da, neb'n der Liesi!«
    Freilich hat sie dort auch Platz!
    Mit süsssaurem Lächeln beteuert sie es.
    Aber gutmachen kann er diesen Fehler nie mehr!
    Und wenn sie zehnmal Schiermoserin werden sollte!
    Nachtragen wird sie es ihm, solange er lebt, dass er sie einer Städtischen
zulieb auf den Gesindeplatz genötigt hat - grad an dem Tag, an dem sie gekommen
war, sich und ihre Geldsäcke ihm anzutragen!
    Dasselbe denkt auch die Bäuerin.
    Und es ist ihr unmöglich, auch nur einen Bissen zu geniessen, schon weil es
die da gekocht hat!
    Dass der Alte auch noch mittut bei der Lumperei!
    Aber gnade Gott!
    Dem wird sie es heut abend schon hinsagen!
    Der erhält seinen Landler!
    Der Rüpel! Der Tropf, der alte!
    »Geh weiter, Marai!« sagt sie sehr freundlich zu ihr. »Geh mit mir ausse,
nachher koch' ma ins selber epps. Werd z'erscht recht epps G'scheits sei, was
die z'sammkocht ham.«
    Doch leider geht es ihr auch mit dieser Rede nicht sonderlich gut.
    Denn einstimmig wird ihr von allen, ja sogar von den Töchtern, versichert,
dass man noch nie einen so guten Schmarren gegessen hätte - und dann will Marai
plötzlich »gern« da sitzen bleiben, nimmt den Löffel zur Hand und versucht die
Kunst dieser Person, die alle miteinander rein verhext hat!
    Ja, Marai betrachtet es plötzlich als eine heilige Mission, Franz wieder aus
dem Bann dieses Weibsbildes zu erlösen!
    Und sie beginnt damit sofort, indem sie sagt: »No - hoaklig seids ös net!
Bei ins dahoam essat ma an solchen Schmarrn net! Bei ins werd er scho besser
g'macht! - Wer hat 'n denn kocht?«
    Jetzt wird es wohl kommen, das, was ihr und der Schiermoserin Musik in den
Ohren ist!
    Aber nein, es kommt nicht!
    Denn Franz sagt ganz kurz und sachlich: »Dees is gleich, wer 'n kocht hat.
Ins schmeckt er. Wie dass 'n ös kochts, dees is uns gleich.«
    Und der Schiermoser isst gerade jetzt, als hätte er schon seit drei Tagen
nichts mehr gehabt, und sagt dabei: »I woass 's net, mir schmeckt er recht guat.
Recht guat. Wahr is's!«
    Freilich, Rosalie fühlt sich nicht wohl in dieser Stunde.
    Aber ringsum sieht sie Mienen, die ihr wohlgewogen zulächeln - sie spürt den
Druck der Finger des Jungen und hört den Lobspruch des Alten - da weicht ihr
unbehagliches Gefühl doch wieder einem angenehmeren.
    Immerhin ist sie froh, als der Bauer seinen Löffel ans Tischtuch wischt, das
Zeichen zum Aufstehen gibt und das Tischgebet hersagt.
    Das Geschirr trägt sie nicht mehr hinaus.
    Sie bittet Barbara, die eine Tochter, darum und begibt sich sogleich hinauf
in ihre Stube.
    Nun erst wird dem Mädchen schwer ums Herz. Dazu macht sich doch eine grosse
Müdigkeit und Abspannung bemerkbar, so dass sie sich kurzerhand entschliesst, zu
Bett zu gehen.
    Und also sucht sie ihr Lager auf und gibt keine Antwort mehr, als Franz nach
einer Weile unter ihrem Fenster steht und ruft: »Roserl! Roserl! Geh no a weng
aussa! - I muass dir was sag'n!«
    Aber sie weint ihre ersten heissen Tränen in die Kissen des Schiermoserbetts.
    Nachdem an diesem Abend das Gesinde Feierabend gemacht und auch der
Schiermoser sich auf die Hausbank gesetzt hat, tritt die Reisertalertochter
hinter der Schiermoserin aus der Kuchel und vors Haus.
    Und die Hausfrau nötigt sie, doch neben dem Bauern auf der Bank Platz zu
nehmen, bis der Franzl mit seinem Tagwerk fertig wär' und auch käme.
    Aber Marai äussert plötzlich sehr bestimmt den Wunsch, sie möchte doch lieber
heute noch nach Haus.
    »I woass, d' Muatta braucht mi«, sagt sie, »und da is mir do net extra guat
woanderst. Und dees, was d' mir zoag'n hast woll'n, dees hast mir zoagt. Sinst
ham mir ja nix mehr z' red'n mitanand, denk i. Zweg'n dee Fakei kannst ja mit'n
Vatan selber aushandeln.«
    »Aber um Gott's willen!« ruft da die Schiermoserin erschrocken aus. »Heut no
hoamfahr'n! Kimmst ja in de stockfinster Nacht eini! Naa, naa! Bleib nur bei ins
über Nacht! Jetzt hab' i dir dei Bett scho aufdeckt. Und morg'n früah muass i dir
epps sag'n, was dir a Freud' macht. Woasst, heunt san d' Mannsbilder müad und d'
Weibsbilder z'wider. Aber morgen is a jed's frisch und lusti, da kinnt's enk
nachher aa a weng unterhalten mitanand!«
    So und auf ähnliche Weise sucht sie Marai zum Bleiben zu überreden.
    Sie stösst ihren Eheherrn wütend in die Seite und flüstert ihm zu: »Alsdann,
zwiderns Mannsbild! Red halt aa mit, wennst siechst, dass s' extra da is, d'
Marai!«
    Der Schiermoser zündet sich die Pfeife an.
    »I hab koan Fiduz drauf, heunt auf d' Nacht.«
    »Aber so viel kunnst do sagn, obs dir recht is oder net!«
    »Mir is alls recht, was an Buam recht is. Bal er die Rechte gfunden hat,
nachher werd ers scho sagn. Nachher kann i alleweil no mei Meinigung dazua
äussern, obs mir passt oder net.«
    Damit bläst er dicke Wolken vor sich hin und schaut geradeaus.
    Die Schiermoserin zittert vor Zorn.
    Mit süssen Worten nötigt sie Marai, doch noch ein wenig auf der Bank Platz zu
nehmen, bis der Franzl mit seiner Arbeit fertig wär'.
    Aber das Marai hat kein Verlangen darnach, sondern besteht auf ihrem Wunsch:
sie möchte wieder heim.
    Nun, soll sie wenigstens der Franz heimbringen, denkt die Schiermoserin, der
es zumut ist, als stünde sie vor einem Abgrund, in dem all ihre Hoffnungen und
Wünsche begraben liegen.
    Und sie rennt im ganzen Hof herum, ihn zu suchen.
    Aber als sie ihn endlich in seiner Kammer im Bett findet, kann sie vor
Verdruss und Zorn nicht einmal mehr sagen, was sie sagen wollte. Und so geht sie
voller Bitterkeit zum Hans, ihrem Knecht, und bittet ihn, dass er das Marai gegen
eine Extramass noch nach Reisertal hinüberbringe.
    Der murmelt zwar etwas vom Leut und Viech Zusammenschinden, sagt, dass er
erst morgen früh wieder zurückkäme, und richtet dann scheltend und greinend das
Fuhrwerk.
    Der Abschied ist sehr kühl und frostig, und das Marai schaut nicht einmal
zurück, als sie, neben dem Knecht sitzend, dahinfährt.
    Kaum ist sie aber ausser Seh- und Hörweite, da bricht das Wetter bei der
Schiermoserin los.
    »So. Jetz is's dahi. Ös Lackln, ös abscheuliche! - Jetz habt's enka Bäuerin.
Jetzt kinnt's mit enkan Stadtdrak'n weiterhausen vo mir aus!«
    Da rührt sich der Schiermoser zum erstenmal, seit er auf der Bank sitzt, und
sagt: »Dees war dees g'fahrlicher no lang net! D' Rosl waar mir liaber wie woass
Good was für oane von herausst. Lieber als wie die Betschwestern vo Reisertal
amal g'wiss!«
    Die Schiermoserin tut, als drohe ihr der gache Tod.
    »Insa heilig's Kreiz! Versünden tuat er sie aa no! - Hast scho recht! Tua
nur a so weiter, so gottlos und so modisch! Werst es scho sehgn, wia weit dass d'
kimmst!« Der Schiermoser muss lachen.
    »I woass gar net, was d' hast auf amal!« sagt er, »fahrt's mittendrin dahi um
a Schwieger und woass gar net, ob der Bua 's Heirat'n im Sinn hat - nachher
bringt's dees bigotte Weibsbild daher - und z'letzt redt's vom Versünden! - Und
derweil 's dees tuat, versaamt's d' Hauptsach'!«
    Er muss wieder lachen. Da wird sie stutzig.
    »Was für a Hauptsach'?« fragt sie gespannt.
    Der Bauer schmunzelt: »Siechst, Alte«, sagt er, »dass d' koane von dee ganz
G'scheiten bist, dees hab' i lang g'wisst. Aber dass d' insan Buam behüat'n möchst
vor der Rosl und dabei lasst d' die zwoa den ganzen Tag alloa mitanand arbat'n
... dass d' so dumm wärst, dees hab' i do net g'moant.«
    Die Schiermoserin muss sich setzen und reisst die Augen sperrangelweit auf.
»Warum ... wieso ... ist eppa was g'schegn?...« fragt sie voller Angst.
    Aber ihr Eheherr bleibt ganz ruhig.
    »Was wird g'schehgn sein!« meint er. »Weiter gar nix is g'schehgn, als dass
die zwoa handelsoans san. Dass d' dein'm Buam zwanz'g Hochzeiterinnen bringa
kannst - er wird dir a jede abweisen. - Weil er sein eigna Kopf auf hat ...«
    Seine Wabn unterbricht ihn voller Aufregung: »Ja, und du? Du schaugst zua
und lasst den Kerl werken, wie er mag! - Du rührst di gar net, wenn er die
Stadtflugga nimmt!«
    Der Schiermoser bleibt immer noch ganz ruhig.
    »Was soll i mi da lang rühr'n? Bal der was will, nachher will er's. Und was
er will, dees is epps Rechts. Was er tuat, hat Hand und Fuass. - Und wenn i's
sag', wie i mir's denk: Mir g'fallt's, dees Weibsbild. Dass s' wenig Geld hat ...
no ja ... deessell is ja z'wider. - Aber sinst is s' mir lieber wie a jede zehn
Stund im Umkreis!«
    Die Bäuerin meint, nicht recht zu hören.
    »Ja ... dees kaam ja grad aussa ... als wia wennst du selber dabei waarst bei
dem Handel ...«
    »I bin net dawider, bal i's aufrichti sag'...«
    »Alter!«
    »Ja no ... es muass net alleweil nach dem alten Schlag geh'. - Es derf aa
amal epps Neumodisch's aufkemma. Heirat'n d' Bauernweibsbilder Stadterrn -
warum soll a Bauernbursch net aa amal a Stadtfrailein heirat'n. - Gar a so a
richtigs, ordentlichs und saubers Leut'!«
    Allmählich ist es der Schiermoserin möglich, das, was in ihr tobt und rast,
in Worte zu kleiden.
    »A so is's dir!« ruft sie aus. »A solchana bist du word'n! Du hilfst zu dere
Stadtbruat! - Und du willst es hab'n, dass insa Sach' in dene eahnane Klauen
kimmt! - Mei Liaba! Dei Sach' kannst geb'n, wemst magst. Aber dees mei ... dees
bleibt mir in meiner Hand. Dass d' es woasst. Und mei Geld kriagts mir aa net,
dees Weibsbild. Heunt no will i 's z'ruckhab'n! Heunt no!«
    Sie kocht vor Zorn.
    Aber der Schiermoser ist, als wär' er von Holz, so ruhig.
    »Dees kannst macha, wiast willst«, sagt er gelassen, »dee paar tausad Markl
machen eahm's Kraut aa nimmer fetter. Der langt mit dem, was i eahm derhaust
hab'...«
    »Er! - Er hat 's derhaust! - Und i nachher? - Und mei Arbat? - Und dees, was
i verdeant hab' von dee Sommerfrischler?...«
    Aber damit hat sie sich eine Schlinge gedreht.
    »Aha«, erwidert ihr der Bauer, »d' Sommerfrischler! Da zählen's auf amal
mit! - Eahna Geld hast eing'schob'n. Wenn's aa a Stadtgeld g'wen is. Aber i sag'
dir was: Dees mit dein Geld kannst macha, wiast magst. - Und der Franzl kann
toa, was er mag - und i geh jetz in mei Bett. - Und bal er mir an Hof bald
abnimmt, der Bua, is's mir ganz recht. - I bin a so gutding alt und müad. -
Guate Nacht.«
    Damit verschwindet er im Haus und lässt die Schiermoserin in ihrer Wut und
ihrem Schmerz allein.
    Diese kommt sich vor wie eine, die einen schweren Traum träumt. Sie versucht
immer wieder, das Ganze von sich abzuweisen.
    Aber es geht nicht. Es ist schon so, wie es ist.
    Sie ist verraten und verkauft von ihren eigenen Leuten.
    Ihre Töchter kommen ihr in den Sinn.
    Wenn sie wenigstens die auf ihrer Seite hat! Wenn die diesem Weibsbild die
Hölle heissmachen!
    Jawohl. Ihre Töchter werden keine Städtische dulden auf ihrem Heimatl!
    Sie springt auf und läuft eilends hinauf in die Dirndlkammer. Die beiden
Maidln schlafen schon. Aber die Schiermoserin hat keine Ruhe, sie muss es ihnen
noch heute beibringen, dass sie tun, was sie ihnen rät.
    Darum weckt sie beide noch mal auf, indem sie jede fest rüttelt.
    »Mariedl!... Bawettei! -... Geh, lust's a weng auf! - He da! - Ös zwoa!... I
hab' epps zu red'n mit enk! Merkt's a weng auf, alle zwoa!«
    Mit vieler Müh' bringt sie die beiden aus dem ersten Schlaf.
    Die Barbara ist am ehesten munter und fragt erschreckt:
    »Muatta! - Was gibt's? - Was is passiert?«
    Die Schiermoserin bricht in Tränen aus.
    »Was werd passiert sein! - Insa Hoamatl g'hört nimmer ins!... Insa scheens
Sach' geht dahin!...«
    Die Barbara reibt sich schlaftrunken die Augen. »Ha sagst? Was is dees?«
    Und die Mariedl sagt aus dem Traum heraus: »Wo geht er hin?«
    Aber die Schiermoserin ist nun mitten drin in ihrem Unglück und Verdruss und
jammert und klagt so laut, dass ihre beiden Töchter aus dem Bett springen und
endlich etwas Bestimmtes wissen wollen.
    Denn ihre Mutter redet vom Judas in der Familie, der seine angestammte
Heimat verschachert, von der Niedertracht dieser Stadtjungfer, die den Franzl
schlau eingefädelt hat, und dass sie, die Schiermoserin, auf und davon gehe, denn
die Schand könne sie nicht verwinden ihr Lebtag!
    »Was für a Schand?« fragen ihre Töchter gleichzeitig.
    Diese Frage steigert den Zorn und Schmerz ihrer Mutter noch um vieles.
    »Was für a Schand?! - Fragen tät i aa no! - Is dees koa Schand, bal oan der
Bua so a Weibsbild ins Haus einabringt?«
    Aber ihre Töchter finden gar nicht, dass die Schande so gross sei, ja, die
Barbara meint sogar, sie würde ganz gern einen Stadterrn heiraten, wenn einer
käm'. Dies dreckige Bauernleben mit seiner ewigen schweren Arbeit wär' ihr schon
lange zuwider!
    Und die Mariedl gähnt und schlüpft wieder ins Bett, indem sie brummt:
»Z'weg'n dem hätt'st ins net extra aus'n Schlaf reiss'n braucha! Lass s' halt
heirat'n, dee zwoa, bals anand gern hab'n. I heirat aa amal grad den, wo i mag.«
    Und damit dreht sie sich gegen die Wand, gähnt noch einmal und schläft
wieder weiter.
    Die Barbara sucht noch die Mutter zu beruhigen. »Jetz geh nur ins Bett,
Muatta«, meint sie. »No san s' net verheirat'. Wer woass's, ob er's überhaupts
ernst moant damit. Und wenn, nachher is 's aa net weit g'feit. Sie is a
riegelsam's Leut', dees wo guat einapasst zu ins, und mir ham 's gern. Liaber wia
jede andere ...« ...«
    Der Schiermoserin steht der Verstand fast still.
    Also alle sind sie zusammengeschworen!
    Alle halten sie zu dieser Stadtbrut!
    Aber sie weiss schon, was sie tut!
    Sie wird ihnen schon zeigen, wie sie über die Sache denkt. Und sie geht
hinüber in die Schlafkammer ihrer Mutter.
    Da sitzen denn die beiden Frauen die halbe Nacht beisammen und beraten
gleich Feldherren vor einer Schlacht.
    Und am andern Morgen erscheint ein Maurer, richtet ein kleines
Austragshäuschen, das seit Jahren neben dem Schiermoserhof steht, wieder
zusammen und weisselt es sauber herunter.
    Denn die Schiermoserin und ihre Mutter wollen keine Gemeinschaft mehr mit
den Ihren.
    Sie verlassen das Haus.
 
                                       13
Der Friede ist also aus dem Schiermoserhof gewichen. Oder vielmehr: der
Unfriede.
    Die Bäuerin und die Alte sind mit Sack und Pack aus dem Hof und ins
Austraghäusl gezogen.
    Denn die Schiermoserin hat den Schwur getan: lieber liesse sie sich scheiden,
als dass sie mit dem Weibsbild auch nur eine Stunde die Herrschaft teilen würde.
    Nun ist es zwar noch lange nicht so weit zwischen Franz und Rosalie.
    Wenn auch der Tag, an dem die Rechtsratstochter als Schiermoserin hantierte,
bestimmend für die Wünsche und Pläne beider wurde, so hat doch Franz bis heute
noch nicht das erlösende Wort gesprochen. Und Rosalie kann trotz aller
Liebesbeweise nicht recht froh werden.
    Je mehr sie über die Dinge nachdenkt, desto stärker drängt sich ihr die
Erkenntnis auf, dass Franz sie doch eigentlich niemals heiraten könne.
    Denn wenn auch der Bauer und seine Töchter ihr wohlgeneigt sind, so
empfindet sie doch im Innern eine gewisse Wesensfremdheit zwischen sich und
ihnen.
    Der offene Hass aber, mit dem die Schiermoserin und ihre Mutter sie nun Tag
für Tag verfolgen, und der Umstand, dass sie die Ursache des Zerwürfnisses der
Familie ist, machen sie ganz traurig und bekümmert.
    Wenn auch der Bauer augenblicklich über sein Weib noch lacht und das Ganze
als eine verrückte Laune betrachtet, so kann doch jede Stunde auch bei ihm die
Erkenntnis kommen, dass ein Stadtmädel keine Frau für den Sohn eines
Schiermoserbauern ist.
    Und ist erst der Alte soweit, so würden wohl die Töchter nur zu bald aus
derselben Trompete blasen wie er und die Bäuerin.
    Und sie bedenkt, dass sie unter solchen Umständen trotz ihrer Zuneigung für
den lieben Burschen wohl nie ganz glücklich werden könne.
    Ob dann ein richtiges Heimatsgefühl in ihr aufkommen würde?
    Ganz gewiss nicht.
    Und so beschliesst sie in ihrem Innern, den Ratschlägen der Tante Adele nicht
zu folgen, sondern auf ihre Mutter zu hören und dem Antrag ein entschiedenes
Nein entgegenzusetzen, wenn's auch weh tut.
    Daher lässt sie der Schiermoserin etwa eine Woche nach dem Zerwürfnis durch
eine Magd sagen, die Bäuerin möge nur wieder zu den Ihren kommen, sie und ihre
Mutter verliessen in vier Tagen das Haus.
    Sie kocht auch nicht mehr, sondern überlässt den Haushalt den Töchtern, die
freilich wenig Freude darüber empfinden und lieber draussen bei der
Dreschmaschine werken, lachen und scherzen möchten.
    Tante Adele ist über diesen plötzlichen Entschluss ihrer Nichte ganz
trostlos.
    Für sie gab es keinen anderen Gedanken mehr, als dass die beiden
Menschenkinder bald ein glückliches Paar würden und dass sie mit ihnen dann eine
Heimat hätte, in der sie sich wohl fühlt.
    Anders die Rätin.
    Die beeilt sich sogleich, unter Tränen der Erlösung und Freude ihre Sachen
zu packen und sich auf die Abreise zu rüsten.
    Denn sie litt jeden Tag noch mehr unter der Befürchtung, ihr Kind an diese
Leute verlieren zu müssen.
    Ja, sie hatte sich im Laufe der Zeit in einen richtigen Groll gegen Rosalie
und die Schwägerin hineingewühlt, hatte sich ganz abgeschlossen von ihnen und
blieb nur noch, weil die Befürchtung, ihre Tochter möchte in ihrer Abwesenheit
sofort dem Burschen ihr Jawort geben, sie nicht abreisen liess.
    Obgleich Tante Adele bei jedem Wortgefecht, bei jeder Gelegenheit sagte: »Du
kannst ja gehen, wenn du nicht gern hier bist, Schwägerin! Ich und Rosel werden
aber bleiben. Wir fühlen uns recht wohl hier.«
    Und nun muss sie selbst abreisen, diese schreckliche Adele! Die Rätin vergisst
vor Freude einen Augenblick, wie unlieb ihr die Schwägerin gerade in den letzten
Wochen wurde, als sie so offen für Rosalie warb, beim Bauern - bei den Töchtern
- bei Franz.
    Und nun kommt doch alles anders - so wie sie selbst es wünscht! Nun wird
doch der Assessor ihr Schwiegersohn werden!
    Sie denkt gar nicht mehr an die Beschwerden des Packens und schafft und
werkt den ganzen Tag, so dass sich endlich am Abend Koffer und Körbe in ihrer
Stube türmen.
    Und da sie sich am Ende todmüde aufs Bett legt, vergisst sie ganz, wie sonst
zu husten und zu klagen über das ungesunde Klima dieser Gegend, sondern sie
schläft mit einem zufriedenen Lächeln ein und träumt von einer goldenen Zukunft
im Hause ihres vornehmen Schwiegersohnes.
 
                                       14
Tante Adele hat ihren Morgenspaziergang gemacht und ist dabei auch an das Land
gekommen, auf dem der Schiermoser Frühkartoffeln ausackert.
    In den tiefen Furchen, die der Pflug schneidet, raufen sich Stare und Raben
um die Engerlinge und Würmer.
    Langsam lenkt der Schiermoser den Ochsen, und sein Wühst und Hott hallt
weitin über die Flur.
    Fräulein Adele steht betrachtend am oberen Rande des Ackers und wartet, bis
der Bauer in ihre Nähe kommt. Dann beginnt die folgende Unterhaltung:
    »Jetzt wirst es bald haben, Schiermoser?«
    »Ja, jetz wer i 's bald habn«, erwidert der Bauer.
    »Zwoa Biefel hast no, gell?«
    »Ja, zwoa hans no.«
    »Hast a no alleweil hübsch viel Arbeit in deine alten Tag,
    gell?«
    »No ja. Freili wohl.«
    »Werst froh sein, balst amal ausrasten kannst.«
    »Ja. Scho. Aber da is noch weit hin, wähn i.«
    »Mei, wenn amal der Franz heirat'...«
    »Wenn er amal ...«
    »Dass 's net sein kunnt, Schiermoser! Mittendrin amal!«
    Der Bauer lacht schier mitleidig.
    »Da siecht ma 's wieder!« sagt er. »A so reden halt d' Stadtleut. Weil die
koan Begriff net ham, wia dass ma bei uns herausst heirat.«
    Fräulein Adele ist verwundert.
    »Wia werd nachher bei enk herausst gheirat't? Da wirds halt aa a so gehn,
dass'n Buam oane gfallt, und dass er sagt: Die möcht i!«
    »Naa, ganz gwiss net!« erwidert ihr der Schiermoser. »Denn so an Lackl
gfallet gar oft oane, die mir gar nia gfalln kunnt als Schwieger.«
    »Aha!« sagt Adele. »Dees versteh i scho. Wenn er aber jetzt oane bracht, die
dir selber recht guat gfalln tat ... sagn mir amal ... oane wia zum Beispiel ...
unser Roserl?...«
    Den Schiermoser reisst es schier herum.
    Aber ein Bauer lässt sich nicht gern in die Karten schauen.
    Besonders nicht, wenn es so heikle Dinge betrifft, wie das, was die
Stadtmadam da eben fragt!
    »Mei, dees konn ma net so für gwiss sagn«, meint er, »ob er grad a solcherne
bringt oder a anderne ... He! Teife, bollischer! Gehst net umme da, auf dein
Platz, wost hinghörst!... Dees hat no Zeit, moan i! Jetzt soll er zerscht amal
arbatn, der Bua! - Hüa, Alter! Wühst eina, sag i! Wühst!«
    Und während er eine neue Furche umackert, sagt er halblaut für sich hin:
»Wirst es derwarten kinna. Dees muass er mir scho selber sagn, der Tropf! Sinst
is mir oane vom Strassler oder vom Reisertaler aa net unrecht. Wenn i mi jetzt
glei dro gwohnt hab an dees Luadermadl!«...
    Tante Adele aber ist nicht unzufrieden mit sich selber. Wenigstens hat sie
so viel erfahren, dass keine andere als Schiermoserin vorbestimmt ist.
    Und dass ihm Rosalie nicht gerade zuwider ist, dem Bauern - dieses zu wissen
ist ihr genug!
 
                                       15
Franz Schiermoser weiss sich weder zu raten noch zu helfen.
    Die Liebe zu Rosalie plagt ihn Tag und Nacht und macht den Wunsch nach ihrem
Besitz in ihm immer grösser.
    Anderseits aber ist ihm das Leben im Haus unter den obwaltenden Umständen
schier unerträglich.
    Dass die Mutter Rosalie als Schiermoserin nicht gelten lässt, findet er ja
noch verständlich, dass sie in ihrem Hass aber so weit ging, das Haus zu verlassen
und so die Augen der ganzen Nachbarschaft auf sich zu richten - dass sie den Hof
durch ihr Tun ins Gerede der Leute brachte, das empört ihn und macht ihn bitter.
    Und er kämpft einen harten Kampf mit sich selber, ob er gegen Rosalie nicht
doch lieber die Reisertalertochter eintauschen soll.
    Aber je länger er darüber nachdenkt, desto unmöglicher erscheint ihm ein
Leben ohne das muntere, tüchtige Stadtmaidl, und schliesslich fasst er den
Entschluss, mit dem Vater ein ernstes Wort zu reden.
    Und so sucht er ihn gerade an dem Morgen, da Rosalie der Schiermoserin sagen
lässt, dass sie den Hof verlasse, in der Scheune auf und beginnt: »Vata, i hätt'
epps z' red'n mit dir!«
    Der Alte putzt eben die Maschine nach dem Dreschen und erwidert, ohne seinen
Sohn anzusehen: »Muasst es halt sag'n!«
    Franz stellt sich ganz nahe zu ihm: »Heirat'n möcht i.«
    Der Schiermoser lässt auch jetzt noch keinen Blick von seiner Arbeit.
    »Heiratn möchtst? - Jetz schaugt mir oana den Tropf an! - Heiratn möcht er!«
    Er zieht mit grosser Aufmerksamkeit eine Schraube der Maschine an.
    »Vo mir aus kannst scho heiratn«, meint er dann; »i red dir da net viel
ein.« Und mit einem Lächeln fügt er hinzu: »I hab 's, Herrvergeltsgott, hinter
mir. I brauch mir die Arbat nimmer aufz'toa.«
    Franz untersucht nun gleichfalls verschiedene Teile der Maschine. »Amal muass
's ja do sein«, meint er dabei; »du wirst aa net in alle Ewigkeit rackern und
schinaggln wolln!« Der Schiermoser greift nach der Ölkanne.
    »No ja. Bis jetz ham mir 's no alleweil dermacha könna. Und a Zeitlang kunnt
i 's aa no weiter dermacha. Aber balst lieber du werklst ...« Er ölt etliche
Maschinenteile.
    Franz wird's schwer, dem Alten seine Entschlüsse mitzuteilen. Er sucht nach
geeigneten Worten. Dass der Vater die Sache gar so leicht nimmt! Gewiss ist ihm
nicht ernst damit! Besonders, wenn er hören wird, welche die Seine wird!
    Und er bringt vorsichtig die Rede auf Rosalie.
    »I will di net ausseschiabn aus 'm Hof, Vata«, meint er. »I bin froh, dass d'
no da bist. Aber i moan, wenn halt a sauberne Bäuerin mitwerkln tat ... oane wie
d' Roserl ... a so a richtigs, rieglsams Weibsbild ... verstehst ...«
    Ja, ja! Der Schiermoser versteht ihn gut, seinen Sohn! Aber er hat seinen
Spass an der Bedrängnis des Buben. Darum schweigt er ganz still und lässt ihn
weiterzappeln.
    »Woasst, Vata, i moan halt, es waar besser, bal a junge Hand da herin regiern
tät. Aber dee Weibsbilder da umanand mögen ja allsamm nix mehr toa! Die möcht'n
si ja grad in Geldhaufa einesetz'n und zuaschaugn, wie d' Deanstbot'n arbat'n! -
Woasst, da waar halt oane wia d' Roserl do scho besser! Die mag do arbat'n! Die
hat do a Freid am Sach ...«
    »Und an dir aa, wähn i!« fährts dem Schiermoser heraus. Und da er schon
einmal angefangen hat zu reden, so fügt er auch gleich noch hinzu: »No ja - i
hab nix dawider, wannst es amal net a so machst wia die andern. I gar net. Aber
sie - d' Muatta!...« - Franzl schiebt nachdenklich den Hut tief ins Gesicht und
kratzt sich hinterm Ohr.
    »Ja ja ... d' Muatta ... i woass 's scho ... «
    »Dass die net nachgibt, dees kannst dir denka!«
    »Ja no ... bals siecht, dass 's do nix hilft ...«
    »Naa, dees tuat 's net. Nachgeb'n tuat die gar nia net. Dera ihren
Dickschädl kenn i.«
    »Aber du kunntst do mit ihr drüber redn!«
    »I? Mit deiner Muatta? - Naa, mei Liaba. Dei Muatta kenn i besser. Und die
Alt aa. Und solang die Alt schürt, werd dei Muatta net kalt. Und solang die hoass
auf d' Stadtleut is, kannst nix macha. Dessell sag i.«
    Franz geht unruhig in der Scheune auf und ab.
    »Und i kann ihr amal net helfa: i muass d' Roserl heiratn. I mag koa
anderne.« - Der Alte schmunzelt.
    »I hab's a so gwisst. Du müsstest net a Junga von der Altn sei. Da is oans so
bockstarri und eignsinni wia dees ander. - Aber wia i sag: Heirat's nur, dei
Rosel. I red' dir nix ei. Bloss mit ihrana Verwandtschaft lass mir mein Fried. Mit
dene überspannten Weibsbilder überanand. Denn die machn bloss Unfriedn eina ins
Haus ...«
    »Und hängen an der Schüssel dro«, ergänzt Franz zustimmend; »na, na. Dees
Kreiz tät i mir net auf. Aber dass d' Muatta gar so bockboanig is, dees is mir
scho recht zwider. Zwegn dee Leut scho. Weil sich a jeds gähend s' Mäu zreissn
wird über ins.«
    Aber der Schiermoser macht eine wegwerfende Handbewegung.
    »Ah, was! D' Leit muass ma redn lassen und d' Hund kehlzen, hoasst's. Bal sie
sich gnug gredt habn, nachher werdn's scho wieder aufhörn. Und die Alt soll
bocka, so lang, bis's Hörndl kriagt. D' Hauptsach is, dass si bei dir nixn feit.«
    Franz lacht.
    »Naa, Vater. Da feit si nixn bei mir! Dass d' Roserl net naa sagt, dessell
woass i - und dass mir zwoa gut mitanand auskemman, dessell woass i aa.«
    »Und sie - d' Rechtsrätin? - Moanst, dass die aa net naa sagt?« - Franz macht
eine wegwerfende Handbewegung.
    »Die sagt mir guat naa! Auf die passt ja do neamd auf! D' Rosel net und die
alt Frailn net, und i erscht recht net. Die braucht ja net aussa z' geh' zu ins
Bauern, bal mir ihr net gefalln! Die kann ja zu ihrane andern Töchter geh'. Mir
jammern ihr net nach!« Plötzlich fällt ihm aber ein, dass ja Rosalie schon einen
Hochzeiter hat, drinnen in der Stadt. Doch diese Erkenntnis betrübt ihn nicht
weiter.
    »Mit dem andern Stadtfrackn da drin z' Münka werdn mir scho firti werdn«,
sagt er zuversichtlich; »er muass ganz oafach verzichten, bal i da bin.«
    Der alte Schiermoser nickt.
    »Werd z'erscht koa gscheiter net sei; sinst tat 's Madl besser nache
darnach«, meint er; »mir woass 's ja. Anorts wo a Angstellter halt oder a Beamter
oder so epps. Mit dem werst leicht firti. Und mit der Alten aa. Die derf froh
sein, dass mir ihra Tochta herlassen auf insan Hof.«
    »Dees glaab i aa. Und sie derf ja grad geh', bals ihr net passt ...« - Der
Schiermoser nickt.
    »Jawoi. Aber redn muasst doch mit ihr; zwegn an Heiratgut und zwegn an
Kucheiwagn. A wengl a Sach und a Geld soll's einabringa, moan i. Ganz umasinst
bist mir nachher do scho net feil! Du net und mei Hof net!«
    Der Junge sagt es zu: »Freili red i damit, Vatta«, erwidert er; »herschenka
tua i auf koan Fall epps. Bals a net viel is, was 's kriegt; a bissl was is 's
doch. - Und zwegn die Leut is 's aa besser, bals epps hat. Dees hoasst: Auf d'
Leut pass i net auf. Aber redn tua i do mit der Alten. Oder mit der Frailn. Die
versteht mi besser.«
    Damit rückt er auch schon sein Hütl zurecht und geht hinüber ins Wohnhaus,
um Rosel oder ihre Mutter zu treffen; denn er möchte auch das eigene Eisen
schmieden, solange es warm ist.
 
                                       16
Tante Adele sitzt unterdessen schier verzweifelt in der Wohnstube und schreibt
die Adressen für das Gepäck; denn nun soll es wirklich Ernst werden mit der
Abreise. Rosalie selber wünscht es.
    Die alte Dame grübelt vergebens darüber nach, wie denn dies möglich sein
kann; die beiden Kinder, Franz und die Rosel, waren doch stets voller Lust und
Liebe gewesen, und man konnte sich wirklich mit dem Gedanken vertraut machen,
dass es bald zu einem Verspruch käme!
    Was ist nur in das Mädel gefahren?
    Riegelt sich das dumme Kind in ihr Zimmer ein, lässt die ganze Wirtschaft
drunten stehen und liegen und überrascht einen mit der Mitteilung: »Morgen abend
reisen wir!«
    Natürlich ist das Wasser auf die Mühle der Frau Mama! Nun glaubt sie wohl,
ihre Pläne durchführen zu können! Aber weit gefehlt!
    Klarheit soll sein um sie!
    Sie will sofort wissen, was los ist.
    Gleich, auf der Stelle.
    Sie geht eilends an die Kammertür ihrer Nichte: »Roserl! - Roserl!«
    Die erstickte Stimme des Mädchens erwidert leise: »Tante?«
    »Ich möcht' was reden mit dir, Roserl.«
    »Ich kann jetzt nichts reden, Tante. Vielleicht später.«
    Man hört leises Weinen durch die Tür.
    Die Tante ist voller Zorn und Mitleid - voller Neugier und Entschlossenheit.
    »Roserl, ich muss dich bitten, dass du mir gleich aufmachst!« Sie wartet eine
kleine Weile.
    Drinnen wird das Weinen mühsam unterdrückt.
    Über die Stiege herauf aber kommt Franz.
    Die Tante winkt ihm Schweigen zu und bedeutet ihm, er möge zu ihr treten.
Dann wiederholt sie abermals: »Roserl, bitte, mach mir sofort auf, wenn du nicht
willst, dass ich dir ernstlich bös werd' und nicht mehr nach München mitgehe!«
Das hilft.
    Langsam wird der Schlüssel umgedreht, und Tante Adele öffnet die Tür ein
wenig.
    Rosel steht am Waschtisch und ist bemüht, die Spuren der Tränen vom Gesicht
zu entfernen.
    Da zieht die Dame ganz unbemerkt Franz hinter sich ins Zimmer und schliesst
die Tür ab.
    Durch das Geräusch des Schlüsselumdrehens aber wird Rosalie erst aufmerksam
und schaut sich fragend um - und sieht sich Franz gegenüber, den sie doch nimmer
treffen wollte und nimmer sehen!
    Und der Bursch steht da und tut, als könnt' er nicht bis fünf zählen. Ganz
voller Verlegenheit ist er, und seine Augen hängen an ihr wie an einem
Heiligenbild!
    Und die Tante lächelt ihr feines Lächeln und sagt dann: »Soo. Also beisammen
hätt' ich euch nun. Und jetzt will ich wissen, was es gegeben hat, dass mir das
Mädl nicht mehr hierbleiben will! Weisst du es, Franz?«
    Sie wendet sich absichtlich zuerst an den Burschen; denn sie vermutet, von
ihm die Wahrheit zu hören, da sich so ein ungeschniegelter und etwas
schwerfälliger Bauer doch sicher nicht so rasch herauswinden und -reden kann wie
zum Beispiel ihre Nichte, die Rosel! - Aber was sie da erfährt, ist dergestalt,
dass sie sich setzen muss!
    Denn Franz sagt ihr ganz kurz und bündig: »Geben hats gar nix, Frailein.
Aber geben tuats bald was. Und zwar a Hochzeit. I heirat d' Roserl, bals Eahna
net unrecht is. Der Vater is net dawider, sagt er. Und d' Muatta muass si halt
damit abfinden. Und d' Roserl wird aa net naa sag'n, denk i. Was moanst,
Roserl?«
    Rosalie ist bleich geworden und wieder brennrot.
    Also da ist sie schon, die Frage! Ganz klipp und klar.
    Und ebenso klar wird ihre Antwort sein: Nein, Franz!
    Sie würgt an dem Wort. Aber es will nicht über ihre Lippen!
    Da steht der Bub und sucht nach ihrer Hand - zieht sie ganz nahe an sich,
schlingt seinen Arm um ihre Hüften und fragt ganz leise mit zärtlicher Stimme:
»Was sagst, Roserl? Magst mei liebe Schiermoserin werd'n? - Magst mi als dein
Buam? - Geh, sag halt a Wörtl!«
    Wie soll da ein Nein herauskommen!
    Rosalie spürt, wie sie ein Zittern befällt, wie alle ihre Vorsätze gleich
einem Kartenhaus zusammenfallen, und sie kann's nicht ändern: ihre Augen, ihr
Mund, ihre Hände - sie sagen ja!
    »Ja, Franzl. In Gottsnam. Recht is 's ja net. Aber i kann net anders. Bei
dir is mei Hoamatl. Bei dir ganz alloa.«
    Tante Adele sitzt still und mit weitgeöffneten Augen auf ihrem Stuhl.
    Das Glück hat sie sich nicht geträumt, heute! - Aber - Gott sei Dank - die
Hauptsach' is, dass sie sich gefunden haben, die beiden! Sie faltet unwillkürlich
die Hände und murmelt einen Segenswunsch.
    Und sie erhebt sich zufrieden und schliesst die Tür auf, um hinüberzugehen zu
ihrer Schwägerin und ihr die Verlobung ihrer Tochter mitzuteilen.
    »So schonend als möglich!« meint sie lächelnd. »Denn wenn deine Mutter ihren
Assessor so sang-und klanglos in die Versenkung fahren sieht, wird sie wohl die
Kränke kriegen.«
    Sie nickt Franz freundlich zu, indem sie seine Hände schüttelt, küsst Rosalie
mit mütterlicher Zärtlichkeit auf die Wangen und geht.
    Und Franz nimmt Rosel bei der Hand und geht mit ihr zum Vater, um ihm das
liebe Bräutl vorzustellen und sein: »G'segn dirs Gott« zu hören.
    Tante Adele öffnet nicht ohne Herzklopfen die Tür zum Zimmer der Schwägerin.
Ein wenig erfasst sie noch die Angst, da sie sich die Szene ausmalt, die wohl
folgen wird, wenn die Rätin von der Verlobung ihrer Rosalie hört. Daher geht sie
ziemlich gedrückt und zögernd gleich einem Kinde, das einen schlimmen Streich
gemacht hat und sich nun seine Strafe dafür holen soll.
    Ganz lautlos schliesst sie die Tür hinter sich und wirft einen unsicheren
Blick durch die Stube.
    Aber sogleich verfliegt ihre Beklemmung, denn die Rätin sitzt friedlich
schlafend inmitten ihrer Körbe und Pakete, ihrer Koffer und Sofakissen. Und sie
gewährt einen so erheiternden Anblick, dass Adele unwillkürlich ein leises Lachen
ankommt.
    Zugleich aber empfindet sie eine kleine Schadenfreude darüber, dass die
Schwägerin, die gerade in den letzten Tagen der Hochmut und Dünkel selber war,
nunmehr so hübsch von ihrem Tronsessel herabgesetzt und auf den Boden rauher
Wirklichkeit gestellt werden soll.
    Und aus dieser Freude heraus kann sie die alte Dame nicht mehr schlafen
lassen, sie muss etwas tun, um sie aus ihrem Schlummer zu schrecken.
    Daher stösst sie schmunzelnd in scheinbarer Unachtsamkeit einen niederen
Hocker um, auf dem allerhand Fläschchen und Gläser stehen, und wartet auf die
Wirkung.
    Diese ist dem Einschlag des Blitzes gleich: die Rätin fährt mit einem lauten
Schrei in die Höhe, ist einen Augenblick wie betäubt und wimmert dann wie ein
erschrecktes Kind: »Was war das? Was ist passiert? Hilf mir doch, Adele! Was ist
mit mir geschehen?«
    Erst allmählich, da sie das spitzbübische Lächeln der Schwägerin bemerkt,
weicht der Schreck, und sie wirft einen suchenden Blick in der Stube umher.
    Da, ein neuerlicher Aufschrei.
    »Adele! Um Himmels willen! Meine Tropfen! Und die Hautcreme! Und das
Kölnische Wasser! Das liegt ja alles auf dem Boden! Um Gott! Und das
Bitterwasser fliesst ja aus! Was hast du bloss gemacht?«
    Sie steht gar nicht erst lange auf, sondern kriecht gleich auf allen vieren,
um alle Fläschchen zu retten und die Scherben aufzulesen.
    Dazu jammert sie laut über das Unheil und redet sich in einen ordentlichen
Zorn auf die Schwägerin hinein.
    Diese hat sich immer noch schmunzelnd auf einen Stuhl gesetzt und denkt:
»Jetzt ist die Stimmung günstig; jetzt lassen wir die Bombe platzen!«
    Und gerade, als die Rätin den verstreuten Puder mit zwei Glasscherben
sorgsam zusammengestreift und wieder in die Büchse fasst, sagt sie: »Ich hab eine
Neuigkeit, Schwägerin!«
    Die aber hört kaum vor Grimm und Ärger. Eben schickt sie sich an, ein paar
Stäubchen aus dem Puder zu blasen.
    Da fährt Adele fort: »Unsere Roserl wird nicht den Assessor heiraten. Sie
hat sich eben hier verlobt ...«
    Weiter kommt sie nicht mit ihrer Neuigkeit, denn die Rätin hat vor Schreck
so stark in den Puder geblasen, dass sie aussieht wie ein Mühlknecht, was Adele
so zum Lachen bringt, dass sie momentan nicht sprechen kann.
    Ihre Schwägerin aber ringt nach Luft: »Waa ... as sagst du da ... Adele
...?«
    »Dass Roserl sich eben hier verlobt hat, liebe Schwägerin!«
    »Das ist doch Unsinn! Rosalie ist doch längst verlobt!«
    »Aha. Jetzt kanns losgehen!« denkt sich Adele nicht ohne Bosheit. Und sehr
laut und bestimmt wiederholt sie noch einmal: »Es ist, wie ich dir sagte;
Rosalie hat sich hier verlobt.«
    Die Rätin rappelt sich vom Boden auf und versucht, eine hoheitsvolle Haltung
einzunehmen.
    »Das glaube ich nicht!« sagt sie. »Davon hätte mich meine Tochter vorher
verständigt!« Adele schmunzelt.
    »Und wenn deine Tochter einmal ausnahmsweise dich nicht verständigt hätte?«
    »Dann würde ich einfach entschieden nein sagen!« braust die alte Dame auf.
»Und wenn's ein Prinz wäre!«
    »Das ist er gar nicht einmal!« fährt's Adele heraus. »Nicht einmal ein
Assessor!« - Die Rätin wird unsicher. »Du willst doch nicht etwa sagen, liebe
Adele, dass meine Rosalie ...« »Sich mit Franz Schiermoser soeben verlobt hat!«
ergänzt diese lachend. »Und zwar ganz ohne alle Zeremonien!«
    Die Wirkung ihrer Worte ist furchtbar.
    Die Rätin stösst einen heiseren Schrei aus, ihre Arme fuchteln wild in der
Luft herum, und dann bricht ein wahrer Sturm der Entrüstung, des Schmerzes und
Zornes los.
    Sie zertrümmert ein Glas ums andere, ein Parfümfläschchen ums andere, rauft
sich das Haar und rennt wie toll geworden in der Stube hin und her.
    »Das ist eine Infamie!« ruft sie aus. »Das ist eine himmelschreiende
Infamie! - Mit diesem Bauern hat sie sich ... Ohne Rücksichten! - Ohne
Grundsätze! - Ohne Stolz und Standesgefühl! - Das ist hanebüchen! - Das ist
einfach unglaublich! - Aber daraus wird mir nichts! Und wenn ich mich auf den
Kopf stellen sollte ...«
    »Was du aber gescheiter bleiben lässt!« meint Tante Adele nicht ohne Spott.
»Denn es würde erstlich deiner Frisur schaden und zweitens sich doch gar nicht
schicken ... für eine Dame von Stand ...«
    Sie muss sich ducken, denn eine Blumenvase kommt geflogen.
    Und die Rätin tobt wie eine gereizte Tigerin.
    Aber mittendrin schaut sie in den Spiegel und besieht sich. Und der Anblick
ihres mehlbestäubten, halb aufgelösten Ichs bringt ihr plötzlich wieder ihre
gute Erziehung in Erinnerung.
    Sie entfernt hastig den Puder vom Gesicht, ordnet das wirre Haar, bürstet
das Kleid ab und sagt dann mit teatralischer Geste: »Ich reise sofort ab. Ich
sage mich los von euch. Und ich werde das ungeratene Ding schon strafen. Ich
enterbe sie.«
    Leider übt auch dies keine Wirkung auf die lächelnde Schwägerin aus. Adele
meint nur, wo nichts ist, hätte auch der Kaiser das Recht verloren zu erben.
    Worauf die Rätin schluchzend das Taschentuch an die Augen führt, den
unglücklichen Assessor beklagt, ihren Reisemantel anzieht, den englischen Hut
mit dem Schleier aufsetzt und sich darnach trotz Gicht und Altersschwäche auf
den Weg zur Bahn macht.
    Tante Adele lässt sie ruhig gehen, lacht leise in sich hinein und murmelt:
»Das wär gscheh'n. Das ist leichter gegangen, als ich gehofft hab. - Jetzt gehts
hinter sie selber - hinter die Schiermoserin.«
 
                                       17
Hinten im Austraghäusl des Schiermoserhofs sitzt die Bäuerin wie eine
Kreuzspinne am Fenster und lauert hinter den geblumten Kattunvorhängen, damit
ihr nichts auskommt, was vorn im Hof geschieht.
    Und so bleibt ihr nicht verborgen, dass ihr Franz Hand in Hand mit dem
Stadtfräulein zur Tenne geht, wo sie ihren Schiermoser an einem Treibriemen
herumhantieren sieht.
    Lachen und Scherzen dringt zu ihr hinüber und hinein in ihre stille Kammer,
darin nur ein paar Herbstfliegen summen und die alte Uhr ihr steifes Ticktack
hackt.
    Sie ist zusehends alt geworden, die gute Schiermoserin.
    Die Trennung von den Ihren, dies tatenlose, hinbrütende Leben taugt ihr
nicht und macht sie ganz krank und serbend.
    Das Brüllen ihrer Kühe, das Blöken der Kälber, das Gackern der Hennen
schneidet ihr tief ins Herz und macht ihr ein Heimweh nach dem Hof und Stall,
nach Kuchel und Speis, nach dem gewohnten Tun und Schaffen, dass sie oft
vermeint, sie müsse aufspringen und hinüberrennen zu ihren Leuten - zu ihrem
Vieh.
    Aber da ist ihr Bauernstolz - ihr Bauernschädel, ihr eigensinniger und
halsstarriger. Und er lässt es nicht zu, dass sie nachgibt.
    »Lieber bis zum letzten Schnaufer und Seufzer hier am Fenster hocken und
Trübsal blasen, als mit der da drüben in einem Haus zusammen leben!« denkt sie.
    Und ihre Mutter bestärkt sie noch täglich und stündlich in ihrem Starrsinn
und Hass. Der alte taube Vater freilich mag nichts wissen von Zank und Streit,
von Hader und Verdruss. Auf ihn hört man aber nicht. Und um des lieben Friedens
willen tut er scheinbar, wie die beiden wollen.
    Im geheimen aber geht er noch oft hinüber in Stall und Tenne, ins Haus und
in die Stadel und bastelt und hantiert wie sonst.
    Und da er taub ist, so trägt er weder seinem Weib und seiner Tochter etwas
zu noch denen vorn im Hof. Für ihn ist die Welt schön und gut, so wie sie gerade
ist, und er begreift nicht, dass die Leut' darin nicht Platz haben.
    Er liebt Mensch und Vieh und kennt auch nicht den Unterschied zwischen Stadt
und Land, denn er kam nie aus seinem Heimatgau hinaus. Alle aber, die ihm
innerhalb desselben in den Weg treten, begrüsst er mit fröhlichem Gruss. Denn er
hört nicht den Gegengruss, klingt der nun kalt oder warm, herzlich oder
abweisend, spöttisch oder teilnehmend. Und so hat er auch für Rosalie jedesmal
ein Scherzwort, ein freundliches Lachen, ein wohlwollendes Kopfnicken. Darnach
macht er sich zufrieden wieder davon. -
    Die Schiermoserin hat derweil von ihrem Fenster aus die Rätin reisefertig
aus dem Haus gehen sehen, und sie sucht vergebens nach einer Lösung dieses
Rätsels.
    Denn etwas Besonderes muss da wohl vorgefallen sein, dass die so mittendrin
davonläuft! Aber was?
    Am Ende ist die Junge bloss zum Pfüatgottsagen mit dem Buben in die Tenne?
    Sie wollten ja doch schon morgen reisen, sagt die Barbara. Vielleicht wird
doch das Haus bald wieder rein von dieser Stadtbrut, von dieser ganz
gefährlichen!
    Da kommt auch das alte Fräulein aus der Haustür.
    Aber ... die geht ja auf das Austraghäusl zu!
    Die wird doch nicht gar zu ihr wollen?
    Die Schiermoserin rückt unruhig auf ihrem Sessel hin und her und reckt sich
schier den Hals aus vor lauter Schauen. Wahrhaftig! Die kommt pfeilgerade ins
Haus herein!
    Was sie wohl will von ihr?
    Die Stimme gehorcht ihr kaum, da sie auf das Klopfen eine Antwort geben
will. Aber sie strafft sich unwillkürlich zur Höhe und sitzt kerzengerade, als
die Tür langsam und knarrend aufgeht und Tante Adele mit einem lebhaften: »Ja,
grüass di Good, Schiermoserin!« in die Kammer tritt.
    Rauh erwidert sie bloss ein kurzes: »'ss Good aa.«
    Dann wartet sie mit krampfhaft zurückgedämmter Neugier auf das, was kommt.
    Und Tante Adele lässt sich nicht lange bitten, die redet frei von selber und
sagt, was sie auf der Leber hat.
    Und da sie die Gesinnung der Schiermoserin kennt, so beschränkt sie sich
dabei auf das Notwendigste.
    »Also, Schiermoserin«, sagt sie, »dass i dir's z'wissen mach: Unser Roserl
und euer Franzl hab'n in sechs Wochen Hochzeit. - Sie kriegt sechzehntausend
Mark bar's Geld und ihre Aussteuer. Ausserdem lass i ihr an sauber'n Kuchelwag'n
zuaricht'n. Balst gern z'sammhaus'st mit ihr, is's uns recht - wenn net, nachher
machts aa nix. Nachher wirds alloa aa firti drent. Soo, und jetz hab i no unser
Schuldigkeit für d' Sommerfrisch' zu bereinigen, und nachher geh' i wieder.«
    Damit legt sie ein paar Banknoten auf den Tisch, lässt die Schiermoserin in
einer sprachlosen Betäubung und Wut zurück und geht langsam die Stiege hinab und
hinüber zum Bauern in die Tenne, um auch ihm zu sagen, dass Rosalie nicht das
arme Maidl wär', für das man sie etwa halte.
    Und am Abend dieses Tages, nachdem sie noch alles für
    die Abreise zurechtgemacht hat, legt sie sich zufrieden in ihre Kissen
zurück und murmelt: »Soo. Das Nest hätt'n wir gerichtet. Hoffentlich sitzen sie
gut, die zwei!«
 
                                       18
Der Tag, an dem sich dies alles zugetragen hat, ist der Freitag vor Kirchweih.
    Kirchweih! Bauernkirta!
    Schon am Kirchweihsamstag beginnen die Vorbereitungen zu diesem Fest, dem
üppigsten und grössten des ganzen Jahres.
    Und so ist auch auf dem Schiermoserhof am andern Tag Rüsttag für die
Kirchweih.
    Und wenn es die Schiermoserin bis dahin nicht bedauert hätte, dass sie Haus
und Hof verlassen, an diesem Tag hält sie's kaum aus an ihrem Fensterplatz.
    Schon früh um vier Uhr schlurft die Barbara in den Hühnerstall und hinüber
zu den Gänsen.
    Ein kurzes, aufgeregtes Geschrei und Gegacker - dann kommt die Tochter
wieder zum Vorschein. In der einen Hand zwei Hühner mit durchschnittenen Hälsen,
in der andern eine schwere Gans.
    Und dann tritt der Schiermoser aus dem Haus, gefolgt von seinem Sohn, dem
Franz, und Rosalie, deren werktätige Hilfe sich der Bauer für das Fest erbeten
hatte.
    Die Tenne wird geöffnet, ein grosser Tisch, der Backtrog voll heissen Wassers
und eine Schüssel voll Pech stehen bereit. - Der Schiermoser zieht die
quieksende, schreiende Kirchweihsau aus dem Stall.
    Die Schiermoserin zerrt und reisst an ihrem Schürzenband - an dem Vorhang -
an ihrem Rosenkranz.
    »Was? Dees Weibsbild derf statt meiner mitelfa beim Abstecha? Sie derf 's
Bluat rührn vom Schiermoser seiner Kirtasau? Naa, i halts nimma aus ... i muass
abe ...«
    Schon ist sie an der Tür.
    Aber da dringt schon der kurze Schrei des Tieres, der dumpfe Schlag des
Holzschlegels und das Rufen des Schiermosers an ihr Ohr.
    Und die Alte kommt eben in dem Augenblick die Stiege herab und sagt: »Hast
es gsehgn, Rosina! Sie muass mitelfa! Dees kinnan guate Kirtawürscht werdn, bals
dee Stadtgoass macht. Macht nix. Die sollns nur einkenna, was a rechte Bäuerin is
und was koane.«
    Jawohl. Recht hat sie, die Grossmutter. Die sollen's nur einsehen! Jetzt,
heut und morgen wird sich's ja zeigen, was sie taugt auf einem Bauernhof, die
Städterin.
    Und sie setzt sich mit wildklopfendem Herzen wieder an ihren Platz.
    Aber drüben auf dem Hof geht alles seinen Gang.
    Das Schwein wird geschlachtet, gebrüht, geputzt und zerteilt; es hängt,
schön mit leinenen Tüchern bedeckt gegen die Fliegen, luftig in der Tenne, und
die Mägde sind schon beim Putzen und Zurichten der Ingeweide.
    Und nach diesem werden die Leberwürste und die Leberknödel, der Blutpressack
und die Milzwurst bereitet, und schliesslich geht's an das grosse Putzen und
Aufwaschen.
    Denn nun heisst's, die Kirtanudeln und Krapfen backen, und dazu muss die
Kuchel rein und sauber sein.
    Den Nudelteig hat inzwischen schon des Schiermosers zweite Tochter, die
Mariedl, abgeschlagen und als kleine Kräpflein auf die mehlbestäubten Bretter
gereiht.
    Nun schürt sie das Feuer zur lustigen Flamme, die Barbara schleppt die
grossen Nudelpfannen und Schmalzhäfen herbei, und Rosalie stellt die bemalten
Schüsseln, in denen die Krapfen auf den Tisch kommen, zurecht.
    Es geht wirklich und wahrhaftig, ohne dass eins aus dem Haus herüberkäme zu
ihr, der Schiermoserin, und bittet: »Geh, Bäuerin, hilf uns; Kirta is!«
    Sie werden wirklich fertig ohne Bäuerin.
    Ein unendlicher Grimm und eine trostlose Bitterkeit kriecht in der
Schiermoserin herauf. Es würgt in ihrem Hals und schüttelt sie in hartem Weinen.
    Und drüben im Hof geht der Tag seinen Gang in hurtigem Schaffen, gewürzt mit
Lachen und Scherzen, mit Essen und Trinken.
    Denn Franz hat bereits das erste Fass mit Kirtabier im Hausflöz auf die Bank
gestellt und angezapft.
    Und nachmittags um drei, da ringsum die Kirchenglocken das Fest einläuten,
da tönt aus dem Haus der erste Juchschrei, die Ziter erklingt, und ein lustiges
Singen und Jodeln hebt an.
    Und dann hört man das Stampfen der tanzenden Burschen und das Lachen der
Dirnen.
    Gegen Abend kommen dann die jüngeren Leute aus der Nachbarschaft in den
Heimgarten.
    Der Schiermoser trägt die beiden Hälften der Kirchweihsau in die Kuchel, und
Franz richtet in der Tenne die grosse »Kettenhutsche« her.
    Dazu schleppen die Nachbarburschen eine Menge schwerer Kuhglocken herbei.
Diese werden schaukelartig an den mächtigen Querbalken der Tenne befestigt; die
eine beim vorderen Tor und die andere beim rückwärtigen. Und diese beiden
Kettenschaukeln werden nun verbunden durch zwei aufeinandergelegte, leichtlich
sieben bis acht Meter lange Bretterladen aus gutem Eichenholz.
    Das Aufmachen der Kirchweihhutsche ist eine Ehrensache bei den
Bauernburschen; denn da oft bis zu fünfzehn Personen auf dieser sitzen und
schaukeln, muss sie sehr gewissenhaft gekettet und befestigt sein.
    Nach dem feierlichen Abendessen wird dann die Hutsche ausprobiert von
sämtlichen Burschen und Mädchen des Hofs.
    Und so kommt es, dass die Schiermoserin und ihre Mutter noch spät abends das
Rasseln der Ketten und das Knarren der Bretter, das Scherzen der Burschen und
das Kreischen der Maidln hören müssen und keine Ruhe finden und keinen Schlaf
bis tief in die Nacht.
Kirchweihsonntag.
    Der dämmernde Morgen wird begrüsst von dem festlichen Geläute der Glocken
ringsum; es rufen die alten, tiefen der grossen Pfarrkirchen ernst und feierlich,
und es klingen die kleinen Glöcklein der Kapellen hell und silbern hinaus in die
Täler und hinauf an den Hügeln, schwingen und singen droben auf den Höhen und
erfüllen die Luft mit ihrem vom Windhauch getragenen Ton wie ein Lied vom
Himmel.
    Droben auf den Bergen ringsum stehen die Böller und schicken krachend und
donnernd ihren Ruf hinaus ins Gau: »Auf! Kirchweih ist!«
    Und ihr Krachen bricht sich an den Wäldern und Höhen, wird zum rollenden
Donner und erzittert endlich als vielstimmiges Echo an den Fenstern der
Bauernhöfe ringsumher. Da wirds lebendig in den Häusern.
    Der Bauer bindet das buntseidene Halstüchl sorgfältiger, zieht das samtene
Gilet mit den silbernen Knöpfen an und bürstet lange an dem schweren wattierten
Kirchenrock herum.
    Die Bäuerin prangt im seidenen Gewand mit perlenbesetztem Fürtuch; sie hat
das Haar gestrählt und pomadisiert und trägt eine feierlich-andächtige Miene zur
Schau.
    Der alte Grossvater nimmt den langen tuchernen Festtagsrock aus dem Kasten,
zieht die glänzenden Kanonenstiefel über die engen Lederhosen und zählt die
Kreuzer zum Biergeld in seinem altmodischen Zugbeutel.
    Die Burschen und Knechte stehen lachend und stänkernd in der kurzen Wichs
unter der Haustür, richten den Flaum am Hut, horchen auf die Sackuhr, ob sie
geht, und probieren die Schärfe des Messers, ehe sie es im hinteren Hosensack
verschwinden lassen.
    Die Töchter und Mägde aber schwatzen und kichern, richten zum drittenmal das
Haarnest und zum viertenmal die Halsbarbe, zupfen an den Röcken und glätten die
Schürzen, behängen den Hals mit Ketten und bestecken den Spenzer mit Broschen
und Nadeln.
    Und endlich versammeln sich alle drinnen in der grossen Stube; die Bäuerin
breitet das schwere linnene Festtagstafeltuch auf dem Esstisch aus, die Tochter
oder die Oberdirn stellt die Krapfenschüssel drauf, und die Kucheldirn trägt die
Kaffeesuppe herein.
    Der Bauer betet den Morgengruss und bittet den himmlischen Vater um seinen
Segen für Speis' und Trank, und dann beginnt die Kirchweih: zum Morgenimbiss
Krapfen, Kücheln und Kirchweihbrot mit Kaffee, Brennsuppe und Leberwürsten.
    Nach der Kirche beim Postwirt oder beim Oberwirt, beim Unter- oder beim
alten Wirt die Kirtamass für den Heimweg. Und daheim der Festtagsschmaus!
    Die Mannsbilder ziehen schon vor dem Essen die Joppe aus und setzen sich
hemdärmelig um den Tisch.
    Dann gehts in schöner Ordnung und nach altem Brauch und Herkommen: erst
kommt die Schüssel mit dem Kraut und den Blutwürsten; dann das Voressen. Darnach
die Fleischsuppe mit den Leberknödeln, das Rindfleisch und die roten Rannen. Nun
füllt der Hausvater die Bierkrüge. Die Bäuerin aber trägt weiter auf: den
schweinernen Braten und die Kirchweihgans, die gebackene Milzwurst und den
gedämpften Gockel.
    Die Weiberleut beginnen langsam zu seufzen, und die Mannsbilder knöpfen
bedächtig die Knöpfe des Gilets und der Hose auf.
    Aber der Hausherr hilft abermals nach mit frischem, gutem Trunk.
    Und so geht das Essen seinen Gang weiter: nach dem Gockel kommt das Kälberne
auf den Tisch und nach diesem die Apfelküchel, die roggernen Schmalznudeln und
die weizernen Kirchweihkrapfen.
    Den Dankgott betet die Bäuerin meistens für sich allein. Denn die anderen
Glieder des Hauses sind ernst und schweigend hinausgegangen - in den Stall - in
den Hof - hinter das Haus.
    Eine gute Kaffeesuppe aber bringt wieder Munterkeit und wirkt befreiend. Man
lacht wieder, scherzt, stänkert und ist endlich in der Stimmung, die zum
Kirtatag gehört.
    Der eine nimmt die Ziter zur Hand und der ander die Harmonika, der
Oberknecht fasst die Unterdirn um die Mitte, hebt sie juchzend in die Höh, und
bald ist alles im Wirbel des Tanzes und im Trubel der Lust des Tags.
    Und was nicht Essen und Trinken, nicht Tanzen und Singen zuweg brachten, das
erreicht die Hutsche.
    Kreischend und lachend sitzen die Weiberleut auf dem langen Brett; ein paar
stämmige Burschen stehen an den Enden der Hutsche auf dem äussersten Rand und
umklammern mit ihren Fäusten die langen Ketten.
    Der Musikantenlippel spielt auf der Ziehharmonika einen Marsch, und die
Burschen beginnen langsam die Schaukel zu treten.
    Erst ganz bedächtig, die Haltbarkeit nochmals überprüfend, bewegen sie die
Hutsche; aber bald werden sie kühner, erhitzen sich an dem Juchzen der Burschen
und an dem Kreischen der Maidln und werken nun mit voller Kraft.
    Hei! Da flattern die Röcke und zappeln die Beine!
    Da bittet manche herrische und anhabische Dirn den sonst so verhassten
Bewerber um Gnade!
    Da kommt ein Rausch über alle, die noch jung sind und Blut haben in ihren
Adern!
    Das ist die Stunde, von der man noch kichernd und verstohlen spricht, wenn
längst die Kirchweih vorüber und der Winter in die Bauernhöfe eingezogen ist.
Wenn die Jugend beisammensjetzt in der Spinnstube und die Alten sich erwärmen auf
der langen Ofenbank. - Wie überall an diesem Tag, so ist es auch auf dem
Schiermoserhof.
    Ein Kirchweihtag voller Lust und Genuss, voller Freud und Ausgelassenheit.
    Rosalie ist auch heute die Seele des Ganzen - die Bäuerin.
    Sie läuft und schafft, kocht und werkt, hat die Händ voller Arbeit und das
Herz voller Lust. Und Tante Adele hilft getreulich mit beim Kochen und Backen,
beim Essen und Trinken, beim Lachen und Lustigsein.
    So kommt's, dass die gute Schiermoserin samt ihrer alten Mutter vergebens der
Stunde des Tages harren, da eine oder die andere von den Töchtern gelaufen
kommt, um zu betteln: »Geh, Muatta, hilf! Der ganze Kirta is beim Teife, balst
net kimmst. Dees Stadtweiberts hat uns den ganzen Kirta verhunzt!«
    Nein. Nichts dergleichen rührt sich.
    Nur das Gansdirndl bringt gegen Mittag die Botschaft: es wär alles fertig
und wenn die Schiermoserin Lust hätt, herüberzukommen zu einem kleinen Schmaus
...
    Dass unser Herrgott sie davor bewahre!
    So gern sie etwas verkosten möchte von den Gerichten, die dieses Weibsbild
zubereitet hat!
    Sie kanns überwinden!
    Und mit Verachtung auf den Lippen, Groll in den Augen und bitterem Weh im
Herzen setzt sie sich einsam an ihren Tisch und würgt hinunter, was vom Tag
vorher noch da ist: ein harter Knödl und ein wenig Kraut.
    Darnach kleidet sie sich festlich an und geht hinab nach Glonn zum
Rosenkranz und zur Vesper.
    Indes der Schiermoser, ihr Eheherr, wie ein Junger daheim durchs Haus läuft,
lacht, scherzt, mit keinem Gedanken sich seines trutzigen Eheweibs erinnert und
zu guter Letzt Rosalie sogar um einen Tanz angeht, indem er sagt: »I muass
wissen, obst aa a so a riegelsame Tanzerin bist wia a Bäuerin!«
    Im Herzen aber denkt er: Eine bessere Hochzeiterin hätt er nicht finden
können, der Franzl, und wenn er suchen wollt zwanzig Stunden im Umkreis. Bei
diesem Kegelschieben hat sein Bub den besten Wurf getan!
Assessor von Rödern wundert sich schon seit geraumer Zeit, dass seine Braut so
gar nichts mehr von sich hören lässt.
    Ausser ein paar nichtssagenden Kartengrüssen hat er von Rosalie nichts
erhalten, was ihn irgendwie ihrer Zuneigung hätte versichern können.
    Die Rätin allerdings schrieb fleissig.
    Aber ihre Briefe sind stets von einer schwulstigen Schönrederei, von einer
so unangenehm geschraubten Art, so gedrechselt und so gewunden, dass er sich am
End nicht mehr darin zurechtfinden kann.
    Was nützen ihm all die Redensarten der Mutter, wenn die Tochter nicht jene
Worte findet, die man als Verlobter doch schliesslich beanspruchen kann!
    Ist er denn nun eigentlich Bräutigam, oder ist er's nicht?
    Er will sich Klarheit schaffen. - Sofort.
    Und so findet ihn der leuchtende, schier sommerliche Oktobersonntag, an dem
bei den Bauern Kirchweih ist, auf dem Weg nach Berganger.
    Er hat noch einen Freund dazu eingeladen, und sie wollen zugleich eine
kleine Wanderung durch den Herbst mit dieser Reise verbinden.
    Es ist bald um die Stunde des Abendessens.
    Die Lust und der Trubel des Kirchweihtags ist aufs höchste gestiegen; der
dritte, vierte Banzen wird angezapft, und die Kirchweihschaukel beginnt zu
quieksen und zu knarren bei jedem Schwung.
    Franz Schiermoser hat mit dem Oberknecht das Treten der Hutsche übernommen.
    Und Rosalie sitzt nun gleich den Töchtern und den andern Mädchen auf dem
Brett, lachend und voller Übermut.
    Da kommen zwei Wanderer des Wegs, schauen verwundert auf die Szene und
nähern sich langsam, angezogen von dem Lärmen und Lachen und der Musik, der
Tenne.
    In diesem Augenblick gibt Franz Schiermoser das Zeichen zum Halten.
    Die Burschen springen hinzu, halten die Schaukel an und bemächtigen sich der
schreienden Dirnen.
    Und der Franzl springt herunter vom Brett, hilft Rosalie herab, wirbelt sie
etliche Male im Kreis herum und hebt sie darnach juchzend in die Höhe.
    Draussen vor dem Tor steht der Assessor mit seinem Freunde.
    »Indianerfreuden!« sagt dieser mitleidig. »Sie sind doch noch Wilde, diese
Bauern!«
    Der Assessor will antworten.
    Da erkennt er Rosalie.
    Sieht, wie Franz Schiermoser sie in den Armen hält, küsst, mit ihr tanzt, sie
wegführt!
    Da wendet er sich schweigend ab und folgt dem Freunde.
    Etliche Tage später empfängt Rosalie einen Brief, der weiter nichts entält
als die Worte: »Ich betrachte unsere Verlobung als gelöst, von Rödern.«
    »Na also!« sagt Tante Adele. »Es geht doch alles, wie es gehen soll. Morgen
fahren wir zurück in die Stadt und rüsten den Brautwagen!«
 
                                       19
Franz Schiermoser ist also Hochzeiter und ist sehr zufrieden und glücklich
darüber.
    Denn er sagt sich, dass er mit Rosalie niemals verspielt haben wird.
    Und was die Leut' sagen werden, das bekümmert ihn nicht. Er mischt sich auch
nirgends drein.
    Sollte aber wirklich einer den Mund allzu weit auftun über die Sache, so
würde er ihm den schon schliessen auf eine Art und Weise, dass er eine Zeitlang
auf Gott und die Welt vergisst.
    Und so beginnt er gemeinsam mit seinem Vater und dem Alten das Haus für die
neue Bäuerin zu richten und zu verjüngen.
    Denn alte Wänd' und morsche Böden taugen nicht für ein junges Leut' und ein
frisches Blut.
    Rosalie aber sitzt derweilen drinnen in der Stadt und näht und stickt und
probiert dies und das, läuft mit Tante Adele von Laden zu Laden und treibt die
Handwerksleute zur Eile an.
    Ihre Mutter, die Rätin, ist mit Sack und Pack abgereist zu einer von ihren
verheirateten Töchtern, um sich dort auszuweinen über die unglaubliche Kränkung,
die ihr durch Rosalies Heirat zugefügt wurde.
    Sie tut wirklich, als wollte sie jedes Band zwischen sich und ihrer Tochter
zerreissen.
    Tante Adele freilich meint, das geschehe alles bloss, um nach aussen hin
»Eindruck zu schinden« als unglückliche Mutter; im Innern sei sie ganz gewiss zu
Tod froh, dass ihre Tochter einen Bauernhof im Wert von mindestens achtzigtausend
Mark und leichtlich an die zwanzigtausend Mark bares Geld erheiratet.
    Und sie ärgert sich bei dem Gedanken, dass es die Rätin doch nun so gut haben
könnte, wenn sie nicht so ein hochmütiges Frauenzimmer wär'!
    Sie selber opfert willig ihre ganzen Ersparnisse, ihre Zeit und ihre Ruhe
für das Bräutl; »denn«, meint sie, »wenn ich mich nicht kümmere um das Mädl, wer
soll's denn tun? - Sie wird ihre alte Tante schon nicht vergessen, die Rosl.«
Das hat Rosalie auch gar nicht im Sinn.
    Vielmehr hat sie sich bereits von ihrem Hochzeiter ausgebeten, dass Adele
jeden Sommer als Gast auf dem Schiermoserhof weilen darf.
    Und Franz fand nichts Unbilliges an der Bitte und meinte: »Dees kannst
halten, wie d' magst, Roserl.«
    Also wird fröhlich der Tag genützt und die Stunde, auf dass alles gut und
recht wird zur Hochzeit.
 
                                       20
Schon seit Menschengedenken pflegen die Bauersleute den Brauch, dass sie um die
stille Zeit des Advents keine laute Hochzeit machen.
    Ja, manche sagen sogar, man solle zwischen Katrein und Heiligdreikönig
überhaupt nicht heiraten, denn die um dieselbige Zeit geschlossenen Ehen
schlügen gar oft zum Unglück aus.
    Ob der Volksglaube dabei an das Walten böser und unholder Mächte gemahnt,
oder ob er dem Unsegen religiöse Ursachen und Wirkungen zugrunde legt, darüber
denkt kaum einer nach; aber tatsächlich müssen schon zwingende Beweggründe
vorhanden sein, dass sich ein versprochenes Paar in den Wochen des Advents
einsegnen lässt.
    So etwa, dass die Hochzeiterin nicht mehr weit hin hat, bis sie eine Wiege
neben das Ehebett stellen muss.
    Oder dass ein Hochzeiter gar geschwind ein goldenes Bremsscheit braucht, um
den rollenden Bankerottskarren noch schnell aufzuhalten, ehe er ihm sein ganzes
Heimatl über den Haufen fährt.
    Aber dass einer bloss um der Ehe selber willen in der stillen Zeit heiratet,
das ist gegen Brauch und Herkommen und fordert das Gerede der Leute heraus. Und
so darf es Franz Schiermoser nicht wundernehmen, wenn heut, am dritten Sonntag
im Advent, ganz Berganger und die Leute der umliegenden Orte des Kirchspiels von
ihm reden, die Köpfe schütteln und ihren Unkenruf ertönen lassen.
    Denn heute hat nach der sonntäglichen Predigt der hochwürdige Herr gewiss und
wahrhaftig ganz laut und deutlich von der Kanzel herab verkündigt: »Zum heiligen
Stand der Ehe haben sich versprochen der ehr- und tugendsame Jüngling Franz
Schiermoser, Schiermoserbauernsohn dahier, und die tugendhafte Jungfrau Rosalie
Scheuflein, Rechtsratstochter aus München. Erstes Aufgebot.«
    So.
    Gewiss und wahr auch noch!
    Wie ein Ruck geht's durch die ganze Gemeinde.
    Wie hat das geheissen? - Scheuflein! - Rechtsratstochter! - Und aus München!
Ja, heiratet der jetzt wirklich die Städtische? - Die Sommerfrischlerin? - Die
Tochter von der alten hochmütigen Stadtmadam, von der Adligen?
    Vorbei ist's mit aller Andacht und Sammlung; ein Flüstern und Murmeln geht
durch die Reihen der Betenden - Ellenbogen stossen sich, und die Blicke aller
suchen die Kirchenstühle des Schiermoserhofs.
    Aber weder bei den Mannsleuten noch bei den weiblichen Angehörigen des Hofes
bewegt sich ein Mundwinkel, ein Auge - eine Miene.
    Starr geradeaus schaut der Alte und sein Sohn, demütig gesenkt sind die
Blicke der Grossmutter, der Bäuerin, der Töchter und Mägde.
    Und die Hochzeiterin selber ist gar nicht zu sehen.
    Sie kniet hinter dem barocken Gitter über dem Hochaltar neben den frommen
Frauen der Mädchenschule und blickt hinunter zu Franz.
    Manchmal schielt eine von den armen Schulschwestern zu ihr hin - sonst
bleibt sie ganz unbemerkt - bis nach der Kirche.
    Da können es die Weibsleute der Gemeinde kaum erwarten, bis der Herr Pfarrer
endlich sein Ite missa est gesungen und seinen Weihbrunn über sie gesprengt hat;
sie rennen aus der Kirche wie die Geissen aus dem Stall und fangen draussen an zu
schnattern wie eine Herde Gänse.
    Hei, da geht's!
    »Ja, was is denn jetz dös? Was hat jetz der hochwürdige Herr da verkünd't?
Der Schiermoserfranzl heirat't! Jetz in der adventinga Zeit! Und a Stadtmadam
heirat't er! - Ja hat jetz oana so epps aa scho g'hört!«
    So ist die Red der einen.
    Die Gegenred der andern aber ist die: »Ja Narr, ja Narr! So epps muass der
alt Schiermoser no auf seine alten Tag derleben und sie! - Heirat't der Bua a
Stadtfrailein! - - Ja ja. Bals die Leut gar z'guat geht, nachher werdns
übermütig! - Nachher taugt eahna das rechte und guate Sach nimmer. - Nachher
müassens auf d' Himmelsloater steign! - Aber insa Herrgott lasst d' Baam net bis
in Himmel wachsen! Der find't seine Leut scho! Und dee aa!«
    Und eine Alte meint: »Jetz in heilinga Advent! Da hat er g'wiss epps
ang'fangt, der Franzl! Gleichsehng tuats eahm scho, dem Hallodri! Is alleweil
schon a solchener gwen!«
    Worauf wieder eine andere jammernd ihre Meinung zum besten gibt: »Es is nur
grad schad um den schön'n Bauernhof! Denn lang werds net dauern, nachher
schwimmt er dahinab. Wia wird denn a Stadterin an Bauernhof dahaltn kinna! Wia
wird denn a solchene fertig werdn!«
    Aber die Reisertalerin sagt mit ihrem frömmsten Augenaufschlag: »Ah! Net
fertig werdn, moanst, tuats! Die wird g'wiss und sicherlich fertig! Mit'm Haus
und mit'm Hof und mit'n Sach! Und mit eahm selber aa - mit dem Deppn! - Aber es
g'hört eahm net anderscht. Eahm net und die Altn aa net! Die hättn a andere
Hochzeiterin aa no finden kinna als wia so a Stadtflugga. Gibt rechtschaffene
Bauerndeandln grad g'nua da umanand!«
    So geht das Mühlrad bei den Weibsleuten.
    Und bei den Männern?
    Oh! Mög keiner sagen, dass die still wären über diese Heirat! Die habens
genauso notwendig wie die Weiber!
    Nur dass sie nicht auf der Strasse stehen bleiben wie diese, sondern den
Postwirt und den obern Wirt, den Huber- und den Unterwirt heimsuchen.
    Und auch sie haben Erbarmnis mit dem schönen Hof und fragen, wer wohl unter
dieser neuen Herrschaft das Essen koche und den Stall richte und die Erdäpfel
stecke und einernte? Und der Nachbar des Schiermoser lässt auch seine Meinung
laut werden: »Mir kann si leicht denka, wia's kemma werd: Heut werdns mei Alte
holn zum Brotbacka und zum Butterausrührn - und morgn mi zum Kaibeziahng. Denn
die Stadtmadam mit ihrane seidigen Nerven fallt ja gwiss und sicherlich
augenblickli in d' Ohnmacht und kriagt d' Kränk, bal a Kuah kalbet! O mei, o
mei. Der arme Franzl. Aber wem net z'raten is, dem is aa net z'helfa.«
    »Ja ja.«
    Und dabei ist aus dem Alten kein Sterbenswörtl darüber herauszukriegen, wie
er über die Heirat seines Sohnes denkt!
    Er schmunzelt nur, trinkt gemach seine Halbe Bier, raucht seine
Sonntagszigarre und macht sich danach wieder auf den Weg hinüber zum Pfarrhof,
wo sein Sohn und Rosalie das Stuhlfest feiern.
    Derweil stehen bei der Leitnerkramerin so an die zehn Bäuerinnen und hecheln
das Brautpaar so gründlich durch, dass auch nicht ein guter Faden an ihm hängen
bleibt.
    Und sie ärgern sich furchtbar, dass sie nichts Gewisses über diese Heirat
wissen.
    Nicht einmal Barbara Schiermoser kann mit einer Auskunft dienen!
    Sie kauft nur etliche Meter himmelblaues Atlasband zum Ausputz für ihr
Festgewand, sagt Grüss Gott und Adjes und geht wieder.
    Dies ist natürlich ein neuer Anlass zum Reden!
    Und die alte Krautschneiderzenz meint: »Jetz i wenn Schiermoserin wär, i
täts halt ganz oafach net gedulden! I saget halt ganz oafach naa, und der Handel
wär aus und vorbei.«
    Aber die Nachbarin des Schiermoser erwidert: »Moanst? Gell! Da hast aber
falsch g'raten! Deswegen is der Handel no lang net aus! I woass's ganz gwiss, dass
sie, d' Bäuerin, naa gsagt hat. Und hat ihr doch nix gholfa. Gar nix. Bloss dass
sie selber und die Altn ins Austraghäusl zogn san. Aber er und die Junga tean,
was s' mögn.«
    Das ist allerdings eine sehr interessante Neuigkeit, wenn man sie glauben
darf.
    Grad kommt die Schiermoserin selber in den Kramerladen und verlangt ein
Päckchen Mandelkaffee und ein Pfund Zucker. Doch auch sie geht nicht aus sich
heraus.
    Auf alle noch so spitzfindigen Fragen hat sie bloss ein »Ja«, »Nein« oder:
»Des werdn mir scho sehgn.«
    Und auf die boshafte Frage der alten Schleiferin, ob sie eine rechte Freude
habe über die Hochzeit ihres Buben, erwidert sie ebenso boshaft: »No, bal er mir
a deinige Tochter daherbracht hätt, würd i kaam an Kreizsprung gemacht habn! Und
im übrigen is dees mei Sach, ob i a Freud hab oder net!«
    Damit hat sie auch schon ihren Zucker und ihren Mandelkaffee in die
endsgrosse Rocktasche gesteckt, den Regenschirm genommen und die Ladentür
geöffnet.
    Sie muss aber doch noch unter der Tür ihr Gewand hochschürzen, obgleich es
weder Regen noch Schnee draussen hat.
    Denn grad, als sie auf die Strasse treten will, gehen Franz und Rosalie
lachend und scherzend am Laden vorbei, begleitet vom Schiermoserbauern.
    Erst als die drei beim Postwirt das neue, schöne Fuhrwerk einspannen und
samt den Schiermosertöchtern darin Platz nehmen, macht sie sich auf den Heimweg.
    Die Gemeinde aber hat dadurch aufs neue erwünschten Stoff zur Unterhaltung
und Wasser auf ihre Teufelsmühlen erhalten.
Die Hochzeit und der goldene Tag des jungen Schiermoserehepaares sind vorüber.
    Es war ein einfaches, stilles Heiraten, ohne Prunk und Lärm, ohne
Gevatterschaft und Wirtshaus.
    Aber es war trotz alledem ein schöner, heiterer Tag, und die Schiermoserin
samt ihrer Mutter barsten schier vor Wut und Verdruss, da sie von ihrem Fenster
aus zusehen mussten, wie sich der ganze Hof freute und vergnügte, wie die Knechte
die Ziter traktierten und die Paare lustig in der Stube herumwirbelten.
    Der alte Grossvater war trotz seiner Taubheit auch dabei und konnte danach
die halbe Nacht nicht aufhören, die Schönheit dieser Hochzeit zu loben und zu
preisen, so dass die Alte endlich ganz ausser Rand und Band geriet, ihm alles, was
auf ihrem Nachttischchen lag, an den Kopf warf und schrie: »Staad bist mir jetz
guatwillig, Tropf, elendiger! I will nix wissen von dera Sippschaft!«
    Worauf der gute Alte ganz verwundert den Kopf schüttelte, die Zudecke über
das Gesicht zog und einschlief.
    Rosalie ist also jetzt Schiermoserin - oder, wie das Dienstvolk sie nennt:
Madam Bäurin.
    Nicht etwa aus Spott oder sonst einem üblen Grund wird sie so genannt.
    Nein.
    Sie sah am Tag ihrer Hochzeit in dem schneeweissen Seidengewand und dem
feinen Schleier so gut und vornehm aus, dass der Schiermoser mittendrin das Glas
erhob und zu den Versammelten sagte: »Buam und Deandln, i sag enk dös: A
schönerne Frau und a liaberne Bäuerin kriagt koaner mehr als insa Franzl. Drum
sag i enk: Stössts mit mir o auf a glücklichs Lebn und auf an guatn Gsund von
insana liabn Madam Bäurin! Sie soll lebn!«
    Damit war das Wort geprägt, und wenn nun ein Knecht oder eine Magd etwas
fragt oder berichtet, verlangt oder erbittet, so beginnt ein jedes seine Red'
mit diesem Wort: »Madam, i tät fragn ... Madam, i muass sagn.«
    Und seltsam, Rosalie und Franz empfinden diese Anrede weder unrecht noch
verletzend.
    Das Wort kommt aus gutem Gemüt und begegnet wieder gutem.
    So geschiehts, dass sowohl der alte Schiermoser wie auch Franz selber dem
Dienstvolk gegenüber nicht von der Schiermoserin oder von der Bäuerin reden,
sondern nur von der Madam.
    Daher kommts, dass auch drüben im Kirchdorf und drunten im Markt die
Geschäftsfrauen und Handwerker diese Anrede gebrauchen.
    Freilich, so harmlos und ohne Ränke, wie auf dem Schiermoserhof, ist es wohl
kaum gemeint, wenn die Bäckerin in einem Ton, so süss wie ihre Zuckerbrezeln,
sagt: »Recht guatn Tag, Madam Schiermoserin! Was geht ab, was darfs sein?«
    Oder wenn die Postwirtin sich erst die feiste Hand an die Küchenschürze
wischt, ehe sie diese Rosalie darreicht mit den Worten: »Jessas, d' Madam
Schiermoser! A kloans bisserl, Madam! - Muass grad no gschwindse meine Finger a
weng abwischn, bevor i Eahna guatn Tag sag, Madam! Soo ... I hab halt die Ehr,
Madam Schiermoser; i hab die Ehr ...«
    Doch macht sich Rosalie nur wenig daraus.
    Sie ist so zufrieden und glücklich als Bäuerin und als ihres Franzen
Hausfrau, dass sie nur auf ihn hört und auf dessen Vater.
    Freilich tut sie sich nicht allzu leicht in ihrem neuen Stand; sie, das
Stadtmädl, weiss halt doch nicht so in allem bäuerischen Brauch und Tun Bescheid.
    Da ihr aber die Schwägerinnen und das Dienstvolk getreu zur Seite stehen,
arbeitet sie sich rasch ein und merkt gut auf bei allem, was ihr neu ist.
    So leben die beiden jungen Leute glücklich in ihrem Heimatl, und mit ihnen
freut sich jeden Abend auf den nächsten Tag ihr Vater, der Schiermoser.
    Nur sie, die Schiermoserin, will nicht teilhaftig werden des Glückes ihres
Sohnes.
    Wie eine Nachteule verkriecht sie sich in ihrem Häusl, lebt einsam und trüb
dahin und hofft auf ein baldiges Abscheiden gleich einer alten, müden
Spitalerin.
    Aber sie muss leben.
    Ein untätiges, freudloses Leben; noch verdüstert von schwarzen Gedanken der
Rachsucht und des schwergekränkten Bauernstolzes.
    Und sie bohrt sich immer tiefer hinein in ihren Groll und Hass und schliesst
sich auch von der übrigen Welt ganz ab und geht zu guter Letzt nicht einmal mehr
in die Kirche.
    Die alte Grossmutter liegt schon seit Wochen krank danieder.
    Aber während sie früher selbst bei schweren Leiden das Bett hasste und sich
so schnell als möglich wieder aufraffte, liegt sie jetzt still und ergeben und
seufzt ein übers andere Mal: »Es is nix mehr auf der Welt, bal der Mensch alt
und unnütz wird. Die Jungen ham koa Religion und koa Sittsamkeit nimmer, die
kümmern sich um koan Brauch und um koa Ehr ... ah was ... dees Beste wär, man
könnt d' Augn zuamacha und nimmer auftoa in alle Ewigkeit!«
    Und da eines Tages ihren alten tauben Eheherrn der Schlag trifft und man ihn
hinausträgt zum Hoftor, da bricht sie ganz und gar zusammen, und kaum einen
Monat danach muss die Schiermoserin auch ihre Ewigkeitstruhe mit den
Blumenstöcken des Austraghäusls schmücken und sie hinabgeleiten zum Gottesacker.
    
    Da wird es ganz seltsam still und leer in ihr.
    So still und leer wie in dem Häusl.
    Und sie wird mürb und klein, verzagt und lebensmüde in dieser Einsamkeit.
    Und ihr Morgengebet gleicht ihrer Abendandacht und klingt aus in die Bitte:
»Herrgott im Himmel, erlöse mich von dem Übel meines Daseins. Amen.«
 
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Ein Jahr ist um seit der Hochzeit des jungen Schiermoser und seiner Rosalie.
    Und da es wieder um die Zeit ist, in der man für die Weihnacht das
Kletzenbrot backt und die Krippe in der Hauskapelle aufstellt, da spannt der
Schiermoser eines Morgens in grosser Eil das Füchsl vor das Gäuwagerl und fährt
wie der Teufel hinaus zum Tor und hinab nach Glonn zur Kindlfrau.
    Denn Rosl, die Madam, will sich dazu richten, ihrem Franz ein kleines
lebendiges Christkindlein in die altehrwürdige Bauernwiege zu legen.
    Das ganze Haus ist in Aufregung; am meisten aber zieht's den jungen Bauern
an den Nervensträngen.
    Denn draussen im Stall liegt die Blass im Kalben, und der Rappe tobt an einer
schweren Kolik.
    Und nun kommt Barbara, des Bauern Schwester, und schreit: »Schnell!
Gschwind! Einspanna! D' Steckareiterin holn! Insa Madam richt' si!«
    Der Schreck! Die Freude! Die Angst!
    Hei, da schwirren die Befehle!
    »Hans, kümmer dich ums Rappel! - Lies und Sepp, ös bleibts mir bei der Blass!
Der Bua und d' Nandl solln enk helfa, bal 's Kaibe kimmt! - Vata, geh, balst du
glei zu der Kindlin fahrn tätst? Eppan kunnst glei a Flascherl Wein für d' Rosl
mitnehma und an Met! - Bawettei, geh, kümmer dich um sie! - Und d' Mariedl kann
in der Kuchel Wasser hitzen und 's Essen richten!«
    Und während alles rennt und läuft, werkt und sorgt, zieht droben in der
Kammer die junge Bäuerin die Vorhänge zu, schiebt die Wiege zu ihres Bettes
Füssen und steckt ein winziges Hemdlein in die Ärmelchen eines gestrickten
Jäckleins.
    Barbara kniet vor dem alten Sesselofen und schürt ein schweres Holzscheit
ums andere hinein und tröstet dazwischen mit lieben Worten die leise jammernde
und betende Schwägerin. Eine, zwei Stunden gehen um.
    Drunten im Hof und Stall rennen und laufen Knechte und Mägde, werkt der
Tierarzt und brüllt das Vieh - in der Kuchel kocht das Wasser und dampft der
Kindelbraten - und droben hält Franz seine liebe Bäuerin im Arm und schaut
leichtlich hundertmal aus dem Fenster, ob der Vater noch nicht bald mit der
Kindlin käm.
    Drüben im Austraghäusl aber steht die Schiermoserin hinter dem Vorhang und
starrt auf die Strasse hinaus, wo sie ihren Schiermoser vorhin mit dem Fuhrwerk
dahinstürmen sah. Was mag nur los sein drüben im Hof?
    Ein seltsamer Druck legt sich ihr auf die Brust.
    Sie will ihn abschütteln.
    »Werd scho epps sei!« sucht sie sich selbst zu beruhigen. »Was geht's denn
mi an! - I ghör nimmer zu dene.«
    Aber da hört sie den Rappen schlagen, toben und wiehernd stöhnen. Sie sieht
den Tierarzt kommen und gehen.
    »Ah was! - Dees geht mi nixn o. - Werd scho was sein. Was kümmerts mi?«
    In diesem Augenblick fährt der Schiermoser in den Hof; und neben ihm sitzt
die alte Steckenreiterin, die schon ihren Franz und die Barbara und die Mariedl
geholt hatte damals, als sie noch selber glückliche Schiermoserbäuerin war.
    Also gibt unser Herrgott dieser Ehe doch seinen Segen?
    Es kommt wieder ein kleines Reislein aus dem Schiermoserstamm? Die Alte
greift sich an die Kehle.
    Wie hart sie sich doch heute schnauft!
    Sie öffnet das Fenster.
    Aber da dringt das Schreien der Knechte und Mägde, das Brüllen der Kuh zu
ihr in die Kammer.
    Sie schlägt das Fenster wieder zu.
    Doch sie hat keine Ruhe.
    Wieder muss sie mehr Luft haben.
    Sie wankt mit bebenden Knien hinaus vors Haus.
    Da dringt der jammernde Schrei ihrer Schwiegertochter zu ihr.
    Sie hält sich die Ohren zu.
    Ihr Sohn, der Franz, stürmt die Stiege herab und hinunter in den Stall.
    Aber gleich darauf rennt er schon wieder ins Haus, und man hört ihn
befehlen: »'s Badwasser herrichten! Und warme Windln! - Habts an Trank für d'
Blass?«
    Also wirklich kehrt der Segen Gottes ein in Haus und Stall ihres Hofs!
    Und sie steht da unter ihrer Haustür, gleich einer Fremden, Ausgestossenen!
Ein hartes Weinen kommt sie an.
    Aber sie würgt es hinab und bekämpft die weiche Regung ihres Gemüts.
Der Rappe liegt ermattet, aber gerettet auf seiner Strohschütte.
    Und vorn bei den Kühen steht die Blass und schaut besorgt nach ihrem
Kälblein, das eigensinnig immer wieder aufzustehen versucht, obgleich es seine
Vorderbeine noch nicht tragen.
    Da schleicht sich eine Gestalt scheu in den Stall.
    Die Schiermoserin.
    Und sie geht langsam von Kuh zu Kuh, von Ochs zu Ochs, streichelt die Rösser
und tätschelt die Kälber und geht endlich leise und zaghaft hinüber ins
Wohnhaus.
    Droben in der Kammer kämpfen Furcht und Hoffnung, Schmerz und Trost ihren
harten Strauss.
    Der Schiermoser und sein Sohn rennen planlos durchs Haus; da schleicht die
alte Bäuerin zur Stiege hinauf.
    Die beiden Männer durchfährt der nämliche Schreck.
    Und sie stossen beide zugleich die Frage hervor: »Was möcht'st?«
    Franz aber ist mit zwei, drei Schritten bei ihr.
    »Muatta! - Balst epps möcht'st - kimm morgn! - Sie kann di net braucha jetz!
Sie soll koan Verdruss habn!«
    In diesem Augenblick mischt sich droben ein feines kreischendes Stimmlein in
das Weinen der jungen Schiermoserin. Und die Barbara ruft voller Freud durchs
Haus: »An Buam ham mir!«
    Da vergisst Franz auf die Mutter - und der Schiermoser auf sein Weib - und
sie rennen hinauf und hinein in die Kammer, wo sie in ihrer derben, unbeholfenen
Art sich Mühe geben, zart zu dem Kindlein zu sein und zu seiner Mutter - wo sie
die Stimme zu einem heiseren Flüstern senken und mit dem Ärmel immer wieder über
die Augen wischen, damit man nicht sehen möcht, was sie bewegt.
    Drunten in der Kuchel aber hat die Schiermoserin ihrer Tochter den
Kochlöffel aus der Hand genommen und sagt: »Geh auffe und schaug dir 's Büaberl
o. I koch scho weiter.«
    Und am Christtag, da die Taufe des jüngsten Schiermoserreisleins
stattfindet, da sitzt sie in ihrem grössten Festtagsstaat in der neuen Kutsche,
trägt selber das Büblein auf dem Prunkkissen zum Taufkessel und zeigt der
staunenden Gemeinde ihr freudestrahlendes Gesicht.
    Und da das alte Jahr zur Neige geht und das neue sich zum Kommen schickt, da
nimmt sie ihre Schwiegertochter bei der Hand und sagt: »Wenns dir recht is,
Rosl, nachher mach i Kindsdirn. Und bals dir sonst dick eingeht mit der Arbeit,
nachher sagst es.« Indem sie noch redet, kommt der alte Schiermoser dazu und
ruft: »Jetz da schaug her! Jetz is richtig no aus dera Dreifaltigkeit a
Dreieinigkeit wordn! Was a solches Christkindl doch alles zwegn bringt. Aber in
Gottesnam! D' Hauptsach is, dass i wieder an Schlafkamerad hab und der Hof an
Stammhalter, für dees ander werd nachher der Bua scho sorgn und sei Madam.«
    Und die junge Schiermoserin sagt fröhlich: »Amen, Vater.«
 
    